Read the book: «Seewölfe Paket 13»

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Impressum

© 1976/2016 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

ISBN: 978-3-95439-502-6

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 241

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 242

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 243

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 244

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 245

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 246

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 247

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 248

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 249

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 250

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 251

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 252

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 253

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 254

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Nr. 255

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 256

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 257

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 258

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 259

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 260

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10


1.

Mit den trockenen sommerlichen Winden des östlichen Mittelmeeres, den Etesien, war es nun endgültig vorbei.

Man schrieb den 26. November 1591. Der Himmel war von schnell dahinjagenden dunklen Wolken bedeckt. Die See ging hoch und war mitunter so kabbelig, daß die Feluke hart erschüttert wurde.

Feluke war nicht der richtige Ausdruck. Das Schiff war eher eine Kreuzung aus einer Feluke und einer Schebecke. Das ließ sich auf den ersten Blick nicht so genau einordnen.

Es fuhr drei lateingetakelte Masten, und war ein schnelles, wendiges und flachgehendes Schiff. Über das Heck hinaus ragte ein Grätingdeck als Fortsetzung des Quarterdecks, und vorn trug sie eine der Ramme vergleichbare Galion.

Ihr Baumeister war ein Genie, denn in dem Schiff gab es geheime Türen, geheime Räume und einige merkwürdige Schotten, die ebenso merkwürdige Funktionen erfüllten.

Ein größerer Laderaum befand sich vor dem Mast, und aus diesem Raum, über dem eine Gräting lag, drang Geschrei, das bis aufs Achterdeck zu hören war.

Der Kapitän, ein sarazenisches Schlitzohr, der das Mittelmeer von den Säulen des Herkules bis zum Libanon kannte, verzog unwillig das Gesicht. Sein Temperament ging wieder einmal mit ihm durch.

„Sieh nach den verdammten Christenhunden, Muhmad!“ befahl er. „Sie werden unruhig. Sag ihnen, wir werden bald Land erreichen.“

„Sie haben Angst vor der See, Sidi Reis.“

Reis wurde der arabische Kapitän genannt, und Sidi war die Anrede die „Herr“ bedeutete.

„Sie haben Angst, weil sie nicht an Allah glauben“, sagte der Kapitän verächtlich. „Sag ihnen, von nun an stehen sie unter Allahs Schutz, und nichts wird ihnen passieren.“

„Ja, Herr.“

Der Gaffir erfüllte die Funktion eines Aufsehers, und so ging er nach vorn, um die aufgebrachten Menschen zu beruhigen.

In dem Raum befanden sich, dicht zusammengepfercht, sechsundvierzig Europäer, vorwiegend Spanier, darunter auch ein paar Frauen, die der Sarazene beim Überfall auf eine Galeone in seine Gewalt gebracht hatte. Diese Leute sollten nach Kreta gebracht, dort in eine Höhle verfrachtet und später als weiße Sklaven auf den arabischen Märkten verkauft werden.

Der Sarazene und seine Besatzung lebten davon, daß sie weiße Sklaven an den geheimnisvollen Araber Ali Abdel Rasul verkauften. Dafür erhielten sie zehn Prozent vom Preis der erzielten „Ware“.

„Euch wird nichts passieren!“ schrie der Gaffir durch die Gräting nach unten. „Wir sind auch bald da. Benehmt euch vernünftig, ihr kriegt zu essen und zu trinken. Ihr braucht wirklich vor dem bißchen Wind keine Angst zu haben.“

Von unten tönte Gebrüll herauf. Die gefangenen Spanier beleidigten den Gaffir, nannten ihn einen arabischen Hund und fluchten ihm die Knochen ab.

Ein Großteil der Gefangenen hatte noch keine Erfahrung auf dem Wasser sammeln können, sie waren meist Kaufleute, Weinhändler und Reisende, die lediglich zu Gast in ein anderes Land wollten, dann aber von dem Sarazenen aufgebracht worden waren. Jetzt gingen sie einem höchst ungewissen Schicksal entgegen. Die Männer wurden als weiße Sklaven verkauft, die wenigen Frauen landeten später meist als Odalisken in irgendeinem Harem.

Der Gaffir hörte sich die Flüche und Beleidigungen mit unbewegtem Gesicht an, doch als das Geschrei kein Ende nahm, pützte er Wasser und goß es durch die Gräting nach unten. Dann, als es etwas stiller wurde und nur noch vereinzelte Männer ihn einen Hundesohn nannten, beugte er sich über die Gräting und blickte in den finsteren Raum.

„Wenn ihr jetzt nicht ruhig seid“, sagte er laut, „dann lasse ich das Geschütz vor dem Schott abfeuern. Ihr habt gesehen, daß es mit Bleistücken geladen ist, und genau auf euch zielt. Wir werden uns nicht lange mit euch herumärgern.“

Natürlich würde er das Geschütz nicht einsetzen, denn weiße Sklaven brachten Geld, viel Geld, und wenn sie die Gefangenen zusammenschossen, dann war die Reise umsonst, ganz zu schweigen von den eigenen Verlusten und den vielen Mühen.

Die Schebecke legte sich hart in die See, als der Gaffir wieder nach achtern ging. Ihr Bug hob sich steil in die Luft und knallte kurz darauf laut und hart auf das Wasser zurück. Durch ihren geringen Tiefgang lag sie nicht so gut im Wasser, und so wurde bald eine höllische Schaukelei daraus.

Etwas später ging die See noch höher. Das leichte Schiff tauchte tiefer ein, und die ersten Brecher fegten über das Deck.

Der sarazenische Kapitän sah besorgt zum Himmel, wo sich immer mehr Wolken zu einem wirbelnden Tanz auftürmten. Sein Versprechen, Allah würde helfen, schien sich nicht zu bewahrheiten, denn Allah überließ das Schiff sich selbst und den Elementen, die jetzt gewaltig aufschäumten.

Ein weiterer Brecher sprühte kalte Gischt bis zum Quarterdeck und durchnäßte den Mann am Kolderstock. Auch der Kapitän kriegte einen Schwall ab.

„Schnell, laß die Luken verschalken, Gaffir!“ schrie der Kapitän. „Wenn die Christenhunde ersaufen, zieht mir Ali Abdel Rasul das Fell über die Ohren! Beeil dich, verdammt! Nimm dir ein paar Männer!“

„Ja, Herr.“

Der schlitzohrige Sarazene kannte kaum Angst. Er fürchtete nicht die wilde See, nicht den heulenden Sturm. Er fürchtete nur zwei Dinge, und das waren Allahs Rache und der Zorn Ali Abdel Rasuls, jenes geheimnisvollen Arabers, der mal als einfacher Fellache, dann wieder als reicher Kaufmann, verkleideter Spion, als Gaffir oder Kapitän auftrat, und von dem niemand wußte, wer er wirklich war. Es hieß nur, er sei ein sehr reicher, aber auch gewalttätiger, listiger Mann, der tausend Ohren und tausend Augen hatte, alles sah und dem nichts entging.

Aber er bezahlte immer gut und sofort, und dafür verlangte er auch einwandfreie Ware. Die Bezahlung erfolgte in einem Geheimversteck auf Kreta, nahe dem Ort Chania, aber doch so weit entfernt, daß sich dort nur ganz selten jemand blicken ließ.

Fiebernd vor Ungeduld wartete er darauf, daß das Luk mit Brettern abgedichtet wurde, und als ihm das zu langsam ging, verließ er seinen Platz auf dem Achterdeck und legte selbst mit Hand an.

Ein getränktes Segeltuch wurde darüber festgezurrt, und so verhallte das erneute Geschrei da unten. Es wurde vom Donnern der Wellen, vom Heulen des Windes und vom Ächzen und Aufklatschen des Schiffes in der See verschluckt.

„Ein paar Verluste müssen wir einkalkulieren“, sagte der Sarazene, „falls es noch schlimmer wird. Aber die meisten werden es wohl überleben.“

„Es wird ganz sicher noch schlimmer, Sidi“, meinte der Gaffir Muhmad. „Und bis wir die Insel erreicht haben, werden auch noch zwei Tage vergehen. Sollten wir nicht lieber nach Norden ausweichen und den Sturm umsegeln?“

Der Sarazene schüttelte den Kopf. Er war ein großer schlanker Mann, mit einem sauber gestutzten Kinnbart und kohlschwarzen, verschlagen blickenden Augen, die mitunter sehr stechend wirkten. Seine Hände waren in ständiger unruhiger Bewegung.

„Dadurch wird die Strecke auch nicht kürzer“, sagte er. „Nein, nein, wir bleiben auf östlichem Kurs. So Allah will, wird er uns auch glücklich ans Ziel führen.“

Gegen die Anordnungen des Reis, des arabischen Kapitäns, gab es keinen Widerspruch. Muhmad durfte sich bestenfalls ein paar Vorschläge erlauben, doch das letzte Wort hatte der Kapitän, und demnach blieben sie auf östlichem Kurs, und wenn die ganze Welt dabei unterging.

Die meisten Leute verschwanden in den unteren Räumen. An Deck hielten sich nur fünf Mann auf.

Nach einer weiteren Stunde, als es immer schlimmer wurde, ließ der Sarazene, wie er von Feinden oft genannt wurde, jedoch die Besatzung hochpurren.

Es wurde dunkel, die Dämmerung ging ziemlich schnell in totale Finsternis über, und die See begann immer wilder zu toben, zu kochen und zu brodeln.

Der Wind fiel jetzt hart von Nordnordwest ein, jagte die Schebecke durch wilde aufgepeitschte See, ließ sie hüpfen und tanzen, jagte sie mit Urgewalten vor sich her und trieb sie mit wütendem Gebrüll nach Osten. Die Männer auf dem Achterdeck mußten schon schreien, um sich zu verständigen. Der harte Wind riß ihnen die Worte von den Lippen und richtete ihnen die Haare auf.

Donnernd ging es rauf und runter. In den Kammern flog alles, was nicht ganz besonders gut festgezurrt war, wild durcheinander.

Seen überfluteten das Deck, brüllten schäumend und mit wirbelnden Armen über die Galion, wälzten sich weiter und überfluteten das Mitteldeck, wo das Wasser wie eine schwarze Mauer aus Glas lange stehenblieb, bis es beim nächsten Aufklatschen wieder in die See zurücklief.

Immer wilder wurde der Höllentanz. Es krachte und knackte in allen Verbänden. Schon vorher waren die Segel eingeholt worden, und jetzt begann die Schebecke vor Topp und Takel zu lenzen.

Selbst die Sturmlaternen, die entzündet wurden, blies der Wind gleich wieder aus.

Muhmad brachte eine Lampe, die mit Leuchtöl brannte und deren Flamme der Wind durch das schützende Glas nicht ausblasen konnte. Doch sie verbreitete kaum Licht.

Der Restschein genügte jedoch, um vage die Umrisse des Mitteldecks erkennen zu können.

Dort liefen immer wieder gewaltige Seen auf, türmten sich bis zum Niedergang hoch und zischten über das Quarterdeck, liefen weiter über das verlängerte Heck und brausten wild durch die Gräting.

Der Sarazene hatte Angst um seine Gefangenen.

Wenn sie sich hier schon auf dem Achterdeck kaum noch halten konnten, dann mußte in dem großen Raum der Teufel los sein. Dort kullerten die Leiber wild durcheinander, da hielt sich keiner mehr auf den Beinen, und da war längst eine Panik ausgebrochen.

Vielleicht waren auch schon einige tot, dachte der Kapitän bekümmert, oder so schwer verletzt, daß ihr Tod nur noch eine Frage der Zeit war.

Tote Gefangene bezahlte Ali Abdel Rasul aber nicht, und so überlegte der Sarazene krampfhaft, wie er die Leute retten könne.

Aber es gab keine Möglichkeit, sie da herauszuholen. Zwar gab es geheime Wege zu dem Raum, und Platz war genügend an Bord, genügend, um zweihundert Mann zu verstekken. Doch wenn er die verängstigten Spanier jetzt auf dem geheimen Weg weiter nach achtern bringen ließ, dann drehten diese Ungläubigen durch, überwältigten vielleicht noch die Mannschaft oder schickten das Schiff zum Scheitan.

Nein, beschloß er, sie mußten da drin bleiben. Einmal würde dieser höllische Sturm ja auch wieder abflauen.

Ein paar Tote mußte er eben miteinkalkulieren.

Doch der Sturm flaute nicht ab. Er legte jetzt richtig los.

Um Mitternacht ritt die Schebecke durch die Hölle.

Der Wind fauchte mit Urgewalten, die pechschwarze See rannte allesverschlingend und mit mörderischer Wut gegen das Schiff an und versetzte ihm einen harten Schlag nach dem anderen.

Das Geschrei aus dem Raum war verstummt, man hörte jedenfalls auf dem Achterdeck nichts mehr außer einem hin und wieder auftretenden entnervenden Gepolter.

Das Mitteldeck stand permanent unter Wasser, und noch bevor die salzige Brühe ablaufen konnte, wälzte sich schon die nächste Woge mit elementarer Gewalt heran.

Um sie herum war Schaum, quirliger wirbelnder Schaum, der in langen Fetzen durch die Nacht heulte und die See trotz der Finsternis schaumig und weiß färbte.

Ein großer Lenzsack war ausgebracht worden, doch die Schebecke spielte weiterhin in der tobenden See verrückt.

Auf dem Achterdeck hatten sich der Kapitän und der Aufseher Muhmad mit Tauen festgelascht, um nicht über Bord gewaschen zu werden.

Sie ersoffen fast in dem steigenden Wasser und mußten für lange Zeit krampfhaft die Luft anhalten, bis sich ihre Gesichter blau verfärbten.

Jetzt hatte auch den Sarazenen die Zuversicht verlassen, hier noch jemals heil herauszugelangen. Er glaubte nicht mehr daran, daß sie Kreta noch erreichen würden.

Und es wurde noch schlimmer. Einmal, niemand wußte genau wie lange sie schon durch diese Hölle ritten, schäumte es weit vor ihnen in der See leuchtend weiß auf. Das übliche Brausen und Heulen wurde von einem anderen Geräusch überlagert, das sich so anhörte, als würde ein gewaltiger Sog das Meer mit sich fortreißen und irgendwo ablaufen lassen.

Gehetzt sah sich der Sarazene um. Hinter sich hörte er den Gaffir laut schreien und nach Allah rufen. Vor sich sah er ein blasenähnliches Gebilde aus dem Meer steigen, das von innen her wie erleuchtet wirkte, als brannten dort tausend mit Leuchtöl gespeiste Lampen.

Dann fühlte er sich übergangslos sanft in die Höhe gehoben, spürte, wie es immer höher ging, und wußte auch, was gleich danach passieren mußte.

Es ging mit teuflischer Geschwindigkeit bergab, wie in ein tiefes Tal hinunter, wie in einen Schlund der Hölle.

Die Schebecke setzte laut und donnernd auf, als sei sie auf einen Felsen geraten. Der Schlag pflanzte sich durch das ganze Schiff fort und ließ es unheimlich knistern. Sofort danach wuchtete die weißliche Riesenblase in den Himmel. Sie wälzte sich aus beängstigender Höhe heran, schob einen Schwall aus kalter Luft vor sich her und stürzte sich dann auf das Schiff.

Diesmal schrie auch der Kapitän unterdrückt auf. Das gesamte Mittelmeer schien sich auf das Schiff zu wälzen. Da war nur noch ein Donnern, Krachen und Bersten, mit dem der Himmel einstürzte.

Als der Sarazene wieder einen Gedanken fassen konnte und halbtot nach Luft schnappte, stand an Deck nur noch ein einziger Mast. Alles andere hatte der Berg aus Wasser gnadenlos abgeräumt und mit sich gerissen.

Die weiteren Verwüstungen ließen sich noch nicht erkennen, aber es schien schlimm genug zu sein.

Die Schebecke hatte Wasser genommen, und für das Leben seiner Gefangenen gab der Sarazene keinen lausigen Piaster mehr.

Sie kämpften sich weiter durch die See, blind, taumelnd, schwer angeschlagen und warteten auf die Morgendämmerung, die so unendlich lange auf sich warten ließ.

Mit dem heraufziehenden Morgen beruhigte sich auch der Sturm, das Meer wurde nicht mehr so aufgewühlt, und die Wellen wurden nach und nach kleiner.

Dann schob sich der Morgen bleigrau und düster über die Kimm, und die erschöpften Männer sahen das Ausmaß der Verwüstungen.

Der Sarazene ging nach vorn und ließ das Luk öffnen.

„Das hat niemand überlebt“, meinte Muhmad. „In dem Raum steht ganz sicher eine Menge Wasser, wir haben ziemlichen Tiefgang.“

Der Kapitän schwieg. Er war übernächtigt, durchnäßt und ihn fror ganz erbärmlich.

„Schneller, schneller!“ schimpfte er. „Nehmt die Enterbeile und schlagt die Luken ein – oder beeilt euch gefälligst.“

Aus dem Raum waren keinerlei Geräusche zu hören. Dort blieb alles unheimlich still und ruhig – totenstill.

„Es kann auch ein Trick sein“, warnte ein Mann in türkischen Bundhosen, die ihm bis an die Waden reichten. „Sie warten, bis wir öffnen, und dann fallen sie über uns her. So ähnlich tun wir es ja auch, wenn wir ein Schiff aufbringen.“

„Quatsch kein dummes Zeug“, sagte der Sarazene. „Sieh lieber zu, daß die Luke bald offen ist. Von diesen Leuten haben wir ganz sicher nichts zu befürchten.“

Endlich war das Luk geöffnet, die letzten dicken Bretter lagen an Deck, und der Kapitän beugte sich hinunter.

Er sah nur Wasser und Leiber, die in der Brühe herumschwammen, als lebten sie noch.

Das Wasser war etwa brusthoch, und es schwappte leicht hin und her. Aber diese Höhe und der Seegang hatten genügt, um fast alle ertrinken zu lassen.

Einundvierzig ungläubige Giaurs waren ertrunken. Fünf lebten noch, und merkwürdigerweise waren die überlebenden Frauen in der Überzahl.

Zwei Männer, drei Frauen hatten überlebt, sie hatten diese Höllennacht überstanden, wenn auch in allerschlechtester Verfassung.

Der Sarazene stieß einen erbitterten Fluch aus, als er sich wieder aufrichtete. Das war ihm in seinem ganzen Leben nur sehr selten passiert, daß so viele umgekommen waren.

Die See beruhigte sich weiter, die Wellen gingen nur noch als leichte Dünung.

„Bringt sie alle nach oben“, befahl der Sarazene. „Gebt die Toten über Bord. Die anderen werden verpflegt und verarztet. Die anderen kümmern sich um das Schiff. Lenzt die Räume leer, untersucht, wo das Wasser eindringt.“

Die grausige Arbeit nahm ihren Anfang. Leitern wurden in den Raum gestellt, die Ertrunkenen nach oben gebracht und über Bord gegeben. Bei jedem ließ der Kapitän feststellen, ob auch wirklich kein Fünkchen Leben mehr in ihm war.

Zwischendurch wurden die Überlebenden verarztet, behandelt und anschließend mit heißem Pfefferminztee und viel Zucker wieder zum Leben erweckt.

Die Schebecke selbst sah wüst aus, und sie ließ sich mit Bordmitteln auch nicht wieder aufriggen. Das konnte erst auf der Insel geschehen, die sie morgen anlaufen würden.

„Setzt das Segel!“ befahl der Sarazene einem Mann mit müdem, grauem Gesicht. „Und beginnt gleich damit, das Schiff zu lenzen.“

„Wo bleiben die Gefangenen Sidi?“

Der Kapitän überlegte einen Augenblick und fuhr mit der Hand durch seinen Kinnbart.

Ein anderer brachte ihm einen Becher kochend heißen Tee mit Rosenöl und Zucker, den er in kleinen Schlucken gierig schlürfte.

„Bringt sie nach achtern in die Kammer neben der meinen. Und stellt eine Wache mit gezogenem Schiffshauer davor auf.“

Das Lateinersegel wurde gesetzt, und ein Mann, der den Schiffszimmermann ersetzte, der vor ein paar Tagen erschlagen worden war, meldete sich beim Kapitän.

„Nur ein kleines Leck, Sidi, mehr nicht“, meldete er. „Wenn wir etwas Wasser abgepumpt haben, gelange ich besser heran. Nur an Deck können wir nicht arbeiten, wir haben keine Ersatzhölzer.“

„Allah hat uns verschont“, sagte der Sarazene, warf sich auf die Knie und stieß ein kurzes Gebet aus.

Nach dem Gebet schlürfte er weiter seinen Tee und blickte nachdenklich auf eine Spanierin mit nassen aufgelösten schwarzen Haaren und zerrissener Kleidung. Der Mann mit den Türkenhosen hob sie gerade auf und brachte sie nach achtern in die Gästekammer.

„Wir haben keinen einzigen Mann verloren“, sagte der Kapitän. „Die Ungläubigen hingegen sind fast alle ums Leben gekommen.“

„Ja, wir sind Allahs Söhne“, sagte der Gaffir, hütete sich aber zu bemerken, daß es von ihnen vermutlich auch keiner in dem engen Raum und dem vielen Wasser überlebt hätte.

Die Schebecke lag jetzt auf Ostkurs, und der Wind blies sie handig über das wieder ruhige Meer.

Der Sarazene ging nach unten und wechselte seine Kleider. Als er zurückkehrte, wirkte er bedrückt und ratlos. Mal blickte er über das Wasser, mal sah er Muhmad an.

Der Gaffir merkte, daß sein Herr und Meister etwas loswerden wollte, was ihn bedrückte, und er konnte sich auch schon denken, was es war, um was die Gedanken des Kapitäns kreisten. Aber er fragte nicht, er verhielt sich nur abwartend.

Nach einer Weile stampfte der Sarazene mit dem Fuß auf.

„Beim Scheitan!“ schrie er. „Diese Reise war umsonst, damit ihr das nur gleich wißt. Einen Anteil wird es nicht geben.“

„Wir haben noch fünf Gefangene, Sidi“, erinnerte Muhmad sanft.

„Fünf Gefangene! Pah, was ist das schon! Wir brauchen mindestens dreißig oder vierzig, lieber noch mehr. Ich kann nicht hingehen und die Bezahlung aus dem Versteck holen, wenn ich dafür keine Gegenleistung erbringe. Ich kann es auch vor meinem Gewissen nicht verantworten, Ali Rasul zu betrügen.“

„Er wird sicher von unserem Mißgeschick erfahren, Sidi. Aber das Gold oder die Perlen können wir wirklich nicht holen, wenn wir uns nicht seinen Zorn zuziehen wollen.“

Auch der Gaffir war bekümmert und starrte auf die Planken.

Nein, das konnten sie wirklich nicht, dachte er. Alis Rache würde sie alle furchtbar treffen. Ali konnte man nur einmal betrügen, dann nie mehr, denn nur der Kopf betrog, und den hatte man dann nicht mehr.

Auf den Gang zu den Felsen mußten sie also verzichten, und dabei war das jedesmal eine kleine feierliche Handlung, die nach einem ganz bestimmten Ritual ablief.

Nach der Landung auf der Insel wurden zunächst die Gefangenen in die Höhle gebracht und so ausreichend verpflegt, daß sie gut eine Woche lang von dem Proviant leben konnten. Dann schritten zwei Männer, meist der Sidi und Muhmad, zu den Felsen, wo sich das seltsame Zeichen im Gestein befand. Das Zeichen stellte einen Menschen mit einem Stierkopf dar, einen Minotaurus, ein Ungeheuer der griechischen Mythologie, den Minos, der König von Kreta, Sohn des Zeus und der Europa, im Labyrinth gefangenhielt.

Dieses Zeichen aber barg ein Geheimnis, und wer es kannte, der war in der Lage, den kleinen Felsblock zurückschwingen zu lassen. In dem dahinterliegenden Hohlraum lag die „Bezahlung“, meist Gold, Perlen oder silberne Piaster, wie Ali Abdel Rasul es für angemessen hielt.

Dieser Gang würde also jetzt entfallen, überlegte Muhmad, denn sie konnten das deponierte Gold nicht nehmen, ohne eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen.

Das tat ihm zwar in der Seele weh, ließ sich aber nicht ändern.

Er fand aber doch noch einen Ausweg, denn die Piaster ließen ihm keine Ruhe.

„Wenn wir nun fünfundvierzig durch fünf teilen“, meinte er listig, „dann steht uns doch der neunte Anteil zu, denn wir haben ja fünf Überlebende, Sidi. Und fünf mal neun ergeben fünfundvierzig. Das wird auch Ali Rasul einsehen.“

Der Sarazene blickte ebenfalls auf die Planken und rechnete. Natürlich gelangte er zu demselben Ergebnis, aber dann schüttelte er ablehnend den Kopf.

„Nein, das tun wir nicht. Wir verrechnen unsere nächste Ware und zählen fünf dazu. Ich weiß nicht, wie Ali reagieren wird, aber wir wollen seinen Zorn nicht beschwören. Er ist nicht nur ein geheimnisvoller, sondern ein einflußreicher und mächtiger Mann. Und solche Herren sind da ganz empfindlich.“

Das sah schließlich auch Muhmad ein, und so fügte er sich in Demut und gab keinen Widerspruch. Das Geld war ja nicht ganz verloren, wenn es natürlich auch schmerzte, so empfindliche Einbußen hinnehmen zu müssen.

Die Schebecke segelte weiter, lahm und angeschlagen, aber sie kam mit dem einen Mast dennoch ganz gut voran.

2.

Auch die „Isabella VIII.“, die ranke Galeone des Seewolfs, hatte den Sturm nicht schadlos überstanden. Zwar fehlten ihr keine Masten oder Rahen, aber etwas anderes war passiert.

Smoky, der die Vorpiek kontrolliert hatte, erschien wieder auf der Kuhl, wo der Kutscher und Edwin Carberry zusammenstanden. Die beiden schienen ein Herz und eine Seele zu sein, denn der Profos lachte laut über eine Bemerkung des Kutschers. Doch nach und nach verschwand das Grinsen aus seinem Gesicht, und Ed blickte leicht angewidert auf das, was der schmalbrüstige Kutscher in der Hand hielt.

Die Datteln sahen etwas zermatscht und klebrig aus, aber der Kutscher stopfte sich eine nach der anderen in den Mund, kaute darauf herum und spie die Kerne dicht an Eds Schulter vorbei übers Schanzkleid in Lee.

Einer der klebrigen Kerne blieb auf dem Handlauf des Schanzkleides liegen, was Carberry mit Widerwillen registrierte.

„Spuck deine Pflaumenkerne gefälligst ins Wasser, du Dorsch“, sagte Ed grollend. „Ich will das klebrige Zeug nicht auf meinem Schiff herumliegen haben.“

„Aha“, sagte der Kutscher angriffslustig. „Da muß ich aber vorher noch drei Dinge richtigstellen, mein lieber Profos. Erstens sind die Pflaumenkerne Dattelsteine, zweitens spucke ich sie nicht aufs Schiff, und drittens ist es mir ganz neu, daß es jetzt dein Schiff ist. Ich entsinne mich nicht, meinen Anteil an dich verkauft zu haben.“

Smoky stand daneben und grinste. Er wollte seine Meldung loswerden, aber jetzt wartete er ab, denn wenn sich der Kutscher und der Profos gegenseitig am Haken hatten, dann wollte sich das der Decksälteste Smoky nicht entgehen lassen, zumal der Profos dabei meist den kürzeren zog.

Noch bewahrte der Profos Ruhe und blieb gelassen, und auch seine Stimme klang noch einigermaßen sanft.

„Hör mal zu, du abgelaichter Kombüsenaal“, sagte er freundlich. „Auf diesem Schiff habe nach Hasard und Ben immer noch ich das Sagen, du lausiger Mustopf. Und wenn ich sage, daß du deine verdammten Datteldinger an Bord spuckst, dann stimmt das auch, was, wie? Oder täuschen mich meine Augen etwa, und auf dem Handlauf liegt nur eine aufgedockte Riesenkakerlake, he? Du wirst jetzt den verdammten klebrigen Mist sofort ins Meer befördern. Und was mein Schiff betrifft: Genau das Stück vom Schanzkleid gehört mir, und auf mein Eigentum werden weder Dattelsteine gespuckt noch sonst was. Und was die Pflaumenkerne betrifft: Es ist mir wurschtig, was das ist. Steine sind Steine, und jetzt wirst du wohl höflicherweise zugeben müssen, daß ich in allen drei Punkten wieder mal recht habe. Aber du siehst das natürlich wieder durchs falsche Ende vom Kieker.“

Ein mit gekonnter Präzision gespuckter weiterer Dattelkern sauste an Eds Schädel vorbei.

Carberry holte tief Luft, aber dann sah er zu seiner Verblüffung, wie der neue Kern den anderen traf und alle beide im Meer verschwanden.

Zufallstreffer, dachte der Koch und Feldscher, aber er nutzte das für sich selbst aus.

„Da liegt also ein klebriger Dattelkern auf dem Handlauf“, sagte er ironisch. „Und ausgerechnet auf deinem Eigentum. Siehst du da etwa einen Kern, Smoky?“ fragte er den Decksältesten.

Smoky verbarg nur mühsam sein Grinsen, als Carberrys wütender Blick ihn streifte.

„Wirklich nicht“, sagte er. „Ich sehe jedenfalls nichts, aber vielleicht sind meine Augen auch nicht ganz in Ordnung. Ich wollte aber etwas anderes sagen.“

„Du hältst jetzt mal die Luft an“, erklärte Ed. „Und du wirst erst dann etwas sagen, wenn ich dich frage. Ihr wollt mich wohl zum Narren halten. Lag da ein verdammter Stein, oder nicht?“

„Das ist richtig“, sagte der Kutscher. „Da lag einer, aber da liegt keiner mehr, und das ist ein Unterschied.“

Carberry griff nach des Kutschers Hand und drückte sie zusammen, so fest, daß aus den Datteln eine dunkle breiige Masse wurde, und dem Kutscher das Mus zwischen den Fingern hervorquoll. Er kriegte kaum noch die Hand auf, so klebte das Zeug.

„Wenn ich mir deine Spitzfindigkeiten anhöre, Kutscher“, sagte der Profos, „dann steigt mir noch das Kielwasser von der letzten Reise hoch.“

„Das sind deine Argumente!“ rief der Kutscher empört. „Kraft, nichts als brutale Kraft. Im Gehirn ist nichts, gar nichts. Du solltest dir mal einen Strohhalm in den Schädel stekken und es auf Erbsengröße aufblasen lassen, damit du argumentieren kannst!“

„Meine Argumente überzeugen mehr“, behauptete Ed trocken. „Und solche lahmen Vergleiche wie mit dem Gehirn bringe ich auch immer noch zustande. Sieh dich doch an! Du siehst von weitem aus wie ein Ofenrohr ohne Umhüllung.“

Smoky begann wie ein kranker Gaul zu wiehern. Er sah die beiden Streithähne an und lachte noch lauter, ganz besonders über den Kutscher, der immer noch sprachlos und verdattert mit verklebter Hand an Deck stand und den Profos grimmig anblickte.

Doch gleich darauf glitt ein freundlicher Schimmer über sein Gesicht, er schlug Carberry mit der linken Hand leicht auf die Schulter und grinste ihn an.

„Keinen Streit, Ed“, sagte der Kutscher. „Diesmal hast du gewonnen, das muß ich ehrlich zugeben. Schlag ein!“

Als der Profos die Hand ausstreckte, kam ihm die bittere Erkenntnis etwas zu spät.

Der Kutscher hatte seine Rechte schon ergriffen und drückte sie kräftig. Der Profos hatte das Gefühl, in einem klebrigen Mustopf zu rühren und kriegte seine Pranke kaum aus der Hand des Kutschers los.

Sein Gesicht verzog sich und drückte allen Ekel dieser Welt aus. Sein Amboßkinn schob sich vor, als sollten darauf yardlange Eisennägel geschmiedet werden. Als sich sein gewaltiger Brustkasten aufblähte, entfloh der Kutscher mit einem hämischen Kichern, rannte durch die Kuhl und blieb vor dem Kombüsenschott noch einmal stehen.

„Jetzt hast du auch ein Argument in der Hand!“ brüllte er. Dann donnerte das Schott zu und wurde von innen verbarrikadiert, weil der Kutscher die verständliche Rache des Profos fürchtete.

„Dieser Mistkerl, dieser“, sagte Ed andächtig. „Gegen den kann man einfach nicht anstinken, der hat’s hier oben“, sagte er zu Smoky und tippte sich an die Stirn.

„Du meinst, daß er verrückt ist?“ fragte Smoky.

„Ganz sicher nicht, ich meine das Gegenteil. Er hat mich wieder mal reingelegt, und ich bin ihm auch nicht böse. Aber eines Tages fällt er dabei böse aufs Kreuz.“

„Hör mal, Ed“, sagte Smoky ernst. „Ich habe in der Vorpiek nach dem Sturm alles kontrolliert. Auch die Wasserfässer. Vier davon sind ausgelaufen, ausgerechnet die größten. Das war der Schlag, der unseren Bug so erschüttert hat. Eins der Fässer ist mitsamt der Verankerung davongeflogen, hat ein zweites angeknackst und bei dem dritten den Spund herausgeschlagen. Und im vierten war ja sowieso nicht mehr viel drin, das hatten wir ja schon umgefüllt.“

Carberry pfiff durch die Zähne.

„Wieviel Wasser haben wir noch?“

„Es langt höchstens noch für zwei Tage, wenn ich das Faß auf der Kuhl mitrechne. Uns bleibt also nichts anderes übrig …“

„… als Land anzulaufen und die Fässer zu füllen“, vollendete Ed. „Oder wir saufen ein paar Tage lang nur Rum.“

„Das ist kein Witz, Ed.“

„Ich weiß, ich werde es gleich melden. Es ist ja kein großes Problem, denn hier gibt es ja genug Inseln, und Trinkwasser werden wir schon finden.“

Carberry ging zu seinem Freund Ferris Tucker hinüber, der am Niedergang zum Achterdeck zwei Stufen ausbesserte. Der rothaarige Schiffszimmermann blickte amüsiert von seiner Arbeit auf.

„Immer du und der Kutscher“, sagte er, aber Ed grinste nur, steckte seine mächtige Pranke in die Pütz und wollte sich das klebrige Zeug abwischen.

„In der Pütz ist Holzleim drin“, sagte Ferris grinsend. Aber da war es schon zu spät.

Carberry stieß einen lästerlichen Fluch aus, der über alle Decks zu hören war, und zog seine Hand zurück, als habe er in einen Topf giftiger Nattern gegriffen.

„Du scheinst heute einen schlechten Tag erwischt zu haben, mein Freund“, sagte Tucker und grinste weiter, aber der Profos war nicht mehr zu Späßen aufgelegt. Er starrte wütend seine Hand an, von der zähflüssiger dicker Holzleim auf die Planken tropfte.

„Hör mal zu, Mister Tucker!“ brüllte er, krebsrot vor Wut. „Eine Pütz ist zum Wasserpützen da, und nicht für deinen lausigen Holzleim. Schreib dir das hinter die Ohren, du rothaariger Polaraffe!“

„Häng deine Segel ins Gei, Mister Carberry“, empfahl der Schiffszimmermann trocken. „Was kann ich dafür, wenn du hier voll aufgebraßt herumläufst! Außerdem ist das meine Pütz, und da ist immer Holzleim drin. Die andere Pütz steht dahinten, du Stint!“

Carberrys narbiges Gesicht war immer noch sauer verzogen. Er stand verärgert da und ließ den Holzleim auf die Zwingen tropfen, die Ferris gerade an den Stufen angelegt hatte.

„Gegen mich hat sich heute die ganze Welt verschworen“, knurrte Ed. „Erst grinst mich dieser verwanzte Kutscher an und gibt mir seine klebrige Flosse, und jetzt passiert mir das bei dir, Mister Tucker. Da steckt doch ein Komplott dahinter!“

Der alte O’Flynn, der dem Disput interessiert zuhörte, setzte sein Holzbein in Bewegung und rückte näher.

„Fang jetzt ja nicht wieder mit Spukgeschichten an“, drohte Ed, „sonst ist meine gute Laune vorbei, und aus deinem Holzbein lasse ich Zahnstocher fertigen!“

Der Alte zog sich sofort zurück, denn wenn Carberry schlechte Laune hatte, war es besser, man legte sich nicht mit ihm an.

„Scheiß Holzleim“, fluchte er weiter. „Das hält sowieso nicht die Stufen zusammen. Da gehören richtige Nägel reingedonnert.“

„Der Holzleim hält“, versicherte Ferris.

„Der hält nicht, Mister Tucker!“

„Der hält doch, Mister Carberry!“

Ed holte sich die andere Pütz, die noch halbvoll Wasser war, tauchte seine Pranke hinein und wischte das klebrige zähe Zeug unter lauten und lästerlichen Flüchen wieder ab.

Dabei sah er sich immer wieder um, ob auch nicht einer grinste, doch er sah nur in merkwürdig starre Gesichter, die ausnahmslos alle in verschiedene Richtungen blickten.

„Die Fässer in der Vorpiek sind angeschlagen oder kaputt“, sagte er dann zu Tucker etwas versöhnlicher. „Vielleicht solltest du dich mal darum kümmern, Mister Tucker, statt hier mit Holzleim das ganze Schiff zu versauen.“

„Ausgelaufen?“ fragte Ferris, ohne auf das Gemotze einzugehen.

„Hast du schon mal ein kaputtes Faß gesehen, in dem noch Wasser drin ist?“ fragte Carberry.

„Natürlich gibt es das“, versicherte Ferris freundlich. „Wenn zum Beispiel oben nur eine kleine Beschädigung …“

Carberry griff schon nach der Pütz mit Holzleim, so aufgebraßt war er, aber dann überlegte er es sich doch noch anders. Er hatte heute einfach einen rabenschwarzen Tag erwischt. Das gab es ja mitunter, da ging eben alles schief.

„Ihr seid doch heute alle beknackt“, sagte er mißmutig.

Dann suchte sein Blick den Seewolf auf dem Achterdeck, doch da standen nur Big Old Shane, der ehemalige Schmied von Arwenack, Dan O’Flynn und Hasards Stellvertreter Ben Brighton. Alle drei grinsten ziemlich anzüglich, weil sie alles von Anfang an mitgehört hatten.

„Wo ist Hasard?“ fragte Ed grob.

„Achtern in seiner Kammer. Sag mal, Ed, das muß ja eine verdammt große Laus gewesen sein, die dir über die Leber lief“, meinte Ben Brighton grinsend.

„Oder er hat eine kleine Leber“, sagte Dan O’Flynn nachdenklich. „Aber das kann auch nicht sein, denn der Kutscher sagte einmal, Ed hätte die größte Leber von allen, und das käme hauptsächlich vom vielen Saufen.“

Zu Eds guter Laune trugen die Sticheleien nicht gerade bei, aber wenn man sich schon einmal in die Nesseln gesetzt hatte, dann mußte man auch den Hohn ertragen, und so warf Carberry den Männern auf dem Achterdeck nur einen wilden Blick zu.

„Ihr könnt mich mal, ihr lausigen Nachttopfsegler“, sagte er. Dann ging er weiter, klopfte an Hasards Kammer und trat ein.

Der Seewolf, Philip Hasard Killigrew, kniete auf dem Teppich vor seiner Koje. Der untere Teil bestand aus drei großen Schubladen mit einer Verriegelung gegen das Herausrutschen.

Hasard hatte gerade einen der chinesischen Brandsätze herausgeholt, der nun neben ihm auf dem Teppich lag.

„Al Conroy will versuchen, die Dinger nachzubauen“, sagte er zu Ed. „Unsere Vorräte sind stark geschrumpft. Daher will ich einen von ihnen opfern, damit Al und Ferris ihn zerlegen können. Weshalb ziehst du so ein ärgerliches Gesicht?“ fragte er im selben Atemzug und sah Ed an.

„Nichts besonderes, Sir, ich habe mich nur ein wenig geärgert. Aber das ist schon vorbei. Der letzte Sturm hat ein paar Fässer in der Vorpiek beschädigt, und das Wasser ist ausgelaufen. Deshalb bin ich hier. Unser Wasser reicht nur noch ganz kurze Zeit.“

„Das ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Setz dich, Ed, und gieß uns einen Schluck aus der Flasche ein. Das hilft gegen Ärger.“

Carberrys Stimmung schlug um. Er lächelte milde, goß etwas Rum in zwei Mucks und reichte eine dem Seewolf. Als sie getrunken hatten, fühlte sich Ed merklich wohler.

„Fast genau auf unserem Kurs liegt eine Insel“, sagte Hasard. „Wir werden sie anlaufen und nach Trinkwasser suchen. Diese Insel hat viele Namen. Die Venezianer nennen sie Kreta, die Italiener Candia, und bei den Türken hießt sie Kirid. Scheint so, als hätte sie schon öfter die Besitzer gewechselt, infolgedessen scheint es sich um eine besondere Insel zu handeln.“

Carberry nickte und goß noch eine Muck voll, die er sich nach einem dezenten Räuspern schnell in den Hals kippte. Jetzt fühlte er sich schon viel besser, und die kleinen Übel waren vergessen.

„Und wann erreichen wir die Insel?“ wollte er wissen.

„Morgen, gegen Mittag oder Nachmittag müßten wir dran vorbeisegeln, wenn die Karten stimmen und der Wind anhält.“

Die letzten Worte klangen ziemlich abwesend, so als sei der Seewolf mit seinen Gedanken ganz woanders.

Aus der Schublade hatte er eine Rolle hervorgezogen, richtete sich auf und legte die Rolle auf die fest verankerte Back. Sein Blick war nachdenklich auf die Rolle gerichtet.

„Noch einen, Sir?“ fragte Ed, auf die Flasche deutend.

„Du hast zwar schon einen heimlich runtergekippt“, sagte Hasard, „aber du kannst uns noch einen eingießen.“

„Hast du hinten auch Augen, Sir?“ fragte der Profos verlegen.

„Ich hörte es am leisen Gluckern.“

„Ich hab heute wirklich meinen schlechten Tag“, meinte Ed grinsend. „Was sind das für Karten, Sir?“

Hasard entfaltete die Rolle, die aus fünf Karten bestand, strich sie glatt und beschwerte sie auf dem einen Ende mit der Flasche, auf dem anderen mit einem schweren Zirkel.

„Die haben wir auf der Insel gefunden, in der Höhle. Ich wollte sie mir schon vor ein paar Tagen ansehen, aber da hatten wir es mit diesem verdammten Lord Henry zu tun, und ich kam nicht dazu.“

Carberry entsann sich jetzt. Auf der Insel war ihm in der Grotte ein Pulverfaß um die Ohren geflogen, und er war unter Gesteinstrümmern begraben worden. Viel hätte nicht gefehlt, und es hätte ihn das Leben gekostet.

„Ich denke, wir können die Karten nicht enträtseln? Deine Söhne haben es doch schon versucht.“

„Ja, das ist richtig. Viele neue Erkenntnisse haben uns die Karten nicht gebracht. Aber das, was sie bezeichnen, muß irgendwo in der Nähe liegen, denn es handelt sich nicht um reine Seekarten. Eher um Landkarten, soviel weiß ich. Und darauf sind diese monströsen Gebilde verzeichnet. Wenn es sie wirklich gibt, dann muß es sich um die höchsten Gebäude der Welt und um wahre Wunder handeln.“

Diese fünf Karten, die sie nach langwieriger und gefährlicher Suche gefunden hatten, schienen einen unermeßlichen Wert darzustellen, so vermutete der Seewolf, denn warum sonst hätte man sich der Mühe unterzogen, sie so sorgfältig zu verstekken?

Auch der Profos studierte eine der Karten, aber aus den seltsamen Schriftzeichen wurde er nicht schlau, und auch die monströsen Dreiecke sagten ihm nichts.

Hasard ließ sich mit der Betrachtung Zeit, tauschte die Karten gegeneinander aus und legte sie zusammen. Dann versuchte er es auf dem Boden, und legte wieder eine Karte neben die andere, vertauschte und verschob sie.

Die Söhne des Seewolfs, Hasard und Philip erschienen, sahen die Karten und wollten sich gleich darauf stürzen.

„Ah, da sind ja die Schatzkarten“, sagte Hasard junior. „Wir haben sie schon seit langem gesucht, Dad. Wo waren sie denn?“

„Verschlossen“, sagte der Seewolf lächelnd. „Damit an Bord nicht wieder alles drunter und drüber geht.“

„Wir haben kein Trinkwasser mehr, Dad“, meldete Philip. „Smoky hat es uns gesagt. Das ist genau wie auf der letzten Reise, da ist uns auch das Wasser ausgelaufen, als der Sturm wütete.“

„Das weiß ich auch schon. Und deshalb laufen wir die nächste Insel an, um die Fässer wieder zu füllen.“

Die Augen der Zwillinge klebten fast an der Karte, so erwartungsvoll waren sie. Daher hatte Hasard die Karten wohlweislich versteckt, sonst wären die beiden ihm mal wieder gründlich auf die Nerven gegangen mit ihrer ewigen Schatzsucherei.

Carberry stand auf und reckte seinen Brustkasten.

„Bleib hier, Ed“, sagte Hasard. „Vielleicht finden wir zusammen etwas heraus. An Deck ist alles in Ordnung.“

Gemeinsam beugten sie sich jetzt über die geheimnisvollen Karten.

„Eine zeigt diese Bauwerke“, sagte Hasard. „Davor scheint ein Fluß zu verlaufen, und in der Nähe könnte eine Stadt sein. Aber hier wird der Fluß anscheinend unterbrochen, und was da als Randbemerkung steht, kann ich nicht entziffern. Damit hört auch die Karte schon wieder auf, und ich finde einfach die Verbindung nicht.“

„Ein paar Wörter haben wir schon damals entziffert“, sagte der junge Hasard. „Was du meinst, Dad, das heißt Katarakt, und dahinter steht eine sechs: Aber das Wort kennen wir nicht, und es wiederholt sich auf insgesamt drei Karten.“

Hasard sah seinen Sohn verblüfft an.

„Katarakt?“ fragte er. „Das sind hintereinanderliegende Stromschnellen oder Wasserfälle. Demnach ist das hier doch ein großer Fluß mit vielen Nebenarmen und einem riesigen Delta.“

Wieder wurde die Lage der Karten verändert, nur eine schoben sie zur Seite, denn sie enthielt ein wirres Muster aus Strichen, leicht gekrümmten Linien und dünnen kaum sichtbaren Linien. Und doch sollte ausgerechnet das Schicksal der „Isabella“ und ihrer Besatzung noch einmal von ihr abhängen, denn diese Karte barg ein geradezu sensationelles Geheimnis.

Jetzt, da sie sich alle intensiv mit der Karte beschäftigten, ging es leichter, und das Ganze ergab bald einen Sinn.

Hasard richtete sich kniend auf und sah den Profos an.

„Auf dieses Land und den langen Fluß haben wir keinerlei Hinweise auf der Karte, Ed. Wir wissen nicht, wo es liegt. Aber wir wissen, daß es im Mittelmeer sein muß. Es kann sich also nur um einen Teil Persiens oder Arabiens handeln, alles andere scheidet aus.“

„Also das Gebiet, in das wir segeln“, sagte Carberry. „Wenn wir noch weiter nach Osten segeln, kriegen wir vielleicht Hinweise darauf. Zumindest müssen es doch aber die Sarazenen wissen.“

„Wir werden in jedem Fall nach Ägypten segeln, aber vorerst bleiben wir noch auf Ostkurs, bis es nicht mehr weitergeht.“

„Was ist denn auf unseren normalen Karten eingezeichnet?“ wollte der Profos wissen. „Ein so gewaltiger Fluß müßte doch auf den Karten ebenfalls verzeichnet sein.“

„Nein, wir haben nichts, absolut nichts. Die Karten vom östlichen Mittelmeer deuten in dieser Richtung nichts an. Wir haben nicht einmal alle Hafenstädte darauf.“

„Dann müssen wir uns auf den Zufall verlassen?“ fragte Ed mit skeptisch verzogenem Gesicht. „Da können wir aber so lange segeln, bis wir schwarz werden.“

„Oder wir suchen ganz systematisch“, entgegnete Hasard. „Hartnäkkigkeit hat schon oft zum Ziel geführt.“

„Das ist richtig. Hast du vor, Sir, in den Fluß hineinzusegeln, falls wir ihn jemals finden?“

Hasard lachte leise und erhob sich.

„Schon um diese sagenhaften Bauwerke zu bewundern, würde ich den Fluß hinaufsegeln. Wenn er für unsere Lady schiffbar ist, werden wir das tun. Darüber können wir ja noch abstimmen.“

„Die Abstimmung kannst du vergessen. Darauf ist doch jeder von uns neugierig. Ich brauche mir nur die Gesichter der beiden Helden da anzusehen, dann weiß ich genug. Habt ihr nicht einmal was von tausend Jahre alten Königsgräbern erzählt, die es auf der Karte angeblich gibt?“ wandte er sich an die beiden Jungen.

„Die sind noch viel älter, so hat uns das Sidi Barim von der Gauklertruppe mal erzählt. Das war dieser alte Märchenerzähler.“

„Das festigt nicht gerade mein Vertrauen“, meinte Hasard. „Wenn man sich auf Märchenerzähler verläßt, dann werden wir diesen Fluß und das Land nie finden.“

„Er hat das nicht als Märchen erzählt“, sagte Philip voller Eifer. „Er hat das wirklich gemeint, und er hat seine Erzählung wieder von anderen, die schon einmal dort waren und alles mit eigenen Augen gesehen haben.“

„Es wird schon etwas daran sein“, sagte der Seewolf. „Sonst hätte man sich nicht soviel Mühe gegeben, die Karten fast unauffindbar zu verstecken. Nur wird immer alles aufgebauscht und übertrieben. Ich denke da an die mehr als hundert Yards hohen Bauwerke. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr euch ja mit den Karten noch ein wenig beschäftigen, ich gehe jetzt an Deck.“

Und ob die Zwillinge wollten! Sie waren ganz versessen darauf und beugten sich mit einem wahren Feuereifer darüber.

Die eine Karte mit den wirren Linien und dem rätselhaften Muster hob Hasard auf. Damit konnten sie vorerst nichts anfangen. Vielleicht gehörte sie auch gar nicht dazu und war nur versehentlich mit in die Rolle gewickelt worden. Oder sie fanden erst sehr viel später eine Erklärung dafür, wenn sie die anderen Karten restlos begriffen hatten.

Ein Sonnenstrahl fiel durch die achteren Bleiglasfenster in Hasards Kammer gerade in dem Augenblick, als der Seewolf die Karte etwas höher hob, um sie zusammenzurollen.

Da geschah etwas Merkwürdiges.

Hasard stutzte, denn er glaubte neue Linien auf der Karte gesehen zu haben – oder das Sonnenlicht hatte sie nur deutlicher hervortreten lassen.

Mit einem Satz war er beim Fenster, um sich von dem merkwürdigen Vorgang zu überzeugen. Er hielt die Karte gegen das Sonnenlicht und starrte verblüfft auf ganz andere Linien, die fast unsichtbar eingezeichnet waren. Aus den wirren Mustern waren erkennbare Striche und Linien geworden, und der Seewolf glaubte auch deutlich einen Landstrich zu erkennen, der ihm zwar nicht vertraut war, der sich aber deutlich auf der Karte abhob.

Er ließ die Karte wieder sinken und war erstaunt. Die Linien verschwanden wie von Geisterhand ausradiert. Sie ließen sich auch bei genauem Draufblikken nicht erkennen.

„Das ist ja eine tolle Überraschung“, sagte er. „Wer hätte das wohl erwartet?“

Sofort wurde er von allen umringt, und jeder wollte das Wunder mit eigenen Augen sehen.

Ein winziger Teil des Geheimnisses schien jetzt gelöst, und das versetzte sie alle in verständliche Aufregung.

„Eine Zauberkarte“, sagte der kleine Philip andächtig.

Ja, es schien fast eine Zauberkarte zu sein, denn so etwas hatte noch keiner von ihnen gesehen.

3.

Ein paar Lidschläge vergingen, während sie staunend auf die Karte blickten, die je nach Sonnenlicht ihr Geheimnis preisgab oder es für sich behielt.

„Philip, du gehst an Deck und holst den Kutscher und Dan. Nein“, berichtigte sich Hasard gleich darauf, „ich nehme die Karte mit. An Deck ist das Licht noch besser als hier unten.“

Zusammen mit dem Profos verließ er die Kammer. Die Zwillinge blieben da, auf dem Boden hockend und die vier anderen Karten mit den Augen verschlingend.

Als Hasard das Achterdeck erreichte, schien noch immer die Sonne.

„Kutscher!“ brüllte der Profos, als der Koch und Feldscher gerade seinen Abfallkübel ausschüttete. Er winkte ihn mit dem Finger herbei, aber der Kutscher zog ein mißtrauisches Gesicht und lehnte kopfschüttelnd ab. Er ahnte, was ihm bevorstand, wenn er dem Profos in die Fänge geriet, und so zog er es vor, lieber heimlich, still und leise zu verschwinden.

„Kutscher aufs Achterdeck!“ brüllte Carberry. „Wenn du nicht gleich antrabst, zieh ich dir die …“

„… Haut in Streifen“, sagte Dan, aber Ed überhörte es, als sei nichts gewesen.

„… Hammelbeine lang!“

Der Kutscher schlich mit mißtrauischem Gesicht über die Kuhl und dann halb geduckt den Niedergang hoch, wo Ed ihn grinsend erwartete und sagte: „Keine Angst, du mickriger Portionenschwenker. Ich werde dich doch nicht schlagen, du brichst doch auf den Yard dreimal durch, wenn ich einmal hinlange.“

Hasard weihte die Männer in seinen Fund ein.

„Bei dieser Karte habe ich etwas Eigenartiges festgestellt. Seht sie euch einmal an, vielleicht findet ihr es heraus. Aber haltet sie gut fest, denn wenn sie über Bord geht, haben wir etwas sehr Wertvolles verloren. Fang an, Ben!“

Ben nahm die Karte, betrachtete sie lange, drehte sie auch um und reichte sie dann an Dan O’Flynn weiter.

„Merkwürdige Linien sind darauf“, sagte er, „aber sonst kann ich nichts feststellen.“

Auch Dan O’Flynn fand es nicht heraus, und schließlich wurde die geheimnisvolle Karte dem Kutscher gereicht.

„Was versteht denn der Kutscher von See- oder Landkarten“, sagte Dan grinsend.

Die Karte ging weiter reihum, als auch der Kutscher nichts Besonderes an ihr entdeckt hatte. Schließlich strömten immer mehr Seewölfe auf dem Achterdeck zusammen und sahen die Karte an. Aber niemand fand das Geheimnis heraus, weder der ehemalige Schmied von Arwenack noch Smoky, Ferris Tukker, Batuti oder Stenmark. Auch der Moses Bill mühte sich vergeblich damit ab.

„Ich habe es auch nur zufällig entdeckt“, sagte Hasard. „Haltet die Karte jetzt einmal gegen das Sonnenlicht.“

Erstaunte Rufe wurden laut, und alle drängten sich um Ben, der fassungslos die geordnete Übersicht auf der Karte erkannte.

„Das ist ja ein Ding!“ sagte er überrascht. „Da ist ja ein Kontinent zu erkennen, oder was soll das darstellen?“

„Auf zwei Seiten Land“, sagte Dan O’Flynn. „Dazwischen scheint es einen riesigen Wassergraben zu geben, ungefähr so wie der Ärmelkanal. Kann aber auch breiter sein, wir kennen ja nicht den Maßstab dieser Karte.“

„Jedenfalls handelt es sich um eine wichtige Seeverbindung“, stellte Hasard fest. „Sonst hätte man das nicht so geheimnisvoll aufgezogen.“

„Diese Linien können auch zu versteckten Schätzen führen“, meinte Big Old Shane bedächtig. „Frühere Piraten können sie angelegt haben, und damit kein anderer sie findet, hat man sich eben dieser geheimnisvollen Methode bedient.“

„Jetzt haben wir also zwei Möglichkeiten. Aber wir haben noch vier andere Karten, und irgendwie hängt das meiner Meinung nach doch alles zusammen“, sagte der Seewolf.

Dann war der Kutscher an der Reihe, und der lächelte und erklärte in aller Gelassenheit: „Ich kenne das von Doc Freemont her. Wenn man Nachrichten austauschen wollte, dann hat man sich dieser Geheimschrift bedient, damit kein anderer es lesen konnte. Dadurch, daß diese Karte schon ziemlich alt ist, wie ich vermute, ist die Geheimschrift jetzt zu einem Teil sichtbar geworden. Sonst sieht man sie nämlich nicht.“

„Das heißt also“, faßte Hasard zusammen, „es gibt eine Möglichkeit, die Geheimschrift sichtbar werden zu lassen.“

„Ja, die gibt es“, behauptete der Kutscher.

„Und du Stint willst uns jetzt vorerzählen, daß du das natürlich kannst!“ rief der Profos dazwischen.

„Ja, das kann ich, Mister Carberry, auch wenn du das nicht glaubst. Diese Karte ist nämlich mit Zitronensaft geschrieben worden, und der verschwindet fast spurlos im Papier.“

Die Seewölfe sahen den Kutscher ungläubig an, und selbst der Seewolf hob fragend die Augenbrauen.

„Mit Zitronensaft?“ fragte Ed gedehnt. „Nicht vielleicht mit Dattelmus oder Pflaumenmarmelade?“

„Leider kann ich über deine reichlich naiven Bemerkungen nicht lachen“, sagte der Kutscher würdevoll. „Aber ich werde das gelegentlich nachholen, falls du dich je ändern solltest.“

„Hört mit der Flachserei auf!“ befahl Hasard. „Laßt den Kutscher reden, der versteht davon mehr als wir alle zusammen. Wie ist das nun, Kutscher, welche Möglichkeiten hast du?“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, Sir. Man muß die Karte über eine kleine Flamme halten. Dadurch werden die Linien dunkelbraun und heben sich sehr deutlich von dem Papier ab.“

„Die Karte könnte dabei Feuer fangen“, sagte Hasard.

„Nicht, wenn man es ganz vorsichtig anfängt, Sir. Ich würde mir das zutrauen, und ich verbürge mich dafür, daß der Karte nicht das Geringste passiert. Ich bin auch davon überzeugt, daß sich noch weitaus mehr Positionen auf der Karte befinden, man kann sie nur noch nicht sehen.“

Hasard war von dieser Aussicht begeistert. Anscheinend wurde die Karte immer wertvoller. Und wenn dem Kutscher das gelang, was er behauptete, dann waren sie dem Rätsel ein ganzes Stück näher.

Alle blickten jetzt fast respektvoll auf den Mann ohne Namen, auf den schmalbrüstigen Koch, dessen Kenntnisse sich nicht nur im Kochen und dem Verarzten von Wunden erschöpften, sondern der auch noch davon etwas verstand, was den anderen ein Buch mit sieben Siegeln blieb.

Geheimschrift! Geheimtinte! Das war etwas, dachten die meisten. Der Kutscher war schon fast so etwas wie ein Alchimist oder zumindest ein Adept. Vielleicht konnte er sogar Gold herstellen.

„Das können wir hier an Deck aber nicht tun, Sir“, sagte der Mann, der sich selbst nur der Kutscher nannte. Mittelgroß und dunkelblond, mit blauen Augen, stand er da und ließ die Blicke gelassen über sich ergehen, ein Mann, der mehr war, als er darstellte, der auch distinguierter wirkte als die anderen.

Die Jahre bei Doc Freemont in Plymouth hatten seinen Verstand geschärft, die richtigen Seebeine waren ihm auf der „Isabella“ gewachsen. Ohne den Kutscher war die Crew eigentlich nur die Hälfte wert, dachten sie, und selbst der grobklotzige und rauhbautzige Profos beschloß, ihn nicht mehr zu ärgern – falls sich das vermeiden ließ.

„Dann gehen wir in die Messe“, sagte Hasard. „Aber nicht alle bitte, nur ein paar. Ihr anderen kriegt das Ergebnis später ohnehin zu sehen.“

Der Kutscher holte eine Kerze aus Bienenwachs, die nicht so stark rußte und mit gleichbleibender ruhiger Flamme brannte.

In der Messe, dem Aufenthaltsraum bei kaltem oder schlechtem Wetter, den Ferris Tucker gebaut hatte, wurde die Kerze auf die Back gestellt. Die Karte nahm der Kutscher in die Hand, und dann begann das geheimnisvolle Ritual.

„Tretet mal etwas zurück, damit euer Atem nicht immer die Flamme flakkern läßt“, sagte der Kutscher und war erstaunt, daß die Kerle sofort artig und ohne zu murren gehorchten.

Dann hielt er die Flamme ganz vorsichtig an die Karte, ließ aber gut zwei Handbreiten Abstand zwischen Flamme und Papier.

Die anderen standen neugierig und erwartungsvoll herum.

„Da bin ich aber gespannt“, sagte Ferris Tucker, „ob das nicht nur irgendwelche Possen sind. So richtig bin ich davon noch nicht überzeugt. Man sieht ja noch gar nichts.“

„Wart’s ab!“ riet der Kutscher. „Das muß alles schön langsam und ohne große Aufregung erledigt werden, sonst geht nur noch etwas dabei kaputt. Es dauert noch ein Weilchen.“

Immer wieder schwenkte er das Papier vorsichtig über die Flamme. Dann nahm er die Kerze in die Hand und fuhr vorsichtig an den Rändern entlang.

Nach einer Weile begann auch Hasard an dem Erfolg zu zweifeln, und sein Blick wurde immer skeptischer.

„Da tut sich nichts, aber rein gar nichts“, bemerkte Dan. „Du hast dich vielleicht doch geirrt, Kutscher.“

Der Kutscher gab keine Antwort. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er das Papier, das sich immer noch nicht veränderte.

Neben ihm hatte Big Old Shane die mächtigen Arme auf der Brust verschränkt. Auch in seinem Blick lag Neugier, und er zuckte zusammen, als der Kutscher plötzlich „Aha!“ ausrief.

In den unmöglichsten Positionen standen die meisten da. Dan verrenkte sich fast den Hals und schielte halb unter der Back hervor nach oben. Tucker blickte dem Kutscher über die Schulter, und der Profos Edwin Carberry blickte mißtrauisch mal auf die Kerzenflamme, dann wieder über das Papier.

„Verseng bloß die Karte nicht“, glaubte er bemerken zu müssen. „Wir haben nur die eine!“

Der Blick, den der Kutscher Ed aus blauen Augen zuwarf, ging dem Profos durch und durch. Da lag alle Überlegenheit dieser Welt drin, und dieser Blick drückte zumindest Rübenschwein, Kanalratte und triefäugige Kakerlake aus, wenn Carberry das richtig deutete, und so zog er leicht beschämt das Genick ein, getroffen von der überlegenen Würde, die der Kutscher ausstrahlte.

„Es klappt!“ rief er und drehte die Karte um, damit alle sehen konnten, was passiert war.

Ein bewunderndes Raunen ging durch die Reihe. Hasard beugte sich vor und sah sich die Karte an.

An den Rändern traten die braunen Linien scharf und klar zutage, zur Mitte hin wurden sie erkennbar, waren aber noch nicht deutlich genug zu sehen.

Jetzt ging das Rätselraten los, um welche Küste es sich wohl handeln mochte, und die Meinungen gingen weit auseinander.

Dan O’Flynn, der die Seekarten immer vervollständigt hatte und gut darüber Bescheid wußte, schüttelte den Kopf.

„Wir sind da jedenfalls noch nicht gewesen“, sagte er bestimmt. „Aber wir könnten sie noch einmal mit den spanischen Roteiros vergleichen. Mich irritiert dieser Wasserstreifen, der so aussieht, als beginne er erst weit hinter dem Festland.“

Hasard starrte die Karte an. Immer mehr Linien wurden sichtbar, immer schärfer zeichneten sich die Konturen ab. Seine Lippen wurden schmal, sein Blick immer nachdenklicher, und er konnte es kaum erwarten das Gesamtbild zu sehen.

Das Papier wölbte sich leicht und begann an einigen Stellen gelblich zu werden, und der Kutscher ging mit der Flamme immer behutsamer um, bis er die Kerze wegstellte und die Karte auf der Back ausbreitete.

Ein paar Lidschläge lang brachte keiner einen Ton heraus. Alle starrten gebannt auf die Karte, die ihr Geheimnis jetzt zu einem großen Teil preisgegeben hatte. Die Zeichnungen ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Es blieb nur noch die Frage offen, um welches Land es sich handelte. Das war allerdings fast unmöglich, es genau zu bezeichnen.

„Hier sind Kanäle eingezeichnet, das ist einwandfrei zu erkennen“, sagte der Seewolf heiser. „Diese Kanäle durchziehen ein unbekanntes Land, und einer von ihnen führt in diesen Wasserstreifen, wie Dan ihn bezeichnet hat. Männer, ich werde das Gefühl nicht los, daß wir vor einer phantastischen Entdeckung stehen.“

Ja, so sah es fast aus, und jetzt strengte sich jeder an, auch das letzte Rätsel noch zu lösen. Doch die Karte gab ihr letztes Geheimnis noch nicht preis, obwohl die Seewölfe danach fieberten.

Hasard spürte deutlich, daß sie etwas außerordentlich Wichtiges entdeckt hatten. Vielleicht einen neuen Seeweg?

Nein, dachte er enttäuscht, als er die Linie immer weiter verfolgte. Sie ging in einen See über, aber aus diesem See wanderte sie wieder heraus und mündete schließlich in diesem geheimnisvollen Gewässer.

„Das scheinen Handelswege zu sein“, sagte er. „Man hat ein paar Flüsse durch Kanäle miteinander verbunden, weitere Kanäle in einen See geleitet, von dem aus es dann wieder weiterging. Diese Karte läßt mir keine Ruhe. Wir müssen unbedingt jemanden finden, der in der Lage ist, diese Schriftzeichen zu enträtseln. Das ist weder Persisch noch Türkisch, das ist etwas anderes. Hasard und Philip haben das auch noch nicht herausgefunden, sie haben lediglich ein paar Wörter erkannt.“

Die Aufregung legte sich keineswegs, und was ihnen am meisten zu raten aufgab, war der Maßstab der Karte. Auch ein paar ganz klein eingezeichnete Figuren blieben ein Rätsel. Niemand wußte, wer oder wen sie darstellten.

„Wenn es sich um einen Teil Ägyptens handelt“, sagte der Seewolf, „dann kriegen wir auch alles heraus, denn wir treffen bestimmt auf Sarazenen, die das wissen. Und eine fürstliche Belohnung wird die Erinnerung ganz schnell wieder auffrischen, davon bin ich überzeugt. Es wird nicht mehr lange dauern.“

Ein letzter langer Blick wurde auf die Karte geworfen, die ihnen allen soviel Kopfzerbrechen bereitete, ehe Hasard sie vorsichtig zusammenrollte.

Er schlug dem Kutscher mit der Hand anerkennend auf die Schulter.

„Du hast den größten Teil dieses Rätsels gelöst“, sagte er. „Ohne dich hätten wir mit der Karte nichts anfangen können.“

„Leider hilft uns das nicht viel weiter“, sagte der Kutscher bedauernd.

„Wir kriegen es heraus, verlaß dich darauf, Kutscher. Den Anfang haben wir, und ich gebe nicht eher Ruhe, bis ich alles weiß. Wir werden uns künftig ganz auf diese Karten konzentrieren, denn da scheint es nicht nur Schätze und seltsame Bauwerke zu geben, da gibt es auch neue Erkenntnisse, die uns helfen werden, unser Weltbild etwas mehr abzurunden. Und darauf bin ich gespannt, denn ich habe da eine ganz bestimmte Vermutung, über die ich jetzt aber noch nicht sprechen möchte, denn sie ist einfach zu phantastisch, und es ist, wie gesagt, leider auch nur eine Vermutung.“

„Vielleicht sollten wir alle vermuten“, meinte Ed. „Wenn du deine Vermutung preisgibst, Sir, dann kriegen wir ein Bild.“

Aber aus dem Seewolf war nichts herauszuholen. Hasard gab sich mit Vermutungen nicht zufrieden. Er würde erst dann reden, wenn er konkretere Ergebnisse hatte.

Danach ging jeder wieder seiner Beschäftigung nach, und Ferris Tukker reparierte die nun schon zweimal angeschlagenen Wasserfässer, denn bald würden sie die Insel erreichen.

Aber die Karte blieb dennoch Gesprächsthema eins an Bord der „Isabella“. Die tollsten Vermutungen wurden von den Seewölfen angestellt, denn jetzt ging das Rätselraten erst richtig los.

Jeder wußte immer mehr als der andere, und doch wußte keiner etwas.

Alles blieb graue Theorie.

4.

Die Sonne schien, es hatte ein wenig aufgebrist, und die See ging mit langer, rollender Dünung.

Die Schebecke lief in eine felsige Bucht ein und ging dicht bei den Klippen vor Anker.

Hinter den Felsen wurde das Land flacher und wellig. Dort wuchsen Ölbäume und Schirmpinien.

„Fiert das Beiboot ab und bringt die Gefangenen zur Höhle“, befahl der Sarazene. „Die anderen gehen an Land und fällen zwei Pinien, damit wir das Schiff sofort wieder aufriggen können. Das muß alles sehr schnell gehen.“

„Eine Pinie genügt“, sagte Muhmad. „Wir haben noch einen abgelagerten Stamm hinter der Höhle liegen. Der kann gleich an Bord geschafft werden.“

„Um so besser“, meinte der Kapitän. „Aber beeilt euch. Wenn wir an dieser Fahrt schon nichts verdient haben, wollen wir wenigstens bei der nächsten eine Menge Gold einstreichen.“

Bei dem Wörtchen Gold wurde sein Blick sehnsüchtig. Er drehte sich um und starrte zurück, wo die Bucht mit dem Minotaurus lag. Sie waren daran vorbeigesegelt, aber jetzt war diese Bucht nicht mehr zu sehen, in der die Bezahlung auf sie wartete.

Der Sarazene kriegte fast einen Tobsuchtsanfall, wenn er an das Gold und die Perlen dachte, an die silbernen Piasterchen, die er nun doch nicht holen konnte. In einem Anfall blinder und jähzorniger Wut raufte er sich die Haare und trampelte auf den Planken herum.

In solchen Augenblicken durfte niemand seinen Weg kreuzen, und so verhielten sich auch alle ruhig und warteten angstvoll ab, bis der jähzornige Anfall vorüber war.

Meist ging das ganz schnell, so wie jetzt, denn nachdem der Sarazene ausgiebig geflucht und seine Haare gerauft hatte, beruhigte er sich wieder und hörte mit dem Trampeln auf.

Die drei spanischen Frauen und die beiden Männer erschienen an Deck und blinzelten verwirrt in das Sonnenlicht. Dann wanderten ihre Blicke weiter zu den finsteren Gestalten, zu den abenteuerlichen Gesellen, und niemand wußte, was jetzt mit ihnen geschah.

Die Spanier sahen zerlumpt und abgerissen aus, aber ihre körperliche Verfassung war gut, und so würden sie auch gute Preise erzielen, überlegte der Kapitän.

Sollte er vielleicht doch das Gold holen – sozusagen als Vorschuß?

Er kämpfte diesen Gedanken nieder und musterte die Frauen, die ihn verächtlich anblickten. Ihre Gesichter waren noch von kleinen Schrammen gezeichnet, auch ihre Arme wiesen noch blaubraune Flecken auf. Aber das war in ein paar Tagen vergangen.

Einer der Spanier schrie den Sarazenen an.

„Was sagt er, Achmed?“ fragte er einen finster aussehenden Mann, der die Sprache der Spanier gut beherrschte.

„Er sagt, er sei ein spanischer Grande, und er will wissen, was mit ihm und seiner Frau geschieht. Er fragt, wann sie endlich freigelassen werden?“

„Sag ihm, er wird überhaupt nicht freigelassen. Er wird auf dem weißen Sklavenmarkt verschachert, der Christenhund.“

Achmed übersetzte das, und kaum hatte er die Worte heraus, als sich der geschwächte Spanier mit einem Wutschrei auf den Sarazenen stürzen wollte.

Der Kapitän hatte seinen versilberten Krummdolch gezogen. Muhmad zog seinen Schiffshauer und setzte ihn der einen Spanierin an die Brust. Seinem Gesicht sah man an, daß er sofort zum Töten bereit war.

Da gab sich der Spanier geschlagen und ließ sich mit den anderen willenlos in das Boot führen.

Zum Land waren es nur ein paar Yards, und so wurden die Spanier unter scharfer Bewachung ausgeladen und mußten am felsigen Strand Aufstellung nehmen.

Der Sarazene ging voran, denn nur er hatte den Schlüssel für das Felsenverlies.

Die anderen Männer folgten ein Stück dem gewundenen Pfad. Dann bogen sie nach links ab, um die Pinie für den Mast zu fällen und die andere zu holen.

Ein paar Yards ging es über Steine und Geröll, durch einen engen Felsenschlauch. Ein riesiger Findling wurde umgangen, dahinter befand sich das Felsengitter. Die rostigen Stäbe waren tief im Felsen verankert, eine geschmiedete Kette mit einem Schloß hielt den engen Durchlaß noch einmal ganz besonders fest.

Der Sarazene schloß auf, drehte das Gitter zur Seite und marschierte als erster hinein.

Es war eine Höhle im Felsen, ein Gang von knapp zwanzig Yards Länge und vier Yards Breite, der künstlich erweitert worden war.

Daß die Gefangenen hier jemals ausbrechen konnten, war so gut wie unwahrscheinlich. Von See her war die Höhle nicht einsehbar, und die Inselbewohner, die genau wußten, was hier vorging, hüteten sich, die Nähe der Felsenhöhle zu suchen, denn Alis Zorn war überall gefürchtet.

Am Ende der Höhle befand sich eine breite Grotte. In die Felswände waren eiserne Ringe eingelassen, von manchen hingen noch die rostigen Ketten hinunter.

Der Sarazene ging zu einer dickbäuchigen Wassertonne, schöpfte mit der Hand Wasser und kostete es.

„Gut und frisch“, stellte er fest. Er kontrollierte ein kleines Faß mit Schmalzfleisch, prüfte, ob es ranzig roch, und ging dann weiter zu einem anderen Faß, in dem sich harter Zwieback befand.

Inzwischen hatten die Frauen angstvoll an der hinteren Felswand Aufstellung genommen. Sie waren erstaunt, daß man sie nicht fesselte oder an den Ringen festband. Sie konnten sich in der Grotte und dem Gang der Höhle frei bewegen, genau wie die Männer auch.

„Sag ihnen, sie sollen nicht versuchen, auszubrechen, Achmed“, befahl der Kapitän. „In den Felsen sitzen Tag und Nacht Wachen, und die hören jedes Geräusch. Wenn an dem Gitter nur gerüttelt wird, hätten sie Auftrag, in den Gang mit Musketen zu feuern.“

„Bleiben denn Wachen hier?“ fragte Achmed.

„Nein, du Dummkopf. Das soll sie nur einschüchtern. Wir können hier keine Wachen zurücklassen, wir brauchen jeden Mann.“

Achmed übersetzte das, aber er erhielt von den Spaniern keine Antwort. Sie vermuteten eine neue Teufelei der Araber und fügten sich in ihr Schicksal.

„Fünf Leute“, überschlug der Sarazene, „der Proviant dürfte für knapp eine Woche reichen. Aber solange dauert es bestimmt nicht, bis Ali Rasul die Gefangenen holt. Gehen wir, jetzt wird zuallererst das Schiff instandgesetzt.“

Die Gefangenen standen immer noch an der Wand. Verängstigt, abgerissen und gedemütigt gingen sie einem grauenhaften Schicksal entgegen. Aber sie muckten nicht auf, sie fürchteten die unberechenbaren Araber zu sehr, außerdem konnten sie gegen diese Übermacht gar nichts ausrichten.

Der Sarazene legte die Kette vor, versperrte das Schloß und überprüfte alles noch einmal sorgfältig.

Nein, hier konnten sie nicht ausbrechen, sie hatten auch keinerlei Werkzeug, mit dem sie einen Ausbruch bewerkstelligen konnten. Und mit bloßer Kraft brach keiner die eisernen Stäbe heraus.

Keiner warf mehr einen Blick zurück, als sie den Weg zurückgingen. Dort trafen sie auf die Männer, die die beiden Ersatzmasten bereits bis fast zum Strand geschleppt hatten.

Der Sarazene warf wieder einen Blick zu seiner über alles geliebten Bucht, und vor seinem geistigen Auge tauchten erneut Perlen, Piaster und Gold auf. Er seufzte leise, wenn er daran dachte.

Von hier aus hatte man einen weiten Ausblick über das Meer. Der Sarazene war so in seine geldgierigen Gedanken versunken, daß ihm sogar das kleine weiße Etwas am Horizont entging.

Erst als er sich bedauernd abwandte, wurde sein Blick wieder klar, und er blieb stehen, als hätte ihn der Blitz getroffen.

„Ein Schiff!“ rief er laut, und deutete mit der ausgestreckten Hand zur Kimm, wo kaum sichtbar ein Schiff auftauchte. Es hielt genau Kurs auf die Insel, und es war auch ganz sicher kein Araber, Syrer oder Libanese.

Diese Bauart, das ließ sich nach einer Weile deutlich erkennen, war europäisch, das Schiff wurde also von ungläubigen Giaurs gesegelt.

„Allah hat ein Einsehen!“ schrie der Kapitän und warf sich mit einer theatralischen Geste auf die Knie. „Ein Wunder ist geschehen! Der Christenhund wird die Insel anlaufen, und wenn wir sie haben, können wir auch das Gold holen, dann haben wir es uns ehrlich verdient.“

Dann geriet Bewegung in die Gestalten, als der Kapitän losrannte.

„Vergeßt das Aufriggen!“ rief er über die Schulter zurück. „Versteckt die Masten oder bringt sie schnell an Bord. Dann bewaffnet euch und begebt euch in die Kammern. Unser Schiff sieht gerade richtig aus, und die Hunde werden denken, es sei seit langem verlassen. Jeder geht sofort auf seinen Posten, niemand darf sich mehr an Deck sehen lassen!“

Wie die Wilden pullten sie an Bord zurück, denn, nun begann ein Spiel, wie sie es immer getrieben hatten.

Das Beiboot wurde an Bord genommen. Der Sarazene ließ seine Männer bewaffnen und in die geheimen Verstecke kriechen.

So hatte es beim letzten Mal auch geklappt.

In den unsichtbaren Kammern und Hohlräumen des Schiffes verbargen sie sich schwerbewaffnet und warteten ab.

Auch diesen Giaur würde die Neugier packen, wenn sie das vermeintlich verlassene oder wracke Schiff sahen, und da jeder glaubte, bei dem anderen immer etwas requirieren zu können, würde die menschliche Natur siegen, und die Kerle würden nachsehen, was es da vielleicht zu holen gab.

Sie standen dann überall vor leeren Räumen, und das Schiff erweckte den Eindruck, als sei es tatsächlich verlassen worden.

Waren genug Fremde an Bord, dann flogen überall die Geheimtüren auf, und mehr als siebzig Mann stürzten sich brüllend und säbelschwingend auf die Überrumpelten.

Der Sarazene rieb sich die Hände und war zufrieden. Aber die Sache hatte noch einen kleinen Haken.

Es war nicht absolut sicher, ob die Ungläubigen das Schiff auch wirklich sahen. Es konnte sein, daß sie in großem Abstand an der Insel vorbeisegelten.

Aber er verließ sich auf sein Glück. Wenn man einmal Pech gehabt hatte, dann hatte man beim nächsten Mal eben wieder Glück. Das war seine Devise, und nach der lebte er.

Als letzter kroch er in das Versteck, nachdem er kontrolliert hatte, ob auch alles unauffällig aussah.

Niemand würde die Falle bemerken. Die Wände in der Kapitänskammer waren mit Arabesken und Ornamenten verziert, und es sah wirklich nicht so aus, als würden sie sich plötzlich öffnen. Bisher hatte niemand die doppelten Böden, Schotts und Wände bemerkt.

Die Falle war aufgebaut. Jetzt brauchten die Giaurs nur noch die Schebekke zu bemerken, dann lief alles wie von selbst.

Der Sarazene grinste erfreut, als er hinter der Wand verschwand und unsichtbar wurde.

Seit einer halben Stunde schon war die Insel gesichtet worden, die jetzt zwei Strich an Steuerbord lag.

Auf der Kuhl waren Ferris Tucker, Al Conroy und der blonde Schwede Stenmark damit beschäftigt, den chinesischen Brandsatz kunstvoll zu zerlegen, um ihn nachbauen zu können. Ob das Experiment gelang, war fraglich, denn die Zutaten zu diesem merkwürdigen Schießpulver waren nur teilweise bekannt.

Zunächst sahen sie sich enttäuscht an, denn beim Aufwickeln erschien Papier, das mit Leim fest verklebt war.

Der Kutscher gesellte sich zu der Gruppe, denn von der Alchimie verstand er auch ein wenig, wie er bescheiden bemerkte.

Ein Pfropfen in dem geklebten Papier löste sich und kullerte über die Planken. Als Ferris Tucker ihn vorsichtig aus dem Papier schälte, hielt er winzige schwarze und gelbe Kugeln in den Händen.

„Kohle und Schwefel“, sagte Al Conroy, der Waffen- und Stückmeister der „Isabella“ fachmännisch.

„Salpeter und Schießpulver gehören ebenfalls dazu“, bemerkte der Kutscher, „und weil das Zeug so leuchtet, hat man ganz sicher auch Phosphor verwendet. Das könnten die winzigen Kugeln sein, und damit haben wir auch eine Erklärung, warum das Zeug nicht zu löschen ist und immer weiter brennt, auch wenn man Wasser in rauhen Mengen darüber gießt.“

„Es handelt sich nur um die Zusammensetzung“, sagte Al Conroy. „Das ist das Geheimnis, aus wie vielen Teilen diese Masse zusammengesetzt ist. Aber mit guter Ausdauer werden wir auch das herausfinden und vielleicht eigene Brandsätze entwickeln. Leider haben wir weder Salpeter noch Phosphor an Bord, aber das können wir uns an Land in irgendwelchen Hexenküchen sicher besorgen.“

In einem Messingbecken wurde die Brandprobe unternommen und ein paar der winzigen Kugeln angezündet.

Sie brannten mit der typischen Rauchentwicklung leicht bläulichgrün, und als Ferris etwas Wasser aus der Pütz dazugoß, zischte das Zeug nur, stieg nach oben und brannte auf dem Wasser weiter.

„Weißt du, was mir vorschwebt, Al“, sagte Ferris. „Einen Brandsatz zu bauen, der zehn- oder zwanzigmal so stark ist wie die chinesische Ausführung. Das müßte doch gehen, man muß eben nur die Mengen vergrößern.“

Al Conroy hob die Schultern.

„Ich weiß nicht, ob es da nicht irgendwo eine Grenze gibt“, sagte er. „Kann sein, daß so ein Ding durch sein Gewicht gar nicht fliegen und an Deck des eigenen Schiffes krepiert. Das können wir nur an Land herausfinden. Aber wir werden weiter experimentieren. Ich glaube, wir kriegen das noch raus.“

„Man könnte damit Feuersperren im Wasser legen“, meinte Ferris nachdenklich. „Wenn man beispielsweise von einem ganzen Pulk von Schiffen angegriffen oder verfolgt wird.“

Immer wieder war es der rothaarige Schiffszimmermann, der tüftelte und sich etwas Neues einfallen ließ. Eines Tages, das wußte Al Conroy, verfügten sie über die Teufelsdinger – dank Ferris’ ständiger Grübelei und Experimente.

Das Zeug wurde von Bill und Al Conroy sorgfältig wieder eingepackt und in die Pulverkammer gebracht. Die Anregung dazu war gegeben, und damit die Idee geboren.

Aber jetzt ging es auf die Stationen, denn die „Isabella“ hatte sich der Insel rasch genähert und segelte an der Nordseite dicht unter Land.

Der Mast war mit zwei Ausgucks besetzt. In einem stand der riesenhafte Gambianeger Batuti, im anderen Ausguck befand sich der schwarzhaarige und verwegen aussehende Blacky.

Sie hielten Ausschau nach kleinen Flüssen oder Bächen, die vom Landesinnern her ins Meer strömten.

Die Küste war teils felsig, von vielen Buchten eingeschnitten, teils aber auch wellig und fast eben. Zwischen den Felsenformationen befanden sich geradezu ideale Buchten. Etwas weiter im Land gab es Wälder mit Schirmpinien, wilde Olivenhaine und Ölbäume. Der Winter kam spät zu dieser Insel, denn das Klima war angenehm mild.

Mehr als eine Stunde lang segelte die „Isabella“ an der Nordküste entlang, und auf Carberrys fragenden Blick antworteten die beiden Ausgucks lediglich mit einem bedauernden Kopfschütteln.

„Hier muß es doch Wasser geben!“ rief Ed dem Gambianeger zu. „Woher stammt sonst das viele Grün?“

„Vielleicht von viel Regen“, meinte Batuti und hielt weiter Ausschau, aber voraus wuchteten jetzt Felsen aus dem Wasser, und ein Teil der Landschaft entzog sich ihren Blikken.

Dann ertönte doch noch der erlösende Ruf von oben.

„Ein See, aus dem ein Bach ins Meer mündet!“ meldete Blacky.

„Halbe Meile voraus“, bekräftigte Batuti. „Aber nur kleines Wasser, ganz schmal.“

„Na, für uns wird’s wohl reichen“, sagte Carberry grinsend. „Einer von euch kann wieder abentern!“

Batuti blieb freiwillig oben, dafür stand etwas später Blacky auf den Planken der Kuhl.

„Der See liegt weit im Landesinnern“, meldete er. „Dort scheint auch eine alte oder zerstörte Stadt zu liegen. Säulen stehen da inmitten eingestürzter Häuser. Vielleicht hat da mal ein Erdbeben stattgefunden, oder die Stadt ist uralt. Der Bach läuft direkt in eine Bucht, in der wir ankern können.“

„Na fein“, sagte Ed. „Sonst scheint auf der Insel ja nicht viel los zu sein. Vielleicht können wir uns die Ruinen später mal ansehen. Der Kutscher hat gesagt, hier gäbe es berühmte historische Stätten.“

„Was der Kutscher nicht alles weiß“, staunte Blacky. „Der ist so eine Art Weisheitsbuch auf Beinen.“

Die Fahrt der „Isabella“ ging rapide zurück, als ein paar Segel aufgegeit wurden. Der Profos übersah sogar großzügig eine Windbeule im Gei, denn lange würden sie hier ja nicht bleiben, so glaubte er wenigstens.

Fässer und Tragegestelle lagen bereit. Die großen Fässer, die sich in der Piek befanden und nicht transportiert werden konnten, hatte Ferris Tucker wieder repariert.

Hasard gab dem Rudergänger Pete Ballie ein Zeichen.

„Hart Steuerbord, Pete. Dort vorn, gleich hinter der Felsengruppe, gehen wir vor Anker.“

Smoky sang unterdessen die Tiefe aus. Unter dem Kiel hatte die „Isabella“ mehr als zwölf Faden Wasser fast gleichbleibend, und auch als sie näher heransegelten, änderte sich die Wassertiefe nur ganz unmerklich und blieb bei elf Faden konstant.

„Fallen Anker!“

Der Anker klatschte ins Wasser, Trosse wurde nachgesteckt, der Bug schwang leicht herum, und etwas später lag die „Isabella“ fast bewegungslos in der Bucht.

Die Bucht war wie eine kleine Festung, links und rechts von Felsen umgeben. Ein kleines Stück Strand zog sich längs den Felsen dahin. Zwischen dem Gestein wuchsen verkrüppelte Pinien, die der Wind hart gebeutelt hatte. Von See her brachen sich Wellen klatschend an einem großen Felsen.

Der Bach lief aus der Felsengruppe gluckernd über vorspringendes Gestein ins Meer und hatte sich seinen Weg durch den Strand gebahnt.

Zum Wasserfassen war die Stelle ideal, denn sie ersparte lange Umwege und schwere Schlepperei. Man konnte die Fässer auf den Stein stellen und in aller Ruhe abwarten, bis sie voll waren und in die großen an Bord umgeschüttet wurden.

Das Beiboot war abgefiert worden, und die Fässer mit den Tragegestellen wurden ins Boot gereicht.

Fast alle wollten sich mal die Beine vertreten und drängten sich schon am Schanzkleid zum Abentern. Ganz besonders der Kutscher wollte, wie er sagte, historischen Boden betreten, einmal die Felsen erklettern und einen Rundblick über die Trümmer riskieren.

„Es genügt, wenn drei, vier Mann an Bord bleiben“, sagte Hasard. „Hier gibt es ja nun wirklich nicht viel zu sehen, und wir werden hier auch nicht lange bleiben.“

„Und die Ruinen, Sir?“ fragte der Kutscher. „Ich wollte ganz gern mal dort hinauf, denn diese Insel hat eine sehr bedeutungsvolle und glorreiche Vergangenheit. Sie ist in Büchern beschrieben …“

„… aus denen dir Doc Freemont immer vorgelesen hat“, sagte Hasard lächelnd.

„Ich habe sie mir heimlich ausgeliehen, Sir“, sagte der Kutscher verschämt. „Wenn der Doc nicht da war natürlich.“

„Na gut, sieh dir alles an. Wir könnten uns auch die Zeit nehmen und den Ruinen einen Besuch abstatten, wenn du so versessen darauf bist.“

Der Seewolf warf dem Kutscher einen Seitenblick zu und staunte wieder einmal mehr über diesen Mann. Obwohl er ihn nun schon so lange kannte, wartete der Kutscher immer wieder mit Neuigkeiten auf und verstand etwas von Sachen, von denen die meisten anderen noch nie etwas gehört hatten.

Das Boot legte ab, besetzt mit Hasard, dem Kutscher, den Zwillingen, Carberry, Ferris Tucker, Gary Andrews, Big Shane und Matt Davies. Ein paar andere wollten gleich folgen.

Der Hitzkopf Luke Morgan blieb freiwillig zurück, denn seine Verletzungen waren noch nicht auskuriert, und er konnte sich nur sehr umständlich bewegen.

Am Strand wurden die Wasserfässer ausgeladen, und das Boot fuhr wieder zurück, um weitere Seewölfe zu holen.

Die ersten Wasserfässer wurden unter Gebrüll und Gejohle unter das plätschernde Rinnsal gestellt. Das Wasser spritzte nach allen Seiten, aber das empfanden sie alle nur als angenehm, und so ließen sie sich berieseln und warteten darauf, daß das erste Faß voll wurde.

Da schreckte sie die laute Stimme des Kutschers auf. Fassungslos brüllte er: „Seht mal da drüben! Dort, an dem Felsen!“

5.

Schlagartig wurde es still. Die Blicke der Seewölfe wandten sich den Felsen zu. Die weiteren Worte blieben ihnen im Halse stecken, denn an der Felswand prangte ein merkwürdiges Gebilde.

Hasard und Gary Andrews waren die ersten, die davorstanden. Der Seewolf streckte die Hand aus und zeigte auf das befremdlich wirkende Bild.

Ein großer Kreis war von einem unbekannten Künstler in den Fels geschlagen worden, und in diesem Kreis war eine Figur zu sehen, die auf die fassungslosen Männer schokkierend wirkte. Diese Figur war abstoßend und anziehend zugleich, und das Bildnis ergab scheinbar keinen Sinn.

Es stellte einen menschlichen Körper dar, aber auf den Schultern befand sich der Kopf eines Stieres mit Hörnern. Das Stierfell bedeckte einen Teil des Rückens und ging in einen langen Kuhschwanz über. Die Gestalt stand geduckt da, als wolle sie die Betrachter mit dem fürchterlichen Schädel aufspießen oder rammen.

Die meisten sahen fast angewidert auf das Bildnis, bis auf den Kutscher, der es andächtig anblickte.

„So was Blödes“, sagte Matt Davies. „Wo hat die Welt denn schon einen Kerl mit einem Ochsenschädel gesehen? Oder einen Ochsenkopf mit einem Menschenkörper. Der Bildhauer war wohl volltrunken.“

„Vielleicht hat er sich den Schädel nur aufgesetzt, um damit andere zu erschrecken wie die Medizinmänner“, meinte Gary Andrews.

Der Kutscher wandte sich kopfschüttelnd um und zeigte sich indigniert.

„Wenn man euch so hört“, sagte er, „dann muß man sich in Grund und Boden schämen. Volltrunkener Bildhauer, Ochsenschädel. Ihr Kulturbanausen zieht immer alles ins Lächerliche. Dieses Werk hier stellt Asterios dar, den man auch Minotaurus nennt. Das geht auf eine uralte Mythologie zurück, und gerade deshalb ist diese Insel so interessant und voller Geheimnisse. Hier trifft man bei jedem Schritt auf Relikte, die schon ein paar tausend Jahre alt sind.“

„Du kennst die Geschichte der Insel, Kutscher?“ fragte der Seewolf gespannt. „Hast du das alles aus Doc Freemonts Büchern?“

„Ich kenne den größten Teil der Legende“, schränkte der Kutscher ein, „aber er ist sehr interessant. Ihr müßt das Bild mit anderen Augen sehen und es nicht als scheußlich empfinden.“

„Erzähl schon!“ rief der Profos. „Aber tisch uns bloß keine Ammenmärchen auf!“

„Ich kann nur das sagen, was ich darüber gelesen habe. Ob das stimmt oder nicht, ist eine andere Sache. Die alten Legenden berichten es jedenfalls so.“

Auch Hasard ermunterte den Kutscher zum Erzählen, und erst da bequemte sich der schmalbrüstige Mann dazu.

„Die Insel Kreta ist von Legenden umwoben wie von einem Gespinst“, sagte er. „Es heißt, Kreta sei einst unter dem König Minos eine große Seemacht gewesen. Es galt früher aber auch als zurückgebliebenes Land, in dem dorische Landbesitzer ihre Pächter piesackten. Die Insel war außerdem ein Schlupfwinkel für Piraten. Auch Söldner wurden hier ausgebildet, die sich aufs Bogenschießen verstanden.“

„Und wer war der König Minos?“ fragte Ferris Tucker.

„Der Sage nach der Sohn des Göttervaters Zeus und der Europa. König Minos erhielt von dem göttlichen Schmied Hephaistos einen eisernen Roboter, der Talos hieß, und der die Aufgabe hatte, alle Fremden von der Insel fernzuhalten. Das tat er auch, indem er mit riesigen Steinen nach ihnen warf.“

„Und was hat das mit dem Stier zu tun?“ fragte Hasard.

Der Kutscher mußte ein wenig in seiner Erinnerung kramen und überlegte, aber er fand sich schnell zurecht, denn nach den Erzählungen hatte ihn die Insel stark interessiert, und so hatte er auch kaum etwas vergessen.

„Der Stier? Um den bat König Minos den Meeresgott Poseidon und versprach auch, den Stier dem Meeresgott zu opfern. Doch der König behielt den Stier und opferte an seiner Stelle einen anderen. Daraufhin nahm Poseidon Rache und zwang die Frau des Königs, Pasiphae hieß sie, glaube ich, sich in den Stier zu verlieben.“

Irgendwo aus den Reihen klang Gelächter auf, und es hörte sich wie Gemekker an.

Der Kutscher bedachte die Lacher mit einem eisigen Blick, und der bewirkte, daß das Gelächter augenblicklich verstummte.

„Weiter“, sagte Hasard. „Laß dich durch den Unverstand einiger Holzköpfe nicht stören.“

„Nun, die Königin verliebte sich und überredete den attischen Flüchtling Dädalus, eine Verabredung mit dem Stier zu treffen. Dädalus verwandelte sie daraufhin in eine Kuh. Der Meeresgott Poseidon veranlaßte dann den Stier, so wild zu werden, daß König Minos sich an Herakles wenden mußte, um ihn von diesem wilden Tier zu befreien.“

Der Kutscher sah sich wieder um, aber niemand grinste. Natürlich klang die Geschichte höchst unwahrscheinlich, so dachten die meisten, aber sie waren jetzt auch auf das Ende der Erzählung gespannt und ermunterten den Kutscher, weiterzuerzählen.

„Pasiphae, die Frau des Königs, gebar dann ein Wesen mit einem Menschenkörper und einem Stierkopf. Das ist Asterios, auch Minotaurus genannt, den ihr hier abgebildet seht. Minos verbannte ihn voller Empörung in das Labyrinth, das Dädalus gebaut hatte, und aus dem der Minotaurus nicht entweichen konnte. Eigentlich ist das die ganze Geschichte, soweit sie das Bild hier betrifft. Später dann führte Minos Krieg gegen die Griechen, weil die einen seiner Söhne getötet hatten. Beim Friedensschluß stellte er die Bedingung, daß ihm jedes Jahr sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge übergeben würden, die er dem Minotaurus opfern wollte.“

„Und das hat er getan?“ fragte Big Old Shane gespannt.

„Anfangs ja, dann erschien Theseus, der mit Hilfe von Minos Tochter Ariadne den Minotaurus tötete. Mehr weiß ich nicht darüber, aber von dieser Insel aus hat auch Ikarus seinen berühmten Flug unternommen. Jetzt seht ihr das vielleicht ein bißchen anders“, sagte der Kutscher.

„Mann, Kutscher, du hast ja die Weisheit mit Löffeln gefressen!“ rief Matt Davies staunend. „Meinst du, an der Geschichte sei auch ein Körnchen Wahrheit dran?“

„Das weiß ich nicht. Früher gab es oft solche Wunderdinge, und ein kleiner Teil wird schon stimmen.“

Die Männer drängten sich jetzt um das Bildnis und betrachteten es tatsächlich mit anderen Augen, seit sie die Geschichte kannten.

Bei einigen erwachte auch die Neugier, und sie wollten mehr über die seltsamen Geschichten wissen. So war der Kutscher wieder einmal der Mittelpunkt, und als sie nicht mehr über ihn lachten, erzählte er auch alles, was er wußte.

Inzwischen waren die ersten Fässer an Bord gebracht worden. Die anderen Seewölfe erschienen ebenfalls und sahen sich das Bild an. Dazu gab der Kutscher für die, die es noch nicht wußten, noch einmal kurze Erklärungen.

„Von Herakles habe ich schon mal gehört“, sagte Dan O’Flynn. „Aber das mit dem Stier wußte ich nicht. Ist das nicht der Gott, der sich auch Herkules nennt?“

„Ein Halbgott“, verbesserte der Kutscher, „ein Sohn des Zeus und der Alkmene, dem von Eurystheus zwölf schwierige Aufgaben auferlegt wurden. Eine davon war die Zähmung des kretischen Stieres.“

„Und das hat der geschafft?“ fragte Bob Grey staunend.

„Der Sage nach ja. Er hat noch viel schwierigere Probleme gelöst. Zum Beispiel die Tötung der neunköpfigen Hydra, Tötung eines Löwen, Einfangen eines wilden Ebers, das Fangen einer windschnellen Hirschkuh, die Vertreibung der menschenfressenden Vögel. Auch den Höllenhund Zerberus hat er aus der Unterwelt heraufgebracht.“

Eine Weile herrschte Schweigen, denn den Männern imponierte des Kutschers enormes Wissen. Nur als Carberry den Mund auftat, wurde das Gesicht des Kutschers grämlich, und er kriegte fast Zahnschmerzen.

„Da seht ihr Rübenschweine einmal was ein einzelner Kerl leistet“, sagte Ed. „Der holt einen Hund aus der Hölle, und ihr Kanalratten bringt zu zweit nicht einmal ein Segel nach oben. Der schlägt einem neunköpfigen Eber den Schädel ab und fängt einen windschnellen Löwen. An dem könnt ihr euch ein Beispiel nehmen, ihr triefäugigen Kakerlaken. So einen Kerl hier an Bord, und wir wären die unumschränkten Herrscher aller Meere.“

„Ein Glück nur, daß du kein Historiker bist“, sagte der Kutscher erleichtert. „Dann käme ja keiner mehr mit der Geschichte klar.“

Dan konnte sich einen Seitenhieb ebenfalls nicht verkneifen.

„Du hast noch etwas vergessen, Kutscher“, meinte er, „nämlich eine Sache, die Ed immer für sich in Anspruch nimmt, die aber auf Herkules zurückgeht.“

„Und das wäre?“

„Der hat mal einem zwanzigbeinigen Gorilla die Haut in Streifen von seinem Affenarsch gezogen, und Ed hat das bisher noch nicht mal bei Arwenack geschafft.“

Carberrys mächtige Pranke schoß schon vor, um Dan beim Genick zu pakken, aber Dan O’Flynn tauchte noch rechtzeitig weg und grinste den Profos herausfordernd an.

Wieder brandete Gelächter auf, als Hasard sich umdrehte.

„Vergeßt die Fässer nicht“, sagte er. „Deshalb sind wir ja wohl hauptsächlich hier.“

Dann wandte er sich an den Kutscher.

„Wir steigen dort hinauf“, sagte er. „Dan, Ferris, Ed, ihr könnt euch da ebenfalls umsehen, wenn ihr wollt.“

Das ließen sich die Männer nicht zweimal sagen.

Links von dem Felsen, wo sich das Bildnis des Minotaurus befand, konnte man gut klettern. Als Orientierungspunkt wählte der Seewolf einen großen Stein, mehr einen länglich geformten Felsblock, der so auf der Kante lag, daß er bei einer leichten Berührung abstürzen konnte. Der Felsblock befand sich merkwürdigerweise genau über dem Felsenbild, und Hasard hatte das Gefühl, als liege er nicht nur zufällig dort.

Als sie oben waren, fiel es auch Dan O’Flynn auf. Er bückte sich, um den Stein genauer zu betrachten. Er lag nur an einem einzigen Punkt auf und ähnelte einer Wippe, die sich nach zwei Seiten bewegen ließ.

Zunächst aber sahen sie sich um.

Hinter den Felsen ging es in welliges, hügeliges Land. Um einen See gruppiert standen Pinien, ein weiter Hain wilder Olivenbäume breitete sich aus. Etwas weiter links waren tatsächlich Säulen zu sehen, Relikte aus einer fernen Vergangenheit, und zwischen ihnen befand sich, aus Steinen nachgebildet, ein mächtiges Stierhorn.

„Das ist eine der alten, längst untergegangenen Städte“, sagte der Kutscher andächtig. „Aber da gibt es leider nicht mehr viel zu sehen. Das meiste dürfte unter Sand und Schutt begraben sein.“

Der Blick ging weiter auf See, dorthin, wo die Felsen ihn erneut begrenzten. Wollten sie einen besseren Ausblick genießen, mußten sie noch höher steigen.

Carberry stellte seinen rechten Fuß auf den Felsklotz. Es sah so aus, als würde sich der Stein bewegen lassen. Aber der Seewolf warnte ihn sofort.

„Vorsichtig, Ed! Wenn der Block in Bewegung gerät, fällt er mitten zwischen unsere Leute. Ein kleiner Stoß genügt.“

„Der fällt nicht“, behauptete Ed. „Das Unterteil des Felsens ist tief in den Boden gewachsen. Den kriegen zwanzig Männer nicht von der Stelle.“

„Ein merkwürdiger Stein“, sagte auch Ferris Tucker und ließ sich auf die Knie nieder. „Unten ist er so glatt, als habe man ihn künstlich abgeschliffen. Vielleicht wollte der unbekannte Bildhauer hier eine weitere Statue schaffen.“

„Ein Stierhorn etwa“, meinte der Kutscher. „Das könnten jedenfalls die Anfänge gewesen sein.“

„So dicht am Abgrund?“ fragte Hasard skeptisch. „Das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich.“

„Die Natur hat ihn jedenfalls nicht geschaffen“, behauptete Ferris Tukker hartnäckig. „Nicht in dieser Form! Ich sage euch, daß hier ein Zusammenhang besteht, und zwar zwischen dem Bild unter uns und diesem Stein.“

Jetzt war die allgemeine Neugier geweckt. Die Köpfe streckten sich dem Boden entgegen und betrachteten die Fortsetzung des Felsblocks, die wie glatt-geschliffen in den Untergrund weiterführte. Ganz fein gemahlener Sand war in der rillenförmigen Vertiefung zu erkennen.

Ferris Tucker schob den holzigen Strauch etwas zur Seite, der den Stein von einer Seite umgab, aber die Zweige schnellten sofort wieder zurück und schlugen ihm ins Gesicht.

Der Profos war es, der das Geheimnis schließlich durch einen entschlossenen Kraftakt löste.

Er drückte seitlich gegen den Felsen, aber so, daß er bei aller Kraft nicht hinunterstürzen konnte.

Der Stein bewegte sich. Unter ihm war ein Knarren zu hören, wie wenn Stein auf Stein rieb.

„He, ihr da unten!“ brüllte Ed. „Geht mal zur Seite, damit wirklich nichts passiert.“

„Oho, der Profos spielt den Herakles“, sagte Matt Davies. „Paßt auf, der wirft jetzt mit Felsen aufs Meer hinaus.“

Vorsichtshalber entfernten sie sich so weit, daß der Felsen keinen Schaden anrichten konnte, denn von unten sah die Lage doch bedrohlicher aus als von oben.

Carberry griff noch einmal zu, und er war überrascht, daß der Felsen, wenn man ihn von einer Seite schob, sich mühelos bewegen ließ und um eine unsichtbare Achse drehte.

Jetzt hatte er seinen Schwerpunkt so verlagert, daß seine eine Hälfte weit über dem Abgrund hing.

Hasard sah den Profos an, Carberry blickte verdutzt zurück, während Ferris Tucker und Dan sprachlos dastanden.

„Wozu soll das wohl gut sein?“ fragte der Kutscher. Sie sollten es gleich erfahren.

Von unten drang ein überraschter Aufschrei herauf.

„Der Minotaurus hat sich gedreht!“

Fassungslos blickten die Seewölfe auf den Stiermenschen, der jetzt sein Geheimnis preisgab.

Das Bildnis hatte sich halb zur Seite geschoben. Dahinter befand sich eine kleine dunkle Höhle im Felsgestein.

6.

Hasard kletterte schon hinunter, dicht gefolgt von den anderen, denen der Abstieg gar nicht schnell genug ging.

Als er unten ankam, sah er immer noch in fassungslose und staunende Gesichter.

Die Fässer mit dem Trinkwasser waren vergessen. Das Wasser plätscherte über die Fässer, und niemand kümmerte sich darum.

Alle blickten auf die Felswand, die sich geöffnet hatte.

„Ein Piratenversteck“, sagte Jeff Bowie und fuhr sich aufgeregt mit seiner Hakenprothese über sein stoppelbärtiges Kinn.

„Oder Höhle von Stiergott“, sagte Batuti, der wild mit den Augen rollte. „Vielleicht werden alte Legenden jetzt wieder wach. Und dann rennen wilder Stiergott heraus.“

Hasard ging ein Stück durch das Wasser, zog sich an dem Felsen hoch und warf einen Blick in die dahinterliegende Höhle.

Er hatte einen langen Gang erwartet, der weiter in die Felsen führte, doch es gab keinen Gang. Der Raum hinter dem Minotaurus war nur so groß, daß ein einzelner Mann zusammengekauert darin hocken konnte. Dahinter war die Felswand glatt und eben, und es sah auch nicht so aus, als gäbe es ein weiteres geheimes Versteck.

Aber das, was in dem Versteck lag, erstaunte ihn doch. Da lagen ein Dutzend Goldstücke, fünf große zartschimmernde Perlen und zwei Händevoll silberner Piaster.

„Ein kleiner Schatz, den jemand versteckt hat“, sagte Dan, der nun ebenfalls in die Höhlung blickte.

Hasard griff nach den Silberstükken und ließ sie klimpern.

„Ehrlich erworben ist das nicht“, sagte er, „sonst würde man sich nicht der Mühe unterziehen und es verstecken. Für die meisten stellt es ein mittleres Vermögen dar.“

Mittlerweile drängten sich auch die anderen um das Stierbild und versuchten, einen Blick zu erhaschen.

Der Seewolf griff noch weiter hinein und fand einen zusammengerollten kleinen Papyrusbogen, den er vorsichtig herauszog. Im Tageslicht entfaltete er ihn, aber auf dem Papyrus standen nur ein paar Schriftzeichen, die vermutlich eine Nachricht enthielten.

Er zeigte sie seinen aufgeregten Söhnen, die sich mit den Ellenbogen ihren Weg durch die Seewölfe erkämpft hatten.

„Könnt ihr das entziffern, oder kennt ihr eins dieser Zeichen?“ fragte Hasard.

Die beiden starrten die Zeichen an, drehten sich um, hielten sie gegen das Licht und schüttelten dann bedauernd die Köpfe.

„Nein, ich kann es nicht lesen“, sagte Hasard junior.

„Nein, keine Ahnung, das kann vielleicht syrisch sein, ich weiß es jedenfalls nicht. Aber du solltest die Rolle gut aufheben, Sir. Man kann ja nie wissen …“ setzte er altklug hinzu.

Hasard gab die Rolle an Ferris Tucker weiter, der sie in sein Hemd steckte.

„Was geschieht mit dem Zeug?“ fragte der Profos. „Wir sollten es an uns nehmen und zu den übrigen Schätzen tun, die wir später in England wieder abliefern werden.“

„Also, ehrlich erworben ist das nicht, Sir“, schaltete sich Dan ein. „Da hast du ganz recht. Das hat hier jemand versteckt, der ein schlechtes Gewissen hatte und vielleicht schon lange tot ist, zu Staub geworden und verweht. Der nächste, der das Geheimnis entdeckt, nimmt das Gold, und das andere Beiwerk ohnehin an sich. Warum sollen wir es nicht nehmen?“

„Ja, warum eigentlich nicht? Bedenken habe ich keine, denn wir sind die rechtmäßigen Finder. Oder ist jemand dafür, daß wir das Zeug hier in der Höhle lassen?“

„Das wäre Verschwendung, Sir!“ rief Big Old Shane. „England braucht jeden Silberling.“

„Möglich, daß es sich der nächste Don holt, der die Insel ansegelt“, sagte Matt Davies. „Dann kriegt es Old Philipp.“

Keiner wußte, woher dieser kleine Schatz stammte, für wen er bestimmt war, oder wer ihn erbeutet hatte. Einem guten Zweck diente das alles nicht, und so hatte Hasard auch keinerlei Bedenken, das Zeug abzuräumen.

Die Piaster allein waren schon ein beträchtliches Vermögen, dann die Goldstücke mit einer Prägung, die den Seewölfen ebenfalls nicht geläufig war, und von den Perlen ganz zu schweigen.

Hasard ließ alles ins Boot bringen und warf noch einen letzten Blick hinter den Minotaurus.

Dann sah er zu dem Felsen hoch und sagte zu Ferris Tucker: „Sieh dir das mal an, Ferris! Eine simple, geradezu verblüffend einfache Konstruktion, aber sie hat verdammt viel Arbeit bereitet.“

Die Konstruktion ließ sich nicht so genau erkennen, weil das Tageslicht nicht voll in die Höhle fiel. Aber ein Blick darauf erklärte eigentlich alles.

„Oben hat man vermutlich eine Eisenstange durch den Fels getrieben“, sagte Ferris, der solche Konstruktionen immer schnell begriff und durchschaute. „Dann hat man Löcher in den Stein gebohrt und sie mit Bolzen untereinander verbunden. Der letzte Bolzen berührt das Bildnis und ist ebenfalls mit ihm verbunden. Wenn man jetzt da oben den Stein zur anderen Seite dreht, ziehen die Bolzen das Bildwerk wieder in den Felsen zurück. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert unsere Ruderanlage.“

„Richtig. Und beim Öffnen wird der Vorgang umgekehrt, und der Bolzen stößt den Minotaurus nach außen.“

Der Kutscher stand sinnend davor, und betrachtete das Bild.

„Das Bild scheint uralt zu sein, aber die Konstruktion besteht ganz sicher nicht so lange. Das ist ein richtiges Versteck, das vermutlich doch Piraten angelegt haben.“

„Woraus schließt du das?“

„Es gibt ganz einfach keinen Sinn, daß sich das Bild halb um die Achse dreht und eine kleine Grotte freigibt. Natürlich kann ich mich da auch täuschen, Sir.“

„Möglich, daß es doch uralt ist“, widersprach Hasard. „Und die Grotte hinter dem Asterios diente als eine Art Altar, um Opfer für die Gottheit darzubringen.“

„Das ist natürlich auch gut möglich“, räumte der Kutscher ein. „Ich möchte noch einmal dort hinaufsteigen, Sir. Darf ich?“

„Selbstverständlich“, sagte Hasard.

„Ich begleite den Kutscher!“ rief Dan. „Mich interessieren die alten Säulen auch.“

Hasard erlaubte auch das, und so stiegen Dan und der Kutscher wieder in die Felsen, während die anderen sich weiter um das Trinkwasser kümmerten oder den Minotaurus anstarrten.

Smoky nahm ein paar Steine und legte sie hinter die Öffnung. Dabei grinste er über das ganze Gesicht.

„Die Burschen werden staunen, wenn sie statt Gold nur Steine vorfinden“, sagte er. „Ganz sicher nehmen sie an, der Stiermensch habe sie betrogen und das Gold in Steine verwandelt.“

„Falls sich überhaupt jemand darum kümmert“, meinte Gary Andrews. „Aber wenn, dann gibt das sicher ein Späßchen.“

Was dieses Späßchen später allerdings für den räuberischen Sarazenen für Folgen haben sollte, das konnte sich keiner der Seewölfe ausmalen, denn sie kannten die Geschichte nicht.

Als Dan und der Kutscher auf der Höhe des Steins waren, hob der Seewolf die Hand.

„Dreht ihn wieder vorsichtig um“, sagte er, „damit die Grotte unsichtbar wird.“

„Aye, aye, Sir.“

Den großen Stein konnte ein Mann bequem allein drehen, wenn man den Punkt kannte, an dem man ansetzen mußte. Fast spielerisch schob sich das halbtonnenschwere Ungetüm herum.

Weiter unten knirschte es leise, dann schwang das Bildnis langsam herum und glitt in seine ursprüngliche Lage zurück. Niemand sah ihm jetzt das verborgene Geheimnis an.

In der rauhen Felswand befand sich das Bild eines Menschen mit aufgesetztem Stierkopf, weiter war nichts zu sehen.

„Gehen wir da vorn am Wasser entlang“, sagte der Kutscher. „Wenn wir ein paar hundert Yards gelaufen sind, können wir die Ruinen besser erkennen und kehren wieder um.“

„Wir können uns ruhig Zeit lassen, Kutscher, und in der Zwischenzeit kannst du mir noch mehr von den alten Sagen erzählen. Mich interessiert die Geschichte wirklich.“

Der Kutscher seufzte.

„Mit dir kann man reden, Dan“, sagte er ehrlich, „du bist aufgeschlossener als die meisten anderen. Die haben einfach keine Ader dafür. Unser Profos ist in der Beziehung ein richtiger Klotzkopf, und mitunter bin ich mir nicht sicher, ob er seine Worte ernst meint, oder ob er sich nur verstellt und mich verschaukeln will.“

„Wenn er etwas nicht weiß, besteht seine Verlegenheit darin, es ins Lächerliche zu ziehen“, meinte Dan. „Vorsicht, Kutscher, geh nicht so dicht an die Klippen heran, da gibt es loses Gestein.“

Links vor ihnen wuchsen die Felsen hoch auf, ähnlich wie an der Südküste Englands, und zwischen den Felsen gab es viele natürlich entstandene Buchten, aber auch tückische Untiefen.

Der Kutscher wies nach einer Weile zur rechten Seite hinüber.

Noch weiter im Landesinnern standen Überreste dorischer Säulen, von charakteristisch gedrungenen Proportionen ohne Basis. Die Schäfte der Säulen mündeten mit flachen Kannelüren direkt in den dicken Platten. Ein paar steinerne Quader lagen noch auf den Säulen, den Rest hatte die Zeit zerstört. Im Umfeld der Säulen war alles mit Trümmerbrocken übersät, und über vielen wuchsen schon Sträucher und Bäume.

Noch etwas weiter zurückversetzt sah man das minotische Zeichen. Die Hörner des Stieres, die übergangslos aus den Trümmern wuchsen.

„Das habe ich in den Büchern Doc Freemonts als Zeichnung gefunden“, sagte der Kutscher andächtig. „Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man dann wirklich und wahrhaftig davorsteht.“

„Du hast schon viel gelesen, Kutscher, nicht wahr?“

„Ja, das kann ich behaupten, und ich würde dir auch empfehlen, alles an Wissen in dich hineinzustopfen. Mitunter kann man darauf zurückgreifen und es gebrauchen.“

Dan sann eine Weile darüber nach, dann nickte er. Sein Blick fiel nachdenklich durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Felsen, und er konnte bis aufs Wasser sehen.

Wie angenagelt blieb er stehen.

„Was ist?“ fragte der Kutscher und blieb auch stehen. „Hast du einen Geist gesehen?“

Dan O’Flynn legte den Finger an die Lippen.

„Leise“, sagte er, „dort unten liegt ein Schiff in der kleinen Bucht. Wir sind also nicht allein.“

„Ein Schiff?“

„Ja, wir pirschen uns heran. Wenn wir die Felsen erreicht haben, können wir es besser sehen. Aber leise, sonst hört man uns. Und gib acht, daß sich keine Steine lösen. Von dort vorn haben wir einen vorzüglichen Beobachtungsplatz, ohne daß wir selbst gesehen werden.“

Vorsichtig schlichen sie weiter, die letzten paar Yards bis zu den Felsen legten sie robbend zurück.

Vergessen waren die minotischen Relikte. Weder Dan noch der Kutscher hatten jetzt einen Blick dafür. Was im Augenblick zählte, war nur das fremde Schiff, denn solange man nicht wußte, wen man vor sich hatte, konnte es eine ernsthafte Bedrohung sein.

Sie erreichten die Stelle und blickten hinunter. Ihr Blick ging in eine felsige Bucht, nicht weit von den aufragenden Felsen ankerte ein Schiff.

„Das ist ein Wrack“, flüsterte der Kutscher. „Da ist ja nicht viel heil geblieben, dem Kahn fehlen zwei Masten, und an Deck sieht es auch nicht gerade schön aus.“

„Ja, die Tante scheint einen wüsten Sturm abgeritten zu haben. Aber an Deck ist niemand zu sehen, und ich höre auch keine Geräusche nach oben dringen.“

„Was ist das für ein Schiff?“ fragte der Kutscher.

„Das läßt sich schwer sagen. Der Bauart nach eine moderne Schebekke, aber sie erinnert mich auch an eine Feluke. Das ist so ein Mittelding wie – wie …“ Dan suchte nach einem passenden Vergleich, fand aber keinen.

„Wie der Schwarze Segler ‚Eiliger Drache über den Wassern‘, eine Mischung aus Dschunke und Galeone, nur natürlich hier wieder ganz anders.“

„Richtig, um einen Vergleich zu haben.“

Dan suchte mit seinen scharfen Augen das Deck ab, und ihm wäre auch keine Bewegung entgangen, aber es gab keine Bewegung auf diesem Schiff, nichts, das auf Leben hindeutete.

„Die Besatzung hat es verlassen“, meinte er nach einer Weile. „Aber sie haben es hier in die Bucht gebracht, sonst würde es nicht vor Anker liegen.“

Dan robbte weiter um den Felsen herum, bis er einen noch größeren Überblick hatte und die gesamte Bucht überschauen konnte.

„Merkwürdig“, sagte er mißtrauisch. „Das Boot ist an Bord, und trotzdem scheint sich niemand auf dem Kahn aufzuhalten. Verstehst du das, Kutscher?“

„Ein Mittagsschläfchen werden sie um diese Zeit wohl kaum halten. Nein, das Schiff ist verlassen, Dan, sonst hätte sich ganz sicher schon jemand an Deck gezeigt.“

„Wir beobachten es noch eine Weile“, sagte Dan.

Er vergaß auch nicht, sich von Zeit zu Zeit umzudrehen. Es war ja nicht ausgeschlossen, daß sich ihnen jemand näherte.

Aber alles blieb still und ruhig. Nur der Wind flüsterte in den Felsen, kräuselte das Wasser in der Bucht und jagte weiter aufs Meer hinaus.

Nach einer Viertelstunde rührte sich da unten immer noch nichts.

Dan O’Flynn hob einen faustgroßen Brocken auf und verließ sich auf seine guten Augen. In jedem Fall sah er einen anderen zuerst, bevor der ihn entdeckte, und so stand er hinter dem Felsen auf, wog den Brocken in der Faust und schleuderte ihn hinunter.

„Wenn der trifft, dann weckt der Knall Tote auf, Kutscher.“

Der Stein traf und knallte auf das Vordeck. Dort sprang er ein paarmal hoch, polterte durch die Kuhl und donnerte an das Achterschott des Niederganges.

Das Geräusch war ekelhaft laut, und es pflanzte sich durch die Bucht fort, als die Felsen das Echo zurückwarfen.

Die beiden Seewölfe warteten mit angehaltenem Atem.

Nichts rührte sich auf dem halben Wrack. Niemand erschien an Deck, um sich nach dem Urheber des Kraches umzusehen. Auch ein zweiter Stein änderte nichts. Alles blieb still und ruhig.

Das Schiff war von seiner Besatzung einwandfrei verlassen oder aufgegeben worden. Der Teufel mochte wissen, wie lange es hier schon vor Anker lag.

Dan O’Flynn gab noch ein paar Minuten zu, wobei er die Schebecke scharf im Auge behielt. Dann erhob er sich, als sich unter ihnen immer noch nichts rührte.

„Kehren wir wieder um“, sagte er. „Das müssen wir sofort Hasard melden. Vielleicht sehen wir uns das Schiff einmal aus der Nähe an. Vielleicht gibt es da noch etwas zu holen.“

„Schätze lassen die Kerle sicher nicht unbewacht an Bord zurück“, meinte der Kutscher trocken. „Ebenso besteht natürlich die Möglichkeit, daß die Besatzung an einer Krankheit zugrunde gegangen ist. Womöglich finden wir nur Tote an Bord.“

„Das ist nicht auszuschließen“, sagte Dan beklommen.

Gleich darauf traten sie den Rückweg an.

7.

Bei den gefangenen Spaniern war ein Wunder geschehen.

Der spanische Grande hatte lange Zeit gelauscht, ob sich wirklich Wächter in der Umgebung versteckt hielten, doch nach einer Weile waren alle Geräusche erstorben, und es war totenstill.

„Die sind abgezogen“, sagte er. „Wir probieren es einfach, und dann werden wir sehen, ob jemand erscheint.“

Die Zwieback wurden aus dem einen Faß entfernt und auf den kahlen Boden gelegt. Dann wurde das Wasserfaß umgefüllt und geleert.

Danach hoben zwei Mann das relativ schwere Faß hoch und warfen es an die Felswand.

Das Faß zersplitterte, der Reif flog ab, die langen Dauben legten sich säuberlich nach allen Seiten auseinander.

Der Grande arbeitete verbissen weiter. Er wollte diesen Halunken schon beweisen, daß sie nicht einfach mit ihnen tun konnten, was sie wollten und sie als Sklaven auf den Märkten verkaufen.

Wenn ihnen die Flucht gelang, dann fanden sie auch in einem der Häfen mit Sicherheit ein Schiff, das sie mitnahm.

Sie legten die Dauben übereinander, bis sie einen handlichen Hebel hatten, den sie durch die Gitter schoben.

Dann drückten die drei Frauen und zwei Männer dagegen, und gaben all ihre Kraft her. Der erste Eisenstab verbog sich leicht, und nach einer kraftvollen Anstrengung und weiteren Bemühungen verbog sich auch der zweite.

Noch ein paarmal wurde angesetzt, weitergedrückt, die Dauben als Hebel benutzt.

Von den vermeintlichen Wächtern ließ sich immer noch keiner sehen. Es gab sie nicht. Sie hielten die Grotte für ausbruchsicher und waren abgezogen.

Der Grande, er war der schmalste von allen, zwängte sich als erster hindurch und hebelte von außen weiter, bis der Weg für alle frei war. Eine der Señoras hatte Schwierigkeiten, aber schließlich konnte sie sich auch hindurchzwängen und befand sich in Freiheit.

Draußen sanken sie sich stumm in die Arme und wollten ins Landesinnere gehen, um vorerst in Sicherheit zu sein.

Doch der Grande hatte noch eine Idee.

„Sie sollen noch ein Rätsel lösen“, sagte er. „Wir nehmen die Faßdauben mit und werfen sie unterwegs weg. Aber zuerst versuchen wir, die Gitter wieder so zu verbiegen, daß niemand die Flucht bemerkt, der außen vorbeigeht und einen Blick darauf wirft.“

„Dazu haben wir keine Zeit“, wandte der andere Spanier ein.

Aber die Zeit nahmen sie sich doch, setzten wieder die Dauben an und hebelten die eisernen Stäbe zurück.

Es sah aus wie vorhin, und man mußte schon ganz besonders scharfe Augen haben, wenn man erkennen wollte, daß der eine Stab noch leicht nach außen gebogen war.

Der Grande kicherte boshaft, dann klemmte er sich ein paar Dauben unter den Arm, verteilte die restlichen an die anderen und zeigte auf die weit entfernten Olivenhaine.

„Verhungern werden wir nicht, aber wir müssen uns auf ein paar unangenehme Tage vorbereiten. Wasser finden wir auf dieser Insel sicher genügend, und wilde Früchte gibt es auch. Notfalls kann sich der Mensch tagelang von Oliven ernähren.“

Diese Zukunftsaussicht war immer noch besser, als in dem stinkenden Verlies zu sitzen und darauf zu warten, bis man auf irgendeinem arabischen Markt verkauft wurde.

Sie sahen sich noch einmal nach allen Seiten um. An die Küste trauten sie sich nicht, denn da konnte noch das Schiff liegen, das sie hergebracht hatte.

Also marschierten sie ins Landesinnere und warfen unterwegs hin und wieder eine der Dauben weg.

Sie waren wieder frei, und das war ihnen mehr wert als alles andere auf der Welt.

„Also eine Mischung zwischen einer Schebecke und einer Feluke“, sagte Hasard, als er den Bericht der beiden Männer gehört hatte. „Und das Schiff ist ein Wrack?“

„Ein halbes Wrack. Zwei Masten fehlen, aber das Beiboot befindet sich noch an Bord. Wir haben Steine hinuntergeworfen, und nichts hat sich gerührt. Es ist also mit Sicherheit anzunehmen, daß es verlassen ist. Aber wie erklärt sich das mit dem Boot?“

„Da kann es mehrere Möglichkeiten geben“, meinte Hasard. „Sie können ein zweites Boot gehabt haben, mit dem sie zur nächsten Ansiedlung gesegelt sind. Piraten können sie überfallen und verschleppt haben. Oder sie sind geflüchtet und kehren erst später wieder zurück. Und – und – und …“

Niemand ahnte die unmittelbaren Zusammenhänge, keiner der Seewölfe wußte etwas von dem Sarazenen, ebensowenig war ihnen etwas über das Schicksal der Gefangenen und jetzt geflüchteten Spanier bekannt.

Die Geschichte lief auf zwei nebeneinanderliegenden Ebenen ab, die der eine nicht kannte, und von der der andere keine Ahnung hatte.

Aber in einem hatte der Sarazene recht: Auch diese Ungläubigen würde die Neugier packen, wenn sie das verlassene und wracke Schiff sahen, und der Profos sprach es auch aus.

„Vielleicht gibt es da was zu holen, Sir. Wir sollten uns den alten Kahn wenigstens einmal ansehen.“

Der Reiz, den gestrandete oder verlassene Schiffe ausübten, hatte nicht nur den Profos ergriffen, er packte auch Hasard und die anderen Seewölfe.

„Gut“, entschied der Seewolf nach einer Weile des Nachdenkens. „Dan sagt, die Schebecke sei nicht weit von unserem jetzigen Liegeplatz entfernt. Wir segeln oder pullen mit dem kleinen Boot hin. Mit der ‚Isabella‘ dahin zu segeln, wäre zu umständlich. Wir müßten erst Anker hieven, dann wieder Anker setzen, von den Segelmanövern ganz zu schweigen. Der Profos, Dan und Ferris gehen mit. Ben übernimmt das Kommando während meiner Abwesenheit. Noch ein Mann kann mit. Sten, du bist meist benachteiligt gewesen.“

„Aye, danke, Sir“, sagte der Schwede erfreut.

„Sollten wir wider Erwarten in spätestens zwei Stunden nicht zurück sein, dann geht die ‚Isabella‘ ankerauf und besetzt die Bucht, in der das Wrack liegt.“

„Da passiert nichts, Sir“, sagte Dan, doch der Seewolf winkte ab.

„Es bleibt dabei. Wir haben nicht nur schon Wunder erlebt, wir haben sogar blaue Wunder erlebt. Ihr riegelt also die Bucht ab. Ein Mann wird zu dem Wrack geschickt, um nachzuforschen. Geht etwas schief, nimmst du den Kahn unter Feuer, Ben. Alles verstanden?“

„Aye, aye, Sir! Und wenn ihr …?“

„Hast du nicht alles verstanden, Ben?“ fragte Hasard sanft.

„Doch, doch, natürlich.“

„Dann ist es gut. Diejenigen, die mitgehen, bewaffnen sich. Steckt genügend geladene Pistolen in die Bandeliere.“

Zwar wußte keiner, was da schiefgehen sollte, aber in ihrem langen, erfahrungsreichen Dasein hatten die Seewölfe schon genug haarsträubende Dinge erlebt, und so war die nötige Vorsicht nicht unbedingt Angst. Sie waren nur deshalb alle noch am Leben, weil sie diese Vorsichtsregeln immer befolgt hatten.

Die fünf Männer gingen ins Boot, beneidet von den anderen, die sich das geheimnisvolle Wrack auch zu gern aus der Nähe angesehen hätten. Aber Ben ließ sie nicht lange trauern.

„Verstaut die restlichen Fässer“, sagte er. „Wenn wir ankerauf gehen, will ich kein Durcheinander an Bord haben. Ihr werdet schon noch erfahren, was mit dem alten Kahn los ist.“

Das kleine Segel wurde gesetzt, und das Boot nahm schwerfällig Fahrt auf. Erst als sie aus der Bucht auf dem unruhigeren Wasser waren, ging es schneller.

Dicht an der Felsenküste ging die Fahrt entlang, vorbei an Klippen, an scharfen Zacken, die aus dem Wasser ragten, bis zur nächsten Bucht, in der es ein kleines Stück hellen Strand gab.

„Hinter den nächsten hohen Klippen ist es“, sagte Dan, der immer scharf Ausschau hielt und die Felsen weit oben musterte, ob da vielleicht Gesichter auftauchten.

„In Zukunft“, sagte Hasard, „sollten wir uns unsere unmittelbare Umgebung immer etwas genauer ansehen, um vor Überraschungen sicher zu sein, ganz besonders dann, wenn uns hohe Felsen die Aussicht versperren. Aus dieser Nachlässigkeit werde auch ich wieder etwas lernen, das weiß ich genau. In der Bucht könnte ja auch ein stark bewaffnetes Schiff liegen, das uns bemerkt hätte. Wir würden eine prächtige Zielscheibe abgeben.“

„Aus dem Ausguck war das jedenfalls nicht zu sehen, Sir“, sagte Stenmark entschuldigend.

„Es war mein Fehler, reine Nachlässigkeit. Und jetzt ist das Thema erledigt.“

„Da, hinter den Felsen geht es hinein“, sagte Dan.

Das Boot schwenkte ab nach Steuerbord und bewegte sich zwischen den Felsen zielsicher hindurch. Dann wurde das Segel weggenommen, und Hasard ließ das Beiboot treiben.

Ganz am Ende der Bucht lag die Schebecke mit den verstümmelten Masten und dem teilweise verwüsteten Deck.

Nichts rührte sich, alles blieb still.

„Du hast recht, Dan“, sagte der Schiffszimmermann. „Halb Schebekke, halb Feluke. Ein prächtiges Schiff, ein schnelles Schiff, und es sieht trotz der Verwahrlosung schnittig aus. Wenn der alle Lateiner hochzieht, segelt er uns spielend davon.“

„Dafür taugt er in hoher See nicht“, sagte Hasard. „Dem Schiff fehlt der nötige Tiefgang.“

Immer näher glitten sie heran, und jetzt wurde es ganz offensichtlich, daß die Schebecke verlassen war. Dazu hatte man wahrscheinlich ein weiteres Boot benutzt, das an Deck mitgeführt worden war.

Jeder musterte dicht vor der Bordwand noch einmal das Schiff.

Es strömte einen eigenartigen Geruch aus, denn es roch nach vermoderten Gewürzen, nach Olivenöl, Knoblauch und Rosenwasser, als seien alle Planken davon durchtränkt worden. Auch ein ferner Hauch von Pfefferminz lag unsichtbar über dem Schiff.

Die Männer sahen sich an, und jeder stellte sich insgeheim die Frage, was sich hinter diesen Planken der Schebecke wohl befinden mochte. Lagen da Tote herum, hatte ein Gemetzel stattgefunden?

Das Deck sah ganz danach aus, obwohl das Blut fehlte. Aber das konnte auch Regen wieder abgewaschen haben.

Ein Tau hing von der Bordwand hinunter, einladend baumelte es dicht über dem Wasser.

Der Seewolf schwang sich hinauf und war mit einem schnellen Satz an Deck. Ihm folgten Dan, der Profos, Ferris Tucker und schließlich der Schwede Stenmark.

Kaum standen sie an Deck, als Dan den Arm hob.

Ein leises Schaben war zu hören, aber gleich darauf erstarb das Geräusch wieder.

„Habt ihr das gehört?“ fragte Dan leise. „Es schien von da hinten zu stammen, dort, wo der Niedergang ist.“

„Das war das Holz“, sagte Ferris und sah sich um. „Das Holz arbeitet immer.“

Ihre Schritte hallten laut, als bewegten sie sich über einen riesigen Klangkörper.

Ferris Tucker fand das ungewöhnlich. Er blieb an der Gräting stehen und sah in den finsteren Raum darunter. Tief unter ihm roch es modrig und nach fauligem Wasser. Aber der Raum war leer, das erkannte er, nachdem sich seine Augen an das Dämmer gewöhnt hatten.

„Da unten liegt etwas“, sagte er. „Sieht aus wie ein Tuchfetzen.“

„Das wird ein alter Lappen sein“, meinte Dan, beugte sich jedoch auch darüber und sah nach unten. In dem Raum stand noch ein wenig Wasser, und darin lag der bunte Fetzen.

„Hilf mir mal“, sagte Ferris und hob die Gräting an. Mit vereinten Kräften hoben sie sie heraus und legten sie zur Seite.

An einem Tau ließen sie sich hinunter, um nachzusehen, was es mit dem Tuchfetzen auf sich hatte. Am Süll des Luks standen Hasard, Carberry und Stenmark. Der Seewolf hielt seinen Radschloßdrehling in der Faust und musterte das Deck von vorn bis achtern.

Er konnte das Gefühl nicht definieren, das ihn beschlichen hatte, seit sie sich an Deck dieser fremden Schebecke befanden. Vermutlich war es sein Instinkt, der ihn warnte und sich nicht unterdrücken ließ, obwohl keinerlei Gefahr im Verzug war. Auch wenn er nach oben in die Felsen blickte, konnte er nichts erkennen.

Ferris und Dan gingen über aufgequollene Planken zwischen denen noch dreckiges Wasser stand.

Dann bückte sich Dan nach dem Lappen und hob ihn auf. Dicht daneben blinkte etwas, und als er es näher in Augenschein nahm, erkannte er einen vergoldeten Knopf.

Er warf beides nach oben, wo Hasard es begutachtete. Dann sahen sie sich noch weiter in dem Raum um.

Ferris Tucker zeigte auf das Schott. Dan kam es so vor, als wirke sein Gesicht verkniffen und mißtrauisch.

„Hier, Dan, sieh mal. Bis hierher stand das Wasser in dem Raum. Das sieht man noch deutlich an dem Dreckrand, der sich abgesetzt hat. Etwa bis zur Brusthöhe.“

„Kein Wunder, wenn der Kahn fast entmastet ist. Der muß ja auch eine Menge Wasser gezogen haben.“

Ferris ging nicht darauf ein. Er suchte noch weiter die aufgequollenen Planken ab und wurde wieder fündig.

Wieder war es ein Fetzen Tuch, schmutzigweiß und an den Rändern mit Spitzen verziert, die in Fransen herabhingen.

„Verdammt, das sind doch Überreste von Frauenkleidern“, sagte Dan. „Wie ist denn das möglich?“

Weil sich nichts mehr finden ließ, enterten sie wieder auf.

„Ja, das sind einwandfrei Frauenkleider gewesen“, sagte der Seewolf. „Auch der vergoldete Knopf gehört zu einem Kleid. Und es sind ebenso einwandfrei spanische Frauen gewesen, die das hier einmal trugen. Es kann noch gar nicht so lange her sein.“

Ein Geheimnis lag über der Schebecke. Daß sie keinem Spanier gehörte, stand mit Sicherheit fest. Die Seeräuber der Barbareskenstämme bevorzugten diese Schiffe, und der Geruch, den das ganze Schiff ausströmte, ließ auch keinen Zweifel offen, daß es irgendwelchen arabischen Piraten gehören mochte.

„Soviel ich weiß“, sagte Hasard, „werden hier weiße Sklaven auf den arabischen Märkten gehandelt. Es ist gut möglich, daß dieses Schiff welche an Bord hatte, und das waren der Kleidung nach bestimmt Spanier.“

Ferris Tucker beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, aber er benahm sich reichlich seltsam, wie Stenmark nach einem verwunderten Blick feststellte.

Der Schiffszimmermann spähte erneut in den Raum hinunter, dann ging er zur Backbordseite, hielt den Blick starr auf die Planken gerichtet und kehrte wieder zurück. Genauso verfuhr er, als er sich der Steuerbordseite näherte. Wieder kehrte er bis an den Raum zurück und sah aus zusammengekniffenen Augen hinunter.

Hasard fiel das eigenartige Gebaren jetzt auch auf, denn Ferris begann die Prozedur zu wiederholen. Schließlich blieb er kopfschüttelnd am Süll stehen.

„Was ist los, Ferris?“

„Die Maße stimmen nicht überein“, sagte Ferris Tucker. „Das ist es, was mich so wundert.“

„Welche Maße stimmen nicht?“

Ferris deutete nach unten, dann zur Bordwand.

„Wenn man sein ganzes Leben lang mit Holz- und Schiffbau zu tun hat“, sagte er, „dann geht einem das in Fleisch und Blut über. Dann hat man das im Gespür. Den Außenmaßen der Schebecke nach müßte der Frachtraum breiter sein, mindestens ein Yard breiter.“

„Sie könnten zur Verstärkung ein weiteres Schott eingezogen haben“, meinte Stenmark, aber Ferris widersprach.

„Dazu gibt es keinen Grund. Die Schebecke ist aus gutem starken Holz gebaut, da zieht man kein unnötiges Schott nachträglich ein.“

„Und was vermutest du?“ fragte Hasard.

„Bisher noch gar nichts, denn ich sehe den Sinn dahinter nicht. Aber es kann in dem Raum eine Kammer geben für Schmuggelgut oder ähnliche Diebesbande, einen geheimen Raum wie ihn auch der Schwarze Segler des Wikingers hat.“

Hasard maß das nach, es war ihm nicht aufgefallen, was Ferris mit bloßem Auge entdeckt hatte und fand es bestätigt. Der Raum verbarg etwas, das stand fest.

Noch einmal ließ sich Ferris hinunter, besah sich die Wände, klopfte mit den Fäusten dagegen, und entdeckte auch eine Stelle, die hohl klang, aber sie lag so weit unten, daß sie als Versteck sinnlos erschien.

Nirgendwo ließ sich jedoch eine heimlich eingebaute Tür erkennen, so exakt der Zimmermann auch alles absuchte. Schließlich gab er es auf und enterte an Deck.

„Sehen wir mal vorn nach“, entschied Hasard, nachdem die Suche nichts eingebracht hatte. „Zwei Mann bleiben an Deck, die anderen beiden gehen mit mir.“

„Wir können inzwischen schon achtern nachsehen“, sagte Carberry.

„Nein, ihr bleibt an Deck, du und Stenmark“, entschied Hasard.

Im Vorschiff gab es zwei Schotts, ähnlich denen der „Isabella“, wo das eine zur Kombüse führte.

Auch hier führte das eine zur Kombüse, während das andere einen Niedergang aufwies, der mit sechs Stufen nach unten führte.

Die Kombüse sah so aus, als sei sie seit einigen Tagen nicht mehr benutzt worden. Auch hier war ein wenig Seewasser eingedrungen. Der Duft war allerdings unbeschreiblich, denn es roch nach vergammelten Essensresten und durchdringend nach fauligen Kräutern. Töpfe, Tiegel und Pfannen waren verdreckt, verklebt und schmierig, was Hasard zu der Bemerkung veranlaßte: „Wenn in diesem Saustall mein Schiffskoch Essen zubereiten würde, dann würde ich ihn zur Abschreckung an die Rah hängen.“

Sie schlugen das Schott wieder zu, trotzdem legte sich der Geruch nach fauligen Gewürzen über das ganze Schiff. Er schien durch das Holz nach außen zu dringen.

Der nächste Raum. Der Geruch hing pestilenzartig darin, und im ersten Augenblick zuckte Hasard zurück, denn es erinnerte ihn an den Pesthauch, der aus offenen Gräbern wehte.

„Mann“, sagte Dan O’Flynn, „da liegen bestimmt Leichen.“

Der Raum war fast dunkel. Hasard stolperte über ein baumwollenes Tuch und fluchte leise, denn im ersten Augenblick glaubte er einen menschlichen Körper zu berühren.

Dan ging ein paar Schritte zurück, und öffnete das Schott noch weiter, das wieder halb zugefallen war. Jetzt drang das Tageslicht etwas besser herein.

Für eine Unterkunft war der Raum fast komfortabel, fand Hasard. Hohe Kojen waren auf beiden Seiten eingebaut, und es gab sogar eingebaute Schapps mit Ornamenten und Arabesken verziert.

„Hier scheinen die Abmessungen ebenfalls nicht zu stimmen, Sir“, ließ sich Ferris Tucker vernehmen. „Auch dieser Raum müßte eigentlich etwas breiter sein. Aber vielleicht hat das Schapp viel Tiefe.“

Er öffnete eins der Schapps, dessen Tür sich knarrend drehte. Es war leer, außer einem schmuddeligen Hemd, das auf dem Boden lag.

Die Tiefe betrug bestenfalls eine Elle, mehr nicht.

Ferris klopfte dagegen. Es klang hohl, hohl von oben bis unten.

Er sah Hasard an, legte den Finger auf die Lippen und deutete mit dem Kopf nach oben.

Als sie an Deck standen, schloß Ferris das Schott und lehnte sich dagegen. Der Profos und Stenmark traten näher heran.

„Mit diesem Kahn stimmt etwas nicht“, sagte Ferris energisch. „Es gibt mir zuviel Hohlräume. Du wirst dich erinnern, Sir, daß auch wir so etwas schon einmal entdeckten. Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir von etlichen Augen belauert werden.“

„Du glaubst, in dieser Schebecke haben sich Leute verborgen, die nur darauf warten, um über uns herzufallen?“

„So ist es, das glaube ich jedenfalls.“

„Aber das ist Quatsch, Ferris“, sagte Dan. „Wir haben das Schiff lange beobachtet, und es hat sich nichts darauf gerührt. Mag ja sein, daß es hier zahlreiche Verstecke gibt, aber so lange werden die Kerle doch wohl nicht warten.“

„Ich habe auch so ein unbestimmbares Gefühl“, erklärte Hasard. „Aber es ist möglich, daß man uns längst gesehen, vielleicht unsere Ankunft bemerkt hat, und da haben sich die Kerle entsprechend darauf vorbereitet. Sie rechnen ganz sicher damit, daß wir das angeschlagene Schiff sehen und es untersuchen. Das ist aber alles nur bloße Theorie.“

„Wenn wir erst die Beweise kriegen, ist es zu spät“, meinte der Schwede Stenmark. „Ich glaube auch, daß man uns einen Köder vorgelegt hat, nach dem wir schnappen sollen.“

Hasard ging weiter, den Niedergang zum Achterdeck hoch. Einmal glaubte er, ein feines Knistern zu hören, aber das konnte wirklich vom Holz stammen und war ganz natürlich.

Das Achterdeck war kahl, wie leergefegt, ein Teil der Schmuckbalustrade, die es zur Kuhl hin abschloß, war zersplittert.

Unter dem Niedergang befanden sich ebenfalls zwei Kammern. Die Schotten waren geschlossen.

„Bleibt mal da unten“, sagte er, „ich sehe mich nur ein wenig um. Haltet die Augen offen.“

Es, war ein merkwürdiges Gefühl, über dieses Schiff zu laufen und zu ahnen, daß man in einer tödlichen Falle saß, die jeden Moment zuschnappen konnte. Ebensogut war alles harmlos, und niemand lauerte ihnen auf, wer konnte das schon sagen!

Hasard ging bis zum verlängerten Grätingdeck und blieb lauschend stehen.

Blitzschnell drehte er sich um, denn er glaubte erneut, ein leises Geräusch zu hören. Wie hastiges Trappeln klang es. Aber von seinen Leuten hatte sich keiner bewegt.

Auf der Kuhl stand Ferris Tucker in angespannter Haltung, neben ihm Dan, der mit zusammengekniffenen Augen alles musterte, und Stenmark, der sich gerade bückte und ein langes Holzstück aufhob.

Mit ein paar schnellen Schritten war er an dem einen Schott zum Vordeck und klemmte das Holzstück so fest, daß sich das Schott nicht von innen öffnen ließ.

Dann kehrte er zurück, die Pistole in der Faust, nach allen Seiten mißtrauisch sichernd.

Wieder hörte Hasard auf dem Achterdeck das leise Scharren.

„Achtung!“ brüllte er laut.

Dann war auch schon die Hölle los.

8.

Krachend flogen zwei Schotts auf. Sie wurden fast herausgesprengt, so donnerte es.

Augenblicklich ergoß sich eine wilde Meute über die Kuhl, die laut schreiend, ihre Krummsäbel schwingend, vorwärtsstürmte.

Auch am Schott zum Vordeck polterte es, aber das Schott klemmte und ließ sich nicht öffnen, weil Stenmark vorgesorgt hatte.

Das scheinbar verlassene und ruhige Schiff erwachte zum Leben, und abenteuerliche Gestalten ergossen sich über Deck.

Hasard feuerte, ohne zu zögern, vom Oberdeck aus und traf einen säbelschwingenden Kerl, der laut aufschrie, die Arme hochriß und mit dem Gesicht voran auf die Planken fiel.

Ein paar Araber stoppten mitten im Lauf, denn mit dem Angreifer in ihrem Rücken hatten sie nicht gerechnet, und so waren sie einige Augenblicke verwirrt.

Die drei Seewölfe auf der Kuhl nutzten das gnadenlos aus.

„Auf sie!“ brüllte der Profos wild, aber diese Aufforderung war nicht nötig, denn die Männer handelten wie immer blitzschnell und überlegt. Immerhin hatten sie etwas geahnt, und so war die Überraschung nicht vollkommen.

Der narbengesichtige Profos feuerte, ein Mann brach kreischend zusammen, dem zweiten warf er die Waffe an den Schädel, und dem dritten rammte er seinen gesenkten Schädel in den Leib, daß es den Kerl mit ungeheurer Wucht ans Schott katapultierte.

Einen weiteren Mann, der sich auf ihn stürzen wollte, unterlief er und entriß ihm den Krummsäbel.

Damit senste er in wilder Wut um sich, und trieb die zwölf oder vierzehn Kerle zurück.

Ein paar wichen aus, als sie diesen tobenden, um sich hauenden Riesen sahen, für den Angst ein unbekannter Begriff zu sein schien. Sie liefen Dan, Ferris und Stenmark in die Arme.

Vom Achterdeck erklang der nächste Schuß, und wieder brach einer getroffen zusammen. Sein letzter Streich fetzte Ferris Tucker das Hemd auseinander.

Von dem Dutzend Kerle lagen schon vier reglos am Boden, noch bevor der Kampf richtig begonnen hatte.

Dan sah sich einem gedrungenen dunkelhäutigen Burschen mit finsterem Gesicht gegenüber, der gerade mit dem Krummschwert ausholte, um ihn von seinem Schädel zu befreien. Der Kerl war wendig und schnell, und Dan spürte, wie die Klinge hart an seinem Ohr vorbeipfiff, als er blitzschnell in die Knie ging. Der Luftzug richtete ihm noch die Haare auf.

Bevor der Finstere zum zweiten Male ausholen konnte, drückte Dan ab.

Der Mann wurde ein Stück zurückgetrieben, blieb einen Moment fassungslos stehen und sackte dann in die Knie.

Stenmark streckte einen weiteren Angreifer auf die Planken, während Ferris Tucker zwei Schüsse auf das Schott abgab, aus dem immer noch abenteuerlich gekleidete Kerle nach oben strömten.

Hasard trat mit aller Kraft gegen den Torso der Balustrade, die unter seinem Tritt erzitterte und nachgab. Ein weiterer harter Stoß ließ sie zersplittern, Teile davon sausten mit Donnergetöse hinunter und trafen die Kerle, die aus dem Schott weiter nach oben drängten.

Dann sprang der Seewolf, riß im Fallen einen Araber um und zog den Degen.

Die Seewölfe hatten einen kleinen Vorteil dadurch, daß sie den Rücken frei hatten, denn das vordere Schott vermochten die Kerle immer noch nicht zu öffnen, ein Faktor, der in ihrer Überlegung offenbar nicht miteingeplant war.

Dan zog sich weiter zum Vorschiff zurück und lockte einen Piraten mit sich, der ihm mit dem Säbel vor dem Gesicht herumfummelte, aber nicht zum Zug gelangte, weil Dan sich immer wieder duckte.

Dann hatte er ihn soweit. Der Kerl setzte nach, Dan wich nach rechts aus und trat mit dem Stiefel zu. Aufschreiend fiel der Mann kopfüber in den Laderaum hinunter. Einen zweiten, der entsetzt auf den offenen Raum starrte, beförderte Dan gleich hinterher. Auch dieser Strauchdieb landete brüllend ein Deck tiefer und muckste sich nicht mehr.

Hasard drosch mit dem abgebrochenen Ende des Handlaufs von hinten auf die schreienden und tobenden Araber ein, die sich immer wieder umwandten und vor dem schwarzhaarigen Scheitan mit den blauen Augen flüchteten.

Sie hatten nicht mit hartem Widerstand gerechnet, daher sah es jetzt trotz der Überlegenheit nicht gerade rosig aus.

Der Profos raste immer noch wie ein Orkan über das Deck, schwang den erbeuteten Krummsäbel und drosch um sich, als wolle er ganze Weizenfelder abmähen.

Stenmark und Dan kämpfen Rükken an Rücken, rissen immer wieder ihre Pistolen aus den Bandeliers, rannten ein Stück zurück und feuerten, bis die Waffen leergeschossen waren. Dann stürzten sie sich auf die Säbel, die an Deck lagen, und kämpften weiter.

Hasard bedrängte die Meute immer noch, schlug mit dem Degen zu oder benutzte das lange schwere Holzstück. Mit dem Degen trieb der Seewolf die Kerle zur Seite, und mit dem Holzprügel schlug er zu, wenn sie sich ängstlich duckten.

Carberry stolperte über einen auf den Planken liegenden Mann. Sein Gegner, ein harter muskulöser Kerl mit olivenfarbenem Gesicht, holte wild aus und hieb zu.

Carberry rollte zur Seite und schloß für eine Sekunde die Augen, denn er glaubte, es schon knirschen zu hören.

Das Schwert sauste voller Wucht in die Planken und blieb stecken. Der Olivengesichtige versuchte vergeblich, es herauszuzerren.

Da war der Profos wieder auf den Beinen. Noch während er sich aufrichtete, riß er den Kerl am Fußgelenk um, packte ihn dann am Hosenbund und stauchte ihn auf die Planken zurück.

„So, du Plattnase!“ brüllte er. „Jetzt wirst du es mal deinen anderen Gaunern zeigen, wie du kämpfen kannst!“

Noch einmal wurde der Kerl auf die Planken gestaucht, dann ergriff Carberry ihn an den Beinen und ließ ihn kreisen. Mit dem Schädel voran donnerte er zwischen seine Kumpane, riß sie um und senste sie nieder.

„Es geht nichts über eine harte Rübe“, knurrte Ed und ließ den Kerl noch einmal um seine Achse kreisen.

Dessen Schädel scheint aus ungewöhnlichem Material zu bestehen, dachte Ed und grinste bösartig, denn die Kerle, die er traf, die schleuderte es davon, als hätten sie mit einem Rammbock Bekanntschaft geschlossen.

Auf dem Deck lagen Tote und Verwundete. Einige stöhnten entsetzlich, rollten sich zur Seite und landeten meist ein Deck tiefer. Erst dann gaben sie Ruhe.

Der Kampf geriet ins Stocken, die ersten Araber wichen zurück, und Nachschub von unten erfolgte auch nicht mehr. Die restlichen, die noch in den Hohlräumen steckten, zogen es vor, darin zu bleiben, denn das, was sie vom Deck aus hörten, klang gar nicht gut.

Sie waren auch keine ausgefuchsten Kämpfer, sie wirkten zu unentschlossen und gingen nur zögernd an den Mann. Ihre ganze Stärke war ihre Überlegenheit und das Überraschungsmoment, und das hatte diesmal nicht geklappt.

Carberry war aber gar nicht damit einverstanden, daß die Burschen sich jetzt auf den Rückzug begaben.

Als die Angriffswelle stockte, es waren etwa vierzehn, sechzehn Mann, griffen die Seewölfe erneut an, ohne Pause, und drehten den Spieß um.

Die ersten rannten den Niedergang hoch auf das Achterdeck. Einen Kerl mit einem großen Ohrring, der geduckt den anderen folgen wollte, erwischte Stenmark gerade noch und zog an dem Ohrring.

Da der Kerl aber unbedingt fortwollte, und Stenmark ihn unbedingt nicht loslassen wollte, hielt er plötzlich den Ohrring in der Hand. Der Kerl stieß einen Schrei aus, griff an sein Ohr, blickte sich wild um und sprang mit einem gewaltigen Satz über Bord.

Ein paar andere hatten die Krummsäbel weggeworfen und erklommen ebenfalls das Achterdeck.

„Auf sie!“ brüllte der Profos noch einmal, doch die Araber hatten genug von diesen rasenden Teufeln. Die paar Mann, die sie hatten erwischen wollen, um sie als Sklaven zu verkaufen, standen in keinem Verhältnis zu ihren eigenen Verlusten, und so suchten die meisten ihr Heil in der Flucht.

Als Hasard sich ebenfalls anschickte, zum Achterdeck aufzuentern und dabei wild den Degen schwang, verließ die Kerle auch der letzte Mut.

Die ersten rannten noch bis zum Grätingdeck, dann blieben sie unentschlossen stehen, und der Mut verließ sie ganz.

Sie hoben wieder die Arme, aber damit war der Profos nicht einverstanden. Mit finsterem Gesicht näherte er sich einem Kerl in blutverschmierten Türkenhosen, holte aus und setzte ihm die Faust in den Magen. Ein zweiter Schlag trieb ihn über die Verschanzung, und der Kerl landete im Wasser.

„Du auch!“ rief Carberry. „Ab mit dir, hinterher!“

Sie brauchten keine lange Aufforderung mehr, ihr Mut war restlos abgekühlt, und sie blickten schaudernd auf die Ungläubigen, die wie die Teufel wirkten.

„Ar-we-nack!“ brüllte Ed plötzlich mit seiner Donnerstimme. „Zum Teufel, das hatten wir ganz vergessen, oder wir waren noch nicht richtig warmgelaufen. Ar-we-nack!“

Hasard, Stenmark, Ferris und Dan fielen in den alten Schlachtruf der Seewölfe ein.

Die Araber nahmen an, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, als sie die Giaurs so laut brüllen hörten.

Als wäre das das Startzeichen gewesen, sprangen sie voller Entsetzen von der Gräting aus schreiend und voller Panik ins Wasser.

Ihre Körper klatschten ins Wasser, tauchten wieder auf, und ihre bärtigen Gesichter drehten sich angstvoll herum, als sie zum Ufer schwammen.

Wie eine Horde verängstigter Ratten wirkten die Kerle.

Carberry drohte ihnen mit der Faust nach. Sie kletterten an Land und verschwanden zwischen den Felsen. Erst da kehrte ihr Mut wieder zurück, und sie drohten ebenfalls.

Der Sarazene, der sich auch an Land hatte retten können, gebärdete sich jetzt am tollsten von allen.

„Christenhunde, verdammte!“ schrie er zornig. „Der Scheitan wird euch ungläubige Hundesöhne alle holen. Die Ratten sollen euch fressen, und die Pest soll euch erwischen.“

„Was sagt die Wanze?“ fragte Ed.

„Woher soll ich das wissen?“ sagte Hasard. „Ich verstehe nicht ein einziges Wort. Vielleicht wollen sie sich bei uns bedanken.“

„Ja, das wird’s wohl sein. Allen Grund haben sie ja dazu. Aber jetzt sollten wir mal nach den anderen Kerlen sehen, Sir.“

„Die wagen sich so schnell nicht hervor. Sieh mal an Deck, Ed, da liegen fast ein Dutzend Tote und Verletzte.“

„Ja, wenn wir reinhauen, dann richtig“, meinte Carberry und wischte sich einen Blutstreifen vom rechten Oberarm, wo ihn ein Säbel leicht gekitzelt hatte.

„Ist jemand verletzt?“ fragte der Seewolf. Er hatte seinen Degen wieder eingesteckt. Jetzt hingen ihm die Haare feucht in die Stirn, sonst war ihm keine Gemütsregung anzusehen.

„Es war kein schwerer Kampf, Ed, ganz gewiß nicht. Diese Kerle verstehen nur nicht richtig zu kämpfen. Sie dachten wohl, sie könnten uns blitzschnell überrumpeln. Wahrscheinlich hätten sie uns, wenn ihnen das gelungen wäre, als Geiseln behalten, und wären so möglicherweise auch an die anderen gekommen. Das ist aber noch nicht sicher, denn Ben hat eindeutige Befehle.“

Unter ihnen war es mucksmäuschenstill. Dort hockten verängstigte Kerle mit vollen Hosen, denn daß sich keiner ihrer Kumpane mehr blicken ließ, war sehr bedenklich. Das hieß nichts anderes, als daß hier oben die Teufel persönlich an Deck standen und alle anderen längst abgemurkst hatten. Niemand wagte sich an Deck, obwohl Hasard sicher war, daß sich unter ihnen mindestens noch ein Dutzend Männer befand, wenn nicht noch mehr.

„Ernstlich verletzt ist keiner“, sagte Dan. „Ich habe nur ein paar Kratzer, und Stenmark hat eins über den Schädel gekriegt. Das ist nicht der Rede wert.“

„Und meine Kratzer erst recht nicht“, sagte der Profos. Er blickte zum Land hinüber und hob wieder die Faust.

„Da schleichen sie, diese Rattenpisser, dieses erbärmliche feige Gesindel. Ich hätte nicht übel Lust, die Kerle da unten einzeln herauszuholen, durchzuklopfen und über Bord zu werfen.“

„Die haben sich ja vor lauter Angst nicht an dem Kampf beteiligt. Aber wir werden ihnen noch eine Erinnerung zurücklassen, sobald wir an dieser Bucht vorbeisegeln“, versprach Hasard. „Wir zerhacken ihren Bug noch ein wenig, damit sie wirklich recht viel Zeit zum Aufriggen haben.“

„Wir könnten den Kahn auch gleich an Ort und Stelle anbohren und in der Bucht versenken“, brummte Ferris. „Dann flitzen die Kerle von ganz allein nach oben wie die Ratten.“

„Wir kehren zurück“, entschied Hasard. „Die Kerle haben ihre Lektion erhalten und sich blutige Nasen geholt. Das dürfte für eine Weile reichen. Ich rechne es ihnen jedenfalls an, daß sie uns nicht aus dem Hinterhalt beschossen haben. Aus diesem Grund lassen wir sie jetzt in Ruhe.“

„Klar, die wollten uns lebend oder aber wenigstens leicht verletzt“, meinte Stenmark. „Tote Sklaven nutzen ihnen nichts, die kann man nicht verkaufen.“

„Das ist schon richtig, Sten. Trotzdem haben sie auch später nicht geschossen, und wir konnten uns nicht anders wehren.“

Hasard sah auf die Verwundeten, die an Deck lagen. Einige stöhnten leise, andere, die es nur leicht erwischt hatte, stellten sich tot, aus Angst noch einmal in die Hände dieser Teufel zu geraten.

„Was tun wir jetzt mit denen da?“ fragte Ferris und wies auf die durcheinanderliegenden Piraten.

„Um die sollen sich die anderen kümmern“, sagte Hasard kalt. Es war nicht seine Art, so zu handeln, aber die Kerle hatten ihre Kumpane, und die sollten ihnen gefälligst helfen. Sie konnten ohnehin hier an Bord für sie nichts tun. Schließlich hatten die Kerle genau gewußt, daß es ein Risiko war, andere heimtükkisch zu überfallen. Eigene Verluste mußten in solchen Fällen immer einkalkuliert werden.

Vorsichtig bewegten sie sich nach unten am angelehnten Schott vorbei, aber dahinter gähnte Finsternis, und niemand ließ sich blicken oder streckte den Schädel heraus.

Carberry trat mit dem Stiefel gegen das Schott, bis es zuknallte. Sie wollten beim Abgang nicht noch eine Kugel einfangen, die jemand heimtückisch abfeuerte.

„Entert leise ab, die Kerle sollen glauben, wir befänden uns noch an Bord. Ins Boot mit euch, ich gehe als letzter.“

Einer nach dem anderen hangelte sich hinunter, bis der Seewolf noch allein an Deck stand.

Er raffte ein paar Krummschwerter zusammen und warf sie über das Deck. Ein paar Holzstücke flogen hinterher.

Dann trat er mit den Stiefeln hart auf, donnerte noch mal an das Schott und rief: „Raus mit euch, ihr feigen Hunde!“

Alles blieb unheimlich still.

Hasard kehrte lautlos zurück, ließ sich an dem Tampen ins Boot ab und stieß es von der Bordwand. Ed hatte schon das Segel gesetzt, und so bewegte sich das Boot leicht mit dem Bug zur Bucht hin.

Nach zwanzig Yards Entfernung rührte sich immer noch nichts auf der Schebecke. Sie lag da wie ausgestorben.

Erst als sie die Felsen rundeten und der Küstenverlauf unübersichtlich wurde, hob einer der Verwundeten den Kopf und blickte furchtsam über das Schanzkleid.

Hasard kümmerte sich nicht mehr darum. Die Kerle hatten genug mit sich selbst zu tun, sie mußten erst einmal ihre Wunden lecken.

Von ihnen war nichts mehr zu befürchten.

9.

Die fünf Seewölfe wurden mit Erleichterung begrüßt, als das Beiboot an der „Isabella“ anlegte.

„Was ist passiert?“ fragte Ben Brighton. „Ihr seht ja reichlich mitgenommen aus. Wir glaubten, Schüsse gehört zu haben, waren uns aber nicht ganz sicher.“

„Da habt ihr richtig gehört“, sagte Ed. „Wir haben auch tatsächlich geschossen, und jetzt sind einige Hundesöhne unterwegs, um ihre Urgroßväter einzuholen.“

„Die Schebecke war eine Falle“, erklärte Hasard. „Sie müssen unsere Ankunft bemerkt haben und haben sich entsprechend darauf eingestellt. Sie wollten unsere Neugier wecken, und genau das haben sie auch erreicht.“

„Jetzt ist ihre Neugier allerdings auch befriedigt“, sagte Dan O’Flynn trokken.

Ben Brighton und die anderen, die die Zurückgekehrten umstanden, sahen sie ungläubig an.

„Und euch ist nichts passiert?“ wollte Old O’Flynn wissen. „Die Kerle waren doch gewiß in der Überzahl.“

„Das schon, aber unser gesundes Mißtrauen hat uns gerettet – und unsere schnelle Gegenwehr. Auf der Schebecke sind arabische Piraten, die sich auf den Sklavenhandel verlegt haben. Sie handeln mit weißen Sklaven, wir haben Kleiderfetzen von Spaniern gefunden, aber die Gefangenen waren nicht mehr an Bord. Man hat sie wahrscheinlich auf ein anderes Schiff gebracht, oder sie sind im Sturm ums Leben gekommen.“

„Wir sollten den Mistkahn versenken, Sir“, sagte Big Old Shane und blickte finster auf die Felsen.

„Wir werden ihm den Bug zerschießen, wenn wir an der Bucht vorbeisegeln. Hievt das Beiboot hoch. Sobald es an Bord ist, segeln wir weiter.“

Die meisten waren dafür, die Schebecke zu stürmen, die restlichen Araber kräftig zu verprügeln und sie anschließend ins Land zu jagen. Dann wollten sie den Mistkahn versenken, aber Hasard winkte ab.

„Damit halten wir uns nicht auf, Leute. Wir setzen ihm ein paar Siebzehn-Pfünder ins Vorkastell und segeln weiter. Bis der Kahn wieder aufgeriggt ist, wachsen den Kerlen lange Bärte, und sie werden noch eine Weile an uns denken.“

Der Anker wurde gehievt und die Segel gesetzt. Darüber verging fast eine halbe Stunde, und als die „Isabella“ aus der Bucht manövrierte und langsam Fahrt aufnahm, verging noch einmal eine weitere halbe Stunde.

Die Ausgucks suchten die Felsen ab, aber die geflüchteten Piraten waren entweder ins Landesinnere geflohen oder hatten sich irgendwo zwischen den Felsen gut versteckt.

Langsam kam die Bucht in Sicht und mit ihr die Schebecke, die Menschenfalle.

In dieser einen Stunde hatten die arabischen Piraten wie die Wilden geschuftet, weil sie fürchteten, die Giaurs würden mit ihrer gesamten Crew zurückkehren und alles kurz und klein schlagen.

Sie hatten auch die Verwundeten und Toten mitgenommen und an Land gebracht.

„Kein einziger befindet sich mehr an Bord, Sir!“ schrie Bill aus dem Großmars an Deck. „Aber ganz oben in den Felsen haben sich anscheinend einige versteckt.“

Der Seewolf gab das Verstandenzeichen.

Al Conroy hatte mittlerweile drei Culverinen laden lassen. Die Stückpforten waren auch schon hochgezogen. Er wartete nur noch auf den Feuerbefehl.

Blacky stand bereit, Smoky hatte den glimmenden Luntenstock in der Hand, und Al Conroy selbst nahm bereits Maß.

Der Schimpanse Arwenack verschwand nach oben – wie immer, wenn die Rohre Feuer spuckten. Dort hockte er auf der Großmarsrah und verzog grämlich das Gesicht.

Hasard hatte die Arme auf die Schmuckbalustrade des Achterdecks aufgestützt und rief Al Conroy zu: „Ohne Erlaubnis feuern, wenn ihr das Ziel aufgefaßt habt.“

„Aye, aye, Sir!“ tönte es zurück.

Die anderen umstanden ihre Kameraden, und der Profos hatte die Arme in die Seiten gestemmt und sah finster zu der jetzt wirklich verlassenen Schebekke hinüber.

„Glatte See, klares dichtes Ziel“, sagte er. „Wenn einer von euch nicht genau die Fliege trifft, die auf dem Vordeck sitzt, dann stopfe ich denjenigen anschließend in das Rohr und jage ihn mit zehn Pfund Pulver hinüber.“

Aus den Bergen erklang plötzlich Gebrüll. Die arabischen Piraten hatten erkannt, was die „Isabella“ beabsichtigte, und jetzt zeigten sich auch einige.

Sie brüllten, fluchten, und ein schwarzhaariger Kerl, den Hasard durch das Spektiv betrachtete, hüpfte ganz oben zwischen den Felsen hin und her und raufte sich die Haare.

Smoky hielt die Lunte an das Zündkraut. Der Funke fraß sich zischend hindurch. Die Culverine entlud sich mit einem dumpfen Gebrüll und sauste zurück, bis die Brooktaue sie auffingen und stoppten. Gleichzeitig fuhr eine feuerrote Lanze aus dem Rohr, eine Qualmwolke entstand auf der Steuerbordseite.

Unmittelbar darauf schlug es dröhnend im Vorkastell der Schebecke ein, und Planken wirbelten durch die Luft.

Die zweite Culverine entlud sich mit Gebrüll, spuckte Rauch und Feuer und die Siebzehnpfünderkugel rasierte einen Teil des als Rammbug ausgebauten Galionseck weg.

Auch dort ein Krachen, ein Zerfetzen von Holz und ein Splitterregen, der über das Deck und ins Wasser flog.

Der dritte Schuß. Krachen, Bersten. Der Maststumpf der Schebecke flog mit einem Teil des Decks davon, und riß auf der anderen Seite das Schanzkleid auf.

Als sich der Rauch verzogen hatte, war es in den Bergen still. Nur der Sarazene raufte sich noch immer die Haare und erstickte fast vor Wut.

Jetzt erst sah man die Beschädigungen. Die drei Siebzehnpfünder der „Isabella“ hatten sauber getroffen und das Vorschiff in einen Trümmerhaufen verwandelt. Geborstene Planken ragten nach oben, die Galion war zerfetzt und zertrümmert. Von dem Rammsporn hing nur noch ein trauriger Stumpf nieder.

„Ihr habt die Fliege getroffen“, sagte der Profos gönnerhaft. „Das habe ich ganz deutlich gesehen. Nächsten Monat ist Weihnachten, da dürft ihr euch alle etwas wünschen.“

Das ohnehin verwüstete Deck glich nun einem Berg aus wahllos aufgeschichteten Trümmern, die Ferris Tucker neugierig musterte.

„Das gibt Arbeit für die Hundesöhne“, sagte er fachmännisch. „Damit sind sie eine Weile beschäftigt und werden ihre Menschenjagd fürs erste vergessen. Man hätte den Kahn besser doch total versenken sollen.“

Daß das ein anderer für ihn tun würde, erfuhr Ferris Tucker allerdings nicht mehr, aber es sollte nicht lange dauern.

Die „Isabella“ segelte weiter, an der Bucht vorbei, und aus den Bergen rannten die Kerle ans Ufer, als gelte es ihr Leben.

Langsam blieb die Bucht zurück. Die Schebecke entschwand ihren Blicken, und auch die Felsen wurden kleiner.

Bevor die Nacht anbrach, wurde eine alte Ruinenstadt entdeckt, und als Hasard den fast flehentlichen Blick des Kutschers sah, wurde er weich und befahl zu ankern.

Morgen in aller Frühe wollten sie sich ein Stück uralter Geschichte ansehen und dann endgültig weitersegeln.

Die Sache mit dem Sarazenen hatte jedoch noch ein übles Nachspiel, von dem die Seewölfe ebenfalls nichts erfuhren.

In der Dämmerung des nächsten Morgens lief eine kleine unscheinbare Feluke die Bucht des Minotaurus an.

Sie hatte nur zehn Mann Besatzung, und aus dieser Besatzung, die ausschließlich aus Arabern bestand, hob sich nur ein Mann etwas aus der Masse der anderen heraus.

Dieser Mann war Ali Abdel Rasul, den nur wenige kannten, den aber alle fürchteten, und der an den Küsten bis hinauf zur Ägäis Angst und Schrecken verbreitete, wenn nur sein Name fiel.

Ali Abdel Rasul war groß und schlank, schwarzhaarig, mit kohlschwarzen Augen und einem Bärtchen, wie die Scheiche es trugen.

Aber dieses Bärtchen trug er nicht immer. Mitunter war er glattrasiert, mal in kostbare Gewänder gekleidet, mal in Lumpen gehüllt, mal als Händler auftretend, der Ware an andere Schiffe verkaufte.

Die Feluke lief in die Bucht. Die Segel wurden weggenommen, und der letzte Schwung brachte sie bis dicht auf den Strand, wo sie etwas schräg geneigt liegenblieb.

Ali Abdel Rasul winkte zwei Männer herbei. Seine linke Hand lag auf einem goldverzierten Krummdolch, der im Gewand an seiner linken Hüfte steckte. Er trug ein burnusähnliches Gewand von ockergelber Farbe und hatte Sandalen an den Füßen.

„Du siehst nach, wie viele Gefangene wir haben“, befahl er dem einen Mann, „und du drehst den Stein. Ich werde nachsehen, ob der Kapitän eine Nachricht hinterlassen hat.“

Die beiden verbeugten sich fast ehrfurchtsvoll vor Ali und sprangen in den Sand.

Der eine kletterte in die Berge, während der andere den Felsen erklomm und den schweren Stein bewegte.

Ali Rasul stand vor dem Bild des Minotaurus und blickte es aus ausdruckslosen Augen an.

Dann schwang der Stiermensch mit einem leisen Knirschen zurück und gab den Blick in das Innere preis.

Am Horizont ging die Sonne auf. Zaghaft schob sie sich von Osten her über das Meer und tastete mit roten und silbernen Strahlen über die Wasserfläche.

Aber dafür hatte der Ägypter keinen Blick. Er zog sich an dem Felsen hoch und blickte in die kleine Höhlung.

Das Gold, das Silber und die Perlen waren weg. Das war richtig so, das hatte sich der Kapitän geholt, wie es ihm zustand. Ali irritierten nur die fünf Steine, die darin lagen. Weiter befand sich nichts in dem Hohlraum.

Verblüfft und ratlos nahm er sie heraus, drehte sie hin und her und wußte nichts damit anzufangen.

Hinter ihm war ein weiterer Mann erschienen, ein kleiner, kriegerischer Bursche, der devot dienerte.

Ali drehte die Steine immer noch hin und her, betrachtete sie von allen Seiten und wurde nicht schlau daraus.

„Hast du dafür eine Erklärung?“ fragte er den Mann mit dem Wieselgesicht.

Der starrte ebenfalls auf die Steine und schüttelte den Kopf. Dann blickte er seitlich auf das Bild des Stiermenschen.

„O Herr“, sagte er, „vielleicht zürnt der Stier von Kreta und hat das Gold in Steine verwandelt.“

„Meinst du, daß ein Halbgott das kann?“ fragte Ali spöttisch und kräuselte verächtlich die Lippen.

„Die Halbgötter vermögen viel, o Herr.“

„Aber dieser ist nur ein Bastard“, sagte Ali lachend. „Und du redest wieder einmal dummes Zeug, Moshe.“

Der unterwürfig wirkende Mann zuckte ängstlich zusammen. Dann schwieg er bedrückt.

„Ich möchte wissen, was hier vorgeht“, sagte Ali Rasul leise. Dann blickte er nach oben. Seine Hand tat eine herrische Bewegung, und gleich darauf schloß sich ganz sanft das Versteck mit einem leisen Knirschen.

Auf Alis Zügen lag leichte Ratlosigkeit, aber er blieb geduldig stehen und wartete ab, bis der Mann aus den Bergen wieder zurückkehrte. Das dauerte fast eine Viertelstunde.

„Was ist?“ fragte Ali knapp.

„Es sind keine Gefangenen da, o Herr“, stammelte der Mann verstört. „Kein einziger Christenhund befindet sich in dem Verlies. Es ist leer.“

„Bist du ganz sicher?“

„Ganz sicher, Herr. Allah soll mich …“

„Schon gut. Du willst noch etwas sagen?“

„In der Bucht weit vor uns liegt der Sarazene, Herr. Sein Schiff ist arg beschädigt. Die Leute haben mich nicht gesehen, sie arbeiten und bessern aus.“

Alis Gesicht verfinsterte sich bei den Worten. Er blickte auf die Steine, sah den Minotaurus an, und dann erschien in seinen dunklen Augen ein bösartiges Licht.

„Keine Gefangenen“, sagte er, als spräche er zu sich selbst. „Das Gold ist fort, und dieser Hundesohn wagt es, in der Bucht liegenzubleiben und sein Schiff zu reparieren.“

Wütend warf er die Steine in den Sand.

„Er hat mich betrogen, dieser Hund. Er glaubte sich wohl in Sicherheit, aber dann hat ihm der Sturm übel mitgespielt. Gold und Silber hat er sich geholt, er hat die Bezahlung kassiert, ohne die geringste Gegenleistung zu erbringen. Das hat noch keiner gewagt.“

In den Augen glomm es immer düsterer auf, und die beiden Männer traten ein paar Schritte zurück, als sie ihren Herrn so zornig sahen.

„Dieser Hundling von einem Sarazenen“, sagte Ali flüsternd. „Er wagt es …“

Mit schnellen Schritten ging er an Bord zurück. Sein Gesicht blieb jetzt kalt und ausdruckslos, aber in seinem Innern fraß der Zorn, da kochte es über diese bodenlose Frechheit.

„Dorthin, wo die Schebecke liegt!“ befahl er.

Die Männer sprangen ins Wasser, schoben mit vereinten Kräften die kleine Händlerfeluke ins Wasser und sprangen wieder auf.

Sofort segelte die Feluke weiter, bis sie die bezeichnete Bucht erreichte.

Ali Abdel Rasul starrte auf die Schebecke, die bestenfalls noch ein Wrack war. Die Reparatur würde eine Weile in Anspruch nehmen. Er sah, wie die Männer sich abmühten, den Mast aufzuriggen und die Schäden auszubessern.

„Wer von ihnen ist der Sarazene, Moshe?“ fragte er.

Moshe deutete dezent nach achtern, wo ein Mann mit mürrischem Gesicht stand und den zertrümmerten Balustradenschmuck anstarrte.

„Der Kerl ganz achtern, Herr.“

Auf der Schebecke wurden die Arbeiten jetzt unterbrochen, als die kleine Feluke in die Bucht segelte, die Segel strich und langsam heranglitt.

Sie starrten den vermeintlichen Händler an und grüßten lässig.

Ali Abdel Rasul verneigte sich.

„Allahu Akhbar, meine Brüder“, grüßte er überschwenglich. „Allah sei mit Euch, Kapitän. Ihr seid doch der Kapitän, Herr?“

Der Sarazene war in ausgesprochen übler Stimmung.

Er erwiderte den Gruß mürrisch und fragte: „Was willst du? Was verkaufen?“

„Allah beschütze dich, Herr“, sagte Ali. „Ihr habt schwere Schäden erlitten, wie ich sehe, und ihr werdet unsere bescheidene Hilfe gut gebrauchen können. Wir haben alles an Bord, was Euch zum Leben mangelt. Nüsse, Datteln, Oliven, frisches Gemüse, Beeren und auch Pulver.“

Zuerst sah es so aus, als wollte der Sarazene die vermeintlichen Händler zum Teufel jagen, aber dann war er einem kleinen Plausch nicht abgeneigt und gestattete, daß die Feluke an der Bordwand vertäut wurde.

„Wir könnten schon etwas gebrauchen“, sagte er und musterte den Händler mißtrauisch von oben bis unten. „Aber nur, wenn ihr vernünftige Preise aushandelt.“

Alis Gesicht blieb devot und unterwürfig, wie die Händler ihren Kunden immer begegneten.

„Ihr werdet zufrieden sein, Herr, und Ihr werdet über meine Preise ehrlich erstaunt sein.“

„Dann kommt an Bord und bringt gleich Tee mit.“

„Zu Diensten, Herr.“

Ali und drei weitere Männer enterten geschickt und schnell auf und sahen sich bedauernd um.

„Seid ihr zufällig hier vorbeigesegelt?“ fragte der Sarazene.

„Zufällig, Herr. Wir wollten weiter nach China, um frische Ware zu übernehmen und dort zu handeln. Was ist geschehen, Herr? Wer hat euer Schiff so beschädigt?“

Der Sarazene spuckte wütend über Bord. Dabei musterte er anerkennend den Dolch in Alis Gürtel, ohne zu wissen, wen er vor sich hatte.

„Zuerst war es der Sturm, dann segelte ein spanischer Christenhund hier vorbei und feuerte auf uns, die wir doch völlig wehrlos waren.“

„Und warum tat er das?“

„Frag ihn selbst, Händler, ich weiß es nicht. Hast du auch Pulver anzubieten?“

„Soviel ihr wollt, Herr.“

Über Ali Rasuls Gesicht glitt ein Schimmer. Er blickte über das achtere Schanzkleid und gab den Befehl, ein paar Fässer Pulver an Bord zu bringen.

Ein anderer erschien mit einem Kessel kochenden Wassers und kleinen Täßchen mit frischen Pfefferminzblättern.

Ali nahm sie entgegen, hielt eins der zerbrechlichen Täßchen in der linken Hand und goß aus großer Höhe geschickt wie ein Zauberkünstler das kochende Wasser schwungvoll in das Täßchen. Dann tat er ein paar Tropfen Tamarindensaft dazu und in das andere ein paar Tropfen Rosenöl.

Der Sarazene nickte anerkennend über soviel Geschick. Dieser Händler hatte nicht einen einzigen Tropfen verschüttet. Wahrlich, ein sehr geschickter Mann.

Ali plauderte, stellte Fragen und horchte den Sarazenen geschickt aus. Aber er erfuhr nicht viel, denn der Kapitän war mißtrauisch und geizte mit den Worten.

Für Ali Rasul stand jedoch schon das Urteil fest. Der Sarazene hatte ihn betrogen, betrogen um die Sklaven und betrogen um das Gold, das er widerrechtlich und entgegen aller Geschäftspraktiken an sich genommen hatte.

Aber einen Ali Abdel Rasul betrog man nicht, auch wenn der Sarazene sich bisher immer korrekt verhalten hatte. Ali glaubte genügend und einwandfreie Beweise zu haben.

Die Pulverfässer wurden an Deck gestellt, scheinbar unabsichtlich an mehreren Stellen. Dann wurden die Lebensmittel nach oben gebracht, die der Sarazene verlangte.

Er begutachtete alles, meckerte hier und da herum und versuchte, den Preis zu drücken, was Ali mit beifälligem freundlichem Lächeln quittierte. Aber er blieb bei dem Preis.

„Du bist ein harter Knochen!“ fuhr er Ali an. „Deine Preise sind zu hoch. In der nächsten Stadt kriege ich das Zeug billiger.“

„Herr, ich muß auch meine Leute bezahlen, ich bin ein armer Mann, der eine große Familie ernährt. Ich kann euch eine Zugabe geben. Aber dann möchte ich euch an Bord meines Schiffes bitten, damit Ihr euch eine der Kostbarkeiten aussuchen könnt. In welcher Währung wollt ihr mich bezahlen?“

„In Piastern“, sagte der Kapitän.

Mit meinen eigenen Piastern, dachte Ali, die du Hundesohn mir aus dem Versteck geklaut hast. Er lächelte verbindlich und blickte auf die kleinen Krüge und Fässer, die jetzt an Deck standen.

Der Sarazene war neugierig auf die Zugabe, die der Händler ihm gewährte, und so zeigte er nach unten.

„Gehen wir, ich habe nicht viel Zeit. Mein Schiff muß wieder aufgeriggt werden. Was qualmt da so entsetzlich bei euch an Bord?“ wollte er wissen.

„Moshe wird Brotfladen backen, Herr. Er stellt sich dabei reichlich ungeschickt an. Eines Tages wird er das ganze Schiff in Brand setzen.“

Der Sarazene enterte ab. Er sah sich die Feluke an und war erstaunt, daß das kleine Händlerschiff über eine hölzerne Schleudervorrichtung verfügte, mit der man Brandtöpfe und Griechisches Feuer verschießen konnte.

Ali sah den Blick und lächelte.

„Wir werden oft ausgeplündert, Herr. Aber wir wissen uns unserer Haut zu wehren. Bitte, folgt mir!“

Kaum war der Sarazene an Bord, da beugten sich auch schon neugierige Köpfe über das Schanzkleid.

„Steht nicht rum, glotzt nicht!“ befahl der Kapitän. „Geht an eure Arbeit, ihr Hundesöhne.“

Die Köpfe fuhren zurück, und die Arbeit wurde emsig fortgesetzt.

Ali Abdel Rasul bat den Kapitän in seinen bescheidenen Raum, der mit kostbaren Teppichen ausgestattet war. Teure Öllampen hingen von der Decke, auf dem Boden lagen Wasserpfeifen, Tonkrüge und Gewänder, alles, was die Händler verkauften.

Zwei Mann aus Alis Besatzung lösten unauffällig die Leine, und gleich darauf trieb die Feluke leicht von der Schebecke ab. Zunächst bemerkte es niemand, doch dann fiel dem Sarazenen die leichte schlingernde Bewegung auf, und er stürzte an Deck.

Gehetzt sah er sich um, starrte Ali an und wollte etwas sagen, denn die Feluke hatte bereits Fahrt aufgenommen und glitt aus der Bucht.

Auf der Schebecke brüllten die Leute durcheinander und rangen die Hände, als das Händlerschiff weitersegelte.

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte der Sarazene mit vor Wut verzerrtem Gesicht. „Willst du Hundesohn mir wohl eine Antwort geben, du räudiger Köter?“

Ali Abdel Rasul lächelte hintergründig. Der Sarazene sah sich plötzlich von sechs Männern eingekreist und wurde blaß.

„Wenn du einem giftigen Köter die Zähne ziehst“, sagte Rasul immer noch lächelnd, „dann kann er nicht mehr beißen. Stimmt das?“ fragte er mit sanfter Stimme.

Zitternd hob der Sarazene die Hände, als er den scharf geschliffenen Krummdolch an seiner Hüfte verspürte. Die Männer, die ihn umringten, starrten ihn mit finsteren Augen an.

„Ali – Ali – Abdel Rasul!“ stammelte der Sarazene, als ihm endlich dämmerte, was hier passiert war.

Der schlanke Mann sah ihn an und nickte.

„Ganz recht, Hundesohn. Du hast mich bestohlen, du hast mich getäuscht und betrogen. Du hast keinen einzigen Gefangenen, aber trotzdem hast du mein Geld genommen! Das hast du nun davon.“

„Ich habe nichts genommen!“ schrie der Kapitän angstvoll und hob abwehrend die Hände hoch, als der Dolch ihn drückte. „Und die Gefangenen sind im Verlies. Fünf Leute sind es.“

„Und jetzt belügst du mich auch noch, du räudiger Hund. Wir hätten das verrechnen können, aber du mußtest mich auch noch verhöhnen, indem du fünf Steine in das Versteck legtest. Du hast meine Ehre besudelt und mich der Lächerlichkeit preisgegeben. Du weißt, wie ich darauf reagiere.“

Der Sarazene schrie wie am Spieß, beteuerte lauthals seine Unschuld, aber dafür hatte Ali Rasul nicht mehr als ein verächtliches Lächeln übrig.

„Sieh dir jetzt an, wie es Verrätern geht!“ sagte er kalt.

Dann gab er seinen Männern einen Wink. Sie trugen einen runden Kessel an Deck, in dem es qualmte, zischte und brodelte. Vorsichtig legten sie ihn in den hölzernen Kopf der Schleuder. Dann trat ein Mann zurück und kappte das Tau mit dem die Schleuder gespannt war.

Voller Kraft schoß der Topf in die Höhe, der Luftzug ließ das Leuchtöl erglühen, und eine helle Flamme schoß hoch, als der Topf einen großen Bogen beschrieb und sich wie eine glühende Sonne über der Schebecke entlud.

Waberndes Feuer leckte nach allen Seiten, schaurige Schreie hallten von der Schebecke herüber, und dann stand sie schlagartig lichterloh in Flammen.

Etwas später detonierten die Pulverfässer unter bestialischer Geräuschentwicklung. Der Rest der Schebecke flog krachend auseinander, und alles verging in einem Glutball.

Der Sarazene stand mit leerem Blick da. Er hatte nur noch Angst, hündische Angst, und er sank heulend und jammernd auf die Knie und hob bittend die Hände.

„Es muß der Spanier gewesen sein, Herr“, winselte er. „Ich war es nicht, bei Allah, ich schwöre.“

„Du brauchst nicht mehr bei Allah zu schwören, Sarazene“, sagte Ali freundlich. „Einmal ein räudiger Hund, immer ein räudiger Hund, daran wird sich nichts ändern.“

Der Sarazene stieß einen dumpfen Schrei aus, als ihm der Dolch in die Rippen fuhr und sein Leben beendete.

Ali Abdel Rasul sah kalt auf ihn hinunter. Dann warf er einen Blick auf das Chaos in der Bucht und wandte sich ab.

„Werft ihn über Bord!“ befahl er.

Der tote Sarazene wurde über Bord geworfen und verschwand aufklatschend in der See. Er ging sofort unter und tauchte auch nicht mehr auf. Nur ein paar Blasen stiegen noch hoch.

„Weiter, immer an der Küste entlang!“ befahl Ali.

Er stand auf dem Achterdeck der Feluke und blickte ins Wasser.

„Vielleicht hat er doch die Wahrheit gesprochen“, murmelte er leise, „vielleicht treffen wir diesen Spanier, wenn es ihn überhaupt gibt.“

Doch dann schüttelte er den Kopf. Nein, nein, dachte er, es paßte alles viel zu gut zusammen. Der Sarazene hatte den Tod verdient.

Noch während der Kutscher und einige andere die historische Stätte besichtigten, rollte dumpfer Donner durch die Luft. Das donnernde Geräusch erklang zweifellos aus Westen, und es mußte von jener Stelle herrühren, wo die Schebecke lag.

Die Seewölfe legten das auf ihre Art aus, denn sie wußten es nicht anders.

„Die haben den Kahn in die Luft gejagt“, meinte Hasard. „Wahrscheinlich haben sie eingesehen, daß sich eine Reparatur nicht mehr lohnte.“

„Ganz recht, Sir“, pflichtete Ferris Tucker bei. „Ich an Ihrer Stelle hätte genauso gehandelt. Da gab es nicht mehr viel zu reparieren, das lohnte sich gar nicht, und das haben sie auch eingesehen.“

„Ist nicht schade darum“, meinte Dan. „Der Kerl wird vorerst keine Sklaven mehr verkaufen. Bis der ein neues Schiff hat, vergeht eine Weile.“

Gegen Mittag kehrte der Kutscher mit den anderen zurück, und die „Isabella“ ging wieder ankerauf und setzte die Segel.

Von achtern segelte eine kleine Feluke auf, ein Händlerschiff, wie es den Anschein erweckte. Aber niemand schenkte dem kleinen Kahn Beachtung, der in mehr als zwei Kabellängen vorbeisegelte.

Und niemand ahnte, daß sich auf der Feluke ein Mann befand, der ihnen noch sehr viel Ärger bereiten sollte und sehr nachdenklich durch ein Spektiv die „Isabella“ beobachtete.

Ali Abdel Rasul lächelte, während er den vermeintlichen Spanier musterte.

Das Schiff interessierte ihn, und womöglich hatte der Sarazene doch nicht gelogen.

Aber das würde die Zukunft erweisen, denn Ali Abdel Rasul hatte Zeit, sehr viel Zeit, und er war außerordentlich hartnäckig, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Immer noch lächelnd sah er, wie die ranke Galeone Fahrt aufnahm und Ostkurs steuerte.

Für ihn war die Angelegenheit noch lange nicht erledigt, für die Seewölfe vorerst schon …


1.

Antos, der Grieche, hatte seinen Lieblingsplatz auf dem Inselberg aufgesucht, von dem aus er Abend für Abend den Untergang der Sonne zu beobachten pflegte.

Umständlich ließ er sich auf seinem Stammplatz, einem flachen Felsen, nieder, stützte die Hände auf die Knie und blickte aufs Wasser hinaus, so fasziniert und erwartungsvoll wie immer, in etwa so, als würde dort draußen gleich Poseidon, der Gott der Meere, auftauchen, um ihm die seit langem ersehnte Botschaft zu übermitteln.

Mit wichtiger Miene griff Antos zur Lyra, seinem geliebten Instrument. Sie war nicht harfenähnlich konstruiert wie in anderen Ländern, sondern sah einer winzigen Laute ähnlich. Antos strich die drei Saiten mit dem glockenbehängten Bogen und spielte eine uralte Melodie, die es auf Rhodos schon vor der Zeit der Byzantiner gegeben haben sollte.

Es war eine Tavla, eine traurige Weise, deren dünner Klang sich schon an den Berghängen verlor und vom Wind nicht auf die See hinausgetragen wurde.

Poseidon, so dachte Antos mit Wehmut im Herzen, wird mir schon antworten.

Seit Jahren hoffte er nun auf diese Botschaft, die nicht eintraf, denn dort unten, auf dem Grund des tiefen Wassers, ruhten seine Frau und seine beiden Kinder, sein größter Schatz im Leben, den er für immer verloren hatte.

Wie viele Jahre der Tag des Unglücks nun schon zurücklag? Antos wußte es nicht, er hatte nicht mitgezählt. Was bedeuteten ihm schon Wochen, Monate, Jahre? Die Zeit war ein Spiel von Sonne und Mond, Helligkeit und Finsternis, ein beständiges Auf und Ab, das auf seine Gedankenwelt jedoch keinerlei Einfluß hatte.

Damals, als alles noch seine Richtigkeit gehabt hatte und die Welt für Antos in Ordnung gewesen war – damals hatte er sich als Fischer sein Brot verdient. Eines Tages hatte er dem Drängen seiner Frau und seiner beiden Söhne nachgegeben und sie mit hinausgenommen aufs Meer.

Doch zu spät hatte er das Heraufziehen des Sturmes bemerkt, zu spät hatte er die Rückkehr zur Bucht angetreten. Das Boot war gekentert, seine Familie ertrunken. Weder die Frau noch die Kinder, sechs und sieben Jahre alt, hatten schwimmen können.

Antos war im Wasser bewußtlos geworden, als die Bordwand des Bootes seinen Kopf traf, doch die Wellen spülten seinen Körper an den Strand, und er wurde von Männern des Dorfes Pigadia gefunden. Mit vereinten Anstrengungen erweckten sie ihn wieder zum Leben.

Die Götter schienen ein Wunder vollbracht zu haben, denn eigentlich hätte auch Antos ertrinken müssen. Doch ihm selbst wäre es lieber gewesen, wenn Poseidon auch ihn zu sich geholt hätte, in das Reich der blauen Dunkelheit und der Fischschwärme, des ewigen Schweigens und des Friedens.

Pigadia, sein Dorf, seine Heimat, hatte ihn wieder aufgenommen und behütet, aber Antos wurde von jenem Tag an ein anderer Mensch. Er wagte sich nicht mehr auf die See hinaus. Er taugte auch nicht zur Landarbeit, nicht einmal zum Pflükken der Oliven.

Nur selten sprach er, und wenn, dann sagte er merkwürdige Dinge.

Die Männer und die Frauen im Dorf sagten, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf seit jenem furchtbaren Tag. Aber Antos lächelte nur bescheiden in sich hinein, wenn er sie leise reden hörte und sah, wie sie sich untereinander anstießen und auf ihn deuteten.

Oh, er verstand jedes ihrer Worte und wußte genau, wie sie über ihn urteilten. Doch war ihm nicht daran gelegen, sich zu rechtfertigen, sich zu verteidigen, vor sie hinzutreten und lange Reden zu halten.

Unwichtig, dachte er, völlig unwichtig.

Nur die Botschaft galt, die Botschaft mußte erfolgen, von seiner Frau und seinen Söhnen, die ihn irgendwann zu sich riefen.

Antos strich heftiger mit dem Bogen über die Saiten der Lyra.

Mitleid? Nein, das Mitleid der Leute im Dorf wollte er nicht. Warum sollte man ihn auch bemitleiden? Er war doch froh, daß er bald Rhodos und Pigadia verlassen durfte, um in die Tiefen zu steigen. Nur darauf wartete er.

Bis es soweit war, aß, trank und schlief er, ohne recht zu bemerken, was er eigentlich tat. Er spielte manchmal mit den Kindern auf dem Dorfplatz und zeigte ihnen, wie man die Lyra strich.

Manchmal sagte er zu ihnen: „Ich bin schon tot. Ihr wißt es nur noch nicht.“ Dann riefen die Mütter die Kinder in die Häuser, um ihnen rasch ein Stück Brot mit Feigenmarmelade in die Hand zu drücken. Immer dann. Seltsam, dachte Antos.

Poseidon, so sagte er sich im stillen, wird seine Boten schicken. Schiffe werden auftauchen, schlanke Schiffe mit dreieckigen Segeln.

Hin und her bewegte er den Glokkenbogen, seine Finger bearbeiteten das Griffbrett. Schrill wurde der Klang der Lyra, und der stürmische Wind aus Südosten stimmte mit in das Lied ein.

Höher stiegen die Wellen der See, dunkelgrau wurde das Wasser, ehe die Sonne als Glutball hinter dem Horizont versank. Es würde einen Sturm geben, so wie damals, als das Fischerboot wie ein Spielzeug gekentert war.

Der Wind würde über Rhodos hinwegheulen, die Brecher gegen die Ufersteine donnern. Heute nacht schlossen sich die Frauen mit ihren Kindern in den kleinen Häusern von Pigadia ein und beteten zu den Göttern, daß nichts geschehen möge. So mancher Mann, der draußen in den Olivenhainen übernachtete, weil die Zeit der Ernte gekommen war, würde auf den schmalen Pfaden ins Dorf zurückkehren.

Es sollte eine unruhige Nacht werden, voll Angst und dumpfer Fragen, auf die es keine Antworten gab.

Antos brach die Melodie abrupt ab. Er erhob sich, ließ die Lyra und den Bogen sinken und blickte aus schmalen Augen nach Osten.

„Danke, großer Poseidon“, sagte er ergriffen. „Du hast mein Rufen erhört. Du schickst deine Boten, damit sie mich abholen und zu den Meinen bringen. Ich danke dir.“

Schiffe segelten heran – zwei schlanke Schiffe mit dreieckigen Segeln. Sie hielten direkt auf die Bucht unterhalb von Pigadia zu.

Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, hielt in der Kapitänskammer der „Isabella VIII.“ eine kurze Lagebesprechung mit Ben Brighton, seinem Ersten Offizier und Bootsmann, mit Ferris Tucker, seinem Schiffszimmermann, mit Big Old Shane, dem ehemaligen Schmied und Waffenmeister von Arwenack-Castle, mit Smoky, dem Decksältesten und den beiden O’Flynns ab.

Er deutete mit dem Finger auf die Karte, die er auf seinem Pult ausgebreitet hatte. Die Männer traten in dem schwankenden Schiffsraum näher und beugten sich etwas vor, um in dem Gewirr von Inseln zwischen Griechenland und der Türkei etwas Konkretes erkennen zu können.

Hasard wies auf eine von Norden nach Süden lang ausgestreckte Insel, die genau auf halber Strecke zwischen Kreta und Rhodos lag.

„Dies ist Karpathos“, erklärte er. „Nach meinen Berechnungen befinden wir uns rund zwanzig Meilen querab ihres südlichen Ufers, und zwar hier.“

Er bestimmte mit der Fingerkuppe einen Punkt, der südöstlich der Insel im Mittelmeer lag.

„Ich habe unsere Position auch überprüft“, sagte Dan O’Flynn. „Sie stimmt mit deiner Berechnung völlig überein.“

„Also, wir haben die Wahl. Entweder laufen wir Karpathos an, um dort vor dem drohenden Sturm Schutz zu suchen, oder aber wir segeln bis nach Rhodos weiter, um dort eine Bucht zu suchen.“

„Andere Inseln gibt es in unserer nächsten Umgebung nicht?“ fragte Shane.

„Das siehst du doch“, brummte der alte O’Flynn. „Die kleineren Inseln der Sporaden, Kykladen und Dodekanes liegen alle weiter nördlich.“

„Du weißt ja genau Bescheid, Donegal“, sagte Ferris Tucker. „Donnerwetter, das hätte ich gar nicht von dir erwartet.“

Der Alte warf ihm einen giftigen Blick zu. „Mister Tucker, irre ich mich – oder waren wir schon mal in dieser schönen Gegend?“

„Du irrst dich nicht. Aber wie lange liegt das nun schon zurück! Himmel, man vergißt doch so vieles wieder“, sagte Ferris grinsend.

„Ja, ja“, murmelte Old Donegal Daniel O’Flynn. „Und bei dir ist der Gedächtnisschwund schon weiter fortgeschritten als bei mir, wenn’s das ist, auf was du anspielst.“

„Aber, Donegal!“ stieß der rothaarige Schiffszimmermann in scheinbarer Entrüstung aus. „Wie kannst du denn so was von mir glauben?“

„Von euch Satansbraten ist alles mögliche zu erwarten“, sagte der Alte. „Aber bei mir im Gehirn funktioniert noch alles prächtig, und ich hab ein Gedächtnis wie die Bibel, merk dir das.“

„Du bist auch so alt wie die Bibel, Mann“, meinte Shane. „Und nun halt mal die Luft an, Ben will was sagen.“

„Karpathos wäre ein Umweg“, sagte Ben Brighton. „Wir müßten ein Stück nach Nordwesten zurücksegeln. Viel Zeit würde das bei diesem Wind nicht in Anspruch nehmen, aber ebenso schnell wären wir auch in Rhodos. Wir brauchen nur am Wind Kurs Nordosten zu steuern.“

„Und Rhodos würde bedeuten, wir wären schon wieder einen Schritt näher an unserem eigentlichen Ziel“, sagte der Seewolf. „Ich denke, wir schaffen es, die Insel zu erreichen, ehe der Sturm richtig losbricht.“

Smoky hatte einen Blick durch die Tür zur Heckgalerie ins Freie geworfen. Er rammte die Tür wieder zu, kehrte ans Pult zurück und sagte: „Die Schauer- und Gewitterwolken drängen sich zusammen. Der Wind nimmt an Stärke zu.“

„Hast du Wassersäcke an der Unterseite der Wolken sehen können?“ fragte Hasard.

„Nein, noch nicht.“

„Dann lassen Regen und Hagel wohl noch ein wenig auf sich warten. Mit den ersten Orkanböen ist erst nach Dunkelwerden zu rechnen.“ Der Seewolf sah die Männer der Reihe nach an. „Wir wagen es. Abwettern können wir den Sturm auf keinen Fall, die Wetterlage ist gerade um diese Jahreszeit unberechenbar. Aber Rhodos dürfte für uns als Zufluchtsort so gut wie sicher sein.“

Ferris Tucker blickte wieder auf die Karte, die fast den gesamten Teil des östlichen Mittelmeeres zeigte. „Und wie weit ist es von Rhodos bis nach Ägypten? Ach, verdammt, das ist ja noch ein langer Törn. Ob wir den wohl vor Jahresende noch schaffen?“

„Ich habe mir fest vorgenommen, zu Weihnachten am Nil zu sein“, entgegnete der Seewolf. „Und ich schwöre euch, daß ich meinen Zeitplan einhalte.“

„Das heißt, wir gehen so bald wie möglich wieder auf Südkurs?“ fragte Smoky.

„Ja. Sobald Wind und Wetter es wieder zulassen.“

„Weihnachten am Nil“, brummte der alte O’Flynn. „Also, so richtig geheuer ist mir das nicht, aber was sein muß, muß sein. Ob wir denn wohl wirklich Schätze finden – oder vielleicht nur Sand, nichts als Sand?“

Hasard lachte. „Donegal, wenn man dich so reden hört, kriegt man die richtige Vorfreude auf Ägypten. Du bist der geborene Optimist.“

„Ja, Sir. Und ich habe keine Lücke im Hirn.“

„Wie kannst du da so sicher sein?“ wollte Ferris Tucker wissen. „Ich finde, wir sollten das mal durch den Kutscher überprüfen lassen.“

„Wie denn?“ fragte der Alte verblüfft. „Das geht doch gar nicht.“

Sein Sohn wandte sich ihm mit ernster Miene zu. „Doch, Dad. Man braucht dazu nur ein Kalfateisen und einen großen Hammer.“

Old O’Flynn wollte der „Bande von Höllenbraten“, wie er die Männer zu nennen pflegte, gerade ein paar derbe Verwünschungen entgegenschleudern, da ertönte aus dem Großmars die Stimme Bills.

„Deck! Mastspitzen Steuerbord voraus! Ein Schiff mit drei Masten! Es segelt auf uns zu!“

„Sehen wir nach, was es mit dem Bruder auf sich hat“, sagte der Seewolf. Er rollte die Karte zusammen und verstaute sie in der Schublade des Pultes, dann verließ er die Kapitänskammer. Die anderen folgten ihm.

Antos kehrte in sein Dorf zurück, um sich auf das Bevorstehende vorzubereiten. Er wollte seine besten Kleider anlegen und seine Bartstoppeln abrasieren. Er wollte sich fein herausputzen für die Ankunft der Schiffe.

Pigadia lag versteckt im Hügelland der Insel Rhodos und war so an die Hänge gebaut worden, daß es von der See her nicht eingesehen werden konnte – eine Maßnahme zum Schutz der Bewohner vor Piraten. Man brauchte aber nur wenige Schritte von den Häusern in Richtung auf das Ufer zu tun, um zwischen Felsenvorsprüngen auf die Bucht schauen zu können, in deren Grotten wohlbehütet und vor fremden Blicken gesichert die Fischerboote lagen.

Pigadia hockte wie der Horst eines Seeadlers auf dem Berg, und nur zwei Pfade führten hinauf, der eine von der Bucht her, der andere aus dem Innern der Insel, um die Olivenhaine mit dem Dorf zu verbinden.

Die Häuser waren klein und ineinander verschachtelt. Sie standen übereinander, und bei den meisten bildete die Decke den Fußboden der darüberliegenden Behausung.

Antos schritt im ersterbenden Licht der Dämmerung durch die Gasse, die ihn zu seinem kleinen Haus brachte. Ein Haus mit nur einem Raum, das erbärmlichste Heim von ganz Pigadia, in dem man nur dahinvegetieren, aber nicht richtig leben konnte.

Antos war vergnügt und schlug im Voranschreiten wieder die Saiten seiner Lyra an.

Eine der Frauen reckte ihren Kopf zum Fenster hinaus. Es war Melania, eine Witwe mit drei Kindern, die ihren Mann im Sturm verloren hatte, wie Antos seine Familie hatte ertrinken sehen müssen. Sie hatte viel Verständnis für das Schicksal des armen Teufels, und oft gab sie ihm zu essen und zu trinken und lud ihn in ihr Haus ein. Dies hatte anfangs Anlaß zu allerlei Klatsch und Tratsch gegeben, doch inzwischen hatte man in Pigadia begriffen, daß Melania mit Antos wirklich nichts anderes im Sinn hatte, als ihm ein bißchen dabei zu helfen, sein bitteres Los zu ertragen.

„Antos!“ rief sie ihm zu. „Was tust du um diese Zeit noch draußen? Der Wind bläst dich fort! Komm herein oder geh in dein Haus!“

„Ich gehe nach Haus“, sagte Antos mit feierlicher Miene. „Ich ziehe mich fein an und wasche mich, denn es ist soweit.“

„Ich verstehe nicht, was du sagst!“ rief sie.

Er trat näher an ihr Haus und sprach etwas lauter, um das Jaulen und Pfeifen des Sturmwindes zu übertönen. Er wiederholte Wort für Wort, was er gesagt hatte.

Sie sah ihn halb verständnislos, halb zweifelnd an. „Schiffe? Ich glaube nicht, daß bei diesem Wetter noch jemand unterwegs ist. Und wer sollte auch schon nach Rhodos segeln? Es liegt schon viele Jahre zurück, daß wir in Pigadia Besuch gehabt haben.“

„Es sind zwei Schiffe. Sie steuern auf die Bucht zu.“

„Antos, bitte, komm herein.“

Er betrat das Haus, und sofort waren die drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, um ihn herum, zupften an seinen Hosenbeinen und zerrten an seinen Armen.

„Antos!“ rief eins der Mädchen. „Spiel ein Lied für uns! Laß uns zusammen singen!“

Melania verscheuchte sie aus seiner Nähe, dann forderten sie ihn dazu auf, auf der zweistufigen Estrade Platz zu nehmen, die die ganze Länge der der Tür gegenüberliegenden Wand einnahm.

Antos setzte sich mit bedächtigen Bewegungen und bettete die Lyra und den Bogen auf seine Knie.

Im Steinofen flackerte ein munteres Feuer. Melania reichte dem großen Mann mit dem kantigen, verschlossenen Gesicht Gebäck und füllte einen Becher mit weißem Landwein.

„Trink und iß“, sagte sie. „Und wärm dich auf. Du bist ja ganz durchgefroren.“

„Ich kann nicht lange bleiben. Ich muß fort. Ich bin in Eile.“

„Was hast du vor?“ fragte sie ihn.

„Ich muß hinunter zur Bucht. Muß fertig sein, wenn sie vor Anker gehen. Sie werden nicht lange auf mich warten.“

Sie ließ sich neben ihm auf der obersten Stufe nieder und betrachtete ihn voll Sorge. Er biß in ein Stück Gebäck und nahm hastig einen Schluck Wein.

„Das kannst du doch nicht tun“, sagte sie eindringlich. „Du holst dir da unten den Tod. Sei doch vernünftig.“

Der kleine Junge war wieder näher herangetreten und blickte zu ihnen auf.

„Mutter“, sagte er leise. „Er ist doch schon tot. Er kann nicht mehr sterben.“

„Sei still.“

„Ja“, brummte Antos. „Ich bin tot. Mein neues Haus ist schon bereit. Poseidon hat es für mich und die Meinen erbaut.“

„Antos“, sagte die Frau, jetzt in fast flehendem Tonfall.

Er stellte den Becher weg, ließ den Teller mit dem restlichen Gebäck stehen und erhob sich erstaunlich schnell. „Ich habe keine Zeit zu verlieren. Muß gehen. Laßt mich fort.“ Er sprang von der Estrade, eilte durch den Raum und war im nächsten Augenblick durch die Tür verschwunden.

Die kleinen Mädchen stießen sich an und kicherten. Melania beugte sich zu dem Jungen hinunter und sagte: „Kanos, paß eine Weile auf deine Schwestern auf. Ich verlasse mich auf dich.“

„Du willst fort, Mutter?“

„Nur eben zu Iris hinüber, es dauert nicht lange.“

Er nickte und sah sie mit dem Ernst eines erwachsenen Mannes an. „Du brauchst unseretwegen keine Angst zu haben, Mutter, bestimmt nicht.“

Sie hauchte ihm einen Kuß auf die Stirn, dann verließ auch sie das Haus und eilte drei Türen weiter zu ihrer Freundin. Iris, die hübsche junge Frau mit den langen schwarzen Haaren, hatte erst vor wenigen Wochen den gutaussehenden Lagios geheiratet, der als einer der besten Fischer, Jäger und Bauern im Dorf bekannt war und auch einer der stärksten und mutigsten Männer war.

Iris war allein. Lagios war mit den anderen Männern hinaus in die Olivenhaine gezogen, wo es Häusergruppen zum Übernachten gab. Wegen der ziemlich großen Entfernung, die die Haine und Felder vom Dorf trennten, zogen es die Männer bei den Ernten vor, dort ihr Quartier aufzuschlagen.

Aufgeregt berichtete Melania, was Antos gesagt hatte. Iris lachte und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ach, Unsinn, es gibt keine fremden Schiffe, Melania. Du weißt doch, was er sich alles ausdenkt. Er will schon Poseidon höchstpersönlich gesehen haben.“

„Darum geht es mir nicht“, sagte Melania. „Ich fürchte, er tut sich selbst ein Unheil an. Er ist heute abend völlig aus dem Häuschen. Wir dürfen nicht zulassen, daß er ins Wasser geht und sich umbringt.“

„Das tut er nicht.“

„Bist du ganz sicher?“

Iris wurde ernst. „Er hat es die ganzen Jahre über nicht getan, warum sollte es ausgerechnet heute nacht passieren? Aber ich will dir etwas anderes vorschlagen. Beraten wir mit den anderen Frauen, was zu tun ist.“

Es verging nicht viel Zeit, und Iris hatte knapp ein Dutzend Frauen zu sich ins Haus geholt. Sie alle ließen sich auf der Estrade nieder, und noch einmal erzählte Melania, wie seltsam sich Antos benommen hätte. Nachdem sie geendet hatte, herrschte für kurze Zeit Schweigen, dann ergriff eine Greisin das Wort.

„Der Wetterumschwung hat ihm den letzten Rest Verstand geraubt“, sagte sie. „Er ist eine arme Kreatur, Melania, aber wer ihn jetzt zurückzuhalten versucht, der läuft Gefahr, von ihm angegriffen zu werden.“

„Du meinst, er könnte gewalttätig werden? Auch mir gegenüber?“

„Ja. Er ist unberechenbar.“

„Glaubst du denn auch, daß er Selbstmord begehen will?“

„Möglich ist es.“

„Aber – dann müssen wir doch handeln! Es ist unsere Pflicht!“

Die Alte schüttelte den Kopf. „Nein. Für ihn wird es eine Erlösung sein, das Ende seiner Qualen. Und du, Melania, darfst ihm nicht in den Weg treten. Denk an deine Kinder.“

Melania hob entsetzt die Hände. „Aber das ist unmenschlich!“

„Nein“, sagte die Greisin. „Antos sieht Dämonen und Gespenster, er zieht sie mit seinem Tun an. Er bringt noch Unheil über Pigadia, wenn es so weitergeht mit ihm. Laß ihn in Frieden sterben.“

„Niemals!“ stieß Melania hervor. Dann stand sie auf und eilte aus dem Haus.

Iris wollte ihr nachlaufen, doch die anderen Frauen hielten sie zurück.

Melania hastete durch die einsetzende Dunkelheit zu Antos’ Haus. Als sie dort eintraf, war er bereits verschwunden. In dem einzigen Raum des Gebäudes herrschte eine heillose Unordnung, er hatte seine alte, zerlumpte Kleidung abgeworfen und sich andere Sachen angezogen.

Sie rief nach ihm, suchte die Gassen nach ihm ab, doch die Dunkelheit schien ihn verschluckt zu haben. Melania blieb stehen. Sie spürte, wie ihr die Tränen heiß und brennend in die Augen stiegen. Sie ballte ihr kleinen, arbeitsgewohnten Hände zu Fäusten.

Antos lief über den schmalen, gewundenen Pfad zur Bucht hinunter.

Die Schiffe – zwei Zweimaster mit großen Lateinersegeln – schoben sich im schäumenden Wasser in die Bucht. Sie waren unterschiedlich groß, das eine fast hundert Tonnen, das andere nur knapp fünfzig. Männer und Frauen befanden sich an Bord, eine bunt durcheinandergewürfelte Meute abenteuerlich gekleideter, wilder Gestalten.

Der Anführer der Bande stand auf dem Vordeck des großen Schiffes und blickte aufmerksam zum Ufer der Bucht. Er war groß und breitschultrig, ein Hüne von sehniger, kräftiger Gestalt. In seinem Gesicht stachen die dunklen, durchdringend blickenden Augen hervor, der schmallippige Mund, der Verwegenheit und Gnadenlosigkeit ausdrückte, eine leicht gebogene Nase und der Schnauzbart, dessen Enden über die Mundwinkel hingen.

Sein Name war Selim.

Selim, der Seeräuber.

2.

Der fremde Segler war nur noch sehr schwer durchs Spektiv zu erkennen. Hasard hatte sich mit Dan O’Flynn in den Vormars hinaufbegeben, um einen besseren Ausblick zu haben, doch die fallenden Schatten der Dunkelheit verwischten die Konturen des Dreimasters, der Kurs auf sie zu nehmen schien, zu einem unwirklichen, schemenhaften Etwas.

Einige Einzelheiten waren Hasard, Dan und Bill – der im Großmars hockte und unausgesetzt zu dem Schiff hinüberspähte – aber trotzdem noch aufgefallen.

„Seinen Aufbauten nach zu urteilen ist er kein Europäer“, sagte der Seewolf. „Kein Spanier, kein Portugiese, auch kein Italiener oder Grieche.“

„Sir!“ schrie Bill gegen das zunehmende Heulen des Windes an. „Ich halte ihn für einen Levantiner!“

„Ein Kauffahrer, nicht wahr?“ rief Hasard zurück.

„Ja, ganz bestimmt! Kein Kriegsschiff! Ich habe nur wenige Stückpforten gesehen!“

„Er könnte ein Syrer sein. Vielleicht kommt er auch aus Tripoli“, sagte Dan O’Flynn.

„Gut möglich“, meinte Hasard. „Oder aber von Zypern oder aus der südlichen Türkei. Für uns ist das nicht von Bedeutung. Ich schätze, er will nach Kreta oder nach Athen, um dort seine Ladung zu löschen und neue zu übernehmen.“

„Er scheint schweres Gut an Bord zu haben, denn er liegt ziemlich tief im Wasser.“

„Ja. Angreifen wird er uns auf keinen Fall.“

„Und wir?“ fragte Dan.

Hasard wandte ihm sein Gesicht zu. „Hat er uns was getan? Haben wir einen Grund, ihm auf den Leib zu rücken? Wir sind doch keine lausigen Piraten, die über jeden herfallen, der ihnen über den Weg läuft.“

„Natürlich nicht“, sagte Dan. „Das meine ich auch nicht. Es wäre nur gut, ihm ein paar nützliche Ratschläge zu geben. Wir wissen, welche Gefahren auf Kreta und in Richtung Sizilien lauern. Wir könnten ihn warnen.“

Hasard lächelte. „Entschuldige, daß ich deine Absicht verkannt habe. Aber er kennt sich in diesen Gewässern bestimmt besser aus als wir. Es dürfte nicht seine erste Fahrt hierher sein.“

„Er weiß die Gefahren zu meiden?“

„Wenn er ein Levantiner ist, dürfte er gerissen genug sein.“

Nun lachte auch Dan. „Allerdings. Aber was geschieht, wenn er Lord Henry begegnet?“

„Du bist also davon überzeugt, daß Henry uns immer noch folgt?“

„Du etwa nicht?“

„Na, ich weiß nicht. Don Gennaro Masaniello hält ihn bestimmt noch eine Weile in Neapel fest. Vergiß nicht, daß er mit Henry ein Hühnchen zu rupfen hat.“

„Wegen der erlittenen Niederlage? Bestimmt. Aber Henry weiß seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, das hat er uns zur Genüge bewiesen. Scoby und seine anderen Spießgesellen sind auch raffinierte Hunde, die sind bestimmt längst wieder mit ihrer ‚Cruel Jane‘ aus Neapel verschwunden und suchen uns, um sich an uns zu rächen.“

Hasard schob sein Spektiv zusammen und steckte es weg. „Und wenn schon. Henry irrt sich, wenn er sich einbildet, er könne uns doch noch schlagen und uns den Schatz der Medici wieder abjagen. Was den Levantiner betrifft, können wir von mir aus versuchen, auf Rufweite an ihn heranzugehen, um ihn vor Henry zu warnen.“

„Ja.“

„Bei dieser See ist das aber kein leichtes Manöver“, sagte Hasard. „Na, schön, meinetwegen, versuchen wir’s.“

Wenig später befanden Dan und er sich wieder an Deck. Hasard gab die erforderlichen Anweisungen. Die „Isabella“ ging etwas höher an den Südostwind und steuerte direkt auf das fremde Schiff zu, dessen Umrisse mit der Dunkelheit verschmolzen.

Hasard tat alles, um nahe genug an den Levantiner heranzusteuern, doch zu einer Verständigung reichte es nicht. Plötzlich war der fremde Dreimaster vollends verschwunden und wurde zu einem Geisterschiff, das lautlos ins Nichts entglitt.

„Er hat Angst vor uns!“ rief Hasard seinen Männern auf dem tanzenden Hauptdeck zu. „Wahrscheinlich hat er rasch anluven lassen, um uns zu entgehen!“

„Soll er!“ schrie Carberry. „Wir haben es gut mit ihm gemeint, aber absaufen und verrecken wird er wohl nicht! Bei dem Gewicht, das er geladen hat, wird er wohl nach Karpathos verholen!“

„Das nehme ich auch an“, sagte der Seewolf. „Fangt jetzt mit dem Verschalken der Luken und Schotten an! Spannt die Manntaue! Haltet die Sturmsegel bereit, wir müssen sie gleich setzen!“

„Schon dabei, Sir!“ rief Ben Brighton zurück.

„Bill!“ schrie Hasard. „Räum den Großmars!“

„Aye, Sir!“ tönte es von oben zurück. Bill kletterte über die Segeltuchverkleidung der Plattform und begann abzuentern.

„Wieder auf Kurs Nordost gehen!“ befahl der Seewolf.

„Schrickt weg Brassen und Schoten!“ brüllte der Profos.

„Pete, Kurs Nordosten!“ rief Ben Brighton zum Ruderhaus hinauf. „Zwei Strich Backbord!“

„Zwei Strich Backbord, aye, Sir!“ rief Pete Ballie, der Rudergänger, zurück. Er drehte am Ruderrad.

„Kurs Nordost liegt an!“ tönte kurz darauf Bens Stimme über Deck.

Beim Spannen der Manntaue packte der Seewolf selbst mit zu. Besorgt verfolgte er das Zunehmen von Windstärke und Seegang. In der Ferne zuckte ein Blitz. Leises Donnergrollen rollte von Südosten heran.

Das wird eine heitere Nacht, dachte er, rasch nach Rhodos, sonst kriegen wir noch kräftig die Jacke voll.

Selim hob den Kopf. „Was ist das?“ fragte er. „Ich höre Geräusche. Sie kommen vom Ufer.“

„Musik“, sagte einer der Männer zu seiner Rechten. „Jemand spielt auf einem Instrument.“

„Wahnsinn! Doch nicht bei diesem Wetter.“

„Da bewegt sich was“, raunte sein Kumpan ihm zu. „Da steht ein Mann und beobachtet uns.“

Selim fuhr sich mit der Hand über den Schnauzbart. „Seltsam. Ich dachte, dieser Teil der Insel sei unbewohnt. Es gibt nur wenige winzige Dörfer auf Rhodos, armselige Bauern- und Fischersiedlungen, wo wir kaum etwas erbeuten können. Aber hier? Hier kann doch keiner leben.“

Er hatte diese Bucht in der Tat nur als Ziel gewählt, weil er das Vorbeiziehen des Sturmes abwarten wollte. Die Bucht war ein vorzüglicher Ankerplatz, ein natürlicher Hafen, geräumig genug zum Manövrieren und durch Felsen gegen das Wüten der See ziemlich gut abgeschirmt.

Die Anker waren ausgerauscht, die Schiffe – eine Schebecke und eine Ghanja – schwojten an ihren Trossen. Allmählich ließ das Tanzen der Decks etwas nach, man hatte jetzt einen sicheren Stand auf den Planken.

„Ein Boot abfieren“, befahl Selim. „Ich will selbst nachsehen, was es mit dem Kerl auf sich hat.“

„Vielleicht ist er ein Einsiedler“, sagte ein glatzköpfiger Pirat, dessen Name Osman lautete. „Harmlos scheint er zu sein, sonst hätte er sich nicht durch seine Musik verraten.“

Selim sah aus schmalen Augen zum Ufer, wo die fremde Gestalt nur undeutlich zu erkennen war und jetzt fast unterging in der zunehmenden Dunkelheit. Aber – täuschte er sich, oder winkte der Mann ihnen wirklich zu?

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Selim. „Entweder ist er verrückt, oder aber es ist ein Trick, um uns in eine Falle zu locken. Haltet euch auf jeden Fall an den Geschützen bereit. Fünf Männer begleiten mich: Osman, Ali, Firuz und noch zwei andere, die ihr selbst aussuchen könnt. Nehmt genug Gewehre und Pistolen mit, damit wir auf jede Überraschung vorbereitet sind.“

Sie liefen auseinander, holten die Waffen und machten eins der beiden Beiboote klar, die auf dem Hauptdeck festgezurrt waren.

Selim stieg den Niedergang hinunter und schritt zum Achterdeck. Er blickte zu den Frauen, die sich vor dem Kastell versammelt hatten. Jella, seine glutäugige Geliebte, löste sich aus der Gruppe und eilte auf ihn zu.

„Was ist?“ fragte sie ihn. „Gibt es Ärger?“

„Ich glaube kaum“, antwortete er. „Es empfiehlt sich nur, die Umgebung ein wenig genauer zu kontrollieren. Drüben am Strand steht ein Mann und schaut zu uns herüber.“

„Du gehst an Land? Nimm mich mit.“

„Falls wir angegriffen werden, riskierst du, nicht mehr an Bord der ‚Grinta‘ zurückzukehren. Verstehst du? Man könnte aus dem Hinterhalt auf uns schießen.“

„Und du? Auch du begibst dich in Gefahr. Nein, ich will bei dir sein, und ich bin neugierig, sehr neugierig, wie es dort an Land aussieht. Bitte, laß mich mitfahren.“

Er gab ihrem Drängen nach, und wenig später saßen sie zu siebt in dem Boot und pullten auf die Brandung am nordwestlichen Ufer der Bucht zu. Zwischen den Felsen, die die Bucht umsäumten, gab es hier und dort sandgefüllte Zwischenräume, und auf einem dieser winzigen, sanft geschwungenen Strände stand der Fremde.

Jella beugte sich vor und flüsterte Selim ins Ohr: „Wenn wir sterben müssen, dann sterben wir zusammen, mein Herr und Gebieter.“ Der Spott in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Schweig“, sagte er.

Sie schwieg wirklich, denn sie wußte, daß er unberechenbar war und von einem Moment zum anderen in Wut ausbrechen konnte.

Es war ungewöhnlich, daß Frauen an Bord von Schiffen mitfuhren, auch unter Piraten, doch Selim wußte genau, daß er seinen Haufen nur zusammenketten konnte, wenn er ihn bei Laune hielt. Sie waren noch nicht sehr lange zusammen, und immer wieder gab es Situationen, durch die eine Meuterei hervorgerufen werden konnte. Bei der Vielzahl der Kerle, die sich auf der Schebecke „Grinta“ und auf der Ghanja befanden, würde selbst die Autorität eines Mannes wie Selim im entscheidenden Moment den Ausbruch des Vulkans nicht bremsen.

So hatte er zu einem taktischen Mittel gegriffen, das genauso ungewöhnlich wie wirksam war. Unter Mißachtung aller Gesetze des Korans hatte er einen Schwarm Frauen an Bord geholt, hier und dort in den Häfen aufgelesen oder aus überfallenen Siedlungen entführt. Sie hielten sich als dienstbereites Hurenvölkchen jederzeit für die wilden Männer zu Verfügung, unverschleiert, zügellos, herausfordernd. Das brachte die Kerle nicht auf dumme Gedanken.

Jella stammte aus Tripoli, und sie war freiwillig an Bord der Schebekke gegangen. Selim hatte sie zu seiner Auserwählten erkoren, weil sie die Schönste und Geschickteste unter allen Frauen war. Doch in der letzten Zeit war sie ihm fast zu dreist geworden. Neuerdings versuchte sie, ihn zu verhöhnen. Es konnte ihr nicht daran gelegen sein, auch in seiner letzten Stunde bei ihm zu sein, so weit gingen ihre Gefühle für ihn nicht.

Welchen Zweck verfolgte sie mit ihren Reden? Plante sie etwas gegen ihn?

Seine Miene wurde finster. Wenn du ein Komplott schmiedest, um meine Schätze an dich zu reißen, schneide ich dir die Gurgel durch, dachte er.

Das Boot stieß mit dem Bug durch die Brandung, die Wogen hoben es hoch und ließen es wieder fallen. Knirschend schob es sich auf den Sand.

Selim stieg als erster aus, Jella folgte ihm. Osman, Ali, Firuz und die beiden anderen hievten das Boot noch etwas höher auf den Strand, dann schritten auch sie ihrem Anführer und der Frau nach, die jetzt auf den merkwürdigen Fremden zusteuerten.

Selim hatte seine Pistole gezogen und den Hahn gespannt, um sofort auf den Mann schießen zu können, falls dieser einen jähen Ausfall gegen ihn unternahm oder wegzulaufen versuchte.

Antos lächelte und strich mit dem Bogen über die drei Saiten seiner Lyra.

„Willkommen“, sagte er. „Meine Freude kennt keine Grenzen. Ihr seid die Boten, nicht wahr?“ Er nickte wissend. „Poseidon schickt euch. Ich habe euch von weitem gesehen. Mein Wunsch geht in Erfüllung. Mein Dank wird ewig sein.“

Selim blieb dicht vor ihm stehen. Jella und die fünf Männer verharrten hinter seinem Rücken. Sie waren Türken und Araber, doch sie verstanden die Sprache des Mannes mit dem herben Gesicht und dem verlorenen Blick. Lange genug hatten sie das östliche Mittelmeergebiet bereist, die Ausdrucksweise der Griechen und der Inselbewohner war ihnen nicht mehr fremd.

„Er ist verrückt“, sagte Selim auf türkisch. „Jedenfalls hat es den Anschein. Habe ich es nicht gleich gesagt?“

Antos sah die Männer mit den Turbanen und den weiten Hosen, den Glatzkopf und die verächtlich lächelnde Frau an.

„Ich bin Antos“, erklärte er ihnen. „Ihr wißt Bescheid, nicht wahr?“

„Ja“, erwiderte Selim. „Poseidon schickt uns.“

„Wer bist du?“

„Poseidons Sohn“, erwiderte Selim, und seine Begleiter mußten an sich halten, um nicht laut loszulachen.

„Poseidons Sohn“, flüsterte Antos ergriffen und ließ die Lyra sinken. „Nimmst du mich sofort mit? Segeln wir gleich wieder fort?“

Selim beugte sich vor. Der Inselbewohner war ausstaffiert, als sei er gerade seiner eigenen Hochzeitsfeier entflohen. Er trug Kniehosen aus blauem Tuch und hohe Lederstiefel, dazu ein gebauschtes weißes Hemd und eine Joppe. Der Wind blähte seine Kleidung auf und zerzauste seine schütteren Haare, doch nicht das war es, was Selims Aufmerksamkeit erregte.

Um den Hals hatte sich der Mann eine Kette aus Goldmünzen gehängt.

„Seht ihr das?“ raunte jetzt auch Jella den Piraten zu. „Er ist reich. Er trägt Goldschmuck, als wäre es harmloser, wertloser Plunder.“

„Es ist Katzengold“, brummte Osman.

„Nein“, zischte Ali. „Gold, echtes Gold. Das erkenne ich von hier aus.“

„Antos, mein Freund“, sagte Selim so freundlich wie möglich. „Woher hast du diese wunderbare Kette?“

Antos lächelte verträumt. „Du müßtest es wissen. Poseidons Sohn weiß alles.“

Selim überlegte, ob er ihn mit dem Messer zur Preisgabe der Antwort zwingen sollte, doch er beherrschte sich. Er hatte es mit einem Geistesgestörten zu tun. Wahrscheinlich würde sich dieser Mann eher töten lassen, als sich ihm noch weiter mitzuteilen, wenn er merkte, daß er einem Irrtum erlag.

Selim entsann sich der Bräuche, die auf Rhodos und den anderen Inseln des Ägäis-Archipels üblich waren. Normalerweise trug kein Mann irgendwelchen Schmuck. Dies taten nur die Mädchen, wenn sie vor ihrer Heirat stolz ihre Aussteuer vorwiesen. Erbstücke, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden – daß es jedoch Gold sein konnte, hatte Selim wegen der Armut der Insulaner nicht zu hoffen gewagt.

„Die Kette gehört deiner Frau“, sagte Selim.

Antos blickte ihn ergeben an. „Ja. Ja. Ich bringe sie ihr. Fahren wir hinaus?“

„Hinaus aufs Meer?“

„Ja, aber nicht sehr weit, nicht wahr?“

Selim überlegte scharf. Er glaubte zu begreifen, was den Verstand dieses Mannes umnachtet hatte.

„Sie liegt dort draußen, Antos“, sagte er.

„Bei meinen Söhnen.“

„Bei deinen Söhnen.“

„Laß mich nicht länger warten“, flehte Antos.

Selim sah ihn forschend an. Natürlich konnte er ihm den „Gefallen“ tun, ihn auf die See hinauszubringen und dort ins Wasser zu stoßen, nichts leichter als das. Selbstverständlich würde er ihm vorher die Kette abnehmen. Aber etwas hielt ihn zurück, etwas, das mit Mitleid und Skrupel allerdings nicht das geringste zu tun hatte.

„Auch Poseidon würde sich über ein Geschenk freuen“, sagte Selim.

„Oh? Aber ich habe nur diese eine Kette.“

„Es gibt noch mehr Ketten, Antos.“

„Im Dorf, meinst du?“ Antos lachte. „Du weißt alles, wirklich alles, Sohn des Poseidon. Nichts entgeht dir. In Pigadia haben fast alle Frauen einen kleinen Familienschmuck.“

„Den sie in ihren Schatullen aufbewahren.“

„Ja. Unter der Estrade.“

„Natürlich. Unter dem Hohlraum der Estrade“, sagte Selim und wandte sich zu den anderen um. Sie grinsten verstohlen. Was eine Estrade war, wußten sie natürlich alle. Nicht nur auf Rhodos war es üblich, diesen erhöhten Tritt in den Wohnhäusern einzurichten, auf dem sich ein großer Teil des täglichen Lebens abspielte.

Selim hielt nach einem Pfad Ausschau, der zum Dorf hinaufführte, entdeckte ihn jedoch nicht.

„Antos“, sagte er. „Ich gehe ins Dorf, um deine Leute zu begrüßen und um ein Geschenk für Poseidon zu bitten. Warte hier auf mich.“

„O nein! Ich möchte dich begleiten!“ rief Antos.

Wie würden die Frauen und die Männer, die in Pigadia geblieben waren, staunen, wenn sie ihn Seite an Seite mit einer wunderbaren Erscheinung, einem Gott und dessen Gefolge, einmarschieren sahen! Endlich würden sie begreifen, daß er kein Phantast war, daß alles, was er ihnen erzählt und prophezeit hatte, der Wahrheit entsprach – und die Zweifler würden erröten und betreten zu Boden blicken. Diesen Triumph ließ er sich nicht nehmen!

„Gut“, sagte Selim. „Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Aber warte, wir nehmen noch ein paar Begleiter mehr mit.“

Antos hob überrascht die Augenbrauen. „Warum?“

„Sie freuen sich darauf, ein so schönes Dorf wie Pigadia zu sehen.“

„Ja? Oh – Pigadia ist sehr, sehr schön.“

„Eben.“ Selim drehte sich wieder zu seinen Spießgesellen um und sagte auf türkisch: „Ali und Firuz, kehrt zu den Schiffen zurück und holt dreißig schwerbewaffnete Männer. Dobran soll selbst mit herüberkommen, ich brauche ihn jetzt. Erklärt ihm, daß es Gold für uns zu holen gibt.“

„Ja“, sagte Ali. Dann lief er mit Firuz, der sich schon in Bewegung gesetzt hatte, fort.

Dobran war der Kapitän der Ghanja und Selims Unterführer.

„Sohn des Poseidon“, sagte Antos. „Was ist das für eine seltsame Sprache, die du gebrauchst?“

Selim war um die Antwort nicht verlegen. „Es ist die Sprache der Götter.“

„Ich verstehe sie nicht.“

Selim lächelte ihm zu. „Das ist nicht weiter schlimm. Mach dir darüber nur keine Gedanken.“

3.

Erste orkanartige Böen tobten über die See und ließen die „Isabella VIII.“ bedrohlich nach Backbord krängen. In immer kürzeren Abständen stachen Blitze von den niedrighängenden Wolken zur See nieder, und das Donnergrollen wälzte sich über die Wogen, als lägen irgendwo – gar nicht mehr weit entfernt – Schiffe im Gefecht miteinander.

Die „Isabella“ segelte vor dem Wetter her, doch sie konnte ihm nicht davoneilen. Keiner der Männer gab sich in dieser Beziehung Illusionen hin. Zu groß war ihre Erfahrung, die sie in vielen Situationen wie dieser gesammelt hatten, zu abgerundet ihr seemännisches Wissen.

Der Sturm würde sie einholen, daran gab es keinen Zweifel.

Big Old Shane, der mit Ferris Tukker zusammen gerade das letzte Schott des Vordecks verschalkt hatte, drehte sich zu Hasard um und rief ihm zu: „Das wird ein feiner Tanz!“

„Wir werden ihn schon überstehen!“ schrie der Seewolf gegen das Heulen und Tosen an. „Spätestens um Mitternacht sind wir auf Rhodos!“

„Aber bis dahin hat es unserer Old Lady schon den halben Hintern weggerissen!“

„Bist du nicht mehr ganz dicht?“ rief Ferris erbost. „Der Hintern ist aus solider englischer Eiche! Der hält!“

„Denk daran, daß die ‚Isabella‘ nicht mehr die Jüngste ist!“

„Also, da hört sich doch alles auf!“ brüllte der rothaarige Riese. „Fängst du jetzt auch schon so an wie Old O’Flynn? Mann, dieser Kahn reitet noch so manchen Sturm ab, glaub’s mir!“

Hasard hangelte zu Shane und half ihnen dabei, die letzten Latten und Keile anzubringen. „Shane, du hättest wohl gern ein neues Schiff, was?“

„Herrgott, das wollte ich damit nicht sagen! Nur müßte unsere werte Dame mal wieder gründlich von oben bis unten und von vorn bis hinten überholt werden!“

Ein Brecher rollte heran, sprang an der Bordwand hoch und rauschte über Deck. Hasard, Shane und Ferris mußten sich wie alle anderen, die sich jetzt noch auf dem Oberdeck befanden, festhalten, um nicht fortgespült zu werden.

Durchnäßt richteten sie sich wieder auf. Hasard grinste den Graubärtigen grimmig an und rief: „Mit Aufslippen ist aber vorläufig nichts, mein Bester! Damit warten wir, bis wir in Ägypten sind!“

„Na ja, sicher“, sagte Shane einlenkend. „Bis dahin wird sie’s wohl auch noch durchstehen. Schließlich kann ja nicht das ganze östliche Mittelmeer sturmverseucht sein.“

„Um diese Jahreszeit vielleicht doch“, meinte Ferris. „Wer kann das schon genau wissen?“

„Sag lieber, ob du die Ladung überprüft hast, Shane!“ rief Hasard gegen das Orgeln der nächsten Bö an.

„Und ob! Die Schatzkisten und Truhen liegen da unten so sicher wie in Abrahams Schoß!“

Big Old Shane wollte noch etwas hinzufügen, aber jetzt brauste ein neuer Brecher heran, türmte sich an der Bordwand hoch und ergoß sich sprühend und gischtend über das Deck.

Dann war ein bedenkliches Knakken zu vernehmen – und die Männer sahen sich im Gischtnebel des Wassers verblüfft an.

„Das war vorn!“ schrie Ferris. „Hölle, Shane, also gibt es doch Ärger, aber nicht im Achtersteven, sondern an der Brust der Lady!“

„Der Teufel soll sie holen!“ brüllte der Schmied von Arwenack. „Wenn sie ihre verdammte Brust nicht mehr halten kann, dann lernt sie mich kennen!“

„Hör doch auf“, sagte Hasard. „Das Fluchen hilft auch nichts.“

Wieder knackte es.

„Der Bugspriet!“ rief Ferris.

„Los, auf die Galionsplattform!“ befahl der Seewolf. Er kletterte als erster auf die Back, hangelte in den Manntauen nach vorn und schwang sich über die vordere Balustrade. Ferris und Shane folgten ihm, Smoky, der sie vom Kombüsenschott aus beobachtet hatte, schloß sich ihnen an.

Hasard glitt fast aus, als er auf der Plattform der Galion landete, konnte sich aber an einem Tau festhalten. Erschüttert blickte er auf den Bugspriet, der auf und ab wippte und so beängstigend knarrte und knackte, als wolle er jeden Augenblick abbrechen. Die Blinde taumelte ebenfalls hin und her und riß an den Brassen und Schoten, mit denen sie getrimmt wurde.

Hasard wandte sich zu den Männern um, die von der Back zu ihm hinunterblickten.

„Setzt das Stag durch!“ schrie er. „Ferris, hol deine Werkzeuge! Wir müssen den Bugspriet sichern, sonst verlieren wir ihn!“

„Aye, Sir!“ brüllten Ferris, Shane und Smoky gleichzeitig.

Ein gewaltiger Knall ließ jedes weitere Wort untergehen. Ein greller Blitz erhellte die Nacht, begleitet von dem Donnerschlag, und für einen Moment konnten die Männer der „Isabella“ gegenseitig ihre besorgten Mienen sehen.

Fast zur selben Zeit erreichte der Levantiner – er kam tatsächlich aus Tripoli, wie Dan O’Flynn vermutet hatte – die Insel Karpathos und verholte hinter eine gekrümmte Landzunge, die sich wie eine zum Zupakken bereite Klaue um einen Teil des südlichen Ufers schloß.

Der Kapitän, ein beleibter Mann mit glattem, wohlgefälligem Gesicht, ließ die Segel aufgeien und den Anker werfen. Er ging in seine Kammer hinunter, kniete sich auf seinen Gebetsteppich und verneigte sich nach Osten. Er dankte Allah dafür, daß er ihn vor dem schlimmsten Wüten des Sturmes bewahrte und ihm den Weg in die geschützte Bucht gewiesen hatte.

Er betete darum, daß er seine Ladung, die aus Stoffen, Gewändern und Spezereien des Orients bestand, noch sicher bis nach Piräus, seinem Ziel, bringen konnte.

Was dies betraf, so war er äußerst zuversichtlich. Er hatte keine Hast und konnte ein, zwei oder auch drei Tage in der Bucht verbringen, bis das Wetter wieder besser wurde und ihm die Weiterreise gestattete.

Hätte er zu diesem Zeitpunkt geahnt, was ihn vor den Gestaden der Insel noch erwartete, wäre er sicher weniger glücklich gewesen und hätte die Hände gerungen und zu fluchen begonnen, statt immer neue Gebete zu Allah zu schicken.

Doch keinem Mann war es vergönnt, in die nahe Zukunft zu blikken, auch einem gläubigen Moslem nicht.

Es hatte zu regnen begonnen, der Inselpfad war schlüpfrig geworden. Doch Sturmwind und Wasser konnten die türkischen Piraten nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie stiegen zum Dorf Pigadia hinauf, allen voran Selim mit Antos, dann Jella, die auch jetzt nicht auf die Schebekke hatte zurückkehren wollen, dann Osman, Firuz, Ali, Dobran und die anderen Männer, die zur Verstärkung von den Schiffen geholt worden waren.

Selim fiel es nicht schwer, Antos auch weiterhin seine Rolle als „Sohn des Poseidon“ vorzugaukeln. Indem er einen halben Schritt hinter dem eilig voranstrebenden Mann zurückblieb, ließ er sich von ihm den Weg weisen und täuschte doch vor, daß er ortskundig war.

Antos fieberte der großen Überraschung entgegen, die er den Bewohnern von Pigadia bereiten würde. Wie würde er sich an ihren verdutzten Blicken und an ihren offenen Mündern ergötzen! Hoch erhobenen Hauptes würde er mit Poseidons Sohn und dessen Gefolgschaft durch den Ort wandeln. Tanzen würde er, die Lyra streichen und dazu singen. Keiner sollte diesen Freudentag jemals wieder vergessen.

Sie gelangten an der Einkerbung an, wo der Pfad seinen höchsten Punkt erreichte und nun leicht abfallend zwischen den Felsen zum Dorf hinunterführte. Selim sah die wenigen Lichter, die in den weißgetünchten Häusern brannten. Er blieb stehen und lächelte siegesgewiß.

Jella trat mit wenigen Schritten neben ihn, dann verharrte auch sie. Dobran und die anderen Männer, fast drei Dutzend, blieben hinter ihnen stehen.

Antos war weitergegangen, trunken vor Glück.

„Warum tötest du ihn nicht?“ fragte die Frau. „Soll ich es ihm besorgen? Wir brauchen ihn jetzt, da wir wissen, wo das Dorf ist, nicht mehr. Ich steche ihm mein Messer in den Rücken.“

„Nein. Noch nicht“, sagte Selim. „Wir wissen nicht, wie viele Männer es im Dorf gibt. Wir besiegen sie auf jeden Fall, doch sie werden sich mit allen Mitteln gegen uns zur Wehr setzen – und ich will keine Verluste in unseren Reihen.“

„Was hast du vor?“

„Er wird sie ablenken, wenn er wie ein Narr zwischen den Häusern herumtorkelt. Wir nutzen die Gelegenheit und fallen aus dem Hinterhalt über seine Leute her.“ Er winkte den anderen gebieterisch mit der Hand zu. „Ausschwärmen! Wir pirschen uns von drei Seiten an das Nest heran. Ich übernehme die erste Gruppe von zehn Mann, du, Dobran, führst die zweite. Osman, du kommandierst den dritten Trupp.“

Sie trennten sich und huschten auf die Häuser zu, dunkle Gestalten in Regen und Sturmwind, die die Nacht zum Verbündeten hatten.

Antos eilte auf das Dorf zu. Er legte den Glockenbogen auf die Saiten seines Instruments und begann seine Lieblingsweise zu spielen, um auf sich aufmerksam zu machen. Gleich treten sie aus den Häusern, dachte er, gleich fallen sie vor Ehrfurcht zu Boden.

Doch vorerst war es nur Melania, die ihm aus einer Gasse entgegenlief. Sie hatte sich ein Tuch um den Kopf gebunden. Sie eilte leicht gebückt, beschleunigte ihre Schritte noch, als sie ihn erblickte, und griff nach seinem Arm, als sie bei ihm war.

„Antos, Antos!“ stieß sie hervor. „Ich habe mir solche Sorgen um dich bereitet. Ich wollte schon zur Bucht hinunter, um nach dir zu suchen. Warum tust du denn so schreckliche Sachen?“

Er hörte auf zu spielen und sah sie in einer Mischung aus Erstaunen und Verärgerung an. „Schreckliche Sachen? Habe ich dir nicht gesagt, wer erschienen ist? Sie sind da. Poseidons Sohn ist ihr Führer.“

„Antos …“

Er wandte sich um und gab einen Laut der Verwunderung von sich. Fast hätte er die Lyra fallen lassen. „Aber – wo sind sie denn nur geblieben?“

„Antos“, sagte Melania verzweifelt. „So begreif doch. Es gibt sie nicht wirklich. Sie existieren nur in deinem Geist. Du träumst.“

„Ich? Ich träume?“ Seine Augen weiteten sich, er stieß sie in einem Anflug aufsteigender Wut von sich. „Sag so was nicht noch mal! Wage es nicht, an meinen Worten zu zweifeln!“

Melania prallte mit dem Rücken gegen die Wand eines Hauses. Iris, durch das Rufen alarmiert, stürzte aus ihrer Wohnung und rannte auf die beiden zu. Melania schlug beide Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen.

„Laß sie in Ruhe, Antos!“ schrie Iris zornig. „Sie hat dir nichts getan! Sie will dir helfen, und du behandelst sie auch noch schlecht!“

Antos wich zurück und schwang seine Lyra wie eine Hiebwaffe. „Geht weg – alle beide! Ich will euch nicht sehen! Ihr – ihr stört meine Kreise, jawohl, meine Kreise. Ihr habt sie verjagt.“

Iris war neben Melania und legte schützend die Arme um sie.

„Du bist ja völlig durchgedreht!“ rief sie dem Mann zu. „Du siehst überall Geister! Du bringst noch Fluch und Elend über dieses Dorf!“

„Schweig!“

Er wollte sich auf Iris stürzen, doch jetzt gingen in allen Häusern die Türen auf, und Männer, Frauen und Kinder erschienen. Die Männer, größtenteils alt, aber immer noch kräftig und entschlossen, um Antos festzuhalten, umringten den Aufgebrachten und packten seine Arme. Die Frauen bildeten eine Barriere zwischen den Männern und Melania und Iris. Die Kinder tollten im Regen herum und begriffen nicht, was geschah. Nur der kleine Kanos trat zu seiner Mutter und hielt tröstend ihre Hand.

„Jetzt ist es aber genug, Antos“, sagte einer der alten Männer, während er heftig an dessen rechtem Arm zerrte. „Was richtest du denn an? Wenn Lagios erfährt, daß du seine Frau und Melania schlagen wolltest, bringt er dich glatt um.“

„Der Zorn der Götter wird auch ihn treffen!“ brüllte Antos. „Poseidons Peitsche schlägt euch tot! Laßt mich los! Poseidon hat seinen Sohn geschickt, er wird euch strafen! Hört doch!“

Brausend fuhr der Wind über die Dächer der Häuser. Er heulte durch die Gassen und trieb den Regen in die verzerrten, hier und da jetzt furchtsam werdenden Gesichter.

„Er hat einen Dämon im Leib!“ schrie eine alte Frau. „Er hat den bösen Blick! Stoßt ihn von den Felsen in die Schlucht!“

„Fort mit ihm!“ rief eine andere.

„Das hast du jetzt davon“, sagte der Alte zu Antos. „Alle sind gegen dich. Bist du jetzt zufrieden?“

Antos hörte auf, sich gegen die Griffe der Männer zu wehren. Ein Ausdruck der Verzückung nahm auf seinem Gesicht Gestalt an. Er blickte an den Köpfen vorbei zu den Häusern und sagte: „Ja, ich bin zufrieden, denn sie sind wieder da.“

Die Dorfbewohner fuhren herum. Mitten in der Gasse, die zu Antos’ Haus führte, stand eine Horde von wilden Gestalten, bunt und exotisch, mit den Schußwaffen im Anschlag auf die Männer, Frauen und Kinder von Pigadia.

In aufsteigender Panik versuchten die Frauen in die Seitengassen zurückzuweichen, doch plötzlich stöhnten sie auf. Auch von hier drangen jetzt Piraten gegen sie vor, verschlagen grinsende Kerle, teils in Burnusse gehüllt, teils Pluderhosen und Hemden tragend.

„Die Gespenster“, stammelte eine große, knochige Frau. „Er hat sie gerufen – und jetzt sind sie da, um uns zu peinigen.“

„Still!“ zischte Iris ihr zu. „Siehst du nicht, daß sie Menschen aus Fleisch und Blut sind wie wir? Auch eine Frau ist dabei.“

„Sohn des Poseidon!“ rief Antos mit sich überschlagender Stimme. „Sieh deine treuen Diener vor dir niederknien!“

Der alte Mann, der auf ihn eingesprochen hatte, fuhr zu den hinter ihm Stehenden herum.

„Der Regen weicht ihnen das Zündkraut in den Waffen auf“, raunte er. „Sie werden keinen einzigen Schuß auf uns abgeben.“

„Was hast du vor?“ flüsterte der Mann, der Antos’ linken Arm hielt. „Willst du dich gegen sie wehren? Sie sind in der Überzahl.“

„Fliehen müssen wir!“ zischte der Alte. „Fort, nur fort, zu den Olivenhainen! Sie töten uns Männer, treiben die Kinder ins Meer und vergewaltigen die Frauen, wenn wir nicht den Durchbruch wagen.“

„Geht zurück in die Häuser!“ rief Selim. „Das Dorf ist in unserer Gewalt! Seid nicht töricht, wagt es nicht, euch gegen uns aufzulehnen! Wir schießen jeden nieder, der … He, ihr zwei dort! Was habt ihr zu tuscheln?“

Er hob den Kopf und sah zu dem Alten und dem anderen Mann, der dicht neben ihm stand.

Doch jetzt war es Antos, der der Situation eine unerwartete Wende gab. Die Dorfbewohner hatten ihn losgelassen. Er wankte auf Selim, Jella, Dobran, Ali und Osman zu und sagte verblüfft: „Was sagst du da, Sohn des Poseidon? Was sind das für Worte? Ich begreife dich nicht mehr? Warum lächelst du nicht mehr?“

„Zur Seite, du Narr!“ fuhr Selim ihn an.

Die Männer des Dorfes hatten untereinander Blicke getauscht. Die kurze Ablenkung der Piraten, durch Antos ungewollt herbeigeführt, genügte ihnen. Sie duckten sich, rissen ihre Messer aus den Gurten und gaben den Frauen und Kindern durch Gebärden zu verstehen, sie sollten sich in Sicherheit bringen.

„Achtung!“ schrie Jella mit spitzer Stimme.

Selim stieß den völlig verstörten Antos von sich fort. Antos taumelte, verlor die Lyra und den Bogen aus seinen Händen und verfolgte fassungslos, wie Selim und seine Kerle das Instrument mit ihren Füßen zertraten.

Die Männer des Dorfes warfen sich mit gezückten Messern auf die Piraten. Die Frauen schrien, die Kinder kreischten und weinten. Iris wollte Melania mit sich fortziehen, doch Melania streckte die Hand nach Antos aus.

„Fort!“ schrie der alte Mann. „Flieht in die Hügel!“

Zwei oder drei Schüsse krachten doch, und der Alte sank plötzlich auf dem groben Pflaster der Gasse zusammen. Seine Freunde schrien erbost auf und warfen sich auf die Seeräuber. Im Nu tobte das wildeste Handgemenge.

Selim und seine Kumpane warfen die nassen, unbrauchbar gewordenen Feuerwaffen fort und zogen ihre Krummsäbel, ihre Entermesser und Dolche. Mit Gebrüll erwiderten sie die Attacke der Insulaner.

Über allem Geschehen orgelte und pfiff der Sturmwind, und Blitze fuhren auf Rhodos nieder. Antos wimmerte und hielt sich die Ohren zu, denn er glaubte das Gelächter Poseidons in seinem Kopf dröhnen zu hören.

4.

Der Bugspriet löste sich plötzlich vom Vorsteven der „Isabella“ – trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, die der Seewolf und seine Männer getroffen hatten. Er brach ganz einfach ab und nahm die Blinde mit, die jetzt wie verrückt hin und her schlug. Halb im Wasser, halb in der Luft, hing das schwere Holz vor dem Bug der Galeone und wurde nach wie vor vom Stag und den übrigen Tauen festgehalten.

„Verdammter Mist!“ brüllte Big Old Shane über die Schulter des Seewolfs hinweg. „Das hat uns gerade noch gefehlt!“

Hasard kniete ganz vorn auf der verjüngten Spitze der Galionsplattform und hatte sich durch ein Tau gesichert. Hinter ihm kauerten Shane, Ferris und Smoky, die ihm einerseits die Werkzeuge zugereicht hatten und andererseits darauf achteten, daß ihr Kapitän nicht außenbords stürzte.

Hasard fuhr zu ihnen herum.

„Es hat keinen Sinn, den Spriet zu bergen!“ schrie er im Tosen der Urgewalten. „Zur Hölle, wir können ihn nicht wieder befestigen! Unmöglich!“

„Dann muß er weg!“ rief Ferris. „Er behindert uns!“

„Kappen wir die Taue!“ schrie der Seewolf. „Anders geht es nicht! Los, gebt mir ein Messer!“

Ferris nahm aus Smokys Hand ein Entermesser entgegen und drückte es Hasard in die Finger. Hasard beugte sich so weit wie möglich vor, die drei anderen hielten ihn mit vereinten Kräften fest.

Hasard hieb die Taue durch, und der Bugspriet verschwand mit der Binde in dem schwärzlichen, kochenden Wasser. Die „Isabella“ war nun stumpfnäsig und leicht ramponiert – und wegen des Verlustes der Blinde nicht mehr ganz so gut zu manövrieren wie vorher.

„Aber das können wir verkraften!“ rief Hasard seinen Männern zu, als sie wieder auf der Back waren und sich anschickten, in den Manntauen zum Hauptdeck hinunterzuhangeln. „Die Hauptsache ist, daß wir keine Lecks kriegen!“

„Soll ich noch mal runter in die Laderäume?“ schrie Big Old Shane.

„Wir gehen zusammen und nehmen Ben Brighton mit!“ erwiderte der Seewolf.

„Und auf Rhodos holen wir uns dann einen neuen Bugspriet“, sagte Ferris Tucker grimmig. „Ich werde schon einen geeigneten Baum finden, verlaßt euch drauf.“

„Haben wir kein passendes Stück Holz mehr an Bord?“ wollte Smoky wissen.

„Nein, mein Junge“, antwortete der rothaarige Riese. „Sonst hätte ich wohl gleich angefangen, daran herumzuhobeln. Daß wir nämlich ohne Bugspriet durch dieses Scheißwetter segeln müssen, paßt mir gar nicht.“

Während der Rudergänger und die Deckswache an Oberdeck blieben, um das Ruder zu halten und auf die Stellung der Sturmsegel aufzupassen, stiegen Hasard, Ben, Ferris, Shane und Smoky in die Frachträume der „Isabella“ hinunter.

Es war, als würden sie sich in einen unheimlichen Abgrund begeben, in den Vorhof zur Hölle. Draußen grollte die See, jaulte der Wind, tobte sich das Gewitter aus. Im Bauch der „Isabella“ war ein bedrohliches Rumoren, der Widerhall des Sturmbrausens.

Wind und Wasser stießen, zerrten und rüttelten am Schiffsleib. Man mußte aufpassen, nicht auf den Stufen der Niedergänge auszurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen.

Eine wirklich heitere Nacht, wie Hasard schon zu Beginn gedacht hatte – und sie hatte gerade erst begonnen.

Mit einem Seufzer der Zufriedenheit wollte sich der Levantiner in seine Koje niederlegen, um ein wenig zu ruhen. Das Schwanken seines Schiffes hatte so weit nachgelassen, daß man es in der Lagerstatt aushalten konnte. Gerade wollte er die Beine von sich strecken und seinen Rükken auf die vielen weichen Kissen senken, mit denen die Koje ausgekleidet war, da riß ihn ein Ruf seines Ausgucks wieder hoch.

„Kapitän! Ein fremdes Schiff! Steuerbord voraus!“

Wütend fuhr der Levantiner hoch, schlüpfte rasch wieder in seine Kleidung und eilte aus dem Achterkastell auf die Kuhl.

„Steuerbord voraus?“ fragte er seinen Ersten Offizier, der auch schon zur Stelle war und mit angespannter Miene in die Nacht blickte. „Das heißt also, vom Norden der Insel her?“

„Ja. Unser Schiff liegt jetzt mit dem Vorschiff nach Westen gerichtet zwischen der Landzunge und dem Ufer, so daß das fremde Schiff offenbar auf die Einfahrt unserer Bucht zusteuert. Ich kann es aber noch nicht erkennen.“

„Der Ausguck hat sich getäuscht. Dieser Sohn eines räudigen Schakals!“

„Ich glaube es nicht, o Herr“, sagte der Erste Offizier.

„Herr!“ rief der Mann im Großmars. „Das Schiff hält auf die Einfahrt der Bucht zu!“

„Schrei nicht so herum!“ rief der Levantiner zornig. „Willst du, daß er uns entdeckt?“

„Er muß uns entdecken“, murmelte der Erste Offizier.

„Was sagen Sie da?“ fragte der Kapitän, der immer noch nicht richtig zu begreifen schien. Halb schlaftrunken, halb ungläubig spähte auch er in die sturmdurchwehte Dunkelheit.

„Er segelt genau auf uns zu“, sagte der Erste. „Ich kann ihn sehen.“

„Wie? Brennt seine Laterne?“

„Nein, Herr. Aber die Umrisse des Schiffes und seiner Segel sind recht gut zu erkennen.“

„Der Scheitan soll ihn holen, diesen Hund“, brummte der Kapitän. „Was hat er hier zu suchen? In der Bucht ist kein Platz für zwei Schiffe.“

„Das eigentlich schon, sie wäre geräumig genug. Aber es wäre gut zu wissen, welche Flagge der Fremde führt und welche Absichten er hat.“

Erschrocken wandte der dicke Levantiner den Kopf. „Wie? Sie wollen doch wohl nicht im Ernst behaupten, daß es wieder die Galeone ist, die uns auf See begegnet ist!“

„Das Schiff ist ein Dreimaster europäischer Bauart.“

Der Kapitän bemühte sich, etwas im Dunkeln zu erkennen, und wirklich, jetzt schälten sich auch vor seinem Blick die Konturen des Seglers aus der Schwärze der Nacht.

„Allah steh uns bei, er ist es“, sagte er. „Weht nicht die engliche Flagge in seinem Großtopp? Es ist so, wie ich vorhin schon vermutet habe: Er ist ein Korsar, ein Pirat seiner gierigen Königin, die überall auf den Meeren Jagd auf arme Leute wie uns machen läßt.“

„Ich kann die Flagge nicht sehen“, sagte der Erste.

„Aber es ist offensichtlich, daß er uns hierher gefolgt ist!“

„Das glaube ich nicht, o Herr“, widersprach der Offizier. „Der Zufall wird auch ihn hierher verschlagen haben, und er sucht Schutz vor dem Sturm. Nach wie vor bin ich nicht der Ansicht, daß er uns draußen angreifen wollte.“

„Was denn sonst? Warum hielt er denn plötzlich auf uns zu?“

„Vielleicht, um uns zu warnen“, erwiderte der Erste.

„Geschwätz!“ stieß der dicke Levantiner verächtlich aus. „Das Gewäsch eines alten Weibes. Lassen Sie lieber die Kanonen ausrennen und Klarschiff zum Gefecht rüsten!“

„Ja, Herr.“

Der Erste Offizier kam aber nicht mehr dazu, den Befehl weiterzuleiten. Plötzlich stach ein Feuerblitz in die Nacht, der nichts mit dem Gewitter zu tun hatte, sofort darauf noch ein zweiter. Es waren die vorderen Geschütze des heransegelnden Fremden, die gesprochen hatten. Die Kugeln rasten heran – eine schlug neben der Bordwand des Kauffahrers ins Wasser, die andere fegte über das Hauptdeck und riß den Ersten Offizier fort, dessen Todesschrei durch die Nacht gellte.

„Nein!“ schrie der Kapitän voll Grauen. „Allah, tu uns das nicht an! Allah akbar, Allah ist groß, Allah ist mächtig!“

Sein Flehen nutzte nichts. Wider grollten die Kanonen des Angreifers, das Schiff fiel vom Wind ab und zeigte dem Levantiner jetzt die Mündungen seiner Backbordgeschütze.

„Ein Überfall!“ schrie der Levantiner. „An die Kanonen! Klar zum Gefecht! Zeigt diesen Hundesöhnen, daß sie sich in uns getäuscht haben! Zeigt ihnen, wer wir sind!“

Doch weder Gebete noch Anfeuerungen halfen etwas. Ehe der Kauffahrer bereit war, sich gegen den Angriff zu verteidigen, war die fremde Galeone nah genug heran. Ihre Siebzehnpfünder krachten und donnerten, die Kugeln saßen fast alle im Ziel, auf dem Deck des Levantiners wirbelten Trümmer und die Gestalten von Menschen durcheinander. Das Chaos war perfekt – es gab keine Hoffnung mehr auf Rettung.

Lagios und eine Gruppe von zwanzig Männern hatten sich von den Olivenhainen aus schon vor einer Stunde auf den Weg nach Pigadia begeben, denn sie wollten die Frauen und Kinder während des Sturmes doch lieber nicht allein lassen.

Als sie die Schüsse vernahmen, die im Dorf fielen, und das Geschrei an ihre Ohren drang, beschleunigten sie ihre Schritte. Lagios eilte allen voran. Er bewegte sich am schnellsten und sichersten auf dem schmalen, jetzt stark ansteigenden Pfad voran.

„Gerechter Himmel!“ stieß er hervor. „Was hat das zu bedeuten?“

Der junge Mann, der hinter seinem Rücken war, rief: „Vielleicht hat ein Blitz eingeschlagen!“

„Das war kein Blitz! Das waren Flinten!“

„Willst du damit etwa sagen …“

„Das Dorf ist angegriffen worden!“ schrie Lagios. „Jemand hat es besetzt, anders kann es nicht sein! Wer von unseren Leuten würde schon eine Flinte abfeuern, nur so zum Spaß?“

„Antos könnte es getan haben“, meinte ein anderer Mann keuchend. „Er ist verrückt genug. Es war ein Fehler, ihn bei den Frauen zurückzulassen.“

„Er kann mit keiner Waffe umgehen“, widersprach Lagios. „Er kann nur auf seiner Lyra spielen, nichts weiter.“ Plötzlich blieb er stehen, so unvermittelt, daß sein Hintermann ihm fast gegen den Rücken prallte.

„Was ist?“ sagte dieser. „Hast du etwas gesehen, Lagios?“

„Ja. Sei still. Sag auch den anderen, sie sollen schweigen. Gib es schnell weiter.“

Die Männer flüsterten miteinander. Lagios duckte sich auf dem Pfad, suchte nach einem Versteck und hielt zu den Felsen hinauf Ausschau. Es war schwer, in der Finsternis und dem Regen auf einige Distanz überhaupt etwas zu erkennen, doch er hatte den untrüglichen Eindruck, über ihnen habe sich etwas bewegt – ein Mensch, halb gebückt, schreckhaft, der sich jetzt rasch in eine Felsspalte zu drücken schien.

Freund oder Feind? dachte Lagios. Wenn Piraten in Pigadia eingedrungen waren – eine Möglichkeit, die man trotz aller Vorsicht der Insulaner nie ganz ausschließen durfte –, dann war damit zu rechnen, daß sie sich auch auf die Umgebung des Bergdorfes verteilten.

Doch es konnte genausogut sein, daß jemand aus dem Ort geflohen war und jetzt Hilfe suchte.

Lagios kauerte sich hinter einen Gesteinsvorsprung und gab den anderen ein Zeichen, sich ebenfalls abwartend zu verhalten. Er legte beide Hände als Schalltrichter an den Mund und ahmte den Ruf eines Nachtvogels nach, ein Zeichen zur Verständigung, das alle Bewohner von Pigadia kannten.

Der Laut war kaum im Sturmwind verklungen, da kehrte er zu Lagios zurück – etwas höher und schwächer, jedoch deutlich genug.

Lagios stand auf und lief zu den Felsen hinauf. Vor ihm erhoben sich durchnäßte Gestalten, denen die Panik und Verzweiflung in den Gesichtern geschrieben stand. Iris löste sich aus der Gruppe und stürzte auf ihn zu. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und preßte sich zitternd an ihn. Er legte ihr die Hand auf das nasse Haar und hielt sie fest.

Melania, Kanos und die beiden kleinen Mädchen traten näher, aus dem Hintergrund schoben sich immer mehr Gestalten heran, Frauen und Kinder.

„Was ist geschehen?“ fragte Lagios. „Wo sind die anderen?“

„Die Männer sind tot“, stammelte Iris an seiner Brust.

„Einige Mädchen und junge Frauen sind gefangengenommen worden“, erklärte Melania mit müder, brüchiger Stimme. „Wir haben sie nicht retten können, sonst wäre es auch unser Verderben gewesen. Wir müssen froh sein, daß uns die Flucht bis hierher gelungen ist. Wir dachten schon, ihr wäret auch Piraten, die uns auflauern wollten.“ Sie berichtete, was vorgefallen war.

„Antos“, sagte einer der Männer hinter Lagios. „Er hat diese Teufel also geradewegs ins Dorf geführt. Dieser erbärmliche Narr. Das wird er mir büßen. Er hat unseren Vätern den Tod gebracht.“

„Er ist vom Bösen besessen“, sagte eine alte Frau. „Seit der Pope gestorben ist, der sich immer um ihn gekümmert hat, ist es ständig weiter bergab mit ihm gegangen. Er hat das Unglück über uns alle gebracht, aber vielleicht ist es unsere eigene Schuld. Die Strafe des Himmels – wir hätten einen neuen Popen holen sollen. Wir sind alle Sünder.“

„Das ist doch Unsinn.“ Lagios trat dicht vor sie hin und hielt Iris, die sich wieder halb von ihm gelöst hatte, an der Hand fest. „Außerdem kommen wir mit solchem Gerede nicht weiter.“

„Ich hätte alles verhindern können“, sagte Melania. „Antos erschien beim Dunkelwerden im Dorf und erzählte mir von den Schiffen. Ich hätte ihm glauben sollen und begreifen müssen, was bevorstand.“

„Wir alle haben nicht daran geglaubt, daß es die Schiffe wirklich gab“, warf Iris ein und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen und das Regenwasser aus dem Gesicht. „Du brauchst dir also nichts vorzuwerfen, Melania.“

„Nie hätten die Piraten unser Dorf gefunden, wenn Antos nicht zu ihnen gegangen wäre!“ rief eine andere Frau. „Er allein hat die Schuld an allem!“

„Still“, sagte Lagios. „Wenn ihr herumschreit, lockt ihr diese Kerle noch an. Wir müssen einen, klaren Kopf behalten und versuchen, das Dorf zurückzuerobern.“

„Aber wie?“ fragte Iris und blickte ihn entsetzt an.

„Wir schleichen uns an sie heran. Wir kennen unsere Häuser besser als diese Hundesöhne. Wir steigen von hinten ein und fallen über sie her, wenn sie es am wenigsten erwarten.“

„Es sind zu viele“, sagte Melania. „Und sie haben viele Musketen und Pistolen, deren Pulver sie jetzt an den Öfen trocknen werden. Sie schießen uns alle tot, wenn wir jetzt nach Pigadia zurückkehren.“

„Aber wir müssen etwas tun!“ stieß Lagios leidenschaftlich hervor. „Sie plündern unsere Häuser und verschleppen die Frauen!“

„Lagios“, sagte einer seiner Freunde. „Hast du nicht selbst gesagt, daß wir ruhig bleiben müssen? Hör zu. Sie werden zumindest die Nacht noch auf der Insel verbringen, denn es ist viel zu stürmisch, um an ein Auslaufen aus der Bucht zu denken. Bringen wir zuerst die Frauen und Kinder in den Häusern der Olivenhügel in Sicherheit.“

„Und dann?“

„Dann beratschlagen wir, was zu tun ist.“

„Du meinst, wir sollten uns eine List einfallen lassen?“ fragte Lagios.

„Wir müssen sehr klug sein. Diese Türken schrecken vor nichts zurück, sie bringen uns alle um, wenn wir auch nur einen Fehler begehen.“

„Ja. Du hast recht.“ Lagios blickte zu den Frauen und Kindern. „Also, gehen wir jetzt zu den Olivenhainen. Wir wärmen uns auf und stellen Wachen auf. Melania, was ist aus Antos geworden? Wird er noch mehr Torheiten anstellen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, er ist tot. Ich wollte ihn zu mir heranziehen, doch Iris riß mich mit sich fort. Seine Hand entglitt mir, dann sah ich ihn zusammensinken. Mehr habe ich nicht gesehen.“

„Nun wird er wohl wirklich zu den Seinen reisen – ins Reich der Toten“, murmelte Lagios, dann drehte er sich um und zog seine junge Frau mit sich fort.

5.

In Todesangst wich der Levantiner zurück. Die Leichen seiner Männer lagen zwischen den Trümmern an Deck, die Rufe der Verletzten gellten in seinen Ohren. Eben war durch einen Kanonenschuß der Fockmast geknickt worden, die Rah war hinuntergestürzt und hatte drei oder vier Männer erschlagen. Erschrekkend schnell hatte sich die fremde Galeone neben die Bordwand geschoben, die Enterhaken flogen und krallten sich an den Rest des Schanzkleides fest. Die Piraten enterten, und es gab niemanden mehr, der die Geschütze des Kauffahrers zu bedienen vermochte.

Ein Riese von Mann, blond und mit hellem Zeug bekleidet, stürmte quer über das Hauptdeck auf den Levantiner zu und hielt ihm seinen Schiffshauer vor die Gurgel.

„Streich die Flagge, Dickwanst!“ rief er auf spanisch. „Für dich ist die Partie verloren! Wo hast du dein Geld versteckt?“

Der Levantiner beherrschte die spanische Sprache recht gut, weil er schon des öfteren bis nach Italien gefahren war und mit den Kontoren der spanischen Handelshäuser in Palermo und Neapel zu tun gehabt hatte.

„Wer bist du?“ fragte er heiser.

„Mein Name ist Lord Henry.“

„Töte mich nicht! Hab Erbarmen mit mir! Ich gebe dir alles, was ich besitze!“

Henry lachte, wandte den Kopf und rief über die Schulter zurück: „Tim! Joe! Kommt her und hört euch an, wie dieser Hund um Gnade bettelt!“

Tim Scoby, der schnauzbärtige Sechs-Fuß-Mann mit den Ohrringen und dem roten Kopftuch, und Dark Joe, der kleine Schwarzhaarige mit den krummen Beinen, stiegen über die Körper der Toten und die Planken- und Balkenreste. Grinsend näherten sie sich ihrem Kapitän.

Henry drängte den Levantiner bis an die Querwand des Achterkastells zurück. Der Mann rang die Hände, seine Augen schienen aus ihren Höhlen hervortreten zu wollen.

„Auf die Knie!“ schrie Henry ihn an.

Der Mann sank auf die Knie und stammelte Worte in seiner Muttersprache, die sie nicht verstanden.

„Sprich Spanisch!“ herrschte Lord Henry ihn an. „Was hast du gesagt? Willst du mir wohl dein Geldversteck verraten?“

„Ja, ja – gewiß. Läßt du mich dann leben?“

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Unter meiner Koje in der Kapitänskammer läßt sich eine Planke lösen und herausnehmen.“ Der Levantiner schluckte heftig, er war den Tränen nahe. „Darunter liegen all meine Münzen und mein Schmuck in Leinenbeuteln versteckt.“

„Sehr gut. Nun weiter. Deine Ladung?“

„Sie besteht aus Stoffen und Gewändern, aus Duftsalben und Spezereien des Vorderen Orients.“

„Zum Teufel damit“, sagte Henry. „Damit können wir nichts anfangen. Tim, du gehst sofort in die Kapitänskammer und holst diese Leinenbeutel. Joe, du steigst in den Frachtraum runter und siehst nach, ob er uns angelogen hat.“

„In Ordnung“, sagten die Männer und wandten sich ab.

„Ich lüge nicht“, stammelte der Levantiner. „Ich spreche die Wahrheit.“ Seine Miene veränderte sich, er hatte die Frau bemerkt, die neben Henry aufgetaucht war.

Sie war nicht sehr groß und auch nicht sehr schlank, ihre üppigen Brüste zeichneten sich deutlich unter ihrem Gewand ab. Ihre schwarzen Haare reichten ihr bis auf die Schultern. Der Physiognomie nach zu urteilen, mußte sie eine Orientalin sein.

Kalt blickte sie auf den knienden Kapitän.

„Steh auf“, sagte sie auf arabisch. „Es geziemt sich nicht für einen Mann deiner Herkunft, einem Ungläubigen die Füße zu küssen.“

Er musterte sie aus seinen geweiteten Augen, halb furchtsam, halb erstaunt.

„Kannst du mir nicht helfen?“ fragte er schließlich, ebenfalls auf arabisch. „Du kommst aus Ägypten, nicht wahr?“

„Ja.“

„Ich werde dich mit Geschenken überhäufen, wenn du ihm sagst, daß er mich nicht töten soll.“ Der Levantiner wurde aus der Frau nicht klug, aber er begriff, daß sie die Geliebte dieses Lord Henry sein mußte. Aus welchem anderen Grund wohl hielt sich sonst eine Frau wie sie auf einem Piratenschiff auf, dazu noch unverschleiert, was gegen die Gesetze des Korans verstieß?

„Sprecht gefälligst Spanisch“, sagte Henry. „Was will er von dir, Dalida?“

„Nichts, was dich dazu verleiten sollte, ihm den Kopf abzuschlagen“, versetzte sie mit hämischem Lächeln. „Er bangt nur um sein Leben. Siehst du nicht, wie er zittert?“ Sie sah wieder den Levantiner an. „Du – steh auf. Ich befehle es dir!“

Der Mann erhob sich, aber seine Knie waren so weich, daß er jeden Moment wieder hinzusinken drohte.

„Ich gehe jetzt auch in den Laderaum hinunter“, sagte Dalida. „Ich will mir ein paar hübsche Sachen aussuchen. Wehe, wenn mir keines der Gewänder paßt, mein Freund.“

„Es sind alle Größen darunter“, beeilte sich der Levantiner zu versichern. „Du wirst deine helle Freude daran haben, schöne Königin von Ägypten.“

Sie lachte und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Hörst du, wie er mir schmeichelt, Henry? Endlich mal ein Kavalier.“

Lord Henry warf ihr einen wütenden Seitenblick zu. „Verschwinde. Ich kann dich hier nicht gebrauchen. Nimm dir, was du willst, aber laß uns in Ruhe.“

Sie zuckte mit den Schultern, verschwand im Achterkastell und kletterte über die schwankenden Niedergänge tief in den Schiffsrumpf hinunter – zu Dark Joe, der bereits dabei war, die Stoffballen mit dem Messer aufzuschlitzen.

„Ich bin ein Narr gewesen“, sagte der Levantiner hastig. „Ich hätte mich dir gleich ausliefern sollen, Lord Henry. Ich bin keine Kämpfernatur. Ich liebe den Frieden und bin nur ein armer Handelsmann.“

„So arm nun auch wieder nicht!“ rief Tim Scoby, der soeben aus der Hütte zurückkehrte und die Leinenbeutel mit den Besitztümern des Levantiners schwenkte. „Mir scheint, daß in diesen Säcken mehr steckt als im ganzen Laderaum des Kahns, Henry!“

„Ich hätte mich schon bei unserer ersten Begegnung ergeben sollen“, sagte der Levantiner unterwürfig. „Das wäre vernünftiger gewesen. Aber ich habe nicht richtig verstanden, was ihr eigentlich …“

„Augenblick“, unterbrach ihn Henry. „Von was für einer Begegnung sprichst du, zum Teufel?“

„Du erinnerst dich nicht? Draußen auf See, vor Karpathos – in der Dämmerung. Rund zwanzig Meilen von der Küste entfernt segelten wir genau aufeinander zu.“ Der Levantiner wies auf die Dreimast-Galeone mit den dunkel gelohten Segeln, die groß und wuchtig neben seinem Schiff lag. „Natürlich habe ich euer Schiff wiedererkannt.“

„Vor der Küste?“ wiederholte Henry verblüfft. „Wo genau?“

„Im Südosten.“

„Unmöglich. Wir sind vom Nordufer gekommen und haben die Insel auf der Suche nach einer Bucht zum Schutz vor dem Sturm gerundet.“

„Aber – aber das kann nicht sein“, stotterte der Levantiner.

Lord Henry wies auf seine Galeone. „Sieh dir unser Schiff genau an. Das ist die ‚Cruel Jane‘. Sie ist aus solidem Holz gebaut und kein Gespenst, das hier und da herumgeistert.“

„Henry“, brummte Tim Scoby. „Was soll denn das? Halte dich doch nicht unnötig lange mit diesem Schwätzer auf.“

„Ihr seid Engländer!“ stieß der Levantiner hastig hervor. „Ihr führt die englische Flagge! Das ist der Beweis!“

„Schau mal richtig hin“, sagte Henry. „Da oben in unserem Besantopp weht eine schwarze Flagge mit zwei gekreuzten Säbeln. Sag mir nicht, daß du blind bist.“

Der Kapitän hob den Kopf, kniff die Augen ein wenig zusammen und erkannte nun das schwarze Stück Tuch, Lord Henrys Flagge, die sich heftig im Sturmwind bog und wand.

„Wie paßt das zusammen?“ sagte er verwundert.

Lord Henry ließ den Schiffshauer sinken und trat noch einen Schritt auf den Mann zu. „Dieses Schiff, von dem du sprichst – beschreibe es mir, so gut du kannst. Dein Leben hängt davon ab. Was fiel dir besonders daran auf? Denk an die Masten.“

„Sehr hohe Masten.“

„Und die Aufbauten?“

„Flach. Ein schönes Schiff, vielleicht dreihundert Tonnen groß,“ Der Levantiner verhaspelte sich fast, so schnell sprach er. „Das richtige Schiff für einen englischen Korsaren oder Piraten, dachte ich.“

„Und es führte den White Ensign, die weiße Flagge mit dem roten Georgskreuz darauf?“

„Ganz bestimmt. Ich schwöre es bei Allah und dem Propheten.“

Lord Henry drehte sich zu Scoby um. „Mann, geht dir da kein Licht auf?“

„Doch, allerdings. Das ist sie.“

„Wer?“ fragte der Levantiner verwirrt und verzweifelt zugleich.

„Die ‚Isabella‘“, sagte Lord Henry. „Das Schiff von Philip Hasard Killigrew, dem Seewolf. Welchen Kurs nahm es?“

„Zuerst Ostkurs, dann segelte es nach Nordwesten ab.“

„Wohin?“

„Vielleicht nach Rhodos, um dort das Abklingen des Sturmes abzuwarten.“

Lord Henry tippte dem dicken Levantiner mit dem Finger gegen die Brust. „Du bist begnadigt. Kannst hier auf deinem Elendskahn zurückbleiben und später an Land gehen. Du hast mich auf eine wichtige Spur gebracht.“ Er blickte wieder zu seinen Männern. „Leute, wir segeln weiter nach Rhodos.“

Der Levantiner lehnte sich erschöpft mit dem Rücken gegen die Wand des Achterkastells. Der Schweiß brach ihm aus, ihm wurde schwindlig. Ohnmächtig sank er an der Holzwand zu Boden.

6.

Wie der Seewolf vorausberechnet hatte, lief die „Isabella“ gegen Mitternacht eine kleine Bucht an der südlichen Küste von Rhodos an.

Der Sturm hatte etwas nachgelassen. Der Regen fiel nur noch schauerweise, und seltener grollte der Donner und zuckten die Blitze. Donner und Blitz erfolgten auch nicht mehr gleichzeitig, sondern nacheinander, woraus zu schließen war, daß sich die Gewitterfront nach Nordwesten entfernte.

Draußen auf dem Meer türmten sich die Wellen etwas weniger hoch, und hier, in der Bucht, verringerte sich der Seegang derart, daß Hasard daran hätte denken können, die Verschalkungen der Luken und Niedergänge zu lösen und die Manntaue zu entfernen.

Doch vorläufig beließ er es bei ihrem derzeitigen Zustand. Die Sturmsegel wurden aufgegeit, der Anker rauschte an seiner Trosse aus und ging auf Grund.

Hasard versammelte seine Männer auf dem Hauptdeck und sagte: „Wir hätten in der Hoffnung, daß das Wetter sich weiterhin bessert, auch weitersegeln können. Aber wir brauchen einen neuen Bugspriet und müssen aus diesem Grund einen Baum fällen. Außerdem nutzen wir die Gelegenheit und frischen unsere Proviantbestände ein wenig auf, da wir schon mal hier sind.“

„Ja“, sagte Ben Brighton. „Und die Männer können sich ein wenig ausruhen oder sich die Füße vertreten.“

Dan O’Flynn blickte zu den Inselbergen, die wuchtig hinter dem Ufer der Bucht aufstiegen. „Eigentlich müßte es hier auf Rhodos doch ein bißchen Wild geben, oder? Wie wäre es, wenn wir noch vor dem Morgengrauen losziehen? Das ist die beste Stunde für die Rebhuhn-, Fasanen- und Hasenjagd.“

„Einverstanden“, sagte der Seewolf. „Ich teile jetzt die Deckswachen neu ein und bestimme, wer alles an Land gehen wird. Wer sich noch ein paar Stunden aufs Ohr legen will, soll sich ruhig melden.“

„Ach was, so müde sind wir doch gar nicht“, sagte Carberry. „Sir, mal eine Frage. Ist die Insel bewohnt?“

„Es soll hier ein paar Fischer- und Bauerndörfer geben“, erwiderte der Seewolf.

„Und die Bewohner sind Griechen, nicht wahr?“ erkundigte sich Blacky.

„Ob sie griechischer oder byzantinischer Abstammung sind, ist mir nicht bekannt.“

„Das spielt ja auch keine Rolle“, meinte Smoky. „Die Hauptsache ist, daß sie friedfertige Leute sind und nicht versuchen, uns zu vertreiben, falls wir mit ihnen zusammentreffen. He, Ed, du müßtest eigentlich doch bestens Bescheid wissen.“

„Ich? Warum ausgerechnet ich?“

„Nun, wenn mich nicht alles täuscht, hast du vor ein paar Wochen auf Mallorca eine ausführliche Unterredung mit einer netten Lady aus Griechenland gehabt. Oder?“

„Was, zum Teufel, hat denn das mit Rhodos zu tun?“ fragte der Profos mit drohendem Unterton in der Stimme.

Smoky spielte auf die Abschiedsfeier an, die es auf Mallorca gegeben hatte, als die Seewölfe den aus Abu Al-Hassans Harem befreiten Frauen einen kleinen Einmaster zur Weiterreise nach Südfrankreich verschafft hatten. Nie hätten sich die „Ladys“ von den Männern der „Isabella“ getrennt, ohne sich auf gebührende Weise bei ihnen zu bedanken. So war es zu einem allgemeinen Techtelmechtel gekommen, bei dem auch Carberry nicht leer ausgegangen war, weil Irene, die Griechin, eine leidenschaftliche Begeisterung für ihn entwickelt hatte.

„Ihr habt euch doch sicher über Land und Leute unterhalten“, fuhr Smoky zur allgemeinen Erheiterung der anderen Männer fort. „Über Irenes Heimat, meine ich. Ob die Menschen hier angriffslustig wie die Türken oder friedliebend und aufnahmebereit wie die Italiener sind.“

„Das weiß ich nicht“, brummte der Narbenmann unfreundlich. „Keine Ahnung, wie es sich damit verhält.“

„Ja, Himmel, über was habt ihr beiden denn bloß gesprochen?“ rief Smoky aus.

Carberry sah ihn zornig an. „Das geht dich einen feuchten Schlick an, du Stint! Frage ich dich etwa auch über deine Weibergeschichten aus, was, wie?“

„Nein“, sagte nun der Seewolf. „Und deshalb solltest du auch nicht so aufdringlich fragen, Smoky. Schon mal was von Diskretion gehört?“ Er gab sich Mühe, ernst zu bleiben, konnte sich aber selbst ein feines Lächeln kaum verkneifen.

„Ja, Sir.“

„Dann halte dich daran.“

„Aye, Sir.“

„Was zur Hölle ist Diskretion?“ wollte Carberry von Blacky wissen, der dicht neben ihm stand.

Blacky grinste. „Ich erklär’s dir später, Ed. Das ist keine einfache Angelegenheit. Vielleicht sollte ich dir eine Zeichnung anfertigen.“

„Paß auf“, sagte der Profos mit grollender Stimme. „Ich merke schon, daß du mich auch auf den Arm nehmen willst, aber ich lasse mich von euch Rübenschweinen nicht verschaukeln. Paß auf, daß du nicht gegen eine Schott läufst, aus Versehen, meine ich.“

„Nein, Sir!“ Blacky riß sich zusammen, um nicht mehr zu sagen. Es war gefährlich, mit dem Feuer zu spielen, das Edwin Carberry hieß.

Hasard räusperte sich und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit der Männer wieder auf sich. „Ich rechne fest damit, daß die Menschen von Rhodos gastfreundlich sind. Wir werden sie respektieren und auf keinen Fall etwas tun, das sie ärgerlich stimmen könnte. Wenn sie zum Beispiel nicht wollen, daß wir jagen, dann unterlassen wir es.“

„Falls wir überhaupt jemandem begegnen“, meinte Old O’Flynn.

„Ja“, sagte sein Sohn. „Von hier aus betrachtet, sieht die Insel öde und verlassen aus.“

„Aber man kann sich täuschen“, gab Big Old Shane zu bedenken. „Oft trügt der Schein. Stimmt’s, Donegal?“

„Habe ich euch das nicht immer vorgebetet?“ gab der Alte mit verdrossener Miene zurück. „Tu jetzt nicht so, als sei das auf deinem Mist gewachsen, Shane.“

„Schluß der Debatte!“ sagte der Seewolf. „Wir gehen mit einem starken Trupp an Land und nehmen genügend Waffen mit, um gegen alle eventuellen Überraschungen gerüstet zu sein.“

„Soll ich auch ein paar Höllenflaschen mitnehmen?“ fragte Ferris Tucker.

„Ja, natürlich.“

„Eben“, sagte Al Conroy, der Stückmeister und Waffenexperte der „Isabella“. „Man weiß nie, zu was man sie gebrauchen kann.“ Er blickte zu Hasard, dann zu Ferris. „Es hat sich noch nie als Fehler erwiesen, ein paar davon in die Taschen zu stekken, oder?“

„Ich hoffe, sie nicht einsetzen zu müssen“, sagte der Seewolf. „Wir geben hier nur eine kurze Gastrolle, dann verschwinden wir wieder.“

Selims Piraten hatten die Häuser von Pigadia geplündert und tatsächlich in den Hohlräumen unter den Estraden die Ketten und anderen Goldschmuck gefunden, die die Aussteuer der verheirateten Frauen darstellten.

Selim ließ sich die Kostbarkeiten bringen und aushändigen. Er war sorgsam darauf bedacht, jede Geste seiner Männer zu überwachen. Niemand sollte wagen, sich heimlich schon etwas von der Beute in die Tasche zu stecken, das Verteilen oblag ausschließlich ihm.

Er hatte sein Quartier in Lagios’ und Iris’ Haus bezogen, einem der größten und schönsten Bauten des Ortes. Hier häufte er nun das geraubte Gut auf dem Fußboden, schätzte überschlagsmäßig dessen Wert und stellte grinsend fest, daß er mit sich zufrieden sein konnte.

Er ließ Jella, Dobran, Ali und Firuz zu sich rufen und wies auf das Gold, das sich zu ihren Füßen häufte.

„Es hat sich gelohnt“, sagte er. „Wir haben einen wirklich guten Fang gemacht. Wer hätte das gedacht?“

„Keiner“, entgegnete Dobran, ein hagerer Mann mit einem riesigen Turban auf dem Kopf. „Wir sollten auch die anderen Inseldörfer aufsuchen und überfallen.“

„Das ist sicher“, sagte Selim. „Wohin habt ihr die gefangenen Mädchen gebracht?“

„In das Haus gegenüber“, antwortete Jella. „Ich habe sie zusammentreiben lassen, sie werden von zwei Männern bewacht. Sie schlottern vor Angst, aber ich habe ihnen gesagt, daß sie vorläufig nichts von unseren Leuten zu befürchten haben.“ Sie lachte leise.

„Wie viele sind es?“

„Achtzehn. Ich habe sie genau gezählt.“

„Wir werden sie als Sklavinnen verkaufen, zusammen mit den anderen, die Osman und unser Suchtrupp sicherlich doch wieder einfangen werden.“

„Osman ist noch nicht wieder zurück“, sagte Dobran.

„Man muß ihm Zeit lassen. In ein, zwei Stunden ist er bestimmt wieder da und bringt einen ganzen Schwarm von Weibern und Kindern. Auch die Kinder werden wir verkaufen – nach Zypern, wo es genügend Abnehmer für Ware dieser Art gibt.“

„Ich frage mich nur, wo die jüngeren Männer des Dorfes sind“, sagte Ali. „Es kann hier doch nicht nur Greise, Weiber und Kinder geben.“

Jella entgegnete darauf: „Eins der Mädchen hat mir auf meine Fragen hin erzählt, daß sie am Nachmittag zum Fischfang ausgelaufen seien, mit ihren Booten. Das Wetter erschien ihnen vielversprechend, doch sie sind vom Sturm überrascht worden.“

„Und wahrscheinlich alle ertrunken!“ rief Firuz lachend.

„Wenn nicht, bereiten wir ihnen hier einen angenehmen Empfang, sobald sie zurückkehren“, sagte Selim. „Vergessen wir nicht, überall Wachen aufzustellen.“

Weder Jella, er und die anderen ahnten, daß das Mädchen gelogen hatte, um die Männer von Pigadia vor einem Überfall der Seeräuber in den Olivenhainen zu schützen. Ihrer Geistesgegenwart sollte es zu verdanken sein, daß Lagios, Iris, Melania und all den anderen im weiteren Verlauf der Nacht tatsächlich nichts zustieß.

Selim wandte sich um und verließ Lagios’ Haus, um zu den Mädchen hinüberzugehen und sie zu begutachten.

Es hatte aufgehört zu regnen. Das Heulen und Pfeifen des Sturmwindes legte sich allmählich. Selim blieb bei den toten alten Männern stehen und sagte zu seinem Kumpan: „Später werfen wir sie in die Schlucht. Später, wenn Osman und die anderen zurück sind.“

Er sah auch Antos verkrümmt auf dem Pflaster der Gasse liegen und grinste voll Hohn und Verachtung.

Plötzlich kehrte der glatzköpfige Osman mit der Meute zurück, die Selim seinem Kommando anvertraut hatte. Er blieb schwer atmend vor seinem Anführer stehen und meldete: „Nichts zu machen, Selim. Wir haben keinen von den Flüchtlingen mehr finden können. Sie sind wie vom Erdboden verschwunden.“

„Das gibt es doch nicht“, sagte Selim unwirsch. „Sie können sich nicht in Luft aufgelöst haben. Ihr habt nicht gründlich genug gesucht.“

„Wir haben alles abgekämmt“, verteidigte sich Osman. Er deutete mit dem Finger auf Antos. „Vielleicht kann der uns noch verraten, in welchen Schlupfwinkel sie sich zurückgezogen haben. Vermutlich gibt es irgendwo Höhlen, die man im Dunkeln nicht sieht.“

Selim warf wieder einen Blick auf Antos. „Der? Der wird uns nichts mehr sagen. Er ist tot.“

„Fragen wir mal die Mädchen“, schlug Jella vor. „Wir bringen sie schon zum Sprechen, verlaßt euch drauf. Ich brauche nur eine von ihnen mit meinem Messer zu kitzeln, dann …“

„Einen Augenblick“, unterbrach Osman sie. „Selim, wir haben etwas anderes, vielleicht Wichtigeres entdeckt. Nur eine Meile weiter im Westen gibt es noch eine kleine Bucht. Dort liegt ein Schiff vor Anker.“

„Ein Schiff?“ Selim hob die Augenbrauen. „Das werden doch wohl nicht die Männer des Dorfes sein?“

Osman schüttelte den Kopf. „Bestimmt nicht. Wir haben uns ziemlich dicht anpirschen können und im Zucken der Blitze gesehen, daß es sich um ein europäisches Schiff handelt. Eine Dreimast-Galeone. So einen großen Segler können die Insulaner nicht besitzen, ich glaube, sie wüßten gar nicht damit umzugehen.“

„Ist es etwa ein Spanier?“ fragte Selim mit wachsendem Interesse.

„Möglich ist es. Vielleicht auch ein Genuese oder Venezianer.“

„Er hat bestimmt Beute für uns an Bord“, sagte Selim. „Beim Scheitan, diese Insel Rhodos wird immer interessanter für uns. Ehe wir sie verlassen, sind die Bäuche der ‚Grinta‘ und der Ghanja so voll, daß sie sich kaum noch voranbewegen können.“

„Wir könnten einen Boten zu unseren Schiffen schicken“, meinte Dobran. „Bei dem nachlassenden Seegang können sie das Südufer runden und die Galeone in ihrer Ankerbucht überfallen.“

„Nicht so hastig“, sagte Selim. „Osman, habt ihr die Stückpforten der Galeone zählen können?“

„Sie scheint zwanzig Geschütze zu haben, vielleicht auch noch mehr.“

„Ein ernstzunehmender Gegner also.“ Selim rieb sich nachdenklich den Schnauzbart. „Wir sollten lieber versuchen, einen Teil der Besatzung an Land zu locken.“

„Aber wie?“ fragte Dobran.

„Ich weiß es“, sagte Jella. „Ich kann es Selims Zügen ablesen, was er plant.“

Selim warf ihr einen seltsamen Blick zu. „Du scheinst überhaupt gut in meinen Gedanken lesen zu können, Jella. Nun gut, ich weiß eine List. Jella, du gehst mit Ali zur Bucht hinunter, und ihr holt zehn von unseren Frauen an Land. Ich habe eine feine Aufgabe für sie. Wir werden diesen Spanier – oder wer immer er auch sein mag – in eine tödliche Falle locken.“

Die Männer, Frauen und Kinder des Dorfes hatten die Olivenhaine erreicht. Jetzt zogen sie sich in die flachen Steinbauten zurück, die sich in einer langen Reihe an einen niedrigen Hang duckten, entfachten die Glut in den Öfen, die sie bei ihrem Aufbruch zurückgelassen hatten, zu Feuern, an denen sie sich wärmten, und weckten die Männer, die sich auf ihren Schlafplätzen niedergelassen hatten, um die Nacht hier zu verbringen.

So wurde berichtet und beratschlagt, und die Frauen beruhigten ihre Kinder, während die Männer den Piraten bittere Rache schworen.

„Wenn ihre Schiffe in der Bucht ankern“, sagte einer von Lagios’ Freunden, „brauchen wir doch nur zu unseren in den Grotten versteckten Booten zu schleichen, sie ins Wasser zu schieben und die Schiffe anzugreifen.“

„Womit?“ fragte Lagios. „Mit den wenigen Flinten, den Messern und den Knüppeln, die wir haben? Sie schießen uns mit ihren Geschützen in Fetzen.“

„Aber das Pulver ist naß, das Zündkraut nicht zu gebrauchen …“

„Jetzt nicht mehr“, widersprach Lagios, der nach und nach zum Wortführer der Gruppe geworden war. „Es regnet nicht mehr, und das Pulver trocknet schnell. Nein, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.“

„Es ist unsere vordringliche Aufgabe, ins Dorf zu gehen und die jungen Frauen und Mädchen zu befreien“, sagte ein stämmiger Mann mit breitem, herbem Gesicht, der bei dem Kampf im Dorf seinen Vater verloren hatte, wie er durch Melania erfahren hatte. „Es muß uns gelingen, diese gemeine Bande irgendwie abzulenken, ihr in den Rücken zu fallen und sie zu vertreiben. Wir müssen es schaffen! Wenn wir ein paar Wachen zum Schutz unserer Frauen und Kinder hier zurücklassen, können wir immer noch einen Trupp von vierzig oder noch mehr Männern in Bewegung setzen. Das müßte doch genügen.“

Lagios sprang plötzlich auf. „Du hast recht! Und mir ist eben eingefallen, wie wir es schaffen können. Hört zu.“

Er beugte sich zu ihnen und sprach schnell und eindringlich auf sie ein. Sofort waren die Männer Feuer und Flamme, sie brannten darauf, ausrücken und losschlagen zu können.

7.

Die Seewölfe gingen an Land, rechtzeitig genug, um bei Anbruch des neuen Tages auf den Kuppen der Inselberge sein und mit der Jagd auf das Bodenwild beginnen zu können. Sie stiegen aus der Jolle, die sie zum Übersetzen benutzt hatten, und zogen sie mit vereinten Kräften auf das schmale Stück Strand, das an dieser Stelle die Bucht säumte: Hasard, Ferris Tucker, der Profos, Dan O’Flynn, Big Old Shane, Blacky, Luke Morgan, Gary Andrews, der alte O’Flynn und die Zwillinge.

Etwas widerstrebend hatte der Seewolf auch seinen Söhnen gestattet, an dem Ausflug teilzunehmen. Einerseits wollte er sie nicht unnötig Gefahren aussetzen, andererseits aber sagte er sich, daß Rhodos wahrscheinlich keine Tücken und Fallen für sie bereithielt und sie längst auch groß genug waren, um an einem Unternehmen wie diesem teilzunehmen.

Im übrigen lockte die Aussicht, an der Jagd auf Fasanen, Rebhühner, Hasen, Wachteln und Schnepfen teilzunehmen, allzu sehr. Jetzt, Anfang des Monats Dezember, war es in diesen Breiten genau die richtige Zeit, auf die Pirsch zu gehen, und es war auch nicht ausgeschlossen, daß ihnen größere Tiere über den Weg liefen, Wildschweine oder Wildziegen beispielsweise.

Philip junior und Hasard junior hatten zu diesem Zweck Schrotflinten mitgenommen. Ferris Tucker, Shane, Blacky und Dan O’Flynn hingegen schleppten zusätzlich zu ihren Waffen Beile, Äxte und Sägen mit, um einen Baum zu fällen, der sich für die Herstellung eines neuen Bugspriets eignete.

Ferris hoffte darauf, eine Pinie zu finden. Pinienholz war hart und widerstandsfähig und pflegte auf See nicht zu faulen, in den Mittelmeerländern wurden sogar Schiffe daraus gebaut.

Sie stiegen in die Berge auf und wandten sich ein letztes Mal zur „Isabella“ um. Ruhig lag die Galeone jetzt vor Anker. So rasch der Sturm über sie hereingebrochen war, so schnell schien er jetzt auch wieder abzuflauen. Ein Phänomen, das den Männern nicht neu war – Stürme konnten Tage, manchmal aber auch nur Stunden dauern. Das Wetter war unberechenbar.

Ben Brighton hatte für die Zeit von Hasards Abwesenheit das Kommando an Bord der „Isabella“ übernommen. Für den Fall, daß irgend etwas geschah, hatte er von Hasard genaue Anweisungen erhalten. Mit den restlichen Männern, die an Bord blieben, vertrieb er sich die Wartezeit: Sie tauschten die Sturmsegel gegen das normale Zeug aus, lösten die Verschalkungen und bargen die Manntaue, die alle sorgfältig aufgeschossen und ins Kabelgatt zurückgebracht wurden.

Bald langten Hasard und seine Gruppe auf einer Anhöhe an, die über Baumbestand verfügte. Ferris lief an Hasard vorbei, hob den Kopf und nahm zwei hohe Schirmpinien in Augenschein, die sich – von den Winden geneigt – leicht nach Norden lehnten.

Er blieb stehen und klopfte mit der Hand an den Stamm der einen Pinie.

„Die hier ist richtig, Sir“, sagte er lachend. „Daraus bastle ich unserer Lady einen feinen Bugspriet und behalte noch Holz über.“

„Fangen wir gleich an“, sagte der Seewolf. „Wir fällen und zerlegen den Baum und tragen ihn Stück für Stück zur Bucht hinunter. Ed, Luke und Gary, packt ihr auch mit an, um so schneller sind wir mit der Arbeit fertig. Donegal, du könntest mit den Zwillingen die nähere Umgebung auskundschaften. Wenn ihr auf Wild stoßt, schießt ihr.“

„Aye, Sir“, brummte der Alte. Er sah die Zwillinge an und hob mahnend den Zeigefinger. „Aber aufgepaßt, ihr Flöhe. Ich habe mir nicht auf den Leib geschrieben, daß ich kein Fasan bin. Deshalb gebt acht, wohin ihr schießt. Ich versohle euch mit meinem Holzbein den Hintern, wenn ihr meinen Achtersteven trefft.“

Philip und Hasard lachten.

„Aber wir können doch schon gut genug mit Waffen umgehen“, sagte Philip junior.

„Das haben schon ganz andere Leute als ihr behauptet“, versetzte Old O’Flynn mit säuerlicher Miene. „Und was dann dabei passiert ist, erzählt man sich heute noch. Ich erinnere mich da an eine Geschichte …“

„Nun mal los“, sagte Carberry, der gerade an ihnen vorbeischritt, um sich von Ferris ein Beil geben zu lassen. „Dein Seemannsgarn kannst du immer noch zum besten geben, Donegal, aber wenn hier irgendwo auch nur ein halbverhungerter Hase sitzt, dann geht er euch wegen deines Geredes durch die Lappen.“

„So?“ Der Alte stieß ein grimmiges Schnauben aus. „Das werden wir dir gleich mal zeigen, du Angeber. Los, Jungs, auf geht’s. He, Ed, merk dir das eine. Ich habe in meiner Jugendzeit in Cornwall mehr wilde Eber, Hirsche und Rehböcke zur Strecke gebracht als du in deinem ganzen nichtsnutzigen Leben.“

„Auch Elefanten?“ fragte der Profos. „Von denen soll es in den Wäldern Backbord von Falmouth ja geradezu wimmeln. Wenn du mal eine Weile still bist und lauschst, kannst du ihr Trampeln bis hierher hören.“

Die Zwillinge stießen sich an und lachten, setzten aber sofort wieder bierernste Mienen auf, als sich Old O’Flynn zu ihnen umwandte und hinter ihnen herstapfte. Sie wollten sich ihren Streifzug nicht dadurch verscherzen, daß sie den Alten wütend stimmten.

Hasard, Ferris, Shane und die anderen begannen, den ersten Keil aus dem Stamm der Pinie zu schlagen. Die harten, pochenden Geräusche begleiteten Old O’Flynn und die Jungen, als sie sich jetzt durch eine kleine Senke gehend dem nächsten Hang näherten.

„Sir“, sagte Hasard junior so leise wie möglich. „Dürfen wir auch auf Drosseln schießen, wenn welche auffliegen?“

„Natürlich nicht. Das sind doch Singvögel.“

„Oh, Verzeihung.“

„Kannst du überhaupt eine Drossel von einem Rebhuhn unterscheiden?“

„Ganz bestimmt“, raunte der Junge ihm zu und ahmte den zirpenden Ruf der Drossel nach.

„Na ja“, brummte der Alte. „Das ist wenigstens etwas.“ Plötzlich verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. „Wahrschau, ihr beiden, da vorn rührt sich was. Habt ihr eure verdammten Flinten überhaupt schon geladen?“

„Und ob“, flüsterte Philip junior, vom Jagdfieber gepackt.

„Dann geht mal ein paar Schritte vor. Schießt aber erst, wenn ich das Kommando dazu gebe.“

„Aye, Sir“, murmelten die Jungen ehrfürchtig.

Es regte sich wirklich etwas zwischen den Büschen am Hang, der vor ihnen aufragte. Was es wirklich war, konnten die drei in der Dunkelheit aber erst erkennen, als sie auf wenige Schritte heran waren. Old O’Flynn klappte vor lauter Verblüffung der Unterkiefer herunter.

„Runter mit den Kanonen“, sagte er. „Das sind keine Fasanenhennen, ihr blinden Aale. Das sind ja …“

„Frauen“, sagte Hasard junior und ließ die Schrotflinte sinken.

Vor ihnen traten drei, vier, fünf und immer mehr junge Frauen aus dem Dickicht. Sie waren eigentümlich kostümiert und trugen große Tonkrüge und noch andere Sachen, die sich gleich als Brotlaibe, Obst und Käse entpuppen sollten.

Die Frauen kicherten, gingen an Old O’Flynn und den Zwillingen vorbei und steuerten auf die Anhöhe zu, auf der Hasard und die anderen mit dem Fällen der Pinie beschäftigt waren.

„Also gibt’s hier doch Menschen“, sagte Philip junior. „Ja, ist denn das die Möglichkeit? Was wollen die bloß?“

Der Alte fuhr herum und eilte den Frauen nach.

„He, Augenblick, was soll das?“ rief er, zuerst auf englisch, dann auf spanisch. „Ihr könnt doch nicht einfach …“

Der Seewolf hörte sein Rufen, richtete sich auf und blickte zu den Frauen. Carberry, Shane, Ferris und die anderen hoben ebenfalls die Köpfe.

„Mein lieber Mann“, sagte der Profos. „Da brat mir doch einer einen Stint. Hat die Welt so was schon gesehen?“

„Aufpassen“, sagte Hasard. „Das könnte ein Trick sein. Haltet die Augen nach allen Seiten offen.“

Er hatte allen Grund, mißtrauisch zu sein. Schon einmal waren sie durch Mädchen hereingelegt worden, die ihnen begeistert zugewinkt und ihnen Geschenke gebracht hatten – an einem ganz anderen Platz der Welt, aber unter ähnlichen Bedingungen.

Die Frauen – es waren acht, wie Hasard jetzt zählen konnte – näherten sich ohne Zögern und deuteten Verbeugungen an, als sie sich nur noch wenige Schritte von den Männern entfernt befanden.

Sie setzten ihre Krüge auf dem Boden ab, nahmen kleine Becher zur Hand und begannen sie zu füllen.

„Ich wette eins zu tausend, daß das kein Wasser ist“, sagte Gary Andrews zu Luke Morgan.

„Ruhe“, sagte der Profos. „Maul zu und Augen offen halten, ihr Kanalratten.“

„Das tun wir doch“, raunte Gary Andrews. Und ob sie die Augen offen hielten! Sie taten ja nichts anderes, als diese allerliebsten, lächelnden, dunkelhäutigen Geschöpfe zu betrachten, die jetzt Brot und Käse anschnitten, die Becher verteilten und mit Weintrauben, Feigen und Orangen hantierten.

Jella, die Anführerin, vollführte einen kleinen Knicks vor Hasard und drückte ihm den Becher in die Hand.

„Trink, Fremder“, sagte sie mit aufmunterndem Lächeln. Sie sprach Spanisch mit hartem, etwas kehligem Akzent. „Und willkommen auf Rhodos. Unsere Männer haben euer Schiff gesehen und uns zu eurer Begrüßung hergeschickt.“

Sie trug die gleiche Kleidung wie die anderen auch – die Tracht der Frauen von Rhodos, Kavai genannt, einen blauen, langärmeligen Kittel, der ein weißes, hemdähnliches Gewand überdeckte, lange, in Stiefeln steckende Pumphosen, einen Gürtel, eine Schürze und ein Kopftuch. Diese Sachen hatten ihre Begleiterinnen und sie sich von den Mädchen „ausgeliehen“, die in Pigadia gefangengehalten wurden.

„Ist es üblich, Besucher der Insel so zu begrüßen?“ fragte der Seewolf.

„Ja. Es ist ein alter Brauch. Wein und Obst, Brot und Käse, das ist alles, was wir haben, aber wir geben es gern und laden euch in unsere Häuser ein.“

„Danke. Du sprichst gut Spanisch.“

„Bist du ein Spanier?“

„Engländer.“

„Dann sprichst du aber auch sehr gut ausländisch.“ Sie lachte verhalten. „Ausländisch ist wohl nicht richtig, oder? Verstehst du auch unsere Muttersprache?“ Sie sagte ein paar Worte, doch er schüttelte nur den Kopf.

„Was ist das?“ wollte er wissen. „Griechisch?“

„Nein. Die Sprache von Pigadia. Pigadia, so heißt unser Dorf. Jedes Dorf hat seinen eigenen – Dialekt. So sagt man doch, nicht wahr?“

„Ja.“

Sie lächelte ihm wieder zu. Hasard blickte zu den anderen und stellte fest, daß die Männer alle mit Wein und Brot bedient worden waren. Sie sahen ihn aber zweifelnd an und wußten nicht, ob sie die Geste annehmen sollten oder nicht. Verlegenheit entstand.

Old O’Flynn und die Zwillinge waren inzwischen auch zurückgekehrt und erhielten sofort ebenfalls jeder einen Becher Wein.

Hasard fragte sich, ob das Benehmen dieser Frauen im Grunde nicht doch sehr eigenartig war. Ihre schnelle Vertraulichkeit, ihr einladendes Lächeln – konnte denn das nicht falsch verstanden werden? Welcher Insulaner schickte schon so bereitwillig seine Frau in die Nacht hinaus, um Fremde zu empfangen, von denen keiner wissen konnte, wie sie diese Höflichkeit erwidern würden?

Es gab Hasards Meinung nach nur einen Mann auf dieser Erde, der es als seine Pflicht ansah, dem Gast auch gleich seine Frau mit anzubieten – der Eskimo. Nirgendwo anders schien es diesen Brauch zu geben, der einen ahnungslosen Besucher in größte Verlegenheit bringen konnte.

Und: Wirkten diese Inselfrauen nicht etwas zu orientalisch? Konnte hier nicht doch etwas faul sein?

„Hübsch“, sagte Dan O’Flynn. „Wirklich, sehr hübsch, diese kleinen Ladys. Gut gebaut, schwarzhaarig, dunkeläugig, eine wie die andere.“

„Das ist der Einfluß von Byzanz“, sagte Blacky. „Wir sind hier schon mehr im Orient als in Griechenland. Sir, was tun wir jetzt?“

Byzanz, ja, dachte der Seewolf, gut möglich, daß die früheren Einflüsse die Bevölkerung so geprägt haben. Nun gut.

„Wir dürfen ihre Gastfreundschaft nicht zurückweisen“, sagte er. „Das wäre mehr als unhöflich. Sie würden es als eine Beleidigung auffassen. Also – zum Wohl!“

Er hob seinen Becher, prostete den acht Frauen zu und kostete von dem Trunk, der sich als vorzüglicher Landwein erwies. Auch die anderen tranken, setzten die Becher wieder ab und nickten anerkennend.

„Ich habe gewonnen“, sagte Gary Andrews. „Mann, so ein guter Tropfen. Ob wir wohl noch mehr davon kriegen?“

„Du hast nicht gewonnen“, meinte Dan O’Flynn. „Du hast doch mit keinem gewettet.“

„Doch – mit mir selbst.“

„Mister Andrews“, sagte der Profos mit gespielter Freundlichkeit. „Du redest schon jetzt wirres Zeug. Du kriegst keinen Schluck mehr von dem Zeug, sonst bist du gleich besoffen, verstanden?“

„Aye, Sir“, brummte Gary. Was sollte er sonst antworten?

Die Gastfreundschaft der Frauen war wirklich entwaffnend. Kaum waren die Becher leer, schenkten sie sie wieder voll, trotz des sanften Widerstandes der Männer. Das Obst wurde verteilt. Es schmeckte so gut wie der Wein, das Brot und der Käse.

„So ein gutes Frühstück“, schwärmte Luke Morgan. „Aber eigentlich ist es ungerecht von uns, Ben und die anderen nicht daran teilhaben zu lassen.“

„Ja, du hast recht“, sagte der Seewolf. Er wandte sich an Jella. „Was meinst du, ob eure Männer wohl bereit wären, uns etwas von diesem Wein und diesem Brot zu verkaufen – und auch, von dem Obst und dem Käse?“

„Ganz gewiß. Wir gehen am besten gleich ins Dorf. Sie erwarten uns. Wir haben selten Gäste, und die Männer sind froh, einmal Neuigkeiten zu erfahren. Ihr habt doch sicher viel zu erzählen.“

„Das schon“, sagte Hasard. „Aber eigentlich hatten wir uns vorgenommen, erst diese Pinie zu fällen.“

Sie lachte wieder. „Das hat doch Zeit. Außerdem helfen unsere Männer euch gern dabei. Sie sind stark und können kräftig zupacken; wenn sie euch unterstützen, seid ihr in der Hälfte der Zeit fertig.“

„Aber das kann ich nicht annehmen.“

Sie wischte seinen Einwand mit einer flinken Geste fort. „Ach, Unsinn. Komm nur. Sag deinen Männern, daß sie uns folgen sollen. Ihr wolltet doch auch auf die Jagd gehen, nicht wahr? Unsere Männer kennen die besten Plätze, dort stoßt ihr ganz sicher auf Fasanen, Rebhühner und Wachteln.“

Was sie sagte, klang überzeugend.

„Männer“, sagte Hasard. „Wir gehen in dieses Dorf. Ich bin jetzt wirklich gespannt darauf, die Männer dieser Prachtmädchen kennenzulernen. Sie müssen ja wirklich von umwerfender Herzlichkeit und Menschlichkeit sein.“

„Das entspricht der Wesensart der Leute von Rhodos“, bemerkte der Profos und befand im stillen, daß er sich dieses Mal sehr gewählt ausgedrückt hatte.

Ferris Tucker drehte sich überrascht um. „So? Woher weißt du denn das?“

„Von Irene, der Griechin.“

„Dann habt ihr also doch über solche Dinge gesprochen?“

„Na und?“

„Das hättest du aber auch schon eher zugeben können“, sagte Ferris. „Und zwar, als Smoky dich danach fragte.“

Carberry schob sein wuchtiges Kinn noch ein Stückchen weiter vor. „Es geht Smoky und dich einen feuchten Sand an, was Irene und ich uns erzählt haben, schreib dir das hinter die Segel.“

Osman, Selims wichtigster Späher, hatte die Szene bei den Pinien aus einiger Entfernung beobachtet. Jetzt hatte er genug gesehen und kroch durch Gebüsch davon, bis er sich hinter einem Felsenbuckel befand und sicher sein konnte, von den Männern der Galeone nicht entdeckt zu werden.

Er eilte zum Dorf und meldete seinem Anführer, daß es Jella und den sieben anderen Frauen gelungen sei, die Fremden anzulocken.

Selim sandte Dobran, seinen Unterführer, zur „Grinta“ und der Ghanja. Dobran sollte an Bord gehen und den Angriff auf die Galeone selbst leiten. Die Schebecke und die Ghanja würden sich am Wind um Legerwall herumschleichen und dann in der kleineren Ankerbucht der Galeone über die an Bord zurückgebliebene Besatzung herfallen – ein Überraschungsangriff, bei welchem dem Opfer jeder Fluchtweg abgeschnitten war.

Selim war von dem Gelingen seines Planes völlig überzeugt. Er mußte es sein, denn er war über zwei Begebenheiten, die das Geschehen grundlegend ändern sollten, nicht im Bilde.

8.

Lagios war von den Männern des Dorfes zum Anführer des starken Trupps gewählt worden, der sich von den Olivenhainen aus in Richtung Pigadia in Bewegung gesetzt hatte. Iris, Melania, Kanos und seine Schwestern sowie alle anderen Frauen und Kinder waren unter der Bewachung von vier mit Flinten bewaffneten Männern im sicheren Schutz der Berghütten zurückgeblieben.

Zwei Männer hatten sich vom Trupp entfernt und eilten über einen Schleichpfad, den nur sie, nicht aber Selims Piraten, kannten, zur Bucht hinunter. Ungesehen und unbehelligt gelangten sie in die Grotten, wo ihre Fischerboote vertäut lagen.

Es gab eine Strömung, die bei ablaufendem Wasser von den Grotten zur Mitte der Bucht verlief. Diese Drift wurde von den Fischern benutzt, wenn sie zum Fang ausliefen. Auf dem Rückweg nutzten sie bei Flut eine in entgegengesetzter Richtung verlaufende Wasserbewegung, um in die Grotten zurückzukehren.

Es war Ebbe, der Zeitpunkt für das Vorhaben also günstig.

Lagios’ Freunde drapierten Segel, Netze und andere Utensilien, die in den Booten lagen, so, daß es im Dunkeln aussehen mußte, als säßen Gestalten auf den Duchten. Dann lösten sie die Leinen der Boote und sahen zu, wie die Fahrzeuge langsam, wie von Geisterhand gelenkt, in die Bucht hinausliefen.

Dobran war gerade an Bord der „Grinta“ gegangen, um die für den Angriff auf die Galeone erforderlichen Befehle zu geben.

Die acht Frauen führten die Gruppe an. Hasard schritt als erster hinter ihnen her, dann folgten die anderen Männer der „Isabella“ im Gänsemarsch. Es ging über einen Trampelpfad bergauf, zwischen Sträuchern und Bäumen auf ein paar wenige glitzernde Lichtpunkte zu, die jetzt in den Felsen über ihnen zu erkennen waren.

„Ein sicherer Platz“, sagte Ferris Tucker zu seinem Kapitän. „Nach da oben verirrt sich wohl kaum jemand. Und wer sollte auch kommen?“

„Piraten vielleicht“, meinte Shane.

„Ach wo, für die gibt es in diesem Nest doch nichts zu holen“, sagte Carberry.

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht“, murmelte Old O’Flynn. „Die Sache will mir nicht gefallen. Sir, denk mal nach. Hier stimmt was nicht.“

„Aber was?“ fragte ihn der Seewolf.

„Das ist es ja“, zischte der Alte aufgebracht. „Ich grüble darüber herum, ich spür’s in allen Knochen, daß etwas höllisch am Stinken ist, aber mir fällt verdammt nicht ein, wo der Wurm steckt.“

„Mann, Donegal“, sagte Blacky. „Und wenn schon. Falls die Männer dieser Ladys hier mit Messern und Knüppeln über uns herfallen, erleben sie ihr blaues Wunder.“

„Ich glaube, sie meinen es ehrlich“, sagte Dan. „Und wir sind ganz üble Halunken, daß wir so argwöhnisch sind und ihre guten Absichten verkennen.“

Auch Jella und die anderen Frauen sprachen leise miteinander – in ihrer Muttersprache. Jella war zwar selbst nicht aus der Türkei, sprach aber fehlerfrei Türkisch und hatte sich den anderen angepaßt, die alle aus Anatolien und den Siedlungen des Taurus’ stammten.

Eine der Türkinnen, die mit Jella in der Mitte der Frauengruppe ging, fragte: „Verstehst du, was sie sagen, Jella?“

„Nein, sie sprechen jetzt wieder Englisch. Aber das soll uns nicht stören. Sie verstehen ja auch nichts von dem, was wir reden.“

„Selim wird mit uns zufrieden sein, nicht wahr?“

„Ganz bestimmt wird er das sein.“

„Aber glaubst du, daß diese Engländer tatsächlich Schätze an Bord haben?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte Jella. „Vielleicht sind sie auch arme Hunde, aber das spielt keine Rolle. Wenn Selim ihnen allein ihr Schiff mit den vielen Kanonen und der Munition abnehmen kann, die sie garantiert an Bord haben, hat er schon genug gewonnen. Er ist seit langem darauf aus, eine große Galeone wie diese zu kapern. Mit drei Schiffen kann er noch kühnere Raubzüge unternehmen und sogar größere Häfen überfallen.“

„Ja. Aber mir würde es irgendwie leid tun, wenn Selim, Dobran und die anderen diese Männer hier allesamt töten würden“, sagte die Türkin. „Ich hätte lieber, daß sie sie gefangennehmen.“

Jella lächelte anzüglich. „Ich weiß schon, auf was du hinauswillst. Du würdest dich gern an den einen oder anderen dieser starken Burschen heranpirschen.“

„Du etwa nicht?“

„Der Schwarzhaarige mit den blauen Augen gefällt mir. Bestimmt ist er auch gut bewaffnet.“ Sie lachte leise. „Ja, ich würde ihn schon gern ausprobieren. Ich werde es Selim vorschlagen, die Engländer gefangenzunehmen und ebenfalls als Sklaven zu verkaufen.“

„Aber er soll sie nicht zu den Mädchen von Pigadia stecken, die wir in dem einen Haus eingesperrt haben.“

„So dumm wird er nicht sein. Keine Angst, ich passe schon auf. Diese Prachtkerle hier lassen wir uns doch von den schmutzigen kleinen Dorfweibern nicht wegnehmen.“

„Noch etwas“, flüsterte die Türkin ihr zu. „Der Goldschmuck, den Selim in den Häusern gefunden hat – ob er ihn wohl auch mit uns teilt?“

„Wahrscheinlich“, erwiderte Jella mit einer Grimasse. „Aber erwartet keine Wunderdinge. Er wird uns mit der üblichen Großzügigkeit behandeln – die Hälfte für ihn allein, zwei Drittel vom Rest für die Männer, und wir können uns um das raufen, was übrigbleibt.“

„Das ist nicht gerecht. Wir haben so manches Mal zum Gelingen seiner Überfälle beigetragen.“

„Ja. Aber für ihn sind Frauen nur halbe Menschen.“

„Auch, wenn sie bei ihm in der Koje liegen?“ fragte eine dritte hinter ihrem Rücken.

„Auch dann.“

„Er ist eine rohe Bestie“, murmelte eine vierte. „Ich hasse ihn.“

Jella senkte ihre Stimme. „Eines Tages reißen wir alles, was ihm gehört, an uns. Wir müssen uns nur einig sein.“

„Wir sind uns einig“, murmelten die anderen.

„Dann ist der Tag seines Unterganges nicht fern“, sagte Jella. „Wir können auch ohne ihn leben. Uns wird man überall mit offenen Armen aufnehmen.“

Weder sie noch die anderen sieben Frauen hatten bemerkt, daß die Zwillinge beim Klang ihrer Worte zu ihrem Vater aufgeschlossen hatten. Aufmerksam hatten Philip junior und Hasard junior die ganze Zeit über gelauscht.

Jetzt zupfte Philip junior seinen Vater am Ärmel.

„Junge“, sagte der Seewolf. „Ich habe dir schon mal erklärt, daß dies nicht die richtige Art ist, den Kapitän der ‚Isabella‘ anzusprechen.“

„Dad, Sir“, hauchte Philip. „Um Gottes willen, Verzeihung, aber wir haben dir was Wichtiges zu sagen – ohne daß diese – diese Frauenzimmer es merken.“

„Was furchtbar Wichtiges“, fügte Hasard junior hinzu. „Kannst du nicht mal ein Stück zurückbleiben?“

„Schießt los“, sagte ihr Vater. „Habt ihr verstanden, was sie gesprochen haben?“

„Ja“, erwiderten die beiden wie aus der Pistole geschossen.

„Also benutzen sie keinen Dialekt?“

„Sie sprechen Türkisch“, flüsterte Hasard junior. „Aber – Hölle und Teufel, Dad, vielleicht verstehen sie auch Englisch.“

„Nicht die Spur.“

„Ganz bestimmt nicht?“ fragte Philip junior zweifelnd. „Vielleicht hat diese Jella dich angelogen.“

„Moment mal“, sagte der Seewolf, in dessen blauen Augen jetzt die berüchtigten tausend Teufel zu tanzen begannen. „Das haben wir gleich.“ Er beugte sich leicht vor und sagte zu den Frauen, die ihm ihre Rücken zuwandten: „So, hereinlegen wolltet ihr uns also? In welche Falle lockt ihr uns denn? Soll ich euch kräftig den Hintern versohlen, oder rückt ihr freiwillig mit der Sprache heraus?“

Sie antwortete nicht und drehten sich nicht zu ihm um. Sie nahmen nach wie vor an, daß er sich mit seinen Männern unterhielt und seine Worte nicht für sie bestimmt waren.

Hasard grinste verwegen. „So, das war der Beweis. Und jetzt los, Jungs, spannt uns nicht länger auf die Folter. Über was haben sie sich unterhalten? Darüber, daß sie uns allen die Gurgel durchschneiden werden?“

„So ungefähr“, entgegnete Philip junior, dann begann er auf einen Wink seines Bruders hin Wort für Wort zu berichten, was Jella und die anderen getuschelt hatten.

Weder Jella noch die Türkinnen noch Selim selbst oder sonst jemand aus der Piratenbande, die Pigadia überfallen hatte, hätte auch nur im entferntesten geahnt, daß ausgerechnet die Zwillinge der türkischen Sprache perfekt mächtig waren. Was wußten sie denn auch von dem Schicksal, das den beiden schon kurz nach ihrer Geburt widerfahren war?

Lord Henry war in den Großmars seiner Galeone „Cruel Jane“ aufgeentert, zu Codfish, dem hageren Mann, der des öfteren als Ausguck fungierte. Im Osten krochen die ersten blassen Schleier des neuen Tages herauf, die Dämmerung kündigte sich an.

„Ich kann aber trotzdem noch nichts sehen“, sagte Codfish. „Weder die ‚Isabella‘ noch die Insel Rhodos.“

„Von der Insel sind wir nicht mehr weit entfernt“, sagte Henry und fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten Haare. „Die Entfernung von Karpathos nach Rhodos beträgt etwa vierzig Meilen, jedenfalls steht es so auf meiner Karte eingezeichnet. Diese Entfernung haben wir inzwischen fast zurückgelegt.“

„Bei dem Wind schon“, meinte Codfish. „Aber die Frage ist nun, ob Killigrew im Nachlassen des Sturmes es nicht doch vorgezogen hat, Rhodos zu meiden. Nur der Teufel weiß, wohin er überhaupt will.“

„Ich kriege ihn schon noch“, sagte Lord Henry voll Grimm. „Die Rechnung, die wir zu begleichen haben, ist zu groß.“

„Allerdings. Wir haben ja alle ein Hühnchen mit ihm zu rupfen.“

„Den Schatz der Medici holen wir uns wieder, Codfish, verlaß dich drauf.“

Codfish schwieg, er war in diesem Punkt nicht so sicher. Henry verließ den Hauptmars und kehrte auf die Kuhl zurück, wo er Mechmed, den Berber, in finsterem Schweigen vorfand.

„Was hast du?“ fragte er ihn. „Gibt es für dich nichts zu tun? Ich habe dich nicht wieder an Bord genommen, damit du Maulaffen feilhältst.“

Mechmed richtete den düsteren Blick seiner jettschwarzen Augen auf Henrys Gesicht. „Ich habe von Dalida gehört, daß wir uns wieder mit diesem Engländer schlagen werden – diesem Seewolf. Ich sehe nicht ein, warum wir unser Leben riskieren sollen, nur damit du deine Rachepläne in die Tat umsetzen kannst.“

Henry reagierte gedankenschnell und für Mechmed völlig unerwartet. Er packte den Berber an seinemschwarzen Burnus, riß ihn zu sich heran und drückte ihn mit dem Rükken gegen den Großmast. „Mit anderen Worten, du willst dich vor einem Kampf drücken? Und deine vier Kumpane, diese Schakale, stehen ganz auf deiner Seite, was?“

In Mechmeds Augen flackerte Angst auf. „Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber ich kann es mir denken. Weißt du, was das ist, du Hund? Das ist Meuterei. Und weißt du auch, was ich mit Meuterern tue?“

„Du knüpfst sie an der Rahnock auf“, antwortete Tim Scoby, der zu ihnen getreten war, an Mechmeds Stelle. „Mit solchen Kerlen fackeln wir nicht lange.“

„Nein!“ stieß Mechmed hervor. „Ich will nicht meutern. Ich wollte nur – meine Bedenken anmelden.“

„Wenn du Bedenken hast, hättest du nicht in Neapel zurück an Bord kommen sollen. Aber du warst ja so scharf darauf, mit uns zusammen den Schatz der Medici zurückzuerobern und daran beteiligt zu werden, nicht wahr?“

„Ich – wir gehören doch zusammen. Wir sind vollwertige Mitglieder deiner Mannschaft“, stammelte der Berber.

„Hör dir das an“, sagte Scoby zu Dark Joe, der jetzt mit zwei anderen Piraten ebenfalls interessiert näherrückte. „Mir kommen gleich die Tränen.“

„Seid still!“ fuhr Lord Henry sie an. Er blickte wieder Mechmed an, den er immer noch gegen den Mast gepreßt hielt. „Wage es nicht, so was noch mal zu sagen, du Wanze. Das nächste Mal lasse ich dich vor versammelter Mannschaft auspeitschen.“

„Jawohl, Sir.“

„Du wirst in jedem Gefecht voll deinen Mann stehen. Es war dir ja auch recht, den Levantiner zu überfallen. Da hattest du keinen Rückzieher vorgehabt.“

Mechmed schluckte. „Ich bereue meine Worte. Ich werde mich bessern. Zur Einsicht ist es nie zu spät.“

Wütend trat nun auch Scoby vor ihn hin. „Henry, laß mich nur eine Frage an diesen aalglatten Kerl stellen, nur eine.“

„Na los, Tim“, sagte Henry.

„Wer hat Reagan vor der toskanischen Küste in die See gestoßen, als wir mit dem Verband aus Livorno im Gefecht lagen? Wer war das?“

Mechmed sah ihn verblüfft an. „Ich weiß es nicht. Ich denke, Reagan wurde von der fallenden Rah erschlagen und außenbords gerissen.“

„Das denkst du? Aber befand sich Reagan später, bei der Schlacht in der Bucht von Elba, nicht plötzlich an Bord der ‚Isabella‘?“

„Nein, nein“, flüsterte der Berber. „Das ist doch gar nicht erwiesen.“

„Ich behaupte noch immer, Reagans Todesschrei gehört zu haben“, sagte Scoby. „Unsere eigenen Kugeln haben ihn getötet, glaube ich. Es will mir nicht aus dem Kopf. Schwöre, daß du an seinem Verschwinden keine Schuld hast, Mechmed.“

„Ich schwöre es“, sagte Mechmed hastig. „Bei allem, was mir heilig ist.“

„Dir ist nichts heilig“, brummte Scoby. „Dir glaube ich kein Wort. Ich bin immer noch nicht überzeugt, verstehst du? Halte dir das stets vor Augen. Ich beobachte dich, verlaß dich darauf.“

Über ihren Häuptern stieß Codfish plötzlich einen Ruf aus. „Ich sehe Land! Backbord voraus! Das kann nur Rhodos sein!“

„Ausgezeichnet.“ Lord Henry stieß den Berber von sich. „Los, hau ab nach vorn auf die Back, da müssen noch ein paar Fallen dringend klariert werden.“

Mechmed lief davon, froh, dem Griff des Piratenführers entwichen zu sein. Henry drehte sich zu Tim Scoby, Dark Joe und den beiden anderen Männern um. „Wegen der Sache mit Reagan unterhalten wir uns später noch, ich will endlich Klarheit haben. Jetzt sehen wir nach, ob sich Killigrew irgendwo am Ufer der Insel verkrochen hat. Wir runden sie im Westen und gehen dabei dicht unter Land, so daß uns keine Einzelheit entgehen kann.“

Er malte sich aus, wie es sein würde, wenn sie wieder mit den Männern der „Isabella“ zusammentrafen. Philip Hasard Killigrew ahnte ja nicht, daß es ihm, Henry, in Neapel gelungen war, sich aus der Affäre zu ziehen.

Don Gennaro hatte die Männer der „Cruel Jane“, zur Rechenschaft ziehen wollen, denn Henry hatte ihm eine dicke Lüge aufgetischt: Er hatte behauptet, der Seewolf und dessen Mannschaft wären spanische Spione. Gennaro hatte folglich einen Erzhaß auf die Seewölfe entwickelt und sich nur zu gern mit Henry gegen die vermeintlichen Feinde verbündet.

Dann aber hatte Killigrews Bootsmann den Piratenkönig von Neapel gefangengenommen und ihn über seinen Irrtum aufgeklärt. Gennaro, kaum wieder an Land gelassen, hatte sich auf Henry stürzen wollen, doch Henry und den anderen war es inzwischen gelungen, ein Boot zu besetzen und an Bord der „Cruel Jane“ zurückzukehren. Schleunigst hatte man den Anker gelichtet und war von der Reede des Hafens verschwunden.

Überall hatte Henry nach dem Seewolf gesucht – auf Sizilien, in Piräus und auf Kreta, weil er annahm, daß die „Isabella“ weiterhin östlichen Kurs segeln würde. Nun hatte er durch den dicken Levantiner die Bestätigung erhalten, daß seine Annahme richtig gewesen war.

Wenn auf Rhodos eine Begegnung stattfinden sollte, würden dem Seewolf die Augen übergehen! sicherlich rechnete er nicht damit, daß die „Cruel Jane“ jemals wieder seinen Kurs kreuzen würde.

Killigrew, dachte Lord Henry, ich töte dich und hole mir den Schatz der Medici-Familie zurück. Diesmal siege ich, diesmal bringe ich dich um und lasse dich für die Schmach bezahlen, die du mir zugefügt hast.

„Vier Strich Backbord!“ rief er über Deck. „Wir fallen vom Wind ab und gehen auf Kurs Nord-Nord-West!“

9.

Selim saß auf der Estrade in Lagios’ und Iris’ Haus und wartete. Er würde hören, wenn Jella und die anderen Frauen mit den Fremden das Dorf betraten. Dann brauchte er seinen Männern, die sich überall in den übrigen Gebäuden verschanzt hatten, nur ein Zeichen zu geben, und sie würden diese Narren zusammenschießen.

Die drei Frauen, die mit den sieben anderen von Jella und Ali von den Schiffen geholten Frauen nach Pigadia heraufgekommen waren, hatte er außerhalb des Ortes postiert, damit sie als zusätzliche Lockvögel mit Weinkrügen bereitstanden. Die Männer der Galeone sollten die Augen aufreißen, der Wein und der Anblick der weiblichen Formen sollte sie trunken stimmen und ihren Verstand soweit verblenden, daß sie bereitwillig in die Falle gingen.

Dobran erblickte genau zu diesem Zeitpunkt von Bord der „Grinta“ aus, daß sich Boote der Schebecke und der Ghanja näherten – Boote, die aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schienen.

Männer saßen auf den Duchten der Boote, jedenfalls sah es in der nur zögernd verblassenden Dunkelheit so aus.

Die Schebecke und die Ghanja hatten die Anker gelichtet und schickten sich an, zu wenden und mit dem Ebbstrom die Bucht zu verlassen, doch es war vorauszusehen, daß die Boote sie noch vorher erreichen würden.

„Zurück!“ schrie Dobran ihren vermeintlichen Insassen von der Back der „Grinta“ aus zu. „Zurück, oder wir schießen!“

Die Boote glitten mit unverändertem Kurs auf die Piratenschiffe zu. Dobran dachte an die jungen Männer des Dorfes Pigadia, die angeblich zum Fischen ausgelaufen und dann vom Sturm überrascht worden waren. Jetzt schienen sie zurückgekehrt zu sein und wußten offenbar schon über das, was sich im Ort ereignet hatte, Bescheid. Hatten die Frauen und Kinder, denen die Flucht gelungen war, es ihnen gesagt?

Wie waren die Boote jedoch in die Bucht gelangt, ohne vom Ausguck der Schebecke und der Ghanja bemerkt zu werden? Gab es etwa noch eine zweite, geheime Zufahrt?

„Zurück!“ rief Dobran noch einmal, aber wieder erhielt er weder eine Antwort, noch trafen die gedrungenen Gestalten auf den Duchten irgendwelche Anstalten, den Befehl zu befolgen.

„Sie wollen entern!“ schrie einer der Piraten auf der Kuhl der Schebecke.

„Vielleicht haben sie Pulver, mit dem sie uns in die Luft jagen!“ rief ein anderer.

Dobran tat genau das, was er nicht hätte tun sollen. Er griff nach einer Muskete und legte auf die Boote an.

„Eröffnet das Feuer!“ befahl er den anderen.

Musketen- und Arkebusenläufe schoben sich reihenweise über das Schanzkleid der „Grinta“, und auch drüben auf der Ghanja bereitete man sich in aller Eile auf die augenscheinlich bevorstehende Auseinandersetzung vor.

Dobran drückte als erster ab. Sein Schuß peitschte auf, eine weißliche Qualmwolke puffte hoch. Er traf eine der „Gestalten“, und jetzt feuerten auch die anderen. Ein Stakkato von Schüssen entlud sich in die Boote. Auf den Duchten sanken die von Lagios’ Freunden präparierten Attrappen zusammen. Einige fielen mit dumpfem Klatschen ins Wasser.

Plötzlich erkannte Dobran, daß sie getäuscht worden waren.

„Beim Scheitan!“ stieß er zornig hervor. „Das sind ja gar keine Männer! Wir sind einem faulen Trick aufgesessen!“

Das erste Boot stieß mit dem Bug gegen die Bordwand der „Grinta“ und legte sich längsseits.

„Wir müssen Selim benachrichtigen, was geschehen ist“, sagte einer der Piraten.

„Keine Zeit!“ rief Dobran. „Wir laufen sofort aus und segeln zu der anderen Bucht! Hoffen wir, daß unsere Schüsse dort nicht gehört worden sind, sonst sind die Männer der Galeone gewarnt!“

Er ahnte nicht, daß sich seine Befürchtungen bereits bewahrheitet hatten. In der Ankerbucht der „Isabella“ ließ Ben Brighton, aufgeschreckt durch die knallenden Gewehrschüsse, Klarschiff zum Gefecht rüsten. Die Stückpforten der „Isabella“ wurden in aller Eile hochgezogen, die Siebzehnpfünder ausgerannt. Vorsorglich ließ Ben den Anker lichten, um beweglich zu sein.

Mit sorgenvoller Miene blickte er zum Ufer. Hasard hatte ihm die Anweisung gegeben, nur dann mit Verstärkung an Land zu gehen, wenn er ein bestimmtes, vorher vereinbartes Zeichen mit seinem Radschloß-Drehling gab. Aus der Art, wie die Schüsse gefallen waren, ließ sich jedoch nicht schließen, daß er, der Seewolf, es gewesen war, der gefeuert hatte.

„Was mag da bloß los sein?“ fragte Ben Smoky, der zu ihm getreten war.

„Vielleicht haben Hasard und die anderen die Jagd auf das Inselwild eröffnet“, sagte Smoky.

„Nein, das glaube ich nicht. Die Schüsse fielen nicht im Inneren der Insel, sondern beim Südufer.“ Ben deutete in die entsprechende Richtung.

„Teufel noch mal“, sagte Smoky. „Wir kriegen noch Verdruß. Dicken Verdruß, schätze ich.“ Er wußte nicht, wie recht er behalten sollte.

Der Südostwind trug die Laute der Musketen- und Arkebusenschüsse nach Pigadia hinauf. Selim fuhr von der Estrade hoch und lief in die Gasse hinaus. Auch seine Männer waren alarmiert und steckten die Köpfe zu den Fenstern und Türen hinaus.

„Wer hat geschossen?“ fragten sie. „Was hat das zu bedeuten?“

„Es ist etwas schiefgegangen“, sagte Selim und winkte Osman, Ali und Firuz zu sich, die zu ihm eilten. „Dobran muß angegriffen worden sein. Los, mir nach!“

Er lief zum östlichen Ausgang des Dorfes, die anderen folgten ihm. Immer mehr Gestalten lösten sich aus den Türen der Häuser, und verwundert drehten sich auch die Wachen um, die vor dem Haus mit den gefangenen Frauen und Mädchen standen, als könnten sie von hier aus erkennen, was in der Bucht vorging.

Für Lagios und seinen Trupp von Männern waren die Schüsse ein Zeichen, nunmehr von Westen her in das Dorf einzudringen. Sie waren den Häusern sehr nahe, hatten sich zwischen niedrigem Gestrüpp auf die Bäuche gelegt und robbten auf die Eingänge der Gassen zu, die ihnen wie schmale, zahnlose Münder entgegengähnten.

Hasard und seine zehn Begleiter näherten sich unterdessen von Süden her. Sie wußten jetzt, daß das Dorf von türkischen Seeräubern besetzt worden war und man unschuldige Menschen gefangengesetzt hatte. Das Krachen der Schüsse mußte den Seewolf das Schlimmste befürchten lassen.

Er ließ die Maske der Arglosigkeit fallen, die er vorläufig noch hatte wahren wollen, fallen und hastete auf dem schmalen Pfad an den Frauen vorbei, die jetzt aufgeregt durcheinandersprachen. Er langte bei Jella an, griff nach ihrem Arm und riß sie mit sich fort. Mit wenigen Schritten war er um die letzte Biegung herum, die ihn noch von Pigadia trennte, lief auf das erste Haus zu und holte den Drehling, den er am Lederriemen trug, von seiner Schulter.

Drei Frauen stellten sich ihm in den Weg. Jella versuchte, sich ihm zu entwinden und begann zu schreien. Er zerrte sie an sich vorbei, stieß sie in die offene Tür des Hauses und packte sofort auch die drei anderen, die nicht recht zu begreifen schienen, was gespielt wurde.

Eine nach der anderen schob er durch die Tür, dann fuhr er zu den anderen herum, griff sich die nächste und beförderte auch sie in das Innere des Hauses.

„Blacky, Luke, Gary“, sagte er. „Ihr paßt auf sie auf. Los, beeilt euch.“ Er faßte die nächste Frau, die an ihm vorbeischlüpfen wollte, drehte sie an den Hüften herum und schickte sie Jella und deren schimpfenden Freundinnen zu. „Sperrt sie alle in dieses Haus, und gebt acht, daß sie nicht schreien und ausreißen. Stopft ihnen von mir aus den Mund zu.“

Er lief weiter, ohne auf seine Männer zu warten. Seine Söhne folgten ihm wieselflink und überholten selbst Ferris Tucker, Big Old Shane und den Profos, die sich schon sehr schnell voranbewegten.

Hasard hätte die Zwillinge lieber bei den Frauen zurückgelassen, aber er fürchtete, daß sie mit ihnen nicht fertig wurden. Jella und ihre zehn Begleiterinnen waren ausgekochte, mit allen Wassern gewaschene Huren, die man nicht unterschätzen durfte.

So brachte Hasard seine Söhne nun doch in Gefahr. Gemeinsam stürmten sie die Gasse von Pigadia, die sich vor ihnen öffnete. Hinter ihnen waren Ferris, Shane und Ed, dann folgen die beiden O’Flynns. Der Alte bewegte sich mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit voran, über die ein Fremder hell erstaunt gewesen wäre.

Aber ein O’Flynn hielt sich nun mal nicht zurück, wenn es darum ging, sich ins Getümmel zu stürzen, auch dann nicht, wenn er eigentlich durch sein Holzbein hätte behindert sein müssen.

Die Wächter des Frauengefängnisses vernahmen die Schritte, die sich durch die Gasse näherten, und fuhren zu Hasard und den Zwillingen herum.

„Stehenbleiben!“ schrie der eine.

„Werft die Waffen weg!“ schrie Philip junior, ebenfalls auf türkisch.

Die Posten dachten nicht daran, dieser Aufforderung zu gehorchen. Sie brachten ihre Musketen in Anschlag auf die Heranstürmenden.

„Hinlegen!“ schrie Hasard.

Er sprang zur Seite, duckte sich und überrollte sich auf dem Pflaster. Die Zwillinge folgten seinem Beispiel, wieder sehr flink und fast katzengleich.

Ferris, Shane, Carberry und die O’Flynns gingen ebenfalls in Dekkung, gerade noch rechtzeitig genug, um sich vor den jetzt heranpfeifenden Schüssen der Piraten in Sicherheit zu bringen.

Hasard lag auf dem Bauch, hob den Radschloß Drehling und feuerte auf die Gegner. Er zielte auf ihre Beine, traf sie aber voll, als sie hinter dem Türrahmen Schutz suchten.

Selim, Osman, Ali, Firuz und die anderen Piraten, die inzwischen schon auf dem zur Bucht führenden Pfad waren, wirbelten im Krachen der Schüsse wieder herum und kehrten zum Dorf zurück.

Der Seewolf kroch bis zu den Toten, stieß die Tür des als Gefängnis dienenden Hauses auf und rief auf spanisch: „Habt keine Angst, wir sind hier, um euch zu befreien!“

Die jungen Frauen und Mädchen schrien entsetzt auf. Die meisten von ihnen waren nur noch notdürftig bekleidet, weil Jella und die Türkinnen ihnen ihre Tracht abgenommen hatten. Ihrer Kavais beraubt, fühlten sie sich noch schutzloser als zuvor. Sie klammerten sich in Todesangst aneinander, weil sie keins von Hasards Worten verstanden und glaubten, es wären Selims Piraten gewesen, die sich im Streit darum, wer als erster über die Mädchen herfallen durfte, gegenseitig beschossen hatten.

Philip und Hasard junior schlossen zu ihrem Vater auf.

„Dad, laß uns versuchen, auf türkisch mit ihnen zu reden“, sagte Philip junior. „Vielleicht ist eine unter ihnen, die wenigstens ein paar Worte kann.“

„Achtung!“ schrie Big Old Shane.

Hasard und seine Söhne ließen sich wieder fallen. Von einem der Fenster aus zuckte ein Mündungsblitz zu ihnen herüber. Die Kugel sirrte heran und bohrte sich neben dem Türrahmen in den weißen Verputz des Hauses. Wieder kreischten die Mädchen in panischem Entsetzen.

Carberrys Feuerwaffe, ein Tromblon, flog hoch und spuckte Feuer und Eisen aus. Von dem Fenster her ertönte ein gellender Schrei. Die Gestalt eines Mannes wurde sichtbar. Er richtete sich auf, ließ die leergefeuerte Waffe los, die er in den Händen hielt, und brach in dem Raum, in dem er sich verschanzt hatte, zusammen. Die leere Muskete landete mit schepperndem Laut auf dem Pflaster der Gasse.

Die Zwillinge krochen zu den Mädchen von Pigadia in den Raum, und Philip sprach auf sie ein.

Endlich meldete sich eine von ihnen und sagte: „Ja, ich habe ich verstanden, Junge. Ihr seid zu unserer Rettung hier. Ich übersetze es sofort meinen Freundinnen, damit sie sich beruhigen. Aber wo sind unsere Leute geblieben – Melania, Iris, die Frauen, die Kinder und unsere Männer?“

Philip junior konnte nur mit den Schultern zucken. „Ich weiß es nicht. Keine Ahnung.“

„Wir kriegen auch das noch heraus“, sagte sein Bruder. „Keine Sorge, wir haben die Situation hier völlig im Griff.“

Das war zwar eine sehr optimistische Beschreibung der Lage, mehr noch, eine Übertreibung, aber die Selbstsicherheit, mit der die Zwillinge auf die Mädchen einsprachen, tat ihre Wirkung. Niemand schrie mehr, hier und da atmete jemand auf.

Hasard, Shane, Ferris, Ed und die O’Flynns hielten aufmerksam nach weiteren Heckenschützen Ausschau, doch es zeigte sich keiner mehr. Sie erhoben sich und gingen zu den Leichen der alten Männer, die nach wie vor in der Gasse lagen.

„Dieser Selim hat wie ein Teufel gewütet“, sagte der Seewolf. „Die Bewohner des Dorfes werden es mit dem Blut der Piraten vergelten wollen, aber wir müssen verhindern, daß es hier ein Gemetzel gibt.“

Er fuhr plötzlich auf dem Stiefelabsatz herum, doch es war schon zu spät: Von hinten hatten sich Lagios und dessen starker Trupp von vierzig Männern genähert. Lautlos hatten sie sich, jeden Schleichgang ausnutzend, in den Ort gepirscht. Jetzt richteten sie ihre wenigen Flinten auf die Seewölfe und hoben in der Annahme, die Mörder und Plünderer vor sich zu haben, ihre Knüppel und Messer.

„Das sind sie“, sagte Lagios. „Auf sie! Schlagen wir sie nieder. Einige von uns werden sterben, aber sie können uns nicht alle töten.“

Hasard konnte zumindest aus dem Tonfall, mit dem er sprach, heraushören, was ihnen jetzt bevorstand. Er ließ seinen Drehling sinken und hob beide Hände. „Wir sind Freunde, begreift ihr das nicht?“

„Das ist eine Finte, um uns zu täuschen!“ rief Lagios. „Geht nicht darauf ein!“

Entschlossen rückte er mit seinen Männern auf die Seewölfe zu.

„Sir“, sagte Ferris Tucker. „Wir können uns doch nicht einfach abknallen und erstechen lassen. Wir müssen uns wehren.“

„Warte noch einen Moment“, sagte Hasard. Er hatte gesehen, daß hinter der offenen Tür des Frauengefängnisses eine schwache Bewegung war.

„He“, raunte Dan O’Flynn ihnen zu. „Der eine Mann hier lebt noch. Ich glaube, er will aufstehen.“

Auch Lagios und die anderen Männer von Pigadia hatten es bemerkt.

„Antos!“ rief Lagios. „Komm hierher – zu mir!“

Antos war wieder bei Bewußtsein. Er hörte die Stimmen, die über ihm waren, sie dröhnten in seinen Ohren wie vorher, als er in der Gasse zusammengesunken war und das Gelächter Poseidons vernommen zu haben glaubte.

Er verspürte auch die Schmerzen in seinem Gesicht, aber er wußte nicht, daß der Krummsäbel eines Piraten ihn getroffen hatte. Er dachte nur: Die Götter sprechen zu mir, ich bin tot. Ich bin schon immer tot gewesen. Der Styx ist überquert, Hades und Poseidon warten auf ihrem Thron, um mich den Meinen vorzuführen.

Schwerfällig erhob er sich und wankte an den Häuserfassaden entlang, jedoch nicht in Lagios’ Richtung, sondern an den Seewölfen vorbei zu Melanias Haus. Er orientierte sich an dem Geruch der verglimmenden Holzscheite, die in Melanias Ofen schwelten, und an dem Duft des noch frischen Gebäcks, das sie ihm angeboten und das er kaum angerührt hatte.

Er betrat Melanias Haus durch die offenstehende Tür. „Melania?“ fragte er leise. „Bist du auch hier – im Reich der Toten?“

Er konnte nichts erkennen, denn er hatte sein Augenlicht verloren.

10.

Die Schüsse, die in der Ankerbucht der Piratenschiffe gefallen waren, hatten Lord Henry dazu veranlaßt, den Kurs zu wechseln und jetzt dorthin zu steuern, wo sich vielleicht der Seewolf aufhalten mochte.

Als auch oben in den Bergen geschossen wurde, befand sich die „Cruel Jane“ bereits dicht unter Land und rauschte hoch am Wind genau auf die Bucht zu.

„Das muß er sein“, sagte Henry zu Tim Scoby, Dark Joe, Dalida, Mechmed und den anderen, die ihn auf dem Hauptdeck umringten. „Er hat irgend jemanden angegriffen und ist vermutlich dabei, wieder einmal Beute zu reißen. Ein Teil seiner Crew könnte an Land gegangen sein, um ein Fischerdorf zu überfallen. Aber diese Suppe werden wir ihm gründlich versalzen.“

„Ich weiß nicht“, wandte Scoby ein. „Glaubst du wirklich, daß er darauf angewiesen ist, sich mit diesen Insulanern anzulegen, die wahrscheinlich nicht mehr besitzen als die Kleidung, die sie tragen?“

„Er ist ein ausgefuchster Beutelschneider und Galgenstrick“, sagte Henry. „Ein ganz mieser Hund und Schlagetot. Er ist nicht besser als wir, wie er uns zu verstehen geben wollte, sondern viel schlechter. Dafür haben wir jetzt den Beweis.“

Die anderen waren dennoch skeptisch, und es sollte sich gleich herausstellen, daß ihre Zweifel nicht unbegründet waren.

Hinter einer Landzunge, die sich vor die Bucht schob, segelten die Schebekke und die Ghanja hervor und nahmen Kurs auf die „Cruel Jane“.

Dobrans Ausguck auf der „Grinta“ entdeckte die Dreimast-Galeone mit den prall gebauschten Segeln und stieß einen Alarmruf aus.

Dobran stand mit gespreizten Beinen auf dem Achterdeck und schrie: „Das ist er! Er hat unsere Schüsse doch vernommen, hat Unrat gewittert und versucht jetzt, Reißaus zu nehmen! Eröffnet das Feuer! Schießt ihn zusammen!“

Er ließ anluven und als erstes die Buggeschütze der Schebecke und der Ghanja zünden. Mit trockenem Wummern spien die Geschütze ihre Ladungen aus. Wasserfontänen stiegen dicht vor der „Cruel Jane“ auf und fielen wieder in sich zusammen.

Lord Henry stieß einen Fluch aus. „Wer ist dieser Hund? Ist er verrückt geworden, uns ohne jeden Grund anzugreifen?“

Mechmed lauschte dem Geschrei, das von Bord der beiden Zweimaster zu ihnen herübergellte. Plötzlich verstand er, was die Kerle dort drüben sich untereinander zuriefen.

„Es sind Türken“, sagte er zu Henry. „Türkische Seeräuber. Sie wollen uns entern und ausplündern.“

„Hoch die Stückpforten!“ brüllte Henry außer sich vor Wut. „Rennt aus die Geschütze! Diesen Hurensöhnen wollen wir zeigen, mit wem sie es zu tun haben!“

Er ließ weiter anluven, während die Männer an die Kanonen stürzten. Die „Cruel Jane“ drehte ihr Vorschiff in den Südostwind und begann, über Stag zu gehen.

Donnernd entluden die Kanonen der Backbordseite ihre Eisenlast auf die Schebecke und die Ghanja. Die Türken erwiderten das Feuer unter Dobrans hellen Befehlsrufen.

Im Nu lagen die Schiffe im schwersten Gefecht miteinander. Das Grollen der Kanonen dröhnte an den Berghängen zum Dorf Pigadia hoch, wo es von allen Parteien mit Erstaunen und Entsetzen registriert wurde – von den Dorfbewohnern, von den Seewölfen und von Selim und dessen Meute, die sich eben wieder anschickte, Pigadia zurückzuerobern.

Eins der Mädchen trat aus dem Gefängnis und rief Lagios zu: „Zurück, Lagios! Tu diesen Männern nichts an! Sie haben uns befreit, ohne sie wären wir jetzt vielleicht schon tot. Sie haben mit den Piraten nichts zu tun.“

Lagios und seine Helfer blieben verdutzt stehen. Vollends verwirrt waren sie, als sie neben dem Mädchen zwei Jungen unter dem Türpfosten auftauchen sahen, die einander zum Verwechseln ähnelten.

Für einen Augenblick herrschte betretenes Schweigen, dann stieß Philip junior einen warnenden Laut aus. „Dad, Shane, Ferris – hinter euch!“

Der Seewolf und seine Männer fuhren herum, sahen die Gestalten der Kerle, die im grauen Dämmerlicht auf sie zustürmten, und ließen sich auf den Boden sinken.

Selim erschien, um Rache zu nehmen und sich seine Goldbeute wiederzuholen. Neben ihm liefen Osman, Firuz und Ali, hinter ihnen stürmten die anderen und schwangen ihre Waffen.

Das Mädchen zog sich erschrocken wieder ins Haus zurück. Philip und Hasard junior legten mit ihren Schrotflinten auf den Feind an. Selim schoß, dann krachten die Musketen von Osman, Firuz und Ali.

Hasard und seine Männer erwiderten das Feuer – und dann schossen auch Lagios und die Männer des Dorfes über sie hinweg auf die Angreifer.

Selim stürzte, er war am Arm verletzt. Ali überrollte sich zweimal auf dem Pflaster, dann rührte er sich nicht mehr. Firuz warf sich flach hin und entging der für ihn bestimmten Kugel, Osman brachte sich durch einen gewaltigen Satz in Melanias Haus in Sicherheit.

Wieder schossen die Seewölfe, und der Angriff der Türken geriet ins Stocken. Lagios und seine Freunde stürmten vor und brachen in ein zorniges Geschrei aus – und da rappelten sich Selim, Firuz und deren Kumpane schleunigst auf und ergriffen die Flucht zur Bucht. Die Männer von Pigadia hetzten ihnen nach.

In Melanias Haus warf sich Osman auf den mit ausgebreiteten Armen umherirrenden Antos und versuchte, ihm die Kette aus Goldmünzen abzunehmen. Antos schrie auf. Seine Hände schlossen sich um Osmans Kehle. Der Wahnsinn und die Schmerzen, die seinen Geist nun vollends in Besitz genommen hatten, verliehen ihm unbändige Kraft. Osman stach mit seinem Messer auf ihn ein, doch Antos’ Hände lösten sich nicht mehr vom Hals des Glatzkopfes.

„Poseidon“, stöhnte Antos, bevor sein Lebenslicht endgültig erlosch. „Nimm mich mit ins Meer, laß uns schwimmen – schwimmen …“

Er brach neben Osman zusammen, der noch verzweifelt trachtete, sich aus dem mörderischen Würgegriff zu befreien. Erfolglos – neben Antos hauchte auch er sein Leben aus, ehe Hasard, der in diesem Moment Melanias Haus betrat, eingreifen konnte.

Erschüttert blickte der Seewolf auf die Toten, dann drehte er sich wieder zu seinen Männern um

„Ferris, Shane“, sagte er. „Ed, Dan, Donegal – glaubt ihr, daß es die Kanonen der ‚Isabella‘ sind, die da feuern?“

„Dem Klang nach nicht“, erwiderte Shane. „Es sind schwere und leichte Geschütze, aber die Culverinen unserer alten Lady singen doch eine andere Melodie.“

„Mag der Henker wissen, was da los ist“, brummte Carberry. „Was tun wir jetzt, Sir? Ben und die anderen sind bestimmt schon halb verrückt vor Sorge, uns könnte etwas zugestoßen sein.“

„Ich hoffe, daß die ‚Isabella‘ noch in der Bucht liegt“, sagte der Seewolf. „Dan, lauf bitte sofort zu Blacky, Luke und Gray. Sag ihnen, sie sollen die Frauen der Piraten freilassen. Wie ich die Dorfbewohner einschätze, üben sie an ihnen Justiz, wenn sie sie zu fassen kriegen.“

„In Ordnung.“

„Anschließend kehrst du mit Luke zur ‚Isabella‘ zurück und unterrichtest Ben über das, was hier vorgefallen ist. Blacky und Gary sollen zu uns heraufkommen. Wir wollen versuchen, hier einen Baumstamm zu finden, der für den Bau eines neuen Bugspriets geeignet ist. Hinter den Häusern liegt offenbar genug Brennholz herum, vielleicht haben wir Glück und treiben ein Stück auf, das für unsere Zwecke groß genug ist.“

„Ja, gut. Und was ist, wenn sich Ben in Schwierigkeiten befindet?“

„Dann läßt du eine Höllenflasche hochgehen.“

Ferris händigte Dan O’Flynn zwei Flaschenbomben aus, dann verschwand Dan.

Hasard ging mit Shane, Ferris, dem Profos und Old O’Flynn zu dem Haus hinüber, in dem die Mädchen und jungen Frauen gefangengehalten worden waren.

„Wir müssen die Insel so schnell wie möglich wieder verlassen“, sagte er. „Die Atmosphäre hier ist zu heiß, viel zu heiß für meine Begriffe. Ihr versteht schon, was ich meine.“

„Ja“, erwiderte Ferris. „Ein Angriff auf die ‚Isabella‘ könnte bevorstehen. Aber was wird aus den Leuten hier? Selim und dessen Bande könnten noch einmal zurückkehren.“

Philip junior und Hasard junior erschienen in der Gasse, und nun traten auch zögernd die Frauen aus dem Haus.

„Dad“, sagte Philip. „Es scheint ein Versteck im Inneren der Insel zu geben. Dorthin haben sich offenbar die anderen Frauen und die Kinder gerettet. Soviel haben wir jedenfalls aus dem herausgehört, was das eine Mädchen uns erzählt hat.“

„Gut. Das ist die Lösung“, sagte sein Vater. „Wenn die Männer wieder hier sind, sollen sie alle Habseligkeiten zusammentragen und mit den Frauen fortgehen. Sie müssen Pigadia für die nächsten Tage verlassen. Versuche, das dem Mädchen beizubringen.“

Philip und sein Bruder sprachen auf das Mädchen ein. Sie nickte aufgeregt und begann zu gestikulieren, um zu zeigen, daß sie den Vorschlag für annehmbar hielt.

Der Kanonendonner verzog sich allmählich in östlicher Richtung und verlor sich bald in der Ferne, ohne daß Hasard und seine Begleiter oder Ben Brighton und die anderen Männer an Bord der „Isabella“ erfahren hatten, was sich unten vor dem südlichen Ufer von Rhodos ereignet hatte.

Irgend jemand mußte Selims Piraten ins Gehege geraten sein – aber wer? Über diese Frage zerbrach sich Hasard in den folgenden Stunden immer wieder den Kopf.

Lord Henry hatte die Ghanja leckgeschossen. Sie sank, und die Überlebenden sprangen ins Wasser, um sich auf die Schebecke zu retten. Dobran, der auch schon Verluste zu verzeichnen hatte, zog es unter dem massiven Beschuß der englischen Freibeuter vor, die Flucht zu ergreifen – nach Nordosten, um das Ostufer der Insel herum.

Selim und der größte Teil seines Landtrupps waren ins Wasser der Bucht gesprungen und entgingen den letzten Schüssen und Messerwürfen der Männer von Pigadia. Sie schwammen zu den Fischerbooten, die unweit der Landzunge dümpelten, kletterten hinein und pullten auf die offene See hinaus, wo sie durch einen glücklichen Zufall mit der Schebecke zusammentrafen und es auch schafften, an Bord zu entern, ehe Lord Henry mit der „Cruel Jane“ gewendet hatte und die Verfolgung aufnahm.

Jella und die zehn anderen Frauen flohen zum Westufer der Insel Rhodos und fanden eine Höhle, in der sie vorläufig unterschlüpfen konnten. Ihr Aufenthalt auf der Insel sollte jedoch nicht mehr von langer Dauer sein.

Lord Henry jagte die Schebecke „Grinta“, um sich von den türkischen Piraten die Schätze zu holen, die er an Bord ihres Zweimasters zu finden hoffte.

Am frühen Morgen, als die Männer und Frauen von Pigadia damit begannen, die Evakuierung ihres Dorfes vorzunehmen, kehrten Hasard, Big Old Shane, Ferris Tucker, Carberry, Blacky, Gary Andrews, Old O’Flynn und die Zwillinge an Bord der „Isabella“ zurück. Ein passendes Stück Pinienholz, aus dem sie einen neuen Bugspriet herstellen konnten, hatten sie gefunden – und das genügte ihnen.

Sie gingen wieder in See, um weiteren Ärger zu Vermeiden, obgleich Lagios und dessen Freunde sie darum gebeten hatten, ihre Gäste zu sein.

Als die „Isabella“ ihre Ankerbucht verließ und nach Süden absegelte, blickte Hasard zurück zur Insel.

„Ich glaube, wir hätten auf Rhodos noch echte Gastfreundschaft kennengelernt“, sagte er. „Aber es ist besser, keine Zeit mehr zu verlieren. Und ich halte es auch für taktvoller, die Leute von Pigadia in ihrer Trauer um die Toten sich selbst zu überlassen.“

Er ahnte nicht, daß er einer neuen Begegnung mit seinem Todfeind Lord, Henry nur durch eine Laune des Schicksals entgangen war …


1.

Die Nacht war hereingebrochen und hatte ihren grauschwarzen Schleier über die zerklüftete Felsenlandschaft des Taurus ausgebreitet. Nur selten tauchte der Mond zwischen den vorüberziehenden Wolken auf und warf sein fahles Licht über die wilde, bizarre Landschaft, die sich an der türkischen Südküste, zwischen dem Golf von Antalya und Adana, entlangzog.

Man schrieb das Jahr des Herrn 1591.

Schon vor Wochen hatte der Winter damit begonnen, den Spätsommer zu verdrängen. Öfter als sonst waren peitschende Regengüsse niedergegangen, als wollten sie die schroffen Berggipfel freispülen vom Staub der vergangenen Jahrhunderte. Auch jetzt, in der Mitte des Monats Dezember, wehte eine frische Brise aus westlicher Richtung und ließ die wenigen Menschen, die dieses unwirtliche Gebiet bewohnten, frösteln. Trotzdem war das Klima der Wintermonate als mild zu bezeichnen, wie meist in den Küstengegenden des Mittelmeeres.

Sobocan zuckte unwillkürlich zusammen, als die nächtliche Stille urplötzlich von erregtem Stimmengewirr unterbrochen wurde.

Zunächst hatte es den Anschein, als würden sich die Männerstimmen nähern, doch niemand erschien an der rohgezimmerten Holztür des Verlieses, in das man ihn – die Hände und Füße mit derben Stricken zusammengebunden – eingesperrt hatte.

Es war fast völlig dunkel in dem muffig riechenden Gewölbe. Nur der trübe Schein des Mondes fiel hoch oben durch eine winzige Maueröffnung und zeichnete gelbliche Muster auf die verwitterten Steinquadern.

Der Geruch von Feuchtigkeit überlagerte den Raum, und der junge, etwa fünfundzwanzigjährige Mann mit den dunklen Haaren und dem markanten, sonnengebräunten Gesicht, hatte das Gefühl, für alle Ewigkeiten in eine finstere Grabkammer verbannt worden zu sein.

Sobocan, der junge Türke, war ein drahtiger Bursche. Seine Kleidung war teilweise zerfetzt. Von seinen nackten Füßen ausgehend, kroch langsam eine feuchte Kälte über seinen Körper. Sein Rücken brannte wie Feuer. Die Neunschwänzige Katze, die gestern an Bord der „El Jawhara“ zwanzigmal auf seine braune Haut geklatscht war, hatte blutige Spuren hinterlassen.

Angestrengt lauschte Sobocan in die Nacht.

Das Stimmengewirr hatte sich gesteigert und ging nun in einen eigentümlichen, monotonen Gesang über. Er konnte sich lebhaft vorstellen, was da draußen auf dem Innenhof der ehemaligen Seldschuken-Festung geschah. Irgendwo, ganz tief in seinem Inneren, ahnte er, was das für ihn zu bedeuten hatte.

Unwillkürlich glitten seine Blicke über die schroffen Mauern seines Gefängnisses, und immer wieder blieben sie auf dem kleinen Lichtfleck haften, den der Mond hereinwarf. Aber die Maueröffnung, die einer Schießscharte glich, war zu klein. Kein menschlicher Körper, und sei er noch so dünn und mager, würde sich jemals durch diesen schmalen Schlitz zwängen können. Der einzige Weg in die Freiheit lag dort hinter den dicken Holzbohlen der Tür. Und diese war verriegelt und höchstwahrscheinlich bewacht.

Ein bisher unbekanntes Gefühl der Ohnmacht überfiel Sobocan. Wie sollte es ihm jemals gelingen, diese Tür zu öffnen? Selbst wenn ihm das gelang, würden ihm blanke Krummsäbel und scharfe Dolche den Weg in die Freiheit versperren – oder ihn sogar in jenes Paradies befördern, das Allah seinem Propheten Mohammed offenbart hatte.

Sobocan nagte zweifelnd an seiner Unterlippe.

Wäre es in diesem Paradies, von dem die Imame in den Moscheen immer wieder erzählten, nicht viel schöner und angenehmer als hier in diesem feuchten, muffigen Gemäuer, wo man ihn jederzeit herausholen konnte, um ihm mit einem Schwert den Kopf abzuschlagen?

Die Gedanken hinter Sobocans Stirn begannen sich zu jagen, bis er plötzlich wieder an Slobodanka, jenes hübsche, schlanke Geschöpf dachte, das er so sehr liebte. Die Ungewißheit darüber, ob er das Mädchen jemals wiedersehen würde, jagte ihm kalte Schauer über den zerschundenen Körper.

Nein, das Paradies, das der Prophet Mohammed verkündet hatte, war wohl doch nichts für ihn. Es war nichts Greifbares, und er fühlte sich unendlich weit davon entfernt. Und wenn es dem Willen Allahs entsprach, ihn zu einem zufriedenen und glücklichen Menschen zu machen, dann mußte er ihm die Möglichkeit verschaffen, auf dieser Erde zu bleiben – hier in dem wilden, gebirgigen Teil seiner Heimat, in dem die Felsen fast bis ins Wasser des Mittelmeeres ragten. Mit dieser Landschaft war er verwachsen. Hier war er Slobodanka zum erstenmal begegnet. Seitdem schlug sein Herz höher, wenn er an sie dachte.

Sobocan wälzte sich zur Seite. Das monotone, rhythmische Singen war lauter geworden. Das sich ständig wiederholende „Dhikr“ und das Hersagen der mystischen Formel „Yah Allah“ beschleunigten sich, und nackte Fußsohlen stampften dazu in gleichbleibendem Rhythmus auf den Lehmboden des Hofes.

Eine merkwürdige Erregung packte Sobocan. Sein Atem ging unwillkürlich rascher als sonst. Er fühlte, daß das Schicksal eine folgenschwere Entscheidung über ihn fällen würde, eine Entscheidung über Leben und Tod.

Das unruhige Flackern der Fakkeln tauchte den Innenhof der Ruine in ein gespenstisches Licht. Das blanke Metall der Dolche und Stichwaffen, die rundum an den Wänden hingen, glitzerte im Schein des Feuers, das in der Mitte des Hofes aufloderte und gleichzeitig einen betäubenden Duft verbreitete. Es war der Geruch von Weihrauchkörnern und Gewürzkräutern, der den Schauplatz des merkwürdigen Rituals überlagerte.

Eine Schar Derwische des Mewlewija-Ordens, eine mystisch-islamische Sekte von Bettelmönchen, hatte sich in lange, helle Gewänder gehüllt, die an den Hüften durch breite Ledergürtel zusammengehalten wurden. Dazu trugen sie hohe, kegelförmig zulaufende Hüte und bewegten sich in einem ekstatischen Wirbeltanz um das Feuer.

Der monotone Gesang der Derwische wurde plötzlich durch einige schrille Schreie unterbrochen, die ein einzelner Mann ausstieß. In seinen Augen lag ein fast überirdischer Glanz, als er seinen Wirbeltanz etwas verlangsamte. Sein Blick schien in unendliche Weiten gerichtet zu sein.

Der Mann stand einen Augenblick still, dann ging er mit langsamen Schritten zu einer Seitenmauer des Hofes hinüber und nahm einen langen Degen von der Wand. Damit ging er zum Feuer in der Mitte des mystischen Kreises, riß den Mund weit auf – und stieß sich langsam die Klinge der Waffe durch die rechte Wange, bis sie auf der linken Gesichtshälfte wieder heraustrat.

Der Derwisch, der sich im Zustand der Ekstase befand, zuckte nicht einmal zusammen. Kein Blutstropfen rann über sein bartloses Kinn. Er schien jenen Zustand erreicht zu haben, den alle Derwische durch ihre verschiedenartigen Rituale anstreben, nämlich die Begegnung und das Einssein mit Allah. So sollte auch der Stich mit dem Degen veranschaulichen, daß in einer solchen tranceartigen Verzückung alles Körperliche bedeutungslos wurde.

Als die anderen Derwische sahen, was geschah, steigerten sie ihren Gesang, der schließlich in heulende Klagetöne umschlug. Auch sie wollten so rasch wie möglich diesen Zustand erreichen, um – wie sie glaubten – mit Allah zu verschmelzen.

Nur einer der Männer schien das Diesseits, die Welt der Realitäten, nicht aus den Augen zu verlieren. Er tanzte zwar auch, aber seinem stechenden Blick schien absolut nichts zu entgehen.

Es handelte sich um Ibrahim Salih, das Oberhaupt der Derwische.

Bereits vor einigen Jahren war auf sein Betreiben hin innerhalb des Mewlewija-Ordens eine Spaltung erfolgt, nach der er sich mit einer Schar von Getreuen in die Einsamkeit der alten Seldschuken-Festung, die direkt in den Felsen der türkischen Südküste lag, zurückgezogen hatte.

Aber Ibrahim Salih, ein früherer Pirat, hatte es trotz aller fanatischen Frömmigkeit bald satt, das asketische Leben eines Bettelmönches zu führen. Es lebte sich viel einfacher, wenn man sich nahm, was man brauchte – und vielleicht sogar noch etwas mehr. So hatten sich mit der Zeit auch die Vorratsräume der Ruine gefüllt, die man durch den Anbau eines Minaretts in eine Moschee umgewandelt hatte.

Ibrahim Salih war ein großer, hagerer Mann mit dichtem Bart und auffallender Hakennase. Seine Gesichtsfarbe wirkte fahl, seine Augen blickten hinterhältig und verschlagen. Auch jetzt ließ er seine Blicke mit einem kalten Grinsen in die Runde schweifen.

Offenbar war der Zeitpunkt jetzt günstig für sein Vorhaben. Er sprang urplötzlich mit einem lauten Schrei in den Kreis der tanzenden Derwische. In seiner rechten Hand lag wie hineingezaubert ein Krummsäbel, den er mehrmals durch die Luft zischen ließ.

„Bringt ihn her!“ schrie er wild. „Holt ihn! Er soll hören, wessen er angeklagt ist!“

Das ekstatische Singen und Tanzen brach unvermittelt ab. Während die Blikke einiger Derwische erkennen ließen, daß sie noch in anderen Welten weilten, blickten die anderen keuchend und außer Atem zu ihrem Oberhaupt hinüber.

„Warum gerade jetzt?“ fragte ein kleiner, rundlicher Mann, mit unwilligem Gesicht. Das härene Gewand reichte ihm bis auf die nackten Füße. „Hat das nicht bis später Zeit? Der Hund wird uns nicht davonlaufen.“

„Halt den Mund, Naci!“ gab Salih unwirsch zurück. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Der Fluch Allah wird uns treffen, wenn wir diese Ratte länger in unserer Nähe dulden. Holt ihn!“

Niemand wagte mehr einen Widerspruch. Sie kannten schließlich die Anfälle von Jähzorn, die ihren Führer von Zeit zu Zeit heimsuchten. Außerdem: wenn Allah ihm gezeigt hatte, daß jetzt der richtige Zeitpunkt war, dann muß-te es eben sein.

Es dauerte nicht lange, und zwei der Derwische kehrten mit Sobocan in ihrer Mitte in den Schein der Fakkeln und des mystischen Feuers zurück.

Das Hemd über der Brust des jungen Türken war zerfetzt. Auf dem Rücken war es mit Blut durchtränkt. Die Segeltuchhose endete direkt unterhalb der Knie, auch sie hatte schon bessere Zeiten erlebt. Sein schwarzes Haar wirkte strähnig, seine Hände waren nach wie vor auf den Rücken gebunden. Erwartungsvoll richtete sich sein Blick auf die gespenstischen Gestalten, die einen Kreis um ihn zu bilden begannen.

In seinen Augen lag ein entschlossener Ausdruck. Nein, Angst hatte Sobocan nicht. Wenn Allah bestimmt hatte, daß er heute sein Leben lassen sollte, dann konnte er nichts dagegen tun. Nur der Gedanke an Slobodanka erfüllte ihn mit einer stillen Wehmut.

Obwohl die Atmosphäre, die die Derwische umgab, alles andere als angenehm war, empfand Sobocan die plötzliche Wärme, die das hochauflodernde Feuer in seiner Nähe abgab, als wohltuend. Seine kalten, steifen Glieder begannen sich langsam zu erwärmen.

Totenstille war eingetreten. Keiner der Derwische tanzte mehr oder sang den monotonen „Dhikr“ vor sich hin. Alle blickten gespannt auf Ibrahim Salih, ihren Führer.

„Naci“, sagte dieser nun zu dem kleinen, rundlichen Mann, der außer ihm der einzige war, der des Lesens und Schreibens kundig war. „Bringe den Koran. Und dann lies laut vor, was im dritten Vers der vierundzwanzigsten Sure geschrieben steht. Dieser Hund, der da vor uns steht, soll seine Ohren weit öffnen, und er soll auf die Knie gehen, wenn das Wort Allahs an ihn ergeht!“

Während Naci dienstbeflissen den Koran herbeiholte, wurde Sobocan von seinen Bewachern in die Knie gezwungen.

Naci begann mit lauter Stimme vorzulesen: „So wurde dem Propheten zu Medina offenbart: Eine Hure und einen Hurer sollt ihr mit hundert Schlägen geißeln. Laßt euch nicht, diesem Urteil Allahs zuwider, von Mitleid gegen sie einnehmen, wenn ihr an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Einige Gläubige sollen ihre Bestrafung bezeugen.“ Nachdem er geendet hatte, blickte er abwartend zu Salih hinüber.

„Hast du es gehört, du Ratte?“ fragte Ibrahim Salih zu Sobocan gewandt. In seinen stechenden Augen lag ein merkwürdiger Glanz, als er fortfuhr: „Du hast Slobodanka, die Tochter unseres Wohltäters Barabin in den Dreck gezogen. Ja, du Hund, du hast dich an das Mädchen herangepirscht, und dafür wirst du die hundert Schläge erhalten, von denen der Prophet gesprochen hat.“

Einen Moment wirkte Sobocan wie erstarrt. Hundert Schläge! Erst gestern hatte er zwanzig Hiebe mit der Neunschwänzigen erhalten. Kämen jetzt noch weitere hundert dazu, dann würde das auch der stärkste Mann nicht verkraften. Es wäre das sichere Ende. Und außerdem: Was hatte er Slobodanka getan? Sie liebten sich, das war alles. Nie hatten sie etwas getan, was gegen die Gebote Allahs und seines Propheten verstoßen hätte.

Rasch sprang der junge Mann auf.

„Was du gesagt hast, ist eine Lüge!“ rief er mit lauter Stimme. „Eine elende Lüge! Und Allah wird auch die Lügner eines Tages bestrafen. Ich habe Slobodanka mit keinem Finger angerührt. Ja, ich liebe sie, und sie liebt mich. Und ich habe Barabin gebeten, mir seine Tochter zur Frau zu geben. Ist das vielleicht ein Unrecht? Auch du, Salih, hast nicht das Recht, Gutes in Böses zu verwandeln!“

„Schweig, du Hund!“ brüllte das Oberhaupt der Derwische mit haßverzerrtem Gesicht. „Sei still, oder ich lasse dir augenblicklich den Kopf abschlagen!“

Seine Augen funkelten tückisch, als er sich Naci zuwandte.

„Lies weiter“, sagte er. „Wir wollen aus der neunten Sure des Korans den einundvierzigsten Vers hören.“

Eilig küßte Naci den Koran, bevor er mit lauter und hoher Stimme zitierte: „Zieht in den Kampf, leicht und schwer, und kämpft mit Gut und Blut für die Religion Allahs; dies wird besser für euch sein, wenn ihr es nur einsehen wollt.“

Nachdem Naci verstummt war, legte Ibrahim Salih eine kurze Pause ein, um die Wirkung seiner Worte zu erhöhen. Er verfolgte sein Ziel mit eiskalter Präzision.

„Mit Gut und Blut haben wir für die Religion Allahs zu kämpfen“, sagte er zu Sobocan. „Und was hast du vor zwei Tagen getan, als die ‚El Jawhara‘ die ungläubigen Hunde samt ihrem Schiff vernichtet hat? Du hast feige den Schwanz eingezogen und Barabin, deinen Kapitän, sogar noch einen Meuchelmörder genannt. Du bist ein Verräter! Jawohl, ein ganz elender Verräter! Und als solcher wirst du sterben, und zwar gleich im ersten Morgengrauen. Allah sei mein Zeuge, daß ich dieses Urteil in seinem Auftrag gesprochen habe.“

Wieder bäumte sich Sobocan auf, aber gegen die Übermacht der Derwische konnte er nichts ausrichten.

„Auch das ist eine üble Verleumdung!“ schleuderte er Salih entgegen. „Ich bin kein Verräter, aber Barabin ist ein Meuchelmörder, er hat die Besatzung des venezianischen Schiffes mit eurer Hilfe in einen Hinterhalt gelockt. Alle Männer mußten sterben, obwohl das nicht nötig gewesen wäre, um die Beute zu übernehmen.“

„Schweig!“ brüllte Ibrahim Salih und hob drohend den Krummsäbel, den er noch immer in der Hand hielt.

Doch Sobocan fuhr unbeirrt fort: „Und nun öffne du deine Ohren, Salih. Wie Naci vorgelesen hat, sollen die Gläubigen mit Gut und Blut für die Religion Allahs kämpfen. Bei dem hinterhältigen Morden, das Barabin mit deiner Hilfe betrieben hat, ging es aber nicht um die Religion, sondern um fette Beute, und damit um die Befriedigung eurer Gier und Habsucht. Allah wird euch dafür bestrafen, er wird euch …“

Weiter gelangte Sobocan nicht. Ein gewaltiger Fausthieb streckte ihn nieder. Das Feuer vor seinen Augen begann zu tanzen, dann griff eine kalte Dunkelheit wie mit tödlichen Klauen nach ihm.

2.

Über der Felsenmoschee der Derwische lag eine bedrohliche Stille. Das rituelle Singen und Tanzen, das nach der Verurteilung Sobocans fortgesetzt worden war, hatte inzwischen aufgehört. Nur vereinzelt drang der Ruf eines Nachtvogels durch die uralten Gemäuer der Ruine.

Als Sobocan aus der Bewußtlosigkeit erwachte, glaubte er zunächst, die Welt drehe sich in einem rasenden Wirbel um ihn. In seinem Schädel explodierten tausend Pulverfässer, und er hatte ein Gefühl, als hielten ungeheure Lasten seinen Körper am Boden fest.

Blinzelnd öffnete er die Augen, doch das einzige, was sich seinem Blick bot, war Dunkelheit. Als er dann noch die Kühle und Feuchtigkeit seiner Umgebung spürte, kehrte seine Erinnerung zurück.

Der Körper Sobocans straffte sich. Mit einer reflexartigen Bewegung wollte er vom Boden aufspringen. Aber es blieb bei dem Versuch, denn man hatte ihm wieder Hände und Füße zusammengebunden.

Während ihn diese bittere Erkenntnis wie ein Hammerschlag traf, fielen ihm die Worte Ibrahim Salihs ein. Und gleichzeitig stieg eine ohnmächtige Wut in Sobocan auf. Man wollte ihn beseitigen, und das im Auftrage Barabins, daran gab es für ihn keinen Zweifel mehr.

Hundert Schläge sollte er erhalten. Außerdem hatten ihn die Derwische zum Tode verurteilt, und das eigentlich nur, weil er sich einen Rest von Menschlichkeit bewahrt hatte.

Ein schmerzliches Lächeln quälte sich in Sobocans Gesicht. Man hatte ihn nicht ausreden lassen, sondern einfach niedergeschlagen. Dennoch grenzte es bereits an ein Wunder, daß er überhaupt noch am Leben war. Aber Ibrahim Salih, dieser eiskalte, berechnende Schurke, würde nicht davor zurückschrekken, das Urteil zu vollstrecken.

Das Oberhaupt der Derwische hatte seinen Plan genau durchdacht. Unter dem Deckmantel der Religion würden auch seine Männer ohne weiteres mitspielen.

Auch Salih mußte sich darüber im klaren sein, daß er die hundert Schläge nicht überstehen würde. Sollte das trotzdem der Fall sein, würde das zusätzlich ausgesprochene Todesurteil dafür sorgen, daß er, Sobocan, zu Beginn des neuen Tages nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Als Sobocans Blick die schmale Maueröffnung seines Verlieses streifte, durch die das spärliche Licht des Mondes auf die gegenüberliegende Mauer fiel, durchzuckte ihn plötzlich ein eisiger Schreck. Wieviel Zeit war seit der gespenstischen Szene im Kreis der Derwische überhaupt vergangen? Wie lange würde es noch dauern, bis das erste Morgengrauen hereinbrach? Konnten nicht jeden Moment seine Mörder die schwere Holztür öffen? Vielleicht stand derjenige, den das Los getroffen hatte, schon mit dem Richtschwert bereit?

Sobocan wußte, daß er keine Zeit verlieren durfte. Aber was sollte er tun? Gab es überhaupt eine Möglichkeit für ihn, den Derwischen zu entrinnen?

Schließlich war es der Gedanke an Slobodanka, der ihn aus seinen Überlegungen riß. Seine alte Entschlossenheit und ein eiserner Lebenswille packten ihn.

Nachdem es ihm gelungen war, seinen Oberkörper aufzurichten, versuchte er mühsam, seine Umgebung mit den auf den Rücken gefesselten Händen abzutasten. Aber es waren nur kalte, feuchte Steine, die er berührte.

Trotzdem gab er nicht auf. Es mußte eine Chance für ihn geben. Er konnte Slobodanka nicht allein auf dieser Welt, in der sich die Menschen gegenseitig wie wilde Tiere zerfleischten, zurücklassen. Er liebte sie, und er wußte, daß sie auf ihn wartete.

Ein Hoffnungsschimmer durchzuckte Sobocan, als seine Fingerspitzen plötzlich über eine schroffe Steinkante glitten. Damit mußte er es versuchen. Die Kante war zwar nicht messerscharf, aber vielleicht würde es ihm gelingen, seine Fesseln damit durchzuscheuern.

Sofort ging der junge Bursche an die mühsame und schmerzhafte Arbeit. Er achtete nicht darauf, daß ihm schon bald die Haut in Fetzen von den Handgelenken hing. Der Wille, am Leben zu bleiben, ließ ihn den Schmerz vergessen. Der Gedanke an die unaufhaltsam fortschreitende Zeit verlieh ihm neuen Antrieb. Wann würde der neue Tag anbrechen? Würde er es noch schaffen, seine Fesseln zu lösen? Verbissen arbeitete er weiter, bis er einen plötzlichen Ruck verspürte – dann konnte er seine Hände frei bewegen.

Ein Gefühl der Dankbarkeit durchströmte Sobocan. Er hatte es geschafft, seine Hände waren frei. Sofort warf er seinen Körper herum, um auch die Fußfesseln zu bearbeiten. In den Druck seiner Beine konnte er mehr Kraft legen, so daß auch die dünnen Taue um die Fußgelenke in kurzer Zeit durchgescheuert waren.

Sein Atem ging schwer, als er sich wieder völlig frei bewegen konnte. Sofort stand er vom Boden auf, seine Glieder waren kalt und steif geworden. Mit zusammengekniffenen Lippen rieb er sich die schmerzenden Handgelenke. Nur langsam spürte er, wie ein wenig Wärme in seinen drahtigen Körper zurückströmte.

Die anfängliche Zuversicht Sobocans klang rasch wieder ab, denn auf dem Weg in die Freiheit gab es noch gefährliche Hindernisse zu überwinden.

Wie wollte er je aus diesem dunklen Verließ herauskommen, ohne von den Derwischen bemerkt zu werden?

Es gab nur einen einzigen Weg, und der führte durch die Tür, die aus dikken, grobbehauenen Planken bestand und verriegelt war. Niemals würde ihm gelingen, sie von innen zu öffnen.

Da fielen ihm die Wachen ein.

Mit ziemlicher Sicherheit ließ Ibrahim Salih das Gefängnis bewachen, obwohl die Voraussetzungen für eine Flucht äußerst gering waren. Sobocan hoffte es jedenfalls, denn ohne Hilfe von außen war er verloren, auch wenn es ihm gelungen war, die Fesseln abzustreifen.

Sobocan beschloß, es mit einem simplen Trick zu versuchen. Würde er durch lautes Rufen oder Schreien die Aufmerksamkeit auf sich lenken, dann würde man sich wahrscheinlich nicht darum kümmern, sondern es als ein Zeichen seiner Todesangst werten. Außerdem bestand dabei die Gefahr, daß der Lärm von den anderen Derwischen gehört wurde.

In fieberhafter Eile wog Sobocan seine Möglichkeiten und Chancen gegeneinander ab, während seine Hände über das kalte Gestein tasteten. Als es ihm schließlich gelungen war, einen etwa faustgroßen Steinbrocken aus dem zum Teil unbehauenen und geröllhaltigen Fels zu lösen, umklammerten seine Finger die primitive, aber notfalls recht wirksame Waffe.

Sobocan tastete sich in die Nähe der Tür und pochte einige Male mit dem Stein dagegen.

Er hielt den Atem an. Aber nichts rührte sich.

Da klopfte er erneut gegen die Bohlen und wartete.

Plötzlich drang ein lautes Gähnen zu ihm herein. Es folgte ein scharrendes Geräusch, dann tönte eine verschlafen klingende Stimme durch die Tür.

„Was ist los? Warum klopfst du da drin?“ Die Stimme klang verärgert, als sie fortfuhr: „Das wird dir auch nicht mehr helfen, du Bastard. Hast dich wohl an die Tür geschleppt, um mir das bißchen Schlaf zu rauben, was? Wenn du keine Ruhe gibst, komm ich rein und gab dir was auf den Schädel.“

Ein glucksendes Lachen folgte, dann kehrte wieder Stille ein.

Sobocan atmete auf. Es hatte nur ein Mann gesprochen. Wahrscheinlich hatte man doch nur einen Wächter abkommandiert.

Er schlug abermals mit dem Stein gegen die Bohlen.

„Möge dich Allah verderben, du Hund!“ schnaufte es draußen. „Du gönnst wohl einem rechtschaffenen Mann nicht mal eine Mütze voll Schlaf? Nun gut, wenn du es nicht anders haben willst, dann werde ich dich eben zur Ruhe bringen, das wirst du gleich merken.“

Sobocans Herz klopfte bis zum Hals, als der schwere Eisenriegel mit einem quietschenden Geräusch zurückgeschoben wurde.

Die Tür schwang auf und ein kleines Tranlämpchen warf sein trübes Licht in das finstere Gemäuer.

In der Türöffnung erschien eine vierschrötige Gestalt, deren Körper in ein langes, helles Derwischgewand gehüllt war. Nur der hohe Hut fehlte, was wohl daran lag, daß es sich damit nicht gerade bequem schlafen ließ. Die einzige Waffe, die der Mann bei sich trug, war ein Dolch, der im Gürtel steckte. Der Bursche mußte sich ziemlich sicher fühlen, weil er den Gefangenen in Fesseln wähnte.

Sobocan hatte sich flach gegen die Mauer neben dem Eingang gedrückt. Die Hand, in der der schwere Steinbrocken lag, war bereit zum Zuschlagen.

Als der Derwisch den Gefangenen nirgends sah, reagierte er verblüfft.

„Wo bist du, du räudiger Hund?“ stieß er hervor, aber weiter gelangte er nicht.

Sobocans Hand mit dem Stein sauste nach unten – und traf.

Mit einem erstickten Laut sank der Derwisch in die Knie, aber er schien, wie Sobocan zu seinem Erstaunen feststellte, hart im Nehmen zu sein. Der Tonbehälter der Lampe war seinen Händen entglitten und am Boden zerbrochen. Für einen Augenblick bildete der brennende Talg eine Lache auf dem Steinboden und tauchte den Raum in flackerndes Licht.

Nachdem der Derwisch seinen Sturz abgefangen hatte, zuckte seine rechte Hand zum Gürtel, um den Dolch hervorzuholen. Schon blitzte die scharfe Waffe in seiner Hand auf, und er warf sich mit einer Verwünschung auf den Lippen herum, um Sobocan zu töten.

Doch diesem gelang es, den gefährlichen Hieb abzublocken. Mit eisernem Griff umklammerte er das Handgelenk des Angreifers und schmetterte die Hand mit dem Dolch gegen die Felswand. Der Derwisch stieß einen Schmerzenslaut aus, als sich seine Hand öffnete und die Waffe auf den Steinboden klirrte.

Aber er hatte sich schnell wieder gefaßt. Sein Gesicht wirkte haßverzerrt, als er das rechte Bein anwinkelte, um Sobocan mit einem Tritt aus seiner Reichweite zu befördern. Doch der junge Bursche reagierte blitzschnell. Ein zweites Mal traf der Steinbrocken den Schädel des Derwischs, und diesmal erschlaffte die hochgewachsene Gestalt. Der schwere Körper rutschte an der feuchten Mauer hinunter und schlug hart auf den Stein.

Er würde sich vorerst nicht mehr rühren.

Sobocan griff rasch nach dem Dolch des Derwischs und schob ihn in den Gürtel seiner, Segeltuchhose. Auch den Steinbrocken, der sich als brauchbare Waffe erwiesen hatte, vergaß er nicht, als er durch die Türöffnung huschte. Er schloß die Tür und schob den großen Eisenriegel vor.

Sein Atem ging keuchend, und dennoch durchströmte ihn ein Gefühl des Triumphs. Es war ihm gelungen, sich aus eigener Kraft aus dem dunklen Gewölbe zu befreien. Doch dieses wohltuende Gefühl verflüchtigte sich rasch wieder, als Sobocan erkannte, daß wohl noch ein weiter Weg vor ihm lag. Noch war er nicht lebend aus dieser Felsenmoschee heraus, und er würde äußerste Vorsicht an den Tag legen müssen, wenn er Salih und dessen Meute entrinnen wollte.

Wie ein dunkler Schatten tastete sich Sobocan den schmalen Gang entlang. Alles war still, niemand schien etwas von dem nächtlichen Zweikampf bemerkt zu haben. Nachdem er ungehindert zwei Treppen hinaufgestiegen war, befand er sich plötzlich in der Nähe eines Torbogens, der den Blick auf den Innenhof der Moschee freigab.

An einer Mauer steckten noch zwei Fackeln in ihren Metallringen. Sie brannten nur noch schwach, ihr trüber Schein tauchte den Hof in spärliches Licht. Die Glut des Feuers, das während des nächtlichen Zeremoniells gebrannt hatte, war bereits erloschen. Trotz der frischen Nachtluft, die Sobocan tief in seine Lungen sog, hing immer noch der Geruch von Weihrauch und Gewürzen über diesem gespenstischen Ort.

Einige vorsichtige Blicke überzeugten Sobocan davon, daß sich niemand im Hof aufhielt. Er beschloß deshalb, seine Ortskenntnisse auszunutzen. Schließ-lich war er vor einigen Monaten schon einmal in dieser alten Festung gewesen, als Barabin Kisten und Fässer hatte an Land schaffen lassen.

Er erinnerte sich an die verhältnismäßig niedrige Mauer, die sich vom Innenhof aus zu einem kleinen Seitenflügel der Ruine hinüberzog. Sie war die einzige Mauer, die man ohne Hilfsmittel überklettern konnte. Dort wollte Sobocan sein Glück versuchen.

Als er den Innenhof verlassen hatte, orientierte er sich mit Hilfe des fahlen Mondlichtes, das die ganze Umgebung in ein gelbliches Gewand hüllte. Ein plötzliches Rascheln ließ ihn heftig zusammenzucken, aber sein Körper entspannte sich wieder, als er den dunklen Schatten einer Ratte sah, die in einer Mauernische verschwand.

Sobocan versuchte es zunächst mit einem Klimmzug, nachdem er den Steinbrocken, der sich für seine weiteren Pläne als hinderlich erwies, aus der Hand gelegt hatte. Er rutschte zurück und versuchte es noch einmal. Diesmal schaffte er es, doch im selben Moment glaubte er, sein Herz würde stillstehen.

Ein lauter Schrei gellte durch die Nacht.

Drüben, auf jener Seite des Hofes, auf der sich die Türen befanden, die zum Hauptgebäude der Felsenmoschee führten, stand eine Gestalt und deutete zu Sobocan.

Der junge Bursche begriff augenblicklich, was das zu bedeuten hatte. Ohne weitere Zeit zu verlieren, sprang er auf der anderen Seite der Mauer hinunter und begann um sein Leben zu laufen.

Sein Weg führte einen steilen Abhang hinunter. Seine nackten Füße tasteten sich geschickt über Steine und Geröll hinweg. Als er eine schmale Schlucht passierte, durch die man die Küste erreichen konnte, hörte er, wie das Geschrei der Derwische, die die Verfolgung aufgenommen hatten, immer lauter wurde.

Sobocan war davon überzeugt, den richtigen Fluchtweg gewählt zu haben, denn die Pfade, die hinauf in die zerklüfteten Berge führten, wären zu zeitraubend gewesen. Zu leicht hätten ihm dort die Verfolger den Weg abschneiden können. So gab es im Moment nur ein Ziel für ihn – das Meer. Er mußte unbedingt so schnell wie möglich die nahe Küste erreichen.

Mit Sicherheit würden die Derwische die Umgebung der Festung absuchen. Außerdem konnte jeden Moment der neue Tag hereinbrechen. Der nächtliche Himmel verwandelte sich bereits in einen zarten Schleier, und schon bald würde die Sonne wie ein glutroter Ball am Horizont auftauchen. Dann würde es hier keine Sicherheit mehr für ihn geben.

Es mußte ihm gelingen, unten am Strand die Boote zu erreichen, die von den Derwischen zum Fischen benutzt wurden. Noch hatte er zwar kein klares Ziel vor Augen, aber er wußte, daß er nur dann eine Chance hatte, wenn es ihm gelang, die Küste zu verlassen. Zunächst mußte er ganz einfach weg von hier – weg von der mordlüsternen Meute, die hinter ihm her war.

Sobocan atmete schwer. Seine Brust hob und senkte sich in einem immer rascher werdenden Rhythmus. Das Geschrei der Derwische rückte ständig näher. Laute Befehle schienen sich mit Wutgeheul zu vermischen. Man mußte erkannt haben, welche Richtung er eingeschlagen hatte.

Jetzt hing alles davon ab, schneller zu sein. Ein Kampf schied aus. Gegen die Übermacht dieser Kerle, die höchstwahrscheinlich bis an die Zähne bewaffnet waren, hätte er keine Chance, auch nicht die geringste. So mobilisierte der junge Türke die letzten Kraftreserven seines drahtigen Körpers.

Nach kurzer Zeit erreichte er den Strand und warf sich der Länge nach in den weichen Sand. Doch die Verschnaufpause war nur von sehr kurzer Dauer. Er raffte sich wieder auf und schob in fieberhafter Eile eins der kleinen Boote ins Wasser, nachdem er sämtliche Riemen – auch jene für die anderen Boote – über die Duchten geworfen hatte. Zwei davon würde er selbst brauchen, die übrigen würde er später, wenn er ein Stück weiter draußen war, ins Wasser werfen. Hauptsache, sie standen nicht seinen Verfolgern zur Verfügung.

Ein grimmes Lächeln glitt über das sonnengebräunte Gesicht Sobocans, als er sich die Derwische vorstellte, wie sie in die Boote sprangen, aber außer ihren Händen nichts hatten, um die Wasserfahrzeuge vorwärtszubewegen.

Unter Einsatz seiner letzten Kräfte pullte er aufs Meer hinaus. Er rundete gerade einen Felsvorsprung, der weit ins Wasser hinausragte, als die ersten Derwische drüben am Strand auftauchten.

Einige Musketen- und Pistolenschüsse krachten hinter ihm her, aber er befand sich bereits außerhalb der Reichweite dieser Schußwaffen. Wie er feststellte, wurden auch die restlichen Boote nicht ins Wasser gebracht, also mußte man das Verschwinden der Riemen bereits bemerkt haben.

Sobocan atmete erleichtert auf. Das war knapp gewesen, aber er hatte es geschafft, Ibrahim Salih und seinen Männern zu entwischen – kurz vor Tagesanbruch. Die hundert Peitschenhiebe und die angekündigte Hinrichtung würden ihm somit erspart bleiben.

Doch was erwartete ihn draußen auf See? Wo sollte er sich verkriechen, um vor den Derwischen sicher zu sein? In den nächsten Stunden würde er jedenfalls nicht an die Küste zurückkehren können. Man würde mit Sicherheit Posten in östlicher als auch in westlicher Richtung aufstellen.

Längst hatte Sobocan die Derwische aus den Augen verloren. Seine Arme schmerzten, seine zerschundenen Handgelenke bluteten an verschiedenen Stellen. Aber er pullte ununterbrochen weiter – hinaus auf die weite Wasserfläche, die im schwächer werdenden Licht des Mondes silbrig schimmerte.

Sobocan war davon überzeugt, daß sich die Derwische innerhalb der nächsten Stunden mit neuen Riemen eindecken würden. Dann würde es auch auf dem Wasser keine Sicherheit mehr für ihn geben. Doch er hoffte, bis dahin hinter der Kimm verschwunden zu sein.

3.

Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, hatte die Hände auf die Schmuckbalustrade des Achterkastells gestützt und ließ seine eisblauen Augen prüfend über die Decks der „Isabella VIII.“ wandern.

Doch dort ging alles seinen gewohnten Gang, seit die Galeone die Insel Rhodos hinter sich gelassen und den türkischen Seeräuber Selim sowie Lord Henry und seine Bande abgeschüttelt hatte.

Der ranke Rahsegler mit einer Größe von etwa zweihundertfünfzig Tonnen, der einst vom besten Schiffsbauer Englands erbaut worden war, hatte – von Rhodos ausgehend – östlichen Kurs eingeschlagen und pflügte mit achterlichem Wind die Wellen vor der türkischen Südküste.

An Backbord spiegelte sich die Morgensonne im Wasser des Golfes von Antalya. Irgendwo dort hinter der Kimm mußte sich das sogenannte „Rauhe Kilikien“ befinden, dessen felsiges Gebirge, der Taurus, sich an der Küste entlang in Richtung Osten hinzog.

Die Luft an diesem frühen Morgen in der Mitte des Monats Dezember 1591 war kühl und roch salzig. Aber bald würde die Sonne höher am Himmel stehen und auch jetzt, im Winter, eine angenehme milde Temperatur verbreiten.

Das Leben an Bord der „Isabella“ pulsierte. Jedes Mitglied der Crew füllte seinen Platz aus und wußte, wo eine zupackende Hand vonnöten war.

Die Mehrzahl der Männer befand sich auf den Decks. Darunter Ferris Tukker, der rothaarige Schiffszimmermann, Batuti, der schwarze Mann aus Gambia, sowie Smoky, Blacky, Gary Andrews, Matt Davies, Al Conroy, Jeff Bowie und Sam Roskill. Auch die Zwillinge, der Profos und Old O’Flynn hielten sich auf der Kuhl auf. Der Kutscher hantierte in seiner Kombüse, und die übrigen Seewölfe wie Stenmark, Dan O’Flynn, Bob Grey, Luke Morgan, Will Thorne und Big Old Shane waren unter Deck beschäftigt. Bill, der Moses, der zu einem kräftigen jungen Mann herangewachsen war, hatte seinen Platz im Ausguck eingenommen.

Während sich Philip und Hasard, die elfjährigen Zwillingssöhne des Seewolfs über das Backbordschanzkleid gehängt hatten, um einen vorüberziehenden Fischschwarm zu beobachten, hielt Old Donegal Daniel O’Flynn, der rauhbeinige Alte mit dem Holzbein und dem verwitterten Gesicht, die Hand über die Augen und spähte zur Sonne hinauf, die sich mit einem schwefelgelben Schleier umgeben hatte.

Bald folgten die Zwillinge seinem Blick.

„Was gibt es dort oben zu sehen?“ fragte Hasard junior.

„Was schon“, brummte der Alte. „Die Sonne natürlich!“

„Die Sonne?“ fragte Hasard verblüfft. „Aber das ist doch nichts Neues, die kann man doch fast jeden Tag sehen.“

„Eben“, knurrte Old O’Flynn. „Es muß ja auch nicht immer etwas Neues sein. Ein Sonnenaufgang ist immer wieder sehenswert.“

Die Zwillinge blickten sich fragend an.

Dann warf Philip junior ein: „Aber – da hat es doch schon viel schönere Sonnenaufgänge gegeben. Heute sieht die alte Tante aus, als habe sie sich einen schwefelgelben Mantel umgehängt.“

„Schwefelgelb – das ist es ja!“ stellte der Alte fest und nahm die Hand herunter. „Es sieht ganz danach aus, als habe der Teufel bei Tagesanbruch vergessen, seine Schwefellampe auszulöschen. Und wenn seine Lampe auch noch bei Tag brennt, dann hat das nichts Gutes zu bedeuten.“

„Hat der Teufel wirklich eine Lampe?“ fragte Hasard mit ungläubigem Gesicht.

„Natürlich, du Stint“, klärte ihn Old O’Flynn auf. „Wie sollte er denn sonst da unten in der Hölle, wo nie ein Sonnenstrahl hinscheint, etwas sehen? Wenn er abends die verdammten Seelen zählt, da würde er doch – äh – glatt durcheinandergeraten, wenn er kein gutes Licht hätte.“

Das war eine einleuchtende Erklärung, wie die Zwillinge feststellten. Außerdem hörte sich alles, was Old O’Flynn erzählte, so wunderschön gruselig an. Im Geist sahen sie bereits des Teufels Großmutter vor einer stinkenden Schwefellampe sitzen und die Socken des Teufels stopfen.

Ihre Augen hingen immer wieder gebannt an den Lippen des Alten, wenn er über solch geheimnisvolle Dinge wie Wassermänner, Windsbräute, Geisterschiffe und Schwefellampen sprach. Manchmal dachten sie sogar noch nachts in ihren Kojen daran, wenn draußen der Wind in der Takelage sang. Meist hörte es sich an wie das Heulen und Wimmern verdammter Seelen.

Doch plötzlich wurde die Aufmerksamkeit der beiden Elfjährigen durch etwas ganz anderes gefesselt, so daß sie rasch in die Wirklichkeit des Alltags zurückkehrten.

Nachdem noch vor wenigen Augenblicken ein riesiger Schwarm Bonitos an der „Isabella“ vorbeigezogen war, hob sich nun plötzlich eine ganze Schar silbriger Leiber aus dem Wasser, segelte etliche Yards weit über die Fluten und tauchte wieder in das nasse Element zurück.

Es waren fliegende Fische.

Obwohl es nicht das erste Mal war, daß die „Isabella“ diesen Tieren begegnete, waren die Zwillinge doch immer wieder fasziniert von der perfekten Kombination von Schwimmen und Segeln, die diese Meeresbewohner so meisterhaft beherrschten.

„Toll, was?“ fragte Philip.

Hasard nickte eifrig.

„Das müßte man auch mal können“, meinte er. „Pfeilschnell schwimmen und sich bei Gefahr einfach aus dem Wasser heben und ein Stück fliegen, dann wieder eintauchen und wieder fliegen …“ Mit den Armen vollführte er die entsprechenden Schwimm- und Flugbewegungen.

„Hör auf, hier in der Gegend herumzufuchteln, du Stint“, brummte Old O’Flynn, „sonst glaubst du am Ende selber noch, du seist ein Fisch. Übrigens, da gibt es noch viel aufregendere Tiere im Meer.“

„Welche denn?“ fragten die Zwillinge wie aus einem Mund.

Der alte O’Flynn kratzte sich am Hinterkopf, legte seine zerfurchte Stirn in Falten und begann: „Das war – das war zu einer Zeit, da ihr beiden noch in Abrahams Schoß ruhtet. Da hat mich beim Schwimmen ein Riesenkalmar angegriffen. Das Biest hatte mindestens tausend Fangarme und Augen, so groß wie Ankerklüsen. So was hat selbst der Teufel noch nicht gesehen. Die Arme hätten ausgereicht, das ganze Schiff zu umklammern und auf Grund zu ziehen!“

Die Zwillinge staunten. „Und was hast du mit diesem Kalmar getan? Wie bist du ihm entwischt?“

„Ha – das war ganz einfach.“ Old O’Flynn grinste. „Ich bin blitzschnell die Jakobsleiter hochgeflitzt, bevor mich das Vieh eingeholt hatte.“

„Und er hat dem Schiff nichts getan? Ich meine, weil er doch so riesengroß gewesen ist?“ fragte Hasard junior aufgeregt.

„Natürlich nicht“, erwiderte Old O’Flynn. „Ich habe ihm von Bord aus eine Zwanzigpfünder-Kugel vor den Bug gesetzt, da hättet ihr mal sehen sollen, wie schnell das Biest verschwunden war, als hätte es ein Wassermann an den Armen gepackt und nach unten gezogen.“

Die beiden Elfjährigen konnten ihre Bewunderung nicht verbergen. Manchmal spürten sie direkt einen kalten Schauer auf dem Rücken, wenn Old O’Flynn von seinen schaurigen Erlebnissen erzählte. Auch wenn sie trotz ihres geringen Alters bereits wußten, daß Old Donegal O’Flynn für sein Leben gern Seemannsgarn spann, konnten sie dennoch nicht genug davon hören. Was spielte es da schon für eine Rolle, wenn die Tiere, die er gesehen hatte, im Laufe der Zeit unvorstellbare Größen erreichten!

„Welche Tiere sind eigentlich gefährlicher – die Kalmare oder die Haie?“ fragte Philip.

„Die Haie natürlich“, entgegnete der Alte. „Sie sind gefräßige Räuber und jagen unermüdlich hinter ihrer Beute her. So richtige Schnapphähne sind das, die den Bauch nie voll genug kriegen.“

Jetzt wurde Hasard junior spitzfindig wie so manches Mal, wenn er unter Beweis stellen wollte, daß Kinder den Erwachsenen durchaus ebenbürtig sein können.

„Unermüdlich?“ sinnierte er. „Sag mal, müssen Haie denn nie schlafen?“

„Hä?“ fragte der alte O’Flynn und sah den Jungen entgeistert an. „Haie und schlafen?“ Er kratzte sich verlegen die Bartstoppeln. „Hm, ich habe jedenfalls noch keinen schlafenden Hai gesehen. Diejenigen, die mir bis jetzt begegnet sind, waren alle putzmunter und jederzeit bereit, ihre scharfen Zähne einzusetzen.“

Da gerade der Profos in Richtung Back an ihnen vorbeimarschierte, beschloß Old O’Flynn aus der Not eine Tugend zu machen.

„Weißt du, ob Haie schlafen, Ed?“ fragte er wie beiläufig den bulligen Profos mit dem zernarbten Gesicht und dem gewaltigen Rammkinn.

„Was? Wie?“ fragte Edwin Carberry und blieb wie angewurzelt stehen. „Willst du mich vielleicht auf den Arm nehmen, du holzbeiniger Wassermann? Haie und schlafen? Ihr habt wohl nichts anderes zu tun am frühen Morgen, wie? Schaut wohl ins Wasser, um die Haie rechtzeitig zum Frühstück aufzuwecken!“

„Ich hätte mir ja gleich denken können, daß du Holzkopf keine geistigen Interessen hast“, erklärte der Alte. „Wir allerdings“, und dabei deutete er auf sich und die Zwillinge, „interessieren uns nicht nur dafür, wieviel Rum in eine Muck paßt, sondern wir – ha, wir möchten auch gern wissen, ob Haie schlafen.“

Der Profos, hinter dessen rauher Schale sich ein weicher Kern verbarg, blickte Old O’Flynn zweifelnd an.

„Es hätte wohl niemand was dagegen, wenn die Biester ihr ganzes Leben verpennen würden“, stellte er fest. „Ho, man könnte ihnen ja passende Kojen auf den Meeresgrund stellen, sogar mit einem prächtigen Nachttopf darunter!“ Edwin Carberry lachte dröhnend, was wiederum Sir John, den Bordpapagei, veranlaßte, aufgeregt auf der Vormarsrah, seinem Lieblingsplatz, hin und her zu laufen.

„Macht die Schotten dicht, ihr Bilgenratten!“ krächzte der bunte Vogel und schlug dabei mit den Flügeln. „Wascht euch die Füße, ihr Heringe!“

Das brachte ihm einen beinahe liebevollen Blick von seinem Herrn und Meister, Edwin Carberry, ein, der immer wieder verblüfft darüber war, wie rasch der Papagei gerade seine weniger vornehmen Sprüche behielt.

„Sei still, du Nebelkrähe!“ rief Carberry nach oben und wandte sich erneut dem alten O’Flynn und den Zwillingen zu. Sein Gesicht ließ deutlich erkennen, daß er bezüglich seiner Meinung über die Schlafbedürfnisse der Haie hin und her gerissen wurde.

Die Erlösung nahte in der Person des Kutschers, der mit einem riesigen, dampfenden Topf auf der Kuhl erschien. Er war ein dunkelblonder, etwas schmalbrüstiger Mann, der früher bei Doc Freemont in Plymouth als Kutscher gearbeitet hatte. Seinen richtigen Namen kannte niemand. Doch jeder an Bord der „Isabella“ wußte, daß der Kutscher ein kluger Kopf war. Das bezog sich nicht nur auf seine „Reparaturkünste“ bei Krankheiten und Verwundungen. Er hatte während seiner Dienstzeit bei Doc Freemont viel gelernt und sehr oft einen Blick in schlaue Bücher geworfen.

Edwin Carberry, nun selbst neugierig geworden, wandte sich sofort an ihn.

„He, du Töpfeschwenker“, sagte er mit einem schmeichlerischen Unterton in der Stimme, „stell mal deine volle Badewanne ab und streng deinen Kopf ein bißchen an. Wir wollen nämlich feststellen, ob du auch so schlau bist wie wir.“

„Ach nein“, sagte der Kutscher grinsend, „du und Donegal – ihr seid schlau? Wo sitzt denn die Schläue in euren Köpfen? Vielleicht über den Augen? Oder im Hinterkopf? Wo habt ihr denn noch ein freies Kämmerchen?“

Der Profos runzelte die Stirn. „Dir wird das Lästern gleich vergehen, alter Freund. Und wenn du auf unsere Frage keine richtige Antwort weißt, dann zieh ich dir persönlich die Haut in Streifen von deinem karierten Affenarsch. So, und nun sag uns mal, ob Haie schlafen, und wie sie das tun!“

Triumphierend blickte Ed Carberry den Kutscher an, in der Überzeugung, daß auch er keine Antwort darauf wüßte. Aber er sollte sich getäuscht haben. Der Kutscher hatte damals an der Mangrovenküste der Baja de Marajo, an der südamerikanischen Ostküste, schon eine einleuchtende Erklärung über den „magischen Fisch“ gefunden, der Batuti einen gewaltigen Schlag versetzt hatte. Niemand außer dem Kutscher und dem Seewolf hatte damals gewußt, daß es sich um einen Zitteraal gehandelt hatte.

„Natürlich schlafen Haie“, sagte der Kutscher mit aller Selbstverständlichkeit. „Haie haben keine Schwimmblase, deshalb sind sie schwerer als Wasser und sinken ab, wenn sie sich nicht bewegen. Darum schlafen sie, wie viele andere Fische auch, indem sie im Wasser stehenbleiben und dabei langsam die Flossen bewegen. Jedes Geschöpf braucht doch schließlich Ruhe und Schlaf, das merkt ihr doch an euch, ihr Neunmalklugen.“

„Hm, natürlich merken wir das“, meinte Edwin Carberry. „Aber wir sinken dabei nicht unter unsere Kojen, du Stint, und die Flossen bewegen wir beim Schlafen auch nicht. Nur damit das klar ist!“

Der Kutscher wandte sich wieder seinem riesigen Topf zu, während der Profos, befriedigt von der einfachen Antwort, seinen Weg zur Back fortsetzte.

Old O’Flynn schenkte den Zwillingen noch ein gönnerhaftes Grinsen.

„Na also, ihr beiden“, erklärte er. „Ich hab’s euch doch gleich gesagt. Jetzt habt ihr es auch noch mal vom Kutscher gehört.“

Er stampfte mit dem Holzbein auf die Decksplanken und marschierte über die Kuhl, die sprachlosen Zwillinge allein am Schanzkleid zurücklassend.

„Das – das ist doch die Höhe!“ stellte Philip junior fest. „Er will es uns gleich gesagt haben, dabei hat er es so wenig gewußt wie wir!“

Er wurde durch Bill, den Moses, unterbrochen, dessen Stimme aus dem Großmars herabtönte.

„Ein Boot! Backbord voraus!“

Wenig später wiederholte er seine Meldung und setzte hinzu: „Ein einzelner Mann befindet sich an Bord.“

„Ein Mann, mutterseelenallein hier auf dem Meer“, wunderte sich der Seewolf, „was soll nun das wieder bedeuten?“

Auch Ben Brighton, sein Stellvertreter und Erster Offizier hatte ein fragendes Gesicht.

„Na, sehr weit sind wir nicht von der Küste entfernt“, sagte er dann.

„Trotzdem“, gab Hasard zurück. „Ein einzelner Mann fährt nicht allein mit einem winzigen Boot so weit heraus, um Fische zu fangen.“ Er hatte bereits das Spektiv an die Augen gesetzt.

Als die „Isabella“ ein Stück näher an das Boot herangesegelt war, sagte er: „Der Bursche sieht ziemlich zerlumpt und auch erschöpft aus. Er schafft es kaum noch, die Riemen zu bewegen. Vielleicht ist er irgendwo geflohen.“

Ben Brighton zuckte mit den Schultern.

„Es könnte sich um eine Falle handeln“, brummte er dann. „Es wäre nicht das erste Mal, daß man versucht, sich mit faulen Tricks an uns heranzupirschen.“

„Da hast du schon recht, Ben“, gab Hasard zurück. „Doch in diesem Fall glaube ich weniger daran. Es ist weder die Küste noch ein fremdes Schiff in Sicht. Wer sollte uns also gesehen haben? Wenn man davon ausgeht, daß der Mann von der Küste bis hierher getrieben wurde, dann muß er seit Stunden unterwegs sein. Am besten, wir holen ihn an Bord, dann werden wir schon erfahren, was ihn zu dieser Bootspartie veranlaßt hat. Er allein kann uns sicherlich nicht gefährlich werden.“

Ben Brighton nickte.

Da der Mann im Boot einen völlig erschöpften Eindruck erweckte, ließ Hasard sofort die Segel aufgeien und ein Beiboot abfieren, um ihn an Bord der „Isabella“ zu holen.

Längst hatte Sobocan von seinem Boot aus die ranke Galeone entdeckt, die hinter der Kimm aufgetaucht war und dann direkt auf ihn zuhielt. Er wußte, daß er einer Begegnung nicht entgehen konnte, gleich, um welche Art von Schiff es sich da handelte.

Natürlich hatte er sich Von einer tonnenschweren Last befreit gefühlt, als er erkannt hatte, daß es sich bei diesem Schiff nicht um die „El Jawhara“ handelte, die unter dem Kommando Barabins irgendwo vor den Küsten der Türkei unterwegs war.

Sobocan hatte das Boot zunächst in südliche Richtung gepullt, um die Derwische im ungewissen darüber zu lassen, ob er seine Flucht, sobald er außer Sichtweite war, in westlicher oder östlicher Richtung fortsetzen würde. Es gab nur diese beiden Möglichkeiten, wenn er nicht das ganze Mittelmeer überqueren wollte.

Zunächst hatte ihn nur ein Wunsch beherrscht und wie ein Besessener in die Riemen greifen lassen, der Wunsch nämlich, die Felsenmoschee der Derwische möglichst rasch und möglichst weit hinter sich zu lassen. Aber er hatte seine Kraftreserven wohl doch etwas überschätzt.

Die Auspeitschung an Bord der „El Jawhara“, die Gefangenschaft und danach die Flucht aus der alten Seldschuken-Festung hatten ihn viel Kraft gekostet. Schon seit einiger Zeit waren seine Arme vom vielen Pullen kraftloser geworden. Die Muskeln schmerzten und die blutigen Striemen auf seinem Rücken brannten höllisch. Er schaffte kaum noch, die Riemen in gleichmäßigem Rhythmus zu bewegen. Außerdem hatte er seit vielen Stunden nichts gegessen und auch keinen Tropfen Wasser mehr getrunken.

Sobocan fühlte sich erschöpft und zerschlagen. Mit müden Bewegungen zog er die Riemen ein und legte sie über die Duchten. Dann starrte er mit brennenden Augen dem schlanken Rahsegler entgegen, der mit geblähten Segeln heranrauschte.

Seine Gefühle waren gemischt, denn er wußte nicht, wen er vor sich hatte. Er würde dem Kapitän dieses Schiffes Rede und Antwort stehen müssen – sofern man ihm überhaupt Beachtung schenkte. Daß er außer dem Dolch im Gürtel unbewaffnet war, hatte in seiner Situation keine Bedeutung, und so blieb ihm nur die Hoffnung, nicht noch übleren Schnapphähnen in die Hände zu fallen, als das im Falle Barabins und seiner Kerle der Fall gewesen wäre.

Bald beobachtete Sobocan, wie auf der Galeone die Segel aufgegeit wurden und das Schiff an Fahrt verlor. Danach wurde ein Boot ins Wasser gelassen. Drei Männer enterten über die Jakobsleiter herab und bestiegen das Boot. Zwei davon legten sich sofort kräftig in die Riemen.

Das Boot hielt direkt auf ihn zu, und Sobocan begann mit kraftlosen Armen zu winken. Dann griff er erneut zu den Riemen und begann zu pullen. Er wollte sich nicht untätig aus dem Meer fischen lassen, sondern ebenfalls seinen Teil dazu beitragen, auch wenn es ihn den letzten Rest seiner Kraft kosten würde.

Nach kurzer Zeit ging das Beiboot der Galeone längsseits und Sobocan blickte den Fremden mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Die drei Männer musterten ihn jedoch keineswegs feindselig, sondern bedachten ihn mit einem wohlwollenden Grinsen.

Es handelte sich um einen bulligen Typ, dessen Gesicht mit vielen Narben übersät war und dessen Kinn einem Amboß glich. Er war der Bootsführer. Die beiden anderen, die das Boot gepullt hatten, glichen sich wie Tag und Nacht. Der eine war groß, schlank, blond und hatte helle Augen. Der andere war schwarz von Kopf bis Fuß – ein wahrer Herkules von einem Neger. Er hatte ein knochiges Gesicht, kurzes Kraushaar und eine kleine, gerade Nase.

Noch wußte Sobocan zu diesem Zeitpunkt nicht, daß es sich um Ed Carberry, den Profos der „Isabella“, um Stenmark, den Schweden, und um Batuti, einen Neger aus dem Stamme der Mandingo, handelte.

Aber Namen waren ihm im Moment erst in zweiter Linie wichtig. Ihn interessierte vielmehr, an welche Leute er geraten war, und noch nachträglich lief ihm ein Schauer über den zerschundenen Rücken, wenn er daran dachte, daß auch die „El Jawhara“ über der Kimm hätte auftauchen können.

Der Mann mit dem Narbengesicht und dem gewaltigen Rammkinn rief ihm etwas zu. Aber Sobocan verstand seine Sprache nicht. Verständnislos zuckte er mit den Schultern und vollführte einige hilflose Gesten.

Da versuchte Edwin Carberry sein Glück mit der spanischen Sprache.

Jetzt reagierte Sobocan. Er sprach neben seiner türkischen Muttersprache auch einigermaßen Arabisch, Griechisch und Spanisch. Er begriff zwar nicht alles, aber er konnte sich gut verständigen. So antwortete er auch jetzt in spanischer Sprache und fühlte sich erleichtert, als er verstanden wurde.

„Steig rüber in unseren Kahn, Amigo!“ rief der Narbige mit rauher Stimme. „Wir bringen dich an Bord der ‚Isabella‘, und wenn wir dich ein wenig aufgepäppelt haben, werden wir sehen, inwieweit wir dir eine Hilfe sein können.“

„Gracias, muchos gracias“, murmelte Sobocan, und dabei überfiel ihn ein Gefühl der Erleichterung. Irgend etwas in seinem Inneren sagte ihm, daß er es hier nicht mit Schnapphähnen und Schlagetots zu tun hatte. Er befolgte die Aufforderung Edwin Carberrys und wechselte in das Boot der Seewölfe über. Sein Fluchtfahrzeug wurde in Schlepp genommen.

Kurze Zeit später hatte sich Sobocan mit der Hilfe Carberrys die Jakobsleiter auf der Leeseite der „Isabella“ hochgehangelt und betrat die Kuhl. Seine Augen tasteten etwas scheu über die Decks und streiften jeden einzelnen Mann und auch die beiden Jungen, die einen Halbkreis um ihn zu bilden begannen.

Nun gut, einige sahen recht verwegen aus, aber irgendwie waren die Blicke dieser harten Männer freundlich und strahlten auch eine gewisse Hilfsbereitschaft aus. Das galt auch für die eisblauen Augen des mehr als sechs Fuß großen, schwarzhaarigen Mannes, der über den Backbordniedergang vom Achterdeck zur Kuhl abenterte.

Sobocans Atem ging rasch, seine Knie waren kraftlos geworden. Die Strapazen des gestrigen Tages und der vergangenen Nacht waren eben doch nicht spurlos an ihm vorübergegangen.

„Er spricht ein wenig spanisch“, sagte Ed Carberry zu Hasard gewandt. „Ich glaube, wir können auf die Zwillinge als Dolmetscher verzichten. Sollten wir nicht weiterkommen, können sie ihre türkischen Sprachkenntnisse immer noch aus der Mottenkiste kramen.“

„Willkommen an Bord der ‚Isabella‘“, sagte der Seewolf und bediente sich ebenfalls der spanischen Sprache.

„Danke, Señor“, gab Sobocan zurück, und in sein Gesicht quälte sich ein müdes Lächeln. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mich aus dem Wasser gefischt haben, wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre. Entschuldigen Sie, daß ich mich noch nicht vorgestellt habe: Mein Name ist Sobocan …“

„Und dieser Mann hier“, unterbrach Edwin Carberry mit einer stolzen Geste, „ist Philip Hasard Killigrew. Er wird Sir Hasard genannt, denn Lissy I., Königin von England, hat ihn zum Ritter geschlagen. Auf den Weltmeeren nennt man ihn den Seewolf.“ Der Profos schluckte, dann fügte er eifrig hinzu: „Und uns die Seewölfe.“

„El Lobo del Mar – der Seewolf!“ stieß Sobocan mit einem bewundernden Blick auf Hasard hervor. „Bei Allah“, fuhr er fort, „ich habe schon viel von Ihnen gehört. Vor allem die Spanier, die zur Besatzung der ‚El Jawhara‘ gehören, wußten einiges über Sie und Ihre Männer zu berichten. Und ich muß gestehen, daß ich Sie immer bewundert habe. Nicht nur wegen Ihrer Erfolge für die englische Krone, sondern auch wegen der Fairneß und Menschlichkeit, die man Ihnen nachsagt, Señor.“

Sobocan fühlte sich plötzlich von vielen Sorgen befreit. Wenn er sich tatsächlich an Bord des Schiffes jenes beinahe legendären Seewolfs befand, dann hatte er auch Barabin nicht mehr zu fürchten. Und noch weniger Ibrahim Salih und seine tanzenden Kumpane.

Hasard ging nicht näher auf die Worte Sobocans ein. Ihn interessierte weit mehr, wen er sich da an Bord geholt hatte. Deshalb fragte er auch ohne Umschweife: „Nun, Sobocan, was hat dich bewogen, allein in einer winzigen Nußschale aufs Meer hinauszupullen? Daß du Schwierigkeiten hattest, sieht man dir an.“

„Und ob ich Schwierigkeiten hatte, Señor, ich bin in der vergangenen Nacht Ibrahim Salih, dem Scheich eines Ordens der Mewlewija-Derwische mit knapper Not entgangen. Er wollte mich auspeitschen und hinrichten lassen, und zwar im ersten Morgengrauen. Doch im letzten Augenblick ist es mir gelungen, mich aus dem Verlies der Felsenmoschee zu befreien und zu fliehen.“

Sobocan erzählte seine Geschichte. Er verschwieg auch nicht, daß er von Barabin und seinen Schnapphähnen an Bord der „El Jawhara“ gepreßt worden war, daß er sich in Slobodanka, die Tochter des Piratenkapitäns, verliebt hatte, und daß er aus diesem Grund und zum anderen auch wegen seiner Zurückhaltung bei dem hinterhältigen Überfall auf das venezianische Handelsschiff und dessen Versenkung von den Derwischen umgebracht werden sollte – im Auftrage Barabins. Er berichtete auch von dem Tanz der Derwische in der alten Festung aus der Zeit der Seldschuken und von den ungerechtfertigten Anklagen, die man gegen ihn erhoben hatte.

Der Seewolf und seine Crew hörten ihm schweigend zu. Erst als er eine kurze Verschnaufpause einlegte, unterbrach ihn Philip Hasard Killigrew.

„Du siehst ziemlich mitgenommen aus“, sagte er. „Es wird besser sein, wenn du dich zunächst etwas ausruhst. Nachdem du gegessen hast und der Kutscher, unser Feldscher, deine Wunden verarztet hat, können wir uns weiter unterhalten.“

„Oh, danke, Señor.“ Sobocan lächelte. „Ich bin nicht zimperlich und schaffe es schon noch, meinen Bericht zu vollenden. Danach werde ich Ihr freundliches Angebot gern annehmen.“

Hastig trank er einige Schlucke aus der Muck mit Wasser, die ihm der Kutscher gereicht hatte. Dann straffte sich sein Körper, und er fuhr fort, von der fetten Beute zu berichten, die Barabin in der Felsenmoschee der Derwische versteckt hatte. Ebenso schilderte er, auf welche brutale Weise Barabin das venezianische Schiff samt seiner Besatzung vernichtet hatte.

Einen Augenblick herrschte Totenstille an Bord der „Isabella“. Nur das Knarren und Ächzen des stehenden und laufenden Gutes drang an die Ohren der Männer.

„Wie könnten wir dir eine Hilfe sein?“ unterbrach der Seewolf das Schweigen. Sein Blick ruhte prüfend auf Sobocan.

„Ich wäre schon zufrieden, Señor“, erwiderte der junge Bursche, „wenn Sie mich irgendwo weiter östlich in Küstennähe absetzen könnten. Ich komme dann schon zurecht und schaffe es, mich zu meinem Heimatdorf durchzuschlagen.“

Sobocan sah ehrlich aus, wie der Seewolf feststellte, und er war durchaus geneigt, dem Bericht des jungen Mannes zu glauben, obwohl ihn die schlimmen Erfahrungen, die er in der Karibik mit Pablo, dem Handlanger des habgierigen Don Bosco, gesammelt hatte, ein ganzes Stück vorsichtiger hatten werden lassen.

„Um was handelt es sich bei der Beute, die Barabin den Venezianern abgejagt hat?“ fragte der Seewolf.

„Es war eine volle Schiffsladung“, antwortete Sobocan. „Darunter viele Kisten, Fässer, Truhen und Pakete, die in Segeltuch eingenäht waren. Alles wurde in der Festung der Derwische versteckt. Es waren außer Münzen, Gold- und Silberbarren auch Stoffballen, Gewürze, Werkzeuge und Waffen dabei. Das habe ich selbst gesehen.“

„Nun gut“, sagte Hasard und blickte seine Männer herausfordernd an. „Schließlich sind wir im Auftrag Ihrer Majestät, der Königin von England, unterwegs. Wir sollten uns des Kaperbriefes, den wir erhalten haben, auch würdig erweisen. Was meint ihr, Männer?“

Es gab sofort lautstarke Zustimmung.

„Das nenne ich einen vernünftigen Plan“, stellte Old Donegal Daniel O’Flynn fest. „Nachdem wir heute bereits einiges über die Schlafgewohnheiten der Haie gelernt haben, sollten wir ruhig auch mal wieder was für die alte Lissy tun. Zeigen wir diesem Bilgengespenst namens Barabin doch mal, was wir auf Lager haben. Er wird froh sein, wenn er uns seine gesammelten Schätze überreichen darf.“

„Donegal hat recht“, ließ sich Edwin Carberry vernehmen und rieb sich die mächtigen Pranken. „Den rechtmäßigen Eigentümern kann das Zeug sowieso nicht mehr zurückgegeben werden, weil sie nicht mehr am Leben sind. Da ist es in unseren Händen besser aufgehoben als bei diesem Schnapphahn und seinen Derwischen. Ho. auf was warten wir eigentlich noch? Ziehen wir diesem Kerl doch fein säuberlich die Haut in Streifen von seinem karierten Affenarsch!“

Als Sobocan begriffen hatte, um was es ging, schaltete er sich wieder ein.

„Señor“, sagte er, „ich bin gern gebreit, Ihnen bei diesem Vorhaben behilflich zu sein. Auf diese Weise könnte ich einen kleinen Teil meiner Schuld bei Ihnen abtragen. Bevor Sie mich irgendwo an der Küste absetzen, könnte ich Sie zu der Felsenmoschee der Derwische bringen. Ich weiß, wo die Beute versteckt ist. Außerdem ist Barabin auf See, und mit den Derwischen dürften es Ihre Männer wohl aufnehmen, wenn die Kerle auch in der Überzahl sind.“

„Du würdest uns tatsächlich dabei helfen?“ fragte der Seewolf.

„Natürlich, Señor. Ich würde Barabin und diesem Ibrahim Salih die Niederlage gönnen. Die beiden haben schon genug Unheil angerichtet, an ihren Händen klebt sehr viel Blut. Außerdem, Señor …“

„Außerdem?“ fragte der Seewolf.

„Nun – ich – ich würde auch gern Slobodanka, das Mädchen, das ich liebe, noch einmal sprechen.“

„Nun, wir werden sehen.“ Hasard lächelte. „Wir nehmen dein Angebot an. Aber zunächst mußt du wieder Kräfte sammeln, der Kutscher wird dich versorgen. Auch Slobodanka wirst du besser gefallen, wenn du wieder der alte bist“, setzte er hinzu.

Während der Kutscher den jungen Türken in seine Obhut übernahm, diskutierten die übrigen Seewölfe eifrig ihr Vorhaben.

„Endlich ist mal wieder etwas los“, erklärte Luke Morgan, ein drahtiger Bursche mit einer Messernarbe über der Stirn. „Der Tag hat ja langweilig genug begonnen.“

Noch ahnten die Seewölfe nicht, daß sich ihrem Vorhaben gewaltige Hindernisse in den Weg stellen würden. Noch unterschätzten sie die tödlichen Gefahren, die von Barabin, dem Seeräuber, und den Derwischen ausgingen.

4.

Ibrahim Salih bebte vor Wut.

„Bringt den Kerl her!“ schrie er. „Und wehe ihm, wenn er geschlafen hat!“ Seine dunklen, stechenden Augen funkelten vor Zorn, die Züge um seinen schmalen, zusammengekniffenen Mund waren noch härter geworden. Nichts an ihm erinnerte in diesem Augenblick an das Oberhaupt, den Scheich einer mystischen Bruderschaft, deren Bestreben die innere Begegnung mit Allah ist. Er glich eher einer gereizten Raubkatze, die jederzeit bereit war, die tödlichen Pranken in ihr Opfer zu schlagen.

Während die Männer auseinanderstoben, um Belaj, den überrumpelten Wächter, zu holen, ging Ibrahim Salih mit langen Schritten im Innenhof der Felsenmoschee auf und ab. Mit ohnmächtiger Wut hatte er unten am Strand festgestellt, daß Sobocan ihn und seine Männer wie blutige Anfänger aufs Kreuz gelegt hatte. Der Hund hatte ganz einfach die Riemen sämtlicher Boote mitgehenlassen und ihnen somit die Möglichkeit genommen, ihn aufs Meer hinaus zu verfolgen.

Längst hatte Ibrahim Salih erraten, was Sobocan beabsichtigte. War er erst außer Sichtweite, würde er seine Flucht in westlicher oder östlicher Richtung fortsetzen und später irgendwo an Land gehen. Und genau das mußte er vereiteln. Seine Leute waren bereits in beiden Richtungen unterwegs, um die Küste zu überwachen, und – bei Allah! – der Bursche würde ihm nicht entgehen. Er, Ibrahim Salih, würde sein gutes Verhältnis zu Barabin nicht durch diesen Verräter aufs Spiel setzen. Er mußte ihn ganz einfach zur Strecke bringen.

Zunächst galt jedoch Salihs Zorn Belaj, der als Wachtposten vor das Verlies abkommandiert worden war. Der Kerl hatte sich übertölpeln lassen, denn das Gewölbe galt als ausbruchssicher. Bisher war es jedenfalls noch niemandem gelungen, aus eigener Kraft dort auszubrechen.

Das Oberhaupt der Derwische stoppte seine Schritte, als zwei seiner Männer mit einer zerknirschten Gestalt in ihrer Mitte den Innenhof betraten.

„Was war mit ihm?“ herrschte Ibrahim Salih seine Leute an. „Hat er immer noch geschlafen?“

„Er befand sich im Verlies“, erwiderte Osman, einer der beiden Derwische, die Belaj herbeigeholt hatten. „Und der Riegel war vorgeschoben“, setzte er dann noch mit betretener Stimme hinzu.

Salih fuhr herum, seine stechenden Augen hefteten sich mit einem wütenden Funkeln auf Belaj.

„Man hat dich eingesperrt?“ brüllte er. „Eingesperrt wie einen Hund? Beim Teufel, sag mir sofort, wie das geschehen ist!“

Belaj stand mit gesenktem Kopf da.

„Ich – ich habe nicht geschlafen“, stotterte er, „aber der Hund hat eine List angewandt …“

„Ach – eine List!“ unterbrach Ibrahim Salih, und sein Gesicht verzog sich zu einer wütenden Grimasse. „Er war eingeschlossen und dazu noch an Händen und Füßen gefesselt. Und du hattest die Aufgabe, die verriegelte Tür zu bewachen. Es muß schon mit sehr merkwürdigen Dingen zugehen, wenn es einem Gefangenen bei solchen Sicherheitsvorkehrungen gelingt, zu entfliehen!“

„Aber – er muß es irgendwie geschafft haben, seine Fesseln loszuwerden“, verteidigte sich Belaj. „Die Stricke liegen jetzt noch im Verlies. Er muß sie an einer Steinkante durchgescheuert haben.“

„Nun gut“, zischte Salih, „da hat er sie eben durchgescheuert. Aber die schwere Tür war immer noch verriegelt. Oder ist dieser Sobocan vielleicht ein Geist, der durch verschlossene Türen und dicke Mauern gehen kann? Los, sag schon was, du Unglückseliger!“

Belaj zog unwillkürlich den Kopf etwas weiter zwischen die Schultern.

„Er hat ständig gegen die Tür geklopft“, rechtfertigte er sich. „Da habe ich beschlossen, ihn zur Ruhe zu bringen. Ich dachte, er hätte sich bis an die Tür geschleppt, um Krach zu schlagen. Daß er sich von seinen Fessein befreit hatte, konnte ich nicht wissen. Ich habe jedenfalls die Tür geöffnet und in den Raum geleuchtet – da griff er mich sofort an. Ich konnte mich zwar noch kurz wehren, aber dann erwischte er mich mit einem großen Steinbrocken am Kopf …“

„Den Rest kennen wir“, schloß Ibrahim Salih sein Verhör, „aber glaube ja nicht, du Dummkopf, daß das ungestraft bleibt. Warum hast du diese Ratte nicht einfach klopfen lassen? Dabei wäre er ganz bestimmt nicht entwischt. Aber wahrscheinlich hast du geschlafen, und das Klopfen hat dich in deiner unerlaubten Nachtruhe gestört. Ja, so wird es gewesen sein! Und damit du lernst, die Aufgaben, die man dir überträgt, gewissenhaft auszuführen, wirst du sofort bestraft werden.“

Belaj blickte seinen Scheich entsetzt an, als der mit einem kalten Grinsen in seinem hageren Gesicht fortfuhr: „Da du ein Mitglied unserer Bruderschaft bist, werden wir natürlich Milde walten lassen und dich lediglich mit zwölf Peitschenhieben an deine Pflichten erinnern.“

Belaj wurde bleich im Gesicht.

„Bei Allah und seinem Propheten“, stammelte er, „diese Strafe ist zu hart. Ich kann doch nichts dafür, daß der Hund geflohen ist. Habt Erbarmen mit mir, bitte, ich – ich …“

Winselnd ließ sich der Derwisch auf den Boden sinken und versuchte die Knie Salihs zu umfassen. Doch dieser stieß ihn brutal zurück.

„Faß mich nicht an!“ schrie er. „Deine Hände sind beschmutzt. Möge dich Allah zuerst reinigen von deinen Verfehlungen. Holt die Peitsche!“

Das Jammern Belajs stieß auf taube Ohren. Erbarmungslos wurden ihm die Kleider vom Leib gerissen, dann band man ihn mit den Handgelenken an zwei Eisenringen fest, die ins Mauerwerk eingelassen waren. Wenige Augenblicke später begann bereits Naci, der kleine, rundliche Bursche, kraftvoll die Peitsche zu schwingen. Und offensichtlich verstand er es, damit ebensogut umzugehen wie mit dem Koran.

Die Schmerzensschreie Belajs hallten über den Innenhof der Moschee, und auf seinem nackten Rükken reihten sich die Striemen aneinander. Bereits nach dem achten Hieb sank er in sich zusammen, sein Schreien ging in ein leises Wimmern über.

Trotzdem hatte niemand Mitleid mit ihm. Die Gesichter der Derwische, die einen Halbkreis gebildet hatten, glichen Masken aus kaltem Stein.

Philip und Hasard, die Zwillingssöhne des Seewolfs, bereitete es riesigen Spaß, ihre türkischen Sprachkenntnisse wieder einmal auszuprobieren. Sie hatten nichts von dem verlernt, was sie bei den Gauklern, mit denen sie einst durch die Lande gezogen waren, aufgeschnappt hatten. So plauderten sie munter mit Sobocan, während die „Isabella VIII.“ ihren Weg auf östlichem Kurs fortsetzte.

„Was sind das denn für Derwische, denen du entwischt bist?“ fragte Hasard junior. „Solche, die tanzen und heulen?“

Sobocan nickte. „Es sind Mewlewija-Derwische. Sie tanzen, heulen und veranstalten viel Geschrei, wenn sie zu Allah beten. Und manchmal stechen sie sich auch mit Dolchen und Säbeln ins Fleisch oder ritzen sich die Haut.“

„Und für was soll das gut sein?“ fragte Philip junior neugierig. „Ich meine, das ist doch nicht gerade angenehm?“

Sobocan zuckte mit den Schultern.

„Viele Derwische tun das“, sagte er und stützte sich auf das Backbordschanzkleid, „wahrscheinlich, weil sie denken, daß es Allah so gefällt. Viele andere Gläubige haben kein Verständnis dafür. Deshalb leben die Derwische meistens allein als geheime Bruderschaften. Auch Ibrahim Salih und seine Leute hausen in einer alten Ruine, die sie in eine Moschee umgewandelt haben.“

„Sind das jene Derwische mit den hohen Hüten?“ fragte nun wieder Hasard.

„Ja, die sind es. Sie tragen lange, helle Gewänder, die von einem Gürtel zusammengehalten werden, und dazu die hohen, spitzen Hüte. Aber meist tragen sie diese Sachen nur, wenn sie tanzen oder beten.“

„Sie sind wohl recht gefährlich, was?“ setzte der Junge seine Befragung fort.

Sobocan nickte.

„Ibrahim Salih und seine Meute ganz bestimmt“, sagte er. „Natürlich gibt es auch Derwische, die als Bettelmönche durch das Land ziehen und von den Almosen der Gläubigen leben. Salih und seiner Bande jedoch sollte man besser aus dem Weg gehen. Sie hassen besonders die Giaurs, die Ungläubigen.“

Der Seewolf war inzwischen hinzugetreten, hatte aber von der Unterhaltung, die in türkischer Sprache geführt wurde, nichts verstanden. Er registrierte lediglich, daß seine Sprößlinge wohl noch nichts verlernt hatten.

„Am Golf von Antalya sind wir jetzt vorbei“, sagte er zu Sobocan gewandt. „Gemäß deinen Angaben müßten wir nunmehr nach Backbord abfallen und direkt die Küste anlaufen.“

„Genauso ist es, Señor“, sagte Sobocan. „Ich kenne eine stille Bucht. Wenn wir dort einlaufen, haben wir zwar bis zur Felsenmoschee einen weiteren Fußweg, aber Salihs Wächter, die an der Küste stationiert sind, können uns nicht sehen. Wenn wir direkt die Küste vor der alten Festung anlaufen, werden wir gesehen, sobald auch nur eine Mastspitze über der Kimm erscheint.“

„Gut, Sobocan“, antwortete der Seewolf, „dann werden wir uns in die von dir genannte Bucht verholen und lieber einen längeren Fußmarsch in Kauf nehmen. Es ist besser für unser Vorhaben, wenn man uns nicht gleich sieht. Können wir es bis zur Zeit des Nachmittagsgebets schaffen?“

„Es müßte klappen“, erwiderte Sobocan mit einem Blick auf den Stand der Sonne. Augenblicke später ging er zusammen mit dem Seewolf zum Ruderhaus, um Pete Ballie, den Rudergänger, zu der kleinen, verschwiegenen Bucht zu lotsen.

Die „Isabella“ fiel hart nach Backbord ab und segelte mit schwachem Wind auf die türkische Südküste zu. Ungehindert gelang es ihr, die kleine Bucht, von der Sobocan gesprochen hatte, anzulaufen und dort vor Anker zu gehen.

Dem Seewolf und seiner Crew bot sich ein respekteinflößender, aber auch malerischer Anblick. So weit das Auge reichte, ragten bizarre Felsblöcke in den Himmel. Es hatte den Anschein, als sei hier die Welt zu Ende.

Doch die Seewölfe hielten sich nicht lange mit der Bewunderung der zerklüfteten Landschaft auf. Philip Hasard Killigrew las in den Augen seiner Männer vielmehr eine stumme, unausgesprochene Frage.

Wer würde dabeisein, wenn es galt, diesen Derwischen die Beute, die sie für Barabin versteckt hatten, abzujagen? Jeder hoffte natürlich, mit an Land gehen zu können, obwohl sich auch alle im klaren darüber waren, daß man ein Schiff wie die „Isabella“ nicht allein in dieser einsamen Bucht zurücklassen konnte.

Vor allem die Zwillinge arbeiteten sich so rasch wie nur möglich an ihren Vater heran.

„Dad?“ fragte Philip junior mit einem treuherzigen Gesicht. Dann knickte er den rechten Arm ein und ballte die Hand zur Faust. Auf seinem braungebrannten Arm traten die kindlichen Muskeln hervor. „Nur damit du siehst, daß da auch schon was vorhanden ist, klar?“

Der Seewolf grinste. Er kannte seine Pappenheimer und wußte nur zu genau, was diese Kraftdemonstration zu bedeuten hatte.

„Phantastisch!“ stellte er fest. „Die Derwische werden wahrscheinlich sofort die Flucht ergreifen, wenn sie so viele Muskeln auf einmal sehen. Aber ihr beiden müßt bedenken, daß bei unserem Vorhaben nicht nur körperliche Kraft gefragt ist. Da wird es hart auf hart gehen, und gefährliche Situationen werden nicht ausbleiben. Auch ihr werdet natürlich gebraucht, aber nicht an Land, sondern an Bord der ‚Isabella‘. Es wird eure Aufgabe sein, Ben Brighton, der mich hier vertreten wird, zu unterstützen, denn es kann nicht ausgeschlossen werden, daß die ‚Isabella‘ angegriffen wird. Stellt euch vor, dieser Barabin taucht plötzlich mit seinem Seeräuberschiff hier auf. Der Kerl ist eine Hyäne! Da werden hier an Bord echte Männer gebraucht.“

Zunächst wurden die Gesichter lang, doch dann schien die Vernunft zu siegen.

„Klar“, sagte Hasard junior, „wenn wir die ‚Isabella‘ verlieren würden, müßten wir als Landratten unser Dasein fristen, und das wäre ganz bestimmt nichts für alte Seebären wie uns, was, Bruderherz?“

„Nee, bestimmt nicht“, erwiderte Philip junior und schüttelte sich. „Da bleiben wir lieber an Bord und klopfen jedem auf die Pfoten, der sich an unserer alten Lady vergreifen will.“

Der Seewolf schmunzelte, als er sich von seinen Sprößlingen abwandte. Aber er wußte auch, daß man sich bereits auf sie verlassen konnte.

Und er hatte nicht einmal übertrieben. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, daß dieser Barabin in der Nähe aufkreuzte. Die „Isabella“ mußte deshalb einigermaßen gefechtsbereit bleiben. Es würde deshalb nur einem Teil der Crew möglich sein, an dem Landunternehmen teilzunehmen.

„Wir werden mit zwei Booten an Land pullen“, sagte Hasard, der die erwartungsvollen Gesichter seiner Männer sehr wohl bemerkt hatte. „Sobocan wird uns begleiten, um uns den Weg zu der Felsenmoschee zu zeigen.“ Dann nannte er die Namen jener Männer, die mit ihm an Land gehen sollten.

Es handelte sich um Edwin Carberry, Ferris Tucker, Batuti, Stenmark, Dan O’Flynn, Al Conroy, Luke Morgan und Matt Davies. Die übrigen Crew-Mitglieder wurden an Bord gebraucht, um die „Isabella“ notfalls gegen Angreifer verteidigen zu können.

Nachdem Al Conroy, der Waffen- und Stückmeister, Pistolen, Musketen, Entermesser, Säbel und Flaschenbomben auf die Kuhl geschleppt hatte, legte der Seewolf die Strategie fest.

Die Männer sollten zunächst gemeinsam losziehen, sich dann aber im letzten Augenblick teilen, um das Gebäude in die Zange zu nehmen. Der Seewolf hoffte, die Derwische während des Nachmittagsgebets überraschen zu können. Das würde es ihnen ermöglichen, ohne Blutvergießen an die Beute zu gelangen.

Edwin Carberry rieb sich bereits erwartungsvoll die Pranken, als er den schwerbewaffneten Trupp vor sich sah.

„Ha!“ rief er. „Da wollen wir mal mit den Derwischen den Boden aufwischen, was, wie? Wenn die Kerle das Zeug nicht freiwillig herausrükken, werde ich jedem einzelnen von ihnen höchstpersönlich die Haut in ganz schmale Streifen …“

„Das wirst du schön bleiben lassen“, unterbrach ihn der alte O’Flynn, der zur Bordwache gehörte. „Denk daran, daß die Burschen lange Röcke anhaben. Da bist du noch ziemlich weit von den edlen Körperteilen entfernt, ha!“

„Du alter Holzwurm kannst ja mit anpacken und die langen Röcke hochhalten“, knurrte der Profos, „dann bin ich gleich dran.“

Als Augenblicke später die beiden Boote von der „Isabella“ abstießen, ahnten die Seewölfe nicht, daß ihre Ankunft im sogenannten „Rauhen Kilikien“ längst bemerkt worden war.

„Lauter ungläubige Hunde“, stieß Abdullah hervor und reichte Suleyman, seinem Begleiter, das Spektiv.

Die beiden Derwische waren von Ibrahim Salih in westlicher Richtung ausgeschickt worden, um die Küste nach Sobocan abzusuchen. Und sie hatten bereits ein ziemliches Stück zurückgelegt. An ihren Hüften baumelten gefährlich aussehende Krummsäbel, in ihren Händen trugen sie Musketen.

„Ja, es sind Giaurs“, ließ sich Suleyman vernehmen. „Möge Allah sie verdammen und mit Feuer und Schwefel vernichten.“ Noch immer hielt er das Spektiv hinunter in die kleine Bucht gerichtet. „Aber sie haben ein schönes Schiff“, fuhr er fort. „Größer und besser als die Karacke Barabins. Aber was wollen die ungläubigen Hunde hier? Sie sind schwer bewaffnet und lassen Boote ins Wasser. Ich sage dir, Abdullah, die haben etwas vor. Sie …“ Suleyman unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und gab das Spektiv sofort an Abdullah zurück. „Sieh selbst“, zischte er aufgeregt, „damit du nicht glaubst, ich hätte einen Geist gesehen. Er ist an Bord, ja, bei Allah und dem Propheten, er ist es!“

„Von wem sprichst du?“ fragte Abdullah und riß den Kieker an die Augen.

„Von wem wohl – von Sobocan. Die Giaurs müssen ihn aus dem Meer gefischt haben!“

„Bei Allah!“ stieß nun auch Abdullah hervor. „Er ist es tatsächlich, und er steigt mit den Ungläubigen in ein Boot. Ich sage dir genau, was die vorhaben, Suleyman. Diese Ratte Sobocan hat sich mit den Ungläubigen verbündet und will sie nun zu unserer Moschee führen. Er weiß von den Schätzen, die Barabin bei uns versteckt hat.“

„Du meinst …?“

„So ist es, Suleyman, und nicht anders. Wir müssen sofort zurück, um unsere Bruderschaft zu warnen, und zwar so schnell, wie uns die Füße tragen. Wir müssen schneller als diese Giaurs sein, um ihnen einen entsprechenden Empfang zu bereiten.“

„Oh, möge Allah diese Hunde verderben! Möge er sie den Haien zum Fraß vorwerfen!“ stieß Suleyman mit haßerfülltem Blick hervor.

Dann begaben sich die beiden Derwische sofort auf den Weg zur Felsenmoschee. Sie kannten sich aus in den zerklüfteten Ausläufern des Taurus und gelangten deshalb rasch voran. Wie helle Schatten huschten sie durch die wilde Felsenlandschaft.

Als sie schließlich keuchend und nach Luft ringend vor Salih standen, lachte dieser brüllend.

„Laßt sie kommen, diese ungläubigen Bastarde!“ rief er, und seine Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. „Sie bringen uns Sobocan, den Verräter, zurück. Ein zweites Mal wird uns der Hund nicht entwischen. Und auch mit den übrigen Kerlen werden wir wohl fertig werden. Wie viele habt ihr gezählt?“

„Es waren zehn, die in die Boote gestiegen sind“, erwiderte Abdullah. „Und etwa ebenso viele sind auf dem Schiff zurückgeblieben.“

Ibrahim Salihs rechte Hand klammerte sich um den Griff des Krummsäbels, der an seinem Gürtel baumelte.

„Ja, laßt sie nur heran“, wiederholte er mit grimmigem Gesicht. „Noch bevor das heilige Fest beginnt, werden ihre Köpfe in den Staub rollen, dafür werden wir sorgen.“

„Was willst du tun, Erleuchteter?“ Der kleine, rundliche Naci, der sich immer in Salihs Nähe aufhielt, dienerte.

„Das wirst du schon sehen, Naci“, erwiderte der selbsternannte Scheich, „ja, du wirst es bald sehen.“ Dann unterbreitete er seinen Anhängern einen teuflischen Plan, einen Plan, der den „ungläubigen Hunden“ zum Verhängnis werden sollte.

5.

Die Männer von der „Isabella“ bahnten sich einen Weg durch die wildzerklüftete Felsenlandschaft. Ihr Ziel lag ein ziemliches Stück östlich der Bucht, in der die Galeone friedlich an der Ankertrosse schwojte. Längst hatten die Seewölfe eingesehen, daß die Suche nach der Felsenmoschee der Derwische ohne die geländekundige Führung Sobocans ein schier aussichtsloses Unternehmen gewesen wäre.

Ihr Weg zog sich zeitweise dicht an der Küste entlang, mündete in kleine Schluchten und führte dann wieder zwischen riesigen Felsen und Steinblökken hindurch. Manchmal ging es steil nach oben, dann fiel der Weg wieder ab, zog sich in mehreren Windungen ins Landesinnere und führte irgendwann wieder zur Küste zurück. Die Ausläufer des Taurus, die stellenweise bis weit ins Wasser reichten, bildeten ein einziges Labyrinth von Felsen, Stein und Geröll.

„Da könnte man genausogut eine Stecknadel im Heuhaufen suchen“, knurrte Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann. In seiner Rechten trug er eine Muskete, in seinem breiten Hüftgürtel steckte außer einer Pistole und einem Entermesser seine riesige Zimmermannsaxt.

„Nur gut, daß wir ein Zeichen mit der ‚Isabella‘ vereinbart haben“, sagte Al Conroy keuchend. „Wenn wir die vielen Fässer, Truhen und Kisten, die Sobocan beschrieben hat, diesen Weg zurückschleppen müßten, würden wir ganz schön ins Schwitzen geraten. Die Sonne hat mächtig aufgeheizt, wenn man bedenkt, daß um diese Jahreszeit in Old England hoher Schnee liegt.“

„Jetzt fang nur nicht mit der romantischen Tour an“, knurrte der Profos über seine mächtige Schulter zurück, „oder willst du vielleicht den Funken Heimweh in uns anschüren, du Molch?“

„Blödsinn!“ sagte der Stückmeister der „Isabella“. „Räumen wir lieber die Vorratskammern dieser tanzenden Kerle aus, das ist lustiger als Heimweh.“

„Na, endlich bist du wieder normal“, tönte es von Edwin Carberry zurück.

Schweigend stapften die Männer weiter, immer hinter dem leichtfüßig vorauseilenden Sobocan her. Er kannte diese bizarre Bergwelt, er war hier zuhause gewesen, bis man ihn an Bord der „El Jawhara“ gepreßt hatte.

Plötzlich blieb Sobocan stehen und hob eine Hand. Auch die übrigen Männer stoppten ihre Schritte und musterten prüfend ihre Umgebung. Da hörten auch sie den monotonen Gesang, der in einer ziemlich hohen Stimmlage durch die schroffen Bergwände tönte. Der Ton war langgezogen und klang fast wie ein Klagelied.

Sobocan legte einen Finger an die Lippen und drehte sich zu den Männern um.

„Wir sind da“, sagte er mit leiser Stimme, „der Muezzin ruft gerade zum Gebet.“

„Sehr gut“, sagte Hasard, ebenfalls mit gedämpfter Stimme. „Haltet euch bereit, Männer, gleich beginnt der Tanz. Und denkt daran, daß wir unnötiges Blutvergießen vermeiden wollen. Uns geht es um die Beute, die die Burschen versteckt haben, nicht um ihr Leben.“

„Aye, aye, Sir“, klang es aus rauhen Männerkehlen, dann setzte sich der Trupp wieder in Bewegung.

Nach etwa hundert Yards erschloß sich den Männern plötzlich ein eigenartiges Bild. Zu ihrer Rechten fiel der Hang steil ab und mündete in einen kleinen, engen Talkessel, in dem die Felsenmoschee lag. Die hohen, dicken Mauern der alten Seldschuken-Festung sahen teilweise aus, als seien sie an eine mächtige Felswand geklebt worden. Einen ehemaligen Wachtturm hatte man in ein Minarett umgewandelt, das sich – zumindest mit seiner oberen Hälfte – schlank gegen den blauen Himmel abhob.

Der Muezzin war inzwischen verstummt, eine eigentümliche Stille hatte sich über die Felsenlandschaft ausgebreitet. Nur vereinzelt erreichte der Ruf eines Vogels die Ohren der Männer, die in den Talkessel hinunterblickten.

„Es wird gut sein, wenn wir keine weitere Zeit verlieren, Señor“, sagte Sobocan zu Hasard gewandt. „Die Derwische dürften jetzt mit dem Nachmittagsgebet beschäftigt sein. Und das dauert nicht immer sehr lange.“

„Du hast recht“, erwiderte der Seewolf und winkte seinen Männern. „Machen wir uns an den Abstieg. Von jetzt an sind Schnelligkeit und Lautlosigkeit wichtig, wenn wir sie beim Gebet überraschen wollen.“

Die Seewölfe nickten stumm und folgten Hasard und Sobocan.

Doch dann brach plötzlich die Hölle los.

Dan O’Flynn, der ganz am Schluß des Trupps marschierte, gelang es gerade noch, einen Warnruf auszustoßen, dann schien die ganze Umgebung in Bewegung zu geraten.

Oberhalb der schroffen Felswand, die sich zu ihrer Linken hinzog, setzten sich plötzlich riesige Felsbrocken in Bewegung und polterten, eine Menge Steine und Geröll nach sich ziehend, auf die Seewölfe zu. Deutlich waren oben in der Wand einige Gestalten zu erkennen, die die mächtigen Steinlawinen losgehebelt hatten.

„Auseinander! Geht in Deckung!“ schrie Philip Hasard Killigrew mit lauter Stimme.

Sofort spritzten die Männer auseinander, und das keine Sekunde zu spät. Die großen, tonnenschweren Felsbrocken schlugen mit ungeheurer Wucht dort auf, wo sie gerade noch gestanden hatten. Die Erde erbebte durch den harten Aufprall, unmittelbar danach flogen den Seewölfen ganze Wolken von Steinen und Geröll um die Ohren. Nur mühsam gelang es ihnen, sich unter einige Felsvorsprünge zu ducken.

Lediglich das laute Fluchen des Profoses übertönte das Inferno.

„Was sind wir doch für Arschgeigen!“ polterte er. „Tappen wie eine Schar unschuldiger Jungfrauen in einen Hinterhalt. Aber wartet nur, wenn mir auch nur eine einzige dieser dreimal verdammten Bilgenläuse zwischen die Finger gerät, dann …“

Weiter gelangte Edwin Carberry mit seinen unfrommen Vorsätzen nicht, denn plötzlich begann es aus den umliegenden Felswänden Feuer und Eisen zu spucken. Pistolen- und Musketenschüsse krachten, überall tauchten plötzlich Gestalten auf, die in lange, helle Gewänder gekleidet waren.

Als dann noch ein schriller, langgezogener Kampfruf die Luft zerschnitt, hielt auch die Seewölfe nichts mehr zurück.

„Bleibt in Deckung und feuert zurück!“ brüllte der Seewolf, und augenblicklich begannen ihre Schußwaffen in Aktion zu treten.

Nachdem die Männer ihre Musketen leergeschossen hatten, griffen sie zu den Pistolen. Mindestens zwei von ihnen hatten bereits einen Treffer erzielt. Hasard war es gelungen, einen Derwisch aus der Felswand zu holen, der gerade einen weiteren Felsbrocken loshebeln wollte. Stenmark, der Schwede, hatte seine Pistole genau in diesem Moment abgedrückt, in dem einer der Derwische hinter einem Felsblock hervorgehuscht war, um sich näher an die Seewölfe heranzupirschen.

Auch Sobocan setzte die Pistole ein, die ihm der Seewolf gegeben hatte. Er wußte nur zu gut, was es für ihn bedeuten würde, wenn er Ibrahim Salih und seiner Meute noch einmal in die Hände fiel. Ohne zu zögern, zog er den Hahn durch, und eine weitere Gestalt riß mit einem schrillen Schrei die Arme nach oben und stürzte dann, sich überschlagend, den Steilhang in Richtung Talkessel hinunter.

Die übrigen Derwische hielten sich jedoch, so gut es ging, in Deckung. Irgend jemand schrie immer wieder Befehle in einer fremden Sprache, die jedes Mal mit lautem Wutgeschrei beantwortet wurden. Dabei schossen die Burschen aus allen Rohren. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die letzte Schußwaffe leergefeuert war. Kaum jemand blieb die Zeit zum Nachladen.

Auch die Seewölfe hielten ihre Pistolen und Musketen, so gut es ging, einsatzbereit, um die Derwische in Deckung zu zwingen. Wäre das nicht mehr möglich, würde augenblicklich die Übermacht der Fanatiker über sie hereinbrechen.

Natürlich war sich Hasard längst darüber klar, daß ihre Ankunft von den Derwischen bemerkt worden war.

Auch der Gebetsruf des Muezzins war nur ein Trick gewesen, der die Seewölfe in Sicherheit wiegen sollte. In Wirklichkeit hatten Ibrahim Salih und seine Anhänger längst ihre Posten bezogen, als die Männer von der „Isabella“ am Rande des Talkessels aufgetaucht waren.

Der Kampf ging weiter.

Seitwärts von einem Felsblock, hinter dem erst vor einigen Sekunden ein bärtiger Bursche in Deckung gegangen war, blitzte es auf, und Edwin Carberry spürte, wie ihm die Kugel den Hemdsärmel am linken Oberarm in Fetzen riß.

„Du heimtückischer Läuseknakker!“ schimpfte er lauthals, aber er schoß nicht spontan zurück, sondern wartete, bis sich der Kerl ein Stück aus seiner Deckung hervorwagte. Erst dann krachte die Pistole in seiner Hand, und ein Aufschrei bewies ihm, daß er getroffen hatte.

Auch Hasard spürte den Luftzug einer Pistolenkugel, die haarscharf an seinem Kopf vorbeistrich. Er antwortete mit dem Radschloß-Drehling.

Dennoch krachten die Schüsse spärlicher als noch vor wenigen Minuten, und wer es ermöglichen konnte, beschäftigte sich mit dem Nachladen seiner Pistole oder Muskete.

Aber genau das schienen die Derwische vereiteln zu wollen. Ein lauter Schrei ließ plötzlich eine ganze Schar von gespenstisch aussehenden Gestalten hinter Felsen und Büschen auftauchen. Blanke Krummsäbel blitzten im grellen Licht der Sonne, ein ohrenbetäubendes Wutgeheul sollte den Gegner offenbar einschüchtern.

Der Seewolf wußte, daß sich ein Nahkampf gegen die Übermacht der Derwische nicht mehr länger vermeiden ließ.

„Arwenack!“ brüllte er mit lauter Stimme und zog seinen Degen aus dem Gürtel.

Ein vielstimmiges: „Ar-we-nack! Ar-we-nack!“ bildete das Echo seines Kampfrufes. Von da an dauerte es nur noch Sekunden, bis die beiden Fronten hart aufeinanderprallten.

Während der Seewolf seinen Degen schwang und Ferris Tucker, der rothaarige Riese, seine mächtige Zimmermannsaxt kreisen ließ, warfen sich auch die übrigen Männer, einschließlich Sobocans, mit Säbeln und Entermessern bewaffnet den Derwischen entgegen.

Ein wilder Kampf begann. Das Metall der Waffen klirrte mit häßlichem Geräusch gegeneinander. Nicht nur die Seewölfe verstanden es, mit ihren Waffen umzugehen, auch die Derwische, die sich mit einem fanatischen Eifer in den Kampf stürzten, beherrschten meisterhaft ihre gefährlichen Krummsäbel. So sahen sich Philip Hasard Killigrew und seine Männer im Nu von einer beträchtlichen Anzahl von Gegnern umringt.

An Edwin Carberry, dem Profos der „Isabella“, hing eine ganze Traube von Derwischen. Sie hatten ihn bereits so weit zurückgedrängt, daß sein breiter Rücken eine Felswand berührte. Das war ihm nur recht.

Der Profos stützte sich ab, winkelte das rechte Bein an und stieß mit der Wucht einer Schleudervorrichtung zu. Im nächsten Augenblick wirbelte eine ganze Schar von Leibern durch die Gegend. Einige prallten mit den Köpfen gegen die umherliegenden Felsen, andere wurden über den oberen Rand des Steilhangs hinausgeschleudert und rutschten laut schreiend und fluchend den geröllhaltigen Abhang hinunter.

„Kommt nur wieder her, ihr Rübenschweine!“ brüllte Edwin Carberry, während er zwei weitere Kerle mit den Köpfen zusammenkrachen ließ, daß es eine Art hatte. „Wen soll ich noch am Achtersteven kitzeln? Tanzt nur an, ihr verlausten Ziegenböcke! Ihr braucht euch nur zu bücken. Alles weitere besorgt der alte Carberry.“

Im nächsten Moment parierte er geschickt einen Säbelhieb mit seinem Degen, und bevor der Angreifer erneut zuschlagen konnte, wurde ihm der Krummsäbel aus der Hand geschmettert. Danach drehten ihn zwei mächtige Pranken um die eigene Achse und sein edelster Körperteil schloß auf eine höchst direkte Weise Bekanntschaft mit der Stiefelspitze Carberrys.

Der Derwisch flog mit weit ausgebreiteten Armen durch die Gegend und landete direkt auf dem Rücken eines Glaubensbruders, der sich gerade nach seinem Dolch bücken wollte, den ihm ein Schlag Dan O’Flynns aus der Hand gefegt hatte.

Auch die anderen Seewölfe hatten mit einer Übermacht an Derwischen zu kämpfen. Bei Hasard hatten sich bereits einige blutige Köpfe geholt, und dank der gefürchteten Zimmermannsaxt Ferris Tuckers blühte bereits auf so manchem Schädel eine prächtige Beule.

Dem Eisenhaken, der die rechte Hand Matt Davies’ ersetzte, begannen Salihs Männer bereits aus dem Weg zu gehen, aber nur, um zwischen die mächtigen Fäuste Batutis zu geraten, der gleich seinen Kameraden dafür sorgte, daß die Zahl der passiven Derwische jene der aktiven längst übertraf.

Auch jetzt rollte Batuti wieder wild mit den Augen, während er einen Angreifer an seinem langen Gewand packte. Bevor der Kerl begriff, was ihm geschah, traf ihn die Faust des Gambia-Negers wie ein Vorschlaghammer und schleuderte ihn direkt vor die Füße Edwin Carberrys.

„Paß doch auf, Batuti!“ röhrte der Profos. „Und schmeiß mir nicht ständig Dreck vor die Füße!“ Gleich darauf wurde dem Derwisch klar, wie sehr er die Hilfe Allahs in diesem Augenblick nötig gehabt hätte.

Auch Luke Morgan und Al Conroy kämpften verbissen und zeigten den fanatischen Sektierern, daß man sich – auch wenn man bei Allah gut angeschrieben war – an „ungläubigen Hunden“ durchaus die Zähne ausbeißen konnte.

„Den hatte ich doch schon einmal!“ rief Luke Morgan zu Al Conroy hinüber, dann krachte seine Faust gegen das bärtige Kinn eines Derwischs. „Die Kerle sehen mit ihren verdammten Weiberröcken alle gleich aus“, setzte er noch hinzu.

Unermüdlich stürzten sich die Seewölfe ins Kampfgetümmel. Sie hatten, wie sie nicht ohne Stolz registrierten, die Übermacht der Angreifer bereits gewaltig dezimiert. Und sie waren überzeugt davon, auch noch den verbliebenen Rest windelweich klopfen zu können.

Aber es sollte anders kommen!

„Halt!“ schrie plötzlich eine kehlige Stimme in spanischer Sprache. „Haltet ein, oder dieser Mann hier wird sterben!“

Das Kampf- und Wutgeschrei verstummte augenblicklich. Eine gespenstische Stille überlagerte das Gelände.

Den Seewölfen bot sich ein Bild, das ihnen einen Augenblick das Blut in den Adern gerinnen ließ. Zwei Derwische hatten Stenmark, den blonden Schweden, gepackt und ihm die Arme auf den Rücken gedreht. Vor ihm stand ein großer, hagerer Mann mit dichtem schwarzen Bart und einer auffallenden, Hakennase und drückte ihm einen Krummsäbel gegen die Kehle.

Offenbar hatten die Derwische eingesehen, daß sie mit herkömmlichen Kampfmethoden keine Chance mehr gegen die „Giaurs“ hatten. Sie versuchten deshalb, die verfahrene Situation durch eine Geiselnahme für sich zu entscheiden.

„Ergebt euch und legt die Waffen nieder!“ tönte erneut die Stimme des Hageren zu den Seewölfen hinüber.

Hasard zweifelte keinen Augenblick daran, daß dieser Fanatiker, bei dem es sich offenbar um Ibrahim Salih handelte, Stenmark vor ihren Augen töten würde. Und das wollte er nicht riskieren.

„Nimm keine Rücksicht, Sir“, stieß Stenmark vor und spürte sofort, wie die scharfe Schneide des Krummsäbels seine Haut ritzte.

Der Seewolf schüttelte den Kopf.

„Du bist uns mehr wert als diese ganze Bande hier“, sagte er mit einem Blick zu Stenmark. „Los, legt die Waffen weg, Männer!“ Gleichzeitig ließ er seinen Degen zu Boden gleiten und legte auch noch das Messer und den Radschloß-Drehling dazu.

Die übrigen Seewölfe taten es ihm nach – das heißt, jene, die noch anwesend waren. Verblüfft, aber ohne sich etwas anmerken zu lassen, stellte Hasard fest, daß Batuti, Dan O’Flynn und Sobocan nirgends zu sehen waren. Verdammt, wo waren die abgeblieben? Er sah sie nirgends, sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Den Derwischen fiel das Fehlen der drei Männer erst auf, als sie sich wutentbrannt auf Sobocan stürzen wollten.

„Er ist weg – Sobocan ist weg!“ brüllte ein kleiner, dicklicher Kerl und gebärdete sich wie ein Verrückter. „Der Hund ist uns abermals entwischt. Oh, möge ihn Allah in die tiefste Schlucht dieser Berge stürzen lassen!“

Im Handumdrehen entstand große Aufregung unter den Derwischen. Während man damit begann, die restlichen Seewölfe zu fesseln, begaben sich bereits einige Männer auf den Weg, um die Umgebung nach den Entflohenen abzusuchen.

„Wenn es ihnen tatsächlich gelungen ist, abzuhauen“, raunte der Profos, „dann lassen sich die Jungs schon was einfallen.“

Hasard nickte, während er sich bereitwillig die Hände zusammenbinden ließ. Er war davon überzeugt, daß sich die Gelegenheit ergeben würde, den Derwischen ein Schnippchen zu schlagen, Auch wenn es im Moment verdammt ernst für ihn und seine Seewölfe aussah.

6.

„Folgt mir!“ zischte Sobocan und eilte flink wie eine Katze durch eine schmale, von Geröll übersäte Schlucht. „Es kann nicht lange dauern, bis sie unser Verschwinden bemerken“, setzte er keuchend hinzu.

Dan und Batuti nickten. Auch ihr Atem ging rascher als sonst, zumal Sobocan ein ganz beträchtliches Tempo vorgelegt hatte. Dennoch folgten sie ihm, denn er war der einzige, der sich in diesem Labyrinth von Felsen und Steinen auskannte.

„Als erstes werden sie uns den Rückweg zur ‚Isabella‘ abschneiden“, stieß Dan O’Flynn hervor, „und dann werden sie die ganze Umgebung nach uns absuchen.“

„Du hast recht“, ließ sich Sobocan vernehmen. „Aus diesem Grund müssen wir so rasch wie möglich hier weg. Ein Stück weiter nördlich kenne ich ein kleines Bergdorf, wo wir zunächst unterschlüpfen können. Wenn wir uns beeilen, können wir es in zwei Stunden erreichen.“

„Aber …“ Dan O’Flynn blickte Sobocan zweifelnd an.

„Was meinst du?“ fragte der junge Türke. „Traust du mir nicht?“

„Doch, natürlich traue ich dir“, beeilte sich Dan zu sagen. „Ich meine nur – die Derwische, kennen sie das Dorf nicht ebenfalls?“

Sobocan lächelte. „Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ibrahim Salih und seine Anhänger sind bei den Bauern dieses kleinen Dorfes gut bekannt, aber ganz und gar nicht beliebt. Anfänglich, als sich die Derwische in der alten Ruine niedergelassen hatten, kreuzten sie ständig als Bettelmönche bei den Dorfbewohnern auf. Aber bald waren sie schon nicht mehr mit den üblichen Almosen zufrieden und versuchten, die Bauern zu größeren Abgaben zu erpressen. Das aber haben sich die Dörfler nicht gefallen lassen. Sie schlugen kräftig zurück, und seitdem hat sich Salih mit seiner Meute dort nicht mehr blicken lassen. Wenn es uns gelingt, dieses Dorf zu erreichen, dann sind wir zunächst in Sicherheit.“

„Das ist gut – sehr gut“, stellte Dan O’Flynn fest. „Wenn wir erst einmal aus dem Schneider sind, werden wir auch etwas für unsere Kameraden tun können.“

Batuti rollte wild mit den Augen.

„Am besten gleich“, stieß er hervor. „Batuti hat mächtiges Zorn im Bauch. Man sollte Derwischen langes Rock lüften und Haut abziehen von karierten Affenärschen!“

„Damit warte lieber bis später“, sagte Dan. „Jetzt gleich haben wir keine Chance gegen die Kerle. Vergiß nicht, daß sie Stenmark als Geisel genommen haben. Selbst der Seewolf hat kapitulieren müssen. Wir werden unseren Leuten eine bessere Hilfe sein, wenn es uns zunächst einmal gelingt, nicht erwischt zu werden.“

„Dan hat recht“, sagte Batuti schicksalsergeben, dann rundete er einen riesigen Felsblock, hinter dem Sobocan gerade verschwunden war.

Die drei Männer waren sich sehr wohl darüber im klaren, daß eine gewaltige Portion Glück dazu gehört hatte, unbemerkt zu verschwinden. Sie hatten sich zum Zeitpunkt der Geiselnahme an der abgelegensten Stelle des Schauplatzes befunden. Und in dem Augenblick, in dem das Hauptaugenmerk aller Beteiligten auf Stenmark und Ibrahim Salih gerichtet war, hatten sie ein blitzschnelles Reaktionsvermögen an den Tag gelegt. Still wie Schatten waren sie hinter den Felsen untergetaucht – zunächst unbemerkt. Batuti und Dan O’Flynn hatten unmittelbar zuvor noch ihre Gegner mit gezielten Fausthieben ins Reich der Träume geschickt.

Still und geschmeidig eilten die beiden Seewölfe hinter Sobocan her. Der Weg führte sie durch Schluchten, über weite Geröllfelder und mehrere Steilhänge hoch. Immer tiefer wand er sich in die gebirgige Landschaft hinein.

Dan und Batuti wußten nicht, wieviel Zeit seit ihrem Verschwinden vergangen war, als ihr Blick plötzlich auf das Bauerndorf fiel. Eine Hochebene tat sich vor ihnen auf. An deren nördlichen Rand klebten kleine, kastenförmige Häuser am Hang und an der Felswand. Weiter talwärts befand sich eine kleine Moschee, deren Minaretts wie drohend erhobene Zeigefinger in den Himmel ragten.

„Wir sind da“, sagte Sobocan mit einem Lächeln im verschwitzten Gesicht. Seine Brust hob und senkte sich. Tief sog er die reine Bergluft in seine Lungen.

Auch die beiden Seewölfe fühlten sich erleichtert, obwohl auch ihr Atem keuchend ging. Der Marsch in die Berge war alles andere als ein Spaziergang gewesen.

„Dort drüben“, sagte Sobocan und deutete mit ausgestrecktem Arm auf eine Hütte am Dorfrand, „wohnt Mehmet Yigal. Er war ein Freund meines Vaters. Er wird uns verstekken, bis wir wissen, wie es weitergehen soll.“

„Von was leben die Menschen hier?“ fragte Dan O’Flynn verwundert. „Ich meine, dieser kargen Landschaft ist doch bestimmt nicht viel abzugewinnen.“

„Das sieht nur auf den ersten Blick so aus“, antwortete Sobocan, während er sich wieder in Bewegung setzte. „Die Hochebene zieht sich noch ein ganzes Stück nach Osten. Und da haben die Bauern genug Felder urbar gemacht, um sich und ihre Haustiere ernähren zu können. Sicher, es handelt sich nicht um reiche Leute, aber sie sind zufrieden mit dem, was die Natur ihnen liefert. Es gab auch schon Jahre, in denen Allah viel milden Regen geschickt hat. Dadurch ist dann die Ernte so gut ausgefallen, daß man sogar Überschüsse auf den Märkten weiter im Landesinneren verkaufen konnte.

„Interessant“, sagte Dan O’Flynn, „zumal das Dorf den Eindruck erweckt, als sei es völlig von der Welt abgeschnitten.“

„Das ist es in gewissem Sinne auch“, erklärte Sobocan. „Die Bewohner erzeugen alle Nahrungsmittel, die sie brauchen, selber. Auch Decken und Kleider fertigen sie selbst aus der rauhen Naturwolle ihrer Schafe. Und will sich jemand ein Haus oder eine Hütte bauen, dann findet er hier genug Steine, die er auf seinem einfachen Holzkarren ins Dorf schaffen kann.“

Kurze Zeit später waren die drei Männer am Haus Mehmet Yigals angelangt. Während Sobocan dem alten Mann mit dem verwitterten Gesicht und dem grauen Bart mit vielen Worten und Gesten den Grund ihres Kommens erklärte, wurden Dan O’Flynn und Batuti von den zahlreichen Familienangehörigen des Bauern bestaunt. Besonders der schwarze Herkules aus Gambia erregte Aufsehen, zumal er mit Sicherheit der erste schwarze Mann war, der das winzige Bergdorf je betreten hatte.

Mehmet Yigal nickte freundlich.

„Willkommen in meinem Haus“, sagte er über Sobocan als Dolmetscher. Dann forderte er die Männer durch Gesten zum Eintreten auf. „Allah sei Dank, daß es euch gelungen ist, Salih, diesem habgierigen Geier zu entrinnen. Ihr müßt euch zunächst stärken und etwas ausruhen, dann möge euch Allah einen Weg zeigen, wie ihr euren Kameraden helfen könnt. Salih ist ein Schnapphahn, dem ein Menschenleben nicht viel bedeutet. Glaubt mir, wir haben ihn und seine Meute schon zur Genüge kennengelernt, und es hat uns einige Mühe gekostet, ihn von unserem Dorf fernzuhalten. Sorgen bereitet uns in letzter Zeit nur dieser Pirat Barabin, mit dem sich Salih verbündet hat. Sollten die Derwische zusammen mit diesem Beutelschneider gegen unser Dorf losziehen, dann sehen wir uns einer Übermacht gegenüber, der wir wahrscheinlich nicht gewachsen sein werden.“

„Habt ihr schon öfter Ärger mit Piratengesindel gehabt?“ fragte Dan.

„Eigentlich nicht“, erwiderte Mehmet Yigal. „Unser Dorf liegt zwar nicht sehr weit von der Küste entfernt, aber wer es nicht kennt, findet es nicht. Es ist euch sicher aufgefallen, welch versteckte Wege euch Sobocan geführt hat, um es zu erreichen.“

„Das kann man wohl sagen.“ Dan O’Flynn lächelte und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die irdenen Teller und Schüsseln, die von zwei Töchtern Yigals gebracht wurden.

„Heute war Backtag gewesen“, erklärte der grauhaarige Bauer. „Die Frauen haben viel frisches Brot gebacken. Greift zu und stärkt euch. Auch der Ayran wird euch schmekken, denn unsere Schafe und Ziegen geben viel gute Milch.“

Die Männer ließen sich kein zweites Mal auffordern und langten kräftig zu.

Das frische, aus Weizenmehl gebackene Brot, das die Form flacher Fladen hatte, schmeckte vorzüglich zu dem würzigen Schafskäse, den man auf einem Steingutteller angerichtet hatte. Der Ayran bildete dazu eine nahrhafte Erfrischung. Es handelte sich um ein buttermilchartiges Getränk, das man täglich frisch aus Joghurt und Wasser herstellte.

„Wir sind dir sehr dankbar für deine Hilfe“, sagte Dan O’Flynn kauend. „Wenn es uns gelingt, unsere Kameraden aus der Hand der Derwische zu befreien, wird Philip Hasard Killigrew, unser Kapitän, mit Sicherheit auch dafür sorgen, daß dein Dorf von Salih und diesem Barabin in Ruhe gelassen wird.“

„Möge Allah ihm Gelingen dabei schenken“, erwiderte Mehmet Yigal mit ernstem Gesicht. „Doch was werdet ihr unternehmen? Ihr seid nur wenige. Könnt ihr Hilfe von eurem Schiff holen?“

Dan schüttelte den Kopf. „Es sind nur wenige Männer auf der ‚Isabella‘ zurückgeblieben. Sie werden dort gebraucht, um das Schiff vor Überraschungen zu schützen. Außerdem glaube ich, daß wir zu dritt mehr Aussichten haben, ungesehen an die Felsenmoschee heranzupirschen, als wenn ein ganzer Trupp aufmarschiert.“

„Am besten, wenn wir dunkles Nacht abwarten“, ließ sich Batuti vernehmen. „Wenn Sobocan uns durch Felsen zurückführt, werden wir Kameraden befreien und Derwischen schlimmes Denkzettel verpassen.“

„Natürlich werde ich mit euch zurückgehen“, erklärte Sobocan. „Ihr könnt weiterhin voll mit mir rechnen.“

„Das hört man gern“, sagte Dan, „denn ohne dich würden wir wahrscheinlich kaum zurückfinden. Zumindest nicht bei Nacht. Vielleicht wird es gut sein, wenn wir schon eine Stunde vor Anbruch der Dunkelheit aufbrechen. Ich werde nämlich das verdammte Gefühl nicht los, daß unsere Leute ganz schön in der Zwickmühle sitzen, und ich würde mir nie verzeihen, zu spät etwas unternommen zu haben.“

„Du hast recht“, bemerkte Sobocan in seinem holprigen Spanisch. „Man wird sie in jenes dunkle Verlies gesperrt haben, aus dem ich entwischt bin. Dieses feuchte Loch gilt als ausbruchssicher. Mir ist es nur durch eine List gelungen, den Wächter zum Zurückschieben des Riegels zu veranlassen. Er wird es mit Sicherheit kein zweites Mal tun.“

„Das ist anzunehmen“, sagte Dan O’Flynn. Seinen Gesichtszügen war anzusehen, wie sehr es hinter seiner Stirn arbeitete. „Ich sehe ihm Moment nur die Möglichkeit“, fuhr er fort, „daß wir ungesehen bis zu diesem Verlies vordringen. Dabei wird alles davon abhängen, daß wir nicht zu früh von den Derwischen bemerkt werden.“

Sobocan und Batuti nickten zustimmend.

Bereits zwei Stunden später begaben sie sich unter der geländekundigen Führung Sobocans auf den Weg zurück zur Küste. Viele guten Wünsche von Mehmet Yigal und seiner weitverzweigten Familie begleiteten sie dabei. Und die Männer hofften inbrünstig, daß sie in Erfüllung gehen würden, denn der geringste Fehlschlag konnte den sicheren Tod für sie und ihre gefangenen Kameraden bedeuten.

7.

Wie das Wahrzeichen auf dem Kuppeldach einer Moschee stand die gelbe Sichel des Mondes am nächtlichen Himmel. Das fahle Licht verlieh den bizarren Felsformationen der Küstenlandschaft ein schattenhaftes, bedrohliches Aussehen.

Von den dunklen Flächen der See wehte ein kühler Wind herüber, der sich jedoch rasch in den mächtigen, festungsähnlichen Ausläufern des Taurus verlor. Nur selten wurde die Stille der Nacht durch den Ruf eines Vogels oder durch ein Rascheln im spärlichen Gestrüpp unterbrochen.

Philip Hasard Killigrew und seine Männer lagen oder hockten auf dem feuchten Boden eines dunklen Verlieses. Nachdem man Stenmark als Geisel genommen hatte, waren die Seewölfe gefesselt und hierhergebracht worden. Dann hatte man ihnen noch die Füße zusammengebunden, bevor die dicke Holztür von außen verriegelt worden war.

An ein Entkommen aus eigener Kraft war im Moment nicht zu denken. So blieb den Männern keine andere Wahl, als das abzuwarten, was die Derwische ihnen zugedacht hatten. Und das schien, wie die haßerfüllten Gesichter der Fanatiker bereits angedeutet hatten, nichts Gutes zu sein.

„Wir scheinen uns hier im selben Loch zu befinden, in dem man Sobocan gefangen gehalten hat“, flüsterte Stenmark, den man nach seiner Verwendung als Geisel zusammen mit den anderen Männern hier eingesperrt hatte.

„Loch ist das richtige Wort“, knurrte Edwin Carberry. „Dagegen ist die Bilge der ‚Isabella‘ die reinste Kapitänskammer. Himmel, Arsch und Wolkenbruch – gelegen habe ich auch schon wesentlich besser als hier!“

„Du kannst ja mal an die Tür klopfen und nach dem Wirt rufen“, sagte Matt Davies aus einer dunklen Ecke. „Vielleicht bringt er dann für jeden eine volle Muck Rum. Das wär gar nicht zu verachten bei der lausigen Kälte, die hier drin herrscht.“

Der Profos knurrte wie ein gereizter Löwe.

„Paß nur auf, daß du dir nicht deinen zarten Achtersteven erkältest“, erwiderte er. „Frostbeulen auf kariertem Untergrund sind kein schöner Anblick.“

Die Männer lachten unterdrückt.

„Seid etwas leiser“, mahnte der Seewolf, den man in Türnähe plaziert hatte, „sonst verbietet man uns das Reden ganz. Dieser geiernasige Scheich hat bestimmt eine Wache vor der Tür zurückgelassen.“

„Aye, aye, Sir“, ertönte die Stimme Al Conroys aus dem Dunkel. „Sollten wir nicht wie Sobocan höflich an die Tür pochen? Vielleicht findet sich ein mitleidiges Herz und schiebt den Riegel zurück.“

„O Mann, hast du fromme Wünsche“, sagte Luke Morgan halblaut. „Halte die Burschen nur nicht für dümmer, als sie ohnehin schon sind. Sieh lieber zu, daß du vorher deine Fesseln loskriegst.“

„Sag nur, du hast deine schon mit elegantem Schwung von den schlanken Händen gestreift“, entgegnete Al Conroy. „Dann kannst du deinen Zauberspruch ruhig auch mal bei mir anwenden. Ich verspreche sogar, daß ich ganz stillhalte.“

„Da mußt du dich noch ein bißchen gedulden“, ertönte es aus der dunklen Ecke. „Mir ist gerade was dazwischen geraten.“

Wieder füllte leises Gelächter das feuchte Verlies.

„Möchte nur gern wissen, wo die drei Jungs abgeblieben sind“, bemerkte nun eine tiefe Stimme, die eindeutig Ferris Tucker, dem rothaarigen Schiffszimmermann, zuzuordnen war. „Die bärtigen Buschgespenster haben ganz schön dumm aus ihren langen Röcken geschaut, als sie ihr Verschwinden bemerkt haben.“

„Das macht nichts“, antwortete Hasard. „Hauptsache, daß die Häscher Salihs unverrichteter Dinge zurückgekehrt sind. Die Jungs sind frei, und das ist ein Pluspunkt für uns. Sobocan kennt sich sehr gut aus in dieser Wildnis, er wird einen passenden Unterschlupf gefunden haben.“

„Vielleicht sind sie längst auf der ‚Isabella‘“, meldete sich Luke Morgan wieder zu Wort.

„Das glaube ich nicht, Luke“, sagte der Seewolf. „Den Weg zur Bucht hat Salih sicherlich sofort abriegeln lassen. Schließlich handelt es sich da um den naheliegenden Fluchtweg. Aber den Gefallen, ihnen schnurstracks in die ausgebreiteten Arme zu laufen, haben die drei den Derwischen bestimmt nicht getan.“

„Solange Dan und Batuti auf freiem Fuß sind, besteht für uns Hoffnung“, meinte Stenmark, der Schwede. „Und Sobocan scheint ja auch ein recht zuverlässiger Bursche zu sein. Was die Derwische wohl mit uns vorhaben?“

„Wenn man bedenkt, wie die Burschen mit der Besatzung des venezianischen Handelsschiffes umgesprungen sind, dann können wir zumindest nicht damit rechnen, mit einem warmen Händedruck zur ‚Isabella‘ zurückgeschickt zu werden“, stellte der Seewolf fest.

„Verdammt! Und ich bin schuld an dieser ganzen Misere“, sagte Stenmark. „Hätte ich dem Kerl, der mir an den Kragen wollte, schneller eins auf die Rübe gegeben, dann hätten mich die anderen gar nicht erst von hinten packen können.“

„Ho, du Stint!“ knurrte der Profos. „Willst du wohl die Kullertränchen etwas zurückhalten, was, wie? Das hätte jedem von uns passieren können. Und hätten wir vielleicht zusehen sollen, wie dir dieser Affenarsch von einem Scheich den ungewaschenen Hals durchsäbelt, he? Rübenschweine von deiner Sorte werden immer noch an Bord der ‚Isabella‘ gebraucht.“

„Der Profos hat recht“, setzte Philip Hasard Killigrew hinzu. „Du hättest auch die Waffen gestreckt, wenn sich einer von uns in deiner Situation befunden hätte. Oder etwa nicht?“

„Natürlich, Sir.“

„Na also. Dann möchte ich hiermit den allgemeinen Vorschlag unterbreiten, daß jeder versucht, seine Fesseln, so gut es geht, durchzuscheuern. Erstens liegen wir damit nicht auf der faulen Haut, und zweitens wird es uns dabei vielleicht etwas wärmer.“

„Eine gute Idee“, sagte Edwin Carberry. „Und wer zu faul zum Scheuern ist, der kann’s ja mal mit den Zähnen versuchen.“

Augenblicke später waren die Seewölfe an der Arbeit. Schließlich zählten sie nicht zu jener Sorte von Männern, die bei Schwierigkeiten die Flinte ins Korn warfen.

Der trübe Schein einer Öllampe tauchte den Raum in spärliches Licht. Auf den dicken, handgeknüpften Teppichen, die den Steinboden bedeckten, hockten drei Männer, die die Tracht der Mewlewija-Derwische trugen. In ihrer Mitte standen flache Tonschalen, in denen stark duftender, heißer Tee dampfte. Es handelte sich um Ibrahim Salih, seinen engsten Vertrauten, den kleinen, rundlichen Naci, und um Abdullah, einen jener Männer, die dem Scheich die Nachricht von den anrückenden „Giaurs“ überbracht hatten.

„Das Schiff der Fremden sieht sehr gut aus“, berichtete Abdullah. „Es ist eine dreimastige Galeone, aber viel schlanker und wendiger gebaut als die Schiffe der Spanier. Selbst Barabin wäre stolz auf ein solches Schiff.“

Naci nickte eifrig, als hätte er die „Isabella“ der Seewölfe selbst gesehen.

„Eben deshalb“, sagte er mit seiner hohen Stimme, „wäre es eine Sünde gegen Allah, wenn man diese Galeone versenken würde. Bisher waren wir auf dem Wasser recht unbeweglich, weil uns nur einige kleine Fischerboote zur Verfügung standen. Selbst dafür hat uns Sobocan, dieser Hund, noch die Riemen gestohlen. Mit dem Schiff dieser Fremden aber wären wir mächtig. Wir könnten damit weite Küstengebiete kontrollieren und wären nicht mehr auf die Beuteanteile angewiesen, die Barabin uns von Zeit zu Zeit überläßt.“

„Naci hat recht“, erklärte Abdullah. „Es befindet sich nur eine Handvoll Männer an Bord. Einfacher und problemloser werden wir nie mehr ein Schiff in unseren Besitz bringen. Wir brauchen nur zuzugreifen. Außerdem, wer weiß schon, was die Giaurs alles in den Laderäumen der Galeone verstaut haben. Alles wird uns gehören!“

Ibrahim Salihs Augen funkelten tückisch, während er die Teeschale an die Lippen führte. Vom Innenhof der Felsenmoschee drang bereits der rhythmische Schlag einer Trommel herein, der von den langgezogenen Tönen einer Flöte begleitet wurde. Längst hatte man draußen die Fakkeln und das mystische Feuer entzündet. Bereits in wenigen Minuten würden seine Leute mit dem ekstatischen Wirbeltanz beginnen. Schon war vereinzelt das Stampfen nackter Fußsohlen und das Murmeln des „Dhikr“, der mystischen Formel, zu hören.

Über das Gesicht Salihs zog sich ein entschlossenes Grinsen, als er die leere Schale an ihren Platz zurückstellte.

„Durch euren Mund spricht die Weisheit Allahs“, sagte er. „Das Schiff der Fremden wird uns groß und mächtig werden lassen. Wir werden es noch in dieser Nacht übernehmen. Allah wird es gewiß in unsere Hände geben.“

„Das wird er“, bestätigte Naci voller Überzeugung, „und du wirst der Kapitän der Galeone sein. Du bist lange Jahre zur See gefahren und hast viele Erfahrungen gesammelt. Diese werden uns nun von Nutzen sein.“

Salih, der früher zu einer üblen Piratenbande gehört hatte, nickte gönnerhaft, während Naci dienstbeflissen seine Teeschale nachfüllte.

Auch Abdullah schien über die Reaktion Salihs befriedigt zu sein.

„Wir haben alle Trümpfe in der Hand“, bemerkte er. „Die wenigen Männer, die an Bord verblieben sind, bedeuten keine Gefahr für uns. Außerdem könnten wir ihren Kapitän aus dem Verlies holen und als Geisel benutzen.“

„Das wird nicht nötig sein“, entschied Ibrahim Salih siegessicher. „Wir werden auch so mit ihnen fertig. Sollten sie große Schwierigkeiten bereiten, können wir immer noch auf den Kapitän zurückgreifen. Es ist nicht in jedem Falle empfehlenswert, den Kapitän eines Schiffes als Geisel zu nehmen. Wenn er zum Beispiel bei seiner Mannschaft verhaßt ist, wird er eine ziemlich wertlose Geisel sein. Verlassen wir uns zunächst lieber auf unsere eigene Stärke. Haben wir nicht erst vor wenigen Stunden bewiesen, daß wir diesen ungläubigen Hunden überlegen sind?“

„O ja, das haben wir.“ Naci nickte selbstgefällig. „Auf was warten wir eigentlich noch? Wozu lassen wir die Gefangenen am Leben? Nur wenn sie tot sind, bilden sie keine Gefahr mehr für uns.“

Ibrahim Salih lächelte kalt.

„Gedulde dich, Naci“, sagte er. „Sie werden sterben, und zwar sobald wir ihr Schiff in unsere Gewalt gebracht haben. Bis dahin werden sie als Faustpfand am Leben bleiben. Doch wir wollen sie nicht so umbringen, als wären wir Meuchelmörder, o nein, wir werden ihnen vor Augen führen, welche Strafen Allah für Ungläubige vorgesehen hat, und wir werden sie im Kreise unserer Bruderschaft zum Tode verurteilen. Alles wird seine Ordnung haben.“

„Das ist sehr weise“, sagte Naci und rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Soll ich sie aus dem Verlies holen lassen?“

Salih erhob sich.

„Ja, Naci, laß die Giaurs holen. Sie sollen ihr Urteil hören.“

Wenig später begab sich der Scheich der Derwische mit seinen beiden Untergebenen hinaus auf den Innenhof der Felsenmoschee, wo sich die übrigen Mitglieder der Bruderschaft bereits im ekstatischen Wirbeltanz drehten, in der Hoffnung, inneren Kontakt zu Allah zu finden. Das mystische Feuer in der Mitte des Hofes flackerte und verströmte den Geruch von Weihrauch und Gewürzen.

Nach einem kurzen Befehl begaben sich mehrere Männer zusammen mit Abdullah und Naci auf den Weg, um die Gefangenen zu holen. Die übrigen Derwische setzten ihren Tanz fort. Der Trommelwirbel war rascher, die monotone Musik der Flöte lauter und schriller geworden.

Den Seewölfen bot sich ein gespenstisches Bild, als sie nach wenigen Minuten in den Kreis der tanzenden Derwische geführt wurden. Noch keinem von ihnen war es bis zu diesem Zeitpunkt gelungen, seine Fesseln abzustreifen. Die Fußfesseln waren ihnen abgenommen worden, damit sie den kurzen Weg bis zum Innenhof der Moschee zurücklegen konnten.

Tief sog Edwin Carberry den Duft in die Nase, der dem Feuer entströmte.

„Bei allen Meermännern und Seejungfrauen“, schnaubte er auf seine derbe Art, „hier stinkt’s, als habe der Teufel höchstpersönlich einen Furz gelassen. Wollen uns die Rübenschweine vielleicht vergiften, was, wie?“

Auch die übrigen Männer, der Seewolf, Ferris Tucker, Al Conroy, Stenmark, Matt Davies und Luke Morgan, empfanden den ungewohnten Geruch von Weihrauch und Gewürzen als unangenehm, als sie in den Kreis der Tanzenden traten. Die Krummsäbel, die die Derwische während der Zeremonie durch die Luft zischen ließen, gerieten ihnen mitunter bedrohlich nahe.

„Und was für eine Musik“, fuhr der Profos fort. „Es ist schon ein Wunder, daß die Kerle bei diesem Katzenjammer auch noch durch die Gegend hüpfen. Mir wird gleich schlecht, wenn ich das noch eine Weile mit anhören muß. Bei allen tanzenden Ziegenböcken, Sir, muß man sich das gefallen lassen?“

„Du wirst es überleben, Ed“, sagte der Seewolf lächelnd, während er und seine Männer vor Salih gebracht wurden.

Dieser musterte seine Gefangenen mit hämischem Blick.

„Ich spreche zwar eure Sprache nicht, Engländer“, sagte er zu Hasard, „aber ihr werdet mein Spanisch wohl verstehen. Zumindest werdet ihr begreifen, was die Stunde für euch geschlagen hat, gleich, in welcher Sprache mein Urteil an euch ergeht.“

„Du sprichst von einem Urteil?“ fragte Philip Hasard Killigrew. „Wer hat dir das Recht verliehen, über andere Menschen Gericht zu halten?“ Sein Spanisch war ohne Fehler.

Ibrahim Salih lachte laut auf.

„Nicht ich werde euch richten, sondern Allah hat euch Ungläubige bereits durch ein Wort, wie es im Koran niedergeschrieben ist, zum Untergang bestimmt.“ Zu dem kleinen, dicklichen Naci gewandt, befahl er: „Lies die Verse sechzig und einundsechzig aus der achten Sure vor. Ich werde sie für die Giaurs übersetzen!“

Naci schlug den Koran auf und begann in seiner hohen Stimme zu zitieren: „Auch mögen sie, die Ungläubigen, nicht meinen, daß sie über Allah siegten, denn sie vermögen nicht, Allahs Macht zu schwächen. Rüstet euch mit Macht gegen sie, so gut, wie ihr nur könnt, und mit einer Reiterschar, um damit den Feinden Allahs und euren Feinden und noch anderen außer diesen, die ihr zwar nicht kennt, die aber Allah wohl kennt, Schrecken einzujagen.“

Salih genoß seinen Triumph.

„Mir steht zwar keine Reiterschar zur Verfügung“, stellte er fest, nachdem er die Worte übersetzt hatte, „aber mir und meinen Männern wird es auch so gelingen, euch, die Feinde Allahs, auszumerzen. Ihr wolltet uns unsere Beute abjagen und dafür werden wir euch bestrafen, indem wir noch in dieser Nacht euer Schiff in Besitz nehmen. Danach werdet ihr sterben! Dies ist Allahs Ratschluß, und er ist unabänderlich. Du, Kapitän, wirst als erster in den Tod gehen. Und bis dahin bleibt ihr in eurem Gefängnis.“

Das Urteil fand unter den Derwischen rege Zustimmung. Laute Flüche über die „ungläubigen Hunde“ wurden laut. Und die Ankündigung Salihs, das Schiff der Fremden zu übernehmen, löste helle Begeisterung aus.

Die Seewölfe kamen nicht mehr dazu, etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen. Sie wurden sofort nach dem „Urteil“ Ibrahim Salihs in das dunkle Kellerverlies zurückgebracht, dann wurden ihre Füße erneut gefesselt.

Ed Carberry jedoch war es noch vor dem Betreten des Kellerraumes gelungen, einem der Wächter so heftig auf die Fußzehen zu treten, daß er heulend und stöhnend auf dem Gang des Gewölbes herumtanzte.

Während der Profos feststellte, daß der „Ober-Derwisch“ seine Grashüpfer fürchterlich verzärtelt haben mußte, wurde der schwere Eisenriegel vorgeschoben.

Inzwischen hallten die Befehle Salihs über den Innenhof der Felsenmoschee. Nur vier Männer sollten als Wache zurückbleiben, alle anderen sollten am Angriff auf die „Isabella“ teilnehmen. Von den vier Wächtern hatten zwei die Aufgabe, die Gefangenen zu bewachen, und zwei sollten die Festung und ihre Umgebung im Auge behalten, denn noch hatte man nicht vergessen, daß es Sobocan und zwei von diesen „Giaurs“ gelungen war, zu entfliehen.

Mit seinen restlichen Männern brach Salih zur Küste auf. Außer neuen Riemen für die Boote schleppten die Derwische ein beachtliches Waffenarsenal mit sich.

Die Sichel des Mondes wurde gerade durch Wolken verdeckt, als sie sich einige Zeit später an Bord der Boote begaben und an deren Bug leichte Geschütze montierten. Die See war dunkel und kabbelig, als die Derwische die Riemen ins Wasser tauchten, um zu jener stillen, kleinen Bucht zu pullen, in der die „Isabella“ vor Anker gegangen war.

8.

Sobocan, Batuti und Dan O’Flynn hatten sich bereits bis in die Nähe der Felsenmoschee durchgeschlagen.

Die Nacht war kühl und dunkel. Nur wenn der Mond für einen Augenblick hinter den Wolken hervortauchte, wurde die Landschaft in fahles Licht gehüllt.

Obwohl sich Sobocan recht gut in dem unwegsamen Gelände zurechtfand, war es nicht einfach für sie gewesen, bei Nacht die Festung in Küstennähe zu erreichen. Sie wurden mit Sicherheit von den Derwischen gesucht, deshalb war es unmöglich für sie, mit brennenden Fackeln durch die Felsenlandschaft zu klettern. Man hätte sie sofort entdeckt.

Noch als sich die drei Männer am Rand des Steilhangs befanden, der in den Talkessel hinunterführte, in dem die Moschee versteckt lag, registrierten sie mit Verwunderung einen Fackelzug, der sich von der Festung weg in Richtung Küste bewegte.

„Nanu“, stieß Dan O’Flynn hervor, „unsere Kameraden sind das bestimmt nicht. Es müssen die Derwische sein. Was suchen die wohl mitten in der Nacht an der Küste? Zum Fischen dürfte es entschieden zu dunkel sein!“

„Vielleicht wollen tanzende Männer ‚Isabella‘ entern“, warf Batuti ein, und er schien damit den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.

Sobocan räusperte sich. „Das ist durchaus möglich“, ließ er sich vernehmen. „Die ‚Isabella‘ liegt zwar ein ganzes Stück von hier entfernt, aber die Derwische haben Boote. Und die Riemen, die ich ihnen weggenommen habe, dürften sie mittlerweile ersetzt haben.“

„Verdammt!“ Dan O’Flynn kratzte sich am Hinterkopf. „Hoffentlich merken unsere Leute an Bord rechtzeitig, was sich da zusammenbraut. Die Derwische dürften auf jeden Fall in der Überzahl sein. Aber wißt ihr, was der ganze Spuk für uns bedeutet?“ setzte er hinzu. „Wir haben es nur noch mit wenigen Gegnern zu tun, wenn wir in die Moschee eindringen. Und jetzt ist es, wie mir scheint, wichtiger, daß wir unsere Leute so schnell wie möglich aus diesem Loch herausholen.“

„Dan O’Flynn hat recht“, stellte Batuti fest. „Auf was warten wir noch?“

Sofort begannen die beiden Seewölfe und Sobocan den Abstieg in den Talkessel – was sich bei Nacht als recht zeitraubend erwies. Die dicken, wuchtigen Mauern der ehemaligen Festung rückten jedoch unaufhaltsam näher. Aus dem Inneren des Gemäuers drang Licht. Es schien von Fackeln zu stammen, die im Freien brannten.

„Das Licht kommt aus dem Innenhof“, stellte Sobocan fest.

Dann pirschten sie sich über Steine und Geröll bis an jene niedrige Mauer, die sich vom Innenhof aus zu einem Seitenflügel der Ruine hinüberzog. Über sie war Sobocan bereits geklettert, als er aus seinem Gefängnis geflohen war.

Sobocan legte einen Finger auf die Lippen.

„Von jetzt an dürfen wir nur noch flüstern“, sagte er. „Es ist anzunehmen, daß sich einige Wachen im Innenhof befinden. Aus diesem Grund hat man auch die Fackeln brennen lassen.“

„Also werden wir uns zunächst auf die Kerle im Hof konzentrieren“, sagte Dan O’Flynn, und in seinen Augen blitzte es unternehmungslustig. „Wenn sich allerdings noch Wächter vor dem Verlies befinden, müssen wir vorsichtig sein, damit sie uns nicht zu früh bemerken.“

Flach drückten die drei Männer ihre Körper gegen die Mauer. Aus dem Innenhof konnte man bereits gedämpfte Stimmen hören. Die Burschen schienen sich am warmen Feuer niedergelassen zu haben.

„Batuti wird einen Blick über Mauer werfen“, flüsterte der schwarze Mann aus Gambia. „Kopf ist schwarz wie Nacht. Niemand wird Batuti sehen.“

Die beiden anderen nickten.

Sofort bildeten sie mit ihren Händen eine Art Steigbügel und ermöglichten es damit Batuti, ohne zeitraubende Klimmzüge einen Blick über die Mauer zu werfen.

Am oberen Rand angelangt, schob der schwarze Herkules vorsichtig den Kopf über den Sims. Ein kurzer Augenblick genügte ihm, um die Lage zu orten. Rasch ließ er sich wieder hinunter.

„Was ist?“ zischte Dan O’Flynn.

„Es sind zwei Männer“, berichtete Batuti mit leiser Stimme. „Sie haben langes Rock an und spitzes Hut auf dem Kopf. Sie sitzen an Feuer und sprechen. Und beide haben uns Rükken zugewandt.“

„Das hört sich gut an“, raunte Dan O’Flynn. „Batuti, wir beide werden sie übernehmen. Sobocan wird uns mit seiner Pistole Rückendeckung geben. Er ist der einzige, der noch eine Schußwaffe hat. Wir beide sind auf unsere Messer angewiesen, auf die wir im Notfall zurückgreifen müssen. Sollte etwas schiefgehen, kann Sobocan eingreifen. Wenn es klappt, soll er uns folgen, denn er wird das Verlies rascher finden als wir.“

„Alles klar, Batuti ist bereit!“ flüsterte der schwarze Riese. Das Weiß seiner Augen hob sich als einziges aus seinem dunklen Gesicht ab.

„Ich werde euch über die Mauer helfen“, sagte Sobocan, „dann steige ich selber hoch. Im Hof befinden sich einige Büsche und Sträucher. Nutzt ihre Deckung aus!“

Gleich darauf kletterten Batuti und Dan O’Flynn flink wie Katzen über den Mauersims. Rasch ließen sie sich auf der anderen Seite hinuntergleiten und verschwanden augenblicklich im Schutz einiger Büsche, die jetzt in den Wintermonaten fast völlig blattlos geworden waren.

Drüben am Feuer blieb alles still. Die Flammen waren kleiner geworden, aber die Fackeln, die in den eisernen Halteringen steckten, tauchten die nähere Umgebung in unruhiges Licht.

Die beiden Männer redeten und gestikulierten. Die Seewölfe verstanden kein Wort, ganz abgesehen davon, daß sie am Inhalt des Gespräches kaum interessiert waren.

Stumm nickte Dan Batuti zu und sofort setzten sich beide in Bewegung. Vorsichtig wie Schlangen, kein Geräusch hinterlassend, huschten sie auf die beiden Derwische zu. Ihre Augen waren voll auf die beiden Gestalten ausgerichtet.

Sie waren höchstens noch drei Yards von der Feuerstelle entfernt – da knackte es laut unter Dans Füßen. Er mußte im Halbdunkel auf einen dürren Ast getreten sein.

Wie auf Kommando fuhren die beiden Derwische herum. Das dumpfe Dröhnen von Schüssen, das vor einiger Zeit schwach aus der Ferne zu hören gewesen war, hatte sie nicht erschreckt. Sie wußten, was es zu bedeuten hatte. Jetzt aber stand in ihren Augen das blanke Entsetzen.

Aber nur noch einem von ihnen gelang es, einen überraschten Laut auszustoßen. Mit gewaltigen Sätzen waren Batuti und Dan heran, dann schlugen ihre Fäuste erbarmungslos zu.

Dunkelheit und Stille überlagerten die Bucht, in der die „Isabella VIII.“ ankerte. Die gewaltigen Felswände, die stellenweise steil aus dem Wasser ragten, warfen ihre Schatten über die Bucht und ließen die Wasseroberfläche schwarz erscheinen.

Die Galeone der Seewölfe bewegte sich leise knarrend und ächzend hin und her. Da man sämtliche Lichter, einschließlich der Hecklaterne, gelöscht hatte, waren nur ihre mächtigen Umrisse zu erkennen. Die „Isabella“ glich in dieser Nacht einem Geisterschiff, das geheimnisvolle Kräfte in jene abgelegene, verschwiegene Bucht getrieben hatten.

Doch der äußere Schein trog. An Bord des Schiffes herrschte Unruhe. Die meisten Männer, die nicht mit Philip Hasard Killigrew an Land gegangen waren, hielten sich an Deck auf. Lediglich die Zwillinge waren von Ben Brighton, dem Ersten Offizier und Stellvertreter des Seewolfs, in ihre Kojen beordert worden.

„Irgend etwas ist schiefgegangen“, sagte Ben Brighton. Die Hände des sonst so ruhigen und besonnenen Mannes umkrampften mit leichter Nervosität den Ledergürtel, der sich um seine Hüften spannte. „Das vereinbarte Zeichen ist ausgeblieben, außerdem sind bereits am Nachmittag Schüsse gefallen.“

Old Donegal Daniel O’Flynn, sein Gesprächspartner, räusperte sich. Sein verwittertes Gesicht wirkte nachdenklich.

„Nun“, meinte er, „daß es nicht ganz ohne Kampf abgehen wird, war ja eigentlich zu erwarten. Aber daß das vereinbarte Zeichen ausgeblieben ist, bereitet mir langsam Kopfschmerzen. Ganz davon abgesehen, daß unsere Leute längst zurück sein müßten.“

„Das ist es ja“, sagte Ben Brighton. „Es war schließlich nicht geplant, daß sie in dieser mysteriösen Festung übernachten sollten. Wenn sie jetzt trotzdem nichts von sich hören oder sehen lassen, dann kann das eigentlich nur bedeuten, daß ihnen etwas zugestoßen ist.“

Old O’Flynn nickte mit grimmigem Gesicht.

„Verdammt!“ stieß er hervor. „Mich kneift’s in meinem Holzbein, wenn ich auch nur daran denke. Vielleicht ist die ‚Isabella‘ doch gesehen worden, und Hasard ist mit seinen Leuten geradewegs in einen Hinterhalt getappt.“

„Wir können das nicht ausschließen“, erwiderte Ben Brighton. „Sollte dies tatsächlich der Fall sein, dann ist auch die ‚Isabella‘ in Gefahr. Wir sind gefechtsklar, haben alle Lichter gelöscht und Bill in den Großmars geschickt. Aber das hilft Hasard nicht. Ich bin der Meinung, daß wir wenigstens im ersten Morgengrauen einige Männer losschicken sollten, gewissermaßen als Spähtrupp. Jetzt in der Nacht hätten sie wahrscheinlich keine Chance, die Felsenmoschee zu finden.“

„Der Gedanke ist nicht schlecht“, sagte der alte O’Flynn. „Sobald der Tag anbricht, sollten wir einen Trupp zusammenstellen. Notfalls werden wir hier auch mit wenigen Männern jedem auf die Finger klopfen, der an unsere Lady heranwill.“

„Nun gut, Old Donegal!“ Ben Brighton wandte sich dem Steuerbordniedergang zur Kuhl zu. „Ich werde die Männer bestimmen, die im ersten Morgengrauen aufbrechen. Es wird gut sein, wenn sie sich vorher noch ein wenig aufs Ohr legen, denn …“

Weiter gelangte der dunkelblonde, untersetzte Mann nicht. Die helle Stimme Bills, der im Ausguck saß, zerschnitt plötzlich die Stille der Nacht.

„Deck! Drei Boote an Steuerbord. Sie sind fast heran! Verdammt, warum ist es heute auch nur so dunkel!“

Bill, der Moses, schien sich Vorwürfe zu bereiten, weil er die Boote nicht früher gesehen hatte. Aber auch ein anderer hätte sie wahrscheinlich nicht früher wahrgenommen. Urplötzlich waren sie in seinem Gesichtsfeld aufgetaucht, als habe sie die Hölle ausgespuckt. Sie mußten sich im Schatten der riesigen Felsen bis in die unmittelbare Nähe der „Isabella“ herangearbeitet haben.

Auch Ben Brighton, der gerade zur Kuhl abentern wollte, sah jetzt die Boote. Und er reagierte schnell.

„Smoky und Old Donegal an die Drehbässen!“ rief er. „Bob und Big Old Shane, ihr kümmert euch um einige Flaschenbomben. Der Rest an die Musketen!“

„Aye, aye, Sir“ tönte es zurück.

Blitzschnell eilten die Männer auf ihre Stationen.

Die Stückpforten zu öffnen und die Culverinen auszurennen, hätte keinen Sinn mehr gehabt. Dazu waren die Boote bereits zu nahe heran.

„Derwische! Es sind Derwische!“ tönte die Stimme Bills aus dem Großmars. „Sie sind alle in die gleichen Gewänder gekleidet. In jedem Boot sitzen ungefähr zehn Männer!“

Natürlich hatten auch die nächtlichen Angreifer bemerkt, daß ihre Ankunft auf der „Isabella“ registriert worden war. Plötzlich gellte ein lauter Ruf durch die Nacht, der in den Booten ein wüstes Geschrei zur Folge hatte.

Gleich darauf krachten die ersten Schüsse.

Trotzdem pullten die Derwische wie besessen weiter. Ihre Absicht, die „Isabella“ zu entern, war unverkennbar. Und es konnte sich nur noch um Augenblicke handeln, bis die ersten Enterhaken über das Schanzkleid flogen. Schon krachte das Dollbord des ersten Bootes gegen die Bordwand.

Längst hatte auch Ben Brighton den Feuerbefehl gegeben. Musketenschüsse blitzten durch die Nacht. Dazwischen mischte sich das Dröhnen je einer der beiden vorderen und achteren Drehbassen. Auf der Back bediente Smoky, ein Rauhbein, das noch unter Francis Drake als Decksältester gefahren war, eins der schwenkbaren Geschütze, und auf dem Achterdeck hatte Old O’Flynn Stellung an einer Drehbasse bezogen.

Big Old Shane, der ehemalige Schmied der Feste Arwenack in Cornwall, hantierte zusammen mit Bob Grey, einem flinken und drahtigen Burschen, an der Schleudervorrichtung, die Ferris Tucker einst für seine berüchtigten Flaschenbomben konstruiert hatte.

Augenblicke später flog die erste Flasche, die mit gehacktem Blei, Nägeln und Glassplittern gefüllt war, durch die Nacht. Die Pulverladung entzündete sich und zerriß die Flasche direkt am Bug des dritten Bootes, das noch ungefähr achtzig Yards entfernt war.

Ein lautes Geschrei war die Antwort, und das Boot war plötzlich leer. Wer nicht von der Ladung der Flaschenbombe getroffen worden war, war über Bord gesprungen – voller Entsetzen über diese unbekannte, verheerende Waffe der Fremden.

Weitere Enterhaken waren inzwischen über das Steuerbordschanzkleid der „Isabella“ geflogen. Trotz der Schütte, die auf beiden Seiten krachten, tauchten bereits die ersten Derwische aus dem Dunkel der Nacht hervor.

„Die Burschen entern!“ brüllte Ben Brighton vom Achterdeck. „Greift euch Degen, Entermesser und Belegnägel! Zurück mit ihnen ins Wasser!“

Während sich die Seewölfe sofort auf die neue Situation einstellten, dröhnte ein lautes „Ar-we-nack!“ über die Decks der „Isabella“. Es war der alte Schlachtruf derer auf Arwenack, den die Männer gern benutzten.

Der kurze, aber heftige Enterkampf begann.

Die gefährlichen Krummsäbel der Derwische zischten durch die Luft, und es war höchst gefährlich, bei den schlechten Sichtverhältnissen entsprechend zu parieren. Zum Glück konnten die Angreifer durch ihre einheitlichen, langen Gewänder leicht erkannt werden, so daß kein Belegnagel auf den falschen Kopf donnerte.

Selbst der Schimpanse Arwenack turnte laut keckernd in den Wanten, und die Belegnägel, die er durch die Gegend schleuderte, trafen ihr Ziel jedesmal mit erstaunlicher Präzision.

Sir John, der wortgewandte Bordpapagei, fühlte sich in seiner Nachtruhe gestört. Er schien die kämpfenden Seewölfe moralisch unterstützen zu wollen. Die Schimpfwörter, die er von sich gab, hätten bestimmt den einen oder anderen Derwisch erblassen lassen, wenn er sie verstanden hätte.

Zwei Derwische lagen bereits auf den Decksplanken und rührten sich nicht mehr. Eine ganze Reihe war zurückgeschlagen worden und mit lautem Klatschen im Wasser gelandet. Sie hatten es nicht geschafft, die „Isabella“ zu betreten.

Weitere befanden sich noch im erbitterten Kampf gegen die Seewölfe, die sich als eine äußerst kampferprobte Mannschaft entpuppten. Jeder kämpfte an seinem Platz – der Kutscher, Blacky, Pete Ballie, Jeff Bowie, Sam Roskill und Will Thorne. Auch Smoky und Old O’Flynn waren von den Drehbassen herbeigeeilt und hatten sich Degen gegriffen.

Big Old Shane und Bob Grey hatten die Schleudervorrichtung aufgegeben und sich ins Kampfgetümmel gestürzt. Die Zwillinge, die der Lärm aus den Kojen gescheucht hatte, standen mit je einer Pistole hinter einem Schott – bereit, jedem entgegenzutreten, der es wagen sollte, in die Räumlichkeiten der „Isabella“ einzudringen.

Der Kampf war bald entschieden.

Jene Derwische, die nicht schon im Wasser gelandet waren, holten sich blutige Köpfe. Auch auf der Stirn ihres Anführers, Ibrahim Salih, wuchs bereits eine mächtige Beule. Durch seinen rechten Ärmel sickerte Blut.

Er schien eingesehen zu haben, daß seine Rechnung nicht aufgehen würde. Diese wenigen Engländer hier kämpften wie die Löwen. Bei Allah, es würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich mit seinen Männern jetzt auf schnellstem Weg zurückzuziehen. Er würde den Kapitän und einige andere Gefangene als Geiseln herbeiholen. Dann würde es ihm mit Sicherheit gelingen, dieses Schiff zu übernehmen.

Mit lauten Schreien trieb Salih seine Männer zurück. Sie sprangen über Bord, schwammen hastig zu ihren Booten und kappten die Taue, die an den Enterhaken befestigt waren.

Augenblicke später pullten sie ihre wendigen Boote in die Dunkelheit zurück, und zwar in einem Tempo, als sei der Teufel persönlich hinter ihnen her.

„Sollen wir ihnen einige eiserne Grüße nachschicken, Sir?“ fragte Smoky.

„Laß gut sein“, erwiderte Ben Brighton. „Vorerst haben sie genug. Ist jemand von euch verletzt worden?“

Außer einigen Kratzern, Beulen und kleineren Fleischwunden, die der Kutscher leicht wieder verarzten konnte, war niemand ernsthaft blessiert.

„Jetzt möchte ich gern wissen, was diese Rübenschweine als nächstes vorhaben“, murmelte Old O’Flynn mit düsterem Gesicht. „Die geben mit Sicherheit noch nicht auf.“

Die Männer verstummten, als sie an ihre Kameraden dachten, die sich höchstwahrscheinlich in der Gewalt dieser Fanatiker befanden.

Ohne einen weiteren Laut von sich zu geben, brachen die beiden Wächter zusammen. Wie Dan O’Flynn die Lage einschätzte, würden sie auch innerhalb der nächsten Stunden nicht aus dem Reich der Träume zurückkehren.

Während Dan zu Sobocan hinüberwinkte, zog Batuti den beiden Derwischen die Messer und Krummsäbel aus dem Gürtel. Auch die beiden Musketen, die neben der Feuerstelle lagen, fanden sein Interesse.

„Sehr gut!“ flüsterte Sobocan, als er die beiden Seewölfe erreicht hatte. „Aber weiter jetzt und bemüht euch, so leise wie möglich zu sein. Das Verlies wird bestimmt bewacht.“

Wenig später tasteten sich die drei Männer die grobbehauenen Stufen hinunter, die in ein kühles und feucht riechendes Kellergewölbe führten. Während sie sich in der Dunkelheit mit einer Hand an der Wand abstützten, um keine Stufe zu verfehlen, hielten sie in der anderen Hand ihre Schußwaffen. Dan und Batuti hatten die Musketen der Besinnungslosen und Sobocan noch eine schußbereite Pistole.

Bald verriet ihnen ein flackernder Lichtschein, daß sie sich ihrem Ziel näherten. Nachdem die letzte Treppenstufe hinter ihnen lag, erkannten sie einen Gang, der ungefähr zehn Yards vor ihnen nach rechts abzweigte.

Sobocan, der vorausgegangen war, verhielt seine Schritte.

„Wir sind da“, flüsterte er. „Sie haben wahrscheinlich Öllampen entzündet.“

„Wir werden sie überraschen“, erwiderte Dan O’Flynn im Flüsterton. „Wenn alles gutgeht, sperren wir sie mit ihren Kumpanen, die oben im Hof liegen, ein.“

Vorsichtig schoben sich die drei Männer an die Abzweigung des Ganges heran. Leise Stimmen waren zu hören. Die Wächter schliefen also nicht, sondern waren in eine Unterhaltung vertieft. Für einen Moment hielten Sobocan und die Seewölfe den Atem an. Aber sie konnten nur zwei Stimmen unterscheiden.

Dan und Batuti packten ihre Musketen schußbereit. Es folgte ein kurzes Kopfnicken, dann hechteten sie blitzschnell um die Ecke.

„Keine Bewegung!“ sagte Dan O’Flynn mit schneidender Stimme. Gleich Batuti hatte er seine Muskete im Anschlag.

Die beiden Derwische, die vor einer riesigen Holztür auf geflochtenen Matten hockten, starrten die beiden Seewölfe an, als seien sie Gespenster.

„Keine falsche Bewegung“, wiederholte Dan in spanischer Sprache. „Steht langsam auf, nehmt die Hände über den Kopf und versucht nicht, nach euren Waffen zu greifen!“

Die beiden bärtigen Männer schienen den Ernst der Situation zu begreifen. Langsam, fast zögernd, erhoben sie sich von ihren Matten.

„Sobocan!“ stieß einer mit heiserer Stimme hervor, als er den jungen Türken erkannte, der hinter Dan und Batuti aufgetaucht war.

„Ja, ich bin es“, antwortete Sobocan in der Landessprache. „Und ich habe keinen Grund, euch zu verschonen, wenn ihr nicht tut, was euch gesagt wird.“ Mit wenigen Schritten erreichte er die beiden Überrumpelten und entwaffnete sie mit flinken Händen. „Schaut nach euren Kameraden, sie müßten hier drin sein“, sagte er zu den beiden Seewölfen und hielt die Wächter in Schach.

Während Batuti den schweren Riegel zurückschob, griff Dan nach einer der beiden Öllampen.

Mit einem quietschenden Geräusch schwang die schwere Holztür zurück. Vorsichtig trat Dan O’Flynn mit der Lampe in der Hand in das Verlies – und da sah er sie!

Teils hockten und teils lagen sie, wie Pakete zusammengeschnürt, in dem dunklen Raum. Und sie waren hellwach. Niemand von ihnen hatte an Schlaf gedacht, seit sie wußten, was die Derwische noch für diese Nacht geplant hatten. Auch die Schüsse waren ihnen nicht entgangen, die vor einiger Zeit schwach aus der Ferne zu hören gewesen waren. Manch einer von ihnen sah sich im Geist auf der „Isabella“, bis ihn die zusammengebundenen Hände und Füße an die Hilflosigkeit seiner Lage erinnerte.

Der Profos, der am Boden hockte und den breiten Rücken gegen eine Wand gelehnt hatte, öffnete als erster den Mund.

„Ach du heiliger Bimbam!“ stieß er hervor. „Bist du’s, Dan, oder bist du nur ein Geist?“

„Hast du schon mal schwarzes Geist gesehen, Mister Carberry, Sir?“ Das grinsende Gesicht Batutis tauchte über der Schulter Dan O’Flynns auf.

„Bei allen blatternarbigen Kakerlaken!“ sagte Edwin Carberry. „Sie sind es tatsächlich. Wie seid ihr hier eingedrungen, und was habt ihr mit den Rübenschweinen vor der Tür getan?“

„Das erzählen wir euch später“, erwiderte Dan mit strahlendem Gesicht. Ihm war ein tonnenschwerer Stein vom Herzen gefallen, als er gesehen hatte, daß alle wohlauf waren. „Batuti wird euch zunächst von euren Fesseln befreien. Wir müssen alle so rasch wie möglich aus diesem Loch heraus. Die Derwische haben die ‚Isabella‘ angegriffen.“

„Wir wußten, daß sie dies planten“, sagte der Seewolf, „aber wir konnten nichts dagegen tun. Zunächst wollten sie die ‚Isabella‘ entern, dann sollten wir aus dem Weg geräumt werden. Ihr seid wirklich zur rechten Zeit erschienen. Wir alle haben euch zu danken.“

„Schon gut, Sir“, sagte Dan O’Flynn verlegen. „Ihr habt uns auch schon aus der Klemme geholfen.“

Dank des scharfen Messers Batutis waren alle Männer rasch von ihren Fesseln befreit.

„Nach der versteckten Beute werden wir später sehen“, entschied Philip Hasard Killigrew. „Zunächst wird die ‚Isabella‘ unsere Hilfe brauchen.“

Damit war jeder einverstanden.

Die beiden besinnungslosen Wächter, die noch oben im Innenhof der Moschee lagen, wurden heruntergeholt und zusammen mit ihren beiden Kumpanen, die Sobocan mit der Pistole in Schach gehalten hatte, in das Verlies gesperrt.

„Bei Allah, der Scheich wird uns auspeitschen lassen“, jammerte einer von ihnen.

„Das hast du Gauner auch verdient“, erwiderte Al Conroy. „Euch Burschen schadet es nicht, wenn ihr ab und zu mal die Hucke voll kriegt!“ Dann schob er den schweren Riegel vor.

Die Pistolen und Krummsäbel der Wachen wurden mit in den Innenhof genommen, und dort wurden die wenigen zur Verfügung stehenden Waffen unter alle Männer verteilt.

Nachdem sich die Seewölfe davon überzeugt hatten, daß sich keine weiteren Derwische in der Festung befanden, rüsteten sie sich zum Abmarsch.

Doch dabei wurden sie von der Stimme Dan O’Flynns jäh unterbrochen. Seine scharfen Augen hatten eine Reihe von Lichtpunkten entdeckt, die sich der Moschee von der Küste her näherten.

„Sie kehren zurück!“ sagte Dan. „Und sie scheinen in ziemlicher Eile zu sein.“

„Wenn sie so rasch zurückkehren“, sagte der Seewolf, „dann kann das nur bedeuten, daß sie sich bei der ‚Isabella‘ eine Abfuhr geholt haben. Und warum auch nicht! Schließlich sind unsere Leute schon mit anderen Burschen fertig geworden als mit tanzenden Derwischen.

„Werden wir auf sie warten, Sir?“ fragte Luke Morgan ungeduldig.

Hasard nickte.

„Jetzt, da der Kampf vorüber ist, wird man uns an Bord nicht so dringend brauchen. Am besten, wir bereiten diesem Salih und seinem Gesindel den passenden Empfang. Danach sollten wir die Burschen ins Verlies sperren, bis wir die Beute abtransportiert haben. Dort unten können sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, wenn sie nichts besseres zu tun haben.“

Die Männer waren begeistert von diesem Vorschlag.

Als eine Stunde später, im ersten Morgengrauen, Ibrahim Salih mit seinem Haufen in den Hof der Moschee marschierte, bemerkte er die Falle, in die er hineintappte, erst, als es bereits zu spät war.

Die verhaßten „Giaurs“ griffen von allen Seiten an und im Nu war auf dem Tanzplatz der Derwische eine wilde Prügelei im Gange.

Es wurde eine schwarze Nacht für Ibrahim Salih und seine Anhänger. Zuerst hatten sie sich bei der „Isabella“ eine kräftige Abfuhr geholt, und jetzt, nachdem sie zurückgekehrt waren, um Geiseln zu nehmen, bezogen die völlig Überraschten die wohl kräftigste Tracht Prügel, die sie je erhalten hatten.

Die Seewölfe fegten wie ein Wirbelwind durch den Innenhof der Felsenmoschee. Nachdem der rundliche Naci Bekanntschaft mit der Stiefelspitze Edwin Carberrys geschlossen hatte, geriet Ibrahim Salih selbst in die Fäuste des Profoses.

„Trab an, du geiernasiges Rübenschwein!“ fauchte Carberry. „Jetzt kannst du deine Reiterscharen aufmarschieren lassen, von denen der kleine Fettwanst vorgelesen hat. So was wie ihr könnte nicht mal auf einem quiekenden Schwein durch die Gegend reiten. Jetzt kannst du gleich das Beten anfangen, denn ich werde dir höchstpersönlich die Haut in Streifen von deinem karierten Affenarsch ziehen!“

Was der Profos mit seinem derben Lieblingsspruch meinte, kriegte Ibrahim Salih augenblicklich zu spüren. Edwin Carberry war jedenfalls davon überzeugt, daß der Ober-Derwisch den ganzen nächsten Tag damit beschäftigt sein würde, seine Knochen zusammenzulesen.

Der Kampf war bald entschieden, und die Derwische erhielten Gelegenheit, ihren Kumpanen unten in dem feuchten Verlies Gesellschaft zu leisten. Auch Ibrahim Salih blieb der Weg in sein eigenes Gefängnis nicht erspart. Selbst die übelsten Höllenstrafen, die er den Seewölfen androhte, vermochten ihn nicht davor zu bewahren.

Die Seewölfe brachen sofort zur „Isabella“ auf. Den „Beutekeller“ der Derwische wollte Hasard erst dann ausräumen lassen, wenn es hell geworden war. Bei Dunkelheit wäre es zu zeitraubend, das Zeug durch die Felsen zu transportieren. Sie würden im Verlauf des Vormittags zur Felsenmoschee zurückkehren. Bis dahin würde Ibrahim Salih und seinen Schnapphähnen nichts anderes übrigbleiben, als in dem dunklen Kellergewölbe auszuharren.

Luke Morgan und Matt Davies waren vom Seewolf dazu bestimmt worden, als Wachtposten zurückzubleiben.

9.

Ein scharfer Wind war am frühen Morgen aufgekommen. Die Kälte, die durch die Kleidung der Seewölfe drang, erinnerte sie nachhaltig daran, daß der Winter auch an der türkischen Südküste nicht spurlos vorüberging.

Als die beiden Boote an der Backbordseite der „Isabella“ anlegten, wurde Philip Hasard Killigrew und sein Landtrupp von den an Bord verbliebenen Männern freudig begrüßt. Auch Philip und Hasard junior, die Zwillinge, hingen über dem Schanzkleid und winkten mit lachenden Gesichtern.

Der Seewolf fühlte sich erleichtert, denn nach der Stimmung, die an Bord zu herrschen schien, konnten die Derwische bei ihrem nächtlichen Überfall nicht viel angerichtet haben.

Ben Brighton, der Stellvertreter Hasards, bestätigte diese Vermutung, als die Männer wenig später auf die Kuhl der „Isabella“ aufgeentert waren.

Die Begeisterung an Bord war groß, als die Männer erfuhren, daß die Derwische nach einer kräftigen Abreibung in ihrem eigenen Verlies gelandet waren.

„Zum Tanzen dürfte es dort etwas zu eng sein“, stellte Ferris Tucker, der Schiffszimmermann, fest. „Also werden sie wohl oder übel mit kaltem Hintern und knurrendem Magen auf die Stunde ihrer Befreiung warten müssen.“

„Das geschieht ihnen recht“, bemerkte Old Donegal Daniel O’Flynn und stieß sein Holzbein auf die Planken. „Ich habe zwar auch schon Derwische kennengelernt, die wirklich als Bettelmönche gelebt und ihre Religion ernst genommen haben. Aber dieser Salih ist doch wirklich nur ein Beutegeier, und seine Anhänger sind keinen Deut besser als das übelste Piratenpack.“

„So ist es“, bestätigte Edwin Carberry. „Vielleicht werden sie sich wieder an die Ermahnungen ihres Propheten erinnern, wenn wir sie erst von dem Ballast ihrer irdischen Güter befreit haben.“ Ein dröhnendes Gelächter begleitete seine Worte.

Doch die Hochstimmung an Bord währte nicht lange. Eine tödliche Gefahr nahte sich rasch und lautlos wie der dunkle Schatten eines riesigen Vogels.

Gary Andrews, der hagere, aber zähe Fockmastgast, der Bill vor zwei Stunden im Großmars abgelöst hatte, unterbrach die Gespräche der Männer mit einem lauten Ruf.

Aber da sahen sie auch schon selbst die Karacke, die mit vollem Zeug in die Bucht einlief und direkt auf die „Isabella“ zuhielt.

Urplötzlich, und für den Mann im Ausguck erst in letzter Sekunde wahrnehmbar, war sie hinter den schroffen Felswänden, die die Einfahrt zur Bucht säumten, aufgetaucht. Die Piratenflagge war gehißt worden, und auch die geöffneten Stückpforten ließen nicht an den Absichten der Karacke zweifeln.

„Die ‚El Jawhara‘!“ stieß Sobocan hervor, der in der Nähe des Seewolfs stand. Sein sonnengebräuntes Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an.

Philip Hasard Killigrew reagierte blitzschnell.

„Alle Mann auf Stationen!“ lautete sein Befehl, und augenblicklich geriet an Bord der „Isabella“ alles, was Beine hatte, in Bewegung. Dennoch wurde kein unnützer Handgriff getan. Jeder an Bord, von den Zwillingen bis hin zum alten O’Flynn, wußte, was in solchen Situationen zu tun war.

Während der Anker gehievt und die Segel gesetzt wurden, um die Galeone manövrierfähig zu machen, flogen auch schon die Stückpforten hoch. Die insgesamt sechzehn Culverinen mit den überlangen Rohren wurden ausgerannt. Gleich würden sie bereit sein, ihre siebzehn Pfund schweren Eisenkugeln auf die Reise zu schicken.

Die vier Drehbassen, die vorn und achtern plaziert waren, wurden mit Ben Brighton, Old O’Flynn, dem Kutscher und Edwin Carberry besetzt.

Während die Zwillinge Bill, dem Moses, dabei halfen, die Kupferbekken mit den glühenden Holzkohlen aus der Kombüse zu holen und sie auf die Geschütze zu verteilen, spannten Batuti und Big Old Shane ihre Bogen, um damit auf Befehl ihre gefürchteten Brand- und Pulverpfeile auf den Gegner abzuschießen.

Ferris Tucker, der rothaarige Riese, hatte sich der von ihm erfundenen Schleudervorrichtung für die verheerenden Flaschenbomben zugewandt.

Sand war auf der Kuhl bereits vor dem Auftauchen der Piratenkaracke ausgestreut worden, um den Männern an den Geschützen eine bessere Standfestigkeit zu verleihen. Die „Isabella“ war nach dem Kampf mit den Derwischen, so gut es ging, gefechtsklar geblieben. Das sollte sich jetzt sehr vorteilhaft auswirken.

Obwohl die wüsten Gestalten an Bord der Karacke bereits einigermaßen deutlich zu erkennen waren, ließ Philip Hasard Killigrew seine Blicke mit Hilfe des Spektivs über die Decks der „El Jawhara“ wandern.

Längst hatte er gemäß der detaillierten Beschreibung Sobocans, der neben ihm stand, jenen kleinen, dikken Mann mit dem kahlen Schädel und dem feisten Gesicht erkannt, der auf dem Achterdeck stand und irgendwelche Befehle schrie.

Es war Barabin, der Kapitän der Seeräuberkaracke. Sein trotz der kühlen Morgenluft nackter Oberkörper und der dünne, schwarze Oberlippenbart verliehen ihm ein verwegenes Aussehen. Seine pludrigen Hosen steckten in Seemannsstiefeln, die er wahrscheinlich irgendwann erbeutet hatte, und an seiner Hüfte baumelte ein Krummsäbel. Das also war Barabin, der Schrecken der türkischen Küsten, der sich wie eine ausgehungerte Hyäne auf jedes Schiff stürzte, das ihm in die Quere geriet.

„Wahrscheinlich war dieser Barabin in Küstennähe unterwegs zu seinem Busenfreund Salih“, sagte Hasard zu Sobocan. „Durch irgendeinen Zufall muß er uns in der Bucht bemerkt haben. Und jetzt will er den Überraschungsmoment für sich nutzen. Na gut, da wollen wir ihm das Frühstück gleich mal etwas versalzen.“

Von da an überstürzten sich die Ereignisse.

Noch während die Karacke mit voller Fahrt auf die „Isabella“ zuhielt, um den Abstand so weit zu verringern, daß die Galeone in die Reichweite ihrer Geschütze geriet, tönte der Feuerbefehl des Seewolfs über die Decks.

Und damit erlebte Barabin seine erste böse Überraschung, denn er hatte nicht damit gerechnet, daß die Culverinen jener ranken Galeone durch ihre Überlänge eine wesentlich größere Reichweite hatten als seine eigenen Geschütze.

Die Folgen dieser Fehlkalkulation blieben nicht aus.

Mit ungeheurer Wucht stießen die Culverinen der Steuerbordseite der „Isabella“ ihre Ladungen aus und ließen das Schiff leicht überkrängen. Die schweren Geschütze rollten zurück und wurden durch die Brooktaue abgefangen. Sofort gab Al Conroy den Befehl, die Culverinen erneut aufzuladen, was mit Windeseile geschah.

Die „El Jawhara“ und ihre Besatzung wurden durch die plötzliche Breitseite der „Isabella“ völlig überrascht. Während zwei der siebzehn Pfund schweren Kugeln hohe Fontänen emporrissen, verwandelten die übrigen Geschosse die Karacke Barabins in ein halbes Wrack, noch bevor der erste Schuß abgefeuert worden war. Erst in dem Augenblick, in dem die Geschütze der englischen Galeone aufgebrüllt hatten, war der Befehl Barabins zum Beidrehen ergangen. Erst jetzt hatte sein Schiff den Abstand zur „Isabella“ so weit verringert, daß er an einen Einsatz seiner Geschütze denken konnte.

Ein fürchterliches Krachen und Splittern vermischte sich an Bord der „El Jawhara“ mit dem Fluchen und Schreien der Piraten. Im Vorschiff klaffte ein beträchtliches Leck. Teile der Back waren zerfetzt worden, der Fockmast hatte sich mit einem häßlichen Geräusch zur Seite geneigt und war schließlich völlig umgeknickt und über Bord gegangen. Auch auf dem Achterdeck der Karacke war nicht mehr viel heil geblieben.

Barabin hatte sich mit einem Wutschrei auf die Planken geworfen, und wahrscheinlich verdankte er dieser Reaktion sein Leben.

Doch nicht nur die Culverinen der „Isabella“ hatten ihre Arbeit aufgenommen, auch die Drehbassen begannen damit, Feuer und Eisen zur „El Jawhara“ hinüber zu schicken. Kettenkugeln entfalteten sich und zerfetzten einen Großteil der restlichen Takelage. Spieren und Stengen flogen durch die Luft, das Großmarssegel sowie das Großsegel hingen plötzlich in Fetzen.

An Bord des Piratenschiffes entstand Wuhling. Schreie und Befehle hallten über das Schiff. Dazwischen war das Jammern und Stöhnen der Verwundeten zu hören.

„Feuer! Schießt die verfluchten Giaurs zusammen! Reißt sie in Stükke!“ brüllte Barabin wie ein Irrsinniger. Er achtete nicht mehr darauf, daß sein Schießbefehl verfrüht war, denn die Geschütze der Steuerbordseite seines Schiffes brüllten bereits auf, als die „El Jawhara“ noch beizudrehen versuchte. Die Kugeln klatschten wirkungslos ins Wasser, nur eine beschädigte die Balustrade zwischen Back und Galionsdeck der „Isabella“.

Die Seewölfe ließen sich dadurch nicht beeindrucken. Sie verloren keine Zeit. Auf den Befehl Philip Hasard Killigrews hin ließ Pete Ballie, der im Ruderhaus stand, das mächtige Rad, das die „Isabella“ vor anderen Schiffen, die noch mit dem schwerfälligen Kolderstock gesteuert wurden, auszeichnete, durch die Fäuste wirbeln.

Wendig ging die ranke Galeone über Stag. Noch bevor die Piratenkaracke weiteren Schaden anrichten konnte, stießen die Backbordgeschütze der „Isabella“ ihre verheerende Ladung durch die Bucht.

Die schwere Stunde der „El Jawhara“ begann. Längst hatte ihr Kapitän, der Türke Barabin, wohl eingesehen, daß er besser an dieser stillen Bucht vorbeigesegelt wäre. Der Entschluß, das dort ankernde Schiff gewissermaßen „im Vorbeigehen“ zu entern, hatte das Verhängnis heraufbeschworen.

Durch das Leck im Vorschiff der Karacke strömten unaufhaltsam die Wassermassen ins Innere. Und jetzt hatten die Culverinen der Galeone auch noch drei riesige Löcher in die Bordwand der „El Jawhara“ gestanzt – direkt in der Wasserlinie. Das war der Todesstoß für die Karacke!

Das Schiff neigte sich zur Seite, seine Minuten waren gezählt. Barabin und seinen Schnapphähnen verblieb keine Zeit mehr, die Beiboote ins Wasser zu bringen. Es blieb ihnen nur noch der Sprung in die kühlen Fluten, wenn sie nicht mit dem sinkenden Schiff in die Tiefe der Bucht gerissen werden wollten.

Etliche von ihnen schwammen bereits mit kräftigen Zügen der bizarren Felsenlandschaft entgegen, die zwar nicht in unmittelbarer Nähe lag, aber dennoch erreichbar war. Dabei saß den Piraten die Angst im Nacken. Sie wußten sehr wohl, daß man an Bord der „Isabella“ verschiedene Möglichkeiten hatte, ihnen den Weg zur Küste abzuschneiden.

Doch der Seewolf dachte nicht daran.

„Genug!“ befahl er und hob die Hand. „Die richten so schnell keinen Schaden mehr an. Ihr Schiff geht jeden Augenblick auf Grund. Die wenigen, die überlebt haben und waffenlos die Küste erreichen, werden zunächst auch nicht mehr auf dumme Gedanken verfallen.“

Die Seewölfe hatten das Feuer bereits eingestellt. Als die „El Jawhara“ in den Fluten verschwand, dröhnte in lautes „Ar-we-nack!“ durch die Bucht.

Erst die Stimme Sobocans, des jungen Türken, riß die Männer in die rauhe Wirklichkeit zurück.

„Slobodanka!“ rief er plötzlich und deutete auf die Wasserfläche. „Dort drüben! Sie hat sich an den treibenden Fockmast geklammert!“ Seine Stimme klang aufgeregt.

„Fiert ein Boot ab!“ Der Seewolf reagierte augenblicklich.

Kurz danach pullte Sobocan mit Batuti und Bob Grey dem Fockmast der Piratenkaracke entgegen.

„Slobodanka! Ich bin’s, Sobocan!“ rief der junge Mann, und über das hübsche, ebenmäßige Gesicht des etwa zwanzigjährigen Mädchens, das sich an dem treibenden Mast festhielt, huschte plötzlich ein Lächeln.

Als die Männer sie ins Boot zogen, klebten ihre nassen Haare gleich ihren Kleidern eng an ihrem Körper und ließen die Konturen ihrer wohlproportionierten Gestalt deutlich erkennen.

„Sobocan!“ Das Mädchen atmete schwer. Ihre Brüste hoben und senkten sich, als sie sich mit einer raschen Handbewegung eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht wischte.

Batuti und Bob Grey, die das Boot zur „Isabella“ zurückpullten, bemühten sich, zu den Felsmassiven der Bucht hinüberzublicken, als Sobocan die Tochter des Seeräubers Barabin in die Arme schloß.

10.

Noch am selben Tag verließ die Isabella VII.“ die stille Bucht und ging wenig später in der Nähe der Felsenmoschee der Derwische wieder vor Anker.

Auch dieses Mal lotste Sobocan einen Teil der Seewölfe durch das unwegsame Felsenlabyrinth.

In der alten Seldschukenfestung hatte sich, wie sie bald feststellten, nichts verändert. Die Derwische saßen immer noch in ihrem dunklen und feuchten Verlies, und Luke Morgan und Matt Davies, die die Stellung gehalten hatten, begrüßten freudig den ankommenden Trupp. Sie hatten sich sehr wohl Sorgen über den Gefechtslärm bereitet, der von ferne zu ihnen herübergedrungen war. Jetzt aber atmeten sie auf, als sie vom Untergang des Piratenschiffes hörten.

Die Seewölfe hielten sich nicht lange auf.

Sobocan kannte die Kellerräume, in denen die Beute Barabins und der Derwische gelagert wurde, und rasch zeigte sich, daß er nicht übertrieben hatte.

Die hochaufgestapelten Kisten, die Säcke, Ballen, Truhen und Fässer, die die Schnapphähne hier gehortet hatten, brachten für die Männer von der „Isabella“ noch ein gewaltiges Stück Arbeit mit sich. Obwohl eine frische Brise wehte, lief ihnen der Schweiß in Strömen über die Körper, während sie die Beutestücke zur „Isabella“ transportierten. Sie mußten den beschwerlichen Weg mehrmals zurücklegen.

Als sie das letzte Mal in Richtung Küste aufbrachen, holten sie Naci, den kleinen, dicklichen Derwisch aus dem Verlies. Er mußte den Transport mit einem nicht gerade leichten Sack auf den Schultern begleiten und sollte später, wenn alle Männer wieder an Bord gehen würden, freigelassen werden. Er hatte dann“ die Möglichkeit, zur Felsenmoschee zurückzukehren und das Verlies, in dem die übrigen Derwische nach wie vor hockten, zu öffnen.

Und so geschah es auch. Nachdem Edwin Carberry dem kleinen Derwisch angedroht hatte, ihm die Haut in Streifen von seinem edelsten Körperteil abzuziehen, begab sich dieser, so manche Verwünschung krampfhaft herunterschluckend, auf den Weg zu seinen gefangenen Kumpanen.

„Ohne Barabin werden auch Ibrahim Salih die Hände ziemlich gebunden sein“, stellte der Seewolf mit einem Lächeln fest. „Vorerst werden die Derwische – ob es ihnen paßt oder nicht – wieder als Bettelmönche leben müssen.“

„Und das ist ganz in Ordnung!“ entgegnete der Profos und schob sein gewaltiges Rammkinn vor. „Zu vieles Essen macht dick und müde. Wie sollen da die Rübenschweine beim Tanzen noch ihre drallen Achtersteven um die Kurve kriegen? Was? Wie?“

Ein brüllendes Gelächter war die Antwort.

Kurz danach gab der Seewolf den Befehl, die Anker zu hieven und die Segel zu setzen. Sobocan und Slobodanka, die Tochter Barabins, sollten wunschgemäß irgendwo an der türkischen Südküste abgesetzt werden. Und als dies geschah, hatten die Seewölfe das Gefühl, sich von guten Freunden zu trennen.

Die Winkenden an der Küste wurden immer kleiner und verschwanden schließlich ganz aus dem Blickfeld, während die „Isabella“ stolz wie ein Schwan und unter vollem Preß auf Ostkurs davonsegelte …


1.

Bleigrau war der Himmel, der sich über der See wölbte. Der Tag ging zur Neige. Die „Isabella VIII.“ segelte von der Küste der Türkei her südwärts durch das östliche Mittelmeer und lief bei frischem Wind aus Nordwesten gute Fahrt.

Blaßrot senkte sich an Steuerbord die Sonne ihrem Untergang entgegen; nicht mehr lange, dann würde sie hinter der dunstigen Linie der Kimm versinken und endgültig der Dunkelheit weichen, die wie ein träges Riesentier vom Morgenland her über die Fluten kroch.

Dan O’Flynn enterte zum Wachwechsel aus dem Großmars ab. Sein Platz wurde von Bill eingenommen, der flink in den Luvhauptwanten hochkletterte und über die Umrandung der Plattform stieg.

Es war schon einige Zeit her, daß Dan zum letztenmal den Posten als Ausguck im Großmars eingenommen hatte. Er gehörte zu den Achterdecksleuten, doch Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, hatte es für erforderlich gehalten, ihn an diesem Nachmittag doch zum Dienst mit dem Kieker einzuteilen, und zwar aus einem triftigen Grund.

Jemand schien die „Isabella“ zu verfolgen, und Dan, der die besten Augen von allen Männern der Besatzung hatte, konnte auch im Dämmerlicht nicht die geringste Kleinigkeit dessen entgehen, was sich weit hinter dem Kielwasser der Galeone im Norden tat.

Hasard verließ das Achterdeck und schritt zu Dan. Sie trafen sich an der Nagelbank des Großmastes.

„Nun?“ fragte der Seewolf. „Du hast die Mastspitzen also nicht wieder entdeckt?“

„Nur noch einmal ganz kurz, dann blieben sie wieder zurück. Aber ich könnte nicht beschwören, daß sie zu denselben beiden Schiffen gehörten, die wir am frühen Nachmittag gesichtet hatten.“

„Trotzdem wette ich eins zu tausend, daß sie es waren“, sagte Hasard. „Rekapitulieren wir doch mal. Plötzlich tauchen wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein Zweimaster und ein Dreimaster auf, die offensichtlich als Fühlungshalter hinter uns bleiben – eine Schebecke mit Lateinersegeln und eine Ga-leone mit dunkel gelohtem Zeug, die ihrer Bauart nach von einer spanischen Werft stammen könnte. Liegt da nicht die Vermutung nahe, daß es sich um Selim und Lord Henry handelt?“

Ben Brighton, Hasards Erster Offizier und Bootsmann, trat zu ihnen. „Aber es bleibt immer noch die Frage offen, wie es angehen kann, daß Henry sich mit Selim, dem türkischen Seeräuber, verbündet hat.“

Hasard wandte sich ihm zu. „Das läßt sich in etwa nachvollziehen. Gehen wir von der Tatsache aus, daß es Henry war, der bei unserem Erlebnis in Pigadia auf Rhodos plötzlich im Morgengrauen vor der Küste auftauchte und das Feuer auf Selims Schiffe eröffnete.“

„Nun ja“, sagte Ben und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Wir haben das kurze Gefecht zwar nicht verfolgen können, aber auch ich könnte mir vorstellen, daß die Kanonenschüsse der Schebecke und der Ghanja Henry galten, der unerwartet aufkreuzte und Kurs auf Selims Ankerbucht oder auf die Bucht nahm, in der wir lagen.“

Die anderen Männer näherten sich, um dem Gespräch zu lauschen – Edwin Carberry, der Profos der „Isabella“, Old O’Flynn, Shane, Ferris Tucker, Smoky, Blacky, Batuti und die übrigen, die gerade Deckswache hatten.

„Selims Späher hatten uns beobachtet“, spann der Seewolf den Faden weiter. „Selim schickte einen Boten zur Schebecke und zur Ghanja – Dobran und die anderen Kerle an Bord der beiden Schiffe sollten sich an uns heranpirschen und die ‚Isabella‘ zusammenschießen, während Jella und die Türkinnen unseren Landtrupp ablenkten und ins Dorf Pigadia lockten.“

„Richtig“, bestätigte Big Old Shane. „So und nicht anders muß es gewesen sein. Also gingen die Schebekke und die Ghanja ankerauf und verließen die Bucht. Warum aber ließ Dobran die Musketenschüsse abgeben?“

„Wie, das weißt du nicht?“ fragte Old O’Flynn überrascht. „Die galten doch den Fischerbooten, die von Lagios’ Freunden unbemannt gegen die Piratenschiffe vorgeschickt wurden. Dobran glaubte an einen Überfall und verlor die Nerven.“

„Ja“, sagte Ferris Tucker und lachte. „Und die Schüsse warnten Ben, der sich sofort auf ein mögliches Gefecht vorbereitete.“

„Ein Überraschungsangriff auf unsere alte Lady wäre den Türken also nicht mehr gelungen“, sagte Ben. „Aber auch Lord Henry hatte die Musketenschüsse vernommen, denn er steuerte offenbar auf Selims Ankerbucht zu.“

Dan O’Flynn grinste. „Und nun der große Clou – Dobran, der die ‚Isabella‘ bislang ja noch nicht gesehen hatte, verwechselte sie mit der ‚Cruel Jane‘ Lord Henrys und eröffnete sofort das Feuer. Henry schoß erbost zurück.“

„Henry versenkte die Ghanja“, fuhr Hasard fort. „Die Schiffbrüchigen retteten sich an Bord der Schebecke, die Schebecke drehte ab und ergriff vor der ‚Cruel Jane‘ die Flucht. Selim und seine Restmeute aus dem Dorf hatten unterdessen die Bucht erreicht und sich an Bord der Fischerboote retten können, mit denen sie auf die offene See hinauspullten.“

„Die Schebecke nahm auch sie auf, wie wir durch Lagios noch erfahren haben“, sagte Ben Brighton. „Henry ließ jedoch nicht von den Türken ab, er jagte sie an der Luvseite von Rhodos entlang, mit Kurs nach Norden. Aber noch einmal, Dan, bist du ganz sicher, daß es wirklich die ‚Cruel Jane‘ war, die hinter Selims Zweimaster her war?“

„Von dem Aussichtspunkt, auf den ich stieg, konnte ich nur noch die dunkel gelohten Segel der Galeone erkennen, nicht sehr viel mehr.“

„Und die schwarze Flagge mit den gekreuzten Säbeln?“ fragte Ferris Tucker.

„Die natürlich nicht“, erwiderte Dan. „Sonst wäre ich völlig sicher gewesen.“

„Ich leide ganz bestimmt nicht an Halluzinationen“, meinte Hasard mit einem Blick zu Old O’Flynn. „Ich bin fest davon überzeugt, daß es Lord Henry war und wir ihn auch nach wie vor am Hals haben. Er läßt nicht locker. Er will sich rächen und den Schatz der Medici, den wir ihm entrissen haben, wieder an sich bringen.“

„Und warum hat er die Schebecke nicht auch versenkt?“ wollte Blacky wissen. „Es will mir nicht in den Kopf, daß er mit einem Kerl wie diesem Selim gemeinsame Sache macht.“

„Warum denn nicht?“ sagte der Seewolf. „Der Zweck heiligt die Mittel, vergiß das nicht. Henry ist jeder Weg recht, um uns zu stellen und erneut anzugreifen. Und er ist gerissen. Er hat es geschafft, sich in Neapel aus der Affäre zu ziehen, obwohl Don Gennaro eine Stinkwut auf ihn hatte. Er nutzt jede List aus, die sich ihm bietet, und bestimmt schafft er es, auch Selim zu blenden. Wahrscheinlich haben Mechmed und dessen Berber, die sich wohl nach wie vor an Bord der ‚Cruel Jane‘ befinden, zu einer Einigung mit Selim beigetragen, vielleicht auch Dalida. Ganz bestimmt haben sie als Dolmetscher zwischen Henry und Selim fungiert, und so hat Henry einen Kampfgefährten dazugewonnen, weil er befürchtet, uns allein nicht gewachsen zu sein.“

„Dalida und Mechmed“, sagte Carberry ärgerlich. „Die hätten wir am besten gleich im Hafenwasser von Neapel ersäuft, das wäre besser gewesen.“

„Richtig, richtig!“ rief Smoky. „Die Dame Dalida hat ja auch noch ein Hühnchen mit dir zu rupfen, Ed! Paß bloß auf, daß sie dir nicht mit ihrem Messer nahe gerät, wenn ihr euch noch mal begegnet!“

„Was sollte sie schon ausrichten“, brummte der Profos. „Es wäre ja wohl das allerletzte, wenn ich mich von dieser verdammten Ägypterin erdolchen lassen würde.“

„Aber sie könnte zumindest das tun, was Abu Al-Hassan und dessen Eunuchen in Marokko nicht fertiggebracht haben“, sagte Dan O’Flynn ganz gelassen.

Carberry fuhr zu ihm und Smoky herum. „Ihr triefäugigen Aale, daran könnt ihr euch so richtig hochziehen, was? Aber ich will euch was sagen. Wenn ihr mich noch weiter mit dieser Sache anstänkert, geht es euch dreckig. Dann stolpert ihr bei Nacht über eine Taurolle und rennt mit der Nase gegen ein verriegeltes Schott, daß sie so platt wird wie die einer Flunder.“

„Mister Carberry, Sir“, sagte Philip junior, der sich mit seinem Bruder jetzt ebenfalls zu der Gruppe gesellt hatte. „Aber eine Flunder hat doch gar keine richtige Nase.“

Der Profos blickte ihn an. Alle warteten schon auf ein Donnerwetter, aber der Narbenmann nahm den Einwand des Jungen eher verständnisvoll auf.

„Stimmt genau“, sagte er. „Eben deswegen. Dieser Mister O’Flynn und dieser Mister Smoky hier sind in meinen Augen nämlich gesichtslose Stinte, und es wäre gut, wenn jeder, der sie nicht kennt, dies auf Anhieb begreift.“

Die Jungen lachten. Dan und Smoky wollten aufbegehren, aber Hasard hob jetzt die Hand und sagte: „Schluß jetzt. Es fehlte noch, daß ihr euch streitet. Wir haben Wichtigeres zu tun. Um noch einmal auf Rhodos zurückzukommen: Nach der mutmaßlichen Einigung nahmen Selim und Henry wohl auch noch Jella und die anderen Frauen zu sich an Bord, die wir freigelassen hatten, dann begannen sie, unsere ‚Isabella‘ zu suchen, die Henry sicherlich von Selim hinreichend beschrieben wurde.“

„Also kehrten sie zu unserer Ankerbucht zurück“, meinte Ben Brighton. „Aber wir waren längst fort. Wahrscheinlich gingen sie auch noch einmal ins Dorf Pigadia hinauf …“

„… und es war gut, daß sich die Bewohner ins Innere der Insel zurückgezogen hatten“, ergänzte Hasard. „Sonst hätten die Piraten sie dieses Mal alle umgebracht. Ich nehme an, daß Henry die Südseite der Insel sehr gründlich absuchte, ehe er endgültig davon überzeugt war, daß wir uns verzogen hatten. Jetzt begann er, im Seegebiet zwischen Rhodos und Zypern nach uns zu fahnden, in der Hoffnung, irgendwann doch noch auf uns zu stoßen.“

„Aber er kennt unser Ziel nicht“, wandte Ferris Tucker ein. „Er weiß nicht, daß wir zur Mündung des Nils wollen.“

Hasard zuckte mit den Schultern. „Möglich auch, daß er etwas ahnt. Aber bestimmt hat er uns nicht an der Südküste der Türkei gesucht. Er dürfte eine Zeitlang ziemlich planlos umhergestreift sein, und dann, ganz plötzlich, entdeckte er uns wieder.“

„Und er ist wieder darauf aus, was auf die Jacke zu kriegen?“ sagte der alte O’Flynn. „Ho, Kerls, dann nur zu, er wird sich wundern, was für einen herzlichen Empfang wir ihm bereiten.“

„Unterschätze ihn nicht“, mahnte Smoky. „Er ist jetzt nicht mehr allein, und Selim ist ebenfalls ein äußerst gefährlicher Gegner für uns – gefährlicher als beispielsweise dieser Don Gennaro in Neapel. Selim haßt uns wie die Pest, er hat die Niederlage auf Rhodos bestimmt nicht verwunden.“

„Soll das heißen, daß du vor ihm kneifen würdest?“ brummte der Alte.

„Ach, Unsinn.“

„Kneifen will auch ich nicht“, sagte Hasard. „Aber ich will Henry und Selim doch meiden, um unnötige Verluste zu verhindern. Es wäre sinnlos, ihn abzuwarten, mehr noch, es wäre unverantwortlich von mir. Einen Denkzettel haben wir ihm mehrfach verpaßt, das sollte uns genügen.“

„Mit anderen Worten?“ fragte Shane.

„Wir sind quitt mit ihm“, entgegnete Hasard. „Ich werde versuchen, ihn endgültig abzuhängen, indem ich die Insel Zypern an ihrer Westseite runde.“

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment meldete sich Bill mit heller Stimme aus dem Großmars. „Deck! Boot Backbord voraus – ein Einmaster!“

Die Männer drehten sich um und spähten voraus, vermochten im verblassenden Büchsenlicht jedoch nichts zu erkennen. Hasard holte sein Spektiv aus dem Wams, stieg auf die Back und eilte nach vorn. An der Querbalustrade über der Galionsplattform verharrte er, zog das Rohr auseinander und hob es ans Auge.

Durch das Okular konnte er schwach die Umrisse des von Bill entdeckten Einmasters erkennen.

„Offenbar ist es eine Tartane“, sagte er zu Ben, Shane, Ferris und den O’Flynns, die ihm gefolgt waren. „Ich kann keinen Menschen an Bord sehen.“

„Das Boot scheint herrenlos zu sein!“ meldete nun auch Bill.

„Trotzdem ist es unsere Pflicht, uns davon zu vergewissern“, sagte der Seewolf. „Wir nehmen Kurs darauf und sehen es uns aus der Nähe an.“

Die Tartane war ein typisches Fahrzeug des Mittelmeerraumes, das als Frachtensegler oder als Fischerboot benutzt wurde. Das Boot, auf das die „Isabella“ zuhielt, war mit einem Pfahlmast versehen. Das große Lateinersegel hing aufgegeit an der langen Gaffelrute, und auch die Fock war geborgen worden. So, wie es da ohne Fahrt auf den Wellen dümpelte, erweckte es von weitem den Anschein eines geisterhaften Schiffchens, dessen Besatzung schon vor Stunden von Bord gegangen war. In den Gedanken der Männer der „Isabella“ wurde so manche Erinnerung an die unheimlichen Begegnungen wach, die sie im Laufe der Jahre auf den Weltmeeren gehabt hatten.

„Das ist ein Spukschiff“, sagte Old O’Flynn denn auch prompt. „Es bringt uns Unheil. Am besten weichen wir in einem großen Bogen aus.“

Der Seewolf blickte unausgesetzt durch sein Spektiv, doch von der Tartane war in der zunehmenden Dunkelheit jetzt kaum noch etwas zu erkennen.

„Fang nicht mit deinen Unkereien an, Donegal“, sagte er. „Es wird schon keinen Dämon an Bord haben, auch nicht die Pest, vielleicht aber jemanden, der unsere Hilfe braucht.“

„Winkt dieser Jemand uns etwa zu?“ fragte der Alte.

„Nein. Es regt sich nach wie vor nichts.“

„Na bitte. Wahrscheinlich ist es gar kein richtiges Boot.“

„Kein richtiges Boot?“ wiederholte Ferris Tucker verdutzt. „Ja, was denn wohl sonst?“

„Ein Schemen, ein Trugbild. Etwas, das uns die Mächte der Finsternis vorgaukeln, um uns auf ein Riff zu locken“, erwiderte Old Donegal Daniel O’Flynn grantig.

Ferris kratzte sich nachdenklich am Kopf.

Big Old Shane schnitt eine Grimasse und sagte: „Phantasie hast du ja genug, das muß man dir lassen, Donegal. Kannst du das Riff, von dem du sprichst, vielleicht schon im Wasser leuchten sehen, he? Oder siehst du irgendwo deine Gespenster und Spukgeister in der Dunkelheit grinsen?“

„Rede du nur“, brummte der Alte. „Deine Ansichten kenne ich ja zur Genüge. Dich holt eines Tages der Teufel höchstpersönlich.“

„Dich nimmt er bestimmt eher als mich auf die Schippe.“

„Das werden wir ja sehen“, sagte Old O’Flynn giftig.

„Beidrehen!“ rief der Seewolf. „Wir sind nah genug heran! Geit auf die Segel! Ben, die Männer sollen in Lee ein Beiboot abfieren!“

„Aye, Sir.“ Ben Brighton zeigte klar und ging fort. Er stieg auf die Kuhl hinunter und gab den Befehl an Carberry weiter, der sich daraufhin zur Crew umwandte und brüllte: „Habt ihr das nicht gehört, ihr Kanalratten?“

„Ed“, sagte der Seewolf scharf. „Nicht so laut. Von jetzt an wird nur noch gedämpft gesprochen, verstanden?“

„Aye, Sir“, erwiderte der Profos ein wenig verlegen. „Und die Achterlaterne zünden wir wohl auch nicht an, oder?“

„Sehr richtig.“

Carberry fuhr wieder zu den Männern auf der Kuhl herum. „Kein Licht anzünden, ihr Himmelhunde!“ zischte er. „Und daß mir ja keiner das Maul zu weit aufreißt, sonst raucht es im Schapp.“

Blacky, Batuti, Matt Davies und Luke Morgan hatten die Jolle der Steuerbordseite von ihrer Segeltuchhülle und den Zurrings befreit, jetzt begannen sie, sie vom Deck hochzuhieven, außenbords zu schwenken und in Lee abzufieren. Der Rest der Deckswache geite die Segel auf. Rasch verlor die Galeone an Fahrt, und als sie schließlich beigedreht in der See lag, ließ der Seewolf die Jakobsleiter ausbringen und kletterte mit Shane, Ferris, Blacky und Dan in das Boot hinunter.

Stille herrschte jetzt, unterbrochen nur vom Knarren der Blöcke und Rahen und dem Plätschern des Wassers an den Bordwänden.

Hasards Vorsicht war begründet. Falls es sich bei den Verfolgern tatsächlich um Lord Henry und Selim handelte, dann waren diese bestimmt hartnäckig genug, die Suche auch in der Nacht fortzusetzen. Vielleicht schoben sie sich näher und näher heran, während die „Isabella“ wegen der Tartane Zeit verlor. Und ein winziger Lichtschimmer oder ein zu laut gesprochenes Wort konnte die Position der Seewölfe verraten.

Hasard nahm als Bootsführer auf der Heckducht der Jolle Platz und griff nach der Ruderpinne. Ferris drückte das Boot mit Hilfe eines Bootshakens von der Bordwand der „Isabella“ ab, dann nahm auch er auf einer Ducht Platz und begann zusammen mit Shane, Blacky und Dan zu pullen.

Rasch war die Jolle bei der sanft im Wasser dümpelnden Tartane angelangt. Sie ging längsseits, und Hasard richtete sich von seinem Sitzplatz auf, um einen Blick ins Innere des Einmasters zu werfen. Er glaubte, unter den Duchten eine Gestalt zu erkennen, und schlug alle Warnungen und Ratschläge Old O’Flynns in den Wind – er enterte die Tartane und beugte sich mit besorgter Miene über den Mann, dessen verwittertes Gesicht er jetzt erkennen konnte.

Seine vier Männer blickten zu ihm hinüber, sie hatten die liegende, reglose Gestalt ebenfalls entdeckt.

„Ist er tot?“ fragte Shane.

Hasard hatte an der Brust des alten Mannes gelauscht und nach dessen Pulsschlag gesucht. Jetzt erhob er sich und antwortete: „Nein. Er lebt noch. Man hat ihn übel zugerichtet, aber vielleicht können wir ihn noch retten. Los, bringen wir ihn an Bord der ‚Isabella‘.“

2.

Vorsichtig betteten sie den Fremden auf den Boden der Jolle, dann nahmen sie die Tartane in Schlepp und kehrten zur „Isabella“ zurück. Hasard lud sich den Bewußtlosen auf die Schulter und kletterte an der Jakobsleiter hoch. Shane, Ferris, Dan und Blacky brachten die Tartane zum Heck des Schiffs und vertäuten sie dort.

Die Zeit, die sie dadurch verloren, verstrich an Bord der „Isabella“ mit dem Unterbringen des verletzten, ohnmächtigen Mannes in einer Kammer des Achterkastells. Der Seewolf brauchte den Kutscher, seinen Koch und Feldscher, nicht rufen zu lassen, der Kutscher befand sich bereits im Anmarsch.

Er untersuchte den alten Mann eingehend, dann schaute er auf und drehte sich zu Hasard und den anderen Männern um, die sich in der Kammer eingefunden hatten.

„Man hat mit Knüppeln auf ihn eingeschlagen“, sagte er. „Und ich glaube, er hat auch einen Herzanfall erlitten. Es ist ziemlich schlimm um ihn bestellt, aber ich werde für ihn tun, was in meinen Kräften steht.“

„Das wird ihm nicht mehr viel nutzen“, brummte der alte O’Flynn. „So, wie er traktiert worden ist, hat er nicht mehr lange zu leben.“

„Trotzdem versuche ich, ihn durchzubringen“, sagte der Kutscher mit beinah störrischer Miene.

„Seiner Kleidung nach könnte er ein Fischer sein“, sagte der Seewolf. „Jedenfalls bestimmt kein reicher Mann. Warum ist man über ihn hergefallen?“

„Blutrache vielleicht“, meinte Smoky. „Die gibt es doch sicherlich auch auf Zypern.“

„Bestimmt“, sagte Ben Brighton. „Hoffentlich erfahren wir noch von ihm, was der Grund für diese Tat war.“

„Das hoffe ich auch“, sagte Hasard. „Was mich wundert, ist, daß er sich mit seiner Tartane so weit auf die offene See hinausgewagt hat. Wir befinden uns noch gut vierzig Meilen von Zypern entfernt. Auf diese Entfernung segelt doch normalerweise kein Fischerboot hinaus.“

„Er gibt uns also ein Rätsel auf.“ Smoky betrachtete den Alten nachdenklich im Schein der Öllampe, die Hasard in der nach außen hin gut abgeblendeten Kammer entfacht hatte.

„Ich sage, er bringt uns bloß Unglück“, erklärte Old O’Flynn. „Sein Fluch schwebt schon über der ‚Isabella‘.“

Der Seewolf wandte sich ihm zu. „Donegal, jetzt hör aber auf. Wolltest du den armen Teufel etwa in seinem Boot verrecken lassen? Wäre dir das lieber gewesen?“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich behaupte nur, daß mit diesem Mann etwas nicht stimmt. Ihr werdet noch an meine Worte denken.“

Damit ging er hinaus.

Im Hereinbrechen der Dunkelheit briste es auf. Frischer blies jetzt der Wind aus Nordwesten. Während die Männer der „Isabella“ noch mit dem Vertäuen der Tartane am Heck und dem anschließenden Hochhieven der Jolle beschäftigt waren, nahmen die beiden Schiffe, die auf unverändertem Kurs von Norden heransegelten, mehr Fahrt auf.

Immer schneller schoben sie sich nach Süden, bald mit sieben, dann mit fast acht Knoten Geschwindigkeit. Wäre es noch Tag gewesen, hätten die Seewölfe ihre Verfolger wieder sichten können – erst nur die hinter der Kimm auftauchenden Mastspitzen, dann die komplette Takelage, dann auch die Rümpfe, deren Bugpartien imposante Wellenberge vor sich her schoben.

Hasards Vermutungen hätten sich mit einem Schlag bestätigt: Tatsächlich waren es die Galeone „Cruel Jane“ von Lord Henry und Selims Schebecke „Grinta“, die sich auf diese Hetzjagd durch das Mittelmeer begeben hatten. Henrys Ausguck Codfish hatte die „Isabella“ gegen Mittag an der südlichen Kimm entdeckt und anhand ihrer Flögel und des White Ensign, der im Großtopp flatterte, sehr wohl identifiziert.

Seitdem gab es für Lord Henry nichts anderes mehr als den Gedanken an Philip Hasard Killigrew und an die blutige Rache, die er diesem Mann geschworen hatte. Erbarmungslos knüppelte Henry seine Dreimastgaleone voran, so daß selbst die schnelle und wendige Schebecke kaum noch mithalten konnte.

Wie der Seewolf vermieden es auch Lord Henry und Selim, Laternen auf den Oberdecks ihrer Schiffe anzuzünden. Es hatte deswegen keiner langen Absprachen bedurft. Selim, der Türke, war selbst ein ausgefuchster und erfahrener Schnapphahn zur See, er wußte, auf was zu achten war.

Wäre es noch hell gewesen, hätten die Männer der „Isabella“ jetzt ohne Zuhilfenahme ihrer Fernrohre den nahenden Gegner erkennen können, und auch umgekehrt hätten Henry und Selim ihren erklärten Todfeind in aller Deutlichkeit vor sich gesehen – etwas weiter nach Backbord versetzt zwar als angenommen, jedoch schon so nah, daß man mit dem Ausrennen der Geschütze beginnen konnte.

Doch die Schatten der Nacht waren gefallen, und die schmale Sichel des abnehmenden Mondes konnte die Finsternis nicht erhellen.

Lord Henry stand auf dem vorderen Bereich des Achterdecks der „Cruel Jane“ und grübelte darüber nach, ob sich die Nacht wohl als sein Verbündeter erweisen würde – oder als Hindernis, das sich zwischen ihn und die „Isabella“ schob und es dem Seewolf gestattete, wieder einmal spurlos zu verschwinden.

Eine Gestalt näherte sich vom Backbordniedergang, der das Achterdeck mit der Kuhl verband. Dalida erschien, trat mit leisen Schritten auf ihn zu, verharrte neben ihm und griff nach seinem Arm. Sie versuchte, sich an ihn zu schmiegen, doch er wies sie zurück.

„Laß das“, sagte er schroff. „Du weißt, daß ich dagegen bin. Die Männer würden es als Schwächebeweis werten.“

„Zärtlichkeiten untergraben deine Autorität, Liebster?“ fragte sie auf spanisch. Langsam entblößte sie ihre Zähne. „Aber es ist doch dunkel. Keiner kann uns sehen. Sei ein wenig nett zu deiner armen Dalida.“

„Hör auf. Ich habe dir schon hundertmal erklärt, wie ich es mit der Borddisziplin halte.“

„Ja. Ein Kapitän geht mit gutem Beispiel voran.“

„Genau das.“

„Auch unter Deck, in seiner Kammer?“

„Was in der Kapitänskammer geschieht, steht auf einem anderen Blatt.“

Sie lächelte ihn dreist und mit einem Anflug von Verachtung an.

„Du bist schon ein seltsamer Kapitän, Henry“, raunte sie. „Unberechenbar, weißt du? Schlimmer als Mechmed, dieser Bastard von einem Berber, den ich wie einen räudigen Schakal hasse.“

„Haßt du auch mich?“

Der Druck ihrer Finger um seinen Unterarm verstärkte sich. Ihre Mundwinkel sanken nach unten. „Bei Allah, wie kannst du so etwas auch nur annehmen! Manchmal empfinde ich Furcht vor dir, weil du so grausam sein kannst, in allen Dingen. Aber Haß – Haß ist das Gegenteil von Liebe, und noch liebe ich dich.“

„Dann ist es ja gut“, sagte er.

Aber ich werde dir mein Messer in den Leib stoßen, wenn der richtige Augenblick gekommen ist, dachte sie, denn ich will deine Reichtümer und vielleicht auch dein Schiff, nicht dich, Hund von einem Giaur!

Es war falsch, dich meine Geliebte werden zu lassen, Dalida, sagte sich Lord Henry im stillen, ich wußte es von dem Tag an, als ich dich bei Mallorca aus der See fischte. Aber ich weiß diesen Fehler auszubügeln. Ich werde dich als Sklavin verkaufen, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet, und ich werde ziemlich viel Geld für dich kassieren, denn du bist eine sehr hübsche Weibsperson.

Lord Henry und Dalida – sie waren ein unvergleichliches, außergewöhnliches Paar, auch ihrem Äußeren nach. Henry war über sechs Fuß groß und blond. Seine blauen Augen drückten die wilde Entschlossenheit nordeuropäischer Seefahrer aus. Er war ein tollkühner Draufgänger und gnadenloser Kämpfer, ein Teufel von Kerl, dem das Wort Angst, aber auch die Begriffe Rücksicht und Skrupel völlig fremd waren.

Dalida war relativ klein an Gestalt und von üppiger, vollbusiger Statur. Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr bis auf die Schultern, und in ihren großen dunklen Augen lagen die Verlockung und die Rätselhaftigkeit des Orients. Sie sah die Welt völlig anders als Lord Henry und hatte andere Ziele als er, aber in zwei Dingen glichen sie sich: in ihrer grenzenlosen Habgier und in ihrer Furchtlosigkeit.

Dalida war Abu Al-Hassans Lieblingsfrau gewesen, doch sie hatte mit keiner Wimper gezuckt, als sie ihn tot im Hof des Harems hatte liegen sehen. Nur zu gern hatte sie an Mechmeds Seite Marokko verlassen und sich in jene Abenteuer gestürzt, die für sie Erfolg, aber auch den Tod bedeuten konnten. Sie wollte reich werden und für immer frei sein. Um dies zu verwirklichen, war sie bereit, jeden erforderlichen Weg zu gehen und jedes Opfer zu bringen.

In heuchlerischer Zuneigung blickte sie zu Henry auf und sagte: „Hast du noch Zweifel daran, den Seewolf zu stellen? Zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Allahs Stimme sagt mir, daß wir seinen Vorsprung einholen und ihn fangen, noch heute nacht.“

„Allahs Stimme? Herrgott, laß mich doch damit in Frieden!“

„Dies ist unsere Glücksnacht, Henry.“

„Du bist selbst versessen darauf, die Kerle zu erwischen, oder?“ fragte er spöttisch. „Das kann ich mir denken. Sie haben dir den Lederbeutel mit deinen Habseligkeiten abgenommen, und außerdem hast du immer noch eine Rechnung mit diesem narbigen Hurensohn zu begleichen, mit diesem Carberry.“

„So ist es. Du gibst nichts auf meine inneren Stimmen, aber ich sage dir: Wir treiben sie gegen die Küste von Zypern, und diesmal ist es ihr Untergang.“

„Wir töten sie und holen uns den Schatz der Medici wieder?“

„Ja. Und wir reißen auch die übrigen Reichtümer an uns, die sie an Bord ihres Schiffes haben.“

„Das hört sich gut an“, sagte Lord Henry grinsend. „Wenn sich das wirklich bewahrheitet, Dalida, wenn wir diesmal also siegen, lasse ich dir eine Koje aus Gold schmieden, mit diamant- und perlenbestickten Kissen und Decken.“

„Auch das klingt gut“, sagte sie lachend.

„Aber können wir siegen?“

„Ja, denn wir haben Selim als Verbündeten.“

„Glaubst du nicht, daß er versuchen wird, uns hereinzulegen?“ fragte der Engländer.

„Ich nehme es nicht an“, erwiderte Dalida. „Als wir auf Rhodos an Land gingen, habe ich mich mit Jella, Selims Geliebter, unterhalten. Sie stammt ja aus dem Libanon, und so konnten wir arabisch miteinander reden.“

„Und? Muß Selim nicht daran gelegen sein, auch uns zu töten, weil wir seine Ghanja versenkt haben?“

„Jella behauptet, daß Selim so etwas wie ein Gefühl für Fairneß hat. Er sieht ein, daß es Dobrans Schuld war. Dobran ließ das Feuer auf uns eröffnen – was sollten wir anderes tun, als uns zu verteidigen? Dobran hatte noch Glück, daß die meisten Männer der Ghanja überlebten und sich an Bord der ‚Grinta‘ retten konnten.“

„Allerdings. Hat Selim Dobran für seinen Fehler auspeitschen lassen?“

„Ja.“

„Das habe ich mir gedacht. Wie gut, daß Selim doch noch an Bord seiner ‚Grinta‘ zurückgelangte, und wie gut auch, daß wir im Norden der Insel auf Rufweite aneinander herankamen. Mechmed und du, ihr habt eure Aufgabe als Dolmetscher wirklich gut erfüllt.“

„Danke“, sagte sie lächelnd. „Aber es war ja Mechmed, der Selims Horde als Türken erkannte.“

„Doch du hattest die Idee, daß wir uns gemeinsam mit ihnen holen konnten, was es doch offenbar auf Rhodos zu holen gab.“

„Ja. So schlugen wir Selim vor, Frieden zu schließen und uns zusammenzutun – und so erfuhren wir, wer Selim aus Pigadia verjagt und ihm Schimpf und Schande zugefügt hatte.“

„Killigrew und seine Bande“, sagte Lord Henry. „Hölle, wir waren ihm so nah gewesen, ohne es zu ahnen! Wir hätten ihn in seiner Ankerbucht vernichtend schlagen können, wenn die Dinge ihren richtigen Verlauf genommen hätten.“

„Wenn und hätte …“

„Ja, ich weiß, das nützt uns nichts. Eins begreife ich übrigens nicht. Am Westufer von Rhodos stießen wir, als wir mit Selim nach Pigadia zurücksegelten, auf Jella und die Türkinnen, die uns vom Ufer aus zuwinkten. Wir holten sie und brachten sie zurück an Bord der ‚Grinta‘. Wieso hatte Killigrew sie laufenlassen? Er hätte sie doch als Sklavinnen an Bord nehmen und irgendwo für bare Münze verkaufen können.“

Dalida lächelte immer noch. „Wer weiß, vielleicht hat er eine edlere Gesinnung als du. Das hat er dir gegenüber doch behauptet, nicht wahr?“

„Ja. Aber das nehme ich ihm nicht ab. Er ist ein Pirat wie ich und versteckt sich nur hinter seinem ‚Sir‘ und dem Kaperbrief, den er von der Königin erhalten hat.“

„Mag sein. Tatsache ist, daß er uns auch auf Rhodos wieder einmal gehörig hereingelegt hat. Als wir mit Selim nach Pigadia hinaufstiegen, war das Dorf verlassen. Die Bewohner waren ins Landesinnere geflohen, es hatte keinen Zweck, ihnen zu folgen. Aber was glaubst du wohl, wo der Goldschmuck abgeblieben war, den Selim in einem der Häuser zusammengetragen und angehäuft hatte?“

Henry setzte eine verdrossene Miene auf. „Natürlich hat Killigrew ihn mitgehen lassen, was denn sonst?“

„Ja, das glaube ich auch.“

Sie täuschten sich beide. Der Seewolf hatte den Bauern und Fischern von Pigadia zu ihrem Schmuck zurückverholfen und ihnen den Rat gegeben, sich mit all ihren Habseligkeiten in die Olivenhaine zurückzuziehen. Doch der Gedanke daran, daß ein Mann wie der Seewolf eines solchen Handelns fähig war, lag Henry und Dalida fern.

„Selims ganzer Haß wendet sich gegen den Seewolf und dessen Mannschaft, nicht gegen uns“, sagte Dalida. „Er wird wie ein Berserker kämpfen und keine Verluste scheuen, wenn wir diese Bande von Bastarden erst vor den Kanonenrohren haben. Nur das zählt, Henry.“

„Ja. Nur das. Es ist gut, einen Mitstreiter zu haben, auf den man sich verlassen kann.“

Henry blickte nach achtern und konnte die Umrisse der zweimastigen Schebecke, die jetzt wieder ein wenig aufgeholt hatte, ganz schwach in der Dunkelheit erkennen.

Ich werde dich für meine Zwecke ausnutzen, Selim, dachte er, aber unsere Beute werden wir nicht miteinander teilen. Ich habe mehr Männer als du, es ist keine Frage, wer von uns der Stärkere ist.

Dalida entsann sich der ausführlichen Unterredung, die sie auf Rhodos mit Jella gehabt hatte. Schnell hatten sie herausgefunden, daß sie gleiche Interessen hatten. Sie empfanden nicht nur Sympathie füreinander, sie waren auch dazu bereit, eine Art Bündnis zu schließen, ein Komplott, das sich gegen Henry und Selim richtete.

Lord Henry fuhr plötzlich herum und hob den Kopf. Sein Blick war nach Backbord voraus gerichtet.

Codfish, der Mann im Großmars, stieß einen gezischten Warnlaut aus.

Tim Scoby meldete sich mit seiner dunklen Stimme vom Hauptdeck aus: „Da war was, Henry. Da hat eben jemand geschrien. Ein Mann.“

Lord Henry wandte sich an den Rudergänger. „Ruder zwei Strich Backbord. Wir nehmen Kurs auf die Richtung, aus der der Laut ertönte. Vielleicht haben wir sie. Vielleicht haben sie aus irgendeinem Grund beidrehen müssen.“

Er legte seine Hände auf die Schmuckbalustrade, die das Achterdeck zur Kuhl hin abschloß. Seine Züge nahmen einen Ausdruck äußerster Spannung an.

3.

Eben war das Beiboot auf dem Hauptdeck festgezurrt, gerade erst waren die Segel gesetzt, und die „Isabella VIII.“ nahm allmählich wieder Fahrt auf – da geschah es.

Keiner hatte im entferntesten damit gerechnet, nicht einmal Old O’Flynn, der für seine Schwarzmalereien berüchtigt war. Der Kutscher hatte in der Überzeugung, daß der Schiffbrüchige nicht vor Mitternacht das Bewußtsein wiedererlangen würde, die Kammer im Achterkastell verlassen, denn vorläufig gab es nichts anderes für den armen Teufel zu tun, als ihn warm einzupakken und hin und wieder nach ihm zu schauen.

Selbst Hasard, der sonst keine Vorsichtsmaßnahmen außer acht ließ, hatte nicht daran gedacht, daß es zweckmäßig wäre, die Tür der Kammer zuzuriegeln. Was sollte man denn an Verdruß auch von einem sterbenskranken Mann wie diesem Fischer erwarten?

So geschah es, daß der alte Mann plötzlich das Achterdecksschott aufstieß und mit einem Schrei auf die Kuhl taumelte. Mit entsetzt geweiteten Augen blickte er sich um, hob wie beschwörend die Arme und wankte weiter, auf das Steuerbordschanzkleid zu.

Die Männer der Abendwache fuhren herum.

Old O’Flynn, der eigentlich unter Deck in seiner Koje hätte sein können, hatte es vorgezogen, auf dem Achterdeck zu bleiben. Er schlug die Hände zusammen und sagte betroffen: „Na bitte, ich hab’s ja gesagt. Er ist von Dämonen besessen, schlimmer, als ich geglaubt habe.“

Hasard eilte an ihm vorbei zum Niedergang, ohne weiter auf seine Worte zu hören. Er nahm die Stufen mit zwei Sätzen und hastete zu Carberry, der seinerseits dem alten Mann nachstürmte.

Der Alte stieß wieder einen Schrei aus, laut und anhaltend, offenbar in panischer Todesangst.

„Ja, bist denn du von allen guten Geistern verlassen?“ rief der Profos. „Hier wird nicht rumgebrüllt, verstanden? Hölle und Teufel, was tust du denn da?“

„Er will über Bord“, sagte Bob Grey, ließ die Brasse los, deren Ende er gerade um einen Koffeynagel belegt hatte, und stürzte ebenfalls zu dem verzweifelten Alten.

Erschüttert stand der Kutscher vorm Kombüsenschott.

„Allmächtiger“, sagte er. „Daran habe ich nicht gedacht. Der Alte denkt, er sei ein Gefangener an Bord unseres Schiffes. Es ist ein Wunder, daß er überhaupt wieder auf die Beine gekommen ist, aber das hier – das gibt ihm jetzt den Rest.“

Hasard und der Profos erreichten den alten Mann gleichzeitig und hielten ihn an den Schultern fest, ehe er sich über das Schanzkleid weg in die Fluten stürzen konnte.

Der Alte wehrte sich aus Leibeskräften. Es war erstaunlich, welche Energie er noch zu entwickeln vermochte. Fast gelang es ihm, Carberry die Faust ins Gesicht zu schlagen, fast entglitt er dem Griff der beiden Männer.

Carberry packte jetzt jedoch ein wenig fester zu und hielt dem Alten, der wieder zu schreien anfangen wollte, den Mund zu. Hasard bückte sich und hob die strampelnden Beine des Mannes hoch. Gemeinsam trugen sie ihn zurück ins Achterkastell. Mit sanfter Gewalt beförderten sie ihn in seine Koje.

„Paß auf, daß du ihm nicht den Atem nimmst, Ed“, sagte der Seewolf. „Du kannst seinen Mund jetzt wieder loslassen.“

„Damit er wieder wie am Spieß brüllt?“

„Hier unten ist es weniger gefährlich.“

Carberry zuckte mit den Schultern und tat, wie ihm geheißen war. Der alte Mann keuchte und zappelte, wollte sich erneut befreien und gab keine Ruhe. Hasard ließ seine Beine los und wich den Tritten und Stößen aus, die für ihn bestimmt waren. Er beugte sich über den Alten und begann, beruhigend auf ihn einzureden, zuerst auf englisch, dann auf spanisch, auf portugiesisch und auf italienisch.

Der Schiffbrüchige stieß Worte in einer Sprache hervor, die weder Hasard noch sein Profos verstanden.

„Er kapiert nichts von dem, was du ihm erklären willst, Sir“, sagte Carberry. „Und aus seinem Kauderwelsch wird auch keiner schlau.“

„Dann hol die Zwillinge, Ed.“

„Das ist eine verdammte Situation. Was haben wir uns mit diesem Burschen bloß eingehandelt!“

„Ed, beeil dich.“

Mit einem gebrummten „Aye, Sir“, verließ der Profos die Kammer und lief auf die Kuhl zurück. Hier hatte sich inzwischen die Crew vollzählig versammelt. Wer in den Kojen des Logis gelegen hatte, war bei dem Geschrei des alten Mannes natürlich hochgefahren und hatte sich alarmiert ins Freie begeben.

Der Kutscher erschien mit seinem Arzneimittelkoffer, Philip und Hasard junior schlossen sich ihm an, als der Profos ihnen heftig zuwinkte.

„Du verdammter Quacksalber“, sagte Carberry mit drohend umwölkter Miene zum Kutscher. „Hättest du dem Kerl nicht gleich eins von deinen elenden Giften geben können, damit er sich beruhigt? Halt ihm gefälligst die Flasche mit dem Riechsalz unter die Nase. Tu was, oder du verbringst den Rest der Nacht in der Vorpiek.“

Der Kutscher betrat die Kammer und stellte seinen Koffer auf dem Boden ab. Er erschrak, als er sah, in welchem Zustand sich der alte Mann befand – er war ganz bis ans Kopfende seiner Koje gerutscht und preßte beide Hände gegen die Brust. Sein Gesicht hatte die Farbe alten Talges angenommen, er schien nach Luft zu ringen.

Wütend blickte der Seewolf, der nach wie vor neben der Koje kauerte, zu seinen Männern. „Kann ihm denn keiner erklären, daß wir seine Freunde sind, nicht seine Feinde? Philip und Hasard, versucht es mal auf türkisch. Wenn er wirklich von Zypern stammt, müßte er Türkisch verstehen.“

Die Zwillinge traten an den Rand der Koje. Sie taten ihr Bestes, um den alten Mann zu besänftigen. Mal sprach Philip, dann Hasard, dann wieder Philip, und immer wieder erklärten sie dem Patienten in der seltsamen Sprache, die allen anderen an Bord so völlig fremd war, wie ihr Vater ihn aus der Tartane geholt und an Bord der „Isabella“ gebracht hätte.

Der Mann schien sie zu verstehen, seine Augen drückten jetzt keine Angst mehr aus. Immer noch kämpfte er um Atem, doch in seinem ganzen Gebaren war etwas weniger Panisches, auf Abwehr Bedachtes. Der Kutscher bemühte sich um ihn, hielt ihm die Flasche mit dem Riechsalz unter die Nase und tastete mit der anderen Hand nach einer seiner vielen Kräuteressenzen, die er in dem Koffer aufbewahrte.

Das Salz schien dem Alten zu helfen. Er atmete jetzt ruhiger. Mit stokkender Stimme sprach er auf die Zwillinge ein.

„Was sagt er?“ wollte der Seewolf wissen.

Die Jungen sahen zu ihm und schüttelten die Köpfe. „Er spricht einen ganz verflixten, verzwickten Dialekt, Dad, Sir“, entgegnete Philip junior. „Damit kommen wir nicht so schnell klar. Scheint eine Mischung aus Türkisch und Griechisch zu sein.“

„Ich hab’s ja gesagt, das ist ein furchtbares Kauderwelsch“, sagte der Profos. „Was fangen wir jetzt bloß mit ihm an?“

Old O’Flynn, der ebenfalls die Kammer betreten hatte, deutete mit dem ausgestreckten Finger auf den Alten. „Er ist vom Teufel verführt und weiß nicht, was er sagt. Man könnte ihn in ein Faß voller lebendiger Aale stecken, das würde auch nichts nützen.“

„Willst du damit sagen, daß er fallsüchtig ist, Donegal?“ fragte der Kutscher verblüfft. „Nein, das glaube ich wirklich nicht. Er hat nur Angst gehabt, das ist alles. Es war mein Fehler, daß ich nicht bei ihm geblieben bin, sonst wäre das nicht passiert.“

„Unsinn, Kutscher“, sagte der Seewolf. „Niemand konnte ahnen, daß er eine solche Bärennatur hat, die ihm erlaubt, auf der Kuhl zu erscheinen und einen derartigen Spektakel zu veranstalten. Versuche, ihn vor einem weiteren Herzanfall zu bewahren.“

„Aye, Sir.“

„Die Zwillinge bleiben bei dir.“ Hasard wandte sich an seine Söhne. „Ihr sprecht so lange mit ihm, bis ihr etwas von seinen Worten versteht. Wir müssen uns irgendwie mit ihm auseinandersetzen und erfahren, was ihn so in Panik gebracht hat.“

„Aye, Sir“, sagten die Jungen gleichzeitig.

Der Seewolf wandte sich an die anderen. Hinter Carberry und Old O’Flynn erschienen Ben, Ferris, Shane und Will Thorne. Sie reckten die Köpfe und versuchten, etwas von dem zu erkennen, was in der Kammer vorging.

„Alle Mann raus“, sagte Hasard. „Ihr stört hier nur und regt den Alten unnötig auf. Wir kehren aufs Oberdeck zurück. Donegal, hör mit deinem Gerede von Teufeln und Dämonen auf, es geht mir auf die Nerven. Wenn du deine Freiwache unbedingt opfern willst, dann habe ich andere, wichtigere Aufgaben für dich.“

„Und zwar?“ erkundigte sich der alte O’Flynn mit mürrischer Miene.

„Wir gehen Klarschiff zum Gefecht. Die Schreie des alten Mannes könnten von unseren Verfolgern gehört worden sein.“

„Ja, allerdings.“

„Er bringt uns eben doch nur Unheil, nicht wahr?“

„Ja, das behaupte ich nach wie vor.“

Hasards Augen verengten sich ein wenig. „Mister O’Flynn, ein Unheil passiert, wenn du nicht sofort abschiebst und die Kampanje enterst. Dort warten die Drehbassen auf dich, ich verlange von dir, daß du sie allein lädst und bedienst.“

„Glaubst du vielleicht, das könnte ich nicht mehr?“ Old O’Flynn stieß einen schnaubenden, unwilligen Laut aus. „Paß mal auf, ich werde dir zeigen, wie fix ich mit den Dingern fertig bin.“ Er verließ das Achterkastell und enterte im nächsten Moment in Windeseile das Achterdeck.

Dan O’Flynn lachte leise. „Ja, mein Dad fühlt sich mal wieder bei seiner Ehre gepackt. Das wirkt immer. Man muß ihn eben nur zu nehmen wissen.“

Erstaunt drehte sich der Seewolf zu ihm um. „Sag mal, wo kommst du denn so plötzlich her? Du hast doch auch Freiwache, oder?“

„Sicher, aber damit dürfte es jetzt wohl vorbei sein.“

„Richtig.“ Hasard trat auf die Kuhl hinaus und sagte: „Alle Mann an Deck – aber es sind ja schon alle angetreten, wie ich sehe.“

„Aye, Sir“, sagte Ben Brighton. „Vollzählig.“

„Dann sofort ab auf die Gefechtsstationen! Ed, laß die Stückpforten hochziehen, Vorsorge tut not!“

„Aye, Sir“, sagte der Profos.

„Ben, Ruder vier Strich Steuerbord, wir gehen zurück auf unseren alten Kurs.“

„Aye, Sir. Aber wäre es nicht besser, nach Osten abzulaufen, um …“

„Mister Brighton“, unterbrach ihn der Seewolf. „Nach meinen Berechnungen befinden wir uns nicht mehr weit von Kap Kormakitis entfernt, einem der nördlichsten Zipfel der Insel Zypern. Sollte es mir gelingen, die Landzunge zu erreichen, ehe Lord Henry und Selim uns wirklich am Achtersteven sitzen, dann werde ich versuchen, dort ein Ablenkungsmanöver zu unternehmen.“

„Damit die Hunde auf Legerwall laufen?“ fragte Ferris Tucker. „Na, hoffentlich klappt es.“

Hasard wandte sich zu ihm um. „Du legst jetzt am besten deine Höllenflaschen bereit, Mister Tucker. Und du, Shane, enterst mit Pfeil und Bogen in den Großmars auf. Batuti!“

„Sir?“

„Rauf in den Vormars, mit Pfeil und Bogen! Will!“

„Hier, Sir“, sagte Will Thorne, der Segelmacher der „Isabella“.

„Du übernimmst die vorderen Drehbassen. Al Conroy soll nicht auf die Back, ich brauche ihn an den Culverinen. Dan, entere in den Besanmars auf! Wir haben eine Menge Zeit verloren, und wenn Henry und Selim die Rufe des Alten gehört haben, dann müßtest du sie als erster sichten.“

Dan zeigte klar, drehte sich um und lief zum Achterdeck hinauf. Ben Brighton hatte den Kurswechsel an Pete Ballie weitergegeben. Pete, der Rudergänger, winkte aus dem Ruderhaus zurück und gab damit bekannt, daß er verstanden hatte. Schon drehte sich das schwere Rad unter seinen derben Händen.

Unter Ben Brightons Kommando eilte ein Teil der Crew an die Brassen und Schoten, um die Stellung der Segel entsprechend zu verändern. Die „Isabella“ luvte leicht an und lief mit raumem Wind südwärts. Sie segelte wieder über Backbordbug liegend wie am Nachmittag und erhöhte dank der frischen Nachtbrise ihre Geschwindigkeit, wurde jedoch leicht behindert durch die Tartane, die sie in ihrem Kielwasser mitschleppte.

Carberrys rüde Befehle trieben den Teil der Crew, der für die Gefechtsstationen zuständig war, an die je acht Culverinen der Backbord- und der Steuerbordseite. Geladen waren die schweren Siebzehnpfünder schon seit dem Nachmittag. Jetzt mußten nur die Stückpforten hochgezogen und die Haltetaue gelöst werden, dann konnten die Kanonen ausgerannt und durch ihre Brooktaue gesichert werden.

Seewasser zum Befeuchten der Wischer und Schwämme wurde hastig in Pützen und Kübeln von außenbords heraufgezogen und dann auf den Stationen bereitgestellt. Philip und Hasard junior hatten die Achterdeckskammer verlassen und begannen damit, den Sand auf dem Hauptdeck auszustreuen, der den Männern beim Gefecht einen sicheren Stand gewährleisten sollte.

Hasard trat zu ihnen. „Habt ihr aus dem Alten etwas herauskriegen können?“ fragte er sie.

„Bislang nur, daß er ein zypriotischer Fischer ist“, antwortete Philip junior.

„Wer hat ihn mit Knüppeln geschlagen?“

„Wissen wir nicht“, erwiderte Hasard junior. „Er hat zwar versucht, uns einiges auseinanderzusetzen, aber ehe wir seinen Dialekt begreifen, vergeht noch einige Zeit. Man hat ihn wohl überfallen, aber wer und wie viele es waren, ist auch durch Gestikulieren nicht aus ihm herauszubringen.“

„Wir werden später versuchen, es zu erfahren“, sagte der Seewolf. „Wie beurteilt der Kutscher seinen Zustand?“

„Er sagt, der Mann müsse ein Herz wie ein Stier haben“, erwiderte Philip junior. „Jedenfalls atmet er jetzt wieder ganz normal und wird wohl keine zweite Attacke erleiden. Mit anderen Worten, er ist schon wieder ganz gut auf dem Damm.“

„Beeilt euch mit dem Sand“, sagte der Profos. Er hätte es gern gebrüllt, wie üblich, und es kostete ihn erhebliche Überwindung, seine Stimme zu dämpfen, aber Befehl war nun mal Befehl, und er wollte nicht erneut vom Seewolf zurechtgewiesen werden.

Al Conroy kontrollierte die Zubehöre der Kanonen. Kugeln, Kartuschen, Kuhfüße, Handspaken, Schwämme und Keile lagen ordnungsgemäß bereit, und auch die Pulverhörner waren gefüllt. Die Glut in den Kupferbecken mit der Holzkohle war aufgeschürt worden, ihr rötlicher Schimmer schien in ordentlichen Achterreihen flach über beiden Seiten der Kuhl zu schweben. Jetzt brauchten nur noch die Lunten hineingestoßen zu werden, und die Geschütze konnten ihren eisernen Gruß ausspucken.

Aber würde es wirklich zum Kampf kommen?

Die Männer auf den Gefechts- und Manöverposten teilten die Besorgnis, die vom Seewolf Besitz ergriffen hatte. Nie waren seine Vermutungen und Voraussagen unbegründet gewesen, nie hatte er die „Isabella“ ohne Motiv zum Gefecht rüsten lassen. Stets hatte sich seine Umsicht, die auf Erfahrungswerten beruhte, ausgezahlt – und so sollte es auch diesmal sein.

Er konnte sich nur zu leicht ausrechnen, wie schnell die Distanz zwischen ihnen und dem Gegner zusammengeschrumpft war – und da es kaum Zweifel an der wahren Identität des Feindes gab, konnte er sich auch ausmalen, daß dieser nicht von ihnen abgelassen hatte.

Noch schien die „Isabella VIII.“ allein durch die Nacht zu segeln, unbehelligt von anderen Schiffen, die sich drohend auf sie zuschoben. Ringsum war die Finsternis, nichts regte sich, kein Laut drang von außerhalb an die wachen Ohren der Männer.

Doch dann bestätigte ein Ausruf Dan O’Flynns mit einemmal, wie richtig Hasards Entscheidung gewesen war.

„Deck!“ rief er. „Sie segeln von achtern auf!“

Das genügte. Sofort kauerten die Männer wie auf dem Sprung, ihre Sinne waren auf das äußerste angespannt. Hasard war mit zwei langen Sätzen auf dem Achterdeck, überquerte es und stieg zu Old Donegal Daniel O’Flynn auf die Kampanje, die erhöhte Heckpartie der Galeone.

Auch Bill, der neben Big Old Shane im Großmars hockte und nach achtern blickte, erkannte nun die Konturen der Schiffe, die hinter der „Isabella“ aus dem Dunkel auftauchten. Etwas später sahen auch Hasard und der alte O’Flynn die große Dreimastgaleone und die. Schebecke, die in Dwarslinie heransegelten und sich anschickten, in das auseinanderfließende Kielwasser der „Isabella“ vorzudringen.

Sie liefen gute acht Knoten, mehr als die „Isabella“, eine Begegnung war unabwendbar.

Hasard brauchte kein Spektiv – und im Dunkeln hätte es ihm ohnehin nichts genützt –, um einwandfrei die „Cruel Jane“ und die „Grinta“ wiederzuerkennen. Noch war die schwarze Flagge mit den gekreuzten Säbeln, Henrys Wahrzeichen, durch das Zeug der „Jane“ verdeckt, doch es stand außer Zweifel, daß der Pirat sie bereits gehißt hatte.

„Na fein“, brummte der alte O’Flynn. „Das haben wir uns nun also dadurch eingehandelt, daß wir den alten Knaben da unten aus dem Teich gefischt haben. Wunderbar. Wie war das doch? Du wolltest keine unnötigen Verluste auf unserer Seite, nicht wahr?“

„Donegal“, sagte der Seewolf mit unterkühltem Tonfall. „Hast du etwa die Hosen schon voll?“

„Ich? Ist das dein Ernst? Mich kannst du an die Großrah hängen oder unterm Schiffskiel durchziehen, da spucke ich dem Teufel immer noch ins Gesicht.“

„Dann halte die Luft an und ziele sorgfältig – auf die ‚Cruel Jane‘.“

„Schießen wir zuerst?“

„Nein. Wir warten ab.“

„Lord Henry soll den ersten Stein werfen, wie?“

„Ja.“

„Aber ich habe einen innigen Wunsch, ehe ich möglicherweise den Hintern für alle Zeiten zukneife“, sagte Old O’Flynn mit grimmiger Miene.

„Und der wäre?“ Hasard nahm hinter der zweiten Drehbasse Aufstellung und visierte über den Lauf die Schebecke an, die an Backbord der „Cruel Jane“ segelte.

„Daß Lord Henry, dieser Hundesohn, heute nacht selber dran glaubt. Ob durch eine Kugel, durch Kielholen oder durch Aufhängen an der Rah, das soll mir egal sein – Hauptsache, er fährt zur Hölle.“

„Ein frommer Wunsch“, sagte der Seewolf. „Mal sehen, ob er in Erfüllung geht.“

Damit war sein Dialog mit Old O’Flynn vorläufig erschöpft, denn von der Back der anrückenden Piratengaleone ertönte jetzt laut und deutlich Lord Henrys Stimme.

4.

Henry stand mit abgespreizten Beinen auf der Back und hatte die Hände als Schalltrichter an die Mundwinkel gelegt. Neben ihm waren Tim Scoby, der schnauzbärtige Hüne mit den Ohrringen, Dark Joe, der dunkelhaarige, krummbeinige Pirat, und der hagere, hochaufgeschossene Codfish, dessen Platz im Großmars ein anderer eingenommen hatte.

Mechmed und dessen vier Berber hatten auf Henrys Befehl hin auf dem Hauptdeck bleiben müssen, bei der Crew. Dalida stand schmollend auf dem Achterdeck, auch ihr war es nicht vergönnt, ganz vorn mit dabeizusein und etwas von dem Triumphgefühl zu kosten, das Henry schon jetzt empfand.

Bei dem, was unweigerlich folgen mußte, wollte Lord Henry nur seine besten Männer in seiner Nähe wissen. Ein Entermanöver – ein Blitzangriff auf die „Isabella“ mit verblüffendem Erfolg, das war etwas, wovon er schon seit langem träumte. Die Taktik, die er bei anderen Überfällen angewendet hatte, war bei den Seewölfen bislang gescheitert, doch in dieser Nacht sollte es anders sein.

Scoby war im Gegensatz zu Lord Henry, der nur eine schwarze Hose und ein weißes Hemd trug, geradezu exotisch kostümiert. Er hatte sich ein rotes Kopftuch ums Haupthaar geschlungen, sein blaues Hemd stand bis zum Bauchnabel hin offen. Über der nackten Brust prangte ein breiter Ledergurt, in dem zwei Pistolen steckten. Er hatte die Hände in die Seiten gestemmt und blickte mit höhnischem Lächeln zur „Isabella“, deren verziertes Heck groß und größer vor ihnen aus der Nacht trat.

Killigrew, dachte er, das gibt ein Wiedersehen.

Der Seewolf hatte Scoby in Ribeira Grande auf der Kapverden-Insel Santo Antão überwältigt und dann dafür gesorgt, daß er in den Kerker der Festung gesperrt wurde. Nur durch eine List hatte Scoby mit Reagan, den inzwischen ein tödliches Schicksal ereilt hatte, wieder fliehen können. Scoby empfand einen schwelenden Haß auf den Mann, der ihn seinerzeit und dann auch wieder vor der Küste der Toskana und in Neapel derart erniedrigt hatte – genau wie Dark Joe.

Dark Joe war im Hafen von Ribeira Grande durch einen einzigen Hieb des Seewolfs gefällt worden, und dafür wollte sich der flinke kleine Mann noch „auf gebührende Weise“ bedanken.

Und die anderen? Jeder hatte seinen ganz persönlichen Grund dafür, mit den Männern der „Isabella“ abrechnen zu wollen – wegen Santo Antão, wegen Elba und wegen Neapel. Die Stunde der Rache hatte geschlagen, und kein Wunder der Welt bewahrte die „Isabella“ davor, von der Dreimastgaleone der englischen Freibeuter und von der Schebecke der türkischen Seeräuber in die Zange genommen zu werden.

Noch segelte die „Isabella“ zu langsam und wurde obendrein durch die Tartane behindert, die sie im Schlepp hatte. Selbst wenn die Männer des Achterdecks das Tau kappten, das ihr Schiff mit dem Einmaster verband, würde es ihnen nicht gelingen, binnen kurzer Zeit die acht Knoten Fahrt zu erreichen, die sie brauchten, um vor ihren Verfolgern davonzusegeln.

„Killigrew!“ schrie Lord Henry. „Diesmal entwischst du uns nicht! Ergib dich, du hast keine Chance mehr! Streich die Flagge!“

Er erhielt keine Antwort.

„Killigrew!“ brüllte er noch einmal, diesmal lauter. „Du hast mich verstanden! Hol nieder die Flagge, oder ich eröffne das Feuer!“

Er erwartete, daß sein Feind sich wieder in Schweigen hüllte, doch er hatte sich getäuscht.

Die Stimme des Seewolfs ertönte hell und klar: „Henry, wenn du meine Flagge haben willst, mußt du sie dir schon holen!“

„Sei kein Narr!“ brüllte Henry. „Siehst du nicht, daß wir in der Überzahl sind?“

„Nein! Ich sehe nur eine Meute von Idioten!“

„Killigrew – das bereust du noch, ich schwöre es dir!“

„Spar dir deine Worte, sie finden hier kein Gehör!“

„Zum letzten Mal, Killigrew …“

„Ich warte auf dich, Henry!“ schrie der Seewolf – und die Art, wie er es rief, jagte selbst dem abgebrühten alten O’Flynn, der sich neben ihm hinter seine Drehbasse geduckt hatte, einen leichten Schauer über den Rücken. Wer hier der Stärkere war, sollte sich erst noch erweisen, aber wehe, Lord Henry unterlag! Hasard würde dieses Mal nicht zögern, kurzen Prozeß mit ihm zu machen. Oft genug hatte er ihn gewarnt und dazu ermahnt, nicht mehr den Kurs der „Isabella“ zu kreuzen. Jetzt war das Maß voll, voll bis zum Überlaufen.

„Feuer“, sagte Henry in demselben Moment, in dem Old O’Flynn dies dachte, zu Codfish, der an die linke der vorderen Drehbassen auf der Back der „Cruel Jane“ getreten war. Codfish senkte das glühende Ende der Lunte auf das Bodenstück des Hinterladers und trat zur Seite.

Knisternd fraß sich die Glut durch den Zündkanal bis hin zu der Pulverladung hinter der Kugel. Ein Krachen erfüllte die Luft, das Rohr ruckte in der Lafette, und ein Feuerblitz zerriß die Nacht und stach auf das Heck der „Isabella“ zu.

Gezielt hatte Codfish auf das Hennegat der „Isabella“, denn Henry wollte als erstes die Ruderanlage des Gegners zerstören. Doch die Drehbassenkugel schlug links neben der Öffnung in den Heckspiegel, gleich unterhalb der Heckgalerie. Es knackte und knirschte, und plötzlich hatte die „Isabella“ ein ansehnliches Loch, doch das Steuerruder war nicht beschädigt.

„Verdammter Mist“, sagte Codfish und trat hinter die rechte Drehbasse. „Ich hatte gedacht, sein verfluchtes Ruder gleich zu treffen, aber mit einer Kugel ist es wohl nicht getan.“

„Egal“, sagte Henry kalt. „Gib gleich die nächste auf ihn ab, aber nicht aufs Hennegat, sondern auf die Kampanje. Dort steht der Seewolf.“

Codfish wollte den Befehl unverzüglich ausführen, doch jetzt leuchteten über der Kampanje der „Isabella“ zwei Mündungsfeuer auf. Codfish hielt zwar noch die glimmende Zündschnur an das Bodenstück des auf der Balustrade montierten Geschützes, aber im nächsten Augenblick mußte er sich mit Henry, Dark Joe, Scoby und den anderen ducken, denn die Drehbassenkugeln des Feindes rasten mit bedrohlichem Heulen auf sie zu.

Die eine schlug ins Vorkastell der „Cruel Jane“ und durchbohrte zwei Querschotten, ehe sie im Nebenraum des Mannschaftslogis zu Boden polterte. Die andere saß etwas höher. Sie zerriß die Mitte der Balustrade, fegte am Fockmast vorbei und verlor sich gleich darauf an Backbord in der Nacht. Es gab ein berstendes Geräusch, als die Balustrade zu Bruch ging. Die Holztrümmer wirbelten Henry und seinen Kumpanen um die Ohren.

„Arwenack!“ hallte der alte Kampfruf der Seewölfe von Bord der „Isabella“ herüber. „Ar-we-nack!“

Lord Henry erhob sich und schrie: „Die Drehbassen nachladen! Anluven! Wir geben ihm unsere Backbordbreitseite zu schmecken!“ Er fuhr zum Hauptdeck herum und rief auf spanisch: „Mechmed, Selim soll das Feuer eröffnen!“

Mechmed gab es auf arabisch an Selim weiter, und dieser ließ sofort das Buggeschütz der „Grinta“ zünden. Feuer, Rauch und Donner verließen die Schebecke. Die Kugel eilte der „Isabella“ nach, lag aber nicht im Ziel, sondern schlug dicht hinter ihrem Heck neben der Tartane ins Wasser. Rauschend stieg eine Wassersäule aus der See auf.

Selim, der wie Henry ganz vorn auf seinem Schiff stand, quittierte diesen Fehlschuß mit wilden Flüchen, dann drehte er sich zu seinen Männern um und brüllte ihnen zu: „Anluven! Sofort anluven! Wir schießen ihn zusammen und packen ihn von zwei Seiten, ehe er herummanövrieren kann!“

Dobran, Firuz und die anderen auf dem Hauptdeck stürzten an die Lateinersegel, um sie herumzuschwenken. Jella, die Libanesin, die neben dem Mann auf dem Achterdeck stand, der jetzt den Kolderstock bewegte, blickte zu Selim und dachte: Ganz so leicht, wie du es dir gedacht hast, ist es wohl doch nicht, den Seewolf zu überwältigen – oder?

Sie hatte selbst erfahren, wie klug und kampferfahren dieser Philip Hasard Killigrew war. Hatte er nicht auf Rhodos verhindert, daß sie, Jella, und die Türkinnen ihn und seine Männer in eine tödliche Falle lockten? Hart hatte er sie angefaßt und dann rücksichtslos in ein leerstehendes Haus gestoßen, und doch empfand sie keinen Haß gegen ihn.

Im Gegenteil, sie verspürte so etwas wie eine tiefe Bewunderung für diesen Mann, der ihr doch so fremd war und eigentlich ihr Todfeind hätte sein sollen – und sie war ihm dankbar dafür, daß er sie zusammen mit den anderen Frauen, dem „Hurenvölkchen“ der türkischen Piraten, hatte laufenlassen. Damit hatte er ihnen das Leben gerettet, denn die Bewohner des Dorfes Pigadia hätten sie zweifellos getötet, wenn sie sie in dem Haus gefunden hätten.

Allerdings ging Jellas Dank nicht so weit, daß sie sich für jenen Philip Hasard Killigrew eingesetzt hätte. Sie verfolgte mit wachem Interesse, wie sich der Kampf entwickelte, und dachte: Wie es auch ausläuft, die Hauptsache ist, daß dir nichts geschieht.

Ganz gleich, wer der Sieger sein würde, sie würde ihre Haut nötigenfalls zu retten wissen. Es war schon immer ihr größtes Talent gewesen, aus jeder Situation das Beste zu machen und auch aus dem wildesten Handgemenge nicht die kleinste Schramme davonzutragen.

Ähnlich dachte auch Dalida, die bislang nicht vom Achterdeck der „Cruel Jane“ gewichen war. Die Überlegungen der beiden Frauen schienen sich von Schiff zu Schiff zu verstricken, doch Dalida, die Ägypterin, träumte nach wie vor voll Haß davon, es besonders dem narbigen Profos der „Isabella“ besorgen zu können.

Hasard hatte Old O’Flynn angewiesen, die leergefeuerten achteren Drehbassen nachzuladen, dann hatte er sich umgedreht und war aufs Quarterdeck hinuntergestiegen.

„Ben!“ rief er. „Anluven jetzt und auf Westkurs gehen!“

„Aye, Sir!“

„Sir“, sagte Ferris Tucker, der gerade von seiner Flaschenbomben-Abschußvorrichtung aufsah. „Soll ich meine Kanone nicht lieber auf die Kampanje bringen?“

„Nein, laß sie hier auf dem Quarterdeck!“ rief der Seewolf ihm zu. „Sie gelangt bestimmt gleich zum Einsatz!“

Nach dem Schuß aus dem Buggeschütz der Schebecke dröhnte nun auch der zweite Drehbassenschuß der „Cruel Jane“ heran. Wieder erbebte das Heck der „Isabella“ wie unter den Schlägen gewaltiger Hämmer, wieder hatten Henry und seine Männer einen Treffer verzeichnet, der auch gleich von dem Gebrüll der Piraten begleitet wurde.

Hasard fuhr zu Pete Ballie herum. „Pete, was ist mit dem Ruder?“

„Es funktioniert noch tadellos, Sir!“

„Dann leg Hartruder. Steuerbord!“

„Aye, aye, Sir!“

Das Rad wirbelte unter Petes Händen, die Crew braßte die Segel an. Die Masten neigten sich wie sturmgebeugte Bäume nach Backbord, die „Isabella“ krängte stark zu ihrer linken Seite hin und zeigte im nächsten Moment der „Cruel Jane“ und der „Grinta“, die fleißig in der Bewegung mitzogen, die Kanonenmündungen ihrer Steuerbordbatterie.

Die „Jane“ lag jetzt fast parallel zur „Isabella“ und bewegte sich in spitzwinkligem Kurs auf sie zu. „Die „Grinta“ segelte eine halbe Schiffslänge hinter der „Jane“ und trachtete, an das Heck der „Isabella“ zu gelangen.

Der Abstand zwischen der „Cruel Jane“ und der „Isabella“ war jetzt derart gering, daß der Seewolf trotz der Dunkelheit die Bewegungen der Gestalten verfolgen konnte, die an Deck des Gegners an die Geschütze stürzten.

„Shane!“ rief er. „Batuti!“

Im Vormars und im Großmars flammten die mit ölgetränkten Lappen umwickelten Pfeilspitzen auf. Arwenack, der Schimpanse, der bei Big Old Shane und Bill hockte und das Geschehen bislang neugierig verfolgt hatte, deckte mit den Vorderpfoten beide Augen zu, denn er hatte eine ausgeprägte Abneigung gegen Feuer. Daß er dabei natürlich kräftig übertrieb, gehörte zu seiner Wesensart.

Sir John, der karmesinrote Aracanga, flatterte kreischend zwischen den Masttoppen hin und her und stieß die ganze Skala von englischen und spanischen Flüchen aus, die er Carberry im Laufe der Jahre abgelauscht hatte.

„Dan!“ schrie Hasard. „Abentern! Hilf deinem Vater!“

„Aye, Sir!“ tönte es aus dem Besanmast zurück. Flugs turnte Dan über die Umrandung der Plattform und enterte auf das Achterdeck ab, als säße ihm der Teufel höchstpersönlich im Nacken.

Big Old Shane sandte den ersten Pfeil zur „Jane“ hinüber, dann schoß auch Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia. Es waren keine normalen Brandpfeile, sondern regelrechte Explosionsgeschosse mit pulvergefüllten Schäften. Auf was sie zu zielen hatten, brauchte der Seewolf seinen beiden Männern nicht erst groß zu erklären. Die Pfeile fuhren mitten zwischen die Männer an Lord Henrys Backbordkanonen.

Mit heftigem Knallen zerplatzten die Schäfte, und die Piraten brachten sich aufschreiend in Sicherheit.

„An die Geschütze, ihr Hunde!“ brüllte Lord Henry. „Feuer!“

Doch nur zwei Culverinen seiner Backbordbatterie konnten gezündet werden. Die Verwirrung, die Shane und Batuti durch ihre Pulverpfeile stifteten, war so groß, daß ein Abfeuern der kompletten Breitseite unmöglich wurde. Schon wälzten sich zwei oder drei Verwundete auf dem Hauptdeck der „Jane“. Weitere Pfeile sirrten zwischen die Kanonen und detonierten.

„Weiterschießen!“ schrie Hasard dem ehemaligen Schmied von Arwenack und dem schwarzen Riesen zu. „Solange der Vorrat reicht!“

Der Vorrat an pulvergefüllten Pfeilen konnte natürlich nicht unbegrenzt lange vorhalten, doch Shane und Batuti hatten während der vergangenen Tage eine stattliche Zahl davon herstellen können, wie auch Ferris Tucker und Al Conroy eifrig an ihren Flaschenbomben gebastelt hatten – in weiser Voraussicht auf künftige Gefechte.

Eine Kugel der „Cruel Jane“ krachte der „Isabella“ oberhalb der Wasserlinie ins Achterschiff, die andere war zu kurz gezielt und hieb unweit der Bordwand wirkungslos ins Wasser.

In das Rauschen der aufsteigenden Fontäne schrie der Seewolf: „Ed! Die achteren vier Geschütze – Feuer!“

„Achtere Geschütze – Feuer!“ brüllte Carberry, so laut er konnte. Jetzt brauchte er keine Rücksicht mehr zu nehmen, jetzt war der Feind endgültig entdeckt und entlarvt, und die Fronten hatten sich geklärt. Brüllen konnte man jetzt, soviel man wollte, und jeder Ruf war eine Anfeuerung für die Männer der „Isabella“.

„Achtere Drehbassen, Feuer!“ rief der Seewolf. „Ferris, deck den Hund mit ein paar Flaschen ein!“

„Aye, Sir!“ schrien die Männer zurück – und dann dröhnten die Geschütze.

Die achteren vier Steuerbord-Culverinen der „Isabella“ spuckten ihre tödlichen Ladungen gegen die „Jane“ aus, und mit torkelndem Flug bewegte sich die erste Flaschenbombe durch die Nacht. Noch mochte sie mit ihrer schwach glühenden Lunte, die jeden Augenblick zu erlöschen drohte, wie ein lächerliches Spielzeug wirken, aber wer immer sie auf seiten des Feindes unterschätzte, sollte seine Meinung gleich revidieren.

Old O’Flynn und sein Sohn feuerten die achteren Drehbassen auf die näher heransegelnde Schebecke Selims ab, ehe die Türken erneut ihr Buggeschütz zum Einsatz bringen konnten. Plötzlich spie die „Isabella“ nach zwei Seiten Feuer, Rauch und Verderben aus.

Der Seewolf hatte jetzt alle Register gezogen, die ihm zur Verfügung standen.

Es donnerte und krachte, und jäh flogen von der „Jane“ Trümmerteile hoch. Mindestens zwei von vier Kugeln hatten das Hauptdeck erreicht, wie Ed Carberry aus schmalen Augen feststellte, eine dritte mochte sich in den Rumpf gebohrt haben. Ferris Tuckers erste Höllenflasche ging hinter dem Hauptmast der Piratengaleone hoch. Die Schreie der Sterbenden und Verwundeten gellten durch die Nacht.

Auch auf der Schebecke herrschte Zustand, die Kugeln der O’Flynns hatten im Handumdrehen die Back leer gefegt. Nur durch einen gewaltigen Satz hatte sich Selim noch nach achtern retten können. Jetzt lag er flach auf den Planken und verfluchte unter den Trümmern der Vordecksbalustrade und der Nagelbank, die auf ihn und seine Männer niederprasselten, Allah und den Scheitan gleichzeitig.

„Weiter anluven!“ schrie der Seewolf in das Johlen und Pfeifen seiner Männer.

Die „Isabella“ drehte ihr Vorschiff ganz nach Westen und segelte, hoch am Nordwestwind liegend und immer noch stark über Backbordbug krängend, auf Kollisionskurs mit der „Jane“.

„Shane! Batuti!“ rief Hasard. „Brandpfeile in die Segel der Galeone!“

Big Old Shane und der Gambia-Mann hatten ihren Bestand an Pulverpfeilen nun nahezu aufgebraucht. Sie griffen zu den normalen Brandpfeilen und schickten sie in die Takelage der „Cruel Jane“ hinüber. Wenige Augenblicke später züngelten die Flammen aus den dunkel gelohten Segeln des Piratenschiffs hoch. Die „Jane“ verlor an Fahrt. Das Geschrei an Deck nahm nicht ab.

Deutlich war nach wie vor Henrys Stimme zu vernehmen. Er brüllte auf seine Männer ein und traktierte sie mit Hieben und Fußtritten.

Dalida war nirgends zu entdecken, sie hatte sich vorsichtshalber ins Achterdeck zurückgezogen.

Mechmed und seine Berber standen am Schanzkleid des vorderen Hauptdecks und begannen, nun ebenfalls mit Pfeilen auf die „Isabella“ zu schießen. Und nur kurze Zeit später tauchte auch die schwarzhaarige Ägypterin wieder auf, wie Hasard und seine Männer verfolgten. Auch sie hatte sich mit Pfeil und Bogen bewaffnet und legte auf den Todfeind an. Im Schein der an Bord der „Jane“ entstandenen Feuer waren ihr wütendes Gesicht und die verzerrten Mienen der fünf Berber deutlich zu erkennen.

Doch ihr Einsatz erfolgte zu spät, die „Isabella“ schickte sich jetzt bereits an, ihnen davonzusegeln. Sie hatte an Fahrt gewonnen. Die „Jane“ hingegen fiel zurück.

Die beiden O’Flynns luden in aller Hast die achteren Drehbassen nach, doch Selims Schebecke schob sich drohend auf das Heck der „Isabella“ zu, und die Türken, die sich von ihrem Schreck erholt hatten, standen schreiend auf der halb zertrümmerten Back und schwangen ihre Entermesser.

„Ferris!“ schrie Hasard. „Flaschenbomben zur Schebecke!“

Ferris Tucker brauchte seine selbstkonstruierte Abschußvorrichtung nur leicht herumzudrehen und neu zu justieren, dann konnte er sich der „Grinta“ widmen.

Eine Höllenflasche segelte durch die Dunkelheit und senkte sich auf das Vordeck der Schebecke nieder. Sie landete mit hartem Schlag auf den Planken, explodierte aber noch nicht, weil die Lunte nicht ganz abgebrannt war. Sie bestand aus dickwandigem grünen Glas, und deswegen zerbrach sie bei dem Aufprall auch nicht. Sie rollte über die Planken nach vorn, weil die Schebekke in diesem Moment eine stampfende Bewegung vollführte und ihren Bug ein wenig senkte.

Selim hatte vorher beobachtet, daß es eine ähnliche Flasche gewesen war, die auf der Kuhl der „Jane“ die größte Explosion herbeigeführt hatte. Deshalb schrie er jetzt auf und rannte ein Stück vor, um die Flasche festzuhalten.

„Helft mir!“ brüllte er. „Greift euch die Flasche! Werft sie ins Wasser!“

Dobran, Firuz und zwei andere Kerle stürmten sofort quer über die Back. Dobran versuchte sogar, sich auf die Flasche zu werfen und sie mit seinem Leib zu bremsen. Doch sie hatte die Abbruchkante des Kastells bereits erreicht, und da es keine Balustrade mehr gab, die sie aufhalten konnte, polterte sie auf die Galionsplattform hinunter.

„In Deckung!“ schrie Selim noch und zog sich zurück. Dann war es soweit. Die Flasche ging in die Luft und riß der Schebecke das Galion samt dem Bugspriet weg. Der Druck der Detonation warf Selim, Dobran, Firuz und die anderen zurück, aber sie wurden nicht verletzt.

Aufrichten konnten sie sich trotzdem noch nicht wieder, denn jetzt wummerten wieder die beiden achteren Drehbassen der „Isabella“, und zwei Brandpfeile, von Shane und Batuti abgegeben, bohrten sich zischend in die Lateinersegel der Schebecke.

„Buggeschütz – Feuer!“ schrie Selim außer sich vor Wut.

Die Kanone wurde gezündet, und die Kugel brachte der „Isabella“ ein drittes Loch im Heck bei. Doch schon flog die nächste Höllenflasche Ferris Tuckers. Diesmal landete sie im Wasser, doch die Glut der Zündschnur hatte sich bereits durch den Korken gefressen, so daß sie auch im Naß nicht erlöschen konnte. Dicht unter der Oberfläche der See explodierte auch dieses Geschoß, und die Schebecke erzitterte bis in ihre äußersten Verbände.

„Selim!“ schrie einer der Piraten aus dem Inneren des Vordecks. „Wir haben ein Leck!“

Selim rannte selbst ins Vordeck, wo die Männer ihre Posten am Buggeschütz verlassen hatten und in fieberhafter Hast versuchten, das Leck abzudichten, durch das das Wasser in einem breiten Strahl hereinschoß. Fluchend eilte Selim ihnen zu Hilfe.

Jetzt wurde auch die Schebecke langsamer und fiel zurück.

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