Read the book: «Rho»

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E. S. Schmidt

Rho


Science-Fiction

Inhaltsverzeichnis

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2 Danksagungen

3 Impressum

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

RHO

»Das Bett ist frei«, sagte Moira, als sie ins Wohnzimmer kam. Der Wandscreen hämmerte irgendeinen Party­song und zeigte zuckende Körper in Stroboskoplicht. »Screen, Lautstärke runter!« Der Lärm reduzierte sich um ein paar Dezibel.

Nuri saß am Tisch, vor sich verstreute Gurkenchips, und schälte etwas aus einer Plastikhülle. Eine Flasche JuiceUp hatte Ringe auf der Tischplatte hinterlassen. Nuris Jacke lag über dem Sessel und ihre Schuhe mitten im Raum. Moira kickte sie zumindest neben die Tür.

Manchmal kam sie sich vor wie Nuris Mutter, dabei war sie bloß acht Jahre älter als das Partygirl mit der violetten Igelfrisur. In solchen Momenten bereute sie es, bei Medi­Care gekündigt zu haben. Statt als respektable Ärztin in einem Corporate Village zu residieren, musste sie sich jetzt mit den Mieten in der City von New Boston herumschlagen, und das bedeutete: Wohngemeinschaft.

Nuri warf die Verpackung in Richtung Verwerter, dessen Klappe natürlich offenstand, und verfehlte ihn. Moira bückte sich, und bevor sie die Verpackung in den Schacht fallen ließ, warf sie einen Blick auf das Etikett. Schmuckanhänger Babyschnuller. Ein Klassiker unter den Symbol-Geschenken. Sie schloss die Klappe. »Du willst es ihm also sagen?«

Nuri drehte das neonfarbene Teil zwischen den Fingern. »Ich denke, er hat ein Recht darauf.«

»Er wird dir bloß reinreden. Außerdem wolltest du es nach der Geburt doch ohnehin freigeben.«

»Im Moment denke ich jeden Tag was anderes. Vielleicht hilft es, wenn ich es mit ihm bespreche.«

Moira schnaubte. »In der alten Welt haben die Frauen dafür gekämpft, selbst über ihren Uterus entscheiden zu dürfen. Und du willst dieses Recht jetzt wieder abgeben?«

Nuri stand abrupt auf, die Faust um den Anhänger geschlossen. »Wir leben aber nicht mehr in der alten Welt, sondern auf Deuteragäa. Und immerhin ist er der Vater.«

»Ganz prima. Am Ende bietest du ihm noch an, dem Kind seinen Nachnamen zu geben.«

»So ein Quatsch. Bülent ist doch kein Macho!« Nuri ging ins Schlafzimmer, aber in der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Eine Beziehung bedeutet eben, nicht nur an sich selbst zu denken. Aber was weißt du schon davon?«

»Nimm deine Jacke mit!«, rief Moira hinter ihr her, aber da hatte sich die Tür schon geschlossen. Offenbar hielt sich Nuri jetzt für eine Beziehungsexpertin, bloß weil sie schon über sechs Monate mit dem gleichen Mann zusammen war. Was trieb Menschen nur dazu, unbedingt eine Familie gründen zu wollen? Warum halste man sich freiwillig die Verantwortung für das Glück anderer Leute auf? Eines Partners und dann noch eines Kindes? Die meisten konnten ja noch nicht einmal für das eigene Glück sorgen. Hoffentlich waren diese Stimmungsschwankungen bald vorbei. Bis zur wievielten Woche hielten die noch gleich an?

Die Zukunft sah schwarz aus. Wenn Nuri nicht abtrieb oder das Kind freigab, würden sie sich die Wohnung mit einem schreienden Baby teilen müssen. Vielleicht zog Nuri ja auch zu Bülent, und dann müsste Moira sich einen neuen Mitbewohner suchen. Oder noch schlimmer, Bülent zog bei ihnen ein. Das Bett war zwar zu klein für ein Paar, aber er konnte ja in die Rote Phase wechseln. Dann wäre Schluss mit dem frühen Zubettgehen und dem gemütlichen Lesen zwischen den Kissen. Dann würde das Bett rund um die Uhr belegt sein. Keine Ausweichmöglichkeit mehr zwischen den acht Stunden, die jedem Bewohner zustanden.

Missmutig hielt Moira die Hand gegen den Wandscreen und der Sensor erkannte den zwischen Daumen und Zeigefinger eingepflanzten Chip. Der Screen schaltete zu den City-News, gleichzeitig drehten sich am Fenster die Jalousien und ließen mehr Licht herein. Ein Jingle wies Moira auf eine Nachricht hin, und sie verdrehte die Augen. Ihre Mutter, die sie mit dem indischen Mammee ansprach, hatte mal wieder eine lange Filmnachricht geschickt. Seit der Scheidung von Dad hatte Mammee sich mehr und mehr in die indische Community zurückgezogen und schickte nun immer wieder ausufernde Updates über das Leben von Leuten, die Moira bloß vom Namen her kannte. Heute hatte sie wirklich keine Zeit, sich das alles anzuhören. Stattdessen überflog sie das aktuelle Ranking der E-Sport-Mannschaften, während sie sich einen Zopf flocht. Praktisch für die Reise. Das dicke, schwarze Haar war ein Erbe ihrer indischen Vorfahren und nach ihrer Hautfarbe zu urteilen, waren darunter mehr Unberührbare als Brahmanen gewesen, worauf Moira durchaus stolz war. Es bedeutete, dass sie sich durchgebissen hatten. Sie warf sich den Zopf auf den Rücken. »Meldungen starten.«

Während sie ihre Frühstücksflocken in eine Schüssel rieseln ließ, erfuhr sie, dass DJ Hanna ihrem dritten Ehemann den Laufpass gegeben hatte, während die beiden anderen Mitglieder dieser Vierer-Ehe im Ski-Urlaub waren. Nic Ganby beschuldigte die Regisseurin seines letzten Filmes eines sexuellen Übergriffs, und die Kommission schrieb einen Wettbewerb für das Logo zur Hundert-Jahr-Feier der Besiedelung aus. Waren es tatsächlich nur noch zwei Jahre bis dahin? Sie sollte sich langsam überlegen, welches medizinische Thema sich für eine Reportage zu diesem Anlass eignete. Vielleicht eine geschichtliche Doku. Medizin auf Deuteragäa – in hundert Jahren von der Farkin-Sepsis zum therapeutischen Chatbot. Ach, viel zu generisch. Bestimmt arbeitete schon irgendjemand an dem Thema.

Vielleicht sollte sie sich lieber auf ein allgemeines biologisches Thema verlegen. Aber welches? Nachdenklich goss sie den Fruchtsaft über ihr Müsli. Wie mochte das gewesen sein, damals, vor hundert Jahren?

Die Entdeckung von Deuteragäa hatte auf der Erde Begeisterung ausgelöst. Ein Exoplanet von annähernd Erdgröße, in nur neununddreißig Jahren Flugzeit zu erreichen, und mit einer Sauerstoffatmosphäre! Leider hatte sich die Hoffnung auf eine andere intelligente Spezies nicht erfüllt. Oder vielleicht war das auch ein Glück, denn auf diese Weise konnte man schalten und walten, gestalten und ausbeuten, ohne Rücksicht zu nehmen. So, wie die Menschen es schon immer getan hatten.

»Ton aus.« Moira setzte sich auf den Schemel, der noch von Nuri angewärmt war, und während sie ihr Frühstück löffelte, folgte sie den schriftlichen Headlines am unteren Bildschirmrand. Hier liefen die Corporate News, für die sich die wenigsten interessierten, weshalb es dafür keine Filmbeiträge gab.

Vielleicht aber war es auch umgekehrt: Weil es keine Filmbeiträge gab, verminderte sich das Interesse. Eine Strategie der Konzerne, um die Aufmerksamkeit zu senken, insbesondere wenn sie etwas aus gesetzlichen Gründen veröffentlichen mussten.

Viel Neues gab es allerdings nicht. S-Trans kündigte ein Nachfolgemodell des P36 an. Dabei liefen die alten Scooter einwandfrei. Trotzdem würde vermutlich in einem halben Jahr keiner mehr auf den Straßen zu sehen sein. Auch gut. Die Scooter würden wenigstens wieder nach neuem Plastik riechen, und nicht nach dieser Mischung aus Hasch, Kotze und billigem Reinigungsmittel.

Dann kam eine kurze Meldung, nur vier Worte lang: Mantis Angriff in Breinen.

»Stopp«, sagte Moira. Bildschirm und Laufband froren ein. »Headlines! Nach links!« Die Buchstaben der Angriffsmeldung leuchteten. »Drilldown.«

Das frisch holo-tätowierte Hinterteil der Influencerin Ashira verschwand und machte einem kleingeschriebenen Fließtext Platz, der ohne Absätze auskam. »Vergrößern!«

Der Bildschirm gehorchte und Moira überflog die Meldung. Ein Dorf am Rand der Wüste war von nicht einmal hundert Mantis angegriffen worden. Glücklicherweise waren Mitarbeiter der MinerVa Inc., die in der Nähe eine Kupfermine betrieb, rechtzeitig vor Ort gewesen und hatten die meisten Bewohner evakuieren können.

Immer waren es Mitarbeiter von MinerVa, die frühzeitig von den Angriffen erfuhren und zur Rettung eilten. Als Deuteragäas größter Rohstofflieferant hatte MinerVa eine Menge von Minen, Bohrtürmen und Stationen überall auf dem Planeten verteilt. Das erklärte es wohl.

Nur achtzehn Tote waren zu beklagen, welche die Mantis vermutlich in Einzelteilen fortgetragen hatten, um ihre Brut damit zu füttern. Noch immer war unklar, was diese Angriffe der Wüstentiere auslöste. Inzwischen ging das seit fast zehn Jahren so, und die Angriffe auf die kleinen Wüstensiedlungen schafften es nicht einmal mehr in die Filmberichte der Nachrichtensender. Irgendwie misstraute Moira den offiziellen Erklärungen, dass die Mantis die Menschen als Beutetiere betrachteten. Warum hatten sie sie dann acht Jahrzehnte lang in Ruhe gelassen? Und überhaupt, warum räucherte man ihre Bauten in der Wüste nicht einfach aus? Zumindest jene, die so nah an der Dämmerungszone lagen, dass sie die äußeren Dörfer gefährdeten?

Ein Summton und das Pop-up auf dem Screen erinnerten Moira daran, dass es Zeit wurde aufzubrechen. Sie räumte ihre Schüssel in den Washer, ließ Chips und JuiceUp stehen und rollte ihren Koffer aus der Ecke, wo sie ihn vor dem Schlafengehen postiert hatte. »Screen aus, Lift rufen.«

Die Wohnungstür öffnete sich direkt in den Aufzug, der sie unten auf die Straße entließ. Sie hätte sich einen Scooter rufen können, aber trotz Koffer lief sie lieber die zehn Minuten bis zur nächsten Hauptstraße, wo es einen Ladeplatz gab. Wie alle Alleen in New Boston war auch diese so ausgerichtet, dass sie direkt auf die Sonne zulief. Die rote Scheibe stand wie immer am Ende der Häuserflucht, eine Handbreit über dem Horizont. Einen Tag-Nacht-Rhythmus gab es nicht auf Deuteragäa, das in gebundener Rotation seiner Sonne immer die gleiche Seite zuwandte.

Moira reihte sich an ihrem üblichen Kaffeestand in die Schlange ein und genoss während des Wartens das Licht und die Wärme auf ihrem Gesicht. Sie verbrachte wirklich zu viel Zeit in geschlossenen Räumen, und viel zu selten würdigte sie den Anblick der Hauptstraße mit ihrer Allee aus türkis belaubten Arobabäumen. Eigentlich liebte sie die City mit ihrem prallen Leben und ihrer bunten Vielfalt. Hier war alles so viel echter, so viel ehrlicher als in den Gated Communitys der Konzerne, die es in jeder Stadt gab. Man nannte sie Villages, obwohl es natürlich keine Dörfer waren, sondern einfach durch Mauern abgegrenzte Stadtteile. Und genau wie der Name hielt das Leben dort meistens nicht, was die schöne Fassade versprach.

»Viel vor heute?«, fragte Debbie, während sie geschäftig Moiras Kaffee mixte.

»Eine Reportage über Organtransplantationen.«

»Klingt interessant. Vielleicht sollte ich mir deinen Kanal doch mal abonnieren.«

»Tu das«, sagte Moira, obwohl der wissenschaftliche Fachkanal Debbie im besten Falle langweilen würde.

Es standen noch fünf Einsitzer in den Ladestationen, und Moira spähte prüfend durch die Scheiben, um den am wenigsten versifften ausfindig zu machen. Einer mit schreiend bunter Bahi-A-Werbung schien ein guter Kandidat zu sein. Moira hielt ihre Hand vor den Scanner und die Tür entriegelte. Eine freundlich-unpersönliche Frauenstimme begrüßte sie. »Willkommen, Doktor Chakrabarti. Wohin darf ich Sie bringen?«

»Zum Hafen, Halle B.«

Der Scooter wiederholte den Zielort und nannte den Preis. Nachdem Moira bestätigt hatte, surrte das Elektrofahrzeug los. »Ladezustand bei dreiundzwanzig Prozent«, informierte sie der Scooter. »Sie werden das Fahrzeug auf der Loomotra Avenue wechseln müssen.«

»In Ordnung. Reservieren.«

»Bestätige: Reserviere Wechselfahrzeug für Rot 7:25, Loomotra Avenue. Erreichung des Endziels ›Hafen Halle B‹ vo­raussichtlich um Blau 0:05.«

Moira sah auf ihren Screen am Handgelenk, der im Ruhemodus das dreifarbige Zifferblatt der Uhr zeigte – gelb, rot und blau für die drei achtstündigen Arbeitsphasen. Selbst nach fast hundert Jahren auf einem Planeten ohne Tag und Nacht, hatten sich die Menschen nicht vom 24-Stunden-Rhythmus ihrer alten Heimat verabschiedet.» Können wir schneller fahren?«

»Überschreiten der Geschwindigkeitsbeschränkung auf dieser Strecke verfügbar für dreiundsiebzig Credits.«

»Erwerben«, sagte Moira. Sie erhielt ohnehin regelmäßig Mahnmeldungen ihrer Bank, weil sie die Sparquote überschritt. Also konnte sie jetzt ruhig ein paar Credits auf den Kopf hauen und damit Strafzinsen vermeiden.

»Verstanden. Geschwindigkeit wird überschritten, neues Wechselfahrzeug reserviert. Erreichung des Endziels ›Hafen Halle B‹ voraussichtlich um Rot 7:42.«

Das klang schon besser. Moira lehnte sich zurück und wischte über den Screen an ihrem Handgelenk, um ihn zu aktivieren. Aus dem Lautsprecher des Scooters ertönte ein Jingle. »Auf Ihrer linken Seite sehen Sie nun das Restaurant Chez Piere mit einem wunderbaren Blick über …«

Moira stöhnte. »Werbung stumm schalten.«

»Das Stummschalten der Werbemitteilungen erhöht die Kosten der Fahrt um siebenundzwanzig-komma-drei Credits.«

»Erwerben.« Moira hatte im Moment keinen Sinn für solche Banalitäten und wollte ungestört ihren Gedanken nachhängen. Morgen würde sie Peter wiedersehen. Nach vier Monaten das erste Mal. Seit seinem Weggang hatten sie kaum miteinander gesprochen, und wenn, dann nur beruflich. Das war sicheres Terrain, ohne versteckte Vorwürfe oder verborgene Sehnsüchte. Ob das auch so bleiben würde, wenn sie erst einmal vor ihm stand, da war sich Moira auf einmal nicht mehr ganz so sicher.

Aber das war kein privater Besuch. Sie reiste für einen Bericht über seine neuen OP-Methoden an. Zumindest hatte sie das behauptet. Dass es ihr eigentlich um ganz andere Informationen ging, dass ihre Recherche Fragen zu den Organen aufgeworfen hatte, die er verpflanzte, würde sie ihm erst sagen, wenn sie beide im OP standen und er ihr nicht mehr ausweichen konnte.

Er war nämlich verdammt gut im Ausweichen. Eine siebenstündige Tube-Fahrt weit war er ihr ausgewichen, bis runter nach Green Sands. Okay, sie hatte die Beziehung selbst beendet. Was hatte er erwartet, als er plötzlich anfing von Kindern zu reden und einem gemeinsamen Leben in einem Village-­Appartement? All dieses »uns« und »wir« hatte ihr die Luft zum Atmen genommen. Sie hatte Abstand gebraucht. Aber hatte er deswegen gleich eine neue Stellung so weit auf der Tagseite annehmen müssen, direkt am Wüstenrand? Er hatte gesagt, es sei eine großartige Karrierechance, und die Menschen im Morgen hätten schließlich auch ein Recht auf medizinische Versorgung. Ja klar. Manchmal dachte sie, dass er sie damit hatte bestrafen wollen. Oder vielleicht sich selbst. Warum mussten Menschen nur so kompliziert sein?

***

Keith hatte natürlich einen Schlüssel, aber er wusste nicht einmal mehr, wo er ihn abgespeichert hatte. Diese Villa hatte schon lange aufgehört, ein Zuhause zu sein. Seit damals, als Phil es für immer verlassen hatte.

Auf sein Läuten hin öffnete ein Hausmädchen und knickste. »Willkommen, Mister Kendrick.«

War das dieselbe wie beim letzten Mal? Keith war sich nicht sicher. Trotzdem sagte er: »Danke, Silvia.« In diesem Haus hießen Hausmädchen Silvia. Das stand so in ihrem Arbeitsvertrag. »Ist er im Garten?«

»Nein, Mister Kendrick erwartet Sie auf der Dachterrasse.«

Wie alle Räume war auch die Eingangshalle lichtdurchflutet. Die großen Fenster und das Dach waren natürlich aus Spiegelglas, um den Papparazzi-Drohnen keine Einblicke zu gewähren. In der Ecke standen ein paar Kisten. Ein fremder Anblick in der durchgestylten, immer ordentlichen Villa.

Keith hob einen Deckel an und zog den erstbesten Gegenstand heraus. Ein kitschig verschnörkelter E-Bilderrahmen. Er hatte früher auf der Kommode in Mutters Schlafzimmer gestanden.

»Ihr Vater hat einige Dinge aussortiert. Das geht an die City-Shelter, sobald alle Geräte gewiped wurden.«

Probehalber betätigte Keith den Schalter an der Rückseite. Tatsächlich hatte der Rahmen noch Strom, stieg wahllos irgendwo in der Endlosschleife von Filmsequenzen ein. Zwei Jungen – Phil und er selbst – fein gemacht für irgendeine Veranstaltung. Oper? Firmenfeier? Phil, der die Augen verdrehte. Statt eines Smokings hatte er unbedingt die rote Jacke tragen wollen. Er hatte immer etwas Besonderes sein wollen.

Keith schaltete das Gerät aus und steckte es zurück in die Kiste. Dabei fiel sein Blick auf eine durchsichtige Schachtel mit Schachfiguren. Schach. Vater hatte zwischen seinen Söhnen alles zu einem Wettkampf gemacht. Schulnoten, Sport, Benimmregeln. Schach war einer davon, und er wurde stets in Vaters Arbeitszimmer ausgetragen. Verbissen hatte Keith gegen Phil gekämpft, hatte unter Vaters Augen Niederlage um Niederlage kassiert, bis zu jenem denkwürdigen Tag. Phil war elf gewesen, er selbst gerade einmal acht, und trotzdem hatte er den älteren Bruder in die Falle gelockt. Oh, sie war perfekt aufgebaut. Phil bemerkte sie nicht, bis sie zuschnappte. Als sie ihm klar wurde, starrte er mit offenem Mund auf das Brett. Er wollte aufgeben, die Niederlage eingestehen, aber Vater stand vom Schreibtisch auf und verlangte, dass bis zum Ende gespielt wurde. »Ein Kendrick gibt nicht auf. Und wenn dir verlieren zu wehtut, dann musst du eben gewinnen.« Und Keith sorgte dafür, dass es wehtat, kostete seinen Sieg aus, räumte unter Vaters Blicken eine Figur nach der anderen ab und trieb den schwarzen König erbarmungslos über das Spielfeld. So stolz, so selbstzufrieden sonnte er sich in Vaters Anerkennung. Er bemerkte nicht, was es Phil antat. Vielleicht wollte er es nicht bemerken. Bis Phil den weißen König packte und ihn mit solcher Wucht auf das Brett schlug, dass er zerbrach.

Keith öffnete die Schachtel. Tatsächlich, da war der weiße König. Das Kreuz auf der Spitze saß schief. Vater hatte die Figur geklebt und im Arbeitszimmer wie einen Pokal aufs Regal gestellt. Phil hatte danach nie wieder Schach gespielt. Wenn er jetzt daran dachte – vielleicht war das der Anfang gewesen. Danach hatte Phil sich verändert.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken hochbringen?«, fragte Sylvia.

Keith blickte auf. »Einen Gin Tonic, danke.« Den weißen König steckte er in die Hosentasche.

Wenn man auf die Terrasse trat, war der erste Eindruck der Eiffelturm, dessen Spitze malerisch in die rote Glutscheibe der Sonne hineinragte. Natürlich war dieser Turm um einiges größer als das Original auf der Erde.

Unter Keith und bis zur French Bay dehnte sich das MinerVa-

Village von Parisneuve aus. Saubere, weiße Häuser, durchgeplante Straßen, Grünflächen, Freizeitanlagen, die Firmen-Uni, Shopping-Malls. Seit Anbeginn der Zeit hatte der Mensch die Welt seinen Bedürfnissen angepasst, und endlich war es ihm gelungen, eine ideale Welt zu erschaffen. Sicherheit, Bequemlichkeit, aber auch Herausforderungen und jede Möglichkeit, sich zu entfalten, alles war im idealen Maß vorhanden, alles verfügbar.

Doch diese Welt reichte nur bis zu der weißen Mauer links von ihm. Dahinter lauerte die City, von vielen schönfärbend ›Altstadt‹ genannt. Für Keith war es der Moloch. Das Drecksloch, in dem sich der Abschaum der Gesellschaft sammelte. Die Loser, die Drogenabhängigen, diejenigen, die nicht wussten, was sie wollten. Unzufrieden mit allem, ohne Richtung und Ziel, die alles und jeden um sich herum vergifteten.

Was willst du eigentlich, Phil? Willst du diese Familie zerstören? Willst du, dass Mom einen Nervenzusammenbruch hat?

Ich weiß nicht, was ich will, verdammt! Ich weiß es nicht! Wenn ich es wüsste, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.

Das mit Mom hatte Phil tatsächlich hinbekommen. In irgendeinem Slum in der City von Parisneuve hatte Phil sich mit einer Überdosis selbst erledigt, und weil er seinen Bürgerchip gelöscht hatte, musste ihn jemand identifizieren. Als der Pathologe Phil das Tuch vom Gesicht zog, brach Mutter zusammen.

Keith hatte seinen Bruder in dem ausgemergelten, schmutzigen Körper kaum wiedererkannt. Mutter schon. Kaum ein halbes Jahr später hatte sie sich selbst das Leben genommen.

Keith atmete tief ein. Es waren immer die gleichen Erinnerungen, die dieser Ort auslöste. Er wandte sich ab von dem Ausblick über Parisneuve, den manche Menschen als grandios bezeichnet hätten. Vater fand ihn bloß angemessen.

Kendrick Senior repräsentierte die MinerVa Inc. seit dreißig Jahren im Konzernrat. Jetzt saß er in einem Liegestuhl, neben sich eine Sauerstoffflasche, von der ein dünner Schlauch zu seiner Nase verlief. Er las. Einen Konzernbericht oder ein Fachblatt. Über diesen Screen war noch nie ein Roman oder auch nur ein Film geflimmert. Noch so ein fundamentaler Dissens zwischen ihm und Phil.

»Wie geht es dir, Dad?«

Jetzt erst blickte der Senior hoch. Die Bewegung verursachte ein Zischen des Atemschlauchs. »Wenn es dich interessiert«, er holte rasselnd Luft, »lass ich dir von Dr. Paul den Befund schicken.« Ungeduldig wies er auf einen bereitstehenden Stuhl.

Keith setzte sich. »Du klingst nicht gut.« Die OP brachte immer Erleichterung. Offiziell wurde ihm die Lunge ausgepumpt. Hinterher war Vater für zwei, drei Jahre wieder ganz der Alte. Niemand bei MinerVa hatte den CEO jemals so gesehen, wie er jetzt hier saß, keuchend und mit einem Sauerstoffschlauch unter der Nase. »Können die die OP nicht vorziehen?«

Der Senior winkte unwillig ab. »Die Aktionärsversammlung.«

Natürlich. Um nichts in der Welt hätte Vater die verpasst, auch wenn er nur virtuell dabei sein konnte. Aber nach der OP würde er eine Weile nicht einsatzfähig sein. Darum hatte er sie auf den Tag nach der Aktionärsversammlung gelegt.

»Wie oft, denkst du, können sie das noch durchziehen?«

»Unwichtig. Du hast von Breinen gehört?«

»Natürlich.« Der zweite Angriff in diesem Monat. Das war eine ziemliche Steigerung der Frequenz.

»Du musst nach Noshades.« Wieder ein mühsamer Atemzug. »Wie umgehen die Mantis … unser System?«

Solche Gespräche mit Noshades würde Vater niemals einem Videocall anvertrauen, da war er geradezu paranoid. Trotzdem war das ein Novum. »Du schickst mich allein nach Noshades?«

»Dr. Paul verbietet mir das Reisen, und damit«, Vater hob den Schlauch, »habe ich kaum den notwendigen Nachdruck.«

Keith lächelte. Das würde Helen Nakamura gar nicht gefallen. Bei der letzten Sitzung des Boards hatte sie festgestellt, dass MinerVa weder ein Familienclan noch eine Erbmonarchie sei. Das würde sich allerdings noch zeigen. Er schob die Finger in die Hosentasche und spürte die glatte Rundung des weißen Königs. Konkurrenz machte ihn nur stärker.

Noshades war nicht nur das Lieblingsprojekt des CEO. Diese abgelegene Niederlassung in der Wüste entwickelte sich mehr und mehr zu einer der profitabelsten Abteilungen des Konzerns – und genau deswegen war sie auch eine der geheimsten. Nicht einmal die anderen Executive Officers wussten genaueres darüber. Der Leiter von Noshades unterstand direkt und ausschließlich Kendrick Senior, und der teilte seine Informationen nur mit seinem Sohn.

Vater nickte. »Außerdem musst du Trakev zügeln. Er darf die Einheiten nicht in Siedlungen schicken.«

»Unsere Einheiten sind die einzigen, die mit den Mantis umgehen können.«

»Eigenschutz ist Sache der Siedlungen.«

»Keine der privaten Sicherheitsfirmen kann mit unserem Equipment aufwarten.«

Vater schlug auf die Armlehne. »Dann sollen sie uns bezahlen!«

Ein Kaff wie Breinen würde dafür kaum die erforderlichen Mittel aufbringen können. Die konzernfreien Siedlungen waren ständig in Geldnöten.

Vater musterte ihn scharf. »Haben wir uns verstanden?«

»Klar, Dad. Ich kümmere mich darum.«

***

Moira hatte sich für die Tube entschieden. Mit mehreren Hundert km/h durch eine Vakuum-Röhre geschossen zu werden klang zwar nicht wesentlich sicherer als ein Flug, aber in Zeiten von fliegenden Riesen-Insekten war man tief unter der Erde doch besser aufgehoben als am Himmel. Zumindest, wenn man nahe der Tagseite landen wollte. Niemand konnte sagen, wann die Mantis schwärmten. Auf Deuteragäa gab es keine Jahreszeiten.

Sie hob ihren Koffer in die Gepäckhalterung, setzte sich und schaute missmutig auf den Screen in der Lehne des Vordersitzes. Man hatte die Wahl, für die Screennutzung zu zahlen, oder die Werbung über sich ergehen zu lassen, die auch noch völlig asynchron zum Screen am Nachbarsitz verlief. Schrecklich.

Ihr Armbandscreen summte. Kein Anruf, sondern bloß eine Movie-Message von der strahlenden Nuri.

»Bülent zieht bei uns ein und belegt die Rote Phase. Das ist doch okay für dich? Ich bin so glücklich!« Herzchen schwebten ins Bild und zerplatzten zu Glitzersternchen.

Na großartig. Ein voll belegtes Bett und dazu noch ein schreiendes Baby. Vielleicht sollte sie die Wohnung gleich ganz dem glücklichen Paar überlassen und sich etwas anderes suchen. Sie musste ja nicht in New-Boston bleiben. Als Journalistin war sie ohnehin viel unterwegs und konnte praktisch von überall arbeiten.

Zum Beispiel von Green Sands aus. Wo Peter wohnte.

Ach verdammt, es war ein Fehler gewesen, sich im Scooter alte Fotos anzuschauen. Ein paar gemeinsame Tage, die alten Zeiten ein wenig aufleben lassen war okay, aber eine gemeinsame Zukunft hatten sie sicherlich nicht.

Sie seufzte und legte ihre Hand nun doch auf den Screen. Es war besser, noch einmal ihre Recherchen durchzugehen.

Es hatte unscheinbar angefangen: Mit dem Rückgang der MediCare-Umsätze in verschiedenen Bereichen, etwa der Dialyse. Seltsam genug, denn Dialyse-Patienten stellten ihre Behandlung nicht einfach ein, und Nierenleiden waren eine der neuen Zivilisationskrankheiten.

Bei der Suche nach den Gründen war Moira auf eine erstaunlich gestiegene Anzahl von Nierentransplantationen gestoßen. Und nicht nur Nieren waren häufiger gespendet worden. Auch Leber, Herz, Lunge, im Grunde alle wichtigen Organe – und auch einige weniger wichtige.

Unwahrscheinlich, dass es plötzlich so viel mehr Organspender gab. Moiras Verdacht war Bahi-A Inc. Der gesunkene Fleischpreis sprach dafür, dass der Lebensmittelkonzern die alte Technik, Muskelgewebe in Nährlösung wachsen zu lassen, endlich kosteneffizient gemacht hatte. Bahi-A wollte damit wohl in den medizinischen Bereich expandieren. Blieb die Frage, warum Bahi-A ein Geheimnis daraus machte, statt offensiv damit zu werben. Waren die künstlichen Organe etwa noch nicht ausgereift? Wurden hier Patienten ohne ihr Wissen als Versuchsobjekte missbraucht? Oder war die Herkunft der Proteingerüste fraglich, die unabdingbar waren, um ein so kompliziertes Organ wie eine Niere wachsen zu lassen? Vielleicht konnte Peter Licht in die Sache bringen. Er musste doch wissen, woher die Organe kamen, die er verpflanzte.

Mit Hilfe des Screens vergingen die sieben Stunden Fahrt erstaunlich schnell, und im Hafen von Green Sands ließ Moira sich im Strom der Menschen zu den Ausgängen treiben. Es ging auf die Phase Gelb zu, und wer jetzt nicht bald auf seinem Arbeitsplatz war, bekam Probleme. Nachholen ließ sich die verlorene Zeit ja nicht, wenn die Kollegen der Phase Rot ihrerseits pünktlich eintrafen und die Werkbänke beanspruchten. Als Corporate Citizen war man eben ein Zahnrad im Getriebe, das sich perfekt in das Räderwerk einpassen musste. Flexibilität war Luxus – ein Vorteil der Arbeit als freie Journalistin.

Allerdings endete er an der Wohnungstür. Die drei Phasen definierten die Arbeitsschichten. Über die Schlafphasen musste man sich mit seinen Mitbewohnern einigen. Wurde das Bett jeweils eine Stunde vor Phasenbeginn gewechselt? Anderthalb Stunden? Zwei? Wer das Bett mit zwei anderen, also rund um die Uhr teilte, bekam selten mehr als sieben Stunden Schlaf. Entsetzlich. Wenn Bülent tatsächlich bei ihnen einzog, würde sie das auf die Dauer nur mit intravenösem Koffein durchstehen.

Sie folgte den Menschen durch eine Automatiktür nach draußen – und lief gegen eine Wand aus Hitze. Auch das Licht in Green Sands war völlig anders als in New Boston. Nicht nur intensiver, sondern auch gelber, obwohl die Sonne von Deuteragäa ein roter Zwerg war. Auf der Abendseite des Himmels war nicht ein einziger Stern zu sehen. Erstaunlich, was sieben Stunden Fahrt durch eine Vakuum-Röhre ausmachten.

Auch in Green Sands betrieb S-Trans die Scooter. Moira nahm einen davon, und er entließ sie vor einem Gebäude, das eindeutig noch aus der Erstbebauung stammte. Unter dem bröckelnden Putz lugte grünsandiger Beton hervor.

Es gab natürlich ein Hotel im Corporate Village in Green Sands, und Peter hatte ihr angeboten, sie als offiziellen Medi­Care-Gast dort einbuchen zu lassen. Doch Moira hatte sich für eine kleine Pension in der Stadt entschieden. Sie lag nahe am Zentralkrankenhaus, das als mächtiger Klotz zwei Blocks in Richtung Abend aufragte. Dorthin würde sie morgen sogar laufen können.

Sie zog ihren Rollkoffer aus der drückenden Wärme der Wüstenstadt in einen kaum gekühlten Eingangsbereich. Hinter dem Empfangstresen saß ein junger Mann in einem Korbsessel und las ein Buch. Ein richtiges Buch, Tinte auf Papier gedruckt. Er schaute auf, legte das Buch zur Seite, und als er aufstand, knisterte der Korbsessel anheimelnd.

»Ms. Chakrabarti?«

»Sie können gern Moira sagen.«

»Ich bin Taehjung. Willkommen im Hotel Alice.« Er berührte den Screen auf dem Tresen und dessen Licht flammte auf.

Moira schmunzelte. »Ich dachte, Sie sind Screen-Allergiker.«

»Wie?« Er blickte hoch. »Ach so.« Er warf einen Seitenblick auf das Buch. »Ich vergesse nur immer, meinen aufzuladen. Außerdem mag ich den Geruch.«

»Papier hat einen Geruch?«

»Alte Bücher schon. Nach Staub, Holz und Druckerschwärze.«

Irgendwie fand sie das sympathisch.

»Ich habe schon alles vorbereitet.« Er drehte ihr den Screen zu. Moira prüfte die Angaben. Name, Adresse, Bürgernummer und Betrag. Dann fiel ihr Blick auf den Daumenscanner. Ziemlich altmodisch, eine vollgültige Unterschrift für einen simplen Bezahlvorgang zu verlangen, aber das passte zum Ambiente. Sie legte den Daumen auf das Feld, bis der Screen anzeigte, dass er alle Daten hatte: den Daumenabdruck und die Information aus dem in ihrer Hand implementierten Chip.

»Die Rechnung wird Ihnen elektronisch zugeschickt.« Taehjung zog einen Duplicator unter dem Tresen hervor. »Dann würde ich jetzt den Schlüssel aufladen. Sie haben Zimmer sieben.«

»Ich dachte ja, ich bekomme so einen.« Sie zeigte auf das Bord hinter ihm, wo an goldenen Haken Schlüssel mit klobigen Anhängern hingen.

Er lächelte. »Die sind nur noch Deko, eine Erinnerung an meine Urgroßmutter.«

»Ich nehme an, sie war Alice?«

»Ja, genau.« Er tippte An- und Abreisedatum ein und schob ihr den Duplicator hin, damit sie ihre Hand darauf legen konnte. »Der Schlüssel löscht sich automatisch um Rot vier an Ihrem Abreisetag. Bis dahin das Zimmer bitte räumen.« Er lächelte entschuldigend. »Leider haben wir keinen Aufzug, aber ich kann Ihren Koffer gern hochtragen.«

»Das schaffe ich schon, danke.«

Die Treppenstufen waren aus Holz und knarzten. In jedem Stock gab es vier Zimmer, ihres lag im zweiten. Sie legte die Hand auf die Klinke und ein grünes Licht zeigte die Entriegelung an.

Es roch nach altem Holz und frischer Wäsche. Gegen die Sonne waren die Außenjalousien herabgelassen. Das Dämmerlicht und kleine, liebevolle Details machten das Zimmer heimelig. Eine echte Blume in einer Vase auf dem Tisch, zwei bunt gesprenkelte Gläser neben der Wasserflasche, ein Aquarell an der Wand. Kein Standard-Druck, ein richtiges Aquarell. Vermutlich das Hobby eines Familienmitgliedes.

Mit einem Lächeln dachte sie daran, wie viel unpersönlicher ein Village-Hotel gewesen wäre. Viel mehr Luxus, aber zweckmäßig, unaufdringlich und glatt. Dort hätte das Zimmer nach der voreingestellten Duftvariante gerochen. Bevorzugen Sie Pinetree, Oceanbreeze oder Meadow? – Ich hätte gerne Holz und Wäsche, dankeschön.

Sie räumte ihre Sachen ins Bad, stellte die Zahnbürste auf das Ladegerät, dann fiel ihr die Kondompackung in die Hand. Seit der Trennung von Peter war sie nicht mehr zum Termin für die Spritze gegangen. Falls sie beide also morgen die Erinnerung an alte Zeiten aufleben lassen wollten, würde die Verhütung in seiner Verantwortung liegen. Sie nahm ein Kondom mit ins Zimmer und schob es in ihre Handtasche. Sicher ist sicher. Auf dem Bett lag der Koffer aufgeklappt, darin der schwarze Balconette-BH samt Höschen, an dem noch das Preisschild hing. Sie seufzte. Was tat sie hier eigentlich? Wusste sie, was sie wollte?

Ja. Sie wollte wissen, woher die Organe kamen, die Peter seinen Patienten einpflanzte. Aber hatte sie tatsächlich vor, Sex zu verwenden, um es zu erfahren? Nein, der Sex war nur … eine private Hoffnung. Eine Erinnerung. Er hatte rein gar nichts mit ihrer Recherche zu tun.

Andererseits, wenn er half …

Sie sah zum Spiegel neben dem Schrank und zwinkerte sich zu. Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

***

Keith stand am Fenster der Kommandozentrale von Noshades und blickte hinaus in die gleißende Wüste. Die Sonne stand so hoch am Himmel, dass sie geradezu bedrohlich wirkte. Tausende von Kilometern weiter östlich, auf der Mitte der Tagseite, schmolz ihre permanente, unbarmherzige Hitze den Wüstensand zu Glas.

Drei Stockwerke unter ihm exerzierten Männer im Licht dieser Sonne. Das Gebrüll des Drill Sergeants klang trotz der geschlossenen Fenster zu ihm herauf, der aufgewirbelte Sand wurde in Fahnen bis vor die Scheiben getragen. Fast glaubte er, auch den Schweiß der Männer riechen zu können, die dort unten in einheitlichen Formationen ihr Training absolvierten. Gleichförmig die Bewegungen, einheitlich die austrainierten Körper, sogar die Schweißflecken auf den sandroten Hemden hatten dieselben Umrisse.

Was sie hier aufgebaut hatten, erfüllte ihn immer wieder mit Stolz. Die Wertschöpfung für MinerVa Inc. war enorm, und selbst die Entsorgung warf noch Profit ab.

Aber das erklärte wohl nicht dieses Gefühl, das an Keith zog, immer wenn sein Blick über die gleichmäßigen Reihen der weiß getünchten Baracken schweifte, über die ordentlich geharkten Wege und die Trupps kahlgeschorener Männer, die in Zweierreihen auf ihnen entlang liefen. Er verstand nicht völlig, was er bei diesem Anblick empfand und warum. Es fühlte sich an wie … Frieden.

Hinter ihm öffnete sich die Tür und Keith wandte sich um. Zuerst kam Wang in den Konferenzraum, der Verwaltungschef dieses Stützpunktes, verantwortlich für dessen Wirtschaftlichkeit. Ihm folgte ein Mann mit militärischer Haltung und einer beeindruckenden Narbe quer über dem linken Auge. Ein alter Haudegen, der selbst zu diesem Meeting Wüsten-Tarnhose und ein schlichtes Shirt trug, das sich über beeindruckenden Muskeln spannte. Keith streckte die Hand aus und ging auf den Mann zu. »Colonel Trakev.«

Das vernarbte Auge blickte ebenso wach wie das andere, die Iris war aber braun und nicht blau wie die des rechten. Ein Spenderorgan. Noch ein Erfolg für MinerVa Inc., den die Kendricks sich auf die Fahnen schreiben konnten.

Trakev salutierte zuerst, bevor er zum zivilen Gruß die Hand reichte. »Eine Ehre, Sie wieder einmal hier zu haben, Sir.«

Seine Hand war knochenhart, sein Händedruck fast schmerzhaft. Keith machte sich einen Sport daraus, den Druck zu erwidern. Erst dann reichte er auch Wang die Hand, und als dieser bei dem Griff zusammenzuckte, grinste Keith in sich hinein.

Wang war ein Schreibtischhengst und nur hier, weil er sich bewähren musste. Jemand wie er meldete sich nicht freiwillig auf einen Arbeitsplatz, der so weit auf der Tagseite lag. Im Gegensatz zu Trakev. Kerle wie er suchten in der Wüste das Extreme, die Herausforderung. Und er hatte sie zweifellos gefunden.

»Sie wissen, warum ich hier bin«, begann Keith, kaum dass sie sich gesetzt hatten.

»Es geht um den Angriff auf Breinen«, sagte Trakev.

Wang schlug derweil die mitgebrachte Mappe auf und fingerte nervös an dem Screen darin herum. »Das Frühwarnsystem hat tadellos funktioniert. Wir konnten fast alle Einwohner rechtzeitig in Sicherheit bringen.«

»›Fast‹ und ›tadellos‹ im gleichen Satz, Wang? Halten Sie mich für einen Idioten? Ich will Gründe und Konsequenzen hören.«

Wang hatte inzwischen eine Übersicht aufgerufen und schob sie auf die beiden großen Wandscreens am Kopfende des Raumes. Sie zeigten jetzt beide das gleiche Bild. »Hier sehen Sie das Netz der installierten Detektoren im Gebiet der …«

»Ich kenne unser Frühwarnsystem«, unterbrach ihn Keith. »Ich will wissen, was schiefgelaufen ist.«

»Natürlich, Sir.« Wieder fummelte Wang auf seinem Gerät herum, und auf den Wandscreens erschienen unzählige rote Linien, die sich überlagerten und zu Flüssen und Strömen vereinigten. »Das sind die in den vergangenen sechzig Phasen erfassten Flugbewegungen der Mantis. Und hier«, ein abweichendes Bild erschien auf dem linken Screen, »die der sechzig Phasen davor.«

Das war interessant. Keith beugte sich vor und studierte die beiden Grafiken. »Es sieht aus, als würden sie die Detektoren inzwischen meiden.«

»Mehr als das. Sie scheinen sie bewusst zu nutzen, um uns in die Irre zu führen.« Eine Linie wurde hervorgehoben. »Der Schwarm, der Breinen überfallen hat, hat sich zuerst in nördliche Richtung bewegt, um dann kehrt zu machen und über nicht überwachtes Gebiet nach Breinen zu gelangen.«

»Und warum zum Teufel ist dieses Gebiet nicht überwacht?«

»Es handelt sich um felsiges Gelände, voller Canyons und Schluchten. Unmöglich, dort jeden Bereich abzudecken.«

Jetzt mischte sich Trakev ein. »Als wüssten sie das. Immer wieder schlagen Schwärme in kleinen Siedlungen zu, als wollten sie das System austesten.«

Keith sah ihn skeptisch an. »Es sind Insekten, Trakev. Große Heuschrecken.«

»Haben Sie diesen Heuschrecken schonmal gegenübergestanden, Sir?«

In der Konzernzentrale gab es ein paar Statuen, von Künstlern geschaffene Interpretationen, und wie jeder spürte auch Keith bei ihrem Anblick ein gewisses Unbehagen. Das war nur natürlich bei Insekten, die einem bis zur Hüfte reichten, mit aufgerichtetem Vordersegment und hochgereckten Deckflügeln sogar bis zur Brust. Die unbeweglichen Gesichtszüge aus Chitin, die sechs starren Augen, die kraftvollen Mandibeln, die einen menschlichen Arm mit nur einem Biss durchtrennen konnten, all das machte die Mantis nicht gerade zu Sympathieträgern.

»Ich bestreite nicht, dass der Anblick furchteinflößend ist, aber das ändert nichts daran, dass es bloß Tiere sind.«

»Und was sind wir anderes als Säugetiere?«

Keith lehnte sich zurück. »Wie viel Hirn passt schon in so einen flachgeklopften Chitinschädel? Vielleicht ist es Schwarmintelligenz.«

»Unklar. Wir beschäftigen uns noch nicht lange mit ihnen.«

Das war allerdings richtig. Die Menschheit siedelte seit knapp hundert Jahren auf Deuteragäa, und sie hatte bisher alle Hände voll zu tun, die wichtigsten Eigentümlichkeiten und größten Gefahren dieser neuen Umgebung einzudämmen, die Grundversorgung für eine wachsende Anzahl an Bewohnern sicherzustellen und, nicht zu vergessen, eine völlig neue Gesellschaft aufzubauen. Seit Ausbruch der »Troubles« auf der Erde hatte es – außer an Flüchtlingen – keinerlei Nachschub mehr von dort gegeben, weder an Rohstoffen noch an Technologie. Niemand hier hatte die Zeit gehabt, sich um staatenbildende Insekten zu kümmern, die weit draußen auf der Tagseite lebten und die Menschen in Ruhe ließen. Niemand außer MinerVa Inc.

Keith zeigte auf den Bildschirm. »Wir haben dieses System installiert, um die Siedlungen frühzeitig warnen zu können. Wir können unsere Einheiten nicht immer vor Ort schicken. Sie wissen, dass das ein Risiko ist.«

Wang sah betreten auf den Schreibtisch, aber Trakev lehnte sich zurück. »Mit Verlaub, Sir, außer uns kann es niemand.«

»Darum müssen wir solche Schwärme aufhalten, bevor sie bewohntes Gebiet erreichen. Wir sollten einige Exemplare einfangen. Den Feind analysieren. Schwachstellen finden. Trauen Sie sich das zu?«

»Das Einfangen schon, Sir.«

»Um den Rest kann Wang sich kümmern.« Er nickte dem Verwaltungsleiter zu. »Stellen Sie mir eine Liste von Forschungseinrichtungen zusammen, die das übernehmen können.«

Wang machte ein nachdenkliches Gesicht. »Mantis überleben bloß ein paar Phasen in Gefangenschaft.«

»Wir können jederzeit neue fangen. Suchen Sie also am besten was in der Nähe.«

»Ich mache mich sofort dran, Mister Kendrick.«

Keith sah wieder Trakev an. »Wir können die Einheiten nicht ständig mit der Zivilbevölkerung in Kontakt bringen. Die Medien werden schon aufmerksam.«

»Die Männer tragen Helme, Sir. Und bisher haben wir alles unter Kontrolle.«

»Trotzdem. Keine Evakuierungen mehr ohne Freigabe von oben. Das heißt: von mir.«

»Verstanden, Sir.«

***

»Wir haben eine Kabine, falls dir das lieber ist.« Peter nickte zur Trennwand hinüber, während er ihr das in dünnes Plastik eingeschweißte OP-Set hinhielt.

»Als ob du mich noch nie nackt gesehen hättest.« Moira legte das Päckchen vor sich auf die Holzbank und knöpfte die Bluse auf.

»Ist zumindest eine Weile her.«

Fast schon komisch, wie er beim Umziehen gegen die Wand starrte. So würde er ihren schwarzen Balconette kaum würdigen können. Vermutlich hatte sie den völlig umsonst gekauft.

Für Peter gab es keine halben Sachen, und eine Trennung war eben eine Trennung. Überhaupt war er ziemlich altmodisch. Damals hatte er ihr sogar vorgeschlagen, zusammen in ein Zweier-Appartement zu ziehen, also Wohnung und Phase zu teilen, wie ihre Großeltern. Irgendwelche Landeier machten das wohl heute noch so.

Im Grunde war ihr damals zum ersten Mal aufgefallen, dass sie eigentlich gar nicht zusammenpassten. Seine Träume und Pläne legten alles fest, errichteten eine Mauer um sie beide, um ihr gemeinsames Leben. Aber das andere, eine Beziehung ohne ein genaues Bild für die Zukunft und einen Plan für den Weg dorthin, das hatte wiederum er nicht ertragen.

Sie riss das Plastik auf. Das Päckchen enthielt das bekannte Ensemble aus Hose und Hemd, Mundschutz, Haarkappe und sogar Einweg-Schuhe.

»Bist du das Leben als freie Journalistin nicht langsam leid?«, fragte Peter unvermittelt.

Sie streifte den Rock ab. »Wieso?«

»Ich halte es für eine Talentverschwendung. MediCare hat immer Verwendung für eine gute Chirurgin, und vielleicht willst du wieder mal die Vorzüge eines Corporate Village genießen.«

In einem Village würde sie sich sogar ein Zimmer leisten können, das sie nicht phasen-teilen musste. Alle großen Konzerne unterhielten diese Gated Communities für ihre Arbeitnehmer.

Sie zog das Oberteil über. »Fühlst du dich nicht manchmal zu sehr überwacht? Dass sich das System vielleicht fragt, warum du das Village während Gelb verlässt, obwohl das gar nicht deine Arbeitsphase ist?«

Peter zuckte mit den Schultern. »Wenn sie daraufhin das Freizeitangebot verbessern, warum nicht? Bist du soweit?«

Sie waren jetzt beide in labberiges Grün mit übergroßem MediCare-Emblem gekleidet und bereit für die Desinfektionsschleuse.

»Moment noch.« Sie stellte ihren Screen am Handgelenk auf Netzfrei, damit das Funksignal die empfindlichen Geräte im OP nicht störte. Auch die Kamerabrille stellte sie um, würde die Aufnahme auf einen Chip speichern, statt sie direkt in den Data-Ocean zu übertragen. Sie setzte die Brille auf und senkte den Mundbügel. Jetzt sah sie Peter durch zwei Screens direkt vor ihren Augen. Rechts unten blinkte der rote Aufnahmepunkt. Sie zoomte auf Peters verlegenes Grinsen.

»Wir sind heute auf Einladung von Doktor Peter Sanchez im MediCare Krankenhaus in Green Sands.«

»Doktor Sanchez? Du machst mich fertig.«

»Könntest du bitte ernst bleiben? H&S ist ein seriöser Kanal.«

»Hab ich dir jetzt die Aufnahme versaut?«

»Das wird alles eh noch geschnitten. Wenn du nett bist, retuschiere ich sogar den Pickel an deinem Kinn.«

»Das wäre sehr zuvorkommend.« Er räusperte sich und versuchte, seriös auszusehen, während sie ihr Intro wiederholte und dann fortfuhr.

»Doktor Sanchez wird in wenigen Minuten eine Nierentransplantation nach der neuen von ihm mitentwickelten, minimalinvasiven Methode vornehmen. H&S, Ihr Kanal für Medizin und Wissenschaft, berichtet für Sie direkt aus dem Operationssaal. Danke, dass wir hier sein dürfen, Doktor Sanchez.«

»Aber gerne doch.« Er machte eine auffordernde Geste und ging ihr voran zur Schleuse. Moira schaltete die Bildaufnahme aus, und die Brillengläser wurden durchsichtig. Das schien Peter zu erleichtern. Im OP und selbst in einem Hörsaal konnte er unglaublichen Charme versprühen, aber eine Kamera machte ihn befangen.

»War das nicht eine etwas steife Einleitung?«, fragte er.

»Ist ein Wissenschaftskanal, die mögen das so.«

Als sie beide durch die Schleuse waren, war die Zeit reif. Möglichst unbefangen fragte Moira: »Eure Abteilung hat gut zu tun, soweit ich gehört habe.«

»Was soll ich sagen?« Peter zuckte mit den Schultern. »Bei dem Lebensstil heute geben Niere und Leber als erstes auf.«

»Kann ich mir vorstellen. Ich habe da so eine Mitbewohnerin …« Allerdings hatte Nuri Alkohol und Tabletten tatsächlich auf null reduziert, seit sie von der Schwangerschaft wusste. Womöglich war ihre Gereiztheit bloß eine Entzugserscheinung. Oder das war einfach die wahre Nuri, ohne die künstlichen Glücklichmacher.

»Aber«, sagte Moira, »die Nachfrage nach Transplantationen gab es auch früher. Woher bezieht ihr die Organe?«

»Du weißt, das sind Firmendaten.«

Da war es, das Zauberwort. Firmendaten. Es bezeichnete eine absolute Grenze. Firmendaten waren das neue Numinosum, das heilige Tabu ihrer Gesellschaft. Es gab Leute, die sogar das Wort Firmendaten nur flüsternd aussprachen.

»Komm schon«, sagte Moira. »Noch vor ein paar Jahren war das ein riesiges Problem, und plötzlich habt ihr genug Nieren, um drei OPs in einem Monat durchzuführen?«

Peter blieb stehen. »Woher weißt du das?«

Er dementierte es nicht. Hätte auch nicht viel genützt, denn sie hatte mit den Patienten gesprochen. »Ich bin Journalistin, schon vergessen?«

»Ich habe keine Ahnung, woher die Organe kommen. Ich baue sie bloß ein.« Er wandte sich um und ging weiter. Moira hingegen stand immer noch da.

»Du weißt schon, dass deine Ohren rot werden, wenn du lügst?«

Mit einem Seufzen blieb er stehen. »Wie du weißt, erhalten auch Angestellte Firmendaten nur auf einer strikten Need-to-know-Basis.«

»Aber es gibt Gerüchte.« Sie schloss zu ihm auf. »Von wem bekommt ihr die Organe? Bahi-A?«

»Also weißt du es schon.«

Trotzdem blieben Zweifel. Falls Bahi-A tatsächlich Steaks ohne Rinder herstellen konnte, wieso vermarkteten sie diese dann nicht entsprechend? Und noch etwas störte Moira. »Für ein Schnitzel oder eine Leber kann ich mir das ja vorstellen.« Das waren homogene Organstücke, deren Funktion im Wesentlichen von der Art der Zellen abhing, unabhängig von deren genauer Anordnung. »Aber eine Niere? Oder gar ein Herz? Komplett mit Kammern, Klappen und passenden Anschlüssen?«

Er warf einen Blick auf ihre Kamerabrille, wie um sich zu vergewissern, dass die Aufnahmefunktion noch immer ausgeschaltet war. Moira lächelte beruhigend. Wenn die Gläser durchsichtig waren, wurde nicht gefilmt, das war bei allen vom Konzernrat genehmigten Kamerabrillen der Fall. Was Moira ihm nicht sagte war, dass sie die Audioaufnahme weiterlaufen ließ.

Schließlich seufzte er. »Ich weiß wirklich nichts Definitives. Aber ich vermute, dass hinter Bahi-A jemand anderes steht.«

»Und wer?«

Wieder zögerte er. Als er zu einer Antwort ansetzte, trat eine Frau in den Gang heraus. »Hier steckst du! Der Patient ist schon da und wird gerade vorbereitet.«

»Entschuldige, Mbali. Ich komme.«

Moira fluchte lautlos und folgte Peter in den OP.

***

Keith hatte von seinem Jet aus noch eine Video-Konferenz mit Neu-Mumbai abgewickelt. Als der Screen dunkel wurde, waren sie noch immer nicht in der Luft. Er drückte den Knopf, der ihn mit dem Cockpit verband. »Gibt es ein Problem?«

»Ja, Sir. Wir erhalten keine Starterlaubnis.«

»Warum nicht?«

»Ich bekommen keine Informationen, Sir. Vielleicht können Sie was ausrichten.«

Er wählte Wang an, aber auf dem Screen erschien nur das Bild von dessen Sekretär. »Sir?«

»Wo ist Wang?«

Dem jungen Mann war sichtlich unwohl in seiner Haut. »Mister Wang ist leider gerade nicht …«

»Dann holen Sie mir jemand anderen an den Schirm, der mir sagen kann, warum ich noch nicht in der Luft bin. Oder Sie können heute Abend Bewerbungen schreiben.«

»Natürlich, Sir. Sofort, Sir.« Der Sekretär begann mit hektischer Tätigkeit, während Keith ungeduldig auf das lackierte Wurzelholz der Vertäfelung trommelte. Erdimport, natürlich.

»Sir«, meldete sich der Sekretär erneut. »Ich verbinde Sie mit Colonel Trakev.«

»Aber ein bisschen plötzlich.«

Das Bild sprang zu dem Colonel, von dem im Wesentlichen das kantige Kinn zu sehen war. Vermutlich sprach er in seinen Armband-Screen. »Sir?«

»Ich will wissen, warum wir keine Starterlaubnis bekommen.«

»Der Luftraum ist blockiert, Sir.«

»Blockiert? Von wem?«

»Mantis, Sir.«

Keith zögerte nur einen Herzschlag lang. »Schicken Sie mir einen Wagen, ich komme wieder rein. Und dann will ich Einzelheiten hören.«

Die fünf Schritte vom Wagen zum Eingang des klimatisierten Haupthauses der Niederlassung waren wie der Gang durch einen Backofen. Im Foyer erwartete ihn Wang.

»Ich entschuldige mich für diese …«

»Wo ist Trakev?«

»Er ist im Einsatz, Mister Kendrick, aber wir haben eine Liveschaltung in den Konferenzraum hier im Erdgeschoss.«

Auch dort gab es zwei Screens, und beide zeigten den gleichen Film. Offenbar das, was Trakev durch seine Helmkamera sah. Das Bild hüpfte, während er auf die wartenden Helikopter zurannte. Aus den Lautsprechern drang sein Brüllen: »Staffeln sechs und sieben in die ’Kopter, los, los!«

Männer in schwarzen Uniformen und Helmen rannten vorbei.

Keith zeigte auf den Screen. »Warum tragen sie keine Wüstentarnung?«

»Die schwarze ist die Kampfmontur. Mit FRT.«

Sehr gut. Dann würden sie auch die neuen Modelle gleich testen können. »Wie kann ich mit ihm sprechen?«

»Die blaue Taste vor Ihnen.«

Keith drückte sie. »Trakev, Hören Sie mich? Kendrick hier.«

»Ich höre Sie, Sir.«

»Was ist passiert?«

»Ein großer Schwarm, Sir, an die siebentausend Tiere.«

»Und was ist ihr Ziel?«

»Green Sands, Sir.«

Keith sah zu Wang hinüber, der bleich auf den Schirm starrte. Green Sands war keine kleine Wüstensiedlung. Es war eine Stadt, in der mindestens drei Konzerne Villages unterhielten.

Wieder drückte er den Knopf. »Können wir sie rechtzeitig abfangen?«

»Unklar, Sir. Die Scanner haben sie sehr spät entdeckt.«

»Wie kann das sein?«

»Wir vermuten, dass sie gelaufen sind und erst in Zielnähe aufgestiegen.«

Diese Biester waren tatsächlich erstaunlich raffiniert.

»Sir?«, fragte Trakev. »Was ist Ihre Anweisung, falls sie Green Sands erreichen? Es gibt dort ein MinerVa-Village.« Dann brüllte er: »Staffeln acht und neun, kommt in die Hufe, Mädels! Sonst kommt ihr zu spät zum Ball!«

Keith sah zu Wang hinüber. »Wie groß ist Green Sands? Viele Villages?«

»Nur zwei.« Wang wandte die Augen nicht vom Screen. »MinerVa, und eins, das von MediCare und Bahi-A gemeinschaftlich genutzt wird.«

»Dann kann die Stadt so groß nicht sein.«

»Achtzig Prozent der Bevölkerung lebt in der City.« Wang warf ihm einen kurzen Blick zu. »Hier draußen haben die Villages nicht die gleiche Bedeutung wie im Kernland der Dämmerungszone.«

Natürlich nicht. Am Wüstenrand sammelten sich die Weltfremden, diejenigen, die sich nicht einfügen konnten, die dem Druck nicht gewachsen waren, die Verlierer. City-Material. Wie Phil.

»Kontaktieren Sie sofort MediCare und Bahi-A. Handeln Sie einen Preis für den Schutz ihrer Villages aus.«

Wang nickte. »Auch für das Krankenhaus? Es ist eine MediCare-Einrichtung.«

»Auch dafür.«

Wang nickte und ging, Keith drückte wieder auf den Knopf. »Trakev, konzentrieren Sie den Einsatz auf den Schutz der Villages und des Krankenhauses!«

»Verstanden, Sir.«

»Und ich will im Anschluss eine Evaluierung, wie sich die neue FRT-Panzerung macht.« Er lehnte sich zurück und beobachtete, wie der Heli abhob.

Er verstand noch immer nicht, warum Vater so zurückhaltend war. Sah er denn nicht die unglaubliche Möglichkeit, die sich hier bot? Endlich ergab sich die Chance, die Gesellschaft auf Deuteragäa in so etwas wie ein echtes Staatswesen zu führen.

Nicht wie auf der Erde, natürlich. Sein Urgroßvater hatte sich dort noch den sogenannten Politikern anbiedern müssen. Lobbyarbeit hatte man das genannt. Dabei hatte auch damals schon jedes Kind gewusst, dass die eigentliche Macht von den Konzernen ausging, von den großen Wirtschaftslenkern und Visionären, den eigentlichen Leistungsträgern. Auf Deuteragäa hatte man den Irrweg Politik vermieden, schon deswegen, weil die ersten Expeditionen und die Besiedelung natürlich durch Großkonzerne finanziert worden war. Wer zahlt, bestimmt.

Auf Deuteragäa wurden nur die Cities von Bürgergewerkschaften regiert und finanzierten sich aus den Steuergeldern ihrer Bewohner und der klein- und mittelständischen Unternehmen. Entsprechend sah es dort aus: schmutzig und chaotisch, voll dunkler Clubs, Drogen und Glücksspiel. Prostitution auf offener Straße. Ein Sumpf, in dem auch Phil versunken war.

Phil hatte sich nicht nur dem ständigen Wettstreit entzogen. Er hatte sich allem entzogen, das für vernünftige Menschen wertvoll war. Er hatte ihr Haus, ihre ganze Familie in einen Ort des Wahnsinns verwandelt. In einen Ort, an dem nachts die Polizei klingelte – ohne Blaulicht, weil man den vollgedröhnten Sohn des großen Mannes diskret abliefern wollte.

Keith atmete tief ein. So vieles würde er ändern. Alles, was er dazu brauchte, hatte er auf Noshades – oder er würde es bald haben, sobald Tau einsatzbereit und Phi ausgereift war – und dann würde er sich nicht scheuen, diese Aufgabe anzugehen. Gleichgültig, was Vater dazu sagte.

***

Sobald sie den Vorraum zum OP betraten, straffte sich Peter. Jetzt war er ganz Arzt. Moira schaltete das Video an und zog den Mundschutz über, während Peter sich in der Ecke die Hände schrubbte und die Handschuhe überziehen ließ. Der Patient, ein dicklicher Mann um die vierzig, war noch wach.

»Sind Sie die Reporterin?«

Moira trat an den Tisch. »Genau, Mister Giniakis, mein Name ist Moira Chakrabarti. Vielen Dank, dass Sie Ihr Einverständnis für die Aufnahmen gegeben haben.«

Er grinste. »Meine fünf Minuten Ruhm, nicht wahr?«

»Ihr Gesicht wird leider gar nicht zu sehen sein.«

»Das ist auch nicht das Fotogenste an mir.« Er klatschte mit beiden Händen fröhlich auf seinen haarigen Bauch, der dabei in wellenartige Bewegung geriet. Moira musste grinsen.

»Stillhalten«, forderte die Schwester trocken und spritzte das Sedativum in den Schlauch. »Und jetzt zählen Sie mal.«

Er kam bis vier.

Dann wurde alles sehr routiniert und Moira trat an die Wand zurück, um nicht im Weg zu stehen. Erstaunlich, wie vertraut das alles sofort wieder war. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, das Piepsen der Geräte, die ruhigen, knappen Anweisungen. So vertraut, dass sie unwillkürlich unter den OP-Masken nach bekannten Gesichtern suchte. Einer der Assistenten zwinkerte ihr zu, aber erst, als er eine grün gefärbte Locke unter seiner Haube hervorzupfte, erkannte Moira ihn. Richtig. Mikael hatte sich zusammen mit seinem Chef versetzen lassen. Ein guter Karriereschritt, aber sie hatte auch schon immer den Verdacht gehabt, dass Mikael in den smarten Chirurgen verschossen war. Nun, inzwischen war der Weg ja frei. Sie nickte ihm zu.

»Keine Flirtereien im OP«, sagte Peter trocken. »Mikael, Konzentration bitte. Ich setze jetzt den ersten Schnitt für das Laparoskop.«

Der Kühlbehälter mit der neuen Niere stand schon bereit. Er war tatsächlich nicht in den Farben von Bahi-A gehalten. Der Lebensmittelkonzern hatte ein kräftiges Rot zu seinem Kennzeichen gemacht, dieser Behälter aber war wollweiß mit einem strahlend blauen Deckel. Er trug keinerlei Emblem. Das war merkwürdig. Warum schrieb eine Firma ihren Namen nicht auf ihre Produkte? Auf Produkte, die Leben retteten? Welche bessere Werbung könnte es geben?

Nun, da alle fünf Beteiligten ihre Plätze eingenommen hatten, trat Moira wieder näher. »Doktor Sanchez, würden Sie uns bitte genau erklären, was Sie hier tun?«

»Gern. Wie Ihre Zuschauer sicher wissen, basiert minimalinvasive Chirurgie auf der Grundidee, dass wir den Patienten nicht wie ein Buch aufklappen müssen, um an die Niere zu gelangen.«

In seiner launigen Art kommentierte Peter jeden seiner Handgriffe und Moira sah durch die beidseitigen Kameras das Geschehen in übernatürlich deutlichem 3D, das sie nach Belieben heranzoomen konnte. Debbie vom Kaffeestand würde diese Bilder nicht genießen, aber für sie – und die Abonnenten des Kanals H&S – war es hochinteressant. Natürlich war die Laparoskopie, also das Einführen einer Kamera in den Bauchraum, keine neue Methode. So hatten Ärzte schon auf der Erde operiert. Aber der Austausch eines ganzen Organes auf diese Weise war eben doch eine filigrane Fisselarbeit.

»Das Geheimnis liegt darin, wie man die Schnitte setzt«, erklärte Peter, »und an der Roboterassistenz, deren Software ich selbst mitentwickelt habe. Mbeni?«

»Bin schon dabei.« Ein mechanischer Arm senkte sich von oben auf den OP-Tisch herab.

Plötzlich flackerten alle Lampen. Auch der Bildschirm, der das Innere der Bauchhöhle des Patienten zeigte, fiel kurz aus und erholte sich flimmernd. Alle blickten sich besorgt um.

»Passiert sowas öfter?«, fragte Moira.

»Eigentlich nicht.« Peter konzentrierte sich wieder auf den Patienten, doch nach kurzer Zeit flackerte das Licht erneut. Enerviert blickte er auf. »Mikael, schau doch mal, was da los ist. Moira, übernimmst du die Beatmungskontrolle?«

»Natürlich.« Sie nahm Mikaels Platz ein, von wo aus sie ein waches Auge auf die Herz-Lungen-Maschine hatte.

Peter nickte ihr zu und an seinen Augen erkannte sie, dass er unter der Maske lächelte. »Womöglich wird deine langweilige Medizin-Reportage doch noch spannend.«

Wieder flackerte das Licht, und diesmal erschien es Moira, als habe sie so etwas wie eine Detonation gehört. Sie hielt den Handbeatmungsbeutel schon in der Hand, doch die Maschine hatte eine eigene Stromsicherung und den kurzen Ausfall gut weggesteckt. Himmel, was war da draußen bloß los? Moira blickte sich um, aber in dem fensterlosen Raum gab es keinerlei Antworten.

Mbeni schaute auf. »Sollen wir abbrechen?«

»Und den Mann ohne Niere nach Hause schicken? Wir sind schon zu weit. Alles klar auf deiner Seite?«

Mbeni nickte. »Ich bin soweit.«

»Dann hinein damit.«

Peters Anweisungen waren jetzt knapp und spärlich. Jeder im Team wusste, was er zu tun hatte. Es schien Moira, als arbeiteten alle schneller. Dann dröhnte tatsächlich eine Explosion und ließ die Instrumente auf den metallenen Tabletts klirren. Wieder sah Moira sich um. Warum kam niemand und sagte ihnen, was los war?

»Stirn!«, sagte Peter.

Moira tupfte ihm den Schweiß von den Brauen.

Plötzlich stand Mikael in der Tür. »Mantis«, keuchte er. »Sie greifen Green Sands an. Das Krankenhaus wird evakuiert.«

Mantis? Eine Stadt von der Größe Green Sands? Unmöglich.

Ein erneuter Einschlag ließ den OP-Tisch beben und Peter musste Mbenis Aufmerksamkeit mit einem scharfen Befehl zurück auf den Patienten zwingen. »Reiß dich zusammen. Wir können den Patienten nicht einfach ein paar Stunden auf Eis legen. Mikael, auf deinen Posten.«

»Nein, Chef.« Mikaels Stimme war schrill vor Panik. »Das sind tausende. Der Himmel ist schwarz von ihnen.«

»Mikael!«

Doch der junge Mann war schon weg und eine der Schwestern schloss sich ihm an. Im ersten Moment wollte Moira ihnen folgen, sich in Sicherheit bringen, oder zumindest herausfinden, was los war, doch dann fluchte Peter und Moira kämpfte den Impuls nieder. Ruhe bewahren. Auf die Aufgabe konzentrieren. Sie klappte die Kamerabrille zusammen und steckte sie in die Kitteltasche, wollte es zumindest, aber musste es noch einmal versuchen, weil ihre Finger zu sehr zitterten. »Ich übernehme.«

»Danke.«

Die Explosionen gingen weiter, aber offenbar hatte das Krankenhaus jetzt auf die Notversorgung umgestellt und es gab keine Stromfluktuationen mehr. Moira assistierte und bemühte sich, jeden Gedanken nur auf Mister Giniakis und ihre Aufgabe zu richten. Tatsächlich verblassten die Geräusche des Angriffes, bis sie schließlich nicht einmal mehr den Lärm der Explosionen wahrnahm. Ihre Selbstdisziplin war ein Schutz vor der Angst, mehr feige Flucht als mutiger Einsatz, doch immerhin wirkte es.

Schließlich nickte Peter Mbeni zu. »Du kannst jetzt vernähen.« Und zu Moira sagte er: »Stell die Grundversorgung zusammen. Ich nehme an, dass wir ihn transportieren müssen.«

Das Personal hatte sich weiter verringert. Außer Moira waren nur noch Peter und Mbeni im Operationssaal. Mbeni schloss die Wunde und Peter unterstützte sie mit einem gelegentlichen Handgriff. Wie sinnlos das alles war. Mister Giniakis war nicht transportfähig. Er würde sterben. Ob er verheiratet war? Ob er Kinder hatte?

Mit einem Knall sprang die Tür auf und Moira fuhr zusammen. Ein Mann mit Helm und in Kampfmontur betrat den Raum, eine Schusswaffe im Anschlag. Soldat, dachte Moira unwillkürlich. Aber der Mann trug auf der Brust nicht das Emblem einer Sicherheitsfirma, sondern den gefiederten Helm der MinerVa Inc.. Doch das war sicherlich kein Minenarbeiter. In dieser Montur und mit dem schwarzen Helm, der sein Gesicht verdeckte, wirkte der Mann wie aus einem Combat-Game entsprungen.

»Dies ist ein steriler Raum!«, fuhr Peter den Mann an. »Raus mit Ihnen!«

Der Mann, eben noch in vorsichtig-lauernder Stellung, nahm Haltung an. »Sir! Wir haben Befehl, dieses Gebäude zu evakuieren, Sir!«

Warum bloß brachte man Soldaten bei, ausschließlich brüllend zu kommunizieren? Peter wies auf Giniakis, der inzwischen vollständig vernäht war, und brüllte ebenfalls. »Wir brauchen einen Krankentransport!«

»Nottransporter stehen auf dem Dach bereit, Sir! Folgen Sie mir!«

Zusammen hoben sie den Patienten auf die Rolltrage, zurrten ihn fest und schoben ihn durch die Gänge des Krankenhauses, durch das Menschen in wildem Durcheinander strömten. An den Abzweigungen und Treppenhäusern dirigierten gesichtslos behelmte Soldaten die Menschenströme.

Über allem lag ein seltsamer Ton, ein tiefes Brummen, das alles zu durchdringen schien und tief in ihrem Inneren vibrierte. Am ersten Fenster, das sie passierten, blieb Moira stehen.

Green Sands stand in Flammen. Hier, außerhalb der schützenden Wände des OPs, war der Lärm erschreckend. Detonationen grollten in der Ferne, viel näher peitschten Gewehr­salven, Menschen schrien. Waren die Mantis tatsächlich schon so nah? Sie hatte diesen Insekten, die groß wie Doggen sein sollten, noch nie gegenübergestanden. Was konnte sie nur tun? Nichts. Gar nichts. Nur weglaufen, aber wohin? Diese Dinger konnten fliegen!

»Wie viel Zeit haben wir?«

Statt einer Antwort wies der Soldat aus dem Fenster. Nicht auf die Stadt hinunter, sondern hinauf in den violetten Himmel. »Gar keine.«

Es sah aus wie eine Gewitterwolke, aber es war ein Schwarm. Die synchronen Bewegungen hunderter Tiere ließ sie wie einen einzigen, gewaltigen Organismus wirken. Einen Moment starrte Moira auf das Schauspiel, hielt sich fest an dieser Schönheit, die den Schrecken für einen winzigen Augenblick verdrängen konnte.

»Kommen Sie, Ma’am.«

Der Soldat ging, aber Moira blieb. Als würde der Schrecken nicht weitergehen, wenn sie selbst einfach nicht weiterging. Als könne sie die Mantis durch ihr Beobachten bannen.

Beobachten. Sie war Reporterin. Das war es, was sie tun konnte.

Ihre Finger zitterten immer noch, als sie die Kamerabrille wieder hervorholte, doch jetzt war da dieses Gefühl der Entschlossenheit. Auf ihrem Handscreen wählte sie Judith an, während sie gleichzeitig die Brille aufsetzte. Auf Judith war Verlass, innerhalb von Minuten erschien ihr überschminktes Gesicht mit dem einseitigen Monokel-Screen, den Judith wohl ununterbrochen trug. Mit einer gezierten Geste schob sie sich eine strahlend blaue Haarlocke hinter das Ohr.

»Schätzchen, was gibt’s?«

»Geh in meine Lagoon. Ich bin in Green Sands, und wir werden von Mantis angegriffen. Ich streame meine Beobachtungen live.«

»Ach du heiliger Hüpfer! Ich seh’s! Die Sender werden sich drum reißen. Ich hol dir den besten Preis raus, versprochen, aber geh bloß keine Risiken ein, hörst du?«

»Mach ich nicht. Bis dann!«

»Küsschen, mein Schatz! Und pass auf dich auf!«

Judith gehörte zu den besten Medienbrokern der Branche und Moira schätzte sich glücklich, zu ihren Klienten zu gehören. Sie klappte den Audiobügel vor ihre Lippen. »Das ist die Wolke der Mantis, die in diesem Moment über Green Sands schwärmt.« Noch zitterte ihre Stimme, aber mit jedem Wort wurde sie fester. »Das Zentralkrankenhaus wird evakuiert, und ich befinde mich mitten im Strom der Flüchtlinge.« Sie folgte den Menschen, doch nicht, wie sie erwartet hatte, hinunter, sondern hinauf aufs Dach. Dort standen Transportflieger bereit, die Patienten und medizinisches Personal aufnahmen. Moira kommentierte das Geschehen mehr oder weniger sinnvoll. Das Bombardement hatte nachgelassen, und als Moira den Blick hob, sah sie kleine, wendige Jets die Wolken der Feinde attackieren. Doch die Mantis reagierten, wie Schwärme es eben taten, öffneten ihre Reihen und ließen die Feuersalven der menschlichen Angreifer ins Leere laufen. Fasziniert von dem Anblick blieb Moira stehen. Die Bewegung der Insektenmassen wäre wunderschön gewesen, wäre sie nicht so tödlich. Der Schwarm schloss sich um einen der Jets. Wenig später trudelte er aus der graubraunen Wolke den schwarzen Rauchschwaden entgegen, die sich aus der Stadt erhoben. Es zerschellte zwischen den Häusern und ein Feuerball erhob sich über die Dächer. Daher also kamen die Detonationen.

Sie kommentierte weiter die gefilmten Bilder. »Es ist nicht klar, ob die Insekten die Schwachpunkte der menschlichen Schiffe kennen, oder ob sie schlicht von den Triebwerken eingesogen werden und wichtige Teile verstopfen.« So oder so, es war effektiv. Eben wurde wieder ein Schiff auseinandergerissen und ging als glühender Regen über der Stadt nieder. Wie bei einem Feuerwerk. Nur dass bei jeder dieser Explosionen Menschen starben.

Auf dem Dach herrschte Chaos. Die Soldaten bemühten sich vergeblich, Ordnung in die panischen Massen in Kitteln und Schlafanzügen zu bringen, die zu den Transportern drängten.

»Kommen Sie!«

Der Soldat winkte sie zu sich – oder war es ein anderer? Es war nicht zu erkennen, welcher dieser behelmten Männer sie aus dem OP geholt hatte. Aber es war auch egal. Direkt vor einem Helikopter war ein Soldat dabei, Mister Giniakis vom OP-Tisch zu schnallen, und Peter hob wütend die Hände.

»Was machen Sie da? Der Mann wurde eben operiert! Sie können ihn nicht einfach in einer Ecke zusammenrollen wie einen Schlafsack!«

Der Soldat wandte ihm das schwarze Visier zu. »Nicht genug Platz, Sir!«

Er winkte Moira heran, doch sie schüttelte den Kopf. »Ich nehme den nächsten Transport! Peter, kümmere dich um ihn!«

Doch der Soldat brüllte über den Lärm des ersten abhebenden Transporters hinweg: »Medizinisches Personal wird nicht zurückgelassen!«

Menschen schrien in Angst und Verzweiflung hinter den Helis her. Dann stürmten sie auf die verbliebenen Transporter ein. Moira wurde von den Füßen gerissen und hätte sie nicht eine kräftige Hand im Sturz aufgefangen, wäre sie womöglich ernsthaft verletzt worden. Für einen Moment blickte sie in ihr eigenes Gesicht, das sich in einem schwarzen Visier spiegelte. Dann hob der Soldat eine automatische Pistole und feuerte eine Salve in die Luft. Die Menschen kreischten auf, die Bewegung der Masse geriet ins Stocken.

»Vorwärts!«

Moira fühlte sich auf den Transporter zugeschoben, doch sie schüttelte die Hand auf ihrer Schulter unwillig ab und drehte sich um. »Ich bin nicht hier, um Patienten im Stich zu lassen!«

Und plötzlich geschah alles auf einmal. Auf dem Visier des Soldaten wuchs eine schwarze Feuerwolke heran. Menschen schrien. Moira wurde am Kragen gepackt und herumgerissen, dann wurde alles schwarz.

***

Ein schwerer Druck auf ihrem Brustkorb, der Gestank von verbranntem Plastik und Gummi, ein beständiges Donnern und Dröhnen.

Explosion. Es hatte eine Explosion gegeben. Sie hatte sie im Visier des Soldaten gesehen.

Sie öffnete die Augen. Die Kamerabrille war fort, aber irgendetwas über ihr versperrte ihr die Sicht. Das ließ hoffen, dass der Druck auf ihrer Brust keine medizinischen Ursachen hatte. War sie verletzt? Da war ein beißender Schmerz in ihrem Bein. Er hatte sich zuvor wie ein lauerndes Tier unter die Wahrnehmung geduckt. Jetzt drängte er vehement in ihr Bewusstsein.

Sie versuchte sich zu bewegen, doch sie war wie am Boden festgezurrt. Nur die Finger ihrer rechten Hand waren beweglich. Jetzt drückte sie den Arm energischer nach oben, und es gelang ihr, ihn anzuwinkeln. Sie stemmte sich gegen das Gewicht über ihr, und es rutschte langsam zur Seite. Ein menschlicher Körper. Dann hörte sie einen Ruf.

»Hier drüben!«

Der Körper über ihr wurde fortgezogen. Wieder ein schwarzer Helm.

»Haben Sie Schmerzen?«, fragte der Helm. Ein medizinischer Scanner wurde über ihren Körper geführt.

Moira nickte. »Linkes Bein.« Beißender Rauch wehte herüber und ein Hustenanfall schüttelte sie. Sie stemmte die Hände gegen den Beton des Daches.

»Liegen bleiben!«, befahl der Soldat, doch sie musste selbst sehen, wie schlimm es um sie stand.

Ein Loch hatte sich in den Kunststoff ihres Hosenbeines geschmolzen. Der Soldat riss das Gewebe auf und legte rohes Fleisch frei.

»Verbrennungen zweiten Grades.« Er klappte den Scanner zu.

Der Anblick der Wunde löste einen panischen Adrenalinstoß in Moiras Körper aus, doch ihr medizinischer Verstand analysierte: schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich. Der Soldat behandelte die Wunde mit einem Spray, das eine antibakterielle Schutzschicht bildete.

Eine elektronisch verzerrt Stimme sagte etwas, zu leise, um Worte zu verstehen. Sie sah den Soldaten fragend an, aber der sagte nur: »Verstanden.« Offenbar kommunizierten die Männer von Helm zu Helm. Dann wurde ihr bewusst, wie es um sie herum aussah.

Körper. Das Dach des Krankenhauses war mit Toten übersäht. In der Nähe des ausgebrannten Transporters lagen viele von ihnen, aus der geöffneten Tür ragten die verbogenen Stangen einer Rolltrage. Mister Giniakis! Und Peter! Waren sie tot? Das durfte nicht sein! Das konnte nicht sein! Sie selbst hatte schließlich bloß eine Schramme am Bein.

Es wurden noch immer Menschen vom Dach geführt, und Moira wandte sich, um zu sehen, ob Peter unter ihnen war. Da fiel ihr Blick auf den Körper, der eben noch über ihr gelegen hatte.

Ein Soldat. Ein Metallstück ragte aus seinem Rücken, das Feuer hatte seine Uniform angeschmolzen. Der Mann musste sich über sie geworfen haben, als es geschehen war. Ohne ihn wäre sie tot – stattdessen war er es. Er hatte ihr Leben mit dem seinen beschützt.

»Wie war sein Name?«, fragte sie leise, während der andere Soldat das Pflaster-Spray wegsteckte.

»Wer, Ma’am?«

Sie nickte zu dem Toten hin. »Ich möchte seiner Familie danken für das, was er für mich getan hat.«

»Er hat seine Pflicht getan.« Das war eine Floskel, und es klang auch so.

»Trotzdem«, sagte Moira.

Der Mann zögerte kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Er hat keine Familie, Ma’am.«

»Sie kannten ihn?«

»Ja, Ma’am.«

Mit routinierten Bewegungen riss der Soldat eine Plastikverpackung auf. Eine Nadel stach in Moiras Bein und mit einem leisen Keuchen entleerte sich ein Schmerzmittel in ihre Blutbahn. Schüsse ratterten in der Nähe und der Soldat richtete sich auf, um einen wachsamen Blick schweifen zu lassen.

Moira wälzte den Toten herum. Die Kamerabrille kam unter ihm zum Vorschein, und sie steckte sie ein. Vermutlich war sie kaputt, aber die letzten Stunden mit Peter waren noch auf dem Chip. Dann öffnete sie das Visier des Toten. Sie wollte zumindest das Gesicht des Mannes sehen, dem sie ihr Leben verdankte. Er war jung, vielleicht zwanzig. In der Blüte seiner Jahre, wie man so sagte. Einem Impuls folgend schloss sie dem jungen Mann die Augen.

»Wir müssen fort von hier. Können Sie …« Der Soldat stockte, als er sah, was sie tat. Er beugte sich hinunter und schloss rasch das Visier des Toten. Dann setzte er seinen angefangenen Satz fort. »Können Sie gehen, Ma’am?«

Seine Stimme klang routiniert und unbeteiligt. Natürlich. So hatte auch Moira oft genug geklungen, wenn die Arbeit es erforderte. Sie musste sich zusammenreißen. Sie wusste, dass sie es konnte. Sie nickte und hob die Hand, damit er ihr helfen konnte. Seine Kraft war erstaunlich. Er hob sie hoch und stellte sie auf ihre Füße. Um sie herum trugen oder führten Soldaten andere Überlebende vom Dach. Es waren nicht viele. Er griff nach ihrer Hand und scannte den Chip. Er hatte keinen Screen dabei, aber irgendwie erfuhr er trotzdem das Ergebnis. Vielleicht wurde es ihm auf die Innenseite seines Visiers übertragen.

»Sie gehören nicht zum medizinischen Personal.«

»Nicht mehr.«

»Aber Sie tragen die Kleidung.«

»Ich bin ja auch Ärztin.« Sie setzte probehalber das verletzte Bein auf. Es war schmerzhaft aber nicht unerträglich. Dennoch würde sie sich bemühen, es wenig zu belasten. Sie sah zu ihm hoch. »Es wird leichter gehen, wenn Sie mich stützen.«

Einen Moment wirkte er unschlüssig, und mit einem plötzlichen Frösteln erinnerte sie sich an einen Satz, den jemand kurz vor der Explosion gesagt hatte: »Medizinisches Personal wird nicht zurückgelassen.« Journalisten womöglich schon.

Wieder tönte die verzerrte Stimme aus seinem Helm, und einige Schritte weiter wandte sich ein anderer schwarzer Helm ihnen zu. Ihr Soldat nickte. »Verstanden.« Er legte ihr den Arm um die Schultern. Sie dachte, er wolle sie stützen, aber er nahm sie kurzerhand auf die Arme. Vermutlich ging das tatsächlich schneller. Über verkohlte Leichen hinweg trug er sie vom Dach.

Auf der Treppe ließ er sie dann selbst laufen, doch unten auf der Straße sah es nicht viel besser aus. Verbogene Eisenteile, brennendes Plastik, Glassplitter überall auf den Straßen. Menschen flüchteten in diese oder jene Richtung, es schien keine Einigkeit darüber zu bestehen, wo man sicher war.

Der Soldat hingegen besaß offenbar eine genaue Vorstellung davon, denn er schob Moira energisch voran. Obwohl er sie stützte, musste Moira sich darauf konzentrieren, nicht über herumliegenden Schrott zu stolpern. Die dünnen OP-Schuhe waren eindeutig nicht für eine aufgerissene Straße gedacht. Moira stellte sich unwillkürlich vor, was geschehen würde, falls sie in eine der aufragenden Metallspitzen trat. Es hatte nicht immer Vorteile, Ärztin zu sein.

Unvermittelt blieb der Soldat stehen, wandte sich einer Gasse zu. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie das Motorrad, das im Schatten stand.

»Ist das nicht ein bisschen ungeschützt?«, fragte Moira, als er darauf zuging, doch sie folgte ihm. Er schwang sich auf die Maschine und machte sich an der Zündung zu schaffen.

»Die Ausfallstraßen werden verstopft sein, Ma’am.«

Damit mochte er recht haben. So ein Motorrad war wendiger, schmaler – trotzdem hätte sie lieber festes Metall um sich gehabt.

Der Motor sprang an.

»Ma’am?«

Er winkte und sie stieg hinter ihm auf. Auch das fühlte sich sofort wieder vertraut an, obwohl es länger zurück lag, als ihre Zeiten im OP. Die Erinnerung an Moongirl und Light überschwemmte sie mit schmerzlicher Intensität. Sie war seitdem nie wieder Motorrad gefahren. Wenn sie so daran dachte – ein bisschen Kiffen wäre jetzt gerade vermutlich hilfreich.

»Halten Sie sich fest!«

Sie legte die Arme an seine Hüften, doch er ergriff ihre Handgelenke und zog Moira fest an seinen Rücken. Dann drehte er ihre Hände so, dass sie ihre eigenen Handgelenke umfasste. Moira legte die Wange an seinen Rücken. Seine Uniform bestand aus einem Kunststoff, der wie Leder wirkte, aber die Wahrheit an einem Riss an der Schulter offenbarte. Der Soldat gab Gas und Moira wurde nach hinten gezogen, spannte die Muskeln an, um an seinem Rücken zu bleiben, schob die Hüften noch näher an ihn heran, weil es das leichter machte.

Wieder dieses tiefe Brummen. Und ein Klopfen, als würden Holzstöcke gegen die Hauswände schlagen. Das fremdartige Geräusch ließ Moira nach oben schauen.

Es war kein Holz – es war Chitin. Gepanzerte Gliedmaßen, die über verputzte Häuserwände klapperten. Es war Moira schleierhaft, wie sich diese riesigen Leiber an den steilen Wänden halten konnten. Die Masse der riesigen Insekten quoll über die Dächer und floss die Wände hinab. Das Bild verwischte, als der Soldat das Gaspedal durchtrat.

Moira wollte die Augen schließen. Sie würden nicht überleben – warum dabei zusehen, wie das Unvermeidliche sie einholte? Doch die Angst erlaubte ihr diese Flucht nicht. Ihre weit aufgerissen Augen nahmen unerbittlich wahr, wie Fensterscheiben unter Insektenbeinen zerbarsten, und sich die Flut der Tiere in das Innere der Häuser ergoss. Und über allem dieses Brummen, das ganz offenbar die Mantis erzeugten, wie auch immer sie das taten. Das Motorrad ruckte unter ihr, heulte auf, schlug Haken um fliehende Menschen und Trümmer. Zähflüssig verteilten sich die Mantis über die Wände, die ersten erreichten schon die Straßendecke, überfluteten geparkte Autos, knickten mit dem schieren Gewicht ihrer Masse Straßenschilder um. Gleich würde es vorbei sein.

Er nahm eine Kurve so scharf, dass Moira beinahe vom Sitz geschleudert worden wäre, doch ihre Hände hatten sich inzwischen verkrampft und lösten sich nicht einmal durch den scharfen Ruck voneinander. Dann ratterten sie eine Treppe hinunter und Moiras Kopf schlug rhythmisch gegen den Rücken des Soldaten. Der Motorenlärm wurde jetzt von plakatierten Wänden zurückgeworfen – sie waren in eine der Metro-Stationen hinuntergefahren.

»Festhalten!«, rief er, und dann flogen sie durch die Luft, landeten auf Schienen, und wieder wurde Moira durchgeschüttelt, während er über die Schwellen in den Tunnel hineinfuhr.

Sie waren nicht die Einzigen, die den Angreifern unterirdisch zu entkommen versuchten. Auch auf den Schienen musste der Soldat Flüchtlingen ausweichen, und er verlangsamte das Tempo entsprechend.

»Wo bringen Sie mich hin?«, schrie Moira und dachte, dass er sie durch den Lärm und den Helm vermutlich gar nicht hören konnte.

»Zum südlichen Landeplatz.«

Seine Worte klangen nicht besonders angestrengt. Vermutlich besaß der Helm neben dem Außenlautsprecher auch ein Mikrofon. Vielleicht wurden auch der Stadtplan und der unterirdische Verlauf der Schienen auf die Innenseite des Visiers projiziert. Das lag nahe bei der Zielstrebigkeit, mit der der Mann vorging.

Sie lösten sich jetzt von der Masse der Flüchtlinge und fuhren in einen schienenlosen Tunnel. Vermutlich ein Wartungsschacht, der sanft nach oben führte. Er endete an einer roten Metalltür, vor welcher der Soldat das Motorrad zum Stehen brachte. Er zog eine Handfeuerwaffe aus dem Halfter an seinem Oberschenkel und feuerte einen gezielten Schuss auf das Schloss ab. Rötliches Sonnenlicht schien durch das Loch. Er griff nach Moiras Fingern und löste sie mit sanfter Gewalt von sich. Dann stieg er ab, öffnete die Tür einen Spalt und spähte vorsichtig nach draußen. Er schien zufrieden mit dem, was er sah, denn er ließ die Tür ganz aufschwingen und stieg wieder vor ihr auf die Maschine.

»Festhalten!«

Gehorsam lehnte sie sich erneut an seinen Rücken und diesmal fand sie den richtigen Griff von allein.

Sie ließen das Zentrum der Stadt hinter sich und waren nun ganz allein. Auf der Straße standen verlassene Autos, zusammengekeilt vor den rauchenden Trümmern eines Kampfjets. Die Häuser darum boten einen erschreckenden Anblick. Die eingestürzten Wände hatten gähnende Öffnungen hinterlassen. Hier und dort tanzten Flammen, an anderen Stellen floss Wasser aus abgetrennten Leitungen über den Beton. Dazwischen das Stillleben der Räume. Ein grünes Sofa neben einer Stehlampe, ein Stück weiter die Kacheln eines Badezimmers.

Hier und dort lagen reglose Körper, aber vermutlich befanden sich noch viel mehr unter den Trümmern. Der Soldat fuhr einen langsamen Slalom, bis er in einer Seitenstraße den freien Fußweg nutzen konnte. Er hatte recht behalten – in einem Auto wären sie lange nicht so weit gekommen.

Moira hörte auf nachzudenken und überließ sich ganz seiner Führung. Sie war ungeheuer erschöpft, als wollte ihr Geist sich zurückziehen vor den Schrecken, die sie hatte durchleben müssen. Jetzt konnte sie auch die Augen schließen. Ihr Kopf lag schwer an seinem Rücken und der Lärm des Motors sank zu einem beruhigenden Brummen herab.

Irgendwann sagte er: »Wir sind da, Ma’am.«

Moira spähte um den Soldaten herum. Zwei Mannschaftshelikopter auf einer Art Marktplatz, dazwischen Soldaten aber auch Zivilisten. Zumeist medizinisches Personal in grüner oder weißer Kluft, ähnlich der ihren. Moira stieg ab und sah sich um. Es schienen sich auch andere Berufsgruppen hier gesammelt zu haben, die man offenbar für evakuierungswürdig hielt. Viele wischten verzweifelt auf ihren Screens herum, und auch Moira berührte den ihren, aber wie erwartet war das Netz völlig überlastet, vielleicht sogar zusammengebrochen. Sie sah sich nach Peter um, entdeckte stattdessen aber einen grünen Haarschopf.

»Mikael! Alles in Ordnung?«

Der Pfleger nickte mechanisch und Moira erkannte den Schock in seinen Augen. Vermutlich sah sie ähnlich aus. Sie würde lange brauchen, um zu verarbeiten, was sie heute hatte durchstehen müssen – vielleicht ein Leben lang.

»Hast du Peter irgendwo gesehen?«

Mikael verneinte. »Aber die Soldaten können dir mehr sagen. Es gibt bereits Listen der Überlebenden.«

Moira schaute sich nach ihrem Begleiter um und konnte ihn zuerst nicht entdecken zwischen all den schwarzen Helmen, doch dann erkannte sie ihn an dem Riss in seiner Uniform, der ihr die ganze Zeit vor Augen gewesen war, während sie hinter ihm auf dem Motorrad gesessen hatte. Offenbar erstattete er gerade Bericht.

Moira trat zu der kleinen Gruppe von Soldaten. Die Männer hatten die Außenlautsprecher ihrer Helme abgeschaltet. Ihre Worte klangen nur als dumpfe Laute aus den Helmen, während sie über Funk miteinander sprachen. Schließlich wandte sich ihr Begleiter zu ihr um.

»Ma’am?«

»Ich suche nach einem Kollegen. Peter Sanchez.«

»Einen Moment, Ma’am.« Er hob die Hand an den Helm, als würde er etwas regulieren. Da war ein schwacher Lichtschein unter dem Visier – also tatsächlich ein Display. Er ließ die Hand sinken. »Peter Sanchez hat den Angriff nicht überlebt, Ma’am.«

Die brutale Nüchternheit seiner Worte war wie ein Schlag in den Magen. »Das kann nicht sein. Er stand nur ein paar Meter von mir entfernt.«

»Sein Tod ist bestätigt, Ma’am.«

Ihre Sicht verschwamm, ihre Knie wurden weich.

»Ma’am?« Er griff zu, half ihr, sich auf den Boden zu setzen. Einen Moment stand er unschlüssig vor ihr, während sie sich Tränen aus den Augen wischte.

Mikael kam heran. »Hast du ihn gefunden?«

»Er ist tot«, sagte sie, und dann brach sie in Tränen aus. »Peter ist tot.« Das konnte einfach nicht sein. Er würde nie mehr im Kadenz die Klavierspielerin anflirten, nie wieder den OP auf Trapp bringen, nie wieder … Er würde den Bericht über seine neue OP-Methode niemals sehen. Sie tastete nach der Kamerabrille. Sie war noch da, dank Klettverschluss der Taschen. Sie enthielt die letzten Bilder von Peter, sein verlegenes Lächeln, seine überlegene Ruhe in der Krise. Moira würde ihm damit ein Denkmal setzen.

Mikael ließ sich neben ihr nieder und legte den Arm um ihre Schultern. »Ich fürchte, es hat heute viele Tote gegeben.«

Moira nickte und mangels Alternative schnäuzte sie sich in den OP-Kittel, dann lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Eine Weile saßen sie so dort, in Trauer vereint, bis jemand rief: »In die ’Kopter!«

Vermutlich waren sie noch nicht außer Gefahr. In die Menschen kam Bewegung. Ihr Soldat reichte ihr die Hand, half ihr auf und führte sie zum Helikopter. Irgendwie schien er sich für sie verantwortlich zu fühlen.

Über den Lärm der anlaufenden Motoren hinweg schrie Moira: »Wie heißen Sie?«

»Was?«

»Wie ist Ihr Name?«

Er zögerte. »Rho«, antwortete er schließlich und hob Sie in die Maschine.

***

Die Rotoren waren noch lauter, als Moira es von den Helikoptern der Notärzte kannte. Jeder Transporter hatte drei davon und trotzdem erhoben sich die Maschinen nur schwerfällig in die Luft. Vermutlich waren sie hoffnungslos überladen.

Sie stiegen schwankend auf und Moira klammerte sich an den Sitz, auf den man sie geschnallt hatte. Die Zivilisten waren entlang der Seiten aufgereiht, von den Soldaten standen viele ungesichert in der Mitte des Helikopters und hielten sich an Schlaufen fest. Die Tür war noch immer offen und zeigte einen kleinen Ausschnitt der Stadt. Er wirkte völlig unversehrt. Vielleicht war der Angriff doch begrenzter gewesen, als sie befürchtet hatte.

Sie holte die Kamerabrille wieder aus der Tasche, und entgegen ihrer Befürchtungen funktionierte sie noch. Es zog sich nur ein feiner Strich durch das Bild, aber das würde sie retuschieren können. Oder vielleicht beließ sie es auch so, als Zeichen besonderer Authentizität.

Ein Soldat mit einem roten Helm, vermutlich ein Offizier, gestikulierte in ihre Richtung. »Entschuldigung, Ma’am. Kein Streamen erlaubt. Im ’Kopter befinden Sie sich auf dem Gebiet der MinerVa Inc.«

Sie nickte. »Ich filme auf die Speicherkarte.«

»Sie müssen sich alles vor der Veröffentlichung freigeben lassen. Auch für einen privaten Blog.«

»Werde ich.«

»Sir!«

Ein Soldat zeigte in den Himmel und Moiras Magen krampfte, als sie die bewegte Wolke dort sah. Sie mühte sich, die Übelkeit unter Kontrolle zu halten und drehte sich zu Rho um, der schräg vor ihr stand. »Können wir über sie drüber fliegen?«

»Nein, Ma’am. Sie können einen ‘Kopter erreichen, wenn sie es darauf anlegen.«

Moira schaute wieder zur Tür, hinter der nun der Horizont wegsackte. Ihr wurde klar, dass sie eine Kurve flogen, weg von den Mantis. Es dauerte nicht lange, bis der Horizont zurückkehrte und die Ebene der Kaikari-Wüste grün unter ihnen schimmerte. Die Farbe rührte von oxidiertem Kupfer im Sand her.

»Wir fliegen in die Wüste?«, fragte Moira. »Die Mantis kommen doch aus der Wüste.«

»Der Angriff kam aus der südlichen Wüste. Ma’am. Wir fliegen nach Norden.«

»Und wohin genau?«

»Zum Stützpunkt Noshades.«

»Warum nicht tiefer in die Dämmerungszone? Weg von den Mantis?«

»Befehle, Ma’am.«

Befehle. Dagegen ließ sich nicht argumentieren, zumindest nicht mit einem Soldaten. Er war bloß ein Befehlsempfänger. Im Grunde hatte sie genau deshalb bei MediCare gekündigt. Wegen diesem permanenten Gefühl, nichts als ein Befehlsempfänger zu sein.

Plötzlich entstand Unruhe unter den Soldaten. Moira bekam ein paar Wortfetzen mit. Sie erhöhte die Aufnahme-Lautstärke der Kamerabrille und tatsächlich verstärkte das die Außengeräusche, die in den kleinen Bügellautsprecher neben ihrem Ohr übertragen wurden. Es verstärkte leider alle Geräusche gleichermaßen, auch das Knattern der Rotoren. Dennoch konnte sie die Worte einigermaßen verstehen.

»… steigen auf, als hätten sie auf uns gewartet. Oberste Priorität hat das Leben der Bios!«

Sie hatte das Gefühl, dass der Helikopter an Höhe gewann.

Rho wandte sich ihr zu. »Diese Brille«, rief er durch den Rotorenlärm. »Kann sie splittern?«

Sie schüttelte den Kopf. »Sportgeeignet!« Die Brille würde die Augen sogar schützen. Jetzt war Moira froh, dass sie die paar hundert Credits mehr ausgegeben hatte.

»Sie sollten sie aufbehalten und sichern.«

»Wieso? Was passiert jetzt?«

»Tandemsprung.«

»Mit dem Fallschirm?« Ihre Stimme quiekte.

»Ja, Ma’am. Es sei denn, Sie sind selbst Springer.«

»Nein. Habe ich noch nie gemacht.« Mit einem mulmigen Gefühl im Magen zog sie die Sicherungsbänder aus den Brillenbügeln und klickte am Hinterkopf die Verschlüsse ineinander. Währenddessen wurden Fallschirme herumgereicht.

»Los, los, los!« brüllte der Offizier.

Rho hatte den Schirm schon auf dem Rücken und zog einen Brustgurt straff. Andere Gurte hingen noch ungenutzt vom Geschirr. »Stellen Sie sich vor mich, mit dem Rücken zu mir!«

Sie löste den Sicherheitsgurt mit zitternden Fingern, richtete sich unsicher auf dem schwankenden Boden auf, suchte Halt an der Wand. Rho packte sie an den Schultern und drehte sie um. Die Panzerung seiner Jacke drückte hart gegen ihren Rücken, während in ihrem Kopf immer wieder das Wort das Wort springen hämmerte. Sie würden aus einem Helikopter springen. Gurte wurden zwischen ihren Beinen durchgezogen, andere über die Schultern. Ein anderer Soldat half. Klick, klick, alles ging sehr effizient vonstatten. Ein paar Meter vor ihr wurde Mikael eingegurtet. Er sah genauso aus, wie sie sich fühlte. Seine weit aufgerissenen Augen wirkten wie Seen in dem bleichen, ausdruckslosen Gesicht. Er hatte schon früher gelegentlich hyperventiliert. »Ausatmen!«, rief sie ihm zu.

Die meisten Paare hatten den Heli schon verlassen, nur noch sie und Mikael waren übrig. Moira wurde nun auch auf die Öffnung zugeschoben, durch die sie ein kalter Luftzug anwehte. Oh Shiva! Warum hatte sie nicht auf seinen Rücken geschnallt werden können? Sie versuchte instinktiv, sich am Türrahmen festzuhalten, aber Rho drückte ihre Arme nach unten und rief: »Ready, set, go!«

Bei »go« waren sie schon draußen und Moira schrie vor Angst. Sie fiel, und der Wind der Rotoren drückte sie auch noch nach unten. Sie stürzte haltlos der Erde entgegen! In ihrem Bauch zog sich alles zusammen, bis runter in den Beckenboden. Dann plötzlich Wind von unten. Ein ungeheurer Winddruck, der lautstark an ihr vorbeirauschte, ihre Wangen und Haare nach hinten drückte und … einen Widerstand vor ihrer Brust bildete wie ein Kissen.

Es fühlte sich gar nicht mehr an, als würde sie fallen. Eher so, als ob sie auf diesem Wind liegen würde. Als Kind hatte sie sich gegen den ungeheuren Windzug gelehnt, der bei Screaming Hollow beständig durch die Schlucht fegte. Dies hier war so ähnlich – nur noch viel lauter. Sie öffnete die Augen, was vermutlich nur möglich war, weil die Brille sie vor dem Winddruck schützte.

Ein grandioser Blick über die Wüste. Nahm die Brille noch auf? Ja, der rote Punkt blinkte. Links von ihnen segelten andere Fallschirme zu Boden und von dort – Moira schoss erneut der Schreck in die Glieder. Da stiegen Mantis auf! Einige hatten den Helikopter bereits erreicht und attackierten ihn, andere konzentrierten sich auf die hilflos durch die Luft fallenden Menschen.

Als hätten sie auf uns gewartet. Ein Hinterhalt. War das denkbar?

Ein heftiger Ruck presste ihren Körper schmerzhaft in die Gurte, Rho hatte den Fallschirm geöffnet, der nun über ihnen knatterte. Der Wind ließ nach, war aber noch immer stark. Ihre Beine pendelten jetzt nach unten, und von dort kamen ihnen Mantis entgegen. Vier Stück.

»Ohren zuhalten!«, rief Rho hinter ihr.

Sie gehorchte. Er hielt eine Pistole an ihr vorbei, zielte mit ausgestrecktem Arm auf die entgegenkommenden Tiere. Doch er schoss nicht. Er wartete, ließ sie herankommen. Schon konnte Moira die gemusterten Stirnplatten und sogar die Augen darunter erkennen, von denen drei auf jeder Seite saßen. Dann der erste Schuss, die Waffe ruckte heftig in seiner Hand. Eine der Mantis trudelte zu Boden. Kaltblütig richtete er den Arm neu aus, schoss, verfehlte, zielte ruhig und schoss noch einmal. Wieder ein Treffer. Die verbliebenen beiden Tiere drehten ab.

»Sind wir sie los?«

»Nein, Ma’am.«

Moira sah sich hektisch nach allen Seiten um und begriff, was er meinte. Die Tiere kamen in einem Bogen über ihnen zurück, wollten offenbar die Seile des Fallschirmes durchtrennen oder das Segel selbst zerstören. Begriffen sie etwa, dass dieses Ding die Menschen in der Luft hielt? Oder war das Zerstören der Flügel einfach ein übliches Vorgehen bei artinternen Kämpfen, das sie hier modifiziert anwandten?

Wieder schoss Rho, diesmal nach oben, und erwischte die dritte Mantis. Wo war die vierte? Panisch wandte Moira den Kopf nach allen Seiten und sah sie aus den Augenwinkeln. »Hinter Ihnen!« Die Mantis rammte gegen Rhos Rücken und ließ sie beide in den Seilen schwanken. Ein Trommeln, als würde die Mantis gegen Rhos Helm schlagen. Moira schrie, krümmte sich, schützte ihren Kopf mit beiden Armen, während an ihrem Rücken der Kampf tobte. Noch zweimal bellte die Waffe, und sie spürte den Ruck jedes Mal.

Dann kommandierte er: »Beine hoch! Nach vorne!«

Sie hatte gar nicht bemerkt, wie nah sie dem Boden bereits waren. Sie gehorchte, streckte die Beine nach vorn aus, sah den Boden immer näherkommen, und landete schließlich hart auf ihrem Hosenboden im steinigen Sand.

Im unglaublich heißen Sand! Die OP-Hose hielt nicht viel von der Hitze ab. Aber was machte das schon. Sie hatten überlebt! Kaum, waren die Gurte gelöst, sprang sie auf, ein fiebriger Jubel in allen Gliedern. Sie hatten es geschafft! Sie waren aus einem Helikopter gesprungen und sicher gelandet. Wow, sie war ja wohl gerade voll auf Adrenalin.

Rho hingegen war die Ruhe selbst. Auch er legte die Gurte ab, musterte dabei aber weiter wachsam die Umgebung. Sie tat es ihm nach – keine Mantis zu sehen. Sein Kampfanzug schien ihn vor den brutalen Hieben geschützt zu haben. Das Material war nur an wenigen Stellen zerrissen. Der Helm jedoch war gespalten und das Visier fiel einfach ab, als er den Kopf drehte. Sie schauderte bei dem Gedanken, wie sein Kopf ohne diesen Schutz jetzt aussehen würde.

»Sie sollten den Helm ausziehen. Er ist gerissen.«

»Der Helm ist Vorschrift, Ma’am.«

Doch als er ihn prüfend berührte, brach er endgültig auseinander. Ein typischer, rasierter Soldatenschädel kam zum Vorschein, der seitlich blutete. Rho ließ die nutzlosen Stücke fallen und wandte sich ab, als sei es ihm unangenehm, dass sie sein Gesicht sehen konnte.

Sein Gesicht! Ein Schreck durchfuhr sie. Der Mann, der ihr das Leben gerettet hatte, war jünger gewesen, aber es waren die gleichen Züge, die gleichen Augen, der gleiche Mund.

Leise sagte sie: »Das auf dem Dach … das war Ihr Bruder, nicht wahr?«

Der Soldat zögerte, dann nickte er knapp. »Ja, Ma’am.«

Wie stoisch er diese Worte aussprach.

»Das tut mir … furchtbar leid«, sagte sie.

Er sah sie mit einem seltsamen Blick an. »Er war Soldat«, gab er zurück, als wäre das ein Trost oder eine Erklärung.

Ob sie sich nahegestanden hatten? Sicherlich. Sie waren nicht nur Brüder gewesen, sondern hatten Seite an Seite gegen die Mantis gekämpft.

Er verzog den Mund und bewegte die rechte Schulter.

»Sind Sie verletzt?«, fragte sie.

»Nicht ernsthaft, Ma’am.« Er musterte den Horizont.

Sie folgte seinem Blick und bemerkte eine Rauchsäule. »Was ist das?«

»Der ’Kopter, Ma’am.«

»Abgestürzt.«

»Ja, Ma’am.«

»Denken Sie, dass es dort andere Überlebende gibt?«

»Nein, Ma’am. Aber vielleicht Wasser. Außerdem ist es die Richtung nach Noshades.«

Natürlich, weil der Helikopter in diese Richtung unterwegs gewesen war, als er abstürzte. Die Rauchsäule war so etwas wie eine Landmarke in dieser ausgedörrten Ebene. Womöglich würden sich die Überlebenden dort sammeln.

Sie beendete die Aufnahme und steckte die Brille weg. Ihr Screen zeigte kein Netz an, natürlich nicht. Sie waren mitten in der Wüste. Kein vernünftiges Kommunikationsunternehmen würde diesen Ort abdecken. Außer vielleicht MinerVa, deren Arbeiter in der Wüste operierten. »Haben Sie Empfang, Rho?«

Er schüttelte den Kopf. »Kein Meldegänger in der Nähe, Ma’am.«

Vermutlich meinte er damit mobile, technische Vorrichtungen, welche die Kommunikation im Nirgendwo bedarfsweise sicherstellten. »Und im Helikopter? Gibt es da einen Verstärker oder sowas? Ein Funkgerät, das Ihre Leute erreicht?«

»Möglich, Ma’am.« Er bückte sich nach der weißen Fallschirmseide.

Ein Schweißtropfen lief ihre Schläfe hinunter und sie wischte ihn fort. Die Sonne stand entsetzlich hoch am Himmel. Sie war auch gar nicht mehr rot. Das alles wirkte furchtbar falsch, als wäre sie gar nicht mehr auf demselben Planeten.

»Was schätzen Sie, Rho, wie heiß es ist?«

Er zerriss die Seide. »Zweiundvierzig Celsius, Ma’am.«

»Das ist aber ziemlich exakt.«

»Es ist die übliche Temperatur für diesen Längengrad und diese Monatszeit.«

Trotz der gebundenen Rotation gab es so etwas wie klimatische Schwankungen auf Deuteragäa. Da die Umlaufbahn nicht exakt rund sondern leicht elliptisch war, entstand eine regelmäßige Schwankung. Dieser »Wobble-Effekt«, der astronomisch gesehen ein Deuteragäa-Jahr abbildete, dauerte etwas länger als einen irdischen Monat. Moira konnte also froh sein, dass sie sich gerade in der Winterhälfte des Monats befanden. Jetzt war sie dankbar für die lockere OP-Kleidung. Ihr schwarzes Haar war nicht gerade ein Vorteil, das spürte sie jetzt schon. Auch Rho würde es in seiner schwarzen Uniform sicherlich nicht lange aushalten.

Tatsächlich zog er die Jacke aus. Er wandte ihr den Rücken zu, und der Anblick, wie sich sein sandrotes Hemd in das Tal zwischen seinen Schulterblättern schmiegte, konnte Moira ein wenig aufmuntern. Allerdings sah sie jetzt auch, dass der Schnitt nicht nur in seiner Jacke war. Blut hatte sich in den Hemdstoff gesogen. Nicht so viel, dass es besorgniserregend wirkte, aber sicher schmerzhaft

»Sie sind verletzt. Soll ich mir das einmal anschauen?«

Im ersten Moment wirkte er verwirrt. »Nicht nötig, Ma’am.«

»Ich bin wirklich Ärztin.«

»Ja, Ma’am.«

Sie seufzte und ließ es auf sich beruhen. »Was haben Sie mit dem Fallschirm vor?«

Er reichte ihr ein großes Stück von dem Stoff und dazu einen schmalen Streifen. »Legen Sie es sich über den Kopf und binden Sie es über der Stirn fest.« Er machte es vor.

»Ah. Wie ein Beduinenumhang.«

Darauf antwortete er nicht. Vermutlich wusste er nicht, was Beduinen waren, womit er sicherlich zur Mehrheit gehörte. Nur wenige teilten Moiras spleeniges Interesse für die alte Erde.

Wie zweckmäßig diese Kleidung war, merkte Moira sofort. Der weiße, glänzende Stoff reflektierte das Sonnenlicht, das ihre schwarzen Haare so bereitwillig absorbiert hatten, und das Stirnband hinderte den Schweiß daran, in ihre Augen zu fließen.

Er wusste offenbar genau, was er tat. Das war beruhigend. Auch die Art, wie er auf jede ihrer Fragen sofort und fundiert antwortete, ließ sie Vertrauen fassen. Nur bei persönlichen Dingen schien er immer etwas länger nachdenken zu müssen. Sogar als sie fragte: »Ist Rho eigentlich Ihr Vor- oder Nachname?«, brauchte er einen Moment, um sich zu entscheiden.

»Nachname.«

»Ich bin Moira Chakrabarti, aber Sie können mich gern Moira nennen.«

»Ja, Ma’am.«

»Sie können mich natürlich auch weiterhin Ma’am nennen.«

»Ja, Ma’am.«

Sinn für Humor hatte er offenbar keinen.

Sie marschierten los und Moira merkte bald, dass ihre OP-Schuhe für die Wüste nicht geeignet waren. Wie lange würden sie wohl gehen müssen, um den Helikopter zu erreichen? Nun, Rho – sie entschied sich gegen Mister Rho – schien es für machbar zu halten, aber er war ja auch ein durchtrainierter Soldat. Sie hingegen hatte seit einem halben Jahr ihre Mitgliedschaft im Fitness-Club ungenutzt gelassen. Hoffentlich erfüllte sich seine Vermutung, dass sie im Helikopter Wasser finden würden. Schon jetzt war sie ausgedörrt und achtete darauf, beim Atmen den Mund geschlossen zu halten.

Sie war noch nie so weit auf die Tagseite von Deuteragäa vorgedrungen. Ihr ganzes Leben, Kindheit, Ausbildung, Karriere, hatte sich in der Dämmerungszone abgespielt. Natürlich, hier und dort mal ein Urlaub in Tokyo Bay oder in Mji-Mpya, doch sie hatte sich an die zivilisierten Gegenden gehalten. Sie hatte nie verstanden, wenn Freunde von der Schönheit der Wüste schwärmten, und auch jetzt konnte sie der trostlosen Weite, dem Anblick der verstreuten Felsen und der reflektierenden, harten Sonnenflechten darauf nichts abgewinnen. Feiner Sand erfüllte die Luft, knirschte zwischen den Zähnen, brannte in den Augen und scheuerte an den Säumen ihrer Unterwäsche. Und dann diese Hitze, die ihr immer neuen Schweiß über die verklebte Salzkruste des alten trieb. Ganz ehrlich, die Wüste gewann nicht bei näherer Betrachtung.

Zumindest bestand in der flachen Landschaft wenig Gefahr, sich aus den Augen zu verlieren. Rho, dessen Vorsprung sich beständig vergrößerte, blieb gelegentlich stehen, um sie aufschließen zu lassen, gönnte ihr aber keine Rast. Es ging flach geradeaus, und sie mussten nicht etwa Berge besteigen. Auch der Boden war gut zum Laufen – eine von Hitze und Trockenheit fest zusammengebackene Fläche, kein rieselnder Sand, in den man einsank wie am Strand. Nur der gelegentliche Stein bohrte sich schmerzhaft in die dünne Sohle der OP-Schuhe. Moira setzte ihre Schritte daher sehr bewusst.

So vergingen zwei Stunden. In der Hitze fühlte es sich an wie vier, aber Moiras Screen, der die Uhrzeit auch ohne Netz anzeigte, bestand darauf, dass es nur zwei waren.

Rho war wieder einmal stehen geblieben – eine einsame Gestalt in der entsetzlichen Leere. Die Hand schützend gegen die Sonne gehoben musterte er die schwarze Rauchfahne, die ihr Ziel war. Moira hätte nicht sagen können, ob sie sich diesem Ziel überhaupt schon wesentlich genähert hatten. Er wandte sich um, schaute ihr entgegen. Als Moira herangekommen war, reichte er ihr wortlos eine flache, metallene Flasche.

Er hatte Wasser! Warum hatte er das nicht schon viel früher gesagt? Vermutlich, weil die kleine Flasche ein Nottropfen war, der sie beide kaum weit bringen würde.

Moira wischte das Mundstück ab, bevor sie trank. Das Wasser war warm und schmeckte abgestanden. Trotzdem hätte sie die Flasche gern in einem Zug ausgetrunken. Sie nahm aber nur einen Schluck und bewegte das Wasser sorgfältig in ihrem Mund hin und her, bevor sie es schluckte. Sie gönnte sich noch einen zweiten Schluck, bevor sie den Verschluss zuschraubte und die Flasche zurückgab. »Wie lange noch?«

»Viertelstunde.« Er klickte die Flasche in die Halterung am Gürtel ein und setzte sich wieder in Bewegung.

Moira warf einen Blick auf ihren Screen. Eine Viertelstunde. Daran konnte sie sich festhalten. Das war zu schaffen.

Sie fragte sich nicht, was sie tun würden, wenn sie die Quelle der schwarzen Rauchfahne erreichten. Eine Viertelstunde. Er würde eine Antwort haben.

Als Rho das nächste Mal stehen blieb, um auf sie zu warten, waren exakt vierzehn Minuten vergangen, doch vom Helikopter war weit und breit nichts zu sehen. Nur die spärlicher werdende Rauchfahne zog sich noch immer in den Himmel. Sie wirkte näher, aber wie nah sie tatsächlich war, konnte Moira in dieser endlosen Leere nicht abschätzen.

Falls er ihr mit seiner präzisen Antwort ein Gefühl von Sicherheit hatte geben wollen, war es ihm gelungen. Doch nun verflüchtigte sich dieses Gefühl wie der Rauch der abgestürzten Maschine, und die Schritte, mit denen sie zu ihm aufschloss, erschienen mühsamer.

»Vorsicht, Ma’am.«

Er zeigte vor sich auf den Boden, und jetzt sah sie es auch. Eine Abbruchkante, die selbst aus wenigen Schritten Entfernung kaum zu erkennen war. Aufgrund irgendeines tektonischen Phänomens hatte sich die Ebene um etwa drei Meter abgesenkt. Als sie vorsichtig nähertrat, wurde ihr Blick von den rauchenden Trümmern des Helikopters unter ihr angezogen.

Der Korpus war erstaunlich intakt. Wie eine verbeulte Getränkedose lag er auf der Seite und reflektierte das Licht der orangeroten Sonne. Einige der Rotorblätter hingen abgeknickt in der Verankerung, eins war abgetrennt und steckte abseits in dem Abhang, auf dem sie standen. Bruchstücke und Ladung lagen in weitem Umkreis verteilt, dazwischen Überreste ihrer Angreifer. Abgetrennte Insektenbeine und Hautflügel. Viel war nicht von ihnen übriggeblieben. Zum Glück.

Ein menschlicher Körper lag mit ausgestreckten Gliedmaßen drei Schritte vom Helikopter entfernt. Vermutlich der Pilot.

»Wir können doch nicht die Einzigen sein, die überlebt haben.« Sie suchte die Umgebung ab.

»Nein, Ma’am. Aber die nächsten am ‘Kopter.«

Natürlich, weil sie als Letzte gesprungen waren. Oder eher Vorletzte. »Was ist mit Mikael?«

»Ma’am?«

»Der mit den grünen Haaren. Sie sind nach uns gesprungen.«

Er zögerte. »Korrekt, Ma’am.« Er schickte sich an, den Abhang hinunter zu gehen.

»Warten Sie!« Sie packte ihn am Arm. »Was wissen Sie? Haben Sie ihn beobachten können, während des Absprungs?«

»Ja, Ma’am.«

»Und?«

»Es war … nicht kooperativ.«

Einen Moment starrte sie ihn an. Mikael war in Panik geraten. Hatte er etwa wie ein Ertrinkender seinen Retter mit in den Untergang gezogen? »Sie denken, dass er tot ist?«

»Korrekt, Ma’am.« Er wollte sich umwenden, zögerte, dann fügte er an: »Das tut mir … furchtbar leid.«

Es waren exakt die gleichen Worte, die sie zuvor verwendet hatte, sogar die Pause hatte er an der gleichen Stelle gesetzt. Moira hatte das Gefühl, dass er sie aussprach wie Fremdworte. Oder kamen sie nur ihr auf einmal so schrecklich bedeutungslos vor? Erst Peter und jetzt Mikael. Und sie würde die Nächste sein. Welche Chance hatten sie, ganz allein in der Wüste?

Nein. Sie durfte sich davon nicht lähmen lassen. Rho war in einen Kampf verwickelt gewesen, an einem Fallschirm hängend. Er hatte unmöglich genau erkennen können, was sich an dem anderen Fallschirm ereignete. Vielleicht irrte er sich einfach. An diesem Gedanken musste sie sich festhalten. Mikael hatte überlebt, und sie würde es auch.

Rho hatte sich inzwischen an den Abstieg gemacht. Unter seinen Stiefeln geriet der lockere Boden ins Rutschen, Staub erhob sich.

Zögernd setzte sie selbst einen Fuß auf den Abhang, spürte, wie der Boden nachgab und ihre Füße einsanken. Es war nicht schwer, das Gleichgewicht zu halten, und so ließ sie sich von der Bewegung nach unten tragen. Als sie unten angekommen war, hatte Rho schon einen leeren Rucksack geborgen.

Der Pilot lag auf dem Rücken. Schwarze Uniform, schwarzer Helm mit Gesichtsvisier, ein Soldat wie die anderen.

Rho bemerkte ihren Blick. »Er ist tot«, sagte er, obwohl er es nicht überprüft hatte.

Wortlos ging sie zu dem Piloten hinüber. Hatten da eben die Finger in den schwarzen Handschuhen gezuckt? Moira beschleunigte ihren Schritt, kniete sich neben den Mann. Steine stachen in ihre Knie. Sie öffnete den Kragen der Uniform und legte die Finger auf die Carotis.

Ein schwacher Puls, nicht mehr als ein Flattern.

Eilig machte sie sich daran, den Kinnverschluss seines Helmes zu lösen, doch plötzlich hockte Rho neben ihr, packte ihr Handgelenk – nicht schmerzhaft, aber bestimmt. »Er wird es nicht schaffen, Ma’am.« Seine Stimme war ruhig, ohne jede Emotion.

Sie drehte ihr Handgelenk aus seinem Griff. »Das steht noch nicht fest.«

»Er ist zu schwer verletzt, Ma’am.«

»Wer ist hier der Arzt?« Sie ließ den Kinnverschluss aufschnappen. »Holen Sie mir lieber …« Sie stockte, als sie das hohle Keuchen hörte. Es klang gedämpft durch den Helm, doch Moira hatte es schon zu oft gehört. Die Lungen hatten die letzte Atemluft hinausgepresst.

Es war nicht nötig, seinen Puls noch einmal zu fühlen. Sie tat es trotzdem. Kurz erwog sie eine Herzmassage, doch selbst, wenn sie ihn hätte zurückholen können – sie hatte keine Möglichkeit, ihn zu stabilisieren, nichts, womit sie ihn hätten transportieren können. Sie würde sein Leben zurückholen, nur um ihn erneut sterben zu lassen.

Rho ging, um weitere Dinge zu bergen, während Moira neben dem toten Piloten kniete. Noch ein junger Mann, der nie mehr nach Hause zurückkehren würde. Ob er Geschwister hatte? Eine Frau? Damit seine Familie zumindest Gewissheit bekam, musste sie seinen Tod dokumentieren.

Auf ihrem Screen rief sie den Social Reader auf und scannte seinen Chip. Auf dem Display erschien eine Zeichenfolge: ρ-SW-105, darunter »2nd Lt« und »Pilot«. Sie starrte auf die Zeichen.

Irgendwo dort hätte ein Name stehen müssen.

Trotz der Wüstenhitze stellten sich die Härchen an ihren Armen auf, als sie das erste Symbol der Zeichenfolge erkannte. Das war kein P. Es war ein griechischer Buchstabe. Der Buchstabe Rho.

Sie sah über die Schulter zurück. Rho spähte gerade in die abgestürzte Maschine. Rasch öffnete sie das Visier des Toten.

Das war Rho. Kein jüngerer Bruder, kein Mann mit einer Familienähnlichkeit. Es war das gleiche Gesicht.

Zuerst der Mann auf dem Dach, und nun dieser Pilot. Es war klar, was das bedeutete, bedeuten musste, aber das war unmöglich. Wissenschaftlich unmöglich. Inprinting-Defekte, Zellvereinzelung, Mitochondrien DNA, Leihmütter – die Begriffe wirbelten in ihrem Kopf. Sie hatte die Diskussionen in der Fachwelt nur am Rande mitverfolgt. Es war nicht ihr Fachgebiet. Aber eins wusste sie sicher: Die Ausbeute lebensfähiger Klone reichte nicht aus, um eine Armee einheitlicher Männer zu erschaffen.

Hinter ihr knirschte der Sand. Ihr wurde klar, dass er näher kam, dann stehen blieb, schräg hinter ihr.

»Sie hätten das nicht tun sollen«, sagte er.

Sie schluckte. Ihre Kehle fühlte sich trocken an. »Rho ist gar nicht Ihr Name, nicht wahr?«

Er antwortete nicht gleich. Vielleicht überlegte er, wie viel er ihr offenbaren konnte. Firmendaten. Vermutlich hätte sie nichts von all dem jemals erfahren dürfen.

Schließlich sagte er: »Rho ist meine Charge.«

»Charge«, wiederholte sie benommen.

»Charge Rho, Serie T, Reihe X, fortlaufende Nummer vier-drei.«

Sie stand langsam auf, wandte sich zu ihm um. »Haben Sie überhaupt einen Namen?«

»ρ-TX-43.«

Ihr Kopf war merkwürdig leer, während sie den Soldaten anblickte, in dessen Zügen sich keinerlei Empfindung zeigte. »Klone«, brachte sie schließlich hervor.

Rho nickte. »Ich muss Sie darauf hinweisen, dass jede Information über die Existenz und Herstellung von Klonen Firmeneigentum ist. Jede Veröffentlichung dieser Firmen­daten wird gerichtlich nach §2 CDA verfolgt und mit Bußgeld oder Gefängnis von bis zu zehn Jahren geahndet.«

Das war so ziemlich der längste Satz, den er gesprochen hatte, seit sie sich begegnet waren. »Mussten Sie das etwa auswendig lernen?«

»Ja, Ma’am.« Er zog einen Screen aus der Halterung am Gürtel, wischte darauf herum und gab ihn ihr. Das Display zeigte einen scrollbaren Text.

»Was ist das?«

»Die Verschwiegenheitserklärung. Sie müssen sie unterzeichnen.«

»Und wenn ich das nicht tue, erschießen Sie mich dann?«

»Nein, Ma’am.«

Sie wartete, dass er noch etwas sagte, aber das tat er nicht. Also hielt sie ihm das Gerät wieder hin. »Dann warte ich damit noch ein wenig.«

Er zögerte, den Screen zurückzunehmen. Auf eine solche Reaktion war er offenbar nicht vorbereitet worden. Eine Gelegenheit, die sich keine Journalistin entgehen lassen würde. Sie wandte sich halb ab, wischte den Text zur Seite, gelangte zum Menü. Richtlinien, Befehle, Meldung … weiter kam Sie nicht, denn er nahm ihr den Screen aus der Hand.

»Sie sollten seine Stiefel anziehen, Ma’am.«

Das war ein vernünftiger Vorschlag, ihre OP-Schuhe waren am auseinanderfallen. Trotzdem zögerte sie. Stumm sah sie ihm dabei zu, wie er den Chip des Toten scannte und Eingaben in den Screen machte. Als ihm bewusst wurde, dass sie sich nicht rührte, blickte er auf.

»Ma’am?«

»Es ist dumm, aber ich komme mir schäbig vor, einen Toten zu bestehlen.«

»Die Stiefel sind Eigentum von MinerVa Inc. Genau wie er.« Sein Blick richtete sich an ihr vorbei nach oben. Dann drückte er ihr den Scanner in die Hand. »Sie können die Ausfallmeldung machen.« Er kehrte zum Rucksack zurück, neben dem er seine Fundstücke gestapelt hatte.

Moira wandte sich um, versuchte zu erkennen, was er gesehen hatte. Da: dunkle Punkte in der violetten Weite des Himmels. Sofort füllte die Angst wieder ihren Magen. »Sind das Mantis?«

»Ja, Ma’am.«

Skrupel konnte sie sich nicht leisten. Sie setzte sich auf den Boden und zog dem Toten die Stiefel von den Füßen. Sie waren ihr zu groß. Sie legte die Sohlen der OP-Schuhe hinein, und so ging es. Dann nahm sie den Screen wieder auf. Die Bezeichnung des Toten war bereits eingetragen, ebenso die Ortsangaben in geographischer Länge und Breite. Sie bestätigte die Default-Einträge bei Datum und Uhrzeit.

»Was trage ich bei Meldegrund ein?«

Er schnürte den Rucksack zu. »Geben Sie ein ›E‹ ein. Dann weiß die Zentrale, dass er ausgeschieden ist.«

Zumindest, sobald sie wieder in Netzreichweite waren. Moira senkte den Blick auf das Display, auf die Daten ohne Namen. Dies war nicht der erste Totenschein, den sie ausstellte, doch bisher waren die Texte länger gewesen. »Und ›E‹ steht für …?«

»Exitus, Ma’am.«

Moira konnte sich nicht zu einer so kurzen Nachricht überwinden. Sie tippte In Erfüllung seiner Pflicht gefallen. Aber auch diese Worte, wurde ihr klar, waren nicht mehr als eine Floskel. Tatsächlich drückten sie nichts aus, was ein schlichtes »E« nicht auch gesagt hätte.

***

Keith hatte Wangs Büro übernommen und lief jetzt darin auf und ab, während er darauf wartete, dass der Anruf zu seinem Vater durchgestellt wurde. Das Netz war offenbar am Arsch, und er überließ es Wang, es immer und immer wieder zu versuchen. Wang saß am Schreibtisch und fummelte an seinem Screen herum. Gelegentlich entfuhr ihm ein Fluch. Die Bilder aus Green Sands hatten ihn wohl ziemlich aufgewühlt.

Auch Keith spürte die Aufregung noch. Schwärme von Mantis, Feuergefechte, Menschen, die in Sicherheit gebracht wurden. Aber das Bild, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging, war ein anderes. Ein Soldat, der sich gerade so an einer Abbruchkante hielt, ein anderer, der ihn hinaufzog. Und dann, bevor sich ihre Hände voneinander lösten – eine Umarmung. So kurz, mit einem Blinzeln hätte man sie verpasst. Und doch war sie da gewesen.

Seltsam, dass ihm gerade dieses Bild nachging. In seiner Familie waren Umarmungen nicht üblich. Nur Phil hatte einmal die Arme um ihn gelegt – tröstend und ermutigend nach einer vermasselten Klausur. Diese Erinnerung schien so fern zu liegen, dass er sie vielleicht verloren hätte, hätte dieses Bild heute sie nicht wieder hervorgeholt. Er zog den weißen König aus der Hosentasche und betrachtete ihn.

Endlich flimmerte der Wandscreen auf und trotz einiger Störungslinien war Vater zu erkennen.

»Ich habe mich schon gefragt«, ein keuchender Atemzug, »wann du dich zu melden gedenkst.«

Keith steckte den König wieder ein. »Sorry, Dad. Das Netz ist überlastet. Es hat einen Angriff auf Green Sands gegeben.«

»Habe ich … mitbekommen.«

Vater trug den Sauerstoffschlauch nicht, und der Pilz in seinen Lungen zwang ihn zu einer rhythmischen Sprache, kurze Sätze, eilig hervorgepresst zwischen keuchenden Atemzügen. Noch sechs Tage bis zur OP. Aber auch diese Transplantation würde nur ein paar Jahre Erleichterung bringen. Der Pilz, der die Lungenbläschen verklebte, war zu tief im Körpergewebe verwurzelt und schickte sofort wieder Sporen in das neu eingepflanzte Organ.

»Green Sands? Hast du nicht an das Risiko gedacht?«

»Wir haben alles unter Kontrolle, Dad. Die Helme sind verspiegelt, niemand wird an Klone auch nur denken.«

Die Berichterstattung aus Green Sands war natürlich viel umfangreicher als aus den Käffern, die bisher von den Mantis angegriffen worden waren. Diesmal würde es auch Filmberichte geben. Aber im Grunde war das genau das, was er brauchte. Die Menschen würden sich nicht nur an den Anblick der MinerVa-Einheiten gewöhnen, sie würden ihn sogar begrüßen – und auch wenn Vater das nicht guthieß, es war durchaus in Keiths Sinne.

»Dad, ein MinerVa-Village war bedroht. Außerdem hat Wang mit MediCare und Bahi-A eine Kostenbeteiligung ausgehandelt.«

Vaters Bild flackerte. »Es kursieren bereits Bilder … Die Leute sprechen von … Soldaten.« Er betonte das Wort, als wäre das etwas Abwegiges, aber sie waren Soldaten.

»Das liegt vermutlich an den Com-Helmen und den neuen Arbeits-Overalls. Die FRT-Panzerung aus Vijays Abteilung sieht ziemlich martialisch aus.«

»Verluste?«

»Zwei Vorarbeiter. Sonst nur ein paar kleinere Blessuren, und etwa zwanzig Ausfälle bei den Einheiten. Und keine von ihnen wurde in Green Sands zurückgelassen.«

»Rhos oder Sigmas?«

»Beides. Du bekommst die genauen Zahlen von Wang in einer Stunde.« Wang würde die abgeschossenen Klone genauso abschreiben wie den Heli und die Fighter, denn in den Büchern wurden die Klone als mobile MCM-Förder­einheiten geführt. Das waren sie auch. Nicht jede Arbeit konnte von Maschinen und Software ausgeführt werden. Man brauchte noch immer Menschen, um die Maschinen zu bedienen, sie bedarfsgerecht einzurichten und zu reparieren. Außerdem war eine Maschine auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert – und selbst dann war ihre Herstellung wesentlich teurer als die eines Klons. Von der Grundlagenforschung abgesehen, die zum Teil Bahi-A geleistet hatte, deckten hunderttausend Credits alle Kosten ab für Herstellung, Aufzucht und Training bis zur ersten Einsatzreife. Für ein ordentliches Einsatzfahrzeug oder eine entsprechend ausgestattete Drohne musste man bedeutend mehr aufbringen.

Vater hatte die Klone für den Einsatz in Minen und Ölbohrplattformen vorgesehen, aber noch waren sie mit der Förderung des MCM voll ausgelastet. Das würde sich ändern, sobald die nächsten Chargen einsatzreif waren. Dann wollte Vater die Arbeiter-Crews auf allen MinerVa Produktionsstätten nach und nach durch Klon-Crews ersetzen. Die Einsparung an Gehältern, Betriebsrenten und Village-Wohnraum würde den Profit aller Abteilungen in ungekannte Höhen treiben, gar nicht zu reden vom Wegfall der Entschädigungen, die bei Betriebsunfällen oft jahrelang gezahlt werden mussten.

Ein guter Plan und doch so beschränkt, so klein. Profit für MinerVa, mehr sah Vater nicht. Dabei hatte er die Möglichkeit geschaffen, endlich die schlimmsten Krebsherde aus Deuteragäas Fleisch zu schneiden.

Vaters Ton sagte ihm, dass sie zum Ende ihres Gespräches kamen. »Leg mir einen Entwurf für ein … Kondolenzschreiben an die Familien vor ... Und den Verletzten zahlst du eine einmalige … Einsatzzulage.«

Damit meinte er natürlich die verletzten Angestellten. Nicht die Einheiten. »Wird erledigt.«

Das Gespräch endete, und Keith sah zu Wang hinüber. »Sie sorgen dafür, dass die Einheiten keinesfalls von zivilen Ärzten behandelt werden.«

»Die Anweisungen werden strikt eingehalten, Mister Kendrick. Steht kein MinerVa-Mediziner zur Verfügung, wird die Einheit transportiert oder eliminiert.« Er machte ein besorgtes Gesicht. »Es gibt allerdings noch ein Problem. Das Netz ist voll von Bildern und ständig werden neue hochgeladen. Auf dem einen oder anderen sind unsere Einheiten ohne Helm zu sehen.«

»Sofort löschen lassen.«

»Wir sind schon dabei, aber unsere Algorithmen kommen kaum hinterher, und im Subnet haben wir ohnehin Schwierigkeiten.«

»Wenn es aus dem Subnet kommt, erledigt sich das von selbst. Man wird es für eine Verschwörungstheorie halten.«

»Oder«, Wang sah ihn unsicher an, »wir könnten das als Anlass nehmen, mit unserem Projekt an die Öffentlichkeit zu treten.«

Auch wenn es Keith in den Fingern juckte, genau das zu tun, so weit waren sie noch nicht. Die Menschen in den Citys waren vielleicht bereit, Soldaten zu akzeptieren, die sie beschützten, aber sicherlich keine Klone. Noch nicht.

»Versuchen Sie nicht, strategisch zu denken, Wang. Sie sind ein Buchhalter. Bleiben Sie dabei.«

»Natürlich, Mister Kendrick.«

»Zuerst einmal werden wir die Forschung an den Mantis verstärken. Wir haben vier Exemplare lebend gefangen. Eine bleibt hier. Verteilen Sie die Übrigen auf die ausgewählten Institute.«

***

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Release date on Litres:
12 November 2024
Volume:
341 p. 2 illustrations
ISBN:
9783948700409
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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