Read the book: «Traugott»

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Alle Charaktere in diesem Buch sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

eBook (1. Auflage Printversion Oktober 2015)

Deutsche Ausgabe: © EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.

Gesamtherstellung: Diana Schulz

Covergestaltung: Raphaela Näger

Coverbild: ©Veronika Galkina, Fotolia

Lektorat: Angelika Funk

ISBN: 978-3-937883-75-5

www.echnaton-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Copyright

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

DANKE

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Danielle Willert

Traugott

Prolog

Der Name Traugott klingt seltsam und altmodisch. Heutzutage wird kaum noch ein Kind Traugott genannt.

Jedenfalls kenne ich persönlich außer Traugott niemanden, der so heißt. Obgleich mancher alte Vorname heute wieder sehr en vogue ist – da brauche ich nur an meine Tante Emma oder meine Freundin Florentine zu denken –, gehört der Name Traugott zu jenen Raritäten, die zwar noch im Namensverzeichnis zu finden sind, aber in der Beliebtheitsstatistik männlicher Vornamen nicht vorkommen. Weitere Träger dieses Namens konnte ich nur virtuell ausforschen. Die meisten hatten im 18. Jahrhundert gelebt.

Ich glaube, dass der Name uns deshalb so ungewöhnlich erscheint, weil Gott aus der Mode gekommen ist. Traugott ist der gleichen Ansicht, aber gerade deshalb liebt er seinen Namen. »Der Mode kann man zwar nur schwer entkommen, aber man kann ruhig auch gegen den Strich bürsten«, behauptete er einmal schmunzelnd. »Außerdem vergisst man meinen Namen nicht so schnell: Man hat ein passendes Thema für Smalltalk und man braucht ihn nicht zu buchstabieren!«

Der Name begleitet einen ein Leben lang und Traugott ist sogar davon überzeugt, dass sein Name ihn wie ein Schutzwall umgibt. Er bedeutet nichts weniger als: Vertraue in Gott. Seine Eltern legten ihm einen wegweisenden Wunsch mit in die Wiege: Vertraue! Und wenn ein Mensch diese Qualität im Laufe der Jahre ganz verinnerlicht, um in weniger guten Zeiten daraus Kraft und Energie zu schöpfen, ist dies doch das Wertvollste, das man seinem Kind mitgeben kann!

Wer könnte das besser erzählen, als jemand, der schon ziemlich lange damit lebt? Somit ist Traugott von klein an Träger einer ganz bestimmten Vorstellung von sich selbst und von Möglichkeiten, die ihm sein Name zuschreibt. Traugott – nomen est omen – vertraut dem Leben. Er ist überzeugt davon, dass alles, was das Leben einem offenbart, aus einem ganz bestimmten Grund geschieht ‒ auch wenn man diesen anfangs noch nicht erkennen kann. Er glaubt daran, dass jede Begegnung eine geheime Verabredung der Seele ist, in die wir nur nicht bewusst eingeweiht wurden, und dass jeder Mensch bei der Geburt sein persönliches Rüstzeug mitbringt, damit er alle Herausforderungen meistern kann, die das Leben für ihn bereithält.

Traugott hat noch nie mit seinem Schicksal gehadert. Er ist überzeugt davon, dass Gott viele Geschenke macht. Einige davon verpackt er in Probleme, andere in kleine und wiederum andere auch in große Herausforderungen. Meist finden wir die Verpackung schauderhaft und wollen das Geschenk nicht annehmen. Je mehr wir jedoch das Geschenk zurückweisen, desto öfter wird es uns in einer noch schrecklicheren Verpackung erneut zugestellt. Wir wollen die versteckte Botschaft dahinter nicht erkennen. Etwas nicht zu bekommen, obwohl man es so sehnlichst wünscht, erweist sich oftmals als wahrer Segen. Meistens verstehen wir das jedoch erst sehr viel später. Das Leben nimmt manchmal unüberschaubare Wendungen, aber hinterher ergibt alles irgendwie einen Sinn. Es fügt sich alles zusammen und man kann den roten Faden, mit dem die eigene Geschichte zusammengenäht ist, erkennen – sofern man nach Erkenntnis strebt. Man wächst mit jeder Herausforderung und Leid geht Hand in Hand mit einer Verfeinerung der Seele.

Und natürlich hat sein Name auch sein Leben bestimmt!

Traugott ist stolz, so zu heißen, und ich bin stolz, Traugotts Freundin zu sein, denn so außergewöhnlich wie sein Name, so außergewöhnlich ist auch er.

Mir wäre eine Welt mit Gott auch lieber als eine ohne Gott. Es wäre mir wohler bei dem Gedanken, dass es einen großen universellen Plan gibt, der die Frage nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum beantwortet und dem Leben letztendlich einen Sinn verleiht, auch wenn ich ihn nicht durchschaue.

Mir wäre wohler bei dem Gedanken, dass es nicht nur um dieses Leben geht, sondern um unendlich viele, denn dann wäre die Ungerechtigkeit, die auf der Welt herrscht, nur eine scheinbare und wir könnten sie besser ertragen. Was verleitet uns im Grunde dazu anzunehmen, dass der Tod das Ende unserer Existenz ist?

Wir alle haben keine Antworten und wir kennen die Wahrheit nicht. Wenn wir über Gott nachdenken, kommen wir nur bis zu einem gewissen Punkt. Und dieser Punkt ist immer nur ein Reflexionspunkt oder ein Standpunkt, jeweils mit einem Fragezeichen. Aber niemand kommt an Gott vorbei – weder diejenigen, die Gott nur als Lückenbüßer sehen für Fragen, die sie selbst nicht beantworten können, noch diejenigen, die nicht an ihn glauben, denn die machen sich Gedanken darüber, warum sie nicht an ihn glauben können oder wollen. Kein Agnostiker ist über jeden Zweifel erhaben und auch der Atheismus beruht letztendlich nur auf Spekulation.

Absolute Überzeugungen machen die Welt geordneter und übersichtlicher. Sie geben Sicherheit – wenngleich eine scheinbare. Sie sind bequem, aber sie verhindern auch die Wachsamkeit und Empfänglichkeit für andere oder neue Sichtweisen.

Unsere unverrückbaren Gewissheiten halten so oder so nie Stand, wenn wir uns die Mühe machen würden, über sie hinauszusehen. Wir rücken uns die Wirklichkeit mit unseren Überzeugungen zurecht. Es ist einfacher zu beschließen, dass das Unbegreifliche einfach nicht existiert, und nicht darüber nachzudenken, wie wenig wir eigentlich wissen. In den dunkelsten Stunden hoffen allerdings sogar die Ungläubigsten auf Wunder und sind bereit, ihre Ansichten ins Wanken zu bringen oder sogar über Bord zu werfen. Die Frage ist nicht, ob es im Universum etwas gibt, das größer ist als wir es sind, sondern was das für uns bedeuten würde!

Gott ist das Unbegreifliche. Glaube ist Unsicherheit.

Vertrauen ist immer ein Wagnis, weil man sich ins Unbekannte aufmacht und Zweifel und Angst immerzu hinter jeder Biegung lauern. Traugott lehrte mich, neugierig und achtsam zu bleiben, damit ich eines Tages möglichenfalls erahne, wie alles zusammenhängt, und – was noch viel wichtiger ist – damit ich jeden Tag mit einer Spur mehr Bewusstheit und Dankbarkeit das Licht lösche und schlafen gehe als noch am Abend zuvor. Er lehrte mich auch, dass die kleinen Dinge die besonderen Dinge im Leben sind und dass jeder Tag mehr als genug davon für uns bereithält, wenn man nur ein offenes Herz und einen wachen Blick dafür hat.

Ich bin dankbar, Traugott getroffen zu haben. Und eines kann ich mit absoluter Bestimmtheit sagen: Traugott ist weder seltsam noch altmodisch. Er ist ungewöhnlich, aber das sind wir seiner Meinung nach alle. Ungewöhnlich im Sinn von besonders und einzigartig.

Kapitel 1

Nico ist zu einem Piratenfest eingeladen. Mit einem schwarzen Kohlestift male ich ihm Bartstoppeln auf Wangen und Kinn, binde ihm eine schwarze Augenklappe und ein rotes Kopftuch um und schneide Fransen in seine alte Jeans. Er schnappt sich sein Plastikschwert, tritt damit vor den Spiegel und fragt sichtlich zufrieden:

»Schau ich zum Fürchten aus, Mama?«

»Wenn ich nicht wüsste, dass du es bist, würde ich aus Angst weglaufen«, sage in einem sehr ernsten Ton.

Er schlingt seine Arme um meinen Hals und lacht. Seine Aufgeregtheit und Lebensfreude sind Glück pur. Schnappschuss. Glück pur, kurz festgehalten. Mein Herz fließt über. Ich mache noch ein paar Fotos von ihm in verschiedenen Kampfstellungen, die wir uns am Computer ansehen, und wünschte, Simon wäre jetzt da. Die Einsamkeit wird einem am meisten bewusst, wenn man einzigartige Momente wie diese nicht mit jemandem teilen kann.

Wir ziehen uns an. Draußen ist es merklich kühler geworden, fast zu kalt für September. Ich suche noch einmal die Hausnummer heraus und fahre Nico zum Piratenfest. Am Haustor hängen bunte Luftballons. Er springt aus dem Auto und läutet. Ich warte, bis ihm das Tor geöffnet wird. Nico dreht sich noch einmal kurz um, lacht und winkt. Und dann ist er in sein Vergnügen entschwunden. Er ist gerade einmal acht Jahre alt und ich empfinde wieder einen dieser kurzen Momente der Rührung und tiefen Dankbarkeit.

Ich notiere in mein Notizbuch: Es wäre gut, allmählich wieder in meine Mitte zu kommen und Verantwortung zu übernehmen. Für uns beide. Bevor ich es zuklappe, lese ich Haarshampoo und deshalb halte ich noch schnell am Supermarkt. Ich habe vier Stunden nur für mich, bevor ich Nico wieder abholen soll.

***

Drei Wochen sind seit unserer Trennung vergangen. Manchmal ändert sich das Leben von einem Moment zum anderen. Er sagte, er habe Angst vor dem Leben, das er nicht lebte. Er litt an der Trivialität seines Lebens und es war das ungelebte Leben, das ihm waghalsiger, aufregender, inspirierender und bunter erschien. Er wollte etwas Neues, etwas Kühnes, etwas Unverbrauchtes. Er fürchtete, etwas zu versäumen im Wetteifer nach Vergnügen, und er wollte die Freiheit, seine neue Liebe zu genießen.

Ich hätte gerne die Zeit zurückgedreht bis zu dem Wendepunkt, an dem sich die Inseln des Schweigens zu bilden begonnen hatten. An diesem Punkt hätte ich vielleicht noch etwas ändern können. Im Laufe der letzten Monate baute sich zwischen uns eine Fremdheit auf, die erdrückend war und die sein zunehmendes Desinteresse bekundete. Es hilft nicht, in Krisenzeiten die ganz normale Alltagsroutine weiterlaufen zu lassen. Es kommt der Tag, da genügt ein Wort und man ist mit dem konfrontiert, was man schon die ganze Zeit gewusst und betulich im Innersten zu verdrängen versucht hat. Wenn wir heutzutage unsere Erwartungen an unsere Beziehung nicht erfüllt sehen, so scheint es, versuchen wir es einfach mit einer neuen. Beziehungen scheitern, weil das Verhältnis zu alltäglich geworden ist. Die rauschhafte Unbedingtheit und die Euphorie der ersten Jahre sind verschwunden und leise schleichend in eine andere Form der Zweisamkeit übergegangen.

Wenn wir uns auf serielle Lebensbündnisse mit beschränkter Haftung einlassen, ist dies eine Möglichkeit, die Unbeschwertheit der ersten Zeit immer wieder neu zu erleben, ohne dass sich Gewohnheit einschleichen kann.

Nachdem man auch in der Schule nichts über die Liebe gelernt hat, geht man ins Kino und gibt sich dem süßlichen Schwindel hin, romantisch und leidenschaftlich lieben zu müssen. Bedeutet Gewohnheit zwangsläufig irgendwann das Ende einer Beziehung? Verhindert sie anhaltende, tiefe Liebe im Alltag oder fehlt es uns letztendlich nur an Dankbarkeit und Wertschätzung für den anderen?

Er ging. Einfach so. Lautlos. Ein Glas fällt zu Boden und zerbricht. Zurück bleiben Scherben. So fühlt es sich also an, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Zur maßlosen Enttäuschung gesellte sich eine tiefe Sehnsucht und beides mündete mit den Tagen in eine traurige Ermattung, die fast schon an Bedürftigkeit grenzte. Die Sehnsucht klebte bereits am ersten Abend in meinem Schlafzimmer. Sie verbreitete sich in der gesamten Wohnung und krallte sich fest, saß an den Wänden fest und lauerte überall. Sie tropfte sogar aus der Espressomaschine, der Kaffee schmeckte bitter.

Wenn man einen Menschen verliert, verliert man ihn nach und nach, zu so vielen verschiedenen Zeitpunkten, an so vielen Orten, bei so vielen Tätigkeiten. Jede noch so banale Alltagstätigkeit erinnert mich an ihn und jetzt, wo er nicht mehr da ist, ist er immer präsent. Noch immer kann ich keinen klaren Gedanken fassen, sie drehen sich immer nur im Kreis und beinhalten immer einen Konjunktiv: könnte, hätte, würde, wäre.

Nico hat in diesem Monat nur wenige Male nach ihm gefragt. In seiner Anwesenheit reiße ich mich zusammen und versuche, meinen Kummer zu verbergen. Ich habe ihm gesagt, sein Vater sei vorübergehend nicht da und müsse zurzeit sehr viel arbeiten. Es war dumm, aber mir ist nichts Besseres eingefallen. Tatsächlich hoffe ich ja auch insgeheim, dass sich zwischen uns nur eine Kette von Missverständnissen aufgebaut hat und sich die Klammer unserer Trennung wieder schließen wird. Aber die Wahrheit ist: Ich bin zu feige. Für die Wahrheit braucht man Mut. Wenn man sie in einer anderen Form präsentiert, ist sie vielleicht weniger schmerzhaft.

Kindern kann man aber nichts vormachen. Sie beobachten alles und tief im Inneren wissen sie alles, auch wenn sie es erst viel später mit dem Verstand begreifen. Sie haben Sensoren für jede Ungereimtheit und jede noch so geringfügige Unstimmigkeit. Er hat nicht nachgebohrt, möglicherweise auch aus Angst vor der Antwort. Vielleicht ist der Schmerz leichter zu ertragen, wenn man ihm nicht direkt in die Augen sieht. Wieder zu Hause, beschließe ich, mir einen Kaffee zu machen, pendle dabei meine innere Anspannung aus, indem ich mich abwechselnd auf das rechte und das linke Bein stelle. Diese wippende Bewegung sieht vollkommen lächerlich aus und ich bin froh, dass mir niemand zusieht. Der Kaffee schmeckt wieder bitter, auch im Nachgeschmack.

Mir rinnen die Tränen herunter. Ich setze mich auf das Sofa und warte. Ich warte auf etwas ‒ ohne zu wissen worauf. Dabei bade ich förmlich in Selbstmitleid und drohe darin zu ertrinken. Jegliche Dynamik ist mir abhandengekommen. Ich bin müde, unendlich müde vom Weinen und von der Sehnsucht und müde, weil ich in dem Bett, das mir so weit und leer vorkommt, nicht mehr schlafen kann. Ich sehne mich nach einem tiefen, traumlosen Schlaf, weil nur der Schlaf die Seele vor der Verzweiflung rettet.

Zurückweisungen sind schwer annehmbar. Es ist, als würde ich aus der Welt hinausfallen oder als wäre ich von der Liebe und allen anderen Menschen getrennt. Ich fühle mich seltsam fehl am Platz. Die Welt fühlt sich so fremd und unnahbar an, als wäre ich zufällig hier gelandet und würde nicht dazugehören. Hinzu kommt ein schier unstillbares Verlangen nach Anerkennung und nach Bestätigung der eigenen Wichtigkeit. Das Schlimmste an der Trennung ist die Gewissheit, dass er jetzt ohne mich lacht, dass er ohne mich fröhlich ist und dass ihn mein Kummer nicht im Geringsten berührt. Er, der mein engster Vertrauter war.

Für einen Moment will ich wieder Kind sein und meine Sorgen einfach der Fürsorge eines Erwachsenen übergeben, der es besser versteht, damit umzugehen, jemandem, der ein Pflaster auf die Wunde klebt, mich in den Arm nimmt und mir glaubhaft versichert, dass alles bald wieder gut ist.

Ich habe Sehnsucht nach der Zeit, in der das Leben nur Gegenwart oder Zukunft war, in der die Worte Vergänglichkeit und Erinnerung keine Bedeutung hatten. Ich habe Sehnsucht nach der Zeit, in der die Liebe nicht mit Leid einherging und ich Verlust noch nicht kannte. Ich wünsche mir auch, es wäre jemand da, der mir hilft, mich außerhalb der Zeit zu bewegen, die angeblich die Wunden heilt. In mein Notizbuch schreibe ich: »Ist der Schmerz über den Verlust des Geliebten überhaupt heilbar? Bin ich heilbar? Kann ich der Liebe ein weiteres Mal vertrauen? Wird es ein weiteres Mal geben?«

Ich brauche frische Luft! Ich öffne das Fenster und lehne mich hinaus. Es ist herbstlich. Der Himmel ist gnädig, passt seine Farbe meiner Stimmung an: Herbstnebel-Anthrazit. Mein Bein beginnt zu zappeln.

»Nebel ergibt rückwärts gelesen Leben«, denke ich. »So wie dieser Tag hat mein Leben an Klarheit und Kontur verloren, ist herbstzeitlos.«

Ich könnte spazieren gehen, mich unter Menschen wagen, meine Freundin anrufen und ihre Ausdauer strapazieren, indem ich zum wiederholten Male mein Drama vor ihr ausbreite, obwohl die Handlung und die Akteure dieselben sind und das Ende noch offen ist. So wie in den letzten drei Wochen, die ich mit sinnloser Betriebsamkeit füllte, um meine innere Leere zu kompensieren, ständig auf der Suche nach Menschen, die mir helfen sollten, mir selbst zu entrinnen. Ich brauche Ablenkung von mir selbst und meinen Gedanken, weiß aber gleichzeitig, dass ich sie überallhin mitnehme. Wenigstens eine kurze Pause könnten sie mir doch gönnen und nicht ununterbrochen meinen Kopf belagern. Einsamkeit lässt sich nicht so einfach beseitigen. Sehnsucht auch nicht.

Während ich unentschlossen aus dem Fenster starre, fällt mir ein, woran mich diese Situation erinnert. Es ist wie ein Déjà-vu! Und dann – zum ersten Mal seit diesen letzten paar Wochen – empfinde ich ein Gefühl der Freude und der Erleichterung.

»Traugott!«, rufe ich laut aus, so laut, dass drei Passanten auf der anderen Straßenseite neugierig zu mir hinaufsehen und sich dann schnell wieder abwenden, eifrig miteinander flüsternd. Ich muss Traugotts Notizen finden, fein säuberlich für mich niedergeschrieben auf pastellfarbenem Papier!

Es ist schon Jahre her, dass ich sie zuletzt in Händen hielt, und noch viel länger, dass ich Traugott das letzte Mal sah. Ein frischer Lufthauch bläst die ersten Blätter von den Bäumen und ich spüre, wie einzelne Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf lösen, zärtlich über mein Gesicht streichen. Und während ich den Passanten nachsehe, die sich noch einmal kurz nach mir umdrehen, und das Fenster wieder schließe, kann ich endlich meinen Kopf für Erinnerungen frei machen, die heilsamer sind als das übliche Gedankenkarussell.

»Traugott«, seufze ich erleichtert. »Wie es ihm wohl gehen mag?«

Aufgeregt taste ich im hintersten Winkel meines Kleiderschranks nach der beigen Schachtel, in der ich ein paar Erinnerungen aufbewahrt habe. Sie duftet nach Lavendel. Die Notizen sind alle handgeschrieben, sorgfältig eingeklebt in ein fadengebundenes Notizbuch mit festem Einband aus cremefarbenem Leinen, dunkelbraun verstärkten Ecken und einem roten Lesebändchen. Es enthält eine willkürliche Sammlung dessen, was Traugott damals wichtig für mich erschien und das einer von uns beiden später für wert erachtet hat aufzuschreiben. Traugott sammelte einige Notizen auch auf seiner Wortewand. Ich knie vor der offenen Schachtel und beginne zu lesen:

1. Notiz

Es gibt nur die Gegenwart. Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern und die Zukunft steht noch nicht fest. Alles was ist, ist jetzt. Sei zufrieden mit dem Jetzt, so wie es ist. Denn jetzt ist alles, wie es ist, und jetzt lässt sich jetzt nicht ändern, denn es ist ja.

Du hast immer die Wahl. Es bedarf keines bestimmten Grundes, um Freude zu empfinden. Man muss es nur entscheiden.

Ich kann mir jetzt gerade nicht vorstellen, mich zu entscheiden, bedingungslos Freude zu empfinden.

»Ich wäre schon bereit, mich dafür zu entscheiden, glücklich zu sein – vorausgesetzt, Simon kommt zurück und bittet mich in einem Meer aus Blumen um Verzeihung«, sage ich ins Leere, als ob Traugott vor mir stünde.

Ich könnte wieder losheulen. Schon wieder ein Satz mit einem Konjunktiv.

»Ach Traugott, wie schwierig das doch ist, wie gerne wäre ich jetzt ein bisschen wie du!« Ich blättere die Seite um.

2. Notiz

Niemand außer dir ist für dein Glück verantwortlich. Wenn du dein Lebensglück anderen aushändigst, machst du dich abhängig.

Abhängig zu sein heißt gefangen zu sein, gefangen von den Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten eines anderen. Das kann nicht Ziel deines Lebens sein, denn Gott hat dir Freiheit geschenkt. Mach niemals dein Glück von Entscheidungen anderer abhängig, denn dann bist du nicht frei.

Wenn du dich selbst nicht liebst, bist du auf die Liebe anderer angewiesen. Wenn diese Liebe dann einmal ausbleibt, fällst du in ein Loch und niemand ist da, der dich auffängt. Wenn du aber dich selbst liebst, ist immer jemand da, der dich liebt. Nämlich du. Andernfalls bist du wie ein Fähnchen im Wind, welches dorthin weht, wohin andere es pusten.

Wo bleibt deine Standfestigkeit? Du hast zwei Beine, benutze sie um fest auf dem Boden zu stehen!

Wenn jemand gut zu dir ist, fühlst du dich gut. Und wenn jemand schlecht zu dir ist, fühlst du dich schlecht. Dann lebst du und verhältst dich so, als hättest du kein Anrecht auf den Platz, den du in dieser Welt beanspruchst. Und dann hast du Angst vor dem Alleinsein.

Du bist abhängig von der Zuneigung, der Wertschätzung, ja schon von der Anwesenheit anderer. Es ist ganz klar: Wenn du für dich selbst nicht da bist und alleine bist, bist du einsam. Das ist der Unterschied zwischen alleine und einsam sein.

Ein Mensch, der sich selbst liebt und anerkennt, ist niemals einsam. Er ist allein mit sich, aber er fühlt sich nicht getrennt vom Rest der Welt. Nur wer alleine sein kann, ohne sich einsam zu fühlen, ist wirklich frei. Ohne Selbstliebe kannst du im Leben nicht bestehen. Liebe dich selbst wie deinen Nächsten, heißt es, dann wird alles gut. Du bist für dich verantwortlich und diese Verantwortung kannst du nicht abgeben. Sei gut zu dir und es wird dir schlagartig gut gehen.

Als ich ein kleines Mädchen war, hat Traugott begonnen, meine Welt zu verändern. Das war an einem Tag im Mai, ein paar Wochen vor meinem 10. Geburtstag. Er schien wie jeder andere Tag zu sein. Auch damals wartete ich darauf, dass jemand, den ich sehr liebte, zu mir nach Hause zurückkam.

Ganz allmählich kehren die Erinnerungen an diese Begegnung zurück und mit ihnen, ganz zögerlich, ein dünner Hauch von dem Schwung, den ich in den letzten Wochen verloren habe.

***

Kapitel 2

Ich heiße Theo. Mit der heutigen Distanz I kann ich sagen, dass auch mein Name fürwahr nicht modern ist, denn eigentlich heiße ich Matthea, aber alle nannten mich von klein an Theo. Ich sah mit meinen schulterlangen blonden Haaren zwar aus wie ein Mädchen, trug aber ausschließlich Hosen, spielte gerne Fußball und war lieber mit den Jungs aus meiner Klasse zusammen. Am liebsten trug ich knielange Shorts, was bei meiner Mutter, die mich gerne in kurzen Kleidern gesehen hätte, manchmal auf Widerstand stieß.

Meine Mutter und ich wohnten erst ein paar Monate in einer kleinen alten Straße mit Kopfsteinpflaster in der Nähe des Münzamts. Die Straße war schmal. Die Häuser waren nicht höher als vier oder fünf Stockwerke. Jedes hatte eine andersfarbige Fassade in zarten, unauffälligen Pastelltönen.

Es gab nur ganz wenige Wohnhäuser, einen Blumenladen, einen Buchladen und ein kleines Restaurant. Meine Mama sagte oft: »Es ist ein Segen, dass wir hier wohnen. Hier ist es ruhig und sicher und alle Menschen, die hier wohnen, sind freundlich.«

In unserer Straße war die Welt in Ordnung. Sie sagte, unsere Straße strahle solch eine Beschaulichkeit aus, dass man meinen könne, alle Menschen hier seien mit der Welt einverstanden.

Vom Fenster meines Zimmers aus sah man seitlich auf Camilles Blumenladen. La vie en rose hieß ihr Geschäft und der Schriftzug leuchtete rosa in der Nacht.

»Wenn Freude eine Farbe wäre, wäre sie rosa«, sagte meine Mutter oft. »Versuche rosa zu denken, wenn du traurig bist, oder male ein Unglück in Rosa aus, dann bist du gleich viel weniger unglücklich.«

Meine Lieblingsfarbe war Blau. Zu einer meiner schönsten Erinnerungen gehörte der Anblick des hell- und dunkeltürkisblauen Meers unter einem nie enden wollenden klaren, blauen Sommerhimmel. Wir befanden uns im Landeanflug auf Marseille, als ich, zwischen meiner Mutter und meiner Omi sitzend, zum ersten Mal das Meer sah und dreiundzwanzig verschiedene Blautöne zählte. Ich fand fast alles schön, was blau war. Keine andere Farbe war so vielfältig. Zu gerne hätte ich gewusst, wie viele verschiedene Blautöne es auf der Welt gab. Ich glaube, ich habe noch nie zwei absolut gleiche Blaus gesehen. Sogar zwei Glockenblumen waren beim genaueren Betrachten nicht gleich blau.

Jeden Morgen sperrte Camille um halb acht ihr Blumengeschäft auf und gleich darauf stellte sie die Töpfe mit Margeriten, Lavendel, Azaleen und Rosen auf bunte Metalltische mit geschwungenen Beinen rund um ihr Geschäft. Wenn es draußen warm war, verlegte sie ihren halben Blumenladen nach draußen. Im Frühling verwandelte sich der Gehsteig rund um ihr Geschäft in einen bunten Blumengarten. Meine Mutter schaute oft verzückt nach unten und sagte: »Der Gehsteig sieht aus wie gemalt, wenn man vom Fenster hier oben hinuntersieht. Und wenn man erst in Camilles Laden steht, hat man das Gefühl, als ob man in eins von Monets Gartenbilder eingetreten ist.« Ich wollte damals sehr gerne einmal nach Paris fliegen, ich wollte den Eiffelturm sehen und auch die Blumenbilder von Monet.

Camille hatte am Morgen meist dunkelgrüne Gummistiefel mit aufgedruckten Gänseblümchen an und trug dazu manchmal ein grün-weiß getupftes Kleid und Gartenhandschuhe, sodass sie fast zur Gänze in den Blumen verschwand. Wenn sie sich bückte, um die Zinkeimer für die Schnittblumen mit Wasser zu füllen, war sie inmitten ihres Blumenmeeres kaum zu erkennen.

Camille klemmte die Strähnen, die sich aus ihrem Haarknoten lösten, immer mit derselben anmutigen Geste hinters Ohr. Meine Mutter bemerkte, dass sie eine selbstverständliche Zufriedenheit ausstrahlte, die auffällig war, weil sie so beständig war. Ihr Gang war leicht und schwerelos. Sie sah aus, als ob sie schweben würde und die Schwerkraft überwunden hätte. Das war der flüchtige Eindruck, den wir damals von Camille hatten.

Neben dem La vie en rose gab es ein kleines Restaurant, das den Namen Unter uns trug. Aber es hieß nicht nur so ‒ Unter uns ‒, sondern es war auch unter uns. Von unserem Fenster sahen wir genau darauf hinunter. Camille saß auch manchmal in der Früh unter der himmelblauen Markise, trank einen Kaffee, las eine Zeitung und winkte uns fröhlich zu, sobald wir aus dem Haus gingen. An den Wochenenden konnte man beobachten, wie sie die Waldreben und Kletterrosen schnitt, die in Rosa und Lila an der Hausmauer emporwuchsen. Ich liebte das Haus mit dem Restaurant sehr, denn überall, wohin ich schaute, wuchsen wundervolle bunte Blumen.

Das Unter uns war tagsüber ein ganz normales Café mit einer kleinen, länglichen Theke und wenigen Tischen. Ab 18 Uhr verwandelte es sich in ein kleines Restaurant. Mit den Tischdecken aus Baumwolle mit flieder-weißem Karomuster, weißen Stoffservietten und einer Kerze auf jedem Tisch sah das Restaurant abends völlig anders aus. Es war zwar sehr klein – nicht viel größer als ein etwas größeres Wohnzimmer –, aber irgendwie fand man doch immer einen Platz. Notfalls mussten alle zusammenrücken. Wenn kein Tisch mehr frei war, setzte Frédéric, der Restaurantbesitzer, einen einfach an einen nicht voll besetzten Tisch dazu.

Ab und zu gingen meine Mutter und ich dort abends Crêpes essen. Ich liebte es, mit meiner Mama dort zu essen. Dort konnten wir so schön zusammen sein.

Nicht weit vom Restaurant an der Kreuzung gab es noch eine Buchhandlung. Dort sah man nie sehr viele Kunden. Der Laden war nicht besonders groß und wahrscheinlich war die Auswahl an Büchern ebenfalls überschaubar. Über dem Buchladen hing ein Schild, auf dem in dunkelgrünen Buchstaben der Name TRAUGOTT zu lesen war.

Bis zu jenem Tag im Mai war ich noch nie drinnen gewesen, ich bin immer nur daran vorbeigegangen. Im Geschäft saß meistens ein junger Mann, von dem ich annahm, dass er Traugott hieß, und der vorwiegend las. Wenn ich vorbeiging und er gerade zufällig zu mir hersah, winkte ich ihm immer zu und er winkte zurück. Oft habe ich mir gedacht, dass es doch bestimmt sehr langweilig sei, den ganzen Tag in dem kleinen Laden verbringen zu müssen und zu warten, zumal nicht gerade viele Menschen den Weg hineinfanden. Aber durch die Fensterscheibe machte Traugott stets einen fröhlichen Eindruck. Wenn er mir winkte, lächelte er, sodass man seine Zähne blitzen sah.

»Ein Lächeln ist ein Geschenk der Liebe, das dich gleich in eine höhere Schwingung bringt«, hat er später einmal zu mir gesagt.

Kapitel 3

Meine Mutter hatte mich an jenem Tag in der Früh zur Schule gebracht. Wir fuhren täglich gegen halb acht los, meist dann, wenn Camille die Blumen auf den Gehsteig stellte. An diesem Tag waren wir jedoch früher dran, die Glocken der Jesuitenkirche läuteten sieben Uhr. Camille zog gerade die Jalousien vor dem Schaufenster hoch. Ich erinnere mich noch gut daran. Meine Mama war ziemlich hektisch an diesem Morgen.

Täglich brachte sie mich mit dem Auto zur Schule, da sie normalerweise von dort aus direkt weiter zur Arbeit fuhr. Eigentlich wäre ich damals schon viel lieber alleine zur Schule gegangen. Immerhin ging ich schon in die vierte Klasse Volksschule. Schließlich durften die meisten meiner Freunde auch bereits ohne Begleitung zur Schule. Meine Mutter entschuldigte ihre Fürsorge immer damit, dass der Großteil meiner Mitschüler einen viel kürzeren Schulweg hätten und nicht U-Bahn fahren müssten.

Als wir mit dem Auto aus unserer Straße bogen, vorbei am Buchladen, sah ich, dass Traugott da war. Normalerweise sperrte der Buchladen viel später auf. Ich winkte ihm zu und er winkte zurück. Dabei lächelte er wieder. Es war eigenartig. Ich hatte noch nie ein Wort mit Traugott gesprochen, aber im Vorbeigehen nahm er immer meinen Blick auf und ich fühlte mich ihm verbunden. Es war, als würde jede dieser stillen Begegnungen nach und nach eine innewohnende Verwandtschaft aufdecken.

»Traugott ist wirklich ein komischer Name«, bemerkte ich.

»Traugott ist ein altmodischer Name«, entgegnete meine Mutter. »Wahrscheinlich, weil Gott aus der Mode gekommen ist«, fügte sie hinzu.

»Warum ist Gott aus der Mode gekommen?«

»Ich weiß es nicht, aber heute wenden sich die Menschen nicht mehr so sehr an Gott wie früher. Manchmal wird man schon komisch angeschaut, wenn man sagt, dass man an Gott glaubt. Mitunter muss man schon sehr beherzt sein, wenn man sich öffentlich zu Gott bekennt.«

»Was heißt bekennen?«

»Bekennen heißt: öffentlich zu etwas stehen. Sich zu Gott bekennen heißt, vor anderen Menschen Gott nicht zu verleugnen «, erklärte meine Mama. »Wenn du klar und deutlich sagst, dass du an Gott glaubst, kann es passieren, dass einige Mitmenschen abschätzig und verständnislos den Kopf schütteln.«

»Glaubst du, dass es Gott gibt?«

»Da bin ich mir ganz sicher, aber oftmals habe ich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft ihn einfach abgeschafft hat.«

»Aber man kann doch Gott nicht abschaffen!«, sagte ich empört. »Wie kann man jemanden abschaffen, der vielleicht selbst die Welt erschaffen hat?«

»Natürlich, man kann ihn nicht abschaffen, aber man kann so tun, als würde Gott nicht existieren und den Glauben an ihn abschaffen«, sagte sie. »Und so kommt es mir manchmal vor.«

Ich war nachdenklich. Ich glaubte auch, dass es Gott gab, allerdings wäre ich mir sicherer gewesen, wenn ich ihn einmal gesehen oder gehört hätte.

»Gott muss schon groß sein«, dachte ich, »wenn er die Welt wirklich erschaffen haben soll.« Ich hätte ihn gerne einmal getroffen und ihn gefragt, warum die Welt so ist, wie sie ist.

»Gott muss auch sehr alt sein. Und interessieren würde mich auch, wo er wohnt. Ich glaube nicht, dass Gott im Himmel wohnt. Lennys Mutter ist Flugbegleiterin und hat Gott auch noch nie gesehen, obwohl sie doch nahezu im Himmel arbeitet.«

Ich musste zugeben, es fiel einem nicht leicht an Gott zu glauben, weil er so unsichtbar war. Weil er so schweigsam war. Weil er nicht antwortete, wenn man sich an ihn wendete. Und weil es so viele arme und unglückliche Menschen gab und er nichts dagegen tat. Man hatte das Gefühl, er sei untätig.

»Er ist eine Fata Morgana und wahrscheinlich glauben diejenigen, die kein leichtes Leben haben, sie seien ihm vollkommen gleichgültig. Wenn es Gott gibt, dann muss er doch wissen, was hier los ist!«

Vielleicht wollten die Menschen ihn abschaffen, weil sie darüber enttäuscht waren, dass Gott sich ihnen nicht zeigte. Vielleicht war Gott auch einfach nur müde, weil die Menschen so viele Wünsche an ihn hatten und er gar nicht nachkommen konnte, sie alle zu erfüllen. Oder er war traurig, weil wir Menschen nicht gut auf die Erde aufpassten und so schlecht mit ihr umgingen. Oder war er enttäuscht, weil wir nicht in die Kirche gingen oder nicht beteten? Aber wenn ich abends in den Himmel schaute, mir die vielen Sterne ansah, kam mir schon alles sehr groß und geheimnisvoll vor, da konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es Gott nicht gab. Dann wurde der Nachthimmel zu einer einzigen riesigen Gestalt über uns, die uns vielleicht ja auch begleitete und über uns wachte. Und dann dachte ich: »Gott muss der Sternenhimmel sein. Gott ist sternhimmelvoll.«

Meine Mutter sagte, man könne Gott spüren, wenn man sich der Unendlichkeit gewahr wurde und begriff, dass das Leben ein Geschenk war. Man könne, aber müsse nicht in die Kirche gehen, um an Gott zu glauben. Das eine habe mit dem anderen absolut nichts zu tun. Wir gingen nur zu Ostern und zu Weihnachten in die Kirche.

Ich glaubte natürlich nicht mehr ans Christkind, aber meine Mama meinte, im Grunde kennten wir die Wahrheit nicht. Vielleicht gab es das Christkind wirklich, nur brachte es eben nicht die Geschenke, die unter dem Christbaum lagen. Vielleicht gab es Engel, die so aussahen, wie wir uns das Christkind vorstellten, die auf uns aufpassten – und das war auch ein Geschenk. Ein viel größeres. Das wäre doch schön. Dann wäre man nie alleine.

Manchmal stellte ich mir vor, dass ich einen persönlichen Schutzengel hatte und redete mit ihm. Es sah dann immer so aus, als würde ich mit mir selbst reden und oft kam ich mir dabei etwas merkwürdig vor. Aber man musste nur einmal die Leute in ihren Autos beobachten! Viele hatten Kopfhörer im Ohr und redeten auch mit jemandem, obwohl sie ganz alleine im Auto saßen. Das sah auch merkwürdig aus, aber niemand störte sich daran.

Im Radio spielten sie einen coolen Song, der mich ablenkte, sodass wir nicht weiter darüber sprachen. Ich habe den Refrain mitgesungen, obwohl ich den englischen Text gar nicht verstand.

An der Schule stieg ich aus. Meine Mama teilte mir kurz mit, dass sie eine wichtige Besprechung in einer anderen Stadt habe, sofort zum Flughafen müsse, schon spät dran sei und mich um sechzehn Uhr wieder rechtzeitig an der Schule abholen würde. Sie hatte es offensichtlich wirklich sehr eilig an diesem Tag, denn sie fuhr gleich los, ohne wie üblich noch den kurzen Moment abzuwarten, bis ich durch das Schultor ging. Meistens drehte ich mich sogar noch einmal um, schickte ihr ein Flug-Küsschen, das auf ihre Wange klatschte, so als hätte sie ein Tennisball mit voller Wucht im Gesicht getroffen. Ich musste dann immer lachen.

Der Schultag war ganz normal. Florian hielt an diesem Tag ein Referat über den Mond. Er erzählte uns, dass der Mond für Ebbe und Flut verantwortlich sei. Das hatte ich nicht gewusst. Immer mal wieder habe ich mich zwar gefragt, wohin das Meer hinfloss, wenn Ebbe war, denn es konnte ja nicht einfach verschwinden. Florian hat auch über Apollo 11 berichtet und der Landung auf dem Mond. Ich wollte meine Omi fragen, ob sie sich noch an den Tag erinnern könne. Ich habe mich auch gefragt, ob an dem Tag der Mondlandung Vollmond gewesen war und ob man von der Erde aus die Männer auf dem Mond hatte sehen können. Astronauten waren mutige Menschen, fand ich, denn ich glaubte nicht, dass ich mich trauen würde, mit einer Rakete ins All zu fliegen.

»Es ist sicher sehr gefährlich, aber auch total aufregend, den Sternen näherzukommen und die Erde nur noch als einen kleinen blauen Ball zu sehen«, überlegte ich. »Und vielleicht trifft man ja dort ganz weit oben auf Gott?« Im Universum gab es Abermillionen von Galaxien, die wieder aus Abermillionen Sternen bestanden. Wenn man sich nur einmal überlegte wie groß das Universum war, kam man ins Staunen, da blieb einem der Atem weg. Das musste man sich einmal wirklich überlegen. Wenn ich mir längere Zeit über die Größe des Universums Gedanken machte, kam ich zu dem Schluss, dass man sich das eigentlich gar nicht vorstellen konnte. Wie sollte man sich auch Unendlichkeit vorstellen können?

Wie gesagt, der Schultag war wie immer. Aufregend wurde es erst später, aber alles der Reihe nach.

Ich verbrachte den ganzen Tag in der Schule. Die meisten Kinder in meiner Klasse blieben auch den ganzen Tag. Wenn die Aufgabenstunde vorbei war, waren wir meistens im Garten. Meine Mama sagte, es sei ein Glück einen so großen Garten in der Schule zu haben, und ich fand, sie hatte recht.

Irgendwann war es dann sechzehn Uhr und meine Mama war nicht da. Es war noch nie vorgekommen, dass mich niemand abholte. Manchmal, wenn Mama verhindert war, kam auch Rosie. Rosie war eine ältere Dame, die im Mezzanin unseres Hauses wohnte. Sie war pensionierte Mathematik- und Geschichtsprofessorin, lebte allein und war sehr hilfsbereit. Ab und zu, wenn meine Mutter ausging, passte Rosie auch abends auf mich auf. Jedenfalls stand ich schon fertig beim Schultaschenplatz, aber weder meine Mutter noch Rosie kam. Ich wartete, bis ich die letzte in der Schule war.

»Theo«, sagte Victoria, unsere Nachmittagsbetreuerin, »du bist noch da?«

Victoria wollte die Schule schließen und versuchte deshalb mehrmals, meine Mama anzurufen, aber sie hat nie abgehoben. Zu Schulbeginn in der ersten Klasse hatte jedes Kind drei Telefonnummern von Familienmitgliedern angeben müssen, die man im Notfall anrufen könnte. Wir hatten Mamas, Omis und Iwos Nummer hinterlegt. Die Omi war Mamas Mutter und Iwo war Mamas Freund, aber auch die beiden waren nicht zu erreichen. Omi war im Urlaub in Spanien und bei Iwo war dauernd besetzt. Andere Telefonnummern hatten wir nicht.

»Ich kann alleine nach Hause gehen!«, sagte ich zu Victoria. »Außerdem habe ich ja einen Wohnungsschlüssel, der ist immer in meiner Schultasche, hier im vordersten Fach, für den Fall, dass Rosie mich abholt.« Ich kramte in meiner Schultasche und zog den Wohnungsschlüssel heraus, um ihn ihr zu zeigen.

Victoria wollte sich jedoch nicht sofort geschlagen geben und probierte es erneut bei Iwo. Der hatte dann endlich sein Dauergespräch beendet und sie konnte mit ihm sprechen, um zu erfahren, dass er nicht in Wien war und mich deshalb nicht abholen konnte. Iwo wohnte und arbeitete drei Autostunden von Wien entfernt und war nur an den Wochenenden bei uns.

So hat mich Victoria dann doch alleine gehen lassen, nachdem Iwo ihr sein Einverständnis gegeben und ihr versichert hatte, dass die Mama sich wahrscheinlich nur verspätet hatte. Sicher würde sie ihn anrufen und dann könne er ihr ja sagen, dass ich zu Hause sei. Allerdings musste ich versprechen, mich an drei wichtige Regeln zu halten: 1. Nicht auf den Balkon gehen. 2. Kein heißes Wasser aufstellen. 3. Niemandem die Tür öffnen. Die konnte ich schon im Schlaf aufsagen.

Ich verließ das Schulgebäude und Victoria sperrte das Haupttor zu. Wir verabschiedeten uns und gingen in unterschiedliche Richtungen.

Ich ging zur U-Bahn Station. Den Weg kannte ich. Mit Rosie fuhr ich auch immer U-Bahn und inzwischen kannte ich alle Stationsnamen auswendig. Am Hauptbahnhof stiegen immer ganz viele Leute aus und für die letzten zwei Stationen fanden wir in der Regel einen Sitzplatz. Rosie saß lieber in der U-Bahn, ihr wurde immer so leicht schwindlig.

Von der U-Bahn-Station aus musste ich noch ungefähr zehn Minuten zu Fuß bis zu unserer Straße gehen und die Hauptstraße überqueren. Auf dem Zebrastreifen sprang ich von einem weißen zum nächsten weißen Streifen. Wie immer, wenn ich über diesen Zebrastreifen ging, dachte ich mir ein Spiel aus: Wenn ich es schaffte, immer nur mit einem Fuß ausschließlich auf die weißen Felder zu springen, ohne die schwarzen zu berühren, würde ein spezieller Wunsch in Erfüllung gehen. Bevor ich den ersten Streife berührte, kniff ich kurz die Augen zu und wünschte mir: »Lass bitte meine Mama bald nach Hause kommen und alles ist gut!« Ich schaffte es und war beruhigt. Also würde sie bald kommen.

Es war ziemlich windig, sodass meine Augen zu tränen begannen. Ich schirmte sie ab, hob meinen Blick und beobachtete die Wolken, die verschieden große Schatten auf die Dächer der Stadt warfen. Sie bewegten sich am Himmel mit einer unfassbaren Geschwindigkeit.

Gemütlich schlenderte ich das letzte Stück über die Eisenbahnbrücke, blieb kurz stehen und schaute den Zügen nach, die unter mir durchfuhren. Ich ging weiter und sah schon von Weitem, dass vor dem Unter uns ein Rettungswagen stand, der kurze Zeit später mit Blaulicht an mir vorbeirauschte. Ich blickte ihm nach. Die kleine Menschenmenge, die sich vor dem Unter uns gebildet hatte, löste sich langsam auf.

Ich ging die letzten Meter weiter und genoss es, alleine zu gehen. Wenn man alleine ging, konnte man über vieles nachdenken, ohne dass man jemandem zuhören musste. Ich mochte es nicht, wenn die Leute ununterbrochen redeten. Manche redeten Wortkilometer pro Minute, als würde ihr Leben davon abhängen, dass sie redeten. So schnell konnte ich gar nicht denken, wie manche redeten!

Ich sah, wie Camille mit ihrem Lieferwagen in die Straße bog. Der Lieferwagen war unverwechselbar, ein ziemlich alter VW Bus, blassgrün lackiert, mit dem gleichen rosa Schriftzug wie über ihrem Blumengeschäft.

Unsere Wohnung lag im vierten Stock eines auffallend schmalen und alten Hauses. 1891 stand oberhalb der Haustür, die so hoch und so schwer war, dass ich mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen lehnen musste, während ich den Schlüssel , um sie zu öffnen umdrehte. Das Schönste an unserer Wohnung war, dass wir weit über Wien sehen konnten. Glücklicherweise war das Münzamt viel niedriger als unser Haus und gab diesen wunderbaren Blick frei.

Wir hatten auch einen kleinen Balkon zum Innenhof mit einem weißen Metalltisch und zwei Sesseln und jede noch so kleine freie Fläche hatte meine Mutter mit Blumentöpfen zugestellt.

Ich lief die Treppen der vier Stockwerke bis zu unserer Wohnung hinauf, atmete tief durch und sperrte auf.

»Mama, bist du da?«, rief ich. Stille. Eine beunruhigende Stille. Sie war nicht da. Natürlich war sie nicht da, sonst hätte sie mich ja abgeholt. Sie hätte ja aber auch in der Zwischenzeit kommen können!

Ich stellte meine Schultasche ab, rannte drei Stockwerke wieder hinunter ins Mezzanin zu Rosie und läutete. Nichts rührte sich. Rosie war nicht zu Hause. Ich ging zurück in unsere Wohnung, setzte mich auf das Sofa und wartete. Ich horchte auf den Aufzug und auf die Geräusche der Straße. Wie lange ich so gesessen habe, weiß ich nicht mehr. Es kam mir jedenfalls wie eine Ewigkeit vor. Ewigkeiten können Minuten dauern oder auch Stunden und manchmal vielleicht sogar noch länger. Ich ging in mein Zimmer und überlegte, ob ich etwas spielen könnte, aber eigentlich hatte ich keine sonderliche Lust dazu. Um die Zeit zu überbrücken, aß ich den Rest von meinem Jausenbrot.

Hier zu Hause war ich nicht mehr froh, alleine zu sein. Ich sehnte mich so sehr nach meiner Mutter. Wie gerne hätte ich in diesem Augenblick gespürt, dass sie mich in die Arme nahm. Zum ersten Mal stellt ich fest, dass Einsamkeit wehtun kann. Sie drückt so schwer auf die Brust und sticht im Herzen. Und das Erschwerende an der Einsamkeit ist: Sie lässt sich nicht mitteilen, weil ja niemand da ist.

Draußen auf der Straße hörte ich ein lautes Lachen. Ich ging zum Fenster und schaute neugierig hinaus. Vor dem Unter uns standen ein paar junge Leute, die fröhlich waren. Komisch, dass mich die Fröhlichkeit der anderen in diesem Moment so bedrückte, wo sie doch sonst eher ansteckend wirkte. Einer der jungen Leute blickte zu mir hoch und lachte wieder laut auf. Mir kam es vor, als würde er mich auslachen, als würden sich die anderen da unten auf der Straße über mich lustig machen. Schlagartig stiegen mir die Tränen in die Augen. Schnell schloss ich das Fenster und verkroch mich wieder im Wohnzimmer.

Wir hatten kein Festnetztelefon, sodass ich nicht einmal jemanden anrufen konnte. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Mein Herz klopfte wie verrückt und ich wurde unruhig. Und immer, wenn ich unruhig wurde, begann eines meiner Beine zu zappeln. Ich bemerkte es, hielt es still und schon kurze Zeit später ging es wieder los. Dann holte ich mir einen Keks aus der Lade, knabberte ihn an und legte ihn wieder weg. Ich starrte auf die Uhr, aber die Zeiger bewegten sich kaum. Meine Mama kam nicht.

»Was wäre, wenn sie nie mehr kommen würde?« Nie mehr war etwas, das mir abgrundtiefe Angst bereitete. Es war so endgültig. Etwas Schönes kam nie wieder. Ich fand diesen Gedanken schon damals schlimm.

Wenn ich mir Fotos anschaute, kam oft das gleiche Gefühl in mir auf. Im Vorzimmer hingen an einer Magnetwand ganz viele Fotos von uns. Jedes Foto hielt nur einen ganz kurzen Augenblick fest, der auch nie wiederkam, auch wenn man versuchte, ihn mit dem Foto zu konservieren. Aber so wie auf dem Foto wird es nie wieder sein, denn die Geschichte dahinter ist vorbei.

Ich ging zur Wand und schaute mir die Fotos an. Da hing auch ein Foto von meiner Mama im Alter von acht Jahren mit ihrer Oma und eines von mir im gleichen Alter mit meiner Omi daneben. Omi und ich haben die gleiche Pose eingenommen, so wie damals meine Mama mit ihrer Oma. Das war sehr lustig. Es war leicht, die gleiche Körperhaltung einzunehmen, aber den Gesichtsausdruck haben wir nicht so gut hinbekommen. Ich fand, meine Mama zeigte auf dem Foto ein trauriges Lächeln, meines war ein bisschen verschmitzter.

Meine Uroma habe ich nie kennengelernt, sie starb, als meine Mama zehn war. Meine Uroma habe nie außerhalb von Österreich Urlaub gemacht, erzählte mir Mama einmal. Ganz schön traurig musste das sein, wenn man so lange auf der Welt war und nie das Meer mit seinen vielen Blautönen bewundern konnte oder den Eiffelturm oder die Blumenbilder von Monet.

Die Stille in der Wohnung beunruhigte mich sehr. Ich hätte mir ein Hörbuch anhören oder den Fernseher einschalten können, aber mir war nicht danach. Ich war viel zu unruhig. Ich war so sehr damit beschäftigt, auf jedes Geräusch zu achten, zu lauschen, ob sie endlich kam, dass es mir unmöglich war, mich etwas anderem zu widmen. Ich aß meinen angeknabberten Keks auf. Dann nahm ich die Schlüssel, zog meine Jacke an und eilte hinunter auf die Straße. Im Vorbeigehen läutete ich noch einmal bei Rosie und wartete. Es blieb still.

Nun stand ich vor der Eingangstür auf der Straße und schaute den Menschen zu, die vorbeigingen. Camilles Lieferwagen stand noch neben ihrem Blumengeschäft und sie lud zwei Zitronenbäumchen und vier große Töpfe mit rosa Hortensien ein. Unser Nachbar aus dem obersten Stock kam nach Hause. Als er mich sah, verzog er den Mund zu einem angedeuteten Lächeln und grüßte. Ich grüßte zurück. Er blieb kurz stehen und trällerte:

»Mein Gott, du bist ja schon wieder gewachsen. Du bist ja schon eine junge Dame!« Ich lächelte verlegen, scharrte mit den Füßen am Boden und hüpfte dann von einem Bein auf das andere.

Ich konnte es nicht leiden, wenn Erwachsene so einen zuckersüßen Ton anschlugen, sobald sie mit Kindern sprachen. Er hatte ein aufgesetztes Lächeln. Das merkte ich daran, dass die Augen beim Lächeln nicht mitstrahlen. Das lässt sich gut beobachten!

Immer wieder im Leben begegnen einem Menschen, von denen man denkt, dass es nicht echt ist, wenn sie höflich sind. Wenn jemand so übertrieben höflich war und sich in seiner Liebenswürdigkeit fast überschlug, verunsicherte mich das, es wirkte so unehrlich. Meine Mama sagte dazu auch: »Übertriebene Höflichkeit ist äußerer Schein und dieser Schein kann trügen. Wahrheit ist viel wichtiger als Höflichkeit. Es ist besser, wahrhaftig zu sein und den anderen mit Respekt zu begegnen. Man kann so und so spüren, wie jemand über einen denkt.«

Kurz überlegte ich, ob ich ihn nach seinem Telefon fragen sollte. Gerne hätte ich noch einmal versucht, meine Mama anzurufen, ließ es dann aber bleiben und er verschwand im Haus.

Jedes Mal, wenn ein Auto vorbeifuhr, hoffte ich, dass es ihr Wagen sein würde. Die Vorstellung, in die leere Wohnung zurückzukehren, machte mir Angst. Das letzte Mal, als ich so große Sehnsucht nach meiner Mama hatte, war, als ich eine Woche bei meinem Papa war. Da habe ich abends mit Mama telefoniert und ein bisschen geweint. Sie hat mich getröstet und gemeint, es sei gut wenn man das Gefühl der Sehnsucht kenne, denn dann wisse man bestimmt, dass man den anderen liebe. Schlimmer wäre es, man würde nie wissen, wie sich Sehnsucht anfühlt, denn dann würde man niemanden so sehr lieben, dass man sich nach ihm sehne.

Ich verstand das schon, aber was nützte das in dem Moment, wenn man wirklich Sehnsucht hatte? Das Gefühl war ja trotzdem da. Die Traurigkeit verschwand deshalb nicht.

Ich warf einen beiläufigen Blick auf das Unter uns. Die jungen Leute waren nicht mehr da. Es war jetzt ruhig in unserer Straße, nur ab und zu fuhr ein Auto vorbei. Eine Frau ging mit einem kleinen Mädchen auf der anderen Straßenseite entlang. Sie blies Seifenblasen in die Luft. Der Wind war so kräftig, dass sie schnell in die Höhe flogen und dann gleich wieder zerplatzten. Ich ging vor der Haustür auf und ab und versuchte, einen größeren Kieselstein auf dem Rand des Gehsteigs zu balancieren. Der Stein rollte bis vor Traugotts Laden.

»Traugott!«, dachte ich freudig. Durch das Schaufenster sah ich, wie Traugott auf einer Leiter vor einem seiner Bücherregale stand und Bücher einsortierte. Traugotts Laden war noch offen und plötzlich war ich völlig erleichtert.

»Natürlich, ich gehe zu Traugott. Der wird mir bestimmt weiterhelfen.« Ich hob den Stein auf, steckte ihn in meine Hosentasche und öffnete die Tür. Dabei bemerkte ich, dass der Stein aussah wie ein kleines Herz.

***

Kapitel 4

Simon und ich lernten uns in einem Transferbus kennen. Unser Flug von Paris nach Wien wurde umgeleitet und wir landeten außerplanmäßig in Budapest. Der Schneefall war am Nachmittag so ergiebig und ausdauernd gewesen, dass der Flugbetrieb in Wien eingestellt worden war. Wir warteten ewig. Rund um mich herum, gab es nur fragende und aufgeregte Gesichter – und Simon. Simon wirkte so entspannt, dass sein fröhlicher Gesichtsausdruck inmitten der gereizten Menge fast schon unanständig erschien.

Die Leute waren ungeduldig und sahen immer wieder auf die Uhr. Wir wurden in zwei Busse verfrachtet. Simon stand hinter mir in der Schlange und als ich mich umdrehte, lachte er mich an. Sein Lachen war wie ein heller Lichtstrahl. Ich stieg ein und er setzte sich ganz selbstverständlich auf den freien Platz neben mir. Er teilte mit mir sein Salami-Sandwich und dazu zauberte er aus seinem Rucksack eine Flasche edlen Rotweins, die eigentlich für das Weihnachtsfest gewesen wäre.

»Budapest schauen wir uns ein anderes Mal an, einverstanden?«, sagte er und seine grünen Augen blitzten auf, während er mit einem Leatherman die Flasche öffnete. »Vielleicht im Frühling, wenn es wärmer ist?«

Es war unser erstes Date, vier Tage vor Weihnachten, vor fast zehn Jahren. Der Schnee fiel dicht und geräuschlos durch die dunkle Nacht und es war die schönste Transferfahrt meines Lebens.

Wir trafen uns am nächsten Abend und am Übernächsten und von da an schliefen wir keine Nacht mehr alleine. Auch nicht zu Weihnachten. Wir waren unwahrscheinlich ineinander verliebt, telefonierten drei Mal am Tag, kauften dieselben Winterhauben, gingen Schlittschuhfahren, verwechselten unsere Zahnbürsten.

Im Frühling fuhren wir nicht nach Budapest. Wir zogen in eine hübsche Wohnung ans andere Ende der Stadt mit einer kleinen Terrasse mit Blick ins Grüne und einem Kinderzimmer. So wie viele junge Paare es sich wünschen, wenn sie jung sind und Pläne schmieden. Wir waren glücklich und wünschten uns nur, zusammen alt zu werden.

Wir träumten von einer eigenen Familie und Kindern. Man braucht Gott nicht, wenn man glücklich ist. Man muss sich nicht an ihn wenden. Man vergisst ihn. Wenn die Sinne verwöhnt sind und es das Leben gut mit einem meint, vergisst man nicht nur Gott, sondern auch sich selbst.

Dann kam Nico und unser Glück war perfekt. Simon arbeitete mehr, weil die Verantwortung jetzt größer war, wollte mehr verdienen, arbeitete noch mehr und irgendwann waren wir weniger verliebt. Das geschah schleichend, ich weiß nicht mehr genau, wann es begonnen hat. Er war ein hervorragender Osteopath und seine Hände waren sanft und bewirkten Wunder. Und je mehr Wunder er vollbrachte, desto begehrter wurde ein Termin bei ihm.

Dann kam eine Fehlgeburt. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Ich kam aus dem Krankenhaus und konnte nicht aufhören zu weinen. Simon legte seine Hände auf den Nacken einer der vielen Damen, die unter Verspannungen litten, während ich fast an meinen Tränen erstickte und mir nur wünschte, dass seine Hände mich umarmten. Mich, meinen Schmerz und meinen Bauch, der so leer war.

Die Damen mit den Verspannungen stellten sich an und wahrscheinlich wählte er eine aus. Ich roch das neue Rasierwasser, ich sah neue Hemden. Ich spürte sein schlechtes Gewissen, verstand die noch längeren Arbeitszeiten, die Einsilbigkeit seiner ausweichenden Antworten und wusste, dass er mich betrog.

Ich liebte Simon und ich liebte ihn wahrscheinlich auch noch, als er mir zu verstehen gab, dass wir ihn nur noch am Leben hinderten. Mein Kummer schien ihm erträglich. Ich hatte ihm meinen Schmerz auf eine für ihn erträgliche Art und Weise gezeigt. Ich schwieg und litt still vor mich hin. Und mein Schweigen kam einem Einverständnis gleich.

Nico nahm er in den letzten Wochen kaum noch mehr in den Arm, vermutlich, damit es ihm weniger wehtat, wenn er ging. Was für eine elende, verworrene Zeit!

Ich lege das Notizbuch zur Seite, gehe ins Badezimmer, halte meine Hände unter das kalte Wasser und wasche mir das Gesicht. Ich denke an Traugott. Alleine die Vorstellung seines Lächelns ist wie eine lindernde Umarmung. Traugott hat mich gelehrt, dass es nichts Zufälliges geben kann, dass es im Leben kein Versehen gibt und dass jede Schneeflocke zur rechten Zeit am rechten Ort landet. Simon und ich – wir waren nie wieder in Budapest.

Je mehr ich an Traugott denke, desto mehr kommen mir bruchstückhaft wieder seine Worte in den Sinn:

»Sei geduldig. Wer Geduld hat, versteht, dass er immer jetzt am richtigen Ort ist. Muße ist nicht Trägheit, genauso wenig wie Zufriedenheit Stagnation bedeutet. Wer Muße hat, ist reich, denn er hat immer ausreichend Zeit für das, was ihm das Leben jetzt gerade bietet.«

Traugott hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, auf die kleinen Dinge zu achten, die das Leben uns allen schenkt, und zu vertrauen, dass jeder so wie er ist geliebt wird. Er hatte mich aufgefordert, die Priorität meiner Werte zu überdenken und neu zu sortieren.

Ich setze mich auf das Sofa mit der beängstigenden Einsicht, wie wenig ich mich im Leben und mit mir selbst auskenne. Auf der dritten Seite von Traugotts Notizbuch findet sich nur ein Satz und ein Pfeil fordert zum Umblättern auf.

Know you are loved →

3. Notiz (die Erklärung dazu)

Es ist wirklich sehr einfach: Es gibt zwei Wünsche, nach deren Erfüllung alle Menschen permanent streben. Nur diese zwei. Und darum dreht sich die ganze Welt. Der eine ist der Wunsch nach Liebe und der andere der Wunsch nach Anerkennung.

All unser Streben lässt sich auf diese zwei Wünsche reduzieren. Jeder von uns will geliebt und anerkannt werden. Wir streben danach in einem Ausmaß, als würde unser Leben davon abhängen. Die Erwartungen und Befürchtungen hinsichtlich dieser beiden Wünsche mögen unterschiedliche Ausprägungen haben, die Wurzel ist jedoch immer dieselbe.

Du willst geliebt werden – so wie du bist, für das, was du bist. Und du suchst diese Liebe im Außen. Du willst sie von anderen bestätigt wissen. Wenn du verstanden hast, dass du so wie du bist bereits geliebt wirst, brauchst du im Außen nicht mehr zu suchen. Liebe von außen ist ein Konstrukt, das irgendwann zusammenbricht. Denn in der polaren Welt ist nichts einseitig von Dauer. Jeder Pol hat seinen Gegenpol und Mensch zu sein heißt, die Erfahrung der Polarität zu machen.

Du wünschst dir, geliebt zu werden, und glaubst, dass du dir diese Liebe verdienen müsstest! Du malst ein Bild von dir selbst, dem du entsprechen möchtest, und siehst zu, dass du diesem Bild ähnlich wirst. Du glaubst, dass wenn du diesem Bild entsprichst, du dir die Liebe verdienen könntest! Mehr noch, du glaubst sogar, du hättest dann einen Anspruch auf die Liebe, weil du an diesem Bild akribisch feilst, und bist enttäuscht, wenn es nicht so ist. Welche Anstrengungen du permanent unternehmen musst, damit sich der Wunsch nach Liebe für dich erfüllt!

Selbst wenn er sich für dich eine Zeit lang erfüllt, ist die Befriedigung nur von kurzer Dauer: Entweder es keimen neue Wünsche auf oder du hast Angst, sie wieder zu verlieren. Du lebst immer in der Polarität von Erwartung und Befürchtung.

Wahr ist vielmehr, dass du dir diese Liebe nicht verdienen musst. Du kannst sie dir gar nicht verdienen, weil du so wie du bist, schon geliebt bist.

Du musst keinem anderen Bild entsprechen als jenem, das Gott von dir schon gezeichnet hat! So wie du bist, bist du von Gott gewollt. Sonst wärst du gar nicht hier auf Erden!

Du musst nichts an Gottes Werk verbessern, korrigieren oder berichtigen. Denn das würde bedeuten, Gott nicht dafür wertzuschätzen, was er in dir veranlagt hat, und dich nicht wertzuschätzen für das, was du in dieser Welt zum Ausdruck bringen sollst. Und wenn du selbst nicht wertschätzt, was Gott in dir veranlagt hat, kannst du auch jene nicht wertschätzen, die dich lieben, und damit kann diese äußere Form der Liebe auch nicht beständig sein.

Du stellst nicht nur dich selbst infrage, sondern auch jene, die dich lieben, und am Ende auch Gott selbst. Die Anerkennung messen wir in den unterschiedlichsten Einheiten: Es geht um Status, um Wohlstand, um Macht, um Intelligenz, um Aussehen – je nachdem, was uns gerade am meisten fehlt oder von dem wir glauben, dass es uns am dienlichsten ist, um Anerkennung wirksam im Außen finden zu können und von anderen bestätigt zu wissen.

Anerkennung von außen ist auch ein Konstrukt, das niemals ewig standhalten kann: Denn selbst der mächtigste Mensch, wird im Angesichts des Todes all seine Macht abgeben und sie Gott aushändigen müssen. Selbst der reichste Mensch wird sich irgendwann von seinem Reichtum trennen müssen und auch das attraktivste Gesicht und der sportlichste Körper werden altern und irgendwann erschlaffen. Alles, wonach ihr strebt, ist vergänglich. Vergänglichkeit ist die Natur aller Dinge.

Du willst anerkannt werden für das, was du bist, für deine Werke und deine Taten? Erkenne dich selbst an, erkenne Gott in dem an, was er in dir und durch dich zum Ausdruck bringt. Und du wirst Demut und Dankbarkeit empfinden für das, was du bist, und nicht mehr nach Liebe und Anerkennung im Außen suchen.

Du wirst verstehen, dass dich Gott anerkennt, so wie du bist, und dass du nichts tun oder sein musst, um dir diese Anerkennung zu verdienen, weil sie gottgegeben ist. Suche nicht im Außen das, was im Inneren bereits vorhanden ist. Wende dich nach innen, lebe von innen nach außen und erfahre in dir Gottes Liebe und Anerkennung.

Weil du im Außen immer nur versuchst, deine Wünsche zu erfüllen, ist dein Leben anstrengend. Du wendest ein hohes Ausmaß an Energie auf, um permanent einem Bild zu entsprechen, das du dir selbst auferlegst. Du tust Dinge, von denen du meinst, dass sie dir die Anerkennung bringen, der du glaubst zu bedürfen. Du läufst immer selbst gesteckten Erwartungen hinterher, weil an ihnen dein Glück zu hängen vermag. Aus einem Bedürfnis entstehen immer Zwang und Perfektionismus. Und Zwang ist das Gegenteil von Freiheit. Deshalb fühlst du dich gefangen. Du nimmst dir selbst deine Freiheit.

Erkenne dich selbst an, dann kannst du frei sein, frei handeln. Du tust dann nur noch Dinge, die dein Ausdruck von Gott sind, und nicht mehr ausschließlich solche Dinge, die Ausdruck deiner Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung von außen sind.

Wünsche sind ein Fass ohne Boden, denn kaum sind sie erfüllt, entstehen neue Wünsche, die als Nächstes erfüllt werden wollen. Denn auch die Befriedigung der Wunscherfüllung ist vergänglich.

Stell dir vor, jeder würde erkennen, dass er so wie er ist anerkannt und geliebt ist. Jeder wäre frei in seinen Handlungen und müsste nicht permanent versuchen, seine Wünsche nach Liebe und Anerkennung zu erfüllen. Das wäre ein Leben in Freiheit und Harmonie, in dem jeder in jedem Gott erkennen würde. Dann wäre jeder frei von seiner Bedürftigkeit und könnte sich in Freiheit seinen tiefsten Sehnsüchten und seiner ureigenen Lebensaufgabe zuwenden. Das wäre das Paradies.

Ja, es ist so. Die meisten wollen nur geliebt werden und strengen sich dafür außerordentlich an. Ganze Industrien leben ziemlich gut davon, dass die Menschen Liebe und Anerkennung brauchen. Mode, Sport, Diäten, Kosmetik, Wellness … Die Liste ist lang. Wie wäre die Welt, wenn die Menschen in dem Ausmaß lieben würden, wie sie geliebt werden wollen?

Ist es wirklich Liebe, wenn ich mich an Simon festklammere? Ist es Liebe, wenn ich ihn gefühlsmäßig für mein Glück so sehr brauche?

4. Notiz

Wenn du mit deinem Leben nicht zufrieden bist, dann denke neu, erfinde dich neu. Male dir in den schönsten Farben ein neues Leben aus und lass das alte los. Schau nicht zurück.

Du kannst nicht am alten Leben hängen, es beklagen, es bedauern und gleichzeitig dein neues Leben entwerfen wollen. Nimm ein neues Blatt Papier, ein unverbrauchtes, leeres Blatt, und male dir deine erhabensten Wünsche aus. Überlege, wie du dein Potenzial und deine Talente am besten zum Ausdruck bringen kannst, und mache dich auf den Weg. Beklage nicht, was jetzt ist – du hast es so gewählt –, sondern akzeptiere, dass du so gewählt hast, und mache dich auf zu neuen Ufern.

Warte nicht auf ein Ereignis im außen, um dich auf den Weg zu machen, es kommt jetzt nicht.

Wirkliche Veränderungen finden von innen nach außen statt, nicht von außen nach innen.

Du musst über den Tellerrand hinausblicken. Es gibt nichts, was du zu beklagen hättest. Das Leben meint es gut mit dir. Du hältst an dem Vertrauten fest, du hast Angst, es loszulassen, weil es dir Sicherheit gibt. Aber das ist nur eine scheinbare Sicherheit. Es gibt nichts im Leben, das man festhalten könnte. Du musst alles loslassen, damit es zu dir zurückkommt. Nichts, woran du festhältst, wird dich auf Dauer glücklich machen.

Loslassen heißt, etwas freigeben. Nichts ist von Dauer. Alles, was besteht, ist dem Wandel unterworfen. Bewege dich mit dem Wandel und denke neu. Was du festzuhalten versuchst, kann sich nicht verändern.

Durch dein Festhalten versuchst du, ein universelles Gesetz zu unterbinden. Was du festhältst, kann sich nicht weiterentwickeln. Was du festhältst, kann nicht wachsen, es kann sich nicht entfalten, es verdirbt in deinen Händen. Das was du am meisten liebst und am meisten fürchtest, musst du loslassen.

Loslassen heißt, es gehen zu lassen, keine Erwartungen und Befürchtungen mehr zu hegen, es einfach sein zu lassen. Keine Emotionen aufkommen zu lassen. Das ist ein Prozess und je höher der Leidensdruck, desto eher wirst du immer darauf gestoßen, es zu praktizieren. Dafür bedarf es der Geduld, der Ausdauer und der Disziplin.

Bei geringem Leidensdruck wird es an Disziplin mangeln, je höher aber der Leidensdruck, desto höher wird deine Bereitschaft sein zu verändern.

Ich lausche dem Regen, der jetzt auf die Dachrinne des gegenüberliegenden Hauses klopft. Ich betrachte Simons Foto und lege es in die Schachtel. Er wollte uns nicht genug, um bei uns zu bleiben. Vorläufig.

***

Kapitel 5

Sanft klingelte ein Glockenspiel, als ich eintrat. Dabei umklammerte ich mit der linken Hand den Herzstein in meiner Hosentasche, als könnte ich mich an ihm festhalten. Traugott stand auf einer Holzleiter, drehte den Kopf zur Eingangstür und grüßte mich freundlich. Ich war erstaunt, dass er meinen Namen kannte. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört, aber er sagte tatsächlich:

»Grüß Gott, Theo.«

»Hallo Traugott«, antwortete ich. »Woher kennst du meinen Namen?«

»Nun, ich habe ihn deine Mutter einmal rufen gehört und er ist mir im Gedächtnis geblieben. Dein Name ist bedeutungsvoll. Und vielleicht auch, weil er für ein Mädchen eher ungewöhnlich ist«, antwortete Traugott und stieg von der Leiter hinunter.

»Wieso ist Theo ein bedeutungsvoller Name?«, fragte ich.

»Nun, Theo heißt Geschenk Gottes und das ist doch wahrlich bedeutungsvoll!« Er beugte sich zu mir herunter und reichte mir die Hand. Sein Händedruck war kräftig und kurz.

Ich schwieg. In die Stille hinein fragte er: »Und woher kennst du meinen Namen, Theo?«

»Er steht in großen Buchstaben da oben über der Eingangstür«, sagte ich und musste kichern. »Ich gehe mindestens zwei Mal am Tag daran vorbei!«

»Ach ja, stimmt, da hast du recht, daran habe ich gar nicht gedacht«, lächelte er, kratzte sich am Kinn und schob seine Brille zurecht.

Traugott wirkte jung. Er hatte auffallend viele Locken und einzelne Strähnen tanzten bei jeder noch so kleinen Kopfbewegung am oberen Rand seiner Brille. Er war groß und sehr schlank, sein weißes Hemd hing ihm aus der Hose. Er schaute mir vielsagend in die Augen. Sein Blick war offen und ehrlich. Die wenigsten Menschen schauten einem wirklich in die Augen. Ich habe das beobachtet. Die meisten machten das nur kurz und dann war es ihnen irgendwie unangenehm und sie schauten weg.

»Theo, hast du geweint? So traurige Augen! Bist du alleine? Wo ist deine Mama?«, fragte er und nahm mir die Jacke ab, als wäre es für ihn ganz selbstverständlich, dass ich länger bleiben würde.

»Das weiß ich nicht. Ich habe vor der Schule auf sie gewartet, aber sie ist nicht gekommen«, antwortete ich.

»Hat sie sich verspätet, was glaubst du? Wollen wir sie einmal anrufen?« Er holte ein Taschentuch hervor und reichte es mir.

»Ja bitte«, ich nicke. »Die Nachmittagsbetreuerin hat es schon versucht, aber sie hat nicht abgehoben.«

Die Telefonnummer meiner Mutter konnte ich seit meinem fünften Lebensjahr auswendig. Sie hatte diese Nummer sehr oft mit mir geübt. »Man kann nie wissen«, hatte sie mehrmals betont. Früher habe man noch alle wichtigen Nummern auswendig gewusst, aber seitdem man sie einspeichern könne, mache man sich die Mühe nicht mehr. Meine Mutter sagte immer, sie kenne keine einzige Telefonnummer mehr auswendig.

Traugott holte sein Mobiltelefon aus der hinteren Hosentasche. Ich sagte ihm die Nummer an. Es läutete. Niemand nahm ab. Meine Augen begannen sich wieder mit Tränen zu füllen, aber nicht, weil ich so einsam war, sondern weil ich Angst um meine Mama hatte.

»Sie musste zum Flughafen, hatte aber gesagt, dass sie sicher rechtzeitig wieder da ist. Sie war noch nie zu spät«, schluchzte ich. Auf meine Mama konnte man sich wirklich verlassen.

»Hat sie gesagt, wohin sie geflogen ist?«, fragte Traugott nach.

Ich schüttelte den Kopf.

»Sie hatte es sehr eilig. Ich habe auch nicht nachgefragt.«

Traugott schwieg.

»Es kann nicht sehr weit weg sein, wenn sie gesagt hat, dass sie dich um sechzehn Uhr wieder abholt.«

»Ich weiß es wirklich nicht«, erwiderte ich.

Er dachte nach, legte dabei seine Hand über den Mund und verharrte in einer Position, als würde er über etwas ganz Wichtiges nachdenken. Er wirkte plötzlich sehr konzentriert. Es sah so aus, als hätte er sein Lächeln einfach von seinen Lippen genommen, um es in seiner Hand festzuhalten. Nach kurzer Zeit setzte er sein feines Lächeln wieder auf, strich mir mit der Hand über den Kopf und sagte:

»Ich bin mir ganz sicher: Deine Mama ist wohlauf und es geht ihr gut. Wahrscheinlich hat sie sich nur verspätet. Ich würde vorschlagen, dass du ein bisschen bei mir bleibst. Sie wird bestimmt bald kommen, davon bin ich überzeugt.«

»Meinst du wirklich? Aber dann hätte sie doch in der Schule angerufen und Bescheid gegeben. Das hätte sie bestimmt gemacht. Oder sie hätte Rosie angerufen und Rosie wäre gekommen. Rosie holt mich öfter von der Schule ab.«

»Wer ist Rosie?«, fragte Traugott.

»Rosie ist eine ältere Dame, sie wohnt im Mezzanin.«

»Ja«, sagte Traugott, »ich glaube ich kenne sie vom Sehen. Vielleicht ist der Akku ihres Handys leer oder sie hat niemanden erreicht oder sie sitzt noch im Flugzeug. Da kann man ja bekanntlich nicht telefonieren. Es geht ihr gut, ganz bestimmt«, versicherte Traugott.

»Und woher weißt du das?«

Traugott nahm mich bei der Hand und zog mich näher an sich heran. Dann flüsterte er mir etwas zögerlich und leise ins Ohr:»Gott hat es mir geflüstert! Wir werden einfach gemeinsam warten, bis sie kommt.«

Ich lächelte. Ich war so dankbar, dass Traugott, der mich kaum kannte, so warmherzig aufnahm. Hier war alles so friedlich, Traugott war sicher einer jener Menschen, die einverstanden waren mit der Welt.

»Gott hat dir etwas zugeflüstert?«, fragte ich nach. »Du kannst mit Gott sprechen? Wie machst du das ‒ mit Gott sprechen? Kannst du dich mit Gott unterhalten, weil du Traugott heißt? Ich würde auch gerne einmal mit Gott sprechen.«

Traugott schmunzelte.

»Ich kann es dir erklären. Allerdings könnte das etwas Zeit in Anspruch nehmen ‒ wenn ich so viele Fragen auf einmal beantworten muss. Ich hole uns erst einmal etwas zu trinken.« Er verschwand hinter einem hellgrünen Filzvorhang in der hinteren Ecke seines Ladens.

Es war schon komisch. Manchmal begegneten einem Menschen, die einem völlig fremd waren und einem dennoch so vertraut vorkamen, als würde man sie schon ganz lange kennen. Für Traugott schien es selbstverständlich zu sein, dass ich hier bei ihm war und auch blieb. So als wären wir bereits sehr lange befreundet gewesen.

Da fiel mir plötzlich Allegra ein. Allegra und Pauli waren die Kinder einer Freundin meiner Mutter, die in Belgien wohnten und uns einmal besucht hatten. Allegra war damals vier Jahre alt gewesen und ihr Bruder Pauli acht, so alt wie ich. Das war also vor fast zwei Jahren gewesen.

Ich hatte Allegra noch nie vorher gesehen, aber sie hatte mich begrüßt, als wäre ich ihre beste Freundin. Eigentlich fand ich ja kleine Kinder ein bisschen anstrengend, so wie meine kleine Halbschwester, die ich sah, wenn ich ab und zu bei meinem Vater war. Und ich brach nicht gleich in Entzücken aus, wenn ich ein kleines Mädchen sah, wie das die meisten Erwachsenen taten. Aber Allegra war speziell gewesen. Sie war mir nicht von der Seite gewichen, den ganzen Nachmittag nicht. Sie hatte zu mir gesagt: »Dich kenne ich schon ganz lange, wir sind schon einmal miteinander auf einem Pferd geritten.«

Ich hatte sie nie zuvor gesehen und war auch in meinem ganzen Leben noch nie auf einem Pferd geritten, außer auf dem Karussell auf dem Weihnachtsmarkt. Damals hatte ich gedacht: »Die redet lauter Unsinn, weil sie noch so klein ist.«

Aber weiterhin hatte sie mir erzählt, dass sie auch den Pauli schon ganz lange kannte und sie ausgemacht hatten, zusammen auf die Welt zu kommen. Erst sie und danach der Pauli. Aber Pauli hätte sich nicht an die Vereinbarung gehalten, er wäre schneller gewesen und hätte sich einfach vorgedrängelt. Sie hätte dann noch lange warten müssen.

»Naja, die spinnt gründlich«, hatte ich gedacht, »ganz gewiss.« Aber trotzdem hatte ich immer wieder darüber nachdenken müssen.

Sie war wirklich lieb gewesen, so total anhänglich, und sie hatte unglaublich gut Geige gespielt, das war wirklich unbegreiflich gewesen! Immerhin war sie ja noch so klein gewesen. Der Geigenkasten hatte ihr fast bis zum Kinn gereicht. Komisch, dass mir die Geschichte gerade jetzt bei Traugott einfiel.

Ich sah mich um. Der Buchladen war sehr gepflegt, luftig, mit hohen Wänden und einer breiten Schaufensterfront zur Straße. Es war hell, sauber und freundlich. Alles war ordentlich. Die Bücher reihten sich in den meterhohen, bis unter die Decke emporrankenden Regalen aneinander und ich war überzeugt davon, dass Traugott jedes einzelne blind finden würde. In der Mitte des Ladens standen kleine Tische rund um eine Säule und auf diesen lagen kleine und größere Büchertürme. Die Säule war hellgelb tapeziert und an ihr hafteten bunte Notizzettel mit Zitaten aus Büchern. Darüber stand in großen schwarzen Buchstaben: Wortewand.

Traugott sammelte also Worte, etwa so wie andere Briefmarken, Münzen oder Postkarten sammelten? Ich stand auf, ging zur Säule und las:

Das Hohe Lied der Liebe

Nehmen ohne Liebe macht habgierig.

Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.

Besitz ohne Liebe macht geizig.

Ich verstand die Sätze nicht. Ich las noch einmal: Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.

»Was heißt heuchlerisch?«, rief ich Traugott zu, der hinter seinem Vorhang werkte.

»Hm, das heißt scheinheilig, eben nicht aufrichtig«, erwiderte er und lugte kurz hinter dem Vorhang hervor.

»Warum?«

»Es steht hier auf dem Notizzettel an deiner Wortewand: Freundlichkeit ohne Liebe ist heuchlerisch«, wiederholte ich.

»Jetzt weiß ich, warum die Höflichkeit unseres Nachbarn mir so unehrlich vorkommt. Es fehlt die Liebe. Aber er muss mich ja nicht lieben, er kennt mich ja nicht wirklich«, dachte ich. »Kann man Menschen lieben, die man kaum kennt?«

Traugotts Freundlichkeit fühlte sich ganz anders an. Und auch er musste mich ja nicht lieben, denn er kannte mich genauso wenig. Ich verstand den Satz noch immer nicht.

Ich setzte mich in einen Sessel, der bei einem Tisch vor dem linken Schaufenster stand. Abwechselnd schaute ich hinaus und dann wieder auf meine Beine, die nach vorne und dann wieder nach hinten baumelten.

Camille ging mit ihrem federnden Gang am Laden vorbei. Sie trug ein blau-weißes Blumenbouquet im Arm und wirkte sehr geschäftig. Ich winkte ihr zu, sie lächelte, winkte mir zurück. Danach verschwand sie im nächsten Haustor.

Traugott kam wieder hinter dem Vorhang hervor. Er brachte uns zwei Gläser mit Strohhalmen und frisch gepresstem Apfelsaft. Dankbar lächelte ich ihm zu. Wir tranken und Traugott blies in den Strohhalm, sodass es im Glas nur so blubberte. Ich lachte. Meine Mama mochte das gar nicht. Aber wenn Traugott es schon blubbern ließ, tat ich ihm einfach gleich und wir lachten beide. Die Gläser waren ganz kalt, sie hatten bestimmt im Kühlschrank gestanden. Ich sah auf das beschlagene Glas und verwischte dabei die Abdrücke, die meine Finger darauf hinterlassen hatten. Traugott malte mit dem Zeigefinger ein lachendes Mondgesicht auf sein Glas und drehte es in meine Richtung. Dann verschwand er erneut hinter dem Vorhang und kam kurze Zeit später wieder zurück.

»Erdbeereis?«, fragte er.

»Oh ja, sehr gerne.«

Wir knabberten beide schweigend die Schokoladenglasur herunter, bevor wir in das köstliche Eis bissen. Eigentlich wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen, so dankbar war ich. Seine Anwesenheit und seine Zuversicht beruhigten mich. In seiner Gegenwart fühlte ich mich in absoluter Sicherheit. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht wegen seiner großen dunkelbraunen Augen, die gütig waren und immer lächelten?

Traugott konnte mit den Augen lächeln. Er hatte einen durchdringenden Blick, sodass ich das Gefühl hatte, dass er in mein Herz schauen und meine Gedanken lesen könnte. Ich stellte später immer wieder fest, dass, während er zu mir sprach und ich seine Worte förmlich aufsaugte, gleichzeitig Fragen in mir auftauchten, die er, noch bevor ich sie stellen konnte, schon beantwortete. So als ob er sie irgendwo ablesen könnte.

Nachdem wir das Eis fertig gegessen hatten, stand er auf. Er nahm ein weißes Blatt Papier, befestigte zwei Klebestreifen daran und sagte:

»Du hinterlässt am besten eine Nachricht an eurer Wohnungstür, damit deine Mama sofort weiß, wo du bist, sobald sie nach Hause kommt. Es könnte ja sein, dass wir sie vom Laden aus nicht sehen, wenn sie heimkommt.«

»Das ist eine gute Idee.« Ich nahm den Stift, den mir Traugott entgegenhielt und schrieb auf das Blatt:

Liebe Mama,

ich bin bei Traugott.

Bitte hohle mich ab! Ich warte hier auf dich.

Deine Theo

Ich zog den herzförmigen Kieselstein, der mich zu Traugott geführt hatte, aus meiner Hosentasche.

»Ein hübscher Stein«, sagte er, betrachtete ihn und nahm ein weiteres Taschentuch, um ihn zu polieren. Wir klebten ihn mit einem zusätzlichen Klebestreifen auf das Papier.

Ich lief aus dem Laden. Die bunten Notizzettel an der Säule flatterten im Luftzug, als wollten sie zu Wort kommen und unbedingt etwas mitteilen. Ich drückte unser schweres Haustor auf, rannte die vier Stockwerke hinauf und sperrte die Wohnungstür auf. Den Zettel legte ich ins Vorzimmer auf die weiße Kommode. Das ist der Ort, wo meine Mama immer die Schlüssel und ihre Tasche ablegte, bevor sie die Schuhe auszog. Da würde sie ihn bestimmt nicht übersehen. Dabei fiel mir auf, dass man ›hohle‹ nicht mit stummem ›h‹ schreibt. Naja, das war jetzt auch wirklich nicht wichtig. Sie würde es sicher trotzdem verstehen.

Ich zog die Türe hinter mir zu. Da erschrak ich. Mir fiel plötzlich ein, dass sie ja doch zu Hause sein könnte. Vielleicht war sie krank und lag im Bett und war einfach eingeschlafen? In ihrem Schlafzimmer hatte ich noch gar nicht nachgesehen.

Ich sperrte noch einmal auf und ging schnell ins Schlafzimmer. Sie war nicht da. Das Bett war frisch gemacht. Sicherheitshalber sah ich noch einmal in allen Räumen nach.

»Mama, bist du da?«, rief ich laut … Keine Antwort. Ich schloss die Tür und ging zurück zu Traugott. Im ersten Stock läutete ich noch einmal bei Rosie. Aus Rosies Wohnung drang auch dieses Mal kein Laut.

***

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201 p. 2 illustrations
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9783937883755
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