Read the book: «Lebenssplitter»

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Impressum

ISNB:

978-3-9611-2475-6

Auflage 1 / v2 / Januar 2017


© Foto: Charly, Köln

Autor:

Dietmar Wolfgang Pritzlaff (Alle Rechte dem Autor vorbehalten.)

geb. in Altena/Westf., schreibt Romane, Kurzgeschichten,

Lyrik, Haiku, Songtexte, Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Drehbücher,

journalistische Texte

www.diwop.de

www.liesmichnet.de

Verlag:

© 2017 • dwp –Day Walker Productions

veröffentlicht von: feiyr.com

dwp-feiyr-com-Veröffentlichungen

© Coverbild: „Linsenleben“, Zeichnung von Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln

© Text und Satz: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Analyse

Wer stirbt schon tausend Tode?

Kapitel 2: Dramen und andere Kleinigkeiten

Der Feigling

Für einen Augenblick Ruhe

Der Stich

Die ewig Reisende

Die letzte Umarmung

ER sucht SIE

Gossenkinder

Geliebte Lina

Kein Ausweg aus dem Meer-Prinzip ? oder die Macht der Gewohnheit

Mutters Liebling

Nett-Chat?

Sonntagmorgen

Warme Brüder 1 – Zwillinge

Warme Brüder 2 – Persische Nächte

Kapital 3: Erotische Fantasie

Rheingold

Kapital 4: Gruselgeschichten

Der weiße Alptraum

Kein Platz für Kannibalen

Vergiss mein nicht

Kapitel 5: Kriminelle Geschichten

Der Fotomörder

Eva Flock: Mordgedanken

Silvia springt

Kapitel 6: Märchen für die „lieben Kleinen“

Das Cranxer Fest

Kapitel 7: Satirische Geschichten

Der Sauhund

Die Hektik der Erotik

Golf-Platz-Reigen 1: Der große Schlag

Golf-Platz-Reigen 2: Ein mörderisches Spiel

Golf-Platz-Reigen 3: Der Lustsklave vom Golfplatz

Gruppendynamik

Im Bann der Viagra

Let‘s fetz...

Kapital 8: Science Fiction

Daniel

Der Krieg der Kinder

Laserherz

Kapitel 1: Analyse

Wer stirbt schon tausend Tode?

Fuß tritt Gas.

Gas gibt Schwung.

Beschwingtes Hirn schwingt mit und - MATSCH.

Das Weiß des Hirns - nicht mehr erkennbar.

Zu viel Rot. Tiefes Rot des Blutes,

dass in Strömen aus dem Körper gepumpt wird,

der auf rauem, kaltem Asphalt,

gekrümmt, zerstückelt und unbeweglich liegt.

Hand am Steuerrad.

Steuerrad will lenken.

Gelenke aber zu langsam und - MATSCH.

Die Hand nicht mehr am Steuer.

Zerschunden, aufgeschürft, zerquetscht und gebrochen

durch den harten Aufprall.

Kann nicht mehr greifen, nicht mehr steuern,

nicht mehr streicheln.

Unbeweglich liegt sie da,

zwischen platt geschlagenen Grashalmen

und scharfkantigen Glassplittern.

Getrennt vom Leben,

abgetrennt von dem gerade noch Lebenden.

Auge sieht Kurve.

Kurve zu scharf.

Scharfes Auge fliegt und - MATSCH.

Auge fliegt und fliegt und flöge immer noch,

wenn nicht ein Baum Einhalt geboten hätte.

Nun hängt Auge an Baumrinde.

Sieht aus, als ob der Baum ein Auge bekommen hätte.

Er schaut ganz traurig drein.

Schon verblasst der Glanz des strahlenden Auges.

Der Baum schüttelt nur ungläubig sein Geäst.

Wut hat er auch im hölzernen Bauch.

Ist ihm doch ein stählerner Keil in seinen Holzleib gefahren.

Aber er hielt dem Blechungetüm stand.

Der Baum zählt mindestens dreihundert Jahre,

da hat er solches schon oft miterlebt.

Und jedes Jahr kommen weitere Keile und Schrammen

an seinen Stamm dazu.

Behutsam, ganz sachte, ganz sanft,

wird das Auge genommen,

dem Besitzer zurückgebracht.

In einer Plastiktüte trägt es ein Sanitäter davon.

Unbeweglich liegt das Auge nun

auf dem Grund der künstlichen Behausung.

Bauch krampft sich zusammen,

vor dem Schleudern.

Bauch schleudert mit und - MATSCH.

Bauch kaputt.

Aufgerissen.

Metall bohrt sich in offene Wunden.

Herausgerissen, die vielen Meter

der Ver- und Entsorgungsleitung des Menschen.

Können nicht mehr mit was versorgen.

Können nichts mehr entsorgen.

Liegen nur in großen Schlaufen

auf schwarzem Teer,

tausend sich schlängelnder Nattern gleich.

Aber kaum so lebendig.

Ruhig, ganz ruhig,

senkt sich die Abendkühle

auf die Menschenfetzen.

Blech wird zerdrückt.

Rücken gekrümmt.

Krümmt und krümmt sich und - KNACK.

Zuviel gekrümmt.

Die Krümmung geht niemals wieder heraus.

Armer Rücken, muss sich nur noch krümmen.

Nie mehr aufrecht gehen.

Rücken ist gespickt,

aber nicht mit duftenden Kräutern,

Gewürzen und Speckstreifen,

nein, er ist gespickt mit spitzen,

zerborstenen Glasstücken und scharfen Metallteilen.

Dann aufgeschlagen auf Steine,

die sich auch noch in den Rücken drücken.

Und jetzt liegt er da, der Rücken,

völlig zerschunden und für immer gekrümmt.

Vorzerkleinert für die Würmer.

Nerven bis zum Reißen gespannt.

Sie werden reißen, irgendwann.

Oder durchdrehen.

Oder beides gleichzeitig.

Lungen, mal mit, mal ohne Luft,

saugen nur Rauch in sich hinein.

Bronchien gereizt, husten im Todeskampf.

Beine lässig oder verkrampft,

dünn oder dick,

werden tausendfach gebrochen,

um geschient, genagelt und gegipst zu werden.

Finger werden abgenommen.

Innereien zerquetscht

und dann erneuert, ersetzt.

Herz aus Plastik.

Niere aus Kunststoff.

Gelenke aus Metall.

Und die vielen, vielen hübschen Prothesen, die es gibt.

Nur Mut!

Das Experimentierfeld ist groß

und Ärzte wollen ja schließlich auch leben.

Und wenn gar nichts mehr geht,

übernimmt eine Maschine sogar unser Denken.

Und wir liegen dann ganz unbeweglich,

ganz ruhig,

die nächsten Wochen,

die nächsten Monate

oder Jahre -

im KOMA.

Aber noch ist es ja nicht so weit.

Auf geht’s und gute Fahrt.

Denn wer stirbt schon tausend Tode?

Kapitel 2: Dramen und andere Kleinigkeiten

Der Feigling

Wie beschreibt man einen Feigling? Oder, was ist ein Feigling? Was bedeutet es "feige" zu sein?

Fragen über Fragen und keine Antwort. Oder doch? Vielleicht gibt diese Geschichte Antwort. Vielleicht kann diese helfen, Antworten zu finden. Warst Du schon einmal so richtig feige? Kennst Du das Gefühl der Feigheit? War es mehr Angst oder Unmut? War es mehr eine Charakterschwäche, vielleicht resultierend aus Deiner Kindheit, sozusagen ein psychologisches Erziehungsproblem, das Deine Moralvorstellung geprägt hat, oder war es ein beklemmendes Angstgefühl, ganz tief drinnen, dass keine intimen Gespräche darüber zulässt und sich einschließt, sich ummauert und verschanzt, wenn es berührt wird? Eventuell liegt es ja an Deiner Sensibilität. Sozusagen ein Feingefühl, welches nicht angekratzt werden darf.

Angst vor Schmerzen? Eigenen Schmerzen in Situationen der Wahrheitsbeichte oder Mutunterdrückung bei richtigen hautnahen Prügeleien. Angst vor Schmerzen und Angst davor, Tränen des Schmerzes danach zeigen zu müssen. Angst vor der Verspottung dieser Tränen. Angst vor der Lächerlichkeit die in der Verspottung liegt. Angst davor, in der Lächerlichkeit als Hampelmann vor anderen Leuten zu stehen. Wer sind diese anderen Leute, die Dir sagen, dass Du immer mutig, immer stark, immer kraftvoll sein musst? Wer sind die Leute die Dir sagen, dass Du keine Gefühlsregungen offen zeigen darfst, die Dich wegen Deiner Gefühle auslachen dürfen? Wer?

Es ist Frau Saubermann vom dritten Stock, die etwas über Deine Familienverhältnisse weiß und wenn die Quatschtante so richtig bei den Nachbarn auf den Putz haut, bist Du gesellschaftlich unten durch.

Es ist auch der stramme Max aus dem Fitness-Studio, der mit seinen Muskelpaketen prahlt und auf mindestens tausend und eine Beischlafnacht zurückblicken kann und das obwohl er erst zwanzig Jahre alt oder vielmehr jung ist.

Und Du stehst neben ihm und hast erst eine Freundin gehabt und diese noch nicht einmal aufs Kreuz legen können. Und die "dumme" Pute hat diese Geschichte auch noch rumerzählt und auch der stramme Max weiß inzwischen, wie es um Dich steht und der lacht nur über Dich.

Dann könnte es natürlich auch noch Freddy sein. Freddy hat schon immer ein großes Maul gehabt, und Dir schon oft eins übergebraten. Er ist der Schläger der Schule gewesen und alle Mädchen waren hinter ihm her. Und Du trautest Dich so gar nicht mehr aus Dir heraus. Warst lieber ganz ruhig und still. Bloß nicht auffallen. Hast Dich ganz klein gemacht und Dich dann verkrochen oder warst Du Freddy sogar dienlich, nur damit er Dich in Ruhe lässt?

Es sind meist diese verdammten Urängste der Feiglinge, die oft auf zu viel Gefühlsleben aufbauen und das Gefühl der Feigheit keimen lassen.

Die Feiglinge schlagen sich nicht. Können die gar nicht. Es steckt einfach nicht in ihnen drin. Die können die Arme nicht erheben, höchstens zum Schutz, aber zuschlagen – nie. Sie greifen nicht ein. Nicht körperlich. Sie können nur verbal zurückschlagen.

Es gibt tausend Arten feige zu sein. Und in der nachfolgenden Geschichte wirst Du einem Feigling begegnen der einige Arten der Feigheit erlebt hat.

Eine wirklich jammervolle, mitleiderregende und zu tränenrührende Geschichte. Die Geschichte von einem Ober-ober-ober-Feigling. Einem einfachen und richtig netten Menschen, aber eben feige.

Sein Name war Dieter. (Das sagt doch wohl alles!) Er konnte nicht schlicht und einfach, kurz und knapp nur Klaus heißen. Nein Dieter war sein Name und dieser verwandelt sich leicht in den Kosenamen Didi. Bei Namen wie Michael oder Ullrich ist die Verniedlichung ja fast schon vorprogrammiert. Aus Michael wird Michi und aus Ulrich wird Ulli. Genauso formen sich aus Elisabeth leicht die klangvollen Kosungen wie Ellie, Lissi oder Betti und aus Dieter wird eben Didi. Ganz klar. Aber es gibt noch etwas, das auf den D-Namen lastet, und zwar der Anfangsbuchstabe, das große D. Allen D-Namen voran steht Detlef an erster Stelle der Namen, die sofort in eine Richtung der Sexualpraktiken eingestuft werden. Detlef wird nicht nur in die Kosung Dete verwandelt, sondern erhält die besondere Note in der weichen, gekünstelten und gezogenen Sprechweise. So wird schnell ein langes Deeeetleeeef aus Detlef. Die vielen Sprüchlein einer ganzen Generation in den siebziger Jahren mussten sich die Deeeetleeeefs gefallen lassen. So zum Beispiel: "Mein Name ist Deeeetleeef und wie geht deine Hose auf?", oder: "Mein Name ist Deeeetleeeef, mit weichem D wie Damentoilette". Diesen Damentoilettentouch bekamen nicht nur die Detlefs zu spüren, sondern auch die Dieters. So auch unser Dieter.

Dieter hätte aber auch Egon oder Emil heißen können, das spielte schon gar keine Rolle mehr, denn es war die Art wie er aufwuchs, mit wem er sich abgab, zu wem er sich hingezogen fühlte, die ihm schon früh die Spitznamen Muttersöhnchen und Weiberheld (= abfällige Betitulierung von Jungen über Jungen die mit Mädchen spielen, obwohl jeder weiß, dass Jungen normalerweise nur mit Jungen zu spielen haben), einbrachten.

Man hatte ihm sogar schon einige Male gesagt, dass er zu schön sei. Zu schön im Gesicht. Zu schön für einen Jungen, einen Mann oder Kerl. Bekannte sagten sogar direkt, dass so was Hübsches bestimmt ein Mädchen sei. So bekam er also auch desöfteren das "Mädchen" um die Ohren gehauen. Als Schimpfwort sozusagen. Irgendwie war Dieter ja stolz darauf als "schön" zu gelten und es auch zu sein. Aber in der nächsten Minute schämte er sich gleich wieder dafür.

Betrachten wir uns jetzt Dieters Werdegang einmal von Anfang an. Der kleine Dieter, zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr, war jähzornig und schrie oftmals am Tag wie am Spieß durch die kleine Wohnung nach seiner Mama, um sich, besonders auch bei seinen zwei älteren Schwestern, durchzusetzen.

In den Kindergarten wollte er nicht. Seine Mutter schliff ihn hinter sich her. Jeden Morgen das gleiche Theater. Er wollte nicht und sollte doch. Auf dem ganzen Weg in den Kindergarten weinte, brüllte und jammerte er und bettelte um Gnade. Seine Mutter fand aber Kindergärten damals noch sehr nützlich, für das Leben schulend und gewinnbringend für das Kind, so dass sie mehrere Wochen diese Mühen auf sich nahm und das wimmernde Kind in den Kindergarten schleppte.

War Dieter erst einmal im Kindergarten mit den anderen Kindern zusammen, beruhigte er sich einigermaßen schnell und spielte dann meist in einer sogenannten Puppenecke.

Natürlich gab es da Puppen und Puppenhäuschen, Puppengeschirr und Puppenkleidchen, Puppenmöbel, Puppenkämme und Puppenbesteck, und selbstverständlich spielten nur kleine Mädchen in der Puppenecke. Die Jungen spielten mit Autos oder Bauklötzen. Ganz so wie es "normalerweise" sein muss. (Muss?)

Die Mädchen freuten sich immer auf Dieter, da konnten sie endlich Vater-Mutter-Kind spielen. Dieter jedenfalls spielte wie zuhause mit seinen Schwestern das Spiel in der Puppenecke mit. Stundenlang, ganz lieb und zurückgezogen, mit den Puppen und mit den (anderen) Mädchen. Die Kindergärtnerin wunderte sich zwar darüber, ließ es aber zu.

Dieter liebte die Freiheit und spielte am allerliebsten mit den Mädchen auf der Straße oder in nahegelegenen Wäldern. Häuser standen damals nur wenige links und rechts der Straße. Was heißt Straße, eigentlich war es mehr ein Feldweg, holprig und übersät mit Schlaglöchern. Bürgersteige gab es anfangs noch nicht. Wozu auch? Höchstens ein, zwei Autos am Tag befuhren den Weg. Nicht jeder konnte sich damals in den sechziger Jahren ein Auto leisten.

Es gab Schrebergärten die (wie sollte es anders sein) natürlich mit Zäunen abgesperrt waren, die die Kinder aber immer zu überklettern oder zu durchbrechen wussten. Eine Wiese, die Schäfchenwiese, sogenannt, weil auf ihr im Sommer immer Schafe angepflockt weideten und wie gesagt, die frischen Wälder ringsumher luden zum Spielen und Verweilen ein.

Die Kiefer-, Buchen-, Tannen- und Fichtenwälder waren nahe und ließen sich auf abenteuerliche Weise durchstreifen und erforschen.

Heute sieht dort alles ganz anders aus. Es gibt keine Schäfchenwiese und auch keine Schrebergärten mehr. Dafür aber Bürgersteige und eine echte Straße mit Asphalt gedeckt. Parkplätze, Einstellplätze und hohe Zäune um die kleinen Vorgärten der erbauten Häuser. Dafür musste der Wald weichen und weicht Jahr für Jahr noch immer weiteren Hausbauten.

Zurück zu Dieter. Dieter hatte mit seinem Geschrei und Geplärr seine Mutter davon überzeugt, dass das Gefängnis des Kindergartens wirklich nicht der richtige Ort zum Spielen war und so nahm sie den armen Kleinen wieder aus dem Kindergartendasein heraus und gab ihn der freien Welt zurück.

Nach dieser abscheulichen Kindergartenzeit spielte also Dieter wieder in freier Wildbahn und wieder mit - Mädchen. Das kam daher, dass es fast nur Mädchen in dieser Straße gab. Seine allerliebste Sandkastenfreundin war Claudia. Sie brauchte nicht in irgendeinen Kindergarten, sei er katholischer oder evangelischer Art. Claudias Eltern waren neuapostolisch und für neuapostolische Kinder gab es keine neuapostolischen Kindergärten. Sie spielte in ihrem eigenen Garten hinter dem Haus.

Dieters Eltern wohnten (und wohnen noch heute) in einem Mietshaus. Claudias Eltern hingegen besaßen ihr eigenes Haus, direkt gegenüber Dieters Kinderstube, mit zwei Einliegerwohnungen, die sie vermieteten. Zu dem Haus gehörte noch ein Garten mit Rosenbeet, Wiese und Terrasse. Obstbäume, Johannisbeer- und Stachelbeersträucher rundeten das Bild des kleinen aber feinen Paradieses ab, in dem Claudia und Dieter spielten. Natürlich durfte Dieter nur ins Paradies kommen, wenn er auch ganz lieb zu Claudia war und keinen Streit vom Zaun brach. Denn manchmal ging es mit Dieter durch und dann kehrte er plötzlich die winzig kleine Männlichkeit, die auch irgendwo in ihm steckte, heraus. Aber nur vor Mädchen. Wenn Dieter aber ganz brav, lieb und nett war, gab es hin und wieder sogar selbstgemachten Johannisbeersaft von Claudias Mutter zu trinken. Das waren für Dieter die schönsten Augenblicke in seinem noch so jungen Leben. Es war ihm fast wie Weihnachten und Ostern an einem Tag, weil es diesen besonderen, köstlichen Fruchtsaft nicht alle Tage gab. Und Dieters Eltern mussten ja auch mangels Geldmasse an vielem sparen und hatten gar nicht die Möglichkeiten den kleinen Dieter mit solchen Köstlichkeiten zu verwöhnen.

Claudia hatte einen Bruder der, zwar nur zwei Jahre älter als Claudia und Dieter, sich aber meist zu älteren Jungen auf anderen Straßen hingezogen fühlte und nur selten die Spiele der "Kleinen" mit seiner Anwesenheit bereicherte. Noch dazu war er sehr sportlich und in einem Schwimmverein begeistertes Mitglied. Heute ist er Trainer dieses Vereins.

Nach und nach zogen weitere Familien in die Häuser auf unserer Straße und bereicherten, aber störten auch die kleine Spielgruppe von Claudia und Dieter. Da waren noch Regina und deren Schwester Kerstin. Beate, Reginas Cousine, ihre Schwester Sabine und ihr kleiner Bruder Martin, mit dem man noch so gar nichts anfangen konnte. Später gesellten sich noch eine Annette und eine Sandra dazu.

Du siehst also, Dieter blieb gar nichts anderes übrig als sich mit den Mädchen gut zu stehen. Sie waren immerhin in der Überzahl.

Wann begann Dieters Feigheit? War er schon immer feige?

Aus der Vorschulzeit ist eine Begebenheit zu berichten, die Dieter als erstes großes Feigheits-Ereignis in sein Feigheitsregister, aufgenommen hat. Die Geschichte spielte sich in einem kalten Winter ab. Die Schäfchenwiese lag unter einer dicken Schneedecke begraben. Claudia und Dieter hatten sich eines schönen Morgens, gleich nach dem Frühstück zusammengefunden, um gemeinsam Schneemänner und Schneehäuser zu bauen. Der Schnee nicht zu feucht, nicht zu pulvrig, schrie geradezu nach der Verbauung, und schon standen die beiden Kinder mitten in den Schneemassen und rollten kleine Schneebälle zu riesigen Schneekugeln, um diese aufeinanderzutürmen und schneemenschlich zu verzieren. Dann kam eine neue Idee ins Spiel und es wurden noch mehr Kugeln gerollt, zu einem großen Kreis angeordnet und die Kugelschichten nacheinander aufeinander gebaut, sollten mal ein Haus, eine Art Iglu werden. Aber kurz vor der Vollendung sahen die beiden Kinder plötzlich zwei viel ältere Jungen über die Wiese auf sich zukommen. Schon von Weitem verhöhnten die großen Jungen die Bauwerke der Kleinen mit sichtlichem Vergnügen. In Dieter stieg eine innere Unruhe auf. Wo waren seine Eltern die sich jetzt schützend vor ihn stellen konnten? Wo waren seine älteren Schwestern die helfen konnten?

Hier war nur Claudia, und die war genauso klein wie Dieter. Aber sie bewies Mut. Sie ging in Abwehrstellung, Dieter wollte es ihr gleichtun, jedoch: Es ging einfach nicht. Er konnte nicht aus sich heraus, konnte nicht über seinen eigenen Schatten springen, hatte keinen Mut. Dachte auch, einem Mädchen werden die Lümmels schon nichts tun. Sie taten dem Mädchen auch nichts, nichts Körperliches. Die beiden Bösewichte zerstörten die großen Schneekugeln, hauten dem Schneemann eins auf die Nase, stürzten ihn unter lautem Gejohle um und zertrampelten ihn anschließend mit Genuss. Claudia versuchte die großen Jungen wegzudrängen. Sie versuchte es jedenfalls, wurde aber immer ärgerlicher, zorniger, wütender und hatte alsbald schon Tränen im Gesicht. Dieter stand nur da und sah verängstigt zu wie die ganze Kinderarbeit zunichte gemacht wurde. Er starrte wie angewurzelt, mit großen Augen in die weißen Massen, und dachte nur daran, dass ihm nichts geschehen möge. Als Claudia merkte, dass sie nichts gegen die Zerstörungswut der beiden Großen tun konnte, kullerten unaufhörlich die Tränen an ihren, trotz der Eiseskälte, glühenden Wangen herunter und tropften in den Schnee. Claudia weinte und weinte, dann lief sie von der Wiese. Dieter neben ihr her, nicht imstande ein Wort herauszubringen. Claudia sagte auch nichts als Dieter ihr den Weg zu dem elterlichen Haus folgte. Sie schellte, ihre Mutter machte die Tür auf und Claudia stürmte ins Haus. Dieter traute sich nicht ihr zu folgen und blieb stehen. Die Mutter fragte ihn, was denn geschehen sei, aber er bekam den Kloß aus dem Hals einfach nicht heraus und blieb stumm. Claudias Mutter bestimmte hierauf ein Warten vor der Tür für ihn. Dieter stand in der Kälte und schlich lautlos durch den Garten. Dieter ahnte schon die kommende, fürchterliche Blamage und spürte wie der Kloß in seinem Hals noch weiter anschwoll. Dieter verstand die Welt nicht mehr. Konnten denn zwei ältere, stärkere und größere Jungen einfach so, nur so aus Spaß, alles kaputt machen? Und wie hätte denn Dieter auch helfen können, der arme kleine Wurm? Nur weil er ein Junge war musste er mutig sein?

Claudias Mutter öffnete irgendwann später die Eingangstür und rief Dieter zu sich. Nervös und Fingernägel kauend stand er vor ihr und sie fragte warum er Claudia nicht geholfen habe. Das musste ja kommen. Genau die richtige Frage, dachte Dieter. Dieter konnte jedoch nicht antworten, nichts erwidern, starrte nur vor sich auf den Boden und da stiegen auch ihm die Tränen in die Augen. Claudias Mutter blieb hart und stellte fest, dass Dieter doch ein Junge sei. Was auch immer das bedeuten sollte, in dieser Situation. Erhobenen Hauptes offenbarte sie Dieters Strafe: Er sollte nach Hause gehen, Claudia würde jetzt nicht mehr mit ihm spielen und über das "warum" sollte er mal tüchtig nachdenken.

Das also war die Strafe für einen Feigling. Schluchzend schlich Dieter nach Hause und vergrub sich in sein Zimmer. Dieter hat bis heute niemandem davon erzählt. Weitere Peinlichkeiten konnte und wollte er nicht ertragen.

Kurze Zeit später hatte die "Neue" in unserer Straße, namens Annette, Dieters Stellung bei Claudia erobert und wurde nach und nach Claudias beste Freundin. Dieter durfte nur noch manchmal im Paradiesgarten mitspielen und fühlte sich dann dort auch nur geduldet.

Glücklicherweise gab es, wie schon erwähnt, noch andere Mädchen mit denen Dieter spielen konnte. Der Spielort wurde aus dieser Not heraus vom Paradiesgarten einfach auf die Straße verlegt. Die gemeinschaftlichen Spiele wurden meistens von sechs Mädchen und einem Jungen, unserem Dieter, gestaltet. Spiele wie "Halli-Hallo" - (Ich hoffe Du kennst dieses nette Spiel. Ein Spiel bei dem ein Spieler sich ein Wort ausdenkt, zum Beispiel einen Vornamen mit D. In jeder weiteren Runde kommen die nachfolgenden Buchstaben des Wortes dazu, solange bis das Wort gefunden wird. Sobald ein Mitspieler das Wort errät, schreit der Wort-Ausdenker "Halli-Hallo" tupft den Ball, so fest wie nur möglich auf den Boden auf, auf das er weit in die Luft zurückspringt. Je höher desto besser. Der Wort-Erräter muss nun aus seiner irgendwo kauernden Lage heraus den Ball zu fangen versuchen und wenn er ihn gefangen hat, musst er laut "STOP" rufen. Der inzwischen hoffentlich weit weggelaufene Wort-Ausdenker bleibt stehen und bildet mit seinen Armen vor seinem Körper einen Kreis. Der Wort-Erräter, der genau da stehenbleiben musst, wo er den Ball gefangen hat, musst nun versuchen den Ball in den Armen-Kreis des Wort-Ausdenkers zu werfen. Schafft er es, so darf der Wort-Erräter nun seinerseits ein Wort ausdenken, welches geraten werden musst. Schafft er es nicht, so darf der erste Wort-Ausdenker weiter ausdenken.) - oder "Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht um", "Völkerball", "Grüne Gasse", Federball, Seilspringen oder "Gummi-Twist, machten den Kindern immer ganz besonders große Freude.

Aber zurück zu einer weiteren Geschichte von Claudia und unserem noch immer feigen Dieter. Ja ihr habt richtig gelesen - Claudia. Sie hatte wohl an jenem Tag kein anderes Kind zum Spielen gefunden und gab sich an solchen Tagen auch mal wieder mit Dieter zufrieden. Diese Geschichte begab sich beim Vögel füttern. Es geschah ein Jahr später zur gleichen Zeit. Es war wieder Winter und Claudia und Dieter zogen am späten Nachmittag aus, um die restliche Zeit des Tages irgendwie herumzukriegen. Sie entdeckten dabei ein Vogelhäuschen, welches auf einem Pflock angebracht war, in einem benachbarten Garten. Und siehe da, die Vögel flogen nicht einmal weg. Waren sie so zahm oder nur so hungrig? Egal, jedenfalls liefen Claudia und Dieter schnell nach Hause, um sich aus dem elterlichen Vogelfuttervorrat eine Handvoll zu holen. Wieder am Vogelhäuschen angekommen, standen sie mit ausgestreckten, bekörnten, offenen Händchen am Jägerzaun des Gartens und versuchten die kleinen Piep-Mätze anzulocken. Mit "Piep-piep, piep-piep" und "Zirp-ti-zirp" und allen möglichen Pfiffen und Gebärden standen sie am Zaun, aber kein Vöglein wollte auch nur in die Nähe der Beiden kommen. Den größten Erfolg der Beiden, beschied ihnen die Unbekümmertheit einer hungrigen Drossel, die bis auf zwei Meter an den Zaun herankam und zugeworfene Körner aus dem Schnee fraß. Claudia und Dieter vergaßen bei soviel Tierliebe die Zeit. Es wurde schon langsam dunkel und die Füße froren in den Stiefeln, aber keiner von ihnen wollte die Fütterung der "Raubtiere" aufgeben. Plötzlich kamen zwei ältere Jungen auf die Beiden zu. (Schon wieder mal, ja, aber es waren nicht dieselben aus unserer ersten Geschichte.) Die Jungen gibbelten, rempelten sich gegenseitig an und beschimpften sich daraufhin lauthals. Bei diesem Lärm war es kein Wunder, dass die Vögel aufstieben und mit krächzendem Geschrei gen Himmel fuhren. Die zwei Jungen schlugen die Körner aus Claudias und Dieters Händen, zerrten an ihren Mänteln und hatten einen Heidenspaß dabei. Dieter verschlug es wieder einmal die Sprache. Er schluckte einmal kräftig, riß sich los und schwubbs - haste was kannste - ging es im Affenzahn nach Hause, in Sicherheit. Das letzte was Dieter noch mitbekommen hatte, war die Tatsache, dass Claudia wieder einmal ihren "Mann" gestanden hatte. Mit Boxen, Kneifen, Kratzen und Treten wehrte sie sich, bis Dieter - na ja, Du weißt ja was dann geschah.

Später haben Claudia und Dieter nie wieder über diesen Vorfall gesprochen. (Gott sei Dank, würde Dieter sagen.) Zuhause angekommen, lief Dieter in sein Zimmer und zitterte am ganzen Körper. Alle Fragerei, Drängen und Gut-zu-reden seiner Eltern konnten nicht helfen, etwas aus ihm herauszubekommen. Er blieb stumm und druckste nur so herum.

Aber nicht nur mit dem Mädchen Claudia passierten Dieter solche Sachen. Die nächste Feigheits-Story ereignete sich in Anwesenheit eines blonden, mit dicken Gläsern bebrillten Mädchen beim Rollschuhlaufen. Dieter fühlte sich stark, ärgerte und stänkerte aus Spaß und Langeweile das blonde Mädchen namens Regina, bis ein viel jüngerer, aber von seiner Statur her, kräftigerer Junge des Weges kam. Regina kannte ihn aus der Schule und bat ihn um Hilfe. Ein "nichts leichter als das" war in seinen Augen zu lesen und dann jagte der Junge hinter unserem armen berollschuhten Dieter her. Der Überraschungsangriff gelang. Der Junge erwischte ihn beim Ärmel, zerrte ihn herum und klatsch - hatte Dieter eine knallrote Wange geschlagen bekommen. Anstatt sich zu wehren, dachte Dieter beleidigt, wütend und traurig zugleich nur darüber nach, wie man sich in solch einer Lage denn hätte anders verhalten, sich wehren, sich helfen können und warum Regina so etwas mit ihm anstellen ließ. Er zog die Rollschuhe aus und ging verstört nach Hause. Dieter verschloss sich immer mehr und mehr, in seinem Geist und in seinem Zimmer vor der Außenwelt. Traute sich schon gar nicht mehr auf die Straße, und wurde langsam aber sicher, so ein richtiger ungenießbarer Einzelgänger.

Einmal ging er allein in den Wald, um Pilze zu suchen. Ganz allein, mit einem großen geflochtenen Korb in der Hand, schlich er durch den herbstlichen Wald und durchwatete knöcheltiefes Laub. Als er den Korb voll der schönsten und kräftigsten Steinpilze und Rotkappen gesammelt hatte und ein Lied summend, den Heimweg antreten wollte, kamen ihm zwei Jungen in die Quere. (Schon wieder!) Die beiden waren viel jünger aber in der Überzahl (Zwei, immerhin.) Die beiden Jungen pöbelten Dieter an. Das reichte Dieter schon für einen kurzen Sprint. (Schnell weglaufen hat Dieter dadurch gelernt.) Wir wollen ehrlich sein, Dieter lief nicht, er hetzte durch den Wald nach Hause. Verlor dabei die ganzen Pilze und log seiner Mutter vor, dass er keine gefunden habe.

Die beiden Jungen kannten Dieter jetzt, wussten wo er wohnte und erfuhren auch, dass Dieter der einzige Junge in seiner Straße war. Die Jungen kamen jetzt immer öfter, gerade in diese Straße und Dieter blieb immer öfter zu Hause. Sah Dieter die Jungen von weitem, so machte er einen großen Bogen um sie, und versuchte auf allen möglichen und unmöglichen Schleichwegen nach Hause zu kommen, um sich dort vor ihnen und der Umwelt zu verstecken.

Informationshalber sollten wir noch in einer so traurigen Geschichte zwei Freudenerlebnisse des feigen Dieters, die in ganz besonderer Art und Weise mit den zuletzt geschilderten Begebenheiten in Verbindung standen, erwähnen.

Das Erste war die Nachricht, dass einer der beiden oben erwähnten Jungen, durch einen Verkehrsunfall gestorben, und der andere Junge mit samt seiner ganzen Familie, wer weiß wohin verzogen war.

Welches Glück, welche Freude erlebte Dieter, ausgelöst durch diese wunderbaren Umstände, die ihn von einem der größten Übel seines Lebens befreite. Seine Freude, seine Schadenfreude sprang in seinem Geiste über Tisch und Bänke und er dankte sogar gen Himmel dafür.

Nach vier quälenden Grundschuljahren löste sich Dieters Klasse auf. Quälende Jahre, weil Dieter immer den anderen Jungen aus der Klasse, mit den tollsten Tricks und meist mit riesigen Umwegen, auf dem Weg zur Schule und wieder nach Hause, auszuweichen versuchte. Manche Kinder aus seiner Klasse gingen zur Realschule oder auf das Gymnasium. Und was tat Dieter? Er ging zur Hauptschule, denn dorthin gingen auch die ihm so liebgewonnenen Freunde (ja, auch Dieter hatte tatsächlich ein paar Freunde gefunden) und vor allem Freundinnen. Claudia, zum Beispiel, ging auch in das Hauptschul-Zeitalter über. Großmäuler, Schläger und Kravallisten ließen sich angeblich nur zu anderen Schulen versetzen. Davon wollte Dieter nichts wissen. (Dennoch gab es weiterhin genug Pöbler und Stänkerer an der Hauptschule und auch in seiner Klasse. ÄTSCH!)

Dieters bester Freund Peter wohnte einige Straßen weiter. Um dort hinzugelangen, musste Dieter wohl oder übel an einem Treffpunkt für oben beschriebene Chaoten und Halbstarken, die sich stärker als alle anderen vorkamen, Flasch-Bier zutschten und Leute anpöbelten, vorbei. Auch Dieter wurde von ihnen ein paarmal angequatscht, so dass er schleunigst Auswege suchte, um diesen Treffpunkt zu umgehen.

Ein Schleichweg führte durch ein Waldstück und dann mitten über einen Friedhof. Wenn Dieter über den Friedhof ging, beschlich ihn natürlich ein ganz eigenartiges Gruselgefühl, doch war dieses Gruseln immer noch erträglicher als die Anmachereien der Krachschläger, und von dem Friedhof aus, war es dann auch nicht mehr so weit zu Peter.

Dieters Freund Peter, der sich nichts aus den Krachern machte, wunderte sich öfters als nur einmal über Dieters Wunsch über den Friedhof gehen zu wollen, wenn sie beide gemeinsam unterwegs waren. Dieter log, dass sich die Balken bogen. Er fände das schön-unheimlich, bei Mondschein über den Friedhof zu stiefeln. Nur das nicht immer Mondschein war, gab denn doch Peter Anlaß zu weiterem Nachdenken.

Ein anderer Weg, um zu Peter zu gelangen, war zwar komplizierter und auch teurer, wurde aber von unserem Feigling Dieter auch gerne des Öfteren genutzt. Ein Bus fuhr von der Bergeshöhe, auf der Dieter wohnte hinab ins Tal. Und von da aus konnte er, da sein Freund Peter auf halber Höhe des Berges wohnte und Dieter mit dem Bus viel zu weit in das Tal hinabfahren musste, auf einem steilen Weg, genannt "Zick-Zack-Weg", weil er in Zick-Zack-Form nach oben führte, wieder zu der Straße gelangen auf der Dieters Freund Peter wohnte.

Diese Problem-Lösung war wirklich ein zeitaufwendiges und kompliziertes Ereignis. Dieter musste dafür sein sparsam eingeteiltes Taschengeld einer Verkehrsgesellschaft in den Rachen werfen, aber was tat Dieter nicht alles, um nicht gesehen zu werden, um nicht in irgendeine schwierige, für ihn nicht zu bewältigende Situation zu geraten. Und auch der steile Wieder-Anstieg über den Zick-Zack-Weg machte ihm dann nichts mehr aus. Dieter verbrachte mehrere Stunden am Tag damit, sich Wegrouten auszudenken, bei denen er ohne seelische und körperliche Schäden davonzutragen, von einem Ort zum anderen gelangen konnte. Oder er rief seinen Freund Peter an, um ihn zu fragen, ob er nicht lieber kommen wolle.

Zwei weitere Geschichten, in unmittelbarem Zusammenhang mit Peter stehend, sollen nicht unerwähnt bleiben. Die Erste beginnt damit, dass Peter, zu jener Zeit 18 Jahre jung (Dieter, war erst 16) seinen Führerschein machte und sich einen Wagen kaufte. Einen grünen, halbautomatischen Käfer, mit dem Peter und Dieter in eine nicht weit entfernte, aber größere Stadt fuhren, um ins Kino zu gehen. Auf einem Parkplatz nahe dem Stadtkern parkte Peter den Käfer und dann gingen er und Dieter den Rest zu Fuß weiter. Auf der Straße zum Kino begegneten sie fünf Italienern, die auch so zwischen 16 und 18 Jahre alt waren. Sie lachten laut und lamentierten. Sie stellten sich gegenseitig ein Bein, rempelten und stießen sich an. Die Italiener kamen immer näher und Peter und Dieter im Gespräch vertieft, wichen ihnen ein paar Schritte auf der Straße aus, um an ihnen vorbeizugehen. Einer der Italiener jedoch entwickelte solch einen Spaß am Stänkern, dass er direkt auf Peter zuging, ihn mit der Schulter anrempelte, ganz gekonnt theatralisch zur Seite torkelte und dann seine Kumpels heranrief. Die stellten sich jetzt um Dieter und Peter und begannen laut herumzutönen. Peter sollte sich gefälligst entschuldigen, was er natürlich nicht tat. Er erklärte, dass er keine Schuld habe und das er nicht gewillt war, sich zu entschuldigen. Zwei der Italiener drängten Peter zu einer nahen Hauswand, hielten seine Arme fest und sagten, dass er sich trotzdem entschuldigen und vielmals um Verzeihung zu bitten solle.

Was tat denn Dieter in dieser ganzen Zeit, wirst Du Dich jetzt fragen? Eine gewiß ganz berechtigte Frage. Er stand mit den anderen Italienern Peter gegenüber. Hatte mal wieder einen dicken Angstkloß im Hals und schwätzte leise vor sich hin. Er versuchte mit diesem leisen Reden die Italiener zu beschwichtigen. Faselte so etwas wie, hört doch auf, das bringt doch nichts, wir entschuldigen uns und damit gut, aber die Italiener hörten nicht auf Dieter.

Das Komischste an der ganzen Sache war, dass die Italiener Dieter nicht festhielten. Er stand nur so da, genau zwischen Zweien. Er hätte seinem Freund helfen können, aber stand nur da und hörte auf sein wild schlagendes kleines Feiglingsherz. Der fünfte Italiener kam plötzlich angestürmt und schlug Peter mit der Faust ins Gesicht. Peter wollte sich wehren, wurde aber immer noch festgehalten.

Dieter rang nach Atem und spürte wieder diese Feiglingsschmerzen, spürte Schmerzen im Gesicht. Es war ihm, als ob er selbst den Faustschlag abbekommen hätte. Er stand da, stocksteif und konnte nichts tun. Er war unfähig sich zu bewegen.

Ein paar Sekunden später brauste ein roter Wagen heran und hielt direkt hinter dieser Szenerie. Ein Fenster wurde hastig geöffnet und ein älterer Herr rief etwas. Daraufhin ließen die Italiener Peter los und liefen davon. Der Mann erkundigte sich nach Peters und Dieters Befinden. Sie antworteten ihm, dass alles in Ordnung sei, bedankten sich und gingen weiter in die Innenstadt hinein. Der Fahrer des Wagens wartete noch eine Weile, dann fuhr er davon.

Drei Jahre älter, aber genauso feige war Dieter in der nächsten Geschichte. Dieter war stolzer Besitzer eines weinroten Fiat 127, seinem ersten Auto. Seit Dieter einen Wagen hatte, fühlte er sich frei. Konnte jetzt in seinen Wagen steigen und ungeachtet der ihm widerstrebenden Chaoten, an dessen Treffpunkte einfach vorbeibrausen. Eines schönen abends fuhr er mit diesem Wagen in eine nahe gelegene größere Stadt. Und warum, fragst Du? Natürlich um ins Kino zu gehen. Warum natürlich, wirst Du jetzt weiterfragen? Nun ja, wenn Dieter unterwegs war ging es meistens in irgendein Kino. Er war (und ist es heute noch) der größte Kinofan aller Zeiten, na ja, jedenfalls für die die ihn kannten. Und warum musste Dieter dafür in eine größere Stadt fahren? Das ist ganz einfach zu erklären. Das kleine Kino in seinem noch kleineren Heimatstädtchen bekam die wirklich guten Filme leider erst viele Wochen nach dem Bundesstart, und da Dieter am allerliebsten die Filme auf großer Leinwand und wenn sie noch sozusagen jungfräulich waren sah, musste Dieter weitere Anreisen in andere Städte in Kauf nehmen, um solchen Ereignissen frönen zu können. Außer Dieter saßen noch Peter, sein bester Freund, Dieters damalige feste Freundin Bärbel und deren allerbeste Freundin Petra, mit im Auto. Die Männer vorne, die Damen hinten, so fuhr man ziemlich beengt durch die anbrechende Nacht schon längere Zeit einem großen Ford Taunus hinterher. Nur so aus Spaß und Blödsinn betätigte Dieter mehrmals die Lichthupe. (Für Uneingeweihte: die Lichthupe ist integriert im Fernlichtschalter und wird meistens zur Warnung oder zur kurzen besseren Fernsicht benutzt.) Also Dieter blinkte nun so vor sich hin, und der Taunusfahrer musst ihm das Geblinke schon die ganze Zeit sehr übelgenommen haben, wegen der Blendung, die das starke grelle Licht erzeugte. Nach einiger Zeit kamen beide Autos vor einer roten Ampel zu stehen. Die Vier im Fiat hatten sehr viel Spaß und redeten und lachten unaufhörlich. Doch plötzlich trat Schweigen ein, denn aus dem Ford Taunus stieg hastig ein etwa dreißigjähriger kräftiger Mann und kam im kurzen Sprint auf den Fiat zu. Peter meinte Dieter solle vorsichtshalber den Türknopf runterdrücken, um die Tür zu verriegeln. Sicher ist sicher. Das tat Dieter auch. Der Mann stand mittlerweile vor der Fahrertür und bölkte auf der Straße herum, dass Dieter gefälligst die Tür aufmachen und rauskommen solle. Dieter dachte aber gar nicht daran. In Dieters Wagen war es jetzt ganz still, keiner traute sich etwas zu sagen. Der Mann hörte gar nicht mehr auf rumzuschreien und schlug sogar auf das Dach des kleinen roten Fiats. Aus Dieters Kehle drang nur ein ängstliches: "Der schlägt mir noch das Dach ein, der blöde Hund", und öffnete anscheinend nicht ganz geistesgegenwärtig, ein wenig das Fenster, um das Rumpelstilzchen dort vor dem Wagen zu beruhigen. Doch Dieter hatte das Fenster zu weit heruntergelassen. Der Spalt war groß genug, um eine geballte Rumpelstilzchen-Faust hindurchzujagen und Dieter eins gehörig auf das linke Auge zu geben. So schnell die Hand gekommen, war sie auch schon wieder draußen. Der Mann rannte zu seinem Ford, denn die Ampel schaltete wieder auf grün. Der Ford setzte seine Fahrt fort. Nur Dieters kleiner Fiat stand allein auf verlassener Flur.

Erst sagte niemand etwas im Wagen. Betretendes Schweigen. Dann ereiferte sich Peter und meinte, er wäre nicht schnell genug aus dem Gurt gekommen, sonst wäre er aus dem Wagen gesprungen und hätte dem Kerl tüchtig "Eine" verpasst. Die Damen meinten sie wären ja völlig hilflos gewesen und noch immer ganz aufgeregt. So etwas hätten sie noch nicht erlebt. Und dann kamen die Vorwürfe wie etwa: Hättest du doch nicht so weit das Fenster geöffnet, oder: Wenn du nicht so rumgeblinkt hättest. Na ja, geschehen ist geschehen. Doch vergessen konnte Dieter den Vorfall bis heute nicht. Die ganze Sache war doch ziemlich peinlich und ärgerlich. Dieter schämte sich unglaublich für seine Blödheit. Aber wer nicht hören will, musst ja bekanntlich fühlen.

Fühlen konnte er jedenfalls noch eine Woche etwas von dem Schlag und so ein anfangs noch blaues, später rötliches, dann gelb-grünes Auge fällt dann auch noch auf. Dieter musste überall, wohin er auch ging, Erklärungen abgeben und log das Blaue vom Himmel bei der Frage, woher er denn das Matschauge hätte. Einige Schlägereien wurden ihm angedichtet. Na ja, gar nicht so schlecht. Denn die Leute waren sehr überrascht, dass so etwas Dieter überhaupt passieren konnte. Dieters Bekannte redeten höchstens hinter seinem Rücken über den Vorfall. Wusste man doch wie peinlich Dieter die Sache war. Und er selbst vergrub ganz tief in sich diese Geschichte, wie auch die Geschichten vorher und wollte sie nie wieder ans Tageslicht holen.

Aus dem Feigling ist heute ein ganz passabler Mensch geworden, doch auch noch heute hat er in manchen Situationen so ein besonderes, gewisses Gefühl der Unruhe. Ist es immer noch Angst? Lebensangst? Etwas nicht zu erreichen? Nicht zu wissen, was zu tun ist? Feige oder ein Held sein? Held sein, ist das menschlich? Des Menschen Aufgabe? Dieter will doch nur leben. Er will doch nur seine Ruhe. Er will nur mit anderen in Frieden leben, lieben und geliebt werden. Das ist alles. Lass ihm doch wenigstens seinen inneren Frieden und versuche ihn zu verstehen.

Vielen Dank für Deine Bemühungen.

Für einen Augenblick Ruhe

„Quatsch mich nicht an. Geh weiter, Oma.“ Der schlanke, junge Mann schiebt die ältere Dame grob zur Seite, dreht sich um, geht ein paar Schritte, bleibt dann stehen und sieht sich nervös um. Er wühlt in den Taschen seiner Jacke nach Zigaretten und zündet sich eine an.

Eine Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, eine schmierige Bomberjacke, abgewetzte Jeans und natürlich Turnschuhe, damit er besser weglaufen kann. Das muss doch der Mann sein, denkt die alte Dame und geht wieder auf den jungen Mann zu.

„Ich brauch was“, flüstert die Dame, „dringend“ und sieht den jungen Mann flehend an.

„Was soll das? Zieh Leine Alte“, fährt der junge Mann die Frau an und bläst ihr abwehrend Zigarettenrauch ins Gesicht. Die alte Dame erträgt es und bleibt vor dem Mann stehen.

„Sie heißen doch Manfred, Manni, oder?“ Die Frau gibt nicht nach.

„Na und?“

„Wie viel verlangen sie?“, fragt die Dame aufgeregt.

„Ich weiß gar nicht, was du willst. Hau ab, lass mich in Ruhe.“ Der junge Mann dreht sich zur Seite und will gehen.

Jetzt reicht es der Frau. Sie greift nach dem Ärmel der Bomberjacke. Ihre Finger packen so fest sie nur können den Stoff. Die Dame reißt verzweifelt mit all ihrer Kraft den jungen Mann herum.

Der junge Mann wird immer nervöser und versucht die faltige Hand von seiner Jacke zu lösen. „Spinnst du jetzt völlig, Oma? Was soll’n das?“

„Jetzt hör mir genau zu, Manni, Manfred oder wie du dich auch nennst“, faucht die alte Dame. „Ich laufe schon den ganzen Nachmittag hier am Bahnhof herum und suche nach dir, du Wicht. Du verkaufst Stoff - ich brauche Stoff. Du willst Geld – ich habe Geld. Also, her mit dem Zeug.“

„Was? Was denn für Stoff? Bist du nicht mehr ganz dicht?“ Der junge Mann sieht sich immer wieder um. In einiger Entfernung sind Passanten aufmerksam geworden und beobachten den jungen Mann und die alte Dame.

„Du weißt verdammt noch mal genau wovon ich rede.“ Die alte Dame ist außer sich. „Und wenn ich das Zeug nicht sofort bekomme dann... dann...“

„Dann was?“ Der junge Mann spielt wieder den coolen Typen und grinst die alte Dame frech an.

„Dann schreie ich. Ganz laut.“ Die alte Dame reißt den Mund auf und...

„He, langsam. OK? Halt bloß das Maul!“ Der junge Mann sieht sich wieder um. Der Mann zieht mit aller Kraft die alte Frau, die sich noch immer fest an seine Bomberjacke krallte, ein paar Schritte weiter in einen Hauseingang. „OK, OK. Du kriegst ja was, alles klar? Mach hier bloß keinen Aufstand.“ Der junge Mann steht mit dem Rücken zum Hauseingang, die alte Frau davor.

„Nun, mach schon“, fordert die alte Dame den jungen Mann auf. Er kramt in seinen Taschen und holt ein kleines Papierbriefchen heraus. Es liegt in seiner Hand. Die Frau will danach greifen. Der Mann zieht aber seine Hand schnell wieder weg.

„Erst die Kohle. Sechzig Euro“, fordert der Mann.

Die alte Dame holt einen Fünfziger aus ihrer Rocktasche und hält sie dem jungen Mann hin. „Mehr habe ich nicht.“

„Dann gibt’s auch keinen Stoff“, erwidert der Mann ungehalten.

„Dann schrei ich eben.“ Die Dame holt Luft und...

„Ist ja schon gut. Hier nimm.“ Der junge Mann gibt der alten Frau das Briefchen. Er nimmt hastig den Fünfziger aus ihrer Hand, reißt sich los und geht eiligen Schrittes davon.

Geschafft, denkt die alte Dame. Jetzt schnell nach Hause.

Sie schließt die Wohnungstür auf und geht ins Schlafzimmer. Ihr Sohn wälzt sich im Bett hin und her. Er krümmt sich vor Schmerzen. Er zittert am ganzen Körper. Und immer wieder schreit er.

„Hast du es?“ Der Sohn setzt sich auf und streckt seine Hand aus.

Die Mutter nickt nur stumm mit dem Kopf.

„Gib es mir, gib her“, fordert der Sohn.

Die Mutter reicht dem Sohn das Briefchen. Sie steht vor dem Bett. Sie sieht ihren Sohn und weiß nicht, ob sie das Zimmer verlassen soll. Sie steht einfach nur da und schaut.

Mit seiner noch verbliebenen Kraft bezwingt der Sohn sein Zittern und bereitet sich die Spritze. Seine Arme und Beine sind schon zerstochen. Er zieht sich den Socken vom linken Fuß. Die Nadelspitze dringt durch die Hautschichten in die Vene. Langsam leert sich die Spritze. Er zieht die Nadel wieder heraus, verdreht die Augen und fällt rücklings auf das Bett. Der Sohn wird ganz ruhig.

Die Mutter wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Sie geht um das Bett herum, nimmt die Spritze aus der Hand des Sohnes und legt sie auf den Nachttisch. Dann deckt sie ihren Sohn zu. „Gute Nacht, mein Großer“, flüstert sie zärtlich und streichelt ganz sanft seine Stirn.

Der Stich

Wir, die Rasselbande aus der achten Klasse, wollten unserem Lehrer Schulte einen Denkzettel verpassen. Herr Schulte zog seinen Stoff durch, ob jemand noch etwas mitbekam oder nicht, ihm war es egal. Auf wiederholtes Nachfragen der Schüler stellte er mit seiner monotonen Stimmlage nur die Gegenfrage: „Hast du nicht aufgepasst?“ Er war sehr streng und schrieb gleich zwei Sechser auf einmal für ungenügendes Betragen im Unterricht ins Klassenbuch. Er erhob sich fast nie von seinem dick gepolsterten Lehrersessel.

Die ganze Klasse wusste von dem Plan und alle waren dafür. In der großen Pause schlichen vier von uns in die Klasse zurück und präparierten den Lehrersessel mit einer langen Nadel. Wir bohrten sie mit dem Nadelöhr durch den Bezug in den weichen Schaumstoffkern der linken Stuhlhälfte. Die Polsterung des Stuhls war so dick, dass wir fast befürchteten die Nadel würde gar nicht bis zum Hintern des Lehrers reichen. Aber ein Kontrollsitzen unseres Mitschülers Norbert verriet uns, dass alles in Ordnung war. Er hatte sich nur leicht gesetzt, schrie und sprang sofort wieder auf. Norberts Schmerz hielt sich in Grenzen. Nur ein leichtes Pieken, wie er bestätigte. Es war wohl mehr die Angst vor dem Schmerz, die ihn aufschreien ließ.

Es klingelte zur nächsten Unterrichtsstunde. So ruhig wie an diesem Tag waren wir Schüler noch nie. Frank schob Wache an der Tür. „Er kommt“, flüsterte er und setzte sich schnell auf seinen Platz. Spannung lag in der Luft. Erwartungsvolle Kindergesichter. Hin und wieder ein leises Gibbeln.

Ahnte Herr Schulte schon einen Streich, als er die Klasse betrat, die viel ruhiger als sonst war?

Er ließ sich nichts anmerken und ging eiligen Schrittes auf das Lehrerpult zu. Er blieb an der Seite des Pultes stehen und packte seine Tasche aus. Das Erdkundebuch und die von uns so verhassten Arbeitsblätter legte er fein säuberlich auf den Tisch. Dabei begrüßte er uns: „Guten Morgen, Kinder“, und stieg sofort in den Unterricht ein. „In der letzten Stunde sprachen wir über die Erdölvorkommen auf unserer Erde...“ Sein Redeschwall, die Zusammenfassung der letzten Stunde, prasselte über uns hernieder und er sortierte und ordnete noch im Stehen die Arbeitsblätter, ohne uns anzusehen.

Die vielen Worte zischten durch den Raum und drängten an mein Ohr, aber meine Anspannung, meine Aufregung, um das gleich Folgende, ließen die Worte nicht in meinen Kopf eindringen, prallten unverarbeitet an mir ab und zerplatzten wie Seifenblasen im Raum.

„So, dann schlagt mal eure Bücher auf, die Seite 137.“ Mit diesen Worten rückte Herr Schulte den Stuhl nach hinten und kam zwischen Tisch und Stuhl zu stehen. Wir kramten nach dem Buch in unseren Taschen, ohne den Lehrer aus den Augen zu lassen. Zu groß war unsere Vorfreude.

Endlich, er setzte sich. „Heute beschäftigen wir uns mit den Edelmetallen...“

Jemand musste die Zeit angehalten haben. Das gab es doch gar nicht. Mir kam es vor, als ob sich Lehrer Schulte wie in Zeitlupe bewegte. Ganz langsam beugte er sich nach vorne, zog den Stuhl unter seinen Hintern und nur Stück für Stück bewegte sich sein Körper abwärts. Spürte sein Hintern was auf ihn zu kam?

Jetzt, der Stich. Herr Schulte saß. Die Augen der ganzen Klasse stierten in sein Gesicht. Keine Regung. Er saß gemütlich auf dem Stuhl, die dicke Polsterung wurde unter seinem Gewicht fast ganz zusammengepresst, die Nadel musste tief im Hintern stecken und immer noch keine Regung.

Alle Schüler erstarrten. Verstohlen sahen wir uns gegenseitig an. Jetzt bloß nicht auffallen, dachte ich. Herr Schulte fuhr unermüdlich mit seinem Unterricht fort.

„Martin?“ Ich hörte meinen Namen. Herr Schulte sah mich an. „Was, wie?“, fragte ich zurück.

„Ich hatte dir eine Frage gestellt.“ Herr Schulte blieb wie immer ganz ruhig. „Weiß ich nicht“, antwortete ich mit gebrochener Stimme.

Herr Schulte notierte sich etwas und fragte dann Angelika, aber auch sie wusste nicht zu antworten. Stefan, der neben mir saß, musste für Herrn Schulte die Arbeitsblätter verteilen. Hausaufgaben. Herr Schulte redete weiter und weiter und weiter. Die Stunde schien kein Ende zu nehmen.

Endlich, die Pausenglocke. Herr Schulte stand auf, packte das Erdkundebuch wieder in seine Tasche und ging.

Alle Schüler starrten ihm nach. Unsere Blicke suchten seinen ganzen Hintern ab. Nichts zu sehen. Keine Nadel, kein Blutfleck, nichts.

Stefan und ich untersuchten den Stuhl. Die Nadel war weg. Verwundert gingen wir in die Pause. Auf dem Pausenhof begannen die Fragen. Konnte die Nadel verrutscht sein? Abgebrochen vielleicht? Hatte ein Schüler aus unserer Klasse die Nadel zuvor entfernt?

Lea überlegte: „Sie steckt bestimmt noch in seinem großen Hintern. Der ist so dick, da merkt er eine Nadel vielleicht nicht mehr.“

„Ich glaube, sie steckt nur im Stoff seiner Hose und hat ihn gar nicht getroffen“, gab Werner zu bedenken.

Wir suchten nach Möglichkeiten, kamen aber immer wieder auf einen Gedanken zurück: Hatte Herr Schulte den Stich ausgehalten? Ohne mit der Wimper zu zucken ausgehalten? Die ganze Schulstunde über?

Der Gedanke machte uns Angst. Das war nicht menschlich. Herr Schulte wurde für uns unangreifbar. In unseren Köpfen wurde er zu einem übernatürlichen Wesen.

Seit dem passten wir in Herrn Schultes Schulstunden mächtig auf. Keiner hatte noch Lust zu Späßen, Schabernack und Streichen. Das wirkte sich auch auf die Stunden anderer Lehrer aus. Unsere gesamte Klasse war wie verwandelt.

Und noch heute verfolgt mich dieses Bild: Herr Schulte setzt sich... langsam... wie in Zeitlupe... Die Nadelspitze wartet unter ihm... Herr Schulte sitzt... Keine Regung... Keine... Nichts...

Die ewig Reisende

Vor Erschöpfung war das Mädchen eingeschlafen. Sie lag in den Armen einer fremden Frau. Die Fremde saß auf den schmutzigen Bohlen des Wagons. Jetzt erwachte die Kleine. Sie erschrak. Die Fremde streichelte den Kopf des Mädchens. Fragend sah das Mädchen die Fremde an. „Ruhig, ganz ruhig, meine Kleine,“ sagte die Frau ganz sanft und hielt das Mädchen noch fester in ihren Armen. „Bald ist alles vorbei.“

Das Mädchen wollte etwas erwidern, bekam jedoch keinen Laut aus ihrer Kehle. Ihr Mund war ausgetrocknet vom Schreien und Weinen nach ihrer Mutter, vom Betteln nach Wasser und Brot. Sie rang nach Atem, aber es gab kaum Luft. Zu viele Menschen drängten sich aneinander. Der Gestank von Schweiß, Kot und Urin biss sich durch Nase und Mund in die Lunge.

Das Mädchen lauschte. Sie hörte keine Fahrgeräusche mehr, nur noch die Angstschreie der Anderen. Das Flehen und Betteln nach Wasser. Sie schaute nach oben. Über ihr versuchten verzweifelt knochige Hände Löcher in die Bretter der Außenwände zu kratzen.

Sie drehte ihren Kopf zur Außenwand und erspähte einen kleinen Spalt zwischen den Brettern, genau in Augenhöhe vor ihr. Die fremde Frau entließ sie aus ihren Armen und das Mädchen schob ihren Kopf vor die Bretterwand. Sie sah durch den schmalen Schlitz nach draußen. Der Zug stand still. Der Himmel blau, ohne Wolken. Die Sonne brannte unablässig herab auf goldgelbe Felder und grüne Wiesen. Neben den Gleisen ein Stein mit eingemeißelten Zahlen: 4 2 .

Plötzlich ein harter Schlag von außen gegen die Bretterwand. Ihr Kopf zuckte ruckartig von dem Schlitz in der Wand zurück. Im letzten Moment sah sie noch den Mann in Uniform vorbeigehen. Sie lehnte sich wieder zurück, in die offenen Arme der fremden Frau. Der Zug rollte an. Die Fremde hielt das kleine Mädchen wieder ganz fest. „Bald haben wir es überstanden“, hörte das Mädchen die Frau noch sagen, dann schlief sie vor Schwäche ein.

Die alte Dame erwachte aus ihrem kurzen, aber tiefen Schlaf. Ihr Kopf war schwer geworden und lehnte an der Kopfstütze. Die Dame hatte sich extra einen Fensterplatz reservieren lassen, um die Landschaft betrachten zu können. Jetzt schlug sie die Augen auf. Sie sah keine Landschaft mehr, dafür fiel ihr Blick auf ein schmutzig, beige-graues Rollo. Ihre Hand ergriff die Außenkante des Rollos und zog es ein wenig zu sich. Durch den Spalt sah die Frau hinaus. Der Zug rollte ganz langsam, fast geräuschlos. Die Sonne schien über das Land. Über die goldgelben Felder und saftig grünen Wiesen. Ein Stein. Eine Zahl. 42. Die alte Dame erstarrte, fasste sich an die Brust und rang nach Atem. Der Zug fuhr langsam an dem Kilometerstein vorbei.

Die junge Frau ihr gegenüber sprach: „Ich habe das Rollo heruntergezogen. Die Sonne fiel durch das Fenster direkt auf ihr Gesicht.“

Die alte Dame wendete sich abrupt der jungen Frau zu und atmete schwer. „Sehr aufmerksam von ihnen, vielen Dank. Können sie es bitte wieder aufmachen? Bitte! Schnell!“

„Natürlich, sofort, ja. Geht es Ihnen gut?“ Die junge Frau ergriff das Ende des Rollos, wendete sich dann aber dem dritten Fahrgast zu. Ein dicker Herr in einem dunkelblauen Anzug. Er las eine Zeitung. „Wenn es ihnen nichts ausmacht...?“

Der Herr wirkte abwesend. „Was? Bitte? Oh, verzeihen sie. Auf oder zu, wie sie wollen,“ sprach er.

„Dann also auf,“ lächelte die junge Frau und zog das Rollo aus der Halterung. Es zog sich aber nicht von selbst zurück. „Ich glaube es klemmt.“

„42. Natürlich klemmt es“, wisperte die alte Dame. Man sollte sie doch nicht von draußen sehen. „42, mein Gott, 42... Schlagen Sie das Rollo doch einfach hoch.“ Wie stickig es hier ist. „Öffnen Sie bitte das Fenster, sofort.“

Die junge Frau hielt das alte Rollo in einer Hand, mit der anderen versuchte sie das Fenster zu öffnen.

„Ich schaff es nicht“, klagte die junge Frau und riss an einem der Fenstergriffe.

„Ja, ich weiß, ich weiß. Das schafft niemand. Oh, Gott, 42... kein Ausweg,“ wimmerte die alte Dame.

Der dicke Herr erhob sich und sagte: „Lassen Sie mich mal machen, dann ist bald alles vorbei und wir haben es überstanden.“ Die junge Frau stand noch am Fenster und hielt das Rollo. Der dicke Herr ging auf das Fenster zu.

...alles vorbei? ...überstanden? „Nein“, schrie plötzlich die alte Dame als der wuchtige Körper des dicken Mannes sie fast zu erdrücken drohte. Sie stand auf. Ihre Handtasche, die auf ihrem Schoss gelegen hatte, fiel zu Boden. Die Dame schlug mit all ihrer Kraft gegen den Bauch des dicken Herrn und quetschte sich an ihm vorbei.

„Na, hören sie mal...“, beschwerte sich der dicke Herr, aber das nahm die alte Dame nicht mehr wahr. Sie öffnete die Abteiltür und schleppte sich durch den Gang. Sie hörte Schritte hinter sich. Menschen, viele Menschen traten auf den Gang und gingen ihr nach. Nur fort von hier. Weit weg. Sie öffnete die Verbindungstür zum nächsten Wagon. Aber da standen auch schon eine Menge Leute. Sie drängte durch die Menschenansammlung. Da, endlich eine Tür nach draußen. Sie fasste den Türgriff, drückte ihn nach unten...

Ein Zugbegleiter in Uniform hielt sie an der Schulter fest und fragte: „Wo wollen wir denn hin, Oma? Der Zug fährt doch noch.“

Die alte Dame schrie, riss sich los und stolperte nach vorne. Die Tür schwang auf, die alte Dame konnte sich nicht mehr halten und stürzte aus dem Zug. Sie brach sich das Genick und war auf der Stelle tot.

In der Handtasche der alten Dame fanden Polizisten eine Postkarte: „Liebe Oma, wir freuen uns so sehr, dass Du uns, nach all den Jahren, auch mal in München besuchen kommst. Wir holen Dich vom Bahnhof ab...“

Nach Stunden der polizeilichen Untersuchungen fuhr der Zug weiter. Nächster Halt: Dachau!

Die letzte Umarmung

Ein leises Röcheln nimmt Rainer noch wahr, dann sackt Norberts Körper, der sich mit der wenigen, ihm noch verbliebenen Kraft an Rainer klammerte, in sich zusammen.

Rainer umschlingt den Toten noch fester als vorher. Er weint und bettet sein Gesicht auf den fast kahlen Kopf seines Freundes. Norbert wiegt nur noch fünfundvierzig Kilo, er besteht nur noch aus Haut und Knochen. Dunkle große Flecken verunstalten die sowieso schon runzelige Haut, die aussieht, als sei sie von einem 90-jährigen.

Aber Norbert ist erst 26 Jahre alt, als er in Rainers Armen stirb. Endgültig, für alle Ewigkeit dem genommen, der ihn doch so braucht. Was ist Rainer denn schon ohne Norbert, den großen Lebenskünstler, der sich selbst sein Schwulsein schon mit 14 Jahren zugestanden und dann ein ganz offenes Leben geführt hatte? Seine Eltern hatten ihn akzeptiert, und er seine Eltern. Sie hatten in großer Harmonie gelebt.

Und jetzt ist der Mensch tot, der Rainer zu seinem Coming-out verholfen hatte, der ihn gelehrt hatte neu zu leben, ohne Angst zu leben, sich zu akzeptieren, ohne sich ständig vor anderen zu verstecken, zu lügen, sich selbst zu belügen.

Als Norbert krank geworden war, hatte sich Rainer um Norbert gekümmert, erst die vielen Monate zu Hause, dann im Krankenhaus. Fast täglich war er gekommen und Stunden bei seinem Freund geblieben. Dieses Zimmer war im Laufe der Zeit zu seinem Zuhause geworden, hier war Norbert, hier war Geborgenheit, hier waren tiefe Gefühle und seine große Liebe gewesen.

Behutsam hebt Rainer den Leichnam seines Freundes hoch und drückt ihn dann wieder fest an sich, an seine beharrte muskulöse Brust, die Norbert immer so geliebt und an der er seine Phantasien ausgetobt hatte. Lüstern hatte er Rainers Brustbehaarung gekrault. Wie gerne hatte er an seinen Brustwarzen gespielt, sie gesaugt, geleckt und sogar zärtlich gebissen. Ab und zu hatte Norbert auch mal härter an Rainers Brust gefasst, um sie zu kneten und zu drücken.

Rainer schluchzt und heult. Für ihn ist Norbert alles gewesen. Rainers Eltern hatten erst vor ein paar Jahren von seinem Leben im Dunkeln erfahren, und das auch nur, weil Norbert ihn dazu aufgefordert hatte, endlich ein Gespräch zu suchen. Rainer hatte über Rainer erzählt, das wäre ihm selbst nie in den Sinn gekommen, das hätte er sich niemals getraut. Aber er hatte es schließlich doch geschafft: Er konnte über sich selbst zu anderen, erst zu schwulen Freunden und zu engen Bekannten, dann mit Norberts Familie und schließlich auch mit seiner eigenen Familie reden.

Zuerst hatten Rainers Eltern mit völliger Ablehnung reagiert. Man hatte sich ausgeschwiegen, wo sonst zusammen geplaudert, diskutiert, gelacht und geweint worden war. Unausgesprochenes und Unterdrücktes bildete eine unüberwindbare Mauer. Die Mutter hatte ihre eigenen Fehler in der Erziehung gesucht, und füllte nicht nur ein Taschentuch mit ihren Tränen. Der Vater hatte gemeint, Rainer solle zu einem Arzt gehen und sich mal ganz auf den Kopf stellen lassen. Oder zu einem guten Psychiater, der das verdrehte, nicht normale Denken wieder entwirren und auf die rechte Bahn bringen sollte. Vielleicht kann man es herausprügeln, hatte sein Vater einmal sehr ernst zu Rainer gesagt. Diese verdammte Krankheit, die Krankheit der Verdammten, das Befallensein von Homosexualität müsste man doch heilen können.

Tiefe Wunden der Vorwürfe und Selbstanschuldigungen hatten in dem Familienzusammenleben geklafft. Rainer sollte bloß nicht auf die Idee kommen mal vor Verwandten etwas von seinem unnormalen Umgang zu erzählen, oder gar einen dieser Menschen mit nach Hause zu bringen. Rainer setzt sich über solche Gebote hinweg und dann war seine Mutter diejenige, die die ersten Berührungen mit Bekannten ihres Sohnes machte und überrascht feststellte, dass diese Bekannten auch richtige Menschen waren. Das anerzogene Vorurteil, Andersartiges generell abzulehnen steckte in den Eltern zu tief fest. Erst nach einigen Monaten hatten sich allmählich die Spannungen und Zerwürfnisse mit seinen Eltern gelockert.

Rainers Schwestern hingegen hatten ihm von Anfang an volle Rückendeckung gegeben, hatten es hochinteressant gefunden und alles wissen wollen, was bis dahin verschwiegen worden war: Auf welchen Typ Mann Rainer so steht, mit wem er denn schon alles ... und wann ... wie ..., wo ...und was ...

Was? Ja, was machen denn Männer so miteinander? Sie küssen sich, streicheln sich, spielen aneinander herum, reiben sich, umschlingen sich, wälzen und ringen miteinander, lecken sich ihre lustvollen Körper die sich wie im Kampf winden und drehen. Sie wichsen ihre Lustzepter und blasen was das Zeug hält und ficken und rammeln und bumsen einfach so drauf los, bis die Schwarte kracht, bis das Gummi platzt, ach welches Gummi, es geht auch ohne, denn man selbst ist doch nicht von AIDS betroffen, es sind immer die anderen, die anderen...

Tatsächlich hatte es andere gegeben, auch im Liebesleben von Rainer und Norbert. Und irgendwann war Norbert mal wieder erst spät in der Nacht nach Hause gekommen und hatte Rainer sein geiles, unsafes Erlebnis mit einem ihm völlig Unbekannten gebeichtet.

Norbert hatte schon mehrere schnelle, anonyme Sexabenteuer dieser Art in Bars oder Saunen erlebt und auch für Rainer hatten diese Orte große Reize ausgestrahlt. Wie hätte er Norbert deshalb Vorwürfe machen können? Öfter als einmal, hatte sich das Freundespaar auch gemeinsam einen oder mehrere andere Männer für ihre geilen Spielchen gegönnt.

Die beiden hatten schon etliche Aids-Tests hinter sich und waren auch nach diesem Ereignis ganz gelassen zum Gesundheitsamt gegangen: erst ein Beratungsgespräch, dann Blut abzapfen, Kennwort merken und wieder nach Hause. Nach zehn Tagen wieder hin, Kennwort aufsagen, Ergebnis empfangen.

Doch dieses Ergebnis war zu einem Horrortrip für die Beiden geworden. Was heißt hier Horrortrip? Schließlich hatte Norbert gewusst was er getan hatte und war auch über diese gewisse Krankheit informiert gewesen.

Rainers Eltern hatten Panik. Wollten nichts mit AIDS zu tun haben, gaben Rainer zur Begrüßung nicht mal mehr die Hand. Ein Kuss war nicht erlaubt. Rainer erklärte, erörterte und informierte mal wieder, um die Wiederversöhnung und die wiederbegonnene Beziehung mit seinen Eltern zu erhalten. Rainer hatte seine eigenen Probleme mit AIDS und schloss sich einer Gruppe "Angehöriger von HIV-Positiven" an und gewann durch intensive Gespräche gemeinsame Unternehmungen neue Erkenntnisse, neue Kraft und neuen Mut.

Rainer hatte das Fernbleiben der "Freunde" und Bekannten erlebt. Einige wenige hatten Norbert im Krankenhaus besucht. Als es mit Norbert zu Ende ging kam keiner mehr.

Jetzt steht Norberts Familie im Krankenzimmer und versucht Rainer zu beruhigen. Rainer lässt den Toten nicht aus seinen Armen. Er streichelt und liebkost ihn. Es ist die Umarmung, die letzte Umarmung und Rainer hatte sich gewünscht so fest umschlungen mit Norbert einmal zu sterben, irgendwann, später, im hohen Alter. Doch Norbert ist vor ihm gegangen.

Rainer spürt den toten Körper, ein zusammengeschrumpftes Häufchen Elend an seinem Leibe und er fühlt wie dieser langsam immer kälter und kälter wird. Wie soll er ohne Norbert leben, wie? Und wie soll er jetzt mit der eigenen HIV-Infektion fertig werden, die auch bei ihm festgestellt worden war?

Eines ist Rainer ganz klar, er wird niemals eine so sprühende Lebenskraft, eine so ungeheure Ausdauer und einen so starken Willen wie Norbert haben können, um wie er, an jedem einzelnen ihm noch verbleibenden Tag auf den Tod zu warten und sich dabei über jede Sekunde Leben zu freuen.

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Josef Becker strahlt die große Frau vor ihm an und schwärmt: "Sie gefallen mir sehr und erwecken in mir den Wunsch, Ihr Diener zu sein und..."

"Nenn mich Herrin", unterbricht sie ihn, "es gefällt mir hier überhaupt nicht. Wir gehen jetzt zu dir. Bezahl Josef." Hocherfreut bezahlt Josef Becker die Rechnung.

Nach zwei Wochen lässt Gerda das Haus des Computerfachmannes Josef Becker nach ihren Wünschen neu einrichten. Sie entlässt die alte Haushälterin und bringt Josefs Schäferhund in das Tierheim. Auf die Frage, wer jetzt die Hausarbeit verrichten soll, erhält Josef die schroffe Antwort: "Du natürlich. Fang sofort damit an, ich habe Hunger."

Erfreut begibt sich Josef in die Küche. Traurig sieht er kurz zu dem leeren Hundekorb hin.

Während Josef nach dem Essen das Geschirr spült, steht Gerda lächelnd in der Küchentür und befehlt: "Zieh dich nackt aus, bis auf die Küchenschürze. Sieh mal Josef, da sind Krümel auf dem Küchenboden, bück dich gefälligst und heb sie auf. Na, wird’s bald?" Josef kniet mit heruntergelassenen Hosen auf dem Boden und Gerda beginnt mit einem Gürtel auf ihn einzuschlagen. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, aber glücklichen Augen krabbelt Josef auf allen Vieren durch die Küche. "Das reicht", schreit Gerda, "komm jetzt her zu mir. Ich habe ein Geschenk für dich.“ Gerda hält ein Hundehalsband in der Hand.

Nach zwei weiteren Wochen stirbt Josefs Mutter überraschend und hinterlässt ihm ein Vermögen, das sich Gerda sofort überschreiben lässt. Am Abend nach der Beerdigung befiehlt Gerda: "Gib deine Arbeit auf. Ich will, dass du nur noch für mich da bist."

Allmählich wird das Haus zu einem Gefängnis. Vor den Fenstern prangen Gitterstäbe. An den Türen sind doppelte Schlösser angebracht. Auch das Telefon ist mit einem Schloss gesichert. Einmal vergisst Gerda das Telefon abzuschließen bevor sie in die Stadt geht. Josef nutzt diese Chance, um seinen einzigen Freund anzurufen.

"Tut mir leid Herbert, dass ich mich so lange nicht melden konnte. Ich darf auch jetzt nicht lange sprechen, denn Gerda kann jeden Augenblick nach Hause kommen. Du weißt ja von meiner Veranlagung. ich wollte beherrscht werden - (KLICK - Gerda ist zurückgekehrt und reißt das Telefonkabel aus der Wand. Josef merkt davon nichts.) - aber ich musste sogar meine Arbeit aufgeben und was noch schlimmer ist, sie verlangt von mir Dinge, an die ich vorher nie gedacht habe. Anfangs liebte ich sie und war glücklich; dann war ich ihr hörig! Jetzt bin ich ganz hilflos, was soll ich machen? Ich esse sogar meine eigenen Exkremente für sie oder schlürfe ihren Urin, wenn sie es verlangt. Sie sperrt mich ein und ich bekomme tagelang nichts zu essen. Ich muss ständig auf allen Vieren durch das Haus krabbeln und ihre Stiefel sauber lecken. Als ich einmal, von Schmerzen gepeinigt, versuchte sie zu töten, schlug sie solange auf mich ein, bis ich die Besinnung verlor. Danach wurde alles noch viel schlimmer. Tagsüber muss ich Handschellen tragen, nachts werde ich manchmal im Keller angekettet. Herbert, du musst mir helfen. Herbert? Hallo! Hallo, Herbert?!" -

"Ich werde dir gleich helfen", faucht Gerda, die mit dem herausgerissenen Ende der Telefonleitung in der Hand hinter Josef steht. "Du sollst doch nicht telefonieren", zischt sie.

Tagesschau, Nachrichten:

"Gestern Abend gegen 22.30 Uhr wurde Frau Gerda S. in dem sehr abgelegenen Haus des Computerfachmannes Josef B. von der Kriminalpolizei verhaftet. Im Keller des Hauses fand man die verstümmelte, ca. zwei Wochen alte Leiche von Josef B. Die Polizei vermutet, erzwungenen Selbstmord durch Erhängen. Der total abgemagerte Körper trug Spuren monatelanger Misshandlungen, Brand- und Stichwunden. Ein Freund des Toten, der wochenlang kein Lebenszeichen erhielt, machte die Polizei auf das Haus aufmerksam."

Gossenkinder

Neonreklamen spiegelten sich in großen Pfützen. Regentropfen verzerrten diese Spiegelbilder, wenn sie, Wasserringe ausbreitend, in die trüben Lachen fielen. Grelle Lichter, aus bunten Schaufenstern ringsumher, glänzten auf dem nassen Asphalt

Wir saßen auf dem Bürgersteig und schauten dem Treiben der vorübereilenden Passanten zu, die sich, vor dem Regen fliehend, von einem Vordach zum Nächsten retteten.

Mit den Füßen in der Gosse Dämme bauend, die den Fluss des Regenwassers in den nahen Gully verlangsamten, saßen wir am Straßenrand. Wir ließen kleine Papierschnipsel wie Boote auf den Grundwassern in Richtung Kanaldeckel treiben, sahen wie diese in einen Strudel gerieten, sich überschlugen, untertauchten, um an anderer Stelle der aufgewühlten Drecklurge wieder aufzutauchen und weiter gerissen zu werden.

Manchmal schwammen die tollsten Sachen an uns vorbei. Kleine Steinchen wurden fortgespült, weggeworfene Zigarettenstummel tanzten auf den Wogen und Erdklumpen, sich drehend und wälzend, mischten dem Wasser eine bräunliche, schlammige Färbung bei. Ich selbst zog an jenem Tag ein Rosa schimmerndes, labbriges und dünnhäutiges Kondom aus der Wasserablaufrinne. Wir brachen in schallendes Gelächter aus, über die Gesichter vorbeihastender Leute, die sich grünlich bis hochrot verfärbten, als sie den von uns mit Wasser gefüllten und mitten auf dem Bürgersteig drapierten Gummiüberzieher erblickten.

Wir, das waren Kinder aus schmutzigen Hinterhöfen, die oft zu der großen Geschäftsstraße und zum Vergnügungsviertel aufbrachen, um dort rumzulungern, zu klauen und um auch etwas vom Duft der großen weiten Welt zu schnuppern.

Als erstes war da Klein-Lina, meine Lieblingsfreundin. Wir gingen immer Hand in Hand durch die Straßen.

Dann war da noch unser Karlchen. Karlchen hatte immer die aufregendsten Einfälle. Eine seiner Spezialitäten war das Hundetreten. Fein herausgeputzte Hündchen oder auch glattgestriegelte Riesenköter, an teuren Leinen, gehalten von zarten, mit dicken Klunkern übersäten Händchen oder lederbehandschuhten wurstigen Griffeln, wurden mal eben im Vorbeigehen derbe in die Seite getreten. Dann hieß es schnell weg, denn entweder der Hund biss zu oder der Hundehalter machte einen Teufelstanz und schlug wild hinter dem Hundetreter her. Auch kam es schon mal vor, dass sich das Hündchen losriss, hinter einem herwetzte und nach dem erstbesten Körperteil schnappte.

Karlchen wuchs bei einem Onkel auf, der jeden Abend besoffen nach Hause kam. Karlchens Eltern starben bei einem Autounfall, als er noch ganz klein war. Sein Onkel liebte nur zwei Dinge auf der Welt, erstens den Schnaps und zweitens seinen gelben, piependen Kanarienvogel. Karlchen konnte leider nicht verhindern, dass der Onkel ständig unter Strom stand und ihn, unter diesen besonderen Suffbedingungen, ohne Grund mächtig vertrimmte. Aber dem gelben Schreihals, der im Käfig unaufhörlich herumzirpte, dem konnte Karlchen was.

Eines Tages hängte Karlchen eine dicke Decke über den Käfig, zündete zwanzig Zigarren an, die er seinem Onkel geklaut hatte und legte diese auf den Boden der Vogelbehausung. Nach einer Weile sah Karlchen nach dem Tier und stellte erstaunt fest, dass er es hier mit einer wohl besonders zähen und schlauen Vogelart zu tun hatte, denn das Vögelchen hatte sich in einer Ecke des Käfigs zusammengekauert, den Kopf unter ein Flügelchen gesteckt und - lebte noch.

Karlchen war über sich selbst ärgerlich und suchte nach einer neuen Möglichkeit. Und siehe da, er fand was er suchte: den Backofen. Mit samt dem Käfig stellte Karlchen den Vogel in den Ofen und garte ihn zwei Stunden bei Hundertachtzig Grad.

Unterdes kam aber der Onkel nach Hause und sah die schöne Bescherung. Der Onkel schloss das Karlchen zwei lange Tage und zwei noch längere, dunkle Nächte in den Keller und kümmerte sich nicht mehr weiter um ihn. Erst durch eine Nachbarin, die das Jammern und Gewimmer nicht mehr ertragen konnte entkam Karlchen dem Kellerverlies. Danach hatte er ganz besonders große Rachegefühle und holte mit einer selbstgebastelten Zwille, einen Spatzen nach dem anderen von den Bäumen oder schleuderte Katzen am Schwanz im Kreis herum und ließ sie dann plötzlich los. Die kleinen Katzen flogen dann zappelnd in hohem Bogen durch die Lüfte, bis sie irgendwann wieder auf den Boden zurückkamen und kreischend das Weite suchten.

Das gefiel auch Glotzi immer sehr gut. Glotzi trug eine Brille mit sehr starken Gläsern, die seine Augen vergrößerten und glotzen ließen. Der arme Teufel war der Laufbursche seiner fetten Eltern, die kaum noch die Treppen in den dritten Stock schafften. Glotzi musste schwere Einkaufstaschen tragen, um seine Eltern zu entlasten. Jahrelang hatten sie sich ein Kind gewünscht, jedoch keines bekommen. Dann eines schönen Tages, entschlüpfte Glotzi dem Trommelbauch seiner Mutter und war ab sofort Sklave der kleinen Familie. »Tu dies, hol das, besorg jenes und bring das zu dem und was anderes woanders hin. ‘ So ging es tagaus, tagein. Im Gegensatz zu seinen Eltern war Glotzi schon seit seiner Geburt ein schmächtiger dürrer Hämpfling, dem man das Halleluja durch die Rippen blasen konnte. Brüllte man ihn an, so glotzten seine Glotzis ganz eingeschüchtert zu Boden.

In unserer Bande war auch einer den wir Brummi nannten. Brummi nörgelte an Allem und Jedem herum. Sein Lieblingswort war SCHEISSE. Er fand so ziemlich alles und alle beschissen. Ansonsten war er ein treuer Schluffen, nur eben immer ein wenig missgestimmt und brummig.

Seine Mutter schickte ihn zum Klavierunterricht, auf dass mal etwas aus Brummi werden sollte. Sie sparte sich das Geld vom Munde ab. Meistens schwänzte Brummi jedoch den Unterricht, um mit uns durch die Stadt ziehen zu können. Er fand die Klimperei auf dem Scheißhaufen genauso beschissen, wie die vor Schweiß beschissen riechende Klavierlehrerin, die Brummi bei den Musiksitzungen immerzu in den Po kniff oder versuchte seine Oberschenkel zu streicheln und zu kneten.

Einmal erzählte Brummi, habe Fräulein Kunze ihre Bluse langsam geöffnet und ihre Brüste, zwei winzig kleine, zitronenförmige Halbkugeln vor ihm massiert. Sie soll ihn aufgefordert haben, dieses Brett mit Warzen anzufassen, doch Brummi habe nur kurz erklärt, dass er das Fräulein beschissen fände und so´ne Scheiße nicht machen wolle. Sein Vater ist schon kurz nach Brummis Geburt auf und davon. Seine Mutter wohnte über einer Peepshow, also lag es natürlich nahe, dass Mutter Brummi da wohnen blieb und in der Peepshow zeigte was sie konnte. Und sie konnte viel, wie wir einmal, mit vor Staunen aufgerissenen Mäulern, feststellen konnten.

Manni hatte uns das Vergnügen ermöglicht. Ach so, Ihr kennt Manni ja noch nicht. Er war der älteste von uns und brachte immer viele Pornos zu unseren Treffen mit. Wir studierten diese in dunklen Gassen, zwischen Abfalleimern und Ratten. Nicht gerade die angenehmste Art und Weise nackte Tatsachen zu begaffen.

Mannis Eltern besaßen einige Sex-Shops und Erotik-Bars. Er war der »Kleine« bei den Peep-Show-Tussis, wurde verwöhnt und gehätschelt. »Ja, ja«, seufzten und klagten ihm die Damen ihr Leid. »Die Welt ist so schlecht. Hier nimm DAS und kauf dir was Schönes.« Und Manni nahm DAS. Er war ja nicht dumm. Er wurde sogar von anderen Nachtclubbesitzern auf der Straße gegrüßt. Ansonsten wurde Manni meistens nur derbe rumgeschubst. Ein paar Tage zur Oma, dann zur Tante. Hin und wieder auch zu Bekannten. Mal hierhin, mal dorthin. Mal zu dem, oder zu dem. Seine Eltern hatten genug damit zu tun, die geile Kundschaft zu bedienen, im Zaum zu halten und das Geld für die Liebesware in Empfang zu nehmen.

Manni hatte eines Nachts die Hintertür zum benachbarten Haus, in dem Live-Shows ausgetragen wurden, offen vorgefunden. Er sagte uns Bescheid und schon stand unsere gesamte Bande versammelt in einem sehr dunklen Raum, mit rot angestrahlter Bühne, auf der zwei schweißtriefende Körper ihr Letztes gaben. Brummi meinte dazu nur, dass alles eine große Scheiße sei und fand dann alles noch beschissener, als uns ein Angestellter des »Lokals« entdeckte und gerade einen Affenaufstand machen wollte, dann aber Manni sah, ihn erkannte und uns, nur beschwichtigende Worte faselnd, zur Hintertür schob und alle an die Luft setzte. Die Tür aber wurde von innen hörbar verschlossen.

Wir alle waren auf das Äußerste erregt, wie man sich vorstellen kann. Auch Klein-Lina war einem Entspannungsspielchen nicht abgeneigt. Wir verkrochen uns in unserem geheimen Kellergewölbe und untersuchten uns mit größtem Interesse. Aber so genau wie die Beiden es auf der Bühne getrieben hatten, kriegten wir das Ganze jedoch nicht hin. Ich wollte auch nicht, dass alle anderen über Klein-Lina herfielen, und Bea hatte für so was auch nicht viel übrig.

Ach ja, Bea. Sie war ein komisches, quirliges, wildes Etwas, das ständig schwanger aussah. Aber das kam nur durch die vielen Pullover die sie übereinander trug. Sie schlief meist irgendwo draußen auf der Straße und dann wärmten die vielen Pullover ganz gut. Ihre Mutter schlief tagsüber, da rannte Bea in der Stadt umher. Abends durfte sie nicht nach Hause, weil dann die Freier zur Mutter kamen. Nur sonntags vormittags fand die Mutter für Bea etwas Zeit. Sie gingen in den Park oder machten einen Schaufensterbummel. Aber schon um elf Uhr zog es die Mutter nach Hause oder schnellstens in eine nahe gelegene Kneipe, in der sie sich dann betrank. Sie brauchte halt den Stoff.

Und Bea fast genauso. Sie hatte immer eine Schnapsflasche dabei, von ihrer Mutter geklaut. Ständig redete sie oder war es mehr ein Lallen? Sie musste immer etwas um die Hand haben. Spielte mit Steinchen, jonglierte mit geklauten Äpfeln, kratzte sich ausgiebig oder nagte an den Fingernägeln.

Was heißt Fingernägel? Sie besaß kaum noch irgendwelche Nägel und kaute schon an den wunden Fingerkuppen herum, die meist blutverkrustet waren. Ihr Gesicht sah aus, als ob jemand Hühnerkacke mit einer Schrotflinte auf sie abgeschossen hatte. Es war übersät mit Sommersprossen. Ihre Haare, klebrig und schmierig, hingen in dicken Strähnen über ihre Augen.

Einmal war sie zuhause, als ein Freier noch bei der Mutter war. Dieser hatte Bea für das schönste Geschenk des Himmels angesehen und bestand bei der Mutter darauf, dass Bea ihr jungfräuliches Körperchen unter die anderen beiden mischen sollte. Er stand auf so was. Die Mutter merkte kaum noch was, da sie mal wieder voll war. Doch Bea, helle und flink wie sie nun mal war, warf mit einer vollen Schnapsflasche nach dem geilen alten Bock. Sie traf ihn am Kopf und in Nullkommanichts sank der Typ schachmatt zu Boden. Erst einige Stunden später erwachte er wieder. Gott sei Dank! Oder auch nicht, denn er ließ dafür die Mutter durch, die immer noch stockbesoffen, von dem Geprügel kaum was mitbekam. Erst am nächsten Morgen, als sie wieder zu sich kam und ihr geschwollenes Gesicht und ihren schmerzenden Körper betrachtete, geriet sie außer sich und betrank sich gleich noch einmal. Diesmal brauchte sie fast drei Tage, um wieder auf die Beine zu kommen.

Wir verstanden uns sehr gut mit Bea. Außer Kracher, der Bea wegen ihrer ständigen Schnapsfahne nicht ausstehen konnte. Also von dem muss ich euch erzählen.

Kracher, wir nannten ihn deshalb so, weil er gehen und stehen konnte wo er wollte, egal was er auch tat, überall gab es sofort Krach. Er legte sich mit allen an. Markierte den ganz großen Kerl, kriegte dann aber meist einen von Hacker übergebraten. Aber von dem später.

Kracher jedenfalls hatte immer große Schnauze. War ein Videospiel-Kind und kam auch direkt aus einem Video-Paradies. So hieß die Spielhölle seiner Eltern. Kracher war einer der besten Spieler. Legte sich dabei mächtig ins Zeug und prahlte vor den anderen Spielern mit seinen Rekorden, verhöhnte und ärgerte sie damit.

Kracher konnte machen was er wollte, er eckte auch sonst überall an. Im Tante-Emma-Laden um die Ecke, sagte er ganz freundlich nur: »Guten Morgen«, aber das reichte schon. Die Verkäuferin sah ihn verschreckt an und erwiderte: »Aber mein Kleiner, schrei doch nicht hier so rum!« Durch Krachers lautstarkes Organ fiel man in seiner Nähe unweigerlich mit auf.

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
08 July 2025
Volume:
220 p. 1 illustration
ISBN:
9783961124756
Copyright Holder::
Bookwire
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