Read the book: «Wahrheit und Falschheit»

Omsriaurobindomira
Alles
Leben
ist
Yoga
“All life is Yoga.” – Sri Aurobindo
Wahrheit und Falschheit
Sri Aurobindo | Die Mutter

SRI AUROBINDO BHAVAN
BERCHTESGADENER LAND

Copyright 2020
AURO MEDIA
Verlag und Fachbuchhandel
Wilfried Schuh
Deutschland
www.sriaurobindo.center
www.auro.media
ALLES LEBEN IST YOGA
Wahrheit und Falschheit Auszüge aus den Werken von Sri Aurobindo und der Mutter 1. Aufl. 2020 ISBN 978-3-96387-068-2

© Fotos und Textauszüge Sri Aurobindos und der Mutter:
Sri Aurobindo Ashram Trust
Puducherry, Indien

Blume auf dem Cover:
Nerium oleander. Rosenrosa, gefüllt. Die von der Mutter gegebene spirituelle Bedeutung: Hingabe aller Falschheit Lasst uns unsere Falschheiten dem Göttlichen darbringen, so dass Er sie in erfreuliche Wahrheiten umwandeln möge.
Anmerkung des Herausgebers
Einfache Auszüge aus den Werken Sri Aurobindos und der Mutter sollen für die Sadhana eine praktische Orientierung zu bestimmten Themen geben. Die Themen behandeln das gesamte Feld menschlicher Aktivitäten, denn wahre Spiritualität ist nicht eine Abkehr vom Leben, sondern die Kunst, das Leben zu vervollkommnen.
Die Übersetzung der Textstellen von Sri Aurobindo erfolgte aus dem ursprünglichen Englisch, während die meisten Passagen der Mutter bereits Übersetzungen aus dem Französischen waren. Fast alle Texte der Mutter wurden ihren Gesprächen, die sie mit Kindern und Erwachsenen führte, entnommen, einige ihren Schriften. Wir müssen außerdem berücksichtigen, dass die Auszüge ihrem ursprünglichen Zusammenhang entnommen wurden und dass jede Zusammenstellung ihrer Natur nach möglicherweise einen persönlichen und subjektiven Charakter hat. Es wurde jedoch der aufrichtige Versuch unternommen, der Vision Sri Aurobindos und der Mutter treu zu bleiben.
Die Textauszüge sind vom Verlag zum Teil mit Kapiteln und Überschriften versehen worden, um ihre Themen hervorzuheben. Sofern es möglich war, wurden sie in Anlehnung eines Satzes aus dem Text selbst gewählt.
Sri Aurobindo und die Mutter machen von der in der englischen Sprache gegebenen Möglichkeit, Wörter groß zu schreiben, um ihre Bedeutung hervorzuheben, häufig Gebrauch. Mit dieser Großschreibung bezeichnen sie meist Begriffe aus übergeordneten Daseinsbereichen, doch auch allgemeine wie Licht, Friede, Kraft usw., wenn sie ihnen einen vom üblichen Gebrauch abweichenden Sinn zuordnen. Diese Begriffe wurden in diesem Buch kursiv hervorgehoben, um dem Leser zu einer leichteren Einfühlung in diese subtilen Unterscheidungen zu verhelfen.
Eckige Klammern bezeichnen Einfügungen des Übersetzers, die um des besseren Verständnisses willen angebracht erschienen. Einige wenige Sanskritwörter wie Sadhana, Sadhaka, Yoga usw. wurden eingedeutscht, da sie durch ihren häufigen Gebrauch bereits als Bestandteil der deutschen Sprache angesehen werden können. Alle anderen Sanskritwörter sind kursiv hervorgehoben, wobei auf diakritische Transkriptionszeichen verzichtet wurde.
Die kursiv geschriebenen Textpassagen vor den Worten Sri Aurobindos und der Mutter sind Fragen bzw. Antworten von Schülern oder sonstige erläuternde Texte.
„Wahre Spiritualität bedeutet nicht, dem Leben zu entsagen, sondern das Leben mit einer Göttlichen Vollkommenheit zu vollenden.“ – Die Mutter
* * *
InhaltTitelseiteCopyrightAnmerkung des HerausgebersI. DAS RÄTSEL DIESER WELTZitat1. Das Rätsel dieser WeltII. DIE WAHRHEITZitate1. Was ist die Wahrheit?2. Die Wahrheit eines jeden Wesens3. Die Wahrheit wird triumphieren4. Falschheit und Wahrheit5. Wähle die Wahrheit!6. Abstufungen der Wahrheit7. Lasst uns der Wahrheit dienen8. Wahrheit im Sprechen9. Wahrheit in Wissenschaft und YogaIII. UNWISSENHEIT UND FALSCHHEITZitat1. Die Unwissenheit – ihr Ursprung und ihre Natur2. Die Unwissenheit ablegen, in das Wissen eintreten3. Aus der siebenfachen Unwissenheit zum siebenfachen Wissen4. Der Ursprung von Falschheit, Irrtum, Leid und Bösem5. Das Problem des Irrtums6. Das Problem der Falschheit und des Bösen7. Warum sind wir mit dem Sinn für Gut und Böse belastet?8. Warum ist die Schöpfung voller Falschheit?IV. DER SIEG ÜBER FEINDLICHE KRÄFTEZitat1. Die Mächte der Finsternis und ihre Funktionsweise2. Das Heilmittel3. Die Bezwingung der feindlichen KräfteV. YOGA UND FEINDLICHE KRÄFTEZitat1. Feindliche Kräfte und Schwierigkeiten im Yoga2. Angriffe durch die feindlichen Kräfte3. Der Umgang mit feindlichen Angriffen4. Wie man feindlichen Kräften begegnet, die unsichtbar und doch lebendig sind5. Halte an der Wahrheit festANHANGQuellenangabenGuideCoverInhaltStart
Teil I

Sri Aurobindo
Was wir als Irrtum ansehen, ist häufig Symbol, Verkleidung, eine verdorbene oder missgestaltete Form einer Wahrheit. — Sri Aurobindo
* * *
Kapitel 1
Das Rätsel dieser Welt
Worte Sri Aurobindos
Es ist nicht zu leugnen und wird von keiner spirituellen Erfahrung geleugnet, dass diese Welt weder ideal noch zufriedenstellend ist, da sie allzu deutlich vom Siegel der Unzulänglichkeit, des Leidens und des Bösen geprägt ist. Diese Erkenntnis ist gleichsam der Ausgangspunkt des spirituellen Strebens überhaupt – mit Ausnahme bei jenen wenigen, denen die höhere Erfahrung unmittelbar zuteil wurde und die nicht zu ihr gezwungen wurden durch das mächtige, unwiderlegbare, leidvolle und entsagende Wissen um jenen Schatten, der den gesamten Bereich dieses manifestierten Daseins überlagert. Dennoch bleibt die Frage offen, ob dies tatsächlich – wie behauptet wird – das wesentliche Merkmal der ganzen Manifestation sei und ob es, zumindest solange es eine physische Welt gibt, notwendigerweise zu deren Natur gehört. Damit müsste man das Verlangen, geboren zu werden, den Willen, sich zu offenbaren oder schöpferisch auszudrücken, als die Ursünde schlechthin betrachten und die Abkehr von Geburt oder Offenbarung als einzig möglichen Weg der Erlösung. Für diejenigen, die es derart oder ähnlich sehen – und diese sind immer in der Überzahl gewesen –, gibt es wohlbekannte Auswege und direkte Abkürzungen zu spiritueller Befreiung. Doch ebenso gut kann es sich anders verhalten und unserer Unwissenheit oder unserem begrenzten Wissen nur so vorkommen; die Unvollkommenheit, das Böse, das Leid könnten zwar ein bedrückender Umstand oder ein schmerzhafter Übergang sein, doch nicht die eigentliche Grundbeschaffenheit der Schöpfung, nicht die eigentliche Essenz des Geborenwerdens in der Natur. Wenn dies stimmt, dann läge die höchste Weisheit nicht in der Flucht, sondern im Streben nach einem Sieg auf Erden, in einer bejahenden Verbindung mit dem Willen, der hinter der Welt steht, in einer Entdeckung der spirituellen Pforte zur Vollkommenheit, die gleichzeitig die Öffnung ist für die gänzliche Herabkunft des Göttlichen Lichtes und Wissens, der Göttlichen Macht und Glückseligkeit.
Jede spirituelle Erfahrung bestätigt das Vorhandensein eines Bleibenden über der Vergänglichkeit dieser manifestierten Welt, in der wir leben, und über diesem beschränkten Dasein, in dessen engen Grenzen wir umherirren und uns mühen. Die Merkmale dieses Bleibenden sind Unendlichkeit, Selbst-Sein, Freiheit, absolutes Licht, absolute Glückseligkeit. Gibt es nun wirklich diesen unüberbrückbaren Abgrund zwischen dem Jenseitigen und dem Hiesigen, sind sie tatsächlich zwei ewige Gegensätze, und nur indem der Mensch dieses Abenteuer in der Zeit hinter sich lässt, nur indem er den Sprung über den Abgrund tut, vermag er das Ewige zu erreichen? Diese Auffassung scheint am Ende einer bestimmten Tradition der Erfahrung zu stehen, welcher der Buddhismus in unerbittlicher Konsequenz folgte und ebenfalls – nicht ganz so unerbittlich – eine Art monistische Spiritualität, die eine gewisse Verbindung der Welt mit dem Göttlichen zulässt, diese aber dennoch in ihrem letzten Bezug sich als Wahrheit und Illusion gegenüberstellt. Daneben gibt es eine andere, unbezweifelbare Erfahrung, dass das Göttliche in allem hier gegenwärtig ist, hinter allem und über allem, dass alles in Jenem ist und Jenes ist, sobald wir uns von seiner Erscheinungsform zu seiner Wirklichkeit zurückwenden. Es ist eine bezeichnende und erhellende Tatsache, dass einer, der Brahman erkennt, in einer Art absoluten Frieden zu leben vermag, im Licht und in der Glückseligkeit des Göttlichen, auch wenn er sich in dieser Welt bewegt und in ihr handelt und all ihre Schläge erträgt. Es gibt also noch etwas anderes als diese scharfe, trennende Gegensätzlichkeit, es gibt ein Geheimnis, ein Rätsel, das vermutlich eine weniger verzweifelte Lösung zulässt. Diese spirituelle Möglichkeit weist über sich selbst hinaus und bringt einen Hoffnungsstrahl in die Finsternis unseres gefallenen Daseins.
Und sofort erhebt sich eine erste Frage: Ist diese Welt für immer eine unveränderliche Folge gleicher Erscheinungsformen oder gibt es in ihr ein evolutionäres Streben, eine evolutionäre Wirklichkeit, irgendwo eine Leiter des Aufstiegs aus einer ursprünglichen, scheinbaren Nichtbewusstheit in ein mehr und mehr entwickeltes Bewusstsein, das von jeder Entwicklungsstufe weiter ansteigt, um bei den höchsten Gipfeln aufzutauchen, die bislang noch außerhalb unseres normalen Fassungsvermögens liegen? Wenn dem so ist, worin besteht der Sinn, das grundlegende Prinzip, das logische Ziel dieses Vorwärtsschreitens? Denn alles scheint auf derartiges Vorwärtsschreiten als Tatsache hinzuweisen, – auf eine spirituelle und nicht nur physische Evolution. Auch hier gibt es eine bestätigende Tradition spiritueller Erfahrung, in der wir entdecken, dass das Nichtbewusste, von dem alles seinen Ausgang nimmt, nur Schein ist, denn ihm ist ein Bewusstsein mit endlosen Möglichkeiten involviert, ein Bewusstsein, das nicht begrenzt, sondern kosmisch und unendlich ist, ein verborgenes und in sich eingekerkertes Göttliches, gefangen in der Materie, doch alle Möglichkeiten in seinen geheimen Tiefen bergend. Aus dieser scheinbaren Nichtbewusstheit wird jede Macht zu ihrer Zeit enthüllt, zuerst die geordnete Materie, die den innewohnenden Geistes verbirgt, dann das Leben, das in der Pflanze auftaucht und sich im Tier mit einem wachsenden Mental verbindet, dann das Mental selbst, das sich im Menschen entwickelt und ordnet. Diese Evolution, dieses spirituelle Vorwärtsschreiten, – wird es hier in dem unvollkommenen mentalen Wesen, Mensch genannt, zum Stillstand kommen? Oder besteht ihr ganzes Geheimnis lediglich in einer Folge von Wiedergeburten, deren einziges Ziel und einziger Zweck es ist, sich jenem Punkt entgegenzuarbeiten, an dem sie ihre eigene Sinnlosigkeit erkennt und, auf sich selbst verzichtend, den Sprung in ein ursprünglich ungeborenes Sein oder Nicht-Sein tut? Zumindest besteht die Möglichkeit und ab einem gewissen Punkt die Gewissheit, dass es ein weit größeres Bewusstsein gibt als jenes, das wir Mental nennen; und wenn wir die Leiter weiter ansteigen, können wir einen Punkt erreichen, an dem die Umklammerung der stofflichen Nichtbewusstheit, die vitale und mentale Unwissenheit, endet. Ein Bewusstseinsprinzip gelangt hier zur Manifestation, das nicht nur teilweise und unvollkommen, sondern radikal und gänzlich dieses gefangene Göttliche befreit. In dieser Sicht erscheint jedes Stadium der Evolution als Ergebnis der Herabkunft einer immer größeren und höheren Bewusstseins-Macht, die das Erdendasein erhebt und eine neue Daseinsebene schafft; die höchsten jedoch müssen noch herabkommen und das Rätsel des Erdendaseins wird durch ihre Herabkunft seine Lösung erfahren, und nicht nur die Seele, sondern die Natur selbst wird ihre Befreiung erlangen. Dies ist die Wahrheit, die zu Beginn aufflackerte und die später immer deutlicher in ihrer ganzen Fülle von dem Geschlecht jener Seher geschaut wurde, die der Tantrismus die Helden-Seher oder göttlichen Seher nennen würde, und die sich jetzt dem Stadium ihrer vollen Enthüllung und Erfahrung nähern könnte. Und wie schwer auch immer die Last des Haders und des Leidens und der Finsternis in dieser Welt sei, wenn dies uns als hohes Ergebnis erwartet, wird alles Vorherige von den Starken und Wagemutigen im Hinblick auf die Herrlichkeit, die kommen wird, als nicht zu hoher Preis gewertet werden. Auf jeden Fall, der Schatten weicht; ein Göttliches Licht dämmert über der Erde, nicht nur ein ferner, unerreichbarer Schein.
Trotzdem bleibt die Frage bestehen, warum all dies notwendig war – diese rohen Anfänge, der lange, stürmische Weg, warum dieser hohe, kaum zu leistende Preis, warum all das Böse und das Leid? Was hingegen das Wie des Sturzes in die Unwissenheit im Gegensatz zu dem Warum anbelangt, die wirkende Ursache, so findet man in aller spirituellen Erfahrung eine wesenhafte Übereinstimmung. Die Spaltung, die Trennung, das Prinzip der Absonderung von jenem Bleibenden und Einen waren die Ursache, und weil das Ego sich in der Welt festsetzte und sein Begehren, seine Selbst-Anmaßung hervorkehrt und diese der Einung mit dem Göttlichen sowie dem Einssein mit dem Ganzen vorzieht; statt der einen höchsten Kraft, der höchsten Weisheit, statt dem einen höchsten Licht, welche die Harmonie aller Kräfte bestimmen, konnte sich jede Idee und Kraft und Form der Dinge so weit wie möglich in der Vielzahl unendlicher Möglichkeiten durch ihren eigenen Willen – und in der Folge unweigerlich durch den Widerstreit mit anderen – entwickeln. Die Spaltung, das Ego, ein unvollkommenes Bewusstsein, das Suchen und Kämpfen einer auf sich bedachten Selbstanmaßung sind die wirkende Ursache von Leid und Unwissenheit dieser Welt. Sobald die verschiedenen Bewusstseinsformen sich von dem einen Bewusstsein absonderten, fielen sie notgedrungen in die Unwissenheit, und die letzte Konsequenz der Unwissenheit war die Nichtbewusstheit. Aus einer dunklen, ungeheuerlichen Nichtbewusstheit erhebt sich diese stoffliche Welt und aus ihr eine Seele, die sich über die Evolution zur Bewusstheit durchringt, angezogen von dem verborgenen Licht und emporstrebend, zwar blind noch, hin zur verlorenen Gottheit, aus der sie stammt.
Doch warum geschah all dies überhaupt? Eine weitverbreitete Art, diese Frage zu stellen und zu beantworten, sollte von Anfang an ausgeschieden werden, – nämlich die typisch menschliche Art: das ethische Aufbegehren, die Missbilligung, der emotionale Aufschrei. Denn wir haben es nicht, wie einige Religionen vermuten, mit einer überkosmischen, willkürlichen, persönlichen Gottheit zu tun, die selber völlig unbeteiligt an dem Sturz ist und die das Böse und das Leid jenen Geschöpfen auferlegte, die sie in einer Laune durch ihr fiat erschuf. Das Göttliche ist, wie wir wissen, ein Unendliches Wesen, in dessen unendliche Manifestation diese Dinge gerieten, – es ist das Göttliche selbst, das hier ist, hinter uns, das die Manifestation durchdringt und die Welt mit seinem Einssein stützt. Es ist das Göttliche in uns, das selber die Bürde des Sturzes und seine dunkle Folge trägt. Und wenn Es für immer in seinem vollkommenen Licht, seiner Seligkeit, seinem Frieden über allem steht, dann ist Es ebenfalls hier. Sein Licht, seine, Seligkeit und sein Frieden stützen insgeheim alles auf Erden; und in uns selber wohnt ein Geist, eine zentrale Gegenwart, – größer als unsere Persönlichkeiten der Oberfläche – die, wie das höchste Göttliche selbst vom Schicksal, das sie erduldet, nicht überwältigt wird. Wenn wir dieses Göttliche in uns entdecken, wenn wir uns selbst als diesen Geist erkennen, der von gleicher Essenz und gleichem Wesen wie das Göttliche ist, dann haben wir unsere Pforte der Befreiung gefunden und in ihr vermögen wir, inmitten der Disharmonien der Welt, wir selbst zu sein, – leuchtend, heiter und frei. Dies ist die altersgraue Erkenntnis spiritueller Erfahrung.
Und dennoch, was ist der Sinn, was der Ursprung dieser Disharmonie – warum entstand diese Spaltung, dieses Ego, diese Welt einer leidvollen Entfaltung? Warum mussten das Böse und der Kummer in das göttliche Gute eindringen, in die Glückseligkeit, in den Frieden? Es ist schwierig, dies dem menschlichen Verstand auf seiner Ebene zu beantworten, denn das Bewusstsein, dem der Ursprung dieses Phänomens angehört – vor dem es gleichsam in überintellektueller Erkenntnis gerechtfertigt steht –, ist ein kosmisches und nicht das individualisierte menschliche Erkenntnisvermögen; es sieht in weitere Räume, hat eine andere Schau, ein anderes Wissen, andere Bewusstseinsbegriffe als der menschliche Verstand und das menschliche Gefühl. Dem menschlichen Mental könnte man vielleicht derart antworten: das Unendliche ist in sich zwar frei von diesen Störungen, doch mit dem Beginn der Manifestation begann ebenfalls die unendliche Möglichkeit; und unter den unendlichen Möglichkeiten, die zu verwirklichen Aufgabe der universalen Manifestation ist, war die Verneinung ganz offensichtlich eine Möglichkeit, jene scheinbar so wirkungsvolle Verneinung der Macht, des Lichts, des Friedens, der Glückseligkeit mit all ihren Folgen. Auf die Frage, warum diese Möglichkeit angenommen wurde, lautet die Antwort des menschlichen Verstandes, die der Kosmischen Wahrheit am nächsten kommt, folgendermaßen: in den Beziehungen oder im Übergang des Einen Göttlichen zum Göttlichen in den Vielen wurde diese unheilvolle Möglichkeit an einem bestimmten Punkt zur Unvermeidlichkeit. Und einmal vorhanden, übt sie auf die Seele, welche in die sich entfaltende Manifestation herabkommt, eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die diese Unvermeidbarkeit hervorruft, – eine Anziehung, die in menschlichen Begriffen auf der Erd-Ebene als Ruf des Unbekannten gedeutet werden kann, als die Freude an der Gefahr, an der Schwierigkeit, am Abenteuer, als Wille, das Unmögliche zu versuchen und das Unvorhersehbare zu verwirklichen, als Wille, das Neue und Unerschaffene mit dem eigenen Selbst und Leben als Stoff zu erschaffen, die Faszination der Widersprüche und ihre schwierige Harmonisierung. Diese Dinge, übertragen auf ein anderes überphysisches, übermenschliches Bewusstsein, höher und weiter als das mentale, waren die Versuchung, die zum Fall führte. Denn für das ursprüngliche Lichtwesen, das im Begriff war, herabzukommen, gab es nur ein Unbekanntes, die Tiefe des Abgrunds und die Möglichkeiten des Göttlichen in der Unwissenheit und Nichtbewusstheit. Andererseits geht vom Göttlichen Einssein eine unendliche Billigung aus, mitleidsvoll, zustimmend, hilfreich, ein höchstes Wissen, dass all dies zu geschehen habe, dass das einmal Erschienene ausgearbeitet werden müsse, dass sein Vorhandensein in gewisser Weise Teil einer unermesslichen, unendlichen Weisheit sei, dass der Sturz in die Nacht zwar unvermeidlich war, doch das Auftauchen in einen neuen, noch nie dagewesenen Tag ebenfalls gewiss sei und allein auf diese Weise eine bestimmte Manifestation der Höchsten Wahrheit bewirkt werden könne – nämlich durch Ausarbeitung seiner formgewordenen Gegensätze als Ausgangspunkt der Evolution und als Voraussetzung eines umwandelnden Neu-Auftauchens. In dieser Billigung war ebenfalls die Bereitschaft zum großen Opfer mit eingeschlossen, die Herabkunft des Göttlichen selbst in diese Nichtbewusstheit, damit es die Bürde der Unwissenheit und ihre Folgen auf sich nehme, damit es als Avatar und Vibhuti vermittle und unter dem zweifachen Zeichen des Kreuzes und des Sieges der Erfüllung und Befreiung entgegenschreite. Ist dies eine zu phantasievolle Darlegung einer nicht auszudrückenden Wahrheit? Doch wie vermöchte man, ohne Gleichnisse zu gebrauchen, dem Verstand ein Mysterium deuten, das weit jenseits seiner selbst liegt? Erst wenn man die Schranke der begrenzten Intelligenz überschritten und die kosmische Erfahrung, das kosmische Wissen geteilt hat, welche die Dinge in ihrem Einssein sehen, nehmen die höchsten Realitäten hinter diesen Gleichnissen – Gleichnisse, die mit der Wirklichkeit der Erde übereinstimmen – ihre göttlichen Formen an und werden als einfach und natürlich empfunden und als essentiell in den Dingen enthalten. Allein indem man in dieses größere Bewusstsein eintritt, vermag man die Unausweichlichkeit seiner Materialisierung und ihres Zieles zu erkennen.
Dies ist in der Tat nur die Wahrheit der Manifestation, wie sie sich dem Bewusstsein an der Grenzlinie zwischen der Ewigkeit und dem Herabstieg in die Zeit darstellt, wo die Beziehung zwischen dem Einen und den Vielen in der Evolution selbstbestimmt ist, ein Bereich, in dem alles Künftige enthalten, doch noch nicht wirksam ist. Doch das befreite Bewusstsein kann sich höher erheben, dorthin, wo das Problem nicht länger besteht, und es von dort im Licht einer höchsten Einheit sehen, in der alles in der selbst-tätigen, selbst-seienden Wahrheit der Dinge vorherbestimmt ist und gerechtfertigt steht vor einem absoluten Bewusstsein, vor einer absoluten Weisheit einem absoluten Entzücken, die sich hinter der gesamten Schöpfung und Nicht-Schöpfung befinden; sowohl Bejahung als auch Verneinung werden dort von jener unsagbaren Realität her gesehen, die diese befreit und harmonisiert. Doch dieses Wissen ist dem menschlichen Mental nicht deutlich zu machen, seine Lichtsprache ist zu unlesbar, das Licht selbst ist zu hell für ein Bewusstsein, das an die Schwere und Dunkelheit des kosmischen Rätsels gewöhnt und darin verstrickt ist, als dass es dem Faden zu folgen oder das Geheimnis zu erkennen vermöchte. Jedenfalls können wir seine volle Bedeutung erst dann erkennen und unsere Seele von dem Mysterium befreien, wenn wir uns in den Geist jenseits des Bereiches von Finsternis und Kampf erheben. Zu dieser Höhe der Befreiung aufzusteigen, ist der wahre Ausweg und das einzige Mittel, unanzweifelbares Wissen zu erlangen.
Doch diese Befreiung und Transzendenz auferlegt nicht notwendigerweise eine Abkehr, ein Sich-Los-lösen von der Manifestation. Sie kann eine Befreiung in das Wirken des höchsten Wissens vorbereiten und eine Intensität von Macht, welche die Welt umzuwandeln und das evolutionäre Streben zu erfüllen vermag. Es ist ein Aufstieg, von dem es keinen Sturz mehr gibt, sondern ein beflügeltes, sich selbst tragendes Herabkommen von Licht und Kraft und Ananda.
Was der Kraft des Seienden innewohnt, manifestiert sich als Werden; doch welcher Art die Manifestation sein wird, ihre Grundzüge, das Gleichgewicht ihrer Kräfte, die Ordnung ihrer Prinzipien, hängt von dem handelnden Bewusstsein ab, das in der schöpferischen Kraft wirkt, es hängt von der Bewusstseinsmacht ab, die das absolute Sein für die Manifestation aus sich entlässt. Es liegt in der Natur dieses Seins, seine Bewusstseinsmächte abstufen und verändern zu können und entsprechend dieser Abstufung oder Veränderung die Welt, den Grad und das Ausmaß seiner Selbstenthüllung zu bestimmen. Die manifestierte Schöpfung ist durch diejenige Bewusstseinsmacht, der sie angehört, begrenzt, und sie erkennt und lebt ihr entsprechend; sie vermag erst dann mehr zu erkennen, machtvoller zu leben, ihre Welt zu verändern, wenn sie sich einer größeren Bewusstseins-Macht darüber öffnet, ihr entgegenstrebt oder sie zum Herabkommen bewegt. Dies aber findet in der Bewusstseins-Evolution unserer Welt statt, nämlich dass eine Welt unbelebter Materie unter dem Druck dieser Notwendigkeit eine Macht des Lebens, eine Macht des Mentals hervorbringt, die neue Schöpfungsformen in diese einbringen und schließlich dahingehend wirken, eine supramentale Macht zur Herabkunft zu bewegen. Darüber hinaus wirkt eine schöpferische Kraft zwischen zwei Bewusstseinspolen. Einerseits besteht zuinnerst und darüber ein geheimes Bewusstsein, das alle Möglichkeiten in sich birgt – dort ewig manifest, hier noch der Befreiung harrend –, ein Bewusstsein des Lichts, des Friedens, der Macht und Glückseligkeit. Auf der anderen Seite gibt es noch ein anderes, ein äußeres an der Oberfläche und unter uns, das vom scheinbaren Gegenteil ausgeht, von der Unbewusstheit und Trägheit, von blinder Kraft und der Möglichkeit des Leidens, und dieses wächst, indem es in sich immer höhere Mächte aufnimmt, die seine Manifestation in immer größeren Ausdrucksformen erstehen lassen. Jede Neu-Schöpfung dieser Art lässt einen Teil der inneren Macht in Erscheinung treten und ermöglicht hierdurch die Herabkunft der darüber wartenden Vollkommenheit mehr und mehr. Solange die äußere Persönlichkeit, mit der wir uns identifizieren, in den niederen Bewusstseins-Mächten zentriert ist, ist ihr das Rätsel ihres eigenen Daseins, ihres Zwecks, ihrer Notwendigkeit ein unlösbares Mysterium; wenn diesem äußeren mentalen Menschen überhaupt ein Stück der Wahrheit vermittelt wird, erfasst er sie nur unvollkommen, er missdeutet und missbraucht sie vielleicht und lebt ihrer nicht gemäß. Sein eigentlicher Wanderstab besteht eher aus dem Feuer des Glaubens als aus einem erlebten und nicht zu bezweifelnden Licht der Erkenntnis. Nur indem er sich in ein höheres Bewusstsein erhebt, jenseits der mentalen Grenze, das ihm daher zur Zeit noch überbewusst ist, kann er aus seiner Unfähigkeit und Unwissenheit auftauchen. Seine volle Befreiung und Erleuchtung wird kommen, wenn er die Grenzlinie überschreitet und in das Licht eines neuen, überbewussten Daseins eintritt. Das ist die Transzendenz, die das Ziel der Mystiker und spirituell Suchenden ist.
Doch an der Schöpfung würde dies an sich nichts ändern. Das Entweichen einer befreiten Seele aus der Welt verändert diese Welt nicht. Doch wenn das überschreiten der Grenzlinie nicht nur einem Aufsteigen, sondern auch einer Herabkunft zugewandt wäre, bedeutete dies die Umwandlung der Linie von dem, was sie jetzt ist, ein Lid, eine Barriere, in einen Durchgang für die höheren Bewusstseinsmächte des absoluten Seins, die sich jetzt noch über ihr befinden. Es würde eine neue Manifestation auf Erden bedeuten, ein Einbringen höchster Mächte, die die Grundbedingungen hier völlig umkehrten, und zwar derart, dass dies eine Schöpfung hervorbrächte, die in die volle Flut spirituellen und supramentalen Lichtes erhoben wäre, an Stelle einer, die sich in das Halblicht des Mentals aus der Finsternis stofflicher Nichtbewusstheit erhebt. Nur in solchem vollen Licht des verwirklichten Geistes könnte das verkörperte Wesen die Bedeutung und zeitweilige Notwendigkeit seines Herabstiegs in die Finsternis und deren Bedingungen erkennen – und alles, was damit verbunden ist – und diese gleichzeitig auflösen und lichthaft verwandeln in eine Erdmanifestation des befreiten und nicht mehr des verhüllten und verborgenen oder scheinbar entstellten Göttlichen.
* * *
Teil II

Sri Aurobindo und die Mutter
Die Göttliche Wahrheit ist größer als irgendeine Religion oder ein Glaubensbekenntnis oder eine Schrift oder Idee oder Philosophie – du darfst dich an keines dieser Dinge binden. — Sri Aurobindo
Wer aufrichtig der Wahrheit dienen will, wird die Wahrheit erkennen. — Die Mutter
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Kapitel 1
Was ist die Wahrheit?
Worte der Mutter
Es gibt nur eine Wahrheit, so wie nur ein einziges Göttliches gibt.
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Worte der Mutter
Die Wahrheit ist nicht linear, sondern global; sie ist nicht aufeinanderfolgend, sondern simultan. Darum kann sie nicht in Worte gefasst werden: sie muss gelebt werden.
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Worte der Mutter
Was ist die Wahrheit? Was meinst du, wenn du von „der Wahrheit“ sprichst?
Du möchtest eine mentale Definition der Wahrheit. Die Wahrheit kann nicht in mentalen Begriffen ausgedrückt werden. Ja, so ist es. Und alle Fragen, die gestellt werden, sind mentale Fragen.
Die Wahrheit kann nicht formuliert werden, sie kann nicht definiert werden – sie muss gelebt werden.
Und derjenige, der ganz und gar der Wahrheit geweiht ist, der die Wahrheit leben will, der Wahrheit dienen will, wird in jedem Moment wissen, was zu tun ist: es wird eine Art Intuition oder Offenbarung sein (meistens ohne Worte, doch manchmal auch in Worte gefasst), die einen in jeder Minute wissen lässt, was die Wahrheit dieser Minute ist. Und das macht es so interessant. Du willst „die Wahrheit“ als etwas gut Definiertes, gut Klassifiziertes, gut Begründetes erkennen, und danach ruhst du dich aus: Es gibt keinen Grund mehr, weiter zu suchen! Du greifst sie auf und sagst: „Hier, dies ist die Wahrheit“, und dann wird sie festgelegt. So haben es alle Religionen getan. Sie haben ihre Wahrheit als Dogma festgeschrieben. Aber es ist nicht mehr die Wahrheit.
Die Wahrheit ist etwas Lebendiges, das sich bewegt, sich ausdrückt in jeder Sekunde, und sie ist ein Weg, sich dem Höchsten zu nähern. Jeder hat seinen eigenen Weg, sich dem Höchsten zu nähern. Vielleicht gibt es einige, die sich ihm von allen Seiten zugleich nähern können, doch da sind jene, die sich durch Liebe nähern, jene, die sich durch Macht nähern, jene, die sich durch Bewusstsein nähern und diejenigen, die sich durch die Wahrheit nähern. Doch jeder dieser Aspekte ist so absolut, imperativ und undefinierbar wie der höchste Herr selbst. Der höchste Herr ist absolut, imperativ und undefinierbar, nicht greifbar in seinem Handeln, und seine Eigenschaften besitzen diese gleiche Qualität.
Wenn man das einmal weiß, wird der, der sich in den Dienst einer dieser Aspekte stellt, wissen (es ist im Leben, in der Zeit, in der Bewegung der Zeit ausgedrückt), er wird in jedem Augenblick wissen, was Wahrheit ist, und wird in jeder Minute wissen, was Macht ist, und er wird in jeder Minute wissen, was Liebe ist. Und es ist eine vielfältige Macht, Liebe, Wahrheit, ein vielfältiges Bewusstsein, das sich auf unzählige Weise offenbart, so wie sich der Herr selbst auf unzählige Weise in der Schöpfung offenbart.
*
Worte der Mutter
Intellektuell gesehen ist die Wahrheit der Punkt, in dem sich alle Gegensätze treffen und zusammenschließen, um eine Einheit zu bilden.
Praktisch gesehen ist die Wahrheit die Hingabe des Ego, um die Geburt und Offenbarung des Göttlichen zu ermöglichen.
Zweifel ist die beste Waffe, die das Ego benutzt, um sich vor der Auslöschung zu schützen.
*
Worte der Mutter
Um die Wahrheit zu erkennen, solltest du ohne Vorlieben und Begehren sein, und strebst du nach der Wahrheit, muss dein Mental still sein.
* * *
Kapitel 2
Die Wahrheit eines jeden Wesens
Worte der Mutter
Das Absolute eines jeden Wesens ist seine einzigartige Beziehung zum Göttlichen und seine einzigartige Weise, das Göttliche in der Manifestation auszudrücken.
Das ist es, was man hier in Indien die Wahrheit des Wesens nennt, oder das Gesetz des Wesens, das Dharma des Wesens: das Zentrum und der Ursprung der Individualität.
Jeder trägt in sich selbst seine Wahrheit, die eine einzigartige Wahrheit, die allein ihm zugehört und die er in seinem Leben ausdrücken muss. Was ist nun diese Wahrheit? Das ist die Frage, die mir gestellt wurde:
Was ist diese Wahrheit des Wesens, und wie drückt sie sich äußerlich im physischen Leben aus?
Sie drückt sich folgendermaßen aus: jede Individualität hat eine direkte und einzigartige Beziehung zum Höchsten, dem Ursprung, Das, was jenseits aller Schöpfung ist. Es ist diese einmalige Beziehung, die sich in seinem Leben ausdrücken muss, durch eine einzigartige Weise der Verbindung mit dem Göttlichen. Demzufolge steht jeder direkt und ausschließlich mit dem Göttlichen in Beziehung – die Beziehung, die man zum Göttlichen hat, ist einmalig und exklusiv. Das bewirkt, dass du vom Göttlichen die Ganzheit der Beziehung empfängst, die dir möglich ist, wenn du fähig bist, sie zu empfangen. Das ist kein Teilen, kein Teil oder eine Wiederholung, sondern es ist ausschließlich und allein die Beziehung, die jeder Einzelne mit dem Göttlichen haben kann. Also, vom psychologischen Gesichtspunkt aus, hat man diese direkte Beziehung zum Göttlichen ganz allein.
Man ist ganz allein mit dem Höchsten.
Die Beziehung, die man zu Ihm hat, wird niemals ihresgleichen haben, mit einer anderen identisch sein. Es gibt nicht zwei, die sich gleichen und demzufolge kann dir nichts genommen werden, um einem Anderen gegeben zu werden, nichts kann dir entzogen werden, das einem Anderen gegeben würde. Und wenn diese Beziehung aus der Schöpfung verschwinden würde, dann wäre sie wirklich verschwunden – was unmöglich ist.
Das bedeutet, wenn man in der Wahrheit seines Wesens lebt, dann ist man ein unverzichtbarer Teil der Schöpfung. Natürlich will ich damit nicht sagen, wenn man lebt, was man zu sein glaubt, sondern: Wenn man die Wahrheit seines Lebens lebt, wenn man durch Entwicklung mit der Wahrheit seines Wesens in Berührung kommt, dann befindet man sich sofort in einer einmaligen und ausschließlichen Beziehung zum Göttlichen, die nicht ihresgleichen hat.
So ist es.
Da das die Wahrheit deines Wesens ist, ist es natürlich das, was du in deinem Leben ausdrücken musst.
*
Worte der Mutter
Sobald man davon überzeugt ist, dass es eine lebendige und reale Wahrheit gibt, die sich in einem objektiven Universum auszudrücken sucht, scheint es das einzig Wichtige und Wertvolle zu sein, sich mit dieser Wahrheit zu verbinden, sich mit ihr so vollkommen wie nur möglich zu identifizieren und nur noch ein Instrument zu sein, sie auszudrücken, sie stets lebendiger und greifbarer werden zu lassen, so dass sie in immer vollkommenere Weise offenbar werden möge. Alle Theorien, alle Prinzipien, alle Wege sind mehr oder weniger gut, entsprechend ihrer Möglichkeit, diese Wahrheit auszudrücken; und je weiter man auf diesem Weg vorangeht, wenn man alle Grenzen der Unwissenheit überschreitet, dann wird einem klar, dass es die Totalität dieser Offenbarung ist, ihre Ganzheit, die zum Ausdruck dieser Wahrheit notwendig ist, dass nichts ausgelassen werden darf, und vielleicht, dass nichts wichtiger oder weniger wichtig ist. Das einzig Notwendige ist eine Harmonisierung des Ganzen, die bewirkt, dass sich jedes Ding an seinem Platz befindet, in seiner wahren Beziehung zu allen anderen, so dass sich die totale Einheit harmonisch offenbaren möge...
Man hat den Eindruck, dass eine einzige Bewegung – wie klein sie auch sein mag, wie unwichtig sie auch erscheinen mag –, die im Einklang mit dieser Wahrheit steht, wertvoller ist als die wunderbarsten Argumente.
Möge ein einziger Tropfen des Lichts in dir scheinen und er wird die Dunkelheit wirkungsvoller auflösen als die schönsten Reden über das Wesen des Lichtes und was es vermag.
*
Worte der Mutter
Kann ein Kind sich der inneren Wahrheit bewusst werden wie ein Erwachsener?
Für ein Kind ist das ganz klar, denn es ist eine Wahrnehmung ohne alle Komplikationen der Sprache oder des Denkens – es ist das, was das Kind sich entspannt fühlen lässt oder aber nicht (es ist nicht notwendigerweise Freude oder Sorge, die nur dann kommen, wenn die Sache sehr intensiv ist). Und all das ist viel klarer im Kind als im Erwachsenen, denn dieser hat immer einen mentalen Geist, der arbeitet und seine Wahrnehmung der Wahrheit trübt.
Einem Kinde Theorien zu geben nützt überhaupt nichts, denn sobald sein Mental erwacht, wird es tausend Gründe finden, deinen Theorien zu widersprechen, und es wird recht haben.
Dieses kleine, wahre Ding im Kind ist die göttliche Gegenwart im Seelischen – sie ist auch in Pflanzen und Tieren. In Pflanzen ist sie nicht bewusst, in Tieren beginnt sie bewusst zu sein, und in Kindern ist sie sehr bewusst.
*
Worte der Mutter
Es gibt diese Idee, dass jeder einer Gattung angehört, dass zum Beispiel die Tanne niemals die Eiche wird und die Palme niemals der Weizen. Das ist offensichtlich. Aber das ist etwas anderes: es bedeutet, dass die Wahrheit deines Wesens nicht die Wahrheit des Wesens deines Nachbarn ist. Doch in der Wahrheit deines Wesens, entsprechend deiner eigenen Formation, ist dein Fortschritt fast unbegrenzt. Er ist nur durch deine Überzeugung begrenzt, dass er begrenzt ist, und durch die Unkenntnis der wahren Vorgehensweise, ansonsten...
Es gibt nichts, was man nicht tun könnte, wenn man weiß, wie es zu tun ist.
*
Worte der Mutter
Wenn man die Wahrheit in den Dingen findet, bedeutet das, dass man das Göttliche gefunden hat?
Sicherlich! In allem, was es auch sein mag, ist das der einzige Weg. Es gibt nichts, was nicht eine ewige Wahrheit in sich trägt, sonst könnte es nicht existieren. Das Universum könnte nicht für ein Tausendstel einer Sekunde existieren, wenn es nicht eine Wahrheit in sich enthielte...
Das Bemerkenswerteste ist, dass du, wenn du aufrichtig bist, herausfinden wirst, warum die Dinge so sind und in welcher Weise sie so sind: die Ursache, den Ursprung und den Prozess. Denn es ist eine einzige Sache. Da ist das, was wir die Wahrheit nennen, die Grundlage von allem; denn wenn das nicht wäre, dann wäre nichts. Hast du einmal die Wahrheit gefunden, dann findest du den Ursprung, du findest die Mittel, die Ursache zu ändern – in welcher Weise es so ist, warum es so ist und die Mittel, es zu ändern. Wenn du mit dem Göttlichen in Berührung bist, dann hast du den Schlüssel zu allem. Du kennst das Wie, das Warum und den Prozess der Wandlung.
Da gibt es etwas zu tun: zu arbeiten, es ist so interessant. Du repräsentierst eine kleine angesammelte Masse von Substanz, die dich bildet. Gehe nach innen und finde den Schlüssel. Du musst nur tief nach innen gehen. Du kannst nicht sagen: „Das geht über mich hinaus, es ist zu groß für mich.“ Gehe in deine kleine Person hinein und du wirst den Schlüssel finden, der alle Türen öffnet.
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Kapitel 3
Die Wahrheit wird triumphieren
Worte der Mutter
Liebe Mutter, es wird gesagt, dass das Gute und das Wahre immer triumphieren, doch wir sehen oft im Leben, dass es anders ist. Die Bösen gewinnen und scheinen irgendwie vor Leiden geschützt zu sein.
Die Menschen verwechseln immer zwei Ideen. Vom universalen und spirituellen Gesichtspunkt aus gesehen wird immer die Wahrheit das letzte Wort haben, und nicht unbedingt die „Guten“, wie die Menschen es verstehen, sondern das Wahre. Daran besteht kein Zweifel. Das heißt, am Ende wird das Göttliche obsiegen. Das ist es, was gesagt wurde, was alle, die ein spirituelles Leben führten, gesagt haben – es ist eine absolute Tatsache. Menschen haben es so übersetzt und sagen: „Ich bin ein guter Junge, ich lebe im Einklang mit dem, was ich als wahr ansehe, darum sollte die gesamte Existenz gut für mich sein.“ Zuallererst ist die eigene Selbsteinschätzung immer zweifelhaft, und dann, in der Welt wie sie zur Zeit ist, vermischt sich alles, es ist nicht das Gesetz der Wahrheit, das sich offen dem halb blinden menschlichen Bewusstsein offenbart – es wird sie nicht einmal verstehen. Um genauer zu sein, ich meine dass es die höchste Vision ist, die sich ständig verwirklicht, doch ihre Realisation in der vermischten materiellen Welt erscheint der unwissenden menschlichen Sichtweise nicht als der Triumph des Guten, das was Menschen gut und wahr nennen. Aber – um es in einer scherzhaften Weise auszudrücken –, das ist nicht der Fehler des Herrn, es ist der Fehler der Menschen! Das heißt, der Herr weiß, was er tut; nur die Menschen verstehen es nicht.
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Worte der Mutter
Du sagst, man sollte die „Gewissheit des endgültigen Sieges der Wahrheit“ haben. Doch diese Gewissheit, erscheint sie nicht sehr abweichend und oft das absolute Gegenteil von dem, was man uns im gewöhnlichen Leben lehrt?
Ja. Im Allgemeinen denkt man, dass die Dinge in der Natur immer schlecht enden. Jeder kennt die Geschichte derer, die ein jämmerliches Ende fanden, nachdem sie einen großen Erfolg in ihrem Leben genossen haben; derer, die außerordentliche Fähigkeiten besaßen und sie am Ende verloren; einer Nation, die lange Zeit das Beispiel einer herrlichen Zivilisation gegeben hat – die Zivilisation erlischt und die Nation verwandelt sich in etwas so Beklagenswertes, dass man sich nicht mehr erinnert an das, was sie gewesen ist. Es scheint, dass die Geschichte der Erde eine Geschichte der Siege ist, denen Niederlagen folgten, und nicht von Niederlagen gefolgt von Siegen.
Doch in der Tat, wenn von universalen und göttlichen Dingen die Rede ist, müsste man die universale Vision und das göttliche Verständnis der Dinge haben, um zu wissen, wie sich die Wahrheit ausdrückt. Es gibt eine Art von allgemeinem Pessimismus der sagt, dass selbst wenn die Dinge gut beginnen, sie schlecht enden werden; dass es die Schwäche, die Heuchelei, die Lüge und die Bösartigkeit sind, die scheinbar immer die Oberhand haben. Darum haben jene, die die Welt in der Dimension ihrer eigenen Person sehen, gesagt, dass die Welt schlecht sei und dass wir sie so schnell wie möglich verlassen sollten. Lehrer haben dies gelehrt, doch ihre Lehre beweist nur, dass sie eine enge Sichtweise haben und der Dimension ihrer menschlichen Individualität entsprechend.
In Wahrheit sind die Bewegungen der Natur wie Ebbe und Flut: es kommt, es geht zurück, es kommt, es geht zurück. Im universalen Leben, und sogar im Erdenleben, bedeutet das ein progressives Voranschreiten, auch wenn es scheinbar von rückläufigen Bewegungen unterbrochen wird. Doch diese Rückwärtsbewegungen sind nur eine Erscheinung, so wie man einen Schwung nimmt, um zu springen. Man scheint sich rückwärts zu bewegen, doch das ist nur, um viel weiter voranzukommen.
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Worte der Mutter
Früher oder später wird sich die Wahrheit unweigerlich durchsetzen.
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Worte der Mutter
Nichts, nicht einmal die dunkelste Falschheit kann den letzten Triumph der Wahrheit aufhalten.
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Worte der Mutter
Die Wahrheit wird mit Sicherheit eines Tages siegen und die Gnade ist immer da, unfehlbar. Diejenigen, die ihren Glauben beständig halten, sind in Sicherheit.
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Worte der Mutter
Du hast recht – nichts kann deiner Seele etwas anhaben und der Sieg der Wahrheit ist gewiss.
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Kapitel 4
Falschheit und Wahrheit
Worte Sri Aurobindos
Gott ist unendliche Möglichkeit. Darum ruht die Wahrheit nie; darum ist auch Irrtum von ihren Kindern gerechtfertigt.
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Worte der Mutter
Manche Dinge mögen tatsächlich als Irrtum erscheinen.
Für einen Augenblick.
Der Eindruck ist dieser: all unsere Urteile sind vorübergehend. In einem Moment ist es so; im nächsten Moment ist es nicht mehr so. Und für uns sind es Irrtümer, weil wir die Dinge nacheinander sehen. Doch dem Göttlichen können sie nicht so erscheinen, denn alles ist im Göttlichen enthalten.
Nun versuche dir vorzustellen, dass du das Göttliche bist, für einen Augenblick! Alles ist in dir enthalten und du vergnügst dich einfach, indem du es in einer bestimmten Reihenfolge herausbringst. Doch für dich, in deinem Bewusstsein, ist alles gleichzeitig da: es gibt keine Zeit – weder Vergangenheit noch Zukunft noch Gegenwart – alles ist zusammen, in jeder nur möglichen Kombination. Das Göttliche vergnügt sich damit, erst eine Sache hervorzubringen und dann eine andere, einfach so. Und so sagen die armen Kerle da unten, die nur einen winzigen Teil sehen können – sie können nur soviel davon sehen: „Oh, das ist ein Irrtum!“ Inwiefern ist es ein Irrtum? Einfach deswegen, weil sie nur einen winzigen Teil davon sehen.
Das ist klar, nicht wahr? Es ist leicht zu verstehen. Das Konzept des Irrtums ist ein Konzept, das Raum und Zeit angehört.
Es ist wie das Gefühl, dass etwas nicht gleichzeitig sein und nicht sein kann. Und dennoch ist es wahr, es ist und es ist nicht. Es ist das Konzept der Zeit, welches das Konzept des Irrtums einführt – der Zeit und des Raumes.
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Worte der Mutter
Nur sehr wenige sind es, die sich des Herrn bewusst sind, und es ist diese Unbewusstheit, die die Falschheit der Welt ausmacht.
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Worte der Mutter
In der Gegenwart von Gottes Frieden läuft die Falschheit beschämt davon!
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Worte der Mutter
Hier ist der Weg für diejenigen, die danach verlangen, sich der Falschheit zu entledigen:
Versucht nicht, euch selbst zu gefallen, versucht auch nicht, anderen zu gefallen. Versucht nur, den Herrn zu erfreuen.
Denn Er allein ist die Wahrheit. Jeder Einzelne und jeder von uns, menschliche Wesen in unserem physischen Körper, ist ein Mantel der Falschheit, der dem Herrn übergelegt wurde und Ihn verhüllt.
Da Er allein sich selbst treu ist, müssen wir uns auf Ihn konzentrieren, und nicht auf die Hüllen der Falschheit.
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Worte der Mutter
Meint Sri Aurobindo, dass es keine absolute Falschheit gibt, keine absolute Unwahrheit?
Es kann keine absolute Unwahrheit geben. Es ist tatsächlich nicht möglich, denn das Göttliche steht hinter allen Dingen...
Von einer absoluten Falschheit zu sprechen, die verschwinden wird, würde einfach bedeuten, dass eine ganze Reihe von Dingen ewig in der Vergangenheit leben, aber nicht zu zukünftigen Manifestationen gehören wird, das ist alles.
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Kapitel 5
Wähle die Wahrheit!
Worte Sri Aurobindos
Die Wahrheit zu erkennen, hängt nicht von einem großen oder kleinen Intellekt ab. Es hängt davon ab, ob man mit der Wahrheit in Verbindung steht und ein schweigsames und ruhiges Mental sie empfangen kann. Die größten Intellektuellen können die gröbsten Fehler begehen und Wahrheit mit Falschheit verwechseln, wenn sie nicht den Kontakt mit der Wahrheit oder die unmittelbare Erfahrung davon haben.
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Worte Sri Aurobindos
Nicht indem man die gesamte Wirklichkeit „durchdenkt“, sondern durch eine Bewusstseinsveränderung kann man aus der Unwissenheit zum Wissen gelangen, zu jener Erkenntnis, durch, die wir zu dem werden, was wir erkannten. Der integrale Weg zur Wahrheit besteht darin, sich vom äußeren in ein direktes und wesenhaftes inneres Bewusstsein zu wenden, das Bewusstsein über die Grenzen von Körper und Ego auszudehnen, es durch inneren Willen und Aspiration zu erhöhen und dem Licht zu öffnen, bis es in seinem Aufsteigen das Mental überschreitet; ferner eine Herabkunft des supramentalen Göttlichen durch Selbst-Geben und Hingabe und die fortwährende Umwandlung von Mental, Leben und Körper herbeizuführen. Dies ist es, was hier die Wahrheit genannt wird und das Ziel unseres Yoga ist.
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Worte Sri Aurobindos
Wenn das Mental still ist, dann bekommt die Wahrheit ihre Chance, in der Reinheit des Schweigens gehört zu werden.
Wahrheit kann nicht erreicht werden durch das Denken des Mentals, sondern nur durch Identität und schweigende Schau. Wahrheit lebt im ruhigen wortlosen Licht der ewigen Gefilde. Sie greift nicht ein in den Lärm und das Geschnatter logischer Debatte.
Das Denken im Mental kann höchstens das glänzende und transparente Gewand der Wahrheit sein. Es ist nicht einmal ihr Körper. Schau durch das Kleid, nicht darauf und du magst eine Andeutung ihrer Form erblicken. Es kann einen Körper des Gedankens der Wahrheit geben, aber dieser ist der spontane supramentale Gedanke und das supramentale Wort, die voll ausgeformt dem Licht entspringen, nicht irgendeiner mühsamen mentalen Nachahmung und mentalem Stückwerk. Das supramentale Denken ist nicht ein Mittel, um zur Wahrheit zu gelangen, sondern ein Weg, sie auszudrücken. Denn Wahrheit im Supramental ist selbst-gefunden oder selbst-existent. Es ist ein Pfeil aus dem Licht, nicht eine Brücke, um es zu erreichen.
Ziehe dich von Denken und Wort zurück, verharre unbewegt in dir, schau aufwärts zum Licht und hinaus in das weite kosmische Bewusstsein, das dich umgibt. Sei immer mehr eins mit der Helligkeit und Weite. Dann wird die Wahrheit von oben her in dir aufdämmern und von überallher in dich einströmen.
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Worte Sri Aurobindos
Solange wir allein im Bereich des Verstandes bleiben, können wir lediglich unvoreingenommen über all das, was bereits gedacht und gesucht wurde, nachdenken und fortwährend neue Ideen hervorbringen, alle erdenklichen Ideen, und uns diese oder jene philosophische Ansicht, Meinung oder Schlussfolgerung bilden. Diese Art unvoreingenommener Suche nach der Wahrheit wäre die einzig mögliche Haltung eines weiten, plastischen Intellektes. Doch jede Schlussfolgerung, zu der man auf diese Weise gelangte, wäre nur eine mutmaßliche; sie hätte keinen spirituellen Wert; sie würde nicht die entscheidende Erfahrung oder spirituelle Gewissheit bringen, nach der die Seele sucht. Wenn der Intellekt unser höchstmögliches Instrument ist und es kein anderes Mittel gibt, um die überphysische Wahrheit zu erlangen, dann ist die beste Einstellung ein weiser und weiter Agnostizismus. Die Dinge der Schöpfung können bis zu einem gewissen Grad erkannt werden, doch der Höchste und alles, was sich jenseits des Mentals befindet, müssen dann für immer unerkannt bleiben.
Allein wenn es ein größeres Bewusstsein jenseits des Mentals gibt und jenes Bewusstsein uns zugänglich ist, können wir jene höchste Wirklichkeit erkennen und in sie eintreten. Intellektuelle Spekulation, logisches Schlussfolgern, ob es solch größeres Bewusstsein gibt oder nicht, bringen uns nicht sehr weit. Was wir brauchen, ist ein Weg, um zu seiner Erfahrung zu gelangen, um es zu erreichen, in es einzutreten, in ihm zu leben. Wenn uns dies gelingt, muss die intellektuelle Spekulation und Argumentation notwendigerweise auf einen durchaus zweiten Platz zurücktreten und sogar ihre Daseinsberechtigung verlieren. Philosophie und die intellektuelle Formulierung der Wahrheit können zwar bestehen bleiben, doch hauptsächlich deshalb, um diese größere Entdeckung und was von ihrem Inhalt in mentalen Begriffen darstellbar ist für jene auszudrücken, die noch im mentalen Verstand leben.
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Worte Sri Aurobindos
Das Mental kann denken, zweifeln, in Frage stellen, billigen und seine Billigung wieder zurückziehen, Formungen bilden und sie wieder auflösen, Entscheidungen fällen und sie rückgängig machen, immer an der Oberfläche und mittels oberflächlicher Anhaltspunkte urteilend und daher niemals zu einer tiefen und sicheren Erfahrung der Wahrheit gelangend – doch mehr vermag es allein aus sich selbst nicht zu tun. Es gibt nur drei Wege, wodurch es sich zu einem Kanal oder Instrument der Wahrheit machen kann. Entweder es muss zum Schweigen im Selbst gelangen und einem weiteren und größeren Bewusstsein weichen; oder es muss sich passiv machen für ein inneres Licht und diesem Licht erlauben, es als Ausdrucksmittel zu gebrauchen; oder aber es muss sich aus dem gegenwärtig zweifelnden, intellektuellen und oberflächlichen Mental in einen intuitiven Verstand wandeln, in ein visionäres Mental, das für eine direkte Wahrnehmung der göttlichen Wahrheit geeignet ist.
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Worte der Mutter
Der wahre Sinn des Lebens –
Für das Göttliche zu leben, für die Wahrheit zu leben, oder wenigstens für die eigene Seele zu leben
Und die wahre Aufrichtigkeit –
Für das Göttliche zu leben, ohne daraus irgendeinen Vorteil zu erwarten.
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Worte der Mutter
Du fragst nach dem Größten aller Dinge, dem Schwierigsten, der Wahrheit – und um die Wahrheit zu empfangen, muss man darauf vorbereitet sein, fähig sein, sie zu sehen und zu fühlen – und das verlangt eine sehr intensive Vorbereitung. Tatsächlich ist die Wahrheit immer mit uns. Und wenn wir Sie nicht sehen und fühlen, dann deshalb, weil wir nicht fähig sind, Sie zu sehen und zu fühlen – das ist der Grund der Verzögerung.
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Kapitel 6
Abstufungen der Wahrheit
Worte Sri Aurobindos
Dort einen sich all die Wahrheiten in einer einzigen Wahrheit
Und alle Ideen kehren zur Wirklichkeit zurück.
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Worte Sri Aurobindos
So wie es eine Kategorie von Tatsachen gibt, zu denen unsere Sinne die bestverfügbaren, doch sehr unvollkommenen Führer sind, und so wie es eine Kategorie von Wahrheiten gibt, die wir mit Hilfe des hellen, doch noch unvollständigen Lichtes unserer Vernunft suchen, gibt es gemäß dem Mystiker eine Kategorie von noch feineren Wahrheiten, die sowohl die Reichweite der Sinne als auch die des Verstandes überschreiten, jedoch durch ein inneres, direktes Wissen und eine direkte Erfahrung gesichert werden können. Diese Wahrheiten sind übersinnlich, doch nichtsdestoweniger wirklich: sie haben ungeheure Auswirkungen auf das Bewusstsein, sie verändern seine Substanz und Bewegung und rufen vor allem tiefen Frieden und bleibende Freude hervor, ein großes Licht der inneren Schau und Erkenntnis, eine Möglichkeit, die niedere Tier-Natur zu überwinden, sowie Ausblicke auf eine spirituelle Selbstentwicklung, die ohne diese Wahrheiten nicht bestünde. Eine neue Anschauung der Dinge entsteht, die, falls sie in ihrer vollen Konsequenz verfolgt wird, eine große Befreiung bringt, innere Harmonie und Einung – und außerdem viele andere Möglichkeiten. Es ist wahr, diese Dinge sind von einer geringen Minorität der Menschheit erfahren worden, und dennoch war es eine große Anzahl unabhängiger Menschen in allen Zeiten, Ländern und unter allen Voraussetzungen, die sie bezeugen; unter ihnen befinden sich einige der größten Geister der Vergangenheit, einige der bedeutendsten Gestalten der Welt. Müssen nun diese Möglichkeiten sofort als Phantastereien verdammt werden, weil sie nicht nur über den Durchschnittsmenschen der Straße hinausreichen, sondern auch für viele kultivierte Intellekte nicht leicht erfassbar sind, oder weil ihre Methode schwieriger ist als die des gewöhnlichen Verstandes oder der Vernunft? Und wenn ihnen irgendeine Wahrheit innewohnt, ist es dann nicht wert, diese als etwas zu verfolgen, das das höchste Stadium der Selbst-Entdeckung und Welt-Entdeckung durch die menschliche Seele enthüllt? Im besten Falle ist es so – schlimmstenfalls muss es als Möglichkeit betrachtet werden, so wie alle Dinge, die der Mensch erreichte, in ihren frühen Stadien nur Möglichkeiten waren; doch es ist in jedem Fall ein großes und vielleicht ein höchst fruchtbares Abenteuer.
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Worte Sri Aurobindos
Erstens, es besteht ein großer Unterschied darin, etwas als Wahrheit auszugeben, was man für falsch hält oder wovon man weiß, dass es falsch ist, und etwas als Wahrheit auszugeben, was man nach seinem Gewissen für wahr hält, was aber in Wirklichkeit nicht wahr ist. Ersteres richtet sich ganz eindeutig gegen den Geist der Wahrheit, das zweite huldigt ihm. Das erste ist bewusste Falschheit, das zweite schlimmstenfalls ein Irrtum oder Unwissenheit.
Das ist vom praktischen Standpunkt aus betrachtet, die Antwort zum Problem „die Wahrheit zu sprechen“. Vom Standpunkt der höheren Wahrheit aus betrachtet, darf nicht vergessen werden, dass jede Bewusstseinsebene ihre eigene Norm hat – was für das Mental Wahrheit ist, mag für ein höheres Bewusstsein nur eine teilweise Wahrheit sein, doch muss das Mental durch diese teilweise Wahrheit hindurch, um die umfassendere und vollendetere Wahrheit dahinter zu erreichen. All das braucht es, um flexibel und offen zu sein, um bereit zu sein, die höhere Wahrheit, wenn sie kommt, zu erkennen, und es darf sich nicht an die niedrigere klammem, weil sie zu ihm gehört, es darf den vitalen Begierden und Passionen nicht erlauben, das Mental blind zu machen für das Licht oder die Dinge zu verdrehen und zu entstellen. Wenn einmal das höhere Bewusstsein zu wirken beginnt, verringert sich die Schwierigkeit, und es findet ein klarer Fortschritt von der Wahrheit zu einer größeren Wahrheit statt.
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Worte der Mutter
Das Denken ist etwas Ungefähres,es ist so weit entfernt von der Wahrheit. Es ist nur eine Art von unbestimmter Widerspiegelung, unvollkommen, verworren und voller Lügen, selbst im besten Fall. Nun, im Grunde ist es der Zeitpunkt, praktisch zu werden und sich zu sagen: „Nun gut, ich mache mir diesen Gedanken zu eigen, wenn er mir hilft, voranzuschreiten.“ Doch wenn du glaubst, dass sei die absolute Wahrheit, dann irrst du dich mit Sicherheit, denn es gibt keinen Gedanken, der die absolute Wahrheit ist.
Nun, in die Bücher, die du in der Universitätsbibliothek ausleihen kannst, wird eine kleine Anmerkung von Sri Aurobindo gelegt, die wunderbar ist (ich habe sie heute drucken lassen); darin heißt es: Wie auch immer die Lehre beschaffen ist, selbst die höchste, reinste, vornehmste, wahrhaftigste Lehre ist immer nur ein Aspekt der Wahrheit, und nicht die Wahrheit (ich gebe den Text1 sinngemäß wieder), es ist nicht die ganze Wahrheit. Und wirklich, so ist es. Wie auch immer du denken magst, auch wenn es sehr hoch, sehr rein, sehr vornehm, sehr wahr ist, es ist immer nur ein ganz kleiner, mikroskopischer Aspekt der Wahrheit, und demzufolge ist es nicht vollständig wahr. Also muss man in diesem Bereich praktisch vorgehen, wie ich sagte, den Gedanken vorläufig übernehmen, denjenigen der dich in dem Moment, da ihr ihn habt, zu einem Fortschritt verhilft. Manchmal kommt das wie eine Erleuchtung und hilft dir voranzuschreiten. Solange der Gedanke hilfreich ist voranzuschreiten, bewahre ihn; beginnt er sich aufzulösen, keine Wirkung mehr zu haben, nun gut, dann lass ihn fallen und versuche, einen anderen zu bekommen, der dich ein wenig weiter bringt.
Viel Elend und viel Unglück würden aus der Welt verschwinden, wenn die Menschen die Relativität des Wissens, die Relativität des Glaubens, die Relativität der Lehren erkennen würden und auch die Relativität der Umstände... inwieweit eine Sache eine so relative Bedeutung hat! In einem Augenblick kann sie von höchster Bedeutung sein, dich entweder zum Leben oder in den Tod führen – ich meine nicht das physische Leben und den physischen Tod, ich spreche vom Leben und Tod des Geistes – aber das ist nur für den Augenblick. Und wenn du einen gewissen Fortschritt gemacht hast, wenn du spirituell gesehen einige Jahre weiter bist und auf diese Sache, diese Begebenheit oder diese Idee zurückblickst, die vielleicht über dein Leben entschieden hat, dann wird sie dir so relativ, so unbedeutend erscheinen.... Und du brauchst etwas sehr viel Höheres, um einen neuen Fortschritt zu machen.
Könnte man sich stets daran erinnern, würde man viel Sektierertum vermeiden, viel Intoleranz, und man würde sofort alle Streitereien aufheben, denn eine Streitigkeit entsteht nur, dass der eine auf die eine Art denkt und der andere auf eine andere Art, dass der eine eine bestimmte Haltung eingenommen hat und der andere eine andere Haltung, und dass man nicht versucht, beide zusammenzubringen und herauszufinden, wie sie sich vertragen könnten, sondern sie stattdessen einander gegenüberstellt, als versetzte man sich Faustschläge. Es ist nichts anderes als das.
Macht man sich aber die vollständige Relativität seines Standpunktes klar, seines Denkens, seiner Überzeugung, dessen, was das Gute ist und inwieweit es relativ ist im Gang des Universums, dann ist man weniger heftig in seinen Reaktionen und ist toleranter.
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Worte der Mutter
Was ist „die geringere, auf dem Weg noch zulässige Wahrheit“?
Die höchste Wahrheit lässt sich nicht sogleich, im ersten Anlauf, erreichen. Unterwegs gibt es wahrere Dinge als die dir bekannten, die aber noch nicht die Wahrheit sind. Es sind gewissermaßen Entdeckungen, die man macht: auf einmal kommt einem eine Art Erleuchtung, stößt man auf ein Gesetz, findet einen Hebel, erblickt einen Weg, der sich einem eröffnet; das ist nicht die höchste Wahrheit, nicht die höchste Erfahrung, ist nicht das, was man erlebt, wenn man mit dem Göttlichen einsgeworden ist, sondern wie etwas, das von dort in einen herabgekommen ist und eine Teilverwirklichung gibt. Diese teilweisen Erleuchtungen sind das, was Sri Aurobindo „geringere Wahrheiten“ nennt.
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Worte der Mutter
In einer Welt der Wahrheit würde vielleicht alles so sein wie jetzt, doch es würde anders angesehen werden.
Beides. Es würde einen Unterschied geben. Es ist die gegenwärtige Unwissenheit und Dunkelheit in der Welt, die dem göttlichen Wirken eine deformierende Erscheinung gibt, und das muss natürlich nach und nach verschwinden; doch es ist ebenfalls wahr, dass es eine Sichtweise der Dinge gibt ... man könnte sagen, die ihrer Erscheinung eine andere Bedeutung verleiht.
* * *
1 „Aber weder Gedanke noch Wort können die ewige Wahrheit erfassen.“ – Sri Aurobindo
Kapitel 7
Lasst uns der Wahrheit dienen
Worte Sri Aurobindos
Wahrheit ist eine unendlich komplexe Realität und derjenige, der ihre unendliche Komplexität erkennt, doch sich davon nicht entmutigen lässt, hat die beste Chance sich ihr so weit wie möglich zu nähern. Wir müssen das ganze Gedankengewirr betrachten, Tatsache, Emotion, Idee, Wahrheit jenseits von Idee, Schlussfolgerung, Widerspruch, Modifikation, Ideal, Praxis, Möglichkeit, Unmöglichkeit (die dennoch versucht werden muss), und während man die Seele ruhig hält und das Auge klar, in diesem mächtigen Strom und Gewoge der Welt, überall ein Wort der Harmonie suchen, nicht die augenblickliche in der letzten Wahrheit vergessen, auch nicht die letzte in der augenblicklichen, sondern jeder ihren angemessenen Platz und Anteil geben. Einige Denker, wie Plato und Vivekananda, fühlen mehr als andere diese mächtige Komplexität und verleihen ihr eine Stimme. Sie schütten Gedanken in Sturzbächen oder in reichen und majestätischen Strömen aus. Sie kümmern sich nicht in logischer Weise um Konsistenz. Sie können kein zusammenhängendes, dennoch umfassendes System aufbauen, aber sie beleben den Geist der Menschen und befreien sie von religiösem, philosophischem und wissenschaftlichem Dogma und Tradition. Sie lassen die Welt nicht sicherer, aber freier zurück als bei ihrem Eintreten.
Einige Menschen versuchen die Wahrheit durch imaginative Wahrnehmung zu finden. Sie ist ein gutes Instrument, wie Logik, aber Logik bricht zusammen, bevor sie das Ziel erreicht. Ihr sollte auch nicht erlaubt werden mehr zu tun, als uns ein Stück auf dem Weg zu führen und uns dann zu verlassen. Andere denken dass ein gutes Urteilsvermögen das wahre Gleichgewicht erreichen kann. Es tut es, für eine gewisse Zeit; doch die nächste Generation wirft dieses schöne Gleichgewicht durcheinander, indem sie einer härteren Prüfung zustimmt oder eine bessere verlangt. Die Religiösen ziehen Inspiration vor, doch Inspiration ist wie der Blitz, der nur einen bestimmten Teil des Landes hell erleuchtet und den Rest in Dunkelheit belässt, die durch das grelle Licht noch intensiviert wird. Unermesslich ist unser Irrtum, wenn wir dieses wenige Land für das ganze Universum halten. Gibt es also kein Instrument des Wissens, das uns das Herz der Wahrheit erschließt und uns das Schlüsselwort des Seins liefert? Ego denke, es gibt es, doch die Evolution der Menschheit in ihrer Gesamtheit verfügt noch nicht darüber; die Höchsten ihrer Vertreter berühren nur gerade den Grenzbereich dieser Erleuchtung. Schließlich trägt uns der reine Intellekt sehr weit empor. Doch weder der Verächter rein intellektueller Ideenbildung, noch ihr fanatischer und ergebener Anhänger kann das Wissen erreichen, in dem nicht nur die Sinne Dinge widerspiegeln oder der Verstand über sie nachsinnt, sondern die ideale Fähigkeit sie direkt erkennt.
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Worte der Mutter
Die Wahrheit leuchtet von selbst ein und braucht der Welt nicht auferlegt zu werden. Sie hat es durchaus nicht nötig, von den Menschen akzeptiert zu werden, denn sie besteht aus sich selbst. Sie hängt nicht davon ab, was die Leute sagen, bedarf keiner Zustimmung. Wer hingegen eine Religion gründet, braucht viele Anhänger. Macht und Größe einer Religion wird von den Menschen nach ihrer zahlenmäßigen Stärke bemessen, obwohl es darauf bei wahrer Größe nicht ankommt. Die Größe des spirituellen Lebens liegt nicht in der Zahl. Ego habe das Haupt einer neuen Religion gekannt, den Sohn ihres Gründers, und ihn sagen hören, dass die und die Religion soundso viele Jahrhunderte zu ihrer Errichtung gebraucht habe, während seine, erst 50 Jahre alt, schon über vier Millionen Anhänger habe. „Daran sehen Sie“, fügte er hinzu, „wie groß unsere Religion ist!“ Religionen mögen zwar ihre Größe nach der Zahl ihrer Anhänger berechnen, die Wahrheit aber bleibt immer die Wahrheit, auch wenn sie keinen einzigen Jünger hätte. Der Durchschnittsmensch wird von denen angelockt, die groß angeben. Er geht nicht dahin, wo die Wahrheit sich leise offenbart. Jene, die Großes vorgeben, müssen es laut proklamieren, denn wie könnten sie sonst die Menge anziehen? Die Arbeit, die unbekümmert um das getan wird, was die Leute davon halten, ist nicht sehr bekannt und zieht nicht so leicht Massen an. Allein die Wahrheit braucht keine Reklame. Sie verbirgt sich nicht, aber sie drängt sich auch nicht auf. Es genügt ihr, sich zu offenbaren, ohne sich um die Ergebnisse zu kümmern, ohne Beifall zu suchen oder Ablehnung zu meiden, weder verlockt noch verstört von der Billigung oder Missbilligung der Welt.
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Worte der Mutter
Diejenigen, die dem Licht der Wahrheit helfen möchten, über die Kräfte der Dunkelheit und Falschheit zu triumphieren, können dies tun, indem sie aufmerksam die initiierenden Impulse ihrer Regungen und Handlungen beobachten, und zwischen jenen unterscheiden, die aus der Wahrheit kommen und jenen, die der Falschheit entstammen, um den ersteren zu gehorchen und den anderen zu widerstehen oder sie abzulehnen.
Diese Kraft der Unterscheidung ist eine der ersten Auswirkungen der Ankunft des Wahrheitslichtes in der Erdatmosphäre.
Es ist tatsächlich sehr schwer, die Impulse der Wahrheit von den Impulsen der Falschheit zu unterscheiden, wenn man nicht dieses besondere Geschenk des Unterscheidungsvermögens empfangen hat, das durch das Licht der Wahrheit bewirkt wurde.
Wie auch immer, als anfängliche Hilfe kann man die leitende Regel nehmen, dass alles was Frieden, Glauben, Freude, Harmonie, Weite, Einheit und aufsteigendes Wachsen mit sich bringt, oder sie schafft, der Wahrheit entstammt; während alles was Ruhelosigkeit, Zweifel, Skeptizismus, Kummer, Uneinigkeit, selbstbezogene Enge, Trägheit, Entmutigung und Verzweiflung mit sich bringt, geradewegs der Falschheit entspringt.
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Worte der Mutter
Was jedoch wirklichen Wert hat, das ist das Urteil der Wahrheit. Wenn jemand mit der Göttlichen Wahrheit in Verbindung steht und sie auszudrücken vermag, sind die Meinungen, die er abgibt, keine gewöhnlichen Komplimente oder Kritiken, sondern das, was das Göttliche von dir denkt, der Wert, den es deinen Qualitäten beimisst, der untrügliche Stempel, den es auf deine Bemühung prägt. Du solltest bestrebt sein, einzig auf das Wort der Wahrheit wert zu legen, und um dich auf diese Höhe zu erheben, musst du in dir Agni, die Seelen-Flamme der Transformation, brennen lassen. Es ist übrigens bemerkenswert, dass du, sobald Agni aufflammt, billiges Lob zu verabscheuen anfängst, das dir früher so sehr zu gefallen pflegte, und du begreifst klar, dass deine Wertschätzung des Beifalls eine niedrige Regung in deinem ungewandelten Wesen war. Agni lässt dich erkennen, welch weite Aussicht auf mögliche Verbesserung vor dir liegt und erfüllt dich mit dem Gefühl deines gegenwärtigen Ungenügens. Die dir von anderen erteilten Belobigungen sind dir so zuwider, dass du fast eine Abneigung gegen jene empfindest, die du früher für Freunde gehalten hättest. Alle Kritiken hingegen nimmst du im Guten auf, denn sie dienen dir als Öl ins Feuer deines demütigen Strebens nach der Wahrheit. Du fühlst dich durch Feindseligkeit anderer nicht mehr niedergeschlagen oder herabgemindert. Mindestens bist du fähig, sie mit der größten Leichtigkeit zu übersehen, und bestenfalls begrüßt du sie als neuen Beweis für deinen gegenwärtigen ungewandelten Zustand, was dich zum Selbstübersteigen anspornt, indem du dich dem Göttlichen überantwortest.
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Worte der Mutter
Die Zeit ist gekommen, dass die Herrschaft der Falschheit endet. Allein in der Wahrheit liegt die Erlösung.
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Worte der Mutter
Der Augenblick naht, in dem die Wahrheit die Welt regieren wird.
Willst du mit daran arbeiten, ihr Kommen zu beschleunigen?
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Kapitel 8
Wahrheit im Sprechen
Worte Sri Aurobindos
Die volle Wahrheit in der Rede ist für den Sadhak sehr wichtig und eine große Hilfe, um die Wahrheit in das Bewusstsein zu bringen. Es ist aber gleichzeitig schwierig, das Sprechen unter Kontrolle zu bringen; denn die Menschen sind daran gewöhnt, das zu sagen, was ihnen in den Sinn kommt, ohne es zu überprüfen und zu kontrollieren. Im Reden liegt etwas Mechanisches, und es auf die Ebene des höchsten Bewusstseins zu erheben ist niemals leicht. Das ist einer der Gründe, warum es förderlich ist, mit dem Reden sparsam zu sein. Es verhilft zu einer bewussteren Kontrolle und verhindert, dass die Zunge mit einem durchgeht und tut, was sie will.
Zurückzustehen bedeutet, ein Betrachter des eigenen Mentals und der eigenen Rede zu werden, sie anzusehen, als würden sie nicht zu einem selbst gehören und sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Wenn man sie als ein Betrachter beobachtet, getrennt von ihnen, gelangt man dahin zu erkennen, was sie sind, wie sie wirken, und kann dann eine Kontrolle über sie ausüben – zurückweisen, was man nicht billigt und nur das denken und sprechen, was man als die Wahrheit empfindet. Das kann natürlich nicht alles auf einmal geschehen. Es kostet Zeit, diese Haltung des Getrenntseins einzunehmen, und noch mehr Zeit, die Kontrolle zu errichten. Mit Übung und Beharrlichkeit jedoch ist es möglich.
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Worte Sri Aurobindos
Die Charakterschwäche, die du erwähnst, ist allgemein und beinahe universal in der menschlichen Natur. Es ist ein sehr allgemeiner Impuls, die Unwahrheit zu sprechen oder mindestens zu übertreiben oder zu untertreiben oder die Wahrheit zu entstellen, um der eigenen Eitelkeit zu schmeicheln, den Vorlieben und Wünschen zu entsprechen, oder um einen Vorteil zu ergattern oder die Erfüllung eines Wunsches zu sichern. Man muss jedoch lernen, nur die Wahrheit zu sprechen, wenn man die Natur wirklich erfolgreich wandeln will.
Sich dessen bewusst zu werden, was in der Natur gewandelt werden muss, ist der erste Schritt zur Wandlung. Diese Dinge müssen jedoch gewandelt werden, ohne dass man verzagt oder denkt „es ist hoffnungslos“ oder „ich kann mich nicht ändern“. Du tust recht daran, darauf zu vertrauen, dass die Wandlung kommen wird. Denn nichts ist unmöglich in der menschlichen Natur, wenn die Seele erwacht ist und dich führt und das Bewusstsein und die Kraft der Mutter dahinter stehen und in dir arbeiten. Das ist es, was jetzt geschieht. Sei dessen ganz gewiss, dass alles Nötige getan werden wird.
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Worte Sri Aurobindos
Nutzlos oder nicht, Unwahrheit sollte vermieden werden.
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Worte der Mutter
Wenn wir einer noch so kleinen Lüge erlauben, sich durch unseren Mund oder unsere Feder auszudrücken, wie können wir hoffen, vollkommene Botschafter der Wahrheit zu werden? Ein vollkommener Diener der Wahrheit sollte sich auch der kleinsten Ungenauigkeit, Übertreibung oder Entstellung enthalten.
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Worte Sri Aurobindos
Wenn du ein Instrument der Wahrheit sein willst, musst du immer die Wahrheit und darfst nie etwas Falsches sprechen. Das aber bedeutet nicht, dass du jedermann alles erzählen sollst. Die Wahrheit durch Schweigen oder Zurückweisung des Sprechens zu verbergen ist erlaubt, weil jene, die nicht auf sie vorbereitet sind oder sich ihr entgegenstellen, die Wahrheit missverstehen oder missbrauchen können – sie kann sogar zu einem Ausgangspunkt für Entstellung oder reine Falschheit gemacht werden. Etwas Falsches zu sagen ist dagegen eine andere Sache. Es sollte selbst im Scherz vermieden werden, denn es hat die Tendenz, das Bewusstsein zu senken. Auch der letzte Satz ist vom höchsten Standpunkt aus geschrieben – die Wahrheit, wie man sie mental erkennt, ist nicht genug, denn die Idee des Mentals kann unrichtig oder unzureichend sein –, es ist notwendig, das wahre Wissen im wahren Bewusstsein zu haben.
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Worte Sri Aurobindos
Warum sollte es eine Lüge sein [etwas zu verschweigen]? Man ist nicht gezwungen, jedermann alles zu erzählen – es würde oft mehr schaden als nützen. Natürlich muss das, was gesagt wird, wahr und darf nicht falsch sein, und es darf niemals eine Absicht der Täuschung bestehen.
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Worte Sri Aurobindos
Alles was ein wahrheitsliebender Mensch sagt (im Sinne des Nicht-Lügens), braucht sich nicht wirklich zu ereignen. Hierfür muss er die Wahrheit kennen – mit der Wahrheit der Dinge in Berührung sein, nicht nur die Wahrheit sprechen, wie sein Mental sie kennt.
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Worte der Mutter
Immer die Wahrheit zu sprechen ist der höchste Adelstitel.
*
Worte der Mutter
Ein Tropfen Wahrheit ist mehr wert als ein Meer von falschen Informationen.
*
Worte der Mutter
Niemals lügen: absolute Voraussetzung für die Sicherheit auf dem Weg.
*
Worte der Mutter
Wenn du etwas Wahres nicht sagen willst, schweige einfach, anstatt zu lügen.
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Kapitel 9
Wahrheit in Wissenschaft und Yoga
Worte Sri Aurobindos
Man könnte natürlich fragen, ob die Wissenschaft selbst bei irgendeiner höchsten Wahrheit angelangt sei; im Gegenteil, es scheint vielmehr, als ob die höchste Wahrheit selbst auf der physischen Ebene sich in dem Maße zurückzieht, in dem die Wissenschaft fortschreitet. Die Wissenschaft geht von der Annahme aus, die höchste Wahrheit habe physisch und objektiv zu sein und das objektive Höchste (oder sogar noch etwas weniger als das) würde alle subjektiven Phänomene erklären. Der Yoga geht vom gegenteiligen Standpunkt aus, nämlich dass die höchste Wahrheit spirituell und subjektiv ist und wir die objektiven Erscheinungen in diesem höchsten Licht zu betrachten haben. Es sind dies zwei einander entgegengesetzte Pole, und die Kluft ist so weit, wie sie nur irgend sein kann.
Yoga kann insofern als wissenschaftlich bezeichnet werden, als er vom subjektiven Experiment ausgeht, und alles, was er findet, auf der Erfahrung gründet; mentale Intuitionen werden nur als ersten Schritt anerkannt und nicht als Verwirklichung betrachtet – sie müssen bestätigt werden, indem man sie auf eine Erfahrung überträgt und durch diese rechtfertigt. Was den Wert der Erfahrung als solcher anbelangt, so wird dieser vom physischen Mental bezweifelt, da es sich um etwas Subjektives und nicht um etwas Objektives handelt. Doch hat diese Unterscheidung wirklich große Bedeutung? Ist nicht alles Wissen, alle Erfahrung im Grunde gleich subjektiv? Die objektiven äußeren und physischen Dinge werden vom Menschen in genau der gleichen Weise gesehen, da sein Mental und seine Sinne entsprechend aufgebaut sind; wären Mental und Sinne anders aufgebaut, dann würde die Erklärung der physischen Welt völlig anders ausfallen – die Wissenschaft selbst betont dies nachdrücklich. Doch der Standpunkt deines Freundes ist, dass Yoga-Erfahrung etwas Individuelles sei, gefärbt von der Individualität dessen, der sie hat. Dies trifft in gewissem Umfang für die genaue Form oder die Darstellung der Erfahrung in bestimmten Bereichen zu; doch selbst hier besteht ein Unterschied nur oberflächlich. Es ist eine Tatsache, dass yogische Erfahrung überall in gleichen Bahnen verläuft. Natürlich gibt es nicht nur eine, sondern viele dieser Bahnen, denn schließlich haben wir es mit einem vielseitigen Unendlichen zu tun, zu dem es viele Wege der Annäherung gibt und geben muss; doch die großen Richtlinien sind überall die gleichen, und die Intuitionen, die Erfahrungen und Phänomene sind dieselben in weit auseinanderliegenden Zeiten und Ländern und in Glaubenssystemen, die völlig unabhängig voneinander praktiziert wurden. Die Erfahrungen des mittelalterlichen europäischen Bhakta oder Mystikers sind in ihrem Gehalt genau die gleichen wie jene des mittelalterlichen indischen Bhakta oder Mystikers – sie mögen sich unterscheiden was die Namen, Formen, die religiöse Färbung anbelangt. Und dennoch standen diese Menschen weder miteinander in Verbindung, noch kannten sie ihre jeweiligen Erfahrungen und Ergebnisse, wie dies heutzutage bei den modernen Wissenschaftlern von New York bis Yokohama der Fall ist. Dies scheint doch zu beweisen, dass etwas Gleiches, Universales und vermutlich Wahres in ihnen enthalten ist, wie sehr sich auch die Nuancen der Übertragung aufgrund der Verschiedenheit einer mentalen Sprache unterscheiden mögen.
Was nun die höchste Wahrheit anbelangt, so würden vermutlich der viktorianische Agnostiker und der – nennen wir ihn – indische Vedantin darin übereinstimmen, dass sie zwar verhüllt, jedoch vorhanden sei. Beide bezeichnen sie als das Unerkennbare; der einzige Unterschied besteht darin, dass der Vedantin sagt, sie sei durch das Mental nicht erkennbar und durch die Rede nicht ausdrückbar, aber durch etwas Tieferes oder Höheres als mentale Wahrnehmung dennoch erreichbar; und sogar das Mental vermag die tausend Aspekte, die sie der äußeren und inneren mentalen Erfahrung darbietet, widerzuspiegeln, und die Rede vermag sie auszudrücken. Der viktorianische Agnostiker würde vermutlich dieser Formulierung nicht zustimmen; er würde für das zweifelhafte Vorhandensein und, wenn überhaupt vorhanden, für die absolute Unerkennbarkeit dieses Unerkennbaren stimmen.
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Teil III

Sri Aurobindo
Wann immer etwas zu geschehen hat, tauchen Kräfte auf, die sich einmischen wollen. Vermutlich wollen sie uns zeigen, dass das leichte Dahinwandern und der breite, weit offenliegende und dornenlose Pfad nur dem vedischen rtam, satyam, brhat [dem Recht, der Wahrheit, der Weite] angehören und dass wir uns nach dorthin aufmachen müssen – wenn wir können. — Sri Aurobindo
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Kapitel 1
Die Unwissenheit – ihr Ursprung und ihre Natur
Worte Sri Aurobindos
Die Unwissenheit kann den Ursprung ihres Daseins oder den Ausgangspunkt für ihr zertrennendes vielfaches Wirken nicht im absoluten Brahman oder im integralen Sachchidananda haben. Sie gehört nur einem partiellen Wirken des Wesens an, mit dem wir uns identifizieren, so wie wir uns im Körper mit diesem partiellen, vordergründigen Bewusstsein identifizieren, das zwischen Schlafen und Wachen abwechselt. Tatsächlich ist gerade diese Identifikation, die die ganze übrige Wirklichkeit in den Hintergrund drängt, die grundlegende Ursache der Unwissenheit. Wenn nun die Unwissenheit kein Element oder keine Macht darstellt, die der absoluten Natur des Brahman oder Seiner Vollständigkeit eigen ist, kann es auch keine ursprüngliche und primäre Unwissenheit geben. Wenn Maya eine ursprüngliche Macht des Bewusstseins des Ewigen sein soll, kann sie selbst nicht Unwissenheit oder irgendwie mit der Natur der Unwissenheit verwandt sein. Vielmehr muss sie eine transzendente und universale Macht des Selbst-Wissens und des All-Wissens sein. Die Unwissenheit kann da nur als eine untergeordnete und nachträgliche, als partielle und relative Bewegung intervenieren. Ist sie dann etwas, das der Vielfalt der Seelen innewohnt? Entsteht sie gleichzeitig dann, wenn Brahman sich selbst in der Vielfalt schaut? Besteht diese Vielfalt aus einer Summe von Seelen, von denen jede ihrer eigentlichen Natur nach bruchstückhaft und von all den übrigen Seelen im Bewusstsein getrennt ist, unfähig dazu, ihrer überhaupt anders bewusst zu werden als der Dinge, die außerhalb von ihr liegen, die höchstens durch Kommunikation von Körper zu Körper, von Mental zu Mental verknüpft werden, jedoch zur Einheit unfähig sind? Wir haben gesehen, dass wir das nur in unserer vordergründigsten Bewusstseinsschicht, im äußeren Mental und physischen Wesen zu sein scheinen. Sobald wir in eine subtilere, tiefere, umfassendere Wirkensweise unseres Bewusstseins zurücktreten, finden wir, dass die Trennungswände dünner werden und zuletzt überhaupt keine Trennungswand und keine Unwissenheit mehr übrig bleiben.
Der Körper ist das äußere Zeichen und die niederste Basis der scheinbaren Zertrennung, die die Natur bei ihrem Sturz in Unwissenheit und Nichtbewusstheit des Selbsts zum Ausgangspunkt macht, um durch die individuelle Seele die Einheit wiederzugewinnen, Einheit selbst inmitten der ausgeprägtesten Formen ihres vielfältigen Bewusstseins. Körper können miteinander nur durch äußere Mittel und über einen Abgrund von Äußerlichkeiten hinweg zur Kommunikation gelangen. Sie können ineinander durch einen Spalt eindringen, um einander zu durchdringen. Oder sie können sich einer Lücke im anderen Körper, einer vorher vorhandenen Teilung, bedienen. Sie können sich nur miteinander vereinen, wenn sie einander zerbrechen und verzehren, einander verschlingen und absorbieren oder den anderen sich assimilieren oder miteinander so verschmelzen, dass beide Gestaltungen verschwinden. Auch das Mental ist, wenn es mit dem Körper identifiziert ist, durch dessen Begrenzungen behindert. An sich ist es aber subtiler. Bei zwei Wesen kann das Mental des einen in das des anderen ohne eine Verletzung oder Zerteilung eindringen. Beide können ihre Substanz ohne gegenseitige Schädigung miteinander austauschen. Sie können in gewisser Welse zu beiderseitigen Teilen werden. Doch besitzt auch das Mental seine eigene Form, die dem anderen Mental gegenüber gesondert ist und sich in dieser Gesondertheit behaupten kann. Wenn wir zum Bewusstsein der Seele zurückgehen, verringern sich die der Einheit entgegenstehenden Widerstände und hören schließlich ganz auf. Die Seele kann sich in ihrem Bewusstsein mit dem anderer Seelen identifizieren. Sie kann diese in sich aufnehmen. Sie kann in jene eingehen und zum Inhalt dieser werden und so ihre Einheit mit diesen verwirklichen. Das alles kann im völligen Wachzustand stattfinden, der alle Unterschiedlichkeiten beobachtet und in Betracht zieht, aber über sie hinausgeht, – und nicht in einem gestaltlosen ununterscheidbaren Schlaf, in einem Nirvana, in dem alle Unterschiede und Individualitäten von Seele, Mental und Körper verloren sind.
Darum ist die Unwissenheit und die selbst-begrenzende Zerteilung nicht der Vielfalt der Seelen eingeboren und auch nicht unüberwindlich. Sie ist nicht die wahre Natur der Vielfalt des Brahman. So wie Brahman die Passivität und die Aktivität überragt, so überragt er auch die Einheit und die Vielfalt. Er ist in sich selbst eins, jedoch nicht mit einer sich selbst-begrenzenden Einheit, von der die Macht der Vielfalt ausgeschlossen wäre, so wie das bei der gesonderten Einheit des Körpers und des Mentals der Fall ist. Er ist nicht das mathematische Integral, die Eins, die unfähig ist, in sich die Hundert zu enthalten und die deshalb weniger ist als die Hundert. Er ist eins in sich selbst, und er ist auch eins in den Vielen, und die Vielen sind eins in ihm. Mit anderen Worten, Brahman ist in seiner Einheit des Geistes seiner vielfachen Seelen bewusst, und er ist in dem Bewusstsein seiner vielfältigen Seelen der Einheit aller Seelen inne. In jeder Seele ist er, der immanente Geist. Als der Herr in jedem Herzen ist er seiner Einheit bewusst. Der durch ihn erleuchtete Jivatman, seiner Einheit mit dem Einen bewusst, nimmt auch seine Einheit mit den Vielen wahr. Unser vordergründiges Bewusstsein, das mit dem Körper und mit dem zerteilten Leben und dem zerteilenden Mental identisch ist, ist unwissend. Aber auch dieses kann erleuchtet und bewusst gemacht werden. Die Vielfalt ist also nicht die notwendige Ursache der Unwissenheit.
Unwissenheit tritt, wie wir schon festgestellt haben, erst auf einer späteren Stufe, als eine spätere Bewegung, auf, wenn das Mental sich von seiner spirituellen und supramentalen Basis getrennt hat. Sie erreicht ihre Höhe in diesem Erdenleben dort, wo sich das individuelle Bewusstsein in den Vielen durch das zerteilende Mental mit der Form identifiziert, die die einzige sichere Basis für die Zerteilung ist. Was ist aber die Form? Sie ist, wenigstens so, wie wir sie hier sehen, eine Ausgestaltung von konzentrierter Energie, eine Konzentration von Bewusstseinskraft in ihrer Bewegung, eine Verknüpfung, die durch einen ständigen Wirbel von Aktivität im Dasein erhalten wird. Aber aus welcher transzendenten Wahrheit oder Wirklichkeit sie auch hervorgehen oder welche sie auch zum Ausdruck bringen mag, sie ist in keinem ihrer Teile von selbst dauerhaft und ewig in der Manifestation. Sie ist weder ewig in ihrer Ganzheit noch in den sie konstituierenden Atomen. Denn diese können dadurch zertrümmert werden, dass man in einer dauerhaften konzentrierten Aktion die Energie-Verknüpfung auflöst, die das einzige ist, was ihre scheinbare Stabilität erhält. Eine Konzentration von tapas in Bewegung von Kraft auf die sie im Dasein erhaltende Form bringt die physische Grundlage für die Zerteilung zustande. Aber alle Dinge in der Aktivität sind, wie wir gesehen haben, eine Konzentration von tapas in Bewegung von Kraft auf sein Objekt. Der Ursprung der Unwissenheit muss also in einer gewissen in sich selbst absorbierten Konzentration von tapas, von Bewusster-Kraft, gesucht werden, die auf eine separate Bewegung der Kraft einwirkt. Für uns nimmt das den Anschein an, als ob sich das Mental mit der separaten Bewegung identifiziere und sich auch innerhalb der Bewegung getrennt mit jeder der Formen identifiziere, die aus ihr hervorgehen. So bildet die Unwissenheit eine Wand von Separation, die das Bewusstsein in jeder Gestalt davon ausschließt, dass es seines eigenen totalen Selbsts oder des Bewusstseins anderer verkörperter Wesen und des universalen Wesens gewahr wird. Hier müssen wir Ausschau halten nach dem Geheimnis der in Erscheinung getretenen Unwissenheit des verkörperten mentalen Wesens ebenso wie der großen in Erscheinung getretenen Nichtbewusstheit der physischen Natur.
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Worte Sri Aurobindos
In der wesentlichen Tatsache seines universalen Seins ist Brahman eine Einheit und eine Vielfalt, die einander bewusst und ineinander bewusst sind. In seiner Wirklichkeit ist Brahman jenseits des Einen und der Vielen, enthält beide in sich und ist beider bewusst. Darum kann die Unwissenheit nur als ein untergeordnetes Phänomen durch eine Bewusstseins-Konzentration zustande kommen, die in ein Teil-Wissen oder ein Teil-Wirken des Wesens versunken ist und alles Übrige von ihrem Wahrnehmen ausschließt. Das mag entweder zu einer Konzentration des Einen in sich selbst unter Ausschluss der Vielen oder zu einer Konzentration der Vielen in ihrer eigenen Aktivität führen, wobei die All-Bewusstheit des Einen ausgeschlossen ist. Oder das individuelle Wesen ist in sich selbst konzentriert unter Ausschluss sowohl des Einen wie der übrigen Vielen, die dann für es gesonderte, in seine unmittelbare Bewusstheit nicht mit eingeschlossene Einheiten sind. Es ist aber auch möglich, dass an einem gewissen Punkt eine allgemeine Regel exklusiver Konzentration gilt oder eintritt, die in allen diesen drei Richtungen wirksam ist, eine Konzentration gesonderten aktiven Bewusstseins in einer gesonderten Bewegung. Das findet aber nicht in dem wahren Selbst statt, sondern in der Kraft des aktiven Wesens, in Prakriti.
Wir ziehen diese Hypothese den anderen vor, weil keine der anderen, für sich allein genommen, alle Fakten des Seins in sich enthalten oder miteinander in Einklang bringen kann. Das integrale Brahman kann in seiner Vollständigkeit nicht der Ursprung der Unwissenheit sein, da seine Vollständigkeit eigentlich All-Bewusstsein ist. Das Eine kann in seinem bewussten integralen Wesen das Vielfältige nicht ausschließen, weil sonst das Vielfältige überhaupt nicht existieren würde. Höchstens könnte es fern vom kosmischen Kräftespiel in seinem Bewusstsein irgendwo in den Hintergrund treten, um im individuellen Wesen eine ähnliche Bewegung möglich zu machen. In der Vollständigkeit der Vielen oder in jedem Selbst der Vielen können diese nicht wirklich unwissend sein hinsichtlich des Einen oder der anderen Vielen, weil wir unter „Viele“ das gleiche göttliche Selbst in allen verstehen, das hier zwar individualisiert, doch im bewussten Wesen mit allen und auch mit dem ursprünglichen und transzendenten Wesen in einer einzigen Universalität eins ist. Unwissenheit ist darum nicht der natürliche Charakter des Bewusstseins der Seele, selbst nicht der individuellen Seele. Sie ist das Ergebnis dessen, dass durch ein gewisses Wirken in der Bewusstseins-Kraft das Besondere hervorgehoben wird, wenn diese ganz in ihrer Aktivität versunken ist und ihr Selbst und die vollständige Wirklichkeit der Natur vergisst, Dieses Wirken kann nicht das ganze Wesen oder die ganze Kraft des Wesens ausmachen. Denn der Charakter dieser Vollständigkeit ist ein ganzes und nicht ein partielles Bewusstsein. Es muss sich um eine vordergründige oder partielle Bewegung handeln, die in einer oberflächlichen oder partiellen Aktion des Bewusstseins und der Kraft versunken, in seine äußere Form konzentriert ist und alles Übrige vergisst, das nicht in der äußeren Gestalt beschlossen und offenkundig wirksam ist. Die Unwissenheit ist das absichtliche Vergessen des Selbsts und des Alls in der Natur. Sie schiebt diese beiseite und stellt sie in den Hintergrund zurück, um allein das zu tun, was sie in einem bestimmten äußeren Spiel des Seins zu tun hat.
In der Unendlichkeit des Wesens und seiner unendlichen Bewusstheit ist die Konzentration des Bewusstseins, tapas, stets als innewohnende Macht von Bewusstseins-Kraft gegenwärtig. Sie ist ein selbst-verhaltenes oder in sich oder auf sich oder auf sein Objekt konzentriertes Innesein der ewigen Bewusstheit. Das Objekt ist aber in irgendeiner Weise stets sie selbst, ihr eigenes Wesen oder eine Manifestation oder Bewegung ihres Wesens. Die Konzentration mag wesenhaft sein. Sie mag sogar ein einziges Innewohnen oder völliges Versunkensein in den Grund ihres eigenen Wesens sein, eine erleuchtete oder selbst-vergessene Versenkung in sich. Sie kann eine vollständige, eine ganz oder teils mannigfaltige Konzentration sein. Sie mag auch die gesonderte Berücksichtigung eines einzigen Feldes ihres Wesens oder ihrer Bewegung sein, eine ausschließliche, punktartige Konzentration auf ein einziges Zentrum oder ein völliges Aufgehen in einer einzigen objektiven Form ihres Selbst-Seins. Die erste, die wesenhafte Konzentration ist am einen Ende das überbewusste Schweigen und am anderen Ende das Nichtbewusste. Die zweite, die vollständige, ist das umgreifende Bewusstsein von Sachchidananda, die supramentale Konzentration. Die dritte, die mannigfaltige, ist die Methode der zusammenfassenden oder globalen obermentalen Bewusstheit. Die vierte, die abgesonderte, ist charakteristisch für die Art der Unwissenheit. Die höchste Vollständigkeit des Absoluten hält alle diese Zustände oder Mächte seines Bewusstseins als ein einziges unteilbares Wesen zusammen. Es schaut auf sie alle als sein Selbst in Manifestation mit gleichzeitiger Selbst-Schau.
Man könnte also sagen, Konzentration im Sinne verhaltenen Innewohnens in sich selbst oder bezogen auf sich als Objekt gehöre zur eigentlichen Natur des bewussten Wesens. Denn obwohl es eine unendliche Ausweitung und weite Ausstreuung von Bewusstsein gibt, bleibt es doch eine verhaltene oder im Selbst enthaltene Ausweitung oder eine verhaltene oder im Selbst enthaltene Ausstreuung. Wenn es auch scheinbar eine Zerstreuung seiner Energien ist, ist es doch in Wirklichkeit eine Form von Austeilung und in einem Bereich seiner Außenseite nur möglich, weil sie von einer zugrunde liegenden, verhaltenen Konzentration getragen und unterstützt wird. Eine ausschließliche Konzentration auf ein einzelnes Subjekt oder Objekt oder in einem Bereich des Wesens oder einer Bewegung ist kein Verneinen der Bewusstheit des Geistes oder ein Heraustreten aus ihr, vielmehr eine der Formen, in denen sich die Macht von tapas selbst sammelt. Wenn aber die Konzentration exklusiv ist, bewirkt sie, dass alles übrige Selbst-Wissen hinter ihr zurückgehalten wird. Sie mag sich immer dieses Übrigen bewusst sein, handelt aber, als wäre sie dessen nicht bewusst. Das wäre aber noch kein Zustand oder Handeln der Unwissenheit. Erst wenn das Bewusstsein durch die Konzentration eine Wand der Ausschließung errichtet und sich dadurch selbst auf ein einzelnes Feld, auf einen Bereich oder einen Haltepunkt in der Bewegung so begrenzt, dass es nur dessen bewusst wird und alles andere als außerhalb von sich auffasst, haben wir das Prinzip eines sich selbst begrenzenden Erkennens, das zu einem separativen Wissen führen und seinen Höhepunkt in positiver und effektiver Unwissenheit finden kann.
Wir können eine gewisse Ahnung dessen, was das bedeutet und wozu es beim Handeln führt, bekommen, wenn wir die Art einer ausschließenden Konzentration im mentalen Menschen, in unserem eigenen Bewusstsein, betrachten. Zuerst müssen wir beachten, dass das, was wir gewöhnlich unter dem Menschen verstehen, nicht sein inneres Selbst ist; es ist nur die Summe einer sichtbaren, dauernden Bewegung von Bewusstsein und Kraft in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der wir diesen Namen geben. Es ist das, was in der äußeren Erscheinung alles Wirken des Menschen leistet, alle seine Gedanken denkt und alle seine Empfindungen fühlt. Diese Energie ist eine Bewegung von Bewusstseins-Kraft, die in einem vorübergehenden Strom innerer und äußerer Wirkensweise konzentriert ist. Wir wissen aber, dass hinter diesem Energie-Strom ein ganzes Meer von Bewusstsein existiert, das zwar des Stromes bewusst, dessen aber der Strom unbewusst ist. Denn diese Summe von Energie an der Oberfläche ist eine Auswahl, ein Resultat von allem Übrigen, das unsichtbar ist. Dieses Meer ist das subliminale Selbst, das überbewusste, das unterbewusste, das des Inneren oder das der Außenwelt bewusste Wesen, ferner die Seele, die seelische Wesenheit, die dies alles zusammenhält. Der Strom ist der natürliche, der äußere Mensch. In diesem an seiner Oberfläche lebenden Menschen ist tapas, die dynamische Bewusstseins-Kraft des Wesens, vordergründig in einer bestimmten Menge von Wirkensweisen an der Außenseite konzentriert. Alles Übrige von seinem Selbst hat es zurückgestellt und kann dessen nur vage im unartikulierten Hintergrund seines bewussten Seins gewahr werden. Es ist dessen aber nicht in der vordergründigen, von der Oberfläche in Anspruch genommenen Bewegung bewusst. Es ist nicht eigentlich, zumindest nicht in jenem Hintergrund oder in jenen Tiefen, in einem wesentlichen Sinn des Wortes über sich selbst unwissend. Aber es hat für die Zwecke seiner Bewegung an der Oberfläche und innerhalb dieser Bewegung sein wirkliches, größeres Selbst vergessen, da es allein von dem in Anspruch genommen und ausschließlich auf das konzentriert ist, was es in seinem vordergründigen Bereich tut. In Wirklichkeit vollzieht jedoch jenes verborgene Meer und nicht die oberflächliche Strömung alles Wirken: Das Meer ist die Ursache dieser Bewegung, nicht die bewusste Welle, die es emporwirft, einerlei, was das Bewusstsein dieser Woge, die in ihre Bewegungen versunken ist, in diesen lebt und nichts anderes sieht als diese, darüber denken mag. Und dieses Meer, dieses wirkliche Selbst, das integrale bewusste Wesen, die integrale Kraft des Wesens, ist nicht unwissend. Sogar die Woge ist nicht wesenhaft unwissend, denn sie enthält in sich selbst das ganze Bewusstsein, das sie zwar vergessen hat, ohne das sie aber gar nicht wirken oder weiterbestehen könnte. Sie ist aber selbstvergessen, in ihrer eigenen Bewegung völlig aufgegangen, zu sehr darin versunken, als dass sie etwas anderes als diese Bewegung zur Kenntnis nehmen könnte, solange diese sie ständig und vor allem anderen beschäftigt. Ein begrenztes praktisches Sich-selbst-Vergessen, aber keine essenzielle und bindende Selbst-Unwissenheit ist die Art dieser ausschließenden Konzentration, die jedoch die Wurzel von dem ist, was sich als Unwissenheit auswirkt.
So sehen wir auch: Zwar ist der Mensch in Wirklichkeit ein unteilbarer Strom von tapas, von bewusster Energie in der Zeit: Er kann in der Gegenwart nur aufgrund der Summe der Kraft seines vergangenen Wirkens handeln, und er erschafft bereits seine Zukunft durch seine vergangene und gegenwärtige Aktivität. Dennoch lebt er, vom gegenwärtigen Augenblick völlig absorbiert, von einem Augenblick zum anderen. Darum weiß er in dieser oberflächlichen Aktivität seines Bewusstseins nichts von seiner Zukunft und ebensowenig etwas von seiner Vergangenheit, abgesehen von jenem kleinen Teil von ihr, den er sich jeden Augenblick durch seine Erinnerung zurückzurufen vermag. Er lebt jedoch nicht wirklich in der Vergangenheit. Was er zurückruft, ist nicht die Vergangenheit selbst, sondern nur ihr Gespenst, der begriffliche Schatten einer Wirklichkeit, die jetzt für ihn tot, nicht-existent, nicht mehr im Dasein ist. Aber all das ist ein Wirken der vordergründigen Unwissenheit. Das wahre Bewusstsein in seinem Inneren ist sich seiner Vergangenheit nicht unbewusst. Es bewahrt sie, nicht notwendigerweise in der Erinnerung, sondern im Wesen, als noch aktiv, lebendig und in ihren Ergebnissen greifbar. Es sendet diese von Zeit zu Zeit empor in die Erinnerung, konkreter dem äußeren bewussten Wesen, im Resultat eines vergangenen Handelns oder vergangener Ursachen – das ist in Wirklichkeit die Erklärung für das, was man Karma nennt. Dieses wahre Bewusstsein nimmt auch die Zukunft wahr oder kann das tun. Denn irgendwo im inneren Wesen ist ein Bereich des Erkennens, der für Zukunfts-Wissen, für einen Zeit-Sinn, für eine Zeit-Schau, für ein Zeit-Verstehen offen ist, das ebenso voraus wie nach rückwärts schaut. Etwas in ihm lebt unteilbar in den drei Zeiten und enthält alle scheinbaren Zerteilungen in sich. Es hält in sich die Zukunft zu ihrer Manifestation bereit. Hier also, in dieser Gewohnheit, nur in der Gegenwart zu leben, haben wir ein zweites Versunkensein, eine zweite ausschließende Konzentration, die das Wesen weiter kompliziert und eingrenzt, die aber den sichtbaren Ablauf des Wirkens dadurch vereinfacht, dass sie dieses nicht auf den ganzen unendlichen Ablauf der Zeit, sondern auf eine begrenzte Aufeinanderfolge von Augenblicken bezieht.
Darum ist der Mensch in seinem äußeren Bewusstsein sich selbst gegenüber dynamisch und praktisch der Mensch des Augenblicks, nicht der Mensch der Vergangenheit, der einst war und nicht mehr existiert, und auch nicht der Mensch der Zukunft, der noch nicht existiert. Durch Erinnerung verbindet er sich mit dem einen, durch Vorausahnen mit dem anderen. Sein Ego-Sinn durchläuft beständig die drei Zeiten. Dieser ist aber eine zentralisierende mentale Konstruktion, kein wesenhaftes und umfassendes Sein, das alles in sich enthält, was war, ist und sein wird. Hinter ihm steht eine Intuition des Selbsts. Diese ist aber eine fundamentale Identität, die von den Wandlungen seiner Personalität nicht beeinträchtigt wird. Er ist in seiner vordergründigen Wesensgestaltung nicht jenes, sondern das, was er im Augenblick ist. Dennoch ist dieses Dasein im Augenblick die ganze Zeit über nicht die wirkliche oder die ganze Wahrheit seines Wesens, sondern nur eine praktische oder pragmatische Wahrheit für die Zwecke der Abläufe an der Außenseite seines Lebens und in dessen Grenzen. Sie ist Wahrheit, keine Unwirklichkeit. Aber sie ist Wahrheit nur in ihrem positiven Tell. In ihren negativen Teilen ist sie Unwissenheit. Diese negative Unwissenheit begrenzt auch die praktische Wahrheit und entstellt sie oft so, dass das bewusste Leben des Menschen gemäß der Unwissenheit, einem partiellen, halb-wahren und halb-falschen Wissen verläuft und nicht Im Einklang mit der wirklichen Wahrheit seiner selbst, die er vergessen hat. Weil jedoch sein wirkliches Selbst in Wahrheit die bestimmende Macht ist und alles insgeheim vom Hintergrund her lenkt, bestimmt in Wirklichkeit ein hintergründiges Wissen den gestalteten Verlauf seines Daseins. Die vordergründige Unwissenheit bildet eine notwendige, begrenzende äußere Linie und liefert die Faktoren, durch die seinem Bewusstsein und seinem Wirken die äußere Färbung und Richtung gegeben werden, die er für sein gegenwärtiges menschliches Leben und seinen jetzigen Augenblick braucht. In derselben Welse und aus demselben Grund identifiziert sich der Mensch auch nur mit dem Namen und der Gestalt, die er in seinem gegenwärtigen Dasein trägt. Er weiß nichts von seiner Vergangenheit vor der Geburt und ebensowenig von seiner Zukunft nach dem Tod. Aber alles, was er vergisst, ist in dem alles-bewahrenden integralen Bewusstsein in seinem Inneren enthalten und bleibt gegenwärtig und wirksam.
Es gibt noch eine untergeordnete pragmatische Verwendung einer ausschließenden Konzentration im Vordergründigen, die uns, trotz ihres vordergründigen Charakters, einen Hinweis geben kann. Der äußere Mensch lebt von einem Augenblick zum anderen. Er spielt in seinem gegenwärtigen Leben sozusagen verschiedene Rollen. Während er mit jeder einzelnen Rolle beschäftigt ist, kann er sich ausschließlich auf sie konzentrieren und ist von ihr so absorbiert, dass er sein ganzes übriges Dasein vergisst, es für den Augenblick nach hinten verdrängt und im gleichen Maß sich selbst vergisst. Für den Augenblick ist dieser Mensch der Schauspieler, der Dichter, der Soldat oder das, wozu er durch ein besonderes und charakteristisches Wirken der Kraft seines Wesens, durch sein tapas, seine vergangene bewusste Energie und das Handeln, das sich daraus entwickelt, konstituiert oder gestaltet wurde. Er ist nicht nur fähig, sich an diese ausschließliche Konzentration auf einen Teil seines Wesens für den Augenblick ganz hinzugeben, sondern sein Erfolg im Wirken hängt weithin von der Vollständigkeit ab, mit der er so all sein übriges Wesen beiseite lassen und nur in seinem unmittelbaren Werk leben kann. Dennoch können wir allezeit sehen, dass es der ganze Mensch ist, der in Wirklichkeit die Handlung vollzieht, und nicht nur dieser besondere Teil von ihm. Was er tut, die Art, wie er es tut, die Elemente, die er bei seinem Tun verwendet, und das Gepräge, das er seinem Werk verleiht, sind abhängig von seinem ganzen Charakter, seinem Mental, seiner inneren Gestaltung, seinem Genie, von allem, wozu ihn seine Vergangenheit gemacht hat und nicht allein seine Vergangenheit in diesem Leben, sondern auch in anderen Lebensabläufen. Und wiederum ist nicht nur seine Vergangenheit, sind vielmehr Vergangenheit, Gegenwart und vorausbestimmte Zukunft sowohl von ihm selbst als auch seiner Umwelt die bestimmenden Faktoren seines Wirkens. Der gegenwärtige Schauspieler, Dichter oder Soldat in ihm ist nur eine gesonderte Bestimmung seines tapas. Es ist die Kraft des Wesens, die für eine besondere Art des Wirkens seiner Energie, für eine gesonderte Bewegung von tapas organisiert und befähigt ist – und diese Befähigung ist keine Schwäche, kein Mangel, sondern eine große Macht des Bewusstseins -, sich in diesem besonderen Wirken ganz zu verzehren, so dass er zeitweilig all sein Übriges vergisst, obwohl doch jenes Übrige die ganze Zeit im Hintergrund des Bewusstseins und im Wirken selbst gegenwärtig und aktiv ist oder seinen Einfluss auf die Gestaltung des Werkes ausübt. Diese aktive Selbst-Vergessenheit des Menschen in seinem Werk und in der Rolle, die er spielt, unterscheidet sich von der anderen, tieferen Selbst-Vergessenheit insofern, als die Trennungswand weniger deutlich in Erscheinung tritt und auf die Dauer nicht vollständig ist. Das Mental kann seine Konzentration auflösen und jederzeit von seinem Werk in das Bewusstsein jenes umfassenderen Selbsts zurücktreten, dessen Teil-Wirksamkeit es war. Der äußere, der nur im Sichtbaren lebende Mensch, kann nicht ebenso aus eigenem Willen zu dem wirklichen Menschen in seinem Inneren zurücktreten. Unter außergewöhnlichen Bedingungen seiner Mentalität kann er das auf abnorme oder übernormale Weise nur bis zu einem gewissen Grad oder dauernd als das Ergebnis eines langen und harten Selbst-Trainings, einer Selbst-Vertiefung und Selbst-Erhöhung oder Selbst-Ausweitung. Immerhin kann er zurücktreten. Darum ist der Unterschied nur ein phänomenaler, kein essenzieller. Im wesentlichen ist es in beiden Fällen dieselbe Bewegung einer ausschließenden Konzentration, wobei der Mensch in einen besonderen Aspekt seiner selbst, in ein Handeln, eine Bewegung von Kraft absorbiert ist. Jedoch sind die Umstände verschieden, und es handelt sich um eine andere Art des Wirkens.
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