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E. S. Schmidt

Welt der Schwerter

Band 2


High Fantasy

Inhaltsverzeichnis

1 Welt der Schwerter

2 Kapitel 1

3 Kapitel 2

4 Kapitel 3

5 Kapitel 4

6 Kapitel 5

7 Kapitel 6

8 Kapitel 7

9 Kapitel 8

10 Kapitel 9

11 Kapitel 10

12 Kapitel 11

13 Kapitel 12

14 Kapitel 13

15 Danksagung

16 Impressum

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Ein hartes Land lehrt die Menschen, dass sie einander brauchen.

– 15. Akh’Eldash, 48. Eintrag, Vers 2

Felle, Decken und der Schleier vor ihrem Gesicht schützten Lynn vor der Kälte der winterlichen Thulmark. Umso beißender war die Kälte in ihrem Inneren.

Sie trug wieder den Loron-Uhn, den Schleier mit dem eingearbeiteten Stirnreif, der den No’Ridahl auf ihrer Stirn verbarg, aber zugleich auch ihr Gesicht. Durch das zarte Gewebe betrachtete sie die drei Männer, die vor ihr ritten: an der Spitze ein Soldat in der roten Uniform Galathräas, hinter ihm der Rotschopf Dendar und neben diesem ritt Coridan.

Coridan, Graf von Thul. Der Anblick seines schwarzen Haars, des breiten Rückens und des Wolfspelzes über seinen Schultern war schmerzlich vertraut. In den vergangenen Tagen waren sie sich so nah gekommen. So geborgen hatte sie sich in seiner Nähe gefühlt, und für eine kurze Zeit hatte sie zu hoffen gewagt, er würde mehr in ihr sehen als nur die Braut seines Bruders. Doch nun waren sie gerettet, und alles was zwischen ihnen gewesen war, schien so endgültig zerstört wie zersplittertes Glas.

Seit ihrer Rettung hatte Coridan kein Wort mehr an sie gerichtet, sie keines Blickes gewürdigt. Lag das nur daran, dass diese Männer sie nun begleiteten? Oder war es, weil sie ihm ihr Herz offenbart hatte? Einem Mann wie ihm, der nur der Pflicht lebte, musste diese Enthüllung wie eine Aufforderung zum Verrat erschienen sein. Sie hätte sich ihm auch nie geöffnet, wäre ihre Lage nicht so verzweifelt, ihr beider Tod nicht so unabwendbar erschienen – und hätte er nicht den No’Ridahl erblickt, jenes Mal, das sie seit ihrer Salbung auf der Stirn trug. Es machte sie zur Akh’Eldash, zur Hohepriesterin, zur Braut des Kronprinzen und zukünftigen Königin von Galaträa. Es enthielt die Kraft der Göttin selbst.

Der Anblick des No’Ridahl hätte in Coridans Herz die Liebe zu ihr wecken müssen. Dennoch war er noch immer der stoische Krieger, als den sie ihn kennengelernt hatte. Wie konnte er gefeit sein gegen die Macht der Göttin, und das, wo doch umgekehrt ihr Herz sich so schmerzlich nach ihm verzehrte?

Das also bedeutete es zu lieben: Schmerz und Schwäche. Es bedeutete, dem anderen die Macht zu geben, zu verletzen. Sie war dumm gewesen, das zuzulassen, und es würde nie wieder geschehen. Sie war die Akh’Eldash. Daraus allein würde sie ihre Stärke ziehen, nicht aus der Liebe eines Mannes.

Sie packte die Zügel ihres Dinjis fester. Die genügsamen, trittsicheren Tiere, denen das braune Zottelfell eisverkrustet über die Augen hing, trugen sie langsam, aber stetig in Serpentinen hinab, der Ebene von Galathräa entgegen.

Lynn räusperte sich vorsorglich, um jede Schwäche aus ihrer Stimme zu vertreiben, dann rief sie Dendars Namen.

Der Rotschopf drehte sich im Sattel zu ihr um und ließ sein Tier zurückfallen, bis er neben ihr ritt. Er vermied es, sie anzuschauen, als fürchte er, der No’Ridahl könne seine Wirkung durch den Lorun-Uhn hindurch entfalten.

»Gesalbte?«

»Ich hoffe, Ihr habt gut auf Blinthe achtgegeben.«

»Natürlich, Gesalbte. Eure Zofe erwartet Euch voller Ungeduld auf Gut Fengajahr.«

Der Herr von Gut Fengajahr besaß keinen Adelstitel, keine heraldischen Farben. Allerdings trug der Mann an der Spitze ihres kleinen Zuges eine heraldische Schärpe über der roten Uniform. Zwei weitere solche Soldaten bildeten die Nachhut.

»Ich sehe«, sagte Lynn, »Ihr konntet Euch die Hilfe des Hauses Etharold sichern, aber liegen dessen Ländereien nicht viel weiter südlich?«

»Prinz Siluren hat diese Unterstützung geschickt.« Dendar gab das nur widerwillig zu. Er hatte aus seiner Geringschätzung für den Prinzen nie einen Hehl gemacht. »Herzog Etharold ist mit einem Heer auf dem Weg nach Norden. König Krolan von Oneräa hat Elsthorn angegriffen.«

Unwillkürlich sah sie zu Coridan hinüber. Heer, Angriff – das waren erschreckende Worte. Coridan hatte ihr versichert, im Winter würde kein Krieg geführt, doch offenbar hatte sich der König von Onereäa nicht an diese Regel gehalten.

War es nicht überhaupt seltsam, dass Männer Regeln für das Führen von Krieg schufen, statt einfach eine Regel gegen den Krieg an sich? Aber vielleicht war das die einzige Möglichkeit. Was man nicht verhindern konnte, dem musste man zumindest Grenzen setzen.

»Ist Prinz Siluren auf Gut Fengajahr?«

»Nein, Gesalbte. Er war auf dem Weg nach Bethelgard, weil er dort einen weiteren Angriff …«

»Wir sollten absteigen!«, rief der Mann an der Spitze und hob die Hand. Vor ihnen war eine Gerölllawine abgegangen, und Schnee und Steine bedeckten den Weg. Die Männer stiegen ab, um die Tiere am Zügel zu führen. Niemand verlangte das von Lynn, und sie bot es auch nicht an. Coridan nahm die Zügel ihres Dinjis, sah dabei aber nicht ein einziges Mal zu ihr auf.

Mit gelassener Ruhe suchten sich die Tiere ihren Weg über das Geröll, doch dann wurden sie langsamer. Schließlich blieb das vorderste ganz stehen und auch die anderen stemmten die Hufe ins Geröll. Die Tiere hatten etwas gewittert.

Diesmal verstand und teilte Lynn die Unruhe der Männer. Wachsame Blicke, gezogene Schwerter. Lynn kauerte sich noch tiefer in ihre Felle, als könnten die sie schützen.

»Dort!«, sagte Coridan schließlich. Er stieg den Lawinenhang einige Meter bergan und dann sah sie es auch: Etwas Farbiges. Stoff vielleicht. Eine grüne Jacke. Das war Riehm, der Anführer der Männer, die sie verschleppt hatten.

Lynns Hände begannen zu zittern. Die Geschehnisse lagen erst ein paar Stunden zurück, und die Erinnerung brach auf wie eine frisch verschorfte Wunde: ihre Gefangenschaft, gefesselt in dem Unterstand, ohne Mantel der beißenden Kälte ausgesetzt. All das, um Coridan zu einem Kampf zu zwingen. Einem ungleichen Kampf, fünf gegen einen, den Coridan trotz allem für sich entschieden hatte.

Coridan sprach jetzt mit Riehm. Er stand zu weit entfernt, die schneegefüllte Weite verschluckte seine Worte, doch er klang fordernd. Vermutlich wollte er wissen, in wessen Auftrag Riehm gehandelt hatte, denn es war mehr als unwahrscheinlich, dass der die Akh’Eldash aus eigenen Stücken entführt hatte. Auch Riehms Antwort war nicht zu verstehen.

»Du lügst!«, herrschte Coridan den Mann plötzlich an. Riehm hob abwehrend eine Hand. Dann griff er in seine Jacke und zog etwas hervor: einen Brief, den Coridan entfaltete. Einen Augenblick lang starrte er darauf, reglos, wie eingefroren. Nur eine Ecke des Papiers winkte träge im kalten Luftzug. Schließlich reckte Dendar den Hals. »Was ist das?«

Coridan blickte herüber. »Nichts!« Er faltete das Dokument zusammen und schob es unter sein Wams, während er zu seinem Dinji zurückkehrte.

»Trägt es ein Siegel?«, fragte Dendar. »Daraus ließe sich vielleicht schließen, wer die Männer …«

»Ich sagte doch: Es ist nichts.«

Als er nach den Zügeln griff, fragte Lynn: »Was wird aus Riehm?«

Nun blickte er doch zu ihr auf. »Was soll aus ihm werden?«

»Wenn wir ihn hierlassen, erfriert er.«

Die Verwunderung in seinem Gesicht war deutlich. »Er hat Euch entführt, Gesalbte, und Euren Tod in Kauf genommen, als er Euch in der Kälte gefesselt hat.«

Das stimmte. Riehm hatte keine Barmherzigkeit verdient. Sie fürchtete diesen Mann und hatte allen Grund, ihn zu hassen. Dennoch: Auch Barastes Riehm war ein Kind der großen Mutter, und war es nicht ihre Aufgabe als deren Gesalbte, die Liebe der Mutter zu wirken?

Sie hob das Kinn. »Seine Taten sind mir durchaus bewusst. Er mag ein Verbrecher sein, aber wenn wir ihn hier zurücklassen, sind wir nicht besser als er.«

Noch immer zögerte Coridan, doch sie regte sich nicht, und da ihr Gesicht verschleiert war, versuchte sie, die ganze Autorität ihres Amtes in ihre Haltung zu legen. Schließlich seufzte er. »Dendar, verteil das Gepäck neu. Fesselt ihn auf eines der Packtiere. Ach ja, und knebelt ihn, ehe er mit seinen Lügen die Luft verpestet.«

Die Soldaten folgten seinen Anweisungen, und dann machten die Dinjis keine Schwierigkeiten mehr. Vielleicht hatten sie erst herausfinden müssen, woher der Geruch des Todes gekommen war.

Als die Dämmerung fiel, erreichten sie eine kleine Ortschaft, und als man in Lynn die Akh’Eldash erkannte, lief das gesamte Dorf zusammen. Jeder wollte sie beherbergen. Schließlich setzte sich eine resolute Frau durch und führte die Reisenden in einen kleinen, sauberen Hof.

Lynn war schwindelig vor Müdigkeit. In der vergangenen Nacht hatte sie keinen Schlaf gefunden, und der Ritt war anstrengend gewesen. Sie mühte sich, ein Mindestmaß an Höflichkeit an den Tag zu legen, und sich auf den Beinen zu halten, so lange ihre Gastgeberin noch mit der Aufwartung beschäftigt war. Die Frau hatte sich einen bestickten Stirnreif angezogen, von dem ein bunter Schleier auf die Brauen hinab hing.

»Du stammst aus der Riefenau«, stellte Lynn überrascht fest. Mehr denn je erschien es ihr, als ob diese Tracht der Ursprung des Lorun-Uhn war. Oder vielleicht war es umgekehrt, war die Tracht eine Imitation des Lorun-Uhn.

»Das ist wahr, Gesalbte.« Die Bäuerin lächelte verlegen. »Die Liebe hat mich aus der Heimat hier her verschlagen, und nun kann ich doch meiner Akh dienen.«

Sie sagte nur Akh, nicht Akh’Eldash. Meine Akh. Nannte man sie so in der Riefenau?

Die Bäuerin glättete das dritte Laken, das sie über den Strohsack gebreitet hatte. »Das hier ist kein Schloss, doch Ihr werdet’s weich und sicher haben, und die Durun werd’ ich gut verköstigen.«

Durun. Das Wort hatte Lynn noch nie gehört, aber sie war zu müde, um danach zu fragen.

***

Ein Poltern ließ Lynn hochschrecken. Es war dunkel, und im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann roch sie das mit Bienenwachs behandelte Holz der Bauernmöbel und das Stroh, das ihre Matratze füllte. Die Gegenstände in der Kammer nahm sie kaum als Schemen wahr, aber durch Ritzen in den Holzläden vor dem Fenster sickerte ein fahler Schein. Vermutlich der erste Vorbote des Sonnenaufgangs.

Sie streckte die Füße unter der Decke hervor, erschauderte vor der Kälte und zog sie rasch wieder zurück. Irgendwo im Haus sprachen zwei Männer miteinander. Sie lauschte und meinte, die eine Stimme als die Coridans zu erkennen. Der andere war vermutlich Dendar, oder sprach Coridan noch einmal mit Riehm? Sicher nicht, er hatte ja den Brief, den er niemandem zeigte.

Aber sie selbst könnte mit Riehm sprechen. Von ihm erfahren, worüber Coridan sich ausschwieg.

Sie quälte sich nun doch aus dem Bett und tastete sich über die eisigen Dielen zum Fenster vor. Als sie die Läden aufstieß, lag da tatsächlich ein heller Streif am Himmel.

Sie schob das Kleid unter die Decke, damit der Stoff ein wenig aufwärmen konnte, dann durchstieß sie mit den Fingern die dünne Eisschicht, die sich auf dem Wasser im Waschkrug gebildet hatte. Inzwischen hatte sie Übung darin, sich ohne Blinthes Hilfe anzukleiden, und so schlich sie bald darauf aus ihrer Kammer.

Die beiden Männerstimmen kamen aus dem Raum neben dem ihren, aber Riehm hatte man, soweit sie sich erinnerte, in die Küche gebracht. Vermutlich sprachen Coridan und Dendar miteinander.

In der Küche war es warm, im Herd glomm noch ein Rest des Feuers. Riehm lag, vermutlich eher unbequem, auf einer hölzernen Bank, und als sie eintrat, wandte er ihr den Kopf zu. Vermutlich hatten die Verletzungen ihn wachgehalten. Die gefesselten Arme waren dick verbunden, und auch sein blasses, verkniffenes Gesicht sprach von Schmerzen. Es war fraglich, ob er die gebrochenen Arme je wieder würde benutzen können. Vielleicht wäre es barmherziger gewesen, ihn dem Tod in der eisigen Umarmung der Thulmark zu überlassen.

Als er sie erkannte, wollte er ausspucken, doch er war zu schwach, und so rann ihm der Speichel bloß übers Kinn. Zumindest seine Worte spie er ihr entgegen: »Willst du mich nun doch in deinen Bann zwingen?«

Zuerst verstand sie nicht, was er meinte, doch dann wurde es ihr klar: Er fürchtete, sie würde den No’Ridahl vor ihm enthüllen. Einen Moment lang dachte sie über diese Möglichkeit nach. Wenn das Mal auf ihrer Stirn in Riehms verbittertem Herzen Liebe zu ihr erwecken würde, dann wüsste sie zumindest, dass es seine Macht nicht verloren hatte. Dann wäre lediglich Coridan von Thul gegen seine Wirkung gefeit.

Doch die Liebe eines Mannes wie Riehm wollte sie weder wecken noch kennenlernen.

»Nein«, sagte sie kühl. »Ich will nur wissen, was Ihr dem Grafen gesagt habt. Wer ist Euer Auftraggeber?«

Er sah sie abschätzig an, als frage er sich, ob sie die Wahrheit ertragen könne. »Prinz Hasenfuß war mein Auftraggeber. Siluren der Zauderer.«

Das ergab keinen Sinn. Sie waren doch bereits auf dem Weg zum Prinzen gewesen. »Warum sollte er das tun?«

»Der Graf wollte mir auch nicht glauben, aber ich weiß, was ich weiß. Tu damit, was du willst.« Er wandte den Kopf ab und schloss die Augen.

»Wohin hättest du mich bringen sollen?«

Er regte sich nicht, war offenbar nicht gewillt, mehr zu sagen.

Sie trat einen Schritt näher. »Willst du mich wirklich zwingen, den Schleier zu heben?«

Er öffnete die Augen, und ein hasserfüllter Blick traf sie.

»Burg Drahl«, stieß er hervor.

»Wo ist das?«

»Im Süden. Zwischen T’Dor und Mirin.«

Nachdenklich kehrte Lynn in ihre Kammer zurück. Sie waren auf dem Weg nach Norden, in die Hauptstadt Varkaspol. Wenn dieser Krieg auch im Norden tobte, dann war es sicher klug, sie in der Sicherheit des Südens zu lassen. Doch warum diesen Befehl einem Mann wie Riehm geben? Wa­rum nicht Coridan, der doch ohnehin ihre Eskorte stellte?

Coridan und Dendar sprachen noch immer miteinander, lauter mittlerweile. Nun konnte Lynn Worte durch die Wand hindurch verstehen.

»Dies wird nicht der letzte Krieg sein!« Das war Dendar. »Du kannst das Schicksal des Reiches nicht allen Ernstes in die Hände eines Schwächlings legen wollen!«

»Er ist nicht schwach! Er ist der Kronprinz!« Etwas leiser fügte Coridan grollend hinzu: »Außerdem ist mein Vater noch nicht tot.«

Sie sprachen über Siluren. Dendar war nicht der Einzige, der dessen Fähigkeit in Zweifel zog, das Reich zu führen. Überall nannte man ihn Prinz Hasenfuß oder den Zauderer. Nicht nur in Dendars Augen mochte Coridan die bessere Wahl sein, doch als Bastard des Königs hatte er kein Anrecht auf den Thron.

Coridan selbst schien unverrückbar an seinen Bruder zu glauben. Wie merkwürdig das war. Er, der Held von Carondim, der Sieger der drei Turniere, sang des Lob des Mannes, über den das ganze Reich bereits sein Urteil gefällt hatte. Was war das für eine seltsame Hingabe?

Hinzu kam: Sollte Siluren der Zauderer tatsächlich ihre Entführung befohlen haben, stellten sich noch viel mehr Fragen. Sie wollte Riehm nicht glauben, aber in seinen Augen hatte keine Lüge gelegen. Außerdem hatte Dendar gesagt, Prinz Siluren habe die Soldaten zur Hilfe geschickt. Also wusste er doch von Riehm. Welch seltsames Spiel trieb der Kronprinz?

Kapitel 2

Ich fürchte den Schlaf, der mich eintreten lässt in jenes Reich der Geister, der Feinde der Erdmutter – und damit meiner Feinde.

– 32. Akh’Eldash, 25. Eintrag, Vers 15

Kira saß allein in einem Boot. Über ihr wölbte sich ein schwarzer Himmel ohne Sterne. Dennoch erkannte sie alles um sich her: Bürgerhäuser glitten vorbei, Geschäftskontore, Werkstätten. Sie trieb einen Kanal entlang. Vor ihr zogen ähnliche Boote dahin, bewegten sich ohne Ruderer oder Passagiere zielstrebig, wie von einer unsichtbaren Hand geführt. Eine ebenfalls lautlose Prozession von Booten schwebte quer zum Kanal über ihr. Unter den algenbewachsenen Kielen glitt Kira hindurch wie unter einer Brücke.

Sie trieb auf einen Steg zu. Darauf stand ein hochgewachsener Mann in Uniform, der ihr den Rücken zukehrte. Prinz Siluren! Fiebrige Vorfreude erfasste sie. Kaum hatte das Boot angelegt, sprang sie auf den Steg. »Hoheit!«

Er wandte sich um. Nicht Siluren. Ein weißes Gesicht und wasserfarbene Augen: Krolan der Fahle, König von Oneräa. Sie blieb abrupt stehen.

»Welche Stadt ist das?«, fragte er. »Bethelgard?«

Sie wollte nicht mit ihm reden, wandte sich ab. Der Steg führte auf eine Tür zu, die sich öffnete. Dahinter lag ein erstaunlich hoher Giebelsaal.

Zögernd trat sie ein. Der Raum kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht, woher. Käfige hingen von der Decke, leer bis auf einen. In diesem saß ein Mensch, das Gesicht von lang herabhängenden Haaren verborgen. Bei der mageren Gestalt war unmöglich zu sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war.

Krolan trat ebenfalls ein. »Es war schwierig, dich zu finden«, sagte er mit seiner sanften Stimme. »Du hast dich von mir entfernt.«

Schmerzerfülltes Stöhnen erfüllte den Raum, vibrierte in den Wänden, schien selbst Kiras Leib zu durchdringen. Sie blickte sich nach der Quelle des Lautes um, doch rundherum waren bloß gemauerte Wände aus roten Ziegeln, weit oben ein paar Fenster. Nicht einmal eine Tür gab es.

Aber war sie nicht eben durch eine solche hereingekommen? In einem Traum verschwinden Dinge und tauchen auf, verändern sich von einem Blick auf den anderen. Sie erinnerte sich an diese Worte, aber wer hatte sie gesprochen? Richtig, das war Magus Inselm gewesen, den sie aufgesucht hatte, um sich zu wappnen, falls Kughan ihre Träume erneut heimsuchen sollte. War dies etwa ein Traum?

Sie versuchte, sich an das Gespräch mit dem Magus zu erinnern. Es gibt Möglichkeiten zu prüfen, ob man träumt. Sich selbst zu kneifen gehört allerdings nicht dazu.

Kira schloss die Augen. Trotzdem sah sie Krolan, als könne ihr Blick ihre Lider durchdringen. Das war ein Beweis. Sie befand sich in der Welt der Geister, in der Welt, in die alle Träumenden Nacht um Nacht eintraten.

Dummerweise war sie nicht alleine hier, sondern mit König Krolan, einem Magus, der Träume lenken und formen konnte, der darin sogar töten konnte, wenn er Blut seines Opfers besaß.

Krolan besaß ihr Blut. Viel davon. Sie musste fliehen! Sich rückwärtsfallen lassen, damit der Schreck sie aus dem Schlaf riss, wie Inselm es ihr erklärt hatte.

Doch sie zögerte. Dies war eine Gelegenheit, die sie nicht verstreichen lassen durfte. Krolan vertraute ihr. Er glaubte sie noch immer treu in seinen Diensten. Sie konnte das nutzen, um mehr von ihm zu erfahren. Selbst wenn es Euch nicht gelingt, Euer Wissen über den Moment des Erwachens hinaus mitzunehmen, so kann es doch in einem verborgenen Teil Eures Geistes verbleiben und Eure Handlungen im rechten Moment lenken.

Wieder erklang ein alles durchdringendes Stöhnen. Aus den Fugen zwischen den Ziegelsteinen quoll Blut hervor, lief dickflüssig die Wände hinab.

Der Raum kam Kira zwar bekannt vor, aber er gehörte ganz sicher nicht zu ihrem Leben. Er musste aus Krolans Geist gebildet sein, aus seinen Erinnerungen. Der Wechsel von Eurem Traum in den eines anderen ist immer gekennzeichnet. Es ist eine Tür, ein Tor, eine Schwelle, die Ihr überschreitet. Also befand sie sich inzwischen in Krolans Traum.

Sie wandte sich ihm zu. »Was ist das für ein seltsamer Ort?«

»Der, an dem sich alles verändert hat.« Für einen Moment erklang ein rhythmisches Knarren. Krolan hob unwillig die Hand, und es verstummte. »Viel wichtiger: wo bist du gerade? Wo ist der Zauderer? Seid ihr noch auf Krailenhorst? Oder konntest du ihn, wie ich es dir befohlen habe, davon abhalten, in die Burg zu flüchten?«

Sie wollte ihm nichts preisgeben, sondern im Gegenteil mehr von ihm erfahren. Dies war seine Welt. Sie musste mit ihren Fragen die Gefühle weckten, die darin schlummerten. Auch wenn er stark ist, das eine oder andere wird ihm entschlüpfen, wird sich manifestieren, sodass Ihr es sehen könnt.

Sie lächelte spöttisch. »Das Geräusch eben – habt Ihr in diesem Raum etwa Eure Unschuld verloren?«

Da lag ein Sack mitten im Raum, weißes Mehl um ihn her verstäubt. Krolan ließ auch ihn mit einer Handbewegung verschwinden. »Ich erwarte Antworten von dir, keine Fragen. Der Zauderer?«

Sie zuckte die Achseln. »Wir sind nie auf Krailenhorst angekommen. Prinz Siluren schätzt weder die Burg noch deren Einsamkeit. Er ist in der Ortschaft am Talausgang geblieben.«

»Das ist günstig. Kannst du an sein Blut gelangen?«

»Den Prinzen verletzen?«

Er lächelte. »Ein zerbrochenes Glas, ein liegengelassener Dolch«, das Lächeln wurde niederträchtig, »eine Schramme der Leidenschaft. Lass dir etwas einfallen. Ein paar Tropfen auf einem Tuch würden mir vorerst genügen. Lass es mir durch Geran zukommen.«

Geran. Ob der überhaupt noch am Leben war? Oder hatte Trenkar ihn hängen lassen, nachdem er sich als unzuverlässige Quelle erwiesen hatte?

»Was ist?« Ein misstrauischer Blick Krolans. »Traust du dir das nicht zu?«

»Nein, es … geht um Geran. Ich weiß nicht, ob wir ihm noch trauen können.« Sie musste auf der Hut sein, durfte sich nicht zu sehr in Lügen verstricken. Sie war eine Kämpferin, verdammt, keine Ränkeschmiedin. Sie durfte sich nicht aushorchen lassen, musste zurück zu Krolan, zu seinen Erinnerungen. Was hatte er eben noch verschwinden lassen? »Dieser Mehlsack«, sagte sie. »Was hat es damit auf sich?«

Wieder lag der Sack auf dem Boden, und Kira setzte sich kurzerhand darauf. Berührung hält die Dinge im Sein.

»Was soll das?« Plötzlich verlor Krolans Stimme ihren weichen Klang.

Über ihr bewegte sich der Käfig, den Kira bisher zu übersehen versucht hatte. Sie hatte die verhungerte Gestalt darin für Inventar gehalten, eine weitere Erinnerung oder Vorstellung Krolans, die zu diesem Raum gehörte. Doch nun wandte die Gestalt den Kopf und fragte mit brüchiger Stimme: »Warum zeigst du es ihr nicht?« Das Gesicht hinter den strähnigen Haaren war nicht zu erkennen. Dennoch meinte Kira nun, es müsse eine Frau sein, die dort in dem Käfig dahinvegetierte.

Krolan antwortete mit beißender Liebenswürdigkeit: »Du solltest deine Zunge hüten, alte Krähe. Sonst vergesse ich am Ende noch, dich herauszulassen, ehe es zu spät ist.«

Ein heiseres Lachen antwortete, das tatsächlich an das Krächzen einer Krähe erinnerte. »Womit kannst du mich noch schrecken? Zeig es ihr. Zeig ihr die kleinliche Wut, derentwegen du mir meinen Sohn genommen hast.«

Kira saß noch immer auf dem Mehlsack, aber jetzt trug sie das Kleid einer Dienstmagd, die Beine gespreizt, den Rock gehoben. Vor ihr stand Krolan. Ein anderer Krolan. Ein blasser, magerer Jüngling mit schwarzem Haar, die Hand in der Hose.

»Wo bleibt Ihr denn?«, kam es von Kiras Lippen. Nicht ihre Worte, und doch seltsam zwingend. »Soll ich noch mal zurück in die Küche gehen und wiederkommen, wenn Ihr soweit seid?«

Der Junge warf ihr einen hasserfüllten Blick zu. Eine Tür krachte auf, und da stand ein junger Mann in Brokat und Seide. Er brach in schallendes Lachen aus. »Kriegst du ihn nicht hoch? Was für ein Schlappschwanz!« Hinter ihm erschienen weitere Gesichter: Köche, Mägde, feixende Küchenjungen.

Krolan – der erwachsene Krolan – brüllte wie ein verwundeter Ulphanbulle. Noch nie hatte Kira erlebt, dass er seine Stimme auf diese Weise erhob. Er wuchs in die Höhe, seine Gestalt streckte sich, bis er ein bedrohlicher, schwarzer Riese war, der seinen Rücken unter dem Giebel krümmte. Sein riesiges, fahles Gesicht brachte er ganz nahe an den Käfig heran. »Soll ich ihr den Rest auch zeigen?«

Ein Baldachin wölbte sich über Kira. Der Mehlsack unter ihr war zum Bett geworden, auf dem sie mit angezogenen Beinen saß. Neben ihr, halb bedeckt von seidenen Laken, lag ein junger Mann. Sie erkannte ihn wieder. Eben noch hatte er Brokat getragen und gelacht. Nun war er nackt, reglos, und aus seinem rechten Auge ragte der Griff eines Dolches.

Der entsetzte Schrei kam nicht von Kira, sondern von der Frau in dem Käfig. Die Bilder zerfielen, das Bett, die blutigen Laken, selbst der Tote. All das zerfloss wie Wasser, versickerte in den Spalten zwischen den Dielen und ließ Kira zurück in dem Giebelsaal mit Krolan und dem verhungerten Wesen, das wimmernd klagte.

»Schweig!« Krolan schlug mit der Hand durch die Luft und die Gefangene schrie auf. Blut färbte den Leinenstoff auf ihrem Rücken, als lägen blutige Striemen darunter. Sie verstummte.

Der Tote, das musste Krolans Bruder gewesen sein, der Kronprinz von Oneräa. Offenbar stimmten die Gerüchte nur halb. Krolan hatte seinen Bruder nicht getötet, um den Thron zu erlangen, sondern wegen einer Kränkung. Vermutlich nicht der einzigen. Hass zwischen Brüdern konnte endlos sein.

»Jetzt zu dir.« Krolan wandte sich Kira zu. »Dein Geist hat sich ganz offenbar einem anderen zugewandt. Wo ist deine Dankbarkeit mir gegenüber? Wo ist deine Furcht?«

Die Furcht war noch da. Definitiv. Um zu erwachen, lasst Euch rücklings fallen. Sie tat es.

Doch sie fiel nicht. Stattdessen kippte der Raum, sodass sie die Bodendielen als Wand in ihrem Rücken hatte, auf denen sie jetzt nach unten schlitterte, bis ihre Füße auf Wandputz trafen. Krolan stand in einem unmöglichen Winkel über ihr und blickte spöttisch auf sie hinab. »Denkst du wirklich, du könntest mit den armseligen Hinweisen irgendeines Dorfmagus‘ gegen mich bestehen? Du kannst keinen Traum verlassen, der nicht der deine ist.«

Wenn dies also nicht ihr Traum war, dann war sie auch nicht diejenige, die fallen musste. Noch immer stand Krolan waagrecht über ihr. Sie packte seine Fußgelenke und riss sie mit aller Kraft zu sich heran. Er stürzte, nein, sie stürzte, der Raum stürzte um sie herum, während Krolan in der Luft schwebte, der ruhende Pol, um den sich die Welt drehte. Die schwarze Kutte flatterte an seinen ausgebreiteten Armen wie ledrige Flügel.

Als der Raum zur Ruhe gekommen war, lag Kira auf den Dielen, die nun wieder Boden waren. Um sie herum sprossen metallene Stangen empor, vereinigten sich über ihr wie Totenhände.

»Nein!« Sie wollte die Stangen packen – doch sie konnte sich nicht regen. Ihre Arme und Beine waren weich und schwer, als gäbe es darin keine Knochen, keine Muskeln. Wie die Gliedmaßen einer mit Sand gefüllten Puppe.

Wieder lachte er. »Ich habe dein Blut, hast du das vergessen? Damit bist du mir ausgeliefert, zumindest in dieser Welt.«

Hilflos sah sie zu, wie er den Käfig an einer Kette in die Höhe zog, bis sie schwankend neben der abgemagerten Gestalt hing.

»Du hast mich verraten. Aber was kann man von einer Frau schon anderes erwarten? Da ich dich dafür nicht pfählen kann, bleibt uns nur dies hier.«

Er breitete die Arme aus und schwebte hinauf zu ihr, als erfasse ihn ein Wind von unten. Dann stand er vor dem Käfig, die leere Luft wie festen Grund unter seinen Füßen.

»Du bist auf einem Kanal zu mir getrieben. Vermutlich bist du also in Bethelgard, und ich nehme an, der Zauderer ist bei dir.«

Sie presste die Lippen aufeinander und schwieg.

»Das hatte ich so nicht geplant, aber es ist ausreichend. Eine königliche Geisel ist mehr wert als ein abgetrennter Kopf, auch Trenkar weiß das.«

Am liebsten hätte sie es ihm ins Gesicht gespuckt: General Trenkar hatte wie ein Straßenköter mit eingeklemmtem Schwanz das Weite gesucht, Bethelgard war sicher, weil ein besserer Mann seine Pläne durchkreuzt hatte. Aber sie schwieg. Nichts würde er von ihr erfahren.

»Ihr könnt mich nicht ewig hier festhalten. Irgendwann werdet Ihr erwachen, und dann bin ich frei.«

Er lächelte, und jetzt war seine Stimme wieder freundlich und sanft. »Du irrst schon wieder. Dies ist auch nicht mein Traum.« Er ließ den Blick schweifen, und wieder erklang das tiefe Stöhnen. Für einen Moment floss das Blut aus den Fugen der Wände noch üppiger. »Ich nutze ihn. Ich gestalte ihn. Aber der Wirbel, in dem ich diese Zuflucht errichtet habe, das ist der letzte Traum eines sterbenden Mannes, der seit fast einem Tag auf dem Pfahl sitzt.« Krolan wirkte sehr zufrieden, beinahe glücklich. »Niemand ist der Geisterwelt so nah wie ein Sterbender. Sein Traum wird nicht enden. Er wird aus dem Dämmerzustand des Sterbens hinübergleiten in jenes andere Reich, und weil er davor nicht mehr erwacht, wird er dich einfach mitnehmen.« Mit plötzlicher Wut wandte sich Krolan dem anderen Käfig zu. »Und du! Du solltest zu deiner Weibergöttin beten, dass ich dich gehen lasse, bevor das geschieht!« Damit schwebte er rücklings zur Wand hinüber, in der sich eine Tür öffnete, sich hinter ihm wieder schloss und mit der Wand verschmolz.

Kaum war er fort, versuchte Kira erneut, sich zu befreien, doch ihre Arme und Beine waren noch immer taub und bewegungsunfähig. Nur den Kopf konnte sie drehen, doch das half ihr nicht weiter, auch nicht die sanfte Schwingung, in die ihre Versuche den Käfig brachten. Schließlich brüllte sie Wut und Enttäuschung in den leeren Saal hinaus.

Dann fiel ihr Blick auf die Gestalt in dem anderen Käfig. »Du! Kannst du dich bewegen?«

Jetzt erst hob die Frau den Kopf, mühsam, wie es schien. Das herabfallende Haar verbarg ihr Gesicht. Mit einer Stimme wie knisterndes Papier sagte sie: »Ich habe oft genug zu entkommen versucht, und ich habe andere gesehen. Viele. Keinem ist es gelungen.«

»Du warst schon oft hier?«

Eine Hand, die nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien, umfasste einen der Gitterstäbe. »Er lässt mich gehen, bevor der Gepfählte stirbt, und wenn der nächste Mann gepfählt wird, bringt er mich wieder her.«

Wenn Krolan diese Frau immer wieder über Tage hier gefangen hielt, Tage, in denen ihr schlafender Körper keinerlei Nahrung zu sich nehmen konnte, dann war diese Gestalt vielleicht kein Traumgebilde. Dann war sie wirklich so abgemagert.

Welch unbarmherzige Strafe! Was konnte diese Frau Krolan angetan haben?

»Warum?«, fragte Kira. »Wer bist du?«

Jetzt wandte die Frau Kira ihr Gesicht zu, das frappierend an den Totenschädel in Magus Inselms Stube erinnerte. Wieder ertönte das rhythmische Knarren, das Kira zuvor für das eines Bettes gehalten hatte. Mit ihrem langen, knochigen Finger wies die Frau nach unten. Ein Säugling lag in einer Wiege und weinte. Das Knarren war das Geräusch der Kufen, auf denen das Kinderbett hin und her schwang.

Die Wiege war unnatürlich groß, und als Kira den schwarzhaarigen Jungen neben der Wiege sah, ahnte sie auch, warum. Dies war kein Saal. Es war bloß ein Zimmer. Doch der Raum war riesig in der Erinnerung des Kindes, das neben der Wiege stand. Krolans Erinnerung. In dieser Erinnerung legte Krolan Kissen in die Wiege, häufte sie auf den Säugling und dämpfte damit das klagende Weinen.

»Sie soll weggehen«, sagte der Junge, und Kira stellten sich die Nackenhaare auf bei dem kindlichen Klang, in dem Krolans spätere Stimme bereits zu erkennen war. »Es soll wieder so sein wie früher.«

Eine Tür öffnete sich. Eine Frau mit königlicher Haltung und eleganten Bewegungen trat ein. Eine schöne Frau, mit langem, schwarzem Haar, in kostbare Seide gehüllt. Als sie sah, was Krolan getan hatte, gellte ihr Schrei durch den Raum. Sie stürzte auf die Wiege zu, riss die Kissen heraus und hob das Kind hoch. Doch es war zu spät. Die Ärmchen hingen schlaff herab, die Augen, halb geöffnet, blickten ins Nichts. »Er hat sie umgebracht!«, schrie die Frau. »Er hat meinen kleinen Engel getötet! Er ist ein Monster! Ein Monster!«

Die Klänge verebbten, die Figuren verblassten. Kira sah wieder zu der Gefangenen hinüber. »Wer seid Ihr?«, fragte sie noch einmal, obwohl sie es wusste.

In der Stimme der Frau lag nicht einmal mehr Resignation.

»Ich bin seine Mutter.«

***

Siluren ließ Kira in seine eigenen Räume im Rathaus von Bethelgard bringen. Hier hatten die Ärzte ausreichend Platz, um sie zu untersuchen.

Der unnatürliche Schlaf, der sie gefangenhielt, ließ sie aussehen wie eine Tote. Die beiden Ärzte flößten ihr scharf riechende Elixiere ein, rieben ihr Salben in die Haut, rüttelten sie und schrien ihr in die Ohren. Einer hielt sogar ihre Hand über eine Flamme, und Siluren musste an sich halten, um ihm die Kerze nicht aus der Hand zu schlagen.

Nichts zeigte Wirkung. Es war schrecklich, Kira so daliegen zu sehen, still und bewegungslos, die Decke bis ans Kinn gezogen. Es passte so gar nicht zu ihr.

Die Ärzte absentierten sich, um sich in einem Nebenraum zu beraten. Das Hausmädchen Finny setzte sich neben das Bett und flößte Kira löffelweise Wasser ein. Zumindest schluckte sie.

Siluren lief zur Tür, zurück zum Fenster und wieder zur Tür. Die Ärzte hatten hilflos gewirkt, und ihre Beratung war vermutlich eine Farce. Sie hatten keine Ahnung, was Kira zugestoßen war.

Finnys Blick folgte ihm, und schließlich murmelte sie: »Ich glaube nicht, dass die Ärzte ihr helfen können.«

Das war nur allzu offensichtlich. Aber Finny war schüchtern. Sie hätte das Wort nicht ohne Not an ihn gerichtet. »Du hast einen Vorschlag?«

Sie zögerte. »Wenn jemand helfen kann, dann Magus Inselm.«

»Ach!« Siluren machte eine unwillige Handbewegung und bereute es sofort, als Finny den Kopf einzog. Er zwang sich zu einem ruhigeren Ton. »Ich glaube nicht an diese Dinge.«

Aber sie tat es, Kira, und wer wusste schon, welche Kräfte der menschliche Geist entwickelte, wenn er an etwas glaubte? Einen Moment lang stand Siluren unschlüssig mitten im Zimmer. Inselm. Das war der Magus, den er am Kanal so unfreundlich abgekanzelt hatte. Gerade ihn um Hilfe zu bitten war misslich. Aber weder sein Stolz noch sein Miusstrauen durften zwischen Kira und ihrer Rettung stehen. Er öffnete die Tür, vor der Leron Posten bezogen hatte. »Mache einen gewissen Magus Inselm ausfindig und bring ihn her. Zur Not mit Waffengewalt!«

Leron salutierte und machte sich davon.

Wieder nahm Siluren seinen unruhigen Gang auf. So ein schwarzgewandeter Scharlatan würde sicher nicht helfen können, aber er durfte nichts unversucht lassen. Schaden würde der Magus Kira jedenfalls nicht. Dafür würde er sorgen.

Trotzdem wehrte sich alles in ihm dagegen, einem solchen Mann Kiras Schicksal anzuvertrauen. Zu oft hatte er gesehen, wie diese Magoi Angst verbreiteten, wie sie die Menschen um ihres eigenen Vorteils willen einschüchterten. Das einfache Volk glaubte ihnen, weil es nichts wusste von Wissenschaft und Technik. Das Wissen machte einen Gewittersturm nicht harmlos, und doch war er weitaus erschreckender, wenn man glaubte, die Geister rüttelten gerade am Himmelsrund und versuchten, in die Welt einzudringen. Nur das Licht des Wissens würde solchen Aberglauben vertreiben, doch die Magoi zogen es vor, die Menschen im Dunkeln zu lassen.

Irgendwann klopfte es, und Magus Inselm trat ein, den schwarzen Mantel um sich geschlungen. Es war der gleiche Mann, den Siluren vor ein paar Tagen am Bootssteg so unwirsch abgefertigt hatte. Er hatte die Schultern gereckt und den Kopf erhoben. »Ich lege Wert auf die Feststellung, dass Ihr mich habt rufen lassen, Hoheit.«

»Das habe ich.« Siluren wies auf das Bett. »Man sagte mir, Ihr könntet helfen.«

»Mir sagte man, ich solle Euch nicht belästigen.«

»Dann solltet Ihr das auch vermeiden. Könnt Ihr helfen?«

Inselm sah noch immer nicht zum Bett hinüber. »Hoheit, es gibt Menschen, die dankbar sind für meine Unterstützung. Ich dränge mich niemandem auf. Aber ich helfe auch nicht aus reiner Freundlichkeit.«

»Dann nennt Euren Preis. Wenn Ihr erreicht, was die Ärzte nicht vermochten, werde ich ihn bezahlen.«

»Mein Preis«, sagte Inselm kühl, »sind die Erlaubnis, frei von Einschränkungen in Eurem Reich praktizieren zu dürfen, und der Titel eines königlichen Hof-Magus.«

»Unmöglich!«

»Dann, Hoheit, empfehle ich mich.« Inselm verneigte sich und schickte sich an, zu gehen.

»Wartet!« Siluren war unschlüssig. Er wollte diesen ganzen Lug und Trug, den Aberglauben und die geheimen Lehren über die Geister aus seinem Reich vertreiben. Nur dann würden die Menschen frei sein von Furcht, nur dann würden sie ganz im hier und jetzt leben können.

Aber was, wenn Inselms Wissen Kira tatsächlich retten konnte? Durfte er das ganz ausschließen?

»Berater«, sagte Siluren schließlich widerstrebend. »Ihr dürft Euch Berater der Krone nennen.«

Inselm dachte darüber nach. Dann nickte er. »Einverstanden. Ich verlange darüber einen schriftlichen Bescheid.«

»Den werdet Ihr erhalten, wenn es Euch gelingt, sie aufzuwecken. Ich gebe Euch mein Wort.«

»Das genügt mir, Hoheit.«

Inselm trat ans Bett, und Finny erhob sich voll Ehrerbietung. Oder war es Furcht?

»Dachte ich’s mir.« Inselm warf einen Blick auf die Decke, unter der sich Kiras Leib abzeichnete. »Der Page ist eine Frau.«

Kira lag noch immer regungslos da. Nur ihre Augen bewegten sich unter den Lidern. Siluren wies Inselm darauf hin.

»Sie träumt«, bestätigte der Magus. »Mehr als das, sie ist gefangen in einem Traum.«

»Könnt Ihr sie befreien?«

»Nicht von dieser Seite aus.«

»Von der anderen?«

Inselm seufzte. »Die körperlosen Gefilde sind weitläufig und in ständiger Veränderung begriffen. Ich bräuchte viele Versuche, um sie dort zu finden. Ich fürchte, so viel Zeit steht ihr nicht zur Verfügung.«

»Wieso?«

»Es gibt nur wenige Gründe, einen Menschen in einen Traum einzusperren. Ist sie im Traum eines Sterbenden gebunden, ist dessen Tod auch der ihre.«

»Sie ist seit Stunden in diesem Zustand. Man hätte diesen ominösen Sterbenden längst töten können.«

»Das hätte man. Womöglich will ihr Feind das nicht, um sie leiden zu lassen. Oder er hat zum jetzigen Zeitpunkt keinen Zugriff auf den Leib des Sterbenden.«

»Also könnt Ihr ihr nicht helfen.«

»Das habe ich nicht gesagt.« Inselm richtete sich auf. »Ich könnte einen anderen begleiten. Jemanden, dessen Gefühle sich nach dieser Frau ausstrecken, dessen Geist eine Verbindung zu ihr hat. Ein Verwandter zum Beispiel oder ein guter Freund.«

Siluren blickte auf sie hinunter. »Sie hat niemanden.« Kira Idrastochter, stolz und stark, die niemanden brauchte und ihren Weg ganz alleine ging. »Außer mir.« Jetzt sah er Inselm an. »Ich bin bereit, es zu versuchen.«

»Hoheit!« Leron trat einen Schritt vor. »Ihr dürft Euch nicht in solche Gefahr begeben!«

Der Magus nickte. »Er hat recht. Der Hauch des Todes könnte Euch streifen.«

Da war sie wieder, die Neigung, Angst und Furcht zu säen. Es ging nur um Träume, verdammt! Aber wenn Kira viele Tage in diesem Zustand blieb, konnte sie durchaus verhungern. »Sagt mir, was ich tun soll.«

»Nun, Hoheit, zuerst müssen wir uns auf einen Ort einigen, an dem wir uns wiederfinden können.« Inselm griff in seine Robe und förderte ein Säckchen zu Tage. »Außerdem benötige ich einen Tropfen Eures und ihres Blutes«, er nickte zu Kira hinüber, »und schließlich werde ich einen Tee bereiten, der Euch hilft, zu dieser frühen Stunde in den Schlaf zu finden.«

***

Schloss Hohenvarkas. Die Räume waren hoch, die Gänge endlos. An der Hand Aggas, seiner Amme, ging Siluren, um den mächtigsten Mann des Reiches zu sehen. Den König. Seinen Vater.

»Pst!« Coridan winkte hinter einem Vorhang hervor, das Holzschwert an der Seite, das schwarze Haar in wilder Unordnung. »Ich warte hier auf dich!«

Siluren winkte zurück, wünschte sich, Cor könne ihn begleiten. Doch Agga zog ihn unbeirrbar weiter, und sein Bruder blieb zurück.

Eine weiße Tür in einem ebensolchen Stuckrahmen, die sich für sie öffnete. Da stand sein Vater. Er wandte ihnen den Rücken zu und war trotzdem so einschüchternd wie immer. Doch als er sich umdrehte, war es gar nicht sein Vater. Es war Magus Inselm.

»Hoheit, wir haben nicht viel Zeit. Wir suchen nach Kira Idrastochter.«

Ja, sie suchten Kira. Siluren sah sich um. Außer ihm und Inselm war niemand im Raum. »Sie ist nicht hier.«

»Nein, das ist sie nicht. Aber vielleicht könnt Ihr sie hören?«

Siluren lauschte. Was sollte er hier in diesem Raum schon hören? Da war das Geräusch seines eigenen Atems, das Knarren der Dielen, der Gesang der Vögel vor dem Fenster.

»Ihr müsst durch die Dinge hindurchhören.«

Seltsame Worte. Durch die Dinge hindurchhören. Siluren wollte gerade etwas sagen, als er für einen winzigen Moment meinte, einen Duft wahrzunehmen. Einen vertrauten und doch erregenden Duft, der sein Herz schneller schlagen ließ.

Er wandte sich zur Tür: farbig bemaltes Schnitzwerk in einer Wand aus gemauerten Ziegelsteinen.

»Sehr gut.« Magus Inselm nickte anerkennend. »Ihr habt sie gefunden. Folgt mir.«

Der Raum, den sie betraten, war sehr hoch. Balken formten schräge Wände, die sich weit über ihnen in einem spitzen Winkel vereinigten. Von der höchsten Stelle hingen zwei Käfige herab. Der eine war leer, aus dem anderen hingen Arme und Beine heraus wie die Gliedmaßen einer Puppe.

Viel bedrohlicher jedoch waren die Wände. Sie waren merkwürdig durchscheinend. Nicht wie Glas oder Eis. Mehr wie Nebel, der sich zu der Form von Backsteinen zusammengeballt hatte, und der doch jederzeit von einem Windhauch auseinandergetrieben werden könnte. Siluren schauderte. Diese Wände boten kaum Schutz. Aber wovor eigentlich?

»Wir haben nicht viel Zeit.« Magus Inselm trat zu einer Kette und ließ den einen Käfig hinab. Kira lag darin, schlaff wie eine Puppe. Mühsam wandte sie den Kopf. »Hoheit! Ihr dürft nicht hier sein! Dieser Traum kann jederzeit enden!« Sie sah hinauf zu dem leeren Käfig, als wäre der ein Hinweis darauf, wie nah die Gefahr bereits war.

Doch Siluren war viel zu fasziniert von den Wänden. Er trat näher an eine heran und mühte sich, durch den Nebel hindurchzuspähen. Was er dahinter sah, ließ ihn erstarren: kreischender Schmerz und ein bedrohliches Nichts. Plötzlich wusste er, wovor ihn diese durchscheinenden, sich auflösenden Nebelwände schützten. Die Schwärze dort draußen war der Tod.

Unbändige Furcht erfasste ihn. »Wir müssen fort von hier!« Doch wohin? Die ganze Welt war erfüllt vom Tode, und Sicherheit war nur hier, in dieser winzigen, gefährdeten Zuflucht, deren Wände immer weiter verblassten und zugleich zusammenrückten.

»Hoheit!« Magus Inselm klang befehlend. Er wies auf den Käfig, der nun auf dem Boden stand. »Wir müssen sie hier heraustragen!«

»Es gibt keine Tür mehr«, sagte Kira.

Siluren drehte sich um, und tatsächlich: In keiner der Wände gab es eine Tür – und wohin hätte sie auch führen sollen? Das kreischende Nichts kam von allen Seiten näher.

Inselm schüttelte verärgert den Kopf. »Sprecht nichts aus, das nicht in unser aller Geist Gestalt annehmen soll!« Er sah hinauf zu den Gaubenfenstern in beträchtlicher Höhe. Obgleich hinter den Wänden der Tod lauerte, leuchtete durch die Fenster ein strahlend blauer Himmel. »Sie scheinen auf ein Dach zu führen«, stellte Siluren fest.

»Zumindest hinaus.« Inselm griff erneut nach der Kette. »Steigt auf den Käfig und lasst ihn schwingen, sodass er durch eines der Fenster bricht.«

Siluren gehorchte. Er kletterte über Kira, stellte die Füße auf die Querstreben und hielt sich an der Kette fest. Während Inselm sie beide hinaufzog, versetzte er den Käfig in Schwingung wie eine Kinderschaukel. Doch es war nicht einfach, mit all dem Gewicht genug Schwung zu bekommen.

»Schneller!«, rief Kira, deren Arme und Beine noch immer kraftlos zwischen den Streben hingen. »Die Wände!« Tatsächlich hatten diese sich an manchen Stellen nahezu aufgelöst. Schwärze troff in den Raum hinein, zerfraß den Boden, kroch hinauf zu den Fenstern, die nun ebenfalls zu verblassen begannen. »Schneller!«

Noch einmal holte Siluren Schwung, und plötzlich war Inselm hinter ihnen. Wie ein schwarzer Vogel flatterte er durch die Luft und gab ihnen am Scheitelpunkt noch einmal einen zusätzlichen Stoß. Gemeinsam flogen sie durch das Fenster, hinein in einen strahlend blauen Himmel. Dann fiel der Käfig, polterte auf ein Dach und zerbröselte dabei, als bestünden die Stangen aus Asche. Kira setzte sich auf, betrachtete mit offensichtlicher Freude ihre Hände. »Ich kann mich wieder bewegen!«

Ein Schatten streifte sie, und als Siluren den Blick hob, zog ein riesiger, leinenbespannter Flügel vor der Sonne vorbei. Sie waren auf das Dach einer Mühle gelangt. Ein Baum stand neben der Mühle, und in seinen Zweigen zeterte ein Schwarm Vögel. Gelbe Kiras.

Kira stand auf. »Ich weiß, wo wir langmüssen.« Sie wollte losgehen, doch der Magus hielt sie zurück.

»Wir haben den Traum des Sterbenden verlassen, und Ihr könnt nun erwachen. Aber zuerst sagt mir, ob Ihr etwas erfahren habt, das ich für Euch durch den Schleier retten soll.«

Sie sah ihn verwirrt an, doch dann huschte ein Lächeln über ihre Lippen. »Er hätte mich wohl besser nicht zusammen mit seiner Mutter eingesperrt.«

***

Kira erwachte mit einem Gefühl von Dringlichkeit, als müsse sie sich an etwas Wichtiges erinnern, aber es war, als stünde ihr Geist vor einem Dickicht, unfähig, den Rückweg zu dem gerade verlassenen Ort zu finden. Stattdessen kehrte die Erinnerung an den vergangenen Tag zurück: die Schlacht um Bethelgard, die Siegesfeier und die Zärtlichkeit danach – und mit der Erinnerung kam auch der Schmerz zurück. Die Enttäuschung darüber, nicht enttäuscht worden zu sein.

Die gemeinsame Nacht hatte nichts geändert. Sie wollte Prinz Siluren noch immer, womöglich sogar mehr als zuvor. Voll Sehnsucht dachte sie an das gegenseitige Berühren und Liebkosen und an seinen Blick, diesen klugen, mitfühlenden Blick, der sie sah, wirklich sah, und sie doch nicht verurteilte. Wie mochte es wohl sein, das ganze Leben bei diesem Mann zu verbringen, der sie sein ließ und leben ließ und sich an ihr freute? So gerne wollte sie ihm alles sein, denn er begann, ihr alles zu werden.

Doch er war der Kronprinz, und er war einer anderen verpflichtet.

Fort mit diesen Gedanken! Sie schlug die Augen auf. Über ihr spannte sich der Baldachin eines Bettes. Nicht des ihren. Dies war die Schlafstatt des Prinzen. Aber sie hatte sein Zimmer doch verlassen?

Sie wandte den Kopf. Er lag schlafend neben ihr auf dem Rücken, angekleidet, die Finger mit den ihren verschränkt. Ertappt zog sie die Hand zurück und richtete sich auf.

Magus Inselm saß in einem Sessel neben dem Bett. Außerdem waren Leron und Finny im Raum. Kira wischte sich über das Gesicht. »Was ist denn geschehen?«

Magus Inselm antwortete: »Der Mann, den Ihr fürchtet, hat Euch in den Traum eines Sterbenden gesperrt, um Euch zu töten.«

Krolan! Hatte sie ihm Wichtiges verraten? Etwa von Trenkars Niederlage in Bethelgard erzählt? Sie erinnerte sich an nichts!

»Glücklicherweise«, fuhr Inselm fort, »haben wir Euch rechtzeitig befreien können.« Er nickte zu dem Prinzen hin, um anzuzeigen, wer mit »wir« gemeint war.

»Aber der Prinz … er schläft ja noch! Ihr müsst ihn aufwecken!«

»Keine Angst. Sein fester Schlaf ist traumlos, nur noch die Nachwirkung eines Trunkes. Er wird bald erwachen.« Inselm erhob sich, aber Leron stellte sich ihn in den Weg. »Ihr bleibt, bis der Prinz ebenfalls erwacht!«

»Dann weckt ihn.« Inselm machte eine nachlässige Geste. »Er schläft nur, ich habe ihn nicht betäubt.«

Leron rüttelte den Prinzen an der Schulter, und tatsächlich schreckte der auf und sah sich verwirrt um.

Inselm nickte Leron zu. »Ich erwarte den schriftlichen Bescheid, mit Namen und Siegel des Prinzen. Als Zeuge des Handels ist es Eure Pflicht, ihn inmitten all seiner wichtigen Geschäfte daran zu erinnern.«

»Eure Mahnung ist eine Beleidigung, Magus. Das Wort der Krone ist über jeden Zweifel erhaben.«

»Ich bitte um Vergebung.« Inselm verneigte sich und wandte sich zur Tür.

»Magus!« Kira sprang aus dem Bett und störte sich nicht daran, dass sie nur ein Unterkleid trug. »Kann es wieder geschehen? Kann er mich wieder in einen Traum sperren?«

Der Magus überlegte. »Er ließ Euch zum Sterben zurück, und wir entkamen nur knapp. Falls er Euch für tot hält, wird er Euch in den Strudeln nicht mehr suchen. Womöglich vernichtet er sogar Euer Blut.«

Inselm ging, und der Prinz, dessen Blick sich inzwischen geklärt hatte, schickte auch Leron und Finny fort. Als sie beide allein waren, sagte er: »Ich erinnere mich an eine Mühle und einen Baum.«

Die alte Mühle. Hatte sie tatsächlich ausgerechnet davon geträumt?

»Außerdem an dich, in einem zerschlissenen Leinenkleid. Woran erinnerst du dich?«

Sie schüttelte frustriert den Kopf, versuchte noch einmal, das diffuse Gefühl in ihrer Brust zum Bild zu verdichten. Tatsächlich kam eine Erinnerung. Die Erinnerung an einen hohen Giebelsaal. Aber sie hätte nicht zu sagen gewusst, ob es die Erinnerung an den eben verlassenen Traum war, oder an einen ganz anderen, älteren. Dann kam noch ein Bild.

»Eine Frau, mager wie ein Gerippe. In einem Käfig.«

Der Prinz schnaubte verächtlich. »Also waren wir gar nicht im gleichen Traum. Inselm ist nur ein Schwindler, und du bist nur aus reinem Zufall in seinem Beisein erwacht.«

»Sagt das nicht.« Sie setzte sich auf die andere Seite des Bettes. »Dieser Baum an der Mühle, hat einer seiner Äste bis an das Dach gereicht?«

»Also erinnerst du dich doch daran?«

»Ja, aber nicht aus einem Traum. Ich habe in dieser Mühle gelebt.«

Das Dach war ihr Zufluchtsort gewesen. Von dort hatte sie so oft beobachtet, wie die Müllerin nach ihr suchte, es schließlich fluchend aufgab und ins Haus zurückkehrte. Dann hatte sie sich auf die Schindeln gelegt und in den Tag geträumt.

Nachdenklich sah der Prinz sie an. »Du glaubst also tatsächlich, Krolan habe dich in einen Traum eingesperrt und Inselm habe dich gerettet.«

Inselm und er, Prinz Siluren. Gegen alles, was er für wahr hielt, hatte er sich in Magus Inselms Hand begeben. Die Hand eines Mannes, dem er misstraute. »Wenn Ihr nicht daran glaubt, warum habt Ihr Euch ebenfalls in den Schlaf versetzen lassen?«

»Er behauptete, es sei nötig, um dich zu finden. Außerdem: Auch wenn ich nicht daran glaube, kann es wahr sein.« Er lächelte. »Falls dies Wirklich eine Gelegenheit gewesen wäre, Krolan selbst zu begegnen, hatte ich sie nutzen wollen.«

Sie senkte den Blick. »Ich wünschte, ich könnte Euch versichern, dass ich Krolan nichts verraten habe.«

»Aber du erinnerst dich nicht.«

Sie schüttelte den Kopf. »Man kann wohl üben, sich zu erinnern. Das tun die Magoi. Aber es ist schwer.«

Er sah sie nachdenklich an. »Angenommen, das alles wäre tatsächlich wahr. Dann spräche Krolans Versuch, dich zu töten, nicht gerade für deine Kooperation.«

Wie gern wollte sie das glauben! Wollte glauben, sie sei stark geblieben und wüsste selbst im Traum noch, wo ihre Loyalität lag. Aber es war zu riskant. Sie war eine undichte Stelle, eine mögliche Verräterin.

Sie stand auf. »Tut mir leid, Hoheit. Ich hätte Euch schon viel früher von meiner Anwesenheit befreien müssen. Lebt wohl.«

Seine Augen wurden groß. »Ich habe nicht verlangt, dass du gehst.«

»Ich muss aber. Wenn ich bleibe, seid Ihr in Gefahr.«

»Wenn du gehst, bist du in Gefahr.«

Sie lächelte matt. »Ich bin ein großes Mädchen.«

»Was, wenn Krolan dich noch einmal in den Schlaf zwingt? Nach Inselms Worten ist es nicht leicht, einen Menschen in jener Welt aufzuspüren. Dazu ist eine …«, er suchte nach dem richtigen Wort, »gefühlsmäßige Verbindung nötig. Du solltest also in meiner Nähe bleiben.«

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Hoheit, Ihr seid kein Magus. Ihr könnt nicht einmal erkennen, wenn Ihr träumt.«

»Da magst du recht haben, aber es gibt mehr Magoi in Galathräa als nur Inselm.«

Sie verschränkte die Arme. »Ihr wollt also sagen, es lässt sich in Galathräa leichter ein weiterer Magus finden als ein weiterer Freund Kira Idrastochters.«

»Das fürchte ich, ja.«

Ehe Kira antworten konnte, klopfte es, und auf Silurens Aufforderung hin trat Finny ein und knickste. »Vergebung, Hoheit, aber der Herzog von Etharold verlangt, Euch zu sprechen.«

Der Prinz zögerte, unschlüssig. Offenbar wollte er das Gespräch so nicht beenden. Doch einen Herzog und Onkel ließ auch ein Prinz nicht warten, und so stand er auf und zog die Jacke straff. Mit strengem Blick zeigte er auf Kira. »Du wirst in diesem Haus bleiben, bis wir unser Gespräch beendet haben. Befehl der Krone!«

Kapitel 3

Man sagt mir, mein Gemahl liebe mich. Doch welch eine Liebe ist das, die mich einsperrt in dieses Schloss, die mir Tat und Rede verbietet? Auf die gleiche Weise liebt er auch seinen Hund!

– 12. Akh’Eldash, 11. Eintrag, Vers 6

Onkel Elim wünschte ihn zu sprechen – das war eine gute Nachricht. Offenbar ging es ihm besser. Siluren folgte Finny, die ihn nicht etwa zu Elims Gemach führte, sondern zum Ratssaal.

Im Vorzimmer standen fünf Offiziere, und Siluren versuchte erfolglos, in ihren verschlossenen Gesichtern zu lesen. Offenbar wollte Elim zuerst mit ihm allein sprechen, bevor er seine Offiziere hinzu bat. Bald würden sie Silurens Offiziere sein.

Diese Vorstellung war seltsam.

Elim saß in einem Lehnstuhl am Feuer. Er war noch immer blass, seine Augen dunkel umrändert. Ein Pfeil hatte sich in den Knochen seiner Hüfte gebohrt, das war keine leichte Verwundung.

»Du hättest noch nicht aufstehen sollen, Onkel. Wir hätten in deinem Gemach reden können.«

»Damit meine Offiziere mich im Bett liegen sehen wie eine kranke Wöchnerin?«

»Sie hätten sicher Verständnis dafür.«

»Ach!« Elim machte eine unwirsche Geste. Falls er von den Vorgängen um Kira und den Magus gehört hatte, erwähnte er sie mit keinem Wort. Stattdessen fragte er: »Was tust du noch hier?«

»Ich verstehe nicht …«

»Dein Vater braucht meine Truppen in Adelmund. Er braucht dich!«

Als hätte Ruothgar ihn jemals gebraucht! Als wäre Siluren für seinen Vater jemals etwas anderes gewesen als eine Enttäuschung und Last! »Ich werde sie ihm bringen. Darüber hatten wir bereits gesprochen.«

»Du müssest längst unterwegs sein!«

»Wir haben gestern erst eine Schlacht gewonnen.« Hatte die Medizin ihn das etwa vergessen lassen? »Die Männer haben bis tief in die Nacht gefeiert.«

»Marschieren können sie auch mit Brummschädel. Krolan steht vor Adelmund, und sobald Trenkar ihm seine fehlenden Männer zuführt, wird er zum Angriff blasen. Denkst du, er wird sich darum scheren, ob seine Soldaten erschöpft sind vom Marschieren oder vom Feiern? Denkst du wirklich, er wird dir auch nur die kleinste Verschnaufpause gönnen?«

Siluren senkte beschämt den Blick. Daran hatte er tatsächlich nicht gedacht. Er hätte es wissen können, aber er hatte es nicht wissen wollen.

In den vergangenen Tagen hatte er weit mehr erreicht, als er jemals von sich selbst erwartet hätte – als irgendjemand von ihm erwartet hätte. Irgendwie hatte er sich gewünscht, es möge genug sein. Er hatte es sich und anderen bewiesen: Er konnte mehr sein als ein Zauderer und Feigling. Reichte das nicht? Durfte er nun nicht zurückkehren zu seinen Büchern?

Aber es ging nicht um ihn. Dies war kein Parcours, den Coridan für ihn ersonnen hatte, sondern ein echter Krieg, und es ging um Galathräa.

Elim schüttelte den Kopf. »Ich hätte nach allem, was Woring mir erzählt hat, mehr von dir erwartet.«

Siluren sah auf. »Du hast mit Woring gesprochen?«

»Natürlich habe ich das.« Woring war ein bürgerlicher, aber die Stadtoberen von Bethelgard hatten ihm den Oberbefehl gegeben. Auch wenn Siluren als Prinz über ihm stand, so wusste doch Elim so gut wie jeder, dass Woring die Schlacht um Bethelgard geführt und gewonnen hatte.

»Woring hat mir berichtet, wie du Trenkar zum Narren gehalten und wie du die Bresche verteidigt hast – mit eigener Hand. Dein Vater wird stolz auf dich sein. Aber glaube nicht, du hättest damit deine Pflicht gegenüber deinem Land, gegenüber deinem König bereits erfüllt. Dieser Krieg hat gerade erst begonnen.«

Womöglich wäre sein Vater heute tatsächlich stolz auf ihn gewesen. Aber all das würde sich in sein Gegenteil verkehren, wenn er den nächsten Schritt tat und scheiterte.

Was Kira jetzt wohl gesagt hätte? »Am sichersten scheitert Ihr, wenn Ihr es gar nicht erst versucht.« Ihre Sicht auf die Welt war so völlig ohne Umwege, ohne Raffinesse. Vermutlich war es genau das, was er brauchte. Er durfte sie nicht gehen lassen. Ohne sie säße er jetzt auf Krailenhost beim Frimm-Spiel mit Leron.

»Nun gut.« Siluren straffte die Schultern. »Dann rufen wir jetzt die Offiziere herein.«

Elim hob die Brauen. »Was willst du ihnen sagen?«

»Ich mag Zeit vergeudet haben, aber ich habe mir durchaus bereits Gedanken gemacht.«

Zufriedenheit zeichnete sich in Elims Gesicht ab, und er nickte dem Türdiener auffordernd zu.

Die Offiziere nahmen die Nachricht, dass sie im Morgengrauen unter Silurens Oberbefehl losmarschieren würden, stoisch zur Kenntnis. Als sei es unter ihrer Würde, eine Reaktion zu zeigen. Vermutlich hatten sie das bereits erwartet.

Siluren gab jedem von ihnen die Hand, und Elim verlor einige Worte über jeden Mann. Sie alle waren altgediente Vasallen des Herzogtums von Etharold, Grafen und Barone, sie alle hatten schon oft mit Elim auf dem Schlachtfeld gestanden, außer dem Jüngsten vielleicht, der noch jünger schien als Siluren selbst, und der hier war, um die Stelle seines erkrankten Vaters auszufüllen. Sie alle waren wortkarg, und vermutlich hatten sie sich ihre Meinung über ihren zukünftigen Befehlshaber bereits gebildet. Siluren der Zauderer, den den Oberbefehl einem Bürgerlichen wie Woring überlässt. Es würde schwer werden, diese vorgefassten Meinungen zu verändern.

Aber warum sollte er das auch? Er war nun einmal der, der er war, und hatte er nicht genau damit Bethelgard lange genug halten können, bis sie und Onkel Elim gekommen waren, um die Schlacht zu wenden? Er fasste die Männer scharf ins Auge. »Man sagt mir nach, ich sei ein Mann der Worte, nicht der Taten.« Nach einer kurzen Pause entstehen fügte er an: »Ich fürchte, das entspricht der Wahrheit.«

Ihre Verunsicherung war geradezu greifbar. Welcher Befehlshaber würde sich selbst als schwach darstellen, und wozu? Doch Worte waren keine Schwäche, das war Siluren heute bewusster als je zuvor, und so fuhr er fort: »Nach Herzog Etharolds Bericht seid ihr alle Männer der Tat, und mir scheint daher, wir ergänzen uns gut. Um Erfolg zu haben, müssen Denken und Tun zu einer Einheit finden. Ich bin euer Befehlshaber, der Kronprinz, und daher erwarte ich Euren Gehorsam. Aber da ich ein Mann des Wortes bin, erwarte ich auch, dass ihr eure Gedanken und Bedenken aussprecht. Ich hoffe auf den Rat gerade der Erfahrenen unter euch, und ich habe sicherlich noch vieles zu lernen. Ich bin bereit dazu. Aber wenn eine Entscheidung getroffen, ein Befehl erteilt wurde, erwarte ich Gehorsam und Pflichterfüllung. Von euch wie von jedem Mann in der Truppe.«

Hatte er sie damit für sich gewonnen? Zweifelhaft. Aber zumindest hatte er seinen Standpunkt klar gemacht. Alles andere würde folgen – so hoffte er zumindest. Als er ihnen eröffnete, sie sollten den Männern noch an diesem Abend den Monatssold auszahlen, zeigten die auf Elim gerichteten Blicke ihre Verwunderung.

»Seht nicht ihn an«, forderte Siluren. »Fragt mich.«

Es dauerte einen Moment, bis der älteste unter ihnen – Brigum von Bleyhardt – zu sprechen wagte. »Wir marschieren erst seit wenigen Tagen, und es ist nicht üblich, den Soldaten mehr als das Handgeld im Voraus zu zahlen.«

»Dieser ganze Marsch über den Niedersee wird mehr als unüblich, und wir müssen uns davon verabschieden, Dinge aus dem einzigen Grund zu tun, weil man sie schon immer so gemacht hat. Wir werden durch Dörfer und Marktflecken ziehen, die ihre Wintervorräte nahezu aufgezehrt haben, und Trenkars Truppen werden nicht zimperlich gewesen sein. Unsere Männer werden weder stehlen noch plündern. Gebt den Befehl aus: Die Soldaten werden bezahlen, was sie nehmen. Wer stiehlt oder Raub erpresst, wird behandelt wie ein gemeiner Dieb.«

Nicht alle schienen zufrieden mit der Antwort. Insbesondere Bleyhardt schien noch etwas auf der Zunge zu brennen, doch er sprach erst, als Siluren ihn dazu aufforderte.

»Hoheit, die meisten von ihnen sind schlichte Männer. Sie kennen das nicht – so viel Geld zu besitzen, ohne es zumindest teilweise sofort zur Begleichung von Schulden verwenden zu müssen.«

Das immerhin war ein gutes Argument. Es durfte nicht noch eine durchzechte Nacht geben. »Wohlan denn, den halben Monatssold. Das dürfte die Gefahr im Zaume halten. Erst recht, wenn sie wissen, dass wir im Morgengrauen losmarschieren.«

Nun wagte auch ein andrer, zu reden. »Was geschieht mit den Gefangenen?«, fragte er. »Wir haben fast zweitausend Tote und Verwundete zu beklagen. Mit den Oneräern könnten wir unsere eigene Truppe stärken.«

Siluren widerstand der Versuchung, seinen Onkel anzusehen. Er musste sich daran gewöhnen, solche Dinge mit seinen Offizieren selbst auszuhandeln. Seine Offiziere. Große Göttin, was tat er hier bloß? »Ist das nicht ein Risiko? Wir hätten potenzielle Verräter in unseren Reihen.«

Wieder antwortete Bleyhardt. »Das wäre richtig, wenn man mit ihnen ein eigenes Regiment schaffte. Wir werden sie aber unter unsere eigenen Männer stecken. Das hält sie unter Kontrolle. Für den Rest sorgt die militärische Disziplin, und in der Schlacht zählt nur noch der Wunsch, am Leben zu bleiben.«

Siluren nickte. »Wir bieten ihnen den gleichen Sold wie unseren Männern.«

Bleyhardt lächelte. »Unterschiedliche Listen zu führen, würde unseren Zahlmeister ohnehin überfordern.«

Als sie gegangen waren, sah Siluren seinen Onkel an. »Nun?«, fragte er.

Elim nickte. »Ihre Herzen wirst du erst gewinnen, wenn du sie in einer Schlacht zum Sieg führst. Aber für heute ist es genug.«

***

Kira kehrte in ihre eigene Kammer zurück. Jemand hatte das Bett gemacht. Vermutlich die gleiche Person, die auch das Kleid aufgehängt hatte, das sie gestern achtlos auf den Boden geworfen hatte. Kira strich hilflos über die scharfen Falten, die sich über Nacht in dem Stoff gebildet hatten. Hoffentlich würde Finny das wieder hinbekommen.

Sie wandte sich ab, wollte nicht an ihn denken, doch das war hoffnungslos. Wohin auch immer sie den Blick wandte: da war das Mieder, das er ihr ausgezogen hatte, da lag ihr Dolch – Dolch und Buch. Da waren die Tiegel mit dem Puder, mit dem man sie schön gemacht hatte – für ihn. Da war die Schildjacke, die er ihr geschenkt hatte, und dort der Helm. Das Schwert, mit dem sie gekämpft hatte – an seiner Seite.

»Hör auf!«, befahl sie sich selbst. Sie fand den Spiegel und blickte sich ins Gesicht. Die Farben waren fort, weggeweint und ins Kissen gewischt. Sie sah wieder aus wie sie selbst – Kira, die nur sich selbst gehörte. Die stark genug war, ihr Leben alleine zu meistern und sich zu nehmen, wonach ihr der Sinn stand.

Zumindest, so flüsterte eine Stimme in ihr, solange es erreichbar war.

Wieso tat die Erdmutter ihr das an? Warum zeigte sie ihr, wie die Sehnsucht ihres Herzens Erfüllung finden konnte, nur um diese dann in unerreichbare Ferne zu rücken? Das war nicht redlich. Das war grausam.

»Hör auf, dich selbst zu bemitleiden!« Wer bekam schon den Märchenprinzen? Nur die Akh’Eldash!

Es war, wie es war. Sie würde nicht daran zerbrechen, sondern ihren Weg weitergehen und diese Nacht wie einen Schatz in ihrem Herzen verwahren. Es war ein Versprechen an sich selbst, wie sie sich zuvor schon einige gegeben hatte, und sie hatte sich selbst noch nie enttäuscht. Sie war stark. Seit Orrens Tod hatte sie immer auf eigenen Beinen gestanden, war niemandem zu Dank verpflichtet gewesen. Wenn sie etwas erhalten hatte, war es immer ein Geschäft gewesen und ihre Gegenleistung prompt. Sie hatte sich nie etwas schenken lassen, sich nicht beschützen und schon gar nicht aushalten lassen. Sie konnte für sich selbst sorgen.

Aber jetzt besaß sie ein metallbesetztes Wams, das sie nicht gekauft und dazu einen Helm, der sie nichts gekostet hatte, sie aß am Tisch des Prinzen und ritt auf einem Ul­phan, der ihm gehörte, und was verlangte er dafür?

Sie wusste, was die anderen dachten, allen voran Leron mit seinem unverschämten Grinsen. Gut, sie hatte das Bett des Prinzen geteilt, und bei der Göttin, sollte sie jemals wieder die Gelegenheit dazu haben, würde sie es erneut tun. Aber sie tat es nicht für Geld oder um irgendeinen Vorteil zu erlangen. Sie tat es, weil es ihr gefiel. Sie war Kira, die ihren Weg selbst bestimmte, und bei den drei Ammen, sie würde mitnehmen, was immer sie von diesem Leben bekommen konnte.

Abgesehen davon gab sie sich nicht der Illusion hin, diese Nacht wäre einen guten Helm und eine Schildjacke wert gewesen. Sie hatte für ihn gekämpft, an seiner Seite. Dafür bekam jeder Soldat seinen Sold.

Sold, sagte jene Stimme in ihr, aber nicht Geschenke. Keine fetten Würste vom Tisch des Herren. Aber sie würde keine Mätresse sein, keine Gespielin und auch kein Schoßhund, dem man den Kopf kraulte. Sie war nicht hier, um den Prinzen zu amüsieren. Es wurde wirklich Zeit zu gehen.

Sie zog sich an: ihr Mieder, ihre Hosen. Das waren ihre Sachen. Den Rest würde sie als Leihgabe betrachten, wie das Kleid, und zurücklassen. Zwar war da ein leises Gefühl des Bedauerns, als sie die Schildjacke betrachtete, aber sie wäre sich schäbig vorgekommen, sie mitzunehmen. Noch einmal blickte sie sich um, fand nichts mehr, das ihr Eigentum war, und wandte sich zum Gehen.

Leron stand ihrer Tür gegenüber an die Wand gelehnt. Es war keine Frage, wozu er hier war. Siluren hatte ihn ganz offenbar dazu abkommandiert, auf sie aufzupassen. Wieder einmal.

»Du sollst mich aufhalten, wenn ich gehe«, stellte sie fest.

Er nickte.

Sie legte die Hand ans Rapier. »Ich kann dich besiegen, das weißt du.«

Er wirkte fast traurig, als er antwortete: »Würdest du das wirklich tun? Mir eine Klinge in die Kehle rammen, nur um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen?«

Sie empfand gute Lust dazu. »Er hat kein Recht, mich einzusperren.«

Jetzt wiegte Leron zweifelnd den Kopf. »Er ist der Prinz.«

»Ich sollte wohl froh sein, dass es nicht der Kerker ist, wie?« Sie ging ins Zimmer zurück und warf die Tür hinter sich zu.

Dann setzte sie sich so, wie sie war, mit Mantel und Waffen, auf einen der beiden Stühle, die links und rechts des Tisches an der Wand standen, und wartete.

Irgendwann erklangen Stimmen im Gang, dann klopfte es. Sie antwortete nicht gleich, ließ ihn noch einmal klopfen, ehe sie aufstand und ihm öffnete.

Da stand er, lächelte verlegen. »Darf ich eintreten?«

Wortlos machte sie einen Schritt zur Seite.

Er trat ein und sah sich um, offenbar tatsächlich interessiert daran, wie seine Untergebene so untergebracht war. Dann setzte er sich und forderte sie auf, ebenfalls Platz zu nehmen. Sie tat es, steif und widerwillig. Sie saßen auf beiden Seiten des Tisches, aber nicht einander gegenüber. Stattdessen blickten sie beide auf das Bett, wie Kira mit leisem Unbehagen feststellte.

»Eigentlich«, begann er, »erwarte ich, dass Menschen in meinem Dienst meinen Befehlen Folge leisten.«

»Nun, ich stehe nicht in Eurem Dienst. Ich habe keine Siegelmarke und weder Handgeld noch Sold erhalten.«

»Du hast recht. Das müssen wir ändern.«

Sie seufzte und ließ die Schultern sinken. »Hoheit. Wir beide wissen, ich bin eine Gefahr für Euch.«

»Möglich. Aber du bist auch eine Gelegenheit.«

Sie verstand nicht, und er erklärte es ihr. »Ich denke, du weißt mehr über Krolan, als du mir bisher erzählt hast.«

»Ich soll Euch von Krolan erzählen?«

»Ist das so abwegig?«

»Nein, aber … trotzdem. Er könnte im Traum Dinge von mir erfahren, und ich würde mich nicht einmal daran erinnern.«

»Nur, wenn er dich tatsächlich noch einmal heimsuchen sollte, was Inselm für unwahrscheinlich hält. Dennoch werden wir dafür sorgen, dass du nur solche Dinge weißt, die wir Krolan wissen lassen wollen. Wie bei Geran.«

»Ihr könnt nicht alles vor mir geheimhalten. Ich werde wissen, wo wir sind und wohin wir marschieren.«

Er lächelte schwach. »Wir werden mit zwanzigtausend Mann unterwegs sein. Das lässt sich kaum geheimhalten.«

Das war richtig. Krolan würde noch mehr Spione im Lande haben, auch solche, die ihr Wissen auf althergebrachte Weise in Briefen oder Schwirrern teilten. Vielleicht konnte der Prinz sie tatsächlich zur Täuschung einsetzen, so wie er es mit Geran getan hatte. Resigniert senkte sie den Kopf. »Offenbar habt Ihr das alles schon sehr genau durchdacht.«

»Das habe ich, und es gibt tatsächlich nur ein einziges Argument, dem ich mich beugen würde.«

Unsicher hob sie den Kopf. Er sah sie ernst an. »Willst du fort von mir?«

Sie hielt das Wort zurück, das sich ihr auf die Zunge drängte: nein!

Allein der Gedanke, ihn niemals wiederzusehen, schmerzte. Aber es würde später noch mehr schmerzen. Je länger sie es andauerte, je länger sie es hinauszögerte, umso größer würde die Wunde sein, die der unvermeidliche Abschied schließlich reißen musste.

Doch Kira Idrastochter hatte sich noch vor keinem Schmerz gedrückt. Sie würde den Krug bis zur Neige leeren und den unvermeidlichen Kater in Kauf nehmen.

»Ich verlange festen Sold, so hoch wie der Lerons.«

Er wiegte den Kopf. »Leron ist Korporal und steht seit Jahren im Dienst meiner Familie.«

»Mein Schwert ist flinker als das seine.«

Er nickte. »Nun gut. Einverstanden.«

»Ich werde Helm und Jacke als Leihgabe betrachten, um meinen Dienst besser versehen zu können. Doch ich bin nicht Eure Konkubine.«

Sein Blick ging kurz zum Bett hinüber. »Das ist … bedauerlich.«

»Ihr versteht mich falsch. Das soll nur heißen, ich erwarte keine Geschenke.« Als sein Blick dem ihren wieder begegnete, fügte sie an: »Ich werde Euch ja auch keine machen.«

Er lächelte. »Verstehe.«

»Gut. Dann haben wir wohl alles geklärt.«

»Nicht ganz.« Jetzt wandte er sich ihr zu, streckte die Beine unter den Tisch und stützte die Arme darauf. »Du weißt sehr viel über mich. Wie ich für meinen Vater empfinde und für meinen Bruder. Du kennst meine Selbstzweifel, meine Leidenschaft für das Wissen und sogar den Helden meiner Jugend. Aber ich weiß so gut wie nichts über dich.«

Sie zögerte. Ihre Vergangenheit war nichts, das sie jedem auf die Nase band. Aber er war nicht jeder, und vielleicht schuldete sie ihm tatsächlich etwas Offenheit.

»Was wollt Ihr wissen?«

»War dein Vater Müller?«

»Nein. Der Müller war … ein Freund meines Vaters.«

Er fragte nicht weiter, sah sie nur abwartend an. Schließlich gab sie sich geschlagen. Es gab ohnehin nicht viel zu erzählen. Ihr Vater war Soldat gewesen, ihre Mutter war ihm im Tross hinterhergezogen. Kiras früheste Erinnerung war ihr Vater, gegen den sie mit einem Stock kämpfte, lachend und prustend, und ihn zu Fall brachte. Die zweite, wie er ihr danach mit stolzem Lächeln über das Haar strich. Es war die glücklichste Erinnerung aus jener Zeit. Daneben gab es noch das Bild eines kleinen Jungen, ihres Bruders, der leblos zwischen den Pflanzen am Flussufer trieb. Dann das ihrer Mutter, schreiend in den Wehen, und als sie verstummt war: ihr Vater, die Wangen nass von Tränen, der eine Decke über die Mutter zog. Ganz hinauf, bis der Stoff auch ihr Gesicht bedeckte.

Danach hatte ihr Vater sie in die Obhut der Müllersfamilie gegeben und war weitergezogen – mit dem Versprechen zurückzukehren. Unermüdlich hatte sie mit ihrem Stock geübt, um ihn zu beeindrucken, wenn er sie wieder zu sich holte, und bald hatte sie die Müllersbuben und die Jungen aus dem Dorf überflügelt. Voller Ungeduld hatte sie gewartet, gehofft, und wenn die Sehnsucht eines Kindes je ein Wunder hätte bewirken können, dann die ihre. Doch so oft sie auch hinauf auf den Giebel der Mühle geklettert war, um stundenlang die Umgebung abzusuchen, sie hatte ihn niemals wiedergesehen.

Irgendwann hatten Soldaten die Mühle niedergebrannt und die Müllerin umgebracht. Für den Müller in seinem Gram war Kira nur noch ein unerwünschter Esser gewesen. Vielleicht auch hatte er nicht vergessen können, dass ihr Vater selbst ein Kriegsmann gewesen war. Das Leben in der wiedererbauten Mühle war unerträglich geworden, und als sich in den herbstlichen Baumkronen die gelben Kiras zum Flug nach Süden versammelt hatten, da wäre sie am liebsten mit ihnen geflogen. Im darauffolgenden Frühjahr hatte sie die Mühle verlassen, um ihren Vater zu suchen.

Damals hatte sie sich Jungenkleidung besorgt, ihr Haar kurz geschnitten und sich den Soldaten als Bursche angedient, in der Hoffnung, in irgendeinem Heerlager, während irgendeines Marsches ihrem Vater zu begegnen. So war sie zu Orren gekommen, dem stillen, etwas verschrobenen und doch gutmütigen Orren. Er ließ ihr viel Freiheit, schlug sie nur selten und gab ihr sogar einen kleinen Lohn. Doch dann wurde sie verwundet, und als sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte, saß Orren an ihrem Lager, mit diesem seltsamen Ausdruck in den Augen. Ihr Geheimnis war gelüftet. Doch er pflegte sie gesund und verriet keinem die Wahrheit.

Bis hierher hatte der Prinz ihrem Bericht schweigend gelauscht. Jetzt sagte er: »Ich vermute, Orren hat einen Preis für sein Schweigen verlangt.«

Sie verstand, worauf er hinauswollte, aber so war es nicht gewesen. »Es hat sich einfach irgendwann ergeben. Immerhin hatte er den Anstand zu warten, bis ich meine Blutungen bekam.« Sie sah das Mitleid in seinen Augen und wollte es nicht. »Orren war kein schlechter Mann. Ich hätte es schlimmer treffen können.« Warum mussten sie überhaupt über Orren reden? Sie sah den Prinzen herausfordernd an. »So viel zu mir. Wie steht es nun mit Eurer Offenheit?«

Er lehnte sich zurück. »Was willst du wissen?«

Was wollte sie wissen? Wie er gesagt hatte: Sie wusste schon so vieles über ihn. Dennoch lag ihr eine Frage auf der Zunge, und sie schämte sich fast für deren Banalität.

»Wie viele Frauen gab es in Eurem Leben?«

Obgleich er ernst blieb, fragte sie sich, ob er innerlich über sie lachte. »Es waren drei, obwohl die Erste eigentlich kaum zählt. Sie war eine Dienstmagd, fast noch ein Kind, so wie ich auch. Wir entdeckten uns gegenseitig. Über intensive Küsse sind wir allerdings nicht hinausgekommen – ihr Vater verschaffte ihr eine Position bei einer anderen Herrschaft.«

Kira lächelte. »Habt Ihr um sie getrauert?«

»Natürlich. Aber ihr Vater schützte sie nur, das war mir bewusst. Die zweite war eine Konkubine des Königs.«

Das erstaunte Kira. »Ihr habt Euren Vater betrogen?« Das hätte sie ihm niemals zugetraut.

»Keineswegs. Er hatte das Interesse an ihr verloren, und ehe er sie fortschickte, sollte sie einen Mann aus mir machen.«

»Also hat sie Euch verführt?«

»Mitnichten. Er war auch mir gegenüber sehr explizit. Sie hätte das Schloss mit Peitschenstriemen auf dem Rücken verlassen, wenn die Nacht nicht zufriedenstellend verlaufen wäre.«

Kira schüttelte ungläubig den Kopf. »Nicht, dass Leistungsdruck es einfacher machen würde.«

Er lächelte. »Sie wusste, was sie tat.«

Offenbar hatte diese Frau sein Herz nicht erobert, was seltsam beruhigend war. Umso mehr fürchtet Kira die Antwort auf ihre nächste Frage. »Fehlt die dritte.«

Er hielt ihren Blick mit dem seinen fest. »Das warst du.«

»Das glaube ich nicht.« Der Satz war ihr entschlüpft, ehe sie ihn hätte zurückhalten können.

»Warum nicht?«

Das war eine gute Frage. Weil er ein Mann war? Ein Adeliger? Weil die vergange Nacht so … wundervoll gewesen war?

Sie kannte die Gespräche, wenn Frauen sich über Männer austauschten. »Er geht ran wie ein Ulphanbulle«, hieß es da oder »Er ist hart und ausdauernd wie der Fels von Brehma.« Manchmal auch »Er weiß genau, was er tut.«

Nichts davon beschrieb das Besondere der vergangenen Nacht. Im Gegenteil. Es war nicht seine Ausdauer, nicht irgendeine Technik, die er hätte erlernt oder perfektioniert haben können. Er hatte sich einfach auf sie eingelassen, hatte sich vorangetastet, hatte reagiert auf sie, auf ihre Wünsche, ihr Begehren, ihre Lust. Umgekehrt hatte er sich auch ihr gezeigt, geöffnet. Wenn sie es genau bedachte, war er einfach er selbst gewesen – Siluren. So wie er eben war: einfühlsam, ernsthaft, liebevoll.

»Warum ich?«, fragte sie. Ihre Stimme war mit einem Mal belegt.

»Weil du ehrlich bist. Du wolltest mich. Nicht den Prinzen. Nicht die Stellung, den Einfluss, oder was sonst es ist, das die Frauen sich davon versprechen, auf diese Weise Macht über einen Mann zu erlangen.« Mit einem Mal ging sein Blick ins Leere, und sie ahnte, woran er dachte. Genau dafür war er bestimmt: für eine Frau, die durch den Zauber der Göttin Macht über ihn haben würde. Nicht mehr lange, und er würde die Akh’Eldsh entschleiern, die Gesalbte der Erdmutter, und das magische Mal auf ihrer Stirn würde unfehlbar seine Liebe zu ihr erwecken.

Er erhob sich und trat an das kleine Fenster. Einen Moment lang sah sie zu ihm hinüber, wie er schweigend hinausblickte, dann stellte sie sich zu ihm.

Er musste sich damit beschäftigt haben, musste nachgeforscht haben über das Schicksal, das ihm bevorstand. »Diese Liebe«, fragte sie. »Wird sie Euch verändern?«

»Soweit ich es verstanden habe: nein. Der No’Ridahl wird genau die Art von Liebe wecken, die die Erdmutter in mich hineingelegt hat. Ein brutaler, besitzergreifender Mensch wird die Akh’Eldash auf andere Weise lieben als ein sanfter und fürsorglicher.«

»Aber es ist doch ein Zauber.«

»Das ist jede Liebe auf dieser Welt.«

So lehrten es die heiligen Schwestern. Alle Liebe ging von der Erdmutter aus und floss zu ihr zurück. Leib von ihrem Leib und Geist von ihrem Geist, diese oft genutzte Formel war nur der Beginn einer langen Aufzählung.

Trotzdem, es war eine Sache, unvermutet von der Liebe überwältigt zu werden oder es von vorneherein zu wissen. Kira wünschte sich, ihr möge irgendetwas Kluges einfallen, um ihn zu trösten. Aber es gab keinen Trost. Die Welt war, wie sie war. Es war besser, sich damit abzufinden.

Sie zuckte die Achseln. »Niemand auf der Welt kann das Leben führen, das er sich wünscht.«

Er nickte. »Das hat die Göttin ziemlich schlecht eingerichtet, nicht?«

»Wenn ihr erst König seid, könntet Ihr ja ein Gesetz dagegen erlassen.«

Er warf ihr einen merkwürdigen Blick zu. Vermutlich hatte sie wieder einmal etwas sehr Dummes gesagt. Sie sollte besser lernen, den Mund zu halten.

Unvermittelt fragte er: »Warum bist du gestern Nacht gegangen?«

Die Wahrheit konnte sie ihm nicht sagen. Unmöglich. »Ihr wisst, wie es heißt: Man bezahlt eine Hure nicht für die Lust, sondern dafür, dass sie danach wieder geht.«

»Ich habe dich nicht bezahlt.«

»Das will ich Euch auch nicht geraten haben.«

Sein Blick hielt sie weiter fest. Hoffentlich drang er nicht weiter in sie. Keinesfalls wollte sie sich hier lächerlich machen, indem sie ihm heulend ihre Liebe gestand. Sie wandte sich ab und hoffte, er begriffe die Grenze.

Offenbar tat er das, denn er wechselte das Thema. »Das ist eine beeindruckende Narbe.«

Erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit er von einem Schmerz zum nächsten fand. Aber mit diesem lebte sie bereits seit vielen Monaten. Damit hatte sie umzugehen gelernt. »Ihretwegen müsst Ihr keine Angst haben, dass ich Euch einen Bastard schenke.« Sie lächelte keck, aber er blieb ernst.

»Das tut mir leid«, sagte er leise.

»Muss es nicht. In meinem Leben würden Kinder nur stören. Außerdem hat es einige Vorteile.« Sie grinste. »Besonders beim Freien.«

Als er weiter ernst blieb, schwand auch ihr Lächeln. Da war er wieder, dieser Blick, der mit Leichtigkeit ihre Schilde durchdrang. Er zwang sie förmlich dazu, sich zu erinnern. Daran, wie schmerzhaft es gewesen war. Nicht nur körperlich.

Sie hatte mit dem Tode gerungen und sich eine Zeit lang sogar gewünscht zu sterben, nur um den Qualen zu entkommen. Doch diese Schmerzen waren vergangen. Geblieben war die Erkenntnis, nicht mehr ganz Frau zu sein. Eine Zeit lang hatte sie gehofft, die monatlichen Blutungen würden zurückehren, doch dann hatte sie sich damit abgefunden, zerstört zu sein, ein verdorrter Ast am Baum des Lebens.

Mit einem Mal war ihre Kehle wie zugeschnürt. Wa­rum tat er das? Warum ließ er es nicht dabei bewenden? Die starke, die kecke Kira, war es nicht das, was er wollte? Reichte ihm das nicht?

Nein. Wie in der vergangenen Nacht wollte er sie ganz: nackt und bloß, und wie in der vergangenen Nacht hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, sich eine solche Schwäche erlauben zu dürfen. Zum ersten Mal hatte sie das Vertrauen, aufgefangen zu werden.

»Komm her.« Er hob den Arm. Sie zögerte, obwohl sie sich nichts mehr wünschte, als festgehalten zu werden. Warum nur zögerte sie?

Weil es fremd war, ungewohnt. Schwach zu sein – sein zu dürfen. Noch nie hatte ein Mann ihr dieses Angebot gemacht, ohne dass sie einen Hintergedanken hätte fürchten müssen. Aber diesem Mann, diesem Prinzen vertraute sie. Wo Orren sich unsicher abgewendet und andere gespottet hätten, stand er liebevoll und unverrückbar. So ließ sie sich von ihm umfangen, ließ sich fallen in sein Verstehen und seine Stärke. In seinen Armen fand sie Sicherheit, und zum ersten Mal, seit es geschehen war, erlaubte sie es sich, ihren Verlust zu beweinen.

***

Zwanzigtausend Mann – das war eine gewaltige Streitmacht. Die roten Uniformen leuchteten prächtig in der Morgensonne, ein beeindruckender Anblick.

Sie alle unterstanden ihm. Alle diese Männer hörten auf sein Wort, warteten auf seine Befehle. Wie nur sollte er das bewerkstelligen? Zwanzigtausend einzelne Menschen, alte und junge, erfahrene und Grünschnäbel, einige mit Schwertern bewaffnet, andere nur mit Spießen, manche noch mit Wunden von der letzten Schlacht. Die einen mochten für Galathräa kämpfen, andere für den eigenen Ruhm, wieder andere für den Sold. Die meisten waren vermutlich nur deshalb hier, weil ihr Fürst das Recht hatte, sie zu den Waffen zu rufen. Mit einer Weigerung oder gar Flucht hätten sie ihren Familien geschadet. Überhaupt: Familie. Wie viele Brüder mochte es unter seinen Männern geben, die Seite an Seite kämpfen würden? Wie oft waren Vater und Sohn gemeinsam dem Ruf gefolgt? Wie viele hatten eine Frau zurückgelassen, wie viele eine Braut? Für all diese Leben, für all diese Schicksale trug nun er die Verantwortung – und dazu für ganz Galathräa. Wie sollte er das nur bewältigen?

»Meine Armee.« Er bemühte sich zu erfassen, was das bedeutete. »Meine Männer.«

Neben ihm zog sich Kira in den Sattel ihrer Ulphankuh. Auf dem gewaltigen Tier, dem man die wilden Wisente unter seinen Vorfahren ansah, wirkte sie geradezu mädchenhaft zierlich. Noch immer trug sie Hosen, doch ihre Kleidung hatte sich verändert, verbarg nun nicht mehr ihre Weiblichkeit. Vermutlich hatten Finny und Nehja dabei die Hände im Spiel. Sie warf den geflochtenen Zopf nach hinten und tätschelte den Hals ihres Tieres.

Als Frau und Bürgerliche musste Kira mit einer Kuh vorliebnehmen, und durfte keinen gehörnten männlichen Ulphan reiten. Sie hatten das Tier mit großer Sorgfalt auswählen müssen, denn jetzt, im Frühjahr, kamen die Kühe in Hitze, und dann waren sie ein paar Tage lang schreckhaft und unwillig. Der Besitzer hatte ihnen aber versichert, dieses Tier habe bereits zwei Hitzen durchlaufen, und eine dritte war unwahrscheinlich.

»Da kommt Leron!« Kira hob den Arm und zeigte zur Stadt. Tatsächlich kam der Korporal auf seiner Ulphankuh durch das Tor getrottet. Nur er war noch von Silurens Leibgarde übrig. Tiro war in der Schlacht unter Elims Kommando gefallen. Wie lapidar das klang: gefallen. Seine Schwester in Varkaspol würde es vermutlich nicht so gefasst aufnehmen. Chem lebte noch, aber er würde in Bethelgard zurückbleiben – die Brandwunde an seinem Bein hatte sich böse entzündet.

Leron erreichte sie und salutierte. »Ich habe dem Magus das Dokument wie befohlen überreicht, und er gab mir dies.« Er zog einen zusammengefalteten, gesiegelten Brief aus der Weste. »Der Magus sagte, sein Inhalt sei wichtig.«

»Dann werde ich ihn bei Gelegenheit lesen.« Auch wenn es ihm zuwider war. Aber vorerst schob Siluren das Papier unter seine Weste.

Leron ließ seinen Blick über die Fußsoldaten schweifen, die geduldig auf ihren Marschbefehl warteten. »Ein großes Heer.«

»Eine große Verantwortung.«

Kira lächelte. »Keine Angst, Hoheit. Erinnert Ihr Euch an den ersten Ulphan, den ihr bestiegen habt? Wie groß und furchteinflößend er gewesen ist? An die geballte Kraft dieses riesigen Leibes? Doch heute haltet ihr die Zügel mit nur einer Hand.«

Er seufzte. »Mein erster Ulphan war aus Holz.« Ein Spielzeug, auf ein Brett mit Rollen genagelt – und eigentlich nicht einmal seines. Zumeist hatte Coridan mit gerecktem Holzschwert darauf gesessen und »Schneller! Schneller!« gerufen, während Diener ihn im Laufschritt durch den Ahnensaal gezogen hatten. Siluren hatte selbst diesen hölzernen Rücken gefürchtet – wie hoch er war, wie unsicher er auf den Rollen stand – und als er es endlich gewagt hatte, das hölzerne Tier zu besteigen, war er bereits zu groß gewesen, und seine Füße hatten den Boden berührt.

Woring kam angeritten – auch er natürlich auf einem ungehörnten Tier. Er befehligte das Kontingent, das Bethelgard für den König gestellt hatte. Die übrigen Offiziere hatten das nicht gerade erfreut aufgenommen, war Woring doch ein Gemeiner, ein einfacher Rimbeth-Fischer. Selbst Elim hatte Bedenken geäußert. »Für die Soldaten ist er einer von ihnen, sie werden ihn nicht respektieren. Er steht ihnen viel zu nahe und wird zögern, wenn es gilt, sie in die Hitze eines Kampfes zu senden, in einen Angriff, vielleicht sogar in den sicheren Tod.«

Aber Siluren hatte gesehen, wie wertvoll Woring war – gerade, weil er seinen Männern nahestand, viele von ihnen persönlich kannte. »Wir wollen siegen, nicht sterben, und er kann seinen Teil dazu beitragen. Das hat er bewiesen.«

Als Woring nun seine Ulphan-Kuh neben den anderen Offizieren zügelte, nickte Siluren ihm zu. »Alle bereit?«

»Bereit und begierig, die Oneräer bezahlen zu lassen.« Woring sah zur Bresche hinüber, an der die Arbeiten bereits begonnen hatten. Gemäß Silurens Anregung setzte man dazu auch diejenigen Kriegsgefangenen ein, die sich standhaft geweigert hatten, der gegnerischen Armee beizutreten. »Es sind meine Gefangenen«, hatte er dem Stadtrat eröffnet, »und ich überlasse sie Bethelgard zu diesem Zweck. Die Krone wird entscheiden, ob und wann sie ihre Freiheit zurückerhalten. Bis dahin behandelt sie anständig. Ein Mann, dem man nicht gestattet, den Kopf zu heben, erhebt irgendwann die Fäuste.«

Nun war er hier, ihm gegenüber seine Offiziere – sechs mit Woring. Neben ihm waren Leron und Kira, vor ihm das fliehende oneräische Heer und eine Sumpflandschaft, die zu überqueren noch niemals eine Armee auf sich genommen hatte. Geschah all dies tatsächlich? Oder hatte Magus Inselm ihn am Ende in einem Traum zurückgelassen? Aber gleichgültig, ob er wachte oder schlief, man wartete auf seinen Entschluss.

»Wohlan, ihr kennt das Ziel, ihr habt eure Befehle. Also setzt diese Armee in Marsch.«

Die Offiziere salutierten, dann wendeten sie ihre Ulphane, und jeder begab sich zu seiner Einheit.

»Keine Rede?«, fragte Leron.

»Ich habe keine Stimme, die zu zwanzigtausend Mann durchdringen könnte.«

»Vor der nächsten Schlacht sollte Euch etwas Besseres einfallen.«

»Unsinn«, widersprach Kira. »Ich habe diese Ansprachen immer für Zeitverschwendung gehalten. Im Kampfgetümmel wird jedes hehre Ziel in den Schlamm getreten, und es zählt nur noch eines: überleben.«

»Ich denke«, sagte Siluren, »wir sollten unseren Platz einnehmen.« Er hatte damit gerechnet, an der Spitze des Zuges zu reiten, doch die Offiziere hatten ihn eines Besseren belehrt. Er würde in der Mitte reiten, am sichersten Platz.

Auf dem Weg dorthin passierten sie Reihen von Soldaten, die auf ihren Abmarsch warteten. Eine Armee dieser Größe setzte sich nicht wie ein Mann in Bewegung. Als sie vorbeiritten, standen die Männer auf, Hoch-Rufe wurden laut, und zum ersten Mal in seinem Leben klang es in Silurens Ohren nach mehr als nach dem pflichtgemäßen Jubel dem Prinzen gegenüber.

Vielleicht hatte Leron recht. Vor einer Schlacht würden diese Männer mehr brauchen als ein trockenes »Auf geht’s«. Andererseits: Was konnte er ihnen sagen, das sie nicht bereits wussten?

»Siluren der Findige.« Kira nickte zu einer Gruppe hin, die auf dem Weg zu ihrer Position ein Marschlied grölten. »Er ersäuft den Feind im Wasser und hält den Gegner mit offenen Toren auf.«

»Schon wieder ein neuer Beiname?«, fragte Siluren.

»Nur ein Lied, das die Leute singen. Die Melodie ist alt, aber der Text ist ganz eingängig. Ich singe es Euch heute Abend vor, wenn Ihr wollt.«

»Ich bin gespannt auf deine Sangeskünste.«

Nach und nach setzte sich der ganze Zug in Bewegung. Es war erstaunlich. Zwanzigtausend Mann, und sie alle folgten seinem Befehl zum Aufbruch. Folgten ihm, weil fähige, erfahrene Männer ihm unterstanden, weil die traditionelle Organisation des Heeres, erprobt in Jahrhunderten der Kriege, dafür sorgte, dass Befehle weitergegeben und befolgt wurden. Vielleicht hatte Kira recht. Vielleicht ließ sich auch dieses mächtige Wesen mit nur einer Hand lenken. Seine Aufgabe bestand nur darin, ihm das richtige Ziel zu setzen, es den richtigen Weg zu führen. Das war etwas, das er sich durchaus zutraute.

***

Vom Heuboden der Scheune aus konnte man ziemlich weit ins Land schauen, ohne selbst entdeckt zu werden. Geran beglückwünschte sich zu dem Aussichtsposten, während er beobachtete, wie ein Regiment Rotröcke nach dem anderen aufbrach und sich in Richtung Niedersee in Bewegung setzte.

Unter ihm brummten die Ulphan-Kühe, und das gelegentliche Stampfen ihrer Hufe verriet ihre Aufregung. Sie hatten sich noch immer nicht beruhigt. Vielleicht hätte er die Frau nicht einfach zwischen ihnen liegen lassen sollen. Sicher rochen die Tiere das Blut. Vielleicht sollte er noch ein bisschen Stroh über sie decken, bevor er ging, damit sie nicht so schnell gefunden wurde.

Das Ganze war ja nicht seine Schuld. Sie hätte eben aufhören sollen zu schreien, als er es ihr gesagt hatte. Frauen waren so dämlich. Allen voran Kira, dieses Miststück. Sie hätte es ihm doch sagen müssen! All diese geheimnisvollen Vorbereitungen waren nichts als eine Finte gewesen, um einen weiteren Tag zu schinden. Wozu wärmte sie denn das Bett des Prinzen, wenn sie nicht einmal das herausfinden konnte?

Vielleicht hatte sie es sogar gewusst. Bei den Ammen, so musste es gewesen sein! Sie hatte ihn ans Messer geliefert! Sie hatte alles mit dem Zauderer abgesprochen, hatte ihn mit Absicht mit falschen Informationen entkommen lassen, um Trenkar zu täuschen. Er war ihr dummes Werkzeug gewesen.

General Trenkar hatte vor Wut getobt, als die Rotröcke aus dem Wald gestürmt waren. Natürlich wusste Trenkar nicht, dass die Schlampe Kira hinter dem ganzen Schlamassel steckte. Als er gebrüllt hatte: »Hängt den Verräter!«, hatte Geran die Beine in die Hand genommen.

Aber er würde seine Rache bekommen. Der Prinz würde Kira fallenlassen, sobald die Akh’Eldash auftauchte. Dann würde sie zurückgekrochen kommen zu Krolan und um Vergebung bitten. Mann, auf den Tag freute er sich heute schon. Krolan war nicht bekannt dafür, zu vergeben.

In dem Chaos der Schlacht war es nicht schwer gewesen, zu entkommen. Er hatte ja nie wirklich vorgehabt, zu kämpfen. Einen Mann mit seinen Fähigkeiten in die Schwerter der Feinde laufen zu lassen, das wäre ohnehin Verschwendung. Er konnte Krolan noch nützlich sein. Nützlicher als dieser Trottel Trenkar allemal.

Jetzt kam es darauf an, schneller bei Krolan zu sein als der General, damit der keine falschen Gerüchte über ihn in die Welt setzen konnte.

Aber für einen findigen Mann wie ihn war das nicht schwierig. Hier im Stall würde er sich den ersten Ulphan ausleihen, und danach konnte er andere finden. Zwar musste er einen Umweg nehmen – ohne einen einheimischen Führer den Niedersee zu überqueren, das wäre Selbstmord. Aber ein einzelner Mann auf einem Ulphan kam wesentlich schneller voran als eine Armee von zwanzig- oder dreißigtausend Mann.

Trenkar hatte fast die Hälfte seiner Männer verloren. Aber er war diesem erbärmlichen Prinzen noch immer überlegen, und vielleicht würde die nächste Schlacht ja zu seinen Gunsten ausfallen. Wenn er klug war, würde er Siluren direkt hinter dem Sumpf abpassen, wo es für die Galathräer keine Möglichkeit gab, eine Schlachtformation zu bilden. Dann würde Kira ebenfalls ein nasses Grab im Moor finden.

Fast bedauerte Geran diese Aussichten. Krolan hätte sich sicherlich eine befriedigendere Strafe ausgedacht.

Kapitel 4

Der Akh’Eldash bleibt nichts verborgen. Sie lernt, was die Erdmutter ihr ins Herz legt.

– Buch der Verheißungen, 129. Sentenz

Als Lynn auf Gut Fengajahr Blinthe wiedertraf, hätte sie beinahe geweint vor Erleichterung. Doch sie hielt sich aufrecht und blieb stumm. Erst als sie beide alleine in den Gemächern waren, die seit Jahrhunderten der Akh’Eldash als Unterkunft auf ihrem Weg nach Hohenvarkas dienten, fiel sie ihrer Zofe und Vertrauten um den Hals. »Ich hatte solche Angst um dich!«

»Und ich erst um Euch! Ganz allein im Schnee der Thulmark, und nur einen einzigen Beschützer an Eurer Seite.«

Dieser eine Beschützer hatte ausgereicht, denn es war Coridan von Thul gewesen. So viel Glück lag in diesem Gedanken – und so viel Schmerz. »Du warst genauso in Gefahr«, sagte Lynn. Blinthe und Dendar waren in der königlichen Kutsche gefahren, um die Verfolger von der Spur der echten Akh’Eldash abzubringen. »Ich habe sogar geträumt, ihr würdet noch einmal überfallen!«

»Oh, das wurden wir. Aber wir hatten uns einen Plan zurechtgelegt.« Blinthe berichtete, wie sie in einem Gehöft ein paar Knechte als Begleitschutz angeheuert und die Maskerade auf die Spitze getrieben hatten, indem Dendar sich in ein Kleid gezwängt und die Zofe gespielt hatte. Als die Männer angriffen, wurde ihnen bei Dendars übertriebenem Auftritt sehr schnell klar, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, und als Blinthe sich dann den Lorun-Uhn vom Kopf zog und sie auslachte, sahen sie wenig Sinn darin, sich den Mistgabeln ihrer bäuerlichen Begleiter entgegenzustürzen. Wie Blinthe die Ereignisse beschrieb, mussten die Angreifer den Eindruck haben, ein Narrentheater habe die Reise der Akh’Eldash nachgespielt. Lynn schüttelte sich vor Lachen, vielleicht ein wenig zu übertrieben belustigt, aber es war genau das, was sie jetzt brauchte. »Das habt ihr gut gemacht.«

»Das haben wir auch gedacht.« Blinthe wurde plötzlich ernst. »Aber offenbar haben sie daraufhin Euren Fluchtweg erraten und sind Euch von dieser Seite des Passes aus entgegengekommen. Das hatten wir nicht bedacht.«

»Es ist ja alles gutgegangen.«

»Nur weil der Prinz so klug war, diese Männer zu Eurem Schutz zu entsenden. Wir hätten wohl lieber kämpfen und sie so davon abhalten sollen, Euch zu folgen.«

Es tat weh, die treue Blinthe so zerknirscht zu sehen, und Lynn wollte sie aufmuntern. »Dendar muss ein tolles Bild abgegeben haben. Welches deiner Kleider hat er denn getragen?«

Nur zu gerne ließ Blinthe sich auf die Neckerei ein. »Das mit den grünen Schleifen. Wegen seiner breiten Schultern konnten wir es nicht schließen, sodass zwischen den Rüschen und Bändern sein rotes Brusthaar hervorquoll.«

»Eine erschütternde Vorstellung. Es muss seiner Männlichkeit einen gehörigen Dämpfer versetzt haben.«

»Allerdings! Aber seid unbesorgt, er hat sie in der da­rauffolgenden Nacht glorreich wiedergefunden.«

»Blinthe! Du hast doch nicht etwa …«

»Natürlich hab ich.« Blinthe zwinkerte ihr zu. »Immerhin war er mein Retter in der Not! So viele Jahre lang war ich mit Euch in diesem Tempel eingesperrt, mit nichts als einem Gärtner, so hässlich wie der schwarze Waruzin, und ein paar Stallknechten, denen es vor dem Zorn der Priorin mehr grauste als vor dem der Göttin selbst. Meint Ihr wirklich, ich würde mir diese Gelegenheit entgehen lassen?«

»Ich habe ja nicht geahnt, wie groß deine Leiden waren!«

Blinthe winkte ab. »Wie immer strahlt auch in diesem Fall die Erinnerung goldener als die Wirklichkeit, auch wenn ich Dendar großen Eifer zugestehen muss.«

Lynn lächelte hinterhältig. »Wie ist das nun mit seiner kurzen Nase?«

»Der Zusammenhang ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber mit viel Enthusiasmus und ein wenig Geschick lässt sich einiges ausgleichen.«

Es tat gut, so unbeschwert zu scherzen. Doch jetzt sagte Blinthe: »Nun erzählt Ihr einmal, wie war die Reise durch die Thulmark mit Eurem schwarzen Ritter?«, und alles kehrte zurück: der Kummer, die Unsicherheit. Da Lynn nicht gleich antwortete, wurde Blinthe ernst. »So schlimm?«

Sollte Lynn es ihr erzählen? Gestehen, dass das Undenkbare geschehen war?

»Er hat den No’Ridahl gesehen.«

»Nein!« Blinthe schlug die Hand vor den Mund.

»Aber es ist nichts geschehen. Der Zauber der Göttin hatte keine Macht über ihn.«

Blinthes ungläubiger Blick war wie ein Echo ihrer eigenen Gedanken.

»Das kann nicht sein. Ich habe bei dem Überfall gesehen, wie der Zauber den Männern ins Herz gefahren ist.«

»Ja, ich auch. Doch bei ihm geschah nichts dergleichen.«

»Vielleicht hat er sich nur besser in der Gewalt als andere Männer.«

»Nein. Er wusste es. Es sagte mir, der No’Ridahl würde keine Wirkung haben, und so war es auch. Wie kann das sein? Wie kann er dem Zauber der Erdmutter selbst widerstehen?«

Blinthe spitzte die Lippen, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. »Vielleicht benutzt er einen Schutzzauber.«

»Gegen die Göttin?« Es gab nur eine Macht, die sich der Göttin entgegenstellen könnte, und dieser Gedanke war zu abwegig. »Nie und nimmer huldigt Coridan von Thul den Geistern.«

»Ihr habt recht. Das sieht ihm nicht ähnlich.« Dann hob Blinthe die Hand, als sei ihr ein plötzlicher Gedanke gekommen. »Aber sein Bruder! Er soll sehr belesen sein, bewandert in altem und neuem Wissen.«

Der Kronprinz ein Magus? Das erschreckte Lynn mehr als alle finsteren Gedanken, die sie sich zuvor über Siluren den Zauderer gemacht hatte. Sie wusste nichts über die Macht der Geister und derer, die ihnen dienten. Vermochte ein Magus wirklich, die Herzen der Menschen zu verschließen, sogar gegen den Zauber der Erdmutter selbst? Aber das würde so vieles erklären, gerade auch die übermäßige Liebe und Ergebenheit, die Coridan seinem Bruder entgegenbrachte. Er, der Krieger, einem Stubenhocker, der als schwach und feige galt.

Mit einem Mal fröstelte Lynn. Welch einem Mann führte Coridan sie zu? »Ich habe Angst.«

»Ich weiß, mein Federchen.« Schon lange hatte Blinthe sie so nicht mehr genannt, aber als sie jetzt den Arm um Lynn legte, fühlte diese sich fast wieder wie das junge Mädchen von einst. Schon damals war Blinthe ihre einzige Vertraute gewesen in all dem Neuen und Fremden des Tempels, und auch heute noch konnte Lynn offenbar nur ihr vorbehaltlos trauen. Wenn Coridan tatsächlich unter dem Einfluss eines skrupellosen, zaubermächtigen Mannes stand, dann war sie endgültig alleine.

Doch als sie die Hand hob und die glatte Oberfläche des No’Ridahl auf ihrer Stirn betastete, floss Zuversicht in ihr Herz. Sie war nicht allein. Nein, sie war die Akh’Eldash, die Gesalbte der Erdmutter, und damit stand die Göttin selbst an ihrer Seite. Es war ihr noch nicht klar wie, aber sie würde alles tun, um Coridan zu schützen, vor welchem bösen Einfluss auch immer.

Unvermittelt sagte Blinthe: »Dendar mag den Kronprinzen nicht sonderlich. Er hält ihn für schwach und selbstgerecht. Prinz Siluren hat den König vor den Handwerkern der Hauptstadt als bestechlich hingestellt. Seinen eigenen Vater!«

Ungläubig schüttelte Lynn den Kopf.

»Aber der Kronprinz ist nur eine unserer Sorgen. Dies sind schlimme Zeiten. Galathräa ist im Krieg. Wieder einmal.«

»Die Männer haben davon berichtet.«

»Ich habe mich wie alle anderen auch gewundert, als die Erdmutter eine erwachsene Frau zur Akh’Eldash berufen hat. Aber inzwischen denke ich, sie wusste genau, was sie tat. Dies sind keine Zeiten, in denen die Akh’Eldash folgsam den Blick senken und schweigen darf.«

Blinthe hatte recht. Es stand mehr auf dem Spiel als ihr persönliches Glück. Ihre Aufgabe war es, der Göttin zu dienen, und genau das würde sie tun.

Ganz leise regte sich der Gedanke, sie würde damit vielleicht auch ihr eigenes Schicksal wenden können.

***

Zum Abendmahl ließ Lynn sich von Blinthe den kurzen Lorun-Uhn heraussuchen, der ihre Stirn und Augen nur bis zur Nasenspitze bedeckte. Dann führte ein Diener namens Luth sie beide in den Speisesaal.

Trotz seines bescheidenen Namens konnte Gut Fengajahr leicht mit den kleineren Schlössern im Tarumin und der Riefenau mithalten. Allerdings war der Herr von Fengajahr, Feron Brell, nicht von Adel, und darum war sein Privileg umso erstaunlicher, die Akh’Eldash auf ihrer Brautreise zu beherbergen.

Brell war ein angenehmer Mensch mit gestutztem, grauem Kinnbart und Lachfalten, die sich in Bögen bis weit in die Wangen hinabzogen. Dies und die wachen, blauen Augen ließen ihn jünger erscheinen, als das graue Haar glauben machte. Er strahlte eine väterliche Freundlichkeit aus, zu der Lynn sich gleich im ersten Moment hingezogen fühlte.

Nach dem gemeinsamen Mal zog sich Coridan zu irgendeiner Tätigkeit zurück, und schon dadurch entspannte sie sich zunehmend. Auch ein Glas Branntwein und Feron Brells angenehme Konversation mochten dazu beitragen. Als sie ihn darauf ansprach, dass er der einzige Gastgeber der Akh’Eldash ohne Titel war, lachte er.

»Aber ich habe doch einen Titel. Ich bin der Hüter der Rolle!«

»Der Rolle?«, fragte sie verständnislos.

»Der Rolle von Fengajahr. Der Unterricht der guten Schwester Galabin muss sehr gelitten haben, wenn Ihr noch nie davon gehört habt.«

Mit einem Mal saß Lynn kerzengerade. »Ihr besitzt eine der Rollen der Eldash?«

»Sie ist seit Jahrhunderten im Besitz meiner Familie.«

»Kann ich sie sehen? Sie lesen?«

Er schmunzelte. »Wie man es nimmt. Vor der Akh’Eldash bleibt nichts verborgen. Sie lernt, was die Erdmutter ihr ins Herz legt. Natürlich hat die Akh’Eldash das Recht, sich den Text anzusehen.«

»Er ist in dieser seltsamen Bilderschrift verfasst.«

»Ich sehe, Ihr habt die anderen Rollen im Tempel gesehen.«

»Nur bruchstückhaft – sie sind mürbe geworden und lassen sich nicht mehr öffnen, ohne sie zu zerstören.«

»Da kann ich Euch mehr bieten.« Er stellte sein Glas zur Seite. »Bitte, Gesalbte. Begleitet mich.«

Neugierig folgte sie ihm in einen anderen Trakt des Hauses, der offenbar seiner Arbeit vorbehalten war. Die Verwaltung eines so großen Guts erforderte sicher viel Zeit, und aus ihren vorherigen Plaudereien hatte sie erfahren, dass er sich daneben mit vielen Wissensgebieten beschäftigte. Offenbar pflegte er auch einen Briefwechsel mit Prinz Siluren. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, Brell nach des Prinzen Verhältnis zu magischen Praktiken zu fragen, aber zu diesem Zeitpunkt war Coridan noch bei ihnen gewesen, und danach hatte es sich nicht mehr ergeben.

Sie passierten verschiedene Türen. Eine davon stand offen, und als Lynn hindurchschaute, sah sie Coridan mit einigen Papieren beschäftigt. Rasch ging sie weiter, bevor auch er sie bemerkte.

Sie betraten einen Raum, um den sich ringsum Vitrinenschränke zogen. Hinter gläsernen Türen lagen die wunderlichsten Dinge – Steine und Mineralien in einem Schrank, ausgestopfte Tiere im nächsten. In weiteren fanden sich getrocknete Pflanzen, obskure Werkzeuge oder Gegenstände, die sich überhaupt nicht zuordnen ließen.

»Mein Kuriositätenkabinett«, sagte Brell mit leichter Verlegenheit. »Es ist nicht zu vergleichen mit dem des Prinzen oder des Herzogs von Arabil, aber ich bin doch ein wenig stolz darauf – und natürlich hat niemand von denen dies hier.« Er öffnete einen der Schränke, zog ein ledernes Futteral heraus, und daraus wiederum ein zusammengerolltes Blatt. Es schien alt, aber bei weitem nicht so alt wie die Rollen im Tempel.

»Das ist kein Original«, stellte Lynn fest.

»Nein, es ist eine Abschrift – allerdings auch mehrere Jahrhunderte alt. Aber sie ist bereits auf Papier geschrieben, nicht mehr auf Leder. Oh, verzeiht.« Er räumte einige Gegenstände vom Tisch in der Mitte des Raumes. »Ich bin in Verzug damit, meine neusten Errungenschaften zu klassifizieren. So, jetzt sollte es gehen.«

Das Blatt war etwa eine Elle hoch, vier Ellen lang, und es war atemberaubend. Farbenfroh und detailliert, mit feinsten Strichen gezeichnet tanzten die Bilder über das Blatt, als besäßen sie ein eigenes Leben. Sie waren sehr regelmäßig neben und untereinander angeordnet, sodass sich Gleichmaß und Vielgestaltigkeit auf wunderbarste Weise ergänzten. Diese Schrift diente nicht nur der Vermittlung von Wissen, sie war zugleich Kunst. Leider erfüllte sie diesen zweiten Zweck zurzeit besser als den ersten.

»Verzeiht.« Lynn beugte sich tief über das Blatt. »Ich muss das genauer sehen.« Sie hob den Schleier an, um darunter hindurchspähen zu können. Einige Zeichen wiederholten sich offenbar doch, aber nicht so viele, wie man es bei einer Schrift erwartet hätte, die ja nur eine sehr begrenzte Anzahl von Lauten abbilden musste. Es gab ganz offenbar wesentlich mehr Zeichen als die Neunzehn, mit denen man heute schrieb. Manchmal bestand ein Zeichen aus zwei eng zusammengefügten Symbolen, die sich berührten, als trügen sie in der Kombination eine andere Bedeutung als alleine. »Das entspricht ganz dem Original?«

»Soweit ich es sagen kann.«

»Habt ihr je versucht, es zu entschlüsseln?«

»Natürlich, und ich war nicht der einzige in meiner Familie. Ich vermute, die Form der Bilder gibt einen Hinweis auf ihre Bedeutung. Hier, zum Beispiel, das könnte eine Sonne sein. Dies hier ist ganz klar ein sichelförmiger Mond. Aber was genau soll das bedeuten? Tag und Nacht? Bezeichnet der Mond einen Monat, die Sonne ein Jahr? Oder stehen sie für etwas ganz anderes – Licht und Dunkelheit, Wärme und Kälte …«

»Mann und Frau«, sagte Lynn.

Er stockte, sah sie verblüfft an. »Das … könnte sogar …« Er drehte das Blatt, um es von der richtigen Position aus zu betrachten. »Wenn der Mond für die Frau steht, dann könnte dies hier eine Geburt bedeuten …«

»… und das«, Lynn deutete auf ein blaues Oval neben einem Mond, »könnte der No’Ridahl sein. Beides zusammen steht für die Akh’Eldash.«

Er sah sie verwundert an. »Ist der No’Ridahl nicht rot? Man nennt ihn doch auch Rotstern.«

»Das stimmt«, gab sie zu, »aber im Tempel gibt es einen Stein, der …« Sie stockte, wurde sich der Verworrenheit ihrer Erklärung bewusst und schloss lahm: »Vielleicht war er früher blau.« Seltsamerweise verband sie den blauen Stein im Tempel viel stärker mit dem No’Ridahl als das Mal selbst, das tiefrot auf ihrer eigenen Stirn prangte.

Brell schwieg noch einen Moment, als warte er auf eine weitere Erklärung. Dann trat er zu einem anderen Schrank, in dem Bücher standen. »Meine Vorfahren haben bei dem Versuch, den Text zu entziffern, nicht nur auf dieses Blatt gestarrt. Sie haben auch alte Überlieferungen und Legenden aus dem ganzen Reich zusammengetragen.« Er reichte ihr einen Band, den sie ehrfürchtig entgegennahm. Es waren Aufzeichnungen, ganz deutlich von unterschiedlichen Händen verfasst, aber nicht nur geschriebener Text, sondern auch Zeichnungen von Gegenständen und Landschaften, Landkarten, fremdartige Symbole und ein gepresstes Akeven-Blatt. Verwundert hob sie es hoch.

Brell lächelte. »Das verdanken wir der Kräutersammelwut meiner Urgroßmutter. Ich finde Blätter in allen Büchern hier.«

»Darf ich es lesen?«, fragte sie.

Brell zögerte. »Ihr seid die Akh’Eldash …«

»Ich möchte es nicht mitnehmen.« Ihre Sorge wäre viel zu groß gewesen, es könnte bei ihrer Reise Schaden nehmen oder gar verlorengehen. »Ich werde es hier lesen, wenn ihr erlaubt.«

Brell schien erleichtert. »Natürlich dürft Ihr es lesen. Aber versprecht Euch nicht zu viel davon. Es sind im wesentlichen Ammenmärchen, Erzählungen des einfachen Volkes, die mehr die Wünsche der Menschen als ihre tatsächlichen Erfahrungen beschreiben. Selbst wenn die Geschichten einen Kern Wahrheit enthalten sollten, so haben sie sich über die Jahrhunderte hinweg immer weiter davon entfernt.« Er entzündete eine Lampe und stellte sie auf einen Seitentisch. »Am Besten lasse ich Euch allein. Dann könnt Ihr den Schleier unbefangen zurückschlagen.«

»Danke. Ich werde alles wieder an seinen Platz räumen, wenn ich fertig bin.«

Er lachte. »Ihr müsst nicht ordentlicher sein als der Herr des Hauses. Viel Erfolg – und falls Euch die Göttin noch eine Offenbarung schenkt, lasst mich bitte daran teilhaben.«

Sie versprach es, und er ging.

Zuerst widmete sie sich erneut der farbenfrohen Rolle, versuchte, Muster oder Rhythmen zu erkennen. Es war erstaunlich, wie filigran die einzelnen Zeichen gearbeitet waren. Das ließ vermuten, jedes Detail habe auch eine Bedeutung – die langgezogene Spirale mit dem winzigen Strich bedeutete etwas anderes als die ohne Strich. Lynn drehte das Blatt ein wenig, und dabei löste sich die Beschwerung einer der Ecken. Das Blatt rollte sich auf. Beim erneuten Glätten stockte Lynn.

Dies war eine Rolle, so wie all diese alten Texte. Welchen Sinn hatte es, eine Rolle von links nach rechts zu beschreiben? Wäre es nicht viel sinnvoller, die Zeilen von oben nach unten anzulegen, sodass man zum Lesen immer nur ein Stück der Rolle öffnen konnte, und nicht gleich das ganze Blatt ausbreiten musste?

Aufgrund der regelmäßigen Anordnung der Symbole waren beide Leserichtungen möglich, von Seite zu Seite oder von oben nach unten. Wenn Lynn aber eine Schreibung von oben nach unten annahm, dann erschein plötzlich eine »Zeile« herausgehoben. Lynn hatte dies zuerst auf Feuchtigkeit zurückgeführt oder auf einen Fehler im Papier, der die Tinte hatte verlaufen lassen, doch als sie Brells geschliffenen Glasstein zur Hilfe nahm erkannte sie bei diesen Symbolen zweifache Umrisslinien. Wer immer die Rolle kopiert hatte, er hatte wirklich mit bemerkenswerter Gewissenhaftigkeit gearbeitet.

Sie musste an das Eldash-Mithral denken, dem Buch, in dem die Gedanken und Aufzeichnungen all der Akh’Eldash vor ihr gesammelt worden waren und das sie kopieren sollte, bevor sie selbst es weiterführte. Hatten sich ihr beim Abschreiben der Worte nicht auch neue, tiefere Bedeutungen erschlossen? In dem Zimmer gab es einen Sekretär, in dem sie Papier und Tinte fand, sogar mehrfarbige. Womöglich hatte Brell bereits den gleichen Gedanken gehabt und mit dem Text experimentiert.

Abschätzend betrachtete sie das Blatt, entschied sich dann für die herausgehobene Zeile. Es war die vierte auf dem Blatt. Sie kopierte sie so gewissenhaft, wie es ihr möglich war, aber sie ordnete die Zeichen von links nach rechts an, wie es ihrer gewohnten Leserichtung entsprach. Das blaue Oval und der Halbmond, die langgezogene Spirale und ein Viereck mit hochgeklappter Ecke, danach eine seltsame Schleife. Sie arbeitete mit großem Eifer, doch als sie fertig war und ihr Werk betrachtete, war sie der Lösung keinen Schritt nähergekommen.

Seufzend wandte sie sich schließlich dem Buch zu, das Brell ihr gegeben hatte. Es war in unterschiedlichen Handschriften verfasst, und nicht jede war leicht zu entziffern. So begnügte Lynn sich damit, ziellos zu blättern und hier und dort, wo etwas ihre Aufmerksamkeit gefangen nahm, zu verweilen.

Leider fand sie Brells Auffassung nur allzu schnell bestätigt. Die »Gesalbte«, von der in den Geschichten die Rede war, schien mehr eine Göttin als eine Königin zu sein. Ihr wurden die unterschiedlichsten Wundertaten nachgesagt – von der Krankenheilung bis hin zum Abwenden einer Dürre. Kein Wunder, dass der Glaube an die Heilkräfte der Akh'Eldash im Volk so tief verankert war, wenn die Menschen diese Legenden seit Jahrhunderten weitergaben.

In manchen Erzählungen kam die Akh’Eldash nicht einmal vor, obwohl … da war eine Geschichte, in der ein Mann das Diadem einer Frau mit einer glühenden Nadel zum Schmelzen brachte und sie damit ihrer Macht beraubte. Konnte das eine Anspielung auf den Uhlan sein, das Ritual nach der Hochzeitsnacht, bei dem der König den No’Ridahl mit einer glühenden Nadel zerstörte? Nachdenklich griff Lynn an ihre Stirn, ertastete aber nur den Reif.

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Release date on Litres:
28 October 2025
Volume:
331 p. 2 illustrations
ISBN:
9783948695613
Publishers:
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Second book in the series "Welt der Schwerter"
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