Read the book: «Depression und Burn-out überwinden»

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Dr. Sabine Gapp-Bauß

Depression und Burn-out
überwinden

Ihr roter Faden aus der Krise:

Die wirksamsten Selbsthilfestrategien


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

VAK Verlags GmbH

Eschbachstr. 5

79199 Kirchzarten

Deutschland

www.vakverlag.de

© VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2015

Coverfoto: Eric Audras, plainpicture/Zenshui

Covergestaltung: Sabine Fuchs, Oberhaching

Lektorat: Norbert Gehlen

Gesamtherstellung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany

ISBN: 978-3-86731-172-4 (Paperback)

ISBN: 978-3-95484-387-9 (ePub)

ISBN: 978-3-95484-388-6 (kindle)

ISBN: 978-3-95484-389-3 (PDF)

Inhalt

Vorwort

Worum es geht

Eine Navigationshilfe für dieses Buch

Diagnosen und was sie bedeuten

Was geschieht im Gehirn?

Warum gerade jetzt? Krankheit als Heilungsversuch

Worauf es bei der Heilung ankommt

Themenkreis 1: Die Krise ist da

Der erste Schritt

Für existenzielle Sicherheit und Stabilität sorgen

Schnelle Entlastung – das Prinzip Hoffnung

Trost und Halt auf dem Weg aus der inneren Einsamkeit

Sie müssen jetzt nichts können!

Schlafprobleme „in den Griff“ bekommen

Der Notfallkoffer

Themenkreis 2: Gute Rahmenbedingungen schaffen

Was ist richtig, was ist falsch? – Stimmige Entscheidungen treffen

Die Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig

Raus aus dem Morgentief!

Themenkreis 3: Unterstützendes für Körper und Seele

Sich selbst gut spüren – Wohltuendes für den Körper

Bewegung hilft – aber wie?

Achtung, Alkohol & Co.!

Beruhigung für Körper, Geist und Seele

Erschöpfung, Schmerzen und Beschwerden – Umgang mit Körpersymptomen

Nervennahrung und Stärkungsmittel für die Seele

Themenkreis 4: Umgang mit typischen Problemen und Nöten

Wenn die Stimmung abrutscht

Du schaffst es nie! – Umgang mit negativen inneren Stimmen

Angst und Panik: So kommen Sie raus!

Das Gefühl der Gefühllosigkeit – und was dahintersteckt

Umgang mit Zwangsgedanken

Sorgen und Schuldgefühle? – Gedankenstopp!

Trägheit und Lethargie: So finden Sie raus!

Umgang mit der Grenzerfahrung „Ich will nicht mehr“

Perfektionismus und Selbstabwertung verstehen und loslassen

Traumabedingte Gefühle und Spaltungen auflösen

Schutzräume und ein inneres „Wir-Gefühl“ entwickeln

Leib-Seele-Kontakt durch heilsames Klopfen und Berühren

Inventur der äußeren und inneren Stressfaktoren

Probleme kompostieren, transformieren, eliminieren

Selbsthilfe mit kreativem Schreiben

Themenkreis 5: Sinnfragen und heilsame Einstellungen

Auf etwas Tragendes bauen

In Frieden kommen statt Emotionen schüren

Demut und Dankbarkeit wiederentdecken

Ein Selbstgefühl entwickeln

Selbstfürsorge statt Opferhaltung

„Tankstellen“ für die Seele – Quellen der Freude

Sich selbst lieben lernen

Themenkreis 6: Ich und die anderen

Ein Wort an Angehörige und Freunde oder: So gelingt Beziehung

Was denken „die Leute“? – Der Spagat zwischen Selbstschutz und Offenheit

Selbstbestimmt statt abhängig

Der eigenen Wahrnehmung trauen

Selbsthilfe in Gruppen

Themenkreis 7: Es geht aufwärts – Die letzte Phase der Genesung

Rückfall?

Kampf mit dem Drachen statt depressivem Sog

Angst vor dem Gesundwerden?

Trauern über Enttäuschungen und nicht Gelungenes

Wiedereinstieg ins Arbeitsleben oder neue Wege?

Das Stress-Notprogramm für alle Fälle

Leben im Hier und Jetzt – so bleiben Sie in der Balance

Mit den eigenen Schwächen in Frieden leben

Ausblick: Depression als Ressource und eine von vielen Antworten auf das Leben

Anhang

Verzeichnis der Selbsthilfemaßnahmen

Literaturverzeichnis

Über die Autorin

Vorwort

Lebenskrisen wie Depressionen oder Zustände von Burn-out sind vor allem eines: die Erfahrung von tiefster innerer Verunsicherung bis hin zu Einsamkeit und Verzweiflung; diese Erfahrung kann das Leben eines Menschen schwer erschüttern. In meiner Praxis begegne ich täglich Menschen, die aus dieser belastenden Lebenssituation herauskommen möchten und dazu viele Fragen haben.

Zwar beschreibt dieses Buch in erster Linie Selbsthilfestrategien für Betroffene, doch können auch Angehörige hier viele Antworten auf ihre Fragen rund um das Thema Depression und Burn-out finden. Das Buch hilft Menschen in der Krise ganz praktisch dabei, aus dem alltäglichen „Es geht mir schlecht …“ mit all seinen Begleiterscheinungen wie Angst und Panik herauszukommen. Ich möchte ihnen vermitteln, dass sie seelisches Leiden grundsätzlich immer überwinden können. Gleichgültig, ob sie sich erst seit gestern oder schon seit vielen Jahren mit Depressivität oder wiederkehrenden Erschöpfungszuständen und Stimmungstiefs herumschlagen – sie selbst können viel dazu beitragen, dass sie gesund werden.

Als Ärztin und Therapeutin begleite ich Menschen, die oftmals viele vergebliche Versuche hinter sich haben, ihre seelischen Probleme in den Griff zu bekommen. Aus diesem Grunde habe ich immer nach ganzheitlichen Verständnismodellen und unmittelbar wirksamen Methoden gesucht, um Kranke selbst in die Lage zu versetzen, ihren Heilungsprozess zu fördern. Das Buch ist aus dieser ganz praktischen Erfahrung mit Menschen in Krisen entstanden und arbeitet mit Methoden, die in der Behandlung besonders hilfreich waren und immer wieder sind.

Vielleicht haben Sie dieses Buch in die Hand genommen, weil Sie sich fragen: „Warum bin ich gerade jetzt in solch einem Stimmungstief?“, oder: „Wie kommt es, dass ich seelisch immer wieder so instabil werde, obwohl mein Leben doch so schön sein könnte?“ Vielleicht beunruhigt es Sie, dass Sie immer wieder oder immer noch auf Medikamente für Ihre seelische Stabilität angewiesen sind. Vielleicht sind Sie es aber auch ganz einfach leid, dass man Ihnen die Diagnose „Depression“ oder „Burn-out“ angeheftet hat, obwohl Sie instinktiv spüren, dass dieses Etikett den Experten mehr nützt als Ihnen. Vielleicht sind Sie umgeben von Menschen, die es wirklich gut mit Ihnen meinen, doch Sie fühlen sich nicht wirklich verstanden. Vielleicht suchen Sie schon länger nach einem Erklärungsmodell für Ihre schwierige Situation, das Ihnen Hoffnung gibt und Ihnen Mut macht.

Ich möchte Sie durch diese verunsichernde Lebensphase begleiten und Ihnen eine systematische und ganzheitliche Vorgehensweise vermitteln, die Sie spürbar aufbaut und mit der Sie diese schwierige Lebensphase sogar mit Gewinn überstehen. Wenn Symptome nicht mehr als lästige „Betriebsstörung“, sondern als heilsame Signale verstanden werden, können sie sich auflösen und nachhaltige Lernprozesse anregen.

Es gibt viele Ratgeber zum Thema Depression, die mehr aus der Sicht eines von außen beobachtenden Therapeuten geschrieben wurden und viele allgemeine Ratschläge von Fachleuten enthalten. Meine Erfahrung ist, dass Menschen in Krisen sich ganz individuell verstanden wissen und plausible Anregungen erhalten möchten. Es handelt sich hier um eine ganzheitliche und sehr pragmatische Sichtweise von Depression und Burn-out, die über das klassische psychiatrische oder psychotherapeutische Denken hinausgeht. In diesem Buch werden Sie deshalb mitten in Ihrem dunklen Lebensgefühl, Ihrer Blockiertheit und Ihrer Verzweiflung abgeholt und können neue Perspektiven entdecken. Indem Sie den „Experten in sich selbst“ aktivieren, werden Sie zunehmend Vertrauen in sich selbst und in Ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen.

Fassen Sie Mut und legen Sie los!

Worum es geht
Eine Navigationshilfe für dieses Buch

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie, die Sie dieses Buch in die Hand genommen haben, weil Sie selbst an Depressionen oder starker Erschöpfung leiden, wissen vielleicht gerade nicht, wo Ihnen der Kopf steht. „Wo soll ich nur anfangen?“, werden Sie sich fragen. Ihnen fehlt so etwas wie der rote Faden für die nächsten Heilungsschritte. Wenn man an ganz verschiedenen Nöten leidet, hat man ja oft das Problem, womit man beginnen soll. Sie können vielleicht schlecht schlafen, sind erschöpft und leer und haben immer wieder Zustände schlechter Stimmung. Sie bekommen Panik, wenn Sie an den „Berg“ denken, der vor Ihnen liegt. Ihnen fehlt eine klare Perspektive. Nun ist es so: Ich kann Ihnen in diesem Buch nur nacheinander verständlich machen, was eigentlich gleichzeitig geschehen müsste. Das ist wirklich ein Dilemma!


Selbsthilfefaktoren für den Heilungsprozess

Um Ihnen also die Orientierung zu erleichtern, habe ich meine Empfehlungen in sieben Themenkreise gegliedert, aus denen Sie sich Hilfreiches heraussuchen können, das Ihnen hilft zu verstehen, warum Sie gerade gewisse Probleme oder Stimmungen haben oder warum Sie zurzeit oder immer wieder auf eine bestimmte Art und Weise reagieren. Schritt für Schritt erleben Sie konkrete Möglichkeiten, wie Sie aus diesen belastenden inneren Zuständen herauskommen. Wenn Sie akut großen Leidensdruck haben, beginnen Sie also gleich bei Themenkreis 1 (vgl. Inhaltsverzeichnis). Mit den hier zunächst folgenden Abschnitten über Diagnosen, über Vorgänge im Gehirn und über die Frage, wie Heilung geschieht, können Sie sich später immer noch beschäftigen, wenn Ihnen danach ist.

Ich möchte mit Ihnen im Themenkreis 1 („Die Krise ist da“) ein Überlebenspaket schnüren und gute Startbedingungen für Ihren Heilungsprozess schaffen. Ähnlich, wie ich es in einem Erstgespräch in meiner Praxis tun würde, möchte ich Ihnen verständlich machen, welche Herangehensweisen, Maßnahmen und Strategien Priorität haben, um das Gefühlschaos zunächst einmal etwas zu lichten und Ihnen Struktur und Halt zu vermitteln. Hier geht es unter anderem um eine gelassene Einstellung, um die Sicherung der Existenz, um Krankschreibung, Unterstützungsnetzwerke sowie die Frage: Wie behält man einen klaren Kopf?

Im Themenkreis 2 erfahren Sie, wie Sie sich für den Heilungsprozess „gute Rahmenbedingungen schaffen“, indem Sie aus der Selbstüberforderung herauskommen und den Tag bewusst strukturieren. Im ersten Stadium der Krise sollten wir nämlich nichts einfach so dem Zufall überlassen. Heilung braucht ein Halt gebendes Ambiente. Das gibt Sicherheit und stabilisiert!

Im Themenkreis 3 („Unterstützendes für Körper und Seele“) geht es um eine gute körperliche Verfassung und stabilisierende Faktoren für Ihren Seelenzustand. Beides stellt Ihren Heilungsprozess auf sichere Füße. Suchen Sie sich heraus, was Sie am ehesten anspricht.

Im Themenkreis 4 („Umgang mit typischen Problemen und Nöten“) erfahren Sie ganz konkret, wie man schwierigen Stimmungen und typischen depressiven Symptomen am sinnvollsten begegnet. Vor allem lernen Sie, sich selbst besser zu verstehen und bewusst mit sich umzugehen. Hier werden gezielte Techniken vorgestellt, die hilfreich sind, um unter anderem aus traumatischen Erlebnisweisen herauszukommen und sie in realitätstaugliche Sichtweisen und Gewohnheiten umzuwandeln. „Lesen“ Sie sich das heraus, was Sie zu Ihrer Unterstützung gerade besonders benötigen.

Im Themenkreis 5 („Sinnfragen und heilsame Einstellungen“) geht es um eine neue Haltung zu sich selbst, die eine tiefere Ebene Ihres Seins berührt und so einen neuen Blickwinkel auf das Leben erlaubt. Überfordern Sie sich auch hier nicht, indem Sie meinen, alles umsetzen zu müssen. Halten Sie sich an die Texte, von denen Sie sich besonders angesprochen fühlen.

Im Themenkreis 6 („Ich und die anderen“) erfahren Sie hilfreiche Strategien für den Umgang mit typischen Problemen, die Menschen in der Krise mit ihrem Umfeld haben. Sie werden sehen, mit einer gewissen inneren Klarheit lassen sich für alles Lösungen finden. Gerade Angehörige werden hier wichtige Hinweise bekommen.

Im Themenkreis 7 („Es geht aufwärts – Die letzte Phase der Genesung“) gehe ich auf typische Stationen dieser Phase mit all ihren Klippen ein. Insbesondere erfahren Sie die wichtigsten stabilisierenden Faktoren für die Zeit, wenn Sie wieder im „normalen Leben“ angekommen sind. Denn da wollen Sie doch sicher wieder hin, oder?

*

Wie Sie sehen, sind die Kapitel bewusst so gestaltet, dass sie einzeln, jedes für sich gelesen werden können. Richten Sie sich beim Lesen ganz nach Ihren aktuellen Bedürfnissen und orientieren Sie sich an dem, was Sie gerade anspricht. Ich traue Ihnen zu, dass gerade Sie als Hilfesuchende besonders kompetent darin sind, herauszufinden, worauf Sie ganz dringend eine Antwort benötigen. Wenn Sie sich derzeit bereits in der Phase der Wiedereingliederung in Ihren Arbeitsprozess befinden, mögen Sie das Buch vielleicht sogar lieber von hinten anfangen.

An den Anfang eines jeden Kapitels habe ich einen kurzen Vorspann gestellt, der die Problematik kurz umreißt. Auch am Ende jedes Kapitels finden Sie eine kurze Zusammenstellung von wesentlichen Einsichten und konkreten Tipps. Sie können diese zunächst einmal schnell überfliegen, um sich zu orientieren.

Auch wenn Sie, liebe Leser, Angehörige eines erkrankten Menschen sind, können Sie von fast allen Kapiteln profitieren. Ich möchte damit ausdrücken, dass es nicht auf der einen Seite den „armen“ Kranken und auf der anderen Seite den „beneidenswert“ Gesunden gibt, sondern dass wir, Therapeuten, Kranke und Gesunde, alle nur Menschen sind – mit vielen Kompetenzen, aber auch mit Schwächen. Deshalb möchte ich dieses Buch mehr als ein Bündel aus praktischem und theoretischem Wissen verstanden wissen, aus dem sich jeder nach seinen individuellen Bedürfnissen bedienen kann. Egal, ob gesund oder krank, wir alle sind von Zeit zu Zeit auf der Suche nach heilenden Einsichten.

Ich habe versucht, Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen zu finden:

•Was ist mit mir los und wie sind meine Symptome zu erklären?

•Was hilft mir und wie kann ich mir selbst konkret helfen?

Das zusammengetragene Wissen habe ich aus der praktischen Arbeit mit Menschen in krisenhaften Lebenssituationen und immer auch aus meinen eigenen Lebenserfahrungen gewonnen. Ich möchte Ihnen damit vermitteln: Es gibt Hoffnung auf ein Leben nach Depression oder Burn-out!

Diagnosen und was sie bedeuten

Für diejenigen unter Ihnen, die sich vielleicht fragen: „Was habe ich denn nun?“, oder: „Was hat es mit gewissen Diagnosen auf sich?“, möchte ich an dieser Stelle einen Pfad durch das Dickicht der verschiedenen Begriffe aufzeigen. Diagnosen sind dazu da, verschiedene seelische und körperliche Symptome medizinisch-wissenschaftlich zu katalogisieren. Wenn Sie zum Beispiel unter den Symptomen A, B und C leiden, dann nennt man das X, Y oder Z.

In der Medizin kursieren verwirrend viele Begriffe für seelische Leidenszustände mit depressiver Färbung, die oft wenig darüber aussagen, woran jemand wirklich leidet. Vielen Betroffenen wird gesagt, sie hätten eine „Depression“. Andere haben angeblich „nur“ einen Erschöpfungszustand oder ein „Burn-out“. Bei wieder anderen wird von einem „Nervenzusammenbruch“ gesprochen, der angeblich bald wieder vorbei ist. Auch gibt es die sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung, die Folge einer oder verschiedener traumatischer Erfahrungen sein kann. All diese Bezeichnungen überlappen einander in ihrer Bedeutung. Die Symptome sind ähnlich und nicht immer eindeutig voneinander zu trennen.

Viele Betroffene kommen in die hausärztliche Behandlung mit der Vermutung: „Ich habe ein Burn-out“. Sie leiden unter zunehmenden körperlichen Beschwerden, Erschöpfungszuständen und Lustlosigkeit bis hin zu geistiger Lethargie. Oftmals wird bei anhaltenden Schlafstörungen eine Depression vermutet. Bei Laien hat sich zunehmend der Begriff des Burn-out-Syndroms eingebürgert, der ursprünglich ein Phänomen beschrieb, das vor allem Erschöpfungszustände in der Arbeitswelt betraf. Heute ist dieser Begriff fast schon zum Modebegriff avanciert und wird fälschlicherweise auf jede Art von seelischer Überforderung angewendet. Beim Burn-out liegt die Betonung mehr darauf, dass sich jemand in seinem Beruf verausgabt hat: Vielleicht musste er über einen langen Zeitraum unter hohem Druck und Zeitmangel arbeiten, wurde aber in seinen Anstrengungen überhaupt nicht wertgeschätzt. Vielleicht gab es auch über lange Zeit unlösbare Konflikte oder gar Mobbing am Arbeitsplatz.

Beim Burn-out, das eigentlich keine fest umschriebene medizinische Diagnose ist, steht die körperliche Erschöpfung im Vordergrund. Sie entsteht, wenn Mitarbeiter sich ständig überfordert fühlen, sich dabei auch noch selbst überfordern und sich nicht mehr von der Arbeit distanzieren können. Irgendwann entwickeln sich dann schon bei den geringsten Anforderungen Versagensängste und psychische Fehlleistungen. Eine depressive Grundstimmung kommt meist hinzu.

Bei einem schweren Burn-out kann es zu einer Depression kommen, wenn sich dieser Prozess der Überarbeitung auf die gesamte Persönlichkeit auswirkt und die Seele tiefgreifend erfasst. Der Begriff „Burn-out“ ist heute eine gesellschaftlich anerkannte Krankheitsbezeichnung, die oftmals dazu dient, die stigmatisierende Diagnose „Depression“ nicht in den Mund nehmen zu müssen.

Wie Sie noch sehen werden, gibt es nicht „die“ Depression oder „den“ Burn-out-Zustand, sondern jeder Mensch reagiert ganz unterschiedlich auf lange anhaltenden psychischen Stress. Gleichgültig, welche Diagnose man Ihnen zuschreibt – mir persönlich geht es mehr darum, dass Sie das konkrete Leiden als eine nachvollziehbare Reaktion Ihres Körpers und Ihrer Seele verstehen können. Auf diese Weise können Sie sich sehr viel besser Gesundungsprozesse erschließen.

Als larvierte Depression versteckt sich die Krankheit hinter diversen körperlichen Beschwerden, von chronischen Verdauungsstörungen über Herzprobleme, Tinnitus bis hin zu Nervenschmerzen. Häufig haben depressive Menschen schon seit Jahren körperliche Beschwerden, die eigentlich seelische Gründe haben. Die agitierte Depression beschreibt einen krisenhaften Krankheitszustand, bei dem die Betroffenen sich hochgradig unruhig bis panisch fühlen. Die frühere Bezeichnung endogene Depression ist längst überholt. Dabei wurde angenommen, dass die Depression ohne jeden Anlass einfach so „ausbricht“, wenn es dafür eine familiäre Vorbelastung gibt. Diese Einschätzung wurde im Grunde gegeben, weil man sich die Ursache, warum bestimmte Menschen depressiv reagieren, nicht erklären konnte, oder weil man damals nicht wusste, was dagegen half. Sicherlich gibt es auch heute ganz schwere Depressionen bei besonders vorbelasteten Menschen, deren Behandlung langwierig ist, vielleicht sogar schwer zu beeinflussen ist und eines ganz besonderen therapeutischen Engagements bedarf. Manchmal gibt es auch Lebenssituationen, in denen Krankheit eine mögliche Form ist, das eigene Leben zu bewältigen. Grundsätzlich kann man jedoch davon ausgehen, dass jede Depression ihre innerpsychischen Gründe hat, wie schwerwiegend diese auch sein mögen.

Viele Betroffene sind jedoch deshalb in die Krise geraten oder depressiv geworden, weil sie in ihrer Kindheit traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, etwa jahrelanges Mobbing in der Schulzeit oder mangelnde Unterstützung bis hin zu Missachtung und Gewalt in der eigenen Familie. Manche haben schwere Verluste erlitten, die sie nicht verkraftet und erst einmal völlig weggedrängt haben. Auch unverarbeitete Kriegserlebnisse können noch Jahrzehnte später in bestimmten Lebenssituationen hochkommen und massive depressive Krisen auslösen. Es kann sich auf diese Weise eine Posttraumatische Belastungsstörung zeigen, die ähnlich wie eine Depression ganz unterschiedliche Symptome verursacht.

Jemand, der durch gewisse Lebensumstände in eine Krise gerät und doch bis vor Kurzem noch voll im Leben gestanden hat, ist nicht kontinuierlich in einem Erwachsenenzustand, sondern fällt häufig emotional in den Zustand zur Zeit seiner Vorerfahrung zurück (Flash-back).

Das kann zum Beispiel das Lebensgefühl eines ängstlichen Kindes sein, das sich verständlicherweise nicht viel zutraut im Leben und voller Versagensängste ist. Gleichgültig, welche traumatischen Ereignisse zugrunde liegen, auch die Folgen einer Traumatisierung können mit entsprechender Unterstützung vollständig ausheilen. Unter anderem im Kapitel über Stimmungsschwankungen und Spaltungsphänomene komme ich auf diese Problematik ausführlich zu sprechen. Unter entsprechenden unterstützenden Bedingungen, sei es mit oder ohne Medikamente, ist eine Depression grundsätzlich heilbar. Manchmal sind die Bedingungen für eine Heilung noch nicht gegeben. Das kann sich jedoch jederzeit ändern. Meine Beobachtung von Krankheitsverläufen, die über Jahre gingen und als chronisch bezeichnet wurden, hat mir gezeigt, dass allein durch ein neues Verständnis von sich selbst oft erstaunliche Fortschritte eingeleitet werden.

Wenn Sie von diesem Buch profitieren möchten, ist es nicht wichtig, welche genaue Diagnose Sie haben oder wie lange Ihre Krankheit schon besteht. Hier geht es um lösungsorientierte Strategien, die gleichermaßen auch „Gesunde“ nutzen können. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden vorwiegend den Begriff „Depression“ verwenden, gleichgültig, ob es sich um eine traumabedingte schwere depressive Krise oder vielleicht nur um ein vorübergehendes Stimmungstief oder ein Burn-out handelt.

Mir geht es darum, konkrete Ideen zu entwickeln, wie Sie sich Schritt für Schritt stabilisieren und wieder zu Ihrer Lebendigkeit und Schwingungsfähigkeit zurückfinden (oder sie ganz neu für sich entdecken).

Was geschieht im Gehirn?

Kurz gesagt: Unter andauerndem seelischem Stress und chronischer Überforderung kommen in unserer emotionalen Gehirnregion, dem „limbischen System“, mehrere Botenstoffe so sehr zum Versiegen, dass Stimmung, Motivation und Antrieb einen Tiefpunkt erreichen. Menschen leiden dann auf einmal unter seelischen Symptomen wie Niedergedrücktheit, Panik, Ängsten, Unruhe, Antriebsarmut, gebremster Wut, Traurigkeit, Lustlosigkeit und extremen Stimmungsschwankungen. Die Betroffenen ziehen sich plötzlich von Freunden und Bekannten zurück, da sie sich so „anders“ erleben und die „Normalität“ der anderen schwer ertragen. An Depression erkrankte Menschen fühlen sich häufig wie „im Nebel“ und wirken, als wären sie innerlich „weggetreten“. Eine der schlimmsten Empfindungen ist jedoch wahrscheinlich das Gefühl der „Gefühllosigkeit“. An die Stelle von Gefühlen treten Phänomene wie Gedankenkreisen, Katastrophenfantasien, Denkblockaden, Zerstreutheit und erhöhte Vergesslichkeit.

Wir wissen, dass bei emotional als belastend, stressig oder gefährlich erlebten Situationen von den Kernen der Amygdala im limbischen System Signale ausgehen, die Alarm auslösen, indem sie den Cortisolspiegel, aber auch den Adrenalin- und den Noradrenalinspiegel im Körper erhöhen. Die Folge ist ein Anstieg von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Blutzucker, Temperatur und Muskelanspannung. Dies erzeugt den bekannten Zustand von innerer Unruhe bis zu Angst und Panik. Gezielte Blutgefäßveränderungen in einzelnen Organen oder Körperteilen können je nach der persönlichen Konstitution des Einzelnen zu Körpersymptomen führen, die man sich manchmal schwer erklären kann. Auf lange Sicht kann es zu einem Versagen der Funktion der Nebennierenrinde mit chronischer Erschöpfung des gesamten Systems kommen. Dies geht oft mit einer Schwächung des Immunsystems einher und das kann zu verschiedenen Krankheiten führen.

Diesen Alarmzustand können wir nicht willentlich steuern. Es handelt sich nämlich dabei um sogenannte Reflexe, die auch bei Tieren ausgelöst werden, wenn Gefahr droht. Ihr Sinn ist, dass wir entweder kämpfen oder fliehen oder uns völlig tot stellen können. Der Unterschied zum Tier ist nur: Tiere reagieren sich ab, bis die Stresshormone verbraucht sind. Dadurch können sie schnell wieder zum Ruhezustand zurückkehren, wenn die Gefahr vorbei ist. Sie fangen dann wieder ganz normal an zu fressen, als wäre nichts geschehen. Wir Menschen aber bleiben meist auf allen unseren Stresshormonen „sitzen“. Das äußert sich dann in all den Symptomen, unter denen Depressive und Menschen im Burn-out leiden.


Vereinfachtes Modell des Alarmsystems im Gehirn und seiner Auswirkungen auf Körper und Seele

Wird ein Mensch auf diese Weise lange Zeit seelisch und körperlich überfordert, zum Beispiel durch das chronische Gefühl: „Ich halt‘ das nicht mehr aus!“, so wird das innere Alarmsystem nicht mehr ausgeschaltet und es fehlt die Erholung auf körperlicher und seelischer Ebene. Denn entgegen dem landläufigen Eindruck befinden sich Depressive, selbst diejenigen, die nach außen ganz lethargisch wirken, in einem hochgradigen Alarmzustand, der nicht bewusst abgestellt werden kann. Hält dieser Zustand länger an, so verändert sich die Ansprechbarkeit der Rezeptoren im limbischen System für wichtige Botenstoffe wie zum Beispiel das Serotonin, unseren „Gute-Laune-Transmitter“, der für unsere seelische Stabilität zuständig ist. Was dahintersteckt, ist folgender Mechanismus:

Nach dem Neurophysiologen und Stressforscher Joachim Bauer lösen Anerkennung und Wertschätzung – ja, sogar die bloße Aussicht auf Wertschätzung – im limbischen System über die Erhöhung des Dopaminspiegels ausgesprochene Lustgefühle aus, die eine gute Motiviertheit zur Folge haben. Körpereigene Opioide dämpfen seelischen oder körperlichen Schmerz und Serotonin steigert das Wohlgefühl. Die Frustrationstoleranz ist dadurch sehr hoch. Zusätzlich sorgt Oxytocin für freundschaftliche Zugewandtheit gegenüber anderen Menschen, sodass wir uns ihnen gegenüber öffnen können. Bleibt diese positive Stimulation des limbischen Systems aus, so kommt es zu einem dramatischen Absturz des Selbstwertgefühls. (Vgl. Literaturverzeichnis, Bauer 2004)

Eine depressive Stimmung breitet sich also immer dann aus, wenn die Neurotransmitterproduktion im emotionalen Gehirn durch Frustrationserlebnisse über längere Zeit aus den Fugen gerät. Die Betreffenden fühlen sich dann zunehmend niedergeschlagen und ängstlich. Verlassenheitsgefühle und Selbstablehnung bis zu Selbsthass können so überhandnehmen. Die Stresstoleranz nimmt ab. Unter diesen Bedingungen kann eine psychisch belastende Situationen wie zum Beispiel die Kränkung durch einen Kollegen das Fass zum Überlaufen bringen und eine plötzliche Krise herbeiführen. Meist kündigt sich diese schon einige Zeit vorher an, sie wird jedoch oft lange verdrängt.

Besonders Menschen, die sich als Kinder extrem an ihre Eltern anpassen mussten, sind später depressionsgefährdet. Sie neigen dazu, als Erwachsene ständig die Erwartungen anderer zu erfüllen, statt für sich selbst einzutreten. Die so entstandenen Muster können lange auf einer latenten Ebene bleiben und beispielsweise durch Größenfantasien, ein Helfersyndrom oder die ausschließliche Definition über Leistung ausgeglichen werden. Wenn von außen dann Überforderungen hinzukommen und ein nicht mehr erträgliches Maß erreichen, werden die Depression oder der Burn-out-Zustand offensichtlich.

Depressive Phasen kommen aber natürlich auch bei Menschen mit einer glücklichen Kindheit vor. Manchmal haben solche Menschen allerdings trotzdem bestimmte Lernprozesse nicht machen können, die für eine gute Widerstandskraft im Leben nötig sind. Die Depression kann dann eine Chance sein, diese neu zu erwerben.

Gleichgültig, welche Ursachen zu Ihrer Erkrankung geführt haben: Bei chronischem seelischem Stress gerät unsere gesamte Persönlichkeit auf allen Ebenen des Seins in einen Daueralarmzustand mit all seinen seelischen Symptomen wie Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Angst und Antriebslosigkeit. Die Depression ist das Ergebnis eines Mangels an Neurotransmittern im limbischen System und oft auch einer Erschöpfung der Nebennierenrinde.

Auf der körperlichen Ebene kann „Daueralarm“ zu ganz verschiedenen Körpersymptomen führen. Je nach individueller Veranlagung können Herzrasen, Rhythmusstörungen, hoher Blutdruck, Unruhe, Schlafstörungen, Erschöpfung trotz ausreichenden Schlafs, Schwitzen, Dünnhäutigkeit, Appetitmangel, Verdauungsprobleme und diverse Schmerzen oder andere schwer erklärbare Symptome die Folge sein. Da die Betroffenen diese Symptome bisher nicht gekannt haben, befürchten sie, dass ihr Körper nun vollends versagen könnte. Sie haben Angst, auf Dauer hohen Blutdruck, einen Herzinfarkt, Lähmungen oder sonstige schwere Krankheiten zu bekommen. Diese Befürchtungen sind jedoch lediglich Ausdruck dafür, dass der Körper und die Seele in irgendeiner Form „SOS“ funken, um den Menschen auf seine innere Not aufmerksam zu machen. Insbesondere im Kapitel über Körpersymptome werden Sie dazu Näheres erfahren.

Wenn wir die Sprache all dieser körperlichen und seelischen Symptome verstehen, können wir gezielt Einfluss auf unser Befinden und damit auf die Neurotransmitterausstattung unseres limbischen Systems nehmen. In diesem Buch finden Sie wirksame Selbsthilfestrategien, die dazu beitragen, dass die Alarmreaktionen im limbischen System sich zunehmend beruhigen und das Neurotransmittersystem und die Nebennierenrinde sich wieder erholen. Durch die hier vorgestellte ganzheitliche Herangehensweise entstehen im Gehirn ganz neue Netzwerke, die ein größeres Repertoire an Handlungsspielräumen eröffnen. Damit lässt sich das eigene Leben besser steuern und die Gefahr einer erneuten Erkrankung kann gebannt werden.

Wie Dr. Joachim Bauer betont, kommt es durch diese sehr bewussten Lernprozesse auf der Ebene von Körper, Geist und Seele zu einer vollständigen Regeneration im Bereich der Botenstoffe des Gehirns und zu einer dauerhaften Heilung. Die Persönlichkeit kann sich ganz neu und auf Dauer stabilisieren. (Bauer 2004)

Warum gerade jetzt? Krankheit als Heilungsversuch

Viele Menschen, die erstmals an einer Depression erkranken, sind erschrocken darüber, dass ausgerechnet ihnen so etwas passiert. Viele fragen sich auch, warum sie denn „gerade jetzt“ so reagieren, wo doch die Belastung schon seit Jahren besteht. Leider lässt sich die Seele nicht kontrollieren und jeder „wählt“ genau den richtigen Zeitpunkt, wann er oder sie krank wird: Vielleicht ist erst jetzt Ihre Partnerschaft so stabil, dass man sie mit Krankheit belasten kann. Vielleicht haben Sie durchgehalten, bis Ihre Kinder größer geworden sind oder Sie einen festen Arbeitsplatz gefunden haben. Vielleicht ist aber auch ein jahrelanges Kartenhaus „rechtzeitig“ zusammengestürzt, bevor Sie zu viel Schaden nehmen könnten.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die seit Jahren immer wieder Rückfälle erleiden und verzweifelt darüber sind, dass bisher keine dauerhafte Heilung eingetreten ist. In jedem Fall bestehen gute Gründe dafür, dass Sie jetzt krank oder noch nicht gesund geworden sind. Die Auslöser und die zugrunde liegenden Stressfaktoren können Sie im Laufe der Behandlung immer besser verstehen.

Die Depression ist zwar eine Krankheit, aber im Grunde ist sie auch ein wichtiger Heilungsversuch der Seele. Menschen, die ihre Depression überwunden haben, betonen immer wieder, dass sie ohne den Leidensdruck der Krankheit niemals diesen neuen und sehr viel tieferen Zugang zu sich selbst gefunden hätten. Vielleicht zum ersten Mal im Leben erlauben sich die Betroffenen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen und zu schauen, …

•welche Faktoren in ihrem bisherigen Leben zu einer Überforderung geführt haben,

•was an ihren derzeitigen Rahmenbedingungen nicht guttut,

•welche persönlichen Bewältigungsmuster nicht mehr sinnvoll sind (und warum),

•welche „Schwachstellen“ es möglicherweise in der eigenen Persönlichkeit gibt und wie sie neue Kraftquellen und Werkzeuge gewinnen, um mit dem eigenen Leben besser zurechtzukommen.

Zugegeben, unsere heutigen Lebensbedingungen mit all ihrer Hektik bereiten uns eine Menge Stress. Auch sind die Erwartungen von außen, aber auch die eigenen Ansprüche an Wohlstand und Glück oft viel zu hoch. So mancher kann dadurch aus dem Gleichgewicht geraten. Jeder Mensch hat jedoch – abgesehen von den gesellschaftlichen Bedingungen, die uns alle betreffen – ganz individuelle Voraussetzungen für seine Erkrankung. Nicht das absolute Maß an innerer und äußerer Belastung ist entscheidend dafür, ob Sie krank werden oder nicht. Vielmehr spielen Ihre ganz persönliche Vorgeschichte, Ihre körperliche und seelische Konstitution, aber auch Ihr ganz persönliches Schicksal eine wesentliche Rolle.

Im Laufe unserer Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen kann so manches schiefgehen. Da haben Sie vielleicht ein Leben lang Ihre fehlende Selbstsicherheit mit besonderer Leistungsbetonung und betont lockerem Auftreten übertünchen müssen. Sie haben sich vielleicht schon viel zu lange „zusammengerissen“, damit nur ja keiner merkt, wie es wirklich in Ihnen aussieht. Ausgerechnet Sie haben vielleicht einen Arbeitsplatz, an dem Ungerechtigkeiten oder Überforderungen an der Tagesordnung sind, was Sie schon seit Jahren in innere Not gebracht hat. Vielleicht sind Sie auch durch Schicksalsschläge völlig überfordert. Vergleiche mit anderen Menschen, die vielleicht den gleichen Belastungen ausgesetzt sind wie Sie, die aber gesund bleiben, nützen hier gar nichts.

In der Krise ist die Abwehr meist zusammengebrochen. Zusammenreißen geht nicht mehr. Tapfer sein auch nicht. Körper, Geist und Seele verweigern jegliche Leistung. Für jemanden, der es gewohnt war, sich ständig zu überfordern, ist das zunächst eine sehr bedrohliche Erkenntnis. Die Fassade bröckelt, die Fundamente wackeln. Im Grunde ist die Depression jedoch eine notwendige und „gesunde“ Verweigerung des ganzen Menschen, die dazu dient, sich neu im Leben auszurichten. Endlich ist Zeit, um Ihre gesamte Energie zur Regeneration all ihrer Kräfte zu nutzen.

Die typischen Symptome einer Depression, sowohl körperliche als auch seelische, wollen uns immer etwas sagen. So kann die Tatsache, dass Sie sich körperlich und seelisch völlig erschöpft fühlen und Ihr Herz viel zu schnell schlägt, daran erinnern, dass Sie mehr Stille, Schutz und Erholung brauchen. Die Tatsache, dass Ihr Gedächtnis und der gesamte Denkapparat, ja, oft sogar das Hörvermögen in Mitleidenschaft geraten sind, will signalisieren, dass Ihr Kopf dringend Entlastung braucht. Es fühlt sich oft an, wie wenn das System abgeschaltet hat, ein seelischer „Totstellreflex“, der wie im Tierreich dem Überleben dient. Auf diese Weise verschafft Ihre Seele sich mehr Gehör. Zu lange war sie unter Druck oder bekam zu wenig Aufmerksamkeit.

Manche Depressive trifft die Erkrankung zu einem Zeitpunkt, an dem die größten seelischen Belastungen eigentlich längst vorbei sind. So liegt vielleicht die überfordernde Pflege eines Angehörigen hinter ihnen und eigentlich könnte eine Phase des Aufatmens folgen. Vielleicht haben sie nach einer längeren Mobbingphase am Arbeitsplatz endlich wieder gute Arbeitsbedingungen. Offensichtlich hat die anstrengende Zeit ihre Seele jedoch so sehr überfordert, dass das System jetzt jeglichen Dienst verweigert. Jedoch kann auch die Tatsache, nun nicht mehr gebraucht zu werden oder unter Druck zu sein, eine tiefe Sinnkrise auslösen.

Bei Depressiven, die seit Jahren immer wieder Rückfälle haben und unter heftigen Symptomen leiden, fehlen nach meiner Erfahrung oft noch ganz bestimmte Bausteine für einen nachhaltigen Heilungsprozess, die es herauszufinden gilt. Vielleicht hat die bisherige Behandlung die tiefer liegenden Ursachen noch nicht berührt. Vielleicht fehlen noch Bewältigungsstrategien für den Umgang mit bestimmten Stressfaktoren. Vielleicht steckt dahinter ein Problem, das bisher noch nicht angesprochen werden konnte oder durfte. Vielleicht hat die Krankheit auch eine wichtige Bedeutung für Sie, die man nicht einfach ignorieren darf. Schließlich kann es sein, dass für eine dauerhafte Heilung noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist oder Sie noch nicht den Menschen gefunden haben, der Sie wirklich versteht.

Gerade in der Behandlung von traumabedingten Depressionen fehlt es vielfach noch an Wissen und Erfahrung, da die Auswirkungen von Traumen erst in den letzten zehn Jahren genauer verstanden werden. Vielen Betroffenen hat es geradezu „die Sprache verschlagen“, sodass es ihnen schwerfällt, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Manche werden auch als „therapieresistent“ angesehen, weil sie angeblich nicht „mitmachen“. Betroffene haben oft einen leidvollen Weg hinter sich, bei dem sie von Therapeuten die Zuschreibung bekommen haben, dass sie angeblich nicht therapiefähig seien. Das ist bitter! Mit dem tiefen Wunsch, gesund zu werden, und der hartnäckigen Suche nach einer kompetenten Begleitung können Betroffene jedoch Schritt für Schritt Fortschritte auf ihrem Gesundungsweg machen.

Genau dieser Prozess, nämlich herauszufinden, was Ihre Seele braucht, um wieder stabil zu werden, ist die Herausforderung dieser Krankheit. Wie im Folgenden beschrieben wird, können Sie selbst dazu eine Menge beitragen.

Worauf es bei der Heilung ankommt

Depression ist eine Antwort der Seele auf innere und äußere Not. Heilung erfolgt meist nicht direkt, sondern indirekt durch Herstellen guter Bedingungen – ein Gedanke, der in der naturheilkundlichen Medizin schon seit Jahrhunderten bekannt ist. In der wissenschaftlichen Medizin und nach der WHO-Definition wird mit „Gesundheit“ ein Zustand des vollkommenen körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen bezeichnet. Nach dieser Definition gibt es heute streng genommen kaum gesunde Menschen. Im naturheilkundlichen Denken wird hingegen unter Gesundheit die Fähigkeit verstanden, flexibel auf das reagieren zu können, was uns immer wieder aus unserer eigenen Mitte bringt. Hier wird vielmehr die grundsätzliche Regulationsfähigkeit unseres Körpers und unserer Seele in den Mittelpunkt gestellt. Statt eines Zustands von Symptomfreiheit geht es um die Fähigkeit, uns mithilfe unserer Selbstheilungskräfte zu regenerieren und wieder zu regulieren.

Für einen Menschen in der Krise bedeutet das, zu verstehen, wie es dazu gekommen ist und welche Faktoren die „Schieflage“ aufrechterhalten. Statt des Anspruchs unserer heutigen Gesellschaft auf völlige Unversehrtheit und Fitness geht es mehr um die Wertschätzung und Akzeptanz der eigenen Möglichkeiten, auch wenn diese unter Umständen begrenzt sind, sowie um unsere Verantwortung, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Verständlicherweise bedeutet Gesundheit deshalb für den einen schon die Fähigkeit, wieder arbeiten zu können; für einen andern Menschen geht es um Stabilität und Glücksempfinden im privaten Bereich.

Dass es manchen Menschen schwerer fällt als anderen, wieder stabil zu werden, hat unter anderem mit der Neurotransmitterausstattung des Gehirns zu tun, die meist schon im Kindesalter ausgeprägt wird.

So hat eine Untersuchung ergeben, dass es konstitutionell gesehen zwei Gruppen von Kindern gibt. Die eine hat einen normalen Serotoninspiegel, der sie gegen Stresseinwirkungen sehr gut abfedert. Die andere Gruppe von Kindern weist einen erniedrigten Serotoninspiegel auf, wodurch die Kinder deutlich stressanfälliger sind. Interessant ist, dass eine fürsorgliche Haltung der Eltern in den ersten Lebensjahren diesen Mangel völlig ausgleicht und diese Kinder im Erwachsenenalter sogar besonders flexibel und stressresistent macht, mehr noch als die Kinder mit erhöhtem Serotoninspiegel. Belastende oder gar traumatische Kindheitserlebnisse wirken sich bei der einen Gruppe also besonders fatal aus, während die andere Gruppe davon weniger stark irritiert wird.

Man kann sich vorstellen, dass manche Menschen einen ausgeprägteren Neurotransmittermangel haben als andere und deshalb von Medikamenten eher profitieren. Das heißt nicht, dass die einen Medikamente benötigen, die anderen nicht. Vielmehr kann eine vorübergehende oder langzeitige Behandlung bei manchen Menschen wichtiger sein als bei anderen. Es kann sogar sein, dass insbesondere in der Anfangsphase der Krise ein ganzes Arsenal von Medikamenten notwendig ist, um eine Destabilisierung zu verhindern. Das Gehirn ist jedoch äußerst regenerationsfähig und reagiert positiv auf jede stimmige therapeutische Unterstützung.

Medikamente in Form von Psychopharmaka sind eine Möglichkeit, den Betroffenen unerträgliches Leiden zu nehmen und die therapeutische Verarbeitung möglich zu machen. Die alleinige medikamentöse Therapie bringt allerdings keine wirkliche Heilung und erhöht die Gefahr einer erneuten Erkrankung.

Der Grund ist, dass die Ursachen nicht erkannt und bearbeitet werden und sich deshalb an den zugrunde liegenden ungesunden Mustern nichts verändert. Allerdings möchte ich erwähnen, dass gewisse Mangelzustände stofflicher Art und manche Grunderkrankungen ähnliche Symptome verursachen wie Depression oder Burnout. Ich denke hier an die Wochenbettdepression, die Schilddrüsenunterfunktion oder schwere Allgemeinerkrankungen. In diesen Fällen bedarf es gezielter ganzheitlicher Behandlung und unterstützender Medikamente, damit auch die Seele wieder ins Gleichgewicht kommen kann. In den Kapiteln über Körpersymptome und Nahrung für die Seele wird darauf näher eingegangen.

In der heutigen Medizin gibt es gute therapeutische Behandlungsansätze, die sich ständig weiterentwickeln. Dabei kommt es weniger auf die verwendeten Methoden als auf die heilende Beziehung zwischen dem Hilfesuchenden und dem Behandler an, mit dem gemeinsam nach Wegen aus der Krise gesucht wird.

Es ist mir ein Anliegen, mit diesem Buch von der Festschreibung von Krankheitszuständen wegzukommen und Heilung nicht als einen idealen Endzustand, sondern als einen Prozess betrachten, der in vielen kleinen Schritten gelingen kann. Auf diese Weise erschließen sich neue Denkhorizonte und die Kreativität, die es braucht, um auch mit schwierigen Krankheitsverläufen umgehen zu können. Ich möchte deshalb die bei jedem Menschen vorhandenen Selbstheilungskräfte in den Vordergrund stellen, die dann wirksam werden, wenn sich günstige Bedingungen dafür ergeben: das Gefühl, wirklich verstanden zu werden, die Möglichkeit sich selbst zu verstehen, bessere Lebensumstände wie zum Beispiel ein geschütztes Umfeld, stärkende Substanzen, vor allem aber wirksame Strategien, die einem Menschen das Gefühl geben: „Ich bin nicht ohnmächtig, sondern handlungsfähig.“

Wenn man bedenkt, dass sich erst seit etwa zehn Jahren Behandlungskonzepte für schwer traumatisierte Menschen entwickeln, kann man ermessen, wie viele an Depression Leidende noch keine Hilfe finden konnten. Auch gibt es keine Patentrezepte für Menschen, die an einer zunehmend süchtigen Gesellschaft mit all ihrer Wohlstandsverwahrlosung und der damit verbundenen Sinnentleerung leiden. Jedoch haben mir meine guten Erfahrungen in der Arbeit mit Depressiven, die schon sehr lange krank oder wiederholt erkrankt waren, bestätigt: Heilung im Sinne einer geglückten Lebensbewältigung ist grundsätzlich immer möglich. Mit welchen Hilfsmitteln, ob mit oder ohne medikamentöse Unterstützung, sei dahingestellt. Sie, die Sie auf der Suche nach Antworten sind, werden hier viele Anregungen finden, wie Sie einen Schritt weiterkommen auf dem Weg zu Ihrer ganz persönlichen Gesundheit, nämlich der Fähigkeit, Ihr Leben wieder selbst zu steuern. Heilung setzt also die folgenden Schritte voraus:

•die Symptome verstehen

•das System beruhigen

•gute Rahmenbedingungen schaffen

•neue Perspektiven entwickeln

An der Tür des Aufenthaltsraumes einer psychosomatischen Klinik fand ich folgenden Spruch, dem nichts hinzuzufügen ist:

„Krankheit ist ein Symptom verirrten Lebens. Sie drosselt das Tempo falscher Bewegung. Denn verlangsamtes Leben findet zu sich selbst zurück. Der Körper verweigert sich weiterer Oberflächlichkeit und zwingt das Leben in die Tiefe.“


Foto Franziska Bauß

Themenkreis 1: Die Krise ist da
Der erste Schritt

Zum Verständnis:

Es gibt ein einfaches Grundprinzip: Alles, was wir annehmen, kann sich wandeln. Alles, was wir zu vermeiden versuchen, nicht wahrhaben wollen oder wogegen wir ankämpfen, bleibt so, wie es ist, oder verstärkt sich. Vor allem aber: Für unser Gehirn ist das sehr anstrengend und macht nur zusätzlichen Stress. Diese Einschätzung mag Ihnen vielleicht absurd vorkommen oder nach Fatalismus klingen. Dem ist nicht so. Annahme heißt, den derzeitigen Zustand voll und ganz anzunehmen. So verrückt es für Sie klingen mag:

Lassen Sie innerlich los, indem Sie die Schultern locker lassen und ausatmen. Gestehen Sie sich ein: „Ja, ich bin gerade in einer Krise. Ich weiß weder ein noch aus und ich brauche Unterstützung.“ Damit hört der Kampf auf und in Ihrem Innern kommt etwas zur Ruhe. Das ist der erste Schritt auf Ihrem Heilungsweg.

Es ist geradezu eine paradoxe Intention, die Depression mit all ihren Begleiterscheinungen wie Verzagtheit, Angst und innerer Leere willkommen zu heißen im Sinne einer wichtigen Information, die Ihnen etwas sagen und von Ihnen ganz persönlich verstanden werden möchte.

Warum wehren wir uns dann so vehement gegen diesen Zustand? Nun, Annehmen ist nicht so einfach. Krank sein will kaum jemand. Jeder Mensch kämpft erst einmal dagegen an, sich schlecht zu fühlen oder gar krank zu sein, selbst wenn es nur eine Grippe ist. Erst recht kämpfen wir, solange es geht, gegen Stimmungstiefs oder Schwächezustände an. Sie stören das eigene Selbstbild, insbesondere, wenn wir gelernt haben, immer zu funktionieren und uns stark zu zeigen. Vielleicht sind Sie außerdem seit Jahren an Gefühle des Unwohlseins und innere Spannungszustände gewöhnt. Gestresst, unglücklich und überanstrengt zu sein gehört für Sie vielleicht zum normalen Lebensgefühl. Auch deshalb fällt es schwer, sich auf einmal als schonungsbedürftig zu bezeichnen und die Krankheit anzunehmen.

Immerhin ist es ein gutes Zeichen unseres Menschseins, dass wir so lange wie möglich hoffen, es würde uns von alleine bald wieder besser gehen. Hinzu kommt, dass die Depression eine Diagnose ist, die in unserer Gesellschaft immer noch mit Scham besetzt ist. Viel „besser“ ist es, einen Herzinfarkt zu bekommen. Die Gesellschaft honoriert diese Diagnose sehr viel eher. Würde man den Herzinfarkt als „die Krankheit des gebrochenen Herzens“ bezeichnen, so hätte dies einen deutlichen Imagewechsel zur Folge. Ich halte deshalb das Eingeständnis, seelische Probleme zu haben und Hilfe zu suchen, für einen sehr mutigen Schritt, mit dem der Heilungsprozess beginnt. Indem wir wenigstens für einen Moment die unangenehmen Symptome willkommen heißen und sie genau ansehen, geben wir unserer Seele die so notwendige Entlastung. Der Kampf hört auf und der seelische Stresspegel wird sofort „heruntergedimmt“.

Ich erinnere mich an eine Frau, die seit Jahren gewohnt war, ihr Grundgefühl von Überforderung, das schon als Kind sehr ausgeprägt war, tapfer „wegzudrücken“. Ihre innere Leere und viele Körpersymptome signalisierten jedoch den starken seelischen Schmerz und sie hatte große Angst davor, dies zuzugeben. „Nein, das muss man unterdrücken!“, war ihre Überzeugung, die sie mit heftigem Kopfschütteln bekräftigte. Als ich ihr die Angst vor der „Kapitulation“ nahm und sie zu diesem überwältigenden Gefühl von Überforderung, Ohnmacht und Selbstabwertung stehen konnte, entspannte sich ihr ganzer Körper: „Jetzt, wo ich es zulasse und Ihnen glauben kann, dass das nicht gefährlich ist, geht es mir besser“, bemerkte sie.

Menschen, die in eine Krise geraten sind, äußern sich oft sehr widersprüchlich: Auf der einen Seite sind sie ganz froh, sich endlich eingestehen zu dürfen, dass es so nicht weitergeht, doch andererseits macht die Erkenntnis, krank zu sein, ihnen Angst. Da fallen Bemerkungen wie diese: „Es fühlt sich eigentlich an wie eine Erlösung, dass ich morgen nicht wieder vor all diesen Aufgaben stehe, aber ich kann doch jetzt nicht einfach nur noch meinen Bedürfnissen nachgehen.“ Außerdem fragen sich die meisten: „ Wann bin ich wieder gesund?“ Es gibt zwar unter Psychiatern den gängigen Spruch: „Jede Depression ist irgendwann vorbei!“ Doch diese Aussage ist für die Betroffenen wenig tröstlich.

Annahme ist bei jeder Krankheit ein wichtiger Heilungsfaktor, doch mehr noch als bei körperlichen Krankheiten ist für die Heilung seelischer Beeinträchtigungen die Selbstannahme eine unabdingbare Voraussetzung.

Der Stress wird nämlich dadurch erhöht, dass die Betroffenen viel Energie darauf verwenden, sich „zusammenzureißen“ und gegen Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und innere Spannungen anzukämpfen. Durch Annehmen verringert sich dieser Stress automatisch und die Neurotransmitter im Gehirn kommen wieder in die Balance. Damit beginnt ein äußerst wichtiger psychischer Prozess.

Die Krankheit anzunehmen ist in gewisser Weise eine „Kapitulation“. Zu kapitulieren beinhaltet den Mut, zuzugeben, dass Sie Ihr Leben gerade nicht mehr im Griff haben und Hilfe brauchen. Viele Betroffene haben mir nach ihrer Genesung berichtet, dass die wirkliche Kapitulation vor den eigenen Problemen ein erlösender Moment gewesen sei, an dem ihre Heilung begonnen habe. Warum ist das so und was geschieht da in unserem Inneren?

In dem Moment, in dem wir den Dingen ins Auge sehen und sagen: „Ja, so ist es gerade mit mir“, hört das Kämpfen auf. Die Seele entspannt sich. Der Atem wird ruhiger, die Spannung in den Muskeln lässt deutlich nach und die Ausschüttung von Stresshormonen nimmt ab. Unser Gehirn kann sich erholen, da es nicht mehr ausschließlich mit Verdrängung beschäftigt ist. Verdrängen kostet viel Energie und aktiviert das innere Notfallprogramm. Um diese Energie aufzubringen, benötigen wir viele zusätzliche Vitamine und Mineralien, die aber dem Körper, insbesondere dem Nervensystem, nicht zur Verfügung stehen. Dieser Mangel destabilisiert die Psyche.

Die Kapitulation ist wie der Ausstieg aus dem Hamsterrad. Es entsteht ein neuer Blickwinkel. Statt immer nur danach zu schauen, was man können müsste oder was andere von einem erwarten, kann die ganze Energie auf die Analyse des derzeitigen Lebens und die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse verwendet werden. Genau das ist die Voraussetzung für den Heilungsprozess. Je bewusster Sie diesen Schritt tun, desto schneller kommt das gesamte System zur Ruhe. Mit der folgenden Übung können Sie die Selbstannahme bekräftigen.

Meine Empfehlung:

Begeben Sie sich an einen Ort, an dem Sie ungestört sind, oder kommen Sie gerade da, wo Sie sind, einmal ganz zu sich: Spüren Sie ganz konkret den Boden unter Ihren Füßen und den Kontakt Ihres Körpers mit der Unterlage, dem Stuhl, dem Sessel. Legen Sie Ihre Hände überkreuz auf Ihren Brustkorb oder umfassen Sie Ihre beiden Schultern. Lassen Sie Ihr Kinn locker auf das Brustbein sinken und sagen Sie sich innerlich in etwa Folgendes:

•Ja, im Moment ist es so, aber das muss nicht so bleiben.

•Ja, im Moment habe ich Probleme, und trotzdem bin ich gut so, wie ich bin.

•Ja, es ist bitter, dass ich im Moment nicht so viel kann, aber ich mag mich so, wie ich bin.

Auch wenn Sie diese Sätze für unsinnig halten, sie wirken trotzdem entlastend! Bleiben Sie einen Moment bei der Wahrnehmung von sich selbst und wiederholen Sie immer wieder den Satz, in dem Sie alles, was ist, annehmen und im Anschluss noch eine positive Aussage hinzufügen. Haben Sie keine Angst, die negativen Symptome, ja, sogar Angst und Ärger zu benennen. Auch wenn Sie sich den positiven Satz nicht glauben, sprechen Sie ihn aus! Indem Sie der belastenden oder negativen Aussage eine positive hinzufügen, relativiert sich der negative Denkansatz in Ihrem Gehirn automatisch. Das wirkt beruhigend. Dabei werden Kräfte frei, sodass Sie sich mit den nächsten Schritten des Heilungsprozesses beschäftigen können.

In diesem Buch werden Sie viele Strategien kennenlernen, wie Sie das eigene Denken positiv beeinflussen können. Das Annehmen dessen, was jetzt gerade ist, ist schon mal ein guter Anfang! Seien Sie so verrückt, zu glauben, dass es jetzt und hier, für Sie ganz persönlich, gut weitergeht, nach dem Motto: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“

Für existenzielle Sicherheit und Stabilität sorgen

Zum Verständnis:

Die Depression ist eine Phase im Leben, deren Heilung mehr erfordert als die Einnahme von Tabletten. Insbesondere brauchen Betroffene in ihrer Umgebung Sicherheit und Halt, um mit dieser Lebenssituation und den damit verbundenen existenziellen Ängsten umgehen zu können. Ich möchte im Folgenden einige rein organisatorische und praktische Punkte nennen, die zu bedenken sind.

Nehmen wir an, Sie haben das Gefühl, an einer manifesten Depression oder an einem Zustand des Ausgebranntseins zu leiden. Sie sind zurzeit äußerst empfindlich, unruhig und verletzlich. Ihr limbisches System ist aus irgendeinem Grund in ständiger Alarmbereitschaft. Ihre Neurotransmitter, die für gute Laune, Motivation, Frustrationstoleranz und Offenheit sorgen, verbrauchen sich viel zu schnell und Ihr vegetatives System ist aus der Balance geraten.

Auch wenn Sie sich so überhaupt nicht kennen – im Moment fühlen Sie sich depressiv, ängstlich oder unangenehm erregt. Sie leiden unter Stimmungsschwankungen, sind erschöpft oder apathisch und bringen nur wenig zustande. Zurzeit mahnt Ihr gesamtes System, dass es Halt und Schutz braucht. Für einen Depressiven heißt das: gute Rahmenbedingungen, aber auch die Unterstützung von Experten, die helfen, sich zu orientieren und systematische Heilungsschritte einzuleiten. Worauf kommt es an?

Falls Sie sich nicht sicher sind, ob es sich bei Ihrem Zustand um die Folgen einer körperlichen Krankheit handelt, lassen Sie dies von einem Arzt Ihres Vertrauens abklären, denn oftmals haben Krankheiten auf der Körperebene auch psychische Symptome zur Folge. Die Frage ist, ob es sich nur um ein momentanes Stimmungstief oder um eine tiefgehende seelische Störung handelt. Wenn Sie nach einem Arzt oder Therapeuten suchen, achten Sie darauf, dass die „Chemie“ stimmt und Sie sich im Kontakt bestärkt und aufgebaut fühlen. Gemeinsam mit dem Therapeuten Ihres Vertrauens überlegen Sie, welche Schritte in der aktuellen Situation heilungsfördernd sind. Zunächst geht es um die Sicherung Ihrer Existenz.

Die Frage ist, ob es ausreicht, dass Sie gegenwärtig nur etwas besser auf sich achten und sich ein wenig schonen. Oder ist eine zeitweilige Krankschreibung oder Beurlaubung nötig? Dadurch bekommen Sie ein Zeitfenster, um sich über Ihren derzeitigen Gesundheitszustand klar zu werden. Falls Sie selbstständig sind und für den Fall, dass Sie länger krank sein sollten, ist die wichtigste Frage: Wie kann ich meine Existenz absichern? Sie brauchen jetzt vor allem genügend Freiraum ohne Belastung. Außerdem brauchen Sie Menschen, die Ihnen den Rücken freihalten und Sie aktiv unterstützen. Diese Tatsache wird oft unterschätzt und ist doch so wichtig, um sich endlich der eigenen Gesundheit widmen zu können.

Gemeinsam mit einem erfahrenen Therapeuten können Sie die Frage klären, welches Ausmaß Ihre Krankheit hat. Handelt es sich nur um ein leichtes Stimmungstief, das sich durch ein paar Tage Ruhe überwinden lässt? Ist es ein Überarbeitungszustand, ein Burn-out oder eine leichte bis mittelschwere Depression, in der Sie bei (zeitweiliger) therapeutischer Begleitung weiter zur Arbeit gehen können? Oder handelt es sich um einen tiefen krisenhaften Einbruch, der die Grundfesten Ihrer Persönlichkeit ins Wanken gebracht hat? Manchmal braucht man etwas Zeit, um genau herauszubekommen, welches Ausmaß der Krankheitszustand hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein paar in kurzen Abständen geführte Gespräche oft schon helfen, dies zu klären. Dann ist Zeit, um die Ursachen kontinuierlich aufzuarbeiten und gezielte Selbsthilfestrategien anzuwenden. Dazu später.

Weiterhin ist zu überlegen, ob ein Klinikaufenthalt sinnvoll ist. Falls Sie zum Beispiel zurzeit gar nicht imstande sind, Ihren Alltag zu regeln, nur noch in Panik sind, keinen Schlaf mehr finden und nicht mehr alleine zu Hause zurechtkommen, kann es sein, dass der Aufenthalt in einer psychiatrischen Akutklinik Ihnen erst einmal einen geschützten Raum bietet, in dem Sie zur Ruhe kommen können. Vielleicht reicht auch eine ambulante Begleitung durch die Krise aus, um Sie zu stabilisieren. Währenddessen kann zum Beispiel auch der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik vorbereitet werden.

Eine weitere Frage ist, ob Sie Medikamente benötigen oder ob eine therapeutische Begleitung (mit oder ohne Krankschreibung) ausreicht.

Was Sie aber vor allem brauchen, und zwar noch viel dringender als Medikamente, das ist ein unterstützendes Netzwerk von Menschen, die Ihnen zur Seite stehen. Zu einem solchen unterstützenden Netzwerk gehören vor allem vertraute Freunde und Verwandte. Manchmal reicht schon eine Person, zu der Sie Vertrauen haben. Umgeben Sie sich jetzt mit Menschen, die eine ruhige, gelassene Ausstrahlung haben und die Sie nicht noch durch ihre eigenen Ängste und Sorgen verunsichern. Sie brauchen Menschen, in deren Gegenwart Sie sich nicht verstellen müssen, die aber auch selbst Grenzen setzen können und sich nicht von allen Ihren Stimmungen an-stecken lassen. Ich werde dieses Thema noch in einem eigenen Kapitel ansprechen.

Auch Selbsthilfegruppen und unterstützende Institutionen können Hilfestellung geben, zumindest aber das Gefühl vermitteln: Du bist nicht allein! Und das ist schon eine ganze Menge. In jeder Stadt kann man beim Gesundheitsamt Adressen von Anlaufstellen erfahren, die bei seelischen Problemen Unterstützung bieten. Auch im Internetforum der Deutschen DepressionsLiga kann man Orientierung erhalten. Scheuen Sie sich nicht vor einem Anruf bei der Telefonseelsorge, auch dort kann man Ihnen Anlaufstellen nennen. Die Hauptsache ist, Sie treten mit jemandem in Kontakt und bleiben nicht allein mit Ihren Problemen. Aus dem ersten Schritt entsteht der nächste.

Hilfe anzunehmen und zu signalisieren, dass Sie jetzt Hilfe brauchen, ist ein wesentlicher Heilungsschritt, insbesondere für Menschen, die es gewohnt sind, in ihrem Leben alles alleine zu bewältigen. Im nächsten Kapitel werde ich näher beschreiben, welche weiteren grundsätzlichen Schritte zu Ihrer Heilung beitragen.

Meine Empfehlung:

Nehmen Sie sich ein Blatt Papier (quer gelegt) und schreiben Sie alles auf, was Ihnen einfällt zu der Frage: Wer oder was kann mich im Moment unterstützen? – Fragen Sie sich: Wer hat mir bisher schon einmal zur Seite gestanden und welche Anlaufstellen gibt es in meiner Nähe (Hausarzt, Psychologe, Pfarrer, Heilpraktiker, Physiotherapeut, Freunde, Verwandte, Selbsthilfenetzwerke)? Kenne ich jemanden, der auch schon einmal eine Krise durchlebt hat und seine Erfahrung mit mir teilen kann?

Was sind die nächsten praktischen Schritte für mich (Krankschreibung, Gespräch mit dem Arbeitgeber wegen einer Entlastung bei der Arbeit, Klinikaufenthalt, Kontakt mit dem Kostenträger wegen spezieller Fragen wie Therapeutenliste, Recherche im Internet nach geeigneten Institutionen, Selbsthilfegruppen; Ordnen von Unerledigtem). Notieren Sie alles ganz konkret mit Telefonnummer, Adresse, Zeiten der Erreichbarkeit. Etwas zu tun macht Sie tatkräftig!

Stellen Sie Ihre Versorgung sicher, zur Not mit Unterstützung durch einen Menschen Ihres Vertrauens. Dokumentieren Sie Ihre Erkenntnisse mit kurzen Worten in einem Heft. Auf diese Weise können Sie Ihren Heilungsprozess ab sofort mit allen kleinen Fortschritten gut nachvollziehen. Sie nehmen dadurch mehr eine Beobachterrolle ein und werden Ihr eigener Experte. Dies fördert Ihren Heilungsprozess.

Schnelle Entlastung – das Prinzip Hoffnung

Zum Verständnis:

Eine Depression, auch wenn sie schon lange besteht, stellt für die Betroffenen eine akute Notlage dar. Hoffnungslosigkeit ist ein Faktor, der die Depression von einer vorübergehenden Niedergeschlagenheit unterscheidet. Gerade weil der Heilungsprozess viel Zeit und Geduld braucht, sind schnelle Entlastung und Unterstützung mit der Aussicht auf Besserung sehr wichtig. Menschen im Stimmungstief verlieren durch das depressive Denken sehr schnell die Hoffnung. Doch gerade Hoffnung ist der seidene Faden, an dem das Leben eines schwer depressiven Menschen hängt. Ähnlich wie bei einem Schlaganfall oder einer schweren körperlichen Erkrankung kann man hier nicht einfach abwarten. Deshalb: Gestehen Sie sich zu, dass Sie akut und schnell kompetente Hilfe benötigen.

Wie bereits beschrieben besteht im Gehirn ein hochgradiger Alarmzustand. Je schneller hier eine gewisse Beruhigung eintritt, desto besser erholt sich Ihr System und desto gezielter können Sie an Ihrer Gesundung arbeiten. Man muss dazu nicht gleich alle Probleme gelöst haben. Indem Ihr gesamtes System „merkt“, dass jetzt etwas Heilsames geschieht, stabilisiert es sich. Das gibt Hoffnung. Depressivität beeinträchtigt nach der chinesischen Medizin immer auch die Schilddrüsenfunktion (Dreifacher-Erwärmer-Meridian) und den gesamten Energiehaushalt und muss ernstgenommen werden.

Das Prinzip einer ganzheitlichen Betrachtung ist, die aktuell schlimmsten Stressfaktoren zu erkennen und zu beseitigen. Die Frage ist also: Was trägt zu einer spürbaren Besserung Ihres jetzigen Zustands bei und gibt Ihnen eine Perspektive?

Wenn jemand wegen einer Depression zu mir kommt, stelle ich erst einmal ein paar Orientierungsfragen: Wie stabil sind Sie im Moment? Können Sie schlafen? Wie groß ist Ihre Erschöpfung? Kommen Sie zu Hause alleine zurecht? Leiden Sie an schwer zu ertragenden Panikzuständen? Haben Sie Appetit und können Sie sich selbst gut mit Essen und Trinken versorgen? All diese Fragen sind wichtig, denn in einem psychischen und seelischen Ausnahmezustand haben Sie keinen Zugang zu Ihren inneren Ressourcen, aus denen Sie normalerweise Kraft schöpfen. Zunächst muss also die größte Not gelindert werden, damit sich Ihre Neurobiologie und Ihr Stoffwechselsystem normalisieren. Ihr Ernährungs- und Ihr Kräftezustand sind ebenfalls wichtige Voraussetzungen, um sich überhaupt mit den dahinterliegenden Problemen beschäftigen zu können.

Wer zum Beispiel gar nicht mehr schläft, braucht übergangsweise ein leichtes Schlafmittel oder ein Antidepressivum, um wieder zur Ruhe zu kommen. Denn ohne Schlaf kann Ihr Zustand sich massiv destabilisieren. Oft tritt jedoch nach einem klärenden Gespräch, in dem die Betroffenen sich verstanden und endlich nicht mehr alleingelassen fühlen, eine Beruhigung ein. Der Schlaf kommt dann von selbst wieder in die Balance. Eine medikamentöse Unterstützung in Form von antidepressiv oder beruhigend wirkenden Medikamenten ist dann nötig, wenn jemand unter schwerster Niedergeschlagenheit, einer schweren Schlaflosigkeit oder unter hochgradiger Unruhe und Dauerpanik leidet und nicht mehr zur Ruhe kommt. Welche Medikamente sinnvoll sind, sollten Sie zusammen mit einem Psychiater Ihres Vertrauens entscheiden.

Ein Wort zur Gabe von Antidepressiva: Man sollte sie niemals leichtfertig oder routinemäßig bei jeglicher Form von Depression geben. Tatsächlich wirken Antidepressiva nur bei 30 Prozent der Betroffenen. Antidepressiva haben zwar auch Nebenwirkungen, aber sie machen immerhin nicht süchtig. Man kann ihre Einnahme sehr gut „ausschleichen“, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Antidepressiva können für eine gewisse Zeit sehr segensreich sein. Manchmal reichen sogar ein bis zwei Tropfen eines Antidepressivums wie zum Beispiel Amitriptylin – das so normalerweise als unterdosiert gelten würde –, um eine Stressspirale kurzfristig zu durchbrechen. Manchmal wirken pflanzliche Mittel mit Melisse, Baldrian, Hopfen, Passionsblume schon beruhigend und stabilisierend. Johanniskrautpräparate haben eine gemütsaufhellende und nachweislich antidepressive, aber nicht schlaffördernde Wirkung. Sie sind – abgesehen von einer gewissen Lichtempfindlichkeit, die sie verursachen – sehr gut verträglich.

Warnen möchte ich vor Tranquilizern wie Diazepam-Abkömmlingen. Solche Medikamente sind in Ausnahmezuständen angebracht. Sie gehören in Expertenhände, da sie ein verheerendes Suchtpotenzial haben, das leider auch von Ärzten noch immer unterschätzt wird. Dabei ist die Dosierung nicht entscheidend, denn auch in niedriger Dosierung ist die Suchtgefahr groß. Diese Mittel helfen schnell. Sie vermitteln aber eine trügerische Selbstsicherheit, die auf längere Sicht eher schadet, als dass sie nützt. Wer den schwierigen Entzug von Tranquilizern einmal miterlebt hat, weiß, wie quälend das Absetzen dieser Mittel für die Betroffenen ist.

Ich empfehle vielfach ein gutes Vitaminpräparat mit Mineralien und allen Vitaminen, insbesondere der B-Gruppe, um das Nervensystem zu stabilisieren. Auch homöopathische Mittel sowie Bach-Blütenessenzen können sehr hilfreich sein. Zur Unterstützung der Schilddrüse erfahren Sie mehr im Kapitel über den Umgang mit Körpersymptomen. Im Kapitel „Nervennahrung und Stärkungsmittel für die Seele“ habe ich verschiedene Stärkungsmittel angesprochen, die dazu beitragen, Ihren seelischen Stresszustand deutlich zu mildern.

Auch ist eine regelmäßige und ausgewogene Ernährung für die Betroffenen wichtig. Schwerer Appetitmangel kann zu Entkräftung führen und schwächt das Nervensystem zusätzlich. Oft kann man mit der Gabe von Vitaminen, insbesondere der B- Gruppe, Mineralien und kleinen gesunden Köstlichkeiten den Appetit wieder anregen. In einem späteren Kapitel werde ich Genaueres dazu berichten.

Ein wichtiger Stressfaktor ist, dass manchen Menschen der Tagesrhythmus völlig aus den Fugen geraten ist. Dann muss das Augenmerk besonders darauf gerichtet sein, wieder einen sinnvollen Ablauf und eine haltgebende Struktur in den Tag zu bekommen. Auch dazu weiter unten.

In der Depression ist der Mensch hauptsächlich mit Grübeln und Katastrophenfantasien beschäftigt. Das Denken ist dumpf, voller negativer Gedankenschleifen, und oft breitet sich eine bedrohliche Willen- und Gefühllosigkeit aus. Das normale Empfinden von Ganzheit, insbesondere das Körpergefühl, ist mehr oder weniger abhandengekommen. Daher braucht es ganz konkret „Standfestigkeit“ im Hier und Jetzt. Deshalb: Alles, was im Moment Ihr Körpergefühl und Ihr Gefühl für sich selbst verbessert, wirkt normalisierend auf Ihre Emotionen und Ihr Denken. Ich werde auf wohltuende Maßnahmen für das körperliche Wohl später genauer eingehen. Die Aufarbeitung von Problemen und Konflikten gilt es im Auge zu behalten, aber sie hat in der Regel Zeit. Allein die Erkenntnis: „Ja, meine Psyche und mein Körper haben einen guten Grund, warum sie sich im Moment so schlecht fühlen“, hilft, sich nicht für verrückt zu erklären. Insbesondere benötigen die Betroffenen Ruhe und Entspannung. Da Ruhe für viele jedoch am Anfang schwer auszuhalten ist, begnügen wir uns erst einmal damit, den Rhythmus zu verlangsamen. Wie kommt man in einen langsameren, harmonischeren Takt? Zunächst nur so viel:

Vereinfachen Sie Ihren Tagesrhythmus. Vermeiden Sie jede Hektik. Sagen Sie Unternehmungen ab, die sich nicht gut anfühlen: lästige Besuche, reine Pflichtveranstaltungen, Sondereinsätze und unnötige Aktionen. Beschränken Sie sich auf die elementaren Dinge Ihres Lebens wie das leibliche Wohl, Essen und Trinken, genug Schlaf, frische Luft und den harmonischen Wechsel zwischen Ausruhen und Beschäftigtsein.

Widmen Sie Ihrem Körper besondere Aufmerksamkeit und Pflege. Gewöhnen Sie sich an, sich täglich viel in der Natur aufzuhalten. Den Wind auf der Haut zu spüren, die frische Luft zu riechen, natürliche Geräusche zu hören, all das bringt Sie auch wieder mit Ihrer eigenen Natur in Kontakt. Gehen Sie viel zu Fuß. Berühren Sie bewusst die Erde. Falls Sie das nicht absurd finden, setzen Sie sich immer wieder mal unter einen großen Baum und spüren Sie seinen Stamm in Ihrem Rücken. Das beruhigt. Gehen Sie, sofern es die Temperaturen zulassen, immer mal barfuß. Durch das Berühren der Erde und rhythmisches Gehen kommen Sie wieder in Kontakt mit sich selbst. Sie tanken neue Energie. Ihr Kopf wird freier und die Emotionen beruhigen sich.

Falls Sie nicht allein sein können, bitten Sie eine Person Ihres Vertrauens, vorübergehend bei Ihnen zu sein. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Wohnung oder Ihr Haus Ihnen einen sicheren, ruhigen Ort bieten, an dem Sie sich wohlfühlen.

Aufräumen und Sortieren sind gute Tätigkeiten, um sich auch innerlich zu sortieren. Falls Sie im Rückstand sind mit wichtigen Dingen, die es zu erledigen gilt, lassen Sie sich von jemandem unterstützen, denn der zusätzliche Druck von schlechtem Gewissen oder Angst vor Versäumnissen bringt nur zusätzlichen Stress. Beginnen Sie mit Dingen, die für Sie im Moment am dringendsten sind. Alles andere lassen Sie so, wie es ist.

Manchmal reichen schon kleine Maßnahmen, um Ihnen eine Last von den Schultern zu nehmen. Manchmal sind jedoch auch bestimmte grundsätzliche Entscheidungen erforderlich, zum Beispiel die, eine Unterstützung für den Haushalt zu finden.

Ich erinnere mich an eine Frau, die durch den Verlust von Familienangehörigen in einen schweren Depressionszustand geraten war und kaum noch schlafen konnte. Sie hatte einen kranken Hund, der mit seinem schmerzbedingten Jaulen seit Jahren die gesamte Familie terrorisierte. Alle waren mit ihren Nerven am Ende und die Familie drohte an diesem Tier zu zerbrechen. Schon der Tierarzt hatte seit Monaten dazu geraten, den Hund von seiner Pein zu erlösen. Die Frau war aus nachvollziehbaren Gewissensgründen nicht in der Lage, sich dazu zu entschließen. Sie überschätzte aber auch ihre Fähigkeit, diesen quälenden Zustand weiter zu ertragen. Mit Unterstützung fand die Familie ein gutes Ritual, um sich von dem Tier zu verabschieden. Als im Haus erstmals seit Jahren Ruhe eingekehrt war, konnte die Frau sich langsam erholen und Schritt für Schritt ihre Probleme lösen. Manchmal zwingt uns die Erkrankung auch zu schweren Entscheidungen, die jedoch einen wichtigen Heilungsschritt einleiten.

Vor allem aber bringt der Entschluss, sich jetzt alle Zeit der Welt zu geben und sich selbst völlig in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen, fast so etwas wie ein inneres Aufatmen. Hadern Sie nicht mit ihrer Situation. Sie können nichts dafür. Geduld fördert Ihren schrittweise vorangehenden Heilungsprozess. Vertrauen Sie darauf: In einem Halt gebenden Ambiente mit klaren Strukturen werden auch Sie wieder gesund!

Meine Empfehlung:

Stellen Sie sich folgende Fragen:

•Wie ist mein Schlaf?

•Wie steht es mit meiner alltäglichen Versorgung?

•Bin ich emotional stabil genug? Komme ich alleine zurecht?

•Fühle ich mich zu Hause sicher und geborgen?

•Gibt es dringende Entscheidungen, Erledigungen oder drohen Versäumnisse (Krankmeldung, Rechnungen, Geldangelegenheiten)?

•Habe ich in meiner Situation Verbündete, die mir Halt und Hoffnung geben?

Und dann sorgen Sie dafür, dass Sie den Rücken freibekommen und sich Unterstützung holen. Tun Sie es jetzt gleich! Etwas ist immer möglich, und wenn es nur die Notiz auf einem Zettel ist.

Trost und Halt auf dem Weg aus der inneren Einsamkeit

Zum Verständnis:

Depressive Menschen leiden vor allem unter einem quälenden Gefühl von Niedergeschlagenheit und Einsamkeit, das sich anfühlt, wie wenn jemand von sich selbst abgeschnitten ist. Es ist das Gefühl von Gefühllosigkeit, das so unerträglich ist und kaum richtig benannt werden kann. Manchen hat es geradezu „die Sprache verschlagen“. Um da herauszukommen, braucht man einen langen Atem. In diesem Prozess sind Menschen auf Trost und Halt von außen angewiesen, denn dadurch lassen sich Zuversicht und Hoffnung schöpfen. Gerade Trost ist ein Faktor im Heilungsprozess, dem in unserer technisierten Medizin kaum Bedeutung beigemessen wird. Erfahren Menschen Trost, so schöpfen sie wieder Hoffnung. Auf diese Weise hören die Alarmreaktionen im emotionalen Gehirn sofort auf und es kommt zur Regeneration der seelischen Kräfte.

Eine Patientin berichtete mir, dass in ihrer Klinikzeit ein einziges Gespräch mit der Nachtschwester, in dem sie sich auf einer tiefen Ebene verstanden fühlte, dazu beitrug, dass sie keine Schlafmittel mehr brauchte. Psychodynamik ist eben stärker als „Pharmakodynamik“, was so viel heißt wie: Heilsame Beziehungen wirken stärker als jedes Medikament. Da Sie dieses Buch in die Hand genommen haben, nehme ich an, dass Sie daraus Trost und Bestärkung schöpfen möchten. Ich werde im Folgenden beschreiben, worum es sich dabei handelt.

Menschen mit Depression quält, unabhängig davon, ob sie allein oder mit jemand zusammen leben, ein Grundgefühl von tiefer innerer Einsamkeit. Selbst in der Umgebung liebevoller Familienangehöriger kommen Sie sich phasenweise vielleicht völlig verloren vor, denn keiner kann ganz genau nachfühlen, was Sie da gerade durchmachen. Außerdem schmerzt die Erkenntnis, dass Sie an dem guten Lebensgefühl Ihrer Mitmenschen gerade überhaupt nicht teilhaben können. Stattdessen haben Sie das Gefühl wie abgeschnitten zu sein von denen, die Ihnen sonst ganz vertraut sind. Hinzu kommt, dass Sie sich kaum für Ihre Außenwelt interessieren, da sich im Moment all Ihre Kräfte nach innen richten.

Die ungewohnten Stimmungsschwankungen sind beunruhigend für Sie. Vielleicht haben Sie das erste Mal in Ihrem Leben das Gefühl, sich nicht mehr auf sich selbst verlassen zu können, und Sie können das niemandem so recht mitteilen. Die Folge ist nicht selten Verzweiflung.

In dieser Situation brauchen Sie eine sichere und zuversichtliche Begleitung durch eine Person Ihres Vertrauens, die die fachliche Kompetenz im Umgang mit solchen Lebenssituationen hat. Sie übernimmt für eine gewisse Zeit die Funktion, Ihnen Trost, Halt, und ein Geländer zu bieten, an dem Sie sich während des Heilungsprozesses festhalten können. Gehen werden Sie alleine.

Der Begriff „Trost“ mutet in unserem modernen Medizinbetrieb, in dem es oft um gnadenlose Aufklärung geht, schon fast altmodisch an. Trost ist aber gerade am Anfang ein notwendiges Element des Heilungsprozesses. Ohne Trost zu erfahren, kann man als Depressiver leicht den Mut verlieren. Die typische Befürchtung ist, nie wieder ein normales Leben führen zu können. Auch wenn man Ihnen immer wieder versichert, dass das vorübergeht, können Sie es nicht glauben.

Das Wort „Trost“ ist nach Anselm Grün (2008) vom Wortstamm „treu“ hergeleitet und bedeutet „innere Festigkeit“. Jemand, der Trost spendet, hält also mit seiner eigenen inneren Festigkeit zu demjenigen, der da gerade durch tiefe Gefühle von Einsamkeit und Angst geht. Trost wirkt aber nicht als billiger Trost. Wer wirklichen Trost spendet, kann mit dem Erkrankten mitschwingen und traut ihm aufgrund seiner Erfahrung zu, dass er oder sie wieder gesund wird. Dadurch, dass jemand an Sie glaubt, kann sich das Gefühl der Zuversicht mit der Zeit auf Sie übertragen.

Halt und Orientierung, ähnlich einem stabilen Geländer, braucht der depressive Mensch ganz besonders, weil dieses Krankheitsbild in seiner Symptomvielfalt so komplex ist. Die Betroffenen können sich nicht mehr auf Gewohntes verlassen, da täglich neue Herausforderungen bewältigt werden müssen. Ein Therapeut hilft, zu sortieren, zu erklären und schlägt Werkzeuge vor, die helfen, auch mit schwierigen inneren Zuständen umzugehen. Sie werden sich selbst auf diese Weise immer besser verstehen und steuern können. Der Therapeut feiert auch Ihre kleinen Siege mit, die dazu motivieren, am Heilungsprozess dranzubleiben. Ein Therapeut setzt aber auch Grenzen und fordert dazu auf, selbst kreativ zu werden.

Sie können sich diesen Prozess ähnlich dem Entwicklungsprozess als Kind vorstellen. Ein Kind geht an der Hand seines Vaters oder seiner Mutter überall durch, wenn Mutter oder Vater dem Kind Sicherheit vermitteln. Aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich vielleicht noch daran, dass einmal jemand zu Ihnen gesagt hat: „Ich weiß, das ist jetzt nicht so einfach für dich, aber wir schaffen das, wir beide zusammen.“ Vielleicht ist es wichtig, dass Sie genau diese Erfahrung jetzt machen dürfen.

Mit einem Menschen Ihres Vertrauens, der Erfahrung und Zuversicht hat, lässt sich jede Krise mit der Zeit überwinden. Anfangs braucht es vielleicht häufigere Kontakte, manchmal auch tägliche kurze Telefonate, die Sicherheit geben. Später können die Abstände länger werden, da Sie Ihre Gefühle und Reaktionen immer besser einordnen und damit umgehen können. Sie gewinnen zunehmend Ihr Vertrauen zu sich selbst zurück. Die Krankheitssymptome mögen noch so schwer zu ertragen sein – wenn da jemand ist, der Sie und die Situation versteht, lassen sich immer Lösungen und neue Perspektiven finden. Und dadurch lösen sich die Symptome mit der Zeit auf.

Nicht umsonst wird der therapeutische Prozess oftmals als ein Nachreifungsprozess verstanden. Reifung und Wachstum sind jedoch Vorgänge, die man nicht durch Aktionismus erreichen kann, sondern dadurch, dass man günstige Rahmenbedingungen schafft: indem Sie aufhören, Ihre Empfindungen wie bisher unter Kontrolle zu halten oder durch Aktionismus zu überdecken. Jetzt geht es darum, zur Ruhe zu kommen und jede Anstrengung zu vermeiden. Trost und Halt finden Sie bei Menschen Ihres Vertrauens, bei Gleichgesinnten und erfahrenen Leidensgenossen. Mit der folgenden Übung können Sie aber auch in sich selbst Halt und Trost finden.

Meine Empfehlung:

Lehnen Sie sich einen Moment entspannt zurück, spüren Sie Ihre Füße auf dem Boden und erinnern Sie sich daran, wann und wo in Ihrem Leben es einmal eine Situation gegeben hat, die Ihnen Halt und Trost gespendet hat. Wer hat Ihnen einmal gutgetan? Das muss kein besonderes Ereignis gewesen sein, es kann sich sogar nur um eine kleine Geste handeln, ein Lächeln, einen Zuspruch, kleine Dinge, die Sie einmal angenehm berührt haben.

Vollziehen Sie jetzt, in diesem Moment, nach, was für ein Gefühl das bei Ihnen ausgelöst hat. Wie hat sich Ihr Körper angefühlt? Was haben Sie gedacht? Und dann lassen Sie die Empfindungen bewusst auf sich wirken und im Körper ausbreiten. Ähnlich wie in der realen Situation können Sie den Zustand im Hier und Jetzt abrufen und bei sich verankern. Falls Ihnen gerade keine solche Situation einfällt, fantasieren Sie sich selbst eine ideale Situation und das zugehörige Körpergefühl. Für unser Gehirn macht das keinen Unterschied. Es kommt nur auf die Empfindungen und Reaktionen im Gehirn an, die dadurch ausgelöst werden. Dieses innere Bild kann zu einer wichtigen Ressource werden, die Sie immer nutzen können, wenn Ihnen danach ist.

Der bekannte Arzt und Psychotherapeut Irvin D. Yalom berichtet in einem seiner Filme, wie ein Arzt ihm als kleinem Jungen einmal seine Hand auf den Kopf gelegt und ihm tröstend die Haare „gewuschelt“ habe, als er bei dem Herzinfarkt seines Vaters völlig alleingelassen war und große Angst hatte. Dieses tröstende Erlebnis war so tiefgehend, dass es zu dem frühen Entschluss führte, Arzt zu werden.

Ich selbst erinnere mich wie heute an den verstehenden Blick und ein wissendes Nicken meiner damals bereits sehr alten Atemtherapeutin, Frau Goralewski in Berlin, die mich tief in meiner Seele berührte und mir, der damals verunsicherten Studentin, vermittelte: „Ich weiß, wer du wirklich bist! Ich verstehe dich.“ Dieser Blick in meine Seele war mit entscheidend dafür, die tiefe Bedeutung von Trost und Zuspruch für Menschen in Not zu verstehen. Öffnen Sie sich für Trost spendenden Zuspruch! Er tut Ihnen gut.

Sie müssen jetzt nichts können!

Zum Verständnis:

Erinnern wir uns noch einmal an die neurobiologischen Ursachen für die depressive Stimmungslage: Durch andauernden Alarm im limbischen System kommt die Produktion der Neurotransmitter dem Bedarf nicht mehr hinterher. Die so wichtigen Botenstoffe, die für eine stabile Motivation und Stimmung, für Frustrationstoleranz und Offenheit im sozialen Kontakt sorgen, fehlen. Auch die Nebennierenrinde ist in Mitleidenschaft gezogen. Der Körper wird überflutet mit Adrenalin, was ein ständiges Gefühl von Unruhe oder Blockiertheit erzeugt. Indem Sie aufhören, sich anzustrengen oder sich selbst Druck zu machen, tragen Sie dazu bei, dass Ihr System aus diesem Notstand herauskommt.

Vielleicht haben Sie – schon seit Jahren – die Empfehlung bekommen, gegen ihre depressiven Stimmungen anzukämpfen und sich auf keinen Fall in depressive Stimmungen hineinfallen zu lassen, sondern stets die Kontrolle über ihr Erwachsenen-Ich zu behalten. Häufig haben Sie als Betroffene genau das schon viel zu lange versucht. Stattdessen ist es gerade jetzt wichtig, nichts können zu müssen und nichts tun zu müssen. Das bedeutet nicht, den ganzen Tag nur noch auf dem Sofa zu liegen, sondern ganz bewusst ein Gefühl dafür zu bekommen, wann es gut ist, von sich selbst etwas zu fordern, und wann genau das Gegenteil besser ist.

Die oben erwähnten Ratschläge sind gerade im Familien- und Freundeskreis oft gängige „Rezepte“, um die eigene Angst (der Ratgebenden) vor solchen seelischen Befindlichkeiten abzuwehren. Meist sind sie gut gemeint, manchmal auch sinnvoll, oft aber eine Überforderung und vor allem jetzt: kein guter Ratschlag. Was können Sie selbst also zu Ihrer Entlastung beitragen?

Viele Betroffene erzählen mir, wie wohltuend es für sie ist, wenn sie die Erlaubnis bekommen, nichts tun zu müssen. Dazu gehört manchmal, einfach nur auf dem Boden zu sitzen und nur wahrzunehmen, dass es ganz still ist. Andere halten sich mit leichten Spaziergängen am liebsten in der Natur auf. Menschen im Arbeitsprozess können zum Beispiel darauf achten, dass sie keine Höchstleistungen von sich erwarten, sondern einfach nur das Notwendigste schrittweise abarbeiten. Die Seele sucht nach Ausgleich. Wenn Ihr System diesen Ausgleich bekommt, werden Sie ganz von selbst wieder aktiver, indem Sie Ihre Belastung steigern oder mehr Kontakt nach außen aufnehmen. Entscheidend ist, sich nicht einfach passiv „hängen zu lassen“, sondern sich ganz bewusst in eine entspannte, anstrengungslose Verfassung zu bringen oder etwas zu tun, was Ihrer Verfassung gemäß ist.

Vielen Betroffenen ist es peinlich, sich wegen einer seelischen Krise krankschreiben zu lassen. Sie kommen sich unnütz vor und haben das Gefühl, anderen nur noch zur Last zu fallen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schlimm sich jedes Eingeständnis anfühlt, gerade nicht einsatzfähig zu sein. Ja, das ist schwer auszuhalten, nichts mehr „bringen“ zu können, aber Ihr entschiedenes Ja zu all dem, was jetzt ist, wird Ihnen helfen zu heilen. Es gibt Gründe für Ihren derzeitigen Zustand, für den Sie nur bedingt etwas können. Fangen Sie an, sich selbst wertzuschätzen, mit all dem, was jetzt ist! So kommt Ihre Seele zur Ruhe und kann sich Schritt für Schritt erholen.

Nichts zu können oder nichts von sich zu verlangen ist kein Rückzug in die Resignation, im Gegenteil: Die Depression ist ähnlich wie ein Verpuppungsstadium im Tierreich. Im „Kokon“ eines geschützten Raumes spart Ihr gesamtes System wertvolle Energie, um innere Kräfte zu mobilisieren. Nach außen hin geschieht nichts Großartiges, denn Anzeichen der Genesung sind sehr subtil. Und doch ist genau dieser innere Ruhezustand so notwendig, um aufzutanken und Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen. Wenn die Zeit reif ist, werden Sie aus diesem Zustand langsam auftauchen. Ich kann Ihnen versichern, Sie werden danach alles, was wirklich für Ihr Leben wichtig ist, ganz leicht aufholen. „Ja, im Moment geht noch nicht viel“ – genau dieses Eingeständnis der eigenen geringen Kraft ist etwas sehr Wertvolles.

Wenn Sie also merken, dass es Ihnen schwerfällt, Ihre Hausarbeit zu machen, dass jede Aktion sich anfühlt, als hätten Sie Blei in den Knochen, dann sagen Sie Ja dazu: „Ja, so ist es gerade!“ Sie werden feststellen, dass Sie sich dadurch schon etwas leichter fühlen. Der Druck ist weg und Sie können schauen, was gerade möglich ist. Tun Sie die Dinge Schritt für Schritt und so gut Sie können. Eine Kleinigkeit geht immer. Allein dadurch, dass Sie den Druck herausnehmen, werden Sie viel mehr schaffen, als Sie gedacht haben. Sie werden dadurch Ihr Alarmsystem zunehmend außer Gefecht setzen und Ihr emotionales Gehirn wird sich erholen.

Viele Betroffene beschreiben ihre Krankheitsphase als eine besondere Zeit, in der sie ihr Leben so intensiv erlebt haben wie noch nie zuvor. Sehr gut ist, wenn Sie von einem Experten ihres Vertrauens begleitet werden, der die „Zeichen der Zeit“ versteht und Sie in Ihrem Bemühen unterstützt.

Meine Empfehlung:

Die nachfolgende Übung hilft Ihnen, sich für einen Moment auf sich selbst zu besinnen und sich angenommen und beschützt zu fühlen. Falls Sie mögen, legen Sie sich eine gemütliche Decke um und lassen Sie sich an einem ruhigen Ort nieder. Sie können die Anleitung aber in jeder Haltung erst einmal lesen.

Die Kontaktübung

Legen Sie eine Hand auf den Brustkorb und die andere Hand auf den Bauch. Spüren Sie den angenehmen Kontakt Ihrer Hände auf Ihrem Körper. Vielleicht können Sie die feinen Atembewegungen wahrnehmen. Nehmen Sie den Kontakt von Gesäß und Rücken zu Ihrer Sitzgelegenheit, den Kontakt Ihrer Füße zum Boden, den Kontakt zu Ihrer Kleidung wahr und folgen Sie mit den Händen den natürlichen Atembewegungen Ihres Körpers. Wenn es geht, spüren Sie den Schutz, den Ihnen Ihre eigenen Hände vermitteln, und sagen Sie zu sich etwa Folgendes: „Ganz ruhig, alles gut, ganz geborgen, das wird wieder…“ Falls Ihnen Tränen kommen, lassen Sie sie zu. Tränen sind unser natürliches Stressventil. Sie sind Ausdruck von Gefühlen und Zeichen innerer Bewegtheit. Depression ist eher die Stagnation von Gefühlen. Die verträgliche „Dosis“ von Gefühlen werden Sie mit der Zeit selbst herausfinden.

Ich nenne diese Übung gerne die „Kontaktübung“, denn sie hilft, den in der Depression verlorenen Kontakt zu sich selbst wieder herzustellen, auch wenn das nur für kurze Zeit gelingen mag. Sie können diese Übung auch ganz dezent als kleine Geste überall einschieben, wo Sie sind. Sie wird Ihnen helfen, immer wieder zu sich zu kommen und sich von innerem Druck zu entlasten.


Foto Dr. Reinhard Bauß

„Kontaktübung“

Schlafprobleme „in den Griff“ bekommen

Zum Verständnis:

In der Depression haben Menschen oft große Angst vor dem Einschlafen. Die Erfahrung, immer wieder grübelnd wach zu liegen, zermürbt und kann bedrohlich werden. Schlafstörungen sind keine Kleinigkeit, auch wenn da immer wieder lapidar behauptet wird: „Sie müssen nicht schlafen!“ Man muss genau verstehen, welche Mechanismen da wirksam sind, damit der Schlaf sich wieder ganz natürlich einstellen kann. Schlaf ist ein physiologischer Bewusstseins- und Stoffwechselzustand, den man nicht herbeizitieren kann. Der Körper, genauer gesagt: das Gehirn, muss das Kunststück fertigbringen, vom hohen Erregungsniveau des Wachzustands in den Einschlafmodus abzusinken. Und dazu braucht es ganz bestimmte Bedingungen: ausreichende Müdigkeit, Sicherheit und Geborgenheit und einen gelösten Zustand von Körper, Geist und Seele. Ein Kunststück für Menschen in der Krise!

Abgesehen von diesen rein physiologischen Vorgängen ist der Schlaf ein empfindliches seelisches Phänomen. Nicht umsonst wird der Tod in der Literatur als „des Schlafes Bruder“ bezeichnet. Einschlafen setzt voraus, dass der Mensch die Zuversicht hat, auch wieder aufzuwachen. Gerade dieses Vertrauen haben aber viele an Depression Erkrankte gerade verloren.

Im Folgenden möchte ich Ihnen Strategien aufzeigen, die auch Ihnen wieder zu einem erholsamen Schlaf verhelfen.

Ängste, Grübeleien und innerer Druck halten das Gehirn vom Schlafen ab. Die Dunkelheit der Nacht aktiviert dazu noch unsere tiefen „Kinderseelenängste“. Wenn wir sie nicht ernst nehmen und beruhigen, kann der Körper sich nicht entspannen und der Geist kommt nicht wirklich zur Ruhe.

Menschen mit langwierigen Schlafproblemen haben nur ein Ziel: sofort wieder schlafen zu können. Wenn Menschen mir von ihren Schlafstörungen erzählen, geht es erst einmal darum, diesen Druck, unbedingt schlafen zu müssen, herauszunehmen. Denn sonst wird der Schlafplatz zum Kampfplatz. Und so kann niemand schlafen. Manchmal kommt man um ein schlafförderndes Medikament, zum Beispiel ein Antidepressivum, nicht herum. Oft reicht die bereits erwähnte kleine Dosis Amitriptylin zur Beruhigung Ihres Nervensystems aus. In leichteren Fällen reicht ein Präparat mit hoch dosiertem Lavendelöl, einem Angst lösenden Mittel, oder mit Baldrian und Hopfen aus. Seien Sie vorsichtig mit der gut gemeinten Verschreibung von Benzodiazepinen durch Ihren Arzt. Das Suchtpotenzial ist verheerend. Es gibt Besseres! Wichtiger als starke Medikamente ist die begleitende Zuversicht eines Gegenübers, das Halt und Sicherheit vermittelt. Vielleicht kann Ihnen dieser Text ein wenig dabei helfen.

Nach meiner Erfahrung ist das größte Problem die „Angst, dass das mit dem Schlaf nie wieder besser wird“. Ich versichere Ihnen, auch Ihr Schlaf wird wieder besser, wenn Ihre Seele aus dem Alarmzustand herauskommt! Zunächst kommt es also darauf an, die Angst zu beruhigen. Ja, das ist nicht so ganz einfach, wenn einem die Kontrolle über das eigene Leben gerade abhandengekommen ist. Doch ist es nicht erstaunlich?: Ihr Herz schlägt mit großer Beständigkeit, Ihr Atem kommt und geht und Ihre Füße können einen Schritt nach dem andern gehen. Darauf verlassen wir uns jetzt!

Ich werde Ihnen einige Tipps geben, wie Sie günstige Rahmenbedingungen für guten Schlaf schaffen können. Und dann, aber nur dann, hilft tatsächlich das Wissen: Ich muss nicht schlafen. Wenn Sie ruhig und entspannt im Bett liegen und dabei sanft und ruhig atmen, erholen Sie sich auch ohne Schlaf. Es schadet nicht, wenn Sie ein paar Nächte nicht oder wenig schlafen. Die unten dargestellte spezielle Entspannungstechnik wird Sie in der Nacht angenehm beschäftigen, sodass Sie zur Ruhe kommen und schließlich auch einschlafen. Zunächst aber ein paar wichtige Informationen:

Der Schlaf ist so gut, wie der Tag war. Nach einem chaotischen Tag kann auch ein Gesunder nicht gleich in den Schlaf finden, erst recht nicht ein Mensch in der Krise. Müdigkeit entsteht durch Einwirkung von Melatonin. Das ist ein Botenstoff im Gehirn, der am Abend, wenn es dunkel wird, aus Serotonin gebildet wird. Unter dem typischen Serotoninmangel während einer Depression wird also weniger Melatonin produziert. Man kann jedoch durch morgendliche Bewegung draußen in der Sonne oder durch Aktivität wie tägliche Arbeit die Serotoninproduktion anregen, sodass Sie abends auch leichter müde werden. Wichtig ist also, dass Sie morgens aktiv sind und gegen Abend zur Ruhe kommen, damit Ihr System schon vor der Nacht herunterfährt. Auch wenn viele behaupten, man solle den ganzen Tag über aktiv sein, um schlafen zu können, halte ich davon nichts. Das fördert nur den sowieso schon vorhandenen Übererregungszustand im Gehirn. Besser ist eine Ruhezeit am frühen Nachmittag, um das System zu beruhigen und der Seele „Verdauungszeit“ zu geben. Wer sich den ganzen Tag ablenkt, um sich nicht zu spüren, „muss“ nachts wach liegen, um sich seinen Sorgen und Ängsten zu widmen. Tun Sie das also am Nachmittag!

In der Depression ist es gut, sich auf das Einschlafen sorgfältig vorzubereiten. Ähnlich wie ein Kind brauchen Sie ein ganz individuelles Einschlaf- oder Übergangsritual. Rituale geben uns Halt und Sicherheit, da sie in immer gleicher Weise dabei helfen, den einen Zustand – das Wachsein – zu beenden und in den andern Zustand – das Schlafen – hinüberzugleiten. Schließen Sie den Tag deshalb in Frieden ab, indem Sie vielleicht noch einmal Revue passieren lassen, was gewesen ist. Lassen Sie los, was schiefgegangen ist. Seien Sie dankbar für das, was gelungen ist. Ja, das ist sehr, sehr wichtig: Seien Sie dankbar für jeden winzigen Lichtblick des Tages! Schön ist, wenn Sie etwas in ein Tagebuch schreiben, falls Sie dabei keinen Druck empfinden. Oft hilft das Schreiben dabei, sich besser von Ereignissen zu distanzieren. Außerdem macht es müde!

Gestalten Sie Ihren Schlafplatz so, dass Sie sich dort besonders geborgen fühlen und entspannen können: ein schönes Kissen, wohltuende, entspannende Farben, zum Beispiel Dunkelblau, eine kuschelige Decke … Folgende Maßnahmen sind zusätzlich förderlich: ein warmes Fußbad oder ein Bad in der Badewanne mit Meersalz und vor allem mit Melissenextrakt, einem alten, bewährten Mittel nach Kneipp. Im Schlaf sinkt unsere Körperkerntemperatur, während unsere Beine und Arme wärmer werden. Nicht zu heiße Bäder haben genau diesen Effekt! Auch das leichte Einmassieren von warmem Sesamöl im Bereich Ihres Magens, der Gegend des „Sonnengeflechts“, den Sie anschließend mit einem Tuch und einer leichten Wärmflasche abdecken, wirkt sehr beruhigend. An medikamentöser Unterstützung kann man Kombinationspräparate mit Baldrian schon am Nachmittag und zusätzlich abends einnehmen.

Wichtiger als alle Medikamente ist jedoch folgender Punkt: Menschen, die sich müde ins Bett legen und nach kurzer Zeit hellwach im Bett sitzen, haben zu wenig Leib-Seele-Kontakt. Wer sich nicht genug spürt, mag nicht in den Schlaf abtauchen: Viel zu „gefährlich“! Man könnte ja plötzlich ganz „verschwinden“. Es ist also wichtig, dass Sie sich vor dem Schlafen noch einmal sehr bewusst dieses Leib-Seele-Kontaktes versichern. Sie können das tun, indem Sie sich mit einer Decke auf den harten Boden legen oder auf dem Boden „wälzen“, sich bewusst spüren und dabei die Muskeln entspannen. Ich nenne diesen Vorgang gerne die „Schlabberpuppen-Übung“. Wichtig ist, sich dabei etwa Folgendes zu sagen: „Ja, ich spüre mich, ich spüre den Boden unter mir. Er hält mich. Ich muss mich nicht zusammenhalten. Ich bin sicher und geborgen.“ Sich selbst noch einmal bewusst mit den Händen zu beruhigen hilft sehr, diesen Kontakt zu verinnerlichen. Auch alle Übungen zur Entspannung sowie das Klopfen nach Dr. Klinghardt, das im Kapitel über den Leib-Seele-Kontakt beschrieben wird, sorgen für einen Erregungsausgleich. Insbesondere das Lösen von Kreuzworträtseln oder Sudokus ist wirkungsvoll, da die ständigen Bewegungen der Augen in der Horizontalen und Vertikalen das Gehirn in die Balance bringen und ermüdend wirken.

Meine Empfehlung:

Ich möchte hier die Kurzform einer Übung aus dem Sounder Sleep System® vorstellen, die sich bei vielen Betroffenen bewährt hat. (Vgl. Literaturverzeichnis, Krugmann 2014) Sie trägt zur Beruhigung des Gehirns und des Nervensystems bei und gleichzeitig vermittelt sie ein Gefühl von wohliger Geborgenheit und Kontakt zu sich selbst.

Das „Atemsurfen“

Feine kontrollierte Bewegungen führen, wenn sie zusammen mit sanfter Atem- und Körperwahrnehmung verbunden werden, zu hemmenden Impulsen im Gehirn und zu einer Beruhigung des vegetativen Nervensystems. Ein wohlig entspanntes Gefühl stellt sich ein und Sie können leichter in den Schlaf sinken.

Wenn Sie in Ihrem Bett liegen, spüren Sie erst einmal nur die Unterlage und das Gefühl, „von der Erde getragen“ zu sein. Legen Sie eine Hand auf Ihr Herz und die andere auf Ihren Bauch und nehmen Sie den Kontakt und die Wärme Ihrer Hände bewusst wahr. Verbinden Sie sich mit dem Gefühl zu sich selbst. Achten Sie auf den wärmenden Kontakt mit Ihrer Bettdecke und das sanfte Auf und Ab Ihrer Atembewegungen.

Nun drücken Sie beim Ausatmen immer mal wieder ganz leicht mit den Daumen (!) gegen den Brustkorb und die Bauchdecke, so, als würden Sie jeweils eine „Aus-Taste“ drücken. Auf diese Weise beruhigt sich Ihr Atem und Sie werden ruhiger. Sie können auch abwechselnd mal oben, mal unten drücken. Oder Sie lassen die Hände einfach so liegen und sagen etwas Freundliches zu sich selbst, zum Beispiel: „Ich liege hier ganz sicher und geborgen. Ich bin ganz bei mir.“ Auf diese Weise können Sie in Ihrem Bett angenehm ruhen, auch ohne zu schlafen. Nach einer Nacht, die Sie in tiefer Ruhe mit einem sanften Atem verbracht haben, sind Sie garantiert nicht „wie gerädert“. Sie brauchen also keine Angst zu haben!

Flechten Sie am Tage immer einmal kleine Sequenzen dieser Übung – auch im Sitzen – in den Alltag ein, denn dann wird Ihnen dieses Gefühl des wohligen Kontakts zu sich selbst vertraut und der innere Stresstonus nimmt ab. Und noch etwas: Scheuen Sie sich nicht, wie die Kinder ein Kuscheltier oder einen symbolischen Gegenstand mit in Ihr Bett zu nehmen, und sei es ein hölzerner Stab, den ein Mann nachts neben sich legte und der ihm die Festigkeit gab, die ihm gerade fehlte. Das ist nicht albern, im Gegenteil: Ihre Seele braucht jetzt die Erinnerung an Dinge, die Halt vermitteln. Bilder von innerem Frieden und Schutz oder religiöse Vorstellungen sind ebenfalls hilfreich. Sie werden sehen, wenn Sie neues Vertrauen zu sich selbst gewonnen haben, wird sich Ihr Neurotransmittersystem erholen und Sie werden wieder leichter in den Schlaf sinken.

Der Notfallkoffer

Zum Verständnis:

Menschen, die sich in schwer aushaltbaren seelischen Zuständen befinden, ist eines gemeinsam: Die Ganzheit von Körper, Geist und Seele ist verloren gegangen. Es kann leicht geschehen, dass Sie als Betroffene aus ihren Gedankenschleifen, den Emotionen und der Unruhe nicht mehr herauskommen. Das Gefühl für die Realität gleitet Ihnen weg und Katastrophenfantasien, das typische „Kopfkino“ oder bestimmte Körpersymptome nehmen überhand. Das liegt an den Alarmreaktionen im limbischen System, die die normale Körperwahrnehmung und das nüchterne Denken beeinträchtigen. Die gesamte Persönlichkeit ist auf Notfallprogramm geschaltet, bei dem es allein darauf ankommt, zu fliehen, zu kämpfen oder sich tot zu stellen, was meist wenig nützt. Deshalb sind Sie vielleicht immer wieder außer sich, unruhig, panisch, verkrampft oder blockiert.

In solchen Situationen sind alle Maßnahmen hilfreich, die dafür sorgen, dass Sie sich körperlich wieder besser spüren und in die Realität des Hier und Jetzt zurückfinden. Erfahrungsgemäß haben Sie in solchen Situationen jedoch keinen klaren Kopf. Es fällt Ihnen gerade dann, wenn Sie es am nötigsten brauchen, nichts ein, was Sie für sich tun könnten. Sie sind, ähnlich wie es Menschen im ganz normalen Alltag oft geht, wie abgeschnitten von Ihrer Kreativität. Ihr „Notfallkoffer“ hält die Maßnahmen für Sie bereit, die für Sie ganz persönlich hilfreich sind, um da wieder herauszukommen.

Dieser „Notfallkoffer“ ist eine Auflistung aller für Sie derzeit hilfreichen Aktivitäten, die Ihnen helfen können, wieder klar zu werden und zur Realität zurückzufinden. Praktischerweise haben Sie ihn (sie) immer bei sich oder Sie wissen, wo er liegt. Was ist darin enthalten?

Der Notfallkoffer ist so individuell, wie die Betroffenen verschieden sind, und vor allem: Sie kann für den objektiven Beobachter sehr unorthodoxe, ja, sogar absurde Empfehlungen enthalten. Die Maßnahmen dieser Notfallliste haben nur einen Zweck, nämlich den, dass Sie sich selbst steuern können, indem Sie etwas „Sinn-volles“ tun.

Nehmen wir diesen Fall: Sie bekommen plötzlich Panik, allein zu sein. Sie werden von extremen Verlassenheitsgefühlen überschwemmt, da ihr Mann gerade das Haus verlassen hat. Sie können sich noch so oft sagen, dass das doch Unsinn sei, da sie ja eben gerade noch in Ruhe die Zeitung gelesen haben, doch das nützt Ihnen wenig.

Egal, was es ist – es ist gerade so. Kein Grund jedenfalls, mit sich zu hadern, sondern die Aufforderung, die Situation so, wie sie ist, anzunehmen und konkret damit umzugehen.

Ihr Notfallkoffer könnte die folgenden Maßnahmen für Soforthilfe enthalten:

•Stopp! Bewusstheit einschalten, die Situation annehmen: Ja, es ist jetzt wieder so. Ich bin panisch, obwohl das eigentlich nichts mit der Realität zu tun hat. Was kann ich tun?

•Ein großes Glas kaltes Wasser trinken, eventuell mit Rescue-Tropfen (5 Tropfen) oder mit Baldriantropfen (50 Tropfen)

•Auf die Schnelle erst einmal die Thymusdrüse klopfen oder den „Wunden Punkt“ reiben, wie im Kapitel „Leib-Seele-Kontakt durch Klopfen und Berühren“ beschrieben, und sich sagen:

„Auch wenn ich gerade totale Panik habe, bin ich gut so, wie ich bin …“

•Für ein kraftvolles Körpergefühl sorgen – Ausrichtung in der Horizontalen und Vertikalen: Fest mit den Füßen auf den Boden stampfen (Erdung) und/oder die Hände fest gegen die Wand stemmen (eigene Kräfte spüren). Einen Gegenstand in der Hand fest drücken (handlungsfähig werden).

•Mit den Händen die Innenseiten der Knie berühren und ein paar ruhige Atemzüge zulassen.

•Ausprobieren, ob Willenskraft hilft, die Abwärtsspirale zu durchbrechen (zum Beispiel wütend werden: „Jetzt aber Schluss mit dem Quatsch!“). Sie dürfen in dieser Situation gerne Kraftausdrücke benutzen, in einer anderen Sprache sprechen oder singen. Werden Sie von mir aus zum Clown, zum Schauspieler, falls Sie dadurch eher die Kontrolle über sich bekommen. (Eine Frau sprach in solchen Situationen gerne bayrisch, da sie auf diese Weise besser schimpfen konnte.)

•Ortswechsel, Ebenenwechsel: Sie gehen nach draußen oder tun etwas, was Sie beschäftigt (Gehweg fegen, aufräumen, staubsaugen …).

•Auf Bewährtes zurückgreifen. Eine Klientin hatte beispielsweise folgende Punkte auf ihrer Liste: Ein festes Kissen umarmen und sich beruhigen durch sanftes Hin- und Herwiegen; Fahrrad fahren; sich in die Badewanne legen, duschen, einkaufen; einen Freund anrufen; Wut am Boxsack ausagieren; eine „Trommelmusik“ anhören

•Wenn das alles nicht hilft, gehen Sie durch das Gefühl hindurch: Wo im Körper spüre ich das Gefühl? Das Gefühl vor sich sehen, es als Gegenstand vor sich hinstellen und Augenbewegungen machen (längere Zeit rechts und links daran vorbeischauen).

•Entlastung durch Schreiben: Aus „Verzweiflung“ eine Story ähnlich einem Märchen (er)finden und sich buchstäblich aus dem unglücklichen Zustand herausschreiben („Es war einmal ein ganz unglücklicher kleiner Junge. Er hatte sich im Wald verlaufen … Da sah er auf einmal … Sie gingen zusammen … Da war er endlich sicher und geborgen …“) Märchen sind immer in der Vergangenheit geschrieben. Der Held geht durch schwierige Gefühle hindurch und die Geschichte nimmt ein gutes Ende. Das weiß unser Unbewusstes. Ich werde später darüber noch ausführlicher berichten.

•Jemanden zur Unterstützung dazuholen oder anrufen, der sich nicht verwickeln lässt und der einem etwas zutraut („Mit dem Rest der Angst kommst du auch allein zurecht!“)

•Klopfserien nach Dr. D. Klinghardt (2014), wie im Kapitel „Leib-Seele-Kontakt“ (S. 189) beschrieben, oder Mentaltechniken anwenden. (Siehe Kapitel „Probleme kompostieren“, S. 201)

Alle Techniken, die Sie gut finden und mit denen Sie sich auskennen, gehören auf Ihre Liste. Notieren Sie alles, was Sie schon einmal als hilfreich empfunden haben, auch wenn Sie meinen, dass das doch albern sei. Ist es nicht! Niemand anders muss das lesen.

Eine Frau fragte mich einmal allen Ernstes: „Ich rede immer mit mir wie mit einem Hund, ist das nicht verrückt?“ Ich erklärte ihr, dass ich das für äußerst sinnvoll hielte. Wer mit sich selbst spricht, nimmt mit sich Kontakt auf. Sprache ist unser wichtigstes Kontaktmedium. Und Beziehung zu uns selbst ist das, was die Seele gerade jetzt braucht, um Ruhe und Selbstkontrolle zurückzugewinnen. Nebenbei bemerkt haben viele Menschen genau deshalb einen Hund, damit sie einen Vorwand haben, um mit sich selbst sprechen zu dürfen. Und sie sprechen mit ihrem Hund meist netter als mit sich selbst!

Sie können sich auch spezielle Notfallkoffer für ganz verschiedene Gefühlszustände kreieren: für Panik, für Lethargie, für Verwirrung, für Traurigkeit, für negative Stimmen …

Meine Empfehlung:

Schreiben Sie ganz schnell ein paar Dinge auf, die Ihnen vertraut sind und von denen Sie wissen, dass sie Ihnen schon einmal gutgetan haben. Tun Sie es jetzt, jetzt sofort! Dann haben Sie schon etwas Wichtiges unternommen.

Im Anhang finden Sie ein Verzeichnis aller praktischen Maßnahmen, die im Buch vorgestellt werden. Wählen Sie die Selbsthilfemaßnahmen aus, die Ihnen spontan einleuchten und die zu Ihnen passen. Vor allem aber: Finden Sie Ihr eigenes Repertoire an Maßnahmen. Von Angeln über Holz hacken bis Zeitung verbrennen ist alles erlaubt. Hauptsache, es hilft!


Foto Franziska Bauß

Themenkreis 2: Gute Rahmenbedingungen schaffen
Was ist richtig oder falsch? – Stimmige Entscheidungen treffen

Zum Verständnis:

Gerade in der Anfangszeit, wenn Sie sich der Krankheit bewusst geworden sind, stehen viele Entscheidungen an: Klinikaufenthalt – ja oder nein? Medikamente – ja oder nein? Ausruhen oder belasten? Kontakt oder Rückzug? Viele Betroffene berichten mir, dass sie sich überfordert fühlen, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, insbesondere, wenn sie sowieso schon ständig hin- und hergerissen sind und sich schwach oder unausgeglichen fühlen. Der Grund: Bei jeder Entscheidung riskiert man, etwas Falsches zu tun, mit der Konsequenz, dass es einem danach noch schlechter gehen könnte, denn leider gibt es keine Garantie, immer das Richtige zu tun. Was ist in dieser Situation hilfreich?

Ein Mann, der schon einige Zeit krankgeschrieben war, berichtete mir, eigentlich habe er nur noch ein einziges tiefes Bedürfnis, nämlich zu Hause zu sein. Er würde am liebsten mit niemandem sprechen, gerade mal das Notwendigste mit seiner Frau und seinen Kindern, und er könne stundenlang einfach nur so in einer ruhigen Ecke sitzen und nichts tun. Er habe keine Lust, Musik zu hören, Medien zu nutzen, zu lesen oder Beschäftigungen nachzugehen, die er sonst immer sehr gerne gehabt habe. Er fragte mich, ob das denn in Ordnung sei oder ob er sich zwingen solle, etwas Bestimmtes zu tun. Seine Wortwahl, dass er eigentlich nur ein tiefes Bedürfnis habe, war im Grunde schon seine klare Entscheidung für Ruhe und Konzentration auf sich selbst. Sie kam ganz von innen. Sein Verstand meldete jedoch Zweifel an.

Gerade dann, wenn Menschen lange Zeit über ihre eigenen Bedürfnisse hinweggegangen sind oder sich nicht erlaubt haben, zu sich selbst zu stehen, fehlen ihnen das Vertrauen und der Mut, ungewohnte Bedürfnisse zuzulassen. Doch gerade das ist der „not-wendige“ Lernprozess bei Krankheit oder jeglichem anderen Leiden. Auch mit ganz kleinen Entscheidungen wie „Gehe ich jetzt raus oder bleibe ich zu Hause?“ kann man lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen. Richtige Entscheidungen erkennt man daran, dass sie sich „nicht anstrengend“ anfühlen. Es ist vielleicht ungewohnt, dem lockeren Gefühl im Körper zu trauen, der Entspannung im Kopf und dem Empfinden „Ja, das ist es!“. Stattdessen wären viele andere Optionen vielleicht vernünftig, empfehlenswert oder gesundheitsfördernd, aber das Gefühl sagt dazu: „Nee, keine Lust!“

Eine Frau gestand mir, dass es ihr fast etwas peinlich sei, dass ihr „die banalsten Beschäftigungen wie die, ein wenig herumzuräumen“, schon vollauf genügen würden. Sie plagte sich sehr mit der Entscheidung, ob sie der Einladung zu einer Familienfeier folgen solle. All die netten Angehörigen hatte sie vor Augen, die ja so viel Verständnis für ihre Situation zeigen würden und den Wunsch hätten, sie dabeizuhaben. Ihr Empfinden war jedoch eindeutig: Eine so große Gesellschaft wäre jetzt nicht das Richtige für sie. Allerdings fürchtete sie, man werde ihr eine Absage übel nehmen.

Tatsächlich können wir es im Leben nicht allen Menschen recht machen. Immer zieht einer den Kürzeren, entweder wir selbst oder die anderen. Da es aber in der Krise vornehmlich darauf ankommt, die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen und ernst zu nehmen, gehen diese vor.

Da die Patientin noch unsicher war, machte ich ihr den Vorschlag, zu testen, welche Option sich stimmiger anfühlte, indem sie sich zuerst auf einen Stuhl mit der Option „Einladung annehmen“ und dann auf einen anderen Stuhl mit der Option „Zu Hause bleiben“ setze. Im ersten Fall verkrampfte sich ihr ganzer Körper. Sich die vielen Menschen vorzustellen machte ihr Kopfschmerzen und alles zog sich in ihr zusammen. Sie kam zu dem Schluss: Ich will zurzeit nicht viel sprechen. Bei der Vorstellung, zu Hause zu bleiben, machte sich ein wohliges Gefühl von Geborgenheit in ihrem Körper breit und sie atmete erleichtert aus. Es erstaunte sie selbst, wie eindeutig die Signale waren. Doch in ihr kam auch Angst vor ihrer eigenen Entscheidung hoch. Ihr „inneres Kind“ fürchtete sich davor, nicht mehr gemocht zu werden. Wir überlegten deshalb eine Formulierung, die niemand vor den Kopf stoßen würde, wie etwa: „Im Moment ist es besser für mich, zu Hause zu bleiben. Wenn ich wieder fit bin, freue ich mich, euch wiederzusehen.“ Statt also nur abzusagen, drückte sie es positiv aus. Auf diese Weise kann man negativen Befürchtungen meist den Wind aus den Segeln nehmen.

*

Nicht immer ist die Sachlage so eindeutig, da eine Entscheidung vielleicht noch gar nicht getroffen werden kann. Die Zeit ist einfach noch nicht reif. Vielleicht muss sich ein eindeutiges Gefühl erst entwickeln. Lassen Sie sich deshalb Zeit. Meine Erfahrung ist, dass die Betreffenden Schritt für Schritt Klarheit gewinnen, zur Not mit Unterstützung von außen. Immer geht es um die beste Lösung für die Seele.

Fremder, warum sitzt du hier und starrst vor dich hin?

Der Fremde: Ich bin drei Tage scharf geritten und warte darauf, dass meine Seele mich einholt.

So lautet ein Spruch aus dem Orient. Er beschreibt treffend das Bedürfnis von Seele und Körper nach Ausgleich und Ganzheit. Wie Sie noch sehen werden, ist Ruhe ein zentraler Heilungsfaktor, um die Ganzheit wieder herzustellen. Haben Sie also Geduld und lassen Sie Ihre Entscheidungen reifen.

Meine Empfehlung:

Der Stühletest

Mit dem Stühletest können Sie leicht überprüfen, ob Entscheidungen stimmig sind oder nicht. Stellen Sie zwei oder mehrere Stühle hin, die verschiedene Lösungen repräsentieren. Indem Sie sich auf die jeweiligen Stühle setzen, können Sie genau herausfinden, auf welchem Stuhl es sich am stimmigsten anfühlt. Manchmal ergeben sich auch Teillösungen oder eine Rangfolge von Lösungen. Man kann sich auch ein Zeitfenster vorstellen, in dem eine bestimmte Lösung vorläufig gelten soll.

Leiten Sie die Übung damit ein, dass Sie sich etwas „dumm“ stellen. Das gibt Ihrer Kreativität mehr Raum und Sie entscheiden mehr „aus dem Bauch“. Stimmige Entscheidungen fühlen sich immer entlastend, leicht und richtig an, selbst wenn Sie damit nicht vollends auf Zustimmung Ihrer Umwelt stoßen sollten. Entscheidend sind im Moment aber nicht die anderen, sondern ganz alleine Sie.

Die Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig

Zum Verständnis:

Die Depression ist eine Lebensphase, die von starker Instabilität geprägt ist, sowohl seelisch als auch körperlich. Sie haben wechselnde Stimmungen, fühlen sich körperlich mal völlig erschöpft, mal hoch angespannt und getrieben. Mal überschlagen sich die Gedanken, mal haben Sie einen völlig leeren Kopf, der nichts verarbeiten mag. Die „Mitte“, das normale nüchterne Denken, das Sie von sich kennen, ist Ihnen mehr oder weniger abhandengekommen. Insbesondere am Anfang ist es eine wirkliche Gratwanderung zu entscheiden, was für Sie im Moment gerade zu viel und was zu wenig ist.

Sie haben vielleicht schon Ratschläge gehört wie diese: Du musst dich jetzt mal gründlich ausruhen! Oder: Du solltest jetzt ganz viel Sport machen und aktiv werden! Oder: Du solltest dich jetzt mal völlig zurückziehen! Oder: Du darfst jetzt auf keinen Fall allein sein!

Es geht einerseits darum, sich nicht zu überfordern, und andererseits darum, nicht in Lethargie abzurutschen und mit der Zeit ein Gefühl dafür zu bekommen, was guttut und was nicht.

Ich betone diese Herangehensweise deshalb, weil jede Überforderung, aber auch jede Unterforderung Stress erzeugt. Im Gehirn werden dann wieder zu viele Stresshormone ausgeschüttet und wertvolle Neurotransmitter verbraucht. Sowohl Lethargie als auch übersteigerte Anstrengung müssen deshalb vermieden werden.

Wie kommt es, dass in der Depression so leicht die Gefahr besteht, sich entweder zu überfordern oder im Gegenteil in die völlige Passivität abzugleiten? Wir haben weiter vorn von den Stimmungsschwankungen gesprochen. Die depressiven Gefühlszustände sind mal sehr schlimm und manchmal sind sie auch völlig verschwunden, sodass die Betroffenen meinen, nun seien sie wieder fit. Da die Sehnsucht groß ist, möglichst schnell wieder normal zu funktionieren, ist die Versuchung groß, dass Sie Ihre Belastbarkeit überschätzen, sobald Sie sich nur ein wenig besser fühlen. Das bisschen mehr an Energie wird dann oft in Aktionen umgesetzt, die Sie noch überfordern.

Ich erinnere mich an eine Patientin, die in einem Anflug von Euphorie mit Freunden eine eintägige Städtereise machte, um eine Freizeitmesse zu besuchen. Sie waren vierzehn Stunden unterwegs. Es war ein tolles Erlebnis, doch war die Patientin danach zwei Wochen lang in einem heftigen Stimmungstief. Offensichtlich hatte sie die Reise nur unter Aufbietung von sehr viel Adrenalin geschafft. Die Nebenniere brauchte zwei Wochen, um sich davon zu erholen. Adrenalin wird dann ausgeschüttet, wenn unser emotionales Gehirn Notsignale empfängt und sendet. In der Depression kann das schon durch eine ganz geringe Überanstrengung geschehen.

Verführerisch ist, dass Adrenalin kurzfristig das Stimmungsbarometer ansteigen lässt. Für einen Gesunden hat das durchaus positive Konsequenzen. In der Depression aber verstärkt sich durch die Überanstrengung und den Stress das Neurotransmitter-Defizit nur noch mehr. Das Gehirn braucht lange, bis es sich davon erholt hat. Viele Hilfesuchende haben erst nach dieser Erklärung verstanden, warum es ihnen nach solch einem positiven Erlebnis schlechter geht als vorher. Vermeiden Sie also jede Übertreibung und gehen Sie im Zweifelsfall eher zwei Schritte zurück. Vor allem zu Beginn der Erkrankung, wenn das Hormonsystem instabil ist, gilt es, ein „Polster an Energie“ anzulegen, etwa im Sinne von: Eigentlich könnte ich noch mehr. Aber erst mal lieber nicht … Das gilt insbesondere für Sport, dem ich in diesem Buch ein eigenes Kapitel widme, aber auch für alle anderen Tätigkeiten. Egal, ob es sich um Gartenarbeit oder um das Erledigen von beruflichen und privaten Pflichten handelt – gewöhnen Sie sich an, nach einer oder zwei Stunden zu überprüfen: Was tue ich da gerade? Wie geht es mir dabei? Wechseln Sie die Tätigkeit und wechseln Sie vor allem zwischen Aktivität und Ruhe.

Es versteht sich von selbst, dass es auch wenig sinnvoll ist, stundenlang apathisch im Bett zu liegen, es sei denn, Sie gönnen sich bewusst mal einen Tag im Bett, weil Ihr Körper und Ihre Seele diese Fürsorge jetzt brauchen und sie genießen können.

Übertreibungen erkennt man daran, dass man sich damit letztlich nicht richtig wohlfühlt. Es fühlt sich entweder so an, wie außer sich zu sein, oder so, wie dumpf und leer zu sein. Viel gesünder ist jetzt ein Pendeln um die Mitte. Deshalb ist ein harmonischer Tagesrhythmus so wichtig, in dem der Körperpflege, dem Essen und Trinken, den kleinen Belastungen und Pflichten des Alltags, aber auch musischen Beschäftigungen bestimmte Zeiten gewidmet sind, die mit Bewegung und Ruhe abwechseln. Berufstätige sollten auf einen guten Tagesbeginn, auf bewusste Körperwahrnehmung und schrittweise erfolgendes, ruhiges Arbeiten mit vielen kleinen Pausen achten, indem Sie ständig positive Selbstgespräche führen im Sinne von: „Schau mal, das haben wir jetzt schon gut geschafft! Den Rest kriegen wir auch noch hin.“

Wenn die Krankheit einen Sinn hat, dann den, dass Sie sich selbst besser kennenlernen und herausbekommen, was Ihnen guttut. Die meisten Menschen haben erst durch die Erkrankung die Balance der eigenen Kräfte entdeckt.

Sie können Ihren Zustand in etwa vergleichen mit der Phase eines Säuglings kurz nach der Geburt, in der die Seele äußerst empfindlich ist. Da müssen Temperatur und Lichtverhältnisse stimmen. Anregung und Ruhe müssen sich die Balance halten. Der Säugling möchte mal allein sein, mal braucht er ganz viel Zuwendung und Pflege. Ähnlich wie bei einem Säugling geht es nicht um Standardmaßnahmen, sondern um Dinge, die ganz individuell richtig sind.

Finden Sie für sich selbst heraus: Wie viel Rückzug in mein Schneckenhaus ist gut und wie viel Kontakt brauche ich? Auch hier kommt es auf die Qualität an. Rückzug in die Atmosphäre des eigenen Zuhauses ist dann sinnvoll, wenn Sie sich dort geborgen fühlen. Kontakt ist dann wichtig, wenn Sie sich zu viel um die eigene Achse drehen und sich selbst verlieren.

Nehmen Sie sich täglich eine kleine Unternehmung vor, um mit Menschen in Kontakt zu sein: Einkaufen, eine physiotherapeutische Anwendung, Kontakt mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten, Besuch einer wohltuenden Veranstaltung oder eine Tätigkeit, die angenehme Empfindungen auslöst. Achten Sie darauf, dass Sie zwischen Aktivität und Ruhe abwechseln. Kommen Sie sich auf die Schliche, wenn Sie drauf und dran sind, wieder in Extreme zu verfallen. Sie wissen ja jetzt, warum.

Meine Empfehlung:

Verschaffen Sie sich in jeder Phase Ihres Tages Klarheit darüber, ob die Tätigkeit oder das Untätigsein gerade guttun und wie lange Sie darin verweilen wollen. Sie könnten sich fragen:

•Habe ich einen guten Tagesrhythmus?

•Habe ich Bewegung und Ruhe im Blick?

•War ich heute schon an der frischen Luft?

•Habe ich genug gegessen und getrunken?

•Habe ich heute schon einen menschlichen Kontakt gehabt?

•Habe ich heute etwas Schönes erlebt (Musik, Tiere, Garten, eine Kerze, ein Lächeln)?

•Brauche ich meinen Notfallkoffer?

•Habe ich heute schon etwas Aufbauendes gelesen (einen Spruch, ein Gebet, ein paar wohltuende Worte oder Zeilen)?

•Habe ich heute schon dokumentiert, was ich gemacht habe und was gut war?

Sie werden sehen, wie nützlich das „Übungsfeld Depression“ für Sie ist, wenn Sie wieder aktiver am Leben teilnehmen. Leiden ist nicht angenehm, aber es zwingt zu wichtigen Erkenntnissen und macht kreativ.

Zum Abschluss dieses Kapitels ein Sinnspruch aus dem Sanskrit:

Achte gut auf diesen Tag,

denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens.

In seinem kurzen Ablauf

liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,

die Wonne des Wachsens, die Größe der Tat,

die Herrlichkeit der Kraft.

Denn das Gestern ist nichts als ein Traum

und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch – recht gelebt –

macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück

und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.

Drum achte gut auf diesen Tag.

[Neben dem Sanskrit wird als Quelle für diesen Text vielfach auch genannt: Rumi (1207–1273), persischer Mystiker und Dichter, Begründer des Sufismus. Anmerkung des Verlags]

Raus aus dem Morgentief!

Zum Verständnis:

Genauso, wie es manchmal schwer ist, vom Tag in die Nacht hinüberzugleiten, so ist auch der Übergang von der Nacht in den Tag nicht immer leicht. Wer zur Depression neigt, schlägt morgens die Augen auf und registriert als Erstes: Die Depression ist noch da. Das bleierne Gefühl, vielleicht Übelkeit und Appetitlosigkeit, manchmal auch nur noch Hoffnungslosigkeit. Wie kommt das?

In der Nacht tauchen wir seelisch in unsere unbewusste Welt ein. Wir rollen uns zusammen wie ein Embryo und geben im geschützten Bett die Kontrolle über unser Leben auf. Das Bett ist wie ein Rückzugsraum, in dem wir in einen passiven Zustand gleiten. Diese Passivität ist zwar erholsam, fördert aber auch die depressive Lethargie, über die ich noch berichten werde. Da der Seele die positive Kraft fehlt, sind depressive Menschen vor allem morgens mit ihrem ganzen Unvermögen konfrontiert. Die allgemeine Erschöpfung ist unter anderem auch auf die darniederliegende Energieversorgung mit ATP, unserem „Zelltreibstoff“, der in den Mitochondrien gebildet wird, zurückzuführen.

Ähnlich wie ein bedürftiges Kind brauchen Betroffene ein Sicherheit gebendes Ritual, das in den neuen Tag hineinführt. Ein depressiver Mensch sollte versuchen, positive Empfindungen in sich entstehen zu lassen, damit die Bildung der Neurotransmitter für gute Laune und Motivation aktiviert wird. Ich rate deshalb, morgens nicht zu lange im Bett zu verbringen, da dieser Effekt sonst ungenutzt verstreicht. Wie könnten Sie den Morgen besser angehen?

Depressiv Gestimmte sehen den Tag wie einen riesigen Berg vor sich, den es zu erklimmen gilt. Das macht Angst. Um da herauszukommen, sollten sie mit sich selbst fürsorglich umgehen. Auch Gesunde brauchen eine Weile, um sich am Morgen im realen Leben zurechtzufinden. Umso schwerer hat es ein Mensch, der vielleicht schon wieder eine Nacht mit wenig oder ohne Schlaf verbracht hat oder der nur noch schlafen und am liebsten nie mehr aufwachen möchte.

Viele Betroffene gehen abends ins Bett in der Hoffnung, dass am nächsten Morgen die Depression einfach verschwunden und alles wieder ganz „normal“ ist. Die Enttäuschung ist dann immer groß, wenn dem nicht so ist. Oftmals hassen sie sich selbst dafür, dass sie am Morgen so missmutig sind und nichts zustande bringen. Stellen Sie sich deshalb ganz bewusst auf das Tief am Morgen ein. Es fühlt sich etwa so an, wie allein und verloren auf der Welt und ohne Hoffnung oder Perspektive zu sein. Es ist das Grundgefühl eines alleingelassenen Kindes. Wie aber schafft man es, als „unglückliches Kind“ Mut für den Tag zu bekommen und Vertrauen zu sich selbst zurückzugewinnen?

Unser Körper repräsentiert unser Kind-Ich. Kontakt zu unserem Körper hilft uns, Kontakt zu unserer Seele herzustellen, auch wenn das nicht immer gelingen mag. Probieren Sie einmal aus, sich selbst liebevoll zu berühren: Berühren Sie mit den Händen Ihr Gesicht, Ihre Schultern, Brustkorb, Arme, Bauch, Beine – so, wie Sie mögen. Sie können sich auch ganz fest umfassen oder beklopfen, wenn Ihnen das angenehmer ist. Wenn Ihnen das schwerfällt, nehmen Sie in Gedanken Ihren Körper wahr, sprechen Sie ihn vielleicht vorsichtig an: „Hallo, gerade sind wir wieder ziemlich down, ja, das ist blöd. Schau‘n wir mal, wie wir da wieder rauskommen …“

Nehmen Sie sich Ihre bedrückte Stimmung vor allem nicht übel. Ihre Seele ist zurzeit in Not. Sie braucht keine Vorwürfe, sondern Trost und Zuspruch. Die Depression ist ja die Aufgabe, wieder mit sich selbst in Einklang zu kommen. Versuchen Sie herauszubekommen, was Ihnen gerade guttun könnte. Sagen Sie sich: „Ja, im Moment ist mir morgens übel, ich bin lustlos, ängstlich und deprimiert, aber das bleibt nicht so!“ Hören Sie auf, sich dafür fertigzumachen! Sie können nichts dafür. Haben Sie Verständnis für sich selbst, wie verständnisvolle Eltern es für ihr Kind hätten. In dem Maße, wie Sie sich damit annehmen, wird das Morgentief mehr und mehr verschwinden.

Bis das so ist, sorgen Sie am Morgen mit kleinen Gesten für ein angenehmes Wohlfühlambiente: aufmunternde Musik, eine Blume oder Kerze, etwas Duftendes im Bad, eine wohltuende Körperpflege … Vielleicht lesen Sie vor dem Aufstehen ein paar aufbauende Worte.

Ein Mann berichtete, er liege morgens oft stundenlang im Bett, weil er Angst vor dem Tag habe. Es sei so trostlos für ihn. Obwohl er sich zu Hause wohlfühle, erscheine seine gemütliche Wohnung ihm am Morgen wie feindliches Land. Bei näherer Analyse fanden wir heraus, dass es für ihn schon schwer war, vom Liegen zum Sitzen zu kommen. Außerdem war ihm das Bad kein angenehmer Ort.

Wir überlegten gemeinsam, wie man diese Situation angenehmer gestalten könne, und kamen auf folgendes Ritual: Schon am Abend vorher kochte er sich einen würzigen Tee und stellte ihn in einer Thermoskanne neben sein Bett. Wenn er morgens zu der für ihn stimmigen Zeit aufstehen wollte, setzte er sich erst einmal auf die Bettkante, legte sich die warme Bettdecke um und trank seinen Tee. Die Stille dabei zu genießen war ihm angenehm. Im Bad schaltete er sich seine Trommelmusik ein und zündete sich eine große Kerze an. Sodann genoss er sein morgendliches Pflegeritual, unter anderem das kraftvolle Trockenbürsten, das im Kapitel „Wohltuendes für den Körper“ erwähnt wird. Die Aussicht auf eine duftende Tasse Kaffee aus einer bestimmten Lieblingstasse und auf ein kleines Frühstück spornte ihn zum Gang in die Küche an. Weiterhin half dann ein guter Tagesplan, die Angst vor den Aufgaben des Tages zu verringern.

Worauf kommt es also an? Wie oben angedeutet ist es wichtig, in sich selbst angenehme Gefühle zu erwecken. Selbst eine Kleinigkeit kann Ihnen schon über die Angst vor dem Tag hinweghelfen. Da Angenehmes immer mit einer angenehmen Körperempfindung beginnt, sollte es etwas Wohltuendes für den Körper sein, das Sie sich selbst bewusst geben. Ihre Sinne sollten etwas Schönes empfinden wie einen guten Duft, ein Geborgenheit vermittelndes Ambiente, eine Blume, Kerzen oder Gegenstände, die Ihnen etwas bedeuten, zum Beispiel ein schönes Foto. Vor allem aber braucht Ihre Seele etwas Aufbauendes wie ein paar liebevolle Worte zu sich selbst, das Lesen eines sinnhaften Textes oder eine aufbauende Musik.

Tun Sie etwas Angenehmes, was Sie zugleich aktiviert. Während ein warmes Fußbad am Abend beruhigend wirkt, könnten Sie sich morgens mit der warmen und kalten Dusche erfrischen und in einen aktiven Körperzustand bringen. Ich selbst genieße es, am Morgen mit bloßen Füßen die kühle, nasse Wiese zu berühren. Ich erinnere mich dann daran, wie ich als Kind bei meinen Großeltern immer als Erstes die Schuhe ausgezogen habe. Barfußlaufen, war für mich der Inbegriff von Freiheit und Wohlgefühl. Aus dem Yoga ist bekannt, dass gerade der unmittelbare Kontakt mit der Erde antidepressiv wirkt. Falls Sie die Möglichkeit haben, verbringen Sie im Sommer lieber einen ganzen Morgen unter einem Baum in der Natur als im Bett. Die Natur wirkt wie ein Lebenselixier. Sie urteilt nicht, sie heißt alle willkommen.

Sie könnten auch durch aktives Schreiben die Schatten der Nacht vertreiben, indem Sie ohne Punkt und Komma alles aufschreiben, was gerade durch Ihren Kopf geht. Ihre depressiven Gedanken sind nur das, was Sie denken, und nicht das, was Sie sind. Benennen Sie die Denkmuster und bringen Sie sie aufs Papier, bereit zum Verbrennen oder für den Kompost. Das erleichtert und Sie kommen schneller von dem depressiven Tunnelblick weg.

Wenn Sie Zugang zu religiösen oder spirituellen Gedanken haben, nutzen Sie sie! Sie verbinden sich dadurch mit Kräften, die größer sind als sie selbst. Das kann die Natur sein oder die Kräfte des Universums. Sie bekommen ein Gefühl von Ganzheit und Verbundenheit und das Gefühl, dazuzugehören, auch wenn Sie meinen, im Moment nicht so viel zum Leben beisteuern zu können wie andere. Machen Sie sich jeden Morgen bewusst, dass für Sie der Sinn darin besteht, bewusst durch diese Phase des Lebens zu gehen. Eine Depression zu erleben ist Schwerstarbeit! Allein das ist eine große Leistung Ihrer Persönlichkeit. Auf kleine Siege können Sie stolz sein. Wenn Sie das schaffen, machen Sie dadurch auch andern Mut!

Meine Empfehlung:

Schreiben Sie, wenn Sie mögen, Ihren morgendlichen Ablauf auf und bereiten Sie schon am Abend vorher den Frühstückstisch, den Tee und alle Utensilien vor, die Sie brauchen. Auf diese Weise verinnerlicht sich Ihre Selbstfürsorge, die Ihnen später im Leben noch gute Dienste erweisen wird. Zum Beispiel könnten Sie folgende Stichworte notieren:

•Sofort nach dem Aufwachen die Thymusdrüse klopfen, bis ein tiefer Atemzug kommt, und dabei den Satz sagen: „Auch wenn ich gerade depressive Gedanken habe, bin ich gut so, wie ich bin.“

•Mir alles von der Seele schreiben

•Meinen Text lesen, meine Lieblingsmusik anhören

•Tee trinken, einen Moment still genießen

•Fenster auf, ein paar tiefe Atemzüge, mit den Armen schwingen oder den „Grübelwischer“ anwenden (vgl. S. 153)

•Mein Badritual mit angenehmem Duft

•Mein Spezialfrühstück mit süßem Dinkelgries, Ahornsirup und gerösteten Mandelsplittern

•Mit den bloßen Füßen raus auf die Wiese …

•Meinen Tag Schritt für Schritt angehen: „Ich gehe einen Schritt nach dem anderen.“

Stellen Sie sich gerne auch vor, dass eine höhere Kraft oder eine imaginäre Kreatur Sie heute begleitet und beschützt. Seien Sie freundlich mit sich selbst: Heute! Jetzt!

Themenkreis 3: Unterstützendes für Körper und Seele
Sich selbst gut spüren – Wohltuendes für den Körper

Zum Verständnis:

Die Depression ist zwar eine seelische Erkrankung, doch auch das Körperbefinden ist sehr stark beeinträchtigt. Abgesehen von einem deutlichen Verlust an Elan, Flexibilität und Spannkraft leiden viele unter diversen, oft als psychosomatisch bezeichneten Körpersymptomen und Schmerzen. Oft ist das Körpergefühl regelrecht verloren gegangen. „Ich spüre mich irgendwie nicht mehr“, höre ich oft. Die seelische Erstarrung und der Verlust der eigenen Schwingungsfähigkeit zeigen sich auch im Körper. Das liegt an dem hochgradigen inneren Druck und der inneren Anspannung. Oft haben Menschen, die depressiv geworden sind, in ihrem bisherigen Leben wenig auf ihre Leiblichkeit geachtet, da ihr Körper meist funktioniert hat. Die Erkrankung ist der Aufruf zu einer neuen Selbstfürsorge. Worauf kommt es an?

Der Körper ist für uns Menschen wie ein Haus, in dem Seele und Geist ihre Wirkung entfalten. Geht es unserem Körper besser, strahlt dieses Empfinden immer auch auf die psychische Verfassung aus. Umgekehrt erkennen wir eine trübsinnige Stimmung sofort an hängenden Schultern oder Kraftlosigkeit. Diese enge Verknüpfung zwischen Körper und Seele haben Sie schon oft erlebt, wenn Sie sich beim Erschrecken völlig verkrampft haben. Jemand hat Ihnen vielleicht die Hand auf die Schulter gelegt und Sie mit den Worten beruhigt: „Lass los, es ist alles in Ordnung!“, und sofort konnten Sie sich wieder entspannen. Diese Ressource können wir uns in psychischen Krisen zunutze machen. Statt erstarrt können wir uns gelöster, statt eng können wir uns offener fühlen. Statt Angst können wir Liebe zu unserem Körper empfinden. Wohltuende Maßnahmen für einen besseren Kontakt zum eigenen Körper tragen dazu bei, dass die Neurotransmitterproduktion im Gehirn angeregt wird und Ihre Stimmung sich aufhellt. Die Seele kann sich wieder neu stabilisieren.

Alles, was Sie für sich tun, sollte möglichst einfach handhabbar und konkret spürbar sein. Vor allem aber sollten Sie es gerne tun und nach Möglichkeit zu einer Routine werden lassen. Wir verlegen uns deshalb auf kleine Dinge mit großem Effekt, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen. Suchen Sie sich etwas aus, was Ihnen gefällt, und tun Sie sich damit immer wieder etwas Gutes. Sie werden merken, dass Sie sich dabei zunehmend besser fühlen. Insbesondere, wenn Sie Medikamente einnehmen, helfen Ihnen wohltuende Anwendungen für den Körper, die Nebenwirkungen zu mildern. Ganz nebenbei sehen Sie nach einiger Zeit deutlich frischer aus und Ihre Augen strahlen allmählich wieder.

Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich das Bürsten des Körpers ganz besonders erwähnen. Es hat mich in meinem Leben durch alle schwierigen Zeiten wohltuend begleitet und hilft mir bis heute, mich schon morgens auf das Aufstehen zu freuen.

Das Trockenbürsten

… ist wie eine kleine Massage der Reflexzonen des Körpers sowie eine Anregung sämtlicher Meridiane (– das sind nach der chinesischen Medizin die „Energielinien“ des Körpers). Die Anwendung übt nachhaltige Heilungsimpulse aus und aktiviert Körper und Seele. Sie dauert nur wenige Minuten und ist wie eine kleine Gymnastik. Mit der Bürstenmassage verschaffen Sie sich selbst ein wohliges Körpergefühl und kommen morgens besser in Schwung. Sie fühlen sich danach lebendig, durchströmt und durchwärmt und haben sofort ein frischeres Aussehen. Das baut auf. Und so funktioniert sie:

Mit einer Sisalbürste oder einem Sisalhandschuh wird der Körper morgens nach dem Duschen oder Waschen gebürstet, und zwar, nachdem die Haut mit dem Handtuch nur leicht abgetrocknet wurde, aber noch ein wenig feucht ist. Man bürstet von unten nach oben bzw. immer zum Herzen hin:

Bürsten Sie die Beine von der äußeren Fußspitze außen hoch bis über das seitliche Gesäß, dann an der inneren Seite vom Fuß aus bis zur Leiste, dann die hintere Seite des Beines von der Ferse aus bis übers Gesäß: Außen, innen, hinten jeweils einen kraftvollen Bürstenstrich, je dreimal im Wechsel. Die Arme werden genauso wie die Beine außen, innen, hinten, dreimal im Wechsel, jeweils bis zur Schulter bzw. bis zur Achselhöhle gebürstet. Den Bauch bürsten Sie mehrmals im Uhrzeigersinn entsprechend dem Verlauf der Darmbewegungen von rechts unten nach oben, zur linken Seite und nach rechts unten. Den Brustkorb bürsten Sie, indem Sie beide Brustseiten mehrmals umkreisen. Den Rücken bürsten Sie mit mehreren Strichen von unten nach oben entlang der Wirbelsäule (Anregung der Nieren-, Leber-, Galle-Reflexzonen!) und seitlich, so, wie Sie herankommen. Ein paar Mal können Sie auch die Halsvorderseite vorsichtig zum Herzen hin bürsten. Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion sollten diesen Bereich jedoch meiden.

Anschließend, und das ist sehr wichtig, wird die noch leicht feuchte Haut mit einem angenehm duftenden Körperöl oder einer Lotion ganz nach Ihrem persönlichen Belieben von unten nach oben massiert. Ich bevorzuge Olivenöl mit ein paar Tropfen ätherischen Öls (Rosenöl oder Citronellaöl).

Wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie Ihre Füße ganz besonders ausführlich massieren. Das gibt Ihnen ein festeres Standvermögen und tut einfach gut. Die meisten meiner Patienten genießen diese Anwendung und bestätigen die verblüffend wohltuende Wirkung. Sie haben dadurch schon am Morgen das Gefühl, sich selbst besser zu spüren. Insbesondere sind sie stolz darauf, etwas für sich getan zu haben.

Wie oben betont, fällt es Menschen im Stimmungstief oder im Zustand ängstlicher Verkrampfung schwer, sich selbst etwas Gutes zu tun. Der Körper ist nicht gerade ein Quell von Wohlgefühl und wird dafür oft sogar mit Vernachlässigung gestraft, die sich bis zur Selbstablehnung entwickeln kann. Ein Teufelskreis entsteht: Noch mehr schlechte Gefühle, noch mehr Selbstablehnung.

Eine Frau hatte starke Bauchbeschwerden, doch sie war nicht in der Lage, sich ihrem Bauch zuzuwenden. Sie mochte sich selbst nicht berühren und konnte sich nicht entspannen. Das hatte seine Gründe in lange vergangener Zeit. Ein feuchtwarmer Bauchwickel am Abend half ihr, ein wohlig warmes Gefühl für ihren Bauch zu empfinden, ohne sich direkt berühren zu müssen.

Der Oberbauch ist die Region des „Sonnengeflechts“, eines Zentrums des vegetativen Nervensystems, das dafür zuständig ist, die Arbeit der Organe im Bauchraum zu unterstützen und innere Ruhe zu vermitteln. Dem Bauch und auch uns geht es erfahrungsgemäß am besten, wenn Parasympathikus und Sympathikus in der Balance sind. Wie bereits erwähnt herrscht bei schlechter Stimmung und innerem Stress jedoch die Regie des Sympathikus vor. Mit wohltuenden Anwendungen kann man die Balance wieder herstellen. Alles, was den Bauch beruhigt, trägt auch zu einer Beruhigung dieses Stresstonus bei. Auf diese Weise wird nicht nur die Arbeit unserer inneren Organe gefördert, sondern wir erreichen damit auch eine bessere Verfassung unserer Psyche.

Bei der oben erwähnten Frau führte der Bauchwickel dazu, dass sie auch besser einschlafen konnte und Angst und Aufregung verschwanden.

Der warme Oberbauchwickel

Sie nehmen ein Gästehandtuch, tauchen es in heißes Wasser und wringen es sehr gut aus. Legen Sie es mit einer leichten Wärmflasche auf Ihre Magengegend und decken Sie das Ganze mit einer warmen Decke zu. Auf diese Weise fördern Sie auch die Durchblutung der Leber, was deren Entgiftungstätigkeit fördert und nebenbei müde macht.

Emotionale Verbindung zum Körper aufnehmen

Wie oben erwähnt geht depressiven Menschen oft das Gefühl für sich selbst verloren. Denken und Fühlen sind voneinander getrennt. Wenn Sie das Körpergefühl wieder bewusst einschalten, macht Sie das nüchterner, klarer, ruhiger. Katastrophenfantasien und Grübelphasen nehmen deutlich ab.

Dabei hilft, wenn Sie den ganzen Körper beklopfen, statt wie beim Bürsten auszustreichen. Die eine mag das kräftiger, der andere zarter. Auch kann man den Körper einfach fest anfassen. Sprechen Sie dabei die Körperteile bewusst einzeln an: „Das ist meine Hand, zusammen mit meinem Unterarm, in Verbindung mit meiner Schulter.“ Spüren Sie bewusst Ihre Muskelkraft: „Das ist meine Kraft!“ Streichen Sie bewusst über die Haut: „Das ist meine Grenze!“ Nehmen Sie den ganzen Körper als Raum wahr: „Das bin ich!“

Bodenkontakt und Selbstwahrnehmung

Sobald Sie merken, dass Sie zu sehr in belastende Gedanken abdriften oder „wegtreten“, stellen Sie sich hin und nehmen bewusst Kontakt zum Körper auf: Schütteln Sie sich oder lassen Sie den Körper leicht vibrieren. Das ist eine Bewegung, wie wenn Sie minimale Kniebeugen in der Senkrechten machen würden. Sie können sich vorstellen, an Ihrem Steißbein wäre ein Gewicht befestigt, das nach unten zieht. Das Hohlkreuz richtet sich dabei wieder auf. Stampfen Sie zum Beispiel mit den Füßen fest auf den Boden oder nehmen Sie einfach nur bei allem, was Sie tun, Kontakt zum Boden auf. Sie können sich vorstellen, dass „Mutter Erde“ Sie trägt. Sagen Sie sich bewusst: „Das ist mein Boden, der mir Sicherheit gibt, auf dem ich stehe, sitze!“ Auch eine Ausrichtung des Körpers in der Horizontalen ist dabei hilfreich: Drücken Sie mit den Händen zum Beispiel ganz fest gegen eine Wand. Stemmen Sie den Körper von allen Seiten dagegen. Sie können auch einen Baum oder einen netten Menschen nehmen, der sich zur Verfügung stellt. Wenn Sie mehr realen Körperkontakt haben, dann haben Sie automatisch auch besseren Realitätskontakt. Sie spüren Ihre Kraft im Hier und Jetzt. Das vertreibt die Gefühle und Gedanken von Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Sehr gut ist auch, sich mit dem Körper am Boden zu wälzen oder lange am Boden zu sitzen oder zu liegen – die schon erwähnte „Schlabberpuppen-Übung“ (vgl. S. 59 u. 162). Ich selbst liebe es nach anstrengenden Aufgaben, mich zum Ausgleich eine Weile auf den Boden zu legen. Ich lege die Beine hoch und schaue in den Himmel. Dabei kann ich mich seelisch sehr schnell wieder auftanken. Auch wenn es für Sie ungewohnt ist – verbringen Sie viel Zeit an der Erde. Setzen Sie sich im Sommer draußen unter einen schönen Baum oder laufen Sie nach Möglichkeit barfuß. Das Motto ist: Raus aus den Hirngespinsten und zurück zur Erde!

Insbesondere am Abend sind Salzbäder in der Badewanne oder auch warme Fußbäder sehr beruhigend. Für ein Salzbad nimmt man 500 bis 1000 Gramm Totes-Meer-Salz, für ein Fußbad entsprechend weniger. Man kann auch Melissenextrakt hinzufügen, der sehr schlaffördernd wirkt. Alles, was Ihnen angenehm ist, ist richtig. Auch die im Kapitel „Umgang mit Körpersymptomen“ erwähnte Dauerdusche sowie das Dauerbad sind sehr effektiv. Für manche Menschen ist eine zu ausgeprägte Entspannung jedoch beängstigend. Nehmen Sie sich damit ernst und tun Sie dann das, was für Sie angenehmer ist. Niemand muss baden können! Vielleicht reicht es schon, wenn Sie die Hände auf Ihren Brustkorb legen und sich damit beruhigen. Im Kapitel „Beruhigung für Körper, Geist und Seele“ erfahren Sie weitere hilfreiche Übungen, die Sie sehr gut mit den hier beschriebenen Maßnahmen verbinden können.

Falls Sie mögen, können Sie auch Klopftechniken anwenden, um sich zu beruhigen oder zu zentrieren: Sehr effektiv und zuverlässig wirkt hier allein schon das Beklopfen des Brustbeins, entweder mit den Fäusten, mit den Fingerspitzen oder mit der flachen Hand. Diese Technik stammt aus der Psychokinesiologie, die bei traumatischen Erregungszuständen sehr wirksam ist. Der Grund: Bei Stress schrumpft die Thymusdrüse, die hinter dem Brustbein liegt, auf einen Bruchteil ihrer Größe zusammen beziehungsweise sie schaltet sich ab. Das macht sich als Ohnmachtsgefühl und Kraftlosigkeit bemerkbar. Durch Beklopfen wird dieser „Schockzustand“, der in der Depression manchmal schon chronisch ist, rückgängig gemacht. Klopfen Sie so lange, bis Sie den Impuls zu einem oder mehreren tiefen Atemzügen haben. In meiner Praxis arbeite ich sehr erfolgreich mit verschiedenen Klopftechniken, zum Beispiel auch mit dem wechselseitigen Beklopfen der Schultern: Man umarmt sich selbst an den Schultern, während immer abwechselnd die rechte Hand auf die linke Schulter, die linke Hand auf die rechte Schulter klopft: rechts, links, rechts, links … Man kann auch wechselweise mit dem Zeigefinger sanft die Ohren beklopfen. Durch den taktilen und auditiven Reiz wird das Gehirn wieder beidseits aktiviert und man kommt aus der Problemtrance heraus. Der Herzschlag beruhigt sich. Im Kapitel über den Leib-Seele-Kontakt durch Klopfen und Berühren ist detailliert das Klopfen nach Dr. Klinghardt beschrieben, das eine ganze Serie von Punkten umfasst und eine noch umfassendere Wirkung hat.

Meine Empfehlung:

Schauen Sie, was für eine kleine Anwendung oder Übung sich in Ihren Alltag einbauen lässt, damit Sie sich in Ihrem Körper wohlfühlen. Eine Kleinigkeit geht immer, und wenn es nur das bewusste Gehen ist, bei dem Sie sich ständig Ihrer Fußsohlen bewusst sind und das Gefühl verinnerlichen, von der Erde getragen zu sein. So banal es klingt: Allein diese Übung bringt wirklich sehr viel!

Bei allem, was Sie tun, achten Sie immer darauf, sanft und mit einem kleinen Impuls in den Bauch hinein zu atmen. Im Kapitel über Techniken zur Entspannung werde ich darauf noch genauer eingehen. Selbst an Ihrem Arbeitsplatz können Sie sich gut „erden“, indem Sie die Sitzfläche des Stuhls, die Rückenlehne und den Boden unter Ihren Füßen für eine „Körperfühlübung“ nutzen. Tun Sie‘s jetzt! Jetzt sofort! Sie werden sehen: Wenn Sie bewusster in Ihrem Körper „drinstecken“, wird Ihre Stimmung deutlich stabiler!

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368 p. 15 illustrations
ISBN:
9783954843879
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