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Daniel Stökl Ben Ezra

Qumran

Die Texte vom Toten Meer und das antike Judentum

Mohr Siebeck GmbH & Co. KG


Inhaltsverzeichnis

  Widmung

  Vorwort

  Transkriptionsregeln

 Teil 1: Historische und philologische Einleitung1 Die Bedeutung der Qumranrollen und ihre Entdeckungs- und Forschungsgeschichte1.1 Die Bedeutung der Funde von Qumran1.2 Die Entdeckung 1946/19471.3 Schriftrollenfunde am Toten Meer vor 19471.4 Weitere Entdeckungen der ersten Jahre (1949–1952)1.5 Die „Scrollery“ (1952–1960)1.6 Der akademische Skandal par excellence (1960–1990)1.7 Die Veröffentlichung (1990–2010)2 Wie liest man ein Fragment? Anatomie der ältesten jüdischen Bücher2.1 Buchform und Layout (Kodikologie)2.2 Vom Fragment zur Transkription2.3 Schrift (Paläographie)3 Vom Fragment zur Rolle: Konstruktion, Editionen und Hilfsmittel3.1 Vom Fragment zu Fragmentengruppen3.2 Von der Fragmentengruppe zur Reihenfolge3.3 Abkürzungssystem3.4 Alte Fotos und neue Bildtechniken3.5 Editionen und Hilfsmittel4 Kurze Geschichte Judäas in hellenistisch-römischer Zeit5 Religiöse Bewegungen in Judäa

 Teil 2: Steine, Rollen, Krüge: Archäologie der Texte von Qumran und ihrer Umgebung6 Grundzüge der Archäologie und Aufteilung in Siedlungsphasen6.1 Wie funktioniert eine Ausgrabung?6.2 Chronologie der Siedlungsphasen von Khirbet Qumran7 Leben in und um Qumran: Gebäude und Objekte7.1 Die wichtigsten Gebäude und Objekte7.2 Friedhöfe7.3 Im Keller: Höhlen im Mergelplateau7.4 Schriftrollenhöhlen im Kliff bei Qumran7.5 Höhlen ohne Schriftrollen im Kliff7.6 Ein Feshkha7.7 Wege und Pfade um Qumran7.8 Exkurs: Die anderen Handschriftenfunde am Toten Meer8 Festung, Villa, Töpferei? Qumran im KontextExkurs: Das sogenannte Jachad-Ostrakon9 In und out: Überblick über die Schriftrollen, Autorgruppen, Besitzer und Gegner9.1 War Qumran eine Geniza?9.2 Qumran als Bibliothek? Ein Überblick über die Schriftrollenbestände9.3 Drei Ausreißer?

 Teil 3: Die Geburt der ältesten Buchreligion: Die Rollen von Qumran und die Hebräische Bibel10 Kanon und Kreativität: Konturen der „Bibel“ und „parabiblischer“ Literatur im Zweiten Tempel10.1 Kanon und Heilige Schriften10.2 Die traditionellen Bibeln10.3 Frühe Zeugnisse zur Kanonsgeschichte10.4 Konturen Heiliger Schriften in Qumran11 Kopie, Korrektur, Kreativität: Textkritik und Redaktionskritik „biblischer“ und nicht-biblischer Bücher11.1 Textunterschiede und Textkritik11.2 Textunterschiede und Redaktionskritik11.3 Reworked Pentateuch oder Pentateuch?11.4 Textkritik und nicht-biblische Schriftrollen12 Gottes Wort verstehen: Auslegungstechniken und -themen12.1 Rewritten Scripture12.2 Spin-Offs, Sequels, Prequels12.3 Quellen biblischer Bücher?12.4 Pescharim und andere Kommentare12.5 Hilfsschriften12.6 Übersetzungen

 Teil 4: Der Jachad: Quellen, Organisation und Religion der Bibliotheksbesitzer13 Die Quellen des Jachad13.1 Die Damaskusschrift (D) (Zadokidisches Werk)13.2 Die Gemeinschaftsregel (S) und verwandte Texte (Sa und Sb)13.3 Hymnenrolle (H)13.4 Milchama-Texte (M)13.5 Andere Texte: Berakhot, Pescharim, Flor, Test, 11Q1314 Jachad und Neuer Bund: Organisationsformen15 „Pflanze der Gerechtigkeit“: Ursprung, Geschichte und Protagonisten16 „Das Gute und Rechte vor Dir tun“: Rituale des Jachad16.1 Riten des Lebenszyklus: Kindheit, Beitritt und Bestattung16.2 Kalender, Fest- und Wochentagsliturgien16.3 Tagzeitenliturgie: Morgen- und Abendgebet, Gemeinschaftsmahl und ewiges Studium16.4 Gebet vs. Opfer16.5 Reinheit17 „Einen Mann im Herzen erleuchten“: Zur Ideologie des Jachad17.1 Gott, Engel, Mensch17.2 Dualismus17.3 Doppelte Prädestination17.4 Mysterium, Esoterik, Geheimlehren und Schriftauslegung17.5 Präsente Eschatologie, Auferstehung

 Teil 5: Schlüsselloch Qumran: Neue Einblicke ins antike Judentum18 „Das Ende der Tage“: Eschatologie, Apokalyptik und Messianismus – Qumran und das christliche Judentum19 „Das Verborgene erkennen“: Weisheit, Wissenschaft und Magie20 „So lasst unsre Lippen Stiere opfern“: Liturgie, Gebet, Mystik20.1 Gebete: Qumran und das synagogale Gebet20.2 Mystik: Qumran und die Hekhalotliteratur21 „Gottes Willen ordnen“: Tora und Halakha – Qumran und das Rabbinische Judentum

  Abbildungsverzeichnis

 Allgemeine Bibliographie1 Übergreifende Internet-Datenbanken und digitale Handschrifteneditionen2 Datenbanken auf CD-Rom3 Kataloge4 TextausgabenHebräische und griechische BibelnPhilo und JosephusPseudepigraphenTexte aus Qumran und anderen Orten um das Tote MeerNeues TestamentRabbinische LiteraturHekhalotJüdische LiturgieKlassische Autoren zu Juden und Judentum5 Archäologie6 HilfsmittelKonkordanzenKodikologie und PaläographieWörterbücherGrammatikenBibelzitate und -anspielungenEnzyklopädien und NachschlagewerkeBibliographien7 Moderne EinleitungenAlte Geschichte der LevanteAntikes JudentumEntdeckungs- und ForschungsgeschichteHebräische und griechische BibelQumranNeues Testament8 Auswahl zentraler Konferenzbände außerhalb von STDJ

 Anhang1 Karten und Pläne2 Zeittafel3 Glossar

 Quellenverzeichnis1. Hebräische Bibel2. Apokryphen und Pseudepigraphen3. Qumran4. Philon von Alexandrien5. Josephus6. Neues Testament7. Frühchristliche Literatur8. Klassische Literatur9. Gnostische Literatur10. Rabbinische Literatur

  Personenregister

  Sachregister

  Archäologische Loci

[Zum Inhalt]

|V|Meinen Jerusalemer Lehrern

[Zum Inhalt]

|VII|Vorwort

Dieses Lehrbuch ist Ausdruck meiner Überzeugung, dass sich die Welt des frühen Judentums – und darunter fällt auch das Urchristentum – nur im parallelen Studium aller antiken jüdischen Quellen, schriftlichen wie archäologischen, begreifbar machen lässt. Auch sind alle Methodologien, Philologie, Geschichte, Archäologie, Religions- und Sozialwissenschaften und nun auch die Informatik, wo sie vergangene Welten mit Licht erhellen können, zu verwenden.

Ich danke meinen Schülern in Paris und in Bern, die mit mir einige der hier enthaltenen Materialien erprobt haben. Sehr herzlich möchte ich Jonathan Ben-Dov, Katell Berthelot, René Bloch, Yehuda Cohn, Lutz Doering, Gilles Dorival, Jörg Frey, Florentino García-Martínez, Charlotte Hempel, Jodi Magness, Dennis Mezzi, Konrad Schmid, Günter Stemberger, Herzeleide Stökl, Jonathan Stökl, Eva Tyrell und Eibert Tigchelaar sowie dem Lektor meinen Dank aussprechen, die sich mit zahlreichen Korrekturen und Hinweisen viel Mühe gegeben haben, das Buch oder das ihm zugrundeliegende Projekt vor einigen Fallen zu bewahren. Verbliebene Fehler möge der Leser mir zur Last legen.

[Zum Inhalt]

|XIII|Transkriptionsregeln

Entsprechend den Regeln der Lehrbuchreihe wird ein der deutschen Sprache angemessenes stark vereinfachtes Transkriptionssystem angewandt, das Konsonanten im Allgemeinen mit den folgenden Äquivalenten wiedergibt und Vokale nach der vereinfachten modernen hebräischen Aussprache ergänzt. Personennamen sind allgemein nach der griechischen Weise transkribiert (Demetrios statt Demetrius).


alef ’ / ø (am Wortanfang und -ende) ‎‏א‏‎
bet b / v ‎‏ב‏‎
gimel g ‎‏ג‏‎
dalet d ‎‏ד‏‎
he h / ø (am Wortende) ‎‏ה‏‎
waw w / o / u ‎‏ו‏‎
zain z ‎‏ז‏‎
chet ch ‎‏ח‏‎
tet t ‎‏ט‏‎
jod j / i ‎‏י‏‎
kaf k / kh ‎‏כ‏‎
lamed l ‎‏ל‏‎
mem m ‎‏מ‏‎
nun n ‎‏נ‏‎
samekh s ‎‏ס‏‎
ajin ‘/ ø (am Wortanfang und -ende) ‎‏ע‏‎
pe p / f ‎‏פ‏‎
tsade tz ‎‏צ‏‎
qof q ‎‏ק‏‎
resch r ‎‏ר‏‎
schin sch ‎‏ש‏‎
tav t ‎‏ת‏‎

[Zum Inhalt]

|1|Teil 1: Historische und philologische Einleitung
|3|1 Die Bedeutung der Qumranrollen und ihre Entdeckungs- und Forschungsgeschichte

Allegro, John, Die Botschaft vom Toten Meer, Frankfurt 1957.

Burrows, Millar, Die Schriftrollen vom Toten Meer, München 1957;

Burrows, Millar, Mehr Klarheit über die Schriftrollen, München 1959.

Cross, Frank, Die antike Bibliothek von Qumran und die moderne biblische Wissenschaft, Neukirchen-Vluyn 1967.

Dimant, Devorah/Kottsieper, Ingo (Hgg.), The Dead Sea Scrolls in Scholarly Perspective. A History of Research, Tübingen 2012.

Fields, Weston, The Dead Sea Scrolls. A Full History. Vol. 1, Leiden 2009.

Golb, Norman, „Who Were the Maġārīya?“, Journal of the American Oriental Society 80 (1960) 347–359.

Israeli, Raphael, Piracy in Qumran. The Battle over the Scrolls of the Pre-Christ Era, New Brunswick 2008.

Maier, Johann/Schubert, Kurt, Qumran-Essener. Texte der Schriftrollen und Lebensbild der Gemeinde, München 1991.

Milik, Józef, Ten Years of Discovery in the Wilderness of Judaea, London 1959.

Reiner, Fred, „C.D. Ginsburg and the Shapira Affair. A Nineteenth-Century Dead Sea Scrolls Controversy“, The British Library Journal 21 (1995) 109–127.

Rengstorff, Karl-Heinrich, Hirbet Qumran und die Bibliothek vom Toten Meer, Leiden 1960.

Schiffman, Lawrence, Reclaiming the Dead Sea Scrolls, New York 1994.

Segal, Moshe, A Grammar of Mishnaic Hebrew, Oxford 1927.

Stec, David, The Genizah Psalms. A Study of MS 798 of the Antonin Collection, Leiden 2013

Stegemann, Hartmut, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Freiburg 1993, 102007.

Tov, Emanuel, The Discoveries in the Judaean Desert Series: History and System of Presentation. In: ders. (Hg.), The texts from the Judaean desert: Indices and an introduction to the ‚Discoveries in the Judaean desert‘ series, (DJD 39) Oxford 2002, 1–25.

Trever, John, Das Abenteuer von Qumran, Kassel 1967.

Vermes, Géza, The story of the scrolls, London 2010.

1.1 Die Bedeutung der Funde von Qumran

Qumran – wenige Worte haben im letzten Jahrhundert eine größere, fast magische Anziehungskraft auf Erforscher des Judentums und Christentums, Scharlatane und Sensationslustige, Journalisten und Kriminalautoren, Fachleute und Laien ausgeübt als der Name |4|des Fundortes der Qumran-Rollen am Toten Meer. Filmreif ist nicht nur die Entdeckungsgeschichte durch Beduinen, der erste Ankauf am Vorabend des UNO-Votums zum Teilungsplan des britischen Mandatsgebiets Palästina, sondern auch die Beteiligung des israelischen Geheimdiensts an späteren „Erwerbungen“, der dreißigjährige Krieg um ihre Publikation, Verdächtigungen, der Vatikan verhindere die Veröffentlichung wichtiger Schriften, antisemitische Ausfälle zentraler Beteiligter, „Pirateneditionen“ durch Reverse Engineering junger Computerfreaks, Gerichtsprozesse um Diebstahl geistigen Eigentums und Annahme falscher Identitäten, um andersdenkende Forscher zu diffamieren. Manchen Forschern fiel es nicht leicht, in derartig ungewöhnlichen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch ganz objektiv haben nur wenige archäologische Funde eine ähnliche Neuinterpretation bekannter Daten in gut erforschten Forschungsgebieten ausgelöst. Die Fakten sprechen für sich:

Die Fragmente von mehr als 1000 Schriftrollen stellen die größte Sammlung antiker religiöser Schriftengrößte Sammlung antiker religiöser Schriften dar. Die frühesten datieren aus dem dritten Jahrhundert v. Chr., die jüngsten aus dem ersten Jahrhundert n. Chr., einer Schlüsselperiode für die Geburt zweier noch heute lebendiger Religionen: rabbinisches Judentum und Christentum. Vor 1946 gab es eine große Lücke zwischen der vermuteten Redaktionszeit der jüngsten Bücher der Hebräischen Bibel in der hellenistischen Zeit (zweites Jahrhundert v. Chr.) und den ältesten erhaltenen hebräischen Handschriften vom Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. Dazwischen liegen zwar die Redaktionszeiten der klassischen rabbinischen Texte, Mischna, Talmud, Midrasch. Doch auch sie waren bis ins frühe Mittelalter nur mündlich überliefert. So bleibt, selbst wenn man die Redaktionszeit des frühesten dieser Texte, der Mischna, im dritten Jahrhundert als Maßstab nimmt, immer noch eine Kluft zwischen dem zweiten Jahrhundert vor und dem dritten Jahrhundert nach Christus.

Mit der Entdeckung gibt es plötzlich Reste hunderter hebräischer und aramäischer Bücher aus eben dieser unbekannten Zwischenzeit. Die entdeckten Handschriften von Büchern der Hebräischen Bibel, ungefähr ein Viertel aller um Qumran gefundenen Rollen, sind immerhin etwa 1000 Jahre älter als die bis dato älteste vollständige Bibelhandschrift. Sie geben völlig neue Einsichten in die Textgeschichte. Zum Beispiel liefern sie für die antike griechische Übersetzung der Bibel (die sogenannte Septuaginta) Belege, dass es den dahinter liegenden hebräischen Text wirklich einmal gegeben hat. Ja, für manche Bücher geben sie sogar Einblick in den Vorgang der Fortschreibung. Nicht nur das! Differenzen in der Orthographie relativieren die traditionelle Tiberiensische Vokalisierung. |5|Die Kanongeschichte kann völlig neu aufgerollt werden. Ohne Zweifel haben die Rollen und Fragmente unser Verständnis der Überlieferung und Überarbeitung der Bücher der Hebräischen Bibel und ihrer Übersetzungen grundlegend geändert.

Die Rollen von Qumran verschaffen uns die Möglichkeit, das Judentum des Zweiten Tempels Direktzugangdirekt zu studieren. Bis 1946 war dies nur indirekt möglich. Man vergisst oft, dass wir bis auf ein paar Papyrusfragmente alle anderen Texte, Flavius Josephus, Philon, Pseudepigraphen und Apokryphen nur dank christlicher Schreiber aus der Antike und dem Mittelalter haben. Auf jüdischer Seite ist neben der Hebräischen Bibel nur die rabbinische Literatur überliefert worden, die zu einem neuen Kanon des nun erst entstandenen rabbinischen Judentums geworden ist. Alles, was nicht in die christliche oder die rabbinische Sichtweise passte, wurde nicht weiter abgeschrieben. Auf christlicher Seite hieß das oft, dass nur Schriftstücke, die in der Perspektive der kopierenden Mönche einen Beitrag zum Verständnis des Neuen Testamentes leisteten, der Mühe des Abschreibens wert waren. Dazu gehörten neben der Septuaginta und den anderen Übersetzungen der Hebräischen Bibel in erster Linie Josephus (eine der ganz wenigen antiken Quellen, die Jesus, Jakobus und Johannes den Täufer erwähnen); Philon von Alexandrien (der manchen als zum Christentum konvertierter jüdischer Philosoph galt); Schriften wie 1. Henoch, die im Neuen Testament zitiert werden, oder 4. Esra und die Psalmen Salomos, die über die Ankunft des Messias sprechen. Und wo diese Zeugnisse christologisch nicht deutlich genug waren, wurden sie im Laufe der Zeit von den christlichen Kopisten „verbessert“ oder überhaupt erst in die Quellen hineingeschrieben (z.B. in den Testamenten der Zwölf Patriarchen).

Die Rabbinen verzichteten ganz auf die eigenständige Überlieferung nachbiblischer vorrabbinischer Texte und integrierten allenfalls gewisse Traditionen in ihre neuen Kompositionen. Die von rabbinischen und christlichen Schreibern überlieferten Texte und Traditionen schränken also unsere Wahrnehmung des antiken Judentums auf diejenigen Texte und Traditionen ein, die späteren orthodoxen Kreisen genehm waren.

Qumran ermöglicht den direkten Einblick in gewisse Teile des Judentums des Zweiten Tempels ohne die Selektionsgeschichte der christlichen und jüdischen Tradition. Bis 1946 nur äthiopisch, griechisch, lateinisch oder syrisch überlieferte Schriften wie 1. Henoch, das Jubiläenbuch, Tobit oder Sirach wurden in ihrem hebräischen oder aramäischen Original zugänglich. Für eine Anzahl zentraler Genres jüdischer Literaturgeschichte geben die Qumranrollen das älteste Zeugnis ab: für die ersten exegetischen Werke, die den zitierten |6|Text explizit von seiner Auslegung trennen; bestimmten Themen gewidmete halakhische Traktate; liturgische Gebetsbücher; magische Schriften, mystische Vorstellungen, vorher für unmöglich gehaltene Verbindungen von Weisheit und Apokalyptik. Erst in den letzten Jahren sind die Qumranrollen als Zeugnisse für das antike Judentum, nicht nur einer exklusiven jüdischen Sekte, dem Jachad, wirklich ernst genommen worden.

Auch wenn wir die Standardthese vertreten, die die Besitzer der Bibliothek mit den Essenern identifiziert, werden wir in diesem Lehrbuch für die Gruppe hinter diesen Schriftrollen ihre Selbstbezeichnung verwenden, also „JachadJachad“ (und „jachadisch“), um nicht durch die Verwendung von „Essenern“, „Sekte“ oder „Qumrangruppe“ soziologische oder geographische Vorentscheidungen für die Interpretation treffen zu müssen. Auch in englischen Publikationen sind viele dazu übergegangen, neutral von „Yahad“ (und „Yahadic“) zu sprechen.

Die neu entdeckten halakhischen Handschriften gestatten Einsicht in die unterschiedlichen Lehrmeinungen, die in den jüdischen Strömungen zum Ende der Zeit des Zweiten Tempels eine Rolle spielten. Juristische Fachtermini, literarische Genres, Ableitungen aus biblischen Texten stimulieren die Diskussion zu den Entstehungsumständen auch des rabbinischen Judentums.

Und doch wäre all dies vermutlich nur für einen begrenzten Kreis von Spezialisten und Freunden des antiken Judentums von herausragender Bedeutung gewesen, gäbe es da nicht noch die zeitliche, geographische und oftmals inhaltliche Nähe zu Jesus, Johannes dem Täufer und Paulus, zum Urchristentum und seinen Schriften. Bis 1946 musste man zum Studium des Neuen Testamentes vor allem gute Griechischkenntnisse vorweisen. Jesus sprach zwar Aramäisch. Doch dafür gab es keine zeitgenössische Literatur. Hebräisch selbst aber galt meist als tote Sprache, auch wenn Segal angefangen hatte zu beweisen, dass dem nicht so war. Vergleichsliteratur zum Neuen Testament waren die Schriften des hellenistischen Judentums, Kirchenväter und klassische Autoren. Dazu kamen auch die Schriften der Hebräischen Bibel, des Alten Testamentes, relevant allerdings nicht in ihrer hebräischen Fassung, sondern in griechischer Übersetzung, in der Form der Septuaginta. Das Studium der restlichen hebräischen Literatur – Mischna, Talmud, Midraschim – diente in den allermeisten Fällen dazu, die große Differenz des Christentums zum rabbinischen Judentum herauszustreichen. Von jüdischer Seite konnte das Christentum als marginale Interpretation hellenisierter Strömungen des Judentums des Zweiten Tempels abgetan werden.

|7|Mit der Entdeckung der Qumranrollen gab es plötzlich ein großes Korpus hebräischer Literatur aus den hellenistischen und römischen Epochen mit Bezügen auf exegetische und halakhische Traditionen der rabbinischen Literatur, aber ebenso oft auch mit Kontrasten. Ohne Übertreibung kann man feststellen, dass vor allem auch aufgrund der aus den Qumranrollen gewonnenen Erkenntnisse das Urchristentum in seinen unterschiedlichen Strömungen heute viel stärker im Judentum des Zweiten Tempels verwurzelt gesehen wird, genauer als eine weitere Strömung innerhalb des mannigfaltigen antiken Judentums Judäas/Palästinas.

Vieles von dem, was vorher als christliches Proprium gegolten hatte, war nun erstmals in antiken jüdischen Texten attestiert, noch dazu auf Hebräisch. Besonders große Aufmerksamkeit galt der Messianologie. Eine eschatologische Heilsfigur als Sohn Gottes? Ein leidender Messias? Die Deutung bestimmter prophetischer Texte auf den Messias? Prophetisch inspirierte Schriftauslegung? Seligpreisungen? Ein Kultmahl mit Brot und Wein? Ausdrücke wie „Werke des Gesetzes“? Nicht alles ist stichhaltig, aber die Präsenz all dieser Punkte in den Qumranrollen muss zumindest diskutiert werden.

Und für die Historiker kommt noch dazu, dass – im Gegensatz zum Urchristentum – die Schriftrollen mit archäologischem KontextSchriftrollen einen archäologischen Kontext haben. Wenn man die Siedlung als Wohnsitz der Eigentümer der Rollen identifiziert, wie es die Mehrheit weiterhin tut, können Rolle und Siedlung, Text und Kontext, Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realität, Reinheitsliturgie und Mikve, Gleichheitsideal und Friedhof miteinander in Beziehung gesetzt werden. Bis vor wenigen Jahren war dieser Punkt vielleicht der umstrittenste, doch haben die Erkenntnisse der modernen Physik und Chemie hier neue Sicherheiten gewonnen. Wie würden sich Historiker des frühen Christentums oder der tannaitischen rabbinischen Literatur über ähnliche Entdeckungen freuen! Bis zu den ersten archäologisch verifizierten christlichen Bauwerken in Dura Europos und Megiddo müssen wir bis ins dritte Jahrhundert warten – ohne darin bislang die Literatur ihrer Bewohner in ähnlicher Masse gefunden zu haben. Die christlichen Papyri stammen fast ausschließlich von antiken Müllhalden in Ägypten, nur selten aus Bauten mit archäologischem Kontext. Die schiere Masse der Qumranrollen stellt alles andere in den Schatten. Alle christlichen griechischen Papyri bis zum fünften Jahrhundert zusammengenommen entsprechen etwa der Hälfte der Zahl der Qumranrollen.

Auch auf sprachwissenschaftlichem Gebiet haben die Qumranrollen unsere Kenntnis der hebräischen Sprache revolutioniert. Das in den Qumranrollen bezeugte Hebräisch schließt eine große Lücke |8|zwischen den jüngeren Werken der Hebräischen Bibel und den ältesten Straten der rabbinischen Literatur. Dies gilt – vor allem auch aufgrund der Bar Kosba Texte von anderen Fundorten um das Tote Meer – auch für das Aramäische.

Schließlich profitiert auch die antike Buchkunde, Kodikologie (Lehre über den Aufbau von Büchern) und Paläographie (Erforschung der Geschichte der Schrift). Für das Studium einer Religion, die genau in dieser Periode begann, das Buch mehr und mehr ins Zentrum ihres Kultes zu stellen, ist das Wissen über die physische Beschaffenheit von Büchern absolut fundamental. Gab es neben Rollen noch andere Buchformen? Gab es schon Rollen, die die ganze Tora einschlossen? Inwiefern bestimmten Inhalt oder Zweck das Layout einer Rolle? Gab es private Abschriften heiliger Texte? Wie unterscheiden sie sich von liturgischen Rollen? Welche Zusatzzeichen erfanden die Schreiber, um Lesen und Vorlesen zu unterstützen (Aufteilung in Paragraphen, Titel)? Wie wurden Korrekturen angezeigt?

1.2 Die Entdeckung 1946/1947

Die Entdeckungsgeschichte ist legendär. Letzte Wahrheiten sind schwierig zu erreichen. Wir schreiben das Jahr 1946 oder 1947. Der Zweite Weltkrieg ist beendet. Großbritannien bereitet sich darauf vor, das seit der Eroberung 1917 unter sein Mandat gestellte Palästina zu verlassen. Seit 1936 brechen immer wieder Unruhen zwischen Arabern und Juden aus. Beide wissen, es werde eine größere Auseinandersetzung geben, sollte es zur Gründung eines jüdischen Staates kommen. Praktisch ist es ein Bürgerkrieg auf kleiner Flamme.

Ende 1946 oder Anfang 1947 sucht Mohammad edh-Dhib („der Wolf“) vom Beduinenstamm Ta‘amireTa‘amire in den Berghängen auf der Nordostseite des Toten Meeres unweit von Jericho nach einer verirrten Ziege, vielleicht auch nach einem geeigneten Versteck, denn Waffenschmuggel ist eine gute Verdienstquelle für die Bewohner der Wüste. Wir werden es nie genau wissen. Edh-Dhib gibt an, sich in den Schatten eines Felsen gesetzt und spielerisch Steine in eine nahegelegene Öffnung geworfen zu haben. Als er Geschirr zerspringen hört, flieht er zunächst zu seinem Stamm, um am nächsten Tag mit seinem Cousin zurückzukommen. Durch die kleine Öffnung dringen sie in die Höhle ein und finden inmitten unzähliger Scherben acht intakte Krüge, die sich bis auf einen als leer entpuppen. Dieser Krug enthält kein Gold, sondern nur drei in Tuch eingewickelte Rollen in einer ihnen unbekannten Schrift. |9|Obgleich sie enttäuscht sind, keinen Schatz vorgefunden zu haben, kehren sie noch einmal in die Höhle zurück und entnehmen ihr noch vier weitere Rollen.

Sie versuchen, ihre Funde bei Antiquitätenhändlern in der nächstgelegenen Stadt, Bethlehem, zu Geld zu machen. Ein Händler namens Faida Salahi (George Isaiah) erwirbt drei Rollen. Ein anderer, Khalil Iskandar Schahin (1910–1993), genannt KandoKando, erwirbt vier andere. Kando hält die Schrift für Syrisch und bringt sie ins St. Markus Kloster in Jerusalem. Der frisch ernannte syrische Metropolit Mar Athanasius Jeschua SamuelMar Athanasius Jeschua Samuel (1909–1995) kauft ihm diese vier Rollen ab und zeigt sie in den Sommermonaten verschiedenen Gelehrten und Mittelsmännern an der École Biblique et Archéologique und der jüdischen Nationalbibliothek im in Zonen aufgeteilten Jerusalem. Kein Fachmann hält sie für antik.

Der Archäologe und Epigraphiker der Hebräischen Universität, Eliezer SukenikEliezer Sukenik (1889–1953), wäre ohne Zweifel der beste Ansprechpartner, doch weilt er im Freisemester im Ausland. Am 24. November 1947 kontaktiert ein armenischer Mittelsmann Salahis den jüdischen Professor und zeigt ihm am Jaffator durch einen Stacheldrahtzaun ein Fragment. Sukenik stellt aufgrund seiner vorherigen Arbeiten zu antiken Inschriften sogleich Ähnlichkeiten der Schrift fest, bemerkt auch orthographische Besonderheiten und vermutet, die Rollen könnten tatsächlich antik sein. Doch ist bislang kein einziger antiker hebräischer Text auf Pergament bekannt. Sicher ist sich seit dem Skandal um die Shapira-Fragmente Ende des 19. Jahrhunderts so schnell niemand mehr.

Die sogenannten Shapira-FragmenteShapira-Fragmente waren fünfzehn Lederfragmente in paläohebräischer Schrift mit einem Text ähnlich dem des Deuteronomiums. Ein Antiquitätenhändler namens Moses Shapira hatte sie 1878 von Beduinen erworben. Diese gaben an, die in Leinen gewickelten Texte um 1865 in einer Höhle im Wadi Mujib auf der jordanischen Seite des Toten Meeres gefunden zu haben. Nach anfänglich großem Aufsehen scheiterte er 1883 mit Verkaufsverhandlungen an Museen in Berlin und London und wurde sogar der Fälschung bezichtigt. In der Folge nimmt sich Shapira das Leben. Form, Inhalt und Entdeckungsumstände der Qumranrollen widerlegen einen Teil der vormals gegen die Authentizität der Fragmente angeführten Argumente. Dass sie seit 1888 vermisst sind, macht neuen Untersuchungen allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Nur fünf Tage später ist die Abstimmung in der Vollversammlung der frisch gegründeten Vereinten Nationen über die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat. An eben diesem Tag wagt es Sukenik (dessen einer Sohn, Matti, im Krieg fällt, während der andere, Yigael Yadin, wenig später Oberbefehlshaber |10|der israelischen Streitkräfte sein wird) in einem arabischen Bus nach Bethlehem zu fahren. Er kauft Salahi zwei seiner drei Rollen ab. Es handelt sich um die Kriegsregel (1QMilhama) und die Hymnenrolle (1QHodayota). Mit der Abstimmung in den Abendstunden bricht der Bürgerkrieg offen aus. Trotzdem schafft es Sukenik Ende Dezember 1947, auch die zwei Krüge und die dritte und letzte Rolle im Besitz Salahis, die „kleine“ Jesajarolle (1QIsaiahb), noch zu erwerben.

Als Sukenik erfährt, dass die Rollen aus einer Höhle im Nordosten des Toten Meeres stammen, kommt ihm ein heute berühmter Passus aus Plinius dem Älteren in den Sinn, der die Essener hier verortet (s.u. S. 78). Sukenik kennt auch den von Jeremia erwähnten Usus, Texte in Tongefäßen vor Ratten und Würmern zu schützen: „So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Nimm diese Urkunden, die versiegelte Kaufurkunde und auch die offene, und leg sie in ein Tongefäß, damit sie lange Zeit erhalten bleiben.“ (Jer. 32,14). Der Talmud erwähnt das Begräbnis einer unbrauchbar gewordenen Torarolle in einem Krug (bMeg 26b). Sukenik schließt daraus: die Schriftrollen kommen aus einer essenischen Geniza.

Das Wort GenizaGeniza wird von der Wurzel g-n-z („verbergen“) abgeleitet und bezeichnet allgemein einen Ort, an dem Schriften gesammelt werden, die den Gottesnamen enthalten (oder enthalten könnten) und nach der jüdischen Tradition deshalb nicht einfach weggeworfen werden dürfen. Normalerweise werden die in einer Geniza angesammelten Schriften nach einiger Zeit auf einem Friedhof beerdigt. Seit wann diese Institution besteht, ist unklar. Die ältesten schriftlichen Erwähnungen sind talmudisch (bShab 115a). In der mittelalterlichen Kairoer Geniza wurden Dokumente gefunden, die sonst nur in Qumran belegt sind (s.u. S. 14).

In den ersten beiden Monaten des Jahres 1948 verhandelt Sukenik erfolglos auch mit Mar Samuel, dessen vier Rollen er ebenfalls erwerben möchte. Die Amerikaner sind schneller. Am 19. Februar 1948, etwa ein Jahr nach ihrer Entdeckung, werden Samuels Rollen zur American School of Oriental Research gebracht, dem heutigen Albright-Institut nördlich der Altstadt. Ein Postdoktorand, John TreverJohn Trever (1916–2006), vertritt dort den gerade auf Forschungsreise im Irak weilenden Direktor, Millar Burrows. Er erkennt, dass die große Rolle eine Jesajahandschrift ist. Außerdem hat er eine Sammlung mit Dias zur Geschichte des Bibeltextes bei sich, unter denen auch ein Foto des Nash-Papyrus ist, so dass auch er das mögliche hohe Alter der Qumranrollen erkennt.

|11|Der Nash-PapyrusNash-Papyrus, heute in Cambridge, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von W. Nash in Ägypten erworben. Dieses (fragmentarische) Einzelblatt enthält den Dekalog gefolgt vom Schma. Es handelt sich um die einzige andere damals bekannte vorchristliche hebräische Handschrift. Vielleicht war sie ein liturgischer Merkzettel oder aber ein Amulett. 1903 von Stanley Cook veröffentlicht, wurde sie von ihm zunächst auf das zweite Jahrhundert n. Chr. datiert. 35 Jahre später konnte William Albright bereits mehr aramäisches und nabatäisches Vergleichsmaterial für seine minuziöse paläographische Studie verwenden und die Schrift in das zweite vorchristliche Jahrhundert datieren. Ein Foto ist auf der Webseite http://cudl.lib.cam.ac.uk/view/MS-OR-00233/1 einsehbar.

Ein glücklicher Zufall will, dass Trever ein talentierter Fotograf ist und die Erlaubnis aushandeln kann, die Rollen zu fotografieren. Bis heute gehören seine Fotos zu den wichtigsten Urkunden, denn im Laufe der Geschichte haben auch diese „großen“ Rollen immer wieder unter abbrechenden Fragmenten gelitten. Trevers Fotos werden zum führenden amerikanischen Experten William Albright geschickt, der das hohe Alter der Schrift bekräftigt. Am 12. April 194812. April 1948 informiert Burrows die Weltöffentlichkeit mit einer PressemitteilungPressemitteilung zum ersten Mal über die Entdeckung der ältesten biblischen Handschrift aus dem ersten Jahrhundert v. Chr., der „großen“ Jesajarolle (1QIsaiaha = 1QIsaa), eines Habakukkommentars (1QPesher Habakuk = 1QpHab), des „Manual of Discipline“ einer unbekannten Sekte, „möglicherweise der Essener“ (Gemeinschaftsregel = 1QSerekh Hayahad = 1QS) und einer vierten nicht identifizierten Rolle (des späteren Genesisapokryphons), „entdeckt im Kloster St. Markus“. Kurz darauf publiziert auch Sukenik eine Pressemitteilung über die Rollen im Besitz der Hebräischen Universität.

Am 14. Mai 1948 ruft David Ben Gurion die Gründung des Staates IsraelsGründung des Staates Israels aus. Die arabischen Nachbarstaaten reagieren mit offenem KriegKrieg, und es wird nach einer ohnehin schon unsicheren Zeit nun völlig unmöglich, offizielle archäologische Expeditionen durchzuführen. Dennoch wagen es einige der involvierten Mittelsmänner, illegale Erkundigungen in der Höhle fortzusetzen und weitere Fragmente zusammenzutragen. Während der Belagerung Jerusalems bringt Sukenik das Kunststück zustande, die erste wissenschaftliche Studie über die Rollen zu veröffentlichen.

Die kulturpolitische Bedeutung der KoinzidenzBedeutung der Koinzidenz der Entdeckung der letzten Überreste einer jüdischen Bibliothek mit hebräischen Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels inmitten der Geburtswehen des neuen Staates Israel ist kaum zu überschätzen. Sie kommt einem Telefonanruf aus der Vergangenheit nahe. In einem Staat |12|mit neugegründeten Städten wie Tel Aviv ohne antike Gebäude, mit einer sehr jungen Bevölkerung und wenig alten Leuten, gab es plötzlich Texte aus der Zeit des letzten jüdischen Staates 2000 Jah re zuvor, von denen viele ohne größere Schwierigkeiten von Schulkindern entziffert werden konnten! Nicht von ungefähr sollte der junge Staat später viele Kräfte daran setzen, die Rollen in Jerusalem zusammenzutragen und auszustellen. Sie waren immer auch ein politisch unschätzbares Zeugnis der jüdischen Alteingesessenheit im Heiligen Land, eine Verbindung des wiedergeborenen Staates zu den letzten jüdischen Regenten im Lande.

1.3 Schriftrollenfunde am Toten Meer vor 1947

Die Entdeckungen von 1946 oder 1947 waren keinesfalls die ersten Handschriftenfunde vom Toten Meer. Der Kirchenvater Eusebios von Cäsarea in Palästina (ca. 260–340) gibt einen Bericht des OrigenesOrigenes (ca. 184–254) wieder:

In den Hexapla setzte er (Origenes) bei den Psalmen neben die bekannten vier Ausgaben nicht nur eine fünfte, sondern auch eine sechste und siebte Übersetzung und bemerkt, daß eine derselben zu Jericho in einem Krug (en pithō) zur Zeit des Antoninus (188–217), des Sohnes des Severus, aufgefunden worden sei. (Eusebios, Kirchengeschichte, VI 16, modifizierte Übers. von Kraft 1967, zur Hexapla, s.u. S. 195)

Der aus Palästina stammende Epiphanios von SalamisEpiphanios von Salamis (310–403) berichtet vielleicht vom selben Vorfall und einem anderen, wenn er schreibt:

Und in der Zeit des Severus wurde eine fünfte Übersetzung in einem Krug versteckt in Jericho gefunden, und in den Zeiten des Antoninus eine sechste Übersetzung in Emmaus, ebenfalls in einem Krug versteckt. (Nach M. Stone und R. Ervine, The Armenian Texts of Epiphanius of Salamis De Mensuris et Ponderibus 17–18 (CSCO 583, tomus 105, Leuven, 2000, 87).

Von anderen Handschriftenfunden am Toten Meer berichtet um 800 n. Chr. Timotheos I. von Seleukia KtesiphonTimotheos I. (727/729–823), Patriarch von Seleukia Ktesiphon / Bagdad in einem Brief an seinen Korrespondenten Sergius, Metropolit von Elam:

Wir erfuhren von glaubwürdigen Juden, die eben als Katechumenen im Christentum unterrichtet wurden, daß vor zehn Jahren in der Nähe von Jericho in einem Felsenhause Bücher gefunden wurden. Es heißt nämlich, daß der Hund eines jagenden Arabers einem Thiere folgend eine Höhle betrat und nicht zurückkam. Sein Herr folgte ihm und fand im Felsen ein Häuschen und darin viele Bücher. Der Jäger ging nach Jerusalem und teilte es den Juden mit. Sie kamen in Menge heraus und fanden die Bücher des alten (Testamentes) und andere in hebräischer Schrift. Und da der Erzähler |13|ein Schriftkundiger und Schriftgelehrter war, fragte ich ihn um manche Stellen, die in unserem neuen Testamente als aus dem alten angeführt, aber dort nirgends erwähnt werden, weder bei uns Christen, noch bei den Juden. Er sagte: sie sind vorhanden und finden sich in den dort gefundenen Büchern. […] Es sagte aber jener Hebräer zu mir: „Wir fanden in jenen Büchern mehr als 200 Psalmen Davids“. Ich schrieb nun an jene darüber. Ich denke jedoch, dass diese Bücher niedergelegt wurden von dem Propheten Jeremias, oder von Baruch, oder von einem andern aus denen, welche das Wort Gottes hörten und davon bewegt wurden. Als nämlich die Propheten in göttlichen Offenbarungen die Eroberung, Plünderung und Verbrennung, die über das Volk wegen seiner Sünden kommen sollten, erfuhren, da verbargen sie, fest überzeugt, daß keines der Worte Gottes zu Boden fällt, die Schriften in Felsen und Höhlen und versteckten sie, damit sie nicht im Feuer verbrennen, noch von den Plünderern geraubt werden sollten.

Oskar Braun, „Ein Brief des Katholikos Timotheos I. über biblische Studien des 9. Jahrhunderts“, Oriens Christianus 1 (1901) 299–313, hier 301–305.

Als viertes Zeugnis gelten die in mittelalterlichen Sektenkatalogen erwähnten „MagharierMagharier“ (wörtlich „Höhlenmenschen“). Der Karäer Jaqub Qirqisani aus dem frühen zehnten Jahrhundert führt ihren Namen darauf zurück, dass sie nach ihren in einer Höhle gefundenen Büchern heißen (arab. maġariya, dt. Höhle, vgl. hebr. me‘ara). Es ist nicht ganz klar, ob Qirqisani sie der Gegenwart oder der Vergangenheit zurechnet, doch stehen sie in seinem Sektenkatalog zwischen den ṣaduqiya (Sadduzäern/Zadokiten) und den Nachfolgern Jesu. Nach einer zweiten Quelle, Muhammad asch-Schaharastani (1086–1153), lebten die asketischen Magharier vierhundert Jahre vor Arius, dem „Gründer“ der Arianer (ca. 250–336 n. Chr.). Die Magharier würden also aus der Zeit des Zweiten Tempels stammen. Nach dem berühmten muslimischen Gelehrten Muhammad Al Biruni (973–1048) feierten die Magharier Neujahr und Pessach (Mazzotfest) immer an einem Mittwoch. Wir werden noch sehen, dass dies mit dem in Qumran bezeugten 364-Tage-Jahr übereinstimmt (s.u. S. 291). Die unterschiedlichen Nachrichten sind zwar nicht einfach auf einen historischen Nenner zu bringen (Golb). Allerdings wurden frühmittelalterliche Handschriften von nur aus Qumran bekannten Texten in der Geniza der Kairoer Ben Ezra-Synagoge gefunden. Die Geniza ist das fünfte Zeugnis für frühere Handschriftenfunde.

|14|Die Geniza der Kairoer Ben Ezra SynagogeGeniza der Kairoer Ben Ezra Synagoge ist die bekannteste und für die Qumranforschung wichtigste Geniza. Im Gegensatz zu anderen Genizot wurde sie über 900 Jahre lang nicht entsorgt. Auch wurde die Synagoge nie zerstört. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich hier Hunderttausende von Dokumenten, Rechnungen, Bücherlisten, Heiratsurkunden, Einkaufslisten, Verträgen, Briefen, Notizen, kleinen und großen Fragmenten von Handschriften der Bibel, der Mischna, der Talmudim, Midraschim oder anderer theologischer, philosophischer, exegetischer, mystischer, medizinischer oder anderer wissenschaftlicher und unwissenschaftlicher Werke angesammelt. Selbst Autographen von Maimonides fanden sich hier.

Verschiedene europäische Handschriftensammler reisten im 19. Jahrhundert nach Kairo und brachten aus dieser und anderen Genizot Handschriften nach Hause. Zu ihnen gehörte Abraham Harkavy, der Karäer Abraham Firkovitch und die gelehrten Zwillingsschwestern Agnes Lewis und Margaret Gibson. Letztere machten den Cambridger Talmuddozenten Solomon Schechter auf den großen historischen Wert der Kairoer Dokumente aufmerksam. Schechter ging daraufhin nach Kairo und brachte Hunderttausende Fragmente nach Cambridge, in die größte Sammlung (heute: „Taylor-SchechterTaylor-Schechter“, abgekürzt T.-S.T.-S.). Andere besonders wichtige Kollektionen sind in St. Petersburg, Oxford, New York (Jewish Theological Seminary) und Manchester. Viele ursprünglich zusammenhängende Schriften wurden leider auf unterschiedliche Sammlungen aufgeteilt. Diese riesige Abfallhalde gibt Judaisten, Wirtschaftshistorikern, Religionswissenschaftlern, Philosophen, etc. einen unvergleichlich detaillierten Einblick in die Denkwelt, die soziale Struktur und die internationale Vernetzung einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden des 10.–13. Jahrhunderts. Seit jüngstem bietet das Friedberg Genizah Projekt (http://www.genizah.org) Interessierten Zugang zu Fotos, Katalogen und Transkriptionen von Fragmenten fast aller Sammlungen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in dieser Kairoer Geniza einige mittelalterliche Handschriften von vier Texten gefunden, die nicht in der Hebräischen Bibel stehen und schnell den Verdacht erregten, Abschriften antiker Texte zu sein: die Damaskusschrift (CD), das Aramäische Levi Dokument (ALD), Sirach und die Genizapsalmen. Die Damaskusschrift ist sonst nur aus Qumran bekannt und daher Kronzeuge dafür, dass einige Vorlagen dieser Genizatexte vielleicht aus Handschriftenfunden aus der Zeit des Timotheos stammen.

Zum Aramäischen Levi Dokument (ALD) s.u. S. 226 und 283f Zu den beiden Handschriften der Damaskusschrift (CD), s.u. Teil 4, S. 240f Sirach, eine Weisheitsschrift, die bis dato nur aus christlichen Bibeln bekannt war (s.u. S. 180 und 340f) wird auch hier und da im Talmud zitiert. Für die nicht nur aus Qumran bekannten Texte ist daher unklar, ob die Genizafragmente auf Handschriftenfunden in Höhlen bei Qumran basieren oder ob die Texte kontinuierlich weiter überliefert worden waren. Das Alter der Genizapsalmen (s. Stec) ist umstritten, denn unter den Qumranrollen wurden keine Paralleltexte gefunden.

|15|1.4 Weitere Entdeckungen der ersten Jahre (1949–1952)

Mit dem WaffenstillstandWaffenstillstand am 7. Januar 1949 befinden sich Qumran, die Beduinen um den Nordteil des Toten Meeres, Bethlehem mit den Geschäften Kandos und Salahis und die westlichen Forschungsinstitutionen Jerusalems unter jordanischer Verwaltung. Schließlich gelingt es Captain Akkash al-Zebn von der arabischen Legion die Höhle zu lokalisieren. Sogleich organisiert der Direktor der jordanischen Antiquitätenbehörde, der Engländer Gerald Lankester Harding (1901–1979), zusammen mit Roland de Vaux (1903–1971), dem Direktor der französischen École Biblique et Archéologique in Jerusalem, eine archäologische Expedition. Sie finden einige Objekte, antike Keramikscherben auch von Krügen und zahlreiche Fragmente, von denen einige zu den Rollen Sukeniks gehören. Fundort und ungefähres Alter sind damit bestätigt (s.u. Archäologie). Als später noch weitere Höhlen entdeckt werden, erhält diese Höhle das Sigel „Höhle 1Höhle 1“.

Auch wenn die Rollen nun nicht mehr für Fälschungen gehalten werden können, kommen immer wieder Zweifel über das AlterZweifel über das Alter der Handschriften auf, auch unter Experten von Weltruf. Der Editor des Jewish Quarterly Review Solomon Zeitlin (1886–1976) hält sie aufgrund der Ähnlichkeiten mit der Damaskusschrift der Geniza für Reste einer mittelalterlichen karäischen Bibliothek. Der eminente Oxforder Semitist Godfrey Driver (1892–1975) datiert sie zunächst um 500 n. Chr., später ordnet er sie Zeloten des jüdischen Aufstandes um 70 n. Chr. zu. Auch der weltbekannte Genizaspezialist Paul Kahle (1875–1964) hält frühchristliche Zeiten für die wahrscheinlichste Abfassungszeit. Jacob Teicher (1904–1981) aus Cambridge, Begründer des Journal of Jewish Studies, identifiziert die Besitzer der Rollen mit der judenchristlichen Gruppierung der Ebioniten, also auch in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Um Zweifel bezüglich der Richtigkeit der paläographischen Datierung aus der Zeit des Zweiten Tempels aus dem Weg zu räumen, werden schon 1950 die ersten physikalischen Untersuchungen durchgeführt, die frisch entwickelten 14C Tests (s.u. S. 43). Der Preis ist hoch. Für die Tests wird das größte der Leinentücher, in das eine der Rollen eingewickelt war, geopfert. Aber das Ergebnis 30 n. Chr. ± 200 Jahre widerlegt die These einer mittelalterlichen Provenienz.

In der Zwischenzeit schmuggelt Mar Samuel „seine“ vier Rollen auf verschlungenen Wegen in die USA. Er hat großen Erfolg damit, sie in Ausstellungen zu präsentieren, aber – wegen der unsicheren Rechtslage – weit weniger, sie zu verkaufen. Schon im März 1950März 1950 kann Burrows erste Editionenerste Editionen des Habakukkommentars und der „großen“ Jesajarolle, und 1951 dann auch von der Gemeinschaftsregel |16|vorlegen. Allerdings senken diese Veröffentlichungen das Interesse, die Rollen zu erwerben, denn mit Ausnahme der letzten ungeöffneten Rolle (dem späteren Genesisapokryphon) ist ihr Inhalt ja nun bekannt. Erst im Juli 1954 sollte es Yigael Yadin, der Sohn Eliezer Sukeniks, inzwischen selbst einer der führenden israelischen Archäologen, schaffen, über Mittelsmänner die in New York zum Verkauf angebotenen Rollen für die immense Summe von 250000 Dollar zu erwerben und nach Israel zu bringen.

Für die fragmentarischen Texte aus Höhle 1 stellt Roland de Vaux zügig ein Editorenteam zusammen. Mit dem Polen Józef Milik (1922–2006) und dem Franzosen Dominique Barthélemy (1921–2002) gewinnt de Vaux zwei junge katholische Priester und phantastisch begabte Wissenschaftler.

Ende November 1951 führen sie archäologische Sondierungen in der nahe der Höhle 1 gelegenen Siedlung durch. Während der Arbeit tauchen auf dem Schwarzmarkt neue, andersartige Fragmente auf. De Vaux schließt schließlich einen Handel mit den Beduinen, „gemeinsame Ausgrabungen“ an ihrem Ursprungsort zu führen, Höhlen im Wadi MurabbaatWadi Murabbaat, ca. 18 km südlich von Qumran. Doch kaum haben die Archäologen ihre Ausgrabungen ins Wadi Murabbaat verlagert, kehren die Beduinen nach Qumran zurück und entdecken dort eine weitere Höhle („Höhle 2Höhle 2“) mit Fragmenten von ca. 30 Rollen. Als das den Wissenschaftlern bekannt wird, durchkämmen sie in einer zweiwöchigen Suchexpedition – natürlich mit Beduinen als Assistenten – unzählige Löcher und Höhlen in den Klippen über Qumran (s.u. S. 124–127). Nur eine Höhle (Höhle 3Höhle 3), wesentlich weiter im Norden, enthält auch einige wenige Fragmente und einen bis heute einzigartigen Fund: zwei Teile einer beschriebenen Kupferrolle.

Ende März wird es so heiß und die „Krankheitsfälle“ und Absenzen der Beduinen so häufig, dass die Wissenschaftler ihre Weiterarbeit auf den Herbst verschieben müssen. Die schnell wieder gesundeten Beduinen hingegen finden im September Höhle 4 mit tausenden Fragmenten„Höhle 4“ mit tausenden Fragmenten nicht in den Felswänden, sondern in einem der fingerartigen Ausläufer des Mergelplateaus nur 70 m neben den Ruinen der Siedlung, wo die Archäologen schon mehrere Wochen gegraben haben. Was für ein Pech! Die Archäologen entdecken zwar direkt daneben Höhle 5Höhle 5 mit einigen wenigen Texten, doch nur um zu erfahren, dass die Ta‘amire kurz zuvor im Felsabhang noch eine Höhle 6(sechste) Höhle mit Schriftrollen ausfindig gemacht haben.

|17|1.5 Die „Scrollery“ (1952–1960)

Mit der Entdeckung von Höhle 4 wird es klar, dass viel Zeit, Geduld und große Geldmengen für den Ankauf der im Besitz der Beduinen befindlichen tausenden von Fragmenten sowie ein größeres Editorenteam notwendig werden. Verschiedene westliche Institutionen (die Universitäten McGill, Oxford, Manchester, Heidelberg und McCormick, daneben auch die Biblioteca Vaticana, und All Souls Church) stellen größere Beträge zur Verfügung, erhalten im Gegenzug das Recht auf Fragmente (nach der Veröffentlichung) und dürfen Gelehrte für das Editorenteam benennen: das Team der „ScrolleryScrollery“.

Das gesuchte Profil schränkt den möglichen Bewerberkreis stark ein: Die Arbeit verlangt langjährige Präsenz in (Ost‑)Jerusalem. Zusätzlich zu exzellenten wissenschaftlichen Qualitäten sind gute Gesundheit und Unabhängigkeit von bestehenden familiären und beruflichen Pflichten unumgänglich. Dies schließt den Großteil der etablierten Wissenschaftler aus. Dazu ist ausgerechnet jüdischen Wissenschaftlern, von denen einige durchaus Wesentliches hätten beitragen können, die Einreise nach Jordanien untersagt. Zu de Vaux als Chefeditor und fähigem Administrator und den ohnehin schon an der École Biblique arbeitenden katholischen Priestern Józef Milik, Pierre Benoit (1906–1987) und Maurice Baillet (1923–1988) – Dominique Barthélemy muss wegen Krankheit Jerusalem verlassen – stoßen 1953–1954 sechs weitere junge Doktoranden und Postdoktoranden und bilden das EditionsteamEditionsteam: Aus den USA der Presbyterianer Frank Moore Cross (1921–2012) und der katholische Priester Patrick Skehan (1909–1980); aus England der Anglikaner John Strugnell (1930–2007) und der Agnostiker John Allegro (1923–1988); aus Frankreich der katholische Priester Jean Starcky (1909–1988). Das einzige deutsche Mitglied, Claus-Hunno Hunzinger (1929–), wurde später durch Maurice Baillet ersetzt. Von den Mitarbeitern in der Scrollery sind Strugnell und Milik zweifellos die begabtesten Editoren. Milik, „der schnellste Mann mit einer Rolle“, entziffert nicht nur die äußerst schwierige Kursivschrift der Texte aus der Bar Kosba Revolte, sondern – während seine Kollegen Mittag essen – auch die wichtigste der drei kryptischen Schriftarten. Seine linguistischen Fähigkeiten, seine Beobachtungsgabe und sein Gedächtnis für die kleinsten Details der Unterschiede in Schrift, Papyrus und Leder sind phänomenal. Strugnell steht ihm in nichts nach. Finanziert wird das kostspielige Projekt durch ein sechsjähriges Mäzenat des amerikanischen Millionärs John D. Rockefeller. Dazu gehören auch die sogenannten „PAM FotosPAM Fotos“ (Palestine Archaeological Museum, heute Rockefeller Museum) |18|des Fotografen Najib Anton Albinas. Diese Infrarotfotos sind in vielen Fällen die besten Zeugen für den ursprünglichen Zustand vieler Fragmente (s.u. S. 58–60), die nachdunkeln, an den Rändern Buchstaben verlieren und zu Gelatine werden. Kaffee, Zigaretten und direktes Sonnenlicht, auf Rückseiten geklebter Tesafilm sowie das für die kurzzeitige Kontrastverstärkung aufgetragene Rizinusöl tun das Ihrige dazu.

Ein ausgeklügeltes AnkaufssystemAnkaufssystem sorgt dafür, dass fast alle Rollen schließlich auf den Tischen der Scrollery landen und nicht in den Safes privater Sammler, was die Editionsarbeit enorm erschwert oder gar unmöglich gemacht hätte. Beduinen werden pro beschriebenen Quadratzentimeter bezahlt (was allerdings leere Ränder für den Verkauf uninteressant macht), mit Zulagen für große Fragmente, damit sie möglichst ganz übergeben werden.

In der vierten Ausgrabungskampagne vom Februar–April 1955 werden innerhalb der Umschließungsmauer Qumrans vier Höhlen (Höhlen 7, 8, 9 und 10Höhlen 7, 8, 9 und 10) mit wenigen Fragmenten entdeckt. Im Sommer 1955 erscheinen der erste Band der neuen Editionsserie Discoveries in the Judaean Desert (DJD)Discoveries in the Judaean Desert (DJD) (anfänglich Discoveries in the Judaean Desert of Jordan [DJDJ]) mit den archäologischen Funden und Fragmenten aus Höhle 1 und quasi zeitgleich – allerdings posthum – Sukeniks Edition der Rollen im Besitz der Hebräischen Universität: die Hymnenrolle (1QHa), Kriegsregel (1QM) und die „kleine“ Jesajarolle (1QIsab).

Wie üblich sind es die scharfäugigen Beduinen, die im Februar 1956 die letzte größere Entdeckung einer Höhle mit Schriftrollen bei Qumran machen, Höhle 11Höhle 11. Wissend, dass jeder Schnipsel Gold wert ist, räumen sie sie vollständig aus und machen so leider jede genaue archäologische Untersuchung zunichte. Man kann nicht genug betonen, dass der Schwarzmarkt um antike Texte und Objekte zwar oftmals dafür sorgt, dass Objekte größten öffentlichen Interesses gesucht und gefunden werden, doch durch ihre Dekontextualisierung gleichzeitig unersetzliches Wissen für immer zerstört (s.u. Archäologie, S. 91). Anders als die Höhlen 2 bis 10 enthält Höhle 11 neben Fragmenten auch ganze Rollen, u.a. die Psalmenrolle mit vorher unbekannten Psalmen, eine bis heute verschlossene Ezechielrolle, eine Levitikusrolle in paläohebräischer Schrift und die Tempelrolle, die bis 1967 bei Kando bleiben sollte und dabei zur Hälfte zerfällt.

An anderen Orten gehen die Entdeckungen von Schriftrollen durch Beduinen oder Archäologen bis in die jüngsten Jahre weiter. Die meisten dieser Funde stammen aus der zweiten Revolte unter Bar Kosba (132–135 n. Chr.): 1952 Wadi Murabbaat und Nahal Hever, 1960–1961 Wadi Seiyal, Nahal Mishmar und wiederum |19|Nahal Hever, 1986 und 1993 Ketef Jericho, 2002 Ein Gedi und 2004 Nahal Arugot. 1962–1963 entdecken Beduinen Dokumente aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. in Wadi Daliyeh. 1963–1965 findet Yadins Team in der Festung Masada Texte aus der Zeit des Zweiten Tempels und aus der folgenden römischen Besetzung (s.u. S. 129–132).

Ingenieure in Manchester schaffen es 1956, die Kupferrolle auseinander zu sägen, so dass man endlich die einzelnen Stücke lesen kann. Eine Liste mit unglaublichen Schätzen! John Allegro macht sich auf die Suche, findet aber nichts, abgesehen von Hohn und wachsender Verachtung seiner Kollegen. Im Sommer 1956 veröffentlicht Allegro die erste Synthese eines Scrollery-Mitarbeiters über die Qumranrollen: Ein die kühnsten Erwartungen übertreffender absoluter Bestseller, von dem in drei Wochen 40000 Exemplare verkauft werden. Dazu tragen allerdings auch seine Überinterpretationen bei, die in unzähligen Texten christianisierende Hinweise finden. Unter anderem behauptet er, der Lehrer der Gerechtigkeit sei gekreuzigt worden.

Kurz darauf veröffentlichen Vermes, Milik (1957 frz., 1959 engl.), Cross (1958) und de Vaux (1959) ihre klassischen Synthesen und etablieren den bis in die neunziger Jahre gültigen KonsensKonsens: Die Schriftrollen gehörten Essenern, die von 130 v. Chr. bis 68 n. Chr. in der Siedlung wohnten. Die apokalyptische Gruppe hatte sich wegen Streitigkeiten um die Legitimität der Hasmonäer als Hohepriester in Jerusalem in die Wüste zurückgezogen und erwartete in größtmöglicher Isolation das nahe Ende der Zeit. Abgesehen von den Rollen mit biblischen Texten oder bekannten Apokryphen geht man davon aus, dass die große Mehrheit der Texte von ihren essenischen Besitzern auch verfasst wurden. Die meisten Gegenvorschläge – z.B. von del Medico und Rengstorff, die vorschlagen, die Texte seien eine Geniza von Bibliotheken aus Jerusalem – perlen an diesem Konsens ab. Das wird so bleiben bis zum lautstarken Auftreten Norman Golbs und den archäologischen Neuinterpretationen der Donceels in den 90er Jahren. In Deutschland wird der Konsens durch Hartmut Stegemann nuanciert, der in den Essenern keine isolierte Sekte, sondern eine breite Bewegung sieht.

Anlässlich der Suezkanalkrise im Oktober 1956 werden die Fragmente aus Angst vor einem Krieg von Jerusalem in einen Banksafe in Amman gebracht. Das Team zerstreut sich in alle vier Winde. Die Editionsarbeit an den Fragmenten kommt zu völligem Stillstand. Die politische Situation ist unklar. Erst im März 1957 kehren die Fragmente nach Jerusalem zurück – teilweise von Schimmel befallen. Man beschließt, eine Konkordanz zu erstellen, um die Arbeit an den nicht-biblischen Fragmenten zu erleichtern. Die KonkordanzKonkordanz |20|für die Mitglieder der Scrollery wird schließlich 1960 fertiggestellt, allerdings nicht über das Team hinaus verbreitet. 1990 wird sie eine entscheidende Rolle bei der inoffiziellen Veröffentlichung der Texte aus Höhle 4 spielen.

Die ganze Zeit über publizieren die Mitglieder des Editionsteams in den unterschiedlichsten Zeitschriften und Sammelbänden vorläufige, nicht offizielle Editionen. 1960 beendet Rockefeller sein finanzielles Engagement – in weiser Voraussicht: Dreißig Jahre später wartet ein Großteil der Texte aus Höhle 4 immer noch auf die Veröffentlichung!

1.6 Der akademische Skandal par excellence (1960–1990)

Mit der Auflösung der Scrollery kommt auch die intensive Arbeitsphase der Mitglieder der Scrollery zu ihrem Ende. Jordanien hat nicht die für die weitere Arbeit notwendigen finanziellen Mittel. Ist bis 1960 die Hauptarbeit erledigt worden (Konkordanz!), wird die Editionsarbeit von 1960 bis 1990 nun nur im Schneckentempo vorangehen. In DJD erscheinen bis 1990 nur sechs weitere Bände, vier davon vor 1970. Die Gründe für die Verschleppung der HerausgabeVerschleppung der Herausgabe sind vielfältig: einige Editoren bearbeiten ein zu großes Quantum an Texten (Milik ca. 200 Rollen mit tausenden von Fragmenten!). Die Alkoholabhängigkeit der zwei produktivsten und begabtesten Mitarbeiter fördert nicht die Effizienz. Mehrere Mitarbeiter treten schon früh sehr verantwortungsvolle Posten an, die ihnen nur noch kurze Forschungsaufenthalte in den Semesterferien erlauben (Cross schon seit 1954). Später werden Jordaniens Verstaatlichung des Rockefeller Museums und Israels Eroberung des Ostteils Jerusalems mit dem Rockefeller Museum und der École Biblique et Archéologique ein politisches Umdenken erfordern, das nicht allen leicht fallen wird. Die meisten Mitarbeiter haben eine stark antiisraelische Haltung, die bei einigen auch die Schwelle zum Antisemitismus überschreitet.

Doch der Hauptgrund ist wohl der Perfektionismus fast aller Teammitglieder. John Strugnell publiziert in der Revue de Qumrân 1970 eine vernichtende, doch wegweisende Rezension in Buchlänge zu Allegros mangelhafter Edition seiner Fragmente aus Höhle 4. Welche Arbeit und welcher Druck hinter der Editionsarbeit stehen, kommt im Vorwort des von Maurice Baillet edierten DJD-Bands (1982) auf erschütternde Weise zutage:

In Anbetracht seiner Unvollkommenheiten wird dieses Werk vielleicht strenge Rezensenten finden. Wenigstens werde ich die Genugtuung haben, mein Bestes gegeben zu haben. Geliebter Leser, vergesse nie, dass es unter |21|Qualen, manchmal gar unter Tränen geschrieben worden ist. Du magst erahnen, dass sein Autor, durch das Hintertürchen dem Höhle 4 Team beigetreten, froh ist, heute durch das Haupttor davonzukommen. (Baillet, DJD 7, xiv).

Bei der Eroberung des Westjordanlandes 1967 fällt Israel nicht nur das Rockefeller Museum mit den Fragmenten und den Fotos, sondern auch Bethlehem und damit der Antiquitätenladen Kandos in die Hände. Der bestens informierte Yadin entsendet ein Kommando, das die Tempelrolle konfisziert (Kando wird später mit 108000 Dollar „entschädigt“). Sie war in einem Schuhkarton unter den Bodenplanken von Kandos Haus versteckt. Leider hat das in der Zwischenzeit durchgesickerte Putzwasser die Hälfte der Rolle unwiederbringlich zerstört.

1977 veröffentlicht Yadin die Tempelrolle. Es ist die erste wichtige Qumranrolle, deren Analyse zunächst nur Forschern zugänglich ist, die Ivrit lesen. Die Publikation der Tempelrolle als WasserscheidePublikation der Tempelrolle wird sich als Wasserscheide für die Deutung der Gesamtbibliothek erweisen. Bis dato drehen sich die meisten Veröffentlichungen um die Theologie und Exegese der Besitzer der Rollen. Nun steht plötzlich die Halakha im Zentrum. Plakativ gesagt folgt dreißig Jahren christianisierender Lektüre der Rollen nun eine Epoche der „Rejudaisierung“, einer Heimholung Qumrans in die jüdischen Studien (vgl. den Titel von Schiffmans einflussreicher Einleitung).

Noch auf einer anderen Ebene läutet die Publikation der Tempelrolle eine Wende ein. Während Yadin die essenische Autorschaft der Tempelrolle befürwortet, mehren sich die Stimmen dagegen. Dies ist die erste große vorher unbekannte hebräische Rolle, die die pan-essenische Deutung in Frage stellt.

Im Jahr 1977 ertönt auch der erste wirklich laute Aufschrei über die Verschleppung der Veröffentlichung der Qumrantexte. Kein Geringerer als Géza Vermes (1924–2013), Professor in Oxford, spricht vom „akademischer Skandal par excellenceakademischen Skandal par excellence des 20. Jahrhunderts“, wenn nicht drastische Schritte zu ihrer schleunigen Herausgabe unternommen würden. Es sollte noch dreizehn Jahre dauern. In der Zwischenzeit geben die an großen Universitäten beschäftigten Mitglieder der Scrollery die Texte an ihre Doktoranden weiter. Anderen Wissenschaftlern hingegen wird Zugang zu Rollen und Fotos verwehrt. So haben Doktoranden Macht, Thesen anderer, und seien es noch so hochangesehene Experten, mit dem kurzen Hinweis auf unveröffentlichte Qumrantexte umzukippen. Diese Situation verschärft den Verdruss der außenstehenden Wissenschaftler. Immerhin wird Ende der 80er Jahre das Editionsteam hier und da um Außenstehende erweitert.

|22|Strugnell hat für die Analyse eines weiteren halakhischen, aber im Gegensatz zur Tempelrolle äußerst fragmentarischen Texts in seiner Verantwortung, 4QMMT4QMMT (Miqsat Maase Hatora = „einige Werke der Tora“), schon 1979 den jungen israelischen Linguisten Elisha Qimron als Experten für das „mischnische“ Hebräisch gewonnen. 1984 stellt Qimron auf einer Konferenz in Jerusalem erstmals den Text vor: es handle sich um einen frühen Brief des „Lehrers der Gerechtigkeit“ an seinen Kontrahenten, den „gottlosen Priester“, bevor sich beide Parteien auseinander entwickelt haben. Der Text enthält halakhische Diskussionen zu ca. zwanzig Punkten, in denen den Schreibern und Adressaten Positionen beigemessen werden, wie sie die Sadduzäer vertraten, während parallel gegen eine dritte Gruppe, die pharisäische Positionen vertritt, polemisiert wird. Dass ein so zentrales Dokument 35 Jahre lang unveröffentlicht bleiben konnte, erregt erhebliches Aufsehen, und lässt verwundert fragen, welche anderen zentralen Texte gleichfalls unveröffentlicht geblieben seien.

1.7 Die Veröffentlichung (1990–2010)

Sechs Jahre später ist der Text immer noch nicht publiziert, nicht einmal in einer vorläufigen Edition. Der Druck in akademischen Kreisen und der interessierten Weltöffentlichkeit, vor allem auch durch die Zeitschrift Biblical Archaeology Review wird immer größer. Und dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Welt wird Zeuge einer Kriminalgeschichte der Wissenschaft, die schließlich zur schnellen Veröffentlichung aller Rollen führt.

Zunächst veröffentlicht die maßgebliche israelische Tageszeitung Haaretz ein Interview mit dem schwer alkoholkranken John StrugnellStrugnell, inzwischen Chefeditor von DJD, in dem er das Judentum als „horrible religion“ bezeichnete, welche „zu existieren aufhören sollte“. Im Sturm der Entrüstung muss Strugnell seinen Posten als verantwortlicher Herausgeber von DJD und auch seinen Posten in Harvard „aus Krankheitsgründen“ verlassen. Angesichts seiner engen freundschaftlichen Beziehungen und Zusammenarbeit mit vielen jüdischen Wissenschaftlern ist die Schärfe dieser Aussagen vielleicht wirklich seiner Krankheit zuzuschreiben und war nicht Strugnells Grundhaltung.

Strugnells Nachfolger wird Emanuel TovEmanuel Tov (*1941), ein Schüler von Frank Cross und Shemaryahu Talmon, Professor an der Hebräischen Universität und Editor der griechischen Zwölfprophetenrolle von Nahal Hever (8HevXIIgr). Tov wird sich als äußerst effizienter Chefadministrator erweisen, doch wird er schon |23|kurz nach seiner Ernennung vor neue Tatsachen gestellt: Die Huntington Library will allen Interessierten Zugang zu Fotos der Qumranrollen, auch der unveröffentlichten, gewähren. Erst jetzt wird öffentlich bekannt, dass aus Vorsorge vor möglichen Kriegen insgeheim mehrere Kopien der PAM-Fotoserien angefertigt und verteilt worden waren: seit 1972 am Hebrew Union College in Cincinnati, und seit den 80er Jahren auch im Oxforder Center for Postgraduate Hebrew Studies, im Ancient Biblical Manuscripts Center in Claremont, Kalifornien und in der Huntington Library in Kalifornien.

Alle Bibliotheken haben Verträge unterschreiben müssen, die den Zugang zu den Fotos verhindern, mit Ausnahme der Huntington Library, die eigentlich Daten zu ganz anderen Themen und Zeiten sammelt als die anderen Zentren und mehr oder minder zufällig die Qumran-Negative erhalten hat. Sie stammen aus der Stiftung einer wohlhabenden Dame, die einen Teil der Sicherheitskopien finanziert hat, sich dann mit dem Zentrum in Claremont überwirft und ihr privates Double Huntington überlässt. 1991 veröffentlichen Robert Eisenman und James Robinson die Mehrzahl der PAM Fotos in A Facsimile EditionFacsimile Edition of the Dead Sea Scrolls (1991). Nun hat alle Welt Zugang zu fast allen bislang unveröffentlichten Fotos, wenn auch nicht immer in guter Abbildungsqualität.

Diese Edition enthält im Vorwort von Hershel Shanks auch eine unautorisierte Transkription von 4QMMT. Qimron verklagt Shanks auf Schadenersatz und gewinnt. Da es sich um einen antiken Text handelt und nicht um einen modernen, war dieser Ausgang nicht ohne weiteres vorauszusehen. Qimron und Strugnell wird das Copyright für ihre Rekonstruktion eines von einem antiken Autor verfassten Textes zugesprochen.

Ein in jenem Band veröffentlichtes Fragment, das angeblich einen vorchristlichen Messias erwähnt, der eines gewaltsamen Todes starb (4Q285 frg. 7), lässt die Wogen in der Presse hoch schlagen. Die wissenschaftliche Debatte hingegen stellt schnell klar, dass es im Gegenteil der Messias ist, der (einen Gegner) tötet. Diese Episode illustriert den Sensationshunger der Presse und völlig unbegründete Theorien, dass sich die Veröffentlichung verzögere, weil der Vatikan das Christentum relativierende Handschriften verborgen halten möchte (z.B. Verschlußsache Jesus).

Ebenfalls 1991 bringen Ben Zion Wacholder und AbeggWacholder (1924–2011) und sein Doktorand Martin Abegg den ersten Band mit Transkriptionen der unveröffentlichten Texte heraus A Preliminary EditionPreliminary Edition of the Unpublished Dead Sea Scrolls: The Hebrew and Aramaic Texts from Cave Four. Sie hatten von Strugnell eine der wenigen per Hand kopierten Konkordanzen des Editorenteams erhalten. Abegg |24|gibt für seinen (blinden) Lehrer Wacholder, der zeitlebens auf die Herausgabe dieser Texte wartete, Zeile für Zeile der Konkordanz für jedes Wort in seinem Kontext in einen Computer ein. Daraus rekonstruiert er dann in „Reverse Engineering“ die vollständigen Transkriptionen der späten fünfziger Jahre, die der Konkordanz als Grundlage gedient hatten. (Das ist so, als würde man mit Google books den Text eines Buches rekonstruieren, obgleich man immer nur auf Abschnitte von 2–3 Zeilen Zugriff hat).

Tov agiert sehr schnell. Ohnehin ist er damit beschäftigt, das Team auf über 80 Mitarbeiter zu erweitern, die entweder mit den bisherigen Editoren zusammenarbeiten oder von ihnen ihre vorläufigen Niederschriften „ererben“. Viele der neuen Mitarbeiter sind Israelis. Einige decken wichtige Gebiete wie Halakhageschichte ab, für die vorher kein Teammitglied Experte war. 1993 veröffentlicht Tov eine hervorragende Mikrofiche-EditionMikrofiche-Edition aller Fotos und schließt so die Lücke zwischen offiziellen und inoffiziellen Mitteln, an die unveröffentlichten Texte zu gelangen. Sein Organisationstalent und seine effiziente Genauigkeit machen es möglich, dass in den darauffolgenden achtzehn Jahren jedes Jahr ein bis zwei Bände erscheinen können, bis zum Abschluss von Discoveries in the Judaean DesertAbschluss von Discoveries in the Judaean Desert im Jahre 2008.

Jean-Baptiste Humbert, der Nachfolger von de Vaux als Chefarchäologe, engagiert für die Veröffentlichung der endgültigen Ausgrabungsberichte das belgische Ehepaar Robert Donceel und Pauline DonceelDonceel-Voute, Spezialisten für frühchristliche Mosaike. Diese überraschen die Forscherwelt mit einer de Vaux Interpretation auf den Kopf stellenden These: Qumran wäre eine Villa, wie man aus unveröffentlichten Funden schließen könne, die zahlreiche Luxusgüter wie Glas und hochwertige Keramik enthalten. Ein von de Vaux als Schreibsaal identifizierter Raum sei ein Triklinium (Speisezimmer). Die Schriftrollen hätten mit der Siedlung und ihren Bewohnern nichts zu tun. Kurze Zeit später publiziert der Genizaspezialist Norman GolbNorman Golb sein Buch Who wrote the Dead Sea Scrolls?. Auch er trennt die Rollen von der Siedlung, seiner Ansicht nach ein Fort. Seine Bewohner halfen im jüdischen Aufstand Flüchtlingen aus Jerusalem, die ihre Schriftrollen nach Qumran gebracht hatten. Die Schriftrollen stellen also einen Querschnitt durch Jerusalemer Bibliotheken dar.

Wirklichen Zugang zu (fast) allen nicht-biblischen Rollen erhält die spanische Weltöffentlichkeit 1992 durch Florentino García-Martínez (1942–) GesamtübersetzungGesamtübersetzung Textos de Qumran, 1994 ins Englische übersetzt. 1995 erscheint die erste deutsche Komplettübersetzung durch Johann Maier. Eine neue Etappe beginnt mit der Publikation von elektronische Datenbankenelektronischen Datenbanken der Texte und |25|Fotos, zuerst 1997 von Alexander und Lim, dann bei Brill und bei Accordance (s.u. S. 61). Seit 2012 sind alle historischen und viele neue Fotos auch über die Internetseiten der Israelischen Antiquitätenbehörde frei zugänglich, allerdings (noch) ohne Transkriptionen (s.u. S. 60). Dies wird sich mit dem neuen Scripta Qumranica Electronica Projekt in den nächsten Jahren ändern. Mehr und mehr eröffnen chemisch-physikalische Untersuchungen der Schriftrollen neue Einsichten in ihre Geschichte. Vor allem aber kann, seitdem die Allgemeinheit Zugriff auf alle Texte hat, die Gesamtsammlung in ganz anderer Weise verstanden werden. Nun ist es klar, dass die als essenisch definierten Texte, die bis 1977 die Diskussion bestimmten, nämlich die großen Texte aus Höhle 1 und die Texte Allegros, nicht die Mehrheit unter den nicht-biblischen Texten darstellen. Jetzt wird aus der Bibliothek einer marginalen Sekte wirklich das, was Hartmut Stegemanns und Norman Golbs ursprünglich diametral entgegengesetzte Sichtweisen schließlich vereint: eine essenische Auswahl aus der breiten Masse der hebräischen und aramäischen Literatur unterschiedlicher Gruppen des Judentums des Zweiten Tempels.

|27|2 Wie liest man ein Fragment? Anatomie der ältesten jüdischen Bücher

S. auch Literatur zu Kapitel 3

Cross, Frank, The Development of the Jewish Script. In: Wright, George Ernest (Hg.), The Bible and the Ancient Near East. Essays in Honor of William Foxwell Albright, Garden City 1961, 133–202.

Cross, Frank, Palaeography and the Dead Sea Scrolls. In: Flint, Peter/VanderKam, James (Hgg.), The Dead Sea Scrolls After Fifty Years, Leiden 1998, Bd. 1, 379–402.

Doudna, Greg, Dating the Scrolls on the Basis of Radiocarbon Analysis. In: Flint, Peter/VanderKam, James (Hgg.), The Dead Sea Scrolls After Fifty Years, Leiden 1998, Bd. 1, 430–471.

Johnson, William, Bookrolls and Scribes in Oxyrhynchus, Toronto 2004.

Jull, Timothy/Donahue, Douglas/Broshi, Magen/Tov, Emanuel, „Radiocarbon dating of scrolls and linen fragments from the Judean desert“, Radiocarbon 37 (1995) 11–19.

Leach, Bridget/Tait, John, Papyrus. In: Nicholson, Paul/Shaw, Ian (Hgg.), Ancient Egyptian Materials and Technology, Cambridge 2000, 233–253.

McLean, Mark, The Use and Development of Palaeo-Hebrew in the Hellenistic and Roman Periods, (unpubl. Ph.D. diss., Cambridge, Mass: Harvard University, 1982).

Nir-El, Yoram/Broshi, Magen. „The Red Ink of the Dead Sea Scrolls“, Archaeometry 38 (1996) 97–102.

Nir-El, Yoram/Broshi, Magen. „The Black Ink of the Qumran Scrolls“, Dead Sea Discoveries 3 (1996) 157–167.

Poole, John/Reed, Ronald, „The Preparation of Leather and Parchment by the Dead Sea Scrolls Community“, Technology and Culture 3 (1962) 1–26.

van Strydonck, Mark/Nelson, D. Erle/Crombé, Philippe/ Bronk Ramsey, Christopher./Scott, E. Marian/van der Plicht, Johannes/Hedges, Robert, Les limites de méthode du Carbone 14 appliquée à l’archéologie. In: Evin, Jacques/Oberlin, Christine/Daugas, Jean-Pierre/Salles, Jean-François (Hgg.), Actes du 3ème Congrès International 14C et Archéologie, Paris 1999, 433–448.

Tov, Emanuel, Scribal Practices and Approaches Reflected in the Texts Found in the Judean Desert, Leiden 2004.

Yardeni, Ada, Textbook of Aramaic, Hebrew and Nabatean Documentary Texts from the Judaean Desert and Related Material, Jerusalem 2000.

Wer liest, dass in Qumran Reste von etwa 1000 Schriftrollen gefunden worden sind, ist sich vielfach nicht im Klaren darüber, dass davon nur fünfzehn Texte wirklich noch wie Rollen aussehen. Fast alle anderen „Rollen“ sind in Wirklichkeit aus kleinen Fragmenten (ca. 15000 allein für Höhle 4) von der Größe einer Linse bis zu |28|einer DIN A4-Seite rekonstruiert und manche würden sogar sagen konstruiert (Tigchelaar).

Die ca. 15 wirkliche Qumranrollen15 wirklichen Qumranrollen sind die beiden Jesajarollen (1QIsaa und 1QIsab), das Genesisapokryphon (1QGenAp), der Habakukkommentar (1QpHab), die Gemeinschaftsregel (1QS), die Kriegsregel (1QM) und die Hymnenrolle (1QHa) aus Höhle 1, die Kupferrolle (3Q15) aus Höhle 3 und die Levitikusrolle (11Q1 = 11QpaleoLev), eine (ungeöffnete) Ezechielrolle (11Q4), die Psalmenrolle (11Q5 = 11QPsa), die Apokryphen Psalmen (11Q11), die Sabbatopferlieder (11Q17), das Neue Jerusalem (11Q18), die Tempelrolle (11Q19) aus Höhle 11. Dazu kommen einige wenige Einzelblätter wie 4Q175.

Jedes noch so kleine Detail, das man über den ursprünglichen Aufbau einer Schriftrolle in Erfahrung bringen kann, hilft bei der Editionsarbeit. Zunächst wusste man nur relativ wenig über den Aufbau von jüdischen Schriftrollen aus dieser Zeit. Einiges konnte man im rabbinischen Traktat Sopherim und aus dem Talmud lernen (doch sind diese viel jünger), anderes aus den griechischen Papyri aus Ägypten übertragen (doch gab es dort kaum Pergamente). Heute, nach Vollendung der Arbeit und dank der hervorragenden Studie von Emanuel Tov haben wir es leichter. Gutes Verständnis der hier nur sehr skizzenhaft erwähnten Grundlagen der Buchkunde der Rollen vom Toten Meer ist unabdinglich dafür, Fallstricke der Arbeit an höchst fragmentarischen Texten zu umgehen.

Eine ParabelParabel, um die unvorstellbare Schwierigkeit der Edition der Qumranrollen greifbar zu machen: eine Prinzessin schenkt ihrem Verehrer 1000 Puzzles (die 1000 Schriftrollen). Jedes Puzzle hat zwischen zehn und 10000 Teile (die Fragmente). Einige Puzzles zeigen das gleiche Bild wie ein anderes, aber nicht das gleiche Format oder nicht die gleiche Pappe (verschiedene Manuskripte der gleichen Komposition). Sie schüttet jedes vollständige Puzzle in eines von elf großen Fässern (die elf Höhlen), allein in Fass 4 sind zwei Drittel aller Puzzles. Dann wirbelt sie die Puzzleteile in jedem Fass durcheinander. Schließlich wirft sie 95 % der Puzzleteile aus jedem Fass weg (Verlust durch Ratten, Insekten, Feuchtigkeit, Wind und Plünderer)! In Fass 4 bleiben so fünfzehntausend Puzzleteile von ca. 600 Puzzles. Nun verlangt sie von ihrem Verehrer, ihr zu sagen, welche Teile einmal zu welchem Puzzle gehört haben und was auf den Puzzles für Motive und Details dargestellt waren.

|29|2.1 Buchform und Layout (Kodikologie)

Für Texte ein überzeugendes Layout zu erstellen ist eine hohe Kunst und beeinflusst nachhaltig unsere Rezeption des Inhaltes. Eine schön gesetzte Buchseite und ein gekritzeltes Notizblatt mögen exakt dieselben Worte enthalten, doch die Präsentationsform entscheidet, wie wir sie aufnehmen. In einer textorientierten Gesellschaft hat jeder Text „sein“ Format. Ein wissenschaftliches Buch sieht anders aus als ein Roman, eine Bedienungsanleitung ist anders aufgebaut als ein Comic.

Seit der Spätantike werden Bücher als Kodex veröffentlicht. Das wissenschaftliche Studium der Buchformen heißt Kodikologie. Vor der allmählichen Verbreitung des Kodex ab dem zweiten Jahrhundert n. Chr. war die klassische Buchform der Antike überall die Schriftrolle, lat. volumen (Johnson), so auch in Qumran. Daneben gab es für sehr kurze Texte noch das Einzelblatt. Dies ist jedoch selten (z.B. 4Q175).

Eine RolleRolle besteht aus einem oder mehreren Bögen aus Papyrus, Pergament oder Leder. Anstelle von Seiten wie in einem Kodex muss der Text einer Rolle in Spalten oder Kolumnen (engl. columns) aufgeteilt werden. Zunächst berechnet der Schreiber daher, wie viel Bögen (engl. sheets) er benötigen wird, und kauft die entsprechende Menge präparierten Beschreibmaterials. Dann markiert er Kolumnen, so dass Kolumnen und Zwischenraum möglichst gleichmäßig breit sind und das Auge die Textblöcke gut trennen kann. Bei Pergamentrollen werden zumeist auch die Zeilen mit einem scharfen Knochen o.ä. in den Beschreibstoff eingeritzt (s. KhQ 2393 in DJD 6, 25). Oft sind Bruchkanten von Fragmenten an exakt diesen Linien! Bei Papyrusrollen ist dieser Arbeitsgang nicht nötig, denn die Fasern auf der meist verwendeten Vorderseite (recto) verlaufen in Schreibrichtung. Als dritter Schritt wird die Rolle beschrieben. Zuletzt werden die Bögen miteinander verklebt (Papyrus) oder mit Flachs oder Sehnen vernäht (Pergament). Manchmal geschieht dies auch schon vor der Beschreibung.

Das FormatFormat steht in engem Verhältnis zur Textmenge, zur Qualität und zum Sitz im Leben. Lange Texte benötigen großformatigere und längere Rolle als kurze. Wertvolle Texte haben einen breiteren Rand und engere Spalten. Desweiteren hängt die Höhe stark von der Länge ab. Damit die Rolle eine Rolle bleibt, durfte sie nach dem Aufrollen nicht zu dick im Verhältnis zu ihrer Höhe sein. Aber auch für die Handlichkeit war es wichtig, die Proportionen zu wahren. Liturgische Rollen waren weniger hoch (Tov 90).

Oben und unten wird Freiraum gelassen, die sogenannten MargenMargen, da hier die größten Chancen bestehen, dass die Rolle beschädigt |30|wird und Text verloren geht. Aus dem gleichen Grund haben Rollen oft vorne und hinten eine oder mehrere unbeschriebene Spalten als eine Art Schutzumschlag, das Protokoll und das Eschatokoll. An das Eschatokoll kann ein Stab (griech. omphalos, lat. umbilicus) befestigt werden, um die Rolle leichter unbeschädigt eng rollen zu können. In Qumran sind davon nur zwei gefunden worden. Wahrscheinlich hatten viele Rollen keinen fest verbundenen Stab.

Ähnlich wie bei modernen Puzzles spielen die Randstücke bei der Rekonstruktion eine große Rolle, da man aus ihnen oft die Breite oder Höhe einer Spalte oder die Position eines Fragments auf der ursprünglichen Rolle berechnen kann. Wenn man wiederum die Höhe einer Rolle kennt, kann dies Schlüsse über den möglichen Umfang der Rolle erlauben, denn Höhe und Länge einer Rolle stehen wie gesagt in gewissen Proportionen zueinander.

Wenn wir also nur noch das Anfangsblatt einer Rolle mit geringer Höhe und nur jeweils acht bis neun Zeilen Text in einer Spalte finden, können wir daraus schließen, dass sie wohl zu klein war, um z.B. das ganze Buch Genesis enthalten zu haben. Findet man ein Fragment mit Nahtresten, weiß man, dass diese Rolle aus mindestens zwei Pergamentbögen bestand, usw.

Gegenüber Kodizes haben Rollen den Nachteil, dass man Stellen nicht einfach aufschlagen kann, sondern suchen muss, wie man es noch heute in Synagogen erleben kann. Auch muss man den Text nach der Lektüre wieder zurückrollen (ähnlich wie man es früher mit Videokassetten oder Mikrofilmen machen musste). Der Anfang des Textes sollte außen stehen, das Ende innen. Durch nur einseitige Beschriftung wird bei Rollen die Hälfte des Schreibmaterials verschwendet. Dafür scheint nie Text von hinten durch.

Für die Lektüre einer Rolle benötigt man zwei Hände, um den gelesenen und den noch zu lesenden Teil zu trennen. Hingegen ist die Berechnung der benötigten Bogenzahl einfacher als bei einem Kodex, da man bei Bedarf ein weiteres Blatt ankleben kann. Es ist nicht möglich, ein Blatt aus der Mitte einer Rolle herauszureißen, ohne dabei die Rolle zu zerteilen. Aber wenn man will oder dies wegen eines beschädigten Blattes nötig ist, kann man leichter als bei einem Kodex ein Blatt ausschneiden, ein anderes einsetzen und die Enden wieder zusammenfügen. So ein Reparaturblatt ist z.B. in der Tempelrolle eingesetzt worden (11QTa I–V). Auch eingerissene Stellen können genäht werden (z.B. 1QIsaa XII oder XVI). Manchmal wurden beschädigte Stellen auch mit einem Flicken geflickt (z.B. 11QTa XXIII–XXIV).

Pergamentrollen können mit einem Lederriemen zusammengebunden werden, damit sie sich nicht von alleine ausrollen. Dieser kann fest am Protokoll angenäht sein (wie bei 4Q448 zu sehen).

|31|Abb. 1:

4Q448 mit Verschluss

Abb. 2:

Rekonstruktion einer Schriftrolle

|32|Festes Zusammenrollen schützt die Rolle vor Schäden. Für längere Verwahrung konnten Rollen in Tücher eingehüllt werden und in Holzkästen (capsa) oder in Krüge gelegt werden, wie das Zitat von Jeremia 32,14 oben, S. 10 belegt. Zedernöl war ein zusätzlicher Schutz vor Nagern und Insekten.

In antiken BibliothekenBibliotheken wurden Rollen wie heute Weinflaschen in ein paar Lagen übereinandergelegt. Anzeichen für derartige Regale sehen viele in den in regelmäßiger Höhe angebrachten Löchern in Höhle 4. Wie konnte man die gewünschte Rolle finden? Dazu waren in griechischen Bibliotheken an der Seite der Rolle mit einer Schnur Etiketten mit Angaben zum Inhalt des Buches angehängt. In Qumran haben wir dafür allerdings gar keine Belege. In fünf Fällen ist der Titel einer Rolle quer auf ihre Rückseite geschrieben, so dass man, ohne die Rolle öffnen zu müssen, erkennen kann, was sie enthält (z.B. 1QS, 4Q249). In den meisten Fällen scheint dies aber nicht der Fall gewesen zu sein. Wir wissen also nicht, wie die jeweilige Rolle lokalisiert werden konnte.

Unterschiedliche Materialien dienen zum Schreiben. Man unterscheidet zwischen SchreibgerätSchreibgerät (z.B. Calamus, Feder, Finger, Meißel, Stein), BeschreibstoffBeschreibstoff (z.B. Leder, Pergament, Papyrus, Stein, Metall, gebrannte und ungebrannte Keramik, Holz, Palmblätter, Knochen, Wachstafeln) und SchreibstoffSchreibstoff (z.B. Rußtusche, Eisengallustinte, Zinnobertusche, Kohle, Kreide).

Die meisten Qumranrollen sind auf präparierten TierhäuteTierhäuten geschrieben, die mindestens seit 2000 v. Chr. als Beschreibstoff benutzt werden. Zu Leder oder Pergament verarbeitet hat Haut hervorragende Qualitäten. Sie ist weich, glatt, je nach Tier großflächig, relativ dünn und doch reißfest und kann Tinte und Tusche gut aufnehmen. Je nach Tier ist die Farbe homogen hell und bietet einen augenfreundlichen Kontrast zum Schreibstoff. Die Qumranrollen zeigen, dass sie unter optimalen Bedingungen extrem lange hält. Durch Zusammennähen können Bögen zu Rollen vernäht werden, um auch umfangreiche Texte aufzunehmen. Nur die Handlichkeit setzt dem Grenzen.

Bei der Präparierung wird zunächst die abgezogene Haut für die Konservierung in eine Salzlösung eingelegt. Dann wird sie eingeweicht, um das Salz und möglichst viele Haare, Fett und Verunreinigungen zu entfernen. Danach wird sie auf einem Rahmen befestigt, getrocknet und noch einmal mit Messern oder Bimssteinen sehr gründlich glatt gerieben. Möchte man die Haut zu Leder machen, wird sie abschließend gegerbt, d.h. mit speziellem Gerbstoff behandelt. Anders als Leder wird PergamentPergament gewöhnlich nicht gegerbt, sondern durch sehr große Spannung, bei der sich die Kollagenfasern in Schichten parallel legen, hergestellt (Poole/Reed). Dies |33|macht Pergament im Gegensatz zu Leder extrem formbeständig. Die meisten Qumranrollen sind wie Pergament durch Spannung hergestellt worden, doch sind sie – anders als die meisten antiken Pergamente – mit Gerbstoff behandelt worden, im Unterschied zu Leder allerdings nur sehr oberflächlich.

Die beiden FleischseiteSeiten einer Haut haben unterschiedliche Qualitäten. Die Fleischseite ist glatter, die HaarseiteHaarseite weist Poren auf. Spätere rabbinische Vorschriften unterscheiden zusätzlich zwischen ungespaltenem Leder, (gvil, auf der Haarseite beschrieben), feinem gespaltenem Leder (klaf, auf der Fleischseite beschrieben) und dyskhistos/dixystos/dixestos (auf der Haarseite beschrieben). Fast alle Qumranrollen sind aus ungespaltenem Pergament. Dieses wurde fast immer auf der helleren Haarseite beschrieben, die zur Rußtusche den stärkeren Kontrast bietet.

Um PapyrusPapyrus herzustellen, werden entrindete Papyrusstauden in dünne gleichmäßig breite Streifen geschnitten und in Wasser eingelegt (Leach/Tait). Die nassen Streifen werden eng längs nebeneinandergelegt. Auf diese erste Schicht wird eine zweite ebensolche Streifenschicht quer aufgelegt. Mit Druck werden beide Schichten übereinander geklebt und bilden ein haltbares Ganzes. Schließlich schneidet man die Ränder so, dass gleichformatige Bögen entstehen, die zu Rollen zusammengeklebt werden können. Dabei werden die Blätter so gelegt, dass auf einer Seite die Papyrusfasern immer in Schreibrichtung verlaufen. Diese nennt man recto. Die andere Seite heißt verso. Die Recto-Seite des Papyrus hatte also gegenüber Pergament den Vorteil, dass man wegen der Faserrichtung keine zusätzlichen Linien ziehen musste, um gerade zu schreiben. Das erste Schutzblatt, das Protokollon, wurde gewöhnlich mit recto nach außen angeklebt.

Nur etwa ein Achtel aller Qumrantexte sind auf Papyrus geschrieben. Davon sind viele Dokumente oder Privatabschriften in semikursiver Schrift. Papyrus ist leichter korrigierbar als Pergament, da man die Tinte nur abwaschen muss, während sie in das Pergament tief eindringen kann. Die spätere rabbinische Halakha verbietet, biblische Texte auf Papyrus zu schreiben. Im Vergleich zu Pergament zerfällt Papyrus in viel kleinere, oft rechteckige Fragmente, die den Rändern der Papyrusstengel folgen (s.o. das Zitat von Baillet, S. 21f). Dafür bleibt normalerweise der gute Kontrast zwischen Tinte und Hintergrund erhalten, so dass man weniger auf Infrarotfotos angewiesen ist. Sowohl bei Leder/Pergament als auch bei Papyrus gibt es große Qualitätsunterschiede im Blick auf Dicke und Festigkeit, Glätte und farbliche Homogenität, Weichheit sowie Narben, Löcher und Sichtbarkeit von Adern.

|34|Um Materialkosten zu sparen, wurden Papyri manchmal komplett abgewaschen oder Leder/Pergamente abgeschabt und mit einem anderen Text wieder beschrieben. Dies nennt man PalimpsestPalimpsest von griech. palin (wieder) und psēstos (abgeschabt) (4Q249, 4Q457a, 4Q457b, 4Q468e, s. Tov, 73). Wenn eine Rolle beidseitig beschrieben ist (vgl. Ez. 2,10 und Apk. 5,1), spricht man von Opisthograph, von griech. opisthen (von hinten) und graphein (schreiben) (Tov, 68–73). Das ist abgesehen von Gebetsriemen und Dokumenten selten. Fast immer enthalten Qumranrollen nur einen einzigen Text (Ausnahmen sind z.B. 1QS und das Opisthograph mit 4Q509 + 4Q505 auf der einen Seite und 4Q496 + 4Q506 auf der anderen).

Dokumente wurden oft zunächst auf eine Tonscherbe als eine Art Kladde geschrieben. Glatte Tonscherben gab es im Überfluss und umsonst. Man nennt derartige Texte Ostrakon (pl. Ostraka). Andere weitverbreitete Medien sind Stein und Mosaik. Inschriften auf Stein gibt es in Qumran kaum, auf Mosaik gar nicht. Die Kupferrolle ist auf Metall geschrieben worden (s.u. S. 163f), das – abgesehen von Amuletten – nur selten für Texte verwendet wurde.

Fast alle Qumranrollen wurden mit schwarzer RußtuscheRußtusche geschrieben (Nir-El/Broshi, „The Black Ink“). Eisengallustinte ist in Qumran noch nicht bezeugt. Wie moderne chinesische Stangentusche wurde Rußtusche in festen Blöcken verkauft. Vor jeder Benutzung wurde ein kleines Stück von diesem Block an einem Stein zu Pulver zerrieben und dann in einem Tintenfass mit Wasser vermischt, in welchem die Rußteilchen und Bindemittel schweben. Einmal auf dem Beschreibstoff aufgetragen verdunstet das Wasser und die kleinen Rußteilchen haften dank Bindemittel auf der Oberfläche und bieten einen hervorragenden Kontrast. Anders als Tinte, in der der Farbstoff völlig aufgelöst ist und die Flüssigkeit selbst farbig ist, dringt Tusche nicht in den Beschreibstoff ein und kann einfach wieder abgekratzt oder abgewaschen werden.

Einige wenige Rollen wie das Genesisapokryphon zeichnen sich durch ein Kupferfraß genanntes Phänomen aus: das Leder ist genau dort zerfressen, wo ursprünglich einmal Buchstaben standen. Diese Rollen sind sehr viel schwerer zu entziffern und in einem wesentlich schlechteren Erhaltungszustand. Vielleicht liegt dies an anderen Bindemitteln oder an Metallen – wie Kupfer –, die der Tusche zugesetzt wurden. Schließlich wurde ganz selten, genau gesagt in vier Fällen (z.B. 4QNumb), auch zinnoberrote Tusche benutzt, um Textabschnitte farblich ähnlich wie Rubriken in mittelalterlichen Handschriften zu kennzeichnen.

|35|Als Schreibgerät diente wahrscheinlich hauptsächlich ein aus Schilf geschnittenes Schreibrohr, lat. calamus, hebr. qulmus. Die Schøyen-Sammlung besitzt einen angeblich aus Höhle 11 stammenden CalamusCalamus. Schilfrohre sind billig und praktisch und relativ leicht herzustellen sowie individuell anpassbar. Man kann die Spitze eines Schreibrohrs unterschiedlich anspitzen, um die Ansatzpunkte und die Proportionen von waagerechten und senkrechten Strichen zu ändern oder individuellen Schreibwinkeln gerecht zu werden (s.u. Paläographie).

2.2 Vom Fragment zur Transkription

Da der Text nicht überall lesbar war, entwickelten die Editoren ein System, um sichere, wahrscheinliche und mögliche Lesungen von Rekonstruktionen zu unterscheiden.


Lücken im Fragment werden durch eckige Klammern angedeutet. Text[ ]TextText[ ]Text
Wird in derartigen Lücken Text rekonstruiert, wird er in die eckigen Klammern der Lücke gesetzt, und zwar sowohl im hebräischen Original als auch in der Übersetzung. Text[Rekonstruierter Text]TextText[Rekonstruierter Text]Text
Ein von einem der antiken Schreiber als gelöscht markiertes Wort wird mit geschweiften Klammern angezeigt. Text{gelöscht}TextText{gelöscht}Text
Wenn ein Teil einer Zeile leer ist, steht dort vacatvacat (lat. leer).
Margen oben oder unten werden explizit gekennzeichnet (z.B. „top margin“).
Eine wahrscheinliche Lesung eines unvollständigen Buchstabens wird durch einen kleinen Punkt über diesem Buchstaben angedeutet. א̇‏‏‏‎א̇‏‏‏‎
Eine mögliche, aber unsichere Lesung eines unvollständigen Buchstabens wird durch einen offenen Kreis über diesem Buchstaben angedeutet: ‎‏ד֯‏‎‎‏ד֯‏‎
Bei beiden Fällen ist speziell für Nichthebraisten besondere Vorsicht geboten, denn dies wird in den Übersetzungen im besten Fall mit einer Fußnote angegeben, im Normalfall gar nicht.
Ist der Buchstabenrest so klein, dass man nur noch angeben kann, dass hier etwas stand, aber nicht was, steht statt eines Buchstabens nur ein großer Kreis.○
Wird in der Übersetzung ein Wort ergänzt, das im Original dort nicht steht, aber für die Verständlichkeit notwendig ist, steht diese (Ergänzung)(Ergänzung) in runden Klammern.

Als Grundregel gilt: Je kleiner die Fragmente, desto mehr unvollständige und daher unsichere Buchstaben und Worte. Steht in einer |36|Zeile nur ein Wort oder gar ein Teilwort ohne Kontext oder sind viele Buchstaben „bepunktet“ ist die Übersetzung oft hypothetisch. Auch wer kein Hebräisch kann, sollte immer auch auf die Transkription des Fragmentes schauen. Die Zeilennummer lässt klar erkennen, wo der Editor die Lesart für sicher oder nur für möglich hält.

Wer des Hebräischen mächtig ist, kann sich an folgendem Fragment spielend einüben. Andere können zumindest ihr Verständnis des Transkribierungssystems testen. Wie viele Zeilen hat das Fragment? Können wir seinen Platz in der Kolumne bestimmen (oben, unten, rechts, links)? Gibt es andere Merkmale (z.B. Linierung oder Nahtlöcher)? Können Sie den Leerraum zwischen Wörtern von dem zwischen Buchstaben unterscheiden? Welche Schriftart ist in der Schriftentabelle der Schrift dieses Fragments am ähnlichsten? Machen Sie sich dann an die fünf klar lesbaren Wörter. Zwei Hinweise: Waw und Jod werden in dieser herodianischen Schrift nicht unterschieden. He unterscheidet sich von Chet darin, dass es links ein Vordach hat, während Chet zwei Stangen mit durchhängender Wäscheleine ähnelt. Lassen Sie sich bei der Entzifferung des letzten Wortes der dritten Zeile nicht durch das Loch und die für Sie etwas ungewöhnliche Orthographie verwirren!

Abb. 3:

4Q286 fr 20a

Wenn Sie die fünf ganzen Worte entziffert haben, versuchen Sie sich an den Buchstabenresten. Wie viele Buchstaben sind vor dem |37|Wort in der ersten Zeile erkennbar? Spielen Sie alle Möglichkeiten durch! Warum kann es (normalerweise) kein Nun oder Tzade sein? Welcher Buchstabe bleibt als einzige Möglichkeit übrig? Wie viele Buchstabenreste sehen Sie in der zweiten Zeile vor den beiden gut lesbaren Worten? Für den ersten Buchstaben gibt es nur eine Möglichkeit und für den letzten auch! Sehen Sie den relativ undefinierbaren Buchstabenrest in der vierten Zeile? Wie viele Buchstaben können Sie in der fünften (!) Zeile ausmachen, zwei oder drei? Besuchen Sie die Webseite des Leon-Levy Archivs der IAA und lokalisieren Sie 4Q286! Finden Sie ein Foto mit „Ihrem“ Fragment? Vergrößern Sie es, bis Sie die drei Buchstabenreste sehen! Ähnelt Ihre Transkription der unten angegebenen? Achten Sie vor allem auf die Punkte und Kreise. Wenn Sie wissen wollen, wie die Editorin auf die umfänglichen Rekonstruktionsvorschläge gekommen ist, schauen Sie sich den Kommentar der Editorin Bilhah Nitzan in DJD 11, S. 42 an.


4Q286 20a 1–5
1 מחשב]ת֗ צדק‏‎ ] [ ] gerechtes [Denke]n
2 ‎‏ מצות]מה יוכיחנו וירחם‏‎ ] [ nach] ihren [Geboten] wird er uns ermahnen und er wird sich erbarmen
3 ‎‏ מיום] ל֗[יו]ם֗ לוא‏‎ ] [ von einem Tag] zum [ander]en [wird er] nicht
4 ‎‏ אנש]י֯ היחד‏‎ ] [ die Männ]er der Gemeinschaft (jachad)
5 ‎‏ מעשי] ר֗מ֯[י]ה֯‏‎ ] [ Taten] der Arg[li]st

2.3 Schrift (Paläographie)

Aus der Schrift lässt sich aber oft noch viel mehr Information ableiten, als nur der Text. Diese Kunst nennt man Paläographie, die wissenschaftliche Kunde der Schrift. Es ist eine unverzichtbare, sehr komplexe und etwas technische Disziplin, die es ermöglicht, nicht nur Schriften nach ihren Stilen zeitlich und geographisch einzuordnen, sondern darüber hinaus Einblicke in Wissensvermittlung und Technologiegeschichte zu gewinnen.

Erst die Entdeckung der Qumranrollen hat es ermöglicht, die Geschichte der Schriften Judäas in der hellenistisch-römischen Zeit und damit die Entstehung der sogenannten Quadratschrift näher erforschen zu können. Vor 1947 gab es für die hellenistisch-römische Epoche in Judäa nur wenige Zeugnisse: den Nash-Papyrus |38|(s.o. S. 11), nur einige wenige meist sehr kurze Inschriften, darunter die datierbare Uzziah-Inschrift, doch nichts auf Pergament. Nun sind in der Antike nur Dokumente, also Verträge oder Briefe, explizit mit einem Datum versehen. Literarische Texte – wie in Qumran – sind fast immer undatiert. Wo präzis datierte Fixpunkte für Schriften fehlen, muss man mit einer über typologische Verwandtschaften konstruierten Entwicklungsreihe Vorlieb nehmen. In historisch „kalten“ Epochen, d.h. entwicklungsarmen Epochen, in denen sich eine Schrift nur sehr langsam entwickelt, kann dies unmöglich sein. Je schneller sich eine Schrift in der untersuchten Zeitspanne entwickelt, desto leichter wird die Erstellung einer Reihenfolge. Glücklicherweise ist die Zeit vom dritten Jahrhundert v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert n. Chr. die „heißeste“ Epoche in der Entwicklung der Schrift in Judäa.

Zur Zeit des Ersten Tempels benutzte man im Königreich Juda eine aus dem Phönizischen entstandene Schrift. Sie wird meistens „PaläohebräischPaläohebräisch“ genannt, um sie vom regulären „Hebräischen“ zu unterscheiden (palaios = griech. alt). Mit der Eroberung Judas, erst durch die Babylonier, dann durch die Perser, wechselte das Curriculum der Schreiberschulen zur aramäischen Kanzleischrift, die im Gesamtimperium üblich war wie im Mittelalter Latein. Wir haben keine literarischen hebräischen Handschriften aus dem sechsten, fünften oder vierten Jahrhundert v. Chr., aber die meisten Forscher vermuten, dass in der Perserzeit auch hebräische literarische Texte mit aramäischer Kanzleischrift geschrieben wurden.

Bis zu den Eroberungszügen Alexanders des Großen Ende des vierten Jahrhunderts v. Chr. blieb die aramäische Sprache und die aramäische Kanzleischriftaramäische Kanzleischrift das überall im persischen Weltreich benutzte Kommunikationsmittel. Sie scheint durch das Schulungssystem der Schreiber an allen Enden des Imperiums sehr einheitlich gewesen zu sein. Schreibsystem, Erziehungssystem und Politik gehören oft eng zusammen. Z.B. unterscheiden sich im heutigen französischen und deutschen Schulsystem die Formen für bestimmte Schreibschriftbuchstaben. Mit der Zerschlagung des Imperiums drifteten die Schriften in den einzelnen Regionen auseinander und es entwickelten sich ganz allmählich Lokalschriften. Bei den Nabatäern in Petra wurden die Buchstaben immer dünner und immer länger. In Edessa bei den Syrern wurden die Buchstaben mehr und mehr miteinander verbunden, ähnlich wie heute im Arabischen. In Judäa wurden Breite und Höhe der Buchstaben immer weiter angeglichen. Diese Entwicklungstendenz führte gegen Ende der Zeit des Zweiten Tempels zur Entstehung der sogenannten Quadratschrift, wo die Grundform der meisten Buchstaben in ein Quadrat passt. Da auch diese Schrift zunächst ein auf Judäa regional |39|begrenztes Phänomen ist, nenne ich sie mit einigen anderen Paläographen „judäische Schriftjudäisch“. Andere bezeichnen sie entweder als Quadratschrift (doch trifft dies erst auf das Endstadium der Entwicklung im zweiten Jahrhundert n. Chr. zu) oder als Hebräisch, (doch führt dies zu Verwechslungsmöglichkeiten mit der sogenannten Paläohebräischen Schrift), oder als Jüdisch (doch schreiben Juden außerhalb von Judäa bis in die Spätantike zumeist mit den jeweiligen Lokalalphabeten, d.h. z.B. griechisch oder lateinisch oder punisch).

Für einen typologischer Vergleichtypologischen Vergleich gruppiert man die Zeugnisse zunächst nach 1. Schreibstoff und Beschreibstoff, 2. Sprachen (in Qumran hebräisch-aramäisch, griechisch und nabatäisch), 3. Schrifttypen (z.B. paläohebräisch, judäisch und kryptisch) und 4. Hauptschriftgattungen bzw. Schriftregister (ein Kontinuum zwischen den beiden Extremen kursive Schreibschrift und formelle Buchschrift). Man kann nämlich nicht einfach von Buchstabenformen in datierten Inschriften auf die Abfassungszeit von Pergamenten mit ähnlichen Buchstabenformen schließen. Schriften auf unterschiedlichem Material oder mit unterschiedlichem Register haben jeweils ihre eigenen Anforderungen und können sich unterschiedlich entwickeln.

Schließlich stellt man innerhalb einer Gruppe eine typologische Reihe der Buchstabenformen auf, die die Genese am besten erklären kann. Man kann sich dabei nicht auf einzelne Buchstaben stützen, sondern muss das gesamte Alphabet genau untersuchen und möglichst alle Formen als Entwicklung aus der Vorform und als Vorform für den Nachfolger erklären können.

Für die Klassifizierung judäischer Schriften benutzen quasi alle Paläographen das in den fünfziger Jahren von Frank CrossFrank Cross entwickelte paläographisches ModellModell, das von Yardeni meisterhaft auch auf die kursiven Schriften übertragen wurde. Cross unterscheidet einerseits chronologisch zwischen protojüdischen (ca. 250–150 v. Chr.), hasmonäischen (150–30 v. Chr.), heriodianischen (ca. 30 v. Chr. – 70 n. Chr.) und post-herodianischen Typen und andererseits zwischen kursiven, semikursiven, semiformellen und formellen Schriftgattungen. Die chronologischen Hauptphasen werden dann noch einmal in früh, mittel und spät unterteilt, so dass man den Eindruck gewinnt, in Zeiträume von 25–30 Jahren datieren zu können. Das ist jedoch übertrieben. Vergleiche mit den Resultaten der Radiokarbondatierung haben tatsächlich die ungefähre Übereinstimmung mit Cross allgemeiner Anordnung der Entwicklungsphasen ergeben (also dass hasmonäische Rollen durchschnittlich älter sind als Fragmente in herodianischer Schrift), allerdings mit teilweise weit auseinanderliegenden Angaben für Einzelrollen.

|40|Abb. 4:

Paläographie 1

Abb. 5:

Paläographie 2

|42|Ein Problem mit einer fast ausschließlich aus typologischen Vergleichen konstruierten Reihe ist, dass sich die einzelnen Etappen nicht (oder nur schlecht) absolut datieren lassen, sondern nur |43|relativ. Man weiß also nicht wirklich, ob der frühherodianisch genannte Schrifttyp zeitlich näher am späthasmonäischen oder am mittelherodianischen Schrifttyp liegt. Klassische Papyrologen und Mediävisten halten die für Qumranrollen vertretenen Datierungszeiträume von nur einem Vierteljahrhundert zu Recht für übertrieben optimistisch. Auch wenn es leider nicht immer geschieht, sollte man aus Vorsicht die Zeitabschnitte von 25 Jahren immer noch um ca. 25 Jahre in beide Richtungen verlängern, da ein Schreiber lange leben kann. Datierungen sind mit großer Vorsicht zu genießen. Trotzdem ist paläographische Datierung meist präziser als Radiokarbon (s. Kasten).

Schon in den ersten Jahren spielte die Physik eine große Rolle in der Qumranforschung, als die frisch entwickelte RadiokarbonRadiokarbon- oder Kohlenstoffisotopenanalyse (14C14C) an Tüchern aus Höhle 1 ausprobiert wurde (Jull u.a.). Seitdem wird diese Analyse auf zahlreiche historische Objekte mit organischen Bestandteilen angewendet. Das Prinzip beruht darauf, dass Kohlenstoff aus unterschiedlichen Isotopen besteht, von denen das sogenannte 14C radioaktiv ist und mit einer konstanten Halbwertszeit allmählich zerfällt, während 12C stabil bleibt. Alle Lebewesen nehmen über ihren Stoffwechsel, vor allem aus der Luft, Kohlenstoff auf, sowohl 12C als auch 14C. Wenn sie sterben, hört die Kohlenstoffaufnahme abrupt auf. Wenn man die Proportion des stabilen 12C zu dem noch nicht zerfallenen 14C misst und berechnet, wie viel 14C eigentlich hätte vorhanden sein müssen, kann man ungefähr den Zeitpunkt bestimmen, an dem die Kohlenstoffaufnahme abbrach. Die Proportion von 12C zu 14C in der Luft ist allerdings nicht ganz konstant. Es sind daher sogenannte Kalibrationskurven nötig, um diesen Faktor in die Berechnung mit einzubeziehen (Doudna).

Als Resultat werden meistens zwei Zeiträume angegeben, von denen der kürzere mit etwa 68 %iger Wahrscheinlichkeit σ1 („Sigma 1“) das Jahr enthält, der verlässlichere ist jedoch der wesentlich längere σ2 („Sigma 2“)-Zeitraum mit etwa 95 %iger Wahrscheinlichkeit. Die Genauigkeit nimmt mit größerem Alter ab. Für 2000 Jah re alte Objekte ist der Zeitraum für eine Präzision von σ1 etwa 100 Jahre lang, für σ2 hingegen oft 200 Jahre und mehr, also viel länger als paläographische Analyseresultate. Viele Forscher verwenden in erster Linie σ1-Zeiträume, weil die σ2-Zeiträume ihnen im Vergleich zur Paläographie zu lang vorkommen, doch sind Wahrscheinlichkeiten von 68 % für historische Analysen viel zu niedrig! Man sollte daher grundsätzlich nur σ2-Zeiträume in Betracht ziehen. Darüber hinaus ist, anders etwa als bei regulären Glockenkurven, wo die mittleren Werte häufiger vorkommen als die Randwerte, bei 14C jedes Jahr gleich wahrscheinlich.

Es ist relativ leicht, 14C-Ergebnisse durch Auftragen von sehr alten oder sehr jungen kohlenstoffhaltigen Flüssigkeiten in die eine oder andere Richtung zu verfälschen. Zum Beispiel trugen die Mitarbeiter der Scrollery in den ersten Jahren auf Stellen mit verdunkeltem Pergament Rizinusöl auf, das für eine gewisse Zeit den Kontrast erhöhte und das Fragment lesbar machte. Dies hatte allerdings den Preis, dass dieses Fragment überall dort, wo Rizinusöl aufgetragen worden war, bei einem Test zu „junge“ 14C-Proportionen aufweisen würde. Falls sie aus Erdöl produzierte Mittel verwendet hätten, würde der gegenteilige Effekt eintreten.

Der 14C-Test misst nur das Endjahr der Kohlenstoffaufnahme für das Lebewesen, aus dem das Objekt gemacht wurde, gibt uns also eigentlich nur einen terminus a quo. Theoretisch ist es möglich, dass eine Schriftrolle lange aufbewahrt wurde, bevor sie beschrieben wurde. Manchmal wurden alte Objekte aus Holz wiederverwendet. Strydonck beschreibt auf luzide Weise Vorteile und Grenzen der Kohlenstoffdatierung.

Sehr kurz zusammengefasst kann man die Entwicklung von der aramäischen Kanzleischrift zur Quadratschrift des zweiten Jahrhunderts n. Chr. mit einigen grundlegende Beobachtungengrundlegenden Beobachtungen folgendermaßen beschreiben: Die anfänglich sehr ungleich großen Buchstabenkörper werden mit der Zeit immer homogener, so dass man schließlich zusätzlich zur Linie, an der die Buchstaben hängen, auch eine Linie, auf der die meisten Buchstaben sitzen, zeichnen kann. Außerdem werden viele Buchstaben etwa gleich breit wie hoch (→ Quadratschrift). Schluss-Mems und Samekhs sind in den älteren Schriften noch offen, später geschlossen. Die durchgehende und korrekte Verwendung von diffenzierten Medialformen und Endformen einiger Buchstaben nimmt zu, desgleichen auch die Zahl der Zierhaken (keraia) an den oberen Enden bestimmter Buchstaben mit den herodianischen Schriften.

In Qumran sind außer der judäischen Schrift noch sechs andere Schriften bezeugt: Die Forscher waren überrascht, einige Texte in Paläohebräisch vorzufinden, denn eigentlich dachte man, diese Schrift wäre nur noch auf Münzen und Siegeln verwendet worden. Dazu gibt es drei verschiedene sogenannte kryptische Alphabete (Geheimschriften) für Hebräisch. Alle griechischen Texte aus Qumran wurden mit griechischen Buchstaben geschrieben. Und schließlich finden sich ausnahmsweise auch Texte in Nabatäisch. Für die Datierung des Paläohebräischen dieser Periode und für die der kryptischen Alphabete ist die Paläographie bislang unzuverlässig.

Abb. 6:

Entwicklung des Samekh

|44|paläohebräischPaläohebräisch ist für die hellenistisch-römische Zeit eigentlich eine Fehlbezeichnung, handelt es sich doch um eine Wiederbelebung eines veralteten Alphabets. Eigentlich entspricht „neo-paläohebräisch“ dem Sachverhalt besser, jedenfalls, wenn die Annahme richtig ist, dass paläohebräisch in persischer und hellenistischer Zeit nur noch für Namen auf Siegeln und für die Inschriften auf Münzen benutzt wurde. Von den Texten vom Toten Meer gibt es fünfzehn, die vollständig in paläohebräischer Schrift geschrieben sind (McLean). Fast alles sind biblische Handschriften. Dazu kommen zahlreiche Rollen in judäischer Schrift, in denen nur das Tetragramm oder die Bezeichnungen für Gott in paläohebräischen Buchstaben eingesetzt worden sind. Dies zeigt also, dass paläohebräische Schrift mit besonderer Heiligkeit verbunden war. Von griechischen Bibelpapyri aus Ägypten kennen wir ein analoges Phänomen.

Von den drei kryptischkryptisch genannten Geheimschriften (Cryptic A, B und C) ist nur die erste (Cryptic A) mehrfach bezeugt. Vor der Entdeckung der Qumranrollen war dieses Alphabet unbekannt und lange wurde es für qumranspezifisch erachtet. Vor kurzem hat man allerdings in Jerusalem eine Steintasse mit einer kryptischen Inschrift entdeckt. Seine Herkunft ist nach wie vor unklar.

Das SchriftregisterSchriftregister (Kursive vs. Buchschrift) gibt uns wichtige Auskunft über den Verwendungszweck einer Rolle. Gewöhnlich wird Kursivschrift für Dokumente (Verträge, Briefe, Listen) verwendet, von denen aber nur sehr wenige aus Qumran kommen. Die große Mehrheit der Qumranrollen ist Literatur und daher in formeller oder semiformeller Buchschrift geschrieben. Die wenigen literarischen Texte in Semikursiv- oder Kursivschrift sind wahrscheinlich Privatkopien. Auch ein Laie erkennt den Qualitätsunterschied von z.B. 4Q175 zur Tempelrolle. Manche verwenden die Bezeichnung ‚Kalligraphie‘ synonym mit ‚Buchschrift‘, doch gibt es sowohl kalligraphische, professionelle als auch laienhafte Buchschrift.

Systeme für die ausführliche Vokalisierung oder für die Intonation wurden erst im Mittelalter erfunden. Auch regelmäßige Satzzeichen gibt es in Qumran noch nicht. Immerhin werden im Gegensatz zur griechischen scriptio continua Worte durch einen Leerraum getrennt. Zur Gliederung in Abschnitte werden manchmal größere Leerräume, halbe oder ganze Leerzeilen verwendet. In seltenen Fällen werden poetische Stücke stichisch gesetzt, d.h. ähnlich einer zweispaltigen Tabelle mit einem klaren Anfang für jeden Halbvers. Alle Markierungen der Schreiber hat Emanuel Tov in seinem grundlegenden Werk gründlich studiert.

Für die KorrekturKorrektur von Schreibfehlern sehen wir unterschiedliche Systeme (Tov, Scribal Practices, 222–230): Fehler auf einem |45|Papyrus konnte man einfach mit einem Schwämmchen abwischen, während man sie vom Leder/Pergament abkratzen muss (was Spuren zurücklässt). Oft sind Buchstaben einfach überschrieben worden. Was der gleiche oder ein anderer Schreiber für falsch hielt, wurde durchgestrichen oder durch Punkte über und/oder unter den Buchstaben markiert. Zusätze wurden zumeist kleiner und etwas hochgestellt an die gewünschte Stelle zwischen die Buchstaben oder Worte gesetzt, seltener auch an den Rand oder unter die Buchstaben. Dies führt dann zu der höchst interessanten Frage, auf welcher Basis der Text korrigiert wurde (s.u. Bibel, S. 200 zu 4QJera).

|47|3 Vom Fragment zur Rolle: Konstruktion, Editionen und Hilfsmittel

Bearman, Gregory/Pfann, Stephen/Spiro, Sheila, Imaging the Scrolls: Photographic and Direct Digital Acquisition. In: Flint, Peter/VanderKam, James (Hgg.), The Dead Sea Scrolls After Fifty Years, Leiden 1998, Bd. 1, 472–495.

Beyer, Klaus, Die aramäischen Texte vom Toten Meer, 2 Bde., Göttingen 1984; 2004.

García-Martínez, Florentíno, Old Texts and Modern Mirages. The ‚I‘ of Two Qumran Hymns. In: ders., Qumranica Minora I, Leiden 2007, 105–125.

Lange, Armin, Computer Aided Text-Reconstruction and Transcription, Tübingen 1993.

Muraoka, Takamitsu, A Grammar of Qumran Aramaic, Leiden 2011.

Pfann, Stephen, ‚Kelei Dema‘. Tithe Jars, Scroll Jars and Cookie Jars. In: Brooke, George/Davies, Philip (Hgg.), Copper Scroll Studies, London 2002, 163–179.

Qimron, Elisha, The Hebrew of the Dead Sea Scrolls, Atlanta 1986.

Rabin, Ira, „Archaeometry of the Dead Sea Scrolls“, Dead Sea Discoveries 20 (2013) 124–142.

Reed, Stephen/Lundberg, Marilyn/Phelps, Michael, The Dead Sea Scrolls Catalogue, Atlanta 1994.

Reymond, Eric, Qumran Hebrew: An Overview of Orthography, Phonology, and Morphology, Atlanta 2014.

Schattner-Rieser, Ursula, L’araméen des manuscrits de la mer Morte, Prahins 2004.

Stegemann, Hartmut, Methods for the Reconstruction of Scrolls. In: Schiffman, Lawrence (Hg.), Archaeology and History in the Dead Sea Scrolls, Sheffield 1990, 189–220.

Steudel, Annette, Probleme und Methoden der Rekonstruktion von Schriftrollen. In: Fieger, Michael/Schmid, Konrad/Schwagmeier, Peter (Hgg.), Qumran – die Schriftrollen vom Toten Meer, Göttingen 2001, 97–109.

Steudel, Annette, Der Midrasch zur Eschatologie aus der Qumrangemeinde, Leiden 1994, 5–22; 57–70.

Tigchelaar, Eibert, Constructing, Deconstructing and Reconstructing Fragmentary Manuscripts: Illustrated by a Study of 4Q184 (4QWiles of the Wicked Woman). In: Grossman, Maxine (Hg.), Rediscovering the Dead Sea Scrolls, Grand Rapids/Cambridge 2010, 26–47.

Tigchelaar, Eibert, To Increase Learning for the Understanding Ones. Reading and Reconstructing the Fragmentary Early Jewish Sapiential Text 4QInstruction, Leiden 2001 (Beispielhafte Anwendung).

Tov, Emanuel, Revised List of the Texts from the Judaean Desert, Leiden 2010.

|48|Tov, Emanuel (Hg.), The texts from the Judaean desert: Indices and an introduction to the ‚Discoveries in the Judaean desert‘ series, Oxford 2002 (DJD 39).

Tov, Emanuel (in Zusammenarbeit mit Pfann, Stephen), The Dead Sea Scrolls on Microfiche: Companion Volume, Leiden 1993.

Ulrich, Eugene, The Biblical Qumran Scrolls. Transcriptions and Textual Variants, Leiden 2010.

Die Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library der Israel Antiquities Authority: www.deadseascrolls.org.il

Die Digital Dead Sea Scrolls des Shrine of the Book: dss.collections.imj.org.il

3.1 Vom Fragment zu Fragmentengruppen

Im vorigen Kapitel haben wir gesehen, wie man ein – gut lesbares – Einzelfragment entziffert. Wie zeitaufwendig ist es, 15000 Fragmente zu entziffern! Und erst dann (auch wenn man schon parallel daran arbeiten kann) beginnt die eigentliche Arbeit: die Puzzleteile zu Puzzles zusammenzufügen. Die Mitglieder der Scrollery haben 95 % dieser Arbeit tatsächlich vollbracht. Dies ist eine (fast?) übermenschliche Leistung.

Ein gutes Verständnis des Editionsprozesses entwickelt das Urteilsbewusstsein für die Abwägung zwischen möglichen und unmöglichen, wahrscheinlichen und sicheren Schlüssen. Nach der Ausgrabung oder dem Ankauf mussten die Fragmente zunächst gesäubert und geglättet werden. Oft waren sie im Laufe der Geschichte mit anderen Fragmenten zu Fragmenthaufen verklebt und mussten erst mühsam voneinander getrennt werden. Theoretisch hätten dabei Anordnung und Position festgehalten werden sollen, denn aus dem Fragmenthaufen kann geschlossen werden, welche Fragmente einmal zu einer Rolle gehörten und welches in der Rolle weiter innen oder weiter außen lag. Leider war das nicht immer der Fall. Alle Fragmente wurden von vorne und oft auch von hinten fotografiert. In vielen Fällen war das Pergament so nachgedunkelt, dass man nur auf Infrarotfotos sehen konnte, welche Seite beschrieben war.

Dann wurden die Fragmente nach groben Gruppen provisorisch entziffert, vorsortiert und einem der Mitglieder der Scrollery überantwortet. Bei der Gruppierung von Fragmenten zu FragmentengruppenGruppierung von Fragmenten zu Fragmentengruppen halfen unter anderem

 Die materielle Beschaffenheit des Beschreibstoffes (Papyrus oder Pergament, Farbe, Dicke, Oberflächenstruktur auf recto und verso),

 |49|Zerstörungshorizont (Formen der Ränder, spezifische Löcher),

 Layout (Breite der Zeilen und Ränder, Zahl und Abstand der Zeilen, liniert/unliniert),

 Schrift (Typ, Register, Buchstabenformen und -größe, Abstand zwischen Buchstaben, Abstand zwischen Worten, etc.),

 Sprache,

 Orthographie,

 Textliche Überlappungen,

 Inhalt.

Biblische Fragmente konnten je nach Fragmentgröße mit Hilfe einer Konkordanz relativ schnell identifiziert und zu Gruppen vorgeordnet werden. Bei Texten, von denen bislang keine hebräischen oder aramäischen Versionen bekannt waren (z.B. Jubiläenbuch und Henochbücher), war es weniger leicht. Am schwierigsten waren bislang unbekannte Texte, vor allem wenn die Fragmente klein waren.

Nach der Vorsortierung wurden die Fragmente mit der Schrift in die gleiche Richtung zwischen zwei Glasplatten gelegt (eine „plate“) und wieder fotografiert. Schließlich kamen sie in die ScrolleryScrollery im Palestine Archeological Museum: einen mit direktem Sonnenlicht reich erhellten Saal mit langen Tischen, auf welchen all diese Glasplatten präsentiert wurden, so dass jeder Mitarbeiter jederzeit eines seiner Fragmente mit irgendeinem anderen Fragment vergleichen konnte und gegebenenfalls Fragmente von einer Platte zur anderen replatzieren konnte.

Abb. 7:

Scrollery (PAM 41.212)

|50|Man muss zwischen mehreren Rekonstruktionsebenen unterscheiden, die mit zunehmender Entfernung von der einzig wirklich sicheren Grundlage, dem Einzelfragment, immer hypothetischer werden. Mit den einer Fragmentengruppe zugeordneten Fragmenten wird wie bei einem Puzzle experimentiert, ob mehrere Einzelfragmente, deren Ränder und Buchstabenhälften zusammenpassen, zu einem größeren, direkt physisch miteinander verbundenen Fragmentencluster zusammengefügt werden können. Dies nennt man material joinmaterial join. Da man sich dabei irren kann, ist eine „material join“ hypothetischer als ein Einzelfragment. Doch kommt dies in den offiziellen Editionen selten vor.

Kehren wir nun kurz zu unserem Beispiel von oben, 4Q286 Frag. 20, zurück. Auch dort gibt es einen material join. Auf der Webseite der IAA kann man zwei Fotos des Editionsprozesses vor und nach dem material join vergleichen: PAM 42.417 (1957) und PAM 43.312 (1960). Wie viel Zeit mag der ursprüngliche Editor zwischen 1957 und 1960 in das Finden dieses winzigen Puzzleteiles gesteckt haben! Es war kein geringerer als „der schnellste Mann mit einer Rolle“ (s.o. S. 17)!

Aufgrund von Inhalt, Layout oder Parallelen wird manchmal vorgeschlagen, dass Fragmente in die gleiche Spalte oder die gleiche Zeile gehören, obgleich die Ränder der Fragmente physisch nicht direkt zusammenstoßen. Dies wird distant joindistant join genannt und ist natürlich meist hypothetischer als ein material join. (Übrigens kann man auf dem Foto von 1960 [PAM 43.312] auch einen distant join von 4Q286 Frag. 20a mit dem Fragment 20b darunter erkennen. Die Gründe hierfür können Fortgeschrittene in der DJD-Edition einsehen). Am einleuchtendsten sind distant joins, wenn zwei Fragmente Teile der gleichen Bibelstelle oder eines anderen sicher etablierten Textes zitieren. Je länger dieser Text, desto sicherer der distant join.

Vielen Benutzern der Texte von Qumran ist nicht klar, dass – abgesehen von den wenigen „großen“ bzw. nur aus einem einzigen Fragment bestehenden Rollen (s.o. S. 27f) – fast alle Schriftrollen grundsätzlich eine Anreihung derartiger distant joins sind, allerdings zumeist ohne den exakten Ort jedes Fragments festzulegen. Ein Editor kommt zum Schluss, dass Fragmente Teile ein und derselben Schriftrolle waren. Dies setzt voraus, dass Material, Schrift, Layout, Orthographie und Inhalt in einer Schriftrolle gleich blieben. Das ist sicher die beste Grundannahme, jedoch ist es nicht immer richtig. Bei vielen Rollen wechselt die Spaltenbreite. Vor allem die letzte Spalte eines Blattes kann schmaler oder breiter sein. Manchmal ändert sich die Zahl der Zeilen von einer Spalte zur nächsten. Meistens vernähte der Rollenmacher möglichst ähnliche |51|Pergamente zu einer Schriftrolle, aber nicht immer. Selbst innerhalb eines Pergamentfolios kann sich die Dicke ändern. Die Farbe zweier ursprünglich zu einer Kolumne gehörenden Fragmente kann variieren. Das Genre einer Komposition kann radikal wechseln (s.u. Damaskusschrift, S. 240). Mitten in einer Erzählung können Gedichte vorkommen. Wenn wir den „großen“ Rollen trauen dürfen, scheint es aber eher selten gewesen zu sein, dass auf einer Rolle mehrere Kompositionen zusammengestellt wurden. Bei mehreren der „großen“ Schriftrollen war mehr als ein Kopist beteiligt (z.B. 1QHa). Kürzlich wurde gezeigt, dass 4Q3 und 4Q9 einmal zur gleichen Genesisrolle gehörten, obgleich sie von unterschiedlichen Schreibern kopiert wurden und kein Fragment gleichzeitig beide Hände enthält.

Wenn Rollen hypothetische Konstruktionen sind, kann ein Forscher gegen den Editor argumentieren, dass ein Fragment nicht dieser, sondern besser jener Rolle zugeordnet werden soll. In zahlreichen Fällen ist dies auch geschehen (s.u.). Ein Nachprüfen verschiedener Editionen ist also immer lohnenswert. Man sollte bei allen Unsicherheiten aber beachten, dass die meiste Sortierungsarbeit vom Team der Scrollery vollbracht worden ist, welche die Einzigen waren, die direkten physischen Zugang zu allen Fragmenten hatten. Nur sie konnten direkt vergleichen, ob bei zwei Fragmenten nicht nur die Schrift, sondern auch die materiellen Aspekte des Pergaments auf Vor- und Rückseite übereinstimmten. Spätestens seit 1960 arbeiteten fast alle Editoren nur noch mit Fotos und nur in Ausnahmefällen mit den Originalfragmenten. Die Fotos aber geben nur einen unvollkommenen Eindruck der materiellen Beschaffenheit. Daher ist bei späteren Umgruppierungsversuchen Vorsicht geboten und auf die vorgebrachten Argumente und eventuell größere Unsicherheiten in neu vorgeschlagenen Rekonstruktionen zu achten!

Mehrere hilfreiche Warnzeichen können anzeigen, wann die Zugehörigkeit eines Fragments zu einer Rolle genau geprüft werden sollte. Manchmal geben die Herausgeber eines Textes ihre Zweifel explizit an. Manchmal zeigt ein hinzugefügter Kleinbuchstabe hinter einer Rollennummer (z.B. 4Q213a), dass eine Fragmentengruppe (in diesem Fall 4Q213) von späteren Editoren auf zwei Gruppen aufgeteilt wurde, nachdem das ursprüngliche Team die Nummern bereits festgelegt hatte. Schließlich kann man bei genauem Kontrollieren der PAM-Fotos manchmal bemerken, dass im Laufe der Zeit dieses oder jenes Fragment von einer Plate zur anderen wechselt und wieder zurückkehrt.

4Q471 War Scroll-like Text B4Q471 War Scroll-like Text B ist ein Extrembeispiel für unterschiedliche Auffassungen in der Editionsarbeit. In den Vorbereitungsarbeiten |52|in der Scrollery ordnete Strugnell ursprünglich zehn Fragmente aus Höhle 4 einem Exemplar der Kriegsregel zu: 4Q471. Die Herausgeber der Fragmente in DJD und „Erben“ der Vorarbeiten Strugnells sahen dagegen mehrere Schreiber hinter den Buchstabenformen und den orthographischen Konventionen. Daher teilten sie die zehn Fragmente auf insgesamt vier unterschiedliche Handschriften auf: 3 Fragmente als 4Q471 („War Scroll-like Text B“), ein Fragment als 4Q471a („Polemical Text“), vier Fragmente als 4Q471b („Self Glorification Hymn“) und zwei Fragmente als 4Q471c („Prayer Concerning God and Israel“).

Allerdings weist 4Q471b so starke wörtliche Parallelen zu einer Hymne in anderen Hymnenrollen auf, dass man schließen muss, dass alle die gleiche Hymne enthielten (4Q427, Frag. 3–7 und 1QHa XXV–XXVI Sukenik Fragmente 7–8, 56, 46, 55). Außerdem gleichen Schrift, Pergament und Layout von 4Q471b einer Hymnenrolle, 4Q431. Die Editorin der Hymnenrollen, Eileen Schuller, hat daher die Fragmentengruppe 4Q471b als Teil von 4Q431 veröffentlicht. Dieselbe physische Fragmentengruppe findet sich also zweimal in DJD 29: zum einen als eigenständiger Text mit dem Kürzel und Namen 4Q471b Self Glorification Hymn, zum anderen als Hymne einer Hymnensammlung, 4Q431 Hodayote Frag. 1.

Doch zurück zu unserer Hierarchie des Vermutungscharakters einer Rekonstruktion, mit der wir noch nicht am Ende sind, denn es gibt noch mindestens eine höhere Ebene. Im Laufe seiner Edition muss der Herausgeber unter anderem entscheiden, welchen Namen er dem Text der Rolle gibt, welches Genre dieser hat und welchen Inhalt. Die wenigsten Rollen enthalten den Titel ihrer Komposition (z.B. 1QS, 4Q249). Wenn es Parallelen mit einem anderen Text gibt, kann der Herausgeber entscheiden, dass seine Schriftrolle eine Kopie von einer bereits auf einer anderen Schriftrolle edierten Komposition ist. Je mehr Text einer Komposition bekannt ist, und je mehr Text beider Schriftrollen noch erhalten ist, desto sicherer ist dieser Schluss.

Was aber, wenn eine (rekonstruierte) Schriftrolle nur wenig Text enthält und eventuell nur zitiert? Was, wenn eine Rolle nur Fragmente des Anfangs einer Komposition enthält, eine andere nur Fragmente vom Ende der gleichen Komposition, ohne jegliche Überschneidung (vgl. Steudel, Midrasch, zu 4Q174 und 4Q177)? Die Editoren dieser Texte werden dann nur in Ausnahmefällen argumentieren, dass beide Schriftrollen Teile einer Komposition waren, beispielsweise wenn dieser Text eine besonders ausgefallene Terminologie verwendet oder die gleiche Hauptfigur im Zentrum steht (so z.B. bei 4Q390). In solchen Fällen kann Zweifel als Grundeinstellung vor Fehlschlüssen bewahren.

|53|Das oben genannte Beispiel der Self Glorification Hymn (1QHa, 4Q427, 4Q431 = 4Q471b) ist noch weitaus komplexer. Die Hymne weist starke wörtliche Parallelen zu 4Q491 Frag. 11 auf, einem Exemplar der Kriegsrolle. 4Q491 ist von Abegg später wiederum in zwei oder drei Rollen aufgeteilt worden (4Q491a, 4Q491b, 4Q491c). Einige sehen dabei Fragment 11 als unabhängigen Text (4Q491c), die Self Glorification Hymn, doch sind die Gründe für die Trennung von 4Q491b nicht gewichtig.

Wie auch immer es sei, viele Sätze in 4Q431 und 4Q491 Frag. 11 sind gleich. Allerdings längst nicht alle Sätze, und oft erscheinen sie in anderer Reihenfolge. Eine maximalistische Position der Mehrheit deutet 4Q431 und 4Q491 als zwei Rezensionen eines Textes. Die minimalistische Gegenposition sieht dagegen zwei getrennte Texte. Maximalisten benutzen Daten aus einer Rezension für die Interpretation der anderen, in der diese fehlen. Minimalisten lehnen dies ab (s. den Forschungsbericht bei García-Martínez, in diesem Fall selbst ein Minimalist). Die Konsequenzen sind immens: Für die Maximalisten handelt es sich um einen menschlichen Sprecher, der bei Gott wohnt und sich den Göttern/Engeln überlegen fühlt, vielleicht den Lehrer der Gerechtigkeit, vielleicht einen eschatologischen Priester, vielleicht jedes die Hymne rezitierende Gemeindemitglied. Für den Minimalisten ist es eine engelhafte Figur, z.B. Michael. Wie gesagt, dies ist ein Extrembeispiel, wenn auch ein besonders wichtiges (wir werden es im Teil über die Geschichte des Jachad genauer besprechen, S. 274). Die meisten Fälle sind wesentlich klarer.

3.2 Von der Fragmentengruppe zur Reihenfolge

Wenn ein Editor eine Fragmentengruppe, eine „Rolle“, zusammengestellt hat, liegt vor ihm immer noch die Aufgabe, die Fragmente in eine Reihenfolge zu bringen. Für die biblischen und anderen bekannten Texte (also alle Paralleltexte zu den „großen“ Rollen) ist dies, wenn die Fragmente nicht allzu klein waren, eine lösbare Aufgabe. Gibt es mehrere Handschriften mit parallelem Text, helfen die Details jedes Zeugen zur Entschlüsselung der Lesungen und Reihenfolge der anderen (so z.B. besonders für das Apokryphon Jeremias C und für 4Q434–438 Barkhi Nafschi). Ansonsten kann der Inhalt dem Ordnungsbewusstsein des Editors Hilfestellung leisten. Im schlimmsten Fall bleibt nur die Zuflucht zur Sortierung nach Größe.

Für die Rekonstruktion einer Rolle ist der Nachvollzug des Zerstörungsvorgangs entscheidend, ähnlich wie für Polizisten die Tatrekonstruktion. |54|Hartmut Stegemann und seine Göttinger Schüler, allen voran Annette Steudel, haben diese Methodologie am weitesten entwickelt. Dabei sind weniger der Text, sondern vielmehr die Konturen der Fragmentränder und wiederkehrende Löcher in den Fragmenten entscheidend. Oft sind Fragmentenstapel das Endresultat einer ursprünglich zusammengerollten Schriftrolle, die von Nagern zerfressen, von Würmern durchbohrt oder von Feuchtigkeit von innen oder von außen zersetzt worden ist. Ist sie zum Beispiel stehend in einem Krug aufbewahrt worden, wird ein Teil der Zerstörung durch ihr eigenes Gewicht verursacht und es fehlt dann der untere Teil (Pfann). Oft haben Rollen von innen so starken Druck gegen ihren eigenen Verschlussriemen ausgeübt, dass sie sich selbst zweigeteilt haben. Nähte, immer etwas dicker als der Rest eines Pergamentbogens, haben auf den Rücken der darüber gelegenen Windung gepresst – bis dort ein Riss entstanden ist. Vielfach verlaufen Bruchkanten gerade entlang der Linien, die mit einem scharfen Gegenstand gezogen worden waren, um dem Kopisten den Zeilenabstand oder die Spaltenmargen anzudeuten.

Der Stapel repräsentiert die Abfolge der Fragmente in den einzelnen Windungen der Rolle. Zwar war der Text stets auf der Innenseite, doch wissen wir nicht, ob die Rolle nach ihrer letzten Benutzung korrekt zurückgerollt worden war (wie man es früher oft und heute manchmal noch bei einem Mikrofilm in der Bibliothek vorfinden kann). War der Textanfang (das rechte Ende der Rolle) außen und das Textende (das linke Ende der Rolle) innen, konnte sie mit ihrem Verschluss verschlossen werden. Dann war sie oft enger zusammengerollt als eine Rolle, die nach dem Lesen nicht wieder korrekt zurückgerollt worden war. War der Textanfang innen, liegt das textlich erste Fragment im Stapel zuunterst.

Manchmal kann man derartige Stapel auch aus Einzelfragmenten rekonstruieren. Hier kommt die Stegemann-Methode ins Spiel. Die zerstörerische Arbeit der Nager und Mäuse hat nämlich oft mehrere Schichten sehr ähnlich betroffen. Man kann es anhand eines zusammengerollten Crêpes leicht zu Hause ausprobieren.

Ursprünglich übereinander lagernde Fragmente haben dann ähnliche Konturen oder einen Fleck, ein Loch, einen Spalt an der Stelle, wo sie früher einmal übereinander gelegen hatten. Die gleichen Konturen oder der gleiche Schaden wiederholen sich in berechenbaren Abständen. Es lohnt sich, auf der Website des Shrine of the Book die dort präsentierten fünf kompletten Schriftrollen anzuschauen und ihre Ränder auf wiederkehrende Zerstörungsmuster zu prüfen. Eine Rolle ist eine archimedische Spirale, oder vereinfacht gesprochen eine Gruppe konzentrischer Kreise, deren Umfang (nach der Formel U = 2∙π∙r) mit nach innen abnehmendem Radius |55|immer kleiner wird. Von außen nach innen wird der Abstand zwischen jeder Schicht immer um 0,1 bis 0,3 cm geringer. Wie viel genau hängt von der Pergamentdicke ab, und davon, wie fest die Rolle zusammengewickelt gewesen ist. So lassen sich plötzlich aus scheinbar völlig unverbundenen Fragmenten ganze Rollen rekonstruieren. Viele Editoren haben diese erst nach 1960 entwickelte, sehr zeitaufwendige Methode nicht verwendet, so dass hier in der Zukunft noch neue Erkenntnisse zu erwarten sind.

3.3 Abkürzungssystem

Das Transkriptionssystem haben wir oben schon erklärt. Zur eindeutigen Identifizierung eines jeden Fragments auf den Glasplatten in der Scrollery und in der vorläufigen Konkordanz brauchten die Teammitglieder ein genaues Abkürzungssystem. Das heutige AbkürzungssystemAbkürzungssystem ist angesichts der sehr komplexen Daten sehr einfach: Von links nach rechts vom Groben ins Feine: Zunächst Höhle, Ort, Rolle. Für genaue Angaben einer Stelle arbeitet man nicht mit Kapitel und Vers, sondern mit Fragment und/oder Spalte und Zeile.


Ort Rolle Fragment Spalte Zeile
11Q5 XXVII 4 = Höhle 11 in Q(umran) 5 27 4
4Q387 2 iii 5 = Höhle 4 in Q(umran) 387 2 3 5
1Q19 8 2–3 = Höhle 1 in Q(umran) 19 8 2–3

Wenn ein Fragment nur eine Spalte hat, wird die „I“ nicht angegeben, und wenn eine Rolle nur aus einem Fragment besteht, wird die Fragmentnummer „1“ nicht angegeben. Manche schreiben vor die Fragmentnummer ein kleines „fr.“ oder „frag.“ oder setzen die Zeilennummer in einem kleineren Schrifttyp. Nun gibt es manchmal die Situation, dass ein großes Fragment Text von mehreren Spalten enthält, man aber nicht weiß, welche Spalten dies im ursprünglichen Originaldokument einmal waren (4Q387 oben). Dann benutzt man statt Großbuchstaben Kleinbuchstaben für die römischen Zahlen (i,ii,iii, etc.). Römische Zahlen in Großbuchstaben trifft man eher bei den gut erhaltenen Schriftrollen an, denn aus einer Spalte in einem Fragment auf die Stelle der ursprünglichen Spalte in der Rolle schließen zu können, ist sehr schwierig. Leider halten sich nicht alle Forscher an diese Konvention.

Eine Rolle ist über ihre Nummer eindeutig identifizierbar. Diese Nummer ist nicht willkürlich. Bei jeder Höhle erhielten die biblischen |56|Fragmente die niedrigen Nummern in der Reihenfolge der biblischen Bücher. Auch die anderen Handschriftengruppen sind nach Möglichkeit mit aufeinander folgenden Nummern versehen worden. So sind z.B. 4Q256 bis 4Q264 neun Handschriften der Gemeinschaftsregel (S) und 4Q266 bis 4Q273 sind acht Kopien der Damaskusschrift (D). Für das Finden der Edition zu einer mit Nummer angegebenen Schriftrolle ist die von Emanuel Tov veröffentlichte Liste aller Rollen vom Toten Meer (Tov, Revised ListsTov, Revised Lists), die die Angaben im Einleitungsband zu Discoveries in the Judean Desert (DJD 39) auf den neuesten Stand bringt, ein unabdingliches Arbeitsinstrument. In Revised Lists findet man für jede Schriftrolle geordnet, nach Fundort, Höhlennummer und Rollennummer:

1 ihren offiziellen Namen (z.B. 1Q8 = 1QIsab)

2 ihre Inventarnummer (um zu wissen, in welchem Museum oder in welcher Sammlung man die physischen Fragmente heute unter welcher Nummer einsehen kann)

3 eine Liste aller Fotos (um die Editionsarbeit nachvollziehen zu können)

4 den Literaturnachweis einer Edition

5 Verweise auf nicht mehr gültige Abkürzungen aus der Zeit der Scrollery, die manchmal in vorläufigen Veröffentlichungen verwendet worden sind.

Hier eine Liste der wichtigsten Fundorte (s.u. S. 129–132) und ihrer Abkürzungen:

XQXQ (X = Qumran, aber unbekannter Fundort – meist für Fragmente in Privatsammlungen vom Schwarzmarkt).

KhQKhQ für Ostraka aus Khirbet Qumran (Khirbet = Ruine), d.h. der Siedlung.

WDSPWDSP = Wadi Daliyeh (Samaritanische Papyri), etwa 25 km nördlich vom Toten Meer.

MurMur = Wadi Murabbaat. Texte aus der Zeit der zweiten jüdischen Revolte, unter Bar Kosba.

5/6Hev5/6Hev = Nahal Hever, die Höhle mit Eingängen 5 und 6, ca. 38 km südlich von Qumran, etwa 5 km südlich von Ein Gedi. Texte aus der Zeit der zweiten jüdischen Revolte, unter Bar Kosba

34Se34Se = Nahal Seelim Höhle 34, etwa 50 km südlich von Qumran. Texte aus der Zeit der zweiten jüdischen Revolte, unter Bar Kosba

MasMas = Masada, die Festung Herodes etwa 55 km südlich von Qumran. Texte vom Ende der Epoche des Zweiten Tempels.

CC = Cairo (nur für die Damaskusschrift aus der Kairoer Geniza). Mittelalterliche Dokumente, von denen einige aus der Antike stammen.

Nur in Masada und in der Geniza wurden mit Qumrantexten verwandte nicht-biblische Rollen gefunden.

|57|Wer sich auch nur nebenbei mit Qumran beschäftigen wird, für den wird die Liste mit den offiziellen Namen und einer wichtigen Edition zum ersten Anlaufpunkt werden. Manchmal stellt sich aber das umgekehrte Problem. Ein Artikel zitiert eine Schriftrolle mit Namen und man möchte wissen, welche Nummer sich hinter diesem Namen verbirgt.

Viele Forscher benutzen verschiedene Namen für die gleiche Rolle (oder den gleichen Namen für unterschiedliche Rollen). Um die Identifikationsnummer einer mit einem Namen angegebenen Schriftrolle zu finden, sollte man entweder Maiers Übersetzung oder die Liste im Anhang der Study Edition von García Martínez und Tigchelaar konsultieren. In Zukunft wird vermutlich das Internet diese Katalogfunktion übernehmen, vor allem die Großprojekte des Qumranwörterbuchs in Göttingen (s.o. S. 63) und des Leon-Levy Archivs in Jerusalem, die jetzt über Scripta Qumranica Electronica verbunden werden. Auch DJD 39 enthält noch viele andere Listen, die von bleibendem Wert sind.

Die meisten Abkürzungen der Kompositionsnamen erschließen sich von selbst. Ist es nur ein Großbuchstabe S, D, M, H, T(S, D, M, H, T), handelt es sich um eine der wichtigen großen Rollen. Ein kleines Präfix pp vor einer Abkürzung für ein biblisches Buch steht für Pescher (z.B. 1QpHab, 4QpPs). Wenn eine „Handschrift“ nicht der Standardgruppe der hebräischen Texte in judäischer Schrift auf Pergament zugehört, die ca. 80 % des Materials darstellen, enthalten Namensabkürzungen auch immer wertvolle Informationen über Material (pap

paleo

cryptA

gr

ar

nabpap = Papyrus), Schrifttyp (paleo = Paläohebräisch; cryptA = kryptisch Typ A) und/oder Sprache (gr = griechisch, ar = aramäisch, nab = nabatäisch).

Zwei Fälle verdienen eine Erklärung:

1 Gibt es mehr als eine Rolle der gleichen Kompositionen in ein und derselben Höhle wird durch einen hochgestellten Kleinbuchstaben nach dem Namen oder der Abkürzung angezeigt, ob es sich um das erste, zweite etc. Exemplar dieser Komposition aus dieser Höhle handelt, z.B. 2QExa2QExa = 2QExodusa = 2Q2; 2QExb = 2QExodusb = 2Q3.

2 Manchmal lassen sich Handschriften formell und inhaltlich ungefähr einem Genre zuweisen. Dann erhält der Text gewöhnlicherweise einen recht allgemeinen Namen wie etwa „Halakha“ oder „Calendrical Document“. Wenn man nun aufgrund von Schrift und Material derartige Fragmente auf mehrere Handschriften aufteilt, kann man oft nicht sicher sein, ob diese Handschriften Kopien des gleichen Werkes waren oder unterschiedliche Werke des gleichen Genres darstellen. Letzteres wird durch einen Groß|58|buchstaben nach dem Namen angezeigt: Z.B. 4QHalakha A4QHalakha A (4Q251), 4QHalakha B (= 4Q264), 4QHalakha C (472a). Der Unterschied zwischen dem kleinen hochgestellten a und dem Großbuchstaben A ist also signifikant.

3 Beide Fälle können auch zusammen vorkommen. Zum Beispiel gibt es drei unterschiedliche Kompositionen, die Apokryphon Jeremias genannt worden sind, also ein Apokryphon Jeremias A, ein Apokryphon Jeremias B und ein Apokryphon Jeremias C. Von der dritten Komposition gibt es mehrere Handschriften, z.B. 4Q387 = 4QApocJer Cb = 4QApokryphon Jeremias Cb. Dies ist also die zweite Handschrift vom Apokryphon Jeremias C aus Höhle 4.

Beide Systeme, Nummern und Namen, haben ihre Vor- und Nachteile. Nummern sind eindeutig und inhaltsneutral. Sie sind aber ähnlich undurchschaubar für Außenstehende und Neulinge wie Angaben für neutestamentliche Papyri (z.B. P66). Namen wiederum sind einfacher verständlich, doch implizieren sie eine Deutung des Inhalts oder Genres, die oft hypothetischer ist als die Nummer. Außerdem hat im Laufe der Editionsgeschichte manch eine „Handschrift“ verschiedene Namen erhalten, und es ist vor allem bei älteren Veröffentlichungen nicht immer ganz einfach zu ergründen, welche Handschriftennummer sich hinter welchem Namen verbirgt.

3.4 Alte Fotos und neue Bildtechniken

Gute Fotos gehören seit Trevers Fotografien im Februar 1948 untrennbar zur Editionsarbeit an den Qumranrollen und -fragmenten (ebenso wie zu archäologischen Ausgrabungen). Tiefergehende Einblicke verschaffen die oben angeführten Artikel in die Technik und Geschichte der Fotografie der Qumranrollen.

Neben sichtbaren Wellenlängen kann man auf Fotos auch Wellenlängen erkennbar machen, die unserem Auge sonst unsichtbar sind. Das menschliche Auge nimmt Licht in Wellenlängen zwischen ca. 400 und 750 Nanometern wahr. Länger- oder kurzwelligere Strahlung benötigt andere Rezeptoren. Diese können mit Hilfe von Spezialfilmen oder -filtern, die gleichzeitig das uns sichtbare Licht unterdrücken, die unsichtbaren Wellenlängen für uns sichtbar machen. In den ersten fünfzig Jahren wurde dies vor allem für InfrarotfotosInfrarotfotos mit langwelligem Licht gemacht. Dies war nötig, da viele Pergamentfragmente sich so dunkel verfärbt hatten, dass sie für das bloße Auge unlesbar waren und die Tinte nur auf Infrarotfotos |59|sichtbar gemacht werden konnte. Wärmestrahlen werden vom in der Tinte konzentrierten Kohlenstoff stark absorbiert, während auch dunkles Pergament sie mehr reflektiert. So wirkt auf Infrarotfotos auch nachgedunkeltes Pergament hell, die Tinte aber tiefschwarz. Allerdings sind alle alten Infrarotfotos nur Schwarz-weiß-Fotos. Es ist daher oft unmöglich zu unterscheiden, ob ein schwarzer Fleck das Resultat von Tinte, einem Loch oder einem Schatten darstellt. Außerdem geht fast alle Information über die Farbe und Oberflächenstruktur der Fragmente verloren. UV-Licht kann wiederum Informationen zu nachträglichen Interventionen (z.B. Abkratzen) oder früheren Schriften (Palimpseste) sichtbar machen.

Da die Qumranfragmente langsam zerfallen oder zu Gelatine werden, sind gerade alte Fotos oft Zeugen für inzwischen verlorengegangene Ränder (wichtig für „joins“) und für eventuell darauf noch erkennbare und inzwischen verschwundene Buchstabenreste. Manchmal kann man auch erkennen, dass ein Fragment in Wirklichkeit noch ein Klumpen („wad“) mit mehreren aufeinander gestapelten Fragmenten ist. Die neuesten Fotos hingegen zeigen oft den Endzustand des Mega-Puzzles, die „material joins“ und die „distant joins“. Die Fotos aus der Zwischenzeit zeigen, inwiefern die Editoren ein Fragment konstant einer Fragmentemgruppe zugeordnet haben oder inwiefern sie eventuell stark zwischen mehreren Fragmentengruppen geschwankt haben. Wenn man sich intensiv mit einem Text auseinandersetzt, können derartig zwischen verschiedenen Plates oszillierende Fragmente ein hilfreiches Warnsignal sein, ihre angebliche Zugehörigkeit zur „Rolle“ besonders genau nachzuprüfen.

Zu ihrer eindeutigen Identifizierung tragen auch die Fotos ein Sigel. PAM 41.696PAM 41.696 ist ein typisches Beispiel. PAM zeigt an, dass das Foto aus der Zeit des Skriptoriums im Palestine Archaeological Museum (PAM) stammt. Die ersten beiden Ziffern geben die Fotoserie (zwischen 40 und 44) an. Die drei letzten Ziffern sind die Nummer des Fotos in dieser Serie. Tovs Revised Lists listet für jede Rolle viele Fotos auf. Die Fotos sind von Tov in einer Mikrofichesammlung und von Alexander und Lim in Brills Dead Sea Scrolls-Datenbank von 1997 in der Form elektronisch bearbeiteter Scans veröffentlicht worden. Brills neuere Datenbank von 2006 enthält meist nur das letzte Foto für ein Fragment und dies nur für die nicht-biblischen Texte. Die Accordance-Datenbanken für die biblischen und die nicht-biblischen Texte enthalten ebenfalls nur ein Foto pro Fragment. Auch die Effekte der Bildbearbeitung vor der Digitalisierung sollte man beachten. Die Unterschiede der Scans von 1997, 2006 und 2013 sind erheblich. In jüngster Zeit sind die |60|meisten Fotos in hochauflösenden Scans über das Leon-Levy Digital ArchiveLeon-Levy Digital Archive der Israel Antiquities Authority gratis zugänglich gemacht worden http://www.deadseascrolls.org.il/.

Heute geht man über zur multispektrale Digitalfotografiemultispektralen Digitalfotografie, die mehrere Belichtungen mit Strahlenquellen von unterschiedlichen ausgewählten Wellenlängen übereinanderlegen kann, von ultraviolett über sichtbares Licht zu Infrarot und sogar Röntgenstrahlung. Elektronische Bildformate ermöglichen dann das Ausblenden und das Übereinanderlegen verschiedener Bilder, so dass der Nutzer auswählen kann, welches Bild ihm die für den jeweiligen Moment beste Information bietet.

Eine große Schwierigkeit ist, dass die Fotos zweidimensionale Darstellungen dreidimensionaler Objekte sind. Wenige Fragmente liegen völlig plan. Die Ausleuchtung war in den fünfziger Jahren lange nicht so professionell wie heute, so dass Fragmentränder und -erhebungen Schatten bilden. Besonders Bruce Zuckerman hat sich als Fotospezialist für antike Inschriften und Fragmente einen Namen gemacht. Vielversprechend ist die RTI-Technik (Reflectance Transformation ImagingReflectance Transformation Imaging), die es dem Benutzer ermöglicht, auf dem Computer das Bild mit unterschiedlichen Belichtungsrichtungen interaktiv zu modifizieren und auch der Dreidimensionalität nahe zu kommen.

Revolutionäre Einsichten für die Rekonstruktion von Qumranrollen und für die Geschichte ihrer antiken Besitzer verdanken wir materialwissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahre, die an die Fernsehserie CSI erinnern (Rabin). Eine ihrer Methoden ist die Röntgenfluoreszenzspektroskopie XRFRöntgenfluoreszenzspektroskopie (XRF = X-Ray Fluorescence), dazu Raman und PIXE. All diese Analyseformen informieren uns über die chemische Zusammensetzung eines Objektes an einer bestimmten Stelle.

Ein Team um Ira Rabin und Oliver Hahn hat mit XRF die Tusche einiger Qumranfragmente, darunter auch der Hymnenrolle (1QHa), untersucht. Die Analyse ergibt, dass diese Tusche (nicht aber das Pergament) im Verhältnis zu Chlor einen außergewöhnlich hohen Bromanteil enthält. Zur Erinnerung: Tusche wird direkt vor ihrer Benutzung hergestellt, indem man von einem Tuscheblock etwas abkratzt und die Körnchen mit Wasser vermischt (s.o. S. 34). Derartige Brom-zu-Chlor-Konzentrationen finden sich aber nur im Wasser um das Tote Meer. Die Tusche für diese Rolle wurde also mit Wasser aus der Gegend Qumrans (oder eines anderen Ortes in der Region um das Tote Meer) angerührt. Zumindest diese Rolle ist also am Toten Meer geschrieben worden, höchstwahrscheinlich in Qumran.

|61|3.5 Editionen und Hilfsmittel

Die meisten Qumrantexte sind in der 40-bändigen Oxforder Serie Discoveries in the Judean Desert (DJD)Discoveries in the Judean Desert (DJD) veröffentlicht worden. Hier findet man ausführliche Informationen zu Kodikologie und Paläographie, eine englische oder französische Übersetzung, Kommentare zu anderen möglichen Lesarten, Paralleltexten in den Qumrantexten oder auch in anderen biblischen, frühjüdischen oder frühchristlichen Texten sowie die wichtigen Fotos. Die Editionen der wenigen, aber wichtigen Qumrantexte, die nicht in DJD veröffentlicht worden sind (hauptsächlich 1QS, 1QSa, 1QSb, 1QpHab, 1QGenAp, 1QM, 4QEn, 11QpaleoLeva, 11QTa) oder von denen die DJD-Edition inzwischen durch eine andere Edition ersetzt worden ist, findet man in Tovs Revised Lists.

Wer sich näher mit Qumran auseinandersetzen will und des Hebräischen mächtig ist, dem sei die Anschaffung einer der drei elektronische Datenbanken (Brill, Accordance, Logos)elektronischen Datenbanken (Brill, Accordance, Logos) empfohlen. Die Brill-Version enthält die nicht-biblischen Rollen (der mehrbändigen Druckausgabe von Tov und Parry). Die Accordance Module umfassen neben den nicht-biblischen Rollen (in Abeggs Transkription) auch die Texte der biblischen Rollen. Beide Datenbanken enthalten Übersetzungen und grammatisch aufgeschlüsselte Transkriptionen. Diese ersetzen mit ihren Suchmaschinen herkömmliche Konkordanzen und ermöglichen komplexe linguistische Analysen. Zu (fast) jedem Fragment ist ein Foto enthalten. Im Unterschied zu den gedruckten Ausgaben gibt es allerdings keine Kommentare.

Die biblische Manuskriptebiblischen Manuskripte (nach der Kanonliste der Hebräischen Bibel) sind 2010 in einer äußerst praktischen großformatigen einbändigen und einsprachigen Ausgabe durch Eugene Ulrich herausgegeben worden. Ihre Basis sind die offiziellen DJD-Editionen. Die Anordnung der Texte folgt den biblischen Versen, nicht den einzelnen Handschriften. Die textkritischen Anmerkungen helfen dabei, schnell eine grundlegende Übersicht über die variae lectiones einer Stelle zu gewinnen. Für Anmerkungen zur Entzifferung, Paläographie etc. ist der Gang zur Originaledition in DJD weiter Pflicht, aber als erster Anlaufpunkt ist Ulrichs Buch hilfreich. Zwei Listen mit allen biblischen Handschriften und mit allen Passagen, die in biblischen Qumranhandschriften bezeugt sind, runden das Buch ab.

Von den anderen Editionsreihen und Übersetzungen sind vor allem folgende Publikationen wichtig (keine von ihnen enthält Fotos): Auf Deutsch gibt es zunächst die dreibändige einsprachige Gesamtausgabe von Johann Maier (UTB)Johann Maier (UTB). Sie verweist auch auf Foto-Nummern und Datierung und benutzt ein ausgefeiltes System |62|für Hinweise auf Parallelüberlieferungen. Die ältere zweibändige Version enthält ausführliche Kommentare. Eduard Lohse und ein Team um Annette Steudel haben zwei zweisprachige Bände mit ausgewählten Texten herausgegeben. Sie bieten neben vokalisiertem Text (nach masoretischer Vokalisation) und deutscher Übersetzung eine Einführung mit Kommentar zu besonders wichtigen Passagen. Beide Ausgaben seien nachdrücklich empfohlen.

Die zweisprachige Ausgabe von García-Martínez und Tigchelaar war die erste Gesamtausgabe fast aller Texte und enthält viele unabhängige Lesarten. Allerdings stimmen hebräischer Text und Übersetzung nicht immer überein. Eine völlig neue mehrfarbige Textedition in Modernhebräisch hat Elisha QimronQimron begonnen, von der bisher (nebst zweier hervorragender Einleitungsbände) der erste Band zu den wichtigsten hebräischen Texten erschienen ist. Mit der Verwendung von mehreren Farben gelingt es Qimron auf höchst intelligente Weise, variierende Lesarten aus parallelen Handschriften anzuzeigen. Es gibt keine Übersetzung, aber Qimron ist ein hervorragender Linguist und Paläograph und hat viele neue Vorschläge für Lesarten, gute Einführungen und knappe Anmerkungen. Die bei Mohr Siebeck erscheinende bislang siebenbändige Reihe Princeton Theological Seminary Dead Sea Scrolls ProjectPrinceton Theological Seminary Dead Sea Scrolls Project enthält informative Einführungen, Edition und Übersetzung sowie kurze Anmerkungen zu ausgewählten Textgruppen und einige textliche Verbesserungen. Tov und Parry haben in ihrem sechsbändigen Dead Sea Scrolls Reader die DJD-Texte der nicht-biblischen Rollen mit ihren Übersetzungen veröffentlicht und nach Genres geordnet. Ein Team um Katell Berthelot, Michael Langlois und Thierry Legrand gibt eine französische zweisprachige Ausgabe heraus, La Bibliothèque de QumrânLa Bibliothèque de Qumrân. Sie zeichnet sich durch ein völlig anderes Anordnungsprinzip nach der Nähe jeder Schriftrolle zu einem biblischen Buch aus. So enthält der erste Band zu Genesis auch die Henochhandschriften (vgl. Gen. 6) und der zweite Band zu Exodus bis Numeri auch die Handschriften des Jubiläenbuchs. Anders als alle anderen zweisprachigen Ausgaben enthält diese Ausgabe auch die Bibelhandschriften, die im Vergleich zum Masoretischen Text besonders unterschiedlich sind. Die Textedition gleicht meistens der Dead Sea Scrolls Electronic Library (DSSEL). Praktisch sind die kurzen Einleitungen und Anmerkungen.

Die wichtigsten Spezialzeitschriften sind die 1958 gegründete Revue de QumrânRevue de Qumrân, und dann viel später Dead Sea DiscoveriesDead Sea Discoveries (1994ff), – in Ivrit – MeghillotMeghillot (2003ff) sowie Qumran Chronicle (1990ff). Zu vielen Einzeltexten gibt es hervorragende Kommentare und Spezialuntersuchungen. Sie sind einfach über die gedruckten und elektronischen Bibliographien (Orion CenterOrion Center und RAMBIRAMBI) zu |63|finden. Bis auf die seltene Konkordanz der Scrollery, die für das Studium der (oft unveröffentlichten) Lesungen der ersten Editoren wichtig sein kann, die im Gegensatz zu ihren „Erben“ nicht prinzipiell mit Fotos, sondern mit Originalfragmenten gearbeitet haben, sind die Konkordanzen durch die elektronischen Datenbanken für die tägliche Arbeit überholt.

Für die sprachliche Auseinandersetzung mit den Qumrantexten gibt es inzwischen einige Hilfsmittel. Bis zur Veröffentlichung des großen Göttinger QumranwörterbuchQumranwörterbuchs gibt es das achtbändige von David Clines herausgegebene Dictionary of Classical HebrewDictionary of Classical Hebrew (in der Accordance Datenbank auch als elektronisches Modul) und das Bonner Theologisches Wörterbuch zu den QumrantextenTheologische Wörterbuch zu den Qumrantexten, herausgegeben von Heinz-Josef Fabry und Ulrich Dahmen, das für Worte ab einer gewissen Häufigkeit hilfreiche ausführliche Analysen enthält (bislang sind zwei Bände bis einschließlich Samekh erschienen). Die Zielrichtung ist eine andere als diejenige eines rein philologischen Lexikons. Für die hebräische Grammatik ist weiterhin Elisha Qimrons The Hebrew of the Dead Sea Scrolls das maßgebliche Werk. Für das Qumran-Aramäische gibt es auf Englisch die ausführliche Grammatik von Takamitsu Muraoka, auf Deutsch das bahnbrechende zweibändige Werk von Klaus Beyer mit allen aramäischen Texten, Grammatik und Wörterbuch sowie auf Französisch die Grammatik von Ursula Schattner-Rieser.

Zuletzt sind vier NachschlagewerkeNachschlagewerke für die Qumranforschung besonders zu erwähnen, da sie zu den meisten Themen kurz die zentralen Informationen und den jeweiligen Forschungsstand zusammenfassen:

Brooke, George/Hempel, Charlotte (Hgg.), T&T Clark Companion to the Dead Sea Scrolls, Sheffield, voraussichtlich 2016.

Collins, John/Harlow, Daniel (Hgg.), Eerdmans Dictionary of Early Judaism, Grand Rapids 2010.

Lim, Timothy/Collins, John (Hgg.), Oxford Handbook of the Dead Sea Scrolls, Oxford 2010.

Schiffman, Lawrence/VanderKam, James (Hgg.), Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls, Oxford 2000.

|65|4 Kurze Geschichte Judäas in hellenistisch-römischer Zeit

Baumgarten, Albert, The Flourishing of Jewish Sects in the Maccabean Era, Leiden 1997.

Bloch, René, Jüdischer Hellenismus, Tübingen voraussichtlich 2017.

Cohen, Shaye, Judaism from the Maccabees to the Mishnah, Philadelphia ²2006.

Davies, William D./Finkelstein, Louis, The Cambridge History of Judaism. Vol. 2: The Hellenistic Age, Cambridge 1984.

Eshel, Hanan, The Dead Sea Scrolls and the Hasmonean State, Grand Rapids 2008.

Grabbe, Lester, A History of Jews and Judaism in the Second Temple Period. Volume 2: The Coming of the Greeks. The Early Hellenistic Period (335–175 BCE), London 2008.

Grabbe, Lester, Judaism from Cyrus to Hadrian, 2 Bde, 1992.

Hengel, Martin, Judentum und Hellenismus, Tübingen ³1988.

Horbury, William/Davies, William D./Sturdy, John (Hgg.), The Cambridge History of Judaism. Vol. 3: The Early Roman Period, Cambridge 1999.

Regev, Eyal, The Hasmoneans. Ideology, Archaeology, Identity. Göttingen 2013.

Sartre, Maurice, D’Alexandre à Zénobie: Histoire du Levant antique, IVè siècle av. J.-C.–IIIè siècle ap. J.-C., Paris 2001.

Schwartz, Daniel, 2 Maccabees, Berlin 2008.

Schwartz, Daniel, Judeans, Jews, and their neighbors. Jewish identity in the Second Temple Period. In: Albertz, Rainer/Wöhrle, Jakob (Hgg.), Between Cooperation and Hostility, Göttingen 2013, 13–31.

Schwartz, Seth, Imperialism and Jewish Society. 200 B.C.E. to 640 C. E., Princeton 2001.

Stegemann, Hartmut, Die Entstehung der Qumrangemeinde, Bonn 1971.

Tcherikover, Victor, Hellenistic Civilization and the Jews, New York 1959.

VanderKam, James, From Joshua to Caiaphas. High Priests after the Exile, Minneapolis 2004.

Vermes, Géza/Millar, Fergus/ Goodman, Martin (Hgg.), E. Schürer, The History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ (175 B.C.–A.D. 135), new English edition, Edinburgh 1973–1987.

Im folgenden kurzen Abriss der Geschichte Judäas vom dritten Jahrhundert vor bis zum zweiten Jahrhundert nach Christus werden wir uns auf Personen und Ereignisse konzentrieren, deren mögliche Erwähnung in den Qumranrollen in der Forschung diskutiert wird (s.u. Geschichte). Auch wenn einige der biblischen und die ältesten nicht-biblischen Qumrantexte (nicht -rollen!) noch aus der Zeit des Ersten Tempels, aus dem Exil oder aus der Perserzeit stammen, beginnt doch die für die Qumranrollen relevante Periode erst mit |66|der hellenistischen Epoche. Die Eroberung des persischen Imperiums durch Alexander der GroßeAlexander den Großen bringt nicht nur eine politische, sondern auch eine kulturelle Revolution mit sich. Zwar lässt sich schon vorher griechischer Einfluss festmachen (z.B. im Handel), doch führt erst die Gründung griechisch-sprachiger Stadtkolonien, welche unter griechischem Bürgerrecht organisiert sind, und die Ansiedlung griechisch-sprachiger Familien im vorher primär aramäisch- und hebräisch-sprachigen Judäa, Samaria, Galiläa, Ägypten, Transjordanien und Syrien zu fundamentalen Umwälzungen.

Alexanders Großreich zerfällt mit seinem Tode 323 v. Chr. und wird unter seinen Generälen, den Diadochen, aufgeteilt, die zwar mit griechischer Kultur und Siedlungspolitik fortfahren, aber auch sogleich damit beginnen, um Pfründen und ihre Vormachtstellung zu kämpfen. Judäa liegt als Pufferstaat zwischen zwei Großmächten, dem ptolemäischen Ägypten und dem seleukidischen Syrien. Zunächst gerät Judäa unter die Herrschaft der in Ägypten regierenden (griechischen) Dynastie der PtolemäerPtolemäer. Die Verbindungen von Judäa und Ägypten sind noch enger als zuvor. Die Stadt Alexandrien wird schließlich zur größten Stadt des Mittelmeerraums und hat bald mehr jüdische Einwohner als die bevölkerungsreichsten Städte Judäas. Anfang des dritten Jahrhunderts wird hier damit begonnen, die Tora aus dem Hebräischen ins Griechische zu übersetzen (s.u. S. 177), in den darauffolgenden Jahrhunderten auch die anderen Bücher. Als einzige umfangreiche historische Quelle für Juden und Judäer dieser Zeit gilt Josephus. Da Josephus jedoch wesentlich weniger über das dritte Jahrhundert berichtet als über das zweite, sind unsere Kenntnisse über die ptolemäische Zeit sehr lückenhaft. Man sollte sich also nicht von der Quellenlage irreführen lassen – es ist durchaus möglich, dass im dritten Jahrhundert v. Chr. ebenso bedeutende Ereignisse für die jüdische Geschichte geschehen sind wie im zweiten. Festhalten lässt sich, dass in Judäa der Hohepriester weiterhin der wichtigste Würdenträger ist.

Immer wieder befehden sich die Ptolemäer mit den in Antiochien über Syrien herrschenden griechisch-sprachigen SeleukidenSeleukiden um das Grenzgebiet Judäa. In der Schlacht von Panium 200 v. Chr. gelingt es dem seleukidischen König Antiochos III. dem Großen (241–187 v. Chr.) endgültig, Judäa, Samaria und Galiläa zu erobern. Die Eliten in Jerusalem müssen ihre Allianzen umbauen und sich nach Norden statt nach Süden orientieren. In seiner Regierungszeit beginnen die Römer sich für den Orient zunächst diplomatisch, dann auch militärisch zu interessieren und schließlich neben den seit Urzeiten die Geschicke der Pufferzone Kanaan bestimmenden Reichen Mesopotamien, Ägypten und Syrien als vierte Großmacht zu fungieren.

|67|175 v. Chr. putscht sich Antiochos IV. EpiphanesAntiochos IV. Epiphanes in Syrien an die Macht und greift stärker in die judäische Politik ein. Eine jüdische Partei, die hellenistische Reformen in Jerusalem vorantreibt, wird von ihm unterstützt. Er setzt den amtierenden Hohepriester Onias III. ab und ernennt zunächst Jason (174–171?), dann Menelaos (171–162) und schließlich Alkimos (162–159), drei stärker hellenisierende Hohepriester. Die beiden letzteren gehörten nicht einmal zur einzig legitimen Priesterfamilie, den Zadokiten. Auch der Wille, den weiter bestehenden ptolemäischen Einfluss zu begrenzen, wird eine Rolle gespielt haben. Als im Frühjahr 168 Antiochos bei seinem Vorhaben, Ägypten zu erobern, scheitert, versuchen der inzwischen abgesetzte Jason und eine unbenannte andere jüdische Gruppe simultan, die Macht in Jerusalem an sich zu reißen (Tcherikover; D. Schwartz, 254f zu 2. Makk 5,7). Auf seinem Rückzug aus Ägypten durchquert Antiochos Judäa, läßt den Aufstand blutig niederschlagen und raubt den Tempelschatz (2. Makk. 5,11–23; Josephus, Ant. Iud. 12,246f). Das Land kommt nicht zur Ruhe, und ein Jahr später verbietet Antiochos sogar die Ausübung des jüdischen Kultus (Schabbat und Beschneidung) und entweiht den Jerusalemer Tempel (1. Makk. 1,41–67; 2. Makk. 6,1–9; Diodoros 34–35,1.3–4, etc.). Da flammt der Aufstand erst richtig auf.

Der Anführer des Aufstandes, Judas „Makkabäus“Judas „Makkabäus“ aus der Priesterfamilie Jehojariv (1.Chr. 24,7) schafft es, sich gegen die seleukidischen Truppen zu behaupten, erobert nach drei Jahren Jerusalem (mit Ausnahme der Stadtfestung Akra), reinigt den Tempel und weiht ihn am 25. Kislev 164 v. Chr. wieder ein. Dieses Ereignis wird von Juden heute noch am Chanukkafest gefeiert. Spätere seleukidische Versuche, wieder Herr der Situation in Judäa zu werden, scheitern immer wieder am hartnäckigen Widerstand judäischer Gruppen unter und um Judas, aber auch an innersyrischen Machtkämpfen zwischen zwei Familienteilen, deren jeweilige Vertreter die Herrschaft beanspruchen.

Als Judas 160 v. Chr. in einer Schlacht fällt, folgt ihm sein Bruder JonathanJonathan. Er schafft es, sich so mit den seleukidischen Herrschern und ihren jeweiligen Gegenherrschern zu arrangieren, dass sie ihn 152 v. Chr. zum Hohepriester, später auch zum General und Gouverneur (2. Makk 10) ernennen. Es ist nicht klar, ob es in den sieben Jahren zwischen dem Tod des Alkimos und Jonathans Ernennung (159–152) („intersacerdotium“„intersacerdotium“) (Ant. Iud. 20,237) einen Hohepriester gab. Nach einer Theorie soll der in einigen Qumrantexten als Gründerfigur genannte „Lehrer der Gerechtigkeit“ in diesen Jahren das Hohepriesteramt ausgeübt haben, bis er von Jonathan zur Seite gedrängt wurde (Stegemann). Diese Theorie hat nach der Veröffentlichung von 4QMMT ein wenig an Unterstützung verloren. |68|4QMMT, das von vielen als Dokument aus der Anfangszeit angesehen wird, scheint positive Beziehungen zwischen Jachad und den Jerusalemer Machthabern vorauszusetzen und erwähnt halakhische Probleme, nicht dynastische Streitigkeiten als Hauptpunkte der Auseinandersetzung (s.u. S. 390f). Für Jonathans Regierungszeit erwähnt Josephus das erste Mal die Parteien der Pharisäer, Sadduzäer und Essener (Ant. Iud. 13,171–173). Erstere werden als so einflussreich beschrieben, dass sie schon früher entstanden sein müssen.

Als Jonathan im Jahre 143 v. Chr. durch Hinterlist gefangen genommen und umgebracht wird (2. Makk 12–13), wird sein älterer Bruder SimonSimon der nächste Hohepriester und Anführer (Ant. Iud. 13,201). Auch dieser schlägt aus den Dynastiestreitigkeiten in Syrien Kapital, indem es ihm gelingt, nicht nur sein Hohepriesteramt vom Seleukiden Demetrios bestätigt zu bekommen, sondern auch Judäa von der Steuerpflicht zu lösen, eigenes Münzrecht zu erhalten und die Akra in Jerusalem zu erobern, so dass Judäa quasi unabhängig wird (1. Makk. 13–15). Simon ist der wahre Begründer der hasmonäischen Dynastie.

134 v. Chr. wird Simon bei einem Bankett durch seinen Schwiegersohn Ptolemäos hinterlistig getötet. Ihm folgt sein Sohn Johannes Hyrkanos I.Johannes Hyrkanos I. (hebr. jochanan horqanos), der Judäa 30 Jahre lang als Hohepriester beherrschen sollte. Er nutzt die innersyrischen Fehden, um gegen Ende seiner Herrschaft sein Reich durch Kriege nach Norden (Samaria und Skythopolis = Bet Shean), Osten (Madaba) und Süden (Idumäa) zu erweitern. Die unbeschnittenen Bewohner werden zwangsjudaisiert (Ant. Iud. 13,255–258). Im Laufe seiner Herrschaft ist Johannes Hyrkanos I. erst mit den Pharisäern, dann mit den Sadduzäern alliiert. Anlass für diesen Umschwung soll angeblich gewesen sein, dass ein Pharisäer ihn aufforderte, vom Hohepriesteramt zurückzutreten. Das Hohepriesteramt sei mit politischer Herrschaft unvereinbar und seine Mutter sei Kriegsgefangene gewesen (Ant. Iud. 13,288–298; mMSh 5,15; vgl. bQid 66a).

Johannes Hyrkanos’ Sohn Aristobulos I.Aristobulos I. (104–103 v. Chr.), der erste Hasmonäer, der sich König nennt, erobert Galiläa und Gebiete der Ituräer im Libanon, stirbt aber schon nach sehr kurzer Zeit an einer schmerzhaften Krankheit. Sein Sohn Alexander JannaiAlexander Jannai (hebr. Name Jonathan; 103–76 v. Chr.) herrscht danach für 27 Jahre als König und Hohepriester. Auch Jannai erweitert das Territorium durch Eroberungszüge gegen freie Städte im Kernland (z.B. Ptolemais = Akko; Gaza), im Ostjordanland und im Golan (Gadara, Pella, Gerasa) und macht die Moabiter und Gileaditer im Ostjordanland tributpflichtig. Im Jahre 88 kreuzigte er 800 Pharisäer |69|(Ant. Iud. 13,380). Übertriebener Alkoholgenuss scheint zu seinem Tod beigetragen zu haben.

Nun wird seine Frau Salome AlexandraSalome Alexandra (hebr. Schlomzion Hamalka, 76–67 v. Chr.) Königin. Sie lässt einen Sohn Johannes Hyrkanos (II) zum Hohepriester ernennen und alliiert sich wieder mit den Pharisäern. Währenddessen wird das seleukidische Syrien erst von den aufstrebenden Armeniern, dann von Rom erobert und als unabhängiger Machtfaktor völlig ausgeschaltet. So hat das hasmonäische Reich eine relativ ruhige Blütephase.

Nach Salomes Tod beenden Erbfolgestreitigkeiten zwischen ihren beiden Söhnen, dem Hohepriester Johannes Hyrkanos II. und Aristobulos II.Johannes Hyrkanos II. und Aristobulos II., die Erfolgsgeschichte der hasmonäischen Dynastie. Profiteure sind dritte: die aufstrebende Familie des idumäischen Gouverneurs Antipater, dem Vater von Herodes dem Großen, und die Römer unter ihrem Feldherrn PompejusPompejus (106–48 v. Chr.), die mit wechselnden Allianzen die beiden Brüder immer weiter schwächen, bis Pompejus im Jahre 63 v. Chr.63 v. Chr. nach Syrien auch das hasmonäische Königreich und Jerusalem fast kampflos erobert. Einzige Ausnahme ist der Tempelberg, der erst nach dreimonatiger Belagerung genommen wird; gefolgt von Pompejus’ legendärer Besichtigung des sonst nur dem Hohepriester am Jom Kippur reservierten Allerheiligsten. Die großen reichen hellenistischen Städte werden direkt dem Gouverneur von Syrien unterstellt. Hyrkanos II. erhält als römischer Vasall nur das Hohepriesteramt zurück. Die kurze Zeit der judäischen Unabhängigkeit, nicht einmal ein Jahrhundert, ist vorbei.

Unruhen und Bruderkriege innerhalb der hasmonäischen Familie gehen noch etwas weiter. 54 v. Chr. plündert Crassus, der Prokonsul für Syrien, den Jerusalemer Tempelschatz. 53–51 v. Chr. wird ein Aufstand unter einem gewissen Pitholaus niedergeschlagen. Dann erobern die PartherParther, die seit dem Zusammenbruch der Seleukiden das große mit Rom rivalisierende Reich im heutigen Irak-Iran beherrschen, im Jahre 40 v. Chr. für eine kurze Zeit Syrien, Judäa und das Küstenland. Mit ihnen verbündet sich Antigonos, der Sohn von Aristobulos II. Er lässt Hyrkanos gefangen nehmen und ihm die Ohren abschneiden, um ihn für das Hohepriesteramt untauglich zu machen. Die Parther ernennen Antigonos (hebr. Matitjahu) zum König und Hohepriester, während in der gleichen Zeit Herodes, der Sohn eines idumäischen Administrators in Judäa, im Senat zum (Gegen-)König ausgerufen wird.

Mit römischer Hilfe schafft es Herodes 37 v. Chr.37 v. Chr., Antigonos zu bezwingen und umzubringen. Die herodianische Periode beginnt. HerodesHerodes (ca. 74 – 4 v. Chr.4 v. Chr.) herrscht mit Unterstützung der Römer und dank einer gnadenlosen Ausmerzung potentieller Konkurrenten |70|innerhalb seiner Familie über 30 Jahre lang. Es gelingt ihm, mit Rom bei allen Machtwechseln alliiert zu bleiben. Relativ zu Beginn seiner Regierung findet 31 v. Chr. ein Erdbeben statt, das auch in Qumran wichtige Spuren hinterlässt. Seine Regierungszeit zeichnet sich durch eine ausgiebige Baupolitik aus. Nicht nur der Jerusalemer Tempel, sondern viele Festungen (Herodium, Hyrkania, Masada) und ganze Städte werden stark ausgebaut, neubefestigt (Jerusalem, Samaria) oder überhaupt erst gegründet (Cäsarea Maritima). Einerseits schafft er es im Gegensatz zu Alexander Jannai, selbst bei so schwierigen halakhischen Angelegenheiten wie dem Tempelumbau und trotz seiner wegen der idumäisch-nabatäischen Ahnen umstrittenen jüdischen Identität, direkten Konfrontationen mit jüdischen Religionsparteien aus dem Weg zu gehen. Andererseits ist er ein starker Verfechter römischer und hellenistischer Kultur und Politik.

Nach Herodes’ Tod gab es zunächst eine kurze Phase großer Unruhen in Jerusalem, Galiläa und Peräa, deren Rom nur mit der eisernen Hand von Publius Quintilius Varus, damals Gouverneur Syriens, Herr wird. (Dies ist der gleiche Varus, der später in der sogenannten Hermannsschlacht in Germanien mit seinen drei Legionen vernichtend geschlagen werden sollte). Dann wird das Land zwischen Herodes’ drei Söhnen als TetrarchenTetrarchen aufgeteilt. (Herodes) Archelaos (28 v. Chr. – 18 n. Chr.) erhält Judäa, Samaria und Idumäa, also das Kernland; (Herodes) Antipas (geb. vor 20 v. Chr. – gest. nach 39 n. Chr.) bekommt Galiläa und Peräa, während Philippos nur Iturien, den Golan und die Trachonitis erlangt, ein Gebiet, das in etwa dem Golan, Südsyrien und Nordjordanien entspricht. Dazwischen liegen die unabhängigen Städte der Dekapolis. Keiner trägt den Titel König.

Wer in Jerusalem herrscht, bestimmt den Hohepriester. Doch schon im Jahre 6 n. Chr. wird Archelaos abgesetzt und nach Gallien verbannt. Seine Ländereien werden zur römischen Provinz Judäa mit einem PräfektPräfekten in Cäsarea Maritima an der Spitze (darunter Pontius Pilatus 26–36 n. Chr.). Herodes Antipas – der Herodes der lukanischen Passionsgeschichte in den Evangelien, der auch Johannes den Täufer hinrichten ließ – baut die Hauptstadt Galiläas, Sepphoris (hebr. Zippori) stark aus und gründet Tiberias am See Genezareth zu Ehren des Kaisers Tiberius. Auch er endet – bei Caligula in Ungnade gefallen – im gallischen Exil. Einzig Philippos bleibt bis zu seinem Tode im Jahr 34 an der Macht.

Mit der direkten Fremdherrschaft durch Präfekte sind die verschiedenen Religionsparteien und -zirkel gezwungen, sich mit vorgesetzten Nichtjuden auseinanderzusetzen, die sogar den wichtigsten religiösen Funktionär, den Hohepriester, ernennen dürfen. |71|Auch ein anderes wichtiges religiöses Vorrecht, die Aufbewahrung der Kleider des Hohepriesters, ist dreißig Jahre lang (6–36) in römischer Hand.

Mit der Machtergreifung von Caligula im Jahre 37 beerbt (Herodes) Agrippa IAgrippa I (10 v. Chr. – 44 n. Chr.), ein Enkel Herodes’ des Großen, den Tetrarchen Philippos, erhält die Gebiete des Antipas und die bisherige Präfektur und darf den Königstitel tragen (Ant. Iud. 18,143–19,359). Im Winter 39–40 kommt es beinahe zu einer Katastrophe. Auf die Zerstörung eines Kaiseraltars in Jamnia durch Juden reagiert der Kaiser Caligula mit dem Befehl, seine Statue im Jerusalemer Tempel aufzustellen. Nur durch die kluge Verzögerungstaktik des syrischen Gouverneurs Petronius, der die Brisanz des Befehls versteht, und durch die Ermordung des Kaisers in Rom wird in Judäa ein Aufstand vermieden. Sein Nachfolger Claudius schließt auch Judäa und Samaria in Agrippas Königreich ein. Da Agrippa kurz zuvor schon die Ländereien des in Ungnade gefallenen Antipas geerbt hat, ist das Reich Herodes’ des Großen fast wieder hergestellt. Die Pharisäer stehen seiner Regierung nahe und er wird als äußerst observant beschrieben. Doch währt dies nur drei Jahre.

Mit Agrippas plötzlichem Tod im Jahre 44 (Apg. 12,18–23) macht Kaiser Claudius das gesamte Gebiet zu einer römischen Provinz unter Prokuratoren, die wenig Feingefühl für die Besonderheiten jüdischer Identität, stattdessen aber Tendenzen zur Selbstbereicherung an den Tag legen. Immer wieder versetzen nun messianische und sozialrevolutionäre Bewegungen und kriminelle Bandenmessianische und sozialrevolutionäre Bewegungen und kriminelle Banden das Land in Unruhe: Theudas (Ant. Iud. 20,97–99; Apg. 5,36), Jakobus und Simon (Ant. Iud. 20,102; Apg. 5,37), der „ägyptische“ Prophet (BJ 2,261–263; Ant. Iud. 20,169–172; Apg. 21,38), Zeloten und sicarii („Dolchträger“ von lat. sica „Dolch“). Josephus beschreibt den Zustand als stetig zunehmende Anarchie.

Im Jahre 66 setzen sich antirömische Kräfte zunächst im Tempel durch, dann in Jerusalem und schließlich in ganz Judäa und Galiläa, und der größte Aufstand im römischen Imperium nimmt seinen tragischen Lauf. Galiläa fällt schon 67 in die Hände des römischen Oberbefehlshabers Vespasian, Peräa nur wenig später. Einige Städte, wie Sepphoris und Tiberias, öffnen dabei ihre Tore und bleiben verschont. Der spätere Historiker Josephus (gest. um 100 n. Chr.), zunächst General der Aufständischen in Galiläa, wird von den Römern gefangen genommen. Seiner Autorentätigkeit in den nächsten Jahrzehnten haben wir die großen Hauptquellen für diese Zeit zu verdanken (s.u., S. 75–85).

Im Juni 68 erreichen Vespasians Truppen Jericho und somit auch Qumran (BJ 4,450–451). Im darauffolgenden Jahr wird Vespasian |72|zum Kaiser ausgerufen. Ihm folgt als neuer Oberbefehlshaber sein Sohn Titus, der im Tempelzerstörung (Sommer 70 n. Chr.)Sommer 70 nach langer Belagerung Jerusalem erobert und den Tempel zerstört. Letzte Bastionen, die Festungen Herodium und Machaerus, halten die Aufständischen noch länger, Masada gar bis 73/74.

Mit der Zerstörung des Tempels verliert das antike Judentum sein geographisches, architektonisches, kulturelles und kultisches Zentrum. Gleichzeitig gewinnt es an Manövrierfähigkeit, da Extremisten nicht mehr einfach die Kontrolle dieses Zentrums an sich reißen können. Schon in den letzten beiden Jahrhunderten zuvor hatten Synagogenliturgie und Torastudium begonnen, für einige Juden neue Identifikationspunkte zu werden. Nolens volens galt dies nun für alle.

Zwei weitere jüdische Aufstände datieren ins zweite Jahrhundert n. Chr. Diasporaaufstand 115–117Zwischen 115 und 117 erheben sich aus unbekannten Gründen Juden der ägyptischen, libyschen und zypriotischen Diaspora gegen Kaiser Trajan. Ihre Vernichtung bedeutet einen schweren Schlag für das hellenistische Judentum vor allem in Alexandrien, dem New York der Antike, aber lange nicht sein Ende. Vor allem in Griechenland und in Kleinasien haben Griechisch sprechende Gemeinden weiter existiert, ihre Texte sind aber leider nicht weiter überliefert worden.

Nur fünfzehn Jahre später revoltieren wieder Juden in Judäa, vielleicht weil Hadrian die Beschneidung verboten hat oder weil er auf den Ruinen Jerusalems eine neue heidnische Stadt namens Aelia Capitolina zu errichten befohlen hat. Der Anführer dieses zweiter jüdischer Aufstand in Judäa (132–135)zweiten jüdischen Aufstandes in Judäa (132–135) ist ein gewisser Bar KosbaBar Kosba (oft Bar Kochba genannt). Er lässt sich zum eschatologischen Prinzen ausrufen und erobert, was von Jerusalem noch steht. Ein zweiter Historiker wie Josephus fehlt uns für diese Zeit, doch scheint der Aufstand auf entsetzlich blutige Weise niedergeschlagen worden zu sein. Jerusalem zu betreten, wird Juden verboten. Widerstandsnester in Wüstenhöhlen werden ausgehungert. Einige von diesen Fluchthöhlen werden in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwa zur gleichen Zeit wie Qumran entdeckt und ausgegraben; sie enthalten Briefe von Bar Kosba. Jüdisches Kernland wird nun Galiläa, wo im zweiten und dritten Jahrhundert die Tannaiten beginnen, die mündlichen Werke der rabbinischen Literatur zu redigieren und eine völlig neue Periode der jüdischen Geschichte einläuten.

|73|5 Religiöse Bewegungen in Judäa

S. auch Literatur in Kapiteln 6–9 (vor allem Taylor, Elior)

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Sussman, Yaakov, „The History of Halakah and the Dead Sea Scrolls – a Preliminary to the Publication of 4QMMT“, Tarbitz 59 (1990) 11–76 (hebr.).

Nach dem kurzen Geschichtsabriss im vorigen Kapitel, der nur einen ganz groben Überblick über eine Auswahl politischer Ereignisse und Herrschaftsverhältnisse darstellen kann, wenden wir uns nun den erwähnten religiösen Bewegungen zu. Insbesonders werden wir die Möglichkeiten diskutieren, einer Gruppe die eine oder andere Schriftrolle zuzuordnen. Mindestens drei grundsätzliche methodologische Bemerkungengrundsätzliche methodologische Bemerkungen müssen dabei vorausgeschickt werden. Erstens erlaubt uns die Quellenlage nur eine sehr schemenhafte Einsicht in die Religionssoziologie jener Zeit. Zweitens ist auch das Wenige, das berichtet wird, chronologisch |74|sehr ungleichmäßig verteilt. Drittens stehen wir vor der üblichen historischen Crux, bei Detailunterschieden nicht immer zu wissen, ob zwei ähnlich titulierte Gruppen identisch sind. Dann darf man keinesfalls schließen, dass jeder einzelne Jude immer zwangsläufig genau einer Richtung angehörte. Die große Mehrheit wird, wie heutzutage auch, nicht formell Mitglied einer Gruppe gewesen sein. Sicher haben die Gruppen im Laufe ihrer Geschichte ihre Ansichten, Regeln und Strukturen auch verändert und es gab lokale Unterschiede. Schließlich ist es ein Trugschluss pauschal vorauszusetzen, die genannten Gruppierungen definierten sich auf analogen Ebenen. Sekte, Partei, Schule, Gruppe, Bewegung, Strömung, Verein sind völlig unterschiedliche Organisationsformen (s.u. Kapitel 14).

Bis zur Entdeckung Qumrans dienten fünf Textkorpora als HauptquellenHauptquellen für die Religionssoziologie Judaäs: Josephus, die Pseudepigraphen, das Neue Testament, Philon und die frühe rabbinische Literatur, die in der Folge kurz vorgestellt werden. Basis war unweigerlich JosephusJosephus, Jerusalemer Priester hasmonäischer Abstammung (gest. um 100 n. Chr. in Rom), mit seinen zwei großen und zwei kürzeren Werken: den sieben Büchern des Jüdischen Kriegs (BJ = de bello Judaico, geschrieben ca. 75–79) und den zwanzig Büchern der Jüdischen Altertümer (Ant. Iud. = Antiquitates Iudaicae, verfasst vor 94 n. Chr.), der für Qumran wichtigen Autobiographie (Vita, verfasst ca. 96, wohl als Appendix zu Ant. Iud.) und schließlich seiner Apologie gegen Apion (C. Ap.).

Josephus hat klare apologetische Interessen und möchte nach dem jüdischen Krieg das Judentum in den Augen nichtjüdischer – und jüdischer – Leser rehabilitieren. Er teilt die jüdische Gesellschaft für seine griechischen Leser in drei („philosophische“) Parteien auf: Pharisäer, Sadduzäer und Essener (Ant. Iud. 3,171–173; BJ 2,119–166). An anderer Stelle fügt er eine vierte unbezeichnet gelassene Partei hinzu (Ant. Iud. 18,9–23). Doch können wir schon aus Josephus selbst lernen, dass die Zahl der Gruppen wesentlich größer war als drei oder vier (Porton), erwähnt er doch selbst schon die unterschiedlichsten eschatologischen Gruppierungen, Zeloten, Sikarier, aber auch Anhänger von Johannes dem Täufer oder Jesus. Andere Quellen kennen noch weitere Gruppennamen und eine (späte) rabbinische Quelle nennt eine erstaunlich hohe Zahl: „Rabbi Jochanan sagte: Die Israeliten wurden erst vertrieben, als 24 häretische Sekten entstanden waren“ (ySan 29c).

Es folgen die sogenannten PseudepigraphenPseudepigraphen. Dieser moderne Begriff bezeichnet gewöhnlicherweise alle antiken jüdischen Schriften, die nicht der Hebräischen Bibel, der Septuaginta oder den anderen hier genannten Corpora zugerechnet werden können, also |75|beispielsweise der Aristeasbrief, der 2. Henoch, die Baruchbücher oder die Testamente der Zwölf Patriarchen (auf deutsch gesammelt in der Reihe Jüdische Schriften aus Hellenistisch-Römischer Zeit = JSHRZ). Früher wurde oft versucht, jede dieser Schriften einer der bei Josephus genannten Gruppen zuzuordnen. Dies erwies sich aber als unmöglich. Andersherum kann man nicht einfach hinter jedem dieser Texte eine andere Gruppe rekonstruieren.

Neben Josephus und den Pseudepigraphen ist das Neues TestamentNeue Testament eine Hauptquelle. Seine unterschiedlichen Schriften erwähnen neben den Anhängern Jesu und Johannes des Täufers bekannterweise Pharisäer und Sadduzäer sowie Herodianer, Schriftgelehrte, aber keine Essener. Der meist polemische Kontext gibt nichts über die Herkunft und wenig über die soziale Verortung von Pharisäern und Sadduzäern her. Jesus und seine Gruppe steht den Pharisäern näher als den Sadduzäern.

Vierte Quelle ist der jüdische Philosoph Philon von AlexandrienPhilon von Alexandrien (in Ägypten), der als Zeitgenosse von Paulus von ca. 20 v. Chr. bis ca. 50 n. Chr. lebte und Abkömmling einer der etablierten Familien seiner Stadt und vielleicht wie Josephus auch ein Priester war. In seinen meist exegetischen oder philosophischen Schriften berichtet er nur ausnahmsweise über jüdische Gruppen in Ägypten (Therapeuten: Vit. Cont.; „extreme Allegoristen“: Migr. 89–94) und in Judäa (Essener: Prob. 75–91; Vit. Cont. 11), aber z.B. weder über die Pharisäer noch über die Sadduzäer.

Die letzte Hauptquelle ist die frühe rabbinische Literaturrabbinische Literatur der sogenannten tannaitischen Periode (von tanna = aram. „Repetitor“) bis zum dritten Jahrhundert. Zur tannaitischen Literatur gehören die beiden juristischen Korpora Mischna und Tosefta und die halakhischen Midraschim zu den Büchern Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Zur späten „amoräischen“ Phase gehören zwei große Kommentare zur Mischna, d.h. der palästinische und der babylonische Talmud, sowie eine große Gruppe eher erbaulich orientierter („aggadischer“) Midraschim. Im Gegensatz zu Josephus und zum Neuen Testament sind diese Quellen wesentlich später redigiert, lange nur mündlich überliefert und noch viel später schriftlich festgehalten worden. Einige besonders interessante Stellen sind textlich verderbt, da die jüdischen Autoren durch Selbstzensur christlichen Zensoren zuvorkommen wollten, die möglicherweise bestimmte Gruppenbezeichnungen auf Christen beziehen und radikalere Änderungen fordern konnten. So heißen viele Gruppen einfach nur minim. Viele Forscher setzen die rabbinischen Autoren mit den Pharisäern gleich (dazu s.u.). An einigen wenigen Stellen ist von Sadduzäern (tzeduqim) die Rede. Essener werden nicht erwähnt, aber eine bet boetus (vielleicht „Haus des |76|Boethus?“) genannte Gruppe. Schließlich sind die chaverim und die chasidim zu nennen.

Jede dieser Quellen hat ihren eigenen Blickwinkel. Abgesehen von Josephus will keine Quelle eine Beschreibung „des“ Judentums geben, noch nennt sie alle drei Hauptgruppierungen. Philon erwähnt weder Pharisäer noch Sadduzäer, aber Essener (sowie die ägyptischen Gruppen der Therapeuten und der extremen Allegoristen). Das Neue Testament und die rabbinische Literatur kennen Sadduzäer und Pharisäer, aber keine Essener. Ersteres ist nur an den Gruppierungen interessiert, mit denen Jesus und seine Nachfolger nennenswerte Begegnungen hatten. Die Rabbinen haben an Nicht-Rabbinischem nur dann Interesse, wenn daraus Halakha abgeleitet werden kann (Goodman).

Eine ChasidäerChasidäer genannte Gruppe wird dreimal in erhaltenen antiken Quellen erwähnt (Kampen). Nachdem diese drei Stellen lange Zeit als Fundament für weitreichende Theorien zu den Wurzeln der Pharisäer oder der Essener gedient haben, ist man demgegenüber heute sehr vorsichtig geworden. Die Chasidäer werden griechisch als asidaioi bezeichnet, was von chasid, „fromm“ (aram. pl. chasidaija) abstammt. Zunächst erwähnt 1. Makk. 2,42 die Chasidäer im Kontext der Revolte gegen Antiochos IV. Sie seien eine besonders Tora-obsevante Gruppe, die sich – mit tragischem Resultat – weigert, am Schabbat zu den Waffen zu greifen. Allerdings ist diese Stelle textlich höchst unsicher. In der nächsten Stelle (1. Makk. 7,12–14) gelten sie als besonders friedliebend und kompromissbereit, werden aber hinterhältig vom Hohepriester Alkimos überlistet. Eine dritte Erwähnung wird in 2. Makk 14,6 dem Hohepriester Alkimos selbst in den Mund gelegt. Nach ihm soll Judas Makkabäus die streitbaren Chasidäer sogar anführen. Davon wissen wir aber sonst überhaupt nichts, und nach 1. Makk. 7,10f ist klar, dass Judas Makkabäus nicht zu ihnen gehört, (Schwartz 471). Diese widersprüchlichen Bruchstücke sind schon alles, was wir aus zeitnahen Quellen über sie hören.

Einige Forscher halten die Chasidäer für einen Vorläufer der Pharisäer. Zur Begründung wird auf eine Passage in den Psalmen Salomos verwiesen, die normalerweise als pharisäisch angesehen werden. Sie erwähnt als positive Bezeichnung eine „Synagoge der Frommen“ (griech. hosioi, was hebr. chasidim entspricht; PsSal 17,16). Davon wird abgeleitet, dass sich die pharisäischen Autoren mit dieser Gruppe identifizieren. Andere sehen in den Chasidäern einen Vorläufer der Essener. Sie berufen sich dabei auf eine der vielen verschiedenen Etymologien für den Namen „Essener“ von aramäisch chasin („fromm“). Beides, Essener und Hasidäer, würde |77|demnach „fromm“ bedeuten und daher die gleiche Gruppe bezeichnen. Fakt ist, dass wir fast nichts von den Hasidäern wissen und dass „fromm“ ein weit verbreitetes Eponym ist. Auch die rabbinische Literatur kennt chasidim (mAv 5,4.13; mBer 5,1; mSuk 5,4; mSot 9,15; mHag 2,17). Doch haben diese chasidim nichts mit den asidaioi der Makkabäerbücher zu tun. Vielmehr handelt es sich um einzelne besonders fromme Figuren. Auch ob sie mit den chasidim einiger Psalmen identisch sind, ist wegen der allgemeinen Bedeutung dieses Wortes ungewiss. (Und natürlich haben die Chasidäer der Makkabäerbücher und der rabbinischen Quellen nichts mit den Chasidim des Mittelalters oder der frühen Neuzeit und Gegenwart zu tun). Die jüngere Forschung lehnt daher in der Mehrzahl die Verbindungen zwischen den Chasidäern der makkabäischen Zeit und den Besitzern der in Qumran gefundenen Bibliothek als zu spekulativ ab. Drei beiläufige Erwähnungen sind zu wenig, um darauf ein Fundament zu bauen. Um Verwechslungen zu vermeiden, sollte die in den griechischen Quellen erwähnte Gruppe besser Chasidäer genannt werden.

Die EssenerEssener werden am häufigsten mit den antiken Besitzern der Qumranrollen identifiziert. Die griechischen Quellen nennen sie essaioi oder essēnoi. Verschiedene Etymologien versuchen diese (ungriechischen) Namen aus dem Semitischen herzuleiten: Schon genannt wurde aramäisch chasin, chasaiai, d.h. „die Frommen“ (vgl. oben Chasidäer). Philons Ableitung von hosiotes (Heiligkeit) wird als fehlverstandenes chasid oder chasin erklärt (Quod omnis 75). Vermes hat aramäisch asaiai, d.h. „die Heiler“ vorgeschlagen. Einige antike Quellen betonen tatsächlich die besonderen Heilkünste der Essener (BJ 2,136; Taylor). Eine verbreitete Ableitung ist von hebräisch asa, wörtlich „machen“, als Abkürzung von osei hatora „die die Tora (richtig) in die Tat umsetzen“ (1QpHab VII 11; 4Q171 1–2 ii 14 u.ö.). Letztlich kann die Frage in der gegenwärtigen Quellenlage nicht mit ausreichender Sicherheit geklärt werden.

Die älteste griechische Quelle zu den Essenern ist der jüdische Philosoph PhilonPhilon (Quod omnis probus liber sit 75–91, Hypothetica apud Eusebios praeparatio evangelica 8,11,1–18, und De vita contemplativa, vgl. dazu auch unten zu den Therapeuten). Ca. 4000 Essäer (griech. essaioi) sollen in den Dörfern Judaäs (Hypothetica: auch in den Städten) ein beispielhaftes Leben in Heiligkeit, Wohn- und Gütergemeinschaft ohne Sklaven und ohne Frauen leben. Sie arbeiten in Landwirtschaft und Handwerk, treiben keinen Handel und produzieren keine Waffen. Sie beachten besondere Reinheitsvorschriften, vermeiden Schwüre, bringen keine Tieropfer dar und |78|setzen viel Zeit für das Studium der Tora ein. In ihren Synagogen sitzen sie nach dem Alter geordnet. Diese stark idealisierende Beschreibung (Taylor) hat Philon wohl aus einer Quelle übernommen, die vielleicht auch von Josephus benutzt worden ist.

Der römische Gelehrte Plinius der ÄlterePlinius der Ältere (ca. 23–79 n. Chr.) beschreibt in seiner Naturgeschichte 77 n. Chr. die Landschaften der ihm bekannten Welt. Das fünfte Buch behandelt u.a. Ägypten, Syrien und dann auch Judäa, zunächst die Ortschaften um den See Genezareth, dann das Tote Meer. Hieran schließt sich folgende berühmte Passage an:

Im Westen meiden die Essener das Ufer (des Toten Meeres), soweit es schädlich ist. Es handelt sich um ein Volk, das für sich alleine lebt und seltsamer ist als sonst irgendeines auf der ganzen Welt: ganz ohne Frauen, losgelöst von jedem Liebesgenuss, ohne Geld, in Gesellschaft von Palmen. Es erneuert sich jeden Tag gleichmäßig durch einen Haufen von Ankömmlingen. In großer Zahl kommen Lebensmüde, die das Schicksal mit seinen Schwankungen zu ihren Sitten führt. So existiert über unzählige Generationen – unglaublich! – ein ewiges Volk, in dem niemand zur Welt kommt. So fruchtbar ist für jene der Lebensüberdruss anderer! Unterhalb ihres Gebiets (infra hos: unterhalb von ihnen) lag die Stadt Engada, bezüglich Fruchtbarkeit und Palmenhainen nur von Jerusalem übertroffen, heute aber ebenfalls Schutt und Asche. Von da kommt man zur Felsenfestung Masada, auch nicht weit vom Asphaltsee. Und so weit reicht Judäa. (Plinius, Hist. nat. 5,73, Üb. René Bloch)

Mit dieser etwas umständlichen Formulierung verortet Plinius die Essener im Gegensatz zu den anderen Quellen in einer spezifischen Region Judäas, und zwar im Westen des Toten Meeres, genauer gesagt: im Nordwesten. Manch einer hat versucht zu behaupten, infra hos (unter ihnen) sei in der Hinsicht zu verstehen, dass die Essener physisch über Ein Gedi oben auf dem Felsen gewohnt hätten (besonders Hirschfeld, der dort auch Ausgrabungen durchgeführt hat). Der Sprachgebrauch von Plinius zeigt jedoch, dass die Präposition infra bei ihm normalerweise „stromabwärts“ heißt. Es ist diese Übersetzung, die hier angewendet werden muss, denn Plinius folgt in seiner Beschreibung erst dem Jordan flussabwärts und dann der Westküste des Toten Meeres bis Masada, dem südlichsten Ort Judäas.

Plinius war nie selbst am Toten Meer und muss sein Wissen aus einer wohl mündlichen Quelle geschöpft haben. Seine Bezeichnung der Essener als „Volk“ oder „Stamm“ (gens) ohne explizite Verbindung mit dem Judentum zeugt nicht von tiefem Verständnis. Sicher existierten die Essener nicht seit tausenden von Jahrhunderten und natürlich ist auch nicht Jerusalem die palmenreiche Stadt, sondern Jericho. Immerhin stimmen die Details bezüglich der Enthaltsamkeit und Armut grob mit Philon und Josephus überein. Wenn er |79|die Essener auf die Nordwestseite des Toten Meeres einschränkt, so liegt dies vielleicht schlicht am Fortgang seiner geographischen Beschreibung und an seinem Wunsch, seinen Lesern dieses Kuriosum nicht vorzuenthalten.

Eine spezielle Konzentration von Essenern an der Nordwestecke des Toten Meeres wird von einer zweiten indirekten Tradition bestätigt. Der christliche Rhetor Synesios (ca. 373–414) verfasste eine Lobrede auf den antiken Rhetor Dio ChrysostomosDio Chrysostomos (40–115), worin er dessen Aussagen zu den Essenern erwähnt (GLAJJ, Bd. 2,118f), welche am Toten Meer leben sollen. Diese Passage gilt heute als von Plinius unabhängig und authentisch, da das Vokabular und zentrale Details nicht mit Plinius übereinstimmen (Taylor).

Wichtigste und ausführlichste Quelle ist schließlich JosephusJosephus. Essener erhalten bei ihm weitaus mehr Aufmerksamkeit als die beiden anderen Gruppen der Pharisäer und Sadduzäer (BJ 2,119–166, davon 119–161 Essener) – wohl auch, weil wie bei Plinius ihre Andersartigkeit die Neugier römischer Leser fesseln soll. Der Abschnitt ist leider zu lang, um ihn hier vollständig zu zitieren (für ausführliche Kommentare vgl. Beall, Bergmeier, Vermes-Goodman und Adam). Josephus bestätigt viele Details von Philon, fügt einige hinzu (Vermeidung von Öl als Quelle von Unreinheit; spezielle weiße Kleidung für Gebete und Gemeinschaftsmahle; Gebet vor Sonnenaufgang und am Abend um fünf; Gemeinschaftsmahl nur für Mitglieder der Gemeinschaft nach einem Reinigungsbad; Tischgebet durch einen Priester vor und nach dem Mahl; Exkremente werden mit einer Hacke vergraben und so vor der Sonne verborgen; danach folgt eine Waschung; Spucken ist ihnen verboten; sie kochen nicht am Schabbat und verrichten an ihm keinen Stuhlgang; sie haben spezielle Kenntnisse in Heilkunde und die Gabe der Prophetie) und widerspricht anderen (sie wohnen in Städten; tragen Waffen auf Reisen). Josephus schließt seinen Exkurs mit einem Hinweis auf einen zweiter Essenerordenzweiten Essenerorden (griech. tagma), der im Gegensatz zum ersten Heirat und Prokreation erlaubt (BJ 2,160). In seiner Autobiographie behauptet Josephus, er habe das essenische Leben selbst ausprobiert (Vit. 1,10–11). Auch wenn er zahlreiche Details des Aufnahmeprozesses zu kennen scheint, ist dies jedoch höchst unsicher.

Viele dieser halakhischen und theologischen Charakteristika passen erstaunlich genau mit Details der jachadischen Gemeinschaftsregel aus Qumran zusammen (s.u. Kapitel 13.2). Selbst wenn wir auf die Allgemeinplätze wie Korpsgeist, rituelle Reinigungen, Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Gelehrtheit usw., die auch auf viele andere Gruppen zutreffen, verzichten, bleiben u.a. folgende spezifische Gemeinsamkeiten:


1) stufenweiser Aufnahmeprozess, der stufenweise Zulassung zu Speise und Trank der Gemeinschaft regelt (1QS VI 13–23; BJ 2,137f)
2) Gemeinschaftsmahl (1QS VI 4–5; BJ 2,129–133) in Stille (1QS VI 10–13; BJ 2,132f) mit vorausgehender Segnung durch einen Priester (1QS VI 4f; BJ 2,131)
3) gemeinschaftlicher Besitz (1QS I 11–13; III 2; V 1–3; VI 17–20; BJ 2,122; Ant. Iud. 18,20)
4) Wahl von Aufsehern (griech. epimelētēs, hebr. mevaqer) (BJ 2,123; Ant. Iud. 18,22; 1QS VI 12.20)
5) Strafe durch temporären Ausschluss von Speis und Trank (1QS VI 24–VII 25; BJ 2,143f)
6) Spuckverbot in der Versammlung (1QS VII 13; BJ 2,147)
7) Glaube an Vorherbestimmtheit (Prädeterminismus) (1QS III 15f; Ant. Iud. 18,18)
8) spezielle Wichtigkeit der Engel (1QS III 20–25; IV 12; BJ 2,142)
9) Verbot, die esoterischen Lehren zu verbreiten (1QS IV 6; BJ 2,141f)
10) Vgl. die Ablehnung von Öl als Überträger von Unreinheit in der Damaskusschrift (BJ 2,123; CDA Xii 15–17)

Selbst der Wortlaut des Schwurs der Beitrittskandidaten ist ähnlich:

Bevor er jedoch die gemeinsame Speise anrührt, schwört er ihnen furchtbare Eide, … immer aber die Ungerechten zu hassen und auf der Seite der Gerechten zu kämpfen … Er werde die Wahrheit immer lieben und es sich zur Aufgabe machen, die Lügner zu überführen. (BJ 2,139–141)

Alle Söhne des Lichtes zu lieben, jeden nach seinem Los in der Ratsversammlung Gottes, aber alle Söhne der Finsternis zu hassen, jeden nach seiner Verschuldung in Gottes Rache. (1QS I 9–11)

Allerdings gibt es auch wichtige UngereimtheitenUngereimtheiten. Bei Josephus dauert der Aufnahmeprozess drei Jahre, nach der Gemeinschaftsregel sind es nur zwei (BJ 2,137f – 1QS VI 20f). Philon, Plinius und Josephus unterstreichen als besonders zentralen Aspekt des Essenerdaseins das Zölibat. Ein solches wird von keinem Qumrantext erwähnt. Allerdings spricht kein Satz der Gemeinschaftsregel gegen die Annahme, dass diese Gruppe frauenlos lebte, denn sie werden in ihr nie erwähnt. Keine griechische Quelle wiederum spricht von den in den Qumranrollen so zentralen Kalenderstreitigkeiten. Trotzdem sind die Übereinstimmungen verblüffend.

|81|Weder die rabbinische Literatur noch das Neue Testament kennen Essener. Manche vermuten daher, dass sie in diesen Quellen unter anderem Namen genannt werden. So werden manchmal die „Herodianer“ des Neuen Testaments (z.B. jüngst wieder Joan Taylor) und die „Boethusier“ der rabbinischen Literatur (schon Azarja de Rossi im 16. Jahrhundert) mit den Essenern identifiziert. Allerdings ist die Deutung des hebräischen Namens der Boethusier (beitossim) als beit ossim („Haus derer, die (die Tora) in die Tat umsetzen“), also einer der Etymologien für die Essener, linguistisch nicht überzeugend (Schremer). Spätere Erwähnungen in christlichen Häresiologen (Sektenbeschreibern) sind fast alle von den hier angeführten Berichten abhängig. Eine Ausnahme ist vielleicht Hippolytos (ca. 170–235), Refutatio 9,18–28, der als Einziger den Essenern auch apokalyptisches Gedankengut zuschreibt.

Aufgrund der großen Ähnlichkeiten identifizieren viele Forscher den in der Gemeinschaftsregel beschriebenen Jachad mit den Essenern und erklären die Unterschiede zwischen ihr und antiken Quellen zu den Essenern durch zeitliche Entwicklungen (Josephus schreibt sehr viel später als 1QS) und die Ausrichtung auf unterschiedliche Adressatenkreise (1QS für insider – Josephus, Plinius und Philon für outsider). Eine Variante der Essener-Hypothese ist die sogenannte Groningen-HypotheseGroningen-Hypothese (García-Martínez, van der Woude). Nach ihr sind Jachad und Essener zwar verwandt (daher die Ähnlichkeit), aber die Unterschiede sollen darauf hindeuten, dass sich der Jachad von den ursprünglich offeneren Essenern abgespalten habe. Warum ist dann aber ausgerechnet die Jachad-Schrift 1QS von allen antiken Texten der Beschreibung der Essener bei Josephus am ähnlichsten?

In Josephus’ Überblick über die Soziologie Judäas sind die PharisäerPharisäer schon bei ihrer ersten Erwähnung in seiner Schilderung der Regierungszeit von Johannes Hyrkanos I. (Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr.) die volksnaheste und stärkste Gruppe. Sie sind also offensichtlich etwas älter, es ist aber unklar, wie alt. Die Etymologie des Namens wird von der Wurzel p-r-sch abgeleitet, die „trennen“ und „erklären“ als Grundbedeutungen hat.

In seiner Beschreibung konzentriert sich Josephus in Nachahmung ähnlicher Überblicke über Philosophenschulen in der griechischen Welt auf besonders Aufmerksamkeit erweckende, meist theologische Charakteristika. Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten, den Sadduzäern, glauben die Pharisäer an ein Leben nach dem Tod für die Guten und ewige Strafe für die Bösen (BJ 2,163). Kerndifferenz zu den Sadduzäern sei, dass Pharisäer mündliche außerbiblische Traditionen (nomima) als autoritativ anerkennen, während sich |82|Sadduzäer nur auf den schriftlichen Bibeltext verlassen (Ant. Iud. 13,297f). Bezüglich der existenziellen Frage menschlicher Handlungsfreiheit in Gottes Welt vergleicht Josephus sie mit den Stoikern (Vit. 1,12). Sie nehmen eine Mittelposition zwischen Essenern (Gott kontrolliert alles und Menschen haben keine Handlungsfreiheit) und Sadduzäern (Gott kontrolliert nichts und Menschen haben völlige Handlungsfreiheit) ein (Ant. Iud. 13,171–173). Dies ähnelt der Maxime Rabbi Akivas „Alles ist (von Gott bereits) vorhergesehen, doch gibt es (Handlungs)freiheit“ (mAvot 3,15).

Saldarini hat beobachtet, dass Josephus die Pharisäer immer in kritischen Übergangsmomenten erwähnt. Gerade an diesen Wendepunkten kämpfen sozialpolitisch aktive Gruppen in vielen Gesellschaften um Machterhalt oder Machterweiterung. Sie üben ihre Macht indirekt über den Einfluss auf hochgestellte Persönlichkeiten im Umkreis der Herrscher aus. Johannes Hyrkanos I. soll zunächst die Pharisäer unterstützt haben, um sich dann stärker den Sadduzäern zuzuwenden, denen auch Alexander Jannai verbunden blieb. Von letzterem wird erzählt, er habe 800 Pharisäer kreuzigen lassen (Ant. Iud. 13,410) (s.u. S. 266f). Erst Königin Alexandra schenkt ihr Wohlwollen wieder den Pharisäern (BJ 1,110–112; Ant. Iud. 13,401–423).

Als welchen Gruppentyp sollen wir die Pharisäer kategorisieren? Eine ausgefeilte Hierarchie ist nicht erkennbar. Josephus spricht von 6000 Pharisäern (Ant. Iud. 17,42) – doch sind derartige Zahlenangaben in antiken Texten immer mit höchster Vorsicht zu genießen. Er bezeichnet sie als griech. hairesis. Ihr gleichzeitiges halakhisches und politisches Engagement würde dafür am ehesten die Übersetzung ‚Partei‘ nahelegen, jedenfalls eher als die Bezeichnungen ‚Sekte‘ oder ‚Schicht‘.

Die meisten Historiker sind der Meinung, die rabbinische Bewegung sei aus pharisäischen Kreisen entstanden. Doch bezeichnen sich die Rabbinen nie selbst als Pharisäer. Die wenigen mit Namen bekannten Pharisäer aus der Zeit des Zweiten Tempels (z.B. Gamaliel, Pollio/Avtalion) werden in der rabbinischen Literatur als Vordenker vereinnahmt, ohne dass sie Pharisäer genannt würden. Außerdem werden sie mit anderen Figuren vermischt, die sicherlich keine Pharisäer waren. Die spätere (amoräische) rabbinische Literatur identifiziert sich stärker mit Pharisäern als die frühere (tannaitische). Auch wenn höchstwahrscheinlich viele Rabbinen aus pharisäischen Kreisen stammen, ist der Zusammenhang weniger direkt, als es zunächst den Anschein haben mag (Cohen).

Zwei antike Autoren bezeichnen sich selbst als Pharisäer: der Apostel Paulus (Phil. 3,5) und Josephus (Vit. 1,12). Doch wird Josephus’ Pharisäertum von manchen in Zweifel gezogen, weil er |83|gerade in seinen frühen Schriften die Pharisäer eher kritisiert. Von den Pseudepigraphen werden nur die Psalmen Salomos (meistens) pharisäischen Kreisen zugeordnet. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schlug der große Rabbiniker Louis Ginzberg vor, die Autoren der Damaskusschrift seien Pharisäer gewesen. Chaim Rabin wiederum identifizierte die Besitzer der Qumranrollen mit einer pharisäischen Untergruppe, der Chavura. Die halakhischen und theologischen Charakteristika der Schriftrollen des Jachad widerlegen ohne jeden Zweifel eine Identifikation mit Pharisäern (s.u. S. 295 und 314).

SadduzäerSadduzäer erscheinen bei Josephus meistens nur als Kontrast zu Pharisäern. Im Neuen Testament und in der rabbinischen Literatur sind die Bezugnahmen polemisch. Daher sind beide Quellen mit besonderer Vorsicht zu analysieren. Wie bei Pharisäern und Essenern ist der Ursprung der Sadduzäer nicht mehr sicher zu erschließen. Der griechische Name saddukaioi leitet sich vom hebräischen Namen Tzadoq ab, vielleicht in Bezug auf den legendären Hohepriester dieses Namens, vielleicht auf einen Namensvetter. Im ersten Fall würde es sich um eine dynastische Bezeichnung handeln: die nach Ezechiel 40,46 u.ö. einzige zum Hohepriesteramt berechtigte Priesterfamilie der Nachkommen Zadoks (bnei tzadoq).

Nach Josephus sollen die Sadduzäer im Gegensatz zu den Pharisäern nicht volksnah gewesen sein, sondern sich aus der wohlhabenden Priesteraristokratie rekrutiert haben (Ant. Iud. 13,298). Selbst wenn viele Sadduzäer Priester gewesen sein mögen, dürfen wir daraus nicht folgern, dass die Mehrheit der Priester sadduzäisch war. Nach den Quellen erkennen sie keine mündliche Tradition als Autoritätsquelle an, sondern nur die schriftliche Bibel. Weiter behaupten sie, Menschen hätten komplette Handlungsfreiheit; auch kennen sie keine Auferstehung der Seele (zu letzterem vgl. Mk. 12,18–27). Sie lehnen die Existenz von Engeln und Geist (pneuma) ab (Apg. 23,8).

Mehrere zentrale Qumranrollen schreiben den bnei tzadoq eine führende Rolle zu (CD iv 1.3; 1QS v 2.9; 1QSa I 2). Rachel Elior hat versucht, diese Rollen daher als sadduzäisch zu bezeichnen. Allerdings müsste man dann annehmen, dass es zwei völlig gegensätzliche Arten von Sadduzäern gegeben hätte, denn die Autoren der gerade genannten Rollen zählen Engel, Prädeterminismus und mündliche Geheimtraditionen zu ihren zentralen Vorstellungen.

Vielleicht gibt es dennoch ein paar sadduzäische Dokumente unter den Qumranrollen. Die rabbinische Literatur nennt eine kleine Zahl von halakhischen Streitgesprächen zwischen Sadduzäern und Rabbinen (z.B. mEruv 6,2; mMakk 1,6; mPar 3,3.7; mNid 4,2; |84|mJad 4,6f; tNid 5,3 [Zuckermandel 645]). Diese werden in der Qumranforschung lebhaft diskutiert, da die hier den Sadduzäern zugeschriebenen halakhischen Positionen den Halakhot in der Tempelrolle und in 4QMMT nahestehen (s.u. S. 166–169 und 390f). Impliziert die halakhische Nähe eine soziologische Verwandschaft oder gar Identität von Sadduzäern und Jachad (Schiffman)? Spricht dies nur für eine Ähnlichkeit zwischen bestimmten Halakhot der Sadduzäer und des Jachad (Sussman)? Oder sind vielleicht einige Qumrantexte jachadisch und andere sadduzäisch (Stökl Ben Ezra)? Den Jachad, der offensichtlich Prädeterminismus, mündliche Geheimüberlieferungen und Engelglauben vertrat, genealogisch aus einer Gruppe abzuleiten, die diese drei Auffassungen ablehnte, bleibt schwierig. Interessanterweise taucht gerade der in Qumran so zentrale 364-Tage-Kalender in den rabbinischen Streitgesprächen nicht als Problem auf. Diesbezügliche Polemik in den Rollen lässt jedoch darauf schließen, dass dieser Kalender im Tempel nicht galt und folglich von den dort amtierenden Sadduzäern abgelehnt wurde.

Als vierte Partei nennt Josephus die ZelotenZeloten (Ant. Iud. 18,23); Extremisten, die 66 n. Chr. den Aufstand gegen die Römer anzettelten und schließlich bis 73/74 noch in Masada verharrten. Rowley und jüngst Pfann haben versucht, die Zeloten mit (Teilen der) Qumranrollen in Verbindung zu bringen. Da die Zeloten eine sehr junge Bewegung sind, die meisten Rollen aber auf vorchristliche Zeiten datiert werden, können höchstens einige von denen, die Schriftrollen versteckten, Zeloten gewesen sein; doch niemals die Autoren oder selbst nur die Kopisten. Wer ursprünglich Besitzer des Gros der Schriftrollen war, bliebe damit ungeklärt.

Weit entfernt von Judäa beschreibt Philon in seinem idealisierenden Traktat über das kontemplative Leben (de vita contemplativa) die Therapeuten (therapeutai)Therapeuten (therapeutai), einen streng asketischen und besitzlosen, vegetarischen und zölibatären Orden aus Frauen und Männern, der angeblich überall verbreitet war, aber besonders am See Mareotis in der Nähe Alexandriens konzentriert lebte. Die Haupttätigkeit jedes „Therapeuten“ sind Meditation, Textstudium, Hymnenkomposition und Gebet, und zwar unter der Woche jeder für sich allein, am Schabbat und am „50. Tag“ alle sieben Wochen hingegen gemeinsam. Viele dieser Details erinnern stark an die Essener. Einige Forscher (z.B. Vermes) sehen eine große Nähe oder gar Verwandtschaft zwischen diesen beiden asketischen jüdischen Gruppen, doch unterscheidet Philon selbst sie ganz explizit zu Beginn seiner Schrift.

Ab dem ersten Jahrhundert entstand in Judäa, Galiläa und dann auch in der Peräa und in Syrien ganz allmählich das ChristentumChristentum. |85|Im ersten Jahrhundert ist es mit Sicherheit noch als jüdische Gruppe anzusehen. Immer wieder bringen Historiker christliche Gemeinden mit allen oder einzelnen Qumranrollen in Zusammenhang, oder auch mit in Qumranrollen genannten Figuren (Teicher, Eisenman, Thiering). Die Datierung der für die Argumentation entscheidenden Rollen in vorchristliche Zeit (sowohl Paläographie als auch 14C) macht auch diese These unmöglich.

Die Essenerhypothese, d.h. dass Essener die Bewohner Qumrans, die Besitzer der meisten Schriftrollen und die Verfasser der meisten zentralen Texte waren, kann bislang die besten Argumente aufweisen. Vor allem die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Josephus’ Essenerbeschreibung und 1QS sind anders kaum zu erklären. Auf Archäologie (und Geographie) werden wir noch weiter unten vertieft eingehen. Andersherum sind die Unterschiede zwischen der Gruppe hinter den Qumrantexten und den Sadduzäern und anderen Alternativen zu groß. Darauf werden wir noch verschiedentlich in diesem Buch zurückkommen.

[Zum Inhalt]

|87|Teil 2: Steine, Rollen, Krüge: Archäologie der Texte von Qumran und ihrer Umgebung
|89|6 Grundzüge der Archäologie und Aufteilung in Siedlungsphasen

Vgl. auch Bibliographie zu Kapitel 7 (Reich) und 8 (Collins, Golb)

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Cargill, Robert, Qumran through (real) time. A virtual reconstruction of Qumran and the Dead Sea Scrolls, Piscataway 2009.

Donceel-Voute, Pauline, The Archaeology of Khirbet Qumran. In: Wise, Michael/Golb, Norman/Collins, John/Pardee, Dennis (Hgg.), Methods of Investigation of the Dead Sea Scrolls and the Khirbet Qumran Site, New York 1994, 1–36.

Eshel, Hanan, Qumran. Scrolls, Caves, History, Jerusalem 2009.

Frey, Jörg/Claußen, Carsten/Kessler, Nadine (Hgg.), Qumran und die Archäologie. Texte und Kontexte, Tübingen 2011.

Galor, Katharina/Humbert, Jean-Baptiste/Zangenberg, Jürgen (Hgg.), Qumran – The Site of the Dead Sea Scrolls. Archaeological Interpretations and Debates, Leiden/Boston 2006.

Hirschfeld, Yizhar, Qumran. Die ganze Wahrheit, Gütersloh 2006.

Humbert, Jean-Baptiste/Gunneweg, Jan (Hgg.), Khirbet Qumrân et ʿAïn Feshkha. II, Etudes d’anthropologie, de physique et de chimie = Studies of anthropology, physics and chemistry, Göttingen 2003.

Humbert, Jean-Baptiste/Chambon, Alain (Hgg.), Fouilles de Khirbet Qumran et de Aïn Feshkha. I, Album de photographies, répertoire du fonds photographique, synthèse des notes de chantier du Père Roland de Vaux OP, Göttingen 1994.

Laperrousaz, Ernest, Qumrân. L’établissement essénien des bords de la mer Morte, Paris 1976.

Magen, Yizhak/Peleg, Yuval, The Qumran Excavations 1993–2004. Preliminary Report, Jerusalem 2007.

Magness, Jodi, The Archaeology of Qumran and the Dead Sea Scrolls, Grand Rapids 2002.

Meshorer, Yaacov, A Treasury of Jewish Coins. From the Persian Period to Bar-Kokhba, Jerusalem 2001.

Mizzi, Dennis, „Qumran Period I Reconsidered. An Evaluation of Several Competing Theories“, Dead Sea Discoveries 22 (2015) 1–42.

Taylor, Joan/Gibson, Shimon, Qumran connected. The Qumran Pass and Paths of the North-Western Dead Sea, in: Frey/Claußen/Kessler 2011, 147–162.

Taylor, Joan, The Essenes, the Scrolls and the Dead Sea, Oxford 2012.

de Vaux, Roland, Archaeology and the Dead Sea Scrolls, London 1973.

de Vaux, Roland, Die Ausgrabungen von Qumran und En Feschcha. IA Die Grabungstagebücher, Göttingen 1996.

Zias, Joseph/Tabor, James/Harter-Lailheugue, Stephanie, „Toilets at Qumran, the Essenes, and the Scrolls: New Anthropological Data and Old Theories“, Revue de Qumran 22 (2006) 631–640.

|90|Qumran ist ein wissenschaftsgeschichtlich höchst interessanter Fall, denn die Interpretationen der Beziehung der Siedlung zu den in den Höhlen entdeckten Fragmenten sind z.T. diametral verschieden. Was war die Siedlung?Was war die Siedlung? Handelt es sich um das Hauptquartier der Essener (de Vaux), eine ihrer Nebenstellen (Stegemann) oder um eine Festung (Golb), eine Landvilla (Donceel und Voute), eine Töpferei (Magen und Peleg), eine Karawanserei (Cansdale), eine Produktionsstätte für Balsam (Hirschfeld) oder vielleicht um eine Sukzession zweier dieser Vorschläge (Humbert, Cargill, Collins)? Gehören die Stätte und die Rollen wirklich zusammen? Wenn ja, seit wann? Wie viele Leute lebten in Qumran? Wie wohnten sie? Woran arbeiteten sie? Wie wuschen sie sich, schliefen und aßen sie? Wie wurden sie begraben? Auf all diese Fragen können wir mit Hilfe der Archäologie versuchen, eine Antwort zu finden.

Natürlich sind es die Texte der Qumranrollen, die das Hauptinteresse der Qumranologen, der Judaisten, Alt- und Neutestamentler und Religionswissenschaftler anziehen. Viele lesen Berichte über die Archäologie nur flüchtig, wenn überhaupt. Steine sprechen doch nicht. Dabei kann man diese Texte und das Leben und die Vorstellungen der Personen hinter diesen Texten nur im Zusammenhang der Gesamtsammlung der Rollen und nur in ihrem archäologischen Kontext wirklich verstehen. Ja, es ist in Wahrheit eine unglaubliche Chance, altjüdische Texte mit den Gebäuden, in denen einige ihrer Leser und wahrscheinlich auch Schreiber oder gar Autoren gelebt haben, analysieren zu dürfen. Viele Neutestamentler träumen von einer ähnlichen Situation. Viele Spezialisten für rabbinische Literatur gäben viel, die Akademie in Tiberias untersuchen zu können oder zu wissen, in welcher Synagoge Rabbi Akiva betete.

Der nächste Abschnitt ist eine grundlegende Einführung in archäologische Arbeitsweise, bevor die zentralen Punkte der wichtigsten Theorien zu Geschichte und Funktion der Befunde (Gebäude) und der Funde (Objekte) knapp dargestellt werden. Methodologisch werden wir die archäologischen Diskussionen soweit es geht von den Texten und von ihren Deutungen trennen, auch wenn die Qumranrollen selbst archäologische Objekte sind – ein zu oft vergessenes „Detail“.

6.1 Wie funktioniert eine Ausgrabung?

Im Vergleich zu Philologie oder Geschichte ist Archäologie eine weitaus jüngere wissenschaftliche Disziplin. Die westlichen Missionen des 19. Jahrhunderts im Orient speisten die stetig wachsende Neugier Europas – und ihre Museen als nationale Prestigeobjekte – |91|mit der Enthüllung sagenhafter Städte wie Babylon, Theben oder Troja. Doch waren diese „Ausgrabungen“ noch keine Archäologie im eigentlichen Sinne, die sich für den Kontext eines Objektes und seine wissenschaftliche Bedeutung ebenso interessierte wie für seinen Sammlerwert.

Ein Objekt ohne seinen archäologischen KontextKontext ähnelt einem Zitat, das aus dem Zusammenhang gerissen ist. Man kann es beliebig drehen und wenden, aber über den ursprünglichen Sitz im Leben kann man nur noch spekulieren. Ein in situin situ (am Originalort) gefundenes Objekt enthüllt uns ungleich mehr über seine Nutzer und seinen Zweck, da alle mit ihm zusammen entdeckten Objekte und Gebäude bei der Entschlüsselung helfen. Daher kann man die den SchwarzmarktSchwarzmarkt beliefernden Raubgrabungen, aus denen viele Sensationsfunde der letzten Jahrzehnte stammen, nur mit kulturzerstörenden Hooligans vergleichen. Wer auf dem Schwarzmarkt eine Münze oder eine Öllampe kauft, unterstützt diese Zerstörung. Wer Sammlern hilft, Objekte ihrer Sammlung zu „authentifizieren“, trägt oft mehr zur Zerstörung von Wissen bei als zur Erweiterung.

Eine archäologische Stätte ähnelt einem Schichtenkuchen, wobei die jüngste Schicht obenauf liegt, die älteste ganz unten. Sie sind chronologisch geordnet, ohne dass die Dicke eines Stratums mit der Dauer der ihm zugeordneten Periode oder mit deren Bedeutung zusammenhängt. Der in einem ZerstörungshorizontZerstörungshorizont festgehaltene Moment entspricht der letzten Nutzung stärker als den Jahren zuvor. Bewohner eines Ortes, die seine Zerstörung vorhersehen (z.B. in einem Krieg), verstecken Schätze oder verbarrikadieren Fenster und Türen. Bei einem Ort, der durch eine unvorhersehbare Zerstörung heimgesucht wird (z.B. Erdbeben, Vulkanausbruch), ist die Chance größer, dass die Elemente unter dem Zerstörungshorizont eine länger andauernde Periode widerspiegeln.

Eine archäologische Ausgrabungarchäologische Ausgrabung zerstört ihr Untersuchungsobjekt. Daher muss ein Archäologe seine Arbeit in Zwischenberichten und einem detaillierten Endbericht genau dokumentieren, damit die Fundobjekte und ihre Position und die daraus gezogenen Schlüsse voneinander getrennt werden können und durch andere Experten nachprüfbar sind. Oft werden später bei anderen Ausgrabungen gewonnene Erkenntnisse Rückwirkungen auf die Interpretation früherer Grabungen haben, z.B. wenn zu den Objekten, auf denen die Datierung basiert, anderenorts Parallelen gefunden werden, die offenkundig anders datiert werden müssen. Ein guter Bericht ermöglicht anderen Experten, die ursprünglichen Thesen anhand einer Neuinterpretation der Fakten zu modifizieren. Diese Art von Archäologie ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und nach und nach verfeinert worden.

|92|Vielfach werden zuerst Sondierungsgrabungen ausgeführt. Man wählt mehrere Stellen aus, an denen ein tiefer Graben ausgehoben wird, um eine vorläufige Übersicht über die Stratigraphie„Stratigraphie“, die Zahl und Abfolge der Schichten („Straten“), zu erhalten. Dann wird entschieden, wo größere Flächen ausgegraben werden. Heutzutage wird meistens ein RasterRaster aus gleichmäßigen 5 m x 5 m oder 10 m x 10 m großen Quadraten aufgelegt, deren Mitte ausgehoben wird. Die Ränder bleiben stehen und ermöglichen später die Verifizierung der Stratigraphie. Jeder Kontext enthält eine Identifizierungsnummer, um ihm die hier gefundenen Objekte eindeutig zuordnen zu können. Wenn man z.B. in einem Quadrat L1 (von lat. locuslocus = Ort) zu graben beginnt und nach einiger Zeit auf ein andersartig zusammengesetztes Stratum stößt, wird das Sigel für die Funde im neuen Stratum in L2 geändert. Stößt man dann wiederum z.B. auf eine Mauer, wird der Bereich auf der einen Seite dieser Mauer mit L3 bezeichnet, der auf der anderen Seite mit L4. Je nach Größe vermuteter Funde arbeitet man mit Spaten, Bürste, Pinsel oder Zahnarztgeräten. Jedes Objekt wird in situ fotografiert oder gezeichnet, mit einer Nummer identifiziert und eingetütet. Später wird es gesäubert, sortiert und eventuell wieder fotografiert. Alle Arbeitsschritte, Beobachtungen und Funde werden sorgsam in einem Grabungstagebuch festgehalten.

Was dem Polizisten die Fingerabdrücke, ist dem Archäologen die KeramikKeramik. Überall zu finden – jeder braucht Teller, Töpfe und Öllampen – und leicht zerbrechlich überdauert sie doch die Zeiten (im Gegensatz zu Holz). Andererseits war sie nicht so wertvoll, dass sie wie Metall wieder umgegossen wurde, sondern als Schutt oder Füllmittel liegen blieb. Schließlich folgte Gebrauchskeramik wie heutzutage Kleidung wechselnden Moden. Ein erfahrener Keramikspezialist braucht zur zeitlichen Einordnung kein vollständiges Gefäß, sondern nur charakteristische Scherben (Henkel, Randstücke, Tüllen, Bemalung), die die für die Mode relevanten Informationen enthalten. Vollständige Gefäße stammen zumeist aus dem der Zerstörung unmittelbar vorausgehenden Moment. Scherben sind gerade deswegen wertvoll, weil sie besser als vollständige Gefäße über eine längere Periode vor der Zerstörung Auskunft geben. De Vaux erwähnt in seinen Veröffentlichungen hauptsächlich vollständige Gefäße.

Datierungen können durch Funde mit Daten oder Namen, d.h. Inschriften oder Dokumente, weiter präzisiert werden. MünzenMünzen sind haltbarer als Dokumente aus organischen Materialien und gehen durch ihre geringe Größe häufig verloren. NumismatikerNumismatiker können sie bestimmten Ländern, Städten oder Prägestätten und den Regierungszeiten von Herrschern, manchmal sogar bestimmten |93|Jahren zuordnen. Allerdings gibt eine Münze immer nur einen terminus a quo (Anfangszeitpunkt für eine mögliche Datierung), da Münzen oft länger im Umlauf bleiben. Wertvolle Münzen aus Silber oder Gold waren länger im Gebrauch als Bronzemünzen, sind also unzuverlässige Datierungshilfen. Aber gerade in Qumran sieht man, dass auch Bronzemünzen lange im Umlauf bleiben konnten. Da Straten selten hermetisch voneinander abgeschlossen sind, ist für die Datierung eines Ensembles das Altersprofil aller in einem Zusammenhang gefundenen Objekte entscheidend. Eine alte Münze in einem ansonsten „jungen“ Stratum besagt nicht viel.

Manchmal werden Straten durch spätere Interventionen durcheinander gebracht. Z.B. wurde in Qumran ein Graben ausgehoben, in dem sich die Objekte genau umgekehrt zu ihrer Chronologie fanden. Die jüngsten Objekte waren zuunterst, die ältesten zuoberst. Hier hatte offenbar jemand in der Antike einen Raum gesäubert. In den Graben fielen als erstes die Dinge, die sich im Raum zuoberst fanden. Dieser Fall ist nicht die Norm, aber auch nicht selten.

Heutzutage wird die Archäologie durch die ArchäometrieArchäometrie unterstützt. Radiokarbonuntersuchungen (14C) ermöglichen die ungefähre Datierung organischer Funde; DNA-Untersuchungen erlauben, genetische Zusammenhänge von Tier-, Menschen- oder Pflanzenfunden zu erkennen; die Röntgenfluoreszenzanalyse (engl. XRF) detailliert die chemische Zusammensetzung eines Materials; Neutronenaktivierungsanalyse (NAA) gibt Rückschlüsse über die Herkunft bestimmter Materialien. Trotzdem ist Archäologie nicht so objektiv, wie es scheint. Die meisten Gebäude identifizieren sich nicht selbst, sondern müssen anhand der in ihnen gefundenen Objekte und im Vergleich mit anderen Bauwerken interpretiert werden. Die Identifikation eines Gebäudes als antike Synagoge z.B. ist alles andere als leicht. Auch können Gebäude ihre Funktion im Laufe ihrer Existenz ändern.

Man kann die Geschichte eines Bauwerkes auch durch genaue Studien des Mauerwerks eruieren. Ähnlich wie Glossen in einem Text hinterlassen Anbauten senkrechte Fugen, wo die neue Mauer auf eine bereits bestehende Mauer stößt. Türen oder Fenster werden zugemauert, Materialien oder Techniken geändert. Baufugen sind in den detaillierten Plänen erkennbar, die jeden einzelnen Stein maßstabsgetreu abbilden. Derartig detaillierte Zeichnungen von Couasnon wurden erst in Humbert und Chambons Edition von de Vaux’ Tagebuch veröffentlicht. Jean-Baptiste Humbert betont völlig zu Recht, dass diese „vertikale Stratigraphievertikale Stratigraphie“ vernachlässigt worden ist (Khirbet, 422). Allerdings kann man mit ihr viel schwieriger datieren als mit echter, d.h. horizontaler Stratigraphie, da wir |94|kaum Münzen oder Keramik zwischen den „vertikalen Schichten“ finden. Ein Anbau kann ein Jahrzehnt oder eine Woche später errichtet worden sein.

Um die Funktion eines Gebäudes oder eines Objekts zu klären, wird es mit zeitlich, geographisch und soziologisch analogen Befunden und Funden verglichen. Bei archäologischen Arbeiten gilt dabei das gleiche Prinzip wie in der Geschichtsforschung oder der Philologie. VergleicheVergleiche von Qumran mit nachweislich jüdischen Strukturen aus Palästina aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. bis etwa zum zweiten Jahrhundert n. Chr. sind stringenter, als wenn das Vergleichsobjekt eisenzeitlich, byzantinisch, ägyptisch oder kleinasiatisch ist. Desweiteren reicht es nicht, wenn nur ein Charakteristikum analog ist. Die Bezüge müssen möglichst zahlreiche Aspekte betreffen und möglichst eng sein.

Die Archäologie Qumrans ist das Problemkind der Qumranforschung. Qumran wurde zu Beginn der fünfziger Jahre ausgegraben, als sich die beschriebenen archäologischen Methoden gerade erst ausbildeten. Insofern muss man Verständnis dafür haben, dass nicht alles heutigen Standards entspricht. De Vaux hat seine Locus-Nummern nicht von Stratum zu Stratum geändert, sondern dieselbe Locus-Nummer für alle Straten beibehalten. Auch gibt es nur wenige Profilzeichnungen. Es ist daher oft unmöglich festzustellen, in welchem Stratum ein aufgeführter Fund entdeckt worden ist. Schließlich sind die Daten lückenhaft publiziert: Wir haben zwar (1) die relativ detaillierten Zwischenberichte von de Vaux, (2) seine Synthese von 1959 (besser ist die überarbeitete englische Version von 1973), (3) ein Fotoalbum von den Ausgrabungen, (4) eine edierte Version seines Tagebuchs. Dazu hat Jean-Baptiste Humbert in mehreren Sammelbänden Studien z.B. zu Wasserinstallationen, Ostraka, Textilien und Gebäuden herausgegeben. Doch fehlt uns ein archäologischer Endbericht von de Vaux oder einem seiner Nachfolger. Viele Objekte bleiben nur vorläufig oder gar nicht publiziert. Dies gilt vor allem für die Keramik, die für die Datierung so unentbehrlich ist. Von 1993–2004 haben Yitzhak Magen und Yuval Peleg neue Ausgrabungen in einigen von de Vaux unberührt gelassenen Zonen durchgeführt. Leider fehlt bislang auch ihr Endbericht.

De Vaux’ epochemachende Synthese beschränkt die Diskussion auf bestimmte Funde, während andere völlig übergangen wurden. Das Fotoalbum ist nur mit professioneller Anleitung verständlich und die Qualität der Fotos zudem oft nicht ausreichend. Die deutsche Übersetzung des GrabungstagebuchGrabungstagebuchs enthält wertvolle Lagepläne und eine Liste der Objektfunde. Das Tagebuch bietet viele zuvor unbekannte Informationen und sei allen zum Nachschlagen |95|ans Herz gelegt (zum Durchlesen ist es etwas zu trocken und detailreich). Die folgenden Kapitel sollten idealerweise nicht nur mit Plänen der Siedlung für jede Periode studiert werden, sondern auch mit einer begleitenden Lektüre dieses Grabungstagebuchs sowie einem Besuch der virtuellen Qumrantour des Orion-Zentrums (virtualqumran.huji.ac.il), welche einen guten Einblick in einige der archäologischen Aspekte verschafft.

In jüngerer Zeit haben einige dreidimensionale Rekonstruktionsversuche, vor allem der Entwurf von Robert Cargill, für viel Aufsehen gesorgt. Allerdings sollte man sich von den optischen Effekten, die vorgaukeln, eine „Re“-konstruktion entspräche der Realität, nicht täuschen lassen. Jodi Magness hat in ihrer Rezension klar herausgestellt, dass manche Punkte richtig, andere umstritten und viele andere unmöglich sind. Dem besonders Interessierten sei eine parallele kritische Lektüre der Synthesen von Roland de Vaux, Jodi Magness, Jean-Baptiste Humbert und Yizhar Hirschfeld mit den jeweiligen Rezensionen von Magness und Hirschfeld zu den Werken der anderen empfohlen.

6.2 Chronologie der Siedlungsphasen von Khirbet Qumran

Khirbet Qumran (khirbet = arab. „Ruine“)(khirbet = arab. „Ruine“) liegt auf einem gefingerten Mergelplateau, das sich in ca. 60–70 m Höhe über der Mündung des Wadi Qumran etwa 1,5 km nordwestlich der Küste des Toten Meeres erhebt und ca. 350 m unter dem Meeresspiegel liegt. Im Westen liegt das vom Wadi wie mit einem Messer durchschnittene 200 m hohe monumentale Kalksteinkliff. Nach Südosten schaut man über das Tote Meer auf die Bergkette auf der jordanischen Seite. Ca. zwölf km nördlich liegt Jericho, die wichtigste Stadt in der Umgebung. Die Festung Hyrkania liegt westlich in nur 5 km Entfernung, allerdings nach einem beschwerlichen Aufstieg auf das Plateau, dann folgt ein gutes Stück weiter Jerusalem (ca. 18 km). Im Süden trifft man nach nur 2 km auf die Oase Ein Feshkha mit einem verwandten Gebäudekomplex (s.u. S. 127f)

Khirbet Qumran besteht aus einem 30 m x 37 m großen Gebäudekomplex mit Anbauten im Westen und im Südosten, der im Norden und Osten von einer niedrigen Mauer umgeben ist und im Süden und Westen an den Plateaurand angrenzt. Innerhalb der Umfassungsmauern liegen auch die Zugänge zu den Höhlen 7, 8 und 9. Auf dem nächsten Finger des Mergelplateaus liegen die Höhlen 4a, 4b, 5 und 10. Außerhalb der Ostmauer befinden sich Friedhöfe mit über 1100 Gräbern. Alle drei – Mauer, Höhlen und Friedhof – sind für die Interpretation des Gebäudekomplexes essentiell.

Abb. 8:

Die unmittelbare Umgebung von Qumran

|96|Mit der Entdeckung von Höhle 1 sichteten Roland de Vaux und Gerald Lankester Harding oberflächlich auch die etwa 1,5 km südlich gelegene „Khirbet Qumran“. Von früheren westlichen Besuchern war sie für die Ruinen Gomorras (de Saulcy) oder für ein Fort (Dalman, Avi Yonah) gehalten worden und so tat es anfänglich auch de Vaux. 1951 kehrten de Vaux und Harding zu weiteren Nachprüfungen zurück. Bis 1956 führten sie insgesamt fünf Grabungskampagnen in Qumran durch. Aufgrund von drei Zerstörungshorizonten, Keramik, Münzen und Befundstruktur unterscheidet de Vaux sechs Siedlungsperiodende Vaux sechs Siedlungsperioden.


[0] – Eisenzeit II (achtes bis siebtes Jahrhundert v. Chr.) – Ca. 450 Jahre Besiedlungspause
Ia – Ib – Hasmonäische Zeit (Ende zweites Jahrhundert, ca. 134–104 v. Chr.) Hasmonäische Zeit (bis 31 v. Chr.) – Ca. 30 Jahre Besiedlungspause
II – Herodianische Zeit (4/1 v. Chr. – 68 n. Chr.)
III – römische Besatzung (68 n. Chr. – ca. 75 n. Chr.) – Ca. 60 Jahre Besiedlungspause
[IV] – Zweite jüdische Revolte (132–135)

[0] und [IV] werden von de Vaux nur unter ihrem Namen erwähnt; ihre Sigel wurden hier sinngemäß ergänzt. Auch wenn inzwischen neue Abkürzungen vorgeschlagen worden sind (z.B. von Hirschfeld), haben sich die von de Vaux zu stark eingebürgert, um sie radikal zu wechseln. Nehmen wir zunächst die Hauptargumente von de Vaux für diese Periodisierung unter die Lupe: Die Hauptperioden I, II und III sind im Allgemeinen durch je einen aus einer Ascheschicht bestehenden Zerstörungshorizont voneinander getrennt. Allerdings bleiben aufgrund der Veröffentlichungslage Unsicherheiten. Unter der untersten Ascheschicht hat das Team von de Vaux mehrere Tonscherben entdeckt. Sie stammen aus der späten EisenzeitEisenzeit, d.h. den letzten beiden Jahrhunderten des Königreichs Juda. Zwei dieser Scherben tragen das Siegel lamelekh („für den König“). Eine Scherbe ist in paläohebräischer Schrift beschrieben und kann nicht nur keramisch, sondern auch paläographisch datiert werden. Von den Befunden ordnet de Vaux dieser Periode („0“) die tiefe und einzige runde Zisterne (L110) und einen rechteckigen Bau um einen großen Hof in ihrem Osten zu, dessen Fundamente tiefer als die Ascheschicht liegen und dessen Struktur anderen judäischen Festungen der Eisenzeit ähnelt. Nach einer zerstörerischen Feuersbrunst lag der Ort fast ein halbes Jahrtausend lang brach. Weder der persischen |97|noch der frühen hellenistischen Zeit können irgendwelche Funde zugeordnet werden. Da es in diesen Perioden schon Münzen und Keramik gab, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass die Siedlung in dieser Zeit unbewohnt war.

Aufgrund des Münz- und Keramikbefundes datiert de Vaux die Siedlungsphasen I–III ungefähr von Johannes Hyrkanos I. (ab 134 v. Chr.) bis zur Eroberung Masadas im Jahre 73/74. Unter den Datierungen ist die des obersten Stratums, Periode IIIPeriode III, relativ unumstritten. Nur über der zweiten Ascheschicht finden sich Münzen der römischen Besatzung Cäsareas und Doras, die ab 67/68 n. Chr. geprägt worden sind. Die jüngsten Münzen unter dieser Ascheschicht gehören hingegen noch zu den Prägungen der aufständischen Juden aus der ersten Revolte gegen Rom, geprägt nach dem Monat Nisan (März/April) im Jahr 68, dem dritten Jahr des Aufstands. Die Gebäude über der Ascheschicht weisen eine völlig andere Struktur auf als die Gebäude darunter. Die neuen Bewohner hatten offensichtlich andere Bedürfnisse und einen anderen Lebens- und Wohnstil. Bis auf zwei Zisternen wurden alle mit Trümmern aufgefüllt. Die alten Werkstätten wurden mit Ausnahme eines |98|Backofens nicht weiter genutzt. Die größeren Räume wurden in kleine Zimmer unterteilt (z.B. L4, L13, L30). Unter den Tonwaren finden sich nicht mehr die qumranspezifischen Krugtypen. Im Stratum unter der obersten Ascheschicht, also Periode II, türmen sich in mehreren Räumen Trümmer auf. Einige Pfeilspitzen sind Zeugen für eine Attacke, vielleicht mit Brandpfeilen. Wir haben oben (S. 71) gesehen, dass Vespasians Truppen im Juni 68 Jericho heimsuchten. Eine Zerstörung Qumrans durch einen römischen Angriff und eine darauf folgende Nutzung als Wachtposten bis zum Ende der Belagerung Masadas im Jahre 73/74 und vielleicht ein paar Jahre darüber hinaus würde genau zum numismatischen und archäologischen Befund passen (de Vaux, Archaeology, 36–41). Praktisch alle Archäologen stimmen dieser Interpretation zu (Ausnahme: Taylor).

Für die Perioden I und II und den Übergang von Periode I zu Periode II sieht das komplexe Erklärungsszenario von de Vaux nach einer Zerstörung durch einen Brand infolge eines Erdbebens eine längere Siedlungspause zwischen Perioden I und II?Siedlungspause vor. Was sind dazu die Argumente? Auch Periode I und II sind (im Allgemeinen) durch eine Ascheschicht voneinander getrennt. Sie findet sich hauptsächlich in den nicht überdachten Bereichen, aber auch der hölzerne Türrahmen zwischen Loci 1 und 4 wurde Opfer dieses Brandes. De Vaux’ Hypothese, dass die überdachten Räumlichkeiten beim Aufräumen sorgsamer ausgekehrt wurden als die Höfe, ist plausibel. Was hatte diesen Brand ausgelöst und wann?

Zur Ascheschicht als Zeichen für einen Brand am Ende von Periode I kommen vier weitere Beobachtungen, die eine Erklärung suchen: Erstens gibt es eine äußerst auffällige VerwerfungslinieVerwerfungslinie: der Teil einer Treppe in L48/L49 ist um einen halben Meter abgerutscht.

Abb. 9:

Verwerfungslinie in der Treppe von Locus 48

Nach neueren Untersuchungen setzt sich diese Verwerfungslinie auch nach Süden und Norden fort. Ein weiterer Spalt zieht sich vom Südwesten zum Nordosten durch L111, L115, L118 und L126. De Vaux interpretiert dies als Spuren eines Erdbebens, das dann den Brand ausgelöst habe. Tatsächlich berichtet Josephus von einem fürchterlichen Erdbeben mit tausenden Toten im Jahre 31 v. Chr. (Ant. Iud. 15,121–125; BJ 1,370–372).

Zweitens hat de Vaux über der mittleren Ascheschicht beachtliche SedimentablagerungenSedimentablagerungen (75 cm) in den an das Sickerbecken angrenzenden Gebäudeteilen festgestellt. De Vaux leitet daraus ab, dass die Wasseranlage mehrere Jahre nicht repariert wurde, und zwar nach dem Brand. Dies würde anzeigen, dass Qumran zwischen Brand und Reparatur über längere Zeit hinweg nicht bewohnt wurde.

|99|Zu einer Siedlungspause in der herodianischen Zeit nach dem Erdbeben 31 v. Chr. und zum Datum der Rückkehr gibt der numismatische Befund zwei weitere Indizien. Dabei unterscheidet man die ca. 600 Einzelmünzen, die einzeln über die gesamte Ausgrabung verstreut gefunden wurden, von einem Gruppenfund, einem Schatz von etwa ebensoviel Münzen. nur sechzehn Münzen aus der Zeit des HerodesNur sechzehn Münzen der Einzelfunde datieren in die lange Regierungszeit Herodes des Großen (40–4 v. Chr.) (Ariel und Fontanille, 153). Dies sind viel weniger als die fast 100 Münzen aus der kürzeren Regierungszeit des Alexander Jannai. Das andere Indiz kommt von einem Schatz tyrischer TetradrachmenSchatz tyrischer Tetradrachmen aus den Jahren 120 bis 9/8 v. Chr., der in drei Töpfen in Locus 120 unter dem Boden von Periode II und über dem Boden von Periode I vergraben worden war. Diese ausländischen Münzen, selten in Orten um das Tote Meer, wurden von Juden wegen ihrer hohen Silberqualität vor allem für die jährliche Tempelsteuer verwendet (mSheq 2,4; mBekh 8,7). Nun werden Schätze vor allem in Übergangs- oder Krisenmomenten versteckt. 9/8 v. Chr. war keine spezielle Krisenperiode, aber in de Vaux’ Zeit nahm man noch an, zwischen 9/8 und 1 v. Chr. wären keine tyrischen Silberdrachmen geprägt worden. Der Hort wäre also irgendwann zwischen 9/8 und 1 v. Chr. versteckt worden, als Sieder nach Qumran zurückkehrten, |100|am ehesten um 4 v. Chr., als der Tod Herodes des Großen Unruhen auslöste.

Schließlich beobachtete de Vaux, dass trotz gewisser Änderungen in der Struktur des Gesamtkomplexes zwischen den Perioden I und II die Nutzung im Großen und Ganzen den gleichen Notwendigkeiten folgte. Dazu passt, dass es nicht leicht ist, die Keramik der Perioden I und II zu unterscheiden (de Vaux, Archaeology, 17f). Eine Ausnahme sind Krüge. Ein bestimmter eiförmiger Krugtypeiförmiger Krugtyp („ovoid jars“) mit verstärktem Hals findet sich in Qumran nur in Periode I und anderswo nur in hellenistischer Zeit, während die (fast) nur in Qumran gefundenen zylindrische Krügezylindrischen Krüge ausschließlich aus Kontexten von Periode II stammen.

Abb. 10:

Qumranische Krugtypen nach Perioden

De Vaux hielt das folgende Szenario für die wahrscheinlichste ErklärungErklärung dieser Beobachtungen: das Erdbeben löste – wie damals häufig z.B. durch umgekippte Öllampen – eine Feuersbrunst aus, die die Siedlung zerstörte (Ende von Periode I, 31 v. Chr.); danach wurde die Siedlung mehrere Jahre nicht benutzt (wegen der Sedimentablagerung und der wenigen Münzen aus Herodes’ Zeit); das Jahr der Wiederbesiedlung ließe sich aus dem Silberschatz ableiten, der von den Rückkehrern am Anfang der Periode II versteckt worden sei, also nicht lange nach 9/8 v. Chr., am ehesten zur Zeit der Unruhen nach dem Tode Herodes des Großen (4 v. Chr.), also eine Generation später; die Bewohner in Periode II waren die gleichen (nicht unbedingt dieselben) wie in Periode I (wegen des gleichbleibenden Strukturplans).

Heute wird dieses Szenario zu Recht in Frage gestellt. Vor allem die eine ganze Generation währende Besiedlungspause nicht unproblematischBesiedlungspause ist nicht unproblematisch. Die gleiche Sedimentmenge kann bei Springfluten durchaus in nur ein oder zwei Jahren angetragen werden. Mehrere Archäologen haben festgestellt, dass in anderen Ausgrabungen, z.B. in Qalandiya, Herodes’ Münzen ebenfalls relativ dünn gesät sind. Wenn sie in Qumran auch wenig vorkommen, ist das nicht weiter auffällig. Damit fallen die beiden Hauptargumente für die lange Siedlungspause. Broshi lässt daher Periode II schon kurz nach dem Ende von Periode I beginnen, spätestens 26 v. Chr.

Hirschfeld und Magness trennen Erdbeben und Brand ganz. Ersterer dreht darüber hinaus die Reihenfolge um: Die Zerstörung durch Feuer stamme aus der Zeit der Perserangriffe 40–37 v. Chr.; und die Verwerfungsfalte sei erst durch eines der großen bekannten Erdbeben im vierten oder achten Jahrhundert verursacht worden. Auch Magen und Peleg schlagen vor, dieser Spalt sei die Folge eines viel späteren Erdbebens. Dies ist unwahrscheinlich, denn in der „GeschirrkammerGeschirrkammer“ (L86/L89) wurden immense Mengen an sorgfältig gestapeltem, aber zerbrochenem Essgeschirr aus Periode I |101|gefunden, die durch eine Mauer zugemauert worden war (s. Abb. 12, S. 109). Bei einer Zerstörung in Periode II (z.B. 48 n. Chr.) hätte die Keramik ein anderes Profil gehabt. Hätten noch spätere Erdbeben diese verursacht, hätte niemand mehr das Geschirr einmauern können. Wenn man nicht mehrere Erdbeben annehmen will, von denen das eine das Geschirr zerschlug und das andere das Wassersystem lädierte, ist und bleibt die einfachste Erklärung ein Erdbeben in Periode I, also 31 v. Chr.

Nach Magness beschädigte das Erdbeben zwar Gebäude, Geschirr und Wasserinstallationen, verursachte jedoch keinen Brand. Dazu passt, dass de Vaux tatsächlich keine Ascheschicht über der Keramik aus der Geschirrkammer erwähnt. Die Bewohner reparierten die Siedlung sogleich. Die Siedlungspause aber muss mit dem Brand zusammenhängen, denn die Sedimente finden sich erst über einer Ascheschicht, also nach einem Brand. Magness ordnet den Silberhort nicht dem Anfang von Periode II, sondern dem Ende von Periode I zu. Er wurde nicht bei der Ankunft der Rückkehrer versteckt, sondern, weitaus üblicher, vor einer Gefahrensituation um 9/8 v. Chr., die dann tatsächlich zum Brand und zur Zerstörung der Siedlung führte. Die Siedlungspause schrumpft auf wenige Jahre zusammen. Es ist jedoch nicht klar, wie in Periode I ein Schatz zwar unter dem Fußboden von Periode II, aber auf oder über dem |102|Fußboden von Periode I versteckt worden sein soll. Auch wenn die Datierungen des Endes von Periode I und des Anfangs von Periode II differieren, hat sich doch ein KonsensKonsens herausgebildet, dass die Siedlungspause nicht 30 Jahre betrug. Entweder endete Periode I später (Magness, Taylor) oder Periode II begann früher (Broshi, Humbert, Hirschfeld).

Schließlich gibt es die grundlegende Frage nach dem Beginn von Periode I, der Neubesiedlung Qumrans nach der Eisenzeit. De Vaux unterteilt Periode I noch weiter in zwei Periode IaPhasen Ia und Ib. (Man sollte sich hierbei nicht durch die Nomenklatur irreführen lassen. Die Unterschiede in der Gebäudestruktur zwischen Ia und Ib sind weitaus größer als zwischen Ib und II. Was zwischen Ia und Ib fehlt, ist ein Zerstörungshorizont). Zu Periode Ia zählt er den Wiederaufbau der Ruinen aus der Eisenzeit sowie die Konstruktion des Aquädukts mit einem Klärbecken und zwei Wasserinstallationen (L117 und L118), den Bau zweier Keramikbrennöfen und einiger Räume im Norden der Zisternen. De Vaux’ Gründe für die Unterscheidung zwischen Ia und Ib sind allerdings weder stratigraphisch, noch numismatisch oder keramisch, sondern bautechnisch. Die Wände einiger Räume wurden nach ihrer Konstruktion durchstochen, um einen Abfluss herzustellen. Erst Periode Ib ist für de Vaux die Phase, in der der Gebäudekomplex seine durch die beiden Hauptperioden I und II konstante Struktur erhält. Periode IbPeriode Ib beginnt für de Vaux mit Alexander Jannai, ohne dass er einen genaueren Zeitpunkt angeben mag. Zu ihr gehört das ungefähr rechteckige Hauptgebäude mit dem Turm (L8–L11, noch ohne sein Glacis), fast alle Mikven und Zisternen der ausgedehnten Wasserinstallationen, die Töpferei im Südosten und die Werkstätten im Westen. Periode Ia hingegen datiert de Vaux aufgrund des numismatischen Befundes mit elf Münzen aus dem zweiten Jahrhundert – darunter fünf Bronzemünzen – in die Zeit des Johannes Hyrkanos (134–104 v. Chr.).

Eine Datierung des Anfangs von Periode I vor Alexander Jannai wird heute zumeist bezweifelt. Die wenigen älteren Münzen können auch noch im ersten Jahrhundert v. Chr. im Umlauf gewesen sein. Zwar weist Hirschfeld darauf hin, dass dies nicht unbedingt für die Bronzemünzen gelte, aber das Grabungstagebuch zeigt, dass praktisch alle aus dem zweiten Jahrhundert stammenden Münzen in späten Kontexten gefunden wurden. Sie sagen also nichts über die Datierung aus – ähnlich wie ein antiquiertes Wort in einem modernen Text. Broshi und Magness stellen darüber hinaus die Existenz von Periode Ia in Frage. Weder Münzen noch eigene Keramik können diesem Stratum zugewiesen werden. Schließlich kommt noch ein architekturgeschichtliches Argument hinzu. Stammten |103|die beiden Wasserinstallationen L117 und L118 (heute als Mikven interpretiert), die de Vaux der Periode Ia zuordnete, wirklich aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr., wären es die ältesten Mikven dieser Art und hätten alle anderen ähnlichen Mikven von Jerusalem bis Galiläa beeinflusst. Datiert man sie hingegen ins erste Jahrhundert, löst sich diese Schwierigkeit (Reich).

Ein völlig anderer Ansatz wird in den Arbeiten von Jean-Baptiste HumbertJean-Baptiste Humbert vertreten. Er lehnt de Vaux’ Stratigraphie als ungenügend dokumentiert und nicht nachprüfbar ab. Seine Methode basiert hauptsächlich auf einer Analyse der Baufugen und dem, was er als logische Evolution aus einem ursprünglich perfekt quadratischen Bau ansieht, an den die Wasserinstallationen und die Werkstätten im Westen und Süden erst in einer zweiten Phase angebaut wurden. Im Gegensatz zu de Vaux und Magness ist Humbert der Meinung, die strukturellen Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Phase seien substantiell: Es handle sich um den Übergang von einer Villa zu einem Religionszentrum der Essener anlässlich eines der Kriege in der Region (Gabinius 56 v. Chr., Parther 40 v. Chr. oder Herodes 31 v. Chr.). Auch wenn Humberts quadratischer Grundplan ästhetisch ansprechend ist, ist er doch ohne Veröffentlichung aller Daten historisch nur schwer nachzuvollziehen.

Andere haben eine derartige Zweiphaseninterpretation mit ihren eigenen Thesen gefüllt. Hirschfeld, Taylor, Cargill sowie Magen und Peleg nehmen an, Qumran hätte in hellenistischer Zeit als eine Festung begonnen, um dann Landgut, Töpferei oder Siedlung des Jachad zu werden. Gegen diese Umnutzungstheorie spricht u.a., dass die Keramik von einem Fort sich wohl von der einer Villa stärker unterschieden hätte. Auch stammen einige Wasserinstallationen aus der ältesten Phase. Merkwürdige Tierknochen-Deposite und der Friedhof wurden sowohl in Phase I als auch in Phase II genutzt. Wir kommen darauf zurück, wenn wir die Interpretationsthese von Qumran als Villa besprechen.

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|104|Chronologie und Funktion Qumrans im Vergleich

|105|7 Leben in und um Qumran: Gebäude und Objekte

s.o. Kapitel 6, speziell Humbert/Gunneweg, Magness, Archaeology.

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Ben-Dov, Jonathan, The Qumran Dial: Artifact, Text and Context. In: Frey/Claußen/Kessler 2011, 211–238. (s. Kapitel 6)

Broshi, Magen/Eshel, Hanan, „Residential Caves at Qumran,“ Dead Sea Discoveries 6 (1999) 328–348.

Deines, Roland, Jüdische Steingefäße und pharisäische Frömmigkeit, Tübingen 1993.

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