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DENISE HUNTER

Der Duft von Pfirsichen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Anja Lerz


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-083-6

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers First published under the title “Blue Ridge Sunrise”

© 2017 by Denise Hunter

Published by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing Inc.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia selenit

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.brendow-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

COVER

TITEL

IMPRESSUM

TEIL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

TEIL 2

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

TEIL 3

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 43

EPILOG

GRANNYS PERFEKTER PFIRSICHSTREUSEL

TEIL 1

KAPITEL 1

Niemals hätte Zoe Collins erwartet, dass sie je wieder einen Fuß auf die Straßen von Copper Creek setzen würde. Doch nun war das Einzige, was sie dazu hätte bewegen können, passiert.

Ein wenig wackelig auf ihren hohen Absätzen stieg sie aus dem dunklen Sedan. Brady, ihr Bruder, hakte sich wortlos bei ihr unter, während sie ihrem Vater über den gepflegten Friedhof folgten, der Grannys neue irdische Ruhestätte werden würde.

Sie atmete die Frühlingsluft tief ein und betrachtete die Berge und Tannenwälder, die sie umgaben. Copper Creek schmiegte sich in die hügeligen Ausläufer der Berge von Georgia. Manche mochten sagen, ein Besuch in dem Städtchen sei ein wie ein Ausflug in alte, einfachere Zeiten, aber für Zoe waren die Erinnerungen an zu Hause eine widersprüchliche Mischung aus Glückseligkeit und Jammer und Elend. Vor allem Jammer und Elend.

Ihr Freund, Kyle, war mit ihrer Tochter Gracie im Hotel geblieben. Zoes lange begraben geglaubte Trauer und ihre Schuldgefühle rangen mit dem überwältigenden Gefühl der Erleichterung darüber, endlich allein zu sein. Sie beschloss, sich auf Letzteres zu konzentrieren, und füllte ihre Lungen mit dem vertrauten süßen Duft der Heimat: Es roch nach Hyazinthen, Sonnenschein und Freiheit.

Als sie sich dem Zelt näherten, kam Zoes beste Freundin auf sie zu. Hope Daniels hatte sich kein bisschen verändert – mit ihrem dunklen, gewellten Haar und den funkelnden grünen Augen war sie immer noch eine Naturschönheit. Wenn sie lächelte, sah sie Rachel McAdams täuschend ähnlich. Aber heute war keine Spur ihres breiten Lächelns zu sehen.

Zoe löste sich von Brady, um sie zu begrüßen, und fand sich in einer Riesenumarmung wieder, wie nur Hope sie zustande brachte. Ein Teil Liebe, zwei Teile Boa Constrictor.

„Zoe.“

„Hey, Hope“, quetschte Zoe heraus.

„Es tut mir so leid, dass ich es nicht zur Trauerfeier geschafft habe.“

„Mach dir keine Gedanken. Es tut gut, dich zu sehen.“

Obwohl Hope das Rusty Nail eigentlich nur am Wochenende managte, hatte sie einspringen müssen, weil eine Grippewelle einen Teil der Angestellten aus dem Verkehr gezogen hatte. Ihre große Liebe galt dem Radio. Auf einem Lokalsender moderierte sie eine tägliche Talkshow namens „Living with Hope“, bei der Hörerinnen und Hörer anrufen und über ihre Probleme reden konnten. Dabei konnte sie ihren Abschluss in Psychologie gut gebrauchen, für den sie so hart gearbeitet hatte.

„Wie geht es dir?“

„Ganz okay, glaube ich.“

Hope ließ sie los. Zoe schaffte es, einmal tief durchzuatmen.

„Oh, ich habe dich so vermisst“, sagte ihre Freundin. „Fünf Jahre sind viel zu lang – und kaum ein Anruf“, schimpfte sie. „Aber macht nichts. Ich spare mir die Gardinenpredigt für einen besseren Zeitpunkt auf.“

„Das mit deinem Feingefühl wird immer besser. Gut gemacht.“

„Nicht wirklich. Wart‘s nur ab.“ Hopes Blick huschte zum Zelt hinüber. „Also, wo ist denn jetzt dieser süße kleine Engel, den ich endlich mal zu fassen bekommen will? Es ist wirklich ein einziges Elend, wenn man sich mit Facebook und Instagram begnügen muss.“

„Ich habe gedacht, eine Beerdigung sei vielleicht ein bisschen verwirrend für eine Vierjährige. Außerdem wollte ich auch nicht, dass sie Dad ausgerechnet hier kennenlernt, also habe ich sie bei Kyle gelassen.“ „Ich kann nicht glauben, dass du immer noch mit dem zusammen bist.“

Zoe legte den Kopf schief. „Und du wunderst dich, warum ich nie anrufe. Kyle war für uns da, Hope.“

„Lass uns später darüber reden. Angemessener Zeitpunkt und so.“

„Ich kann es kaum erwarten.“ Zoes Augen wanderten zum Zelt. „Ich finde es grässlich, dass ich nicht bei den Vorbereitungen helfen konnte. Wir konnten einfach nicht früher aus Nashville weg.“

Hope presste die Lippen zusammen. Offenbar unterdrückte sie den Impuls, einen weiteren Gedanken zu äußern. „Nun ja … du weißt ja, wie deine Großmutter war. Sie hatte schon alles soweit geregelt, Gott sei ihrer Seele gnädig. Viel war gar nicht zu tun. Wie geht es denn Brady heute? An dem Tag, als sie gestorben ist, war er völlig fertig.“

Zoe betrachtete ihren Bruder, der jetzt unter dem Zelteingang stand. Der schwarze Anzug passte gut zu seiner großen, stattlichen Erscheinung und den kurzen, dunklen Haaren. Er plauderte mit ihrem Vater, und sie versuchte, die beiden nicht um ihr entspanntes Verhältnis zueinander zu beneiden. Seit sie weggegangen war, hatte Zoe nur noch sporadischen Kontakt mit Brady gehabt – und mit allen anderen eigentlich auch.

Granny. Jetzt war es zu spät. Die Schuld drückte sie schwer. Aber sie schüttelte das Gefühl ab.

„Wie macht sich Brady seit der Scheidung?“, fragte Zoe.

Hope zuckte die Schultern. „Wie es zu erwarten war, glaube ich. Ich weiß nicht, wie er je mit dieser Frau zurechtkommen konnte, aber den kleinen Sam liebt er auf jeden Fall sehr. Alle zwei Wochen darf er ihn am Wochenende haben, weißt du.“

Während Zoes Abwesenheit hatte Audrey Brady verlassen und ihm zweifellos das Herz gebrochen. Noch eine Person, die sie im Stich gelassen hatte.

„Er wollte das Sorgerecht, aber Audrey ist dagegen vorgegangen und hat gewonnen. Ich könnte schwören, dass sie das nur aus Trotz gemacht hat.“

Nach allem, was Zoe über Audrey wusste, stimmte das womöglich. Aber sie wollte nicht mehr über ihren Bruder nachdenken. Das Thema kam einem Bereich zu nahe, den sie unbedingt vermeiden wollte.

„Wie geht es dem Hof, jetzt, wo Granny nicht mehr da ist?“, fragte sie.

„In den letzten paar Jahren hat sie kaum noch selbst die Aufsicht darüber geführt. Sie hat sich um die Einzelhändler gekümmert, aber davon abgesehen ist der Laden quasi wie von selbst gelaufen. Kein Wunder, bei all der Hilfe, die sie hatte.“ Hope öffnete den Mund, als wollte sie noch etwas hinzufügen, biss sich aber auf die Lippe.

Zoe schloss die Augen und konnte die Pfirsiche beinahe riechen, so kurz vor der Ernte. Konnte die samtweiche Haut spüren und das saftige, süße Fruchtfleisch schmecken. In ihrer Kindheit hatte sie jede freie Stunde auf der Plantage verbracht. Dort war es schöner gewesen als zu Hause, besonders, nachdem ihre Mama gestorben war. Sie hätte vor ihrer Abreise gerne noch ein paar stille Stunden dort verbracht. Schade, dass Kyle es so eilig hatte, nach Nashville zurückzukehren.

„Ich hätte nie gedacht, dass es ausgerechnet ihr Herz sein würde“, sagte Zoe.

„Ja, das stimmt. Sie wirkte fit wie ein Turnschuh. Gerade letzte Woche noch kam ich in die Scheune, und da stand sie hoch oben auf einer Fünf-Meter-Leiter. Ich habe sie gefragt: ‚Was machst du denn da oben, Granny Nel?‘, und sie antwortete: ‚Ich wechsele eine Glühbirne.‘ ‚Komm bloß da runter‘, habe ich gesagt, ‚du bist ja vier Meter hoch über dem Boden!‘ Und sie antwortete: ‚Was die perfekte Höhe ist, um diese Glühbirne auszuwechseln.‘“

Zoe grinste wehmütig. „Klingt ganz nach ihr.“

Reue wütete in ihr wie eine Sturmflut im Frühling. Zoe war von zu Hause weggegangen, weil sie geglaubt hatte, sie hätte Granny und alle anderen enttäuscht. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass ihr Weggang selbst die größte Enttäuschung überhaupt sein würde. Die Reue drohte, sie in die Tiefe zu ziehen, aber sie kämpfte darum, an der Oberfläche zu bleiben. Das tat sie häufig in letzter Zeit. Eines Tages würde sie den Kampf verlieren.

Hope drückte Zoes Unterarm. „Hey. Jetzt reicht es aber mit den traurigen Augen. Granny Nel hätte nicht gewollt, dass du ihretwegen heulst.“

Zoe blinzelte die Tränen weg und schaute von Hope zu den Autos, die immer noch eintrafen. Sie ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen, während Hoffnung und Grauen in ihr um die Oberhand rangen. Schnell wandte sie sich wieder ihrer Freundin zu.

„Du hast recht. Erzähl mal, was hier so los ist. Wie geht es dir? Was habe ich verpasst?“

„Ach, du kennst doch Copper Creek. Hier ändert sich nicht viel. Ich mache immer noch meine Radiosendung und arbeite am Wochenende im Rusty Nail.“

„Du bist viel zu bescheiden. Ich habe im Internet einen Artikel gesehen, in dem stand, dass ,Living with Hope‘ immer beliebter wird. Du hast einen Preis gewonnen, oder?“

Hope antwortete mit einem Schulterzucken. „Ich liebe, was ich tue. Aber das ist nur ein Lokalprogramm.“

„Nicht mehr lange. Du bist auf einem guten Weg, meine Liebe.“

„Das werden wir sehen. Aber wie steht’s bei dir?“ Hope stupste sie mit dem Ellbogen in die Seite. „Vorprogramm für richtig coole Bands und so.“

Kyles Band, Brevity, war die Vorgruppe für einige berühmte Künstler gewesen. Das war schon etwas Besonderes gewesen, vor so einem großen Publikum aufzutreten.

„Na ja, ich bin ja nur Backgroundsängerin.“

„Also bitte! Dein Gesang ist umwerfend. Weißt du was, Last Chance spielt morgen Abend im Rusty Nail. Mit denen solltest du ein paar Lieder singen.“

„Oh, so lange bleiben wir aber gar nicht. Nach der Beerdigung fahren wir wieder.“

Hope schaute überrascht. „Machst du Witze? Du bist doch gestern Abend erst angekommen. Ich habe fast fünf Jahre darauf gewartet, dass du mal wieder vorbeischaust.“

„Tut mir leid. Wir haben einen Auftritt, für den wir zurückmüssen.“ Und so schön es auch war, wieder mit Hope zu reden und sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen − es gab auch andere Leute, die sie weit weniger gerne sehen wollte.

Die Nachzügler trudelten im Zelt ein, eine kleine Gruppe von Menschen in gedeckten Farben. Es war beinahe an der Zeit, anzufangen.

Sie drückte Hopes Hand. „Ich muss los. Wir reden später.“

Sie wandte sich um, strebte über den unebenen Weg zum Zelt und wäre beinahe gestolpert, als ihr Blick auf die Person fiel, nach der sie Ausschau gehalten hatte.

Cruz Huntley hatte noch nie besser ausgesehen. Sein frisches weißes Hemd bildete einen schönen Kontrast zu seiner puerto-ricanischen Hautfarbe, und die Anzugsjacke betonte seine breiten Schultern. Genau in dem Moment sah er auf. Der Blick aus seinen dunklen Augen durchbohrte sie förmlich.

Ihr Herz schlug wie eine Basstrommel in ihrer Brust, während sie seinem Blick einen langen, schmerzhaften Moment lang standhielt. Erinnerte er sich an die letzte Beerdigung, die sie zusammen besucht hatten? Und an alles, was sonst an jenem Tag geschehen war?

Seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln.

Sie riss sich los. Fixierte den weißen Sarg, der im Zelt aufgebaut war. Konzentrierte sich auf die Farbexplosion des Blumenschmucks, der auf dem Sarg arrangiert war. Schüttelte sich Cruz aus den Gedanken. Daran würde sie heute nicht denken. Mal davon abgesehen, dass sie ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Mal davon abgesehen, dass er ihr einmal das Herz gestohlen hatte – nur, um es anschließend gründlich zu brechen.

Du bist ein dummes Gör, Zoe.

Im Zelt setzte sie sich auf einen Stuhl zwischen ihren Bruder und Dad. Sie versuchte, die Kälte, die ihr Vater ausstrahlte, zu ignorieren. Im Beerdigungsinstitut hatte sie versucht, ihn zur Begrüßung zu umarmen, aber er war in ihren Armen nur steif geworden. Sie war zurückgewichen. Seine Zurückweisung traf sie wie ein Stachel, der sich immer weiter in sie bohrte.

Dad war noch nie Grannys größter Fan gewesen. Seine Schwiegermutter war für seinen Geschmack viel zu munter gewesen und hatte Zoes Streben nach Unabhängigkeit nur bestärkt. Das war immer schon ein Streitpunkt zwischen den dreien, was nach dem Tod von Zoes Mutter nur schlimmer geworden war.

Aber sie würde jetzt nicht über der Beziehung zu ihrem Dad brüten. Heute ging es um Granny. Darum, sie zu ihrer letzten Ruhe zu betten.

Zoe leerte ihre Lungen und ließ den Gedanken sacken. Ließ zu, dass der Schmerz in ihrer Brust anschwoll, bis er sich nach außen Bahn brach. Als spürte er die Welle des Schmerzes, die sie überkam, drückte Brady ihre Hand. Sie drückte zurück.

Granny ist nicht mehr da.

Der Gedanke traf sie wie ein Vorschlaghammer, als Pastor Jack nach vorne ging, um ein paar letzte Worte zu sagen. Ihre Großmutter war nicht mehr da. Und mit ihr war auch die Liebe weg, die Zoe selbst aus der Ferne noch begleitet und gestärkt hatte.

Irgendwie fühlte sich das unwirklich an. Irgendwie hatte sie gedacht, Granny würde sie alle überdauern. Aber nichts hielt für immer. Nicht einmal die Liebe.

KAPITEL 2

Weniger als fünf Jahre waren vergangen, seit Zoe ihn verlassen hatte, aber Cruz war sich nicht sicher, ob er sie auf der Straße erkannt hätte. In sich zusammengesackt, saß sie zwischen ihrem Bruder und ihrem Vater auf der Seite zum Grab hin unter dem Zeltdach. Ihr Haar, einst rotbraun, war jetzt blond, und ihre Naturlocken waren zu geschmeidigen Wellen gezähmt worden, die im Märzwind flatterten.

Cruz ging um die Grabsteine herum und gesellte sich zu der immer größer werdenden Gruppe der Besucher. Nachdem die Arbeit ihn länger aufgehalten hatte als geplant, war er verspätet zur Trauerfeier gekommen und hatte in der Kirche ganz hinten gesessen. Er hatte der Familie noch nicht sein Beileid ausgesprochen.

Einen Augenblick später begann Pastor Jack mit dem Bestattungsgottesdienst. Er sprach laut, damit seine Stimme auch diejenigen ganz hinten in der Menschenmenge erreichte. Nellie Russel war ein Liebling der ganzen Stadt gewesen. Eine resolute Frau mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Immerhin hatte sie ihm eine Chance gegeben, nicht wahr? Wo andere dachten, er sei nur einer von den vielen Verlierern aus dem falschen Stadtteil. Er hatte sie geliebt wie seine eigene Großmutter.

Der Gottesdienst war kurz, aber herzlich, und als er vorbei war, wartete Cruz, bis er an der Reihe war, der Familie zu kondolieren. Sein bester Freund, Brady, schien sich ganz gut zu halten; er akzeptierte die Beileidsbekundungen mit stoischem Lächeln und festem Handschlag. Das war ein harter Schlag für ihn, so kurz nach der Scheidung von Audrey.

Trotzdem war es Zoe, die immer wieder seinen Blick auf sich zog. Das Kinn gesenkt, die Augen niedergeschlagen. Zahm war das Wort, das einem in den Sinn kam. Nein, er hätte sie auf der Straße nicht erkannt. Was war mit seiner Löwin passiert? Seiner Leona? Er hatte das dumme Gefühl, dass er es eigentlich wusste.

Mit den Fingerknöcheln wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sein Beschützerinstinkt erwachte. Wo war Kyle jetzt? Er sollte hier sein und ihre Hand halten. Das Trio war gestern in einem roten Mustang angekommen. Diese Neuigkeit hatte die Buschtrommeln zum Dröhnen gebracht: Die Rückkehr von Lokalheld und Lokalheldin war Tratschmaterial vom Feinsten.

Während die Leute nach und nach beiseitegingen, rückte er langsam, mit wild schlagendem Herzen, zur Spitze der Schlange auf. Fast fünf Jahre war es her, dass sie ihn gegen einen Traum eingetauscht hatte. Dass sie weggegangen und sein armseliges Schuljungenherz gebrochen hatte.

Sie war immer noch eine Schönheit mit ihrer makellosen Haut und der schlanken Figur. Sie hatte immer noch diese langen Beine, in die sie aber inzwischen hineingewachsen war. Sie war nicht mehr das schlaksige Fohlen von damals.

Genau in dem Moment schwangen ihre Wimpern nach oben, und der Blick aus ihren grünen Augen landete direkt auf ihm. Ein Volltreffer. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihr Gesichtsausdruck weich, teilten sich ihre Lippen.

Sein Herz zog sich zusammen, während ihm ein Dutzend Bilder durch den Kopf schossen. Zoe, die aus dem Fenster seiner Beifahrertür hing, das rote Haar wie eine stolze Flagge im Wind. Wie sie vom hohen Ufer von Sutter’s Bend sprang und ihr Freudenschrei die schwüle Sommerluft durchdrang. Wie sie ihm auf den Rücken sprang und sie über die Obstwiesen rannten, wo ihr Lachen wie das schönste Lied der Welt klang.

Er blinzelte die Erinnerungen weg und mit ihnen das Gefühl der Orientierungslosigkeit, das ihn kurz überwältigte, als Zoe wieder in sein Blickfeld kam.

In ihren Augen schienen jetzt die Rollos unten zu sein, und ihre Wimpern streiften ihre Wangenknochen, während sich auf ihren Lippen ein verkniffenes Lächeln bildete. Sie nahm die Beileidsbekundungen entgegen und machte Smalltalk.

Und dann war er an der Reihe.

Sie wandte sich ihm zu. Ihre Augen sprühten Funken, und ihr Kinn reckte sich. „Hallo, Cruz.“

Ah, da war sie, seine Leona. Warum sie allerdings sauer auf ihn zu sein schien, war ihm schleierhaft. Er ließ die Vergangenheit links liegen, während er ihre Hand umschloss. „Mein allerherzlichstes Beileid, Zoe. Sie war wirklich eine ganz besondere Frau.“

„Ja, das war sie.“ Ihre Stimme war wie Samt, weich und sanft, ihr Südstaatenakzent kaum noch hörbar. Ihre Augen wanderten überallhin, nur auf ihn fielen sie nicht.

Sie zog ihre Hand aus seiner.

„Granny Nel hat dich sehr geliebt, weißt du. Sie hat die ganze Zeit von dir gesprochen. Sie war sehr stolz auf dich.“ Er erwähnte nicht, wie sehr es ihn geschmerzt hatte, so häufig Zoes Namen hören zu müssen. Und das meist auch noch in einem Atemzug mit dem von Kyle.

Zoe blinzelte schnell und verschränkte die Arme vor dem Bauch. „Danke, dass du das sagst.“

„Brady hat mir gar nicht erzählt, dass du kommst.“

„Er wusste es noch nicht sicher.“

Cruz spürte, wie die Schuld an ihm nagte. Sie und ihr Bruder waren einst so eng miteinander gewesen. Es war Cruz‘ Schuld, dass nun ein Keil zwischen ihnen war. Seine Schuld, dass auch zwischen ihm und Brady ein Keil gewesen war. Es hatte Monate gedauert, ihre Freundschaft zu kitten, nachdem Zoe weggegangen war.


Seit der Sekunde, in der sie ihn verlassen hatte, hatte Zoe sich davor gefürchtet, Cruz wiederzusehen. Was nicht erklärte, warum sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog oder wie es kam, dass seine Berührung ihr einen Schauder über den Arm jagte.

„Wie ist es dir ergangen, Zoe?“

Sie hatte den rauen Klang seiner Stimme vergessen, vergessen, wie er ihr Innerstes zum Schwingen brachte.

„Gut. Ganz gut soweit.“ Sie wollte die bernsteinfarbenen Sprenkel in seinen braunen Augen wiedersehen, aber sie war gut darin geworden, den Blickkontakt mit Männern zu meiden. „Und du? Wie geht es dir?“

„Nicht schlecht. Nicht schlecht.“

„Das freut mich.“

Wenn es einen Preis für die langweiligste Unterhaltung des Jahres gab, waren sie die absoluten Favoriten.

„Gratuliere zu deinem ganzen Erfolg“, sagte er.

Sie fühlte sich nicht erfolgreich. Alles, was sie erreicht hatte, hatte sie einen hohen Preis gekostet. Und inzwischen war sie sich nicht mehr sicher, ob es das wert gewesen war. „Danke.“

Sie fragte sich, ob er sie je gegoogelt oder auf den Seiten der Band in den sozialen Medien über sie gelesen hatte. Gott wusste, dass sie sich dazu zwingen musste, nicht nach ihm zu suchen. Das hätte Kyle herausgefunden, und dann hätte es tierischen Ärger gegeben.

„Was hast du denn so gemacht?“, fragte sie.

„Entschuldigung, Zoe“, sagte Joe Connelly, der näher trat.

Angesichts der willkommenen Unterbrechung atmete sie die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte.

„Es tut mir sehr leid, dass ich Sie unterbreche, aber ich habe einen Termin um 14 Uhr.“ Mit seinem penibel gebügelten Anzug und dem haarscharfen Scheitel sah Joe von Kopf bis Fuß aus wie der Anwalt, der er war. „Wir müssen noch einen Termin vereinbaren, um das Testament durchzusprechen.“

„Oh“, sagte Zoe. „Ich fürchte, wir fahren bereits heute ab. Ich muss zu einer Veranstaltung zurück. Ich dachte, Brady könnte sich vielleicht einfach um alles kümmern?“

Joe zog eine Grimasse und warf einen Blick auf die Uhr. „Sie sollten wirklich dabei sein. Hören Sie, ich habe um 16 Uhr noch eine Lücke im Kalender. Würde Sie das zu sehr unter Druck setzen? Ich weiß ja, dass Sie Zeit mit Ihrer Familie verbringen wollen.“

Sie hatte vorgehabt, Gracie ihrem Dad vorzustellen – nicht, dass der sie darum gebeten hätte. „Das passt mir gut. Ich sage Brady Bescheid. Danke, Joe.“

Er nahm ihre Hand. „Ihre Großmutter hat Sie sehr geliebt, Zoe. Daraus hat sie nie einen Hehl gemacht.“

Dumm nur, dass Zoe ihr diese Liebe nie wirklich gedankt hatte. Hinter ihren Augen begann es zu brennen, und ihre Kehle schnürte sich zu. „Danke.“

Mit einem letzten Nicken verabschiedete er sich.

Und erst da fiel ihr auf, dass auch Cruz gegangen war. Er war so schnell und leise verschwunden wie seine Liebe zu ihr.

KAPITEL 3

Connelly Law Offices war so heimelig, wie solch ein Ort es eben sein konnte. Der Eingangsbereich und die Flure waren in einem warmen Braungrau gestrichen, an den Wänden hingen Landschaftsbilder von Georgia, und es roch nach frisch gedruckten Dokumenten und neuem Teppichboden.

Joe führte Zoe und Gracie mit Kyle auf den Fersen in einen Raum und sagte: „Ich bin gleich bei Ihnen.“

Ein rechteckiger Konferenztisch aus Mahagoni, dessen Tischplatte einige Kampfspuren aufwies, beherrschte das Zimmer.

Zoe zog Gracie hinter sich her, um sich zu ihrem Bruder an den Tisch zu gesellen. Dabei war sie sich Kyles dominierender Gegenwart und der Anspannung, die er mit in den Raum gebracht hatte, sehr bewusst.

Bradys Blick fiel auf Kyle, registrierte vermutlich sein langes, zerzaustes Haar und den nur scheinbar achtlosen Kleidungsstil, der viel mehr Zeit in Anspruch nahm, als man meinen mochte.

Die Wangen ihres Bruders wurden steinhart. „Was macht der hier?“

Kyle legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Jemand muss dafür sorgen, dass Zoes Interessen gewahrt werden.“

„Und ich soll jetzt glauben, dass du das bist?“ Bradys Augen huschten zu Gracie, und sein Gesicht entspannte sich.

Zoe näherte sich ihrem Bruder, der aufstand, um seine Nichte zu begrüßen. „Das ist dein Onkel Brady, Gracie.“

„Hallo, Stöpsel.“

Gracie verbarg ihr Engelsgesichtchen in Zoes Hosenbein.

„Sie ist ein bisschen schüchtern“, sagte Zoe.

„Das ist schon in Ordnung. Wir werden uns später kennenlernen.“

Brady sah Zoe an. „Sie sieht genauso aus wie du damals. Diese roten Locken und die helle Haut.“

„Erinnerst du dich, dass ich dir von Onkel Brady erzählt habe, mein Schatz? Wie wir damals Würmer ausgebuddelt haben und am Bach angeln gegangen sind?“

Gracie linste blinzelnd zu Brady hinauf.

Sein Blick wurde weich. „Hey, Stöpsel. Du bist ja echt schon ziemlich groß.“

Ehe Zoe antworten konnte, fühlte sie den Druck von Kyles Hand auf ihrer Schulter. Sie ließ sich von ihm zu der gegenüberliegenden Tischseite führen, wo sie Platz nahmen.

Die Klimaanlage sprang an, und Gracie zitterte. Zoe schlang die Arme um ihre Tochter. Sie hätte dem Mädchen eine Strickjacke mitnehmen sollen. Warum nur konnte sie nie etwas richtig machen?

Stille breitete sich aus, und während Brady und Kyle sich musterten, umfing die Anspannung sie wie Nebel in einem Flusstal im Frühling.

„Nett, dass du dich dazu entschlossen hast, zu dem Teil des Tages, bei dem es um die Erbschaft geht, dazuzustoßen, Kyle“, sagte Brady. „Wo warst du vor zwei Stunden, als Zoe am Grab geweint hat?“

Zoe zuckte zusammen. „Brady.“

Fast unmerklich versteifte sich Kyle. „Ich habe auf Gracie aufgepasst, damit Zoe in Ruhe trauern konnte. Verurteile mich nicht. Du weißt nichts über uns oder unser Leben.“

„Und wessen Schuld ist das?“

„Deine, nehme ich mal an.“

„Zoe hat meine Anrufe immer beantwortet, bevor du sie verschleppt hast.“

Kyle lächelte selbstgefällig. „Ich habe sie nicht entführt. Sie ist aus freien Stücken mit mir gekommen. Vielleicht will sie einfach nichts von dir hören. Mal darüber nachgedacht?“

„Jetzt ist es aber mal gut“, sagte Zoe. „Das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.“

„In Ordnung.“ Joe brauste ins Zimmer wie ein willkommener Luftzug und setzte sich neben Zoe an den Kopf des Tisches.

Sie atmete erleichtert auf, als sich alle Köpfe ihm zuwandten. Das Blut war ihr ins Gesicht gestiegen, ihr war richtig warm geworden. Jetzt kam ihr die Luft abgestanden und stickig vor.

„Also, los geht’s“, sagte Joe. „Danke, dass Sie so spontan kommen konnten, noch dazu an einem so traurigen Tag. Ihre Großmutter war eine besondere Frau, und es war mir eine Ehre, ihre Angelegenheiten mit ihr zu ordnen. Sie hat Sie beide so sehr geliebt.“

Er schob seine Papiere zusammen und legte sie vor sich auf den Tisch. „Ihr Testament beginnt mit den üblichen Vorreden, in denen sie Sie beide als Erben benennt. Ich werde Sie nicht mit den Einzelheiten langweilen, aber meine Sekretärin macht Ihnen Kopien des Textes.“

Er schob sich die Brille höher auf die Nase und begann zu lesen.

Zoe hatte bereits Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, weil Kyle sich an ihrer Seite empört aufplusterte und Brady ihn wutentbrannt anstarrte. Der Juristenjargon klang nach einem großen Durcheinander und schluckte alles, was wichtig sein könnte – soweit sie das mitbekam.

Sie war erleichtert, als Brady sich zu Wort meldete. „Joe, würde es Ihnen etwas ausmachen, die Sache ein wenig abzukürzen? Ich meine es wirklich nicht böse, aber ihr Anwälte habt es wirklich drauf, die einfachsten Tatsachen kompliziert zu machen.“

Joes Lippen zuckten. „Gar kein Problem. Ist das für Sie denn in Ordnung, Zoe?“

„Natürlich.“

Joe faltete seine Hände auf dem Dokument. „Der Kern des Ganzen besteht darin, dass Ihre Großmutter wollte, dass Sie beide zu gleichen Teilen an ihren weltlichen Hinterlassenschaften Anteil haben. Aber sie war sich auch Ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen sehr bewusst.“

Er sah Brady an. „Brady, Ihnen hat sie ihre diversen Aktien und Rentenpapiere und Investmentfonds hinterlassen.“

„Granny hat auf dem Aktienmarkt gespielt?“, fragte Brady.

Joe gluckste. „Wie ein Profi. Sie hat früh angefangen zu investieren und ein ordentliches Portfolio zusammengestellt. Das hat es wirklich in sich.“

„Bravo, Granny“, sagte Brady.

„Ich kann die Details später mit Ihnen durchsprechen, aber sie wusste, wie gerne Sie mit Sportwagen arbeiten, und sie war sich bewusst, wie Ihre Scheidung Sie finanziell dastehen ließ. Sie wollte, dass Sie Ihre Arbeit fortführen, sich aber auch um Ihren Sohn kümmern können. Nun ist ausreichend Vermögen für all das vorhanden, und sollte Ihr Sohn eines Tages aufs College gehen wollen, wird auch dafür gesorgt sein.“

Brady nickte, seine Kiefermuskeln verspannten sich, und er senkte den Blick auf die Tischplatte.

„Wie gesagt, sie hat Sie sehr geliebt.“

„Ich hätte im Traum nie geglaubt, dass sie so viel Geld hatte“, sagte Zoe. „Sie hat so einfach gelebt.“

„Granny ging es eben nie um Dinge und Sachen“, erwiderte Brady.

Er hatte so recht. Granny hatte immer Zeit für sie gehabt. Immer ein offenes Ohr, immer eine Schulter zum Ausweinen.

Zoe tupfte sich die Augenwinkel. „Ihr ging es um Liebe.“

„Und darum, unabhängig zu sein“, sagte Brady. „Sie hat uns gelehrt, auf eigenen Füßen zu stehen. Erst letzte Woche noch habe ich sie dabei erwischt, wie sie den Hügel an der Straße mit dem alten Rasenmäher gemäht hat.“

Zoe schnaubte. „Ja, das klingt nach ihr.“

Joe sah Zoe an. „Ihre Großmutter ist im letzten Frühling beim Fünf-Kilometer-Lauf gestartet. Dem zugunsten der Krebspatienten. Und ist nicht einmal als Letzte durchs Ziel gerannt.“

„Tatsächlich ist sie irgendwo im Mittelfeld gelandet.“ Brady lächelte wehmütig. „Sie ist geradewegs an Bürgermeister Walters vorbeigezogen. Hat ihn bis auf die Knochen blamiert.“

Sehnsucht stieg in Zoe auf. Wie gerne würde sie Granny noch einmal sehen, nur ein einziges Mal. Mit ihr über die Obstwiesen gehen. Bohnen pulen auf der Veranda. Wie war es nur möglich, dass sie nicht mehr da war?

Sie lehnte eine Wange an den Kopf ihrer Tochter, während Bedauern sie durchströmte. Gracie hatte Grannys Liebe nur aus der Ferne kennengelernt. Zoe hatte ihre Tochter um so vieles betrogen.

Neben ihr rutschte Kyle auf seinem Stuhl herum und sah auf die Uhr. Langeweile dünstete in großen Wellen von ihm aus. Zoe wusste, dass er begierig darauf war, wieder unterwegs zu sein. Wieder ins Studio zurückzukehren, wo er das Sagen hatte und wichtig war.

„Damit wären wir bei Ihnen, Zoe.“ Joe schaute sie freundlich an. „Ihre Großmutter hatte so warme, herzliche Erinnerungen daran, wie sie mit Ihnen durch die Obstwiesen gestreift ist. Sie spürte Ihnen eine besondere Verbundenheit mit dem Land ab und obendrein eine unersättliche Neugier auf die Abläufe, die sie an ihren Ehemann erinnerte.“

Eine schreckliche Vorahnung überfiel Zoe, noch während die Worte Joes Mund verließen.

„Sie hat Ihnen die Plantage hinterlassen, Zoe. Die Obstgärten und das Bauernhaus, abzüglich ein paar persönlicher Dinge, von denen Sie später lesen werden. Sie hoffte, Sie würden nach Hause zurückkehren und das Unternehmen führen.“

„Was?“ Ihr Ausruf war mehr ein Schnappen nach Luft als ein Wort.

Kyle plusterte sich neben ihr auf. „Das ist lächerlich.“

„Trotzdem“, sagte Joe. „Nellie hat unerbittlich darauf bestanden, dass die Obstplantage an Zoe geht.“

„Dann wird sie verkaufen müssen“, sagte Kyle. „Sie hat schon eine Karriere und ein Leben, und zwar anderswo.“

Brady nagelte ihn mit einem Blick fest. „Das geht dich überhaupt nichts an. Du solltest nicht einmal hier sein.“

„Das geht mich wohl etwas an, verdammt noch mal.“

„Wir wollen uns alle ein wenig beruhigen“, sagte Joe. „Heute müssen keine Entscheidungen mehr getroffen werden. Lassen Sie uns die Zeit nehmen, das Ganze erst einmal etwas sacken zu lassen.“

Kyle stand auf. „Da gibt es nichts, was sacken müsste. Sie verkauft. Komm mit, Zoe.“

„War da … gibt es sonst noch etwas, Joe?“

„Nichts Wesentliches. Sheila wird Ihre Ausfertigung des Testaments für Sie an der Rezeption bereithalten.“

Kyle, der ein finsteres Gesicht machte, war bereits an der Tür. Der finstere Gesichtsausdruck war direkt an sie gerichtet.

Zoe stand auf und nahm Gracies Hand.

Brady sah aus, als würde er gleich von seinem Stuhl aufspringen. Joe hatte seine Hand auf Bradys Arm gelegt, als wollte er ihn festhalten.

Zoe sah Brady entschuldigend an. „Ich rufe dich später an.“


„Ich kann morgen nicht abfahren, Kyle. Ich habe hier Pflichten.“ Noch mit der Handtasche über der Schulter stand Zoe zwischen den beiden Hotelbetten. Er hatte nur einer weiteren Nacht zugestimmt, aber morgen war Samstag. Sie brauchte mindestens ein paar Tage mehr.

Zu Hause zu sein – in der Nähe von Brady und Hope und den Leuten, die sie liebten – hatte ihr irgendwie Mut geschenkt.

Oder vielleicht war es auch einfach nur Dummheit.

Gracie war im Auto eingeschlafen, und Kyle hatte kaum ein Wort gesagt, seitdem sie das Anwaltsbüro verlassen hatten. Im Hotel hatten sie eine weitere Nacht dazubuchen können und ihre Koffer wieder hineingeschleppt. Kyle hatte sich aufs Bett fallen lassen und zappte jetzt mit versteinertem Gesicht durch die Fernsehkanäle. Das halblange braune Haar, in das seine weiblichen Fans so verschossen waren, hing ihm über dem einen Auge.

Er bedachte sie mit schweigsamer Gleichgültigkeit. Das war seine effektivste Bestrafungsform. Zoe konnte es nicht leiden, ausgeschlossen zu werden, deshalb führte es immer wieder dazu, dass sie sich bei Kyle einschmeichelte und nachgab. Alles war besser als seine kalte Schulter.

Das Testament ihrer Großmutter hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber Brady war auch nicht gerade hilfreich gewesen. Immerhin war Kyle heute nicht persönlich an Cruz geraten. Gott sei Dank war Kyle nicht mit zur Beerdigung gekommen. Er hätte sie nie gehen lassen, wenn er gewusst hätte, dass Cruz dort sein würde.

Diese Seite an ihm hasste sie. Die sture, wütende Seite, die ihr das Gefühl gab, einsam und hilflos zu sein.

Aber er hat auch eine gute Seite, dachte sie und erinnerte sich daran, wie er Gracie sanft auf das Doppelbett gelegt und sie dort sorgfältig zugedeckt hatte, als wäre sie seine eigene Tochter. Und er war großzügig. Er hatte die Gewinne ihres letzten Konzerts dem Sohn eines Bandkollegen gespendet, der gegen Leukämie kämpfte.

Sein Mitgefühl und seine Großzügigkeit waren es, die sie anfangs angezogen hatten. Er hatte sie unter seine Fittiche genommen und ihr Stabilität und Halt geboten, als sie selbst nichts anzubieten hatte. Als die Grundfesten ihres Lebens weggebrochen waren. Als sie sich festgefahren hatte und voller Angst gewesen war.

Er behandelte Gracie wie sein Eigen, und seine Zärtlichkeit ihrer Tochter gegenüber hatte ihn Zoe lieb gemacht. Aber als sich ihre Beziehung veränderte, mehr wurde, wurden auch seine Besitzgier und seine Manipulationen offensichtlicher. Am Anfang war sie seinen Fehlern gegenüber blind gewesen. Aber nun war sie nicht mehr blind.

Sie betrachtete ihn. Sah die angespannten Augenwinkel. Wenn sie ihn drängte, würde sie die Sache nur schlimmer machen. Aber sie mussten einige Entscheidungen treffen.

„Kyle, wir müssen darüber reden.“

In aller Ruhe drückte er den Kanalknopf auf der Fernbedienung.

„Es wird nur ein paar Tage dauern, das hier alles zu ordnen.“

Obwohl sie ehrlich gesagt nicht wusste, wie genau sie hier „alles“ ordnen sollte. Sie befand sich nun im Besitz einer Obstplantage, um Himmels willen. Was sollte sie nur damit anfangen? Der Gedanke daran, sie zu verkaufen, brach ihr das Herz.

Ihre Großmutter und ihr Großvater hatten diesen Betrieb mit ihren eigenen Händen aufgebaut. Großvater war gestorben, als Zoe noch klein gewesen war, und Granny hatte den Rest ihres Lebens damit verbracht, ihn zu einem erfolgreichen Unternehmen auszubauen.

Zoe konnte den Hof nicht verkaufen. So viel war sie ihrer Großmutter schuldig.

Aber sie konnte ihn auch nicht führen. Sie hatte ein Leben. Eins, zu dem viele Reisen gehörten und ein Freund, der niemals länger in Copper Creek bleiben würde. Schon gar nicht für einen Haufen Pfirsichbäume.

Würde Brady die Plantage haben wollen? Er hatte nie großartig Interesse am Familienbetrieb gezeigt. Seine Leidenschaft galt den Autos. In seinem Leben gab es weder den Raum noch den Wunsch nach Landwirtschaft.

Oder in ihrem.

Aber das stimmte nicht so ganz. Der Landbau lag ihr im Blut. Sie hatte die Obstwiesen immer geliebt. Da hatte ihre Großmutter schon recht gehabt. Selbst heute noch wachte sie manchmal mitten in der Nacht auf und vermisste den lehmigen Geruch der Erde, den Dunst des Morgentaus auf dem Gras, den Duft eines reifen, noch sonnenwarmen Pfirsichs.

Es war beinahe April. Die Erntezeit begann Mitte Mai. Selbst wenn die Plantage sich „praktisch selbst führte“, wie Hope gesagt hatte, würde doch jemand dort sein, Entscheidungen treffen und die Abläufe beaufsichtigen müssen.

Einen Moment lang gestattete sie sich, sich vorzustellen, sie wäre diese Person. Sie schloss die Augen, während ihr Atem ihren Körper in einem langen, entlastenden Atemzug verließ.

„Kyle … Ich werde mehr als nur einen Tag brauchen, um das hier zu klären. Wenn du abreisen musst, fahr schon vor. Ich komme dann in ein paar Tagen nach.“

Dem würde er nie zustimmen. Aber vielleicht würde der Gedanke daran, dass sie ohne ihn hierbleiben könnte, ihn ein bisschen flexibler machen. Mit Kyle zu sprechen war manchmal, wie Schach zu spielen.

Er schaltete zum nächsten Kanal um. Und zum nächsten.

Er brauchte ihr nicht zu sagen, was er von ihr erwartete. Wenn es nach ihm ginge, würde sie einen Makler anrufen und das Anwesen listen lassen. Die Angelegenheiten aus der Ferne lenken. Sich von Copper Creek und allen, die dort wohnten, distanzieren. Allein, ihn dazu zu bringen, die Reise zur Beerdigung mitzumachen, hatte sich angefühlt, als hätte sie einen Berg versetzen wollen.

Aber auf einmal wusste sie, dass sie nicht tun würde, was er wollte. Sie konnte all das nicht ungeordnet hinterlassen. Sie hatte Granny bereits einmal im Stich gelassen. Diesmal würde sie ihr gerecht werden – was auch immer das bedeuten würde.

Zoe sank neben ihm aufs Bett. Wenn er sie wenigstens anschauen würde. „Die Immobilienmakler haben jetzt sowieso geschlossen, und das bleibt auch am Wochenende so. Wir werden wenigstens bis Montag bleiben müssen.“

Sein Blick huschte zu ihr, dann wieder zurück zum Fernseher. Ein Schatten flog ihm übers Gesicht, als seine Wangenmuskeln zuckten.

„Wir könnten am Dienstag fahren und wären immer noch rechtzeitig zurück, um uns auf das Sommerfest vorzubereiten. Du hättest mehr Zeit mit deinen Freunden hier.“ Sie hatte immer noch keine Ahnung, was sie tun würde, aber sie musste sich mehr Zeit verschaffen. „Ich habe auch nicht darum gebeten, Kyle, aber ich muss jetzt irgendwie damit fertigwerden.“ Sie legte eine Hand auf seine und streichelte mit dem Daumen seinen Handrücken. Das besänftigte ihn immer. „Hab Geduld mit mir, ja?“

Seine Augen wandten sich ihr zu und blieben diesmal. Diese Augen, die wie blaues Feuer oder kalt wie ein Gletscher werden konnten. Jetzt gerade waren sie irgendwo dazwischen, und sie wusste, dass ihre Bemühungen Wirkung zeigten.

Er seufzte. „Schön. Aber Dienstagmorgen reisen wir ab.“

Das war ein riesiges Zugeständnis. Sie drückte seine Hand. „Danke, Kyle.“

Dennoch lag sie später noch stundenlang wach, während die Nacht langsam verrann. Sie erinnerte sich an den Klang von Grannys Stimme, die auf der Obstwiese vor sich hin summte. Erinnerte sich daran, wie sie mit Brady und ihr auf dem Boden gesessen und Spiele gespielt hatte, wie sie nie zu beschäftigt für sie gewesen war. Wie sie Zoe ermutigt hatte, als sie wegen Algebra hatte weinen müssen.

Und dann, wie immer, wenn sie sich an diese alten Zeiten erinnerte, kehrten ihre Gedanken zu Cruz zurück. Zu der Stärke, die sie in seiner festen Umarmung gefunden hatte. Der Liebe, die sie in seinen tiefbraunen Augen gesehen hatte. Dann erinnerte sie sich daran, wie sich sein Blick heute auf ihr angefühlt hatte, so warm und wehmütig, und ihre Tränen versickerten leise in ihrem Kopfkissen.

KAPITEL 4

Zoe wusste nicht, wie sie sich von Kyle dazu hatte überreden lassen können, heute mitzukommen. Das Rusty Nail war brechend voll mit Leuten aus dem Städtchen, alle Plätze waren belegt, und an der Bar sammelte sich eine Menschenmenge. Der Duft gegrillter Burger hing schwer in der Luft und drehte ihr den Magen um. Rawley Watkins, der Sänger von Last Chance, schmetterte einen Countrysong über eine Verflossene.

Zoe schob ihren Teller zurück und half Gracie, an ihren Saftbecher zu kommen. Kyle saß am Tisch nebenan, wo er sich mit Axel Brown und Garret Morgan unterhielt. Mit stolzgeschwellter Brust beantwortete er ihre Fragen über sein Leben als Rockstar.

Sie blendete die Unterhaltung aus und sah zum hundertsten Mal zum Eingang. Ein paar Nachzügler kamen herein, niemand, den sie erkannt hätte.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Band auf der Bühne zu, wo gerade einer der Musiker ein mitreißendes Violinsolo zum Besten gab. Die Menge applaudierte, als das Solo endete und der Refrain wieder angestimmt wurde.

„Mama!“ Gracie streckte die Arme aus. „Heb mich hoch!“

Zoe hob ihre Tochter aus ihrem Kindersitz. „Bist du ganz satt, mein Schatz?“

„Ja.“ Gracie rieb sich die Augen mit ihren kleinen drallen Fingern, die Zoe zum Glück gerade saubergemacht hatte.

Die Band würde bald eine Pause einlegen, und Zoe hoffte, dass Kyle dann bereit zum Aufbruch war. Sie hatten dann zwar erst ein Set gespielt, aber Gracie musste ins Bett. Doch dem Fanclub nach, der sich langsam um Kyle scharte, würde es schwer werden, ihn hier herauszubekommen.

Brady kam mit ihren Getränken zurück zum Tisch, als die Band ihre erste Pause ankündigte. Hope schlängelte sich um die anderen Tische, wo sie sich immer wieder bei den Gästen nach ihrer Zufriedenheit erkundigte.

„Soll ich sie mal nehmen?“, fragte Brady mit einem Nicken in Gracies Richtung, die sich an ihre Schulter gekuschelt hatte.

„Mir geht’s gut.“

„Pause.“ Hope ließ sich auf einen Platz an ihrem Tisch fallen und hob eine Augenbraue, während sie Brady in Augenschein nahm. „Schickes Hemd, Collins.“

Brady schaute an sich hinab, während er eine Serviette anfeuchtete. „Auf das möglicherweise einer ein Bäuerchen gemacht hat. Vielleicht, vielleicht auch nicht.“

„Ach, lustige Farben stehen dir doch. Die heben deine Sonnenbräune hervor.“

„Genau das war mein Ziel.“

„Wo ist denn der kleine Sammy?“, fragte Hope. „Ich will kuscheln.“

„Mein Wochenende mit ihm ist kürzer ausgefallen als geplant. Lange Geschichte.“

„Das war ein tolles Set“, sagte Zoe. „Die Band ist noch besser, als ich sie in Erinnerung hatte.“

„Wir müssen dich da raufkriegen, Süße. Beim nächsten Set. Komm schon, bitte, bitte!“

„Du solltest das machen“, sagte ihr Bruder.

„Oh nein. Ich habe diese Woche frei.“ Beim Gedanken, vor all diesen vertrauten Gesichtern zu singen, wurde ihr Mund ganz trocken. Außerdem würde Kyle das nicht gefallen, und die Stimmung zwischen ihnen war so geladen, dass der Stromschlag einer Entladung einen ausgewachsenen Elefanten umgehauen hätte.

„Aber ihr solltet Kyle bitten zu singen“, sagte Zoe. „Der würde das wahrscheinlich machen.“

„Ernsthaft? Die Band würde eher ihren Auftritt beenden, als ihn auf die Bühne zu lassen.“ Hope stützte ihre Arme auf dem Tisch auf und beugte sich näher zu ihr. „Zoe, wann wirst du diesen Loser endlich verlassen? Der tut dir nicht gut.“

Brady hob seine Cola. „Weiter so, Hope. Recht hast du.“

Es war nichts, was Zoe sich nicht selbst schon Hunderte Male gesagt hatte. Sie und Kyle hatten mit „nur Freunde“ angefangen, aber jetzt war ihr Leben, ihr Lebensunterhalt, mit seinem verwoben. Und sie hatte nicht den Schneid, das aufzudröseln.

Hope legte ihre Hand auf Zoes Arm. „Komm nach Hause. Übernimm die Plantage. Du wirst eine Unterkunft haben – ein stabiles Zuhause für Gracie, in der Nähe deiner Familie.“

„Du hättest ein gutes Auskommen“, sagte Brady. „Und wir wären immer für dich da.“

Zoe weigerte sich zuzugeben, dass ihr genau das den ganzen Tag durch den Kopf gegangen war. „Hört auf, euch auf mich einzuschießen.“

„Du bist uns wichtig, Zoe“, sagte Hope. „Und uns gefällt nicht, wie er dich behandelt.“

Zoe schaute reflexartig zum Tisch nebenan, nur, um festzustellen, dass Kyle seinen Blick auf sie gerichtet hatte. Sie wusste, dass er ihre Unterhaltung nicht hören konnte, aber aufgrund der Art, wie er sie mit schmalen Augen fixierte, fragte sie sich, ob er nicht doch telepathische Fähigkeiten besaß.

Ein Schauder jagte ihr über den Rücken. Sie unterbrach den Blickkontakt und begann, mit ihrer freien Hand in ihrer Handtasche herumzuwühlen. Wonach sie suchte, wusste sie selbst nicht.

„Du bist anders“, sagte Brady. „Er hat dich von deiner Familie isoliert. Merkst du das denn nicht?“

„Was wird das hier, habt ihr euch gegen mich verschworen?“ Sie lief rot an, während sie weiter in ihrer Tasche kramte und schließlich einen Lippenpflegestift fand. Mit zitternder Hand rieb sie Gracies Lippen damit ein.

„Du brauchst ihn nicht“, sagte Hope. „Wenn du wegen der Band bei ihm bleibst, na, Last Chance würden dich sofort nehmen. Ich weiß, die sind nicht so groß wie Brevity, aber der Stil passt viel besser zu dir. Bitte denk darüber nach.“

„Du weißt, warum Granny dir die Plantage hinterlassen hat. Weil du hierhin gehörst. Weil du da schon immer hingehört hast. Du kannst sie nicht verkaufen. Willst du denn wirklich zusehen, wie das alles nicht mehr der Familie gehört?“

Auf einmal hatte Zoe es satt, gesagt zu bekommen, was sie tun sollte. Was sie denken sollte. Was sie fühlen sollte. „Hört auf, mich unter Druck zu setzen!“

Brady und Hope wechselten einen Blick.

„Wir wollen dich nicht unter Druck setzen, Süße“, sagte Hope und drückte ihre Hand. „Wir wollen nur dein Bestes.“

Zoe fühlte mehr, als dass sie es sah, wie die Eingangstür sich öffnete. Ihr Herz tat einen ordentlichen Schlag, als Cruz über die Schwelle trat und die Menschenmenge in Augenschein nahm. In seinem Karohemd und den abgetragenen blauen Jeans sah er aus wie der Traum eines jeden Landmädchens.

Zoe riss ihren Blick los und schob sich vom Tisch weg. „Ich gehe mit Gracie aufs Klo.“ Mit dem überraschten kleinen Mädchen an der Hand wich Zoe den Tischen aus, eilte den kurzen Flur hinunter und duckte sich in die Damentoilette, während ihr Herzschlag dem Rhythmus des lebhaften Lieds folgte, das aus den Lautsprechern dröhnte.


Cruz sah sich in dem gutbesuchten Restaurant um. Es war packend voll heute, wie immer, wenn Last Chance spielten. Seine Freunde hatten ihm versprochen, ihm einen Platz freizuhalten, aber weil er wusste, dass die Kellnerinnen heute kaum nachkamen, ging er erst einmal an die Bar, an der sich die Menschen aneinanderdrängten.

Sein Blick blieb an einer Frau hängen, die in die entgegengesetzte Richtung hastete. Es dauerte einen Moment, bis er Zoes schlanke Gestalt erkannte. Beim Anblick des Kindes an ihrer Hand ballte sich in seiner Magengrube eine Faust zusammen. Er schaute weg.

Diese letzten Wochen, bevor sie verschwunden war, fingen an, sich in lebhaften bunten Farben vor seinem inneren Auge zu wiederholen. Das altbekannte Ziehen in seiner Brust kehrte zurück, machte ihm das Atmen schwer. Er musste aufhören, an sie zu denken. Bald würde sie wieder verschwunden sein, genau wie beim letzten Mal, und er hatte keine Lust mehr, diese wunde Stelle seiner Seele pflegen zu müssen.

Als er an der Reihe war, bestellte er einen Drink und nahm Geld aus seinem Portemonnaie. Er war gerade dabei, den Geldbeutel wieder in seine Hosentasche zu stopfen, als sich die Härchen auf seinen Armen aufrichteten.

Überraschung, Überraschung. Eine Armlänge entfernt stand Kyle, der ihn mit einem schadenfrohen Funkeln in seinen kalten blauen Augen anstarrte.

Das Lied endete, und einige lange Herzschläge lang überwog das lebhafte Rauschen der Menschenmenge.

Kyle zog einen Mundwinkel hoch. „Huntley. Wie ich sehe, hängst du immer noch in dem Nest hier fest.“

Das sollte ein Gruß sein, aber der spöttische Tonfall und der selbstgefällige Gesichtsausdruck weckten in Cruz den Wunsch, ihm einen Kinnhaken zu verpassen.

„Jimmerson.“ Er täuschte Gleichgültigkeit vor, aber er konnte nicht anders, er musste gegenhalten. „Wie geht’s meinem Mädchen?“

Kyles Lippen wurden zu einem geraden Strich. Seine Nasenlöcher blähten sich. Muskeln, die wahrscheinlich in irgendeinem tollen Fitnessraum in irgendeinem schicken Hotel gestählt worden waren, traten vor, als er seinen Rücken durchstreckte.

Cruz war froh um die paar Extrazentimeter, um die er Kyle überragte, und hoffte wie verrückt, dass dieser Idiot den ersten Schlag tun würde. Lange genug hatte es ja gedauert.

Aber Kyle hatte wohl Angst davor, sich sein hübsches Gesicht kaputtzumachen. Als das nächste Lied losging, entspannte er sich langsam, und der angeberische Ausdruck kehrte zurück.

„Sie ist schon lange nicht mehr dein Mädchen, Huntley.“ In seinen Augen blitzte etwas Bösartiges und Gemeines auf. „Jetzt schläft sie in meinem Bett.“

Der Pfeil traf ins Schwarze. Die Worte bescherten Kyle eine eiskalte Gänsehaut und brachten gleichzeitig sein Blut zum Kochen. Seine Fäuste ballten sich.

Nur ein einziger Schlag, Gott. Um mehr bitte ich dich gar nicht.

Bevor Cruz über eine Antwort nachdenken konnte, griff Kyle nach seinem Bier und zwinkerte der attraktiven Barfrau zu. Grüßend hob er seine Flasche, bevor er davonstolzierte, und Cruz blieb zähneknirschend zurück.


Das war der längste Abend aller Zeiten, dachte Zoe, die Gracie auf ihrem Schoß noch einmal zurechtsetzte. Ihre Tochter war vor fast einer Stunde eingeschlafen, und Zoes Arm wurde langsam taub. Auch ihre Augen wurden schwer, aber Kyle hatte offenbar gar nicht vor, irgendwohin zu gehen.

Gleich nachdem sie von der Toilette wiedergekommen war, hatte er sich an ihre Seite gepflanzt und war nicht mehr von ihr gewichen. Sein Arm schlang sich enger um sie, und er drückte ihr noch einen alkoholgetränkten Kuss auf die Stirn. Ganz bestimmt war es nicht die Hinterwäldler-Mucke, die ihn hier hielt. Er wollte Cruz ihre Beziehung so lange unter die Nase reiben wie möglich.

Ihr wurde heiß, und ihr linkes Auge begann zu zucken. Cruz war zweifellos schon lange über sie hinweg, aber sie hasste es, das Bauernopfer in Kyles kleinen Psychospielchen zu sein. Mit jedem Tag, mit jeder Stunde, die sie länger in Copper Creek verbrachte, fragte sie sich, wieso sie eigentlich mit ihm zusammen war.

Sie atmete tief ein. Ihr eng gewordener Brustkorb dehnte sich spürbar. Der vertraute Duft von Kyles Rasierwasser war so unangenehm, dass es ihr den Magen umdrehte.

Ihr Blick wanderte ein paar Tische weiter, wo ihr Bruder mit seinen Freunden Jack und Noah zusammensaß und mit Noahs Frau, Josephine. Und Cruz. Der gehörte auch zu der Gruppe.

Als ihr auffiel, dass sie ihn anstarrte, schaute sie weg und konzentrierte sich auf den Sänger.

Sie erinnerte sich, wie damals die Samstagabende im Rusty Nails das Highlight der Woche gewesen waren. Als es einfach um eine Gruppe Freunde gegangen war, die redeten und lachten und echt waren. Jetzt kam ihr gar nichts mehr echt vor. Und sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann sie zuletzt gelacht hatte.

Was für ein Vorbild bist du Gracie damit eigentlich? Sie lehnte ihre Wange an die daunenweichen Locken ihrer Tochter.

Der Song endete mit einem schwungvollen Schluss, und das Publikum applaudierte und pfiff laut.

Hope trat ans Mikro, und der Lärm ebbte ab. „Vielen, vielen Dank! Ihr seid alle so großartig, und die Band freut sich sehr über eure Unterstützung. Also, heute Abend haben wir noch einen ganz besonderen Hochgenuss für euch. Bitte spendiert einen kräftigen Applaus für meine umwerfende … und talentierte … liebe Freundin …“

Oh nein.

„Zoe Collins!“

Zoe richtete sich auf. Sie errötete, als sich alle Köpfe nach ihr umdrehten. Neben ihr wurde Kyle steif. Irgendwie saß sie wie festgefroren auf ihrem Platz. Das Gewicht ihrer Tochter hielt sie an Ort und Stelle.

Aber dann hob Brady ihr Gracie aus den Armen. „Mach schon, Schwesterchen. Deine Fans warten.“

„Komm rauf hier, Süße. Zeig ihnen, was du draufhast. Helft mal mit, ihr alle! Sie braucht ein bisschen Ermutigung.“

Die Menschenmenge applaudierte nun lauter, Pfiffe durchbrachen den Applaus.

Zoes Herz wummerte in ihrer Brust, und ihr Lächeln fühlte sich so gespannt an wie eine Violinensaite. Sie musste da hoch. Was sollte sie sonst tun?

Sie mied Kyles Blick und stand auf. Das Publikum zeigte seine Zustimmung, indem es noch lauter wurde, während sie zur Bühne ging.

„Es ist ein paar Jährchen her“, sagte Hope ins Mikrofon, „aber ich glaube, an das hier wirst du dich im Handumdrehen wieder erinnern.“

Die Band stimmte das mitreißende Intro zu „Country Girl“ an. Zoe nahm das Mikrofon von Hope entgegen, die rasch die Bühne verließ.

Zoe und der Sänger lächelten sich an. Ihre Hände zitterten, aber sie klopfte mit dem Fuß den Takt, einen einfachen Four-on-the-floor-Rhythmus. Sie wechselte einen Blick mit dem Schlagzeuger, einem alten Klassenkameraden, der ihr ermutigend zunickte.

Rawley begann mit der ersten Strophe, und Zoe merkte, wie sich ihr Körper im Rhythmus der eingängigen Melodie bewegte. Die Bühnenscheinwerfer waren nicht so hell wie bei den Gigs, die sie sonst spielte. Sie konnte vertraute Gesichter erkennen, Freunde, die sie jahrelang nicht gesehen hatte. Sie lächelten und klatschten mit. Die Tanzfläche füllte sich, bis man sich kaum noch bewegen konnte.

Als der Refrain begann, hob Zoe das Mikro und fing an, die zweite Stimme zu singen. Sie wechselte Blicke mit Rawley und spielte mit der Situation. Das Lied machte Spaß, der Text war schnell, der Beat schmissig, und Zoe wurde einfach mit hineingezogen.

Als der Refrain zu Ende war, machte Rawley eine Handbewegung, und sie hob das Mikro und begann mit der zweiten Strophe. Ihr Herz wummerte, ihr war heiß. Aber die Worte fanden zu ihr zurück, als hätte sie sie nie vergessen, und eine Heiterkeit, wie sie sie seit Jahren nicht mehr verspürt hatte, füllte sie bis zum Bersten.

Das Publikum liebte einfach alles, es liebte sie, und obwohl ihr die Puste ausging, war die gute Laune ansteckend.

Als es wieder Zeit für den Refrain war, fiel sie erneut in die zweite Stimme. Ihre Stimme harmonierte mit Rawleys, als hätten sie das hundertmal geübt. Sie wackelte mit den Hüften und nickte mit dem Kopf und überließ sich ganz dem spielerischen Text.

Der Gitarrist begann sein Solo, und Rawley drehte sie, bis ihr schwindelig wurde. Der Bogen des Fiedlers flog nur so über die Saiten, und der Schlagzeuger trommelte einen gut abgestimmten Hintergrundrhythmus. Der Lead-Gitarrist lehnte sich zurück, während seine Finger den Hals der Gitarre bearbeiteten, und der Bassist wandte sich ihr zu, während er im Takt mit dem Kopf nickte.

Sie war es gewohnt, in einer Band zu singen, aber sie hatte sich noch nie so sehr wie ein Teil davon gefühlt. Ein letztes Mal schmetterten sie den Refrain, und Zoe merkte, dass sie sich wünschte, das Lied würde den ganzen Abend dauern.

Aber wie alle guten Dinge kam auch das zu einem Ende. Der Schlagzeuger und die anderen Musiker bereiteten ein großartiges Finale in den letzten paar dynamischen Takten vor. Und dann war es vorbei. Ein beinahe ohrenbetäubender Jubel füllte die plötzliche Stille.

„Danke!“ Zoe war ganz rot vor Freude, als sie Hope das Mikro zurückgab und die Bühne verließ.

„Was hab ich euch gesagt?“, fragte Hope. „Gebt noch einmal alles für unsere Heldin, hier aus Copper Creek – Zoe Collins!“

Zoes Knie schlotterten vor Aufregung, und sie strahlte ihre Freunde und Nachbarn an, während sie sich einen Weg durch die Menge bahnte. Menschen klatschten mit ihr ab und umarmten sie.

Als sie sich ihrem Tisch näherte, traf sich ihr Blick mit Kyles. Er stand da, wartete mit seinem üblichen Lächeln auf sie, aber der Blick in seinen Augen ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Ihre gute Laune verließ sie so schnell wie Luft einen geplatzten Ballon, und sie hatte Mühe, ihr Lächeln zu wahren.

Er zog sie in eine Umarmung, die nach außen hin aussehen musste, als wollte er ihren Erfolg mit ihr feiern. Aber der zu feste Druck und das Grollen in ihrem Ohr ließen keinen Zweifel an seiner Stimmung.

„Hol Gracie. Wir gehen.“

Jetzt zitterte sie aus einem anderen Grund. Sie zog sich zurück und wandte sich Brady zu.

„Das war schön, Schwesterchen“, sagte Brady mit lauter Stimme, um die Musik zu übertönen.

„Danke.“ Sie streckte die Arme nach Gracie aus, und er überreichte ihr das schlafende Mädchen.

„Du gehst doch jetzt nicht?“, fragte er.

„Ähm, doch. Die Kleine muss ins Bett. Gute Nacht zusammen.“ Sie traute sich nicht, Cruz in die Augen zu sehen.

Sie strebten zum Ausgang. Das Lächeln in ihrem Gesicht fühlte sich an wie aus Plastik und Kyles Hand in ihrem unteren Rücken heiß und irgendwie erstickend.

Der schnelle Stimmungswechsel machte sie erschöpft und durcheinander und wütend zugleich. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, die Musik wurde ein paar Dezibel leiser. Leise genug, dass sie den Kies unter ihren Füßen knirschen und die Grillen zirpen hören konnte, während sie zu der Wiese gingen, auf der Kyle seinen Mustang geparkt hatte.

Er kam an ihre Seite und ließ seine Hand fallen. „Was war das?“, fragte er kurz angebunden.

Sie verlagerte Gracie und versuchte, etwas Reue zusammenzukratzen. Aber sie fühlte kein Bedauern. Sie hatte sich in diesen drei Minuten lebendiger gefühlt als in den letzten Jahren. Für ein paar kurze Minuten hatte sie sich daran erinnert, wer sie einmal gewesen war.

Und, Himmel, sie vermisste dieses Mädchen.

„Es war nur ein Lied, Kyle.“

„Du hast mit Rawley geflirtet. Mitten auf der Bühne, wo alle es sehen konnten!“ Er machte das Gleiche mit Lindsay, der Keyboarderin in ihrer Band.

„Das war nur Teil der Show.“

Er schnappte sie am Ellbogen und zwang sie mit einem Ruck, anzuhalten.

Gracie rutschte, und Zoe fasste sie enger, damit sie ihr nicht hinunterfiel.

„Du hast mich zum Narren gemacht!“

„Ich habe nur gespielt.“

„Hast du auch gespielt, als du den ganzen Abend über Huntley angestarrt hast? Glaubst du, ich merke es nicht, wenn du ihm die ganze Zeit mit deinen Blicken folgst?“

„Das stimmt nicht.“

In seinen Augen blitzte etwas auf. „Du hast mit ihm geredet!“

„Nein, das habe ich nicht.“

Seine Finger gruben sich in ihren Arm. „Lüg mich nicht an.“

„Du tust mir weh.“ Weil sie Gracie nicht mehr halten konnte, ließ sie das Mädchen an ihrem Bein hinabgleiten. Gracie wimmerte im Schlaf, als sie sich auf dem Boden niederließ.

Zoe versuchte, einen Schritt von ihr wegzugehen, aber Kyle packte sie an beiden Armen und grub seine Finger tief in ihr Fleisch, bis sie vor Schmerz zusammenzuckte. Sein Atem überzog ihr Gesicht mit dem Gestank nach Bier und Zorn.

„Ich hätte nie damit einverstanden sein dürfen, zu bleiben. Wir fahren ab, jetzt, sofort.“ Seine Augen feuerten wütende Blicke auf sie ab. Sein Gesicht war wutverzerrt.

Sie sollte sich fürchten.

Aber stattdessen schoss ihr die Hitze in den Nacken, und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Sie wusste nicht, ob es an der guten Landluft lag oder an dem Moment auf der Bühne oder daran, dass sie Menschen in der Nähe wusste, die sie liebten.

Was auch immer es war, sie fand Mut, wie sie ihn seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.

„Weißt du was, Kyle? Es geht nicht immer nur um dich und um das, was du willst.“

Überraschung blitzte in seinen Augen auf, dann umschloss seine Hand schmerzhaft ihren Ellbogen. „Was hast du da gerade gesagt?“

Ihr Herz war kurz davor zu explodieren, und ihr Mund war trocken wie die Wüste.

Aber irgendwie brachte sie die Worte heraus: „Du hast mich gehört. Und ich reise nirgendwohin ab. Ich bleibe hier.“

Redete sie über das Rusty Nail oder über Copper Creek? Davon, vorübergehend zu bleiben oder für immer?

Selbst als sich seine Lippen auf die Art verzogen, die sie noch nie hatte leiden können, selbst als seine kalten, zusammengekniffenen Augen sie musterten, konnte sie sich nicht dazu überwinden, die Worte zurückzunehmen.

KAPITEL 5

Cruz verlagerte sein Gewicht auf dem Stuhl, während sein Blick zum zehnten Mal zum Eingang huschte, durch den Zoe und Kyle vor weniger als einer Minute verschwunden waren. Die Gespräche am Tisch gingen weiter, aber er bekam nichts davon mit.

Hier stimmte etwas nicht. Es war eigenartig, dass sie nach Zoes Vorstellung so schnell verschwunden waren. Und der Blick in Kyles Augen, während er sie aus dem Saal geführt hatte, machte ihm Sorgen.

Cruz dachte über all die Veränderungen nach, die ihm an Zoe aufgefallen waren, und die Grausamkeit in Kyles Stimme während ihrer kurzen Konfrontation vorhin. Ihm gefiel das nicht. Überhaupt nicht.

Er stand auf.

„Wo gehst du hin?“, fragte Brady.

„Nur … ich muss nur mal eben was nachsehen.“

Jetzt, wo er den Entschluss gefasst hatte, konnte Cruz gar nicht schnell genug nach draußen gelangen. Er wich den Tischen aus. Rasch durchmaßen seine langen Beine den Raum. Er drängte sich durch die Menge, die sich in der Nähe der Tür versammelt hatte, und mit jedem Schritt wuchs die Sorge in ihm.

Bis auf die Lichtlkegel der Straßenlaternen war der Parkplatz dunkel. Er war außerdem übervoll, der geschotterte Bereich war zugeparkt, sodass auch auf dem Rasen nebenan Autos standen. Er hatte keine Ahnung, wo Kyle und Zoe geparkt hatten. Inzwischen waren sie vielleicht schon weg.

Er hielt an, musterte die Umgebung, lauschte. Der schwere Bass klang durch die Wände des Restaurants. Nachtgeräusche mischten sich unter die gedämpfte Musik. In der Nähe klapperte eine Metallklammer im Wind gegen einen Fahnenmast.

Dann hörte er etwas anderes. Ein Schlurfen und ein Ächzen. Cruz‘ Füße bewegten sich, bevor sein Verstand hinterherkam. Sein Adrenalin schoss in die Höhe. Eilig schlängelte er sich um die geparkten Autos, während er seinen Blick über den vollen Parkplatz schweifen ließ. Die Musik wurde kurz lauter, als er sich der Hinterseite des Restaurants näherte, aber seine Augen hatten sich jetzt der Dunkelheit angepasst und erhaschten einen Blick auf die beiden dunklen Gestalten zwei Reihen weiter.

Er hörte Kyles Stimme, ein tiefes Grollen: „Steig ein!“

Cruz rannte bereits, als Kyles Schatten mit Zoes verschmolz. Plötzlich war da ein weiteres Stöhnen, und dann lag sie auf dem Boden.

Etwas Rotglühendes erwachte in ihm. Er rannte auf Kyle zu, hörte nur noch das Rauschen in seinen Ohren, war nicht mehr in der Lage zu denken.

Kyle machte einen Ausfallschritt in Zoes Richtung.

„Hey!“

Kyle drehte sich gerade rechtzeitig um, dass Cruz ihm eine Faust ins Gesicht donnern konnte. Der Mann taumelte rückwärts, stolperte über irgendetwas und ging mit einem Grunzen zu Boden.

„Zoe.“ Cruz ging auf sie zu, aber sie krabbelte zu ihrer Tochter hin, und aus dem Augenwinkel sah er, wie Kyle wieder auf die Füße kam.

Oh nein, ganz bestimmt nicht.

Cruz‘ Schlag landete mit einem befriedigenden Zack! in der Magengrube seines Gegners. Aber Kyle erholte sich schnell und wehrte sich mit einem Kinnhaken.

Ehe Cruz sich berappeln konnte, packte ihn jemand von hinten, und eine Stimme sagte: „Zurück, Kyle!“

Brady. Cruz kämpfte, aber Bradys Arme waren wie Stahlschlingen.

„Das reicht, ihr beiden!“, sagte Brady.

Kyle wischte sich seinen Mund mit dem Handrücken ab.

„Zoe!“ Hope war auch da und kauerte sich an Zoes Seite nieder.

Es dauerte einen Moment, bis Cruz begriff, dass das kleine Mädchen weinte. Sie musste das Hindernis gewesen sein, über das Kyle gestolpert war. Zoe tröstete das Kind in ihren Armen. Ein dunkler Faden Blut rann ihr aus dem Mundwinkel.

Eine dunkle Wolke Wut überkam ihn, und er drängte nach vorne, wollte ausbrechen. Fast hätte er es geschafft, aber Brady packte ihn noch einmal, und jemand anderes schnitt ihm den Weg mit ausgebreiteten Armen ab.

„Der Sheriff ist unterwegs“, sagte Brady. „Komm schon, beruhige dich. Wir wollen das alles nicht noch schlimmer machen.“


Hope half Zoe auf die Beine. Ihre Arme schlossen sich enger um ihre Tochter, deren Weinen zu einem leisen Schluchzen geworden war. Sie hatten sie schnell überprüft und nur einen Kratzer auf Gracies Bein gefunden.

Zoe wurde sich der sich ansammelnden Menschenmenge bewusst, wurde sich Cruz´ Anwesenheit bewusst, der von ihrem Bruder zurückgehalten wurde und Kyle wutentbrannt ansah.

Hitze stieg ihr in den Kopf, bis ihr ganz schwummerig war.

„Und das ist jetzt also der Dank?“, fragte Kyle mit kratziger Stimme und sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Dafür, dass ich dich versorgt habe, mich gekümmert habe um …“ Er schaute Gracie bedeutungsvoll an und hob seinen Blick dann grausam drohend zu ihr.

Zoes Herz blieb stehen. Ihre Arme fassten Gracie fester. Er würde es nicht sagen. Er würde eher sterben, als die Wahrheit zu sagen. Das Geheimnis preiszugeben, das es ihm erlaubte, sie zu besitzen. Zu kontrollieren. Das es ihm jetzt ermöglichte, über Cruz zu herrschen, ganz nah und persönlich.

Der Moment zog sich in die Länge, die Zeit verging schleichend.

Endlich presste Kyle seine Lippen zusammen und hob hämisch die Mundwinkel. Er machte eine Bewegung in ihre Richtung, aber ein paar Kerle sprangen ihm in den Weg, und jemand packte ihn von hinten.

„Der Sheriff ist unterwegs, Kyle“, sagte einer. „Besser, du verschwindest hier, bevor er eintrifft. Du willst doch nicht in den Knast, oder?“

„Der geht nirgendwohin“, sagte Brady. „Der Knast ist genau das, was er verdient hat.“

Dem Blick auf Cruz‘ Gesicht nach war das auch genau das, was er wollte.

„Nein“, sagte Zoe. „Bitte … Ich will einfach nur, dass er verschwindet. Das war genug Drama für einen Abend.“

„Dann lässt du es besser, Kyle“, sagte jemand.

Kyle durchbohrte Zoe mit einem furchterregenden Blick und nannte sie etwas, das ihr Gesicht merklich wärmer werden ließ.

„Das reicht jetzt, Kyle!“, sagte Brady, der sich bemühte, Cruz weiter festzuhalten.

„Ohne mich bist du gar nichts!“, brüllte er.

In Zoes Kopf lichtete sich der Nebel. Sie sah die Szene und hörte Kyles Worte mit einer Klarheit, die sie lange nicht mehr empfunden hatte. Erinnerte sich an all die Arten und Weisen, mit denen er sie manipuliert, wie er sie kleingehalten, wie er sie zurückgehalten hatte.

Ihr Rücken reckte sich, als sie ihm geradewegs ins Gesicht sah. Sie war fertig. Sie war fertig damit, seinen Willen zu tun. Fertig damit, ihre Gefühle beiseitezuschieben. Fertig damit, jemand zu sein, den sie nicht einmal erkannte.

„Geh einfach, Kyle“, sagte sie.

Kyle stach mit dem Finger nach ihr. „Wir sind fertig! Ruf mich nicht an. Schreib mir nicht. Hörst du mich, Zoe? Du bist fertig.“

Er riss die Autotür auf und stieg ein. Eine Sekunde später drehten die Räder durch und feuerten Grasbüschel hinter sich. Dann schoss der Wagen aus der Parklücke.

„Ich bin fertig mit dir“, flüsterte sie.

KAPITEL 6

Zoe saß in Hopes Büro im Rusty Nail. Allmählich wurde ihr das Ausmaß des Ganzen bewusst.

Der Sheriff war aufgetaucht, als Kyle gerade weg war. Sie hatte keine Anzeige erstattet, obwohl alle sie dazu ermutigt hatten. Sie wollte einfach, dass diese Nacht endlich ein Ende nahm. Ein Sanitäter hatte sich um Gracie und sie gekümmert. Alles würde schnell wieder gut werden.

Körperlich zumindest.

Nachdem der Sheriff sich verabschiedet hatte, zerstreute sich die kleine Menschenmenge, kehrte zurück zu Freunden und unterbrochenen Unterhaltungen. Jetzt stand ein ganz neues Gesprächsthema auf dem Zettel. Bis morgen früh würde der Tratsch sich in der ganzen Stadt verbreitet haben.

Die Musik spielte weiter, der Bass war bis ins Büro der Geschäftsleitung zu hören.

Hope tupfte Zoes Lippe vorsichtig mit einem Papiertaschentuch ab. „Tut mir leid, falls das wehtut.“

„Alles gut.“

Im Waschraum nebenan wusch Brady Gracies Bein ab, und Cruz stand wie ein Schutzengel in der Bürotür. Mit seinen angespannten Gesichtsmuskeln und den dunklen, bohrenden Augen sah er respekteinflößend aus. Eines dieser Augen schwoll gerade an. Am Morgen würde er ein ordentliches Veilchen haben. Seine Arme waren vor dem Körper verschränkt. Unter den Ärmeln wölbten sich seine Muskeln. Nicht ein einziges Mal hatte er mit ihr gesprochen.

Erst jetzt fing Zoe an, den Schmerz in ihrem Unterkiefer zu spüren. Das würde ein blauer Fleck vom Feinsten werden. Aber die Verletzung war nichts, verglichen mit der dämmernden Erkenntnis, was ihre Umstände anging.

Kyle war weg. Er war mit Gracies Kindersitz verschwunden – mit ihrem Auto. Seinem Auto, ermahnte sie sich. Es lief auf seinen Namen. Wie alles andere auch, von dem sie sich gerade verabschiedet hatte. Vermutlich hielt er auf seinem Weg aus der Stadt hinaus kurz am Hotel und nahm alles mit, was sie mitgebracht hatten.

„Was habe ich nur gemacht?“ Mit zitternden Fingern umklammerte sie ihre Handtasche – ihre letzte Habseligkeit.

„Etwas, das du schon längst hättest tun sollen“, sagte Hope entschieden.

„Du verstehst das nicht.“

„Er hat dich geschlagen, Zoe. Das ist nicht okay.“

„Ich weiß.“

Zoe zuckte schmerzhaft zusammen, als Hope die Wunde abtupfte. Aber die Verletzung tat nicht annähernd so weh wie ihr Stolz. War sie so tief gesunken?

„Entschuldigung.“ Hopes Berührung wurde sanfter. „Hat er das schon mal gemacht?“

„Nein.“

Hope zog die Augenbrauen über den grünen Augen hoch und schaute sie skeptisch an.

„Hat er wirklich nicht.“ Vielleicht hatte er sie ein- oder zweimal geschubst. Aber nur, wenn sie ihn wirklich aufgeregt hatte. Und zu Gracie war er immer nur lieb gewesen.

Gracie.

Sie hatte nicht einmal Kleidung zum Wechseln für die Kleine. Oder einen Schlafplatz. Sie schloss die Augen, während der Sorgenpegel anstieg wie ein Bach im Frühling.

„Es wird alles gut werden“, sagte Hope. „Wirst schon sehen.“

„Ich habe kein Auto. Ich habe keine Arbeit“, sagte sie leise; sie wollte nicht, dass Cruz oder Brady das hörten. „In meiner Handtasche habe ich nur zwanzig Dollar! Meine Kreditkarte läuft auf seinen Namen, die wird er sperren lassen.“

Hope umfasste ihre ruhelosen Hände. „Du hast eine Familie, und wir werden uns um dich kümmern.“

Zoe riss sich los. „Ich will mich nicht umsorgen lassen!“

Sie hatte es so satt, umsorgt zu werden. Hatte es satt, andere Leute Entscheidungen für sie treffen zu lassen. Wie hatte sie es nur so weit kommen lassen? Früher war sie so unabhängig und mutig und kämpferisch gewesen. So wie Granny. Das hatten alle gesagt.

„Du hast das Bauernhaus und die Plantage. Lass uns einfach einen Tag nach dem anderen angehen. Möchtest du heute Nacht dort bleiben oder bei mir zu Hause schlafen?“

„Sie bleibt nicht allein.“

Zoe sah Cruz wütend an.

„Er könnte zurückkommen.“

„Das stimmt“, sagte Hope, die von Cruz zu Zoe sah. „Meinst du, das wird er machen?“

Sie musste zugeben, dass er recht hatte, und auch das war ihr zuwider. Sosehr sie auch ihre vernachlässigte Unabhängigkeit hochhalten wollte, musste sie doch auch an Gracie denken. Kyle hatte sich zwar so angehört, als wäre er fertig mit ihr, aber er war unberechenbar. Konnte sein, er überlegte es sich noch mal, wegen all der Zeit und Mühe, die er in sie und ihre Beziehung investiert hatte. Von der Band ganz zu schweigen.

Komisch, dass Liebe nicht einmal jetzt ein Argument war. „Ich weiß es nicht.“

„Er wird seine Tochter nicht einfach so gehen lassen.“ Das kam von Cruz.

Zoe kniff die Lippen zusammen. Sie begegnete Hopes Blick. Sie wussten beide, dass Kyle keinen gesetzlichen Anspruch auf Gracie hatte, aber das würden sie Cruz ganz sicher nicht sagen.

„Warum bleibst du heute Nacht nicht einfach bei mir?“, fragte Hope. „Auf dem Heimweg halten wir bei Walmart an und besorgen das Nötigste.“

Gracie betrat das Zimmer. Ihre roten Locken tanzten, Brady folgte ihr auf dem Fuß. Ihre Tochter sah nicht weiter angeschlagen aus. Zoe hoffte, dass sie zu schläfrig gewesen war, um alles richtig mitbekommen zu haben.

Sie kletterte auf Zoes Schoß und gab mit ihrem Pflaster an. „Guck, Mama! Onkel Brady hat mein Aua heile macht.“

Zoe zwang sich zu lächeln. „Das sehe ich, meine Kleine. Hat er ein Küsschen daraufgemacht?“

„Nein.“ Sie schaute Brady mit gerunzelter Stirn an. „Onkel Brady, du hast kein Küsschen auf mein Aua macht!“

„Entschuldigung, Süße. Ich übe noch.“

Zoe gab dem Pflaster einen dicken Kuss. „Na siehst du. Viel besser.“

Stirnrunzelnd hielt Gracie die Wangen ihrer Mama in beiden Händen. „Mama, du hast ja auch ein Aua!“

„Ich weiß, Schätzchen, aber das ist schon viel besser.“

Gracie beugte sich vor und küsste ihren Mundwinkel. „Jetzt ist es viel besser.“


Cruz beobachtete Zoe. Ihre Unterlippe schwoll an, der Riss im Mundwinkel sah rot und fies aus. Ihr Kinn lief im selben Maß blau an, wie sich seine Stimmung verdüsterte.

Er wünschte, er hätte ein paar Treffer mehr landen können, bevor Brady eingegriffen hatte. Wünschte sich, man hätte Kyle ins Gefängnis gesteckt, wo er hingehörte. Was fiel dem eigentlich ein, eine Frau zu schlagen? Eine Frau, um die er sich doch eigentlich kümmern sollte? Und was hatte er Zoe und ihrer Tochter in den Jahren, in denen sie weggewesen waren, sonst noch angetan?

Kein Wunder, dass sie nur noch ein Schatten ihres früheren Ichs war.

Und dennoch war das Erste, was Cruz getan hatte, als er Kyle Auge in Auge gegenübergestanden hatte, ihn zu provozieren. Er zuckte zusammen. Überwältigende Schuldgefühle überkamen ihn. Er sah Zoe schwanken, als Hope ihr auf die Beine half, und fand im Stillen allerlei Namen für seine Dummheit.

Brady nahm das kleine Mädchen, und Hope schnappte sich Zoes Handtasche.

„Übernachtet sie bei dir?“, fragte Cruz Hope, als sie bei ihm waren.

„Ja, aber wir machen noch einen Schlenker beim Supermarkt vorbei.“

„Sie sollte zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen.“

Zoe erwiderte seinen Blick unverwandt. „Hört auf, von mir zu reden, als wäre ich gar nicht da.“

Er war froh, endlich einen Funken Zorn in diesen grünen Augen zu entdecken, auch wenn der sich gerade gegen ihn richtete. „Tut mir leid.“

Ihm tat so viel mehr leid als nur das. Sein Blick fiel auf ihr anschwellendes Kinn, und er streckte eine Hand aus, um sie zu streicheln. Aber ebenso schnell ließ er die Hand auch wieder fallen. Er hatte kein Recht, sie zu berühren.

„Besser, du legst so schnell wie möglich Eis drauf“, sagte er. „Das schwillt ziemlich übel an.“

„Selber.“ Ihr Blick wurde weicher, ehe sie ihn schnell wieder senkte. Sie räusperte sich. „Danke für deine Hilfe heute Abend.“

Er wartete einen Moment, aber sie sah ihn nicht wieder an.

„Jederzeit, Zoe.“

Er würde all ihre Drachen bekämpfen, jeden einzelnen davon, und sie brauchte ihn nicht einmal darum zu bitten. Das hatte damals gestimmt, und das stimmte heute noch. Das erste Mal seit Jahren erlaubte er sich, an ihre lange und komplizierte gemeinsame Geschichte zu denken. Erlaubte sich, sich daran zu erinnern, wie alles begonnen und wie alles geendet hatte.

TEIL 2

KAPITEL 7

Cruz erinnerte sich an das genaue Datum, an dem Zoe Collins in sein Leben getreten war.

Seine Mutter und er waren erst seit ein paar Monaten in Copper Creek, aber Brady Collins war ihm bereits der Bruder, den er nie gehabt hatte. Am ersten Schultag hatte Brady Cruz in der Mittagspause an seinen Tisch eingeladen. Und da entdeckten sie ihre gemeinsame Leidenschaft für Autos, Angeln, Mädchen – ohne besondere Reihenfolge.

Brady ging offen damit um, dass seine leibliche Mutter eine Drogenabhängige war und dass seine Tante und sein Onkel ihn als Baby adoptiert hatten. Für alle Welt waren Mr. und Mrs. Collins Vater und Mutter für ihn, aber Cruz merkte, dass Brady sich manchmal ein wenig fehl am Platz fühlte.

Bradys Familie hatte ein schönes Haus, aber trotzdem zog er es vor, Zeit in Cruz´ abgewohnter Mietwohnung zu verbringen. Tatsächlich trafen sie sich meist dort. Vielleicht lag es an der Anziehungskraft von Cruz´ Mutter – selbst mit 17 musste Cruz zugeben, dass sie ziemlich cool war. Sie hatte zwei Jobs, aber jetzt, wo Cruz eine Anstellung in einem Eisenwarenladen bekommen hatte, hoffte sie, dass sie in der Wäscherei aufhören könnte.

Es ging langsam auf Mitternacht zu, und er und Brady hatten gerade angefangen, oben in seinem Zimmer PlayStation zu spielen, als Cruz draußen vor dem Fenster ein Geräusch hörte. Er runzelte die Stirn und stand auf, um das Licht auszuschalten. Copper Creek schien wie ein sicherer Ort zu sein, aber in Atlanta, wo sie vorher gewohnt hatten, hatte er gelernt, sich um seine Mutter und sich zu kümmern.

„Was machst du?“ Bradys Finger bearbeiteten die Knöpfe des Controllers, während er Aliens aus dem Weg sprengte.

„Ich habe gedacht, ich hätte da was gehört.“ Cruz ging zum Fenster.

Vom Fernseher her erklang eine letzte Explosion, dann wurde es leise. „Ich geh mal aufs Klo“, sagte Brady.

Cruz hörte kaum, wie sein Freund das Zimmer verließ. Er zog die Gardine beiseite und wich erschrocken zurück, als er ein Gesicht entdeckte, das sich genau vor ihm befand.

Es war ein Mädchen. Ihr Haar glühte im Mondlicht wie eine Löwenmähne und umspielte ihr alabasterfarbenes Gesicht. Doch es waren ihre Augen, die ihn gefangen nahmen. Augen, die schelmisch leuchteten, als wüssten sie irgendein lustiges Geheimnis.

Sein Herz machte einen heftigen Satz, und durch seinen ganzen Körper strömte Hitze, die ihm das Hirn vernebelte. Cruz´ olivfarbene Haut und sein schwarzes Haar machten ihn in der Damenwelt sehr beliebt – dafür konnte er sich bei seiner Mutter bedanken. Aber wäre er je auf die Idee gekommen, er könnte sich ein Mädchen wünschen, das am Fenster seines Zimmers auftaucht, er hätte sich dieses hier gewünscht.

Cruz fing sich so weit, dass er das widerspenstige Schiebefenster hochzerren konnte. Aber nachdem er das geschafft hatte, versiegten ihm die Worte wie eine Pfütze im Juli.

Ihre Lippen kräuselten sich. „Willst du mich mal reinlassen? Ich falle nämlich gleich.“

Er schob das Fenster ganz auf und half ihr herein. Ihre Haut war das Weichste, das er je berührt hatte. Flink zwängte sie ihren schlaksigen Körper mit den langen Gliedmaßen in einem zarten weißen Oberteil und abgeschnittenen Jeans durch die Fensteröffnung.

Sie ließ sich auf sein großes Bett fallen und rubbelte sich die Beine ab.

Er blinzelte und fand endlich seine Stimme wieder. „Wer bist du … wie bist du …?“

„Ich bin Zoe. Euer Spalier müsste mal repariert werden. Das ist an einigen Stellen morsch. Zweimal bin ich fast gefallen. Tut mir leid mit der Sauerei.“

Zoe. Bradys 15 Jahre alte Schwester. Die, die er so sehr beschützen wollte.

Cruz wollte das Licht einschalten und sie sich genauer anschauen, aber er befürchtete, damit irgendwie den Zauberbann zu brechen. Oder vielleicht träumte er auch. In dem Fall wollte er ganz bestimmt nicht aufwachen.

Ihre Augen funkelten im Licht des Bildschirms, als sie seinen Blick erwiderte. „Warum schaust du mich so an?“

„Wie ,so‘?“

„Als wäre ich ein Gespenst.“

„Bist du denn eins?“

„So was gibt es doch gar nicht, du Blödmann.“

„Woher willst du das wissen?“

Spielerisch hob sie eine Augenbraue. „Hast du je eins gesehen?“

„Vielleicht.“

Sie griff nach seiner Hand und drückte sie sacht. „Siehst du? Hundert Prozent echt.“

Er spürte einen elektrischen Schlag vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen − und überall dazwischen auch. Er wollte ihre Hand für immer und ewig halten und nie wieder loslassen.

Aber sie zog sie weg, verschränkte die Arme und legte den Kopf schief. Ihre Augen wanderten über seinen Körper, und er spürte ihren Blick wie eine Berührung. Ein Schauder überlief seinen Rumpf und erinnerte ihn daran, dass er nur seine Jeans trug.

„Spielst du in irgendeiner Mannschaft? Du treibst bestimmt viel Sport. Du hast echt eine Menge Muskeln.“

Plötzlich wünschte er sich, eine dieser Sportskanonen zu sein, die einer Maschine Wiederholungen abrangen, anstatt eines Jugendlichen, der sein Sportprogramm erledigte, indem er die Regale einer Eisenwarenhandlung einräumte.

„Mit wem redest …“ Brady blieb im Türrahmen stehen. Sein Blick fiel auf das Mädchen, das auf dem Bett saß. „Zoe. Was machst du denn hier?“

Unverfroren hob sie eine Schulter. „Du solltest mal auf deinen Rücksitz gucken, bevor du losfährst, großer Bruder. Man kann nie wissen, wer da so mit unterwegs ist.“

„Was soll das? Jetzt muss ich dich heimfahren, und ich bin gerade erst hier angekommen.“

„Ach, entspann dich. Ich will doch bloß ein bisschen Spaß haben. Welches Spiel spielt ihr gerade? Oh, das liebe ich.“ Sie griff nach der Konsole.

Brady schnappte sie am Ellbogen. „Oh nein, das wirst du nicht. Du fährst geradewegs mit mir nach Hause.“

„Du bist schlimmer als Mum und Dad. Ich bin kein Baby mehr.“

„Es ist nach Mitternacht.“

Sie schaute ihn gespielt erschrocken an. „Oh nein! Mitternacht. Nicht, dass ich mich noch in einen Kürbis verwandle.“

„Du musst aufhören, dich davonzuschleichen, Zoe. Das ist nicht sicher.“

Sie verdrehte die Augen. „Wir sind in Copper Creek. Hier könnte ich nicht einmal in eine Gefahr geraten, wenn ich vorher deswegen herumtelefonieren würde.“

„Diesmal sage ich Mom und Dad Bescheid. Lass uns gehen.“

Zoe entwand sich seinem Griff und sah ihn frech an. „Du wirst es ihnen nicht sagen. Weil ich weiß, wer letzten Freitag mit Bridgette Malloy bei Sutter’s Bend geparkt hat, obwohl er eigentlich noch bei der Arbeit sein sollte.“

Bradys Lippen kniffen sich zusammen. „Wie hast du … egal. Komm jetzt, wir fahren nach Hause.“

Zoes Gesicht erhellte sich. „Oh, ich weiß was. Lass uns schwimmen gehen. Oder ein paar Böller anzünden. Wir können zur Brücke runtergehen, da erwischt uns keiner.“

„Wir fahren an genau einen Ort: nach Hause nämlich.“

„Bäh! Du bist so ein Langweiler. Schön, dann gehe ich eben nach Hause, aber zu Fuß.“

Sie marschierte an Cruz vorbei und hinterließ eine Duftspur des herrlichsten Parfüms, das er je gerochen hatte.

Brady war ihr auf den Fersen. „Oh nein, das wirst du nicht.“

Sie drehte sich in der Tür um und schenkte Cruz ein koboldhaftes Zwinkern. Und so einfach war es um ihn geschehen. Er war verliebt.

KAPITEL 8

Zoe schlüpfte in die schattige Scheune ihrer Eltern, wo ihr altvertraute Gerüche nach Heu und Pferden entgegenschlugen. Ihr Blick fiel auf Cruz, der bei den Boxen drüben stand. Die Bürste in seiner Hand glitt über Buttercups Widerrist.

„Was machst’n du da?“

Er fuhr zu ihr herum, wandte sich dann aber wieder Buttercup zu. „Ich warte auf Brady.“

Seit ein paar Jahren kam Cruz nun vorbei und verbrachte Zeit mit ihrem Bruder. Er war so hübsch, mit seiner herrlichen Haut und den achtsamen braunen Augen. Ihn nur anzuschauen ließ in ihrem Bauch Schmetterlinge umherflattern.

Aber er ignorierte sie, ignorierte sie so sehr, dass es schon beinahe unhöflich war. Für ihn war sie nur Bradys nervtötende kleine Schwester.

Sie kam näher und lehnte sich nah genug neben ihm an die Boxentür, dass ihr Arm seinen streifte.

Er versteifte sich, zog sich aber nicht zurück.

Sie biss sich auf die Lippe. Sie hätte sich keinen weniger geeigneten Kandidaten als Schwarm aussuchen können. Aber jetzt, wo das feste Fleisch seines Arms ihren berührte und sein subtiler herber Duft ihre Sinne in Beschlag nahm, machte sich eine unerbittliche Hoffnung in ihr breit. An Mut hatte es ihr schließlich noch nie gemangelt.

„Willst du ausreiten?“

„Wenn er kommt, bevor es dunkel wird.“

„Ich könnte mit dir los. Ich kenne die schönsten Ecken.“

Sein hüpfender Adamsapfel lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seinen Hals und sein Kinn, beides unrasiert. Er wirkte älter als die anderen Jungen seines Jahrgangs. Das lag wohl an dem Bartschatten, überlegte sie. Oder an dem abgekämpften Blick in seinen tiefgründigen Augen.

Er legte die Bürste weg, trat beiseite und schob die Hände in die Hosentaschen. „Nein, danke.“

Mit zitternder Hand streichelte Zoe Buttercups Schnauze. „Du brauchst gar nicht so gemein zu sein. Ich wollte nur freundlich sein.“

„Ich bin nicht gemein. Ich warte einfach nur auf Brady.“

Sie bedachte ihn mit einem stolzen Blick. „Die ganze Zeit ignorierst du mich.“

Seine Wangenmuskeln bewegten sich. „Tu ich gar nicht.“

„Doch, wohl.“

Er schaute sie an.

„Na, tust du wohl.“

„Ich bin Bradys Freund. Ich bin hier, um ihn zu besuchen, nicht dich.“

„Da, jetzt bist du schon wieder gemein.“ Sie klimperte mit den Wimpern, ein Trick, den sie von Marci Allen gelernt hatte. „Egal, ich bin jedenfalls nur zwei Jahre jünger als du.“

Er seufzte schwer und murmelte etwas auf Spanisch.

„Was heißt das?“

Seine Augen blitzten. „Ich habe Gott um Geduld gebeten.“

Hmpf. Sie kniff die Augen zusammen und zog eine Schnute.

Er sah auf ihren Mund hinunter, und ihr blieb fast die Luft weg. Hatte sich da gerade noch etwas außer Gleichgültigkeit in seinen Augen gezeigt?

Aber einen Augenblick später tigerte er davon, als wäre er von ihrer Unterhaltung zu Tode gelangweilt.

Sie seufzte. Versuchen und nochmals versuchen. „Wann fängst du am College an?“ Brady würde im Herbst anfangen, und Cruz war ein ganzes Jahr älter. Er arbeitete immer noch im Eisenwarenladen.

„Wer sagt denn, dass ich aufs College gehe?“

„Was hast du denn sonst vor?“

„Ich überlege noch.“ Er sah von ihr weg. Ein Lichtstrahl fiel ihm ins Gesicht, der seine Konturen hart und klar wirken ließ.

Plötzlich wurden ihr die Unterschiede zwischen den Umständen, in denen sie aufwuchsen, bewusst. Ihre Eltern bezahlten für Bradys Studium, und wenn sie sie dazu überreden konnten, zu studieren, würden sie auch für ihres bezahlen. Sie fragte sich, ob Cruz vielleicht hierbleiben und seiner Mama helfen musste, damit das Geld reichte.

„Du könntest doch hier auf die Handelsschule gehen. Was möchtest du denn gerne machen?“

„Du bist ziemlich vorwitzig.“

„Du bist ziemlich vage.“

Sein Mundwinkel zog sich ein, was ihre Aufmerksamkeit auf seine volle Unterlippe zog. „Große Worte für so ein kleines Mädchen. Vielleicht weiß ich nicht einmal, was das heißt.“

Sie verdrehte die Augen. „Brady hat mir erzählt, dass du den fünftbesten Abschluss eures Jahrgangs gemacht hast. Wenn du wolltest, könntest du ein Stipendium bekommen.“

Er hielt an und streckte eine Hand nach Buttercup aus, der an seiner Handfläche schnupperte. Als er nicht antwortete, fuhr Zoe fort:

„Brady macht wahrscheinlich Überstunden. Ich könnte dir ein Pferd satteln, wenn du willst.“

Er erübrigte einen Blick für sie. „Ich weiß selbst, wie man ein Pferd sattelt.“

„Ich wollte einfach nur freundlich sein. Solltest du auch mal probieren.“

Ihr Herz überschlug sich in ihrer Brust. Kein anderer Junge hatte sie je so nervös gemacht, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Eine Menge Jungs standen auf sie; sie hatte nicht vor, um die Aufmerksamkeit von jemandem zu betteln, der ihren Anblick nicht aushalten konnte.

Seine Schritte endeten ganz in der Nähe. Sie hatte sein Herankommen nicht einmal bemerkt.

Ihre Augen fanden seine, und sie bemerkte, dass er ihr Haar anstarrte. Röte stieg ihr in die Wangen. Sie hob eine Hand und schob die ungebändigten Locken zurück. Sie wünschte, sie hätte sich die Zeit genommen, sich einen Zopf zu machen. Ihr Haar war das Einzige, was sie von ihrer schönen Mutter geerbt hatte – klar, dass es nicht ihre kurvige Figur oder die hübschen blauen Augen gewesen waren.

„Hör auf zu glotzen. Das ist unhöflich.“ Sie hob die Kardätsche auf und fuhr damit über Buttercups Seite. „Ich weiß schon, dass ich hässliche Haare habe. Das musst du mir nicht auch noch bestätigen.“

„Die sind nicht hässlich.“

Sie schnaubte.

Wieder murmelte er etwas auf Spanisch.

Sie sah ihn finster an. „Wenn du mich schon beleidigen willst, dann mach’s wenigstens auf Englisch.“

Er sah sie lang und fest an, bis ihr die Knie schlackerten und ihre Brust so eng wurde, dass sie kaum noch atmen konnte.

Die Bürste bewegte sich immer langsamer, hielt an. Er verwirrte sie. Er war gemein zu ihr, und doch schaute er sie manchmal an, als ob …

Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Was?“

„Ich habe gesagt … es hat die Farbe einer Löwenmähne.“ Seine raue Stimme ließ ihr Innerstes summen.

Sie blinzelte. Ihre Haarwurzeln kribbelten, als hätte er sie gerade berührt. Hitze stieg ihr bis in die Ohrspitzen, und sie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Konnte nicht eine einzige Silbe mehr sagen. Oder zwei Gedanken aneinanderreihen.

Plötzlich zupfte er am Schild seiner Baseballkappe und wandte sich zum Gehen. „Ich muss los. Sag deinem Bruder, dass ich nicht mehr länger auf ihn warten konnte.“

Und dann war er weg und mit ihm ein Stück ihres Herzens.

KAPITEL 9

Es war längst Herbst, als Cruz Zoe wiedersah. Er erledigte gerade seine letzte Holzlieferung des Tages. Er parkte seinen Truck neben dem Bauernhaus der Plantage.

Als er ausstieg, entdeckte er Zoe, die in einem Paar abgeschnittener Hosen und einem roten T-Shirt, das in der Taille zusammengeknotet war, auf die Veranda ihrer Großmutter trat. Ein Streifen cremeweißer Haut bannte seinen Blick. Er knirschte mit den Zähnen, während er anfing, die Bohlen für die Veranda abzuladen, und erinnerte sich an das Versprechen, das er Brady gegeben hatte: dass er nämlich auf Zoe aufpassen würde, während der auf dem College war.

In Anbetracht der Tatsache, dass es Monate her war, dass er Zoe zuletzt gesehen hatte, kam er seiner Aufgabe nicht besonders gut nach. Es hieß, sie habe ihr zweites Knöllchen für zu schnelles Fahren bekommen, und deshalb sei ihr Führerschein vorläufig weg. Vielleicht würde sie das ein bisschen bremsen.

„Was machst’n du da?“, fragte sie.

„Ich lade das Holz für die Veranda deiner Großmutter ab.“

Schnell wandte er den Blick von ihrer schlanken Figur ab. Sie trug das Haar heute offen, eine lockige Masse, die ihr über die Schultern floss. Das Sonnenlicht glitzerte darauf und verwandelte es in strahlendes Kupfer. Anfangs war es nur ihr Aussehen gewesen, das ihn an eine schöne Löwin erinnerte. Aber jetzt wusste er, dass ihr Temperament auch dem einer Löwin entsprach.

Mi Leona. Bei dem abstrusen Gedanken schüttelte er den Kopf. Sie war nicht die Seine. Weder Löwin noch sonst etwas.

Er schnappte sich einen Armvoll Holz und wich ihr aus, wobei ihm auf dem Weg zur Rückseite des Hauses ihr Nissan in der Auffahrt auffiel.

„Ich dachte, du darfst gar nicht mehr fahren.“

Sie lud einen Armvoll Bretter neben ihm ab. „Ist doch nur die Straße runter. Ich werde schon nicht erwischt.“

„Wenn du nicht aufpasst, bist du deinen Führerschein bald los, bis du sechzig wirst.“

„Ich habe schon einen großen Bruder, Cruz. Noch einen brauche ich nicht.“

Ihr Tonfall war ungewöhnlich zickig, und er fragte sich, was er falsch gemacht hatte. Vielleicht vermisste sie Brady. Auch wenn sie sich neckten und zankten, standen sie sich doch sehr nahe.

Schweigend half sie ihm, den Rest abzuladen. Als er die Heckklappe endlich schloss, stand die Sonne über den Hügeln. Er schickte Zoe mit den Papieren hinein, und sie kam kurz darauf mit dem Klemmbrett und der Unterschrift ihrer Großmutter wieder.

„Komm, dreh eine Runde mit mir“, sagte sie.

„Du sollst doch gar nicht fahren.“

„Dann fährst du.“

„Zoe …“

„Hast du jetzt Feierabend?“

Er presste seine Lippen zusammen. Das war verlockender, als ihm recht war. Du hältst doch nur dein Versprechen gegenüber Brady, sagte seine eine Gehirnhälfte. Brady würde dich umbringen, wenn er wüsste, was für Gedanken du über seine Schwester hast, sagte die andere.

„Na, dann steh halt rum und verbrauche den ganzen Sauerstoff. Ich jedenfalls mache jetzt eine kleine Spritztour.“ Mit wehendem Haar wirbelte Zoe herum und stieg in ihr Auto.

„Halt!“

Sie startete den Motor und sah ihn durchs offene Fenster mit diesem frechen Lächeln an. „Und was willste jetzt machen?“

„Pequeño mocosa“, murmelte er und rieb sich die Stirn.

„Hast du mich gerade ein kleines Gör genannt? Ich habe dieses Jahr Spanisch, weißt du.“

„Wow, ein ganzes Jahr. Da kann ich bestimmt nie wieder was vor dir verbergen.“

Sie funkelte ihn aus schmalen Augen an und schaltete auf „Fahren“. „Adios, amiga.“

„Amigo. Ich bin ein Mann.“

„Ach, echt? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Sie gab vorsichtig Gas. „Hasta la vista, amigo.“

„Warte.“ Schwer seufzend langte er nach dem Türgriff. „Rutsch rüber.“

Auf ihren Lippen formte sich ein zufriedenes Lächeln. Sie stellte den Schaltknüppel auf „Parken“ und schob sich über die schmale Mittelkonsole.

„Was ist mit meinem Truck?“

„Der steht da gut.“

„Solltest du deiner Großmutter nicht sagen, dass du mit mir wegfährst?“

Sie grinste verwegen. „Hab ich längst gemacht.“

War er so vorhersehbar? Er warf ihr einen Blick zu, während er den Wagen die geschotterte Auffahrt hinunterlenkte. Es war ein kleines Auto, und ihre Schultern berührten sich beinahe. Ihr blumiger Duft umwölkte ihn wie ein Zauberspruch, der das Herz in seiner Brust lauter schlagen ließ.

Als sie am Ende der Auffahrt ankamen, bremste er. „Wo fahren wir hin? Du scheinst ja alles zu wissen.“

Sie griff in ihre Hosentasche und zog eine Münze heraus. „Sag mal eine Zahl zwischen eins und fünfzig.“

„Warum?“

„Mach einfach.“

Er verdrehte die Augen. „Fünf.“

Sie warf die Münze. „Zahl. Das heißt, an der nächsten links.“

Er schüttelte den Kopf, tat aber, was sie sagte. „Du musst sehr gelangweilt sein, wenn du dir so was zum Spaß ausdenkst.“

Er wünschte, er hätte die Zeit, sich zu langweilen. Seiner Mutter war gekündigt worden, und jetzt war er der Alleinverdiener der Familie. Er arbeitete an sechs Tagen in der Woche, manchmal zehn Stunden am Tag.

Bei der nächsten Kreuzung warf sie die Münze wieder. „Kopf, fahr rechts.“

Er verlangsamte das Tempo und bog ab. Es war eine Landstraße, mit weitem Farmland auf beiden Seiten. Parallel zur Straße floss ein Bach. Die Blätter leuchteten golden und rot, und der Duft des Herbstes hing schwer in der Luft.

„So landen wir noch am Ende der Welt. Was soll das hier eigentlich?“

„Bist du immer so ein Spielverderber?“

An der nächsten Weggabelung bremste er. „Lass uns hier rechts fahren. Dann kommen wir wieder zurück zur Stadt.“ Und zurück zum Haus ihrer Großmutter, wo er sie absetzen und sie sich aus dem Kopf schlagen konnte.

Genau.

„Das wäre geschummelt.“ Sie warf die Münze. „Fahr links.“

Seufzend gab er nach.

„Hast du was von Brady gehört?“, fragte sie.

„Er hat gestern angerufen.“ Seinem Freund gefiel es nicht besonders auf dem College. Cruz hatte das Gefühl, er wollte es mit dem Wirtschaftsstudium nur seinen Eltern recht machen. Alles, was Brady je gewollt hatte, war, an Autos herumzuschrauben.

„Mich hat er nicht angerufen.“

Er schaute gerade noch rechtzeitig zu Zoe hinüber, um den verletzten Ausdruck in ihrem Blick zu erhaschen.

„Na, er hat jedenfalls nach dir gefragt. Du solltest ihn anrufen. Er vermisst dich.“

An der nächsten Kreuzung warf sie wieder die Münze. „Fahr rechts.“

„Was hast du vor, wenn du mit der Schule fertig bist?“, fragte er.

Sie hob das Kinn. „Ich gehe nach Nashville. Ich werde Sängerin und berühmt, und sie werden meine Lieder in allen Radiosendern spielen.“

Das würde sie vermutlich sogar wirklich schaffen. Sie hatte eine Stimme wie ein Engel. Manchmal sang sie in der Kirche, und ihre glockenhelle Stimme hypnotisierte ihn geradezu. „Was halten denn deine Eltern davon?“

Sie schnaubte. „Als hätte ich denen etwas davon erzählt. Die denken doch, ich würde an der University of Georgia Jura studieren und dann wieder herkommen, um Daddys Kanzlei zu übernehmen.“

„Tja, im Debattieren bist du eben wirklich gut.“

„Brady macht die Dinge vielleicht auf ihre Art, aber ich eben nicht. Ich will nicht den Rest meines Lebens in dieser Hinterwäldlerstadt festhängen. Ich werde Sachen machen. Echt große Sachen.“

Der Gedanke daran, dass sie weggehen könnte, zog ihm die Brust zusammen. Er versuchte sich zu sagen, dass sie noch eine ganze Weile Zeit hatte, bis die Entscheidung tatsächlich anstand. Es wäre sowieso besser, wenn sie fortginge. Sie ging ihm so unter die Haut; vielleicht könnte er sie dann endlich loswerden. Vielleicht konnte er dann tatsächlich mit anderen Mädchen ausgehen und aufhören, sich zu wünschen, sie hätten rotes Haar und Alabasterhaut und winzige Sommersprossen auf ihren Nasen.

„Was?“, fragte sie. „Glaubst du mir nicht?“

„Du kannst alles schaffen, was du dir in den Kopf setzt.“ Der Himmel wusste, dass sie alle Ressourcen hatte, die sie brauchte. Er war sich nicht sicher, ob sie die Starthilfe, mit der sie geboren worden war, so zu schätzen wusste wie Brady.

Er spürte, wie sie nachdachte. „Das ist vermutlich das Netteste, das du je zu mir gesagt hast.“

Er sah zu ihr hinüber und betrachtete ihr Haar, das im Wind wehte. Nahm wahr, wie ihre grünen Augen ihn jetzt sanft anschauten. Auf wundersame Weise schaffte er es, seinen Blick nicht zu ihren Lippen wandern zu lassen.

Er schaute weg und schluckte schwer. „Du bist ein gutes Mädchen, Zoe.“

Er konnte fast spüren, wie sie sich neben ihm empört aufplusterte, und wusste, dass er das Falsche gesagt hatte.

„Na, Kyle Jimmerson denkt jedenfalls nicht, dass ich ein ‚Mädchen‘ bin. Er hat mich gebeten, nächsten Monat mit seiner Band zu singen, und das werde ich auch. Brevity spielt Konzerte in Atlanta. Na ja … ein Konzert jedenfalls.“

Sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken daran, dass Zoe von diesem Typen in seine Band aufgenommen werden könnte. Der kam nicht gerade aus einer guten Familie, und nach dem, was Cruz gesehen hatte, war er so arrogant wie sein Vater.

„Mit dem solltest du besser aufpassen“, sagte Cruz. „Das ist ein Zocker.“

„Da haben wir’s wieder. Jetzt tust du so, als wärst du mein großer Bruder.“

„Nun … Brady ist weg, also …“

„Ich brauche keinen Babysitter. Kyle glaubt wirklich an mich. Er findet, dass ich eines Tages die perfekte Backgroundsängerin für ihn sein kann, wenn meine Stimme etwas reifer geworden ist.“

Cruz kniff die Lippen zusammen. Er hoffte, dass Kyle klar war, dass ihre Stimme nicht das Einzige an ihr war, was reifen musste. Zoe mochte temperamentvoll sein, sie war trotzdem unschuldig und naiv. Und jetzt war sie siebzehn. Alt genug, um in eine Menge Scherereien zu geraten, und Kyle Jimmerson würde da keine große Hilfe sein.

Cruz versuchte sich einzureden, dass er nicht eifersüchtig war. Aber der Gedanke daran, dass Kyle irgendwo in Zoes Nähe sein könnte, weckte in ihm das Gefühl, dem Typen ins Gesicht schlagen zu wollen.

Zoe warf die Münze und klatschte sie sich auf den Handrücken. „Kopf. Da vorne rechts.“

Er bremste und bog in einen alten Schotterweg ein, der in die Wälder am Fuß der Hügel führte. Also quasi nirgendwohin führte.

„Jetzt musst du anhalten“, sagte sie.

Er brachte den Wagen zum Stehen. „Und jetzt?“

„Wir sind da. Mach aus.“

Ihre bestimmende Art ließ ihn die Augen verdrehen, aber er tat, was sie sagte.

Das Blätterdach über ihnen verbarg die Sonne, verdunkelte das Innere des Autos. Die Straße war einspurig und hatte bei genauerer Betrachtung mehr Lehm als Schotter. Auf beiden Seiten erhoben sich steile Böschungen. Draußen vor dem Fenster schnatterte ein Eichhörnchen, und auf einem Baum in der Nähe tschilpte eine Spottdrossel. Im Auto breitete sich Tannenduft aus.

Er lehnte sich in seinem Sitz zurück. „Und wo genau ist ‚da‘?“

„Wir haben fünfmal die Münze geworfen, also ist hier Endstation. Jetzt musst du dir etwas ausdenken, was man hier machen kann.“ Sie sah aus dem Fenster und erkundete zweifellos die Hügellandschaft, die sich windende Schotterstraße und die dichten Wälder.

Aber er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Von ihrer sahnigen Haut, ihrer Stupsnase und diesem Haar, so wild und windzerzaust. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Helium gefüllt, und sein Herz bearbeitete seine Rippen wie ein Preisboxer.

Während sie die Landschaft betrachtete, biss sie sich auf die Lippe. Ihre Unterlippe war voll, und die von Natur aus rosige Farbe brauchte keinen Lippenstift.

Doch, ihm fiel durchaus etwas ein, was man tun könnte.

Ihre Lippen zuckten nach oben, als sie sich zu ihm umdrehte. „Da hast du auf jeden Fall …“ Das Lächeln verschwand. In ihren Augen veränderte sich etwas.

Und wenn er es versucht hätte, er hätte den Blick nicht abwenden können. Wusste sie, dass sie das Herz in seiner Brust zum Stottern brachte? Dass er jeden Abend an sie dachte, wenn er im Bett lag? Dass er davon träumte, mit den Fingern durch ihre Haare zu fahren, ihre Lippen mit seinen eigenen zu liebkosen?

Ihm war nicht klar gewesen, wie nahe sie beieinandersaßen. Beinahe konnte er ihren Atem auf seinen Lippen spüren. Und auf einmal war beinahe nicht mehr genug. Von einer magnetischen Kraft angezogen, beugte er sich näher zu ihr und berührte ihre Lippen mit seinen. Weich. Unfassbar weich.

Unfassbar unsicher. War er ihr Erster? Bei dem Gedanken konnte er kaum atmen. Konnte kaum denken bei all den Emotionen, die ihn überkamen. Ein ärgerliches Schuldgefühl mischte sich darunter, doch er schob es von sich und streifte ihre Lippen noch einmal.

Diesmal reagierte sie energischer. Sie legte eine Hand an seine Wange, eine federleichte Berührung, die ihn bis ins Mark erschütterte.

Dass sie den Kuss erwiderte, machte ihn wie berauscht vor Verlangen nach ihr. Er konnte seine Finger nicht davon abhalten, ihr durchs Haar zu streichen. Es war so weich, wie er es erträumt hatte. Wie feine Seide. Ihr Duft umfing ihn wie eine herzliche Umarmung, die ihn noch näher zog.

Sein Blut pulsierte in seinen Adern. Der summende Pulsschlag wurde immer lauter, bis das Geräusch ihn aus seinem Traum aufweckte. Bis ihm aufging, dass da nicht sein Puls summte, sondern ihr Telefon.

Die Wirklichkeit meldete sich.

Die Wirklichkeit, zu der ihr Bruder gehörten und der Altersunterschied und ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe. Ein Bild ihres Vaters drängte sich ihm auf, der Cruz mit missbilligendem Blick von oben herab ansah. Zoe war zu Großem bestimmt. Er nicht.

Er ließ langsam von ihr ab und sah gebannt zu, wie ihre Augen sich blinzelnd öffneten. Wie ungeschützte, rohe Emotionen sich in diesen grünen Tiefen regten. Wie sich das sich regende Verlangen – nach ihm – erst in Verwunderung, dann in Verwirrung verwandelte.

Er hatte das Unmögliche geschafft: Er hatte sie sprachlos gemacht.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Sie war immer noch Bradys kleine Schwester. Diejenige, die ihm anvertraut worden war. Oh, er kümmerte sich nur allzu gründlich um sie.

Idiot.

Er rückte von ihr ab und sorgte für dringend benötigten Raum zwischen ihnen. Drückte seinen Rücken in die Lehne und faltete die Hände, ehe er noch etwas Dummes anstellte. Sie noch einmal berührte, beispielsweise.

Er räusperte sich. „Entschuldigung.“

Sie sah ihm lange in die Augen. Ihr Gesichtsausdruck wurde merklich kühler. „Entschuldigung?“

Das Telefon vibrierte immer noch, und er klammerte sich an die Ablenkung wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring. „Du solltest da drangehen.“

Sie blinzelte ihn langsam an, zog dann ihr Telefon aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display.

Ehe sie antworten konnte, verstummte das Gerät. Ihre Hand fiel ihr mitsamt dem Telefon in den Schoß. „Was … was war das? Warum hast du mich geküsst?“

Er lachte ironisch. Oh, die Antworten auf diese Frage. Die würden sie so dermaßen vom Hocker hauen, dass sie nicht wissen würde, was sie getroffen hatte.

„Es war ein Fehler. Entschuldigung.“

In ihren Augen blitzte Verletzung auf, rasch gefolgt von einem feuchten Tränenglanz.

Ein Schraubstock legte sich um sein Herz.

„Hör auf, das zu sagen“, sagte sie.

Er sah weg, konnte es nicht aushalten, den Schmerz zu sehen, den er ihr zufügte. Musste zu Ende bringen, was er angefangen hatte.

¡Estúpido!

Er schluckte schwer und versuchte, einen beiläufigen Tonfall anzuschlagen. „Du bist ein süßes Mädchen, das ist alles. Ich hätte das nicht tun sollen.“

Es folgte ein langes Schweigen, so lange, dass er dachte, er würde sterben. Er fuhr mit den Handflächen über seine Oberschenkel und studierte die Aussicht hinter der Windschutzscheibe.

„Ein süßes Mädchen“, wiederholte sie.

Er rüstete sich gegen die Angespanntheit in ihrer Stimme und setzte zum letzten Hieb an. „Das ist das Ding mit uns Kerlen, Zoe. Wir sind im Grunde genommen nur ein Haufen Idioten. Das solltest du besser jetzt lernen, wo du noch jung bist.“

Ihre Wangen leuchteten rot, und ihre Schultern versteiften sich, während sie ihn mit einem Blick durchbohrte. „Endlich etwas, bei dem wir einer Meinung sind.“

Nach einem schweren Moment griff er nach dem Schlüssel und drehte ihn um. Der Motor dröhnte laut in der Stille im Auto. Mit wild rasendem Herzen setzte er auf die Straße und ins blendende Sonnenlicht zurück.

Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen. Vielleicht würde er dann die Süße von Zoes Lippen nicht kennen. Diesen unfassbaren Kitzel, als sie reagierte. Die schwere Last ihres Schmerzes.

Aber der Moment zwischen ihnen war passiert, und nun würde er sein Leben lang damit zubringen, ihn zu vergessen.

KAPITEL 10

Zoe stand nicht gerne vor dem Morgengrauen auf, schon gar nicht im Sommer. Aber es war Erntezeit, und Pfirsiche pflückte man am besten in der Kühle des frühen Morgens.

Nebel hing über den Bäumen, als sie auf der Plantage ankam, und die Luft roch nach Tau und Erde. Im Osten erhoben sich die Berge majestätisch aus dem Dunst. Tiefblaue und rosa Streifen zogen sich über den Himmel. Nichts kam einem Sonnenaufgang über den Blue Ridge Mountains gleich.

Granny war mit ihrer Mannschaft bereits bei der Arbeit. In ausgeblichenen blauen Jeans und Arbeitsstiefeln hockte sie auf einer Leiter; ihr Oberkörper war wie vom Baum verschluckt.

Der Pritschenwagen stand in der Mitte. Auf seiner Ladefläche warteten die Plastikbehälter darauf, gefüllt zu werden. Zoe grüßte ein paar Mitarbeiter – diejenigen, die sie kannte. Leises Gemurmel und das leise Plumpsen der Pfirsiche, die in die Behälter geworfen wurden, durchbrachen die morgendliche Stille.

Als Zoe näher kam, hörte sie, wie Granny ihr Lieblingslied summte, „Sunday Sunrise“. Das alte Lied von Anne Murray erinnerte Großmutter an ihren verstorbenen Mann, und sie summte es oft.

„Guten Morgen, Granny.“ Ihre Großmutter lächelte sie über die Schulter an. „Morgen, Süße. Schnapp dir eine Tasche und stürz dich rein ins Vergnügen. Die Pfirsiche haben genau den richtigen Reifegrad für die Ernte.“

Zoe holte sich einen Beutel von der Pritsche, streifte sich den Riemen über den Kopf und gesellte sich dann zu Grannys Pfirsichbaum, wo schon eine Leiter auf sie wartete. Sie stieg hoch, griff nach einem Pfirsich und drehte ihn vorsichtig ab, um ihn dann zur Nase zu heben und den süßen, vertrauten Duft tief einzuatmen.

„Sind sie nicht wunderschön? Schau dir die schöne rosige Färbung an. Dieses Jahr haben wir eine gute Ernte.“

„Sie riechen lecker.“ Zoe steckte den Pfirsich ein und griff nach dem nächsten. „Kann ich am Samstag rüberkommen und einen Cobbler mit dir machen?“ Keiner machte so einen leckeren Obstauflauf wie ihre Großmutter. Zoe konnte die süßen, vollen Pfirsiche und die butterige Streuselschicht beinahe jetzt schon auf der Zunge schmecken. Ihr Magen zog sich zusammen.

„Wenn es deinen Eltern recht ist.“

„Ich werde Mama bitten, mitzukommen. Dann machen wir einen Mädelstag daraus.“

„Klingt gut.“

„Guten Morgen, Ma’am.“

Beim Klang der vertrauten tiefen Stimme fiel Zoe fast von der Leiter. Sie drehte sich um und entdeckte Cruz Huntley, der, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, dastand.

„Morgen“, sagte Granny. „Du kommst genau richtig. Nimm dir einfach eine Tasche vom Laster und komm zu uns. Brauchst du einen Auffrischungskurs? „Nein, Ma’am. Ich erinnere mich.“

Er sah sie kurz an, schaute aber schnell wieder weg. Er wirkte nicht besonders glücklich darüber, sie zu sehen. „Morgen, Zoe.“

Sie hob das Kinn. „Morgen.“

Zoe sah ihm nach, als er wegging. Ihr Herz schlug lächerlich schnell. Sie schaute zurück zu ihrer Großmutter, die mit dem Pflücken weitermachte, als hätte sie nicht gerade Zoes Welt durcheinandergewirbelt.

Granny war die Einzige, die von ihren verwirrenden Gefühlen für Cruz wusste. Die wusste, wie er sie letzten Herbst geküsst und sich dann bei ihr entschuldigt hatte, um sie danach monatelang zu ignorieren. Zoe konnte nicht anders – sie fühlte sich ein wenig hintergangen.

„Was macht der denn hier?“, flüsterte sie durch die belaubten Zweige des Baums.

Granny hatte nicht einmal einen Blick für sie übrig. „Er braucht die Arbeit, Süße.“

„Er arbeitet doch im Eisenwarenladen.“

„Tja, dann braucht er wohl ein bisschen Taschengeld, nehme ich an. Vor ein paar Wochen ist er zu mir gekommen.“

„Du hast nicht daran gedacht, mich vielleicht mal zu warnen?“

„Es ist eine große Plantage, Schätzchen.“

Sie starrte ihre Großmutter mit weit aufgerissenen Augen an, aber noch ehe sie antworten konnte, kam Cruz zurück, der eine Leiter an den Baum nebenan stellte. Gleich neben ihnen!

Sie bedachte ihre Großmutter mit einem steinernen Blick, der der Frau aber völlig entging.

Eine ganze Zeit lang pflückten sie schweigend, aber Cruz’ Gegenwart hatte alles geändert. Anstatt das friedvolle Erwachen des Tages zu genießen, all das Schöne, was es zu sehen, zu riechen und zu hören gab, rang Zoe jetzt mit ihrem pochenden Herzen, mit rasenden Gedanken und zitternden Händen.

„Schaut nach einer sehr guten Ernte aus dieses Jahr, Ma’am“, sagte Cruz schließlich, als die Sonne sich über den Hügeln in der Ferne zeigte.

Sie hasste es, wie allein der Klang seiner tiefen Stimme ihr Herz rasen ließ.

„Oh ja, das stimmt. Das ist die Art Ernte, die mich am Laufen hält.“ Granny verschob das Gewicht ihrer Tasche. „Wie geht’s dir denn, drüben im Eisenwarenladen?“

„Ganz gut soweit. Ich arbeite ehrlich gesagt gerade an einer Beförderung.“

„Ach, echt? Das ist ja gut.“

„Wie ist es bei dir, Zoe?“, fragte Cruz. „Gehst du im Herbst aufs College?“

Sie riss einen Pfirsich vom Ast und legte ihn in ihre Tasche. „Weiß ich noch nicht.“

Sie steckte inmitten einer Schlacht epischen Ausmaßes mit ihrem Dad deswegen. Sie wollte ihre Musikkarriere weiterverfolgen, und ihr Vater wollte, dass sie auf dem College Kurse belegte, die sie langfristig auf ein Jurastudium vorbereiteten. Ihre Großmutter schien die Einzige zu sein, die ihr zutraute, dass sie sich selbst um ihre Zukunft kümmern konnte, aber das führte nur dazu, dass auch Granny mit Daddy in Zwist geriet.

Als sie nicht ausführlicher antwortete, trat Granny auf den Plan. „Sie will davonlaufen und ein großer Star werden – und das könnte sie wohl auch schaffen, mit diesem Gottesgeschenk von einer Stimme, die sie nun einmal hat.“

„Zweifellos. Aber das ist auch ein hartes Leben, Zoe. Warum solltest du davonlaufen, wo du doch das alles hier hast?“ Cruz hob die Hände mit den Handflächen nach oben. „Eine gute Stadt, gute Wurzeln, das ganze schöne Land hier …“

Granny gluckste. „Du bist ein kluger Junge. Wenn du noch ein kleines bisschen länger bleibst, werbe ich dich Bud noch ab.“

Zoe schoss Granny einen wütenden Blick zu und kletterte die Leiter hinunter. Ihre Tasche war noch nicht ganz voll, aber plötzlich konnte sie es kaum erwarten, sie zu leeren und sich einen anderen Baum zu suchen, den sie leerpflücken konnte.

KAPITEL 11

Es dauerte drei Wochen, bevor Zoe wieder mit Cruz sprach. Oh, sie sah ihn wohl hier und da auf der Plantage, aber sie sorgte dafür, dass sie weit weg von ihm pflückte. Sie sah ihn an der Tankstelle. Sie sah ihn in der Kirche. Sie sah ihn in der Menschenmenge beim Rusty Nail, als sie bei Brevity als Backgroundsängerin einspringen durfte. Sie sah ihn, wie er an seinem Tisch in der Ecke finster zu ihr hinaufsah.

Meistens schaffte sie es, nicht an ihn zu denken. Endlich hatte sie ihre Eltern dazu überreden können, ein Jahr mit der Schule auszusetzen. Sie waren nicht froh darüber, aber sie besänftigte sie, indem sie nachmittags in Daddys Kanzlei ein Praktikum machte. An den Wochenenden half sie ehrenamtlich im Tierheim aus.

Dort hatte sie Brownley kennengelernt, einen alten Coonhound, den jemand am Straßenrand ausgesetzt hatte. Er hatte braune Schlappohren und seelenvolle Augen, die zu leuchten begannen, wenn Zoe die Hand nach ihm ausstreckte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie überredete ihre Eltern, ihn behalten zu dürfen. Dann ging sie mit ihm zum Tierarzt, nur, um festzustellen, dass Brownley eine Erkrankung des Verdauungstraktes hatte, die tödlich ausgehen würde, wenn sie nicht bald behandelt würde.

Aber Zoe hatte nur 220 Dollar gespart, und ihr Dad weigerte sich, ihr auszuhelfen, sosehr sie ihn auch bat. Er wollte sie unbedingt davon überzeugen, dass sie eine gute akademische Ausbildung brauchte, und offenbar fand er, dies sei eine gute Gelegenheit, ein Exempel zu statuieren.

Nachdem in nur wenigen Tagen das Pfirsichfest stattfinden sollte, heckte Zoe also einen Plan aus, wie sie das Geld für Brownleys Operation zusammenbekommen könnte. Sie hatte nichts, was sie verkaufen könnte, auch nicht genug Zeit, eine ordentliche Menge Kuchen zu backen, und die Leute würden nicht dafür bezahlen, sie singen zu hören. Also entschloss sie sich, eine Kussbude zu eröffnen. Nur ein kleines Küsschen für den guten Zweck.

Am Samstag baute sie sie zwischen all den Kunsthandwerksständen und Spielbuden auf. Sie kleisterte ihr Rettet-Brownley!-Schild an die Fassade ihres Stands und leinte den Hund als optischen Anreiz in der Nähe im Schatten an. Sie befestigte ihr Schild mit der Aufschrift Kussbude, stellte ihre Sammelbüchse, ein großes altes Einmachglas, auf und war bereit.

Die Düfte nach Pfirsichgerichten füllten die Luft und ließen ihren Magen knurren. Leute bummelten umher, besuchten Nachbarn und hielten an, um ihre Kinder Spiele spielen zu lassen, bei denen es meistens um Plastikringe, Bälle und Wasserpistolen ging. Am Ende des Spazierwegs drehten Fahrgeschäfte endlose Runden und ließen die Fahrgäste kreischen und lachen.

Sie lehnte sich auf den hölzernen Fenstersims und versuchte, verlockend auszusehen. Das Festival zog Menschen aus dem ganzen Bundesstaat an, was ganz gut war, weil sie hoffte, dass sie niemanden küssen musste, den sie hinterher tatsächlich wiedersehen würde.

Bei fünf Dollar pro Kuss würde sie eine Menge Kunden brauchen. Und wenn man überlegte, wie wenig Erfahrung sie hatte, war das Ganze vermutlich reine Abzocke. Aber das wäre es wert, wenn sie damit nur genug Geld für Brownleys Operation zusammenbekam.


Cruz schlenderte gerade die Fressmeile entlang, als er sie sah. Er musste eine Art Zoe-Radar in sich tragen, weil er immer schon fühlte, wenn sie in der Nähe war. Nadine Morgan, die sich vor einer Viertelstunde an seine Seite gedrängt hatte und nicht wieder verschwunden war, streifte beiläufig seine Hand – vermutlich in der Hoffnung, er würde sie nehmen. Aber sie war nicht sein Typ, und er würde ihr nichts vormachen.

Einen Augenblick, bevor sein Gehirn das Schild registrierte, riss er seinen Blick von Zoe los. Dann sah er wieder hin und kniff die Augen zusammen, um die fetten Buchstaben zu lesen. Er bemühte sich, an den Leuten vorbeizuschauen, die ihm den Blick verstellten – eine Schlange, die zu ihrem Stand gehörte, erkannte er.

Was um alles …

Sein Kiefer schnappte zu, seine Füße blieben wie angewurzelt stehen. Zwischen den Menschen hindurch konnte er erkennen, wie irgendein Typ eine Dollarnote in das Spendenglas steckte und sich zu Zoe vorbeugte.

Sein Herz randalierte in seiner Brust. Blut rauschte in seinen Ohren. Seine Füße bahnten sich einen Weg durch die Menschenmenge.

„Warte mal, Cruz …“ Nadines Jammerstimme hörte er kaum.

Er war viel zu sehr damit beschäftigt, das Hemd des Kerls zu packen, der seine Lippen gerade über Zoes zog.

„Hey …!“ Der Mann stolperte rückwärts.

Cruz schaute Zoe wütend an, die die Augen weit aufgerissen hatte. Ihr Lippenstift war verschmiert, und ihr Mund war immer noch feucht von dem Kuss. Er schaffte es kaum, sich davon abzuhalten, ihr mit der Hand über den Mund zu fahren. Sich davon abzuhalten, diesen Typen abzuwischen und alle anderen auch.

„Ich habe für diesen Kuss bezahlt“, beschwerte sich der Kerl. Er sah aus, als wäre er ungefähr in Cruz‘ Alter, obwohl er einen guten Kopf kleiner war.

Cruz durchbohrte ihn mit seinem Blick. „Und du hast auch einen bekommen. Und jetzt geh weiter.“

Der Mann sank langsam unter Cruz‘ wütendem Blick in sich zusammen, strich dann sein Hemd glatt und zog ab.

Zoe stemmte die Fäuste in die Hüften. „Verschwinde von meinem Stand.“

Es war schlimm genug, dass er zusehen musste, wie sie Kyle Jimmerson auf der Bühne schöne Augen machte. Schlimm genug, dass er zusehen musste, wie sie mit Roland Henry zum Abschlussball gegangen war. Und jetzt sollte er zusehen, wie jeder notgeile Kerl in Murray County sie abschleckte?

„Eine Kussbude, Zoe? Ist das dein Ernst?“

Sie sah ihn wütend an. „Du verscheuchst meine Kunden“, zischte sie.

„Gut! Weiß deine Familie, dass du das hier machst?“

„Ich bin volljährig. Ich brauche meine Eltern nicht um Erlaubnis zu bitten, wenn ich einen Stand beim Jahrmarkt aufmachen will.“

„Das verstehe ich als Nein.“

„Du kannst das als geht-dich-gar-nichts-an verstehen!“

„Hat die Festivalleitung dem zugestimmt?“

„Natürlich. Ich bin doch nicht blöd.“

„Mach den Stand zu, Zoe. Jetzt.“

„Du bist nicht mein Bestimmer, Cruz Huntley.“

„Hey …“, sagte jemand hinter ihm. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Wir wollen auch mal dran.“

Cruz warf dem ersten Mann in der Reihe einen Blick zu, der ihn hätte töten sollen. Der schaute zwar weg, blieb aber stehen.

Als Cruz Zoe wieder ansah, hatte sich der Blick in ihren Augen verändert. Sie hob eine Braue. „Vorsichtig. Sonst denke ich noch, du bist eifersüchtig.“

„Bilde dir bloß nichts ein.“

„Wenn du sie nicht küssen willst, geh weiter, Freundchen!“

„Ja, genau, Cruz. Willst du mich küssen?“

Er biss die Zähne zusammen, bis seine Kiefer schmerzten.

Zoe sah ihm über die Schulter, verschränkte dann die Arme und neigte den Kopf. „Dein Date langweilt sich.“

„Sie ist nicht mein …“ Er schnaubte und beschloss, seinen Atem nicht mehr zu verschwenden. „Ich rufe Brady an.“

Sie senkte das Kinn. „Mach doch. Der arbeitet heute in Ellijay. Und ich werde diesen Stand nicht schließen, bevor ich das Geld zusammenhabe, also kannst jetzt mal schön abdampfen.“

Er riss seinen Blick von ihr los, und seine Augen blieben an einem weiteren Schild hängen. Rettet Brownley! Er überflog den kurzen Abschnitt unter der Überschrift.

Ein Hund. Sie verkaufte ihre Küsse für irgendeinen blöden Köter. Er entdeckte den besagten Hund hinter der Bude, wo er mit heraushängender Zunge und Ohren, die fast bis auf den Boden reichten, ganz unschuldig unter einem Schattenbaum lag.

„Zieh ab, Cruz.“

Er bemerkte ihren trotzigen Gesichtsausdruck und die Entschlossenheit in ihren Augen. Diesen Blick kannte er. Sie würde nicht gehen, es sei denn, er warf sie sich über die Schulter. Und sosehr es ihn juckte, genau das zu tun, konnte er nicht den ganzen Tag auf sie aufpassen. In einer Stunde musste er bei der Arbeit sein.

Er fluchte auf Spanisch, zog den Schild seiner Kappe herunter und fixierte sie mit einem harten Blick.

Mit trotzigen Augen hielt sie ihm stand und beobachtete ihn misstrauisch, bis er auf der Ferse kehrtmachte und ging.


Sie war mit den Gedanken bei Cruz, während sie sich durch die kurze Schlange küsste. Manchmal versuchten die Männer, den Kuss zu vertiefen, aber dann drückte sie ihnen einfach die Hände auf die Brust und schob sie sanft weg. „Deine fünf Dollar sind durch, Kumpel.“

Im Allgemeinen waren ihre Kunden anständig und die Spenden großzügig. Wenn sie so weitermachte, würde sie morgen Abend genug zusammenhaben. Bei dem Gedanken an zwei weitere Tage Küsse ließ ihr Enthusiasmus spürbar nach. Es hatte sich schnell gezeigt, dass diese hier bei weitem nicht an den Kuss mit Cruz herankamen. Es war, als würde man Äpfel und Orangen vergleichen. Oder Toast Melba mit einem herrlich warmen Pfirsichauflauf.

Sie zwang sich zu lächeln, als ihr Kunde davonstolzierte und sich noch einmal zwinkernd zu ihr umsah.

„Der Nächste!“

Eine Handfläche klatschte auf das Sims.

Bei dem plötzlichen Knall und der Erschütterung zuckte sie erschrocken zusammen.

Cruz stand vor ihr. Er versuchte, ein dickes Bündel Geldscheine in den schmalen Schlitz des Spendentopfs zu stopfen, und nagelte sie dabei mit seinem Blick fest.

„Was machst du da?“

Sein Gesichtsausdruck wirkte wild entschlossen, finstere Falten hoben sich steil zwischen seinen Augenbrauen, und in seinen Augen braute sich ein Gewitter zusammen, während er sie wortlos wutentbrannt ansah. Er klopfte noch ein letztes Mal auf das Geldbündel, und die Scheine schafften es endlich durch den Schlitz, um im Inneren wie Schmetterlinge auseinanderzustieben.

Er packte ihr Gesicht mit beiden Händen, zog sie näher und knallte seine Lippen auf ihre.

Es war vorbei, bevor sie überhaupt die Augen schließen konnte. Sie blinzelte gegen eine Welle Schwindelgefühls an, während sie ihm in die steinharten Augen starrte.

„Da. Du hast dein Geld verdient“, sagte er in so kurzangebundenem Ton, dass sie seine Stimme kaum erkannte. „Jetzt mach den Stand zu und geh nach Hause.“

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, riss er die Schilder von ihrem Stand ab.

Zoe blinzelte benommen hinter ihm her, während er mit den Schildern fortmarschierte. Ihr Puls raste, und in ihr drin erwachte etwas zum Leben. Etwas Warmes und Schönes. Etwas, das sie von innen nach außen lächeln ließ.

Sie sollte sauer auf ihn sein. Er war selbstherrlich und rechthaberisch gewesen, und beides duldete sie nicht, nie. Aber er hatte gerade eine Summe gespendet, die vermutlich dem Lohn von zwei Arbeitswochen entsprach, und das hatte er getan, damit sie sonst niemanden küsste.

Mit zitternden Fingerspitzen berührte sie ihre Lippen. Der Kuss war hart und wütend gewesen. Aber es war verflixt noch mal auch der beste gewesen, den sie den ganzen Tag bekommen hatte.

KAPITEL 12

Cruz hätte an der Kussbude nie seine Beherrschung verlieren dürfen. Zoe hatte nur ungefähr zwei Sekunden gebraucht, um ihn zu durchschauen. Als er ihr am nächsten Sonntag in der Kirche über den Weg lief, lag ein wissender Blick in ihren Augen. In der hämisch gehobenen Augenbraue, in den Zügen ihrer Lippen. Oh ja. Sie war ihm auf die Schliche gekommen. Aber anstatt das geradeheraus anzugehen, wie er es von ihr erwartet hätte, wählte sie einen anderen Weg.

Sie machte ihn geradezu wahnsinnig.

Wenn er ihr auf der Straße über den Weg lief, warf sie ihm neckische Blicke zu, legte einen besonderen Schwung in ihren Gang, zwinkerte ihm zu. Wenn sie mit Brevity Liebeslieder sang, stellte sie sich nah an Kyles Seite und schmachtete ihn an, als wäre er ihre Rettung. Sie strich ihm mit der Rückseite ihrer Finger übers Gesicht, während sie sang, bis Cruz kurz davor war, sie in ihrem Zimmer einzusperren. Oh ja. Das kleine Luder wusste ganz gut, was es tat.

An den Abenden, an denen sie nicht sang, tanzte sie mit den anderen Jungs. Mit vielen Jungs, an die sie sich schmiegte, während sie Cruz Blicke zuwarf, die deutlich Na, was willst du dagegen machen? ausdrückten.

Er würde aufhören, ins Rusty Nail zu gehen, das würde er tun. Schließlich konnte man nur ein gewisses Maß aushalten. Aber er hätte schwören können, dass sie seinen Terminkalender kannte, weil sie ihm immer dann über den Weg lief, wenn sie eine Verabredung hatte. Er versuchte, sich ihr Verhalten nicht unter die Haut gehen zu lassen, aber sie mit anderen Männern zu sehen brachte ihn dazu, mit der Faust ein Loch in die Wand schlagen zu wollen.

Im Herbst ging Brady zurück an die Uni und ließ ihn ein bisschen einsam zurück. Cruz‘ Mutter hatte im Blue-Moon-Grill Fuß gefasst und bekam ordentlich Trinkgelder. Außerdem ging sie mit einem netten Geschäftsmann aus Atlanta aus und schien auf dem besten Weg zu einer Verlobung zu sein.

Im Winter wurde Cruz im Eisenwarenladen befördert und bekam eine Lohnerhöhung, und mit 21 Jahren konnte er endlich in eine eigene Wohnung ziehen. Es war zwar nur eine Wohnung über dem Büro von Mitchell Construction, genau gegenüber vom Rusty Nail, aber immerhin war es seine. Weil sich seine Mom gerade in einem sicheren Leben niederließ, war dieser erste Vorgeschmack von Unabhängigkeit besonders süß.

Er hatte sich darauf gefreut, Brady in den Frühlingsferien zu Besuch zu haben, aber Familie Collins beschloss, es sei die perfekte Zeit, Granny mit nach Kalifornien zu nehmen, um dort ihren Bruder und seine erwachsenen Kinder zu besuchen. Zoe blieb zu Hause, weil Brevity ein Konzert in Atlanta spielen sollte und weil die übliche Backgroundsängerin gerade ein Kind bekommen hatte.

Heute spielte die Band im Rusty Nail, also fand sich Cruz allein zu Hause wieder. Er brauste den einen Teller von seinem Abendessen kurz ab und stellte ihn in die Spülmaschine. Er versteckte sich doch vor einem kleinen Hühnchen, wenn man mal ehrlich war.

Idiota.

Er schloss gerade die Klappe des Geschirrspülers, als sein Telefon in der Hosentasche summte. Er warf einen Blick aufs Display und sah Bradys Namen.

„Hey, Kumpel. Wie ist es in Kalifornien?“

„Wo bist du?“ Bradys Stimme war heiser und angespannt.

„In meiner neuen Wohnung. Was ist los, ist etwas passiert?“

„Es geht um Mom.“ Das letzte Wort klang, als müsste er es sich aus der Kehle pressen.

„Was ist passiert?“ Cruz wartete mit stolperndem Herzen, bis Brady sich wieder gefangen hatte.

„Es … es hat einen Unfall gegeben. Wir sind Fahrrad gefahren. Jemand ist über eine rote Ampel gebrettert und hat Mom erwischt. Sie …“ Bradys Stimme brach.

Sein Schluchzen riss Cruz fast das Herz aus der Brust. „Atme mal tief durch, Amigo“, sagte er eine Weile später. „Es wird wieder gut werden. Wir stehen das durch.“

„Sie hat es nicht gepackt, Cruz.“ Seine Stimme brach. „Sie lebt nicht mehr.“

Die Worte ließen ihn erstarren. Oh nein. Oh Mann.

Zoe. Sie würde am Boden zerstört sein. Sie und ihre Mutter standen sich nahe, waren oft Verbündete gegen ihren Vater.

Aber was war er denn bittschön für ein Freund, wenn er an Zoe dachte, während sein Freund am anderen Ende der Telefonleitung weinte?

Cruz packte das Haar in seinem Nacken. „Oh Mann, das tut mir leid. Das tut mir so schrecklich leid.“

Er stellte sich Mrs. Collins vor, mit ihrer königlichen Haltung und den freundlichen blauen Augen. Sie war nicht unbedingt die warmherzigste Mutter, besonders nicht im Vergleich zu seiner eigenen Mama, aber sie war immer gutmütig und fair gewesen.

„Geht es dir gut? Ich meine, ist sonst noch jemand verletzt worden?“

„Nur Kleinigkeiten. Kratzer und blaue Flecken, das ist alles. Dad ist völlig fertig. Und Granny …“

„Oh Mann.“ Nellie Russel hatte nur noch eine weitere Tochter, Bradys leibliche Mutter. Aber die war wer weiß wo, auf Drogen. Er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was sie fühlen musste. Wollte es auch gar nicht.

Brady schniefte und schien einen Versuch zu unternehmen, sich zusammenzureißen. „Du … du musst Zoe finden.“

Sein Herz sank, während ihm die Luft aus den Lungen entwich. „Sie ist im Rusty Nail. Brevity spielt heute Abend.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. Sie fingen nicht vor neun an, und jetzt war es Viertel vor.

„Kannst du sie holen gehen?“

„Ja, ja, na klar. Du … du willst, dass ich es ihr sage?“ Bitte nicht. Den Gedanken daran, ihr das Herz zu brechen, konnte er kaum ertragen.

„Sie sollte es von mir hören. Aber ich will nicht, dass sie allein ist, wenn ich es ihr sage, und wo doch unsere ganze Familie hier ist …“

„Okay. In Ordnung. Ich gehe sie holen, und dann rufe ich dich zurück.“

Er wischte den Anruf weg, schlüpfte in die Schuhe und ging zur Tür. In einem Nebel aus Verzweiflung eilte er die Außentreppe hinunter.

Dios ayudarles. Hilf ihr.

Die schwüle Luft legte sich schwer auf seine Haut, und seine Atmung war kurz und schnell. Dem wummernden Bass folgend, der die Nacht durchbrach, überquerte er die verlassene Straße.

Im Rusty Nail angekommen, drängelte er sich durch die dichte Menschenmenge. Die Band hatte noch nicht angefangen zu spielen, und „Don’t Stop Believing“ dröhnte aus den Lautsprechern. Aber über die Köpfe hinweg sah er, dass die Gruppe sich an der Seite der Bühne aufhielt. Er suchte nach Zoe und entdeckte sie, wie sie sich mit dem Schlagzeuger unterhielt. Lachend warf sie ihren Kopf zurück, und sein Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken an den Schmerz, den seine Botschaft ihr gleich bescheren würde.

„Hey!“, sagte jemand, als Cruz ihn beiseitedrängte, aber davon ließ er sich nicht aufhalten. Er stellte zu niemandem Blickkontakt her und reagierte auch nicht auf die Begrüßungen, die er ohnehin kaum hörte. Seine Augen waren wie ein Laserstrahl auf Zoe gerichtet.

Und dann war er hinter ihr. „Zoe.“ Seine Kehle wurde eng, zog sich bei ihrem Namen zusammen.

Er räusperte sich, berührte sie an der Schulter und hob seine Stimme, um die Musik zu übertönen. „Zoe.“

Sie drehte sich um. In ihren Augen spiegelte sich Überraschung, bevor ihr wieder einfiel, wie die Dinge zwischen ihnen standen.

Sie hob eine Augenbraue und legte den Kopf schief.

„Du musst mit mir mitkommen.“

Sie lachte scharf auf. „Ja, klar. Ich bin gleich dran, Cruz.“ Sie drehte sich um, um ihr unterbrochenes Gespräch weiterzuführen.

Er nahm sie am Ellbogen und beugte sich vor. „Ich weiß, aber du musst dich eben entschuldigen. Ich muss mit dir sprechen. Es ist wichtig.“

„Jetzt? Du musst jetzt mit mir sprechen?“

Kyle legte eine Hand auf Cruz‘ Schulter und schubste ihn. „Hau ab, Freundchen. Sie will dich nicht. Komm schon, Zoe. Es ist Zeit.“

Sie wandte sich zur Bühne.

„Es ist etwas passiert, Zoe. Du musst mit Brady sprechen. Das kann nicht warten.“

Ihre Stirn zog sich kraus, und in ihren Augen blitzte Sorge auf. „Brady ist … Brady ist doch in Kalifornien …“

„Ich weiß. Er hat mich gerade angerufen.“

Einen langen, schmerzhaften Moment lang schaute sie ihm in die Augen. Dort musste sie die Furcht und das Mitleid gesehen haben, die ihm schwer im Magen lagen, denn die Besorgnis in ihren Augen verwandelte sich in Furcht.

„Ich muss weg“, rief sie Kyle zu.

Cruz führte sie durch die Menschenmenge, die Hand an ihrem unteren Rücken. Am Rande nahm er wahr, wie Kyle hinter ihnen einen Tobsuchtsanfall bekam. Doch bald schluckte die Musik seine Protestrufe. Cruz drückte die Tür auf, und sie traten ins Freie.

Sobald sie draußen waren, wirbelte Zoe zu ihm herum. „Was ist passiert?“

Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er nahm sie am Ellbogen und zog sie über die Straße. „Lass uns zu mir gehen. Brady will, dass du ihn anrufst.“

Er zog sie weiter.

„Sag du es mir!“

Sie waren beinahe bei der Treppe, die zu seiner Wohnung hinaufführte, als sie anhielt und die Füße in den Boden stemmte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gehe nirgendwohin, bevor du mir nicht sagst, was hier los ist.“

Ihre Blicke trafen seine Augen und forderten ihn zu einem Kampf auf, den er nicht kämpfen konnte. Nicht heute.

Sie wühlte in ihren Hosentaschen herum. Er begriff, dass sie nach ihrem Telefon suchte. Aber das musste sie wohl im Restaurant gelassen haben, schloss er aus ihrem leisen Grollen. „Sag es mir!“

Jetzt musste sie mit in seine Wohnung kommen. „Komm mit“, sagte er sanft.

Er begann, die Stufen hinaufzusteigen, und ihr blieb keine andere Wahl, als zu folgen.

Sie packte ihn am Arm und hielt ihn nach dem ersten Schritt auf. „Sag mir, was passiert ist, Cruz Huntley! Warum bist du so grausam?“

Es lag daran, wie ihre Stimme bei dem letzten Wort ins Wanken geriet. Daran, wie Tränen ihre grünen Augen flüssig aussehen ließen. Wie ihre Unterlippe ein ganz klein bisschen zitterte.

Langsam atmete er aus. Er hatte sein eigenes Telefon in der Wohnung gelassen, und er würde sie keine Sekunde länger quälen. Nicht, wenn sie ihn so ansah.

Langsam machte er einen Schritt nach unten, und sie ließ ihre Hand fallen.

„Liebes …“ Er zwang sich dazu, die Worte zu sagen. „Es geht um deine Mama.“

„Wa… was ist denn mit ihr?“

Er wäre lieber von einer Klippe gesprungen, als die nächsten Worte zu sagen. Er legte seine Finger auf ihren Arm, musste sie berühren, musste sie erden. „Sie hatte einen Unfall. Sie war Fahrrad fahren, und sie ist überfahren worden. Es tut mir so leid. Sie hat es nicht geschafft.“

Sie erstarrte für einen langen Moment. Ihre Tränen glitzerten im Mondlicht. „Nein … das erfindest du nur.“

Sein Daumen strich über ihre heiße Haut. „Nein, Liebes. Es tut mir so leid.“

„Du erfindest das nur!“

Seine Kehle wurde eng. „Lass uns nach oben gehen und Brady anrufen.“

„Du erfindest das nur …“ Diesmal bröckelten ihre Worte weg. Ihre Knie gaben nach.

Er fing sie auf, schlang ihr die Arme um die Mitte. Schloss sie in die Arme.

„Nein!“ Sie schob ihn von sich weg, wand sich und wehrte sich. Er hielt sie fester.

„Lass mich gehen! Warum machst du das? Es ist nicht wahr!“ Sie schlug ihn auf den Rücken. „Es ist nicht wahr!“

Seine Kehle brannte. „Es wird wieder gut werden, Zoe. Das verspreche ich.“

Oben angekommen schob er sie durch die Tür und ließ es zu, dass sie sich seinen Armen entwand.

Sie schubste ihn ein letztes Mal und durchbohrte ihn mit ihrem Blick.

Er holte sein Telefon und wählte.

„Gib mir das Telefon!“

Brady ging sofort dran. „Ist sie da?“

„Sie weiß es schon. Ich musste es ihr sagen. Es tut mir leid.“

Brady seufzte; vor Erleichterung, hoffte Cruz. „In Ordnung. Lass mich mit ihr sprechen.“

Ein Teil der Wut wich aus Zoes Gesicht, und etwas viel Schlimmeres nahm ihren Platz ein. Sie streckte die Hand aus, die in dem Raum zwischen ihnen zitterte. Er reichte ihr das Handy, sie hob es an ihr Ohr und hielt die Luft an, während sie lauschte.

„Nein …“, wimmerte sie. Tränen strömten über ihr Gesicht, und ihr Körper bebte so sehr, dass Cruz befürchtete, sie würde gleich zusammenbrechen.

Er zog sie sanft mit sich in den übergroßen Sessel und legte den Arm um sie, als könnte er sie damit vor dem Schmerz beschützen.

„Okay“, sagte sie kurz darauf zu Brady und reichte das Telefon dann an Cruz weiter.

Cruz hielt es sich ans Ohr. „Ich bin’s.“

„Bleib bei ihr, okay?“ Bradys Stimme brach.

„Das mache ich. Das mache ich. Mach dir keine Sorgen.“

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
331 p. 3 illustrations
ISBN:
9783961400836
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