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Doris Bewernitz

Wo die Seele aufblüht

Warum ein Garten glücklich macht

Verlag am Eschbach

Inhalt

1  COVER

2  HAUPTTITEL

3  Inhalt

4  Statt eines Vorworts: Vom Finden eines Gartens

5  Der Garten im Vorfrühling Die Vollständigkeit des Staunens Tag der Biene Meine grüne Seele Müde Knochen

6  Der Garten im Frühling Kirschbaumgezeiten Meisenpost Blutlaus, Schildlaus und Konsorten Vom Mulchen Schmutzige Hände Die letzten Minnesänger Nächtlicher Einbrecher Garten in Blau Komposttherapie

7  Der Garten im Sommer Die Namen der Rosen Türen, Pforten und Portale Die Relaxliege Ein Sonnenaufgang Eine Höhle bauen Die Stunde der Drosseln Sieglinde spinnt Das Credo der Nacktschnecke Phlox – Der Duft des Sommers

8  Der Garten im Spätsommer Die Pfirsichkönige Himmelsstürmer Das Hohelied des Regenwurms Mitmachtage Fortschreitende Verwilderung Die größere Zeit

9  Der Garten im Herbst Holundern Licht und Baum – eine Liebe Was satt macht Die Symphonie der Blätter

10  Der Garten im Spätherbst Ofenfreuden Die Entdeckung des Himmels Vorräte

11  Der Garten im Winter Das große Ausruhen Die Schneekönigin Der weiße Garten Das Nichts aushalten Statt eines Nachworts: Vom Leben ohne Garten

12  ÜBER DIE AUTORIN

13  ÜBER DAS BUCH

14  IMPRESSUM

15  HINWEISE DES VERLAGS

Statt eines Vorworts:

Vom Finden eines Gartens

Die Annonce lese ich an einem Freitag im April. Ich weiß, ich werde anrufen, hinfahren, mir einen Eindruck verschaffen und dann gelassen Abstand nehmen. So mache ich es seit Jahren. Meist genügt es ja, dicht an etwas heranzugehen, um zu wissen, dass man es nicht braucht. Übrigens nicht die schlechteste Methode, meine florale Sehnsucht in den Griff zu bekommen. Einen Grund, sich gegen den Kauf eines Gartens zu entscheiden, gab es bisher immer.

„Gut, also um zwei am Zeitungsladen im Bahnhof“, sagt Frau K. „Ich hab ‘ne rote Jacke an.“

Ich wundere mich zwar, dass ich in einen Bahnhof kommen soll, um einen Garten anzusehen, aber es vergrößert durchaus meine Neugier.

Frau K. kommt, begrüßt mich und holt einen Schlüssel aus der Tasche. Über uns rauschen die S-Bahnen. Ich bin darauf gefasst, dass wir nun einen längeren Weg vor uns haben, um die Bahnhofshalle herum oder um Häuserblocks, und staune, als sie zielsicher auf eine eiserne Tür zugeht, die sich in der Wand zwischen einem Obststand und einer Telefonsäule befindet.

„Kommen Sie“, ruft Frau K., und schließt auf. Ich mache zwei Schritte, die Tür fällt hinter uns zu, und ich werde verschluckt. Verschluckt vom Blattgrün, Krähengeschrei, Amselgesang, Blütenduft. Ich muss mich zwingen, nicht stehen zu bleiben und stattdessen der Frau zu folgen, die rasch auf dem schmalen Weg vo-ranschreitet. Rechter Hand liegt der Damm der S-Bahn. Aber hier ist das Paradies.

Vor dem vierten Garten bleibt sie stehen, wartet, bis ich heran bin und sagt: „So. Das ist er.“

Ein Pfirsichbaum! Gleich neben dem Eingang! Seine schlanken, noch blattlosen Äste beugen sich weit über Gartentor und Zaun und sind betupft mit zartrosa Blüten. Auf der Wiese daneben zwei Riesen: uralte Kirschbäume. Ihre Rinde löst sich ab wie Papyrus. Hellgrüne Flechten kriechen die Stämme hinauf. Kirschblüten schweben durch die Luft wie verspätete Schneeflocken. Eine Blaumeise wippt auf dem Zaun …

„Sie müssen doch nicht draußen stehen bleiben!“, ruft Frau K. irgendwo aus den Tiefen des Grüns. „Kommen Sie doch rein!“

Vor dem Zaun Veilchen, ein lila Teppich. Hinter dem Zaun auch, auf den Beeten, auf dem Weg, überall! Andächtig betrete ich den Garten. Und dieser Gesang … „Ist das wirklich eine Nachtigall?“, frage ich.

„Eine? Wir haben drei in der Anlage!“

Der Weg führt durch ein Meer von Tulpen. Lila, Gelb und knalliges Zinnober. Welch ein Duft! Einige Narzissen blühen noch, andere haben schon dicke Samenstände angesetzt. Hyazinthen, Schlüsselblumen, Kaiserkronen. Mitten auf dem Beet schwenkt eine goldgelbe Taglilie ihre schlanken Blätter, gleich daneben eine dunkelblau gefleckte Iris. Dazwischen rollen Farne ihre kunstvollen Spiralen aus. Oh – im Farn wohnt ein Förster mit Hund und Laterne. Und zwei Rehe, ein stehendes und ein liegendes. Und ein von oben bis unten giftblauer Zwerg mit Schubkarre und ein ziemlich verblasster mit Sonnenblume samt Eichhörnchen im Arm.

Irritiert wende ich mich einem Bäumchen zu, das mir seine herzförmigen Blätter und rosa Blüten entgegenstreckt. Frau K. scheint mein ratloses Gesicht zu bemerken und erklärt, dass es sich um eine Aprikose handelt. „Selbst gepflanzt! Vor sechs Jahren! Hat auch schon getragen.“

Welch ein Garten! Bei der Vorstellung, dass es meiner sein könnte, macht mein Herz einen Freudensprung. S-Bahn-Bremsen quietschen. Ich drehe mich um und kann die Gesichter der Leute sehen, die in der Bahn sitzen. Das ist doch zu dicht! Bin ich dabei, in meinem Überschwang einen gewaltigen Fehler zu machen? Ich spreche die Nähe der Bahn an.

„Das hat uns nie gestört“, versichert Frau K., nimmt aber meine Bedenken ernst und ist damit einverstanden, mich für zwei Stunden im Garten allein zu lassen, damit ich einen Entschluss fassen kann.

„Dann bis nachher zum Kaffee“, sagt sie. „Das Haus erklärt Ihnen dann mein Mann.“ Sie geht.

Ich schlendere die Wege entlang. Stelle mich unter die Kirschbäume. Wie soll ich in nur zwei Stunden eine so wichtige Entscheidung fällen! Ich halte meine Nase in einen roten Kelch mit schwarzem Stern. Dieses reine Rot. Das können nur Tulpen. Ich gehe ums Haus, schnuppere am Oregano, an der Pfefferminze, am Salbei. Sogar Koriander gibt es! Den kann ich fürs Brotbacken nehmen. Ich trage einen Stuhl in die Sonne, setze mich und schließe die Augen.

Das Haus ist ein kleines Steinhäuschen mit geteertem Flachdach und, soweit ich das beurteilen kann, trockenen Wänden. Mehrere niedrige Obstbäume gibt es, Birne, Apfel, Sauerkirsche. Und einen charaktervollen alten Apfelbaum, rechts hinterm Haus, der mir sofort sympathisch ist. An seinem Fuß lehnt ein kniehoher Zwerg mit Spaten. Überhaupt: Welche Menge Gartenzwerge diese Leute gesammelt haben! Überall stehen sie herum: im Erdbeerbeet, zwischen Rhabarberblättern, unter Stachelbeerbüschen. Einer im gelben Pullover lächelt mich so charmant an, dass ich unwillkürlich zurücklächeln muss. Bis mir einfällt, dass ich Gartenzwerge ja eigentlich nicht mag.

Zwischen den Grashalmen sehe ich einem Regenwurm dabei zu, wie er ein abgefallenes Blatt langsam in den Boden zieht. Wenn das mein Garten wäre, könnte ich ein kleines Stück der Erde beschützen. Hier würde kein Gift ausgekippt. Hier würden keine Bäume gefällt. Hier könnte ich pflanzen, was ich wollte. Die Regenwürmer wären meine Brüder, sie würden mir die Erde umgraben. Ich müsste ihnen nichts dafür bezahlen. Den Tulpen auch nicht. Sie blühen kostenlos …

Als ich mich träumend auf dem Stuhl in der Frühlingssonne wiederfinde und feststelle, dass ich meinen Lieblingsplatz bereits gefunden habe, weiß ich: Die Entscheidung ist längst gefallen.

Hinter dem Zaun bemerke ich eine kniende ältere Dame vor einem Erdbeerbeet. Ich trete näher, stelle mich vor und sage, dass ich die Neue bin.

Sie betrachtet mich kritisch: „Seit wann?“

„Seit jetzt“, entgegne ich. „In diesem Moment. Sagen Sie, ist das hier … sehr vereinsmäßig? Ein Meter zwanzig Heckenhöhe und das Gras immer fünf Zentimeter und so?“

„Nö“, sagt sie, „wir sind ja nur vierzehn Gärten. Hier macht jeder, was er will.“

Da kommen Herr und Frau K. Sie haben Kuchen und eine Thermoskanne mitgebracht. Er schließt das Haus auf, stellt einen runden Tisch davor, und seine Frau schenkt Kaffee ein. Wo sind nur die zwei Stunden geblieben?

„Na?“, fragt sie.

„Schön ist er“, sage ich. „Wunderschön!“

Herr K. zeigt mir das Innere des Hauses und raunt mir den Preis zu mit der Bemerkung, ich könne es auch in Raten zahlen. Dann setzen wir uns auf die Terrasse, trinken Kaffee und krümeln zur Freude der Spatzen mit dem Kuchen.

„Wie lange haben Sie den Garten denn schon?“, frage ich.

„Zwanzig Jahre“, sagt Herr K.

„Einundzwanzig“, korrigiert seine Frau. Ich sehe, dass sie traurig ist. „Aber wir schaffen das nicht mehr. Gesundheitlich, wissen Sie.“ Und während ich noch überlege, was ich darauf erwidern könnte, fährt sie fort: „Übrigens: Mein Mann hat Gartenzwerge gesammelt!“

„Oh, ja“, stottere ich, „das … habe ich schon bemerkt. Aber … wollen Sie die nicht mitnehmen? Falls Sie noch Verwendung dafür …“

„Für ‘n Balkon, oder?“, lacht Herr K. „Genau Gabi, wir stellen alle dreiunddreißig auf ‘n Balkon, da brauchste nix mehr zu pflanzen!“

„Dreiunddreißig?“, entfährt es mir. „Ich habe nur fünfzehn …“

„Die andern sind eingewachsen“, sagt er. „Die finden Sie schon noch.“ Er amüsiert sich. „Den Förster, vorn links, mit dem Hund, haben Sie den gesehen? Der leuchtet sogar. Kommen Sie mal mit. Ich zeig’s Ihnen.“ Er geht ins Haus und steckt einen Stecker ein. Dann winkt er mir, ihm zu folgen, und wir stehen vor dem illuminierten Förster.

„Nachts macht das natürlich viel mehr her!“, sagt Herr K.

Der Förster leuchtet abwechselnd an unterschiedlichen Körperstellen. Auch der Hund blinkt launisch an Augen, Schnauze und Schwanz. Jetzt blitzen bei beiden gleichzeitig die Augen. Ich denke, dass man dieses Arrangement gut für die Geisterbahn verwenden könnte, behalte diesen Gedanken aber für mich. Die Laterne des Försters, bei der ich es am ehesten vermutet hätte, die leuchtet nicht.

Herr K. strahlt, als wäre er selbst der Förster. „Marke Eigenbau“, schwärmt er. „Selbst entworfen, mit ‘ner Weihnachtsbaumbeleuchtung! Klasse, oder?“

Ich nicke so anerkennend wie möglich.

„Und?“, fragt er, „haben Sie sich entschieden?“

Ich sage ja.

Da packt er meine Hand und schüttelt sie so kräftig, als wolle er sie abreißen. „Richtig! Gute Entscheidung! Sie werden es nicht bereuen! – Sie nimmt ihn!“, ruft er seiner Frau zu. Sie lächelt.

Wir setzen uns wieder an den Tisch, Frau K. gießt neuen Kaffee ein, und ihr Mann schiebt mir den Vertrag rüber.

Ich unterschreibe.

Mir ist ganz feierlich zumute. Es ist der 12. April 2008. Jetzt habe ich also einen Garten.

Der Garten im

Die Vollständigkeit des Staunens

Farben plötzlich. Blüten. Duft. Vogelsang. Und der Himmel: Blau. Als hätte jemand einen grauen Vorhang beiseite gezogen und goldene Scheinwerfer auf die Bühne gerichtet. Spot an! Nicht zu fassen. Gerade war doch noch alles matt und fahl. Und jetzt dieses Licht! Richtig unwirklich. Wie im Theater. Sonne auf der Haut. Wie gut das tut! Selbst meine Nachbarin treffe ich auf einer Bank beim Nichtstun an. Ein Wunder ist geschehen.

Frühling. Die Vollständigkeit des Staunens. Wie soll man ihn nur gebührend begreifen? Oder gar begrüßen? Zumal, wenn er auf diese Art ins Leben einbricht? Ohne zu fragen, ob er heute schon im Kalender steht, ob man gerade jemanden zum Verlieben hat oder Zeit, in den Garten zu gehen? Wenn er einfach auf einmal da ist, mit seiner ganzen Sonne und seinem Duft, als wäre nie Winter gewesen?

Da stehe ich und staune. Wie durch den Matsch braunen Laubes sich Blattlanzen recken. Wie die weichen Schneeglöckchen durch zentimeterdicke, harte Rhododendren- und Kirschblattschichten stoßen. Physikalisch eigentlich unmöglich. Wie die Winterlinge ihre knallgelben Kugeln herzeigen!

Mit solchen Farben ist der Winter endgültig abgewählt. Egal, wie viele Nachtfröste er noch schickt, die Kleinen haben ihn besiegt. Wunder Schneeglöckchen. Wunder Krokus. Wunder Winterling. Wie machen sie das? Gerade sie. Wenn die Königskerze, die Rose oder die riesige Malve das schaffen würden, das wäre nachvollziehbar. Oder die Dreimasterblume mit ihren kräftigen Stielen. Aber ausgerechnet diese Kleinen! Perlblumen. Blausternchen. Märzenbecher.

Perlblumen hatte ich als Kind am liebsten. Vielleicht, weil sie mich an Liebesperlen erinnerten, die ich auch sehr mochte. Wir Kinder hatten jedes unser eigenes Beet, das wir nach unseren Vorstellungen bepflanzen durften.

Meine älteste Schwester baute ausschließlich Gemüse an. Möhren, Kohlrabi, Radieschen, Zwiebeln. Alles schön in Reih und Glied, was auf einem so kleinen Beet (ungefähr vier Quadratmeter) sicher gar nicht so einfach war. Ihr Beet sah immer aus wie ein Hochglanzfoto aus einem Gartenbuch. Ich glaube, sie hatte sich für Gemüse entschieden, um uns anderen ein gutes Beispiel zu sein. Vielleicht auch, um unserer Mutter eine Freude zu machen. Natürlich verzog sie die Mohrrüben immer fachgerecht, ebenso die Radieschen, hatte vorbildliche Ergebnisse, und wenn diese abgeerntet waren, setzte sie Salat, wie es sich gehört. Und selbstverständlich aß sie die Radieschen niemals allein, sondern wusch und schnitt sie ordentlich und stellte sie dann für alle auf den Abendbrottisch, denn sie teilte gern.

Meine mittlere Schwester war eine klingende Künstlerseele und als solche von Begeisterung durchglüht. Ihr Beet war eine Katastrophe. Immer schwärmte sie von etwas Neuem, heute von Dahlien, morgen von Kohlrüben, übermorgen vom Fingerhut. Ständig stürzte sie sich auf ihr Beet und änderte alles, eine Struktur war nie erkennbar. Auch konnte sie sich nie zwischen Gemüse und Blumen entscheiden, ja, es kam sogar vor, dass sie Blumen, die kurz vor dem Aufblühen waren, wieder herausriss, weil sie just beschlossen hatte, Kartoffeln zu legen, und das zu einer Zeit, als diese eigentlich schon hätten geerntet werden müssen. Erstaunlicherweise hat sie trotzdem im Laufe der Jahre, wenn auch wenige, so doch die prächtigsten Exemplare von uns allen hervorgebracht, sowohl bei den Blumen als beim Gemüse. Heute weiß ich, dass das an der Mischkultur gelegen haben muss.

Mein Beet war ein Frühlingsbeet. Schon immer hatte ich eine so wilde Gier nach Frühling in mir, dass ich alle Blumenzwiebeln, derer ich habhaft werden konnte, sofort in mein Beet stopfte, egal, ob dort noch Platz war oder nicht. Ich ging auf Pirsch durch die Nachbargärten und fragte nach übrigen Blumenzwiebeln, mit der Lüge, die Zwiebeln meiner Mutter wären von Wühlmäusen gefressen worden und ich wolle ihr gern eine Freude machen … So zog ich mit Hosentaschen voller Märzenbecher-, Narzissen-, Scilla-, Tulpen-, Perlblumen-, Schneeglöckchen-, Krokus- und Winterlingzwiebeln heimwärts, und das alles ohne das leiseste schlechte Gewissen. Auf diese Weise heimste ich Unmengen zusammen, die ich wie Schätze vergrub. Die Wühlmäuse mögen mir meine Verleumdungen verzeihen.

In jedem Frühjahr explodierte mein Beet. Die Blumen hatten regelrecht Mühe, sich nicht gegenseitig umzubringen, so eng standen sie. Mit Beetgestaltung hatte das natürlich nicht mehr das Geringste zu tun. Ich schwamm im Frühlingszauber. Dieses irre Blühen hielt gut zehn Wochen an, katapultierte mich gründlich und vollständig aus dem Winter heraus, erfüllte mein Herz mit Glück und Seligkeit, gab mir das Gefühl, eine begnadete Meistergärtnerin zu sein und brachte mir wenigstens für kurze Zeit den blanken Neid meiner Schwestern ein. Ich sah es in ihren Augen und fühlte mich hervorragend, um nicht zu sagen vollkommen.

Dann kam der Juni. Für den Rest des Jahres welkte mein Beet vor sich hin. Aber im Sommer hatte ich ohnehin anderes zu tun. Spielen zum Beispiel. Diesbezüglicher Kritik meiner Schwestern widersetzte ich mich mit dem Argument, dass man dort, wo Zwiebeln in der Erde wären, diese nicht umgraben solle. Das hatte ich mal in einem Gartenkalender gelesen. Und im Herbst setzte meine Frühlingsvorfreude wieder so stark ein, dass ich mich sofort auf die Suche nach neuen Zwiebeln machen musste.

Gott sei Dank habe ich heute mehr als vier Quadratmeter Garten, so dass ich, auch wenn es mir schwerfällt, einige Bereiche inzwischen auch für anderes nutze als für Frühblüher.

Dennoch – sie sind mir die Liebsten. Was könnte mehr Trost verströmen als ein weißer Krokus im Schnee? Wer könnte herrlicher leuchten als die feuerrote Tulpe mit schwarzem Auge? Und wer könnte lieblicher duften als das Veilchen? Das hat zwar keine Zwiebel, aber früh blüht es auch.

Tag der Biene

Heute ist die Sonne in den März gefallen. So viele Krokusse, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Alle haben ihre Blütenkelche weit geöffnet und strecken sich dem Licht entgegen. Büschelweise Schneeglöckchen dazwischen. Ich hocke mich hin. Um diese Jahreszeit gibt es nur Details. Erste Grashalme sprießen vorsichtig aus dem strohfarbenen Etwas, das mal eine Wiese war. Je länger ich auf dieselbe Stelle sehe, umso mehr entdecke ich. Als müssten sich auch meine Augen erst wieder ans Gucken gewöhnen. Die Kaiserkrone treibt! Und der Phlox schiebt zwischen den alten, trockenen Stängeln erste blassgrüne Lanzetten hervor. Sogar die Pfingstrose hat schon geflaggt. Tiefrot, breit und kräftig. Die rotbraunen Puschel des Goldfelberich haben ein trockenes Ahornblatt angehoben. Daneben: minikleine Rosetten am Pfennigkraut. Alles treibt, schiebt, grünt. Zwar noch zaghaft, erdnah, quasi an den Boden gedrückt, als traue es dem Frieden noch nicht ganz. Aber doch nicht mehr zu leugnen.

Eine Ameise zwischen zwei Grashalmen. Auch die Regenwürmer sind aufgewacht, die Wiese ist übersät mit ihren „Häufchen“.

Die weichen, olivgrünen Mäuseblätter des Vergissmeinnichts beginnen, sich aus der Erde zu schieben. Daneben die Blattkränze der Gänseblümchen. Am lustigsten stehen die Tulpenblätter da: fast alle balancieren flache Hüte aus vorjährigem Ahorn- oder Hasellaub auf ihren Spitzen. Und die Akelei! Schon die jungen Blätter äußerst elegant, verschlungen und geheimnisvoll. Überhaupt sind die Blätter der zukünftigen Blumen oft ihren Blüten sehr verwandt.

Blätter, wohin das Auge reicht. Darunter auch immer einige, vor denen ich rätselnd stehe: Was könnte das sein? Was wird das nur? Das habe ich doch schon einmal gesehen, das kenne ich. Die Glockenblume? Nein, die Blätter waren schmaler. Die Ringelblume? Die Anemone? Bald werde ich es wissen.

Mit Erleichterung stelle ich fest, dass auch der Rhododendron wieder besser aussieht. Schlimm ging es ihm an den Kahlfrosttagen der letzten Wochen: verdorrte, eingerollte Blätter. Ich dachte, er geht mir ein. Die Immergrünen haben es schwer im Winter, besonders zum Ende hin, wenn der Schnee sie nicht mehr schützt. Ihre Blätter verdunsten das Wasser immer weiter, aber ihre Wurzeln können bei Frost nichts trinken. Doch er hat überlebt. Gott sei Dank. Seine dunkelgrünen Lederblätter sind wieder schön glatt ausgerollt und glänzen in der Sonne.

Überhaupt, die Sonne! Wie meine Haut sich nach ihr sehnte. Instinktiv ducke ich mich, als ein Gebrumm sich meinem Ohr nähert. Dann schaue ich dem Geräusch hinterher. Eine Biene! Die erste Biene ist da!

Wie schreckhaft man wird in so einer insektenfreien Winterwohnung.

Die Biene, noch ein wenig steif vor Kälte, steuert die Krokusse unter dem Kirschbaum an. Eine gute Entscheidung. Welche Blüte sie wohl nehmen wird? Welche Farbe sie wohl am schönsten findet? Wenn ich Biene wäre, ich glaube, ich nähme die große, lila-weiß gestreifte. Die sieht so königlich aus. Oder doch lieber eine gelbe? Oder eine von den kleinen blasslila Elfen mit orangener Spitze … Sie schwankt noch, schwebt über den verschiedenen Blüten hin und her. Wonach entscheidet sie das eigentlich? Ob ihr das reine Weiß vielleicht besser gefällt? Die weißen Krokusse sind ja auch besonders groß. Und so erhaben … Nein, ich kann nicht sagen, welche mir die schönste ist. Da verschwindet die Biene in der lila-weiß gestreiften. Sofort fühle ich mich ihr aufs Tiefste verbunden. Natürlich ist der gestreifte Krokus der schönste – gar keine Frage! Wie konnte ich je daran zweifeln!

Ich knie nieder und sehe ihr zu, wie sie in der Blüte herumkriecht. Plötzlich ein Tumult hinter mir. Fünf Spatzen wollen gleichzeitig im Hundewassernapf baden, passen nicht hinein, tschilpen, krakeelen und hacken aufeinander ein. Als ich wieder zum Krokus schaue, ist die Biene verschwunden.

Aber ich habe sie gesehen! Die erste Biene. Ein Grund zum Feiern. Ja, warum eigentlich nicht? Wir feiern viel zu selten. Ich beschließe, sofort und augenblicklich den Tag der Biene einzuführen. Er ist gleich zu begehen, wenn jemand die erste Biene des Jahres gesichtet hat. Man feiert ihn im Freien.

Kurzentschlossen rufe ich ein paar Freunde an, sage ihnen, dass ich eine Biene gesehen habe, und dass wir deshalb noch heute mit einem Kaffee im Garten darauf anstoßen werden. Warme Decken sind mitzubringen.

Bald werden es mehr Bienen werden und immer mehr. Bald wird der ganze Garten voll Gesumm und Gebrumm sein, und ich werde mich nicht mehr erschrecken, weil es ein ganz normales Geräusch für mich geworden sein wird. Die Biene von heute wird ihre ganze Verwandtschaft mitbringen, und alle werden sie von Tag zu Tag mehr Nektar finden. Bald werden sie sich über die Blüten der Aprikose hermachen können, die schwellen schon und schimmern bereits leuchtend rot. Ich hoffe nur, dass kein Frost kommt, wenn sie sich öffnen. Danach werden die Bienen in den Pfirsichblüten herumkriechen. Wenn die sich öffnen, muss ich keinen Frost mehr befürchten. Und dann holen sie ihren Nektar aus den Kirschblüten, dann vom Apfel- Birn- und Pflaumenbaum …

Die Spatzen hocken jetzt zu sechst im Buddelkasten. In kleinen Sandmulden tun sie so, als säßen sie im Wasser, schlagen mit den Flügeln, wackeln mit dem Schwanz und piepsen vor sich hin. Sand fliegt auf die Wiese. Hätten wir also das Rätsel, warum der Sand im Buddelkasten immer weniger wird, auch geklärt.

Jetzt habe ich so viel in der Gegend herumgehockt, dass mir die Knie wehtun. Ich stelle einen Stuhl auf die Terrasse, setze Kaffeewasser auf, wickle mich in eine Decke und strecke die Beine von mir. Zufrieden sitze ich in der Sonne und warte auf meine Freunde.

Ein Wohlgeruch weht mich an. Krokus und Schneeglöckchen. Ganz zart. Genüsslich lasse ich mir dieses Naturparfum in der Nase zergehen. Es birgt ein Versprechen, dem ich sofort glaube. Welch ein Duft! Biene müsste man sein.

Meine grüne Seele

Ich habe eine Frau gekannt, die von morgens bis abends nichts anderes tat, als Unkraut auszureißen und dabei vor sich hin zu schimpfen. Es war, als führe sie einen Krieg. Ihr Feind war die Natur. Kaum tauchte ein Stück Moos in ihrem Rasen auf, schon begann sie, dieses auszurupfen, kaum zeigten sich ein paar gezackte Löwenzahnblätter, griff sie zu einer harpunenartigen Grabegabel und stach diese samt Wurzel aus, kaum wuchs eine wilde Kamille auf ihrer Terrasse, holte sie ein schreckliches Gerät hervor, schloss einen Schlauch an eine Gasflasche an und richtete eine Flamme auf sämtliche Terrassenfugen. Selbstverständlich hatte auf ihren Gemüsebeeten kein Klee, kein Vergissmeinnicht, kein Hahnenfuß, Schöllkraut oder wilder Mohn etwas zu suchen. Ihr Garten glich einem geputzten Zimmer, und sie war stolz darauf.

Dieser Garten lag neben dem meiner Mutter. Als Kind machte ich instinktiv einen Bogen um ihn, denn die Frau guckte immer so grimmig. Sie hatte eine steile Falte auf der Stirn, vor der ich mich ebenso fürchtete wie vor ihrem Flammenwerfer.

Wie unterschiedlich Gärtnerinnen und Gärtner als einzelne Menschen auch sein mögen, eines haben sie alle gemeinsam: Sie entscheiden über das Verhältnis von Wildnis und Kultur in ihrem Garten. Und an diesem Punkt gehen die Meinungen sehr auseinander. Der eine meint, die Natur werde es schon besorgen, irgendetwas wächst ja immer, und ein Garten sei dazu da, der verlorengegangenen Wildnis wenigstens auf dreihundert Quadratmetern wieder eine Chance zu geben.

Praktisch an dieser Haltung ist, dass sie keine Mühe macht und keinen Muskelkater auslöst. Höchstens Ärger, mit den Gartennachbarn nämlich, die das anders sehen. Manche haben eben ein Problem damit, wenn die Samen von Brennnessel, Goldregen oder Weidenröschen scharenweise über den Zaun geweht werden oder wenn Giersch und Quecke sich aufmachen, unter dem Zaun hindurchzuwachsen und die Rosen- oder Gemüsebeete flächendeckend zu erobern. Dann beschweren sie sich bei ihren wildnisliebenden Nachbarn. Und hören dann, deren Garten sei ein Ökogarten und Giersch ein sehr gesunder und leckerer Frühjahrssalat. Und schon ist der Ärger da. Man wirft sich auf der einen Seite Faulheit vor, auf der anderen Seite Kleingeist und Rasenmähermanie.

Und dann gibt es noch die, die unbedingt etwas gegen Wildnis haben und trotzdem nicht den ganzen Tag arbeiten wollen. Die betonieren ihren Garten kurzerhand zu und lassen nur ab und an kleine Inseln stehen, in die sie ordentliche Pflanzen aus dem Baumarkt setzen.

Bevor ich einen eigenen Garten hatte, hätte ich mir tatsächlich nicht träumen lassen, mit welcher Geschwindigkeit Wildpflanzen wachsen und vor allem, wie schnell und üppig sie sich vermehren. Einerseits möchte ich ja schon eigene Gestaltungsideen umsetzen, andererseits will ich nicht zum Sklaven des Gartens werden und den ganzen Tag darum kämpfen, dass die Rosen, Stauden und Salatköpfe die Invasion von Quecke und Ahorn überleben. Man kann es nun als brutal ansehen, dass ich daumengroße Ahornbäumchen auszupfe, sobald ich sie entdecke, immerhin könnten das wunderschöne Bäume werden, und haben wir davon nicht immer zu wenig? Bedenkt man aber, dass es pro Saison ungefähr dreitausend solcher Bäumlinge sind, die ich entferne, wird klar, wie der Garten in ein paar Jahren aussähe, wenn ich es nicht täte.

Auf der anderen Seite wachsen manche Wildpflanzen, die ich gern hätte, partout nicht in meinem Garten. Zum Beispiel liebe ich Adonisröschen über alles. Ich habe mir Samen besorgt, ich habe Pflanzen in speziellen Wildpflanzenhandlungen gekauft und sie gesetzt, doch sie blieben nicht da. Irgendwann gab ich es auf und sah ein, dass ich ihnen wohl nicht die geeigneten Bedingungen bieten konnte.

Was Natur und was Kultur, was wild und was erwünscht, hängt also vom Betrachter ab. Selbst auf den Begriff Unkraut kann man sich nicht mehr verlassen. Auch unser Getreide wurde einst als Unkraut bezeichnet. Andererseits gibt es Pflanzen wie den Giersch, die so raumeinnehmend sind, dass ich beim ersten Auftreten radikal dagegen vorgehe. Eine Freundin von mir, die einmal einen vergierschten Garten übernahm und vier Jahre lang mit allen erdenklichen Methoden versuchte, den Giersch zu entfernen, weil sie auch mal etwas anderes anbauen wollte, wandte sich schließlich an einen Fachmann und fragte ihn, was sie denn noch tun könne. Ob es überhaupt eine Lösung gäbe. Ja, sagte der, die gäbe es. Sie solle sich einen neuen Garten suchen.

Beim Giersch ist es also eindeutig. Aber wird der Sellerie, den ich gesät habe, von einer Handvoll sich ausbreitender Wild-Akeleien bedroht? Stören sich meine Rosen an den Vergissmeinnichtwolken, die sich im Mai um sie herum erheben? Sind Fingerhut, Waldmeister, Kamille oder Klatschmohn, die bei mir alle von allein wachsen, Unkräuter oder nicht? Ich kann natürlich alle sich selbst aussamenden Wildpflanzen zu Unkräutern erklären, sie ausreißen, ich kann einen endlosen Kampf führen und mir anschließend gratulieren, dass in meinem Garten nur das wächst, was ich will. Doch abgesehen von einer zermürbenden Sisyphusarbeit wird diese Haltung auf Dauer etwas mit mir machen. Je mehr ich kämpfe, umso mehr Hass wird sich in mir ansammeln. Da ich nur noch Unkräuter suche, um sie auszureißen, werde ich irgendwann nur noch Unkräuter erblicken. Ich werde mir das Schönste nehmen, was ein Garten zu bieten hat. Ich werde weder Zeit noch Muße haben, mich in der Freundlichkeit des Vergissmeinnicht, der Schönheit der Akelei, der Anmut der Digitalis oder dem Duft des Waldmeisters zu verlieren.

Es liegt wohl ein großer Reiz darin, die eigene Idee von der Welt wie einen Besitz anzusehen, der verteidigt werden muss. Insofern glaube ich, man ist nie „Sklave des Gartens“. Eher Sklave der eigenen Vorstellungen und Ideale von einem Garten. Ein sicheres Zeichen dafür, dass man diesen Zustand erreicht hat, ist, den Garten als Belastung zu empfinden und bei seinem Anblick nur noch an Arbeit zu denken.

Natürlich wollen wir gestaltend tätig sein. Und ein Garten ist gestaltete Natur. Aber man sollte sich immer der Verführung bewusst bleiben, die aus dem Zusammenspiel von eigenem Perfektionismus, ordnungsliebenden Nachbarn, deutschen Kleingartengesetzen und Hochglanz-Gärtnerei-Reklame erwachsen kann.

Für meine grüne Seele, die dem Unperfekten huldigt, gibt es in meinem Garten eine Ecke, in der ich nichts tue. Dort kommen kein Spaten, keine Hacke und keine Samentüte hin. Es ist eine Ecke neben der Dusche, ein recht schattiger, unwirtlicher Platz. Dort wuchs nichts, was ich aussäte. Irgendwann entschied ich, der Natur dort ihren Lauf zu lassen, nichts mehr zu tun und nur noch zu beobachten, was passiert.

In diesem Frühjahr schoben sich dort plötzlich ein paar kleine Spitzen aus der Erde. Zuerst dachte ich, es werden die üblichen Ahornbäume. Doch dann fiederten sich die Blätter immer mehr auf und kleine gelbe Blüten erschienen. Es waren Adonisröschen.

Müde Knochen

Abends um acht kippe ich um. Liege auf der Couch. Arme und Beine hängen bleischwer an mir herunter. Nichts geht mehr. Eine Tasse Tee wäre gut. Aber allein die Vorstellung aufzustehen, in die Küche zu gehen, Tee zu kochen und ihn zur Couch zu tragen, reicht aus, mich noch tiefer in die Kissen zu drücken.

Ich schließe die Augen. Mein Gesicht brennt. Kann man denn im März schon Sonnenbrand bekommen? Ich spüre jeden Knochen. Der Rücken zwickt, in meinen Adern pulsiert das Blut. Muskeln tun mir weh an Stellen, wo ich gar keine Muskeln vermutet hatte.

Den ganzen Tag habe ich mich von hinten bis vorn und wieder zurück durch den Garten gewühlt. Ihn mir wieder zu eigen gemacht. Ihn genossen. Mich in ihn eingegraben! Habe vertrocknete Stauden heruntergeschnitten, den vorderen Weg ausgebessert, zwei rechtwinklige Betonecken in runde aus Feldsteinen verwandelt. Den linken Kompost umgesetzt.

Meine Fingernägel sind schwarz. Meine Hände fühlen sich trocken und rau an. Die Unterarme sind zerkratzt wie nach einem Katzenkampf. Das waren die Kletterrosen. Ich habe sie angebunden. Danach alles einmal gegossen. Vom Gießkannenschleppen scheinen meine Arme länger geworden zu sein. Und tatsächlich! Kann das wahr sein? Acht Mückenstiche. Um diese Jahreszeit!

Nachmittags, als ich die Kohlen umpackte, kam meine Nachbarin Erika und lud mich zu Kaffee, Kuchen und Klönen ein. Gut, dass sie kam, vermutlich hätte ich sonst gar keine Pause gemacht. Und die Pausen mit Erika sind immer so unterhaltsam, sie kann so wunderbar erzählen.

Danach habe ich noch Farn ausgegraben. Die Stachelbeeren brauchten dringend mehr Licht. Nun ist es luftiger geworden hinter der Weinlaube.

Wie dreckig ich bin! Das geht nun wirklich nicht, so kann man doch nicht ins Bett. Aber zum Waschen bin ich einfach zu erledigt. Das mache ich morgen früh.

Ach – gärtnern! Endlich! Wie hatte mir das gefehlt! Meine Lebensgeister sind erwacht. Aber mein Körper – oje. Ich muss wohl auch in diesem Jahr wieder lernen, dass ich keine Zwanzig mehr bin. Nicht alles auf einmal wollen. Immer schön geduldig, nach und nach … Der Sinn des Gartens ist bestimmt nicht, dass ich abends nicht mehr kriechen kann.

Angesichts der Erschöpfung fällt mein Geist allmählich in Trance. Bilder des Tages ziehen vorbei. Dieses Tier im Holzstapel, das wie verrückt nagte und mich ganz nervös machte. Eine Maus? Entdecken konnte ich sie nicht. Nur hören. Wer frisst denn Holz? Holzwürmer sind doch nicht zu hören? Oder? Man weiß gar nichts. Der Garten – ein fremder Planet … Den ganzen Tag nur geackert. Warum wundert mich, dass ich müde bin? Über die beiden runden Steinecken freue ich mich. Heißen sie eigentlich noch Ecken, wenn sie rund sind? Egal. Sie gefallen mir. … Wer sagt, dass ich ins Bett muss? Ich bleibe einfach auf der Couch liegen. Bin alt genug, das selbst zu entscheiden … Mein Gesicht glüht. Eindeutig Sonnenbrand … Irgendjemand meinte, da hilft Kefir. Wer war das nur? Und wo nehme ich jetzt Kefir her? … Oh, mein Rücken … Ja, es war zu viel für den Anfang. Das steht fest. Gut, dass ich jetzt schlafen kann. Schlaf ist etwas Wunderbares. Vielleicht bin ich auch nur von der vielen frischen Luft so kaputt. Oder vom Glück. Ich bin so selig, es würde mich nicht wundern, wenn sich das Dach auftun, der Himmel runterfallen und sich als leuchtend dunkelblauer Mantel um mich legen würde … Und während ich immer schwerer und schwerer werde und völlig mühelos in den Schlaf hinübergleite, taucht für einen Moment eine gleißende Klarheit in mir auf. Ganz deutlich. Fast eine Erleuchtung. Eigentlich sogar zwei Erleuchtungen. Ich bin nur zu müde, sie in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Sie lauten: Morgen habe ich höllischen Muskelkater. Und: Zufriedenheit ist ein anderes Wort für Garten.

Der Garten im

Kirschbaumgezeiten

Die beiden Kirschbäume wachsen auf der Wiese neben dem Pfirsich. Ihre mächtigen breiten Stämme, deren Rinde teils glänzt wie frisch poliert, stellenweise aber auch schon eingerissen ist und sich abschält, und ihre breiten Kronen, die vom Gartenhausdach bis zur Pforte reichen und sich in der Mitte berühren, dominieren das Bild der vorderen Gartenhälfte. Dass sie alt sind, sieht man sofort. Besonders der hintere Baum ist mit Pilzen und Flechten bewachsen, an manchen Stellen des Stammes ist Harz ausgetreten, hart geworden und leuchtet nun bernsteinfarben in der Sonne. Wahre Riesen sind sie, nicht solche Halb- oder Viertelstämme, wie man sie heute gern als Obstbäume setzt. Als man sie pflanzte, wollte man noch zu Bäumen aufsehen und ausreichend von ihnen ernten.

Ein Mann aus der Gegend, nach dem Alter dieser beiden Bäume befragt, erzählt: Er hätte Anfang der Fünfzigerjahre, wenn er die Schule schwänzte, natürlich nicht nach Hause gehen können. Das hätte mächtigen Ärger gegeben. Also wäre er den ganzen Vormittag S-Bahn gefahren. Besonders geeignet sei dazu die Ringbahn gewesen, in ihr konnte er einfach bis zum Schulschluss sitzen bleiben, sei immer schön im Kreis gefahren und habe sich die Stadt angeguckt. Und bei dieser Gelegenheit hätte er von der S-Bahn aus immer diese beiden Kirschbäume gesehen, deren Kronen schon damals die Höhe des Bahnsteigs überstiegen und voller glänzender roter Früchte hingen. Und immer wäre ihm dann das Wasser im Mund zusammengelaufen und er hätte sich in diesen Garten geträumt und sich danach gesehnt, einmal in diese Bäume zu klettern und sich den Bauch voller Kirschen schlagen zu dürfen …

Ich bin froh, diese Geschichte zu hören. Nun weiß ich, dass meine Kirschbäume in den Fünfzigerjahren schon wenigstens zwanzig Jahre alt gewesen sein müssen, was bedeuten würde, dass sie wahrscheinlich 1930 bei Anlage des Gartens gepflanzt wurden. Somit sind sie heute über achtzig Jahre alt. Und trotzdem noch so kraftvoll und blühfreudig!

Im April ziehen die Kirschveteranen ihre Hochzeitsgewänder an. An jedem noch so kleinen Zweig sitzen die schneeweißen Blütenbüschel, dicht an dicht, leuchten in der Sonne und duften vor sich hin. Alle Menschen, die in den Garten kommen, stellen sich auf die Kirschwiese, legen den Kopf in den Nacken, gucken ganz selig und bestaunen die tausenden kleinen Blumensträuße vor dem blauem Frühlingshimmel. Genüsslich ziehen sie den Duft durch die Nasenlöcher, rufen Ah! und Oh!, und hören erst damit erst auf, wenn sie Genickschmerzen bekommen.

Dann summt und brummt es dort oben, die Nektarsucher wissen gar nicht, wo sie in diesem Überangebot zuerst naschen sollen, umschwirren die Kronen, aus deren Inneren eine berauschende Süße hervorbricht, taumeln von Kelch zu Kelch und genießen. Von unten nach oben pulsiert der Saft in den Bäumen, von den kleinsten Wurzelfasern bis in die höchsten Zweige. Ein Überfluss ist das, ein Reichtum, eine Üppigkeit, dass einem ganz schwindlig werden kann. Und als wüssten sie, dass diese Pracht nur von kurzer Dauer ist, fliegen Bienen und Hummeln von morgens bis abends, pausenlos, um so viel Köstlichkeit wie möglich einzusammeln und auch ja viele Blüten zu bestäuben.

Ein paar Tage später gibt es ein neues Schauspiel. Es schneit. Die Wiese sieht von fern bereift aus. Kleine, lichtweiße Kelchblätter lösen sich, segeln lautlos herab, alle Gartenpflanzen sind weiß gefleckt, Gänseblümchen, Tulpen und Osterglocken spielen Karneval, frischgestutzte Rosenstöcke sehen aus wie Harlekine, der Buddelkasten hat eine Spitzendecke aus Blüten bekommen. Tagelang gleiten die Kirschblüten friedlich auf Grashalme, Beete, Wege, Buddelsand und Menschenköpfe.

Im Mai kann, wer gute Augen hat, schon spärliche, länglich geformte grüne Knubbel an den Stielbüscheln entdecken. Und im Juni sind diese unscheinbaren Verdickungen zu kugelrunden Früchten herangewachsen. Nun erst zeigt sich, dass man hier zwei ganz verschiedene Kirschbäume vor sich hat. Der vordere bringt glänzend dunkelrote, fast schwarze Knupperkirschen hervor, der hintere hellrote. Die Kirschen werden dicker und dicker, leuchten in der Sonne, die Zweige beginnen sich nach unten zu biegen. Und nun, als hätte jemand ein weithin hörbares Signal gegeben, stürzt sich alles, was Flügel, Schnabel und Krallen hat, in die Kronen. Stare, Meisen, Spatzen, Eichelhäher, Krähen, Amseln, Elstern und natürlich auch das Eichhörnchen. Alle wollen sie mal kurz nachschauen, ob es schon so weit ist. Ob die Kirschen schon süß genug, knackig genug, saftig genug sind. Zu diesem Zweck müssen sie natürlich die eine oder andere anpicken. Oder sie herunterschmeißen. Oder von ihr abbeißen.

Ich rufe Freunde an, vermelde, dass die Kirschen reif sind. Sie kommen, mit Eimern, Spankörben und Schüsseln, stellen Leitern an den Stamm, steigen hinauf, klettern in die Äste, mit nackten Füßen. Die Sonne scheint, die Menschen schwitzen, mit einem Arm umklammern sie einen dicken Ast, halten sich in schwindelerregenden Höhen, die andere Hand greift nach einem Kirschbündel. Sie werden zu Zirkuskünstlern, balancieren, lachen und pflücken, Schweiß tropft von Stirnen, Eimer und Körbe füllen sich rot.

Die Bäume werden leichter und leerer. Können ihre Arme endlich wieder aufrichten und in den Himmel recken. Es ist, als würden sie seufzen vor Erleichterung.

Abends, wenn es still geworden ist im Garten, gehe ich noch einmal zu meinen Kirschbäumen.

Wie ein altes Ehepaar kommen sie mir vor, als hielten sie sich an den Händen mit ihren Zweigen, die sich nun wieder berühren. Sie stehen so friedlich nebeneinander. Einer von ihnen, denke ich, wird vor dem anderen sterben. Sicher der hintere, dessen Stamm schon von Pilzen übersät ist. Wie es dann wohl dem anderen geht? Ob sein Partner ihm fehlen wird?

Aber das kann noch lange dauern. Eine Weile bleiben sie sicher noch.

Voller Dankbarkeit lege ich meine Hand auf den Stamm. Ich stelle mir vor, wie jemand in schlimmen Zeiten froh war, dass es diese Bäume gab. Im zweiten Weltkrieg standen sie schon hier. Welch ein Symbol der Hoffnung und des Lebens müssen sie gewesen sein in ihrer blühenden Pracht im April ‘45, kurz vor Kriegsende. Welch ein Trost einige Monate später ihre Speise. Und erst im Hungerjahr 1946. Manch einer wird geweint haben vor Glück, als er sie entdeckte. Einmal satt essen. Vielleicht hat einer von diesen Menschen damals auch seine Hand an den Stamm gelegt, so wie ich jetzt, als wolle er sich bedanken.

Wenn die Vögel begriffen haben, dass die Äste für dieses Jahr leer sind, fliegen sie zu anderen Bäumen. Dann kehrt Ruhe ein in den Kronen. Dann können meine Kirschbäume die Augen schließen und Kraft sammeln für die kalte Zeit.

Meisenpost

Natürlich bekomme ich im Garten keine Post. Dass ein Briefkasten mit meinem Namen am Zaun hängt, hat rein romantische Gründe. Briefkästen in der heutigen Zeit haben etwas zutiefst Romantisches.

Bei der Sanierung unseres Mietshauses wurden unter anderem alle alten Briefkästen entfernt, die sich im Laufe der Jahre zu echten Individuen entwickelt hatten. Selbstgeschriebene Namensschilder, diverse Aufkleber (von „Atomkraft – Nein danke!“ über „Hier nur Liebesbriefe!“ bis „Keine Werbung – Lasst die Bäume leben!“), persönliche Nachrichten an den Postboten, verrostete oder verbogene Türen und mehrere neue Farbanstriche hatten ihnen ein unverwechselbares Flair verliehen. Es kam mich das kalte Grausen an, als ich fortan im Hausflur von den neuen, seelenlosen und einheitsbeschrifteten Edelstahlkästen empfangen wurde.

Die alten waren lieblos auf einen Schuttberg geworfen worden. Ich brachte es nicht übers Herz, meinen dort liegen zu lassen. Ihn, der über so viele Jahre Erwartung, Hoffnung, Sehnsucht, Freude und Trauer zu mir getragen und mir so viel liebe Post beschert hatte. Als ich ihn zwischen Putzbrocken und Ziegelschutt liegen sah, musste ich ihn einfach mitnehmen. Ich trug ihn in den Garten und hängte ihn an den Zaun.

Das war Anfang März.

Zum Ende des Monats begann mein Hund, sein Winterfell abzuwerfen. Diese Prozedur dauert in der Regel drei Wochen, in denen der Wind dicke weiße Hundefellflocken über Grashalme und Gänseblümchen treibt.

Eines Morgens, als ich gerade beim Kaffee saß, erblickte ich einen merkwürdigen Vogel. Er hüpfte über die Wiese, pickte etwas auf, hatte einen unförmigen weißen Kopf und im Vergleich dazu einen schmächtigen kleinen Körper mit auffallend gelbem Bauch, der an eine Kohlmeise erinnerte. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um eine solche handelte. Sie stopfte sich Hundehaarbüschel um Hundehaarbüschel in den Schnabel, bis sie aussah, als wüchsen ihr rechts und links riesige Bärte aus dem Kopf. Als ich befürchtete, sie würde jeden Moment an dem Haargewirr ersticken, setzte sie zum Flug an. Neugierig verfolgte ich sie mit den Augen und staunte nicht schlecht, als sie im Schlitz meines alten Briefkastens verschwand.

Gleich setzte ich mich so, dass ich Wiese und Briefkasten bequem im Auge hatte. Und wirklich: binnen Kurzem kam sie – jetzt eindeutig eine Kohlmeise – ohne Haare wieder aus dem Schlitz heraus, flog erneut zur Wiese, legte sich zwei neue Bärte zu und verschwand wieder im Briefkasten.

Dieses Treiben dauerte drei Wochen lang, genau so lange, wie mein Hund sein reichlich fallendes Winterfell im Garten verteilte. In dieser Zeit bastelte ich ein Schild mit der Aufschrift: „Keine Post einwerfen! Brütende Meise!“ und klebte es an den Kasten, als die Meise gerade auf der Wiese zu tun hatte.

Warten, Hoffen und Wünschen, diese schwierigen Geduldsübungen, die einem Briefkasten gut anstehen, lohnten sich auch diesmal. Schon Mitte April begann die Meise zu brüten, ich konnte deutlich beobachten, wie sie fleißig von ihrem Männchen gefüttert wurde. Anfang Mai flogen dann plötzlich zwei erwachsene Meisen unermüdlich hin und her, Mutter und Vater, und stopften Samen, Insekten, Larven, Spinnen und kleine Schnecken durch den Briefschlitz. (Kluge Menschen haben ausgerechnet, dass ein Meisenpaar und seine Nachkommen in einem einzigen Sommer über fünfundzwanzig Kilogramm Insekten und Kleintiere vertilgen! Falls sie nur einmal brüten. Oft brüten sie aber im Juni ein zweites Mal.)

Drei Wochen später, an einem schönen Mai-Vormittag, war es dann soweit: Die Kinder sollten fliegen lernen. Ich wurde Zeuge, wie Mutter Meise versuchte, sie aus dem Briefkasten herauszulocken. Offenbar machte es den jungen Meisen ziemliche Mühe, von innen durch den schmalen Schlitz zu rutschen und dabei gleichzeitig die Flügelchen zum Flug auszubreiten. Die Mutter hüpfte und lockte, flog immer wieder zwischen dem Briefkasten und einem nahen Pfirsichast hin und her, und schließlich gelang es dem ersten Jungvogel, ihr zu folgen. Nach einem heroischen Schlenker landete er auf der Wiese. Nun trauten sich auch die anderen. Es waren sechs.

In den nächsten Wochen staunte ich über die unendliche Geduld der Eltern, die, obwohl nach der Anstrengung des Brütens und Fütterns sicher arg erschöpft, in einem fort Nahrung in aufgerissene Schnäbel stopften. Und das, obwohl – wie ich genau sehen konnte! – die Kleinen, die bald ebenso groß waren wie ihre Eltern, durchaus schon selbst fressen konnten! Dies taten sie allerdings nur, solange Mutter und Vater unterwegs waren, um Futter heranzuschaffen. Dann pickten sie fröhlich herum, fanden auch schon dies und das, kaum aber kamen die Eltern in Sichtweite, begannen sie herzzerreißend zu betteln, rissen die Schnäbel auf, schrien erbärmlich, zitterten mit den gespreizten Flügeln und verfolgen ihre Eltern in diesem jämmerlichen Zustand penetrant. Es wirkte. Die Altvögel waren den ganzen Tag mit Füttern beschäftigt.

Nach zwei Wochen konnte ich Eltern und Kinder nicht mehr unterscheiden und auch das Bettelgeschrei verstummte. Dafür habe ich seitdem immer freundliche kleine Gäste. Gleich morgens, wenn ich aus dem Haus trete, sind sie da. Kohlmeisen sitzen auf meinem Frühstückstisch, auf dem hochgeklappten Bildschirm meines Laptops, auf meiner Schuhspitze, wenn ich die Füße hochlege, auf der Wäscheleine in der Weinlaube oder auf dem Rand der Kaffeetasse. Sie fliegen mir um den Kopf, wenn ich eine Pause mache, ja, eine ist gar so dreist, sich während des Schreibens auf meinen Kugelschreiber zu setzen und daran herumzupicken. Auch erinnern sie mich sofort lautstark an ihr Gewohnheitsrecht, falls ich einmal vergesse, die Frühstücksbrotkrümel ins Futterhaus zu werfen. Oder schimpfen mit mir, wenn ich mich erdreiste, Erdnüsse oder Kuchen zu essen, ohne ihnen etwas davon abzugeben.

So nah kommen sie aber nur heran, wenn ich allein bin. Habe ich Besuch, beobachten sie mich und die fremden Menschen misstrauisch aus sicherer Entfernung.

Ich mag sie sehr, diese schönen Tiere. Obwohl ich für sie vermutlich lediglich zum nützlichen Inventar ihres Reviers gehöre. Genau wie der Hund. Und der Briefkasten. In dem sie hoffentlich im nächsten Jahr wieder brüten.

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0+
Release date on Litres:
17 December 2025
Volume:
160 p.
ISBN:
9783869179018
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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