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Duri Rungger
Der afrikanische Janus
Duri Rungger
Der afrikanische Janus
Kriminalroman
orte Verlag
Handlung und Personen dieses Romans sind frei erfunden. Allfällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären zwar erwünscht, doch rein zufällig. Die erwähnten Statuen und Masken stehen in Museen oder Privatsammlungen und gehörten weder einem Herrn HK noch dem ebenso fiktiven Industriellen Gerster.
Herzlichen Dank an Lisi, Sibe, Charlotte und Heiner für kritische Kommentare zum Manuskript, Yvonne Steiner für das konstruktive Lektorat sowie dem Musée Barbier-Müller Genève, dem Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig – Staatliche Kultursammlungen Dresden und dem Rietberg Museum Zürich für die Erlaubnis, ihre Kunstwerke hier abzubilden.
Der Autor
© 2015 orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Janine Durot
Satz: orte Verlag, Schwellbrunn
Gesetzt in Times New Roman
ISBN: 978-3-85830-185-7
ISBN eBook: 978-3-85830-190-1
www.orteverlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
HEROLD Auslieferung Service GmbH
www.herold-va.de

Bagorda Paura, Angstmacher Maske
A.A. Willi, alias il Natè,
Domat-Ems, Schweiz
Museum Rietberg, Zürich
Der Angstmacher
«Porca miseria …», schimpfte Bondolfi halblaut vor sich hin. Er blieb stehen und schnappte mühsam nach Atem. Der Weg von Davos-Glaris über den Höheggen zum Wiesener Viadukt stieg zwar nur sanft aber stetig an und verlief durch dichten Fichtenwald. Doch selbst im Schatten war es unerträglich heiss. Der rechte Hang des Landwassertals war frontal der Morgensonne ausgesetzt, und kein Lüftchen brachte Erleichterung.
Der gemütliche und dank seiner Vorliebe für fette Speisen übergewichtige Puschlaver vermied normalerweise jegliche körperliche Ertüchtigung und war entsprechend ausser Form geraten. Heute war er gezwungen, eine Ausnahme zu machen, weil er als Klassenlehrer der Maturaklasse 1986 seine Schüler auf den Herbstausflug begleiten musste. Auch dieses Jahr hatte er keinen jüngeren Kollegen gefunden, der ihm diesen Strafmarsch abgenommen hätte. Nächstes Jahr würde er sich krank melden. Er sah beim besten Willen nicht ein, wieso ein alter Stubenhocker und Vielfrass wie er diese jungen Bergziegen begleiten sollte. Wenn es jemanden zu retten galt so höchstens ihn …
Er hatte den Chemielehrer Sattler eingeladen, auf den Ausflug mitzukommen. Dieser war derart unbeliebt, dass das Rektorat darauf verzichtet hatte, ihn als Klassenlehrer einzusetzen. Bondolfi gab sich Mühe, eine einigermassen gute Beziehung mit diesem stacheligen Sonderling zu unterhalten, der ihm trotz allem leid tat. Zudem hatte er gewusst, dass er auf dieser Wanderung weit hinten nachhinken würde, und gehofft, mit Sattler plaudern und so die Anstrengung leichter bewältigen zu können. Doch heute hatte sein Kollege wieder einmal einen aussergewöhnlich schlechten Tag erwischt. Schon am Bahnhof in Chur war er griesgrämig angekommen, hatte in der Eisenbahn kein Wort geredet und nur nervös an seinem Rucksack herumgefingert, in welchem er wohl eine gehörige Notration Alkohol mit sich führte. Da er nicht wagte, vor den Schülern zu früher Morgenstunde davon zu naschen, war seine Laune immer schlechter geworden.
Inzwischen hatte Sattler ihn eingeholt und blieb keuchend stehen. Kleingewachsen und knochig wie er war, hätte er mit seinem Leichtgewicht die Steigung mühelos bewältigen können, doch sein übertriebener Alkoholkonsum hatte beträchtlichen Schaden angerichtet, und zudem litt er heute unter Kopfschmerzen, die er sich wohl mit dem üblen Fusel vom Vorabend eingehandelt hatte. Er knurrte Bondolfian: «Wie weit müssen wir noch diesen verdammten Berg hochsteigen, bis wir endlich einkehren und etwas trinken können?»
«Ich bin nicht sicher. Die Schüler haben die Route ausgewählt, und ich habe zu Hause nur kurz in die Karte geschaut. Ich schätze, wir haben etwa die Hälfte des Aufstiegs hinter uns. Oben geht es dann schön flach über offeneres Gelände mit hübscher Aussicht und danach bis Wiesen nur noch bergab.» Er wagte es nicht zu erwähnen, dass der Abstieg eher steil sei, fühlte sich aber verpflichtet auf den zweiten Teil der Frage zu antworten. «Ob es da oben ein Bergrestaurant gibt, weiss ich leider auch nicht.»
Sattler hatte die Einladung seines Kollegen nur angenommen, weil er sicher war, der bequeme Paolo habe eine leichte Route ausgesucht. Entsprechend frustriert raunzte er diesen an: «Was für eine schwachsinnige Idee, die Schüler alles selbst entscheiden zu lassen! Nächstens lässt du dir von ihnen auch noch ihre Noten diktieren.»
Bondolfi machte eine wegwerfende Handbewegung und liess Sattler stehen. Langsam hatte er genug von seinem lieben Kollegen Satyr, wie die Schüler ihn abschätzig nannten, und bereute, ihn überhaupt eingeladen zu haben. Er beschleunigte seinen Schritt, soweit er dazu fähig war. Sie waren schon viel zu weit hinter ihren Schutzbefohlenen zurückgeblieben, und der sauertöpfische Begleiter durfte seine Galle gern noch ein wenig ausschwitzen.
Die Klasse war inzwischen schon oben ankommen, wo der Wald mit steilen Bachrunsen und sanften Alpwiesen abwechselte. Kleine, blaue und braune Schmetterlinge gaukelten um die Herbstzeitlosen, Thymian, Feldenzian und Silberdisteln, mit denen die Wiesen übersät waren. Der Blick ins Tal und auf die gegenüber aufragenden Berge des Stulsergrats war beeindruckend. Am tiefblauen Himmel zog ein Adler seine Kreise, doch die Mädchen und Burschen nahmen die prächtige Umgebung kaum wahr. Sie schwatzten laut durcheinander, spotteten über die neue, unsportlich beleibte Freundin des Turnlehrers und den blamablen Korb, den sich Felix bei der umschwärmten Barbara eingefangen hatte. Das wichtigste Thema war die Serie von Flugunfällen, die sich in knapp zwei Monaten in Indien, den USA und zuletzt in Japan ereignet und zusammen fast tausend Opfer gefordert hatten. Die Entführung des Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro durch Palästinenser unter der Führung von Abu Abbas gab Anlass zu einer heftigen Diskussion über die heikle Frage, ob ein vertriebenes und verfolgtes Volk nicht vielleicht doch das Recht hatte, die Weltöffentlichkeit auf sein wohlweislich totgeschwiegenes Problem aufmerksam zu machen. Die Matura wurde mit keinem Wort erwähnt. Sie fand ja auch erst am Ende des Schuljahres im nächsten Sommer statt. Da blieb noch genügend Zeit, sich Sorgen zu machen.
Gion folgte seiner Klasse in sicherem Abstand. Er hasste es, den ganzen Tag mit Kollegen zusammen zu verbringen, die keine waren und denen er im Schulalltag so weit wie möglich aus dem Weg ging. Es war nicht, dass sie ihn hänselten. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, sie ignorierten oder, was fast noch schlimmer zu ertragen war, bemitleideten ihn. Vielleicht waren sie auch ganz nett, und es war sein Fehler, dass er mit niemandem Kontakt aufnehmen konnte. Er war einfach unfähig, länger als nötig mit andern Leuten zusammen zu sein, geschweige denn, ungehemmt mit ihnen zu reden.
Er schaute sich um. Zu weit durfte er nicht zurückbleiben, sonst wurde er von den begleitenden Lehrern eingeholt. Bondolfi mochte er zwar gut, aber dass dieser ausgerechnet den fleischgewordenen Albtraum von Sattler eingeladen hatte mitzukommen …
Satyr suchte sich in jeder Klasse einen Sündenbock aus, den er demütigen konnte. Natürlich war in seiner Klasse die Wahl auf Gion gefallen, obwohl seine Leistungen gut waren. Sattler hatte ein untrügliches Gefühl für Leute, die unfähig waren, sich zu wehren, und nützte das schamlos aus, sie vor der ganzen Klasse blosszustellen, und ihnen nebenbei auch noch ungerechte Noten aufzubrummen.
Als Gion vor ein paar Tagen erfahren hatte, dass sein Peiniger auf den Ausflug mitkomme, suchte er verzweifelt nach einer Ausrede, um nicht daran teilnehmen zu müssen. Seinen Stiefvater konnte er nicht bitten, eine Entschuldigung zu schreiben. Der Tyrann gönnte ihm alles Üble von Herzen. Aus purer Bosheit hatte er ihn als Fussball Junior und gleich auch für Fecht- und Jiu-Jitsu-Kurse eingeschrieben. Glücklicherweise hatten ihn sowohl der Fecht- als auch der Fussballklub nach ein paar Wochen als hoffnungslosen Fall ausgemustert. Zu Hause hatte er dies bis jetzt verheimlichen können, sonst wäre wieder weiss Gott was passiert. Beim Kampfsport hingegen gefiel es ihm ausgezeichnet, und er gehörte zu den Besten. Das nützte ihm zwar wenig, denn er würde es niemals fertigbringen, von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen.
Auf einer kleinen Anhöhe sah sich Gion nach den Lehrern um. Sie waren noch nirgends zu sehen. Erleichtert setzte er sich auf einen Stein, öffnete den Rucksack und holte das Bruchstück eines wahrscheinlich durch Steinschlag zerschmetterten Stammes heraus, das er unterwegs aufgelesen hatte. Er studierte eingehend die Form und Maserung des schon leicht ausgewaschenen Holzes und drehte es nach allen Seiten. Plötzlich sah er eine verborgene, höhnische Fratze vor sich. Ein leeres Astloch formte ein rundes, nach unten hängendes Maul. Die Runzeln auf der Stirn waren durch verwitterte Jahrringe vorgegeben.
Das Gesicht sah schon jetzt der Bagorda Paura des Emser Künstlers Willi ähnlich, welche ihm seine Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte. Il Natè, wie er genannt wurde, schnitzte seit Jahrzehnten monströse Holzmasken für die «Angstmacher», die am Schmutzigen Donnerstag durchs Dorf zogen, in ihren prall mit Stroh ausgestopften Gewändern am Boden herumrollten, tolle Sprünge vollführten und mit Schweinsblasen auf die Zuschauer, am liebsten natürlich auf hübsche Mädchen, einschlugen oder sie mit Russ beschmierten. Die meisten seiner Werke waren inzwischen in Museen gelandet und nur noch schwer zu finden. Gions Mutter war ursprünglich von Ems und kannte den Förster des Dorfes, der ein Bewunderer Natès war und wusste, wer im Dorf noch eine seiner Masken besass. Er hatte Gion und seine Mama zu einem Bauern begleitet, der bereit war seine Bagorda Paura zu verkaufen. Bei diesem Besuch hatte der Förster ihnen erzählt, dass Natè sein Holz jeweils selbst im Wald holte. Einmal hatte er gesehen, wie der Schnitzer sein Ohr an einen Stamm hielt und lange daran horchte. Gefragt, was er hier tue, antwortete der Sonderling, er höre in den Baum hinein, um zu sehen, was für ein Gesicht sich darin verberge. Der Förster hatte ihn dann allein gelassen und geflissentlich die Axtschläge überhört, mit denen das Original den Baum unerlaubterweise umlegte.
Zuerst hatte Gion die Geschichte mit dem verborgenen Gesicht als Spinnerei eines verschrobenen Künstlers abgetan. Doch als er, angeregt von der geschenkten Maske anfing, selbst zu schnitzen, fand er bald einmal heraus, dass in manchen Stämmen wirklich ein verborgenes Gesicht steckte. In dem Holzstück, das er in der Hand hielt, war es nicht zu übersehen. Er nahm einen roten Fettstift und begann, die groben Züge der Fratze aufs Holz zu skizzieren. Endlich konnte er sich entspannen.

Sattlers Laune besserte sich kaum, als er endlich die Schüler sah, die auf dem Schmelzboden warteten. Ihr Picknick hatten sie bereits verschlungen und gleich begonnen, ihre Sachen wieder einzupacken, sobald die Lehrer in Sicht kamen. Satyr setzte sich erschöpft ein paar Meter von einer Schülerin entfernt auf den Boden, starrte sie mit stechendem Blick an und knurrte: «Warum wartet ihr ausgerechnet hier?»
«Nun, wir haben angenommen, Sie brauchen vielleicht eine kleine Pause», antwortete Ursina etwas spitz.
«Hm, schon … es ist ja auch verdammt heiss, aber bis zum nächsten Bergrestaurant hätten wir es noch geschafft.»
«Bergrestaurant? Hier oben gibt es bestimmt keines. Wenn Sie Glück haben, gibt es eine Beiz in Wiesen, sonst eben am Bahnhof in Filisur.»
Sattler schien, in der Antwort der Schülerin klinge ein hämischer Unterton mit. Wie hiess die schon? Ursina … das würde er sich merken.
Er kaute lustlos an einem belegten Brot herum, doch sein Mund war ausgetrocknet, und er konnte das Zeugs kaum hinunterdrücken. Mit Todesverachtung spülte er Bissen um Bissen mit lauwarmem Wasser aus Bondolfis reichlichem Vorrat hinunter, doch nun brauchte er endlich etwas Anständiges! Im Zug hatte er nicht gewagt vor den Schülern an seiner vorsorglich mit Cognac gefüllten Feldflasche zu nippen, und an diesem höllischen Sonnenhang war es selbst für ihn zu schwül gewesen, um diesen starken Stoff zu schlucken.
Jetzt musste er dringend die lästigen Zuschauer loswerden und knurrte die lagernde Gruppe an: «Genug ausgeruht, macht euch auf den Weg. Wir kommen gleich nach.»
«Wartet bitte vorne am Höheggen», fügte Bondolfi einschränkend bei.
Kaum waren die ersten Schüler hinter einer kleinen Kuppe verschwunden, holte Sattler die Flasche aus seinem Rucksack und schüttete sich den halben Inhalt in die Kehle. Da hörte er eine helle Stimme: «Heute stellt Satyr sicher einen Weltrekord über zehntausend Meter auf – bis zur Beiz in Filisur!»
Der Gefoppte kniff die Augen zusammen und starrte der lachenden Meute nach, die sich beeilte, in Deckung zu gehen. Gion hatte sich abseits auf eine kleine Felskuppe gesetzt und weiter an der Fratze herumskizziert. Er wollte sie eben im Rucksack versorgen und sich schleunigst aus dem Staub machen, als Sattler ihn entdeckte.
«Gion, zu mir!» Der Junge erstarrte und zog den Kopf ein, machte aber keine Anstalten, der Einladung Folge zu leisten. Sattler rannte zu ihm und packte ihn unsanft am Arm.
Bondolfi hob beschwichtigend die Hände: «Beruhige dich, Kurt, die Bemerkung ist doch nicht so schlimm – und ich glaube auch nicht, dass sie von Gion kam.»
«Dieser Bettnässer ist der einzige, der noch keinen rechten Stimmbruch hat.»
«Ich glaube es war ein Mädchen – für mich hat es jedenfalls so getönt.»
«Auch wenn du der Klassenlehrer bist, misch dich nicht ein! Ich bringe dieses Grossmaul schon nicht um.»
Bondolfi wusste nicht, was er hätte unternehmen können, ohne die ohnehin zerbrechliche Freundschaft mit dem im nüchternen Zustand sehr erregbaren Sattler zu gefährden – die paar Schlucke vorhin waren wohl noch nicht bis ins Gehirn vorgedrungen. Er schüttelte den Kopf und ging. Kaum war der lästige Zeuge ausser Sichtweite, nahm der erboste Satyr den Jungen beim Ohr und riss es heftig nach oben. «Damit haben Sie Ihr Schicksal besiegelt. Ich sorge dafür, dass Sie von der Schule fliegen.»
Gion schluckte leer. Ursina hatte die spöttische Bemerkung gemacht, und er wollte sie nicht verpetzen. Sie war ein zierliches Mädchen, schwarzhaarig mit graugrünen Augen, die einzige, die ihm manchmal zulächelte – und er davon Herzklopfen bekam. Die Drohung mit dem Rausschmiss dröhnte in seinem Kopf nach. Er stellte sich vor, wie sein Stiefvater darauf reagieren würde – wohl mit Prügeln und tagelangem Einsperren wie früher, als er noch klein war. Er musste sich irgendwie verteidigen und würgte an einer Antwort herum: «Ich habe kein Wort gesagt …»
«Sie jämmerlicher Feigling haben nicht einmal den Mut, zu Ihren kindischen Bemerkungen zu stehen!» Sattler zog das Ohr derart nach oben, dass Gion sich auf die Zehenspitzen stellen musste. Dabei fiel ihm das Holzstück, das er noch unter dem Arm trug, zu Boden und kollerte die steile Geröllhalde hinunter.
Gion fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Er wollte sich wehren, war aber wie gelähmt und brachte es nicht fertig, sich auch nur zu rühren. Vor Scham über seine Feigheit stiegen ihm Tränen hoch. Plötzlich hörte er eine Stimme, die Sattler anschrie: «Du verdammtes Ekel, ich habe keine Angst vor dir.» Mit seinem festgehaltenen Ohr konnte Gion sich nicht nach seinem Retter umsehen. Dann lockerte sich der Griff Sattlers, und ihm wurde schwarz vor den Augen. Er kam erst wieder zu sich, als er wie ein Schlafwandler den schmalen Weg entlangtappte, um die Klasse einzuholen.
Weit brauchte er nicht zu gehen. Bondolfi sass in einer Wegbiegung auf einem Stein und hatte auf ihn gewartet. «Komm, setz dich zu mir. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich dich im Stich gelassen habe. Ist es gnädig abgelaufen?» Bondolfi war der einzige, der die Schüler bis zur Matura duzte, und keiner hatte sich je beklagt. Dazu war der gemütliche Biolehrer zu beliebt.
Gion brauchte ein Weilchen, bis er zögernd antwortete: «Er hat mich am Ohr gerissen und gedroht, mich von der Schule zu schmeissen. Dann ist ein Fremder dazugekommen und hat ihn abgelenkt. Ich habe die Gelegenheit benutzt und bin abgehauen.»
«Na ja, dann wird er wohl bald hier auftauchen. Gehen wir zur Klasse. Sie wartet vorn am Höheggen. Du setzt dich dann besser ein wenig hinter die andern, wo Sattler nicht gleich über dich stolpert, wenn er ankommt, sonst glaubt er noch, du hättest ihm absichtlich ein Bein gestellt …»
Die Mädchen und Burschen warteten auf dem Aussichtspunkt, wo der Abstieg nach Wiesen begann. Ausnahmsweise waren sie still und musterten neugierig Gion, der mit eingezogenem Kopf zwischen ihnen hindurchschlich. Es war seinen Kollegen anzusehen, dass sie gerne erfahren hätten, wie seine Auseinandersetzung mit Sattler abgelaufen war, doch keiner fragte. Sie wussten alle, dass er sowieso nicht antworten würde. Nur Ursina, die ihn ängstlich anstarrte, deutete er mit einer beruhigenden Geste der Hand an, dass er sie nicht verraten hatte. Ihr dankbares Lächeln entschädigte ihn für die erlittene Erniedrigung.
Sattler kam nicht. Bondolfi wurde unruhig und bat drei Burschen, zum letzten Rastplatz zurückzueilen und nach ihm zu sehen. Er merkte nicht einmal, dass er in der Aufregung den Vermissten Satyr nannte. Nach einer knappen halben Stunde kamen die drei atemlos angerannt, und Marcel keuchte: «Sattler ist tot! Er liegt im Geröll unter der kleinen Kuppe, auf der wir unser Picknick gegessen haben – und neben ihm liegt ein Stück Holz mit einer darauf aufgemalten, grässlichen Fratze!»

Bondolfi schickte die Klasse zum Bahnhof von Wiesen, um die Polizei zu verständigen. Er selbst kehrte mit Gion zur Unfallstelle zurück, wo er ihn ausser Sichtweite am Wegrand warten liess. Sattler lag mit eingeschlagener Schläfe etwa fünf Meter unterhalb des Wegs im Geröll. Bondolfi rieb sich verzweifelt die Nase. Nichts sprach gegen einen Unfall, wenn nur die blöde Geschichte mit dem Fremden, der sich eingemischt haben sollte, nicht gewesen wäre …
Er zündete sich eine Zigarette an und brütete vor sich hin. Die roh skizzierte Fratze auf dem Stück Holz neben Sattlers Kopf brachte ihn aus der Fassung. Sie schien seinem Kollegen aus dem Gesicht geschnitten. Das musste das Stück Holz sein, das Gion noch in der Hand hielt, als Sattler ihn anging. Hatte der verängstigte Bursche es tatsächlich fertiggebracht, seinen Peiniger umzubringen und dieses höhnische Zeichen zu hinterlassen? Bondolfi kratzte sich ausgiebig am Kopf. Dann fasste er einen Entschluss. Es war wohl besser, wenn die Polizei diese Botschaft, wenn es überhaupt eine war, nicht zu sehen bekam. Er hob das Holzstück auf und warf es in weitem Bogen den Abhang hinunter. Dann ging er zum wartenden Gion zurück, setzte sich neben ihn und sagte eindringlich: «Merke dir gut, was ich sage: Sattler hat dich zu sich gerufen, weil er glaubte, du hättest ihn verspottet.»
Bondolfi hob den Zeigfinger um die Wichtigkeit der nächsten Aussage zu unterstreichen: «Ich bin bei euch geblieben. Sattler war zu erregt, als dass ich euch hätte allein lassen können. Trotzdem hat er dich gehörig angeschrien. Du hast ihm versichert, die freche Bemerkung, die ihn derart aufbrachte, nicht gemacht zu haben. Ich habe dich unterstützt und behauptet, es sei eine Mädchenstimme gewesen. Er wurde über meinen Verrat noch wütender, hat dich aber laufen lassen. Danach hat er mich angebrüllt, ich solle gefälligst verschwinden, er wolle allein sein.»
Die Geschichte schien glaubhaft. Bondolfi nickte befriedigt und fuhr leichthin fort: «Wahrscheinlich hat er danach einen tüchtigen Schluck Cognac genommen, ist prompt gestolpert und hat sich an einem Stein die Schläfe eingeschlagen.» Er liess seine Botschaft einsickern, bevor er eindringlich beifügte: «Ein Fremder ist nie vorbeigekommen, verstanden?»
Gion sah seinen Lehrer mit grossen Augen an. Es war ein wunderbares Gefühl jemanden zu haben, der ihm helfen wollte. Ausser seiner Mutter hatte das noch nie jemand versucht – bis vorhin der Fremde, der ihn von Sattler befreit hatte. Doch diesmal brauchte er keine Hilfe. Er war sicher, eine Stimme gehört zu haben, die Satyr anbrüllte. Schüchtern brachte er seinen Einwand vor: «Ich bin Ihnen sehr dankbar, nur – ich habe Sattler nichts getan.»
«Das glaube ich dir, doch was hält wohl die Polizei von deiner Geschichte? Ein zorniger und als unbeherrscht bekannter Lehrer ruft vor der ganzen Klasse einen Schüler zu sich, um ihn für eine freche Bemerkung zu massregeln. Der feige Klassenlehrer lässt die beiden allein. Später kommt der Schüler allein nach und behauptet, ein Fremder habe sich in den Streit eingemischt – beschreiben kann er ihn aber nicht, und von uns andern hat ihn keiner gesehen. Später findet man den Lehrer mit eingeschlagenem Schädel unter einem Felsen, und der fremde Schutzengel ist spurlos verschwunden. Das glauben sie dir niemals!» Bondolfi schaute Gion prüfend an, dann fügte er verschwörerisch bei: «Meine Version ist viel überzeugender und angenehmer – für uns beide.»
Gion war beim blossen Erwähnen der Polizei der Angstschweiss ausgebrochen. Ein Verhör würde er, ob schuldig oder unschuldig, niemals durchstehen. Trotz seiner Panik stieg ihm plötzlich der Gedanke hoch, der fremde Helfer könnte Bondolfi gewesen sein. Gesehen hatte er den Fremden nicht, aber die Stimme, die er gehört hatte, war hell und klar. Bondolfis Stimme dagegen war rau und tief. Gion nickte. «Verstanden … aber nochmals, ich habe Sattler nicht umgebracht!»
Bondolfi hatte richtig überlegt. Nachdem er seine Geschichte vorgebracht hatte, fand es die Polizei nicht einmal nötig, Gion separat zu vernehmen. Die Leiche Sattlers wurde in den Helikopter geladen. Zwei Polizisten blieben zurück und begleiteten Bondolfi und Gion bis Wiesen. Dort befragten sie die Klasse gemeinsam. Zum ersten Mal hatte Gion das beglückende Gefühl, dass seine Kollegen zu ihm standen. Eifrig und einstimmig beteuerten sie, Sattler sei schlecht zu Fuss und wahrscheinlich wie immer angetrunken gewesen. Deshalb sei er wohl gestolpert und vom Weg gestürzt. Die Fratze auf dem Holzstück wurde mit keinem Wort erwähnt.
Als der Pathologe reichlich Alkohol im Magen der Leiche fand, wurde der tragische Tod des ehrenwerten Herrn Professor Kurt Sattler als Unfall eingestuft und der Fall diskret geschlossen.

Deble, Mörser-Statue
Senufo, Elfenbeinküste
Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Die Trösterin
Der fahlblaue Himmel war wolkenlos, und nur ein feiner Dunstschleier lag über der Limmat. Es war aussergewöhnlich warm für Mitte Februar. Die Tischchen vor dem Gran Café und dem Café Rathaus waren dicht besetzt mit Leuten, die sich in der frühlingshaften Sonne räkelten.
Vorsichtig wie er war, hatte Keller bis jetzt nicht gewagt, ins Freie zu sitzen, doch heute hatte der laue Tag selbst ihn aus seiner Höhle gelockt. Höhle war zwar nicht der richtige Ausdruck für seine grosszügige Wohnung im Haus 29 an der Schipfe. Eine grosse Südterrasse über dem Anbau des Hauses gehörte zu seiner Wohnung, und er hatte sich dort seinen Arbeitsplatz eingerichtet – vorsichtshalber unter dem Sonnenschirm. Damit schützte er sich nicht nur vor schädlichen Strahlen, sondern, was für ihn noch wichtiger war, auch vor neugierigen Blicken der Touristen oder Junkies, die vom Lindenhof herunterglotzten.
Hans Keller war Endvierziger, grossgewachsen, muskulös, mit einem markanten Gesicht, kräftigen Brauen, dunkelbraunen Augen und schwarzem, kurz geschnittenem Haar, das an den Schläfen leicht angegraut war. Trotz seines guten Aussehens war er schüchtern, ausgesprochen menschenscheu und deshalb auch Junggeselle geblieben. Das hinderte ihn nicht, peinlich genau auf sein Äusseres zu achten. Sogar zu Hause trug er eine dunkelgraue, tadellos gebügelte Hose und ein weisses Hemd. Er hatte sich immerhin erlaubt, den obersten Knopf des Hemdkragens zu öffnen und die elegante Krawatte mit dezent abgestimmtem blau-violettem Balkenmuster zu lockern.
Lustlos betrachtete er den Stoss von Examensarbeiten, die er noch korrigieren musste, doch das konnte noch ein wenig warten. Er schlug die Beine übereinander und genoss die Aussicht auf die Häuserfront des Niederdorfs und das Grossmünster. Auf dem Limmatquai herrschte ein Gewühl eiliger Passanten, und Keller fragte sich amüsiert, welche Kaste dieser emsigen Ameisen es sich leisten konnte, vor aller Augen müssig im Kaffeehaus herumzusitzen.
Nun, wenn er schon an andern herumnörgelte, machte er sich besser an seine Arbeit. Mit einem Seufzer nahm er sich die Übersetzungen seiner Schüler vor. Es war ein Abschnitt aus Caesars «de bello gallico», einem Bericht über die Kriege in Gallien. Nachdem er einige Arbeiten durchgesehen hatte, lehnte er sich zurück und schüttelte unwillig den Kopf. Selbst an sich korrekte Übersetzungen waren in einem derart fehlerhaften Deutsch abgefasst, dass er versucht war, der Schule vorzuschlagen, den Lateinunterricht durch Deutsch zu ersetzen. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. Das konnte ihm ja egal sein. Seine Stellvertretung an der Kantonsschule Rämibühl ging morgen zu Ende. Finanziell hatte er es nicht nötig zu arbeiten. Er übernahm solche Aufträge bloss, um sich zu zwingen, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Der Umgang mit Jugendlichen fiel ihm leicht, und die Schüler mochten ihn, zumindest soweit er dies abschätzen konnte. Mehr Mühe hatte er mit den Lehrern. Er hatte immer den Eindruck, sie versuchten ihre Frustration und manchmal auch Eifersucht mit zuvorkommendem Geschwätz zu übertünchen. Vielleicht lag die Schuld auch an ihm – mit Erwachsenen war er nie zurechtgekommen.
Jetzt hatte er sein sich selbst auferlegtes Sozialtraining bald hinter sich. Morgen würde er die korrigierten Arbeiten verteilen, eine korrekte Übersetzung besprechen und sich verabschieden. Dann konnte er endlich wieder in Ruhe seiner Arbeit über afrikanische Kunst nachgehen. Dank seines ererbten Vermögens hatte er eine bedeutende Sammlung afrikanischer Werke anlegen können und seine geräumige Wohnung in ein wahres Museum verwandelt. Dabei hatte er keinen Aufwand gescheut. Er hatte die alte Wohnung von Grund auf renovieren, hell streichen und die Böden mit grauem Eichenparkett auslegen lassen. Die leichten, diskreten Möbel aus Stahl und hellem Leder liessen die ausgestellten Kunstwerke zur Geltung kommen. Die wertvollen Statuen standen auf eigens für sie hergestellten Glassockeln oder in Vitrinen und die Masken hingen thematisch geordnet an den Wänden. Die von einem professionellen Ausstellungsmacher installierte Beleuchtung rückte die Skulpturen ins beste Licht. Ein grosses farbiges Bild von Augusto Giacometti mit seinen frechen Farbtupfern bildete einen herrlichen Kontrast zu den nüchternen, meist dunkeln afrikanischen Figuren.
Er war stolz auf seine Sammlung und deren Präsentation. Trotzdem lud er nur selten jemanden ein, sie zu besichtigen. Höchstens einige auserlesene Kuratoren und Kulturhistoriker, seriöse Kunstkenner und bedeutende Sammler, denen er als Experte beratend zur Seite stand, bekamen diese Gelegenheit. Als Kunstliebhaber und vor allem auch als Wissenschaftler störte er sich am Umstand, dass damit seine auserlesenen und ethnographisch wichtigen Stücke der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Um sein schlechtes Gewissen zu besänftigen, stellte er seine Objekte bereitwillig für Ausstellungen zur Verfügung unter der Bedingung, dass ihre Herkunft nur mit seinen Initialen, HK, bezeichnet wurde. Zudem dokumentierte er sorgfältig die rituelle Bedeutung, Herkunft und Geschichte jedes Kunstwerks und beschrieb sie in Fachzeitschriften mit künstlerisch hochstehenden Bildern, die er von einem bekannten Fotografen anfertigen liess. Daneben verfasste er ausgedehnte Studien zu ethnographischen und kunsthistorischen Themen. Auch seine Artikel signierte er bloss mit seinen Initialen. Dass dieser HK und seine Sammlung in Fachkreisen inzwischen höchst angesehen waren, erfüllte ihn mit Genugtuung. Trotzdem war ihm wichtig, dass ausser wenigen Eingeweihten niemand seinen vollen Namen, geschweige denn seine Adresse erfuhr.
Er selbst war eifriger Besucher von Ausstellungen. So hatte er kürzlich auch an der Einführung zur neuen Ausstellung «Afrikanische Meister» im Rietbergmuseum teilgenommen – und war dank einer unmöglichen Mütze und dunkler Brille glücklicherweise unerkannt geblieben. Während er die dort ausgestellten Werke bewunderte, war ihm die Idee gekommen, eine kritische Abhandlung über weniger meisterhafte Werke der Stammeskunst zu schreiben, vielleicht unter dem Titel «Clumsy Art».
Auch wenn dieser Arbeitstitel etwas provokativ klang, ging es ihm keineswegs darum, unbeholfene Darstellung anzuprangern oder einzelne Stücke abzuwerten, die ethnologisch durchaus von Bedeutung sein konnten. Ihn faszinierte vielmehr die Frage, woran es lag, dass manche, auch sorgfältig gefertigte Skulpturen nicht die geringste Ausstrahlung besassen, und andererseits auch grob ausgearbeitete Figuren stark und künstlerisch überzeugend wirkten. Diese Frage galt ja für alle Bereiche der Kunst, aber bei der Stammeskunst konnte dieser Aspekt offener behandelt werden. Kaum einer würde es wagen, gewisse Werke hochgehandelter Künstler als Bluff oder Pfusch zu bezeichnen – wenigstens nicht in einem gedruckten Artikel. Die afrikanischen Künstler hingegen waren, mit wenigen Ausnahmen, nicht namentlich bekannt, und so konnte es auch nicht zu einem Kult unantastbarer Halbgötter kommen. Man konnte sie auch nicht beleidigen – höchstens die Besitzer der Werke.
Die Sonne war hinter dem Schirm hervorgekommen und schien ihm ins Gesicht. Das weckte ihn aus seinen Überlegungen. Er rückte seinen Stuhl in den Schatten und machte sich daran, die letzte Examensarbeit zu lesen. Plötzlich lachte er laut auf. Eine derart hübsche Übersetzung hatte er noch nie gesehen! Der trinkfeste Studer hatte «ut Germanis metum iniceret» seinen Neigungen entsprechend statt mit «um den Germanen Angst einzujagen» mit «um den Germanen Bier einzuflössen» übersetzt. Wenn man berücksichtigte, dass für Studer Bier ein Göttergetränk war, so war das gar nicht so falsch.
Befriedigt lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und blinzelte in die Frühlingssonne. Studers geniale Fehlübersetzung hatte ihn aufgeheitert, und er verspürte ausnahmsweise Lust spazieren zu gehen. Sonst ging er tagsüber nur aus dem Hause, wenn er eine wichtige Besorgung zu erledigen hatte. Er brach sofort auf, bevor er auf seinen Entschluss zurückkommen konnte. Vor dem Haus blieb er an der Ufermauer der Limmat stehen und warf den Lachmöwen Brotstückchen zu. Die Köpfe der Männchen waren schon schwarz gefärbt – der Frühling war da.
Nachdem er die letzten Krümel verfüttert hatte, ging er flussaufwärts. Er wollte dem See entlang bis zum Zürihorn spazieren. Schon auf der Rathausbrücke bereute er seine Waghalsigkeit. Die Sonne hatte anscheinend alle Mütter Zürichs ins Freie gelockt, die nicht zur Arbeit mussten, und das waren erstaunlich viele. Die zahlreichen Steinbänke auf der Rathausbrücke waren dicht besetzt mit schwatzenden Frauen, die Unmengen an Nahrung und riesige Flaschen mit Süssgetränken mitgeschleppt hatten – was es für eine Expedition mit dem Nachwuchs eben so braucht. Einige Mütter schaukelten ihren Kinderwagen derart heftig, dass HK befürchtete, die armen Babys könnten einen Hirnschaden davontragen. Die grösseren Kinder tollten auf der verkehrsfreien Brücke herum. Keller war erstaunt, wie viele Kinder es in Zürich gab und – entgegen anderslautender Zeitungsberichte – offensichtlich nicht allesamt mit Ritalin ruhiggestellt wurden. Das übermütige Geschrei der Rangen störte ihn nicht. Er liebte Kinder und bedauerte, keine zu kennen. Was ihn beängstigte, war das Gedränge um ihn herum. Er hatte schon immer Mühe, sich in grössere Ansammlungen von Leuten zu mischen, und der Anblick der Kolosse, die in enge Trikots gestopft ihre Speckbäuche und andere Wülste zur Schau stellten, war ihm zuwider. Er musste sich zwingen nicht umzukehren. Mit zusammengekniffenen Augen überquerte er die Brücke, doch plötzlich stockte sein Schritt. Aus der Marktgasse kam ein dicklicher Mann mit flatternder, grauer Halsschlinge gerannt und winkte ihm zu. Er trug eine tomatenrote Manchesterhose und eine Fliegerjacke aus einem Armee-Outlet, die seinen Schmerbauch unbarmherzig zur Geltung brachte. Keller tat, als ob er ihn nicht bemerkt hätte, drehte sich um und wollte sich aus dem Staub machen, doch es war zu spät. Der Kerl setzte ihm nach, holte ihn rasch ein und klopfte ihm begeistert auf die Schulter. «Hoi, Jack! Ich habe gehört, dass du in Zürich wohnst, dich aber über alle die Jahre nie angetroffen. Was treibst du immer?»
«Darf ich fragen, mit wem ich es zu tun habe, ich kenne Sie leider nicht.»
«Stell dich nicht so an! Ich bin Claudio, dein Klassenkollege von Chur.»
«Tut mir leid, ich heisse Hans und bin meines Wissens nie in Chur zur Schule gegangen. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.» Trotz dieser korrekten Antwort war Keller nahe daran, die Fassung zu verlieren. Sein Gegenüber entsprach seinem Feindbild Nummer Eins: dicklich und klobig, aufgedunsenes Gesicht, Knollennase, wulstige Lippen und eine polternde Art zu sprechen! Jedes Mal, wenn er diesem Typus von Mensch begegnete, empfand er eine unerklärliche Abneigung. Es gab noch einen zweiten Menschenschlag, den er nicht ertragen konnte: kleingewachsen, knochig, scharfe Gesichtszüge, griesgrämige Miene und schneidende Stimme. Er hatte keine Ahnung, woher diese Aversionen stammten, denn er hatte noch nie bewusst schlechte Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht. Trotzdem musste er sich zurückhalten, um den lästigen Kerl nicht von sich zu stossen.
Dieser starrte ihn immer noch erstaunt an, fühlte aber, dass er besser nicht weiter insistierte. «Tut mir leid. Es ist immerhin eine Ewigkeit her, seit ich Jack das letzte Mal gesehen habe, und als Churer würde er kaum einen so ausgeprägten Zürcher Dialekt sprechen wie Sie. Ich muss mich getäuscht haben. Aber die Ähnlichkeit …»
Keller winkte begütigend ab und liess ihn stehen. Die Lust am Ausflug war ihm gründlich vergangen. Er hastete nach Hause. Dort konnte er sich durch einen Sprung in die Wohnung noch knapp vor der honigsüssen, geschwätzigen Nachbarin vom oberen Stock retten, die ihm sonst brühwarm die Untaten der andern Hausbewohner aufgetischt hätte. Erschöpft lehnte er sich mit dem Rücken an die Wohnungstüre und beschloss, heute auf den üblichen Abendspaziergang zu verzichten.

«Hei Jack, sieht man dich endlich auch wieder einmal?» Peter Weber hatte seinen Freund sofort erkannt, als er aus der Dreikönigstrasse in die Beethovenstrasse einbog. Mit seinem hellem Kamelhaar-Jackett und einem lose um den Hals geschwungenem, beigen Schal mit unregelmässig angeordneten orangen Tupfern stach der grossgewachsene, sportliche Mann aus der dunkel gekleideten Prozession der Tonhalle-Besucher heraus. Mit federnden Schritten schlängelte er sich zwischen den Autos durch, die auf der Suche nach einem Parkplatz die Strasse verstopften.
Der Ausruf hatte die andern Gäste der Onyx-Bar, die dichtgedrängt unter dem Vordach des Hyatt Hotels an den Apéro-Tischchen standen und am obligaten Cüpli nippten, auf den Neuankömmling aufmerksam gemacht. Jack war oft hier anzutreffen, und viele der Stammgäste schätzten seine unterhaltsame Art und lächelten ihm zu. Bei andern, die wohl Opfer seiner spitzen Zunge geworden waren, wirkte das Lächeln gezwungen.
Jack klopfte seinem Freund auf die Schulter: «Schön dich zu sehen, Peter! Ich war lange weg. Paris, London, New York … ich kann dir beim besten Willen nicht alle Städte aufzählen, in denen ich übernachtet habe – und keine Zeit zum Flanieren hatte.»
«Tagsüber vielleicht, aber ich nehme an, das Nachtleben hast du nicht verpasst.»
«Das kommt ganz darauf an, was man unter Nachtleben versteht. Jede Galerie, die etwas auf sich hält, organisiert an den Vorabenden der grossen Auktionen eine Vernissage mit Champagner und kleinen Häppchen. Jeder, der gesehen werden will, geht hin. It’s a must! Und so habe ich eben meine Abende damit verbracht, mit diesen ach so wichtigen Leuten zu diskutieren.»
Jack bat mit einer Handbewegung um Geduld und hielt die vorbeieilende Serviererin am Ärmel zurück. «Das Übliche, bitte, Irina.» Er war gespannt, ob die aparte Russin mit den grossen Ohrringen und dem verführerischen Lächeln sich nach seiner langen Abwesenheit noch erinnern konnte, welches Getränk er bevorzugte. Kennen sollte sie ihn noch, immerhin hatten sie einmal zusammen geschlafen.
«Taliskerrrr sec, ohne Eis.» Zumindest ihr gastronomisches Gedächtnis war fabelhaft – und sie rollte das R noch schöner als die Schotten.
Jack nickte anerkennend. Dann wandte er sich wieder Peter zu. «Nach diesen Anlässen bleibt weder genügend Zeit noch Kraft für eine Verlängerung!»
«Wenn du meinst, ich glaube dir das …» Peter wechselte das Thema. «Schade, dass du so lange weg warst. Du hättest sicher auch gegen diese katastrophale, als Umweltschutz getarnte fremdenfeindliche Einwanderungs-Initiative gestimmt.»
«Moment, welche Initiative?» Jack zog verunsichert an seiner Zigarette. Er interessierte sich wenig für Politik und beteiligte sich nur selten an Abstimmungen. Dann ging ihm ein Licht auf. «Natürlich, die mit den Apfelbäumchen! Wahrscheinlich haben die meisten Leute vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen. Das Traurige daran ist, dass man heute mit Hasspropaganda eine Mehrheit für oder eher gegen alles mobilisieren kann. Ich bin bloss erstaunt, dass Leute, die sonst prinzipiell gegen alles sind, imstande waren, Ja zu stimmen.»
«Ich mache mir Sorgen. Fast die ganze Produktion meines kleinen Betriebs ist für den Export bestimmt.»
«Ich hoffe das Beste für dich! Den Hetzpredigern würde ich allerdings von Herzen gönnen, wenn sie auch etwas von dem Schlamassel abbekämen, das sie angerichtet haben … aber ich bin noch gar nicht dazu gekommen, meinen Whisky zu trinken!» Jack hob sein Glas und stiess mit Peter an.
Wie üblich hatte er ungeniert und laut geredet. Sein Churer Dialekt schien nicht allen zu gefallen. Jedenfalls schossen ihm zwei ältere Herren vom Nebentisch giftige Blicke zu und hätten sich wohl ins Gespräch gemischt, wenn Jack nicht sein Glas erhoben und ihnen lächelnd zugeprostet hätte: «Auf Ihre Exportgeschäfte!»
«Hast du gestern die Diskussion am Fernsehen über die möglichen Auswirkungen dieser Abstimmung mitgehört …», versuchte Peter das Thema wieder aufzunehmen.
«Fernsehen? Hör mir bitte mit dieser Volksverdummungsanstalt auf.» Jack machte eine wegwerfende Handbewegung. «Die Unterhaltungssendungen mit ihren exaltierten Selbstdarstellern kannst du sowieso vergessen. Die haben offensichtlich den Regisseur einer Schmierenkomödie dritter Klasse engagiert!» Das Thema erregte Jack und er fuhr hitzig fort: «Anscheinend ist jetzt auch noch ein besonders intelligenter Sprachlehrer für die Moderatoren am Werk. Immer mehr von ihnen imitieren ihre blöden deutschen Kollegen und sagen jetzt ‘Diskusion’ und ‘Branje’, nur ‘Schiasso’ haben sie noch nicht gewagt.»
Weiter kam der Spötter nicht. Ein riesiger Kerl hatte ihn am Kragen gepackt. «Hab ich was von blöden Deutschen gehört?»
Jack hing in seinem Jackett und berührte den Boden nur noch mit den Zehenspitzen. Er versuchte ruhig zu bleiben: «Richtig, aber Sie haben nicht alles mitbekommen. Ich habe ‘blöde deutsche Kollegen’ gesagt, und meinte erst noch die vom Fernsehen.»
«Na, da sind wir uns ja einig. Nichts für ungut. Trinken wir ein Bier zusammen?» Trotz des Friedensangebots liess er seinen Griff noch nicht los. Immerhin stellte er Jack wieder auf die Füsse.
Dieser hatte keine Lust, sich mit dem Riesen zu schlagen, doch das schadenfrohe Lächeln einiger Anwesender konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Mit beiden Händen packte er das Handgelenk in seinem Nacken, duckte sich und drehte sich halb um die eigene Achse. Dann zog er den Arm des Gegners hinter dessen Rücken hoch, bis dieser vornübergebeugt vor ihm stand.
Das Gerangel hatte einiges Aufsehen erregt, und Jack beeilte sich, es zu einem guten Ende zu bringen. «Ich trinke gerne ein Glas mit Ihnen, aber nur wenn ich bezahlen darf.»
«Sie haben eine unwiderstehliche Art, Leute einzuladen.»

Keller stand in seinem Wohnzimmer vor einer zierlichen Deble-Statue, einer stehenden, völlig in sich gekehrten, mädchenhaften Figur mit vorgeschobenen Lippen, welche mit weit geöffneten Augen ins Leere starrte. Für ihn war sie das perfekte Abbild einer jungen Frau, die Schweres erlebt hat. Der erhobene Kopf und die aufrechte Haltung deuteten jedoch an, dass sie sich nicht aufgegeben hatte. Bei den Senufo im Norden der Elfenbeinküste wird diese Statue bei Beerdigungen gebraucht, um die Erde fest zu stampfen, damit der Geist des Toten nicht zurückkehren kann und gezwungenermassen ins Totenreich wandert. Die schöne Tochter des Geheimbundes, wie die Figur auch genannt wurde, kümmerte sich zudem um die Burschen während der schweren Initiationszeit und tröstete sie.
Er lächelte bei der Erinnerung an den Tag, an dem er die Statue von einer Auktion in Paris heimgebracht und seiner Putzfrau, Frau Petrovic, gezeigt hatte. Mit Entsetzen hatte sie die Figur als «nackte Madonna» bezeichnet und sich vor Schreck über ihre Ketzerei dreimal bekreuzigt. Seither war diese Statue für ihn seine «Mater dolorosa», bei der er in stummem Zwiegespräch Zuflucht und Trost suchte, wenn er sich einsam und verzweifelt fühlte.
Heute brauchte er keinen Trost und riss sich rasch von ihrem Anblick los. Vor ein paar Tagen hatte er mit den Vorarbeiten für seine geplante Studie über die unterschiedliche Aussagekraft afrikanischer Skulpturen angefangen und brannte darauf, damit weiterzufahren. Er hatte bereits einige Skulpturen ein und desselben Stammes gefunden, die dieselbe rituelle Funktion hatten und dennoch eine sehr unterschiedliche künstlerische Qualität aufwiesen. Selbst in angesehenen Sammlungen und Museen fanden sich Skulpturen, die alt und ethnographisch wichtig und doch völlig ausdruckslos waren.
Das war nicht weiter erstaunlich. Nicht jeder Bauer hatte die Mittel, einem bekannten Schnitzer viel Geld für ein Kunstwerk für den Hausaltar in seiner bescheidenen Hütte oder eine Maske fürs Erntedankfest zu bezahlen – und vielleicht gab sich der Künstler entsprechend weniger Mühe. Bei manchen Stämmen zwangen Geister gewöhnliche Dorfbewohner, eine Statue herzustellen. Die «Berufenen» machten sich gezwungenermassen an die ihnen auferlegte Aufgabe, auch wenn sie unbegabt waren. Zudem mochte eine Figur den rituellen Ansprüchen genügen, ohne schön oder teuer zu sein. Die Anforderungen konnten sehr bescheiden sein. Beim Stamm der Lobi galt eine Statue bereits als gut, wenn sie auf dem Hausaltar nicht umfiel – und trotzdem fanden sich dort viele aussergewöhnlich ausdrucksstarke Skulpturen.
Gestern hatte er besonders schlagende Beispiele mit zwei Meisterwerken und entsprechenden, schwachen Gegenstücken gefunden, deren Abbildungen auf seinem Scanner kopiert und in seinem Computer gespeichert. Das Dossier wollte er sich jetzt nochmals genauer ansehen. Er holte seinen Laptop und öffnete das Dokument. Dann stockte sein Atem: Lobi4.docx, last modified March 3, 2014, 17:36 – heute war der zehnte! Seine Uhr und der Computer waren sich darin einig.
Keller stützte die Ellbogen auf den Tisch und vergrub den Kopf in die Hände. Er versuchte, sich zu erinnern, wie er die verlorene Woche verbracht hatte – nichts! Es war, als ob er in ein schwarzes Loch starrte. Er konnte sich genau erinnern, wie er gestern – oder vor einer Woche – nach einem bescheidenen Imbiss überlegt hatte, ob er einen Abendspaziergang unternehmen sollte. Dann musste er eingeschlafen sein. Vielleicht war er im Halbschlaf ins Bett gekrochen und hatte sieben Tage durchgeschlafen. Das war zwar nicht wahrscheinlich, aber die einzige Erklärung, die ihm einfallen wollte.
Schon früher hatte er derartige Absenzen erlebt – oder vielmehr nicht erlebt. Meistens erstreckten sie sich bloss über einen oder zwei Abende. Nein, wenn er ehrlich war, fehlten manchmal auch ganze Tage. Irgendwie hatte er solche Episoden jeweils verdrängen können. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als es auch diesmal wieder zu versuchen.
Er fuhr auf. Beim Rasieren heute früh hatte er den Eindruck erhalten, sein Gesicht sei gebräunt. Er hatte angenommen, sein langes Verweilen auf der Terrasse habe seine Winterblässe vertrieben, obwohl er meistens unter dem Sonnenschirm gesessen war. Zudem hatte ihm der Elektriker versichert, die neue Beleuchtung im Badezimmer schmeichle dem Teint. Damit hatte er die Sache abgetan. Im Hinblick auf die entdeckte Zeitlücke wurde diese Erklärung weniger stichhaltig. Er versuchte sich vorzustellen, er sei in die Berge gefahren und habe vor einem Panorama weisser Bergketten auf einer Sonnenterrasse in einem bequemen Korbsessel ein Glas Weisswein getrunken. So sehr er sich auch Mühe gab, gelang es ihm nicht, sich davon zu überzeugen, dies wirklich erlebt zu haben. Keller rang nach Atem. Er musste aus seinen vier Wänden hinaus und sich irgendwie ablenken.
Mit eingezogenen Schultern hastete er über die Rathausbrücke in der Hoffnung, von keinem rotbehosten Kampfpiloten mit Schmerbauch belästigt zu werden. Nichts dergleichen geschah und er schlenderte etwas entspannter die Storchengasse hinauf und sah sich die Auslagen der Boutiquen an. Im Café Presse Club am Münsterhof waren alle Tische besetzt, und er ging weiter zum Hotel Metropol. Dort war das Bistro fast leer. So wagte er es einzutreten, wählte einen kleinen Tisch, machte es sich auf dem braunen Sofa bequem und hoffte, dass sich innerhalb der nächsten Stunde ein Kellner zu ihm verirren würde. Zu seinem Erstaunen wurde er sofort bedient.
Vorsichtig nippte er an seinem Riesling-Silvaner und versuchte vergeblich, seinen Schreck zu vergessen. Er nahm die NZZ vom Nebentisch und blätterte darin. Er las sonst ziemlich regelmässig die zahlreichen Zeitungen, die im «Presse Club» auflagen. So war ihm der Volksaufstand in der Ukraine nicht neu, doch während seiner «Abwesenheit» war einiges geschehen. Die pro-westlichen Aufständischen hatten sich durchgesetzt und forderten bereits das Verbot der russischen Sprache, was die Westmächte anscheinend nicht störte – wenn sie bloss ein weiteres Gebiet der ehemaligen Sowjetunion unter ihren Einfluss bringen konnten. Im Gegenzug benutzten die Russen dies als Ausrede, sich die Krim unter den Nagel zu reissen. Angewidert drehte er die Seite um. Das Geläster zweier Politiker über unverantwortliche Kolleginnen, die landesverräterisch gegen den Kauf des neuen Kampfjets Gripen auftraten, war auch nicht geeignet seine Stimmung aufzuhellen.
Entmutigt schmiss er das Blatt auf den Tisch, nippte an seinem Glas und dämmerte vor sich hin, bis eine ältere Dame und ihr bedeutend jüngerer Begleiter am Tisch gegenüber Platz nahmen. Er konnte nicht umhin, sie ein wenig zu beobachten. Das waren bestimmt Mutter und Sohn. Diese Annahme bestätigte sich, als der junge Mann die gebrechliche Dame mit Mami ansprach. Das hatte Seltenheitswert: Sohn führt seine Mutter in den Ausgang, ohne andauernd am Handy zu hängen. Er selbst hatte nicht die geringste Erinnerung an seine Kindheit. Seine Eltern hatte er nie gekannt. Er wusste bloss aus den Unterlagen zur Erbschaft, dass seine verwitwete Mutter ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte. Seine ganze Jugend war einem Filmriss zum Opfer gefallen. Was hiess da Riss? Die ganze Filmrolle war abhandengekommen.
Seine erste Erinnerung war, wie er in einer Vorlesung an der Universität sass, als ob der Storch ihn soeben dort abgesetzt hätte. Von da an hatte er eifrig studiert, sich kaum eine Abwechslung gegönnt und in Rekordzeit sein Doktorat in Kunstgeschichte gemacht. Um alte Inschriften lesen zu können, hatte er Latein als Nebenfach gewählt, was ihm jetzt erlaubte, gelegentlich an Mittelschulen zu unterrichten. Die Klassik hatte ihn jedoch wenig fasziniert. Sein Hauptinteresse galt von Anfang an der Stammeskunst, besonders der afrikanischen. Er verbrachte die ganze Freizeit in den Sammlungen des völkerkundlichen Museums der Uni, im Museum Rietberg, in Bibliotheken und besuchte Ausstellungen in der Schweiz und den umliegenden Ländern. Für diese Periode konnte er sich an alles lückenlos erinnern.
«Leider nicht alles …», knurrte er vor sich hin, «denk an die schwarzen Löcher.» Schon während der Studienzeit hatte er Momente von Abwesenheiten erlebt, die ein paar Stunden, manchmal auch Tage dauern konnten. Einmal hatte er eine Prüfung verpasst und nie herausgefunden weshalb. Es ging um eines seiner Lieblingsfächer, und er war gut vorbereitet. Der verständige Professor hatte ihm freundlicherweise einen andern Termin gegeben, und er hatte glänzend bestanden. Genau genommen fehlten ihm an den meisten Tagen ein paar Stunden, doch längere Lücken waren mit der Zeit selten geworden. Deshalb hatte er auf den jetzigen Aussetzer so panisch reagiert.
Er versuchte sich abzulenken. Auf einem Sofa schräg vis-à-vis sass eine prächtig aufgemachte Dame in modisch vielschichtiger Kleidung. Das mit glitzernden Fäden durchzogene Jäckchen passte zu ihrem silbergrauen, eng anliegenden Rock. Ihr platinblondes, gestrecktes Haar war in der Mitte gescheitelt. Sie konnte sehr wohl Besitzerin einer der teuren Boutiquen im Quartier sein, die sahen sich alle ähnlich. Ein kleiner Schosshund sass neben seiner Herrin, stützte seine Pfoten auf ihrem üppigen Busen ab und schnappte Häppchen eines Kuchens von ihren aufgespritzten Lippen. Es war zum … Austrinken und Gehen!
Kaum hatte er das Glas an die Lippen gesetzt, erstarrte er. Vorgestern hatte er die letzte Stunde seines Unterrichts ausgelassen! Er schnappte verzweifelt nach Luft und zog damit die Aufmerksamkeit seiner Nachbarin auf sich. Sie starrte ihn zuerst fragend an, doch dann schien sie ihn zu erkennen und winkte ihm freudig zu. Er stand hastig auf, bedeutete ihr mit einer beschwichtigenden Geste, dass er in Eile sei, und schickte sich an zu gehen.
Da hörte er neben sich eine Stimme: «Eliane? Ich habe dich zuerst gar nicht gekannt – es ist ja auch schon lange her …» Unter der Türe drehte er sich nochmals um und sah, wie ein Mann in seinem Alter sich an den Tisch der blonden Dame setzte. Keller war erleichtert. Ihre Aufmerksamkeit hatte nicht ihm gegolten.

Jack sass an einem der ovalen Tische mit marmoriertem Steinsockel in der Onyx-Bar, und stürzte ein Bitter Lemon hinunter. Die vergangene Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen, und zum Ausgleich hatte er am Nachmittag drei Stunden im Fitness-Club trainiert. Jetzt war er völlig geschafft. Als er das Glas vorsichtig auf der Glasplatte absetzte, bemerkte er die hinreissende Rothaarige, die schräg gegenüber an einem andern Tisch sass. Vor der schwarzen Wand im Hintergrund leuchtete ihr krauses Haar im Licht der Deckenspots wie ein roter Lampion – ein faszinierendes Bild! Jack beobachtete sie eingehend. Ende dreissig, feines Gesicht, elegante Kleidung und sicheres Auftreten, wahrscheinlich eine Geschäftsfrau, die im Hyatt übernachtete. Er hatte schon einige nette Abende mit einsamen Damen verbracht, die er hier aufgegabelt hatte, und diese gefiel ihm besonders. Nach der vergangenen Nacht brauchte er zwar dringend etwas Ruhe, aber in diesem Fall wollte er nicht klein beigeben. Er versuchte, Blickkontakt mit der Schönen aufzunehmen, doch sie schaute teilnahmslos durch ihn hindurch und schenkte ihm keine Beachtung. Das würde er schon noch hinbekommen.
«Herr äh … auch wieder einmal in Zürich? Das trifft sich gut. Ich muss Sie etwas fragen.» Jack hatte Mühe, seine Augen von der roten Verlockung loszureissen und wandte sich unmutig dem Störenfried zu. Robert Schnyder, gepflegt, in tadellosem anthrazitfarbenem Anzug hätte ebenso gut Banker sein können, führte jedoch die exklusive Galerie Flair an der Talstrasse und kam öfters allein oder mit wichtigen Kunden auf einen Drink im «Onyx» vorbei. Jack kannte ihn flüchtig von solchen Gelegenheiten. Umso mehr interessierte ihn, was der Kunsthändler von ihm wollte.
Dieser kam auch gleich zur Sache. «Entschuldigung, wenn ich Sie so unverblümt frage. Sie sind doch HK, der bekannte Experte für afrikanische Kunst? Ich hätte eine grosse Bitte an Sie.»
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