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Edi Graf

Leopardenjagd

Linda Roloffs vierter Fall


Zum Buch

Von Rache getrieben Er tötet seine Opfer wie ein Leopard. Die Leichen versteckt er auf Bäumen, seine todbringende Spur zieht sich vom Bodensee über den Schönbuch bis nach Afrika. Die Polizei jagt einen Mörder, der den Namen »Chui« – Leopard – trägt, und nur ein Ziel zu kennen scheint: Rache. Auf der Liste seiner Opfer taucht auch der Name der Tübinger Journalistin Linda Roloff auf. Sie ahnt, dass nur einer sie retten kann: der kenianische Safariführer Alan Scott, der weiß, wie »Chui« denkt. Doch Scott ist seit Wochen in Afrika verschwunden ...

Edi Graf, Jahrgang 1962, studierte Literaturwissenschaft in Tübingen und arbeitet als Moderator und Redakteur bei einem Sender der ARD. Zuhause ist er in Rottenburg am Neckar. Seit über 30 Jahren bereist der Autor den afrikanischen Kontinent und lässt neben seinen Protagonisten, der Journalistin Linda Roloff und ihrer Fernliebschaft, dem Safariführer Alan Scott, die gemeinsam zwischen Schwarzwald, Neckar und Afrika ermitteln, auch Tierwelt und Natur tragende Rollen zukommen. Er greift aktuelle und bewegende Themen auf und liefert dazu detailliert recherchierte Hintergründe, die er geschickt in den Plot integriert. Durch authentisch beschriebene reale Handlungsorte haucht er seinen Krimis Echtheit und Leben ein.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von Schwarzvogel, Photocase.de

ISBN 978-3-8392-3048-0

Widmung

Für unsere Tochter Rahel

– afrikanische Sonne in unserem Leben –

Zitat

Rache trägt keine Frucht!

Sich selbst ist sie die fürchterlichste Nahrung,

ihr Genuss ist Mord, und ihre Sättigung das Grausen.

Friedrich Schiller – Wilhelm Tell

PROLOG

Montag, 21. November 1994, Kenya, Südküste

Der weiße Mann sah regungslos zu, wie die Leiche der Frau von der unruhigen Brandung am Riff verschlungen wurde. Der Ozean würde den Rest für ihn erledigen. Er konnte es sich nicht leisten, dass man ihre Leiche fand, zu viel stand auf dem Spiel. Spiel ist der passende Ausdruck, dachte er. Sie hatte mit ihm gespielt, und sie hatte verloren, weil sie das Spiel zum falschen Zeitpunkt beenden wollte.

Ihre letzten Minuten waren grausam gewesen, doch daran mochte er jetzt nicht denken. Das brodelnde Meer hatte seine milchige Gischt wie ein wogendes Leichentuch über ihren Körper gebreitet. Dort, wo noch vor wenigen Sekunden ihr gelbroter Sari aus dem Wasser ragte und ihm ein toter brauner Arm, von den Wogen emporgetrieben, zuwinkte, wie einst Käptn Ahab seiner Mannschaft, als er, an den Weißen Wal gefesselt, in den Fluten versank, war jetzt nichts zu sehen als das ewige Kommen und Gehen der grauen Unendlichkeit des Ozeans.

Der Regenschauer hatte die Touristen kurz vor Sonnenuntergang in die Hotels zurückgetrieben, und er war allein am Strand gewesen, als er das weiße Laken mit der Leiche in dem Auslegerboot verstaut und sich auf den Weg zur Riffkante gemacht hatte. Der Strand war menschenleer gewesen, das Meer eine grau in grau wabernde Wassermasse. Ein düsterer Regenvorhang, aus Süden kommend, entzog das kleine Boot bald dem neugierigen Blick des dunkelhäutigen Jungen, der dem weißen Mann unbeobachtet an den Strand gefolgt war und sich hinter dem Stamm einer Palme versteckt hielt.

Der weiße Mann blieb mit dem Ausleger am Riff, bis er auf die Haut durchnässt war und sicher sein konnte, dass die Leiche nicht wieder auftauchen würde. Hier, 300 Meter vor der Küste, würde niemand nach der Frau suchen. Die zurückgehende Flut würde sie aufs offene Meer hinaustreiben, wo die Räuber des Indischen Ozeans ihr Festmahl abhielten. Bewusst hatte er darauf verzichtet, sie mit einigen Kilo Blei aus dem Tauchcenter zu beschweren; sollte sie wider Erwarten an den Strand gespült werden, würde man sie für eine Ertrunkene halten und kein Mensch würde auf den Gedanken kommen, sie zu obduzieren, niemand würde ihren Körper nach Spuren absuchen, nach dem Sperma, das er in ihr hinterlassen hatte. Die blauen Male an ihrem Körper und die klaffende Wunde an ihrem Kopf, die der letzte, tödliche Hieb mit der Panga verursacht hatte, würde man als Verletzungen aus dem Meer ansehen. Vielleicht war sie im Kampf der Ertrinkenden gegen das Riff geschleudert worden, vielleicht war sie aus einem Boot gefallen und in die Schraube geraten, vielleicht, vielleicht, vielleicht …

Viel wahrscheinlicher war, dass man sie nie finden würde, ja, nicht einmal vermissen, zumindest nicht hier an der Küste, denn ihre Familie lebte weit entfernt im zentralen Hochland von Kenya. Er konnte nicht ahnen, dass es den kleinen Jungen gab, denn sie hatte ihren Sohn vor ihm geheim gehalten, nie über ihn gesprochen, nie von ihm erzählt.

Der Knabe hatte in der kleinen Hütte in Ukunda gewohnt, mit den anderen Kindern gespielt, sie hatte ihn nie mit ins Hotel gebracht. Nur dieses eine Mal war er ihr gefolgt. Heimlich. Geräuschlos wie Chui, der Leopard, auf seinem Beutezug. Wie es ihm die Älteren gezeigt hatten. Am Abend ihres Todes.

Er hatte ihre Spuren im Sand erkannt, war bis zu dem Zaun geschlichen, der das Hotelgelände umgab, und dort, wo er die schwarzweißen Mantelaffen über den Ast eines Flammenbaums aus dem Hotelgarten klettern sah, war er hineingelangt. Den Baum hinauf, auf dem Ast über den Zaun und hinunter ins Gras. Wie die Affen. Wie Chui.

Es hatte lange gedauert, bis er seine Mutter fand. Die Hütte stand neben einem kleinen Haus unter einer Akazie, abseits, von den übrigen Gebäuden der Hotelanlage durch eine hohe Hecke getrennt. Eine Kette versperrte den schmalen Zugang. Zuerst hatte er ihre Stimme erkannt, dann die Stimme des Mannes gehört. Sie hatten in einer Sprache gesprochen, die er nicht verstand. Er war unter der Kette hindurchgekrochen und hatte durch das glaslose Fenster in der Lehmwand gespäht. Eine Pritsche, ein paar Möbel, ein Durcheinander von leeren Kanistern, verbeulten Blechfässern, Holzstangen, Müll.

Er hatte gesehen, wie der Weiße seine Mutter an den Haaren zerrte und zu Boden warf. Hart traf die Faust ihr Gesicht und brach ihr das Nasenbein. Ihr gelbroter Sari war bis zu den Hüften hochgeschoben, blutend und wimmernd lag sie im Dreck, ihre schlanken Finger krallten sich in den klammen Lehmboden der Hütte, doch die kühle Erde vermochte nicht, das Brennen auf ihrer nackten Haut zu kühlen. Die Worte des Weißen klangen hart, aus ihrem Mund kam nur ein leises Wimmern. Er schlug zu, immer wieder, trat sie mit den Füßen wie im Rausch, schlug noch einmal zu, obwohl sich die Frau nicht mehr bewegte. Dann nahm er die Panga von der Wand und spaltete ihr den Schädel. Er hielt erst inne, als er das Geräusch an der Fensteröffnung vernahm.

Der Junge stand wie erstarrt und vermochte nicht, sich zu rühren. Tränen traten aus seinen Augen, sein Magen verkrampfte sich, Übelkeit stieg in ihm auf. Hatte der Mann ihn gesehen? Der Junge duckte sich, rannte zur Hecke und übergab sich.

Der Weiße trat vor die Hütte. Er hatte nicht die Augen, um Spuren zu finden. Der Junge lag, zitternd vor Angst, in seinem Erbrochenen und schloss die Augen. Er hörte, wie sich die Schritte des Weißen näherten. Er stapfte einmal um die Hütte und schien zu fluchen. Dann kam er auf sein Versteck zu. Zielstrebig. Er musste ihn entdecken!

Der krächzende Schrei ließ den Jungen zusammenzucken. Er riss die Augen auf und sah aus seinem Versteck zur Hütte hinüber. Die Mantelaffen jagten mit weiten Sätzen über das riedgedeckte Dach und suchten Schutz im dichten Blätterwald der Akazie. Der Weiße schimpfte jetzt laut und schleuderte den Affen ein paar Schoten hinterher, die verstreut im Gras lagen. Dann kehrte er in die Hütte zurück. Er musste sich beeilen, die Dämmerung hatte eingesetzt.

Als er Minuten später mit der Leiche der Frau, die er in ein Laken geschnürt hatte, aus der Hütte trat, folgte ihm Sam Mushowa.

Hinunter zum Ozean, der das Grab seiner Mutter werden sollte.

TEIL I SEEUFER

1

Zwölf Jahre später, Tsavo-Ost, Kenya

Hatte er einen Mörder beobachtet?

Er sah dieses Bild vor sich, immer und immer wieder. Diesen Mann, der dabei war, einen leblosen Körper auf einen Baum zu hieven. Die schlaffe Hülle, die als Last über der Schulter des schwer Atmenden hing. Das entsetzte Gesicht, als ihn der Überraschte anstarrte. Nur mit Mühe konnte er sich auf die rotsandige Piste konzentrieren, die über das flache Buschland entlang des Athi-River nach Südosten führte. Hier begann früher die für Touristen unzugängliche Region, die fast zwei Drittel des gesamten Tsavo-East umfasste. Doch jetzt wurde auch das ausgedehnte Gebiet entlang des Tiva für den Tourismus erschlossen und die Zeiten, wo er sich hier oben im Norden einsam in die Wildnis zurückziehen und seinen Gedanken nachhängen konnte, waren ein für allemal vorbei.

Die Sonne würde in einer Stunde hinter den Bergen des Yattaplateaus, die sich im Westen gegen den Horizont schoben, untergehen, dann würde die Nacht binnen weniger Minuten alles in Dunkelheit hüllen und den Jägern der Finsternis Tarnung bieten. Er musste versuchen, noch vorher den Parkausgang bei Maneaters Point und somit die Straße nach Voi und Mombasa zu erreichen.

Er hasste den Uhuru-Highway, die lange, monotone A 109, die von Nairobi zur Küste führte, und hatte den Umweg über Kitui gewählt, war in Mutomo abgebogen, um wieder einmal durch den Tsavo zu fahren. Zu lange würde er in den nächsten Wochen darauf verzichten müssen, und er liebte diese rotbraune Erde, in der er schon als Kind seine Fußabdrücke hinterlassen hatte. Tsavo, das war sein Afrika, zumindest ein Teil davon. Das Land der roten Erde. Große Herden von Elefanten, rot gefärbt durch die Staubbäder im trockenen Sand, unermessliche Savannen, endlos bis zum Horizont, Heimat von Büffel, Zebra, Leopard. Unten am Galana der schmale Streifen eines alten Galeriewalds, in dessen Bäumen Gelbschnabeltokos ihre Bruthöhlen und Weißrückengeier ihre Nistplätze hatten. Von den tiefhängenden Ästen stürzten sich die Graufischer auf ihren Jagdzügen ins Wasser und hoch über ihnen hielt der Kampfadler nach Beute Ausschau. Auf den sandigen Uferbänken sonnten sich regungslos die gepanzerten Echsen in trauter Zweisamkeit mit den dickleibigen Flusspferden, die ihre tonnenschweren Leiber an Land gewälzt hatten.

Er würde nach Deutschland fliegen, nachdem er in seiner kleinen Hütte am Diani-Beach noch das Notwendigste eingepackt hatte, und er wusste noch nicht, wie lange er blieb. Zum ersten Mal seit Jahren war er wieder verliebt. So verliebt, dass er sogar mit dem Gedanken spielte, Afrika für immer zu verlassen. Er hatte das Gefühl, dass seine Liebe zu Linda stark genug war, um diesen Verlust zu überwinden. Und vielleicht, so hoffte er im Stillen, wäre sie ja auch eines Tages bereit, ihm nach Afrika zu folgen.

Er hatte die Fahrt noch einmal genossen, die Herden an sich vorüberziehen lassen, Grantgazellen, Wasserböcke, Giraffen, Warzenschweine. Und die roten Elefanten. Jetzt musste er kräftig aufs Gas drücken, der Weg zum Tsavo-Tor war noch weit. Dort würde er als Erstes die Polizei verständigen.

Während der Landcruiser im schwächer werdenden Licht des scheidenden Tages über die Waschbrettpiste holperte, ging ihm diese seltsame Begegnung durch den Kopf. Zwei Männer, der eine tot, der andere, den Toten geschultert, unter den weit ausladenden Ästen der Schirmakazie verharrend, um deren Stamm sich die Wurzeln der Würgefeige wie eine hölzerne Todeskralle geschlungen hatten. Im Schatten der beiden ineinander verwachsenen Bäume hatte er den Mann erkannt. Der hatte gerade versucht, die Last von seiner Schulter auf den untersten, waagerecht verlaufenden Ast zu heben.

Seine scharfen Augen, die es gewohnt waren, im Busch die kleinste Bewegung wahrzunehmen und sogar die Fährte des zierlichen Löffelhundes während der Fahrt neben der Piste zu entdecken, hatten die seltsame Gestalt schon Minuten vorher entdeckt und beobachtet, wie sie ein schweres Bündel aus einem Fahrzeug hievte, schulterte und in Richtung der Würgefeige schritt. Im Fernglas hatte er das Gesicht des Tragenden für Sekunden scharf gestellt. Auf Höhe der beiden Bäume hatte er den Landcruiser ausrollen lassen und sich noch einmal vergewissert, ob ihn der Blick durch das Rohr nicht getäuscht hatte. Nein, er war sich trotz der großen Entfernung sicher gewesen: Den Mann kannte er. Sie hatten sich zwar schon seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen, doch es gab keinen Zweifel. Und so hatte er aus dem stehenden Fahrzeug heraus den Namen des anderen gerufen. Der war erschrocken herumgefahren, hatte die Last abgeworfen, eine Waffe gezogen und ohne Warnung auf ihn geschossen.

Er, der unbewaffnet war, hatte noch irgendetwas gerufen wie Hey, was soll das, begrüßt man so einen alten Freund, und seinen Namen hinübergebrüllt, doch der andere hatte zwei weitere Schüsse abgegeben, die ebenso wie die ersten fehlgegangen waren. Er hatte sich hinter die Beifahrertür gebückt, den Rover gestartet und versucht, so schnell es ging aus der Schusslinie zu kommen. Wirre Gedanken waren ihm durch den Kopf gegangen. Was hatte all das zu bedeuten? In jenem Moment, als das Bündel am Boden lag, hatte er darin den Körper eines Menschen erkannt und wußte, dass sein Bekannter hier im Tsavo versuchte, eine Leiche zu beseitigen.

Und Alan Scott war sich sicher, in ihm Lucas Wayne erkannt zu haben.

2

Der Befehl war eindeutig: Der Mann, auf den Nickson Kitema neben der Piste wartete, durfte die Straße nach Mombasa nicht erreichen. Weshalb – danach hatte er nicht gefragt. Es ging ihn nichts an, und es interessierte ihn auch nicht. Das Honorar würde stimmen. Im Geist fühlte er schon das Bündel Geldscheine in seiner Brusttasche. Für diese Summe würde er ihn locker umlegen. Es würde ihm nichts ausmachen. Seit er damals, 1997, im Vorfeld der Parlamentswahlen in seinem Land, an den Anschlägen auf Hotels und den Überfällen auf Touristen beteiligt war, machte er diesen Job. Sein Auftrag lautete, ihn unbemerkt verschwinden zu lassen. Dazu würde er ihn zunächst lebendig an einen sicheren Ort an der Küste bringen, eine verlassene Fischerhütte, 30 Kilometer südlich von Mombasa, in der Nähe von Ukunda. Ein gutes Versteck. Und das Meer wartete geduldig auf eine mondlose Nacht.

Er spähte durch das Glas. Sah den Landcruiser in der Ebene. Keine Täuschung. Er hielt den Atem an. Das musste sein Mann sein. Wer sonst sollte um diese Zeit noch durch den Tsavo fahren? Die Touristen hatten sich entweder in ihre Lodges verkrochen und fuhren erst am nächsten Morgen wieder hinaus, oder sie hatten, wie die meisten es taten, den Park noch vor Einbruch der Dunkelheit verlassen, um in ihre Hotels an der Küste zurückzukehren.

Hier, wo Kitema zwischen den hohen Dornbüschen lauerte, musste das Fahrzeug, wenn es dem kürzesten Weg Richtung Voi folgte, ein ausgetrocknetes Bachbett durchqueren. Es war selbst für einen Fourwheeler die einzige Stelle weit und breit, an der die steilen Ufer passierbar waren. Der Landcruiser würde sich langsam schaukelnd den Weg zwischen den mächtigen Steinquadern und den knietiefen Erdlöchern suchen, den selten Wasser führenden Zulauf des Athi überqueren und auf der anderen Uferseite wieder die Böschung erklimmen. Zwei schmale Rillen, hinterlassen von den zahlreichen Fahrzeugen, die an dieser Stelle schon den Bachlauf passiert hatten, wiesen den Weg, und es kostete den Fahrer volle Konzentration, hier nicht auszubrechen oder im weichen Ufersand steckenzubleiben.

Sobald der Landcruiser an dieser Stelle war, würde Kitema schießen. Der Rest wäre dann ein Kinderspiel. Seine Hand strich über den Mündungsfeuerdämpfer. Der leere Tank würde den Fahrer kurz darauf zwingen, anzuhalten und auszusteigen.

Dann würde Kitema zuschlagen.

3

Alan Scott liebte die holprigen Waschbrettpisten, die Gravelroads abseits der üblichen Fahrwege, die selbst einem alten Safariguide höchste Fahrkünste abverlangten. Wenn man sie mit einer stetigen, nicht zu langsamen Geschwindigkeit befuhr, schienen die Räder über die schmalen Querrillen hinwegzugleiten, nur die Schlaglöcher wurden dann eine leicht zu übersehende Gefahr. Rechtzeitig zu reagieren, sie zu umfahren, ohne mit dem Fahrzeug ins Schlingern zu kommen, das war die hohe Kunst der Bushdriver. Diese Straßen waren sein Leben, die Pfade, auf denen er am liebsten durch Afrika fuhr. Weil er wusste, wie er sie zu nehmen hatte, gehörten auch Gäste mit lädierten Bandscheiben und wertvollen Fotoausrüstungen zu seinen zufriedenen Kunden. Nie in seiner langjährigen Karriere als Safarifahrer war er in einem Warzenschweinloch gelandet oder hatte eine Ölwanne geschrottet.

Er schlug genervt mit der flachen Hand auf das Lenkrad, als er den Zeiger der Tankuhr schlagartig in den roten Bereich pendeln sah. Im Schatten einer gewaltigen Schirmakazie, deren überhängende Äste aus der Piste einen turmhohen Tunnel machten, trat er unbeherrscht auf die Bremse und blieb in der dichten Staubwolke, von den Reifen im roten Sand aufgewirbelt, stehen. Lärmend stob ein Schwarm Dreifarbenglanzstare aus dem Akaziendickicht hervor, und eine Horde Paviane floh, aufgeregt kreischend, auf den Baum. Missmutig kroch Alan von seinem klebrigen Sitz, knallte die Fahrertür zu und ging nach hinten, um den Reservekanister in den Tank zu füllen. Das Schweißband seiner Legionärsmütze war nass geschwitzt und er fuhr sich mit dem Handrücken über die glänzende Stirn.

Er schleppte den schweren 20-Liter-Kanister zum Tank, öffnete den Verschluss und schraubte den rüsselförmigen Einfüllstutzen auf das Ventil des Kanisters. Glucksend entleerten sich die ersten Liter in den Tank, während der Kanister, den er gegen den Jeep stemmte, Schluck um Schluck leichter wurde. Alan lauschte dem gleichmäßigen Schmatzen der zähen Flüssigkeit, als ihn plötzlich ein anderes Geräusch ablenkte.

Das laute Rascheln kam aus dem Dickicht hinter seinem Rücken und ließ ihn herumfahren. Fast entglitt ihm bei der raschen Drehung der Kanister. Das Rascheln wiederholte sich, und er suchte mit seinen Augen den Busch ab, ohne den Kanister abzusetzen. Nichts war zu sehen.

Wen er nicht bemerken konnte, war der Mann – Kitema –, der sich dem Rover von der anderen Seite genähert hatte und hinter einem kurzstämmigen Busch kauerte. Zwei Wurzelstücke, die er über den Rover und Alan hinweg in das Dickicht geschleudert hatte, hatten die Geräusche verursacht, die Alan von ihm ablenken sollten, wenn er sein Jagdmesser mit aller Kraft in den rechten Vorderreifen des Rovers stieß. Die Luft entwich zischend, doch das Geräusch verebbte im Glucksen des einlaufenden Benzins.

Alles war ruhig geblieben. Alan schraubte den Tankverschluss zu und bemerkte auf seinem Weg zur Fahrerseite sofort, dass etwas nicht stimmte; der Wagen schien zur einen Seite hin abzusacken. Zunächst dachte er an eine Unebenheit der Piste, eine Mulde, den Eingang zu einem Erdferkelloch, der einen Teil des Reifens verschluckt haben konnte, doch dann sah er die Deformierung des grauen Gummis und trat fluchend gegen den platten Reifen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Okay, Reifenpannen gehörten dazu, waren Bestandteil jeder Safari. Einen Reifen zu wechseln, war eine Kleinigkeit im Busch. Trotzdem: Wenn es einen Platten gab, war es gewöhnlich im denkbar schlechtesten Augenblick. Auf dem Weg zur Flugpiste, wenn die Zeit wirklich drängte; mitten in der Büffelherde, die gerade dabei war, vielhundertköpfig die Piste zu überqueren; oder kurz vor Einbruch der Dunkelheit, wenn es kaum noch Tageslicht gab und die Batterie der Stirnlampe mal wieder schlappmachte.

Der Reifen war hin, und Alan stapfte ein weiteres Mal zum Heck, um das Reserverad und den Wagenheber zu holen. Mit einer Hand griff er nach einem Stein und setzte ihn als Bremsblock vor das linke Hinterrad. Den schlängelnden Körper, der unter dem Stein davonglitt, bemerkte er nicht. Die Nacht war in greifbare Nähe gerückt, nur ein Fingerbreit hob sich die Sonne noch über die Hügel im Westen. Die plötzliche Stille, die sich immer dann im Buschland breitmachte, wenn der Tag zur Neige ging und sich die friedlichen Sänger, Zupfer und Zirper zur Ruhe begaben, um den leisen und geräuschlosen Räubern der Dunkelheit Platz zu machen, hatte auf einmal etwas Unheimliches, und er vergegenwärtigte sich noch einmal den Augenblick vor wenigen Minuten, als er bei einem Blick in den Rückspiegel geglaubt hatte, eine menschliche Gestalt über die Piste huschen zu sehen, schemenhaft nur, verwackelt durch die holprige Fahrt und undeutlich im Staub, den der Landcruiser hinter sich aufwirbelte. Er hatte es als eine Täuschung abgetan, ein Tier vielleicht, ein großer Pavian. Doch jetzt, nachdem so kurz aufeinander erst der Tank leer und dann der Reifen geplatzt war, hatte er Verdacht geschöpft.

Seine Augen suchten die Umgebung nach verdächtigen Bewegungen ab, doch nicht ein Lufthauch bewegte die dürren Äste der Dornbüsche, kein Vogel kreiste in der Luft und auch die Paviane waren nicht mehr zu hören. Er kam sich vor wie auf einem ausgetrockneten Friedhof. Das Knirschen, als er sich in den Sand kniete, war das einzige Geräusch, und sein lang gezogener Schatten das Einzige, was sich bewegte. Alan suchte nach der Metallnase im Unterboden des Cruisers, um den Wagenheber anzusetzen. Er musste sich auf den Rücken legen und unter den Wagen robben, um sie zu finden. Für einige Sekunden schloss er die Augen, um sie an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann fand er mit der rechten Hand die Stelle und tastete mit der anderen ins Freie nach dem Wagenheber.

– Zsssssst –

Das Zischen unmittelbar neben seinem Ohr durchschnitt die Stille, und Alan hob erschrocken den Kopf. Die Bewegung war so heftig, dass er mit der Stirn gegen den rauen Unterboden stieß. Etwas glitt dicht neben seinem Kopf an seinem Körper entlang. Er hielt den Atem an und spürte, dass sein Herz wie ein Hammer gegen die Rippen schlug.

– Zsssssst –

Das Zischen wiederholte sich, zwar kürzer, aber dafür deutlicher als zuvor. Und irgendwie schien es aggressiver geworden zu sein.

Schon zum zweiten Mal war das Reptil gestört worden. Zuerst hatte der Feind es aus seinem Versteck unter dem Stein vertrieben, dann, als es seinen wechselwarmen geschmeidigen Schuppenkörper im Schatten des Wagens eingerollt hatte, nahm die auberginenfarbene, gespaltene Zunge den bedrohlichen Geruch erneut wahr. Das erste Zischen war als Warnung gedacht. Der Feind hatte sie missachtet. Das zweite Zischen war eine Gnade, die eigentlich keinem Opfer gewährt wurde; nur den mächtigen Feinden, vor denen es unter anderen Umständen die Flucht vorgezogen hätte. Doch dieser Feind war zu nah, eine Flucht nicht mehr möglich. Es blieb nur noch der Ausweg der Verteidigung.

Und während Alan sich seinen schmerzenden Kopf hielt und mit der anderen Hand nach dem Wagenheber tastete, zischte die Puffotter neben seinem Ohr zum dritten Mal.

– Zsssssst –

4

Der kühle Wind trieb die grauen Wolkentürme von Westen her über die Berge und ließ die glühende Hitze des Tages allmählich verglimmen. Die Leopardin lag, dicht an den breiten Ast geschmiegt, regungslos in der Krone der Akazie, gut getarnt durch das schützende Blattwerk, dessen spärliche Lücken die letzten Sonnenkringel auf den Rosetten ihres Fells tanzen ließen. Das hechelnde Maul geöffnet, blitzten die Reißzähne der Katze weiß zwischen den schwarzen Lefzen, nur ein seltenes Blinzeln der Augen und das leichte Zucken des Schwanzes verrieten Leben in der sonst regungslos Lauernden. Die Jägerin war mit all ihren Sinnen hellwach, die gelben Augen erfassten jedes Detail ihrer Umgebung, die großen, behaarten Ohrmuscheln fingen, einem Radar gleich, jedes noch so leise Geräusch ein, ihre Nase hatte die Witterung der Grasfresser aufgenommen, die ihr der Abendwind aus der weiten Savanne zutrug. Nicht ahnend, welche Gefahr sich im dichten Blattwerk der Akazienkrone verbarg, näherten sich die Antilopen arglos der kleinen Baumgruppe, um sich in ihrem Schutz zur Nachtruhe zu versammeln. Die Sonne verlor in diesen Minuten den Kampf gegen die Wolken über dem Höhenzug, ein Zittern ging durch den Körper der Leopardin. Die Zeit der Jagd war gekommen.

Die Jungen in ihrem Bauch rumorten, und sie spürte, dass es ihre letzte Jagd sein würde, ehe die Kleinen zur Welt kamen. Der Hunger nagte in ihr, das letzte Opfer war nur ein Frankolin gewesen, mehr Federn und Knochen als Fleisch, ihre große Beute, ein Grantgazellenbock, war ihr nach zähem Kampf von einem Löwenrudel abspenstig gemacht worden, noch ehe sie ihr Baumversteck erreicht hatte.

Langsam löste sich der Schatten aus der Baumsilhouette und glitt geräuschlos zu Boden. Die Schwarzfersenantilopen hatten sich wieder in Bewegung gesetzt, nachdem der Bock witternd stehen geblieben war, um mit einem Flehmen seiner Oberlippe all die Gerüche aufzunehmen, die der dichte Busch um das Rudel herum barg. Doch außer den Pavianen, die unter einem Feigenbaum nach Früchten suchten, nahm er keine Lebewesen wahr. Der Westwind kam günstig für die gefleckte Jägerin, Meter um Meter schlich sie näher, verharrte schließlich geduckt im Gras, lauernd, jede Muskelfaser angespannt, die Schulterblätter als höchste Erhebung des geschmeidigen Körpers, den Kopf nach vorn gestreckt, bereit zum tödlichen Sprung auf jenes Impala, das am Rand der kleinen Herde stand und durch ein leichtes Hinken eines Vorderlaufs ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Ihre gelben Augen fixierten ihr Opfer, keine andere Bewegung im Busch vermochte sie jetzt noch davon abzulenken.

Ein gellendes Aufkreischen machte alles zunichte. Der Warnruf aus der Pavianhorde ließ das Impalarudel in wilder Panik davonstieben, selbst das verletzte Böckchen schaffte es, mit den anderen Schritt zu halten. Die Leopardin fuhr herum und sah sich einem ausgewachsenen Pavianmännchen gegenüber, einem der wenigen Tiere außer Löwen und Hyänen, vor denen sie sich in Acht nehmen musste. Zumindest war der Pavian tagsüber als Gegner nicht zu unterschätzen, mit seinen dolchartigen Eckzähnen konnte er der Leopardin gefährliche Bisswunden beibringen, sie waren eindrucksvolle Waffen, und die Katze wusste, dass mit einem erregten Pavian nicht zu spaßen war. Aufgerichtet stand der Patriarch auf seinen Hinterbeinen, ließ sich geifernd nach vorn fallen und drang auf den Leoparden ein. Mit einer Kakofonie durchdringender Schreie liefen die anderen Paviane in alle Richtungen auseinander, Mütter retteten sich mit ihren Kindern auf die nahen Akazien, die älteren Männchen blieben aufmerksam zurück, um ihrem Patriarchen zur Hilfe zu eilen, falls er es nicht allein mit dem gefleckten Feind aufnehmen konnte. Doch die Leopardin hatte wenig Lust, sich dem Pavian zu stellen, dessen Kreischen inzwischen in ein grelles Bellen übergegangen war. Die hundeähnliche Schnauze gekräuselt, fixierte der wehrhafte Affe seinen Todfeind mit seinen eng stehenden gelben Augen, aus denen Wut und Angst zugleich sprachen. Wieder raste er, einem Mini-Kingkong gleich, Sand aufwirbelnd auf den gefleckten Jäger zu, den Kopf unmutig schüttelnd und Laute von sich gebend, die der Leopardin unmissverständlich klarmachten, dass sie hier nicht willkommen war.

Die Katze drehte ab und verschwand im dichten Buschwerk. Die Jagd auf die Impalas konnte sie ohnehin vergessen, und ein Kampf mit einem Pavian, dem seine Herde Rückhalt und zur Not Beistand gewährte, war ihr mit den Jungen im Bauch zu riskant. Schon einmal hatte sie in einem solchen Fall den Kürzeren gezogen und Bekanntschaft mit den Reißwaffen eines Pavians gemacht. Die klaffende Wunde zog sich heute noch als schwarze Narbe durch die Rosetten ihres linken Hinterlaufs.

Die Leopardin suchte ihren Schlafbaum auf, eine knorrige Akazie mit dichter Krone, von einer Würgefeige fast erdrückt, in der sie nicht zu sehen war, wenn sie dort oben lag und die versteckte Beute verzehrte. Schon seit Tagen hatte sie keine Antilope, keinen Hasen mehr in die Astgabel gezerrt, um sie in aller Ruhe auszuweiden und zu verspeisen, ungestört von Löwen oder Hyänen, die ihr nicht in ihre luftige Vorratskammer folgen konnten.

Ein seltsamer Geruch hielt sie davon ab, in gewohntem Schwung die Akazie zu erklettern und sich auf dem breiten Hauptast zur verdienten Siesta niederzulassen. Sie roch das Blut, roch, dass es noch frisch war, und sie witterte das fremde Fleisch, anderes Fleisch als jenes, das sie sonst in der Krone lagerte, weder Antilope noch Gazelle, kein Klippschliefer, kein Warzenschwein. Misstrauisch schlich sie näher. Ein Affe vielleicht? Welches Tier im Busch versprühte diese Ausdünstung?

Sollte ein anderer Leopard ihren Baum als Jagdversteck genutzt haben? Oder war ein fremdes Tier in die Astgabel geklettert und dort verendet? Doch woher kam dann dieser Blutgeruch? Warm und frisch, sie fühlte es, ihre feine Nase hatte die Witterung aufgenommen.

Ihre Augen starrten zum Wipfel des schirmartigen Baums, das Blätterdach ließ kaum Licht durch, und sie harrte auf eine Bewegung. Sollte er sich doch zeigen, der Feind, sie würde ihn schon ordentlich begrüßen, doch nichts geschah. Kein Geräusch, kein knackender Ast, kein Rascheln im Laub, nur dieser fremde Geruch nach warmem Blut und frisch geschlagenem Fleisch. Ihre Krallen zerrissen die Rinde der Akazie, laut war das Schaben zu hören, doch nichts rührte sich dort oben. Jetzt hielt sie die Neugier nicht mehr länger zurück. Mit einem gewaltigen Satz war sie oben, lauschte auf dem untersten, waagerecht ausladenden Ast, ob sich nicht doch etwas rührte in den oberen Stockwerken. Doch es blieb ruhig. Mit Hilfe ihrer Tasthaare umkreiste sie den von der Würgefeige umschlungenen Stamm und schraubte ihren schweren Körper langsam nach oben. Dann sah sie ihn.

Der Kadaver hing wie ein aufgeblasener Sack in der Astgabel. Die Jägerin verharrte argwöhnisch und erst als sich auch nach Minuten nichts an dem gekrümmten Körper rührte, als sich ihre Nase an den Geruch gewöhnt hatte, wagte sie sich näher heran. Ihre Schnurrhaare ertasteten zwei Beine, zwei Arme und die verkrampften Finger der Leiche, und der Blutgeruch in ihrer Nase vermischte sich mit jenen Düften, die sie den seltsamen Wesen zuordnete, die immer wieder mit ihren stinkenden und lärmenden Ungetümen in ihr Revier eindrangen. Instinktiv hatte sie gelernt, dass Menschen etwas Fremdes, aber nichts Bedrohliches waren. Sie kannte die Geräusche, die sie von sich gaben, wusste, dass viele andere Tiere vor ihnen flohen, obwohl keine Gefahr von ihnen auszugehen schien. Noch nie war sie auf die Idee gekommen, einen von ihnen anzugreifen oder gar zu reißen. Ihre Beute roch anders, bewegte sich anders, sah anders aus.

Doch jetzt, tot und regungslos auf dem Ast liegend, duftete das Blut plötzlich ähnlich verlockend wie das eines Pavians. Das Feindbild flackerte vor ihrem inneren Auge auf, die Paviane, die ihr gerade die Impalas abspenstig gemacht hatten, kamen ihr in den Sinn, und sie gab unfreiwillig ein grimmiges Knurren von sich. Ohne diese verfluchten Affen würde sie jetzt mit einem frisch geschlagenen Impala in der Baumkrone sitzen und sich nicht um diesen Menschenkadaver kümmern müssen.

Der Hunger begann erneut in ihr zu nagen, die Jungen in ihr zehrten an ihren Kräften. Wenn das Blut nun doch angenehm roch, warum sollte dann das Fleisch nicht genießbar sein? Es kam auf einen Versuch an. Noch einmal sah sie sich vorsichtig um, witterte nach allen Richtungen. Sie konnte keine Falle entdecken, keinen Feind, der sich im Schutz des dichten Blätterdachs versteckte. Ihre Zunge fuhr heraus und leckte dem Toten über das Gesicht. Sie schmeckte das Blut, das aus dem Schnitt in der Kehle über seine Backenknochen rann. Das Fleisch roch frisch und ihre Zähne begannen, die Nackenwirbel freizulegen. Noch verriet ihre Haltung Anspannung und ihr Blick drückte Argwohn aus, doch je mehr ihr Gaumen mit dem Geschmack der fremden Beute vertraut wurde, desto freier wurden ihre Bewegungen. Schließlich ließ sie sich entspannt neben dem Kadaver nieder, riss mit ihren dolchartigen Eckzähnen das khakifarbene Hemd in Fetzen und begann zu fressen.

5

Der erste Brief

Hallo Linda,

gestatten Sie mir, dass ich Sie Linda nenne, denn Ihr Nachname ist mir noch nicht geläufig. Als wir uns damals kennenlernten, waren Sie nicht verheiratet, und wie ich herausgefunden habe, sind Sie auch schon wieder geschieden. Aber das nur nebenbei.

Der Grund meines Schreibens liegt in einem Verfahren vor ziemlich genau 14 Jahren, wenn es nach dem Willen des Hohen Gerichts gegangen wäre, hätten es sogar 15 Jahre sein müssen. Na, macht es klick? Blättern Sie doch bitte mal in Ihrem hübschen Kopf 14 Jahre zurück und schlagen Sie die Seite »12. April« auf!

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Oder das Kapitel »Mein Karrieresprungbrett«.

Klick?

Denn als solches darf ich mich doch sicher bezeichnen? Ich habe sehr wohl mitverfolgt, wie es mit Ihrer Karriere voranging, nachdem ich Ihnen durch mein Zutun auf die Sprünge geholfen hatte, wenn auch unfreiwillig, wie Sie zugeben müssen. Na, hat es immer noch nicht klick gemacht? Haben Sie mich wirklich schon vergessen, in nur 14 Jahren?

Nun, ich kann Ihnen versichern, ich habe Sie nicht vergessen. Sie und die anderen, die mir mein Leben um 14 Jahre verkürzt haben.

Klick?

Ich habe weder vergessen noch vergeben.

Als gebildete Journalistin werden Sie mit den Klassikern der deutschen Dichtung vertraut sein. Wovon ist wohl die Rede, wenn Schiller in Wilhelm Tell sagt: »Ihr Genuss ist Mord und ihre Sättigung das Grausen«?

Nun, ich will Sie gern ein bisschen auf die Folter spannen, meine Liebe.

Von Mord wird bald die Rede sein. Und das Grausen werden Sie kennenlernen.

Aber im Gegensatz zu mir damals werden Sie eine kleine Hoffnung haben: Bringen Sie endlich die Wahrheit ans Licht!

Ach, und noch etwas, so ganz nebenbei. Behalten Sie den Inhalt meiner Briefe für sich. Das geht nur uns beide etwas an.

Hochachtungsvoll

Chui

6

Linda Roloff betrachtete das Bild, das auf ihrem Nachttisch stand, ihre Finger strichen über das reflexfreie Glas, und sie versuchte, sich das Kribbeln in Erinnerung zu rufen, das sie gespürt hatte, wenn ihre Fingerkuppen über seinen Dreitagebart geglitten waren. Sie versuchte, sich seinen Geruch zu vergegenwärtigen, diesen wilden Buschgeruch, unparfümiert, männlich, intensiv. Den Duft seiner Haut, seiner Haare, seines Atems. Sie versuchte, seine Küsse zu spüren, seine Stimme zu hören, sein Lachen. Und dann versuchte sie, ihn zu vergessen. Wenigstens für den Rest dieser Nacht. Sie brauchte dringend ihren Schlaf. Sie knipste das Licht aus und schloss die Augen. Sie hatte aufgehört, die Nächte zu zählen, die Nächte ohne eine Nachricht von Alan Scott.

Es war wenig los gewesen – eine halbe Ewigkeit schien es ihr her zu sein – auf der Ankunftsebene des Stuttgarter Flughafens. Linda war sich ein wenig verloren vorgekommen, nachdem die Wartenden um sie herum ihre Angehörigen in Empfang genommen und mit lachenden Gesichtern das Ankunftsterminal verlassen hatten. Linda hatte in dem kleinen Blumengeschäft drei rote Rosen gekauft, mit einem kleinen grünen Anhänger, auf dem die Worte Herzlich willkommen zu lesen waren. Alan würde sich darüber freuen, hatte sie gedacht.

Ihre Augen hatten an der großen, schwarzen Anzeigetafel geklebt, wo die gelben Buchstaben immer wieder durcheinandergerattert waren und neue Flüge angekündigt hatten. Noch immer hatten die beiden grünen Leuchtdioden neben der Flugnummer abwechselnd geblinkt, als Zeichen dafür, dass sein Flugzeug gelandet war. Sie hatte noch einmal die Flugdaten verglichen, die sie sich notiert gehabt hatte, Flugnummer, Start- und Landezeit waren identisch gewesen.

Nervös war sie auf und ab gegangen, hatte das Klappern ihrer hochhackigen Schuhe auf dem grauen Steinfußboden gehört und wie sich ihre Schritte mit dem Rattern der Gepäckwagen, den Stimmen anderer Menschen und den wiederkehrenden Lautsprecherdurchsagen zu der bekannten Flughafengeräuschkulisse gemischt hatten.

Sie hatte noch einmal zur Uhr gesehen, nein, sie hatte sich nicht verspätet gehabt, sie hatte außerdem jetzt schon eine knappe Stunde gewartet. Und sie hatte den Ausgang der Ankunftshalle nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen, auch nicht, als sie sich einen Espresso in der kleinen Kaffeebar bestellt hatte.

Sie hatte vor der Tafel gestanden, die einen Überblick über die Einrichtungen des Flughafens bot. Informationen eine Etage höher, im Abflugterminal eins. Sie hatte die Rolltreppe genommen, oben angekommen die Warteschlange am Infoschalter gesehen und war wieder nach unten gespurtet. Genervt hatte sie auf einem der schwarzen Wartestühle Platz genommen und versucht, ihren Puls unter Kontrolle zu bringen. Immerhin war es möglich gewesen, dass er den Anschlussflug in Frankfurt verpasst hatte. Doch selbst wenn, warum meldete er sich nicht?

Der Flug Frankfurt-Stuttgart war inzwischen von der Anzeigetafel verschwunden gewesen. Sie war noch einmal zum Infoschalter gegangen und hatte ihr Glück versucht. Der Flug aus Kenya war pünktlich in Frankfurt gelandet, wo steckte Alan Scott? Noch einmal hatte sie auf der Wartebank gegenüber dem Blumengeschäft Platz genommen.

Später hatte sie sich, nachdem sie allein vom Flughafen zurückgekehrt war, spontan zum Märchensee aufgemacht, um auf andere Gedanken zu kommen. Als sie den See später verlassen hatte, waren drei rote Rosen auf der Wasseroberfläche zurückgeblieben. Ein grünes Kärtchen mit dem Aufdruck Herzlich willkommen war allmählich im Teppich der Wasserlinsen verschwunden, die fast den ganzen See bedeckten.

Unruhig wälzte sie sich jetzt in ihrem Bett hin und her, doch der Alptraum kehrte immer wieder. Nicht die Rosen trieben dort im See, sondern die Leiche eines Mannes. Schweißgebadet wachte sie auf.

Sie hatte das Gesicht des Toten erkannt.

7

Donnerstag, 24. August 2006, Alter Landungssteg, Friedrichshafen

Lichtblitze, grell, schnell, hell, in regelmäßigem Abstand von 30 Sekunden, ein kalter Wind aus Südwest, Stärke sieben, die Oberfläche des Sees aufpeitschend, Regen, der fast waagerecht durch die Luft zu jagen schien. Unwetter.

Die Sturmwarnung hatte schon vor drei Stunden die letzten Segler in die sicheren Häfen getrieben, und selbst die Fischer waren angesichts der Witterung an diesem Spätsommerabend nicht mehr hinausgefahren. Nur die Fähre pflügte zielstrebig dem Aussichtsturm an der Mole zu, dessen Treppengerüst skelettgleich in den wolkenverhangenen Abendhimmel ragte und die Einfahrt zum Hafen markierte.

Das kleine Ruderboot schien verlassen draußen auf dem wild gewordenen Wasser zu tanzen, dann wieder abzutauchen in den Wellentälern, ohne Willen, schien zu treiben, ziellos, ohne den Mann, der es steuerte. Ein Spielball von Wind und Wasser. Und doch näherte es sich, langsam und unauffällig, dem ehemaligen Landungssteg im Westen der Stadt. Die mehrgeschossige Fassade der Schlosskirche ragte düster in den Himmel, flankiert von den beiden mächtigen Zwiebeltürmen, Wahrzeichen Friedrichshafens. Hoch hoben die Wellen den Bug des Ruderboots, trugen es für den Bruchteil einer Sekunde auf ihrem Kamm und ließen es, kaum hatte es seinen Schwerpunkt verloren, schlingernd eintauchen in das nächste Tal. Wasser schwappte ins Innere, bedrohlich schwankte der Kahn und setzte dann, die Ruder wie von Zauberhand gelenkt, seine Fahrt Richtung Ufer fort.

Das Leuchtfeuer der Sturmwarnung, das rings um den Bodensee seine Blinksignale zum Wasser hin aussandte, huschte wie ein orangefarbener Schatten von links nach rechts über die brodelnde Wasseroberfläche, vertauschte für einen kurzen Augenblick das Wellenspiel mit der wankenden Tanzfläche einer Diskothek, um danach wieder den grauen Schatten des tanzenden Wassers zurückzulassen. Jetzt hatte das Boot den Radius des Leuchtfeuers am Landungssteg erreicht und für den Husch eines Augenblicks, in dem das Licht das Wasser streifte, war der gebeugte Rücken eines Mannes zu erkennen, der in durchnässtem Overall, geduckt, ja zusammengesackt im Boot kauerte und die Ruder bewegte.

Ständig glitt ihm das Boot aus der Bahn, zeigte der Bug zu weit nach Osten oder Westen, und doch ließ sich sein Kurs erahnen. Mühevoll kam er voran, Meter um Meter, Wellendach und Wellental, und bei jedem Eintauchen in das Leuchtfeuer schien er der Ufermauer um einen Meter näher gekommen zu sein. Seine Hände, nass glänzende Haut, krampften sich um die Ruderstangen, über die Schulter warf er einen Blick zum nahen Ufer, aus dem Schatten der Kapuze heraus, um sein Ziel anzupeilen. Und er stellte jedes Mal erfreut fest, dass er allein war. Kein Mensch war zu sehen. So hatte er es geplant. Allein und unbeobachtet an einem stürmischen Abend auf dem See.

Das menschengroße Bündel, das im Heck des Ruderboots lag, bewegte sich nicht.

Der Regen ließ etwas nach, und er steuerte das Boot in waghalsigem Manöver an den Resten des ehemaligen Landungsstegs vorbei, schwarzen, baumstammdicken Pfählen, die aus dem Flachwasser des Sees ragten und immer wieder von den Wellen überspült wurden. Er hielt auf das westliche Ende der schmalen Landzunge zu, ein fast kreisrundes Areal, das sich mit dem schmalen Zugangsweg in Form einer Schöpfkelle an der Schlossmauer entlang zum Wasser hin ausdehnte. Im Schatten der efeubewachsenen Mauer stieg er an Land, nachdem er das Boot am schmiedeeisernen Geländer der Ufermauer vertäut hatte.

Er musste jetzt darauf achten, nicht in den Lichtschein des Leuchtfeuers zu geraten, der ein paar Meter auf die Halbinsel hüpfte, bevor ihn der Schatten der Blende verschluckte. Geschickt huschte er an der Mauer entlang und schlich sich geduckt hinüber zu den Bäumen, die das Ziel seiner geheimnisvollen nächtlichen Aktion waren. Als er an dem breiten Gitterportal vorbeikam, gewahrte er den Lichtschein in einem der Fenster im obersten Stockwerk des Schlosses. Doch es war niemand zu sehen. Er verharrte, überzeugte sich davon, dass der Ort seiner Tat nicht von dort oben eingesehen werden konnte, und setzte seinen Weg fort. Er hatte sich viel vorgenommen in dieser Nacht, es war Teil eines langen Plans, den er in den nächsten Nächten durchzuführen gedachte, und er hatte lange Zeit mit den Vorbereitungen verbracht.

Der Mann, der sich in jener sturmgepeitschten Sommernacht den drei Kastanienbäumen näherte, war von hünenhafter Gestalt, doch elegant und geschmeidig, ja fast katzengleich waren seine Bewegungen, kaum knirschte der Kies unter seinen Schritten, kein Atemgeräusch, kein Keuchen war zu hören, als er mit seiner Arbeit begann. Ständig glitt sein Blick hinüber zu dem Weg, dem einzigen Zugang zum halbinselartigen Gelände vor dem Schloss.

Er befand sich hier auf historischem Grund, dem Hafengelände des ehemaligen Klosters Hofen, wo noch zu Zeiten des württembergischen Königs Friedrich die Raddampfer anlegten und Waren aus der Schweiz angeliefert wurden. Drüben, wo heute die Schiffe der Weißen Flotte, aber auch Katamaran und Fähre einliefen, lag damals die Reichsstadt Buchhorn, ebenfalls mit eigenem Hafen, und nachdem Friedrich Kloster und Stadt zusammengelegt und in Friedrichshafen umbenannt hatte, verlor die Schiffslände vor dem Schloss zusehends an Bedeutung. Was blieb, war der idyllische Platz mit seinen Bänken und Bäumen, Geheimtipp für Sonnenuntergänge am Bodensee und zugleich Endpunkt des für die Öffentlichkeit zugänglichen Bodenseeufers im Westen der Stadt.

Seine Hände ruhten auf der feuchten, rissigen Rinde der Kastanie. Er sog den Duft des nassen Holzes ein und schloss die Augen. Der Baum gab ihm Kraft, er schien sein Freund, er war Teil seines Plans. In seinen Gedanken war er wieder daheim, dort, wo es den mächtigsten aller Bäume gab, den Giganten, den von den Göttern im Zorn mit dem Astwerk in der Erde versenkten alten Baobab, dessen Äste wie verkümmerte Wurzeln aus seinem Tonnenstamm ragten, zerfurchte Rinde wie Elefantenhaut, kürbisgroße Früchte, Schattenspender für Impalaharems, Spielplatz für Meerkatzen, Wohnstatt für Nashornvögel. Er hatte die Bäume geliebt, schon als Kind, nicht nur den Baobab, der wie eine Säule den Eingang zu ihrer Farm markiert hatte, auch die Riesenfeigen, Kletterbäume seiner Jugend, den glühend blühenden Flammenbaum und den Sausagetree, dessen längliche Früchte dem Lilablumigen den deutschen Namen Leberwurstbaum eingebracht hatten.

Schon mit vier Jahren war er geklettert wie ein Äffchen, hatte in den Bäumen nach Vogelnestern und Bruthöhlen gesucht, Flughunde von ihren Schlafplätzen vertrieben und eines Tages einen jungen Leoparden mit nach Hause gebracht. Niemand wusste, was seiner Mutter zugestoßen war, warum er allein in der Astmulde gekauert hatte, drei Nächte lang. Abgemagert und mit zerzaustem Fell, von Zecken übersät und ausgetrocknet, hatte er ihn schließlich vom Baum gezerrt, ein fauchendes, kratzendes und beißendes geflecktes Fellbündel mit den schönsten Augen, die er je gesehen hatte, in Gold gefasst, und einer rosaroten warmen Nase.

Chui war sieben Jahre lang sein bester Freund gewesen, wie oft waren er und sein zahmer Leopard durch die Savannen am Uaso Nyiro gezogen, entlang des Braunen Flusses, wo die Netzgiraffen zur Tränke kamen, die schlanken Grevyzebras grasten und die langhalsigen Gerenuks, artistengleich auf den Hinterbeinen stehend, im Dornbusch nach jungen Trieben suchten. Bald hatte Chui gelernt zu jagen. Ein Stallhase war sein erstes Opfer gewesen, dann die Ziege, aus einem Samburukral gestohlen, schließlich die Paviane, die tagsüber frech in den Gemüsegarten von Mom einfielen. Chui hatte sich nachts auf die Lauer gelegt und sich angeschlichen, als die Horde schlief. In jener Nacht starb der erste Pavian, in den folgenden drei weitere. Nie wieder wagte sich ein Pavian in Moms Gemüsegarten.

Nach sieben Jahren kam Chui morgens nicht zurück. Er suchte nach seinen Spuren, durchkämmte das Gelände eine Woche lang. Seine Schlafbäume, seine Lieblingsplätze, das Wasserloch, die Felsen, auf denen er sich mit einer Leopardin gepaart hatte. Am Ende der Woche fand er seine Überreste und die Spuren des Kampfes mit den Löwen. Es musste ein unfairer Kampf gewesen sein. Vier gegen einen. Er hasste unfaire Kämpfe. Heute noch.

Er begrub seinen Freund am Fuß des Baobabs.

Damals, in einem anderen Leben. Ein Jahr später waren sie fortgezogen. Seine Mom und er. Sie hatte sich von seinem Vater getrennt und wollte zurück in ihre Heimat. In dieses kalte Land, wo es keinen Baobab und keine Flammenbäume gab. Nur Tannen und Eichen. Deutsche Eichen. Auch ein mächtiger Baum. Bald kletterte er auf Tannen. Und auf Eichen. Höher hinauf als seine Spielgefährten. Manchmal schlief er dort oben. Allein. Träumte von dem Baobab auf ihrer Farm.

Seine Mom nannte ihn von da ab Chui. Weil er klettern konnte wie ein Leopard. Weil er jagen konnte wie ein Leopard. Weil er dachte und fühlte wie ein Leopard. Und weil er tötete wie ein Leopard. Doch das wusste Mom nicht.

Damals nicht.

Später schon.

Als sie ihn einsperrten.

Unschuldig.

Dann war sie gestorben.

Jetzt hatte er getötet.

Wie Chui, sein Leopard.

Daran dachte er, während seine Finger über die feuchte, rissige Rinde der Kastanie strichen.

Er hatte lange gebraucht, bis er Chuis Fähigkeit, zu töten und seine Beute zu verstecken, gelernt hatte. Was ihm fehlte, war anfangs vor allem die Kraft gewesen. Und die anatomischen Voraussetzungen, die er durch technische Hilfsmittel ausgleichen musste. Chui packte seine Opfer an der Kehle und schleppte sie in seinem Fang zu seinen Verstecken. Er schulterte das menschengroße Bündel und trug es auf seinem Rücken bis zum Fuß der Kastanie.

Für Chui, das gefleckte Muskelpaket, war es ein Leichtes, ein Gerenuk oder eine andere Antilope seiner Größe in die Krone eines Baumes zu hieven und dort zu deponieren, geschützt vor den Löwen und Hyänen, die ihm am Boden die Beute streitig machen konnten. Für ihn war es ein Kraftaufwand, einen anderen Menschen auf den unteren Ast einer Kastanie zu hieven, aber er nutzte die Technik, um es zu schaffen: ein festes, fingerdickes Seil, ein 0,2-t-Greifzug und eine Umlenkrolle. Mit geübten Griffen befestigte er die Umlenkrolle im Baum, hievte mit Hilfe des Seilzugs das schwere Paket auf den untersten Ast der Kastanie, kletterte selbst hinauf und schälte den Inhalt des Sacks aus seiner Verpackung. Die graue Hülle glitt zu Boden, der tote Körper hing im Baum.

Er platzierte die Leiche so, dass sie im Gleichgewicht blieb, bäuchlings auf dem Ast, die linke Hüfte gegen den Stamm gepresst, die Arme hingen auf der einen, die Beine auf der anderen Seite nach unten. Fast ein Kunstwerk, dachte er, entfernte seine Hilfsmittel und kletterte zufrieden nach unten. Er raffte das Seil zusammen, zog den Erdanker heraus, hob den leeren Leichensack auf und huschte hinüber zur Schlossmauer, am großen Gittertor vorbei – das Licht im oberen Stockwerk war erloschen – und über das Geländer hinunter ins Boot. Auf demselben Weg, den er gekommen war, entschwand er in die Nacht. Das einzige Geräusch, das Eintauchen der Ruder, ging unter im Rauschen von Wind und Wellen. Kleiner und kleiner wurde das Boot, bald verschmolz es mit dem Grau des Sees.

Er hatte seinen Plan ausgeführt.

Dieser Part war erledigt.

Ohne Spuren zu hinterlassen.

Wie Chui, der Leopard.

8

Der Safari-Busfahrer Brian Ndolwa hatte es zunächst für die Mahlzeit des gefleckten Jägers gehalten, denn er wusste, dass der Leopard seine Beute oft auf diesem Baum vor den Löwen und Hyänen versteckte. Doch dann hatte er durch das Fernglas die Kleider erkannt, die hellen Ärmel des Hemds und die Hosenbeine, die leblos links und rechts des mächtigen Akazienastes nach unten baumelten. Mit einem Blick auf die Touristen in seinem Nissanbus hatte er gezögert, näher zu fahren.

Sie waren schon den ganzen Tag im Tsavo-East unterwegs gewesen, auf der Suche nach den von Safarigästen aus aller Welt begehrten Big Five: Nashorn, Löwe, Elefant, Büffel und Leopard. Elefanten hatten sie am Galanafluss gesehen, Büffel und Löwen in der offenen Savanne, die Löwen sogar am frischen Riss. Jetzt, da sich die Dämmerung ankündigte, war es Zeit, zur Voi-Lodge weiterzufahren, wo ein üppiges Menü und eine afrikanische Nacht mit Massaitänzern auf die gut zahlenden Gäste warteten. Am nächsten Tag würde Brian Ndolwa noch eine halbtägige Pirschfahrt mit ihnen machen und sie wieder zurück nach Mombasa bringen, von wo aus sie gestern früh zur Tsavo-Safari gestartet waren.

Keiner im Wagen hatte Brian Ndolwas Entdeckung mitbekommen, und er entschloss sich, am Abend noch einmal allein zurückzukehren, um das zu untersuchen, was der Leopard da auf der Akazie fraß. Nun mussten seine Gäste den Tag beenden, ohne die Big Five gesehen zu haben, aber sie waren schon begeistert genug von den Begegnungen mit ihren ersten Löwen und würden am Wasserloch von Voi höchstwahrscheinlich auf Elefanten stoßen und viele Büffel, die sich die Tränke friedlich mit Zebras teilten.

Eine Stunde später, es war inzwischen rasch dunkel geworden, fraßen sich die Scheinwerfer des Safaribusses durch die Nacht. Sicher wie die Ginsterkatze auf ihrem Jagdzug fand Brian Ndolwa den Weg, er hatte noch kurz im Park-Headquater angerufen und den Rangern von seinem nächtlichen Vorhaben berichtet, allerdings ohne seinen Verdacht zu äußern, dort auf einer Akazie einen menschlichen Leopardenkill entdeckt zu haben. Zu unvorstellbar war ihm dieser Gedanke, und so teilte er den Rangern nur mit, dass einer seiner Gäste einen Teil seiner Kameraausrüstung vermisse und er noch mal hinausfahre, um bei ihrem Picknickplatz nachzusehen. Die Ranger, die Brian seit Jahren als zuverlässigen Fahrer kannten, erteilten ihm die Erlaubnis.

Als er den Bus in der Nähe der Schirmakazie abstellte, bewegten sich die Baumstämme, die von den Autoscheinwerfern erfasst wurden. Ndolwa erkannte sofort, dass sich eine Herde Elefanten unter dem Baum zum Schlafen niedergelassen und dabei den Leoparden sicher aus seinem Versteck vertrieben hatte. Missmutig grollend, machte die Herde nun ihrerseits dem hupenden Ungetüm Platz und zog polternd weiter. Ndolwa wartete, bis die Elefanten nicht mehr zu hören waren, lauschte in die Nacht, schaltete die Taschenlampe ein und stieg aus dem Wagen. Seine Schritte raschelten im hohen Gras, und er fühlte sich nicht sehr wohl, als er zu Fuß auf die Akazie zu schlich. Er hatte keine Waffe bei sich, die Buschpiste war gut 100 Meter entfernt, sein Bus stand versteckt im dichten Dornbusch, eine Rangerpatrouille würde kaum auf die Idee kommen, ihn hier zu suchen.

Es war die Zeit der nächtlichen Jäger, seine Chance, jetzt zu Fuß einem Leoparden zu begegnen oder auf eine lauernde Puffotter zu treten, war nicht einmal so schlecht. Er verdrängte die Gedanken und blieb am Stamm der Akazie stehen. Der Strahl der Taschenlampe wanderte nach oben und erfasste die grausige Szenerie. Das Gesicht des Toten war angefressen, Genick, Schulter, linker Oberarm und Bauch eine unförmige Masse aus Fleisch, Muskelfasern, Blut und Kleidungsresten. Der Leopard hatte kräftig zugelangt, ehe er von den Elefanten vertrieben worden war. Brian Ndolwa wandte sich ab und würgte.

Dabei blieb sein Blick an einem hell schillernden Gegenstand hängen, der vor ihm im Gras lag und den Schein der Taschenlampe reflektierte. Ndolwa bückte sich danach und hob einen kleinen Schlüsselbund auf, der durch einen Metallring zusammengehalten wurde. Er schien dem Toten im Baum aus der Tasche gefallen zu sein. Neben drei Schlüsseln, einer davon schien ein Autoschlüssel zu sein, war an dem Metallring ein kleines Lederoval befestigt, offensichtlich ein Etui für Münzen. Brian Ndolwa öffnete den Druckknopf und tastete mit seinem Zeigefinger ins Innere des schmalen Täschchens. Leer. Dann fuhr der Finger über die raue Lederoberfläche und erfasste eine leichte Unebenheit. Er hielt den Schlüsselring mit dem Lederteil ins Taschenlampenlicht und erkannte das Monogramm: ein großes A und ein im gleichen Stil geprägtes S zierten das schwarze Leder. A. S.

Brian Ndolwa blickte noch einmal ins Geäst der Akazie, ohne den Lampenstrahl seinem Blick folgen zu lassen. Mehrere Namen gingen ihm durch den Kopf, Menschen, die er kannte und deren Vor- und Nachnamen mit den Buchstaben A und S begannen. Wer war dieser A. S., dessen Kadaver hier auf dem Leopardenbaum hing? Hatte der Leopard ihn gerissen? Wie sonst sollte er auf die Akazie gekommen sein?

Hätte Brian Ndolwa in dieser Nacht noch einmal nach oben geleuchtet, hätten seine scharfen Augen vielleicht die Spuren entdeckt, die der Handseilzug am Stamm über dem Toten hinterlassen hatte. Die Ranger, die er eine halbe Stunde später von seinem Fund unterrichtete, informierten die nächste Polizeistation in Voi. Zwei Polizisten bargen die Überreste des Toten am frühen Morgen, bevor der Nationalpark seine Tore für die Besucher öffnete, ohne im Baum nach den Spuren eines Mordes zu suchen. Stattdessen widmeten sie ihre ganze Aufmerksamkeit der Fährte eines menschenfressenden Leoparden, die von der Akazie in Richtung der Felsgruppe führte, die im Norden lag.

Brian Ndolwa war kurz nach der Morgendämmerung schon wieder mit seinen Gästen auf Pirschfahrt. Er vermied es, noch einmal in diesen Teil des Tsavo zu kommen. Den Schlüsselring und das Lederteil mit der rätselhaften Prägung hatte er noch in der Nacht bei den Rangern abgegeben. Er konnte nicht ahnen, dass in Nairobi eine Vermisstenanzeige vorlag, zu der die Initialen A und S passten.

9

Freitag, 25. August 2006, Tübingen

»Machst du eigentlich noch was anderes außer arbeiten?«, fragte Babs Wagner, als sie morgens um acht Uhr in die Redaktion kam und Linda Roloff schon am PC einen Beitrag abhörte. »Oder bist du für den Frühdienst eingesprungen?«

Linda Roloff, der man die Ende 30 nicht ansah, schien ihre Kollegin nicht bemerkt zu haben. Ihre braunen Augen, von denen einige ihrer Freunde behaupteten, sie seien ebenso schwarz wie ihre Haare, starrten auf den matten Bildschirm des Computers, die kleinen runden Kopfhörermuscheln klebten auf ihren Ohren und schotteten sie ab von den Geräuschen der realen Welt. Babs beobachtete die blauen Balken der Anzeige, die Kurven und Amplituden der aufgenommenen Töne, die auf dem Bildschirm von rechts nach links liefen, zwischendurch, wenn Linda einen Schnitt setzte, stehen blieben, dann weiter scrollten, bis schließlich das Ende des Beitrags erreicht war. Sie sah zu, wie Linda den fertig geschnittenen O-Ton abspeicherte, mit einem Löschschutz versah und schließlich die Kopfhörer in den Nacken schob, wo das schwarze Kabel wie eine weite Kette um ihren Hals hing.

Jetzt endlich sah sie auf und bemerkte Babs, die mit müdem Blick den Schreibtisch gegenüber betrachtete und mit einem lauten Seufzer das Chaos aus Papierstapeln, CDs, Dat-Kassetten und Notizzetteln begrüßte, das über Nacht wieder einmal von keinem Heinzelmännchen geordnet worden war. Montagmorgen und die Woche nimmt kein Ende – der Spruch klebte am unteren Ende ihres PCs und spiegelte die Stimmung wider, mit der Babs morgens um diese Zeit ihr Arbeitszimmer betrat, auch wenn heute schon Freitag war. Es war wieder spät geworden gestern Abend, nachdem sie mit zwei anderen Kolleginnen im Sudhaus beim Konzert von Kick La Luna gewesen war. Linda hatte keine Lust gehabt, mitzugehen.

»Hey, Babs, hab’ dich gar nicht reinkommen sehen«, sagte Linda tonlos, streifte ihre Kollegin nur mit einem flüchtigen Blick, wandte sich wieder der Anzeige auf dem Monitor zu und griff die Kopfhörermuscheln, um sie erneut über die Ohren zu stülpen.

»Warte mal!«, sagte Babs jetzt laut und griff nach Lindas Handgelenk, um das Aufsetzen der Kopfhörer zu verhindern.

»Ich muss den Beitrag fertig machen, er soll um halb zehn in den News laufen!«, zischte Linda und entwand sich ihrem Griff.

»Okay, dann eben danach«, meinte Babs und nahm an ihrem Schreibtisch Platz. »Ich möchte doch nur fünf Minuten mit dir reden. Findest du nicht auch, dass das für zwei gute Freundinnen drin sein müsste?«

Linda, die die Kopfhörer noch nicht aufgesetzt hatte, hielt in ihrer Bewegung inne und holte laut hörbar Luft.

»Hattest du noch nie das Gefühl, nein, den Wunsch, einfach mal allein sein zu wollen, für dich, ganz allein, ohne die …«, sie zögerte, »… Fürsorge anderer? Lass mich einfach in Ruhe!«

Das klang schroff, ziemlich schroff sogar, und wenn sie sich nicht so lange gekannt hätten und Babs Linda zu ihren besten Freundinnen zählte, wäre sie einfach aufgestanden und aus dem Raum gegangen, hätte sich einen Kaffee geholt und für den Rest des Tages schweigend weitergearbeitet. Seit Linda aus Südafrika zurückgekehrt war, hatte sie sich zurückgezogen, abgeschottet, ihren Liebeskummer in sich hineingefressen. Doch wie hatte Clemens, Babs neuer Freund, zu ihr gesagt: So wie die sich abschottet, braucht sie gerade jetzt jemanden, der ihr zuhört. Lass nicht locker, warte den passenden Moment ab und bring sie zum Reden!

»Nein, das werde ich nicht tun!«, sagte Babs deshalb und fixierte Linda, die ihrem Blick jedoch auswich. »Glaubst du vielleicht, es macht Spaß zuzusehen, wie du dich kaputtmachst? Wie du dich in deiner Arbeit vergräbst und alles in dich hineinfrisst? Meinst du wirklich, es wird besser, wenn du mit niemandem darüber redest? Linda, bitte! Wir haben bisher noch immer alles in den Griff bekommen! Weißt du noch, was du nach der Scheidung von Rob zu mir gesagt hast? Ohne dich hätte ich das alles nicht geschafft! Und jetzt? Jetzt willst du allein stark sein, und ich soll zusehen, wie du dabei krepierst? Ich mach dir jetzt einen Vorschlag, und das Angebot wird nicht wiederholt. Ich warte um halb elf auf dich im Bistro am Neckar. Ich hab heut keinen Termin und nehme mir die Zeit, weil du es mir wert bist. Wenn du keinen Bock hast, okay, aber komm dann nicht in ein paar Tagen zu mir, um dich auszuheulen! Ich hab jetzt lang genug zugesehen. Und tschüss!«

Babs stand auf und eilte nach draußen. Ihr Monolog hatte seine Wirkung nicht verfehlt und im Augenwinkel hatte sie bemerkt, dass Lindas Augen feucht schimmerten. Sie musste am Ende sein. Es war Zeit, dass sie aus dem Loch kroch, in das sie gefallen war.

Babs lief auf dem langen Korridor vor den Redaktionsbüros Ingo Dossenberg über den Weg. Er war neu im Team, älteres Semester, aber sportliche Figur, auf jugendlich getrimmt, groß gewachsen. Keiner wusste so richtig, was er vorher gemacht hatte, aber seine Stimme am Mikrofon klang sonor, seine Beiträge waren professionell, seine Recherchen exakt. In dieser Woche war er CvD, Chef vom Dienst.

»Ich habe einen Termin für dich«, sagte er, als sie dem Ausgang zustrebte. »Oder soll ich Linda fragen?«

»Nein«, sagte Babs. »Wann ist es?«

»Heute Mittag um vier. Eine PK in Friedrichshafen. Die sind am See grade knapp mit Reportern, wegen Interboot und Krankheitsfällen. Könntest du hin?«

»Um vier?« Das war zu schaffen. Eine Pressekonferenz dauerte nicht zu lange, sie würde um 20 Uhr wieder zurück sein. »Worum geht’s denn?«

»Ein Toter, direkt am See, hing auf dem Ast einer Kastanie. Komische Sache. Sie sprechen schon von einer Baumleiche. Bei der PK soll Näheres bekannt gegeben werden. Machst du’s?«, fragte Ingo Dossenberg.

Babs nickte.

10

Der zweite Brief

Hallo Linda,

Rache, richtig. Ich bin mir sicher, dass Sie es ohne fremde Hilfe herausgefunden haben: Ihr Genuss ist Mord und ihre Sättigung das Grausen. Und ihre Zahl ist die 6, möchte ich noch anfügen.

Der Rächer hat sein Werk bereits begonnen, das darf ich Ihnen verraten, Verehrteste. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis auch Sie davon profitieren werden. Rein beruflich natürlich. Sie werden darüber berichten, und es wird Kohle dafür geben. Schlagen Sie sie nicht aus! Und berichten Sie detailgetreu.

Übrigens – haben Sie schon begonnen, die Wahrheit zu suchen?

Es ist die einzige Möglichkeit, Ihr Leben zu retten.

Hochachtungsvoll

Chui

11

Der Herbst lag schon spürbar in der Luft an diesem Vormittag, auch wenn sich die Sonne immer wieder einen Weg durch die Wolkenlücken bahnte und ihre Strahlen wie gleißende Sterne auf der grünblauen Oberfläche des Neckars hüpften. Wie schwimmende Farbtupfer trieben die ersten Blätter flussabwärts, dem Stauwehr entgegen, vor dem sich das Wasser in einem spiegelnden See sammelte und jede Fließbewegung zum Stillstand zu kommen schien.

Viel zu früh, jetzt, Ende August, sinnierte Babs Wagner und sah den Stockenten zu, die im Flachwasser vor der Platanenallee nach Nahrung suchten. Vom Erkerfenster des Cafés im Haus neben der Eberhardsbrücke blickte sie über den schmalen Flussarm, auf dem sich an lauen Sommerabenden Touristen und Studenten in den langen Holzkähnen stromaufwärts entlang der alten Stadtmauer bis unter die Türme des Schlosses Hohentübingen stochern ließen.

Lange her, dachte Babs, zuletzt hatte sie zusammen mit Linda einen solchen Stocherkahnausflug gemacht. Lindas kleine Tochter Sarah war damals dabei gewesen, ein Mädchen im Vorschulalter, und sie hatten großen Spaß gehabt, im Bug des Stocherkahns zu grillen, während sie ihr Exfreund Steffen, der selbst einer Studentenverbindung angehört und so das Stochern gelernt hatte, mit gezielten Stößen der fünf Meter langen Stange langsam um die Platanenallee herumgesteuert hatte. Über den zweiten, schmäleren Flussarm waren sie wieder zum Liegeplatz zurückgekehrt, hatten noch ein Eis gegessen und den herrlichen Abend genossen.

Einiges war passiert in dieser Zeit; Babs hatte sich von Steffen, dem überarbeiteten Rechtsanwalt, getrennt, der kaum einmal einen Abend freihatte und ständig in Gedanken bei seinen Mandanten war. Sie hatte herausbekommen, dass eine Frau, seine neue Kanzleipartnerin, dahintersteckte und einen Schlussstrich gezogen. Doch im Gegenteil zu Linda, die noch immer ihrer großen Liebe Alan Scott hinterhertrauerte, hatte sie schon nach wenigen Tagen wieder eine neue Beziehung begonnen.

Babs hatte auf Lindas Liaison mit Alan in Afrika nie besonders viel gegeben, es war für sie, die Realistin, nicht mehr als eine Urlaubsbekanntschaft, eine Liebelei, die sich im Grau des Alltags wieder verlor und die man zu Hause im gewohnten Trott rasch vergaß. Doch Linda Roloff hatte Alan Scott offensichtlich nie vergessen. Auch wenn meist Monate zwischen ihren Wiedersehen lagen und sich Alan nie für eine Zukunft in Deutschland entscheiden konnte.

Vor ein paar Jahren hatte Linda ihn kennengelernt, ein zärtliches Raubein, hatte sie später geschwärmt. Er hatte ihr geholfen, ihren verschollenen Exmann in Afrika wiederzufinden und war auch für ein paar Tage in Deutschland aufgetaucht. Aber so schnell er gekommen war, war er auch wieder verschwunden.

Ein Jahr später hatten sie sich wiedergetroffen, als Linda bei der Recherche in einem Mordfall abermals seine Hilfe brauchte. Linda war danach allein nach Deutschland zurückgekehrt, in der festen Überzeugung, in Alan Scott ihre große Liebe gefunden zu haben. Doch sein Versprechen, sie in Deutschland zu besuchen, hatte er nie eingelöst. Und jetzt das endgültige Aus?

Babs wusste es nicht genau, Linda hatte ja nicht darüber sprechen wollen. Nur soviel war ihr klar: Sie hatte auf ihn gewartet, und er war nicht gekommen. Ohne etwas von sich hören zu lassen. Dabei war Linda so voll Zuversicht gewesen. Alan kommt nach Deutschland, hatte sie gesagt. Linda hatte Pläne geschmiedet, Pläne für eine gemeinsame Zukunft, hatte sogar begonnen, sich nach einem Job für ihn umzusehen. Doch als sie ihn am Flughafen abholen wollte, war er nicht unter den Passagieren gewesen. Und schlimmer noch: Er hatte nicht einmal eine Nachricht für sie hinterlassen, kein Anruf, keine SMS. Blieb verschwunden, bis zum heutigen Tag.

Babs war anders als Linda. Konsequenter auf alle Fälle, dachte sie. Sie hätte, schon als er damals nicht nach Deutschland gekommen war, einfach Schluss gemacht und sich erneut auf dem Markt umgesehen. Schließlich wusste sie aus eigener Erfahrung, dass es funktionierte: Clemens Edel war aufgetaucht, einfach so, wie gerufen, in ihr Leben getreten. Sie hatte sich in ihn verliebt, vor wenigen Wochen erst. Und auf einmal war das Leben wieder schön geworden.

»Und was ist mit Steffen?«, war die typische Reaktion von Linda gewesen, als ihr Babs nach ihrer Rückkehr aus Südafrika von Clemens erzählt hatte. Immerhin war sie über fünf Jahre mit Steffen zusammen gewesen, und Linda hatte eigentlich eher mit einer Hochzeit als mit einer Trennung gerechnet.

»Er ist jetzt mit seiner Kanzleipartnerin zusammen!«, hatte Babs ihr kurz angebunden eröffnet, das habe sich schon eine ganze Zeit lang angebahnt.

»Aber du hast mir nie etwas davon erzählt«, hatte sich Linda empört. »Im Gegenteil, du hattest Steffen sogar noch gebeten, mir bei meinen Problemen in Südafrika zu helfen!«

»Und? – Hat er es nicht getan?«

»Doch! Sogar so professionell, dass seine Recherche dazu beigetragen hat, den Fall letzten Endes zu lösen! Ich hatte ja keine Ahnung, dass er …«

»Du hast dich ja auch zu der Zeit für nichts anderes interessiert als für deinen Alan Scott und diesen mysteriösen Mord am Märchensee«, hatte Babs vorwurfsvoll zurückgegeben. Linda hatte es dabei belassen und Babs zu ihrem neuen Lover gratuliert. Clemens war ein netter Kerl, das würde auch Linda zugeben müssen, wenn sie Babs erst einmal einander vorgestellt hätte. Er war fast zehn Jahre älter als sie und lebte von Gelegenheitsjobs. Mal fuhr er für einen Pizzaservice, mal arbeitete er in einem der zahlreichen Antiquariate in der Stadt.

Dort hatte Babs ihn auch kennengelernt, als sie nach einem originellen Geburtstagsgeschenk für ihre Schwägerin suchte, die alte Märchenbücher sammelte. Clemens Edel hatte sie super beraten und sich als ein sehr charmanter Verkäufer erwiesen. Unaufdringlich hatte er sie nach ihrem Namen gefragt und ob er sie denn mal auf einen Cappuccino einladen dürfe, und Babs hatte sich seine Handynummer geben lassen. Zweimal hatten sie sich in der Mittagspause auf dem Tübinger Marktplatz getroffen und Babs hatte festgestellt, dass sie sich seinem Charme einfach nicht entziehen konnte. Steffen und seine Tussi waren vergessen.

Dies gelang Linda nicht. Für sie war nach Scotts Fernbleiben eine Welt zusammengebrochen. Alle Freude, alle Lebenslust schienen aus ihr gewichen zu sein. Sie stürzte sich in Arbeit, Tag und Nacht, nur um nicht an Alan Scott denken zu müssen. Kein Lebenszeichen, war Lindas einziger Kommentar, wenn Babs sie darauf ansprach. Kein Lebenszeichen – was immer das zu bedeuten hatte. Sie musste mit ihr darüber sprechen, heute und hier.

Babs sah zur Uhr. Kurz nach halb elf. Sonst war Linda immer pünktlich. Sie sah zum Fenster hinaus. Neckar, Platanen, Hölderlinturm. Ein paar Zeilen aus einem Gedicht des Romantikers, der 36 Jahre bis zu seinem Tod psychisch krank in einem Zimmer in dem gelb getünchten Turm verbracht hatte, fielen ihr ein:

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,

Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat;

So kam auch ich zur Heimat, hätt ich

Güter so viele, wie Leid, geerntet.

Plötzlich war Linda da. Kam direkt auf sie zu und nahm ohne Worte an ihrem Tisch Platz.

»Wartest du schon lange?«, fragte sie, nachdem sie eine Latte macchiato bestellt hatte.

»Zehn Minuten«, entgegnete Babs und rührte ihren Cappuccino um. Sie überlegte, ob sie gleich mit der Tür ins Haus fallen oder erst mal abwarten sollte. Wer eröffnet das Spiel? Offen oder verdeckt? Selten hatte sie sich so unsicher gefühlt. Was ist eigentlich mit dir los? Schon wollte sie fragen, doch stattdessen schluckte sie nur trocken. Sie kannte ja die Ursache für Lindas schlechte Laune. Wie begegnete man Liebeskummer am besten? Verdammt!, schoss es ihr durch den Kopf, jetzt sitzt sie dir gegenüber und du weißt nicht, was du sagen sollst! Warum war das Leben manchmal nur so kompliziert?

»Ich muss wohl ziemlich unausstehlich sein in letzter Zeit«, Linda spielte ihr den Ball offen zu. »Sorry, ich hab mich einfach schlecht im Griff«, schob sie gleich noch eine Entschuldigung nach. Babs hatte sofort eine Antwort auf der Zunge und spuckte sie aus, ohne lange zu überlegen:

»Unausstehlich ist noch gelinde ausgedrückt«, unterstrich sie und erschrak über den harten Klang ihrer Stimme. »Du bist zur Zeit ein echter Kotzbrocken!«, hörte sie sich sagen und wäre sich am liebsten im selben Moment über den Mund gefahren; doch jetzt war es heraus.

»Tut mir leid«, sagte Linda und legte ihre Hand auf Babs Unterarm. »Ich komm einfach nicht damit klar, dass er so überhaupt nichts von sich hören lässt.«

Er, dachte Babs, sie nennt schon nicht mal mehr seinen Namen!

»Aber das ist doch kein Grund, alle Welt dafür verantwortlich zu machen«, sagte sie, »ich hätte dir so gern geholfen in den letzten Tagen, aber du hast ja keinen Menschen an dich herangelassen.«

»Ich wollte eben allein sein«, entschuldigte sich Linda. »Es tut so weh, weißt du …«

Babs nickte. »Ich versteh dich doch, das ist es ja gerade. Und ich hätte dich so gern getröstet. Aber du hast immer nur gearbeitet und dich abgeschottet. Hast du denn inzwischen mal etwas von ihm gehört?«

Linda schüttelte den Kopf. »Er meldet sich nach wie vor nicht. Das hat mich zuerst traurig gemacht, dann wütend, und manchmal weiß ich überhaupt nicht, was ich tun soll.«

Babs sagte nichts, denn sie spürte, dass ihre Freundin noch einiges loszuwerden hatte.

»Als er nicht kam, vorletzten Sonntag mit der Maschine aus Kenya, du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich da gefühlt habe. Er hatte es mir doch so versprochen! Er hatte mir die Flugdaten durchgegeben, und wir hatten verabredet, dass ich ihn in Stuttgart abholen sollte. Als er nicht in der Maschine war, hab ich mich ins Auto gesetzt und geflennt wie ein fünfjähriges Mädchen, das nicht auf den Spielplatz darf.«

»Und dann hast du die Blumen weggeworfen, die du für ihn gekauft hattest.«

»Woher weißt du?«

»Ich war am Sonntagabend noch am Märchensee spazieren. Da trieben rote Rosen auf den Wasserlinsen am Ufer, und ich wusste, dass du öfters am Märchensee warst, wegen der Geschichte mit Marius Steyn.«

Linda nickte. Marius Steyn; man hatte die Leiche des alten Richters im Märchensee bei Wendelsheim gefunden, wenige Wochen erst war das her; zum selben Zeitpunkt war Alans Hilferuf aus Südafrika gekommen. Sie hatten ihn für schuldig am Tod eines Mannes gehalten, und Linda war, ohne viel zu zögern, nach Johannesburg gereist, um ihm aus der Patsche zu helfen.

»Hast du denn irgendetwas herausgefunden, weshalb er nicht in der Maschine war?«, fragte Babs jetzt, doch Linda verneinte.

»Ich habe alles versucht, was von hier aus möglich ist«, sagte sie. »Ich bekomme nur die Meldung, dass seine Nummer nicht zu erreichen ist, wenn ich ihn auf seinem Handy anrufe; meine SMS bleiben unbeantwortet. Das hat aber nichts zu bedeuten, in vielen Gegenden Kenyas gibt es kein Netz, und wer weiß, wo er sich herumgetrieben hat.«

»Und was ist mit der Farm, auf der er arbeitet?«

»Auf Simba King ist er gewesen, wie verabredet. Er hat seine Klamotten gewechselt, hat dort Bescheid gesagt, dass er für unbestimmte Zeit nach Deutschland wollte und ist dann mit seinem Landcruiser über Nairobi zurück nach Mombasa gefahren, um dort noch einiges zu regeln. Dort liegt ja noch immer sein Boot, und er hat seine Wohnung an der Südküste.«

»Dort, wo du ihn damals kennengelernt hast?«

Linda nickte. »Er hat ein paar Leute, die den Laden dort für ihn schmeißen, mit den Touristen zum Hochseeangeln fahren und die Surfbretter vermieten. Aber die wissen auch nicht, wo er stecken könnte.«

»Weißt du das sicher?«

»Ja. Ich habe Rob gebeten, sich dort mal umzusehen.«

»Du hast deinen Ex angerufen?«

»Ja, warum denn nicht? Er lebt ja noch immer mit Georgia Marsh zusammen, auf der Shamba Kifaru bei Isiolo, wenn er nicht gerade im Ruwenzori nach Gorillas sucht. Rob war vor ein paar Tagen geschäftlich in Ukunda, südlich von Mombasa, und hat sich in dem Hotel umgesehen, für das Alan arbeitet. Seine Hütte war abgeschlossen, der Landcruiser fehlte. Er ist wie vom Erdboden verschluckt, seit er die Simba King Lodge verlassen hat. Ich kann dir sagen, dass mich das ziemlich beunruhigt. Rob hat ihn jetzt offiziell als vermisst gemeldet.«

Babs holte Luft. Es war also mehr als nur Liebeskummer! Linda machte sich ernsthaft Sorgen um Alan Scott.

»Glaubst du denn, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte?«, fragte Babs vorsichtig.

Statt einer Antwort rann eine Träne über Lindas Wange.

»Ich sitze hier wie auf Kohlen. Ich weiß nicht, wie ich auf andere Gedanken kommen soll.«

»Hast du dich deshalb aus der Redaktionsschicht und aus dem Moderationsplan rausnehmen lassen, damit du jederzeit weg kannst?«

Linda nickte.

»Okay, das erklärt manches. Jetzt weiß ich, weshalb du nur Kurzbeiträge und Umfragen gemacht hast, und trotzdem Tag und Nacht im Sender warst.«

Linda bemühte sich nicht weiter, ihre Tränen zurückzuhalten. »In Südafrika war alles so … so schön. Wir waren so glücklich. Ich versteh das alles nicht.«

»Du solltest nicht gleich das Schlimmste denken«, sagte Babs, »du musst dich ablenken.«

Linda nickte. »Was glaubst du, warum ich mich so in die Arbeit stürze? Daheim fällt mir nur die Decke auf den Kopf.«

»Und warum kommst du nicht wie früher einfach auf ein Glas zu mir?«

»Ich hatte, ehrlich gesagt, einfach keine Lust auf Frauengespräche, weißt du. Da würde sich doch auch wieder alles um Männer drehen.«

»Kann schon sein. Apropos: Du hast Clemens ja immer noch nicht kennengelernt!«

»Deinen Neuen?« Linda zögerte. »Stimmt. Soll ja ziemlich gut aussehen.«

Babs konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Wer hat dir das denn erzählt? Der übliche Flurfunk wahrscheinlich. Aber lassen wir das. Was ist jetzt mit dir? Wie soll das denn weitergehen?«

Linda seufzte.

»Ich hätte große Lust, nach Afrika zu fliegen und nach ihm zu suchen, aber Rob meinte, dass das nichts bringt. Ich könnte dort auch nicht mehr ausrichten als er.«

»Ich bin jetzt erst mal froh, dass wir miteinander gesprochen haben«, meinte Babs.

»Du hattest recht. Dieses Abschotten hat nichts gebracht. Es hat gut getan, alles mal loszuwerden. Jetzt weißt du Bescheid. Und ich muss versuchen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden – was machen wir heute Abend?«, fragte Linda gespielt unternehmungslustig.

»Ach, heute Abend ist ziemlich schlecht«, warf Babs ein, »Clemens ist seit zwei Tagen für die Bücherschau in Karlsruhe unterwegs und will heute Abend zurückkommen. Und heute Nachmittag hab ich noch einen Termin am See.«

»Du fährst an den Bodensee?«, fragte Linda interessiert. »Wie kommt’s?«

»’ne PK. Der Dossenberg hat mich gefragt.«

»Unser neuer Redakteur?«

»Genau. Ist eigentlich ganz nett. Ich hatte noch nicht viel mit ihm zu tun. Und du?«

»Auch nicht. Ist mir außerdem ’ne Nummer zu groß.« Linda spielte auf die 1,92 Meter an, die Dossenberg dazu zwangen, vor jeder Tür im Sender den Kopf einzuziehen. »Und wieso an den See?«

»Wegen dieser Baumleiche.«

»Baumleiche?«

»Ja. Hast du heute noch keine Nachrichten gehört?«

»Nein. Keine Zeit gehabt.«

»Man hat in Friedrichshafen einen Toten gefunden, ziemlich dubios, die Leiche lag auf einem Baum. Kein Mensch weiß, wie sie da hinaufgekommen ist, entweder ist der Tote da hinaufgeklettert, oder der Mörder war ein Affe!« Babs lachte über ihren Witz, doch Linda blieb ernst. »Wie bei ›Mord in der Rue Morgue‹ von Edgar Allan Poe!«, sagte Babs noch und bemerkte erst jetzt Lindas nachdenklichen Gesichtsausdruck.

»Seltsam …« Ihre Stimme war zu einem Flüstern abgesenkt und ihr Blick ging hinaus zu den Platanen, deren Astwerk schon Blätter verlor. »Eine Leiche auf einem Baum.« Sie stellte sich den gekrümmten Körper eines Toten vor, wie er dort in der Krone einer Platane hing, drei Meter über dem Boden, von unsichtbaren Flügeln dorthin getragen …

»Linda, hast du was?« Babs’ Frage holte sie in die Realität zurück.

»Ja?«

»Du hast eben so komisch reagiert. Ist was?«

»Nein, nichts«, entgegnete sie. »Mir fiel nur gerade ein, dass mir Rob heute Morgen am Telefon was erzählt hat, von einem Toten im Tsavo. Der lag auch auf einem Baum. Vermutlich hat ihn ein Leopard …«, sie brach ab.

»Könnte denn ein Leopard einen Menschen auf einen Baum schleppen?«

»Oh ja. Leoparden machen das immer. Beute, die oft schwerer ist als sie selbst.«

»Wann hat man die Leiche gefunden?«

»Heute Nacht. Rob wusste nichts Näheres. Er hat im Radio davon gehört.«

»Und der Tote? Was weiß man über ihn?«

»Rob sagte, man hat ihn noch nicht identifiziert. Ein Weißer, hatte keine Papiere bei sich. Lag wohl auch schon ein paar Tage im Baum.«

»Und der Leopard? Hatte er ihn schon …« Babs beendete den Satz nicht, zu grausam kam ihr der Gedanke vor.

»Du meinst, ob er ihn schon angefressen hatte? Offensichtlich schon. Die Geschichte wird jetzt Tagesgespräch in den Touristenhotels sein, und jeder wird noch ein bisschen was dazudichten. Die Menschen sind schnell dabei, aus einem Raubtier einen Menschenfresser zu machen. Das hat’s in Kenya schon lange nicht mehr gegeben. Doch die ›Maneater von Tsavo‹ sind immer noch Legende.«

»Aber das waren Löwen damals?«

»Ja. Zwei alte Männchen. Haben die Bahnarbeiter gleich dutzendweise aus den Zugwaggons geholt, so wurde es jedenfalls überliefert. War um die Jahrhundertwende, als man die Bahnlinie von Mombasa nach Nairobi baute. Ein englischer Jäger namens Patterson hat die beiden Löwen dann zur Strecke gebracht. Wurde übrigens verfilmt die Geschichte, mit Michael Douglas, ein super Film. Ich hab ihn daheim auf Video.«

»Das ist ja echt komisch …«

»Was?«

»Na ja, dass in Kenya fast dasselbe passiert wie am Bodensee. Ich meine, mit der Leiche auf dem Baum.«

Babs zögerte. Ihr fiel ein, was Clemens gesagt hatte, als sie von Lindas Problemen sprachen. Die muss mal wieder raus, was anderes machen …

»Was ist?«, fragte Linda.

»Ich dachte nur, das schreit doch nach einer Recherche in beide Richtungen. Vielleicht möchtest du ja …?«

»Ich? Aber Dossenberg hat doch dich beauftragt.«

»Na und? Das wär’ doch endlich mal wieder ’ne spannende Recherche! Nicht bloß die Wirtschaftsstatistiken aus der Region und die Umfragen in der Tübinger Fußgängerzone: ›Was halten Sie vom Klimawandel …?‹. Ich finde, das kannst du ruhig wieder unseren Hospitanten überlassen. Wird Zeit, dass du mal wieder ein richtig gutes Thema anpackst!«

Linda schwieg.

»Was ist?«, fragte Babs, »hast du Lust?«

»Du meinst, an den Bodensee?« Sie sah die blaue Wasseroberfläche vor sich, die barocke Fassade der Birnau inmitten herbstlich leuchtender Rebhänge, drüben im Dunst die Umrisse der Mainau, die Unteruhldinger Pfahlbauten, die Fähre, die von Meersburg nach Konstanz übersetzte und die Segler, die ihr immer einen Hauch von Urlaub und Süden vermittelten. Sie dachte an den Zeppelinflug, den sie vor wenigen Wochen dort gemacht hatte, und an ihr Abenteuer mit dem Luftschiff in Südafrika. Sie könnte vielleicht noch mal einen Flug buchen, diesmal die andere Route, über Wasserburg und Lindau Richtung Bregenzerwald. Ein Flug in die Berge, wie damals in den Felsschluchten der Luiperdskloof.

Sie würde den See genießen, die alte Heimat wiedersehen, jetzt, wo die Touristenmassen ausblieben; endlich mal abschalten, ein, zwei Tage nur. Ja, dazu hatte sie Lust! Weg, weg von hier, fort aus Tübingen, wo sie so vieles an Alan Scott erinnerte, weil sie dort schon mal mit ihm gesessen hatte, hier mit ihm entlanggeschlendert war, er sie in ihrer Wohnung geküsst und in ihrem Bett geliebt hatte. Fort mit der verteufelten Erinnerung, weg mit der Illusion, das Leben neu beginnen. Und sie sagte: »Okay.«

Babs sah sie groß an. Damit hatte sie nicht gerechnet, und sie freute sich über Lindas spontan gefassten Entschluss.

»Du willst?«, fragte sie zur Vorsicht noch mal nach.

»Ich will. Wann beginnt die PK?«

»Heut Nachmittag um vier.«

»Und wo?«

»In Friedrichshafen. Kennst du das Polizeigebäude in der Ehlersstraße?«

Linda nickte.

»Die haben einen neuen Pressesprecher«, fügte Babs hinzu. »Er soll gut aussehen und geschieden sein …« Sie lächelte ihr spitzbübisches Lächeln und die Sommersprossen schienen in ihrem Gesicht zu tanzen. Sie beobachtete Lindas Reaktion und stellte erfreut fest, dass ihre Freundin wieder zugänglich für solche Anspielungen war.

»Na dann«, sagte sie, »noch ein Grund, den Termin zu machen!« Und zum ersten Mal seit Tagen umspielte ein Lächeln ihre Lippen.

»Kannst du nach Sarah sehen, falls es spät wird heute Abend?«

»Klar, wie immer.«

Zwei Stunden später verließ Linda Roloff Tübingen und fuhr durch das spätsommerliche Neckartal über Hirschau und Wurmlingen auf den Autobahnzubringer zur A 81 Stuttgart – Singen. Am Rasthof Hegau genehmigte sie sich einen Espresso und freute sich beim Anblick der Hegauvulkane auf den Nachmittag am Bodensee.

Sie dachte nicht, dass sie länger bleiben würde.

Sie ahnte nicht, was sie erwartete.

12

Der Uaso Nyiro, den die Weißen Brauner Fluss nennen, gleicht einer trägen Riesenschlange, die das Land der Samburu in zahlreichen Schleifen und Bögen durchquert, der Weg gesäumt von Dumpalmen und roten Sandbänken, ursprünglich und wild, schroff und schön zugleich. Die Ufer Heimat der großen Grevyzebras, deren enge Streifenzeichnung sie von ihren südlicheren Artgenossen unterscheidet.

Die kleine Herde war auf dem Weg zum Fluss hinunter und trabte zielstrebig über die Akaziensavanne am Farmhaus der Shamba Kifaru vorbei. Die gestreiften Wildpferde mit der aufgestellten Nackenmähne und ihren großen Fledermausohren hatten den heißen Tag im Schatten des Buschlands verbracht, das sich in sanften Hügeln ansteigend bis zum Horizont erstreckt, wo es in den mächtigen Felsbrocken der Sambururange seine Grenzen findet.

Drüben, am jenseitigen Ufer des Uaso Nyiro, waren die Hälse der Netzgiraffen zu entdecken, deren feine Zeichnung sie anmutiger erscheinen lässt als die größeren Massaigiraffen, die in der Serengeti und am Mara leben. Drei Dutzend der prähistorisch anmutenden Langhälse zogen in zwei Linien am Fluss entlang, die einen unten im trockenen Randbereich des Betts, die anderen eine Etage höher in der Böschung, wo grüne Feigen reichlich Nahrung boten. Einige der Tiere näherten sich vorsichtig dem Ufer, spreizten umständlich die Beine und reckten ihre Hälse zum Wasser, um zu trinken. Verzerrt spiegelte sich ihr Bild an der Oberfläche, und der graugrüne Baumstamm, dessen gezackte Rinde aus der braunen Flut ragte, trieb fast regungslos auf die Giraffen zu. Plötzlich war er verschwunden, untergetaucht im trüben Sud. Die Schnauzen der Giraffen erhoben sich, Wasser triefte von ihren Lefzen, da verriet ein leichter Strudel die Gefahr. Mit einem Ruck fuhren die Hälse nach oben, die Beine streckten sich durch und mit zwei raschen Sprüngen, die man den behäbigen Tieren nie zugetraut hätte, begaben sie sich aus der Gefahrenzone.

Das Krokodil schoss aus dem Wasser, schäumende Gischt peitschte ans Ufer und überschwemmte die Stelle, wo die Hufe der Giraffen kleine Löcher im Schlamm hinterlassen hatten. Eine Schar Gelbkehlfrankolins flatterte erschrocken auf, doch der gepanzerte Räuber war zu schnell. Gewaltig packten die zahnbewehrten Kiefer zu, schlossen sich um einen der hühnergroßen Vögel und zogen die Beute, die jetzt nicht mehr war als ein Knäuel aus Federn, Knochen, Fleisch und Blut, in das braune Wasser. Sekunden später war nichts mehr von dem Angreifer zu erkennen, kein Strudel, keine Bewegung auf dem ruhig dahingleitenden Strom. Zögernd kehrten die Frankolins zurück, um erneut ihren Durst zu löschen, nur die Giraffen trauten sich nicht mehr heran.

Ein paar Meter stromabwärts ragte jetzt die gezackte Rinde des graugrünen Baumstamms aus dem Fluss, wie von Zauberhand in der Strömung festgehalten. Das Licht der langsam über den Dumpalmen sinkenden Sonne zauberte Farbenspiele auf Land und Wasser, bronzen leuchteten die kurzhaarigen Felle der Impalas und fast schwarz glänzte die borstige Haut des kapitalen Warzenschweinkeilers, der mit eingeknickten Vorderläufen im morastigen Uferschlamm nach Nahrung suchte.

Die Frau, die auf der Terrasse der Shamba Kifaru die letzten Sonnenstrahlen genoss, setzte das Fernglas ab und blickte zu der Dunstsäule, die das näher kommende Fahrzeug schon von Weitem ankündigte. Ein Besucher um diese Zeit?, dachte sie und sah auf ihre Armbanduhr. Von den Fahrern war keiner mehr mit Touristen auf der Farm unterwegs, die nächsten Neuankömmlinge wurden erst in zwei Tagen erwartet, und Freunde und Nachbarn kamen nur aus ganz besonderen Gründen noch so spät auf die abgelegene Shamba, da es auch in ruhigen Zeiten riskant war, sich hier im Gebiet somalischer Shiftas nachts allein auf den Straßen herumzutreiben.

Auch sie hatten nach Sonnenuntergang Patrouillen laufen, junge Samburus, die sich lieber auf diese Weise ihr Geld verdienten als bei traditionellen Stammestänzen für die Touristen der Lodges im Reservat. Doch sie waren nicht etwa zur Sicherheit der Gäste angeheuert worden, sondern wegen der vierbeinigen dickhäutigen Bewohner der Shamba Kifaru, die hier besonderen Schutz genossen, denn die Farm im Norden war eines der letzten Refugien für Schwarze und Weiße Nashörner in Kenya.

Jede Bewegung der Tiere wurde mittels im Horn versteckter Mikrochips per GPS überwacht und von einem Computer aufgezeichnet. Die Chips wurden, von außen nicht sichtbar, in die Hörner eingepflanzt, und so war es nicht nur möglich, lebende Tiere ständig zu beobachten, sondern auch die Auftraggeber und Hintermänner des internationalen Handels mit gewildertem Nashorn aufzudecken. Jedes Tier, das auf der Farm von Georgia Marsh mit einem Minisender ausgestattet und anschließend ausgewildert wurde, barg ein Risiko für die Wilderer in sich, denn um den Sender zu entfernen und unbrauchbar zu machen, musste das Horn aufgebrochen werden und zerstörtes Horn war für den Handel wertlos.

Auf die stattliche Zahl von 15 Schwarzen und fast 30 Weißen Nashörnern war die Anzahl der Schützlinge von Georgia Marsh inzwischen angewachsen, die in den letzten Jahren erfolgreich ausgewilderten Tiere nicht mitgezählt.

Auf der Nashornfarm waren die Tiere sicher, die wenigen Mitarbeiter Georgias waren zuverlässig und kontrollierten täglich das Gelände. Touristen, die sie auf die Safaris mitnahmen, sorgten für eine sichere Einnahmequelle. Das über 250 Quadratkilometer umfassende Gebiet der Farm war durch einen 5000-Volt-Zaun geschützt und hier im Norden bildete der Uaso Nyiro die natürliche Grenze.

Shamba Kifaru – Moses Kyalo Nderi las die großen weißen Buchstaben, die über der Zufahrt zur Farm auf ein morsches graues Brett gemalt worden waren. Die holprige Fahrt im Nissan hatte über eine Stunde gedauert, die Shamba der weißen Frau lag weitab der üblichen Verbindungsstraßen und war nur über waschbrettartige Holperpisten, meist ehemalige Wanderwege der Samburu, zu erreichen. Vereinzelt grasten die halbwilden Dromedare der Nomaden am Rand der Piste, sonst gab es wenig Abwechslung in der staubigen Steppe.

Inmitten einer akazienbestandenen Buschlandschaft fand er am späten Nachmittag das Farmhaus und stieg die breite Treppe hinauf, die über drei Stufen zu der schmalen, schattigen Veranda führte. Die Frau stand auf und trat ihm entgegen. Sie hatte eine feine, leicht gebogene Nase und große blaugrüne Augen. Unter dem Schlapphut quirlten braune Haare hervor, in denen sich erste graue Strähnen zeigten. Der Mund war blass und schmal, die Haut im Gesicht wettergegerbt und von feinen Fältchen durchsetzt. Sie hatte eine zierliche Figur, doch er sah ihren schwieligen Händen an, dass sie harte Arbeit gewohnt war.

Er nahm Haltung an, stellte sich als Constabler der Isiolo Police Station vor und fragte nach Rob Roloff.

»Mister Roloff ist in Mombasa«, sagte sie und fragte: »Darf ich wissen, was Sie von ihm wollen?«

»Sie sind Georgia Marsh, die Mama Kifaru?«, fragte er statt einer Antwort. Die Frau lächelte und nickte. Mutter des Nashorns, so hatten sie die Samburu genannt, als sie vor vielen Jahren, von ihrem Mann verlassen, allein mit zwei Kindern, diese Farm am Uaso Nyiro übernommen und aufgebaut hatte. Inzwischen standen Sohn und Tochter auf eigenen Beinen, Mike arbeitete im Serenahotel in Nairobi, Dianne promovierte gerade in Deutschland und würde als Ärztin nach Kenya zurückkehren. Sie hatte ihr Leben selbst in die Hand genommen, damals – und es nie bereut. Moses Kyalo Nderi riss sie aus ihren Gedanken:

»Mister Roloff hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Ein gewisser Alan Scott. Kennen Sie ihn?«

»Alan Scott? Natürlich kenne ich ihn. Er ist einer der besten Freunde, die wir hier auf der Farm haben. Hat uns erst vor wenigen Jahren geholfen, eine Wildererbande zu überführen. Er wollte eigentlich zu einer Freundin nach Deutschland fliegen, ist dort aber nicht angekommen. Wir haben seither nichts von ihm gehört und daher hat ihn Mister Roloff vermisst gemeldet.« Georgia schluckte trocken. Wenn sich ein Constabler der Isiolo Police Station wegen eines vermisst gemeldeten Mannes extra auf den Weg zur Shamba Kifaru machte, konnte das nichts Gutes bedeuten.

»Haben Sie ihn gefunden?«, fragte sie und ihre Stimme zitterte.

»Nun …« – der Constabler zögerte – »wir haben einen Toten, auf den die Beschreibung passt, die uns Mister Roloff von Mister Scott gegeben hat. Außerdem wurde ein Schlüsselbund mit den Buchstaben AS gefunden.« Georgia Marsh schrie auf und hielt sich die Hand vor den Mund. »Nein! Das kann nicht sein!«

Der Polizist schwieg und sah die Frau bekümmert an. Er hatte nur seinen Auftrag zu erfüllen und konnte mit dieser Situation nicht umgehen.

»Haben Sie vielleicht ein Bild dieses Toten?«, fragte Georgia Marsh, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.

»Leider nein«, der Constabler schüttelte den Kopf. »Es würde aber auch nichts nützen. Der Leopard hat nicht viel vom Gesicht des Mannes übrig gelassen.«

»Ein Leopard?«, fragte Georgia nach.

Der Polizist nickte. »Offensichtlich ein Menschenfresser. Im Tsavo. Wie vor 100 Jahren die Löwen. Sie wissen …« – seine Stimme klang geheimnisvoll – »man nannte sie den Geist und die Dunkelheit.« Er schien nicht zu spüren, was ihr im Augenblick wirklich Sorgen bereitete. Alan Scott tot. Von einem Leoparden gerissen? Das konnte, das durfte nicht sein!

»Sie wollen, dass Rob ihn identifiziert?«, fragte sie noch einmal nach. Ein stummes Nicken war die Antwort.

»Mein Gott, es kann noch Tage dauern, bis Rob aus Mombasa zurückkommt. Wo befindet sich die Leiche jetzt?«

»In Nairobi«.

»Ich könnte«, überlegte sie laut, »versuchen, Rob unterwegs zu erreichen. Aber das ist mir zu unsicher. Besser ich mach das selbst. Mit zwei Fahrzeugen sollten wir auch in der Nacht sicher sein.«

Diese Äußerung war an den Constabler gerichtet. Er sah sie mit großen Augen an. Natürlich hatte er damit gerechnet, über Nacht auf der Farm bleiben zu können und erst am nächsten Morgen mit dem Zeugen nach Nairobi aufzubrechen. Jetzt sah er sich damit konfrontiert, den langen Weg noch in der Finsternis fahren zu müssen, als Begleiter für eine Frau, die verrückt genug war, ein solches Wagnis einzugehen.

»Es reicht noch, wenn wir morgen fahren«, wandte er daher ein, doch sie überhörte ihn einfach.

»Ruhen Sie sich noch etwas aus, dann fahren wir los. Ich muss am Mittag wieder hier sein«, sagte sie und verschwand im Innern des Hauses.

In der Nacht verließen zwei Fahrzeuge die Shamba Kifaru. Georgia hatte vergeblich versucht, Rob Roloff in Mombasa zu erreichen. Er schien keine Handyverbindung zu haben, und so hinterließ sie ihm eine Notiz in der Küche.

Wie ein Schatten folgte sie dem Nissan des Constablers, achtete darauf, die roten Rücklichter in keiner Kurve aus den Augen zu verlieren. Sie bogen südlich von Buffalo Springs auf die A2 ein, die sie über Isiolo und Nanyuki, am Mount Kenya vorbei nach Karatina und Thika und schließlich nach Nairobi führte.

13

Der Stau auf der B 31 zwischen Hagnau und Immenstaad drohte, ihre komplette Zeitreserve zu verschlingen. Nervös trippelten die Finger ihrer linken Hand auf das Lenkrad des Citroën, während sie mit der Rechten versuchte, einen vernünftigen Radioempfang zu bekommen. Sie ärgerte sich, dass gerade kurz nach halb vier, wo es die Verkehrshinweise gab, ihr Radio wieder zwischen dem DRS, irgendeinem französischen Privatsender, und SWR1 hin und her sprang. Ländlermusik, drei Worte auf Französisch, dann plötzlich der schrille Hinztriller, der die Verkehrsnachrichten beendete. »Wo’s geht, gute Fahrt!«, näselte der Kollege. Dummschwätzer!, dachte Linda genervt. Wo’s nicht geht, brauch ich gute Fahrt, und zwar bald, sonst ist die PK gelaufen!

Kurz hinter Schloss Kirchberg sah sie das Blaulicht am Straßenrand, zehn Minuten später passierte sie die Unfallstelle, ein Auffahrunfall auf der Gegenspur, in den offensichtlich mehrere Fahrzeuge verwickelt waren; dort war der Stau berechtigt. Aber auf ihrer Seite war freie Fahrt möglich. Eigentlich. Stau durch Gaffer, kam es ihr in den Sinn und sie zwang sich, stur auf die Straße zu sehen, die Unfallszene keines Blickes zu würdigen und möglichst zügig vorbeizufahren.

Lastwagen, PKW, PKW, Lastwagen, der Stau auf der Gegenfahrbahn Richtung Hagnau zog sich inzwischen bis nach Fischbach hinein. Sie registrierte die Zufahrt zum Campingplatz, die herbstliche Dekoration des Hotels, ließ die Straße zum Frei- und Seebad rechts liegen und fuhr über die Manzeller Brücke an Windhag und Seemoos vorbei, von wo aus ein schmaler Fußpfad, der ›Königsweg‹, am Bodensee entlang Richtung Schlosskirche führte.

Sie verließ die parallel zum See verlaufende Zeppelinstraße, drückte aufs Gas, um die Grünphase der Ampel noch zu erwischen. Dann kurz Abbremsen wegen des Blitzers. Bei Dunkelgelb schoss sie an der Hochstraße über die Kreuzung und parkte fünf Minuten später auf einem der freien Parkplätze des Finanzamts, das im linken Bauteil des Gebäudes der Polizeidirektion Friedrichshafen untergebracht war.

Die Pressekonferenz hatte gerade begonnen, und sie platzte in die Begrüßung des Pressesprechers, als sie das große Zimmer im zweiten Stock betrat. Der Raum war gut gefüllt, einige Mitarbeiter der SOKO, die man zur Bearbeitung des Falles aus den verschiedenen Bereichen der Polizeidirektion zusammengestellt hatte, saßen an den Tischen und an der Telefonanlage, wo der Funkverkehr abgehört werden konnte. Der Raum war abgedunkelt, die Lamellen der Fenster waren geschlossen und ein Beamer projizierte Bilder auf eine weiße Tafel. Im Türrahmen wurde sie von hinten angerempelt und ein groß gewachsener Kerl mit blauem Jeansanzug, Turnschuhen und Schlägermütze schob sich an ihr vorbei, schlank, fast hager, das Diktiergerät in der Hand.

»Entschuldigung!«, flüsterte er. »Hatte Stau.« Er huschte an ihr vorbei und drängelte durch die Reihe wartender Kameraleute und Fotografen nach vorn.

»Arschloch!«, zischte sie wütend, duckte sich auf einen der hinteren freien Sitze und fluchte innerlich, weil es jetzt zu spät war, ihr Mikrofon am Rednerplatz zu installieren. Mit dem Richtmikrofon konnte sie zwar auch einiges aufnehmen, doch die Qualität mit den Störgeräuschen aus dem Raum entsprach nicht ihrem Anspruch. Sie musste unbedingt versuchen, im Anschluss an die PK ein persönliches Statement von einem der Ermittler zu bekommen. Lindas Blick erfasste die anderen Leute im Raum. Sie erkannte Reporter und Fotografen der beiden großen Tageszeitungen Schwäbische und Südkurier, Vertreter der regionalen Sender und des Lokalfernsehens, Korrespondenten überregionaler Blätter und ein Fernsehteam des SWR.

Gerade hatte der Pressesprecher seine Einleitung beendet – sie hatte noch etwas von einem außergewöhnlichen Fall, bei dessen Aufklärung wir auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen sind, aufgeschnappt – und das Wort an den Chef der Kriminalinspektion I, einen graumelierten Hauptkommissar in den Fünfzigern, übergeben. Lindas Augen ruhten noch für einen Moment auf dem Pressesprecher. Babs hat recht, dachte sie, sieht wirklich gut aus, doch dann fiel ihr Blick auf einen jung wirkenden Mann, der neben dem Chefermittler stand. Kommissar … spekulierte sie, Mitte vierzig, sportlich, attraktiv, ziemlich gestylt, und – leider – ein Ring an der rechten Hand …!

Der Hauptkommissar wirkte etwas unbeholfen, wie er dort am Rednerpult lehnte, und Linda vermutete, dass er andere Stärken hatte, als vor einer großen Ansammlung neugieriger Presseleute ein Statement abzugeben.

»Die Fakten«, begann er und räusperte sich gleich im ersten Satz, »kennen Sie ja schon. Eine männliche Leiche, sie wurde heute früh kurz vor sieben Uhr von einer Frau entdeckt, die am Fundort mit ihrem Hund spazieren ging. Das Auffällige …«, er verbesserte sich, »das Ungewöhnliche ist, dass man die Leiche auf einem Baum gefunden hat, quer über einen Ast gehängt, und wir können davon ausgehen, dass der Tote nicht von allein dorthin gelangt ist.« Gemurmeltes Lachen folgte dieser Äußerung. Er machte eine bedeutungsvolle Pause und sah an einer jungen Reporterin vorbei, die den Arm für eine Frage gehoben hatte.

»Ich möchte bitte zuerst meine Ausführungen beenden, dann können Sie mir gern Fragen stellen«, sagte er tonlos. Dann fuhr er fort: »Wir haben Spuren gefunden, die darauf hindeuten, dass der Täter – ich nenne ihn bewusst nicht Mörder, dazu komme ich gleich – die Leiche mit Hilfe eines sogenannten Greifzugs in den Baum gehievt hat. Diese Geräte wiegen selbst nur ein paar Kilogramm, man kann mit ihrer Hilfe aber Lasten von bis zu einer halben Tonne Gewicht heben oder absenken. Es gibt Abschürfungen an der Rinde der Kastanie und Löcher in einem der Äste, vermutlich an der Stelle, wo der Greifzug befestigt war, und wir haben Seilfasern im Baum und an einem der Geländer gefunden, die zu dieser Stunde noch genauer analysiert werden.«

Auf der weißen Tafel erschien eine Zeichnung, die einen solchen Greifzug skizzenhaft zeigte.

»Auf diese Weise ist es geradezu ein Kinderspiel, eine Leiche auf einen Baum zu befördern und sie in Ruhe zu fixieren. Außerdem gibt es Fasern von Sackleinen, die darauf hindeuten, dass der Täter die Leiche in einem grauen Sack zum Fundort geschafft hat. All diese Spuren werden zur Zeit von den Kollegen der Kriminalinspektion 4, das ist unsere Kriminaltechnik, untersucht. Sicher ist, dass der Fundort nicht der Tatort war, das heißt, der Mord hat nicht auf oder unter dem Baum stattgefunden. Daher wissen wir auch nicht, ob die Person, die die Leiche dort aufgebahrt hat, dieselbe ist, die den Mann getötet hat.«

Wieder holte er Luft und blickte auf sein Manuskript, hakte mit dem Stift etwas ab und kam zum nächsten Punkt:

»Bei dem Toten handelt es sich um einen 44-jährigen Mann aus Friedrichshafen, er hatte einen Geldbeutel mit Personalausweis und Führerschein bei sich. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir den Namen erst dann bekannt geben, wenn wir seine Angehörigen verständigt haben. Dies erweist sich im Augenblick noch als schwierig, da er offensichtlich nicht verheiratet war und keine Familie mehr hat. Die Kollegen der Sonderkommission ›Kastanie‹ sind dabei, die Nachbarn zu befragen. Ich bitte Sie in diesem Punkt noch um etwas Geduld.«

Der Hauptkommissar blickte den Pressesprecher fragend an und sah zur Uhr.

»Ich werde mich jetzt etwas beeilen und mich auf das beschränken, worin wir Sie, also Ihre Leser und Zuschauer, um Hilfe bitten …« – Typisch, dachte Linda, die Radiohörer lässt er aus, dabei werden die es als Erste erfahren! – »Es geht uns zunächst darum, festzustellen, wie der Täter die Leiche unbemerkt auf den ehemaligen Landungssteg vor dem Schloss schaffen konnte. Die Spuren am Fundort weisen darauf hin, dass der Täter mit einem Boot dort angelegt hat. Es gibt Fußspuren im Gras vor der Schlossmauer von jemandem, der dort etwas Schweres getragen hat. Wir haben Faserspuren am Geländer und eine Anwohnerin aus der Olgastraße, die behauptet, bei Einbruch der Dunkelheit trotz schlechter Sicht ein Boot auf dem See erkannt zu haben. Was wir jetzt brauchen, sind weitere Zeugen: Wer hat ein Boot beobachtet, das am frühen Abend trotz Sturmwarnung allein auf dem See unterwegs war? Vermutlich ein kleines Boot, Ruder- oder Tretboot mit flachem Kiel, damit es überhaupt an der Mauer dort draußen anlegen konnte. Wer hat verdächtige Personen gesehen, die sich gestern Nachmittag irgendwo mit einem Boot zu schaffen machten, es beluden, und irgendwann in der Nacht vielleicht wieder anlegten? Wird ein Boot vermisst und wurde irgendwo ein verlassenes gefunden?«

»Sie schließen also aus, dass der Täter mit der Leiche auf anderem Weg zum Tat- ääh – Fundort gelangt ist?«, fragte jetzt doch der Reporter dazwischen, der sich an Linda vorbei nach vorn gedrängt hatte.

»Es gibt keine Spuren, die über den Landweg, also dem einzigen Zugang von der Olgastraße aus, zum Fundort führen. Wir gehen davon aus, dass es dem Täter zu riskant war, dort entdeckt zu werden. Vermutlich hat er sich von Westen her, also aus Richtung Strandbad, dem Landungssteg genähert, hat die Leiche an Land gehievt, dafür gibt es, wie gesagt, Spuren, und sie zum Baum geschafft. Daher sind vor allem Beobachtungen, die sich auf den Uferweg zwischen Schlosskirche und – sagen wir mal – Strandbad beziehen, von größtem Interesse. Und dann müssen wir natürlich den Tatort finden, also den Ort, an dem der Mann umgebracht wurde. Wir warten noch auf das Obduktionsergebnis der Rechtsmedizin in Ulm, aber nach den ersten Erkenntnissen gehen wir davon aus, dass der Tod etwa zwei bis drei Stunden vor der Aufbahrung eingetreten ist. Das heißt, irgendwann gestern Nachmittag muss der Mord geschehen sein. Wir haben abgeschabte Rindenfasern an der Kastanie gefunden, die darauf hindeuten, dass man die Leiche zwischen 19 und 21 Uhr aufgebahrt hat; das deckt sich auch mit der Zeugenaussage der Anwohnerin. Vorher muss die Leiche ins Boot verfrachtet und zum Fundort gebracht worden sein. Wenn der Täter dazu eine bis zwei Stunden gebraucht hat, kann der Tatort selbst also auch nicht allzu weit vom See entfernt sein.«

»Können Sie noch was zur Todesursache sagen?«, fragte jetzt die junge Reporterin, die sich schon einmal vergeblich zu Wort gemeldet hatte.

»Hab ich das noch nicht?«, fragte der Hauptkommissar verwirrt und starrte in sein Manuskript. »Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten, und zwar auf äußerst brutale Weise! Nicht mit einem einzigen Schnitt, aber sehr wohl mit einer glatten Klinge. Der Hals ist dabei regelrecht zerfetzt, die Kehle aufgeschlitzt worden. Die Tatwaffe muss ein sehr großes Messer, vielleicht ein Dolch oder ein Kurzschwert, gewesen sein.«

»Vielleicht eine Panga?«, fragte der Hüne, der Linda angerempelt hatte.

»Eine Panga?«, fragte der Kriminalhauptkommissar zurück.

»Eine ostafrikanische Machete aus der Mau-Mau-Bewegung«, erklärte der Reporter.

Der Hauptkommissar zuckte mit den Schultern. »Die Kollegen der K4 werden das herausfinden«, sagte er, irritiert über die ungewöhnliche Zwischenfrage. »Aber wie kommen Sie darauf?«

»Nur so eine Idee«, sagte der Hühne. Es gab noch ein paar unwichtige, aber sehr wichtigtuerische weitere Fragen von anderen Kollegen, dann beendete der Pressesprecher die Konferenz mit einem Dank an alle Anwesenden und der eindringlichen Bitte, eventuell eingehende Hinweise umgehend an die Sonderkommission weiterzuleiten.

Linda stand auf, ging nach vorn und stellte sich in die Reihe derjenigen, die noch persönlich mit dem Leiter der Kriminalinspektion 1 sprechen wollten. Sicher hatte er anderes zu tun, als ihr ein Privatinterview zu geben, nur weil sie zu spät gekommen war und keinen O-Ton mitschneiden konnte, aber einen Versuch war es wert. Der jung wirkende Kommissar, der ihr schon vorher aufgefallen war, trat ihr in den Weg.

»Jens Bosch, stellvertretender Leiter der SOKO ›Kastanie‹«, stellte er sich vor, »vielleicht kann auch ich Ihnen helfen?«

»Ja, sicher, danke.« Sie zögerte. »Könnten Sie den Kern der Ermittlungsergebnisse bitte noch mal für mich zusammenfassen, ich habe leider …«

»Ach, Sie sind die nette Dame, die während der Begrüßung hereingeplatzt ist, nicht wahr?«, fragte er charmant, und um seine Lippen spielte ein sympathisches Lächeln. »Kommen Sie, wir gehen in mein Büro im dritten Stock, da sind wir ungestört.« Das letzte Wort hatte, wie er es aussprach, etwas Betörendes, Erotisches. Ungestört, zu zweit, allein. Linda wunderte sich über ihre Gedanken und nahm sich vor, sachlich zu bleiben.

Nach zehn Minuten hatte sie ihren O-Ton für den Beitrag, sie tauschten ihre Karten und verabschiedeten sich. Er hatte an seinem Schreibtisch ihr gegenüber Platz genommen, keine Spur von Romantik, hatte ausführlich alle Fragen beantwortet, immer wieder das sympathische Lächeln im Gesicht, einmal hatten sich wie zufällig ihre Füße berührt, und beim Abschied hatte er ihre Hand für einen Augenblick zu lang gedrückt.

»Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder«, sagte er noch, dann klingelte sein Handy und Linda hörte aus seinen Worten heraus, dass es seine Frau war, die ihn anrief.

Im Foyer in der Eingangsebene wartete der hagere Drängler auf sie. Zumindest hatte sie diesen Eindruck, denn er lächelte, als er sie kommen sah.

»Mirko Natter«, stellte er sich vor. »Von der Schreibenden Zunft!« Linda konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal auf einer Pressekonferenz oder bei einem Termin gesehen zu haben. Aber sie arbeitete auch zu selten am See. »Ich bin ebenfalls zu spät gekommen, standen Sie auch in dem Stau hinter Hagnau?«

Ja, du Arsch, und ich hatte es mindestens so eilig wie du!, wollte sie schon antworten, aber stattdessen sagte sie: »Ja, und ich bin mir sicher, dass ein Drängler wie Sie diesen Unfall verursacht hat!«

»Bitte entschuldigen Sie, aber ich hab befürchtet, das Wichtigste verpasst zu haben. Ich krieg die Story nur los, wenn ich alle Fakten habe!«

Aha, einer von der Sorte, dachte sie. Arbeitet ohne festen Auftrag eines Senders oder einer Zeitung und versuchte, seine »Story« auf dem bunten Markt der Boulevardblätter zu verkaufen. Meist mit schrillen Fotos und reißerischer Überschrift.

»Und was wollen Sie von mir?«, fragte Linda, als sie die Glastür nach draußen passierten und er sich durch ihre schnellen Trippelschritte nicht abwimmeln ließ.

»Was haben Sie noch rausbekommen? Ich meine, Sie waren doch bei dem gut aussehenden Kommissar?«

Linda blieb abrupt stehen und fauchte ihn an: »Sag mal, tickst du eigentlich noch richtig? Mach gefälligst deine Recherche allein!« Sie erschrak über ihren rüden Ton, doch er schien das zu überhören und griff das ›Du‹, das sie im Eifer benutzt hatte, sofort auf.

»Na, hör mal, man wird doch noch unter Kollegen fragen dürfen!«

»Kollegen? Für wen arbeitest du denn?«

»Mehrere Verlage«, sagte er großspurig.

»Pass auf: Hör dir heute Abend meinen Beitrag an, und jetzt lass mich gefälligst in Ruhe!« Linda ließ ihn stehen und ging zu ihrem Wagen.

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Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
283 p. 6 illustrations
ISBN:
9783839230480
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