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Dieter Rammler

GLAUBEN OHNE DOGMA EINE SPURENSUCHE

Essay


Meiner Frau Eveline,

meinen Kindern und Enkelkindern

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Satz und Umschlaggestaltung: Malte Romainczyk · Hamburg

Cover/Titel: Salome von der Born · Darmstadt

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH · Rudolstadt

ISBN Printausgabe 978-3-934900-72-1

ISBN E-Book-Pdf 978-3-934900-58-5

ISBN E-Book-Epub 978-3-934900-57-8

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

Werft euer Vertrauen nicht weg,

welches eine große Belohnung hat.

Hebräerbrief

Kein Schuldenberg soll mich dazu bringen,

mein Erbe im Stich zu lassen – und das meiner Kinder.

Bruno Latour

Einleitung

Glauben ohne Dogma? Zu allen Zeiten hat die Frage gläubige Menschen umgetrieben und selbst Atheisten nicht losgelassen. Schon im vierten Jahrhundert, als das christliche Glaubensbekenntnis formuliert wurde, waren zentrale Glaubensaussagen umstritten. Und heute? Lässt sich der Glaube noch in die gleichen Worte fassen wie vor 1600 Jahren? Für viele Menschen ist es ein Problem, Glaubensvorstellungen der Spätantike zu akzeptieren und mit ihrer heutigen Weltsicht zusammenzubringen. Andere gehen auf Distanz oder haben sich aus der Glaubensgemeinschaft verabschiedet. Ihre Zahl wächst. Dennoch lässt die Frage nach Gott die Menschen auch im 21. Jahrhundert nicht los. Gerade in unübersichtlichen Zeiten, in denen die Zweifel wachsen und Verschwörungsängste das Vertrauen untergraben.

Ich will einen kritischen Blick auf Glaubensdogmen werfen, besonders auf jene, die mit dem heutigen Verständnis von Wirklichkeit kollidieren. Wie kann man glauben angesichts eines Weltbildes, wie es heute durch die Naturwissenschaften geprägt wird? Man muss sich mit der empirischen Wissenschaft auseinandersetzen und sollte als glaubender Mensch in keine dogmatische Parallelwelt abdriften. Auf Wunder zu vertrauen, die die Naturgesetze außer Kraft setzen, würde die Isolation, in der sich Theologie und Kirche befinden, eher verstärken. Trotzdem ist das Thema Glauben nicht erledigt. Ohne Zweifel sind die Naturwissenschaften imstande, die meisten Phänomene hinreichend zu erklären. Ihr Fortschritt steht außer Frage. Dennoch vermögen die empirischen Wissenschaften es nicht, die Welt von Grund auf und abschließend zu erklären. Würden sie das beanspruchen, wären sie nichts anderes als jene Metaphysik, die sie in der Regel ablehnen und als überwunden ansehen. Was also könnte der Glaube ohne Dogma für unsere Weltsicht bedeuten? Als ich Theologie studierte, machte die Gott-ist-tot-Theologie Furore. Das Entmythologisierungskonzept oder die „Stadt ohne Gott“ (Harvey Cox) bewegten die Gemüter. Auf der anderen Seite gab es schon den Kreationismus (Gott als „Großer Designer“), der die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie vehement ablehnt. Es war ein lebhafter, zuweilen anstrengender Diskurs: Befreiungstheologie, Ökumenische Theologie und Theologie der Hoffnung, Christlich-jüdischer und interreligiöser Dialog, Weltethos der Religionen. Man nahm Impulse auf und münzte sie in Reformprogramme um: Kirche im Gemeinwesen, Gemeindeentwicklung, Politisches Nachtgebet, Teampfarramt, Kommunikation des Evangeliums, Seelsorgebewegung, um nur einige zu nennen. So wollte man es mit der wachsenden Kirchendistanz und der sich rapide verändernden Glaubenspraxis aufnehmen. Die Kirchenaustritte häuften sich aber weiter. Auch das Grundwissen in Sachen Religion nahm ab und die Kritik an den Kirchen zu. Trotzdem änderte sich die positive Grundstimmung zunächst kaum. Der christliche Glaube hat, wenn er gegenwartsnah ausgelegt und mitreißend gefeiert wird, Menschen immer noch etwas zu sagen, das war meine mit vielen geteilte Überzeugung.

Nüchtern bilanzierend, müssen wir uns heute wohl eingestehen, dass das Christentum zumindest in Mitteleuropa in seinen Grundfesten erschüttert ist. Nach meinem Eindruck hat die überwiegende Zahl selbst derer, die sich als gläubig bezeichnen, große Probleme, überkommene Glaubensvorstellungen mit dem modernen Verständnis von Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Erst recht an den Universitäten. Naturwissenschaften und Theologie erwarten kaum noch etwas voneinander. Ein breiter Graben klafft auch zwischen der Theologie als Wissenschaft und der Verkündigungspraxis in den Gemeinden. Heute steht für mich außer Frage: Ich habe wie viele in meiner Generation auf die Anziehungskraft engagierter Praxis gesetzt und mich zu wenig um die schwere Übersetzung unseres Glaubens gekümmert. Und nun? Ich denke, wir müssten zweierlei tun: radikal denken und uns illusionslos dem Gegenwind stellen, unsere Traditionen ohne Hintertürchen dem heutigen Wirklichkeitsverständnis aussetzen, um herauszufinden, was an diesem Glauben standhält und für unser Leben elementar bleibt. Und wir müssen uns auf Spurensuche begeben nach einer lebendigen Sprache des Glaubens, zusammen mit theologischen Experten und im Austausch mit Wissenschaften und Künsten. Aber mehr noch sollten wir auf den offenen Diskurs von Menschen setzen, die zwischen Glauben und Zweifeln die Frage nach Gott nicht loslässt. Freilich nicht von der Kanzel herab, sondern nur auf Augenhöhe.

Leider werden die Kirchen noch immer häufig so wahrgenommen, als gäbe es die einen, die wüssten, was Glauben heißt, und die anderen, die sich darüber erst klar werden müssten, denen man es erklären muss. Kirchenamtliche Dekrete, die vorgeben, den Plan Gottes zu kennen, bestätigen leider immer noch diesen autoritären Wahrheitsanspruch. Es würde sehr viel verändern, wenn wir nicht dogmatisch, sondern offener, experimentierfreudiger und vor allem mit wechselseitigem Interesse das Gespräch suchten. Im Glauben gibt es keinen Vorrang oder Vorsprung mehr, allenfalls ein Wissen um Zusammenhänge, das verstehen hilft – fern aller missionarischen Attitüden, aber mit Liebe zur Sache, ohne die man gar nicht erst anzufangen braucht. Für mich ist das ein lohnenswertes Unterfangen: trotz Zweifel und Skepsis im Gespräch zu bleiben über existenzielle Fragen des Glaubens und über die Zukunft des Lebens. Die Pandemieerfahrungen haben die Welt in einem noch nicht gekannten Maße zum Stillstand und vielleicht auch zur Besinnung gebracht. Zumindest mag man das hoffen. In der Unterbrechung des Gewohnten verstärkt sich der Eindruck, dass wir uns als menschliche Zivilisation in einer Sackgasse befinden. Die großen und tiefen Bruchlinien, die unsere Welt spalten, sind überdeutlich: Armut, Rassismus und Klimawandel als Folgen des globalen Kapitalismus. Die Widersprüche des technologischen und ökonomischen Wandels und die Schwächen einer rein instrumentellen Vernunft liegen offen zutage. Und es steht eine junge Generation bereit, die das nicht mehr akzeptiert – um der eigenen Zukunft willen. Denn der Fortschritt frisst seine Kinder und abertausende Arten mit.

„Die Pandemie ist ein Portal, ein Tor zwischen einer Welt und der nächsten“ (Arundhati Roy). Drei Jahrzehnte nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte infolge des überwundenen Ost-West-Konflikts hat unsere Zeit erneut den Charakter einer Übergangssituation angenommen. Alte Bedrohungen bestehen fort und neue haben sich zugespitzt. Es geht um die Grundlagen und um die Zukunft des Lebens auf unserem blauen Planeten. Daher wird die Frage, wie wir morgen leben wollen, zur Schlüsselfrage der Menschheit. Vieles deutet darauf hin, dass unsere Zivilisation am Beginn einer nächsten Großen Transformation steht. Da sind Nabelschau oder Selbstmitleid der Kirchen fehl am Platz. Vielmehr könnte es die Stunde der Religionen werden. Denn wie wir leben wollen, ist nicht zu trennen von der Frage, worauf wir vertrauen und woran wir unser Herz hängen, wie Martin Luther den abstrakten Gottesbegriff übersetzte: Gott ist, woran du dein Herz hängst. Religionen überliefern und kommunizieren Hoffnungsbilder für eine Welt, wie sie noch werden könnte, sie geben Orientierung und bewegen zum Handeln. Darin besteht für mich der Wirklichkeitsbezug und die Gestaltungskraft des christlichen Glaubens. Dass sich in ihm neben der Vernunft noch eine andere „Stimme“ zu Wort meldet und Menschen als Vision und Poesie, in der Musik und bildenden Kunst, als energetische Erfahrung oder Segen berührt, das unterscheidet den Glauben von rationalen Systemen. Zu glauben ist ein Wagnis und ein Schritt ins Offene, nicht abgehoben und weltfremd, sondern geerdet und lebensnah.

Zu einem aufgeklärten Verständnis von Religion gehört das Wissen um ihre Geschichtlichkeit. Religionen beginnen nie bei null, sondern sie fußen auf überlieferten Vorstellungen und Lebensweisen, die sie zugleich weiterentwickeln und umformen. Sie verändern sich mit der zivilisatorischen Entwicklung und bestimmen diese mit. Sie reagieren auf neue Welterkenntnisse und Entdeckungen und legen veraltete ab. So ist im Laufe der Religionsgeschichte eine ungeheure Fülle symbolischer Deutungen entstanden. Dieser Prozess ist bis heute nicht beendet, auch wenn man zurzeit den Eindruck gewinnen kann, dass sich der christliche Glaube gegenüber den Naturwissenschaften in der Defensive befindet und sich gewissermaßen in einer Nische zu behaupten versucht. Das wäre gewiss der falsche Weg. Man rettet seinen Glauben nicht dadurch, dass man sich gegenüber dem Bewusstseinswandel und den Erkenntnissen der Geschichtlichkeit von Religion verschließt und in Dogmen verharrt. Für mich gehört es zur intellektuellen Redlichkeit, das heutige historische Wissen in das Nachdenken über den eigenen Glauben einzubeziehen und die Dogmen als menschliche Vorstellungen zu relativieren. Es sind Denkformen auf Zeit, nicht mehr und nicht weniger.

TEIL 1 GLAUBEN GESCHICHTLICH

Die Bibel

Das Buch, das ich neben den Märchen der Gebrüder Grimm aus meiner Kindheit aufbewahrt habe, ist eine schwarze Lutherbibel. Wenn ich es recht erinnere, bekam ich sie von meiner Großmutter zur Einschulung. Zu Beginn des Studiums kaufte ich mir eine Zürcher Bibel. Ihre Sprache war mir zunächst nicht vertraut. Ich habe sie durch alle Semester hindurch zu den verschiedenen Themen bearbeitet. Zur Ordination schenkte mir meine Mutter die 1983 erschienene revidierte Lutherausgabe, in weißes Leder gebunden, mit Goldschnitt. Sie begleitete mich durch meine Zeit als Gemeindepastor. Heute erinnern mich diese Ausgaben der Heiligen Schrift an berufliche und persönliche Stationen.

So geht es vielen Menschen. Sie haben eine Bibel zu Hause, in der oft ihre Konfirmations- und Trausprüche notiert sind, manchmal auch Taufen und Abschiede. Vielleicht nehmen sie sie hin und wieder aus dem Schrank und halten ein Stück ihrer Glaubens- und Lebensgeschichte in der Hand. Dennoch bleibt die Bibel für viele Gläubige ein Buch mit sieben Siegeln. Sie finden zwar Zugang zu den bekannten Überlieferungen, die auch im Kirchenjahr als Lesungen und Predigttexte vorkommen. Wer es sich aber darüber hinaus einmal vorgenommen hat, die Bibel wie ein Buch in größeren Zusammenhängen oder gar ganz zu lesen, der verliert leicht den Überblick. Vor allem stößt er auf verstörende Texte voller Gewalt, überholter Weltbilder und zum Teil heute nicht mehr akzeptabler religiöser Gebote und Riten. Verträgt sich das mit der Auffassung der Bibel als heiliger Schrift? Der Eindruck, dass es sich um eine komplexe Sammlung von Schriften aus unterschiedlichen Zeiten handelt, erklärt manches. Aber wie verhält sich dazu die Behauptung, die Bibel bezeuge die Geschichte Gottes mit den Menschen? Kann man das heute noch so sagen? Und falls nicht, welchen anderen Zugang finde ich zu diesem historischen Dokument, auf das sich, wenn auch unterschiedlich, gleich zwei Schriftreligionen, das Judentum und das Christentum, berufen, und eine dritte, nämlich der Islam, im Koran ebenfalls zentrale Überlieferungen des Alten und Neuen Testaments kennt?

Zweifelsohne ist die Bibel für einen großen Teil der Menschheit das bedeutendste Dokument religiöser Weltdeutung. Sie ist Weltliteratur, eine wohl 3000 Jahre alte Bibliothek des Glaubens. Bis heute wurde sie in etwa fünf Milliarden Exemplaren gedruckt, der Großteil in den letzten 100 Jahren. Als Vollbibel mit Altem und Neuem Testament wurde sie in 674 Sprachen übersetzt, das Neue Testament allein in weitere 1515 Sprachen. Mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung haben potenziell Zugang zur Bibel in ihrer Muttersprache.

Neben der Bibel gibt es die Heilige Schrift der Juden. Sie ist entgegen landläufiger Ansicht nicht das „Alte Testament“, obwohl sich der weitaus größte Teil, wenn auch in anderer Reihenfolge, mit dem ersten Teil der christlichen Bibel deckt, sondern der Tanach. Er besteht aus den drei Haupteilen Tora (fünf Bücher Mose), Nebiim (Propheten) und Ketubim (Schriften, zum Beispiel die Psalmen), deren Anfangsbuchstaben im Hebräischen das Wort „Tanach“ bilden.

Ziemlich einhellig wird in der Bibelwissenschaft heute die Auffassung vertreten, dass am Anfang der Literaturwerdung des Tanach und damit auch der Bibel die fünf Bücher Mose (Tora) standen. Moses hatte, so die Erzählung, das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt. Auf der 40-jährigen Wanderung durch die Wüste Sinai offenbart sich Gott am Berg Horeb und lässt seinem Volk durch Moses die Gebote übermitteln. Damit ist der Bund Gottes mit Israel konstituiert. Kurz bevor sie in das gelobte Land einziehen, legt Moses die Führung aus den Händen und übergibt sie Josua, nicht ohne in einer letzten, großen Rede das Volk an die Tora (Weisung) Gottes zu erinnern und ein zweites Mal darauf zu verpflichten. Damit endet das fünfte Buch Mose, das im Großen und Ganzen eine Wiederholung und Einschärfung der Gebote vom Sinai darstellt und daher als Deuteronomium (zweites Gesetz) bezeichnet wurde.

Die Geschichte geht dann in der bekannten Weise weiter: Unter Josua erfolgt die Landnahme, unter den „Richtern“ bildet sich der Bund der zwölf Stämme, der vom Königtum unter David und Salomo abgelöst wird, der Glanzzeit des vereinten Israel, mit Jerusalem und dem von Salomo erbauten Tempel als Zentrum, was freilich eine spätere Idealisierung darstellt. Dann zerbricht die Einheit und es bilden sich das Nordreich Israel und das Südreich Juda. Als die Assyrer das Nordreich Israel erobern und die Oberschicht zum ersten Mal ins Exil führen, bleibt Juda übrig, der Rest, von dem man sich eine neue Blüte und Rückkehr zum Königtum Davids erhofft.

So lautet der Kern der Meistererzählung der antiken Autoren. Heute weiß man relativ genau, dass den Anstoß dazu Josia gab, als er im Zuge einer Restauration seines Königtums Juda auch eine Reform des Jerusalemer Tempelkults verfügte. Er knüpfte dafür an die literarische Figur von Moses großer Rede kurz vor der Landnahme an. Sein Motiv war klar: Juda als der „heilige Rest“ Israels soll sich auf seine Anfänge besinnen, den Gottesbund erneuern und im Tempel von Jerusalem seine religiöse Mitte finden. Das war literarisch die Geburtsstunde der Tora als einer Sammlung von Schriften, in denen die Geschichte vom Bund Gottes mit Israel bewahrt wird. Sie wurde aufgeschrieben, um die religiöse Einheit Israels zu begründen.

Meistens waren es Umbruchzeiten, in denen das schöpferische Potenzial religiöser Geschichtsdeutung zum Zuge kam, weil der Bedarf an Krisenbewältigung wuchs. So auch in der nächsten großen Krise Israels, genau genommen des Restes, der davon in Juda noch vorhanden war. Diesmal waren es die Babylonier, die das assyrische Großreich abgelöst hatten und aus ihrem Kerngebiet zwischen Euphrat und Tigris ebenfalls in die strategisch wichtige Landbrücke der Levante und Palästinas vorstießen. Jerusalem wurde erobert, der Tempel Salomos zerstört, die politische und religiöse Führungsschicht ins „babylonische Exil“ deportiert.

Im Exil bahnte sich ein Perspektivwechsel an. Denn aus Sicht dieser Exulanten an den „Wassern Babylons“ befand sich Israel nun wieder dort, wo einst der Sage nach Abraham, der Stammvater Israels, aufgebrochen war. Abraham hatte geträumt, dass die Stimme Gottes ihn zum Aufbruch in ein unbekanntes Land aufforderte und große Nachkommenschaft versprach. Er ließ seine Heimat zurück, um mit seiner Sippe von Ur zunächst nach Haran in Syrien und anschließend nach Israel zu ziehen. Dort angekommen, gab er sein Nomadenleben auf und wurde sesshaft. Es ist gewissermaßen eine der Gründungssagen des Volkes Israel. An sie erinnerten die priesterlichen Autoren, als sie in der Verbannung den Verlust ihrer Identität befürchten mussten. Sie folgerten aus der Sage, dass der im Traum erschienene Gott Abrahams sein Volk ja auch in der Fremde aufgesucht hatte und dass es infolgedessen von alters her keine gottlose und heillose Zeit gibt, selbst im Exil nicht. Israel darf sich also auch in der Diaspora unter den Völkern gesegnet und als Gottes Volk bewahrt wissen. Man kann an diesem Beispiel gut ablesen, dass für die biblischen Überlieferungen nicht die Historizität an sich im Vordergrund steht, sondern eine bestimmte Lesart der Geschichte, die für die eigene Gegenwart von Bedeutung ist. Man erinnert sich an die alten Erzählungen, um sich in der Gegenwart für die Zukunft zu vergewissern und Zuversicht oder Hoffnung zu schöpfen. Ähnlich wie die schon erwähnte Moses-Überlieferung haben die sogenannten Vätersagen (Abraham, Isaak, Jakob) eine in der Erinnerungskultur Israels bis heute zentrale Stellung. Übrigens bis ins Politische hinein, wenn es zum Beispiel um den umstrittenen Anspruch auf das Land geht.

Kehren wir noch einmal zu der für Israel prägenden Erfahrung des babylonischen Exils zurück. Die Begegnung mit fremder Kultur und einer weit entwickelten Wissenschaft unter den Babyloniern erschloss den jüdischen Theologen neues Wissen über die Entstehung der Welt. Sie rezipierten dieses und verknüpften es mit ihrem überlieferten Gottesbild, um daraus eine universale Perspektive zu formulieren, die ihnen gerade in der Fremde Zuversicht vermittelte: Es gibt keinen Ort, an dem Gott fern ist, weil er die ganze Welt erschaffen und einen Plan mit Israel für die ganze Welt hat. So entwickelten sich aus der Erfahrung des Exils heraus erstmals universalistische Ansätze in der Theologie der antiken Israeliten, die für die folgenden Jahrhunderte bestimmend wurden.

In der Literaturwerdung des Tanach hat sich das in der Weise niedergeschlagen, dass die Sagen der „Erzväter“ über ihre Begegnungen mit dem „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ der schon vorhandenen Moses-Überlieferung vorangestellt wurden. Es entstand das Buch Genesis (Schöpfung). An seinem Ende erklärte die Novelle von Josef und seinen Brüdern, wie die Israeliten nach Ägypten gekommen waren. Aber damit nicht genug. Angeregt durch babylonische Schöpfungssagen entstanden die Erzählungen von der Erschaffung der Welt und des Menschen. Ihnen folgten weitere Urgeschichten (Vertreibung aus dem Paradies, Kain und Abel, Sintflut, Turmbau zu Babel), in denen sich der Bund Gottes mit den Menschen als das bewahrende Element zeigt. Diese Ursagen bildeten wiederum die Vorgeschichte der Vätersagen. Durch genealogische Listen wurde die in ihnen erzählte und gedeutete Menschheitsgeschichte mit dem Beginn der Geschichte Abrahams verknüpft, bis es schließlich heißt: „Und Abraham hörte die Stimme Gottes: Geh in das Land, das ich dir zeigen werde.“ – Ein genialer Spannungsbogen, der das Potenzial für eine religiöse Universalgeschichte hatte. Aus ursprünglich vereinzelten Sagen bildeten sich Sagenkränze, die, miteinander verknüpft, schließlich die große Gründungserzählung von der Geschichte Gottes mit seinem Volk tradierten.

So wie der Tanach literarisch gewissermaßen „nach vorn“ bis in die Urzeit erweitert wurde, so in der Folgezeit auch „nach hinten“ im Anschluss an das Exil, als es für Israel unter den Persern zur Rückkehr und Restitution des Königtums Juda und zum Bau des zweiten Tempels kam. Die Exulanten durften in ihr Land zurückkehren und mit dem Wiederaufbau beginnen. Die Hoffnungen des Exils schienen sich zu erfüllen. Dennoch blieb die Landbrücke zwischen Mittelmeer und Jordan ein Spielball der Mächte. Auch unter den folgenden, wechselnden Besetzungen des Landes durch die Griechen und die Römer stand die Existenz Israels wiederholt auf dem Spiel. In zahlreichen Aufständen und Kriegen gegen die Besatzungsmächte versuchte das Judentum, seine politische und religiöse Identität zu wahren. Und auch diese Ereignisse haben sich, religiös gedeutet, in den Schriften zum Beispiel der Propheten Hesekiel, Esra, Nehemia und Daniel niedergeschlagen, die dem Kanon der bereits im Tanach vereinten antiken Schriften Israels hinzugefügt wurden. Im Bestreben, Religion und Kultur Israels vor dem Untergang bzw. der Assimilation zu bewahren, hatte es zwei Grundströmungen gegeben: eine, die die politische Aufrichtung der alten Größe Israels unter David und Salomo erhoffte, und eine andere, die glaubte, dass sich nach einem letzten Kampf mit den Mächten der Welt die Herrschaft Gottes durchsetzen werde, das Friedensreich am Zion, zu dem die Völker aus Norden und Süden, Osten und Westen herbeipilgern. Der „Messias“ (wörtlich der „Gesalbte“, wie es bei der Inthronisation von Königen üblich war) war für beide Strömungen gleichermaßen eine religiöse wie politische Leitfigur, an denen sich diese Hoffnungen festmachten. Daneben spielte auch die apokalyptische Figur eines weiteren Heilsbringers, des „Menschensohns“, aus den Visionen des Propheten Daniel eine wichtige Rolle und bewegte die Gemüter. Die pharisäische Erneuerungsbewegung folgte der zweiten Strömung. Auch die charismatischen Sammlungsbewegungen um Johannes den Täufer und Jesus von Nazareth waren dieser Hoffnung auf das anbrechende Reich der Himmel verbunden. Den politischen Widerstand und einen politischen Messianismus lehnten sie ab.

In den unruhigen Zeiten der römischen Besatzung tauchte zuerst in den Bergen Galiläas, im Norden Israels, eine kleine Schar auf und machte allmählich von sich reden. Es war nicht ungewöhnlich für diese Zeiten, dass charismatische Leitfiguren wandernd durch die Gegend zogen, Menschen um sich versammelten und die große Zeitenwende verhießen. Für diese Anhängerschaft aber, die einem Mann namens Jesus nach Jerusalem gefolgt war, erfüllten sich trotz seines offensichtlichen Scheiterns zentrale Hoffnungen ihres jüdischen Glaubens. Ihre Jesuserinnerung, die sich in mündlichen und schriftlichen Glaubenszeugnissen niederschlug, läutete sozusagen einen neuen Abschnitt in der Geschichte Gottes mit seinem Volk ein und bildete den Grundstock zu einer Sammlung von Schriften unterschiedler Genres, aus denen später das Neue Testament wurde: Briefe, Spruchsammlungen, Weisheitsschriften, apokalyptische Visionen und schließlich mehr als die heute bekannten vier Evangelien. Diese Schriften entstanden an unterschiedlichen Orten in der Urkirche, zirkulierten in den Gemeinden und wurden, zusammen mit den Überlieferungen des Tanach, im Gottesdienst verlesen. Ihre ursprüngliche Vielfalt wurde später von einem Kanon abgelöst, der Anzahl, Stellung und Umfang der urchristlichen Zeugnisse festlegte. Zahlreiche, als nicht authentisch angesehene Überlieferungen wurden ausgeschlossen, vergessen und erst in jüngerer Zeit wieder aufgefunden (Nag Hammadi in Ägypten). Es war die Geburtsstunde des später sogenannten Neuen Testaments, das sich, anknüpfend an die antiken Schriften Israels, je länger desto mehr zu einer weiteren Gründungssage entwickelte und eine eigenständige, über das Judentum hinausgehende Erinnerungskultur ausbildete.

Herrschte anfangs noch ein gewisser „Wildwuchs“, so ließ die synchrone Interpretation und Zusammenschau durch die frühchristlichen Theologen ab ca. 150 n. Chr. ein Bild entstehen, das den Eindruck einer von Anfang an gegebenen Einheit des Zeugnisses von Jesus Christus vermittelt. Dabei war alles andere als dies der Fall. Das Neue Testament verkörpert nicht die Einheitlichkeit, sondern die Vielfalt der Deutungen, die in der urchristlichen Bewegung zirkulierten. In ihrer Erinnerung wurde die christliche Glaubenserzählung geboren, nicht ohne engste Verbindung zum jüdischen Tanach, vor allem zu seinen universalistischen Lesarten, aber doch in so großer Freiheit und Eigenständigkeit, dass das Neue Testament sich von Beginn an auch für Gläubige außerhalb Israels öffnete und erschloss. Als hätten die frühen christlichen Theologinnen und Theologen um die „beträchtliche Familienähnlichkeit“ (Wolfgang Stegemann) von Anfang an gewusst, behielt für die christlichen Urgemeinden die alte Meistererzählung des Judentums ihre Gültigkeit. Für die Christen war die Jesusüberlieferung eine Fortschreibung der Schriften Israels.

Halten wir fest: Die in der Bibel gesammelten Texte als Heilige Schrift zu betrachten, ist bereits Ausdruck eines Glaubensbekenntnisses und eine theologische Konstruktion. Sie nahm ihren Anfang in dem Versuch der Rabbinen, in den großen Krisen seit dem Exil in Babylon (ca. 500 v. Chr.) und nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) das Judentum neu zu definieren und vor dem Untergang zu bewahren. Abseits des verlorenen Tempels wurden Tora und Tanach zur „portablen Heimat“ (Heinrich Heine) des Judentums. Das junge Christentum hat an diese Meistererzählung in den beiden ersten Jahrhunderten nicht nur angeknüpft, sondern sie theologisch zu überbieten versucht, indem es den Tanach als sogenanntes „Altes Testament“ übernahm, ihm das „Neue Testament“ als Bezeugung der Jesusoffenbarung folgen ließ und diese beiden fortan in einem Buch (Biblia) überlieferte.

Die Meistererzählung des antiken Israel war also die Voraussetzung der christlichen Deutung der Ereignisse um Jesus von Nazareth, wie sie im Neuen Testament bezeugt sind. Sie wohnt dem Christentum inne, so sehr, dass nach jahrhundertelanger Distanzierung der Kirche vom Judentum diese ursprüngliche Verbindung gar nicht mehr gesehen wurde. Erst im Zuge der historisch-kritischen Bibelwissenschaft wurde wiederentdeckt, dass das Urchristentum ursprünglich eine Glaubens- und Erneuerungsbewegung im Kontext des jüdischen Messianismus war, die am Auslegungsprozess der Schriften Israels auf ihre Weise teilnahm. Ihr Begründer war Jude, die ersten Protagonisten sämtlich auch. Allerdings trug diese Bewegung in sich bereits das Potenzial zu einer universalen Interpretation. Sie ging davon aus, dass sich der Gottesbund, wie ansatzweise schon im Tanach, über die Geschichte des jüdischen Volkes hinaus auf alle Völker und die ganze Schöpfung bezieht. Im Zentrum dieses neuen Bundes oder Testaments steht Jesus Christus. Das Neue Testament war also zuerst ein Glaubensbekenntnis, bevor es schließlich die Schriften bezeichnete, in denen die Jesuserinnerung überliefert wird.

Das rabbinische Judentum ging diesen Weg nicht mit. Einerseits versuchte die rabbinische Theologie, die Identität der jüdischen Gemeinden in der Diaspora durch Abgrenzung zu sichern. Andererseits ergab sich innerhalb des hebräischen Urchristentums ein Grundkonflikt zwischen Traditionalisten und Reformern, der die Ablösung vom Judentum beschleunigte. Hielten die einen an ihren jüdischen Wurzeln fest, wollten sich die anderen davon lösen. Die Traditionalisten im jüdisch geprägten hebräischen Urchristentum gerieten ins Hintertreffen. Sie überlebten noch eine Zeit lang als Seitenarm und verschwanden schließlich von der Bühne der Weltgeschichte. Demgegenüber setzte sich der hellenistisch geprägte christliche Zweig der Reformer durch und grenzte sich gegenüber dem Judentum ab, dem er entwachsen war. So wurde allmählich der Eindruck erweckt, dass das Judentum erst im Christentum zu seiner eigentlichen Gestalt gefunden und sich in ihm endgültig erfüllt habe, was in jenem vor Urzeiten nach Gottes Willen angelegt war. Die damit verbundenen theologischen Schwarz-Weiß-Konzepte von „Verheißung (im Judentum) und Erfüllung (im Christentum)“, „Gesetz (im Judentum) und Evangelium (im Christentum)“ haben über Jahrhunderte den christlichen Antijudaismus bestimmt. Das Zerrbild des angeblich gesetzlichen Pharisäers musste über Jahrhunderte herhalten, um das Judentum gegenüber der Gnadenreligion des Christentums in einem schlechten Lichte erscheinen zu lassen. Erst in heutiger Zeit ist es zu längst überfälligen Korrekturen gekommen. Und man hat in zahlreichen theologischen Darstellungen und kirchlichen Erklärungen vom Antijudaismus Abstand genommen und an die bleibende Erwählung Israels und die Treue Gottes zu seinem Volk erinnert.

Die Bibel wurde als Heilige Schrift die Gründungsurkunde des christlichen Zeitalters. So bildete sich im Laufe der Jahrhunderte als feste Überzeugung heraus, dass der Kanon biblischer Überlieferungen das vollständige und notwendige Wissen verkörpert, das der Welt zu ihrem Heil, zu ihrer Erlösung und zu ihrer Ordnung dient. Um dieses Wissen zu erschließen und zu bewahren, brauchte es die christliche Schriftgelehrsamkeit. Denn als Schriftreligion war das Christentum auf Schriftkenntnis, Übersetzung und Deutung angewiesen. Philologie, Hermeneutik und Dogmatik wurden als wissenschaftliche Leitdisziplinen an bedeutenden Schulen und Universitäten der Antike und des Mittelalters gelehrt. Die Theologie avancierte zur Metaphysik (zur Lehre über das, was die Physik oder Natur übersteigt) und galt in aristotelischer Tradition bis ins späte Mittelalter als die erste unter den Wissenschaften. In geradezu pyramidaler Hierarchie strukturierte die göttliche Weisheit und Vorsehung, vertreten und gehütet durch die Kirchen, das Corpus Christianum, die christliche Weltordnung. Erst nach dem Siegeszug der Naturwissenschaften in der Neuzeit wurden dieser Anspruch und diese Position infrage gestellt und schließlich relativiert. Fortan galt nicht mehr die biblische Tradition als grundlegende Wahrheit und Maßstab des Lebens, sondern nur noch das über den Weg des wissenschaftlichen Zweifels neu gewonnene empirische Wissen oder das vernunftgeleitete gesellschaftliche Übereinkommen. Durch die wissenschaftliche Revolution der Neuzeit und die Aufklärung geriet die Metaphysik in Konflikt mit den empirischen Wissenschaften. Es wurde gefragt: Ist die Theologie überhaupt eine Wissenschaft?

Infolgedessen wurden auch die Heilige Schrift selbst und ihr Wahrheitsanspruch relativiert. Die biblischen Texte wurden ein Forschungsfeld der Religions-, Literatur- und Kulturgeschichte. Wir haben es mit religiöser Sprache zu tun, mit Metaphern, Parabeln, Symbolen, mit Poesie, kleinen und großen Erzählungen, Sagen, Legenden und Novellen. Insofern beruht die Heilige Schrift auf von Menschen erdachten und verfassten Texten. Sie ist religiöse Literatur, eine Bibliothek des Glaubens.

Auch die Annahme einer indirekten Offenbarung von Gottes Wort im Menschenwort, von Gotteswahrheit in menschlicher Sprache, ist keine historische Tatsache, sondern bereits ein theologisches Konzept: Demnach offenbarte Gott seine Wahrheit gegenüber besonders inspirierten Menschen, die ihre Eingebungen mehr oder weniger wörtlich niederschrieben. Das zu hinterfragen, ohne fürchten zu müssen, der Häresie bezichtigt zu werden, ist eine Frucht der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Hinter diese Freiheit des Denkens führt kein Weg zurück. Ich respektiere, dass diese sogenannte Wort-Gottes-Theologie für viele Christen nach wie vor Bedeutung hat, jedenfalls solange sie daraus nicht biblizistische und fundamentalistische Behauptungen ableiten und für allgemeingültig erklären. Aber mein Glaube braucht diese theologische Konstruktion nicht. Denn ich vertraue darauf, dass wir auf eine nicht auszudenkende Weise mit Gott als Geheimnis des Lebens verbunden sind. In vielen biblischen Zeugnissen (aber gewiss nicht allen) stoße ich auf Glaubens- und Lebenserfahrungen, die mir zum Anstoß und zur Quelle eigenen Glaubens geworden sind. Besonders jene, die den Glauben Jesu von Nazareth bezeugen.

Zu dieser aufgeklärten, reflexiven Distanz gibt es für mich keine Alternative. Weite Teile des heutigen evangelikalen und pfingstlerischen (pentekostalen) Spektrums, das weiterhin ein konservatives, vormodernes Verständnis der Bibel vertritt, sehen das freilich ganz anders. Sie bestimmen die Entwicklung und Dynamik des Christentums heute besonders in der südlichen Hemisphäre mit und nehmen auch auf die amerikanische Innenpolitik erheblichen Einfluss (Bible Belt). Ansätze dazu gibt es auch in den evangelikalen Strömungen in Deutschland. Schwierig wird es, sobald in diesem Spektrum Wahrheitsansprüche erhoben werden, die die demokratische Meinungsbildung in Kirche und Gesellschaft unterlaufen.

Glaube oder Religion ganz allgemein können aus guten Gründen nicht wieder Grundlage eines allgemeinverbindlichen Welt- und Menschenbildes werden, wie das bis zum Beginn der Neuzeit der Fall war. Die Grundlage menschlicher Verhältnisse ist heute, nach einem jahrhundertelangen Prozess der Emanzipation, das Recht. Das Recht garantiert die freie Ausübung der Religion, so wie es auch andere Weltanschauungen schützt. Es schützt Gläubige wie Nichtgläubige und gebietet, die anderen heiligen Überlieferungen zu achten und ihnen mit Respekt zu begegnen, solange sie mit dem Recht übereinstimmen und die wissenschaftliche Untersuchung und Kritik nicht ausschließen. Dennoch leben Staat und Recht von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen (Ernst-Wolfgang Böckenförde). Wie zum Beispiel die Menschenwürde und andere Grundüberzeugungen, die auch biblische Wurzeln haben und ebenso im Koran zu finden sind. Deshalb bleibt es wichtig, dass Juden, Christen und Muslime am Diskurs über zentrale ethische Fragen teilnehmen.

Die Bibel nicht den modernen Fundamentalisten zu überlassen, bleibt eine Herausforderung. Das kann gelingen, wenn wir sie als eine Bibliothek und Meistererzählung des Glaubens verstehen, als Literatur gewordene Erfahrungen, die zum Anstoß neuer Erfahrungen werden können. Grundwissen über die Bibel zu vermitteln, ist auch eine kulturelle Bildungsaufgabe. Wer die Bibel nicht kennt, dem fehlen schlicht Schlüssel zum Verständnis nicht allein der europäischen Kultur. Die biblischen Symbole prägen Werte und Kultur eines Großteils der Menschheit.

Als Christen sollten wir respektvoll mit den religiösen Überlieferungen anderer Religionen umgehen. Dazu gehört, dass wir uns ausreichend über sie informieren; noch besser wäre es, sie in ihren Grundzügen zu kennen. In diesem Zusammenhang zählt zu den besonderen Leistungen der modernen Bibelwissenschaft, dass sie den eigenständigen Charakter des jüdischen Tanach wiedererkannt hat und seine christliche Gleichsetzung mit dem Alten Testament kritisch hinterfragt. Die alternativen Redeweisen vom Ersten Testament oder von der Hebräischen Bibel haben hier ihren Ursprung. Deshalb muss man nicht auf die christliche Lesart verzichten. Zu glauben, dass sich in der Geschichte Jesu Christi zentrale Hoffnungen der Propheten Israels bewahrheiten, ist nicht antijudaistisch. Fatal wäre es allerdings, wenn diese Sichtweise mit einer Abwertung der jüdischen Lesart verbunden wäre. Es gehört zu den fundamentalen Einsichten der heutigen Theologie, dass das Christentum im Glaubenshorizont des Judentums nicht nur entstanden ist, sondern bei allen Unterschieden auf diesen angewiesen bleibt. Gott sei Dank gehören die meisten christlichen Kirchen heute, von Ausnahmen abgesehen, zu den klaren Gegnern des Antisemitismus – was angesichts der langen und unheilvollen Geschichte des christlichen Antijudaismus und Antisemitismus allerdings nur sehr demütig festgestellt werden sollte.

Eine ähnliche Annäherung sollten wir zu aufgeklärten islamischen Theologen und Theologinnen suchen. Es ist sehr aufschlussreich, in wie vielfältiger Weise man sich in den großen gebildeten Schulen des Islam auf zentrale Traditionen bezieht, die wir auch aus den antiken Schriften des Judentums und des Christentums kennen, zum Beispiel, dass Islam Barmherzigkeit ist (Mouhanad Khorchide). Aus der Sackgasse falscher Überlegenheitsgefühle führen nur der wechselseitige Respekt und das ehrliche Bemühen, mehr über den anderen zu erfahren.

Jesus von Nazareth

Jesus stammte aus Nazareth, einem kleinen Ort in Galiläa. Maria und Josef waren seine Eltern. Er hatte Geschwister, von denen ihm Jakobus besonders nahestand. Er wurde ein charismatischer Wanderprediger, der eine religiöse Gruppe von Frauen und Männern anführte und als deren Kopf sowohl der Gotteslästerung als auch des Hochverrats angeklagt, verurteilt und hingerichtet wurde.

Als junger Mann war er mit Johannes dem Täufer am Rande der judäischen Wüste in Kontakt getreten, teilte dessen Idee der Gotteswirklichkeit und ließ sich von ihm zum Zeichen der Buße und Umkehr taufen. Schließlich trennte er sich von Johannes, um seiner eigenen Berufung zur Verkündigung des Reiches Gottes zu folgen. Damit begann er in seiner Heimat Nazareth im galiläischen Bergland und in Kapernaum am See Genezareth, wo er allerdings bis in seine Familie hinein auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Jesus forderte von seiner kleinen Anhängerschaft, dass sie sich ebenfalls von ihren Herkunftsfamilien trennte und ausschließlich der Verbreitung der messianischen Botschaft verschrieb. Besonders umstritten war er bei einem Teil der pharisäischen Reformbewegung, an deren aus seiner Sicht rechthaberischer und selbstgerechter Frömmigkeit sich wiederholt Konflikte entzündeten. Teile der Rabbinen und Pharisäer lehnten seinen Auslegungsanspruch ab und attackierten öffentlich seinen Umgang mit fragwürdigen Leuten als anmaßend und gotteslästerlich. Tatsächlich scheute er nicht den Kontakt in soziale Milieus, um die man einen großen Bogen machte: Prostituierte und Zöllner zum Beispiel, die man als römische Kollaborateure verachtete. Wohin Jesus von Nazareth kam, sammelten sich kranke Menschen um ihn in der Erwartung einer heilsamen Berührung und Ermutigung zum Leben. Von seinem Glauben an die alles erfüllende Gotteswirklichkeit erzählte er sehr lebensnah vor allem in seinen Gleichnissen. Er nahm die Menschen mit. So wuchs die Bewunderung, und wohin er kam, zog er viele an. Manche sahen in ihm einen zweiten Johannes (der Täufer Johannes war hingerichtet worden), obwohl er nicht taufte, andere sogar den wiedererstandenen Propheten Elia. In seiner Auslegung der Tora suchte er, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und den Sinn und Zweck der Gebote herauszustellen. Bloßen Ritualismus nahm er nicht ernst, und eine zur Schau gestellte Frömmigkeit verabscheute er. Er vertrat eine pazifistische Ethik und setzte sich mit dem Tempelkultus sehr kritisch auseinander. Diese Haltung weckte Widerspruch und führte zu Nachstellungen. Als er die Geschäftetreiberei im Tempelbezirk angriff und Jerusalems Schicksal prophetisch ankündigte, geriet er mit den Jerusalemer Autoritäten der Priesteraristokratie in Konflikt. Sie ließen ihn am Abend des Passahfestes festnehmen, der Gotteslästerung anklagen und den römischen Besatzern zur Verurteilung übergeben. Es folgte ein politisches Urteil, weil er angeblich von sich behauptet hatte, König der Juden zu sein, also einen messianisch-politischen Anspruch erhoben hätte. Jesus von Nazareth wird gefoltert, öffentlich gedemütigt und gekreuzigt und stirbt auf der Richtstätte Golgatha in Jerusalem. Seine Anhänger dürfen ihn begraben. Die Frauen unter ihnen suchen nach seinem Tod das Grab auf und erzählen erschüttert, dass sie ihn nicht unter den Toten gefunden hätten. Sie wären einem Engel begegnet, der seine Auferweckung verkündigt hätte.

Ein jüdischer Mann fühlte sich berufen, seinen Glauben an Gott, wie er in der Tora bezeugt ist, eigenständig auszulegen. Im Glauben, dass Gottes Eingreifen sich sogar schon andeutet, wollte er Menschen aufwecken und überzeugen, dass etwas Umwälzendes geschieht und sie im Hochgefühl einer Zeitenwende, eines Kairos, zu einem Sinnes- und neuen Lebenswandel anhalten. Seine Anhänger bildeten mit ihm eine Nachfolgegemeinschaft, die ihn bei seinem Vorhaben unterstützte. Er fühlte sich seinem Gott auf innigste Weise nahe und schöpfte daraus Kraft und Entschlossenheit, sah sich als Werkzeug Gottes, als Bote seiner Gerechtigkeit. Gebildet und mit den religiösen Überlieferungen seines Volkes vertraut, zitierte er nach altem Brauch die Tora in der Synagoge und legte sie aus, wurde dort aber mit seiner eigenwilligen Lesart und Interpretation abgelehnt und vollzog dann selbst den Bruch mit seinem bisherigen Leben.

Ich denke, dass er sich als messianischen Propheten und Friedensboten betrachtete. Er war sich seiner Berufung gewiss. Es scheint andererseits aber so gewesen zu sein, dass er immer wieder hinter seiner Botschaft und hinter seinem Wirken zurücktrat und weder sich selbst noch einen seiner Anhänger hervorheben wollte, und er wollte, dass das in seinem Umfeld auch kein anderer tat.

Ich glaube nicht, dass die Gottessohnschaft zu seinem Selbstverständnis gehörte, wie es die Evangelien retrospektiv darstellen. Dass Jesus Christus der Sohn Gottes sei, ist Ausdruck des Glaubens seiner Nachfolger und Nachfolgerinnen. Wohl aber glaube ich, dass er, wie schon der Täufer, nur wesentlich hoffnungsvoller als dieser, sich als ein Bote einer großen Zeitenwende gesehen hat. Dass er sich berufen glaubte, den Menschen Augen und Herzen für die Wirklichkeit Gottes zu öffnen, mit der Vision von einer Welt, in der das Böse entmachtet ist (Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen, Lukas 10), wo Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sich küssen, Lahme gehen, Blinde sehen und den Armen das Reich Gottes verkündigt wird, wie es bei den Propheten immer wieder angeklungen ist. Und das in einer Zeit, die alles andere als friedlich war. In jedem Dorf und jeder Stadt lehrten römische Garnisonen das Fürchten. Die politische Führung war korrupt und konnte sich nur als Vasall Roms behaupten. Großgrundbesitzer hatten weite Teile des Landes in ihren Besitz gebracht und nahmen die Landlosen aus. Neben großer Armut wuchsen römische Villen und Latifundien für die Schönen und Reichen am See Genezareth und an der Levante. Und im Untergrund sammelten sich jüdische Aufständische.

Jesus von Nazareth hat das Risiko gekannt, das er mit seinem öffentlichen Auftreten und seiner Botschaft einging. Der Konflikt mit den herrschenden Theologen und schließlich in der hoch angespannten Situation im Land auch mit der politischen Führung ließ nicht auf sich warten. Ein Funke genügte, um die Situation eskalieren zu lassen, was sein Jünger Judas und vielleicht auch andere aus seinem Umfeld kaum erwarten konnten. Er schien zu schwanken, ob er sich dem aussetzen und die Konsequenzen auf sich nehmen sollte. Der Überlieferung nach entschied er sich im Garten Gethsemane dazu, seiner Sache treu zu bleiben. Als man ihn verhaftet, überlässt er sich dem Prozess in einer merkwürdigen Passivität. An keiner einzigen Stelle sagte der Rabbi aus Nazareth seinen Weg selbst voraus oder deutete ihn als notwendig an – das sind spätere Glaubenszeugnisse, die ihn als den Gottessohn und Christus/Messias darstellen, dieses Glaubensbekenntnis biografisch zurückprojizieren – und damit zweifellos eine ungeheure Anziehungskraft über die Jahrhunderte hinweg entwickeln.

Es sind die in den Evangelien und Briefen des Neuen Testaments und im Glaubensbekenntnis der Alten Kirche entfalteten Dogmen der Christologie, die heute vielen den Zugang zum Glauben erschweren und auch mir teilweise formelhaft und wie aus der Zeit gefallen vorkommen. Man bekommt das einfach nicht zusammen mit einem Weltverständnis, das eine metaphysische Wirklichkeit schlechterdings nicht mehr denken kann. Ich halte es daher für legitim, zunächst einmal den Spuren des historischen Jesus zu folgen. Ich verbinde mit dem Blick auf den historischen Jesus die Hoffnung auf eine Spurensuche, die den eigenen Glauben inspiriert. Also: Wie kann ich mit Jesus glauben? Statt gleich zu fragen: Wie kann ich an Jesus Christus glauben? Natürlich weiß ich, dass die Jesuszeit uns in den Schriften des Neuen Testaments als die von den ersten Zeugen und Zeuginnen gedeutete und erinnerte Christuszeit begegnet. Ich möchte diese Jesuszeit aber, wie er selbst es tat, zunächst einmal als Vertrauen auf die Gotteszeit und Gotteswirklichkeit verstehen.

Für mich ist Jesus aus Nazareth ein Mensch mit großem Gottvertrauen gewesen und dem Bewusstsein, ein Werkzeug des Friedens an der Schwelle zu einem Zeitenumbruch zu sein. Für diese Berufung suchte und fand er Gleichgesinnte zunächst unter den einfachen Leuten am See in Galiläa. Aus der Kraft dieser inneren Berufung verletzte er Konventionen und Regeln und wandte sich Menschen zu, die er in die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen (zurück)führen wollte. Im Mittelpunkt seines Glaubens stand das Bild eines barmherzigen Gottes. Daher richtete sich sein Blick zuerst auf Menschen, die unter die Räder gekommen waren, oder die man als gescheitert ansah. Indem Jesus aus Nazareth seine jüdischen Glaubensangehörigen in der Tradition der Prophetie und Visionen Israels aufzurütteln versuchte, hat er etwas hinterlassen, was Menschen aus allen Völkern noch heute bewegt.

Eine Schlüsselrolle nahmen dabei die Menschen ein, die ihn begleiten und als Erste davon erzählen, dass er auf unbeschreibliche Weise lebendig ist. Sie nannten es Auferweckung oder Auferstehung von den Toten, wie es insbesondere in der pharisäischen Frömmigkeit schon vor Jesus üblich war. Sie malten die Ereignisse mit den religiösen Bildern ihrer Zeit aus und ließen die Auferstehung durch Engel bezeugen. Sie kleideten ihre neue Hoffnung in die Erzählungen vom weggewälzten Stein und leeren Grab, von den Begegnungen mit seinen Jüngern und dem ungläubigen Thomas und schließlich am See Genezareth, wohin sie zurückgekehrt waren. Oder sie erzählten, wie er ihnen unerkannt auf dem Weg nach Emmaus, einem kleinen Ort in der Nähe Jerusalems, begegnete und ihnen erst abends beim Brotbrechen aufging, wen sie vor sich hatten. Das alles sind Glaubenserzählungen und keine Tatsachenberichte. Sie wollen die Lebendigkeit Jesu vermitteln und bezeugen, dass Jesus weiter unter ihnen ist. Hunderte waren es, die in unmittelbarer Nähe zu den Ereignissen am Passahfest und auch später noch auf dem Weg des einstigen Christenverfolgers Paulus nach Damaskus seine Kraft zu spüren glaubten, sich von der Botschaft des Sieges über den Tod mitreißen ließen, diese Hoffnung mit allem verknüpften, was sie über ihn gehört hatten, anfingen, nachzuerzählen und zu sammeln, aufzuschreiben und in ihren Versammlungen vorzulesen, was sie über ihn in Erfahrung bringen konnten. Für sie deutete im Rückblick auf sein Leben alles darauf hin, dass er der leidende Gottesknecht war, den der Prophet Jesaja angekündigt hatte, der, unerkannt und von der Welt verworfen, die Schuld seines Volkes trägt und mit Gott versöhnt. Oder dass er, der so stark an die Gottesnähe glaubte und zu ihm als Vater betete, selbst der Sohn eben dieses Vaters im Himmel wäre, mit dem er nun bis ans Ende der Zeit über seine Nachfolger wachen und dereinst über ihre Treue richten würde – eine Vorstellung, die wir aus den König-Jahwe-Psalmen kennen. Wie anders sollten sie es auch ausdrücken als mit den Sprachbildern ihrer Tradition?

Dabei vollzog sich ein Fokuswechsel. Je mehr sich der Glaube, den Jesus zu Lebzeiten selbst vertreten und verkündet hatte, nach seinem Tod in den Glauben an ihn als Sohn Gottes und Messias verwandelte, desto überzeugter war die junge Jesusbewegung, dass sich die alten Verheißungen Israels nun für alle Menschen erfüllten. Sie knüpften damit an die großen Erzählungen des Tanach an, sahen in Jesus Christus den zweiten Moses, der sein Volk aufs Neue aus der Gefangenschaft ins gelobte Land führt und als Messias und Friedefürst die alte Wurzel Jesse zum Leben erweckt – aber diesmal in einem neuen Bund mit allen Menschen. Jesus hat das Reich Gottes verkündigt, was kam, war die Kirche, heißt es spöttisch bei einem Kritiker aus dem 19. Jahrhundert – eine Kirche, die sich selbst als das neue Volk Gottes dazu berufen fühlte, die ganze Welt in Jesu Auftrag und Namen zu missionieren und zu taufen. Sicher war das eine bemerkenswerte Umdeutung: Jesus, der zwar getauft war, aber selbst nicht taufte, gibt vor seiner Himmelfahrt die Losung aus: Gehet hin in alle Welt, machet zu Jüngern alle Völker, taufet sie auf den Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe (Matthäus). Ein Text, der in dieser Weise erst entstanden ist, als sich die christliche Gemeinde schon auszubreiten begann und mit dem sie ihre Mission begründete.

Als sich der Jesusbewegung Leute anschlossen, die keine Juden waren, aber mit dem jüdischen Glauben sympathisierten, und Juden aus der Diaspora, die hellenistisch geprägt waren, entstand das Bedürfnis, die Geschichte von Jesus Christus auch in deren Vorstellungswelt zu übertragen und Bilder und Symbole zu verwenden, die ihrem religiösen Weltbild und ihrer Kultur entsprachen. Fast hätte es der jüdischen Herkunft und der alten Geschichte Gottes mit seinem Volk nicht mehr bedurft, so unabhängig und universal wurde Jesus Christus im Johannesevangelium gedeutet: Im Anfang war das Wort (Logos), und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit (Prolog). Später fanden weitere Metamorphosen statt, die aus der Jesuserinnerung ein mystisches Drama, einen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse machten (Gnosis). Daraus entwickelten sich heftige Richtungsstreitigkeiten innerhalb der alten Kirche, bis das apostolische Glaubensbekenntnis in den ökumenischen Konzilien des vierten und fünften Jahrhunderts verbindlich wurde. Bis dahin wurden, in der Sorge, das Christusbekenntnis könnte verfälscht werden, (apokryphe) Evangelien verworfen, der biblische Kanon abgegrenzt, Glaubensregeln aufgestellt und Bischöfe (Aufseher) eingesetzt. Der christliche Festkreis von Ostern und Pfingsten wurde um Weihnachten erweitert. Und die Kalender folgten allmählich einer neuen Zeitrechnung: post Christum natum – nach Christi Geburt.

Diese Transformationen einer ursprünglich jüdischen Bewegung in eine neue Weltreligion liegen wie Schichten auf den im Neuen Testament bezeugten Ereignissen und sind als Interpretamente wirksam. Und sie prägten sich umso mehr ein, als man die Schriften des Neuen Testaments fortan als historische Tatsachenberichte las. Für mich ist es spannend, dass man diesen Transformationsprozess, wenn auch nur in Ansätzen, rekonstruieren kann, weil sich damit einerseits das Prozesshafte des Glaubens darstellen und andererseits bestimmte dogmatische Geltungsansprüche relativieren lassen. Man hat diesen Ansatz beim historischen Jesus bereits in der neutestamentlichen Leben-Jesu-Forschung im 19. Jahrhundert verfolgt, aber auch bald wieder verworfen, weil man meinte, man könne keine Grundierung hinter all den Übermalungen ausfindig machen. Entweder das Bild, wie es ist, oder kein Bild. Das sehe ich anders. Ich finde, dass das Abheben der eindeutigen Schichten christlicher Bekenntnisbildung zu einem jüdischen Menschen führt, der mit seinem Glauben, seinem Wirken und seinem Sterben eine Bewegung ausgelöst hat, die bis heute Zulauf findet. Man kann sich an den Rabbi aus Nazareth erinnern, wie er in seinen Gleichnissen, Seligpreisungen, seinem Gebet, in der Tischgemeinschaft mit „Sündern und Zöllnern“ und durch seine heilende Zuwendung zu Kranken und Armen seinen Glauben lebt und verkündigt – einen Glauben, der durch die Erinnerungsgeschichte des Christentums hindurch bis heute für viele Menschen ein Schlüssel zur Sinngebung im eigenen Leben geworden ist.

Inzwischen hat sich die neutestamentliche Forschung zum dritten Mal der Frage nach dem historischen Jesus (Third Quest) gestellt. Ein wesentlicher Ertrag ist diesmal die Erkenntnis des jüdischen Kontextes, in dem Jesus und die frühe Nachfolgegemeinschaft sich bewegen. Ein zweites Ergebnis besteht darin, dass jede Form der Erinnerung, auch die an den historischen Jesus, von den Vorstellungen und Interessen dessen geleitet wird, der sich erinnern will. Auch der geschichtliche Jesus bleibt dem hermeneutischen Zirkel der Interpretation verhaftet. Liegt in dieser Einsicht nicht auch ein gutes Stück Freiheit beschlossen, den eigenen Formen des Erinnerns zu vertrauen? Wer ist Jesus Christus für uns heute? Mit dieser Frage begann Dietrich Bonhoeffer 1933 in Berlin seine Vorlesung über Christologie, der Lehre von Christus. Wir können dabei auf das Erinnerungsgeflecht der ersten Christen nicht verzichten und quasi einen Standpunkt außerhalb einnehmen. Aber man hat den Glauben auch nicht vorliegen wie einen Keks in der Schachtel. Vielmehr lässt sich die Erinnerung nur zusammen mit ihren Ausdrucksund Überlieferungsformen öffnen, indem wir diese geschichtlich ergründen, sie übersetzen und interpretieren – und damit allererst verstehen und so für uns entscheiden, welcher der Spuren wir folgen, die der Mann aus Nazareth in den biblischen Zeugnissen hinterlassen hat. So ist christliche Existenz im besten Sinne eine Spurensuche. Das ist für mich aufgeklärter Glaube, ob man dabei die Botschaft des Rabbis aus Nazareth oder das Bekenntnis zu Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt, oder beides zusammen. Die erinnerte Geschichte ist nicht die quasi objektive Voraussetzung für den Glauben, so als müsste man nur noch Ja und Amen sagen, sondern der Glaube tritt aktiv in die Geschichte der Erinnerung ein. Das wiederum kann Menschen helfen, die im Glauben auf der Suche sind. Denn die Offenheit befreit vom Druck der Vollständigkeit. Dogmen sind hermetisch, Glauben nicht. Man muss nicht alles glauben, um ein gläubiger Mensch zu sein. Die Evangelien selbst erzählen, wie die Menschen, die mit Jesus auf dem Weg sind, zwischen Gewissheit und Zweifel schwanken. Das gehört zum Glauben.

Es wird immer wieder gefragt, worin der christliche Glaube bestehe, wenn man Jesus so entschieden in die Kontinuität der Hoffnungen Israels stellt. Die Gegenfrage lautet: Geht es um das Christentum, oder nicht doch eher darum, mit dem Judentum und dem Juden Jesus an Gott zu glauben? Es wird auch gefragt, ob das Christentum nicht mehr sei als Humanismus. Die Gegenfrage: Was wäre falsch daran, wenn ein Mensch durch seinen Glauben zu einem humanen Leben fände? Schließlich wird moniert, dass man dafür kein Christ zu sein bräuchte. Dem ist nichts entgegenzusetzen. Jesus Christus war auch kein Christ, sondern ein gläubiger Mensch, dem es mit allen Fasern seines Lebens darum ging, Gott als liebendem Grund zu vertrauen und seinem Nächsten beizustehen. Das kann man als Jude, Muslim, Buddhist, Humanist oder Christ. Wer sich in der Weltgeschichte umsieht, entdeckt, dass es leuchtende Vorbilder des Glaubens überall auf der Welt und auch in anderen Religionen gab und gibt. Gott sei Dank auch im Christentum. Als Christen glauben wir in der Erinnerung und Nachfolge Jesu an Gott als den Daseinsgrund der Liebe und an seine Barmherzigkeit. Die Trennlinie verläuft also nicht zwischen Christentum und anderen Religionen, sondern quer durch alle Religionen und Kulturen hindurch. Wo Macht und Geld vergöttert werden und Menschen sich über andere erheben einerseits, und wo sie ihrer Bestimmung folgen, in Ehrfurcht vor dem Leben, das Gott geschaffen hat, andererseits.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
201 p. 2 illustrations
ISBN:
9783934900578
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