Read the book: «Prinz der Wölfe»

Font::


Autoren: Dave Gross

Deutsch von: Jan Enseling

Lektorat: Janina Wiesler

Korrektorat: Kathrin Dodenhoeft

Satz: Oliver Graute


In Zusammenarbeit mit:


© Dave Gross 2010

© der deutschen Übersetzung Feder & Schwert 2017

Originaltitel: Prince of Wolves

E-Book-Ausgabe 2017

ISBN 978-386762-278-3

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-86762-277-6

Prinz der Wölfe ist ein Produkt der Feder & Schwert GmbH unter Lizenz von Ulisses Medien & Spiel Distribution GmbH. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Dave Gross. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für meinen Freund Pierce Watters

Prolog

Radovan erwacht im Dunkeln. Das hier ist kein Traum.

Er liegt auf dem Bauch, und eine nach Knoblauch schmeckende Masse füllt seinen Mund. Er würgt und schiebt den ekelhaften Klumpen mit der Zunge heraus. Er fühlt, dass seine Arme hinter seinen Rücken gedreht und die Daumen eng mit etwas zusammengeschnürt sind, das sich wie eine raue Schlinge anfühlt. Er riecht Kiefernharz, und seine rechte Wange klebt am Boden. Ist er an Deck?

Quälender Schmerz explodiert plötzlich in seinem ganzen Körper, knallt gegen seinen Hinterkopf, donnert sein Rückgrat hinauf, hämmert tief in seinen Schulterblättern und dringt schließlich bis in seine Knie und Schienbeine. Er krümmt und windet sich, da der Schmerz fast unerträglich scheint, doch eine Welle der Übelkeit rollt über ihn hinweg, und er kann nicht sagen, ob ihm allein durch die Bewegung so übel wird. Seine Gedanken rasen – wie konnte er so schnell wieder auf das Schiff gelangt sein? Das hier ist kein Traum.

Er beißt die Zähne zusammen und rutscht nach rechts, wobei seine schmerzende Schulter gegen die Wand gedrückt wird. Er drückt den Rücken durch, und sein Kopf stößt gegen ein weiteres Hindernis, das nur wenige Zoll über ihm ist. Er versucht, seine Knie zu heben, doch sein Hintern stößt ebenfalls gegen die niedrige Decke. Befindet er sich auf einem Zwischendeck? Er kippt nach rechts, und der Boden bewegt sich mit ihm. Eine gedämpfte Stimme auf der anderen Seite der ihn umgebenden Wände schreit so etwas wie: „Der Teufel am Leben!“ Radovan ist sich über die genauen Worte nicht im Klaren. Sein Varisisch ist noch immer ziemlich holprig, aber er begreift, dass er in einer Kiste liegt.

In einem Sarg.

„Am Leben!“, brüllt er, aber seine Zunge fühlt sich taub an von dem Knoblauch, der sich in seinem Mund für wer weiß wie lange aufgelöst hat, bevor er ihn ausgespuckt hat.

Er glaubt zu rufen: „Lasst mich raus!“

Der Sarg kippt hart von einer Seite zur anderen und schwankt, bevor die Männer ihn mit dem Deckel nach unten abstellen. Die Stimmen beginnen zu streiten, und Radovan kann nur wenige Worte verstehen: Sie klingen wie „tot lebendig“, „tot nicht tot“, „Teufel“ und „Fluch“. Er nimmt sich einen Moment Zeit, um darüber nachzugrübeln, warum er mit dem Gesicht nach unten liegt, und auch, warum seine Daumen zusammengeschnürt sind. Dann konzentriert er sich darauf, was er dagegen unternehmen kann.

Wieder hebt er die Knie an, versucht, den Übelkeit erregenden Schmerz zu ignorieren, und drückt gegen den Sargdeckel. Ein Sargnagel quietscht, gibt aber kaum nach. Er hat keinen Platz, kann sich nur mühsam winden und kaum bewegen. Trotzdem schafft er es, mit seinem Gewicht die Ränder des Sarges anzuheben – bumm, bumm, bumm.

„Am Leben!“, schreit er. „Nicht tot! Nicht tot!“

Schritte ziehen sich von dem Sarg zurück, und die Männer draußen senken ihre Stimmen und beraten sich. Radovan hofft, dass sie ein Brecheisen holen, ein paar Hämmer, eine Axt – irgendetwas, um ihn aus diesem Sarg herauszuholen. Er ist früher schon durch recht enge Öffnungen gekrochen, manchmal durch Abwasserrohre und einmal sogar durch einen außergewöhnlich widerwärtigen Abort, um in das Gewölbe unter dem Haus eines chelischen Adligen zu gelangen – immer begleitet von dieser beklemmenden Angst, die sich in solch engen Räumen an ihn klammert. Jetzt ergreift sie wieder von ihm Besitz, klettert seinen Rücken hinauf wie eine nasse Katze, die aus einem kalten Fluss gekrochen ist.

Er hört, wie sich draußen etwas bewegt, aber nicht beim Sarg. Jemand stapelt etwas in der Nähe auf. Werkzeuge? Waffen? Radovan beschleicht ein unangenehmer Gedanke. Sie schichten Holz auf.

Fieberhaft sucht er in seinem Geist nach einer hilfreichen varisischen Redewendung, doch bevor ihm irgendetwas Vernünftiges einfällt, ist es auch schon wieder weg, und Radovan hält sich an die Brocken Varisisch, die er am besten beherrscht. Nun kann ihn niemand missverstehen. Eine Dirne aus Caliphas hat ihm einmal gesagt, er würde fluchen wie ein wahrer Sohn Ustalavs.

Wieder wird der Sarg angehoben, unsicher getragen von furchtsamen Händen. Er stellt sich vor, wie die Männer da draußen sich so weit wie möglich von der Kiste weg lehnen, weil sie fürchten, der Teufel darin könne ihren Herzen zu nahe kommen. Sie laufen auf die Stelle zu, an der Radovan gehört hat, wie sie das Holz aufgeschichtet haben, und der Sarg fliegt. Radovan spürt für einen kurzen Moment schwerelosen Schwindel, bevor der Sarg krachend auf etwas landet, das ein Scheiterhaufen zu sein scheint, der eines Lindwurmkönigs würdig ist. Die Zweige geben unter dem Sarg nach und brechen, während er bereits das Knistern der brennenden Fackeln hört, als die Männer das Holz entzünden.

Radovan dreht sich, wirft sich hin und her. Die Schnüre schneiden in seine Daumen, und heißes Blut sickert aus seiner Haut. Er tritt gegen die Holzwände, aber das Geräusch der aufsteigenden Flammen ist lauter als der dumpfe Aufschlag seiner nackten Füße.

Die Bastarde haben meine Stiefel geklaut, denkt er. Einen wahnsinnigen Augenblick lang erinnert er sich, wie viel er dem Sattler aus Egorian für diese hübschen, roten Treter bezahlt hat, was seinem Zorn neuen Auftrieb gibt. „Gebt mir meine verdammten Stiefel zurück!“, schreit er. Er bemerkt nicht, dass er in die Gemeinsprache, Taldani, zurückgefallen ist.

Unter sich spürt er die Hitze des Feuers. Ein bisschen Hitze macht ihm nichts aus – er kann eine Metallpfanne ohne Topflappen vom Herd nehmen –, aber schon bald merkt er, dass seine Wimpern versengt werden. Die Flammen sind mittlerweile so hell, dass er sie durch die engen Fugen des Sargbodens erkennen kann. Er weiß, was als Nächstes geschehen wird, und einen Augenblick lang erwägt er, ob es nicht besser gewesen wäre, sich lebendig begraben zu lassen.

Das hier ist kein Traum.

Kapitel eins

Fürstliches Gehabe

Vergib mir, dass ich unsere Korrespondenz statt wie üblich in Briefform in dieses Tagebuch eintrage. Jedoch werde ich auf Grund des Nichtvorhandenseins der wechselseitigen Kommunikation diese Aufzeichnungen aufbewahren in der Hoffnung, dass ich sie persönlich abliefern und in Deine Hände legen kann. Dieses Medium mag etwas informeller anmuten, als Du vermutlich erwartest, und ich hoffe, Du nimmst es im Geiste der Kameradschaft an. Deine Berichte gehören zu den willkommensten, die ich für die Gesellschaft zusammenstelle.

Selbstverständlich bereitete mir die Rücksendung meines nicht zugestellten Sendschreibens Sorgen – umso mehr in Anbetracht des bei mir eingegangenen Berichtes von Doktor Trice, dessen Mangel an Quellen ihn daran hinderte, etwas über Deinen derzeitigen Aufenthaltsort herauszufinden. Natürlich schickte ich eine Anfrage an meine persönlichen Kontaktleute in Caliphas, doch als ich entdeckte, dass die Wisperlilien in meinem Gewächshaus – die verwandt mit den Blumenzwiebeln sind, die Du bei Dir trägst – alle verwelkt waren, verwandelte sich meine Sorge in Furcht. Ich bete, dass es sich nur um ein Missgeschick handelt, welches unseren letzten Kommunikationsweg unterbrochen hat. Ich werde in dem Glauben und in der Hoffnung fortfahren, dass Du auf meine Unterstützung wartest.

Ich muss zugeben, dass meine Besorgnis durch Deine beunruhigenden Andeutungen hinsichtlich des Ziels Deiner Expedition bestärkt wird. Meine Recherchen sowohl bei der Loge in Egorian als auch in meiner eigenen Bibliothek haben nur einige wenige Bezüge auf diesen Lacuna-Kodex zu Tage gefördert. Es scheint, als hätte dieses Werk eine Rolle in dem frühesten Konflikt zwischen den letzten Königen von Ustalav und den Agenten dieses grauenerregenden Leichnams gespielt, der als Wispernder Tyrann bekannt ist. Wenn dem so ist, so würde man allerdings erwarten, den Kodex in der Beuteliste von ­Finismur wenigstens erwähnt zu finden, doch meine Korrespondenten haben nichts dergleichen berichtet.

Die einzige Information, die ich sammeln konnte, bevor ich nach Grünkirchen aufbrach, war ein Hinweis auf einen Folianten eines ähnlichen, grob aus dem Alt-Thassilonischen übersetzten Titels. Wenn dies beides Hinweise auf dasselbe Buch sind, dann ist das darin enthaltene Wissen weit älter, als Du vielleicht annimmst. Schlimmer noch – die mir vorliegenden Informationen weisen darauf hin, dass das Buch seinen Ursprung in den frühesten bekannten Schriften des Kultes von Urgathoa, der Fahlen Fürstin, hat. Meine größte Furcht ist, dass Du in einen Konflikt mit den Anhängern einer neuzeitlichen Zelle dieses schrecklichen Kultes geraten bist, denn die Gräueltaten dieser Nekromanten werden nur noch von der Verderbtheit ihrer Schüler übertroffen. Man kann natürlich nur schwerlich wissen, womit Du rechnest, da seit dem Eingang Deines letzten Berichts mehr als acht Monate vergangen sind.

Selbstverständlich hat solch langes Schweigen nach dem Erhalt so beunruhigender Hinweise meine Sorge nur verstärkt. Du kannst Dir jedoch meine Überraschung vorstellen, als der Zehnerrat selbst Kontakt zu mir aufnahm, um mich über Deinen letzten Bericht zu befragen – eine Anfrage, die ich unglücklicherweise aufgrund des Informationsmangels nicht befriedigen konnte. Zugegeben, zunächst war ich verärgert darüber, dass Du Deine Berichte doppelt gesendet hattest, sodass, wenn auch unabsichtlich, bei meinen Vorgesetzten in der Gesellschaft der Eindruck entstand, dass ich Dich nicht sonderlich bei Deinen Unternehmungen unterstützen würde. Gepaart mit Gerüchten über die jüngsten unglücklichen Ereignisse in meiner Heimatstadt Egorian, unterminierten solche Schreiben das Vertrauen, das der Zehnerrat seit mehr als sechzig Jahren in mich setzt.

Es ist nicht meine Absicht, meiner Sorge außerhalb unseres persönlichen Rapports, der nun schon seit der Zeit besteht als mir Deine Berichte zum ersten Mal überantwortet wurden, Luft zu machen, und ich versichere Dir, dass ich in erster Linie an Deiner Sicherheit und Deinem Erfolg interessiert bin.

Daher bin ich, nur in Begleitung eines Dieners und eines Leibwächters, nach Caliphas gekommen. Ich werde weiteres Dienstpersonal vor Ort in meine Dienste nehmen und Deiner Spur folgen, da ich sicher bin, dass Du sie gründlich und geschickt platziert hast. Wenn ich Dich finde, werde ich Dir dieses Tagebuch übergeben, und Du wirst es als Beweis des großen Wertes sehen, den Deine Arbeit sowohl für die Gesellschaft der Kundschafter als auch für mich, Deinen Freund und Kollegen, Kundschafterhauptmann Varian Jeggare, hat.

Obwohl es ihm an Erfahrung jenseits der Grenzen von Cheliax mangelt, hat mein neuer Diener eine vorbildliche Begabung im Umgang mit Bürokratie an den Tag gelegt, sodass ich die ermüdenden Angelegenheiten, die Reisen durch fremde Lande so mit sich bringen, größtenteils in seine Hände gelegt habe. Unglücklicherweise gingen für das Reisen wichtige Annehmlichkeiten während eines Vorfalls verloren, über den ich immer noch gewisse Verdächtigungen hege, und der Rest der Fahrt nach Caliphas verlief alles andere als angenehm. Für den Moment werde ich es dabei belassen.

Meine Hoffnung ist, dass uns in der Zeit, die wir uns außerhalb unserer Heimatstadt aufhalten, eine Atempause nach den jüngsten Unannehmlichkeiten vergönnt sein wird. Du erinnerst Dich vielleicht, dass mein langjähriger Leibwächter Radovan, eine Waise, eigentlich aus Ustalav stammt. Man kann nur hoffen, dass er, auch wenn er in Cheliax geboren und aufgezogen wurde, etwas Trost bei seinem Volk findet. Ich wünschte mir, er könnte seine Einbeziehung in dieses Unterfangen als Belohnung ansehen, so wie es gedacht war. Hoffen wir, dass er mir keinen Grund liefert, es zu bereuen, ihn in meinen Diensten behalten zu haben.

Es wird mir nun bewusst, dass wir drei – Du, ich und Radovan – den zweifelhaften Segen einer gemischten Abstammung teilen. Sieht man von der geerbten roten Kutsche ab, ist mein elfischer Vater mir unbekannt. Da er bereits in jungen Jahren zur Waise wurde, erinnert Radovan sich kaum an seine Eltern – zumindest hat er mir das gesagt –,

und natürlich weiß er nichts über den infernalischen Vorfahren, der seiner Blutlinie auf ewig den Fluch der Höllenbrut auferlegt hat. Ich verwende bewusst den Begriff „Fluch“, denn obwohl viele sich mit dieser Bezeichnung gedankenlos auf Dich oder mich beziehen würden, hegt das Volk von Cheliax, so verdammt es dafür ist, dass es dem Fürst der Lügen dient, einen akuten Abscheu gegenüber jenen, in deren Adern das Blut der Hölle fließt. Ich für meinen Teil habe mich nie gänzlich in die menschliche Gesellschaft aufgenommen gefühlt, nicht einmal als Kind. Nicht seit dem Tod meiner Mutter und ganz sicher nicht seit dem Aufstieg der Teufelsanbeter des Hauses Thrune. Vielleicht sollten Du und ich die Angelegenheit einmal weiter diskutieren. Ich bezweifle, dass das Thema bei Radovan auf Interesse stößt; er bemüht sich meist, als Mensch durchzugehen.

Unser Schiff erreichte Caliphas vor zwei Tagen, und meine erste geschäftliche Pflicht war eine Unterredung mit Doktor Trice in diesem Irrenhaus, das er als Loge für Kundschafter führt. Sein Gebaren ließ darauf schließen, dass er drauf und dran war, eines Tages selbst zu den Bewohnern seines Hauses zu zählen, und mir ist nicht entgangen, dass die Ortsansässigen ein zynisches Vergnügen daran finden, dass die meisten seiner Patienten ehemalige Kundschafter sind. Unnötig zu sagen, dass ich aufs Äußerste erleichtert war, Dich nicht in seiner Obhut vorzufinden.

Trice bestätigte lediglich, dass Du ihn kurz nach Deiner Ankunft aufgesucht hattest. Er konnte mir jedoch nicht sagen, wohin Dich Deine weitere Suche führen würde. Ich will Dich nicht dafür tadeln, dass Du es unterlassen hast, weitere Informationen mit ihm zu teilen, denn trotz des Kodexes unserer Gesellschaft wird Dich nicht jedes Mitglied so unterstützen, wie ich es bisher getan habe. Ich weiß nicht genug über Trice, um sagen zu können, ob er verlässlich ist, und somit muss ich mich in dieser Sache auf Dein Urteil verlassen.

Nachdem ich von Trice fortgegangen war, dachte ich daran, Radovan loszuschicken, um möglichst viele Informationen auf den Märkten und in den Wirtshäusern zu sammeln, während ich mich wieder mit den Adligen Ustalavs bekanntmachte. Leider hat Radovan nie auch nur das geringste Interesse an der Gesellschaft der Kundschafter gezeigt; im Gegenteil, seine Scherze über unseren „kleinen Verein“, wie er es nennt, grenzen an Unverschämtheiten. Möglicherweise bin ich noch immer verärgert über die Freiheiten, die er sich bei der Erfüllung seiner Pflichten herausnimmt. Von einem Leibwächter erwartet man nicht, dass er einen vor sich selbst schützt.

Bevor ich Grünkirchen in der Obhut meines Vetters Leonzio zurückließ, hatte ich bereits einige Briefe per Eilpost verschickt, und ich hatte das Glück, just vor einer großen gesellschaftlichen Zusammenkunft einzutreffen, bei der Vertreter der meisten Adelshäuser Ustalavs zugegen waren. Viele von ihnen waren mir vorher unbekannt, da die meisten der menschlichen Frauen und Männer, die nun an der Macht sind, während meines früheren Besuches noch Kinder waren. Ich hatte gehofft, jemand unter ihnen hätte Neuigkeiten über Deinen Besuch vernommen. Unglücklicherweise war die derzeitige Generation der ­Adligen Ustalavs weniger gastfreundlich als ihre ­Vorgänger.

Vielleicht bin ich über die Maßen empfindlich, was dieses Thema angeht, doch konnte ich nicht anders als zu argwöhnen, dass ihre Fragen über die reichen Besitztümer in Cheliax verdeckte Anschuldigungen betreffend meines völlig unangebrachten Geschenkes für Fürst Aduard waren. Hätte Radovan nicht solchen Unfug getrieben, hätte ich Seiner Hoheit statt dieses scheußlichen Samowars, den Nicola im Goldviertel gekauft hatte, sechs Kisten des besten Weines verehrt, den die Weingärten meiner Familie bis dahin hervorgebracht hatten. Mit Sicherheit aber nicht weniger als fünf.

Der Abend begann endlich interessant zu werden, als ich mich, wenn auch nur für einen Moment, den unnachgiebigen Nachstellungen der Botschafterin von Westkrone entzogen hatte. Bei meiner Ankunft in Caliphas hatte sie mich in die Botschaft bestellt, um mich einer überflüssigen Belehrung darüber zu unterziehen, dass ich dem Thron während meines Aufenthalts keine Schande machen solle. Sie war ein reizendes, unhöfliches und ungebildetes Ding. Nicht einmal etwas zu trinken bot sie mir an, bevor sie mich abkanzelte, mich, der ich bereits vor der Geburt ihres Großvaters im Auftrag der Krone ins Ausland gereist war.

Ich war dankbar, dass sich ihr Antlitz nicht in der Porträtgalerie an der Südseite des Königspalastes zeigte, in die ich mich zurückgezogen hatte, um ein Glas eines annehmbaren Jahrgangsweines zu genießen. Hinter mir wurden die schrillen Anstrengungen der Musiker des Prinzen gedämpft, als die Diener die Türen zum Festsaal schlossen. In dem Arrangement, das für den Anlass des fünfundsechzigsten Jahrestages des Prinzen eingeübt worden war, konnte ich noch immer die Melodie eines gemeinen varisischen Volksliedes erkennen. Der Titel des Stückes variiert, aber ich habe es immer als „Augen in der Dämmerung“ in Erinnerung, ein Lied, das in meiner Heimat Cheliax sowohl auf dem langen Markt wie auch auf der Bühne der Großen Oper von Egorian gespielt wird, wo ich es zuletzt eingeflochten in die Overtüre von Die Wassernymphe gehört hatte.

Ich genoss die Musik und den Wein, während ich hinaus auf den Königs­platz blickte, dessen zentraler Springbrunnen dem Gründer der Nation, Soividia Ustav, gewidmet war. Die sinkende Sonne verlieh den Zwiebeltürmen des imposantesten Gebäudes von ganz Caliphas, der Großen Kathedrale von Pharasma, einen Glorienschein. Ihre granitenen Wände sogen das Licht eher auf, als dass sie es reflektierten, und ihre eng verflochtenen Verstrebungen erweckten den Eindruck eines aschfarbenen Waldes. Am Fuße des Prachtbaus zündete eine Schar schwarz berobter Adoranten Kerzen an und begann mit der Prozession der Unvergessenen Seelen. Im Zwielicht leuchteten ihre Kerzen heller als Sterne, als sie in einer Reihe die Rampen hinunter und in die Wasser des sich windenden Kanals stiegen, der sich seinen Weg unter die Giebel und das Fundament bahnte. Eine Zeitlang schienen sie einfach zu verschwinden. Eine Kerze nach der anderen erlosch, als ihre Träger in tieferes Wasser wateten. Es war unmöglich, dieser feierlichen Prozession zuzusehen und nicht an die unzähligen Toten zu denken, deren Gräber ausgehoben worden waren, während mein Leben weiterging.

Bevor ich mich der Melancholie ergeben konnte, die schon immer meine größte Charakterschwäche war, tauchte der erste Adorant aus der wässrigen Passage auf der gegenüberliegenden Seite des Kathe­draleneingangs wieder auf. Die Roben der Prozessierenden waren vom Wasser durchtränkt und erlaubten einen Blick auf die bunte Festkleidung unter dem dunklen Stoff, während die Flammen der Kerzen wie durch ein Wunder nach und nach wieder zu brennen begannen. In den Wochen vor dem Erntefest erneuern die Gläubigen der Pharasma auf diese Weise ihre Gebete an die Herrin der Gräber: Lass unsere Seelen in einem anderen Jahr geerntet werden, nicht in diesem. Nicht dieses Jahr. Noch nicht.

Wie als Antwort auf ihre Gebete, hob ein Schwarm Nacht­schwalben von der Brüstung der Kathedrale ab und flog nach Süden, dann nach Norden und schließlich wieder nach Süden, um ihre ­Herbstwanderung weiterzuführen. Ihr Gesang, selbst auf diese Entfernung und durch das Bleiglas vernehmbar, fiel wie sanfter Regen auf den Platz hinab. Wie wunderschön, dachte ich.

„In der Tat“, sagte eine klangvolle Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und wurde des Grafen Yarsmardin Senir gewahr, in dessen Begleitung sich weitere bedeutende Grafen Ustalavs befanden. Ein Quartett aus Dienern – die alle, wie ich feststellte, exakt gleich groß waren – folgte ihnen mit Tabletts, von denen Dessertwein gereicht wurde. Es kommt nicht oft vor, dass ich überrascht werde, erst recht nicht durch solch eine veritable Prozession, doch muss ich zu meiner Verteidigung anmerken, dass die Teppiche in Fürst Aduards Palast dick genug sind um die Schritte einer heranrückenden taldanischen Armee zu dämpfen.

Ich verbeugte mich, und die Edelmänner erwiderten die Geste in ihrer landestypischen Art, indem sie die Hände über ihren Herzen falteten. Die Damen in Ustalav knicksen nicht, genauso wenig wie die Mätressen der adligen Herren, doch bei der Zurschaustellung meiner im Süden üblichen Manieren bedeckte eine von ihnen ihr Lächeln mit den Spitzen ihrer gepuderten Finger.

„Ich bitte um Verzeihung, Euer Exzellenz“, sagte ich zu Senir. „Ich habe nicht bemerkt, dass ich laut sprach.“

Senir tat meine Entschuldigung mit einer Geste ab. Sein kurzes, graues Haar verlieh ihm ein militärisches Auftreten, doch da er der dritte Sohn war, war er den Mönchen der Pharasma überantwortet worden, bis der Tod seiner kinderlosen älteren Brüder ihn nötigte, die Verantwortung für die Familienangelegenheiten zu übernehmen. „­Bitte“, sagte er. „Wir sind von gleichem Rang, Graf Jeggare.“

„Ich wollte Eurem Amt als Kleriker Respekt zollen, Bischof“, erwiderte ich.

„Ach“, sagte Senir. „Diese Rolle lasse ich in den Mauern des Klosters vom Schleier zurück, wenn ich es verlasse.“ Senir zupfte an dem Kragen seines purpurnen Samtmantels. Er sah unbequem aus. „Kennt Ihr schon Graf Neska aus Barstoi?“

Aericnein Neska und ich tauschten weitere Verbeugungen aus, und er schlug die Hacken zusammen, um die Höflichkeit seiner Geste noch zu unterstreichen. Neska war, wie üblich bei Menschen, ziemlich gealtert, seit ich ihm vor drei Jahrzehnten erstmalig begegnet war. Durch die herabhängenden Kehllappen an seinem Hals wirkte er nun eher wie ein Geier als wie ein Adler. Die Veränderung war passend, hatten doch die brutalen, aber sinnlosen Kriege, die er seitdem mit seinen Nachbarn geführt hatte, allein die Aasfresser fett gemacht. Das einzig Gute an seiner Anwesenheit war, dass mir weiterer persönlicher Kontakt mit den verabscheuungswürdigen Töchtern der Gräfin Solismina Venacdahlia erspart blieb, deren Land maßgeblich zu den Gräberfeldern geworden war, die durch Neskas Ambitionen entstanden waren.

Senir wies auf einen korpulenten Mann von ungefähr vierzig Jahren und sagte: „Graf Haserton Lowls.“

Lowls vollführte eine rasche Verbeugung und reichte mir die Hand. Ich erkannte ihn nicht, da er ein Kind gewesen sein musste, als ich seinen Eltern vorgestellt worden war. Er schüttelte mir eifrig die Hand, bevor Neska sich räusperte, und Lowls sich zurückzog. „Ich bitte um Verzeihung, Graf Jeggare“, sagte er. Speicheltropfen hingen an seinem buschigen Schnauzbart. „Ich weiß nichts von fremden Sitten, doch will ich Euch gegenüber nicht verschweigen, dass ich über die Anwesenheit eines weiteren Kunstliebhabers in unseren Reihen Aufregung verspüre. Ich bin selbst so etwas wie ...“

„Haserton“, unterbrach Senir. Den Anderen entging die herablassende Verwendung von Lowls Vornamen nicht, und sie wandten sich entweder feixend um oder versteckten ihr Lächeln hinter eleganten Fingern. Mit einem bestürzten Ausdruck, ganz so als sei er ein Kind, das dafür gerügt worden war, die falsche Gabel beim Abendessen benutzt zu haben, wandte sich Lowls von Senir ab und blickte zerknirscht zu mir. Senir ignorierte ihn und fragte: „Darf ich Euch Graf Conwrest Muralt vorstellen, den neuen Herrn von Ordranto?“

Muralt war dadurch abgelenkt, dass er einen Blick über die Schulter und durch die Türen des Festsaals warf, als diese von den Dienern geöffnet wurden, um Radania und Opaline Venacdahlia durchzulassen, von denen Letztere mir ein krummzahniges Lächeln schenkte, als sie von ihrem Spaziergang entlang der äußeren Galerie zurückkehrten. Die bedauernswerte Frau hatte längst keine Aussicht mehr auf eine Heirat mit einem der hiesigen Adligen. Dass sie so offen mit einem ausländischen Fürsten gemischten Blutes liebäugeln würde, war ein Beleg ihrer Verzweiflung.

„Graf“, sagte ich. Muralt sagte ein paar Worte, die weder Charme noch Interesse zeigten.

„Vergebt uns, Euren Gedankengang gestört zu haben, Graf Jeggare“, sagte Neska. „Was war es denn, was Ihr so wunderschön fandet?“

„Ich habe die Zeremonie vor der Kathedrale bewundert.“

„Immer lernbegierig, wie, Kundschafterhauptmann?“, fragte Lowls. Sein Ton war erwartungsvoll, doch die anderen Herren fixierten mich mit ihren Blicken und warteten auf eine Antwort meinerseits. Ich vermutete, dass einer von ihnen Lowls dazu gebracht hatte, solcherlei Fragen zu stellen. Bei meinem letzten Besuch in Caliphas hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Herren von Ustalav in mir weniger einen Gelehrten und mehr einen Dieb von Geheimnissen sahen, bei denen sie es vorgezogen hätten, sie wären mitsamt ihrer Vorfahren begraben geblieben. „Grabräuber“ und „Plünderer“ waren die von ihnen verwendeten Synonyme für „Kundschafter“.

„Reine Neugier, Graf Lowls. Die Rituale der Pharasma sind die poetischsten, die ich je gesehen habe.“

„Und ich nehme an, dass Ihr einiges darüber wisst“, warf Graf ­Muralt ein. „Ich meine, Ihr als chelischer Fürst müsst einige sehr außergewöhnliche Rituale gesehen haben.“

Mir gefiel es nicht, wie er bei dem Wort „außergewöhnlich“ inne­hielt, auch wenn seine Äußerung noch nicht als Beleidigung aufgefasst werden konnte. Jeder in der Runde, selbst der beschränkteste Fürst, wusste, dass die Menschen in meiner Heimat Asmodeus verpflichtet waren, den wir den Fürsten des Rechts nennen. Die Verehrung des Fürsten der Lügen, unter welchem Namen er im Rest der Welt bekannt war, löste bei so gut wie jeder Person außerhalb von Cheliax Abscheu aus.

Wenn man allerdings zugab, dass man ihn nicht verehrte, war es so gut wie sicher dass es in der Heimat zu gefährlichen Gerüchten kam, die zu verbreiten ohne Zweifel die Hauptaufgabe der jungen, neuen chelischen Botschafterin war.

Lässt man einmal die Politik außer Acht, so habe ich es schon immer als heuchlerisch empfunden, Leute für die Verehrung des Herrn der Verdammnis zu verurteilen, während die eigene Nation die Herrin des Todes anbetete.

„Ja, ich habe viele außergewöhnliche Rituale miterlebt“, sagte ich.

Neska lächelte ob meiner mehrdeutigen Antwort. „Es ist doch so, dass Ihr im Auftrag der Kundschafter in Ustalav seid?“

Ich hatte den Großteil des Abends darauf verwandt, dieser Frage aus dem Weg zu gehen, und langsam wurde ich der Jagd überdrüssig. „Ja“, antwortete ich.

Die vier Männer erwarteten eine ausführlichere Darlegung, aber ich bot ihnen keine. Stattdessen zeigte ich zum Fenster. „Da ziehen sie hin“, sagte ich und nickte in Richtung der Nachtschwalben, „und nehmen das Geheimnis mit sich.“

„Dann werdet Ihr ihnen sicher bald folgen“, sagte Senir. „Vielleicht wäre es das Beste. Schon von Alters her heißt es, die Geheimnisse von Ustalav würden lange schlafen und wütend erwachen. Ich würde Euch nicht wünschen, dass ihr Zorn über Euch kommt.“

„Das einzige Geheimnis, das ich zu entschlüsseln gedenke“, sagte ich, „ist das einer vermissten Kundschafterin.“

„Tatsächlich?“, fragte Senir. „Und dies ist eine Aufgabe für den erlauchten Grafen Jeggare? Ich dachte immer, Kundschafter würden ständig vermisst.“

„Wohl wahr“, antwortete ich. „Aber diese wird gefunden werden. Sie gehörte zu mir.“

„Gehörte?“ Er hatte meine unglückliche Verwendung der Vergangenheitsform bemerkt, die, wie ich Dir versichern kann, nicht meine Hoffnungen und Überzeugungen widerspiegelte. „Was kümmert es Euch dann, Jeggare?“

„Nur ein Versprecher“, gab ich zurück.

Senir musterte einen Moment lang mein Gesicht, als suchte er nach einem Anzeichen dafür, dass ich mehr wusste als ich zugegeben hatte. „Vielleicht habt Ihr andere Gründe, in unser Land zu kommen“, sagte er. „Wenn dem so ist, denkt an das Schicksal derjenigen, die sich an den Gräbern unserer glorreichen Vorfahren zu schaffen gemacht haben, jene, die gegen den Wispernden Tyrannen kämpften und jene, die seiner Verderbnis zum Opfer fielen. Nicht alle, die unter der Erde Ustalavs liegen, schlafen wohl. Ich gebe Euch mein Wort, mein Herr, als Ehrenmann, wie Ihr einer seid: Ihr tätet gut daran, sie nicht zu stören.“

Bevor ich eine diplomatische Antwort formulieren konnte, legte sich eine Hand um meinen Arm. Ohne mich umzudrehen, erkannte ich unter einem leichten Hauch eines seltenen Parfums aus Kyonin den unnachahmlichen Duft der Gräfin Carmilla Caliphvaso. Ebenso wie an den Duft ihrer nackten Haut erinnerte ich mich an die Leidenschaft der Gräfin für alles, was elfisch war, darunter auch mein jüngeres Ich. Ich musste das Lächeln, das ich ihr schenkte, nicht einmal vortäuschen.

Es war keine dichterische Übertreibung zu sagen, sie sei in über dreißig Jahren keinen Tag gealtert. Nur ganz wenig Puder bleichte ihr Gesicht und ihr Dekolleté, das selbst für die jungen Frauen, die dem Ball beiwohnten, gewagt war. Der Leberfleck auf ihrer Wange war ebenso falsch wie die weiße Perücke, die Kämme hielt, mit denen man einen Fürsten hätte freikaufen können, doch alles andere an ihr war genauso, wie ich mich aus den einhundert sinnlichen Nächten in Caliphas erinnerte, die ich damit zugebracht hatte, mir die Topografie ihres Körpers genau einzuprägen. Carmilla war die Frau, die mich in die weite Welt der feinsinnigen Liebe eingeführt hatte. Solltest Du dem Begriff „feinsinnig“ mehrere Bedeutungen beimessen – nun, dann ist es ein Beispiel für Deinen scharfen Verstand, und ich vertraue auf Deine Diskretion.

Als wir uns zum ersten Mal begegneten, kam ich auf Grund ihrer Verführungskünste zu spät in meiner Winterresidenz nahe der Universität von Lepidstadt an, doch lernte ich in diesem Sommer mehr als in den vergangenen sechs Monaten des Studiums in den ältesten Bibliotheken Ustalavs. Zu der Zeit erschien sie mir älter als ich, obgleich ich in Wahrheit doppelt so alt war. Dennoch wirkte ich dank des Blutes meines Vaters wie ein junger Mensch in den Mittzwanzigern. Nun jedoch hatte mein Spiegelbild begonnen, mich mit der zerfurchten Straßenkarte, die mein Gesicht ist, zu verspotten, während Carmilla genauso gut ein dreißig Jahre altes Porträt von sich als Spiegel hätte hernehmen können.

„Wie ich sehe, sind die Gerüchte, du würdest im Blut von Jungfrauen baden, nicht gänzlich aus der Luft gegriffen“, sagte ich. Es war einer von diesen unreifen Scherzen, die ich mir in meiner Jugend oft erlaubt hatte, doch sie schenkte mir ein Lächeln. Ich löste mich gerade lang genug aus ihrem Griff, um ihre Hand zu küssen.

„Eine ungeheure Unterstellung“, sagte sie und verpasste mir einen Klaps mit dem Fächer aus geschnitztem Elfenbein, den ich ihr als Abschiedsgeschenk verehrt hatte und wiedererkannte. Seit meiner Ankunft in Caliphas war das Wetter kühl gewesen, sodass es keines ausgeprägten Scharfsinns bedurfte, um zu erkennen, dass sie mir schmeicheln wollte, indem sie das Präsent zur Schau stellte. Sie ließ den Fächer von ihrem Handgelenk baumeln, während sie mit einem Finger gegen Senirs bestickten Ärmel tippte. „Dennoch hat mich unser Bischof hier stets im Auge, wenn wir zu Abend essen, und sorgt dafür, dass ich jedes mit Knoblauch zubereitete Essen koste.“

Senir verbeugte sich knapp ob ihrer Stichelei und lächelte ohne jede Belustigung.

„Ihr könnt unseren Besucher nicht ganz allein für Euch beanspruchen, mein lieber Bischof“, sagte Carmilla und ignorierte unbekümmert den Rest unserer Gesellschaft, ohne deren Ärger auf sich zu ziehen. Ich kann nicht verstehen, wie sie zu diesem Kniff imstande ist, obwohl ich sie des Öfteren dabei beobachtet habe. „Es gibt Dutzende junger Leute, die unseren werten Grafen Jeggare noch nicht kennengelernt haben, und wir sollten ihnen die Bekanntschaft mit ihm nicht verwehren.“

Es ist ein Glück, dass ich durch beinahe ein Jahrhundert der Übung in der Lage bin, meine Heiterkeit zu verbergen, denn Senirs Blick war scharf und prüfend. Ich sah in seinen Augen die Erkenntnis, dass ich gerettet worden war – und ich wusste, dass es stimmte. So lächelten wir uns arglos an, als ob wir keine solchen Gedanken hegen würden. Die anderen in unserer Runde lächelten gleichermaßen, abgesehen von dem ungehobelten Lowls, der mit etwas herausplatzte, das klang, als wolle er ein Treffen mit mir vereinbaren, damit ich mir seine Zeichnungen ansah. Dann jedoch lenkte seine kluge Geliebte ihn ab, indem sie verlangte, zurück zum Dessertbuffet zu gehen.

Während Carmilla mich von ihnen fort geleitete, beschaffte ich mir von dem Tablett eines Dieners zwei Gläser süßen Weins. Eine Weile gingen wir schweigend, und sie hielt meinen Arm so nahe und drückte ihren warmen Körper so sanft an mich, dass ich ein Wiederaufflammen der Zuneigung verspürte, die wir einst geteilt hatten. Oder zumindest der Zuneigung, die ich einst verspürt hatte. Man konnte nicht verhehlen, dass ich nicht nur jung, sondern auch, wie man so sagt, beeinflussbar gewesen war, und nur ein Narr würde annehmen, die erfahrene Dame hätte so viele Gefühle in mich investiert wie ich in sie. Es war ein gefährliches und unergiebiges Gefühl, doch eine Minute lang genoss ich es, während wir an den Porträts der Fürsten und Grafen vorbeischritten, jedes eine Generation älter als das vorangegangene. Ich stellte sie mir als eifersüchtige Rivalen vor, die uns um unser wiedergefundenes Glück beneideten. Dann entließ ich diese Laune wie einen gefangenen Vogel aus seinem Käfig.

„Ich sollte wütend auf dich sein“, gurrte Carmilla. „Es verletzt meinen Stolz zu wissen, dass du schon so lange in Caliphas bist, ohne auch nur einen Gruß gesendet zu haben, während du den ganzen Tag bei diesem widerlichen Doktor Trice verbringst.“

„Unvergleichliche Herrin“, sagte ich, „selbst die größte Freude wird durch die vorherige Erfüllung aller lästigen Pflichten versüßt, und kein Vergnügen ist größer als das, dich wiederzusehen.“

Carmilla legte den Kopf in den Nacken, um mich zu taxieren. „Ein wenig dick aufgetragen.“

„Vergib mir“, sagte ich. „Ich bin aus der Übung.“

„Wie schade“, sagte sie. „Mir würde es missfallen, wenn unser Verhältnis dich für die Frauen in Cheliax verdorben hätte.“

Ich zuckte mit den Schultern, als könne ich es nicht leugnen, und sie lächelte, womit sie das angedeutete Kompliment annahm.

„Trotz der unerträglich langen Zeit in der du fort warst, habe ich dich zu gern, als dass ich dir eine passende Strafe auferlegen könnte, mein süßer Varian. Deine jugendlichen Schwärmereien sind mir über die Jahre immer noch klar im Gedächtnis geblieben. Sag nicht, wie viele es waren.“ Sie legte einen Finger auf meine Lippen. „Lass es unser Geheimnis bleiben.“

Während wir Arm in Arm weitergingen, veränderten sich die Bilder der Porträts, die in der äußeren Galerie hingen, nach und nach in Stil und Darstellung. Die derzeitigen Herrscher von Ustalav waren kräftige, bärtige Männer mit Schnauzbärten oder blasse Frauen, die allesamt in Kostümen gekleidet waren, die für die chelische Oper gerade richtig gewesen wären. Ihre Vorfahren waren ein ganz anderer Schlag –

Männer und Frauen mit harten Gesichtszügen, eher in Eisen denn in Seide gekleidet und mit hervorstechenden Nasen, die weniger oft von den Händen kriecherischer Maler verschönert worden waren. Als wir an den bekannten Monarchen Ustalavs vorbeigeschritten waren, entdeckte ich hier und da Gemälde, die durch dunkle Samtvorhänge verdeckt waren. Carmilla bemerkte meine Neugier.

„Die Verfluchten und die Verdammten“, sagte sie.

„Die Schurken der Geschichte?“, fragte ich.

„Nicht immer, nein“, antwortete sie. „Aber Fürsten, deren Vermächtnisse man besser der Vergesslichkeit der Akademie überlässt.“

Mit einem verstohlenen Blick nach beiden Seiten griff sie nach einer der samtenen Zugschnüre.

„Warte“, sagte ich, jedoch zu spät, um sie aufzuhalten.

Sie enthüllte ein Porträt, dessen dicke Farbschicht von Rissen durchzogen war wie Matsch in einer von der Sonne verbrannten Wüste. Unter den rauen Konturen des darunter liegenden Lacks kam die Gestalt eines Mannes zum Vorschein, dessen teuflische Züge unbestreitbar waren. Auf dem Rücken seiner Hakennase war ein drakonischer Höcker zu sehen, und von seinen Augenbrauen aus verlängerte sich eine zerfurchte Fläche zu beiden Seiten zu langen, weißen Hörnern, wo ein Karikaturist die Augenbrauen eines Weisen zeichnen würde. Kleine weiße knöcherne Wölbungen reihten sich an hervorstechenden Wangenknochen auf, und sein langes Kinn war spitz wie ein Spatel. Wenn man die Farbveränderungen durch Alter und Lack in Betracht zog, konnte man annehmen, dass seine Haut ursprünglich die Farbe geschmolzenen Kupfers gehabt haben musste. Es war das Gesicht einer Höllenbrut, eine, die ihrem teuflischen Vorfahren noch recht nahe war.

Carmilla ließ die Schnur los und gab das Porträt wieder der Dunkelheit preis. „Sieh jetzt nicht hin“, flüsterte sie. Ich konnte nicht umhin, mich umzudrehen und sah eine kleine Gruppe aus Gästen des Fürsten hinter uns um eine Ecke biegen.

„Wenn du mich küsst“, sagte Carmilla, „haben sie etwas zu tratschen.“

Ich konnte ihr Argument nicht bestreiten, also gehorchte ich. Es war so lange her gewesen, und ich hatte vergessen, wie weich und warm sie war und wie sehr ich mich fühlte, als würde ich schmelzen wie der letzte Schnee des Winters. Schon bald waren alle anderen Gedanken aus meinem Geist vertrieben. Als sie mich sanft von sich schob, fühlte ich die Verzweiflung eines Mannes im Exil. Mein Gesicht brannte sowohl vor Reue über verlorene Jahre als auch von der Wirkung des Weines, den ich an diesem Abend getrunken hatte. Carmilla machte eine Schau daraus, sich mit ihrem Fächer Luft zuzufächeln, während ich meine Fassung wiedergewann. Die Spione hatten sich zurückgezogen, aber nun hatten wir Gewissheit darüber, was sie berichten würden.

„Ich bin doppelt froh, dass du mich aufgesucht hast“, sagte ich zu ihr. „Wenn es auch nichts gibt, das mit der Freude unseres Wieder­sehens vergleichbar wäre, hatte ich doch gehofft, du könntest mir helfen bei ...“ Ich machte eine Pause, um meiner Bitte ein schmeichelhaftes Gewand zu geben.

„Bei dieser recht ermüdenden Angelegenheit?“, schlug sie vor.

„In der Tat“, antwortete ich. „Eine meiner Kolleginnen ist verschwunden, und ich bin hergekommen, um sie zu finden.“

„Sie?“, bemerkte Carmilla. „Vielleicht ist diese Angelegenheit doch nicht so ermüdend.“

„Unsere Beziehung ist rein kollegialer Natur“, sagte ich. „Es ist wichtig für unsere Gesellschaft, dass ich sie finde.“ Carmilla bedurfte keiner Bestätigung, aber sie genoss, dass ich so tat, als sei ich beschämt. Ich wünschte, ich wäre ein besserer Schauspieler, denn ich sah die gute Laune in ihrem Gesicht schwinden, also fügte ich hinzu: „Es ist wichtig für mich.“

Sie sah mich lange abschätzend an. Ich fürchtete schon, den Zauber unserer kürzlich wieder aufgelebten Romanze gebrochen zu haben, doch sie lächelte. „Wie erwachsen du geworden bist, mein lieber Junge“, sagte sie. Sie strich mir mit einem ihrer alabasterfarbenen Finger durchs Haar, und in meiner Eitelkeit fragte ich mich, ob sie eine der silbrigen Strähnen entlangfuhr, die in den letzten Jahren immer stärker hervorgetreten waren. „Wenn du doch nur eine Weile in Caliphas bleiben könntest. Eventuell könntest du mir dieses Mal das eine oder andere beibringen.“

„Das wage ich zu bezweifeln, meine Herrin“, sagte ich.

Diesmal zeigte mir ihr Lächeln ihre Freude darüber, dass ich mich der Hierarchie unterwarf – ich war nur an Jahren der Ältere. Mit einem lauten Aufschnappen ihres Fächers lenkte sie die Aufmerksamkeit eines Dieners auf sich, der sich bei den Türen des Festsaals herumdrückte, und deutete auf unsere leeren Gläser.

„Wie es sich ergibt“, sagte sie, „habe ich etwas, das dir von Nutzen sein könnte.“

Ich verspürte kurz einen Funken Hoffnung, bevor der Zynismus sich wieder breitmachte. Da sie mich darin noch nie enttäuscht hatte, bestätigte Carmilla auch diesmal meine Befürchtungen.

„Natürlich“, sagte sie, „muss ich dich dafür um einen kleinen Gefallen bitten.“

Kapitel zwei

Tanz der Sczarni

Gib mir einfach das gottverdammte Geld.“

Nicola beugte sich vor, um über seine dürre Nase zu mir hinunterzublicken, und stierte mich mit seinen schwarzen Augen an. Er hatte keine Ahnung, wie sehr er durch diese Haltung einem riesigen Grashüpfer ähnelte. Wenn wir Publikum gehabt hätten, hätte ich es ihm gesagt, nur um zu sehen, wie er rot anlief. Unglücklicherweise hatte sich sogar der angeheuerte Fahrer von uns entfernt, um seine Pfeife ungestört von Nicolas Beschwerden über den Rauch genießen zu können. So standen wir allein neben dem Wagen, der mit Vorräten für die Expedition beladen war. Die aufgehende Sonne hatte den Morgennebel vertrieben, und langsam wurde es warm auf der gepflasterten Straße, die sich von den geschäftigen Märkten ausgehend den Hügel hinaufschlängelte. Wir hatten unsere Einkäufe erledigt und ich war erpicht darauf, für einen kühlen Schluck des lokalen Gebräus wieder hinunter zum Markt zu kommen.

„Gerade du solltest wissen“, sagte Nicola, „dass ich meine Pflichten ernstnehme. Der Herr hat mir aus gutem Grund seine Börse anvertraut, und er hat nichts von einem Taschengeld für dich erwähnt, nachdem du zusätzlichen Schutz für uns angeheuert hast. Da das nun erledigt ist, nehme ich an, dass du über genügend eigene Mittel verfügst, um dich auf dem Markt zu amüsieren, oder wo auch immer du in Caliphas deine Freizeit verbringen willst. Falls nicht, gebe ich dir den Rat, besser auf dein Geld zu achten. Es wäre mir ein Vergnügen, dir eine simple Methode für eine monatliche Kostenabrechnung zu zeigen ...“

„Hör zu.“ Ich stieß ihm mit dem Finger auf die Brust, nicht zu hart, da ich keinen blauen Fleck hinterlassen wollte, den er dem Prinzipal hätte zeigen können. „Wenn ich nicht gewesen wäre, hättest du die Börse gar nicht mehr.“ Der junge Beutelschneider, dem wir zuvor begegnet waren, war kein Anfänger gewesen, aber ich hatte mehr Übung als er mit seinen zehn oder zwölf Jahren.

„Und für diesen Dienst werde ich dich mit Freuden Seiner Exzellenz empfehlen“, sagte Nicola. „Und als persönlichen Dank werde ich darüber hinwegsehen, dass du die Aufmerksamkeit der Gendarmen auf uns gezogen hast.“

Da konnte ich kaum widersprechen. Die kleine Kanalratte hatte mich gebissen, als ich ihn um die Börse erleichterte, und wir hatten so nahe am Wasser gestanden, dass ich nicht hatte widerstehen können und ihn hineinschmiss. Mir hätte klar sein müssen, dass er sofort Zeter und Mordio schreien würde, sobald er nach Luft schnappend an die Oberfläche kam. Trotz Nicolas makelloser Jeggare-Livree sah der Wächter, der uns angehalten hatte, in uns beiden keine unschuldigen Besucher seines schönen Landes sondern zwei Ausländer mit einer fetten Geldbörse. Mein teuflisches Aussehen half dabei wenig. Che­laxianer sind selten irgendwo willkommen, aber eine Höllenbrut reicht aus, um einen Aufstand anzuzetteln.

Ich atmete tief durch und schenkte Nicola ein schmales Lächeln, weil es keinen Sinn gehabt hätte, ihm zu drohen. „Hör zu, der Wächter wollte nur ein kleines Stück vom Kuchen. Das ist alles, was ich dir sagen wollte.“

„Du meinst, so etwas wie ein Schmiergeld?“ Nicolas Wangen wurden rot.

Desna weint. „Ich meine genau so etwas wie ein Schmiergeld.“

„Mach dich nicht lächerlich. Er hat immer wieder betont, dass es ihm nur um das Wohlergehen dieses Straßenbengels ging ...“

„Der sich verzogen hat, weil er ein Taschendieb war.“

„... und um die Aufrechterhaltung des Friedens entlang des Ufers ...“

„Der von dem Bengel gestört wurde, der deine Börse geklaut hat.“

„Wenn dein Varisisch zu etwas mehr ausreichen würde, als zu ein paar Phrasen, um Bier zu bestellen und die Dienste von Prostituierten in Anspruch zu nehmen, hättest du verstanden, dass der Mann nur seine Pflicht getan hat.“

„Warum hat er dann seine Hand so aufgehalten?“ Ich demonstrierte es ihm.

Nicola blickte auf meine Hand hinunter. Ich übertrieb nicht zu sehr, doch man konnte diese Aufforderung unmöglich missverstehen. „Ich hatte angenommen, es sei eine lokale Geste“, sagte er. „Außerdem ist er schließlich doch weggegangen, oder nicht?“

„Sicher doch“, sagte ich mit so viel Sarkasmus, dass ich fürchtete, meine Lippen würden gleich bluten. „Und wann genau war das nochmal?“

„Gleich nachdem du seine Hand geschüttelt ...“ Er stand einige Sekunden mit einem komischen Gesichtsausdruck da, als der Groschen langsam fiel. „Du hast ihm Schmiergeld gezahlt!“

„Den Rest von meinem Kleingeld“, sagte ich, „weshalb ich auf den Aquirierungsfonds zurückgreifen muss.“ Nun wurde es Zeit für Nicola zu kapieren, dass es einfacher war, mir das Geld zu geben. Er war zwar ein händeküssender Speichellecker, aber nicht völlig verblödet. Manchmal brauchte er nur einen kleinen Stoß in Richtung Vernunft. Ich winkte mit meiner Hand und hielt sie so auf, wie der Stadtwächter es getan hatte.

„Das kannst du vergessen, Radovan“, sagte er mit einem griesgrämigen Blick. „Trotz deines offensichtlichen Grolls darüber, dass mir Graf Jeggare vertraut, habe ich versucht, dir ein Freund zu sein. Zweifellos hast du in der Vergangenheit den zwangloseren Umgang mit dem Herrn genossen, aber da er mich in seine Dienste genommen hat, solltest du keinen Zweifel daran haben, dass er eigentlich eine traditionelle Rangordnung unter seinen Dienern bevorzugt.“

„Eigentlich bin ich nicht sein Diener, sondern ...“

„Sei mir gegenüber bitte so höflich und unterbrich mich nicht. Ich versuche, dir zu helfen, Radovan. Viele in meiner Position würden dies nicht tun. Nein, ich spreche nicht von den unglücklichen Umständen deiner Herkunft – natürlich beuge ich mich in all diesen Dingen dem Urteil des Herren, und da er es für angebracht hält, dich trotz des höllischen Schandfleckes auf deiner Familie in seinen Diensten zu haben, unterstütze ich seine Wahl vorbehaltlos. Stattdessen ist es vielmehr der Schatten, unter den dich deine eigenen Handlungen gestellt haben, Radovan, der verhindert, dass andere dich in einem so sympathischen Licht sehen, wie ich es immer getan habe. Kam nach dem bedauernswerten Vorfall mit dem Wein des Herrn je ein Wort der Verurteilung über meine Lippen? Nein, kam es nicht, Radovan!“

Wenn er meinen Namen noch einmal gesagt hätte, wäre es mir schwergefallen, ihm nicht mein besonders breites Grinsen zu zeigen, und das endete immer übel. Stattdessen atmete ich tief durch die Nase ein und zischte: „Du hast ihm gesagt, ich sei der derjenige gewesen, der den Seeleuten verraten hätte, dass Wein im Frachtraum lagerte.“ Ich wusste nicht, ob das stimmte, doch die Art, wie böse der Prinzipal mich nach seiner Unterredung mit Nicola angesehen hatte, war ein ziemlich guter Hinweis gewesen. Der Prinzipal hätte mir dankbar sein müssen. Ich bin der Einzige, der es ihm sagt, wenn er zu tief im purpurnen Meer schwimmt. Alles, was ich getan hatte, war – ganz zwanglos und in Hörweite der Mannschaft – zu erwähnen, dass eventuell ein paar Dutzend Flaschen guten chelischen Weines in der Kabine der roten Kutsche verstaut wären, die sie mit so viel Mühe in den oberen Lade­raum verfrachtet hatten. Diese Arbeit hätte sicher durstig gemacht, hatte ich – mehr oder weniger – beiläufig erwähnt. Wie hätte ich denn wissen sollen, dass der abstinente Kapitän den Rest des Weines über Bord werfen lassen würde? Ich konnte schließlich nicht der Einzige gewesen sein, der mitgehört hatte, wie er Cayden Cailean und all seine betrunkenen Diener verflucht hatte, während er seiner verkaterten Mannschaft Befehle zubrüllte.

Nicola hob in schlechter Nachahmung des Prinzipals eine Augenbraue, und ich wusste, dass ich richtig geraten hatte. Er sagte: „Der Herr wünschte, dass ich ihm einen wahrscheinlichen Grund für das Verschwinden seines persönlichen Vorrates nannte, und es war meine Pflicht zu gehorchen. Ich habe mich allerdings nicht schlecht über deinen Charakter oder über die Gewissheit deiner Schuld geäußert. Wie ich jedoch bereits gesagt habe, liegt es an deiner eigenen Unfähigkeit, wenn du das Vertrauen des Herrn verloren hast, und nicht an irgendeiner eingebildeten Konkurrenz meinerseits. Außerdem, während es dir gefällt, den Begriff ‚Diener‘ zu verunglimpfen, hat meine Familie seit Generationen voller Dankbarkeit den Herrschern von Egorian gedient, und ich bin nicht weniger stolz als mein Urgroßvater Orellius, der täglich die Stiefel und die Schwertscheide des großen Generals Fedele Elliendo polierte, mich den Bedürfnissen unseres geehrten Herrn und Meisters, Graf Varian Jeggare, anzunehmen.“

Ich wartete einen Moment, um zu sehen, ob Nicola sein Ziel aus den Augen verloren hatte oder sich bloß aufplusterte. Als er mich ansah, als erwarte er eine Antwort, klopfte ich ihm leicht auf den Arm und sagte: „Tja, Nicola, du hast mich erwischt.“

„Du verstehst also?“, fragte er zögernd.

„Voll und ganz“, antwortete ich und tätschelte ihm erneut den Arm.

„Ausgezeichnet“, sagte er. „Einen Moment lang fürchtete ich, du könntest die Beherrschung verlieren. Ich bin froh, dass wir diese Möglichkeit genutzt haben, uns auszusprechen. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich muss noch einige Dinge für die nächste Etappe der Reise des Herrn erstehen.“ Er zupfte am Revers seiner Jacke und wartete, ob ich ihm die Hand reichen würde. Was ich auch tat und ordentlich zudrückte, aber nicht so fest, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb.

„Danke, Nicola. Ich bin froh, dass wir diesen kleinen Plausch halten konnten.“ Ich winkte und schlenderte davon – dieses Schlendern hatte ich für ebensolche Gelegenheiten eingeübt – und klopfte auf die fette Börse, die ich ihm gerade stibitzt hatte. Sehr bald würde es Nicola sein, der die Beherrschung verlor.

Abgesehen von dem Geschrei der Sklavenhändler oben auf ihren Gerüsten ist der auffälligste Unterschied zwischen den Märkten von Caliphas und Egorian der Geruch von Knoblauch. Wir Chelaxianer mögen das Zeug. Wir ertränken nur nicht alles darin, wie es diese Ustalaver tun. Vielleicht sollte ich mich langsam daran gewöhnen, „wir Ustalaver“ zu sagen, da die Hälfte meines Blutes, die nicht direkt aus der Hölle stammt, gänzlich varisisch ist, vielleicht gänzlich ustalavisch. Ich würde meine Mutter fragen, aber wir haben nicht viel geredet, seit sie mich verkauft hat.

Knoblauch ist, wie der vielzitierte Nebel, eines dieser Dinge, die jeder unten im Süden mit Ustalav in Verbindung bringt. Da die Bevölkerung größtenteils varisisch ist, erwartet man solch eine gewisse Würze zusammen mit den Armreifen und Schleiertänzen, aber langsam begann ich mich zu fragen, was zuerst da war: der Knoblauch oder der Vampir?

Der Prinzipal ist nicht humorlos, obwohl er bei denen, die ihn nur flüchtig kennen, diesen Eindruck erweckt. Als er mir erzählte, dass die Bewohner von Ustalav zu jeder Mahlzeit Knoblauch essen, um Vampire abzuhalten, war ich mir nicht sicher, ob er mich auf den Arm nahm. Ich meine, klar, eine der Kisten, die Nicola auf seiner Inventarliste stehen hatte, war voller silberner Klingen und Armbrustbolzen, dazu noch Phiolen mit heiligem Wasser, Bündel von Eisenhut, all dieser Kram. Das beunruhigte mich nicht, da ich bereits einige Male mit Werratten aneinandergeraten war, als ich damals bei der Bocksherde war. Ich wusste also, dass es eher Pragmatismus denn Aberglaube war.

Aber mal im Ernst: Knoblauch? Wenn dieses Zeug wirklich wirken würde, würden die Vampire nur einmal an den Mauern von Caliphas schnuppern und niemals zurückkommen. Andererseits ist das vielleicht der Beweis, dass das Zeug wirkt, denn die meisten Vampirgeschichten, die ich gehört habe, spielen sich in irgendwelchen abgelegenen Dörfern ab. Vielleicht ziehen die Vampire von Ustalav Schäfer und Milchmädchen als Kost vor.

Was mich betrifft, bin ich mit einem Laib dieses körnigen Schwarzbrots und einer Kelle Pilzeintopf glücklich. Als ich den großen Markt erreichte, auf dem ich zuvor ein halbes Dutzend Wachleute für unsere Reise ins Inland ausgesucht hatte, lenkte mich etwas von meinem knurrenden Magen ab. Ich folgte der Melodie, bevor ich begriff, was mich anzog.

Zunächst konnte ich das Lied nicht von einem halben Dutzend anderer Weisen unterscheiden, die sich im Marktgetöse vermischten. Es gab einige kleine Gruppen von Straßenmusikanten, darunter auch eine Frau mit Opernstimme, die der Prinzipal sicher genossen hätte, wenn er nicht noch ins Elfenland starren würde – zweifellos berieselten ihn die hiesigen Adligen mit hiesigen Angelegenheiten. Ich ließ eine Münze in einen Korb neben einem jungen Mädchen fallen, das mit einem Ausdruck auf sein Hackbrett einhämmerte, der eher dazu gedacht war, Fliegen zu zerquetschen. Ich hielt einen Moment inne, um einem Gnom mit Backenbart zuzusehen, der auf einer Hirtenflöte spielte und um einen trommelnden Bären herumhüpfte. Abgesehen von mir und meinem Brötchengeber, war er der erste Nichtmensch, den ich in Caliphas gesehen hatte.

Das Lied wurde lauter als ich mich einem gewundenen Sträßchen näherte, das mit gestreiften Zelten gesäumt war. An jedes war ein Schild angebracht, einige mit varisischen Worten versehen, andere mit Bildern von Kristallkugeln, Zauberstäben, Karten und Kelchen. Ich kapierte. Das hier war die Mystikergasse, und durch die Öffnungen in den Zelten erspähte ich Handleser, Kristallkugelgucker, Knochenwerfer und Teesatzleser. Die meisten von ihnen waren alte Frauen, eine oder zwei auch jünger und schöner. Einer war ein gebrechlicher alter Mann, der einen purpurnen Turban und ein Pfund Schminke in dem vergeblichen Versuch trug, einem Vudrani-Mystiker zu ähneln. Er formte stumm ein Wort und zeigte mit einer knorrigen Klaue auf mich, doch ich ging weiter.

Das Lied war jetzt nahe genug, dass ich einige Wörter verstehen konnte. Hinter der letzten Biegung der Mystikergasse fand ich eine Gruppe von Städtern, die um ein weiteres, spitz zulaufendes Zelt herumstanden und mit ihren Händen zum Takt des Liedes klatschten. Ich drängte mich nach vorn, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Der Sänger war ein junger Mann mit einem langen, schwarzen Schnurrbart und einem kleinen Bärtchen gleich unterhalb der Lippe. Seine Haut, sichtbar unter einer bestickten Weste, war gebräunt. Sein klarer Tenor verband sich mit der Melodie von einer kreischenden Fidel, die von einem schlanken, alten Mann mit grauem Haar und identischer Gesichtsbehaarung gespielt wurde. Sie und die anderen Musiker spielten auf einem ringförmigen Haufen ausgetretener Teppiche, während die Übrigen aus ihrem Clan sich unter das Publikum mischten und jeden dazu ermutigten, den Refrain mitzusingen. In dem Moment, als ich sah, wie sie sich unter den Zuschauern bewegten, wusste ich, was sie waren: Sczarni.

Über die ganze Welt verstreut, sind diese besonderen Clans von umherziehenden Varisiern Diebe, Landstreicher, Betrüger, Banditen, Beutelschneider, Mörder, Schmuggler und Halunken aller Couleur, von durchschnittlichem Grau bis zu Blutrot. Genau die Menschen, die ich mag.

Der Sczarni sang davon, durch Kiefernwälder zu laufen, über grüne Hügel zu wandern, im Nebel seiner Heimat zu baden, so etwas in der Art. Auch wenn ich nur die Hälfte der Worte verstand, konnte ich doch feststellen, dass es sich um ein fröhliches Lied handelte. Auch die Zuschauer mochten es, und sie sangen beim Refrain mit und klatschten zum Takt der drei Kistentrommeln. Als das Lied zu Ende war, überhäuften die Städter den Teppichring mit roten und silbernen Münzen. Ich nahm eine aus Nicolas Börse und warf sie hin, und erst, nachdem sie das Licht eingefangen hatte, erkannte ich, dass es eine aus Gold war. Was solls. Es war ein gutes Lied.

Die Farbe meines Geldes erweckte die Aufmerksamkeit einer der Sczarni-Frauen, die die Münzen einsammelten. Sie war so hübsch wie ein Frühlingsmorgen: Ein zarter Rotton zierte ihre Wangen, und sie trug gerade genug Farbe auf ihren Lidern, dass man hätte meinen können, eher die Natur denn Absicht hätte sie aufgetragen. Ihre Augen hatten die Farbe von frischem Moos, und als sie sich hinab beugte, um meine Münze aufzuheben, zog das Klingeln ihrer Armbänder meinen Blick auf ihre zarten Handgelenke.

Sie kniete dort für einen Moment und sah zu mir auf. Die Winkel ihres nicht geschminkten Mundes zuckten, und eine Sekunde lang wusste ich nicht zu sagen, ob es ein Lächeln oder ein spöttisches Grinsen war. Bevor ich mit einer meiner nützlichen varisischen Redewendungen herausplatzen konnte, rief ein Junge nach ihr.

Es war der Beutelschneider, den ich ins Hafenbecken getaucht hatte. Sein Haar war trocken, doch seine wollene Kleidung triefte noch immer, und ich sah, dass ein Stück graues Seegras an seiner Hose hing. Er spuckte ein paar Worte in Varisisch aus, von denen ich einige gut kannte. Ich zeigte ihm den Zinken, eine fiese Geste mit dem Zeigefinger und dem kleinen Finger an meiner Kehle. Es wirkt übler, wenn man weiß, wie wir in Cheliax Verbrecher hinrichten.

Der Bursche beschwerte sich lang und breit bei den Sczarni. Der junge Mann, der vorhin gesungen hatte, stellte ihm eine Frage, und wieder schnappte ich ein paar Worte auf: „Geld“ und „Fremder“. Da begriff ich, wie dumm es gewesen war, mein Gold aufblitzen zu lassen. Auch wenn sie nicht vor der Menge über mich herfallen würden, könnte ich einen langen Schwanz von Halsabschneidern hinter mir herziehen, wenn ich hier wegging.

Der grauhaarige Geiger sagte etwas, woraufhin das gesamte Lager der Sczarni in Gelächter ausbrach, doch das rot anlaufende Gesicht des Jungen sagte mir, dass der Witz auf seine Kosten ging, nicht auf meine.

„Wir stehlen nicht von denen, die freiwillig geben“, sagte die Schönheit vor mir. Ihr Taldani war ausgezeichnet, wenn auch mit starkem Akzent. „Dragos hat Recht. Du hast Milosch eine gute Lektion erteilt.“

Ich lächelte ein wenig und kratzte mir die Nase. „Und auch ein gutes Bad, hoffe ich.“

Einige der Sczarni lachten sofort und ebenso die anderen, nachdem der Geiger es übersetzt hatte. Milosch durchbohrte mich mit einem brennenden Blick.

„Ich heiße Malena“, sagte die Tänzerin. Ihr Haar war dunkler als eine Nacht bei Neumond, besetzt mit Juwelen, die wie Sterne zwischen den Wolken hervorblitzten.

„Radovan.“ Ich bot ihr eine vereinfachte Version einer dieser vornehmen Verbeugungen an, die der Prinzipal vor dem Spiegel übt, wenn er glaubt, dass keiner zusieht.

Malena musterte mich. „Du siehst aus wie ein Varisier“, sagte sie, „aber deine Kleidung ist die eines Ausländers.“ Ich hatte meine neuen roten Stiefel und die Jacke besonders lieb gewonnen. Alles war aus bestem chelischen Leder hergestellt und verbarg den Großteil meiner Arbeitsmittel. Ihr Kompliment machte die ständigen Diskussionen wett, die ich mit meinem Brötchengeber darüber auszufechten hatte, dass ich es vermied, die Jeggare-Livree zu tragen.

„Mein Name ist varisisch“, sagte ich. „Geboren wurde ich in Cheliax.“

„Aber deine Eltern stammen aus Ustalav?“

„Vielleicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. Die Chancen dafür standen ziemlich gut, aber ich wusste nicht genug über meine Eltern, um eine Unterhaltung über sie zu führen, also wechselte ich das Thema.

„Ich mag dieses Lied“, sagte ich. „Wie heißt es?“

„Das ist ‚Der Prinz der Wölfe‘, ein sehr altes Lied“, antwortete sie. „Vili singt es gut.“ Ohne ihre Augen von mir abzuwenden, nickte sie in Richtung des Sängers, der mir diesen territorialen Blick zuwarf, den ich häufig sehe, wenn ich mit schönen Frauen spreche.

„Ganz bestimmt“, sagte ich in dem Versuch eines Freundschafts­angebots. Ich konnte in Vilis Gesicht erkennen, dass er kein Wort Taldani verstand.

„Weißt du, wie Varisier tanzen?“ Sie bewegte ihre Hände so schnell, dass die Armreifen an ihren Handgelenken dabei klingelten und warf sich in eine Pose, die ich auf Kopien berühmter Gemälde gesehen hatte, von denen viele ihr verblüffend ähnlich sahen.

Bevor ich antworten konnte, spielte der Geiger zum Tanz auf. Noch vor dem zweiten Takt klatschten die Zuschauer mit über ihren Köpfen erhobenen Händen. Dieses Mal zogen sich die Musiker zu ihren Zelten zurück, ließen den Teppichring frei, und Malena wirbelte in die Mitte wie eine Königin auf ihrem Podium. Dort nahm sie eine weitere typische Pose ein, und die Menge grölte ihren Namen.

Zunächst schien sie sich kaum zu bewegen, doch die Reifen an ihren Handgelenken und Fesseln erklangen im Takt der Musik. Dann drehte sie sich, und ihre Rocksäume flogen hoch und entblößten schlanke, muskulöse Beine. In Egorian war eine Frau, die sich nicht rasierte, eine Seltenheit, und irgendetwas an ihren mit Flaum bewachsenen Waden kitzelte mich im Nacken. Es war entweder das oder ihr natürlicher Moschusgeruch, als sie so nahe an mir vorbeiwirbelte, dass ihre Haare mein Gesicht streiften. Ich erkenne eine Einladung, wenn ich sie sehe, also folgte ich ihr zu dem Teppich und fügte ihrem Dreierschritt ein Gleiten hinzu, um mich ihrem Rhythmus anzupassen. Die Menge lachte, doch Malena begegnete mir auf halbem Wege mit einem Seitschritt, sodass ich sie verfolgen musste, während sie mit einem hauchdünnen Schal, den sie aus ihrer Schärpe gezaubert hatte, Figuren in die Luft malte. Schon bald brachen die Einheimischen in Jubel wie in Gelächter aus, besonders, wenn ich einen Arm um Malenas Taille gleiten und sie wieder entkommen ließ, wenn sie mich mit dramatischer Geste weg stieß. Ich machte eine Schau daraus, nach meiner Börse zu greifen, um sicherzustellen, dass sie sie nicht hatte mitgehen lassen, und die Leute grölten vor Begeisterung. Sie liebten es zu lachen, und ich hatte für sie den Narren gespielt.

Malena wirbelte herum und lockte mich mit ihrem Schmollmund. Ich ahmte einen unter dem Pantoffel stehenden Ehemann nach, den ich in einer Straßenposse gesehen hatte, die Hände weit und niedrig ausgestreckt, das Gesicht um Verzeihung flehend. Ich kniete mich hin und bot ihr einen unsichtbaren Blumenstrauß.

Sie zierte sich, tanzte um den Kreis herum, sodass ihr Schal nach und nach die Gesichter der Männer streifte. Einige scheuchten sie weg, als ihre Frauen sie finster anblickten, während andere nach ihr griffen, doch keiner von ihnen war flink genug, um sie zu berühren, als sie sich zurückzog.

Ich machte einen Schritt auf sie zu, hielt dann jedoch inne. Als ich das letzte Mal an einer schönen Frau Gefallen gefunden hatte, hatte sich sehr schnell die Hölle aufgetan. Während der Monate danach hatte ich nicht einmal die Blicke der Damen des Gewerbes erwidert, und diese hatten begonnen, es mir übelzunehmen. Dennoch, vielleicht wurde es Monate später und fern von daheim allmählich Zeit, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und nach vorne zu blicken.

Während ich nachdachte, musste Malena mein Zögern gespürt haben, denn sie strich nahe an mir vorbei. Ihr Haar roch wie Gras im Spätsommer, und ich fasste einen Entschluss. Ich schlang einen Arm um ihre Taille, beugte sie in meinen Armen nach unten und küsste sie.

Was Küsse betrifft, war das nicht mein bester. Ich war zu sehr damit beschäftigt, für die Menge eine gute Figur zu machen, und sie war zu überrascht, um zu entscheiden, ob sie sich darauf einlassen oder mich wegstoßen sollte. Ich zog sie wieder hoch. Als ich sie auf die Füße stellte, bestätigte sich meine Vermutung, dass sie einige Zoll größer war als ich. Ich trat einen Schritt zurück, lud sie beinahe zu einer Ohrfeige ein, doch als sie ihre Hand auf meine Wange legte, war es nur eine sanfte Liebkosung. Sie lächelte mich strahlend an.

Irgendetwas traf meinen Schädel so heftig, dass es mir die Sicht nahm. Ich drehte mich um und machte einen Schritt zurück, während ich die Fäuste hob, um meinen Kopf vor einem weiteren Hieb zu schützen. Mein Blick klärte sich genug, um zu erkennen, dass Vili Malena von mir fortzog. Sie schrie ihn auf varisisch an, zu schnell, als dass ich ihr folgen konnte. Er ignorierte sie und starrte mich zornig an.

Nun gab es etwas, das ich noch mehr wollte, als ein Tänzchen mit Malena. Ich nickte in Vilis Richtung und winkte ihn mit altehrwürdiger Geste zu mir herüber. Die anderen Sczarni nahmen alle gleichzeitig Abstand, als hätten sie von vornherein gewusst, was geschehen würde. Natürlich wussten sie es – ebenso wie das Publikum, das näherkam, um besser sehen zu können.

Die Sczarni begannen, in einem unregelmäßigen Rhythmus zu klatschen, und die Menge schloss sich ihnen an. Sie hatten diesen Tanz schon einmal gesehen. Ich ließ Vili führen, und er fing an, mich von links nach rechts zu umkreisen, wie es ein ernstzunehmender Kämpfer niemals tun würde. Er machte eine Schau daraus – für das Publikum, für seine Kumpane und besonders für Malena. Ich ließ ihm Zeit für seine Darbietung, während ich ihn taxierte. Er war fünf oder sechs Zoll größer, aber ich war gut ein oder zwei Stein schwerer als er. Ich stürzte nach vorn.

Ein Messer erschien in seiner rechten Hand. Es war eine gekonnte Bewegung, so schnell wie Magie. Das Publikum keuchte, und ich kam in der Mitte des Teppichrings zum Stehen. Die Klinge war so lang wie eine Handspanne und sah scharf aus. Es war eine einfache Waffe, gut gepflegt und oft benutzt. Ich schätzte Vilis Fähigkeiten neu ein. Er war gefährlich.

Ich zog mein eigenes Messer aus der eingenähten Scheide an der Rückennaht meiner Jacke, wo der umgedrehte Griff des Messers aussieht wie der Schwanz, den ich nicht habe – was auch immer einige dieser lügnerischen Dirnen aus dem Listgang sagen mögen. Das Messer war doppelt so lang wie das Vilis, mit einer teuflischen Krümmung, die von den Halsabschneidern in Cheliax und den Priestern des Asmodeus bevorzugt wird. Ich hatte die Schneide heute Morgen geschärft, und die silberne Filigranarbeit glühte im Licht der Nachtmittagssonne auf.

Vilis Mund blieb unbeweglich, doch das Feuer war aus seinen Augen verschwunden. Er änderte die Richtung und umkreiste mich linksherum, bis er innehielt und eine Schau daraus machte, wie er das Messer auf den Teppich legte. Ich schüttelte meinen Kopf in gespielter Enttäuschung, trat jedoch einen Schritt zurück und stieß das Messer tief in den Block eines Goldschmiedes, der neben einem nahen Zelt stand. Aus den Augenwinkeln sah ich die Gestalt des Taschendiebes heranhuschen. Ich hielt meinen Blick auf Vili gerichtet und sagte auf Varisisch: „Nein.“ Dann, darauf hoffend, dass es jemand übersetzte, fügte ich auf Taldani hinzu: „Wenn du es anfasst, versohle ich dir den Arsch und schmeiße dich wieder ins Hafenbecken.“

Ich meinte es ernst. Das Messer war teuer gewesen.

Vili stürmte auf mich zu. Ich wich nach links aus, hakte sein Bein mit meinem Fuß ein und gab ihm einen Stoß, als er vorbeilief. Er stolperte, drehte sich jedoch wesentlich geschickter, als ich gedacht hatte, wieder um. Zähnefletschend senkte er den Kopf und knurrte. Seine Eckzähne waren lang und gelb. Gestank wie von einem Tier stieg von seiner Haut auf, und das blonde Haar auf seinen nackten Schultern wurde dicker.

Ich wünschte mir, wieder dieses Silbermesser in der Hand zu haben.

Der Kreis um uns herum vergrößerte sich, und die Menge wurde still. Vilis Knurren wurde tiefer, und auch sein Gesicht begann sich zu verändern. Seine dicken Augenbrauen wuchsen zusammen, während das Haar über seine sich verbreiternde Nase und über seine Stirn floss. Seine Kiefer wurden länger, und die großen Zähne wuchsen weiter. Bevor jemand „Werwolf“ sagen konnte, hatte er mich bereits angesprungen.

Ich ergriff seine langen Ohren und hielt sie fest. Er rammte seine Fäuste in meine Rippen, doch ich machte mir mehr Sorgen wegen der Zähne. Während ich mich darauf konzentrierte, seine Kiefer von meiner Kehle fernzuhalten, schoss sein Knie hinauf in meine Leistengegend. Er heulte auf, als der Stachel in meinem Lederschutz seine Kniescheibe zertrümmerte. Ich würde morgen einen Schneider brauchen, er dagegen eine Krücke.

Ich zog ihn über mein Bein und warf ihn zu Boden, während ich mich noch immer an seinen Ohren festklammerte. Er packte mich, und ich konnte spüren, wie sich seine Finger zu stählernen Nägeln verhärteten, die sich schmerzhaft in meinen Nacken bohrten. Ich zog sein Gesicht nah an meines und grinste ihn breit an.

Das ist etwas, das ich nicht oft versuche, da meine Zähne nicht die hübschesten sind. Die Barbiere bekommen von mir ein zusätzliches Trinkgeld, wenn sie meinen Zahnstein entfernen sollen, und das Netteste, was je irgendjemand über meine Beißerchen gesagt hat, war, dass sie ihn an einen Kasten mit feinem Silberbesteck erinnerten, den der Hausdiener fallen gelassen hatte.

Jemand in der Menge kreischte, und das halbe Publikum rannte entweder nach Hause oder in den nächsten Tempel. Selbst die Sczarni hörten auf zu klatschen.

„Zwing mich nicht, dich zu beißen, Junge“, sagte ich, ohne darauf zu achten, dass er gut fünf Jahre älter aussah als ich. Von dem Geruch zu schließen war ich ziemlich sicher, dass er derjenige war, der Schiss hatte.

Einer der Sczarni brüllte eine Übersetzung. Vili lockerte langsam seinen Griff, während er mich nicht aus den Augen ließ und blieb still auf dem Rücken liegen. Ich stand auf und musterte ihn nach einem Anzeichen dafür, dass die Kampfeslust wieder in ihm hochkommen würde.

Als ich außerhalb seiner Reichweite war, sah ich, dass der Großteil der Menge verschwunden war. Bald würde ich mit den Sczarni allein sein, sodass es auf jeden Fall Zeit war zu gehen. Ich drehte mich um und sah, wie der Bursche vor meinem Messer floh, dass noch immer in dem Arbeitsblock des Goldschmieds steckte. Ich hätte gerne gesehen, wie er versuchte, es herauszubekommen. Ich zog es heraus und hob den schweren Block einen Zoll in die Höhe, bevor die Klinge herausrutschte.

Vili stahl sich zu der Gruppe Sczarni zurück. Ohne das Publikum, das ihre Zahl verdeckt hatte, zählte ich vierzehn. Sie warfen dem grauhaarigen Geiger von der Seite lange Blicke zu, und ich erkannte, dass er ihr Anführer – Häuptling, Oberhaupt, was auch immer – sein musste. Ich zuckte mit dem Kinn in seine Richtung, bevor mir klar wurde, dass die Geste vielleicht nicht verstanden wurde, doch er erwiderte sie in einer Weise, die mich glauben machte, dass es so war. Das konnte heißen, dass alles geregelt war, oder es konnte bedeuten, dass ich einen Vorsprung bekam.

Als ich mich umdrehte, sagte Malena: „Warte! Sei uns nicht böse, Radovan. Lass mich dir die Turmkarten legen. Als Geschenk.“

Die besten Sprichworte über Rache stammen von den Sczarni, daher wusste ich, dass es keine gute Idee war, ohne eine Menschenmenge in der Nähe unter ihnen zu weilen. Außerdem habe ich die Turmdeuter noch nie gemocht. Sie sind schlimmer als die meisten Wahrsager, denn gelegentlich findet sich ein wahrer Turmdeuter unter ihnen, einer dieser Kartenleser, die tatsächlich etwas auf eine Distanz von tausend Tagen sehen können. Wesentlich öfter hat man nur ein paar Silbermünzen an einen Betrüger bezahlt, und dann geht man davon und glaubt, etwas über sich selbst gelernt zu haben, aber es ist nur das übliche Sczarni-Geschwätz: Irgendein Dreck über Liebe, irgendein Dreck über Reichtum, noch mehr Dreck über die eigene Großzügigkeit, die nur vom skeptischen Verstand in Schach gehalten wird. Ich könnte das selbst, wenn es mir gelänge, dabei ernst zu bleiben.

Wie immer ich es auch betrachtete, es gab keinen guten Grund, wegen eines Kartentricks zu bleiben. Trotzdem, die Vorstellung, mich abzusetzen und dabei in Malenas Augen keinen Deut mutiger auszusehen als Vili – das wurmte mich.

Bevor ich mich dazu entschlossen hatte zu gehen, brachte eine Gruppe von Sczarni-Frauen einen kleinen, runden Tisch und zwei Hocker, bevor sie sich wieder zurückzogen, und ließen Malena und mich auf den Teppichen allein. Der Geiger drückte sich in der Nähe herum, vielleicht weil er sich für eine Anstandsdame hielt.

Alles geschah im Freien, mitten in Caliphas, und es gab noch immer genügend Tageslicht. Ach, zur Hölle! Ich nahm gegenüber von Malena Platz.

Sie ließ das einführende Brimborium weg, das ich schon einmal gesehen hatte, und gab mir einfach die Turmkarten. Die Karten waren alt, aber ihre Ränder waren noch immer so glatt, dass ich die Markierungen eines Falschspielers nicht sofort bemerkte. Ich drehte sie um und betrachtete die Vorderseiten: Der Jongleur, Der Pfau, Die Königinmutter, Der Paladin. Ich hatte sie alle schon einmal gesehen, von anderen Künstlern gemalt. Wer auch immer diese Karten bemalt hatte, hatte eine gruselige Art von Talent, oder die Bilder erschienen mir unter den gegebenen Umständen einfach unheilvoller.

Zufrieden, dass ich ihren Karten den nötigen Respekt oder sonst irgendwas entgegengebracht hatte, nahm Malena sie wieder an sich. „Warum du gekommen bist“, sagte sie, während sie die Karten mischte. Sie tat es wie ein Glücksspieler in einer Hafenkneipe und legte die Karten, anstatt sie zurück in die bekannte Schachtel zu tun, mit der Vorderseite nach oben in einem halbmondförmigen Muster aus, dessen Spitzen auf mich zeigten. „Was du finden wirst.“

Schließlich, ohne Kommentar, legte sie eine einzelne Karte mit der Vorderseite nach unten zwischen die Spitzen des Halbmondes.

Sie begann in der Mitte mit dem Teufel. „Dies zeigt, wo du herkommst“, sagte sie. „Von einem Ort der Stärke.“

„Unglaublich“, sagte ich. Sie ignorierte meinen Sarkasmus. Wenn ihre Finger so geschickt waren, wie ich es mir vorstellte, war es kein großer Trick für sie, die Karten dort zu platzieren, wo sie sie haben wollte, und nachdem sie mein breites Grinsen gesehen hatte, gab es keine andere Möglichkeit mehr: Sie musste verstanden haben, dass meine Vorfahren aus einem wärmeren Klima stammten.

„Dies sind die Mächte, die dich antreiben.“ Sie zeigte auf die Karten, die daneben lagen. Den Tyrannen und den Wanderer. Sie sprach dichterisch über die Aspekte des Geistes und der Persönlichkeit, und ich nickte, ohne richtig zuzuhören. Ihre Augen waren grüner, als ich es zuvor bemerkt hatte, und sie hatte mehrere Ringe in ihren Ohrläppchen. Eine tätowierte Schlange wand sich über ihren Hals und eine Schulter hinab. Ich wollte ihr folgen, doch da fiel mein Blick auf den Geiger. Würde ich einen neuen Streit anfangen, wenn ich eine Haarlocke von dieser freiliegenden, gebräunten Schulter strich?

„Dies sind die Mächte, die sich dir entgegenstellen“, sagte sie. Der Narr und Der Verrat – gute Wahl. „Und diese könnten dich unterstützen oder irreleiten.“ Die Stumme Vettel und Der Tanz. Dies erschien mir einigermaßen in Ordnung, wenn man die derzeitige Gesellschaft in Betracht zog, und ich wurde langsam nervös. Ich sah mich um und bemerkte dass niemand mehr in Sichtweite war.

Sie hatte die Spitzen des Halbmondes erreicht und beschrieb den Zwilling und den Leeren Thron als Schatten meines Schicksals. Perfekt, dachte ich. Als Nächstes wird sie mir erzählen, dass ich die Reichtümer eines lange verloren geglaubten Bruders erben werde, und dann wird mir der Geiger eine Landbesitzurkunde zum Kauf anbieten.

Ich erhob mich. Sie sah mit einem rätselhaften Blick zu mir auf. Wartete sie jetzt darauf, dass ich eine Frage stellte? Dass ich ihr Geld anbot? Ich tastete nach meiner Börse, um sicherzugehen, dass sie noch da war, doch dann bemerkte ich, dass sie die letzte Karte nicht angerührt hatte. Ich drehte sie um.

Die Karte zeigte einen Mann, der auf einem vom Mondlicht beschienenen Hügel stand, mit einem Zepter in der Hand und einer Krone zu seinen Füßen. Unter ihm blickten Dutzende glühender Augen aus den Schatten heraus, als warteten sie auf einen Befehl von oben.

„Nein!“, schrie der Geiger. Er trat den Tisch um, und die Karten segelten davon.

Etwas in seinem Ton erschreckte mich. Ich war mehrere Schritte zurückgetreten, bevor ich es richtig begriffen hatte. Malena bückte sich, um die Karten aufzuheben, und der Geiger schalt sie heftig auf Varisisch. Ich schnappte nur ein paar Worte auf, doch ihre Körpersprache sagte mir alles, was ich wissen musste. Sie hatte etwas falsch gemacht, und er war zornig.

„Wo liegt das Problem?“, fragte ich.

„Schnell“, sagte Malena. Sie drückte mir etwas in die Hand. „Hier ist deine Münze. Jetzt geh!“

Der Geiger zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger und kleinem Finger auf mich; irgendwie eine umgedrehte Form des Zinkens. „Halt dich von meiner Familie fern, Teufel“, sagte er. „Du bist verflucht!“

„Na, von mir aus“, war die schlagfertigste Antwort, die ich herausbrachte. Dennoch, ich verstand mein Stichwort, wenn ich es hörte. Ich nahm Abstand von der Mystikergasse. Erst nachdem ich um die Ecke gebogen war, schaute ich mir an, was Malena mir gegeben hatte.

Ein Kupferstück, und nicht einmal ein glänzendes neues. Der Kopf des uralten Fürsten darauf hob sich spangrün von dem schwarzen Dreck der Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte, ab. Vielleicht sogar mehr. Er war ein hübscher Kerl, aber mit einem sauertöpfischen Ausdruck auf dem Gesicht, als hätte er gerade etwas gekostet, von dem er erwartet hatte, dass es ihm schmecken würde, was er stattdessen aber hatte ausspucken müssen.

„Du und ich, wir beide“, sagte ich zu ihm.

Kapitel drei

Die Lepidstadtnarbe

Als ich meine Hand ausstreckte, um der Herrin Tara in die Kutsche zu helfen, ging ihr Begleiter so abrupt dazwischen, dass ich mich genötigt sah, einen Schritt zurückzutreten, um nicht seine Schulter in meine Brust gerammt zu bekommen. Meine Bekanntschaft mit Kasomir Galdana war weniger als eine Stunde alt, doch ich bereute bereits mein Versprechen, ihn heimzubegleiten.

Durch jemandem aus ihrem weitreichenden Netzwerk von Bewunderern, Rivalen und Speichelleckern hatte Carmilla von Deinem Vorhaben erfahren, das Anwesen Graf Lucinean Galdanas zu besuchen in der Hoffnung, Zutritt zu seiner Familienbibliothek zu erhalten. Ich hatte zunächst Bedenken, dass ein Herrscher von Ustalav seine privaten Besitztümer einem Kundschafter gegenüber öffnet, doch hätte ich nicht überrascht sein dürfen zu erfahren, dass Deine Überredungskünste der Eloquenz Deiner schriftlichen Berichte gleichkommen. Carmilla hörte außerdem, Du hättest Galdana genügend beeindruckt, sodass Du im vergangenen Frühling mehrere Tage auf seinem Anwesen bei Weidenweh verbringen konntest. Und es ist in der Tat wahr, dass die Abneigung gegenüber unserer Gesellschaft nicht notwendigerweise von allen Adligen in Ustalav geteilt wird.

Den derzeitigen Grafen Galdana habe ich nie kennengelernt, doch bei seinem Vorgänger erinnere ich mich an ein fröhliches Gemüt und eine Neigung zu deftigem Humor und Prahlereien über jüngste Jagdausflüge. Die Gerüchte, die ich seit meiner Ankunft zusammentragen konnte, sprachen von dem jetzigen Grafen von Amaans als einem begeisterten Jägersmann, der so häufig im Feld war, dass die Adligen von Caliphas es mehr gewohnt waren, einen seiner näheren Verwandten zu empfangen – dieses Mal Kasomir, den Sohn seiner Schwester. Als Gegenleistung für ihre Informationen bat Carmilla mich lediglich darum, Kasomir und seine Base, Tara, nach Weidenweh zu begleiten.

Es entging meiner Aufmerksamkeit nicht, dass Carmillas Bitte sich perfekt mit meinen eigenen Plänen deckte. Noch bin ich taub gegenüber dem Gemunkel über ihr Verlangen, die Stellung des Hauses Ordranto zu unterlaufen. Sicherlich hätte Kasomir eigene Wachen und eine eigene Kutsche anheuern können, doch Carmilla bestand darauf, dass wir die Vorzüge meines Gefährts teilen sollten. Dies würde einen vorteilhaften Eindruck machen, der mir sehr dabei helfen könnte, Zugang zur Familienbibliothek der Galdanas zu erhalten. Unter anderen Umständen hätte ich gezögert, bevor ich es zugelassen hätte, mich auf derartige Weise manipulieren zu lassen, doch als ich die Wahrscheinlichkeit, dass Carmilla meinen Besuch ausnutzte um einen Verdacht auf Graf Galdana fallen zu lassen, gegen die Aussicht abwog, Dich zu finden, war es meines Erachtens nach diesen Preis wert.

Kasomir Galdana war das Sinnbild eines ustalavischen Adligen. Von schlankem Körperbau und hageren Wangen, zeigte sich bereits nach der Mittagsstunde der Schatten eines dunklen Bartes, obwohl sein Haupthaar bleich wie Stroh im Winter war. Ich sah das Rapier an seiner Hüfte und, unter seinem linken Auge, eine Narbe, deren Form mir bekannt vorkam. Da sein Onkel, der Graf, keine Nachkommen hatte, hatte er ihn adoptiert, eine Geste, die unter ustalavischen Adligen nicht ungewöhnlich war, insbesondere zwischen Onkeln und Neffen. Als Gegenleistung für diese Ehre nahm sich Kasomir jener Pflichten an, die der Graf nicht persönlich wahrzunehmen wünschte, wie zum Beispiel die Base aus Caliphas abzuholen.

Kasomirs Base Tara war kürzlich aus Vudra zurückgekehrt, wo ihr Vater bis zu seinem Ruhestand vor einem Jahrzehnt als ustalavischer Botschafter gedient hatte. Während er seine verbleibenden Tage in dem milden Klima des Heimatlandes seiner Frau zu verbringen gedachte, wünschte er, dass seine Tochter, wenn sie volljährig würde, die Kultur seiner Heimat kennenlernte. Ich vermutete zudem, er hoffte, ihr Aufenthalt in der Gesellschaft von Ustalav könne zu einer zufälligen Heirat führen.

Tara besitzt die Art von Schönheit, wie sie jenen einer gemischten Herkunft zu Eigen ist, wenn Du mir eine solch eigennützige Ansicht verzeihst. Ihre Hautfarbe ist die von zerstoßenem Zimt, und ihre Augen sind so schwarz, dass man genau hinsehen muss, um festzustellen, dass sie keine Belladonna zu sich genommen hat, die ihre Pupillen weitet. Dennoch fügt sich zu dieser vudranischen Erscheinung eine Adlernase hinzu, wie sie unter den Varisiern von Ustalav verbreitet ist, und ihr Haar spiegelt eher den Glanz gesponnenen Kupfers wider als den irdenen Ton von Henna.

Leider hat die junge Frau seit unserem Kennenlernen weniger als zwei Dutzend Wörter gesprochen, allesamt eingeübte Höflichkeitsfloskeln. Ich nehme an, dass das Herbstwetter ihrer Konstitution nicht zusagt, oder vielleicht hat sie sich noch nicht an die hiesige Küche gewöhnt. Möglicherweise hatte sie zu sehr vom Wein des Prinzen gekostet und ertrug nun dieselben Nachwirkungen, unter denen auch ich derzeit litt. Was auch immer der Grund sein mochte, so erregte ihre zarte Konstitution zumindest keinen Anstoß, im Gegensatz zu Kasomirs übertriebener Schutzhaltung gegenüber seiner Base.

Kasomir hätte meine Anwesenheit mehr zu schätzen wissen sollen, denn ohne sie hätte er vermutlich unter mehr als nur einer Schulter in seiner Brust gelitten. Als ein zweiter Blick auf Radovan ihm die durch die Hölle geprägte Herkunft meines Leibwächters bestätigte, kamen Kasomirs ungehobelte Fragen über dessen Abstammung einer Beleidigung gleich. Radovan verstand mehr Varisisch, als ich vermutete, doch zum Glück waren seine Antworten höflich, wenn auch nicht unterwürfig genug um Kasomirs Übellaunigkeit zu beschwichtigen. Ich wünschte, Radovan würde seine Bemühungen verdoppeln, die hiesige Sprache zu lernen, da weniger Einwohner Ustalavs Taldani verstehen werden, je weiter wir uns von Caliphas entfernen.

Es kam noch zu einem erwähnenswerten unglücklichen Ereignis bevor wir die Stadt verließen. Nicola hatte sich zuvor für die Verzögerung bei der Beschaffung der Vorräte entschuldigt, doch dies blieb ohne Konsequenzen, da ich unsere Abreise um einen Tag verschoben hatte, um Kasomir und Tara Gelegenheit zu geben, ihre hiesigen Pflichten zu erledigen. Dennoch irrlichterte Nicola umher, und ganz unverkennbar lächelte Radovan belustigt, als er die Gemütserregung meines Dieners bemerkte. Als ich beobachtete, wie Nicola ständig nach der neuen Geldbörse griff, verstand ich, was vorgefallen sein musste.

Ich rief Radovan unter dem Vorwand zu mir, die sechs Wachleute in Augenschein zu nehmen, die er ausgesucht hatte. Es war ein rauer Haufen, doch ausgehend von den Amputierten und Trunkenbolden, die am Mietstand herumgelungert hatten, hatte Radovan die fähigsten ausgewählt. Nur zwei zeigten militärische Disziplin, und einer trug einen hohen Kragen, der nicht ganz eine üble Narbe verbarg, die der Strick zurückgelassen hatte.

„Wie viele Sträflinge?“, fragte ich Radovan.

Sein Kinn sprang in jenem halbseitigen Lächeln hervor, das mir sagt, dass er meine erste Frage vorausgesehen hatte. „Nur einer“, gab er zurück. „Die Frage ist, welcher?“

Dass er diese Frage stellte, bedeutete, dass die Antwort nicht offensichtlich war, es sei denn, er versuchte, mich zu täuschen. Radovan genießt solche Irreführungen, eine Eigenschaft, die ich wesentlich mehr schätze, wenn sie zu meinem Vorteil anstatt auf meine Kosten eingesetzt wird. Diese List hätte mich irritieren sollen, doch es fällt mir schwer, einem Rätsel, selbst einem einfachen, zu widerstehen.

Daher ließ ich den Gehängten außer Acht, dessen Name, wie Radovan mir sagte, Kostin war. Die beiden, in denen ich die ehemaligen Soldaten erkannt hatte, hießen Anton und Dimitru. Sie saßen auf einer niedrigen Mauer nahe der Ställe, blickten uns zwar nicht direkt an, doch offensichtlich lauschten sie unserer Konversation und waren jederzeit bereit, sich auf einen Befehl hin in Bewegung zu setzen. Luka, ein schlanker Bursche mit einer Verbrennungsnarbe auf dem Rücken einer seiner Hände, inspizierte die Reitpferde, bevor er schließlich für sich eine graue Stute sattelte. Kostin stand mit einem Fuß gegen die Wand gelehnt und beugte sich zu dem einäugigen Emil vor. Sie teilten sich eine Pfeife, die so geschnitzt war, dass sie einem schlafenden Bären ähnelte, doch ihrer angestrengten Lässigkeit zum Trotz wanderten ihre Augen ständig zu den verhangenen Fenstern der roten Kutsche, in der sie zuletzt die schöne Tara hatten verschwinden sehen. Dem Letzten, einem langhaarigen Jüngling namens Grigor, fehlte an einer Hand der kleine Finger. Schon zum dritten Mal seit unserer Ankunft blickte er hinunter auf seine Armbrust.

Ich wies auf den dritten Mann.

„Klar, Luka“, sagte Radovan nüchtern. „Aber was hat er verbrochen?“

„Pferdediebstahl“, sagte ich. „Er kennt die Tiere gut, und die traditionelle Bestrafung in Ustalav für Diebstahl ist das Brandmarken des Handrückens.“

Radovan nickt anerkennend. Es war keine besonders scharfsinnige Schlussfolgerung, doch ich gab ihr mit genügend Selbstbewusstsein Ausdruck, dass er beeindruckt war.

„Daraus kannst du eine Lehre ziehen“, sagte ich. „Solch ein Brandmal würde dich daran hindern, dich in bestimmten Kreisen zu bewegen.“

Gewöhnlich gibt Radovan nur wenig preis, doch ich bemerkte, wie er leicht den Unterkiefer anspannte. Er nickte, sagte jedoch nichts. Es gab Zeiten, in denen dies ausgereicht hätte, um das Einvernehmen zwischen uns zu bestätigen, doch ich wollte Klarheit schaffen.

Ich sagte: „Ich nehme an, dass Nicola seine verlorengegangene Börse inmitten des Gepäcks auffinden wird.“

Radovan betrachtete die Sonne, die gerade hinter dem Horizont aufgetaucht war. „Ich bin überrascht, dass er das noch nicht hat.“

In glücklicheren Tagen hätte er mich vielleicht mit einer schlagfertigen Erwiderung amüsiert, doch meine Ermahnung machte ihm zu schaffen. Möglicherweise lag der Fehler bei mir, da ich über die Jahre eine solche Formlosigkeit zugelassen hatte.

Für derartige Gedanken war es zu spät. Ich konnte meine Gäste nicht länger warten lassen, also rief ich Nicola mit einem Fingerschnippen zu mir, und wir bestiegen die Kutsche. Nur Augenblicke später ließ der angeheuerte Kutscher die Zügel knallen, und wir begannen unsere Fahrt gen Norden in das Herz von Ustalav.

Es gibt nichts Bequemeres für eine Überlandfahrt als die rote Kutsche. Seit dem Tag meiner Geburt hielten vier Generationen von menschlichen und Halblingdienern die Kutsche instand, dennoch musste sie nie repariert werden. Auch ist ihre glänzende Farbe nie verblasst. Erstaunlicherweise mussten weder die Federn noch die Räder je ersetzt werden, wenn ich auch Letztere als jährliche Instandhaltungsmaßnahme mit neuem Stahl hatte beringen lassen. Das Innere der Kutsche ist wie ein kleiner Salon eingerichtet. Die gegenüberliegenden Sitze sind mit dickem Leder aufgepolstert worden und so bequem wie jeder Sessel. Sie verbergen geräumige Aufbewahrungs­fächer, in denen die Dienerschaft meine Habseligkeiten untergebracht hatte, um auf dem Dach Platz für das Gepäck meiner Gäste zu schaffen. Die breiten Fenster sind noch immer mit dem ursprünglichen Glas bestückt. An ihren Seiten geben kleine verzauberte Lampen bei Berührung ihr Licht ab. Leider schien niemand sonst aus meiner Reisegesellschaft den Komfort so zu schätzen wie ich.

Um es Tara noch bequemer zu machen, zog ich die Vorhänge auf, doch Kasomir gestattete keine weitere Fürsorglichkeit. Sobald Tara einzuschlummern begann, überraschte er mich jedoch damit, dass er sich zu mir nach vorne beugte, um mit mir ein Gespräch zu führen.

„Vergebt mir, Euer Exzellenz“, sagte er. „Ich fürchte, Euch beleidigt zu haben. Die Sorge um die Gesundheit meiner Base ...“

„Denkt Euch nichts dabei“, sagte ich, wie man es so tut. „Ich hoffe, die Reise wird ihren Zustand nicht verschlimmern.“

„Zustand?“, fragte er schelmisch. „Was meint Ihr mit …?“

„Ihre angeschlagene Gesundheit“, antwortete ich.

„Ach“, sagte er. „Ich bitte Euch um Verzeihung. Caliphas ist die ­Wiege der Verleumdung in unserem Land, und die Ankunft meiner ­Base hat zu allerlei höchst abscheulichen Spekulationen unter unseren Standesgenossen geführt.“

„In der Tat.“

„Aber Ihr braucht mich nicht, um euch in dieser Beziehung zu belehren“, fuhr er fort. „Ich nehme an, dass auch Ihr die spitzen Zungen in Caliphas zu spüren bekommen habt.“

Ich nickte, weniger zur Bestätigung als mehr, um ihn zum Fortfahren zu ermutigen. Einen gedehnten Augenblick lang tat er dies nicht, und ich ließ das Schweigen an ihm nagen.

„Gräfin Caliphvaso sieht sehr gesund aus“, meinte er.

„Allerdings“, bestätigte ich.

„Wenn ich recht informiert bin, kennt Ihr sie seit geraumer Zeit.“

„Dem ist so. Wir begegneten uns, als ich auf meinem Weg zur Universität von Lepidstadt war, um einige Nachforschungen anzustellen.“

„Ah, dann müsst ihr mit Meister Nagrea bekannt sein, dem Fechtlehrer.“

Nun verstand ich, in welche Richtung Kasomir die Unterhaltung zu lenken beabsichtigte. Als ich an der Universität weilte, überredeten mich einige meiner Kommilitonen dazu, an einem traditionellen Brauch zur Feier ihres Abschlusses teilzunehmen. Nach der Komplettierung ihres Fechtunterrichtes bringen die Studenten ihre Rapiere und große Mengen Wein auf eine hochgelegene Klippe über dem Fluss. Dort stellen sie sich nacheinander mit ihren Fersen am Rand des Abgrundes auf und tragen dabei nur ein stählernes Visier, um ihre Augen zu schützen. Einer nach dem anderen prüfen ihre Kameraden ihre Kampffertigkeit und ihren Mut. Die Herausforderer müssen sich zurückziehen, sobald der Verteidiger ihnen eine Wunde, üblicherweise einen leichten Kratzer am Arm, zugefügt hat, doch erst nachdem der Verteidiger einen Streich im Gesicht erlitten hat, erlaubt ihm die Ehre, seinen Posten zu verlassen. Die Kameraden des Siegers erheben ihre Gläser auf ihn und gießen Wein auf die frische Wunde, um sicherzustellen, dass eine Narbe zurückbleibt. Unter den Adligen von Ustalav ist die Lepidstadtnarbe berühmter als ein gräfliches Siegel.

„Nein“, antwortete ich. „Eventuell fand mein Besuch vor seiner Amtszeit statt.“

„Ah“, machte Kasomir und musterte mein Gesicht. Er hatte zweifellos von Anfang an bemerkt, dass ich weder die berühmte Narbe noch ein Schwert trug. Versuchte er, mich zu provozieren? Es schien mir eine solch plumpe List zu sein, dass ich eine dermaßen offensichtliche Erklärung anzweifelte, dennoch sagte er nichts mehr, bis wir am Mittag eine Rast einlegten.

Kasomir begleitete seine Base bei einem Spaziergang rund um unser Lager am Straßenrand, während Nicola die Zubereitung eines kalten Mittagessens in die Wege leitete. Ich fand Radovan unter den Wachmännern, die Nicolas Kommandos entgangen waren. Die Einheimischen brachten ihm varisische Redewendungen bei, während sie sich ausstreckten, um die Schmerzen der Reise zu lindern. Zunächst war ich enttäuscht zu hören, dass die meisten dieser Ausdrücke Prahlereien und Beleidigungen in ländlichem Dialekt waren, die den Grundlagen des sauberen Varisisch zuwiderliefen, welches ich versucht hatte, meiner Dienerschaft während unserer Reise von Cheliax nahezubringen. Jedoch würde sich der vulgäre Dialekt für Radovan zweifelsohne als nützlich erweisen, wenn er mit den niederen Klassen in Kontakt kam.

Ich sah zu, wie Radovan einen seiner berühmten Tricks vorführte. Er und Grigor, der langhaarige Bogenschütze, standen ungefähr zwanzig Schritte voneinander entfernt, jeder leicht versetzt vor einer Birke, und beide hielten ein Messer aus Radovans Stiefelschäften seitlich in der Hand. Seit ich darauf bestanden hatte, sie als Vorbereitung für unsere Expedition versilbern zu lassen, beschwerte sich Radovan darüber, dass die Balance verlorengegangen sei, und hatte bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Werfen mit ihnen geübt. Auf dem Boden zwischen ihnen lagen einige Silbermünzen – ihr Einsatz. Luka, der an der Seite stand, zählte rückwärts: „Drei … zwei … eins!“

Gleichzeitig warf jeder sein Messer in Richtung des Baumes des anderen. Radovans drang zwei Zoll tief in das Birkenholz ein, und nur einen Augenblick später fing er das Messer seines Gegenübers auf und schleuderte es zurück. Nur einen Zoll über dem ersten Messer blieb es zitternd stecken.

„Ein kleiner Trick, den ich unten in der Aalgasse gelernt habe“, erklärte Radovan ihnen auf Taldani.

Die Wächter murmelten anerkennend, sogar Grigor, der seine Wette verloren hatte.

Ich trat vor, um mitzuteilen, dass ich es vorzog, Kavapesta mit der gleichen Anzahl Finger zu erreichen, mit der wir Caliphas verlassen hatten, doch Radovan kam mir zuvor.

„Hört mal, Prinzipal“, sagte er. „Die haben mir noch ein bisschen Varisisch beigebracht: Ich bin größer, als ich aussehe. Mit mir ist nicht zu spaßen.“

Die Ustalaver lachten. „Guter Akzent“, sagte ich. „Die Redewendung bedarf allerdings noch des Feinschliffs.“

„Größer, als ich aussehe“, wiederholte er unter noch mehr Gelächter. Die Männer mochten ihn, dennoch fragte ich mich immer noch, wie fähig sie waren.

„Solange ihr Männer euer Training fortführt, seid doch so nett und erheitert mich mit einer Demonstration“, bat ich.

„Was wollt Ihr sehen?“, fragte Radovan. „Bogenschießen? Nahkampf?“

„Schwertkampf“, erwiderte ich.

„In Ordnung“, sagte er. „Anton, Luka!“ Der kahle Soldat und der Pferdedieb traten vor. „Zeigt dem Prinzipal, was ihr könnt“, sagte er auf Taldani und fügte auf Varisisch hinzu: „Nicht töten oder den Kopf schneiden. Ist zum Bessern.“ Er hielt eine Goldmünze hoch, wohl wissend, dass ich sie bei seinem nächsten Zahltag ersetzen würde.

Anton und Luka brauchten keinen weiteren Anreiz. Sie zogen ihre Waffen und traten aufeinander zu. Die Parierstange von Antons Schwert trug das königliche Wappen, die Waffe eines Veteranen. Luka trug einen Säbel, den er vermutlich bei einem Glücksspiel am Hafen gewonnen hatte. Sie gingen in die Hocke und ließen ihre Klingen einige Male aufeinanderprallen. Anton parierte einen Stoß gegen seinen Arm und konterte, wobei er Lukas Oberarm ritzte.

Radovan schüttelte den Kopf. „Das war erbärmlich“, sagte er zu Luka. Er warf Anton die Münze zu, doch ich fing sie in der Luft auf.

„Ich habe nicht um ein Schauspiel gebeten“, sagte ich. „Ich möchte sehen, ob ihr kämpfen könnt. Radovan, nimm Lukas Platz ein.“

„Kommt schon, Prinzipal“, sagte er. „Ihr wisst, dass ich nicht gut mit dem Schwert bin.“

Es stimmte, dass ich Radovan niemals mit einem Schwert in der Hand gesehen hatte, das er nicht zuvor einem Angreifer abgenommen hatte, und in diesen Fällen hatte er die Waffe entweder beiseite geworfen oder ihren Knauf dazu verwendet, seinen Gegner niederzuschlagen. Er bevorzugte den Kampf auf sehr kurze Distanz.

„Von mir aus“, sagte ich und legte meinen Mantel ab. „Leih mir deine Klinge, Luka!“

Der Wachmann zögerte kurz, bevor er mir seine Waffe übergab und sich zurückzog. Ich erspürte ihr Gewicht und durchschnitt einige Male die Luft. Es war keine ideale Waffe für ein Duell.

Anton hielt eine Hand hoch. „Bitte, Herr“, sagte er. „Ich möchte Euch keinen Schaden zufügen.“

„Zehn Goldstücke“, sagte ich, „wenn du mir einen Kratzer beibringst.“

„Zehn!“, sagte er begeistert. Er hob seine Waffe.

Plötzlich fühlte ich mich wie ein Narr. Es war viele Jahre, vielleicht sogar mehr als ein Jahrzehnt her, seit ich regelmäßig geübt hatte. Ich hatte eine exzellente Lehre genossen, doch dies war auch Jahrzehnte her, und einer der vielen Gründe, weswegen ich Radovan in meinen Diensten habe, ist, dass ich eine Abneigung dagegen habe, mich zu schlagen.

Doch jetzt, was tat ich hier? War es so wichtig, Kasomir zu zeigen, dass mich die fehlende Lepidstadtnarbe nicht zum Eunuchen machte? Mir von diesem Mietling einen Kratzer beibringen zu lassen, wäre mehr als ein ausreichender Beweis dafür, dass ich nicht länger ein Schwertkämpfer war.

Anton schlug nach meinem Knie, doch ich parierte und zog mich zurück. Er folgte, warf Radovan jedoch einen fragenden Blick zu. Ich antwortete, indem ich seine Klinge aus dem Weg schlug und die Schulter seines Führungsarmes angriff.

Anton wehrte meine Klinge mit der Parierstange ab, während er sich zurückzog. Ich griff weiter an, band seine Klinge mit einem kleinen Kreis, bevor ich einen Streich in die entgegengesetzte Richtung führte, um seinen Arm zu treffen. Die Spitze meiner Klinge schnitt in den ledernen Armschutz an seinem Handgelenk, doch ich hatte ihn nicht verletzt.

„Vielleicht ist das keine gute Idee“, sagte Anton. Mit einem Schulterzucken ließ er seine Verteidigung fallen. Ich ließ die Spitze meiner Klinge sinken. Er sagte: „Ich fürchte, ich werde Euch verletzen ...“

Er machte einen Ausfallschritt und attackierte die Spitze meines Stiefels. Ich hob den Fuß, trat auf seine Klinge und berührte sein Kinn mit der Spitze des Säbels.

Anton, der in eine kniende Position gestolpert war, sah zu mir auf. Eine Sekunde lang überschattete Furcht seine Augen, doch dann schenkte er mir ein versöhnliches Lächeln. „Ich glaube, Ihr habt diesen Trick vielleicht schon einmal gesehen.“

Ich warf Anton die Münze zu und gab Luka den geborgten Säbel zurück. Bereits nach wenigen Sekunden des Schwertkampfes hatte meine Schulter geschmerzt. Als ich mich umwandte, um die Männer in Frieden zu lassen, trat Radovan neben mich.

„Woran denkt Ihr?“, fragte er. So sehr ich seinen Scharfsinn auch schätzte, zog ich es doch vor, wenn dieser sich nicht auf mich konzentrierte.

„Einer unserer Gäste hat mich daran erinnert, dass es viel zu lange her ist, seit ich mich im Schwertkampf geübt habe“, antwortete ich. „Glaubst du, Anton hat absichtlich verloren, um sich bei mir einzuschmeicheln?“

Radovan zuckte mit den Schultern. Es mangelte ihm nicht gänzlich an diplomatischem Geschick. „Jetzt, da Ihr es erwähnt“, sagte er. „Wie lange noch, bevor wir den Männern ihre Präsente überreichen können? Ein paar von ihnen sind es nicht gewohnt, ein richtiges Schwert zu führen.“

Ich hatte gezögert, die versilberten Waffen früher auszuteilen, aus Sorge, dass sich einer oder mehrere der Männer absetzen könnten, um die wertvollen Waffen zu verkaufen, anstatt sich für eine recht geringe Bezahlung auf diese gefährliche Reise einzulassen. Nicht der finanzielle Verlust war meine Hauptsorge, sondern, dass die Anzahl an Waffen nur für ein kleines Kontingent an Wachen ausreichte, und alle von ihnen in der Lage sein sollten, übernatürliche Gefahren auf der Reise genauso abwehren zu können wie solche natürlichen Ursprungs.

„Es sei denn, Ihr seid bereit, das alte Zauberbuch auszugraben und ...“ Radovan wedelte in Andeutung einer magischen Geste mit der Hand. Er musterte mich und wartete auf eine Antwort, und ich kannte den Grund.

Während der vielen Jahre unserer Zusammenarbeit hatte Radovan mir dabei zugesehen, wie ich die Identität eines Diebes durch die materiellen Komponenten erkannt hatte, die er dazu verwendet hatte, einen verschlossenen Tresor aufzubrechen. Er hatte mich dabei beobachtet, wie ich die Runen eines uralten Zauberrätsels übersetzt und verändert hatte, um ihre versteckte Botschaft zu offenbaren. Er war sogar Zeuge gewesen, wie ich die Zaubertricks eines Amateurzauberers in einem ansonsten finsteren Fall von Erpressung abgewehrt hatte. Was Radovan hingegen niemals beobachtet hatte, war, wie ich tatsächlich einen Zauber wirkte. Es war ein Wunder, dass er dieses Thema niemals stärker verfolgt hatte. Die Antwort auf diese Frage war peinlich, doch wenn man die möglichen Gefahren einer Reise auf den Straßen Ustalavs bedachte, war es vermutlich an der Zeit, dass er es erfuhr. Auf der anderen Seite gab es da das Problem der Angemessenheit. Er war mein Diener, nicht mein Gleichgestellter.

„Du kannst die Waffen jetzt ausgeben“, befahl ich ihm.

Radovan war unnachgiebiger als die widerwärtigen Terrier meiner Großnichte. „Doch Ihr seid bereit, sie mit Zauberei zu unterstützen, richtig?“

„Du hast ihnen das nicht gesagt, nehme ich an.“

„Natürlich nicht, nein, aber ich dachte, ...“

„Du solltest dich nicht darauf verlassen, dass ich irgendwelche bedeutenden Zauber wirke“, sagte ich.

„Was ist mit all diesen arkanen Büchern und Sachen aus Eurer Biblio­thek?“

Ich seufzte. „Das Studium des Arkanen war eine meiner frühesten Leidenschaften. Während ich in der Theorie recht geübt war, bereitete mir die Praxis unglücklicherweise einige Schwierigkeiten.“

„Ach ja?“, fragte Radovan. „Welche Art von Schwierigkeiten?“

Was die meisten Beobachter, die mit dem Arkanen nicht vertraut sind, nicht verstehen, ist, dass ein Magier eigentlich den Großteil ­eines Zaubers wirkt, bevor er dessen Macht auf die Welt loslässt. Für die meisten Zauberkundigen ist die Freisetzung von Magie nur eine Frage dessen, die letzten auslösenden Schlagworte auszusprechen, eine abschließende Geste zu vollführen und vielleicht einen katalytischen Stoff aufzubrauchen.

Für mich bedeutet es leider auch – um offen zu sprechen –, dass ich mein letztes Essen wieder von mir gebe.

Von dem Augenblick an, an dem ich den Zauber in meinem Geist fixiere, bis zu dem, in dem ich ihn wirke, wird mein Körper von Krämpfen geschüttelt. Ich schwitze in höchst unziemlicher Weise, und zuzeiten habe ich sogar ein unerträgliches Stottern entwickelt. Je länger ich den vorbereiteten Zauber zurückhalte, desto schlimmer wird mein Zustand. Selbst die Erlösung durch die Freisetzung der Macht geht unvermeidlich mit einem widerlichen Erbrechen einher, welches, wie ich Dir versichern kann, meinen Kommilitonen an der Academae in Korvosa unendliches Vergnügen bereitete.

Doch dies ging Radovan nichts an. Es war höchste Zeit, ein förmlicheres Verhältnis zu den Angestellten aufzubauen. Ich schickte ihn mit einer Handbewegung fort und sagte: „Die Männer sind hungrig. Kümmere dich um sie!“

Kapitel vier

Die Senir-Brücke

Im Gegensatz zu Jägern und Mädchen finde ich Pferde nicht im Geringsten romantisch. Sicher, die verdammten Biester haben mich schon immer gehasst, ich bin also voreingenommen. Ein paar andere Höllenbruten haben mir erzählt, sie hätten dasselbe Problem, während andere den ganzen Tag auf einem Pferd verbringen können. Allerdings reicht ein Schniefen von mir aus, damit die meisten Zugtiere vor Angst wiehernd in die Scheunen zurückrennen. Die Mutigen warten manchmal, bis ich nahe herankomme, und dann versuchen sie, mich zu Tode zu trampeln. Der Sicherheitsabstand liegt bei drei Metern, sodass ich nicht auf dem Bock der roten Kutsche mitfahre, es sei denn, der Prinzipal hat es eilig.

Also, so oft ich auch von Reitern höre, die sich darüber beschweren, dass sie sich wund geritten haben: Ich weiß, es ist allemal besser, als auf dem Trittbrett zu stehen. Nach fünf Tagen, die ich hinten an der Kutsche hing, fühlten sich meine Beine an wie zwei Säulen aus geschmolzenem Blei. Ich hielt es nicht mehr aus. Mein Rücken brachte mich um, und die Kutsche verdeckte die Hälfte meines Blickfelds. Ich kletterte auf das Dach.

Da es so hoch gestapelt war, brachte das Gepäck die Kutsche aus dem Gleichgewicht, also hockte ich mich neben eine Kiste mit Armbrustbolzen und sah mich um. Die letzten bewohnten Bauernhöfe bei Caliphas lagen bereits eine Tagesreise hinter uns. Am Morgen waren wir an einigen zerfallenen Kaminen vorbeigefahren, den Grabsteinen verlassener Häuser. Seitdem war die Straße das einzige Zeichen menschlichen Lebens in der Landschaft. Sie wand sich hinauf in das bewaldete Gebirge bis zu einem Pass, von dem aus wir die winzige Grafschaft Ulcazar durchqueren würden, bevor wir nach Amaans einfuhren, das Hoheitsgebiet Graf Galdanas.

Es waren noch Stunden bis zum Einbruch der Nacht, doch die Schatten der Bergspitzen im Westen streckten sich nach uns aus, und ihre Finger kamen mit jeder Kurve näher. Ich spürte ein Frösteln und wünschte mir, unter der Jacke etwas Wärmeres angezogen zu haben. Ich hätte eines dieser wollenen Hemden kaufen sollen, die ich auf dem Markt von Vauntil gesehen hatte, doch nach einem langen Tag auf dem Trittbrett war ich zu müde, um selbst eine halbe Stunde in einem vernünftigen Bett gegen die Aussicht auf Bequemlichkeit einzutauschen. Es war keine Frage der Kohle – ich hatte das Geld aus Nicolas Börse als Einsatz beim Türme-Spiel verwendet, nachdem ich die Sczarni verlassen hatte. Ich war also flüssig. Man sollte meinen, Varisier seien beim Spiel mit den Turmkarten besser, doch Desna lächelte mir zu. Vielleicht spielten sie einfach nicht so wie wir unten im Süden. Sie bekamen nicht einmal mit, wie ich ihre Karten einsteckte, als ich ging. Ich streute damit noch Salz in die Wunden, das weiß ich, aber ich wollte einen genaueren Blick auf das hiesige Blatt werfen.

Die Aufmachung war anders als das, was ich bisher gesehen hatte, aber das war nicht ungewöhnlich. Im Laufe der Jahre hatte ich ein halbes Dutzend Variationen der Karten gesehen. Selbst in Cheliax verwenden die Wahrsager auf den Märkten sie für die Turmdeutung, und adlige Damen halten es für schick, sich über Kuchen und Likör ihre eigenen Menetekel zu legen. Mein alter Brötchengeber, Sandros der Schöne, verbot der Bocksherde das Spielen mit den Turmkarten, was er für unheilbringend, wenn nicht sogar für eine ausgemachte Gotteslästerung hielt. Er war übermäßig abergläubisch geworden nachdem er eine varisische Hexe um ihre Ersparnisse gebracht hatte und sich bald darauf langsam in etwas zu verwandeln begann, das einer Ziege ähnelte. Ich hatte ihn fast ein Jahr lang nicht mehr gesehen, aber wenn es irgendeine Gerechtigkeit auf der Welt gab, lief der verkommene alte Bastard mittlerweile auf allen Vieren und fraß aus Mülleimern.

Dadurch, dass er den Jungs das Spielen mit den Turmkarten untersagt hatte, machte er es unter uns nur beliebter. In den Jahren verbotener Glücksspiele in der Aalgasse hatte ich die unterschiedlichsten Turmkarten gesehen, sodass ich die vierundfünfzig Karten auswendig kannte. Trotzdem hatte ich noch nie eine gesehen, wie Malena sie mir gezeigt hatte. Das Motiv blieb mir wegen meiner Überraschung darüber lebhaft im Gedächtnis: Ein Mann, der ein Zepter hielt, eine Krone zu seinen Füßen, glühende Augenpaare an einem dunklen Hügel.

Ich wollte den Prinzipal fragen, ob er etwas über diese Karte wusste, doch er war mit seinen Gästen beschäftigt. Außerdem war er in letzter Zeit außergewöhnlich hochnäsig gewesen, und wenn man an seine Launen dachte, war ich nicht bereit, ihm von meiner Meinungsverschiedenheit mit den Sczarni zu erzählen. Ich würde einfach den nächsten Turmdeuter fragen, den ich traf. Es gab mindestens einen in jedem größeren Dorf in Ustalav.

Die Münze, die Malena mir gegeben hatte, war ein weiteres Rätsel. Das Gesicht des Mannes, der darauf abgebildet war, hatte etwas Bekanntes an sich. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich es schon einmal auf einem Gemälde oder in einem der Bücher aus der Bibliothek des Prinzipals abgedruckt gesehen hatte, doch das fühlte sich nicht richtig an. Es war, als wäre ich einmal jemandem begegnet, der wie der Mann auf der Münze aussah, doch die Erinnerung war in der Kindheit vergraben, die ich solange versucht hatte zu vergessen. Oder die Nebel von Ustalav beflügelten meine Vorstellungskraft.

Vor dem Aufbruch aus Caliphas hatte ich den Hufschmied bei den Ställen dafür bezahlt, ein Loch nahe dem oberen Rand von Malenas Kupfermünze zu stanzen und ein Lederband hindurchzuziehen. Seitdem trug ich sie wie einen Talisman um meinen Hals. Ich sagte mir, es sei ein Andenken, das mich an den Duft von Malenas Haar erinnerte, doch wenn es um Turmdeutung geht, bin ich nicht so skeptisch, dass ich nicht auf Nummer sicher gehen würde.

Die Lichter der Kutsche gingen an, als wir in ein dichteres Waldstück einfuhren. Selbst nach fünf Tagen war der Kutscher, Petru, von diesem Effekt noch immer überrascht, da er es gewohnt war, bei Dämmerung anzuhalten und an einem profanen Fahrzeug die Öllampen anzuzünden. Ich hoffte, der Prinzipal würde aus dem Inneren ein Auge auf ihn haben und die Lampen genau in dem Moment anzünden, wenn es ihn am meisten erschreckte. Doch das schien unwahrscheinlich, so wie der Prinzipal sich in letzter Zeit benommen hatte. Er wurde mehr und mehr wie jedes andere Mitglied dessen, was er als „Adelsstand“ bezeichnete.

Von meinem Ausguck auf dem Kutschendach aus entdeckte ich die Späher. Anton und Kostin ritten einige hundert Meter voraus und hielten auf der Straße nach möglichem Ärger Ausschau. Sie trugen ihre Armbrüste auf den Rücken gegürtet, also hatten sie nichts Außergewöhnliches entdeckt. Dimitru und Emil flankierten, wenn möglich, die Kutsche und ritten vor dem Gespann her, wenn das Unterholz neben der Straße zu dicht wurde. Grigor und Luka bildeten die Nachhut. Ich winkte dem Pferdedieb zu, zufrieden darüber, dass er sich nicht mit unserem besten Pferd davongemacht hatte. Zumindest noch nicht.

Zwischen dem Gepäck zu hocken war wesentlich bequemer als hinten an der Kutsche zu hängen, doch es führte mich in Versuchung, mich zurückzulehnen und ein Nickerchen zu machen. Selbst wenn ich hätte eindösen wollen, war das keine gute Idee, denn je höher wir ins Gebirge kamen, desto mehr Äste streiften das Dach. Nachdem ich nach der Armbrust gegriffen hatte, die ich neben der Kiste mit Munition untergebracht hatte, kroch ich nach vorne, um dem Kutscher auf die Schulter zu klopfen.

Petru schreckte auf, als ich ihn an der Schulter berührte, nickte mir dann aber zu. Als wir uns kennengelernt hatten, hatte er nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als er in mir die Höllenbrut erkannte. Im Dunkeln komme ich als Mensch durch, oder wenn die Kneipe voller Betrunkener ist, aber für die meisten ist es offensichtlich, dass ich nicht wirklich einer von ihnen bin. Nur wenige hatten es so ruhig aufgenommen wie Petru, erst recht in Ustalav.

Petru war ein außerordentlich gepflegter Varisier von dreißig oder vierzig Jahren. Trotz seiner bescheidenen Geldmittel trug er einen Zylinder mit bunten Pfauenfedern, die in der Krempe steckten. Sein langer Frack war sauber, und ich hatte ihn dabei beobachtet, wie er den Mantel bei jedem Halt ausbürstete, nachdem er sich um die Pferde gekümmert hatte. Er hatte einen fantastischen spitzen Haaransatz und faszinierende Augen, wie Schauspieler oder Magier sie haben. Nicola hatte ihn angeheuert, aber das wollte ich Petru nicht zur Last legen. Er rutschte herüber, um mir auf dem Bock Platz zu machen, doch ich schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn, die Pferde zu verschrecken.

„Wie weit noch, bis wir anhalten?“, fragte ich. Sein Gesicht war ausdruckslos. Ich hatte vergessen, dass er nur wenig Taldani sprach. „Viel weit?“, versuchte ich es in seiner Sprache.

„Hinter Brücke, zwei, drei Stunden. Nach Dunkelheit.“

Welche Freude, dachte ich bei mir. Kein Grund, guten Sarkasmus auf mein schlechtes Varisisch zu verschwenden.

Bevor ich wieder zurück kletterte, sah ich noch einmal nach vorn. Anton hatte angehalten und hob die Faust über den Kopf.

„Heda“, sagte ich zu Petru. Die Bedeutung war in beiden Sprachen die gleiche. Er zog die Zügel an, und die Kutsche wurde langsamer und kam zum Stehen.

Die Kutschentür öffnete sich, als ich hinunter sprang. „Was ist los?“, fragte Nicola.

„Bin nicht sicher“, antwortete ich. „Bleib in der Kutsche!“

Er schürzte die Lippen, bewies aber, dass er schlau genug war, meinen Anweisungen zu folgen.

Anton blieb, wo er war, als Kostin zu uns zurückgeritten kam. Ich kam ihm auf halbem Wege entgegen und ging nahe genug an den Pferden vorbei, um sie nervös zu machen.

„Ein Geräusch“, sagte Kostin. Seine knabenhafte Stimme strafte die Narbe um seinen Hals Lügen. „Fallender Baum.“

„Irgendwas gesehen?“

„Nein“, gab er zurück. „Aber Banditen blockieren manchmal Straße mit Baum.“

Ich pfiff laut genug, um die anderen Reiter zu mir zu rufen. Als sie ankamen, schickte ich Grigor los, um sich Kostin und Anton anzuschließen.

„Bleibt in Sichtweite der Kutsche“, sagte ich. „Wenn ihr irgendwas seht, kommt auf der Stelle zur Kutsche zurück.“

Anton salutierte zackig. Die Anderen nickten, und die drei ritten voraus.

Ich ignorierte Nicola, der seinen Kopf aus dem Kutschenfenster hängte, als ob ich ihm berichten sollte, kletterte zurück auf das Trittbrett und öffnete die Sprechklappe. Der Prinzipal hatte bereits sein Ohr nah an die Öffnung gelegt, sodass ich ihm zuflüstern konnte. Ich erklärte ihm, was wir wussten, und sagte: „Wir fahren vorsichtig weiter, alles klar?“

Er nickte und murmelte seinen Gästen eine beruhigende Variante meines Berichtes zu. Die Frau war ein Schatz. Bevor ich ihr jedoch zuzwinkern konnte, zog der Prinzipal die Klappe zu. Wahrscheinlich besser so. Diese Edelfrauen – sie können nicht genug von mir bekommen. Und ausgehend von dem, was ich von ihrem Vetter gesehen hatte, würde das nichts als Ärger bedeuten.

Wir fuhren verglichen zu vorher mit halber Geschwindigkeit weiter. Ungefähr alle zehn Minuten wandte Anton sich um und gab uns mit einem Winken zu verstehen, dass die Straße frei war. Beim vierten Mal hielt er wieder die Faust hoch. Anstatt Kostin zurückzuschicken winkte er mich nach vorne. Diesmal gab ich mir Mühe, den Kutschpferden aus dem Weg zu gehen, doch sie wieherten trotzdem und stampften mit den Hufen.

„Heulsusen“, murmelte ich.

Unter einem Wegweiser an der Straßengabelung gesellte ich mich zu Anton, Kostin und Grigor. Während mein aktiver Wortschatz mit jedem Tag anstieg, konnte ich doch nicht viel Varisisch lesen. Anton zeigte den rechten Weg hinunter, während er übersetzte.

„Die Senir-Brücke“, sagte er. Das war unser Ziel. Sobald wir den Fluss überquert hatten, ging es von Ulcazar aus abwärts und hinein nach Amaans. Anton zeigte auf den Weg, der nach Westen führte und auf dem quer eine mächtige Tanne lag. „Kloster vom Schleier“, las er laut vor.

Wenn der Prinzipal an diesem Punkt nicht vorhatte, uns mit einem Umweg zu überraschen, lag die Barriere uns nicht im Weg. Trotzdem war der Zeitpunkt verdächtig. Es konnte sein, dass uns jemand absichtlich auf einen bestimmten Weg lenken wollte.

„Gebt mir Deckung“, befahl ich. Anton wiederholte den Befehl für Kostin auf Varisisch. Ich raunte ihm zu: „Sag Kostin, wenn er mich aus Versehen trifft, werde ich ihm ordentlich den Arsch versohlen.“

Anton lächelte mich grimmig an, gab die Nachricht jedoch nicht weiter.

Ich verließ die Straße und machte einen Bogen, um zum Fuß des umgestürzten Baumes zu gelangen. Wie ich vermutet hatte, war er gefällt worden und nicht durchgefault. Und er hatte genau die richtige Größe an genau dem richtigen Ort, um ein Fahrzeug davon abzuhalten, den Weg zum Kloster einzuschlagen.

Zurück bei der Kutsche berichtete ich dem Prinzipal, was ich gesehen hatte. Er wusste, dass er mir nicht zu sagen brauchte, dass jemand uns ganz sicher dazu bringen wollte die Brücke zu überqueren. Der Wald war auf beiden Seiten viel zu dicht, als dass es sicher gewesen wäre, den Baum mit der Kutsche zu umfahren.

„Wie lange, um die Straße freizuräumen?“, fragte er. Wir hatten zwei Äxte in der Kutsche, aber keine Sägen.

„Ungefähr eine Stunde“, schätzte ich. Weniger, hoffte ich, aber es ist eine dumme Idee, mehr zu versprechen als man halten kann. „Wollt Ihr dort Rast machen?“

Der Prinzipal wandte sich an Kasomir. „Wie weit ist es bis zum Kloster?“

„Vielleicht sechs Meilen“, sagte der junge Adlige. Er zog die Schultern hoch und wandte die Handflächen nach außen. „Ich habe Landkarten gesehen, das Kloster aber nie besucht.“

Der Prinzipal wog vermutlich ab, ob es besser wäre, hier zu bleiben und die Straße freizuräumen, oder zu versuchen, das Kloster zu Fuß zu erreichen. Ein Blick in sein Gesicht sagte mir, dass er keine der beiden Möglichkeiten mochte, nicht mit Fräulein Tara unter seinem Schutz.

„Wir fahren weiter“, sagte er. „Höchste Alarmbereitschaft.“

Das brauchte er mir bestimmt nicht zu sagen, aber vielleicht dachte er, es würde Eindruck auf Kasomir machen und Tara beruhigen.

Ich kletterte wieder auf das Dach, damit alle Männer mich hören konnten, doch als ich mich umsah, zählte ich nur fünf.

„Wo ist Emil?“

Wir alle blickten zu den Bäumen. Sie waren um einiges finsterer, als ich es zu dieser Stunde erwartet hatte. Die dunklen Äste schluckten das Licht, das über die Berge kroch.

„Schaut“, rief Dimitri und zeigte nach vorn. Emils Pferd trottete aus dem Dunkel auf die Kutsche zu, warf dabei seinen Kopf hin und her und blähte stark die Nüstern. Die Augen des Tieres waren geweitet, der Sattel leer.

Kostin und Grigor riefen nach Emil, aber Anton und Dimitru sahen zu mir. Die Veteranen wussten genauso gut wie ich, dass er nicht zurückkommen würde.

„Vorwärts“, befahl ich. Ich nahm meine Armbrust auf und spannte sie. „Bleibt in der Nähe! Beobachtet den Wald!“

Petru ließ die Zügel knallen. Ich legte einen Bolzen gegen die Sehne und ging einen knappen Meter hinter ihm in die Hocke, bereit, an seine Seite zu springen, wenn wir den Pferden zusätzlich Ansporn geben mussten. Vor uns teilten sich die Bäume und gaben den Blick auf die Senir-Brücke frei, eine gewölbte Steinbrücke, die kaum breiter war als die Kutsche. Sobald wir drüben waren, dachte ich, konnten wir uns umdrehen und uns auf die Verteidigung konzentrieren.

Ungefähr da begann das Heulen.

Das Geräusch kam von beiden Seiten und von hinten. Die Erfahrung, die ich erworben hatte, als ich die Gassen des westlichen Egorian durchstreifte, sagte mir, was das bedeutete. Sie trieben uns vorwärts. Ich hob meine Armbrust und heftete meinen Blick auf die Straße vor uns: Wann würden die ersten Augenpaare aufglühen?

Grigor schrie. Ich drehte mich um und sah, dass sein Pferd vor dem, welches Luka geritten hatte, zurückscheute, da es laut wieherte und auf den Rücken fiel. Dahinter, in der Düsternis kaum zu erkennen, zeichnete sich eine dunkle, rote Spur auf der Straße ab. Aus den Augenwinkeln sah ich einen verschwommenen Schatten im Wald verschwinden. Grigor brachte sein Pferd wieder unter Kontrolle und trieb es auf die Kutsche zu, da er nicht gewillt war, allein die Nachhut zu bilden.

Wieder hörten wir den Schrei eines Mannes und eines Pferdes. Vor uns schoss Anton mit seiner Armbrust auf einen grauen Wolf, der Kostin aus dem Sattel gerissen hatte. Es sah wie ein Treffer aus, doch der Wolf, dessen Kiefer rot vom Blut waren, wich nur von der Straße zurück und bereitete sich auf einen weiteren Angriff vor. Die Kutsche machte einen Satz, als sie über Kostins zerrissenen Körper hinweg raste. In der kurzen Zeit, die es brauchte, um es zu beschreiben, hatten sie die Hälfte unserer Wächter erledigt. Das waren keine gewöhnlichen Wölfe, und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich der Grund für ihren Angriff war.

„Seht!“, schrie der Kutscher und deutete mit seiner Peitsche nach links. Mein Kopf ruckte herum und ich sah zwei Wölfe, die neben der Kutsche her rannten. Einer lief auf den Hinterbeinen wie ein Sprinter. Anstelle von Pfoten hatte er menschliche Hände, die eine Armbrust hielten, die er einem der gefallenen Wächter abgenommen hatte. Dieses beunruhigende Detail lenkte mich von einer anderen merkwürdigen Sache ab, die ich gerade bemerkt hatte: Der ausgestreckte Arm des Fahrers war nackt. Als ich mich wieder zu ihm umwandte, sah ich, dass er gänzlich nackt war, abgesehen von dem hohen Hut. Er ließ die Zügel und die Peitsche los und drehte sich zu mir um. Ich sah nicht Petru, sondern das grinsende Antlitz von Vili, dem Sänger der Sczarni.

Er schlug mir die Armbrust aus der Hand, gerade als ich den Abzug betätigte. Der Bolzen verschwand zwischen den Bäumen. Ich drückte mich nach vorn, um ihn von der Kutsche und unter die Räder zu schieben, doch er veränderte die Gestalt, während er sich wand. Als er aufstand, brachte er mich zu Fall und drückte mich gegen das Dach, während seine Grimasse sich zu geifernden Kiefern verbreiterte. Ich hieb ihm die Armbrust ins Maul, doch er riss sie mir aus der Hand und schleuderte sie davon.

Vili, nun ein Halbwolf, auf dessen nackter Haut sich neues Fell aufstellte, ging in die Hocke – nicht um zuzuschlagen, sondern um in Deckung zu gehen. Zu spät bemerkte ich, dass er mich übertölpelt hatte. Ich hörte eine Sehne einrasten, gerade als ich mich umdrehte, und sah, dass der Wolf mit den Menschenhänden auf mich zielte.

Ich holte mit meinem linken Arm aus. Desna lächelte, denn ich fing den Bolzen. Doch dann lachte die Göttin auch, denn das Geschoss steckte bis zur Feder in meiner Handfläche. Meine Hand war so gut wie unbrauchbar, doch zumindest war die silberne Spitze knapp vor meiner Brust aufgehalten worden.

Jemand rief meinen Namen, aber ich konnte nicht sagen, ob es einer der Wächter oder jemand aus der Kutsche war. Mit einem Satz erreichten wir den Rand der Senir-Brücke. Ich wäre vom Dach gestürzt, hätte Vili mit seinem Maul nicht meinen gesunden Arm gepackt. Er biss zu – hart.

Der Schmerz überzog die Welt mit Blut. Alles, was ich sah, war rot und schwarz. Ich schrie in Vilis halb hundeartiges Gesicht, doch er schreckte nicht länger vor dem Anblick meiner Zähne zurück. Seine Klauen durchschnitten von beiden Seiten die Luft, doch ich blockte sie mit den Ellenbogen ab. Mit einem meiner Sporen erwischte ich ihn am Arm, und er winselte – doch sein Maul blieb geschlossen, mein Arm saß fest. Seine Kiefer hätte genauso gut ein eiserner Schraubstock sein können.

„Radovan“, schrie der Prinzipal. Die Kutschentür öffnete sich, doch als die Kutsche sich in diese Richtung neigte, riss Vili mich wieder in die andere. Die Räder der Kutsche schlugen hart auf – Funken sprühten, als der Stahl auf den Stein der Brücke krachte.

Ich hatte keine Zeit, dem Prinzipal zu antworten. Ich konnte kaum meine Eingeweide vor Vilis Klauen schützen. Das Messer an meinem Rücken war nicht zu erreichen, genauso wie jene in meinen Stiefeln und Ärmeln. Der Werwolf brauchte nur noch zwei oder drei Mal mit dem Kopf zu rucken, und von meinem rechten Arm würde nichts anderes übrigbleiben als zerfetzte Sehnen. Meine linke Hand war noch immer von dem Armbrustbolzen gelähmt, und ich konnte nur noch zusehen, dass ich mich damit nicht selbst erstach.

Was mich auf eine Idee brachte.

Ich konnte meine Hand kaum spüren, ballte sie jedoch zu einer lockeren Faust und schlug aus der Hüfte heraus zu. Wir schrien gemeinsam auf, als der versilberte Bolzen in Vilis Unterkiefer, durch meinen Arm zwischen seinen Zähnen hindurch drang und schließlich das Gehirn des Werwolfs durchbohrte.

Dies hätte ihn auf der Stelle töten sollen, doch noch einmal stieß sich Vili mit den Beinen ab und warf uns vom Dach der Kutsche. Wir flogen an einem steinernen Gargyl vorbei, der auf einem Brückenpfeiler ruhte, so nahe, dass ich die Hand nach ihm hätte ausstrecken können, wenn nicht beide Arme an meinem Feind festgenagelt gewesen wären. Mit dem Gesicht nach unten hatte ich einen schönen Ausblick auf das schwarze Band des Flusses unter uns. Mein Bein streifte das Geländer, als wir hinüber fielen. Wir taumelten, und die Zeit wurde langsamer, während wir hinabstürzten. Zwei rote Sterne glänzten unter der Brücke, und eine orangefarbene Blüte öffnete sich, wo die Kutsche gewesen war.

Das Letzte, was ich sah, waren die Türen der roten Kutsche, die, umringt von einem feurigen Glorienschein, hinter mir ins Wasser fielen. Dann spürte ich die kalte Hand Pharasmas, die mich schlug wie ein Neugeborenes kurz vor dem ersten Schrei.

Kapitel fünf

Weidenweh

Ich konnte mich schon immer an jeden Traum erinnern.

Als Kind unterhielt ich meine Mutter und die Dienerschaft am Frühstückstisch, indem ich meine Schlummerfantasien nacherzählte, die mich zwei- oder dreimal pro Woche besuchten. Zu meinem siebten Geburtstag schenkte meine Mutter mir ein Tagebuch, gebunden in blaues Eidechsenleder, das knisterte, wenn ich meinen Finger über den Umschlag gleiten ließ. Sie bat mich, meine Schlafvisionen darin festzuhalten, die, wie sie mir sagte, Gaben der Göttin Desna waren. Zu meinem nächsten Geburtstag hatte ich die dreihundert Seiten gefüllt, und sie schenkte mir ein weiteres. Und so fuhren wir bis zu ihrem Tod fort, nach welchem ich meine Traumtagebücher zusammen mit dem letzten Rest meiner Kindheit beiseite schob. Auch wenn ich sie nicht länger aufschrieb, während meines ganzen Erwachsenenlebens blieben mir meine Träume jedes Mal frisch und lebendig im Gedächtnis, wenn ich erwachte.

Daher war es merkwürdig, mit dem Wissen in einem großzügigen Bett zu erwachen, dass ich aus einem beeindruckenden, jedoch unbekannten Traum erwacht war. Verwirrt durch die nie gekannte Erfahrung, lag ich da und starrte auf den seidenen Baldachin. Eine ewige Jagdgesellschaft ritt die bestickten Ränder entlang. Männer folgten Hunden, die Hirsche verfolgten, deren Flucht Wölfe anzog, die wiederum die Männer verfolgten. Dann erkannte ich, dass ich im Haus des Grafen Lucinean Galdana geruht hatte.

Ich zog die Decken beiseite und entdeckte, dass ich meine eigene Schlafbekleidung trug. Ich stand auf und suchte meinen Körper nach Wunden ab, fand jedoch nicht mehr als einen Kratzer. Irgendeine verschwommene Lücke verzerrte meine Erinnerungen daran, wie ich diese Zufluchtsstätte erreicht hatte. Wir waren auf der Flucht vor den Wölfen auf der Senir-Brücke gewesen. Die Bestien hatten einige der Wächter von ihren Pferden gerissen. Radovan stand auf dem Dach, und ich wollte hinaufklettern, um ihm zu helfen, doch ich hatte gezögert, da ich meinen Wunsch, ihm zu Hilfe zu kommen, gegen meine Pflicht abwägen musste, Tara und Kasomir zu beschützen. Ich erinnerte mich daran, wie ich meine Hand an die Tür gelegt hatte, und da war ein Geräusch, doch dann … von da an fehlten meine Erinnerungen.

Wie viel Zeit vergangen war, wusste ich nicht. War es erst der nächste Morgen? Unwahrscheinlich, wenn man die Distanz bedachte, die wir noch zurückzulegen hatten, als wir angegriffen wurden. Die Morgensonne schien durch die Fenster, die nach Osten und Süden zeigten. Ein großes Feuer knisterte im Kamin.

Ein Feuer war auch auf der Brücke ausgebrochen. Dessen war ich sicher. Es hatte eine Menge Feuer gegeben.

Ich ging zu einem Spiegel neben dem Waschbecken. Abgesehen von einem Bluterguss an der Seite meines Kinns gab es keine sichtbaren Wunden. Die Verletzung schien frisch zu sein und war bei Berührung immer noch schmerzempfindlich. Als der dumpfe Schmerz abgeklungen war, wurde ich mir der nagenden Leere in meinem Magen bewusst. Ich hatte das Gefühl, tagelang nichts gegessen zu haben.

Der Krug enthielt klares Wasser, also füllte ich das Becken auf und wusch mir den Sand aus den Augen. Mutter hatte diese Ablagerungen immer „Desnas Fußspuren“ genannt. Warum konnte ich an diesem Morgen nicht aufhören, an meine verstorbene Mutter zu denken? Ich hatte sie vor so langer Zeit verloren und niemals wieder solch einen Verlust erlitten.

Wo war Radovan? Wo waren die anderen Mitglieder unserer Reisegesellschaft?

Eine Durchsuchung des unbekannten Zimmers förderte mein Gepäck zutage. Ich bemerkte, dass der Kleiderschrank aus Zedernholz meine gesamte Kleidung enthielt, und nicht nur die, in der ich gereist war. Am Boden des Schranks lagen die Taschen, die meine persönliche Habe und meine Bücher enthielten, darunter auch meinen kleinen, tragbaren Schreibtisch und dieses Tagebuch. Die Vorsehung lächelte mir zu, wenn auch nur kurz.

Ein zaghaftes Klopfen an der Tür unterbrach mich bei meiner Garderobe.

„Herein“, sagte ich.

Hinein schlüpfte eine kleine, junge Frau in den Farben der Galdanas, kornblumenblau und weiß. Sie war ungefähr fünfzehn Jahre alt und hatte genug Erfahrung im adeligen Haushalt, um zu versuchen, ihre Furcht zu verbergen, jedoch nicht genug, um damit Erfolg zu haben. Sie vollführte einen nervösen Knicks in dem Versuch, die Gebräuche aus dem Süden nachzuahmen, und starrte auf den Boden zu meinen Füßen.

„Was gibt es, Mädchen?“

„Mein Herr, ich bin hergeschickt worden, um mich um Eure Bedürfnisse zu kümmern.“

„In der Tat“, sagte ich und musterte sie. Ich erinnerte mich ausreichend an die ustalavische Gastfreundschaft, um zu wissen, dass sie sich nicht großartig von der chelischen unterschied, was die Geschlechterrollen betraf. Wenn Nicola nicht verfügbar war, so wurde erwartet, dass der Gastgeber einen männlichen Diener schickte, um mir bei meiner Toilette zu helfen. Ein junges Kammermädchen mit einer solch mehrdeutigen Aufgabe zu betrauen, war eine Einladung zur Indiskretion. Selbst wenn der Graf ein Mann mit liberalen Moralvorstellungen war, war es doch keine geringe Kränkung anzunehmen, ich würde seine Indiskretionen teilen.

„Wie ist dein Name?“, fragte ich.

„Anneke“, antwortete sie mit einem weiteren Knicks.

„Anneke, ich wünsche, mit deinem Herren zu sprechen“, sagte ich, wohl wissend, dass sie nicht in der Lage sein würde, meine Fragen zu beantworten. Auch meldete sich mein Magen mit einem peinlichen Zwischenruf zu Wort. „Außerdem wünsche ich, mein Frühstück einzunehmen.“

Sie vollführte unnötigerweise erneut einen Knicks. „Mein Herr, der Herr Kasomir ist in Kavapesta“, sagte sie. „Und die Herrin Tara verbleibt in ihren Gemächern.“

„Was ist mit Graf Galdana?“

„Er ist seit den letzten fünf Wochen fort, mein Herr“, antwortete sie. Nach einem Augenblick des Zögerns fügte sie hinzu: „Und zwei Tagen.“

„Wann wird er zurückerwartet?“

„Mir wurde gesagt, dass er vor dem Schnee zurückkehren soll, wie es seine Gewohnheit ist.“

„Seine Gewohnheit?“

„Seine Exzellenz jagt jeden Herbst in den westlichen Tälern.“

Ich erinnerte mich, in Caliphas einige Gerüchte über diese Verschrobenheit gehört zu haben. Unter Galdanas Standesgenossen gab es einige Debatten darüber, ob seine Expeditionen in die am wenigsten bewohnten Gebiete seiner Grafschaft Zeichen einer ungewöhnlichen Hingabe für seine Untertanen, schlichtweg Naivität oder Wahnsinn waren. Selbstverständlich war für gewisse Adlige in Ustalav der Unterschied zwischen diesen drei Möglichkeiten sehr gering.

„In diesem Fall“, sagte ich, „schicke den Hausdiener in den Speisesaal.“

„Ja, Exzellenz.“ Sie neigte kurz den Kopf und verschwand geduckt zur Tür hinaus.

„Einen Moment“, sagte ich und zog meine Stiefel an. „Du musst mir den Weg zeigen.“

Einen Augenblick lang waren ihre Gesichtszüge vor Überraschung leer, als sich unsere Augen trafen. „Natürlich, mein Herr.“

Sie führte mich durch das unbekannte Haus. Als wir die Stufen ins Erdgeschoss hinuntergingen, entdeckte ich draußen einen Mann. Er trug schwere Handschuhe und hatte ein langes, feuchtes Halstuch um sein Gesicht geschlungen. Er kniete neben einer gestürzten Nachtschwalbe und legte sie in einen Leinensack. Bevor er aufstand, vollführte die Spitze seines Daumens die Spirale der Pharasma über seinem Herzen.

Ich hielt neben dem offenen Fenster inne und beobachtete ihn, wie er seinen Rundgang um das Haus fortsetzte. Zwanzig Schritte weiter kniete er sich erneut nieder, um einen weiteren toten Vogel aufzuheben. Der Sack hing schwer an seiner Seite.

Neben mir zog Anneke verstohlen die Spirale der Pharasma über ihrem Bauch.

Ich nickte in Richtung des jungen Mannes im Hof und fragte: „Dein Ehemann?“

„Mein Ehemann!“, sagte sie. „Oh, nein, mein Herr. Ich bin nicht verheiratet.“

„Natürlich nicht“, sagte ich und verbarg meine Überraschung. Nun war meine unausgesprochene Frage die, ob das Kind, das sie trug, Graf Galdanas Bastard war.

Tara erwartete mich in einem von Sonnenlicht durchfluteten Speisesaal. Hinter ihr gaben mit Fenstern versehene Türen den Blick auf das östliche Panorama frei. Große, weiße Wolken zogen über den Himmel, und ihre Formen spiegelten sich im Fluss. Jenseits des Wassers, in der Ferne kaum auszumachen, lag die Stadt Kavapesta. Ich hatte sie noch nie von diesem Aussichtspunkt aus gesehen, doch ich erkannte die zwiebelförmigen Türme ihrer Tempel von einem früheren Besuch.

„Im Namen meines Vetters, des Grafen Galdana, heiße ich Euch in Weidenweh willkommen“, sagte Tara. Sie vollführte einen Knicks in der Art meines Landes, jedoch tiefer, als ich es seit meinem letzten Besuch im Ballett gesehen hatte. Da ich wusste, dass ihre Standesgenossen in Caliphas bestrebt gewesen sein mussten, ihr die Bräuche auszutreiben, die sie in Vudra gelernt hatte, rührte mich diese Geste. „Wir schulden Euch unser Leben, Euer Exzellenz.“

Ich erwiderte ihre Höflichkeit mit einer förmlichen Verbeugung. „Obgleich mich nichts mehr erfreuen würde, als zu wissen, Euch bei Eurer sicheren Ankunft unterstützt zu haben, bin ich ratlos, was die Einzelheiten betrifft.“

Tara verzog ihr Gesicht zu einer hübschen kleinen Grimasse und blickte auf eine Stelle oben auf meinem Kopf, obwohl ich dort keine Wunde fühlte. „Das haben wir befürchtet, Euer Exzellenz.“

Ich hob eine Hand. „Bitte“, sagte ich. „Erweist mir die Ehre, mich mit meinem Vornamen anzusprechen: Varian.“

Sie vollführte einen weiteren Knicks, wiederholte meinen Namen jedoch nicht. So sehr ich ihre gute Erziehung auch schätzte, meine eigene war über die Jahre etwas abgenutzt, und ich hatte für einen Morgen genug Höflichkeit ertragen.

„Wo sind meine Bediensteten?“, fragte ich.

Sie wandte den Blick ab, und ich kannte die Antwort, bevor sie sie mir gab. „Ich bedauere, Euch mitteilen zu müssen, dass sie nun auf Pharasmas Acker liegen.“

„Allesamt?“ Die Frage blieb mir in der Kehle stecken.

„Die Männer des Grafen haben nicht alle Eurer angeheuerten Wächter gefunden“, sagte sie, erbleichend. „Das heißt, ihre Leichen. Doch Kasomir sagte mir, Eure Diener seien bei einem Dorf nahe der Senir-Brücke beigesetzt worden.“

Eine kalte Schwere legte sich bei dieser Nachricht über das Gespräch, und ich bereute die Ungeduld, die mich veranlasst hatte, die junge Frau über ein solch unangenehmes Thema zu befragen. „Vergebt mir“, sagte ich. „Ich sollte diese Angelegenheit mit Kasomir besprechen. Man sagte mir, er sei in der Stadt.“

„So ist es, Euer … Varian“, verbesserte sie sich. „Bei unserer Rückkehr erfuhren wir, dass Kavapesta von einer Seuche heimgesucht wird. In Abwesenheit seines Onkels hat Kasomir den Fluss überquert, um sich mit den Herren der Stadt zu beraten. Er wird noch vor Einbruch der Nacht zurückkehren.“

„Ich verstehe.“ Zweifellos hatten die unangenehmen Geschehnisse ihre schwache Konstitution bereits angegriffen, sodass ich, trotz meiner aufgewühlten Emotionen, nicht weiter in sie drang. Der Hausdiener ersparte es mir, ein unverfänglicheres Thema zu suchen, indem er, gefolgt von anderen Bediensteten, die abgedeckte Mahlzeiten auf einem Tablett trugen, hereinkam. Der Hausdiener half Tara dabei, Platz zu nehmen, und sie sagte: „Hab Dank, Felix.“ Er schob den Stuhl für mich zurück, bevor er den anderen Dienern die Speisen abnahm und sie vor uns platzierte. Er enthüllte sie gleichzeitig. Ein Trio von pochierten Eiern in Sahnesoße lag auf Dreiecken von geröstetem Brot neben gebratenen Kartoffeln, die mit Knoblauch und Rosmarin angemacht waren, und das Gericht war mit einem glänzenden Häufchen Hechtkaviar garniert. Es sah hervorragend aus, doch das Aroma kam mir seltsam vor. Tara genoss den Duft.

„Graf Galdana beschäftigt den besten Koch im westlichen Ustalav“, sagte sie. Sie hatte sich gezwungen, fröhlich zu klingen, doch ihre Augen waren schwer von Mitgefühl oder Erschöpfung oder vielleicht von ihrem eigenen Kummer. Ich fragte mich, ob sie ebenso viel Heimweh empfand wie ich, der nun der einzigen beiden Begleiter beraubt war, die ich aus Cheliax mitgebracht hatte. Sie spießte ein Ei auf eine silberne Gabel und kostete es, während sie ihre Augen vor Wonne schloss.

Die Bestätigung des Todes meiner Diener hatte mir den Appetit verdorben. Ich bereute es, Nicola in meine Dienste gestellt zu haben, um solch eine lange Reise zu unternehmen, nur damit er in einem fremden Land starb. Mir tat es auch um die Männer leid, die ich angeheuert hatte, um uns zu beschützen. Natürlich, sie waren Söldner gewesen und hatten das Risiko gekannt, aber sie waren immer noch menschliche Wesen, alles anständige Männer, soweit ich sie kennengelernt hatte.

Ebenso wie die Söldner hatte Radovan von dem Augenblick an, als ich ihn in meine Dienste nahm, gewusst, dass er eines Tages gezwungen sein würde, sein Leben zu geben um meines zu verteidigen. In den ersten Jahren unserer Zusammenarbeit hatte ich erwartet, dass dieser Augenblick jederzeit kommen könnte. Wir hatten gemeinsam viele Gefahren durchgestanden, und immer hatte er sich ohne Zögern zwischen mich und die Bedrohung gestellt. Meiner Sicherheit wegen hatte er Prügel, Messerstiche und sogar Verbrennungen davongetragen, die einen Leibwächter rein menschlichen Blutes in Brand gesetzt hätten. Ich hatte angefangen, ihn für unverwüstlich zu halten.

Nun konnte ich nicht umhin, mir die letzten Augenblicke seines Lebens vorzustellen. Hatten die Wölfe ihn geholt? Was war mit diesem Feuer, an das ich mich halb erinnerte? Es hatte ihn mit Sicherheit nicht getötet, da er sich in der Vergangenheit als ungewöhnlich widerstandsfähig gegen Feuer erwiesen hatte, selbst für jemanden mit teuflischer Herkunft. Dennoch bedeutet widerstandsfähig nicht ­immun, und er konnte durch ausreichend Hitze verbrannt werden, wenn sie zum Beispiel durch Magie entstand. Ich betete, dass er zumindest nicht sehr gelitten hatte, doch rückblickend schien es, dass er den Großteil seines Lebens damit zugebracht hatte auf die eine oder andere Art Schmerz zu ertragen. Er hatte ein aufrichtiges Herz, und auch wenn er es bisweilen zu leicht verschenkte, schien er die meiste Zeit in meinen Diensten glücklich gewesen zu sein.

„Ihr solltet Euren Hunger stillen, Varian“, sagte Tara. „Den Toten können wir nicht mehr helfen.“ Ich erkannte die Weisheit in ihrem Rat, obgleich ich sie nicht fühlte. Es war besser, für die Notwendigkeiten der Gegenwart zu leben, als im Schmerz der Vergangenheit zu versinken.

Ich erwiderte ihre Höflichkeit mit einem Lächeln, das ich nicht wirklich empfand, und nahm einen Bissen des Frühstücks dieses „besten Kochs im westlichen Ustalav“ zu mir. Er löste sich auf meiner Zunge auf wie verwesendes Fleisch, während seine Fäulnis meine Kehle hinunter und meine Nasenhöhlen hinauf drang. Ich schaffte es kaum, rechtzeitig die Serviette zum Mund zu führen, um mich selbst daran zu hindern, das üble Zeug zurück auf den Teller zu spucken.

„Exzellenz!“, keuchte Tara. Sie sah eher erstaunt als beleidigt aus. Ich wandte mich ab um ihr den Anblick zu ersparen, wie ich den Inhalt meines Mundes mit der vormals exquisiten Serviette wegwischte. Es reichte nicht aus, ihn von dem Geschmack zu befreien. Ich trank aus meinem Kelch, doch sofort verdarb die restliche Fäulnis das Wasser vollständig, sodass ich nicht zu schlucken wagte. Ich eilte durch die Glastüren hinaus und spuckte das scheußliche Zeug aus. Felix folgte mir mit einem weiteren Kelch und einem Mundtuch nach draußen. Schluck auf Schluck reinigte ich langsam meinen Mund, bis ich meinen Würgereflex unter Kontrolle gebracht hatte.

Ich drehte mich um, um eine Entschuldigung hervorzubringen, und sah, dass Tara sich zurückgezogen hatte, um mir weitere Beschämung zu ersparen. Trotz ihrer Güte erfüllte mich heiße Scham, die sich zu dem kalten Gefühl des Verlustes gesellte, ohne dieses auszugleichen. Felix stand diskret in der Nähe, bis ich ihn ansprach.

„Ich werde etwas frische Luft schnappen gehen“, sagte ich.

„Vielleicht wünschen Euer Exzellenz ein anderes Mahl?“, fragte er. Er nickte in Richtung eines mit Moos bewachsenen Pavillons in einem nahe gelegenen Hain. „Vielleicht in der Rotunde?“

„Etwas Obst wäre wohltuend“, antwortete ich. „Keine Eier.“

Felix verneigte sich und zog sich in Richtung des Herrenhauses zurück. Ich nutzte die Gelegenheit, mir die Beine am Ufer zu vertreten, entlang dessen sich dunkle Weiden dem Fluss zuneigten und ihre Flechten ins Wasser tauchten. Der Strom erzeugte die Illusion, die bewaldeten Inseln in seiner Mitte seien Boote, in denen die Helden der Ulfen beigesetzt wurden.

Nach Süden hin erhob sich düster das verfluchte Gebirge von ­Ulcazar. Ich würde diesen Ort auf ewig dafür hassen, dass er das Leben meiner Diener genommen hatte, besonders das Radovans. Abgesehen von seiner Verstimmung in letzter Zeit hatte unsere Zusammenarbeit lange gewährt und war größtenteils zum gegenseitigen Vorteil gewesen, obgleich ich vor diesem Tage nicht viele Gedanken daran verschwendet hatte. In den besten Zeiten sah ich in ihm mehr als nur einen Diener, doch die Ungleichheit unserer Herkunft machte eine Freundschaft natürlich unmöglich. Wenn ich doch nur von Anfang an die nötige Distanz gewahrt hätte, dann würde ich seinen Verlust jetzt nicht dermaßen betrauern.

Zu sterben, wenn man seiner angestammten Heimat so nahe gekommen war, schien eine besonders grausame Ironie des Schicksals zu sein. Ich hatte niemals das Heimatland meines Vaters in Kyonin besucht. Die Elfen heißen keine Halbblüter in ihren Landen willkommen, die sie selbst vor so langer Zeit verließen, bevor sie zurückkehrten, um sie erneut zu beanspruchen. Vielleicht hatte der Tod Radovan davor bewahrt, von seinem eigenen Volk zurückgewiesen zu werden.

Wie als Antwort auf meine Gedanken donnerte es in der Ferne. Weit im Westen braute sich eine Sturmfront über den Virlychbergen zusammen. So war es auch das letzte Mal gewesen, als ich diese gequälten Bergspitzen betrachtet hatte. Grausame Magie verheerte noch immer jenes verdorbene Terrain, die Echos von Zaubern, die einst ganze Legionen vernichtet hatten und nun die Seelen ihrer besiegten Feinde heimsuchten. Selbst durch ihren endgültigen Sieg konnten die Armeen der Menschen und Zwerge den Wispernden Tyrannen nur einsperren, nicht vernichten. Manche in Ustalav sagen, die Stürme seien seine Träume.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder meiner unmittelbaren Umgebung zu. Selbst an chelischen Standards gemessen war Gut Weidenweh ein großes und sehr altes Gebäude. Es war größtenteils aus behauenem, graublauen Sandstein erbaut, und seine Giebel aus grauem Schiefer verliehen ihm eine bestimmte Art von Pracht in einer ansonsten ländlichen Umgebung. Anders als bei den Gutshäusern im Süden verschmolzen seine Gärten unmerklich mit der sie umgebenden Vegetation und schienen an ihren spektakulärsten Punkten nichts weiter als glückliche Launen der Natur zu sein. Das Pförtnerhaus, die Quartiere der Dienerschaft, ein großer Stall und mehrere abgeschiedene Pavillons genossen alle den Schutz schattenspendender Bäume. Bestände von Pappeln, Eschen, Linden und Birken waren gestutzt, aber nicht in militärischer Ordnung umgepflanzt worden, wie es die Gewohnheit der Gärtner in Egorian war. Ich fand diese friedliche Übereinkunft zwischen Zivilisation und Wildnis höchst ansprechend, doch gab es eine auffallende Ausnahme zu dieser Regel: Im Nordwesten lag das außergewöhnlichste Heckenlabyrinth, das ich je gesehen hatte. Über seinen Abgrenzungen erhoben sich die Köpfe fantastischer Topiari. Unter den am nächsten stehenden entdeckte ich das Haupt eines Hirschbocks, eines Bären und eines grotesken Ogers. Solche Spielereien hätten mich in meiner Jugend verzaubert, und um ehrlich zu sein, ich empfand immer noch Freude daran, solche einfachen Irrwege zu erforschen, wenn ich auf ein Labyrinth stieß, das ich zuvor noch nicht gesehen hatte. Ich entschied, nach dem Frühstück einen besseren Aussichtspunkt von den westlichen Räumen aus aufzusuchen.

Meine Besichtigung führte mich an einigen Dienern vorbei, die für den Außenbereich zuständig waren. Zwei flachsblonde Burschen, offensichtlich Brüder, fegten das leere Kutschenhaus aus. Sie beobachteten mich aus den Augenwinkeln, überlegten wohl, ob sie ihre Kappen ziehen und mir ihre Aufwartung machen sollten. Ich entdeckte kein Anzeichen für eine Kutsche in dem Bauwerk und sorgte mich, was aus meiner geworden war. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Bekanntschaft wartete ich ungeduldig auf Kasomirs Rückkehr.

Hinter dem Kutschenhaus in einer Koppel richtete ein strammer Pferdeknecht zwei ausgezeichnete Hengste ab. Durch die offenen Türen des Stalles sah ich sechs weitere gleichsam herrliche Tiere im nächstgelegenen Flügel des L-förmigen Gebäudes. Ein Zwinger war außen angebaut worden, dessen Abschnitte von drei riesigen Hunden bewacht wurden, die mich musterten, als ich vorbeiging. Zwei von ihnen waren ausgewachsene, ustalavische Wolfshunde, die Brustkörbe so mächtig wie die von Doggen, jedoch mit längeren Beinen und einem dichten, grauen Fell. Beide hatten herunterhängende Schnauzer über ihren vierkantigen Mäulern, und ihre Ähnlichkeit mit bestimmten Adligen Ustalavs hätte etwas Lachhaftes gehabt, wäre meine Laune nicht so getrübt gewesen. Der dritte Hund war eine jüngere Verkörperung der älteren, dessen adultes Fell sich erst noch entwickelte und dem der Schnauzer seiner Eltern fehlte. Er würde beide übertreffen, wenn er erst einmal ausgewachsen war. Die Ohren des Welpen stellten sich auf, als bellende Laute vom Fluss her zu hören waren, wo seine Kameraden spielten. Nach einem neidischen Blick in ihre Richtung wurde er wieder wachsam und hielt seine Augen auf den Fremden gerichtet, der das Land seines Herrn durchstreifte. Ebenso wie seine Eltern ­würde auch er einmal ein Wächter werden.

Als ich meinen Rundgang beendet hatte, erwartete Felix mich in der nördlichen Rotunde. Er verneigte sich und rückte meinen Stuhl zurecht.

„Die Herrin Tara bat mich, Euch ihre Entschuldigung für ihre Abwesenheit mitzuteilen“, sagte er. „Sie hofft, Euer Spaziergang hat Euren Appetit wieder angeregt.“

„Richte ihr meinen Dank für ihre Rücksichtnahme aus“, antwortete ich und versuchte, nicht zu beklommen auszusehen, als er das Frühstückstablett und damit eine Ansammlung von Melonenscheiben, Beeren und dampfenden Brötchen aufdeckte. Felix sah zu, wie ich einen Bissen kostete. Er seufzte hörbar, als er bemerkte, dass ich zufrieden war.

„Perfekt“, sagte ich, als er eine Tasse Tee eingoss.

„Habt Dank, Exzellenz“, sagte er. „Gibt es noch etwas, das ich Euch bringen kann?“

„Nein“, antwortete ich. „Du kannst mir jedoch einige Fragen beantworten.“

„Natürlich, Euer Exzellenz“, erwiderte er. Ich konnte nicht umhin, einen Schatten des Widerstrebens über sein Gesicht huschen zu sehen.

„Wann erwartest du, dass der Graf zurückkehrt?“, fragte ich. „Und sage nicht ‚vor dem Schnee‘.“

Er nickte. „Wir erwarten, dass der Graf – genau wie der erste Hauch des Winters – innerhalb der folgenden Woche zurückkehrt. Vergebt mir, Exzellenz. Die Dauer der Herbstjagden meines Gebieters variieren von Jahr zu Jahr.“

Obgleich sie mich nicht zufriedenstellte, war die Antwort nicht schlechter, als ich es verdiente, der ich die Gastfreundschaft eines Herrn ausnutzte, der nicht einmal von meinem Besuch in Kenntnis gesetzt worden war. Dennoch gab es noch viel, was ich während seiner und der Abwesenheit seines Stellvertreters, Kasomir, in Erfahrung bringen konnte. „Erzähle mir von dieser Seuche in Kavapesta.“

„Herr Kasomir ist aufgebrochen, um mehr darüber in Erfahrung zu bringen, doch wie wir gehört haben, hat sie Dutzende befallen. Mehrere sind verstorben, doch die Priester der Pharasma haben die Würdigsten unter den Kranken gerettet.“

Er musste nicht klarstellen, dass unter den Geretteten die großzügigeren Geldgeber der Kirche waren. Wo auch immer die Priester ihre göttliche Heilung dem Volk zuteilwerden ließen, gab es immer dieselbe Hierarchie.

„Ich habe an diesem Morgen einen Mann die Körper toter Vögel aufsammeln sehen“, sagte ich.

„Odav, Euer Exzellenz“, sagte der Hausdiener. „Er ist der Gärtner meines Herrn Galdana.“

„Ja, ja“, gab ich zurück. „Aber mich interessiert eher der Grund, aus dem die Vögel gestorben sind.“

„Selbstverständlich. Vergebt mir, Exzellenz, aber ich kenne den Grund nicht. Es ist ein neues Phänomen.“

„Aber man nimmt an, dass es mit der Seuche zusammenhängt?“

Er hob die leeren Handflächen. „Vielleicht kehrt Herr Kasomir mit der Antwort auf diese Frage zurück, Euer Exzellenz. Bis dahin müssen wir jedwede kluge Vorsichtsmaßnahme ergreifen.“

„Ich verstehe“, sagte ich. „Habt ihr, abgesehen vom Einsammeln der toten Vögel, ansonsten keine weiteren Schritte unternommen, damit diese Seuche sich nicht verbreitet?“

„Euer Exzellenz, Fährfahrten sind untersagt, ausgenommen mit Erlaubnis durch den Bürgermeister oder, in Graf Galdanas Abwesenheit, Herrn Kasomirs. Die Bediensteten sind an Weidenweh gebunden, welches bisher noch nicht betroffen war.“

„Sehr gut“, sagte ich. „Wann ist unsere Gesellschaft angekommen?“

„Gestern Morgen, Exzellenz“, antwortete er. „Wenn ich es auch so verstehe, dass die Zeit, in der Ihr von der Senir-Brücke aus hierher gebracht wurdet, noch einen weiteren Tag betrug.“

„Das erinnert mich an etwas“, sagte ich. „Wo ist meine Kutsche?“

Das Gesicht des Hausdieners wurde bleich. Er zögerte mit der Antwort, doch auf meinen eindringlichen Blick hin sagte er: „Ich bedaure, Euch darüber in Kenntnis setzen zu müssen, dass das Fahrzeug zerstört wurde.“

Seine Worte trafen mich wie Pfeile. Die rote Kutsche war mein einziges materielles Erbe von einem Vater, den ich nie kennengelernt hatte, und, abgesehen von meinem Heim in Grünkirchen, die einzig verbliebene Verbindung zu meiner verstorbenen Mutter. Sie war weit mehr als nur ein Besitztum. Seit beinahe einem Jahrhundert war sie ein wichtiger Bestandteil meines Hausstandes gewesen. Sie hatte mich länger begleitet als jeder Freund, Verwandter oder Rivale. Sie war ein Teil von mir gewesen; ich spürte ihre Abwesenheit wie einen Riss in meinem Herzen.

„Wenn Euer Exzellenz allein zu sein wünschen“, sagte der Hausdiener, und sein Körper lehnte sich zurück, als wollte er die Flucht ergreifen.

„Nein“, brauste ich auf. „Was ist mit dem Wrack? Wo sind die Überreste?“

Es schien unmöglich, dass das Gesicht des Mannes noch weißer wurde, doch er erbleichte wie ein Gespenst, bevor er fast flüsternd antwortete: „Euer Exzellenz, ich weiß es nicht. Vielleicht ist sie mitsamt den Leichen Eurer Diener verbrannt.“

„Verbrannt?“

„Ja, Exzellenz.“

„Bist du dir auch sicher, dass die Leichen verbrannt wurden?“

„Ja, Exzellenz“, sagte er. „Sie sind verbrannt, und die Asche wurde über dem Fluss verstreut.“

Und somit wusste ich mit Sicherheit, dass jemand in Weidenweh mich anlog. Die Frage war: Warum?

Kapitel sechs

Das hässliche kleine Mädchen

Wisst ihr, was den Geist wirklich wach macht? Ich sag euch, was bei mir klappt: Mit dem Gesicht nach unten in einem Sarg aufzuwachen, der auf einem Haufen von mit Pech durchtränktem Holz liegt.

Meine klaustrophobischen Zuckungen schmolzen dahin wie Fett auf einem Bratspieß. Mein Rücken fühlte sich an, als hätte mir jemand heiße Steine unter die Haut genäht. Meine Beine konnte ich überhaupt nicht fühlen. Die Sporen an meinen Ellenbogen bohrten sich tief in die Seitenwände des Sarges, doch die Schnur, die meine Daumen zusammenhielt, riss nicht. Wenn ich mich weiter winden würde, würde ich bald meine Daumen abtrennen. Von diesen ausgehend hatte sich bereits eine Pfütze heißen Blutes auf meinem Kreuz gesammelt. Das Glühen des Feuers durchdrang die Ritzen des Sarges, und ich konnte sehen, wie das Holz schwarz wurde.

Ein kleines Feuer macht mir normalerweise nichts aus, doch dieses Mal befand ich mich in einem Ofen. Die Flammen prickelten in meinem Gesicht, und der Rauch stach mir in Augen und Nase. Wenn dies eine hypothetische Situation gewesen wäre, würde ich mich vielleicht fragen, ob die Flammen heiß genug würden, um mich zu verbrennen, bevor ich durch den Rauch erstickte.

Ich kann ohne beide Daumen leben, entschied ich. Stärker als vorher drückte ich meine Ellenbogen nach außen und hoffte, die Seitenwände des Sarges zu durchstoßen. Der Schrei begann bei meinen Daumen, raste nach oben, um in mein Gehirn zu springen, und entkam durch meinen Mund. Das einzig andere Geräusch, das ich hören konnte, war das Zischen und Knacken des Scheiterhaufens. Nach einem zweiten Ruck konnte ich nicht einmal mehr spüren, ob sich meine Arme bewegten. Ich roch den Gestank meines sengenden Haares und spürte ein Brennen über jedem Auge, dort wo meine Augenbrauen gewesen waren.

Mein Körper taumelte zur Seite, und kühle Luft strich über meinen linken Arm. Einen Augenblick später spürte ich den betäubenden Schmerz des auflodernden Feuers. Die orangenen Flammen befanden sich im Sarg. Meine Jackenärmel brannten, und als Letztes fühlte ich, wie sich meine Haut unter dem sich auflösenden Stoff zusammenzog. Ich versuchte zu blinzeln, doch mein linkes Auge war wie versiegelt.

Ich warf mich erneut herum, und der Sarg bewegte sich mit mir. Ich hörte eine Frau aufschreien. Ein entfernter Teil meines Gehirns hoffte, dass es nicht der Klang meiner eigenen Stimme war. Der Sarg bewegte sich schneller, drehte sich einmal und schlug mit einem splitternden Krachen auf dem Boden auf. Ich konnte nicht sagen, ob es die Bretter oder meine Knochen gewesen waren, die zersplitterten, doch ich schlug weiter um mich, trat und schrie.

Meine Hände flogen auseinander – mit oder ohne Daumen, wusste ich nicht zu sagen. Mein linker Arm drang durch das mit Splittern gesäumte Loch in der linken Seite des Sarges. Ich schob meine Hand durch die Splitter und hämmerte gegen den Deckel. Einen Augenblick lang war ich verwundert, als er aufflog und in verkohlte Stücke zerbrach, und sich dann vor dem Hintergrund des wolkigen Himmels auflöste. Ich rollte auf das kühle Gras und riss mir die brennende Jacke und das Hemd darunter vom Leib. Überall um mich herum schrien und riefen Leute durcheinander und rannten davon. Ich stemmte mich auf die Knie und blickte angestrengt durch die Gitterstäbe, die meine zusammengeschmolzenen Wimpern gebildet hatten.

Ich befand mich an einem Kreuzweg. Genau in der Mitte der Kreuzung befand sich ein rechtwinkliges Loch von ungefähr einem Meter achtzig Tiefe. Mein Grab.

Die Totengräber standen mit offenen Mündern neben einem Karren, an dem ein muhender Ochse angespannt war, der vor meinem Anblick zurückscheute. Der Stoff ihrer Kleidung war handgesponnene Wolle im Grau und Braun ärmlicher Bauern. Einige der Männer holten Werkzeuge vom Karren: Hacken, ein paar Schaufeln und eine Mistgabel. Warum hatten sie eine Mistgabel mitgebracht? Der Anblick löste ein Grollen im tiefsten Inneren meiner Brust aus. So einen Laut hatte ich noch nie von mir gegeben. Der Ochse stürmte davon.

Ich zeigte dem Mann mit der Mistgabel den Zinken, und ein warmer Spritzer Blut benetzte mein Gesicht. Ich starrte auf meine blutige Hand. Sie sah aus, als sei sie in einen Fleischwolf geraten, doch sie war noch ganz, mehr oder weniger. Eigentlich mehr. Meine Finger waren auf das Anderthalbfache ihrer normalen Größe angewachsen, und die kleinen Punkte auf meinen Knöcheln waren zu rauen Sporen geworden, ähnlich denen auf meinen Ellenbogen.

Der Schock des ersten Schlages klärte meinen Geist, wenn auch nicht meine Sicht. Ein langer, dunkler Stab tanzte vor meinen Augen. Er ragte aus meinem rechten Bein, wo die Zinken der Mistgabel meinen Oberschenkel durchstoßen hatten, doch was mich wirklich aufregte, war die Entdeckung des langen, knöchernen Stachels, der aus meiner Kniescheibe herausragte. Von meinen teuren Hosen waren nur noch Fetzen übrig, und darunter hatte meine Haut die Farbe geschmolzenen Kupfers angenommen. Ich hatte keine Zeit, den Zorn zu genießen, der sich in mir aufstaute, bevor ich ein grauenhaftes Heulen ausstieß.

Nein, das ist normalerweise nicht mein Ding, doch unter diesen Umständen fühlte es sich genau richtig an.

Vier der Dörfler kamen mit erhobenen Waffen auf mich zu. Sie gingen mit jedem Schritt geduckter und sahen winzig aus, obwohl sie allesamt Menschen waren, keine Halblinge. Ich riss die Mistgabel aus meinem Schenkel, packte sie knapp über den Zinken und schlug hart zu. Das Ende des Stiels krachte auf den Kopf eines Mannes und schlug ihn zu Boden, bevor er weiter fegte und mit voller Wucht die Wange desjenigen traf, der neben ihm stand. Eine Hacke wurde gegen meinen unverletzten Oberschenkel geschwungen, doch sie bewegte sich so langsam wie durch Wasser. Ich packte den Stiel und stieß sie zurück, wobei ich das Gesicht des Dörflers mit dem Knauf zu Brei schlug. Der Mann ließ die Waffe fallen und umklammerte seinen blutigen Mund.

Der Vierte machte einen Schritt zurück und glotzte blöd auf die Schaufel, die in seinen Händen vibrierte wie eine Stimmgabel. Erst da begriff ich, dass der Hurensohn mir damit auf den Schädel geschlagen hatte. Er tat mir fast Leid, als ich ihm mein breites Grinsen schenkte. Dem Mann wich alles Blut aus dem Gesicht. Er drehte seinen Kopf, als wolle er fliehen, doch stattdessen zuckte er nur komisch mit den Armen und fiel geradewegs in Ohnmacht.

Ich lachte. Der Laut donnerte über die Hügel und hallte in einem nahegelegenen Tal wider. So lache ich normalerweise nie. Niemand lacht so.

Die restlichen Dörfler flohen wie eine Herde aufgescheuchter Lämmer, und die meisten von ihnen rannten auf eine Ansammlung mit Stroh bedeckter Häuser am Fuße eines sanften Hügels nahe des Kreuz­weges zu. Ihr varisisches Geschrei hörte sich für mich größtenteils wie Kauderwelsch an, doch ich konnte die Worte „Teufel“ und „Monster“ ausmachen, und diese Bezeichnungen passten perfekt zu mir. Außerdem war da ein unbekanntes Wort, das sie ständig wiederholten: „Azra.“ Es war mir egal, ob es sich dabei um eine ortsansässige Halbgöttin oder ihre Bezeichnung für Pharasma oder Desna handelte. Ich fühlte mich so groß und mächtig, dass sie eine Göttin brauchen würden, wenn ich in das Dorf kam. Sie würden ein ganzes Dorf voller Totengräber brauchen, bevor ich erledigt war.

Ich rief ihnen Drohungen und Flüche nach. Meine Stimme war ungewohnt rau, und die Worte, die ich hervorbrachte, waren fremd. Die Sprache hörte sich bekannt an, doch ich erkannte meine eigenen Worte nicht, auch wenn ich sie irgendwie verstand. Es war nicht varisisch, und zur Hölle, es war bestimmt nicht taldani. Dann begriff ich, dass ich Infernalisch sprach – die Sprache der Teufel.

Im Gegensatz zum Prinzipal spreche ich nicht mehr als ein Dutzend Wörter in irgendeiner Fremdsprache. Vielleicht sprach ich jetzt mehr als hundert Wörter Varisisch, die mir die Wächter beigebracht hatten – die armen Schweine. Eigentlich sprach ich keine Sprache flüssig, außer Taldani, der Gemeinsprache des Imperiums und der vielen Länder, die es einst erobert und wieder verloren hatte. Trotzdem schnappt man in einer weltoffenen Stadt wie Egorian den Klang vieler Sprachen auf, sodass ich zum Beispiel den Unterschied zwischen der Sprache der Elfen und Zwerge unterscheiden kann. Und wenn man die Eigenheiten des chelischen Untergrunds bedenkt, war es nützlich gewesen, den Unterschied zwischen Infernalisch und Abyssisch zu kennen, als die Spur unseres letzten Auftrages uns zu den Kultanhängern beider Lager führte.

Ich muss ganz schön was auf den Schädel bekommen haben, dachte ich. Dann wurde mir aufs Schärfste der brennende Schmerz in meinem ganzen Körper bewusst, besonders in meinem Gesicht und in meiner Brust. Ich rieb mir die Augen, und meine Wimpern fielen in klebrigen Brocken herunter. Ich zwinkerte angestrengt, doch nur mein rechtes Auge öffnete sich. Ich versuchte, an meinem linken Augenlid zu ziehen, doch es war zugeschwollen. Ich gab auf, davon abgelenkt, wie lang meine Finger und Nägel gewachsen waren. Mein Blickfeld war noch immer verschwommen, doch das alleine reichte nicht aus, um die Verwandlung meines Körpers zu erklären.

Die Dörfler waren mittlerweile außer Sicht – zweifellos versteckten sie sich in ihren Kartoffelkellern. Vor mir rannten schwarze und rote Hühner über die matschigen Wege zwischen ihren Häusern davon, aufgeschreckt durch den Tumult. Schweine wühlten grunzend mit ihren Schnauzen den Matsch in ihren Pferchen auf, die, wie ich feststellte, zwischen den Häusern standen. Dreckige Bauern.

Hinter dem Dorf lag ein breiter, langsam fließender Fluss. Auf der gegenüberliegenden Seite erhoben sich bewaldete Hügel, die, wie ich aus der Position der verhüllten Sonne schätzte, im Süden lagen. Das hieß, ich befand mich im Westen, wo ich wahrscheinlich nicht sein wollte. Der Prinzipal – oder die Überreste des Prinzipals, begriff ich mit einem Übelkeit erregenden Gefühl in meiner Magengegend – musste sich weiter oben im Gebirge und auf der anderen Seite des Flusses aufhalten. Von diesem dreckigen kleinen Dorf aus konnte ich weder Brücken noch Berge sehen.

Ein Jucken an meiner rechten Hinterbacke erinnerte mich daran, dass meine restliche Kleidung noch immer schwelte. Ich schlug auf den Stoff und riss das meiste davon ab, als ich sah, wie viel Rauch und Flammen noch immer an mir leckten. Diese dummen Schweine­bauern hatten meine neuen Kleider ruiniert! Die Jacke allein hatte mehr gekostet, als einer dieser Dung werfenden Proleten in einem Jahr verdiente.

Dafür würde ich ihnen die Haut abziehen. Ich stapfte in das Dorf und wollte Blut sehen.

Die Türen und Fenster der Bauernhäuser waren fest verschlossen. Ich bemerkte, dass alle Türen rot angestrichen waren, vermutlich, um böse Geister abzuwehren, auch wenn ich daran zweifelte, dass sie mich aufhalten würden. Unter den geschlossenen Fensterläden hingen Blumenkästen, in denen die letzten Blüten des Jahres schlaff herabhingen. Ich zerschmetterte einige, als ich vorbeiging. Vielleicht würde das ihre Aufmerksamkeit erregen.

Sofort fühlte ich mich wie ein Idiot, wie irgendein besoffener Vandale. Als ich einen Moment innehielt, um nachzudenken, wusste ich nicht mehr genau, was ich tun sollte. Ich war niemals so wütend gewesen, und das war merkwürdig. Ich hatte mehr als einmal unter Gewalttätigkeiten gelitten, doch seit ich vier Jahre alt war, verstand ich, auf meine Rache zu warten. Seitdem war ich jeder Beleidigung mit einem kühlen Kopf begegnet. Wenn sie mich heute nicht töteten, konnte ich mich morgen von hinten heranschleichen. Wenn diese Bauern nur Taldani sprächen, könnte ich zumindest aus einem eine Erklärung herausprügeln. Vielleicht beherrschte ich ja genug Varisisch, damit es klappte. Der Trick bestand darin, einen in die Finger zu bekommen, ohne ihn umzubringen.

Das genügte als Plan, und die Vorstellung, irgendetwas tun zu können, beruhigte mein pochendes Herz. Das nächststehende Haus würde ausreichen. Ich langte nach dem Türgriff, und dann sah ich das hässliche kleine Mädchen.

Sie saß ohne Sattel auf einem scheckig weißen Esel am anderen Ende dessen, was als Hauptstraße durchging. Unter einer Schicht Straßenstaubs war ihre Kleidung wesentlich bunter als die der Dörfler. Ihr annähernd braunes Haar bildete eine wirre Haube, unter der nur die sommersprossige Spitze ihrer Nase und das halb verdeckte Glühen ihrer hellblauen oder grauen Augen zu sehen waren. Sie blickte mich mit einem ruhigen Gesichtsausdruck an, den ich verdammt irritierend fand.

„Was guckst du so?“, fragte ich, doch noch immer beherrschte etwas anderes meine Stimme und Sprache. Ich hatte das Bedürfnis nach dem Bauchredner Ausschau zu halten, der sich hier auf meine Kosten amüsierte.

Das Mädchen runzelte die Stirn, als es mich hörte. Sie gab den Flanken des Esels einen Tritt, doch das Tier ließ seine langen Ohren mit den schwarzen Spitzen hängen und wollte sich nicht vom Fleck rühren. Seine Augen bekamen bei meinem Anblick weiße Umrandungen. Mit einem Seufzer stieg das Mädchen ab und rannte auf mich zu, einfach so. Sie zögerte nicht. Sie war barfuß, die Sohlen ihrer Füße schwarz und ledrig. Sie trug keine Waffe, doch als sie auf ungefähr drei Meter an mich herangekommen war, tauchte sie eine Hand in einen Beutel an ihrer Hüfte – mindestens ein Dutzend kleiner Beutel hingen an dem weiten Lederkleid – und zog eine Linie feiner weißer Asche über den Boden. Sie trat einen Schritt zurück und machte mir ein Zeichen, auf sie zuzukommen, die Linie zu überqueren.

Klar doch, dachte ich. Für wie dumm hältst du mich? Ich ging um die Linie herum und lächelte ein wenig, als ich die Verwirrung in ihrem Gesicht sah. Ich erkannte nun, dass es kein Mädchen, sondern eine Frau war. Ihre winzige Gestalt und der allgemeine Mangel an Körperpflege verliehen ihr das Aussehen eines Straßenkindes.

„Azra“, schrie eine Frau aus ihrem Versteck in einer der Hütten. „Hüte dich vor dem Teufel!“

Wenigstens konnte ich einen vollständigen Satz auf Varisisch verstehen. Ich knurrte der versteckten Sprecherin meinen Dank zu, bevor ich mich wieder Azra zuwandte. Was war sie? Die Hexe des Dorfes? Die ortsansässige Irre? Sie hatte keine Ahnung, was ihr bevorstand.

Ich machte einen Schritt vorwärts, nur um ihr einen kleinen Schrecken einzujagen, doch sie war zu flink. Sie wirbelte mit einer Geste herum, die mich kurz an Malenas Tanz auf dem Markt von Caliphas erinnerte. Diese varisischen Frauen verstehen es wirklich, wie man tanzt. Genau wie ich.

Als ich nach ihrem Arm griff, kam ich ihr so nahe, dass ich nicht bemerkte, wie sie einen Kreis aus Asche um sich zog, als sie sich wegbewegte. Ich hatte nicht nur die Linie überschritten, sondern auch meinen Fuß genau auf die Aschenbarriere gesetzt. Ich zuckte zusammen, weil ich eine Mauer aus magischer Energie erwartete, die mich einfrieren oder mich dazu bringen würde, unkontrolliert zu zucken, doch nichts geschah, abgesehen davon, dass Azra davontanzte und mit einer Faust an der Hüfte stehenblieb. Sie sah mich an wie ein Gärtner, der zwischen dem Kohl einen Maulwurfshügel entdeckt hat.

Hinter mir hörte ich das langsame Quietschen einer Türangel. Ich drehte mich um und sah die Spitze einer Armbrust aus einem Fenster herausragen.

„Wenn du damit auf mich schießt“, sagte ich, „schiebe ich dir das Ding so tief in den ...“ Es hatte keinen Sinn, irgendjemandem zu drohen, nahm ich an. Niemand verstand auch nur ein Wort von dem, was ich sagte.

Ich grübelte eine Sekunde, ob ich das Fenster angreifen oder einfach aus seinem Blickfeld verschwinden sollte, doch dann stieß Azra eine Reihe lauter, kurzer Schreie aus, die bestimmt kein Varisisch, vielleicht nicht einmal eine Sprache waren. Ich blickte kurz zu ihr herüber und sah, wie sie den Mann zurück in das Haus scheuchte und ihren Kopf schüttelte: „Nein.“ Der Schütze ließ seine Armbrust sinken, zog die Läden zu und ließ sie nur gerade so weit offen, dass er die Konfrontation beobachten konnte.

Was jetzt? Ich sah zu, wie Azra einen Fingerknöchel in ein kleines Töpfchen tauchte, das sie aus einem anderen Beutel an ihrem Gürtel gezogen hatte. Sie rieb sich das Zeug in die Augen, blinzelte und starrte mich an.

Ich mochte diesen Blick nicht. Ich hatte das Gefühl, als würden meine Kronjuwelen heraushängen. Mir wurde klar, dass das sogar der Fall sein konnte, prüfte es rasch nach und sah, das genug von meiner Hose übrig war, um mir wenigstens ein bisschen Sittsamkeit zu erhalten. Trotzdem, irgendetwas daran, wie diese zerlumpte Kräuterhexe mich ansah, ließ in mir das Gefühl aufkommen, dass sie etwas in meinem Inneren sah, vielleicht etwas, das ich nicht sehen konnte. Es war weit mehr als lästig – es brachte mich geradezu in Rage.

Ich beugte mich vor, sodass mein Gesicht ganz dicht vor ihrem war, und öffnete meinen Mund, um zu sprechen, doch bevor ich nur eine Silbe herausbringen konnte, hob sie den Arm und schlug mir mit der Handfläche gegen die Stirn.

Der Schlag war viel härter, als ich erwartet hatte, doch es war die Überraschung, nicht der Stoß, die mich einen Schritt zurücktreten ließ. Als sie die Hand zurückzog, lag ein Klumpen einer grün-­grauen, klebrigen Masse in ihrer Handfläche. Ich spürte etwas Breiiges auf meiner Braue und hob eine Hand, um es zu berühren. So etwas wie ein Stück Pergament klebte daran, doch meine Finger bekamen es nicht zu fassen. Sie fühlten sich dick und taub an, und eine Sekunde später hatte sich das Gefühl bis in meine Arme ausgebreitet.

Ich machte einen weiteren Schritt, torkelte wie ein Betrunkener und stolperte nach vorn. Es ging abwärts. Ich konnte es fühlen, und ich musste von dieser Frau – dieser Azra – wegkommen, bevor ich ihr ausgeliefert war.

Ich rannte an ihr vorbei, schneller als je zuvor, und sprang bei jedem Schritt mehr als einen Meter weit. Am anderen Ende des matschigen Weges entdeckte ich einen kleinen Planwagen, auf dessen Seitenwänden bunte Bilder von Wild eingeritzt waren, das unter einem mit Sternen übersäten Himmel davonrannte, während der Mond auf sie herab lächelte und Wölfe aus den Schatten der Bäume hervorkrochen. Ich musste lachen. Nicht zum ersten Mal sympathisierte ich mit dem Wild.

Hinter mir riefen die Dörfler aus den Fenstern, und Azra antwortete ihnen mit Gejohle und Grunzlauten. Wenn ich es nur bis in die Wälder schaffen könnte, wäre das Schlimmste, was passieren konnte, dass ich sterben und mich die Wölfe verschlingen würden. Das musste das kleinere Übel sein.

Ich rannte um den Wagen herum, eingedenk dessen, dass der Schütze vielleicht Azras Befehl nicht befolgen und doch schießen würde. Dort stolperte ich geradewegs über den weißen Esel, der aufschrie und lauthals iahte. Er bockte und drehte sich in zwei merkwürdigen Hopsern vollständig um, was aus der Entfernung urkomisch aussehen musste. Ich versuchte, zur Seite zu springen, doch der Esel war schneller. Er riss die Hinterhufe hoch und trat nach mir.

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit fühlte sich der Schlag so hart an wie das Ende der Welt.

The free sample has ended.

$7.83

Genres and tags

Age restriction:
0+
Volume:
432 p. 4 illustrations
ISBN:
9783867622783
Publishers:
Translator:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books