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EDGAR RICE BURROUGHS
Der Ritter von Torn
Roman
Apex-Verlag
Impressum
Copyright 1914 © by Edgar Rice Burroughs.
Der Roman The Outlaw Of Torn ist gemeinfrei.
Copyright dieser Ausgabe 2021 © by Apex-Verlag.
Übersetzung: Dr. Helmut W. Pesch (OT: The Outlaw Of Torn).
Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Satz: Apex-Verlag.
Verlag: Apex-Verlag, Winthirstraße 11, 80639 München.
Verlags-Homepage: www.apex-verlag.de
E-Mail: webmaster@apex-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Der Autor
DER RITTER VON TORN
Vorwort
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Das Buch

England, im 13. Jahrhundert n. Chr.: Das Land wird erschüttert durch die Machtkämpfe zwischen König Heinrich III. und Simon de Montfort. Norman von Torn ist der angebliche Sohn des Franzosen de Vac, des ehemaligen Schwertmeisters des Königs, der einen tiefen Groll gegen seinen früheren Herrn hegt und den Jungen zu einer einfachen, brutalen Tötungsmaschine mit einem Hass auf alles Englische erzieht...
Der historische Roman Der Ritter von Torn aus der Feder des Tarzan-Autors Edgar Rice Burroughs erschien erstmals 1914 als fünfteilige Serie im New Story Magazine; eine Buch-Veröffentlichung folgte im Jahr 1927.
Der Apex-Verlag veröffentlicht Der Ritter von Torn als deutsche Erstveröffentlichung in der Übersetzung von Dr. Helmut W. Pesch, der auch das Vorwort verfasste.
Der Autor

Edgar Rice Burroughs - * 01. September 1875, † 19. März 1950.
Edgar Rice Burroughs war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der bekannt wurde als Erzähler diverser Abenteuergeschichten, die sich vor allem dem frühen Fantasy- und Science-Fiction-Genre zuordnen lassen. Die bekanntesten von ihm eingeführten - und in der Folge von anderen in zahlreichen Filmen und Comics etablierten - Heldencharaktere sind Tarzan, John Carter, Carson Napier.
Der Sohn des Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen Major George Tyler Burroughs (1833–1913) und der Lehrerin Mary Evaline Zieger (1840–1920) verlebte nach dem Besuch mehrerer Privatschulen den Großteil seiner Jugend auf der Ranch seiner Brüder in Idaho.
Nach seinem Abschluss auf der Michigan Military Academy im Jahr 1895 trat Burroughs in die 7. US-Kavallerie ein. Als ein Armeearzt bei ihm einen Herzfehler diagnostizierte und er deshalb nicht Offizier werden konnte, verließ Burroughs die Armee vorzeitig im Jahr 1897 und arbeitete bis 1899 wieder auf der Ranch seines Bruders. Danach ging er zurück nach Chicago und arbeitete in der Firma seines Vaters.
Am 1. Januar 1900 heiratete Burroughs seine Jugendliebe Emma Centennia Hulbert. Das Paar bekam drei Kinder: Joan Burroughs Pierce (1908–1972), Hulbert Burroughs (1909–1991) und John Coleman Burroughs (1913–1979). Da die tägliche Routine in der Fabrik seines Vaters Burroughs nicht zufriedenstellte, verließ das Ehepaar 1904 Chicago, um abermals in Idaho zu leben. Mit seinen Brüdern, die inzwischen ihre Ranch aufgegeben hatten, versuchte er sich erfolglos als Goldgräber. Kurze Zeit später arbeitete er als Eisenbahnpolizist in Salt Lake City. Auch diesen Job gab Burroughs auf und zog mit seiner Frau wieder zurück nach Chicago, wo er eine Reihe Jobs annahm, unter anderem als Vertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in einer Handelsagentur für Bleistiftanspitzer und scheiterte.
Burroughs, der zu dieser Zeit an schweren Depressionen litt und, nach einigen seiner Biographen, an Selbstmord dachte, kam auf die Idee, eine Geschichte für ein Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen für seine Bleistiftanspitzer geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars (unter dem Pseudonym Normal Bean für das All-Story-Magazin von Thomas Metcalf geschrieben) wurde zwischen Februar und Juli 1912 als Fortsetzung veröffentlicht.
Metcalf hatte sein Pseudonym in Norman Bean geändert, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs Beschwerde bezüglich der Änderungen, lenkte Metcalf ein und bot an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz For all Rights auf seinem Honorarscheck. Nach längerem Briefwechsel erreichte er, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.
Burroughs zweite Geschichte, The Outlaw of Torn, wurde jedoch von All-Story abgelehnt. Der große Erfolg kam mit Burroughs drittem Anlauf, Tarzan of the Apes.
Die Geschichte von Tarzan wurde ebenfalls 1912 von All-Story veröffentlicht. Burroughs schrieb in der Folgezeit immer wieder neue Tarzan-Geschichten und konnte sich - kaum zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Tarzan of the Apes - ein riesiges Stück Land in der Nähe von Los Angeles kaufen. Selbst nach Burroughs Tod im Jahr 1950 erschienen weitere Tarzan-Geschichten. Das Landstück bei Los Angeles ist heute die Gemeinde Tarzana.
In den frühen 1930er Jahren wurde sein schriftstellerischer Erfolg allerdings immer mehr von privaten Problemen überschattet. 1934 ließ er sich scheiden und heiratete ein Jahr später Florence Dearholt. Doch schon 1942 wurde auch diese Ehe geschieden. Nach der Bombardierung von Pearl Harbor begab sich Burroughs 1941 als Kriegsreporter nach Hawaii. Nach dem Krieg kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er, nach vielen gesundheitlichen Problemen, 1950 einem Herzanfall erlag.
In Burroughs Werk vermischen sich Science Fiction und Fantasy. Er etablierte Geschichten vor einem planetarischen Hintergrund in der Science Fiction. Dabei war Burroughs bewusst, dass seine Literatur bei den Kritikern nicht ankam. Er machte auch nie ein Hehl daraus, dass er schrieb, um Geld zu verdienen.
Die Helden seiner Romane und Erzählungen haben keine Alltagsprobleme. Bei den Charakterzeichnungen schwach, sprudeln Burroughs Geschichten über vor Ideen und Action. Die Helden seiner Romane haben verschiedene Merkmale gemeinsam, beispielsweise das Geheimnis um ihre Herkunft. Entweder haben die Helden nie eine Kindheit erlebt, oder können sich nicht daran erinnern, oder aber sie sind wie Tarzan und The Cave Girl Waisen. Ein weiteres Merkmal von Burroughs Geschichten ist der, wie Brian W. Aldiss es nennt, ausgeprägte sexuelle Dimorphismus. Das jeweils dominante Geschlecht ist hässlich.
Obwohl es in den Romanen und Geschichten Burroughs von schönen, nackten Frauen nur so wimmelt, werden sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch erwähnt. Burroughs Welt scheint eine präpubertäre zu sein. Doch ist die Jungfräulichkeit immer in Gefahr (vgl. Aldiss). Fast schon zwanghaft mutet an, dass es in den Geschichten Burroughs, die zwischen 1911 und 1915 geschrieben wurden, nicht weniger als 76 Mal zu Vergewaltigungsdrohungen kommt, die natürlich alle abgewendet werden können. Zu den Bedrohern der weiblichen Unschuld gehören verschiedene Marsianer, Sultane, Höhlenmenschen, japanische Kopfjäger und Affen.
E. F. Bleiler schreibt über Burroughs, seine Texte seien „Fantasien von Erotik und Macht.“
Der Apex-Verlag veröffentlicht Burroughs' Venus-Romane (in der deutschen Übersetzung von Thomas Schlück), Neu-Übersetzungen des Tarzan- und des John Carter-Zyklus sowie als deutsche Erstveröffentlichung die Pellucidar-Serie.
DER RITTER VON TORN
Vorwort
Der Ritter von Torn ist der zweite Roman, den Edgar Rice Burroughs in seinem Leben schrieb, und er ist bis heute weitgehend unbekannt. Dahinter steckt eine längere Geschichte.
Edgar Rice Burroughs, geboren 1875, war der jüngste Sohn eines Chicagoer Batteriefabrikanten, der früher als Major im Bürgerkrieg gedient hatte, und besuchte als Kind mehrere Privatschulen, darunter eine Kadettenschule. Mit sechzehn verbrachte er ein halbes Jahr als Cowboy auf der Ranch eines seiner Brüder in Süd-Idaho. Nachdem er 1895 bei der Aufnahmeprüfung für die Militärakademie in West Point durchgefallen war, wurde er Soldat der 7. US-Kavallerie in Fort Grant, Arizona, aber 1897 aufgrund eines Herzproblems als dienstuntauglich entlassen. Er gehörte also zu der letzten Generation von Männern, die den Wilden Westen als Cowboys und in der Auseinandersetzung mit Indianern erlebt hatten.
Danach arbeitete er eine Zeitlang in der Fabrik seines Vaters in Chicago und heiratete im Januar 1900 seine Jugendliebe Emma Hulbert. 1903 schloss sich Burroughs erneut seinen Brüdern in Idaho an. Als sich die Goldmine, deren Leitung er übernommen hatte, als erfolglos erwies, verschafften die Brüder ihm eine Stelle bei der Eisenbahn in Salt Lake City. Doch Burroughs gab diesen Job nach kurzer Zeit auf und zog mit seiner Frau zurück nach Chicago, wo er sich in einer Reihe von Tätigkeiten versuchte, unter anderem als Handelsvertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in eine Handelsagentur für Bleistiftanspitzer, mit mäßigem Erfolg.
In dieser Situation kam Burroughs auf die Idee, eine Geschichte für ein Pulp-Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars, unter dem Pseudonym Normal Bean – womit er andeuten wollte, dass er trotz der fantastischen Geschichte kein Spinner sei –, wurde von Februar bis Juli 1912 in mehreren Teilen im All-Story-Magazin veröffentlicht und war auf Anhieb ein Erfolg.
Burroughs erhielt für seine erste Geschichte 400 Dollar, war aber nach dem Erscheinen unzufrieden mit dem Ergebnis. Durch den Setzer oder Korrektor war sein Pseudonym zu Norman Bean geworden, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs’ Beschwerde wegen der Änderungen hin bot der Herausgeber Thomas Metcalf an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz Für alle Rechte auf seinem Honorarscheck. Metcalf gestand ihm zu, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.
Schon zu diesem frühen Zeitpunkt machte Burroughs deutlich, dass man es bei ihm nicht nur mit einem Schriftsteller, sondern auch mit einem Geschäftsmann zu tun hatte, der sich nicht scheute, hart zu verhandeln, und dessen Arbeit wie jede andere Ware, die auf den Markt gebracht wird, einen gebührenden Preis verdiente, der sich am Aufwand und am Erfolg maß.
Aber wir greifen vor. Metcalf, der Burroughs Talent erkannt hatte, versuchte, ihm schmackhaft zu machen, seine nächste Geschichte in einer anderen Umgebung spielen zu lassen:
»Ich habe darüber nachgedacht, ob Sie nicht ein romantisches Serial schreiben könnten, so etwas wie Ivanhoe oder zumindest aus der Zeit, als jeder eine Rüstung trug und schöne Frauen rettete. Wenn sie sich ein Serial in dieser Art vorstellen können und Sie es für lohnend halten, würde ich mich sehr freuen, von Ihnen zu hören.«
Unter Serial versteht man eine episodische Fortsetzungsgeschichte, wie sie in den damaligen Magazinen gängig war und um diese Zeit auch im Kino populär wurde. Burroughs griff Metcalfs Vorschlag sogleich auf. Bereits einen knappen Monat nach Erhalt des Briefes schickte er ihm das neue Werk zu: The Outlaw of Torn.
Über seinen Helden, den fiktiven zweiten Sohn Heinrichs III., schrieb er: »Die Geschichte seines abenteuerlichen Lebens und seiner Liebe zu einer Tochter des historischen Simon de Montfort, Graf von Leicester, bietet reichlich Gelegenheit für aufregende Situationen und haarsträubende Begegnungen.« Die Begrenztheit seines Wissens um die damalige Zeit versuchte er mit dem Hinweis zu kaschieren, dass »die Geschichte zwar in gewisser Weise von historischen Fakten im Zusammenhang mit dem Krieg der Barone jener Zeit abhängt, ich aber nicht genug Geschichte, Landschaft oder Wetter in sie einfließen lasse, um das Interesse an der Erzählung in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen.« Auch Bertrade de Montfort im Roman ist fiktiv; es gab zwar eine historische Bertrade, Tochter eines Vorfahren von Simon de Montfort gleichen Namens, aber sie starb mehr als ein Jahrhundert vor den dort geschilderten Ereignissen.
Aber wenn Burroughs angenommen hatte, dass der schnelle erste Verkauf ihn auf den einfachen Weg zum Erfolg bringen würde, sollte er enttäuscht werden. Metcalf gab am 19. Dezember 1911 eine Zusammenfassung der Mängel des Romans:
»Ich bin sehr skeptisch, was die Geschichte angeht. Der Plot ist ausgezeichnet, aber ich denke, Sie haben ihn zu hastig ausgearbeitet. Die pittoreske Wirkung von Torn kommt nicht wirklich zum Tragen. Gelegenheiten für Farbe und Prunk haben Sie völlig verpasst. Den Wert einiger Figuren, aus denen man viel machen könnte, scheinen Sie nicht zu erkennen. Wie zum Beispiel der alte Fechtlehrer, den Sie etwa drei Kapitel verwenden und dann bis zum Ende der Geschichte völlig ignorieren. In ihm haben Sie eine Art bösartigen Geist, der das ganze Buch durchdringen könnte.«
Burroughs ließ sich dadurch nicht entmutigen. »Ich sehe keinen Grund«, schrieb er zurück, »warum ich die Geschichte nicht zu Ihrer Zufriedenheit gestalten könnte, denn die von Ihnen angeführten Fehler sind reine Auslassungen, die sich leicht beheben lassen.« Er räumte ein, dass die Geschichte, da sie so kurz nach seiner ersten fertiggestellt wurde, beim Leser den Eindruck erwecken könnte, sie sei in aller Eile geschrieben worden; das sei aber nicht der Fall: »Ich arbeite den ganzen Tag und bis spät in die Nacht hinein, um abwechselnd meine Referenzen zu studieren und zu schreiben.«
Burroughs’ Zuversicht wurde ein wenig erschüttert, als Metcalf in seinen zweiseitigen Brief vom 21. Dezember zu einer vernichtenden Analyse des Romans ausholte. Seiner Meinung nach hätte das erste Kapitel von Burroughs »voller Farbe und Aufregung« sein müssen. Nach einer kurzen Zusammenfassung der Handlung ging Metcalf auf das Ende ein: »Ich bin mir nicht sicher, ob das Happy-End einen besonderen Wert hat. Es scheint legitimer zu sein, dass sowohl de Vac als auch der Geächtete am Ende sterben und die Dame in Tränen aufgelöst zurückbleibt, möglicherweise auf dem Weg, Nonne zu werden.«
Metcalfs Brief überzeugte Burroughs offensichtlich von der Notwendigkeit einer gründlichen Überarbeitung. Am 2. Februar 1912 sandte er eine neue Fassung ein – mit zwei Enden, einem glücklichen und einen »eher gegenteiligen, das aber dem Leser überlassen bleibt«. Seine eigene Vorliebe war jedoch klar:
»Aus kommerziellen Gründen neige ich zu dem ›glücklichen‹ Ende, denn da alle gesellschaftlichen Schichten Belletristik zur Entspannung und zum Vergnügen lesen, nehme ich an, dass sie sich nicht besonders für Geschichten interessieren, die einen schlechten Geschmack hinterlassen. Aber ich überlasse es Ihrer größeren Erfahrung.»
Die Antwort ließ auf sich warten. Erst am 4. März erhielt Burroughs die Entscheidung. Metcalf lehnte The Outlaw of Torn erneut ab. Doch weil er »so sehr« an die Handlung glaubte, schlug Metcalf vor, den Text jemandem in New York zu übergeben, der über ein umfassendes Wissen über mittelalterliche Geschichte verfüge. Der Herausgeber bot 100 Dollar für die Rechte und versprach, dass man Burroughs bei Erscheinen der Geschichte als Co-Autor nennen würde.
Obwohl Burroughs’ finanzielle Lage alles andere als rosig war, schrieb er zurück: »Es tut mir sehr leid, dass Ihnen The Outlaw of Torn in der vorliegenden Form nicht gefällt. Ich danke Ihnen für Ihr Alternativangebot, das ich jedoch angesichts der Zeit, die ich in die Geschichte investiert habe, nicht anzunehmen vermag.«
Viel von dem Optimismus, den der erste Verkauf geweckt hatte, war verflogen. Burroughs kämpfte weiter um seinen Lebensunterhalt. In einem Brief vom 30. Mai an Metcalf legte er seine Unzufriedenheit offen: »Ich wünschte, es gäbe genug zu schreiben für mich, sodass ich meine ganze Zeit dem widmen könnte, denn ich mag es. Meine beruflichen Aktivitäten, Werbung, Marketing und Verkauf, bringen mir zwar ein stattliches Gehalt ein, aber sie bereiten mir kein großes Vergnügen.« Das stattliche Gehalt war sicherlich übertrieben, aber der Wunsch war klar.
Als Metcalf, der immer noch an Burroughs glaubte, im Herbst nach neuen Werken fragte, schickte dieser die Geschichte erneut ein, gab jedoch gleich zu verstehen, dass er wenig Hoffnung habe: »Ich weiß, dass sie Ihnen nicht besser gefallen wird als vorher«, und fügte hinzu: »Es ist aber komisch, denn jeder, der sie gelesen hat, außer Ihnen, hat sie für die bei weitem interessanteste Geschichte gehalten, die ich geschrieben habe.«
Die Ablehnung war unvermeidlich, aber Burroughs ließ sich trotzdem nicht entmutigen: »Ich werde das Ganze noch einmal überarbeiten, wenn ich Zeit habe. Ich werde an The Outlaw of Torn festhalten, bis es veröffentlicht ist – ich stamme aus einer sehr langlebigen Familie.«
Inzwischen gab es den Roman in drei Fassungen: der handschriftlichen Originalfassung; einem Typoskript, das dieser ziemlich ähnlich war, aber kleinere Korrekturen enthielt; und der erweiterten Fassung vom Februar 1912. In allen drei wird der Leser direkt in die Handlung eingeführt:
»De Vac war im Dienste der Könige von England alt geworden, aber er hasste alles Englische und alle Engländer. Den toten König hatte er geliebt, aber mit den Gebeinen des toten Königs war de Vacs Loyalität zu dem Haus, dem er diente, in Westminister begraben worden.«
Ende 1912 war The Outlaw of Torn immer noch nicht verkauft. Entmutigt, aber nicht geschlagen, machte sich Burroughs an eine weitere Überarbeitung. Die auffälligste Änderung betraf die einleitenden Absätze. Der Anfang lautete nun wie folgt:
»Hier ist eine Geschichte, die seit siebenhundert Jahren im Dunkeln liegt. Zuerst wurde sie von einem der Plantagenet-Könige von England unterdrückt. Später wurde sie vergessen. Ich habe sie rein zufällig ausgegraben. Der Zufall wollte, dass der Vetter meiner Frau einen hier nicht näher benannten Abt in einem sehr alten Kloster in Europa kannte. Dieser ließ mich in einer Menge von schimmeligen und muffigen Manuskripten herumwühlen, wo ich darauf stieß.«
Edgar Rice Burroughs hatte seine Erzählerstimme gefunden.
Erst acht Monate später zahlte sich Burroughs’ Hartnäckigkeit aus. In einem Brief vom 18. August 1913 erklärte sich A. L. Sessions, der Herausgeber des Magazins New Story, bereit, The Outlaw of Torn für 500 Dollar für die ersten Rechte als Fortsetzungsroman zu kaufen und zwei Cent pro Wort mehr zu zahlen, wenn sich die Geschichte als erfolgreich erweisen sollte. Das war mehr, als Burroughs für »Under the Moons of Mars« erhalten hatte. Allerdings war Burroughs, der in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Schriftsteller eine immense Produktivität an den Tag legte, zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Autor, dessen Werke allein schon wegen seines Namens begehrt waren.
Aus der Sicht eines Geschäftsmannes war The Outlaw of Torn angesichts der darauf verwendeten Zeit eine schlechte Investition. Dennoch hatte Burroughs die Genugtuung eines weiteren Verkaufs erlangt und die Macht der schieren Hartnäckigkeit unter Beweis gestellt. In Buchform sollte der Roman erst 1927 erscheinen, beim Verlag A.C. McClurg, und bereits im gleichen Jahr eine zweite Auflage erleben.
Burroughs’ Probleme mit The Outlaw of Torn im Jahre 1912 erwiesen sich jedoch als unbedeutend, denn bereits Ende 1911 hatte er sich in eine neue Geschichte vertieft. Diesmal war er etwas vorsichtiger mit der Tatsachenbehauptung:
»Diese Geschichte habe ich von jemand, der keinen besonderen Grund hatte, sie mir oder einem andern zu erzählen. Ich dachte anfänglich, der Erzähler sei in einer angeheiterten Stimmung, und ich konnte auch die folgenden Tage nicht recht an die Geschichte glauben. … Ich behaupte nicht, dass die Geschichte wahr ist, denn ich war nicht Zeuge der darin geschilderten Ereignisse, aber ich glaube bestimmt, dass sie wahr sein kann, und deshalb habe ich den darin beteiligten Personen andere Namen gegeben.«
Es sollte sein größter Erfolg werden und seinen Weltruhm begründen. Die Rede ist von Tarzan of the Apes. Das Einzige, war Burroughs aus dem früheren Roman für seinen Tarzan übernehmen sollte, ist, nach einer handschriftlichen Änderung während der Abfassung, der Name Greystoke, der in The Outlaw of Torn einem der Ritter zugedacht ist, die Norman von Torn als Jugendlicher im Zweikampf tötet.
Auch die Burroughs-Kritik hat The Outlaw of Torn eher stiefmütterlich behandelt. Richard A. Lupoff hat in seiner Monografie Edgar Rice Burroughs: Master of Adventure nur einen Satz dafür übrig: »In diesem eher durchschnittlichen historischen Roman, der im England des dreizehnten Jahrhunderts spielt, geht es um Sachsen gegen Normannen, ein entführtes Prinzenkind, die Aufstellung einer Armee von Geächteten, blutige Schlachten und eine tränenreiche Versöhnung.« Was er verschweigt, ist, dass The Outlaw of Torn bereits alle Elemente zeigt, die für Burroughs’ Erzählweise typisch sind: unglückliche Zufälle, romantische Missverständnisse, die unerwiderte Liebe einer weiblichen Nebenfigur, die in diesem Fall tragisch endet, und die große Enthüllung am Ende.
Dass man daran nicht den Anspruch historischer Genauigkeit legen darf wie an heutige historische Romane, sondern ihn eher wie einen Hollywood-Film sehen sollte, tut der dramatischen Handlung keinen Abbruch. Im Vergleich mit Autoren wie Talbot Mundy oder Harold Lamb, die ein ganz anderes Wissen um historische Zusammenhänge und Details mitbrachten, war Burroughs sicherlich gut beraten, den Schwerpunkt seines Schaffens auf die fantastischen Sujets zu verlegen, die zu seinem Markenzeichen wurden. Auch Tarzans Afrika, das sich als geradezu durchsetzt mit vergessenen Zivilisationen erweisen sollte, ist nicht minder eine Phantasiewelt als Burroughs’ Mars und Venus oder die Hohlwelt Pellucidar.
Burroughs versuchte sich in der Folge auch noch an Western und Kriminalromanen, sollte in seinem Leben aber nur noch einen einzigen weiteren historischen Roman schreiben, I Am a Barbarian, der aus der Sicht eines germanischen Sklaven und Gladiators aus der Zeit des römischen Kaisers Caligula erzählt. Er wurde erst 1967, siebzehn Jahre nach dem Tod des Autors, veröffentlicht.
Helmut W. Pesch
Alle Daten und Brief- und Manuskriptzitate nach Irwin Porges, Edgar Rice Burroughs: The Man Who Created Tarzan.
Erstes Kapitel
Hier ist eine Geschichte, die seit siebenhundert Jahren im Dunkeln liegt. Zuerst wurde sie von einem der Plantagenet-Könige von England unterdrückt. Später wurde sie vergessen. Ich habe sie rein zufällig ausgegraben. Der Zufall wollte, dass der Vetter meiner Frau einen hier nicht näher benannten Abt in einem sehr alten Kloster in Europa kannte. Dieser ließ mich in einer Menge von schimmeligen und muffigen Manuskripten herumwühlen, wo ich darauf stieß.
Es ist eine höchst interessante Geschichte, zum Teil, weil es sich um ein Stück bisher nicht dokumentierter Historie handelt, aber vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie von einer höchst bemerkenswerten Rache und dem abenteuerlichen Leben ihres unschuldigen Opfers erzählt – des vergessenen Prinzen von England namens Richard.
Bei meiner Nacherzählung habe ich den größten Teil der historischen Hintergründe ausgeklammert. Was mich interessierte, war die einzigartige Figur, um die sich die Geschichte dreht – der Ritter mit geschlossenem Visier, der … aber lassen Sie uns warten, bis wir bei ihm sind.
All dies ereignete sich im dreizehnten Jahrhundert, und damals erschütterte es England von Nord bis Süd und von Ost bis West und reichte selbst über den Ärmelkanal und erschütterte Frankreich. Es begann direkt im Londoner Palast Heinrichs III. und war das Ergebnis eines Streits zwischen dem König und seinem mächtigen Schwager Simon de Montfort, Graf von Leicester.
Vergessen Sie den Streit; das ist Geschichte, und Sie können alles darüber in Ruhe lesen. Aber an diesem Junitag im Jahr unseres Herrn 1243 vergaß sich Heinrich so sehr, dass er de Montfort zu Unrecht in Anwesenheit einer Reihe von Hofleuten des Verrats beschuldigte.
De Montfort erbleichte. Er war ein großer, gutaussehender Mann, und wenn er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und den Blick seiner grauen Augen auf das Opfer seines Zorns richtete, wie er es an diesem Tag tat, war er sehr beeindruckend. Er war eine Macht in England, die nach dem König selbst an zweiter Stelle stand, und mit dem Herzen eines Löwen in seiner Brust antwortete er dem König, wie kein anderer Mann in ganz England es gewagt hätte.
»Euer Hoheit«, rief er, »dass Ihr mein Herr und König seid, das allein hindert Simon de Montfort daran, für eine so schwere Beleidigung Genugtuung zu verlangen. Dass Ihr Euren hohen Stand ausnutzt, um zu sagen, was ihr sonst nie zu sagen wagtet, brandmarkt mich nicht als Verräter, sondern Euch als Feigling.«
Gespannte Stille senkte sich über die kleine Gesellschaft von Fürsten und Höflingen, als diese schrecklichen Worte von den Lippen eines Untertanen kamen, die an seinen König gerichtet waren. Sie waren entsetzt, denn de Montforts mutige Herausforderung war für sie fast ein Sakrileg.
Heinrich, der vor Schmach und Wut errötete, erhob sich, um auf de Montfort loszugehen, aber plötzlich erinnerte er sich an die Macht, die er repräsentierte, und bedachte sich eines Besseren. Also wandte er sich mit einem hochmütigen Spott an seine Höflinge.
»Kommt, meine Herren«, sagte er, »mich dünkt, dass wir heute Morgen eine Runde auf dem Fechtboden machen wollten. Schon wird es spät. Kommt, de Fulm! Kommt, Leybourn«, und der König schritt aus dem Gemach, gefolgt von seinen Höflingen, die alle vom Grafen von Leicester Abstand genommen hatten, als sich herausstellte, dass der königliche Unmut gegen ihn gerichtet war. Als der Vorhang sich hinter dem davoneilenden König schloss, zuckte de Montfort die breiten Schultern und verließ das Gemach durch eine andere Tür.
Als der König mit seinem Gefolge in die Waffenkammer eintrat, kämpfte er immer noch gegen die Schmach der Vorwürfe de Montforts an, und als er Mantel und Hut ablegte, um sich mit de Fulm im Schwertkampf zu messen, sah er den Fechtmeister, Sir Jules de Vac, mit dem Fechtzeug und dem Helm des Königs ankommen. Heinrich war nicht in der Stimmung, eine Mensur mit de Fulm auszufechten, der wie die anderen Schmeichler, die ihn umgaben, immer zuließ, dass der König ihn leicht besiegen konnte.
Von de Vac wusste er, dass dieser zu eifersüchtig auf seinen Ruhm als Schwertkämpfer war, um sich von etwas anderem als überlegenem Geschick überwinden zu lassen, und heute fühlte Heinrich, dass er den Teufel selbst besiegen konnte.
Der Fechtboden war ein großer Raum im Hauptgeschoss des Palastes, neben dem Wachtraum. Er war in einem kleinen Flügel des Gebäudes so angelegt worden, dass er von drei Seiten beleuchtet wurde. Verantwortlich für die Waffenkammer und den Fechtunterricht war der schlanke, grauhaarige, lederhäutige Sir Jules de Vac, und er war es, dem Heinrich befahl, ihm im Scheinkampf mit Schwert und Fechtschild gegenüberzutreten; denn der König hatte das Bedürfnis, auf jemanden mit dem Hammer einzuhauen und ihn in die Zange zu nehmen, um seine unterdrückte Wut zu kühlen.
So ließ er de Vac vor seinem geistigen Auge die Person des verhassten de Montfort annehmen, und die Folge war, dass de Vac durch den plötzlichen und mit aller Macht vorgetragenen Angriff des Königs regelrecht überrumpelt wurde.
Heinrich III. war schon immer ein guter Schwertkämpfer gewesen, aber an diesem Tag übertraf er sich selbst und war in seiner Vorstellung im Begriff, dem Pseudo-de-Montfort mit dem Schwert zu durchbohren, zur wilden Begeisterung seines Publikums. Zu diesem Zweck hatte er den erstaunten de Vac zweimal um die Halle herumgejagt, als der Fechtmeister den König mit einer klugen Finte und einem Rückwärtsschritt in die von ihm gewünschte Position brachte, und mit der Plötzlichkeit des Blitzes ließ eine kleine Drehung seiner Klinge Heinrichs Waffe klirrend auf den Boden der Waffenkammer poltern.
Für einen Moment stand der König so angespannt und weiß da, als hätte der Tod seine Hand ausgestreckt und sein Herz mit seinen eisigen Fingern berührt. Die Niederlage bedeutete ihm mehr, als von dem besten Schwertkämpfer Englands im Übungskampf besiegt zu werden – das war sicherlich keine Schande –, nein, sie schien Heinrich prophetisch für das Ergebnis eines zukünftigen Kampfes zu sein, wenn er dem wahren de Montfort Auge in Auge gegenüberstehen sollte. Und dann, mit dem Ebenbild seines mächtigen Schwagers, mit dem er de Vac in seiner Vorstellung bekleidet hatte, vor Augen, tat Heinrich, was er gerne mit dem wahren Leicester getan hätte. Er zog seinen Handschuh ab und trat nahe an de Vac heran.
»Hund!«, zischte er und verpasste dem Fechtmeister einen harten Schlag ins Gesicht und spuckte ihn an. Dann drehte er sich um und verließ die Waffenkammer.
De Vac war im Dienste der Könige von England alt geworden, aber er hasste alles Englische und alle Engländer. Den toten König Johann, obwohl er von allen anderen gehasst wurde, hatte er geliebt, aber mit den Gebeinen des toten Königs war die Treue de Vacs zu dem Haus, dem er diente, in der Kathedrale von Worcester begraben worden.
Lange Jahre hatte er als Fechtmeister am englischen Hof gedient; die Söhne des Königshauses hatten von ihm gelernt, zu schlagen, zu stechen und zu parieren, wie nur de Vac diese Kunst zu lehren vermochte, und er war bei der Ausübung seiner Pflichten so gewissenhaft gewesen wie in seinem unerschütterlichen Hass und seiner Verachtung für seine Schüler.
Und nun hatte der englische König ihm eine Beleidigung angetan, die nur mit Blut gesühnt werden konnte.
Als der Schlag fiel, schlug der drahtige Franzose die Hacken zusammen und ließ seine Klinge zu Boden sinken. Aufrecht und starr stand er vor seinem Herrn wie eine Marmorstatue. Sein angespanntes Gesicht war bleich vor Zorn, aber er sprach kein Wort.
Natürlich hätte er zurückschlagen können, aber dann wäre ihm keine Wahl mehr geblieben als der Tod durch die eigene Hand. Denn ein König darf nicht mit einem geringeren Sterblichen um die Ehre kämpfen, und wer einen König schlägt, muss sterben; denn die Ehre des Königs steht über allem.
Hätte ihn ein französischer König geschlagen, hätte de Vac zurückgeschlagen und das Schicksal willkommen geheißen, das ihm erlaubte, für die Ehre Frankreichs zu sterben; aber ein englischer König – pah! ein Hund; und wer würde für einen Hund sterben? Nein, de Vac würde andere Mittel finden, um seinen verwundeten Stolz zu stillen. Er würde in Rache an diesem Mann schwelgen, dem gegenüber er keine Treue empfand. Wenn möglich, würde er dabei ganz England dafür büßen lassen. Aber er hatte Zeit. Er konnte es sich leisten, auf eine passende Gelegenheit zu warten, wenn er durch das Warten eine schrecklichere Rache nehmen konnte.
De Vac war in Paris geboren worden, als Sohn eines französischen Offiziers, der als bester Schwertkämpfer Frankreichs gilt. Der Sohn war in die Fußstapfen seines Vaters getreten, bis er nach dessen Tod leicht den Titel seines Vaters erringen konnte. Wieso er Frankreich verlassen hatte und in den Dienst König Johns von England getreten war, ist nicht Gegenstand dieser Geschichte. All die Bedeutung, die das Leben von Jules de Vac für die Geschichte Englands hat, hing nur von zwei seiner vielen Eigenschaften ab – seiner wunderbaren Schwertkunst und dem schrecklichen Hass auf seine Wahlheimat.
Zweites Kapitel
Südlich der Waffenkammer des Palastes von Westminster lagen die Gärten, und hier hätte man am dritten Tag nach dem Angriff des Königs auf de Vac eine schwarzhaarige Frau sehen können, die in einen violetten Bliaut gekleidet war, den rund um den Hals und am Saum der losen Spitzärmel, die fast bis zu dem ähnlichen Saum am unteren Rand des Gewandes reichten, eine reiche Goldstickerei zierte. Ein punzierter Ledergürtel, der mit Edelsteinen besetzt war und von einer großen Schnalle aus getriebenem Gold gehalten wurde, raffte das Kleidungsstück um ihre Taille, sodass der obere Teil in einem Bausch nach außen über den Gürtel fiel. Im Gürtel trug sie einen langen Dolch von feiner Handwerkskunst. Zierliche Sandalen umschlossen ihre Füße, und Kopf und Schultern bedeckte ein violetter, mit goldenen Fransen umrandeter Gimpel.
An ihrer Seite hüpfte ein gutaussehender Knabe von etwa drei Jahren, gekleidet, wie seine Gouvernante, in kräftigen Farben. Sein winziger Surcot aus scharlachrotem Samt war reich an Stickereien. Darunter trug er eine enganliegende Tunika aus weißer Seide. Sein Wams war scharlachrot, während seine langen weißen Beinkleider von seinen winzigen Sandalen bis zu seinen Knien kreuzweise mit roten Bändern umwunden waren. Auf dem seinem braunen Lockenschopf saß ein flachkrempiger Hut mit runder Kappe, an dem bei jeder Bewegung des stolzen kleinen Kopfes eine weiße Feder wippte.
Die Gesichtszüge des Kindes waren wohlgeformt, und seine offenen, hellen Augen gaben einem Gesicht, das sonst für ein Kleinkind zu arrogant und hochmütig gewesen wäre, einen Ausdruck kindlichen Edelmuts. Wenn der Junge mit seiner Begleiterin sprach, blitzte dann und wann Momente von zwingender Autorität und Würde auf, die bei einem so kleinen Wesen seltsam anmuteten, was die junge Frau manchmal dazu veranlasste, den Kopf abzuwenden, damit er das Lächeln nicht sehen konnte, das sie kaum zu unterdrücken vermochte.
Jetzt nahm der Junge einen Ball aus seiner Tunika und zeigte auf einen kleinen Busch in ihrer Nähe und sagte: »Stellt Euch da hin, Lady Maud, neben den Busch. Ich möchte Ballwerfen spielen.«
Die junge Frau tat, wie ihr geheißen wurde, und als sie ihren Platz eingenommen hatte und sich zu ihm umdrehte, warf der Junge ihr den Ball zu. So spielten sie unter den Fenstern der Waffenkammer; der Junge lief fröhlich dem Ball hinterher, wenn er ihn verfehlte, und lachte und schrie vor Freude, wenn er einen besonders guten Fang machte.
An einem der Fenster der Waffenkammer mit Blick auf den Garten stand ein grimmiger, grauer alter Mann auf seine verschränkten Arme gelehnt. Er hatte die Augenbrauen zu einem bösartigen Gesichtsausdruck zusammengezogen, und seine Mundwinkel bildeten eine strenge, kalte Linie.
Er blickte auf den Garten und das spielende Kind und auf die reizende junge Frau unter ihm, aber seine Augen nahmen nicht wirklich wahr, was sie sahen, denn de Vac war in Gedanken ganz und gar mit einem Problem beschäftigt, dem größten in seinem ganzen Leben.
Drei Tage lang hatte der alte Mann seinen Groll hin und her gewälzt und nach Mitteln gesucht, um sich an dem König für die Beleidigung zu rächen, die dieser ihm zugefügt hatte. Viele Pläne waren ihm in den klugen und gerissenen Kopf gekommen, aber bisher waren alle als unwürdig für die schreckliche Befriedigung verworfen worden, nach der sein verwundeter Stolz verlangte.
Seine Fantasien hatten sich größtenteils um die unbeständigen politischen Bedingungen von Heinrichs Herrschaft gedreht; denn er hatte das Gefühl, dass ihm daraus eine Gelegenheit erwachsen könnte, die sich zu seinem eigenen persönlichen Nutzen und dem Schaden und möglicherweise dem Verderben des Königs verwenden ließe.
Schon seit vielen Jahren war de Vac im Palast ein und ausgegangen und war oft in der Waffenkammer Zeuge geworden, wenn sich der König mit seinen Freunden und Günstlingen im Schwertkampf übte, und er hatte vieles mit angehört, was zwischen Heinrich III. und seinen Vertrauten geredet wurde, das bei einer klugen und einfallsreichen Planung dem König zum Leid gereichen könnte.
Wie ganz England kannte er die völlige Verachtung, die Heinrich für die Bedingungen der Magna Charta übrighatte, die er, ungeachtet seines königlichen Eides, sie aufrecht zu erhalten, so oft missachtete. Aber was ganz England nicht wusste, hatte de Vac aus Gesprächsfetzen erfahren, die er in der Waffenkammer aufgeschnappt hatte: dass Heinrich bereits mit ausländischen Söldnerführern und mit Ludwig IX. von Frankreich über eine Truppe von Rittern und bewaffneten Männern verhandelt hatte, die ausreichen würde, um Krieg gegen die eigenen Barone zu führen, mit dem Ziel, jede künftige Einmischung ihrerseits in das königliche Vorrecht der Plantagenets, England zu tyrannisieren, effektiv zu vereiteln.
Wenn er nur die Einzelheiten dieses Plans erfahren könnte, dachte de Vac: den Landepunkt der ausländischen Truppen; ihre Anzahl; den ersten Angriffspunkt. Ah, wäre es nicht eine süße Rache, den König aus diesem Abenteuer, das ihm so am Herzen lag, einen Strick zu drehen?
Ein Wort zu de Clare oder de Montfort würde die Barone und ihre Gefolgsleute mit vierzigtausend Mann ins Feld führen, um die Armee des Königs zu vernichten.
Und er würde den König wissen lassen, wem er seine Niederlage und sein Unbehagen zu verdanken hatte und was der Grund dafür war. Möglicherweise würden die Barone Heinrich absetzen und einen neuen König auf Englands Thron setzen, und dann würde de Vac dem Plantagenet ins Gesicht spucken. Eine süße, schöne, köstliche Rache, in der Tat! Und der alte Mann leckte sich die dünnen Lippen, als ob er das letzte süße Überbleibsel eines zarten Bissens schmecken könnte.
Und dann trug der Zufall einen kleinen Lederball unter das Fenster, wo der alte Mann stand; und als das Kind lachend hinzurannte, um ihn wiederzubekommen, fiel de Vacs Blick auf den Knaben, und all sein früheren Rachepläne schmolzen wie der Nebel vor der Mittagssonne dahin; und an ihrer Stelle eröffnete sich ihm ein ganzes schreckliches Komplott von furchterregender Rache so deutlich, als stünde es auf den Seiten eines großen Buches geschrieben, das vor ihm aufgeschlagen worden wäre. Und soweit es in seiner Macht stand, wich er in den folgenden zwanzig Jahren nicht einen Deut von den Einzelheiten dieses meisterhaft konzipierten Höllenwerks ab.
Der kleine Junge, der so unschuldig im Garten seines königlichen Vaters spielte, war Prinz Richard, der dreijährige Sohn Heinrichs III. von England. Keine Chronik erwähnt diesen kleinen vergessenen Prinzen; nur die Geheimarchive der englischen Könige erzählen die Geschichte seines seltsamen und abenteuerlichen Lebens. Sein Name wurde aus den Aufzeichnungen der Menschen getilgt; und die Rache de Vacs ist aus den Augen der Welt entschwunden, obwohl sie seinerzeit eine echte und schreckliche Sache war, die das Herz aller Engländer berührte.
Drittes Kapitel
Fast einen Monat lang geisterte der alte Mann durch den Palast und hielt in den Gärten Ausschau nach dem kleinen Prinzen, bis er den Alltag seines kleinen Lebens mit seinen Ammen und Gouvernanten kannte.
Er sah, dass sich Lady Maud, wenn sie ihn begleitete, bis an die äußersten Enden des Palastgeländes begab, wo sie durch ein kleines Hintertor einen bestimmten Hauptmann der Garde einließ, dem die Königin dem Zutritt zum Hof verboten hatte.
Dort, in einer abgelegenen Kemenate, flüsterten die beiden Liebenden einander ihre Hoffnungen und Pläne zu, ohne auf ihren königlichen Schutzbefohlenen zu achten, der sich selbst überlassen zwischen den Blumen und Sträuchern des Gartens spielte.
Mitte Juli waren de Vacs Pläne zur Reife gelangt. Er hatte es geschafft, den alten Gärtner Brus zu überreden, ihm den Schlüssel zu dem kleinen Hintertor zu geben, unter dem Vorwand, sich einer mitternächtlichen Eskapade hingeben zu wollen, wobei er vage die Beteiligung einer schönen Dame an diesem Abenteuer andeutete. Und gleichzeitig schob er, was bei Brus noch wichtiger war, dem Gärtner zwei Silberpennys in die Hand.
Brus sah de Vac, wie die anderen Palastdiener auch, als einen treuen Diener des Hauses Plantagenet an. Welchen Unfug de Vac auch immer vorhatte, Brus war sich ziemlich sicher, dass der Schlüssel zum hinteren Tor, soweit es den König betraf, in den Händen de Vacs so sicher war, als ob Heinrich selbst ihn hätte.
Der Alte wunderte sich ein wenig darüber, dass der verdrießliche Fechtmeister in seinem Alter solch frivolen Vergnügungen frönen sollte, die eher jüngeren Adelssprossen anstünden, aber was ging ihn das an? Hatte er nicht genug damit zu tun, die Gärten instand zu halten, damit sein königlicher Herr und seine Gemahlin Freude an den schattigen Spaziergängen, dem gepflegten Rasen und den wunderschönen Laub- und Blumenbeeten finden konnten, die er mit so großer Mühe und Sorgfalt in den Außenanlagen hegte und pflegte?
Außerdem kamen nicht oft zwei Silberpennys seines Wegs; und wenn der liebe Herr Jesus es in seiner unendlichen Weisheit für angebracht hielt, zur Belohnung seines niederen Dieners zu solch einem Mittel zu greifen, stand es einem armseligen Wurm wie ihm nicht an, die göttliche Gunst infrage zu stellen. So nahm Brus das Geld, und de Vac bekam den Schlüssel, und der kleine Prinz spielte glücklich zwischen den Blumen im Garten seines königlichen Vaters, und alle waren’s zufrieden.
An diesem Abend brachte de Vac den Schlüssel zu einem Schlosser auf der anderen Seite Londons, der ihn unmöglich kennen oder den Schlüssel als zum Palast gehörig zuordnen konnte. Hier ließ er sich ein Duplikat erstellen und wartete ungeduldig, während der alte Mann mit den groben Instrumenten seines Gewerbes die Kopie anfertigte.
Von diesem kleinen Laden aus folgte de Vac einem gewundenen Weg durch die schmutzigen Straßen und Gassen des alten London, die ab und zu von einer rauchigen Laterne beleuchtet wurden, bis er zu einem halb verfallenen Haus kam, das freilich den Vorteil hatte, nur einen kurzen Weg vom Palast in Westminster entfernt zu liegen.
Eine schmale Gasse führte an dem Gebäude vorbei und endete abrupt am Ufer der Themse an einem vermoderten Holzsteg, unter dem das tiefschwarze Wasser des Flusses stieg und fiel, um die verrottenden Pfähle lappte und unter dem Steg hinweg zu den weiter flussabwärts gelegenen Docks davonströmte, wo die großen, wilden Dockratten und ihre grimmigeren menschlichen Gegenstücke hausten.
Mehrmals war de Vac auf der Suche nach der kleinen Türöffnung des von ihm gesuchten Gebäudes die schwarze Gasse auf und ab gegangen. Endlich fand er sie, und nachdem er wiederholt mit dem Knauf seines Schwertes dagegen gehämmert hatte, wurde sie von einer schlampigen alten Vettel geöffnet.
»Was willst du von ’ner anständigen Frau zu einer so gottlosen Stunde?«, meckerte sie. »Ah, Ihr seid’s, Mylord«, fügte sie hastig hinzu, als die flackernden Strahlen der Kerze, die sie trug, das Gesicht de Vacs beleuchteten. »Willkommen, Mylord, dreimal willkommen. Die Tochter des Teufels begrüßt ihren Bruder.«
»Halt’s Maul, alte Hexe«, knurrte de Vac. »Reicht es dir nicht, dass du mir schon so viele gute Münzen abgeknöpft hast, um dich für den Rest deines Lebens in Seidenmäntel aus Villosa zu kleiden und an Marzipan und Malvoisier zu laben, dass du mich noch weiter mit der Plage deiner abscheulichen Zunge quälen musst?
Hast du das Bündel Kleider bereit und auch den Schlüssel zu diesem Tor zur Verdammnis? Und der Raum: Hast du die Einrichtung angebracht, die ich hier habe anliefern lasen und die jahrhundertealte Ansammlung von Dreck und Spinnweben vom Boden und den Sparren entfernt? Fürwahr, die Luft stank noch nach den toten Römern, die London vor zwölfhundert Jahren gebaut haben. Und mich dünkt, dem Gestank nach zu urteilen, dass es ein römischer Schweinehirt gewesen sein, der diesen Stall mit seinem Viehzeugt bewohnte, und ich wette, dass du, alte Sau, nie mit dem Besen auch nur in die Nähe dieses Ortes gekommen bist, aus Angst, die verrotteten Gebeine deiner Familie aufzustören.«
»Hört auf zu salbadern, Lord Satan«, rief die Frau. »Ich will lieber Euer Geld reden hören als Euch, denn obwohl es verflucht und verdorben von Eurer schurkischen Hand kommt, spricht es doch mit der gleichen süßen Stimme, als käme es frisch aus den Schatullen der heiligen Kirche.
Das Bündel ist fertig«, fuhr sie fort und schloss die Tür hinter de Vac, der jetzt eingetreten war, »und hier ist der Schlüssel; aber zuerst gebt mir meinen Lohn. Ich weiß nicht, was Euer schmutziges Werk sein mag, aber schmutzig ist es, wie ich aus der Geheimhaltung erkenne, die Ihr verlangt habt, und mich dünkt, dass es manche Leute gut dafür bezahlen würden, den Aufenthaltsort der alten Frau und des Kindes zu erfahren, die Ihr in Tils Dachkammer verstecken wollt – den Balg Eurer Schwester und ihres Sohnes, wie Ihr mir gesagt habt. So wärt Ihr wohl beraten, Mylord, die alte Til gut zu bezahlen und ein paar Bezanten für ihr Stillschweigen hinzuzufügen, wenn Ihr wollt, dass Euer Gefangener im Haus der alten Til sicher ist.«
»Hol mir das Bündel, Hexe«, antwortete de Vac, »und du sollst eine letzte Rate in Gold bekommen, mehr noch als wir ausgehandelt haben, wenn alles gut geht und du deine abscheuliche Zunge hältst.«
Aber die Drohungen der alten Frau hatten bei de Vac bereits ein Gefühl des Unbehagens hervorgerufen, das sich bei der alten Frau in erhöhtem Maße widergespiegelt hätte, wenn sie gewusst hätte, welche Schlüsse ihre Worte im Kopf des alten Fechtmeisters ausgelöst hatten.
Sein Unterfangen war viel zu ernst, und die Folgen einer Enttarnung waren zu riskant, um das Risiko eingehen zu können, von einer illoyalen Mitverschwörerin verraten zu werden. Zwar hatte er nicht einmal die Ungeheuerlichkeit der Tat angedeutet, in die er die alte Frau verwickelte, aber, wie sie gesagt hatte, seine strengen Geheimhaltungsbefehle hatten ausgereicht, um ihr Misstrauen und damit ihre Neugier und Begehrlichkeit zu wecken. Vielleicht hätte die alte Til in ihren löchrigen Bundschuhen gezittert, wenn sie erahnt hätte, welche Gedanken de Vac durch den Kopf gingen. Aber so erkauften die zusätzlichen Goldstücke, die er in ihre runzelige Handfläche fallen ließ, als sie ihm das Bündel übergab, zusammen mit dem Versprechen auf mehr, ziemlich wirkungsvoll ihre Loyalität und ihr vorläufiges Schweigen.
De Vac schob den Schlüssel in die Tasche seiner Tunika und bedeckte das Bündel mit seinem langen Waffenrock, dann trat er in die Dunkelheit der Gasse hinaus und eilte zum Dock.
Unter dem Steg fand er ein Boot, das er früher am Abend dort festgemacht hatte. Er versteckte das Bündel unter einer der Ruderbänke. Dann ruderte er langsam die Themse hinauf, bis er unter den Palastmauern von Westminster angelangt war und legte schließlich in der Nähe des kleinen Hintertores, das in das untere Ende des Gartens führte, an.
De Vac versteckte das Boot, so gut er konnte, unter einigen überhängenden Büschen, die auf Anweisung des Königs dort angelegt worden waren, um die Schönheit der Lage von der Flussseite her zu unterstreichen. Dann schlich er vorsichtig zur Hinterpforte und erreichte unbehelligt seine Gemächer im Palast.
Am nächsten Tag gab er Brus den Originalschlüssel zurück und erzählte dem alten Mann, dass er ihn doch nicht benutzt habe, denn reifliche Überlegungen hätten ihn von der Torheit seines geplanten Abenteuers überzeugt, besonders bei jemandem wie ihm, dessen Jugend vorbei sei und in dessen Gelenken die nächtliche Feuchtigkeit der Themse allzu leicht einen Angriffspunkt finden könnte.
»Ha, Sir Jules«, lachte der alte Gärtner, »Tugend und Laster sind Zwillingsschwestern, die das Geheiß desselben Vaters, der Begierde, erfüllen. Gäbe es keine Begierde, gäbe es keine Tugend, und weil der eine dies begehrt und der andere das Gegenteil, wer will sagen, ob das Ziel seines Begehrens Laster oder Tugend ist? Oder andersherum, wenn mein Freund seine eigene Frau begehrt und wenn das Tugend ist, ist es dann nicht auch Tugend, wenn auch ich seine Frau begehre, denn wir begehren dasselbe? Aber wenn es notwendig ist, unsere Gelenke dem Nebel der Themse auszusetzen, dann war es eine Tugend, zu Hause zu bleiben.«
»Wohl gesprochen, alter Maulwurf«, sagte de Vac lächelnd. »Deine wundersame Logik würde mir, so dünkt mich, in meinem Alter gut anstehen.«
»Der beste Schwertarm der gesamten Christenheit braucht keine andere Logik als das Schwert, sollte ich meinen«, sagte Brus und kehrte zu seiner Gartenarbeit zurück.
Am Nachmittag des folgenden Tages stand de Vac an einem Fenster der Waffenkammer und blickte auf den schönen Garten, der sich vor ihm bis zur zweihundert Meter entfernten Flussmauer ausbreitete. Im Vordergrund erstreckten sich von Buchsbaum umsäumte Spazierwege, glatte Rasenflächen und geometrische Beete mit wunderschön blühenden Pflanzen. Hier und da sah man Marmorstatuen von Waldnymphen und Satyrn weiß aufblinkten, die im hellen Sonnenlicht schimmerten oder halb beschattet von einem überhängenden Busch im flimmernden tobenden Spiel von Licht und Schatten einen Hauch von Leben annahmen, während sich die Blätter über ihnen bei schwacher Brise hin und her bewegten. Weiter in der Ferne verdeckten dichtere Büsche die Flussmauer, und die formale, geometrische Präzision der näheren Umgebung wurde durch einen Hintergrund aus efeubewachsenen Lauben und einer Fülle von kleinen Bäumen und blühenden Sträuchern gemildert, die in geplanter Unordnung arrangiert waren.
Durch diesen scheinbaren Dschungel führten gewundene Pfade, und Bänke aus behauenem Stein boten rustikale Sitzgelegenheiten, und Schaukeln hingen an den Zweigen von Obstbäumen.
Zu diesem bezaubernden Ort gingen langsam die Lady Maud und ihr kleiner Schützling, Prinz Richard, und keiner von beiden ahnte etwas von dem finsteren Beobachter am Fenster hinter ihnen.
Ein großer Pfau stolzierte stolz über den Weg, und als Richard ihm hinterherlief, wie es Kinder tun, eilte Lady Maud zu dem Hintertörchen, schloss es rasch auf und ließ ihren Galan ein, der draußen gewartet hatte. Nachdem sie das Tor wieder geschlossen hatten, schlenderten die beiden Arm in Arm zu der kleinen Laube, die ihr Treffpunkt war.
Während die Liebenden völlig selbstversunken miteinander turtelten, spielte der kleine Prinz fröhlich zwischen den Bäumen und Blumen, und keiner sah das strenge, entschlossene Gesicht, das in einiger Entfernung von dem spielenden Jungen durch das Blattwerk spähte.
Klein-Richard widmete seine königlichen Energien der Jagd auf einen flatternden Schmetterling, der vom Schicksal immer näher und näher an den kalten, harten Beobachter im Gebüsch herangeführt wurde. Immer näher kam der kleine Prinz, und im nächsten Moment war er durch die blühenden Sträucher geplatzt und stand dem gestrengen Fechtmeister gegenüber.
»Euer Hoheit«, sagte de Vac und verbeugte sich vor dem kleinen Kerl, »lasst den alten de Vac Euch helfen, das hübsche Tierchen zu fangen.«
Richard, der de Vac oft gesehen hatte, fürchtete ihn nicht, und so begannen sie gemeinsam, den Schmetterling zu verfolgen, der inzwischen außer Sichtweite war. De Vac wandte ihre Schritte in Richtung des kleinen Hintertores, aber als er mit dem kleinen Prinzen hindurchtreten wollte, rebellierte dieser.
»Kommt, Hoheit«, forderte de Vac, »mich dünkt, dass der Schmetterling über die Mauer geflogen ist. Wir können ihn fangen und dann sofort in den Garten zurückkehren.«
»Geht Ihr und holt ihn«, antwortete der Prinz. »Der König, mein Vater, hat mir verboten, das Palastgelände zu verlassen.«
»Kommt«, befahl de Vac in strengerem Ton, »es kann Euch nichts geschehen.«
Aber der Knabe wollte nicht mit ihm gehen, sodass de Vac gezwungen war, ihn grob am Arm zu greifen. Richard stieß einen Schrei der Empörung aus.
»Lass mich los, Kerl«, schrie der Junge. »Wie kannst du es wagen, Hand an einen Prinzen von England zu legen?«
De Vac presste seine Hand auf den Mund des Kindes, um seine Schreie zu stillen, aber es war zu spät. Lady Maud und ihr Liebhaber hatten es gehört, und im nächsten Augenblick stürzten sie auf das Hintertor zu. Der Offizier zog im Laufen sein Schwert.
Als sie die Mauer erreichten, befanden sich de Vac und der Prinz bereits draußen, und der Franzose hatte das Tor zugeschlagen und versuchte, es abzuschließen. Aber behindert durch den kämpfenden Jungen hatte er keine Zeit, den Schlüssel umzudrehen, bevor der Hauptmann sich gegen die Torflügel warf und sich, dicht gefolgt von Lady Maud, dem Fechtmeister gegenübersah.
De Vac ließ den Schlüssel fallen, packte den jetzt völlig verstörten Prinzen mit der linken Hand, zog sein Schwert und trat dem Hauptmann entgegen.
Es gab keine Worte, es bedurfte auch keiner; de Vacs Absichten waren zu offensichtlich. Also trafen die beiden mit grimmiger Wut aufeinander; der tapfere Hauptmann stand dem besten Schwertkämpfer gegenüber, den Frankreich je hervorgebracht hatte, in einem sinnlosen Versuch, seinen jungen Prinzen zu retten.
Im Handumdrehen hatte de Vac ihn entwaffnet, aber entgegen den Gesetzen der Ritterlichkeit senkte er die Spitze seiner Klinge erst, nachdem sie das Herz seines tapferen Gegners durchbohrt hatte. Dann sprang er mit einem Satz zwischen Lady Maud und das Tor, sodass diese nicht in den Garten zurücklaufen und Alarm schlagen konnte.
Immer noch das zitternde Kind in seinem eisernen Griff packend, stand er der Hofdame gegenüber und versperrte ihr den Weg.
»Mon Dieu, Sir Jules«, rief sie, »Seid Ihr des Wahnsinns?«
»Nein, Mylady«, antwortete er, »aber ich hatte nicht damit gerechnet, das tun zu müssen, was jetzt unausweichlich ist. Warum habt ihr nicht den Mund gehalten und das Schicksal des kleinen Prinzen in die Hand seines Schutzpatrons gelegt? Euer übereiltes Handeln hat uns in eine schöne Sackgasse geführt, denn es heißt nun entweder Ihr oder ich, Mylady, und ich kann’s nicht leiden. Sprecht Eure Gebete, und macht Euch bereit zu sterben.«
Heinrich III., König von England, saß in seinem Ratssaal, umgeben von den großen Herren und Adligen, die sein Gefolge darstellten. Er erwartete Simon de Montfort, Graf von Leicester, den er herbeigerufen hatte, um ihm noch weitere Demütigungen zu erteilen, mit der Absicht, ihn so zu erniedrigen und zu entehren, dass er England für immer den Rücken kehrte. Der König fürchtete diesen mächtigen Verwandten, der ihm so mutig vor den Torheiten warnte, die sein Königreich an den Rand des Aufstands brachten.
Was das Ergebnis dieser Audienz gewesen wäre, lässt sich nicht sagen, denn Leicester war gerade erst eingetreten und hatte seinem Herrscher gehuldigt, als es zu einer Störung kam, welche die kleinen Streitigkeiten von König und Höfling in einer gemeinsamen Sorge ertränkte, die die Herzen aller berührte.
Auf der einen Seite des Saales brach eine Unruhe aus, die Reihen teilten sich, und Eleanor, Königin von England, stolperte auf den Thron zu. Tränen strömten über ihre bleichen Wangen.
»Oh, mein Gott! Mylord«, rief sie, »Richard, unser Sohn, ist ermordet und in die Themse geworfen worden.«
In einem Augenblick herrschte Verwirrung und Aufruhr, und nur unter größten Schwierigkeiten erhielt der König schließlich eine stimmige Aussage von seiner Königin.
Wie es schien, war die Königin benachrichtigt worden, als Lady Maud nicht zur üblichen Zeit mit Prinz Richard in den Palast zurückgekehrt war, und man hatte sofort eine Suche eingeleitet – eine Suche, die über zwanzig Jahre andauern sollte; aber die ersten Ergebnisse davon ließen die Herzen des Hofes zu Stein werden. Denn bei dem offenen Hintertor lagen die Leichen Lady Mauds und eines gewissen Hauptmanns der Wache, aber nirgendwo gab es ein Zeichen oder eine Spur von Prinz Richard, dem zweiten Sohn von Heinrich III. von England und damals jüngstem Prinzen des Königreiches.
Es dauerte zwei Tage, bis die Abwesenheit de Vacs bemerkt wurde, und daraufhin erinnerte einer der Höflinge den König an die Episode des Fechtkampfes, und ein Motiv für die Entführung des kleinen Königssohnes wurde offensichtlich.
Ein Dekret wurde erlassen, das die Untersuchung jedes Kindes in England vorschrieb; denn auf der linken Brust des kleinen Prinzen befand sich ein Muttermal, das einer Lilie ähnelte. Und als nach einem Jahr kein Kind gefunden wurde, das ein solches Zeichen trug, und sich keine Spur von de Vac fand, wurde die Suche nach Frankreich ausgedehnt; noch wurde sie über mehr als zwanzig Jahre jemals ganz aufgegeben.
Die erste Theorie, dass es sich um ein Attentat gehandelt habe, wurde bei näherer Überlegung bald aufgegeben, denn es war offensichtlich, dass ein Attentäter sich ebenso des kleinen Prinzen hätte entledigen können, als er Lady Maud und ihren Liebhaber tötete, wenn dies sein Bestreben gewesen wäre.
Der Eifrigste bei der Suche nach Prinz Richard war Simon de Montfort, Graf von Leicester, der seinem königlichen Neffen stets eine solche Zuneigung entgegengebracht hatte, dass sie auch dem Hofstaat des Königs nicht verborgen geblieben war.
So wurde fürs Erste der Bruch zwischen de Montfort und seinem König gekittet, und obwohl der große Adlige seiner Herrschaft in der Gascogne beraubt wurde, erlitt er wenig weitere Unbill durch seinen königlichen Herrn.
Viertes Kapitel
Als de Vac sein Schwert aus Lady Mauds Herz zog, schauderte ihn, denn so gnadenlos er auch war, war er doch vor dieser grausamen Tat zurückgeschreckt. Doch er war zu weit gegangen, um jetzt einen Rückzieher zu machen, und hätte er Lady Maud am Leben gelassen, dann wären ihm in zehn Minuten die gesamte Palastwache und die ganze Stadt London auf den Fersen gewesen; es hätte kein Entkommen gegeben.
Der kleine Prinz war nun so verängstigt, dass er nur noch zittern und wimmern konnte. Der schreckliche de Vac machte ihm so große Angst, dass eine Drohung mit dem Tod seine Zunge mühelos zum Schweigen brachte, und so führte ihn der grimmige alte Mann zu dem Boot, das tief in den dichten Büschen versteckt war.
De Vac wagte es nicht, bis zum Einbruch der Dunkelheit in diesem Versteck zu bleiben, wie er es zuerst beabsichtigt hatte. Stattdessen zog er ein schmutziges, zerlumptes Kleid aus dem Bündel unter der Ruderbank und verkleidete sich damit als alte Frau und zog ein leinenes Tuch tief über Kopf und Stirn, um seine kurzen Haare zu verstecken. Er verbarg das Kind unter den anderen Kleidungsstücken, stieß vom Ufer ab und ruderte, wobei er sich immer nahe am Ufer hielt, die Themse hinunter zu dem alten Dock, wo er in der vergangenen Nacht sein Boot versteckt hatte. Er erreichte sein Ziel unbemerkt und trieb das Boot unter den Steg und weit in die dunkle Tiefe des höhlenartigen Unterschlupfs hinein.
Hier beschloss er, sich zu verstecken, bis es dunkel wurde; denn er wusste, dass die Suche nach dem verschwundenen kleinen Prinzen jeden Moment beginnen würde und dass niemand die Straßen Londons betreten konnte, ohne sich einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.
De Vac nutzte die erzwungene Wartezeit, um den Prinzen auszuziehen und ihn in andere Kleidungsstücke zu stecken, die in das Bündel unter der Ruderbank eingewickelt gewesen waren, einen kleinen roten Wollkittel mit passender Hose, ein schwarzes Diplett und ein winziges Lederwams und eine Lederkappe.
Die weggeworfene Kleidung des Prinzen wickelte er um einen großen Stein, den er aus dem zerfallenden Mauerwerk der Flussmauer brach, und versenkte das Bündel im schweigenden Fluss.
Der Prinz hatte inzwischen wieder etwas von seiner früheren Selbstsicherheit zurückgewonnen, und als er feststellte, dass de Vac nicht vorhatte, ihm zu schaden, begann der kleine Kerl, als sein kindliches Staunen über dieses seltsame Abenteuer die Oberhand über seine frühere Besorgnis gewann, seinen grimmigen Gefährten zu befragen.
»Was machen wir hier, Sir Jules?«, fragte er. »Bringt mich zurück zum König, dem Palast meines Vaters! Ich mag weder dieses dunkle Loch noch die seltsamen Kleider, die du mir angezogen hast.«
»Sei still, Junge!«, befahl der alte Mann. »Sir Jules ist tot, und du bist nicht mehr der Sohn eines Königs. Merke dir das gut, und sprich mich nie wieder mit Sir Jules an und nenn dich nie wieder einen Prinzen.«
Der Junge schwieg, wieder eingeschüchtert durch den heftigen Ton seines Entführers. Alsdann begann er zu wimmern, denn er war müde und hungrig und verängstigt – nur ein armes kleines Kind, hilflos und hoffnungslos in den Händen dieses grausamen Feindes. All seine edle Herkunft war zusammenmit der Pracht seiner fürstlichen Kleider im dicken Schlamm auf dem Grund der Themse versunken. Und so fiel er bald auf dem Boden des Bootes in einen unruhigen Schlaf.
Als die Dunkelheit hereingebrochen war, schob de Vac das Boot nach außen an die Seite des Docks und nahm das schlafende Kind auf die Arme. Einen Moment blieb er lauschend stehen, um sich auf den Weg durch die Gasse vorzubereiten, die zu Tils Behausung führte.
Als er so dastand, drang das leise Geräusch einer klirrenden Rüstung an seine gespitzten Ohren; immer lauter wurde es, bis es keinen Zweifel mehr daran gab, dass sich eine Gruppe von Männern näherte.
De Vac nahm seinen Platz im Boot wieder ein und zog es wieder unter das Dock. Kaum hatte er dies getan, trat eine Rotte von gepanzerten Rittern und bewaffneten Männern waffenklirrend auf den Brettern über ihm aus der Öffnung der dunklen Gasse. Hier hielten sie zur Beratung inne, und der Zuhörer unten konnten deutlich jedes Wort ihres Gesprächs hören.
»De Montfort«, sagte einer, »was haltet Ihr davon? Kann es sein, dass die Königin recht hat und Richard tot in diesen schwarzen Fluten liegt?«
»Nein, de Clare«, antwortete eine tiefe Stimme, die de Vac als die des Grafen von Leicester erkannte. »Die Hand, die den Prinzen unter den Augen von Lady Maud oder ihrem Gefährten aus den Gärten seines Vaters entführen konnte, was offensichtlich der Fall gewesen sein muss, hätte ihn leichter und sicherer im Garten ermorden können, wenn dies das Ziel dieses seltsamen Anschlags gewesen wäre. Ich denke, Mylord, dass wir bald von einem verwegenen Kerl hören werden, der Lösegeld für den kleinen Prinzen fordert. Gott gebe, dass dies der Fall ist, denn von all den bezaubernden und kleinen Burschen, die ich je gesehen habe, war der kleine Richard der Liebenswerteste. Ich wünsche mir, den üblen Feind in die Finger zu bekommen, der diese schreckliche Tat begangen hat.«
Unter den Brettern, nicht vier Fuß von Leicester entfernt, lag das Objekt seiner Suche. Die klirrende Rüstung, die schweren gespornten Füße und die Stimmen über ihm hatten den kleinen Prinzen geweckt und er setzte sich mit einem erschrockenen Schrei aufrecht. Sofort presste de Vac seine eiserne Hand auf den kleinen Mund, aber nicht bevor ein einziger schwacher Klagelaut das Ohr der Männer darüber erreicht hatte.
»Hört! Was war das, Mylord?«, rief einer der bewaffneten Männer.
In angespannter Stille lauschten sie auf eine Wiederholung des Lauts, und dann schrie de Montfort: »Wer, zum Teufel, ist da unten? Wer versteckt sich da unter dem Steg? Antwortet, im Namen des Königs!«
Richard erkannte die Stimme seines Lieblingsonkels und kämpfte darum, sich zu befreien, aber de Vacs brutaler Griff erstickte die schwachen Bemühungen des Kindes, und alles blieb ruhig wie ein Grab, während die Männer oben warteten und lauschten.
»Dockratten«, sagte de Clare, und dann, als ob der Teufel sie zum Schutz seiner Anbefohlenen anleiten würde, huschten zwei riesige Ratten zwischen den losen Brettern nach oben und liefen quietschend die dunkle Gasse hinauf.
»Ihr habt recht«, sagte de Montfort, »aber wenn ich die beiden schmutzigen Biester nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte ich schwören können, dass es das schwache Klagen eines Kindes war. Kommt, lasst uns zur nächsten abscheulichen Gasse gehen. Wir haben hier keinen Erfolg gehabt, obwohl diese alte Hexe, die sich Til nannte, allzu begierig schien, mit uns über die künftigen Informationen zu verhandeln, die sie uns hoffte geben zu können.«
Als sie weitergingen, wurden ihre Stimmen in den Ohren der Zuhörer unter dem Dock schwächer und verloren sich bald in der Ferne.
»Das war knapp«, dachte de Vac, als er das Kind wieder aufnahm und auf den Steg hinaufkletterte. Ohne weitere Störung erreichte er bald die Tür zu Tils Haus und schlich sich mit dem Schlüssel lautlos zu dem geheimen Söller, den er von der elenden Vettel gemietet hatte.
Es gab keine Treppe vom Obergeschoss zum Dachboden darüber; der Aufstieg erfolgte über eine Holzleiter, die de Vac hinter sich hochzog. Dann schloss und sicherte er die Öffnung, durch die er mit seiner Last geklettert war, durch eine schwere Falltür mit dicken Brettern.
Der Raum, den sie nun betraten, erstreckte sich über den gesamten östlichen Teil des Gebäudes und hatte Fenster auf drei Seiten. Diese waren mit Brettern vernagelt. Die Wohnung wurde von einem kleinen Kohlebecken erleuchtet, das an einem Sparren in der Mitte des Raumes hing. Die Wände waren unverputzt und die Sparren lagen frei; das Ganze hatte ein eher stallartiges, unwirtliches Aussehen.
In einer Ecke befand sich ein riesiges Bett und im anderen Teil des Zimmers ein kleineres Kinderbett. Ein Schrank, ein Tisch und zwei Bänke vervollständigten die Einrichtung. Diese Artikel hatte de Vac selbst gekauft und herbeigeschafft, für die Zeit, die er mit seinem kleinen Gefangenen hier zu verbringen gedachte.
Auf dem Tisch standen ein Laib Schwarzbrot, ein Steinguttopf mit Honig, ein Milchkrug und zwei Trinkbecher. Diesen widmete de Vac sofort seine Aufmerksamkeit und befahl dem Kind, sich davon zu nehmen, was es wolle.
Der Hunger überwand die Ängste des kleinen Prinzen, und er machte sich über die seltsame, biedere Kost her, deren Einfachheit durch das grobe Geschirr und die raue Umgebung noch verstärkt wurde, die so anders waren als die königliche Pracht des Palastes.
Während das Kind aß, eilte de Vac auf der Suche nach Til, der er nun gründlich misstraute, in das untere Stockwerk des Gebäudes. Die Worte de Montforts, die er am Steg mitgehört hatte, hatten ihn überzeugt, dass es hier ein weiteres Hindernis für die Erfüllung seiner Rache gab, das ebenso wie Lady Maud beseitigt werden musste. Aber in diesem Fall sprachen weder Jugend noch Schönheit zugunsten des Opfers oder vermochten das Herz des grimmigen Henkers zur Reue zu bewegen.
Als er die alte Vettel fand, war sie bereits angekleidet, um auf die Straße zu gehen; tatsächlich fing er sie an der Tür des Gebäudes ab. Da er noch mit dem Umhang und dem Kopftuch einer alten Frau angetan war, erkannte Til ihn zunächst nicht, und als er sie ansprach, brach sie in ein nervöses, gackerndes Lachen aus, als habe er sie bei einer fragwürdigen Tat ertappt, was der Aufmerksamkeit des wütenden Fechtmeisters nicht entging.
»Wohin des Wegs, Alte?«, fragte er.
»Zu Maggie Tunk am Ende der Gasse, am Fluss, Mylord«, antwortete sie, mit mehr Respekt, als sie ihm üblicherweise entgegengebracht hatte.
»Dann werde ich dich ein Stück begleiten, und vielleicht kannst du mir bei einigen Sachen helfen, die noch in dem Boot liegen, das ich dort festgemacht habe.«
Und so gingen die beiden gemeinsam durch die dunkle Gasse bis zum Ende des klapprigen, verfallenen Stegs; die Frau dachte an die große Belohnung, die der König ihr für die Nachricht, die allein sie ihm überbringen konnte, geben würde; der Mann tastete unter seinem Mantel nach dem Griff eines langen Dolchs, der dort verborgen war.
Als sie das Flussufer erreichten, trat de Vac von hinten an seine Begleiterin heran, seine Rechte zog den scharfen Dolch aus der Scheide, und als die Frau auf dem Dock anhielt, stieß er ihr die Klinge knapp unter ihrem linken Schulterblatt lautlos ins Herz, während zugleich seine linke Hand hochfuhr und ihre Kehle in einem stählernen Griff packte.
Es gab kein Geräusch, kaum einen Kampf der sich krampfhaft versteifenden alten Muskeln, und dann, mit einem Stoß von de Vac, stürzte der Körper nach vorne in die Themse, wo ein dumpfes Aufklatschen das Ende der letzten Hoffnung bezeichnete, dass Prinz Richard aus den Klauen seines Nemesis gerettet werden könnte.
Fünftes Kapitel
Drei Jahre lang nach dem Verschwinden von Prinz Richard lebte eine gebeugte alte Frau im Herzen Londons, nur einen Steinwurf vom Palast des Königs entfernt. Sie wohnte hoch oben auf dem Söller eines alten Gebäudes in einem Hinterzimmer, und bei ihr war ein kleiner Junge, der weder allein noch tagsüber nach draußen ging. Auf seiner linken Brust war ein seltsames Mal, das einer Lilie ähnelte. Und immer, wenn die gebeugte alte Frau sicher in ihrer Dachkammer war und die Falltür hinter sich verriegelt hatte, richtete sie sich auf und warf den schmutzigen Umhang ab, unter dem ein Wams und Hosen zum Vorschein kamen.
Jahrelang arbeitete sie fleißig an der Ausbildung des kleinen Jungen. Es gab drei Fächer in ihrem Lehrplan: Französisch, Schwertkunst und Hass auf alles Englische, besonders auf das Königshaus von England.
Die alte Frau hatte ein winziges Übungsschwert gebastelt und begonnen, den kleinen Jungen ab dem Alter von drei Jahren die Kunst des Fechtens zu lehren.
»Du wirst der größte Schwertkämpfer der Welt sein, wenn du zwanzig bist, mein Sohn«, sagte sie, »und dann wirst du hinausgehen und viele Engländer töten. Dein Name wird überall in England gehasst und verflucht werden, und wenn du endlich mit einem Strick um den Hals dastehst, ja, dann werde ich reden. Dann werden sie alles erfahren.«
Der kleine Junge verstand nicht alles, er wusste nur, dass er warme Kleidung und genug zu essen hatte und dass er ein großer Mann sein würde, wenn er lernte, mit einem echten Schwert zu kämpfen, und groß genug war, um eines zu führen. Er wusste auch, dass er Engländer hasste; aber warum, wusste er nicht.
Weit zurück in den äußersten Nischen seines kleinen, kindlichen Kopfes schien er sich an eine Zeit zu erinnern, in der sein Leben und seine Umgebung ganz anders gewesen waren; als anstelle dieser alten Frau viele Menschen um ihn herum gewesen waren, und eine süße Dame ihn in ihren Armen gehalten und geküsst hatte, bevor er nachts ins Bett gebracht wurde. Aber er war sich nicht sicher, ob dies nicht vielleicht doch nur ein Traum war, an den er sich erinnerte, denn er hatte viele seltsame und wunderbare Träume.
Als der kleine Junge etwa sechs Jahre alt war, kam ein seltsamer Mann auf ihren Dachboden, um die kleine alte Frau zu besuchen. Es war in der Abenddämmerung, aber die alte Frau entzündete dien Lampendocht nicht, und sie flüsterte dem kleinen Jungen zu, im Schatten der äußersten Ecke der kahlen Kammer zu bleiben.
Der Fremde war alt und bucklig und hatte einen großen Bart, der fast sein ganzes Gesicht verbarg, bis auf zwei stechende Augen, eine große Nase und ein wenig runzlige Stirn. Beim Sprechen begleitete er seine Worte mit häufigem Schulterzucken und fahrigen Armbewegungen und anderen seltsamen und amüsanten Gesten. Das Kind war fasziniert. Hier war die erste Unterhaltung seines kleinen begrenzten Lebens. Er hörte dem Gespräch aufmerksam zu, das auf Französisch geführt wurde.
»Ich habe genau das Richtige für Madame«, sagte der Fremde. »Es ist eine nobles und stattliches Kastell weit weg von ausgetretenen Pfaden. Die Burg wurde in den alten Tagen von Harold dem Sachsen erbaut, aber in späteren Zeiten haben Tod und Armut und die Ungunst des Königs sie seinen Nachkommen entrissen. Ein paar Jahre später übereignete Heinrich es diesem Verschwender Henri de Macy, der es mir für eine Anleihe verpfändete, die er nicht zurückzahlen konnte. Heute ist es mein Eigentum, und da es weit von Paris entfernt ist, mögt Ihr es für die bescheidene Summe haben, den ich Euch genannt habe. Es ist ein Schnäppchen, Madame.«
»Und wenn ich dorthin komme, werde ich feststellen, dass ich einen bröckelnden Haufen verfallenes Mauerwerk gekauft habe, in dem nicht einmal eine Familie von Füchsen leben kann«, antwortete die alte Frau verdrießlich.
»Ein Turm ist eingefallen, und das Dach ist für die Hälfte der Länge eines Flügels eingestürzt«, erklärte der alte Franzose. »Aber die drei unteren Stockwerke sind intakt und einigermaßen bewohnbar. Es ist selbst jetzt noch viel größer als die Schlösser vieler edler Barone Englands, und der Preis, Madame – ah, der Preis ist so lächerlich niedrig.«
Immer noch zögerte die alte Frau.
»Kommt«, sagte der Franzose. »Ich habe die Lösung. Hinterlegt das Geld bei Isaak dem Juden, den Ihr kennt, und er wird es vierzig Tage lang zusammen mit der Urkunde verwahren, was Euch genügend Zeit gibt, nach Derby zu reisen und das Objekt in Augenschein zu nehmen. Wenn Ihr nicht ganz zufrieden seid, wird Isaak der Jude Euer Geld an Euch und den Kaufvertrag an mich zurückgeben, aber wenn Ihr am Ende von vierzig Tagen nicht nach Eurem Geld gefragt hast, dann wird Isaak die Urkunde an Euch und das Geld an mich senden. Ist das nicht ein einfacher und fairer Weg aus dem Dilemma?«
Die kleine alte Frau dachte einen Moment nach und räumte schließlich ein, dass es ein gangbarer Weg zu sein schien, die Sache zu regeln. Und so wurde es beschlossen.
Einige Tage später rief die kleine alte Frau das Kind zu sich.
»Wir beginnen heute Abend mit einer langen Reise in unser neues Zuhause. Wir werden deinen Kopf mit einem Tuch umwickeln, denn du hast starke Zahnschmerzen Hast du verstanden?«
»Aber ich habe keine Zahnschmerzen. Meine Zähne tun überhaupt nicht weh. Ich ...«, protestierte das Kind.
»Tz, tz, tz«, unterbrach die kleine alte Frau. »Keiner darf dich erkennen, und darum müssen wir dein Gesicht verbergen. Und hör zu, wenn jemand dich unterwegs fragt, warum dein Kopf so umwickelt ist, dann sagst du, dass du Zahnschmerzen hast. Und wenn du nicht tust, was ich sage, werden die Männer des Königs uns gefangen nehmen, und man wird uns hängen, denn der König hasst uns. Wenn du den englischen König hasst und dein Leben liebst, tue, was ich dir befehle.«
»Ich hasse den König«, antwortete der kleine Junge. »Aus diesem Grund werde ich tun, was du sagst.«
So brachen sie in dieser Nacht zu einer langen Reise nach Norden in Richtung Derby auf. Viele Tage lang ritten sie auf zwei kleinen Eseln. Seltsame Anblicke füllten die Tage für den kleinen Jungen, der sich an nichts außerhalb des nackten Dachbodens seines Londoner Hauses und der schmutzigen Londoner Gassen erinnerte, die er nur nachts durchquert hatte.
Ihr Weg wand sich über schöne parkähnliche Wiesen und durch dunkle, unheimliche Wälder, und ab und zu passieren sie kleine Dörfer mit strohgedeckten Hütten. Gelegentlich sahen sie gepanzerte Ritter vorbeireiten, allein oder in kleinen Gruppen, aber die Begleiterin des Kindes schaffte es immer wieder, sich am Straßenrand in Deckung zu begeben, bis die grimmigen Reiter vorüber waren.
Einmal, als sie sich in einem dichten Wald neben einer kleinen offenen Wiese versteckten, über die die Straße führte, sah der Junge zwei Ritter von beiden Seiten in die Lichtung kommen. Für einen Moment zogen sie die Zügel an und starrten einander schweigend an, und dann schrie einer, ein großer schwarzer Ritter, der auf einem schwarzen Streitross saß, dem anderen etwas zu, was der Junge nicht verstand. Der andere Ritter reagierte nur, indem er seine Lanze einlegte und mit gesenkter Spitze auf seinen schwarz gepanzerten Gegner zuhielt. Ein Dutzend Schritte trabten ihre großen Tiere langsam aufeinander zu, aber dann trieben die Ritter sie zu vollem Galopp an, und als die beiden eisengepanzerten Männer auf ihren eisernen Streitrössern in der Mitte der Lichtung aufeinandertrafen, geschah es mit all der grandiosen Wirkung des vollen Schwungs.
Die Lanze des schwarzen Reiters traf mitten auf den Lindenschild seines Gegners, das massive Gewicht des mächtigen schwarzen Rosses prallte gegen den Grauen, der mit seinem Reiter in den Staub der Straße stürzte. Der Schwung des Schwarzen trug ihn fünfzig Schritte hinter dem gefallenen Reiter weiter, bevor sein Herr ihn zügeln konnte, dann drehte sich der schwarze Ritter um, um das Unheil, das er angerichtet hatte, in Augenschein zu nehmen. Das graue Pferd war inzwischen wieder schwankend auf die Beine gekommen, aber sein Reiter lag still da, wo er gefallen war.
Mit aufgeklapptem Visier ritt der schwarze Ritter zu der Stelle zurück, wo sein besiegter Gegner am Boden lag. Auf seinen Lippen lag ein grausames Lächeln, als er sich der hingestreckten Gestalt zuwandte. Mit höhnischen Worten sprach er ihn an, aber er erhielt keine Antwort. Dann stieß er den gefallenen Mann mit der Spitze seines Speers an. Auch das löste keine Bewegung aus. Mit einem Achselzucken auf den gepanzerten Schultern sprengte der schwarze Ritter die Straße hinunter, bis er in den düsteren Schatten des umliegenden Waldes verschwunden war.
Der kleine Junge war fasziniert. So etwas hatte er noch nie gesehen oder geträumt.
»Eines Tages wirst du auch so etwas tun, mein Sohn«, sagte die kleine alte Frau.
»Eine Rüstung tragen und auf einem großen schwarzen Ross reiten?«, fragte er.
»Ja, und du wirst mit deiner starken Lanze und deinem mächtigen Schwert über die Straßen Englands reiten und eine Spur von Blut und Tod hinterlassen, denn jeder Mensch wird dein Feind sein. Aber komm, wir müssen weiter.«
Sie fuhren weiter und ließen den toten Ritter zurück, wo er gefallen war, aber der Knabe bewahrte das, was es gesehen hatte, in seinem Herzen und sehnte sich nach dem Tag, an dem er groß und stark sein würde wie der gewaltige schwarze Ritter.
An einem anderen Tag, als sie sich in einer verlassenen Hütte versteckten, um der Aufmerksamkeit eines Wagenzugs von Händlern zu entgehen, die mit ihren Waren ins Landesinnere reisten, sahen sie eine Gruppe von Räubern aus der Deckung einiger Büsche auf der anderen Seite der Straße eilen und über die überraschten und wehrlosen Händler herfallen.
Zerlumpte, bärtige, ungehobelte Schurken waren sie, bewaffnet meist mit Knüppeln und Dolchen und hier und da einer Armbrust. Ohne Gnade machten sie Alt und Jung kaltblütig nieder, auch wenn diese keinen Widerstand leisteten. Diejenigen, die es schafften, ergriffen die Flucht, den Rest ließen die Räuber tot oder sterbend auf der Straße zurück, als sie sich mit ihrer Beute davonmachten.
Zuerst war das Kind entsetzt, aber als er sich Mitleid heischend an die kleine alte Frau wandte, fand er ein grimmiges Lächeln auf ihren dünnen Lippen. Sie bemerkte seinen Ausdruck der Bestürzung.
»Es ist nichts, mein Sohn. Nur englische Hunde, die sich auf englische Schweine stürzen. Eines Tages wirst du beide aufeinander hetzten – und das wird ihnen recht geschehen.«
Der Junge gab keine Antwort, aber er dachte viel über das nach, was er gesehen hatte. Ritter waren grausam zu Rittern, die Armen waren grausam zu den Reichen, und jeder Tag der Reise hatte in seinem kindlichen Verstand die Erkenntnis reifen lassen, dass alle sehr grausam und hart zu den Armen waren. Er hatte sie in all ihrem Elend und ihrem Leid gesehen – eine lange Reihe von gebeugten Rücken, dünnen Leibern und hoffnungslosen, traurigen Gesichtern, die sich von der großen Stadt London bis hierher erstreckte.
»Ist denn niemand auf der ganzen Welt glücklich?«, brach es einmal aus ihm hervor.
»Nur derjenige, der das mächtigste Schwert führt«, entgegnete die alte Frau. »Du hast gesehen, mein Sohn, dass alle Engländer Tiere sind. Sie stürzen sich aufeinander und töten sich gegenseitig aus geringem oder gar keinem Anlass. Wenn du älter bist, wirst du ausziehen und sie alle töten; denn wenn du sie nicht tötest, dann töten sie dich.«
Endlich, nach mühseligen Tagen auf der Straße, kamen sie an ein kleines Dorf in den Bergen. Hier wurden die Esel verkauft und ein großes Pferd erworben, auf dem die beiden weit hinauf in ein raues und unwirkliches Land abseits der ausgetretenen Pfade ritten, bis sie sich eines Abends einer Burgruine näherten.
Die dräuenden Wände ragten wuchtig gegen den mondhellen Himmel empor, und wo ein Teil des Daches eingefallen war, ließ der kalte Mond, der durch die schmalen, unverglasten Fenster schien, den mächtigen Steinhaufen an einen riesigen, vieläugigen Oger gemahnen, der auf der Flanke einer verlassenen Welt hockte; denn nirgendwo ringsum war ein anderes Zeichen menschlicher Behausung zu finden.
Vor dieser düsteren Ruine saßen die beiden ab. Der kleine Junge war voller Staunen, und seine kindliche Fantasie schlug Purzelbäume, als sie sich zu Fuß mit dem Pferd am Zügel der bröckelnden Barbakane näherten. Aus dem dunklen Schatten der Außenmauer traten sie in den mondhellen Innenhof. Auf der anderen Seite des Hofes fand die alte Frau die alten Ställe, und hier, unter verrottenden Brettern, stellte sie das Pferd für die Nacht ein und schüttete aus einer Tasche, die über seinem Rumpf hing, für ihn ein wenig Hafer auf den Boden.
Dann ging sie voraus in die tiefdunkle Burg und beleuchtete ihren Vorstoß mit einem flackernden Kienspan. Die alte Beplankung der Böden, lange ungenutzt, stöhnte und klapperte unter ihren Tritten. Vor ihnen war ein plötzliches Krabbeln von Krallenpfoten zu hören, und ein roter Fuchs, den sie aufgescheucht hatten, huschte vorbei nach draußen in die Freiheit der Nacht.
Alsdann kamen sie zur großen Halle. Die alte Frau schob die hohen Türen mit ihren knarrenden Scharnieren auf und erhellte das mächtige, höhlenartige Innere mit dem flackernden Licht ihrer kleinen Fackel. Als sie vorsichtig hineintraten, stäubten aus den lang verrotteten Binsen, die unter ihren Füßen zerfielen, Spelzen auf. Eine riesige Fledermaus kreiste wild mit laut flatternden Flügeln in offensichtlichem Missfallen ob dieses unhöflichen Eindringens. Seltsame Geschöpfe der Nacht huschten oder zappelten über Wand und Boden.
Aber der Knabe hatte keine Angst. Angst war nicht Teil des Lehrplans der alten Frau gewesen. Der Junge kannte die Bedeutung des Wortes nicht, noch sollte er je in seinem späteren Leben dieses Gefühls teilhaftig werden. Mit kindlichem Eifer folgte er seiner Gefährtin, als sie das Innere des Saales inspizierte. Es war immer noch ein imposanter Raum. Der Junge klatschte vor Freude ob der Schönheiten der geschnitzten und getäfelten Wände und der eichenen Balkendecke, die fast schwarz gefärbt war vom Ruß der Fackeln und Öllampen, die hier in früheren Zeiten angezündet worden waren, unterstützt zweifellos von den Holzfeuern, die in ihren beiden riesigen Kaminen gebrannt hatten, um die fröhlichen Schar der edlen Feiernden zu erwärmen, die so oft bis in die Morgenstunden um den großen Tisch gesessen hatten.
Hier ließen sie sich häuslich nieder. Aber die gebeugte Alte war keine alte Frau mehr – sie war zu einem drahtigen, aktiven alten Mann geworden.
Die Ausbildung des kleinen Jungen – Französisch, Schwertkampf und Hass auf die Engländer – ging weiter und zwar Jahr für Jahr. Hinzu kam das Reiten, als er zehn Jahre alt war. Von da an begann der alte Mann ihm beizubringen, Englisch zu sprechen, aber mit einem betonten und sehr ausgeprägten französischen Akzent. Der Knabe konnte sich nun nicht mehr daran erinnern, irgendwann einmal mit einem anderen Lebewesen gesprochen zu haben als mit seinem Vormund, der sich von ihm nur mit »Vater« anreden ließ. Auch den Jungen nannte er nie beim Namen – immer nur »mein Sohn«.
Sein Leben in den Hügeln von Derby war so erfüllt von den harten, anspruchsvollen Aufgaben seiner Ausbildung, dass er wenig Zeit hatte, um über ihr seltsam einsames Leben nachzudenken. Noch ist es wahrscheinlich, dass er die Gesellschaft von anderen seines eigenen Alters vermisste; da er dergleichen nie erfahren hatte, konnte er sich auch kaum danach sehnen oder dessen Fehlen bedauern.
Mit fünfzehn Jahren war der Jugendliche ein hervorragender Schwertkämpfer und Reiter und von völliger Verachtung für Schmerz oder Gefahr geprägt – eine Verachtung, die das Ergebnis der harten Methoden war, die der kleine alte Mann bei der Ausbildung es Jungen anwandte. Oft übten die beiden mit scharfen Klingen und ohne Rüstung oder anderen Schutz jeglicher Art.
»Nur so«, pflegte der Alte zu sagen, »kannst du der absolute Meister deiner Klinge werden. Von solcher Sicherheit muss dein Umgang mit der Waffe sein, dass du einen Gegner nach Belieben treffen kannst, und so leicht, dass das deine Schwertspitze, ganz unter der Kontrolle einer meisterhaften Hand, angehalten werden kann, bevor sie auch nur eine Kratzer verursacht.«
Aber in der Praxis gab es viele Unfälle, und dann pflegten einer oder beide von ihnen ein paar Tage lang ihre Wunden Während also oft Blut auf beiden Seiten vergossen wurde, brachte das Training einen furchtlosen Schwertkämpfer hervor, der seine Waffe in der Tat so meisterlich beherrschte, dass er einen Stoß einen Fingerbreit vor dem Ziel aufhalten konnte.
Mit fünfzehn Jahren war er ein sehr starker und gutaussehender Bursche. Sonnengebräunt und zäh von seinem Leben im Freien; wortkarg, denn es gab niemanden, mit dem er sprechen konnte, außer dem schweigsamen alten Mann; hasserfüllt gegen alle Engländer, denn das wurde er so gründlich gelehrt wie die Schwertkunst; fließend Französisch und schlecht Englisch sprechend – und ungeduldig auf den Tag wartend, an dem der alte Mann ihn mit klirrender Rüstung und Lanze und Schild in die Welt schicken sollte, um die Ritter Englands zu bekämpfen.
Es war ungefähr zu dieser Zeit, als es den ersten größeren Bruch in der Monotonie seiner Existenz gab. Weit unten auf dem felsigen Pfad, der vom Tal unten durch die Hügel von Derby zu der verfallenen Burg führte, trieben am späten Nachmittag eines kalten Herbsttages drei gepanzerte Ritter ihre müden Rösser an. Abseits der Hauptstraße und fernab von jeglicher Behausung hatten sie durch eine Lücke in den Hügeln die Türme der Burg erspäht, und nun sprengten sie auf der Suche nach Essen und Unterkunft darauf zu.
Als die Straße höher in die Hügel hinaufführte, tauchten sie plötzlich auf dem Kamm unterhalb der Burg auf. Dort wurden sie Zeugen eines Anblicks, der sie dazu brachte, die Zügel anzuziehen und bewundernd zuzusehen. Vor ihnen im Wiesengrund kämpfte ein Junge mit einem sich aufbäumenden, wild ausschlagenden Pferd – einem wahren Dämon von einem Rappen. Bockend und beißend in einem Rausch der Wut, versuchte es dauernd, der geschmeidigen Gestalt zu entkommen oder sie abzuschütteln, die sich wie ein Blutegel an seinem Nacken festklammerte.
Der Junge befand sich neben dem Pferd. Seine linke Hand hielt die schwere Mähne gepackt, sein rechter Arm lag über dem Widerrist des Tieres und seine rechte Hand zog stetig ein Halfterseil zu, das er halb um das Maul des Pferdes geschlungen hatte. Nun bäumte sich der Rappe auf und drehte sich, trat und biss nach dem Jungen, aber die agile Gestalt schwang mit ihm herum – immer direkt hinter der riesigen Schulter –, und die ganze Zeit zog er den großen gebeugten Hals weiter und weiter nach rechts.
Als das Tier mit großen Sprüngen hierher und dorthin hechtete, zerrte es den Jungen mit sich, aber all seine mächtigen Anstrengungen schafften es nicht, den Griff an Mähne und Widerrist zu lösen. Plötzlich erhob sich der schwarze Hengst direkt in die Luft und riss den Jungen mit sich, dann stürzte es sich mit einem bösartigen Ausfallschritt rückwärts auf den Boden.
»Das ist der Tod!«, rief einer der Ritter aus. »Er wird den Jungen noch umbringen, Beauchamp.«
»Nein!«, rief der Angesprochene. »Schaut! Er ist wieder auf den Beinen, und der Junge hängt sich immer noch so fest an ihn wie eine Klette.«
»Es ist wahr«, rief ein anderer aus, »aber er hat verloren, was er an dem Halfter gewonnen hatte – er muss von Anfang an alles wieder in den Griff bekommen.«
Und so ging der Kampf weiter wie bisher, der Junge zog den eisernen Hals wieder langsam nach rechts – das Tier kämpfend und wiehernd, als wäre es von tausend Teufeln besessen. Ein Dutzend Mal löste der Junge, als sich der Kopf immer weiter und weiter zu ihm beugte, seinen Halt an der Mähne und griff schnell nach unten, um die Vorderfessel zu packen. Ein Dutzend Mal schüttelte das Pferd den neuen Griff ab, aber am Ende war der Junge erfolgreich, und die Vorderfußwurzel war abgeknickt und der Huf zum Unterarm hochgezogen.
Nun war der Schwarze beim Kampf im Nachteil, denn er stand auf nur drei Füßen, und sein Hals war in einer unangenehmen und unnatürlichen Position gebogen. Seine Anstrengungen wurden immer schwächer. Der Junge sprach ununterbrochen mit leiser Stimme auf ihn ein, und auf seinen Lippen lag der Schatten eines Lächelns. Alsdann legte er sein ganzes Gewicht auf den schwarzen Widerrist und zog das Pferd zu sich. Langsam sank das Tier auf sein gebeugtes Knie und nach hinten, bis sein vorderes Bein gerade vor ihm gestreckt war. Dann, mit einem letzten Kraftakt, zog der Junge es auf die Seite, und als es zu Boden ging, glitt er längs neben ihn. Eine sehnige Hand schoss auf das Seil direkt unter dem schwarzen Kinn zu – die andere griff nach einem schlanken, spitzen Ohr.
Für einige Minuten kämpfte und trat das Pferd, um seine Freiheit zu erlangen, aber in dieser Position, mit dem Kopf auf der Erde, war es so machtlos in den Händen des Jungen wie ein kleines Kind. Dann sank es keuchend und erschöpft in stumme Kapitulation.
»Gut gemacht!«, rief einer der Ritter. »Simon de Montfort selbst hat noch nie ein Pferd besser gemeistert, mein Junge. Wer bist du?«
In einem Augenblick stand der Junge auf seinen Füßen und seine Augen suchten nach dem Sprecher. Das Pferd, befreit, sprang auch auf, und alle beide – der gutaussehende Junge und der prächtige Rappe – starrten mit erschrockenen Augen wie zwei wilde Wesen auf den Eindringling, der ihnen gegenüberstand.
»Komm, Sir Mortimer!«, rief der Junge, dreht sich um und führte er das tänzelnde, aber gebändigte Tier zur Burg und durch das zerfallene Torwerk in den Hof dahinter.
»Halt an, Junge!«, rief Paul von Merely. »Wir wollen dir nichts tun – wir wollten nur nach dem Weg zur Burg de Stutevilles fragen.«
Die drei Ritter warteten, aber es gab keine Antwort.
»Kommt, Ihr Herren«, sprach Paul von Merely. »Lasst uns hineinreiten und erfahren, welche unzivilisierten Kerle in diesem alten Krähennest hausen.«
Als sie den Innenhof betraten, der selbst in seiner verfallenen Größe prächtig war, wurden sie von einem kleinen, grimmigen alten Mann empfangen, der sie mit scharfen Worten anherrschte, was sie hier zu suchen hätten.
»Wir haben uns in deinen verdammten Hügeln verirrt, alter Mann«, antwortete Paul von Merely. »Wir suchen die Burg von Sir John de Stuteville.«
»Nehmt den ersten Weg nach rechts und reitet geradeaus zur Flussstraße, und wenn Ihr dorthin gekommen seid, wendet euch wieder nach rechts und reitet nördlich am Fluss entlang – Ihr könnt den Weg nicht verfehlen – er ist flach wie die Nase in Eurem Gesicht«, und damit wandte sich der alte Mann um, um in der Burg zu verschwinden.
»Warte, alter Knabe!«, rief der Sprecher. »Die Sonne geht schon unter, und wir haben keine Lust, heute Nacht wieder im Freien zu schlafen, wie wir es letzte Nacht getan haben. Wir werden dann bis zum Morgen bei dir verweilen, damit wir unsere Reise erfrischt und auf ausgeruhten Pferden wieder antreten können.«
Murrend und ungnädig erklärte der Alte sich bereit, ihnen ein Mahl und ein Nachtlager zu gewähren. Aber er hatte auch kaum eine andere Wahl, denn sie hätten sich seine Gastfreundschaft mit Gewalt genommen, wenn er sich geweigert hätte, sie ihnen freiwillig zu geben.
Von ihren Gästen erfuhren die beiden etwas über die Bedingungen außerhalb der Hügel von Derby. Der Alte zeigte nach Außen weniger Interesse, als er in Wahrheit verspürte, aber für den Jungen war es, obwohl die Namen, die er hörte, ihm nichts bedeuteten, wie in einem Märchen, von den wundersamen Taten von Grafen und Baronen, Bischöfen und dem König zu hören.
»Wenn der König sich nicht besinnt«, sagte einer der Ritter, »werden wir seine ganze verfluchte Schar ausländischer Blutsauger ins Meer treiben.«
»De Montfort hat ihm das ein Dutzend Mal gesagt, und jetzt, da wir alle, normannische und sächsische Barone gleichermaßen, uns getroffen und einen Pakt zum gegenseitigen Schutz geschlossen haben, wird der König wohl oder übel einsehen müssen, dass die Zeit des Hinhaltens vorbei ist und dass er, wenn er keinen Bürgerkrieg riskieren will, die Versprechen halten muss, die er so zungenfertig macht, anstatt sie zu brechen, sobald de Montfort ihm den Rücken kehrt.«
»Er fürchtet seinen Schwager«, unterbrach ein anderer der Ritter, »noch mehr als der Teufel das Weihwasser. Ich hatte dem König vor einigen Wochen aufgewartet, als Seine Hoheit auf der königlichen Barke die Themse hinunterfuhr. Wir wurden von einem so heftigen Gewitter überrascht, wie ich es noch nie gesehen habe, und der König wurde von so fürchterlicher Angst gepackt, dass er befahl, beim Palast des Bischofs von Durham anzulegen, auf dessen Höhe wir uns damals befanden. De Montfort, der dort wohnte, kam Heinrich entgegen und bemerkte, bei allem Respekt: ›Was fürchtet Ihr Euch, Sire, wo der Sturm vorbei ist?‹ Und was, glaubt Ihr, antwortete das alte ›Wachsherz‹? Immer noch zitternd sagte er: ›Ich fürchte zwar Donner und Blitz sehr, aber, Gott sei mein Zeuge, Vor Euch zittere ich mehr als vor dem ganzen Donner im Himmel!‹«
»Ich vermute«, so der grimmige, alte Mann, »dass de Montfort dem König in gewisser Weise den Rang abgelaufen hat. Glaubt Ihr, dass er selbst nach dem Thron schielt?«
»Mitnichten«, rief der älteste der Ritter aus. »Simon de Montfort arbeitet für allein Englands Wohl – und mich dünkt, nein, ich weiß, dass er als Erster zu den Waffen greifen würde, um Heinrich den Thron zu retten. Er bekämpft nur die üblen und gierigen Berater des Königs, und obwohl er dem König selbst zu trotzen scheint, dient dies nur dazu, dessen wankende Macht vor dem völligen Zerfall zu bewahren. Aber, Gott, wie sehr der König ihn hasst! Eine Zeit lang schien es eine dauerhafte Versöhnung zu geben, als de Montfort nach dem Verschwinden des kleinen Prinzen Richard jahrelang einen Großteil seiner Zeit und seines Privatvermögens darauf verwandte, die ganze Welt nach dem kleinen Kerl, den er übermäßig liebte, abzusuchen. Dieses uneigennützige Interesse seinerseits sicherte ihm viele Jahre lang die Gunst des Königs und der Königin, aber in letzter Zeit hat seine unerbittliche Kritik gegenüber ihrer anhaltenden Verschwendung von Geld und Gütern sie wieder gegen ihn eingenommen.«
Der alte Mann, dem ob der Wende, die das Gespräch zu nehmen drohte, unbehaglich wurde, schickte den Jungen unter einem Vorwand aus dem Raum und ging selbst, um das Abendessen zu bereiten.
Als sie beim abendlichen Mahl saßen, betrachtete einer der Adligen aufmerksam den Jungen, denn dieser war in der Tat wohl anzuschauen: ein helles, gut aussehendes Gesicht, klare, intelligente, graue Augen und ein festes, starkes Kinn, umrahmt von einer Masse braunen Lockenhaars, das ihm in die Stirn und um die Ohren fiel, wo es nach der Mode der Zeit an den Seiten und im Nacken gerade geschnitten war.
Seine Kleidung bestand aus einem groben, rot gefärbten Kittel aus Wolle, über dem er einen kurze lederne Weste trug, während sein Wams ebenfalls aus Leder war, einem weichen und fein gegerbten Stück Rehfell. Seine langen Beinkleider, die seine wohlgeformten Beine so eng wie eine zweite Haut umhüllten, waren aus derselben roten Wolle wie seine Tunika, und die kräftigen Ledersandalen waren bis zu den Waden mit schmalen Lederbändern geschnürt.
Ein Ledergürtel um seine Taille trug ein Schwert und einen Dolch, und eine runde Schädelkappe aus gleichem Material, an der ein Falkenflügel befestigt war, vervollständigte seine malerische und kleidsame Gewandung
»Dein Sohn?«, fragte er, an den Alten gewandt.
»Ja,« war die knurrige Antwort.
»Er kommt aber gar nicht nach dir, alter Knabe, außer in seinem verfluchten französischen Akzent.«
»Bei Gottes Bart, Beauchamp«, fuhr er fort und wandte sich an einen seiner Gefährten, »und wenn er bei Hofe wäre, würde ich wetten, dass unsere gnädige Königin ihn schwerlich von dem jungen Prinzen Edward unterscheiden könnte. Habt Ihr je eine solche Ähnlichkeit gesehen?«
»Nun, da Ihr davon redet, Mylord, sehe ich es deutlich. Es ist in der Tat ein Wunder«, antwortete Beauchamp.
Hätten sie bei diesem Gespräch auf den alten Mann geschaut, hätten sie ein aschfahles Gesicht gesehen, das von innerer Angst und Wut gezeichnet war.
Der älteste der drei Ritter sprach in einem ernsten, ruhigen Ton.
»Und wie alt magst du sein, mein Sohn?«, fragte er den Jungen.
»Ich weiß es nicht.«
»Und dein Name?«
»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Ich habe keinen Namen. Mein Vater nennt mich Sohn, und kein anderer hat mich je zuvor angesprochen.«
An dieser Stelle stand der alte Mann auf und verließ den Raum und sagte, er wolle mehr Essen aus der Küche holen, aber er drehte sich sofort um, als er durch die Tür gegangen war, und hörte von außen zu.
»Der Junge sieht aus wie fünfzehn«, sagte Paulus von Lediglich und senkte seine Stimme, »und so alt wäre auch der kleine verschollene Prinz Richard, wenn er noch lebt. Der hier kennt weder seinen Namen noch sein Alter, aber er sieht Prinz Edward ähnlich genug, um sein Zwilling zu sein.«
»Komm, mein Sohn«, fuhr er laut fort, »öffne dein Wams und lass uns einen Blick auf deine linke Brust werfen. Dort werden wir die Antwort finden.«
»Seid Ihr Engländer?«, fragte der Junge, ohne Anstalten zu machen, ihrer Forderung nachzukommen.
»Das sind wir, mein Sohn«, sagte Beauchamp.
»Dann wäre es besser, wenn ich sterbe, als Eurem Geheiß zu folgen; denn alle Engländer sind Schweine, und ich verabscheue sie, wie es einem Edelmann aus Frankreich gebührt. Ich entblöße meinen Körper nicht vor den Augen von Schweinen.«
Die Ritter, die dieser unerwartete Ausbruch im ersten Moment entgeisterte, brachen schließlich in lautstarkes Gelächter aus.
»Potzblitz«, rief Paul von Merely aus, »gesprochen, wie einer der ausländischen Günstlinge des Königs reden könnte, wenn ihnen je Gottes Wahrheit zuteilwürde. Aber komm schon, Junge, wir wollen dir nichts Böses – tu, was ich dir sage.«
»Niemand kann mir etwas Böses tun, solange ich eine Klinge an meiner Seite trage«, antwortete der Junge, »und was das betrifft, was du verlangst, so nehme ich Befehle nur von meinem Vater entgegen.«
Beauchamp und Greystoke lachten laut über die Abfuhr, die Paul von Merely einstecken musste, aber dessen Gesicht verhärtete sich vor Wut, und ohne weitere Worte trat er mit ausgestreckter Hand vor, um das lederne Wams des Jungen aufzureißen, traf aber auf die blitzende Spitze eines Schwertes und eine scharfes »En garde!« aus dem Mund des Jungen.
Paul von Merely hatte keine andere Wahl, als seine eigene Waffe zu ziehen, in Notwehr, denn die scharfe Spitze des Schwertes des Jungen zuckte vor und zurück gegen seinen ungeschützten Körper, mit schmerzhaften kleinen Stößen, und Junge zischte dabei mit leiser Stimme Spötteleien und Beleidigungen, als er ihn aufforderte, blank zu ziehen und sich zu verteidigen oder aufgespießt zu werden »wie das englische Schwein, das Ihr seid«.
Paul von Merely war ein tapferer Mann, und der Gedanke, gegen diesen Frischling zu kämpfen, behagte ihm ganz und gar nicht. Aber er sagte sich, dass er den Jungen schnell entwaffnen könne, ohne ihm wehzutun, und er hatte zudem keine Lust, sich weiter vor seinen Kameraden demütigen zu lassen.
Aber als er sein Schwert gezückt hatte und gegen seinen jugendlichen Gegner vorging, entdeckte er, dass er weit davon entfernt war, ihn zu entwaffnen, sondern dass er seine liebe Mühe haben würde, sich vor dem Tod zu bewahren.
Niemals in all seinen langen Jahren des Kampfes hatte er sich einem so agilen und geschickten Feind gegenüber gesehen, und als sie sich bei ihrem Gefecht in der Halle hierhin und dorthin bewegten, standen große Schweißperlen auf Paul von Merelys Stirn, denn er erkannte, dass er gegen einen überlegenen Schwertkämpfer um sein Leben focht.
Das laute Lachen von Beauchamp und Greystoke verstummte schnell, und bald sahen sie mit bestürzter Miene zu, in der Angst und Schrecken die Oberhand bekamen.
Der Junge kämpfte, wie eine Katze mit einer Maus spielen mag. Keine Anzeichen von Anstrengung waren erkennbar, und sein hochmütiges, selbstbewusstes Lächeln sagte lauter als Worte, dass er seine Fähigkeiten dabei keineswegs voll ausspielte.
Um den Raum herum kreisten sie, der Junge immer in der Vorwärtsbewegung, Paul von Merely stets im Rückzug. Das Klirren der Schwerter und das schwere Atmen des älteren der beiden Zweikämpfer waren die einzigen Geräusche, außer wenn sie gegen eine Bank oder einen Tisch stürzten.
Paul von Merey war ein tapferer Mann, aber er schauderte bei dem Gedanken, sinnlos durch die Hand eines halbwüchsigen Knaben zu sterben. Er würde seine Freunde nicht um Hilfe bitten, aber bald, zu seiner Erleichterung, sprang Beauchamp mit gezücktem Schwert zwischen sie und schrie: »Genug, meine Herren, genug! Ihr habt keinen Streit. Steckt Eure Schwerter ein.«
Aber die einzige Antwort des Jungen war: »En garde, cochon!«, und Beauchamp stand plötzlich im Zentrum des Geschehens, anstelle seines Freundes. Der Junge ließ auch von Paul von Merely nicht ab, sondern nahm es mit beiden gleichzeitig auf, in einem Schwertkampf, der die Augen Greystokes aus ihren Höhlen treten ließ.
So schnell bewegte er seine blitzende Klinge, dass sie die Hälfte der Zeit einem Blatt aus glänzendem Licht glich, und jetzt fanden seine Stöße ihr Ziel, und das Lächeln war auf seinen Lippen eingefroren – grimmig und ernst.
Paul von Merely und Beauchamp waren an einem Dutzend Stellen verwundet, als Greystoke ihnen zu Hilfe eilte, und dann sprang ein kleiner, drahtiger, grauer Mann agil aus der Küchentür, und mit gezücktem Schwert trat er neben den Jungen. Es waren jetzt zwei gegen drei, und die drei erahnten vielleicht, auch wenn sie es nicht wissen konnten, dass sie den beiden größten Schwertkämpfern der Welt gegenüberstanden
»Bis zum Tod!«, schrie der kleine graue Mann. »À mort, mon fils.« Kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, als hätte es nur auf die Erlaubnis gewartet, fuhr das Schwert des Jungen in das Herz Paul von Merelys, und ein sächsischer Edelmann wurde zu seinen Vätern versammelt.
Der alte Mann griff jetzt Greystoke an, und der Junge richtete seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf Beauchamp. Diese beiden Männer galten als ausgezeichnete Schwertkämpfer, aber als Beauchamp das »à mort, mon fils« des kleinen grauen Mannes hörte, schauderte er, und seine Nackenhaare stellten sich auf, und es lief ihn kalt den Rücken herunter, denn er wusste, dass er sein Todesurteil gehört hatte. Denn es gab keinen Sterblichen auf Erden, der einen solchen Schwertkämpfer wie den besiegen konnte, der ihm jetzt gegenüberstand.
Als Beauchamp tot über eine Bank nach vorne fiel, führte der kleine alte Mann Greystoke dorthin, wo der Junge auf ihn wartete.
»Sie sind deine Feinde, mein Sohn, und dir gehört das Vergnügen der Rache; à mort, mon fils.«
Greystoke war entschlossen, sein Leben teuer zu verkaufen, und er stürzte sich auf den Jungen, wie ein großer Bulle sich auf einen neckischen Hund stürzen mochte, aber der Junge wich keinen Zoll zurück, und als Greystoke zum Stehen kam, ragte ein Fuß kalten Stahls aus seinem Rücken.
Gemeinsam begruben sie die Ritter in der Senke des trockenen Grabens auf der Rückseite der Burgruine. Zuerst hatten sie sie entkleidet, und als sie die Beute des Kampfes auswerteten, fanden sie sich um drei Pferde mit vollem Zaumzeug, viele Gold- und Silbermünzen, Schmuckstücke und Juwelen sowie die Lanzen, Schwerter und Kettenpanzer ihrer ehemaligen Gäste reicher.
Aber der größte Gewinn, dachte der alte Mann, war, dass ihn das Wissen um die bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen seinem Mündel und Prinz Edward von England rechtzeitig erreicht hatte, um sein Lebenswerk nicht daran scheitern zu lassen.
Der Knabe war zwar noch jung, aber er war groß und breitschultrig, und so war es für den Alten nicht sehr schwierig, ihm eine der Rüstungen anzupassen, wobei er das Wappen entfernte, sodass niemand erraten konnte, wem sie gehört hatte. Von da an ritt der Junge nie wieder hinaus außer in Rüstung, und wenn er andere auf der Landstraße traf, war sein Visier immer gesenkt, damit niemand sein Gesicht sehen konnte.
Am Tag nach der Episode mit den drei Rittern rief der Alte den Jungen zu sich und sagte:
»Es ist Zeit, mein Sohn, dass du eine Antwort auf die Fragen erfährst, die dir gestern von Heinrichs Schweinen gestellt wurden. Du bist fünfzehn Jahre alt, und dein Name ist Norman, und da dies die alte Burg Torn ist, kannst du denen, die es wissen wollen, antworten, dass dein Name Norman von Torn lautet. Du bist ein französischer Edelmann, dessen Vater Torn gekauft und dich nach dem Tod deiner Mutter aus Frankreich hierhergebracht hat, als du sechs Jahre alt warst.
Aber denk daran, Norman von Torn, dass die beste Antwort für einen Engländer das Schwert ist; nichts anderes kann in seinen dicken Schädel eindringen.«
Und so wurde Norman von Torn geboren, dessen Name in wenigen Jahren die Herzen der Engländer in Angst und Schrecken versetzen und dessen Macht im Umkreis von Torn größer werden sollte als die des Königs oder der Barone.
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