Read the book: «Totengesicht»

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Inhaltsverzeichnis

COVER

TITEL

PROLOG

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EPILOG

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

PROLOG

Ich wusste, dass der Mann, den ich verfolgte, demnächst sterben würde, denn ich hatte das Antlitz des Todes in seinem Gesicht gesehen.

Dabei war ich ihm erst vor wenigen Minuten in der U-Bahn zum ersten Mal begegnet, als sich unsere Hände im dichten Gedränge zufällig berührten. Ich zog sofort erschrocken meine Hand zurück und wandte den Kopf in seine Richtung. Doch es war zu spät. Die Berührung, die lediglich den Bruchteil eines Augenblicks gewährt hatte, reichte aus, um mir zu zeigen, was ich eigentlich gar nicht sehen und wissen wollte.

Der Mann war dem Tode geweiht!

Er sah mich ebenfalls an, doch den Ausdruck in seinem Gesicht konnte ich nicht erkennen, da mich stattdessen ein Totengesicht anstarrte. Ich erschauderte unwillkürlich am ganzen Körper und schloss die Augen, als könnte ich das Bild auf diese Weise zum Erlöschen bringen. Doch als ich sie wieder öffnete und ihn erneut ansah, war die Erscheinung – oder worum auch immer es sich dabei handelte – noch immer da.

Es sah aus, als würde ich mit dem rechten und dem linken Auge zwei unterschiedliche Bilder sehen, die in meinem Kopf übereinander projiziert wurden. Ich erkannte zwar die Gestalt des Mannes und die Umrisse seines Kopfes. Doch anstelle seines Gesichts sah ich einen düsteren Fleck in der Form eines Totenschädels, der es ausfüllte und die natürlichen Gesichtszüge unkenntlich machte. Ich hatte so etwas in den letzten anderthalb Jahren schon öfter gesehen, als mir lieb sein konnte. Doch es war jedes Mal wieder aufs Neue erschreckend und furchtbar.

Nach ein paar Sekunden verblasste der schattenartige Totenkopf, der sich wie eine düstere Unheilwolke über seine Gesichtszüge gelegt hatte, allmählich wieder, und sein normales Gesicht kam zum Vorschein. Er sah mich zornig und gleichzeitig irritiert an. Vermutlich war er ratlos und wütend, weil ich ihn so erschrocken angestarrt hatte. Wir wandten gleichzeitig betreten den Blick ab und sahen in verschiedene Richtungen.

Dennoch konnte ich nicht ungeschehen machen oder vergessen, was ich gesehen hatte.

Denn es bedeutete, dass er sterben würde!

Noch wusste ich zu wenig über die Gabe, die mir allerdings eher wie ein Fluch erschien und die ich erst seit etwa 18 Monaten besaß. Eines wusste ich jedoch mit Sicherheit: Diejenigen, in deren Gesichtern ich das Antlitz des Todes sah, hatten allerhöchstens noch 72 Stunden zu leben.

Als die U-Bahn langsamer wurde, weil sie sich der nächsten Station näherte, überlegte ich fieberhaft, was ich tun sollte. Ich wusste, dass jeder Versuch, den Mann vor seinem Schicksal bewahren zu wollen, zum Scheitern verurteilt war. Zumindest hatte es in all den vorherigen Fällen, in denen ich es versucht hatte, nicht funktioniert. Ich ging daher davon aus, dass sein Tod schon jetzt vorherbestimmt war und von niemandem verhindert werden konnte. Aber vielleicht war es ja dieses Mal anders. Vielleicht konnte ich es dieses Mal schaffen.

Ich seufzte, als die U-Bahn mit einem Ruck anhielt, der mich einen halben Schritt nach vorn taumeln ließ. Ich hatte es nämlich nicht mehr gewagt, mich irgendwo festzuhalten. Ich hatte Angst, ich könnte noch einmal versehentlich direkten Körperkontakt zu jemandem bekommen, der zufälligerweise innerhalb der nächsten drei Tage sterben würde. Denn nur dann war ich in der Lage, das Totengesicht der betreffenden Person zu sehen. Zum Glück war das Gedränge so groß, dass ich nicht umfallen konnte. Allerdings stieß der Mann vor mir, den ich anrempelte, ein ärgerliches Grunzen aus.

Ich behielt meine bloßen Hände dicht am Körper, als ich in der Menge wie in einem Fischschwarm aus der U-Bahn und auf den Bahnsteig geschwemmt wurde. Vielleicht war es doch langsam an der Zeit, dass ich mir auch im Sommer dünne Handschuhe anzog, um mich vor unliebsamen Berührungen und dem Anblick der Totengesichter zu schützen. Auch wenn meine Hände darin schwitzen würden und ich damit vermutlich wie der letzte Idiot aussah. Aber ich wollte nicht wissen, ob die Menschen, denen ich begegnete, demnächst sterben mussten, da dieses Wissen mich stets vor die alles entscheidende Frage stellte, was ich damit anfangen sollte. Sollte ich dem Schicksal, das ich anscheinend ohnehin nicht verändern konnte, einfach seinen Lauf lassen und untätig bleiben? Oder sollte ich die dem Tode geweihte Person verfolgen, weil ich die Hoffnung trotz aller Fehlschläge in der Vergangenheit noch immer nicht völlig aufgegeben hatte? Denn wozu sollte meine Gabe – oder der Fluch – denn sonst gut sein, wenn ich gar nicht in der Lage war, etwas zu verändern?

Ohne dass es mir sofort bewusst geworden war, hatte ich mich an den Rand der Menschenmasse schwemmen lassen, die wie eine Herde Schafe zur Rolltreppe strömte. Ich blieb vor der gekachelten Wand der U-Bahnstation stehen, wandte mich um und ließ meinen Blick über die Menge schweifen. Es sah so aus, als hätte ich meine Entscheidung, was ich tun sollte, längst gefällt, völlig intuitiv und ohne bewusst darüber nachzudenken.

Zuerst dachte ich, der Mann, dessen Totengesicht ich gesehen hatte, wäre längst weg oder in der U-Bahn geblieben, denn die Menge vor mir lichtete sich merklich. Doch dann entdeckte ich ihn. Er hatte sich etwas zurückfallen lassen, um dem dichtesten Gedränge zu entgehen, und gehörte zu den Nachzüglern, die sich in Richtung Rolltreppe bewegten.

Obwohl ich ihn nur von hinten sah, erkannte ich ihn dennoch sofort wieder. Er trug einen schwarzen, für meine Begriffe sehr teuer wirkenden zweiteiligen Businessanzug und schwarze Budapester. Sein kurz geschnittenes, dunkelbraunes Haar war schon leicht ergraut und auf der linken Seite seines Kopfes gescheitelt. Der Scheitel war schnurgerade und sah aus, als wäre er mit einer Axt gezogen worden. Außerdem trug er eine Brille, deren Bügel ich hinter seinen zu groß geratenen, leicht abstehenden Ohren erkennen konnte. Ich wusste auch, dass er eine dunkelbraune Aktentasche bei sich hatte, obwohl ich sie von hinten nicht sehen konnte, denn er trug sie mit beiden Händen umklammert vor der Brust, als hätte er Angst, jemand könnte sie ihm entreißen. Die Tasche und die Art, wie er sie hielt, waren mir beiläufig aufgefallen, als ich ihn in der U-Bahn von vorn gesehen hatte, unmittelbar nachdem wir uns zufällig berührt hatten.

Ich fragte mich natürlich, was er bei sich hatte, dass er so besorgt darüber zu sein schien, es könnte ihm gestohlen werden. Es musste etwas Wichtiges sein. Andererseits konnte man im dichten Gedränge der U-Bahn, in der Taschendiebe leichtes Spiel hatten, nicht vorsichtig genug sein.

Bevor der Mann die Rolltreppe erreichte, setzte ich mich ebenfalls in Bewegung. Ich sah auf die Uhr, die über dem Bahnsteig hing. Es war kurz vor fünf Uhr am Nachmittag, doch ich hatte noch genügend Zeit, bevor ich mich in einem Café ganz in der Nähe mit einem Bekannten treffen wollte.

Im Gegensatz zu mir schien es der Todgeweihte jetzt allerdings doch eilig zu haben, denn er ging die Stufen der Rolltreppe hinauf, um schneller oben zu sein. Ich folgte seinem Beispiel und passierte all die anderen Leute, die es gemächlicher angingen und sich nach oben tragen ließen.

Die Rolltreppe brachte uns ins Freie und zurück ins helle Tageslicht. Zum Glück regnete es nicht, obwohl der Himmel dicht bewölkt und düster war, denn ich hatte keinen Schirm dabei. Einen längeren Spaziergang im Freien hatte ich schließlich nicht eingeplant gehabt, als ich von zu Hause losgegangen war.

Nachdem der Mann von der Rolltreppe auf den Bürgersteig getreten war, blieb er kurz stehen und sah sich um, als müsste er sich orientieren. Vielleicht war er in diesem Teil von München noch nie zuvor gewesen. Ich blieb auf der Stufe der Rolltreppe, auf der ich mich gerade befand, stehen und ließ mich den Rest der Strecke nach oben tragen, denn ich wollte ihn nicht einholen.

Zum Glück hatte er sich schon alsbald orientiert und setzte sich in Bewegung, bevor ich oben ankam. Er wandte sich nach rechts und marschierte zügig auf die nächste Straßenkreuzung zu. Zweifellos wollte er eine der Straßen überqueren, die sich dort trafen. Ich folgte ihm im selben Tempo, um ihn nicht zu verlieren. Als er am Straßenrand anhielt, weil die Fußgängerampel Rot zeigte, ging ich langsamer. Nachdem die Ampel auf Grün geschaltet hatte, eilte er weiter und überquerte die Straße. Auch ich erhöhte mein Tempo wieder und bemühte mich, mit ihm Schritt zu halten.

So ging es die nächsten 20 Minuten. Allerdings wunderte ich mich schon bald, wohin der andere wollte, denn er schien kein festes Ziel zu haben. Stattdessen marschierte er kreuz und quer durch die Straßen. Immer wieder änderte er scheinbar willkürlich die Richtung. Ich kannte mich in dieser Gegend ein wenig aus, da ich schon öfter in der Nähe zu tun gehabt hatte, dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, wohin der Mann unterwegs war. Schon nach wenigen Minuten erschien es mir beinahe so, als wollte der Todgeweihte durch sein unvorhersehbares Verhalten und seine überraschenden Richtungsänderungen etwaige Verfolger abhängen. Andererseits sah er sich kein einziges Mal um, ob er tatsächlich verfolgt wurde. So bestand auch nie die Gefahr, dass er mich entdecken könnte. Dann kam mir der Gedanke, dass er möglicherweise eine Verabredung hatte, zu früh dran war und nun die Zeit totschlug, indem er scheinbar ziellos durch die Gegend wanderte und sich seinem Ziel nicht direkt, sondern über Umwege näherte.

Ich fragte mich aber auch, ob sein merkwürdiges Verhalten etwas mit dem Inhalt der Aktentasche zu tun hatte, die er die ganze Zeit über, selbst nachdem er aus dem dichten Gedränge der U-Bahn heraus war, fest an seine Brust presste und mit beiden Armen umklammert hielt. Und vielleicht hatte all das ja auch etwas mit seinem Tod zu tun, der ihn demnächst unweigerlich ereilen würde. Denn obwohl ich in seinem Gesicht das Antlitz des Todes gesehen hatte, wusste ich natürlich nicht, wie und woran er sterben würde. Die Totengesichter zeigten mir nur, dass jemand starb, jedoch nicht die Ursache seines Todes. In den letzten Monaten war ich diversen Todgeweihten gefolgt, die innerhalb der nächsten 72 Stunden aus den unterschiedlichsten Gründen verstorben waren: Krankheit, Unfall oder Selbstmord. Der Tod selbst kam dabei für mich im Gegensatz zu den Todgeweihten selbst nicht überraschend, nur der exakte Zeitpunkt und die Ursache waren mir unbekannt.

Nach 20 Minuten scheinbarem Umherirren betrat der Mann schließlich ein Parkhaus.

Ich runzelte irritiert die Stirn, während ich nachdachte. Denn wenn der andere dort seinen Wagen geparkt hatte, einstieg und wegfuhr, konnte ich ihm nicht länger folgen. Was sollte ich also tun? Ein Taxi rufen und mich an der Ausfahrt des Parkhauses postieren, um ihn abzufangen, wenn er herausfuhr? Wenn ich in dieser Gegend überhaupt so schnell ein Taxi bekam. Andererseits, argumentierte die rationalere Hälfte meines Verstandes, wäre es auch kein Beinbruch, wenn ich den Mann nicht weiter verfolgen könnte. Denn ihn retten und sein vorherbestimmtes Schicksal verhindern konnte ich wohl ohnehin nicht.

Allerdings hatte ich die Hoffnung, irgendwann doch einmal etwas bewirken zu können, noch immer nicht aufgegeben. Nur deshalb folgte ich ihm bis ins Parkhaus und hoffte, dass ich schon irgendeine Möglichkeit finden würde, um ihm weiterhin auf den Fersen zu bleiben.

Ich hatte damit gerechnet, dass er am Ende der kurzen Schlange vor den Kassenautomaten stehen bleiben würde, um zu bezahlen, und mich bereits nach einer günstigen Stelle umgesehen, an der ich ihn weiterhin im Auge behalten und darauf warten konnte, dass er weiterging. Doch er marschierte schnurstracks an der Schlange vor dem Automaten vorbei zur Treppe.

Wenn er nicht bezahlte, dann konnte er das Parkhaus auch nicht mit dem Wagen verlassen. Demnach hatte er allem Anschein nach gar nicht vor, sein Auto abzuholen. Was hatte er aber dann in einem Parkhaus zu suchen? Während ich selbst die Warteschlange passierte, fiel mir die Aktentasche wieder ein. Entweder wollte er sie im Auto deponieren und einschließen, oder er hatte vor, etwas aus seinem Wagen zu holen.

Ich nahm ebenfalls die Treppe und lief nach oben. Die Stufen und Absätze bestanden aus Stahlgittern und vibrierten lautstark unter meinen Schritten, obwohl ich möglichst leise auftrat. Allerdings konnte ich dadurch auch die Schritte des anderen hören und ihn durch die Lücken in den Gittern undeutlich erkennen, wenn ich nach oben sah. Auf diese Weise bekam ich auch genau mit, wann und wo er das Treppenhaus verließ und welche Parkebene er betrat.

Ebene 3 stand auf der grauen Stahltür, durch die er gegangen war. Ich wartete noch ein paar Sekunden, um ihm genügend Zeit zu geben, sich von der Tür zu entfernen, und mir gleichzeitig eine kurze Verschnaufpause zu gönnen, damit ich nach dem Treppensteigen wieder zu Atem kam. Erst dann öffnete ich die Tür vorsichtig einen Spaltbreit und spähte durch diesen auf die Parkebene.

Ich entdeckte den anderen Mann sofort, denn er entfernte sich, ohne sich umzusehen, mit großen Schritten von der Tür. Beruhigt, dass er schon weit genug weg war und mir nicht auflauerte, weil er unter Umständen bemerkt hatte, dass ich ihn verfolgte, öffnete ich die Tür so weit, dass ich durch den Spalt auf das Parkdeck schlüpfen konnte. Zum Glück knarrte die Tür beim Öffnen nicht, denn dann hätte er sich gewiss umgedreht. Und sobald er mich zu Gesicht bekäme, würde er mich sicher auch erkennen, weil ich ihn in der U-Bahn so entgeistert angestarrt hatte. Einer direkten Konfrontation wollte ich allerdings nach Möglichkeit so lange wie möglich aus dem Weg gehen, denn wie hätte ich ihm erklären können, warum ich ihm folgte, ohne dass er mich für einen durchgeknallten Irren hielt. Außerdem hatte ich festgestellt, dass andere Menschen es einem mitunter sehr übelnahmen, wenn man ihnen ins Gesicht sagte, dass sie spätestens in drei Tagen tot sein würden. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken, denn wer will schon wissen, dass er demnächst stirbt. Noch dazu, wenn man daran, so wie es bislang aussah, nicht das Geringste ändern konnte.

Ich ließ die Tür leise hinter mir ins Schloss gleiten, damit sie nicht zufiel, bevor ich meinen Weg fortsetzte. Allerdings ging ich nicht, so wie der andere es tat, auf der Fahrspur zwischen den geparkten Fahrzeugen, sondern benutzte die auf der rechten Seite abgestellten Autos als Deckung und bewegte mich zwischen ihnen und der Seitenwand entlang. So konnte ich mich jederzeit hinter ein Fahrzeug ducken, falls sich der andere doch plötzlich umsah, auch wenn er das bislang kein einziges Mal getan hatte.

Wie gut ich daran tat, zeigte sich keine zwanzig Sekunden später, denn urplötzlich blieb der Mann stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Barriere gerannt. Er schien angestrengt zu einem bestimmten Parkplatz zu starren. Dann holte er mit der freien Hand einen Zettel aus der Innentasche seines Jacketts und sah zuerst darauf und dann wieder zum Parkplatz, auf dem ein schwarzer BMW X6 stand. Mir kam es vor, als würde er die Nummer des Parkplatzes oder des Wagens mit der vergleichen, die auf dem Zettel stand. Schließlich nickte er und sagte etwas, das ich auf diese Distanz – uns trennten mindestens zehn Meter – allerdings nicht verstehen konnte.

Ich musste vorausgeahnt haben, was er als Nächstes tat, denn ich tauchte bereits ab und ging hinter dem Toyota in Deckung, noch ehe er begann, sich umzuwenden und in alle Richtungen zu sehen, als wollte er sichergehen, dass wirklich niemand in der Nähe und er vollkommen allein auf der Parkebene war. Nach zehn Sekunden, die ich in Gedanken abzählte, hob ich den Kopf wieder vorsichtig und spähte über das Autodach hinweg. Ich erschrak, als ich ihn nicht mehr sah, und richtete mich vollständig auf. Doch im selben Moment richtete auch er sich vor dem geparkten X6 auf, wandte sich rasch ab und entfernte sich mit eiligen Schritten.

Ich war verwirrt, daher ließ ich einige Momente verstreichen, ehe ich ihm folgte, und dachte nach. Da ich in Deckung gegangen war, um nicht entdeckt zu werden, hatte ich nicht gesehen, was der Mann in dieser Zeit getan hatte. Aber wenn er den Kofferraum, vor dem er gestanden hatte, geöffnet hätte, dann hätte ich das mit Sicherheit hören müssen. Was hatte er aber dann dort gemacht?

Da ich allein durch Nachdenken diese Frage nicht beantworten konnte, schüttelte ich kurzerhand den Kopf und beeilte mich, dem todgeweihten Mann zu folgen, der inzwischen das Treppenhaus auf der anderen Seite des Parkdecks erreicht hatte und soeben die Tür öffnete. Sobald er außer Sicht und die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, lief ich los, um nicht den Anschluss zu verlieren. Ich erreichte die Tür, auf der Ausgang Nord stand, nur wenige Sekunden, nachdem er verschwunden war, verschnaufte kurz und öffnete die Tür dann langsam. Ich lauschte und konnte seine Schritte auf den Gitterstufen der Treppe unterhalb meines Standorts hören.

Ich huschte ins Treppenhaus und schloss die Tür zum Parkdeck leise hinter mir. Dann ging ich ebenfalls die Stufen nach unten. Da ich nicht verhindern konnte, dass die Stahlgitterkonstruktion unter meinen Schritten erbebte und Lärm verursachte, bemühte ich mich, meine Schritte im Gleichklang mit denen des Mannes zu setzen, dem ich folgte. Allerdings waren auch noch andere Leute im Treppenhaus, kamen von den anderen Parkebenen oder waren zu diesen unterwegs, sodass ich nicht auffiel und nur einer unter vielen war.

Nachdem wir wieder unter anderen Menschen waren, fiel es mir leichter, ihm unauffällig zu folgen. Außerdem musste ich nicht mehr so großen Abstand halten, da ich mich in der Menge verstecken konnte. Als wir im Erdgeschoss ankamen, ignorierte der andere erneut die Kassenautomaten und ging in Richtung Ausgang. Ich schwamm erneut mit dem Strom, als ich ihm folgte, denn alle wollten rasch das Parkhaus verlassen.

Der Todgeweihte trat auf den Bürgersteig vor dem Gebäude. Wegen der anderen Menschen zwischen uns verlor ich ihn für einen Moment aus den Augen, doch dann konnte ich zwischen den Köpfen der anderen hindurch erkennen, dass er nach links und rechts sah, bevor er auf die Straße trat.

Erneut wurde mir die Sicht versperrt, als ein Zeitgenosse, der mich um mindestens einen halben Kopf überragte, sich vor mir einreihte. Doch das störte mich nicht, denn der andere Mann war nur wenige Meter vor mir und überquerte gerade die Straße, sodass ich ihn kaum verlieren würde.

In diesem Moment brüllte ein Motor wie ein wildes Raubtier ohrenbetäubend laut auf, dann kreischten Reifen auf dem Asphalt, als ein Auto vehement beschleunigt wurde. Ich hörte einen dumpfen Schlag, dem sich ein kurzer Augenblick atemberaubender Stille anschloss, als hielte für den Bruchteil einer Sekunde die ganze Welt den Atem an. Zahlreiche Menschen in meiner Umgebung schrien gleichzeitig, riefen unverständliche Worte oder stöhnten kollektiv auf, während das Gebrüll des Motors stetig leiser wurde, weil sich der Wagen mit hoher Geschwindigkeit sehr rasch entfernte. Dann war noch einmal das Lärmen seiner Reifen zu hören, als er in der Ferne zu schnell um eine Ecke bog.

Im ersten Moment wusste ich nicht, was geschehen war, da mir die Sicht zur Straße noch immer verwehrt war. Doch wie bei einem Puzzle, das ausschließlich aus Geräuschen bestand, setzte mein Verstand das Gehörte in eine furchtbare Ahnung um, die mir den Atem verschlug. Und das, obwohl ich schon vorher gewusst hatte, dass der Mann sterben würde, weil ich das Antlitz des Todes auf seinem Gesicht gesehen hatte. Aber dass es so schnell passieren würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ganz plötzlich, nachdem für kurze Zeit jede Bewegung in meiner unmittelbaren Umgebung erstarrt gewesen war, drängte alles nach vorn in Richtung Straße, um einen Blick auf das Unglück zu erhaschen, das sich dort abgespielt hatte. Auch ich schob mich rücksichtslos durch die Menschenmenge, achtete allerdings dennoch darauf, dass ich niemanden mit den bloßen Händen berührte. Ein Totengesicht und die Gewissheit, dass ich es auch dieses Mal nicht hatte verhindern können, reichten mir für einen Tag vollkommen.

Indem ich mich durch schmale Lücken zwängte und, wenn es sein musste, auch meine Ellbogen einsetzte, um mir Platz zu verschaffen, gelangte ich zum Rand des Bürgersteigs vor dem Zugang zum Parkhaus. Er schien eine unsichtbare Barriere für die Schaulustigen zu bilden, denn keiner wagte es, die Straße zu betreten, so als hätten alle Angst davor, ihnen könnte dasselbe widerfahren wie dem Mann im zweiteiligen schwarzen Businessanzug, der in absolut unnatürlicher und ungesunder Körperhaltung mitten auf der Straße lag.

Ich blieb ebenfalls an der Gehsteigkante stehen und starrte entsetzt auf den Mann, dem ich seit mindestens einer halben Stunde von der vollen U-Bahn bis hierher gefolgt war. Ich musste gar nicht näher heran, um zu erkennen, dass er tot war. Er lag auf dem Rücken. Sein linker Arm und der rechte Fuß waren so verdreht, wie es keiner lebenden Person, nicht einmal dem talentiertesten Schlangenmenschen, möglich gewesen wäre, ohne bleibende Schäden davonzutragen. Außerdem wurde die Blutlache, die sich um seinen zerschmetterten Schädel herum wie ein roter Heiligenschein auf dem Asphalt gebildet hatte, mit jeder Sekunde größer. Obwohl auch sein Gesicht deformiert und blutüberströmt war, hatte ich keine Zweifel, dass es der Mann war, dessen Totengesicht ich gesehen hatte. Als ich bemerkte, dass er keine Brille trug, überkamen mich zwar dennoch leichte Zweifel, doch als ich den Blick über die Straße schweifen ließ, entdeckte ich das verbogene, glaslose Gestell fünf Meter von der Leiche entfernt.

Dann fiel mir auf, dass seine Hände leer waren und er die Aktentasche nicht mehr bei sich hatte. Ich suchte erneut die Straße ab, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Und dass er auf der Tasche lag und sein Körper sie vor meinen Blicken verbarg, war eher unwahrscheinlich, denn so, wie der Tote dalag, hätte man zumindest einen Teil der Tasche sehen müssen. Wo war sie also geblieben?

Ich konzentrierte mich wieder auf das Gesicht des toten Mannes, als wollte ich es mir trotz seiner Verletzungen und des vielen Bluts einprägen. Da der Kopf zur Seite und sein Gesicht in meine Richtung gewandt waren, konnte ich seine Augen sehen, die offen, aber absolut leblos waren.

Ich erschauderte, denn es erschien mir fast, als sähe mich der Leichnam vorwurfsvoll an, obwohl das natürlich unmöglich war. Dennoch hatte ich unwillkürlich ein schlechtes Gewissen, weil es mir wieder einmal nicht gelungen war, den Tod eines Menschen zu verhindern, obwohl ich ihn vorausgesehen hatte.

Als ich den anklagenden Blick schließlich keine Sekunde länger ertragen konnte, wandte ich mich fröstelnd ab, drängte mich durch die Mauer der Schaulustigen hinter mir und ging eilig davon.

1

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als mich jemand an der Schulter anrempelte. Ich zuckte wie immer sofort automatisch zurück und presste meine Hände eng an den Körper, bevor mir einfiel, dass ich dieses Mal Handschuhe trug, um mich vor unwillkommenen körperlichen Kontakten zu schützen.

Der Mann, der sich mit einem riesigen Trolley an meinem Sitzplatz vorbei durch den Gang gezwängt und mich dabei angestoßen hatte, ging ohne ein Wort der Entschuldigung weiter und rempelte den nächsten Fahrgast an.

Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, wo ich mich befand, nachdem ich so tief in meinen Erinnerungen versunken gewesen war, die mir so intensiv und lebhaft erschienen waren, als hätte ich sie soeben noch einmal durchlebt.

Ich saß wieder einmal in einem U-Bahn-Waggon, da öffentliche Verkehrsmittel in einer Großstadt wie München immer noch die beste und einfachste Art waren, rasch von einem Ort zum anderen zu gelangen. Ausnahmsweise musste ich allerdings nicht stehen, sondern hatte einen Sitzplatz ergattert. Ich entspannte mich wieder und sah mich um, ob einer der anderen Fahrgäste meine instinktive und übertriebene Reaktion auf den Rempler bemerkt hatte. Doch die anderen Leute beachteten mich gar nicht und waren in ihre Tageszeitungen, Bücher, Smartphones und E-Book-Reader vertieft. Ich hob den Blick und musterte die Menschen, die im Gang und vor den Türen standen. Aber mit Ausnahme einer jungen, dunkelhaarigen Frau, die jedoch nur ungefähr in meine Richtung sah, bevor sie ihren in die Ferne gerichteten, verträumten Blick weiterschweifen ließ, sah niemand her.

Ich überprüfte, ob die dünnen, naturfarbenen Baumwollhandschuhe noch richtig saßen, bevor ich die Arme vor der Brust verschränkte und die Hände in meine Achselhöhlen schob, um sie vor neugierigen Blicken zu verbergen. Es wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand schief oder argwöhnisch ansah, weil ich schon im Frühherbst Handschuhe trug. Vermutlich dachten die meisten Menschen dabei unwillkürlich an etwas Ansteckendes, denn in der Regel zuckten sie zurück und machten, sofern es möglich war, einen oder zwei Schritte zurück. Aber obwohl ich die Handschuhe bei meinen Fahrten in der U-Bahn wegen des dichten Gedränges, das in den Waggons herrschte, bereits seit dem Vorfall vor anderthalb Wochen trug, an den ich mich vorhin so lebhaft erinnert hatte, hatte ich mich noch immer nicht an die Blicke und Reaktionen meiner lieben Mitmenschen gewöhnt.

Als die U-Bahn in die nächste Station einfuhr und langsamer wurde, warf ich rasch einen Blick durch das Fenster nach draußen, um festzustellen, wo wir uns befanden. Ich befürchtete zunächst, ich wäre zu lang in meinen Erinnerungen versunken gewesen und hätte meine Station verpasst, doch zum Glück war es nicht so. Ich war gerade noch rechtzeitig in die Gegenwart zurückgekehrt, denn hier musste ich raus. Im Grunde musste ich dem rücksichtslosen Rüpel, der mich angerempelt hatte, sogar noch dankbar sein.

Ich klemmte mir die Mappe mit dem Storyboard für einen Zeichentrick-Werbespot unter den linken Arm, stand auf und hielt mich an einer Haltestange fest, während die U-Bahn abbremste und dann mit einem Ruck zum Stehen kam, der mich einen halben Schritt nach vorn taumeln ließ.

Ich bin gelernter Grafik-Designer und arbeite freiberuflich als Illustrator, Comiczeichner und -texter. Meine Comics veröffentliche ich unter dem Künstlerpseudonym Rex. Das ist allerdings kein Zeichen von Überheblichkeit und bedeutet nicht, dass ich mich für den König der Comic-Künstler halte, sondern ist lediglich die lateinische Übersetzung meines Nachnamens, denn mit bürgerlichem Namen heiße ich Richard König. Rex war ich schon von meinen Klassenkameraden genannt worden, nachdem wir in der siebten Klasse im Lateinunterricht zum ersten Mal auf das Wort gestoßen waren, obwohl einer meiner Schulfreunde, mit denen ich auch heute noch Kontakt habe, steif und fest behauptet, mein Spitzname komme von Tyrannosaurus Rex, weil ich meine Freunde schon seit frühester Jugend mit meinen selbstgezeichneten Comics tyrannisiert hätte. Das stimmt nicht! Aber egal, woher mein Spitzname nun tatsächlich stammte, war es naheliegend, ihn zu benutzen, als ich nach einem Künstlerpseudonym suchte. Am liebsten zeichne und texte ich Bildgeschichten für Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsverlage. Unter anderem erscheinen meine Comics regelmäßig im Kindermagazin einer großen Bank. Daneben arbeite ich aber auch für Werbe- und PR-Agenturen und fertige Animationsfilme für Musikvideos oder Werbespots. Davon kann man nicht unbedingt reich werden, aber wenn man fleißig, nicht sehr anspruchsvoll und darüber hinaus genügsam ist, kommt man damit gut über die Runden. Um mir daneben ein kleines Zubrot zu verdienen, gebe ich gelegentlich auch Kurse und veranstalte Workshops.

Auch an diesem Tag war ich beruflich unterwegs. In der Mappe unter meinem Arm befand sich die Arbeit der letzten drei Tage. Es handelte sich um das Storyboard für einen Zeichentrick-Werbespot, den ich bei der Werbeagentur vorbeibringen wollte, die mich damit beauftragt hatte. Ich hatte schon öfter mit der Agentur zusammengearbeitet und war zuversichtlich, dass den Verantwortlichen mein Entwurf für den Spot, den ich nach ihren Rahmenvorgaben erstellt hatte, gefallen und ich den Auftrag für den Trickfilm bekommen würde. Ich hatte gestern noch bis spät in die Nacht daran gefeilt und war daher auch ziemlich müde.

Schon der Gedanke genügte, um mich sofort gähnen zu lassen. Ich hielt mir die rechte Hand vor den Mund, während sich die Türen öffneten und die ersten Fahrgäste in Bewegung setzten, um die U-Bahn zu verlassen. Die Frau an meiner rechten Seite bemerkte, dass ich Handschuhe trug, und warf mir einen argwöhnischen Blick zu, als wäre ich hauptberuflich ein Serienkiller, der auch in seiner Freizeit keine Fingerabdrücke hinterlassen wollte. Ich sah sie an und verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Sie riss vor Entsetzen Mund und Augen gleichzeitig auf und hatte es plötzlich sehr eilig, von mir weg und aus dem Waggon zu kommen.

Ich grinste, doch das Grinsen verging mir sofort wieder, als ich einen stechenden Schmerz hinter meiner Stirn verspürte. Diese verdammten Kopfschmerzen! Manchmal kündigten sie sich lange vorher an, sodass ich mich darauf vorbereiten konnte. An anderen Tagen überfielen sie mich aus heiterem Himmel mit einer Intensität, die Übelkeit erregend war. Heute war unglücklicherweise Letzteres der Fall. Ich unterdrückte ein Stöhnen, das mir im Gedränge mit Sicherheit noch mehr unliebsame Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste eingebracht hätte.

Die Kopfschmerzen traten zum Glück nur gelegentlich auf. Ich hatte sie seit meinem Unfall, so wie ich seit dem Erwachen aus dem Koma bei direktem Körperkontakt auch die Totengesichter der Menschen sehen konnte, die in Kürze starben. Ich wusste nicht, was ich mehr verabscheute. Meistens meine merkwürdige Fähigkeit, denn dabei war ich ohnehin nur ein hilfloser Zuschauer und konnte nicht das Geringste ausrichten. Außerdem jagte mir diese Gabe noch immer eine Heidenangst ein, weil ich nicht verstand, wie so etwas überhaupt möglich war und warum ausgerechnet ich damit gestraft worden war. Nur wenn die Kopfschmerzen besonders stark waren, war es mir lieber, das Antlitz des Todes auf den Gesichtern eines Todgeweihten zu sehen, denn das war wenigstens nicht mit Schmerzen verbunden.

Als ich aus der U-Bahn auf den Bahnsteig trat, spürte ich bereits, dass die Schmerzen, die gerade eben mit einem kräftigen Pochen gegen die Tür meines Verstands ihren Besuch angekündigt hatten, heftig werden würden. Daher beschloss ich, auf der Stelle ein paar Schmerztabletten zu nehmen, um sie so früh wie möglich zu bekämpfen. Ich hatte zwar noch mehr als genug Zeit bis zu meinem Termin in der Werbeagentur, weil ich ohnehin vorgehabt hatte, vorher noch in einem Café in aller Ruhe einen Cappuccino zu trinken, doch da der Auftrag lukrativ und wichtig war, wollte ich bis dahin wieder in einer möglichst präsentablen Verfassung sein.

2

Auf dem vollen U-Bahnsteig suchte ich mir einen freien Platz vor der Wand, stellte die Mappe zwischen meinen Füßen hochkant auf den Boden, und holte die Tablettenschachtel, die ich in weiser Voraussicht immer bei mir trug, aus der linken Brusttasche meiner schwarzen Lederjacke. Ich versuchte, die Schachtel zu öffnen, doch mit den Handschuhen war das gar nicht so einfach, auch wenn sie nur aus dünner Baumwolle bestanden. Vermutlich hätte ich es sogar geschafft, doch die einzelnen Tabletten anschließend aus der Durchdrückpackung zu entfernen, ohne sie fallen zu lassen, wäre noch viel schwieriger geworden. Also zog ich kurzerhand den rechten Handschuh aus und steckte ihn in die Seitentasche meiner Jacke. Als ich die Schachtel öffnete und hineinfasste, drückte ich versehentlich einen der Tablettenstreifen gegen die untere Lasche, die schon etwas eingerissen war und sich daraufhin öffnete.

»Mist!«, fluchte ich leise, als ein Blisterstreifen aus der Packung rutschte und vor meinen Füßen auf den Boden fiel. Ich ging sofort in die Hocke und griff mit der freien Hand danach, als gleichzeitig eine andere Hand von der Seite danach fasste und sich unsere Finger unweigerlich berührten, noch ehe ich es verhindern konnte.

Es gab keinen elektrischen Funken, der von einer Hand zur anderen übersprang, trotzdem riss ich meine Hand zurück, als hätte ich eine heiße Herdplatte angefasst. Ich richtete mich ruckartig auf und sah auf die Finger meiner Hand, mit denen ich fremde Haut berührt hatte, als trügen sie die Schuld an dem unabsichtlichen Körperkontakt.

»Hier, Ihre Tabletten«, sagte jemand zu mir.

Ich hob erschrocken den Blick, sah zuerst die in meine Richtung gestreckte Hand mit der Durchdrückpackung zwischen den Fingern und dann das Gesicht der Person, die ich berührt hatte, weil wir im selben Augenblick nach meinen Tabletten gegriffen hatten.

Bis zu diesem Moment hatte ich noch gehofft, ich hätte niemanden vor mir, der innerhalb der nächsten 72 Stunden sterben würde, schließlich war nicht jeder automatisch ein Todgeweihter, nur weil ich ihn berührte. Bei den meisten Körperkontakten seit meinem Erwachen aus dem Koma war auch nichts geschehen. Ich hatte die Menschen angesehen, und kein totenkopfförmiger Schatten hatte ihre Gesichter überlagert. Deshalb hatte ich meine furchtbare neue Fähigkeit am Anfang auch eine Zeitlang gar nicht bemerkt.

Doch als ich nun in das Gesicht der hilfsbereiten Person vor mir blickte, war davon kaum etwas zu sehen, weil ein Schatten darauf lag und ihre Gesichtszüge vor mir verbarg. Ich erschauderte und wich unwillkürlich einen Schritt zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die Wand stieß.

»Alles in Ordnung mit Ihnen«, fragte mein Gegenüber in besorgtem Tonfall. Es war unheimlich, dass das Totengesicht mit mir sprach, denn durch die Finsternis konnte ich nur undeutlich erkennen, wie sich die Lippen der Person bewegten. Außerdem klang ihre Stimme völlig normal, und ich erkannte zum ersten Mal, dass es sich um eine Frau handelte. »Was ist los? Geht es Ihnen nicht gut?«

Ich schluckte und wandte rasch den Blick ab. »Es … es geht schon wieder«, sagte ich, bückte mich und griff nach meiner Arbeitsmappe. Dann wandte ich mich ohne ein weiteres Wort ab und ging eilig davon.

»Warten Sie, Ihre Tabletten!«, rief mir die Frau hinterher, doch ich reagierte nicht darauf, sondern zog stattdessen den Kopf ein und schlängelte mich durch die Menge, die auf die nächste U-Bahn wartete. Erst nach zwanzig bis fünfundzwanzig Schritten legte sich der Schock darüber, dass ich schon wieder das Antlitz des Todes im Gesicht eines lebenden Menschen gesehen hatte, ein wenig, und ich kam wieder zur Besinnung. Ich blieb stehen, wandte mich um und reckte mich, um über die Köpfe der Leute einen Blick auf die Frau zu werfen, die mir nur hatte helfen wollen und die ich dennoch so brüsk und undankbar behandelt hatte. Natürlich wusste ich genau, warum ich so reagiert hatte. Im ersten Augenblick hatte ich nämlich ihr die Schuld an unserem Körperkontakt gegeben. Dabei konnte sie gar nichts dafür, schließlich wusste sie nichts von meiner Fähigkeit und hatte nur hilfsbereit sein wollen. Wenn jemand schuld war, dann nur ich selbst, weil ich den Handschuh ausgezogen hatte.

Nur weil ich das getan hatte, wusste ich jetzt, dass die Frau nicht mehr lange zu leben hatte. Und dieses ungewollte Wissen lastete wieder einmal schwer auf mir. Denn wie schon all die Male zuvor und trotz der Erkenntnis, dass ich ihr Schicksal nicht verhindern konnte, war ich dennoch nicht in der Lage, ihr einfach den Rücken zuzukehren und meines Weges zu gehen, als wäre nichts geschehen. Das Wissen um ihren baldigen Tod, das ich als einzige Person auf dieser Welt besaß, war eine schwere Bürde, denn jetzt fühlte ich mich unweigerlich für sie verantwortlich. Und weil ich die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben hatte, nur weil bisher jeder Rettungsversuch gescheitert war, konnte ich sie nicht einfach sich selbst überlassen.

Die Frau stand noch immer an derselben Stelle, an der ich sie zurückgelassen hatte, sah allerdings nicht in meine Richtung. Stattdessen starrte sie auf die Tablettenpackung in ihrer Hand, als könnte sie dort die Erklärung für mein Verhalten ablesen. Dann schüttelte sie jedoch ungläubig den Kopf und steckte die Tabletten in die Tasche ihrer blauen Jeansjacke, die sie neben einer weißen Bluse, einer engen Bluejeans und hellbraunen Slippern trug. Da der düstere Schatten über ihrem Gesicht schon wieder verblasst war, konnte ich zum ersten Mal ihr Gesicht deutlicher sehen. Ihre Augenfarbe konnte ich zwar nicht erkennen, dennoch sah ich auch aus dieser Entfernung, dass sie ausgesprochen gut aussehend war. Sie hatte ein schmales ovales Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem spitzen Kinn. Ihre Nase war dünn und gerade und der Mund ziemlich schmal. Ihre in einem dunklen Pink geschminkten Lippen waren voll, aber nicht wulstig. Sie war schätzungsweise Ende zwanzig, Anfang dreißig, also vermutlich nur ein paar Jahre jünger als ich. Ihr Haar war auffallend dunkel und fiel ihr in leichten Wellen bis über die Schultern.

Erst jetzt bemerkte ich, dass sie mir schon in der U-Bahn aufgefallen war, weil sie als Einzige in meine Richtung geblickt, mich allerdings nicht direkt angesehen hatte. Sie musste als eine der letzten Fahrgäste ausgestiegen sein oder war vielleicht aus anderen Gründen aufgehalten worden und deswegen genau in dem Moment an mir vorbeigegangen, als mir die Tablettenpackung heruntergefallen war.

Und jetzt wusste ich, dass sie demnächst sterben würde!

Ich seufzte schwer, als sie sich abwandte und in die andere Richtung in Bewegung setzte. Ich warf einen raschen Blick auf die Uhr, die über dem U-Bahnsteig hing, aber ich hatte noch immer genügend Zeit bis zu meinem Termin in der Werbeagentur. Also beschloss ich, ihr eine Weile zu folgen. Vielleicht erfuhr ich ja, wohin sie ging oder wo sie wohnte, bevor ich umkehren und zur Agentur gehen musste. Und wenn nicht, dann konnte ich auch nichts daran ändern. Dann würde mir die Verantwortung für ihr Schicksal gewissermaßen aus der Hand genommen werden.

Ich steckte die Tablettenschachtel ein, die ich noch immer in der Hand gehalten hatte. Dann zog ich auch den linken Handschuh aus, da ich die Handschuhe in der Regel nur im dichtesten Gedränge in der U-Bahn trug, und schob ihn zu seinem Kameraden in die Jackentasche, ehe ich mich ebenfalls in Bewegung setzte und beeilte, zu der Frau aufzuschließen, damit ich sie unter all diesen Menschen nicht verlor. Falls sie sich umsah und bemerkte, dass ich ihr folgte, konnte ich ja immer noch behaupten, ich hätte vorgehabt, mir meine Tabletten zurückzuholen.

Erst jetzt fiel mir auf, dass meine Kopfschmerzen im selben Augenblick verschwunden waren, als wir uns berührt hatten. Ein Gedanke, der mich mit Unbehagen erfüllte und erschaudern ließ.

3

Es waren gerade einmal zehn Minuten vergangen, in denen ich der Frau von der U-Bahnstation Münchner Freiheit an der Leopoldstraße zuerst in westliche Richtung in die Herzogstraße, danach nach rechts in die Wilhelmstraße und anschließend nach links in die Clemensstraße gefolgt war, als sie in einem mehrstöckigen Wohngebäude verschwand.

Da die Haustür offen stand, konnte ich das Haus ebenfalls ungehindert betreten. Auf dem untersten Treppenabsatz verharrte ich und lauschte auf ihre Schritte über mir, die schon nach relativ kurzer Zeit verstummten. Dann hörte ich, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben und eine Tür geöffnet wurde. Ich schätzte, dass die Frau in den zweiten Stock gegangen war. Ich überlegte, was ich nun tun sollte. Wenn die Frau tatsächlich hier wohnte – und danach sah es aus –, dann kannte ich jetzt zumindest ihre Adresse und konnte auch nach meinem Termin in der Werbeagentur wiederkommen. Allerdings wäre es mir lieber gewesen, ich hätte auch ihren Namen gewusst. Das Klingelbrett an der Haustür war mir dabei keine große Hilfe, da ich nicht wusste, welcher Name zu welcher Wohnung gehörte. Wenn ich den Namen der todgeweihten Frau erfahren wollte, musste ich also nach oben gehen, um ihn von der Klingel an ihrer Wohnungstür abzulesen.

Ich seufzte und schüttelte den Kopf über all die Dinge, die ich tat, seit ich mir meiner unheimlichen Fähigkeit bewusst geworden war. Ich verfolgte Menschen, die ich nicht kannte, von denen ich aber wusste, dass sie sterben würden, ohne dass ich bislang etwas daran hatte ändern können, bis zu ihrer Wohnungstür und brachte ihre Namen in Erfahrung. Ich kam mir vor wie ein Voyeur oder Stalker, obwohl ich dabei keinerlei schmutzige Gedanken hegte.

Dennoch erklomm ich nun die Stufen in den zweiten Stock. Nach dem letzten Treppenabsatz vor meinem Ziel bemühte ich mich, besonders leise zu sein, auch wenn mich die Frau in der Wohnung vermutlich ohnehin nicht hören würde. Ich wollte nur einen kurzen Blick auf das Namensschild an der Tür werfen und dann sofort wieder verschwinden. Falls sie ausgerechnet in diesem Moment wieder herauskommen und mich überraschen sollte, konnte ich ihr wenigstens meine Notlüge über die Schmerztabletten erzählen, die sie noch immer besaß.

Als ich auf den Absatz vor den beiden Wohnungstüren rechts und links trat, hoffte ich, dass gerade niemand durch den Spion sah. Nun hatte ich immer noch zwei Alternativen zur Auswahl, denn von unten hatte ich nicht unterscheiden können, welche Wohnungstür geöffnet worden war. Ich wandte mich zuerst nach links und las dort den Namen Wolfgang Kramer, der in kursiver Schrift auf einem glänzenden Messingschild an der Tür stand. Hier war ich vermutlich falsch, schließlich war ich nicht auf der Suche nach einem Mann. Ich wandte mich um und näherte mich der anderen Tür. Auf einem silbernen Metallschild stand in einfachen Druckbuchstaben A. Engel.

Doch es war nicht der Name, der mich abrupt innehalten ließ, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen, sondern die Tatsache, dass die Tür einen Spaltbreit offen stand.

4

Ich spürte, dass mein Herz plötzlich sehr viel schneller schlug und mir der Schweiß ausbrach. Nachdem ich erfahren hatte, was ich wissen wollte und weswegen ich nach oben gekommen war, hätte ich jetzt einfach umkehren und wieder gehen können. Doch die offen stehende Tür beunruhigte mich zu sehr. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass hier irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte. Allerdings hatte ich außer der Fähigkeit, die Totengesichter der in Kürze Sterbenden zu sehen, bislang keine anderen übersinnlichen Fähigkeiten bei mir festgestellt, sodass mein Gefühl mich auch in die Irre führen und geradewegs in Teufels Küche bringen konnte, wenn ich ihm nachgab.

Doch ich konnte einfach nicht anders. So wie ich auch die Todgeweihten nicht einfach ziehen lassen konnte, ohne zumindest den Versuch zu unternehmen, ihr Schicksal zu ändern, so konnte ich jetzt auch dieser offenen Tür nicht unverrichteter Dinge den Rücken kehren. Es mochte zwar genügend plausible und harmlose Gründe geben, warum jemand, wenn er nach Hause kam, die Tür offen stehen ließ – er muss nur kurz etwas holen oder erledigen und will gleich wieder gehen, oder aber er hat schlichtweg vergessen, die Tür zu schließen –, doch hier und jetzt überzeugte mich kein einziger davon. Das Gefühl, dass hier etwas faul war, nahm sogar mit jeder Sekunde zu, als wollte mich irgendetwas in meinem Inneren dazu drängen, endlich etwas zu unternehmen.

Es erschien mir, als wäre eine Ewigkeit vergangen, bis ich mich wieder in Bewegung setzte, doch anstatt mich umzudrehen, die Treppe nach unten zu nehmen und das Haus zu verlassen, was vernünftig und vermutlich richtig gewesen wäre, näherte ich mich mit zwei raschen Schritten der Tür, schob sie ein Stück weiter auf und spähte in den düsteren Flur, der dahinter lag.

Mein Herzschlag setzte kurzzeitig aus, als ich einen Mann entdeckte, der allerdings nicht in meine Richtung sah und mich daher gar nicht bemerkt zu haben schien, denn er verschwand im gleichen Augenblick am Ende des Wohnungsflurs um die Ecke.

Was mich letztendlich davon überzeugte, dass hier tatsächlich etwas faul war, waren vor allem zwei Dinge. Zum einen sah der Mann so aus, als würde sein Gesicht regelmäßig im Fernsehen auf Fahndungsfotos bei Aktenzeichen XY ungelöst gezeigt werden. Das war allerdings kein wirklich stichhaltiges Argument, denn dafür konnte er vermutlich gar nichts. Was demgegenüber viel schwerer wog und mein Herz nach seinem kleinen Aussetzer augenblicklich um ein Vielfaches schneller schlagen ließ, war die große Automatikpistole mit Schalldämpfer, die der Mann in der Hand gehalten hatte.

5

Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, was ich in Anbetracht der dramatisch veränderten Situation tun sollte, betrat ich bereits die Wohnung und schlich lautlos durch den Flur. Der Fußboden war mit einem dünnen, billigen Teppich bedeckt, der das Geräusch meiner Schritte dennoch komplett verschluckte.

Was ich tat, war verrückt, gefährlich und vermutlich hochgradig selbstmörderisch, denn ich wusste noch nicht einmal, was ich überhaupt tun sollte, sobald ich dem Mann mit der Pistole begegnete.

Ganz einfach, Idiot, du wirst erschossen!, sagte eine gehässige Stimme in meinem Verstand, die ich unschwer als die des vernünftigeren Teils meines Ichs identifizierte.

Allerdings konnte ich jetzt auch nicht einfach wieder gehen und so tun, als wäre alles in bester Ordnung, nachdem ich den Mann und vor allem seine schallgedämpfte Waffe gesehen hatte. Zumindest ergab die offene Wohnungstür nun einen Sinn, auch wenn mir dieser nicht gefiel. Der Mann musste im Treppenhaus gewartet haben, bis die Frau nach Hause kam, hatte sich anschließend mit einem Dietrich oder einem Nachschlüssel Zutritt verschafft und die Tür offen gelassen, um schneller flüchten zu können. Aber was hatte er vor?

Was wohl, Blödmann? Er ist natürlich hier, um die Frau zu erschießen.

Aber wieso?

Die Stimme in meinem Kopf, die es mir ersparte, laute Selbstgespräche zu führen, schwieg. Vermutlich zuckte mein mentaler Gesprächspartner stattdessen mit den Achseln. Und er hatte ja auch recht, und zwar mit allem, was er gesagt hatte. Wenn ich nicht aufpasste und mir nicht schleunigst eine Waffe suchte, würde ich vermutlich unmittelbar vor oder nach der Frau erschossen werden. Denn was immer der Mann mit der Waffe vorhatte, es konnte nichts Gutes sein. Es sah sogar danach aus, als befände sich die Frau, der ich gefolgt war, in akuter Lebensgefahr. Schließlich hatte ich ihr Totengesicht gesehen und wusste daher, dass sie bald sterben würde. Und warum der Mann sie töten wollte, war in diesem Augenblick zweitrangig. Wichtiger war die Frage, was ich gegen ihn unternehmen und wie ich den Mord verhindern sollte.

Während ich durch den düsteren Flur schlich, um dorthin zu gelangen, wo er nach rechts abknickte und der Mann verschwunden war, sah ich mich nach einer geeigneten Waffe um. Neben einer Kommode aus hellem Holz stand ein Schirmständer, in dem sich zwei Regenschirme befanden. Allerdings erschienen sie mir als Waffe eher ungeeignet, denn was sollte ich damit tun? Dem anderen ein Auge ausstechen? Keine gute Idee! Schließlich hatte er zwei Augen und konnte mich auch einäugig noch erschießen. Ich hoffte eher darauf, dass ich mich von hinten an ihn heranschleichen konnte und er mich gar nicht erst sah, bevor es für ihn zu spät war, denn ansonsten hätte er mehr als genug Zeit, mir eine Kugel zu verpassen. Und wenn ich versuchen würde, ihm einen Schirm über den Schädel zu ziehen, ginge wohl eher der Schirm als sein Kopf zu Bruch.

Aber was sollte ich dann nehmen? Wie als Antwort auf meine Frage fiel mein Blick auf mehrere afrikanische Masken aus dunkelbraunem Hartholz, die teilweise mit Messing verziert waren und an der Wand hingen. Eine Maske fiel mir dabei besonders ins Auge. Sie war 40 bis 45 Zentimeter hoch und stellte einen Elefantenkopf dar. Der dünne Rüssel war meiner Meinung nach der ideale Griff, an dem ich das Teil packen und notfalls über den Kopf schwingen konnte.

Vor der Wand mit den Masken bückte ich mich und legte meine Mappe lautlos auf den Boden, da sie bei meinem Vorhaben nur hinderlich war. Während ich die Elefantenmaske vorsichtig von der Wand nahm und mich bemühte, dabei so geräuschlos wie möglich zu agieren, horchte ich auf andere Geräusche in der Wohnung. Von dem Mann mit der Pistole hörte ich keinen Ton. Er musste sich ebenso unhörbar bewegen wie ich. Alles, was ich hörte, war das Rauschen fließenden Wassers, das aus dem Bad kommen und von der Frau stammen musste. Entweder nahm sie eine Dusche oder wusch sich am Waschbecken.

Die afrikanische Maske war schwerer, als ich erwartet hatte. Wenn es mir gelang, dem anderen damit eins überzubraten, bevor er auf mich aufmerksam wurde, musste ich mir um die Schusswaffe keine Sorgen mehr machen. Mit der Maske in der Hand fühlte ich mich sofort ein bisschen wohler und besser auf die unvermeidlich bevorstehende Auseinandersetzung vorbereitet als mit der für derartige Situationen völlig nutzlosen Arbeitsmappe.

Ich näherte mich der Biegung des Flurs, verharrte vor der Ecke und schob dann vorsichtig meinen Kopf nach vorn, um mit einem Auge in den abknickenden Teil zu spähen, der sich dahinter erstreckte. Das andere Flurstück war viel kürzer. Drei Türen gingen von ihm ab. Die linke Tür war geschlossen, und dahinter war das Wasserrauschen zu hören. Die Tür geradeaus stand offen, und man konnte eine Toilettenschüssel und ein kleines Waschbecken sehen. Die rechte Tür stand ebenfalls offen, was dahinter lag, war allerdings von meiner Position aus nicht einsehbar. Ich nahm an, dass sie ins Schlafzimmer der Frau führte.

Wichtiger als der Grundriss der Wohnung war jedoch der Mann mit der Waffe, den ich ebenfalls sah. Er wandte mir den Rücken zu und stand neben der geschlossenen Tür zum Badezimmer. Er lehnte mit der linken Schulter lässig an der Wand und wartete vermutlich darauf, dass die Bewohnerin endlich herauskam, damit er sie erschießen konnte. Die Mündung des klobigen schwarzen Schalldämpfers an seiner Schusswaffe aus brüniertem Stahl zeigte momentan zu Boden, doch ich war mir sicher, dass er sie im Bruchteil eines Augenblicks hochreißen und abdrücken konnte. Da im Bad allerdings noch immer das Wasser rauschte und ihm augenscheinlich langweilig war, beschäftigte er sich momentan damit, mit dem kleinen Finger der linken Hand Ohrenschmalz aus dem linken Ohr zu pulen.

Ich verzog das Gesicht vor Ekel. Allerdings wurde mir auch klar, dass es eine einmalige Chance war, mich von hinten an ihn heranzuschleichen, während er abgelenkt war und auf einem Ohr kaum etwas hörte, weil das vollständige erste Glied seines dreckigen Fingers darin steckte.

Also ging ich weiter und umfasste den Rüssel der Elefantenmaske, den ich mit beiden Händen umklammerte, noch fester. Ich betrat den kleineren Flur, der ebenfalls mit Teppich ausgelegt war, was mir nur recht war, denn es verringerte die Gefahr, dass er meine Schritte hörte. Außerdem überdeckte das Rauschen des fließenden Wassers aus dem Bad jedes noch so leise Geräusch, das ich versehentlich verursachte.

Doch als hätte es nur dieses Gedankens bedurft, verstummte in diesem Moment das Wasserrauschen wie abgeschnitten, und atemlose Stille kehrte stattdessen ein. Ich blieb wie erstarrt stehen, das rechte Bein schon zum nächsten Schritt angehoben, wagte es aber nicht, die Bewegung zu Ende zu führen. Der Mann mit der Pistole nahm den Finger aus dem Ohr, sah sich kurz an, was seine Bemühungen zum Vorschein gebracht hatten, und hob gleichzeitig die Hand mit der Pistole.

Er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und trug einen Rollkragenpullover, eine Jogginghose und Turnschuhe, als käme er gerade vom Joggen. Außerdem hatte er eine Rollmütze auf dem Kopf. Allerdings trug er keine Handschuhe, was ich von einem professionellen Killer eigentlich erwartet hätte. Er hatte sehr dunkles Haar ohne jede Spur von Grau, das kurz geschnitten war und seinen dicken, speckigen Nacken freiließ. Als ich ihn vorhin von der Seite gesehen hatte, war mir außerdem aufgefallen, dass er vermutlich Mitte bis Ende vierzig war und dichte, schwarze Augenbrauen und eine knollenartige, rot geäderte Nase hatte. Der Rest seiner wegen der dicken Backen sehr breiten unteren Gesichtshälfte wurde von einem dichten Fünftagesbart bedeckt. Und als ich nun wie zur Salzsäule erstarrt weniger als zwei Meter hinter ihm stand, sah ich darüber hinaus, dass er in jedem Ohrläppchen einen silbernen Ring trug. Er war breitschultrig und stämmig und wirkte viel kräftiger als ich, sodass mir rasch klar wurde, dass ich mich nicht auf ein Handgemenge mit ihm einlassen durfte. Insgesamt erinnerte er mich an eine fleischgewordene Inkarnation von Kater Carlo, dem Erzgegner von Micky Maus, weshalb ich ihn in Gedanken auf den Namen Carlo taufte.

Ich betete, dass das Rauschen im Bad gleich wieder einsetzen würde, damit ich die restliche Distanz bis zu ihm unbemerkt überwinden und ihm die Elefantenmaske auf den Kopf hauen konnte. Meine Hände, die den Elefantenrüssel umklammerten, als hinge mein Leben davon ab – was vermutlich auch genau so war –, hatte ich bereits gehoben.

In diesem Moment wurden im Bad tatsächlich Geräusche laut. Sie stammten allerdings nicht vom fließenden Wasser, sondern von der Frau, die sich darin befand. Es klapperte, als würde sie etwas aus der Hand legen. Dann waren ihre Schritte zu hören, die sich der Badezimmertür näherten, bevor diese auch schon schwungvoll aufgerissen wurde.

6

Ich setzte mich bereits in Bewegung, bevor die Frau aus dem Bad kam, den Mann mit der Schusswaffe sah und einen kurzen, schrillen Schrei ausstieß. Die Zeit der Heimlichtuerei war ohnehin vorbei. Jetzt war Schnelligkeit gefragt und nicht länger Lautlosigkeit. Ich machte zwei Schritte nach vorn, bis ich unmittelbar hinter Carlo stand, und ließ meine Hände mit der Holzmaske herabsausen.

Doch Carlo musste mein Näherkommen gespürt oder gehört haben, denn er stieß sich in ein und derselben fließenden Bewegung von der Wand ab, kreiselte herum und schwang die Hand mit der tödlichen Waffe in meine Richtung. Durch seine abrupte Bewegung verfehlte ich den Punkt auf seinem Kopf, den ich so sorgfältig anvisiert hatte. Die obere Kante der Maske streifte zwar seine Schläfe, krachte dann aber nur auf seine rechte Schulter. Der Hieb reichte nicht aus, ihn das Bewusstsein verlieren zu lassen, schleuderte ihn allerdings wieder gegen die Wand und sorgte darüber hinaus dafür, dass sich die Finger seiner Hand öffneten und die Waffe fallen ließen. Anscheinend hatte ich durch pures Glück einen empfindlichen Punkt an seiner Schulter getroffen.

Er stöhnte laut, sah mich so wütend an wie sonst nur Jürgen Klopp einen Schiedsrichter und sprang auf mich zu, noch ehe ich die Maske zu einem zweiten Schlag heben konnte. Seine Hände legten sich augenblicklich um meinen Hals und schlossen sich dann wie die stählernen Spannarme einer Schraubzwinge. Ein letzter gurgelnder Laut, der selbst für mich unverständlich blieb, kam aus meiner Kehle, bevor die Luftzufuhr schlagartig unterbunden wurde.

Ich ließ die Maske fallen, von der ich mir mehr erhofft hatte, und sah in sein Gesicht. Seine Gesichtszüge waren jedoch nicht länger erkennbar, weil sich ein düsterer Fleck darübergelegt hatte, der in seinen Ausmaßen an einen Totenschädel erinnerte.

Verdammter Mist! Nicht schon wieder!

Ich konnte es nicht fassen, dass ich zum zweiten Mal an ein und demselben Tag einen todgeweihten Menschen berührte. Wo war ich da nur hineingeraten?

Das Schicksal des Mannes konnte mir allerdings herzlich egal sein, da mir mein eigenes naturgemäß viel mehr am Herzen lag. Und momentan sah es danach aus, als würde ich noch vor ihm den Löffel abgeben. Noch war der Luftmangel nicht so bedrohlich, dass ich in Panik geriet und nicht mehr in der Lage war, vernünftig zu handeln. Aber lange würde es vermutlich nicht mehr dauern, bis es dazu kam. Da ich mir wenig von dem Versuch versprach, seine Hände von meinem Hals zu zerren, weil er deutlich breitere Schultern als ich hatte und viel kräftiger war, schlug ich ihm meine zur Faust geballte rechte Hand mit aller Kraft auf seine Knollennase, die ich wieder deutlich genug erkennen konnte, weil der Schatten auf seinem Gesicht sich allmählich wie Nebel in der Mittagssonne auflöste.

Er grunzte und funkelte mich sofort noch zorniger an. Hätten Blicke töten können, hätte er seine Hände gar nicht mehr dazu benutzen müssen. Ansonsten schien mein Hieb allerdings nichts bewirkt zu haben, sodass ich kurz davor stand, zu verzweifeln und jegliche Hoffnung auf ein Überleben aufzugeben.

Doch da wich der Zorn schlagartig aus seinen braunen Augen und machte einem Ausdruck tiefster Verwunderung Platz. Gleichzeitig lockerte sich der Griff seiner Hände um meinen Hals, und er taumelte einen Schritt zur Seite. Ich sog erleichtert frische Atemluft in meine Lunge, befreite mich aus seinem Griff und wich zurück. Er torkelte nach links und prallte gegen die Wand, bevor er auf die Knie sank, den Oberkörper nach vorn beugte und laut stöhnte. Allerdings fiel er nicht um und verlor auch nicht das Bewusstsein.

Ich wandte den Kopf und sah zu der Frau, die den größten Föhn in der Hand hielt, den ich jemals gesehen hatte. Sie sah auf den knienden und laut stöhnenden Attentäter, der in diesem Moment die rechte Hand hob und sich an den Hinterkopf fasste, wo ihn der Schlag mit dem Föhn getroffen hatte. Dann wandte sie den Kopf und sah mich an. Was jetzt?, schien ihr wortloser Blick zu bedeuten.

Ich sah von ihr zu dem Mann, der noch vor wenigen Augenblicken drauf und dran gewesen war, mich zu erwürgen, und fasste mit der linken Hand unwillkürlich an meinen Hals, der noch immer etwas schmerzte. Der andere hob den Kopf und sah erst mich und dann die Frau an. Sein Blick und sein Gesichtsausdruck versprachen uns einen schmerzhaften und keineswegs raschen Tod. Zumindest sahen meine Comicfiguren so aus der Wäsche, wenn sie dies ihren Gegnern wünschten.

»Wir müssen hier weg!«, rief ich, ohne den Blick von ihm zu wenden, und meinte die Frau.

»Aber …«, begann sie, als gäbe es tatsächlich auch nur ein einziges vernünftiges Argument, in der Nähe eines bewaffneten Gewalttäters zu bleiben, den wir gerade eben so richtig wütend gemacht hatten.

»Kein Aber!«, sagte ich entschlossen, während ich gleichzeitig nach der Schusswaffe Ausschau hielt. Ich entdeckte sie rasch, doch zu meinem Leidwesen musste ich feststellen, dass sie sich näher bei ihm als bei einem von uns befand.

Der Mann folgte meinem Blick und sah die Pistole ebenfalls, die nur knapp außerhalb seiner Reichweite lag. Ein bösartiges Grinsen breitete sich daraufhin auf seinem Gesicht aus, das ihn noch mehr wie Kater Carlo aussehen ließ, wenn dieser einen hinterlistigen Plan ausheckte.

Ich ahnte, dass uns nur noch Sekunden blieben. »Los! Kommen Sie schon! Sofort!«

Endlich schien auch sie den tödlichen Ernst unserer Lage erfasst zu haben, denn sie reagierte, ohne noch länger zu zögern. Sie ließ den Föhn fallen, dessen Plastikgehäuse ohnehin schon gesplittert war, und rannte los. Als sie den Mann passierte, der sie töten wollte, kam auch in diesen wieder Bewegung. Er ließ sich einfach in die Richtung fallen, in der seine Pistole lag, und griff danach. Ich wartete nicht ab, bis er sie wieder in der Hand hatte, sondern warf mich herum und rannte ebenfalls los, sobald die Frau an mir vorbei war.

Zwischen meinen Schulterblättern prickelte es, während ich hinter der Frau auf die Ecke des Flurs zusteuerte, um dahinter Schutz vor den Kugeln zu suchen, die der Mann jeden Moment auf uns abfeuern würde. Ich zog unwillkürlich den Kopf ein, um ein kleineres Ziel zu bieten, auch wenn mir das bei dieser kurzen Distanz nicht viel nützen würde. Mein Herz raste wie verrückt, und der Schweiß brach mir am ganzen Körper aus, während ich darauf wartete, dass sich eine Kugel in meinen Rücken bohrte und der Aufprall mich nach vorne warf. Es war ein verdammt unangenehmes und beängstigendes Gefühl, so als hätte ich eine Zielscheibe auf dem Rücken meiner Lederjacke. Und vermutlich würde ich den Schuss wegen des Schalldämpfers nicht einmal hören, bevor mich die Kugel erwischte.

Trotz der tödlichen Gefahr, in der wir schwebten, fiel mir in diesem Moment dennoch auf, dass die Frau noch immer dieselbe Kleidung trug, die sie auch bei unserer Begegnung in der U-Bahnstation angehabt hatte. Dann hatte sie vermutlich gar keine Dusche genommen, sondern nur das Wasser am Waschbecken laufen lassen und sich dort gewaschen. Deshalb war sie auch nicht lange im Bad gewesen. Hätte sie hingegen geduscht und das Wasser länger laufen lassen, hätte ich genügend Zeit gehabt, mich an den Mann heranzuschleichen und ihn mit einem gezielten Hieb niederzuschlagen. Aber es war nicht nur müßig, jetzt und in dieser Situation darüber nachzusinnen, was hätte sein können, es war auch schlichtweg irrsinnig, denn jeden Augenblick konnte ich erschossen werden.

Über unsere trampelnden Schritte hinweg hörte ich, wie hinter uns ein schwerer Körper auf dem Boden landete. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie Carlo, von dessen Reaktionsschnelligkeit und Geschmeidigkeit, die absolut im Widerspruch zu seiner äußerlichen Erscheinung stand, ich vorhin schon einen kleinen Vorgeschmack erhalten hatte, blitzschnell nach seiner Pistole griff, kaum dass er auf dem Teppich aufgekommen war, die Hand nach vorne riss, auf mich anlegte und den Zeigefinger krümmte. Es sah aus wie aus einem Actionfilm, bestand allerdings aus einzelnen Bildern wie in einem Comicstrip. Es fehlte nur noch das fett und kursiv gedruckte Wort BANG! im letzten Bild.

Die Frau bog vor mir um die Ecke und war in Sicherheit. Ich war hingegen noch einen halben Meter davon entfernt. Jeden Moment musste der Schuss fallen und das todbringende Projektil abgefeuert werden. Vermutlich benötigte es nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde, um mich zu erwischen. Bis ich hingegen die Ecke erreichte und ebenfalls dahinter verschwinden konnte, würde es länger dauern.

Im selben Augenblick, als ich in Gedanken vor mir sah, wie sich der Zeigefinger des Mannes am Abzug der Pistole krümmte – BANG! –, warf ich mich in einem flachen Hechtsprung nach vorn. Von hinten hörte ich allerdings keinen lauten Knall, sondern nur ein dünnes Klacken, weil der Schalldämpfer den Mündungsknall dämpfte. Ich spürte nicht einmal, dass die Kugel nur knapp über mich hinwegsauste, hörte und sah jedoch, wie sie ein Loch in den Verputz des Flurs vor mir stanzte.

Sobald ich am Ende meines Becker-Hechts mit den Händen den Boden berührte, warf ich mich auch schon nach links, um hinter die Flurbiegung und in Deckung vor weiteren Kugeln zu gelangen. Ich hörte die Waffe noch zweimal klacken, die Projektile schlugen jedoch hinter der Ecke in die Wand und konnten mir nicht gefährlich werden. Der Mann stieß daraufhin einen lauten Fluch in einer Sprache aus, die mir vollkommen fremd war.

Die Frau hatte in diesem Teil des Flurs auf mich gewartet, packte mich am rechten Oberarm und half mir, rasch auf die Beine zu kommen. Von jenseits der Biegung wurden Geräusche hörbar, die uns verdeutlichten, dass der Mann dasselbe tat und allem Anschein nach noch nicht bereit war, sein Vorhaben aufzugeben. Wäre ja auch zu schön gewesen.

»Weiter! Schnell! Raus hier!«, rief ich laut, da mir zum einen die Atemluft für längere Sätze fehlte und sich auch zuvor schon knappe Befehle bewährt hatten. Die Frau widersprach dieses Mal auch nicht. Gewiss hatten auch die Kugeln, die die Wände ihres Flurs perforiert hatten, ihren Teil dazu beigetragen, ihren Widerspruchsgeist zu dämpfen. Sie nickte mit ernster Miene und lief dann zur Wohnungstür. Ich rannte sofort hinterher und warf einen Blick über die Schulter.

Wenn der Mann hinter der Flurbiegung auftauchte, bevor wir die Tür erreicht und das Treppenhaus betreten hatten, dann hatten wir vermutlich nicht mehr die geringste Chance, die Wohnung lebend zu verlassen. Dann konnte er uns in aller Seelenruhe abschießen wie Tonfiguren in einer Schießbude. Doch noch tauchte er nicht hinter der Gangbiegung und in meinem Blickfeld auf.

Obwohl ich den Gang hinter mir ungern aus den Augen ließ, musste ich meinen Blick wieder nach vorn richten, um nicht gegen ein Hindernis zu laufen, denn die dadurch bewirkte Verzögerung hätte meinen sicheren Tod bedeutet. Ich sah, dass die Frau, die allem Anschein nach schneller war als ich, die Tür erreichte, die ich nach meinem Eintreten weit offen stehen gelassen hatte, und ins Treppenhaus rannte.

Ich spürte erneut ein Prickeln zwischen den Schulterblättern, kurz bevor ich ebenfalls an der Wohnungstür war. Auch ohne mich umzusehen, wusste ich in diesem Moment, dass Carlo mit der Schusswaffe hinter mir um die Ecke gekommen war und auf mich anlegte. Ich griff nach dem Türknopf und zog die Tür zu, während ich nach draußen lief. Ich duckte mich, so weit es ging und ohne meine Geschwindigkeit dadurch nennenswert zu verringern, und warf mich gleichzeitig nach rechts, um aus der direkten Schusslinie des Schützen zu kommen. Die Tür fiel krachend ins Schloss, unmittelbar gefolgt von den Geräuschen mehrerer Projektile, die das Türblatt durchschlugen und an mir vorbeisausten. Sie kamen so rasch aufeinander, dass ich nicht in der Lage war, sie zu zählen. Ich hoffte allerdings wider jede Vernunft, dass Carlo sein Magazin leer geschossen und keine Munition zum Nachladen bei sich hatte.

Die Frau lief bereits die Stufen nach unten. Die erhöhte Todesangst der letzten Sekunden hatte mir zu einem Geschwindigkeitsschub verholfen, sodass ich wieder ein bisschen aufgeschlossen hatte. Ich folgte ihr und konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf meine Füße und die Stufen unter mir, um nicht zu stolpern. Die geschlossene Wohnungstür würde den Mann immerhin ein paar Sekunden aufhalten. Außerdem war er mir trotz seiner Reaktionsschnelligkeit nicht wie jemand vorgekommen, der schnell laufen konnte. Wenn also nichts schiefging, mussten wir es aus dem Haus und auf die Straße schaffen. Und wenn wir erst einmal draußen waren, waren wir vermutlich auch in Sicherheit, da sich dort noch andere Menschen aufhielten und der Killer es doch sicherlich nicht wagen würde, in der Öffentlichkeit auf uns Jagd zu machen und zu schießen.

Ich hatte gerade den ersten Treppenabsatz passiert und war um die Ecke gebogen, als ich hörte, wie über uns die Wohnungstür aufgerissen wurde. Wenigstens befand ich mich nun nicht mehr in direktem Schussfeld des Mannes. Außerdem hielt ich mich möglichst weit rechts an der Wand und so weit wie möglich vom Treppengeländer entfernt, falls der Mann auf den Gedanken kam, durch den Treppenschacht auf uns zu schießen. Wegen des Polterns unserer eigenen Schritte konnte ich nicht hören, ob der Mann uns verfolgte. Ich ging allerdings davon aus und wurde deshalb auch nicht langsamer. Und auch die Frau vor mir verringerte ihre Geschwindigkeit nicht.

Ich war vollkommen konzentriert auf die Stufen unter meinen wirbelnden Füßen und die Stelle zwischen meinen Schulterblättern, die mir mit einem Kribbeln signalisieren würde, wenn ich erneut ins Visier des Killers geriet. Doch das geschah nicht, und so erreichten wir unbeschadet das Erdgeschoss und die offen stehende Haustür.

Die Frau wollte sofort nach draußen rennen und wäre vermutlich sogar bis auf die Straße gelaufen, doch ich griff nach ihrem Arm und hielt sie auf, während ich gleichzeitig langsamer wurde und schließlich unmittelbar vor der Türschwelle stehen blieb.

»Was ist?«, fragte sie schwer atmend, blieb aber stehen.

Ich legte meinen Zeigefinger an meine Lippen, wandte den Kopf und horchte. Nachdem das Getrampel unserer Schritte verstummt war, hätte ich es hören müssen, wenn er uns verfolgte, doch im Hausflur war es plötzlich gespenstisch still. Falls einer der Anwohner den Lärm gehört hatte, so hatte er sich zumindest nicht darüber gewundert und die Wohnung verlassen, um nachzusehen, was das alles zu bedeuten hatte. Aber auch von dem Bewaffneten war nichts zu hören.

Ich sah die Frau an und hob fragend die Augenbrauen.

»Wo steckt er?«, fragte sie flüsternd.

Ich zuckte mit den Schultern, doch dann kam mir ein erschreckender Verdacht. Ich schob mich neben die Frau, deren Arm ich längst wieder losgelassen hatte, bis ich auf der Türschwelle stand und deutete dann nach oben. »Vielleicht hat er ein Fenster geöffnet und wartet nur darauf, dass wir das Haus verlassen, um uns von dort oben zu erschießen«, sagte ich leise.

Sie bekam große Augen und richtete den Blick unwillkürlich nach oben, obwohl von unserer Position aus natürlich nichts zu sehen war.

»Ich werde vorgehen und nachsehen«, sagte ich. Keine Ahnung, woher ich in diesem Augenblick den Mut dazu nahm. Aber wir konnten auch nicht ewig hier herumstehen und darauf warten, dass der Killer herunterkam. Es war schließlich auch denkbar, dass er sich die Schuhe ausgezogen hatte und in diesem Moment vollkommen lautlos die Stufen nach unten schlich. »Wenn die Luft rein ist, folgen Sie mir. Aber halten Sie sich dicht an der Hauswand.«

Sie nickte und knabberte an ihrer Unterlippe. Erst jetzt, aus der Nähe, bemerkte ich, dass sie sehr glatte, zarte Haut, leuchtend grüne Augen und einen Schönheitsfleck unter dem linken Auge hatte.

»Okay!«, sagte ich, was allerdings eher dazu gedacht war, mir selbst Mut zu machen und das Startkommando zu erteilen, sonst hätte ich mich vielleicht doch nicht getraut, nach draußen zu gehen.

Ich trat vorsichtig auf die Schwelle und schob dann den Oberkörper und den Kopf zaghaft nach draußen, während ich gleichzeitig den Kopf hob und nach oben sah. Ich konnte allerdings niemanden sehen, der sich aus einem der Fenster des Treppenhauses beugte. Von meiner Position sah ich aber auch nicht, ob die Fenster offen oder geschlossen waren. Also machte ich den nächsten Schritt und behielt dabei die Fensterreihe unmittelbar über mir aufmerksam im Auge. Noch immer konnte ich nichts erkennen, also tat ich einen weiteren, ein wenig größeren Schritt, bis ich mitten auf dem Gehsteig vor dem Haus stand und sehen konnte, dass alle Treppenhausfenster zu waren. So wie es aussah, war Carlo nicht auf den Gedanken gekommen, uns von dort oben abzuknallen. Vielleicht hatte er die Idee aber auch in Erwägung gezogen und wieder verworfen, weil es einfach zu viele Tatzeugen gegeben hätte, die ihn später identifizieren konnten, denn sowohl auf diesem als auch auf dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite waren insgesamt ungefähr zwei Dutzend Leute unterwegs. Und auch auf der Straße fuhren mehrere Autos vorbei.

Ich stieß in einem Stoßseufzer die Luft aus, die ich unwillkürlich angehalten hatte, und atmete voller Erleichterung auf. Dann senkte ich den Blick und richtete ihn auf die Frau, die mich mit gerunzelter Stirn fragend ansah.

Ich fragte mich, ob ich noch immer das Antlitz des Todes in ihrem hübschen Gesicht sehen würde, wenn ich sie in diesem Moment mit bloßen Händen berühren und Körperkontakt herstellen würde. Oder ob es mir tatsächlich gelungen war, sie nicht nur vor dem Killer zu retten, sondern ihr Schicksal dauerhaft zu verändern. Doch erstens scheute ich davor zurück, weil ich Angst vor der Erkenntnis hatte, ich könnte durch meine Aktion vielleicht gar nichts bewirkt haben. Und zweitens war jetzt nicht der richtige Moment dafür, weil wir noch nicht wirklich in Sicherheit waren. Also nickte ich ihr nur zu und sagte: »Die Luft ist rein. Kommen Sie!«

Wir hielten uns dicht an der Hausmauer, während wir davoneilten und ab und zu einen Blick über die Schulter warfen, um nachzusehen, ob der Mann uns verfolgte. Von ihm war allerdings nichts mehr zu sehen, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Erst als wir die nächste Straßenecke erreichten und uns nach rechts wandten, fiel mir siedend heiß ein, dass ich meine Arbeitsmappe im Flur der Wohnung liegen gelassen hatte.

7

»Ich muss sofort zurück und meine Mappe holen!«, sagte ich.

Ich wusste nicht, wie oft in diesen Satz in den letzten zwanzig Minuten wiederholt hatte.

Und auch Alessias Antwort war stets dieselbe: »Sie können noch nicht zurückgehen, Rex. Vielleicht rechnet er damit und erwartet Sie dort. Warten wir lieber noch etwas ab.«

Sie hatte natürlich recht, das war sogar mir klar. Aber die Vorstellung, dass meine Arbeitsmappe in ihrer Wohnung lag und möglicherweise von dem Mann gefunden wurde, der uns hatte töten wollen, verursachte mir Bauchschmerzen. All meine Kontaktdaten – mein Name, meine Anschrift, meine Telefonnummer und meine Email-Adresse – waren darin vermerkt. Es erfüllte mich mit eiskaltem Entsetzen, dass der Killer unter Umständen längst meinen Namen kannte und wusste, wo ich wohnte. Nicht zum ersten Mal an diesem verfluchten Tag fragte ich mich, in was ich da hineingeraten war. Ich seufzte resignierend und nahm einen Schluck von meinem Caffè Americano.

Wir saßen in einem Starbucks in der Leopoldstraße unweit der U-Bahnstation Münchner Freiheit. Alessia hatte mich dazu überredet, dorthin zu gehen, um mehr Abstand zwischen uns und den Mann mit der schallgedämpften Pistole zu bringen, nachdem sie mich mehrmals davon abgehalten hatte, sofort umzukehren und in ihre Wohnung zurückzugehen. Obwohl ich mich an diesem Ort unter all den anderen Gästen halbwegs sicher fühlte, sah ich mich dennoch immer wieder um, ob Carlo uns nicht vielleicht doch bis hierher gefolgt und ganz in der Nähe war, um die angefangene Arbeit zu beenden.

Ich setzte den Kaffeebecher ab und leckte mir über die Lippen. »Ich muss kurz telefonieren«, sagte ich dann und holte mein Handy heraus.

Alessia nickte nur.

Nachdem wir meinen Caffè Americano und einen Caffè Latte für sie geholt und Platz genommen hatten, hatte sie mich nach meinem Namen gefragt.

»Sie können mich Rex nennen«, hatte ich wie üblich geantwortet.

»Rex?«

»So nennen mich meine Freunde. Eigentlich heiße ich Richard König.«

Sie hob die Augenbrauen, als ihr die Herkunft meines Spitznamens klar wurde, und nickte dann. »Ich heiße Alessia, Alessia Engel.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Alessia, auch wenn es unter diesen unerfreulichen Umständen geschieht.«

»Ganz meinerseits.«

Dann war ich mir allerdings wieder meiner Mappe und der Dringlichkeit, sie zurückzubekommen, bewusst geworden, und hatte die gegenseitige Vorstellung mit der erneuten Wiederholung des Satzes »Ich muss sofort zurück und meine Mappe holen!« beendet, obwohl ich ihr ansah, dass sie vermutlich genauso viele Fragen an mich hatte wie ich an sie. Doch noch war ich nicht bereit, ihr erläutern zu müssen, warum ich sie bis zu ihrer Wohnung verfolgt hatte.

Während ich die gespeicherte Nummer der Werbeagentur abrief, überlegte ich mir, wie ich ihr erklären sollte, warum ich so überraschend in ihrer Wohnung aufgetaucht war, auch wenn ich ihr dadurch vermutlich das Leben gerettet hatte. Denn die Wahrheit würde sie mir ohnehin nicht glauben.

Als ich eine Sekretärin der Werbeagentur in der Leitung hatte, nannte ich meinen Namen und sagte ihr, dass ich den Termin in fünfzehn Minuten leider absagen müsse, weil ich völlig überraschend krank geworden sei. Dabei bemühte ich mich, heiser und ein wenig verschnupft zu klingen, und hustete zwischendurch.

Alessia tat so, als würde sie meinem Telefonat keine Aufmerksamkeit schenken, ich sah jedoch, dass sie schmunzelte.

Die Sekretärin hatte zum Glück allergrößtes Verständnis und wünschte mir gute Besserung. Es gelang mir, einen neuen Termin für den nächsten Tag zu vereinbaren. Bis dahin musste ich die Mappe allerdings wiederhaben, da sie sämtliche Originale meines Storyboards enthielt und ich keinerlei Kopien besaß.

»Ein wichtiger Termin?«, fragte Alessia. Sie sah etwas blass aus, was nach allem, was wir erlebt hatten, natürlich kein Wunder war. Ansonsten wirkte sie allerdings erstaunlich gefasst für jemanden, der vor weniger als einer halben Stunde beinahe erschossen worden wäre. Vielleicht war ihr aber auch noch gar nicht bewusst geworden, wie knapp sie dem Tod entgangen war und dass sie ohne mein Eingreifen vermutlich längst tot wäre. Oder sie vermied es momentan bewusst, daran zu denken, und machte stattdessen lieber ein bisschen Smalltalk mit mir. Sie saß mit dem Rücken zur Wand und konnte jeden sehen, der das Starbucks betrat oder sich unserem Tisch näherte, während ich mich dazu umdrehen und über die Schulter schauen musste.

Ich nickte und steckte mein Handy wieder weg. »Ein möglicher Auftrag für einen Werbetrickfilm. In der Arbeitsmappe befindet sich das Storyboard, das ich gezeichnet habe.«

»Interessant. Dann sind Sie also Trickfilmzeichner.«

»Auch. Hauptsächlich aber Comiczeichner und Illustrator. Und Sie?«

Sie antwortete nicht sofort, sondern sah in ihren Caffè Latte, als müsste sie erst darüber nachdenken und könnte die Antwort darin finden. »Ich arbeite im Gastronomiebereich.«

»Aha«, sagte ich und hob die Augenbrauen in der Erwartung, dass sie noch etwas ins Detail gehen würde. Das hatte sie jedoch anscheinend nicht vor. Vielleicht schämte sie sich ja, weil sie nur Kellnerin war. So genau musste ich es aber auch gar nicht wissen. Stattdessen wechselte sie plötzlich das Thema, als wäre es ihr unangenehm, und stellte die Frage, vor der ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte, da ich darauf ebenfalls ausweichend oder mit einer faustdicken Lüge reagieren musste.

»Warum sind Sie mir eigentlich von der U-Bahnstation bis zu meiner Wohnung gefolgt?«

Ich entschied mich für die Unwahrheit, die ich mir bereits auf dem Weg zu ihrer Wohnung überlegt hatte, als ich von dem Mann mit der Pistole noch nichts geahnt hatte. Ich spürte, dass es ihr nicht genügen würde, wenn ich ihrer Frage auswich, und sie vermutlich nachbohren würde. »Sie haben meine Schmerztabletten mitgenommen. Die wollte ich wiederhaben. Ich hatte heftige Kopfschmerzen und brauchte die Tabletten. Deshalb bin ich Ihnen nachgegangen.«

Sie nickte. »Und warum haben Sie mich dann nicht schon auf der Straße eingeholt und darauf angesprochen, wenn Sie die Tabletten schon so dringend benötigten?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Sie waren schon zu weit vor mir, als ich beschloss, Ihnen zu folgen, um meine Tabletten zurückzubekommen. Und ich wollte nicht rennen, weil manche Leute das missverstehen könnten. Man hätte mich für einen Dieb auf der Flucht halten können.«

Sie schmunzelte, sah aber nicht so aus, als wäre sie von meiner Erklärung wirklich überzeugt.

»Ich wollte keine Aufmerksamkeit erregen, deshalb folgte ich Ihnen einfach bis zu Ihrer Wohnung. Und als ich dann klingeln wollte, sah ich, dass die Tür nur angelehnt war. Das kam mir merkwürdig vor. Deshalb schob ich die Tür auf und sah den Mann mit der Pistole in Ihrem Flur.«

»Und da beschlossen Sie kurzerhand, sich mit einem Bewaffneten anzulegen und mein Leben zu retten. Wer sind Sie? Batman?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich muss zugeben, dass ich in diesem Moment gar nicht viel darüber nachgedacht habe, was ich tue, sonst wäre ich vermutlich sofort wieder verschwunden. Ich handelte eher instinktiv und ohne zu überlegen.«

»Zum Glück«, sagte sie und atmete einmal tief durch. »Und vermutlich wird es langsam Zeit, dass ich mich bei Ihnen bedanke und Sie nicht länger mit Fragen löchere, Rex. Vielen Dank also, dass Sie nicht wieder verschwunden sind, sondern das Richtige getan haben. Sie haben mir vermutlich das Leben gerettet. So hätte nicht jeder reagiert.«

»Ich bin froh, dass ich es getan habe. Allerdings wäre ich noch glücklicher, wenn ich meine Arbeitsmappe wiederhätte.«

»Natürlich.« Sie sah auf ihre Armbanduhr, die silbern und mit glitzernden Steinen besetzt war und ein schmales weißes Lederband besaß. Ich wusste nicht, ob die Steine echt waren, die Uhr sah allerdings sehr teuer aus. »Aber wir sollten noch mindestens zehn Minuten warten, bevor wir zurückgehen.«

»Wir?«

»Selbstverständlich. Ich lasse Sie doch nicht allein dorthin gehen. Schließlich handelt es sich um meine Wohnung. Außerdem wären Sie ohne mich gar nicht in diesen Schlamassel geraten. Es ist das Mindeste, was ich tun kann, nachdem Sie mein Leben gerettet haben.«

Ich nickte, denn sie hatte erneut recht. Und der Mann mit der Waffe war vermutlich schlau genug und hatte längst das Weite gesucht, weil er damit rechnen musste, dass wir so schnell wie möglich die Polizei informieren würden.

»Sie sollten die Polizei benachrichtigen«, sprach ich den Gedanken aus, der mir soeben zum ersten Mal gekommen war, seit wir vor dem Killer geflohen waren.

Sie sah mich überrascht an und runzelte dann die Stirn, als wäre sie bislang ebenfalls noch nicht auf diesen Gedanken gekommen. »Die Po-li-zei?«, fragte sie gedehnt, als wäre das Wort neu für sie.

»Ja. Immerhin hatte dieser Typ die Absicht, Ihnen etwas anzutun und Sie vielleicht sogar zu töten. Und mich hätte er ebenfalls beinahe umgebracht. Wir sollten die Polizei darüber informieren, damit nach dem Kerl gefahndet wird, denn unter Umständen versucht er es erneut. Und solange er sich auf freiem Fuß befindet, sind Sie weiterhin in tödlicher Gefahr. Die Polizeibeamten könnten darüber hinaus Ihre Wohnung checken. Wenn die Luft rein ist, können Sie zurück in Ihr Heim, und ich kann meine Mappe holen. Vielleicht bekommen Sie sogar Polizeischutz, solange der Killer auf freiem Fuß ist.«

Sie dachte mit gerunzelter Stirn über meine Worte nach, während sie ihren Blick durch das Café schweifen ließ. Sogar ihr Stirnrunzeln sah apart aus, als hätte sie es tausendmal vor dem Spiegel geübt, um es mit dieser Perfektion hinzukriegen.

»Ich glaube, das ist keine so gute Idee.«

Nun war es an mir, die Stirn zu runzeln und sie nachdenklich anzusehen. Die Frage, warum es ihrer Meinung nach keine so gute Idee wäre, war mir vermutlich so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass ich sie nicht laut stellen musste.

»Im Grunde ist ja gar nichts Schlimmes passiert, oder?«

Ich hob überrascht die Augenbrauen. Gar nichts Schlimmes passiert? Aber hallo!

Doch wenn man einmal davon absah, dass ein fremder Mann mit der übelsten Gaunervisage, die ich seit Langem außerhalb eines Comics gesehen hatte, und einer schallgedämpften Schusswaffe in der Hand in ihre Wohnung eingedrungen war, um sie zu erschießen, und dann mehrere Schüsse auf uns abgefeuert hatte, war vermutlich tatsächlich nicht viel passiert, denn im Endeffekt waren nur drei Löcher in ihrer Flurwand und eine unbekannte Anzahl von Durchschüssen in ihrer Wohnungstür übrig geblieben. Der tatsächliche, materielle Schaden war also vergleichsweise gering. Es war eben alles nur eine Frage der richtigen Perspektive. Im Grunde hatte sie also gar nicht so unrecht. Dennoch musste meiner Meinung nach noch mehr hinter ihrer Weigerung stecken, die Polizei einzuschalten.

Ich fragte mich zum ersten Mal, warum der Mann sie hatte töten wollen, denn ohne Grund dringt niemand bewaffnet in fremde Wohnungen ein, um die Bewohner möglichst geräuschlos um die Ecke zu bringen. Und nach einem Raub hatte es für mich nicht ausgesehen, denn als Alessia im Bad gewesen war, hätte der Mann die halbe Wohnung ausräumen können, ohne dass sie es überhaupt bemerkt hätte und ohne dass er sie hätte töten müssen. Doch so, wie sich der Mann verhalten hatte, erschien es mir wahrscheinlicher, dass sein vordringlichstes Ziel Alessias Ermordung gewesen war. Allenfalls hätte er hinterher die Wohnung verwüstet, um es für die Polizei wie einen Raubmord aussehen zu lassen. Aber wenn sie tatsächlich ermordet werden sollte, wer war der Mann dann? Jemand, der sie tot sehen und den Job selbst erledigen wollte, oder ein gedungener Mörder, hinter dem ein Auftraggeber steckte, der sich die Hände nicht schmutzig machen wollte. Dass Alessia Carlo nicht zu kennen schien, sprach eher für die zweite Alternative. Und auch die Benutzung eines Schalldämpfers, die Reaktionsschnelligkeit des Mannes und sein lässiges Verhalten vor der Konfrontation mit seinem Opfer ließen auf einen Profi schließen.

»Ich habe bis vor Kurzem in einer Nachtbar gearbeitet«, sagte Alessia und unterbrach meine Überlegungen über die Hintergründe des Mordversuchs. »Dort bekam ich Ärger mit der Polizei. Auf eine Wiederholung kann ich gerne verzichten.«

»Weswegen hatten Sie mit der Polizei Schwierigkeiten?«

Sie seufzte. »Es war nichts Ernsthaftes und außerdem völlig aus der Luft gegriffen. Der Vorwurf lautete Vortäuschung einer Straftat. Das Verfahren wurde natürlich eingestellt, weil letztendlich auch der zuständige Staatsanwalt einsehen musste, dass an der Geschichte nichts dran war. Aber wenn ich jetzt erneut die Polizei informiere und behaupte, jemand sei in meine Wohnung eingedrungen und habe versucht, mich zu töten, werden sie mich bestimmt nicht ernst nehmen, sobald sie meinen Namen in ihren Polizeicomputer eingeben und auf das damalige Verfahren stoßen.«

»Aber ich kann doch bezeugen, dass Sie die Wahrheit sagen. Außerdem gibt es die Einschusslöcher in Ihrem Flur und in der Wohnungstür.«

»Die werden sagen, dass wir die Einschusslöcher selbst verursacht haben und dass Sie ebenfalls lügen. Und am Ende haben Sie ebenfalls ein Verfahren wegen Vortäuschung einer Straftat oder Falschaussage am Hals. Ich will aber nicht, dass Sie noch mehr in diese Geschichte hineingezogen werden, als es ohnehin schon der Fall ist. Deshalb lautet meine Entscheidung, dass wir die Polizei vorerst noch nicht einschalten. Und das ist mein letztes Wort! Versuchen Sie also besser nicht, mich umstimmen zu wollen.«

»Na gut, wie Sie wollen. Es ist Ihre Entscheidung. Aber falls Sie noch einmal in eine derart lebensgefährliche Situation geraten, sollten Sie meiner Meinung nach keinen Moment länger als nötig zögern und sofort die Behörden einschalten. Alles andere könnte Sie nämlich leicht das Leben kosten. Sie wissen schon, dass wir vorhin nur mit unglaublich viel Glück lebend davongekommen sind, oder?«

»Natürlich weiß ich das. Und ich verspreche Ihnen hoch und heilig, in Zukunft vorsichtiger zu sein und sofort die Polizei zu rufen, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht in Ordnung oder mein Leben in Gefahr ist. Zufrieden?«

Ich nickte. »Sie sollten die Geschichte trotzdem nicht auf die leichte Schulter nehmen, Alessia. Das nächste Mal haben Sie vielleicht nicht mehr so viel Glück. Ich glaube nämlich nicht, dass der Kerl sein Vorhaben aufgegeben hat. Er kam vermutlich in der Absicht in Ihre Wohnung, Sie zu töten. Und da ihm das beim ersten Mal nicht gelungen ist, wird er es bestimmt erneut versuchen. Haben Sie denn gar keine Ahnung, weswegen jemand Sie tot sehen will?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe natürlich schon selbst darüber nachgedacht, aber mir fällt beim besten Willen nichts ein. Wie schon gesagt, war ich bis vor Kurzem in einem Nachtclub tätig. Dort kommt man auch mit dem einen oder anderen zwielichtigen Typen mit kriminellem Hintergrund in Kontakt. Aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, wieso einer von denen mich umbringen lassen sollte.«

»Vielleicht hat es ja mit der Geschichte zu tun, wegen der Sie damals Ärger mit der Polizei hatten.«

Sie dachte kurz darüber nach und nahm einen Schluck von ihrem Caffè Latte. Ich nutzte die Pause und trank ebenfalls etwas. Dann stellte sie die Tasse ab und schüttelte den Kopf. »Nein! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da einen Zusammenhang gibt.«

»Dennoch muss es einen Grund für den Mordversuch geben. Vielleicht haben Sie im Nachtklub etwas gesehen, das Sie nicht sehen sollten.«

»Vielleicht war es auch nur eine Verwechslung.«

Ich schmunzelte, obwohl ich die Sache nicht im Mindesten komisch fand. »Natürlich, das ist die Erklärung. Warum bin ich da nicht gleich draufgekommen? Der Profikiller, den jemand engagierte, um einen kaltblütigen Mord zu begehen, hatte heute vermutlich seine Brille zu Hause vergessen und war, als er die Adresse seines Opfers aus dem Telefonbuch abschrieb, auch noch in der Zeile verrutscht und nur deshalb zufällig in Ihrer Wohnung gelandet. Vermutlich bemerkt er genau in diesem Moment seinen Irrtum und denkt sich: Verflixt, wie konnte mir so ein Fehler nach 20 Jahren als hauptberuflicher Mörder bloß passieren? Also lässt er 200 Euro auf Ihrer Flurkommode zurück, um den Schaden zu ersetzen, den er angerichtet hat, und verlässt Ihre Wohnung, um sich auf die Suche nach dem richtigen Mordopfer zu machen.«

Alessia schmunzelte ebenfalls. »Sie haben wirklich eine blühende Fantasie, Rex. Kein Wunder, dass Sie sich Comics und Trickfilme ausdenken. Wenn Sie genauso gut zeichnen, wie Sie sich solche Geschichten ausdenken, würde ich gern mal ein paar Ihrer Arbeiten sehen.«

»Vermutlich haben Sie das schon, ohne dass Sie es wussten. In einem Werbespot, einer Zeitungsanzeige oder einem Comic in einer Zeitschrift. Aber um zum Thema zurückzukommen. Ich glaube noch immer, dass es ein großer Fehler ist, die Polizei nicht zu informieren. Vielleicht sogar ein Fehler, der Sie letzten Endes das Leben kosten könnte. Denken Sie also lieber noch einmal darüber nach.«

»Okay, okay. Da Sie in dieser Sache anscheinend partout keine Ruhe geben wollen, verspreche ich Ihnen, dass ich zumindest noch einmal darüber nachdenken werde. Aber erst, nachdem wir in die Wohnung zurückgekehrt sind und uns angesehen haben, was der Mann dort angerichtet hat. Einverstanden?«

Ich nickte und trank meinen Kaffeebecher leer. »Dann lassen Sie uns endlich aufbrechen.«

»Warten Sie!«

Ich sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen überrascht an. »Wieso?«

»Weil ich, nachdem Sie mich gerade wie ein mittelalterlicher Inquisitor ausgefragt haben, ebenfalls ein oder zwei Fragen an Sie habe. Außerdem muss ich mich noch kurz frisch machen, bevor wir gehen.«

Ich seufzte und nickte. »Okay. Fragen Sie!«

Ich ahnte, was nun kommen würde, weil ich schon wesentlich früher damit gerechnet hatte. Mit der Frage, die immer kam, wenn ich mich mit anderen Leuten unterhielt, seit ich beschlossen hatte, in der U-Bahn Handschuhe zu tragen. Die Bestätigung meiner Ahnung bekam ich schon einen Augenblick später, als sie den Blick senkte und auf meine Hände sah, die rechts und links von meinem leeren Becher auf dem Tisch lagen.

»Warum trugen Sie in der U-Bahn Handschuhe? Und wieso haben Sie mich in der U-Bahnstation so entsetzt angesehen, nachdem ich Ihre bloße Hand berührt hatte? Sie sahen aus, als hätten Sie ein Gespenst oder dem Tod ins Auge gesehen.«

Ich nahm unwillkürlich die Hände vom Tisch, verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Hände in meine Achselhöhlen, wie ich es seit Kurzem oft tat, wenn ich sie sowohl vor den Blicken anderer als auch vor zufälligen Berührungen schützen wollte. Ich wusste nicht, ob sie mir meine Reaktion auf ihre Worte ansah, denn mich hatte erschreckt, was sie gesagt hatte. Nicht die Fragen nach den Handschuhen und meinem merkwürdigen Verhalten in der U-Bahnstation. Damit hatte ich gerechnet. Nein, es ging um ihren letzten Satz und die darin enthaltene Feststellung, da diese erschreckend nah an der Wahrheit gewesen war. Denn ich hatte dem Tod buchstäblich ins Auge gesehen. Allerdings nicht meinem Tod oder dem Tod als abstraktem Schreckgespenst, sondern Alessias Tod. Aber das konnte ich ihr natürlich nicht sagen, ohne in ihren Augen wie ein komplett durchgeknallter Irrer zu wirken. Also musste ich ihr eine weitere Lüge auftischen, die ich mir schon zurechtgelegt hatte, nachdem ich meine Gabe erkannt hatte, um anderen Menschen zu erklären, warum ich ihnen zur Begrüßung nicht die Hand geben konnte.

Ich seufzte schwer, bevor ich antwortete: »Ich leide unter Berührungsangst. Das ist die Angst vor Körperkontakt mit anderen Menschen. Der medizinische Fachausdruck dafür lautet Aphenphosmophobie.« Meist reichte diese knappe und glaubwürdig klingende Ausführung in Verbindung mit dem zungenbrecherischen Fremdwort, um andere zu überzeugen und mein sonderliches Verhalten zu erklären.

Alessia runzelte nachdenklich die Stirn, als hätte sie insgeheim eine andere Antwort erwartet. Dann nickte sie und sagte: »Verstehe.«

»Wären damit alle Fragen geklärt?«

Sie nickte erneut. »Für den Moment schon. Ich geh dann nur noch rasch, um mich frischzumachen. Danach können wir aber sofort gehen.«

Sie stand auf und machte sich auf den Weg zu den Toiletten. Ich sah ihr nachdenklich hinterher, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwand. Dann ließ ich den Blick durch das Starbucks schweifen, ob ich ein bekanntes Gesicht entdeckte. Zum Glück war das nicht der Fall.

8

Ich ging die Stufen, die wir über eine Stunde zuvor heruntergerannt waren, als wäre uns der leibhaftige Teufel auf den Fersen, um unsere Seele zu rauben, nun langsam nach oben. Ich war völlig angespannt und bereit, mich jederzeit herumzuwerfen, um wieder nach unten zu rennen. Mein Herz schlug schneller, und ich schwitzte leicht, während sich meine Knie etwas schwammig anfühlten, als bestünden sie nicht aus Fleisch und Knochen, sondern aus Weichgummi, und sogar leicht zitterten.

Alessia ging direkt hinter mir. Das mit dem Herumwerfen und Hinunterrennen würde also gar nicht so einfach werden, falls sie nicht ebenso schnell wie ich reagierte und mir unter Umständen im Weg stand. In dem Fall könnte uns Carlo, der mutmaßliche gedungene Killer, sofern er immer noch hier war und uns auflauerte, vielleicht sogar mit einem einzigen gut gezielten Schuss erledigen. Zwei auf einen Streich! Dennoch war ich dankbar, dass Alessia in meiner Nähe war. So konnte ich nicht doch noch im letzten Moment einen Rückzieher machen, ohne vor ihr als Feigling dazustehen. Sie stärkte mir den Rücken und hätte mir vermutlich sogar beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt, wenn ich ihr nicht von meiner angeblichen Berührungsangst erzählt hätte.

Ich atmete tief ein, bevor ich den letzten Treppenabsatz vor dem Stockwerk mit ihrer Wohnung betrat, drehte mich zur Seite und warf einen vorsichtigen Blick nach oben. Ich entließ die angehaltene Luft, als ich niemanden sah, der auf uns wartete und mit einer schallgedämpften Pistole auf mich zielte.

Im Haus war es, obwohl es hier zehn Mietwohnungen gab, erstaunlich still. Als ich Alessia nach dem Betreten des Hauses flüsternd nach ihren Nachbarn gefragt hatte, hatte sie geantwortet, dass sie die meisten gar nicht kennen würde, weil sie noch gar nicht lange hier wohnte. Ihrer Meinung nach waren allerdings ohnehin alle berufstätig und hatten entweder gar keine oder erwachsene Kinder, die schon aus dem Haus waren, was die unnatürliche Ruhe im Haus um diese Uhrzeit erklärte. Und deshalb war auch niemand auf die Verfolgungsjagd im Treppenhaus und die Löcher in Alessias Wohnungstür aufmerksam geworden.

Ich wandte den Kopf und nickte Alessia zu, um ihr zu signalisieren, dass das Treppenhaus vor ihrer Wohnung frei war. Dann ging ich weiter und nahm die letzten Stufen in Angriff.

Ich war noch immer angespannt und schreckhaft, rechnete aber nicht wirklich damit, dass der Mann noch hier war. Schließlich musste er damit rechnen, dass wir in Begleitung der Polizei zurückkehrten. Allerdings musste man meiner Meinung nach immer alle Eventualitäten in seine Überlegungen miteinbeziehen, wenn man nicht unangenehm überrascht werden wollte. Schließlich war ich nur ein Comiczeichner und hatte keine Ahnung, was im Gehirn eines Profikillers vorging, sofern der knollennasige Typ tatsächlich ein solcher und nicht nur ein übermotivierter Inkassomitarbeiter war, der zu viele Quentin-Tarantino-Filme gesehen hatte und deshalb ab und zu übers Ziel hinausschoss.

Ich musste schlucken, obwohl mein Hals völlig ausgetrocknet war, und hatte das Gefühl, das Geräusch könnte im ganzen Haus zu hören sein, während ich meinen Fuß auf die fünftletzte Stufe setzte. Durch das Treppengeländer konnte ich schon Alessias Wohnungstür sehen. Sie schien geschlossen zu sein. Ich konnte allerdings ein paar Löcher im Holz erkennen, an deren Rändern das Holz gesplittert und Späne nach außen gebogen worden waren. Noch war ich allerdings nicht nah genug, um alle Durchschüsse sehen und zählen zu können.

Ich blieb stehen und drehte Kopf und Oberkörper nach rechts, um einen Blick nach oben zu werfen, wo die Treppe in die höheren Etagen führte.

Alessia hatte nicht damit gerechnet, dass ich so abrupt anhielt, und prallte gegen mich, sodass ich für einen Moment ihre Brüste an meinem Rücken spüren konnte. Ich erschauderte wohlig.

»Tschuldigung«, flüsterte sie ganz nah an meinem rechten Ohr. Ich konnte ihren warmen Atem fühlen, ehe sie wieder auf Distanz ging.

Ich warf ihr aus den Augenwinkeln einen kurzen Blick zu und nickte. Einerseits, um ihre Entschuldigung anzunehmen, andererseits aber auch als Zeichen, dass uns niemand auf den höher gelegenen Stufen auflauerte. Dann wandte ich den Kopf wieder nach vorn und stieg die letzten Stufen hoch, bis ich auf dem Absatz vor den beiden Wohnungstüren stand.

Als ich mich Alessias Tür näherte, sah ich noch einmal die Stufen hoch, konnte aber noch immer niemanden entdecken. Beruhigt atmete ich auf. Wenn der Killer uns dort aufgelauert hätte, wäre er sicherlich schon in Erscheinung getreten, um uns zu erschießen. Wieso sollte er warten, bis wir wieder in der Wohnung waren, wenn er die Sache auch kurz und schmerzlos im Treppenhaus erledigen konnte. Schließlich war niemand im Haus, der ihn dabei beobachten konnte.

Die Tür war tatsächlich zu. Der Mann musste sie ins Schloss gezogen haben, als er gegangen war. Vielleicht war sie auch hinter ihm zugefallen, als er uns ins Treppenhaus nachgelaufen war, und er war gar nicht mehr in die leere Wohnung zurückgekehrt.

Ich zählte insgesamt sechs Löcher im Türblatt, die von den Kugeln stammten, die der Mann bei unserer Flucht auf mich abgefeuert hatte. Ich schluckte erneut, als mir bewusst wurde, wie knapp ich den Projektilen entgangen war.

»Alles in Ordnung?«, fragte Alessia, die neben mich getreten war, nachdem ich zwei Schritte vor der Tür angehalten hatte, ohne mir dessen bewusst geworden zu sein. Sie legte eine Hand auf meinen Unterarm und sah mich besorgt an.

Ich sah auf ihre Hand. Natürlich bestand keine Gefahr, dass meine unheimliche Fähigkeit ausgelöst wurde, da sie nur den Ärmel meiner Lederjacke berührte und kein unmittelbarer körperlicher Kontakt bestand. Ich fragte mich in diesem Augenblick dennoch, ob ich in dem Fall immer noch ihr Totengesicht sehen würde, nachdem ich verhindert hatte, dass der Killer sie tötete. Ich wagte es allerdings nicht, sie zu berühren, da man mir meine Enttäuschung und mein Entsetzen gewiss vom Gesicht ablesen konnte, falls ich noch immer das Antlitz des Todes in ihren Zügen sehen würde, und das wollte ich momentan nicht riskieren. Außerdem würde es nicht zu meiner Lügengeschichte über die Berührungsphobie passen, wenn ich von mir aus Körperkontakt herstellen würde.

Sie sah meinen Blick und zog ihre Hand sofort zurück. »Entschuldigen Sie, Rex. Ich hatte vergessen, dass Sie …«

»Ist schon okay, Alessia. Solange es keinen direkten Körperkontakt gibt, ist es kein Problem.«

Sie nickte, trat einen Schritt zurück und sah zur Tür. »Ich glaube nicht, dass er noch immer da ist.«

»Ich auch nicht. Aber wir sollten dennoch weiterhin vorsichtig sein, bis wir uns dessen absolut sicher sind. Haben Sie Ihren Schlüssel dabei?«

Sie nickte und griff gleichzeitig in die rechte Außentasche ihrer Jeansjacke. »Zum Glück hab ich ihn sofort wieder eingesteckt, nachdem ich die Wohnung betreten hatte, und nicht im Badezimmer irgendwo hingelegt. Ich wollte ja nur kurz ins Bad, um mich frischzumachen, und dann gleich wieder gehen, weil ich noch etwas zu erledigen hatte.« Sie brachte ein Schlüsseletui aus braunem Leder zum Vorschein, schüttelte es, bis ein Ring mit einem halben Dutzend Schlüsseln klirrend herauspurzelte, und ging dann zur Tür.

Ich blieb, wo ich war, warf noch einmal einen Blick die Stufen hinauf und hinunter und sah mich dann auf dem Treppenabsatz um. Ich sah Löcher im Verputz der Wand, wo die Kugeln eingeschlagen waren. Auch in der Wohnungstür des Nachbarn, der laut Namensschild Wolfgang Kramer hieß, befanden sich zwei Einschusslöcher. Ich hoffte, dass die Projektile nicht mehr genug Durchschlagskraft gehabt hatten, um auch das Holz dieser Tür komplett zu durchdringen. Und falls doch, dann hatte hoffentlich nicht gerade Wolfgang Kramer dahinter gestanden, um durch den Türspion nachzusehen, wer im Treppenhaus so viel Lärm verursachte.

Ich richtete meinen Blick wieder nach vorn, wo Alessia noch immer mit ihrem Schlüsselbund und dem Türschloss beschäftigt war. Normalerweise hätte sie die Tür schon längst aufgesperrt haben müssen. Aber allem Anschein nach gab es Schwierigkeiten. Ich hörte das Klirren der Schlüssel und dann einen kaum hörbaren, gezischten Laut, der sich für mich so anhörte, als hätte sie soeben Fuck gesagt.

»Probleme?«

»Nein, nein! Ich hab’s gleich.«

Vielleicht hatte der Bewaffnete, als er in Alessias Wohnung eingedrungen war und dazu offensichtlich das Schloss geknackt hatte, es dabei irgendwie beschädigt, sodass es sich nun nicht mehr problemlos öffnen ließ. Oder er hatte, bevor er verschwunden war, einen Gegenstand in den Schließzylinder gesteckt, um seinen Frust über den fehlgeschlagenen Mord loszuwerden und uns zu ärgern. Ich wusste zwar nicht, wieso er so etwas hätte tun sollen, aber hey, dieser Typ tötete andere Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken, und war schon aus diesem Grund nicht ganz richtig in der Birne.

Doch so irre, dass er aus reiner Bosheit das Türschloss blockiert hätte, war er dann wohl doch nicht, denn ein klickendes Geräusch verriet mir, dass Alessia es endlich geschafft hatte, die Tür zu öffnen.

Sie stieß die Wohnungstür weit auf, sodass sie beinahe gegen die Wand prallte, trat jedoch nicht ein.

»Lassen Sie mich vorgehen«, sagte ich, drängte mich an ihr vorbei zur Tür und machte den ersten Schritt über die Schwelle. Ich hörte es erneut klirren, als Alessia hinter mir die Schlüssel zurück ins Etui schob, bevor sie es wieder einsteckte. Dann war es mit Ausnahme meines rascher schlagenden Herzens und des pochenden Pulsschlags in meiner Schläfe wieder still, sodass ich mich darauf konzentrieren konnte, ob ich aus der Wohnung verdächtige Geräusche hörte. Doch alles, was ich vernahm, war ein regelmäßiges Ticken, das vermutlich von einer großen Wanduhr in der Küche oder im Wohnzimmer stammte. Ansonsten war es jedoch völlig still.

Ich machte zwei weitere Schritte in den Flur, bevor ich erneut stehen blieb, mich umsah und lauschte. Doch ich spürte instinktiv, dass die Wohnung verlassen war. Das hatte allerdings nichts mit meiner Gabe zu tun, sondern war nur ein rein intuitives Gefühl, das viele Menschen beim Betreten einer Wohnung oder eines Hauses haben. Man spürt einfach, ob jemand da ist oder nicht, weil sich eine menschenleere Wohnung vollkommen anders anfühlt.

Ich wandte mich um und sah Alessia an, die noch immer im Treppenhaus stand und mich mit gerunzelter Stirn aufmerksam beobachtete. Ich nickte. »Ich denke, es ist niemand mehr da.«

Ihr Stirnrunzeln verschwand und machte einem zaghaften Lächeln Platz. Obwohl auch ihr Stirnrunzeln zauberhaft war, hatte man das Gefühl, die Sonne ginge auf, sobald sie lächelte, was sie in der Zeit, seit wir zusammen waren, allerdings nur selten getan hatte. Angesichts der dramatischen Umstände war das natürlich nachvollziehbar.

»Gut.« Sie trat ein, betätigte den Lichtschalter, da es im Flur ein bisschen düster war, und schloss die Wohnungstür. »Wo haben Sie Ihre Arbeitsmappe denn hingelegt?«

Ich erinnerte mich wieder an den eigentlichen Grund, weswegen ich überhaupt mit ihr hierher zurückgekommen war, wandte mich um und sah zu der Stelle unterhalb der afrikanischen Masken, wo ich die Mappe mit dem Storyboard abgelegt hatte, um nach der Elefantenmaske zu greifen. »Sie ist weg!«

»Wirklich?« Alessia kam an meine Seite und folgte meinem Blick. »Wo lag sie denn zuletzt?«

»Genau dort drüben.« Ich hob die Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf die Stelle. »Sie lag direkt unter den Masken auf dem Teppich. Verdammter Mist!« Ich hob beide Hände und bedeckte die untere Hälfte meines Gesichts damit, während ich überlegte. »Der Killer hat sie! Er muss sie gefunden und mitgenommen haben.«

»Das wissen wir nicht mit Sicherheit, Rex«, widersprach Alessia. »Vielleicht hat er die Mappe auch nur aufgehoben, um nachzusehen, was drin ist. Und als er sah, dass sie nur Zeichnungen enthält, legte er sie irgendwo anders hin. Kommen Sie! Lassen Sie uns danach suchen.«

Ich nahm die Hände vom Gesicht und nickte. »Sie haben recht. Wir müssen die Wohnung durchsuchen! Außerdem können wir uns auf diese Weise gleichzeitig davon überzeugen, dass dieser kaputte Typ wirklich nicht mehr hier ist.«

»Sie suchen im Wohnzimmer, im Bad und in der Toilette«, sagte Alessia und deutete auf eine geschlossene Tür links von mir, hinter der sich vermutlich das Wohnzimmer befand, und dann den Gang hinunter. Wo das Bad und die Toilette waren, wusste ich ja schon von meinem ersten Besuch an diesem Ort. »Ich übernehme die Küche, das Arbeitszimmer und mein Schlafzimmer. Da es meine Wohnung ist, fällt es mir vermutlich eher auf, wenn irgendwo etwas herumliegt, was vorher nicht da war.«

Wir setzten uns gleichzeitig in Bewegung. Während sie die erste Tür auf der rechten Seite des Flurs öffnete und in die Küche ging, machte ich die Tür zum Wohnzimmer auf und trat ein. Ich sah zuerst hinter der Tür nach, ob sich dort jemand versteckt hielt. Natürlich stand dort keiner. Aber obwohl mir mein Gefühl sagte, dass außer Alessia und mir niemand da war, ging ich dennoch auf Nummer sicher. Allerdings konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass der Killer sich hinter Türen versteckte. Schließlich hatte er eine Waffe mit Schalldämpfer, konnte auch aus der Ferne nahezu lautlos töten und musste daher niemandem auflauern. Ich war mir sicher, dass wir längst tot wären, wenn er sich noch immer in der Wohnung aufgehalten hätte.

Ich sah mich im Wohnzimmer um, das wie unzählige andere Wohnzimmer auch eingerichtet war, sodass sich eine nähere Beschreibung erübrigt, konnte jedoch meine Arbeitsmappe nirgendwo entdecken. Also verließ ich den Raum schon bald wieder, ließ hinter mir die Tür offen stehen und ging durch den Flur in Richtung Bad. Im Vorbeigehen kontrollierte ich die Kommode, doch auch auf ihr lag meine Mappe nicht.

Allmählich verlor ich allerdings die letzte Hoffnung, dass sie noch hier sein könnte, denn ich bezweifelte, dass ich sie im Bad oder in der Toilette finden würde. Warum hätte sie der Kerl mit dorthin nehmen sollen? Außer natürlich, er hatte sich ihren Inhalt in aller Ruhe angesehen, während er auf dem Klo gesessen hatte. Aber das konnte ich mir bei einem Profi nicht vorstellen. Die Gefahr, dabei Spuren zu hinterlassen, und das sogar in zweifacher Hinsicht, war einfach zu groß. Und falls man auch noch seine Waffe irgendwo liegen ließ, lief man ernsthaft Gefahr, wie der von John Travolta gespielte Vincent Vega in Quentin Tarantinos Film Pulp Fiction mit der eigenen Waffe nach dem Scheißen erschossen zu werden.

Während ich durch den Flur marschierte, sah ich mir die drei Einschusslöcher an und erschauderte bei dem Gedanken, wie knapp mich die Projektile möglicherweise verfehlt hatten. Aber obwohl zum ersten Mal in meinem Leben mit scharfer Munition auf mich geschossen worden war, stand ich deswegen nicht unter Schock oder litt an einem Trauma. Vielleicht kam das ja noch, sobald sich die Erkenntnis in meinem Bewusstsein verwurzelt und mein Verstand damit begonnen hatte, sie zu verarbeiten. Momentan ging es mir allerdings noch relativ gut, und meine größte Sorge galt meiner Mappe.

Ich betrat das Badezimmer, dessen Tür noch immer weit offen stand, und sah mich um. Es waren allerdings nicht viele Stellen vorhanden, an denen meine Mappe liegen konnte. Es gab keine Dusche, sondern nur eine Badewanne mit Duschvorhang, der vorgezogen war, sodass ich nicht in die Wanne sehen konnte. Ich ging als Erstes zum Waschbecken und begutachtete mein Ebenbild im Spiegel. Ein passabel aussehender 35-Jähriger mit kurz geschnittenen, dunkelbraunen Haaren, Dreitagebart und braunen Augen sah mich an. Ich strich mein Haar glatt, obwohl es bei der Auseinandersetzung mit dem Killer und der anschließenden Flucht kaum in Unordnung geraten war. Dann hob ich den Kopf und begutachtete meinen Hals, um den Carlo seine kräftigen Hände gelegt hatte, um mich zu erwürgen. Die Haut war gerötet, ansonsten hatte der Mordversuch jedoch keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Es tat auch nicht mehr weh, nicht einmal beim Schlucken.

Zufrieden senkte ich den Blick, kontrollierte die Ablage unter dem Spiegel und erstarrte, während mir gleichzeitig der Atem stockte, als ich sah, was dort lag.

9

Das darf doch nicht wahr sein!

Ohne bewusst darüber nachzudenken, nahm ich die Pistole von der Ablage, schwenkte die Hand hin und her und beäugte die Schusswaffe argwöhnisch von allen Seiten. Sie war groß, unhandlich und ziemlich schwer, was vermutlich auch an dem Schalldämpfer lag, der am Lauf befestigt worden war. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es sich um die Waffe des Mannes handelte, der auf uns geschossen hatte. Aber wieso lag sie hier so herrenlos im Badezimmer herum? Hatte Carlo sie vergessen, als er vor dem Gehen noch rasch aufs Klo gegangen war und sich danach die Hände gewaschen hatte? Nicht sehr wahrscheinlich. Doch wenn seine Waffe hier lag, wo war dann ihr Besitzer? Gewiss ganz in der Nähe …

Als mir schon einen Sekundenbruchteil später die Antwort auf die letzte Frage einfiel, hob ich langsam den Blick und sah erneut in den Spiegel, durch den ich über meiner rechten Schulter den vorgezogenen Duschvorhang hinter mir sehen konnte. Ich schluckte, während das Herz in meiner Brust einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellte, der vermutlich für die Ewigkeit war, denn jede weitere Steigerung musste unweigerlich zum Herzinfarkt führen.

Ich fixierte den Duschvorhang, der aus silbergrauem Polyester bestand und völlig undurchsichtig war. Ich erschrak und zuckte zusammen, als er sich bewegte. Doch dann erkannte ich, dass es gar keine Bewegung des Vorhangs gewesen war, sondern nur ein Lichtreflex, der über seine Oberfläche gehuscht war. Wie aus weiter Ferne konnte ich Geräusche aus einem anderen Teil der Wohnung hören, die vermutlich von Alessia stammten. Doch meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt in diesem Moment dem Duschvorhang und dem, was sich möglicherweise dahinter befand, sodass ich alles andere ausblendete und nur am Rande wahrnahm.

Ich schluckte laut. Meine Kehle war so ausgedörrt, als wäre ich durch eine Wüste an diesen Ort gelangt. Gern hätte ich einen Schluck Wasser zu mir genommen. Dazu hätte ich nur den Wasserhahn vor mir aufdrehen und mich nach unten beugen müssen. Doch erst musste ich mir Gewissheit verschaffen, was hinter dem Vorhang war. Außerdem wollte ich ihn unter keinen Umständen auch nur eine einzige Sekunde aus den Augen lassen.

Da der Vorhang sich nicht von allein öffnete und keine Bewegung dahinter zu erahnen war, was mir vermutlich beides einen Riesenschreck eingejagt und meinem galoppierendem Herzen den Rest gegeben hätte, musste ich wohl oder übel selbst Hand anlegen. Ich schloss für zwei Sekunden die Augen und atmete einmal tief ein, bevor ich sie sofort wieder aufriss aus Angst, etwas könnte genau in diesem Moment den Vorhang zur Seite reißen und mich von hinten anspringen. Anschließend wandte ich mich rasch um und ging, ehe ich es mir anders überlegen und schreiend aus dem Bad rennen konnte, entschlossen zur Badewanne.

Erst als ich mit der linken Hand nach dem Vorhang griff, entsann ich mich wieder der Pistole in meiner Hand. Ich hob sie und richtete den mattschwarzen Zylinder des Schalldämpfers auf den Polyester vor mir. Dann riss ich den Vorhang mit einem einzigen herzhaften Ruck zur Seite.

Ich schrie vor Schreck laut auf, als ich mich der schwarz gekleideten Gestalt des Killers gegenübersah, der mich mit überraschtem Gesichtsausdruck anglotzte.

10

Beinahe hätte ich reflexartig den Abzug der Pistole gedrückt und auf ihn geschossen, ehe mir bewusst wurde, dass das gar nicht mehr nötig war.

Er war bereits tot!

Irgendjemand, vermutlich sein Mörder, hatte ihm den Schlauch der Duschbrause um den Hals geschlungen, sodass der Mann nun an der Brausestange hing und es so aussah, als wäre er noch immer am Leben und stünde halbwegs aufrecht in der Badewanne. Er war allerdings nicht mit dem Schlauch erdrosselt worden, sondern an einer Kugel gestorben, die so exakt zwischen seinen dichten, schwarzen Augenbrauen platziert worden war, als hätte der Mörder dafür Lineal und Zirkel benutzt. Die Augen des Toten, die mich bei unserer ersten Begegnung noch so zornig und bösartig angefunkelt hatten, wirkten nun so leblos wie Glasmurmeln, sahen mich unter den halb geschlossenen Lidern aber dennoch an, als wäre er vom Tod überrascht worden und machte mich für seinen momentanen Zustand verantwortlich.

Mein Blick fiel erneut auf das schwarz geränderte Loch in seiner Stirn, aus dem nur ein einzelner Tropfen Blut gequollen und an seinem Nasenrücken nach unten gelaufen war, wo er nun an seiner knollenartigen Nase hing wie zu Eis erstarrter, blutiger Rotz. Von der tödlichen Wunde wanderte mein Blick wie unter Zwang zu der Pistole in meiner Hand. Ich realisierte, dass ich möglicherweise die Tatwaffe in der Hand hielt, aus der der tödliche Schuss abgefeuert worden war. Entsetzt ließ ich sie fallen und beobachtete, wie sie zu Boden fiel. Zu spät fiel mir ein, dass sie beim Aufprall losgehen und ich mir versehentlich einen Zeh oder einen Hoden wegschießen könnte. Die Welt war schließlich gemein und voller verrückter Unglücksfälle. Und bei alldem, was mir heute schon widerfahren war, hätte es mich auch gar nicht verwundert. Doch die Waffe entlud sich zum Glück nicht, sondern landete nur mit einem in dem gekachelten Raum extrem lauten Scheppern auf den Bodenfliesen.

Alessia kam, entweder durch meinen Schrei oder den Lärms alarmiert, ins Bad und fragte mich vermutlich, was passiert sei. Ich hörte sie jedoch nicht und wurde mir ihrer Anwesenheit erst in dem Moment bewusst, als sie mich am Oberarm packte und heftig schüttelte. Ich zuckte so erschrocken zurück, als hätte die Leiche ihren Arm ausgestreckt und nach mir gegriffen, entzog mich ihrem Griff und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Erst dann erkannte ich, dass es nur Alessia war, entspannte mich und ließ mit einem zischenden Laut, in den sich ein leises Seufzen schlich, den Atem entweichen, den ich seit Entdeckung des Leichnams angehalten hatte.

Alessia entschuldigte sich ausnahmsweise nicht dafür, dass sie mich angefasst hatte. Sie sagte überhaupt nichts, während ihr Blick von mir zu der Waffe am Boden und dann zu der reglosen Gestalt wanderte, die am Schlauch der Brause hing.

Der Anblick schien sie nicht so sehr zu schockieren wie mich, was vermutlich vor allem daran lag, dass meine Reaktion sie darauf vorbereitet hatte, dass ich etwas Schreckliches entdeckt hatte. Außerdem hatte mich wahrscheinlich auch der Psycho-Effekt zusätzlich geschockt, weil ich den Duschvorhang zur Seite gezogen und dahinter einen lebenden Menschen und keine Leiche erwartet hatte.

»Scheiße! Was ist denn hier passiert?«, sagte Alessia und sah dann wieder zu mir. »Hast du ihn erschossen? Oder hat er das selbst getan?« Sie war vom sperrigen Sie zum einfacheren Du übergegangen, was mir in dieser Situation auch völlig angemessen erschien. Uns weiterhin zu siezen, während wir vor dem Leichnam des Mannes standen, der uns vor Kurzem noch das Lebenslicht hatte ausblasen wollen, wäre geradezu lächerlich gewesen.

Ich reagierte im ersten Moment wie ein kleiner Junge, der bei etwas Verbotenem erwischt worden war, schüttelte heftig den Kopf und sagte: »Ich war das nicht!«

Sie sah mich misstrauisch an, als glaubte sie mir nicht so recht, doch dann nickte sie. »Natürlich nicht.« Vermutlich war sie zu der korrekten Ansicht gelangt, dass ich nicht der Typ von Mann war, der andere Leute mit gezielten Kopfschüssen tötete. »Dann muss er Selbstmord verübt haben. Aber wieso?«

Ich schüttelte den Kopf und kam wieder einen Schritt näher. »Das war kein Selbstmord!«, sagte ich und deutete auf die Pistole am Boden. »Außer, er hat sich vor dem Spiegel erschossen, die Waffe auf die Ablage gelegt, ist dann in die Wanne gestiegen, hat den Vorhang zugemacht und sich anschließend den Brauseschlauch um den Hals geschlungen.«

»Die Pistole lag auf der Spiegelablage?«

»Ja! Das sagte ich doch gerade.«

»Dann kann er sich wirklich nicht selbst erschossen haben.«

»Meine Rede.« Ich verdrehte die Augen und hob die Schultern.

»Aber wenn du ihn nicht erschossen hast, und er es auch nicht selbst getan hat, wer war es dann?«

Ich schüttelte ratlos den Kopf, während mein Blick wieder zum Gesicht des Toten wanderte, das bleich war und mit jedem verstreichenden Moment mehr wie eine Totenmaske aussah. Er konnte noch nicht lange tot sein, doch das Blut in seinem Körper floss bereits, der Schwerkraft folgend, in die tieferen Regionen, nachdem es nicht länger von einem schlagenden Herzen in einem funktionierenden Blutkreislauf durch die Adern und Venen gepumpt wurde, um die absterbenden Zellen mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Was ich vor mir sah, war das wahre Totengesicht des Mannes. Der totenschädelartige Schatten über seinen Zügen, den ich zuvor gesehen hatte, als er versucht hatte, mich zu erdrosseln, war nur ein Vorzeichen seines Todes gewesen, gewissermaßen ein tödliches Omen. Dennoch hatte meine verfluchte Gabe erneut tadellos funktioniert. Ich hatte das Antlitz des Todes im Gesicht des Mannes gesehen, und gerade einmal eine Stunde später war er auch schon mausetot. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es immer schneller ging. Beim nächsten Mal würde die Person vielleicht schon unmittelbar nach unserem körperlichen Kontakt aus den Latschen kippen.

Ich erschauderte, wandte rasch den Blick ab und sah Alessia an, die selbst dann einen zigfach angenehmeren und schöneren Anblick geboten hätte, wenn der Killer noch am Leben gewesen wäre. »Woher soll ich wissen, wer ihn umgebracht haben könnte?«, sagte ich und dachte darüber nach, was während unserer Abwesenheit geschehen sein mochte. Es kam mir beinahe so vor, als würde ich mir die Handlung für einen Kriminalcomic überlegen, den ich zeichnen wollte. »Vielleicht war es ein Komplize oder sein Auftraggeber. Immerhin hatte er die Sache vermasselt und seinen Auftrag nicht ausgeführt. Darüber hinaus kannten wir sein Gesicht und hätten der Polizei eine gute Beschreibung liefern können. Ich glaube nämlich nicht, dass hier momentan allzu viele Typen mit so einer Gangstervisage herumlaufen. Vermutlich wollte der Komplize oder der Mann, der hinter dem Mordauftrag steckt, nicht riskieren, dass die Polizei ihm über die Identität des Killers auf die Spur kommt.«

Alessia runzelte die Stirn, während sie zuhörte, als würde sie intensiv darüber nachdenken. Nachdem ich geendet hatte, nickte sie langsam. »Vermutlich hast du recht, Rex. Es muss so oder ganz ähnlich gewesen sein, denn eine andere Möglichkeit sehe ich momentan auch nicht.«

Ich nickte, sagte allerdings nichts, denn mir war noch eine weitere Möglichkeit eingefallen. Allerdings hätte diese Alternative das Eingreifen einer weiteren, bislang unbekannten Partei bedeutet, die vollkommen andere Ziele als der Killer und sein Auftraggeber verfolgte und den Mann getötet hatte. Allerdings hätte das unsere ohnehin schon nicht ganz einfache Situation nur unnötig verkompliziert, und darauf hatte ich jetzt überhaupt keine Lust, nachdem ich erst vor wenigen Minuten die Leiche eines mutmaßlichen Berufskillers gefunden hatte. Ich behielt die Option einer dritten Partei im Hinterkopf, allerdings nicht als echte Alternative, sondern nur als Handlungsidee für einen Comic, den ich vielleicht demnächst, inspiriert durch die Realität, zeichnen würde.

Jäh fiel mir wieder ein, weswegen ich überhaupt ins Bad gegangen war. »Hast du wenigstens meine Arbeitsmappe gefunden?«

Alessia hatte mit nachdenklicher Miene die Leiche angesehen, wandte nun den Kopf und sah mich verwirrt an, als wüsste sie nicht, wovon ich sprach. Dann hellte sich ihre Miene auf, als ihr dämmerte, was ich meinte. Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir wirklich leid, Rex, aber ich hab die Mappe nirgends gefunden. Hast du schon im Wohnzimmer und auf der Toilette nachgesehen?«

Ich nickte zuerst, schüttelte dann aber den Kopf, als mir einfiel, dass ich meine Suche gar nicht beendet hatte, nachdem ich die Pistole entdeckt hatte. »Im Klo hab ich noch nicht nachgesehen. Aber ich glaube nicht, dass meine Mappe dort ist.«

Alessia nickte. »Wir sehen trotzdem nach, bevor wir gehen.«

»Gehen?« Ich sah sie irritiert an.

»Natürlich. Ich packe ein paar Sachen zusammen, und dann verschwinden wir schleunigst von hier. Oder glaubst du etwa, ich bleibe hier und leiste dem da Gesellschaft?« Sie deutete auf den toten Killer, sodass ich ihn unwillkürlich ansah. Er sah beleidigt aus, als hätte sie ihn mit ihren Worten gekränkt, aber das war natürlich Blödsinn. Wahrscheinlich war er nur zum Zeitpunkt seines Todes stocksauer und überrascht darüber gewesen, dass ihn, den Killer, jemand anderes gekillt hatte. Und dieser Gesichtsausdruck würde ihm jetzt erhalten bleiben, bis er vollständig verwest war. »Außerdem werde ich nicht hierbleiben und darauf warten, dass derjenige, der das getan hat, zurückkommt, den vermasselten Job zu Ende bringt und mich ebenfalls mit in die Badewanne packt.«

Ich runzelte die Stirn. Komisch, wie schnell wir es doch als Tatsache akzeptiert hatten, dass jemand Alessia umbringen wollte und dafür einen Killer engagiert hatte, obwohl wir uns nicht einmal erklären konnten, wieso. Eigentlich geschahen solche Dinge nur in Filmen oder erfundenen Geschichten und nicht in der Realität gewöhnlicher Menschen. Doch irgendwie war ich heute, ohne es zu bemerken, aus meiner Realität in exakt so eine Geschichte gepurzelt, in der sich derartige Dinge ereigneten und anscheinend völlig normal waren, zumindest in Alessias Augen. Andererseits war ich aufgrund meiner Gabe vermutlich alles andere als gewöhnlich und hatte in den letzten Monaten schon mehr Todesfälle als üblich miterlebt. Ich beendete den Gedanken, denn wenn ich zu lange darüber nachdachte und mir erst so richtig bewusst machte, in welcher Gefahr ich geschwebt hatte und mich augenscheinlich noch immer befand, würde ich vermutlich nur verrückt werden.

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393 p. 6 illustrations
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9783847669920
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