Read the book: «Trotz allem - Gardi Hutter»


Impressum
Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
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Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.
Lektorat: Rachel Camina, Hier und Jetzt Gestaltung und Satz: Naima Schalcher, Zürich
Bildbearbeitung: Benjamin Roffler, Hier und Jetzt
Herausgegeben in der Reihe «subTexte» als Band 22, Zürcher Hochschule der Künste, Institute for the Performing Arts and Film, Prof. Anton Rey (Hg.)
ISBN Druckausgabe 978-3-03919-521-3
ISBN E-Book 978-3-03919-967-9
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
© 2021 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Zürich, Schweiz
www.hierundjetzt.ch
Inhalt
Vorwort
2010 Eine Schneiderin muss sterben
1953–1966 Drei Brüder und eine katholische Erziehung
1966–1972 Vom Internat in die linke Szene von St. Gallen
1972–1978 Auf der Suche nach dem eigenen Weg
1978–1985 Mailänder Jahre und die Entwicklung zur Clownin
1985–1993 Erfolg, zwei Kinder und eine Scheidung
1993–2003 Mitten im Leben
2003–2021 Rund um die Welt und «Gaia Gaudi»
Nachworte
Anhang
Werkbuch «Die Schneiderin» Von Gardi Hutter
VORWORT
«Sie haben Talent, aber Sie sind klein, Sie werden nie eine Hauptrolle spielen.» Dieser Satz stand am Anfang von Gardi Hutters Bühnenkarriere. Trotz Zweifel an ihrer Eignung wurde die 21-Jährige an der Schauspiel-Akademie Zürich aufgenommen. In der Ausbildung, wie im Theater, herrschte damals das Credo: «Frauen sind tragisch, Männer sind komisch.» Das war Mitte der 1970er-Jahre.
Gardi Hutter hat alle eines Besseren belehrt. 45 Jahre später ist sie eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Schweiz. Ein Ausnahmetalent, das als komische Frau, als Clownerin – wie sie sich selbst bezeichnet – die Bühnen der Welt erobert hat. Als sie erzählt, dass man ihr damals die Schauspielkarriere nicht zugetraut habe, steht sie auf der Bühne der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) am Mikrofon und lacht. Sie trägt ihrer ehemaligen Schule den Fauxpas nicht nach. Viel habe sie hier gelernt, und sie sei dankbar, fügt sie an. Es ist der 7. November 2019, und eben hat Gardi Hutter die Auszeichnung «Honorary Companion» der ZHdK vor einem vollen Saal unter langem und warmem Applaus entgegengenommen.
Man kennt sie als Hanna, die das Publikum als Wäscherin, Schneiderin oder Souffleuse zum Lachen bringt. Eine Clownin mit verfilztem Haar, roter Nase, dickem Bauch, in braunem Kleid und beiger Schürze. Darunter eine geflickte Hose, Stiefelchen. Schnell sind ihre Bewegungen, sie kratzt sich zwischendurch am Po, springt in die Luft, brabbelt in einer universell verständlichen Lautsprache, ist immer für die nächste Überraschung gut. So hat sie Karriere gemacht.
1981 stand Gardi Hutter das erste Mal als Hanna auf der Bühne, in 34 Ländern ist sie seither mit ihrer weiblichen Clownfigur gewesen und fast 4000 Mal aufgetreten. «Meine Damen, mir scheint, Sie haben noch nie einen Besen in der Hand gehabt!» Ikonisch ihr Auftritt im Schweizer Nationalratssaal 1991, als sie die Politikerinnen in ihren Kostümen und adretten Kurzhaarfrisuren tüchtig fegen liess. Sie weiss, wie man Macht demontiert, auch weibliche, die es mittlerweile gibt. Und sie weiss, wie man Stereotype ins Lächerliche zieht und wie nah das Komische und das Tragische beieinanderliegen können. Im Nationalratssaal befreite sie sich aus einem Wäschebottich, hängte Socken an die Leine, und als sie am Ende eine Schweizer Fahne entrollte, auf der das Kreuz zum feministischen Zeichen umgedeutet war, da kannte der Jubel keine Grenzen. Gardi Hutter ist nicht nur die lustigste Schweizerin, sie ist auch die witzigste Feministin.
Klein und quirlig ist sie wie eh und je. Man sieht ihr die 68 Jahre nicht an. Sie trägt das dunkelblonde Haar lang und offen, die einzelnen grauen Haare verlieren sich darin. Ihre Stimme klingt tief und unverwechselbar. Ich höre ihr gerne zu, und sie hat Lust, ihr Leben zu erzählen, aber sie fürchtet sich auch ein wenig davor. Auch vor den absehbaren Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen. «‹Noch eine Schauspielerbiografie›, werden sie stöhnen», meint sie, als wir das erste Interview in meinem Büro in Zürich führen. Das lasse ich nicht gelten. Sie ist nicht irgendeine Schauspielerin, sie ist ein weiblicher Clown, eine Pionierin, ein Vorbild. Ich habe keinen Zweifel, dass sie Interessantes zu berichten hat.
Wir werden Gespräche führen, ich darf in ihrem Archiv stöbern, mit Weggefährten sprechen. Sie kann den Text korrigieren, muss aber damit leben, wie ich als Autorin auf ihr Leben schauen, wie es gewichten und erzählen werde. Sie lässt sich darauf ein. Im Januar 2020 beginnen wir, miteinander zu sprechen, zu mailen und zu telefonieren. Das Manuskript soll bis Anfang November stehen, damit es im Frühjahr 2021, zum Vierzig-Jahr-Bühnenjubiläum ihrer Figur Hanna, bereit ist. Die Corona-Pandemie wird zur ungeplanten Unterstützung für das Buchprojekt. Alle Vorstellungen fallen ab März 2020 aus. Im Juli tritt sie drei Mal im Tessin auf, wo sie wohnt, und im September gibt es ein paar «Gaia Gaudi»-Aufführungen in der Nordschweiz. Die für Oktober geplante Neuseelandtournee – das 35. Land – fällt aus. Gardi Hutter hat Zeit, sich um ihr Werkbuch «Die Schneiderin» – im zweiten Teil dieses Bands –, die dazugehörige Website und ihr Archiv zu kümmern. Sie hat Zeit für unsere Gespräche und das Gegenlesen der Texte.
Zu Beginn weiss ich wenig über sie, nicht viel mehr als: katholische Kindheit im Rheintal, Rebellion, Schauspielausbildung, erste Schritte im Beruf in Italien, Entwicklung der weiblichen Clownfigur, ein Mann, zwei Kinder, eine Scheidung, Wohnsitz im Tessin, grosser Erfolg im In- und Ausland. Ein Leben in Stichworten, aber ich bin neugierig darauf, die Persönlichkeit dahinter kennenzulernen. Mit dem Prozess der Arbeit entdecke ich die Ursprünge und Konturen ihres Lebenslaufs. Ihre Rebellion, ihren Feminismus, ihre soziale Einstellung, ihr Umweltbewusstsein – all das geht auf den Geist der Achtundsechziger zurück. Sie war während ihrer Schulzeit in St. Gallen selbst aktiv in einer politischen Gruppierung. Sie testete alle Grenzen aus, vom LSD-Trip bis zur freien Liebe. Gardi Hutter hat viele Rollen gespielt, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben. Sie war katholische Internatsschülerin, politische Linksaktivistin, Hippiemädchen, eine Zweifelnde, Suchende und irgendwann eine erfolgreiche Künstlerin, Unternehmerin, Mutter und unabhängige Frau. Sie wollte kein Durchschnittsleben führen, und sie wollte Erfolg haben – beides ist ihr gelungen. Dass das nicht nur einfach war, dass dazu Jahre der Selbstzweifel, Verluste und Niederlagen gehörten, davon wird hier auch erzählt. «Ich will keine beschönigende Biografie», sagte sie im ersten Gespräch. Daran hat sie sich, mutig und offen, wie sie ist, beim Erzählen ihres Lebens gehalten.
2010
Eine Schneiderin muss sterben
Da sitzt ein weibliches, unförmiges Wesen mit verfilztem Haar, roter Nase und Flickenkleid schelmisch lachend in einem überdimensionierten Nähkasten: Gardi Hutter als ihre Bühnenfigur Hanna. Diesmal ist sie eine Schneiderin. Es ist der 28. Oktober 2010. Gardi Hutters neues Stück hat Premiere im Theaterhaus Stuttgart. Ein voller Saal mit mehreren Hundert Menschen. Sie schauen zu, wie sie sich mit dem Faden abmüht, der nicht gleich durchs Nadelöhr will. Wie sie näht und brabbelt, elastisch vom Tisch springt, mit übergrossen Fadenspulen hantiert, eine lange Nadel verschluckt und sie mithilfe eines Magneten wieder aus dem Körper lockt. Fünf frei schwingende Schneiderpuppen hängen an einem Kleiderkarussell über ihr. Abgründe tun sich auf; sie soll sterben, will nicht, kämpft mit ihrer Seele im Spiegel, versucht, sie von der Himmelfahrt abzuhalten. Am Ende stirbt sie doch. Das Publikum geht siebzig Minuten lang mit, lacht und jubelt. «Die Schneiderin» wird zu dem Erfolg, den Gardi Hutter sich erhofft hat. Ein Kulminationspunkt in ihrem Leben. Sie ist 57 Jahre alt, seit drei Jahrzehnten als alterslose Clownin unterwegs. Zwei Jahre Vorbereitungsarbeit liegen hinter ihr. Dieses Stück bündelt ihre dreissigjährige Bühnenerfahrung als weiblicher Clown, als Hanna, als kreative Künstlerin. Mehr noch, es steckt die ganze Gardi Hutter darin, auch die ehemalige Achtundsechzigerin, die Feministin und das kleine Mädchen, das im St. Galler Rheintal in einem Haus aufwuchs, in dem die Eltern unten Kleider verkauften und das Kinderzimmer oben neben dem Schneideratelier lag.
Der Tod spielt im Jahr 2010 nicht nur im Stück «Die Schneiderin» eine Rolle, sondern auch in Gardi Hutters Privatleben. Ihr Vater, Erwin Hutter, ist ein halbes Jahr vor der Premiere, mit 91 Jahren, gestorben, ihre Mutter bereits 2005. Beide waren gelernte Schneider. Gardi Hutter konnte dem Vater noch von der neuen Idee für das Stück erzählen, als sie zu reifen begann. Er war begeistert, suchte sein altes Arbeitsmaterial zusammen und übergab es der Tochter. Wie gerne hätte er das Stück gesehen. «Meine Eltern hätten sich beide extrem darüber gefreut», sagt sie und fügt an: «Ist das nicht verrückt? Da habe ich so viel getan, um meine Herkunft hinter mir zu lassen, ein anderes Leben zu führen, und dann stehe ich mit Ende fünfzig als Schneiderin auf der Bühne.»
INTENSIVES SUCHEN, FINDEN, ERFINDEN
Doch Gardi Hutter ist eine ganz andere Schneiderin, als ihre Eltern es je waren. Lautet ihr eigener Beruf «Clown» oder «Clownfrau»? «Clownin» oder «Clownesse», wie es im Duden steht? Beim richtigen Begriff beginnt schon die erste Frage. «Clown» ist Englisch und daher neutral, aber eben eher männlich neutral. Denn männliche Clowns gibt es seit Jahrhunderten, weibliche dagegen sind ein Novum, ein Phänomen der weiblichen Emanzipation im 20. Jahrhundert. Oder gab es auch schon früher vereinzelt Frauen, die sich die Narrenfreiheit nahmen, und die Geschichtsschreiber haben sie nur ignoriert und am Ende vergessen?
Gardi ist nie warm geworden mit einer der bestehenden Spezialbezeichnungen. Sie will Clown sein, kein weiblicher Sonderfall. Schon früh in ihrer Karriere findet sie zu dem, was sie als ihren «Brand», ihre Marke bezeichnet: «Bei einem Auftritt in Duisburg 1983 versprach sich der Veranstalter. Er verdrehte Clown und Wäscherin und kündigte mich als ‹Clownerin› an. Ich war sofort begeistert: wenn schon stolpern, dann richtig. So hatte ich nicht nur eine eigene Figur, sondern auch gleich eine eigene Sparte.» Fortan bezeichnet sich Gardi Hutter als «Clownerin».
Es ist ein sehr besonderer Beruf, alleine auf der Bühne zu stehen, mehr als eine Stunde zu spielen, das Publikum zum Lachen zu bringen, zu verführen, zu bezaubern. Gardi Hutters Programme haben Tiefgang und Poesie. Das Schreckliche und das Lustige, das Traurige und das Schöne liegen immer nah beieinander. Es steckten viel Arbeit und Risiko in jeder neuen Produktion. Seit sie ihre Figur Hanna 1981 fand, lässt sie sich alle paar Jahre auf eine neue Erzählung dazu ein. Hanna war schon Wäscherin, Hexe, Maus, Souffleuse, Schaustellerin und Sekretärin.
In der Schneiderin steckt Gardi Hutters jahrzehntelange Bühnenerfahrung, und mit dem Thema Tod nimmt sie etwas auf und stellt sich in eine Tradition, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Harlekine, Buffoni, Clowns – sie alle haben schon seit Urzeiten mit der Idee des Schreckens gespielt und damit, dass sie uns durch die Überzeichnung, durch das Groteske zum Lachen bringen und für einen kurzen Moment so etwas wie Erlösung schenken. Gardi Hutter hat sich über längere Zeit mit diesem historischen Aspekt auseinandergesetzt.
Zum Beispiel damit, dass Clowns mit der ursprünglichen Form des Berufsschauspielers mehr zu tun haben als die heutigen Schauspieler, die man theaterhistorisch eher als «Darsteller» oder «Interpreten» bezeichnen müsste. Ursprünge und Parallelen findet man weit zurück überall dort, wo Menschen archaische Feste feierten, ihre Ängste in Rituale bannten, Masken trugen, tanzten und versuchten, dem Tod seinen Schrecken zu nehmen. Vorläufer der Clownfigur sind die Zanni der Commedia dell’Arte. Sie sind Dienerfiguren, die meist der bäuerlichen Schicht entstammen, darunter Arlecchino, Brighella, Pulcinella, Truffaldino und die weibliche Figur der Colombina, die keine Maske trägt und kokett gekleidet ist. Die Commedia dell’Arte entsteht im Italien des 16. Jahrhunderts. In etwa zur gleichen Zeit entwickelt sich im deutschsprachigen Raum das Stegreifspiel mit Hanswurst und im englischen Theater die Figur des Clowns. Letztere treten ab Anfang des 16. Jahrhunderts in den Pausen von Bühnenstücken auf. Shakespeare baute Clowns in «Othello» (1603) und «Ein Wintermärchen» (1606) ein, beide Male als etwas unterbelichtete Bauerntölpel. Das Spektrum der Darstellung und die Entwicklung des Clowns sind äusserst facettenreich. Im 19. Jahrhundert entwickeln sich die Zirkusclowns und bleiben bis in die Gegenwart fester Bestandteil jedes Programms. Gardi Hutter reiht sich ein in die bunte Schar von Spassmachern wie Clown, Buffone, Harlekin, Hanswurst, Narr, August, Pajass, Pulcinella und Pierrot und stellt ihnen eine Schwester vor die Nase.
Ihr Wissen um die Hintergründe und die Entwicklung der Clownfiguren nimmt Gardi mit in die Gespräche mit Dominik Flaschka im April 2009. Der Tod soll im neuen Programm das Leitthema sein. Sie hat dazu ein Konzept verfasst. Und der physische Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist ein Segel. 2011 war Gardi Hutter mit Freunden auf einem Segeltrip im Bermudadreieck. Dabei ging ein Segel kaputt, sie bekam es geschenkt und dachte: Damit möchte ich mal etwas machen. Und dann kommt bald einmal die Idee der letzten Reise dazu und weitere Ideen. Sie könnte sich in das Segel einwickeln und damit zum Wickelkind, zur Braut oder zur Mumie werden. Sie diskutiert tagelang mit Regisseur und Autor Flaschka, ob die Figur im neuen Stück womöglich eine Seefahrerin sein könnte oder vielleicht eine Schneiderin, die das Segel näht? Gibt das genügend her? Sie hat noch nie eine Schneiderin auf der Bühne gesehen, aber es gibt so viele weibliche Rollen, so viel weibliches Leben, das noch nie auf einer Bühne zu sehen war. Die Schneiderin setzt sich durch.
Im September 2009, ein gutes Jahr vor der Premiere, beginnt die erste Probenrunde mit Regisseur Michael Vogel in Berlin. Der Regisseur ist wichtig für die Künstlerin. Er ist ihr Gegenüber, ihr Denk- und Austauschpartner. Er entwickelt mit ihr das Stück. Es entsteht nicht theoretisch auf dem Papier. Geschrieben wird zwar auch viel, da ist das von Gardi Hutter entwickelte Grundkonzept, aber nicht nur das. Täglich kommen neue Ideen, Gedanken, Abläufe hinzu, alles wird festgehalten. Sie ist sehr gut organisiert, es gibt ausführliche Probenprotokolle. Aber noch wichtiger ist die praktische Entwicklungsarbeit.
Michael Vogel und sie arbeiten das erste Mal zusammen. Er ist etwas jünger, sympathisch, ruhig, reflektiert. Er ergänzt die quirlige Gardi Hutter gut. Ausserdem bringt er viel Erfahrung mit als Regisseur, Autor, Schauspieler und künstlerischer Leiter der internationalen Theatertruppe Familie Flöz, die komödiantische, poetische und meist nonverbale Stücke auf die Bühne bringt. Er weiss, worum es geht, er hat ein gutes Auge für die Entwicklung von Szenen, und Gardi sagt: «Wir haben einen ähnlichen Humor. Wir lieben es, zusammen hin und her zu fantasieren, Absurdes und Schräges zu finden. Ich mag, dass er so uneitel ist. Wir amüsieren uns arbeitend, in lockerer Stimmung.» Sie schätzt das besonders, weil die Zusammenarbeit im Theater schnell emotional wird. Es gibt viele Reibungsflächen, viele irrationale Zerwürfnisse. «Man gibt sich im Theater immer als ganzer Mensch und muss sich oft auf ein inneres Chaos einlassen, und da prallen dann die Emotionen eben oft auch aufeinander.»
Sie hat in jenem September eine Wohnung in Berlin gemietet, die der Trapezkünstlerfamilie Die Maiers gehört. Sie verdienen mit «Luft- und Bodenunfug» ihr Geld und haben für ein paar Wochen ein Engagement in Amerika. Die Wohnung ist ideal zum Proben, denn sie verfügt über eine riesige, 48 Quadratmeter grosse, neun Meter hohe Küche. Eher ein Proberaum mit angegliederter Küche. Jedenfalls gibt es genügend Platz, um sich Dinge auszudenken und auszuprobieren. Michael Vogel und Gardi Hutter hängen das Segel auf und beginnen, sich zu überlegen, wie man die Grundidee umsetzen könnte: Der Tod stellt Hanna nach, sie bettelt und fleht: «Nur noch eine letzte Zigarette, eine letzte Mahlzeit, eine letzte, eine letzte, eine letzte …»
«Am ersten Probentag möchte ich immer den Beruf wechseln. Das Gefühl von Verlorenheit und Talentlosigkeit ist unerträglich», schreibt Gardi Hutter in ihren Aufzeichnungen zum Werkbuch «Die Schneiderin». Doch dann entwickeln sich Ideen Schritt für Schritt, mit Ausprobieren, Diskutieren, Verwerfen. «Es ist ein Im-Dunkeln-Tappen, und ich leuchte mit der Taschenlampe umher, und ab und zu erkenne ich im Lichtkegel etwas Brauchbares», schildert Gardi Hutter den kreativen Prozess. Vier Wochen lang beschäftigen sie und Michael Vogel sich mit dem szenischen Erfinden des Stücks. Danach steht das Grundgerüst. Anfang Oktober werden Freunde und Bekannte zu einer Probevorstellung in die Wohnung eingeladen. An welchen Stellen lachen sie, was funktioniert, was nicht? Im Anschluss wird diskutiert, und es zeigt sich, dass die Probezuschauer nicht verstehen, wie die Schneiderin stirbt, dass sie nämlich in ein Paket fällt und per Post wiederkehrt. Die Schlussszene ist aber essenziell für das Stück, deshalb braucht es eine neue Idee. Nur welche? Regisseur und Künstlerin beschliessen, dafür in einigen Monaten eine eigene Probenwoche anzusetzen, und gehen auseinander. Sie verbringen den Winter mit anderen Aktivitäten. Gardi Hutter ist unterwegs, tritt als Hanna auf, sorgt für ihr Einkommen.
Die Sommermonate verbringt sie im Tessin, wo sie in Arzo wohnt, ganz im Süden des Kantons, unweit von Mendrisio, nahe der italienischen Grenze. Im Juni und Juli 2010 entsteht bei Urs Moesch in Verscio das Bühnenbild. Moesch ist gleich alt wie Gardi. Er begleitete Clown Dimitri viele Jahre als Techniker auf dessen Tourneen und macht Bühnenbilder. Gardi Hutter legt mit Hand an. Sie hämmert und zimmert gerne, malt den grossen Schneidertisch auf alt um. Sie ist praktisch begabt, hat eine Werkstatt in ihrem Haus in Arzo, und als Ausgleich zur Arbeit schnitzt sie am liebsten an alten Wurzeln herum. Ideen entwickeln, dramaturgische Bögen erfinden, spielen sind das Zentrale ihres Berufs, aber sie liebt auch alles Handwerkliche, das er mit sich bringt. Das Ein- und Ausräumen, das Auf- und Abbauen, das Werken, Tüfteln und Problemelösen. Zur selben Zeit wie die Bühnenausstattung werden in Verscio die Kostüme gefertigt; Anna Manz, die ihr Atelier gleich neben Urs hat, näht sie. Gardi hat klare Vorstellungen, es soll nicht einfach ein farbiges Gewand her. Das Kostüm soll etwas über die Figur erzählen. Die Schneiderin trägt am Ende ein Kleid aus lauter Stoffresten.
Ebenfalls im Sommer werden die Gags entwickelt. Dafür kommt Gardi Hutters Ex-Mann Ferruccio Cainero für eine Woche ins Tessiner Dorf Camedo. Dort hat die Clownin einen Proberaum in einer umgebauten alten Textilfabrik gemietet. Ferruccio Cainero ist nicht nur Gagspezialist, er kennt auch die Figur der Hanna am besten. Sie haben sie damals gemeinsam entwickelt, als sie zusammen in Mailand lebten.
Und dann die letzten grossen Proben von Ende August bis Ende Oktober in Berlin. Sie sind im TISCH, im Theater im Schokohof, eingemietet, einem kleinen Studiotheater in Berlin-Mitte, das sich heute nur noch «Schokoladen» nennt.
Ende Oktober ist das Stück so weit, man kann es einem kleinen Publikum zeigen. Erst kommen Freunde und Bekannte, dann auch unbekannte Theaterinteressierte. Pro Abend schauen sich zwanzig bis dreissig Leute die Probevorstellungen an. Gardi Hutter und Michael Vogel registrieren während der Aufführungen genau, an welchen Stellen gelacht wird und wo nicht und bitten das Publikum, seine Meinung ohne Rücksicht zu äussern. Auf diese Art finden die Endproben statt.
Nach einer dieser Vorstellungen läuft ein Zuschauer Gardi Hutter bis zur U-Bahn-Station nach, weil es ihm wichtig ist, ihr persönlich zu erklären, weshalb sie auf der Bühne auf keinen Fall verständlich sprechen dürfe, dass mache doch ihre Figur kaputt. Das Grammelot, das lautmalerische Sprechen, gehört essenziell zum Spiel der Hanna. Aber diesmal sind Gardi Hutter und Michael Vogel der Meinung, dass die Schneiderin ein paar witzige Sätze sagen soll. Beide brechen gerne Regeln. Schliesslich beherzigen sie die Kritik des Zuschauers aber doch: Hanna spricht nicht auf der Bühne, aber wenn sie ins Publikum springt, darf sie auch mal reden. So erbettelt sie beispielsweise von den Zuschauern ihre «letzte Zigarette», und als sie auf dem Paket «Rauchen ist tödlich» liest, schreit sie den Zigarettenspender an: «Wollen Sie mich umbringen?!»
PREMIERENFIEBER
Gardi Hutter fährt ihren grauen Tourbus – auf dem die vier Figuren Affe, kauernder und aufrechter Mann sowie Clown abgebildet sind – mit der ganzen Ausrüstung Anfang November von Berlin nach Stuttgart. Bühnenbildner Urs Moesch hat von Anfang an alles so geplant, dass sich das ganze Bühneninventar zusammenklappen und im 3,5-Tonnen-Lieferwagen verstauen lässt, denn so geht Gardi Hutter anschliessend auf ihre Tourneen.
In Stuttgart angekommen, bleiben ein paar Tage Zeit, um vor Ort alles einzurichten und zu proben. Unendlich viele Details sind immer noch zu klären. Es wird geklebt, genagelt, die Technik eingerichtet, mit doppeltem Beamer, doppeltem Computer für die Videoprojektionen im Spiegel. Alles ist abgesichert. Gardi Hutter muss sich vor dem Publikum zu hundert Prozent auf das Team hinter der Bühne verlassen können, damit sie die Freiheit hat, zu spielen. Sie steht zwar alleine im Scheinwerferlicht, aber im Hintergrund arbeiten immer ihre beiden Techniker mit, die sie zu jeder Aufführung begleiten, sowie zwei, drei Leute vom jeweiligen Theater.
Die Spannung steigt. «Ich schlafe vor jeder Premiere extrem schlecht, und eigentlich würde ich dann am liebsten mit niemandem mehr sprechen», sagt sie. Aber natürlich interessieren sich die Medien, was gut für die Publizität ist, und so gibt Gardi Hutter eben Interviews.
Eine Stunde vor Premierenbeginn sind ihre Nerven zum Zerreissen gespannt. Sie macht Körperübungen auf der Bühne, versucht, sich zu konzentrieren, die Energie zu bündeln. Doch da ist die Kamera der Schweizer Nachrichtensendung «10 vor 10», und ein Journalist hält ihr das Mikrofon vors Gesicht. Man spürt ihre Nervosität, aber sie bleibt Profi, antwortet, obwohl sie in diesem Moment eigentlich nur eines möchte: ihre Ruhe. «Die Anspannung ist jenseitig», sagt sie ins Mikrofon, und man glaubt es ihr. «Ein Jahr Arbeit muss nun durch diesen ganz engen Kanal, durch diese Premiere, und es steht so viel auf dem Spiel.»
Das Ende des Satzes ist nicht nur so dahergesagt. Gardi Hutter ist die Darstellerin, aber auch die Produzentin. Das bedeutet, dass sie viel Geld in die Hand nimmt, um das Stück zu realisieren, um alle Beteiligten zu bezahlen, von der Technik über die Regie bis zum ganzen Material, den Raummieten, der Werbung, der Agentin und vielem mehr. Dafür gehören ihr die Einnahmen aus der Tournee, und wenn das Ganze ein Erfolg wird, rechnet sich die Sache. Aber das Risiko ist erheblich.
«Das ist das Schönste und das Schlimmste an meinem Beruf», sagt Gardi Hutter, «die grosse Freiheit, dass ich spielen und erfinden kann, was ich will, und jedes Mal die Chance habe, über mich selbst hinauszuwachsen. Andererseits lässt sich ein Erfolg nie sicher planen. Man hat keine Gewähr, dass es gelingen wird.» Man muss sich ein Publikum suchen, muss es begeistern und verführen. Es ist ein freier Markt mit schmalen Subventionen. Gardi hat schon vor der Premiere von «Die Schneiderin» hundert Vorstellungen in ganz Europa verkauft. Bis 2020 wird sie diese Figur mehr als 500 Mal spielen. Sie ist nicht nur Clownin, nicht nur Autorin und Künstlerin, sie ist auch Geschäftsfrau.
Donnerstag, 28. Oktober, 20 Uhr im Theaterhaus Stuttgart, eine grosse private Spielstätte im Norden der Stadt. Alt und neu verbinden sich in der ehemaligen Glasfabrik. Das Licht im grossen Saal erlischt. Und dann geht es los. Tausend Kleinigkeiten greifen während der Vorstellung ineinander: Licht, Musik, Übergänge, Gags, Videoeinspielungen. Zum Auftakt sitzt Hanna im Schneidersitz auf dem Tisch, näht an einem weissen Kleid, nickt kurz ein, der Kopf kippt nach vorne. Die lange Nadel pikst ihre dicke, rote Nase. Hanna schreckt auf, quiekt, der erste Lacher nach 15 Sekunden. «Ich merke in der ersten Minute, ob ein Abend gut wird oder nicht», sagt Gardi Hutter. Dahinter steckt nicht nur die jahrelange Erfahrung, sondern auch ihr ausgeprägtes kommunikatives Sensorium. Sie kann sich enorm gut auf verschiedenste Situationen und Menschen einlassen, vor allem auch auf einen gefüllten Saal vor ihr. Im stummen Dialog mit dem Publikum, mit Mimik und Gestik, schafft sie den Energieaustausch mit den Menschen und läuft dabei zur Hochform auf – die perfekte Eigenschaft einer Clownin.
Irgendwann kommt die Anmachszene, in der sie ins Publikum geht, einen gut aussehenden jungen Mann auf die Bühne holt, sich mit ihm auf den Tisch setzt und ihm mit ihrer unnachahmlichen Hanna-Art schöne Augen macht. Man kann nicht anders, als über dieses verzweifelt noch ein letztes Mal Liebe suchende Wesen mit dem verfilzten Haarschopf, den rollenden Augen und der dicken Clownnase zu lachen. Grossartig, wie sich die unförmige Hanna im Gegenlicht zu Joe Cockers «You Can Leave Your Hat On» lasziv im Halbdunkel auszieht. Danach steht sie in weisser Unterwäsche, in Form von Hemd und Hose, da und sieht plötzlich aus wie ihr sphärisches Gegenüber, ihre Seele im Spiegel. Das Publikum johlt und lacht. Und es war nie billig oder schlechter Geschmack, sondern nur lustig, bewegend und anrührend, weil zutiefst menschlich.
Nach siebzig Minuten stirbt Hanna freiwillig. Sie sieht die Seele ihres Vogels im Spiegel flattern und will ihm folgen. Sie spannt hinter sich ein weisses Segel auf, im Tisch öffnet sich ein Grab, sie steigt hinein, lässt vor sich ein wallendes, hellblaues Stück Stoff herabfliessen, fixiert es so an der Grabklappe, dass das Bild eines Boots im Wasser entsteht, winkt – ganz Kapitänin auf ihrem Schiff – und versinkt leise.
Das Licht geht aus, Klatschen, Jubel. Aus dem Dunkel taucht die erleichterte Gardi Hutter auf, verbeugt sich, nimmt dankbar den Applaus entgegen und bittet das ganze Team auf die Bühne. «Beim Schlussapplaus an der Premiere weine ich vor Erleichterung.» Hinter der Bühne umarmen sich alle Beteiligten lange und intensiv. Es hat geklappt, es war toll. Freude pur. Und Gardi Hutter strahlt diesmal in die Kamera von «10 vor 10», erhitzt, erschöpft, erlöst und rundum glücklich. Es gibt noch eine Premierenfeier im Haus für geladene Gäste, und nach Mitternacht sinkt sie ins Bett. «Ich kann, ich will dann an nichts mehr denken, nur noch schlafen!»
1953 bis 1966
Drei Brüder und eine katholische Erziehung
Frühling 1956, ein Sonntagnachmittag im St. Galler Rheintal, drei Kinder in einer Blumenwiese. Gardi Hutter in der Mitte, mit üppigem Blumenstrauss, glattem, blondem Bubikopf, im Trägerröckchen. Fest steht sie da, der Blick etwas kritisch, fragend. Die Kleine zwischen den grösseren Brüdern. Links Erwin, der Älteste, trotziger Mund, dunkleres Haar als die Geschwister, in der Hand eine Blume. Rechts Fredi, der Zweitgeborene. Beide Buben in denselben Shorts mit Kurzarmhemd und Pullunder. Die Kleider der Kinder hat die Mutter selbst genäht. Der vierte im Bunde fehlt auf dem Bild: Gilbert, der Jüngste. Er sitzt im Kinderwagen, kann noch nicht so schnell mitlaufen, wenn die drei Hutter-Kinder durch die Frühlingswiese toben. «Still halten und lächeln», hat Vater Erwin wohl befohlen. Nur Fredi folgt der Anweisung, Gardi und Erwin bleiben ernst. Morgens war die Familie in der Kirche, dann hat die Mutter gekocht. Am Nachmittag geht es noch etwas an die frische Luft. Am Montag wird wieder gearbeitet. Den Eltern gehört das Modehaus E. Hutter in Altstätten. Dort verkaufen sie Mäntel, Hosen, Jacken, Anzüge, Hemden, Blusen, Röcke und lassen im Schneideratelier im Haus Säume kürzen, Nähte anpassen und Kleider nach Mass anfertigen.
Es ist das dritte Kind, das im März 1953 in der Wiege liegt. Irmgard haben sie es getauft. Kaum jemand wird sie je so nennen. Vielleicht mal ein Beamter beim Blick in den Pass oder eine Lehrerin bei der Verlesung einer Klassenliste. Sie heisst Gardi, von Anfang an, Gardi Hutter. In den ersten 28 Jahren ist es ein Name wie viele andere auch. Mit dem 5.3.53 hat sich die kleine Gardi ein besonderes Datum für die Geburt ausgesucht. Dass sie mal berühmt wird, hat man ihr nicht in die Wiege gelegt.
Sie ist die erste Tochter und hat zwei grosse Brüder: Erwin, der wie der Vater heisst und fünf Jahre älter als Gardi ist. Und der 1950 geborene Wilfried, den auch nie jemand so nennt, weil er der Fredi ist. Zwei Jahre nach Gardi kommt 1955 ein weiterer Sohn zur Welt, Gilbert. Nun ist die Familie komplett. Vier Kinder sind in diesem Milieu wenig, verglichen mit den grossen katholischen Bauernfamilien wie jenen der Eltern Erwin und Irma Hutter nur eine Generation zuvor. Das junge Paar ist zwar noch ebenso religiös wie die Vorfahren, aber einen Hof bewirtschaftet es nicht. Sie haben beide Schneider gelernt und führen seit wenigen Jahren ein kleines Modehaus. Es ist eine aufstrebende katholische Kleinbürgerfamilie, in die Gardi Hutter als einziges Mädchen hineingeboren wird. Eine Herkunft, die ihre Kinder- und Jugendjahre stark prägen und noch lange Zeit nachwirken wird.
DIE ELTERN
Erwin Hutter und Irma Dietsche wachsen in den 1920er- und 1930er-Jahren in Kriessern auf. Die Hutters wohnen im Unterdorf mit zwölf Kindern, sieben Söhne und fünf Töchter. Sie sind ärmer als die Dietsches im Oberdorf, die acht Kinder haben, fünf Söhne und drei Töchter. Erwin und Irma kennen sich schon seit Kindertagen, im Dorf kennt jeder jeden. Er ist 1919 geboren, sie 1923.
Weil in beiden Familien jeweils nur ein Sohn den Hof übernehmen kann, müssen sich die Geschwister anderweitig umschauen. Erwin Hutter kommt 1935 aus der Schule. Da wird gerade eine Schneiderlehrstelle in der Umgebung frei. Man fragt nicht lange nach Talenten oder Interessen. Erwin hat grosse, kräftige Hände. Für die Arbeit auf dem Bauernhof ist er bestens geeignet. In der Schneiderlehre leidet er zu Beginn, weil die kräftigen Bauernhände Nadel und Faden beinahe nicht zu fassen kriegen. Vom vielen Sitzen bekommt er Rückenschmerzen, aber er beisst sich durch. Eine Lehre ist eine Chance auf einen Beruf, der einst eine Familie ernähren kann. Danach folgt die Rekrutenschule, in der er als Bursche das Pferd eines Vorgesetzten pflegt. Gerne würde er nach der Rekrutenschule, wie damals üblich, auf die «Stör», das heisst im Ausland auf Wanderschaft gehen. Aber es ist 1939, der Krieg bricht aus, Erwin Hutter wird eingezogen und leistet zwei Jahre Aktivdienst an der Grenze. Zwischendurch wird er immer mal wieder vom Dienst freigestellt und kann in der Herrenkleiderfabrik Lenox in Altstätten arbeiten. Dort werden Uniformen genäht, und er verdient etwas mehr als nur den kargen Sold. Der Bauernsohn ist voller Tatendrang und möchte etwas erreichen im Leben. Er macht seinen Meistertitel und eignet sich in Abendkursen kaufmännisches Wissen an. Nach Kriegsende eröffnet er mit seiner Schwester Angela eine kleine Massschneiderei an der Obergasse in Altstätten. Vom Ersparten haben sie sich eine Nähmaschine im Wert von 600 Franken gekauft, einen Bügel- und einen Arbeitstisch zu 270 Franken und Stoffe für 97 Franken. Berücksichtigt man die Teuerung, lassen sich die Zahlen zum heutigen Wert ungefähr mit fünf multiplizieren. Ein bescheidener Anfang, aber der 26-jährige Mann ist geschäftstüchtig, ein guter Schneider, und er möchte heiraten. Erwin Hutter beginnt sich für Irma Dietsche, Bauerntochter aus dem gleichen Dorf, zu interessieren. Doch die will zunächst nichts von ihm wissen.
Auch sie ist nicht ganz freiwillig Schneiderin geworden. In der Schule hatte sie ausschliesslich Bestnoten. Zu gerne hätte sie eine Sekundarschule besucht und anschliessend das Lehrerseminar. Traumberuf Lehrerin. Für ihre bäuerlichen Eltern sind das Flausen. Zu viel Bildung macht bei Frauen keinen Sinn und vereitelt womöglich die Heiratschancen. Die Realschule genügt. Später erzählt Irma Hutter ihren Kindern, dass sie über das Verbot, Lehrerin zu werden, drei Tage lang geweint habe.
Eine von Irmas älteren Schwestern ist bereits Schneiderin. Ein guter Beruf, findet der Vater, und so lernt die Jüngere ebenfalls das Schneiderhandwerk. Die Autorität der Eltern ist damals Gottes Gesetz, und Irma begehrt nicht auf. Erst als sie achtzig Jahre alt ist, wird sie Gefühle des Zorns hochkommen lassen und grollen: «Wir Mädchen waren allesamt nur Mägde.»
Dass Irma ihren Verehrer Erwin zunächst zurückweist, kann ihr Vater nicht nachvollziehen. Er ist begeistert von dem jungen Hutter. So ein Schneider passt perfekt zu seiner Tochter, sie könnten zusammen die Schneiderei in Altstätten führen und womöglich ausbauen. Aber Irma erklärt, sie sei zu wenig verliebt. Für den Vater kein stichhaltiges Argument, doch Erwin hat Geduld, schreibt sogar einen Brief an Matthias Dietsche und argumentiert darin, dass der Vater Verständnis haben müsse, man könne Irma ja nicht zwingen.
Beide Familien gehören dem ländlichen katholischen Milieu an, das sich nach aussen abschottet und für das strenge moralische Werte und ein ganzer Reigen religiöser Riten prägend sind. Dazu gehören beinahe tägliche Messebesuche, das Beichten, Beten, Andachten, die Sakramente zu Geburt, Heirat und Tod sowie spezielle Feiern an religiösen Feiertagen. Man ist Mitglied in katholischen Vereinen, und braucht man Rat, wendet man sich an den Pfarrer; ist es etwas geheimer, an einen Pater. So macht es auch Irma Dietsche. Sie ist unsicher, wie sie mit ihrem Verehrer Erwin Hutter umgehen soll. Ist es richtig, einen Mann zu heiraten, den man nicht liebt, nur weil praktische Gründe dafürsprechen? Sie erzählt später, dass der Pater ihr ganz pragmatisch geraten habe, sie solle sich einmal auf die Knie des jungen Mannes setzen, der Rest werde sich schon finden. Ob es dieser Rat ist, der die beiden am Ende zusammenbringt, oder einfach eine längere Phase des Kennenlernens, in der doch Zuneigung keimt? Hilft Erwins Geduld oder die Aussicht darauf, gemeinsam arbeiten und sich etwas aufbauen zu können?
Was immer die Gründe sind, dass die beiden am Ende doch zusammenkommen – Irma nimmt den Heiratsantrag schliesslich an. Am 7. Oktober 1946 findet die Hochzeit statt, und die Kombination der beiden Schneider wird sich als glücklich erweisen, geschäftlich und privat. Sie hätten es als Paar gut miteinander gehabt, sagt Gardi Hutter.
Zwei arbeitsame Menschen mit dem gleichen Beruf und von ähnlicher Herkunft, aber unterschiedlichem Naturell finden so nach Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen. Er, der Ruhigere, handwerklich rundum Begabte, der die Berge, das Wandern, Reisen und das Skifahren liebt. Er sei ein Optimist gewesen, sagt Gardi Hutter, und auch einer, der Risiken eingegangen sei, was sich am Ende meist ausbezahlt habe. Sie, die Geschäftsfrau durch und durch, perfektionistisch, intelligent, mit viel Bauernwitz; man kann gut mit ihr lachen und singen. Aber sie ist eine Pessimistin, macht sich ständig Sorgen und ist viel vorsichtiger als ihr Mann. Sie ist streng mit sich selbst und mit anderen; an erster Stelle stehen in ihrem Leben der gute Ruf und ihr Glaube.
DAS MODEHAUS E. HUTTER
Erwin und Irma Hutters Sprung von Kriessern nach Altstätten ist nicht riesig. Fünf Kilometer liegen zwischen den beiden Orten, aber das eine ist ein Bauerndorf, das andere ein kleines Städtchen mit damals 8300 Einwohnern und einem mittelalterlichen Ortskern. Die sankt-gallische Gemeinde Altstätten grenzt mit Kriessern an Oberriet. Liechtenstein und die österreichische Grenze sind nicht weit entfernt. Richtung Westen grenzt der Ort an den Kanton Appenzell Ausserrhoden und die Ausläufer des Alpsteins. Und Richtung Norden mündet keine zwanzig Kilometer entfernt der Rhein in den Bodensee. Der Ort hat seit dem 9. Jahrhundert die Stadtrechte, Stadtmauern und eine Verbindung zum Kloster St. Gallen. Man ist hier stolz auf die Rolle als Marktflecken der Region seit dem Mittelalter und die seit vielen Hundert Jahren gepflegte Fasnachtstradition. In vorindustrieller Zeit verhilft der Handel mit Leinwand, später mit Seide und Baumwolle einigen Familien zu grösserem Wohlstand. Im 18. Jahrhundert leistet man sich ein repräsentatives Rathaus, und an der Marktgasse entstehen stattliche Bürgerhäuser mit Bogengängen. Mit dem Bahnbau 1858 entwickelt sich eine heimische Industrie mit Webereien und Stickereiunternehmen, sie dominieren bis zum Ersten Weltkrieg. Die Zeit danach wird wirtschaftlich schwierig. Erst in den 1960er-Jahren zieht die Konjunktur wieder markant an, siedeln sich neue Betriebe in und um Altstätten an, ziehen neue Leute zu. Menschen, die auch Kleider brauchen. Es ist eine überschaubare Kleinstadt, die Wege sind kurz, man kennt sich. Die zwei dominantesten Gebäude im Ort sind die katholische und die reformierte Kirche, gefolgt vom Kloster Maria Hilf.
1948 steht nicht weit von der Obergasse, in einer Kurve am Rande der Altstadt, ein frei stehendes, dreistöckiges Haus zum Verkauf: Trogenerstrasse 24. Im Erdgeschoss lässt sich ein Kleidergeschäft einrichten, darüber kann man wohnen. Das junge Schneiderpaar hat zwar nicht genug Geld für den Kauf, aber Irmas Vater, Matthias Dietsche, bürgt für den Kredit von 53 540 Franken, den die Rheintaler Creditanstalt Au gewährt. 56 000 Franken kostet das Haus, 12 000 Franken werden in den Umbau investiert. Im Wohn- und Geschäftshaus wird 1948 das «Modehaus E. Hutter» eröffnet. Auch für Nachwuchs ist Platz: Irma ist schwanger.
Es müssen intensive Jahre sein, die folgen. Die vier Kinder werden zwischen 1948 und 1955 geboren, und Vater und Mutter packen tüchtig im Geschäft an. Die Familie wohnt im ersten und zweiten Obergeschoss. Gardis Zimmer liegt neben dem Änderungsatelier, und sie erinnert sich, wie sie als Kind oft dort war: «An den Wänden waren die Fadenspulen an Nägeln aufgesteckt. Und die Knöpfe wurden in vielen kleinen Schubladen aufbewahrt. Ich liebte es als Kind, dort zu spielen; ich kann die verschiedenen Knopfarten heute noch beschreiben. Vermutlich haben die zwei, drei Schneiderinnen, manchmal auch ein Schneider, im Atelier auch auf mich aufgepasst.» Die Faszination aus Kindertagen wird nach Jahrzehnten dann zur Inspiration für die Künstlerin.
Die Massschneiderei wird ab Mitte der 1950er-Jahre durch immer mehr Damen- und Herrenkonfektion ersetzt, und den Erstkommunions- und Firmungsanzug kauft man jetzt bei Hutters. Mit dem Laden gelingt den Eltern zwar der soziale Ausstieg aus dem einfachen bäuerlichen Leben ihrer Vorfahren, aber in gewisser Weise setzen sie es unter anderen Vorzeichen fort. Der Gewerbebetrieb und das Wohnen finden wie auf dem Bauernhof unter einem Dach statt. Vater und Mutter arbeiten beide, und die Kinder wachsen nebenher und mittendrin auf. «Meine Eltern arbeiteten jahrelang elf bis zwölf Stunden pro Tag. Es machte ihnen nichts aus. Sie waren es gewohnt vom Hof. Viel Arbeit war Teil des Lebens, galt als Tugend, und wer tüchtig war, konnte es zu etwas bringen», erzählt Gardi Hutter.
In der Schweiz kommen damals mittags alle Kinder von der Schule nach Hause. Der Laden wird für eine gute Stunde geschlossen. Kochen und Essen müssen in der kurzen Zeit effizient über die Bühne gehen. Es klappt, weil Irma Hutter sehr geübt ist: «Meine Mutter war stolz darauf, dass sie ein Mahl für sechs Personen in zwanzig Minuten auf den Tisch stellen konnte.» Und natürlich kocht sie oft vor, sie bereitet die Kartoffeln oder einen Eintopf schon am Vorabend zu, und dann brät sie noch Würste, oder es gibt Käsenudeln. Hauptsache, es geht schnell.
«PUVERLI UND RÜEBLI» BEI DEN GROSSELTERN
Die frühesten Eindrücke aus ihrer Kindheit verbindet Gardi Hutter mit den Erlebnissen auf den beiden Höfen der Grosseltern in Kriessern: «Mein Grossvater Matthias war ein strenger Patriarch. Wir fürchteten uns alle vor ihm.» Seine Frau Katharina ist das Gegenteil. Als still und liebenswert hat Gardi Hutter die Grossmutter in Erinnerung. Sie betreibt den Dorfladen von Kriessern. Als kleines Kind ist Gardi gerne und oft bei den Grosseltern in den Ferien. Dort gibt es gleichaltrige Cousinen zum Spielen, weil der Onkel, der den Hof übernommen hat, auch wieder zehn Kinder hat, und Gardi darf im Laden der Grossmutter mithelfen. Es sind die 1950er-Jahre. Im Dorfladen stehen grosse Säcke mit getrockneten Bohnen, Linsen und Nudeln. Man schöpft die Ware mit Schaufeln in Papiertüten, wiegt sie ab, kassiert. Gardi liebt diese Arbeit zusammen mit der Grossmama. Abends sitzt die Grossfamilie beisammen. Die Schwiegertochter hat gekocht, ein grosser Topf steht auf dem Tisch. Zehn und mehr Menschen tauchen ihre Löffel ein und essen alle gemeinsam aus der grossen Schüssel. Es gibt Hörnli und Apfelmus oder Kartoffeln in jeder erdenklichen Form, als Rösti, Bratkartoffeln, Kartoffelstock, «Gschwellti» mit Käse, und Ribel, ein Rheintaler Maisgericht. In der Erinnerung haften geblieben ist Gardi Hutter das wundervolle silbergraue, lange Haar der Grossmutter, das sie abends aus dem straffen Dutt befreite und mit einem Kamm langsam durchkämmte, aber auch die Rute an der Wand gleich hinter dem Platz des Grossvaters: «Wenn ein Kind etwas ausgefressen hatte, wurde es abends über dem Tisch mit der Rute gezüchtigt. Das war der Erziehungsstil damals. Und als der Sohn den Hof übernahm, sass er dann dort und hat es genauso gemacht.»
Die Dietsches sind eine lebhafte Familie. Sie reden laut und sind manchmal etwas rau, sie lachen und singen auch viel. Ihr Wohlstand kommt nicht nur vom Laden und vom Bauernbetrieb; der Grossvater ist auch Viehhändler. Im Haus herrscht ein ganz anderer Geist als bei Gottlieb und Emma Hutter im Unterdorf, den Grosseltern väterlicherseits. Hier ist alles viel kleiner und enger, ruhiger, aber auch herzlicher. Grossmutter Emma hat 14 Kinder geboren, zwei sind gestorben. Gardi Hutter sagt: «Sie war ein Wesen von fast Zen-artiger Friedlichkeit. Obwohl sie immer arbeitete, schien sie in sich zu ruhen und strahlte eine Heiterkeit aus. Mit 96 Jahren sagte sie eines Nachmittags, sie fühle sich müde. Dann legte sie sich hin und starb.»
Die Hutters sind generell stille Leute, selbst beim Jassen wird kaum gesprochen. Nur Fritz, einer der drei Brüder des Grossvaters Gottlieb – der in die USA ausgewandert war und zurückkehrte –, schlägt aus der Familie und unterhält in der Dorfwirtschaft jeweils den ganzen Saal. Prompt wird später behauptet, Gardi habe ihr Talent vom Grossonkel geerbt.
Die zwei jüngsten Schwestern von Erwin Hutter werden Klosterfrauen in Baldegg und gehen in die Mission – damals eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen aus einfachen Verhältnissen, in die Welt hinaus zu kommen. Verona Hutter schafft es in den 1970er-Jahren bis nach Papua-Neuguinea und Tansania.
Gardi hilft wie alle Kinder auf beiden Höfen mit, hütet Kühe und Schafe und liebt das Landleben. Die Bauern im Rheintal betreiben Milchwirtschaft, und viele bauen neben Kartoffeln auch Erbsen für die Konservenfabrik Hero an; so auch Gardis Grosseltern.
Seit 1886 stellt Hero Büchsenerbsen her. In den 1900er- Jahren steht die Fabrik noch in Frauenfeld, wo die umliegenden Erbsenfelder liegen, und auch im Rheintal stellen die Bauern auf das Gemüse um. Gardi Hutter lacht, als sie erzählt, dass sie in ihrer ganzen Kindheit immer nur «Puverli und Rüebli» – Schweizerdeutsch für «pois vert», grüne Erbsen, und Karotten – aus der Dose zu essen bekam und nie frische Erbsen, obwohl sie sogar beim «Puverle» mithalf, dem Pulen der Erbsen aus den Schoten. Aber das Gemüse ging in die Fabrik und landete erst aus der Büchse wieder auf dem Teller. «Aus heutiger Sicht war es ziemlich absurd. Man befand sich in einer Gegend voller frischer Erbsen und ass sie bei den Grosseltern und bei uns zu Hause aus der Büchse, aber wir Kinder liebten die Puverli und Rüebli. Und es gab sie nur am Sonntag.» Erst im Alter von etwa dreissig Jahren kommt sie nach einem Auftritt bei einem Abendessen in einem Kloster im Walsertal das erste Mal in Berührung mit frischen Erbsen – eine Offenbarung: «Ich fiel fast vom Stuhl, dass Erbsen einen solch intensiven Geschmack haben konnten, unglaublich. Aber Konserven galten in meiner Kindheit als modern – und meine Mutter hatte wenig Zeit zum Kochen.»
Die Grosseltern Dietsche mit ihren Kindern; Gardis Mutter vorne links.

Die Familie um die Grosseltern Hutter; Gardis Vater oben links.

Gardis Eltern, Irma und Erwin Dietsche, heiraten am 7. Oktober 1946 in Altstätten. Beide haben Schneider gelernt; sie bauen erfolgreich ein Modehaus auf.

1948 erwerben Hutters ein Haus an der Trogenerstrasse 24 in Altstätten. Im Erdgeschoss führen sie das Geschäft, darüber wohnt die Familie.

Ein Schaufenster Anfang der 1950er-Jahre. Das Modehaus E. Hutter führt Herren-, Damen- und Kinderkleider.

Ende der 1950er-Jahre können sich Hutters ein kleines Ferienhaus auf dem Ruppen und einen Zweitakter DKW leisten.

Sommerferien in Italien. Skeptisch betrachtet die kleine Gardi einen steinernen Löwen in Venedig – ob er nicht doch lebendig wird?

Gardi Hutter 1958 als Fünfjährige im Kindergarten; stolz bewältigt sie den Weg dorthin alleine.
Weihnachten bei Familie Hutter, es wird musiziert und viel gesungen. Auch sonst ist das Singen wichtig im Familienleben.
KATHOLISCH, ZÜCHTIG, STRENG
Gardi Hutters Kindheit kennt viele Widersprüche, Widerstände, Unterschiede, aber vielleicht ist ihr Blick auch besonders geschärft für diese Aspekte. Der Kanton St. Gallen ist konfessionell gemischt, im Rheintal leben zwar mehrheitlich Katholiken, aber in Altstätten gibt es auch eine protestantische Kirche, und die beiden konfessionellen Lager stehen sich misstrauisch, wenn nicht gar feindlich gegenüber. Man grenzt sich strikt voneinander ab. Der tiefe Graben zwischen Protestanten und Katholiken ist auch noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein deutlich spürbar. Er geht zurück auf den sogenannten Kulturkampf im 19. Jahrhundert. Liberale, aufklärerische Ideen setzen sich damals weitherum gegen den als rückständig geltenden Katholizismus durch. In der Folge grenzen sich die Katholiken immer mehr ab und igeln sich in ihrem katholischen Milieu ein. Gardi Hutter wächst in diesem nach innen zwar intakten, nach aussen aber isolierten Umfeld auf.
Man bleibt unter sich, besucht mehrmals pro Woche den Gottesdienst, schickt die Kinder auf katholische Schulen, liest katholische Zeitschriften und Bücher, wählt die Kandidaten der katholischen Partei, geht in den katholischen Turnverein, singt im katholischen Kirchenchor und bleibt in den zahlreichen katholischen Vereinen unter sich. Es wird untereinander geheiratet, und nur katholisch geschlossene Ehen werden als gültig anerkannt. Homosexualität, Scheidungen, Abtreibungen, Sexualität vor der Ehe und ausserhalb der Fortpflanzung, uneheliche Kinder – alles Verstösse gegen die göttliche Ordnung und unaussprechliche Tabus.
In diesem Klima wächst Gardi Hutter heran. Früh wird ihr eingebläut, was der Unterschied zwischen Katholiken und Reformierten sei. Letztere kommen nicht in den Himmel, und sie besuchen in Altstätten eine separate Schule. An katholischen und protestantischen Feiertagen ignorieren sich die beiden religiösen Gemeinschaften gegenseitig oder stören einander sogar. Das lässt sich einfach bewerkstelligen, indem man beispielsweise während reformierter Festtage die Wäsche raushängt oder während katholischer Prozessionen draussen auf den Feldern Mist ausfährt.
Früh lernt Gardi auch, dass es einen grossen Unterschied zwischen Buben und Mädchen gibt. Er zeigt sich darin, was die einen dürfen und die anderen nicht. Gardi Hutters Kinderwelt ist wohlsortiert in Katholiken und Protestanten, in Mädchen und Buben, in Gut und Böse. Sie besucht die katholische Primarschule für Mädchen. Wenn sie ihre Cousinen besuchen will, führt der Weg über den protestantischen Schulhof. «Da bin ich immer schnell wie der Blitz durchgerannt, aus Angst vor den Reformierten.» Sie hat nur katholische Spielgefährten; mit den anderen kommt sie kaum in Kontakt. Als Teenager werden ihr die zwei schlimmsten Vergehen für ein katholisches Mädchen eingeschärft: «Das Schlimmste war, unverheiratet schwanger zu werden, und das Zweitschlimmste, einen Reformierten heimzubringen. Meine drei Brüder haben dann zwar alle Protestantinnen geheiratet, aber da waren die Sitten schon etwas gelockert.»
Die Sache mit den Konfessionen ist für Hutters ein Balanceakt. Wann immer möglich kaufen sie in den Geschäften anderer Katholiken ein; sie wollen aber natürlich auch protestantische Kunden. Wenn die Kinder etwas für die Familie besorgen, müssen sie immer laut und deutlich sagen, wer sie sind. «Wir mussten sagen: ‹Ein Kilo Brot für Hutter.› Das war meinen Eltern sehr wichtig.» So weiss der katholische Bäcker, dass Hutters ihm treu sind – und der protestantische Ladenbesitzer schätzt es, dass Hutters auch bei ihm kaufen. Neutralität, zumindest nach aussen, ist für die Kaufleute wichtig. Aber familienintern werden Gardi und ihre Brüder streng katholisch erzogen.
Drei Kirchgänge pro Woche sind die Regel: Dienstag und Freitag müssen die Kinder vor der Schule die Frühmesse besuchen und dazu noch den Sonntagsgottesdienst: «Wir waren im Hochamt, die ganze Gemeinde zusammen. Ich sass bei den Mädchen links, meine Brüder bei den Buben rechts, und von der Empore her überwachten die Eltern, ob wir nicht verbotenerweise tuschelten – natürlich taten wir das. Das Verbotene war schon damals reizvoll. Wir wisperten nach vorne oder gaben kleine Briefchen hin und her, die wir im Gebetbuch versteckten. Wenn wir versuchten, das Kichern zu unterdrücken, ergab das so ein Schnarren durch die Nase, das wie Ersticken tönte. Meistens passierte das während der Wandlung, dem stillsten Moment der Messe. Alle Gläubigen bekamen es mit, und die Strafe zu Hause war uns so sicher wie das Schlussgebet. Trotzdem war ich sehr gläubig als Kind, es gab auch lange keine anderen Einflüsse.»
Im Elternhaus gibt es kaum Bücher: die Bibel, einige Märtyrerbücher und Johanna Spyris «Heidi», das Gardi wiederholt liest und liebt. Als die Brüder älter werden, kommen die Bücher von Karl May ins Haus, die sie ebenfalls verschlingt. Sie ist eine Leseratte, was zu Hause nicht auf viel Anklang stösst: «Hast du nichts Gescheiteres zu tun, hiess es, wenn ich mich hinter ein Buch verkroch. Lesen war Faulheit, nur Schwitzen galt als Arbeit.»
Weil die paar wenigen Bücher im Haus aus katholischen Verlagen stammen, besteht Gardi Hutters Lektüre zunächst vor allem aus Märtyrerbüchern, in denen Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, gequält und getötet werden. Sie erdulden die Qualen im Namen Jesu und werden später heiliggesprochen. Es sind frühchristliche Helden- und Heldinnengeschichten, Vorbilder für den rechten Weg ins Paradies. Gardi Hutter kann aus heutiger Sicht wenig Gutes daran finden: «Es waren letztlich Sadomaso-Bücher, in denen sehr ausführlich beschrieben wurde, wie die Heiligen gefoltert, gesteinigt, gerädert oder verbrannt, den Frauen die Brüste abgeschnitten wurden und andere Scheusslichkeiten.» Aber als Kind lebt sie die hochdramatischen Geschichten von Märtyrerinnen wie den Heiligen Lucia, Barbara oder Angela mit. Schöne, tiefgläubige Frauen, die sich eins mit Jesus Christus fühlen und dann für ihren Glauben von dunklen Bösewichten zu Tode gequält werden. Nur über das Leiden wird man erlöst, so lautet die immer gleiche Botschaft. Das kleine Mädchen lässt sich von der grossen Dramatik wie von den Ritualen der Kirche, von Musik, Weihrauch und Glockenklang, beeindrucken.
Heute schüttelt sie über vieles in ihrer religiösen Erziehung den Kopf: «Vergleiche ich diesen gefolterten Jesus mit einem mild lächelnden, tiefenentspannten Buddha, kann ich mich nur wundern über das Symbol unseres Glaubens, unseres ganzen Denkens und Fühlens. Er war allgegenwärtig. In jeder Stube, jedem Schulzimmer hing ein gefolterter Mensch am Kreuz, am Rand von Wiesen- und Waldwegen; auf Berggipfeln begegnete er einem. Eigentlich grauenhaft, ein Fall für Amnesty International. Es wurde von Liebe und Güte gesprochen, aber der Grundtenor hiess «Schuldgefühle». Man kommt schon schuldig zur Welt. Die Grundlage meiner ganzen katholischen Erziehung, die Instrumente von Angst und Einschüchterung, das würde ich heute als menschenverachtend bezeichnen.» Doch was ihr im Rückblick unverständlich erscheint, ist damals einfach normal. Die Eltern und Grosseltern haben es so gelernt und geben es weiter an die nächste Generation. Das enge Korsett moralischer und erzieherischer Werte hält noch. Kinder schulden ihren Eltern Gehorsam, so wie es im Kolosserbrief des Alten Testaments steht: «Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; das gefällt dem Herrn.» Wer nicht gehorcht, muss Gehorsam lernen. Es wird nicht diskutiert, sondern gezüchtigt. Das gehört ebenso zum Erziehungsprogramm bei Familie Hutter wie fehlende körperliche Nähe. Die Kinder werden nicht umarmt oder liebkost. Man darf sie auf keinen Fall loben oder verwöhnen, das könnte üble Folgen zeitigen. Nur Gilbert, der Jüngste, darf als Sonnenschein der Mutter etwas Nähe von ihr geniessen, man sieht es auf den Familienfotos.
Gardi Hutters Eltern sind keine böswilligen Menschen, im Gegenteil. Sie geben ihr Bestes und versuchen, gute Eltern zu sein. Doch die Erziehung ist strikte geregelt, und es herrscht eine klare Rollenteilung zwischen den Eltern. Die Mutter erzieht und ist die Hauptansprechperson für die Kinder. Wenn Gardi oder ihre Brüder etwas ausgefressen haben, gibt es von der Mutter eine Ohrfeige und die Drohung, sie sollten nur auf den Vater warten. Der muss das Kind abends zusätzlich mit dem Stock oder einem Kleiderbügel auf den Hintern züchtigen. Schläge gibt es fürs Lügen, wenn etwas kaputtgeht oder man heimlich im Laden oder im Kleiderlager Verstecken gespielt hat. Dabei ist gerade das ein besonderes Vergnügen, sich zwischen den Mänteln und Röcken zu verbergen und mit den Brüdern zwischen den vielen Kleidern Fangen und Verstecken zu spielen. Nur erwischen lassen darf man sich nicht. «Wenn uns die Mutter in der Hitze des Gefechts nur eine Ohrfeige verpasst hätte, wäre es noch gegangen», sagt Gardi Hutter, «aber schlimm war, dass der Vater uns abends nochmals für das gleiche Vergehen bestrafte. Bis dann war die Aufregung aber meist schon vorbei, es ergab gar keinen Sinn mehr.»
Der Vater ist überhaupt ruhiger und gelassener als die Mutter. Gardi meint, er sei ein friedliebender Mensch gewesen und die Rolle als strafender Vater habe nicht zu ihm gepasst. Aber er muss sie ausfüllen. Es gehört sich so. Die Mutter ist wachsam und hat alles unter Kontrolle. Gardi als einzige Tochter steht unter besonderer Beobachtung, sie soll ein Vorzeigemädchen sein. Doch sie ist schlau und lernt im Laufe ihrer Kindheit und Jugend, mit dem Kontrollregime umzugehen. Wenn sie etwas will, ist es am besten, sie fragt die Mutter, wenn diese im Geschäft ist, dann muss sie freundlich bleiben und sagt schneller Ja, weil Kunden im Laden sind und sie sich nicht auf lange Diskussionen einlassen kann. Wenn Gardi also fragt, ob sie draussen spielen darf, wird das zwar bewilligt, aber nie ohne Auflagen. Alle Kinder müssen von klein auf viel im Haus mithelfen. Mittags und abends werden sie eingespannt beim Abwaschen und Abtrocknen und beim Aufnehmen des Küchenbodens. Als sie grösser werden, heisst es Auto waschen, im Garten helfen, Keller aufräumen. Auch im Modehaus müssen sie mithelfen, beim Auspacken neuer Lieferungen und beim jährlichen Inventarisieren. Der Vater liest von jedem Kleidungsstück die Nummer auf dem Etikett ab, und die Kinder tragen sie in eine Liste ein. «Wenn neue Kleider in Schachteln angeliefert wurden, mussten wir alle Schnüre aufwickeln und stundenlang das Seidenpapier, das die Kleider knitterfrei halten sollte, ausstreichen und zusammenlegen. Nichts wurde weggeworfen, alles wurde wiederverwendet. Das geht mir bis heute nach. Wenn ich etwas mit Seidenpapier geliefert bekomme, streiche ich es aus und bewahre es auf.»
Dass die Kinder so viel helfen müssen, hat einerseits mit der hohen Arbeitsbelastung der Eltern zu tun; es ist gleichzeitig aber auch Teil des erzieherischen «Antiverwöhnprogramms». Gespielt wird erst, nachdem etwas geleistet wurde. Wie auf dem Bauernhof müssen alle mit anpacken. Und auch einen religiösen Zug hat die Methode: Irma Hutter lebt nach dem Motto «Müssiggang ist aller Laster Anfang». Doch es ist nicht etwa so, dass die Kinder dauernd kontrolliert würden, das geht gar nicht. Die Eltern sind viel zu beschäftigt im Laden, und so gibt es trotz strenger Erziehung doch einigen Freiraum, den die Kinder draussen nutzen.
MÄDCHEN SIND «DAS ANDERE»
«Wenn wir aus dem Haus waren, dann waren wir frei. Wir spielten stundenlang Verstecken und Völkerball auf der Strasse, und mit den Nachbarskindern haben wir wilde Banden gebildet. Es kam kaum ein Auto, und wenn, dann ist man kurz zur Seite getreten.» Die Altstadt ist belebt von kleinen Gewerbebetrieben. Gleich in der Nachbarschaft des Modehauses befinden sich nicht nur ein Bäcker und ein Metzger, sondern auch ein Gerber, ein Schmied und ein Küfer, der Fässer herstellt. «Ich weiss heute noch, wie es beim Gerber und in der Schmiede roch und wie wir Kinder zusahen, als im Notschlachthaus eine Kuh ausgenommen wurde, die ausgestreckt am Boden lag. Das machte uns grossen Eindruck. Als ich klein war, spielte ich auch oft draussen mit Puppen. Ich habe mit Nachbarsmädchen mit abgebrochenen Bleistiftminen ein Haus, ein Spital, die Schule, den Laden et cetera auf die Strasse gemalt, und dann sind wir mit den Puppen hin- und hergegangen und haben uns Geschichten ausgedacht.»
Das ist die Mädchenseite ihrer Spiele, aber es gibt auch die Bubenseite, an der sie sich gerne beteiligt. «Meine zwei grossen Brüder haben viel Unfug und Gefährliches gemacht, sind von hohen Mauern gesprungen, haben ein Luftdruckgewehr ausprobiert, und ich bin natürlich immer mit und hinterher. Sie waren meine grossen Vorbilder.» Ein zugelaufener Hund wird in die Familie aufgenommen und Rexli genannt.
Die Position von Gardi als drittem Kind und einzigem Mädchen in der Familie ist nicht immer einfach. Den beiden grossen Brüdern eifert sie nach. Dass diese oft auf ihre kleine Schwester aufpassen müssen, ist ihnen aber eher lästig. Denn wenn die Kleine ihnen nachrennt, umfällt und schreit, werden sie mit einer Ohrfeige bestraft. Gardi hingegen muss sich als Jüngere wehren und verteidigen. «Es ging rau zu und her. Wir waren vier Kinder und wetteiferten um alles, vom Dessert bei Tisch bis zur Aufmerksamkeit der Eltern.» Wenn Gardi zu Weihnachten oder zum Geburtstag Schokolade bekommt, muss sie diese gut vor Erwin und Fredi verstecken. Und dann finden sie sie trotzdem, essen sie der Schwester genüsslich weg und platzen vor Schadenfreude. Denn sie war ja nicht schlau genug, ein gutes Versteck zu finden. Einmal entdecken die Brüder ein Tagebuch, das Gardi führt, lesen es und ziehen sie damit auf. Gardi ist wütend und gekränkt, auch dass die Mutter sie in solchen Momenten nicht in Schutz nimmt. Sie fühlt sich oft alleine. Ihr Zimmer ist viel grösser als der enge Raum, den die drei Buben teilen, weil er auch noch als Gästezimmer dient. Die Brüder beneiden sie um das grosse Einzelzimmer. Sie wiederum wäre nur zu gern Teil der Zimmergemeinschaft nebenan. Wegen einer fehlenden Heizungsröhre klafft ein Loch in der Wand zwischen den Räumen. Gardi beobachtet wehmütig, wie die Jungs miteinander toben. Sie gehört dazu und gehört doch nicht dazu; ein unbestimmtes Gefühl von Fremdheit, von Danebenstehen, Nicht-ganz-beteiligt-Sein, wird zu ihrem ständigen Begleiter.
Hängt die Fremdheit auch damit zusammen, dass der Geschlechterunterschied von den Eltern so stark betont wird? Gardi möchte sein wie die Brüder, muss aber anders sein, weil sie ein Mädchen ist. Mädchen sind brav, tragen Röckchen, weisse Kniesocken, klettern nicht auf Bäume, pfeifen nicht und sind nicht laut. Mädchen nehmen sich zurück, passen sich an, sind lieb.
Es sind nicht nur die Eltern, die so denken – die gesellschaftlichen Strukturen sind darauf ausgelegt, den Geschlechterunterschied zu betonen. Vom getrennten Schulunterricht über die Trennung in den Kirchenbänken bis zu den zwei unterschiedlichen Kinder- und Jugendverbänden: Pfadfinder für die Buben und Blauring für die Mädchen. Während die Brüder mit der Pfadi durch den Wald pirschen und im Pfingstlager zelten dürfen, sitzt Gardi im Blauring, wo gehäkelt und gebastelt wird. «Mit 13 konnte ich dann endlich auch in die Pfadi, als Leiterin für die Jüngsten, die Wölfli. Kaum war das möglich, wechselte ich sofort. Aber natürlich konnte ich da nicht rumtoben. Ich war ja verantwortlich für die Kleinen – war quasi die vorbildliche Ferienmutter. Aber mit einem Pfadiführer scheu geschmust habe ich dann trotzdem.»
Die Botschaft in ihrer Jugend ist immer dieselbe: Mädchen sind «das Andere». Gardi ist von ihrem Naturell her aber gar nicht so anders. Sie steckt voller Energie. Sie rennt gerne mit den Buben mit, eifert den zwei Grossen nach, hat ihren Spass an wilden Spielen und Mutproben. Erwünscht ist das nicht. Und so steht sie zwischen den Welten. Sie soll anders sein und anders werden. Sie hadert mit dem Mädchenbild, so wie sie später mit dem Frauenbild hadern wird. «Ich denke, dass ich eine andere Person geworden wäre, vielleicht sogar einen anderen Lebensweg eingeschlagen hätte, wenn wir zwei Mädchen und zwei Buben in der Familie gewesen wären», sagt sie im Rückblick, «es wäre mir einiges an Selbstzweifeln erspart geblieben.»
Der jüngste Bruder Gilbert habe es am einfachsten gehabt, sagt sie. Er ist Mutters Liebling, verhält sich umgänglich und brav, ist nicht so trotzig wie die ältere Schwester. Erwin, Fredi und Gilbert Hutter erleben ihre Kindheit weniger streng als die Schwester. Eine schöne Kindheit hätten sie gehabt, erzählen sie heute und bestätigen gleichzeitig, dass es für Gardi als einziges Mädchen schwieriger gewesen sei. Die Mutter erlaubt den Buben mehr und kontrolliert sie weniger. Aber auch für Gardi ist nicht alles geprägt von Zwang und negativen Erfahrungen.
WOCHENEND- UND FERIENFREUDEN
Die Tüchtigkeit von Vater und Mutter zahlt sich aus. Obwohl es am Rathausplatz einen alteingesessenen Konkurrenten gibt, der für alle im Ort hörbar den «Bauernsohn als Kaufmann» verspottet, beginnt das Modehaus Hutter schon bald zu florieren. Ende der 1950er-Jahre leisten sich die Eltern ein Feriendomizil: die Hälfte eines kleinen Bauernhauses auf dem Ruppen. Hutters gehören auch zu den wenigen, die schon ein Auto besitzen, einen Zweitakter DKW, der in Gardi Hutters Erinnerung furchtbar stinkt. Davor fahren die Eltern auf einer Lambretta, einem Roller, auf dem auch Erwin und Fredi als Kleinkinder auf Ausflüge mitgenommen werden.
Im DKW wird den Kindern immer schlecht, wenn sie zu viert in den Wagen gequetscht werden. Auf langen Fahrten bekommen alle eine leere Heliomalt-Büchse auf den Schoss, für den Fall, dass sich jemand übergeben muss, und dann wird gesungen, und zwar so lautstark und viel, dass die Kinder die Übelkeit vergessen.
Am Samstag ist um 16 Uhr Ladenschluss, keine Viertelstunde später sitzt Familie Hutter im Auto und fährt die gut zehn Minuten hoch auf den Berg zum Ferienhaus. Alle haben noch schnell die Kleider gewechselt. Vom ordentlichen Gewand in ausgebeulte Lumpen. Der Ruppenpass führt hinter Altstätten in Richtung Appenzellerland. Die Aussicht vom Haus aus ist fantastisch und geht weit über das Rheintal. Alle sechs Hutters fühlen sich hier wohl.
Das Gebäude ist sehr bescheiden, verfügt zunächst weder über fliessendes Wasser noch über Heizung oder Strom. Hier kann sich Bauernsohn Erwin Hutter verwirklichen. Er streicht, hämmert, zieht Leitungen ins Haus – alles wird selbst installiert und gebaut. «Meine Eltern mussten nie Hunger leiden, aber in ihrem Gedächtnis war sicher noch gespeichert, wie karg die Bauern ein, zwei Generationen vor ihnen gelebt hatten. Deshalb wurde alles aufgespart und wiederverwendet. Sie hatten es so gelernt und gaben es an die nächste Generation weiter. Sie waren nicht eigentlich geizig, aber sehr sparsam, wenn es um Kleinigkeiten im Alltag ging. Als dann später alle von Recycling redeten, mussten sie nichts dazulernen.»
Das Haus am Ruppen und seine Umgebung hat Gardi Hutter als ihr Kindheitsparadies in Erinnerung: «Dort gingen wir morgens zu viert in den Wald und kamen abends wieder zurück.» Die vierköpfige Rasselbande tobt ums Haus, spielt in den beiden Baumhäusern, die Erwin und Fredi gezimmert haben, Räuber und Poli (Gendarm), Cowboy und Indianer. Gardi immer mittendrin. Solange die vier Kinder klein sind, stört es die Buben nicht, dass sie ein Mädchen ist, sie muss nicht die Squaw spielen. Doch als die älteren Brüder zu pubertieren beginnen, wollen sie irgendwann nicht mehr mit der kleinen Schwester spielen. Sie wird abgewiesen. «Wir spielen nicht mit Weibern», heisst es, was sie sehr kränkt.
Im Ferienhaus nimmt sich die Mutter Zeit für die Kinder. Bei schlechtem Wetter wird gemalt und gebastelt. Kasperlefiguren aus Pappmaché entstehen, mit denen anschliessend ausgiebig gespielt wird. Man ist unter sich, hier gibt es Momente familiärer Innigkeit, die im Alltag sonst so kaum möglich sind.
Im Sommer wird im kleinen Pool, den der Vater ausgehoben und eigenhändig ausgekleidet hat, gebadet und gespritzt. Ein grosser Magnet für die Bauernkinder aus der Umgebung.
Der Vater ist ein begeisterter Wanderer und Bergsteiger. Die Familie unternimmt kleinere und grössere Touren. Die Kleinen werden auf dem Rücken mitgetragen. Und später, als die Kinder heranwachsen, macht der Vater oft auch ausgedehntere Bergtouren mit den vier Kindern. Die Mutter bleibt im Tal. Sie geht spazieren und einkaufen, fern von den Altstätter Kleingeschäften sogar in die sonst verbotene Migros.
Erwin Hutter ist Mitglied im Schweizer Alpen-Club SAC, der Nachwuchs im Alpen-Jugendclub. Es wird nicht nur gewandert, sondern auch geklettert. Gardi Hutter ist bis in ihre Teenagerjahre mit dabei und liebt die Berge ebenso sehr wie ihr Vater und die Brüder. Erwin und Gilbert machen als Erwachsene beide die Ausbildung des SAC zum Bergführer, leiten immer wieder Touren und pflegen das vom Vater angestiftete «Familienhobby» ein Leben lang.
Und natürlich wird auch Ski gefahren. Der Vater lernt zwar erst spät Ski fahren, mit Ende dreissig, aber noch rechtzeitig, um es mit seinen Kindern zu geniessen. Von Altstätten aus führt eine Schmalspurbahn bergauf Richtung Gais. Sobald es genügend Schnee hat, nehmen die Schulkinder an schulfreien Nachmittagen oder am Samstag den kleinen Zug, fahren auf die Höhe, den Stoss, und sausen hinunter. Ein Heidenspass, den ganzen Winter lang.
Ein Auto, ein Ferienhaus, bald einmal auch einen Fernseher – in einem abschliessbaren Schrank – und erste Auslandsferien kann sich Familie Hutter dank des wachsenden Wohlstands Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre leisten. Das Modehaus Hutter ist eines der ersten Geschäfte im Ort, die im Sommer zwei Wochen schliessen und ein Schild an die Tür hängen: «Wegen Ferien geschlossen». Mit dem DKW geht es mal nach Ascona zum Camping und bald darauf bis nach Italien ans Meer, die Heliomalt-Büchsen immer mit dabei. Zeltferien an der Adria in Cattolica und Jesolo, am breiten Strand mit endlos vielen Schirmen und Liegen. Auslandsferien – ein Abenteuer mit Meer und Sand, Gelati und Pizza und einer ungewohnten Sprache. Ein Foto von einem Ausflug nach Venedig zeigt die Kinder zu Füssen einer Löwenstatue. Die kleine Gardi schaut skeptisch hoch. Ist der Löwe wirklich aus Stein, wird er nicht vielleicht doch noch lebendig? Sie kann sich noch heute an die Furcht erinnern – ihre lebhafte Fantasie.
Neben den sportlichen Betätigungen und den Ferienfreuden ist das Singen eine weitere Spezialität im Familienleben der Hutters. Ob beim Geschirrabwaschen, abends im Wohnzimmer, auf Autofahrten oder beim Wandern, Familie Hutter singt Volkslieder, Kinderlieder, Wanderlieder, Soldatenlieder und am Jahresende voller Inbrunst Weihnachtslieder – das Repertoire ist gross. Die Mutter hat eine schöne Altstimme und singt oft die zweite Stimme. Zu sechst bildet man schon fast einen kleinen Chor, wobei der Vater eher mitsummt als singt. Gardi Hutter kennt die meisten Liedtexte heute noch und denkt mit leichter Wehmut zurück an die Selbstverständlichkeit, die im gemeinsamen Gesang lag. «Wir hatten bis Anfang der 1960er-Jahre keinen Fernseher, es gab wenig Ablenkung, die Abende waren lang. Im Sommer spielte man draussen. Im Winter wurde gejasst, wir spielten Eile mit Weile, Mühle und Dame oder beteten Rosenkränze. Man konnte auch einfach mal nur dasitzen und sich etwas umschauen. Undenkbar im Vergleich zur heutigen Intensität unseres Alltags. Es war zwar langweiliger, aber psychologisch sicher einfacher.»
Musik bildet zwar einen Teil des kindlichen Erfahrungsschatzes, aber nur ganz bestimmte Arten von Musik: Volkslieder, Kirchenmusik und Volkstümliches auf Radio Beromünster. Sobald es klassisch wird, wird der Apparat abgedreht. Mozart oder Beethoven gibt es bei Hutters nicht, klassische Musik ist ihnen fremd. Bei Opern halten sich alle die Ohren zu, und modernere Klänge, wie amerikanischer Jazz oder Elvis Presley, gelten als «Schund» und werden von der Familie ferngehalten. «Schund» ist in jener Zeit eine Klammer für alles, was nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch abgründig scheint.
DER REIZ DES VERBOTENEN
1958 kommt die kleine Gardi in den Kindergarten. Den Weg darf sie ganz alleine machen, und sie ist stolz darauf. Der Kindergarten gefällt ihr sehr, insbesondere die kleinen, an die Kinder angepassten Toiletten. An jeder Tür ist ein anderes Märchenmotiv. «Das gefiel mir. Ich überlegte mir vorher immer, ob ich nun heute beim Dornröschen oder bei Schneewittchen mein Pipi machen sollte.» Man darf den ganzen Tag spielen und muss nicht helfen – ein weiterer Vorteil. «Bei uns daheim musste ich ja immer zuerst etwas erledigen, bevor ich spielen durfte.»
Nach zwei Jahren Kindergarten beginnt 1960 die Schule, und die besucht Gardi fast noch lieber. In der katholischen Mädchenschule in Altstätten wird sie in den ersten Jahren von Nonnen aus dem lokalen Kapuzinerkloster Maria Hilf unterrichtet, in Klassen mit vierzig und mehr Kindern. Disziplin ist auch in der Schule das oberste Gebot. Die Nonnen greifen streng durch. Wer stört, muss in die Ecke oder bekommt mit dem Lineal eins auf die Hand.
In der fünften Klasse kommt Gardi zu Herrn Schwarz. Auch er ist streng, aber alle lieben ihn: endlich ein Laie – und ein Mann. Er veranstaltet Wettbewerbe im Kopfrechnen, die entweder Ruthli oder Gardi gewinnen – und immer die Gleichen verlieren. Ihr beginnen die Unterschiede zu Kindern aus ärmeren Familien aufzufallen. «Die Kugelgasse, das war sozusagen das Armenviertel von Altstätten. Eine Strasse auf der anderen Seite der Altstadt mit kleineren, gedrungenen Häusern. Für die Kinder, die von dort kamen, muss die Schule besonders schlimm gewesen sein. Sie trugen den Stempel, Armeleutekinder zu sein; und sie kamen häufig nur schlecht mit. Wie sich die Kinder in der Klasse gruppierten und zusammensassen, spiegelte von klein auf die sozialen Schichten der Stadt. Wer etwas in der Stadt galt und wer nichts, wer verachtet wurde, wer nicht – es hatte immer mit Geld zu tun.»
Gardi Hutter sagt, dass ihre Familie zwar zu einer oberen Schicht im Städtchen gehörte, aber ganz akzeptiert seien sie trotzdem nicht gewesen. «Wir waren Neureiche. Wir hatten zwar das Geld, aber uns fehlte die Kultur. Als Kaufleute gehörten wir zur Kleinbürgerschicht, aber es lag immer eine Art Schatten auf uns.»
Gardi wird zur Pendlerin zwischen den Welten – aus Neugierde, und vielleicht reizt sie das Verbotene. Sie spielt gerne mit Freundinnen in der Kugelgasse, auch weil es ein wenig gefährlich und unberechenbar ist. Die Häuser sind oft dunkel und feucht, es riecht anders. Die Mutter darf nichts davon erfahren. Die Eltern einer ihrer Freundinnen aus der Schule führen ein Wirtshaus. Gardis Mutter sieht auch diesen Umgang nicht besonders gerne.
Am liebsten ist es der Mutter, wenn Gardi mit der Tochter einer der angesehensten Familien im Ort zusammen ist. Die Familie besitzt eine Glaswarenmanufaktur. «Sie hatten ein grosses, ehrwürdiges Haus in der Altstadt und ganz dicke Teppiche auf der Treppe, die jeden Ton schluckten, sodass man keinen Tritt mehr hörte. Es gab Holztäfer, Kerzenständer, Porzellan hinter Glas und eine Bibliothek. Das hat mich alles enorm beeindruckt. Die Mutter servierte uns etwas zu trinken, wenn wir dort waren. Das war für mich unfassbar. Meine Mutter hätte uns Mädchen nie etwas serviert, im Gegenteil. Wenn ich Besuch hatte, musste nicht nur ich mithelfen, sondern auch meine Freundin wurde mit eingespannt.» Und dann gibt es noch eine andere Tochter aus gutem Haus, bei der Gardi oft aus einem ganz bestimmten Grund ist. Mickey-Mouse-Hefte sind bei Hutters verboten – Stichwort: Schund. Jedes gefundene Heft wird sofort verbrannt. «Meine Freundin aber hatte einen Schrank voll davon. Ich erinnere mich an dieses Gefühl, den Schrank zu öffnen, und da lagen stapelweise Mickey-Mouse-Hefte – das Paradies. Ich nahm gleich zwanzig Hefte auf die Knie und versank darin.»
DU SOLLST NICHT ZWEIFELN
Im März 1962 wird Gardi neun Jahre alt. Bald darauf findet die Erstkommunion statt. Davor muss man das erste Mal beichten und von da an regelmässig einmal pro Monat. Von all der Schuld, die man immer wieder auf sich lädt, kann man sich so befreien. Doch was können neunjährige Kinder schon beichten? Gardis Bruder Fredi erzählt, dass seine Primarschullehrerin, Schwester Klara, damals die Klasse instruiert habe, wie und was zu beichten sei: «Ich glaube an die Kirche. Ich habe geschwatzt, ich hatte unkeusche Gedanken, ich habe genascht.»
Als Gardi so weit ist, schärfen ihr die beiden grossen Brüder ein, dass sie nicht nur schlimme Taten beichten müsse. «Meine Brüder waren gemein. Sie lagen mir ständig in den Ohren damit, dass nur schon ein unkeuscher Gedanke Sünde wäre, weil Gott alles sehe, auch das, was ich nur schnell gedacht hätte. Und so quälte ich mich mit allen möglichen und unmöglichen Sünden. Es war nicht mal erlaubt, daran zu denken, einen Jungen zu küssen. Über Schuldgefühle stolpere ich heute noch. Das war für mich das Schwierigste aus meiner Erziehung: das wieder loszuwerden.»
Die Fotos vom grossen Tag zeigen eine wunderbar brave Gardi auf dem offiziellen Kommunionsfoto im langen, weissen Kleid mit Handschuhen, Rosenkranz, einer Kette mit Kreuz um den Hals und weissem Schleier auf dem Kopf; ein unschuldiger, leicht verkrampfter kleiner Engel.
Das erste Mal die Hostie zu bekommen, sie auf der Zunge zu spüren. Gardi weiss noch, wie ernst und innig dieser Moment in der Kirche damals für sie war: «Die Vorstellung, dass ich mit der Hostie den Leib Jesus in mich aufnehme, daran habe ich nicht nur geglaubt, ich habe ihn gespürt.» Dreissig Jahre später wird sie in ihren Aufzeichnungen festhalten, wie schön sie sich damals in dem weissen, langen Kleid fühlte, wie eine Prinzessin. Aber nach der Kirche fährt die Familie ins Ferienhaus auf den Ruppen, und Gardi muss das Kleid ausziehen. Sie will nicht, aber sie muss: «Ich höre noch meine Mutter schimpfen: ‹Tu nicht so hochmütig.› Ich heulte, erst laut, dann immer leiser und war den ganzen Tag traurig – und bin es heute noch, wenn ich daran denke. Einer der seltenen Momente, in denen ich mich schön gefühlt habe.» Aber: Frömmigkeit war gefragt. Eitelkeit war Sünde und verpönt.
Jungen dürfen nach der Erstkommunion Ministranten werden. «Ich hätte wahnsinnig gerne ministriert, mit grossem Ernst das Weihrauchfass geschwungen und die Glocken geläutet», sagt sie, aber das geht natürlich nicht. Es ist den Jungen vorbehalten, weil Mädchen «von Natur aus schmutzig» sind. Was genau an Mädchen schmutzig ist, dass es mit der Menstruation zusammenhängt, so weit geht die Erklärung nicht, und Gardi ist zu jung, um solche Regeln zu hinterfragen. Später aber entwickelt sie eine grosse Wut auf das körper- und frauenfeindliche Diktat der Kirche.
Doch so weit ist es noch nicht. Als Kind ist Gardi Hutter wie gesagt tiefgläubig. Gott, den Teufel, die Sünde, all das gibt es in ihrer Vorstellungswelt. Bis sich ein erster leiser Zweifel einschleicht. Sie kann sich noch an ihre Empörung erinnern: «Es hiess, dass ungetaufte Kinder nicht in den Himmel kommen. Sie kommen in eine Zwischenwelt, den Limbus, und bleiben dort für immer und ewig. Ich fand das ungerecht: Sie können doch nichts dafür. Es sträubte sich alles in mir. Ich fragte nach und wurde gerügt. Zweifeln war Sünde und ebenso wenig erwünscht wie Auflehnung. Was in der Kirche gesagt wurde, das galt, und der Papst konnte nicht irren, denn er war ja der Vertreter Gottes.»
Nach längeren internen Diskussionen und einem 41 Seiten langen Bericht stimmt Papst Benedikt XVI. 2007 schliesslich der Auffassung zu, dass der Limbus nur eine «theologische Hypothese» sei und kleine Kinder, die ungetauft sterben, direkt ins Paradies kämen. Gardi Hutter ahnte es schon fünfzig Jahre früher.
Zur Kirche und ihren Traditionen, ihren Zwängen, Auswüchsen, aber auch zu den inspirierenden Seiten hat Gardi Hutter viel zu erzählen. Aus der heutigen Warte beleuchtet sie die Mechanismen dahinter kritisch, vor allem das Frauenbild: «Die drei grossen Weltreligionen aus dem Vorderen Orient haben alle zum Ziel, den Mann als dominierende Figur zu platzieren und die Frau zu unterwerfen. Im Christentum gibt es den Gottvater und seinen Sohn und dann noch Maria. Aber sie ist keine Göttin, sondern nur eine Art keusches ‹Gefäss›. Je weiter wir in der Menschheitsgeschichte zurückgehen, desto mehr weibliche Gottheiten finden sich. Noch bei den Griechen sind sie starke Persönlichkeiten, werden dann aber immer dekorativer.» Sie ereifert sich, wenn sie darüber spricht. «Die Idee der unbefleckten Empfängnis, wie abstrus ist das denn? Ist Empfängnis, also ein Kind zu zeugen, im Normalfall befleckt? Dieser schönste und heiligste Akt unseres Lebens? Wenn ich mir überlege, wie viele gebildete Männer als Exegeten ihr Leben und ihre Intelligenz dazu benutzt haben, um solchen Unsinn hinzubiegen und in unfehlbare Argumente zu verpacken! Dabei geht es am Ende doch nur um Machtpolitik. Wenn es im Himmel keine Göttin gibt, gibt es auf Erden auch keine. Das ist letztlich extrem raffiniert ausgedacht.»
INSPIRATION FASNACHT
Doch Gardi Hutter berichtet auch von Positivem aus diesem katholischen Umfeld. Weihnachten, die verschiedenen Prozessionen und die Altstätter Fasnacht gehören dazu. Ein paar Tage vor Weihnachten ist das Wohnzimmer jeweils plötzlich zugesperrt. Dann wissen die Kinder, dass das Christkind jetzt daran ist, alles vorzubereiten. «Wir äugten natürlich durchs Schlüsselloch, und einmal sah ich tatsächlich ein Zipfelchen vom Christkind, ich war mir ganz sicher. Das Kindlein, das sonst in der Windel in der Krippe lag, flog durch den Raum, dekorierte und brachte die Geschenke, so stellte ich es mir vor. Nach unendlich langem Warten ging an Heiligabend dann endlich die Tür auf, die Kerzen brannten am Baum, die Geschenke lagen da. Es war jedes Mal eine Verzauberung. Dann wurden alle Weihnachtslieder rauf und runter gesungen, und jedes Kind musste ein Gedicht aufsagen. Es wurde Blockflöte und Handorgel gespielt, und irgendwann durften wir endlich die Geschenke auspacken.»
Als optisch schöne katholische Bräuche hat Gardi Hutter die Prozessionen am Palmsonntag und zu Fronleichnam in Erinnerung. Eine Woche vor Ostern wird mit dem Palmsonntag die Heilige Woche eingeleitet. Die Buben dürfen mit Buchszweigen grosse Gestänge binden, die sie an der Prozession tragen. Für die Mädchen gibt es kleine Blumenkörbe. Gardi beneidet einmal mehr die Brüder um die eindrücklichen Kreuze, die manchmal zwei bis drei Meter hoch sind.
Die Prozession wird durch das Städtchen geführt. Strassen und Plätze werden mit frischem Buchenlaub, mit Gräsern und Blumen geschmückt, richtige Blumenteppiche werden auf dem Weg der Prozession ausgebreitet. Die Hausbesitzer wetteifern um die schönste Dekoration, Hutters gehören dazu. Beim Umzug gehen vorneweg die Geistlichen und Ministranten, dahinter weiss gekleidete Mädchen. «Wir waren in unserer Jugend auf vielen Prozessionen, nicht nur am Palmsonntag und zu Fronleichnam, auch zur Forstkapelle, zur Flurbegehung, zum Weissen Sonntag und so weiter. Das ist aus heutiger Sicht eine Form von erlebtem, empfundenem und visualisiertem Glauben. Es waren kollektive Rituale, die für meine Kinderseele sehr nährend waren. Inszenierungen von grosser Symbolkraft, dem Theater sehr verwandt.»
Und dann die berühmte Altstätter Fasnacht, sechs Tage Ausnahmezustand, ein buntes, wildes Treiben mit fester Abfolge von Umzug, Polonaise, Beizentour und Bööggverbrennen, mit Mehl- und Gerstensuppe, Berliner Pfannkuchen, Punsch, Fasnachtschüechli und sehr viel Alkohol. Die Fasnacht in Altstätten ist weder die grösste noch die älteste der Schweiz. Aber mit einer Tradition, die auf ein erstes schriftliches Zeugnis von 1617 zurückgeht, der Vielfalt an Aktivitäten und den optisch auffälligen Röllelibutzen gehört sie zu den originellsten im Land; der gleichnamige Verein existiert seit 1919.
Auch die Fasnacht ist in Altstätten eine klar männlich dominierte Veranstaltung. Junge Frauen dürfen als sogenannte Ehrendamen eine Nebenrolle spielen: «Obwohl die Ehrendamen nun seit hundert Jahren als schmucker Teil zu den Auftritten und den Polonaisen gehören, sind diese nicht Mitglieder des Vereins. Eine Mitgliedschaft im Verein ist seit der Gründung nur Männern vorbehalten», heisst es dazu in einem neueren Buch. Seit 2004 finden die Ehrendamen zumindest Erwähnung in den Vereinsstatuten. Und in ihren langen, weissen Kleidern stehlen sie den herausgeputzten Herren gewiss nicht die Schau.
Ein Röllelibutz trägt weisse Hose, schwarze Jacke, quer über die Schultern farbige Brustbänder, eine fleischfarbene Drahtmaske und auf dem Kopf den Butzenhut, einen elaborierten Kopfschmuck mit glänzenden Perlen, Früchten, Blumen, Bändern und Federn. Um die Hüften wird das Geröll getragen, ein Lederband mit Schellen, die beim Herumspringen tönen. Hinten aus der Jacke tritt eine dunkelrote Quaste. Dann das Wichtigste: die Wasserspritze. Damit bespritzen die Röllelibutzen an den Umzügen die Zuschauer, jagen ihnen hinterher. Es sind primär die jungen Frauen, die mit Wasser bespritzt werden – die sexuelle Anspielung ist unübersehbar. Wobei sie an Gardi als Kind vorbeigeht. Von Sexualität hat sie keine Ahnung. Nur die Regel, dass die Frauen niemals Röllelibutzen werden können und selbst in den furchterregenden Ribelbüüchwiibern, mit ihren wilden Masken und Perücken, Männer stecken, empfindet sie schon im Kindesalter als ungerecht.
Dennoch geniesst sie die Fasnacht. Es ist die aufregendste Zeit im Jahr. Sich kostümieren, maskieren, in eine andere Rolle schlüpfen, gehört von Kindsbeinen an zu ihren Erfahrungen. Sie lernt und liebt es, sich zu verwandeln, eine andere Person zu werden. Ihre Fantasie wird durch die katholischen Bräuche stark angeregt, davon erzählt sie wiederholt.
«Für uns Kinder war die Fasnacht die schönste Zeit im Jahr, wir haben uns immer wahnsinnig darauf gefreut.» Die Mutter näht den Kindern Kostüme. Mal ist Gardi ein Marienkäfer, mal eine Hexe, dann eine Indianerin. Am schmutzigen Donnerstag geht es los mit dem Kinderumzug um 14 Uhr. Nach dem Umzug tanzen die Jungbutzen und Jungehrendamen auf der Breite eine Polonaise. Anschliessend spielt die Guggenmusik auf dem Rathausplatz auf, und es gibt Suppe. Am Freitag geht es weiter mit Maskenbällen, alle Lokale sind dekoriert. Die Themen lauten «Wilder Westen», «Honolulu», «Hölle» oder «Auf der Alm da gibt’s koa Sünd». Am Samstag findet die «Tschätteri-Nacht» statt. Die Gruppen ziehen mit Musik und beleuchtetem Kopfputz durch die Stadt. Ab 21 Uhr beginnt die Beizentour von Lokal zu Lokal. Auch die Besucherinnen und Besucher sind verkleidet und machen mit. Am Samstagabend trifft man auf dem Frauenhofplatz die furchterregenden Ribelbüüchwiiber mit ihren klobigen Holzzoccoli. Am Sonntag der grosse Festumzug durch die Stadt. Vorneweg die Blaternbutzen, die mit Schweinsblasen auf die Neugierigen einschlagen. Montag ist der zweitletzte Tag, abends wird in einem Riesenfeuer ein Böögg mit eingelegten ohrenbetäubenden Krachern verbrannt. Für die Röllelibutzen und ihre Ehrendamen ist der Fasnachtsdienstag der wichtigste Tag. Frühmorgens gibt es einen Sternmarsch mit anschliessender Polonaise, um 14 Uhr einen weiteren grossen Umzug. Wenn es dunkel ist, wird auf dem Rathausplatz die Abendpolonaise getanzt. Die Fasnacht neigt sich dem Ende zu, um Mitternacht ist der Spuk vorbei. Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit.
Zuvor ist die ganze Stadt sechs Tage lang im Ausnahmezustand. Gardi fürchtet sich als Kind vor den wilden Masken, vor den herumspritzenden Röllelibutzen, dem Lärm, aber es geht auch eine grosse Faszination von dem Treiben aus. «An der Fasnacht gingen die Emotionen hoch. Der uralte Brauch, die Winterdämonen und Totengeister zu vertreiben, ist darin noch lebendig, seine Kraft spürbar. Man lacht über das Schreckliche und weiss gleichzeitig, dass man irgendwann stirbt. Man flucht und schreit, säuft und lässt die Sau raus. Einmal im Jahr geht man emotional über seine Grenzen. Diese Erlebnisse von gleichzeitigem Gruseln und Lachen, Erschrecken und Feiern haben mich geprägt. Da wurde in meiner Kindheit ein Same gelegt.»
In der katholischen Primarschule für Mädchen in Altstätten, 1960. Gardi steht in der obersten Reihe, rechts neben der Lehrerin.
Als Sechstklässlerin in der Klasse von Herrn Schwarz (oberste Reihe, 3. von links).
Gardi 1962 als «Braut Gottes» bei der Erstkommunion. Sie fühlt sich im langen, weissen Kleid wie eine Prinzessin. Danach fliessen Tränen; sie muss sich umziehen, weil die Familie ins Ferienhaus fährt.
Die neunjährige, ausgelassene Gardi im Sommerlager ihrer Schule 1962 in Riom im Bündnerland. Die Liebe zu den Bergen wird auch im Elternhaus gepflegt und begleitet sie bis heute.
Fasnacht in Altstätten: Für Gardi ist das als Kind die schönste Zeit des Jahres, und das wilde, fantasievolle Treiben hat einen prägenden Einfluss auf sie. Sie empfindet aber auch die Ungerechtigkeit, dass sich nur Buben und Männer als Röllelibutzen verkleiden dürfen.
Sonntagsspaziergang am Bodensee in den 1960er- Jahren mit Familienhund Rexli. Gardi und Gilbert, ordentlich gekleidet, so wie es die Mutter mag.
Das Modehaus floriert, und Hutters können sich am Hang über Altstätten ein neues Haus mit Planschpool im Garten bauen. Hinten links Irma Hutter, in der Mitte vorne Gardi Hutter.
VIER KINDER UND EIN BADETUCH
In Gardi Hutters Kindheit gibt es viel Auslauf und Bewegung, Spiel und Sport. Der Körper ist immer nur dann völlig tabu, wenn es um Nacktheit oder Sexualität geht. Und obwohl sie mit drei Brüdern aufwächst, sieht sie, bis sie 17 Jahre alt ist, nie einen nackten Männer- oder Bubenkörper. Die Mutter bringt das Kunststück fertig, dass Gardi selbst den kleinen Bruder Gilbert nie unbekleidet sieht. Einmal pro Woche baden die vier Kinder gemeinsam im selben Badewasser, erst die beiden älteren Brüder, anschliessend Gardi zusammen mit Gilbert. Und wie geht das, gemeinsam in derselben Wanne, ohne dass man einander nackt sieht? Bruder und Schwester müssen sich Rücken an Rücken in die Wanne setzen und nacheinander einzeln aussteigen, sich abtrocknen lassen und verschwinden, bevor der andere aufsteht. Bruder Erwin erzählt, dass dieses Prozedere auch für ihn und Fredi gegolten habe. Er habe mit dem Bruder auch Rücken an Rücken gebadet und ihn nie nackt gesehen. Das Badetuch ist immer schon recht feucht, wenn Gardi als Dritte an der Reihe ist, aber eines muss reichen für die vier Hutter-Kinder, auch als sie heranwachsen. Man ist, wie gesagt, sparsam im Kleinen.
Irgendwann wird das Haus an der Trogenerstrasse für Familie und Laden zu klein, und die Eltern haben mittlerweile die nötigen Mittel, um sich ein Haus zu bauen. Sie kaufen ein schönes Grundstück, etwas erhöht am Hang über Altstätten. Es ist neues Bauland, und sie sind die Ersten auf der Wieswanne, mit weiter Sicht über die Gemeinde, das Rheintal und auf die umliegenden Berge. 1965 ist der einstöckige Bungalow mit vier Schlafzimmern und grosszügigem Wohnesszimmer bezugsbereit. Gardi erhält wieder ihr eigenes Zimmer und der älteste Sohn Erwin nun auch. Fredi und Gilbert teilen sich weiterhin einen Raum.
Das Ferienhaus auf dem Ruppen, das in der Nähe liegt, wird verkauft. Nun konzentriert sich alles auf das neue Heim. Die Eltern pflanzen ausgiebig Gemüse ums Haus an, werden beinahe zu Selbstversorgern – die bäuerliche Herkunft verschwindet nie ganz. Der Vater legt im Garten, so wie schon auf dem Ruppen, wieder einen kleinen Pool für die Kinder an.
Das neue Einfamilienhaus ist zwar moderner und schöner als das frühere Haus mit Laden und Wohnung, aber Gardi fehlen die Spielgefährten aus der Altstadt, und der Schulweg ist einiges länger. Nicht weit entfernt liegt der kleine Waldpark, dort lässt es sich immerhin noch spielen, und auch auf dem nahe gelegenen Bauernhof ist sie gerne. Aber sie sagt, die Fremdheit, die sie schon früh als Kind gespürt habe, sei am neuen Wohnort noch grösser geworden. Wenn sie von oben auf die Stadt schaut, sieht sie unten das einzige Hochhaus von Altstätten, das alles überragt, und stellt sich vor, wie viele Kinder es dort geben muss und wie herrlich es wäre, dort zu wohnen und oben und unten Spielkameraden zu haben. «Ich wäre auch gerne ins Waisenhaus gezogen, das gleich neben unserer Primarschule lag und an dessen hohem Zaun ich oft hing und sehnsüchtig die spielenden Kinder beobachtete. Ich hatte ja keine Ahnung, wie es in einem Waisenhaus zuging. Ich sah nur, dass dort ganz viele Kinder zusammenlebten, und das war mein Traum.»
Sie erinnert sich auch noch, wie sie eines Tages Leute reden hört, die am neuen Bungalow vorbeispazieren. Sie sagen, was für ein schönes Haus mit Garten das sei und was für ein Glück die Kinder dieser Familie hätten. Gardi ist beschämt und fühlt sich schuldig, weil sie am neuen Ort gar nicht so glücklich ist, wie sie es wohl sein sollte, sich nach anderem sehnt.
Im Esszimmer des neuen Hauses hat der Architekt eine Eckbank eingeplant und dahinter drei Regale für Bücher. Aber bei Hutters gibt es kaum Bücher, und so geht Erwin Hutter in die Papeterie im Ort, die auch Bücher im Angebot hat, und bestellt «drei Meter Bücher». «Der Händler verkaufte meinem Vater wohl alle seine Ladenhüter, doch das zu einem sehr guten Preis. Bis zum Tod meiner Eltern sind diese Bücher auf dem Regal gestanden, und nie hat sie jemand gelesen. Es war eine Bibliothek zum Anschauen.»
Gardi Hutter beginnt als Teenager zu realisieren, dass Bildung das Ticket für den gesellschaftlichen Aufstieg ist, und das unkultivierte Elternhaus ist ihr manchmal peinlich. Doch was sie als Jugendliche beschämt, sieht sie im Rückblick in einem anderen Licht: «Als ich 1995 den St. Galler Kulturpreis im Stadttheater erhielt, war der ganze Altstätter Gemeinderat anwesend. Meine Eltern, beide schon über siebzig, standen etwas verlegen, fast schüchtern daneben. Sie konnten sich in solchen Kreisen nicht unbeschwert unterhalten. Ich sah sie dort stehen und erkannte die zwei tapferen Bauernkinder, die alles gegeben hatten. Es rührte mich sehr.»
VORBILD ROSALIE
Gab es schon bisher viele Spannungen zwischen der kontrollierenden, strenggläubigen Mutter und der freiheitsliebenden Tochter, so nehmen sie im Laufe der Teenagerzeit noch zu. Umso mehr schätzt Gardi, dass es in ihrer Jugend ein Gegenmodell zu ihrer Mutter gibt: Rosalie Leupp, eine Freundin der Mutter. Gardi ist dankbar, wenn sie in der Familie Leupp ab und zu etwas andere Luft schnuppern darf. Rosalies Mann Theodor ist Chemiker und Theosoph, er arbeitet bei der Ems-Chemie. Die Familie lebt in Domat/Ems, und Gardi beschreibt Rosalie als Dame von Welt, als die einzige farbige Frauenfigur, die sie in ihrer Kindheit kennt. Leupps haben in Australien und Amerika gelebt, viel gesehen und erlebt. Die Freundin der Mutter schaut einmal im Jahr im Modehaus Hutter vorbei und kauft ein. Sie ist die Patentante von Erwin, und da sie immer heiss begehrte Bananen mitbringt, wird sie «Bananengotte» genannt. Gardi darf hin und wieder Ferien in Domat/Ems verbringen. Das geniesst sie sehr. Bei Leupps darf sie zum Frühstück so viel Zwieback mit Kirschmarmelade essen, wie sie möchte, und danach den ganzen Tag spielen. Aber es sind nicht nur die Freiheiten, die sie liebt, es ist auch der Eindruck, dass Rosalie Leupp sich für sie interessiert und von klein auf etwas Besonderes in ihr sieht. Gardi fühlt sich von ihr verstanden, gerade auch, als sie älter wird und zu rebellieren beginnt. Rosalie hört zu, diskutiert, nimmt sie ernst. Es tut Gardi gut, und sie sagt, sie habe die Freundschaft, die so entstanden sei, ein Leben lang weiter gepflegt und Rosalie bis ins hohe Alter besucht. Die ursprüngliche Freundschaft zwischen Irma Hutter und Rosalie Leupp beginnt mit den Jahren etwas zu bröckeln. Die Freundin scheint der Mutter etwas zu farbig und unkonventionell. Für Gardi aber ist und bleibt sie ein Anker, wenn sie schwierige Zeiten durchmacht. Dank ihr sieht sie auch, dass es andere Arten von Frauenleben gibt. Man kann sich anders kleiden, anders denken, offener und weniger strikt sein.
So gespannt das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter lange Jahre ist – im Rückblick kann Gardi Hutter auch Verständnis aufbringen. «Meine Mutter hat sich im Laufe ihres Lebens mit der vielen Arbeit im Modehaus, mit uns vier Kindern und dem Bemühen, immer alles richtig zu machen, sehr viel abverlangt und ist dadurch verhärtet. Sie hat viel geleistet und die Familie immer an die erste Stelle gesetzt. Es war ein anstrengendes, aufopferndes Leben, und ich habe es ihr sicher nicht leichter gemacht.»
KLEIDERSTREITIGKEITEN
Woran entzünden sich die Streitigkeiten mit der Mutter? Häufig am Thema Kleider. Damit verdienen die Eltern Hutter ihr Geld. Sie kleiden die Menschen in Altstätten ein. Sie wissen, wie man Kleider herstellt und verkauft. Es ist ihr Territorium, ihre Kompetenz und deshalb vielleicht auch ihre offene Flanke. Niemand kennt die Eltern so gut wie die eigenen Kinder. Und so beginnt Gardi, je älter sie wird, ihre Mutter bei diesem Thema herauszufordern. Als Gardi noch klein ist, muss sie sonntags zur Kirche und auf dem Sonntagsspaziergang nach dem Mittagessen Kleidchen und Lackschuhe tragen und darf nicht mit den Brüdern herumrennen. Dann wächst sie heran, und nun soll sie zum sonntäglichen Kirchgang immer das Neueste aus dem Geschäft vorführen. Die Brüder dürfen zwar auch keine Jeans tragen, aber es ist dennoch einfacher. Ein guter Anzug, Hemd und Krawatte reichen. Aber Gardi soll mal den neuen kurzen, dann den neuen langen Mantel tragen. Sie lehnt sich auf, will keine wandelnde Kleiderstange sein. «Meine Mutter und ich hatten jeden Sonntag Krach, es ging darum, was man in die Kirche anzieht. Und man darf nicht vergessen, Altstätten ist nicht Paris, meine Eltern hatten ein Kleinstadtgeschäft. Das meiste war Durchschnitt, es musste ja für eine breite Kundschaft passen. Daneben kauften sie vielleicht noch zwei, drei Modelle ein, die gerade als modisch galten, wenigstens in einer abgelegenen Kleinstadt. Und diesen letzten Schrei sollte ich dann tragen und fand es, je älter ich wurde, desto peinlicher. Selten war mal ein Stück darunter, das ich gerne ausführte. Ich wehrte mich, und es gab oft heftigen Streit. Ich merkte schon sehr früh, dass ich nie durfte, wie ich wollte, und die Mutter hat immer gestöhnt, ich sei von klein auf widerspenstig gewesen.»
Zu den verzweifelten Bemühungen der Mutter, aus Gardi ein wohlerzogenes, braves Mädchen zu machen, passt der Spruch, den sie der Tochter im Januar 1965 sorgfältig in Schönschrift ins Poesiealbum schreibt: «Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab, dies erwartet Deine Mutti».
Ein deutlicher Beleg dafür, was Gardi Hutter in privaten Aufzeichnungen dreissig Jahre später festhält und in den Gesprächen für dieses Buch fünfzig Jahre später erzählt: Sie erfährt als Kind nie bedingungslose Liebe. Anerkennung und Liebe werden in ihrer Erziehung an Voraussetzungen wie Wohlverhalten, Mithilfe und Gehorsam geknüpft. Das provoziert lange Zeit ihren Trotz, worauf die Mutter mit noch mehr Strenge reagiert – eine Abwärtsspirale.
Im Frühling 1966 beendet Gardi Hutter die sechste Klasse in der katholischen Mädchenschule in Altstätten. Sie könnte nun die lokale Sekundarschule besuchen, aber die Eltern beschliessen, dass sich etwas ändern müsse, bevor das widerspenstige Kind völlig aus dem Ruder läuft.
Für die 13-jährige Gardi Hutter, das «Bubenmädchen», das den grossen Brüdern nacheifert, sich ihre Freundinnen selbst aussucht und hinter dem Rücken der Eltern ihrem eigenen Kopf nachlebt, scheint ein Internat die beste Lösung. Betrachtet man aus heutiger Perspektive Gardi Hutters Schulzeugnisse, kann man sich nur wundern, weshalb man sie nicht direkt auf ein Gymnasium sandte. In jedem Fach stehen jeweils eine Fleiss- und eine Leistungsnote. In Fleiss hat sie durchwegs die Höchstnote Sechs. Bei den Leistungsnoten sieht es nicht viel anders aus, da wechseln sich Sechsen und Fünf bis Sechsen ab. Die tiefste Note im letzten Zeugnis der Primarschule ist eine Fünf im Schreiben. Sie ist eine Topschülerin, und ihre Noten spiegeln wider, was sie erzählt: dass sie unheimlich gerne zur Schule gegangen sei und gelernt habe. Doch eine höhere Bildung steht der Tochter erst einmal nicht offen. Und weil es kein Gymnasium vor Ort gibt, gehen auch die Brüder Fredi und Gilbert erst einmal in die Sekundarschule und wechseln danach auf eine Mittelschule etwas weiter weg in St. Gallen oder Sargans. Fredi erzählt, dass sich allerdings nicht die Eltern um seine höhere Bildung gekümmert hätten; es seien die Lehrer gewesen, die ihm aufgrund seiner guten Leistungen nach der Sekundarschule dazu geraten hätten.
Doch bei Gardi geht es nach der sechsten Klasse zunächst mal um ihren Widerspruchsgeist. Das wilde Kind soll gezähmt werden, bevor aus ihr eine noch wildere junge Frau wird. Stella Maris heisst ein katholisches Mädcheninternat in Rorschach. Es liegt nicht allzu weit entfernt, wird von Menzinger Schwestern geführt und geniesst einen guten Ruf. Dort soll sie die Sekundarschule besuchen, und die Nonnen sollen richten, wofür die Eltern zu wenig Zeit haben: aus der eigensinnigen Gardi Hutter eine fromme, wohlerzogene junge Frau machen.
1966 bis 1972
Vom Internat in die linke Szene von St. Gallen
Irma Hutter sitzt mit ihren vier Kindern im Wohnzimmer des neuen Hauses an der Parkstrasse in Altstätten. Sie trägt ein rosa Kleid mit schwarzem Kragen, umarmt Gilbert, hält seine Hand – ihr kleiner Liebling. Die ganze Gruppe schaut aufmerksam und etwas angespannt in Vaters Kamera, niemand lacht fröhlich. Über den vier Sitzenden thront Erwin, der Älteste. Es ist das Jahr 1965. Und es muss wieder ein Sonntag sein, denn Erwin und Fredi tragen die entsprechende Kleidung: weisses Hemd und Krawatte. Der Jüngste hat nach dem Gottesdienst womöglich die Kleider gewechselt. Schwer vorstellbar, dass er ohne Krawatte zur Kirche gehen durfte. Gardi wirkt brav mit ihren zwei Zöpfen, in Rock und rotem Pullover. Es passt zur Musterschülerin mit den ausgezeichneten Schulleistungen. Die symmetrisch ausgerichteten, olivgrünen Sessel im Vordergrund gehören zur neuen Einrichtung. Ihr kantiger Look erinnert an die amerikanische Fernsehserie «Raumschiff Enterprise». Vor den Fenstern hängen weisse Gardinen, flankiert von braun gestreiften. An der Wand ein Bild, in jeder Ecke eine Pflanze. In der Hutter-Welt herrscht Ordnung. In den USA ist in dieser Zeit die neue Bewegung der Hippies am Entstehen; die Flowerpower-Kinder, lange Haare, LSD, die Kritik an bürgerlichen Wohlstandsidealen – alles weit entfernt von Altstätten. Gardi wird ab nächstem Frühling das katholische Internat in Rorschach besuchen.
«Stella maris», Stern des Meeres, ist eine andere Bezeichnung für die Jungfrau Maria. Mit «Stella maris» riefen die Seeleute früher Maria als Schutzpatronin an. Für eine Schule nahe am Bodensee – dem schwäbischen Meer – also ein passender Name.
«Durch ein säulengeschmücktes Portal tritt man von Süden her durch ein geräumiges, mit der Statue der Stella maris geziertes Vestibul, durch dessen weite Glastüren der Blick durch Hof und Halle bis zum See schweifen kann, in das Gebäude ein», so beschreibt Architekt August Hardegger sein 1914 errichtetes Gebäude. Es ist ein grosszügiges, wohldurchdachtes Haus mit eigener Kapelle im Westflügel, mit Turnhalle, Rekreations- und Speisesaal, sechs Kabinen für den Klavierunterricht, mit genügend Schulzimmern, einem Lift und Abwurfschächten für die Wäsche bis ins Untergeschoss. Die Mädchen schlafen auf der dritten Etage in fünf grossen Schlafsälen mit je rund zwanzig Betten. Sie sind mit weissen Vorhängen voneinander getrennt. Um das Gebäude herum gibt es Spielplätze, einen Tennisplatz, Gemüse- und Obstgärten. Im Winter kann man am Hang schlitteln.
Von der Erstklässlerin bis zur 18-jährigen Handelskursabsolventin beherbergt das Haus 1966 insgesamt 293 Schülerinnen, darunter 134 Interne. Gardi Hutter ist eine von ihnen. Die 159 sogenannten Externen, die nicht im Haus wohnen, kommen aus Rorschach und Umgebung. Mit Gardi Hutter beginnt der letzte Klassenzug. 1969 schliesst die Schule nach über hundert Jahren katholischer Mädchenbildung. Grund ist der akute Mangel an Nachwuchs bei den Menzinger Lehrschwestern.
Das geistig enge und noch ganz auf sich bezogene katholische Milieu, das Gardi Hutter zu Hause und im Internat erlebt, ist im Begriff, sich aufzulösen, im Zuge einer immer mobiler, individueller und vielfältiger werdenden Gesellschaft. Der Vatikan hat zwar versucht, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er-Jahre und einigen Lockerungen auf die Veränderungen zu reagieren. Doch weil das Grundsätzliche gleich bleibt, sind immer weniger junge Frauen bereit, in ein Kloster einzutreten und für Gottes Lohn gute Werke zu tun. Wer die Fähigkeiten mitbringt und gerne Lehrerin werden möchte, hat nun genügend Alternativen, kann ein Lehrerseminar besuchen, anschliessend eine gut bezahlte Stelle an einer öffentlichen Schule finden und ein selbstbestimmtes Leben führen. Die Klöster verlieren damit endgültig ihre jahrhundertelange Funktion als einer der wenigen Orte für Frauenbildung. Demut und weibliche Aufopferung, die immer Teil davon waren, vermögen die neuen Generationen nicht mehr zu überzeugen. Doch als 1953 Geborene erlebt Gardi Hutter als Kind und Jugendliche noch die letzten Züge dieses Systems weiblicher katholischer Lehrerinnen- und Mädchenbildung.
Ein Kantonsrat und zwei tüchtige, wohlhabende Rorschacher Witwen stehen 1854 am Anfang der verbesserten Mädchenbildung im Ort. Sie sind nicht zufrieden mit der schmalen Primarschulbildung für die Mädchen in Rorschach und wollen etwas «zur christlichen Erziehung der Jugend beitragen». Die weiterführende Realschule steht nur den Knaben offen. Sie holen eine Lehrschwester aus Menzingen nach Rorschach. Für Frauen, die nicht heiraten und lieber in der Krankenpflege oder als Lehrerinnen arbeiten wollen, steht Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch nur der Weg über eine religiöse Institution offen. Dort finden Frauen ein geregeltes, akzeptiertes Betätigungsfeld und eine Gemeinschaft, in der sie aufgehoben sind.
Weil die Geschlechterunterschiede im bürgerlichen Zeitalter ebenso stark betont werden wie in der katholischen Kirche, sind sich alle einig, dass Mädchen einen anderen Unterricht brauchen als Buben. Der Zweck der Rorschacher Mädchenschule wird so formuliert: «Unser Bestreben soll und wird es sein, nicht gelehrte, eitle, sondern bescheidene, gesittete, brave, für die Haushaltung tüchtige und brauchbare Töchter heranzubilden, zu ergänzen, was etwa in der Primarschule nicht erreicht wurde – und fortzufahren in Realien, die in ihren Kreis gehören.» An diesem grundsätzlichen Programm ändert sich bis zur Schliessung der Schule Ende der 1960er-Jahre kaum etwas, und Gardi Hutter erfährt während ihrer zwei Jahre in Rorschach in aller Deutlichkeit, was hinter diesem mehr als hundert Jahre alten Programm steckt.
EIN KOFFER VOLLER SCHÜRZEN
Im April 1966 betritt die 13-jährige Gardi Hutter mit ihren Eltern die Eingangshalle des grossen Gebäudes. Die Statue der Stella maris empfängt sie, Maria mit wallendem Gewand und Jesuskind auf dem Arm, beide mit Krone auf dem Kopf. Die neue Schülerin hat umfangreiches Gepäck dabei. Das Internat gibt klare Anweisungen, was alles mitzubringen ist: «ein marineblaues, einfaches Festkleid mit langen Ärmeln und weissem Krägli». Das ist die Schuluniform. Dazu Kleider und Mäntel für Sommer und Winter, «ausreichend Leibwäsche für einen Monat, wollene Unterwäsche für den Winter», Socken, Pantoffeln, Schuhe, Sportschuhe, wollene, lange Strümpfe für den Winter, Strümpfe, Kniesocken und Söckli für den Sommer, Badeanzug, genügend Handtücher, Waschlappen, Servietten, Serviettentäschchen, Taschentücher sowie «die notwendigen Schürzen (Schulschürzen, eine farbige Berufsschürze, drei Zierschürzen, eine lange, weisse Trägerschürze)» und «Überärmel für die Schule».
Die Schürzen und Überärmel passen zum Lehrplan für die Sekundarstufe: «Ein fehlerloses, gutes Deutsch, Gewandtheit im Rechnen, Grundkenntnisse der französischen und selbst einer zweiten Fremdsprache, Fertigkeit in einfacher und amerikanischer Buchhaltung, eine gewisse Portion hausfraulichen Könnens in Küche und Garten – das sind Fundamentalbedingungen fürs spätere Leben.»
Neben Deutsch, Französisch, Religionslehre, Rechnen, Geschichte, Geografie, Naturkunde, Zeichnen und Schönschreiben werden Handarbeit, Kochen und Haushaltskunde erteilt. Im ersten Jahr gehört dazu eine Einführung in die häuslichen Ordnungs- und Reinigungsarbeiten, in die Wohnungspflege, Putzmittelkunde, das Tischdecken und Servieren, die Tischmanieren und häuslichen Feste. Im zweiten Jahr gibt es wöchentlich drei Stunden Handarbeit und drei Stunden Kochen, inklusive Anleiten zum rationellen Arbeiten und Sparsamkeit. In der Hauswirtschaftskunde wird die Bedienung des Kochherds gelehrt, Sparmassnahmen und Einrichtungen in der Küche und die Grundlagen einer zweckmässigen Ernährung.
Gardi Hutter hat ihren ordentlich und sauber geführten Hauswirtschaftsordner aufbewahrt. Gleich der erste Absatz illustriert die Indoktrination der jungen Mädchen, wenn es heisst: «Was braucht es zu einem Heim? Keinen Luxus! – Es braucht opferstarke, mütterliche Frauen, die fähig sind, einen einfachen Raum mit wenig Geld hübsch und wohnlich einzurichten.» In sauberer Schönschrift hat Gardi Hutter es festgehalten. Man beachte die Unterstreichungen. Und auf die Frage, was die Wohnung zu einem Heim mache, lautet die Antwort, dass es vor allem an der selbstlosen Mutter liege, eine frohe und glückliche Atmosphäre zu schaffen. Akribisch werden den Mädchen Flick- und Stopftechniken wie «die glatte Stopfe» beigebracht. Wie verstaut man den Besen korrekt im Schrank? Womit putzt man den Boden? Wie geht man bei der Fensterreinigung vor? Zum Nachreiben wird Zeitungspapier empfohlen. Die Bewegungen, mit denen man Hirschleder und Schwamm über die Scheibe führen soll, zeichnet Gardi Hutter mit kleinen, roten Pfeilen sauber auf – welche Vergeudung von Potenzial. «Ich kann auf 16 Arten Socken flicken. Wir lernten, einen Raum oder Silber zu putzen und bekamen auch Tipps für die Ruhepause. Da könnten wir beispielsweise eine Frauenzeitschrift lesen», fasst Gardi Hutter es pointiert zusammen.
Um 6 Uhr wird aufgestanden, um 6.30 Uhr geht es täglich zur Messe, anschliessend gibt es Frühstück, dann Schule, Mittagessen, Schule, Zvieri, Hausaufgabenzeit, Abendessen und dann noch etwas freie Zeit, bevor es wieder früh zu Bett geht. Das Tuscheln durch die weissen Vorhänge in den Schlafsälen ist untersagt, was es umso spannender macht.
Ein täglicher Spaziergang an der frischen Luft gehört auch zum Programm. Die Mädchen gehen sittsam Hand in Hand zu zweien in blauer Schuluniform samt flachem Filzhut durch die schöne Bodenseelandschaft, am Anfang und am Ende der Kolonne eine Schwester in schwarzer Robe mit Schleier.
Gardi Hutter schafft es, noch im ersten Schuljahr einen kleinen Skandal zu provozieren. Die 13-Jährige schreibt ihrem Cousin Erich, ob er Lust hätte, mit ihr und ein paar anderen in den Herbstferien auf eine Velotour zu gehen. Erich ist ein, zwei Jahre älter und besucht als Priesterkandidat das Antonius-Konvikt in Pensier im Kanton Freiburg. Gardi denkt sich nichts Böses dabei. Anders der Rektor, welcher der «Schülerin Irmgard Hutter, Stella Maris, 9400 Rorschach» einen deutlichen Brief schreibt. Ihre Post an Erich wurde natürlich abgefangen, und Rektor Ludwig schreibt der verdutzten Gardi: «Es ist klar, dass wir unsere Juvenisten nicht unnötigen Gefahren aussetzen wollen.» Wenn Erich unbedingt mit Mädchen auf eine Velotour gehen müsse, sei das seine Sache, aber «was uns betrifft, so würden wir dann einfach sagen, dass er sein Studium anderswo fortsetzen sollte. Ich denke, dass Du nicht daran die Schuld tragen möchtest?» Selbstverständlich wird dieses Schreiben auch von der Schulleitung in Rorschach gelesen. Der «Skandal» fliegt auf. Die Eltern werden informiert, es gibt Aufruhr und Aussprachen, mit dem Ausschluss von Gardi aus dem Internat wird gedroht, aber am Ende beruhigen sich die Gemüter. Sie darf bleiben, und die Velotour findet ohne Cousin Erich statt.
BEATLES UND EXERZITIEN
Wer übers Wochenende in der Schule bleibt, hat etwas Zeit für sich. Gardi bleibt gerne und oft. Hier hat sie mehr Freiheiten als daheim, darf lesen, muss nicht mithelfen, und am Sonntagnachmittag dürfen die Mädchen Schallplatten auflegen, wozu sie zunächst brav zu zweit tanzen. Es sind Schlagerplatten oder Volksmusik. Doch dann kommt die grosse Entdeckung: Die 14-jährige Gardi hört das erste Mal «All You Need Is Love» von den Beatles und ist überwältigt von den ungewohnten, neuen Klängen. Was für eine Musik! Die Beatles brechen in die heile Internatswelt ein: «Da tat sich plötzlich die Tür zur grossen Welt einen Spalt weit auf. Ich war hingerissen, so etwas hatte ich noch nie gehört.» Gardi hat keine Ahnung, dass es dazu auch einen neuen Tanzstil gibt, bei dem man sich offen und frei bewegt. Ein Mädchen aus der Stadt weiss Bescheid und zeigt es den anderen. Der Spalt zur grossen Welt öffnet sich noch etwas weiter. Man kann sich den Kontrast zu dem, was die Schülerinnen sonst tun und hören oder an Lektüre in der Bibliothek finden, gar nicht gross genug vorstellen.
Dazu ein paar Beispiele. Vom 25. bis 27. Januar 1968 finden dreitägige Exerzitien in Stella Maris statt. Das bedeutet, dass die Mädchen drei Tage lang schweigen und sich mit dem Glauben auseinandersetzen müssen. Die Tage beginnen mit einer heiligen Messe um 7.30 Uhr, gefolgt von vier Vorträgen zu christlichen Themen, unterbrochen durch Pausen und Mahlzeiten, und enden abends um 19.15 Uhr mit der «Kreuzwegsandacht in der Kirche mit dem H. H. Exerzitienmeister». Gardi Hutter gefallen die stillen Tage, sie versucht ernsthaft, an alles zu glauben, was ihr in Predigten, Vorträgen oder in Büchern der Institutsbibliothek über Mädchen, Frauen und Weiblichkeit erklärt wird. In einem Buch wie «Christus und die Frau» des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber, das in der Institutsbibliothek steht, liest sie Sätze wie: «Das ist eben das Tragische an mancher Frau, dass sie, weil beweglicher und weicher, schwächer und hilfloser, dem Bösen und Boshaften umso leichter verfällt und dann, sei es aus sinnenhafter, massloser Liebe oder grenzenlosem, rachsüchtigem Hass oder gehetzt von andern, fast unerklärlichen Trieben wie eine Furie verlockt und sich verkrallt, verleumdet und vernichtet, bis sie zuletzt ihren eigenen Giftzähnen erliegt. Darum braucht auch gerade das Weib die Religion und deren Kraft noch fast mehr als der Mann, was sich auch schon in ihrer natürlichen Veranlagung äussert.»
Die Frau, das unerklärlich triebhafte Wesen, schwach und hilflos, das Hass und Liebe verfallen und damit zur Furie werden kann. Sie braucht die Religion, unbedingt und noch viel mehr als der Mann. Gardi fühlt sich als Mädchen von Natur aus schuldig, sündig, schmutzig, schlecht und weiss, dass sie nur mit viel Gebet und Opfer ein braves Mädchen und eine gute Frau werden kann. Und dann kommen die Beatles, machen keine Unterschiede und singen schlicht und einfach «All You Need Is Love» – und ein Tor geht auf. Sehnsucht nach der Welt und allem, was sie auch noch zu bieten hat neben Verklemmtheit und moralischen Schuldzuweisungen, keimt in Gardi Hutter auf.
Sie braucht je länger, je mehr Gegenwelten, eigene Welten, und sie findet sie im Kopf. Am Sonntag legt sie sich aufs Bett, schliesst die Augen und träumt sich stundenlang weg. Sie lässt ihrer Fantasie freien Lauf: «Ich malte mir die tollsten Geschichten an exotischen Orten aus. Darin kamen der Dschungel, Lianen, Pferde, Prinzen, Abenteuer, Helden und Räuber vor. Es waren Kopfreisen. Unser Alltag war so eintönig und ereignislos, da habe ich mir einfach Abenteuer und Romanzen erfunden.»
RESPEKT UND GUTE MANIEREN
Doch so grau und einengend man sich den Alltag in einem katholischen Mädcheninternat mit Schuluniform, täglichem Messebesuch und Putzmittelkunde vorstellt, Gardi Hutter spricht auch positiv über ihre zwei Jahre in Stella Maris.
Mag die Bibliothek auch weitgehend so bestückt sein, dass es für brave katholische Mädchen passt, so gibt es hier immerhin viele Bücher: Neben den christlich-katholischen Lebensorientierungsbüchern oder Literatur zum Marienleben als vorbildhaftem Frauenleben stehen auch klassische und zeitgenössische Schriftsteller in den Gestellen, und Gardi darf lesen, so viel sie will. Es gilt als wertvoll und ist eine anerkannte Beschäftigung, nicht so wie daheim. Und so liest sich die wissbegierige junge Frau intensiv durch das Angebot des Hauses.
Die vielen Stunden in Hauswirtschaft, Handarbeit und Kochen missfallen ihr nicht. Sie arbeitet gerne mit den Händen, und auch der geregelte Alltag und die Disziplin, die verlangt werden, stören sie nicht besonders. «Dass es streng zu- und herging, machte mir nichts aus. Das kannte ich von zu Hause. Wichtiger war, dass man mir hier mit Respekt begegnete. Der Umgangston war anders. Ich war nicht das kleine Kind, das man herumkommandierte. Man nahm uns für voll und ging anständig mit uns um. Es gab jüngere Schwestern, die ich mochte und bewunderte, intelligente und engagierte Frauen, ganz anders als die überalterten Nonnen, die ich in Altstätten erlebt hatte. Die Frauen hier strahlten eine gewisse Würde aus, das faszinierte mich.»
Sie erinnert sich an eine Szene beim Völkerball. Eine der Nonnen spielt mit, und aus Versehen greift Gardi statt nach dem Ball nach deren Schleier und hält ihn in der Hand. Sie und die anderen Schülerinnen sind starr vor Schreck, weil die Klosterfrau plötzlich mit geschorenem Kopf entblösst vor ihnen steht. Es gibt keine Strafe, aber Gardi Hutter sagt, sie habe erst in diesem Moment bewusst realisiert, dass da eine ganz normale Frau vor ihr stand. Nur die Gewänder machten aus ihr dieses entrückte Wesen.
Wenn sie am Wochenende oder in den Ferien heimkommt, bemerkt sie nun die Unterschiede. Sie findet, dass es am Familientisch sehr grob zugeht. Angewidert betrachtet sie, wie die Brüder das Essen in sich hineinschaufeln und keine Ahnung von Tischmanieren haben. Sie hat mittlerweile gelernt, dass man gerade auf dem Stuhl sitzt und sich nicht anlehnt, denn im Rücken befindet sich ein Schutzengel, den darf man nicht zerquetschen. Also sitzt sie gerade. Ausserdem werden nur die Handgelenke auf dem Tisch aufgestützt. Ellenbogen und dergleichen haben dort nichts zu suchen, und den Löffel führt man zum Mund und nicht den Mund zum Löffel. Die drei Brüder amüsieren und ärgern sich über die neuen Allüren der wohlerzogenen Schwester, die sich aufspielt mit ihren Benimmregeln. Und nicht nur bei Tisch nervt sie die Geschwister. Alle finden, sie übertreibe, als sie auch noch ein eigenes Badetuch verlangt, so wie sie es aus dem Internat gewohnt ist.
An solchen Wochenenden in Altstätten gilt selbstverständlich weiterhin, dass sie mithelfen muss. Dazu gehören auch Reinigungsarbeiten im Haus. Die ganze Theorie dazu wird ihr in Stella Maris ja intensiv vermittelt, so kann sie das Gelernte nun praktisch üben. Sie muss aber nicht nur ihr eigenes Zimmer putzen, sondern auch die Zimmer der Brüder – in den Augen der Mutter eine selbstverständliche Vorbereitung auf das künftige Leben als Hausfrau. In den Augen von Gardi eine Demütigung, die dadurch verstärkt wird, dass sich die Brüder über die Schwester lustig machen, die deren Staub und Dreck entfernen muss. Bei Gardi trägt es zur Wut bei, die sich über die Jahre in ihr aufstaut.
ZWISCHEN DEN WELTEN
Die Entfernung zu ihrer Herkunft beginnt in der Internatszeit zu wachsen. Gardi Hutter verliert ihre Freundinnen aus der Primarschule und fühlt sich zu Hause nicht mehr wirklich wohl. Sie mag das Internat zwar, distanziert sich innerlich aber schleichend von den katholisch geprägten Inhalten und identifiziert sich auch nicht mit dem «Berufsziel» der guten Hausfrau. So wie es ihr schon als Kind auffiel, dass ihre Familie weder zu den Armen noch zu den Reichen gehörte, so wie sie sich nie für eine reine Mädchen- oder Bubenwelt entscheiden konnte, so empfindet sie sich nun als Teenager immer stärker als «Wanderin zwischen den Welten». Die grossen Fragen der Adoleszenz – wer bin ich, wer will ich sein, was interessiert mich, wohin gehöre ich – akzentuieren sich bei Gardi Hutter noch durch die seit ihrer Kindheit bestehenden Fremdheitsgefühle. Der in der Familie oft gehörte Satz «Gardi spinnt» sitzt tief und prägt sie bis heute. «Ich hatte und habe häufig das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, und habe früh gelernt, mit unterschiedlichsten Situationen und Umfeldern umzugehen. Das kommt mir als heutiger Berufsnomadin sehr zugute.»
Die Zusammenfassung der Internatszeit bleibt erstaunlich positiv: «Ich lernte gesellschaftlich anerkannte Benimmregeln und einen verfeinerten Umgangston. Weit wichtiger war aber, dass ich daheim als Mädchen immer in der Minderheit war, ‹die Andere›. Plötzlich war ich nur noch von Frauen und Mädchen umgeben. Ich war nicht mehr die Spinnerin, sondern so wie alle anderen und gehörte zu einer Gemeinschaft. Das hatte etwas Stärkendes.»
Doch so gut sie über das Internat berichtet, der gravierende Nachteil ist: Der Stundenplan ist mit seinem Fokus auf Sprachen und Hauswirtschaft nicht auf eine höhere Ausbildung ausgerichtet. Algebra und Geometrie fehlen im Lehrplan. Gardi Hutter würde aber gerne, so wie der ältere Bruder Fredi, die Mittelschule in St. Gallen besuchen, um die Matura zu machen. Gardis Noten sprechen weiterhin dafür. In der Tabelle über Schulbesuch, Fleiss und Leistungen von 1967/68 weist sie in praktisch allen Fächern Bestnoten auf.
Als sie den Wunsch zu Hause äussert, ist die Mutter zunächst dagegen – ausgerechnet sie, die in ihrer Jugend punkto Bildung auch ausgebremst wurde. Doch nun hat sie selbst das gesellschaftliche Vorurteil verinnerlicht, dass Mädchen nur auf dumme Gedanken kommen, wenn sie studieren. Erst ein Hausbesuch des Vikars, der Gardi als Leiterin bei den Pfadfindern sehr schätzt, stimmt die Eltern um. Sie soll es in St. Gallen versuchen.
Doch als sie sich an der Kantonsschule am Burggraben erkundigt, ob sie die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule machen könne, wird die Anfrage wegen der fehlenden Algebra- und Geometriekenntnisse negativ beantwortet. Die auf Mädchen ausgerichtete Internatsausbildung hat sie in eine Sackgasse geführt.
Zumindest in der Diplomklasse der Handelsabteilung der Kantonsschule nimmt man sie auf. Sie wird dort nicht mit einer Matura abschliessen, sondern ein halbes Jahr früher mit einem Diplom. Die Eltern sind einverstanden mit dem Plan. Die Tochter ist zwar erst 15 Jahre alt, aber sie vertrauen darauf, dass sie im Internat genügend sittsam erzogen worden ist, um in der fernen Kantonshauptstadt nicht in die falschen Kreise zu geraten.
Gardi Hutter wüsste auch gar nicht, was falsche Kreise sind. Ausserdem ist sie vollkommen unaufgeklärt. Sie weiss gerade mal, dass Kinder nicht vom Storch kommen, sondern dass Frauen sie gebären. Den Weg dahin hat ihr nie jemand erklärt. Nicht einmal über die Menstruation hat die Mutter je mit ihr gesprochen. Als es bei Gardi so weit ist, lebt sie im Internat. Sie erschrickt sehr über das Blut in der Unterwäsche. Hat sie sich innerlich verletzt? Als es nicht aufhört, wendet sie sich an eine Schwester, die ihr ruhig erklärt, dass das normal sei und nun jeden Monat passieren werde. Weitere Erklärungen gibt es nicht, nur noch ein paar auswaschbare Binden, die man in die Unterhose knöpft.
Sexualität wird zu Hause ausschliesslich im Zusammenhang mit Verboten thematisiert. Vor der Internatszeit setzt sich die Mutter eines Abends an ihr Bett und erklärt ihr, dass sie sich auf keinen Fall «dort unten» anfassen dürfe. Das sei eine ganz schwere Sünde. Gardi nimmt es sich zu Herzen. Als sie älter wird, erklärt ihr die Mutter eindringlich, dass junge Männer von Natur aus triebhaft seien, doch junge Frauen, die mitmachten, seien «Büchsen», ein anderes Wort für Hure.
Die Abschirmung im Internat unter lauter Mädchen, die genauso wenig aufgeklärt wurden wie sie, und unterrichtet von Nonnen, die ein Keuschheitsgelübde abgelegt haben, all das bewirkt, dass die 15-jährige Gardi Stella Maris verlässt und von nichts eine Ahnung hat, was Sexualität und ihren eigenen Körper betrifft.
BERUFSZIEL CHEFSEKRETÄRIN
Im April 1968 beginnt Gardi Hutter die vierjährige Ausbildung an der Handelsabteilung der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen. Letztlich geht es hier weiter mit einer klassischen Mädchenausbildung. Der Fokus liegt auf Allgemeinbildung und Sprachen. Gardi lernt Stenografie, doppelte Buchhaltung, Schreibmaschine, soll aber auch über Literatur und Kunst sprechen können. «Das Berufsziel war gebildete Chefsekretärin. Rückblickend gesehen ist es doch verrückt, dass meine Mutter, die nicht Lehrerin werden durfte, mir letztlich eine höhere Bildung verweigerte.» Wobei das Wort «Verweigerung» wohl etwas zu hart ist. Ihrer Mutter ist vor allem die katholische Erziehung wichtig. Dass Gardi durch das Mädcheninternat der Weg zur Matura verbaut wurde, war kaum böse Absicht, sondern ein Nebeneffekt, der den Eltern nicht bewusst beziehungsweise auch nicht wichtig war. Sie hatten sich nie eingehender mit den Ausbildungsoptionen für ihre Kinder auseinandergesetzt.
Die Hutter-Kinder sind letztlich alle schulisch erfolgreich, aber die Ausbildungswege der Söhne ergeben sich anders als bei Gardi. Der drei Jahre ältere Fredi wird, wie erwähnt, von seinen Lehrern zur Mittelschulausbildung ermuntert. Er geht nach der Matura in St. Gallen an die ETH Zürich und macht dort einen Abschluss als Elektroingenieur. Der Vater wird ihn später als «den Ingenieur aus Zürich» bezeichnen. Der Jüngste, Gilbert, besucht noch die Sekundarschule in Altstätten, wird danach an die Mittelschule in Sargans wechseln und dort seine Matura machen. Er liebäugelt lange mit einem Theologiestudium – ein Pfarrer in der Familie, das hätte der Mutter gefallen –, wird dann aber Sekundarschullehrer. Erwin ist bereits zwanzig Jahre alt und hat seine Schneiderlehre abgeschlossen. Er wird dazu noch die höhere Fachprüfung als eidgenössisch diplomierter Kaufmann Detailhandel machen und als Nachfolger im Modehaus E. Hutter in die Fussstapfen der Eltern treten. Die drei Söhne sind bestens unterwegs. Die Tochter an und für sich auch. Die Eltern gehen davon aus, dass sie die Handelsmittelschule abschliessen, anschliessend eine Stelle als Sekretärin suchen, irgendwann den richtigen Mann finden, keusch in die Ehe gehen, eine Familie gründen und ihnen viele Enkel schenken wird. Doch ganz so einfach gestalten sich Lebenspläne im Jahr 1968 nicht mehr.
Die Welt ist daran, aus den Fugen zu geraten. Ein Teil der Jugend beginnt in diesem Frühling zu rebellieren – gegen den Mief, das Schweigen, die Verklemmtheit und Biederkeit der Elterngeneration. «Mai 68» steht als Begriff für die Rebellion der französischen Studenten, für Kapitalismus- und Vietnamkritik, für Aufbruch und Ausbruch und in der Folge auch für die sexuelle Revolution und die Forderungen der Frauenbewegung. Doch mag der Mai 1968 in Paris zeitlich auch mit Gardi Hutters Beginn an der Handelsmittelschule in St. Gallen zusammenfallen und die Welle der Empörung schon im Monat darauf mit dem Globuskrawall Zürich erreichen – die Ostschweiz muss sich noch etwas gedulden. Aber auch hier wird sich eine kleine, aktive Achtundsechziger-Gruppe bilden, und die neugierige, lebenshungrige Gardi Hutter wird in diese – nach elterlichen Massstäben – falschen Kreise geraten.
«Glücklicherweise war die Handelsmittelschule in St. Gallen» ist denn auch der erste Satz, den Gardi Hutter zur Fortsetzung ihrer Schulzeit fallen lässt. Das Wichtigste ist für sie der Abstand zum Elternhaus. Sie hat ihn schon in Rorschach genossen und will ihn nicht mehr aufgeben. Sie will raus aus der Enge daheim, weg von der sozialen Kontrolle im kleinen Altstätten. Nicht, dass sie das zu Hause offen thematisieren könnte oder würde, aber für sich selbst hat sie es beschlossen. Sie wird langsam erwachsen, und es wird ihr bewusst, dass es noch einiges anderes auf der Welt gibt als das, was ihr die Eltern vorleben.
Zunächst heisst es zwar wieder zu Hause wohnen. Aber sie kann mit dem drei Jahre älteren Bruder Fredi, der einen Führerschein hat und den alten Wagen der Eltern benutzen darf, die gute halbe Stunde Schulweg von Altstätten nach St. Gallen machen. Doch dann geschieht im Laufe des ersten Handelsschuljahres, bei schlechtem Wetter im St. Galler Tobel, ein Unfall. Das Auto gerät über die Strasse und rutscht einen Abhang hinunter. Fredi kann unverletzt aus dem Auto springen, Gardi landet leicht verletzt im Spital. Sie hat sich am eingebauten Radio das Knie aufgerissen und hat eine Gehirnerschütterung. Die Sache ist glimpflich ausgegangen, nur eine Narbe bleibt. Der Unfall hat jedoch eine unerwünschte Nebenwirkung. Die Eltern kommen ins Spital, und die Mutter stellt fest, dass Gardi im Auto nicht die adretten Kleider aus dem eigenen Geschäft trug, sondern in Hippieklamotten aus dem Brockenhaus unterwegs war. So entdeckt sie, dass die Tochter morgens das Elternhaus zwar ordentlich gekleidet verlässt, sich im Auto aber kurzerhand umzieht und in der Schule Sachen trägt, die sie cooler und bequemer findet. Wutentbrannt über das «textile Doppelleben» der Teenagerin nimmt die Mutter «die Lumpen» mit und verbrennt sie zu Hause im offenen Kamin. Diese Szene hat sich noch einige Male wiederholt.
Die nächste Episode dreht sich um eine Hose, die sie bei einem Aufenthalt in Domat/Ems von Rosalie Leupp geschenkt bekommen hat – für die Mutter der Inbegriff eines sündigen Kleidungsstücks. Gardi hält die kostbare Hose tief unten in ihrem Schrank versteckt, zieht sie dann aber eines Morgens an und rennt so schnell wie möglich aus dem Haus. «Ich weiss noch, wie das Fenster aufging und meine Mutter mir zornig nachrief: ‹Komm sofort zurück!›, aber ich bin damit zur Schule nach St. Gallen. Ich war 16, und es war ein hocherotischer Genuss, den ganzen Tag diese Hose um die Hüfte zu spüren.» Abends gibt es Prügel für Gardi, und die Hose landet im Kamin.
Doch die Zeiten ändern sich, und zwar schnell. Die Haare werden länger, die Röcke kürzer, und Frauenhosen werden Ende der 1960er-Jahre auch im Schweizer Alltag modern. Die Zeiten sind zu Ende, in denen man als Frau nur im Kleid auf die Strasse gehen konnte. In den 1970er-Jahren öffnet sich ein ganzes Hosenuniversum mit Jeans, Schlaghosen, Einteilern, sogenannten Jumpsuits, knallengen Hüfthosen und Hotpants. Es kommen Miniröcke dazu, Plateauschuhe, Tunikas, lockere weite Blusen und Kleider mit Blumenmustern und Kreisen, alles sehr bunt – es ist die Mode der Flowerpower-Kinder. Auch wenn davon nicht alles den Weg bis ins Modehaus findet, dem Trend können sich Gardi Hutters Eltern auf Dauer nicht entziehen, dafür sind sie auch viel zu geschäftstüchtig. Und so kann man Hosen für Frauen bald einmal auch in Altstätten kaufen, und nicht nur das. Irma Hutter beginnt, sie in den 1970er-Jahren sogar selbst zu tragen – und die sündige Freude daran zu entdecken.
DATTELN UND BANANEN IM EIGENEN ZIMMER
Gardi Hutter führt in jener Zeit nicht nur bezüglich Kleider ein Doppelleben. Sie sind nur der sichtbare Teil ihrer Rebellion. An der Handelsmittelschule in St. Gallen kommt sie nach und nach mit neuen Denkwelten in Kontakt. Sie fühlt sich von den rebellierenden Jugendlichen magisch angezogen, denjenigen, die Kleider mit Löchern tragen, sich die Haare wachsen lassen, alles infrage stellen und das Bürgerliche ablehnen. Die Eltern haben wenig Ahnung vom Freiheitsdrang und den neuen Interessen ihrer Tochter. Zu Hause setzt sie gezielt ihr schauspielerisches Talent ein und mimt die brave Gardi. Sie kann das gut. Und so haben die Eltern zunächst wenig Bedenken, als sie nach einem Jahr in St. Gallen darum bittet, ein Zimmer bei einer Schlummermutter nehmen zu dürfen. Gardi argumentiert, mit dem Zimmer vor Ort hätte sie mehr Zeit für Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen. Das leuchtet den Eltern ein.
Die erste Schlummermutter ist katholisch, und Männerbesuche sind strikt verboten. Gardi findet den neuen Freiraum dennoch wundervoll. Ein Mansardenzimmer an der Lustgartenstrasse 12! Ihr eigenes Leben – grossartig, endlich. Sie kauft auf dem Flohmarkt und im Brockenhaus Kissen, mit denen sie sich auf dem Boden einrichtet. Und sie kann sich noch an ihre erste Mahlzeit erinnern: «Ich lag auf meinen Kissen, ass zu Mittag Datteln und Bananen und fand es unbeschreiblich herrlich. Die Vermieterin hat mich dann ziemlich bald rausgeschmissen, weil ich angeblich eine Sauordnung hatte.»
Mit der zweiten Vermieterin hat sie mehr Glück. Sie heisst Irma Hug, arbeitet im Büro und ist alleinerziehende Mutter eines Sohns, der etwas älter als Gardi ist. Als gläubige Katholikin war die Geburt des unehelichen Sohns eine Schande, aber sie liess sich nicht unterkriegen und führt ein selbstständiges Frauenleben. Gardi Hutter schildert sie als witzige, verständnisvolle und kluge Person. Gardi teilt ihr Zimmer mit Loni, einer Schulkollegin. Jede bezahlt zwanzig Franken im Monat, was auch damals wenig ist. Irma Hug schaut auf die beiden jungen Mädchen und führt eine offene, freundschaftliche Beziehung mit ihnen, die Gardi guttut. Die Wohnung ist einfach und liegt in einem unrenovierten Haus mitten in der Altstadt von St. Gallen, an der Spisergasse 15. Sie kostet nur 120 Franken, verfügt aber auch nur über kaltes Wasser und eine Toilette im Treppenhaus. Man wäscht sich am Schüttstein in der Küche, und wenn die Haare dran sind, muss erst einmal Wasser aufgekocht werden. Die Gasse liegt einen Steinwurf von der imposanten Klosterkirche entfernt, und zur Kantonsschule sind es nur ein paar Schritte.
Nach einem Jahr zieht Irma Hugs Sohn aus, und sie sucht sich eine andere Wohnung. Gardi und Loni können die günstige Altbauwohnung übernehmen. Jede bekommt ein eigenes Zimmer, und den dritten Raum vermieten sie an drei Mädchen aus Wil, die ihn nur tagsüber nutzen, um Hausaufgaben zu machen und einen Rückzugsort zu haben. Die drei Wilerinnen besuchen dieselbe Schule und sind wie Gardi auf der Suche nach alternativem Leben. Sie spielen alle Gitarre und singen rebellische Lieder. Auch Gardi spielt Gitarre. Nach langem Drängen durfte sie während der Primarschule Gitarrenstunden nehmen und hat ein paar Akkorde und Rhythmen gelernt, damals vor allem, um an Lagerfeuern Wanderlieder zu singen. Die Mädchen bringen sich gegenseitig neue Lieder bei oder hören stundenlang die gleiche Platte, um ein neues Lied zu lernen. Noten lesen kann keine – und Noten zu kaufen, kommt ihnen nicht in den Sinn.
Gardis neue Ikonen heissen Bob Dylan, Joan Baez, Buffy Sainte-Marie, Janis Joplin, Jimi Hendrix. Sie schafft sich das Buch «Protest-Lieder aus aller Welt» an. Und das Lied «Little Boxes» – 1962 von Malvina Reynolds geschrieben und von Pete Seeger bekannt gemacht – wird zum ständigen Begleiter in ihrem Leben. Der Text von «Little Boxes» mokiert sich über die Konformität der amerikanischen Mittelklasse.
Die Wohnung wird zu einem Treffpunkt für weitere Jugendliche, denn hier hat man eine elternfreie Zone. Wobei das mit der Elternfreiheit nicht ganz stimmt. Irma Hutter ist doch nicht ganz wohl beim Gedanken, dass die mittlerweile 17-jährige Gardi ohne erwachsene Aufsicht wohnt. Die Lösung sind unangemeldete mütterliche Kontrollgänge morgens um sieben Uhr an der Spisergasse. Die frühe Zeit hat zwei Vorteile. Die Mutter kann schauen, ob nicht unerwünschter Besuch in der Wohnung ist, und schafft es rechtzeitig zurück nach Altstätten, bevor das Geschäft öffnet. Wenn es also morgens um sieben Uhr klingelt, weiss Gardi Hutter, wer vor der Tür steht. Dann kommt die Mutter herein, kontrolliert, ob alles sauber und ordentlich ist, ob sich keine fremden Gestalten in der Wohnung befinden, und reist wieder ab.
Die Kontrolle von daheim wird auch monetär ausgeübt. Gardi erhält zwar monatlich Geld für Miete und Essen, aber der Betrag ist eher knapp bemessen, und die Zuwendung wird nicht etwa auf ein Konto überwiesen. «Ich ging immer Anfang Monat nach Altstätten, und ich erinnere mich, wie ich zum Vater ins Geschäft trat, verlegen danach fragte, und dann drückte er mir ebenso verlegen die paar Noten in die Hand.» Gardis Freiheitsdrang verlangt aber nach mehr Mitteln, und so geht sie in den Ferien arbeiten. Hinter dem Wohnhaus der Eltern steht die kleine Piz-Buin-Fabrik, in der Sonnencreme hergestellt wird. Gardi steht dort in den Ferien am Fliessband. In den Jahren darauf arbeitet sie an der OLMA, der grossen Ostschweizer Landwirtschaftsmesse, die jeweils im Oktober in St. Gallen stattfindet. Beim Bauernverband schenkt sie von morgens bis abends Kaffee aus und sinkt danach todmüde auf ihre Matratze in der Wohnung. Die eigenen Mittel reichen für die eine oder andere Ausgabe, von der die Eltern besser nichts erfahren.
VON DER BRAVEN KATHOLIKIN ZUR LINKEN IDEOLOGIN
Wenn die Mutter wüsste, was in Gardis Kopf mittlerweile alles vorgeht und was in ihrem Leben alles los ist! Die Schule interessiert sie kaum, die Noten sind auf Talfahrt. Sie kommt zwar mit, aber im zweiten oder dritten Jahr der Handelsschule beginnt sie, sich zu überlegen, die Schule abzubrechen. Sekretärin will sie sowieso nicht werden. Sie fängt an, davon zu träumen, auszubrechen, etwas von der Welt zu sehen, und überlegt sich, dass sie zwischendurch jobben könnte, um ihr Leben zu finanzieren, und dann würde sie die Matura nachholen und studieren.
Ihre Ideen und der Freiheitsdrang haben konkrete Ursachen. Im zweiten Jahr der Handelsmittelschule wird Gardi Hutter Teil der sich gerade formierenden kleinen linken Szene von St. Gallen. Sie besteht aus Schülerinnen und Schülern der Kantonsschule, Lehrlingen und Studenten der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (HSG). Gardi Hutter ist durch die «Aktion rotes Herz», die im Januar 1970 zum öffentlichen Skandal wird, in diese Gruppe geraten. Auslöser der Aktion ist eine Liebesbeziehung zwischen einer Schülerin und einem Schüler, ein intimes Verhältnis, von dem die Schulleitung erfährt. Die beiden sind 18 und 19 Jahre alt und im letzten Schuljahr vor der Matura, aber die Reaktion folgt postwendend. Der Rektor bittet die Eltern dringend, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, was faktisch einem Ausschluss gleichkommt. Er argumentiert, dass eine solch «neue Moral» an der Kantonsschule nichts zu suchen habe. Das führt zu aufgeregten Debatten in der Schülerschaft, und ein Grüppchen von neun Jugendlichen streut am 5. Januar 1970 ein Flugblatt mit dem Titel «Aktion rotes Herz». Darin heisst es: «Wir empören uns über die puritanische Vorgangsweise und die autoritäre Anmassung der Schulleitung, sich in solch tiefgreifender Art in die Privatsphäre zweier fast volljähriger Menschen einzumischen.» Wer die Aktion unterstützt, soll einen Protestknopf tragen und auf jedes Klausurblatt, auf jede Wandtafel ein rotes Herz malen. Durch das Flugblatt gerät das Thema in die Medien. Blick und Bild, das St. Galler Tagblatt und weitere Zeitungen berichten und machen daraus eine Romeo- und-Julia-Geschichte. Der prüde Rektor kommt in den meisten Blättern schlecht weg. Die Eltern des Liebespaars nehmen ihre Kinder zwar von der Schule, legen aber Rekurs ein, worauf der St. Galler Regierungsrat einen Untersuchungsbericht in Auftrag gibt. Der kommt zum Schluss, dass sich der Freund zwar mit sexuellen Angebereien und seinem Haschischkonsum wichtiggemacht habe, aber letztlich seien die Sanktionen des Rektors zu hart gewesen.
Dass das Thema solche Wellen zu schlagen vermag, ist nicht verwunderlich. In einer Mehrzahl der Kantone herrscht 1970 noch das sogenannte Konkubinatsverbot. In St. Gallen wird es erst 1984 aufgehoben. Unverheiratete Paare dürfen bis dahin also nicht zusammenwohnen, und ausserehelicher Sex ist tabu. Die Pille kommt in den USA zwar bereits 1960 auf den Markt, und Europa folgt nicht viel später, aber die katholische Kirche lehnt sie bis heute ab. Die Forderungen nach der freien Liebe sind Thema der Achtundsechziger-Bewegung und noch ganz jung.
An der Kantonsschule erkennt man zwar nach der «Aktion rotes Herz» einen gewissen Handlungsbedarf beim Thema Sexualität, doch revolutionär klingt noch nicht, was im Schulbericht 1969/70 steht: «Die Frage der Sexualerziehung muss intensiver an die Hand genommen werden; das Schuljahr 70/71 soll ein Versuchsjahr werden: einmal sollen die Klassen 3 g, 1 t, 1 w und 1 h eine mehrstündige Einführung in die Frage erhalten und mit Arzt und Theologen darüber sprechen […].» Ob ausgerechnet Theologen, womöglich katholische, die richtigen Auskunftgeber für die aufgewühlte Schuljugend sind? Das Wort «Sexualerziehung» deutet jedenfalls darauf hin, dass es mit einem liberaleren Geist noch nicht weit her ist.
Die Jugendlichen wollen sich nicht länger von autoritären Erwachsenen gängeln lassen. Der revolutionäre Geist hat St. Gallen erreicht. Es bildet sich eine «oppositionelle Basisgruppe», ein lose zusammengewürfelter Haufen. Sie mieten eine billige Wohnung im vierten Stock der Schwertgasse 3, fünf Minuten von Gardi Hutters Wohnung entfernt. Was für Altstätten die Kugelgasse, ist für St. Gallen die Schwertgasse, ein damals etwas verrufener Ort mit heruntergekommenen Häusern. Gardi Hutter hat Anschluss an das Grüppchen, das an der Schwertgasse ein- und ausgeht, und ist auch regelmässig dort anzutreffen. Sie befreundet sich dort mit einer jungen Frau, Doris Raschle, die Teil der «Aktion rotes Herz» war.
Etwa 15 bis 20 Leute gehören zu Gardi Hutters Kreis. Mit den Studenten der HSG hat sie wenig zu tun. «Das waren ‹die Grossen›, und die HSG haben wir als ‹Kaderschmiede der Bourgeoisie› verachtet», sagt sie.
Res Strehle, der damals an der HSG Wirtschaftswissenschaften studiert und später Chefredaktor des Tages-Anzeigers wird, schreibt in seinen Erinnerungen «Mein Leben als 68er», dass etwa vierzig Leute die ganze Achtundsechziger-Bewegung in St. Gallen ausgemacht hätten. «Die paar Genossinnen bildeten eine Frauengruppe, die paar Schwulen eine Homosexuellengruppe, die paar Humanisten eine Strafrechtsreformgruppe […]. Dieselben vierzig Leute demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, simulierten einen 1.-Mai-Umzug und eine Studentenbewegung.» Die ganze «Bewegung» ist also recht überschaubar. Harry Rosenbaum, ebenfalls ein späterer Journalist, spricht von einer «Bonsai-68er-Bewegung» in St. Gallen.
Gardi Hutter erinnert sich an die Sitzungen ihrer «Projektgruppe Polit-Oekonomie», die sich jeden Dienstag trifft und kapitalismuskritische Bücher liest und zusammenfasst. «So versuchten wir, uns zu schulen und voneinander zu lernen. Wir lasen ‹Das Kapital› von Karl Marx, Ernest Mandels ‹Marxistische Wirtschaftstheorie› und Alexander Mitscherlichs ‹Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft›. Keine leichten Brocken für eine 17-Jährige. Wir meinten es ernst und wollten verstehen lernen, um damit auch andere aufzuklären. Wir waren beseelt davon, eine bessere Welt zu schaffen, und meinten, dass es dazu nur mehr Gerechtigkeit brauche. Es gab grosse Unterschiede in der Runde. Da waren einerseits die grossen Redner, die mühelos ihre Wissensfetzen kombinierten, und andererseits die Schweiger. Ich hörte vor allem zu.» In Gardi Hutters Akten findet sich ein Ordner mit auf Schreibmaschine getippten, lila vervielfältigten «Schnapsmatrizen». In der Einleitung heisst es: «Die Projektgruppe ‹Polit-Oekonomie› setzt sich mit der vorliegenden Arbeit eine Zusammenfassung des ‹Kapitals› von Karl Marx zum Ziel. […] Die Zusammenfassungen werden jeweils 1 Woche vor der Sitzung verteilt und zuhause studiert. An der Sitzung wird der ganze Stoff von einem Mitglied der betr. Projektgruppe kurz vorgetragen. Unklarheiten werden erläutert und diskutiert. Fehler in Wiedergabe und Aufbau verbessert.» Anschliessend soll eine Fassung für «Studenten und Linke» sowie eine «leicht verständliche Arbeiterschulung» erstellt werden. Zwischen den Schnapsmatrizen finden sich handschriftliche Notizen der jungen Politaktivistin, auf denen sie Sätze festgehalten hat wie «Konzentration ist Anhäufung von Kapital in wenigen Händen». Die jungen Leute nehmen ihre Sache ernst. Am Ende des Ordners finden sich 35 Kontrollfragen: «1) Welches sind die zwei Faktoren der Ware? 2) Was ist allen Waren gemeinsam? 3) Welches ist das Mass aller Werte? […] 17) Unter welchen rechtlichen Verhältnissen verkauft der Arbeiter heute seine Arbeitskraft? […] 25) Kannst du die Formel über die Masse des Mehrwerts aufzeichnen? […] 34) Zeichne ein Schema der einfachen Reproduktion.»
Es wird gestritten, debattiert, von neuen Lebensentwürfen geträumt. Grosses Feindbild sei «das System» gewesen, schreibt Eugen Sorg, ein weiterer Journalist, in seinem Buch «Mein Leben als 68er»: «Das System umfasste alles: die kapitalistische Ausbeutung, das Schutzalter, die Napalmbombe, die Schulnoten, die Gasöfen, das Deodorant und das manipulierte Bewusstsein, das die Leute zu willigen Komplizen der eigenen Unterwerfung machte.»
Joints und andere Drogen machen die Runde. Gardi ist mittendrin, macht mit, probiert aus. «Im Nachhinein denke ich manchmal, dass ich Glück hatte, dass ich aus alledem wieder heil herausgekommen bin. Ich war hungrig nach anderem Leben, nach intensiven Gefühlen und habe sehr viel ausprobiert, ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich einliess.»
Im Sommer 1970 verbringt sie mit Elisabeth, einer Freundin aus der Schule, und deren Familie Ferien im kroatischen Split. Die Erlaubnis dazu hat sie bekommen, weil es sich in den Augen der Eltern um eine anständige, gutbürgerliche Familie handelt, die Gardi gewiss unter Kontrolle haben wird. Elisabeth und Gardi sind beide aktiv im linken Grüppchen und offen für alles. Tagsüber lesen sie Mitscherlich, und eines Abends nehmen sie LSD, und zwar auf einem Steg, der weit ins Meer hinausragt. «Es war ein heftiger LSD-Trip, und die ganze Welt um uns begann so enorm zu schwanken, dass wir kaum mehr den Weg zum Ufer zurückfanden. Wir probierten viele Dinge aus, ohne uns gross Gedanken über die Konsequenzen zu machen oder sie abschätzen zu können. Es war manchmal lebensgefährlich und hätte auch gründlich schiefgehen können.» Als Gardi Hutter und ihre Mitkämpfer beginnen, mit Drogen zu experimentieren, geht es den jungen Leuten vor allem um die Bewusstseinserweiterung, um die Befreiung von Zwängen, wovon in dieser Zeit mehrere «wissenschaftliche» Bücher künden. Erst als es die ersten Drogentoten gibt, läuten die Alarmglocken, und viele, auch Gardi, werden vorsichtiger.
ROTER GALLUS UND EINE ERSTE FRAUENGRUPPE
Schon vor den Sommerferien, im Frühling 1970, ist in der politischen Gruppe beschlossen worden, eine neue Agitationszeitung mit dem Namen Roter Gallus herauszugeben. Der Vietnamkrieg, der Antiimperialismus und das gesellschaftliche Establishment werden thematisiert. In der ersten Ausgabe vom Juni 1970 findet sich auch eine Glosse über «Kirchliches», die sich über den Landesbischof von St. Gallen mokiert. Und in der zweiten Ausgabe steht als Titel ein Zitat von Wolfgang Borchert: «Dann gibt’s nur eins: sag NEIN!». Daneben ist ein Panzer mit Schweizerkreuz abgebildet. Es folgten ein Gedicht und darunter ein Text mit dem Titel «Der Kriegsdienstverweigerermensch». Damit ist klar: Der Rote Gallus ruft zur Verweigerung des Militärdienstes auf. Die Zeitung wird verboten. Diese Zensur schafft schweizweit so viel Publizität, dass sich die Hefte nun unter der Hand leichter verkaufen lassen. Und das linke Grüppchen, bis anhin eher mitleidig belächelt, wird jetzt ernst genommen. Es folgt ein dreijähriger Prozess über mehrere Instanzen. Er dreht sich um die Frage, ob mit dem Borchert-Zitat Schweizer Wehrmänner zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen wurden. Die Antwort des Bundesgerichts lautet: Ja! Der Redaktionsleiter S. wird zu einer Woche Gefängnis bedingt verurteilt. Zwei Nebenangeklagte werden freigesprochen.
Gardi Hutter traut sich das Verfassen eigener Artikel für den Roten Gallus noch nicht zu, sie ist aber an allen Diskussionen dabei, sucht Material zusammen und arbeitet bis spätnachts bei der Produktion des Hefts mit. Und sie beobachtet die Gruppendynamik. Irgendetwas klemmt. Auf dem Heimweg redet sie mit ihren Freundinnen, die ebenfalls missmutig scheinen, und sie kommen darauf, was ihnen aufstösst. «Uns Frauen fiel auf, dass immer wir den Kaffee machten, für die Flugblätter den handbetriebenen Matrizendrucker bedienten und den Gallus zusammenhefteten. Auch bei den Revoluzzern waren wir die Sekretärinnen. Wir beschlossen, uns separat zu treffen und das zu diskutieren. Die gesellschaftliche Entwicklung lief parallel zu meiner eigenen. Als sich die Frauen zu emanzipieren begannen, also gesellschaftlich erwachsen wurden, wurde auch ich erwachsen. Persönliche und politische Fragen überschnitten sich. Ich begann, mir Fragen zu stellen. Wieso reden immer nur die Männer, wir Frauen schweigen und sind zuständig für die undankbaren Arbeiten, die am Ende niemand sieht? Wissen sie wirklich mehr, oder reden sie nur lauter? Wieso habe ich als Mädchen immer nur Nachteile? Wieso dürfen meine Brüder, was ich nicht darf? Wieso ist uns Frauen alles verboten, was Lust macht? Meine Kolleginnen und ich tasteten uns noch unbeholfen an Frauenthemen heran. Wir sagten Sätze, die uns selbst erschreckten. Wir wagten, Verbotenes zu denken, und fühlten uns dabei ungeheuerlich. Wir lasen Simone de Beauvoirs ‹Das andere Geschlecht›, und uns gingen die Augen auf.» Die Sätze, die sie im Buch der französischen Philosophin findet, sind eine Offenbarung, wenn es heisst: «Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere», oder: «Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.» Das Thema Feminismus dringt unvermittelt in das Bewusstsein der jungen Frauen – die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter, Vorurteile und Stereotype. Und wie sie selbst sagt, fällt ihr erwachendes Bewusstsein für Frauenfragen zusammen mit einem neuen Aufbruch in der Frauenbewegung. Die Forderungen nach sozialer und politischer Gleichstellung der Geschlechter gibt es zwar schon seit dem 19. Jahrhundert, aber Ende der 1960er-Jahre akzentuieren sie sich.
1969 marschieren 5000 Frauen und Männer nach Bern, um dagegen zu demonstrieren, dass der Bundesrat die Europäische Menschenrechtskonvention nur mit Vorbehalt zum Frauenstimmrecht unterzeichnen will. Es gehört endlich eingeführt. Am 7. Februar 1971 wird die Vorlage mit zwei Dritteln Ja-Stimmen endlich angenommen. Noch später sind in Europa nur Portugal und Liechtenstein. Der Vater habe 1971 gewiss dafür gestimmt, sagt Gardi Hutter, und die Mutter sei wohl nicht dagegen, aber auch nicht richtig dafür gewesen. Konservative Schweizerinnen sind lange der Meinung, dass es ausreiche, wenn sich die Männer um die Politik kümmerten. Diese würden schon alles richtig machen.
Ende der 1960er-Jahre formiert sich auch die sogenannte neue Frauenbewegung, dazu gehört die Frauenbefreiungsbewegung FBB. Befreiung ist das zentrale Stichwort für die aufmüpfigen, linken jungen Frauen. Sie lehnen sich auf gegen die sogenannt bürgerliche Frauenbewegung, die über rechtliche Änderungen und Integration in das bestehende Gesellschaftssystem die Gleichstellung erreichen möchte. Die Frauen der FBB haben einen anderen Fokus. Sie kämpfen für die Legalisierung der Abtreibung, lehnen herkömmliche Hierarchien ab und sehen im Feminismus den Drehpunkt für grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen. In der Nummer sieben des Roten Gallus vom Juni 1971 findet sich ein Comic mit dem Titel «Der Kapitalismus schlägt Männer und Frauen». Er zeigt, wie zwar Männer und Frauen bei der Arbeit von ihren Chefs unterdrückt werden; wenn sie dann aber nach Hause kommen, setzt sich der Mann vor den Fernseher, während die Frau kocht, abwäscht, Kinder tröstet, bügelt und am Ende zu müde für aufregenden Sex ist. Darunter steht im Text, dass es schwerlich das höchste Ziel der Frauen sein könne, gleichberechtigt wie ihre Männer in der Tretmühle eines Betriebs ausgelaugt zu werden oder in die Kriege der Herrschenden zu ziehen. Etwas Grundlegendes müsse sich ändern. Gardi Hutter saugt die feministischen Ideen wie ein Schwamm auf.
Neben allem Neuen, das die junge Frau in ihrer St. Galler Zeit lernt und ausprobiert, holen sie aber auch altbekannte Themen ein. Das Gefühl der Fremdheit, des nicht ganz Dazugehörens, empfindet sie weiterhin. Ihr Umfeld hat sie sich nun zwar ausgesucht, und die rebellischen Jugendlichen gefallen ihr. Sie ist Teil einer Clique, das inhaltliche Kontrastprogramm zur katholischen Kindheit tut ihr gut, der Feminismus interessiert sie. Trotzdem fühlt sie sich nicht wirklich dazugehörig: «Ich kam aus einer Kleinstadt, quasi vom Land, aus einem bildungsfernen Elternhaus. Bei uns zu Hause wurde nie über Politik diskutiert. Ich war ignorant, deshalb schwieg ich, hörte zu, und nachts schaute ich im Duden nach, was die Fremdwörter bedeuteten. Der Duden war das am meisten durchgeblätterte Buch jener Zeit.»
So, wie sie als Kind fromm war, kippt sie nun genau in die andere Richtung und glaubt ebenso intensiv an die linke Ideologie. Vom braven katholischen Mädchen wird sie innerhalb weniger Jahre zur linken Politaktivistin. Wenn sie jetzt zur Fasnachtszeit nach Altstätten kommt, kann sie ihre Begeisterung aus Kindertagen überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Das wilde, bunte Treiben scheint ihr nichts anderes als ein grosses Besäufnis. Brave Bürger dürfen sechs Tage im Jahr über die Schnur hauen, und die anderen 359 stehen sie unter Zwang.
Und was sich in Rorschach erst zaghaft anbahnte, vollzieht sich in der St. Galler Zeit schnell und radikal: Mit der linken Ideologie kommt ihr der katholische Glaube schnell und gründlich abhanden beziehungsweise wird kurzerhand ausgetauscht gegen den politischen Befreiungsglauben – in ihrem Absolutheitsanspruch sind sie sich nicht unähnlich.
ERSTE LIEBEN, ERSTE ENTTÄUSCHUNGEN
Nicht nur in der Politik, auch in der Liebe will Gardi Hutter ihre Wissenslücken füllen. Es gibt mittlerweile die Pille, und das Thema «freie Liebe» gehört mit auf die Agenda der jungen Leute um sie herum, erst recht nach der «Aktion rotes Herz». Ausgiebig wird in jenem Jahr unter den Schülerinnen und Schülern über die Prüderie der Erwachsenen diskutiert. Gardi Hutter ist 17 Jahre alt und will es nun endlich auch wissen. Sie folgt einem Freund in seine Wohnung, doch als er sich auszieht und nackt vor ihr sitzt, meint sie, diese pralle, rot glänzende Rute sei ein Geschwür, und flüchtet entsetzt. Sie hat ja noch nie einen nackten Mann gesehen und weiss nichts über Geschlechtsteile, auch nicht über ihre eigenen. Und da sie schon 17 ist, schämt sie sich, Freundinnen zu fragen. Sie will sich nicht lächerlich machen. Wenn sie es heute erzählt, lacht sie, auch darüber, dass dieser erste Versuch gründlich misslang. Ein zweiter Anlauf gelingt. «Ich bin mit einer Freundin nach Zürich gefahren, an das Fest einer Kommune auf einem Bauernhof. Dort ist es einfach passiert und war sehr locker und schön. Ich war dann verliebt in den jungen Mann, aber er leider nicht in das Provinzmädchen, das war eine Enttäuschung.» Die Welt der Beziehungen zum anderen Geschlecht öffnet sich, doch das Suchen und Finden der Liebe ist nicht einfach. Seit dem ersten Jahr an der Kantonsschule ist sie ständig heimlich verliebt und malt verträumt all ihre Schulhefte mit den Anfangsbuchstaben der Jungs voll, für die sie schwärmt. Einem gesteht sie die Verliebtheit. Sie blitzt ab, weil er schon eine Freundin hat.
Doch nach der «ersten Nacht» wird sie immer mutiger und verspielter. Sie lässt sich mit einem kanadischen Strassenmusiker ein und zieht mit ihm ein paar Tage durch die Schweiz. Prompt taucht die Mutter in St. Gallen auf und findet sie dort nicht. Als Gardi dann erzählen muss, wo sie war, und die Mutter mit besorgter Miene nur ganz knapp das Unaussprechliche fragt – «Hast du?» –, weist sie diesen Verdacht so empört zurück, dass die Mutter ihr glaubt.
Der Musiker zieht weiter, aber Gardi will nicht mit. Sie lässt sich nun mit mehreren Gleichaltrigen ein, das scheint ihr die einfachste, tiefgreifendste und genussreichste Form von Rebellion zu sein. In den Projektgruppen wird heiss diskutiert, aber die Funken fliegen auf allen Ebenen. Diskussionen gehen oft übergangslos in Schmusereien über. «Wir waren überzeugt, dass die Befreiung der Gesellschaft mit der eigenen Befreiung beginnt, und die musste ganzheitlich sein. Dass man das konnte, dass man das durfte, ja schon fast musste, war Teil des ganzen damaligen Umbruchs in Bezug auf die Sexualität. Diese Art der Befreiung war wie ein politischer Akt. Und da Besitzanspruch verpönt war, blieben es lockere Begegnungen von kurzer Dauer.» Die erste längere Beziehung lässt auf sich warten.
Eines Tages erzählen ihr drei Burschen aus ihrem politischen Grüppchen, dass sie alle in sie verliebt seien. Gardi Hutter hat sich mittlerweile zu einer attraktiven jungen Frau entwickelt. Die Zöpfe sind längst verschwunden. Das glatte, blonde Haar trägt sie lang und offen. Mit 1.57 Metern ist sie klein, schlank und hübsch. Doch es quälen sie Selbstzweifel. «Ich habe mich stundenlang vor dem Spiegel gedreht und gewendet und fand alles falsch an mir: zu klein, zu dick, zu hässlich, zu wenig Busen, zu wenig Taille. Ich war sicher, dass ich unattraktiv bin und nie jemandem gefallen könnte.» Umso überraschter ist sie vom Geständnis des Verehrertrios. «Es gefielen mir alle drei jungen Männer. Einen habe ich dann erhört. Das war meine erste längere Liebschaft.» Er heisst Markus und scheint ihr aufregender als die beiden anderen Verehrer. «Mir gefiel, dass er eigenwillig und speziell war, und die erotische Anziehung war stark.» Markus ist Lehrling, mittelgross, blond und schlank. Sohn einer alleinerziehenden Mutter. Er wohnt an der Schwertgasse und nimmt Gardi auch mit nach Hause zu seiner Mutter, die liberal denkt. Markus’ Freundin darf dort übernachten. Gardi ist sehr verliebt in diesen ersten richtigen Freund und erzählt, dass erstmals so etwas wie Vertrautheit auch die körperliche Liebe mitgestaltet habe.
Wenn ihre Eltern wüssten! Aber sie wissen nichts oder fast nichts. Bei Besuchen daheim nimmt sich Gardi Hutter zusammen, spricht weder über Marxismus noch über Joints oder den Bettgefährten. Eltern und Brüder haben lange Zeit keine Ahnung von Gardis wilden St. Galler Zeiten. Doch die Wohnung an der Schwertgasse wird polizeilich überwacht. Es wird beobachtet, wer ein- und ausgeht, und eines Tages ruft die Polizei bei Hutters in Altstätten an. Sie sollten doch mal schauen, wo sich ihre Tochter überall herumtreibe, wird ihnen am Telefon geraten.
Irma Hutter ist geschockt. «Meine Mutter kam sofort angereist, und es war natürlich Feuer im Dach. Ich erinnere mich, wie sie am Tisch sass und zu mir sagte: ‹Wenn ich sterbe, bist du schuld.›» Und so kommt ans Licht, dass Gardi sich mit «verlausten Typen» herumtreibt, irgendwelchen linken Ideen nachhängt und Zigaretten raucht. Viel mehr kommt aber nicht aus. Gardi Hutter hat früh gelernt, wie man Dinge leugnet und beschönigt. Ihr Schauspieltalent hat ihr dabei immer geholfen, so auch jetzt. Sie schafft es wiederum problemlos, die Situation zu verharmlosen. Die Mutter erfährt weder, dass sie einen Freund hat und die Pille nimmt, noch dass sie Drogen ausprobiert hat. All das ginge auch weit über ihr Vorstellungsvermögen hinaus. Besser man schont sie.
Eines Morgens klingelt die Polizei sogar selbst an der Spisergasse 15. Ein Nachbar hat Gardi Hutter angezeigt. Sie habe Herrenbesuch über Nacht. Es herrscht ja wie gesagt Konkubinatsverbot in St. Gallen. Und ja, Markus ist in der Wohnung und versteckt sich schnell im Schrank, wie in einer Komödie. «Die Polizei kam rein, und ich hatte den Eindruck, es war ihnen etwas peinlich, dass sie sich umschauen mussten. Aber klar, es gab ein Verbot, und der Nachbar hatte sie alarmiert.» Der Freund bleibt unentdeckt, und die Ordnungshüter ziehen bald wieder ab.
Doch die Beziehung mit Markus gestaltet sich auf die Dauer nicht so einfach. Gardi ist beziehungsunerfahren, und in diesen neuen rebellischen Zeiten, in denen alles anders, offener und weniger prüde sein soll, gilt es, die hohen Ansprüche an Freiheit und Liebesbedürftigkeit zusammenzubringen. Die jungen Menschen versuchen, ehrlich und authentisch miteinander umzugehen, doch gelernt haben sie das nirgends. Die Konflikte sind heftig, die Lösungen rar – oder radikal. Markus verlässt Gardi und zieht mit ihrer besten Freundin Doris Raschle zusammen. Man kennt sich aus dem politischen Grüppchen. Für Gardi ist es ein doppeltes Drama. Sie verliert ihre zwei nächsten Menschen und verkriecht sich untröstlich in ihr Zimmer, will niemanden sehen. Sie beschliesst, in einem halben Jahr, sobald sie ihr Diplom hat, ins Ausland auszuwandern.
Als sie eine Telefonkabine aufsucht, um dort einer Freundin weinend alles zu erzählen, öffnet ein Trompeter die Tür und spielt dem traurigen jungen Mädchen etwas vor. Es ist Fasnachtszeit, und er gehört zu einer Guggenmusik, die durch St. Gallen zieht. Tolles Treiben gegen die Traurigkeit kennt Gardi von der Altstätter Fasnacht. Sie muss lachen und zieht der Gugge nach. Der Trompeter heisst Rudi, er tröstet sie und wird ihr nächster Freund. Ein liebenswerter, ein paar Jahre älterer Goldschmied, der sie mit viel Charme aus dem Loch zieht.
Das katholische Mädcheninternat Stella Maris in Rorschach, wo Gardi Hutter von 1966 bis 1968 die Sekundarschule besucht.

Gemäss Internatsprogramm will man die Mädchen zu «bescheidenen, gesitteten, braven, für die Haushaltung tüchtige und brauchbare Töchter heranbilden». Die exakte Vorgehensweise beim Fensterputzen hat Gardi Hutter feinsäuberlich in ihrem Haushaltsordner notiert.

Rosalie Leupp, eine Freundin der Mutter, wird über die Jahre zum Vorbild und zur engen Vertrauten in den schwierigen Teenagerjahren.
Gardi probiert alles aus und provoziert, so viel sie kann. Hier sitzt sie auf dem Dach des Hauses, in dem sie wohnt; in der Altstadt von St. Gallen.
Die Rebellen der Achtundsechziger-Bewegung treffen sich an der Schwertgasse 3 und befassen sich mit Kapitalismuskritik (Gardi vorne rechts).

Rechts: Sommer 1971, Gardi ist 18 Jahre alt und reist mit Freundin Marlis nach Prag, um den real existierenden Sozialismus kennenzulernen. Ernüchterung folgt: Die tschechische Hauptstadt erscheint ihnen trist und freudlos.

Was heute das «Selfie», ist damals das Passfoto aus dem Automaten. Gardi hadert lange mit ihrem Körper und Aussehen, denkt, dass sie unattraktiv sei und niemandem gefallen könne.
April 1972. Die Abschlussklasse der Handelsmittelschule. Gardi Hutter, unten rechts, lächelt. Sie freut sich auf die Zukunft: Bald sitzt sie im Zug nach Paris.
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