Read the book: «Star Trek - Titan: Kriegsglück»

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KRIEGSGLÜCK

DAVID MACK

BASED UPON STAR TREK AND

STAR TREK: THE NEXT GENERATION® CREATED BY GENE RODDENBERRY

Ins Deutsche übertragen von

Stephanie Pannen


Für die Friedensstifter


Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – TITAN: KRIEGSGLÜCK

wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler; Übersetzung: Stephanie Pannen;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust;

Korrektorat: André Piotrowski; Satz: Rowan Rüster; Cover Artwork: Adam „Mojo“ Lebowitz;

Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice. Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – TITAN: FORTUNE OF WAR

German translation copyright © 2020 by Cross Cult.

Original English language edition copyright © 2020 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2020 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All rights reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-96658-071-7 (August 2020) · E-Book ISBN 978-3-96658-072-4 (August 2020)

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Inhalt

HISTORISCHE ANMERKUNG

FEBRUAR 2366

KAPITEL 1

SEPTEMBER 2386

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

OKTOBER 2386

KAPITEL 30

DANKSAGUNGEN

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Ereignisse dieser Geschichte finden Ende 2386 statt, zwanzig Jahre nachdem die U.S.S. Enterprise 1701-D einen Notruf von Delta Rana IV erhielt (STAR TREK – THE NEXT GENERATION »Die Überlebenden auf Rana-Vier«) und ein paar Monate nach der verhängnisvollen Mission der Titan, den Dinac zu helfen (STAR TREK – TITAN »Aus der Dunkelheit«).

Und Blut in Strömen wallt,

vergebens – stets vergebens,

denn Krieg ist Mutter ihres Strebens.

– John Davidson »War Song« Vers 7 (1899)

FEBRUAR 2366

Jahr drei der U.S.S. Enterprise-D-Mission

KAPITEL 1

Die Welt war in Ordnung. Alles war so, wie es sein sollte: Die Schwachen buckelten vor den Starken, der Abschaum der niederen Kasten wusste, wo er hingehörte.

Als der königliche Schatzmeister Te-Mazow von seinem privaten Shuttle zur Regierungshalle im Herzen der Hauptstadt geführt wurde, fühlte er sich wie ein Herr der Schöpfung. Auf dem Boulevard vor der Hauptstadt breiteten seine Untergebenen ihre Tentakel weit aus und pressten ihren Körper auf das heiße Pflaster. Te-Mazow schwebte seines Amtes entsprechend auf seiner Antigrav-Sänfte über sie hinweg, sodass seine eigenen Tentakel nicht mit dem schmutzigen Boden in Berührung kamen und seine verwundbaren Körperteile hinter der juwelenbesetzten Plattform verborgen waren, während er die Sänfte von seinem Transporter weglenkte.

Seine sechs Wachen beeilten sich, mit seinem schwebenden Gefährt Schritt zu halten. Jeder von ihnen bewegte sich auf vier seiner sieben Gliedmaßen und nutzte seinen hinteren Tentakel, um das Gleichgewicht zu bewahren. In ihren vorderen Extremitäten, deren Enden sich in drei bewegliche Endglieder aufteilten, hielten sie Waffen, um ihre tödliche Autorität allen zu demonstrieren, die Augen im Kopf hatten.

Te-Mazow liebte es zuzusehen, wie sich der Pöbel vor ihm niederwarf. Es erinnerte ihn daran, wie weit er es in der Welt gebracht hatte, wie viele Rivalen er besiegt, wie viel Macht er angehäuft hatte. Dies war der Lauf der Dinge, das Wesen des Lebens. Luxus war den Starken, den Grausamen, den Schnellen vorbehalten. Für die weniger Glücklichen hatte er kein Mitleid übrig. Wenn sie wollen, was ich habe, müssen sie so hart arbeiten wie ich. Es fällt niemandem in den Schoß. Er verspürte großen Stolz und Genugtuung, als seine Wachen zwei junge Kriecher aus dem Weg seiner Sänfte traten, während er den Aufstieg zum königlichen Palast begann. Zur Seite, ihr Narren!

Das derzeitige Regime hatte in den vergangenen zwanzig Zyklen ein Dutzend Welten erobert und kolonialisiert, und die Zukunft versprach noch viel lukrativer zu werden. Die Grenze des Husnock-Raums näherte sich allmählich dem Randbesitz einer klassisch schwachen Organisation namens Vereinigte Föderation der Planeten. Die Föderation, wie ihre Bürger sie der Kürze halber oft nannten, war reif für eine Eroberung durch die Husnock. Ihre Welten waren leichte Beute, ihre Bewohner ängstliches Vieh. Jede Kultur, die so viel Zeit darauf verwandte, neue Wege zu finden, um die Schwachen zu verhätscheln und die Ängstlichen zu beschützen, hatte in der großen Dunkelheit der Galaxis nichts verloren.

Erforschung war das Vorrecht der Mutigen.

Und noch viel wichtiger, es war profitabel – und im Husnock-Sternkönigreich war es Te-Mazow, der den Reichtum kontrollierte. Ausgaben für neue Kolonien? Für neue Raumschiffe und Raumstationen? Für Krieg? All das musste von Te-Mazow geprüft und genehmigt werden. Der König und seine Berater mochten die Politik bestimmen, doch Te-Mazow verfügte über eine einzigartige Macht: Er sagte ihnen, wofür sie die finanziellen Mittel hatten oder nicht hatten. Er sagte ihnen, welche Kriege sie sich leisten konnten.

Die Macht hatte weitere Vorteile mit sich gebracht. Wie die große Mehrheit seiner Gleichgestellten war Te-Mazow verpaart und sein Besitz nach seinem Tod für eine Aufteilung unter seinen registrierten Nachkommen vorgemerkt worden. Das hatte ihn jedoch nicht davon abgehalten, beträchtliche Summen seines persönlichen Reichtums zur Seite zu legen und vor seinen rechtmäßigen Erben zu verstecken, um zweit- und drittrangige Partner und Nachfahren zu unterhalten. Er schämte sich nicht für diese Taten. Wenn er an die verarmten Massen dachte, die sich nicht einmal saubere Meeresgrundstücke leisten konnten, um gesunde Nachkommen zu zeugen, betrachtete er es als seine Pflicht, ihren Anteil an der Erhaltung der Husnock-Spezies zu übernehmen.

Te-Mazow war eben ein wahrer Patriot.

Im Inneren des königlichen Palasts waren die Ehrerbietungen noch befriedigender. Jeder, vom Bittsteller über den königlichen Hofstaat bis zu seinen loyalen Offizieren, warf sich flach auf den polierten Boden, als Te-Mazow auf dem Weg zu seinem Büro an ihm vorbeigeleitet wurde. Er wusste, dass er sich schon bald, noch bevor der Tag vorüber war, ebenfalls erniedrigen müssen würde, doch der Stachel dieses Wissens wurde durch die Tatsache gemildert, dass sich Te-Mazow nur vor dem König und seinen Nachkommen verneigen musste. In einer Kultur mit mehr als fünfzig Milliarden Individuen standen insgesamt nicht mehr als fünfzig über ihm. Das war eine Einschränkung seiner Größe, die er akzeptieren konnte.

Als sich seine Sänfte näherte, wartete vor seinem Büro eine Schlange Bittsteller. Während er eintrat, gewährte er keinem von ihnen die Ehre seiner Aufmerksamkeit.

Die heutige Schlange war die längste, die er seit langer Zeit gesehen hatte. Sie würden mit ihren elenden Bitten um Hilfe, um Forschungsgelder, um Almosen aus dem Reichtum, den Bessere als sie angesammelt hatten, zu viel seiner Zeit verschlingen. Er verabscheute sie. Dennoch mochten einige nachvollziehbar darlegen, wie seine Unterstützung ihrer Bemühungen dem Königreich nutzen, zu seinem Vorteil gereichen, seinen Ruf verbessern und seine Macht vergrößern würde. Jenen gewährte er königliche Darlehen. Dem Rest stellte er Gebühren in Rechnung, weil sie seine kostbare Zeit verschwendet hatten.

Es versprach ein höchst einträglicher Tag zu werden.

Am Eingang seines Büros prallte er gegen eine unsichtbare Wand aus Schmerz.

Ein entsetzliches Brennen erfasste Te-Mazows ganzen Körper. Es entsprang tief in seinem kugelrunden Kopf, ein Feuer, entfacht im Kern seines Wesens, das Speerspitzen der Qual bis in seine Hülle schickte. Seine Herzen rasten. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung.

»Helft mir!«, versuchte er zu sagen, doch seine Worte waren undeutlich.

Um ihn herum brachen seine Wachen zusammen und schlugen mit ihren Tentakeln wild um sich. Entlang des langen goldenen Korridors lagen all seine Bittsteller zuckend am Boden, aus ihren aufgerissenen Mündern tropfte Schaum und dunkelblaues Blut. Was für ein Grauen ging hier vor sich? Waren sie verraten worden? Hatte sich nach einem Millennium stabiler Herrschaft ein anderer Clan gegen die Vo-Kesur erhoben?

Der Schmerz wurde immer schlimmer. Jeder Gedanke in Te-Mazows Kopf verschrumpelte wie Haut in Lava. Gepeinigte Laute drangen aus seinem schnabelförmigen Mund, doch sie verloren sich in der Kakofonie aus Schreien, die durch den königlichen Palast hallten. Es war so beschämend, hier zusammen mit dem Pöbel zu liegen, als würden sie es verdienen, wie Gleichgestellte an seiner Seite zu sterben.

Sein Schmerz und Grauen verdoppelten sich – dann ging sein Körper in Flammen auf, genau wie jene aller anderen Husnock, die er sehen konnte.

Te-Mazows Welt stand in Flammen.

Es gab vor dem Feuer kein Entkommen.

In jeder Stadt der Husnock-Heimatwelt und auf jedem Planeten, den die Husnock jemals besiedelt hatten, in jedem von Husnock bemannten Raumschiff und jeder ihrer Raumstationen ging jedes einzelne Mitglied ihrer Spezies spontan in Flammen auf und verbrannte durch ein Feuer unbekannter Ursache.

Dann kam die Stimme, älter als der Tod oder die Zeit selbst. Ihre Worte waren die letzten, die jeder Husnock hörte, während er von seinem persönlichen Inferno verzehrt wurde:

»Für Rishon.«

Ein mentales Bild folgte jedem Husnock ins Grab: eine Welt namens Delta Rana IV, zerstört durch eines ihrer Raumschiffe … ein Weibchen einer fremden Spezies, das im Feuer von Husnock-Waffen verging … dann das Gesicht eines Douwd, eines Wesens aus purer Energie, einer eigentlich friedlichen Kreatur, durch Wut und Trauer zu einem Rachefeldzug nie zuvor da gewesenen Ausmaßes gegen die Husnock getrieben.

In einem einzigen Augenblick verwandelten die Flammen fünfzig Milliarden Lebensformen in Asche. Der Himmel von zwei Dutzend Husnock-Welten füllte sich mit schmierigem schwarzen Rauch … doch es war niemand mehr da, um es zu bezeugen oder sich zu freuen. Die Opfer der Husnock waren lange vor ihnen ausgelöscht worden. Nun hüllte sie alle das große Schweigen ein. Die Mächtigen waren gefallen …

Und der Kosmos bemerkte es nicht oder es war ihm egal.

SEPTEMBER 2386

KAPITEL 2

Es war ein Geisterplanet. Zumindest fühlte es sich für Doktor Maxwell Theron so an. Allem Anschein nach war es vor der Katastrophe ein Kolonieplanet gewesen. Es gab nur eine große Stadt auf der Oberfläche. Vereinzelte Trabantensiedlungen verteilten sich in der Umgebung, wobei die nächstgelegene am besten ausgebaut und die entfernteste am primitivsten war.

Ein Detail, das alle Husnock-Bereiche gemeinsam hatten, war der Eindruck, plötzlich und ohne Vorwarnung entvölkert worden zu sein. Persönliche Transportmittel aller Art waren abgestürzt und hatten Trümmer über die Straßen, die Landschaft und an den Küsten entlang verteilt. Elegant geschwungene Gebäude ragten ausgebrannt in den Himmel. In den Randgebieten lagen Reaktoren und Raumhäfen kalt und verlassen da. In Wohnstätten und öffentlichen Räumen waren zurückgelassene Besitztümer den Elementen überlassen worden.

Die Natur hatte damit begonnen, sich den Raum von den ausgelöschten Husnock zurückzuerobern. Ranken, Moos und Gräser schmückten die Fassaden leerer Gebäude und hüllten die verbogenen Hüllen zerstörter Fahrzeuge ein. Risse durchzogen einst makellose Boulevards. Aus ihnen reckten sich Blumen und Pilze der Sonne entgegen. Die Widerstandsfähigkeit der einheimischen Flora erfüllte Theron mit Hoffnung. Aus Tod und Zerstörung entstanden Erneuerung und Wiedergeburt. Es ließ ihn über die Vergänglichkeit des Lebens nachdenken, über die Schönheit des Chaos und die Torheit zu erwarten, dass die Ordnung etwas anderes wäre als eine vorübergehende Unterbrechung der Entropie.

Ganz schön tiefsinnige Gedanken für einen so schönen Morgen, rügte er sich selbst und trank einen Schluck heißen Tee aus seinem überschwappsicheren Becher, während er das Lager der Expedition durchquerte. Sein xenoarchäologisches Team hatte auf beiden Uferseiten des zentralen Stadtaquädukts sein Basislager aufgeschlagen. Obwohl anfangs recht klein, war es schnell gewachsen. Es waren ein paar Hundert Leute hier, alle unterstanden Therons Leitung. Nur ein paar waren xenokulturelle Experten wie er selbst. Die Gruppe umfasste Xenolinguisten, Ingenieure und Biologen verschiedener Fachgebiete, Architekten und Computerexperten, ganz zu schweigen vom medizinischen Personal und von den Köchen, Piloten, Fahrern und Mechanikern, die sie unterstützten.

Sie hatten sich hier vor ein paar Jahren eingerichtet, nur wenige Monate nachdem ein Langstreckenaufklärungsschiff diese Welt entdeckt hatte. Zwanzig Jahre zuvor hatte die Sternenflotte ihre geheime Suche nach den Überresten der Husnock-Zivilisation begonnen, kurz nach Captain Jean-Luc Picards Bericht über die Mission des Raumschiffs Enterprise NCC-1701-D nach Delta Rana IV. Die Crew der Enterprise hatte die Planetenoberfläche nach einem Notruf zerstört vorgefunden, mit der Ausnahme eines kleinen Stück Lands um ein makellos aussehendes Haus, das von einem älteren Paar bewohnt wurde. Es hatte sich herausgestellt, dass die Frau eine vom Mann erschaffene Illusion war. Dieser wiederum hatte sich als ein Douwd entpuppt – ein Energiewesen, das zugegeben hatte, die Husnock in einem Moment der Rache ausgelöscht zu haben.

So hatte die geheime Suche der Sternenflotte nach Spuren der Husnock begonnen, die der Douwd als eine Spezies von abscheulicher Intelligenz beschrieben hatte.

Die Suche hatte sich als länger und schwieriger erwiesen, als irgendjemand erwartet hatte. Die Föderation hatte vor dem Angriff der Husnock auf Delta Rana IV keine Aufzeichnungen über sie gehabt und nach ihrer Auslöschung war ihre Zivilisation verstummt und erstarrt, was sie für die meisten Langstreckensuchmethoden praktisch unsichtbar gemacht hatte. Hinzu kam, dass der Dominion-Krieg und die Borg-Invasion die Erforschung der angrenzenden Sektoren des Alpha-Quadranten unterbrochen hatten.

Es hatte siebzehn Jahre gedauert, bis die Sternenflotte diese isolierte Husnock-Koloniewelt am Rand des Perseusarms entdeckt hatte. Ihr eingetragener Name lautete FGC-779852c und Theron würde nicht zulassen, dass seine Kollegen vom Daystrom-Institut oder der vulkanischen Akademie der Wissenschaften ihr einen neuen Namen gaben. Er war entschlossen, die Bezeichnung der Husnock für den Planeten herauszufinden, denn er wurde von der Vorstellung verfolgt, dass diese namenlose Welt ein anonymes Grab für jene darstellte, die hier gestorben waren.

Theron war fast am Essenszelt angekommen, als ihn Doktor Kilaris einholte. Er nickte der Vulkanierin höflich zu. »Guten Morgen, Doktor! Wollen Sie auch frühstücken?«

»Ich habe bereits gegessen.« Sie reichte ihm ein Padd. »Meinem Team und mir ist ein Durchbruch gelungen.«

Wie die meisten Vulkanier neigte auch Kilaris nicht zu Übertreibungen. Theron blieb stehen und sah sie an. »Welcher Art?« Sie nickte in Richtung des Padds. Er überflog die einleitende Zusammenfassung. Sie hatten einen Kodex gefunden, der eine unvollständige Husnock-Übersetzung eines Texts aus einer fremden Sprache enthielt. Auch wenn die Husnock-Sprache weiterhin unverständlich war, schien die andere Sprache der Föderation bereits bekannt zu sein. »Sind Sie sich sicher?«

»Ich habe gewartet, bis drei meiner Teammitglieder unabhängig voneinander die Ergebnisse bestätigt hatten. Bei dem Text, den wir gefunden haben, scheint es sich um einen antiken Dialekt der Tkon zu handeln. Das deutet darauf hin, dass die Husnock zu irgendeinem Zeitpunkt Kontakt mit einer Spezies hatten, deren Sprache durch die Tkon beeinflusst wurde.«

Die Belege schienen stimmig zu sein. Theron bekam Herzklopfen. »Das ist eine wertvolle Entdeckung, Doktor. Wie viel Tkon-Text haben Sie gefunden und wie viel davon war auf Husnock übersetzt?«

»Das ursprüngliche Werk scheint umfangreich zu sein. Es sollte uns befähigen, eine Übersetzungsmatrix für die geschriebene Husnock-Sprache zu erstellen.«

»Unser eigener Stein von Rosetta! Ausgezeichnet. Gleich nach dem Frühstück werde ich Daystrom und die Akademie informieren.« Sein Magen begann zu knurren, also bedeutete er ihr, ihm ins Essenszelt zu folgen. »Und was ist mit der gesprochenen Sprache? Irgendwelche Hinweise an dieser Front?«

Kilaris schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Wir warten noch darauf, dass die Ingenieure die Datenformate der Husnock entschlüsseln.« Sie folgte ihm die Ausgabeschlange entlang und sah zu, wie er sich ein Tablett und einen Teller nahm, den er mit Rührei und einem warmen Brötchen füllte. »Haben wir schon Husnock-DNA gefunden?«

»Nicht das geringste bisschen. Welcher Art die Douwd-Apokalypse auch war, sie war gründlich.« Er setzte sich mit Kilaris an einen Tisch und sie sah zu, wie er frühstückte. Zwischen zwei Bissen fragte er: »Benötigt Ihr Team etwas, um die Übersetzung zu beschleunigen?«

»Ein Prioritätszugang zum Hauptcomputer wäre äußerst hilfreich.«

»Natürlich.« Er schlang einen weiteren Bissen Rührei hinunter. Nach dem Schlucken bemerkte er, dass sie ihn immer noch ansah. »Gibt es sonst noch etwas, Doktor?«

»Mein Team und ich werden heute Abend lange an der neuen Übersetzungsmatrix arbeiten.« Sie zog ihre elegant geschwungenen Augenbrauen hoch. »Soll ich heute in dein Zelt kommen? Oder wirst du in meinem auf mich warten?«

Theron sah in Kilaris’ dunkelbraune Augen und bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken. »In meins.«

Sie nickte, stand auf und verließ das Essenszelt.

Er sah er ihr nach und gestattete sich ein Lächeln.

Ich glaube, das wird eine ziemlich gute Woche.

In der großen Raumstation war Geld zu holen. So viel wusste Cherbegrod. Warum sonst lag sie so weit entfernt von anderen Planeten, versteckt in den Tiefen des Alls. Warum war sie so dunkel? Warum gab es Fallen an den Luftschleusen?

Die Schöpfer der Raumstation mussten ihre Fallen für gerissen gehalten haben. Gut versteckt. Aber nicht für Pakleds. Außenweltler lachten über die Pakleds. Nannten sie langsam. Aber Pakleds waren schlau. Und sie kannten sich mit Fallen aus. Wie man sie machte, wie man sie fand, wie man sie unschädlich machte.

Auf der Weltraumstation gab es viele Fallen.

Für die Messinstrumente der Gomjar, Cherbegrods Bergungsschlepper, waren die Fallen unsichtbar. Doch Cherbegrod war kein Dummkopf. Er schickte seinen Ingenieur Eberleg hinaus, um die Luftschleuse der Raumstation zu inspizieren, bevor er die Gomjar andocken ließ. Das war schlau. Bomben und Tricks und Fallstricke. Einige, um der Gomjar zu schaden, andere, um ihn und seine Leute zu verletzen. Überall Fallen.

Cherbegrod und sein Stellvertreter Haripog sahen über Eberlegs Schulter. Der Ingenieur nahm ein empfindliches System mit seinen Fingern auseinander, die auch ohne die schweren Handschuhe des Raumanzugs schon dick waren.

Der Erste Offizier wurde ungeduldig. Seine Stimme knackte über die Sprechanlage in Cherbegrods Raumanzug. »Wann ist die Tür auf?«

»Bald«, sagte Eberleg auf dem gleichen Sprechkanal. Er klopfte mit einem Werkzeug gegen die Luftschleuse. »Bald.« Dann entfernte er ein weiteres unheimlich aussehendes Ding aus einem Spalt der Schleuse. »Jetzt.«

Die Tür öffnete sich.

Auf der anderen Seite war es dunkel. Cherbegrod schlug Haripog auf den Arm. »Mach Licht.«

Haripog fummelte an seinem Lichtstab herum und schaltete ihn ein. Dann richtete er den Strahl ins Innere der Raumstation. Drinnen war es geräumig und die Decke war so hoch, dass der Lichtstrahl nicht hinaufreichte. Die drei Anführer der Gomjar trotteten nah beieinander hinein.

Regale und Staufächer erstreckten sich in langen Reihen, so weit das Auge reichte. Alles voller unheimlicher Dinge. Bomben. Raketen. Metallformen, die er nicht benennen konnte, von denen er aber vermutete, dass sie bumm machen würden, wenn jemand fest genug auf sie einschlug.

Große mechanische Arme hingen von Maschinen an der Decke, bewegten sich aber nicht. Frachtheber und -schlepper waren zwischen den Regalen explodierender Dinger geparkt und daneben lagen Antigrav-Paletten, entweder abgeschaltet oder ohne Energie.

Eberleg sah zu Cherbegrod und Haripog. »Wohin jetzt?«

Cherbegrod deutete auf die Steuerkonsole eines großen Fusionsreaktors am Ende des Mittelgangs. »Dahin.« Er ging darauf zu und seine Männer folgten ihm. Es war ein langer Weg. Als sie die große Maschine erreicht hatten, berührte Cherbegrod die Steuerkonsole. Ein paar Lichter blinkten auf und erloschen wieder. Er sah zu Eberleg und deutete auf die Konsole. »Du kannst das ganz machen? Damit es wieder geht?«

»Ich werde es versuchen«, sagte Eberleg. »Das sind komische Zeichen.«

Während der Ingenieur die Hülle der Reaktorsteuerung auseinandernahm, bemerkte Cherbegrod, dass Haripog die großen Waffentürme ehrfürchtig anstarrte. Der Erste Offizier deutete auf ein paar der geparkten Frachtheber. »Keine Sitze.« Dann zeigte er auf die großen Roboterarme. »Keine Handsteuerung.« Er sah Cherbegrod an. »Der Frachtraum läuft von allein. Das ist gut.«

»Ja. Weniger Arbeit für uns.« Er deutete auf eine breite, offene Passage am Ende des Raums. »Hier lang.«

Sie gingen gemeinsam in den nächsten Bereich der Raumstation, der vom Frachtraum durch eine dicke Wand abgetrennt war. Auf der anderen Seite war eine Fabrik. Es war ein Labyrinth aus ineinander verschlungenen Förderbändern, Roboterarmen in allen möglichen Größen und glänzenden Maschinen. Alles lag still. Auf dem Laufband befanden sich Kriegswaffen. Diejenigen, die näher am Frachtraum standen, wirkten fast einsatzbereit. Je weiter man die Produktionslinie entlangging, desto unfertiger wurden die Sprengköpfe.

Haripog nickte. »Keine Arbeitsstationen. Keine Arbeiter. Die Fabrik läuft von allein.«

»Und jetzt gehört die Fabrik uns.« Cherbegrod grinste, als er sich vorstellte, wie reich sie alle sein würden, wenn sie diese tödlichen Spielzeuge an den Höchstbietenden verkauften. »Eberleg soll Energie machen. Dann lassen wir die Fabrik laufen – und niemand wird mehr über uns Pakleds lachen.«

KAPITEL 3

Es war der unangenehmste Teil von Dalit Sarais wöchentlicher Routine und stets der Tiefpunkt des Tages, an dem er anstand: der obligatorische Bericht an ihren Führungsoffizier. Vor ihrer Stationierung als XO auf der Titan hatte sie das Protokoll nicht gehasst. Während sie im Außeneinsatz für den Geheimdienst der Sternenflotte tätig gewesen war, hatte die Kontaktaufnahme eine Reihe wichtiger Funktionen erfüllt, vor allem um stets auf dem Laufenden zu sein über aufkommende Bedrohungen und sich verändernde Situationen. Nun lief der Informationsfluss strikt in eine Richtung – von ihr zu der Person, die sie an der sprichwörtlichen kurzen Leine hielt. Und das konnte nur zu Unmut führen.

Sarai überprüfte, ob sie die Tür zu ihrem Quartier abgeschlossen hatte. Sie konnte nicht riskieren, in den nächsten paar Minuten gestört zu werden. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass sie ungestört war, holte sie zwei Objekte aus einem Versteck hinter der Wartungsplatte ihrer Waschgelegenheit. Das erste war klein und oval. Es ähnelte den Kommunikatoren früherer Zeiten, natürlich ohne das vertraute Sternenflottenlogo. Ein ungeübter Betrachter hätte es für eine unauffällige Brosche halten können. Bei dem zweiten Objekt handelte es sich um einen schlichten Metallstab mit einem einfachen Display an der Seite.

Ihr jahrelanges Training als Agentin ließ Sarai ihr Quartier mit dem Stab durchsuchen. Der kompakte Scanner konnte jedoch keine verborgenen Abhörgeräte aufspüren. Sie stellte ihn ab, legte ihn wieder weg und tippte dann eine wohlvertraute Sequenz in das bronzefarbene Oval ein. Das handflächengroße, abhörsichere Komm-Gerät vibrierte kurz in ihrer Hand. Das bedeutete, dass sich das Gerät mit dem sicheren Computernetzwerk der Titan verband, wobei es die Anmeldedaten eines gewöhnlichen Padds oder Trikorders imitierte. Innerhalb von Sekunden deaktivierte es das automatische Mikrofonsystem ihres Quartiers und stellte eine verschlüsselte Verbindung zur Subraumtransceiverphalanx des Raumschiffs her.

Dann vibrierte es zweimal schnell hintereinander. Nun war sein geheimer Kanal offen. Sarai tippte eine weitere Sequenz in das Gerät ein, um seinen verschlüsselten Kanal auf den Computerbildschirm ihres Schreibtischs umzuleiten. »Aktiv. Bereit.«

Auf dem Schirm erschien das strenge Gesicht einer grauhaarigen Frau: Sarais Vorgesetzte, Admiral Marta Batanides, Leiterin des Sternenflottengeheimdiensts. »Bericht!«

»Admiral Riker überstrapaziert weiterhin die Ressourcen unserer Eskortschiffe.«

»Details, bitte.«

»Seit letzter Woche hat Admiral Riker die Canterbury, die Ajax und die Wasp in Richtungen geschickt, die sie meiner Meinung nach zu weit auseinander bringen, um im Falle einer Krise der Titan oder einander taktische Unterstützung bieten zu können.«

Batanides dachte darüber nach. »Was ist mit Captain Vale? Hat sie das in ihrem Logbuch vermerkt?«

»Negativ. Ich habe ihr gegenüber meine Bedenken unter vier Augen geäußert, doch sie hat sie mit der Begründung zurückgewiesen, dass es mir nicht zustünde, den Admiral in taktischen Entscheidungen zu hinterfragen.«

»Da stimme ich dem Captain zur Abwechslung mal zu. Aber Ihre Bedenken sind zur Kenntnis genommen, Commander … Haben Sie sonst noch etwas von Interesse über Captain Vale zu berichten?«

Sarai zögerte, ihre Beobachtungen über ihren kommandierenden Offizier zu teilen, aber sie wusste, dass Batanides nicht an das Sprichwort »Keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten« glaubte. »Sie hat in den letzten sieben Tagen bei zwei Gelegenheiten eine fragwürdige Bereitschaft demonstriert, Riker ihre Befehle hinterfragen zu lassen. Keiner der Vorfälle hatte jedoch eine bedeutsame Auswirkung auf die Missionsergebnisse.«

»Die Auswirkungen auf die Besatzungsmoral machen mir mehr Sorge.« Batanides’ Gesichtsausdruck wurde milder. »Sie sind nun seit acht Monaten an Bord der Titan. Wie haben Sie sich eingelebt?«

»Das Vertrauen des Captains in mich bleibt verhalten und ich vermute, dass der Admiral meine vorgeschriebene Anwesenheit immer noch kritisch sieht. Was den Rest der Mannschaft angeht …« Sie fragte sich, ob sie erwähnen sollte, dass sie von einigen Kollegen aufgrund ihres distanzierten Benehmens immer noch als »Eiskönigin« bezeichnet wurde, doch sie entschied sich dagegen. Stattdessen log sie. »Sie erkennen meine Autorität an.«

»Selbst der Chefingenieur? Ra-Havreii? Er hat den Ruf eines Nonkonformisten.«

Die Erwähnung von Ra-Havreii verärgerte Sarai. »Sobald ich ihm zu verstehen gegeben hatte, dass ich, nur weil ich ebenfalls Efrosianerin bin, keine Verpflichtung sehe, seine sexuellen Frustrationen zu mildern, hat sich unsere Arbeitsbeziehung enorm verbessert.« Sie verschwieg lieber, dass sie ihn geohrfeigt hatte. Zweimal.

»Und das bringt uns zu Troi. Ich sehe es weiterhin kritisch, dass sie neben Riker dient. Hat ihre Anwesenheit die Effektivität von Riker oder Vale in irgendeiner Weise beeinträchtigt?«

Sarai war versucht, Troi anzuschwärzen, hauptsächlich deshalb, weil die empathischen Fähigkeiten der Halbbetazoidin sie nervös machten, doch Sarais Anstand gewann die Oberhand. »Ich habe keinen Hinweis darauf gesehen.«

»Dann sehen Sie genauer hin.«

Die Herzlosigkeit und der Zynismus von Batanides’ Befehl verärgerten Sarai, doch es stand ihr nicht zu, sich zu beschweren. Zwei Jahre zuvor hatte sie während der Bashir-Andor-Krise Übergangspräsident Ishan Anjar hinter dem Rücken des Admirals wichtige Informationen zugespielt – ein riskanter politischer Zug, der nach hinten losgegangen war, als Anjars kriminelle Vergangenheit ans Tageslicht kam. Er war in Ungnade gefallen, genau wie jeder, der mit seiner Kandidatur für die Präsidentschaft der Föderation zu tun gehabt hatte, einschließlich Sarai. Ihr war klar, dass sie wahrscheinlich in irgendeinem Sackgassenjob in einem Munitionsdepot auf Luna feststecken würde, wenn Batanides sie nicht als Maulwurf auf der Titan rekrutiert hätte.

Doch das bedeutete nicht, dass sie bereit war, Verfehlungen zu erfinden, um die obsessive Vendetta ihrer Vorgesetzten gegen Admiral Riker und die Führungsoffiziere der Titan zu befriedigen.

»Sollte mir in Ausübung meiner Pflicht etwas Verdächtiges auffallen, werde ich es wie befohlen melden.« Insgeheim freute sie sich zu sehen, wie Batanides vor Zorn über ihren passiv-aggressiven Trotz schäumte. Um dem unangenehmen Gespräch zu entkommen, fügte Sarai hinzu: »In zehn Minuten beginnt meine Schicht auf der Brücke. Gibt es sonst noch etwas?«

»Ich erwarte Ihren nächsten Bericht in fünf Tagen.« Admiral Batanides schloss den sicheren Kanal.

Sarai gab die Deaktivierungssequenz in ihr sicheres Komm-Gerät ein, dann deponierte sie es zusammen mit dem Scanstab wieder in seinem Versteck und setzte die Wartungsplatte wieder ein. Sie überprüfte ihr Spiegelbild: Ihre dunklen Haare waren zu einem den Vorschriften entsprechenden Pferdeschwanz gebunden und ihre nach oben geschwungenen Augenbrauen sahen noch immer elegant und wohlgeformt aus. Schließlich holte sie tief Luft, atmete die Anspannung von ihrem Gespräch mit Batanides aus und verbannte damit jegliche Spur von Emotion aus ihren kantigen Gesichtszügen.

Nachdem ihre Maske der Distanziertheit wieder saß, verließ sie ihr Quartier, um einen neuen Tag als Spion im Dienst des Sternenflottengeheimdiensts an Bord des Raumschiffs Titan zu beginnen.

Ranul Kerus Meinung nach gab es kein größeres Geschenk, als an einem neuen Tag zu erwachen.

Sein Weckalarm – sanftes Vogelgezwitscher – erklang um 0615. Erfrischt nach einem perfekten Schlaf öffnete Keru die Augen und sah, dass ihn sein Liebhaber Bowan Radowski von der anderen Seite des Betts anschaute.

»Morgen!«, sagte Keru.

Bowan lächelte. »Hey!«

Es gab um diese frühe Uhrzeit nichts zu besprechen. Es fühlte sich für Keru einfach gut an zu wissen, dass Bowan da war und in diesem Moment den gleichen Raum mit ihm teilte.

Keru rollte sich aus dem Bett und betrat den Wohnbereich ihres gemeinsamen Quartiers – eine kürzliche Veränderung ihrer Lebensverhältnisse, die vom Captain genehmigt und mit freudiger Effizienz vom Quartiermeister umgesetzt worden war. Nachdem sich Keru ein paar Minuten lang gestreckt hatte, um wach zu werden, begann er mit seinem üblichen morgendlichen Training. Laut Chronometer war Donnerstag, also war heute Yoga dran. Jeder Wochentag hatte seinen eigenen Trainingsplan. Am Tag zuvor war es ein flotter Lauf in einer Holodecksimulation der verlorenen Strände von Risa gewesen, am nächsten Tag würden es Aikido-Übungen sein.

Irgendwo zwischen dem Sonnengruß und der Kriegerpose spürte Keru, wie sich seine Sehnen entspannten. Schweißtropfen rollten ihm von der Brust, kitzelten seine Kehle und verschwanden in seinem Bart, während er eine einhändige Baumpose machte. Dieser Handstand war ihm erst nach jahrelanger Übung gelungen und es fiel ihm immer noch schwer, die Pose zu halten. Es war fast eine Erleichterung, als es an der Zeit war, in die Sayanasana-Skorpionpose zu gehen, in der er seinen in die Höhe gestreckten Körper auf den Ellbogen balancierte, die Beine eingeschlagen, während seine Füße auf seinen Kopf zeigten.

Dann fühlte er sich mutig genug, um den Verletzten Pfau zu versuchen – und umzufallen. Eines Tages werde ich das hinbekommen. Er rollte sich in die Ruhehaltung, um sein Training abzuschließen und seine Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Es sah einfach aus – ruhig auf dem Rücken liegen, sich nicht bewegen und still sein. Doch die wahre Herausforderung war der eigene unruhige Geist. Heute zumindest lösten sich Kerus Gedanken im Strom seines Atems auf. Er war hier und jetzt mit sich im Reinen.

Leise Schritte auf dem Teppichboden holten ihn aus seiner Meditation. Bowan schritt über ihn hinweg und fragte ihn auf dem Weg zum Replikator: »Bereit fürs Frühstück?«

»Absolut. Aber es muss schnell gehen. Ich muss vor meiner Schicht noch duschen.«

»Schnell ist gut. Gesund ist besser.« Er aktivierte den Replikator. »Eiweißomelette mit Schweizer Käse, Frühlingszwiebeln und Brokkoli. Pumpernickelbagel, getoastet und gebuttert. Irish Breakfast Tea, heiß.« Als seine Mahlzeit mit einem Aufblitzen von Farbe und einem melodischen Klang Gestalt annahm, fragte er Keru: »Und für dich?«

»Zwei ktarianische Eier, pochiert, auf gedämpftem vulkanischem Seegras. Eine halbe terranische Pink Grapefruit. Raktajino, ungesüßt. Und, weil ich nicht immer perfekt sein kann, ein zibalianisches Blätterteigteilchen.«

Bowan nahm das Tablett mit seinem Frühstück aus dem Ausgabefach, dann wiederholte er Kerus Bestellung. Während er sein Essen zum Tisch brachte, tupfte sich Keru mit einem Handtuch den Schweiß von Gesicht und Armen. Sie aßen ihr Frühstück und plauderten, während Bowan die morgendlichen Nachrichten auf seinem Padd überflog. Als sie fertig waren, warf Keru einen Blick auf das Chronometer und sprang auf. »Ich bin spät dran!«

Er stürmte durch ihr Schlafzimmer und unter die Schalldusche. Auch wenn er es hasste, sich beim Duschen hetzen zu müssen, hasste er es doch mehr, auch nur eine Minute zu spät für eine Schicht auf der Brücke zu sein. In unter neunzig Sekunden war er sauber, zog sich panisch an und erstarrte, als ihm klar wurde, dass etwas fehlte.

»Mein Kommunikator!« Er drehte sich erst in die eine, dann in die andere Richtung. »Hast du meinen …?«

Bowan stand in der Tür des Schlafzimmers und hielt Kerus Kommunikator zwischen zwei Fingern. »Den hast du im Wohnzimmer liegen lassen. Mal wieder.«

Keru schnappte sich den Kommunikator aus der Hand seines Lebensgefährten und gab ihm auf dem Weg zur Tür einen Kuss. »Was würde ich ohne dich machen, Bo?« Über seine Schulter rief er noch: »Bis heute Abend!« Dann war er im Korridor und lief zum nächsten Turbolift.

Jeder, der auf seinem Weg zum Lift an ihm vorbeikam, lächelte ihn an. Er fragte sich, ob sie etwas wussten, das ihm entgangen war. Dann sah er im Vorbeigehen sein Spiegelbild in einer Komm-Konsole und ihm wurde klar, dass ihn alle anlächelten, weil er selbst wie ein Idiot von einem Ohr zum anderen grinste.

Das Glück war an diesem Morgen auf seiner Seite. Die Turbolifttüren standen offen, als er ankam, und er konnte hineinschlüpfen, kurz bevor sie sich schlossen. Er nickte Lieutenant Karen McCreedy von der Technik zu. »Guten Morgen!« Dann sagte er an den Computer gewandt: »Brücke.« Die Bewegung war kaum spürbar, als der Lift aufwärts beschleunigte.

Als Führungsoffizier auf dem Weg zur Brücke hatte sein Ziel Priorität vor dem von McCreedy. So war es auf allen Schiffen der Sternenflotte üblich, doch diesmal fühlte er sich verpflichtet, den Lieutenant verlegen anzusehen und »Entschuldigung« zu murmeln.

Sie schüttelte den Kopf. »Kein Problem, Sir.«

Die Türen öffneten sich mit einem Zischen und Keru betrat die Brücke der Titan. Er erreichte die Sicherheits- und die taktische Konsole, die während der Nachtschicht von Commander Tuvok bemannt worden war. Der Vulkanier nahm Kerus Ankunft mit einem höflichen Nicken zur Kenntnis. »Alle Decks vermelden Sicherheit. Schiffsstatus normal. Keine feindlichen Kontakte innerhalb der Sensorreichweite.«

»Verstanden. Ich löse Sie ab, Commander.«

»Sie haben die Station.« Tuvok trat einen Schritt zurück und übergab Keru die Konsole genau eine Minute vor dem offiziellen Beginn der Alpha-Schicht. Wie üblich hielt er sich danach nicht mehr lange auf der Brücke auf. Er ging geradewegs zum Turbolift, der sich vor ihm öffnete und mehrere Passagiere ausspuckte, einschließlich Commander Sarai, der Pilotin Lieutenant Commander Aili Lavena und dem seit Kurzem der Brücke als Ingenieur zugewiesenen Lieutenant Torvig Bu-Kar-Nguv.

Torvig tanzte an seinen Posten, der sich an einer hinteren Konsole in der Nähe von Keru befand, und setzte sich. Der junge Choblik sah aus wie eine Mischung aus einem flugunfähigen Vogel und einem zweibeinigen Waldtier, mit einem Greifschwanz, der in einem Set agiler robotischer Finger endete, und sein Körper war mit kybernetischen Verbesserungen einschließlich zweier bionischer Arme ausgestattet.

Ein paar Minuten später bemerkte Keru aus dem Augenwinkel, dass ihn Torvig neugierig ansah. Er erwiderte den Blick des Ingenieurs. »Was ist los, Tor?«

»Ich wollte Sie gerade das Gleiche fragen, Ranul.«

»Warum?«

»Sie haben gesummt.«

Das überraschte den Trill-Sicherheitschef. »Ich habe was?«

»Gesummt. Ziemlich laut.« Er wurde entschuldigend. »Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Es klang ziemlich fröhlich.«

Ein kurzer Blick in die Runde bestätigte Keru, dass ihn andere Offiziere in der Nähe ebenfalls neugierig musterten, einschließlich Ensign Peya Fell, der neuen Wissenschaftsoffizierin der Alpha-Schicht. Fell lächelte amüsiert, bevor sie den Blick senkte, und Keru fragte sich, was die junge Deltanerin wohl von ihm dachte.

Bevor er sich für seinen unbewussten Ausrutscher schämen konnte, fragte ihn Torvig: »Fühlen Sie sich heute Morgen wirklich so überschwänglich? Oder ist es eine Überkompensation?« Er vollführte das Äquivalent seiner Spezies zu einem Schulterzucken. »Manchmal fällt es mir schwer, die Emotionen von Humanoiden zu deuten.«

Keru lächelte und entschied, seine gute Stimmung zu genießen.

»Was soll ich sagen, Tor? Das Leben ist schön.«

»Das Leben ist ätzend.« Doktor Xin Ra-Havreii schritt an einer Reihe nervöser Ingenieure entlang, die in der Mitte des Hauptmaschinenraums an ihren Konsolen standen. »Und Ihre schlampige Arbeit ist der Grund dafür.« Er deutete im Vorbeigehen auf einen Schirm nach dem anderen. »Meldok, Ihr Intermixverhältnis weicht um null Komma null zwei ab … Crandall, die Verzerrungsresonanz der Steuerbordwarpspule sollte nie über null Komma null drei Millicochrane hinausgehen, ich sehe null Komma null fünf … Verdammt noch mal, Rossini, ich will keine Beimengungen im Strom der Bussardkollektoren, die über null Komma null fünf Millionstel hinausgehen … Tabyr, reinigen Sie die EPS-Leitungen, bis …«

»Die Spezifikationen für die Bussardkollektoren besagen, dass das System Beimengungen von Konzentrationen bis null Komma zwei fünf Millionstel herausfiltern kann«, unterbrach Rossini.

Ra-Havreii drehte sich wieder zu Ensign Paolo Rossini um. Er baute sich vor dem drahtigen jungen Mann auf und starrte ihn streng an. »Bitte entschuldigen Sie, Ensign. Ich hätte schwören können, dass ich gerade von einem Junioringenieur über die Spezifikationen belehrt wurde. Als wäre nicht ich es, der die Spezifikationen für dieses Schiff geschrieben hätte. War das eben eine akustische Halluzination, Ensign?«

Rossini ging in Habachtstellung. »Nein, Sir.«

»Sie haben mich also über die Spezifikationen belehrt?« Ra-Havreii lehnte sich nah genug heran, dass seine dramatischen, äußerst buschigen Augenbrauen Rossinis Gesicht kitzelten, während er ihn weiter rügte. »Sie sind jünger als einige meiner Narben, Ensign, also will ich Sie in ein kleines Geheimnis einweihen. Raumschiffdesigner erarbeiten eine Unmenge empfohlener Spezifikationen für ihre Schöpfung. Bei den meisten davon handelt es sich um pure Schätzungen, basierend auf Simulationen und Kurzstreckentestflügen. Niemand weiß wirklich, wie ein System funktioniert, bis es in der Praxis eingesetzt wird. Und jedes Raumschiff ist anders. Nach ein paar Jahren im Dienst und einigen Nachbesserungen entwickelt jedes Schiff seine persönlichen Eigenarten. Ein guter Ingenieur lernt, diese Macken zu respektieren. Unerfahrene Ingenieure«, er senkte seine Stimme zu einem bedrohlichen Knurren, »zitieren Spezifikationen aus dem Handbuch. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Mister?«

»Aye, Sir.«

Ra-Havreii deutete auf Rossinis Konsole. »Zurück an die Arbeit!«

Er ging die Reihe weiter entlang. Niemand sonst wagte es, ihm zu widersprechen … bis er die letzte Station erreicht hatte, die Hauptstatusanzeige. Während der meisten Schichten bemannte er diesen Posten am liebsten selbst. Doch seit der letzten Überholung der Titan – die nötig geworden war, nachdem das Schiff Anfang des Jahres im Kampf gegen die Solanae Schäden davongetragen hatte – waren auf Befehl des Sternenflottenkommandos zwei erfahrene Ingenieursoffiziere in seine Abteilung versetzt worden. Lieutenant Commander Aluno, eine zurückhaltende Catullanerin, hatte sich freiwillig für die Nachtschicht gemeldet. Dadurch hatte Ra-Havreii sie praktisch nicht mehr gesehen, seit sie an Bord gekommen war.

Wenn er doch über Lieutenant Commander Szevich Dalkaya nur das Gleiche sagen könnte! Der junge und fachlich hervorragende Zibalianer verkörperte alles, was Ra-Havreii an Untergebenen nicht leiden konnte. Zu allem Übel war Dalkaya auch noch ziemlich ehrgeizig und trat immer so arrogant auf, dass Ra-Havreii ihm am liebsten die Tätowierungen aus dem Gesicht geohrfeigt hätte.

Dalkaya stand mit verschränkten Armen vor der Hauptsystemanzeige und zog verächtlich eine Augenbraue in die Höhe. »Wenn Sie nicht wollen, dass Ihnen Ihre Sandsäcke Paroli bieten, sollten Sie vielleicht lieber auf dem Holodeck trainieren.«

»Jetzt weiß ich, warum Ihre Spezies allgemein als unhöflich gilt.«

»Unhöflich? Wohl eher brutal ehrlich.« Dalkaya warf einen Blick zu Rossini, dann zurück zu Ra-Havreii. »Er hat recht, wissen Sie? Die Spezifikationen …«

»Ich kenne die Spezifikationen«, blaffte Ra-Havreii.

»Dann sollten Sie sie aktualisieren, anstatt von uns zu erwarten, dass wir Ihre Gedanken lesen.«

Ra-Havreii runzelte die Stirn und tat so, als müsste er etwas an der Hauptsystemanzeige korrigieren. »Ich werde darüber nachdenken.«

Dalkaya schien sich von der angeblichen Beschäftigung des Chefingenieurs nicht täuschen zu lassen. »Und wenn Sie schon dabei sind, lassen Sie Ihren Frust doch bitte auch woanders ab.«

»Wie bitte?« Er drehte sich um und sah den Zibalianer vernichtend an. »Muss ich Sie daran erinnern, dass Sie mit Ihrem vorgesetzten Offizier sprechen?«

Dalkaya verzog abfällig das Gesicht. »Na klar, lassen Sie nur Ihren Rang raushängen. Wie läuft das denn so für Sie? Soweit ich sehen kann, verspannt sich jeder Ingenieur an Bord, wenn er Sie nur sieht. Super für die Moral an Bord!«

»Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich ein Perfektionist bin, wenn es um dieses Schiff geht.«

»Mit einem Perfektionisten könnten sie umgehen. Aber Sie sind außerdem ein Kontrollfreak und ein herablassender Mistkerl. Und das ist für die meisten ein bisschen zu viel. Auch für mich.«

Ra-Havreii warf sich in die Brust. »Wollen Sie runter von diesem Schiff? Sie müssen nur fragen.«

»Keineswegs. Ich mag dieses Schiff und ich mag seine Offiziere und Mannschaft.« Dann musterte er Ra-Havreii missbilligend. »Anwesende ausgenommen.«

Ra-Havreiis Puls begann zu rasen und seine Hände ballten sich zu Fäusten. »Dalkaya, Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich Sie für diese Aufmüpfigkeit vor ein Militärgericht bringen kann.«

Der Zibalianer wirkte ungerührt. »Wenn Sie dieses Fass wirklich aufmachen wollen, nur zu. Sie haben in letzter Zeit so viele Leute angepisst, dass es auf diesem Schiff wohl kaum noch einen Offizier gibt, der mich auf Ihr Wort allein hin verurteilen würde.«

»Ach wirklich? Und wen soll ich angeblich verärgert haben?«

Dalkaya deutete mit einer ausladenden Geste auf seine anwesenden Kollegen. »Alle, die Sie kennen. Sie werden es Ihnen nicht ins Gesicht sagen, aber alle beginnen, Sie dafür zu hassen, dass Sie sich in ihre Arbeit einmischen und ihnen Ratschläge erteilen, die sie weder wollen noch brauchen.«

»Und ich soll glauben, dass niemand von denen etwas sagen würde? Dass allein Sie den Mut haben, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen?«

Die Reaktion war ein bescheidenes Schulterzucken. »Glauben Sie, was Sie wollen. Aber diese Leute haben Sie nur deshalb noch nicht aus einer Luftschleuse geworfen, weil sie wissen wollen, wen Sie als Ihren Stellvertreter empfehlen.«

Das überraschte Ra-Havreii. Er hatte nicht gewusst, dass seine Ingenieure darüber Bescheid wussten, dass ihn Commander Sarai seit Monaten bedrängte, einen Stellvertreter zu ernennen, um im Fall eines Notfalls eine klare Befehlskette zu haben. Er hatte sich Zeit gelassen, hauptsächlich um Sarai heimzuzahlen, dass sie ihn abgewiesen hatte, doch er hatte es damit begründet, dass keiner der »Dilettanten« unter seiner Aufsicht einen solchen Titel verdiente.

Doch offensichtlich hatte es sich herumgesprochen.

Er tat so, als wäre das unwichtig. »Ich werde mich entscheiden, wenn ich so weit bin.«

»Tja, an Ihrer Stelle würde ich nicht mehr so lange damit warten. Je länger es dauert, desto größer wird ihr Unmut. Und falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, man macht sich auf diesem Schiff keine neuen Freunde, indem man sich wie ein aufgeblasener Idiot aufführt.«

Und die wenigen, die ich hatte, ziehen sich jeden Tag mehr zurück, gestand er sich innerlich ein. »Sonst noch was?«

»Ja. Kommen Sie endlich über Melora Pazlar hinweg. Sie hat Schluss gemacht. Kommen Sie damit klar, vorzugsweise in Ihrer Freizeit.«

Ra-Havreii packte Dalkaya an seiner Uniform. »Das geht zu weit, Mister!«

Ein freches Grinsen. »Ich versuche nur zu helfen. Aber wenn Sie mich nicht innerhalb der nächsten fünf Sekunden loslassen, wird für Doktor Ree nicht genug von Ihnen übrig sein, um Sie wieder zusammenzuflicken – Sir.«

Vielleicht bluffte er nur. Es klang für Ra-Havreii nach gespielter Tapferkeit. Aber er wusste genug über Zibalianer, um zu wissen, dass er sich nicht mit einem prügeln wollte. Besonders nicht, während ein Dutzend anderer Ingenieure gespannt zusah.

Er ließ Dalkaya los. »Sie sind bis auf Weiteres Ihres Postens enthoben und stehen unter Quartiersarrest.«

»Was immer Sie sagen, Boss.« Dalkaya glättete die Vorderseite seiner Uniform und ging trotzig zum nächsten Turbolift. »Was immer Sie sagen.«

Ra-Havreii sah dem Zibalianer nach, dann blaffte er die anderen Ingenieure an: »Was? Zurück an die Arbeit!« Alle senkten den Blick und wandten sich wieder ihren Pflichten zu.

Der Chefingenieur stand nun allein vor der Hauptsystemanzeige, doch er konnte nur grübeln. Er verabscheute Dalkaya. Nicht nur weil der Mistkerl mit allem recht hatte, was er über Ra-Havreii gesagt hatte, sondern weil er ihn nun mit ziemlicher Sicherheit – vorausgesetzt, er leistete sich keinen schweren Fehler bei der Arbeit oder es gäbe einen öffentlichen Mord an einem Würdenträger der Föderation – zu seinem Stellvertreter ernennen müssen würde.

Das Leben ist ätzend.

»Legen Sie es auf die Komm-Konsole«, sagte Admiral William Riker. »Ich will die ganze Tabelle sehen.«

Auf der anderen Seite von Rikers Schreibtisch hielt sein Adjutant Lieutenant Ssura ein Padd fest in seinen Pfoten. Als der caitianische Lieutenant die Stirn runzelte, zuckten seine Schnurrhaare mit. »Ich glaube, wir haben jetzt keine Zeit für eine vollständige Beurteilung, Sir.«

»Unsinn. Auf den Schirm.« Riker lehnte sich zurück, während Ssura die neuesten Missionsschwerpunkte des Sternenflottenkommandos an das große Komm-Display an der Wand sandte. Es war eine gewaltige Tabelle, auf der Ziele nach ihrer Art in Reihen sortiert und in Spalten Schiffen zugeordnet waren. Zusätzlich zu den der Titan zugewiesenen Aufgaben, die als Rikers Flaggschiff und mobiler Kommandoposten fungierte, zeigte die Tabelle, welche Aufgaben die Einsatzplanung des Sternenflottenkommandos den anderen Schiffen unter Rikers Kommando als Teil der Alpha-Quadrant-Grenzerforschungsgruppe oder kurz AQGEG zugewiesen hatte.

Mithilfe der Benutzeroberfläche seines Schreibtischs markierte Riker mehrere Punkte der Tabelle. »Warum wurden der Canterbury so viele Planetenuntersuchungen zugewiesen?«

»Wahrscheinlich wegen der kürzlichen Überholung ihrer Sensoren«, antwortete Ssura.

»Meinetwegen, aber dadurch werden sie immer wieder durch den Carinaarm pendeln müssen. Entwerfen Sie einen neuen Plan, der sie auf einem konstanten Auswärtskurs hält, und weisen Sie die restlichen Untersuchungen der Wasp und der Ajax zu.«

Ssura, der niemals widersprach oder sich beschwerte, nickte nur. »Der Plan wird morgen früh zu Beginn der Alpha-Schicht für Sie bereit sein, Sir.«

»Gut.« Riker markierte eine Handvoll weiterer Punkte auf der Tabelle. »Lese ich das richtig, Ssura? Erforschung von Gasanomalien zwischen den galaktischen Armen?«

Sein Flügeladjutant lehnte sich näher an die Komm-Konsole heran. »Soweit ich sehen kann, Sir.«

»Gilt so was heutzutage im Hauptquartier als Witz? Mein Flaggschiff damit zu beauftragen, Gasanomalien zu untersuchen, während die Canterbury wahrscheinlich auf eine Erstkontaktmission geschickt wird?«

Ssura, der zu spüren schien, dass die rhetorische Frage eine Falle war, dachte lange über seine Antwort nach. »Ich nehme an, dass ich die beiden Aufträge vertauschen soll, Admiral?«

»Eine hervorragende Idee, Lieutenant. Machen Sie das.«

Ssura notierte sich den Befehl auf seinem Padd, dann warf er einen Blick auf das Chronometer. »Sechzig Sekunden, Sir.«

Riker sprang von seinem Platz auf. »Nur noch eine Minute? Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?«

»Ich habe es ja versucht, Sir, aber …«

»Beeilung!« Bei seinem Sprint zur Tür rannte er seinen überarbeiteten Flügeladjutanten fast um. Auch wenn er vermutete, dass Ssura direkt hinter ihm war, konnte Riker es nicht mit Sicherheit sagen, weil die pelzigen Pfoten des Caitianers auf dem mit Teppichboden ausgelegten Deck der Titan vollkommen lautlos waren.

Es war lange her, dass Riker hatte laufen müssen, und als er durch die Korridore der Titan eilte, stellte er mit Bedauern fest, dass er sein Alter langsam spürte – hauptsächlich in den Knien, aber auch in der Hüfte. Ich muss Ree mal darum bitten, einen Blick darauf zu werfen, dachte er.

Er lief eine breite Spiralrampe hinunter, die ein paar Decks der Untertassensektion miteinander verband. Die Rampe war kein Sternenflottenstandard, doch eine Reihe von Spezies, die an Bord der Titan dienten, darunter viele Nichthumanoide, machten sie zu einer Notwendigkeit.

»Platz machen bitte!«, rief Riker den Junioroffizieren und Unteroffizieren vor sich zu, damit er schnell vorbeikam. Es war ein Vorrecht, das er nur selten in Anspruch nahm, weil er fand, dass es effektiver war, wenn er es sich für wahre Notfälle wie diesen hier aufsparte. Nicht immer gleich die Pferde scheu machen, rief er sich ins Gedächtnis.

Am unteren Ende der Rampe wich Riker nur knapp einem Zusammenstoß mit der Computerspezialistin K’chak’!’op aus, einer Pak’shree, deren Größe und Aussehen – sie erinnerte Riker an einen riesigen vieräugigen Käfer, dem Tentakel aus beiden Seiten des Kopfs ragten – ihn stets leicht zusammenzucken ließen. »Tut mir leid!« Er wartete nicht lang genug, um sich die Übersetzung ihrer wütenden Klickgeräusche anzuhören.

Ein paar Türen von seinem Ziel entfernt, blieb Riker stehen und atmete tief durch. Er glättete gerade die Vorderseite seiner Uniform, als Lieutenant Ssura neben ihm zum Stehen kam. »Zeit?«

»Fünfzehn Sekunden, Sir.«

Nachdem Riker eine ruhige Haltung angenommen hatte, betrat er den Schulraum der Titan. Auf der anderen Seite hatten sich mehrere Besatzungsmitglieder versammelt, deren Kinder in der Schiffsschule von Commander Tuvoks Ehefrau T’Pel, einer Zivilistin, angemeldet waren. Die Vulkanierin stand direkt an der Tür und begrüßte Riker, als er eintrat. »Willkommen, Captain! Ihre Frau hält vorne für Sie einen Platz frei.«

»Danke, T’Pel.«

Ganz gleich wie sehr Riker versuchte, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war es ihm einfach unmöglich, sich auf der Titan zu bewegen, besonders in Umgebungen wie dieser hier, ohne in den Mittelpunkt zu geraten, wenn auch nur kurz. Er lächelte den anderen Eltern zu, während er durch den Mittelgang in die erste Reihe ging. Dort setzte er sich auf einen Klappstuhl neben Commander Deanna Troi, diplomatischer Offizier der Titan und Leiterin des Counselorstabs.

Sie warf einen nachdrücklichen Blick auf ihr Chronometer. »Du bist ganz schön spät dran.«

»Unsinn«, sagte Riker. »Mich hätten nicht mal wilde Targs fernhalten können.«

Die Beleuchtung wurde gedimmt und ein warmer Suchscheinwerfer erhellte die kleine Bühne. Aus unsichtbaren Lautsprechern drang klassische Musik und erfüllte den Raum, während eine Truppe kleiner Gestalten in Strumpfhose und Tutu über die Bühne stolzierte und hüpfte. Ihre Anmut und Unschuld waren bezaubernd.

Doch Riker achtete nur auf ein einziges Kind: seine Tochter Tasha, die Pirouetten drehte und zeigte, was sie in ihrem Ballettkurs gelernt hatte. Sie ist erst fünfeinhalb und doch bereits das Unglaublichste, was ich jemals gesehen habe, staunte er.

Deanna ergriff seine Hand. So wie er hatte auch sie Tränen der Rührung in den Augen, während ihre Tochter wie eine Fee zu der traumhaften Melodie über die Bühne schwebte.

Will Riker liebte es, ein Sternenflottenoffizier zu sein, und er liebte es, die Galaxis zu erforschen. Aber wenn es eine einzige Sache gab, die er mit Sicherheit wusste, dann, dass er seine Frau und seine Tochter mehr liebte.

KAPITEL 4

Es gab fünf Wörter, von denen Brunt niemals gedacht hätte, dass er sie jemals unironisch aussprechen würde: Es geht nicht ums Latinum. Wenn es eine einzige Sache gab, die jeder Ferengi von klein auf verstand, dann die fundamentale Wahrheit, dass es im Leben und im Universum immer ums Latinum ging. Doch sosehr er auch versuchte, die Zahlen schönzurechnen, er konnte die Umstände und Ausgaben, die seine neueste Unternehmung verursachte, keineswegs mit dem Profit allein rechtfertigen.

Brunt beugte sich über die Steuerung seines Schiffs, der Net Gain, und starrte auf die Sensoranzeige, doch seine Gedanken irrten durch die Ödnis der Selbstzweifel. Einst hatte er zu den gefürchtetsten Liquidatoren der Ferengi-Handelsbehörde gehört. Doch in den letzten Jahren hatte er sich von den finanziellen Rückschlägen eines gescheiterten Waffendeals erholen müssen, sich aber schließlich an die Spitze der Ferengi-Gesellschaft zurückgekämpft. Nun war er eine reiche und respektierte Persönlichkeit auf Ferenginar, ein stolzes Magnus-Plus-Mitglied des Ferengi-Unternehmerclubs.

Warum also lungere ich hier am Rand des Universums im Dunkeln zwischen den Sternen rum? Eigentlich hatte er seine raumfahrenden Tage doch längst hinter sich gelassen. Und doch war er hier auf seinem Privatschiff, auf der Suche nach Konflikt und Gefahr, anstatt den Luxus seines Büros zu genießen, eine Slug-o-Cola zu schlürfen und seine Profite zu zählen, nur unterbrochen von Oo-mox-Sitzungen mit den besten Gefährtinnen, die man mit Latinum kaufen konnte. Ihm war klar, dass er anderen Ferengi seine Entscheidung niemals würde erklären können.

Es ging hierbei nicht ums Geschäft, sondern um etwas Persönliches.

Auf der Sensoranzeige erschienen neue Daten. Das Versorgungsschiff der Föderation, das er verfolgte, hatte seine Richtung geändert und die Geschwindigkeit erhöht. Er passte die Einstellungen seines Schiffs an, um die Net Gain im blinden Fleck der Sensoren des Frachters zu halten, damit sie ihn für ein Sensorecho ihres Warpstrudels halten würden, sollten sie ihn durch Zufall entdecken.

Den meisten kleinen Raumschiffen würde ein solcher Trick schwerfallen, doch die Net Gain war kein gewöhnliches Schiff. Brunt hatte sie durch jahrelange harte Arbeit und vernünftige Investitionen ungemein aufgewertet. Verbesserte Langstreckensensoren, ein nach Militärstandards verschlüsseltes Kommunikationssystem, verstärkte Schilde und ein paar verborgene Waffensysteme sorgten dafür, dass der unauffällige Sternenhüpfer beeindruckender war, als er auf den ersten Blick schien.

Seine internen Verbesserungen waren offensichtlicher. Alles war auf Bequemlichkeit ausgerichtet: ein weiches, großes Bett, ein mit Delikatessen programmierter Replikator und mehrere, unter scangeschützten Deckplatten verborgene Fässer erstklassiger Tropfen waren nur ein paar der Annehmlichkeiten, durch die Brunt die Net Gain zu einer Umgebung gemacht hatte, in der er es, falls nötig, auch mehrere Monate am Stück aushalten konnte.

Nicht dass er seinem Hedonismus den Vorrang vor seiner Sicherheit gegeben hätte – sein Schiff verfügte außerdem über einige pragmatische Verbesserungen: zusätzliche Batteriebänke, verstärkte innere Kraftfelder, Abwehrmaßnahmen gegen Eindringlinge und zusätzliche Rettungskapseln sowie ein ins Cockpit eingebautes Überlebensmodul, das im Falle eines Notfalls einzeln abgestoßen werden konnte. All das trug zu Brunts Seelenfrieden bei, während er sein Schiff allein durch unerforschte Bereiche des Alls auf Föderationsraum zusteuerte.

Nach der Kursänderung überprüfte er die Langstreckenscans des Sektors vor sich. So weit von erforschtem Raum entfernt gab es keine benannten Systeme, nur Vermerke im Galaktischen Katalog der Föderation – Reihen von Buchstaben und Nummern, verlinkt mit minimalen Daten. Auch wenn automatisierte Sensorbänke viele der Sektoren in der Gegend kartografiert hatten, war nur wenig darüber bekannt, welche Systeme sie beheimateten – und welche von ihnen von intelligenten Spezies bewohnt waren.

Also wohin ist dieses Versorgungsschiff unterwegs?

Diese Frage war mit dafür verantwortlich, dass Brunt nun so weit von seinem Zuhause und seinem Geschäft entfernt war. Verlässliche Quellen hatten ihn über die seltsamen Bewegungen von Frachtschiffen in diesem Sektor informiert. Es gab in diesem Teil des Alls keine bekannten Kolonien, keine Kulturen, die hoch genug entwickelt waren, um mit der Föderation oder sonst jemandem Handel zu treiben. Wenn doch, hätten die Ferengi sie bereits als neue Märkte erschlossen.

Und doch war hier ein Schiff, das Millionen metrischer Tonnen Fracht mit sich führen konnte, die Art von Transporter, die normalerweise zur Versorgung einer weit entfernten Kolonie oder Sternenbasis eingesetzt wurde. Es reiste ohne Konvoi oder Sternenflotteneskorte in eine Richtung, in der es nichts zu suchen zu haben schien. Das bedeutete entweder, dass es etwas Wertvolles an einen unbekannten Anlaufhafen brachte oder etwas Wertvolles von dort abholen sollte. So oder so war das Schiff ein ideales Ziel für Piraten und Schmuggler.

Genau die Art Leute, nach denen Brunt suchte.

Niemand im Ferengi-Unternehmerclub hatte Brunt je gefragt, wie er seine Profite erzielte. Solche Fragen wurden als unhöflich betrachtet, gleichbedeutend mit versuchtem Diebstahl von Betriebsgeheimnissen. Wie ein Ferengi sein Latinum verdiente, war seine Angelegenheit. Also wussten selbst auf Ferenginar nur sehr wenige Personen, dass Brunt der Inhaber einer der erfolgreichsten Kopfgeldjägeragenturen des Quadranten war.

Brunt hatte angefangen, Kriminelle aufzuspüren, um die auf sie ausgesetzte Belohnung zu kassieren, kurz nachdem er sich gegen Gaila gewandt hatte, seinen ehemaligen Partner im Waffenhandel. Anfangs war es Brunt leichtgefallen, das Vertrauen der Kriminellen zu gewinnen. Sein eigener zwielichtiger Ruf hatte es ihm erlaubt, sich unter ihnen zu bewegen, als würde er dazugehören. Und so hatten nicht wenige seinen Verrat erst kommen sehen, als es bereits zu spät war. Genau wie Gaila.

Schließlich hatte Brunt sein Geschäft expandiert. Zuerst hatte er Partner hereingeholt, dann hatte er damit begonnen, Unteraufträge zu vergeben. Innerhalb weniger Jahre hatte der ehemalige Liquidator seinen Ein-Mann-Kopfgeldjäger-Betrieb in ein interstellares Geschäftsimperium verwandelt, das über eine Milliarde Barren goldgepressten Latinums wert war. Er zog es vor, mit seiner Rolle im Unternehmen nicht hausieren zu gehen – nicht weil er sich dafür schämte, sondern weil gewalttätige Kriminelle rachsüchtig waren und er solche Schwierigkeiten vermeiden wollte.

Es war alles so gut gelaufen … bis zu dem Tag, als Gaila aus dem Gefängnis geflohen war. Obwohl man ihn in einer Hochsicherheitseinheit auf Urwyzden Alpha untergebracht hatte, war es dem gerissenen Waffenhändler gelungen, Kontakt zu ehemaligen Angestellten draußen aufzunehmen. Diese hatten die Wachen – und wie Brunt vermutete, auch den Gefängnisleiter – mit exorbitanten Summen bestochen, um Gailas außerplanmäßige frühzeitige Entlassung zu ermöglichen.

Ich hätte es kommen sehen sollen, warf sich Brunt vor. Jeder hat seinen Preis.

Gailas neu gewonnene Freiheit beunruhigte Brunt. Was würde er tun, jetzt, wo er auf freiem Fuß war? Würde er sich an Brunt rächen wollen? Würde er Brunts Tätigkeit öffentlich machen und so dafür sorgen, dass jeder blutdürstige Halunke im bekannten Raum hinter ihm her sein würde? Oder vielleicht würde er Brunts sozialen Status auf Ferenginar untergraben und ihm dadurch seinen geliebten Status als Magnus-Mitglied des Ferengi-Unternehmerclubs nehmen? So oder so würde die Kunde von Gailas Flucht aus dem Gefängnis Brunts Berufsreputation schädigen, selbst wenn jemand anders dafür verantwortlich gewesen war, ihn hinter Gittern zu halten.

Brunt entschied, dass es unbedingt erforderlich war, den gerissenen Mistkerl aufzuspüren und zurück ins Gefängnis auf Urwyzden Alpha zu bringen, bevor er die Gelegenheit hatte, sich zu rächen.

Meinem Ruf zuliebe – ganz zu schweigen von dem enorm hohen Kopfgeld, das man auf ihn ausgesetzt hat – werde ich ihn wieder dem Arm des Gesetzes übergeben.

Er sah zu, wie das Versorgungsschiff in die Leere in der am weitesten entfernten Ecke der Sensorreichweite der Net Gain raste. Es in unbekanntes Gebiet zu verfolgen, war ein Risiko, aber wenn Gaila, wie Brunt vermutete, tatsächlich diesen Sektor nach leichter Beute absuchte, war dies genau die Art Zielobjekt, die er wählen würde.

Er stellte den Autopiloten auf einen verdeckten Verfolgungsmodus und leerte seine Slug-o-Cola.

Ich riskiere es einfach. Lass uns mal würfeln und schauen, was dabei rauskommt.

»Wenn sich jetzt bitte alle setzen würden, damit wir anfangen können.« Theron sah zu, wie sich die zwei Dutzend Abteilungsleiter der Expedition sowie ihre Stellvertreter auf der Suche nach freien Plätzen aneinander vorbeidrängten. Die Husnock-Halle ähnelte einem Amphitheater mit aufsteigenden Rängen um eine Bühne, auch wenn die Expedition sie mit Sitzen hatte ausstatten müssen, die für die humanoide Anatomie geeignet waren. Nicht alle diese Sitze hatten ordentlich in Reihen gepasst, ein Umstand, der manchmal dazu führte, dass es bei größeren Gruppen länger dauerte, bis alle ihren Platz eingenommen hatten, als Theron lieb war.

Mit ihm wartete Doktor Kilaris. Versteckt hinter den Vorhängen zu beiden Seiten der Bühne, stand je ein Paar Sicherheitsordner. Auch wenn Theron die Anwesenheit solcher Wachleute bei einer routinemäßigen Personalbesprechung unnötig vorkam, lief die Expedition unter den strikten Protokollen eines Föderationsbürokraten, der zwar über tausend Lichtjahre weit weg war, sich aber anmaßte zu wissen, was für Theron und sein Team am besten war.

Kilaris nickte Theron zu. Er sah zum Publikum. Die letzten Personen machten es sich auf ihren Plätzen bequem und die Gänge waren leer, also war es an der Zeit anzufangen.

»Guten Morgen, Freunde!«, sagte Theron. »Wie versprochen haben wir große Neuigkeiten für Sie.« Er trat beiseite und deutete mit einer theatralischen Geste auf seine Kollegin. »Doktor Kilaris.«

Die Vulkanierin trat vor. »Danke, Doktor Theron.« Sie wandte sich dem Publikum zu. »Willkommen, geschätzte Kollegen! Gestern konnten Mitglieder meines Teams eine Entdeckung bestätigen, die ich letzte Woche gemacht habe: einen Kodex, der eine Husnock-Übersetzung eines Texts darzustellen scheint, der in einem antiken Dialekt der Tkon verfasst wurde.« Sie hob ihr Kinn als Stichwort für ihren Stellvertreter Doktor Cadman Greiss. Er aktivierte eine holografische Projektion, die den Raum hinter ihr mit einer halb durchsichtigen Repräsentation sich gegenüberliegender Seiten erfüllte. »Wie Sie sehen, zeigt die linke Seite den Husnock-Text, die rechte hingegen den Tkon-Dialekt, der vor acht Jahren in einem Archiv auf Delphi Ardu IV entdeckt wurde.« Sie machte eine Geste für Greiss, der das nächste Bild aufrief: die gleichen Seiten mit Markierungen in mehreren Farben. »Durch Ähnlichkeiten in den Mustern der Informationsdichte und Häufigkeit der syntaktischen Unterbrechungen waren wir in der Lage, die Tkon-Teile des Kodex zu benutzen, um eine Rohübersetzung des Husnock-Texts anzufertigen.«

Jemand aus dem Publikum hob eine Hand. Theron übernahm die Rolle des Moderators. »Ja, eine Frage, Doktor Mukherjee?«

Die Architekturingenieurin stand auf und strich sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. »Besteht das Risiko, dass wir den Husnock damit ein bisschen zu viel zutrauen?«

Kilaris zog eine Augenbraue hoch. »Könnten Sie etwas genauer sein?«

»Der Kodex, den Sie entdeckt haben, scheint relativ neu zu sein, doch das antike Tkon ist über eine halbe Million Jahre alt. Wenn wir annehmen, dass die Husnock versucht haben, das Tkon zu übersetzen, sollten wir dann nicht auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie es falsch übersetzt haben? Und wenn dem so ist, würden wir dadurch nicht das Husnock falsch übersetzen, wenn wir es mit dem Tkon, einem Faktor, den wir gut kennen, abgleichen?«

Wenn es Kilaris etwas ausmachte, von einer Kollegin auf die Probe gestellt zu werden, verbarg sie es gut, dachte Theron. Die Vulkanierin legte ihren Kopf schief und dachte über ihre Antwort nach. »Das ist ein Risiko, das wir vor der Bekanntgabe unserer Entdeckung in Betracht gezogen haben. Doch ausgehend von dem, was wir über die Husnock-Wissenschaften wissen, handelte es sich um eine äußerst intelligente und technologisch hoch entwickelte Spezies. Und wir haben bereits andere Kodizes gefunden, die Übersetzungsmuster zu enthalten schienen, doch dies ist der erste, der eine uns bekannte Sprache übersetzt. Basierend auf dem von den Husnock auf diesem Gebiet betriebenen Aufwand, können wir wohl davon ausgehen, dass sie erfahrene Xenolinguistiker waren.«

Mukherjee nickte und setzte sich wieder. »Danke, Doktor.«

»Sehr gern, Doktor.« Wieder nickte sie Greiss zu und er wechselte zur nächsten holografischen Projektion, einer detaillierten Nahaufnahme des Husnock-Texts. »Einige der wichtigsten Elemente unserer Entdeckung, so profan es auch klingen mag, sind Einblicke in die Interpunktion der Husnock.« Kilaris deutete auf einige Symbole im Text. »Wir hoffen, durch eine Analyse der Art, wie sie ihren Text annotiert haben, etwas über ihre Syntax und Grammatik zu erfahren, denn aufgrund unseres mangelnden Verständnisses dieser Faktoren, entziehen sich uns bisher einige Aspekte des Texts.

Erstens können wir uns durch einen fehlenden Leitfaden für geschriebene Husnock-Grammatik nicht sicher sein, dass die Wortreihenfolge mit der des Tkon-Textes übereinstimmt, den sie übersetzt haben. Und daher können wir zum momentanen Zeitpunkt auch kein verlässliches Lexikon von Husnock-Vokabeln anlegen. Zweitens, weil wir unsicher sind, ob der Kodex eine freie oder wörtliche Übersetzung ist, besteht unsere Aufgabe darin …«

Ein schriller Disruptorschuss unterbrach ihre Präsentation.

Theron und alle anderen im Auditorium drehten sich herum, um zu sehen, woher der Schuss gekommen war. Durch die Eingänge zu jeder Seite stürmten große, bullige Humanoide mit kurzen Disruptorgewehren, zusammengestückelter Körperpanzerung und kampfgezeichneten Helmen. Innerhalb weniger Momente hatten sie die Wissenschaftler flankiert, von denen keiner seinen Sitz verließ. Eine Sekunde lang wurde alles still …

Dann kamen die Sicherheitsleute der Expedition hinter den Bühnenvorhängen hervor und eröffneten das Feuer. Es war ein mutiger, aber dummer Schachzug. Ihre auf Betäubung gestellten Phaser prallten an der Schutzkleidung der Eindringlinge ab. Dann erwiderten diese das Feuer und überwältigten die beiden Sicherheitsleute mit einer Salve in eindeutig tödlicher Einstellung. Die letzten Schüsse durchschlugen die Männer, während sie zu Boden sanken. Sie waren beide tot, bevor sie auf der Bühne aufschlugen.

Vom hinteren Ende der bewaffneten Gruppe kam eine Gestalt nach vorne, die größer war als der Rest. Ihr Helm war mit kurzen roten Streifen markiert, die Theron als jene wiedererkannte, mit denen Soldaten ihre im Kampf getöteten Gegner zählten. Der Helm dieses Mannes hatte mehr Markierungen, als Theron auf die Schnelle zählen konnte, während sich der Eindringling der Bühne näherte.

Theron trat ihm entgegen. »Ich bin Doktor Maxwell Theron, Leiter dieser Expedition, und ich ergebe mich im Namen …«

Der Fremde verpasste Theron eine schallende Ohrfeige. Der Schlag warf Theron um. Er landete hart auf dem Rücken. Wie betäubt und um sein Leben fürchtend sah er zu dem Eindringling auf. Dieser sagte mit rauer Stimme: »Dich wollen wir nicht.« Dann deutete er auf Kilaris und befahl seinen Männern: »Nehmt sie.«

Zwei der Fremden packten Kilaris’ Arme. Erneut bewies sie ihre Intelligenz, indem sie sich nicht wehrte.

Der Anführer sah sich unter den Abteilungsleitern um und deutete erneut. Zuerst auf Doktor Gav glasch Pek. »Den da auch.« Dann auf die Computerexperten der Expedition, das Binären-Paar 010-101. »Und die.« Schließlich marschierte er den Mittelgang entlang Richtung Tür.

Weitere der Eindringlinge zerrten Pek und die Binären hinter Kilaris her. Die Vulkanierin drehte sich ein letztes Mal zu Theron um und in ihren dunklen Augen war nicht die leiseste Spur Angst zu sehen.

Einen Moment lang hoffte Theron, dass das Schlimmste vorüber war. Dann hörte er, wie der Anführer seinen restlichen Männern einen Befehl gab.

»Tötet die anderen.«

Das Kommandodeck des Handelsschiffs Silago-Ekon war aus zwei Gründen in grünes Licht getaucht: Sein kommandierender Offizier, die Orionerin Nilat, fand es angenehm für ihre Augen und es gefiel ihr, dass dadurch ein Großteil ihrer aus verschiedenen Spezies bestehenden Mannschaft mehr wie sie aussah. Nicht dass der smaragdfarbene Lichtschein die Schädelkämme ihres klingonischen Ersten Offiziers K’mjok hätte überdecken können oder die an Schwimmhäute erinnernden Ohren des tiburonianischen Kommunikationsspezialisten Ninivus. Und Nilat war sich ziemlich sicher, dass die kohlrabenschwarzen Augen, Haut und Zähne ihrer Nalori-Pilotin Ang-Harod in jedem Licht gleich aussehen würden.

Doch jedes kleine bisschen half.

Sie drehte ihren Kommandosessel zu K’mjok um, der sich über die Sensoranzeige beugte. Er runzelte die Stirn. »XO, Status.«

K’mjok richtete sich auf und sah zu ihr. »Das Söldnerschiff hat gerade sein Einsatzteam heruntergebeamt.«

»Gibt es einen Hinweis darauf, dass sie uns entdeckt haben?«

Der Klingone schüttelte den Kopf. »Negativ.«

»Gut gemacht, XO.« Nilat nahm sich vor, das Management um einen Bonus für K’mjok zu bitten, der eine effektive Strategie empfohlen hatte, die Silago-Ekon während dieses Aufklärungsflugs zu verbergen. Auf seinen Rat hin waren sie in einen Niedrigenergiemodus gegangen und hatten das Schiff über dem Nordpol des Planeten geparkt, wo die Magnetfelder des Planetenkerns sie vor fast allen Sensoren verbergen würden. Bis jetzt war es ihnen gelungen, weder von dem Forschungsteam der Föderation auf der Oberfläche noch von dem vor Kurzem eingetroffenen Söldnerschiff entdeckt zu werden, das gerade die Wissenschaftler überfallen hatte.

Ninivus sah von der Komm-Konsole auf. Er hielt eine Hand über das Ohr, in dem er eine kabellose Empfängereinheit trug. »Commander. Ich erhalte einen Notruf von der Expedition.«

»Nicht antworten, aber übersetzen.«

Die ergrauenden Augenbrauen des Tiburonianers zogen sich zusammen. »Der Sicherheitschef der Expedition sendet der Sternenflotte eine Prioritätsbotschaft. Sie besagt, dass sie von einer Gruppe unbekannter Herkunft angegriffen wurden. Vier der Abteilungsleiter wurden entführt und mindestens zwanzig getötet.«

Nilat bemühte sich um ein ausdrucksloses Gesicht, doch innerlich schäumte sie vor Wut. Amateure. Nachlässig und dumm. Wenn meine Leute zuerst zugeschlagen hätten, wären wir ohne Blutvergießen rein und raus und wären bereits Lichtjahre entfernt gewesen, bevor irgendjemand auch nur geahnt hätte, was passiert ist. Sie nickte Ninivus zu. »Überwachen Sie diesen Kanal, falls eine Antwort kommt. XO, halten Sie auf den Langstreckensensoren Ausschau nach reagierenden Schiffe.«

Ihr Waffenoffizier, ein narbengesichtiger Balduk namens Trunch, sah von seiner Station auf. »Commander, das Söldnerschiff tritt in den Orbit ein. Ich verfolge ihren Kurs mit passiven Sensoren.«

»Taktische Stärke einschätzen.«

Er verzog sein Gesicht und sah zum XO. »Die gleichen Verzerrungen, die uns verbergen, blenden uns auch.«

Auch ohne hinzusehen, spürte Nilat, wie sich K’mjok aufgrund der Kritik anspannte. Der Klingone und der Balduk verabscheuten sich seit dem Tag ihrer ersten Begegnung vor einem Jahr und es war allein Nilat zu verdanken, dass sie die Brücke nicht schon in eine Kampfarena verwandelt hatten. Sie warf K’mjok eine stumme Warnung zu, sich nicht provozieren zu lassen, dann richtete sie ihren vernichtenden Blick auf Balduk. Beide Männer fügten sich ihrer Autorität und ließen die Sache auf sich beruhen.

Nicht schlecht für ein »dürres Mädchen«, von dem mein Vater sagte, dass es »nie was erreichen würde«.

Sie erhob sich aus ihrem Sessel und stellte sich in die Mitte des Kommandodecks. »Steuer, Kurs verfolgen. Halten Sie die Söldner am äußeren Rand unserer Sensorreichweite und bringen Sie uns in ihren Schatten.«

»Kurs verfolgen, Geisterprotokoll«, bestätigte Ang-Harod, während ihre langen, anmutigen Finger den neuen Kurs eingaben. »Eingegeben und aktiviert.«

Für einen Außenstehenden mochte die Besatzung der Silago-Ekon wie ein undisziplinierter Haufen aussehen, aber wenn man sie in Aktion sah, wurde einem schnell klar, dass es sich um erfahrene Profis handelte. Es gab Nilat Grund zur Hoffnung, dass sie diesen fehlgeschlagenen Auftrag vielleicht noch retten konnten.

Als sie sich wieder setzte, trat K’mjok an sie heran. »Commander. Eine Frage.«

»Raus damit, XO.«

»Die Söldner sind fort. Die Kolonie auf der Oberfläche ist ungeschützt. Warum fahren wir nicht wie geplant mit unserer Mission fort?«

Sie sah ihren Ersten Offizier verdrießlich an, der immer noch die schwarze Lederuniform und Metallschärpe eines Reiches trug, aus dem er vor langer Zeit verstoßen worden war. »Weil die nächste Phase unserer Mission darin bestanden hätte, Schlüsselpersonal der Expedition zu entführen und ihnen wichtige Informationen zu entlocken.« Sie sah zu dem sich entfernenden Schiff auf dem Hauptsichtschirm. »Unsere Rivalen sind wohl mit dem gleichen Plan hergekommen – und ich wette, sie haben die fraglichen Personen mitgenommen. Aber selbst wenn nicht, will ich nicht riskieren, noch im Orbit zu sein, wenn die Sternenflotte eintrifft.«

Der entehrte Klingone schnaubte. »Und wie lautet dann jetzt der Plan? Den Söldnern folgen und zusehen, wie sie den Preis beanspruchen, den wir erringen wollten?«

»Seien Sie nicht so ein Pessimist, K’mjok. Wir lassen die Söldner die Drecksarbeit für uns erledigen. Und sobald sie uns zu der Belohnung geführt haben, hinter der wir alle offensichtlich her sind, nehmen wir sie ihnen weg und lassen ihre verbrannten Leichen für die Sternenflotte zurück.«

KAPITEL 5

Die Türen des Turbolifts öffneten sich auf die Brücke der Titan. Lieutenant Ssura wartete bereits auf Admiral Riker. Der Caitianer eilte ihm entgegen, während Riker auf Captain Vales Bereitschaftsraum zumarschierte. Riker streckte seine Hand aus. »Was haben wir zur Verfügung?«

Ssura legte ihm im Gehen ein Padd in die Hand. »Nur die Titan und ihre AQ-Grenzschiffe, Sir. Die Ajax ist ziemlich weit draußen, doch die Canterbury und die Wasp können in sechzehn Stunden unterwegs zu uns stoßen.«

Riker sah vom Padd auf und warf einen Blick auf den Kommandosessel in der Mitte der Brücke. Davor stand Commander Tuvok, der das Kommando hatte. Der Admiral nickte Tuvok zu, der den schlichten Gruß erwiderte. Dann öffnete sich für Riker die Tür des Bereitschaftsraums, und er und Ssura gingen hinein.

Captain Vale saß an ihrem Schreibtisch und Sarai stand davor. Als Riker den Raum betrat, sahen beide auf. »Entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze, Captain«, sagte Riker. Er reichte Vale das Padd. »Aber Zeit ist ein entscheidender Faktor.«

»Das erwähnten Sie bereits.« Vale, deren Hang zu regelmäßigen Veränderungen ihrer Haarfarbe sich gerade in einer bunten Koloration manifestierte, deren Locken an einen Spiralnebel erinnerten, überflog besorgt den Bericht. »Zwanzig tot, vier entführt. Gibt es irgendwelche Informationen über die Verdächtigen?«

»Noch nicht«, antwortete Ssura. »Der Sicherheitschef der Expedition sagt, dass die Eindringlinge die Sensoren des Camps deaktiviert haben, beginnend mit der Videoüberwachung. Also haben wir nicht mehr als ein paar Zeugenaussagen, laut denen sie groß waren, Körperpanzerung und Helm trugen und Waffen im Militärstil bei sich hatten.«

»Wie sind sie entkommen?«, fragte Sarai.

»Mit einem Schiff im Orbit«, erwiderte Ssura. »Vielleicht hat es einer der orbitalen Sensoren bemerkt, wenn sie die nicht auch deaktiviert haben. Aber falls es Scans ihres Schiffs geben sollte, können wir diese Daten herunterladen, sobald wir das System erreicht haben.«

Riker fügte hinzu: »Unsere drei Schwesterschiffe werden sich uns anschließen, die Ajax wird sich allerdings wohl etwas verspäten.«

Sarai wirkte erstaunt. »Vier Schiffe? Diese Maßnahme erscheint mir etwas übertrieben, Sir.«

»Vertrauen Sie mir, sie ist es nicht.« An Vale gewandt, fuhr er fort: »Wir treffen die Canterbury und die Wasp unterwegs und fliegen dann gemeinsam weiter nach …« Ihm wurde klar, dass er den Namen ihres Ziels noch nicht kannte. »Ssura, wohin fliegen wir noch mal?«

»Der Bericht nennt den Planeten FGC-779852c.«

»Hat der Planet nicht einen etwas benutzerfreundlicheren Namen?«

Der Caitianer schüttelte den Kopf. »Keinen aktenkundigen, Sir.«

»Dann gebe ich ihm einen, nur der Bequemlichkeit halber. Nennen wir ihn … Rishon.«

Sein Vorschlag weckte Vales Neugier. »Warum ›Rishon‹, Sir?«

Riker atmete tief durch, während er alte Erinnerungen ausgrub. »Vor zwanzig Jahren, während meiner Zeit als Erster Offizier an Bord der Enterprise-D, reagierten wir auf einen Notruf vom Planeten Delta Rana IV. Als wir dort ankamen, war die gesamte Oberfläche bereits zu Schutt und Asche worden – bis auf ein kleines Stück Wiese und ein einziges Haus darauf. Wir beamten uns herunter und trafen zwei Personen, die dort lebten, ein altes Ehepaar, Kevin und Rishon Uxbridge. Sie behaupteten, die letzten Überlebenden eines nicht provozierten Angriffs durch eine Spezies zu sein, die sie Husnock nannten.

Doch weder sie noch das Haus waren, was sie zu sein schienen. Kevin war kein Mensch, er war ein als Douwd bekanntes Energiewesen und hatte Kräfte, die denen der Q gleichkamen. Er gestand uns, dass die Husnock den Planeten zerstört und dabei seine Frau Rishon getötet hatten, woraufhin er die gesamte Husnock-Spezies mit einem einzelnen Gedanken ausgelöscht hatte. Fünfzig Milliarden tot in einem Wimpernschlag.«

Der Erste Offizier blieb verwirrt. »Vergeben Sie mir, Sir, aber was hat das mit der Expedition zu tun? Oder den Entführungen?«

»Uxbridge beschrieb die Husnock als eine Spezies von abscheulicher Intelligenz«, erwiderte Riker. »Und obwohl er sie in einem einzigen Moment ausgelöscht hatte, ließ er doch alles zurück, was sie erschaffen hatten. Ihre gesamte Zivilisation. Dutzende kolonisierter Welten. Eine Flotte von Raumschiffen und die dazugehörende Infrastruktur. Außerdem einen Vorrat der durchschlagendsten Munition, die jemals entwickelt wurde. All das liegt nun verlassen irgendwo in unerforschten Sektoren des Alpha-Quadranten und wartet nur darauf, gefunden zu werden. Wenn das Arsenal der Husnock in die falschen Hände gerät, sind zahllose Leben in Gefahr.«

Vale zählte mit grimmigem Nicken eins und eins zusammen. »Und die Expedition, die überfallen wurde – befand sich auf einem Husnock-Planeten?« Nachdem Riker genickt hatte, runzelte Vale die Stirn. »Was bedeutet, dass die entführten Forscher etwas wissen, von dem ihre Entführer glauben, es könnte ihnen dabei helfen, die Waffen der Husnock zu kontrollieren.«

»Davon geht das Sternenflottenkommando derzeit aus.«

Vale und Sarai tauschten einen besorgten Blick aus. »Missionsprioritäten, Admiral?«, fragte der Captain.

»Fürs Erste besteht unsere Aufgabe in der Rettung und sicheren Heimkehr aller vier Expeditionsmitglieder. Unser zweites Missionsziel besteht darin, ihre Entführer dingfest zu machen, bevor sie in den Besitz von Husnock-Technologie gelangen.«

Dies provozierte einen zweifelnden Blick von Sarai. »Und wenn sie doch in den Besitz von Waffen, Schiffen oder Munition der Husnock gelangen?«

»Dann haben wir Befehl, ihnen besagte Beute wieder wegzunehmen, mit allen Mitteln, die dazu nötig sind. Ich vermute, dass es einige Leute im Sternenflottenkommando gibt, die es vorziehen würden, wenn wir die Husnock-Technologie intakt abliefern könnten – doch mir persönlich wäre es ebenso recht, sie zu zerstören.«

»Verstanden, Sir«, sagte Vale. »Nummer eins, rufen Sie die Abteilungsleiter für eine Missionsbesprechung zusammen. Geben Sie Anweisung, Rishon mit Maximalwarp anzufliegen. Und beginnen Sie nach eigenem Ermessen mit Gefechtsübungen. Wenn wir auf Widerstand stoßen, will ich bereit sein.«

Sarai nickte. »Aye, Sir.« Die schlanke Efrosianerin eilte aus dem Bereitschaftsraum. Noch bevor sich die Türen des Bereitschaftsraums hinter ihr schlossen, begann sie, Befehle zu bellen.

»Leiten Sie meine Befehle an die Ajax, die Canterbury und die Wasp weiter«, wies Riker Ssura an. »Und ihre Kommandanten sollen wissen, dass Captain Vale das Kommando über die Kampfeinheit hat, sobald sich unsere Flotte versammelt hat.«

»Aye, Sir.« Ssura verließ ebenfalls den Bereitschaftsraum.

Riker und Vale sahen einander über ihren Schreibtisch hinweg an. Sie schüttelte den Kopf. »Warum nur habe ich das Gefühl, dass wir uns direkt in ein hässliches Kreuzfeuer begeben?«

Er zuckte mit den Schultern. »Immer noch besser, als Gasanomalien zu katalogisieren.«

Vale lächelte resigniert. »Das hoffe ich doch.«

Die Entführer waren ebenso grob wie wortkarg. Da sie offenbar nicht gewillt waren, ihre Gefangenen mit einem Rest von Würde in ihre Zellen gehen zu lassen, bestanden die behelmten Schläger stattdessen darauf, sie in die beengte und verdreckte Brig zu stoßen. Kilaris war die Erste, die die Schwelle des Kraftfelds überquerte. Stolpernd bemühte sie sich, ihr Gleichgewicht zu halten, dann trat sie beiseite, um Platz für das Paar Binärer zu machen, das hinter ihr hineingetrieben wurde.

Der letzte Gefangene, Doktor Pek, wehrte sich gegen den Griff seiner Entführer. »Lasst mich los, ihr Troglodyten! Ihr Abschaum! Ich …« Ein Schlag in den Magen von einem der Grobiane beendete die Schimpftirade des Tellariten. Auch er wurde in die Zelle geworfen. Er landete auf dem Bauch und blieb stöhnend liegen.

Ein leises Summen erklang, als das Kraftfeld der Zelle aktiviert wurde. Kilaris trat an die unsichtbare Barriere heran. Ihre Anwesenheit verriet sich durch die Art, wie sich die feinen Härchen auf ihren Unterarmen in ihre Richtung aufstellten. Am Boden fluchte Pek vor sich hin und die Binären drängten sich in einer Ecke stumm aneinander. Kilaris betrachtete ihre Entführer durch eine Maske vollkommener Ruhe. Innerlich tobte ihre unterdrückte primitive vulkanische Natur und brannte darauf, sich an den Mördern ihrer Kollegen und ihres Geliebten, Doktor Theron, zu rächen. Sie wusste, dass es unangebracht wäre, solch krude Emotionen an den Tag zu legen. Ihnen Ausdruck zu verleihen, würde ihren lebenslangen Studien der vulkanischen Philosophie und ihrer Disziplin zuwiderlaufen.

Es wäre unlogisch zu leugnen, dass diese Gefühle existierten. Doch sie würde sich nicht von ihnen beherrschen lassen. Sie würde ihre Taten durch Logik leiten lassen. Und wenn der Zeitpunkt kam, an dem sie die Stärke ihrer primitiven Seite brauchte, würde sie sich diesen dunklen Passagier zunutze machen.

Alles zu seiner Zeit. Was ich jetzt brauche, sind Informationen.

Der Große mit dem markierten Helm betrat den Raum und wechselte ein paar Worte mit zweien seiner Männer. Die Körpersprache der anderen verriet Kilaris, dass sie dem mit dem Helm untergeordnet waren. Wenn sie also etwas erfahren wollte, musste sie den Anführer konfrontieren.

»Uns zu entführen, wird Ihnen nichts nützen«, unterbrach sie seine Unterhaltung.

Er sah sie an. »Falsch, Vulkanierin. Ihr vier macht uns reich.«

Leicht abzulenken. Gut zu wissen. »Weder die Sternenflotte noch die Föderation wird mit Terroristen verhandeln. Wie gedenken Sie, Ihr Lösegeld zu erhalten?«

Der Anführer trat an das Kraftfeld heran. »Kein Lösegeld. Ihr arbeitet für uns.«

»Wie kommen Sie auf die Idee, dass einer von uns für Sie arbeiten würde?«

»Arbeiten oder sterben. Du hast die Wahl, Vulkanierin.«

Sie sah ihn skeptisch an. »Wenn Sie uns töten, können wir nicht tun, was immer Sie von uns erwarten. Vielleicht sollten Sie über einen anderen Anreiz nachdenken.«

Er lehnte sich näher heran, bis der Rand seines Helms am Kraftfeld knisterte. »Es wird kein schneller Tod, Vulkanierin. Er wird langsam. Schmerzhaft. Ein Körperteil nach dem anderen.«

»Sind Sie sicher, dass Sie die Entschlossenheit besitzen, eine solche Drohung auch durchzuführen?«

Der Anführer schnaubte. »Du nennst mich einen Feigling?« Er deutete auf die Binären. »Binäre sind Feiglinge! Die haben keine guramba!«

»Jetzt verstehe ich. Sie sind Nausikaaner. Das erklärt einiges.«

Er nahm seinen Helm ab. Darunter kam ein wulstiger Kopf mit tiefliegenden Augen und abstehenden Fangzähnen zum Vorschein, eingerahmt von einem verfilzten Durcheinander aus schwarzen Haaren. »Du weißt gar nichts, Vulkanierin.«

»Ich weiß, dass Ihre Art seit Langem als Unruhestifter und Auftragsverbrecher bekannt ist – und das war noch, bevor die Borg Ihre Heimatwelt heimgesucht haben.«

Der Nausikaaner schien größer zu werden, als würde er vor Wut anschwellen. »Du beleidigst uns. Aber das ändert nichts an dem, was wir sind.« Er rief seinen Männern in seiner Muttersprache einen Befehl zu und die anderen nahmen ihren Helm ebenfalls ab. Auch sie entpuppten sich als Nausikaaner. Dann richtete er seine Wut auf Kilaris. »Ich bin Slokar, der Anführer. Wir sind Patrioten des Windes. Wir stehen für alle Nausikaaner ein.«

Mühsam kam Pek wieder auf die Beine und stellte sich neben Kilaris. »Wie genau stehen Sie durch das Töten unserer Freunde und unsere Entführung für alle Nausikaaner ein?«

Slokar knirschte mit den Zähnen. »Wir haben euch lange beobachtet. Wir wissen, was ihr gefunden habt. Wir haben auch etwas gefunden. Wir brauchen euer Wissen.«

Die Unklarheit seiner Prahlerei ließ Kilaris stutzen. »Was haben Sie gefunden?«

»Husnock-Schiffe. Waffen.«

Pek schnaubte. »Und wen wollen Sie mit denen entführen?«

»Wir werden neue Welten erobern. Den Stolz der Nausikaaner wiederherstellen. Unsere Unabhängigkeit zurückgewinnen.« Er deutete auf Kilaris und Pek. »Ihr werdet uns helfen.«

Kilaris wollte sich nicht einschüchtern lassen. »Und wenn wir uns weigern?«

»Dann schneiden wir euch in Stücke. Erst ein Ohr. Dann einen Finger. Schließlich eure Weichteile. Wir schneiden so lange, bis wir wissen, wie viele Teile es braucht, bis ihr eure Meinung ändert.«

KAPITEL 6

Riker betrat die Brücke der Titan gerade rechtzeitig, um auf dem Hauptschirm noch kurz die in die Länge gezogenen Sterne zu sehen, bevor das Schiff unter Warp ging.

Timing ist alles, dachte er.

Vale saß im Kommandosessel und ging Informationen auf dem taktischen Monitor zu ihrer Linken durch. An den vorderen Konsolen saßen die Pilotin Lieutenant Commander Aili Lavena und die Ops-Offizierin Commander Sariel Rager. Commander Tuvok bemannte die taktische Konsole, während Lieutenant Commander Keru an der Sicherheitsstation stand. Sarai befand sich auf der anderen Seite der Brücke und unterhielt sich mit Lieutenant Commander Melora Pazlar an der Wissenschaftskonsole.

Die erste Person, die Rikers Ankunft auf der Brücke bemerkte, war Lieutenant Torvig, der Verbindungsoffizier des Maschinenraums. Der Choblik neigte zum Gruß seinen rehähnlichen Kopf und Riker erwiderte das Nicken, während er auf Vale zuging. Der Captain des Schiffs drehte sich zu ihm um. »Admiral.«

»Status, Captain?«

»In zwei Minuten erreichen wir den Orbit. Die Canterbury und die Wasp sind etwa fünf Minuten hinter uns. Keru stimmt die Koordinaten zum Herunterbeamen mit dem Sicherheitschef der Expedition ab.« Sie drehte sich noch weiter nach hinten. »Tuvok, irgendeine Spur des Schiffs der Angreifer?«

»Negativ, Captain. Kurz- und Langstreckenscans zeigen nichts an. Doch wir sollten einen sensorblinden Fleck über dem nördlichen Magnetpol des Planeten nicht außer Acht lassen. Störungen durch das Magnetfeld seines größeren Mondes sorgen dafür, dass wir uns in dieser Region auf visuelle Sensoren verlassen müssen.«

»Ist notiert«, sagte Vale. »Zeigen die visuellen Scans denn gerade etwas über dem Pol?«

»Derzeit nicht«, erwiderte Tuvok.

Riker stellte sich neben Vale. »Ich würde die Außenmission gern anführen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Nicht im Geringsten, Admiral. Solange Sie angemessenen Schutz mitnehmen.«

»Ich hatte vor, einen Phaser mitzunehmen.«

Vale sah ihn tadelnd an. »Nicht weniger als drei bewaffnete Sicherheitsleute. Sir.«

Das kam Riker etwas übertrieben vor. »Zwei, einschließlich Keru.«

»Hier wird nicht gefeilscht, Admiral. Wenn Sie von meinem Schiff aus ein unsicheres Gebiet betreten wollen, machen wir es nach Vorschrift oder gar nicht.« In dem Moment, der ihrem Ultimatum folgte, waren das Einzige, was Riker auf der Brücke hörte, ein paar leise Computertöne und der angehaltene Atem der Besatzung.

Er fügte sich und nickte. »Aye, Captain. Drei bewaffnete Sicherheitsleute.«

»Danke.« Vale erhob sich und ging zu den vorderen Konsolen. »Ops, kontaktieren Sie die Captains der Wasp und der Canterbury. Sie sollen eine hohe, einander gegenüberliegende Position im Orbit einnehmen und auf Langstreckensensorkontakte achten. Steuer, bringen Sie uns in einen niedrigen Orbit, um dem Außenteam taktische Unterstützung geben zu können, falls es diese benötigt.«

Lavena und Rager antworten fast gleichzeitig: »Aye, Captain.«

Vale kehrte an ihren Platz zurück. »Nummer eins, stellen Sie ein Außenteam für den Admiral zusammen.«

Sarai unterbrach ihre Besprechung mit Pazlar und ging an eine freie Konsole am hinteren Schott. Nachdem sie die Dienstpläne studiert hatte, sagte sie: »Lieutenant Commander Keru, wen empfehlen Sie für den Schutz des Admirals?«

»Sortollo, Denken und Krotine«, antwortete der Sicherheitschef.

»Sie sollen sich in fünf Minuten in Transporterraum eins mit Ihnen treffen.« Sarai sah auf und wandte sich an den Computer: »Brücke an Doktor Ree und Lieutenant Eviku. Melden Sie sich sofort mit Trikordern in Transporterraum eins. Brücke Ende.« Der Erste Offizier sah zu Riker. »Ihr Team erwartet Sie in …«

»Transporterraum eins«, fiel ihr Riker ins Wort. »Habe ich mitbekommen, danke.«

»Haben Sie noch irgendwelche Fragen zu den Aufgaben des Außenteams, Sir?«

Riker schüttelte den Kopf. »Nein, kommt mir ziemlich selbsterklärend vor. Keru leitet die Ermittlung. Doktor Ree sammelt forensische Beweise. Sortollo, Denken und Krotine passen auf mich auf und ich überwache die Mission und fungiere als Kontaktperson mit dem vorläufigen Leiter der Expedition.« Beiläufig fügte Riker hinzu: »Schließen Sie sich uns an, Commander?«

»Nein, außer Sie oder der Captain wünschen es, Sir.«

»Dann sind wir hier fertig. Gute Arbeit, Commander.« Riker wollte zu Keru in den Turbolift steigen, doch ein subtiles Nicken von Vale machte deutlich, dass sie ihn noch unter vier Augen sprechen wollte. Er ließ sie durch einen Blick wissen, dass er sie verstanden hatte, und änderte die Richtung, um ihr zu folgen.

Sie betraten ihren Bereitschaftsraum – der vor noch gar nicht langer Zeit seiner gewesen war – und warteten, bis sich die Tür hinter Riker geschlossen hatte. Sicher vor neugierigen Ohren, entspannten sich beide sichtlich. »Admiral, darf ich fragen, warum Sie die Außenmission anführen wollen?«

Er wusste es zu schätzen, dass sie ihn nicht vor ihrer Besatzung hinterfragt hatte. »Um ehrlich zu sein, fühlt sich diese ganze Mission ein wenig … persönlich an. Ich war dabei, als wir die Uxbridges fanden. Ich habe gesehen, was die Waffen der Husnock anrichten können.« Erinnerungen an jene traurige Mission vor mehr als zwanzig Jahren kehrten zu ihm zurück. »Einer der Gründe, warum die Sternenflotte nach den Überresten der Husnock-Zivilisation sucht, ist, dass Captain Picard und ich beide wussten, was geschehen würde, wenn die falschen Leute über sie stolpern sollten. Jean-Luc hat sogar um Erlaubnis gebeten, die Enterprise an den äußeren Rand der Galaxis zu bringen, um nach allem zu suchen, was die Husnock zurückgelassen haben. Doch die Sternenflotte entschied, dass wir woanders gebraucht wurden.«

Vale schüttelte den Kopf. »Wie war es, vor einem Wesen zu stehen, das im Alleingang eine ganze Spezies ausgelöscht hatte?«

»Beängstigend. Herzzerreißend. Das Schlimmste daran war, wie sehr er sich für seine Tat hasste. Er hatte so viel Macht, doch er hielt sie unter Kontrolle. Dann drehte er in einem Moment der Trauer und Wut durch. Das hätte jedem von uns passieren können. Doch als er die Kontrolle verlor, starben Milliarden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, eine solche Schuld mit sich herumzutragen.«

Plötzlich ertönte Sarais Stimme aus den Lautsprechern: »Captain, die Canterbury und die Wasp sind aus dem Warp gegangen und nehmen ihre Position im hohen Orbit ein. Commander Lavena hat bestätigt, dass wir uns über dem Expeditionslager befinden, und Commander Rager hat mich darüber informiert, dass Admiral Rikers Außenteam bereit zum Beamen ist.«

»Danke, Nummer eins. Der Admiral ist auf dem Weg. Vale Ende.« Der Kanal schloss sich mit einem kaum hörbaren Klicken. Vale lächelte schwach. »Dann legen wir mal los.«

»Halten Sie sich bereit, den Orbit schnell zu verlassen«, sagte Riker auf dem Weg zur Tür. »Sobald wir eine Spur haben, wer die Wissenschaftler entführt hat und in welche Richtung sie unterwegs sind, werden wir sie verfolgen.«

Außer Sicherheitschef Keru setzte sich jedes Mitglied des Außenteam in Bewegung, sobald der Transporterstrahl sie losgelassen hatte. Der Trill nahm sich einen Moment, um die Umgebung zu untersuchen und sich zu orientieren. Er hatte Karten der Husnock-Stadt und des Expeditionslagers studiert und nun glich er die Darstellung von Landmarken und Gebäuden mit der Realität ab. Es hatte sich für ihn oft als nützlich erwiesen, sich einen solchen Moment zu gönnen, bevor er sich ins Getümmel warf.

Er beobachtete, wie sich Doktor Ree durch die Reihen der überlebenden Expeditionsmitglieder bewegte, von denen viele vom Trauern über ihre ermordeten Freunde und Kollegen blutunterlaufene Augen hatten. Besonders kümmerte sich der Arzt um jeden, der verletzt zu sein schien. Der Pahkwa-thanh schien das Unbehagen nicht zu bemerken, das seine Reptilienerscheinung unter vielen, denen er zu helfen versuchte, hervorzurufen schien. Einige zuckten sogar vor ihm zurück, als befürchteten sie, er würde sie fressen, statt ihre Wunden zu versorgen.

Admiral Riker hingegen machte einen Bogen um die Menge und ging stattdessen zum Zelt der Expeditionsleitung. Begleitet wurde er dabei von den Sicherheitsoffizieren Lieutenant Feren Denken, einem matalianischen Kraftprotz mit einem kybernetischen rechten Arm, und Lieutenant Gian Sortollo, einem der durchtriebensten und misstrauischsten Menschen, denen Keru jemals begegnet war. Die Nachhut bildete Ellec Krotine, eine goldhäutige Boslicin, die ihre violetten Haare in einem strengen Pferdeschwanz trug, was ihre markanten Stirnwülste und Wangenknochen noch betonte.

Nicht weit von der Stelle entfernt, an der sie heruntergebeamt worden waren, befanden sich Lieutenant Torvig und Lieutenant Eviku. Der choblikische Ingenieur sprang in einem Kreis herum, während er mit seinem Trikorder Messungen vornahm, während der Arkenit sich ebenfalls in einem engeren Kreis drehte. Auf seinem Kopf mit den drei Höckern trug er sein schmales Anlac’ven, ein Gerät, das es dem eigentlich auf dem Wasser beheimateten Xenobiologen ermöglichte, an Land und in der Schwerelosigkeit sein Gleichgewicht zu bewahren.

Keru wusste durch den Notruf, dass es in einem nahe gelegenen Auditorium zu einem Angriff gekommen war. Schließlich entdeckte er das Gebäude und nahm eine Einschätzung seiner taktischen Schwächen und Stärken vor. Dann formte er eine Hypothese, wie sich die Angreifer genähert haben mussten, um nicht auf die Sicherheitskräfte der Expedition zu stoßen – die genauso ineffektiv wirkten, wie Keru befürchtet hatte.

Spuren von Disruptorfeuer an den Außenwänden und auf dem offenen Gelände halfen ihm, die Rückzugsroute der Entführer nachzuverfolgen. An ihrem Ende verschwanden jegliche Hinweise, genau wie er vermutet hatte. Sie wurden rausgebeamt.

Er hörte Schritte und drehte sich mit der Hand auf seinem Phaser um. Als er sah, dass es sich um Eviku handelte, entspannte er sich wieder. »Haben Sie irgendwelche Hinweise gefunden?«

»Möglicherweise, Sir.« Der Arkenit drehte seinen Trikorder so, dass Keru die Anzeige sehen konnte. »Ich habe mit ein paar der Zeugen gesprochen. Einige haben hochauflösende Scanner, die mit unseren Trikordern vergleichbar sind. Nachdem ich die Scans heruntergeladen und analysiert habe, gehe ich davon aus, dass es glaubhafte Beweise dafür gibt, dass es sich bei den Angreifern um Nausikaaner handelt.«

Das klang plausibel für Keru, doch er hatte gelernt, niemals dem ersten Eindruck zu vertrauen. »Gute Arbeit, Lieutenant. Aber lassen Sie uns nach Beweisen suchen, um das zu untermauern, bevor wir …«

»Sir!«, rief Torvig. Der kleine Choblik trabte zwischen den muskulösen Keru und den drahtigen Eviku. Mit einer seiner bionischen Hände reichte er Keru ein kleines metallisches Objekt, der es musterte, während Torvig erklärte: »Das ist ein nausikaanisches Überwachungsgerät. Es scheint mit einigen anderen des gleichen Typs verbunden zu sein, die in regelmäßigen Abständen um das Lager positioniert sind.«

Keru bemerkte den selbstgefälligen Ausdruck in Evikus Gesicht, ignorierte ihn aber bewusst. Der Sicherheitschef gab Torvig das Gerät zurück. »Ein guter Fund, Tor. Doch nausikaanische Ausrüstung ist auf dem Schwarzmarkt ziemlich weitverbreitet, also bevor wir …«

»Ich habe es nach genetischem Material gescannt«, unterbrach ihn Torvig. »Und ich habe nur nausikaanische DNA gefunden. Die Zellzerfallsrate legt nahe, dass die Spuren weniger als sechs Stunden alt sind.«

Nun konnte man Evikus stolzen »Hab ich’s doch gesagt«-Blick nicht mehr übergehen. Keru betrachtete den schlanken Mann mit einem gespielten Stirnrunzeln. »Wie es scheint, waren die Entführer Nausikaaner.«

»Was Sie nicht sagen, Sir.«

Keru wandte sich wieder an Torvig: »Wenn die Nausikaaner dieses Lager so lange beobachtet haben, dass sie sogar Überwachungsausrüstung angebracht haben, was sagt Ihnen das, Tor?«

»Dass sie nach etwas Bestimmtem gesucht haben.« Aufgeregt hüpfend, deutete Torvig auf seine Trikorderdaten. »Oder jemanden. Die Überwachungsgeräte waren so eingestellt, dass sie das individuelle Signal des Biotransponders identifizieren konnten, den jedes Expeditionsmitglied implantiert hat. Dadurch wussten sie, wann sich alle Zielpersonen an der gleichen Stelle befinden würden, um die Entführungen mit einem einzigen Überfall durchführen zu können.«

Je mehr Keru erfuhr, desto größer kam ihm die Gefahr vor. Er berührte seinen Kommunikator. »Keru an Titan.«

»Was gibt es, Commander?«, fragte Captain Vale.

»Captain, wir haben Beweise gefunden, die darauf hindeuten, dass die Angreifer Nausikaaner waren. So wie es aussieht, sehr gut ausgestattet. Ich schlage vor, dass wir die Planetenoberfläche, dieses System und den umliegenden Sektor nach Spuren nausikaanischer Schiffe scannen.«

»Verstanden. Sonst noch etwas?«

»Noch nicht, Captain. Wir halten Sie auf dem Laufenden.«

»Sehr gut«, sagte Vale. »Titan Ende.«

Keru drehte sich zu Torvig und Eviku um. »Folgen Sie mir. Wir müssen den Admiral finden.«

Sie kehrten zum Zentrum des Expeditionslagers zurück und fanden Riker mithilfe seines Kommunikatorsignals im Zelt der Verwaltungsleitung. Der Admiral befand sich am anderen Ende des Zelts in einem Gespräch mit dem Sicherheitschef der Expedition, einem Grazerit namens Sukorn-Eesha. Er war groß und behaart und gehörte zu einer ethnischen Minderheit der Grazeriten, deren Männer große Hörner über ihren Ohren trugen, und sein Bariton war weit zu hören.

»Wir hatten einfach nicht genug Zeit, um zu reagieren«, sagte Sukorn-Eesha gerade zu Riker. »Als meine Leute im Auditorium den Alarm ausgelöst hatten, war die Entführung schon in vollem Gange. Und die Eindringlinge waren fort, bevor der Rest meiner Mannschaft den Schauplatz erreichen konnte.«

Keru mischte sich ohne Rücksicht auf Höflichkeiten in die Unterhaltung ein. »Mister Sukorn, wissen Sie, ob es zwischen den vier entführten Wissenschaftlern eine Verbindung gibt?«

»Sie alle waren Teil des gleichen Projekts: die Husnock-Sprache zu entschlüsseln.«

Riker schloss sich der neuen Befragungsrichtung an. »War dieses Projekt der Grund für die Versammlung im Auditorium?«

Der Grazerit nickte. »Zwei von ihnen haben einen großen Durchbruch verkündet. Das halbe Camp hat darüber gemunkelt, aber bis gestern hatten wir keine Ahnung, dass Kilaris eine Husnock-Übersetzung eines Texts gefunden hatte, der in einer der Föderation bekannten Sprache verfasst ist. Gerüchte besagen, dass sie kurz davorstand, die gesamte Husnock-Sprache durch den Universalübersetzer zugänglich zu machen.«

Riker riss die Augen auf. »Hätte das den Teams geholfen, einen Zugang zur Husnock-Technologie zu bekommen?«

Statt Sukorn antwortete Torvig: »Mit ziemlicher Sicherheit, Sir.«

Riker sah zu Keru. »Denken Sie, dass die Nausikaaner wussten, woran Kilaris und die anderen gearbeitet haben?«

»Ja, Sir. Und ich denke, sie wollten diese Entdeckung für sich selbst.« Er zeigte Riker das Objekt, das Torvig ihm gebracht hatte. »Sie haben diese Geräte in einem Ring um das Lager platziert, um es auszuspionieren. Keine Ahnung, wie lange schon. Aber ich würde jede Wette eingehen, dass sie wussten, wen sie mitnehmen mussten und warum.«

»Dann müssen wir sie so schnell wie möglich verfolgen.«

Sukorn-Eesha trat vor. »Entschuldigen Sie, ich störe nur ungern, aber …« Er sah traurig zum Auditorium. »Unsere Toten verdienen es, mit ihren Familien wiedervereint und nicht hier auf diesem fremden Felsen begraben werden.«

Sofort wurde Rikers Stimme mitfühlend. »Natürlich. Haben Sie für eines der Opfer spezielle Instruktionen im Falle des Todes?«

»Für alle. Das war eine der Missionsvoraussetzungen.«

»Bereiten Sie sie für den Stasistransport vor. Wir werden sie hochbeamen und auf der Titan verwahren, bis wir die notwendigen Vorkehrungen treffen können, um sie nach Hause zu schicken.«

Der Grazerit verneigte sich. »Danke, Admiral. Das ist sehr freundlich.«

In vertraulichem Tonfall sagte Riker zu Keru: »Doktor Ree soll sich um die Einzelheiten kümmern.«

»Aye, Sir.«

Kerus Kommunikator gab ein Signal von sich und einen Moment später ertönte Captain Vales Stimme: »Titan an Keru. Auf der Planetenoberfläche konnten wir keine nausikaanischen Schiffe entdecken, wir haben jedoch eine schwache Spur von Subraumstörungen aufgespürt, deren Energiesignatur darauf hindeutet, dass in den letzten Tagen ein oder mehrere Schiffe in diesem System in den Warp gegangen sind.«

Riker schaltete sich ein: »Captain, haben Sie einen klaren Kurs, dem Sie folgen können?«

»Ja, Sir.«

»Wann ist die geschätzte Ankunftszeit der Ajax?«

Nach einer kurzen Pause antwortete Vale: »Neun Minuten.«

»Planen Sie einen Kurs, um die Nausikaaner zu verfolgen«, sagte Riker. »Dann beamen Sie die Opfer des Angriffs hoch, direkt in die Langzeitstasis. Informieren Sie die Ajax darüber, dass sie für die Verteidigung des Planeten zuständig ist, nachdem wir den Orbit verlassen haben, denn die Wasp und die Canterbury werden uns begleiten.«

»Ja, Sir. Titan Ende.«

Nachdem der Kanal geschlossen war, sah Riker Keru an. »Machen Sie das Außenteam zum Hochbeamen bereit, Commander – die Jagd ist eröffnet.«

KAPITEL 7

Wenn es etwas Besseres gab, als über ein Vermögen zu stolpern, dessen Türen weit offen standen und ungesichert waren, war es Gaila von Ferenginar noch nicht begegnet.

Es war der glücklichste aller glücklichen Zufälle und Gaila wusste es. Er war das ganze vergangene Jahr mit den gleichen stinkenden Halunken an Bord der Tahmila gereist, einer Rostlaube von einem Schiff, einem Stück Schrott so heruntergekommen und vernachlässigt, dass es die Slums von Orion Prime wie die vergoldeten Hallen und juwelengeschmückten Boulevards der Himmlischen Schatzkammer aussehen ließ. Das beengte Schmugglerschiff stank nach aromatisiertem Betäubungsrauch, verdorbenem Essen, Synthehol und Urin. Gaila hatte noch keinen Planeten oder Raumhafen gefunden, der so trostlos war, dass er im Vergleich mit der Tahmila nicht verlockend gewirkt hätte.

Er landete sein altersschwaches Schiff in einem offenen Verladedock der mysteriösen Einheit, die er in der interstellaren Leere zufällig hatte schweben sehen.

Na ja, nicht ganz zufällig. Er war den dämlichen Pakleds gefolgt. Es gab nicht viel, für das die pummeligen Arbeitstiere gut waren, aber sie hatten ein Näschen dafür, Dinge aufzustöbern, die es wert waren, gestohlen zu werden. Und wenn es eines gab, in dem Gaila richtig gut war, dann, anderen Dieben ihre Beute zu stehlen.

Zeit für einen kurzen Sensorcheck. Gaila stellte sicher, dass sich das Kraftfeld des Verladedocks gleich nach der Landung der Tahmila aktiviert und sich der Hangar mit Atemluft gefüllt hatte. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Er schaltete das Interkomsystem ein. »Wir sind da«, sagte Gaila. Er mochte es, wie seine Stimme durch das Schiff hallte, wenn er die Anlage nutzte. »Raus aus den Federn und machen Sie sich fertig.«

Aus den hinteren Korridoren drangen der Lärm und das Murren der aus ihrem Schlaf gerissenen Halunken. Der Erste, der sich zu Gaila an die Ausgangsrampe gesellte, war der Brikar Marlik, ein Söldner, der unter seinen Landsleuten als Kümmerling und unter den meisten anderen als Riese galt. Marlik, dessen Haut wie Stein aussah und sich auch so anfühlte und dessen Körperdichte den meisten Disruptoren und Phasern standhalten konnte, war eine der besten Investitionen, die Gaila jemals getätigt hatte.

Als Nächstes kam Zehga, der Waffenexperte der Bande. Als Gorn bewegte er sich sehr langsam und bevorzugte deshalb Waffen mit ordentlich Wumms. Wenn er sein Ziel schon nicht präzise treffen konnte, richtete er eben größtmöglichen Schaden an und hoffte, seine Feinde in den Trümmern zu begraben.

Dicht hinter ihm kam das ungleiche Paar bestehend aus Hurq, einem schwarzmähnigen Chalnoth, dessen Temperament in jeder Kneipe, die er besuchte, zu einer Prügelei führte, und Zinos, einem argelianischen Kunstschützen, der es liebte, die von Hurq angefangenen Kämpfe zu beenden, indem er wahllos Leute erschoss. Ihnen folgte ein halbes Dutzend verschiedener zwielichtiger Gestalten, bei denen Gaila sich nicht die Mühe gemacht hatte, ihre Namen zu lernen.

Der Letzte, der Gailas Ruf folgte, war der Einzige, der das Sicherheitssystem der Station umgehen und sie dadurch aus dem Frachtraum lassen konnte: N’chk, ein Kaferianer, dessen insektoides Klicken praktisch niemand verstand, dessen Talent für Computermanipulation aber unübertroffen war. Er führte die anderen die Rampe hinunter und zu der verschlossenen Tür gegenüber dem Kraftfeld.

N’chk hackte sie in wenigen Sekunden, dann trat er beiseite, um Gaila und die anderen in die Station zu lassen.

In der Anlage war niemand zu sehen. Gaila konnte sofort sehen, dass die Pakleds über eine automatisierte Fabrik gestolpert waren, die Waffen von höchster Qualität herstellte. Es war eine regelrechte Latinumgrube.

Und das alles würde ihm gehören.

Hinter einer Ecke trafen Gaila und seine Leute auf eine Gruppe Pakleds, die zwischen den Bergen von Torpedos, Raketen und Bomben herumschlurften wie inkontinente Greise. Der Ferengi deutete auf die beschränkten Plünderer. »Treiben Sie sie zusammen.«

Der Rest passierte schnell und grausam.

Ein einziger Schuss aus Zehgas Armkanone betäubte die eine Hälfte der Pakleds und ließ die anderen in Deckung watscheln. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Gailas Besatzung die wenigen Pakleds, die noch bei Bewusstsein waren, mithilfe ihrer Waffen vor dem Ferengi zusammengetrieben hatten.

So dumm die Pakleds auch aussahen, verstanden sie doch Gailas Geste, die ihnen befahl, auf die Knie zu gehen. Demütig sah der patenteste der Idioten zu ihm auf. »Was wollen Sie?«

»Als Erstes mal eure Inventarliste.« Gaila nahm ein Pakled-Padd an sich und ging seinen Inhalt durch. »Beim Gesegneten Fiskus! Ihr seid hier wirklich auf einen Schatz gestoßen, was?« Er überflog Seite um Seite der von den Idioten zusammengetragenen Bestandslisten. Dann sah er wieder zu dem herab, der mit ihm gesprochen hatte. »Bist du der Anführer?«

»Ja«, antwortete der Pakled.

»Wie heißt du?«

»Cherbegrod. Captain der Gomjar.«

Gaila bedeutete Cherbegrod, sich zu erheben. »Steh auf.« Als der Pakled wieder stand, ragte er vor Gaila auf – der den Pakled-Captain durch einen gezielten Schlag in die Leistengegend gleich wieder zurechtstutzte. Cherbegrod sank wimmernd auf dem Deck in Embryonalstellung. »Ich will ja kein Erbsenzähler sein, aber von jetzt an bin ich hier der Anführer. Und ihr …« Er bestrafte das Riesenbaby mit einem Tritt in die Rippen. »Ihr seid hier nicht länger willkommen.«

Zinos stellte sich neben Gaila. »Soll ich sie aus der Luftschleuse werfen?«

»Nein, sie sind harmlos.« Gaila rief Marlik zu: »Helfen Sie Hurq dabei, sie zurück auf ihr Schiff zu befördern. Und stellen Sie sicher, dass alle weg sind.«

Die zwei Handlanger trieben die Pakleds aus dem Lager. Es brauchte vier von ihnen, um ihren angeschlagenen Captain zu tragen. Gaila sah ihnen nach, dann wandte er sich an Zinos: »Atmen Sie tief ein, mein Freund.« Er tat es mit theatralischer Übertreibung ebenfalls. »Wissen Sie, wonach das riecht?«

Der Argelianer mit dem Schnurrbart schnüffelte. »Schmiermittel?«

»Nein, Sie Idiot. Das ist der süße Duft des Profits. Und nun … gehört das alles uns.«

Ein schweres Bündel synthetischen Stoffs landete in Kilaris’ Schoß. Sie faltete es ein wenig auseinander und sah, dass es sich um einen Raumanzug handelte. Sie schaute zu dem Nausikaaner auf, der ihn auf sie geworfen hatte, als wären der Anzug und sie nichts als Abfall. »Ich nehme an, Sie möchten, dass ich den hier trage.«

»Zieh dich an, Vulkanierin. Wir landen bald.« Er unterstrich seinen Befehl, indem er seine Hand auf den Griff seiner Disruptorpistole legte, die sich an der Außenseite seines eigenen Raumanzugs in einem Holster befand.

Kilaris sah keinen Vorteil darin, die Befehle ihres Entführers zu verweigern, also zog sie ihre Schuhe aus, bevor sie den weit sitzenden Druckanzug über ihre normale Kleidung zog. »Wohin gehen wir, dass ich einen Raumanzug brauchen werde?«

»Ein Planet ohne Namen. Oder Atemluft. Trag den Anzug oder stirb.«

Die Logik war primitiv, aber folgerichtig. Kilaris sicherte den Sitz des Anzugs und überprüfte seine eingebauten Komponenten. Die Luftreserven waren gefüllt und die Strahlungsschilde neu. Die Werkzeugtaschen waren jedoch geleert worden. Das musste sie den Nausikaanern lassen – sie waren nicht so dumm, ihren Gefangenen etwas in die Hand zu geben, mit dem sie fliehen konnten. »Wann bekomme ich einen Helm?«

»In der Luftschleuse.« Der Nausikaaner packte sie am Arm und zerrte sie aus ihrer Zelle. »Bewegung!«

Er führte sie erst einen Korridor entlang, dann einen weiteren. Doktor Pek und die Binären steckten bereits in Raumanzügen – ein riesiges Exemplar für Pek und zwei in Kindergröße für 010 und 101. Die drei standen dicht gedrängt zusammen, beobachtet von zwei Nausikaanern, die ebenfalls für eine Außenbordmission gerüstet waren. Alle Anzüge, die der Entführer wie die der Entführten, wirkten ziemlich abgetragen.

Slokar stand am Kontrollfeld der Luftschleuse. »Für Landung bereit machen«, sagte er.

Kilaris und ihre Kollegen suchten sich Handgriffe entlang der Schotten. Durch die Decks erklang das Dröhnen der Bremsdüsen. Das Schiff begann zu schlingern und seine Hüllenplatten klapperten gegen seinen Rahmen. An der Luftschleusensteuerung leuchtete ein Lämpchen auf, als eine Stimme aus dem Lautsprecher drang: »Brücke an Slokar. Gelandet und gesichert.«

»Gut«, erwiderte Slokar. »In Niedrigenergiemodus gehen. Behaltet die Langstreckensensoren im Auge.« Als die Beleuchtung gedimmt wurde, sah er auf und nickte seinen Männern zu. Diese gaben Kilaris und ihren Kollegen die passenden Helme zu ihren Anzügen. Sobald sie diese aufgesetzt hatten, überprüften die Nausikaaner die Versiegelung und testeten dann ihre Funkverbindung. Pek hatte Pech mit der Passform: Seine schweineähnliche Schnauze presste sich gegen die Gesichtsplatte – Kilaris nahm an, dass sich das sehr unangenehm anfühlen musste.

Die Nausikaaner wechselten sich damit ab, ihre Gefangenen zu bewachen, während ihre Kameraden ihre eigenen Helme aufsetzten. Slokar war der Letzte. Seine Stimme drang aus dem Empfänger in Kilaris’ Helm – und höchstwahrscheinlich auch aus dem jedes anderen, wie sie annahm. »Wir gehen einer nach dem anderen.« Er deutete auf den Nausikaaner, der Kilaris aus ihrer Zelle geholt hatte. »Varoh geht voran.« Es folgte eine ausladende Geste in Richtung der Gefangenen. »Dann ihr. Wir folgen euch. Flieht und wir lassen euch zum Sterben hier zurück.«

Mit dieser aufmunternden Bemerkung öffnete Slokar die innere Luftschleuse und führte alle hinein. Als sich die innere Tür schloss, fragte Pek nervös: »Warum das Schiff landen? Wissen Sie nicht, wie man Transporter benutzt?«

»Zu viel Strahlung«, erklärte Varoh. »Das stört die Signale. Keine Transporter. Scanner und Komm-Systeme funktionieren nur über kurze Strecken.« Er zog seine Waffe, während Slokar die Luftschleuse dekomprimierte.

Die äußere Tür rollte auf und verschwand in der Schiffshülle. Draußen erstreckten sich Felsen, die vom Wind in bizarre organisch wirkende Gestalten geformt worden waren. Staubwolken fegten über die kahle, zerklüftete Landschaft hinweg. Der Himmel über ihnen war von grünen und violetten Streifen durchzogen und wurde von der majestätischen Präsenz eines beringten Gasriesen beherrscht.

Das muss die Quelle der Strahlung sein, dachte Kilaris.

Varoh trat hinaus und führte die Gefangenen an einer steilen Klippe entlang, unter der sich eine scheinbar bodenlose Dunkelheit erstreckte. Kilaris blieb dicht hinter dem Anführer der Gruppe, denn sie konnte keinen Pfad erkennen. Jeder Schritt, den sie machte, ließ kleinere und größere Steine über den Rand in den Abgrund stürzen. Ein falscher Schritt, und sie oder ihre Kollegen würde das gleiche Schicksal erwarten.

Pek blieb ungeduldig und gereizt. »Wo sind wir?«

»Ruhe!«, erwiderte Slokar.

»Was machen wir hier überhaupt?« Dem Tellariten schien der Geduldsfaden zu reißen. »Sagen Sie mir bitte, dass Sie uns nicht nur entführt haben, um die schlimmste Naturwanderung der Galaxis zu machen.«

Ebenso gereizt antwortete Slokar: »Geh einfach weiter. Wenn du noch mal redest, breche ich dir die Beine und schleife dich mit.«

In der Hoffnung, Pek von einer weiteren Konfrontation abzulenken, fragte Kilaris: »Können Sie uns zumindest eine Schätzung geben, wie weit wir gehen müssen?«

»Etwas unter zehn kellicams.«

Kilaris rechnete die klingonische Einheit in Föderationsstandardkilometer um. Es würde ein langer Marsch werden.

Pek schien zum gleichen Ergebnis gekommen zu sein. »Hätten Sie Ihren Schrotthaufen nicht ein wenig näher an unserem Ziel landen können?«

»Der Boden dort ist nicht stabil genug«, sagte Varoh.

Rosa Staubwolken hingen über der Gruppe. Kilaris lauschte dem Splitt, der von ihrer Gesichtsplatte aus transparentem Aluminium abprallte. Die karge und abweisende Landschaft faszinierte Kilaris auf eine morbide Weise. Jetzt, da sie sah, wie unerbittlich die Natur hier war, verstand sie, warum sich die Nausikaaner keine Sorgen um einen Fluchtversuch machten. Es gab keinen Ort, an den man fliehen konnte, keine Atemluft, kein Wasser. Nur eine Felskugel, steril gemacht durch ein beständiges Bad hochintensiver Strahlung von ihrer Elternwelt.

Und wir, dachte sie, einer Bande von Verbrechern ausgeliefert, die höchstwahrscheinlich vorhaben, nur unsere Leichen hier zurückzulassen.

Fürs Erste diktierte die Logik Kooperation. Doch sobald sich das änderte, würde Kilaris handeln. Sie würde den Nausikaanern die gleiche Gnade erweisen, die sie Max gezeigt hatten – und es Gerechtigkeit nennen.

»Jemand soll endlich dieses verdammte Schiff erfassen.« Nilat ging vor ihrem Kommandosessel ungeduldig auf und ab. Ihr war bewusst, wie ironisch es war, dass ihr der Hauptschirm der Silago-Ekon ein hervorragendes Bild des getigerten Gasriesen mit seinen breiten Ringen und seiner Monde bot, aber nicht die eine Sache zeigen konnte, nach der sie in all der Pracht suchte: das nausikaanische Schiff, dem sie in dieses unbenannte Sternsystem gefolgt waren.

Sie marschierte zu den hinteren Stationen. K’mjok stützte sich auf die Rückenlehne von Trunchs Sessel und sah über Balduks Schulter, während der die Schiffssensoren auf den nächsten Mond richtete. Wenn Trunch die Kontrolle des Klingonen nervös machte, ließ er es sich entweder nicht anmerken oder er kompensierte es mit seiner Arbeit. So oder so war Nilat dankbar, dass die beiden ihren ewigen Konkurrenzkampf lang genug ruhen lassen konnten, um zur Abwechslung mal etwas erledigt zu bekommen. Sie erwartete nicht, dass ihr Waffenstillstand anhalten würde, doch sie genoss ihn, solange sie konnte.

»Ich warte immer noch auf eine Antwort, Leute. Her damit.«

K’mjok drehte sich von der Sensorkonsole weg. »Wir suchen noch, Commander. Aber das Magnetfeld des Gasriesen macht es fast unmöglich, Ionenspuren zu folgen, die näher als zwei Millionen kellicams am Planeten sind. Sobald das Söldnerschiff darauf zugeflogen ist, haben wir es verloren.«

Nilat verdrehte frustriert die Augen. Sie hatte von Anfang an gewusst, wie riskant es war, ein Schiff am äußersten Rand der Langstreckensensoren zu verfolgen. Ein kürzerer Abstand hätte zwar das Risiko einer Entdeckung vergrößert, aber Nilat auch die Option gegeben, zu visuellen Scans zu wechseln, als die Planetenstrahlung ihre anderen Sensoren geblendet hatte.

Sie lehnte sich gegen die Konsole neben Ninivus, der zu ihr aufsah. »Commander?«

»Irgendwelche Kommunikation? Im Orbit oder auf der Oberfläche?«

»Welche Oberfläche?« Der Tiburonianer nickte in Richtung Hauptschirm. »Wir haben mindestens vier Monde innerhalb einfacher Komm-Reichweite.«

»Bleiben Sie dran.« Nilat beugte sich neben K’mjok über Trunch, dessen Blick auf die Sensoranzeige fixiert blieb. »Reden Sie mit mir. Wo könnten diese Mistkerle sein?«

»Wir haben die Suche auf drei Monde eingegrenzt«, sagte K’mjok.

»Damit sind Sie Ninivus schon einen Mond voraus. Was noch?«

Der XO rief auf einem Nebenschirm zusätzliche Informationen auf. »Mond eins ist ein toter Fels. Keine Atmosphäre.« Er wechselte zu einem neuen Datensatz. »Mond zwei ist eine weitere Felskugel mit einer dünnen Atmosphäre aus Methan und Kohlendioxid sowie ein paar Spurenelementen.« Eine letzte Datenansicht erschien. »Mond drei besteht aus einer Mischung aus Methan und flüssigem Wasser unter einer fünf kellicams dicken Eiskruste mit einem Kern aus Eisen und Nickel. Eine dünne Sauerstoffatmosphäre, versetzt mit anderen Spurenelementen.«

»Also … keiner von denen ist Klasse M?«

»Nicht mal annähernd.« Der Klingone beugte sich näher an Nilat heran, um mit gesenkter Stimme hinzuzufügen: »Wir könnten uns in den Ringen des Planeten verstecken und abwarten, um uns das Söldnerschiff zu schnappen, wenn es sich wieder bewegt.«

»Nein.« Nilat schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Sie haben ihre Geiseln aus einem bestimmten Grund hergebracht. Wenn ich recht habe, können wir nicht riskieren, sie mit dem, was sie gefunden haben, entkommen zu lassen. Wir müssen sie hier abfangen.« Was sie nicht aussprach – zumindest teilweise, weil sie das Gefühl hatte, dass es jedem ihrer Besatzungsmitglieder ohnehin klar war –, war, dass bei diesem Einsatz mehr auf dem Spiel stand als unglaublicher Reichtum. Wenn sie versagten, würden sie dafür, dass sie ihre Herren enttäuscht hatten, höchstwahrscheinlich mit dem Tode bestraft werden.

Lord Srinigar ist vieles, aber nachsichtig gehört nicht dazu.

Nilat versuchte, ihre plötzlich aufkommenden Kopfschmerzen zu lindern, indem sie ihre Schläfen massierte, als sich Ang-Harod meldete. »Commander? Wir haben ein neues Problem.«

Die Orionerin richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Nalori. »Was gibt es, Ang?«

Ang-Harod teilte die Ansicht des Hauptschirms, um ihr neue Daten im unteren Drittel zu zeigen. »Es nähern sich drei Signale bei hoher Warpgeschwindigkeit.« Sie vergrößerte einen Analysefilter. »Ihre Energiesignaturen passen zu Modellen der Sternenflotte und ihre Energiewerte deuten darauf hin, dass es sich um schwere Kreuzer handelt.«

»Das hat uns gerade noch gefehlt – eine Einmischung der Föderation!« Nilat sah nach hinten. Sie wusste, dass Trunch und K’mjok bereits an dem Problem arbeiten würden. »Haben sie uns schon entdeckt?«

»Ich denke nicht«, antwortete Trunch. »Der Planet schützt auch uns.«

Man muss auch für die kleinen Dinge dankbar sein. »Ang, wann ist ihre geschätzte Ankunftszeit?«

»In weniger als zwei Stunden.« Leicht überrascht, fügte die Nalori hinzu: »Verdammt, die sind ja noch viel schneller, als ich in Erinnerung hatte!«

»Und sie werden immer schneller«, sagte Nilat, die sich daran erinnerte, dass die Sternenflotte kürzlich den revolutionären Quanten-Slipstream-Antrieb eingeführt hatte. »Doch das bedeutet nur, dass wir schlauer sein müssen. K’mjok, programmieren Sie unsere letzten zwei Aufklärungssonden darauf, nach Spuren von Duranium oder transparentem Aluminium zu suchen, dann schicken Sie sie zu den zwei am weitesten entfernten Ihrer drei Monde. Bringen Sie uns in einen Äquatorialorbit des nächstgelegenen Mondes und führen Sie einen groben Scan nach den gleichen Faktoren durch. Und beeilen Sie sich, denn die Sternenflotte ist uns dicht auf den Fersen.«

»Verstanden«, sagte K’mjok. Dann machten Trunch und er sich an die Arbeit, um Nilats Anweisungen umzusetzen.

Nilat kehrte an Ninivus’ Seite zurück und beugte sich zu dem Tiburonianer herunter. »Nin, sind die Signalverstärker, die Sie ausgesetzt haben, noch aktiv?«

»Das sollten sie, wenn sie sonst niemand gefunden hat.«

»Gut. Wir müssen uns die Sternenflotte so lange wie möglich vom Hals halten.« Sie sah zum Schirm und hoffte, dass ihre kleine Ablenkung reichen würde. »Aktivieren Sie die Täuschungsbaken.«

KAPITEL 8

Es gab Momente, in denen konnte Captain Vale nicht anders, als ihr Schiff mit einem lebenden Wesen zu vergleichen. Ihre aktuelle Analogie für die Titan war ein Bluthund, der eine ansonsten unsichtbare Spur im Subraum und dem kosmischen Staub der interstellaren Leere aufspüren konnte. Das Raumschiff der Luna-Klasse war mit den modernsten Sensoren der Sternenflotte ausgestattet und seine Partnerschiffe der Alpha-Quadrant-Grenzerforschungsgruppe verfügten über vergleichbare Systeme.

Sterne rasten auf dem Hauptschirm der Brücke vorbei, ihr Licht verzerrt durch das Warpfeld, das wie eine Seifenblase um die Titan schimmerte. Vale wusste, dass ihre Beute irgendwo da draußen war, vielleicht noch unterwegs, vielleicht auch auf einem Planeten.

Aber wir werden euch finden, so oder so.

Auf Tuvoks Konsole ertönte ein Alarm. Vale drehte ihren Sessel zu dem Vulkanier herum, der ein paar Tasten drückte, um einen zweiten, dann einen dritten Alarm verstummen zu lassen. Der plötzliche Ansturm sorgte dafür, dass Tuvok eine seiner Augenbrauen in die Höhe zog. »Bericht, Commander«, sagte Vale.

»Drei Notrufe, Captain.« Er organisierte die Daten auf seiner Konsole. »Alle fast gleichzeitig und doch wirkt es so, als kämen sie aus vollkommen unterschiedlichen Richtungen.«

»Es wirkt so?«

Tuvok forschte tiefer in den Daten auf seiner Konsole. »In der Tat. Einer liegt direkt hinter uns. Bei den beiden anderen handelt es sich ebenfalls um beträchtliche Abweichungen von unserem derzeitigen Kurs.«

Rager drehte sich von der Ops-Konsole um. »Ich habe die Signale analysiert, Captain. Alle drei scheinen von Zivilschiffen in unmittelbarer Gefahr zu kommen.« Stirnrunzelnd fuhr sie fort: »Und die Positionen aller drei Schiffe liegen außerhalb unserer Sensorreichweite.«

»Natürlich tun sie das.« Sie sah zu Keru. »Was denken Sie, Commander?«

»Es erscheint mir ein seltsamer Zufall zu sein«, sagte der Sicherheitschef, »dass wir drei Notrufe erhalten, während wir mit zwei Eskortschiffen unterwegs sind. Fast so als würde jemand dafür sorgen wollen, dass wir alle drei abgelenkt werden.«

Vale runzelte die Stirn. »Genau mein Gedanke.«

Ohne sich von ihrem Platz zu erheben, lehnte sich Commander Sarai in Vales Richtung. »Darf ich Sie daran erinnern, Captain, dass wir durch die Sternenflottenvorschriften und das interstellare Gesetz dazu verpflichtet sind …«

»Allen Notrufen nachzugehen und wenn nötig zu helfen«, beendete Vale den vertrauten Paragrafen. »Ich bin mir dieser Vorschriften durchaus bewusst, Nummer eins. Doch Zeitpunkt und Anzahl dieser Notrufe sind mehr als nur ein bisschen verdächtig, finden Sie nicht?«

»Natürlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um echte Notrufe handelt, ist gering. Viel wahrscheinlicher ist, dass es sich um Finten handelt, um uns von der Verfolgung der Entführer abzuhalten. Doch egal wie begründet unsere Vermutungen sind, reichen sie doch nicht aus, um das Gesetz zu missachten. Selbst wenn wir davon überzeugt sind, dass es sich um falsche Notrufe handelt, müssen wir ihnen nachgehen. Sir.«

Und dabei wir sind in letzter Zeit so gut miteinander ausgekommen. »Sie haben recht, Nummer eins. Doch die Vorschriften besagen nur, dass wir reagieren müssen – wir müssen uns aber nicht sehenden Auges in Gefahr begeben.«

Sarai fragte Tuvok: »Können wir die Registrierungsnummern der Schiffe überprüfen?«

»Einen Moment«, sagte Tuvok und machte sich an die Arbeit.

Situationen wie diese erinnerten Vale daran, was sie so ärgerlich daran fand, dass ihr das Sternenflottenkommando einen Ersten Offizier aufgezwungen hatte. Sarai war zwar eine fähige und erfahrene Offizierin, doch sie war unflexibel. Vale nahm an, dass Sarais Starrsinn ein Nebenprodukt ihrer Schmach nach dem Debakel mit Interimspräsident Ishan war. Er war jedenfalls äußerst untypisch für eine ehemalige Agentin im Außendiensteinsatz des Sternenflottengeheimdienstes – der Abteilung, die Sarai ausgebildet und ihre Fähigkeiten auf Feinste geschliffen hatte.

Tuvok sah von seiner Konsole auf. »Die erste Nachricht war zu verzerrt, um den Namen des Schiffs zu verstehen. Die anderen beiden Schiffe scheinen einer fremden Macht zu entstammen, deren Registrierungsdaten für uns nicht zugänglich sind. Daher kann ich keines der Schiffe identifizieren.«

Das schien Sarai nicht zu entmutigen. »Unsere Verpflichtung bleibt bestehen.«

»Sie haben recht, Nummer eins. Wir sind dazu verpflichtet, der Sache nachzugehen – aber nur weil wir drei Signale empfangen haben, bedeutet das nicht, dass ich die ganze Einsatzgruppe aufteilen muss.« Vale erhob sich, um ihre Autorität zu unterstreichen. »Mister Tuvok, verbinden Sie mich mit Captain Scarfield auf der Wasp.«

»Aye, Captain.« Er gab die Anfrage ein. »Ich habe Captain Scarfield auf Kanal eins.«

»Auf den Schirm«, befahl Vale. Sie wartete, bis das Bild der warpverzerrten Sterne durch das eckige Gesicht und die schwarzen Haare von Captain Fiona Scarfield ersetzt wurde, dem kommandierenden Offizier der Wasp. Vale versuchte, die Neuigkeiten mit einem Lächeln zu mildern. »Fiona. Raten Sie mal, weshalb ich mich melde.«

»Brauche ich gar nicht. Wirken diese Notrufe auf Sie auch so verdächtig?«

»Und wie. Allerdings brauche ich Sie und Ihre Besatzung, um ihnen nachzugehen.«

Scarfield nickte. »Das ist eben der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, das schnellste Schiff der Gruppe zu sein.«

»So ist’s recht«, entgegnete Vale. »Planen Sie die kürzeste Route zu allen drei Signalen. Wenn eines von ihnen nicht auf den Langstreckensensoren auftaucht, schließen Sie es aus und gehen zum nächsten über. Und dann stoßen Sie so schnell wie möglich wieder zu uns und der Canterbury.«

»Verstanden.« Zu jemandem außerhalb des Bildausschnitts sagte Scarfield: »Zeit, unseren neuen Slipstream-Antrieb anzuschmeißen. Neuen Kurs eingeben, eins eins sechs Komma vier, Maximale Slipgeschwindigkeit.« Dann verabschiedete sie sich von Vale mit einem freundlichen Nicken. »Christine, wir sehen uns später. Wasp Ende.«

Scarfield verschwand vom Schirm, der wieder zu einer Ansicht der Sterne zurückkehrte. Das schlanke Raumschiff flog vor der Titan her, dann schoss es wie der Blitz davon.

Wir müssen uns auch einen von diesen Antrieben besorgen, dachte Vale ein wenig neidisch.

Sie sah Sarai herausfordernd an. »Zufrieden?«

Der Erste Offizier blieb unbeeindruckt. »Was die Vorschriften angeht, ja.«

»Wunderbar. Wieder mal knapp dem Militärgericht entkommen.«

Vales subtile Stichelei schien Sarai härter zu treffen, als sie beabsichtigt hatte. Die Efrosianerin erwiderte: »Ich komme lediglich meiner Verantwortung als Ihr XO nach, Captain.«

»Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen, Nummer eins.«

Ich hoffe nur, dass du später gegen den Gegner ebenso hartnäckig bist.

Cherbegrod war schlecht. Nicht nur von dem Schlag in den Magen. Ihm war schlecht vor Wut. Vor Scham. Der grausame Ferengi und seine Schläger waren das gewesen. Sie hatten Cherbegrods Körper und Gedanken wehgetan. Es war nicht richtig, was sie getan hatten. Cherbegrod hatte die Fabrikanlage gefunden und ihre Türen geöffnet. Es war seine Beute.

Nun musste er zurück zu seinem Sessel an Bord der Gomjar getragen werden.

Haripog wollte, dass er sich ins Bett legte, und die Tür verriegeln. Er wollte ihn verstecken. Doch Cherbegrod wusste es besser. Er war schlau. Jetzt war nicht der richtige Moment zum Verstecken. Wenn er sich jetzt in seinem Bett verkroch, würde Haripog der Anführer werden. Ihm das Schiff wegnehmen. Cherbegrod alles nehmen, was ihm geblieben war.

Das wäre zu viel für Cherbegrod. Als die anderen versuchten, ihn in seine Kabine zu bringen, sagte er: »Nein. Oberdeck. Mein Sessel. Bringt mich dahin.« Er sagte es immer wieder, bis sie es taten.

Eberleg und ein paar seiner Werkzeugschubser trugen Cherbegrod zu seinem Kommandosessel. Das Sitzen tat weh. Jedes Teil von Cherbegrods Körper tat weh. Er war jetzt mehr Schmerz als Körper. Ohne seine Wut wäre der Schmerz zu viel gewesen. Er schluckte seine Schmach hinunter und blieb ruhig, auch wenn er am liebsten weinen und brüllen würde, wie ungerecht das alles war.

Aber dafür war jetzt keine Zeit. Er musste etwas tun. Der Anführer sein.

»Kurs setzen«, befahl er. »Weg von der Fabrik. Warpgeschwindigkeit.« Als niemand auf der Brücke etwas zu tun schien, schlug er auf die Armlehnen seines Sessels. »Sofort!«

Die anderen Pakleds setzten sich in Bewegung. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie sich aneinander vorbeigerempelt hatten. Schließlich war jeder an seiner Station und irgendjemand tat, was er befohlen hatte. Das Schiff entfernte sich von der Husnock-Anlage und die Sterne auf dem Bildschirm verschwammen.

Cherbegrod atmete tief ein. Er konnte immer noch Befehle geben. Seine Leute taten immer noch, was er sagte. Er war immer noch der Captain. Unauffällig wischte er sich ein paar Tränen aus den Augen.

Haripog stampfte über das Deck, um sich neben Cherbegrods Sessel zu stellen. Dabei schnaufte er, als wäre er gerannt. Seine Kiefermuskeln spannten sich an und eine Ader an seiner Schläfe pochte. »Die haben uns alles weggenommen, was wir gesammelt haben«, beschwerte er sich. »Viele Monate lang. Alles weg. Und die Hälfte vom Treibstoff.«

»Wir könnten tot sein. Freu dich, dass du noch lebst.«

»Wir brauchen einen größeren Wumms«, fand Haripog. »Mehr Wumms.«

Seine Nörgelei stachelte die anderen auf. Sie umringten Cherbegrod.

»Haripog ist schlau«, sagte Garagool, der Pilot. »Wir brauchen mehr Wumms.«

Famapeg, ein Werkzeugschubser, stimmte mit ein: »Sie haben uns unsere Wummsfabrik weggenommen.« Er pikste Cherbegrod in die Brust. »Gib uns Wumms, dann zeigen wir dem Ferengi, dass wir stark sind.«

»Stark und schlau«, lallte Uagalog, ein weiterer Ganzmacher. »Dann holen wir uns zurück, was uns gehört.«

Zu viele Lügen. Zu viel Dummheit. Cherbegrod hatte keine Lust mehr. »Wir sind nicht stark. Nicht klug. Egal wie viel Wumms wir haben – sie hätten trotzdem noch die Fabrik. Und wir wären tot.« Alles tat ihm weh, als er sich erhob, doch Cherbegrod musste vor ihnen stehen. Nur so würden seine Leute auf ihn hören. »Mehr Wumms wird uns nicht helfen. Wumms ist dumm. Wumms tötet uns.« Er machte einen schmerzhaften Schritt nach dem anderen, ging durch die Menge und sah jedem in die Augen, damit sie wussten, dass er stark war. »Wir sind Pakleds. Wir sind nicht gut im Kämpfen. Wir sind gut im Finden.«

»Wir haben die Fabrik gefunden«, sagte Haripog. »Der Ferengi hat sie uns weggenommen.«

Es tat weh, als Cherbegrod tief einatmete, doch er tat es, um Zeit zu schinden. »Ferengi betrügen. Ferengi stehlen. Darin sind Ferengi gut.« Unter Schmerzen trat er an die vorderen Konsolen. Es dauerte einen Moment, bis er den Knopf gefunden hatte, um den Winkel des Bildschirms zu ändern. Er stellte ihn so ein, dass er hinter die Gomjar sehen konnte, und drückte dann ein paar weitere Knöpfe, um das Bild größer zu machen. Er betrachtete die immer kleiner werdende Husnock-Fabrikanlage. »Wir kommen zurück. Zahlen es Gaila heim.« Er sah zu seinen Männern. »Ich bringe das in Ordnung. Und lasse ihn bezahlen.«

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352 p. 4 illustrations
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9783966580724
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