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Feuerschein
über den Sudeten
Dieter Heinze
Feuerschein
über den Sudeten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
Gewidmet meinem Freund
Adalbert Bartak
Lektorat: Birgit Rentz
Kartenskizzen: AVIGrafik Dĕčín
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
ISBN 9783954882526
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Copyright
Teil I Die Vorgeschichte
Die Folgen der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns im 1. Weltkrieg
Die Pariser Vorortverträge und deren Einfluss auf die Entwicklung Sudetendeutschlands
Die Tschechoslowakische Republik 1918–1919: Krieg an allen Fronten
Die militärische und politische Entwicklung in der Tschechoslowakei 1919–1936
Aufklärung ist alles
Die französisch-tschechische militärische Zusammenarbeit – ein strategischer Faktor für die Stabilisierung des tschechoslowakischen Staates
Die Zusammenarbeit des tschechoslowakischen Geheimdienstes mit sowjetischen Geheimdiensten
Die Entwicklung der deutsche Streitkräfte von 1921–1937
Die Entwicklung des operativen Denkens der Wehrmacht bis 1938
Die „Studie Grün“
Der Bürgerkrieg in Spanien – Testfeld für die neuen Waffen Deutschlands und der Sowjetunion.
Teil II: 1938 – Der Konflikt um Sudetendeutschland spitzt sich zu
Die internationale Lage zu Beginn des Jahres 1938 und die europäischen Armeen
1938 – der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich
Der Tschechoslowakische Wall
Teil III – Die Krise
Die Sudetendeutsche Partei an Hitlers Seite
Die Teilmobilmachung der tschechoslowakischen Armee im Mai 1938
Putschpläne zum Sturz Hitlers und die Münchner Konferenz
Hitlers Diplomatie
Der operative Aufmarsch der Wehrmacht zum Überfall auf die Tschechoslowakei
Die Entfaltung der tschechoslowakischen Armee zur Abwehr einer deutschen Aggression
Das Kräfteverhältnis in den Operationsrichtungen
Die sowjetische Karte
Teil IV: Das Sudetendeutsche Freikorps
Lützows wilde, verwegene Jagd
Die Propagandaschlacht
Teil V – Das Ende der Tschechoslowakei
Die Aasgeier
Der Einmarsch der Wehrmacht in Böhmen und Mähren
Das Protektorat Böhmen und Mähren
Der Widerstand gegen die deutsche Okkupation und das Attentat auf Heydrich
Das Ende des Protektorates Böhmen und Mähren
Verzeichnis der benutzten Archivquellen und Literatur
„… unsere geschichtlichen Grenzen stimmen mit den ethnografischen Grenzen ziemlich überein. Nur die Nord- und Westränder des böhmischen Vierecks haben infolge der starken Einwanderung während des letzten Jahrhunderts eine deutsche Mehrheit. Für diese Landesfremden (franz.: étrangers) wird man vielleicht einen gewissen Modus Vivendi schaffen, und wenn sie sich als loyale Bürger erweisen, ist es sogar möglich, dass ihnen unser Parlament […] irgendeine Autonomie zugesteht. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass eine sehr rasche Entgermanisierung dieser Gebiete vor sich gehen wird.“
Tomas Garrigue Masaryk in einem Interview für die Zeitung Le Matin am 10. Januar 1919 während der Verhandlungen zum Friedensvertrag von Saint-Germain
Danksagung
Wenn ein Autor ein Buch vollendet hat, bleibt nur noch eine angenehme Pflicht – allen zu danken, die den Autor bei seiner Arbeit unterstützt haben. So auch im vorliegenden Fall. Wie schon bei anderen Veröffentlichungen ist an erster Stelle die Mitarbeiterin des Militärhistorischen Archivs in Prag, Frau Pivcová, zu nennen. Sie hat die in Prag befindliche Originaldokumentation des Sudetendeutschen Freikorps sachkundig erschlossen und mir zur Verfügung gestellt. Auch bei den Mitarbeiterinnen der Fotoarchive Frau Žižková (VUA Prag) und Frau Bader (Bundesarchiv/Bildarchiv) möchte ich mich herzlichst für deren professionelle Arbeit bedanken.
Ein besonderer Dank gebührt auch meiner Lektorin Frau Birgit Rentz, deren professionelle Arbeit wesentlich dazu beitrug, Fehler aller Art im Manuskript aufzufinden und auszubessern.
Mein Bestreben, eine umfassende militärhistorische Betrachtung zu schreiben, hat es erfordert, auch ein umfangreiches deutschsprachiges Quellenmaterial auszuwerten. Dabei waren mir die Mitarbeiterinnen der Militärbibliothek Strausberg wie immer eine große Hilfe. Auch die zuständigen Mitarbeiterinnen der Stadt- und Kreisbibliothek Pirna haben mir seltene Bücher über die Fernleihe zur Verfügung gestellt.
Für eine größere Anschaulichkeit des Manuskripts war es erforderlich, auch Kartenskizzen anzufertigen. Frau Milada Andrová von der Firma AVIGrafik in Děčín hat meine Vorstellungen in professionelle Grafiken umgesetzt, deshalb möchte ich mich ebenfalls bei ihr bedanken.
Meine Ehefrau Lenka hat mich auch bei diesem Buch nicht nur auf vielfältige Weise unterstützt, sondern auch auf viele gemeinsame Freizeitstunden verzichtet, deshalb gebührt ihr mein ganz besonderer Dank.
Teil I
Die Vorgeschichte
Kapitel 1
Die Folgen der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns im 1. Weltkrieg
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts spitzten sich die Widersprüche zwischen den Großmächten Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland zu. Wesentliche Ursache war, dass das Deutsche Reich, erst 1871 gegründet, einerseits bei der Aufteilung der Rohstoff- und Absatzmärkte zu spät gekommen war, andererseits aber eine äußerst dynamische wirtschaftliche Entwicklung nahm. Die etablierten Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland schlossen sich gegen Deutschland zur sogenannten Triple Entente zusammen, während Deutschland mit Österreich-Ungarn und der Türkei das Bündnis der Mittelmächte bildete. Beide Militärbündnisse versuchten weitere mittlere und kleine Staaten auf ihre Seite zu ziehen, so z. B. Rumänien, Serbien und Italien. Im Jahr 1914 spitzten sich die Gegensätze immer mehr zu und es genügte ein Funke, um das Pulverfass Europa zur Explosion zu bringen. Dieser Funke war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo. Österreich-Ungarn nahm das zum willkommenen Anlass, endlich mit Serbien abzurechnen, das ihm auf dem Balkan im Weg war. Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg. Damit trat für Russland, der Schutzmacht Serbiens, der Bündnisfall ein und diese erklärte Österreich-Ungarn den Krieg. Damit wiederum trat für Deutschland der Bündnisfall ein und jetzt mussten auch die anderen Bündnispartner Russlands Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg erklären. Binnen weniger Tage befand sich die halbe Welt im Krieg. In beiden Bündnissen war die Zuspitzung der Gegensätze von einer Welle des Nationalismus begleitet. Die Folge davon war, dass in allen Staaten, die in den Krieg eintraten, der Ausbruch des Krieges euphorisch begrüßt wurde. Die Soldaten bestiegen blumengeschmückt die Eisenbahnzüge, die sie an die Front brachten. Nicht wenig trug zu der Euphorie die Fehleinschätzung der europäischen Militärexperten bei, dass der Krieg in wenigen Wochen entschieden sein würde. Man hatte die Wirkung der in den letzten Jahren in die Bewaffnung aller Armeen aufgenommenen Waffensysteme, insbesondere der Maschinengewehre, bedeutend unterschätzt. Der Bewegungskrieg war im Westen nach wenigen Wochen beendet und stattdessen führten die Armeen einen blutigen Stellungskrieg. Nur im Osten wurde noch Bewegungskrieg geführt, weil die russischen Armeen dem Druck der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen nicht standhalten konnten und sich langsam ins Landesinnere zurückziehen mussten.
Schon bald schlug die Euphorie in Ernüchterung um. Das hatte vorerst in den politisch instabilen Staaten wie Russland und Österreich-Ungarn weitreichende Folgen. Die Nationalstaaten wie Frankreich und Deutschland hielten dem Druck länger stand, bis es zu inneren Unruhen kam, aber in den Vielvölkerstaaten Russland und Österreich-Ungarn fragten sich diejenigen Soldaten, die keine Österreicher waren, für wen sie eigentlich ihr Leben riskierten. In Tschechien gab es bereits eine Untergrundbewegung in Prag sowie Exilgruppen tschechischer Auswanderer in Frankreich, Großbritannien, den USA und Russland. In den Jahren 1914–1915 gelang es Tomas Garrigue Masaryk, die Exilgruppen zu einer einheitlichen politischen Bewegung zu vereinigen. Masaryk stammte aus einer slowakisch-deutschen Familie und war ordentlicher Professor für Philosophie in Prag. Von 1900–1914 war er Mitglied des österreichisch-ungarischen Reichsrates. Im Herbst 1914 blieb er während einer konspirativen Auslandsreise in der Schweiz, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Im Februar 1916 bildete die vereinigte Exilbewegung den Tschechoslowakischen Nationalrat, dessen Vorsitz Masaryk übernahm. Masaryk gelang es, die tschechoslowakische Frage zu internationalisieren. Auf Initiative des Nationalrats und Masaryks erlaubten die Alliierten die Bildung einer tschechoslowakischen Exilarmee. Anfangs sollten in die Armee nur Tschechen und Slowaken im Exil aufgenommen werden, später erlaubten diese die Aufnahme von Kriegsgefangenen. Anfangs waren die Freiwilligenmeldungen nur spärlich, je stärker sich aber die Niederlage der Mittelmächte abzeichnete, desto mehr Kriegsgefangene meldeten sich zur Legion. In Italien und Frankreich wurden nur relativ schwache Truppenkörper aufgestellt. An Kampfhandlungen auf Seiten der Alliierten nahmen sie nicht mehr teil, sie spielten aber eine große Rolle bei der Sicherung des Territoriums des neu gegründeten tschechoslowakischen Staates. Von großer Bedeutung war die Tschechoslowakische Legion in Russland. Mit deren Aufstellung wurde schon im August 1914 begonnen. Nachdem die russische Regierung die Einstellung von Kriegsgefangenen genehmigt hatte, wurde bis Ende 1916 eine Schützenbrigade in Stärke von 5.700 Mann gebildet. Diese nahm Ende Juni 1917 erfolgreich an der Schlacht von Zborow teil. Die Beteiligung von Kriegsgefangenen an Kampfhandlungen gegen ihren Heimatstaat verstößt gegen das Kriegsrecht und die betreffenden Soldaten galten als Landesverräter. Durch Aufnahme weiterer Kriegsgefangener konnte die Legion auf 35.000 Kämpfer erweitert werden. Im Februar 1918 kannten die Alliierten die Tschechoslowakische Legion als Bestandteil der Alliierten Streitkräfte an. Das war ein äußerst geschickter Schachzug von Masaryk und ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Anerkennung eines selbstständigen tschechoslowakischen Staates durch die Alliierten. Im Frühjahr und Sommer tummelten sich in Paris Abgesandte von Völkern, die noch zum Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches, der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, des Osmanischen Reiches und Russlands gehörten. Alle diese Abgesandten, Mazedonier, Finnen, Esten, Letten, Litauer, Rusinen, Ukrainer, Polen, aber auch Inder und Araber, hofften auf eine politische Karriere durch Lostrennung ihrer Völker von ihren jetzigen Herren mit Hilfe der Alliierten. Aber einzig die durch Masaryk und seinen Mitarbeiter in Paris, Edvard Beneš, vertretenen Tschechen und Slowaken verfügten über eine starke, disziplinierte und gut ausgebildete Armee, die fähig war, an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Die nächste Etappe im Kampf um einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat wurde durch das Pittsburgher Abkommen abgeschlossen. Dieses wurde am 31. Mai 1918 in Pittsburgh zwischen den Vertretern der tschechischen und slowakischen Exilgruppen geschlossen und sollte die Grundlagen des zukünftigen gemeinsamen Staates festlegen. Beide Seiten hatten Interesse an einem gemeinsamen Vorgehen. Die Slowaken befürchteten, sich nicht ohne Hilfe aus dem ungarischen Staatsverband lösen zu können, und die Tschechen benötigten die Slowaken als Gegengewicht zu den Sudetendeutschen, um ein eindeutiges Übergewicht der Slawen gegenüber den Deutschen zu schaffen. Außerdem herrschte damals noch die Auffassung, dass Tschechen und Slowaken Brüdervölker seien. Sicher spielte bei den Slowaken auch die Überlegung eine Rolle, dass Masaryk einen großen Einfluss auf den Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, hatte. Im Pittsburgher Abkommen war vereinbart worden, dass der künftige tschechoslowakische Staat aus den böhmischen Ländern und der Slowakei bestehen sollte. Dabei war das Staatsgebiet der Slowakei zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig definiert, weil es nie einen slowakischen Staat gegeben hatte. Den Slowaken war Autonomie versprochen worden, ein eigener Landtag, slowakisches Gerichtswesen und Amtssprache slowakisch. Davon wurde nichts eingehalten. Nachdem Masaryk und Beneš einmal an der Macht waren, wollten sie diese mit niemandem teilen. Es waren aber nicht alle politischen Gruppierungen mit der Vereinigung einverstanden. So z. B. forderten auf einer nationalen Konferenz am 1. Mai 1918 in Liptovsky Mikulas politische Gruppierungen, deren Sprecher der katholische Kaplan Hlinka war, die nationale Unabhängigkeit der Slowakei. Der Mitarbeiter Masaryks, Edvard Beneš, agierte und intrigierte aber in Paris während der Friedenskonferenzen äußerst geschickt und vermochte es, die Siegermächte für die Bildung eines tschechoslowakischen Staates zu gewinnen, obwohl Großbritannien und Frankreich ursprünglich Österreich-Ungarn nicht zerschlagen wollten, denn es war ein Garant für Stabilität in Mitteleuropa und auf dem Balkan. Er verfasste für die Friedenskonferenzen zahlreiche Denkschriften, die vor Fälschungen strotzten. Diese waren so gravierend, dass später ein Gesetz strenge Reglementierungen für die Entstehungsgeschichte der ČSR festlegen musste. Das ČSR-Staatsschutzgesetz drohte für „falsche“ Darstellungen der Entstehungsgeschichte mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren. Letztendlich gelang es aber, die Zustimmung von Frankreich, Großbritannien und den USA zur Staatsgründung zu erreichen. Am 28. Oktober 1918 rief Masaryk, der inzwischen zum Präsidenten gewählt worden war, die Tschechoslowakische Republik aus. Edvard Beneš wurde Außenminister in der Regierung des neuen Staates. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg noch nicht beendet. Die böhmischen Länder und die Slowakei hatten vier Jahre lang als Landesteile im Habsburgischen Kaiserreich gekämpft. Jetzt hatten Masaryk und Beneš geschickt die Seiten gewechselt und blieben von Reparationen verschont. Österreich und Ungarn wurden als die alleinigen Sündenböcke hingestellt. Im neuen Staat lebten von diesem Zeitpunkt an 6,6 Millionen Tschechen, 3,2 Millionen Deutsche, 2,0 Millionen Slowaken, 0,7 Millionen Ungarn, 0,5 Millionen Ruthenen, 0,3 Millionen Juden und 0,1 Millionen Polen. Zusätzlich zu den böhmischen Ländern und der Slowakei hatten die Franzosen noch die Karpato-Ukraine, ein Stück Ungarn und ein Stück Polen dazugegeben. Im tschechischen Landesteil befanden sich 70 % der industriellen Basis von Österreich-Ungarn. Die Sudetendeutschen verkörperten einen starken Mittelstand. Da sie das gesamte Grenzgebiet besiedelten, bildeten sie gleichzeitig die Klammer zwischen dem deutschen Staat und dem tschechoslowakischen Staat, oder besser: Die Sudetendeutschen hätten die Klammer bilden können, aber das war nicht das strategische Ziel von Masaryk und Beneš. Masaryk nannte im Jahr 1919 in einem Interview mit der Zeitschrift le Matin als Ziel die „Entgermanisierung“ des Sudetengebietes.
Kapitel 2
Die Pariser Vorortverträge und deren Einfluss auf die Entwicklung Sudetendeutschlands
Im Februar 1917 erklärte Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, um den Nachschub aus den USA für Großbritannien und Frankreich zu unterbinden. Das führte zum Kriegseintritt der USA. Diese benötigten aber noch ein Jahr, um ihre zahlenmäßig geringen Land- und Luftstreitkräfte auf die für eine Intervention in Europa erforderliche Stärke zu bringen. Am 8. Januar 1918 hielt der Präsident der USA, Woodrow Wilson, eine programmatische Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses. In dieser legte er seine Vorstellungen von einer Friedensordnung in Europa nach Beendigung des Krieges dar. Das 14 Punkte umfassende Programm zeigte Lösungen für die Regelung der territorialen Fragen im Zusammenhang mit den von den Mittelmächten besetzten Gebieten und die künftigen Grenzen in Europa. Großen Wert legte Woodrow Wilson auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie die politische Unabhängigkeit und territoriale Integrität auch der kleinen Staaten. So lautet der Punkt 10 des Programms wörtlich: „Den Völkern Österreich-Ungarns, deren Platz unter den Nationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, sollte die freieste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung zugestanden werden.“ Dazu ist anzumerken, dass auch die Sudetendeutschen ein Volk im österreichisch-ungarischen Staatsverband waren.
Im Juni 1918 warfen die USA 2 Millionen Soldaten und ungeheure Materialmengen an die Westfront. Diesem Druck konnte die deutsche Armee nicht mehr standhalten und kapitulierte am 18. November 1918. Dabei vertraute die deutsche Führung auf Präsident Wilsons 14 Punkte, man hielt diese für eine Art Vorvertrag für den künftigen Friedensvertrag und hoffte auf milde Friedensbedingungen. Als Deutschland im deutsch-französischen Krieg 1870/71 Frankreich eine Niederlage beigebracht hatte, erhielt Frankreich einen Friedensvertrag mit äußerst milden Bedingungen. Das war aber dem Einfluss des weitsichtigen Reichskanzlers Bismarck zuzuschreiben. Obwohl die Franzosen danach unablässig auf Rache sannen, hielt der Frieden in Europa über 40 Jahre.
Vom 18. Januar 1919 bis zum 20. Januar 1920 tagte im Schloss von Versailles die Pariser Friedenskonferenz. Obwohl die Vertreter aller 34 Siegermächte teilnahmen, bestimmte der Rat der Vier, bestehend aus dem Präsidenten der USA, dem britischen Premierminister, dem französischen Ministerpräsidenten und einem Vertreter Italiens, den Inhalt der Verträge mit den besiegten Mittelmächten Deutschland (Vertrag von Versailles), Österreich (Vertrag von Saint-Germain), Ungarn (Vertrag von Trianon) und Türkei (Vertrag von Sèvres). Es zeigte sich im Inhalt der Verträge, dass sich Präsident Wilson mit seinen Vorstellungen nicht durchsetzen konnte. Die Franzosen waren von blindem Hass und dem Bestreben angetrieben, das Deutsche Reich entscheidend zu schwächen. Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau besaß nicht die Weitsicht eines Bismarck. Auch Edvard Beneš nicht, der ebenfalls die Deutschen hasste. In seinem Bestreben, einen starken tschechoslowakischen Staat als Bedrohung Deutschlands zu schaffen, war er der richtige Partner für die Franzosen. Der britische Premierminister David Lloyd George schrieb in einem Memorandum im März 1918 warnend: „Ich kann mir keinen stärkeren Grund für einen künftigen Krieg denken, als dass das deutsche Volk, das sich sicherlich als einer der kraftvollsten und mächtigsten Stämme der Welt erwiesen hat, von einer Zahl kleinerer Staaten umgeben wäre, von denen manche niemals vorher eine standfeste Regierung für sich aufzurichten fähig waren, von denen aber jeder große Mengen von Deutschen enthielte, die nach Wiedervereinigung mit ihrem Vaterland begehrten.“ (Klaus Schwabe, Hrsg.: Quellen zum Friedensschluss von Versailles, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, S. 156). Und der französische Marschall Foch, der die deutsche Kapitulation im Wald von Compiègne entgegengenommen hatte, sagte: „Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre.“ Präsident Wilson unterzeichnete zwar den Vertrag, aber beide Häuser des Kongresses lehnten die Ratifizierung ab. Auch die Verträge von Saint-Germain und Trianon waren ähnlich hart und traten die Prinzipien des Selbstbestimmungsrechtes der Völker mit Füßen. Österreich (Vertrag von Saint-Germain) wurde untersagt, sich „Deutschösterreich“ zu nennen und sich mit Deutschland zu vereinigen, Ungarn (Vertrag von Trianon) verlor zwei Drittel seines Staatsgebietes an Rumänien, den neu gebildeten SHS-Staat (später Königreich Jugoslawien) und die Tschechoslowakei. Letztere Verträge bestätigten nur die schon erfolgten Rezessionen, die zu militärischen Auseinandersetzungen geführt hatten, die zum Teil noch andauerten. Damit hatte die französische Kurzsichtigkeit, unterstützt von den führenden Repräsentanten der neuen Tschechoslowakei, zu einer Nachkriegsordnung geführt, in der alte Erbfeindschaften erneuert bzw. neue geschaffen wurden. Die Tschechoslowakei befand sich seit 1867 in Erbfeindschaft mit Ungarn, weil im Habsburgerischen Kaiserreich das Königreich Ungarn eine privilegierte Stellung erhielt und nicht die böhmischen Länder. Jetzt verlor der ungarische Staat nicht nur die Slowakei, sondern auch einen mehrheitlich von Ungarn besiedelten Landesteil im Süden der Slowakei und die Karpato-Ukraine. Trotz Mitgliedschaft beider Staaten in der Europäischen Union führt diese Erbfeindschaft auch heute noch zu Spannungen zwischen Ungarn und der Slowakei. Ungarn und Rumänien befehdeten sich über Jahrhunderte wegen des Großfürstentums Siebenbürgen. Je nach Machtbalance gehörte es zu Rumänien oder zu Ungarn, jetzt wurde es Rumänien zugeschlagen. Auch an den neuen SHS-Staat (Serbien, Kroatien, Bosnien und Slowenien) musste Ungarn Gebiete abtreten, im Krieg hatten aber Serben und Ungarn erbittert gegeneinander gekämpft. Der SHS-Staat, auch eine französische Idee, sollte die sogenannten Südslawen vereinen, die aber nie eine Volksgruppe bildeten. Er vereinte Staaten bzw. Völker, die nie in einem Staat zusammengelebt hatten. Die Balkanstaaten gehörten zu unterschiedlichen Einflusszonen der europäischen Großmächte bzw. waren mit diesen staatlich verbunden – Serbien mit Russland, Slowenien, Bosnien und Kroatien gehörten zu Österreich. Die inneren Spannungen zwischen den verschiedenen Völkern führten zwei Mal, 1941–1945 und 1991–1995, zu blutigen Auseinandersetzungen. Auch die Verträge von Saint-Germain und Trianon wurden von den USA nicht unterzeichnet.
Der Vertrag von Versailles führte in Deutschland zu harten politischen Auseinandersetzungen. Insbesondere der Artikel 231, der Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Schuld am Krieg zuwies, stieß auf harten Widerstand. Erst nachdem die Alliierten ultimativ mit einem Einmarsch ihrer Truppen gedroht hatten, unterzeichnete die deutsche Regierung unter Protest den Vertrag. Das erhöhte die ohnehin schon gewaltigen innenpolitischen Spannungen in Deutschland und machte es unmöglich, den Sudetendeutschen im entscheidenden Moment zu Hilfe zu kommen.
Kapitel 3
Die Tschechoslowakische Republik 1918–1919: Krieg an allen Fronten
Noch bevor die Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, hatten sich am 19. Oktober 1918 die deutschen Abgeordneten des österreichisch-ungarischen Reichsrates als provisorische Nationalversammlung der Republik Deutschösterreichs erklärt. Die Abgeordneten der Deutschen in Böhmen und Mähren wollten sich als Provinz Deutschböhmen dieser Republik anschließen. Am 29. Oktober 1918 erklärten sie die Bildung der Provinz Deutschböhmen und deren Lostrennung von der Tschechoslowakei. Provinzhauptstadt wurde Reichenberg (Liberec). Am gleichen Tag erklärten die Deutschen in Nordmähren und Schlesien die Gründung der Provinz Sudetenland mit Troppau als Hauptstadt. Am 3. November bildeten die Deutschen in Südmähren die Provinz Deutschsüdmähren mit dem Verwaltungszentrum in Znaim (Znojmo). In den folgenden Tagen wurde als vierte separatistische Provinz der Böhmerwaldgau mit Verwaltungssitz in Böhmisch Krummau (Český Krumlov) gegründet. Deutschsüdmähren und der Böhmerwaldgau wollten sich der Republik Deutschösterreich anschließen, Deutschböhmen und das Sudetenland an Deutschland. All diese politischen Aktionen erfolgten auf der Grundlage des von US-Präsident Wilson in seinem 14-Punkte-Programm verkündeten Selbstbestimmungsrechts der Völker. Die energischsten Schritte zur Lostrennung von der ČSR unternahm die Vertretung der Provinz Deutschböhmen in Reichenberg. Ab Anfang November tagte die Provinzversammlung. Der als Hejtman (Regierungspräsident, Benennung ist auch heute noch in Tschechien üblich) gewählte Lodgman von Auen reiste nach Prag, um mit dem Ministerpräsidenten der ČSR, Karel Kramář, über die Abspaltung der Provinz zu verhandeln. In den Verhandlungen mit dem Ministerpräsidenten und weiteren Ministern vertrat Lodgman von Auen folgenden Standpunkt: Die deutschen Provinzen sind untrennbarer Teil Deutschösterreichs. Die endgültige Entscheidung liegt aber bei der Friedenskonferenz. Bis zu deren Entscheidung haben die Sudetendeutschen das gleiche Recht auf eine eigene Regierung wie die Tschechen. Er forderte die Anerkennung der Provinzregierung durch die tschechoslowakische Regierung. Dies wurde von Kramář strikt abgelehnt. Einige Tage später reiste Josef Seliger nach Prag, um über die Lieferung von Lebensmitteln zu verhandeln. Der zuständige Minister Rašín antwortete ihm, dass mit Rebellen nicht verhandelt würde. Zur Verteidigung ihrer Souveränität stellte die Provinzregierung eigene Streitkräfte auf, die Volkswehr. Den Oberbefehl übernahm der österreichische General Goldbach. Die Volkswehr war aber nur in der Lage, polizeiliche Aufgaben wahrzunehmen, für den militärischen Schutz der Provinz fehlte es an Bewaffnung und Ausrüstung, auch die allgemeine Kriegsmüdigkeit spielte eine Rolle. Von Deutschland war ebenfalls keine Hilfe zu erwarten, denn am 9. November war in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Nachdem unter der lokalen tschechischen Bevölkerung bekannt worden war, dass die Regierung in Prag eine Abtrennung der Provinz ablehnte, begannen tschechische politische Organisationen den Widerstand gegen die deutschen Pläne zu organisieren. Auf einer Konferenz dieser Organisationen in Dux wurde beschlossen, in allen Städten mit tschechischer Einwohnerschaft eigene Nationalräte zu bilden. Deren Konferenz in Dux (Duchcov) forderte die tschechoslowakische Regierung auf, einer Abtrennung der Provinz nicht zuzustimmen. Edvard Beneš warnte von Genf aus vor Streit und blutigen Auseinandersetzungen. Das würde seine Position in den Verhandlungen behindern. Aber nicht nur die Deutschen hatten Probleme, auch die Regierung in Prag. Als Machtmittel standen ihr nur geringfügige militärische Kräfte zur Verfügung. Die alte Österreichisch-Ungarische Armee war zerfallen und eine neue tschechoslowakische Armee noch nicht gebildet. Die einzigen Kräfte waren unausgebildete und schlecht bewaffnete paramilitärische Gruppen wie Sokol (Sportbund), Nationalgarde und Freiheitsgarde sowie einige Ersatzausbildungseinheiten der alten Armee. Man wartete auf die Rückkehr der tschechischen Legionen im Ausland, die gut bewaffnet und ausgebildet waren. Die tschechoslowakische Armee beschränkte sich deshalb im November vor allem darauf, die Grenzen zwischen den abtrünnigen Provinzen und dem tschechoslowakischen Staatsgebiet durch Patrouillen zu sichern. Einige unternehmenslustige tschechische Offiziere unternahmen aber Kommandounternehmen auf dem Territorium der Provinz Deutschböhmen, bei denen die Volkswehr keine gute Figur machte. Das erste Unternehmen wurde bereits am 4. November durchgeführt. Eine Einheit der Volksgarde besetzte Bischofteinitz (Horšovský Tyn) und Ronšperk. Damit wurde die Eisenbahnverbindung über Taus (Domažlice) nach Bayern gesichert. Der Armeestab der tschechoslowakischen Armee erhielt die Nachricht, dass auf dem Flugplatz in Eger zahlreiche österreichische Flugzeuge konzentriert würden, ebenso große Mengen Material. Es galt zu verhindern, dass Flugzeuge und Material nach Deutschland abtransportiert würden. Der Offizier Jaroslav Rošický erklärte sich bereit, ein Kommandounternehmen gegen den Flugplatz durchzuführen. Ihm wurde eine schwerbewaffnete Abteilung Matrosen, verstärkt mit vier schweren MG, unterstellt. Hinzu kam eine Gruppe Piloten. Sie fuhren mit dem Zug nach Pilsen, dort schloss sich ihnen ein Zug Freiwilliger aus dem lokalen Regiment an. Auf fünf Lkws fuhren sie dann zum Flugplatz Eger. Die vollständig überraschte Flugplatzwache im Bestand eines Zuges Volkswehr leistete keinen Widerstand. Die Untersuchung der Flugzeuge ergab, dass 10 Flugzeuge flugfähig waren. Die Piloten starteten sofort mit diesen und flogen nach Prag. 13 weitere Flugzeuge, Ersatzteile und anderes militärisches Material wurden auf einen Güterzug verladen, den man auf dem Bahnhof Eger samt Lokomotive und Personal requiriert hatte. Die weite überlegene Garnison von Eger ließ das Kommando ungehindert mit der Beute abziehen. Am 19. November entsandte das Militärkommando Pilsen eine Abteilung des Ersatzbataillons des 35. Infanterieregimentes nach Marienbad, um die Eisenbahnverbindung freizukämpfen. Die deutsche Führung war aber durch die Aktion Rošickýs aufgeschreckt und konzentrierte starke Kräfte. Nach einem Gefecht zog sich die Abteilung aus Pilsen auf Stříbro zurück. Die Regierung in Prag entschloss sich jetzt, den Aufstand mit militärischen Mitteln niederzuschlagen. Es musste schnell gehandelt werden, weil die Deutschen die Kohlelieferungen von Most in die ČSR gestoppt hatten. Das Armeekommando in Prag wies die Führungen der Ersatzbataillone in Kroměříž, Brünn, Prag, Beneschau, Čáslav und Olmütz an, je ein Bataillon mit drei Hundertschaften Infanterie und einer Hundertschaft Maschinengewehre aufzustellen. Am 24. November versuchte die Volkswehr aus Komotau die Verladestation in Obrnice zu besetzen. Sie wurde aber von bewaffneten tschechischen Einwohnern vertrieben. Am 27. November traf das 350 Mann starke Einsatzbataillon der Prager Garnison per Eisenbahntransport in Most ein und besetzte den Bahnhof. Mit dem Zug traf auch der Bevollmächtigte der Regierung, Minister Dr. Vrbenský, ein. Seine Aufgabe war es, das Nordböhmische Braunkohlenrevier der Zentralregierung zu unterstellen. In der Nacht und am nächsten Tag kam es in Most zu sporadischen Schusswechseln. Der Minister suchte den Kontakt zum Kommando der Volkswehr und schloss mit dieser einen Waffenstillstand. Da es bei den Verhandlungen über die Übergabe der Braunkohlengruben zu Komplikationen kam, flammten die Kämpfe nochmals auf. Erst als Verstärkung in Form von zwei Feldgeschützen eintraf, streckte die Volkswehr die Waffen. In den Kasernen von Most wurde eine große Zahl von Waffen, darunter 74 Maschinengewehre, erbeutet. Von Most aus begannen die Regierungstruppen bis zum 10. Dezember die Städte in der Provinz Deutschböhmen zu besetzen. Am 11. Dezember wurde Reichenberg kampflos besetzt. Die Provinzregierung floh nach Zittau. Der Sozialdemokrat Karl Kreibich hatte die Einwohner zu bewaffnetem Widerstand aufgerufen, ohne aber etwas zu bewirken.
Die Nachricht von der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 traf am 29. Oktober in Südmähren ein. Die tschechischen Einwohner in Znaim und Břeclav gründeten noch am gleichen Tag Nationalausschüsse. Sie hatten sich jedoch zu früh gefreut, denn die von der deutschen Mehrheit besetzten Verwaltungsorgane beschlossen den Regierungsbezirk Znaim, der sich jetzt Deutschsüdmähren nannte, an Deutschösterreich anzuschließen. Diesen Antrag stellten die Abgeordneten des Regionalparlamentes, die 195 Ortschaften einschließlich 9 Städte vertraten. Das Parlament von Deutschösterreich bestätigte den Antrag am 11. November, damit war die Provinz offizieller Teil von Deutschösterreich. Daraufhin verhängte der tschechische Nationalausschuss in Brünn eine Blockade über die abtrünnige Provinz. Die militärischen Aktionen gegen die Provinz begannen bereits am 31. Oktober, indem die Garnison von Lundenburg (Břeclav) den Bahnhof von Lundenburg besetzte. Eine neu aufgestellte Kampfgruppe in Stärke von 120 Mann besetzte am 9. November Auspitz (Hustopeče) und Umgebung. Die örtliche Volksvertretung wurde gezwungen, den Verbleib der Stadt in der Tschechoslowakischen Republik anzuerkennen. Die Garnison von Iglau (Jihlava) besetzte den südlichen Teil des Kreises Datschitz (Dačice). Die wichtige Eisenbahnstation Zlabings (Slavonice) hatte sich für den Anschluss an Deutschösterreich ausgesprochen. Um diesen strategischen Punkt zu halten, ordnete der deutsche Regierungspräsident Oskar Teufel die Aufstellung einer Volkswehreinheit an. Er sandte 400 Gewehre mit Munition und zwei Maschinengewehre. Eine tschechoslowakische Einheit, bestehend aus zwei Hundertschaften mit einigen Maschinengewehren, besetzte Zlabings nach zweitägigem Kampf. Ende der 2. Novemberdekade hatten die tschechoslowakischen Truppen 40 Ortschaften besetzt. Sie näherten sich allmählich Nikolsburg (Mikulov) und Znaim. Die Regierung in Wien entsandte eine starke Kampfgruppe aus Matrosen, verstärkt mit Maschinengewehren und einer Artilleriebatterie, zur Unterstützung der deutschen Seite. Am 11. November standen zwei Kampfgruppen der tschechoslowakischen Armee nur wenige Kilometer vor Znaim. Am 12. November erreichte die Provinzregierung in Znaim die Meldung, dass die Matrosenkampfgruppe unter dem Druck des Gegners zurückweichen würde. In der Führung machte sich Ratlosigkeit breit. Nur Hejtman Teufel wollte noch kämpfen. Die Provinzregierung verfügte noch über 2.000 Mann mit 20 Maschinengewehren und 12 Geschützen. Die tschechoslowakischen Kräfte bestanden aus 4 Kampfgruppen mit insgesamt 6 Bataillonen, darunter 2 Bataillone der Tschechoslowakischen Legion aus Italien. Die italienische Gruppierung der Tschechoslowakischen Legion in Stärke von 2 (schwachen) Divisionen war soeben eingetroffen und verschob das Kräfteverhältnis an allen Kampffronten zugunsten der Tschechoslowakischen Armee. Am 14. November floh Oskar Teufel mit seinen engsten Mitarbeitern nach Österreich, die Volkswehr zog sich aus der Stadt zurück und die aus Einwohnern aufgestellten Einheiten lösten sich auf. Am nächsten Tag besetzten die Kampfgruppen der Tschechoslowakischen Armee kampflos die Stadt.
Zu diesem Zeitpunkt lebten in Tschechien über 3 Millionen Deutsche und 6 Millionen Tschechen. Angesichts dieses Kräfteverhältnisses nehmen sich die Sezessionsbestrebungen der Deutschen sehr kläglich aus, bei energischem Handeln hätte man sicher mehr erreichen können. Man muss aber auch die Bedingungen bedenken, unter denen die deutschen Lokalpolitiker handelten. Offensichtlich hatte die Ausrufung der ČSR am 28. Oktober die Deutschen völlig überrascht. Sie konnten unmöglich wissen, was Masaryk in den USA und Beneš in Frankreich aushandelten. Man konnte auch nicht wissen, welche Gebiete zur neuen Tschechoslowakischen Republik gehören sollten. Man verließ sich auf das von Woodrow Wilson verkündete Selbstbestimmungsrecht. Offensichtlich existierten auf deutscher Seite keinerlei Pläne, weder für die nächsten Schritte noch für militärische Schutzmaßnahmen. Über die nächsten Schritte und vor allem die militärischen Abwehrmaßnahmen herrschte unter den verschiedenen Parteien keine Einigkeit. Die Sozialdemokraten wollten kämpfen, fanden aber wenig Unterstützung. Hinzu kam die allgemeine Kriegsmüdigkeit. Die deutsche Bevölkerung war offensichtlich nicht motiviert zum Widerstand, man hatte mit den tschechischen Nachbarn bisher ohne Probleme zusammengelebt. Die tschechische Bevölkerung und vor allem die der neuen Regierung zur Verfügung stehenden Soldaten waren dagegen hoch motiviert. Sie strebten schon längere Zeit einen eigenen Staat an und bekamen diesen jetzt von den Siegermächten geschenkt. Ohne die Deutschen zu fragen, hatte Beneš die Grenzen der ČSR mit den Alliierten ausgehandelt, die tschechischen Behörden wussten die Alliierten auf ihrer Seite und verhandelten nicht mit den Politikern der abtrünnigen Provinzen. Die anfangs nur schwachen militärischen Kräfte setzten sie konsequent ein. Auf deutscher Seite fehlten auch befähigte militärische Führer. Die einzelnen Provinzen koordinierten ihre Handlungen nicht und wurden nacheinander besetzt.
Der Schlusspunkt unter diese tragische Etappe wurde am 4. März 1919 gesetzt. An diesem Tag tagte die neu gewählte Nationalversammlung von Deutschösterreich und die Sudetendeutschen wollten ihre Vertreter zur Tagung entsenden. Das wurde von den Siegermächten verboten. Daraufhin rief die damals stärkste Partei der Sudetendeutschen, die Sozialdemokratische Partei, zu einem eintägigen Generalstreik und zu Demonstrationen an mehreren Orten auf. Alle anderen Parteien unterstützten diesen Aufruf und so kam es zu gewaltigen Demonstrationen. Die Regierung setzte die Armee zur Zerschlagung der Demonstrationen ein, diese machte von der Schusswaffe Gebrauch mit dem Ergebnis, dass 54 Demonstranten getötet und über hundert verletzt wurden. Anfang Mai wurden vor allem in Schlesien kampfwillige Freikorps bereitgestellt, um Sudetendeutschland gewaltsam von außen zu befreien. Die Unterzeichnung des Versailler Vertrages durch Deutschland machte diesen Bestrebungen ein Ende. Im Vertrag von Saint-Germain, der am 10. September 1919 unterzeichnet wurde, legalisierten die Siegermächte die Einverleibung des Sudetengebietes in die ČSR.
Nachdem die Tschechoslowakische Armee die abtrünnigen sudetendeutschen Provinzen „befriedet“ hatte, stand schon der nächste Konflikt an, diesmal mit der Polnischen Armee. Zankapfel war das Gebiet des ehemaligen Großherzogtums Teschen an der nördlichen Grenze der Tschechoslowakei. Dieses Gebiet wurde sowohl von Polen als auch von der Tschechoslowakei beansprucht. Hintergrund war, dass sich dort ein Zentrum der Bergbau- und Hüttenindustrie entwickelt hatte und sich offensichtlich internationale Konzerne für dieses Gebiet interessierten. Außerdem führte die einzige Bahnlinie von Tschechien in die Slowakei durch dieses Gebiet, die strategische Bedeutung war folglich groß. Nach statistischen Angaben von 1910 lebten in diesem Gebiet 180.000 Menschen, davon rund 70 % Polen, 18 % Tschechen und 12 % Deutsche. Folgte man Präsident Wilsons Selbstbestimmungsrecht, so hätte die Bevölkerung in einer Abstimmung entscheiden müssen, welchem Staat sie künftig angehören wollte. Die tschechische Regierung lehnte aber eine Volksbefragung strikt ab. Am 5. November 1918 wurde eine provisorische Demarkationslinie zwischen Polen und der Tschechoslowakei vereinbart. Diese verlief längs des Flusses Olsa. Beide Seiten hatten aber wenig Interesse, diese einzuhalten und erhoben weiterhin Ansprüche auf das ganze Gebiet. Für Ende Januar plante Polen Wahlen für den Sejm und bezog auch das Gebiet Teschen in die Vorbereitung der Wahl ein. Die Regierung in Prag ließ daraufhin ihre Truppen einmarschieren. Die militärische Situation hatte sich für die tschechoslowakische Regierung wesentlich verbessert, denn inzwischen waren Truppenteile der italienischen und französischen Legion eingetroffen. Die Anfangsgruppierung bestand aus 14 Bataillonen Infanterie, später trafen noch 8 Bataillone Verstärkung ein. Im Gegensatz dazu war die Situation für die polnische Armee ungünstig, im Osten war sie in schwere Kämpfe mit der Roten Armee verwickelt. Für einen ernsthaften Widerstand im Teschener Gebiet fehlten deshalb die Kräfte. Am 23. Januar 1919 begann der Krieg mit heftigen Kämpfen in Oderberg (Bohumín). In der Stadt gab es entsprechend dem vorläufigen Abkommen sowohl eine tschechische als auch eine polnische Garnison. Beide Seiten versuchten sich der gesamten Stadt zu bemächtigen, das gelang aber keiner Seite. Am 24. Januar wurden von verschiedenen Seiten Angriffe auf Freistadt (Karviná) vorgetragen, heftige Gefechte fanden um die Kohlengruben in der Umgebung statt, dabei wurde die polnische Armee von bewaffneten Bergarbeitern unterstützt. Als Hauptstoßkraft der tschechoslowakischen Armee wurden die Bataillone der italienischen Legion eingesetzt. Am 26. Januar führte ein Bataillon des 21. Legionärsregimentes das heftigste Gefecht des ganzen Krieges um den Bahnhof Žebrzydowice. Eine polnische Abteilung wurde vollständig vernichtet. Sie verlor 50 Tote, 48 Verwundete und 78 Gefangene. Am 27. Januar griff eine starke Gruppierung der tschechoslowakischen Armee die Gebietshauptstadt Teschen an. Die unterlegenen polnischen Truppen räumten kampflos die Stadt und bezogen Verteidigungsstellungen am östlichen Ufer der Weichsel. Am 27. Januar erhielt der Befehlshaber der tschechoslowakischen Gruppierung vom Verteidigungsministerium den Befehl, die Eisenbahnlinie Oderberg – Teschen – Jablunkau zu besetzen und zum westlichen Ufer der Weichsel vorzurücken. Dafür standen 20 Bataillone mit 7 Batterien Artillerie bereit. Am 30. Januar griffen die tschechoslowakischen Truppen auf breiter Front an. Bis zum Abend hatten diese ihre Ziele erreicht, obwohl die polnischen Truppen erbitterten Widerstand leisteten. Damit war das ganze Teschener Gebiet von tschechoslowakischen Truppen besetzt. Gleichzeitig bestand die Möglichkeit, in das polnische Kerngebiet einzufallen. Jetzt mischten sich aber die Siegermächte ein und zwangen die Tschechoslowakei, die Kämpfe einzustellen. Am 3. November wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Das Gebiet wurde unter internationale Aufsicht gestellt, die Truppen beider Seiten mussten abziehen. Im Juli 1920 fand eine internationale Konferenz im belgischen Spa statt, die über die Aufteilung des Gebietes entschied. Bei der Aufteilung wurde die tschechoslowakische Seite bevorzugt, was auf Druck internationaler Konzerne geschah. Trotzdem war es für die tschechoslowakische Seite ein Pyrrhussieg. Masaryk und Beneš waren von der Gier besessen, alle Gebiete in die Tschechoslowakei einzubeziehen, die ihnen die Siegermächte zustanden, um einen möglichst starken Staat zu schaffen. Der Krieg mit Polen war aber ein äußerst schwerwiegender außenpolitischer Fehler, denn er verschärfte die Spannungen mit Polen. Die Polen warfen den Tschechen vor, dass ihnen diese zu einem Zeitpunkt, als die polnische Armee in schwere Kämpfe mit der Roten Armee verwickelt war, in den Rücken gefallen waren. Zudem verübten tschechoslowakische Soldaten Gräueltaten an polnischen Kriegsgefangenen. Letztendlich war dieser Krieg eine wesentliche Ursache dafür, dass die polnische Regierung in den folgenden Jahren alle Angebote von Beneš ablehnte, eine gemeinsame Front gegen Deutschland zu bilden.
Der nächste militärische Konflikt, den die junge Tschechoslowakische Republik ausfocht, entstand, weil Ungarn sich nicht mit der Abtrennung der Slowakei abfinden wollte. Das Königreich Ungarn wurde zerschlagen, weil die Franzosen auch die Verbündeten Deutschlands entscheidend schwächen wollten. Im Waffenstillstand, der am 13. November 1918 mit dem Oberbefehlshaber der Südgruppe der französischen Streitkräfte, Armeegeneral Franchet d‘ Esperey, unterzeichnet wurde, war keine Bedingung enthalten, dass die Slowakei von ungarischen Truppen geräumt werden musste. Die ungarische Regierung betrachtete deshalb die Slowakei weiterhin als untrennbaren Bestandteil Ungarns und den Versuch tschechoslowakischer Gendarmerie und Soldaten, die staatliche Macht in der Slowakei zu sichern, als Verletzung der ungarischen Souveränität. Am 13. November vertrieb ein Bataillon ungarischer Matrosen eine tschechoslowakische Gendarmerieabteilung aus Tyrnau (Trnava) und verfolgte diese bis Senica. Aus Brünn herangeführte Verstärkungen trieben am 16. November nach erbittertem Gefecht die Ungarn zurück nach Tyrnau. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete. Bereits am 15. November hatte es ein schweres Gefecht um die Stadt Ruttek (Vrútky) am Nordrand der Großen Fatra zwischen ungarischen Truppen und tschechoslowakischen Freiwilligen gegeben, bei dem Letztere 11 Männer verloren. Am 2. Dezember griff der Oberbefehlshaber der Ententestreitkräfte, Marschall Foch, in die Angelegenheit ein. Er ließ eine Mitteilung veröffentlichen, dass die tschechoslowakische Armee Bestandteil der alliierten Streitkräfte sei und das Recht habe, die gesamte Slowakei zu besetzen. Die Grenzen der Slowakei waren im Königreich Ungarn nicht definiert. Deshalb wandte sich Beneš in Paris an den Alliierten Kriegsrat und dieser legte die zukünftigen Grenzen der Slowakei fest. Dabei verfuhr Beneš erneut nach dem Motto, so viel Territorium wie möglich einzukassieren. So kamen im Süden der Slowakei Gebiete zur Slowakei, die mehrheitlich von Ungarn bewohnt wurden. Die Einwohner wurden natürlich nicht gefragt. Daraus entstand ein noch heute existierender nationaler Hader zwischen Ungarn und Slowaken.
Beneš hatte es innerhalb weniger Wochen geschafft, dass alle Nachbarn der Tschechoslowakischen Republik zu deren Feinden wurden. Er glaubte aber, seine Gönner in Paris würden immer an seiner Seite stehen und er könne sich deshalb alles erlauben.
Vorläufig fehlten aber der tschechoslowakischen Regierung in der Slowakei die militärischen Kräfte, um den Beschluss der Alliierten durchzusetzen. Im Verlauf des November gelang es, in Prag vier Bataillone mit Freiwilligen für den Einsatz in der Slowakei aufzustellen. Hinzu kamen mehrere Hundertschaften aus Mitgliedern des Sokol. Das erste aus Prag entsandte Bataillon besetzte kampflos Trentschin (Trenčin) und Umgebung. Durch die Verlegung weiterer Kräfte wuchsen die tschechischen Truppen in der Slowakei auf fast 5.000 Mann an. Man konnte jetzt eine zweite Front eröffnen und versuchte erneut von Sillein (Žilina) aus durch das Tal zwischen Kleiner und Großer Fatra nach Osten vorzustoßen. Doch bei Ruttek wurde die tschechische Kampfgruppe erneut geschlagen. Deren Flucht endete erst in Teschen. Dort wurde sie reorganisiert und als Reserve für eine weitere Kampfgruppe eingesetzt, die erneut über Sillein angriff. In einem Gefecht am 14. und 15. Dezember wurden die Ungarn bei Ruttek vernichtend geschlagen. Ohne größeren Widerstand konnten die tschechischen Truppen bis Kaschau (Košice) vorrücken und diese Stadt am 27. Dezember einnehmen. Mit der Besetzung von Preschau (Prešov) am 28. Dezember endete der Kampf im Norden und Osten der Slowakei. Ende Dezember wurde die gesamte italienische Legion im Bestand von zwei Divisionen mit 19.500 Mann, 140 Maschinengewehren und 60 Geschützen in die Slowakei verlegt. Am 30. Dezember griff das 33. Legionärsregiment, unterstützt von einem Regiment aus Mähren, Preßburg an. Dieses wurde von zwei ungarischen Honvédregimentern (1.800 Mann), 300 Mann Gendarmerie und 500 städtischen Polizisten verteidigt. Bis zum 20. Januar besetzten mehrere Regimenter Legionäre die Randgebiete der Slowakei – den äußersten Süden bis Komárno, den äußersten Norden um Bartfeld (Bardejov) und die Karpato-Ukraine.
Damit war der Krieg aber noch nicht beendet, die innenpolitischen Ereignisse in Ungarn führten zu einer überraschenden Wende.
In Ungarn herrschten ab Anfang November 1918 ähnliche Verhältnisse wie in Deutschland. Eine Revolution hatte die alte Regierung gestürzt und die Monarchie beseitigt. Wie in Deutschland kamen die gemäßigten Sozialdemokraten an die Macht. Die Kommunisten unter ihrem Vorsitzenden Béla Kun auf der einen Seite und rechtsextreme Gruppierungen auf der anderen Seite lauerten auf ihre Chance, die Macht zu ergreifen. Béla Kun, ein Schützling Lenins, war aus dem russischen Exil gekommen und hatte die Kommunistische Partei Ungarns gegründet. Zu diesem Zeitpunkt vertrat Lenin noch die These von Karl Marx und Friedrich Engels, dass der Kommunismus nur siegen könne, wenn die Revolution in allen Hauptländern des Kapitalismus auf einmal siegen würde (Weltrevolution). Béla Kun erhielt also den Auftrag, aus Ungarn eine Räterepublik nach russischem Vorbild zu machen, als Stützpunkt des Kommunismus in Mitteleuropa. Als Nächstes sollte dann Kun die Verbindung zu den revolutionären Kräften in Deutschland herstellen. Währenddessen drangen sowjetrussische und ukrainische Truppen durch Polen und Rumänien Richtung Ungarn vor. Die Entente setzte deshalb tschechoslowakische, rumänische und serbische Truppen gegen die Armee Ungarns ein. Die Truppen der Entente besetzten bis Januar 1919 Oberungarn, Siebenbürgen und den Vajdasag. Die Entente wollte die Offensive ihrer Vasallenarmeen bis zur Besetzung ganz Ungarns fortsetzen, denn die Rote Armee Russlands hatte bereits Bessarabien und die Bukowina erreicht. Im Frühjahr 1919 gab es eine Doppelherrschaft im noch unbesetzten Teil Ungarns, formal herrschte noch die alte Regierung, aber die Kommunisten konnten in immer mehr Ortschaften Arbeiter- und Soldatenräte bilden. Am 20. März überreichte der Chef der Militärmission der Entente in Budapest, Oberstleutnant Fernand Vix, der ungarischen Regierung eine Note, in der er forderte, Ostungarn bis einschließlich Debrecen von ungarischen Truppen zu räumen. Infolgedessen trat der ungarische Ministerpräsident zurück. Die sozialdemokratischen Minister entschieden daraufhin, den Kommunisten die Beteiligung an der Macht anzubieten. Am 21. März wurde eine Regierung unter der Beteiligung der Kommunisten gebildet, Béla Kun wurde Außenminister. Eine Rote Armee in Stärke von 50.000 Mann wurde aufgestellt. Am 4. April ergriffen in München die Kommunisten die Macht und gründeten die Münchner Räterepublik. In der österreichischen Republik (Deutschösterreich) hatten die Arbeiter unter Führung der Sozialdemokraten die monarchischen Strukturen beseitigt und Arbeiterräte und Soldatenräte als Machtorgane aufgestellt. Das Land war aber in einer äußerst verzweifelten Situation, denn es war jetzt von allen Versorgungsgebieten abgeschnitten, die früher die österreichischen Gebiete versorgt hatten. Es mangelte vor allem an Kohle und Getreide. Sowohl die Tschechoslowakei als auch Ungarn konnten beides liefern. Andererseits lagerten aber die Waffenvorräte, Gewehre, Maschinengewehre und Geschütze einschließlich Munition der aufgelösten österreichisch-ungarischen Armee in ungeheuren Mengen in der österreichischen Republik. Die sozialdemokratische Führung der österreichischen Republik wollte unter keinen Umständen mit Masaryk und Beneš zusammenarbeiten, fühlte sich aber mit den ungarischen Arbeitern verbunden. Béla Kun wiederum sah sich kurz vor dem Ziel. Seine Aufgabe war es, eine territoriale Verbindung zwischen Sowjetrussland und den revolutionären Kräften in Deutschland herzustellen. Gelang es ihm dauerhaft, Preßburg zu besetzen, konnte er als nächstes Ziel die Errichtung einer kommunistischen Ordnung in Österreich anstreben und dann hatte er eine territoriale Verbindung nach Süddeutschland. Das würde auf jeden Fall zu einem neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung in ganz Deutschland führen. Der Kommunismus stand kurz vor einem bedeutenden Sieg. Die österreichischen Sozialdemokraten wollten aber keine kommunistische Herrschaft in Österreich. So betrieben diese eine Schaukelpolitik, einerseits lieferte man heimlich Waffen nach Ungarn, andererseits aber bekämpfte man auf der politischen Linie die kommunistischen Umsturzversuche. Am 7. Mai wurde die Münchner Räterepublik durch einen konzentrierten Angriff von Reichswehrtruppen und Freikorps blutig niedergeschlagen. Der Weg nach Deutschland war damit für die kommunistische Revolution versperrt. Inzwischen waren aber die tschechischen Truppen in eine schwere Krise geraten.
Die Pariser Friedenskonferenz hatte bereits Mitte Februar den tschechoslowakischen Antrag auf Bestätigung der neuen Grenzen der Slowakei positiv entschieden. Deshalb erhielt der Befehlshaber der italienischen Legion, der italienische General Piccione, den Befehl, die neuen Grenzen zu Ungarn zu sichern. Am 27. April rückte die Legion in die von ungarischen Truppen verlassenen Gebiete ein. Die Truppen der Legion machten aber nicht an der Grenze halt, sondern drangen weiter auf ungarisches Gebiet vor. Am 1. Mai besetzten sie Miskolc. Ihr Ziel war es, die rumänischen Truppen bei deren Vormarsch auf Budapest zu unterstützen. Der Versuch, auch Salgótarján zu besetzen, wurde aber zwei Mal von den ungarischen Truppen vereitelt. Parallel dazu entbrannte auch eine Schlacht um Komárno. Eine zweite Gruppierung der tschechoslowakischen Armee unter dem französischen General Hennocque kämpfte weiter östlich. Am 10. Mai griffen die Ungarn in drei Stoßrichtungen an. Die beiden Befehlshabenden französischen Generale erwiesen sich als unfähig, mit ihren Gruppierungen die ungarische Offensive abzufangen, zudem brach die Logistik der tschechoslowakischen Armee zusammen. Die Führung der ungarischen Roten Armee ging zur Gegenoffensive über mit dem Ziel, die Bahnlinie Preßburg – Sillein – Kaschau zu besetzen und damit den slowakischen Kriegsschauplatz in zwei Teile aufzuspalten. In dieser Situation drängte die alliierte Kontrollkommission in Wien die österreichische Regierung, die Waffenvorräte der österreichisch-ungarischen Armee an die Alliierten auszuliefern. Diese wollte aber auf keinen Fall, dass die Waffen in die Tschechoslowakei gelangten, und lieferte diese an Italien aus. Am 1. Juni wurde General Piccione durch den französischen General Mittelhauser ersetzt, Chef des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee wurde der französische General Pellé. Bis 1926 wurde in der Folgezeit dieser Posten von französischen Generalen besetzt. Die Ungarn hatten inzwischen fast die ganze Slowakei besetzt, im Osten bis zur ukrainischen Grenze und im Westen standen sie 60 km vor Preßburg. Am 14. Juni unternahmen die Kommunisten in Wien einen Putschversuch, der von der regierungstreuen Volkswehr niedergeschlagen wurde. Am 16. Juni wurde in Preschau die Slowakische Räterepublik ausgerufen, offensichtlich hatten die Slowaken kein allzu großes Interesse, in die Tschechoslowakei eingegliedert zu werden, denn slowakische Freiwilligenabteilungen schlossen sich der ungarischen Armee an. Am 18. Juni erreichten die ungarischen Truppen Petržalka, die Vorstadt von Preßburg am südlichen Ufer der Donau. Vom 20. bis 24. Juni fanden heftige Kämpfe um Preßburg und Neuhäusel (Nové Zámky) statt. In diplomatischen Noten forderten die Siegermächte die ungarische Räteregierung auf, ihre Truppen aus der Slowakei abzuziehen. Die ungarische Rote Armee wurde inzwischen von tschechoslowakischen, rumänischen, serbischen und französischen Truppen attackiert, insgesamt rund 150.000 Mann. Unter diesen Bedingungen erklärte die ungarische Regierung sich bereit, ihre Truppen aus der Slowakei abzuziehen. Das hatte verheerende politische Folgen. Die Bevölkerung verstand nicht, warum die erst unter Opfern erkämpften Gebiete jetzt kampflos geräumt wurden. Mehrere führende Politiker und Armeekommandeure traten zurück. Die Entente hielt die Bedingungen des Waffenstillstandes nicht ein und ließ rumänische Truppen und Einheiten der ungarischen Konterrevolution in Budapest einmarschieren. Am 30. Juli informierte Lenin, dass die russische Rote Armee der ungarischen Räterepublik nicht zu Hilfe kommen könne, denn deren Offensive war am Dnjestr gestoppt worden. Daraufhin wurde die ungarische Räteregierung gestürzt, Kun floh nach Österreich und wurde dort interniert. Es gelang ihm, nach Russland zu fliehen. 1921 nahm er an den Märzkämpfen in Deutschland teil. Zusammen mit anderen ungarischen Kommunisten wurde er im Verlauf der Säuberungen in der Sowjetunion erschossen.

Dreiachsiger Pkw des Typs Tatra bei der Erprobung (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

sMG des Typs Schwarzlose 24 bei einem Manöver der tschechoslowakischen Armee (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

sMG Schwarzlose 24 (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)
Kapitel 4
Die militärische und politische Entwicklung in der Tschechoslowakei 1919–1936
Mit der Niederschlagung der ungarischen Räterepublik endeten die Kämpfe um den Bestand der Tschechoslowakischen Republik. Diese hatte das von den Siegermächten zugesprochene Territorium erfolgreich verteidigt. Beneš wollte jetzt auch politisch für Ruhe sorgen und versprach Sudetendeutschen und Slowaken Autonomie. Die Tschechoslowakische Republik sollte eine Demokratie nach Schweizer Vorbild mit einem Kantonalsystem werden. Sudetendeutschland, Tschechien und die Slowakei sollten in Kantone eingeteilt werden, mit weitgehenden autonomen Rechten. Das waren aber leere Versprechungen, die politischen Pläne von Masaryk und Beneš waren genau entgegengesetzt. Statt eines föderalen Systems wollte man einen von Prag aus gelenkten (Pragozentrismus) tschechoslowakischen Nationalstaat schaffen. Da eine tschechoslowakische Nation aber nicht existierte, sollten unter Missachtung ihrer Rechte die Minderheiten „tschechisiert“ werden. Die Bevorzugung Prags zeigte sich schon am Wahlgesetz. Im Wahlbezirk Prag entfielen auf ein Mandat 38.699 Stimmen, in Neuhäusel (Slowakei) 57.223 und in Uschgorod (Karpato-Ukraine) 67.303. Bereits nach kurzer Zeit begann die Regierung in Prag mit einer antisudetendeutschen und antislowakischen Politik. In der ganzen Republik wurde Tschechisch als alleinige Amtssprache eingeführt, Beamte mussten eine Sprachprüfung ablegen, womit Nichttschechen aus den Ämtern vertrieben wurden. Viele deutschsprachige Schulen wurden geschlossen und die Lehrer entlassen, innerhalb von fünf Jahren wurden 4.000 deutsche Klassen aufgelassen. Die deutschen Hochschulen erhielten weniger finanzielle Mittel als die tschechischen. Die deutsche Wirtschaft wurde in vielen Bereichen benachteiligt, die Selbstverwaltung der deutschen Gemeinden beschnitten. Dadurch stieg die Zahl der tschechischen Einwohner in Sudetendeutschland, die deutsche Bevölkerung verminderte sich. Viele Deutsche gingen nach Deutschland, weil sie in Tschechien keine Arbeit mehr fanden. Ziel war es, die deutschen Siedlungsgebiete innerhalb von 20–25 Jahren so weit mit Tschechen zu durchsetzen, dass diese sich in der Mehrheit befanden. Ein besonderer Krieg wurde gegen die sudetendeutsche Industrie geführt. Die tschechischen Schwerindustriebetriebe wurden durch Rüstungsaufträge gefördert. Die tschechischen Städte erhielten großzügige Subventionen, während die in Händen der Sudetendeutschen befindlichen Werke in Nordböhmen der Braunkohle-, Textil-, Glas- und Porzellanindustrie verkümmerten. Die Wirtschaftspolitik der tschechoslowakischen Regierung begünstigte die tschechischen Gebiete einseitig, die sudetendeutschen und auch die slowakischen Gebiete wurden wie Kolonialgebiete behandelt. Aus diesen wurde das Höchstmögliche an Steuern herausgeholt, investiert wurde nur, wenn sich tschechische Betriebe mit tschechischen Arbeitern und Angestellten in diesen Gebieten niederließen. Der größte Schlag gegen die Sudetendeutschen war aber die schrittweise Einschränkung der Selbstverwaltung der Gemeinden und Bezirke. Das war eine aus dem alten Österreich übernommene Verwaltungsstruktur, die in etwa dem heutigen deutschen Föderalismus entsprach. Grundlage der Selbstverwaltung bildete die Verfügungsgewalt der Selbstverwaltungsorgane über einen Teil der von ihnen erzielten Einnahmen an Steuern und Gebühren. Dadurch war es den Gemeinden und Bezirken möglich, durch Vergabe öffentlicher Arbeiten sowie durch sozialpolitische Maßnahmen den sozialen Standard ihrer Einwohner zu heben. Die sudetendeutschen Gebiete zeichneten sich durch einen starken Mittelstand aus, der stets ein Garant guter Steuereinnahmen war. Diese Selbstverwaltung wurde durch den Staat immer weiter eingeschränkt, besonders mit Hilfe der Verwaltungsreform 1927/28. Trotzdem unterstützte die Mehrheit der deutschen Bevölkerung anfangs die Prager Regierung, es war also der Wille zum Zusammenleben durchaus vorhanden.
Die tschechoslowakische Regierung verstieß mit ihrer Politik gegen internationale Verpflichtungen, die sie selbst eingegangen war, hatte sie doch 1922 das internationale Abkommen zum Schutz der Minderheiten unterzeichnet. Die sudetendeutschen Abgeordneten versuchten natürlich Änderungen dieser Politik zu erreichen, wurden aber im Parlament immer von der tschechischen Mehrheit überstimmt. Sie richteten bis 1938 insgesamt 24 Eingaben an den Völkerbund in Genf, davon wurde nicht eine beantwortet. Das war dem persönlichen Einfluss von Beneš zu verdanken, dieser galt als treuester Verbündeter Frankreichs und hatte großen Einfluss in Genf. Diese Politik führte zu einem ständigen Wählerschwund bei den sudetendeutschen Parteien, die den tschechoslowakischen Staat bejahten. Im Jahr 1935 kam es zu einem Erdrutschsieg der neu gegründeten Sudetendeutschen Partei unter Konrad Henlein. Inzwischen hatte sich auch in Deutschland die Situation grundlegend geändert. Hitler löste Deutschland Schritt für Schritt aus den Fesseln des Versailler Vertrages und begann Deutschland wieder aufzurüsten. Er erklärte sich zum Schutzpatron aller deutschen Minderheiten im Ausland. Damit hatten jetzt die Sudetendeutschen den internationalen Rückhalt, den ihnen der Völkerbund nicht geben wollte. Die permanente Krise der Sudetendeutschen im tschechischen Staat wurde damit zu einer internationalen Krise. Bis zum Jahr 1938 verdichteten sich die internationalen Probleme zu einer Krise und genau wie 1914 stand ein Krieg vor der Tür, der Waffenstillstand war zu Ende. In Spanien, China und in Nordafrika sprachen bereits die Waffen.
Entsprechend dem Diktat von Versailles musste Deutschland seine Streitkräfte auf 7 Infanterie- und 3 Kavalleriedivisionen abrüsten. Diese Streitkräfte wurden fortan als „Reichswehr“ oder auch „100.000-Mann-Heer“ bezeichnet, weil die Reichswehr nur einen Personalbestand von 102.000 Mann mit 1926 Maschinengewehren und 252 Feldgeschützen haben durfte. Gepanzerte Fahrzeuge und Kampfflugzeuge waren verboten. Eine alliierte Kontrollkommission überwachte die Einhaltung dieser Bestimmungen. Obwohl die Reichswehrführung mit Unterstützung industrieller Kreise diese Entwicklung zu unterlaufen versuchte, und zwar durch Aufstellung der sogenannten Schwarzen Reichswehr, durch Verstecken von Waffen und Munitionsbeständen, die das erlaubte Limit überschritten und durch geheime Waffenentwicklungen in Spanien und Sowjetrussland, lag Deutschland militärisch am Boden und war von Feinden umgeben, mit Ausnahme von Österreich. Die Tschechoslowakei hingegen konnte ungehindert aufrüsten und eine hochmoderne Armee aufbauen. Dabei konnte sich die tschechoslowakische Regierung auf drei Säulen stützen: kampferprobte Truppen in Form der tschechoslowakischen Legionen in Stärke von ca. 100.000 Mann, die zweitgrößte (nach Frankreich) Rüstungsindustrie Europas und eine intensive Ausbildungshilfe durch die französische Armee.
Für das Verständnis der weiteren Entwicklung ist es notwendig, sich mit diesen Ausgangsfaktoren näher zu beschäftigen.
Die Aufstellung der Tschechoslowakischen Legion war der genialste Schachzug von Masaryk und Beneš. Die österreichisch-ungarische Armee wies im 1. Weltkrieg Führungsschwächen auf, wie es bei multinationalen Armeen häufig der Fall war. Deshalb machte die russische Armee bei Gegenoffensiven unverhältnismäßig viele Gefangene. Masaryk schlug deshalb den Alliierten vor, aus Kriegsgefangenen Kampfverbände aufzustellen, die an der Seite der Alliierten kämpfen sollten. Das war ein klarer Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht. Trotzdem stimmten die Alliierten zu und so wurden in Frankreich Verbände in Stärke von ca 7.000 Mann und in Italien von 20.000 Mann aufgestellt. Im 1. Weltkrieg kamen diese nicht mehr zum Einsatz, nahmen aber an den Kämpfen gegen Polen und Ungarn teil.
Die bedeutendste Kräftegruppierung bildeten die militärischen Kräfte der Tschechoslowakischen Legion in Russland. Im Jahr 1917 hatten diese die Stärke eines Armeekorps von 35.000 Mann erreicht. Bis zum Beginn des Abtransportes war es im Raum Kiew stationiert. Als die deutschen Truppen sich Kiew näherten, unterstützte das tschechoslowakische Armeekorps die bewaffneten Kräfte der Bolschewiken in mehreren Gefechten gegen die deutsche Armee. In Abstimmung mit der französischen Regierung sollte das Armeekorps nach Frankreich an die Westfront transportiert werden, um dort gegen die deutsche Armee eingesetzt zu werden. Das nach der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland entstandene Chaos brachte das tschechoslowakische Armeekorps in eine immer schwierigere Lage. Am 7. Februar 1918 erklärte Masaryk das Armeekorps als Teil der tschechoslowakischen Armee in Frankreich, gleichzeitig versuchte er den Abtransport nach Frankreich zu organisieren. Masaryk wollte nicht, dass das Armeekorps in die zu erwartenden innerrussischen Kämpfe hineingezogen würde.
Ein direkter Eisenbahntransport Richtung Westen hätte durch das Gebiet der Mittelmächte geführt und kam deshalb nicht in Frage. Damit blieben noch zwei Möglichkeiten: nach Norden zum Hafen Archangelsk und weiter im Schiffstransport oder nach Osten über die Transsibirische Eisenbahn nach Wladiwostok und dann ebenfalls weiter mit dem Schiff. Der Schiffstransport über Archangelsk war durch deutsche U-Boote bedroht, so blieb nur der lange und gefährliche Weg durch Sibirien.
Am 1. März 1918 begann der Abtransport der Tschechoslowakischen Legion. Die tschechoslowakischen Historiker bezeichneten diesen monatelangen Transport als „Anabasis“ (nach dem Zug der jüdischen Stämme aus Ägypten unter Moses). Das rollende Material hatte man selbst requiriert, darüber hinaus hatte man sich aus den russischen Armeelagern bestens mit Waffen, Munition und Verpflegung eingedeckt. Für Monate löste sich damit die Struktur der Legion, bestehend aus Divisionen und Regimentern, auf. An deren Stelle trat der „Echelon“ (russ.: Zug), der in der Regel ein Bataillon mit Waffen und Vorräten aufnahm.
Vom 9. bis 13. März kam es bei Bachmatsch zu Kämpfen mit deutschen Truppen, die den Transport der Legion nach Osten verhindern wollten. Die tschechoslowakischen Truppen konnten aber die Eisenbahnverbindungen nach Osten offen halten. Trotz des allgemeinen Chaos in der Ukraine und in Russland funktionierten die Eisenbahnen gut. Am 15. März erreichten die ersten Züge in Kursk die Grenze zwischen der Ukraine und Sowjetrussland und es kam zum ersten Konflikt. Der Bolschewistenführer Südrusslands, Antonow-Owsejenko, verlangte für die Genehmigung zur Weiterfahrt nach Sibirien die Ablieferung von Kanonen, Gewehren, Automobilen und Pferden. Die Legion hatte keine Wahl und musste einen Teil ihrer Waffen und Ausrüstung abliefern. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete die sowjetrussische Regierung mit äußerster Kraft an der Schaffung einer regulären Roten Armee auf der Basis der allgemeinen Wehrpflicht. Dazu wurden Soldaten und Waffen benötigt. Auf Befehl Lenins sollte alles Mögliche getan werden, um die Legionäre zum Eintritt in die Rote Armee zu bewegen. Alle tschechischen Züge mussten Pensa passieren, dort hatte die sowjetrussische Regierung die tschechischen Internationalisten zusammengezogen, um für den Übertritt in die Rote Armee zu agitieren. Als Internationalisten wurden zu dieser Zeit alle Staatsangehörigen fremder Staaten bezeichnet, die für die Bolschewisten tätig waren. Zu den tschechischen Internationalisten zählte auch der später weltberühmte Schriftsteller Jaroslav Hasek („Der brave Soldat Schwejk“). Dieser war ein begnadeter Schriftsteller, aber ein Mensch ohne feste Orientierung. Zuerst Angehöriger der tschechischen Legion trat er später zur Roten Armee über und kämpfte in deren Reihen. Als das Ergebnis der Agitation unbefriedigend ausfiel, stoppte die sowjetische Regierung trotz der Zusicherung Lenins, dem Transport nach Wladiwostok stünde nichts im Wege, die Weiterfahrt der Züge. Dann aber begründete man das Zurückhalten der Züge mit der Begründung, die Legion könnte sich mit der sibirischen Konterrevolution verbünden. Gleichzeitig kam aus Moskau der Befehl, die Legion zu entwaffnen. Dem Sowjet von Pensa standen aber dafür keine Kräfte zur Verfügung, andererseits jedoch befand sich die Tschechoslowakische Legion weit auseinandergezogen auf der Eisenbahnstrecke von Pensa bis Kiew und konnte somit nicht die Weiterfahrt mit Waffengewalt erzwingen, also einigte man sich auf einen Kompromiss. Die sowjetische Regierung garantierte den Weitertransport gegen die Ablieferung eines Großteils der Waffen der Legion. Dieser wurde zur Selbstverteidigung gestattet, je Kompanie 84 Gewehre und ein Maschinengewehr zu behalten. Die Geschütze sollten vollständig abgeliefert werden. Die offiziellen Vertreter der Legion stimmten dem Kompromiss zu, die Truppen in den Zügen aber versteckten eine große Anzahl von Waffen in den Waggons.
Im Mai kamen die ersten 12 Züge mit 12.000–14.000 Legionären in Wladiwostok an. Im gleichen Zeitraum verschärfte sich aber die Lage für die Legion weiter. Das war einerseits durch die sich zuspitzende militärische Lage und andererseits durch interne Probleme bedingt. Die militärische Lage verschärfte sich für die Sowjets, weil englische und japanische Truppen Wladiwostok besetzt hatten und damit den Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Interne Probleme mit den Sowjets entstanden für die Legion, als einige kommunistische Tschechen aus der Legion austraten und den Sowjet von Pensa über die versteckten Waffen informierten. Im Ergebnis der Lage hielten die örtlichen Sowjets immer häufiger die Züge auf und verlangten gegen Lokomotivgestellung und Lebensmittel Waffen. Die immer von Neuem beginnenden Verhandlungen und die dadurch bedingten Verzögerungen der Züge führten zu einem steigenden Misstrauen der Legionäre gegenüber den Sowjetbehörden. Am 25., 26. und 27. Mai 1918 überfielen Truppen örtlicher Sowjets tschechische Züge, um Waffen zu erbeuten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Züge in vier Gruppen auseinandergezogen: bei Penza, Tscheljabinsk, zwischen Ural und Irkutsk und in Wladiwostok.
Bereits Ende April 1918 hatten sich Kommandeure der Legion in Tscheljabinsk zu einem Kongress getroffen und einen Aufstand vorbereitet. Der Plan sah vor, sich der Transsib vom Ural bis nach Irkutsk zu bemächtigen, um den ungehinderten Transport der Legion zu ermöglichen. Führende Köpfe des Aufstandes waren die Regimentskommandeure Čeček, Vojtechovsky und Gajda. Diese wurden jeweils zum Kommandeur einer Kampfgruppe aus mehreren Zügen ernannt, alle drei Kampfgruppen zusammen zählten 20.500 Mann. Im Aufstandsgebiet befanden sich mehrere Tausend untauglicher Rotgardisten und 6.000–7.000 kommunistische Internationalisten. Die 14.000 Mann starke Gruppe in Wladiwostok war in den Aufstandsplan nicht einbezogen und griff erst später ein. Der Aufstand sollte beginnen, wenn die örtlichen Sowjets versuchen würden, Züge vollständig zu entwaffnen. Als am 25. Mai der örtliche Sowjet auf der Station Marianówka einen tschechischen Zug angriff, schlug die westlich von Irkutsk auf der Transsib stehende Gruppe Gajda los. Noch am 25. Mai wurden Station und Stadt Mariinsk genommen, die dort stehenden Truppen des Sowjets zerschlagen und der Sowjet gefangen genommen. Eine von Gajda geführte Kampfgruppe nahm in der Nacht zum 26. Mai Novosibirsk. Damit war sowohl die Bahn- als auch die Telegrafenverbindung von Moskau nach Fernost unterbrochen. Bis zum 4. Juni wurden wichtige Stationen bis Tomsk von Gajdas Truppen besetzt. Damit war das Überraschungsmoment für Gajdas Gruppe erschöpft und die Bolschewisten begannen hartnäckigen Widerstand zu leisten. Die wichtigsten Städte in diesem Gebiet, Irkutsk, Krasnojarsk und Omsk, waren noch in ihrer Hand. Gajdas Strategie sah unter diesen Umständen als vorrangigste Aufgabe die Vereinigung mit den anderen beiden Gruppen. Am 6. Juni schlug er die Omsker Gruppierung der Roten Garde bei Marianówka vernichtend. Gleichzeitig griff ein Regiment der Mittelgruppe, unterstützt durch 2.000 Kosaken, Omsk im Rücken an. Der Sowjet und etwa 3.000 Rotgardisten flohen auf der Irtyschflotille nach Tobolsk. Bei Tatarsk wurde die Verbindung zwischen Gajdas Gruppe und der Mittelgruppe hergestellt. Anschließend besetzte eine Kampfgruppe die nach Süden führende Zweigbahn.
Am 21. Juni begannen die Kämpfe um Irkutsk. Dabei wurden Gajdas Truppen von einem weißgardistischen russischen Korps unterstützt. Nachdem die bolschewistischen Truppen in der Umgebung von Irkutsk mehrfach geschlagen worden waren, räumten sie am 11. Juli Irkutsk kampflos, beim Rückzug sprengten sie die Brücken über die Angara und den Irkut. Die tschechische Legion bildete aus Kriegsgefangenen Kriegsgefangenen-Baukompanien zur Wiederherstellung der Eisenbahnbrücken, diese wurden als ständige Einrichtung beibehalten. Durch die Besetzung von Irkutsk konnte die tschechische Legion den Anschluss an die in der Mandschurei kämpfenden Truppen des Atamans Semenov herstellen.
Die 8.000 Mann starke, von Vojtechovski geführte Mittelgruppe konnte am 27. Mai den wichtigen Eisenbahnknoten Tscheljabinsk besetzen und am 31. Mai Petropawlowsk. Dann war auch bei ihr das Überraschungsmoment erschöpft und hartnäckige Kämpfe begannen. Vorerst musste ein großer Teil der Mittelgruppe im Kampf gegen Omsk eingesetzt werden, die übrigen Kräfte setzte Vojtechovski zur Sicherung von Tscheljabinsk nach Norden und Süden ein. Eine Kampfgruppe unter Syrový besetzte die nördlich von Tscheljabinsk über den Ural verlaufende Zweigbahn Perm – Jekaterinburg – Omsk. Damit war ausgeschlossen, dass Truppen aus Zentralrussland den Tschechen in die Flanke fallen konnten. Im Süden verbündete man sich mit dem Kosakenataman Dutow, dessen Kräfte nördlich von Troizk konzentriert waren und akut durch eine Gruppierung von Rotgardisten und Internationalisten bedroht wurden. In einer gemeinsamen Operation wurde am 18. Juni Troizk eingenommen. Nachdem Troizk genommen war, kam es zu einem Massaker, in dessen Verlauf alle Internationalisten, unbeteiligte deutsche und ungarische Kriegsgefangene sowie die jüdische Einwohnerschaft erschossen wurden.
Ende Mai standen die Transportzüge der westlichen Gruppe unter General Čeček noch weit zurück bei Penza. Damit befand sich diese Gruppe, die aus drei Regimentern und Artillerie bestand, in einer sehr gefährdeten Lage, denn in diesem Gebiet befanden sich starke bolschewistische Zentren wie Pensa und Samara. Diese Bahnstationen waren durch ein Bahnnetz mit Saratow, Jekaterinburg und anderen Sammelpunkten der Roten Armee verbunden. Die Rote Armee hätte folglich manövrieren und Reserven per Bahn heranziehen können. Man überließ aber den Tschechen die Initiative. Die Pensaer Gruppe eroberte am 29. Mai Pensa und Sysran und am 30. Mai besetzte sie eine Brücke über die Wolga. Sie wollte so schnell wie möglich nach Osten, um sich mit der sibirischen Gruppe zu vereinigen. Am 28. Juni erreichte die Gruppe Samara. Vor dem weiteren Vormarsch Richtung Ufa sicherte sie ihre südliche Flanke gegen Bedrohung von der Orenburger Eisenbahnlinie aus durch ein blutiges Gefecht bei Busuluk (23 Jahre später wurden dort die tschechoslowakischen Streitkräfte in der UdSSR aufgestellt). Am 4. Juli wurde Ufa besetzt und am 25. Juni vereinigte sich die Pensaer Gruppe mit der Tscheljabinsker Gruppe. Im besetzten Gebiet errichtete die Tschechoslowakische Legion russische demokratische Verwaltungsorgane. Sie nahm auch Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaft. Die Ordnung auf den Eisenbahnlinien, in Lagern und Werkstätten übernahmen tschechoslowakische Organe. Aus befreiten Kriegsgefangenen wurden tschechoslowakische, jugoslawische, rumänische, italienische und lettische Einheiten aufgestellt. Am 29. Juni 1918 besetzte die Wladiwostoker Gruppierung Wladiwostok. Am 6. Juli waren alle tschechoslowakischen Einheiten vom westlichen Baikalsee bis Wladiwostok vereint. Am Ufer des Baikalsees wurde eine 5.000 Mann starke Kampfgruppe entfaltet, bestens ausgerüstet mit Waffen aus dem erbeuteten Irkutsker Arsenal.
In dieser Situation gab der tschechische Nationalrat auf Betreiben der Entente den Befehl, die Einheiten umzudrehen, um an Wolga und Ural eine durchgehende Front zu bilden, weil die deutschen Truppen nach Rostow am Don durchgebrochen waren. Nur die Wladiwostoker Gruppe verblieb im Osten. Sie besetzte die Transsib bis zur mandschurischen Grenze, am Ussuri wurden zur besseren Verbindung mit der sibirischen Gruppe auch Teile der Mandschurei besetzt, also chinesisches Territorium.
Im Oktober wurden die tschechoslowakischen Truppen und die verbündeten Weißen in drei Armeegruppen geteilt: Jekaterinburg unter Kapitän Gajda, Sibirien unter General Ljubow und Wolga unter General Čeček. Oberbefehlshaber der Front wurde General Syrový (später Generalsstabschef der tschechoslowakischen Armee und 1938 Ministerpräsident der Tschechoslowakei). Der Front wurden drei japanische Divisionen, eine US-amerikanische Division, eine britische Brigade und die russische Armee „Ural“ unterstellt. Damit war die Tschechoslowakische Legion zu einer bedeutenden militärischen Kraft geworden. Mit Sicherheit verstärkte das auch die Position von Präsident Masaryk bei den Verhandlungen mit der Entente. Die Legion befand sich auch in einer hervorragenden geostrategischen Position, weil sie die Lebensader Sibiriens, die Transsib, kontrollierte.
Die deutschen Truppen konnten aber nicht über den Don weiter Richtung Osten vordringen und mit dem Ende des 1. Weltkrieges im November 1918 endete die deutsche Bedrohung. Die Legion war inzwischen in den Kampf gegen die Rote Armee einbezogen. Ende 1918 besuchte der Verteidigungsminister der tschechoslowakischen Regierung, General Milan Rastislav Štefánik, die Legion in Sibirien. Die aus drei Divisionen bestehende tschechoslowakische Armee erhielt die Aufgabe, als Teil der verbündeten Truppen der Entente die Transsib von der Wolga bis zum Baikalsee zu sichern. Damit wurden die tschechischen Truppen aus der Front gegen die Rote Armee abgezogen und entfalteten sich mit ihren Zügen im befohlenen Abschnitt. In Sibirien hatte sich inzwischen die politische und militärische Situation bedeutend verschärft, die falsche Politik des von der Entente unterstützten „Regenten“ Admiral Koltschak führte zu einem allgemeinen Aufstand und überall bildeten sich Partisanengruppen, die die Bahnverbindungen akut bedrohten. Am 14. März 1919 verhängte Koltschak über die gesamte Transsib das Kriegsrecht. Die Tschechen erhielten die Aufgabe, einen Streifen von 10 km beiderseits der Bahn zu sichern. Dabei gingen diese mit äußerster Härte gegen die Aufständischen und die Zivilbevölkerung vor und verloren dadurch bald die Sympathie der einheimischen Bevölkerung. Am 27. März befahl der russische General Rosanow allen im Aufstandsgebiet operierenden Truppen die Erschießung von zivilen Geiseln und das Niederbrennen von partisanenverdächtigen Ortschaften. Im Mai und Juni führte die tschechoslowakische Armee, die durch Freiwillige aus Rumänien, Polen und Serbien verstärkt war, mehrere Großaktionen gegen Partisanen außerhalb der 10-km-Zone durch. Dadurch trat eine relative Befriedung des Gebietes an der Bahn ein. Die Aktionen der Partisanenbekämpfung verbanden die Tschechen mit Raub- und Beutezügen. Die Führung der Legion hatte den Plan, einen Fond zu schaffen, um die Mittel zur Bezahlung der Schiffspassage nach Hause zu erhalten. Deshalb wurde den Truppen befohlen, alles Gold und alle Wertgegenstände, die bei der einheimischen Bevölkerung und den Angehörigen der Roten Garde gefunden wurden, „ohne überflüssige Formalitäten“ zu konfiszieren und an den Stab abzuführen. Von diesen Möglichkeiten wurde reichlich Gebrauch gemacht, wobei die Legionäre auch vieles in der eigenen Tasche verschwinden ließen. Diese Art der Kriegsführung demoralisierte aber auch die beste Truppe. Darüber hinaus führte die Bildung eines selbstständigen tschechoslowakischen Staates zu der Meinung, dass der Aufenthalt der Legion in Sibirien seinen Sinn verloren habe. Der Abtransport der Legion nach Hause war aber mangels Schiffsraum nicht möglich. Außerdem benutzte die Entente die Anwesenheit der Legion und die damit verbundene Besetzung der Transsib als Trumpf in den Friedensverhandlungen zur offiziellen Beendigung des 1. Weltkrieges. Im Sommer 1919 verschärfte sich die Lage der Koltschaktruppen, die reorganisierte Rote Armee trieb deren Truppen immer weiter nach Osten, während der Partisanenkrieg in Sibirien in einen allgemeinen Volksaufstand hinüberwuchs. In dieser Situation wollte die Führung der Ententetruppen die tschechischen Divisionen erneut an der Front einsetzen, die Soldaten weigerten sich aber und es kam zu mehreren Meutereien. Am 21. November 1919 erreichte die Rote Armee Omsk, die Hauptstadt des Koltschakimperiums. Damit begann eine wilde Flucht der zerschlagenen weißen Truppen und ihrer zivilen Anhänger über 3.000 km bis zum Baikalsee. Die tschechische Legion verlegte mit ihren eigenen Zügen zurück und wurde deshalb nicht in das Chaos der wilden Flucht hineingezogen. Dabei waren allerdings die Truppen der Roten Armee der Legion stets auf den Fersen, weil die Durchlassfähigkeit der Strecke nur gering war. Den Rückzug der Legion deckten polnische und rumänische Truppen, die dabei schwere Verluste erlitten. Am 1. März 1920 verließ der letzte tschechische Zug Irkutsk. An diesem Tag wurde auch ein Vorgang formal abgeschlossen, der die Historiker bis heute beschäftigt: Die Legion übergab einer Kommission der bolschewistischen Regierung Sibiriens den Staatsschatz Russlands, das sogenannte Zarengold. Eine Sondereinheit der Legion hatte den Zug nach dem Zusammenbruch der Koltschakregierung bewacht. Später behaupteten Historiker, die Legion hätte einen Teil des Goldes geraubt und damit den Grundstein der Legionärsbank gelegt.
Am 9. Dezember 1919 begann der offizielle Abtransport der Tschechoslowakischen Legion von Wladiwostok. Damit endete eine in der Militärgeschichte einmalige Episode der Kriegsführung.
Die Tschechoslowakische Legion, insbesondere der russische Teil, nahm einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Armee der 1. Republik. Vor dem 1. Weltkrieg waren viele Tschechen der Idee des Panslawismus gefolgt. Diese bezeichnete alle Slawen als Brüder. Das förderte die Aufstellung der Legion in Russland. Dann zeigte sich aber, dass diese Idee ein Irrweg war. Russen und Tschechen waren weiter auseinander als z. B. Tschechen und Deutsche. Diese Idee löste sich also unter der direkten Konfrontation beider Völker in Rauch auf. Die Angehörigen der Legion hatten sich zwei Jahre erfolgreich in einer fremden und feindlichen Umwelt behauptet. Das hatte zu einem starken tschechischen Nationalbewusstsein geführt. Das zweite Ergebnis des Lebens in Russland war, dass alle Angehörigen der Legion antikommunistisch eingestellt waren. Sie hatten ihre Entscheidung fürs Leben getroffen. Wer kommunistisch war, konnte schon im Kriegsgefangenenlager auf die Seite der Bolschewiken treten. In der Folgezeit besetzten die Angehörigen der Legion alle Führungsfunktionen in der tschechoslowakischen Armee. Legionäre, die nicht weiter in bewaffneten Organen dienen wollten, hatten einen gesetzlich gesicherten Anspruch, bei Vergabe staatlicher und gemeindlicher Arbeitsplätze vorrangig berücksichtigt zu werden. Legionäre waren die privilegierte Schicht in der Tschechoslowakei.
Die Tschechoslowakei erbte von Österreich-Ungarn 13 Flugzeugfabriken, 6 Produktionsstätten für Geschütze, 8 für Gewehre und Maschinengewehre, 6 für Granaten, sieben für Panzer und Kraftwagen sowie 6 für Giftgas. Die tschechoslowakische Rüstungsindustrie wurde durch Werke wie Skoda Pilsen, Waffenwerke Brünn (Zbrojovka Brno) und Strakonice (Česka Zbrojovka) geprägt. Skoda Pilsen stellte schon für die österreichisch-ungarische Armee Geschütze im Kaliber von 7,5 cm bis 42 cm her, in den 30er Jahren kamen zu den Geschützen noch Panzer hinzu. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages musste die Firma Mauser in Oberndorf ihre Produktion einstellen. Die Tschechoslowakei kaufte Maschinen und Ausrüstungen samt Ingenieuren und Technikern und baute auf dieser Grundlage die Waffenwerke in Brünn und Strakonice auf. Das Werk in Brünn stellte mit dem leichten Maschinengewehr ZB 26, das auch in England unter der Lizenzbezeichnung BREN (Brünn-Enfield) produziert wurde, eines der besten leichten Maschinengewehre aller Zeiten her. Dieses leichte MG wurde in der Rekordstückzahl von 145.000 Stück produziert und ist gegenwärtig immer noch in vielen Armeen im Einsatz. In Strakonice entwickelte man die Selbstladepistole ZB 26, von der bis Ende des 2. Weltkrieges 620.000 Stück produziert wurden. Bereits in der Zeit der Monarchie entwickelte sich auf dem tschechoslowakischen Gebiet eine moderne Flugzeugindustrie. Mitte der 30er Jahre hatten die tschechoslowakischen Flugzeuge die gleichen technischen Parameter wie die deutschen Flugzeuge. Insgesamt zählten in den 30er Jahren über 100 Werke zur tschechoslowakischen Rüstungsindustrie. Diese zeichnete sich durch hohen technischen und technologischen Standard und höchste Qualität der Erzeugnisse aus, die in die ganze Welt verkauft und in nahezu allen bewaffneten Konflikten des vorigen Jahrhunderts eingesetzt wurden. Natürlich wurde auch der Bedarf der tschechoslowakischen Armee durch die einheimische Rüstungsindustrie gedeckt.
Ein weiterer geschickter Schachzug von Beneš war, dass die französische Regierung auf sein Betreiben hin den Beschluss fasste, eine Militärmission in die Tschechoslowakei zu entsenden. Diese traf am 13. Februar 1919 in Prag ein, ihr erster Chef war General Maurice Pellé. Der Chef der französischen Militärmission in der Tschechoslowakei wurde automatisch auch Chef des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee und somit deren ranghöchster Offizier. Damit wurde faktisch die tschechoslowakische Armee der französischen Armee unterstellt. Die Aufgabe der französischen Militärmission war es, die tschechoslowakische Armee zu organisieren und auszubilden. Als besonders schwierige Aufgabe erwies sich die Zusammenfügung der Legionäre mit den in der Heimat verbliebenen Angehörigen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee zu einer einheitlichen Armee. Dieser Prozess dauerte bis 1922. Aufgrund ihrer in Russland erworbenen Kampferfahrung wurden aber die Legionäre zur führenden Schicht in der Armee. Ein weiteres Problem in dieser Zeit ergab sich aus der Diskussion, ob der zukünftige tschechoslowakische Staat eine Milizarmee aufstellen sollte oder eine reguläre Armee aus Berufssoldaten und Wehrpflichtigen. Der damalige Verteidigungsminister Klofáč und Teile der tschechoslowakischen Öffentlichkeit präferierten eine Milizarmee. Das entsprach aber nicht den Ambitionen von Beneš, der die Tschechoslowakei zum Juniorpartner Frankreichs und zu einer regionalen Ordnungsmacht entwickeln wollte. Dazu benötigte er eine starke Armee. Dabei wurde er von den Franzosen unterstützt. Im Jahr 1920 wurde der Friedensbestand der Armee auf 150.000 Mann festgelegt, diese war damit 50.000 Mann stärker als die deutsche Reichswehr. Da die tschechoslowakische Armee aber hinsichtlich des Bestandes an schweren Waffen keinen Einschränkungen unterworfen war, war die Kampfkraft ihrer Truppen insgesamt wesentlich höher als die der Reichswehr.
Von 1921–1926 führte General Eugene Desiré Antoine Mittelhauser die französische Militärmission in der Tschechoslowakei und den Hauptstab der tschechoslowakischen Armee. Am 1. Januar 1926 wurde die tschechoslowakische Armee in die Selbstständigkeit entlassen. Die Militärmission wurde in eine Beratergruppe umgewandelt und an die Spitze des Hauptstabes traten tschechoslowakische Offiziere, der Erste dieser Offiziere war General Jan Syrový.
Die Entwicklung der tschechoslowakischen Armee in dieser Periode entsprach keineswegs den Prinzipien, die am 18. Oktober 1918 in Washington von Masaryk verkündet worden waren. Die Streitkräfte sollten in Form einer Miliz organisiert werden. Als man im Jahr 1920 an den Aufbau der Streitkräfte ging, konnten sich die Anhänger dieser Idee nicht durchsetzen und man baute die tschechoslowakische Armee aus Wehrpflichtigen und Berufssoldaten auf. Inzwischen hegte man in Prag sogar Großmachtpläne. Beneš griff eine alte Idee aus dem Jahr 1848 auf, die neoslawistische Politiker vertraten. Durch Anschluss westungarischer Gebiete an die Tschechoslowakei und südwestungarischer Gebiete an Jugoslawien sollte eine Verbindung zwischen Tschechen und Jugo(Süd)slawen geschaffen werden. Dadurch wäre eine von Slawen besiedelte Barriere entstanden, um Österreich von Ungarn zu trennen und auch die deutschen Siedlungsgebiete in Mitteleuropa von jenen in Südosteuropa. Beneš legte der Pariser Friedenskonferenz eine Denkschrift mit diesem Plan vor und behauptete in dieser, die fragliche Region sei zu 25–30 % von Slawen besiedelt. In Wirklichkeit lebten dort 220.000 Slawen, 660.000 Ungarn und 290.000 Deutsche, also nur 18 % Slawen. Der Nebeneffekt war, dass damit die Tschechoslowakei über Jugoslawien einen Zugang zum Meer erhalten hätte. Der Antrag von Beneš an die Friedenskonferenz ist aber auch ein Beweis dafür, dass Beneš’ antideutsche Politik keineswegs erst nach der Okkupation der Tschechoslowakei aufkam. Italien hatte aufgrund seiner Differenzen mit Jugoslawien kein Interesse an diesem Plan und verhinderte die Zustimmung der Friedenskonferenz zu diesem Plan. Im September 1920 wurde ein Militärabkommen mit Jugoslawien geschlossen und im April 1921 mit Rumänien. Dieses Dreier-Militärbündnis wurde allgemein als „Kleine Entente“ bezeichnet. Beneš hatte den persönlichen Ehrgeiz, in diesem Bündnis tonangebender Politiker zu sein. Das Militärbündnis richtete sich in erster Linie gegen Ungarn, das damit als Bündnispartner für Deutschland neutralisiert werden sollte.
Diese ehrgeizigen Pläne verlangten eine angemessene Armee. Im Wehrgesetz vom 14. Februar 1920 wurde eine Wehrdienstpflicht von 14 Monaten eingeführt. Die Organisation der Armee gliederte sich in 4 Militärbezirke, 12 Divisionen, 48 Infanterieregimenter, 4 Regimenter Gebirgstruppen, 10 Kavallerieregimenter, 10 Bataillone Grenztruppen, 16 Regimenter leichte Artillerie, 14 Regimenter mittlere Artillerie, 5 Regimenter schwere Artillerie und 3 Fliegerregimenter. Dazu kamen die erforderlichen Sicherstellungskräfte wie Pioniere, Nachrichteneinheiten und Versorgungseinheiten. Die Umgliederung der Armee begann im Herbst 1920, nachdem die ersten Wehrpflichtigen eingerückt und die letzten Transporte der Legion aus Russland zurück in die Heimat gekommen waren. Nach der Umgliederung war die tschechoslowakische Armee der deutschen Reichswehr weit überlegen. Das führte dazu, dass Masaryk und Beneš glaubten, sie seien so stark, dass man mit der Tschechisierung der Tschechoslowakei beginnen könne. Irgendwelche Forderungen der Sudetendeutschen und Slowaken würde man mit der Parlamentsmehrheit der tschechischen Abgeordneten überstimmen. Im Herbst 1924 wurden 7.000 deutsche Eisenbahner entlassen und durch Tschechen ersetzt. Das wiederholte sich dann auch bei Post, Polizei und Zoll. Trotzdem waren starke politische Kräfte in den sudetendeutschen Parteien auf einen Ausgleich mit dem tschechischen Volk bedacht, geführt wurde diese Gruppierung von den Sozialdemokraten unter Führung des Brünner Rechtsanwaltes Ludwig Czech. Die sudetendeutsche Sozialdemokratie, die sich Deutsche Sozialdemokratische Arbeiter-Partei (DSAP) nannte, errang bei den Parlamentswahlen 1920 44 % aller deutschen Stimmen. Die Unterdrückungspolitik der Tschechen führte dazu, dass die DSAP bei den Parlamentswahlen von 1925 die Hälfte ihrer Wähler verlor. Nun war der Weg frei für eine neue Partei, die Sudetendeutsche Partei unter Führung von Konrad Henlein. Diese war nationalistisch ausgerichtet, vertrat aber anfangs noch die Position der Anerkennung des tschechoslowakischen Staates, allerdings unter der Bedingung einer weitgehenden Autonomie für die Sudetendeutschen. Nachdem Hitler 1933 an die Macht gekommen war, setzte er sich als erstes Ziel die Revision des Versailler Vertrages. Eine eigene Organisation, die Volksdeutsche Mittelstelle (stand im Rang eines SS-Hauptamtes), begann die Deutschen bei politischen Bewegungen im Ausland zu unterstützen. Das radikalisierte die Sudetendeutsche Partei und bald vertraten diese die Forderung „Heim ins Reich“. Gleichzeitig veränderte sich die strategische Lage in Mitteleuropa grundlegend, die Ursachen waren die Machtergreifung der Faschisten unter Benito Mussolini in Italien, die deutsche Wiederaufrüstung und das allmähliche Abrücken Großbritanniens und Frankreichs von den Prämissen des Versailler Vertrages. Die Politiker Großbritanniens und nach und nach auch Frankreichs gelangten zu der Erkenntnis, dass die größte Bedrohung Europas nicht mehr Deutschland sei, sondern Stalins Sowjetreich. Die Sowjetunion hatte eine beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung genommen, die es ermöglichte, die Rote Armee zur stärksten Armee Europas auszubauen. Deshalb versuchten Großbritanniens Politiker, mit Hitler zu einem Interessenausgleich zu kommen. Edvard Beneš, seit 1935 Staatspräsident der Tschechischen Republik, bekam von alledem nichts mit, oder er wollte es nicht sehen, wie einige tschechische Historiker in neueren Werken schreiben. Der tschechoslowakischen Armee verbot die Verfassung, sich in die Politik einzumischen. Die Armee erhielt ihre Weisungen vom Staatspräsidenten und führte diese aus. Irgendwelche Geheimverhandlungen verbündeter Staaten waren für die Armee nicht relevant.
Nach seiner Rückkehr von der Genfer Abrüstungskonferenz im Jahr 1934 beriet sich Beneš mit den führenden Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums und des Generalstabes. Er analysierte die internationale Lage und sagte, er erwarte eine schwere internationale Krise, die um das Jahr 1936 herum ausbrechen würde. Aus diesem Grund erhöhte die Tschechoslowakei in den folgenden Jahren systematisch die Verteidigungsbereitschaft. Im Oktober 1933 wurde ein Rat für Nationale Verteidigung gebildet, 1934 erhöhte man die Wehrdienstzeit auf zwei Jahre. Im Jahr 1936 wurde ein neues Wehrgesetz erlassen und eine Anleihe für die Nationale Verteidigung ausgeschrieben. Die Friedensstruktur der Armee wurde auf 17 Divisionen erhöht und die Struktur modernisiert. Eine Infanteriedivision bestand jetzt aus drei Infanterieregimentern, einem leichten Artillerieregiment mit 36 Geschützen, einem schweren Artillerieregiment mit 16 Geschützen. Das Infanterieregiment bestand aus drei Bataillonen, einem Ersatzbataillon, einer Pionierkompanie und einer Kompanie Begleitwaffen mit Panzerabwehrgeschützen, Minenwerfern und überschweren Maschinengewehren. Die Divisionstruppen bestanden aus je einer Pionier, Aufklärungs- und Fernmeldeabteilung sowie einer Kraftwagenkompanie. Die Kavalleristen waren die beweglichen Kräfte der Armee. Deshalb waren den 11 Dragonerregimentern auch je eine Schwadron gepanzerte Kräfte zugeteilt. Diese bestand anfangs aus 12 Panzerautos, einigen Tanketten und später auch aus zusätzlichen leichten Panzern des Typs LT-34.
Die modernsten Verbände der tschechoslowakischen Armee waren die vier schnellen Divisionen. Sie entstanden aus der Vereinigung der Kavalleriebrigaden und der Panzerregimenter, zusammengefasst zu einer Panzerbrigade. Die motorisierten Kampfkomponenten bestanden aus Aufklärern, Panzern, motorisierter Infanterie, motorisierter Panzerabwehr, motorisierter Artillerie und motorisierter Flak. Die Kavalleriebrigade verfügte über Dragonerregimenter, ein Radfahrbataillon und motorisierte Artillerie. Bis zum September 1938 konnten allerdings nur 16 der geplanten 24 Panzerkompanien aufgestellt werden. Weiterhin verfügte die tschechoslowakische Armee noch über eine motorisierte Division (14. Infanteriedivision).
Der Bedarf der tschechoslowakischen Artillerie wurde vollständig aus der Produktion der Skodawerke gedeckt. Die Geschütze hatten eine hohe Qualität und waren auf dem Weltmarkt äußerst begehrt. Die eingelagerten Mobilmachungsreserven ermöglichten im Falle einer Mobilmachung die Verdoppelung der Artillerieregimenter.
Mangelhaft war die Ausstattung der Truppen mit Panzerabwehr und Fliegerabwehrwaffen. Das galt nicht für die Qualität, sondern für die Quantität. In der Panzerabwehr fehlten ca. 800 Geschütze. Man versäumte es auch, die Grenzbefestigungsanlagen rechtzeitig durch Panzerminen zu verstärken.
Angesichts der deutschen Rüstung auf dem Gebiet der Luftstreitkräfte war der Mangel an Luftabwehr besonders bedenklich. Die Luftabwehr der Truppen verfügte nur über schwere und überschwere Maschinengewehre. Im Frühjahr/Herbst 1938 wurden der Truppe noch 174 20-mm-Flak vom Typ Oerlikon zugeführt. Die 500 Flakgeschütze größeren Kalibers dienten vor allem der Verteidigung von Städten und wichtigen Objekten.
Zwischen 1934 und 1937 wurde die Armee umstrukturiert und in Armeen (vier Armeen) und sieben Armeekorps gegliedert.
Anfang der 30er Jahre begann die Modernisierung der Luftstreitkräfte vor allem mit Flugzeugen aus eigener Produktion. Bis 1938 wurden der Truppe 445 Jagdflugzeuge Avia B-534 zugeführt. Diese erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 405 km/h und lagen damit auf dem zweiten Platz hinter der Messerschmitt Bf 109. Weiterhin kamen in die leichten Bombengeschwader 64 Aero Ab-101, 30 in der Sowjetunion gekaufte SB-2 und 66 in Lizenz produzierte sowjetische B-71, die 430 km/h mit einer Bombenlast von 600 kg erreichten. Die schweren Bombergeschwader waren mit 114 Aero-Bloch-MB 200 ausgerüstet, die eine Geschwindigkeit von 245 km/h erreichten und 1938 hoffnungslos veraltetet waren. Zusätzlich stand noch eine große Anzahl von Aufklärungs- und Verbindungsflugzeugen zur Verfügung. Die deutsche Luftwaffe war damit quantitativ fünffach überlegen und insgesamt auch mit qualitativ besseren Flugzeugen ausgerüstet. Luftstreitkräfte und Luftabwehr waren die Achillesferse der tschechoslowakischen Armee. Die beachtliche Wirtschaftskraft der Tschechoslowakei reichte nicht aus, um alle Komponenten einer modernen Landesverteidigung in erforderlichem Maß zu entwickeln.
Kapitel 5
Aufklärung ist alles
Als der Hauptstab der tschechoslowakischen Armee noch von französischen Generalen geleitet wurde, achteten diese darauf, dass die tschechoslowakische Armee einen leistungsfähigen Aufklärungsdienst aufbaute. Dieser wurde zentral von der 2. Abteilung des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee geführt. Dieser Abteilung unterstanden Abteilungen in den Kommandos der Militärbezirke, den Divisionen, Grenzregimentern und Grenzbataillonen. In den ersten Jahren konzentrierte man sich auf die Aufklärung der Aktivitäten der ungarischen Armee, weil man Versuche zur Restauration der Habsburger Monarchie fürchtete. Außerdem errichtete der „Reichsverweser“ Admiral Horthy ein offen faschistisches Regime in Ungarn. Im Frühjahr 1934 wurde Oberst Šimon Drgáč neuer Chef der 2. Abteilung des Hauptstabes. Dieser änderte die Orientierung der 2. Abteilung, die ab 1934 ihre Aufklärungstätigkeit auf Deutschland konzentrierte. Der neue Chef musste feststellen, dass die 2. Abteilung über keinerlei Informationen über die deutschen militärischen und paramilitärischen Gliederungen verfügte, weil man keine Informanten auf höheren Führungsebenen der Wehrmacht hatte. Theoretisch standen über 199 Agenten in Deutschland im Sold der 2. Abteilung, aber diese brachten der 2. Abteilung im Jahr 1934 nur 16 Dokumente. Allerdings war die Tendenz in der Gewinnung von Informanten auf deutschem Boden steigend, denn zahlreiche politische Gegner der Nationalsozialisten flohen in die Tschechoslowakei und boten dem Armeenachrichtendienst an, Informationen aus Deutschland zu beschaffen. Einer der Ersten war der ehemalige Stellvertreter des Oberbürgermeisters von Leipzig, der Sozialdemokrat Willy Lange. Dieser wurde am 22. Dezember 1934 als Agent D-14 registriert. Lange erwies sich als höchst talentiert und baute ein Nachrichtennetz mit Informanten in den Städten Leipzig, Stuttgart, Hamburg, München, Dresden, Nürnberg und anderen Orten auf. In der Folgezeit wurde es mehrfach von der Gestapo zerschlagen, aber immer wieder traten junge Leute an die Stelle verhafteter Informanten.
Im Jahr 1935 verschärfte sich der Kampf im Aufklärungssektor, als Admiral Canaris die Leitung der Abwehr der Wehrmacht übernahm. Dieser war ein heimlicher Gegner Hitlers, das hinderte ihn aber nicht daran, die potenziellen Gegner Deutschlands intensiv auszuspähen. Für die Arbeit gegen die Tschechoslowakei wurden die Abwehrstellen (Ast) Dresden, Breslau, München und nach dem Anschluss Österreichs noch dazu Wien entfaltet. Die Abwehr konnte bei ihrer Anwerbung von Agenten auf Offiziere der tschechoslowakischen Armee mit deutscher oder ungarischer Abstammung sowie im weitesten Sinne auf die sudetendeutsche Bevölkerung zurückgreifen. Letzteres gewann eine große Bedeutung, als die Tschechoslowakei damit begann, die Landesbefestigung auszubauen. Für einen Angriff auf die Bunkerlinien benötigte man die genaue Lage jedes einzelnen Bunkers. Fast alle Bunker lagen in den sudetendeutschen Siedlungsgebieten, die lokalen Einwohner konnten die Aufklärung am unauffälligsten durchführen. Im Januar 1935 fuhr Canaris nach Budapest und Wien, um mit dem ungarischen und dem österreichischen Nachrichtendienst den Austausch von Aufklärungsergebnissen über die Tschechoslowakei zu vereinbaren.
In den folgenden Jahren gelang es der 2. Abteilung, einige wertvolle Agenten aus mittleren Funktionen in Deutschland zu gewinnen. Dazu einige Beispiele: Die meisten von ihnen boten sich selbst dem tschechoslowakischen Nachrichtendienst an, weil sie Hitlergegner waren. Im Jahr 1934 informierte ein deutscher Offizier aus Bayern die 2. Abteilung über den Bau von Befestigungsanlagen in Bayern und an der deutschen Westgrenze. Das waren wertvolle Informationen, die dem befreundeten französischen Aufklärungsdienst übergeben wurden. Darüber hinaus gab er wertvolle Hinweise über deutsche Agenten in der Tschechoslowakei. Ein ganz besonderer Fall war der Dreifachagent Dr. Franz Thaler. Dieser war Österreicher und bereits 1930 vom sowjetischen Auslandsgeheimdienst OGPU angeworben worden. Er unterhielt in Wien eine Informationsagentur und verfügte über gute Verbindungen zu Regierungskreisen. Kurze Zeit nach seiner Anwerbung wurde er leitender Funktionär in der österreichischen Heimwehr. Da er ein Günstling des Kommandeurs der Heimwehr, Graf Starhemberg, war, stieg er schnell zum Leiter des politischen Büros der Heimwehr auf. Als Starhemberg Innenminister wurde, kam nun Dr. Thaler an höchst geheime Dokumente über die bewaffneten Kräfte der Republik Österreich, die alle an den OGPU gingen. Im Sommer 1933 trat er der NSDAP bei. Daraufhin verhaftete ihn die österreichische Polizei wegen angeblicher illegaler nationalistischer Tätigkeit. Nach kurzer Zeit war er wieder frei. Ein Freund aus der Heimwehrzeit, der nach München geflohen war, überredete Thaler, ein Agentennetz für die Nationalsozialisten aufzubauen. Das gelang ihm in kürzester Zeit, damit war er zum Doppelagenten geworden. Alle Informationen, die er jetzt sammelte, gingen erst nach Moskau und dann nach München. Ab Herbst 1935 arbeitete er für den Aufklärungsdienst des deutschen Luftfahrtministeriums. Bei einer Reise nach Prag verhaftete ihn die Gegenspionageabteilung der tschechoslowakischen Armee. Man bot ihm die Freiheit an, wenn er bereit wäre, für sie zu arbeiten. Thaler sagte zu und war von diesem Zeitpunkt an Dreifachagent. In seiner Tätigkeit für den tschechoslowakischen Aufklärungsdienst übergab er diesem ein einziges Dokument. Genau dieses Dokument fiel nach der Okkupation der Tschechoslowakei der Gestapo in die Hände, die ihn aufspürte und verhaftete. Nach monatelanger Untersuchung wurde ihm der Prozess gemacht und er erhielt als Strafe 10 Monate Gefängnis! Er musste der Gestapo sehr interessante Informationen angeboten haben. Nach Ende des Krieges wurde er vom sowjetischen Spionageabwehrdienst „Smersch“ (Tod den Spionen) verhaftet. Wer diesem in die Hände geriet, konnte im günstigsten Fall dessen Diensträume als Krüppel verlassen, endete in der Regel aber vor einem Erschießungskommando. Thaler aber gelang es, die Untersuchungsbeamten zu bewegen, den OGPU zu benachrichtigen. Dieser nahm ihn in Gnaden wieder auf.
Der größte Erfolg der 2. Abteilung aber ergab sich durch die Zusammenarbeit mit Paul Thümmel, von der 2. Abteilung als A-54 geführt. Dieser gilt als einer der erfolgreichsten Spione des 2. Weltkrieges. Dieser Erfolg war aber nicht auf die systematische Tätigkeit der 2. Abteilung zurückzuführen, sondern er fiel den Tschechen einfach in den Schoß. Paul Thümmel wurde am 15. Januar 1902 in Neuhausen/Erzgebirge geboren. Er gehörte zu den Mitbegründern der NSDAP in Neuhausen. Auf der Gründungsversammlung der Ortsgruppe trat Heinrich Himmler als Gastredner auf, seitdem waren Himmler und Thümmel befreundet. Nach der Machtübernahme verschaffte Himmler seinem Freund Paul Arbeit in der Abwehrstelle Dresden. Dort machte er schnell Karriere. Am 6. Februar 1936 bot er in einem Brief der 2. Abteilung seine Dienste an. Er bot Informationen über die Organisation der deutschen Spionage in der Tschechoslowakei und über die Umsturzpläne der Sudetendeutschen Partei an. Für seine Dienste verlangte er 15.000 Deutsche Mark. Die ersten Treffen mit Mitarbeitern der 2. Abteilung fanden in Weipert (Vejprty) und Karlsbad (Juni 1937) statt. A-54 brachte jedes Mal Material mit, das für die 2. Abteilung von unschätzbarem Wert war. Es war Material über die Organisation des deutschen Agentennetzes im Grenzgebiet und auf dem übrigen Territorium der Tschechoslowakei, über das Organisationsschema der Abwehr und der Gestapo in Dresden, über die Organisation der Militärspionage im Krieg und es waren Auszüge aus geheimen Reden Hitlers über die Tschechoslowakei. Im September 1938 brachte er Proben der neuesten deutschen Sprengstoffe mit. Bei einem Treffen mit einem Mitarbeiter der 2. Abteilung in Turnau am 3. März 1939 teilte Thümmel mit, dass spätestens am 15. März deutsche Truppen in der Tschechoslowakei einmarschieren würden. Diese Warnung ermöglicht es, dass die Mitarbeiter der 2. Abteilung mit den wichtigsten Akten, darunter auch die Akten A-54 betreffend, rechtzeitig am 14. März nach London fliehen konnten.
Ende März 1939 wurde Thümmel als Mitarbeiter der Abwehr nach Prag versetzt. Die 2. Abteilung hatte inzwischen eine Residentur in Den Haag eingerichtet. Bei einer Deckadresse in Den Haag fanden jetzt regelmäßige Treffen mit A-54 statt. Anfang August 1939 informierte er seine Auftraggeber über den Angriffstermin gegen Polen und am 17. März 1940 über den geplanten deutschen Angriff gegen die Niederlande und England. Offensichtlich wurde seinen Warnungen ebenso wenig Glauben geschenkt wie Sorges Informationen an Stalin über den geplanten Angriff gegen die Sowjetunion. Sicher waren die französischen und britischen Nachrichtendienste arrogant genug, um die Warnungen des tschechischen Geheimdienstes zu ignorieren. Hätte man diesen Glauben geschenkt, wäre es möglich gewesen, bessere Abwehrmaßnahmen zu organisieren. Die 2. Abteilung stellte die Verbindung zwischen A-54 und ihren in Prag zurückgebliebenen Nachrichtenleuten her und ab Juni 1940 kamen fast täglich Meldungen von ihm nach London. Thümmel informierte weiterhin über Entscheidungen Hitlers von strategischer Bedeutung, so über die Absetzung der Operation „Seelöwe“. Bereits Ende 1940 erreichten London Auszüge aus Hitlers Weisung Nr. 21 den Plan „Barbarossa“ betreffend. Aber die Achillesferse jedes Agentennetzes ist die Nachrichtenübermittlung. Nach England war es nur möglich, Meldungen über Funk abzusetzen. Die Gruppe der 2. Abteilung in Prag unter Leitung von Stabskapitän Václav Morávek verfügte über den Sender, A-54 deponierte die Nachrichten in wechselnden toten Briefkästen. Bekanntlich verfügte die Gestapo über eine technisch ausgezeichnete Funküberwachung. Am 3. Oktober wurde Moráveks Sender angepeilt und ausgehoben. Der Gestapo gelang es, die Funksprüche zu dechiffrieren. Die Gestapo fand heraus, dass ein hochrangiger deutscher Offizier geheime Informationen an den tschechischen Widerstand übermittelte. Heydrich nahm sich der Angelegenheit persönlich an und befahl, die Sonderkommission „Verräter X“ zu bilden. Durch Verhöre weiterer festgenommener Agenten gelang es Thümmel, der als Abwehrmitarbeiter die Decknamen „Dr. Holm“ und „Dr. Steinberg“ trug, zu identifizieren und festzunehmen. Dieser begann ein gewagtes Spiel mit der Gestapo. Er behauptete, ein Doppelspiel zu treiben, um in die tschechische Widerstandsbewegung einzudringen. Daraufhin wurde er am 2. März 1942 freigelassen mit der Aufgabe, ein Treffen mit Morávek zu organisieren. Thümmel dachte aber nicht daran, Morávek auszuliefern und wurde am 20. März endgültig festgenommen. Die Gestapo sperrte Thümmel im Konzentrationslager Theresienstadt ein, wo er am 20. April 1945 erschossen wurde.
Obwohl sich die tschechoslowakische Armee entsprechend der Verfassung nicht in die Politik einmischen durfte, galt das für den Armeegeheimdienst nicht. Offensichtlich hielt Beneš die Hand über diesen und es gab auch einen direkten Draht vom Leiter der 2. Abteilung zu Beneš. Im Juli 1937 warb der tschechoslowakische Geheimdienst einen ehemaligen Funktionär der Sudetendeutschen Partei namens Kopatschek an. Dieser hatte sich mit Henlein überworfen und die Sudetendeutsche Partei verlassen. Kopatschek war eine windige Person, die schon mehrfach die Seiten gewechselt hatte. Er war während der Märzkämpfe 1921 in Leipzig Mitglied des Arbeiterrates gewesen. Im Sudetengebiet war er Mitglied in verschiedenen nationalistischen Parteien. Zum Zeitpunkt seiner Anwerbung betrieb er eine Zeitung, die von Kommunisten und Sozialdemokraten finanziert wurde. Er wurde nach Prag eingeladen und zwei Offiziere der 2. Abteilung boten ihm an, für die 2. Abteilung zu arbeiten und die Verbindungen Henleins nach Berlin auszuspionieren. Kopatschek sagte zu. Er hatte aber seine eigenen Pläne. Er wartete, bis er von seinem Führungsoffizier schriftliche Anweisungen erhalten hatte, und dann reiste er nach Deutschland und verriet alles der Gestapo. Kurz darauf wandte sich ein Bekannter namens Felix Hamersky an ihn und berichtete ihm, dass seine Frau bei ihrem Bruder Kurt Geilert in Halle zu Besuch war, der in einem Flugzeugwerk arbeitete. Dieser habe seiner Frau merkwürdige Metallteile übergeben, die mit weißer Flamme verbrannten und sich nicht mit Wasser löschen ließen. Kurt Geilert habe die Bitte, die Proben den tschechischen Behörden zu überbringen. Hamersky wollte diese zur sowjetischen Botschaft bringen lassen. Kopatschek übergab diese aber seinem Führungsoffizier aus der 2. Abteilung und informierte anschließend seinen Gestapoführungsoffizier. Von beiden erhielt er den Auftrag, weitere Muster zu beschaffen. Das Ehepaar Hamersky besorgte diese über Geilert. Kopatschek aber erhielt von der Gestapo falsche Informationen über die Verbindungen Henleins nach Berlin. Nach der Okkupation der Tschechoslowakei verhaftete die Gestapo die gesamte Gruppe, die Ehepaare Hamersky und Geilert erhielten hohe Gefängnisstrafen, natürlich ausgenommen Kopatschek. Der Fall zeigt, dass in dieser Zeit die Grenze zwischen Freund und Feind nicht nur entlang der nationalen Grenzen, sondern auch entlang der politischen Grenzen verlief.
Die wahrscheinlich wichtigste gemeinsame Aufklärungstätigkeit des tschechoslowakischen und des französischen Geheimdienstes war aber die Aufdeckung der deutschen militärischen Pläne für den Krieg. Der französische militärische Geheimdienst übergab seinem tschechoslowakischen Partner den Mobilmachungsplan der Deutschen Wehrmacht. Der Plan für den „Fall Grün“ war kaum fertig ausgearbeitet, da war er auch schon im Besitz der 2. Abteilung. Im Sommer 1937 übergab Paul Thümmel erste Informationen über den Plan. Kurz darauf übergab ein Agent, der in den Akten der 2. Abteilung als A-53 geführt wurde, erste Informationen über die geplante Hauptstoßrichtung der Wehrmacht über die Stadt Králíky nach Nordmähren mit dem Ziel, die Tschechoslowakei in zwei Teile aufzuspalten und vor allem den Abzug der tschechoslowakischen Kräfte aus dem Westteil Böhmens in die Slowakei zu verhindern. Nach der Besetzung Österreichs informierte ein weiterer Agent über geplante Stöße der Wehrmacht von Norden und Süden. Der Agent A-53 machte weiterhin darauf aufmerksam, dass die Wehrmacht über genaue Modelle der tschechoslowakischen Landesverteidigung verfügte. Die wahre Identität des Agenten A-53 wurde nie festgestellt.
Die Aufdeckung des „Planes Grün“, von der wahrscheinlich die Abwehr nichts wusste, war ein schwerer Schlag für die Wehrmacht, denn die tschechische Regierung veranlasste jetzt einen beschleunigten Ausbau der schweren Befestigungen im Abschnitt Náchod – Hanušovice. Auf beiden Seiten des Tals, in dem Králíky liegt, wurden zwei schwere Artilleriefestungen („Baudenkoppe“ und „Berghöhe“) ausgebaut. Damit wurde die Stoßrichtung Gladz – Králíky gesperrt. Auch der Abschnitt Troppau – Hultschin – Bohumín wurde schwer befestigt. Der Abschnitt Hanušovice – Jeseniky – Hermanuv wurde durch das Altvatergebirge gesperrt. Damit stand nur der Abschnitt Krnov – Troppau für den Angriff zur Verfügung. Musste man aber an einem Abschnitt angreifen, der dem Gegner bekannt war, konnte man schwerlich einen überraschenden Schlag führen.

Der tschechoslowakische Präsident T.G. Masaryk (2.v.li.) beim Manöverbesuch (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

Der tschechoslowakische Präsident Masaryk und der französische Generalstabschef der tschechoslowakischen Armee, General Mittelhausser, begrüßen bei einem Truppenbesuch im Jahr 1922 die französischen Berater der tschechoslowakischen Armee (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)

Der französische Generalstabschef General Gamelin zum Manöverbesuch bei der tschechoslowakischen Armee 1933. Er wird vom Generalstabschef der tschechoslowakischen Armee, General Syrovi (Bildmitte mit Schnurrbart) begrüßt. (VUA, Cj.2703-1/2012-211100)
Kapitel 6
Die französisch-tschechische militärische Zusammenarbeit – ein strategischer Faktor für die Stabilisierung des tschechoslowakischen Staates
Die Zusammenarbeit mit Frankreich auf dem militärischen Gebiet war die 3. Säule, auf die sich die Politik der tschechoslowakischen Regierung bis 1938 stützte. Die führenden tschechoslowakischen Politiker dachten, dass niemand die Tschechoslowakei ernsthaft bedrohen könne, wenn Frankreich als großer Bruder mit seiner zur damaligen Zeit stärksten Armee in Europa hinter ihnen stand. Bis zuletzt wollten sie nicht glauben, dass das auch einmal anders kommen könnte. Schon im Februar 1919 wurde eine französische Militärmission in die Tschechoslowakei entsandt. Die Führungsfunktionen der jungen tschechoslowakischen Armee wurden von französischen Generalen besetzt. Diese bestimmten die Militärdoktrin der Tschechoslowakei, installierten das Führungssystem, bauten die Militärschulen auf und führten die Grundlagen der operativ-strategischen Planung ein. In der 1. Hälfte der 20er Jahre wurden von beiden Armeen die Prinzipien des gemeinsamen Handelns im Fall eines neuen Krieges erarbeitet. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch Deutschland erhielt die Zusammenarbeit der 2. Abteilung des Hauptstabes mit den französischen Nachrichtendiensten höchste Priorität. In den französischen Streitkräften gab es die 2. (nachrichtendienstliche) Abteilung im Generalstab der Landstreitkräfte und die 2. (nachrichtendienstliche) Abteilung im Generalstab der Luftstreitkräfte. Der französische Nachrichtendienst unterhielt ein Netz von Operationspunkten in Europa, in Prag eine Verbindungsmission. Während die 2. Abteilung der tschechoslowakischen Armee nur über einen bescheidenen Personalbestand verfügte, konnten sich ihre französischen Partner über einen großen Apparat einschließlich spezialisierter technischer Dienste wie Luftbildaufklärung, Telefon- und Funküberwachung stützen.
In den Jahren 1923 und 1925 wurden Vereinbarungen der Tschechoslowakei und Frankreichs über gegenseitigen militärischen Beistand im Falle einer Aggression seitens eines dritten Staates getroffen. Diese wurden aber nicht in konkrete militärische Vereinbarungen umgesetzt. Ende Januar 1933 trafen sich die Chefs beider Hauptstäbe in Paris und vereinbarten konkrete Maßnahmen zur engeren Zusammenarbeit der Nachrichtendienste und der Fliegerkräfte beider Armeen. Es wurde beschlossen, dass die französische Luftwaffe sofort zu Beginn der militärischen Operationen zwei Staffeln Aufklärungsflugzeuge und eine Gruppe schwerer Bombenflieger zu drei Geschwadern in Tschechien dislozierte. Anfang der 30er Jahre konnten die französischen schweren Bombenfliegerkräfte nur bis zu einer Tiefe von 300 km östlich des Rheins Ziele in Deutschland angreifen. Setzte man auch von tschechoslowakischen und polnischen Flugplätzen schwere Bombenflieger ein, konnte das gesamte deutsche Territorium abgedeckt werden. Der Einsatz französischer Aufklärungsflugzeuge vom tschechoslowakischen Territorium hatte strategische Bedeutung, konnten diese doch feststellen, ob die Truppen der deutschen Wehrmacht sich bei Ausbruch eines Krieges nach Westen gegen Frankreich oder nach Osten gegen die Tschechoslowakei und Polen wandten.
Die nächsten Beratungen führten dann die militärischen Experten beider Armeen in Prag durch. Es wurde vereinbart, dass die Aufklärungsfliegerkräfte aus 6 Geschwadern bestehen sollten, 4 tschechoslowakische und 2 französische. Davon sollten 5 Geschwader gegen Deutschland und eines gegen Ungarn eingesetzt werden. Es wurde vereinbart, dass zur Behinderung der Mobilmachung der Reichswehr Ziele im Transportwegenetz, Militärlager und Militärflugplätze angegriffen werden sollten. Dazu wurden 2 schwere Bombenfliegergruppen geplant, die einzig vorhandene tschechoslowakische und eine französische Gruppe, die in der Nähe von Prag stationiert werden sollte. Entschieden beide Regierungen, auch Industrieziele und Wohngebiete anzugreifen, würde die französische Luftwaffe 2 weitere schwere Bombenfliegergruppen entsenden. Die französische Seite drängte die tschechoslowakische Armee, ihre schweren Bombenfliegerkräfte zu verstärken. Im Mai 1933 bestätigten die Verteidigungsminister beider Seiten die in den Gesprächen der Experten vorgeschlagenen Vereinbarungen.
Auf ein qualitativ höheres Niveau wurde die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste gehoben. Diese wurde als wichtige Voraussetzung für die Ausarbeitung gemeinsamer Projekte für die Handlungen im Krieg gesehen. Erster Schwerpunkt war die Aufklärung der Ziele in Deutschland für die Handlungen der in Tschechien dislozierten schweren Bombenfliegerkräfte. Die Ziele wurden in vier Kategorien eingeteilt: Zur ersten Kategorie gehörten die deutschen Fliegerkräfte und deren Einrichtungen, zur zweiten Verkehrswege, zur dritten militärische Einrichtungen und zur vierten industrielle Ziele – Chemiewerke, Kraftwerke, Werke für metallurgische Produkte. Die strategischen Richtungen für die Zerstörung der Verkehrswege waren Prag – Halle – Magdeburg und Prag – Nürnberg. Die Aufklärung der Ziele sollte bis zu einer Tiefe von 450 km, gerechnet von Prag aus, erfolgen und der Schwerpunkt der Bombardierungen bis zu einer Tiefe von 225 km, gerechnet von Prag, liegen. Es ist notwendig, darauf hinzuweisen, dass die französische und die tschechoslowakische Armee im Mai 1933 Pläne zur Bombardierung Deutschlands ausarbeiteten, zu einem Zeitpunkt, als Deutschland niemanden bedrohte und über keine Luftstreitkräfte verfügte. Die wichtigsten Ziele wurden in den französischen Mobilmachungsplan aufgenommen. Die Stationierung schwerer französischer Bombenfliegerkräfte auf tschechischem Territorium brachte dabei wichtige strategische Vorteile. Französische Dokumente erläutern das am Beispiel eines Angriffs auf die Leunawerke: Starteten die Flugzeuge von französischen Flugplätzen, konnten sie nur 900-kg-Bomben tragen, starteten diese Flugzeuge aus der Umgebung Prags, aber 2.800 kg.
Am 1. Juli 1935 unterzeichneten die zuständigen Vertreter des Hauptstabes der französischen Luftstreitkräfte und des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee die Konvention F-T-A, in der alle Details der Zusammenarbeit der Luftstreitkräfte festgelegt waren. In der Konvention wurde festgelegt, dass die notwendigen Vorarbeiten zur Überführung und Stationierung der französischen Flugzeuge bereits im Frieden durchgeführt werden sollen. Es wurde geplant, die Bomben für die französischen Flugzeuge in der Tschechoslowakei einzukaufen und einzulagern. Dazu hatten die Franzosen bereits Muster übergeben. Als erste Tranche wurden 430–570 t geplant. Die französischen Flugzeuge sollten unmittelbar nach Verkündung des Kriegszustandes oder nach Ausbruch der Feindseligkeiten auf dem Kriegsschauplatz in die Tschechoslowakei verlegt werden.
Aufgrund der Wiederaufrüstung Deutschlands wurden die gemeinsamen Anstrengungen zum Ausbau der Kooperation der Luftstreitkräfte und der Nachrichtendienste intensiviert. Im Tschechisch-Mährischen Hochland wurde mit dem Ausbau eines Basierungsraumes für die französischen und tschechoslowakischen Bombenfliegerkräfte begonnen. Dieser Raum bestand aus 8 Flugplätzen und das Ziel war, diesen für Ende 1938 so weit vorzubereiten, dass er die französischen Bombergeschwader aufnehmen konnte. In der Slowakei wurde eine Basis für 1939 geplant. Im November 1937 wurde in Paris über die Intensivierung der Aufklärungsarbeit gegen Deutschland und über technische Details des Einsatzes der französischen Bombenfliegerkräfte beraten. Im Detail ging es um die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Funküberwachung und Funkpeilung, die allgemeine Aufklärung und um einen neuen Plan zur Bombardierung Deutschlands. Die französische Armee plante dafür beträchtliche Mittel ein. In Frankreich sollten sieben Stationen für den Funkabhördienst und Funkpeildienst errichtet werden. Für die Überwachung Deutschlands waren Stationen in Straßburg, Mézières und Belfort vorgesehen. Die 2. Abteilung des tschechoslowakischen Hauptstabes besaß einen gut funktionierenden Funkabhördienst und übergab den Franzosen Unterlagen über das Funknetz der Deutschen Luftwaffe, die Rufzeichen der Flugzeuge und Bodenstationen sowie Informationen über die Funktionsweise des deutschen Funkabhördienstes, die wahrscheinlich von A-54 stammten. Es wurde vereinbart, dass die tschechoslowakische Seite sich mit dem Kurzwellenfunkverkehr der Deutschen Luftwaffe mit den Bodenstationen der Luftabwehr befassen sollte. Gemeinsam wollte man das Chiffriersystem der Deutschen Luftwaffe studieren. In gewissen Abständen fanden auch Diskussionen zwischen Vertretern der französischen Armee und der tschechoslowakischen Armee über die strategische Situation in Mitteleuropa statt. Die erste derartige Diskussion wurde zwischen den Chefs der Hauptstäbe im Juni 1934 in Paris durchgeführt. Die tschechische Seite legte Material über die Pläne Röhms vor, die SA in die Reichswehr zu integrieren und leitete daraus eine unmittelbare Bedrohung der Tschechoslowakei ab. Der französische Chef des Hauptstabes, General Gamelin, war der Meinung, dass Deutschland gegenwärtig außerstande sei, einen Zweifrontenkrieg zu führen. Ende 1936 erhielt die 2. Abteilung des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee von einem ihrer Agenten eine Meldung, die regelrechte Schockwellen auslöste. Der Agent berichtete über ein Stabsspiel der Reichswehr, das die strategische Situation Deutschlands analysierte. Der Informant berichtete, dass im Stabsspiel ein Angriff auf die Tschechoslowakei im Jahr 1938 analysiert wurde. Dabei würden Deutschland und Ungarn die Tschechoslowakei überfallen und nur Frankreich würde die Tschechoslowakei unterstützen. Die 2. Abteilung fertigte eine Analyse zu dieser Meldung an, die Staatspräsident Beneš auf den Tisch bekam und Anfang 1937 auch den französischen Hauptstäben übergeben wurde. In den deutschen Dokumenten gibt es keine Hinweise auf ein Stabsspiel der Wehrmacht mit derartigem Inhalt. Die Weisungen für die Kriegsführung, die zu diesem Zeitpunkt gültig waren, sahen nur defensive Handlungen vor, die Wehrmachtführung konnte auch gar nicht den Plan ins Auge fassen, 1938 die Tschechoslowakei und Frankreich zur gleichen Zeit anzugreifen. Die führenden Militärs der Wehrmacht wussten mit Sicherheit, dass sie 1938 keinen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und die Tschechoslowakei führen konnten. Die tschechoslowakische Führung ging aber schon 1934 davon aus, dass ihnen ein Überfall Deutschlands drohte, denn zu diesem Zeitpunkt wurde der Regierungsbeschluss zum Ausbau des Grenzbefestigungssystems gefasst. Der tschechoslowakischen Führung kamen also Meldungen über eine mögliche, von Deutschland ausgehende Aggressionsgefahr sehr entgegen. Im Lichte der Erfahrungen, die die Tschechoslowakei aber insgesamt mit Deutschland machte, erscheinen die Ängste des tschechoslowakischen Hauptstabes im Jahr 1936 natürlich gerechtfertigt, die Ironie der Geschichte aber ist, dass Hitler in einer Beratung mit höchster Geheimhaltungsstufe erst am 5. November 1937 den überraschten Spitzenmilitärs und seinem Reichaußenminister mitteilte, dass er fest entschlossen sei, die Tschechoslowakei „von der Landkarte zu tilgen“. Allerdings plante er die Aggression erst für 1942/43. Das große Misstrauen gegenüber dem wiedererstarkten Deutschland war also berechtigt, die 2. Abteilung war nur den tatsächlichen Ereignissen etwas voraus. Die wachsende Kriegsgefahr hätte für die tschechoslowakischen Spitzenpolitiker Anlass sein müssen, die Verhältnisse im Inneren zu ordnen und endlich den Sudetendeutschen und Slowaken die versprochene Autonomie einzuräumen, um zu versuchen, diese doch noch an den tschechoslowakischen Staat zu binden. Das tat man aber erst unter dem Druck der Sudetenkrise im Jahr 1938. Da war die Chance aber längst vertan, denn ab 1937 und 1938 bewegte sich Europa mit rasender Geschwindigkeit auf eine neue Katastrophe zu. Unter dem Einfluss von Beneš setzte die tschechoslowakische politische und militärische Führung weiter auf die militärische Karte. Die enge Zusammenarbeit mit der französischen Armee bestärkte Beneš in seiner Meinung, die Tschechoslowakei wäre in der französischen Strategie als Gegengewicht zu Deutschland vorgesehen und im Falle eines deutschen Angriffes würde die französische Armee der Tschechoslowakei zu Hilfe kommen. Die Zusammenarbeit der Hauptstäbe beider Armeen war ein militärisches Planspiel. Militärs spielen immerzu Krieg bzw. sie arbeiten Pläne für einen Krieg aus. Was sollten sie auch anderes machen? Krieg war ihr Beruf, und wenn gerade kein echter Krieg stattfand, wurde Krieg geplant oder gespielt. Ob aus dem Kriegsspiel ein echter Krieg wurde, entschied die politische Führung. Die Militärs würden immer so arbeiten, als würde der Krieg in den nächsten Tagen beginnen.
Auf die vom tschechoslowakischen Hauptstab übergebenen Informationen reagierte der französische Hauptstab mit der Ausarbeitung einer Offensive gegen das Ruhrgebiet. Der Plan ging davon aus, dass die Hauptkräfte der Wehrmacht gegen die Tschechoslowakei eingesetzt würden. Die Hauptstoßrichtung der französischen Offensive zielte auf Mainz. Der erste Teil der Studie beinhaltete die operativen Möglichkeiten Deutschlands. Man rechnete auf der Grundlage der vom tschechoslowakischen Hauptstab übergebenen Unterlagen mit den für 1938 geplanten Zahlen. Danach waren für den Angriff auf die Tschechoslowakei nach Abschluss der Mobilmachung 32 Divisionen einsatzbereit. Gegen Frankreich konnten ebenfalls 32 Divisionen eingesetzt werden, zur Grenzsicherung gegen Polen 5 Divisionen, 6 Divisionen bildeten die zentrale Reserve. Frankreich verfügte nach Abschluss der 1. Welle der Mobilmachung über 33 Divisionen, in der 2. Welle kamen nochmals 35 Divisionen hinzu. Die tschechoslowakische Armee verfügte 1936 über 38 Divisionen. Für die deutsche Seite plante man für 1938 mit 75 Divisionen, demgegenüber standen 106 französische und tschechische Divisionen. Es widerspricht jedweder militärischen Logik, dass Deutschland bei einem solchen Kräfteverhältnis einen Zweifrontenkrieg hätte anfangen können. Hitler hatte am 5. November 1937 ganz nüchtern die Lage in Europa eingeschätzt und verkündet, dass Deutschland erst 1942/43 in der Lage wäre, aggressiv zu werden, um die Tschechoslowakei zu überfallen. Im Jahr 1938 aber analysierte er sehr intuitiv die Situation und erkannte richtig, dass Großbritannien und Frankreich nicht mehr an einer Schwächung Deutschlands interessiert waren, sondern im Gegenteil an einer Stärkung mit dem Ziel, ihn gegen die Sowjetunion zu hetzen. Deshalb konnte er ungestraft Österreich und die Tschechoslowakei besetzen. Die gemeinsam vom französischen und tschechoslowakischen Hauptstab ausgearbeiteten Pläne erwiesen sich als wertlose Makulatur, weil der politische Wille der französischen Führung anders entschieden hatte. Im Jahr 1937 schien aber für die tschechische Regierung noch alles in bester Ordnung. Der französische Generalstab plante gemeinsam mit der tschechoslowakischen Armee weiter am Koalitionskrieg. Die Entlastungsoffensive für die mitteleuropäischen Verbündeten (das galt wahrscheinlich auch, wenn Polen angegriffen würde) wurde in zwei Phasen geplant. In der ersten Phase sollten die aktiven Divisionen, verstärkt durch die Reserve des französischen Oberkommandos, und gegen Ende der Phase auch erste mobilisierte Einheiten die Divisionen der Wehrmacht binden. Diese Phase sollte bis zum 16. Operationstag dauern. Für die 1. Phase standen bereit: 28 aktive Infanteriedivisionen, 1 Kavalleriekorps, 3 Kavalleriedivisionen und 2 leichte mechanisierte Divisionen. Diese Kräfte wurden verstärkt mit 36 Panzerbataillonen und 28 schwere Artillerieabteilungen, davon 8 Abteilungen vom Kaliber 220 mm. Am 25. Tag standen 35 mobilisierte Divisionen für die 2. Phase zur Verfügung. Inzwischen war auch die Reserve des Oberkommandos mit weiteren mobilgemachten Divisionen und Divisionen aus Afrika aufgefüllt. Die Zahlen waren beeindruckend, das Problem war nur die langsame Mobilmachung. Sowohl im deutsch-französischen Krieg 1870 als auch im 1. Weltkrieg 1914 hatte die deutsche Armee bedeutende Anfangserfolge errungen, weil deren Mobilmachung wesentlich schneller abgelaufen war.
Kapitel 7
Die Zusammenarbeit des tschechoslowakischen Geheimdienstes mit sowjetischen Geheimdiensten
In den 20er und 30er Jahren war für die sowjetischen Geheimdienste die Tschechoslowakei das Tor nach Westeuropa. In der Tschechoslowakei gab es eine kleine Kolonie von Emigranten, die für die sowjetischen Geheimdienste arbeiteten. Viele von ihnen wurden über die Tschechoslowakei nach Frankreich, Jugoslawien und in die Vereinigten Staaten eingeschleust. Polen war strikt antisowjetisch eingestellt, in Deutschland wurden die Nationalsozialisten immer stärker, während die Tschechoslowakei als befreundeter Staat mit einem liberalen Regime und einer starken kommunistischen Partei galt. Damit war die Tschechoslowakei der einzige Ruhe- und Ausgangsraum für sowjetische Agenten. Für ihre Agenten und Kuriere benötigten die sowjetischen Geheimdienste Pässe, die Tschechoslowaken hatten visafreien Verkehr mit allen europäischen Staaten. Die Führung der tschechoslowakischen kommunistischen Partei besorgte über ihre Mitglieder frische Pässe für die sowjetischen Agenten. Anfang der 20er Jahre begannen die sowjetischen Geheimdienste Agenten in die europäischen Staaten einzuschleusen, ab 1925 geschah dies über die Tschechoslowakei. Viele dieser Agenten gründeten in Prag oder anderen Städten Firmen, vor allem Handelsfirmen und Speditionen. Zahlreiche Agenten in Westeuropa wurden als Schweigeagenten eingesetzt, die sich schnell an ihre Umgebung anpassten. Da sich viele junge Leute unter ihnen befanden, waren diese auch über das Jahr 1945 hinaus noch im Dienst. Bald setzte sich in den sowjetischen Geheimdiensten die Methode durch, in der Tschechoslowakei keine Tschechen oder Slowaken als Agenten anzuwerben, sondern Ausländer. Das hatte den Vorteil, dass diese ohne Gewissensbisse auch Aufträge ausführten, die sich gegen den tschechoslowakischen Staat richteten, sie fühlten sich vor allem als Vorkämpfer der kommunistischen Idee. Unter ihnen waren viele Deutsche, sowohl Sudetendeutsche als auch Reichsdeutsche. Nach 1945 wurden viele dieser Agenten einflussreiche Mitglieder der Kontrollkommission der Kommunistischen Partei zur Säuberung der Partei und des Staatsapparates oder hohe Offiziere der Geheimdienste. Sie nahmen tschechische Namen an und sprachen fehlerfrei tschechisch. Einer der einflussreichsten sowjetischen Agenten war der Sudetendeutsche Bruno Köhler. Nach dem Krieg wurde er Mitglied der Parteikontrollkommission der Kommunistischen Partei und vor ihm hatte sogar der Parteivorsitzende Klement Gottwald Angst. Außer Köhler waren noch weitere Mitglieder dieses Kontrollorgans deutscher oder ungarischer Herkunft.
Die Spionage gegen die Tschechoslowakei war kein Schwerpunkt der Tätigkeit der sowjetischen Geheimdienste. Das Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion legte 1930 in einer Beratung zur Auslandsaufklärung als Hauptziele die Spionage gegen Großbritannien, Frankreich und Deutschland sowie in zweiter Linie gegen Polen, Rumänien, Finnland und die baltischen Staaten fest. Die sowjetischen Geheimdienste waren aber sehr daran interessiert, die Aufklärungsergebnisse des tschechoslowakischen Geheimdienstes abzuschöpfen. Dabei kamen diesen Mitte der 30er Jahre zwei Umstände zu Hilfe: Einem sowjetischen Agenten gelang es, vom französischen Geheimdienst den geheimen Code des tschechoslowakischen Geheimdienstes zu erhalten und im Mai 1935 wurde zwischen der Sowjetunion und der Tschechoslowakei ein Beistandspakt abgeschlossen. Viele Informationen konnte die sowjetische Seite jetzt offiziell erhalten. Deshalb erschien sofort nach Unterzeichnung des Vertrages eine Delegation des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU unter Leitung von Korpskommissar (damals üblicher Dienstgrad in der Roten Armee) Artur Artusow in Prag. Die nächste Konferenz zum Informationsaustausch der Geheimdienste fand im Januar 1936 statt. Im Ergebnis der Konferenz wurde das sowjetisch-tschechoslowakische Verbindungsbüro VONAPO 20 in Prag gebildet. Die gemeinsame Arbeit des Büros sollte sich ausschließlich gegen Deutschland richten. Bereits im Oktober fand die nächste gemeinsame Konferenz in Moskau statt. Der Leiter der 2. Abteilung des Hauptstabes der tschechoslowakischen Armee zeigte sich überrascht über den großen Umfang des Informationsmaterials über die deutsche Wehrmacht und andere bewaffnete Kräfte des Dritten Reiches, über das der GRU verfügte. Dessen Vertreter sagten, dass sie diese Informationen von deutschen Kommunisten erhalten hätten. Die Tschechen revanchierten sich, indem sie ihren sowjetischen Kollegen detaillierte Informationen über das deutsche Codeverfahren übergaben.
Die Zusammenarbeit mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst hinderte die sowjetischen Geheimdienste nicht daran, eigene Agenten in der Tschechoslowakei anzuwerben. Der prominenteste Spion war zweifellos Zdeněk Fierlinger. Dieser kämpfte in der Tschechoslowakischen Legion in Russland. Im Sommer 1918 wurde er in den Tschechoslowakischen Nationalrat in Paris als Leiter der Militärabteilung berufen. Im Jahr 1931 war er tschechoslowakischer Botschafter in Österreich und in anderen Ländern. In Wien begann er im Geheimen für die Sowjetunion zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr nach Prag wurde er Leiter der politischen Abteilung des Außenministeriums. Einmal in der Woche suchte er unter verschiedenen Vorwänden die sowjetische Botschaft auf und übergab dem 1. Rat der sowjetischen Botschaft, Schaprow, geheime Informationen. Ende der 30er Jahre wurde er tschechoslowakischer Botschafter in der Sowjetunion. Dann ernannte ihn Beneš zum Mitglied seiner Exilregierung. Nach der Befreiung der Tschechoslowakei wurde er Ministerpräsident der neuen tschechoslowakischen Regierung. Während des kommunistischen Putsches 1948 half er den Kommunisten, die alleinige Macht in der Tschechoslowakei zu erringen und wurde dafür mit dem Posten des stellvertretenden Ministerpräsidenten belohnt. Seine Tätigkeit für den sowjetischen Geheimdienst NKWD wurde von sowjetischer Seite niemals offiziell bestätigt und beruhte nur auf einer Aussage von Schaprow gegenüber einem tschechoslowakischen Geheimdienstoffizier während der Haftzeit in einem Straflager.
Die Arbeit der gemeinsamen Zentrale VONAPO der 2. Abteilung und des GRU verlief außerordentlich erfolgreich. Ende 1937 verfügte diese über ein Netz von 623 Agenten, davon 24 aus Deutschland und 5 aus Österreich. Diese übergaben über tausend Nachrichten und 140 Dokumente. Das kostete insgesamt 726.000 tschechische Kronen. Agenten waren damals noch sehr preiswert zu haben, aber die deutschen Agenten arbeiteten meistens umsonst, um gegen Hitler zu kämpfen. So auch ein Agent mit dem Decknamen „Invalid“. Dieser war Redakteur einer Zeitschrift und musste aus Deutschland fliehen, weil er einen Beitrag gegen Hitler veröffentlicht hatte. Sein Bruder in Deutschland aber arbeitete in einer Druckerei, die Vorschriften für die Territorial- und Zivilverteidigung Deutschlands druckte. Ein Exemplar jeder Vorschrift erhielt VONAPO.

Kavallerie der Reichswehr auf dem Marsch

15 cm Feldkanone der Wehrmacht

21 cm Mörser der Reichswehr beim Übungsschießen

General Blaskowitz mit dem Oberbürgermeister von Prag, Dr. Krofta und dessen Stellvertreter Dr. Klapka auf dem Balkon des Altstädter Rathauses

Aufmarsch der Wehrmacht beim Reichsparteitag der NSDAP 1936 in Nürnberg (BArch, Bild 183-1987-0410-503)
Kapitel 8
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