Read the book: «Kaiserkrieger 13: Flammen über Persien»

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Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

Dezember 2020


Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin


Titelbild und Umschlaggestaltung: Timo Kümmel

Lektorat und Satz: André Piotrowski


ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-719-2

ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-761-1


Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich.


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1

Pāygān-sālār Jawed war noch am Leben, er atmete schwer und betete wahrscheinlich bereits zu seinen Göttern. Zenturio Marcus Sempronius Metellus hatte nicht die Absicht, seinen Kameraden sofort aufzugeben und alles höheren Mächten zu überlassen – nicht, solange er hier war. Er drückte mit beiden Händen auf die Wunde. Die Blutung ließ nach, als er die Schlagader im Becken fand und abpresste. Die Blutung stoppte dann fast vollständig und er starrte Jawed in die Augen, die verschleiert wirkten. Der Schock, so hatte man ihm bei der obligatorischen Sanitätsausbildung auf der imperialen Akademie beigebracht, und er hatte oft genug miterlebt, was das bedeutete. Jawed war jemand, dessen Leben er schätzte. Der Offizier hatte mit ihm in den letzten drei Monaten die persische Ostgrenze bewacht, jederzeit in Erwartung eines Angriffes. Er war kein Freund. Metellus hatte eher wenig Freunde. Jawed kam aber einem am nächsten.

Es gab diese Scharmützel. Es gab Verletzte. Noch wurde nicht richtig gekämpft. Es war ein Abtasten vor dem großen Angriff, wann auch immer der kommen mochte. Und Pāygān-sālār Jawed war nun zu einem Opfer dieses Abtastens geworden. Metellus kontrollierte seine Wut, konzentrierte sich. Die Befehle waren eindeutig: nicht provozieren lassen, sich nur verteidigen, alles melden, sich vor einer Übermacht zurückziehen. Das war vernünftig. Die Instinkte des Zenturios aber sagten etwas anderes.

»Herr, die Angreifer haben sich zurückgezogen!« Ein persischer Soldat meldete direkt einem römischen Offizier. Vor Jahren ein unmöglicher, ein undenkbarer Vorgang, doch Metellus, der keine Mühen gescheut hatte, die zum Glück recht logische Sprache der neuen Verbündeten Roms zu lernen, hatte sich angepasst.

»Wo ist der Arzt?«, fragte er.

»Draußen. Er versorgt …«

»Blutet dort jemand zu Tode?«

»Ich frage nach.«

Das kleine Grenzfort bot kaum 40 Mann Platz und es war ein willkommenes Ziel gewesen für eine starke Baekye-Patrouille, bewaffnet mit Gewehren. Ein Angriff aus der Ferne, der relativen Sicherheit einer guten Deckung, wohl wissend, dass weder Perser noch Römer die Erlaubnis hatten, auf die andere Seite vorzudringen, um eine passende Antwort zu geben.

Wut, da war sie wieder. Verdammt! Seit Imperator Haraldus tot war, ging alles den Bach runter. Es gab diese Momente, in denen rang Metellus um seine Selbstdisziplin. Er war Soldat. Dort war der Feind. Und sie saßen hier und ließen es zu, dass die engsten Verbündeten aus der Ferne niedergeschossen wurden, und durften nichts tun.

»Sie drücken auf die Arterie?«

Der Medicus kam an, erschöpft, voller Blutspritzer. Er schaute auf Jawed, dessen Augen ihren Fokus verloren hatten. Cornelius war ein alter Mann, stand am Ende seiner Dienstzeit und hatte sich, des Wahnsinns fette Beute, freiwillig zur gemeinsamen Grenzwache mit den Persern gemeldet. Wollte es noch einmal wissen, sich beweisen, etwas tun, bis er nicht mehr konnte oder man ihn nicht mehr haben wollte.

Das hatte er nun davon.

»Ja.«

»Bleiben Sie so. Auf den Tisch mit ihm. Wo ist mein Assistent?«

Männer kamen herein, schleppten Verwundete, manche mit Bandagen. Keinen hatte es so schwer erwischt wie den persischen Kommandanten, der zur falschen Zeit an der falschen Stelle des kleinen Wachturms gestanden hatte. Schicksal. Hinterhalt. Heimtücke.

Feigheit, dachte Metellus. Die des Feindes und die der eigenen Anführer.

Cornelius machte sich an die Arbeit. Die Medizin hatte fantastische Fortschritte gemacht. Früher wäre so eine Verwundung tödlich gewesen, früher waren die Felddoktoren lediglich bessere Metzger gewesen. Jetzt aber gab es die Neumann-Akademien im ganzen Imperium und eine, neu eröffnet, in Persepolis. Jetzt gab es Leute wie Cornelius, die Leute wie Jawed zusammenflickten, damit sie wieder auf Wachtürme klettern und aus der Ferne abgeknallt werden konnten wie ein Rehbock.

Die Wut. Metellus knirschte mit den Zähnen. Diese Regung lag in seinem Blut, in dem seines Vaters, seines Großvaters: gewalttätige Männer, die es nie geschafft hatten, sich zu beherrschen. Er war zur Armee gegangen, aus Angst davor, so zu werden wie sie. Doch die Anlage war da, der Fluch seiner Familie, und er drückte in seinem Zorn auf die Arterie, bis Cornelius’ Assistenz diese Pflicht übernahm und er für die Operation nicht mehr gebraucht wurde.

Nicht mehr gebraucht.

Er suchte nach heißem Wasser, wusch sich das Blut des Persers ab. Hörte Meldungen. Jaweds Stellvertreter war kein Idiot, er tat, was zu tun war, intelligent, ruhig, ein Mann, auf den man bauen konnte. Alle ließen Metellus das Blut abwaschen, keiner sprach ihn an. Der Römer merkte nicht, dass der eigentliche Grund seine von wildem Hass verzerrte Fratze war, ein Gesichtsausdruck, der allen, selbst den Hartgesottenen, Angst einflößte.

Dann trat er aus dem kleinen Gebäude ins Freie. Die Lage hatte sich beruhigt, aber alle Soldaten verharrten noch in Deckung. Der dritte Römer in diesem Grenzabschnitt, Hans Lucretius, kam auf ihn zu. Der Mann war seit zehn Jahren bei den Legionen, trug den Rang eines immunes und war vor allem deswegen für den Dienst ausgewählt worden, weil er aufgrund seiner Verwandtschaftsverhältnisse leidlich Persisch sprach. Dass sein Vater ihm aus Ergebenheit gegenüber dem Erbe der Zeitenwanderer einen Vornamen gegeben hatte, der mit Persien eher wenig zu tun hatte, war nur auf den ersten Blick überraschend. Das Römische Reich war und blieb ein Völkergemisch und die enge Kooperation mit Persien, das selbst viele Völkerschaften unter seiner Herrschaft vereinte, intensivierte diese Tendenz nur noch. Von der endlosen Schlange an Flüchtlingen, die aus dem nunmehr unter der Kontrolle Baekyes stehenden Indien nach Westen strömte, einmal ganz zu schweigen. Tatsächlich hatten die Grenzsoldaten mehr damit zu tun, die ankommenden Kriegsflüchtlinge in jene Regionen zu verweisen, wo sie Aufnahme fanden, anstatt die Grenze im engeren Sinne zu schützen.

Die großen, fatalen Fehler des Römischen Reiches zu Beginn der Völkerwanderung, das Versagen im Umgang mit den Goten, hatte dazu geführt, dass man diesmal gelernt hatte. Die Menschen aus dem indischen Subkontinent, Überlebende zerschlagener und einst mächtiger Großreiche, waren nur dann eine Gefahr, wenn man sie als solche behandelte. Tatsächlich meldeten sich viele, vor allem ehemalige Soldaten, nach kurzer Zeit freiwillig in den Militärdienst. Sie wurden gerne genommen. Erfahrungen mit einem Feind, der bisher nur aus der Ferne angriff, waren wertvoll.

»Hast du den Angriff gemeldet?«, fragte Metellus und sein Untergebener nickte.

»Ich habe sofort telegrafiert. Persepolis dürfte schon Bescheid wissen und Rom spätestens in einer Stunde.« Die größte technologische Anstrengung der letzten drei Jahre – neben der Bahnstrecke, die aus dem Imperium direkt nach Persepolis führte – war das Aufstellen der Telegrafenmasten gewesen. Die Grenzstationen damit zu verbinden, hatte einen immensen Aufwand bedeutet, aber wenn die Kommandeure der Großen Allianz, wie das Bündnis aus Rom, Aksum, Teotihuacán und Persien nunmehr genannt wurde, eines gelernt hatten, dann dies: In einem den Globus umspannenden Krieg waren Informationen alles und ohne Informationen war alles nichts. Die richtige Nachricht zur richtigen Zeit war wertvoller als zehn Legionen und die größten Kanonen und konnte über das Schicksal ganzer Nationen entscheiden. Also waren dies die Projekte gewesen, die man als Erstes angegangen war: Infrastruktur und Kommunikation.

Metellus befürwortete das. Er war ein vernünftiger, ein gebildeter Mann. Er war aber auch der Ansicht, dass es nach all den wunderbaren Informationen langsam Zeit für die Legionen und die Kanonen wurde. Er war mit dieser Ansicht gewiss nicht alleine, doch die vom Zorn genährte Ungeduld loderte in diesem Zenturio mit besonderer Intensität. Es war gut, dass er kein General war. Er hoffte, niemand kam je auf die Idee, ihn noch weiter zu befördern.

»Sag mir Bescheid, wenn es eine Antwort gibt.«

»Was für eine Antwort erwartet Ihr, großer Zenturio?«

Es gab einen guten Grund dafür, warum Hans Lucretius trotz seiner unbestreitbaren Talente niemals über den aktuellen Dienstgrad hinaus befördert worden war. Seine Vorgesetzten schwankten stets darin, ihn zu loben und seine Leistungen anzuerkennen und ihn für Wochen in eine Zelle zu sperren oder ordentlich verprügeln zu lassen. Letzteres war nach Abschaffung der Prügelstrafe nur noch möglich, wenn niemand zu genau hinsah, aber der Legionär hatte es sich mit seinem losen Mundwerk und seiner ironischen Art schon bei vielen verscherzt. Bei Metellus hatte er gute Karten, da dieser seine Händel selbst ausfocht und seine Beliebtheit höheren Ortes nicht zuletzt aufgrund seiner beständigen Eingaben, endlich diesen Krieg zum Feind zu tragen, begrenzt war.

»Ich erwarte gar nichts«, knurrte der Zenturio also nur. »Das übliche Gewinsel. Und ein Versprechen auf baldige Ablösung. Ich will keine verdammte Ablösung. Ich will die Dampfwagen bemannen, die Kanonen laden und die feigen Arschlöcher da drüben ausräuchern, bis sie ihre eigenen Kugeln fressen.«

Das war nur halb metaphorisch gemeint. Weiterhin war es schwierig, Kriegsgefangene zu nehmen, denn die Soldaten aus Baekye hatten die unangenehme Angewohnheit, sich lieber selbst zu töten, als dies geschehen zu lassen. Jene, die man festsetzte, erwiesen sich als schweigsam, störrisch und jederzeit bereit, ihre Häscher anzugreifen. Man musste ihren Mut und ihre Entschlossenheit bewundern und irgendwo in Metellus gab es eine solche Regung auch. Er war gar nicht darauf erpicht, sie alle festzunehmen. Er wollte vor allem eines: sie für das bestrafen, was sie taten. Nein, wenn er ehrlich war, lag der Grund für seine Absichten etwas tiefer. Er wollte seine Wut ausleben, er wollte dem Feind Gewalt antun, und das bis zur Selbstaufgabe.

Metellus wusste, dass dieser Drang ihm einst zum Verhängnis werden würde.

Er stand oft genug nahe am Abgrund und erkannte, wie dieser ihn anstarrte, mit der Verlockung, die sein Ende sein konnte. Er trat oft genug einen Schritt zurück, ließ die Selbstdisziplin obsiegen. Aber er wusste, dass die Verlockung niemals nachließ und er ihr mit Freuden nachgeben würde, wenn seine Befehle dies rechtfertigten.

Deswegen wollte er diese Befehle unbedingt. Deswegen war er so frustriert, weil sie nicht kamen.

»Herr, da tut sich was!«

Metellus fuhr aus seinen Gedanken hoch. Gewaltfantasien oder nicht, wenn die Pflicht rief, war er ganz da, schob die Emotionen beiseite, die ihn eben noch gebeutelt hatten. Jawed war außer Gefecht gesetzt, und obgleich er einen Stellvertreter hatte, war Metellus der Offizier mit der höchsten Seniorität, und die Kooperation zwischen Rom und Persien war in den letzten drei Jahren so eng geworden, dass die Kompetenzen sich mehr und mehr verschränkten. Das sofort begonnene Offiziersaustauschprogramm hatte schneller Früchte getragen als von seinen Kritikern erwartet.

Und so machte der persische Soldat erneut ihm Meldung. Er trug die eiserne Brustplatte eines Unsterblichen, der Elitetruppe des persischen Königs, die hier wie anderswo mit der Grenzsicherung beauftragt worden war. Eine bewusste Entscheidung, den Besten die schwere Aufgabe zu überantworten, im Falle des erwarteten Angriffes die Last der unmittelbaren Verteidigung aufzubürden.

»Was gibt es?«

»Bewegung aus Richtung des Feindes.«

Metellus war so schnell an der Balustrade, dass er gar nicht bewusst wahrnahm, wie er die hölzerne Leiter emporglitt und Deckung nahm. Jemand reichte ihm ein Fernrohr – mittlerweile auch aus persischer Produktion, da die hiesigen Glasbläser sich als äußerst talentiert erwiesen hatten – und er schaute in die angegebene Richtung.

»Da rennt einer«, murmelte er. »Ein Mann.«

»Er trägt die Uniform des Feindes«, hörte er den Soldaten neben sich sagen, ebenfalls mit einem Fernrohr bewaffnet.

»Das stimmt. Es gibt keine Überläufer unter den Männern aus Baekye.«

»Zumindest keinen, der lange genug gelebt hätte«, ergänzte der Soldat. Er senkte das Fernrohr. »Die Chinesen sagen, dass es durchaus Deserteure gäbe. Nur waren die schon tot, als man sie fand.«

»Wie weit hat er noch?«

»Einen Kilometer. Falls er vorher nicht erschossen wird.«

»Er hat einen guten Zeitpunkt gewählt, das muss man ihm lassen.«

Metellus runzelte die Stirn. Die mobilen Scharfschützen des Feindes hatten die Angewohnheit, sofort nach einem erfolgreichen Angriff die Position zu wechseln, um keinerlei Angriffsfläche für eventuelle Gegenreaktionen zu bekommen – wohl in der Unkenntnis über die Befehlslage, die den Grenztruppen so die Hände band. Das hieß, dass der Überläufer … wenn er denn einer war … exakt den richtigen Moment abgewartet hatte.

Er kannte sich aus.

Er baute darauf, dass der Tod einiger Perser ausreichend war, um sein eigenes Überleben zu sichern.

Das war wieder so eine Vorgehensweise, die Metellus wütend machte. Er kämpfte den Zorn nieder, er führte in dieser Situation zu nichts. Wenn es sich tatsächlich um die einmalige Chance handelte, einen Deserteur aufzunehmen, dann musste er sie nutzen, und machte er einen Fehler, würden seine Vorgesetzten dafür herzlich wenig Verständnis aufbringen.

»Schickt ihm eine Patrouille entgegen. Mit dem gepanzerten Dampfwagen.«

»Aber.«

»Los jetzt! Nehme ich auf meine Kappe. Sag einfach, der verrückte Römer habe es befohlen. Außerdem ist es ein römischer Dampfwagen. Ich habe quasi unmittelbare Befehlsgewalt.«

Das war natürlich ausgesprochener Blödsinn. Aber es half dem Perser, dem Befehl Folge zu leisten. Der große Dampfwagen stand ständig unter Dampf und es brauchte nicht lange, um das schnaufende Monstrum zu bemannen und auf den Weg zu schicken.

Das Tor des kleinen Kastells öffnete sich.

Wenn Jawed erwachte und wieder bei Sinnen war, würde er, mit etwas Glück, persönlich begutachten dürfen, wofür er geblutet hatte und beinahe gestorben war.

Metellus ballte die Hände zu Fäusten.

Hoffentlich war es die Sache wert!

2

»Die Zeichen sind unverkennbar.«

Huan Xuan, ehemaliger kaiserlicher Gesandter nach Mittelamerika und im Regelfall ein affektiertes Arschloch, hielt sich bei diesen Worten ein parfümiertes Tüchlein vor die Nase, als könne er den Gestank dräuenden Unheils dadurch von seiner feinfühligen Nase fernhalten. Es half gewiss, die möglicherweise unangenehmen Körperausdünstungen von Latinus zu überdecken, der nach einer viertägigen Reise zu Pferd und in einer Kutsche an den kaiserlichen Hof zurückgekehrt war, um seine eigenen Erkenntnisse mit dem zu teilen, was man mit etwas gutem Willen als imperialen Krisenstab bezeichnen konnte. Seit dem Tode von Erzkanzler Yu im letzten Jahr war der Vorsitz dieses Gremiums an den neuen Erzkanzler gefallen, besagten Huan Xuan, dessen Verdienste bei den Maya, seine hervorragenden familiären Beziehungen sowie machtpolitische Rücksichtlosigkeit dazu geführt hatten, vom Kaiser auf diese erlauchte Position berufen worden zu sein.

Außerdem roch er immer gut. Wer wusste schon, wie wichtig das hier tatsächlich war?

Latinus war sich nicht sicher, ob das eine gute Entscheidung gewesen war. Xuan war ein kluger Mann. Er hatte unbestreitbar seine Qualitäten. Er war aber als Mensch nur schwer zu ertragen und seine Arroganz hatte sich eher verschlimmert, soweit Latinus das zu bewerten imstande war.

Es änderte nichts daran, dass er mit ihm zusammenarbeiten musste. Seine eigene Stellung als Botschafter Roms erlaubte ihm allerdings, so manches zu sagen, was sich die Unterlinge bei Hof nicht trauten. Er machte von dieser Möglichkeit aber nur sehr selten Gebrauch. Es half nicht, es sich mit wichtigen Leuten zu verscherzen.

Huan Xuan hielt sich für sehr wichtig.

Bedauerlicherweise entsprach diese Selbstsicht durchaus der Realität.

»Die Zeichen sind unverkennbar«, bekräftigte der Erzkanzler. Er stand neben der großen Weltkarte, die in einem Rahmen aufgespannt im Raum stand und auf deren ledriger Oberfläche mit kleinen Nadeln allerlei Stoffstücke und -fäden befestigt worden waren: Garnisonen, Truppenteile, Bewegungspfeile, Grenzlinien, gleichermaßen bestätigte wie angenommene, die strategische Gesamtlage. Auch weit im Westen gab es diese Markierungen. Die Funkverbindung wurde durch mehrere Relaisschiffe aufrechterhalten und ein Frachtdienst war eingerichtet worden, der zwischen den vier Reichen der Allianz verkehrte. Man war einigermaßen über das informiert, was auf der anderen Seite der Welt so passierte. Auch dort waren die Zeichen unverkennbar. Latinus kam nicht umhin, dieser Bewertung zuzustimmen.

Es verursachte eine dauerhafte, leichte Übelkeit bei ihm.

»Die nächste Offensive steht bevor«, bestätigte General Xi, der in etwa das gleiche Alter wie der Erzkanzler hatte und ein professioneller Soldat durch und durch war. Für Latinus etwas spröde, war der neu ernannte Oberbefehlshaber der kombinierten chinesisch-nigerianischen Streitkräfte dennoch weitaus besser zu ertragen als Xuan, vor allem deswegen, weil er nicht grundsätzlich jeden anderen Menschen in seiner Gegenwart für eher minderwertig hielt. Tatsächlich gab es für Xi weitaus einfachere Kategorien: nämlich Freund oder Feind. In beiderlei Hinsicht diskriminierte er nicht. Ob nun die Maya oder die Römer, die Perser oder die Aksumiten an seiner Seite kämpften – das ausschlaggebende Kriterium war »an seiner Seite«. Und wer sich erniedrigte und für Baekye stritt, ob gezwungen oder freiwillig, war es eben nicht. Latinus hatte seine Probleme mit dieser Sichtweise, aber auch hier bemühte er sich um Zurückhaltung. Mit Xi konnte er gut. Es half, den Erzkanzler besser zu ertragen, wenn der Haudegen anwesend war.

»Die Zeichen sind eindeutig«, ließ nun auch Latinus keinen Zweifel an der Einschätzung. Er zeigte auf die Karte. »Die letzten beiden Überwachungsflüge an der persischen Ostgrenze haben Truppenbewegungen hier und hier gezeigt. Nun sind diese Flüge auch schon drei Wochen her. An der Grenze selbst ist noch nichts erkennbar gewesen, vielleicht werden noch letzte Vorbereitungen abgewartet. Aber die Hinweise sind nicht zu übersehen.«

»Es würde auch die relative Ruhe an der chinesischen Front erklären«, sagte Xi nachdenklich. »Die Kämpfe haben sich in eine Art Stellungskrieg verwandelt. Einige meiner Offiziere sagen, dies wäre eine schöne Gelegenheit, selbst in die Offensive zu gehen.«

»Die Idee ist an sich nicht schlecht«, meinte Xuan. »Aber haben wir die Mittel dazu?«

»Nach den beiden letzten verlorenen Schlachten und der anschließenden … Frontbegradigung eher nicht.« Xi sagte es mit großer Fassung, obgleich diese Einschätzung an seinem Selbstwertgefühl nagen musste. Baekye hatte China in der Tat empfindliche Verluste beigebracht. Die chinesischen Streitkräfte mussten sich neu formieren, neue Rekruten ausbilden, neues Material heranschaffen und herstellen. Das erforderte einiges an Zeit und es erforderte mehr als nur Überredungskunst. Die Bevölkerung war der Lasten des langen Krieges müde und diese Müdigkeit machte sich überall bemerkbar. Der Kaiser konnte das eine Weile ignorieren, aber nicht ewig. Selbst eine so absolute Monarchie wie diese war irgendwann an ihren Grenzen angelangt, wenn die eigenen Untertanen nicht mehr mitmachten. Aktuell war die Angst vor der Invasion stark genug, um motivierend zu wirken. Latinus wagte allerdings keine Prognose, wie lange das noch ausreichend sein würde.

Die Stimmung im Volk war schlecht und der Unmut richtete sich in alle Richtungen.

»Das muss die Führung unserer Feinde wissen«, sagte Xuan. »Dort sieht man ein geeignetes Zeitfenster, um einen vermeintlich schwächeren Feind anzugreifen.« Er sah Latinus an. »Ich sagte vermeintlich«, fügte er beinahe als Entschuldigung hinzu.

»Es kann sein, dass diese Einschätzung nicht ganz falsch ist«, gab der Botschafter ungerührt zurück. Dass der Erzkanzler überhaupt bereit war, auf das von ihm verwendete Vokabular hinzuweisen, deutete darauf hin, dass er heute besonders sanftmütig war, eine Phase, die sehr selten zu beobachten war und meist auch schnell verging. »Unsere Armeen sind zwar frisch und motiviert, die Wirtschaft nicht geprägt durch einen langen Krieg und sowohl der persische König wie auch der Imperator mit ausreichend Rückhalt in der Bevölkerung gesegnet, aber technologisch hängen wir hinter Baekye hinterher, weitaus mehr als China. Von unseren tapferen aksumitischen Verbündeten einmal ganz zu schweigen. Die können Soldaten stellen, ausrüsten aber müssen wir diese.«

»Wir helfen, dies auszugleichen.«

»Und diese Hilfe wird von uns mit großer Dankbarkeit entgegengenommen«, betonte Latinus und verneigte sich knapp vor dem Erzkanzler. »Aber die Zeit war kurz und die Aufgaben mannigfaltig. Ich befürchte, dass meine Aussage weiterhin zutreffend ist. Wir sind vorbereitet. Wir sind nicht bereit, aber vorbereitet. Besser kann ich es leider nicht zusammenfassen. Viel wichtiger ist, wie es unseren persischen Freunden ergeht. Wir müssen ihnen unsere neuesten Lageberichte gleich übermitteln.«

»Wir schicken regelmäßig Botschaften, die meisten über die See-Funkbrücke auf Kurzwelle«, sagte der General. »Sie sollten von unseren Befürchtungen informiert sein. Ihr Römer solltet sie auch auf dem Laufenden halten.«

Latinus nickte. Leider war sein Kollege, der römische Botschafter zu Persepolis, nicht für seine übergroße Effektivität bekannt, eine Einschätzung, die er in dieser Runde lieber für sich behielt.

Er sah die anderen abwartend an. Schweigen antwortete ihm und Latinus wusste, dass sie all dies in verschiedenen Variationen bereits durchgesprochen hatten, wenngleich in einer anderen Situation: Damals war der mögliche Angriff im Westen nur eine ferne Idee gewesen, die konkreter geworden war, als die indischen Teilreiche, trotz tapferer Gegenwehr, eines nach dem anderen gefallen waren. Ein großer, ein gigantischer Brocken, den Baekye daher auch gar nicht schluckte. Mit kleinen Vasallenstaaten gespickt, die man sofort geschickt gegeneinander ausgespielt hatte, und einem militärisch direkt kontrollierten Korridor durch Indien hindurch bis zur persischen Ostgrenze hatte Baekye langsam und beharrlich die Voraussetzungen für eine Fortsetzung des Krieges geschaffen.

Warum? Wozu? Die Frage blieb im Grunde unbeantwortet. Die Erklärung mochte in der fanatischen Staatsideologie liegen, die die Zeitreisenden aus der Zukunft importiert und auf ihre eigenen Leute in der Vergangenheit, dieser Gegenwart, oktroyiert hatten. Oder sie lag irgendwo anders. Baekye blieb, trotz aller Bemühungen, ein Enigma und daher auch immer gut für Überraschungen.

»Wir benötigen mehr Informationen«, fasste er dann das Problem in wenige Worte zusammen. Er blickte Xi an, der damit wohl gerechnet hatte. »Wir müssen die Aufklärungsflüge auch von hier aus beginnen. Wie weit sind wir?«

»Die chinesische Luftflotte ist einsatzbereit«, meldete Xi mit Stolz in der Stimme. Dies war ein Feld gewesen, in dem die Römer den Chinesen geholfen hatten, wodurch die Einseitigkeit des andauernden Technologietransfers zumindest ein wenig ausgeglichen worden war.

»Das ist eine gute Nachricht«, bestätigte Latinus. »Dann sollten wir sehen, wie wir zu umfassenden Aufklärungsergebnissen kommen, damit wir eine bessere Entscheidungsgrundlage haben.«

Es gab da einen Elefanten im Raum, den sie alle nicht erwähnten. Aufklärungsflüge hin oder her, das größte Problem war, dass es weder den Chinesen noch sonst jemandem bisher gelungen war, einen Agentenring oder auch nur einen Kreis von Informanten in Baekye zu etablieren, der es ihnen erlauben würde, handfeste Informationen aus dem Inneren des mysteriösen Reiches zu erlangen. Es schien, als gäbe es dort keine Verräter, oder den Experten war es noch nicht gelungen, sie zu finden oder mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Sie hatten viel versucht. Doch bisher ohne Erfolg. Latinus erwähnte es nicht, weil niemand mehr gerne darüber sprach. Denn es war frustrierend, auch nur daran zu denken, was richtig erfolgreiche Geheimdienstarbeit für ihre gemeinsamen Kriegsanstrengungen bedeuten würde, gelänge sie ihnen endlich.

Xuan räusperte sich. Er beendete damit die Diskussion über ein Thema, die sie alle nur in Gedanken geführt hatten, wohl wissend, dass es eines Anlasses bedurfte, zum nächsten überzugehen. Latinus war sich darüber im Klaren, dass das Unausgesprochene zurückkehren musste, allein schon deswegen, weil es immer mal wieder jemanden gab, der etwas dazu sagte. Naiv. Unbekümmert. Vielleicht ein wenig dumm. Solche Leute gab es.

»Wir müssen noch einmal über die Rolle von Teotihuacán reden«, sagte der Erzkanzler nun. »Ich höre eher unangenehme Neuigkeiten von unserem Freund Metzli.«

»Er ist unser Freund«, bestätigte Latinus. »Ist er doch?«

»Er ist vor allem sein eigener Freund«, sagte Xi bitter. »Aber er möchte jetzt auch Luftschiffe.« Der General sah in die Runde. »Was sollen wir ihm sagen?«

»Ist es eine offizielle Anfrage?«, fragte Latinus.

»Noch nicht. Eher ein Vorfühlen. Unsere Botschaft in Mutal hat bereits mehrfach entsprechende Dossiers gefunkt. Ach ja …« Xi verzog das Gesicht. »Kurzwellensender will er auch. Eigene. Mindestens ein Dutzend, für alle wichtigen Städte.«

Latinus unterdrückte ein Seufzen, mehr oder weniger offensichtlich. Metzli wollte so einiges. Es waren keine absurden Forderungen, nichts, was sich nicht logisch aus ihrer Situation ergab. Aber dennoch. Dennoch …

»Ist er bündnistreu? Gibt es Hinweise darauf, dass er mit dem Feind konferiert?«, fragte er dann. Er bekam natürlich seine eigenen Dossiers, aber es schadete nicht, deren Wahrheitsgehalt mit dem abzugleichen, was die Chinesen dachten.

»Es gibt keine offensichtlichen Hinweise«, sagte der Erzkanzler. »Aber er ist gewitzt – nein, verschlagen – und sehr selbstbewusst. Ich habe die größten Befürchtungen. Was werden Sie Ihrem Imperator empfehlen, Latinus?«

»Meine Ansichten sind zweitrangig. Ich werde allein die offizielle Haltung des chinesischen Hofes weitergeben.«

Xuan sah Xi an. »Was ist unsere offizielle Haltung, General?«

Sie fingen an, das Für und Wider abzuwägen. Es wurde eine lange Besprechung und sie kamen zu keinem Ergebnis.

3

Yun-Suk Choi nahm einen tiefen Schluck, spürte, wie die brennende Flüssigkeit seine Kehle hinabrann, spürte die sich wohlig ausbreitende Wärme in seinem Magen und die dahinterstehende Lüge. Der starke Branntwein versprach so einiges: Entspannung, etwas Wohlbefinden, eine Erleichterung der drückenden Sorgen und Fragen, ein Vergessen der drängenden Pflichten, ein Trüben der schwierigen Erinnerungen und das Gefühl, dass Ungewissheit doch gar nicht so schlimm war, denn im Grunde war sowieso alles egal.

Und wenn man trank, wurde es am egalsten.

Der Gedanke daran, dass er sich mit dem Trinken also nur selbst betrog, motivierte ihn dazu, sofort einen zweiten Schluck zu nehmen. Der Reisschnaps war ordentlich gebrannt, ein Produkt seiner Heimat, das er gerne zu sich nahm, manchmal vielleicht zu gerne. Der Betrug, den ihm der Alkohol versprach, war immerhin ehrlich: Choi wusste, welche Konsequenzen der Schnapskonsum hatte und wie weit er damit gehen konnte. Es gab da keinerlei doppelte Böden oder Verstecke. Es war, wie es war.

Ein dritter Schluck. So langsam kam zu der Wärme ein wenig von dem hinzu, was er von diesem Getränk erwartete: die sanfte Andeutung von Leichtigkeit in seinem Kopf. Er war noch nicht betrunken, nicht einmal etwas beschwipst, und würde man ihn jetzt mit einer Aufgabe betrauen, so würde er sie einigermaßen bewältigen können. Aber er war am Rande der Trunkenheit, ging den schmalen Grat entlang, der das klare Denken und Handeln von der sanften, anheimelnden Trägheit verschwommener Seligkeit trennte. Er hielt inne, betrachtete die Flasche. Es war eine neue, frisch angebrochen, und es war sein dienstfreier Abend. Sie zu leeren und dann ins Bett zu fallen, war seine Freiheit, eine der wenigen, die er genoss. Sich ihr zu ergeben, enthob ihn von der Notwendigkeit, anderen Ideen nachzuhängen oder sich allzu sehr mit seiner Frustration zu beschäftigen.

Er hielt inne, als er die Flasche wieder ansetzen wollte.

Er schaute aus dem Fenster. Hier im Norden Baekyes war es mittlerweile empfindlich kalt geworden, der Winter hatte sich ausgebreitet, der Frost hielt den Boden, die Bäume und anderen Pflanzen, die Tiere umklammert. Schnee fiel in regelmäßigen Abständen, manchmal als Sturm, und des Nachts kämpfte das Feuer in den Kohleöfen mit großer Hartnäckigkeit gegen die eisige Umarmung an. Der Außenposten hatte siebzehn Soldaten, deren Kommandant Choi war, ein Posten, den er seit sechs Monaten innehatte.

Das war kein Zufall. Er war für diese Position von zu hohem Rang und überqualifiziert. Er war vielfach versetzt worden, nachdem er das Lager verlassen hatte. Ein Jahr kämpfte er an der Front in Indien, eine Zeit, an die er sich nicht gerne zurückerinnerte. Ein Jahr ging er auf die Akademie für weitere Kurse, diese bestand er mit Auszeichnung. Er verstand nicht, wohin seine Karriere ging. Ging sie überhaupt noch in eine bestimmte Richtung oder drehte er sich nur im Kreis? Wollte er eigentlich, dass sie nach vorne und nach oben strebte? Seit seiner Zeit im Umerziehungslager verstand er so manches nicht mehr. Wachten jene, die sich, tief im Inneren des Systems versteckt, gegen den Großen und Geliebten Marschall verbündet hatten, über seine Schritte? Halfen sie ihm oder schadeten sie, prüften sie ihn oder hatten sie keine Verwendung? Choi war die letzten beiden Jahre mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gegangen und sein Widerstandswille gegen das System, für das er zu kämpfen einen Eid geschworen hatte, war eher noch gewachsen. Doch es gab für ihn keine Möglichkeit, diesen Willen in Aktion umzusetzen, ohne sich selbst sofort zu gefährden und dabei gleichzeitig absolut nichts zu bewirken.

Sinnlose Jahre. Eine verlorene Zeit. Er fühlte sich hin und her getrieben. Er versah seinen Dienst ohne Richtung, ohne Elan, erfüllte seine Pflicht, eckte nirgends an, akzeptierte klaglos seine Befehle. Seine Akte war seit jenem Vorfall einwandfrei, sein Verhalten makellos. Dass er manchmal nachts aufwachte und einen tiefen Schmerz in seinem Herzen fand, als er an jene Frau dachte, deren Leidenschaft ihn damals gefangen hatte, akzeptierte er. Bedauern, ein wenig Sehnsucht, jetzt alles langsam bedeckt durch Schnee und Eis. In den Bergen war es immer kalt und sein Dienst hier war sinnlos. Die siebzehn Soldaten, die ihm unterstellt waren, ein Unteroffizier, sechzehn Mannschaftsgrade, waren allesamt strafversetzt, die letzten beiden erst vor einem Monat eingetroffen. Sie hatten ein Verhalten an den Tag gelegt, das keine richtige Bestrafung erforderlich machte, mit Laufbahnen, die immer nur ganz knapp an der Grenze zur Straffälligkeit, zur disziplinarischen Maßnahme verliefen, aber eben so, dass sie als unzuverlässig galten. Hier, in der Wildnis, umgeben von wenigen Bergbauern, unwegsamem Gelände, ohne jede Aussicht auf Feindkontakt, schadeten sie niemandem, erledigten ihren sinnlosen Dienst, waren aus dem Weg. Vielleicht hofften die Vorgesetzten im Stillen, sie würden hier etwas anstellen, damit man sie richtig bestrafen konnte.

Doch hier gab es nichts, mit dem man etwas anstellen konnte.

Hier gab es rein gar nichts.

Sie saßen im einfachen Gebäude mit seinem Schlafsaal, dem windigen Aussichtsturm, der Vorratskammer, dem Gemeinschaftsraum mit der einfachen Küche. Einmal im Monat kam ein Karren mit Vorräten, hin und wieder brachten die Bauern aus der Gegend etwas, mehr als Bestechung, um bloß in Ruhe gelassen zu werden – ein Gefallen, den man ihnen gerne tat, wenn es dafür frische Milch und Käse gab, Winterkimchi dazu, lange im Erdboden vergraben und gut durchgegoren, ein Fest für die Sinne und eine willkommene kulinarische Freude in dieser Gegend der eiskalten Untätigkeit.

Jemand betrat den Raum, gähnte laut, um sich bemerkbar zu machen. Chois Blick wanderte vom Fenster zum Neuankömmling.

»Schnaps? Wir haben doch gerade erst gefrühstückt.«

Kamgung war der einzige Unteroffizier der Truppe, ein Veteran von fast 50 Jahren, der nicht nur einiges gesehen, sondern auch von vielem die Schnauze gestrichen voll hatte. Das war gewiss ein Grund dafür, dass er hierher versetzt worden war. Er erzählte nicht viel über seine Karriere, aber irgendwann hatte Choi herausgekitzelt – und der Schnaps hatte dabei geholfen –, dass der ältere Mann nicht immer die Menschen, die seine Vorgesetzten gerne tot gesehen hätten, auch getötet hatte, vor allem dann nicht, wenn diese keine Waffe auf ihn gerichtet hatten.

Offiziell war er damit im Recht. Inoffiziell aber war der Befehl eines Vorgesetzten Gesetz, egal aus welchen niedrigen Beweggründen er geäußert wurde. Und dann gab es eben Konsequenzen.

»Es ist Nachmittag«, sagte Choi.

»Sag ich doch. Frühstück.« Kamgung grinste und begann, in den Regalen der kleinen Küche zu rumoren. »Ist noch Reiskuchen da? Ich habe irren Kohldampf auf Reiskuchen!«

»Im Schrank. Die letzten sechs. Wann kommt der Nachschub?«

Man verlor das Gefühl für Zeit hier draußen, für die Tageszeit ebenso wie für das Datum. Auch Kamgung musste erst einmal angestrengt nachdenken, um die Frage zu beantworten.

»Drei Tage.«

»Drei Tage nur Kimchi«, schlussfolgerte Choi, ohne Bedauern oder Schmerz in der Stimme. Es gab Schlimmeres. Sie würden auf die Jagd nach Schneehasen gehen und sich einen Braten machen, das verschaffte Kraft und Abwechslung. Für Ersteres hatten sie zwar keine Verwendung, Letzteres aber war immer hochwillkommen.

»Das Kimchi ist super«, meinte Kamgung. Er war in der Tat absolut in der Lage, sich nur von der Leib-und-Magen-Speise zu ernähren, ohne dabei die geringste Klage zu erheben. Choi aber verlangte es nach Abwechslung und er wusste, dass eine solche generell gut für die Moral war. Seine Männer waren schlecht gelaunt, weil es hier tödlich langweilig war, und obgleich sich die Aggressionen noch in Grenzen hielten, war jeden Tag morgens, mittags und abends das gleiche Essen nichts, was dem zuträglich war. Choi war verantwortlich. Er hatte nichts zu tun, er war abgestellt worden, zumindest fühlte er sich so, und seine eigene Frustration wuchs jeden Tag.

Aber er war verantwortlich.

Also war es an der Zeit, den Schnaps beiseitezustellen. Mit betont exakten Bewegungen verschloss er die Flasche und schob sie von sich, ein symbolischer Akt, der bei Kamgung zu einem beifälligen Nicken führte.

»Ich gehe zu den Bauern. Vielleicht haben die ein paar Reiskuchen, oder Jeonggwa.« Chois Gesicht bekam für einen Moment einen träumerischen Eindruck. Er hatte in den Jahren beim Militär gelernt, sich zu bescheiden und nicht allzu viel Luxus zu erwarten, auch nicht als Offizier, erst recht nicht, seit er offenbar unter strenger und tendenziell eher kritischer Beobachtung stand. Aber Jeonggwa, das war ein kleiner, flüchtiger Genuss, nach dem er sich hin und wieder sehnte. Es waren in Honig gekochte Früchte oder Nüsse, die dadurch lange haltbar waren und manchmal auch gut in den Winter gerettet werden konnten. Wenn er irgendwas anzubieten hatte, was eine Bauersfrau dazu überreden konnte, sich von einem kleinen Vorrat zu trennen – der träumerische Ausdruck wollte sein Gesicht gar nicht mehr verlassen.

»Zu den Kims? Haben hübsche Töchter!« Kamgung schnalzte mit der Zunge. Obgleich er gerne solche Sprüche machte, war er tatsächlich sehr harmlos, sobald er den hübschen Töchtern auch einmal begegnete. Da verhielten sich alle hier stationierten Männer überraschend tadellos. Choi hatte da schon andere Dinge gehört und erlebt, und die meisten davon waren wenig ehrenvoll gewesen.

Indien, erinnerte er sich. Das waren keine schönen Gedanken.

»Ich interessiere mich für Jeonggwa«, sagte der Offizier betont zurechtweisend.

»Ich bin hier der Älteste. Da sollte sinnlose Fresserei meine Präferenz sein.«

»Dir reicht ein Berg Kimchi und eine Tasse Tee.«

Der ältere Mann seufzte. »Es ist wahr. Ich sollte vehement widersprechen, aber es ist wahr. Wenn du Reiskuchen mitbringst, bin ich dankbar, oh tapferer Anführer. Wenn du dieses Honigzeugs beschaffst, dann lasse ich die Finger davon. In meinem Alter setzt das zu schnell an.« Er tappte sich auf den Bauch, der in der Tat aus etwas mehr als nur Muskeln bestand. Und der Dienst hier beförderte das nur. Es wurde so kalt und windig, dass es an vielen Tagen kaum möglich war, sinnvoll auf Streife zu gehen. Stürmten die Schneemassen auf einen ein, konnte man die Hand vor den Augen kaum erkennen. Und in letzter Zeit war es häufig zu Schneestürmen gekommen.

Jetzt aber schien es langsam aufzuklaren. Choi warf einen prüfenden Blick ins Freie, erkannte, wie sich die Konturen der rauen Landschaft deutlicher abzeichneten, der Himmel sich zu zeigen begann. Mit etwas Glück war jetzt für einige Stunden Ruhe und damit genug Zeit, sich auf Handelsmission zu begeben.

»Was haben wir an Geld?«

Kamgung verwaltete die gemeinsame Kasse. Die Bauern konnten im Winter mit den Won nichts anfangen, aber sobald der Frühling kam, wurde auch wieder gehandelt. Dann machte sich ein voller Beutel ganz gut und so war das Ansinnen der Soldaten, ehrlichen Handel zu betreiben, durchaus gerne gesehen. Die Preise waren entsprechend. Aber Choi rühmte sich, kein schlechter Händler zu sein und beim Feilschen zu guten Ergebnissen zu kommen. Daher überreichte ihm Kamgung den kleinen Beutel mit den Münzen, ohne weiter zu zögern. Er wusste das Geld in guten Händen.

Es dauerte keine fünf Minuten und Choi stand im Freien, angetan mit einer dicken, gefütterten Winterjacke, einer passenden Mütze, festen Stiefeln und Handschuhen. Die Winterausrüstung der Armee war von hoher Qualität und schützte vorbildlich, dennoch trieben der beißende Wind und die durchdringende Kälte dem Mann Tränen in die Augen. Er atmete vorsichtig ein, um seine Lunge langsam an die klirrende Luft zu gewöhnen, dann sah er den Weg hinab in Richtung seines Ziels: Das Gehöft des nächstgelegenen Bauern war zu Fuß in etwa zwanzig Minuten zu erreichen und jetzt, da es aufklarte, war es sogar in der Ferne gut zu erkennen. Mit einem leeren Rucksack auf dem Rücken marschierte es sich leicht und so setzte sich der Offizier in Bewegung. Die Kälte vertrieb auch die vom Schnaps ausgelöste Leichtigkeit aus seinem Kopf.

Das war eher bedauerlich.

Es war die Stille, die es hier draußen so eigentümlich machte. Der ständige Schnee dämpfte alle Geräusche und mit seinem oft sehr dichten Gestöber auch die Wahrnehmung durch die Augen. Es war, als wäre alles in Watte gepackt, und wenn es dann auch noch trübe war, schien es, als würde einem alles entgleiten, da es nichts mehr gab, auf das man seine Aufmerksamkeit heften konnte. Jetzt, ohne Schnee und beim Blitzen der Sonne auf der weißen Pracht, verflog dieser Eindruck, und das Knirschen des Weiß unter seinen Sohlen untermalte seinen Marsch nachdrücklich. Er musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte, denn oft genug lag unter den Flocken eine Eisdecke, gerade dort, wo der Weg so uneben war, dass sich Wasser ansammelte, wenn der Schneefall einmal durch Regen ersetzt wurde.

Doch Choi ging hier nicht das erste Mal. Er kannte die Tücken. Die Augen fest auf sein Ziel geheftet, erreichte er das Gelände des Gehöfts in der kalkulierten Zeit. Die Haut auf seinem Gesicht war kalt und fühlte sich taub an, der Rest seines Körpers aber war warm. Die Kleidung isolierte hervorragend und er war mit vollem Bauch gestartet, es gab genug Energie zum Verbrennen. Mit einer Faust hämmerte er gegen die Eingangstür des flachen Gebäudes und Augenblicke später öffnete sie sich. Ein Mann mittleren Alters mit zerknittertem, wettergegerbtem Gesicht und einem sofortigen Erkennen in den Augen. Er schob die Tür ganz auf.

»Ah, der Offizier. Ye-Eun! Hier will jemand sich aufwärmen!«

Die Frau des Hauses, klein, rundlich, mit ähnlich von der Natur gezeichnetem Gesicht und geschäftigen Händen, tauchte auf, als Choi hineingebeten wurde. Ihr Gatte zog sich mit einer höflichen Verbeugung zurück. Geschäftliches überließ er seiner Frau, die mit Geld offenbar besser umgehen und auch hartnäckiger handeln konnte. Es lag wohl an ihrem Lächeln. Man wollte nicht zu rücksichtslos handeln, nicht den Offizier herauskehren, die eigene Autorität zur Geltung bringen, wenn man dieses mütterliche Lächeln sah. Choi ging davon aus, dass Ye-Eun das absolut wusste und diese Gabe mit ihrer eigenen Rücksichtslosigkeit zur Wirkung brachte. Den Offizier weichzulächeln, schien ihm jedoch eine erträgliche Folter, und da die anstehenden Verhandlungen mit einem Platz am Steinofen, einer Tasse Tee und etwas Gebäck begleitet wurden, konnte er ihr beileibe nicht böse sein.

Was bedeutete, dass ihr ein lukrativer Nachmittag bevorstand.

»Wie ergeht es unseren tapferen Kriegern?«, fragte sie, als sie ihm Tee in eine irdene Tasse eingoss, die sie zweifelsohne auch selbst hergestellt hatte.

»Sie langweilen sich tapfer.«

»Lieber Langeweile als der Tod.«

Ye-Eun wusste, wovon sie sprach. Abgesehen von ihren beiden Töchtern hatte sie zwei weitere Kinder, einen Sohn und eine Tochter, beide in den Streitkräften Baekyes tätig. Sie sprach nicht gerne über sie, war vorsichtig in Gegenwart eines Offiziers, aber es bedurfte nicht vieler Worte, um zu verstehen, was sie vom Wehrdienst hielt, der jeden jungen Bürger des Landes an die Waffe rief, und das für mindestens vier Jahre. Choi berührte das Thema nicht. Er wusste nicht einmal, was er selbst davon hielt. Das Buch der Revolution, das er immer noch bei sich trug, stellte auch nur Fragen. War es notwendig, dass ein jeder zum Krieger wurde? War es notwendig, dass die Zukunft Baekyes der permanenten Gefahr des Todes ausgesetzt wurde? Musste man den jungen Menschen so viele Jahre ihres Lebens rauben und manchmal sogar gleich alle? Der Geliebte Marschall schien dieser Ansicht zu sein und im Regelfall widersprach man dieser besser nicht.

»Was kann ich denn heute für Sie tun?«

»Wir würden gerne ein paar Nahrungsmittel erwerben«, sagte Choi lächelnd. Sie tranken beide ihren Tee, wohl wissend, dass die Verhandlungen soeben begonnen hatten.

»Ich weiß nicht, was ich so dahabe … der Winter ist diesmal doch sehr streng.«

»Ist es nicht milder als sonst?«

Die Frau sah ihn tadelnd an. »Sehr streng, sage ich. Meine alten Knochen sagen die Wahrheit.«

»Natürlich«, beeilte sich Choi und trank noch etwas Tee. »Reiskuchen vielleicht? Einer meiner Männer brachte sein Bedürfnis nach Jeonggwa ins Spiel. Ich dulde so was natürlich normalerweise nicht.«

»Es macht schwach und verweichlicht!«, bestätigte Ye-Eun ernst. »Wir wollen das auf jeden Fall vermeiden.«

»Andererseits, ich muss die Moral beachten.«

»Moral ist gewiss wichtig.«

»Gibt es irgendwas, was Sie mir anbieten können?«

»Hm, hm.«

Die Bäuerin erhob sich, ging durch eine schmale Tür in einen anderen Raum, ein Ort, den Choi niemals betreten hatte. Er wusste, dass sich dort die Vorratskammer befinden musste. Er würde sie nicht zu Gesicht bekommen, schlug er damit doch Ye-Eun eine wichtige Grundlage ihrer Verhandlungstaktik aus den Händen: das Lamento über schwere Zeiten und strenge Winter.

Er wollte nicht ungerecht sein. Es waren schwere Zeiten. Und es war verdammt kalt da draußen.

Die Frau kam zurück, diesmal mit einer Kiste in den Händen, die sie mit einem betonten Ächzen auf den Tisch stellte. Heraus beförderte sie mit leidvoller Miene einige der Reiskuchen, auf die Choi seine Hoffnung gesetzt hatte, sowie, ebenfalls in eine Art Pergamentpapier eingeschlagen, jene Süßspeisen, auf die er sein besonderes Augenmerk richtete. Sie wirkte dabei sehr kummervoll. Natürlich würde sie diese Vorräte nur sehr widerwillig an Choi weitergeben, da sie damit das Überleben ihrer Familie aufs Spiel setzte, und allein ihre unverbrüchliche Treue zum Geliebten Marschall brachte sie überhaupt dazu, die dafür angebotenen Münzen in aller Demut entgegenzunehmen.

Das alles verstand sich von selbst. Dennoch, es musste immer mal wieder erwähnt werden, damit der Offizier es ja nicht vergaß.

Am Ende der Transaktion hatte Ye-Eun ihn um Münzen erleichtert, mehr, als er vorher auszugeben bereit gewesen war, und er sie um Vorräte, die ausreichen würden, den Männern bei maßvoller Verteilung bis zum Eintreffen des Karrens mit dem Nachschub etwas Abwechslung zu gewährleisten. Choi missbrauchte seine Privilegien als Offizier in schamloser Weise, als er einen kleinen Beutel mit Jeonggwa in seine Jackentasche steckte. Unter den 17 Männern, die er hier befehligte, waren Fressmaschinen, die ohne jede Rücksicht bereit waren, jede Delikatesse in Sekundenschnelle zu vertilgen, soweit sie der Allgemeinheit zur Verfügung stand – und das, ohne den Genuss dieser auch richtig zu würdigen. Es war sein Selbsterhaltungstrieb, der Choi zu dieser beinahe schon verzweifelten Tat trieb.

»Noch etwas Tee?«

»Gerne.«

Ye-Eun lächelte wie eine sehr zufriedene Katze, als sie dem Mann eingoss.

»Der Winter ist bald vorbei«, sagte sie.

»Er neigt sich dem Ende zu«, bestätigte Choi und blies auf das dampfende Getränk. Über das Wetter zu reden, war gerade für Bauern von essenzieller Bedeutung. Für ihn war kalt einfach nur kalt und Schnee einfach nur Schnee. Aber er musste ja auch keine Böden bestellen, Pflanzen pflegen und Vieh füttern, also war das zu entschuldigen.

»Dann ist es an der Zeit weiterzuziehen«, sagte Ye-Eun betont. »Die Zeit des Wartens ist vorbei und es ist jetzt alles gerichtet. Eine große Aufgabe steht Ihnen bevor, junger Mann.«

Choi sah sie verwirrt an. Der Tonfall der Bäuerin hatte eine seltsame, tief greifende Wandlung erfahren. Darin lag nun eine alles andere als beiläufige Bedeutung, deren Sinn sich ihm aber entzog. Wie kam sie dazu, solche Worte zu sprechen?

»Ich verstehe nicht.«

»Nein?« Die Frau lächelte wieder, diesmal nicht zufrieden, sondern eher amüsiert. »Hier!«

Sie griff in die Kiste und zog anstatt eines Reiskuchens ein Büchlein hervor. Choi musste es nicht entgegennehmen und aufschlagen, um zu wissen, worum es sich handelte, er erfasste es mit einer nahezu instinktiven Gewissheit. Dennoch nahm er es entgegen, las die ersten Sätze der ersten Seite, nur um sich auf keinen Fall zu täuschen. Ja, es stimmte. Es war das Werk jener unbekannten Autoren, die das Handbuch jener Revolutionäre verfasst hatten, auf dessen Besitz allein mit großer Sicherheit die Todesstrafe stand.

Choi war kein dummer Mann. Und so begann er langsam zu verstehen. Die Worte der Bäuerin ergaben einen plötzlichen Sinn. Die Dinge fügten sich zusammen. Dennoch beschloss er, weiterhin zu schweigen. Vielleicht bekam er jetzt endlich klare Antworten auf seine Fragen. So bezähmte er seine plötzliche Erregung, nickte, legte das Buch hin, schob es in die Richtung der Frau, nahm die irdene Tasse, pustete, schluckte, alles in einem Ausdruck äußerlicher Gelassenheit, für den er sich sogleich gratulierte.

Er hatte dieses Verhalten zur Perfektion entwickelt. Eigentlich nur für den Fall, dass er auf besonders fanatische Loyalisten traf und deren Reden ertragen musste, ohne seinem Reflex zu folgen, ihnen den Hals umzudrehen. Aber gelernt war gelernt.

»Nun?«, fragte die Frau.

»Sie hätten vorher schon etwas sagen sollen.« Choi blieb ganz ruhig, obgleich das Unverständnis über seine lange, erzwungene Untätigkeit gewiss hindurchschimmerte. »Es ist sehr kalt hier.«

»Kalt und abgelegen und ignoriert«, sagte die Bäuerin. »Und die letzten Vorbereitungen sind zu erledigen gewesen und die Gruppe musste komplettiert werden. Es dauert alles seine Zeit, weil wir wirklich sehr, sehr vorsichtig sein müssen. Der Geheimdienst ist überall, beobachtet alles und jeden. Die Wachstation hier oben, mit einer Gruppe von etwas heruntergekommenen Versagern, ist einer der ganz wenigen schwarzen Flecken auf der Landkarte, ein Ort, den wir mühsam etabliert, beschützt und getarnt haben. Ihn zu nutzen, bedarf größter Sorgfalt. Allergrößter Sorgfalt. Und Sorgfalt bedarf der Zeit. Ich entschuldige mich nicht dafür, dass Sie sich haben langweilen müssen.«

»Ich will gar keine Entschuldigung. Ich wollte nur eine Erklärung.« Die Frau nickte. Choi fragte: »Also, was soll jetzt geschehen?«

»Wir haben Arrangements getroffen. Es wird eine Besprechung verschiedener Aufgaben geben. Es wird Zeit, zu handeln und das Schlimmste zu verhindern.« Sie sah ihn prüfend an. »Sind Sie bereit dafür?«

»Das ist eine seltsame Frage, wenn ich doch gar nicht weiß, worum es genau geht«, sagte Choi. Erneut musste er ein wenig Ungeduld niederkämpfen. Er verstand ja, dass man in der Position als Gegner des Systems manchmal nur sehr kryptische Worte benutzte, aber wenn dies eine Art sicherer Hafen des Widerstands war, dann sollte es doch auch der Ort sein, an dem man offen über die anstehenden Pläne sprach. Alles war riskant. Die bloße Tatsache, dass er mit dieser Frau sprach, genügte bereits für die Todesstrafe. Es konnte von da ab an wirklich kaum noch schlimmer kommen.

»Dann habe ich erst einmal eine gute Nachricht für Sie. Sie werden befördert.«

Choi wusste nicht, ob das wirklich eine so gute Nachricht war. Gewiss, er war sozusagen überfällig, selbst wenn man die Beschmutzung seiner Akte durch den Aufenthalt im Umerziehungslager mitberücksichtigte. Aber er hatte sich bereits damit abgefunden und alle großen Ambitionen ad acta gelegt. So gesehen kam diese Information zumindest überraschend.

»Befördert, gut. Und eine neue Dienstposition?«

»Das ist zutreffend. Eine neue Position in der Hauptstadt.«

Das traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er wusste gar nichts darauf zu sagen, starrte die Frau einen Moment ratlos, ja überrumpelt an. Die Hauptstadt. Das war nicht irgendein Ort, irgendein Posten. Es war … die Hauptstadt!

Verdammt!

»Pjöngjang? Ich?«

»In der Tat.«

Das war keine richtig gute Nachricht. Als eine der ältesten Städte dieser Region hatte sich Pjöngjang, nach allem, was man hier durch die Zeitreisenden von der Zukunft erfahren hatte, als Hauptstadt durchgesetzt. Weil sie das auch in ihrer Zeit war und weil … nun, der Geliebte Marschall es eben so befohlen hatte.

Und es war damit kein Ort, den man einfach so besuchte. Da dort die geheiligte Person des Geliebten Marschalls residierte, wurde der Zugang sehr restriktiv gehandhabt. Nur Bürger mit einem Passierschein konnten die Metropole betreten. Den Passierschein bekam man auf unterschiedlichen Wegen, Voraussetzung war aber in jedem einzelnen Fall eine sehr intensive und zeitaufwendige Sicherheitsprüfung. Und jemand, der einmal in einem Lager gesessen hatte … nein, das war im Grunde ganz ausgeschlossen.

»Das kann ich nicht glauben.«

Die Bauersfrau nickte verständnisvoll.

»Jetzt verstehen Sie gewiss, warum wir so viel Zeit benötigt haben. Sie wurde dringend gebraucht, um die Hürden zu überwinden, die Sie sich gerade, nicht unberechtigt, ausmalen.«

»Was soll ich in der Hauptstadt tun?«

»Wir müssen etwas über den Großen Plan erfahren.«

Choi runzelte die Stirn. Er hörte das allererste Mal von diesem Begriff, konnte ihn nicht einordnen. Alles in Baekye war, soweit es vom Marschall kam, irgendwie »groß«, tatsächlich war dieses Adjektiv angesichts der sonst weitaus blumigeren Lobpreisungen und Beschreibungen eher als bescheiden und zurückhaltend zu bewerten.

»Ich habe davon noch nie gehört.«

»Wir auch erst vor Kurzem, und allein für die Preisgabe der bloßen Existenz dieses Vorhabens starben zwei Menschen.« Ye-Eun sagte es mit unbewegter Stimme. »Wir wissen nur, dass es eine Sache ist, die militärische Auswirkungen hat, machtpolitische Konsequenzen, etwas, das die oberste Ebene um den Marschall in große Aufregung, ja Begeisterung versetzt. Gewiss in große Erwartung. Wir müssen es wissen, damit wir einschätzen können, ob es zu verhindern ist. Es wird Zeit, dass wir handeln.«

»Und mich haben Sie dafür auserkoren?«

»Sie und die siebzehn, die wir hier versammelt haben.«

Choi starrte sie an.

»Wie bitte?«

Ye-Eun lächelte, es war nicht das warme Lächeln einer wohlmeinenden Bauersfrau. Es war das Lächeln eines Raubtiers, das sich darüber freute, dass seine Beute die eigene Situation zu erkennen begann. Choi fühlte sich angesichts dieser Mimik ein klein wenig unwohl. Schnell nahm er noch einen Schluck Tee. Der war jetzt kalt und bitter. Das machte ihm alles keine Freude mehr.

»Sie haben sich gewiss gefragt, warum man Sie hier so hat leiden lassen.«

»Die Frage drängte sich mir auf.«

»Sie werden alle an unterschiedlichen Stellen in der Hauptstadt einsickern. Es hat lange gedauert, für alle Passierscheine zu erhalten und damit eine ausreichende Tarnung. Wir durften nichts erfinden, wir mussten auf Gelegenheiten warten. Eigentlich hatten wir mit mehr gerechnet. Ursprünglich bestand die Gruppe aus 25 Leuten.«

»Was geschah mit den restlichen acht?«, wagte Choi die Frage.

»Sie haben es nicht geschafft.«

Choi sah die Frau an, deren Gesicht mit einem Mal eine Totenmaske war, ermahnte sich selbst, keine unnötigen Nachfragen zu stellen. Wenn bereits in der Vorbereitung dieser beachtlichen Aktion mehr als ein Fünftel der Widerständler entdeckt und getötet worden waren oder, was wahrscheinlicher war, sich selbst vor unausweichlicher Entdeckung aus dem Spiel gebracht hatten, dann sagte das alles, was er über das Risiko wissen musste.

»Angst? Rückzieher?«, fragte sie.

»Nein. Aber danke für die Möglichkeit.«

»Es war nur eine Frage. Ein Rückzieher wäre ein Risiko an sich. Ich bin mir nicht sicher, ob es gut wäre, wenn Sie das überleben. Allein schon deswegen, weil es nach all der Arbeit schwierig wäre, Sie woanders unterzubringen, ohne Verdacht auszulösen.«

Sie sagte es ohne sichtbare Anteilnahme. Wie sehr man sich doch in einem Menschen irren konnte. Und wie kalt dieses System alle darin machte, sowohl jene, die es unterstützten, wie auch jene, die sich gegen es wandten.

Er beugte sich nach vorne.

»Ich weiß, dass ich nicht erfahren werde, wer diese Infiltration geplant hat«, begann er. »Aber Sie wollten 25 schicken und entsenden jetzt 17. Ehrliche Frage, ehrliche Antwort: Von wie vielen von uns erwarten Sie, dass wir diese Mission überleben und danach jemals wieder eine weitere werden antreten können?«

Auf das Gesicht der Frau stahl sich nun ein bedauerndes Lächeln.

»Tja«, machte sie, schüttelte den Kopf. »Es gibt da unterschiedliche Sichtweisen. Wir haben wenig Vergleichsmöglichkeiten, eine solche Operation haben wir vorher noch nie geplant. Es gibt viele Unwägbarkeiten, auf so vielen Ebenen, und …«

»Wie viele?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn es einer von Ihnen schafft, sind wir bereit, es als Erfolg anzusehen.«

Sie sah ihn abwartend an, seine Reaktion genau abschätzend. Choi sagte für einen Moment gar nichts, dann nickte er.

»Das Gebäck ist gut«, murmelte er.

Da war wieder dieses mütterliche Lächeln, so falsch wie hier fast alles.

»Danke, ich habe es selbst gemacht. Ein altes Familienrezept.«

Und dann war es Zeit für den Rückweg.

4

Der Schwindel ließ nach und gab allen anderen schlechten Eindrücken Raum: Übelkeit, Gliederschmerzen, einem starken Druck auf dem Kopf, brennenden Augen. Es war keine Grippe, dessen war sich Köhler durchaus bewusst, aber es war durchgehend unangenehm, ein Gefühl von Erschöpfung und Schmerz, das jede Faser seines Körpers durchströmte und durch seine ungemütliche und absolut unentspannte Haltung auf dem Stuhl, festgeschnallt und in jeder Bewegung eingeschränkt, nur noch potenziert wurde.

Es war so unangenehm, es dauert tatsächlich einige Sekunden, bis ihm siedend heiß einfiel, dass er ja nicht alleine war.

»Terzia!« Es war ein Krächzen.

»Wach?« Ihre Stimme klang weitaus entspannter und weniger gestresst als die seine. Ein Gefühl der Erleichterung wusch für einen Moment den Kopfschmerz weg.

»Wie geht es dir?«

»Beschissen. Wir sind da.«

»Wo sind wir?«

Im Halbdunkel der Zeitkapsel war das Gesicht seiner Gefährtin nur undeutlich auszumachen, obgleich die Instrumentenbeleuchtung sowie ein rötliches Notlicht einen Schimmer in das Innere des Gefährts warfen. Die Metallkonstruktion knackte etwas, als müsse sich beanspruchtes Material entspannen.

»Die Frage ist doch eher, wann wir sind.«

Terzia hatte absolut recht. Sie waren dem Attentatsversuch mit Glück entkommen, dem Seliger III. zum Opfer gefallen sein musste, und hatten sich auf eine Jagd begeben, zu der zumindest Köhler eigentlich absolut nicht bereit gewesen war. Aber weder das Schicksal noch Terzia – zwischen beidem waren die Unterschiede sowieso eher vage – hatte sich um seine Einwände gekümmert. Die Kapsel war aktiviert worden, und wie Seliger es ihnen erklärt hatte, folgte sie dem Zeitsprung ihrer Nemesis, des Mannes, der für so viel Unheil verantwortlich war und dessen fortgesetzte Aktivitäten drohten die Struktur von Raum und Zeit dauerhaft in Mitleidenschaft zu ziehen.

Soweit Köhler diese höchst abenteuerliche Geschichte zu glauben bereit war.

Terzia schien diesen Erkenntnissen weitaus offener gegenüberzustehen. Er beneidete sie ein wenig um diese Haltung.

Verdammt, ihm war immer noch richtig schlecht! Er legte eine Hand auf seinen Magen, ritt den aufwallenden Krampf ab und stöhnte kurz, obgleich er es gar nicht wollte. Er spürte Terzias Hand auf seiner Schulter, gleichermaßen Trost wie Aufforderung.

»Wir müssen die Luke öffnen!«, sagte die Frau mit Nachdruck.

»Aber wir wissen nicht, was uns da draußen erwartet!«

»Deswegen müssen wir sie ja öffnen.«

Köhler kam gegen diese entwaffnende Logik nur schwer an, war jedoch darauf bedacht, in der Enge ihres Gefährts keinen Streit zu beginnen. Die Luke hatte ein Fenster, mehr ein glorifiziertes Guckloch, das von innen verschlossen wurde. Er schob die Abdeckung langsam beiseite und versuchte, etwas zu erkennen.

»Es ist dunkel!«, stellte er fest.

»Vielleicht ist Nacht.«

»Vielleicht sind wir mitten in einem Berg gelandet.«

Terzia schüttelte den Kopf und hob das Handbuch in der metallenen Kladde, das sich an Bord befand und in dem, so Seliger, allerlei interessante Informationen zum Betrieb dieser Kapsel niedergelegt waren. Dass Terzia als Wissenschaftlerin in einem ersten Reflex zur Literatur gegriffen hatte, um ihre Fragen zu beantworten, war nicht überraschend. Sie hatte wahrscheinlich auch deutlich weniger Kopfschmerzen.

»Das hier sagt, so etwas gäbe es nicht.«

»Dann unter Wasser.«

»Die Kapsel ist nur kurze Zeit wasserdicht. Es gibt über der Luke ein Außenlicht. Da, das ist der Schalter.«

»Moment. Dieses Ding sagt uns doch die Jahreszahl an, oder?«

Köhler zeigte auf eine Anzeige. Terzia nickte. Sie lasen beide: 1920.

Das war ein wenig wie ein Schlag mit einem nassen Lappen mitten ins Gesicht. Es vertrieb den Schmerz und Köhler starrte auf die Zahlen. So richtig glauben konnte er es nicht.

»Verdammt!«, murmelte Köhler. »Das ist … sehr, sehr weit in der Zukunft.«

»Es ist, kurze Zeit nachdem die Kaiserkrieger in die Vergangenheit gereist sind«, versuchte Terzia etwas umständlich die richtige Aussage zu treffen. Köhler verstand sie natürlich sofort.

Er zögerte nicht länger und legte den Schalter um. Durch das Guckloch war der Lichtschimmer gut erkennbar und der Mann lugte wieder hindurch.

»Nein, kein Wasser. Es ist Nacht. Wir stehen im Freien, ich sehe Erdboden, einige Pflanzen, aber keine Bewegung, niemanden, auch keine Gebäude. Wir werden gewiss keine unmittelbare Aufmerksamkeit errungen haben.«

»An welchem Ort sind wir herausgekommen?«, fragte Terzia sich sinnierend. »Wird man uns hier verstehen? Und ist unser Gegner bereits hier angekommen und hat irgendwelche üblen Machenschaften begonnen?«

»Angekommen gewiss, wenn unsere Kapsel seiner Spur gefolgt ist.«

»Falls dem so ist.«

Köhler seufzte. »Es passt mir nicht, aber wir sollten die Luke tatsächlich öffnen. Ich brauche etwas frische Luft.«

Sie traten ins Freie. Die Luft war frisch und bemerkenswert kühl. War hier vielleicht Winter? Terzia atmete geräuschvoll ein.

»Sumpf. Es gibt Sumpf in der Nähe, wenn du mich fragst. Oder zumindest ein flaches, stehendes Gewässer mit viel feuchter Erde drumherum.«

Köhler nickte, streckte seine Beine. Es war zu dunkel, um viel zu erkennen, und er wollte sich nicht weit von der Kapsel fortbewegen. Er lauschte, doch außer ein paar fernen Tiergeräuschen war nur das Rauschen eines sehr sanften Windes zu vernehmen, das Geraschel von Blättern oder Gräsern. Über allem lag eine Atmosphäre des Friedens, doch davon ließ er sich nicht täuschen. Das war eine Wahrnehmung, die viel mehr seinem Bedürfnis als den Tatsachen entsprach, vor allem, da in der Dunkelheit Letztere vor ihm verborgen blieben. Er gemahnte sich zur Vorsicht. Doch so angespannt und aufmerksam er seine Umgebung auch beobachtete, keine plötzliche Gefahr machte sich bemerkbar.

Sein Magen grummelte. Das war keine plötzliche Gefahr. Hunger. Aber es konnte ein Problem werden.

»Wir müssen zurückkehren«, sagte er. »Egal, wo wir hier sind, wir müssen in unsere Zeit.«

»Nein.«

Die klare, ablehnende Haltung Terzias kam nicht überraschend. Bereits als Seliger mit seinen Schilderungen begonnen hatte, war Köhler keinesfalls entgangen, wie fasziniert die Wissenschaftlerin darauf reagiert hatte. Ihre Augen hatten einen ganz eigentümlichen Glanz eingenommen, und als Seliger seine Absicht ausgesprochen hatte, Köhler auf diese Reise zu schicken, als Jäger durch die Zeiten, war seine unmittelbare und spontane Abneigung von ihr … nun, jedenfalls nicht halb so energisch unterstützt worden, wie er sich das wünschte.

»Terzia, das ist unvernünftig.«

»Wenn stimmt, was der alte Mann uns gesagt hat, ist es das Gegenteil.«

»Du glaubst das im Ernst?« Köhler schüttelte den Kopf. »Was ist das überhaupt für eine Geschichte? Ein verrückter Zeitreisender bringt das Gefüge von Raum und Zeit in Erschütterung und droht die ganze Welt zu vernichten? Wer denkt sich so was aus? Wer glaubt so was? Wer will so was ernsthaft hören?«

»Die Fakten passen zu der Geschichte. Dein Vater wäre sonst nicht in unsere Zeit gereist und du würdest gar nicht existieren.«

»Das behauptet Seliger.«

Terzia zeigte auf die sanft im Sternenlicht schimmernde Kapsel.

»Er hat da etwas, mit dem er seine Theorie untermauern kann, und das ist mehr, als jede andere Theorie bisher aufzubieten hatte. Und die Tatsache allein, dass wir Zeuge des Angriffes dieses Irren wurden, der ganz offensichtlich versucht hat – zum exakt richtigen Zeitpunkt! –, uns alle drei auszuschalten – das ist ebenfalls ein starkes Argument dafür, dass Seliger recht hatte. Und dass es jetzt an uns ist, Schlimmeres zu verhindern.«

Köhler rang ein wenig um Worte. Er konnte ja gar nicht abstreiten, dass Terzias Haltung keinesfalls völlig absurd war. Er hatte all das ja miterlebt, er hatte sogar Dinosaurier gesehen, ein weiteres Beispiel für die immer brüchiger werdende Zeit, deren Durchlässigkeit keine Laune der Natur sein konnte.

»Terzia, ich weiß nicht …«, sagte er dann bemerkenswert kraftlos. Er fühlte ihre Hand auf seiner Schulter, wie sie zu seinem Nacken wanderte, sanft seine Wirbelsäule kitzelte.

»Ich weiß, mein Großer«, hörte er sie flüstern und ihr warmer Atem strich über seinen Hals. »Du hast Angst.«

»Du nicht?«

»Oh ja! Aber ich weiß auch, was ich möglicherweise alles zu sehen bekomme, zu hören, zu fühlen, zu erfahren und zu lernen. Es ist nicht nur die Notwendigkeit, eine Katastrophe zu verhindern! Es ist die Chance, ein ganzes Universum menschlicher Geschichte zu erforschen, Dinge zu sehen, die wir nur erahnen, und damit die Menschheit auf eine Art kennenzulernen, wie es niemals sonst jemandem gestattet ist. Wie kann ich diese Chance verstreichen lassen?«

Köhler nickte langsam. So war sie. Aber war er genauso?

»Wenn du es nicht kannst«, hörte er sie leise sagen, mit der Andeutung von Schmerz und Enttäuschung in der Stimme, »dann reise zurück und ich tu es alleine.«

An ihrer Entschlossenheit konnte es keinen Zweifel geben. Dies war nicht die Frau, die solch eine Möglichkeit, so eine faszinierende Reise für einen Mann opfern würde, egal was sie für ihn empfand. Und aus irgendeinem Grunde, den Köhler selbst nicht so recht verstand, machte ihn das mit einem Male sehr stolz – und half ihm, zu einer eigenen Entscheidung zu kommen.

»Ich lass dich nicht hängen«, sagte er.

»Es geht nicht nur um mich.«

»Mir geht es sehr wohl um dich.«

Terzia sah ihn prüfend an, als überlege sie, ob diese Art von Motivation für die Durchführung ausreichend sei, und kam dann offenbar zu dem Schluss, dass sie mit dem arbeiten musste, was sie zur Verfügung hatte.

»Wir warten jetzt, bis es hell wird«, sagte Köhler, der sich nun das Handbuch genommen hatte und darin blätterte. Er verglich die schematischen Darstellungen darin mit dem eher kargen Armaturenbrett der Kapsel. »Wie siehst du das? Dieses Gerät, das uns der anderen Kapsel hinterherrennen lässt, schlägt aus, oder?«

Terzia überprüfte es und nickte. »Absolut. Der Typ ist hier, in dieser Zeit, und wenn ich diese Anzeige richtig verstehe, kann er auch nicht sehr weit von uns entfernt angekommen sein, räumlich wie zeitlich.«

»Bei zeitlich würde ja schon eine Minute reichen«, murmelte Köhler. »Aber das zeigt uns nicht, in welche Richtung und wie weit?«

»Nein, das tut es nicht.«

»Wie lange, bis wir wieder springen können?«

Terzia wies auf eine Anzeige, einen sanft zitternden Pfeil in einer runden Skala.

»Wenn der mit der gleichen Geschwindigkeit klettert, mindestens acht Stunden.«

»Das gilt dann auch für ihn. Das ist also unser Zeitfenster, egal wo wir auftauchen.«

»Das mindeste. Wenn er sich hier mit etwas beschäftigt, eigene Pläne verfolgt, dann auch länger. Ich glaube nicht, dass er ziellos durch die Gegend fliegt. Er will etwas erreichen.«

»Und wenn wir nicht mitbekommen, dass er sich wieder absetzt, weil wir selbst nicht in der Nähe der Kapsel sind …«

Terzia runzelte die Stirn, griff nach dem Handbuch, blätterte darin. Dann zeigte sie mit dem Zeigefinger auf etwas, und ehe Köhler reagieren konnte, beugte sie sich in die Kapsel hinein und zog unter einem Sitz etwas hervor. Es bestand aus Metall: ein längliches Objekt, groß wie ihre Hand, mit zwei Lämpchen darauf, eines mit rotem, eines mit grünem Glas. An der Seite gab es einen kleinen Schalter.

»Das Handbuch sagt …«, begann sie gedehnt und hielt das Gerät ins fahle Licht aus dem Innenraum der Kapsel, »dass dieses Gerät per Funk mit der Kapsel verbunden ist, und wenn diese bemerkt, dass unser Gegner einen Zeitsprung gemacht hat, leuchtet dieses Lämpchen …« Sie schaltete das Gerät ein. Es dauerte einen Moment, dann schimmerte die grüne Anzeige. Kein Zeitsprung, das musste es wohl heißen. »Rot ist unser Zeichen«, sagte Terzia. »Wir sollten dieses Ding hier immer mit uns führen, damit wir wissen, wann die Stunde geschlagen hat.«

Und ohne Köhler auch nur anzubieten, ihr diese Verantwortung abzunehmen, steckte sie das Ding in einen Rucksack, der sich ebenfalls im Inneren der Kapsel befand und wohl der Aufbewahrung ihrer Ausrüstung dienen sollte. Seliger war gut vorbereitet gewesen, es hatte ihm nur noch an Freiwilligen gefehlt. Jetzt war zumindest eine Freiwillige dabei, zusammen mit einem Kandidaten, dessen Enthusiasmus für die Frau groß, für die Mission eher übersichtlich war.

»Schau, die Sonne geht bald auf!«

Köhler drehte sich um und sah, dass Terzia recht hatte. Ein sanfter, kaum wahrnehmbarer Schimmer war am Horizont erkennbar. Sie würden nicht mehr allzu lange in der Dunkelheit verharren müssen. Ohne Zweifel war Terzia bereit, sofort ihre Umwelt zu erkunden. Köhler hatte dagegen nichts einzuwenden, er hielt es aber für wichtiger, erst einmal gewisse Bedürfnisse zu befriedigen. Sie mussten sich um Nahrung kümmern, um Trinkwasser vor allem. All ihre hehren Ziele und Absichten nützten gar nichts, wenn sie vorher verdursteten.

Als die Sonne so weit aufgegangen war, dass sie ihre Umgebung genauer ausmachen konnten, identifizierten sie einen Bach unweit ihres »Landeplatzes« sowie einige etwas verkrüppelt aussehende Bäume. Viel Flora und Fauna gab es nicht, es war eine steppenähnliche Landschaft. Mit aufgehender Sonne wurde es allerdings schnell warm. Sie schöpften Wasser und Köhler begann, eine Angel zu basteln, wobei ihm eine kleine Säge half, die er zusammen mit anderem Werkzeug in einem Kasten in der Kapsel fand.

»Seliger hat wirklich an alles gedacht«, murmelte er, als er im gleichen Kasten auch Angelhaken fand. »Schau mal – ein Fernrohr, eine Waidmesser, eine Lupe und weitere nützliche Dinge. Er wusste, dass Zeitreisende sich selbst versorgen müssen, auf die eine oder andere Art.« In dem Bach waren Fische gut zu erkennen, das Wasser selbst aber war von eisiger Kälte. In Ermangelung anderer Kleidung wollte Köhler darin nicht umherwaten, solange es sich vermeiden ließ.

Er hatte die Angel fast fertig und war bereit, sich auf die Suche nach einem geeigneten Köder zu begeben, als Terzia sich abrupt aufrichtete und in eine Richtung zeigte.

»Ist das Rauch?«

Köhler schaute in die angegebene Richtung. Einige feine Rauchfahnen kletterten in der bewegungslosen Luft nach oben, fast senkrecht, faserten vor dem Hintergrund des blauen Himmels auseinander und verloren sich in der Weite des Firmaments.

»Lagerfeuer?«, fragte Terzia. Köhler griff nach dem Fernrohr, justierte es und schaute hindurch.

»Sieht für mich danach aus. Ich kann auch Zelte erkennen, vielleicht sogar ein Gebäude, vielleicht eine Wegstation. Schau es dir genau an. Es sind auf diese Entfernung keine Details erkennbar, aber die Feuer und die schwarzen Punkte sind in festen Abständen voneinander entfernt. Und da, einige Fahnen sind eine Spur weiter hinten. Ein Lager, und es wird das Frühstück zubereitet.«

Terzia nahm das Glas und kam zu einer ähnlichen Einschätzung. Das Wort Frühstück löste bei ihnen beiden erwartbare Reaktionen aus. Außerdem teilten sie die Neugierde, herausfinden zu wollen, wo sie hier gelandet waren.

»Wie weit ist es von hier entfernt?«, fragte Terzia.

Köhler kniff die Augen zusammen. »Wir sollten definitiv vorher etwas essen. Vielleicht müssen wir wegrennen.«

Die Frau sah ihn stirnrunzelnd an. »Du erwartest immer das Schlimmste.«

»Berufskrankheit. Und in letzter Zeit sind wirklich verdammt viele schlimme Dinge passiert.«

Terzia konnte dagegen nicht viel sagen. Sie stieß einen leisen Seufzer auf, beugte sich am Rande des Bachufers hinab, griff in das Erdreich und zog einen sich träge windenden Wurm daraus hervor.

»Dein Jagdinstinkt ist unübertroffen«, lobte Köhler sie. »Ich geh jetzt angeln.«

Er tat wie angekündigt und er hatte Erfahrung darin. Nicht nur, dass es zum Überlebenstraining eines römischen Marineoffiziers gehörte, es war auch eine beliebte Art, sich auf langen Seereisen die Zeit zu vertreiben. Nicht immer wollte man alles essen, was man fing, und manch panischer Meeresbewohner wurde nach kurzer Inspektion wieder in die Freiheit entlassen. Aber Angeln war gleichermaßen beruhigend wie nährend, zumindest dann, wenn man etwas Zeit mitbrachte.

Hunger hingegen war nicht dazu geeignet, zur Geduld anzuhalten. Köhler musste sich etwas beherrschen, um den Köder den mit nachlässiger Neugierde heranschwimmenden Fischen nicht allzu aufdringlich vor die Augen zu halten. Das klare Wasser half, die Tiere gut zu erkennen. Vielleicht wäre es doch sinnvoller gewesen, sich einen Speer zu schnitzen und im Zweifelsfall kalte und nasse Füße in Kauf zu nehmen.

Von dieser Idee nahm er erst einmal Abstand, umso mehr, als trotz aller Behäbigkeit der erste Fisch anbiss. Das kurze Triumphgefühl unterdrückend und darauf achtend, die Angel nicht zu ruckartig aus dem Wasser zu ziehen, bemühte sich Köhler um professionelle Arbeit. Sein leiser Ausruf, Ausdruck seiner Siegesfreude, blieb aber nicht ungehört. Terzia, die sich zwischenzeitlich um ein Feuer gekümmert hatte, betrachtete das Ergebnis von Köhlers Bemühungen, als es zuckend auf dem Boden landete.

»Etwas klein«, sagte sie. »Zu klein für uns beide.«

»Es kommt nicht auf die Größe an, sondern nur auf die Technik«, wandte er ein.

Terzia verengte ihre Augen zu einem sehr prüfenden Blick. »Das gilt nicht für Fische, mein Bester. Das gilt nicht für Fische.«

Dies war der Zeitpunkt, an dem sich Köhler erneut seiner Tätigkeit widmete. Ob klein oder groß, nach einer guten halben Stunde, in der ihm das Anglerglück hold war, schien das Frühstück vollständig zu sein. Terzia zeigte sich als Expertin im Ausnehmen der Tiere, sodass Köhler sich darauf konzentrieren konnte, in der Vegetation nach weiterem Essbaren zu suchen. Er fand einen Strauch mit Nüssen, die er prüfend pflückte und deren bitterer Geschmack nach kurzem Kosten nicht überzeugend war. Es schien, als müssten sie sich mit dem Fisch begnügen, der, als er zum Feuer zurückkam, bereits aufgespießt auf zurechtgeschnitzten Holzstücken über dem Feuer gedreht wurde. Der fertig gebratene Fisch schmeckte etwas fade, aber die erhoffte Sättigung trat ein.

Als sie noch mit den Resten der Mahlzeit beschäftigt waren, ruckten ihre beiden Köpfe gleichzeitig hoch. Ihre Wahrnehmung hatte sich an die Umgebungsgeräusche gewöhnt, sodass ihnen sofort eine Ergänzung aufgefallen war, die eigentlich nicht hierhergehörte.

Das leise Geräusch war absolut unverkennbar.

»Pferde!«, sagte Köhler und Terzia nickte. Es war nicht auszuschließen, dass es sich um Wildtiere handelte, doch der Instinkt eines Soldaten weckte in Köhler sofortiges Misstrauen. Auch Terzia war auf den Beinen, in ihrem Gesicht ein sorgenvoller Ausdruck.

Köhler entfernte sich einige Schritte, lauschte, nickte dann. Er hatte sich wieder mit dem Fernrohr aus der Ausrüstungskiste Seligers bewaffnet.

»Sie sind nicht hierher unterwegs. Schau selbst!«

Eine Gruppe von Reitern, keine Wildtiere, zog ihre Bahn, eindeutig in Richtung auf die Lagerfeuer, die immer noch gut erkennbar waren.

»Waffen. Schusswaffen. Und Uniformen, soweit ich das erkennen kann«, sagte Köhler. »Ich kenne die Uniformen nicht, aber es sind zweifelsohne Soldaten. Wirken recht diszipliniert und aufmerksam. Hm.«

»Hm?«

»Ich habe nur kurz einen Blick in die Gesichter einiger Männer blicken können. Aber diese Menschen haben eine große Ähnlichkeit mit den Chinesen, die uns unsere Expedition gen Osten beschrieben hat. Ich möchte daher mal vermuten, dass wir uns irgendwo im östlichen Asien befinden.«

»In China?«

»Asien ist groß. Wir sollten uns nicht festlegen.«

»Was will dieser Engelmann hier?«

Dr. Engelmann war ihre Nemesis, wenn sie Seligers Schilderungen richtig verstanden hatten, derjenige, den sie nun, mehr oder weniger freiwillig, durch die Zeiten jagten, um Schlimmeres zu verhindern.

»Vielleicht sucht er hier Verbündete. Vielleicht sucht er nur nach einem Ort, an dem er selbst etwas Ruhe findet. Egal was er vorhat, er benötigt Hilfe dabei«, mutmaßte Köhler.

»Also sollten wir uns auch dorthin begeben«, erklärte Terzia und zeigte auf die Rauchfahnen.

Köhler nickte, so richtig ohne Begeisterung.

Aber es würde schwer sein, Terzia von der Alternative zu überzeugen, einfach nichts zu tun. Dagegen sprach schon die Aussicht, sich tagelang nur von Fisch zu ernähren – oder wie lange Engelmann auch immer hier zubringen wollte.

»Gut«, sagte er also.

Er meinte es aber nicht so.

5

»Jawed.«

»Metellus.« Klang schwach, etwas gewollt männlich, nur ohne die notwendige Puste. Metellus schüttelte den Kopf. Persischer Mannesstolz. Es gab wirklich Momente, da sollte es das Recht eines jeden sein, einfach nur zu jammern. Er sah auf den verletzten Mann hinab, der in einer hoffentlich bequemen Position auf seinem Lager gebettet die Umgebung mit immer wieder leicht zufallenden Augen betrachtete.

»Du fragst nicht, wie es mir geht, Zenturio«, sagte der Pāygān-sālār.

»Es geht dir richtig dreckig, das sehe ich dir an, mein Freund.«

Jawed zwang sich ein Lächeln ab, es war keine besonders überzeugende Vorstellung. Metellus suchte seine Sorge um den Mann zu verbergen. Der alte Medicus hatte getan, was er konnte, und das war angesichts der Umstände durchaus beachtlich. Der Römer machte niemandem einen Vorwurf, höchstens dem Schicksal, und das zeigte sich, wie immer, eher unbeeindruckt.

»Wie ist die Lage?«, rang sich der Perser ab.

»Keine weiteren Angriffe. Aber wir haben jemanden aufgegabelt.«

»Ein Gefangener?«

»Ich bin mir nicht sicher. Er sagt, er wäre ein Überläufer. Er hat sich uns als Jin vorgestellt.«

»Er sagt, er wäre ein … was?«

Der Perser war einen Moment gar nicht mehr so schwach, sein Erstaunen hatte dem geschwächten Leib erkennbar Energie zugeführt.

Jaweds Unglaube war nachvollziehbar. Die Krieger aus Baekye sprachen ein Idiom, das niemand in Rom oder Persien verstand. Es gab welche im Reich der Chinesen, die es gut beherrschten, doch es war mindestens so kompliziert und schwer zu lernen wie das Chinesische selbst. Aufgrund der Präsenz der Zeitenwanderer aus dem westlichen Afrika, die aus eigenen historischen Gründen des Englischen mächtig waren, hatte sich diese Sprache, die in dieser Epoche im Grunde noch gar nicht existierte, als Lingua franca durchgesetzt. Es gab natürlich sowohl Römer, die Chinesisch lernten, als auch Chinesen, die sich Latein oder Griechisch aneigneten. Aber ihre Zahl war begrenzt und manche taten dies eher aus Neugierde oder aus einem intellektuellen Verständnis heraus, wenige waren Soldaten oder Staatsbeamte. Kenntnisse des Persischen waren weiter verbreitet, waren Rom und sein großer Nachbar doch seit langer Zeit in zeitweise herzhafter Feindschaft verbunden, eine Gegnerschaft, die erst in den letzten Jahren zu einer ernsthaften Freundschaft geworden war. Nichts fokussierte Emotionen mehr als ein gemeinsamer Feind, der einem an den Kragen wollte.

Aber Baekye-Krieger, die etwas anderes als ihre eigene, komplexe Sprache beherrschten? Natürlich musste es sie geben. Aber sie waren zumindest an dieser Front noch keinem begegnet.

Irgendwie machte dieser Gedanke Jawed sofort misstrauisch. Metellus sah es ihm an und er empfand ähnlich. Deserteure gab es nicht, wenn es um Baekye ging, zumindest keine lebenden. Und dann noch welche, die sich verständlich machen konnten? Das war beinahe unmöglich. Und doch war es geschehen.

Oder war es …?

»Ein Spion«, kam Jawed zu dem Schluss, zu dem auch sein römischer Kamerad sofort gelangt war. »Er spricht Englisch?«

»Persisch.«

»Ein Spion.«

»Wenn, dann ein sehr verzweifelter. Als wir ihn schließlich ergriffen, zitterte er vor Angst und hatte sich völlig eingenässt.«

»Ein gut vorbereiteter Spion. Einer, der sein Metier beherrscht und alles tut, um überzeugend zu wirken. Wir sollten höchste Vorsicht gelten lassen.«

Jawed schien die Diskussion noch mehr zu beleben. Die letzten Sätze sprach er sehr kraftvoll aus. Gegnerische Spionage weckte offenbar seine Lebensgeister. Er versuchte sogar, sich aufzurichten, wurde daran aber von Metellus mit sanftem Nachdruck gehindert.

»Er ist in Gewahrsam und wird bewacht. Aber ich gebe ihm zu essen und ich habe ihn frisch eingekleidet. Es ist nicht an uns zu entscheiden, was mit ihm geschehen soll. Ich habe ans Hauptquartier telegrafiert. Sobald Weisung kommt, werden wir entsprechend handeln.«

»Weisung«, stieß Jawed aus. »Sie werden ihm auf den Leim gehen, weil sie unbedingt einen Erfolg haben wollen, etwas, das ihnen etwas in die Hand gibt, eine Erkenntnis, die ihnen hilft. Wenn dieser komische Marschall tatsächlich jemanden geschickt hat, der sein Handwerk versteht, wird er mit den Trotteln leichtes Spiel haben. Und wir, hier an der Grenze, werden das im Zweifelsfall ausbaden müssen, oder?«

Metellus wollte seinem persischen Kameraden so gerne widersprechen, doch leider brachte er nur ein Schulterzucken zustande. Jaweds Einstellung, bei aller Pflichterfüllung und militärischer Disziplin, war vom gesunden Zynismus eines Grenzsoldaten geprägt. Wer sollte es ihm übel nehmen?

»Sobald ich Nachricht habe, melde ich mich bei dir. Sie wird gewiss nicht lange auf sich warten lassen. Die Sache ist zu heiß, um …«

Metellus wurde vom Auftritt eines Soldaten unterbrochen. Er hielt ihm ein Pergament hin, das dieser dankend entgegennahm und betrachtete.

»Wenn man vom Teufel spricht!«

»Antwort auf deine Nachricht?«

»In der Tat. Ich bin mir nicht sicher, ob dir das gefallen wird.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob mir hier überhaupt noch etwas gefällt. Lies vor, Römer. Dein Persisch beleidigt meine Ohren, aber lies!«

»Darf ich es zusammenfassen?«

Jawed machte eine müde Handbewegung.

»Wir sind abberufen nach Persepolis. Du, ich, der Überläufer.«

»Der Spion.«

»Der Spion. Du sollst dich im Militärhospital behandeln lassen und bekommst Erholungsurlaub. Ich soll den Spion überbringen und bei den Verhören als offizieller Vertreter des römischen Generalstabs anwesend sein. Wir sollen los, sobald du reisetauglich bist.«

Jawed starrte Metellus an. Es gab Leute, die würden sich jetzt freuen. Allein das neuartige und von den Römern auch erst sehr zögerlich angenommene Konzept des »Erholungsurlaubs« löste normalerweise eher Glücksgefühle aus. Außerdem: weg von der Front, ab in die Hauptstadt, die ihre Reize hatte. Jawed stammte aus einer angesehenen Familie, er erzählte hin und wieder von ihrem Haus in Persepolis und dem Garten und dem Fischteich. Metellus stellte sich alles ganz angenehm vor. Aber Jawed gehörte nicht zu jenen, die jede Gelegenheit wahrnahmen, sich lästiger Pflichten zu entledigen. Alles andere als das.

»Meinen Posten aufgeben?«

»Vorübergehend, da bin ich mir sicher. Verwundet im Kampf. Dafür gibt es einen Orden.«

»Das war keine Leistung. Ich stand aus Versehen einer Kugel im Weg.«

Jawed war auch da etwas eigen. Er war jederzeit bereit, tapfere Untergebene auszuzeichnen und sie für herausragende Pflichterfüllung zu belohnen – aber er zog es vor, ihnen dafür etwas zu geben, mit dem sie auch etwas anfangen konnten. Einen freien Tag; frischen Wein oder Bier für einen netten Abend unter Kameraden; Befreiung vom Wachdienst: Es gab einige Möglichkeiten, einer treuen Seele etwas Gutes zu tun. Aber irgendeinen Orden? Das war wieder so eine römische Idee. Für die meisten gab es nicht einmal eine Geldprämie, die Jawed noch als Anerkennung akzeptiert hätte. Und er selbst strebte nicht nach Gefälligkeiten. Wenn man ihm etwas Gutes tun wollte, dann würde man ihn befördern, ihm mehr Verantwortung geben und weitere Möglichkeiten, Kugeln im Weg zu sein. Denn wenn er eines ernst nahm, dann war es sein Beruf und Metellus hatte davor den allergrößten Respekt.

»Es sieht nicht so aus, als hätten wir da eine Wahl.«

Jawed wusste das natürlich. Er schaute grimmig drein, aber so richtig fehlte ihm für die Empörung noch die Energie. »Ich bin reisebereit. Lass uns aufbrechen.«

»Du bist völlig verrückt.«

»Ein Wagen. Ich leg mich hinten drauf und lass mich ziehen. Einleitung meines Erholungsurlaubs. Schöne Landschaften, interessante Zwischenstopps, lauschige Herbergen und abwechslungsreiches Essen. Eine interessante und liebenswürdige Reisebegleitung dazu. Alles, was man sich wünschen kann.«

Metellus stieß ein Schnaufen aus.

»Es hat geregnet. Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand. Und Herbergen sind ziemlich weit entfernt.«

Jawed seufzte und starrte auf die Bettdecke, die seinen Körper umhüllte. Er zupfte an einem Rand, um eine Falte auszugleichen. Er mochte es, wenn die Dinge glatt verliefen. Das war in letzter Zeit leider nur zu selten der Fall.

»Wie lange also?«

»Ich denke, in frühestens fünf Tagen, und das auch nur dann, wenn du eisern Ruhe bewahrst, nicht herumschreist, nicht herumläufst, gut isst und trinkst und jede Aufregung meidest.«

Jawed sah Metellus anklagend an. »Du willst, dass ich vor Langeweile sterbe, damit du in Persepolis all den Ruhm einheimsen kannst.«

Der Römer nickte. »Absolut. Du hast mich ertappt.« Er erhob sich. »Und jetzt ausruhen. Klappe halten. Niemand hört auf deine albernen Befehle, dafür habe ich gesorgt.«

»Meuterei!«, flüsterte Jawed.

»Dies ist kein Schiff.«

»Deserteure!«

»Ich bin immer noch hier und renne nicht weg.«

»Ich geb’s auf«, murmelte der persische Offizier und schloss die Augen.

Die mit diesen Worten verbundene Botschaft kam bei Metellus an, er hatte zu gehen. Er verließ das Gebäude, trat ins Freie und sah sich um. Routine herrschte in dem Grenzfort, nachdem die Aufregung über den Angriff und den Überläufer sich ein wenig gelegt hatte. Jawed mochte recht haben und hinter dem Auftauchen des Mannes einen perfiden Trick der Herren von Baekye vermuten. Andererseits konnte es auch gut sein, dass irgendwann einmal jemand auf der Gegenseite die Schnauze so richtig voll hatte. Das waren keine Dämonen und keine Maschinen, sondern Menschen und sie würden nicht alle wie verzaubert in eine Richtung marschieren, zumindest nicht auf ewig. Es gab immer jene, die anders waren, die Schmerz in sich trugen oder Wut oder einfach nicht mehr ertrugen, was ihnen befohlen wurde. Metellus konnte Jaweds Theorie nicht wegwischen, aber er konnte sich die Optionen offenhalten.

So betrat er kurze Zeit später den Raum, den die Soldaten als provisorische Zelle hergerichtet hatten. Es gab hier kein Gefängnis. Wer sich danebenbenahm, wurde ausgepeitscht, das war in der persischen Armee weiterhin üblich, wenngleich die Legionen von dieser Praxis seit einiger Zeit Abstand nahmen. Metellus mochte es, wie die Perser das regelten: einfach, direkt, effektiv und für alle ein Beispiel. Manchmal hasste er die modernen Zeiten.

Der Überläufer – und der Römer nannte ihn in Gedanken weiterhin so, egal was Jawed über den Mann dachte – saß auf einer Bettstatt, die man ihm in den Raum gestellt hatte. Ein Pisspott stand ebenfalls da; ein Stuhl und ein Tisch fehlten wie auch sonst jede Annehmlichkeit. Der Mann bekam zu essen, und das ausreichend. Er war unverletzt gewesen und er trug Kleidung, die in Ordnung war. Für seine Grundbedürfnisse war gesorgt und bis auf Weiteres sah Metellus keinen Grund, ihn mit Luxus zu belohnen. Das musste er sich verdienen.

Das mussten sie schließlich alle.

Der Mann sah auf. Er wirkte nicht überängstlich, nur sehr vorsichtig. Wer wollte ihm das verübeln? Dann erhob er sich. Er hatte bereits einmal mit Metellus gesprochen, wusste, dass er hier das Sagen hatte. Er war nicht richtig eingeschüchtert, verhielt sich aber respektvoll. Er kannte seinen Platz, zumindest vermittelte er diesen Eindruck recht überzeugend.

»Jin«, sprach er den Mann an, nicht unfreundlich, aber gewiss nicht leutselig. »Ich habe Nachricht von meinen Vorgesetzten. Wir haben Befehl, Sie in die Hauptstadt zu bringen. Dort werden Sie weiter befragt und man wird über Ihr Schicksal entscheiden.«

»Wer genau wird entscheiden?«

»Die zuständigen Autoritäten.« Metellus hatte nicht die Absicht, die Komplexität der persischen Bürokratie mit dem Mann zu besprechen, und außerdem ging es ihn schlicht nichts an.

»Werde ich sterben?«

»Das ist unwahrscheinlich.« Das konnte der Römer mit einiger Sicherheit sagen. Ob nun Überläufer oder Spion, der Mann namens Jin war zu wertvoll, um ihn achtlos wegzuwerfen. Auch Lügen und Täuschungen hatten ihren Informationswert, wenn ein kluger Mann ihnen lauschte. Außerdem peitschten die Perser nicht nur immer noch ihre eigenen unbotmäßigen Soldaten aus, sie waren auch noch nicht dem römischen Vorbild gefolgt, die Folter als Hilfsmittel bei Verhören abzuschaffen. Metellus mochte es hier.

Das Essen war manchmal ein wenig zu scharf, aber ansonsten hatte er keine weiteren Einwände.

Jin schien erleichtert, vielleicht etwas voreilig.

»Sie könnten Ihre Situation erleichtern, wenn Sie mir jetzt schon ein wenig über sich erzählen – mehr jedenfalls, als Sie bisher preisgegeben haben«, sagte Metellus. Er zeigte auf das Bett. »Ich könnte Ihnen einen Stuhl und einen Tisch bringen lassen. Vielleicht etwas anderes zu essen? Etwas Wein? Ich bin bereit, es Ihnen etwas gemütlicher zu machen. Eine zweite Decke. Die Nächte hier sind doch recht kühl, nicht wahr?«

Jin schien einen Moment mit sich zu hadern, dann schüttelte er den Kopf.

»Nein«, sagte er leise. »Danke für Ihr Angebot. Aber ich muss sicher sein, dass ich mit jemandem rede, der abschließend über mein Schicksal entscheidet oder zu den richtigen Leuten redet. Das ist nicht gegen Sie gerichtet, Römer. Aber dies ist Persien. Ich bin mir sicher, Sie sind hochgeachtet. Aber Sie sind nicht die ausschlaggebende Autorität.«

Er blickte auf, beinahe furchtsam für den Moment, als erwarte er ein wütendes Aufbrausen oder sogar Schläge. Aber Metellus hatte mit keiner anderen Antwort gerechnet und bereits beim ersten Gespräch hatte er den Eindruck gewonnen, dass dieser Jin ein Mann von einiger Intelligenz war. Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Jawed richtiglag. Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass es vor allem ein intelligenter Mann wagen würde, dem Zugriff der eigenen Leute zu entfliehen und sich zuzutrauen, in einer fremden Umgebung zu überleben.

»Nein«, sagte Metellus. »Das bin ich nicht. Wer hat Ihnen so genau erklärt, wer im Persischen Reich von Autorität ist oder nicht?«

»Ich bin Offizier. Wir erhalten Berichte, grundsätzliche Einweisungen, vor allem, wenn wir an der Front dienen. Wir sind weder unwissend noch ungebildet.«

Metellus hörte den Trotz in der Stimme Jins und er nickte gemessen. Das, was der Mann sagte, widersprach dem Bild, das er bis jetzt von den Zuständen in Baekye gewonnen hatte. Informationskontrolle und Propaganda waren nach allem, was man hörte, zentrale Bestandteile der Innenpolitik und das galt nicht nur für die normale Bevölkerung, sondern auch und gerade für das Militär. Es war natürlich nicht auszuschließen, dass Offiziere, je nach Rang, über weiter gehende Informationen verfügten, einem nicht ganz so harten Regime unterlagen. Gerade in einer fluiden Kriegssituation war es auch gar nicht zu vermeiden, dass intelligente Menschen in Kontakt mit Erkenntnissen kamen, die man ihnen sonst lieber vorenthalten würde.

»Offizier, ja?«

»Ich sage nichts mehr.«

»Ich bin auch Offizier. Wir können ehrlich miteinander reden. Ich mache Ihnen ein Angebot: Sie stellen mir zwei Fragen, die ich aufrichtig beantworte, und dafür darf ich eine aufrichtige Antwort von Ihnen erwarten. Ein Handel, zu Ihren Gunsten.«

Jin lächelte und schüttelte den Kopf. »Zu meinen Ungunsten. Denn das Wissen, das Sie mir anbieten, ist für mich bedeutungslos. Ich bin weit weg von zu Hause, habe die Bande dorthin durchschnitten. Alles, was ich Ihnen mitteile, ist hingegen voller Bedeutung. Das ist nichts, was wir abzählen können, Römer. Information wird nicht allein durch seine Menge relevant, sondern vor allem durch seine Qualität und in wessen Händen sie liegt.«

Das waren kluge Worte, wie Metellus fand, und erneut wurde er an Jaweds Misstrauen erinnert. Sprach so ein normaler, fahnenflüchtiger Offizier, der auf eine neue Heimat hoffte? Andererseits, würde sich ein Spion so eine Blöße geben und differenziert über ein Thema sprechen, das sein Schicksal beeinflussen würde? Oder war das wiederum gerade eine bewusste Strategie? Metellus fasste sich unwillkürlich an den Kopf. Wenn dies wiederum eine Vorgehensweise war, um ihn zu verwirren, so hatte Jin damit Erfolg. Metellus war für diese Art von Scharaden nicht qualifiziert, er dachte nicht wie ein Spion. Er war darauf aus, die Schädel seiner Feinde einzuschlagen, und bedurfte eigentlich nur einer klaren Anweisung, in welche Richtung er dafür rennen musste.

Das änderte natürlich nichts daran, dass er furchtbar neugierig war.

»Sie können gut Persisch.«

»Ich spreche auch jene Sprache, die man Englisch nennt.«

Den Satz hatte er bereits in dieser gesprochen. Metellus, der ebenfalls des Englischen mächtig war, wie alle Offiziere es auf der Akademie zu lernen hatten, war nicht richtig überrascht.

»Ich bin beeindruckt«, sagte er.

»Es gehörte zu meiner Ausbildung.«

»Können alle Offiziere aus Baekye so gut Englisch?«

»Nein. Können alle Offizier aus Rom diese Sprache?«

»Nein, obwohl wir sie auf der Akademie lernen müssen. Aber was man nicht benutzt, das rostet ein.«

»Sie sind eine Ausnahme.«

»Ich hatte immer eine Schwäche für Sprachen.«

Das war nicht gelogen, Metellus konnte Sprachen schnell und leicht lernen, es gehörte neben brutaler Raserei auf dem Schlachtfeld zu seinen hervorstechenden Fähigkeiten. Darüber hinaus aber gab es überall verteilt im Imperium – dem römischen wie dem persischen – Offiziere, deren Sprachausbildung besonders intensiv gewesen war. Denn alle rechneten damit, dass die scheinbar endlose Abfolge an aus der Zukunft eintreffenden Zeitenwanderern nicht plötzlich abbrechen werde. Entweder man entdeckte neue, die man bisher nicht identifiziert hatte, oder sie tauchten noch auf. Es war sinnvoll, überall jene zu positionieren, die möglicherweise mit diesen Leuten würden kommunizieren können, jedenfalls potenziell besser als der normale Legionär.

Möglicherweise dachten die Herren von Baekye genauso. Möglicherweise war Jin aber auch ein gut ausgebildeter Spion. Metellus bekam wirklich Kopfschmerzen.

Jin lächelte den Römer an.

»Sie machen sich zu viele Gedanken. Ich bin ein Überläufer. Ja, ich habe wichtige Informationen, und ja, ich will etwas zum Tausch. Asyl. Ein Haus. Diener. Geld. Ich will ein gutes Leben. Ich bin kein Verräter, weil ich den Geliebten Marschall aus ganzem Herzen hasse. Ich gehörte zu den Offizieren seiner Armee, und war man loyal, ging es einem im Vergleich zu allen anderen recht gut. Aber ich will mehr, ich will nicht darauf warten, und wenn ich einer Sache müde wurde, dann dieses Krieges. Immer nur töten, töten, töten. Ich kann das Blut an meinen Händen sehen und riechen, egal wie oft ich sie wasche. Davon habe ich genug. Also habe ich einen Entschluss gefasst. Ist meine Motivation für Sie sehr verwerflich, Römer?«

»Ich bin in keiner Position, Ihre Motivation zu beurteilen, vor allem, weil ich nicht weiß, ob Sie mich belügen.«

»Gut, das stimmt. Ich kann Ihnen ja alles Mögliche erzählen. Ich respektiere Ihre Einstellung. Aber nehmen wir an, ich würde die Wahrheit sprechen. Wäre das schlecht?«

Metellus überlegte einen Moment, ob und wie er auf diese Frage antworten sollte. Jin langweilte sich vielleicht und genoss das Gespräch oder er versuchte, in seinen Kopf zu kommen, in ihm den Gedanken zu säen, dass dieser Mann aus Baekye ehrlich sei und dass man ihm zuhören solle. Es gab nur eine Methode, um aus dem Dilemma zu entkommen. Nein, korrigierte er sich: Es gab eigentlich zwei. Da eine der beiden darin bestand, Jin in diesem Moment die Kehle zu durchschneiden, musste er sie aus übergeordneter Verantwortung heraus leider verwerfen. Blieb die zweite.

Er drehte sich um und ging. Ohne ein weiteres Wort, ohne einen Blick zurück. Vielleicht war das ein Sieg für Jin, vielleicht auch nicht. Es war im Grunde egal. Metellus’ Neugierde war nicht befriedigt worden, vielleicht war diese Absicht auch zu naiv gewesen.

Draußen angekommen, atmete er tief ein. Er war für diese Art von Arbeit nicht geschaffen, dieses Fechten mit Worten, mit offensichtlichen und implizierten Aussagen, mit Andeutungen, tieferem Sinn, Täuschungen, dem Vagen, dem Verschleierten, dem Unausgesprochenen. Er mochte es, wenn die Menschen sagten, was sie meinten, und meinten, was sie sagten. Damit konnte er umgehen. Er konnte für etwas sein, gegen etwas oder es war ihm egal. Aber dieses Schweben in einem ständigen Zustand der Ungewissheit darüber, was nun war und was nicht, das ging ihm gehörig gegen den Strich. Er war Soldat. Er war ein intelligenter Mann, bei aller Bescheidenheit. Er wusste, wie wichtig gute Informationen waren, wie entscheidend für jeden Kriegsverlauf. Aber er war offenbar nicht die geeignete Person, solche Informationen zu erlangen, ohne dabei dem Gesprächspartner die Nägel aus den Fingern zu reißen.

Das war gut. Es half, die eigenen Begrenzungen zu verstehen.

Es half ihm auch einzusehen, dass er niemals Wunschdenken und Realität miteinander verwechseln durfte. Er wollte, dass Jin ein genuiner Überläufer war, jemand, der ihnen richtig half und dem Gegner dadurch mächtig eins reinwürgte. Er wollte es mit jeder Faser seines Körpers.

Aber es konnte durchaus sein, dass die Wahrheit sich nicht an seinem Wollen orientierte.

»Zenturio. Wir haben den Wagen für den Gefangenen vorbereitet.« Metellus war dankbar für die Abwechslung und er war verwundert. Dafür war es doch noch viel zu früh!

Er folgte dem Soldaten, der ihn zu den Stallungen führte, bescheiden, wie sie waren. Einer der Transportwagen war umgebaut worden, mit einer überdachten Sitzbank aus stabilem Holz, fest miteinander verschraubt, und der Möglichkeit, einen Gefangenen an eingelassenen Eisenringen anzuketten. Auch sonst bot der Wagen ausreichend Platz, vor allem konnte sich jemand auf die hinterste Bank legen, wenn es nötig sein sollte. Es war so ziemlich das Komfortabelste, was sie aufweisen konnten, um zur Bahnstrecke zu gelangen und von dort aus einen Zug zu nehmen, der ihre Reisegeschwindigkeit und den Komfort noch einmal erhöhen würde.

»Das ist ja lobenswert, aber Pāygān-sālār Jawed ist noch nicht in der Lage zu reisen«, sagte Metellus zu dem Mann, den sie als Kutscher auserkoren hatten.

»Er sagte mir gerade, ich solle den Wagen bereit machen«, erwiderte der etwas ratlos wirkende Soldat. Metellus beherrschte sich. Vor einem Untergebenen zu zeigen, dass er eine Entscheidung des Kommandanten für blödsinnig und ihn selbst für einen leichtsinnigen Idioten hielt, würde die Autorität untergraben und ein schlechtes Licht auf den Römer werfen.

»Danke, ich rede mit ihm. Gewiss ein Missverständnis.« Er nickte dem Soldaten zu, der sich verneigte und die Sache auf sich beruhen ließ.

Metellus wandte sich ab. Es war wohl notwendig, das Krankenlager ein zweites Mal aufzusuchen.

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