Read the book: «Menschenversuch»
Monika Landau
Dieter Brumm
Peter Völker
MENSCHENVERSUCH
Kollage-Roman
(nach einer Idee von Peter Völker)
Titelbild und Bild Innenteil: „Milchstraße“
© Timor Oliver Chadik (Satzvey)
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
2. umfangreich überarbeitete Auflage
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Ich halte es mit dem Mythos von Sisyphos von
Camus, daß der Stein nie oben liegen bleibt.
Nichts hasse und fürchte ich mehr als
Ideologien, die mir einen Endzustand, den
glücklichen Menschen, beschreiben. Was die
Literatur betrifft, so hoffe ich, daß sie wieder
subversiver und anstößiger wird.
Günter Grass
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Zitat
I Sinnestäuschung
Unfall-Begegnungen
Chaos, Schöpfung, Liebe
Auto(r) – Erfahrungen (1)
Alphas Göttertraum
II Götterbilder – Alphas Wahl
Baumhaus
Anna
Atomfuchs
Lachsprobe
III Einsichten in Überlebensfragen
Die Flucht des Autors (2)
Zukunft im Dichterstreit
Lebenslicht oder Karl Ernst im Koma
Karrieregänger
Tauschwert eines Arbeiters
Narrenfront oder Eine Autoren-Kindheit
Knochenfisch
Blinde Zeiger Autoren-Recherche im fremden Land (3)
Leibeigene
Feigheit zählt oder Die erste Lehre des Autors
Rebellion
Totenholz
Entsorgungen Der Autor findet eine Spur (4)
Lea und der Ochsenfrosch - Werdegang des Autors
Alpträume um Anna
IV Auftrag der Göttin
Schicksalswächter
Selbst-Gespräch der Erdbewohner
Nebelgrenzen - Der Autor erfährt mehr über einen Mord (5)
Blumen des Bösen - Werdegang des Autors (II)
Wendezeit (6) oder das Scheitern des Autors
Götterdämmerung
Wiedergeburt
Lebenshilfe
Autoren
I
SINNESTÄUSCHUNG
Noch vor Himmel und Erde war als
allererstes das Chaos da, das »Gähnen«, der
leere Raum. Aus dem Chaos heraus entstand
die Nacht, aus der Nacht der Tag und der
Lichterglanz des Äthers, und Gaia, die Erde,
schuf aus sich heraus den Himmel, die
Gebirge und das Meer.
Hesiod
UNFALL-BEGEGNUNGEN
Der Börsenmakler und notorische Linksfahrer, Karl Ernst, schoss mit seinem Sportwagen über die Autobahn Richtung Süden. Im Zwielicht dieses trüben Morgens kniff er die Augen zusammen. Seine Wangenmuskeln tanzten im hageren Gesicht, spiegelten die Nervosität, die er im Börsenalltag immer unterdrücken konnte. Im Laufe der Jahre wird diese Anspannung für andere sichtbar. Zeit für Börsenmakler, die Karriere zu beenden, denn das Sichtbare, das Reale ist Gift für die Spekulation.
Karl, dessen Blick durch Raum und Zeit zu dringen schien, war eine bekannte Größe, ab und zu Gast in Harrys Bar, dem Heiligtum der Börsenmakler und mit den Gedanken bereits bei einem neuen Geschäft. Ein gigantischer Deal wartete auf ihn und er versuchte, seine Strategie akribisch innerlich durchzuspielen. Mit den Fingern tippte er nervös am Lenkrad seines Wagens. Abends würde er, um einiges wohlhabender, mit Doris, Katja oder Antje joggen, squaschen und mehr, um seinen drahtigen Körper für neue Kontrakte und Kontakte fit zu halten.
Die Autobahn war in diesen frühen Stunden schwach befahren. Die Nacht über hatte es gefroren. Bäume und Sträucher am Rande waren mit Raureif überzogen, ohne dass Karl daran Gefallen fand. Und während das Autoradio Popmusik verströmte, schoben sich dunkle Schneewolken zusammen. Karl verspürte Lust auf einen Kaffee und entschloss sich zu einem Stopp an der nächsten Raststätte. Es war die letzte Möglichkeit vor dem Autobahnkreuz am Westrand der Stadt. Karl, fest auf die geplante Finanzaktion konzentriert, hätte die Ausfahrt fast verpasst. Er bremste scharf, schlitterte in die Ausfädelspur. Als er ausstieg, fröstelte ihn. Nur mit einem grauen Maßanzug bekleidet ging er rasch in das Restaurant.
Eine wohlige Wärme schlug ihm entgegen. Kaffee-, Gebäck- und süßer Menschengeruch hing in dem Raum. Karl holte sich am Tresen ein Kännchen Kaffee und steuerte den letzten freien Tisch an. Beim Bezahlen hatte er der Kassiererin zugelächelt und für ein paar Sekunden seinen Auftrag vergessen. Karl, der im Warentermingeschäft ebenso Zuhause war wie im Aktien- und Devisenhandel, liebte Frauen, wenn auch meistens nur für kurze Zeit.
An abgewetzten Tischen, die schon Tausenden von Durchreisenden gedient hatten, saßen die meisten still versunken. Nur in der Schlange an der Theke tauschten einige Worte aus. Und doch lag eine eigenartige Stimmung im Raum. Raststätten an Autobahnen sind mystische Orte. Da begegnen sich Fremde oft nur für Minuten, streifen sich in Gedanken, berühren sich für einen winzigen Augenblick der Geschichte. Anders als an Bahnhöfen, Flughäfen und Häfen sind die Menschen nicht vom Ziel ihrer Reise beseelt, sondern vom Moment der Rast, gönnen sich kurz Ruhe, horchen eher in sich hinein, so als hielten sie auch im Kopf inne und wollten das Erreichen des Ziels hinausschieben.
Eine abwesend dreinschauende Bedienung mit schmutziger Schürze wollte Karls Tasse abräumen. Er machte sie unwirsch auf deren Inhalt aufmerksam. Er hasste Unachtsamkeiten, vor allem gegen ihn gerichtete. Sie drehte sich wortlos um, verschwand hinter dem Tresen. Kurz darauf holte sich Karl einen zweiten Kaffee. Als er zum Tisch zurückkehrte, hatten zwei Männer Platz genommen, was er innerlich mürrisch, äußerlich aber gelassen hinnahm. Er setzte sich auf den einzigen freien Stuhl, der ihm den Blick nach draußen ermöglichte. Durch die leicht beschlagenen Scheiben des Restaurants beobachtete er das Schneetreiben. Von Minute zu Minute dichter trudelten die Flocken durch den Morgen, ab und zu von einer Böe aufgeschreckt. Da sein Termin erst für den späten Nachmittag geplant war und das Drehbuch hierfür feststand, störte ihn das Schneetreiben nicht. Er würde, wie immer, pünktlich zur Stelle sein.
Die Männer am Tisch redeten zunächst nicht miteinander. Der rechts neben Karl, etwa vierzig Jahre alt, mit kugeligem Bauch, kleinwüchsig und rundem rötlichen Gesicht, in dem zwei schlaue Augen blitzten, nippte trotz der frühen Stunde an einem Bier. Um seine schmalen Lippen spielte ein zufriedenes Lächeln. Der Zweite, schlaksig, um die fünfzig, mit dunkelblonden, leicht angegrauten Haaren, braunen Augen und schmutzigen Fingernägeln, blätterte in einem Magazin, versank in einem Skandalartikel.
Was keiner am Tisch wusste: ein Autor tankte draußen seinen Wagen, Wind und Schnee hart im Gesicht. So schnell wie möglich wollte er seiner Arbeit entfliehen, die ihn seit Jahren zermürbte. Hektische Recherchen, die in unfreiwilligen Mischungen aus Wahrheit, Halb- und Unwahrheiten mündeten, hatten ihre Spuren auf und unter seiner Haut hinterlassen. Karl sah ihn vage von hinten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Innere des Restaurants lenkte, hatten die beiden anderen ein lockeres Gespräch aufgenommen: Unterhaltungen, wie sie in Raststätten täglich tausendfach stattfinden. Der kleine Rundliche war auf Dienstreise, musste irgendetwas mit atomarer Entsorgung zu tun haben, während der Schlaksige offensichtlich in der Chemieindustrie arbeitete. Die Wortfetzen, die Karl aufnahm, interessierten ihn nicht, obwohl diese Wirtschaftszweige gute Dividenden abwarfen. Aber am Nachmittag ging es um Devisen und nicht um Aktien. Karl konzentrierte sich immer auf das Jetzt. Das Gespräch der Zwei blieb auch zu oberflächlich, weckte seinen Börseninstinkt nicht. Die Kellnerin räumte die leeren Tassen von Karl teilnahmslos ab; ein Zeichen zum Aufbruch. Er verließ wortlos Tisch und Restaurant.
Der Schneewind tobte jetzt heftig und Karl hastete mit zusammengekniffenen Augen, den Blick nach unten gerichtet, zum Parkplatz. Kurz vor dem Wagen prallte er mit einem Mann zusammen, der tief gebeugt zur Raststätte wollte. Der Stoß war so kräftig, dass beide fast auf den glatten Asphalt geschleudert worden wären. Eine Katastrophe für Karl, denn kein zweiter Anzug war parat. Und der Kauf eines neuen hätte ihn in eine gewisse Zeitnot gestürzt, was Karl hasste – ebenso wie Leute, die seine Pläne durchkreuzten.
Karl dachte nicht mehr an seine Strategie für den Nachmittag. Die Schneeflocken fielen so dicht, dass er sich auf das Fahren konzentrieren musste. Äußerst vorsichtig, was sonst nicht seine Art war, schlich er mit seinem 120 PS-Sportwagen zur Ausfahrt; geschickt drängelte er sich auf die Fahrbahn. Er hatte ja nur noch zwanzig Kilometer zu seinem Ziel. Die Straße war mit einer festgefahrenen Schneedecke überzogen.
Einmal in der weit gestreckten Autokolonne erwachte Karls Abenteuerlust. Er wechselte zur linken Spur und beschleunigte kontinuierlich. Sein Jagdtrieb, mit einer gewissen Lust an Gefahr für sich selbst gespickt, nahm Besitz von ihm. So fuhr er im Morgengrauen auf das große Autobahnkreuz zu. Die graue Trabantenstadt, die sonst östlich von der Autobahn auftaucht, blieb an diesem Tag ebenso hinter den weißen Schleiern verborgen wie die vielen Einzelschicksale der dort lebenden Menschen.
Die Tachonadel hatte 100 km/h längst überschritten, als der Straßenbelag abrupt wechselte. Ein Streufahrzeug hatte den harten Schneebelag in eine matschige Unterlage verwandelt. Karl registrierte dies zu spät. Wie aus dem Nichts tauchte vor ihm eine dunkle Wand auf; ein mit Langholz beladener Schwerlaster. Dem sonst so trickreichen und reaktionsschnellen Karl blieb keine Chance. Sein hilfloser Bremsversuch stellte den Wagen quer, schleuderte ihn mit der ganzen Wucht seiner mittlerweile 130 km/h gegen die rechte äußere Stoßstange des querstehenden Lasters. Karl, der sich selbstsicher nicht angeschnallt hatte, löste sich vom Sitz, und sein Körper wurde durch die rechte, vom Aufprall aufgerissene Tür katapultiert. Für Bruchteile von Sekunden nahm er nur noch sanftes Rauschen und bunte Bilder wahr, dann schlug er mit der Stirn gegen die Leitplanke. Regungslos lag er mit seinem eleganten Flanellanzug in einem schmutzigen Schneehaufen, den das Räumfahrzeug am Rande der Trasse aufgeworfen hatte. Augen und Mund waren weit geöffnet. Sein so stolzes Bewusstsein hatte ihn verlassen; äußerlich kaum gezeichnet wirkte er wie ein Schlafender. Nur die Bluttropfen, die aus Ohren, Nase und Mundwinkeln in den Schnee tropften, verrieten seinen Zustand.
Die Stämme auf dem Holzlaster hatten sich beim Aufprall leicht verschoben, ächzten einen Moment, als seien sie aufgewacht und erschrocken. Aus einem dieser Stämme hing aus einem Astloch eine Orchidee, die die lange Seereise und den Frost nicht überlebt hatte, verwelkt herab. Auf Karls grauen Anzug schwebten Schneeflocken, legten sich sachte ab, als wollten sie ihn vor der Kälte schützen. In diesem Augenblick näherte sich ein weiterer Lastzug der Unfallstelle. Der Fahrer, in dem Schneegestöber chancenlos wie Karl, schleuderte mit seinem Gefährt beim Bremsen. Zugmaschine und Anhänger kippten donnernd auf die Seite. Die Planhülle des Hängers gab ihre Fracht frei: aus aufgeplatzten Kartons klatschten rötliche Lachsscheiben, eingeschweißt in flache Plastiktüten, in den Schnee, verließen ihren dunklen Käfig, als suchten sie noch einmal die Freiheit der klaren Gewässer ihrer Jugend. Eine dieser Plastiktüten huschte auf Karls Gesicht zu, touchierte seine Nase. Auf die Lachstüte tropfte Karls Blut.
Eine Frau mittleren Alters, begleitet von zwei jungen Männern, erreichte zuerst den leblos wirkenden Körper. Sie beugte sich zu ihm hinunter. Wäre Karl nicht bewusstlos gewesen, hätte er in zwei tiefschwarze, rebellische Augen gesehen. Sie ertastete seine Halsschlagader. »Esta viviendo!«, rief sie aus. Schnell verständigte sie sich mit den beiden Männern und ihr Gesicht hellte sich auf. Die Frau legte dem Börsenmakler die Hand auf die Stirn. Der eine der beiden Männer organisierte eine Wolldecke, der andere rannte an der Autoschlange entlang, auf der Suche nach einem Mobiltelefon. Wenige Minuten später ertönte die Sirene eines heraneilenden Krankenwagens. Karl Ernst wurde vorsichtig auf eine Trage gebettet, dann bahnte sich das Rettungsfahrzeug den Weg durch die Autoschlange und das Schneetreiben. Andere Menschen waren nicht zu Schaden gekommen.
Nach einer Stunde hatte man auch Karls Sportcoupé und den umgestürzten Lastzug geborgen, die Lachsscheiben wieder in ihre Kartons verbannt. Die Frau mit ihren Begleitern setzte ihre Reise fort, ebenso der Lastzug mit Tropenhölzern, der kaum eine Schramme abbekommen hatte. Schließlich passierten auch die beiden Männer aus der Raststätte, die sich an Karls Tisch unterhalten hatten, die Unfallstelle. Den blutigen Schnee am Rande der Autobahn nahmen sie nicht wahr. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Am Autobahnkreuz hatte sich die Verkehrslage entspannt. Schnee fiel nicht mehr. Menschen, tote Baumriesen und filierte Lachse, die sich für kurze Zeit gestreift hatten, verloren sich wieder südlich des Kreuzes, strebten ihrem Ziel entgegen.
Karl lag, immer noch ohne Bewusstsein, bereits auf der Intensivstation der Unfallklinik zwischen Autobahnkreuz und Stadt. Das Personal hatte ihn anhand seiner Visitenkarte identifiziert und sein Büro verständigt. Seine Sekretärin wirkte zunächst verzweifelt, doch nach kurzer Zeit besann sie sich, sagte alle Termine für die nächsten Wochen ab, auch die privaten. Nur die dollarschweren Devisenspekulanten, die für den späten Nachmittag aus Übersee erwartet wurden, konnte sie nicht mehr aufhalten. Was mit ihnen geschehen sollte, würde sich finden. Schließlich war sie perfekt ausgebildet und im Umgang mit kniffligen Situationen seit Jahren geübt.
Zwischen Schläuchen, Kanülen und Infusionsgestellen wirkte der sonst so strahlende und selbstbewusste Börsenmakler hilflos und abhängig. Seine Gesichtszüge waren jedoch entspannt. Die vielen medizinischen Geräte und Monitore erinnerten eher an den Leitstand einer Rakete als an eine Krankenstation, in der um Leben und Tod von Menschen gerungen wird. In dieser technisch perfekten Welt gab es kaum Körperkontakte. Die Pfleger und Schwestern beobachteten ihre Patienten hinter Glas aus Kabinen heraus. In Karls Krankenblatt, das am Fußende des Bettes baumelte, hatte der Oberarzt der Station einen doppelten Schädelbasisbruch diagnostiziert. Die Oberschwester kontrollierte die Linien auf den Monitoren. Puls und Blutdruck hatten sich stabilisiert. Was Oberschwester Margret Sorgen bereitete, waren seine Gehirnströme. Bizarre Ausschläge auf dem Elektroenzephalograph machten sie stutzig, da sie nicht mit seiner schweren Kopfverletzung in Verbindung stehen konnten.
Körper und Geist Karls hatten sich vorerst getrennt, lebten parallel dahin. Gesteuert von elektrischen Maschinen und medikamentös gedopt harrte Karls Körper aus. Sein Geist pendelte zwischen Körper und Außenraum, unschlüssig wohin er sich wenden sollte. Dabei emanzipierte er sich immer mehr von Karl – über Geburt und Tod hinaus in die unendliche Spirale zwischen Anfang und Ende. Oberschwester Margret und der hinzu gerufene Oberarzt erkannten zwar die immer intensiveren Schwingungen auf ihren Monitoren, vermochten sie aber nicht zu deuten. Losgelöst vom Fleisch fing Karls Geist an zu träumen: sein Lebenslicht.
CHAOS, SCHÖPFUNG, LIEBE
Alpha füllte allein sich und die dunkle Welt aus. Omnipotent vereinigte sie in sich Alles und Nichts, Anfang und Ende, Licht und Dunkelheit. Zeit und Raum, Energie und Materie existierten noch nicht, nur Alpha. Einsam strömte sie durch sich selbst, doch dies Ineinander von Allwissenheit und Ewigkeit befriedigte sie schon lange nicht mehr. So erwog sie neue, unbekannte Initiativen. Zunächst versuchte sie zaghaft Gefühle aufzuspüren, denn Leid, Freude, Liebe, Hass, Wonne und Schmerz hatte sie noch nicht erfahren. In ihr erwachte Forscherdrang. Zug um Zug entfaltete sie den Fächer des realen und geistigen Empfindens. Immer mehr verließ sie den Zustand bloßen Seins.
So begann sie, in ihrer Geisteswelt mit Experimenten. Schon recht einfache Erfolge, wie beispielsweise das Denken der Schwerkraft oder der Hebelgesetze befriedigten sie zutiefst. Mit göttlicher Akribie und Leidenschaft ging sie daran, ihr Werk zu vervollkommnen. Sie erdachte Gesetze der Chemie, der Physik und der Biologie bis ins winzigste Detail. Immer wieder spielte sie die neuen Gesetze unendlichfach durch, prüfte sie, verglich sie auf ihre Wechselwirkungen untereinander. In ihrer besessenen Reflexion entstand ein perfektes Gebäude theoretischer Existenz neben ihrem Geist. In diesem Kraftpunkt, der im Vakuum des Nichts ruhte, hatte sie alles angelegt: die Elemente und ihre Verbindungen, die Quellen des Lebens, die Staubpartikel wie das gesamte Universum. Stille umgab Alpha und ihre Schöpfung.
Alpha war von nun an nicht mehr allein. Neben und in ihr existierte das Ergebnis ihrer schöpferischen Kraft, freilich noch unfassbar. Intellektuell begriff sie ihre Schöpfung, ließ nicht mehr von ihr ab, war unruhig. Fasziniert blätterte sie immer intensiver in den von ihr erdachten Gesetzen, ließ Fragmente vor ihrem geistigen Auge auftauchen und wieder verschwinden, experimentierte fleißig, genoss die erfolgreichen theoretischen Spiele. Sie, die bislang nur an Einsamkeit gewöhnt war, fühlte sich bereichert, obwohl alles aus ihr selbst entsprang. Fast unmerklich wuchs ein Gefühl in ihr, nahm sie zunehmend in Besitz: die Allmächtige verliebte sich in ihre Schöpfung, in diesen winzigen Punkt des Universums, vollgestopft mit göttlicher Erkenntnis und Energie. Sie liebkoste und behütete ihn, ließ ihn nicht mehr aus dem Sinn. Forscherdrang und andere Gefühle spielten keine Rolle mehr. Blind erlag sie dieser Liebe zu ihrem Kind.
Da in ihrer Schöpfung auch die Grundlagen des Lebens angelegt waren, hätte sie eigentlich erkennen müssen, dass sich Leben nicht festlegen lässt und einen unzähmbaren Drang zur Freiheit entwickelt. Von abgöttischer Liebe erdrückt, strebte das Geliebte nach Emanzipation. Alpha musste im Stolz ihres Schaffens, einen Moment unachtsam gewesen sein. Dieser winzige, nicht vorausgesehene Fehler sollte Folgen haben. Denn je erobernder sie ihr Werk umschlang, desto deutlicher bauten sich Spannungen im Urpunkt auf. Aber sie vernahm den stillen Schrei nach Freiheit nicht. Zu sehr war sie auf sich selbst fixiert. So wurde sie schließlich, geblendet und zu spät, vom Beben des Energiefeldes überrascht, ohnmächtig einzugreifen. Unendliche Energiemengen platzten ins Nichts, drifteten nach Außen, verließen den Zustand höchster Symmetrie. Im Getöse des Urknalls bildete sich im physikalischen Vakuum in einer Kette von Zyklen der Selbstorganisation in wenigen Minuten zunächst das Urplasma, ein Zeit-Raum-Schaum.
Die Expansion der Metagalaxis war eingeleitet. Dann, beim Verlassen des Vakuums, strömte Gas, die Urmaterie, durch die Metagalaxis. Unaufhaltsam blähte sich die Urblase auf, Zeit- und Raumsymmetrie wurden nacheinander gebrochen, die Urmaterie strukturierte sich in Galaxien, einem Zeitpfeil folgend. Der von homogener Strahlung ausgefüllte Kosmos war geboren. Blitzartig hatte sich die Materie in Existenz geschleudert, expandierte, ausgestattet mit der Fähigkeit zur Erneuerung, mit kreativen Potenzen. Das Weltall war ausgefüllt mit Materie und Energie, aber noch ohne Leben geboren.
Fassungslos erstarrt nahm Alpha diesen Urschrei der Materie in sich auf. Es dauerte Milliarden Jahre, bis Alpha sich von diesem Schreck einigermaßen erholte, wieder andere Gedanken zuließ. Bis dahin fremde Gefühle breiteten sich in ihr aus: Angst, Wut und Hass brodelten in ihr, kämpften einen unerbittlichen Krieg mit der Liebe, der nie zu enden schien. Und wieder vergingen Äonen, bis Alpha ihre Gefühle kontrollieren konnte. Die Liebe hatte zwar triumphiert, aber Angst, Wut und Hass waren nicht endgültig besiegt, sondern lauerten in den Nischen ihres Bewusstseins auf einen Ausbruch. Traurig ließ sich Alpha durch das Universum treiben, begann vorsichtig zu überlegen, wie der vertraute Urzustand rekonstruiert werden könnte.
Mit der gleichen Verbissenheit wie einst, ging sie ans Werk, ihre Schöpfung auf sich selbst zurückzuführen. In allen Dimensionen versuchte sie krampfhaft, die universale Explosion in Implosion umzukehren. Sie raste an die Grenzen von Raum und Zeit, begann ganze Galaxien einzusammeln, legte Materiefallen in Form schwarzer Löcher aus. Nichts half. Im Zentrum investierte Energie fehlte an der Peripherie des Universums und umgekehrt.
Mit dieser Sisyphusarbeit verbrachte Alpha einige Milliarden Jahre, bevor sich Zeichen von Erschöpfung einschlichen: fast all ihre Energie war aufgebraucht. Gezeichnet vom erfolglosen Versuch, ihre Liebe zurückzuerobern, musste sie sich eine Ruhepause gönnen, ihren schöpferischen Akkumulator auffüllen. Ihre letzten Kräfte mobilisierend, zog sie sich aus der Weite des Kosmos zurück, sammelte sich am Rande einer Milchstraße. Da fiel ihr ein kleines Gestirn in dieser Galaxie auf, bläulich-weiß schimmernd, mit braunen Flecken, umgeben von geheimnisvollem Licht. Dieser wundersame Planet zog sie an. Sie war nicht enttäuscht, als sie den Himmelskörper erreichte. Feuchte Wärme strömte ihr entgegen, machte sie noch schläfriger als zuvor. Sie entschloss sich, hier auszuruhen, legte sich wie eine zweite Haut um die Gashülle des Gestirns und vergaß Chaos und Kosmos.
In Alphas allumfassenden Augen spiegelten sich Meere und Berge, Eiskappen und Urwälder, aber auch Ansammlungen für sie seltsamer Kästen. Wie im Traum – vielleicht war es schon ein Traum? – konzentrierte sich ihr Blick auf eine solche Ansammlung, durchdrang den nebligen Rauch und bemerkte zahllose, mechanisch sich auf grauen Bändern fortbewegende Gestalten ohne Glieder, von denen offenbar dieser Dunst ausging. Und sie sah andere Wesen, die auf zwei Beinen gingen und in Kästen verschwanden. Die undurchschaubaren Bewegungen ermüdeten sie endlich so sehr, dass sie einschlief.
AUTO(R) – ERFAHRUNGEN (1)
Als der Autor das Verlagsgebäude betritt kommt es ihm noch düsterer vor als sonst. Das kann aber auch an dem verdrückten Licht über der Stadt liegen, denkt er, das ihm wie das Gesicht einer unausgeschlafenen Sonne vorkommt. Und an dem Gefühl, beobachtet zu werden, das ihn seit Tagen quält. Kaum hat er auf der Treppe – der Aufzug ist wieder mal defekt – sein Stockwerk erreicht, kommt der Bürobote Carlos aus seiner offenen, fensterlosen Kammer und sagt:
»Der Chef ist auf hundertachtzig, du sollst sofort kommen.«
Den Autor trifft das nicht ganz unerwartet und er zieht wie in Kafkas Welt durch die schmutzigen Korridore. Doch vor den fünf Männern im Chefzimmer verschwinden solche Vergleiche schnell. Drei davon sind Redakteure in der Einheitskluft der herrschenden Partei: militärähnliche Blousons, die Hosen in Schaftstiefel gesteckt und schwarze Hemden mit Anstecknadeln. Den Vierten, undefinierbar blond und korrekt wie Schaufensterpuppen ausstaffiert, kennt er nicht. Umso besser Kaminski, den Chefredakteur seit neuestem. Der kommt sofort zur Sache:
»Deine letzten Artikel« – er schwenkt dabei ein paar Druckseiten und stiert dem Autor ins Gesicht – »haben nicht nur bei der Regierung Anstoß erregt. Offenbar glaubst du, dass unsere Regeln hier für dich nicht gelten. Dein elitäres Geschwafel kann höchstens die Auflage senken. Ich kapiere sowieso nicht« – dabei blickt er die drei Redakteure so verachtungsvoll an, wie ihm das möglich ist – »wie diese Beiträge trotz unserer Kontrollen überhaupt gedruckt werden konnten. Was hast du dazu zu sagen?«
Der Autor sieht an Kaminski vorbei und schweigt.
»Antworte gefälligst!«
Der Ton wird schärfer und ist sich seiner Macht ganz sicher.
»Du warst mal ein ganz guter Journalist. Wenn du aber glaubst, diese Schmarotzer an unserer Kultur in Schutz nehmen zu müssen, ist es aus zwischen uns.« »Wir haben Informationen darüber«, sagt leicht schleppend der undurchsichtige Blonde, »dass Sie sich im Ausland mit Schriftstellern und Künstlern getroffen haben, denen wir die Aufenthaltserlaubnis bei uns entzogen hatten. Das sieht nicht gerade nach nationalbewusstem Handeln aus.«
Der Autor findet seinen Verdacht bestätigt. Wahrscheinlich hat man nicht nur ihn überwacht, sondern auch Freunde und Verwandte. Er blickt dem dicklichen mit modischer Kurzhaarfrisur und Lederjacke auf jugendlich getrimmten Chef auf die grelle Krawatte.
»Mich interessierten einfach ihre neuen Arbeiten. Wenn ich kritisch darüber berichten soll, muss ich mich erstmal informieren. Die Leute wollen wissen, was die schreiben oder malen – und nicht, was sie darüber denken sollen. Außerdem war die Reise ja genehmigt.«
Der Disput ging weiter, und auch die drei uniformen Redakteure konnten noch ihre Anmerkungen loswerden. Am Ende stand – Kaminskis Ton war eine Mischung aus Häme und Arroganz – eine ‚letzte Warnung‘ und seine Aufforderung, die ‚neue Kulturpolitik im Land‘ aktiv zu vertreten. Grußloser Abschied. Zurück an seinem Schreibtisch fällt ihm die erste Begegnung ein: als Redakteur beim ‚Express‘ wollte Kaminski sein Urteil über einen Fortsetzungsroman hören. Der Autor, Aushilfslektor in einem kleinen Verlag, war schon damals von seinen plumpen Sprüchen angewidert. Ganz zu schweigen davon, wie der auf einer Party Lea angemacht hatte. Kaminski nahm nie etwas in die Hand, was ihm keinen Profit brachte. Und weil Opportunisten immer siegen, hatte ihn das Militär nach der politischen Säuberung der ‚Express‘-Redaktion prompt zum Chefredakteur bestellt.
Der Autor starrt auf die marionettenähnliche Straßenwelt. Leben heißt nur noch funktionieren in Technokultur: maschinenähnliche Bewegungen zwischen Krisen und Ängsten, die du mitmachen musst. Ihm fallen Verena und Reinhart ein; nach der Trennung hat sie sich offenbar dem Militärregime angepasst und Reinhart, den Sohn, in die Jugendorganisation der Partei geschickt. Seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu ihm. Wieder umschließt ihn der Trennungsschmerz wie plötzliche Nacht. Ich arbeite für die Verblendung von Leuten und verschwinde dabei selbst, denkt er. Und: vielleicht ist Schweigen Notwehr. Doch diesen Staat kannst du mit Schweigen nicht ändern. Dieser Staat will funktionstüchtige, mit Nationalfarben angestrichene Roboter. Der Autor wirft die Brille auf den Tisch, nimmt ein Blatt Papier und schreibt darauf das Wort ‚Szenenwechsel‘.
Den vielleicht naiven Beschluss, von nun an subversiv – und, wo nötig, auch konspirativ – zu arbeiten, versucht er gleich am anderen Tag umzusetzen. Man hat ihn angewiesen, zur Steigerung des Fremdenverkehrs über eine Touristenenklave mit öden Zweckbauten und Hochhäusern positiv zu berichten und er greift dabei auf Gespräche zurück, die er ein paar Wochen vorher dort mit Gästen geführt hat. Da wurde Wassermangel zu bestimmten Tageszeiten (der Druck reichte für die Hochhäuser nicht aus) ebenso beklagt wie das unsaubere Meer; die Abwässer strömten ungeklärt hinein. Und es gab noch ganz andere Stimmen – zum Beispiel von einem Chemiearbeiter:
»Sie haben mich hierher auf Urlaub abkommandiert; ich selber hätte mir das gar nicht leisten können. Die Häuser sind wohl nicht ausgebucht. Kaum war ich da, wurde mein Asthma schlimmer und der Hautausschlag auch. Der Arzt meinte bloß, ich soll nicht so zimperlich sein und verschrieb mir Salbe.«
»Hat sich das dann gebessert?«
»Nee. Einer, den ich beim Arzt traf, hat mir erzählt, das käme vom Asbest, den sie hier überall benutzt haben. Vielleicht auch vom Fleisch aus der Abdeckerei.« »Und? Habt ihr euch beschwert?«
»Wo denn? Wer das dem Hauskontrolleur oder der Strandaufsicht sagt, fliegt sofort raus und sein Resturlaub wird gestrichen. Das ist schon ein paarmal passiert – also halten alle den Mund.«
Oder eine Stenotypistin:
»Es hieß, wir kriegen ein paar Tage Urlaub mehr, wenn wir herfahren und auch der Pfarrer meinte, das sei gut für unser Land, wenn wir so dem Tourismus helfen.«
»Und warum mussten Sie allein fahren, ohne Ihren Mann?«
»Mein Mann ist arbeitslos, deshalb durfte er nicht mit. Als wir den Pfarrer gebeten haben, uns zu helfen, hat er bloß gemeint, es sei wichtiger, sich Arbeit zu suchen, als faul am Strand zu liegen. Wichtiger für die ganze Nation. Aber er wusste auch nicht, wo mein Mann Arbeit findet.«
Der Autor benutzt diese Aussagen vorsichtig, um so ein paar unschuldige Seitenhiebe auf Staatsreligion und Wirtschaftsmisere zu landen und lässt beiläufig den Mangel an Kultur spüren. Denn die nach gleichem Schema eingerichteten Restaurants beispielsweise haben alle den Charme von Industriekantinen und im einzigen Kino laufen die Filme, die jeder längst schon Zuhause gesehen hat. So kunstvoll er das auch konstruiert zu haben meint – der Bericht verschwindet in der Ablage. Kaminski lässt ihn nicht einmal mehr rufen, sondern verfügt Schreibverbot und Versetzung in den Korrektoren-Job. Und weil das Regime auf seine Dienste verzichtet, wird sein ohnehin dürftiges Gehalt halbiert.
Der Autor träumt. Ein zerbrechlich aussehender Mond durchschneidet die Nacht, Vogelkonzerte verhallen. Aus dem Nichts erscheint eine feenähnliche Gestalt in rotem Kleid, das wie eine Fahne um sie gewickelt ist, vor leuchtender Ebene. Als er auf sie zugeht, sieht sie ihn an, wie ihn einst seine Schullehrerin ansah:
»Du bist nur noch Gast in deinem Leben. Und deine ganzen Zweifel ändern sowieso nichts.«
»Und was soll ich tun? Zum Märtyrer werden? Der Staat hat tausend Ohren.«
»Du verlierst die Zukunft, wenn du sie nicht änderst.« In diesem Augenblick zieht eine Wolke vor den Mond – nein: es ist das Gebirge, das näher kommt und mit seinen Steilwänden das Mondlicht wegschiebt. Vor die Feengestalt sind schwarzgekleidete Soldaten gerückt: eine linkische Drohung. Noch im Fliehen sieht er, wie sich das strahlende Gesicht der Fee in Blitze verwandelt; die Soldaten taumeln zu Boden.
Schweißgebadet wacht er auf. Er liegt auf dem Bett seiner Mansarde und kommt erst langsam zu sich. Auf dem Boden findet er ein Stück Zeitung, in dem vom Überfall auf ein Munitionslager der Armee die Rede ist. Zwar wurde der Angriff natürlich abgewehrt; zugleich warnt man aber vor Terrorakten mit Beute-Sprengstoff. Wenig später geht er zwischen anderen durch den Staub der Militärlaster, die in Kolonnen vorbeidonnern. Er sieht fahrige Bewegungen, spürt die sinnlose Eile und merkt, dass er davon angesteckt wird. Trotz des nationalen Feiertags ist das kleine Theater geschlossen, auch der Bühneneingang, und jemand hat den Spielplan heruntergerissen. An der schrägen Ecke sieht er unbewegliche Gestalten im einzigen dort geparkten Auto. Der Autor macht kehrt; sein Schritt wird schneller.
Als er das Haus in der Heldengasse (früher hieß sie Gershom-Weg) erreicht, zuckt er zusammen, denn da marschiert gerade eine Polizeistreife vorbei. Nadia, die Freundin und Regisseurin, ist allein und wirkt deprimiert; ihr Haar mit den grauen Strähnen hängt ins Gesicht. Als er sie umarmen will, wehrt sie ab und sagt: »Sie haben verlangt, das Stück abzusetzen, weil es das ‚Nationalbewusstsein untergräbt.‘ Sie wollen es nicht verbieten, um den ausländischen Beobachtern kein neues Beispiel für Zensur zu geben. Aber sie haben damit gedroht, uns alle Gelder zu streichen und uns ‚einer nützlicheren Arbeit zuzuführen‘, wie sie das nennen.«
Nach einer langen Pause und zwischen zwei tiefen Zügen an seiner Zigarette sagt der Autor müde: »Was können wir überhaupt noch machen? Mich haben sie aus der Redaktion geschmissen und zu den sowieso überzähligen Korrektoren abgeschoben; was anderes fiel ihnen nicht ein. Außerdem stehen wir wohl schon unter Beobachtung.«
»Wir haben keine andere Wahl«, antwortet sie, »und keine Partei und keinen Radiosender und keine Zeitung. Uns bleiben vielleicht noch Flugblätter.« »Und wer sollte die verteilen?«
»Wir.«
Er grübelt. Ist das der Untergang auf Raten, wie er ihn schon lange kommen sah? Das Ende seiner Arbeit als Zeitzeuge? Jedenfalls gibt es nur die Alternative, den Kopf wegzustecken und dahinzuleben wie die meisten. Schließlich zwingt er sich zum Schreiben, die Feengestalt immer noch vor Augen.
Das Flugblatt wird zu einer Anklageschrift, die nichts mehr verschleiert; auch auf seinen sonst immer gegenwärtigen Spott verzichtet der Autor. Nationalismus, der Kultur ebenso zerstört wie jedes offene Miteinander, ist eine Form gewaltsamen Untergangs, und über diesen Tod kann man nicht spotten. Mit grauen Augen zündet er sich eine Zigarette an der anderen an. Weil das Theater geschlossen ist und überdies bewacht wird, haben Nadia und er keinen Zugang zum Kopierer und müssen den Text immer neu mit Durchschlägen auf der alten Schreibmaschine schreiben. Das dauert bis zum Morgengrauen und lässt keinen Raum für Zärtlichkeit.
Im Trubel des Mittagsverkehrs und unterm Schutz der weißglühenden Sonne werfen sie das Flugblatt in die Briefkästen von Zeitungsredaktionen, Radiosendern, der Journalistenvereine und Theater, von Museen und Konzertdirektionen. Zunächst scheint alles gut zu gehen. Aber als sie sich in ein Café setzen, um auszuruhen, erscheint eine Streife der Sonderpolizei, verlangt ihre Ausweise und fordert sie auf, mitzukommen. Nadias Wunsch, auf die Toilette zu gehen, wird barsch abgelehnt.
Schon im Auto werden sie getrennt, durch Gänge geschleift, die das Grauen kanalisieren und finden sich in schmutzstarrenden Einzelzellen ohne Fenster wieder. Dem Autor wird alles außer der Unterhose abgenommen und er schweigt, ebenso wie seine Wärter. Er glaubt in fernen, langgezogenen Schreien die Stimme von Nadia zu erkennen und verliert jedes Zeitgefühl. Zwar hört er Schritte und den Mechanismus der Sichtklappen an der Tür, doch er bleibt allein, kann im grellen Licht der Neonröhren und immer wieder vom Lautsprecher aufgescheucht nicht schlafen. So hockt er in einer Ecke, versucht Gedankenspiele, Zahlenkombinationen, um nicht durchzudrehen. Als er wieder die mit Zahnprothesen oder Fingernägeln in die Wand gekratzten Inschriften zu entziffern versucht – man hat ihm auch die Brille gestohlen – reißt ein Wächter die Tür auf und brüllt: »Mitkommen!« Der Autor schwankt vor Schwäche, sein Hals wie geschwollen vor Trockenheit. Und weil er haltsuchend den Uniformierten berührt, wird er zurückgestoßen, schlägt mit dem Kopf auf den schmutzübersäten Steinboden und verliert die Besinnung.
Beim Aufwachen findet er sich in einem kahlen Raum, an Füßen und Händen über einer mit stinkender Brühe gefüllten Badewanne aufgehängt. Um ihn herum stehen vier Männer mit Kapuze, die ihn durch ihre Sehschlitze anstarren:
»Das Schwein kommt ja zu sich,« hört er einen sagen, »da müssen wir wohl nachhelfen.«
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und ohne Erinnerung daran, ob er trotz seiner feuertrockenen Kehle geredet hat, wird der Autor wieder in die Jauche getaucht. Atemlos geht er unter und verliert erneut das Bewusstsein. Doch vor seinen Augen geht plötzlich eine andere Wirklichkeit auf. In moosgrüner Landschaft sitzt er am Fluss und vor ihm zappelt ein einzelner, grobknochiger Fisch im Netz.
»Jetzt bist du einer von uns,« versteht er und erkennt die Stimme von Reinhart, »gefangen! Gefangen!« Aus dem Baum, unter dem er sitzt, tönt dies ‚gefangen‘ wie ein Echo. Er greift nach einem Ast, will ihn zu sich herabziehen, verliert dabei aber das Gleichgewicht und stürzt ins Unendliche.
Zeitlos später liegt er wieder in der Zelle. Kopf, Armgelenke und Beine schmerzen; die Hände sind blutverkrustet. Als er über den Kopf streicht, merkt er, dass man ihm die Haare abgeschnitten hat und dass Schorf die Wunden bedeckt. Er stößt auf einen Napf mit Flüssigkeit – Suppe? Schmutziges Wasser? Jedenfalls trinkt er gierig und fragt sich, was mit ihm geschah. Verhöre, Folter – hat er geredet? Vielleicht andere belastet? Nadia? Es ist alles wie ausgelöscht; hätte er nicht diese Schmerzen, das Wundfieber – er spürte sich selbst nicht mehr, wäre bloß noch die eigene Vergangenheit. So schläft er wieder ein, trotz der Versuche, wach zu bleiben: auf der Flucht vor den Träumen vom Untergang.
Inzwischen schiebt man ihm einmal am Tag einen Blechnapf mit fader Suppe oder ausgelaugtem Kohl in die Zelle und er fühlt sich immer schwächer. Verhöre und Torturen haben zwar aufgehört – weil man ihn nicht mehr ernst nimmt? Weil er unter der Folter alles gesagt hat, was er denkt? Doch als man ihn eines Tages durch die Gänge zerrt, ein paar Türen aufreißt und wortlos ins Freie stößt, bricht er vor dem Gefängnistor bewusstlos zusammen. In seinem Kopf taucht wieder der Baum am Fluss mit dem Lachs auf; diesmal redet der Baum:
»Dein altes Leben ist vorbei. Verlass die Stadt, geh in die Wälder. Hör unser Echo und bezeuge deinen Tod.« Der Autor sieht sich nach dem Lachs um, entdeckt Raubvögel über sich und fragt fast stimmlos:
»Wo ist Nadia? Wohin haben sie sie gebracht? Gebt mir ein Zeichen!«
»Du bist allein«, raunt die Baumstimme wie ein Windstoß, »komm zu uns, leg Zeugnis ab wie Sisyphos.« »Ich bin am Ende,« hört er sich sagen, »ich will nicht mehr. Lasst mich untergehen.«
Wie aus weiter Ferne hört er eine unbarmherzige, fast schneidende Antwort:
»Du bist uns deinen Kampf schuldig und keine Flucht. Wir brauchen deine Stimme.«
Als der Autor zu sich kommt, liegt er neben der Gefängnismauer; ein Hund schnuppert an seinen Füßen. Mühsam klopft er den Staub ab und sucht den Weg zur Stadt. Unter einer Brücke kniet er sich in den Schlamm, um aus dem Rinnsal zu trinken und schläft trotz des Verkehrslärms über seinem Kopf ein. Erst gegen Ende der Nacht macht er sich wieder auf.
Später, nun schon in den Ausläufern der Berge, ziehen die demütigenden Stationen dieses Wegs noch einmal an ihm vorbei: An Nadias Türschild steht ein fremder Name und niemand öffnet. Als er beim Hauskontrolleur nach einem Schlüssel für seine Mansarde fragen will, stößt er auf ein neues Gesicht in der Uniform der Partei und macht kehrt – auch sein Name ist verschwunden. Die alte Frau im Lebensmittelladen erkennt ihn, gibt ihm Brot und Wurst, obwohl er nicht bezahlen kann – doch in ihren verschreckten Augen spiegelt sich sein Zustand. Weit außerhalb des Zentrums fahren Lastwagen voll grölender, fahnenschwingender Anhänger des Regimes an ihm vorbei; in einem von ihnen sieht er Reinhart. Für eine Sekunde treffen sich ihre Augen, doch der Sohn blickt über ihn weg, als gäbe es ihn gar nicht.
Schließlich landet er im Herbstsommerwald, in dem die Bäche ausgetrocknet sind und das Wild ihn beäugt. Melancholisch zieht er sein Fazit: »Die Sprache ist mein einziger Anzug.« Er schläft im Dickicht, Ameisen laufen über sein Gesicht, die Hände, und er filtert seinen Hunger durch Reste von Waldbeeren. Wozu das alles noch, fragt er sich müde. Nach Tagen und am Ende seiner Kräfte findet er den einsam gelegenen Bergbauernhof; das altersschwache Holzhaus widersteht kaum noch den Jahreszeiten. Die beiden Alten nehmen ihn freundlich auf und geben ihm die kleine Kammer unter dem Dach. Wie ein Toter schläft er ein.
Am anderen Morgen holt ihn der Bauer zur Heuernte; ein Wettersturz kündigt sich an. Zwar fühlt sich der Autor noch schwach, doch eine unerklärliche Energie scheint in ihm zu wachsen. Sein Land, die politische Welt, Unterdrückung und Folter verschwimmen vor der bewegungslos drückenden Hitze, die das Atmen erschwert. In großen Kiepen muss das getrocknete Gras der Berghänge zum Haus getragen und dort im Dachboden verstaut werden. Dabei sieht er, dass in dem kleinen Anbau eine magere Kuh und zwei Ziegen leben. Mit äußerster Anstrengung steigt er die Hänge auf und ab; nicht selten zucken Sterne vor seinen Augen und er muss sich hinsetzten, um wieder Kraft zu sammeln.
So vergeht der Tag und am Abend, als schon das Gewittergrollen zu hören ist, zwingt er sich zum Essen – trotz Übelkeit und Kopfschmerzen vor Schwäche. Die Gastgeber bleiben wortkarg, fragen ihn nicht aus und scheinen zufrieden. Beim Löffeln aus dem Suppentopf in der Tischmitte tropfen dem alten Bauern die Reste aus dem Bart, seine rechte Hand hat nur noch drei Finger. Und seine Frau – das müde gewordene Gesicht noch faltiger als der Rock und die Schürze – schlürft so laut, dass beide sein Angebot, gegen Kost und Logis eine Weile zu helfen, zunächst nicht verstehen. Doch dann stimmen sie zu. Seinen ohnmächtigen Schlaf können dann selbst Donnerschläge nicht aufbrechen und auch die Träume vergehen spurlos. Als er im Frühdämmern erwacht, rauscht draußen der Regen und so schläft er weiter, unendlich lange, wie es ihm vorkommt.
Aber mit der Rückkehr seiner Kraft erwachen auch wieder die Gedanken an das Andere: Zensur, Unterdrückung in der Redaktion, Überwachung. Was dann folgte: die vergebliche Flugblattaktion, Nadias Schreie und die Folter im Gefängnis scheint ihm so konsequent wie bitter als Zerstörung seines früheren Lebens. Denn obwohl er an der Quelle saß und genug Informationen über das Regime und die Dialektik seiner Vernichtungsstrategien hatte, machte er sich Illusionen über Möglichkeiten des individuellen Widerstands. Doch diese Einsicht ändert nun nichts mehr. Unter allerhand Gerümpel findet der Autor Packpapier und bittet den Bauern um Bleistift und Kerze. So hockt er – kein Nachtmensch zwar, aber irgendwie zeitlos diesmal – auf der alten Matratze und skizziert seinen ausweglosen Dialog mit der Realität.
Dabei rechnet er auch mit der Staatskirche ab. Vermutlich könnte sich ja das Regime ohne die religiösen Bauchredner nicht lange halten: sie machen dem Volk weis, von den Göttern auserwählt zu sein und schon deshalb über das Pack der Ausländer und Andersgläubigen zu triumphieren. Ist Glauben an Gott, an Götter überhaupt ein Ausweg? Oder die weltabgewandte Lyrik des Eremiten? Soll er das Schreiben, vielleicht sogar das Denken aufgeben, um irgendwo unbehelligt zu leben – und sei es in dieser Kate im Gebirge? Soll er in ein anderes Land gehen, dessen Sprache er nicht beherrscht? Auch das wäre gleichbedeutend mit dem Verzicht auf Schreiben.
Vor seinen Augen flimmern die Utopien einer besseren Welt, wie sie Philosophen, Theologen, Dichter und manchmal auch Sozialwissenschaftler ausgemalt haben – Bilder, die keine grausame Praxis zu ändern vermochten. Und es erscheinen Revolutionäre, die solche Änderungen erzwingen wollten und sich – wie die Tupamaros – in jahrelangen Kämpfen aufgerieben haben. Denn auch sie konnten weder kollektiven Egoismus, noch die – von Machthabern aller Schattierungen gezüchtete – Dummheit der Massen aufbrechen; wie im antiken Bild des Sisyphos fielen diese Bewegungen schließlich immer wieder in sich zusammen. Soll man also resignieren?
Der Autor fasst einen Entschluss. Noch in dieser Nacht beginnt er mit dem Erzählen einer Geschichte wie der eigenen: von Illusionen, Erfolgen, Niederlagen – und von der so unerklärlichen wie zähen Kraft zum Weitermachen. Wie bei Sisyphos in der Antike. Wie Sisyphos: eine Überlebensfrage.
ALPHAS GÖTTERTRAUM
Göttliche Träume unterscheiden sich von denen der Menschen. Menschen befreien sich durch Träume von der Realität, geben dem unterdrückten Unterbewussten Spielraum, sich auszutoben, damit es nicht verrückt spielt und zu stark in das Ich eingreift. Träume von Menschen spiegeln nicht die Realität wider, sondern sind die bizarre Schattenwelt des Erlebten, der Hades in dem die Triebe verbannt vegetieren.
Göttliche Träume sind die zweite Wirklichkeit, die Kopie des Seins, und sie verlaufen in alle Zeitrichtungen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eins im Traum der Götter. Es bedarf nur eines göttlichen Gedankens und Träume sind Realität oder Wirklichkeit mutiert zum Traum. Göttliche Träume verbrauchen soviel Energie wie ein realer Schöpfungsakt. Nur im Traum oder in der Ekstase sind die Menschen den Göttern nahe, vereinigen sich göttliche und menschliche Gedanken.
Alpha war in einen abgrundtiefen Schlaf versunken. Ihr Geist verlangte nach Ruhe, ließ keine schöpferischen Träume zu. Auch der leblose Planet schlief, vom göttlichen Geist umhüllt. Noch waren die Elemente nicht vom Hauch des Lebens infiziert. Irgendwann regte sich dann Alphas Geist wieder. Zuerst träumte sie von ihrer Liebe und deren Verlust, von den Jahren der Mühe. Inspiriert von dem wärmenden Planeten tauchten neue Bilder auf, setzten sich Stück um Stück zusammen. Alphas Traumkraft nahm langsam von dem Planeten Besitz. Die tosenden Elemente auf der Oberfläche, die aus den Explosionswolken einer Supernova kondensiert waren, hatten sich beruhigt. Sie träumte die von ihr einst geschaffenen Gesetze der Biologie, Chemie und Physik. Und dann entwich ihr ein undurchdachter Gedanke. So zündete sie die Biogenese, die Flamme des Lebens, ohne die Folgen zu erkennen.
Sie erwachte kurz. Zum ersten Mal fielen ihr die Widersprüche in sich selbst auf. Sie hatte all dies ausgedacht, konserviert, und war gleichermaßen nie bereit gewesen, ihrer Schöpfung freien Lauf zu gönnen. Wozu hatte sie das Theoriegebäude geschaffen? Nur für sich selbst? Ihre Zweifel verflogen wieder. Ihr Traum holte sie ein. Sie sah noch einmal dieser ungeheuren Entwicklung zu. Aus dem unkontrollierten chemischen Rauschen des Urozeans, der Ursuppe, umgeben von stinkender Urathmosphäre aus Wasserstoff, Methan, Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Kohlendioxid und ein wenig Sauerstoff, erwuchsen die Urzellen, danach die Vielzeller und Kleinstlebewesen. Physik vermählte sich mit Chemie und Biologie, entwickelte die Pflanzen und Tiergattungen und letztendlich den Menschen.
Diese zweibeinigen Wesen hatten sich, mit einem Urinstinkt und mit Bewusstsein ausgestattet, aufgebäumt und über die Natur gestellt. Sie gründeten Stämme und Staaten, entdeckten Naturgesetze für ihren Eigenbedarf und wandten sie an. Große Philosophen, Priester, Krieger, Wissenschaftler und Künstler kamen und gingen. Auf allen Kontinenten brodelte der menschliche Geist. Sumerer und Hebräer, Ägypter und Hunnen, Minoer und Mykener, Römer und Franken, Inkas und Azteken, Chinesen und andere Völker entwickelten Musik und Architektur, Malerei und Bildhauerei, Schauspiel und die Schrift. Aber sie erfanden auch Krieg aller Art und immer wirksamere Vernichtungsstrategien. Kulturen eroberten den Planeten und verfielen in Hinterhöfen menschlichen Unvermögens.
Wissenschaftler forschten nach Alphas Gesetzen, entzifferten Geheimnisse und verkauften sie an die Mächtigen. Stammesfürsten wurden durch Könige, Könige durch Kaiser, Kaiser durch Präsidenten, Präsidenten durch Diktatoren abgelöst, Freude und Leid für viele Menschen im Schlepptau ihrer Existenz. Ultrareiche Staaten herrschten über arme. Die Menschen beuteten die Schätze der Natur mehr und mehr aus, setzten sich über das Leben, die Natur hinweg, verseuchten Luft, Erde, Flüsse und Meere.
Und sie beteten zu allen Zeiten Götter an und gaben ihnen Namen. Alphas Geist musste über die Mühe menschlicher Erfindungsskünste lächeln. Sie erdachten Sonnengötter und Unterweltgötter, angsteinflößende, liebevolle, kämpferische oder meditierende Götter, Technikfetische und Naturgötter. Von allen Religionen, die sich die Menschen selbst verschrieben, war ihr die Verehrung der Naturgötter am sympathischsten. Sie mussten erkannt haben, dass Alpha zu allen Zeiten und Formen in der Natur zu finden war. Deshalb war sie auch zunehmend erbost, wie verantwortungslos diese Menschen mit ihrer Schöpfung umgingen, wie ungerecht die Schätze des Planeten verteilt waren und wie ehrfurchtslos sich die Menschen dem Göttlichen gegenüber verhielten. Haben dominierte die Erde, nicht Sein.
Beim erneuten Erwachen beeindruckten Alpha die bunten Bilder des Lebens auf der Erde, diese unendliche Mühe der Menschen, sich über Natur und Mitmenschen zu erheben, aber auch ihre geistige, wissenschaftliche und künstlerische Kreativität und Potenz. Wohltätige Menschen hatte sie geträumt, aber auch Ausgeburten der Destruktion. Alpha versuchte den Traum abzuschütteln, doch das gelang ihr nicht. Immer wieder tauchten Fetzen des Geträumten in ihr auf, Helden wie Odysseus oder Erleuchtete wie Buddha, Herrschsüchtige wie Hitler und Demütige wie Jesus kamen ihr in den Sinn, die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt zog sie in Bann.
Gleichzeitig erwachte ihr alter Drang, das Universum zu bändigen, ihre große Liebe erneut in jenem Urpunkt zu vereinigen. Hin- und hergerissen pendelte ihr Geist zwischen Zukunft und Vergangenheit, unschlüssig, sich zu entscheiden. Ihre Liebessehnsucht brannte, aber sie konnte den Traum nicht einfach vergessen. Für die Zeit, die sie brauchte, das Universum wieder auf sich zurückzuführen, wollte sie eine neue Schöpfung hinterlassen. Das war ihr göttlicher Kompromiss zwischen schwer erlernten Gefühlen und realem Sein. Sie erinnerte sich, griff in die Zeit und wählte vier Traumfiguren, die sie für geeignet hielt, ihre Neugier nach Leben zu befriedigen und die ihr den Sinn des Lebens offenbaren sollten.
Zunächst entschied sie sich für einen schillernden Lachs, im Wasser der Bergwälder geboren und in der Weite des Meeres aufgewachsen; dann für einen tausendjährigen Baumriesen aus dem Regenwald, an dessen Rinde ein rot aufgesprühtes Kreuz sein nahes Ende markierte. Es folgte eine Rebellin, die ihr Leben lang gegen Unterdrückung und Armut kämpfte. Sie wählte einen Manager eines Atomkonzerns, dessen einzige Aufgabe das illegale Verschieben von Atommüll zu sein schien, aus. Schließlich entnahm sie eine Bäuerin und einen Arbeiter aus dem bewegten Leben eines Autors, der fast verzweifelt auf den Spuren von Skandalen dieser Erde recherchierte.
Ungeübt im Umgang mit dieser Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt hatte Alpha das Gefühl, die richtige Auswahl getroffen zu haben. Sie löste diese Wesen aus ihrem Traum und versank in der Betrachtung der Lebensläufe, denen sie ihre besonderen Namen gab: Baumhaus für den uralten Baum, Anna als Rebellin, Atomfuchs für den Manager. Das Schicksal des Lachses nannte sie schließlich Lachsprobe, das des Arbeiters Tauschwert und das der Bäuerin Leibeigene.
II GÖTTERBILDER – ALPHAS WAHL
BAUMHAUS
Von der Stunde an, in der ich als Samen auf die Erde fiel, hatte ich nur ein Ziel: diesen Platz nie mehr zu verlassen. Deshalb strecke ich mich nicht nur der Sonne entgegen, sondern bohre mich gleichzeitig in die Finsternis. Ich bin ein Lebewesen dessen Bewusstsein zwischen hell und dunkel pendelt aber aus beidem Kraft schöpft. Meine Blätter sind süchtig nach Licht, meine Wurzeln aber lechzen nach nasser Dunkelheit, fürchten die Sonne. Ich klammere mich an das Stück Erde, zugleich wächst in mir die Angst, meinen Boden zu verlieren. Ich liebe zwar den Wind, wenn er mir voll fremder Botschaften durch die Krone streicht, aber ich hasse den Sturm, der mich entwurzeln könnte. Ich ruhe fest und verschlossen in mir und öffne doch täglich meine Krone dem Licht. Mein Horizont wächst von Jahr zu Jahr, bleibt aber endlich. Wenn der Himmel das Dach dieser Welt ist, so bin ich ein schützendes Haus auf der Erde.
An mir sind Jahrhunderte vorbeigezogen wie Zugvögel über Niemandsland. Die einzelnen Tage sind nur winzige Zeitpünktchen in meiner Geschichte; ich fühle in Jahren und Jahrzehnten. Unzählige Generationen von Lebewesen haben sich von mir ernährt, unter mir Schutz gesucht oder sich in meinem Schatten geliebt. Niemals überkamen mich Zweifel über den Sinn meiner Existenz.
Mein bester Freund ist der warme Regen, der seit Anbeginn auf mich niederfällt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass er eines Tages ausbliebe. Das wäre das Ende.
Seit wenigen Wochen trage ich ein rotes Kreuz auf meiner Rinde. Es beunruhigt mich, brennt auf meiner Baumhaut. Rauhe Zweibeiner tauchten eines Morgens vor mir auf, hieben sich hemmungslos einen Pfad durch den Dschungel. Sie schrien laut miteinander und lachten verächtlich, bevor sie die Farbe auftrugen. Mich stört nicht das Symbol, denn ich bin aufgewachsen unter dem Kreuz des Südens, das mir manchmal leuchtet wenn die Wolkendecke für wenige Stunden aufreißt und den Nachthimmel freigibt. Nein: es war die brutale Art, mit der sie in unser Reich eindrangen, die mich stört. Ich fürchtete, sie sind nur Vorboten von Schlimmerem.
Aber lass dir erzählen von meinen ersten Tagen an: Ich stamme aus der Frucht eines Limba, der vergangen ist. Ich bin einer der wenigen Bäume des Regenwaldes, die ihren Ursprung auf eine bestimmte Samenmutter zurückführen können. In den meisten Fällen entwickeln sich die Bäume aus Samen, die Vögel oder Fledermäuse mit ihrem Kot frei geben. Mein Samenkorn aber fiel aus der Krone einer Baumriesin hinab zwischen Rinde und Stamm eines absterbenden Baumes. So entging ich dem Tod vieler Samenkörner, die von kleinen Nagetieren zerbissen werden, bevor sie Wurzeln schlagen können. In der immerfeuchten Welt unseres Waldes spaltete sich mein Korn schon nach wenigen Stunden. Ich keimte, streckte die noch weichen Triebe nach dem Licht, das in den Spalt eindrang, und suchte gleichzeitig mit dem ersten Wurzeltrieb im Moos Halt, das sich wie ein dichter Teppich über das morsche Holz ausgebreitet hatte. Ein Regenguss schwemmte mich noch tiefer in den Ritz bis ich Humus spürte. Ich aktivierte alle Kraft, die noch in meinem Keim steckte, nur um zu wurzeln und suchte zwischen Granit und Gneisen meinen Weg in die Tiefe. Erst dann, mit der Energie, die ich aus dem Boden ziehen konnte, begann ich, nach oben zu streben. Das alles ereignete sich vor fast tausend Jahren aber mir ist es so gegenwärtig geblieben wie der gestrige Tag.
Mein Stamm war noch nicht fest als ich über den Rand des Spalts hinausragte. In dieser Zeit sterben viele junge Bäume, weil sie von Tieren zertreten oder von herabstürzenden Ästen erschlagen werden. Ich jedoch gedieh in diesen Tagen prächtig, wuchs in einer Woche mehrere Zentimeter, legte die Keimblätter ab und trieb glänzende Baumblätter aus. Der tote Nährbaum, die Quelle meiner Kindheit, war zwischen zwei größere überwucherte Felssteine gefallen, die zusätzlich Schutz gaben. Nach ein paar Wochen verfestigte sich mein Stamm zu Holz und das Wasser drang nicht mehr unkontrolliert durch die ganze Breite meines Standbeines, sondern trieb zwischen Innenholz und Außenhaut in die kleine Blätterkrone hinauf.
Ich wuchs im Halbschatten meiner Samenmutter auf. Jahr um Jahr legte ich eine neue Schicht nach außen zu, bis ich an ihre unteren Äste stieß. Ich empfing den Regen nicht direkt sondern abgefedert von ihren Blättern. So sehr ich ihren Schutz auch genoss: es mangelte mir zusehends an Licht, um schneller wachsen zu können.
Ich war also gezwungen, mich ein wenig zu verbiegen, damit ich von dem Lichtspalt zwischen den zwei Baumkronen meiner Mutter und ihrer Nachbarin etwas abbekam. Ab und zu streiften Tiere meine Rinde und jeden Tag kletterten die Ameisen an mir hinauf. Vögel mieden mich dagegen. Sie zogen die hellen Baumkronen oder die insektenreichen Rinden der großen Bäume vor.
Im Grunde verdanke ich mein ausgefülltes Baumleben dem Tod meiner Samenmutter. An einem besonders heißen Tag verfärbte sich der Himmel gelbgrau. Kein Hauch bewegte die Blätter. Auch die Tiere, die sonst immer zu hören waren, verstummten. Über den Kronen der Riesen in der Ferne hatte sich ein gebogener Kegel am Himmel gebildet, der größer und größer wurde und näher kam. Aus dem Nichts brach ein Sturm los, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Zunächst prasselten Äste auf die Erde. Ich hatte Glück von keinem erschlagen zu werden. Selbst in meiner Höhe war der Sturm so stark, dass ich alle Kraft aufbieten musste, mich einigermaßen aufrecht zu halten. Auch kleine Affen stürzten schreiend aus den Kronen. Einige überlebten nicht. Meine Samenmutter bebte und versuchte, dem Druck des wütenden Sturmes auf ihre Krone standzuhalten. Mit ihren Wurzeln klammerte sie sich in den Boden, suchte jeden erdenkbaren Halt. Es nützte ihr nichts. Die Wurzeln hielten zwar, aber ihr tausendjähriger Stamm barst in einer Bö. Ihre Krone schwankte, taumelte und krachte schließlich mit allen Lebewesen, die darin Schutz und Nahrung gesucht hatten, in die Tiefe. Dicht an mir vorbei hieben die Äste, als suchten sie noch einen rettenden Halt vor dem Ende. Sie verletzten mich aber nicht. Steil und zerfetzt ragte der blanke Stumpf gegen den Sturmhimmel. Dies alles dauerte nur wenige Minuten. So rasch wie er gekommen war, legte sich der Orkan und hinterließ seine Opfer.
Die Luft war glasklar und das erste Mal in meinem Baumleben breitete sich der Himmel über mir aus. Regenwolken verdeckten noch sein Blau, aber einzelne Sonnenstrahlen blitzen schon wieder auf. Mir schien, als hörte ich ein Flüstern aus dem Firmament: »Wachse zu mir herauf, damit wir uns berühren können!« Jetzt, mit soviel Licht über meiner jungen Krone, wuchs ich besser, überragte schon bald alle Pflanzen um mich herum, konnte sogar den krummen Stamm ausrichten.
Der Verfall meiner Samenmutter reicherte den Boden in den nächsten Jahrzehnten an, was mir zusätzlich Kraft gab; es war als reichte sie mir Brüste, wie dies die Säugetiere im Regenwald tun. Mit jedem Zentimeter, den ich wuchs, brannten sich neue Erfahrungen bei mir ein. Mit den Jahren wurde mir jeder Stein, jede Unebenheit im Boden so vertraut, dass ich auch geringste Veränderungen wahrnahm. Baum und Boden sind untrennbar aufeinander angewiesen. Stirbt der Boden, stirbt auch der Baum und wo kein Baum mehr wächst, stirbt auch der Boden.
Nach einem Jahrhundert war ich so gewachsen, dass ich den Raum zwischen meinen unmittelbaren Nachbarbäumen, einem Abachi und zwei Mahagoni, ausfüllte. Von meiner Samenmutter hatte die Zersetzung nur noch Teile des Hauptstammes verschont, in denen Ameisen, Kröten, viele Käferarten, Würmer und Mäuse hausten. Auf den Stammresten hatten sich Moos, Farne und Orchideen ausgebreitet und verdeckten mit ihrer Schönheit den Zerfallsprozess. Doch auch meine glatte Außenhaut am Stamm hielt dem schnellen Wachstum nicht mehr stand. Kleine Risse machten mich rau. Gleichwohl waren die Verletzungen nicht umsonst: in diesen Ritzen kribbelte und krabbelte das Leben, tanzte um meinen harten Kern und in meiner schon stattlichen Krone tummelte sich die Vielfalt des Dschungels im ewigen Zyklus von Geburt und Verfall. Ich habe nicht nur die Einzellebewesen wahrgenommen, sondern auch ihre Arten und Eigenarten im Ablauf der Jahrhunderte.
So sammelte sich in den Astgabeln Humus aus vielen Blattgenerationen. Darin gediehen seltene Epiphyten, Blütenschönheiten, die mit ihren Trichterblättern das unter meiner Krone spärlich tropfende Wasser sammeln und zu ihren Wurzeln leiten. Solche, die rote Lockfarbe zeigten, verzauberten die Kolibris zur Bestäubung und die, die verschwenderisch ihren berauschenden Duft versprühten, wurden von Schmetterlingen berührt. Das Liebesverhältnis zwischen Blüten und Blütenbesucher erneuerte sich jeden Tag. Von meinen Ästen herab hingen Lianen und dicht gewebte Moosteppiche, übersät mit glitzernden Wassertröpfchen in denen Fledermäuse und Flughunde ausruhten. In einer meiner Wurzelhöhlen hausten Generationen lichtscheuer Beutelratten mit ihrer Brut und in den Minitaurtümpeln der Astlöcher quaken bis heute winzige Frösche. Ich könnte mit diesen Aufzählungen endlos fortfahren, denn in und auf mir vollzogen sich Geburt und Tod mit göttlicher Gelassenheit. Als eine Art hölzerner Fels stand ich in der Brandung zwischen Vergangenheit und Zukunft. So saugte auch ich aus dem ewigen Kreislauf der Natur Energie.
Nach acht Jahrhunderten überragte ich zum ersten Mal die anderen Baumkronen und erkannte den Horizont, die endliche Weite meines Lebensraumes. Ich werde diese Erkenntnis nie vergessen. Die satten immergrünen Kronendächer rieben sich am graublauen Himmel, der sie ständig mit Wasser, dem Elixier des Urwaldlebens, beschenkte. In der Ferne grenzten dunkelbraune Wände, manchmal mit weißen Bändern bedeckt, meinen Horizont ein. In diesem Kessel der Fruchtbarkeit fühlte ich mich sicher und geborgen.
Was ich bin, verdanke ich der Natur. Ich verbinde die Gaben des Himmels und der Erde in der Photosynthese und baue mich auf. Umgekehrt gebe ich der Natur Sauerstoff als Grundlagen allen bewegten Lebens zurück und verneige mich vor dem unbekannten Sinn unseres Seins. So akzeptiere ich die Endlichkeit. Zu keinem Zeitpunkt wuchs das Bedürfnis in mir, meine Grenzen zu überschreiten. Meine Wurzeln sind die Arbeiter meiner dem Licht zugewandten Seele und halten mich aufrecht und fest auf der Stelle. Alle Freuden und Leiden, alle Gefahren und die Lust mussten zu mir kommen. Wind, Vögel und die Schmetterlinge befruchten mich im Vorbeistreifen, und ich genieße es. Vor vielen Jahren trafen sich zwei nackte Menschen unter mir und liebten sich. Ihre bräunlichen Körper glänzten im Regen. Die Fingerkuppen der erregten jungen Frau krallten sich in das Moos meiner Rinde während sie sich vereinigten und ich gab ihr Halt. Ich selbst bebte ein wenig unter ihren lustvollen Schreien und spürte zum ersten Mal einen Hauch von Einsamkeit.
Irgendwann kam auch der Tod zu Besuch. Im Humus einer meiner Astgabeln entwickelte sich aus dem Kot eines Flughundes ein Baumwürger. Sein Keim wuchs in der feuchten Wärme rasch und begann, sich mit seinen ersten langen Trieben um einen meiner höheren dicken Äste zu schlingen. Schon mit diesem noch ziemlich schwachen Griff zerschnitt die Schlingpflanze den Wasserkreislauf meines Astes. Es begann ein Kampf auf Leben oder Tod. Um mich gänzlich zu erdrosseln, musste der Baumwürger mit seinen dünnen Wurzelsträngen die Erde erreichen, denn mein Humus reichte nur für wenige Wochen Lebenskraft. Gierig und besessen streckte er seine Lebensadern dem Urwaldboden entgegen, aber es reichte ihm nicht. Wenige Zentimeter vor der ihn rettenden Erdoberfläche versagten ihm die Kräfte und er starb. Erschrocken vom Angesicht des Todes warf ich den dürren Ast ab. Obwohl der kleine Tod jeden Tag und jede Nacht in mir wohnt – Frucht-, Blatt-, Insekten und Fleischfresser bevölkern mich, ständig auf der Jagd nach dem Leben – war das eine neue Erfahrung.
Wenn ich nach Jahrhunderten in mich hineinschaue, sehe ich Einzigartiges und Lebensvielfalt Seite an Seite. Ich bin ein unverwechselbares Wesen und gleichzeitig Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere des Regenwaldes. Diese Spanne meines Ichs macht mich selbstsicher und ein wenig stolz. Auch meine Zugehörigkeit zur Gattung der Pflanzen genieße und bekenne ich. Wir breiten uns als schützendes Kleid über die nackte tote Erde als lebendiger Samt. Ohne unser aus Sonne gespeistes Grün wäre die Erde ohne Leben. Wir sind also der Ursprung des Lebens und leben selbst vom Licht. Wir Bäume entwickelten uns im Laufe der Geschichte zu Philosophen, weil wir nicht nur die größten Lebewesen sind, sondern auch die mit der längsten Erfahrung. Wir freuen uns über jeden neuen Tag, den Regen, den Wind und in unseren Ästen, Zweigen und Blättern verfängt sich die Zeit und die Muse, die notwendig sind zum Philosophieren. Vieles von dem was ich empfinde verdanke ich dieser Geduld der Schöpfung.
Seit etwa einem Jahrhundert begann sich unsere Umwelt kaum spürbar zu verändern. Nach starken Regengüssen brannten meine Blätter. Zunächst verdrängte ich den schwachen Schmerz, schrieb die neue Empfindung meinem schon stattlichen Alter zu. Die Zeit hatte in mir ja nicht nur philosophische Gedanken, sondern auch Zeichen des Verfalls hinterlassen. Durch meine Rinde liefen tiefe Furchen und an der Peripherie meiner Krone trockneten vereinzelt Äste aus, weil ich nicht mehr die Kraft hatte, den Saft des Lebens in alle Glieder zu pumpen.
Mit den Jahren wurde das Brennen intensiver. Es bereitete mir zusehends Unruhe. Wenn die Sonne durch Wolkenmassen brach, verstärkten sich die Schmerzen und ich war froh, wenn sich fette Regenwolken vor das goldene Schild des Himmels schoben. Bald brannten auch die Spitzen meiner Wurzeln. Das Wasser, das ich aufnahm schmeckte bitter und säuerlich. Mein nasser Freund hinterließ auf meinen sonst so sattgrünen Blättern Narben und Verfärbungen. Irgendwann war ich gezwungen, Blätter vorzeitig abzuwerfen und neu zu treiben. In den letzten Jahren musste ich die Zyklen der oberirdischen Erneuerung so extrem verkürzen, dass ich immer öfter an meine Kraftreserven stoße. Auch fast alle Haarwurzeln habe ich eingebüßt, so dass nicht mehr genügend Wasser in meinen Kreislauf eindringen kann. Irgendwie spüre ich, dass es nicht mit meinem Alter zu tun hat, denn ich fühlte mich stark als die Beschwerden einsetzten. Der ätzende Regen muss schuld an meinem Leiden sein. Ich wünsche mir die Zeit, um alle Ursachen ergründen zu können. Denn was immer der Regen mit sich bringt, ich muss es akzeptieren, weil ich nicht auf Reisen gehen kann.
Vor einigen Tagen drangen nun durch das Rauschen der Blätter, das Gezwitscher der Vögel und das Prasseln des Regens ganz unbekannte Geräusche zu mir. Ich mag sie nicht deuten aber sie gehören nicht zu uns. Von Tag zu Tag erreichen mich lautere Schallwellen, knatternd und quietschend. Vorgestern stöhnten Artgenossen in der Ferne, als sie zu Boden krachten. Doch die Luft stand still und kein Sturmwind bedrohte meinen Standpunkt. Ich erinnere mich an den Tod meiner Samenmutter. Ohne zu begreifen was auf mich zukommt, warte ich ängstlich auf Erkenntnisse. Der Wind streicht mir durch die Krone und versucht mich zu trösten. Als um mich herum Bäume fallen, sehe ich die brutalen Männer mit ihren Maschinen wieder – in einer Schneise aus Tod und Vernichtung. Doch während sie sich mir nähern und schon Maß nehmen wollen, geschieht etwas Seltsames.
Ein junges Mädchen mit weißer Haut, das von mehreren Leuten begleitet wird, beginnt geschickt, an meinen Ästen hochzuklettern. In meiner Krone angekommen, zieht sie ein Stück Leinwand wie eine Fahne durchs Geäst auf dem steht »Earth first« und verknotet es. Und sie lässt ein Seil nach unten, an dem ihre Freunde einen Eimer voll Nahrungsmitteln und eine Zeltplane befestigen. Mühsam gelingt es ihr, das alles heraufzuziehen. Sie beeilt sich dabei, denn die Holzfäller drohen einzugreifen und rufen nach ihrem Vorarbeiter. Als der aber anrückt, ist das Mädchen schon dabei, sich in einer meiner Astgabeln einzurichten. Später baut sie sich aus Ästen eine kleine Plattform, auf der sie bequem sitzen und sich sogar hinlegen kann. So begann unsere Symbiose.
Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen. Ich habe versucht, meiner Beschützerin zu helfen und mich gegen Stürme gestemmt, die mich kräftiger als sonst anfielen, weil die Nachbarbäume gefällt sind. Ich habe an der Astgabel neue Zweige ausgetrieben, die sie zum Anbringen ihrer Plane verwenden kann, um darin Regenwasser aufzufangen. Jeden dritten Tag kommen ihre Helfer und bringen Essen, machen Mut. Die Holzfäller sind längst abgezogen. Fast jede Nacht verwandelt sich das Kreuz des Südens in ihren Träumen in ein rauschendes Ungetüm, das sie und mich bedroht. Sie kommt von diesem Traum nicht los, aber sie weiß auch: »Wenn ich an meiner Liebe für alles Leben festhalte, hilft mir das durch jede Schwierigkeit«. Das ist ein schöner Satz, den auch ich hätte denken können; sie versteht mich eben immer besser. So kommt es, dass ich trotz allem Hoffnung habe. Selbst wenn die Leute von ’Totenholz’ reden.
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