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Dennis Willkomm

Roadmap durch die VUCA-Welt

Für Führungskräfte, Scrum Master und Agile Coaches

UVK Verlag · München

Umschlagabbildung: © iStock – yanik88

Autorenfoto: privat

© UVK Verlag 2021

— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de

ISBN 978-3-7398-3118-3 (Print)

ISBN 978-3-7398-0144-5 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

  Auf das können Sie sich freuen: Ihr Roadmap durch die VUCA-Welt

 1 Von der Industrialisierung zur DigitalisierungDie Industrialisierung lässt grüßen➤ Tipps für VUCA-HeldenWas ist Komplexität?➤ Tipps für VUCA-HeldenDie VUCA-Welt➤ Tipps für VUCA-HeldenEin Paradigmenwechsel vollzieht sich➤ Tipps für VUCA-HeldenBewältigungsstrategien für eine VUCA-Welt➤ Tipps für VUCA-HeldenGrundlagen von Agilität➤ Tipps für VUCA-HeldenDer Kundennutzen steht im Mittelpunkt➤ Tipps für VUCA-Helden

 2 Der Mensch im MittelpunktKleiner Grundkurs in Neurobiologie➤ Tipps für VUCA-HeldenMotivation➤ Tipps für VUCA-HeldenPersönlichkeit➤ Tipps für VUCA-HeldenIch-Entwicklung➤ Tipps für VUCA-Helden

 3 Das Team als treibende KraftVom Einzelkämpfer zum Team➤ Tipps für VUCA-HeldenSelbstorganisation➤ Tipps für VUCA-Helden

 4 Führung in VeränderungVeränderung➤ Tipps für VUCA-HeldenFührung (Leadership)➤ Tipps für VUCA-HeldenGelingende Kommunikation und Feedback➤ Tipps für VUCA-HeldenCoaching➤ Tipps für VUCA-HeldenKultur➤ Tipps für VUCA-Helden

 5 Denken, Fühlen und Handeln für die Welt von morgenMindset und Verantwortung➤ Tipps für VUCA-HeldenOrientierung in Zeiten des Wandels➤ Tipps für VUCA-Helden

  6 Ausblick Eine Welt im Wandel Seien Sie ein VUCA-Held!

  Danke

  Literatur

  Register

Vorwort

Wenn ich an Helden denke, dann fallen mir sofort die Comics ein, die ich schon als Kind geliebt habe. Hier kommt Superman mit seinem roten Cape angeflogen und rettet in letzter Sekunde die Welt vor dem Untergang. Dort bringt Batman mit seinem messerscharfen Verstand gleich eine ganze Bande von Superschurken hinter Gitter.

Die Helden, an die sich dieses Buch richtet, sind allerdings anders. Sie kommen nicht mit dem Cape angeflogen und retten in letzter Sekunde das Projekt vor dem Untergang. Die Zeit dieser Helden ist in den meisten Unternehmen vorbei. Nein, die VUCA-Helden haben neue Superkräfte. Eine Superkraft teilen sie dabei alle: die Kollaboration. Sie sind vernetzt, teilen ihr Wissen, arbeiten zusammen und verstehen, was die Menschen um sie herum benötigen. Sie sind vorbereitet auf eine komplexe und dynamische Welt und das macht sie so wertvoll. Und das schönste: jeder von uns kann ein VUCA-Held sein!

Dieses Buch stellt ein Starter-Kit für alle VUCA-Helden dar. Sie finden darin viele Hilfsmittel, die Sie fit für die VUCA-Welt machen. Neben konkreten Methoden und Modellen bekommen Sie praktische Anwendungstipps und Beispiele an die Hand, um gleich zur Tat zu schreiten.

Sie können dieses Buch von vorne bis hinten am Stück lesen oder einfach gleich zu den Kapiteln springen, die von besonderem Interesse sind. Am Ende jedes Kapitels finden Sie Anregungen und Reflexionsfragen. Diese fordern Ihre bisherigen Sichtweisen auf Führung, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur heraus und helfen Ihnen auch, die vorgestellten Modelle und Werkzeuge in Ihren eigenen Kontext einzupassen.

Ich habe mich bemüht, Ihnen eine große Auswahl der Modelle, Methoden und Werkzeuge zusammenzustellen, die mir auf meiner bisherigen Lernreise am meisten von Nutzen waren. Sicher gibt es noch viele weitere hilfreiche Ansätze und jeder erfahrene VUCA-Held, sei es ein Scrum Master, Agile Coach oder eine agile Führungskraft, hat sicher noch weitere Werkzeuge in seinem Koffer, die hier hineinpassen würden. So entstand dieses Buch, in das auch einiges an Feedback und praktische Erfahrungen von geschätzten Kollegen eingeflossen ist, so dass ich selbst beim Schreiben noch sehr viel Wertvolles und Neues lernen durfte.

Ich hoffe, auch Sie finden auf den folgenden Seiten ein paar neue Ansätze, hilfreiche Methoden oder neue Sichtweisen.

Nun wünsche ich Ihnen viel Spaß und Erfolg mit diesem Buch und freue mich – ganz im agilen Sinne von Inspect & Adapt – auf Ihr Feedback, Lob, Kritik und Verbesserungsideen, gerne auch über Social Media mit den Hashtags #MindsetIsKey und #VUCAHelden.

Dennis Willkomm, Juni 2021

Diversität und Toleranz sind wichtige Werte für mich. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich darauf verzichtet, Personen- und Berufsbezeichnungen in der weiblichen und männlichen Form zu verwenden. Die verwendeten Begriffe schließen alle Geschlechter selbstverständlich ein.

Auf das können Sie sich freuen: Ihr Roadmap durch die VUCA-Welt


1 Von der Industrialisierung zur Digitalisierung

Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.

Richard von Weizsäcker

Lernen aus der Vergangenheit hilft zu verstehen, warum gewisse Entscheidungen getroffen wurden, um die Auswirkungen auf die Gegenwart einschätzen zu können. Viele Strukturen, Denk- und Handlungsweisen, mit denen Sie als VUCA-Held heute konfrontiert werden, haben ihren Ursprung in der Vergangenheit und wirken bis in die Gegenwart fort. Ohne das Wissen darüber, woher gewisse Strukturen und Paradigmen kommen und was der Grund ihrer Entstehung war, ist es sehr schwer, sie im Kontext der heutigen Gegebenheiten zu beurteilen. Dies trifft in besonderem Maße auf die Auswirkungen der letzten 100 Jahre auf unsere heutige Unternehmenslandschaft zu.

Mit diesem Wissen können auch die Veränderungen, die unter den Schlagworten „Digitalisierung“, „New Work“ und „Agile Transformation“ viele Unternehmen beschäftigen, besser eingeschätzt werden.

Die Industrialisierung lässt grüßen

Jede große Veränderung findet auf mehreren Ebenen statt. Wenn Sie in die Vergangenheit schauen und versuchen, Gründe zu finden, warum sich ein geschichtliches Ereignis abgespielt hat, dann ist dies immer nur auf viele unterschiedliche Ursachen zurückzuführen. Mein alter Geschichtslehrer wurde niemals müde zu betonen, dass die retrospektive Suche nach Gründen immer mit „multikausal“ beantwortet werden müsse. Es ist nie ein einzelner Grund, der Auslöser für eine tiefgreifende Veränderung ist, sondern viele unterschiedliche Ereignisse, Zustände und Umwelteinflüsse, die zusammenkommen.

So ist es kaum möglich, über die moderne Arbeitswelt, Agilität, New Work oder Digitalisierung zu sprechen, ohne dabei auf Strukturen, Prozesse und Weltbilder zu stoßen, die schon mehr als 100 Jahre alt sind, aber bis heute Auswirkungen haben.

Frederick Winslow TaylorTaylor, Frederick Winslow, ein Pionier auf dem Gebiet der Arbeitswissenschaft, wurde am 20. März 1856Taylor, Frederick Winslow in einer kleinen Stadt in Pennsylvania geboren und trat in der Zeit um die Jahrhundertwende in Erscheinung. Zu dieser Zeit gab es in den Fabriken sehr viele ungelernte Arbeiter, die ihre Körperkraft gegen Lohn anboten. Diese wurden nach ihrer individuellen Arbeitsleistung bezahlt. Je mehr sie in einer bestimmten Zeit erledigten, desto mehr Geld erhielten sie am Ende des Tages. Der Arbeitsalltag war sehr hart, aber den Arbeitern blieb nicht viel anderes übrig. Sie brauchten den Lohn, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten.

Die Entstehung des Scientific Management

Bedeutend wurde TaylorTaylor, Frederick Winslow vor allem für seine Arbeiten, die unter dem Namen Scientific Management große Bekanntheit erlangten. Er versuchte, die Arbeit in den Fabriken zu beschreiben und den besten Weg für ihre Durchführung herauszuarbeiten. Mit der festen Überzeugung, dass es den „one best way“ geben müsse, wie eine Arbeit am effizientesten auszuführen ist, entstanden so nach und nach detaillierte Arbeitsanweisungen, wie die einzelnen Arbeitsschritte auszuführen waren. Arbeiter wurden dann in der Durchführung geschult und arbeiteten nur noch nach den neuen Anweisungen.

Die Beobachtung und Planung der Arbeitsschritte führten Taylor und seine Kollegen in einer eigenen Abteilung, dem sogenannten Arbeitsbüro, durch. Auf diese Weise trennte Taylor die Kopfarbeit von der Handarbeit und verlagerte sie in zwei unterschiedliche Abteilungen. Das Mitdenken des Arbeiters wurde nicht benötigt, da der eine beste Weg ja schon gefunden war.

Diese Vorgehensweise brachte Taylor schon zu seinen Lebzeiten herbe Kritik ein. Interessanterweise aber nicht von den Arbeitern, wie man aus heutiger Sicht leicht erwarten könnte, schließlich zeichnet sich in diesen Vorgehensweisen ein sehr mechanistisches Menschenbild ab. Für die Arbeiter in den Fabriken war das Scientific Management ein klarer Schritt nach vorne. Sie waren nun durch die gut ausgearbeiteten Methoden Taylors und seiner Kollegen in der Lage, ihre Arbeit tatsächlich effizienter auszuführen, was am Ende des Tages auch dazu führte, dass sie mehr Geld mit nach Hause trugen.

Der Gegenwind, der Taylor und seiner Methode entgegenwehte, kam eher aus den Managementkreisen. Mit der Schaffung des Arbeitsbüros fürchteten Teile des Managements, dass der eigene Einfluss schwinden würde. Von ihrem Standpunkt aus nahm das Arbeitsbüro eine zu große Wertigkeit in ihrem Unternehmen ein und sie fühlten sich bedroht. In der Folge gab es einige Gegenbewegungen und heftige Kritik an den Vorgehensweisen.

Die Grundzüge des von Taylor angeregten Systems, also die Aufteilung von verschiedenen Kompetenzen in verschiedene Abteilungen, bildete aber fortan die Grundlage, auf der viele Unternehmen aufgebaut wurden und auch bis in die heutigen Tage zum Teil noch aufgebaut sind. So entstand beispielsweise neben der Produktionsabteilung auch eine Entwicklungsabteilung, eine Abteilung für den Verkauf, eine Abteilung für das Controlling und so weiter. In diesen Abteilungen fanden sich dann die Spezialisten wieder. Die Unternehmen waren sehr kreativ und bauten unterschiedlichste Abteilungen, getrennt nach Funktionen auf.

In sehr vielen Fällen führte diese Aufteilung zu funktionalen Silos. In den vergangenen Jahren (und auch heute noch) kann man an vielen Beispielen sehen, dass diese funktionalen Silos dazu führen können, dass sich die unterschiedlichen Abteilungen gegenseitig das Leben schwer machen. Zum Beispiel, indem sie abteilungsspezifische Ziele, die sich im Gesamtkontext aber leider widersprechen, verfolgen, oder indem die verschiedenen Abteilungen sich gegenseitig die Schuld zuschieben, wenn es Fehlschläge gibt, anstatt gemeinsam den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Diese häufigen negativen Auswirkungen der tayloristischen Struktur werden heute von vielen Beobachtern massiv kritisiert und Taylor in die Schuhe geschoben. Damit tut man ihm mit Sicherheit Unrecht, da seine Ansätze im Kontext der damaligen Zeit und den gutgemeinten Absichten durchaus sehr positive Auswirkungen mit sich brachten. Dass diese Strukturen heute in den meisten Fällen vielleicht nicht mehr ganz so passend und zeitgemäß sind, kann man schlecht Frederick TaylorTaylor, Frederick Winslow ankreiden.

Die Taylorwanne

Lassen Sie uns noch einmal einen weiteren Schritt zurück in der Zeit gehen, in die Zeit vor der aufkommenden Industrialisierung. Damals kaufte man beispielsweise Kleidung beim Schneider vor Ort, die sehr individuell angepasst wurde. Ein Schneider sah sich unterschiedlichsten Wünschen gegenüber und musste in der Lage sein, diese zu erfüllen. Zum Glück hatte er keine allzu große Konkurrenz zu befürchten, weil die Leute aus seinem Ort nur zu ihm gehen konnten.

Dann kam das Industriezeitalter. Maschinen übernahmen Aufgaben, die vorher noch von Menschen erledigt wurden und eine Massenproduktion begann. Während am Anfang, wie zu Zeiten Taylors, noch die Menschen die Arbeiten ausführten, wurde dies zunehmend von Maschinen übernommen. Die Menschen, die nicht in den denkenden Abteilungen arbeiteten, wurden nur noch benötigt, um Maschinen zu bedienen und einfache Arbeitsschritte auszuführen. Nun herrschte ein Verkäufermarkt, das heißt, die Unternehmen konnten ihre Produkte so auf den Markt bringen, wie es ihnen beliebte. In dieser Zeit und unter diesen Bedingungen, wo es eine große Nachfrage gab und noch keinen allzu großen Wettbewerb, spielte die tayloristische Struktur ihre großen Stärken aus.

Im Vergleich zu unserem vorindustriellen Dorfschneider wurde nun zum Beispiel Kleidung als Massenware hergestellt. Dabei überlegte sich eine Abteilung, welche Kleidungsstücke wohl großen Anklang finden würden. Dann gaben sie entsprechende Schnittmuster und Vorlagen an eine andere Abteilung weiter, die dafür sorgte, dass die maschinelle Produktion diese Kleider herstellen konnte. In den Läden hing dann später das entworfene T-Shirt in vielfacher Ausführung und in unterschiedlichen Größen zu verlockenden Preisen, mit denen der Schneider nicht mithalten konnte.

Dann setzte, zuerst langsam, dann immer deutlicher, das Wissenszeitalter ein. Neue Technologien hielten Einzug. Das Internet vernetzte Menschen auf der ganzen Welt. Die Märkte wurden globalisiert. Nun war es möglich, sich günstigere Produkte von der anderen Seite der Welt zu kaufen. Der Markt wandelte sich von einem Verkäufermarkt zu einem Käufermarkt. Der Kunde stellte plötzlich Ansprüche und konnte aus einer großen Auswahl von Produkten wählen, was ihm am besten gefiel oder die gewünschte Qualität aufwies. Plötzlich fand man sich wieder in einem hochdynamischen Umfeld. Zwar konnte man immer noch auf die Herstellungskraft von Maschinen zurückgreifen, aber die Kunden verlangten nach sehr individuellen Lösungen. Innovation und Kreativität wurden immer wichtiger.

In der heutigen Zeit herrscht ein großer globaler Wettbewerb. Disruptionen bedrohen bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle. Ganze Märkte werden durcheinandergeworfen. Klassische Unternehmen, die nach tayloristischen Grundsätzen aufgebaut sind, sehen sich hochdynamischen und adaptiven Start-ups gegenüber, die sehr schnell auf Veränderung reagieren können

Die Taylorwanne zeigt diese Veränderung noch. Erinnern Sie sich an den Schneider, der seine Produkte noch in Handarbeit herstellte, bevor Maschinen diese Aufgaben erledigen konnten? Diese Manufaktur zeichnet sich dadurch aus, dass die Aufgabe zwar eine gewisse Komplexität besaß, denn schließlich musste auf die Kunden gehört und einen Teil der Wünsche erfüllt werden, insgesamt war sie aber noch recht überschaubar. Durch direkten Kontakt und einen hohen Anteil an Handarbeit besaß die Arbeit eine gewisse Dynamik. Wenn es einer Anpassung der Arbeitsweise bedurfte oder eine Entscheidung zu treffen gab, dann passte der Schneider sie an oder traf die Entscheidung.

Abb. 1:

Taylorwanne (eigene Darstellung nach Pfläging 2018)

In Zeiten der Industrialisierung veränderte sich dies. Die Dynamik nahm deutlich ab, denn vereinheitlichte Produktionsprozesse sorgten dafür, dass hochwertige Produkte in großer Stückzahl kostengünstig hergestellt werden konnten. Für die Käufer veränderte sich der Markt, indem sie statt einem Kleidungsstück, dass der Schneider speziell für sie anfertigte, ein Kleidungsstück von der Stange kauften. Diese waren deutlich günstiger und machten den Handarbeiten der Schneider Konkurrenz.

Später dann stieg, durch neue Technologien und globale Märkte, die Komplexität an, und der Markt wurde immer dynamischer. Die Produktion selbst war optimiert und funktionierte hervorragend. Die Herausforderung war, dass man schneller sein musste als die Konkurrenz, neuartige Produkte auf den Markt zu bringen. Bis Anpassungen oder Entscheidungen an die entsprechenden Positionen transportiert worden waren und dort getroffen wurden, verging oft zu viel Zeit. Bis dahin hatte die schnellere Konkurrenz schon gehandelt und wichtige Marktanteile gewonnen.

Die Taylorwanne hilft zu erklären, warum die funktionale Aufteilung und die Trennung unterschiedlicher Arbeiten in Abteilungen in diesem Umfeld so gut funktionierte.

Der TaylorismusTaylorismus war im Rahmen seiner Zeit ein sehr sinnvoller Ansatz, um hocheffizient und erfolgreich zu sein. Die Aufgaben, mit denen wir heute konfrontiert sind, werden aber zunehmend komplexer und erfordern neue Bewältigungsstrategien. Wie diese aussehen, werden wir uns mit Hilfe eines Modells im nächsten Kapitel ansehen.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Auch wenn der Taylorismus mit all seinen Erscheinungsformen heute oftmals stark in der Kritik steht, sollten Sie verstehen, auf welchen Grundlagen dieser basiert und warum er so viel Erfolg hatte. Es ist wichtig anzuerkennen, dass dieser Ansatz durchaus Vorteile mit sich brachte, in einer Zeit, die anders als unsere heutige war.

1 Versuchen Sie immer erst, etwas zu verstehen, bevor Sie es kritisieren.

Natürlich finden Sie heute viele Beispiele, in denen die funktionale Aufteilung in Silos dazu führt, dass sich Unternehmen sehr stark mit sich selbst beschäftigen und durch politische Grabenkämpfe lähmen.

Wenn Sie verstehen und vermitteln können, warum eine tayloristische Struktur zu gewissen Zeiten Erfolg versprach, im heutigen Kontext aber hinderlich sein kann, dann können Sie dies auch vermitteln und Verständnis schaffen.

 Erklären Sie die Gründe, warum die tayloristische Struktur so erfolgreich in ihrer Zeit war.

 Zeigen Sie, wie das Marktumfeld sich damals vom heutigen Markt unterscheidet.

 Können Sie Unterschiede erkennen? Wo stoßen Sie mit dem tayloristischen Ansatz an Grenzen und wo funktioniert er nach wie vor?

1 Beziehen Sie den Kontext ein.

Am Beispiel des Taylorismus können Sie erkennen, dass es wichtig ist, ein System, eine Struktur oder einen Prozess immer im jeweiligen Kontext zu betrachten. Nichts ist von sich aus gut oder schlecht. Manchmal versteht man den Sinn nur durch Einbeziehung des Kontextes.

 In welchem Kontext ist eine Struktur oder ein Prozess entstanden?

 Hat sich der Kontext verändert?

 Welche dieser Veränderungen beeinflusst den Erfolg der ursprünglichen Struktur?

1 Jedes System ist auch von den handelnden Menschen abhängig.

Machen Sie sich bewusst, dass jedes System, wie auch der Taylorismus, von den handelnden Menschen mit Leben gefüllt wird. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Abteilungen sagt noch nichts darüber aus, ob die angesprochenen Nachteile dieser Struktur sich auch wirklich zeigen werden.

Es gibt auch Beispiele dafür, dass Abteilungen sehr gut zusammenarbeiten und sich nicht auf politische Spielchen einlassen. Solche Unternehmen können auch mit tayloristischen Strukturen Erfolg aufweisen.

 Wie arbeiten die Menschen in Ihrem Umfeld zusammen?

 Welche Strukturen und Systeme unterstützen Verhaltensweisen?

 Welche (überraschenden) Abweichungen von erwarteten Verhaltensweisen, die sich aus der Struktur (Organigramm, Prozesse, Abteilungen) ergeben, können Sie in Ihrem Umfeld beobachten? Was schließen Sie daraus?

Was ist Komplexität?

In der Alltagssprache wird komplex oftmals synonym zu kompliziert verwendet, das ist es aber nicht. Was erst einmal wie eine Spitzfindigkeit anmutet, sollten wir uns etwas genauer betrachten. Lassen Sie uns dafür einen Blick auf das CynefinCynefin-Framework1 werfen.

Das Cynefin-FrameworkCynefin-Framework

Das Wort Cynefin stammt aus dem walisischen und bedeutet übersetzt so viel wie Lebensraum. Es stammt von Dave SnowdenSnowden, Dave, der auch in einer Reihe sehr guter Videos im Internet sein Modell ausführlich erklärt.

Abb. 2:

Das Cynefin-Framework im Überblick (eigene Darstellung nach Dave Snowden)

Das Cynefin-Framework teilt sich in vier Quadranten sowie einen Bereich in der Mitte auf. Jeder Quadrant stellt dabei grob gesagt eine Kategorisierung von Problemen und Aufgaben dar.

Lassen Sie uns ein Beispiel anschauen. Es ist Samstag und die Sonne scheint. Berti hat sich vorgenommen den Rasen zu mähen. Also geht er in den Schuppen und sucht den Rasenmäher. Voller Motivation geht er nun mit seinem Rasenmäher in den Garten. Sicherlich stimmen Sie mir zu, dass das Rasenmähen eine als einfach zu kategorisierende Tätigkeit (rechts unten in der Abbildung) darstellt. Snowden beschreibt, dass man einfache Probleme mit einem Dreischritt aus Wahrnehmung, Kategorisierung und Reaktion behandeln kann. In diesem Beispiel würde Berti also den Rasenmäher betrachten (wahrnehmen), ihn als Rasenmäher erkennen (kategorisieren) und dann den Schalter zum Einschalten drücken. Dann schiebt er den Rasenmäher über den Rasen und erhält so das gewünschte Ergebnis: einen gekürzten und ordentlichen Rasen. In diesem Fall hat man es mit einer Best-Practice zu tun, also einem Vorgehen, das einfach als das naheliegendste und erwiesenermaßen Beste einzuordnen ist.

Kompliziert wird es dann (rechts oben in der Abbildung), wenn der Rasenmäher plötzlich den Dienst verweigert. In diesem Fall ist es für Berti, der ein technischer Laie ist, kein einfaches Problem mehr, den Rasenmäher wieder zum Arbeiten zu bewegen. So bleibt für Berti nur der Gang zum Experten, der sich mit Rasenmähern auskennt und eine Reparatur durchführen kann. Dieser sieht sich erst einmal den Rasenmäher genau an (wahrnehmen) und versucht herauszufinden, was das grundlegende Problem ist. Aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrung kann er den Rasenmäher dazu auseinanderbauen und nachsehen, wo es klemmt (analysieren). Das Grundwissen dafür hat er sich angelesen und aus vielen vorhergehenden Reparaturen erweitert. Hat er das Problem erkannt, beginnt er mit der Reparatur (reagieren). In der Folge sollte der Rasenmäher wieder laufen. Berti verstaut diesen also wieder im Auto und fährt zufrieden nach Hause. Dort kann er die Gartenarbeit fortsetzen. Im Fall eines komplizierten Problems hat man es nicht mehr mit Best Practices, sondern mit Good Practices, also bewährten Vorgehensweisen, zu tun. Es gibt mit Sicherheit mehrere Wege, den Rasenmäher zu reparieren, die in den meisten Fällen funktionieren, aber nicht den einen offensichtlichen, der immer funktionieren wird. Eine gewisse Kreativität und Improvisationsgeschick sind hier von Vorteil.

Eine Woche später, es ist wieder Samstag, ist Berti allerdings faul. Er nimmt sich daher vor, jemand anderen dazu zu bewegen, diese Aufgabe zu erledigen. Damit wird es dann komplex (oben links in der Abbildung). Berti kann nicht durch Wissen den Vorgang beeinflussen. Er überlegt, seine Frau zu überreden, aber er ist nicht sich sicher, wie sie reagieren wird. Vielleicht ist sie gerade müde von einem anstrengenden Tag und überhaupt nicht in der Stimmung, noch den Rasen zu mähen. Vielleicht hat sie aber auch den ganzen Tag im Büro gesessen und ist ganz dankbar, dass es eine Aufgabe gibt, bei der sie sich ein wenig körperlich betätigen kann. Dann kommt ihm eine andere Idee: Er könnte auch seinen Sohn fragen und ihm eine Belohnung in Aussicht stellen. Aber wird dieser sich darauf einlassen? Wie auch immer, Berti wird ausprobieren müssen, wie sein Gegenüber auf die Aufforderung, den Rasen zu mähen, reagiert (experimentieren). Dann kann er beobachten, was passiert. Bietet er seinem Sohn fünf Euro für das Rasenmähen und nichts passiert (wahrnehmen), dann kann er es mit zehn Euro versuchen. Vielleicht hat er damit mehr Glück (reagieren). Oder er versucht es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.

Aus dem, was funktioniert hat, kann Berti dann Strategien für die Zukunft entwickeln. Dies nennt Snowden dann die emergenten Praktiken. Also Praktiken, die sich nach und nach entwickeln und anpassen. Im Gegensatz zu komplizierten Problemen kann man hier keine klaren Ursache-Wirkung-Beziehungen im Voraus erkennen. Egal wie gut Berti seine Familie kennt, er wird nie alle Informationen erfassen können, die ihm eindeutig vorhersagen, ob er seinen Sohn mit fünf Euro, mit zehn Euro oder einfach mit einer netten Bitte zum Rasenmähen bewegen kann. Das kann er erst nachher – retrospektiv –, nachdem er es ausprobiert hat. Allerdings sollte er dann auch nicht dem Irrglauben anhängen, dass beim nächsten Mal, wenn der Rasen wieder zu hoch ist, die gleiche Taktik zum gleichen Ergebnis führen wird.

Zuletzt beschreibt Cynefin noch chaotische Probleme (links unten in der Abbildung). Hier herrscht wirklich Chaos. Zum Beispiel ist es so gut wie unmöglich vorherzusagen, welches Muster die abgemähten Grashalme in der Auffangbox darstellen werden. Dies ist vollkommen zufällig und auch retrospektiv nicht zu rekonstruieren. Der Dreischritt sieht hier Handeln-Wahrnehmen-Reagieren vor und beschreibt komplett neue Praktiken. Wenn Ihnen das noch nicht chaotisch genug ist, dann können Sie sich noch mit Problemfeldern beschäftigen, die Snowden als Disorder bezeichnet. Hier gibt es keine erkennbaren Vorgehensweisen mehr.

Mit Hilfe des Cynefin-Frameworks können Sie Ihre Herausforderungen einschätzen und so eine passende Vorgehensweise wählen. Problematisch wird es, wenn Sie eine Fehleinschätzung vornehmen, denn dann können sich Probleme, die Sie vielleicht als „einfach“ eingeschätzt haben, schnell als „chaotisch“ herausstellen.

Für einen Überblick reicht es aber aus, ein grundlegendes Verständnis für die Unterscheidung zwischen komplizierten und komplexen Systemen aufzubauen. Mit diesem Verständnis können Sie nun die Taylorwanne noch einmal etwas genauer betrachten und sehen, dass das Scientific Management dort seine Stärken ausspielt, wo komplizierte Probleme zu lösen sind. Taylor war es gelungen, die Probleme wahrzunehmen, zu analysieren und dann Handlungsanweisungen abzuleiten, die dazu führten, dass die komplizierten Probleme sehr effizient gelöst werden konnten. In der anbrechenden Zeit der Wissensarbeit verschoben sich die Probleme mehr und mehr in die komplexe Domäne, wo Disruptionen plötzlich Märkte komplett umwandelten oder neue Technologien alte Lösungen überflüssig machten.

Umgang mit der Komplexität

Als angehender VUCA-Held sind Sie konfrontiert mit zwei großen Herausforderungen. Die erste Herausforderung besteht darin, dass Sie in der Lage sein müssen, das Problem richtig einzuschätzen und zu erkennen, wie es beschaffen ist.

Sie haben gesehen, dass Probleme, die durch Wissen zu beherrschen sind, die Sie analysieren und dann angehen können, komplizierte Herausforderungen darstellen. Dort, wo Sie nur sehr schwer Kausalzusammenhänge erkennen können und mit Wissen allein nicht mehr weiterkommen, begeben Sie sich in ein komplexes Umfeld.

Wenn man diesen Unterschied kennt, dann stellt die Findung einer passenden Strategie zur Problemlösung die zweite Herausforderung dar. Die meisten Strategien zur Problemlösung, die in Erziehung und Ausbildung vermittelt werden, sind eher auf komplizierte Problemstellungen ausgerichtet. Als Schüler wurden Sie darauf vorbereitet, Aufgaben zu analysieren und dann Lösungen dafür zu finden. Wenn Sie sich nicht bewusst sind, dass Sie es mit einem komplexen Problem zu tun haben, dann werden Sie sehr wahrscheinlich auf diese Strategien zurückgreifen, die Sie gelernt und verinnerlicht haben. Lösungsstrategien für komplizierte Probleme sind jedoch nicht geeignet, um komplexe Probleme zu lösen. Vor dieser Herausforderung stehen heute viele Unternehmen.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Unterscheiden zu können zwischen komplizierten und komplexen Herausforderungen ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg in der VUCA-Welt.

1 Finden Sie zuerst heraus, mit was für einer Herausforderung Sie es zu tun haben.

Orientieren Sie sich an Hilfsmitteln, wie dem vorgestellten Cynefin-Framework, um Ihre Herausforderung einzuschätzen. Falls Sie noch eine etwas andere Sicht bekommen möchten, können Sie sich auch mit der Stacey-Matrix auseinandersetzen1. Wenn Sie unsicher sind, ob Sie es mit einem komplizierten oder einem komplexen Problem zu tun haben, deutet dies eher auf ein komplexes Problem hin. Starten Sie mit den Strategien für komplexe Probleme und passen Sie Ihre Vorgehensweise an, wenn Sie neue Erkenntnisse gewinnen.

 Können Sie eindeutige Kausalzusammenhänge erkennen?

 Sind diese Zusammenhänge in der Situation zu erkennen oder nur durch Nachbetrachtung?

 Waren Sie schon mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert und wie haben Sie sie bewältigt?

1 Schießen Sie nicht mit Kanonen auf Spatzen.

Sie haben nun ein Gefühl dafür bekommen, wie problematisch es wäre, ein komplexes Problem nicht als solches zu erkennen. Dies könnte Sie dazu verführen, auf Nummer sicher zu gehen und die Strategien für komplexe Probleme auf so ziemlich jedes Problem anwenden, das Ihnen begegnet. Aber emergente Praktiken erfordern viel Kommunikation, Feedback und auch Anpassungen. Wenn ein Problem erkennbar auf eine gewisse Art und Weise zu lösen ist, dann sollten Sie Good Practices einsetzen. Nicht für alle Aufgabenstellungen sind beispielsweise agile Vorgehensweisen hilfreich.

 Ist es für Ihre Aufgabe nötig, Experimente zu fahren oder gibt es Experten, die sehr genau wissen, was erwartet wird und sofort helfen können?

 Die Einschätzung eines Problems ist für sich schon eine komplexe Aufgabe. Wie können Sie sicherstellen, dass Sie schnell erkennen, ob Sie falsch liegen mit Ihrer Einschätzung?

1 Wenn Menschen involviert sind, wird die Aufgabe komplex.

Sie können sich auf eine Faustregel verlassen, die so gut wie immer gilt: Da, wo Menschen involviert sind und unterschiedliche Interessen und Sichtweisen aufeinandertreffen, haben Sie es mit komplexen Herausforderungen zu tun.

Menschen und ihr Verhalten sind nicht berechenbar. Sie verhalten sich manchmal – aus der Sicht anderer – irrational und unvorhersehbar. Da in der heutigen Welt der Mensch trotz aller Technologie wieder viel stärker in den Mittelpunkt gerückt wird, können Sie davon ausgehen, dass die Mehrzahl der Herausforderungen komplex ist.

 Treffen in Ihrem Umfeld unterschiedliche Menschen, Perspektiven und Ziele aufeinander?

 Wie viel Kommunikation findet statt?

 Wie sind die Beziehungen zwischen den Menschen beschaffen?

 Wenn Sie nicht all diese Faktoren kontrollieren können, wie können Sie dann darauf hinwirken, dass Sie schnell merken, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert?

Die VUCA-Welt

Ich habe jetzt schon häufiger den Begriff VUCA-Welt VUCAverwendet. Wahrscheinlich haben Sie auch schon einen ziemlich guten Eindruck davon bekommen, was ich damit meine. Lassen Sie uns nun ein wenig genauer hinsehen, wie diese VUCA-Welt eigentlich beschaffen ist.

Gefühlt ist alles schneller geworden, hektischer, kurzlebiger. Während Gelehrte im Mittelalter noch in der Lage waren, sich das gesamte verfügbare Wissen der Menschheit im Laufe ihres Lebens anzueignen, ist dies heutzutage bei der Vielzahl an Informationen sogar in sehr eng eingegrenzten Fachgebieten nicht mehr möglich. Diese Veränderung führt zu einem Anstieg von Komplexität und Dynamik und bewirkt, dass die bewährten Mechanismen an Wirkung verlieren oder sogar hinderlich werden.

Die Faktoren – Volatilität, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit – werden gerne gemeinsam mit der Komplexität genannt, um die Herausforderungen der Umwelt zu beschreiben. In einer amerikanischen Militärhochschule tauchte Ende der 1990er Jahre ein Akronym auf, das heute in aller Munde ist und die maßgeblichen Eigenschaften dieser Umwelt auf die vier Bestandteile herunterbricht: VUCA. Schauen wir uns diese vier Bestandteile einmal genauer an.

Volatilität

Sucht man nach Synonymen für Volatilität, findet man Begriffe wie Schnelllebigkeit, Unbeständigkeit und Flüchtigkeit. Die Welt um uns herum ist in ständiger Veränderung. Dabei können schon kleinste Veränderungen unvorhersehbare Auswirkungen mit sich führen. Solche Veränderungen ereignen sich immer häufiger und ihre Auswirkungen sind, wegen der Verflechtungen und Zusammenhänge, oft sehr weitreichend.

Große Unternehmen und Marktführer, die gestern noch ganze Branchen beherrscht haben, verschwinden von der Landkarte. Vielleicht haben Sie auch von dem Schicksal der einstigen Riesen Nokia oder Kodak gehört. Nokia war lange Jahre Marktführer mit seinen Mobiltelefonen und hatte für das erste Smartphone, das auf den Markt kam, nicht viel mehr als ein Schmunzeln übrig. An entscheidender Stelle glaubte niemand daran, dass sich ein Telefon ohne Tasten durchsetzen würde. Und auf dem kleinen Bildschirm würde man auch sicher nicht im Internet surfen oder Videos schauen. Nokia sollte eines Besseren belehrt werden und brauchte Jahre, um wieder einigermaßen auf die Füße zu kommen. Kodak war es einige Jahre zuvor ähnlich ergangen. Man war Marktführer für Fotofilme und wähnte sich nahezu unverwundbar. Also redete man sich ein, niemand würde auf diese neuen Digitalkameras setzen und lief geradewegs in die Bedeutungslosigkeit, als sich diese Annahme als völlige Fehleinschätzung herausstellte.

So wie den beiden Größen vergangener Tage ging es mehr als der Hälfte der Fortune-500-Unternehmen seit dem Jahr 20001. Und die Prognosen deuten eine Fortführung, wenn nicht sogar eine Verstärkung dieses Trends an. Die durchschnittliche Zeit, die ein Unternehmen überlebt, liegt schätzungsweise bei 15 Jahren.

Vor diesen Herausforderungen stehen die Unternehmen mit ihren strategischen Produktentscheidungen ständig. Wenn ein übereifrig twitternder Präsident in der Lage ist, mit einer unbedachten (oder vielleicht doch genau kalkulierten) Äußerung die Aktienmärkte und ganze Wirtschaftszweige zu lenken, dann wird schnell offensichtlich, dass unsere Welt sehr volatil daherkommt.

Unsicherheit

Sie benötigen nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass diese Volatilität zu einer enorm großen Unsicherheit führt. Prognosen, die auf Daten der Vergangenheit beruhen, werden plötzlich wertlos, weil sich die Voraussetzungen jederzeit verändern können. Diejenigen, die an verantwortungsvollen Stellen in Wirtschaft und Gesellschaft stehen, stehen vor der entscheidenden Frage, wie sie überhaupt noch sinnvolle Entscheidungen treffen sollen, bei dieser herrschenden Unsicherheit über die Entwicklungen.

Nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für jeden einzelnen Menschen, steigt die Unsicherheit. Waren früher noch gesicherte Arbeitsplätze und lineare Karriereverläufe die Norm, steigt die Angst davor, keinen Platz mehr in der Arbeitswelt von morgen zu finden und ausgemustert zu werden. Wird der Zeitungsredakteur noch gebraucht, wenn digitale Magazine den Markt übernehmen? Was macht die Taxifahrerin, wenn Uber sich durchsetzt?

Glaubt man den Experten, dann fallen in Zukunft eine Vielzahl von Arbeitsplätzen der Digitalisierung zum Opfer. Was sollten also Kinder heute lernen, damit sie in einer unvorhersehbaren Arbeitswelt der Zukunft nicht unvermittelbar sind? Ist unsere Gesellschaft darauf vorbereitet? Der Unterschied zu früheren Zeiten ist, dass die Veränderungen viel schneller über uns hereinbrechen, die Auswirkungen sichtbar werden und die Nachrichten darüber sich viel schneller verbreiten.

Sie können beobachten, dass eine große Unsicherheit sich in allen Bereichen breitmacht. die spannende Frage, auf die wir später noch eingehen, ist, wie diese Unsicherheit sich letztendlich auswirkt. Sind die Menschen in der Lage, die Unsicherheit auszuhalten und Strategien zu entwickeln, damit umzugehen? Oder rufen sie nach Fixpunkten und starken Anführern, die ein Gefühl der Sicherheit geben?

Komplexität

Die hohe Volatilität führt dazu, dass Ursache-Wirkung-Zusammenhänge nur noch sehr schwer zu überschauen sind. Selbst für Computer, die eine große Zahl unterschiedlicher Ereignisse verarbeiten können, ist es in Echtzeit nicht möglich, klare Vorhersagen daraus abzuleiten. Eine einzige neue Idee kann ein ganzes Businessmodell in eine Krise stürzen.

Die Unsicherheit trägt einen beträchtlichen Anteil zur Komplexität bei. In der Regel sind Menschen an der Lösung komplexer Probleme beteiligt. Dadurch wirken ihre Einstellungen und Beziehungen sich aufeinander aus und können die Zusammenarbeit beeinflussen, was wiederum die Komplexität weiter erhöht. Es wird oft vom Flügelschlag des Schmetterlings erzählt, der einen Sturm auf einem entfernten Kontinent auslösen kann. Manchmal können sehr kleine Handlungen zu großen Auswirkungen führen. Dieses Bild ist der Chaos-Theorie entliehen, zeigt aber sehr schön, dass wir in der VUCA-Welt eher in komplexen (und manchmal chaotischen) Umfeldern sind und nur noch sehr selten in komplizierten.

Ambiguität

Ambiguität – oder auch Mehrdeutigkeit, Vieldeutigkeit – ist ebenfalls so allgegenwärtig in unserer Umwelt, dass sie es in das Akronym VUCA geschafft hat. Diese Vieldeutigkeit entsteht dadurch, dass Ihnen zwar eine schier unbegrenzte Zahl an Daten und Informationen zur Verfügung steht, diese allerdings erst sinnvoll ausgewertet und verarbeitet werden muss, um Sinn zu ergeben.

Kennen Sie das Kinderspiel „Teekesselchen“? Hierbei geht es darum, Wörter zu erraten, die mehrdeutig sind. Ein Spieler macht eine Aussage, in der er das gesuchte Wort beschreibt und durch „Teekesselchen ersetzt“. Ein anderer Spieler muss das Wort dann erraten. Zum Beispiel könnte ich Folgendes sagen: „Auf meinem Teekesselchen kann man sitzen und Geld finden“. Gesucht wäre hier eine Bank, die im Park stehen kann und mir eine Sitzgelegenheit bietet und die, eine Straßenecke weiter als Institution, mein Erspartes bewacht.

Wenn Sie nun Daten haben, dann ist eine Mehrdeutigkeit problematisch, wenn Sie nicht genug Kontext haben, um diese Mehrdeutigkeit zu entschlüsseln. Wenn ich nur das Wort „Bank“ in den Raum werfe, dann ist für Sie unmöglich zu entscheiden, ob ich die Sitzgelegenheit oder das Gebäude meine. Die Aussage „Ich war bei der Bank“, hilft Ihnen auch noch nicht wirklich weiter. Wenn aber der folgende Satz ergänzt wird: „Dort habe ich mich ein wenig ausgeruht und die Leute im Park beobachtet“, dann nehmen Sie korrekterweise an, dass ich die Sitzgelegenheit meint. Eine Schlussfolgerung daraus könnte nun sein, dass ich noch nicht die fünfzig Euro abgehoben habe, die ich Ihnen schulde. Somit könnten Sie auch Annahmen treffen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen.

Wird der Sinn eindeutiger, je mehr Daten und je mehr Kontext Sie bekommen? Spielen wir das Spielchen einmal weiter und erhöhen die Mehrdeutigkeit. „Ich war bei der Bank und habe bemerkt, dass ich keine Kohle hatte.“ War ich jetzt im Gebäude und wollte Geld abheben (das leider nicht mehr da war) oder habe ich mich mit Freunden im Park zum Grillen an der Parkbank getroffen und die Grillkohle vergessen?

Ich denke, Sie sehen, wo das Problem mit Vieldeutigkeit liegt. Nun ist es heute zum Glück möglich, mit modernen Technologien eine enorm große Zahl unterschiedlicher Daten zu erheben und diese auswerten zu lassen (Big Data). Durch ausgefeilte Algorithmen können so ganze Persönlichkeitsprofile erstellt und Vorlieben ermittelt werden, die dann zum Beispiel für personalisierte Werbung genutzt werden. Dies wiederum erlaubt es den Anwendern, ein möglichst gutes, auf Sie abgestimmtes Angebot zu platzieren.

Dennoch können diese Algorithmen auch komplett danebenliegen. Und sie erlauben auch keine treffgenaue Vorhersage für die Zukunft, nur statistische Wahrscheinlichkeiten. Alle Daten müssen nach wie vor interpretiert werden und da besteht die Chance, dass die Interpretation falsch ist.

Aber nicht nur in Big Data zeigt sich ein Effekt von Vieldeutigkeit. In nahezu allen wichtigen Fragen gibt es kein richtig oder falsch, schwarz oder weiß. Auf welchen Daten und auf welchen Grundlagen sollten Sie eine Entscheidung fällen? Die politischen Parteien nähern sich immer mehr der Mitte an (zumindest die einst großen Volksparteien), die Unternehmen fordern Eigenverantwortung, behandeln die Mitarbeiter aber oft wie kleine Kinder, Offenheit gegenüber anderen Kulturen wird verlangt, gleichzeitig soll aber die eigene Kultur nicht vergessen werden, … Wie entscheidet man sich hier richtig? Es gibt keine eindeutige Antwort.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Die VUCA-Welt ist allgegenwärtig und als VUCA-Held sollte man seine Umwelt kennen.

1 Beobachten Sie Ihre Umwelt und finden Sie Beispiele für VUCA.

Seien Sie aufmerksam, was um Sie herum geschieht und halten Sie die Augen offen. Oftmals sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nur wenige Dinge verändern sich so radikal, dass sie sofort als massive Veränderung erkannt werden. Wenn Sie aber die Perspektive wechseln (oder den Zeitrahmen), dann werden sie vielleicht deutlicher.

 Wo sehen Sie Beispiele für Volatilität?

 Wo sehen Sie Beispiele für Unsicherheit?

 Wo sehen Sie Beispiele für Komplexität?

 Wo sehen Sie Beispiele für Ambiguität?

1 Nehmen Sie eine entspannte Haltung ein.

Sehen Sie die VUCA-Welt nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance. Machen Sie sich bewusst, wo die Risiken und wo die Möglichkeiten liegen. Schauen Sie sich dabei auch Ihr Umfeld an. Wie verhalten sich die Menschen, mit denen Sie zu tun haben? Sind sie sich der Herausforderung bewusst?

 In Bezug auf Ihr Vorhaben, welche Herausforderungen stellt VUCA?

 In Bezug auf Ihr Vorhaben, welche Chancen bietet VUCA?

 Wie können Sie das Risiko minimieren und die Chancen am besten nutzen?

 Wie gehen Sie damit um, wenn Menschen in Ihrem Umfeld (scheinbar) noch nicht auf VUCA vorbereitet sind? Wie können Sie ihnen helfen, ihre Umwelt besser zu verstehen?

Ein Paradigmenwechsel vollzieht sich

Die DigitalisierungDigitalisierung ist in aller Munde, doch für viele Menschen ist gar nicht so recht zu greifen, was eigentlich darunter zu verstehen ist. Für viele ist Digitalisierung untrennbar mit neuen, digitalen Technologien verbunden. Andere verbinden damit eine Reihe neuer Geschäfts- und Businessmodelle. Wieder andere sehen darin eine Veränderung der Rolle des Menschen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft. Wahrscheinlich haben alle zum Teil Recht mit ihrer Annahme, denn die Digitalisierung hat Auswirkungen in all diesen Bereichen.

Ganz ähnlich wie die Industrialisierung, die nicht nur neue Möglichkeiten der Produktion hervorbrachte, sondern auch gesellschaftlichen Wandel bewirkte, trifft dies auch auf die Digitalisierung zu. Nicht umsonst werden oft auch die Begriffe Industrie 4.0 oder vierte industrielle Revolution mit der Digitalisierung synonym verwendet.

Die VUCA-Welt macht ein Umdenken in sehr vielen Bereichen notwendig. Besonders wenn Sie die Paradigmen, die noch aus den Zeiten der Industrialisierung stammen und in vielen Organisationen noch vorherrschen, betrachten, wird klar, dass die zugrundeliegenden Annahmen, Werte und Prinzipien in vielen Branchen und Domänen nicht mehr zeitgemäß sind und früher oder später zu Problemen führen werden1.

Neue Paradigmen für die Arbeitswelt

Svenja HofertHofert, Svenja bringt die Unterschiede zwischen Industrialisierung und Digitalisierung ganz treffend auf den Punkt (Hofert 2018a):


klassisches Paradigma neues Paradigma
Eine einzelne Arbeitskraft muss Leistung bringen. Das Team muss innovativ sein.
Arbeiten als Erwerbsarbeit Arbeiten als Sinnerfüllung
Produktion und Verwaltung führen zu Wertschöpfung. Innovation und Kommunikation führen zu Wertschöpfung.
Die Leistung des Einzelnen muss optimiert werden. Die Leistung des Teams muss optimiert werden.
Delegationsprinzip ist die Aufgabenverteilung. Delegationsprinzip ist die Verantwortungs-übergabe.
Wissen bedeutet Macht. Können bedeutet Macht.
Homogenität schafft Nähe. Heterogenität schafft Leistung.
Mitarbeiter haben sich unterzuordnen. Mitarbeiter sollten proaktiv sein.
Leistung ist die Aufgaben- und Zielerfüllung. Leistung ist die kontinuierliche Entwicklung und Verbesserung.
Eindeutigkeit ist die Grundlage. Mehrdeutigkeit ist die Grundlage.

Tab. 1:

Paradigmenwechsel nach Svenja Hofert

Lassen Sie uns diese grundlegenden Paradigmenwechsel einmal genauer anschauen.

Teamleistung ist wichtiger als Einzelleistung

Während Taylors Zeitgenossen großen Wert darauf legten, dass der einzelne Arbeiter Leistung bringen musste, setzt sich in der Digitalisierung die Erkenntnis durch, dass nicht die Leistung des Einzelnen im Mittelpunkt stehen darf, sondern innovative Teamleistung. Die Arbeitsaufgaben, mit denen man es in der Regel in der Industrialisierung zu tun hatte, konnten leicht in Einzelschritte zerlegt werden und das Ergebnis bestand aus der Summe dieser Einzelleistungen. Somit konnte das System optimiert werden, indem die Einzelleistungen verbessert wurden. Allerdings trifft diese Voraussetzung nicht auf die komplexen Aufgaben zu, die heute zunehmend den Arbeitsalltag in sehr vielen Bereichen bestimmen. Bei komplexen Herausforderungen sind Teams um ein Vielfaches effektiver als Einzelkämpfer.

Abb. 3:

Vom Einzelnen zum Team

Daher wandert der Fokus weg vom Individuum und hin zum Team als kleinste Einheit einer Organisation. In modernen Organisationen zeichnen sich Teams dadurch aus, dass die Teammitglieder gemeinsame Ziele verfolgen, die sie als Einzelkämpfer entweder nur sehr schwer oder gar nicht erreichen könnten. Solche Teams sind, wenn sie funktionieren, von enormem Wert für das Unternehmen, denn die Leistung des Teams ist mehr als die Summe der Leistungen der Teammitglieder. Besonders, wenn es daran geht, innovative Lösungen zu entwickeln, sind Teams fast immer Einzelnen überlegen. Dementsprechend ist es nicht weiter verwunderlich, dass aus der Sicht einer Führungskraft in der Digitalisierung nicht die Leistung eines jeden Einzelnen zu optimieren ist, sondern die Leistung des Teams. In Wahrheit kann es sogar die Gesamtleistung reduzieren, wenn man sich auf die Optimierung von Einzelleistungen konzentriert, da man es mit Effekten der Teamdynamik zu tun bekommt.

Sinnerfüllung ersetzt Erwerbsarbeit

In den Zeiten der Industrialisierung bestand die Hauptmotivation zu arbeiten darin, Geld zu verdienen, um die Familie zu ernähren. Aufgrund der gesellschaftlichen Umstände, die oftmals Bildung zu einem Privileg wohlhabender Familien machte, gab es für einen Großteil der Menschen keine große Auswahl an Alternativen, was die Wahl ihrer Arbeitsplätze betraf. Es handelte sich um die klassische Erwerbsarbeit, die als Hauptziel die Existenzsicherung hatte.

Abb. 4:

Von Erwerbsarbeit zur Sinnerfüllung

Die Menschen in der Wissensgesellschaft finden sich in einer anderen Situation wieder. Es gibt viele gut ausgebildete Fachkräfte, die sich ihren Arbeitgeber aussuchen können. Die Unternehmen wetteifern um die besten Kräfte auf dem Arbeitsmarkt. Daher lernen immer mehr Personalentscheider, dass sie sich attraktiv machen müssen für Bewerber. Diese sehen hingegen die Arbeit nicht mehr als reine Existenzsicherung an. Viele Menschen streben nach Selbstverwirklichung und suchen einen Arbeitsplatz, der ihnen eine Sinnerfüllung bietet.

Können ist wichtiger als Wissen

In der Industrialisierung gab es keinen Zweifel: hier sorgten die Produktion und die notwendige Verwaltung für die Wertschöpfung. Je mehr die Arbeiter innerhalb einer bestimmten Zeit herstellen konnten, desto mehr Wert wurde für das Unternehmen geschaffen. Gespräche und soziale Interaktionen untereinander waren nicht nötig und hinderten auch eher dabei, effizient die Arbeit zu erledigen.

Abb. 5:

Von Wissen zu Können

In der Digitalisierung sieht dies grundlegend anders aus. Wertschöpfung ist in erster Linie nicht mehr definiert durch die Produktion und die Verwaltung, sondern durch Innovation und Kommunikation. Menschen, die miteinander reden und kollaborieren und dabei innovative Ideen entwickeln, sind ein entscheidender Faktor auf den globalen Märkten.

Dieser Paradigmenwechsel ist nicht zu unterschätzen, da Generationen von Managern dafür ausgebildet wurden, Effizienz zu betonen. Da, wo Produkte auf dem Fließband montiert werden, macht dies auch durchaus Sinn. In der Wissensarbeit geht es aber nicht darum, komplizierte Dinge zusammenzusetzen, sondern komplexe Probleme zu lösen. Softwareentwicklung, die sich mit neuen Funktionalitäten beschäftigt, findet zum Großteil statt, wenn die zuständigen Entwickler gemeinsam Ideen generieren, wie ein Problem gelöst werden kann. Dies sind Gespräche, die prinzipiell überall stattfinden können: im Teamraum, in der Kaffeeecke, in der Mittagspause oder beim Feierabendbier. Hier entsteht die Lösung, die dann nur noch handwerklich umgesetzt werden muss. Für den effizienzgetriebenen Manager wirkt es aber so, als würden die Entwickler gerade nicht arbeiten. Sie stehen an der Kaffeemaschine und arbeiten gerade nicht am Produkt. Erst wenn der Manager den Paradigmenwechsel vollzieht und versteht, dass Wissensarbeit sich grundlegend von der Produktion unterscheidet, wird er auch in der Lage sein, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die Zeiten haben sich geändert und in den Zeiten der Digitalisierung ist Wissen zu großen Teilen im Internet frei verfügbar. Die Probleme sind komplexer geworden und Zusammenhänge sind sehr schwer zu erkennen. In diesem Umfeld hat der Wert von „Wissen“ an Bedeutung verloren. Was in diesem Kontext zählt ist „Können“. Die wenigsten Menschen werden durch das Lesen eines Buches über Kreativität über Nacht zum großen Innovator. Aber durch Anwendung und Ausprobieren von Kreativitätsmethoden können sie diese Fähigkeiten entwickeln.

Wenn Sie in einem Team sehr viele „Könner“ haben, dann fällt es Ihnen auch leichter, eine deutlich effektivere Art der Delegation zu nutzen. Um dies zu verdeutlichen, lassen Sie uns noch einmal einen kurzen Blick in die Zeiten der Industrialisierung werfen. Nachdem im Arbeitsbüro eine optimale Vorgehensweise zur Erledigung einer Aufgabe erarbeitet worden war, ging Frederick Taylor zu dem entsprechenden Arbeiter und erklärte ihm haarklein, wie er die Aufgabe zu erledigen habe. Der Arbeiter hörte gut zu und tat dann genau das, was Taylor ihm mitgeteilt hatte. Dieses Prinzip nennt man Aufgabendelegation. Das Problem ist, dass diese Art der Delegation sehr ineffizient ist. Denn wenn eine Aufgabe delegiert wird, dann muss derjenige, der sie abgibt, auch schon den Lösungsweg mit übergeben und am Ende sicherstellen, dass die Aufgabe auch zur Zufriedenheit erledigt ist. Man spart dadurch zwar Zeit und Kraft, muss aber immer noch eine Menge Aufwand investieren, um zu kontrollieren, ob das gewünschte Ziel erreicht wurde.

Besser wäre, statt Aufgaben die Verantwortung zu delegieren1. Das bedeutet, dass nicht mehr eine Liste von Arbeitsschritten an eine weitere Person übergeben wird, sondern dass man dieser Person den erreichten Zielzustand und die Erwartungshaltung vermittelt und ihr dann den Freiraum lässt, dieses Ziel so zu erreichen, wie sie es für sinnvoll erachtet. Diese Person übernimmt dann Verantwortung für das Ergebnis. Diese Art der Delegation ist der Aufgabendelegation um ein Vielfaches überlegen. Sie gründet sich auf Vertrauen und Proaktivität und nicht auf Anweisung und Kontrolle. Dadurch kann derjenige, der delegiert, seine Zeit und Aufmerksamkeit auf andere Dinge richten und sich auf die Menschen verlassen, die sich um die Erreichung der Ziele kümmern.

Hierarchie und Balance

In der industriellen Produktionshalle war es nicht gern gesehen, wenn ein Arbeiter mitdachte oder Anweisungen in Frage stellte. Die Aufgaben waren klar verteilt, und die des Arbeiters bestand darin, Anweisungen auszuführen und das Denken dem Arbeitsbüro zu überlassen. In vielen klassischen Organisationen findet man Überbleibsel dieser Haltung, die sich darin zeigen, dass Entscheidungen auf bestimmten Hierarchieebenen getroffen werden und es nicht gern gesehen wird, wenn sie in Frage gestellt werden. Die Position im Organigramm liefert die Berechtigung, nicht die Fachkenntnis und Expertise der Person.

Abb. 6:

Von Hierarchie zu Vernetzung

Was in komplizierten Umfeldern noch sehr effizient funktioniert haben mag, erweist sich im komplexen Umfeld als problematisch. Daher ermutigen moderne Organisationen ihre Mitarbeiter dazu, mitzudenken und querzudenken. Sie fördern Eigentümerkultur und Proaktivität und geben ausreichend Freiräume. Das klassische Organigramm ist oft noch für rechtliche Verbindlichkeiten und Fragen der Compliance vorhanden, aber die Mitarbeiter arbeiten auf Augenhöhe miteinander.

Stephen R. CoveyCovey, Stephen R. unterscheidet zwischen P, der Produktion, und PK, der Produktionskapazität (Covey 2018). Anhand der Geschichte der goldenen Gans macht er sehr schön deutlich, dass eine zu große Konzentration auf die Produktion dazu führt, dass man vor lauter Gier die Gans schlachtet, um an die goldenen Eier in ihr zu gelangen. Dummerweise ist die Gans dann tot. Man hat zwar schnell einen kurzfristigen Erfolg erzielt, aber leider ist dann Ende mit den goldenen Eiern. Daher muss man auch genug Aufmerksamkeit auf die Pflege der Gans verwenden, auch wenn es erst wieder dauern wird, bis man ein goldenes Ei bekommt. Traurige Realität in vielen klassischen Unternehmen ist, dass kurzfristige Erfolge gesucht werden und dabei die langfristigen Entwicklungen nicht berücksichtigt werden. P und PK geraten aus dem Gleichgewicht.

In agilen Organisationen ist die Erkenntnis eingekehrt, dass das größte Kapital die Menschen darstellen, die helfen, die Ziele zu erreichen. Als Leistung wird hier nicht die Produktion, sondern die kontinuierliche Entwicklung angesehen, die dazu führt, dass PK sich erhöht, was dann auch die Verbesserung von P nach sich zieht. Stephen Covey berichtet von einem Gespräch zwischen zwei Managern, von denen der eine unsicher fragt: „Aber was ist, wenn wir alle unsere Mitarbeiter weiterentwickeln und sie dann unser Unternehmen verlassen?“ Woraufhin der andere antwortet: „Ja, aber was, wenn wir es nicht tun und sie alle bleiben?“

Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeit

Für die Lösung einer Aufgabe in den Produktionshallen des 20. Jahrhunderts konnte sehr genau definiert werden, welche Fähigkeiten die Person haben musste, die die Arbeit verrichten sollte. So konnte man für gewisse Arbeiten ganz gezielt nach Menschen mit sehr passenden (und daher auch ähnlichen) Fähigkeiten suchen. Man konnte so etwas wie Prototypen erkennen, die die Arbeit am effizientesten erledigen würden und strebte danach, so viele Arbeiter wie möglich zu finden, die diesem Prototyp möglichst nahekamen, strebte also bewusst oder unbewusst nach Homogenität.

Abb. 7:

Von Eindeutigkeit zu Mehrdeutigkeit

Die Aufgaben in der Digitalisierung erfordern hingegen, dass unterschiedliche Disziplinen zu einer Lösung beitragen. Innovation entsteht aus Diversität. Natürlich bringt das Reibung mit sich, die in einer klassischen Organisation möglichst vermieden werden soll, da sie die Effizienz senkt. Aber in einem innovativen Umfeld entsteht durch die Reibung auch viel Neues. Die Diskussionen und Reibungen werden nicht als störend, sondern als Vorteil erlebt. Daher verlangt die Digitalisierung nach Heterogenität. Diese kritische Auseinandersetzung und Reibung, die Bestehendes hinterfragt und neue Perspektiven einbringt, hat einen weiteren positiven Effekt.

Prozesse und Regeln entstehen meistens aus gutem Grund. Jemand hat eine wichtige Beobachtung gemacht oder aus einem Missgeschick gelernt. Das wird verallgemeinert, in eine Regel gefasst und somit wird anderen geholfen, dass sie nicht in die gleiche Falle tappen. Manchmal basieren Regeln auch auf Prinzipien, die in Regeln gegossen werden. Die Regeln haben dann den Vorteil, dass nicht jeder die Prinzipien verstanden haben muss oder sie teilen muss. Die Regeln sagen eindeutig, wie etwas zu erledigen ist. Aber wer mit offenen Augen durch die großen Unternehmen geht, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwelche Regeln oder Prozesse finden, die komplett unsinnig erscheinen. Vielleicht hat sich mittlerweile ein Tool verändert und der Grund, warum eine Regel eingeführt wurde, ist gar nicht mehr vorhanden. Aber niemand von den initialen Regelaufstellern ist mehr da oder man erinnert sich schlicht und einfach nicht mehr an die Regel, wenn man das Tool wechselt. Und so führen die Mitarbeiter wieder und wieder unsinnige Arbeiten aus, nur weil die Prozesse und Regeln das von ihnen verlangen.

Indem man weniger Wert auf Regeln legt, dafür aber Werte und Prinzipien vermittelt und gemeinsam diskutiert, gibt man den Mitarbeitern mehr Freiheiten und vermeidet einschränkende oder unsinnige Regeln. Allerdings erfordert dies einen höheren Aufwand, denn man muss sicherstellen, dass jeder Mitarbeiter die Werte und Prinzipien verstanden hat, damit er in den entsprechenden Fällen auch gemäß dieser handeln kann. Hier findet man sich mitten in der VUCA-Welt wieder, denn man akzeptiert die Mehrdeutigkeit (Ambiguität) und nutzt diese sogar zu seinem Vorteil. Dadurch können neue Wege der Zusammenarbeit, neue Produkte und innovative Ideen entstehen, anstatt in eindeutig definierten Regeln und Prozessen unterzugehen.

Treffen der Generationen

Die beschriebenen neuen Paradigmen sind keine Selbstläufer. Die verantwortlichen Menschen müssen sich emotional und gedanklich darauf einlassen. Je passender die eigenen Werte und Ansichten zu den neuen Paradigmen sind, desto leichter wird dies fallen. Einstellungen und Weltanschauungen hängen oftmals auch mit den Zeiten und Umständen zusammen, in denen Menschen aufgewachsen sind. Mit der Welt um sie herum verändern sich auch die Menschen, die in ihr leben. Je nachdem, in welche Zeit ein Mensch geboren wurde, fand er sich in unterschiedlichen Realitäten wieder und betrachtete die Dinge anders als vorhergehende oder nachfolgende Generationen. In der heutigen Welt treffen vier Generationen aufeinander, die durch die gesellschaftlichen und technologischen Verhältnisse zur Zeit ihrer Kindheit und Erziehung geprägt wurden.

Die Generation, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs bis ungefähr 1965 geboren wurde, wird als die Babyboomer bezeichnet. Der Name leitet sich von den geburtenstarken Jahrgängen ab, die in vielen Ländern nach Beendigung eines Krieges auftraten, so auch im Deutschland der Nachkriegszeit. Historisch fanden sich die Menschen in einer Zeit des Aufbruchs und des Wirtschaftswunders wieder. Durch die großen Jahrgänge herrschte ein großer Wettbewerb. Wer aus der Masse herausstechen wollte, musste um Aufmerksamkeit buhlen.

Konkurrenz und Individualismus werden daher als wichtig angesehen von Vertretern dieser Generation. Babyboomer streben nach Sicherheit, Kontrolle und Macht. Die Arbeit wird in den Vordergrund gerückt und nicht selten sind die Vertreter dieser Generation ein schönes Beispiel für die – in Führungspositionen nicht selten anzutreffende – Spezies der Workaholics.

Dieses starke Streben und der Arbeitseifer bezieht sich in der Regel auf sehr individuelle Karrierepfade und Ziele. Wenn es darum geht, tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft zu initiieren, sind die Babyboomer deutlich zurückhaltender. Sozialpsychologen charakterisieren die Babyboomer gar als sehr indifferent und ohne den Glauben daran, dass die Gesellschaft von einer kleinen Gruppe verändert werden könne. Aus diesem Grund werden wenige Veränderungsinitiativen gestartet, um auch keiner großen Enttäuschung zu erliegen1.

Auf die Babyboomer folgt die Generation X, die bis in die 1980er Jahre reicht. Der Name für diese Generation wurde populär durch den gleichnamigen Roman von Douglas Coupland (Coupland 1994). Diese Generation ist dadurch charakterisiert, dass sie ohne Kriegswirren aufwuchs, aber für die ökonomischen und ökologischen Sünden der vorherigen Generationen aufkommen muss. Sie erlebte ihre Kindheit in Zeiten der Wirtschaftskrise und des kalten Krieges.

Vertreter der Generation X zeichnen sich dadurch aus, dass sie weniger Wert auf Statussymbole legen und einen Lebensstil bevorzugen, der von Bescheidenheit und Einfachheit geprägt ist, beziehungsweise diese sogar als neues Statussymbol hervorhebt. Im Gegensatz zu den Boomern wird die Arbeit nicht vor alle anderen Bedürfnisse gestellt, sondern eher als Mittel zum Zweck angesehen. Daher legt man einen großen Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance und damit einhergehend auf viele Freiheitsgrade in der Arbeitsgestaltung.

Während die beiden vorhergehenden Generationen noch den sogenannten „Digital ImmigrantsDigital Immigrants“ angehören, erschienen ab 1980 die ersten „Digital NativesDigital Natives“ auf der Bildfläche. Zur Generation Y gehört grobgesagt, wer von 1980 bis Mitte oder Ende der 1990er Jahre geboren ist. Der Name dieser neuen Generation ist gut gewählt: zum einen setzt er die naheliegende, fortlaufende Benennung als Folgegeneration zu Generation X fort. Zum anderen bezieht er sich auf die Aussprache des Buchstaben Y im Englischen, wo es dem Wort „Warum“ (Why) entspricht. Dies ist ein Merkmal dieser Generation, die sich sehr stark einer Sinnsuche verschrieben hat.

Die Arbeit stellt für Generation Y mehr dar als nur Erwerbstätigkeit, sie muss zugleich auch Sinnerfüllung bieten. Für sie verschmelzen dann Arbeit und Privatleben und aus einer Work-Life-Balance wird dann eher die Work-Life-Blend, eine Vermischung von Berufs- und Privatleben. Es wird erwartet, dass auch am Arbeitsplatz Raum für private Dinge vorhanden ist. Im Umkehrschluss werden auch gerne Projekte und Aufgaben mit in den privaten Raum genommen und dort fortgeführt. Gleichzeitig sind auch die Freizeit und die privaten Beziehungen für Vertreter der Generation Y von sehr hohem Wert. Aber durch einen großen Freiraum und viel Flexibilität, den sie von ihrem Arbeitgeber erwarten, verteilen sie ihre Aufmerksamkeit so, dass beides nicht zu kurz kommt.

Durch viele Krisen, Konflikte und Kriege, die durch die Medien in ihrer Kindheit sehr präsent waren, hat diese Generation schon früh gelernt, mit Unsicherheiten umzugehen und sich mit nicht eindeutigen Situationen anzufreunden. Man hat gelernt, sich möglichst viele Optionen offenzuhalten und zu taktieren. Dadurch ist die Unsicherheit, die in der VUCA-Welt ständig ansteigt, von frühester Kindheit ein vertrauter Begleiter der Generation Y. Dies zeigt sich auch in den Lebensläufen, die bei weitem nicht die lückenlose Linearität der Lebensläufe ihrer Eltern aufweisen. Y’er neigen dazu, Entscheidungen so zu treffen, dass sie den größten Vorteil für ihr eigenes Wohlbefinden daraus ziehen können.

Für den Arbeitsmarkt rüsten sich die Y’er durch eine hohe Bildung. Dies zeigt sich zum einen in den hohen Zahlen der Abiturienten, zum anderen in der Zahl der Studierenden. Unterstützt durch ihre Eltern, die den Wert eines hohen Abschlusses als Eintrittskarte in ein selbstbestimmtes Leben anpreisen, begeben sich die Vertreter der Generation Y auf die Jagd nach Zeugnissen und Zertifikaten. Nicht selten führt dies aber auch dazu, dass dem Stück Papier, auf dem eine Leistung bescheinigt wird, den Y’ern mehr Wert ist als das dabei erworbene Wissen und die Fähigkeiten. Aber es bringt sie in ihrer Karriere voran. So sind heute sehr viele (zumindest auf dem Papier) gut ausgebildete Y’er auf dem Arbeitsmarkt. Das bevorzugte Arbeitsumfeld besteht aus flachen Hierarchien und Teams, wo niemand Vorschriften macht und die Y’er sich entfalten können. Dabei sind sie bereit, hart zu arbeiten, solange sie einer sinnhaften Tätigkeit nachgehen, und sich ständig weiterbilden können.

Die Y’er sind aufgewachsen mit Computern, Spielekonsolen und elektronischen Medien. Auf den ständig verfügbaren Smartphones tummeln sie sich in sozialen Netzwerken, wo sie Kontakte knüpfen, lernen und ihre Persönlichkeit entwickeln. Hier sind sie den vorhergegangenen Generationen deutlich überlegen, die sich teilweise von den neuen Möglichkeiten erschlagen fühlen.

Für den Arbeitsmarkt in den Startlöchern steht bereits die nachfolgende Generation Z, deren Mitglieder ab Ende der 1990er Jahre geboren wurden. Hier haben Sie es mit der ersten Generation derer zu tun, die sozusagen mit einem Handy in der Hand geboren wurden und nicht nachträglich an gewisse Technologien herangeführt wurden. Schon früh lernten sie, sich mit sozialen Netzwerken auseinanderzusetzen und Dinge wie Podcasts und Video-Blogs sind für sie viel natürlicher als Radio oder Fernsehen.

Auch wenn der Anteil der Vertreter von Generation Z in der Arbeitswelt noch recht gering ist, zeichnen sich schon deutliche Unterschiede zu den vorherigen Generationen ab. Während für Generation Y noch die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben von sehr großer Wichtigkeit war, zeigt die Tendenz von Generation Z wieder klar zu einer strikten Trennung. Sinn und Selbstverwirklichung wird nicht mehr im Beruf gesucht, sondern in der Freizeit und in sozialen Kontakten. Der Laptop wird im Büro gelassen, Home-Office wird nur im Notfall genutzt und um spätestens 17 Uhr möchte man im Feierabend sein.

Vertreter der Generation Z haben einen großen Wunsch nach freier Entfaltung. Gleichzeitig sind sie sich aber auch der ungewissen Zukunft bewusst. Durch den Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt wähnen sie sich in einer starken Position, da die Arbeitgeber sich attraktiv machen müssen und die gut ausgebildeten Z’ler eine große Auswahl an potenziellen Arbeitgebern vorfinden. Die Generation Z muss auch mit den Folgen der Bildungspolitik der letzten Jahre leben, wie Bologna Reform und G8-Abitur. Die oftmals als sehr egoistisch erlebte Generation Z wird schon heute oftmals sehr kritisch gesehen (Scholz 2014).


Jahrgänge Sozialisierung Werte
Babyboomer 1945–1965 große Jahrgänge und dadurch großer Wettbewerb Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder Konkurrenz Individualismus Sicherheit Kontrolle Macht
Generation X 1965–1980 keine Kriege, dafür ökonomische und ökologische Herausforderungen Kalter Krieg Bescheidenheit Einfachheit Work-Life-Balance
Generation Y 1980–1995 viele Krisen und Unsicherheiten technische Spielzeuge und elektronische Medien Sinnerfüllung Beziehungen Bildung (Zertifikate) Work-Life-Blend
Generation Z 1995 und folgende Smartphones und Soziale Netzwerke ungewisse Zukunft freie Entfaltung Trennung von Beruf und Privatleben

Tab. 2:

Die Generationen auf dem Arbeitsmarkt

In den nächsten Jahren werden die Babyboomer sich aus dem Arbeitsmarkt verabschieden und in Rente gehen. Zurück bleiben die so unterschiedlichen und anspruchsvollen Generationen X, Y und Z. Die Unternehmen müssen sich aktiv Gedanken darum machen, wie sie mit dieser Situation umgehen werden. Während die Tendenz von Generation X und Y zu Work-Life-Balance und -Blending in die gleiche Richtung lief, macht Generation Z hier scheinbar eine Kehrtwende. Eine knifflige Aufgabe für die Recruiter, die sich genau überlegen müssen, für wen das Unternehmen attraktiv sein soll. Y’er wird man dadurch ansprechen können, dass man viele Freiräume gewährt, das Home-Office ermöglicht wird und Arbeitszeiten sehr flexibel gestaltet werden können. Firmen, die dies nicht ermöglichen, haben heute bereits massive Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter zu finden. Selbst wenn sie bereit sind, Gehälter über dem Durchschnitt zu zahlen. Dies könnte aber in Bezug auf die jetzt nachrückende Generation Z zu einem Problem werden. Diese könnten in den angebotenen Freiheiten den Versuch des Unternehmens wittern, die zur Flexibilität bereiten Mitarbeiter auszunutzen. Es wird spannend sein zu sehen, wie die HR-Abteilungen damit in Zukunft umgehen werden.

Die Zuordnung zu den jeweiligen Generationen sollten Sie jedoch nicht nur durch das Alter vornehmen. Natürlich ist das ein sehr guter Anhaltspunkt, allerdings gibt es auch einige Menschen, die vom Alter her den Babyboomern zuzuordnen wären, allerdings vom Verhalten und der Einstellung zur Generation Y passen. Und auch der umgekehrte Fall kann auftreten. Zudem sind diese Beschreibungen auch nur Vereinfachungen. Je nach Umfeld und Persönlichkeit können sich sehr unterschiedliche Werte und Einstellungen zeigen, auch innerhalb der Generationen.

Fakt ist jedenfalls, dass man nicht viel Fantasie benötigt, um vorherzusagen, dass sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren grundlegend verändern wird. Schon allein die sukzessive Ablösung einer Generation durch die nachfolgende, die ganz andere Wertesysteme hochhält, spricht dafür. Betrachten Sie dies nun in der sich ständig veränderten VUCA-Welt, so wird klar, wie unvorhersehbar und spannend die kommenden Jahre sein werden.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Die Digitalisierung kommt mit einem großen Paradigmenwechsel daher. Die Werte und Prinzipien, mit denen zu Zeiten der Industrialisierung auf Arbeit und Gesellschaft geschaut wurden, passen nicht zu den Gegebenheiten, die die VUCA-Welt mit sich bringt. Die Wissensarbeit unterliegt gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten.

1 Verändern Sie Ihre Sicht auf Effizienz und Effektivität.

Das Zeitalter der Industrialisierung war geprägt von dem Diktat der Effizienz. Jegliche Optimierung diente dazu, effizienter und somit schneller und kostengünstiger zu sein.

Bei komplexen Aufgaben ist dieser Fokus auf Effizienz aber hinderlich. Hier bedarf es neuartiger, emergenter Praktiken und Lösungen. Diese benötigen Kreativität und Innovation, die nicht erzwungen werden können. Hier geht es darum, günstige Rahmen zu schaffen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass entsprechende Lösungen schnell entstehen. Dies kann aus dem Paradigma der Industrialisierung als ineffizient und verschwenderisch wirken, ist aber aus dem Paradigma der Digitalisierung effektiv und zielführend.

 Aus welchem Paradigma betrachten Sie Ihre Umwelt?

 Was ist Ihnen wichtiger? Effizienz oder Effektivität?

 Welche Auswirkungen haben lokale Optimierungen der Effizienz auf das Gesamtsystem?

1 Hinterfragen Sie das vorherrschende Führungsverständnis.

Die Industrialisierung zeichnet sich durch starre Strukturen und hohe Arbeitsteilung aus. Dies war den damaligen Verhältnissen entsprechend förderlich und sinnvoll. Die Voraussetzungen haben sich aber verändert.

Die beschäftigten Mitarbeiter sind heute in der Regel sehr gut ausgebildet und sich ihren Stärken bewusst. Die Aufgaben sind komplexer geworden. Die Annahme, dass derjenige, der in der Hierarchie weiter oben steht, auch mehr Wissen oder Fähigkeiten besitzt als diejenigen darunter, ist nicht mehr gültig.

 Begegnen Sie Ihren Kollegen auf Augenhöhe? Auch wenn Sie Führungskraft sind?

 Worauf gründen Sie Ihren Führungsanspruch?

 Verstehen Sie Führung als Statussymbol und Privileg oder als Dienstleistung?

1 Machen Sie sich die Unterschiede der verschiedenen Generationen bewusst.

Wahrscheinlich arbeiten Sie mit vielen Angehörigen unterschiedlicher Generationen zusammen. Von der statistischen Wahrscheinlichkeit her sind die meisten Führungspositionen von Mitgliedern der Babyboomer und der Generation X besetzt. Deren Wertesystem wird daher auch einen Einfluss auf das Führungsverständnis und die Entscheidungen haben.

Die nachfolgenden Generationen sind mit anderen Voraussetzungen und Wertesystemen ins Berufsleben gestartet. Dies kann unter Umständen zu Konflikten führen, wenn konträre Ansichten aufeinanderprallen.

Gleichzeitig ist dies aber auch eine große Chance, da Teams, die sich aus Mitgliedern unterschiedlicher Generationen zusammensetzen, eine viele größere Diversität aufweisen können und somit voneinander profitieren können.

 Dem Wertesystem welcher Generation würden Sie sich selbst zuordnen?

 Wo entstehen Probleme, die auf die unterschiedlichen Generationen zurückzuführen sind?

 Welche Vorteile können Sie sehen, wenn Sie Mitarbeiter unterschiedlicher Generationen zusammenbringen?

Bewältigungsstrategien für eine VUCA-Welt

Viele Menschen sind auf der Suche nach einem Patentrezept, wie man in dieser VUCA-Welt erfolgreich sein kann. Wir befinden uns aber in einer komplexen Umwelt, da gibt es keine Best Practices. Was es jedoch gibt, sind übergeordnete Prinzipien und Werte, die hilfreich sein können, wenn Sie sich an ihnen orientieren.

Ein Quartett aus Prinzipien, die dabei helfen können geht auf Bob Johansen zurück und nennt sich VUCA Prime (Johansen 2007). Auch hier stellt VUCA ein Akronym dar (Vision, Understanding, Clarity, Agility). Es stellt ein Rahmenwerk dar, das ein Führungsverhalten repräsentiert, das als Antwort auf die vier Bestandteile der VUCA-Welt zu sehen ist.

Vision

Langfristige Pläne erweisen sich in der schnelllebigen, volatilen Umwelt oftmals als problematisch. Unvorhergesehene Veränderungen und veränderte Voraussetzungen sind für viele Unternehmen keine Seltenheit. Aber wie können Sie strategisch in die Zukunft planen, wenn Pläne zum Scheitern verurteilt sind? Eine Antwort auf Volatilität ist das Finden und Verfolgen einer VisionVision. Durch das Fokussieren auf ein Ziel bleiben Sie auf Kurs, selbst wenn die Welt um Sie herum sehr unruhig ist. Dabei ist die Vision nicht gleichzusetzen mit dem Ziel selbst, das ja der Volatilität ausgesetzt ist. Eine Vision ist vielmehr ein Nordstern, den Sie wie die Seefahrer nutzen können, um in eine bestimmte Richtung zu navigieren und ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Wo aber liegen nun die Unterschiede zwischen konkreten langfristigen Zielen, die der Volatilität unterworfen sind und einer Vision? In Abbildung 8 sehen Sie die Pyramide, an deren Spitze die Vision steht, die als starker Motivator und Richtungsgeber dient. Lassen Sie uns einmal genauer die unterschiedlichen Ebenen der Pyramide betrachten.

Eine Vision beschreibt einen optimalen und idealen Zustand in der Zukunft. Dabei wird eine Vision in der Regel so formuliert, als sei dieses Ziel schon erreicht. Bekannte Visionen sind zum Beispiel die ursprüngliche Vision von Microsoft („Ein Computer auf jedem Schreibtisch und in jedem Zuhause“) oder von Wikipedia („Stell dir eine Welt vor, in der jeder einzelne Mensch freien Anteil an der Gesamtheit des Wissens hat“). Auch die ambitionierte Vision von Oxfam passt hier gut („Eine gerechte Welt ohne Armut“).

Abb. 8:

Von der Vision zu Zielen

Simon SinekSinek, Simon untersuchte, was motivierende Visionen ausmacht und entwarf das Bild des goldenen Kreises1goldener Kreis (Sinek 2014). Im Zentrum dieses Kreises steht, dass die Vision immer das „Warum“ erklären sollte. Eine starke Vision sollte sinngebend sein und erklären, warum und wozu man ihr folgen sollte. Der zweite Kreis stellt dann das „Wie“ dar. Hier geht es um Werte und Prinzipien, wie diese Vision verfolgt wird. Erst der äußere Kreis beschreibt das „Was“, also wie die Vision sich in Produkten, Dienstleistungen oder Handlungen ausbildet. Schwachen Visionen fehlt oftmals der Kern. Sie beschreiben nur den äußeren Kreis, das „Was“. Damit besitzen sie nicht die Strahlkraft und das Motivationspotenzial von Visionen, die nach den Prinzipien des goldenen Kreises formuliert wurden.

Abb. 9:

Der goldene Kreis nach Sinek

In Unternehmen dient die Vision in der Regel dazu, eine gewünschte Position im Markt oder eine Wahrnehmung bei der Zielgruppe zu beschreiben. Die Mitarbeiter des Unternehmens können dann ihre konkreten Handlungen und nächste Schritte an dieser Vision prüfen und somit anhand dieser ausrichten.

In vielen Unternehmen gibt es neben der Vision auch eine explizit ausformulierte Mission. In dieserMission wird beschrieben, wie man die Vision umsetzen möchte. Häufig wird die Vision in Form der Mission nach draußen kommuniziert und in markigen Slogans verpackt. Unternehmen beschreiben hier beispielsweise, was sie tun, also Tätigkeiten, die zur Erfüllung der Vision ausgeführt werden. Die Mission von Google lautet beispielsweise „Googles Mission ist es, die Informationen der Welt zu organisieren und sie universell verfügbar und nutzbar zu machen“. Es können aber auch einfache Aussagen sein, wie die Vision von TED: „Spread ideas“, also Ideen verbreiten. Schaut man sich die „Mission Statements“ der Unternehmen einmal genauer an, wird man feststellen, dass diese Unterscheidung zwischen Vision und Mission gar nicht so leicht ist und beides gerne vermischt wird.

Die WerteWerte, die eine Gruppe als wichtig erachtet, werden oftmals gar nicht explizit verschriftlicht. Selbst wenn Werte irgendwo schriftlich hinterlegt werden, was viele Unternehmen gerne auf großen Postern in Besprechungsräumen tun, zeigen sich Werte nicht in gedruckten Lettern, sondern im Verhalten der Menschen. Daher gibt es viele Firmen, die diese Werte in ihren Mission- oder Vision-Statements verankern und auch sehr stark darauf achten, dass alle Mitarbeiter sich diesen Werten entsprechend verhalten.

Konkreter wird es, wenn eine StrategieStrategie entwickelt wird. Eine Strategie konkretisiert bestimmte Aspekte der Vision und der Mission und blickt nicht mehr in eine ferne Zukunft, sondern nur noch mittelfristig voraus. Dazu werden der Kontext und vorherrschende Rahmenbedingungen, sowie handelnde Personen (Stakeholder, zum Beispiel Kunden, Aktionäre) in die Überlegungen mit einbezogen. Dies erfolgt so konkret, dass es den Handelnden Personen möglich ist, ihre Tätigkeiten in diese Strategie einzupassen.

Die kleinste Einheit stellt dann konkrete ZieleZiele dar. Diese beschreiben kleine Schritte bei der Erfüllung der Strategie. Ziele sind viel kurzfristiger zu betrachten und sollten in Summe dazu führen, dass die Strategie eingehalten wird.

Wie Sie an diesem Aufbau erkennen können, sind die konkreten Ziele am anfälligsten für die Volatilität. Wenn ein Ziel nicht erreicht werden kann, dann ist immer noch nicht die gesamte Strategie in Gefahr, wenn man sie gut durchdacht hat. Aber auch hier sollte sich niemand in trügerischer Sicherheit wiegen. Denn wenn zu viele Ziele plötzlich nicht zu erreichen sind, dann wird sich auch die Strategie als nicht umsetzbar erweisen. Hat man sich aber bewusst Gedanken gemacht über seine Vision und Mission, dann wird man auch davon nicht umgeworfen. Denn man hat immer noch die Vision, an der man sich orientieren kann und die, wie der Nordstern für den Seefahrer, den Weg weist und bei der Entwicklung einer neuen Strategie hilft.

Passen Sie Ihre Pläne und Ziele an, wenn Sie neue Erkenntnisse haben. Werfen Sie den Plan komplett weg, wenn Sie merken, dass Sie auf dem Holzweg sind. Begehen Sie nicht den Fehler zu glauben, dass Ihr Plan Ihnen wirklich Sicherheit gibt. „Pläne sind nichts, Planung ist alles“, wusste schon Dwight D. Eisenhower.

Understanding (Verstehen)

Je mehr Verständnis in unsicheren Situationen aufgebaut wird, desto geringer wird die Unsicherheit. Dies gilt sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der zwischenmenschlichen Ebene, wo der Faktor Vertrauen eine große Rolle spielt.

In vielen klassischen Unternehmen gilt es als Versagen, wenn Ziele nicht erreicht werden. Wenn das Umfeld plötzlich mit Komplexität konfrontiert ist, wo Experimente gefordert sind, dann steigt die Unsicherheit noch mehr, wenn ein fehlgeschlagenes Experiment als Scheitern und nicht als Lerngelegenheit bewertet wird.

Wie schwer sich damit noch viele klassische Unternehmen tun, zeigt die Popularität von Veranstaltungen, die dazu ermutigen sollen, vom Scheitern zu berichten und die Erfahrungen mit anderen zu teilen. Dadurch sollen Menschen ermutigt werden, Dinge anzugehen, deren Ausgang ungewiss ist. Stellt sich der gewünschte Erfolg nicht ein, so sollte dies nicht als Fehler, sondern als Erfahrung bewertet werden. Eine Bühne dafür wird zum Beispiel durch die immer populärer werdenden Fuck-up-NightsFuck-Up-Night2 weltweit geboten. Dabei berichten Menschen über ihre persönlichen „Fuck-ups“, also Projekte oder schwierige Situationen in ihrem Leben, die anders verliefen, als erhofft oder erwünscht. Somit wird das Erlebte nicht als etwas Negatives präsentiert, sondern als Reifeschritt auf dem Weg zu neuer Stärke und die interessierten Zuhörer können daraus lernen.

Hierbei sollten Sie allerdings im Hinterkopf behalten, dass Sie in der Lage sein müssen, die Aufgaben und Probleme richtig einzuschätzen. Fehlerkultur im komplexen Umfeld bedeutet, schnell Fehler zu machen, um daraus zu lernen, während Fehlerkultur im komplizierten Umfeld die absolute Vermeidung von Fehlern bedeutet. Dies stellt viele Unternehmen vor Herausforderungen, die in der Vergangenheit mit komplizierten Aufgaben zu tun hatten und nun zunehmend mehr komplexe Herausforderungen bewältigen müssen.

Clarity (Klarheit)

Um KlarheitKlarheit zu erlangen, sollten für alle Beteiligten einige Dinge beantwortet sein. Besonders wichtig ist die Klarheit darüber, worauf man sich fokussieren möchte und welche Ziele man verfolgt. Dann kann man sehr genau unterscheiden, ob das, was man gerade tut, eine sinnvolle Aktion ist, die hilft, das große Ziel zu erreichen, oder ob es eine Aktion ist, die sich in Nebenkriegsschauplätzen verfängt.

Klarheit hat auch wiederum sehr viel mit Kultur zu tun. Gibt es ein geteiltes Ziel oder verfolgen verschiedene Parteien unterschiedliche Ziele? Auch die Art und Weise der Kommunikation ist ein wichtiger Faktor, denn eine klare und offene Kommunikation schafft die geforderte Klarheit. Nachrichten, die missverstanden werden können oder falsch interpretiert werden, führen zum genauen Gegenteil. Daher lohnt es sich, Kommunikation so zu gestalten, dass sie zielführend ist und Klarheit schafft. Schwammige Aussagen und Ausflüchte, wie sie in Politik und Unternehmenskommunikation leider oft Realität sind, sollten daher vermieden werden. Dies hat viel mit einer entsprechenden Führung zu tun, worauf wir später noch im Detail schauen werden.

Agility (Agilität)

Um der vorherrschenden Ambiguität zu begegnen, ist AgilitätAgilität gefordert. Agilität kann helfen, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit durch schnelle und kurze Feedbackzyklen zu begegnen. Das Thema Agilität ist in den letzten Jahren immer mehr zum Synonym für die (digitale) Transformation vieler Unternehmen geworden. Im nächsten Kapitel werden wir das Thema Agilität genauer unter die Lupe nehmen.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Wir leben in einer VUCA-Welt, die sowohl Herausforderungen als auch Chancen bietet. Auf ein Rezept, wie Sie auf jeden Fall erfolgreich sein werden, brauchen Sie nicht zu hoffen, das gibt es einfach nicht. Aber Sie können erfolgsversprechenden Prinzipien und Werte folgen, die helfen, den Herausforderungen zu begegnen und die Chancen zu erkennen und zu nutzen, wenn sich Gelegenheiten ergeben.

1 Entwickeln Sie Visionen.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ gab Altkanzler Helmut Schmidt einst zu bedenken. Was damals schon eher fragwürdig erschien, lässt sich heute daran angelehnt vielleicht als „Wer keine Visionen hat, kann nach Hause gehen“ formulieren. Visionen helfen Ihnen auf Kurs zu bleiben und Klarheit in Ihre Ziele zu bringen. Sie beschreiben, warum, wie und was Sie tun. Eine gute Vision fördert die Motivation und gibt dem Handeln Sinn.

Daher sollten Sie versuchen, die Vision zu verstehen, die Ihr Unternehmen verfolgt. Können Sie keine Vision erkennen, dann ist es eine gute Idee, danach zu fragen und eine Diskussion über eine gemeinsame Vision zu starten. Ein Unternehmen ohne eine starke, gemeinsame Vision verschenkt sehr viel Potenzial. Zudem kann es sehr aufschlussreich sein, sich zu fragen, welcher Vision Sie selbst folgen. Können Sie Ihre persönliche „Mission“ formulieren?

 Kennen Sie die Vision, die Ihrem beruflichen Umfeld Sinn gibt?

 Ist die Vision allen Beteiligten bekannt und wird geteilt?

 Gibt die Vision Antworten auf die Fragen „Warum?“, „Wie?“ und „Was?“?

 Kennen Sie Ihre eigene, persönliche Vision?

1 Verstehen Sie, was um Sie herum geschieht.

Versuchen Sie ein Gefühl dafür zu entwickeln, was um Sie herum geschieht. Wie fühlen sich die Menschen? Welche Sorgen und Nöte treiben sie um?

 Hören Sie mit echtem Interesse zu? Schenken Sie Ihrem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit?

 Bilden Sie Hypothesen über Ihre Umwelt und überlegen Sie sich, wie Sie möglichst schnell herausfinden können, ob diese Hypothesen korrekt sind.

 Gehen Sie mit Experimenten so um, dass ein Fehlschlag als Lerngelegenheit gesehen wird?

1 Schaffen Sie Klarheit.

Komplexität können Sie nicht beseitigen oder reduzieren. Aber Sie können dafür sorgen, dass es nicht noch komplexer wird. Ganz wichtig dabei ist eine saubere und klare Kommunikation. Durch Missverständnisse und verschleierte Aussagen werden die Empfänger Ihrer Nachrichten sich sehr vorsichtig oder sogar kontraproduktiv verhalten. Wenn Sie aber offen und transparent, ehrlich, direkt und klar kommunizieren, dann stehen die Chancen gut, dass Ihnen vertraut wird.

 Kommunizieren Sie direkt und offen? Sind Sie sicher, dass Ihre Zuhörer Ihre Botschaft richtig verstanden haben?

 Wenn Sie Informationen nicht weitergeben dürfen, was können Sie darüber mitteilen, wann und wer diese Informationen weitergeben wird? Können Sie vielleicht schon etwas über die nächsten Schritte sagen?

Grundlagen von Agilität

Wenn wir uns mit der Digitalisierung und den Veränderungen beschäftigen, die damit für Arbeitsweisen, Unternehmen und auch jeden einzelnen einhergehen, dann spielt das Thema Agilität eine zentrale Rolle. An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Überblick über die Grundlagen geben. Schauen wir uns dafür zunächst einmal die historischen Wurzeln an.

Lean Management

Im Zusammenhang mit Agilität wird sehr häufig auch der Begriff „Lean“ verwendet. Teilweise werden diese Begriffe sogar synonym verwendet, was allerdings nicht korrekt ist. Lean stammt aus der Produktion und hat einen sehr starken Fokus darauf, Verschwendung zu reduzieren. Dabei wird oft das Toyota-Produktionssystem, das untrennbar mit dem Namen seines Erfinders Taiichi ŌnoŌno, Taiichi verbunden ist, als Vorbild herangezogen (Ōno 2013). Toyota war es gelungen, ein System einzuführen, dass es dem Unternehmen erlaubte, ganz neue Qualitätsmaßstäbe zu setzen. Viele Unternehmen aus dem Westen unternahmen Reisen zu Toyota, um sich Dinge von diesem Vorzeigemodell abzuschauen.

Heutzutage gibt es in sehr vielen Unternehmen, besonders in der Produktion, Lean Initiativen, die auf den gleichen oder sehr ähnlichen Prinzipien beruhen. Die Gestaltungsprinzipien dieser Produktionssysteme sind dem nachempfunden, was Toyota zum Vorbild gemacht hat. Dabei steht die Vermeidung von Verschwendung an vorderster Stelle. Hier wird versucht, alles, was nicht direkt oder indirekt zur Wertschöpfung beiträgt, zu vermeiden. Ōno nennt diese Arten von Verschwendung MudaMuda. Zusammen mit MuriMuri (Überbeanspruchung) und MuraMura (Unausgeglichenheit) bildet Muda (Verschwendung) das sogenannte 3M des Toyota-Produktionssystems.


Verschwendung Beschreibung Beispiel
Muda Verschwendung
Muri Überbeanspruchung unrealistische Fristen falsche Markteinschätzung (Nachfrage) schlechter Ausbildungsgrad
Mura Unausgeglichenheit Folge aus Muda und Muri Ermüdungserscheinungen im Team

Tab. 3:

Das 3M des Toyota-Produktionssystems

Ein weiteres Gestaltungsprinzip ist die Standardisierung. Durch Standardisierung versucht man, möglichst alle unnötigen Arbeitsschritte aus dem Prozess zu entfernen. Dadurch soll zum einen die Effizienz erhöht werden, zum anderen aber natürlich auch die Qualität. Standardisiert wird alles, was wiederholt durchgeführt wird und festen Abläufen und Fertigungsschritten zugeordnet werden kann.

Das Null-Fehler-Prinzip ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Dieses hat zur Folge, dass jeder Mitarbeiter die Möglichkeit hat, die komplette Produktion anzuhalten, wenn er einen Fehler entdeckt. Dann ist jeder Beteiligte angehalten, an der Behebung des Fehlers mitzuwirken. Vorher wird nicht weiter produziert. Was auf den ersten Blick wie Verschwendung erscheinen mag, weil andere Produktionsschritte vielleicht gar nicht betroffen sind von dem aufgetretenen Fehler, ist eine Grundlage für die hohe Qualität, die so erreicht wurde.

Natürlich sollten Fehler, die das gesamte System lahmlegen, die absolute Ausnahme darstellen. Denn der möglichst geschmeidige Fluss der Arbeit durch das System ist ein weiteres Gestaltprinzip von Ganzheitlichen Produktionssystemen. Dieser Fluss wird immer wieder auf möglichst geringe Durchlaufzeiten hin optimiert und angepasst.

Ein grundlegender Bestandteil ist auch das Pull-Prinzip. Dieses sieht vor, dass Arbeit jeweils vom nächsten Prozessschritt gezogen wird und nicht vom vorherigen in den nächsten Schritt gedrückt wird. Somit fließt die Arbeit im Optimalfall, durch einen Kundenauftrag gezogen, durch das Fertigungssystem.

Ein sehr anschauliches und greifbares Beispiel für diese Art der Produktion können Sie in dem Roman „Das Ziel“ von Eliyahu Goldratt (Goldratt/Cox 2013) nachlesen. Hier wird die Geschichte eines Fabrikleiters erzählt, dessen Fabrik kurz vor dem Aus steht, weil der Konzern schlechte Zahlen schreibt. Durch einen glücklichen Zufall trifft der Fabrikleiter seinen ehemaligen Physikprofessor wieder, der ihn dadurch beeindruckt, dass er nicht nur ziemlich schnell durchschaut hat, wie schlecht es um die Fabrik eigentlich steht, sondern dem Fabrikleiter auch ein paar Denkanstöße mit auf den Weg gibt. Im Laufe der Geschichte arbeitet der Fabrikleiter immer enger mit dem Professor zusammen und lernt so die Grundzüge der Theory of Constraints kennen, die Sie später noch genauer ansehen werden (siehe Seite 57). So lernt er zum Beispiel, warum Überproduktion ein Problem darstellt und in welchen unterschiedlichen Erscheinungsformen sich Muda zeigt.2

Lean spielt seine Stärken in der Produktion aus. Hier sind sehr viele Dinge geradlinig und vorhersehbar. Zu den Zeiten, als das Toyota Produktionssystem erfunden wurde, befand man sich noch in der Taylorwanne. Und in vielen Produktionsbereichen, die standardisierte Produkte herstellen, besteht diese Taylorwanne auch noch heute. Da, wo wenig Variabilität gefordert ist, hat man es mit komplizierten Systemen zu tun, und dort funktioniert eine Lean Produktion sehr gut. Müsste man hingegen täglich sehr flexibel auf seinen Kunden neu eingehen, weil er etwas komplett anderes fordert, dann müsste man auch täglich seine Produktionsstraße anpassen. Zwar gibt es gewisse Kundenwünsche, die auch in der Produktion viele Produkte zu Unikaten machen, aber diese sind vorhersehbar und durch Techniken wie Just-in-Time (JIT) Produktion behandelbar.

Ursprünge der Agilität

Die ersten beobachteten Ansätze, die schon sehr viele der Prinzipien und Werte reflektierten, die auch heute als „agil“ gelten, gehen zurück bis in das Jahr 1976. In diesem Jahr forderte das Unternehmen Canon von seinen Mitarbeitern eine technisch auf dem neusten Stand befindliche Kamera herzustellen, die aber mindestens 30 % günstiger sein sollte als alle bisher auf dem Markt befindlichen Produkte. Und das mit massivem Zeitdruck, denn es war harter Überlebenskampf in einem stark umkämpften Wettbewerb. Um das Ende vorwegzunehmen, das Team war erfolgreich. Heute ist Canon ganz vorne mit dabei, wenn es um Digitalfotografie und entsprechende Kameras geht. Damals jedoch stand man vor einer großen Herausforderung, die man mit den vorherrschenden tayloristischen Strukturen nicht lösen konnte.

Wie die meisten anderen Unternehmen in dieser Zeit, war auch Canon sehr klassisch aufgestellt. Es gab spezialisierte Fachabteilungen, die für bestimmte Aufgaben zuständig waren. Hatten sie ihre Aufgabe erledigt, wurde diese ausführlich dokumentiert und an die Nachbarabteilung übergeben, die den folgenden Entwicklungsschritt ausführte und dann ebenfalls die Ergebnisse übergab. Um ein Produkt komplett zu revolutionieren, mussten neue Ideen her und schnelle Entscheidungen getroffen werden.

Das Erfolgsgeheimnis, wie es den Mitarbeitern bei Canon gelang, diese große Herausforderung zu meistern, kann man in einem populären Artikel von Hirotaka Takeuchi und Ikujiro Nonaka nachlesen (Takeuchi/Nonaka 1986). In ihrer Veröffentlichung mit dem Namen „The new new product development game“ beschreiben sie ihre gesammelten Beobachtungen aus verschiedenen Unternehmen. Neben dem Beispiel von Canon finden sich hier auch Beschreibungen des Vorgehens bei Honda, Fuji-Xerox und NEC. Takeuchi und Nonaka konnten dabei Muster erkennen, die sich durch alle Beispiele hindurchzogen. Diese verdichteten sie und verwendeten auch erstmals in einem Paper die Parallele zu Rugby. Dort gibt es eine Phase im Spiel, wo das Team die Köpfe zusammensteckt, ganz fokussiert ist, und die nächsten Schritte vorbereitet. Sie sprechen immer vom „Rugby-Ansatz“, aber auch das Wort „Scrum“ Scrumtaucht hier schon auf. Diese Bezeichnung sollte ein paar Jahre später von anderen Pionieren der Agilität wieder aufgegriffen werden.

Das Missverständnis mit dem Wasserfall

In vielen großen Unternehmen gibt es Fachabteilungen für bestimmte Aufgaben. Dies ergibt Sinn, weil es Fachleuten erlaubt, sich auf ihre Spezialgebiete zu konzentrieren. Ab einer bestimmten Größe braucht es noch Zwischenpositionen, also Manager, die darauf achten, dass die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen reibungslos funktioniert. Wie Sie eingangs schon gesehen haben, gibt es eine Reihe von Abteilungen, die Schnittstellen haben, an denen sie die Arbeit an die nächste Abteilung übergeben.

So geht zum Beispiel ein Vertreter der Verkaufsabteilung zum Kunden und fragt ihn, was er benötigt. Der Kunde erklärt ihm jetzt eine fixe Idee und der Verkäufer kehrt zurück mit einem Katalog von Anforderungen. Diesen übergibt er nun einem Kollegen aus der Analyseabteilung und er selbst geht wieder nach draußen und besucht einen anderen Kunden. Sein Job ist an dieser Stelle für dieses Projekt erledigt. Der Analyst aus der Analyseabteilung setzt sich nun mit seinen Kollegen zusammen und diskutiert die Anforderungen. Sie schauen, was alles in das vorherrschende Konzept passt und ob und wann es umgesetzt werden kann. Wenn die Pläne konkreter werden, schreiben sie ihre Anmerkungen in ein Dokument und lassen es per Hauspost den Kollegen aus der Spezifikationsabteilung zukommen. Dann setzen sie sich zusammen und schauen sich den Anforderungskatalog eines anderen Kunden an. Die Mitarbeiter aus der Spezifikationsabteilung sehen sich das übergebene Dokument an und fangen an, sich Gedanken über die konkrete Umsetzung zu machen. Am Ende haben sie eine sehr schöne Funktionsbeschreibung, die Antworten auf die meisten Fragen zu bieten hat. Dieses umfangreiche Dokument wird dann der Entwicklungsabteilung zukommen lassen. Hier sitzen die Experten für die Umsetzung zusammen. Sie lesen sich die Funktionsbeschreibung durch und schreiten zur Tat. Schnell entsteht ein richtig schönes Produkt, welches sie jetzt, zusammen mit ein paar Kommentaren, welche Besonderheiten beachtet werden müssen, an die Qualitätssicherung übergeben. Hier wird das neue Produkt auf Herz und Nieren getestet. Wenn alle Tests erfolgreich durchlaufen sind, dann erfolgt eine Übergabe an eine Verkaufsabteilung, die das Produkt zum Kunden transportiert.

Diese Abfolge mit all ihren Übergaben wird gerne stufenförmig wie eine Treppe dargestellt, was dann an einen Wasserfall erinnert. Daher hat diese Vorgehensweise den Namen Wasserfallmodell bekommen.

Besonders stark diskutiert wird dieses Modell im Bereich der Softwareentwicklung, auch wenn es bei weitem nicht nur dort auftaucht. Aber im Bereich der Softwareentwicklung war man zeitlich schon sehr früh in einem recht komplexen Umfeld, was gewisse Erkenntnisse hier beschleunigt hat. Daher wurden einige Diskussionen, die auch in den meisten anderen Branchen von Relevanz sind, in dieser Domäne losgetreten und zuerst geführt. Denn so einfach, wie oben dargestellt, ist der Weg von einem Kundenwunsch zu einem fertigen Produkt, das diesen Wunsch erfüllt, bei Weitem nicht.

Es beginnt schon damit, dass die meisten Schnittstellen zwischen den Abteilungen so gestaltet sind, dass wenig direkte Kommunikation stattfindet. Die meisten Prozesse sehen vor, dass die Übergabe in Form standardisierter, schriftlicher Dokumente stattfindet. Dieses Dokument als Ergebnis der einen Abteilung stellt dann den Startpunkt für die Arbeit der nächsten Abteilung dar. Allerdings kommt es hier nicht selten zu Missverständnissen oder Fehlinterpretationen. Und so schleichen sich, nach dem Prinzip der stillen Post, zunehmend mehr Fehler ein. Wenn man Glück hat, dann fallen die Fehler während der Entwicklung bereits auf. Daher spielt hier die Qualitätssicherung eine wichtige Rolle.

Die bekannteste Beschreibung des Wasserfallmodells stammt von Winston W. RoyceRoyce, Winston W. aus dem Jahr 1970 (Royce 1970). Das Wasserfallmodell ist aber schon deutlich älter und Royce hat in seinem oft herangezogenen Paper eher auf ein paar Schwachstellen verwiesen und vorgeschlagen, wie man sie beheben könnte.

Abb. 10 :

Schematische Darstellung des Wasserfallmodells mit Rückkopplung

Dabei hatte Royce früh darauf hingewiesen, dass das Wasserfallmodell um ein paar Elemente erweitert werden müsse, die schon in eine recht agile Richtung deuteten. Das genutzte Wasserfallmodell stellte sich nämlich für ihn zunehmend als problematisch dar. Waren die ersten Programme noch vorhersehbar, so wurden die gewünschten Funktionalitäten zunehmend komplexer. Royce bemängelte vor allem, dass am Ende mitunter sogar unbrauchbare Ergebnisse herauskamen, auch wenn alle Abteilungen ihren Job hervorragend erledigt hatten. Er plädierte dafür, dass man Rückkopplungen berücksichtigen müsse. Dies würde zwar die Effizienz senken und Kosten verursachen, ihm war aber klar, dass dies notwendig war, um am Ende auch das zu liefern, was dem Kunden wirklich weiterhilft. So plädierte er für eine frühzeitige Beteiligung des Kunden in den Entwicklungsprozess, was, wie wir noch sehen werden, ein Grundbestandteil agilen Arbeitens darstellt.

Im Gegensatz zu diesem sequenziellen Durchlaufen der verschiedenen Schritte und der Aufteilung der Arbeit unter mehreren Abteilungen, konnten Takeuchi und Nonaka bei ihrer Betrachtung im „New new product development game“ sehen, dass der Erfolg sich einstellte, wenn genau diese Abfolge aufgelöst wurde. Nicht nur Canon, sondern auch die anderen untersuchten Firmen hatten Teams gebildet, die interdisziplinär aufgestellt waren. Das heißt, aus allen Abteilungen, die an der Entstehung des Produktes beteiligt waren, war mindestens ein Vertreter in einem Projektteam zugegen. Dieses Projektteam konzentrierte sich auf nichts anderes, als das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Vorher hatten die Mitarbeiter im Rahmen ihrer Abteilung nur die Verantwortung für einen bestimmten Arbeitsschritt getragen. Nun waren sie, zusammen mit den anderen Teammitgliedern, dafür verantwortlich, dass das Produkt insgesamt fertig wurde und erfolgreich war. Zwar konzentrierten sie sich immer noch auf ihre Spezialgebiete, aber sie waren in einem engen Austausch miteinander und unterstützten sich auch bei fachfremden Aufgaben so gut es ging.

Abb. 11:

Interdisziplinäre Teamsinterdisziplinäre Teams decken alle Fachrichtungen ab und arbeiten iterativ.

Durch die abteilungsübergreifende Teamaufstellung war es nun möglich, kleine Zwischenstände der Arbeit schon nach relativen kurzen Zeiträumen zu präsentieren und mit den Kunden zu testen. Durch die frühe Einbeziehung des Kunden war es auch möglich, dass er die Rückmeldung gab, dass ihm das Produkt in einem gewissen Zustand schon vollkommen ausreiche. Dann konnte das Team überflüssige Anforderungen einfach von der Liste streichen. Im Wasserfall zuvor wurde einfach der komplette Anforderungskatalog abgearbeitet.

Lyssa AdkinsAdkins, Lyssa, die eine Verfechterin der agilen Vorgehensweisen ist, stellt in einem YouTube-Video sehr schön dar, welche Vorteile es mit sich bringt, statt auf Wasserfall auf interdisziplinäre Teams und kurze Zyklen zu setzen.3 Dabei vergleicht sie die Abarbeitung mit Schichten einer Hochzeitstorte. Beim Wasserfallmodell isst man sozusagen Schicht für Schicht der mehrlagigen Hochzeitstorte. Zuerst die Sahne (und zwar komplett), dann Biskuit (und zwar ebenfalls komplett) und so weiter, bis man schließlich am Boden angelangt ist. Kein besonders reizvoller Ansatz, um einen Kuchen zu essen. Will man eine Torte „agil essen“, schneidet man sich hingegen einfach ein Stück aus der Torte heraus und isst es auf. Dabei entfaltet sich dann der Geschmack, der sich aus den Kombinationen der unterschiedlichen Lagen ergibt. Und wenn man satt ist, dann hört man einfach auf. So lange schneidet man sich einfach Stück für Stück aus der Torte heraus. Auf welche Art und Weise würden Sie lieber eine Torte genießen?

Das Agile Manifest

Im Jahr 2001 fanden sich einige Vertreter aus dem Bereich der Softwareentwicklung zusammen und unterzeichneten gemeinsam das Agile Manifestagiles Manifest4. Auch wenn es im Bereich der Softwareentwicklung seine Wurzeln hat, so ist es so universell, dass sein Einfluss deutlich darüber hinausreicht. Heutzutage gibt es einige Initiativen, die sich dafür stark machen, das ursprüngliche Manifest zu überarbeiten und die Verweise auf die Software zu ersetzen oder das komplette Manifest noch einmal zu modernisieren. Aber auch in der momentanen Form bietet das Agile Manifest einen Kern von dem, was als Agilität in unterschiedlichsten Bereichen, Branchen und Domänen verstanden wird.

Das Agile Manifest formuliert vier Werte und zwölf Prinzipien. Den Originaltext finden Sie in der Box. Die vier Werte, die im Agilen Manifest propagiert werden, werden ins Verhältnis gesetzt zu anderen Werten, die sich zumeist auf die gängigen Praktiken in der Realität der Unterzeichner wiedergefunden haben. Dabei wird der kleine Nachsatz, unterhalb dieser Werte, gerne einmal übersehen. Dieser weist darauf hin, dass die Unterzeichner durchaus einen Nutzen in den Werten auf der rechten Seite sehen, aber den Nutzen auf der linken Seite deutlich höher werten. Dies führt häufiger auch zu Missverständnissen, wenn über Werte im agilen Umfeld diskutiert wird. So hält sich zum Beispiel hartnäckig der Mythos, bei agilen Vorgehensweisen brauche man keine Dokumentation oder müsse nicht in die Zukunft planen. Dies ist natürlich nicht so, was die Verfasser durch den erwähnten Zusatz noch einmal unterstreichen wollten.

An oberster Stelle steht im Agilen Manifest, dass Individuen und Interaktionen höher zu gewichten sind als Prozesse und Werkzeuge. Man möchte nicht mehr schriftlich miteinander kommunizieren, sondern durch direkten Kontakt und Kollaboration. Dies zeigt sich auch in den agilen Prinzipien, zu denen wir später kommen.


Manifest für Agile Softwareentwicklung
Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:
Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans
Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.
Kent Beck James Grenning Robert C. Martin
Mike Beedle Jim Highsmith Steve Mellor
Arie van Bennekum Andrew Hunt Ken Schwaber
Alistair Cockburn Ron Jeffries Jeff Sutherland
Ward Cunningham Jon Kern Dave Thomas
Martin Fowler Brian Marick

Abb. 12:

Das Agile Manifest (eigene Darstellung nach http://agilemanifesto.org)5

Den Ursprung aus dem Bereich der Softwareentwicklung sieht man sehr deutlich im zweiten Wertepaar, welches funktionierende Software über eine umfassende Dokumentation stellt. Hier kann Software ohne viel Fantasie durch ein begeisterndes Produkt, eine zufriedenstellende Dienstleistung oder was auch immer man liefern möchte, ersetzt werden. Den Autoren war dabei wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Endprodukt im Fokus stehen sollte, nicht Dokumentation für interne Prozesse. Zwar kann man dadurch bei einem Fehlschlag sehr schön seinen Kopf aus der Schlinge ziehen (vielleicht kennen Sie auch das geflügelte Wort „Wer schreibt, der bleibt“), aber dem Kunden nutzt dies nur sehr wenig. In einer gesunden Kultur sollte immer der Kundennutzen im Mittelpunkt stehen, nicht der Selbstschutz.

Das wird auch aus dem dritten Wertepaar ersichtlich, das die Zusammenarbeit mit dem Kunden über die Vertragsverhandlungen stellt. Natürlich braucht man im Geschäftsleben Verträge, aber viel wichtiger ist es, den Kunden von einer wertschätzenden Partnerschaft zu überzeugen und ihn in den Entwicklungsprozess zu integrieren. Durch eine enge Zusammenarbeit kann man sehr schnell feststellen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Kurskorrekturen können sofort vorgenommen werden und am Ende entsteht so hoffentlich ein Produkt, mit dem der Kunde glücklich ist. Das Abarbeiten ausführlicher Pflichtenhefte führt nicht unbedingt dazu, dass am Ende auch ein Produkt entsteht, das der Kunde so haben wollte.

Zuletzt betonen die Autoren noch, dass das Reagieren auf Veränderung deutlich wichtiger ist, als einem vorher festgelegten Plan zu folgen. Den Unterzeichnern war klar, dass man schnell auf Veränderungen in der Umwelt reagieren müsse, um erfolgreich zu sein. Um es auch noch mal in aller Deutlichkeit zu sagen: Auch in der agilen Welt spielen Pläne eine große Rolle. Allerdings hat nicht mehr, um die Zukunft vorherzusagen, sondern vielmehr um Transparenz herzustellen.

Lassen Sie uns auf den nächsten Seiten einen Blick auf die agilen Prinzipien werfen. Diese werden oftmals übersehen, dabei bilden sie das Rückgrat des agilen Arbeitens.

 Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufrieden zu stellen. Zum einen spiegelt sich hier die starke Fokussierung auf den Kunden wider. Alles, was getan wird, sollte das Ziel haben, den Kunden zufrieden zu stellen. Aber auch über die Art und Weise, wie dies erreicht wird, kann man hier etwas finden, nämlich durch frühe und kontinuierliche Lieferung. So sollte schon sehr frühzeitig und in regelmäßigen Abständen etwas an den Kunden übergeben werden. Im Fall von Software ist dies relativ einfach, denn man kann ja einfach Funktionen nachliefern. Das ist heute oft gelebte Realität. Es gibt viele Apps, die schon sehr früh erscheinen und dann nach und nach neue Funktionalitäten nachliefern. So können viele Menschen die App schon nutzen mit den Funktionalitäten, die vorhanden sind.

 Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden! Anforderungsänderungen sind in der Regel ärgerlich. Denn in den allermeisten Fällen hat man schon Zeit investiert, um sie umzusetzen, oder sich zumindest Gedanken darüber gemacht, wie eine Umsetzung aussehen könnte. Aus Kundensicht wäre eine Änderung aber sehr vorteilhaft. Sei es, weil sich die Voraussetzungen verändert haben, oder dass der Kunde durch einen Zwischenstand neue Erkenntnisse gewonnen hat. In einer von Vertrauen geprägten Beziehung sollte man davon ausgehen, dass das Gegenüber gute Gründe für einen Änderungswunsch hat. Und aus diesem Grund sollte man auch diese Anforderungsänderungen willkommen heißen und als Chance sehen, ein noch besseres Endprodukt herauszubringen.

 Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne! Hier wird noch etwas konkreter was es heißt, regelmäßig zu liefern, denn man sollte sich auf wenige Wochen oder Monate beziehen. In Zeiten formuliert, wo Software teilweise Veröffentlichungszyklen von Jahren hatte, ist dies eine sehr forsche Forderung. Aber nur, wenn man dieses Prinzip befolgt, wird man auch schnell auf Veränderungen reagieren können. Mit kurzen Zyklen kann man sehr schnell Hypothesen testen und bei Problemen eine Richtungsänderung vornehmen. Je länger eine Entwicklungsphase ohne Feedbackzyklus ist, desto teurer wird eine potenzielle Fehlentscheidung ausfallen.

 Fachexperten und Entwickler müssen während des Projekts täglich zusammenarbeiten! Um kurze Zyklen und kontinuierliche Lieferung zu gewährleisten, braucht man ein anderes Konstrukt als ein auf dem Wasserfallmodell basierendes. Es benötigt interdisziplinär aufgestellte Teams, in denen unterschiedliche Perspektiven und Expertisen zusammenkommen. Diese sollten eng auf täglicher Basis miteinander arbeiten. So entsteht tiefes Verständnis für die Domäne des anderen und es kommt zu echter Kollaboration.

 Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen! Hier werden sich eher die Organisationsgestalter angesprochen fühlen. Es geht darum, den interdisziplinären Teams einen geeigneten Rahmen zur Verfügung zu stellen, in dem sie sich entfalten können. Teams benötigen Freiheiten, selbst Entscheidungen treffen zu dürfen. Das setzt Vertrauen voraus, denn bisher wurden die meisten Entscheidungen traditionell an anderen Positionen in der Unternehmenshierarchie getroffen. Auch die Motivation spielt eine große Rolle. Was Menschen motiviert und welche grundlegenden Motive dabei eine Rolle spielen, werden wir uns noch im Detail ansehen.

 Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Hier werden wahrscheinlich einige effizienzgetriebene Manager schlucken, denn mündliche Kommunikation mit Rückfragen und Diskussionen ist vieles, aber aus ihrer Sicht nur selten effizient. Aber was wäre die Alternative? Der klassische Weg über eine Vielzahl von Dokumenten und geschriebenen Worten vielleicht. Aber im Falle eines eng zusammenarbeitenden Teams sieht das vielleicht schon wieder anders aus. Bei schriftlicher Kommunikation besteht immer die Gefahr, dass etwas fehlinterpretiert wird, was dann im Nachgang mit deutlich höheren Kosten für Korrekturen verbunden ist.

 Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß. Am Ende zählt das Ergebnis. Und nicht, wie viele Stunden auf der Planansicht noch übrig sind, wie viel Budget noch zur Verfügung steht. Das sind alles wichtige und gute Anhaltspunkte, um ein Projekt zu planen und zu messen. Was bringt es Ihnen aber, wenn Sie in der Zeit und im Budget geblieben sind, der Kunde Ihnen aber sagt, dass er mit dem Produkt so leider nichts anfangen kann. Daher sollte der Fokus aller Beteiligten immer auf dem Produkt selbst liegen und alle anderen Metriken als Unterstützung aber nicht als Ziel ansehen.

 Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können. Alle bisher genannten Prinzipien bauen darauf, dass das Team und die Kunden eng zusammenarbeiten und kollaborieren. Wenn man ständig unter Strom steht und die Nerven blank liegen, dann ist das keine gute Voraussetzung für gute Zusammenarbeit. Daher wird Wert daraufgelegt, dass das Tempo dauerhaft gehalten werden kann. Durch das Arbeiten in kleinen Iterationen und Zwischenschritten, zu denen man sich Feedback einholen kann, wird dann auch verhindert, dass man eine große Deadline6 ansteuert und zum Ende hin Überstunden ohne Ende ansammeln muss.

 Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität. Damit man auch kontinuierlich liefern kann und sich damit nicht dauerhaft unter Druck setzt, ist es sinnvoll, in Weiterbildung und technische Exzellenz zu investieren. So schafft man die Möglichkeit, mehr Arbeit in der gleichen Zeit zu schaffen. Dabei arbeitet das Team nicht härter sondern smarter. Dafür muss aber auch Zeit investiert werden, die von dem Rahmen gegeben werden muss. Sie sehen, dass die Balance von P (Produktion) und PK (Produktionskapazität) eine sehr wichtige Rolle spielt.

 Einfachheit – die Kunst nicht getane Arbeit zu maximieren – ist essenziell. Einfachheit ist eine Kunst. Zugegebenermaßen fällt es nicht immer leicht, sich an dieses Prinzip zu halten. Wenn ein Team sich daran macht, die Anforderungen zu zerlegen, um sie in ihren Iterationen zu bearbeiten, sollte es immer im Hinterkopf haben, dass es nicht darum geht, alle erdenklichen Fälle abzudecken, sondern möglichst schnell eine Hypothese zu überprüfen und eine erste Version zu liefern. Hier greift auch wieder das Beispiel mit der Smartphone App, die von einer sehr einfachen Version ausgehend anwachsen kann zu einem sehr mächtigen Werkzeug. Es braucht einen Balanceakt zwischen Einfachheit und vorausschauendem Handeln. Damit dies gelingt ist es umso wichtiger, dass das Team an sich arbeitet und technische Exzellenz anstrebt.

 Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams. Die Aufzählung ist wieder sehr softwarelastig, lässt sich aber durch alles ersetzen, was ein Team tun muss, um ein herausragendes Produkt zu erstellen. Die Kernaussage ist die, dass ein Team, das aus Experten besteht, die die Freiheit haben, ihre Arbeit so zu organisieren, dass jeder sich voll einbringen kann, in der Regel solchen Teams überlegen sind, die nur Anweisungen befolgen.

 In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten dementsprechend an. Das letzte der zwölf agilen Prinzipien bezieht sich auf den kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Das Team setzt sich regelmäßig mit der Zusammenarbeit auseinander und nimmt Anpassungen vor. Diese retrospektive Betrachtungsweise kennt man zwar auch aus klassischen Projekten, aber dort wird sie in der Regel erst zum Abschluss eines Projektes durchgeführt (auch bekannt als „Post Mortem“ oder „Lessons Learned“). Das Problem ist dabei oft, dass die handelnden Personen im nächsten Projekt nicht mehr zusammenarbeiten. Das Projekt selbst profitiert zudem leider nicht mehr von den neuen Erkenntnissen. In agilen Vorgehensweisen legt man daher sehr großen Wert darauf, sich regelmäßig zusammenzusetzen und eine Retrospektive durchzuführen.

Wenn Sie die vier Werte und die zwölf Prinzipien des Agilen Manifests genauer betrachten, so erkennen Sie, dass hier keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse niedergeschrieben wurden. Vieles von dem, was Sie hier gesehen haben, ist gesunder Menschenverstand oder durch Beobachtung erfahrbar. Zudem gab es, wie von Takeuchi und Nonaka schon 1986 berichtet, sehr viele Teams und Unternehmen, die diese Werte lebten und den Prinzipien folgten. Trotzdem bekam dies alles durch den Zusammenschluss und der Unterzeichnung des Agilen Manifests noch einmal eine ganz neue Dynamik. Das Agile Manifest ist der Startschuss für eine große Veränderung der Arbeitsweisen geworden und das Wort „Agilität“ ist in die Managementetagen der Unternehmen eingezogen.

Ein Blick in die agile Praxis: Kanban und ScrumScrum

Das Agile Manifest schreibt nicht vor, wie die Werte und Prinzipien in der Praxis umgesetzt werden sollen. Schon vor der Entstehung des Agilen Manifests gab es eine Reihe von Rahmenwerken (Frameworks), die es erleichtern sollten, entsprechend ähnlicher Prinzipien und Werte den Arbeitsalltag zu gestalten. Diese Rahmenwerke haben den Vorteil, dass sie den Anwendern ziemlich klare Leitplanken und Werkzeuge an die Hand geben, die dafür sorgen, dass sie den Prinzipien entsprechend handeln.

Die bekanntesten beiden Frameworks aus dem agilen Portfolio sind Kanban und Scrum. Von erfahreneren Anwendern werden auch gerne Kombinationen aus unterschiedlichen Rahmenwerken verwendet, wie zum Beispiel Scrum mit Elementen aus Kanban und dem Extreme Programming (xP).7

Um die Grundgedanken und das Zusammenspiel verschiedener Elemente besser zu verstehen, sehen wir uns im Folgenden einmal die beiden populärsten Frameworks genauer an.

Kanban

Am Beispiel von KanbanKanban können Sie sehr schön erkennen, dass die Evolution agiler Frameworks und Methoden nicht erst mit dem Agilen Manifest als Startschuss erfolgt ist. Schon beim Toyota-Produktionssystem fand eine erste Form von Kanban statt. Und blickt man weiter in der Geschichte zurück, kann man sogar noch frühere Wurzeln finden.

Das Wort Kanban stammt aus dem Japanischen und ist eine Zusammensetzung aus den beiden Worten „kan“, was so viel wie Signal bedeutet, und „ban“, was Karte heißt. Somit hieße Kanban wörtlich übersetzt Signalkarte. Laut einer Geschichte, die David Anderson, einer der modernen Vertreter des Kanban, erzählt (Anderson 2011), diente eine Signalkarte schon zu frühen Zeiten zur optimalen Auslastung eines Systems. Ein solches System stellte beispielsweise ein Garten dar, wo man mit Hilfe von Signalkarten sicherstellte, dass nur eine für den Garten passende Menge an Besuchern sich auch in diesem aufhielten. Die Torwächter ließen nur dann einen neuen Gast in den Garten, wenn ein anderer wieder hinausging und seine Signalkarte zurückgab.

Das moderne Kanban hat mit den historischen Ansätzen zwar noch einige Elemente gemein, ist aber stärker angelehnt an das, was wir schon aus dem Lean-Umfeld kennengelernt haben. An dieser Stelle beziehe ich mich daher auf die Regeln und Prinzipien, des modernen Ansatzes, wie ihn Anderson beschreibt und verschiedene andere Praktiker ergänzt und weiterentwickelt haben.

Kanban zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht notwendigerweise einen neuen Arbeitsablauf oder neue Rollen einführen muss, um mit Kanban zu starten. Ein Team oder ein Unternehmen, das Kanban anwenden möchte, kann mit dem Arbeitsablauf und den Prozessen starten, die sie gerade praktizieren. Dies senkt die Hürde für den Einstieg.

Zum erfolgreichen Arbeiten mit Kanban gilt es dann, sechs Praktiken in seinen Arbeitsalltag zu integrieren.

1 Visualisierung des Arbeitsflusses: Die erste Praktik besteht darin, den Fluss der Arbeit zu visualisieren. Dies geschieht in aller Regel mit Hilfe eines sogenannten Kanban-Boards. Auf diesem Board kann man in verschiedenen Spalten die einzelnen Schritte der Wertschöpfungskette visualisieren. Einzelne Aufgaben werden auf Papierkarten geschrieben und von einer Spalte in die nächste gezogen, je nachdem in welchem Arbeitsschritt sie sich gerade befinden. Wie Sie sehen, muss hier erst einmal nichts angepasst werden, da lediglich die aktuelle Vorgehensweise abgebildet wird. Hierbei ist es wichtig, die richtige Granularität für die einzelnen Schritte im Wertstrom zu finden, so dass sich eine ausreichende Transparenz ergibt.Abb. 13:Ein exemplarisches Kanban-Board

2 Begrenzung der angefangenen Arbeit im System: Die Arbeit, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im System befindet, wird als Work-in-Progress (WIP) bezeichnet. Pro Arbeitsschritt, der auf dem Board als Spalte repräsentiert ist, legt man nun eine maximale Menge von Aufgaben fest, die gleichzeitig ausgeführt werden dürfen. Dies macht man mit einer entsprechenden Zahl an der Spalte des Boards sichtbar. Auf diese Weise entsteht ein WIP-Limit, was dazu führt, dass wenn die maximale Anzahl der erlaubten Aufgaben in einer Spalte erreicht ist, keine neue Arbeit in diesem Schritt angefangen werden darf. Hier zeigt sich das daraus entstehende Pull-Prinzip (Ziehen der Aufgaben). Die Aufgaben werden nicht einfach nach Fertigstellung in den nächsten Arbeitsschritt gedrückt (Push), sondern werden nur dann in den nachfolgenden Schritt gezogen, wenn die Kapazität es zulässt. Auf diese Weise sollen Flaschenhälse (englisch: Bottlenecks) aufgespürt werden.

3 Messung und Steuerung des Flusses: Die nächste Praktik besteht darin, den Fluss zu messen und gezielt zu steuern. Dazu werden bestimmte Metriken erhoben, die es erlauben, Aussagen über die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems zu treffen.Eine dieser Größen ist die Cycle-Time. Darunter versteht man die Zeit, die gemessen wird von dem Moment an, wo die erste Arbeit an einer Anforderung durchgeführt wird, bis zum Abschluss dieser Aufgabe. In der Regel wird der Start der Arbeit durch einen Commitment-Punkt auf dem Kanban-Board bestimmt, der die Akzeptanz der Anforderung ausdrückt und eine Verpflichtung zur Umsetzung darstellt. Der Abschluss der Arbeit eines Teams wird durch einen Delivery-Punkt bestimmt, also dem letzten Arbeitsschritt, den ein Team selbst durchführt. Eventuell ist das noch nicht der finale Schritt, da noch andere Teams später im Prozess beteiligt sein könnten.MetrikBeschreibungMessungLead-TimeVorlaufzeit. Die Zeit, die eine Aufgabe von der Erstellung (Eintritt ins System) bis zur Erledigung (beispielsweise Lieferung an den Kunden) benötigt.Zeitpunkt der Fertigstellung – Zeitpunkt der AnforderungCycle-TimeZykluszeit. Die Zeit, die eine Aufgabe innerhalb eines bestimmten Arbeitsschrittes (oder eine Kombination von Arbeitsschritten) benötigt.Zeitpunkt der Fertigstellung des Arbeitsschritts – Zeitpunkt des Starts des ArbeitsschrittsDurchsatzAnzahl der Aufgaben pro Zeiteinheit (zum Beispiel abgeschlossene Aufgaben pro Tag)geschlossene Aufgaben pro Zeiteinheit (kann mit Lead- und Cycle-Time kombiniert werden)Work in Progress (WIP)Aufgaben in Bearbeitung.Anzahl der parallellaufenden Arbeiten in bestimmten Arbeitsschritten.Tab. 4:Wichtige Metriken in einem Kanban SystemEine weitere Metrik ist die sogenannte Lead-Time. Die Lead-Time misst die Zeit von dem Moment an, wenn die Anforderung im System erstellt wird bis zur Auslieferung. Die Lead-Time ist also das, was ein Kunde von außen sehen würde, von dem Moment, in dem er einen Wunsch geäußert hat, bis dass er ein Resultat zurückgeliefert bekommt.Auch der Durchsatz spielt eine wichtige Rolle. Der Durchsatz wird in der Regel errechnet als Quotient aus durchschnittlicher WIP und mittlere Cycle-Time (Little’s Law). Kennt man diese Kennzahlen, dann kann man im Folgenden anfangen Parameter zu variieren und so das Gesamtsystem zu optimieren.Wenn Sie sich die Metriken anschauen und den Zusammenhang mit dem Gesetz von Little vergegenwärtigen, dann lassen sich daraus einige interessante Schlussfolgerungen ziehen. In der Abbildung ist der Wertstrom als ein Kanal dargestellt. Sicher stimmen Sie zu, dass es ein sinnvolles Ziel ist, den Durchsatz zu erhöhen. Die mathematischen Zusammenhänge lassen nun zwei offensichtliche Optionen zu:Option eins besteht darin, einfach mehr Arbeit in den Kanal zu drücken. Damit würde bei gleichbleibender Durchlaufzeit der Durchsatz nach oben gehen. Sie werden aber zurecht sagen, dass das sicher keine gute Idee ist, da dies schnell zu Überlastung und in letzter Konsequenz zum Zusammenbruch führen wird.Die zweite Option besteht darin, die Durchlaufzeit zu reduzieren. In unserer Bild würde das erreicht, indem wir den Kanal verkürzen. Nun ist auch weniger Platz für Work in Progress. Die Reduzierung von Arbeit führt also automatisch zu kürzeren Durchlaufzeiten und somit zu einem höheren Durchsatz. Das ist der Grund, warum die WIP-Limits für Kanban so essenziell wichtig sind.Abb. 14:Littles GesetzLittles Gesetz

4 Explizite Regeln für den Prozess: Kanban macht den Prozess explizit. Normalerweise geschieht dies auf dem Kanban-Board selbst, so dass alle Beteiligten genau wissen, welche Regeln gelten und wo sie zu finden sind. Wichtig ist dabei, eine genaue Definition zu haben, wann eine Aufgabe fertig ist und in die nächste Spalte gezogen werden kann. Auch die Bedeutung der einzelnen Spalten sollte möglichst eindeutig und klar beschrieben sein. Zudem muss geklärt sein, wer etwas ziehen darf, wann etwas gezogen wird und in welcher Reihenfolge die nächsten verfügbaren Tickets gezogen werden. Und natürlich muss auch das WIP-Limit klar ersichtlich sein und von allen eingehalten werden.

5 Förderung von Leadership auf allen Ebenen: Wie Sie sich leicht vorstellen können, führen die bisher vorgestellten Praktiken dazu, dass Sie sehr schnell die Schwachstellen in den bisherigen Abläufen finden können, wie zum Beispiel Flaschenhälse. Um diese zu beheben kommt es auf das Engagement aller Beteiligten an. Nicht nur eine bestimmte Abteilung, sondern alle an der Wertschöpfung beteiligten Personen, egal in welcher Hierarchieebene, sind dazu aufgerufen, sich an der kontinuierlichen Verbesserung zu beteiligen. Zudem müssen auch alle Ebenen die vereinbarten Regeln einhalten (insbesondere das WIP-Limit).

6 Verwendung von Modellen zur Erkennung von Chancen für Verbesserungen: Zur kontinuierlichen Verbesserung soll auch die Praktik führen, Modelle zu verwenden, um Chancen für kollaborative Verbesserungen zu erkennen. Dabei stellen die Modelle vereinfachte Darstellungen des Prozesses dar. Hier gibt es eine ganze Reihe von bekannten Ansätzen, die oft Verwendung finden. So zum Beispiel der Deming-Cycle (PDCA, Plan-Do-Check-Act) oder die Theory-of-Constraints, die Goldratt vorstellte (Goldratt/Cox 2013).

Exkurs | EngpasstheorieEngpasstheorie (Theory of Constraints, TOC)

Die Engpasstheorie besagt, dass der Durchsatz eines Systems einzig durch seinen Engpass bestimmt ist. Sie wurde von Eliyahu GoldrattGoldratt, Eliyahu entwickelt und veröffentlicht.

Gemäß der Engpasstheorie existiert zu jedem Zeitpunkt genau ein Schritt in der Wertschöpfungskette, der einen Engpass darstellt und somit den Durchsatz begrenzt. Dieser Engpass ist oftmals das Glied in der Kette, welches die geringste Kapazität besitzt. Daher sollte das erste Bestreben sein, diesen Engpass zu finden und voll auszulasten. Dazu stellt man sicher, dass der Engpass zum einen möglichst wenig Leerlauf hat und zum anderen nur für die wichtigsten Aufgaben genutzt wird. Alles, was nicht unbedingt vom Engpass bearbeitet werden muss, sollte man auslagern. Fortan wird dann der Engpass den Takt für das Gesamtsystem vorgeben, also nur noch so viel Arbeit im System sein, wie die Kapazität des Engpasses zulässt. Alle Optimierungsversuche sollten sich dann auch auf den Engpass konzentrieren, da jede Optimierung an einer anderen Stelle nicht den Gesamtdurchsatz steigern würde und im Gegenteil nur zu Wartezeiten und Überproduktion führen würde. Folgt man diesen Empfehlungen und erhöht die Kapazität des Engpasses, dann wird man höchstwahrscheinlich in der Folge auf einen neuen Engpass stoßen, bei dem man genauso verfahren sollte.

Goldratt bietet als Beispiel für Prozesssteuerung das sogenannte Drum-Buffer-Rope-Verfahren an. Dabei verwendet er als Bild eine Gruppe von Pfadfindern, die hintereinander im Gänsemarsch laufen, und als Gruppe ein gemeinsames Etappenziel erreichen sollen. Somit stellt der Pfadfinder, der das langsamste Tempo geht, den Engpass im System dar. Unser langsamer Pfadfinder bekommt bildlich gesprochen eine Trommel in die Hand (Drum), und bestimmt auf diese Weise den Takt des Gesamtsystems. Es kann auch jederzeit zu Störungen vor dem Engpass kommen. In unserem Bild beispielsweise ein stolpernder Pfadfinder, der den langsamsten in der Kette dadurch aufhält. Das würde bedeuten, dass der Engpass nicht optimal ausgelastet werden kann, da er abbremsen oder sogar anhalten müsste. Also sollte ein vernünftiger Puffer vor dem Engpass eingerichtet werden, so dass kleinere Ausfälle (Stolpern) den Engpass nicht verlangsamen (Buffer). Zuletzt sollte nun durch das Tempo des Engpasses und die Größe des Puffers gesteuert neue Arbeit in das System gezogen werden. Im Beispiel unserer Pfadfindergruppe würde ein Seil zwischen dem vordersten Pfadfinder in der Gruppe und dem Engpass gezogen, das die Zwischenräume steuert, so dass ein bestimmter Puffer vorhanden ist.

Hält man die vorgeschlagenen Praktiken ein, dann stellt Kanban ein Werkzeug für die evolutionäre Veränderung in Unternehmen dar. Durch das Aufdecken von Engpässen im System und der Konzentration auf eine kontinuierliche Verbesserung wird nach und nach das Gesamtsystem immer leistungsfähiger.

Beim Einsatz von Kanban spielt das Einhalten von WIP-Limits eine sehr große Rolle. Gerade Teams, die noch unerfahren mit dieser Vorgehensweise sind, tendieren dazu, die Begrenzungen zu ignorieren. Dies kann zum einen daran liegen, dass sie noch nicht ganz verstanden haben, welch große Bedeutung die Limitierung der Arbeit für den evolutionären Veränderungsprozess in Kanban besitzt. Zum anderen ist es aber auch häufig so, dass viele traditionelle Unternehmen großen Wert darauflegen, alle zur Verfügung stehenden „Ressourcen“ optimal auszulasten. Daher fühlen sich die Mitglieder eines Arbeitsteams verpflichtet, lieber eine neue Aufgabe zu beginnen, anstatt untätig herumzusitzen. Wie die Engpasstheorie jedoch verdeutlicht, führt das dazu, dass sich die Arbeit vor dem Engpass auftürmt und somit mehr Probleme entstehen, als es Mehrwert bringt. Umso wichtiger ist es, die Arbeit entsprechend zu visualisieren. Denn es geht darum, die Arbeit zu managen und sich die Menschen darum herum selbst organisieren zu lassen. Wenn die Arbeit allerdings nicht sichtbar ist, dann könnte leicht die Tendenz entstehen, das zu managen, was die Manager sehen können: die Menschen.

Der Fokus sollte erst einmal darauf liegen, den Engpass zu entlasten und dafür zu sorgen, dass wieder Kapazitäten frei werden. Wenn hier keine Möglichkeit der Unterstützung besteht, dann kann man die entstandene Zeit für die Verbesserung des Prozesses und des Gesamtsystems zu nutzen, mit dem Ziel, den Engpass langfristig zu beheben. Diese freigewordene Zeit wird oftmals auch als Slack bezeichnet und spielt in so gut wie allen agilen Rahmenwerken eine wichtige Rolle. Slack ist wichtig und notwendig, um die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems kontinuierlich zu steigern.

Bisher haben wir gesehen, wie Kanban funktioniert, wenn ein Team eine Anforderung von der Aufnahme bis zur Umsetzung komplett bearbeitet. In der Praxis wird es aber in einem großen Unternehmen mehrere Teams geben, die in irgendeiner Form zusammenarbeiten müssen, um eine Aufgabe wirklich abzuschließen. Hier ergeben sich schnell Abhängigkeiten und es ist zum einen oft unübersichtlich, zum anderen kaum möglich, ein einziges Kanban-Board zu haben, das alle Arbeitsschritte in der gewünschten Granularität visualisieren kann. Viele einzelne Kanban-Teams machen daher noch nicht automatisch ein agiles Unternehmen aus. Ein anschauliches Beispiel, wie man zu echter „Business-Agilität“ gelangt liefert Klaus Leopold, der zur Orientierung verschiedene Flight-Level (Flughöhen) vorschlägt (Leopold/Kaltenecker 2018).

Auf dem obersten Flight-Level schaut man auf die Wertschöpfungsketten, die in einem Unternehmen vorhanden sind. Die meisten Unternehmen haben mehr als ein Produkt oder teilen ihre Arbeit in unterschiedliche Projekte auf. Diese stellen sehr häufig auch eigene Wertschöpfungsketten mit gewissen Besonderheiten dar. Auf der oberen Ebene interessiert man sich genau für diese unterschiedlichen Initiativen und nutzt die Kanban-Praktiken, um auf dieser Granularität den Gesamtwert für das Unternehmen zu optimieren.

Das Flight-Level darunter konzentriert sich auf eine dieser Wertschöpfungsketten und stellt die Arbeitsschritte und die Aufgaben in einer Granularität dar, die eine Koordination der verschiedenen beteiligten Teams ermöglicht. Es ist die Ebene der Koordination.

Geht man noch ein Level tiefer, so ist man auf der Team-Ebene, wo die Arbeit, die von einem Team erledigt wird, visualisiert und optimiert wird. Wenn hier Arbeiten abgeschlossen werden, wird diese Aktualisierung auf das darüberliegende Level übertragen. Würde man Kanban nur auf das Teamlevel beschränken, dann würde es eventuell zu lokalen Optimierungen kommen, die – wie wir gesehen haben – das Gesamtsystem eventuell sogar verschlechtern. Durch die unterschiedlichen Flughöhen hat man aber auf unterschiedlichen Ebenen die Engpässe und auch mögliche Verbesserungen im Blick, so dass man die gesamte Wertschöpfungskette und auch das gesamte Unternehmen verbessern kann.

Im Zusammenhang mit Kanban fällt oft der Begriff Kaizen, was sich aus den japanischen Begriffen kai (Wandel) und zen (zum Besseren) ableitet. Kaizen beschreibt den kontinuierlichen Verbesserungsprozess, der sich bei Einhaltung der Kanban-Praktiken von allein einstellen sollte. Darüber hinaus gibt es aber eine Reihe von Praktiken, die von den meisten Teams geteilt werden, auch wenn es keine Regeln gibt, die sie vorschreiben. So zum Beispiel regelmäßige Statusmeetings, Reviews oder auch Retrospektiven.

Eine weitere, gern genutzte Praktik bei der Verwendung von Kanban, ist die Einführung von Service Level Agreements (SLA). Die Aufgaben werden dann bestimmten Klassen zugeordnet. So ist es möglich, bestimmte Aufgaben einem Service Level zuzuweisen, der bevorzugt behandelt wird. Sobald dann an einer Station Kapazitäten frei werden, wird eine solche Aufgabe als erstes bearbeitet. Dies führt auch zu unterschiedlichen Cycle- und Lead-Times für die verschiedenen Service Level, die auch zum Kunden kommuniziert werden können.

Scrum

„Mit 85 % ist ScrumScrum die meistgenutzte agile Methode. Danach folgen Kanban, Lean und DevOps.“ Zu diesem Schluss kommt die Studie Status Quo Agile,1 die von der Hochschule Koblenz 2016/17 durchgeführt wurde.2 Scrum erfreut sich damit viele Jahre nach seiner ersten Erwähnung im „New new product development game“ sehr großer Beliebtheit.

Eine tragende Rolle bei der systematischen Umsetzung der von Takeuchi und Nonaka beschriebenen Praktiken nahmen Ken Schwaber und Jeff Sutherland ein. Jeff Sutherland griff die beschriebene Idee auf und nutzte die Erkenntnisse in ersten Projekten. Ken Schwaber veröffentlichte bereits 1995 auf der OOPSLA-Konferenz einen ersten Beitrag über Scrum. Beide Pioniere gehörten auch zu den Unterzeichnern des Agilen Manifests im Jahr 2001. Im gleichen Jahr veröffentliche Ken Schwaber auch das erste Buch zum Thema Scrum, gemeinsam mit Mike Beedle (Schwaber/Beedle 2002).

Schwaber und Sutherland taten sich zusammen und gestalteten gemeinsam den Scrumguide,Scrumguide der die Spielregeln von Scrum definiert, auf die sich alle Anwender des Frameworks berufen.3 Der Scrumguide wurde in viele Sprachen übersetzt und wird regelmäßig aktualisiert. Auch wenn Scrum sehr populär in der IT ist, wird im Scrumguide explizit darauf hingewiesen, dass Scrum in allen erdenklichen Bereichen verwendet werden kann. Von einer großen Liste strahlender Beispiele berichtet Jeff Sutherland in seinem Buch „Die Scrum Revolution“ (Sutherland 2015). Der Scrumguide beschreibt drei wichtige Rollen, die zur Ausführung von Scrum benötigt werden.

Der Product Owner (Eigentümer des Produkts) hat die Verantwortung für das Produkt. Dafür muss er sicherstellen, dass die Aufgaben erledigt werden, die am meisten Wert generieren. Dies gelingt ihm, indem er alle Arbeiten, die zu erledigen sind, um das Produkt herzustellen, in das Product Backlog einträgt und dort in eine eindeutige Reihenfolge bringt.

In der Regel gibt es eine Reihe von Leuten, die ein Interesse an dem Produkt haben. Dies können zum einen (potenzielle) Kunden sein, zum anderen aber die eigene Unternehmensführung oder auch andere Abteilungen im eigenen Unternehmen. Die Aufgabe des Product Owners besteht nun darin, die Interessen dieser Stakeholder einzusammeln und gegeneinander zu gewichten. Dafür muss er in engem Kontakt mit den Stakeholdern stehen.

Im Gegensatz zum Wasserfallmodell, wo das Produktmanagement und die Entwicklung zwei getrennte Abteilungen bilden, ist der Product Owner Teil eines Scrum Teams und daher auch mitverantwortlich für die gelungene Umsetzung der Anforderungen. Der Product Owner ist dafür verantwortlich, was getan wird. In Scrum ist es wichtig, dass es genau einen Product Owner für ein Produkt gibt. Dies soll verhindern, dass sich zum Beispiel ein Komitee nicht einigen kann und somit Entscheidungen sehr träge getroffen werden können. Zwar können verschiedene Personen sich die Aufgaben des PO aufteilen, am Ende muss es aber genau eine Person geben, deren Entscheidung im Zweifelsfall von allen akzeptiert wird.

Das Entwicklungsteam besteht aus den Experten, die das Produkt herstellen. Das Team zeichnet sich durch seine interdisziplinäre Aufstellung aus. Im Scrum-Umfeld wird diese Eigenschaft als „Crossfunktionalität“ (X-funktional abgekürzt) bezeichnet. Es sind Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen der Wertschöpfungskette in einem Team vorzufinden, die dann gemeinsam als Team eine Gesamtverantwortung für ein Produkt oder eines Produktbestandteils übernehmen. Dabei bemüht man sich um die Ausprägung eines T-Profils bei den Teammitgliedern (siehe Exkurs).

Exkurs | T-ProfilT-Profil

In klassischen Arbeitsgruppen, die aus Experten der gleichen Fachrichtung bestehen, hat man es in aller Regel mit Spezialisten zu tun. Diese haben eine tiefgehende Expertise in einem bestimmten Fachgebiet. Damit ihre Expertise möglichst effizient genutzt werden kann, ist ihr Arbeitsumfeld so gestaltet, dass sie sich ausschließlich auf diesen Fachbereich konzentrieren können. Auch Mitarbeiterentwicklung findet in diese Spezialrichtung statt. Dies wird oft als I-Profil bezeichnet, weil es eine einzelne, sehr spezialisierte Fähigkeit repräsentiert.

Demgegenüber strebt man in interdisziplinären Teams das sogenannte T-Profil (T-Shape) an. Dies bedeutet, dass das Teammitglied immer noch ein Experte in einem bestimmten Fachgebiet ist, was den Stängel des T repräsentiert. Gleichzeitig bemüht sich das Teammitglied aber auch, Aufgaben aus angrenzenden Fachgebieten zu lernen und bei Bedarf zu übernehmen. Wenn man ein wenig rechts und links seiner eigenen Spezialfähigkeit schaut, dann ergibt sich so der Querbalken des T-Profils.

Erinnern wir uns zurück an die Engpasstheorie, dann sehen wir, dass dieses angestrebte T-Profil kein Selbstzweck ist, sondern sehr wichtig, um die Leistungsfähigkeit eines Teams zu erhöhen. Ein Teammitglied mit I-Profil könnte, wenn ein Engpass gefunden wird, der in einem angrenzenden Arbeitsschritt liegt, nicht unterstützen, da ihm entsprechende Fähigkeiten fehlen. In klassischen Organisationen, die auf Effizienz und Auslastung optimiert sind, würde ein solches Teammitglied sich weiter mit den eigenen Aufgaben beschäftigen. Dies wäre aber eine lokale Optimierung, die dazu führen würde, dass sich vor dem Engpass ein Berg von Arbeit anhäuft. Besitzt das Teammitglied aber ein T-Profil, kann es den Engpass entlasten und somit zur Gesamtleistung des Teams beitragen, selbst wenn einzelne Glieder der Wertschöpfungskette nicht optimal ausgelastet sind.

Oftmals wird das T-Profil so missverstanden, dass jeder im Team in der Lage sein sollte, jede Aufgabe zu übernehmen, die anfallen könnte. Wie Sie oben gesehen haben, ist dies nicht das Ziel (und auch sehr utopisch). Das T-Profil soll vielmehr sicherstellen, dass eventuelle Engpässe entlastet werden können und im Falle des Ausfalls eines oder mehrerer Teammitglieder die Arbeit nicht komplett eingestellt werden muss, nur weil der eine „wissende“ Fachexperte nicht greifbar ist.

Das Entwicklungsteam organisiert sich selbst, so wie es meint, die gesetzten Ziele erreichen zu können. Das Team trägt die Verantwortung, wie etwas getan wird.

In Scrum gibt es keine speziellen Rollen innerhalb des Teams. Es gibt also keine weitere Unterteilung zwischen Entwicklern, Testern, Analysten, Ingenieuren, Layoutern oder welche Spezialgebiete auch immer zur Erstellung eines Produkts benötigt werden. Dadurch soll zum einen die Entwicklung in Richtung T-Profil unterstützt werden, zum anderen aber auch ein Gefühl für die gemeinsam getragene Verantwortung für das Ergebnis gestärkt werden.

Als dritte und letzte Rolle beschreibt der Scrumguide den Scrum MasterScrum Master. Für die meisten Unternehmen, die Scrum einführen, ist diese Rolle ein absolutes Novum, denn in den allerseltensten Fällen gab es zuvor eine Rolle, die eine vergleichbare Aufgabe hatte. Auf der einen Seite soll der Scrum Master das Scrum Rahmenwerk fördern und unterstützen. Er hilft also dem Team zu verstehen, wie genau Scrum funktioniert, und wie ein Rädchen in das andere greift. Zudem besteht sein Hauptfokus aber darauf, die Zusammenarbeit des Teams zu optimieren.

Der Scrum Master hat dafür drei große Fokuspunkte, auf die er sich konzentriert. Zum einen unterstützt er den Product Owner. Er hilft ihm, die Anforderungen zu priorisieren und mit dem Entwicklungsteam in kleine, zu bearbeitende Aufgaben zu zerlegen. Zudem hilft er dem PO, sich in der agilen Produktplanung zurechtzufinden.

Als Zweites richtet der Scrum Master seine Aufmerksamkeit auf das Entwicklungsteam. Hier liegt sein Fokus darauf, das Team zu einer Selbstorganisation zu befähigen und die Zusammenarbeit zu verbessern. Dafür muss der Scrum Master ganz auf seine Überzeugungskraft und seine Coaching-Fähigkeiten zurückgreifen, denn in Scrum ist niemand vorgesehen, auch nicht PO oder Scrum Master, der in irgendeiner Form weisungsbefugt wäre.

Und zuletzt ist die Rolle des Scrum Masters auch dazu gedacht, in die Organisation hineinzuwirken. Wenn man mit Scrum beginnt, wird man schnell feststellen, dass gewisse Hindernisse, die eine selbstorganisierte Arbeit verhindern, nicht nur innerhalb der Teamgrenzen zu finden sind. Viele Probleme und Herausforderungen sind teamübergreifend und zum Beispiel in vorhandenen Strukturen oder Prozessen begründet. Es ist unvermeidlich, dass ein Unternehmen, das sich agil aufstellen möchte und dafür Scrum einführt, sich auch organisatorisch deutlich verändern muss.

Exkurs | Rollen und Positionen

Scrum definiert drei Rollen. In vielen klassischen Organisationen besteht eine sehr starke Fokussierung auf Positionen. Auch wenn beide Begriffe oft synonym verwendet werden, besteht hier ein deutlicher Unterschied. Eine Position ist untrennbar mit einer Person verknüpft. Frau Maier oder Herr Müller haben eine Position inne. An diese Position wiederum sind gewisse Rechte und Pflichten geknüpft. Ein Projektleiter trägt die Verantwortung für ein bestimmtes Projekt und hat vielleicht ein Budget zur Verfügung und dann auch eine Weisungsbefugnis für die Projektbeteiligten. Positionen sind in der Regel ein Kästchen in einem Organigramm, in dem ein bestimmter Name steht.

Rollen hingegen definieren erst einmal nur Verantwortlichkeiten, sind aber nicht personenbezogen. Das heißt, die in einer Rolle definierten Verantwortlichkeiten müssen erfüllt werden, aber es ist nicht unbedingt festgelegt, welche Person dies tut. Somit kann eine Rolle auch durch mehr als eine Person ausgefüllt werden, indem man beispielsweise die Verantwortlichkeiten aufteilt.

In sehr vielen Unternehmen wird eine Rolle an eine Position geknüpft. In manchen Fällen ist der Product Owner, der in Scrum als Rolle definiert ist, eine feste Position mit einer zugeordneten Person. Andernorts sind an die Position (das Kästchen im Organigramm) noch zusätzliche (nicht im Scrumguide definierte) Aufgaben, Rechte oder Pflichten geknüpft. Hier findet schnell eine Vermischung von Rolle und Position statt, die am Ende zu einem falschen Verständnis von den eigentlichen Rollen führen kann.

Neben diesen Rollen gibt Scrum auch ziemlich genau vor, welche Bestandteile es gibt und zu welchen Anlässen und wann die Teams zusammenkommen (Scrum Artefakte und Events).

Das Product BacklogProduct Backlog haben Sie ja schon kennengelernt. Es handelt sich dabei um eine Liste, die alle Arbeit enthält, die vom Team zu erledigen ist, um ein Produkt herzustellen. Diese Liste ist geordnet und die wichtigste Aufgabe befindet sich an der Spitze dieser Liste. Der Product Owner ist dafür verantwortlich, das Product Backlog aktuell zu halten und die Reihenfolge der Arbeit festzulegen. Die einzelnen Bestandteile des Backlogs nennt man Product Backlog Items. Diese werden oftmals in Form einer User Story (also aus der Sicht des Benutzers) geschrieben. Product Backlog Item ist alles, was eine Änderung am bestehenden Produkt darstellt, also zum Beispiel neue Anforderungen, Fehlerbehebungen oder die Beseitigung technischer Schulden.

Die Abarbeitung der Product Backlog Items erfolgt in Iterationen, sogenannten SprintsSprint. Ein Sprint ist per Definition maximal vier Wochen lang. Da die Vorausplanung mit zunehmender Länge der Iteration immer ungenauer wird, legt der Scrumguide hier diese Obergrenze fest. Für die meisten Teams hat sich eine Sprintdauer von zwei Wochen in der Praxis als guter Startwert herausgestellt. Es gibt aber auch Scrum Teams, deren Sprints nur einen Tag dauern, oder die sogar mehrere Sprints an ein und demselben Tag durchführen.

In einem gemeinsam Scrum Event (so nennt man bei Scrum die gemeinsamen Termine in Abgrenzung zu den gemeinhin oftmals als unproduktiv angesehenen „Meetings“), dem sogenannten Sprint PlanningSprint Planning, setzt sich das gesamte Scrum Team (Product Owner, Scrum MasterScrum Master und Entwicklungsteam) zusammen und überlegt, was es im nächsten Sprint voraussichtlich liefern kann. Dafür wird erst einmal ein Sprintziel festgelegt und dann Aufgaben aus dem Product Backlog ausgewählt, die zur Erreichung des Ziels notwendig sind.

Diese Aufgaben werden dann in das Sprint BacklogSprint Backlog übertragen. Dieses stellt somit eine Teilmenge des Product Backlogs dar und wird jeden Sprint neu angelegt. Die Aufgaben im Sprint Backlog werden so verfeinert, dass das Team jederzeit überprüfen kann, wie sein Fortschritt in Hinblick auf die Erreichung des Sprintziels ist. Es werden nur so viele Aufgaben in das Sprint Backlog übernommen, wie das Team meint, im nächsten Sprint fertigstellen zu können.

Im Laufe des Sprints erstellt das Entwicklungsteam ein Inkrement. Ein Inkrement besteht aus dem Ergebnis des aktuellen Sprints sowie den Ergebnissen aller vorheriger Sprints. Ein Produkt Inkrement wird also von Sprint zu Sprint immer größer und umfangreicher.

Damit die Arbeit selbstorganisiert stattfindet und möglichst gut abgestimmt wird, trifft sich das Entwicklungsteam täglich zur selben Zeit am gleichen Ort für ein Planungs- und Abstimmungsmeeting, dem Daily Scrum. Das Daily Scrum findet in aller Regel im Stehen statt (daher auch der alternative Name Daily-Stand-Up). Dies soll dazu dienen, dass die Teilnehmer sich kurzfassen und schnell zum Wesentlichen kommen. Alle Scrum Events haben eine Timebox (Zeitrahmen), also eine maximale Dauer, die nicht überschritten werden darf. Das Daily Scrum soll maximal 15 Minuten dauern und ist somit das kürzeste Scrum Event. Hervorzuheben ist, dass das Daily Scrum nicht dazu gedacht ist, den aktuellen Status zu berichten. Das Team soll sich gezielt abstimmen, wo man im Hinblick auf das Sprint Ziel steht, was noch zu tun ist, was in den nächsten 24 Stunden (bis zum nächsten Daily Scrum) erledigt werden kann und wie man sich am sinnvollsten aufteilt. Zudem sollen Hindernisse (Impediments) sichtbar gemacht werden, die die Arbeit behindern oder sogar verhindern.

Damit eine Aufgabe vom Team als erledigt gekennzeichnet werden kann, muss sie der Definition von Fertig (Definition of Done) entsprechen. Diese Definition stellt eine Checkliste dar, die alles enthält, was erfüllt sein muss, damit eine Aufgabe fertiggestellt ist. Diese wird häufig von dem Unternehmen vorgegeben, damit alle Scrum Teams nach den gleichen Qualitätsstandards arbeiten. Wenn auch nur eine geringe Kleinigkeit fehlt, darf eine Aufgabe nicht als fertig deklariert werden.

Am Ende des Sprints präsentiert das Scrum Team allen Interessierten das fertige Inkrement (also alle Aufgaben, die gemäß der Definition von fertig abgeschlossen wurden). Dies geschieht im sogenannten Sprint Review, das eine öffentliche Veranstaltung ist und zu dem der Product Owner alle interessierten Stakeholder einlädt. Gemäß dem Leitsatz von Scrum – Inspect & Adapt (Feedback einholen und Anpassen) – wird hier das Produkt Inkrement gezeigt und Feedback eingesammelt. Auch das Review ist somit kein einfaches Statusmeeting, um einen Fortschritt zu präsentieren, sondern eine wichtige Gelegenheit, um Feedback einzuholen und strategische Entscheidungen zu treffen. Neue Erkenntnisse hält der Product Owner im Backlog fest, mit dem er dann in das nächste Sprint Planning gehen kann.

Im Anschluss erfolgt dann ein weiterer Schritt, der dazu dient, Feedback einzuholen und eventuelle Anpassungen vorzunehmen: die Sprint Retrospektive. Hier kommt das Scrum Team zusammen und reflektiert gemeinsam den Entwicklungsprozess mit dem Ziel, Verbesserungsmaßnahmen zu definieren, die im Laufe des nächsten Sprints angewendet und in der folgenden Retrospektive auf ihre Wirksamkeit hin untersucht werden können. Diese werden dann auch gleich in das Sprint Backlog des nächsten Sprints eingetragen, damit das Team bei der Planung diese Aufwände mitberücksichtigen kann.

Prinzipiell geht der Zyklus an dieser Stelle wieder von vorne los, allerdings zeigt die Erfahrung, dass das Team auch eine gewisse Zeit in die Pflege und die Verfeinerung des Product Backlogs investieren muss. Diese Aktivität wird als Refinement bezeichnet. Der Scrumguide macht hier, im Gegensatz zu den klar definierten Scrum Events, keine klaren Vorgaben, wie das Refinement abzulaufen hat. Aber er gibt eine Empfehlung, die darin besteht, dass das Team bis zu 10 % seiner Zeit im Sprint für Refinement aufwenden sollte. Das Ergebnis – ein gepflegtes und feingranulares Product Backlog – wird dann als Eingabe für das nächste Sprintplanning genutzt.

Auch in Scrum gibt es Metriken, die helfen sollen, den Prozess kontinuierlich zu verbessern. Allerdings schreibt Scrum hier nichts vor. Viele Praktiker messen zum Beispiel gerne die Menge der Arbeit, die das Entwicklungsteam in einem Sprint erledigt hat. Dies wird dann als Velocity bezeichnet. Dafür muss die Größe der Aufgaben berücksichtigt werden, so dass man entweder alle Aufgaben in die gleiche Größe bringt oder aber die Größe schätzen und in Relation zueinander setzen muss. Hierfür werden meist Story Points verwendet. Dementsprechend wird auch die Velocity eines Teams in der Regel in Story Points pro Sprint angegeben.

Scrum und Kanban erheben beide nicht den Anspruch perfekt zu sein und die Antwort auf alle Fragen zu liefern. Im Gegenteil, sie ermutigen die Anwender dazu, Anpassungen vorzunehmen, um die Vorgehensweisen zu verbessern. Dies ist sicherlich eine gute Idee, denn die Erfinder konnten nicht jeden erdenklichen Kontext in ihre Überlegungen einbeziehen.

Shu-Ha-Ri und Cargo-Kult

Ich erinnere mich noch recht gut an einen Lieblingsfilm meiner Kindheit. Ein schmächtiger, schwarzhaariger Junge steht vor einem Auto. Ihm gegenüber steht ein kleiner Japaner mit einem Schwamm in der Hand. „Auftragen rechte Hand, polieren linke Hand“, leitet der kleine Japaner ihn an. Dabei solle er das Atmen nicht vergessen, ergänzt der wunderliche alte Mann, dann macht er die Bewegung noch einmal vor. Er übergibt dem sparsam dreinschauenden Jungen den Schwamm und überlässt ihn dann seiner Aufgabe. Der Junge ist verdutzt, will er doch eigentlich Karate lernen und sein Lehrer, Mr. Miyagi, lässt ihn nun mit einer Aufgabe stehen, deren Sinn er nicht versteht. Diese Szene aus dem Film „Karate Kid“ ist ein schönes Beispiel für ein Prinzip namens Shu-Ha-RiShu-Ha-Ri. Dieses Konzept aus der Kunst des fernöstlichen Kampfsports ist auch bei der Einführung und Umsetzung von Arbeitsweisen und Methoden hilfreich.

Die erste Stufe ist Shu, was so viel heißt wie „erhalten“ oder „gehorchen“. In dieser Phase sollte das, was der Lehrmeister sagt, minutiös befolgt werden, auch wenn der Sinn sich noch nicht so ganz erschließt. Bei den meisten Dingen, die wir neu lernen, verstehen wir manche Zusammenhänge erst, wenn wir sie mechanisch angewendet haben. So wie Daniel Larusso, der etwas verwundert ist, aber seinem Lehrmeister vertraut und seine Aufgaben erfüllt. Damit trainiert er Bewegungsabläufe ein, und wird immer sicherer bei deren Ausführung.

Abb. 15:

Shu-Ha-Ri in Kanji geschrieben

Wenn die Regeln befolgt wurden und wirklich verinnerlicht sind, dann folgt die zweite Stufe. Ha heißt in etwa „frei werden“ oder „abweichen“. Hier werden die Abläufe angepasst auf die jeweilige Situation. Es wird experimentiert und neues ausprobiert. Nur, wenn vorher die Regeln ganz genau befolgt wurden und verstanden wurden, ist das Verständnis da, warum manche Abweichungen funktionieren und manche eher nicht. Im Film ist Daniel schließlich in der Lage, die gelernten Bewegungsabläufe auch in einem Karate-Umfeld anzuwenden. Hier erscheint er erst noch überrascht, dass die Bewegungen fast von allein fließen. Da er aber aus den grundlegenden Übungen weiß, was ein positives Resultat und was ein negatives Resultat ist, kann er auch einschätzen, ob die kleinen Abwandlungen, die er vornimmt, hilfreich oder eher hinderlich sind.

Die dritte und höchste Stufe ist schließlich Ri. Übersetzt steht dies für „trennen“ oder „abschneiden“. Dies ist die Stufe der Meisterschaft. Die Prinzipien hinter den Regeln sind in Fleisch und Blut übergegangen und das Variieren, Anpassen und Entwickeln neuer Regeln stellt für den Meister keine Hürde mehr dar. Mister Miyagi ist in der Lage, die Elemente des Karate ganz einfach in Übungen zu übersetzen, die er seinem Schüler Daniel aufgibt. Als Meister ist er in der Lage einzuschätzen, dass auch das Polieren des Autos Daniel helfen wird, ein besserer Karatekämpfer zu werden. Er hat seinen eigenen Stil entwickelt, der seiner Persönlichkeit und seiner Individualität entspricht. Den Weg dorthin muss Daniel erst noch gehen, aber vielleicht wird er eines Tages auch selbst ein Meister sein. Dann wird er sich wahrscheinlich losgelöst haben von der Technik des Mister Miyagi und seinen ehemaligen Meister vielleicht sogar überflügeln. Dies ist ihm aber nur möglich, wenn er die vorherigen Stufen erfolgreich gemeistert hat.

Die beiden Autoren des Scrumguides Ken SchwaberSchwaber, Ken und Jeff SutherlandSutherland, Jeff haben schon in den ersten Sätzen darauf hingewiesen, dass Scrum ein einfach zu verstehendes, aber schwierig zu meisterndes Rahmenwerk darstellt. Befolgt man die Regeln, die im Scrumguide festgelegt sind, so stehen die Chancen gut, dass Scrum funktioniert. Erst wenn die Elemente verstanden wurden, macht die Anpassung Sinn. Oftmals tendieren unerfahrene Anwender dazu, die Regeln aufzuweichen, wenn sie „weh tun“. Zum Beispiel, wenn Aufgaben innerhalb eines Sprints nicht fertiggestellt werden können oder wenn jeder im Team ein Spezialgebiet hat, für das er allein verantwortlich ist. Gleiche Gefahr gilt bei Kanban, wo sehr schnell das WIP-Limit bei unerfahrenen Anwendern in Frage gestellt und aufgeweicht wird.

Begibt man sich einmal in die – sehr aktive – agile Community, die in so gut wie jeder größeren deutschen Stadt vertreten ist, und hört man den Teilnehmern an den Diskussionen aufmerksam zu, so wird man viel Frustration bemerken. Vieles rührt von einer nicht sachgemäßen Anwendung der Frameworks her. Dann wird gerne vom sogenannten Cargo-Cult gesprochen.

Ursprünglich war der Cargo-Kult eine Bewegung aus dem Bereich der Fidschi-Inseln und Neuguinea. Hier trafen im zweiten Weltkrieg die Inseleinwohner, die zuvor sehr abgeschieden lebten, auf die US-Armee, die die Inseln als Basis nutzten. Sie errichteten provisorische Flughäfen und Landebahnen und warfen auch Lebensmittel und westliche Kleidung über der Insel ab. Die Einwohner beobachteten die merkwürdigen Fremden und sahen, dass sie auf komische Türme stiegen und so etwas wie Schalen auf den Ohren hatten. Sie winkten mit Stäben und ab und zu fielen von den Göttern gesandte Pakete vom Himmel oder große, stählerne Wesen kamen aus der Luft und aus ihren Mäulern kamen mehr Menschen und Lebensmittel.

Als die Amerikaner irgendwann die Insel verließen, wollten die Einwohner nicht auf den Reichtum aus der Luft verzichten. Um die Götter zur Rückkehr zu bewegen, bauten die Einwohner die Einrichtungen der Amerikaner nach, setzten sich Kopfhörern nachempfundene Konstruktionen auf den Kopf und winkten mit Stäben in den Himmel. Aber kein Paket segelte auf die Insel hinab und kein großes Wesen landete mehr auf den Inseln. Die Einwohner konnten das nicht verstehen, sie taten doch alles genauso, wie die merkwürdigen Fremden es zuvor auch getan hatten.

Der große Unterschied bestand darin, dass sie nicht verstanden, warum es funktionierte, wenn die Amerikaner in den Himmel winkten. Gleiches Risiko besteht auch bei der Anwendung von Methoden, deren Wirkweise man (noch) nicht durchschaut hat.

Häufig liegt die Ursache darin, dass unterschätzt wird, dass die Verwendung agiler Methoden auch Veränderung auf allen Ebenen mit sich bringt. Folglich werden dann zu Beginn nur auf Teamebene Methoden etabliert, die schnell auf organisatorische Grenzen stoßen. Werden diese Grenzen nicht durchbrochen, dann führt dies zu Frust und Resignation. Nicht selten endet das dann darin, dass die agilen Methoden wieder abgeschafft werden. Dies ist aber auf Dauer keine Lösung, weil die VUCA-Welt nach Agilität verlangt. Die Bereitschaft zur Veränderung und die Fähigkeit zu verändern, stellt eine wichtige Kompetenz dar.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Agilität stellt eine wichtige Kompetenz des 21. Jahrhunderts dar. Die Anforderungen, die von der Umwelt an uns als Individuum, aber auch an Unternehmen und an die Gesellschaft gestellt werden, erfordern die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen und anpassungsfähig und innovativ zu sein.

1 Verstehen Sie die Ursprünge und Hintergründe von agilen Ansätzen.

Machen Sie sich bewusst, dass Agilität immer schon hilfreich war. Lernen Sie aus der Geschichte und beschäftigen Sie sich mit den ersten Ansätzen und den Kontexten, in denen diese entstanden sind.

Machen Sie sich auch klar, dass hier Entweder-Oder-Denken nicht hilfreich ist. Auch in einem (oftmals als sehr unagil bezeichnetem) Wasserfallmodell können agile Elemente untergebracht werden.

 Wo sehen Sie in Ihrem Umfeld Denkweisen, die Sie als „agil“ bezeichnen würden?

 Was ist Ihre eigene Definition von agil? Was wäre „unagil“?

 In welchem Kontext wurde eine gewisse Methode erstmals angewendet und warum hat sie dort geholfen?

1 Seien Sie kein Dogmatiker.

Der Grundsatz aller agilen Arbeitsweisen lautet „Inspect & Adapt“, also Feedback gewinnen und daraus Anpassungen ableiten. Schauen Sie sich Vorgehensweisen, Prozesse und Produkte kritisch an und nehmen Sie Anpassungen vor. Es mutet merkwürdig an, wenn Frameworks und „agile Gesinnungen“ dogmatisch vertreten werden. Eine Praktik oder Methodik sollte immer zum jeweiligen Kontext passen.

 Warum sind Sie der Meinung, dass eine bestimmte Praktik, Methode oder Verhaltensweise genutzt werden sollte? Haben Sie eine zum Kontext passende Erklärung?

 Haben Sie die Leitplanken und Regeln durchschaut, so dass Sie sich auf die dahinterliegenden Prinzipien und Werte beziehen können?

 Passen die Werte und Prinzipien zu Ihren eigenen Werten (den Werten Ihres Unternehmens, Ihres Auftraggebers, Ihres Kunden, …)?

1 Nutzen Sie die Erfahrung von „Meistern“ bei der Einführung von neuen Methoden und Frameworks.

Gerade bei der Einführung von Frameworks, die das Potenzial haben, ganze Unternehmensstrukturen und Führungsparadigmen zu hinterfragen und die Kultur zu verändern, sollten Sie sicherstellen, dass Sie Menschen mit Erfahrung in diesem Bereich an Bord haben. Erinnern Sie sich an Shu-Ha-Ri. Wenn Sie selbst in Ihrem Umfeld niemanden haben, der mindestens auf dem Ha-Level ist, dann suchen Sie sich Unterstützung.

Nicht wenige agile Transformationen scheitern daran, dass sie halbherzig oder mit guten Absichten (aber schlechter Umsetzung) durchgeführt werden. Die Resultate sind dann häufig zerstörtes Vertrauen beim Management, frustrierte Mitarbeiter, Rückkehr zu alten Prozessen und Arbeitsweisen und Verlust von Mitarbeitern, die einen Einblick in eine neue Arbeitswelt bekommen haben, die sie fortan woanders suchen.

 Suchen Sie sich erfahrene Coaches, Berater oder Unterstützer, die bei der Einführung von agilen Frameworks unterstützen. Wer kann Ihr „Mister Miyagi“ sein?

 Bauen Sie eigene Kenntnisse auf und vernetzen Sie sich, so dass Sie selbst zukünftig in der Lage sind, Anpassungen vorzunehmen (Ha-Level).

 Haben Sie die Wirkweise wirklich verstanden?

Der Kundennutzen steht im Mittelpunkt

Unternehmen müssen heute in einen Konkurrenzkampf um die Kunden treten. Die effiziente und kostengünstige Produktion selbst ist kein Erfolgsgarant mehr, denn die Technik und das Wissen, wie man beispielsweise ein Smartphone oder Tablet kostengünstig herstellt, sind keine Raketenwissenschaft. Die Preise und damit die Gewinnspanne für etablierte Produkte sinken. Die Kunden wollen nicht einen weiteren Klon eines schon vorhandenen Produkts, sondern sie erwarten Innovationen und Alleinstellungsmerkmale.

Dies gilt für fast alle Branchen und Produkte. In der Digitalisierung verlagert sich der Fokus der Produktentwicklung in Richtung Kunde. Diese sind oft schon sehr früh beim Produktdesign mit im Boot. Der kreative und innovative Umgang mit Kunden und deren Wünschen ist eine wichtige Kompetenz geworden.

Zur Verdeutlichung möchte ich an dieser Stelle eine Geschichte nacherzählen, die für mich die Kundenzentrierung auf den Punkt bringt. Sie zeigt sehr anschaulich, worauf es auch in Zeiten der Digitalisierung ankommt. Diese Geschichte stammt von Reinhard Sprenger (Sprenger 2018) und stammt mitten aus dem Alltagsleben, ohne viel Technik oder neuartige Apps.

Stellen Sie sich eine Familie vor, die an einem schönen Samstagabend in ein Restaurant zum Essen geht. Die Familie besteht aus Vater, Mutter und zwei Kindern. Alle sind gut gelaunt und es verspricht ein schöner Abend zu werden. Beim Blick auf die Speisekarte kündigt sich aber ein Problem an. Die Kinder finden nichts, was ihnen zusagen würde. Auf der Karte sind auch keine Pommes Frites zu entdecken. Als der Kellner an den Tisch der Familie kommt, fragt die Mutter nach, ob es denn möglich wäre, für die Kinder eine Portion Pommes Frites zu bestellen und der Kellner nickt freundlich und notiert den Wunsch auf seinem Notizblock. Der Abend ist gerettet und alle lassen sich ihr Essen schmecken. Als schließlich die Rechnung kommt und der Vater sie kontrolliert, bemerkt er, dass die Pommes Frites nirgendwo aufgeführt sind. Er weist den Kellner darauf hin und bekommt dann eine verwunderliche Erklärung, warum die Pommes Frites fehlten. „Oh, da haben Sie Recht“, räumt der Kellner ein. „Das liegt wohl daran, dass wir sie vom Restaurant auf der anderen Straßenseite geholt haben und dann vergessen haben, sie auf Ihre Rechnung zu setzen“.

Hier ist wahrlich der Kunde König und in den Mittelpunkt gestellt worden. Das Restaurant hat sich bemüht, einem Wunsch zu entsprechen, der über die standardmäßig angebotenen Leistungen hinausging. Dadurch gingen sowohl das Restaurant als auch die Gäste als Gewinner hervor. Und es zeigt auch gleich, dass Vernetzung und Zusammenarbeit eine wichtige Komponente in der Digitalisierung darstellen. Das Restaurant hat nicht nur nach innen geschaut und das geliefert, was es aufgrund der Produktionsmittel liefern konnte. Da es den Kundenwunsch nicht allein erfüllen konnte, hat es nach einer Kollaboration gesucht und sie im Restaurant gegenüber gefunden. Stellen Sie sich vor, was dies für ein Paradigmenwechsel für viele Unternehmen darstellen muss.

User Stories und Story Mapping

In vielen agilen Teams und Unternehmen verwendet man User StoriesUser Stories, um Anforderungen aus Kundensicht zu beschreiben. Das klassische Anforderungsmanagement versucht, klare Beschreibungen mit möglichst vielen Details vom Kunden zu bekommen. Diese werden dann in Lasten- und Pflichtenheften vertraglich festgelegt. Im Gegensatz zu klassischem Anforderungsmanagement ist im agilen Umfeld zu erkennen, dass die Anforderungen erst einmal technisch sehr unspezifisch formuliert werden. Dafür wird aber stets die Perspektive des Kunden eingenommen und die technische Lösung später gemeinsam entwickelt.

Ron JeffriesJeffries, Ron, einer der drei Väter des Extreme Programming, schlug schon 2001 den sehr populären 3C-Ansatz vor. Diese drei C stehen für Card, Conversation und Confirmation.

Card (Karte) soll daran erinnern, dass eine User Story auf eine kleine Karteikarte passen soll. Es soll eben bewusst nicht zu viel analysiert und spezifiziert sein. Details und konkrete Lösungswege sollen in einer Zusammenarbeit des Teams entstehen. Dafür steht das zweite C, Conversation (Konversation, Gespräch). Hier kommt das Team zusammen und spricht über die User Story, nimmt sie auseinander, schneidet sie kleiner, bringt neue Ideen ein. Schließlich kommt es zum dritten C, der Confirmation (Bestätigung). Hier wird noch einmal sichergestellt, dass die Ziele der Konversation auch erreicht wurden, also ein Verständnis für das Problem und mögliche Lösungsansätze vorhanden sind. Hier werden oftmals Akzeptanzkriterien auf die Rückseite der Karte geschrieben. Diese dienen dazu, sich schon vor Beginn der Umsetzung Gedanken zu machen, was genau das fertige Produkt leisten muss, damit es die User Story erfüllt.

Eine User Story ist bei ihrer Formulierung aus Sicht des Kunden beschrieben und liefert Antworten auf die folgenden Fragen:

 Wer möchte etwas? (Rolle)

 Was wird benötigt? (Funktionalität)

 Wozu wird es benötigt? Welches Ziel soll erreicht werden oder welches Problem gelöst werden? (Wozu)

Zwar gibt es keine Vorgabe, wie eine User Story zu formulieren ist, allerdings hat sich unter Anwendern das Connextra-Muster etabliert, das User Stories in der folgenden Form vorschlägt:

Als <Rolle> möchte ich <Funktionalität/Ziel/Wunsch>, um <Nutzen/Warum>.

Im klassischen Anforderungsmanagement wird oftmals der Grund, warum etwas benötigt wird, nicht mittransportiert. Es entsteht eine sehr starke Fokussierung auf die konkreten und spezifizierten Anforderungen und bei der Lieferung der Lösung merkt man erst, dass das Problem nicht ganzheitlich verstanden wurde. User Stories helfen durch die Art ihrer Formulierung dabei, erst das Problem zu verstehen und erst dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Damit User Stories in einer Iteration von maximal vier Wochen auch erledigt werden können, müssen sie oftmals in kleinere Pakete unterteilt werden. Dafür gibt es eine ganze Reihe von hilfreichen Techniken. Ein Hilfsmittel zum sinnvollen Zerteilen der Stories ist die User Story Map, die durch Jeff Patton populär wurde (Patton/Economy 2015).

Beim sogenannten User Story Mapping arbeitet wieder das ganze Team zusammen. Ziel ist es, eine grobe Story (oft auch Epic genannt) zu verfeinern und in einer Art Landkarte darzustellen, die zum einen Teilaspekte sichtbar macht, zum anderen aber auch mögliche Versionen des Produkts, die man nacheinander veröffentlichen könnte.

An einem Beispiel von Jeff Patton können Sie sehr schön sehen, wie eine User Story Map aufgebaut wird und wie man damit arbeiten kann. Unsere kleine Abwandlung dieses Beispiels lautet: „Als VUCA-Held möchte ich mein Haus verlassen, damit ich zu meiner Arbeit gehen kann“. Dies stellt Ihr Epic dar. Jetzt dürfen alle Teammitglieder auf Karten notieren, welche Tätigkeiten ihrer Meinung nach durchgeführt werden müssten, um die Wohnung morgens zu verlassen. Diese können auch gleich als User Story formuliert werden. Im Anschluss schauen Sie sich an, welche User Stories entstanden sind und ob sich hier grobe Kategorien bilden lassen. Sie könnten zum Beispiel Stories zusammenfassen, die sich mit Kaffeekochen, Frühstücken oder Pausenbrote schmieren befassen. Dies könnte eine Kategorie „Verpflegung“ sein. Der morgendliche Ablauf könnte beispielhaft aus „Aufstehen“, „Hygiene“, „Verpflegung“, „Packen“ und „Verlassen“ bestehen. Dies stellt einen groben Ablauf dar und wird von Patton als „Backbone“ bezeichnet. Sozusagen ein Grundgerüst, dem sich die konkreten Stories zuordnen lassen.

Schauen Sie sich nun einmal die User Stories an, die vom Team zusammengetragen wurden. „Als Ehemann schalte ich den Wecker aus, damit meine Frau noch ein wenig weiterschlafen kann“, könnte eine mögliche Story sein. Ein anderes Teammitglied könnte eine Story hinzufügen, die in etwa so aussieht: „Als Hundebesitzer gehe ich eine schnelle Runde Gassi mit meinem Hund, damit dieser es aushält, bis ich wieder nach Hause komme“. An dieser Stelle können Sie sehen, dass es unterschiedliche Zielgruppen für das zu entwerfende Produkt geben kann. Das hilft dabei zu überlegen, ob eine erste Version des Produktes vielleicht nicht erst für die wichtigste Zielgruppe erstellt werden sollte.

Ein wichtiger Aspekt im agilen Umfeld ist das schnelle Gewinnen von Feedback. Dafür ist es hilfreich, sich zu überlegen, was minimal vorhanden sein müsste, damit man ein erstes Feedback von Anwendern bekommen könnte. Dafür überlegen Sie sich einen minimalen Anwendungsfall, der für sich genommen schon einen Mehrwert bringt. Stellen Sie sich vor, Sie bekommen nun die Information, dass Sie verschlafen haben. Aber es ist ein ganz besonderer Tag, denn in fünf Minuten kommt ein Taxi, das Sie abholen und zum Flughafen bringen soll. Sie haben einen wichtigen Termin mit einem Kunden, den Sie auf keinen Fall verpassen dürfen. Welche der User Stories aus unserem Beispiel ist nun noch von Belang, damit Sie das Haus innerhalb von fünf Minuten verlassen können? In einer solchen Situation wird wahrscheinlich ein Großteil der Stories unwichtig erscheinen.

Diese minimale Variante der User Story wird MVP (minimum viable product), das minimal funktionsfähige Produkt, genannt. Patton sieht das MVP als den minimalen Stand an, zu dem man sich schnellstmöglich Feedback einholen kann. Das heißt nicht, dass man hier auch schon ein zu kommerzialisierendes Produkt hat. Dieser Schritt folgt erst darauf.

Für eine erste Produktversion bietet es sich an, zu überlegen, für welche Zielgruppe diese erstellt werden sollte. Eine gängige Praxis dafür ist die Verwendung sogenannter Persona.

Eine Persona ist ein fiktiver Benutzer des Produkts, der ein bestimmtes Bedürfnis und einen definierten Hintergrund hat. In der Tabelle finden Sie drei mögliche Persona als Beispiele, die in der beschriebenen StorymapStorymap eine Rolle spielen könnten. Für kreative Teams ist es oftmals hilfreich, sich mit einem bestimmten Anwendertyp etwas besser identifizieren zu können, um aus seiner Sicht das Problem bestmöglich zu lösen.

Im weiteren Verlauf fügen Sie, angepasst an die Zielgruppe, die Stories hinzu, die für eine erste Version in Frage kommen. Auf diese Art und Weise sind Sie nun in der Lage, eine Roadmap zu erstellen und verschiedene Produktveröffentlichungen zu planen. Wie eine solche User Story Map am Whiteboard aussehen könnte, sehen Sie in Abbildung 16.


Persona Beschreibung Bedürfnis Kontext
Lisa Lisa schläft gerne lange, frühstückt ausführlich und kümmert sich morgens um ihre beiden Katzen Bijou und Felix. stressfreier Morgen, mit reichhaltigem Frühstück und Zeit für die Katzen Lisa lebt mit ihrem Mann zusammen, der immer nach ihr das Haus verlässt.
Hans Hans steht früh auf und frühstückt nie. Er liebt seine Arbeit und verbringt gerne seine Zeit dort. schnell und gepflegt aus dem Haus zur Arbeit gelangen Hans lebt allein und hat auch keine Haustiere. Er ist ein Karrieremensch.
Peter Peter ist alleinerziehender Vater, der seine zwei Kinder morgens aufweckt und ihnen Frühstück macht. Er verlässt das Haus gemeinsam mit ihnen und setzt sie auf dem Weg zur Arbeit in der Schule ab. glückliche Kinder Peter hat die Verantwortung für seine beiden Kinder. Die Schule der beiden liegt auf seinem Arbeitsweg.

Tab. 5:

Beispiele für Persona

Abb. 16:

Darstellung einer User Story Map

Design Thinking

Design ThinkingDesign Thinking ist, auch wenn es erst in den letzten Jahren zu seiner großen Bekanntheit gelangt ist, kein ganz junger Ansatz mehr. Schon seit 1991 finden Tagungen zu dem Thema statt. Zu den Vordenkern und Verbreitern von Design Thinking gehören David Kelley, Terry Winograd und Larry Leifer von der Stanford Universität. Kelley ist auch Gründer des Unternehmens IDEO, das für den Design Thinking Ansatz steht.

Im Design Thinking spielen interdisziplinäre Teams und die direkte Nähe zum Kunden und seinen Bedürfnissen eine tragende Rolle. In Abbildung 17 sind die einzelnen Schritte im Design Thinking Prozess schematisch dargestellt.

Abb. 17:

Design-Thinking-Schritte

Die ersten beiden Schritte, Understand (Verstehen) und Observe (Beobachten) werden gerne auch durch ihre enge Verbundenheit als ein Schritt zusammengefasst (Empathie). Gestartet wird mit einem interdisziplinären Team, in dem viele unterschiedliche Perspektiven zusammentreffen. Je diverser, desto besser. Im ersten Schritt müssen alle Teammitglieder Wissen zum Umfeld aufbauen. Der Kontext wird geklärt und Fragen beantwortet. Das Team erlangt ein einheitliches Verständnis und klärt Begrifflichkeiten.

Der zweite Schritt besteht darin, die Zielgruppe möglichst genau kennenzulernen. Dies geschieht durch direkten Kontakt. Das Team kann die Zielgruppe bei der täglichen Arbeit beobachten und so die Probleme selbst wahrnehmen. Oder es kann die Zielgruppe (oder Vertreter dieser Gruppe) befragen und in den direkten Austausch treten. Vielleicht ergeben sich sogar Möglichkeiten, selbst am Alltag der Zielgruppe teilzunehmen und somit ein noch tieferes Verständnis für die Bedürfnisse aufzubauen. Dabei sollten dem Team möglichst wenig organisatorische Grenzen gesetzt sein. Je freier es sich bewegen kann, desto besser.

Im dritten Schritt, der Synthese, werden nun die Beobachtungen, Annahmen und Hypothesen, die die einzelnen Teammitglieder gewonnen haben, mit den anderen geteilt und zusammengeführt. Ziel ist es, ein Gesamtbild zu erstellen, welches von allen geteilt wird. Diese Aktivitäten werden unterstützt durch Praktiken und Methoden, wie zum Beispiel Storytelling, Visualisierung und ganzheitliches Zuhören. Nach und nach entwickelt sich so ein großes, gemeinsames Bild. In diesem versucht das Team nun, Muster zu erkennen. Auch eventuelle Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Ansichten sind hier willkommen, denn sie dienen dazu, das gemeinsame Bild zu hinterfragen. Am Ende sollte dann aber ein Bild entstanden sein, das alle Widersprüche integriert hat und das alle Teammitglieder als gemeinsame Ausgangsbasis teilen.

Nun wird es richtig spannend, denn als nächsten Schritt beginnen die Teammitglieder, Ideen zu generieren. Dabei greifen sie auf eine große Auswahl wirksamer Kreativitätstechniken zurück. In der Welt der Beratung und des Trainings finden sich mittlerweile unzählige gute Angebote, in denen neben den Grundlagen des Design Thinking auch viele Methoden und Techniken vermittelt werden, die man in der Praxis anwenden kann. Aber der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt und alles, was gute Ideen produziert, gehört in diese Phase.

Die so entstandenen Ideen werden dann strukturiert und mit dem gesamten Team diskutiert. Oftmals fasst man hier noch einmal ähnliche Ideen zusammen oder nimmt Erweiterungen vor, um Aspekte anderer Ideen zu integrieren. Dann werden aus den Ideen diejenigen ausgewählt, die bezüglich Attraktivität, Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit am vielversprechendsten erscheinen. Eine Grundannahme des Design Thinking besteht nämlich darin, dass Innovation in der Schnittmenge der drei Domänen Technologie, Wirtschaft und Menschen entsteht. Diese sind repräsentiert durch die Eigenschaften Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Attraktivität. Die drei Faktoren müssen in einem gesunden Gleichgewicht sein, damit sich eine Innovation auch wirklich etablieren kann. Daher sollte das Team bei der Ideenauswahl auf die Ausgewogenheit der drei Faktoren achten.

Im nächsten Schritt spiegelt sich das Prinzip der kurzen und schnellen Feedbackzyklen wider. Das Team entwirft einen ersten Prototyp, aus dem es Erkenntnisse gewinnen kann. Dabei werden Hypothesen formuliert, die schnell getestet werden können. Auch hier sollten der Kreativität wieder keine Grenzen gesetzt sein. Prototypen haben dabei nicht den Anspruch schon ein fertiges Produkt zu sein. Eine App kann zum Beispiel einfach simuliert werden oder es werden Hypothesen durch Rollenspiele getestet. Wichtig ist, dass das Feedback von der Zielgruppe erfolgt, für die die Lösung gedacht ist.

Man erzählt, dass ein großer Versandhändler für Schuhe als ersten Prototypen eine Webseite geschaltet habe, über die Bestellungen abgegeben werden konnten. Ziel war es, zu überprüfen, ob es Akzeptanz finden würde, Schuhe online zu bestellen. Denn es wäre ja durchaus möglich, dass die Kunden es bevorzugten, vor Ort den Schuh auch anprobieren zu können. Daher wurde noch kein großer Aufwand betrieben, sondern mit minimalistischen Mitteln erst einmal ein Prototyp erstellt und Feedback gesammelt. Die Bestellungen wurden dann im Schuhladen um die Ecke eingekauft und per Post an die Onlinekunden versendet. Nachdem die Hypothese, dass Menschen die Möglichkeit einer Onlinebestellung attraktiv fanden und nutzen würden, zumindest nicht widerlegt wurde, ging man dann den nächsten Schritt und legte auch eigene Lager an. Hätte sich herausgestellt, dass keine Akzeptanz für diese Art des Schuhkaufs bestand, dann wären die Verluste sehr klein und gering gewesen, da noch keine Lagerkosten entstanden und Bestände aufgebaut wurden.

An diesem Beispiel erkennen Sie auch den nächsten Schritt in der Kette: das Team muss seinen Prototyp ordentlich testen, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Sie sollten keine Scheu davor haben, einen Prototyp zu verwerfen, wenn Sie feststellen, dass die ursprüngliche Hypothese nicht zuzutreffen scheint. Hier haben Sie dann immerhin eine wichtige Erkenntnis gewonnen und können sich auf die Entwicklung einer neuen Idee fokussieren.

Der Innovationsprozess muss an dieser Stelle aber noch lange nicht abgeschlossen sein. Auf den gewonnenen Erkenntnissen aufbauend, kann das Team nun wieder starten und den Prozess von vorne durchlaufen. Design Thinking lässt sich somit auch gut mit Scrum oder anderen (agilen) Vorgehensmodellen kombinieren.

Design Thinking steht an dieser Stelle stellvertretend für eine Reihe von Kreativtechniken, die Unternehmen verwenden, um Kreativität und Innovation zu fördern. Sehr bekannt sind zum Beispiel auch die Google Designsprints1, die einen sehr ähnlichen Ansatz verfolgen wie Design Thinking. Dabei werden die verschiedenen Phasen innerhalb eines Sprints von einer Woche durchgeführt. Am Ende der Woche sollte ein Learning stehen, das weitere Schritte ermöglicht. An anderer Stelle finden Hackathons statt, bei denen Menschen die Möglichkeit haben, an innovativen Themen zusammenzuarbeiten, die nicht zum Tagesgeschäft gehören.

Disruptionen

Eine DisruptionDisruption ist eine Veränderung, die sich so verheerend auswirkt, dass sie alles bisher als gegeben Angesehene wie aus heiterem Himmel angreift und ablöst. Diese können so überraschend und unerwartet auftreten, dass sie alles, was bisher als gesetzt angesehen wurde, mit einem Mal auf den Kopf stellen. Ganz so, wie die Entdeckung des ersten schwarzen Schwans, wie Nassim Nicholas Taleb es beschrieben hat (Taleb 2015).

Wir alle haben solche Disruptionen schon erlebt. In meiner Jugend ging ich, wenn ich die neuste Musik unterwegs hören wollte, zuerst in einen Supermarkt und kaufte mir eine Audiokassette. Dann setzte ich mich ans Radio und wartete, bis mein Lieblingslied gespielt wurde. Hier musste ich sehr auf Zack sein, um den Anfang mitzubekommen und rechtzeitig die Aufnahmetaste am Kassettenrecorder zu betätigen. Dann hieß es Daumendrücken, dass der Moderator nicht mitten in den Song hineinredete oder ein Falschfahrer sich auf die Autobahn verirrt hatte, so dass der Verkehrsfunk sich meldete. Wenn alles gut lief, hatte ich am Ende des Tages eine schön bespielte Kassette, die ich in meinen Walkman stecken konnte. Wenn ich mir ansehe, wie die junge Generation heute diese Herausforderung angeht, dann entdecke ich da kaum noch Gemeinsamkeiten. Die meisten Jugendlichen kennen so etwas wie Musikkassetten gar nicht mehr. Und Radio ist auch nicht unbedingt das Medium, das sie begeistert. Heute sind Streamingdienste auf jedem Smartphone zu finden. Und die Abos kosten kaum mehr als die Musikkassetten früher. Was für ein Luxus.

Veränderungen vollziehen sich oft schleichend. Wenn die etablierten Unternehmen es bemerken, ist es oft schon zu spät. Von Musikkassetten ging man über zu CDs, die mehr Komfort boten und auch mobil mit einem Discman abgespielt werden konnten. Dann folgten die wilden Jahre des Musikdownloads und die goldenen Zeiten des MP3-Tausches. Die Musik wurde erst auf tragbaren MP3-Playern mitgenommen, dann wurden auch diese durch die Smartphones ersetzt. Irgendwann traten dann die Musik Streamingdienste ihren Siegeszug an. Und wem das nicht reicht, der kann gleich auf dem Smartphone noch das Musikvideo dazu streamen, was in meiner Jugend noch MTV übernahm. Auch wenn wir hier von einer Evolution sprechen können, die sich über mehrere Jahre hingezogen hat, so war doch der Schritt zu einer neuen Technologie eine Disruption, denn sie veränderte den Markt grundlegend.

Disruptionen sind dabei keine Neuheit in der Menschheitsgeschichte. Zu allen Zeiten haben sie stattgefunden. Ob es die Erfindung neuer Werkzeuge in der Steinzeit war, oder die Ablösung des Segelschiffs durch das Dampfschiff. Disruptionen haben zu allen Zeiten für gesellschaftliche Veränderungen gesorgt. Wie zum Beispiel einer großen Veränderung in der Landwirtschaft durch die Einführung starker Maschinen, die die Handarbeit auf ein Minimum reduzierten.

Allerdings bieten die technischen Entwicklungen der heutigen Zeit neue Möglichkeiten und beschleunigen diese Disruptionen enorm. Viele große Disruptionen der Vergangenheit waren nur großen Unternehmen oder sehr reichen Einzelpersonen möglich und der Wandel vollzog sich über einen längeren Zeitraum. Die Herstellung eines Dampfbootes, eines Automobils oder von Traktoren benötigte ein hohes Kapital. Durch die Digitalisierung haben sich hier die Grenzen verschoben. Start-ups können mit cleveren und smarten Ideen teilweise etablierte und finanziell um ein Vielfaches überlegene Konkurrenten angreifen und das Geschäftsmodell sogar ganz ablösen. Und das braucht auch je nach Geschäftsfeld nicht mehr Jahre, wie in meinem Beispiel mit der Musik, sondern kann auch über Nacht geschehen.

Dabei spielen Plattformen eine große Rolle. Unternehmen wie Facebook, Amazon, Airbnb und Uber sind hier sehr anschauliche Beispiele. Ein Taxiunternehmen muss eine Menge Geld in die Hand nehmen, um Taxis anzuschaffen und so seine Fahrdienste anbieten zu können. Uber stellt nur eine Plattform zur Verfügung, über die Fahrdienstleistungen angeboten und in Anspruch genommen werden können. Sie müssen nicht ein einziges Taxi besitzen, um Dienstleistungen anzubieten und damit Geld zu verdienen. Für die Taxifahrer ist hier aus dem Nichts eine ernstzunehmende Konkurrenz entstanden. Ähnliches kann man auch über AirBnB sagen, die die Hotels unter Druck setzen, ohne eine einzige Immobilie besitzen zu müssen. Selbst Amazon bietet seine Online-Plattform gegen Gebühr auch für andere Händler an und kann so von deren Verkäufen mitprofitieren. Das Schöne dabei ist, dass Plattformen gut skalieren, das heißt, je mehr Leute daran teilnehmen und auf der Plattform vertreten sind, desto besser ist es für alle Beteiligten.

Disruptionen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie einen Vorteil für die Kunden bringen und dadurch gegenüber dem klassischen Geschäftsmodell bevorzugt werden. Ein Blick in Wikipedia ist heute von überall aus möglich und die Informationen in dem Nachschlagewerk sind hochaktuell. Wer kauft da noch einen Brockhaus oder vergleichbare Lexika? Bei Netflix können Sie bequem vom heimischen Sofa aus den nächsten Blockbuster auf Ihren Fernseher holen, ohne dabei das Haus verlassen zu müssen. Wer braucht da noch eine Videothek? Über Amazon können Sie sich die neusten Waren per Knopfdruck bestellen und in vielen Gegenden werden sie Ihnen noch am gleichen Tag zugestellt. Wofür sollte man sich da den Stress antun und in die Stadt fahren?

Viele Unternehmen scheinen dann, wenn tatsächlich ein Disruptor erscheint, sehr überrascht zu sein. Hat Kodak die Digitalfotografie nicht kommen sehen? Doch, und Kodak war sogar aktiv an der Entwicklung beteiligt. Aber am Ende haben sie sich nicht getraut, ihr eigenes Geschäftsmodell – welches die klassische Filmfotografie betraf – anzugreifen. Und die menschliche Eigenart, Dinge, die Angst machen, einfach zu ignorieren oder herunterzuspielen, tat ihr übriges. Und so kam der Tag, an dem es zu spät war.

Heute belächeln noch viele Supermärkte die ersten Amazon-fresh-Transporter, die ganz vereinzelt durch die Straßen rollen. Das Angebot ist noch relativ klein und die Verbreitung ist auch noch nicht gegeben. Es stellt keine Konkurrenz für die Frischetheken im heimischen Supermarkt dar. Aber man sollte den Worten des Autors und Omnisophen Gunter Dueck Glauben schenken, wenn er in seinen Vorträgen immer wieder darauf hinweist: „Die üben nur!“2 Hier werden erst einmal Kenntnisse gesammelt. Und wenn das Geschäftsmodell vom Establishment dann irgendwann als Konkurrenz wahrgenommen wird, weil es plötzlich ausgereift ist, flächendeckend angeboten und auch genutzt wird, dann ist es für die schlafende Konkurrenz zu spät. Denn den Wissensvorsprung können sie kaum noch aufholen. Vielleicht stellt sich das Geschäftsmodell aber auch als nicht praktikabel heraus. Selbst dann hat Amazon einen Vorteil, denn sie haben daraus gelernt und können dieses Wissen verwenden, um ein besseres, tragfähigeres Geschäftsmodell zu finden.

Um diesem Schicksal zu entgehen, beginnen einige Unternehmen aktiv ihr Geschäftsmodell zu hinterfragen und im Optimalfall sogar selbst anzugreifen (Keese 2018). Somit bleiben sie auf Augenhöhe mit möglichen Angreifern und im Falle des Erfolgs ist man selbst an der Speerspitze mit daran beteiligt und kann davon profitieren. In vielen Fällen bilden sich dann kleine Einheiten, die zwar in irgendeiner Form noch an die Mutterorganisation angeschlossen sind, im Grunde aber sehr autark und losgelöst agieren. Diese Inkubatoren werden nicht durch die Prozesse und Regeln belastet, die das Mutterunternehmen so träge gemacht haben, sondern finden ähnliche Verhältnisse vor, wie die Start-ups, die als kleine, wendige und innovative Angreifer gesehen werden.

Dieses Mindset, sich nie allzu sicher zu fühlen und sein eigenes Geschäftsmodell anzugreifen (oder sogar zu Kannibalisieren), ist eine grundlegende Fähigkeit, die jeder Unternehmer mitbringen sollte: „Das Crossover, das Zusammenführen von Gegensätzlichem, wird zu einer Schlüsselfähigkeit für das 21. Jahrhundert“ (Mutius 2017).

Dabei entstehen neue Innovationen und Geschäftsfelder oftmals genau aus dem, was wir am Anfang anhand des Beispiels der Pommes Frites in dem kleinen Restaurant gesehen haben: durch Vernetzung. So wie das Smartphone Kommunikation und Entertainment zusammengebracht hat. Und man sieht einmal mehr, wie wichtig es ist, Gegensätze vereinen zu können. Auf der einen Seite ist man einem großen Marktdruck und einer sehr starken Konkurrenzsituation ausgesetzt, auf der anderen Seite sind Zusammenarbeit und Integration enorm wichtig geworden.

Die Frage für die Zukunft wird sein, wie sich die neuen technologischen Entwicklungen auswirken werden. Zum einen kann es nicht falsch sein, in die Vergangenheit zu schauen und daraus Schlüsse zu ziehen. Die vergangenen technischen Revolutionen haben die Arbeit vieler Menschen erleichtert und generell eher dazu geführt, dass neue Jobs geschaffen wurden. Die Angst, Maschinen würden Arbeitsplätze stehlen und zu Massenarbeitslosigkeit führen, ist unbegründet gewesen. Dies heißt aber nicht, dass sich die Arbeitswelt nicht verändert. War es noch vor ein paar Jahren erstrebenswert und völlig normal, von der Lehre bis zur Rente im gleichen Beruf zu arbeiten, so sprechen Experten und Berufsverbände heute davon, dass Arbeitnehmer deutlich flexibler sein müssen. Das lebenslange Lernen bekommt eine immer stärkere Bedeutung. Was in der Lehre gelernt wird, ist nicht zwangsläufig auch der Beruf zum Renteneintritt. Darauf müssen die jungen Menschen vorbereitet werden. Das hat auch Auswirkungen auf die Berufswahl.

Wie wahrscheinlich Ihr eigenes Berufsbild einer Automatisierung zum Opfer fällt, können Sie im Internet sehr einfach herausfinden.3 Hier sehen Sie, dass zum Beispiel der Beruf eines Steuerfachangestellten aus 12 verschiedenen Tätigkeiten besteht, die schon heute komplett von einem Roboter übernommen werden könnten. Die Automatisierbarkeit in diesem Beruf ist also enorm hoch und die Wahrscheinlichkeit, in absehbarer Zukunft etwas anderes suchen zu müssen, ist damit auch sehr groß. Zumindest, wenn die Automatisierung billiger oder qualitativ besser ist als die Arbeit eines Menschen. Trotzdem empfehlen viele Berufsberater jungen Menschen immer noch, in diese Berufe zu gehen. Schaut man sich die Entwicklung der Stellen als Steuerfachangestellte an, so sieht man, dass diese in den letzten Jahren gestiegen sind. Und ebenso ist das Gehalt nach oben gegangen. Nur weil ein Beruf also irgendwann vielleicht automatisiert werden könnte, muss es heute keine schlechte Berufswahl sein.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die davon ausgehen, dass die neuen Technologien und künstliche Intelligenz eine ganz neue Dimension der Veränderung darstellen, die nicht mit den bisherigen Revolutionen vergleichbar ist. Schließlich wird hier nicht nur die Muskelkraft ersetzt, sondern auch viel Kopfarbeit. Also das, was der Mensch bisher den Maschinen voraushatte. Während es hier sehr optimistische Zukunftsbilder gibt, die den Menschen von der Notwendigkeit einer Erwerbstätigkeit befreit sehen (Precht 2018), gibt es auch die etwas pessimistischere Sicht, die den Menschen am Rande seiner Nützlichkeit für Evolution sieht (Harari 2018).

Was immer die Zukunft auch bringen mag, Disruptionen gehören zum Alltag und können zukünftig noch stärkere Umwälzungen hervorrufen als bisher. Mit den daraus entstehenden Unsicherheiten werden wir umgehen müssen und Strategien entwickeln. Das „disruptive Denken“ und das Gestalten der Zukunft ist ein guter Startpunkt. Denn überall da, wo Sie Raum zur Gestaltung vorfinden, da entstehen Chancen, die Sie nutzen können.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Auch wenn Digitalisierung sich sehr technologiebezogen anhört, so ist vielleicht die zentrale Botschaft, den Kunden in das Zentrum allen Bemühens und aller Innovation zu stellen. Die Bedürfnisse des Kunden beherrschen den Markt.

Wenn Sie den Kunden aber nicht nur als Konsumenten, sondern als wichtigen Partner sehen, dann können Sie daraus sehr viele Vorteile ziehen. Mit kurzen Feedbackzyklen und kreativen, innovativen Herangehensweisen können Sie neue Geschäftsmodelle erschließen und selbst disruptiv ganze Märkte verändern.

1 Sehen Sie den Kunden als Partner und stellen Sie ihn in den Fokus.

Versuchen Sie Ihre Kunden oder Zielgruppen möglichst gut zu verstehen. Das klassische Anforderungsmanagement hatte seit jeher damit zu kämpfen, dass die Kunden oft selbst nicht genau wussten, was sie wollten. Bringen Sie Ihre kreativen Teams direkt in Kontakt mit der Welt des Kunden, so dass diese mit den Kunden gemeinsam erarbeiten können, was benötigt wird. Bringen Sie Teams und Kunden auch während des Erstellungsprozesses zusammen, so dass frühzeitig Feedback gegeben werden kann.

 Welches Bedürfnis hat der Kunde wirklich?

 Gibt es noch eine andere Perspektive?

 Wie können Sie den Kunden möglichst nah an das kreative Team bringen?

1 Digitalisierung bedeutet Beziehungen und Verbindungen.

Oftmals benötigt man keine bahnbrechende neue Erfindung. Manchmal ist das, was zu einem echten Gamechanger wird, eine Kombination aus schon vorhandenen Dingen, Produkten oder Dienstleistungen.

Erinnern Sie sich an die Familie in dem Restaurant. Hier haben zwei Restaurants zusammengearbeitet und somit den Kundenwunsch bedient. Niemandem ist daraus ein Nachteil entstanden.

 Wo sehen Sie mögliche Verbindungen, die vorteilhaft sein könnten?

 Gibt es Konkurrenten oder Mitbewerber, die sich als Partner anbieten können?

 Wie gehen Sie damit um, wenn Sie erkennen, dass ein Kunde von einem Produkt (einer Dienstleistung) profitieren könnte, die er nur bei einem Wettbewerber bekommt?

1 Ermöglichen Sie Kreativität und Innovationsgeist.

Beschäftigen Sie sich mit Innovations- und Kreativitätsmethoden wie Design Thinking oder ähnlichen. Bringen Sie Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen und geben Sie ihnen Freiräume und Möglichkeiten, verrückte Ideen zu entwickeln und zu testen.

Schauen Sie sich ab, was die innovativen Vorreiter wie Google, Adobe oder andere Unternehmen zu diesem Zwecke ermöglichen.

 Wie können Sie Innovation und Kreativität fördern?

 Haben Sie genug Raum, Zeit und finanzielle Fördermittel für kreative Workshops?

 Können Sie innovative Strukturen in Ihrem Umfeld aufbauen oder sollten Sie über einen Inkubator nachdenken?

 Wie können Sie Ihr eigenes Geschäftsmodell angreifen?

2 Der Mensch im Mittelpunkt

… bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.

Arthur Schopenhauer

Auch wenn Digitalisierung sich sehr technologielastig anhört und einen sehr technologischen Anschein hat, steht mehr als je zuvor der Mensch im Mittelpunkt. Die veränderten Umweltbedingungen und die steigende Komplexität sind eine Herausforderung für uns alle. Aber letztendlich sind die im ersten Teil beschriebenen Veränderungen nur möglich, wenn Menschen den neuen Herausforderungen mit Offenheit und Neugier begegnen. Einzelkämpfer stoßen schneller an Grenzen und die Fähigkeit, als Teamplayer zu agieren, bringt in vielen Bereichen Vorteile mit sich. Fachexperten werden hinterfragt, Führung muss neu gedacht werden… Wir sehen, dass dies den Menschen als Individuum, wie auch als Kollektiv, in den Mittelpunkt rückt.

Daher ist es hilfreich zu verstehen, was sich in uns selbst und unseren Mitmenschen abspielt. Was gibt uns Energie, was motiviert uns, wie treffen wir Entscheidungen, wie nehmen wir die Welt wahr? Von Seiten der Psychologie und der Hirnforschung gab es zu diesem Thema in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse.

Kleiner Grundkurs in Neurobiologie

Wir Menschen sind durch viele Jahre der Evolution geformt worden. Hilfreiche Eigenschaften haben sich durchgesetzt, nicht so vorteilhafte Eigenschaften sind aufgetaucht und wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Erfahrungen, die unsere Vorfahren vor langer Zeit gemacht haben, als sie noch in Großfamilien in Höhlen lebten und täglich um ihr Überleben kämpften, prägen uns durch unsere Biologie bis heute.

Unser Verhalten hängt sehr stark mit der Funktionsweise unseres Gehirns zusammen. Daher ist es hilfreich, ein grundlegendes Verständnis davon zu haben, wie unser Gehirn funktioniert. Hierzu können wir Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie heranziehen. Mit der Verfügbarkeit von neuen bildgebenden Verfahren, wie zum Beispiel der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), wurde es möglich, Menschen beim Denken in den Kopf zu sehen. Diese Technologie erlaubt es, die Hirnbereiche zu identifizieren, die bei bestimmten Aufgaben und Tätigkeiten besonders aktiv sind. So entstanden im Laufe der Zeit einige sehr aufschlussreiche Landkarten des Gehirns. Durch die Zusammenarbeit von Psychologie, Psychiatrie und Neurologie konnten viele neue Kenntnisse gewonnen werden.

Das limbische System

Die neueren Forschungen zeigen, dass sich das innere Empfinden, also das, was wir als Persönlichkeit oder Psyche bezeichnen, gemeinsam mit dem Gehirn entwickelt. Hirnprozesse beeinflussen, wie wir denken, handeln und urteilen. Hierbei treffen viele unterschiedliche Eindrücke aufeinander. Das Gehirn nimmt sie auf, verarbeitet sie und setzt sie in Zustände psychischen Erlebens und Verhaltens um (Roth 2015). Hierbei spielt das limbische System eine Hauptrolle. Die Entwicklung dieses Teils unseres Gehirns hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie wir denken, fühlen und handeln.

Dieser Teil des Gehirns steht in engem Zusammenhang mit der Verarbeitung von Emotionen und dem Triebverhalten. Es ist ein sehr alter Teil unseres Gehirns. Früher ging man davon aus, dass Emotionen und Triebe ausschließlich mit dem limbischen System verknüpft sind. Allerdings haben neuere Forschungen gezeigt, dass andere Teile des Gehirns Einfluss auf das limbische System nehmen können (unter anderem der Cortex). Die bekanntesten Strukturen, die dem limbischen System zugerechnet werden, sind der Hippocampus (u. a. Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis), der Gyrus Cinguli (u. a. Entstehung und Verarbeitung von Emotionen) und die Amygdala (Mandelkern, u. a. emotionale Bewertung in Hinblick auf Gefahren).

Die Entwicklung des limbischen Systems wird durch zwei Faktoren gesteuert. Die Gene bestimmen, welche Anlagen vererbt werden. Dabei entscheidet allerdings kein einzelnes Gen die Ausprägung einer bestimmten psychischen Eigenschaft, sondern das Zusammenspiel von unterschiedlichen Genen. Der zweite Faktor besteht in der Epigenetik, also den Umständen, wie die vorhandenen Gene aktiviert werden. Hier spielen neben der Vererbung auch Umwelteinflüsse eine Rolle. Erlebt zum Beispiel eine werdende Mutter in der Zeit der Schwangerschaft viel Stress, so kann dies große Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns des Kindes haben. Befinden sich in ihrem Gehirn große Mengen von Stresshormonen (zum Beispiel Cortisol), dann werden diese über das Blut auch in den Körper des Kindes gelangen. Dies kann negative Folgen für die Entwicklung des kindlichen Gehirns haben. Während eine gesunde Schwangerschaft zu einem widerstandsfähigen Umgang mit Stress führt, könnte der Einfluss durch den Zustand der Mutter dazu führen, dass das Kind später anfälliger für psychische Störungen wird oder stressige Situationen zu sehr hoher psychischer Belastung führen (Roth 2016).

Diese Einflüsse manifestieren sich auf der unteren limbischen Ebene. Diese ist unbewusst und bestimmt das Temperament eines Menschen maßgeblich. Hier spielen Hypothalamus und Hypophyse eine tragende Rolle. Glaubte man vor ein paar Jahren noch, dass das Temperament durch die Gene bestimmt werde, weiß man nun, dass auch vorgeburtliche Einflüsse eine große Rolle spielen. In dieser Ebene sind auch die grundlegenden Reaktionen auf Gefahren angelegt: Flucht, Kampf oder Erstarren. Auch das Sexualverhalten und andere Triebe finden sich hier. Da diese Ebene für unser Bewusstsein nicht zugänglich ist, sind Veränderungen sehr unwahrscheinlich und schwierig.

In den ersten zwei bis drei Jahren nach der Geburt spielen die Erfahrungen, die ein Kleinkind mit seiner zentralen Bezugsperson macht, eine sehr prägende Rolle. Die ersten Bindungserfahrungen legen die Grundsteine für die erlebte Gefühlswelt des noch jungen Menschen. Der mittleren limbischen Ebene wird die Amygdala zugeordnet, die für die emotionale Konditionierung eine große Rolle spielt. Dazu kommen das mesolimbische System, welches für das Belohnungslernen wichtig ist, sowie die Basalganglien, die die Ausprägung von Gewohnheiten verankern.

Die universell angeborenen Emotionen wie Angst, Trauer, Freude, Wut, Ekel und Verachtung werden hier mit individuellen Lebensumständen in Verbindung gebracht. Im Zusammenhang damit bildet sich hier auch das Motivationssystem aus. Soziale Kompetenzen wie Erkennung von Emotionen, Gestik und Mimik sind hier ebenfalls angesiedelt. Auch diese Ebene ist nur sehr schwer veränderbar, da unser Bewusstsein keinen Zugang hat. Allerdings kann diese Ebene indirekt über starke und langanhaltende emotionale Einwirkungen verändert werden.

Erfahrungen, die in der Familie, in der Kita oder in Schulen gemacht werden, prägen die obere limbische Ebene. Der kindliche Wille, alles immer sofort haben zu wollen und sich selbst in den Mittelpunkt aller Bedürfnisse zu setzen, trifft hier auf die Grenzen, die durch Erziehung und Sozialisation aufgezeigt werden. Der oberen limbischen Ebene werden der orbifrontale, der cinguläre und der insuläre Cortex zugerechnet, also evolutionär gesehen sehr junge Teile des Gehirns.

Hier bilden sich Fähigkeiten zur Kooperation und zum Zusammenleben in einer Gemeinschaft aus. Empathie und erste Moralvorstellungen werden ebenso ausgebildet wie die Abschätzung von Konsequenzen für sich selbst und für andere. Auch die Impulshemmung und Risikowahrnehmung findet hier statt. Diese Ebene entwickelt sich bis zum Erwachsenenalter und darüber hinaus. Ihre Entwicklung ist Teil eines Reifeprozesses. Die Ausprägung wird durch sozial-emotionale Erfahrungen beeinflusst. Durch neue Erfahrungen sozialer und emotionaler Art ist diese Ebene auch später veränderbar.1

Die kognitiv-sprachliche Ebene entwickelt sich parallel zur oberen limbischen Ebene im frühen Kindesalter, sobald die kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten vorhanden sind. Sie ist im präfrontalen Cortex angesiedelt. Hier liegt die Grundlage für die Fähigkeiten, die wir mit Intelligenz, Verstand, Einsicht und Planung verbinden. Hier entstehen ein praktikables Selbstbild und ein Verständnis davon, wie wir uns präsentieren müssen, damit wir akzeptiert werden.

Spannend ist die Erkenntnis, dass diese Ebene sehr intensiv von den limbischen Ebenen beeinflusst wird. Sie selbst hingegen hat nur sehr wenig Einfluss auf die limbischen Ebenen. Somit kann die kognitiv-sprachliche Ebene kaum Einfluss auf die Emotionen und das damit verbundene Verhalten nehmen. Rationales Erfassen und Bewerten führt somit keinesfalls automatisch zu Einsicht und vernünftigem Handeln.

Abb. 18:

Die limbischen Ebenen (eigene Darstellung nach Gerhard RothRoth, Gerhard, 2015)

Verhalten ist immer mit Emotionen verbunden, die in den limbischen Ebenen verankert sind. Es wurde nachgewiesen, dass der Auslöser für Handlung immer mit einer Emotion verbunden ist, selbst wenn die Menschen diese Emotion nicht bewusst wahrnahmen. Die kognitiv-sprachliche Ebene ist für Veränderung am zugänglichsten, da hier über sprachliche Interaktion eingewirkt werden kann. Um aber eine echte und nachhaltige Verhaltensänderung zu bewirken, reicht eine Veränderung auf dieser Ebene nicht aus.

Sie sehen also, dass unser Denken und Verhalten sehr stark von den Gefühlen und Emotionen beeinflusst wird, die in den limbischen Ebenen entstehen. Um eine nachhaltige Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen zu ermöglichen reicht es daher nicht aus, lediglich das Denken zu verändern. Man muss auch die darunter liegenden limbischen Ebenen erreichen, die man wiederum nur durch emotionale Erlebnisse über einen langen Zeitraum beeinflussen kann. Was dies für Folgen für Veränderungsarbeit hat, werden wir später in diesem Buch noch sehen.

Psychoneurale Systeme

Viele Herausforderungen, denen wir in der Welt gegenüberstehen, werden durch Grundsysteme unserer Psyche angegangen, die in den limbischen Ebenen verankert sind. Ihre Wirkungsweise und ihre Ausprägung sind dabei sehr eng verknüpft, mit der Funktionsweise der limbischen Ebenen. Die Gene, die Epigenetik und die Umwelterfahrungen haben großen Einfluss darauf, wie Erwachsene mit ihrer Umwelt interagieren.

Stress gehört wohl zu den am weitesten verbreiteten Phänomen in unserer heutigen Welt. Ständig sind wir unter Zeitdruck, zu viele einprasselnde Informationen beschäftigen uns und wir haben nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Stress ist verantwortlich für viele Fehlzeiten und gesundheitliche Probleme. Wie Menschen damit umgehen, hängt sehr stark davon ab, wie das Gehirn die Stresshormone Noradrenalin und Cortisol reguliert. Wie Sie schon gesehen haben, können hier schon vorgeburtliche Einflüsse Auswirkungen auf die Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressoren) haben.

Mit der Stressverarbeitung in engem Zusammenhang steht das System der Selbstberuhigung. Hier spielt die Regulation des Neurotransmitters Serotonin sowie die Ausschüttung von Belohnungsstoffen im Gehirn (endogene Opioide) eine tragende Rolle. Serotonin beruhigt und wirkt somit dem Stress entgegen. Die Opioide erzeugen zusätzlich Zustände, in denen Lust und Freude entstehen. Im Zusammenspiel mit der Stressverarbeitung bestimmt dieses System, wie ängstlich oder wie risikoscheu jemand ist. Ist das Stresssystem sehr stark aktiv und das Selbstberuhigungssystem vermindert, dann kann dies zu Angststörungen und Depressionen führen.

Ist die Bindung zwischen einem Kind und seiner zentralen Bezugsperson, zum Beispiel der Mutter, eine sichere, dann wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon bewirkt die Ausschüttung von Opioiden und Serotonin. Eine sichere Bindung kann somit Schwächen im Stressverarbeitungs- und Beruhigungssystem ausgleichen. Die Bindungserfahrung, die ein Kind macht, prägt den Menschen für sein ganzes Leben. Es beeinflusst, wie ein Mensch Partnerschaften eingeht, Freundschaften pflegt, Sexualpartner auswählt oder in Gruppen interagiert.

Ob und wie sehr ein Mensch seine Impulse im Griff hat, entscheidet sich in der Ausprägung des Systems der Impulskontrolle. Dieses bildet sich erst zu Beginn des Erwachsenenalters aus. Dabei werden die Amygdala und der Nucleus accumbens, die für die impulsiven Triebe verantwortlich sind, durch Areale der Großhirnrinde gehemmt.

Dieses System stellt ein internes Bewertungssystem dar, welches die Reaktion auf Belohnung oder Strafe steuert. Es funktioniert durch die Ausschüttung von Dopamin und endogenen Opioiden und Cannabinoiden im Falle einer Belohnung. Alles, was eine Person macht und erlebt, wird registriert und danach bewertet. Dieses System steht auch in engem Zusammenhang mit den Motiven einer Person, die sich auch aus der Erwartung von Belohnung oder Strafe ableiten lassen.

In der oberen limbischen Ebene und der kognitiv-sprachlichen Ebene angesiedelt, ist dieses System eng mit Verstand und Vernunft verbunden.

Auch hier sehen wir, dass unsere Emotionen, unser Denken und unser Verhalten sehr stark beeinflusst wird durch biologische Faktoren. Je nachdem, welche Hormone und welche Botenstoffe gerade aktiv sind, reagieren Menschen unterschiedlich auf äußere Reize. Wir besitzen starke Systeme, die unsere emotionale Grundkonfiguration bestimmen. Je belastbarer diese Systeme sind, desto einfacher können wir uns auf sich verändernde Bedingungen einstellen. Dafür benötigen wir ausreichend Energie, damit die Systeme richtig funktionieren können.

Veränderung und Energiehaushalt

Unser Denken, Fühlen und Handeln sind ein Leben lang veränderbar. Manche Dinge sind schneller zu verändern (obere Ebenen), manche Dinge nur mit sehr viel Geduld und Beharrlichkeit und (sehr viel) Zeit. Aber das Gehirn selbst bleibt ein Leben lang veränderbar, der NeuroplastizitätNeuroplastizität – der Fähigkeit, immer wieder neue neuronale Verbindungen herzustellen – sei Dank.

VeränderungVeränderung erfordert den Willen, etwas zu verändern. Leider reicht dies allein nicht aus. Ein Auto, dessen Tank leer ist, fährt auch nicht von Hamburg nach München, nur weil wir als Fahrer das unbedingt wollen. Gleiches Prinzip gilt auch für unser Gehirn und unseren gesamten Körper. Wir benötigen Energie, damit wir uns verändern können. Die Anforderungen, die unsere Umwelt an uns stellt und der Lebensstil, den sich viele Menschen angewöhnt haben, führen aber leider dazu, dass eben diese Energie oftmals nicht in dem Rahmen zur Verfügung steht, wie sie benötigt würde. Die vielen psychischen Erkrankungen, die auf Stress und Überforderung zurückzuführen sind, sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Daher lohnt sich an dieser Stelle auch ein kleiner Blick darauf, wie unser Körper Energie gewinnt und was der Körper benötigt, damit unser Gehirn zu Höchstleistungen und „Neuverdrahtung“ fähig ist.

Unser Körper besteht aus einer Vielzahl von Zellen. Diese versorgen den Körper mit Energie. Dies geschieht in den sogenannten Mitochondrien, die wie kleine Kraftwerke innerhalb der Zelle Energie produzieren. Als Träger der Energie dient das Nukleotid Adenosintriphosphat (ATP). Dieses wird für viele unterschiedliche Prozesse in den Zellen benötigt. Im Laufe des Tages wird eine große Menge von ATP erzeugt und auch gleich wieder verbraucht. Ein durchschnittlicher Erwachsener setzt pro Tag ungefähr die Hälfte seines Körpergewichts in ATP um. Zur Gewinnung dieser Energie stehen dem Körper dabei drei Möglichkeiten zur Verfügung:

 Energie wird aus Zucker ohne Sauerstoff gewonnen (anaerob).

 Energie wird aus Zucker und Sauerstoff gewonnen (aerob).

 Energie wird aus Fett und Sauerstoff gewonnen.

Die anaerobe Energiegewinnung ist dabei die schnellste Möglichkeit des Körpers, an Energie zu gelangen. Wenn Sie Sport machen, kennen Sie das sicherlich. Wenn Sie an die Leistungsgrenze Ihres Körpers gehen und Ihre Herzfrequenz nahe an ihren Maximalwert gelangt, dann zieht der Körper die Energie direkt aus Kohlehydraten. Die Gewinnung von Energie auf diese Weise ist bis zu 100-mal schneller als die anderen Optionen.

Die aerobe Energiegewinnung hingegen bezieht neben den Kohlehydraten auch Sauerstoff mit ein. Sie ist effektiver, da mehr Energie gewonnen werden kann, allerdings nicht ganz so schnell wie bei der anaeroben Variante. Bei erhöhtem Puls und Anstrengung in einem mittleren Pulsbereich schaltet unser Körper auf die anaerobe Gewinnung um.

Die dritte Art der Energiegewinnung ist die effektivste. Im Körper eingelagertes Fett speichert eine ganze Menge Energie, die von den Zellen in Verbindung mit Sauerstoff genutzt werden kann. Allerdings wird dieser Modus erst dann aktiviert, wenn der Zucker (Kohlehydrate) verbraucht ist.

Ein sehr schönes Bild, um sich die unterschiedlichen Varianten vorzustellen, stellt das eines Ofens dar (Spörer/Fühler 2017). Die anaerobe Energiegewinnung ist wie das Verbrennen von Papier im Ofen. Papier lässt sich sehr leicht entzünden und brennt schnell. Allerdings ist ein Blatt Papier auch sehr schnell verbrannt und es muss ein neues nachgelegt werden, um das Feuer am Lodern zu halten. Effektiver ist da schon die Verwendung von Holz. Dieses würde der anaeroben Energiegewinnung entsprechen. Holz ist etwas schwieriger zu entzünden, liefert aber länger Energie. Die effektivste Art der Energiegewinnung wäre die Nutzung von Kohle. Dies entspricht der Variante der Fettverbrennung in den Zellen. Der Aufwand, Kohle anzufeuern, ist deutlich höher und es dauert länger, bis diese endlich glüht. Dann aber liefert sie die meiste Energie. Ebenso verhält es sich mit Fett. In der Zeit, in der ein Stück Kohle Energie liefert, müsste man eine große Menge an Zeitungspapier in den Ofen werfen, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Wenn man aber schnell ein Feuer braucht, dann greift man lieber auf Papier zurück, weil es am schnellsten das gewünschte Ergebnis liefert.

Unser Gehirn benötigt, gemessen an seiner Größe, eine sehr große Menge der so erzeugten Energie. Es ist ein richtiger Energiefresser. Besonders der Präfrontale Cortex (PFC) benötigt viel Energie, um zu funktionieren. Wann immer wir vor schwierigen Herausforderungen oder Entscheidungen stehen, ist dieser Teil unseres Gehirns besonders gefordert. Auch wenn es darum geht, etwas Neues zu lernen und Veränderung zu ermöglichen, benötigt unser Gehirn sehr viel Energie. Denn dann muss es neue Verbindungen herstellen, was mit einem hohen Energiebedarf einhergeht.

Unser Körper hat neben dem Gehirn noch zwei weitere große Systeme, die den Großteil der zur Verfügung stehenden Energie beanspruchen: die Muskulatur und das Immunsystem. Wenn der Körper nicht über genügend Energie verfügt, dann wird diese dort zugeteilt, wo sie – evolutionär gesehen – am meisten zum Überleben beiträgt. Da die obere Hirnrinde – evolutionär gesehen – erst sehr spät entstanden ist und das Bewusstsein generell auch nicht überlebensnotwendig ist, ist es wenig überraschend, dass im Gehirn, genauer im Cortex, dann zuerst Abstriche gemacht werden.

Eine sehr interessante Studie zu Entscheidungen von israelischen Richtern verdeutlicht die Auswirkungen dieser Energieverteilung unseres Körpers an einem praktischen Beispiel (Danziger u. a. 2011). Analysiert wurden über 1000 richterliche Entscheidungen zu unterschiedlichen Tageszeiten: früh am Morgen, nach einer kurzen Frühstückspause und nach einer einstündigen Mittagspause. Entschieden wurde beispielsweise über Bewährungsstrafen. Man würde erwarten, dass sich die Entscheidungen an einer klaren Faktenlage und generellen Richtlinien orientierten. Aus der psychologischen Forschung kennt man eine Reihe von Verzerrungen, die sich in ein objektives Urteil einschleichen können, daher wären hier vereinzelte Abweichungen leicht dadurch zu erklären. Das wirklich überraschende Ergebnis der Studie war aber, dass der Zeitpunkt der Entscheidung einen signifikanten Einfluss auf das Urteil hatte. Früh am Morgen oder kurz nach einer Pause entschieden die Richter rund 65 Prozent der Bewährungsanträge positiv. Dies nahm im weiteren Verlauf des Tages kontinuierlich ab und sank schließlich auf fast null Prozent. Nach den Pausen wiederholte sich dieses Muster, die Richter entschieden nun wieder überwiegend positiv über die Anträge.

Schon frühere Studien zeigten, dass Menschen mental ermüden, wenn sie eine große Zahl wichtiger Entscheidungen nacheinander treffen müssen. Dann greifen sie schnell auf Strategien zurück, die die Aufgabe vereinfachen. Eine naheliegende Vereinfachung besteht darin, nichts zu verändern, sondern die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Im Falle einer Bewährungsanhörung würde dies zur Ablehnung führen. Die Interpretation der Studie ist nicht eindeutig. Ziemlich sicher aber spielt die Erschöpfung und die zur Verfügung stehende Energie zum jeweiligen Zeitpunkt eine wichtige Rolle.

Entscheidungen und Denkleistungen hängen also in hohem Maße von der verfügbaren Energie ab. Besonders bewusst wird das in Situationen, in denen eins der drei großen Energiesysteme besonders aktiv werden muss, wie zum Beispiel im Fall einer Infektion. Bei einer Erkältung benötigt unser Immunsystem einen großen Anteil der Energie und die anderen Systeme werden in eine Art Minimalbetrieb geschaltet.

Wenn Sie mit Fieber im Bett liegen, das Immunsystem also hochaktiv ist, dann empfinden Sie wenig Lust, sich zu bewegen, Sie sind entkräftet und schlapp. Ebenso haben Sie sicherlich keine Lust, sich mit Ihrer Steuererklärung zu befassen, die Ihre mentalen Ressourcen stark beanspruchen würde. Sie liegen einfach da, schlafen hoffentlich viel und lassen dem Immunsystem den Raum, seine Arbeit zu tun. Wenn Sie dann Ihr Fieber auskuriert haben, schaltet Ihr Körper wieder auf Normalbetrieb und Ihnen steht wieder genug Energie zur Verfügung, die Kopfarbeit zu erledigen.

Durch die Anforderungen, die unsere Umwelt an uns stellt, und die daraus resultierenden Lebensumstände, haben viele Menschen heutzutage ein dauerhaftes Energiedefizit. Der Akku ist schon zu Beginn des Tages nur halb aufgeladen. Der Körper kann daher nicht auf die volle Energie zurückgreifen, die er erwartet und benötigt. Den betroffenen Menschen fehlt in der Folge die natürliche Vitalität, also das Gefühl, mit ausreichend Energie in den Tag zu starten.

Eine große Rolle für diese Vitalität spielt der Cortisolspiegel. Über Nacht produziert der Körper Cortisol und am Morgen nach dem Aufwachen ist der Stand am höchsten. Er ist dafür verantwortlich, dass wir uns energiegeladen fühlen und aktiv werden wollen. Im Verlauf des Tages nimmt das Cortisol kontinuierlich ab. Dies ist auch notwendig, damit in den Abendstunden genug Melatonin gebildet werden kann, sozusagen der natürliche Antagonist von Cortisol. Melatonin ist dafür zuständig, dass wir müde sind, gut schlafen und der Körper regenerieren kann.

Wenn wir unter Stress stehen, dann benötigt unser Körper mehr Energie als gewöhnlich. Da Cortisol die Energiebereitstellung im Körper sichert, wird der Cortisolspiegel im Fall von Stress erhöht. Die Zellen stellen mehr Energie her und wir können mit den bedrohlichen Situationen besser fertigwerden. Problematisch wird dieser Zustand erst dann, wenn die Auslöser für den Stress dauerhaft sind, der Cortisolspiegel also über einen langen Zeitraum erhöht bleibt.

Erklären können wir dies durch einen Rückblick in die Geschichte der menschlichen Evolution. Unsere Vorfahren waren auf der Jagd immer in einem sehr aufmerksamen Zustand, da sie sich in Gefahr befanden. Wenn der Säbelzahntiger aus dem Unterholz sprang, dann benötigten sie schnelle Energie, um kämpfen oder fliehen zu können. Dieser Zugriff auf mehr Energie war also ein Selektionsvorteil. Menschen, die keine zusätzlichen Energiereserven zur Verfügung hatten, konnten nicht entsprechend reagieren und wurden in der Folge eher vom Säbelzahntiger gefressen. Somit hat sich die Genvariante durchgesetzt, die den Schub Extraenergie unter Stress zur Verfügung hatte. Nach der Jagd war der Stressor verschwunden und der Cortisolspiegel unserer Vorfahren normalisierte sich schnell wieder. In unserer heutigen Welt müssen wir nicht mehr auf Säbelzahntiger achten. Dafür tragen wir Smartphones mit uns herum und sind überall und immer erreichbar. Wir eilen von Termin zu Termin und müssen uns an enge Zeitpläne halten. Ständig müssen wir unsere Leistungsfähigkeit beweisen. Wir sind Nachfahren der Menschen, die in solchen Situationen durch die Stressreaktion eine Portion Extra-energie zur Verfügung haben. Wir sind nun sozusagen ständig auf der Jagd und es gibt eine Reihe von modernen Säbelzahntigern, die unseren Cortisolspiegel potenziell nach oben treiben.

Wenn diese Umstände bei uns Stress auslösen, dann hilft uns der erhöhte Cortisolspiegel für einen bestimmten Zeitraum mit den Ansprüchen fertig zu werden. Aber das System ist nicht dafür ausgelegt, dauerhaft so zu arbeiten. Wir benötigen Erholungspausen, in denen der Stresspegel absinken kann und wir regenerieren können, wie unsere Vorfahren nach der Jagd am sicheren Lagerfeuer. Wenn wir keine Entlastung bekommen, dann tritt irgendwann eine Überlastung ein und der Cortisolspiegel sinkt ab. Durch die Überbeanspruchung sinkt er aber nicht nur auf den Normalwert zurück, sondern er sinkt weiter und weiter. Wir merken das beispielsweise daran, dass unsere Energie nicht mehr für einen kompletten Tag ausreicht und wir gegen Mittag schon in ein Loch fallen. Wenn die Stressoren dann immer noch vorhanden sind, dann stehen wir morgens auf und fühlen uns schon energielos. Im schlimmsten Fall sinkt der Cortisolspiegel so weit ab, dass er über den Tagesverlauf einfach nur eine flache Linie darstellt. In diesem Zustand fehlt uns jegliche Energie und Vitalität. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, uns zu irgendetwas aufzuraffen. Wir sind ausgebrannt und benötigen Hilfe, um unseren Alltag wieder in den Griff zu bekommen und zeigen depressive Verhaltensweisen. Spätestens dann spricht man von einem Burnout.

Schon bevor es zu diesem Zustand des Burnouts kommt, hat der Körper nicht mehr genug Energie zur Verfügung, um alle Funktionen voll zu versorgen. Er fährt daher die Funktionen herunter, die ihm weniger wichtig erscheinen. Viele Menschen versuchen unter Stress aber nach wie vor Höchstleistungen zu vollbringen. Wissensarbeiter benötigen viel Energie in ihrem Hirn. Als Ausgleich gehen sie abends dann noch ins Fitnessstudio, was weitere Energie aus den Muskeln zieht. Wenn diese beiden Systeme stark nach Energie verlangen, dann ist eine logische Folge, dass das dritte große System, das Immunsystem, irgendwo Energie sparen muss.

Erste Abstriche macht das Immunsystem dann meistens bei der Haut. Fehlende Energie ist ein Grund für auftretende Hautprobleme. Wenn weiterhin die Energie knapp ist, dann fehlt dem Immunsystem der Kraftstoff, um einmal so richtig aufzuräumen. Eine große Aufräumaktion wäre zum Beispiel Fieber. Der Glaube, das Immunsystem arbeite gerade dann besonders gut, wenn man nie Fieber bekommt, ist daher falsch. Statt einer großangelegten Aufräumaktion ist das Immunsystem bei Energiemangel dauerhaft aktiv. Allerdings immer nur gerade so ein klein wenig. Es versucht mal hier etwas geradezurücken und mal dort. Dies zeigt sich dann darin, dass sich die betroffenen Personen etwas kraftloser fühlen. Bei Fieber würde der Drang sich zu bewegen komplett eingestellt, da Gliederschmerzen und Kraftlosigkeit eintreten würden. Im trägen Zustand des Immunsystems fühlen sich die Menschen nur etwas kraftloser und haben keine Lust sich zu bewegen. Also verzichten sie auf Sport und andere körperliche Aktivitäten. Auch das Gehirn wird etwas heruntergefahren und etwas depressiver eingestellt. Wenn dieser Zustand dann auch über einen langen Zeitraum so bleibt, dann spricht man von einer chronischen leichtgradigen Entzündung. Diese erkennt man beispielsweise daran, dass Krankheiten verschleppt werden oder man am ersten Tag seines Urlaubs krank wird.2 Auch ein Gefühl der dauerhaften, leichten Krankheit kann ein Anzeichen sein. Wenn der Energiemangel nicht behoben wird, kann dies dazu führen, dass sich chronische Erkrankungen einstellen wie Depressionen, Allergien, Demenz, Burnout und andere Autoimmunerkrankungen.

Was können Sie tun, wenn Sie merken, dass Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld an Energiemangel leidet? An dieser Stelle möchte ich ein paar kleine Hinweise geben, die sich leicht anwenden lassen und schnell erste Erfolge zeigen könnenSpörer, Sebastian.3 Allerdings möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich kein Arzt bin und keine Verantwortung für die Ratschläge übernehme. Sollten Sie ein ernsthaftes Energiedefizit empfinden, sich depressiv fühlen oder unter chronischen Problemen leiden, sollten Sie sich ärztlichen Rat einholen. Die hier genannten Ratschläge beschreiben, welche Verhaltensweisen für die Erhaltung eines ausreichenden Energielevels sorgen.

Wie wir gesehen haben, führt Stress zu einem erhöhten Cortisolspiegel. Am gesündesten wäre es also, möglichst wenig Stress aufkommen zu lassen. Es gibt eine Reihe guter Literatur zu Stress und auch sehr viele gute Trainings. Daher möchte ich an dieser Stelle auch nicht tiefer auf dieses Thema eingehen, da dies den Rahmen mehr als nur sprengen würde. Aber eine Neubewertung der Situation, Aufbau von Fähigkeiten und Entspannungstechniken können dazu führen, dass vorhandene Stressoren eine andere Wirkung auf den Körper ausüben als bisher.

Zudem kann es hilfreich sein, einige Dinge im persönlichen Umfeld am Biorhythmus auszurichten. Cortisol, beziehungsweise die Cortisolaufwachreaktion, die nach dem Aufwachen am frühen Morgen die Konzentration von Cortisol in Blut und Speichel ansteigen lässt, benötigt Licht. Daher ist es wichtig, genug Tageslicht zu bekommen. Öffnen Sie morgens die Jalousien und lassen Sie die Sonne rein. Sie sollten mindestens eine Stunde Tageslicht pro Tag bekommen. Gehen Sie dafür nach draußen, am besten für einen Spaziergang. Im Winter können Tageslichtlampen helfen.

Auch der Schlaf hat einen sehr großen Einfluss auf den Cortisolspiegel. Ist die Schlafenszeit zu kurz oder nicht erholsam, dann hat dies negative Auswirkungen auf die Ausschüttung von Cortisol. Viele Menschen leiden unter Einschlafproblemen. Sie wälzen sich im Bett herum und finden einfach keine Ruhe. Eine mögliche Ursache ist der zu geringe MelatoninspiegelMelatoninspiegel, der sich zur Abendzeit erhöhen sollte. Helles Licht (mit einem hohen Blauanteil) führt dazu, dass die Melatoninausschüttung beeinträchtigt wird. Daher sind bei vielen Smartphones und Computern mittlerweile Einstellungen vorhanden, die den Blauanteil im Display reduzieren und wärmere Töne darstellen. Sie sollten diese Einstellung in den Abendstunden nutzen.

Fernsehen am Abend hat daher auch gleich zwei negative Auswirkungen auf den Schlaf. Zum einen den hohen Anteil an hellem, blauen Licht. Zum anderen aber auch die emotionale Beteiligung. Wenn wir einen aufreibenden Thriller ansehen, ist es für unser Gehirn, als würden wir die Dinge selbst erleben. Daher werden wir wieder aktiver und eventuell schaltet sich auch unser Stresssystem ein. Diese Erregung muss erst einmal wieder abgebaut werden, damit wir entspannt einschlafen können. Überlegen Sie also gut, ob Sie wirklich noch einen Schocker kurz vor dem Schlafengehen ansehen wollen.

Normalerweise lässt uns unser Körper morgens aufwachen, wenn wir genug Schlaf bekommen haben. Dummerweise sind die ersten Meetings aber schon recht früh am Morgen. Und durch den Stadtverkehr kommt man auch am besten, wenn man vor der Rush-Hour unterwegs ist. Daher stellen viele Menschen sich einen Wecker. Das hat zur Folge, dass sie aufwachen, bevor der Körper den benötigten Schlaf bekommen hat. Auch wenn es nicht immer leicht ist – wer ohne Wecker schläft und auf seine innere Uhr vertraut, schläft gesünder.

Natürlich spielt auch die Ernährung eine sehr wichtige Rolle. Der Körper benötigt zur Sicherstellung seiner Funktionen eine Reihe von Nährstoffen. Sind diese nicht im Gleichgewicht, dann hat dies höchstwahrscheinlich negative Auswirkungen auf den Gesamthaushalt. Bücher, Berater und Blogs zu diesem Thema gibt es in Hülle und Fülle. Wer seine Entscheidungs- und Veränderungsfähigkeit erhöhen möchte, der sollte auch darauf achten, den richtigen Kraftstoff zu sich zu nehmen. Was dabei für einen selbst passt, sollte jeder selbst herausfinden. Daher werde ich hier nicht weiter auf dieses Thema eingehen.

Zur Vorsicht – auch wenn es schwerfällt, auch mir persönlich – sollte man auf jeden Fall in Bezug auf Zucker raten. Wie wir schon gesehen haben, ist die Nutzung von Fettreserven zur Energiegewinnung am effektivsten. Wenn Zucker zur Verfügung steht, dann wird dieser auch zur Energiegewinnung verwendet. Dies hat aber auch negative Auswirkungen auf die Zellen. Die Insulinrezeptoren, die dafür sorgen, dass Zucker in die Zelle gelangt, werden weniger empfindlich und mit der Zeit abgebaut, da sie ebenfalls Energie benötigen, diese aber zu teuer ist (da nicht effektiv genug). Bei einem Kohlehydratdefizit hingegen werden diese Rezeptoren aufgebaut und wenn dann schnelle Energie benötigt wird, ist die Zelle leistungsfähiger. Hier empfiehlt es sich, weniger Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen und diese auch nur in einem bestimmten Zeitraum (intermittierendes Fasten). Zudem erhöht auch Sport im angepassten Herzbereich (aerob) die Zahl der Rezeptoren.

Die Ernährung ist auch deshalb ein schwieriges Thema, da falsche Ernährung oder eine Diät auch von sich aus wieder Stress verursachen kann. Daher lohnt es sich, intensiv auf dieses Thema zu schauen oder sich beraten zu lassen.

Veränderung im Gehirn

Veränderung im Gehirn ist immer und in jedem Alter möglich. Allerdings gibt es auch hier einige Voraussetzungen, die es deutlich leichter und einfacher machen, neue Verbindungen aufzubauen und neue Denk- und Verhaltensweisen zu festigen.

Sehr wichtig für den Aufbau von neuen Verbindungen im Gehirn ist der Neurotransmitter Dopamin. Von vielen auch als „Glückshormon“ bezeichnet, steht Dopamin eng in Verbindung mit Motivation und Antriebssteuerung.

Ein weiterer, sehr wichtiger Faktor für Lernen und Veränderung stellt der brain-derived neurotrophic factor (BDNF) dar. BDNF sorgt für die Plastizität und wird durch aeroben Sport und eine gesunde Ernährung begünstigt. Ein inaktiver, sitzender Lebensstil und einseitige Ernährung haben dagegen negative Auswirkungen auf den BDNF-Spiegel im Gehirn.

Kann ein Mensch auf ausreichend Dopamin und BDNF zurückgreifen, so fällt ihm Lernen leicht. Wir können das sehr leicht bei Kindern beobachten. Kinder sind von Natur aus neugierig, entdecken ihre Welt und lernen sehr schnell. Ihr Gehirn belohnt sie dabei für ihre Entdeckungen mit genügend Dopamin. Das motiviert sie, weiter auf Entdeckungsreise zu gehen und die Welt zu erkunden.

Sie können das Prinzip auch erkennen bei Kindern, die in der Schule massive Probleme haben, sich Dinge zu merken. Haben diese ein Lernproblem? Sind sie nicht in der Lage, den Anforderungen zu entsprechen? Oftmals sind die gleichen Kinder hervorragend informiert, wenn es darum geht, Dinge aus ihrer Lieblingszeichentrickserie zu erinnern. Sie können alle Namen, Eigenschaften, Ereignisse und kleinste Details auswendig wiedergeben. Der Unterschied ist, dass sie sich dafür interessieren und es sie begeistert. Ihr Gehirn versetzt sie beim Anschauen der Zeichentrickserie in einen Zustand der freudigen Erregung und somit fällt es ihnen viel leichter, die Details entsprechend zu behalten. Schulen und Bildungseinrichtungen müssten vor diesem Hintergrund eigentlich ein Ort der Freude und Glückseligkeit sein. Dann würde Dopamin ausgeschüttet und Lernen leichtfallen. Schauen wir uns die Realität an, sehen wir, dass viele Schüler sich in die Schule quälen müssen. Nicht die besten Voraussetzungen zum Lernen.

Gleiches trifft auch auf den Arbeitsplatz zu. Auch hier gilt, dass alles, was uns begeistert, viel schneller zu Veränderungen führt. Allerdings kommt hier ein zusätzliches Problem dazu. Erwachsene haben meist einen über Jahre praktizierten Lebensstil, der in vielen Fällen (durch zu wenig Bewegung, schlechte und falsche Ernährung) schon negative Auswirkungen auf die Produktion von BDNF hat. Im ungünstigsten Fall ist also weder Dopamin noch BDNF in erforderlichem Maße vorhanden. Dann hört man oft Sätze wie „Das funktioniert hier nicht“ oder „Das haben wir immer schon so gemacht“. Veränderung ist dann nur sehr schwer möglich und erfordert einen immens hohen Energieaufwand und große Willenskraft. Genau daran scheitern dann viele gut gemeinte persönliche und organisatorische Veränderungsprojekte. Sie brauchen Beweise? Schauen Sie sich einfach einmal an, wie viele Menschen Mitte Januar noch an ihren Neujahrsvorsätzen festhalten. Oftmals gelingt dies nur mit hohem Aufwand und eisernem Willen, was viel Energie kostet.

Neurobiologische Grundbedürfnisse

Jedes Gehirn ist unterschiedlich und passt perfekt zu seinem jeweiligen Besitzer. Kein Gehirn ist wie das andere. Allerdings scheint es so, als habe die Evolution dafür gesorgt, dass es so etwas wie neurobiologische Grundbedürfnisse gibt, die alle Menschen teilen.

Das SCARF-Modell

Ein Modell, das fünf solche Grundbedürfnisse beschreibt, stammt von David RockRock, David (Rock 2011) – das SCARF-ModellSCARF-Modell. Es greift die Erkenntnisse der Forschung auf, die zeigen, dass soziale Schmerzen, also zum Beispiel der Ausschluss aus einer Gemeinschaft, gleiche Hirnregionen aktiviert wie körperliche Schmerzen. Dies lässt vermuten, dass es Grundbedürfnisse gibt, die bei Nichterfüllung zu diesen sozialen Schmerzen führen. Dabei findet die Bewertung der Situation unbewusst statt und jeder Mensch reagiert unterschiedlich darauf.

Für jeden Menschen ist es wichtig, seine eigene Position und sein Ansehen im Verhältnis zu anderen Menschen zu kennen. Status in diesem Sinne bezeichnet einen Platz in der Gesellschaft. Ein Statusverlust führt dann zu Stress und löst die damit verbundenen körperlichen Reaktionen aus. Ein Statusgewinn hingegen kann die Belohnungszentren aktivieren und zu einem Glücksgefühl führen.

In klassischen Unternehmensstrukturen ist Status zumeist durch die Position im Organigramm bestimmt. Statusgewinn erfolgt durch Beförderung, öffentliches gutes Feedback, persönliche Weiterentwicklung und Anerkennung durch das Netzwerk.

In der sich nun verändernden Arbeitswelt ist dies oft nicht mehr der Fall. In vielen Unternehmen werden flachere Hierarchien angestrebt, Beförderungen fallen weg. Oftmals werden auch Jobtitel, die den Status ausdrückten, angepasst. Ein „Senior Berater“ ist plötzlich nur noch „Teammitglied“, genauso wie die ganzen unerfahrenen Kollegen. Eine solche „Gleichmacherei“ wird dann schnell als Statusverlust erlebt. Aber in diesen neuen Organisationsformen gibt es auch viele Dinge, die den wahrgenommenen Status erhöhen können. Hier ist Feedback ein wichtiger Faktor. Aber auch die Übernahme von Verantwortung kann zu Anerkennung führen.

Bei allem Optimismus, in einer solchen Transformation muss man aber bedenken, dass manche Menschen eben genau durch die klassischen Statussymbole wie Jobtitel oder Heldenstatus motiviert werden. Die Veränderung hin zu einer flacheren Struktur und der geteilten Anerkennung fällt manchen also schwerer als anderen. Daher ist es besonders wichtig, einen Ausgleich für den (gefühlten) Statusverlust zu schaffen.

Abb. 19:

Das Bedürfnis nach Status, Sicherheit, Selbstbestimmtheit, Zugehörigkeit, Gerechtigkeit

Das Gehirn ist darauf spezialisiert, Muster zu erkennen. Auf Basis dieser Muster versucht es vorherzusagen, was als nächstes passieren wird. Je klarer es diese Muster erkennt und sich daran orientieren kann, desto weniger Energie benötigt es. Für den einzelnen Menschen ist es wichtig, auf Muster zurückgreifen zu können. Das gibt ihm Sicherheit. Wenn das Gehirn ein Muster erkannt hat, kann es annehmen, was als Nächstes passiert und der Mensch weiß, mit was er rechnen kann. Wenn hingegen keine Muster erkannt werden, dann müssen sich die Menschen auf die Suche nach Antworten machen. Es gibt Menschen, die solche Situationen lieben. Anderen Menschen fällt dies hingegen sehr schwer und sie verfallen in entsprechenden Situationen in eine Schockstarre. So oder so kostet es eine Menge Energie, wenn keine Muster und Rahmenbedingungen erkennbar sind.

Das klare Formulieren und Kommunizieren von Erwartungen unterstützt dabei, transparent zu machen, was geschehen wird. Wenn nicht genug Informationen zur Verfügung gestellt oder aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden dürfen, dann verschafft es auch schon eine Erleichterung, wenn dies klar geäußert und angekündigt wird, wann mit weiteren Informationen zu rechnen sein wird. Zurückhalten von Informationen hingegen führt zu der erwähnten Unsicherheit, da das Gehirn zu wenig Anhaltspunkte hat, um sich Sicherheit zu verschaffen. Das bedeutet auch, dass das Ansprechen schlechter Neuigkeiten ein wichtiger Aspekt ist, der zur Sicherheit beiträgt. Wenn die Information bekannt ist, dann können die Betroffenen mit der Verarbeitung beginnen und neue Optionen erschließen. Werden schlechte Neuigkeiten nicht angesprochen, sind aber erwartbar, dann führt dies schnell zu einer großen Unsicherheit und bei manchen Menschen auch zu einer Überforderung.

Das Sicherheitsbedürfnis ist das stärkste der beschriebenen Bedürfnisse. Gerade in Zeiten der Veränderung können viele gleichzeitig stattfindende Aktivitäten zu einer großen Unsicherheit führen. Daher sollte man mit Bedacht, kleinen Schritten und offener Kommunikation agieren. In einem komplexen Umfeld helfen auch die kurzen Feedbackschleifen, das Unbekannte und die Unsicherheit etwas zu dämpfen. Eine regelmäßige Rückmeldung darüber, ob man auf dem richtigen Weg ist, bringt zwar keine absolute Sicherheit, hilft aber, die Unsicherheit zu reduzieren.

Unser Gehirn reagiert mit Stresssymptomen, wenn es das Gefühl hat, eine Situation nicht kontrollieren zu können. Es fehlt die Selbstbestimmtheit. Wenn alle Rahmenbedingungen und Optionen schon vorher festgelegt wurden und sich nicht anpassen lassen, zum Beispiel durch enge Prozesse, Vorgaben und Regeln, dann fehlen Entscheidungsspielräume und die Autonomie wird eingeschränkt. Der Mensch fühlt sich fremdbestimmt und nicht mehr als Gestalter.

Auch wenn Menschen, die zuvor als Einzelkämpfer, Spezialisten und Experten unterwegs waren, plötzlich in einem Team zusammenarbeiten sollen, kann dies als Verlust von Autonomie wahrgenommen werden. Sie werden aufgefordert, Rücksicht zu nehmen, andere Meinungen zu respektieren und sich abzusprechen, bevor sie etwas unternehmen. Das fühlt sich für sie wie ein Verlust der Autonomie an. Für andere ist diese Umstellung hingegen problemlos. Sie sehen also, dass zwar alle Grundbedürfnisse in allen Menschen angelegt sind, die Einschätzung, wann ein Grundbedürfnis bedroht ist, hingegen sehr individuell ausgeprägt ist.

Jeder Mensch benötigt die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Für jeden Einzelnen ist es wichtig, Teil einer Gruppe zu sein. Wird man von einer Gruppe ausgeschlossen, so führt dies zu massiven Auswirkungen, die mit körperlichen Schmerzen vergleichbar sind. Dies führt wiederum zu enormem Stress, der sich in entsprechenden Symptomen äußert. In Experimenten konnte gezeigt werden, dass Menschen, die von einem virtuellen Ballspiel von zwei anderen Personen (die eingeweiht waren) ausgeschlossen und übergangen wurden, die gleichen Hirnregionen aktivierten, die auch bei Schmerzen aktiv sind.

Um sich in einer Gruppe angenommen und mit dieser verbunden zu fühlen, benötigt der Mensch das Gefühl, innerhalb dieser Gruppe mit seinen Stärken und Schwächen voll akzeptiert zu sein. Wird aber zum Beispiel die Expertise (und damit der Wert) eines Teammitglieds vor einer Gruppe in Frage gestellt, dann ist diese Verbundenheit bedroht. Dies ist ein massiver Stressfaktor.

Niemand möchte ausgenutzt werden und ungerecht behandelt werden. Geben und Nehmen muss im Einklang sein und der Mensch möchte sich fair und gerecht behandelt wissen. Ein interessantes Experiment zeigt, wie wichtig Gerechtigkeit für Menschen ist (Nowak u. a. 2000).

Experiment | Wie würden Sie handeln? Sie befinden sich mit einer unbekannten Person in einem Raum. Die andere Person hat zehn Euro bekommen und nun die Aufgabe, mit Ihnen zu teilen. Dabei kann sie Ihnen anbieten, was immer sie abgeben möchte. Wenn Sie das angebotene Geld annehmen, dann dürfen Sie beide das Geld behalten. Wenn Sie aber ablehnen, dann darf niemand von Ihnen beiden das Geld behalten. Wie würden Sie reagieren, wenn die andere Person Ihnen fünf Euro, einen Euro oder 10 Cent anbieten würde?

Wenn man davon ausgeht, dass Menschen immer rational und ökonomisch handeln, dann würden Sie jedes Angebot annehmen. Schließlich würden Sie bei allen Angeboten am Ende mehr haben als zu Beginn. Es wäre also vorteilhaft, selbst wenn das Angebot nur 10 Cent sind. Wenn Sie aber so handeln wie die meisten Menschen in diesem Experiment, dann würden Sie den Euro und die zehn Cent wahrscheinlich ablehnen. Die meisten Menschen empfinden eine solche Verteilung als unfair und lehnen sie deshalb ab, auch wenn sowohl sie selbst als auch die andere Person mit leeren Händen nach Hause gehen. Dafür wäre ihr Belohnungszentrum im Gehirn aber sehr aktiv. Wie Wissenschaftler herausgefunden haben, belohnt unser Gehirn uns nämlich dafür, wenn wir Ungerechtigkeit bestrafen, selbst wenn wir selbst dadurch einen Nachteil haben.

Fairness bedeutet auch nicht, alles gleich zu machen. Es darf durchaus Unterschiede zwischen verschiedenen Teammitgliedern oder Mitarbeitern geben. Allerdings müssen diese auf fairen und verständlichen Grundlagen beruhen. Ein erfahrener Mitarbeiter kann somit deutlich mehr Freiheiten besitzen als ein noch unerfahrener. Allerdings sollte klar sein, dass diese Freiheiten auf Erfahrung zurückzuführen sind. Wenn diese Erfahrung auch von dem anderen Mitarbeiter nachgewiesen wurde, sollte er die gleichen Freiheiten erhalten.

SCARF in der Praxis

Bei Veränderungen ist es ratsam, die Auswirkungen auf die Faktoren dieses Modells immer im Blick zu behalten. Oftmals ist es so, dass eine Veränderung einige Faktoren positiv und andere negativ beeinflusst. Das muss nicht unbedingt ein Problem sein, solange die positiven Aspekte überwiegen. Die Faktoren gleichen sich also gewissermaßen gegenseitig aus.

Wenn einer dieser Faktoren für einen Menschen bedroht wird, beispielsweise in einem Teammeeting, dann setzt als erste (unbewusste) Reaktion darauf voraussichtlich Widerstand ein. Angenommen, Sie haben Ihren Kollegen in einem Meeting verunsichert, weil Sie seine Expertise komplett in Frage gestellt haben. Nun sind hier Grundbedürfnisse verletzt, besonders das Bedürfnis nach Status und Verbundenheit. Es ist wahrscheinlich, dass sich infolgedessen Widerstand bei Ihrem Kollegen aufbauen wird. Untersuchungen haben gezeigt, dass in dieser Phase des Widerstands Ihr Kollege erst einmal nicht für logische und rationale Argumente zugänglich sein wird. Dieser Zustand dauert in der Regel wenigstens zwei Minuten. In diesem Zeitraum bringt es also nichts, auf Ihren Kollegen einzureden und ihn von etwas überzeugen zu wollen. Sie müssen ihm Zeit zugestehen, bis er wieder aufnahmefähig ist. Erst dann können Sie ihn wieder mit Argumenten erreichen und in eine sachliche Diskussion zurückführen. Zuerst aber sollten Sie dafür sorgen, dass seine Bedürfnisse wieder erfüllt werden. Ist sein Bedürfnis nach Status bedroht, dann wertschätzen Sie ihn und geben Sie ihm positives Feedback vor dem Team. Wenn sein Sicherheitsbedürfnis angegriffen ist, versorgen Sie ihn mit allen Informationen, die Sie weitergeben können. Zeigen Sie ihm, welche Freiheiten er hat, wenn sein Autonomiebedürfnis bedroht ist und bieten Sie Ihm Hilfe an, um zu zeigen, dass er nicht alleinsteht und sein Bedürfnis nach Verbundenheit berücksichtigt wird. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, dann zeigen Sie Verständnis dafür und erklären Sie, auf welcher Basis Unterschiede gemacht werden.

Neurobiologie und die Praxis

Sie haben in den vergangenen Abschnitten das limbische System und die psychoneuralen Systeme kennengelernt. Zudem haben Sie erfahren, wie komplex die Energiegewinnung im menschlichen Organismus sein kann. Zuletzt sind Sie mit einer Reihe von Grundbedürfnissen konfrontiert worden, die erfüllt sein sollten, damit es den Menschen gut geht. Mir war es an dieser Stelle wichtig, Ihnen eine Übersicht über die Zusammenhänge zu bieten. Wenn Sie sich in einer Veränderung befinden, dann sollten Sie eine grobe Idee davon haben, wie Menschen Veränderungen erleben und damit umgehen. Die vorgestellten Konzepte und Systeme sollten dazu einen Überblick bieten.

Wenn Sie als VUCA-Held eine Veränderung vorantreiben oder sich selbst verändern möchten, dann kann es hilfreich sein, diese Modelle zu kennen, um bei auftretenden Problemen einen Ansatzpunkt zu finden. Tun Sie sich mit einer Neuerung schwer, dann könnten Sie sich vielleicht fragen, ob Sie genügend Energie zur Verfügung haben. Eventuell reicht eine veränderte Schlafpraxis schon aus, um Blockaden zu lösen. Wenn Sie bemerken, dass Mitarbeiter in der Diskussion plötzlich in einen Konflikt geraten, kann es hilfreich sein zu erkennen, dass gerade ein Grundbedürfnis verletzt wurde.

Es ist kaum möglich, alle Zusammenhänge gleichzeitig im Blick zu behalten. Aber das ist auch gar nicht nötig. In einem System kann eine kleine Veränderung an einem Bestandteil schon zu großen Auswirkungen im Gesamtsystem führen. Die vorgestellten Modelle bieten Ansatzpunkte, die aufzeigen, an welchen Bereichen Änderungen möglich sind.

➤ Tipps für VUCA-Helden

Unser Gehirn ist schon deutlich älter als die Umwelt, in der wir heute leben. Unsere kognitiven Fähigkeiten, die uns zu vielen Erfindungen und gesellschaftlichen Fortschritten verholfen haben, sind aber nicht die einzigen Abläufe im Gehirn. Es gibt einen deutlich älteren Teil, repräsentiert durch das limbische System. Hier liegen Impulse, Triebe, Emotionen und grundlegende Bewältigungsstrategien, die schon Generationen von Menschen das Überleben gesichert haben. Diese wirken bis heute und wir sollten uns ihres Einflusses bewusst sein.

Um Veränderung zu ermöglichen benötigt unser Gehirn ausreichend Energie. Durch die Umwelteinflüsse und den Lebensstil, den einige Menschen pflegen, steht diese Energie nicht immer zur Verfügung. Durch ein paar Anpassungen unseres Verhaltens können wir aber für einen höheren Energielevel sorgen.

Zudem gibt es eine Reihe von neurobiologischen Bedürfnissen, die durch viele Jahre der Evolution entstanden sind. Diese wirken bis heute, auch wenn die ursprünglichen Auslöser und die Umwelt sich sehr stark verändert haben. Die Kenntnis dieser Bedürfnisse ist hilfreich, um Ängste und Bedenken in einem Veränderungsprozess zu verstehen und moderieren zu können.

1 Machen Sie sich bewusst, dass Verhalten immer mit Gefühlen zusammenhängt.

Eine rein rationale Entscheidung gibt es nicht. Das limbische System ist immer beteiligt. Auch Personen, die sich ganz sicher sind, dass sie keine Gefühle verspürt haben, sind davon beeinflusst. Handlung ohne Emotion gibt es nicht. Eine Veränderung auf der rein kognitiv-sprachlichen Ebene ist unwahrscheinlich. Die im limbischen System verankerten Emotionen müssen mit angesprochen werden.

 Was für ein Gefühl lässt sich wahrnehmen, wenn Sie tief in sich hineinhorchen?

 Warum tendieren Sie zu einer Entscheidung? Welche Gefühle beeinflussen Sie?

 Welche Veränderung wollen Sie erzielen? Auf welcher Ebene liegt diese?

 Was können Sie tun, um tiefergreifende Veränderungen zu erreichen?

1 Machen Sie sich klar, auf welcher Ebene ein problematisches Verhalten begründet liegt.

Mit der Kenntnis der limbischen Ebenen können Sie ein größeres Verständnis für Verhalten und Einstellungen aufbauen. Liegt es in einer der oberen Ebenen, dann stehen die Chancen gut, dass Sie Veränderungen bewirken können. Akzeptieren Sie, dass es auch Verhalten gibt, das zu tief liegt. Die Arbeit mit einer bestimmten Form von Problemen sollte nur von Therapeuten erfolgen, die speziell dafür ausgebildet sind. Die Kenntnis der neurobiologischen Grundlagen hilft, solche Probleme zu erkennen und den Mitmenschen gegebenenfalls eine professionelle Hilfe ans Herz zu legen.

 Ist in dieser Situation nur eine Verhaltensänderung notwendig oder muss auch die Einstellung verändert werden?

 Wie viel Zeit nehmen Sie sich, um eine Veränderung zu erreichen?

 Vermuten Sie bei einem Widerstand ein tieferliegendes Problem? Könnte eventuell therapeutische Unterstützung notwendig sein?

1 Veränderung benötigt Energie.

Damit eine Veränderung stattfinden kann, benötigt der Körper – und ganz besonders unser Gehirn – eine Menge Energie. Ist diese Energie nicht verfügbar, dann werden Abstriche gemacht, die auch zu risikolosen Entscheidungen und vereinfachenden Abkürzungen führen.

Durch eine gesunde Lebensweise, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung kann der Körper auf Energie zurückgreifen. Fehlender Schlaf, Fast Food, Stress und ein sitzender Lebensstil können dazu führen, dass ein großes Energiedefizit entsteht. Im schlimmsten Fall kann dies bis ins Burnout oder zu schweren chronischen Erkrankungen führen.

 Ernähren Sie sich ausgewogen und gesund?

 Schlafen Sie genug und fühlen Sie sich morgens vital und voller Energie?

 Bewegen Sie sich ausreichend?

 Fällt es Ihnen schwer, neue Dinge zu lernen, sich zu konzentrieren oder sich zu motivieren?

 Was davon trifft auf Ihr Gegenüber zu?

1 Achten Sie in Veränderungsprozessen auf neurobiologische Grundbedürfnisse.

Die lange Geschichte der Evolution hat dazu geführt, dass unser Gehirn bestimmte Strukturen ausgebildet hat, die unseren Vorfahren geholfen haben, ihr Überleben zu sichern. Die Umwelt hat sich jedoch seit der Steinzeit sehr massiv verändert. Für die Evolution ist dieser Zeitraum viel zu kurz. Das Gehirn ist also noch auf den Überlebenstrieb der Steinzeit programmiert.

Damals halfen einige Grundbedürfnisse, das Überleben der menschlichen Art sicherzustellen. Diese Bedürfnisse sind bis heute in uns wirksam. In Veränderungsprozessen ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Bedürfnisse möglichst erfüllt sind, sonst treten Widerstände auf und die beteiligten Menschen können sogar gesundheitliche Folgen erleiden.

Achten Sie auch darauf, dass ein spontaner Widerstand, hervorgerufen durch ein verletztes Grundbedürfnis, dazu führt, dass ein Mensch in einen Stresszustand gerät, in dem er nicht für rationale Argumente zugänglich ist und es eine Weile dauert, bis er für Argumente wieder empfänglich ist.

 Welches neurobiologische Grundbedürfnis könnte eventuell von einer Veränderung betroffen sein?

 Wie können Sie einer negativen Veränderung eines Bedürfnisses durch positive Verstärkung anderer Bedürfnisse entgegenwirken?

 Ist Ihr Gegenüber gerade im Widerstand? Bieten Sie ihm genug Zeit und Raum, um das Gesagte zu verarbeiten und wieder auf eine rationale Ebene zu gelangen?

 Was können Sie tun, um Ihren Kollegen, Ihrem Team und Ihrer Familie ein Umfeld zu bieten, in dem die neurobiologischen Grundbedürfnisse möglichst alle erfüllt sind?

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688 p. 81 illustrations
ISBN:
9783739801445
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