Read the book: «Mitten ins Leben – Frieden finden mit Vipassana-Meditation»
Für die Mütter
Gertrud und Beate
Werner Vogd
Dunja Batarilo
Mitten ins Leben – Frieden finden mit Vipassana-Meditation
2022
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Themenreihe »Reden reicht nicht!?«
hrsg. von Michael Bohne, Gunther Schmidt und Bernhard Trenkle
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Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann
Umschlagfoto: © ryabis – stock.adobe.com
Redaktion: Anja Bachert
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2022
ISBN 978-3-8497-0420-9 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8377-8 (ePUB)
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Inhalt
Teil I: Einführung
1.1 Wege zu Vipassana
1.2 Buddha war kein Buddhist – der Weg in den Westen
Kurzer historischer Überblick
Vipassana für Laien – ein Ergebnis der Befreiung aus der Kolonialherrschaft?
Interkultureller Austausch – Vipassana goes West
1.3 Meditation wirkt. Das Allheilmittel des 21. Jahrhunderts?
Meditation – ist das nicht MBSR? Ein Missverständnis
Von Äpfeln und Birnen. Meditation ist nicht gleich Meditation
»Gut fürs Gehirn«. Positive Effekte von Meditation
Teil II: Auf dem Pfad
2.1 Die Suche nach der Überwindung des Leids
Die Suche nach Befreiung – Auswege und Sackgassen
Sehen, was ist
Alles fließt – von anicca und anattā
2.2 Leben, Leiden, Loslassen
Blut, Schweiß und Tränen
Forscher in der inneren Serengeti – das Zusammenspiel von Geist und Körper erkunden
Sturm in der Stille – die Aggregatzustände von dukkha
2.3 Psychosomatischer Frühjahrsputz – saṅkhāras auflösen
Ich beobachte, also bin ich. Heilung durch Vipassana
Loslassen, was belastet
Mit sich selbst durch dick und dünn
Von Langeweile und Lustlosigkeit
Erkenne dich selbst
2.4 Einmal Paradies und zurück. Von bhaṅga und den dunklen Nächten der Seele
Bhaṅga als Lackmustest
Am Ende der Nacht das Morgengrauen
Freund und Feind
Der verkörperte Geist
Adiṭṭhāna – Meditieren im Dampfdrucktopf
2.5 Werde der Weg. Die Lehre von der Bedingten Entstehung
Mitten rein ins Leben
2.6 Der Mittlere Weg im Alltag. Von kleinen Schritten und Stolpersteinen
Hürden auf dem Weg
Geduld statt Schuld
Anstrengungslose Anstrengung
Zentrierung in einer beschleunigten Welt
Teil III: Nach Hause kommen
3.1 Erleuchtung in Wanne-Eickel. Nibbāna ist für alle da
Endstation Sehnsucht
Ich kenne dich, Māra
Alles fließt
In den Strom eintreten
Ich weiß, dass ich nichts weiß – und das ist gut so
Von Lehre und Leere
3.2 Die Rückkehr. Mit Mitgefühl und Liebe der Welt begegnen
Liebe will ins Leben
Last but not least: mettā
Die Liebe ist ein Kind der Freiheit
Von Mitgefühl und Burn-out
Risiken und Nebenwirkungen: Glück
Vergebung, Versöhnung, Verantwortung
Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt
Die Alchemie des Leids
Vipassana als Institution – eine Ökonomie der Gnade
3.3 Leben in Gemeinschaft und Unvollkommenheit – Warum wir keine andere Wahl haben
Nachwort von Werner Vogd
Anmerkungen
Literatur
Über den Autor und die Autorin
Teil I: Einführung
1.1Wege zu Vipassana
Sie sitzen da wie Salatköpfe auf einem Feld: in ordentlichen Reihen, alle im gleichen Abstand voneinander, reglos und schweigend. Die Gesichter nach vorne gewandt, die meisten von ihnen im Schneidersitz. Männer und Frauen aller Altersgruppen meditieren in einem schmucklosen Raum, durch eine unsichtbare Linie nach Geschlechtern getrennt. Ein tiefer Friede liegt über der Szene. Was hinter den geschlossenen Augen, was in den fast bewegungslosen Körpern vor sich geht, bleibt dem Beobachter verborgen. Sie atmen und fühlen – nur deshalb sind sie hier.
Von außen sichtbar: ein in Schweigen gehülltes Gebäude hinter einem Schutzwall von Schildern, die »Bitte Ruhe« und »Edle Stille« verlangen. In einem abgegrenzten Areal um das Haus sind vereinzelt einige wenige Menschen zu sehen, die ihre Runden drehen. Langsam und bedächtig gehend, wie in Zeitlupe, schweigend, in sich versunken. Eine Frau lächelt, einer anderen rollen Tränen über die Wangen, ein junger Mann lehnt sich an einen Baum, der nächste badet das Gesicht in staubflockendurchtanzten Sonnenstrahlen, die durch Buchenblätter fallen. Zur vollen Stunde ertönt ein Gong, der Außenbereich füllt sich. Auch im Inneren des Hauses bewegen sich die Menschen verlangsamt wie unter Wasser, niemand spricht, jeder ist mit sich allein, unter all den anderen.
Was anmutet wie Szenen aus einem Shaolin-Film, ist ein ganz normaler Tag auf einem Kurs in der Vipassana-Tradition. Diese sogenannten Retreats sind in der Szene auch als »Bootcamps« bekannt. Ein solcher Kurs verlangt von den Teilnehmern ein grundlegend anderes Commitment als ein Achtsamkeitskurs, den man zweimal die Woche besucht, oder als Meditationsübungen am Smartphone. Wer hierherkommt, will es wirklich wissen.
Ein Vipassana-Retreat ist eine Art Kloster auf Zeit. Vor Beginn verpflichten sich alle Meditierenden in spe, sich für die Dauer des Kurses an bestimmte Regeln zu halten: nicht zu stehlen, nicht zu lügen, keine Drogen zu nehmen und keine sexuellen Handlungen zu vollziehen. Es sind Verhaltensrichtlinien, wie sie auch viele konfessionelle und spirituelle Gemeinschaften kennen. Die Kommunikation wird eingestellt, auch die nonverbale; Zeichensprache und Gestikulieren sind nicht erwünscht. Die Organisatoren des Kurses schützen diese Stille nach außen hin: Telefone werden ausgestöpselt, Türklingeln abgestellt. Die Teilnehmer ihrerseits verzichten auf jeden Kontakt zur Außenwelt und geben alles ab, was ihre Konzentration stören könnte: Laptops, Bücher, Schreibzeug, ihr Mobiltelefon. Es ist eine kompromisslose Absichtserklärung: Man ist gekommen, um zu meditieren – nichts anderes. Die sogenannte Edle Stille soll dabei helfen, einen inneren Raum zu betreten, in dem es möglich ist zu lauschen. Zeit dazu ist reichlich: zehn Tage lang, zehn bis zwölf Stunden am Tag.
| Tagesablauf eines Vipassana-Kurses nach S. N. Goenka | |
|---|---|
| 4:00-4:30 Uhr | Gong – Aufstehen |
| 4:30-6:30 Uhr | Meditation in der Halle oder auf dem Zimmer |
| 6:30-8:00 Uhr | Frühstückspause |
| 8:00-9:00 Uhr | Gruppenmeditation in der Halle |
| 9:00-11:00 Uhr | Meditation in der Halle oder auf dem Zimmer |
| 11:00-12:00 Uhr | Mittagessen |
| 12:00-13:00 Uhr | Ruhepause |
| 13:00-14:30 Uhr | Meditation in der Halle oder auf dem Zimmer |
| 14:30-15:30 Uhr | Gruppenmeditation in der Halle |
| 15:30-17:00 Uhr | Meditation in der Halle oder auf dem Zimmer |
| 17:00-18:00 Uhr | Teepause |
| 18:00-19:00 Uhr | Gruppenmeditation in der Halle |
| 19:00-20:00 Uhr | Diskurs des Lehrers in der Halle |
| 20:00-21:00 Uhr | Gruppenmeditation in der Halle |
| 21:00-21:30 Uhr | Fragestunde in der Halle |
| 21:30 Uhr | Nachtruhe, Licht aus |
Das Kurssetting bildet eine Art Raumschiff, auf dem die Teilnehmer als schweigende Besatzung anheuern. Die Reise, die sie antreten, führt sie nicht ins Weltall, aber in einen ähnlich unbekannten Raum – das eigene Bewusstsein.
Ein Missverständnis, dem viele aufsitzen, die das erste Mal hierherkommen: dass zehn Tage Meditation Entspannung bedeuten. Runterkommen, Ruhe. Meditieren im Sinne von Vipassana heißt jedoch: »Sehen, was ist«. Beobachten. Mit Wellness und Sich-fallen-Lassen hat das nichts zu tun; das aktive Kultivieren der Aufmerksamkeit und Beobachten des eigenen Bewusstseins erfordert hohe Konzentration und unablässige Anstrengung. Ein Vipassana-Kurs ist eine herausfordernde und oft auch konfrontative Lernerfahrung auf vielen Ebenen und daher definitiv keine Wellnesswoche. Nicht umsonst sind auf jedem Kurs einige wenige Menschen dabei, die vorzeitig abbrechen.
Wer tut sich so etwas an und warum? Vipassana-Kurse haben weltweit jedes Jahr mehr Zulauf. Allein im deutschen Sprachraum werden derzeit jährlich über 50 einführende Zehntageskurse angeboten, mit jeweils 70–120 Teilnehmern. Bis zu 7000 Menschen pro Jahr lassen sich hierzulande auf diese Erfahrung ein, sie finden allein über Mundpropaganda zum Kursort. Viele sind Wiederholungstäter, und noch mehr warten sehnsüchtig darauf, einmal teilnehmen zu dürfen. Viele, viele Menschen, die ihren ersten Zehntageskurs absolviert haben, kommen aus dem Retreat und ziehen das Resümee: »Das war das Beste, was ich je gemacht habe.«
Wer sind diese Menschen, was zieht sie in die Kurszentren? Die einen sind von Neugier getrieben, andere wünschen sich mehr Tiefe im Leben. Die einen suchen Ruhe oder Sinn, wieder andere Heilung. Die israelische Soziologin Michal Pagis, die für ihre Doktorarbeit über Jahre hinweg als teilnehmende Beobachterin Kurse besucht hat, kommt zu dem Schluss, dass gut zwei Drittel aller Kursteilnehmer Auswege aus einer Lebenskrise suchen. Diese Beobachtung deckt sich mit dem Eindruck, den wir im Rahmen unserer Studie »Buddhismus im Westen« gewonnen haben: Viele Teilnehmer berichten von existenziellen Krisen, die der Auslöser waren, sich zum ersten Kurs anzumelden. Trennungen und Trauerfälle, chronische Krankheiten, Erschöpfung – die Liste der Motive ist lang und so vielfältig wie die Menschen, die den Weg zu Vipassana finden. Alle haben sie eines gemeinsam: den Wunsch nach Veränderung.
Viele Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sagen über sich selbst, dass sie »auf der Suche« waren – und dass sie in der Vipassana-Meditation etwas gefunden haben. Es ist eine Suche, die oftmals über unmittelbare Symptome oder Leiden hinausgeht. Es ist eine Suchbewegung nach Antworten auf die Fragen, die das Leben selbst an den Menschen stellt. Erfahrungen von Geburt, Krankheit, Altern und Tod werfen Fragen nach der Bedeutung des eigenen Lebens auf, die früher zuverlässig von Religionsgemeinschaften beantwortet wurden. Je weniger man sich diesen traditionellen Zusammenhängen zugehörig fühlt, desto mehr ist man auf sich selbst gestellt in dem Versuch, diese Fragen für sich zu beantworten, das eigene Leben zu bewältigen und ihm Sinn zu geben. Stephen Batchelor, Schriftgelehrter und ehemaliger buddhistischer Mönch schottischer Abstammung, hält dieses »unbedingte Anliegen« sich existenziell zu verorten für eine anthropologische Konstante, die er so zusammenfasst:
»Ich bin begierig danach zu hören, was diese alten Stimmen zu sagen haben, das meine gegenwärtige Verfassung als menschliches Tier auf diesem durch das Weltall rasenden Ball aus Fels und Wasser erhellen könnte.«1
Die Mehrzahl der Menschen, die in diesem Buch zu Wort kommen, stammt aus dem deutschen Sprachraum. Viele erzählen davon, in einem kirchlich, oft protestantisch geprägten Elternhaus aufgewachsen zu sein. Davon, dass es einen tragenden Glauben gab, der sie in der Kinderzeit umgab und der später von einem positivistischen Weltbild schwer erschüttert wurde. Einige haben sich bewusst von der Kirche abgewandt, andere konnten einfach nichts mehr damit anfangen.
Wieder andere sehen Vipassana als eine Praxis, die ihren Glauben ergänzt. Petra, seit mehr als zwanzig Jahren Vipassana-Lehrerin, spricht für viele andere, wenn sie sagt: »Ich denke, ich habe immer nach dem Sinn des Lebens gesucht.« Rosa, eine langjährige Meditierende, erzählt von der Verzweiflung, die sie als Schülerin im Biologie-Leistungskurs erfasste: »Wie jetzt, was? – Das sollen alles nur Atome sein, die zusammenhängen?« Der erste Vipassana-Kurs, den sie besuchte, war für sie »eine unglaubliche Antwort«.
Wer einen Zehntageskurs besucht, wird schnell feststellen: Die Halle, in der gemeinsam meditiert wird, ist ein nüchterner Raum. Kein Räucherwerk, keine Bilder, keine Mantras. Die fast klinisch anmutende Klarheit entspricht dem wissenschaftlichen Gestus, mit dem in die Technik eingeführt wird. Schon bald wird deutlich: Es geht in diesem Rahmen nicht darum, irgendwem irgendetwas zu glauben, sondern darum, sich selbst auf die Suche zu machen, dem eigenen Geist auf die Schliche zu kommen. Das scheint gerade für akademisch geprägte, intellektuell ausgerichtete Menschen attraktiv zu sein, die sich von allem, was nach Esoterik riecht, abgestoßen fühlen. Der amerikanische Psychiater und Meditationslehrer Paul R. Fleischman erinnert sich an seine eigene Ambivalenz in Bezug auf seinen bevorstehenden ersten Kurs: »Ich wollte Frieden und Harmonie, aber nicht um den Preis von Kompetenz oder einem lebendigen und selbstverantwortlichen Leben.« Wie viele andere hielt er Meditation für Nabelschau und für eine Praxis, die sich von der Welt abwendet, und hatte entsprechende Vorbehalte: »Ich wollte etwas über Meditation erfahren, aber ich wollte kein Nichtsnutz werden.«2
Solche Ängste sind unbegründet. Niemand, mit dem wir gesprochen haben, hat sich im Laufe der eigenen Meditationspraxis von der Welt abgewandt. – Im Gegenteil: Vipassana-Meditation scheint Menschen vielmehr dazu zu befähigen, ein volleres, intensiveres Leben zu führen, sich gleichsam in die Mitte des eigenen Lebens zu stellen. Mit Egozentrik hat das, wie wir noch sehen werden, nichts zu tun.
Dass diese Technik ursprünglich als Schlüssel zur Erleuchtung gedacht war, spielt für die meisten Meditierenden heute eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ist Vipassana für viele Praktizierende ein Mittel, mit den Anforderungen ihres Alltags besser klarzukommen. Für einige wenige, die sich dem Weg bewusst voll und ganz verschreiben, spielt das Thema Erleuchtung wirklich eine Rolle – und durch die Hintertür vielleicht auch für alle. Dieses komplexe Spannungsfeld zwischen Weltlichkeit und Transzendenz, zwischen Körper und Geist, zwischen Zielstrebigkeit und Präsenz wollen wir im Laufe dieses Buches näher erkunden und untersuchen, was die Besonderheit von Vipassana ausmacht.
Was immer es ist, das so viele Menschen zu Vipassana bringt, – es scheint so zu sein, wie eine Kursteilnehmerin auf dem Weg nach Hause sagte: »Da passiert etwas zutiefst Heilsames.«
1.2Buddha war kein Buddhist – der Weg in den Westen
Bis zur Jahrtausendwende hatte Meditation den Ruf, esoterisch zu sein, der Begriff roch nach Mottenkugeln und Mystizismus. Das ist endgültig vorbei. Meditation hat sich zu einem »sichtbaren und wachsenden Phänomen der Mittelschichten in postindustriellen Gesellschaften« gemausert, so die Soziologin Michal Pagis.3 Allein in den Vereinigten Staaten meditieren etwa 30 Millionen Menschen. In Deutschland ist es schwer, an entsprechende Zahlen zu kommen. Laut einer Schätzung der Deutschen Buddhistischen Union bezeichneten sich im Jahr 2008 rund 300 000 Deutsche als Buddhisten; etliche Tausende mehr dürften heutzutage meditieren, ohne sich dieser Glaubensgemeinschaft zugehörig zu fühlen. Fragen um das Konvertieren von einer Religion oder Weltanschauung zu einer anderen spielen dabei keine Rolle. Diese Menschen praktizieren – nicht nur, aber auch – Vipassana.
Die »Zehntageskurse nach S. N. Goenka«, auf die wir uns in diesem Buch beziehen, werden derzeit in 108 Ländern der Welt angeboten, 225 entsprechende Meditationszentren gibt es momentan weltweit – Tendenz steigend. Die Menschen, die Vipassana meditieren oder sich dafür einsetzen, dass diese Kurse für die Teilnehmer kostenlos stattfinden können, bezeichnen sich selbst nicht als Buddhisten. Das ist umso erstaunlicher, weil Vipassana ursprünglich eine Praxis war, zu der über viele Jahrhunderte hinweg ausschließlich eingeweihte Mönche Zugang hatten. Meditationszentren, in denen Laien die Technik erlernen können, sind historisch ein sehr junges Phänomen. Die Methode hat sich von einer in Asien betriebenen Geheimwissenschaft zu einem globalisierten, über alle sozialen Schichten hinweg verfügbaren Angebot entwickelt, und das innerhalb weniger Jahrzehnte.4
Kurzer historischer Überblick
Der Begründer der buddhistischen Lehren, der historische Buddha, lebte etwa im 5. Jahrhundert v. Chr. Geboren als erster Sohn eines Fürsten, wuchs er unter dem bürgerlichen Namen Siddharta an einem adligen Hof in der nordindischen Stadt Kapilavastu auf, im heutigen Nepal. Die einzelnen Stationen seines Suchens und Findens werden wir im Hauptteil dieses Buches näher beleuchten. Der spätere Buddha (wörtlich: »der Erwachte«) entwickelte im Laufe seiner intensiven und kurvenreichen Suche nach einem Ausweg aus dem Leiden schließlich eine Meditationspraxis, mit der er zur Erleuchtung fand. Der Sage nach war dies Vipassana. Die Technik wurde zur zentralen Praxis des Theravāda-Buddhismus (auf Pali, der Sprache des Buddha: »Die Lehre der Ältesten«). Theravāda gilt als die älteste und ursprünglichste Linie des Buddhismus, heute vorwiegend praktiziert in Sri Lanka, Myanmar, Thailand und Kambodscha.
An dieser Stelle ein kleiner Vorgriff, für Kenner der Materie: Theravāda wird von manchen anderen buddhistischen Traditionen auch »Hinayāna«, »das kleine Fahrzeug«, genannt, um zu betonen, dass hier die Erleuchtung des Einzelnen und nicht das Glück aller Wesen im Vordergrund steht. Diese Fremdeinschätzung beruht allerdings auf einem Missverständnis der Lehre. Im Theravāda geht es zwar in erster Linie darum, den Geist zu beruhigen und zu reinigen, mit dem Ziel, einen Ausweg aus dem Leiden zu finden. Das geschieht jedoch, wie wir im letzten Kapitel sehen werden, mit dem Ziel, sich auf dieser Basis wieder der Welt öffnen zu können. Zunächst kann man sich merken, dass im Theravāda die Entwicklung von Konzentration und Selbsterkenntnis im Vordergrund steht. Der auf diese Weise geläuterte Geist verändert sich; er wird mit der Zeit immer stärker von einer mitfühlenden, liebevollen und gleichmütigen Haltung gleichsam durchflutet. Wer stetig und ausdauernd meditiert, der verändert auf Dauer nicht nur sein Verhalten, sondern schlussendlich auch seinen Charakter – dieser Prozess stellt sich von allein ein, die Sekundärtugenden folgen auf dem Fuße. Vor die großartigen Früchte der Meditation hat der »liebe Gott« jedoch den Schweiß gesetzt: Ohne gewissenhafte Arbeit an sich selbst passiert hier gar nichts.
Die Traditionslinien Mahāyāna und Vajrayāna spalteten sich erst etwa 500 Jahre später ab,* als der Buddhismus sich über ganz Asien verbreitete. Mahāyāna, auch das »Große Fahrzeug« genannt, erreichte über die Seidenstraße Zentral- und Ostasien. Hier ist die Didaktik anders gelagert, Ausgangspunkt der meditativen Schulung ist explizit und von vornherein die Entwicklung von tatkräftiger Liebe und Mitgefühl. Die Richtungen des Mahāyāna sind heute vorwiegend in Vietnam, Japan, Tibet, Bhutan, Taiwan, der Volksrepublik China und Korea vertreten. Auch der im Westen sehr beliebte Zen-Buddhismus entspringt dieser Linie – allerdings rückt hier eher wieder die Selbsterkenntnis in den Mittelpunkt.
Vajrayāna, auch »Diamantfahrzeug« genannt, hat sich besonders in Tibet und im südostasiatischen Raum verbreitet, in Bhutan ist diese Linie des Buddhismus Staatsreligion. Im Westen ist sie vor allem durch den Dalai Lama und den 16. Karmapa, den Linienhalter der Karma-Kagyü-Schule, bekannt geworden.
Keine dieser Traditionen erhebt den Anspruch, der wahre Buddhismus zu sein; sie bestehen nebeneinander. Es gibt innerhalb der vielfältigen, sich auf den historischen Buddha berufenden Bewegungen keine zentrale Autorität oder Lehrinstanz, die entscheidet, was die wahre Lehre ist. Alle Linien beziehen sich auf Schriften, die die Lehre des Buddha überliefern, und das in den verschiedensten Formen. Es handelt sich eher um unterschiedliche Ausprägungen verschiedener Aspekte dieser Lehre, die sich im Laufe der Zeit mit jeweils regional unterschiedlichen lokalen Traditionen und Glaubenssystemen vermischten. Was wir heute im Westen als »Buddhismus« antreffen, hat ebenso bereits einen Veränderungsprozess durchlaufen und sich unserem christlich-säkularen Selbstverständnis, der Ideengeschichte, die unser Denken und Fühlen prägt, unauffällig angepasst.
Vipassana ist eine von vielen Formen, in denen das Phänomen Meditation in den Westen gefunden hat. Die Technik legt Wert darauf, keinen »-ismus« vor sich herzutragen, sie will explizit keine Religion sein und richtet sich an Angehörige aller Kulturen und Religionen, an Männer wie Frauen. Viele Textstellen legen nahe, dass auch der Buddha selbst zu seinen Lebzeiten diese Haltung lebte und lehrte. So wird von vielen Anhängern berichtet, die ein weltliches Leben führten, also ihrem Beruf nachgingen und für ihre Familie sorgten und dennoch tief in die Meditationspraxis eintauchten. Siddharta Gotama war überdies Feminist: Er unterrichtete auch Frauen, womit er die damalige patriarchale Kultur ordentlich vor den Kopf gestoßen haben dürfte. Doch die neue buddhistische Idee traf auf ein traditionelles Asien. Im Laufe der Jahrhunderte vermischte sich die Lehre mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen. Sie passte sich einer hinduistisch geprägten, streng patriarchalen und nach Kasten getrennten Ordnung an, in der das Priestertum eine herausragende Rolle spielte und Frauen wieder zurückgedrängt wurden.5
Das große Ziel der Erleuchtung, zentral für die Lehre des Buddhas, wurde zu etwas, das im Leben der kleinen Leute nicht vorkam. Wer meditieren lernen wollte, musste ins Kloster gehen. Die große Befreiung – wenn überhaupt6 – blieb den Mönchen vorbehalten, die sich in Orden organisierten, von allen weltlichen Aufgaben befreit waren und ihr Leben der Introspektion und Meditation widmeten. Der »Buddhismus« der Mönche sah und sieht noch heute völlig anders aus als der der großen Masse der Gläubigen. Mönche widmen sich der Meditation, für ihren Lebensunterhalt sind sie auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Im Gegenzug übernehmen sie ihrerseits eine spirituell ordnende Funktion in der Gesellschaft. Sie führen Rituale aus und übernehmen seelsorgerische Tätigkeiten für die Allgemeinheit. Das einfache Volk hingegen befolgt Riten und Gebräuche. Ähnlich wie in der christlichen Tradition war es lange ausschließlich der Klerus, der Zugang zu Texten der Lehre hatte und darauf seine Autorität begründete. Die Mönche hielten ihr Wissen lange Zeit vor Laien, Frauen und in späteren Jahrhunderten auch vor Menschen aus dem Westen verborgen. Vipassana sollte nur an diejenigen weitergegeben werden, die jahrelang durch Meditation ihren Geist geschult hatten. So blieb die Praxis lange Zeit einer kleinen Elite von Männern vorbehalten, die in Klöstern, Höhlen und Wäldern lebte.
Indien, die Heimat des Buddha, ist heute kein buddhistisches Land. Die größte Ausdehnung hatte der Buddhismus unter König Ashoka, der im 3. Jahrhundert v. Chr. diese Philosophie bis weit über die Grenzen Indiens hinaus verbreitete. Erst im 12. Jahrhundert wurde die Lehre des Buddha durch den Hinduismus und später auch den Islam verdrängt. Während letztere heute die prägenden Religionen des Subkontinents sind, geriet Vipassana im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit. In einigen südostasiatischen Ländern, insbesondere in Myanmar, wurde die Technik jedoch unauffällig gehütet. In dem Bestreben, sie möglichst rein und unverändert zu erhalten, wurde die Praxis nur von Mönch zu Mönch, von Lehrer zu Schüler, weitergegeben. Unterweisung in Vipassana zu bekommen, war eine Auszeichnung. Bis heute ist der dankbare Rückbezug auf die Lehrer, auf deren Schultern alle heutigen Meditierenden gewissermaßen stehen, ein Charakteristikum der Vipassana-Bewegung. Auch deshalb soll die Geschichte der modernen Vipassana-Tradition an dieser Stelle den Raum bekommen, den sie verdient. Ohne all die vielen mutigen und inspirierenden Schritte derer, die vorangegangen sind, wäre es heute im Westen nicht möglich, diese Technik zu erlernen.
Es ist eine alte Prophezeiung überliefert: 2500 Jahre nach der Erleuchtung des Buddha sollte Vipassana von Myanmar aus zurück nach Indien finden und von dort aus in die ganze Welt. Prinzessin Vipassana fiel also in einen jahrhundertelangen Dornröschenschlaf. Als sie wieder erwachte, fand sie eine Welt vor, die sich grundlegend verändert hatte.
Vipassana für Laien – ein Ergebnis der Befreiung aus der Kolonialherrschaft?
Damit die Vipassana-Tradition, wie wir sie heute im Westen kennen, entstehen konnte, mussten zwei historische Strömungen zusammenfinden. Zum einen der sogenannte buddhistische Modernismus, eine im Kern politische Bewegung. In den vorwiegend britisch besetzten Gebieten des heutigen Indien und Myanmar formierte sich eine gebildete Mittelschicht, die die Kolonialherren abzuschütteln versuchte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte sie den Buddhismus als eine Art Reformreligion. Es ging dabei weniger um spirituellen Gehalt als um ein ethnien- und schichtenübergreifendes kulturelles Erbe. Das damalige Burma oder Birma, heute Myanmar genannt, seit 1886 als indische Provinz von den Briten besetzt, war ein gespaltenes Land: Die Besatzungsmacht hatte das buddhistische Königshaus zerschlagen, etliche ethnische Gruppen bekämpften einander; Mönche und Laien verfolgten unterschiedliche Ziele.7 Der Mönch und Gelehrte Ven Ledi Sayadaw (»Ven« steht für »ehrwürdiger Lehrer«), geboren 1846, gehörte einer Reformbewegung an, die die zerrissene Zivilgesellschaft vereinen wollte, um gegen die Kolonialmacht anzugehen. Buddhistische Meditation war etwas, worauf sich Laien und Mönche sowie die wirtschaftliche und die politische Elite des Landes gut einigen konnten. Hier kommt eine zweite Strömung ins Spiel, in der die Praxis die primäre Rolle spielt: Der Mönch und Gelehrte Ledi Sayadaw erinnerte sich an die alte Prophezeiung, entsprechend der die buddhistischen Lehren 2500 Jahre nach Buddhas Tod erneut in der Welt Fuß fassen würden. Er war der Erste, der völlig neue Wege beschritt, indem er zum ersten Mal die Vipassana-Technik an Laien weitergab – und ihnen wiederum auftrug, ihr Wissen weiterzugeben. »Meditiert, als ob eure Köpfe Feuer fingen«, wies er seine Adepten an.8 Er vertrat eine Linie von spirituellen Lehrern, denen es darum ging, den wahren Gehalt der buddhistischen Lehren zu demokratisieren. Dhamma, die Lehre Buddhas, sollte nicht länger einer kleinen Elite vorbehalten sein. Seine Schüler, unter ihnen zum Beispiel auch der burmesische Meister Pa Auk Sayadaw, verbreiteten Vipassana in Burma und darüber hinaus. An dieser Stelle verzweigte sich die Bewegung, was bis heute sichtbar ist: Es gibt verschiedene Vipassana-Schulen, die die Technik in leicht variierter Form weitergeben. So wird zum Beispiel die Konzentration auf den Atem unterschiedlich gelehrt, es wird unterschiedlich viel Zeit auf das Vertiefen der Konzentration verwandt und auf die vier »Säulen der Achtsamkeit«. Dies sind: Betrachtung des Körpers, der Empfindungen, des Geistes und der mentalen Inhalte. Auch werden nicht alle Kurse kostenlos angeboten. Wenn im Laufe dieses Buches Bezug auf die Technik und auf die Organisation der Kurse genommen wird, dann ist stets die Schule nach S. N. Goenka gemeint.
Der erste Laienlehrer im großen Stil war Saya Thetgyi, ein Schüler Ledi Sayadaws. Ab 1914 unterrichtete er erstmals Feldarbeiter, später immer mehr Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die zu ihm pilgerten, um sich unterweisen zu lassen. 1937 begann Sayagyi U Ba Khin, der spätere oberste Buchhalter von Burma, zu meditieren. Der hohe Regierungsbeamte, berühmt-berüchtigt für seine Effizienz und den Kampf gegen Korruption in den burmesischen Behörden, begann schon bald seine Mitarbeiter selbst zu unterrichten. 1952 gründete er in der Hauptstadt Rangun das erste kleine Vipassana-Zentrum, wo er schon bald burmesische und auch westliche Schüler unterrichtete. Er gilt als Erfinder des Formats des bis heute gängigen Zehntageskurses.
Bevor Vipassana heim nach Indien finden konnte, musste noch S. N. Goenka auf den Plan treten. Er war bereits kein mönchisch geprägter Buddhist mehr, sondern brachte einen ganz anderen Hintergrund mit: Satya Narayan Goenka, der Begründer der gleichnamigen Vipassana-Bewegung, wurde 1924 im burmesischen Mandalay geboren, als Kind indischer Eltern. Der gläubige Hindu wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann, den allerdings heftige Migräneattacken plagten. Jeder Mensch, der einmal chronische Schmerzen erlebt hat, kennt die verzweifelte Suche nach Heilung, das Pilgern von Arzt zu Arzt, das auch Goenka hinter sich bringen musste. Schließlich kam er auf Empfehlung eines Freundes zu Sayagyi U Ba Khin. Als Goenka den Lehrer um Hilfe bat, soll dieser ihn zunächst wieder weggeschickt haben – er weigerte sich, die Technik nur als Mittel zum Zweck weiterzugeben. Goenka konnte ihn offenbar überzeugen, im Jahr 1955 absolvierte er seinen ersten Kurs. 1969 zog er zusammen mit seiner Frau nach Indien und begann dort, Kurse in Vipassana zu erteilen. Das »Rad der Lehre« begann nun, sich deutlich schneller zu drehen. 1976 eröffnete er das erste offizielle Vipassana Meditationszentrum in Igatpuri, nördlich von Mumbai.
Interkultureller Austausch – Vipassana goes West
Nicht nur in Indien und Burma braute sich in Sachen Meditation etwas zusammen. Auch in Europa und Asien bahnten sich geistige und soziale Strömungen an, die später auf das in Indien bereitete Feld treffen sollten. Bereits um 1900 gab es im Westen eine frühe Welle der Faszination für östliches Gedankengut. Die Theosophen und später die Anthroposophen ließen sich von Motiven wie Wiedergeburt und Erleuchtung inspirieren, interessierten sich für Magisches und Okkultes und bauten die entsprechenden Funde in ihre Weltanschauungen ein. Das Interesse galt vorwiegend den alten Schriften, nur eine Handvoll Theosophen widmete sich auch der praktischen Seite von Meditation.9 Zahlenmäßig waren diese Avantgardisten eine Randerscheinung, sie bereiteten jedoch den geistigen Boden für einen späteren Boom.
In den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts kamen die Hippies nach Indien, und das in Scharen. Das Land war für Westler war zwar weit entfernt, aber doch gut zugänglich: Die Kolonialisierung hatte ein gut funktionierendes Eisenbahnnetz und Englisch als Amtssprache hinterlassen; die Mönche waren es inzwischen gewohnt, auch mit Laien zu sprechen. Die 68er-Bewegung suchte nach Alternativen zu den verkrusteten, autoritären Strukturen, die ihre Elternhäuser geprägt hatten; der indische Subkontinent wurde ihr Selbsterfahrungslabor. Sich mit Buddhismus und Meditation zu beschäftigen, wurde hip: Die Beatles lernten Transzendentale Meditation, Osho gründete seinen berühmten Ashram in Puna, ein wahrer Exodus gen Osten setzte ein. Dieser war so deutlich, dass indische Bauern sich zu wundern begannen. Ob in Europa und den USA eine Dürre herrschte? – Ja, es war eine wohl eine Dürre. Aber eine von anderer, von spiritueller Art.10 Immer mehr dieser jungen Reisenden stießen auch auf die Angebote von S. N. Goenka. Seine Kurse hatten den Ruf, relativ unesoterisch zu sein, frei von Gebeten, Symbolen und Ritualen – das war besonders für Menschen mit akademischer Vorprägung attraktiv. Schon bald bildete sich eine ganze Community von vorwiegend amerikanischen Meditierenden, die im Umfeld des heutigen Lehrzentrums Dhammagiri, etwa 120 Kilometer von Mumbai, wohnten und arbeiteten und sich jahrelang in Meditation ausbildeten. Viele von ihnen kehrten später zurück in ihre Heimat und machten dort Karrieren, die es ihnen ermöglichten, Meditation in die Institutionen zu tragen. Einige wurden prominent: Die Philosophen Joseph Goldstein und Sharon Salzberg zum Beispiel sind heute bekannte Zen-Meditationslehrer, der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn entwickelte die MBSR-Methode, der Psychologe Daniel Goleman wurde in den 1990er-Jahren mit seinem Buch Emotionale Intelligenz weltbekannt – und das ist nur eine kleine, willkürliche Auswahl. 1975 wurde im US-Bundesstaat Massachusetts die Insight Meditation Society gegründet, das erste Meditationszentrum im Westen. Viele östliche Lehrer reisten in dieser Zeit durch die Welt, um zu unterrichten, so auch S. N. Goenka. Er steckte all seine Unternehmerfähigkeiten in seine Mission, leitete hunderte von Meditationskursen in Asien, Europa und den USA und schreckte nicht davor zurück, gemeinsam mit seiner Frau monatelang im Wohnmobil durch die USA zu touren.
Was heute ausgesprochen gut organisiert daherkommt, begann mit improvisierten Kursen in Zeltlagern und Jugendherbergen. Der erste zehntägige Vipassana-Kurs in Deutschland wurde 1983 in Eschwege bei Kassel durchgeführt. In den 1990er-Jahren fand die wachsende deutsche Vipassana-Gemeinde Heimat in Bad Herrenalb im Nordschwarzwald. Im Jahr 2002 wurde das Zentrum Dhamma Dvara im sächsischen Vogtland eingeweiht. Heute finden in diesem Zentrum und in angemieteten Herbergen und Seminarzentren deutschlandweit mehr als 30 Kurse pro Jahr statt, zählt man den gesamten deutschen Sprachraum sowie deutsche Kurse in Polen und Belgien mit, sind es über 50. Es sind Angebote, an denen niemand auch nur einen Cent verdient.
Viele östliche Schulen, die ihren Weg in den Westen fanden, machten sich von ihren ursprünglichen Lehrern schon bald unabhängig. Im Unterschied dazu hat die Linie nach S. N. Goenka das Erbe des Lehrers sorgfältig bewahrt. Die Tradition legt Wert darauf, Goenkas Didaktik nicht zu verändern. Noch immer werden in den Kursen Audio- und Videotapes abgespielt, die Goenka in den 1990er-Jahren zeigen. Der Aktualität tut dies bislang keinen Abbruch. Die Aufnahmen ermöglichen es, Kurse überall auf der Welt in gleicher Weise abhalten zu können. Die Rolle des Lehrers ist daher in dieser Tradition eine sehr bescheidene. Wer nach einem Guru sucht, wird hier enttäuscht. S. N. Goenka starb im Jahr 2013, er benannte keinen Nachfolger. Sein Erbe ist eine echte Erfolgsstory: Aus einer vergessenen Tradition machte er einen Exportschlager, eine zeitgemäße Laienbewegung, die jedes Jahr aufs Neue mehr Menschen erreicht und deren Leben sie positiv verändert.
1.3Meditation wirkt. Das Allheilmittel des 21. Jahrhunderts?
Auch im Westen hat das Phänomen Meditation in wenigen Jahren eine Entwicklung hingelegt, die ihresgleichen sucht. Noch vor wenigen Jahren eine Randerscheinung, die mit Räucherstäbchen und Guru-Hörigkeit assoziiert wurde, ist das Schlagwort »Meditation« heute eines, mit dem sich unterschiedlichste Produkte und Therapieangebote verkaufen lassen. Meditation, häufig »Achtsamkeit« genannt, wird vom Arzt verschrieben und ist aus Frauenzeitschriften, Manager-Ratgebern und App-Stores nicht mehr wegzudenken. Dasselbe gilt für die Forschung: Was Mitte der 1970er-Jahre mit einzelnen Studien begann, meist durchgeführt von Forschern, die selbst meditierten, hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem Boom ausgewachsen, der die verschiedensten Disziplinen erobert hat. Die Hirnforscher und Psychologen Richard J. Davidson und Daniel Goleman gehörten zu den ersten, die meditierende Probanden verkabelten und alles prüften, was sie finden konnten. Sie hatten – übrigens bei Vipassana-Kursen in Indien, geleitet von S. N. Goenka persönlich – das faszinierende Potenzial von Meditation am eigenen Leib erlebt und wollten den wissenschaftlichen Beweis erbringen, dass Meditation wirkt. In den frühen 1970ern gab es noch keine funktionellen Magnetresonanztomografien (fMRTs) und keine Elektroenzephalogramme (EEGs). Goleman untersuchte in seinen ersten Studien Herz- und Atemfrequenz sowie Schweißreaktionen der Probanden. Diese frühen Studien und ihre vielversprechenden Ergebnisse waren Ausgangspunkte für eine Vielzahl neuer Fragen und Pionierschritte einer Forschungsrichtung, die seit den 2000er-Jahren exponentiell wächst. Im Jahr 2020 erschienen allein im englischsprachigen Raum mehr als 10 000 Veröffentlichungen zum Thema.* Die Doktoranden von damals sind heute gefeierte Bestsellerautoren, ihr Forschungsfeld ist heute als »Kontemplative Neurowissenschaft« bekannt. Davidson wurde für seine Hirnscan-Experimente mit meditierenden Mönchen weltbekannt. Im Jahr 2006 zählte das Time Magazine11 ihn zu den 100 einflussreichsten Menschen der Erde.
Was bewirkt Meditation? – Jede Menge, suggerieren Medien und Onlinekurse, und immer genau das, was man gerade braucht. Meditation ist gut für und gegen alles, so die landläufige Botschaft. Der Dalai Lama, befragt nach dem Potenzial von Meditation für die Gesundheit, federte die übermäßige Erwartung mit dem für ihn typischen Humor allerdings doch ein wenig ab: »Wenn Meditation für alle Gesundheitsprobleme gleichermaßen gut wäre, dann hätte ich keine Schmerzen im Knie.«12
Wer genauer hinschaut, stellt schnell fest: Die Studienlage ist unübersichtlich, es mangelt an Vergleichbarkeit und Kontrollgruppen.13 Randomisierte Doppelblindstudien durchzuführen, also den Goldstandard naturwissenschaftlicher Forschung einzuhalten, ist in diesem Feld herausfordernd bis unmöglich. Häufig werden Studien zum Thema Meditation von Forschern durchgeführt, die selbst meditieren – ihnen kann man leicht vorwerfen, dass sie geneigt sind, zu den Ergebnissen zu kommen, die sie für richtig halten. In anderen Fällen haben nichtmeditierende Studienleiter so wenig Ahnung von der Materie, die sie untersuchen, dass sie nicht wirklich in der Lage sind, die Ergebnisse gewinnbringend auszuwerten. Die Studienteilnehmer repräsentieren in den meisten Fällen eine Minderheit: Sie sind überwiegend weiß, gut ausgebildet, ökonomisch abgesichert und stammen aus industrialisierten, demokratischen Kulturen.
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass selbst die Koryphäen Goleman und Davidson im Jahr 2018 zu dem Schluss kamen: »Angesichts des Hypes um Meditation als gesundheitsförderndes Mittel waren wir überrascht, wie wenig wir eigentlich sicher sagen können.«14
Sicher ist, dass regelmäßige Meditation Struktur und Aktivität des Gehirns verändert, und das teilweise schon nach relativ kurzer Zeit. Meditation hat positive Effekte auf eine ganze Reihe körperlicher Symptome. Dieses Kapitel ist der Versuch, einen Überblick zu schaffen und zusammenzutragen, was derzeit gesichert scheint.
Meditation – ist das nicht MBSR? Ein Missverständnis
Die am besten erforschte Form der Meditation ist »Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion« (Mindfulness-Based Stress Reduction), bekannt unter dem Kürzel »MBSR«. Genau genommen handelt es sich bei dieser Meditationsform um eine Kombination mehrerer Meditations- oder Achtsamkeitstechniken, entwickelt vom US-Amerikaner Jon Kabat-Zinn in den späten 1970er-Jahren. Sein Ziel war es, Patienten mit unheilbaren oder chronischen Krankheiten dabei zu helfen, ihr Leiden an der Krankheit zu mindern. Die Methode kombiniert Elemente achtsamkeitsbasierter Techniken, die sich aus den Traditionen des Vipassana, Zen und Yoga speisen: Meditation auf den Atem, eine spezielle Art des Bodyscans sowie achtsamen Umgang mit Gefühlen und Gedanken.15 Kabat-Zinn entwickelte aus diesen Bestandteilen ein Acht-Wochen-Programm, das heute in Kliniken auf der ganzen Welt gelehrt wird. In Deutschland übernehmen seit einigen Jahren gesetzliche Krankenkassen einen Teil der Kurskosten – indiziert bei chronischen Schmerzzuständen, häufigen Infektionskrankheiten, Ängsten oder Panikattacken, Depressionen, Hauterkrankungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne, Magenproblemen und Burn-out. Selbst das US-Militär nutzt MBSR-Programme, um Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu unterstützen.
Studien zeigten, dass Teilnehmer nach acht Wochen MBSR-Training sich besser konzentrieren und Ablenkungen ausblenden können und dass sie körperliche Empfindungen besser wahrnehmen. Am deutlichsten ist die Wirkung auf das Stressempfinden: Nach dreißig Stunden Training, verteilt über acht Wochen, zeigt die Amygdala, ein Knotenpunkt in der Stressverarbeitung des Gehirns, geringere Aktivität.16 Dieser Fund macht MBSR für unsere Zeit besonders interessant. Denn »Stress« ist nicht nur ein individuell empfundenes Gefühl des Überwältigtseins in einer Welt zwischen Pandemie, Homeoffice, Klimawandel und Twitter-Account – selbst die WHO hat Stress zur »Epidemie des 21. Jahrhunderts« erklärt. Nicht umsonst haben Achtsamkeitstrainings Einzug in die Welt der Großkonzerne gehalten. Google zum Beispiel hat ein an MBSR orientiertes Programm aufgelegt und geht mit missionarischem Eifer vor, um es nicht nur im Unternehmen, sondern auch an Schulen weltweit zu verbreiten.
Ist das der vielbeschworene Siegeszug von Meditation? – Jein. Einerseits ist es wunderbar, dass durch die weite Verbreitung von MBSR Achtsamkeitstechniken in gesellschaftliche Schichten vordringen und dort Menschen erreichen, die noch vor wenigen Jahren sonst niemals dazu gefunden hätten. Gefängniskurse, Rehakliniken, Talkshows, Smartphone-Apps – der Zugang zu Meditation wird immer weniger elitär. Andererseits: Zwischen Heilung und Selbstoptimierung liegt ein schmaler, aber existenzieller Grat. In spirituellen Kreisen gibt es aus gutem Grunde die Befürchtung, dass etwas Wesentliches verloren geht, wenn Meditations- und Achtsamkeitstechniken zum Zwecke der Selbstoptimierung eingesetzt werden. Wenn stressgeplagte Individuen sich Zugang zu diesen alten Lehren erkaufen und sich dann ihrer bedienen, um sich für einen entfesselten Neoliberalismus fit zu machen – läuft dann etwas schief? Das Geschäft mit der Achtsamkeit brachte es, so das Time Magazine, im Jahr 2018 allein in den USA auf einen Umfang von 1,1 Milliarden Dollar.17
Die Vipassana-Tradition nach Goenka distanziert sich von MBSR. Sie legt Wert darauf, für das Vermitteln der Technik einen Raum zu schaffen, der frei von den Gesetzen der Marktwirtschaft und der hiermit einhergehenden Verwertungslogik ist, wie wir in Kapitel 3.2 sehen werden. Vipassana ist damit etwas grundlegend anderes als eine Technik oder therapeutische Dienstleistung. Es ist ein Geschenk, das andere einem gewähren, es wird aus einer Haltung des Mitgefühls gegeben und führt im Idealfall dazu, dass in den Beschenkten der Wunsch entsteht, ihrerseits dieses Geschenk weitergeben zu wollen. Vipassana ist nicht denkbar ohne Dankbarkeit und Freigiebigkeit.
(Vipassana-)Meditation und MBSR gleichzusetzen, ist also gleich aus zwei Gründen problematisch. Einerseits stehen in der Praxis unterschiedliche Werte hinter den beiden Techniken. Andererseits ignoriert die Forschung zu MBSR meist den Umstand, dass diese Methode aus einem Mix an Techniken besteht, deren einzelne Bestandteile in ihren Effekten bei der Auswertung durcheinandergeraten. Wer sich für die Effekte von Vipassana interessiert, kann sich an den Ergebnissen dennoch zumindest mit Blick auf die psychophysiologischen Effekte ein wenig orientieren: MBSR beinhaltet zwei wesentliche Aspekte, die auch in die Vipassana-Meditation einfließen: Atemmeditation und Bodyscan.
Die Studienlage, die sich ausschließlich mit Vipassana und den Effekten speziell dieser Meditationstechnik beschäftigt, ist bedauerlicherweise sehr dünn. Interessant ist eine Längsstudie, die die Wirkung eines Zehntageskurses untersucht, der in einem US-amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis durchgeführt wurde.18 Im Hinblick auf emotionale Intelligenz, Impulskontrolle und ein besseres Selbstgefühl der Teilnehmer wurden hier erstaunliche Ergebnisse erzielt. Leider ist die Studie – stellvertretend für viele andere – sehr klein und ohne Kontrollgruppe, es fehlt schlicht an Geldern und Möglichkeiten.
Von Äpfeln und Birnen. Meditation ist nicht gleich Meditation
Bis vor wenigen Jahren hat die kontemplative Forschung kaum berücksichtigt, welche Methoden auf ihre Effekte hin untersucht wurden. Im Grunde ist das absurd. Nehmen wir das Forschungsfeld »Sport«: Niemand käme auf die Idee, die Trainingseffekte von Fußball mit denen von Eiskunstlauf oder Boxen zu vergleichen. In Sachen Meditation wurden lange die unterschiedlichsten Techniken über einen Kamm geschoren, ohne sich bewusst zu machen, dass es wenig aussagekräftig ist, Studien zu Zen mit solchen zu Yoga, zu geführten Meditationen oder zu Achtsamkeitstechniken auf den Atem zu vergleichen. Über Jahrzehnte hinweg wurden (und werden) also Äpfel mit Birnen verglichen und daraus Schlüsse gezogen. Was Meditierende seit Jahrtausenden wissen, musste die Forschung erst entdecken: Aufmerksamkeit und mentale Aktivität haben viele Formen und Aspekte. Folglich wirken sich unterschiedliche Meditationsformen auch in unterschiedlicher Weise aus – nicht nur auf den Geist, sondern auch auf den Körper. Der Trainingseffekt ist schlicht ein anderer. Eigentlich ist das eine Binse, es hat schließlich noch niemand Klettern geübt und dadurch Fahrradfahren gelernt.
Erst in neuerer Zeit rückt eine Frage in den Vordergrund, die sich Menschen, die selbst meditieren, vermutlich schon lange stellen oder auch längst selbst beantwortet haben: Inwiefern unterscheiden sich die unterschiedlichen Formen und Techniken von Meditation in ihrer Wirkung? Welchen »Trainingsplan« sollte ich mir aufstellen, wenn ich was erreichen möchte? Goleman und Davidson sind sich sicher: »Jede Variation von Meditation hat ihr eigenes neurologisches Profil.«19
Tania Singer, bis 2018 Leiterin der Forschungsgruppe »Soziale Neurowissenschaften« am Leipziger Max-Planck-Institut, hat sich dieser Frage zugewandt. Sie untersucht zum Beispiel seit 2013 in einer groß angelegten Studie, wie sich speziell Mettā-Meditation, die als Teil von Vipassana gelehrt wird, auf Körper und Geist auswirkt. Dazu mehr in Kapitel 3.2. Es ist eine großangelegte Langzeitstudie über die Effekte mentalen Trainings auf Geist, Gehirn, Verhalten und Gesundheit, eine Suche nach der »Signatur des Mitgefühls«.20 Singer und ihr Team machten dabei eine erstaunliche Entdeckung: Stress, der durch Empathie, also durch Mitfühlen von Angst und Schmerz entsteht, kann durch liebevolles Mitgefühl überlagert werden – das ist trainierbar. Diese Ergebnisse sind hochinteressant für Fragen der Burn-out-Behandlung und Resilienzforschung.
»Gut fürs Gehirn«. Positive Effekte von Meditation
Trotz aller oben genannten Einschränkungen, was die wissenschaftliche Qualität und Übertragbarkeit mancher Studien angeht: Die Empirie spricht für sich. Die Liste der Probleme und Zipperlein, die den typischen Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts plagen und bei denen Meditation von Nutzen sein kann, ist lang. Wir orientieren uns hier an Goleman und Davidson, den beiden Silberrücken der Meditationsforschung, die den Versuch unternommen haben, die Ergebnisse aus fünf Forschungsjahrzehnten zu überprüfen und zu gewichten.
Beginnen wir mit unserem Gehirn und damit, wie wir es nutzen wollen. Die Geißel des digitalen Zeitalters heißt »Multitasking«. Konzentration, voller Fokus auf eine Aufgabe, wird mehr und mehr ein Luxusgut; permanente Ablenkung durch Push-Nachrichten, eintrudelnde E-Mails und Handy-Anrufe sind die Realität. Unser Gehirn aber kann gar nicht »multitasken«, es ist schlicht nicht in der Lage, parallel zwei Prozesse durchführen. Stattdessen schaltet es schnell zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und her. Nach jedem Umschalten ist die Konzentration stark herabgesetzt, oft dauert es mehrere Minuten, bis sie wieder auf dem Level ankommt, wo wir unterbrochen wurden. Das Dumme daran: Dieser Effekt ist selbstverstärkend. Je mehr wir »multitasken«, desto ablenkbarer werden wir. Das geht einher mit schlechterer Konzentration – und, Obacht: mit weniger Empathie. Notorische »Multitasker« »verflachen« regelrecht, stumpfen ab.21 Auch ein schlechtes Gedächtnis ist die Folge – denn was wir nicht aufmerksam wahrnehmen, wird als Datensatz im Gehirn gar nicht erst registriert. Die gute Nachricht: Bereits mit wenig Aufwand lassen sich diese Schäden wiedergutmachen. Schon nach acht Minuten Achtsamkeitstraining wandert der Geist weniger, sind Probanden weniger ablenkbar. Nach zehn Stunden Training über zwei Wochen hinweg verbessert sich nicht nur die Konzentration, sondern auch das Kurzzeitgedächtnis.22
Von der positiven Wirkung auf die Stressverarbeitung war bereits die Rede. Kurzzeitgedächtnis und Fokus verschlechtern sich bei Stress, dementsprechend profitieren beide von einem besseren Umgang mit dem, was uns stresst. Aber auch auf die allgemeine Gesundheit wirkt sich Stress aus – jedenfalls dann, wenn er chronisch wird. Das ist unter den Umständen, in denen wir heute leben, vergleichsweise oft der Fall. Die Neurobiologie unserer Stressantwort stammt noch aus der Zeit, als eine Angstreaktion angesichts eines Säbelzahntigers eine sinnvolle Sache war. Stress durch einen Säbelzahntiger geht schnell vorbei, auf die eine oder andere Weise. Heute ist es eher der Kontostand oder der nahende Abgabetermin, der uns in Panik versetzt. Die Stressreaktion ist dieselbe wie damals und auch das dazugehörige Empfinden dürfte sehr ähnlich sein. Der Unterschied ist, dass das Problem mit dem Konto oder der Chefin sich nicht so schnell lösen lässt, und Stressreaktionen, die andauern, machen krank. Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) oder Burn-out zeigen, wo das im Extrem hinführt: Ihre Gehirne sind nicht mehr in der Lage, die Stressreaktion wieder herunterzuregeln – Meditation kann für sie ein wahrer Segen sein.
Aber auch abgesehen vom Befinden ist chronischer Stress Gift für den Körper. Es ist bekannt, dass Krankheitsbilder wie Bluthochdruck oder Diabetes sich unter Stress verschlimmern. Dauerstress versursacht auch Entzündungen. Ein spektakulärer Fund: Schon dreitägige Achtsamkeitstrainings reduzieren Entzündungswerte – allerdings nur kurzzeitig.23 Je intensiver und länger Menschen meditieren, desto mehr kann dieser Effekt sich verfestigen: Erfahrene Vipassana-Meditierende zeigten nach einem einzigen Tag intensiver Achtsamkeitsmeditation signifikant niedrigere Entzündungswerte.24 Das ist bedeutsam für eine ganze Liste der häufigsten Krankheiten unserer Zeit, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Arthritis und Diabetes bis hin zu Krebs.
Ein weiteres häufiges Leiden sind chronische Schmerzen in den unterschiedlichsten Formen. Hier sind die Effekte von Achtsamkeitstechniken besonders gut untersucht, wieder in Form von MBSR. Die Methode reduziert nicht den Schmerz selbst, aber – darauf werden wir in späteren Kapiteln noch genauer eingehen – die Beziehung zum Schmerz. Probanden einer Studie, die mit älteren Menschen durchgeführt wurde, berichteten von weniger Belastung und verringerter Einschränkung aufgrund der Schmerzen. Auch Einsamkeit empfanden sie als weniger belastend.25 Medikamente – gerade starke Schmerzmedikamente und Betäubungsmittel, die bei chronischen Schmerzen häufig verschrieben werden – haben häufig unerwünschte Nebenwirkungen und machen süchtig – Meditation nicht. Um achtsam zu sein, braucht es kein Rezept vom Arzt, keine Wartezeiten, keine kostspieligen Behandlungen. Allerdings: Der Schlüssel für die Langzeitwirkung ist die kontinuierliche Praxis. Auch hier ist es wie mit jedem Trainingseffekt: Sobald man aufhört zu meditieren, lässt auch die Wirkung nach.
Schlagzeilen machte in der jüngsten Vergangenheit die Vermutung, Meditieren könne das Altern aufhalten. Studien konnten zeigen, dass Achtsamkeitsmeditation die Aktivität des Enzyms Telomerase erhöht.26 Telomere sind Kappen auf den Enden der DNA-Stränge. Je länger das Telomer, desto länger auch die künftige Lebensspanne der dazugehörigen Zelle. Mit zunehmendem Alter werden die Telomere kürzer. Das Enzym Telomerase verlangsamt diesen Abbaueffekt, es hält quasi die Zelle jung. Je mehr Telomerase, desto besser also für unsere Gesundheit und unser physiologisches Alter.27 Interessanterweise scheint dieser Effekt mit dem Gefühl von größerer Sinnhaftigkeit im Leben einherzugehen28 – und er scheint anzuhalten: Auch fünf Monate später war er noch messbar. Allerdings wurden Probanden vor und nach einem dreimonatigen Vipassana-Retreat untersucht, es handelt sich also um sehr fortgeschrittene Meditierende.
Eine andere Studie untersuchte die Hirnmasse von Langzeitmeditierenden. Es ist eine bekannte Tatsache, dass das Gehirn mit dem Alter schrumpft. Bei Langzeitmeditierenden im Altern von 50 Jahren fand man Gehirne vor, die im Schnitt 7,5 Jahre jünger waren als die ihrer Altersgenossen. Dieser Effekt scheint dann mit dem Alter immer stärker zu werden: Mit jedem weiteren Jahr erhöht sich dieser Vorsprung um knapp zwei Monate. Richard und Davidson weisen allerdings darauf hin, dass dieser Fund eine Neuauswertung einer vorigen Studie ist, in der Meditierende alle möglichen Formen praktiziert hatten: von Vipassana bis hin zu Kriya- und Kundalini-Yoga.29
Generell gilt: Erste Wirkungen zeigen sich schnell, wer jedoch durchschlagende Veränderungen erreichen will, muss Geduld mitbringen. Je länger und intensiver die Meditationspraxis, desto stärker und anhaltender die Effekte.
Von dieser Regel gibt es interessanterweise eine Ausnahme: Die sogenannte Mettā-Meditation, in der das Gefühl von liebevoller Güte kultiviert wird. Hier treten erste Effekte sehr schnell ein, und dazu noch vergleichsweise heftig. Von den Wirkungen bei Burn-out war zuvor bereits die Rede. Mettā-Meditation ist noch bei einem zweiten Volksleiden angezeigt: bei Depressionen. Es zeigte sich sogar: Je stärker die Depression, desto besser wirkte Mettā-Meditation im Vergleich zu Medikamenten oder auch Elektroschock-Therapie.30 Und das ohne die Nebenwirkungen, die bei Psychopharmaka oft so heftig ausfallen, dass Patienten geneigt sind, sie wieder abzusetzen. Es scheint so zu sein, dass Mettā-Meditation im menschlichen Körper-Geist-System auf den fruchtbaren Boden einer »biologischen Bereitschaft« fällt, ähnlich dem Lernprozess von Kindern, wenn sie sprechen oder laufen lernen. Eine liebevolle Haltung uns selbst und anderen gegenüber scheint in unserem biologischen Bauplan vorgesehen zu sein.31
Die Erkenntnis, dass ein verbessertes Selbstgefühl auch für das soziale Miteinander wichtig ist, veranlasste Daniel Goleman in den 90er-Jahren dazu, das Buch EQ. Emotionale Intelligenz zu schreiben, mit dem er einen globalen Bestseller landete. Selbstwahrnehmung und Empathie, gleichermaßen trainierbar durch Meditation, sind aus seiner Sicht wesentlich für ein erfolgreiches und geglücktes Leben: »Wenn wir nicht auf unsere eigene Erfahrungswelt eingestimmt sind, fällt es uns umso schwerer, uns bei anderen darauf einzustimmen.«32
Dass Meditation wirkt, bestreitet kaum noch jemand. Bei der Frage nach dem Warum wird es schon komplizierter. »Hätte«, »könnte«, »vermutlich« – diese und ähnliche Wendungen tauchen in Studien zum Thema auffallend häufig auf. Dies zeigt vor allem eines: Die Wissenschaft steht in ihrem Verständnis noch am Anfang. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Medizin sich meist dem Entstehen von Krankheit widmet, nur selten der Salutogenese. Die Neurowissenschaft entwirft vor allem Landkarten davon, an welchen Stellen im Gehirn sich Strukturen verändern und wo im Gehirn sich bestimmte Prozesse abspielen. Wie genau sie ablaufen oder gar erlebt werden, kann sie derzeit jedoch nicht darstellen.
Der bunte Strauß neuro- und kognitionswissenschaftlicher Forschungsergebnisse ist zweifellos faszinierend. Eigentlich ist es jedoch nicht weiter verwunderlich, dass Meditation Spuren im Gehirn hinterlässt. Denn jede Aktivität, alles, was Menschen tun und erleben, geht mit speziellen neuronalen Aktivitäten im Gehirn einher. Ob wir Zwiebeln schneiden, eine SMS tippen, meisterhaft Klavier spielen oder meditieren – alles, was wir regelmäßig tun, denken oder fühlen, bahnt entsprechende Wege in den jeweiligen beteiligten Regionen des Gehirns und macht sie leichter ansteuerbar. Die Wissenschaft nennt diesen Effekt »Neuroplastizität«. Uns allen ist das Phänomen als »Gewohnheit« bekannt: Was einmal gründlich und vor allem regelmäßig eingeübt wurde, ist früher oder später mühelos abrufbar. Es ist natürlich sehr eindrucksvoll, tibetische Mönche in Kernspintomografen zu untersuchen und als Ergebnis Bilder mit bedeutungsvollen bunten Flecken zu zeigen. Tatsächlich liefern solche Aufnahmen der Hirnforschung wertvolle Hinweise. Dass bestimmte Veränderungen und Effekte von Meditation in bildgebenden Verfahren darstellbar sind, ist aber kein Beweis an sich. Vielmehr wird an der Faszination, die von diesen Bildern ausgeht, deutlich, wie wenig wir Menschen des 21. Jahrhunderts, mit all seinen Möglichkeiten, offenbar davon ausgehen, dass wir in die Steuerung unserer geistigen und körperlichen Prozesse willentlich eingreifen können, indem wir unseren Geist trainieren.
All diese Ergebnisse müssen jedoch mit Warnhinweisen versehen werden. Erstens: Meditation schützt nicht vor dem Leben. Auch langjährige Meditationslehrer erleiden Unfälle, erkranken an Krebs, werden dement. Und wir alle sterben. Zweitens: Man kann davon ausgehen, dass die meisten dieser wunderbaren Effekte nicht von Dauer sind. Sobald Bereiche des Gehirns nicht mehr angesteuert werden, baut der Körper sie zurück, frei nach dem Prinzip »use it or lose it«. Im Umkehrschluss heißt das: Wer dauerhaft von den Segnungen der Meditation profitieren will, kommt nicht darum herum, sie auch dauerhaft zu praktizieren. Das bedeutet aber auch: Wer es sich über einen langen Zeitraum hinweg zur Gewohnheit macht, täglich zu meditieren, dem geht diese Gewohnheit und alles, was sie an neurologischen und physiologischen Veränderungen mit sich bringt, buchstäblich in Fleisch und Blut über. Richard Davidson ist sich sicher, dass sich nicht nur Verhaltensweisen, sondern langfristig auch Charakterzüge verändern lassen: »Wenn Sie wenig üben, ändert sich auch nur wenig, aber wenn Sie oft und lange üben, verändern Sie sich sehr.«33 In ihrem Buch The Science of Meditation haben Goleman und Davidson aufgeschlüsselt, welche Effekte von Meditation sich auf welchem Expertise-Level einstellen. Sie sind sich sicher: Die Dosis macht die Wirkung.
Generell lässt sich sagen: Je höher die Anzahl an Stunden, die Menschen meditieren, desto mehr Effekte stellen sich ein. Aber auch die Intensität der in Meditation verbrachten Zeit ist von Bedeutung. Sich zum Meditieren in Kurse und Retreats zurückzuziehen, verstärkt nachweisbar den Effekt der »vermeditierten« Zeit. Das ist nicht weiter verwunderlich: Wer sich von den Ablenkungen des Alltags zurückzieht, dessen Gehirn startet bereits auf einem anderen Niveau, und jede neue Stunde Meditation baut auf den Ergebnissen der vorigen auf. Auch macht es einen Unterschied, ob ein Lehrer zugegen ist, der Fragen beantwortet, orientiert und eventuell individuell zugeschnittene Anleitungen gibt.
Schon ein eintägiger Ganztageskurs hat positive Auswirkungen auf das Immunsystem. Ab etwa 1000 Stunden Meditation scheinen sich die Effekte, die vorher vorübergehender Natur waren, zu verfestigen. Sie werden stabiler und breiten sich gleichsam im Leben aus. Hirn und Hormone zeigen nun dauerhaft verringerte Stressreaktionen, niedrigere Entzündungswerte und Kortisolspiegel. Mettā auf diesem Trainingsniveau führt zu einer verstärkten neuronalen »Verschaltung« für Empathie und dazu, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, nicht nur mitzufühlen, sondern auch tätig zu werden. Was die Aufmerksamkeit angeht, wird es ab diesem Level zum Normalzustand, dass die Gedanken weniger wandern, dass Aufmerksamkeit und Fokus besser gehalten werden. Auch der Atemrhythmus wird nachhaltig langsamer. Ab 27 000 Stunden Lebens-Meditations-Zeit, also im quasi-olympischen Bereich, fanden Goleman und Davidson Gehirne, die sehr schnell und mühelos in tiefe Konzentration eintreten konnten und sich von Stressereignissen weder im Vor- noch im Nachhinein aus der Ruhe bringen ließen. Solche Meditierende der Meisterklasse zeigen im Ruhezustand dieselben Muster an Hirnwellen, wie weniger Geübte bei der Konzentration auf Achtsamkeit oder mettā.
All das ist schrecklich spannend, bleibt aber instrumentell und aus der Dritte-Person-Perspektive recht abstrakt. Was erleben Menschen, die Meditationspraxis dauerhaft zu ihrem Begleiter durchs Leben machen? Wie fühlen, verstehen und reflektieren sie die Veränderung, die in ihnen selbst, und damit auch in ihrem Verhältnis zu ihren Mitmenschen und ihrem Umfeld stattfindet? Handelt es sich um rein subjektives individuelles Erleben, oder gibt es Dinge, die sich verallgemeinern lassen? Lässt sich aus den Erfahrungen von Praktizierenden eine Art Landkarte spiritueller Entwicklung ableiten, die dem Einzelnen in seiner Praxis Orientierung bieten kann? In das persönliche Erleben des jeweiligen Meditierenden geben bildgebende Verfahren leider keinen Einblick. Für dieses Buch verlassen wir uns daher nicht auf Hirnscans – wir schauen Menschen, die Vipassana praktizieren, auf andere Art und Weise in die Köpfe. Wir lassen sie erzählen, befragen die Schriften und ziehen unsere Schlüsse.
* Der Mahāyāna-Buddhismus entwickelte sich in Folge der Lehren von Nāgārjuna und Asaṅga, etwa 500 Jahre nach Buddhas Tod. Der Vajrayāna-Buddhismus ist dann unter Integration von Elementen des indischen Tantrismus im 4. Jahrhundert in Indien entstanden und hat später im tibetischen Lamaismus Fuß fassen können. Siehe zum Überblick etwa Conze 1988.
* Allein in der medizinischen Datenbank PubMed finden sich unter dem Begriff »Meditation« an die 3000 Publikationen in den letzten fünf Jahren. Google Scholar listet für das Jahr 2020 für die Stichworte »Meditation« und »Effects« gar 19 800 Ergebnisse auf.
Teil II: Auf dem Pfad
2.1Die Suche nach der Überwindung des Leids
Es sind keine von Buddha selbst verfassten Schriften bekannt. Was er lehrte, wurde – wie einige Jahrhunderte später auch bei Jesus – mündlich überliefert. Erst im ersten Jahrhundert v. Chr. wurden die Texte im »Tipiṭika« (wörtlich: »drei Körbe«)* verschriftlicht. Im 5. Jahrhundert n. Chr. fertigte der Mönch Buddhaghosa mit der Visuddhi-Magga (wörtlich: »Weg der Reinheit«) die erste systematische Darstellung der Lehren des Theravāda-Buddhismus an, zu dem auch die Vipassana-Tradition gehört.
Im Zentrum des Buddhismus steht die Lehre und weniger die Person des Buddha. Siddharta, nach seiner Erleuchtung »der Buddha«, ist als konkreter Mensch viel weniger präsent als andere Religionsgründer. Auch die überlieferten Texte stellen seine Lehrunterweisungen in den Vordergrund, weniger biografische Details. Die wenigen Stationen seines Lebens, die schriftlich festgehalten sind, sind von Anhängern überliefert. Es handelt sich dabei weniger um historisch verbriefte Gewissheiten als um eine Heiligenlegende.34 Wie jeder Mythos steckt diese Geschichte voller verdichteter Wahrheit: Die Geschichte des Buddha lässt sich lesen als Parabel auf einen spirituellen Weg. Sie erzählt von Motiven und Sehnsüchten, von Irrungen und Wirrungen und von den Fallen, in die spirituell Suchende fast wie vorprogrammiert hineintappen. Es ist eine Heldenreise der anderen Art – eine, deren Endstation kein Happy End im klassischen Sinne ist. Wer dem Buddha folgt, den erwartet kein Himmelreich, kein Paradies, sondern eine Befreiung von anderer, unerwarteter Art.
Forscher gehen davon aus, dass der historische Buddha im Jahr 624 v. Chr. geboren wurde. Sein Beiname »Buddha Shakyamuni« rührt daher, dass er aus dem Geschlecht der Shakyas stammte, im Königreich Kosala im heutigen Nepal gelegen. Die Eltern des späteren Buddha waren König Suddodhana und Königin Maya. Der Legende nach war das Ehepaar zwanzig Jahre lang kinderlos geblieben, als eines Nachts sich eine wundersame Zeugung ereignete: Königin Maya soll bereits vierzig Jahre alt gewesen sein, als sie im Traum einen weißen Elefanten erblickte, der vom Himmel herabstieg und in ihren Schoß eindrang. Die Schwangerschaft verlief leicht – der künftige Buddha begann seine Reise ins Leben nicht etwa als Embryo, sondern als voll entwickeltes Baby, das bereits im Mutterleib seiner Mutter und ihrer Umgebung seine heilenden Kräfte zuteilwerden ließ. Die Geburt des Buddha in spe stand der Zeugung in nichts nach: Er trat so elegant wie unbefleckt durch die rechte Flanke seiner Mutter aus. Auch die Natur ließ sich nicht lumpen und fuhr alles auf, was zu einem indischen Mythos gehört: Himmlische Sphärenmusik erfüllte das All, Bäume begannen zu blühen, die Tiere hörten auf, einander zu fressen, Blinde wurden sehend, Kranke geheilt. Direkt nach der Entbindung soll der Babybuddha sieben Schritte gemacht haben, und wo immer seine Fußsohlen den Boden berührten, wuchsen Lotusblumen aus dem Boden. Ein weiser Mann namens Asita, bekannt für seine Visionen, eilte herbei, um den künftigen Erlöser zu begrüßen. Der Alte nahm das Baby auf den Arm und vergoss Tränen der Trauer, weil er ahnte, dass er selbst nicht lange genug leben würde, um die Lehre dieses großen kleinen Wesens eines Tages zu empfangen. Die überglücklichen Eltern nannten ihren Sohn »Siddharta«: »der sein Ziel erreicht«.
Doch auch der kleine Siddharta, der gefeierte Fürstensohn, bekam schon früh zu spüren, dass im Leben nicht alles glatt geht: Zwei Wochen nach seiner Geburt starb seine Mutter.
König Suddodhana, die Prophezeiung des Asita noch im Ohr, tat alles, um seinen Sohn von der Welt abzuschirmen. Er sollte ein unbeschwertes Leben führen und in Saus und Braus leben, zu einem würdigen und weltlichen Thronfolger heranwachsen. Der Luxus, in dem Siddharta seine Jugend verbrachte, wird ausufernd geschildert: So lebte er in drei prachtvollen Palästen, je einen für die Hitze des Sommers, die Kälte des Winters und den Regen von Frühling und Herbst. Im Alter von 16 Jahren heiratete Siddharta seine Frau Yasodhara. Er wird als überirdisch schöner, sportlicher Jüngling beschrieben, der jeden Wettkampf gewinnt, dem die Herzen der Menschen zufliegen und der alle Frauen bezaubert.
Als Siddharta 29 Jahre alt ist, ereignet sich das, was die Schriften »die vier Ausfahrten« nennen. Nach fast drei Jahrzehnten des Abgeschirmtseins erwacht in unserem Prinzen der Wunsch, die Welt außerhalb der Palastmauern zu sehen. Gegen den Willen seines Vaters bricht er auf, mithilfe eines Wagenlenkers. Bei der ersten Ausfahrt trifft Siddharta auf einen ausgezehrten Greis, bei der zweiten auf einen Kranken und bei der dritten schließlich auf einen Leichnam. Auf die naive Frage des Prinzen, was es damit auf sich habe, antwortet sein Fahrer, dass diese Leiden alle Menschen träfen und dabei keine Ausnahmen machten. Die vierte Ausfahrt führt Siddharta zu einem Bikkhu, einer Art heiligem Bettler nach altindischer Tradition, der Erleuchtung sucht. Diese Begegnung gibt den Ausschlag: Siddharta entschließt sich, das Palastleben hinter sich zu lassen und einen Ausweg aus dem Leiden zu finden. Etwa zur gleichen Zeit bringt seine Frau Yasodhara einen Sohn zu Welt, den sie »Rahula« nennt. Doch nicht einmal die Geburt seines Erstgeborenen kann Siddharta aufhalten. Er bleibt bei seinem Entschluss, so fragwürdig dieser aus heutiger Sicht und vor allem aus feministischer Perspektive auch sein mag.
Eine Woche nach der Geburt seines Sohnes geht Siddharta in die Hauslosigkeit. Er schneidet sich die Haare ab, lässt allen Besitz zurück und bricht ins Ungewisse auf, in ein Leben auf der Straße, Gefahren wie Überfällen durch Menschen oder wilde Tiere schutzlos ausgesetzt und auf die Hilfe von Fremden angewiesen. Ähnlich wie bei Jesus oder Mohammed ereignet sich diese Wende im mittleren Lebensalter. Siddharta folgt jedoch keiner göttlichen Berufung; da ist keine transzendentale Instanz, die eine Durchsage macht und Gehorsam erfordert. Er folgt einzig seiner Überzeugung, einer unbestechlichen inneren Stimme.
Die wenigsten Menschen finden einfach aus Neugier zur Meditation. Manche Meditierenden berichten von einer Suche nach Sinn, vom Wunsch, verstehen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die einen treffen auf Freunde oder Familienmitglieder, die von einem Vipassana-Kurs erzählen, den sie besucht haben. Andere beginnen mit Achtsamkeitskursen und kommen an den Punkt, wo sie weiterkommen oder es genauer wissen wollen. In den meisten Fällen ist es eine Form von Leidensdruck und der Wunsch, einen Ausweg zu finden aus einer unangenehmen Situation. Ein Verlust, eine andauernde Angst, ein Schmerz, seelisch oder körperlich, treibt die Leidenden dazu, ausprobieren zu wollen, was es mit Meditation auf sich hat. Dukkha, das Leiden, das Siddharta zu lindern sucht, wird erlebt in Form von Dingen, die uns quälen, von Wünschen, die sich nicht erfüllen, von Liebgewonnenem, an dem wir hängen und das wir wieder verlieren, ob wir wollen oder nicht. Dukkha ist überall, allgegenwärtig, unentrinnbar.
Auch S. N. Goenka, der »Erfinder« des heute in aller Welt durchgeführten Zehntageskurs-Formats, auf das wir uns in diesem Buch beziehen, musste erst an grausamer Migräne leiden, bevor er zu Vipassana fand.
Die Suche nach Befreiung – Auswege und Sackgassen
Siddharta, ausgezogen, um das Leiden zu besiegen, sucht zunächst die Nähe berühmter Gurus. Er wird Schüler zweier besonders virtuoser Lehrer,* die ihm die samādhis beibringen. Das sind Übungen, die den Geist beruhigen und schärfen sollen. Ziel ist es, die mit dieser Praxis einhergehenden Stadien der konzentrativen Vertiefungen zu durchlaufen und schließlich Erleuchtung zu finden. Der junge Prinz erweist sich als gelehriger und begabter Schüler, merkt aber bald, dass die Techniken seiner Lehrer ihn auf seiner Suche nicht weiterbringen. In Zuständen der »Raumunendlichkeit« oder »Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung« zu verweilen ist zwar abgefahren und spannend, fühlt sich zwischenzeitlich auch nach Erlösung an – die Erfahrung bleibt jedoch immer flüchtig. Denn auch der großartigste dieser Zustände geht vorbei, sobald die Konzentration nachlässt.
Siddharta beschließt, es mit extremer Askese zu probieren. Asketen, die es in Indien bis heute gibt, sind der Überzeugung, dass höhere Kräfte oder gar Unsterblichkeit erlangt, wer alles Weltliche und die Bedürfnisse des eigenen Körpers überwindet. Sie leben ohne Besitz und ohne Wohnort, ziehen nackt und mit Asche beschmiert durchs Land und leben von Almosen. Sie sind bekannt dafür, ihre Körper bis ins Extrem zu peinigen. Dazu stehen manche jahrelang auf einem Bein, andere halten eine Hand in die Höhe, bis sie verkümmert, oder halten die Zunge herausgestreckt.35 Ziel ist es, in einen konzentrativen Zustand zu kommen, in dem weder Müdigkeit, Unruhe noch Aggression die Versenkung stören.
Siddharta wird also Asket, in Begleitung von fünf anderen Asketenbrüdern zieht er sich ganz aus dem weltlichen Leben zurück. Er meditiert, entsagt wie ein Weltmeister und magert bis auf die Knochen ab; die buddhistische Kunst zeigt ihn in dieser Zeit als skelettartigen Einsiedler. Eines Tages, im siebten Jahr seiner Askese, soll Siddharta, als er nach seinem Bauch tastete, nur noch sein Rückgrat zu fassen bekommen haben. Dieser Moment markiert einen erneuten Wendepunkt: Er begreift, dass die extremen Wege, die er bislang beschritten hat, nicht zur Erleuchtung führen, sondern lediglich zu weiteren Verspannungen des Geistes.
Zeitgleich mit dieser Einsicht kommt ein junges Mädchen des Weges, das dem halb Verhungerten eine Schale Reis anbietet. Siddharta nimmt an, beginnt zu essen, wäscht seinen geplagten Körper im Fluss und schlägt von Stund an den »Mittleren Weg« ein.
Sehen, was ist
Wer zum ersten Mal an einem Zehntageskurs teilnimmt, der mag sich wundern. Es sind weit und breit keine Buddha- oder Guru-Bildchen zu sehen, es gibt keine Mantras, keine Räucherstäbchen, keinen Blumenschmuck, keine Kerzen. Manchen mutet dieses fast klinische Setting zu steril an, andere wiederum schätzen die von jeder Weltanschauung und Spezialeffekten bereinigte Atmosphäre. Es geht dann auch sehr schnell zur Sache.
Der Bestsellerautor Yuval Noah Harari erinnert sich in einem Interview mit India Today an seinen ersten Kurs:
»Die erste Anweisung, die ich erhielt, war: ›Beobachten Sie Ihren Atem.‹ Nicht etwa ›Beobachten Sie Gott‹, oder ›Beobachten Sie Ihre Seele‹. ›Beobachten Sie Ihren Atem, wie er aus den Nasenlöchern aus- und wieder eintritt, und akzeptieren Sie das, was Sie da wahrnehmen.‹«36
In seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert setzt er hinzu: »Das war das Wichtigste, was jemals irgendjemand zu mir gesagt hat.«37
Der Kurs ist so aufgebaut, dass die Meditierenden über einen Zeitraum von drei Tagen ānāpāna üben sollen, Konzentration auf den Atem. Das klingt simpel, ist aber das Gegenteil davon – vergleichbar vielleicht mit der Aufgabe, ohne vorherige Übung über ein gespanntes Seil zu laufen. Mit äußerster Konzentration werden ein, zwei Schritte gelingen, aber die Wahrscheinlichkeit, mehr Zeit auf dem Boden als auf dem Seil zu verbringen ist hoch.
Auch bei Harari, der nicht nur Bestseller schreibt, sondern auch seit Jahren als Assistenzlehrer Vipassana-Retreats anleitet, war das nicht anders. »Was mich erstaunte war, dass ich nicht in der Lage war, das mehr als zehn Sekunden am Stück zu tun«, erinnert er sich.
»Der Geist war sofort auf und davon, mit irgendeiner Geschichte, einer Erinnerung, einer Fantasie beschäftigt. Wenn ich noch nicht mal in der Lage bin, zehn Sekunden lang die Wirklichkeit meines eigenen Atems zu beobachten, wie kann ich dann hoffen, die Wahrheit über das globale politische oder ökonomische System zu verstehen?«
Harari meditiert mittlerweile seit achtzehn Jahren, er verbringt jedes Jahr etwa zwei Monate in Langzeit-Retreats. »Das ist keine Flucht vor der Wirklichkeit«, sagt er, »im Gegenteil: Es ist eine Möglichkeit, wirklich mit der Realität in Berührung zu kommen.«38
Die Kursteilnehmer verbringen von nun an Stunden und Tage auf ihrem Meditationskissen und bemühen sich, den Anweisungen des Lehrers zu folgen. Wer glaubt, dass Vipassana-Meditation auf dem direkten Weg zu Glück und Ekstase führt oder zumindest in wohltuende Entspannung, der stellt schnell fest, dass er oder sie schief gewickelt ist. Still werden, das Gedankenkarussell anhalten, sich auf den eigenen Atem konzentrieren – was von außen so ruhig aussieht, erfordert jede Menge mentale Aktivität.
Wer bereits Meditationserfahrung hat und eventuell gewohnt ist, sich auf ein Mantra oder eine Visualisierung zu konzentrieren, um den Geist zu beruhigen, wird sich wundern: Ohne solche Hilfen ist es sehr viel schwieriger, in die Stille zu finden. Der Grund dafür, die beschwerlichere Route zu wählen, liegt darin, dass Ruhe finden im Vipassana kein Ziel an und für sich ist. Vipassana heißt »sehen, was ist« – und oft ist das erst einmal die Tatsache, dass das Schweigen ganz schön laut ist. Der »Monkey Mind« schwingt sich von Assoziation zu Assoziation und vom Hölzchen aufs Stöckchen; wir fahren Gedankenkarussell, halten wutentbrannte Reden für ein unsichtbares Publikum, erklären unsere Liebe, schreiben stumme To-do-Listen, versuchen eine Antwort darauf zu finden, ob wir daheim den Herd ausgestellt haben. Wo wir friedvolle Zustände erwarten oder auch herbeisehnen, wird oft erst einmal jede Menge Unruhe spürbar. Erinnerungen kommen an die Oberfläche, Gefühle steigen auf, neue Themen und Assoziationen im Schlepptau.
Maja erinnert sich an ihren ersten Zehntageskurs und die Sorge, dieser existenziellen Unruhe nun pausenlos ausgesetzt zu sein: »Ich hatte wirklich Angst, dass ich das nicht aushalte. Zehn Tage in diesem Orkan, das schien mir unfassbar lang. Ich dachte: Das schaffe ich niemals, ich kann ja noch nicht mal eine Viertelstunde stillsitzen.«
In der Didaktik von S. N. Goenka dienen die drei Tage ānāpāna dazu, gerade so viel Konzentration aufzubauen, dass der Geist ausreichend für die eigentliche Vipassana-Technik gerüstet ist. Sie wird am vierten Tag eingeführt. Das heißt aber nicht, dass ānāpāna nur eine Etüde ist. Der Atem ist ein sehr machtvolles Instrument, das viele Vorteile bietet. Zum einen ist er immer verfügbar, wo wir gehen und stehen. Er macht die Meditierenden autonom. Der berühmte Satz »I forgot my Mantra« aus dem Woody-Allen-Film »Annie Hall«* kann als Kürzel für eine Abhängigkeit verstanden werden, die Vipassana gar nicht erst aufbauen will. Es geht nicht darum, einem Guru zu folgen, sondern darum zu untersuchen, wie unsere körperlichen und geistigen Strukturen funktionieren und interagieren, und dem Mechanismus auf die Spur zu kommen, der uns leiden lässt. Deshalb wird bei Vipassana – anders als etwa in den Pranayama-Übungen des Yoga – der Atem nicht bewusst verändert. Im Gegenteil: Es wird die Anweisung gegeben, den Atem so zu beobachten, wie er ist. Auf diese Weise wird das Ein- und Ausatmen zum Forschungsobjekt, und zwar zu einem, das anfängertauglich ist. Auch ein ungeübter Geist kann den Atem beobachten. Vielleicht ist man sich zu Beginn nur der Tatsache bewusst, ob man gerade ein- oder ausatmet. Je stärker die Konzentration wird, desto feiner wird die Beobachtungsgabe und desto mehr Details werden Meditierende beobachten können: Wärme, Kälte, Rhythmus, Heftigkeit und andere. Goenka fordert die Meditationsschüler gleich am ersten Tag und dann immer und immer wieder auf, sich mit Neugier und Forschergeist auf den Weg zu machen und den Atem »als ein Werkzeug zu nutzen, mit dem man die Wahrheit über sich selbst erforschen kann«.39
Wer die ersten, oft frustrierenden Stunden und Tage hinter sich gebracht hat, merkt schnell, dass Fokus und Aufmerksamkeit wie Muskeln trainiert werden können. In einem Retreat-Setting kommen die Fortschritte schnell. Früher oder später wird es jedem möglich sein, sich zumindest zeitweise wirklich auf den Atem zu konzentrieren und den Geist von allen anderen Inhalten zu leeren. Die Glücksgefühle, die sich dabei einstellen, sind ein erstes Stadium von tieferem samādhi, dem Zustand, den die Schriften »Versenkung« oder »Sammlung« nennen. Mehr dazu in Kapitel 3.1.
Während die Beobachtung präziser wird, stellt sich oft auch bereits eine Art Metabewusstsein ein. Das Bewusstsein registriert, was es selbst tut. Es tritt eine Instanz in Erscheinung, die bemerkt, in welche Aktivitäten der Geist sich verstrickt. Dieser Moment kommt unauffällig daher, steckt aber voller Potenzial. Zum ersten Mal die Erfahrung zu machen, dass das eigene Bewusstsein wahrgenommen und sogar gesteuert werden kann, bedeutet einen Meilenstein in der Beziehung des Meditierenden zu sich selbst. Wenn ich bemerke, was ich gerade denke oder fühle, dann kann ich mich auch selbst zurückrufen; zum Beispiel zur Beobachtung des Atems, oder wozu auch immer ich meinen Geist nutzen will. Wenn das gelingt, sitze ich am Steuer. Wenn nicht, werde ich zum Entführungsopfer. Mein Geist bestimmt dann selbst, wohin er wandert, und er nimmt mich mit. Mal verführerisch, mal gewalttätig – aber in jedem Fall übernimmt er das Ruder.
Alles fließt – von anicca und anattā
Vipassana bedeutet »sehen, was ist«, oder auch »Einsicht«. Gemeint ist damit die Einsicht in die drei Merkmale allen Daseins, wie der Buddha sie erläutert.
Da ist zunächst anicca (sprich: Anitscha), das Prinzip der Veränderlichkeit. Alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen, alles was wir denken, ist vergänglich. Ein jedes Ding ist in einem kontinuierlich ablaufenden Prozess des Entstehens und Vergehens begriffen. Goenka verweist darauf, dass »die Geschwindigkeit und die Kontinuität dieses Prozesses die Illusion von Beständigkeit« erzeugt40 und vergleicht diese mit den Prozessen, die in der Flamme einer Kerze oder einer elektrischen Glühbirne ablaufen: Obwohl das Gehirn um die Veränderung weiß, nimmt das Auge eine konstante Lichtquelle wahr. Schon während der Ānāpāna-Phase, in der Beobachtung des Atems, wird anicca erfahrbar, später mit der Vipassana-Technik noch umfassender. Dass niemand zweimal in denselben dahinströmenden Fluss steigt, das scheint eine leicht zu verstehende Wahrheit zu sein. »Aber wie soll man verstehen, dass der Mensch, der in diesem Fluss badet, sich ebenfalls in jedem Augenblick verändert?«41
Wer präzise und mit voller Konzentration seinen eigenen Körper beobachtet, der wird feststellen: Auch wir selbst sind in permanenter Veränderung begriffen, auch der eigene Körper ist letztlich ein vibrierendes Feld in andauerndem Wandel. Dies wirklich zu begreifen ist etwas anderes, als über Atome und Elektronen und den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik Bescheid zu wissen. Vipassana scheint gerade für Menschen mit einer Affinität zu den Naturwissenschaften attraktiv zu sein, die Weltbilder passen gut zusammen. Je bewusster man sich selbst wahrnimmt, desto offensichtlicher wird, dass nichts auch nur von einem Moment zum nächsten Bestand hat. Wer sich diesem Phänomen der unablässigen Veränderung wirklich aufmerksam widmet, der bekommt eine Ahnung davon, wie unser Universum funktioniert.
Zunächst richten Meditierende jedoch ihre Aufmerksamkeit auf den Teil des Universums, der vor ihnen liegt, auf das, was sich in ihrem eigenen Geist und Körper abspielt. Durch genaues und kontinuierliches Beobachten der Prozesse im eigenen Körper wird ein weiteres grundlegendes Prinzip erfahrbar: anattā. Der Pali-Begriff attā – auf Sanskrit: Atman – bezeichnet eine Seelenessenz, ein von allem anderen unabhängig bestehendes, ewiges Selbst. »An-attā«, die Verneinung, drückt die Einsicht aus, dass das Gegenteil der Fall ist. Wenn – gemäß der Einsicht von anicca, der Vergänglichkeit, – nichts von dem, was wir in unserer geistigen und körperlichen Struktur wahrnehmen, länger als einen Augenblick Bestand hat, dann gibt es kein unwandelbares, unabhängig bestehendes Selbst und auch keine unsterbliche Seele. Es gibt keine unveränderliche Substanz oder Identität und in letzter Konsequenz daraus auch kein Ich. Anattā wird daher auch »Nicht-Ich« genannt. Denn alles verdankt sich, wie wir in Kapitel 2.4 noch ausführlicher sehen werden, einem komplexen Bedingungsgeflecht von Ursachen und Wirkungen. Noch nicht einmal der eigene Körper ist dann mein Körper – »mein« im Sinne von etwas, worüber ich verfügen kann, worüber ich Macht habe. Es fällt schwer, Goenka zu widersprechen, wenn er argumentiert:
»Die Wahrheit ist, dass wir noch nicht einmal Macht über unseren eigenen Körper haben. Er verändert sich ohne Unterlass und verfällt immer weiter, ohne auf unsere Wünsche Rücksicht zu nehmen.«42
Durch einen derart radikalen Perspektivwechsel löst sich alles auf, was uns als Basis unseres Denkens und Sprechen selbstverständlich ist. Substanz und Akzidens, das Wesentliche und die Eigenschaften, die es bestimmen, die Grundfesten der altgriechischen Weltordnung, sind dann hinfällig. Subjekt und Objekt fallen ineinander und sind nicht mehr zu trennen. Das ist kein buddhistisches Geheimwissen oder esoterischer Firlefanz. Humberto Maturana und Francisco Varela, die Pioniere des neurophysiologischen Konstruktivismus, haben diese Prozesshaftigkeit allen Seins auf die Formel gebracht: »Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.«43 Soll heißen: Durch unsere jeweils besondere Praxis erschaffen wir die Gegenstände unseres Erkennens, die uns dann so wirklich erscheinen, dass wir daraufhin agieren und handeln – ein rekursiver Prozess, der sich, wie die beiden Schlangen in Michael Endes Unendlicher Geschichte, in den Schwanz beißt. Damit legten die beiden Biologen die Grundlage für die Systemtheorie. Auch der Quantenphysik ist diese Form des Denkens vertraut.44 Diese erkenntnistheoretische Grundhaltung mag die Prozesshaftigkeit allen Lebens besser abbilden als der klassische Essentialismus – aber sie ist sperrig. Und nicht nur das: Sie ist brutal. Alles ist in Auflösung begriffen, es gibt keine Sicherheit. Und mich selbst gibt es auch nicht!?*
Paradoxerweise berichten Meditierende davon, dass inmitten in all dieser Veränderlichkeit, im Vibrieren, Strömen und Brausen des Werdens und Vergehens etwas fühlbar wird, das Ruhe gibt und Sicherheit. Meditierende erleben zunächst, dass es in ihnen eine Instanz gibt, die all dies beobachten kann. Diese Instanz scheint unerschütterlich, immer da, sobald sie sich ihrer selbst bewusst ist. »Das ist wie im Auge des Sturms zu sitzen«, sagt Maja zu diesem Phänomen, »das war ein ganz irrer Moment für mich: zu begreifen, dass das Einzige, was sicher ist im Leben, die Veränderung ist. In diesem Moment war das nicht beängstigend, sondern beglückend, dass es möglich ist, in diesem permanenten Wandel eine Art Geborgenheit zu finden.«
Wenn man es schafft, den Fokus auf diesen Beobachter zu richten, ist ein wesentlicher Schritt geschafft. Später wird es dann wichtig zu verstehen, dass auch dieser bedingt, also gemacht ist, und damit der Gesetzmäßigkeit von anicca unterliegt. Die Meditationslehrerin Petra fasst das so zusammen: »Anicca zu verstehen, dass alles sich ständig wandelt, das ist schon nicht so einfach. Wenn man sich da mal so richtig reingearbeitet hat, dann wird es aber zu etwas, was man für sich nutzen kann. Dann ist das mehr als eine Beschreibung des permanenten Wandels, dann merkt man, dass dieser Wandel System hat, und dass man damit arbeiten kann.«
Damit das möglich wird, braucht es samādhi, Versenkung und rechte Konzentration. Je mehr Meditierende sich daran gewöhnen, einen konzentrierten Zustand zu halten, desto entspannter und müheloser kann dieser werden. Das Gewahrsam für das, was in Körper und Geist passiert, gleicht dann eher einem Raum, den der Praktizierende hält und mit seiner Aufmerksamkeit ausleuchtet. Mit ānāpāna lässt sich dieser Zustand für die meisten Meditierenden schon in den ersten Tagen für kurze Zeit erreichen. Fabio beschreibt das so: »Das ist der Punkt, an dem ich den Geist nicht mehr zwingen muss, ihn nicht immer wieder zurückpfeifen, er bleibt dann schon von alleine da. Es ist dann eher so, dass es nicht mehr aufhört.«
Anfänger werden sich wundern, für Meditierende, die schon länger dabei sind, ist es normal, was Fabio weiter beschreibt: »Wenn Momente von vertiefter Konzentration länger dauern, also zehn oder fünfzehn Minuten, oder auch mal ein paar Stunden, folgt oft eine Art Gegeneffekt. Dann kommt emotional ganz viel hoch. Wie wenn man in der Wohnung gewirbelt hat, um sauberzumachen, und dann ist ganz viel Staub in der Luft. Wie ein Gegenschlag kommt dann auf einmal ganz viel Un-Konzentration.« Dieses Phänomen von Bewegung und Gegenbewegung des Geistes ist ganz normal, wer die Prozesse seines Bewusstseins aufmerksam beobachtet und verfolgt, wird es immer wieder an sich selbst beobachten können – auf unterschiedlichen Ebenen und auf vielfältige Weise.
Anattā – Nicht-Selbst – erstreckt sich bei genauerem Hinsehen und aufmerksamer Praxis auf alles, auch auf die soeben erst entdeckte Beobachterinstanz. Nicht einmal auf sie ist Verlass. Der eigene Fokus, die Qualität der Aufmerksamkeit, wandelt sich permanent, auch hier gibt es keine wie auch immer geartete Beständigkeit. Selbst ein trainierter Geist hat Momente, in denen er abschweift, unaufmerksam ist, darüber nachsinnt, was es wohl zu Mittag geben wird. Auch der Beobachter ist fluide und von Bedingungen abhängig. Ein hungriges Körper-Geist-System beobachtet sich selbst völlig anders als ein gesättigtes, ein müdes anders als ein waches, und so weiter. Ein fester Grund kann eine beobachtende Haltung werden, die sich dessen bewusst ist. Auch sie ist kein »etwas«, das von nun an immer da und verfügbar wäre, sondern eher ein aktives Gewahrwerden, eine Möglichkeit, die sich auftut, die trainiert und kontinuierlich neu ergriffen sein will.
Anattā wird dann zu einer Chance, die wir nutzen können: In der Möglichkeit, den Augenblick in seiner Vergänglichkeit und damit auch in seiner Präsenz zu erfassen, liegt auch die Chance, wirklich gegenwärtig zu denken und zu handeln. Es sind dann nicht mehr altbekannte Gedankenschleifen, Dialoge und Reflexe, die unsere nächsten Gedanken und Taten bestimmen. Es tut sich die Möglichkeit auf, in dieser Welt zu leben, ohne uns von alten Konditionierungen – von »Reaktivität«, wie die Buddhisten sagen – bestimmen zu lassen.
In Reaktivität steckt dukkha, das Leiden, aus dem Siddharta einen Ausweg suchte. Stephen Batchelor betont, wie sehr wir Menschen von Angst gesteuert sind, er sieht darin den eigentlichen Grund für unsere Reaktivität; es gehöre zur menschlichen Natur, hochgradig ängstlich zu sein. Tatsächlich ist Angst ein Überlebensmechanismus, der hilft, Art und Individuum zu erhalten. Der Leerheit und Veränderlichkeit der Dinge gewahr zu werden, bringt uns in die Lage, weit mehr wahrnehmen zu können als das, was unsere Neurobiologie vorgibt. Wir kommen dann in Kontakt mit einem viel weiteren Panorama an Eindrücken und Sinneserfahrungen.45 Tatsächlich hilft Vipassana gegen Angst, das merken Meditierende sehr schnell.
Aus der Lehrrede des Buddha zur Leerheit46 – ein anderer Ausdruck für anattā – zieht Stephen Batchelor folgenden Schluss:
»In Leerheit zu weilen bedeutet nicht, dass man nicht mehr leiden wird. Solange jemand Körper und Sinne hat, wird er oder sie empfänglich sein für die Angst, die davon herrührt, eine bewusste, fühlende Kreatur aus Fleisch, Knochen und Blut zu sein.«47
Das dürfte für den Buddha genauso wahr gewesen sein wie für uns heute. Ein interessantes Detail: Batchelor hatte, als er noch tibetischer Mönch war, an einem Vipassana-Kurs von Goenka teilgenommen. Im Nachhinein betrachtet er dies als eine wichtige Weichenstellung in seinem Leben und für sein Verständnis der buddhistischen Praxis.48 Er macht darauf aufmerksam, dass der Erwachte uns nicht anweist, das Konzept der Leerheit intellektuell zu verstehen, sondern in Leerheit zu weilen.
»In Leerheit zu weilen bringt uns auf den Boden der Tatsachen zurück und zurück zu unserer Körperlichkeit. Es ist ein Weg, der uns befähigt, unsere Augen zu öffnen und gewöhnliche Dinge wahrzunehmen, als wäre es das erste Mal.«49
Dieser letzte Satz ist wichtig, denn er enthält ein Versprechen. Durch die Einsicht in die Leerheit fällt nicht nur etwas weg, es tritt auch etwas grundlegend Neues in unser Leben: Wenn Antrainiertes, vielfach Erprobtes entfällt, wenn wir wirklich gegenwärtig da und mit dem Augenblick präsent sind, dann schauen wir wie durch frisch geputzte Fenster in die Welt. Jede Situation ist dann frisch und kostbar, es liegt ein Glanz auf den Dingen, wie wir es aus unserer Kindheit erinnern, als die ganz gewöhnlichen Dinge noch neu und aufregend waren. Die Wiederverzauberung der Welt kann beginnen.
Buddha sagt zu seinem Schüler Bāhiya:
»Im Gesehenen wird nur das Gesehene sein,
im Gehörten nur das Gehörte;
im Gefühlten nur das Gefühlte,
in dem, dessen ich mir bewusst bin, nur das,
dessen ich mir bewusst bin.«50
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