Read the book: «Liebste Mama»
Daisy Koeb
Liebste Mama
Die Geschichte einer Familie
Mariposa Verlag Berlin
Ebook 978-3-927708-53-2, 2013
Druckausgabe 978-3-927708-50-1, 2007
Umschlaggestaltung: Friedericke van Meer
unter Verwendung eines Fotos von Daisy Koeb
© MariPosa Verlag
U. Strüwer, Drakestraße 8a, 12205 Berlin
Fon 030-2157493 Fax 030-2159528
www.mariposa-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Zu diesem Buch
Daisy Koeb wurde 1927 in Wien geboren. Wie viele jüdische Kinder musste sie im Frühjahr 1939 ihre Heimat verlassen. Die Eltern schickten sie nach Schweden, um sie vor den Nationalsozialisten in Sicherheit zu bringen. Ihnen selbst gelang es kurz darauf, illegal nach Palästina auszuwandern. Erst am 23. Mai 1946 sahen sich Mutter und Tochter im Hafen von Haifa wieder. Die übrige Familie ist in alle Winkel der Erde zerstreut worden, viele Verwandte sind in Konzentrationslagern umgekommen.
Was blieb, waren Briefe, in denen sich das Schicksal der Autorin und das der ihr nahestehenden Menschen widerspiegelt. Es sind sehr persönliche Zeilen aus den Jahren 1890 bis 1946, die Daisy Koeb veröffentlicht hat. Sie zeigen, wie der Wunsch der Familie, ein ganz normales Leben zu führen, zunehmend erschwert und während der Kriegsjahre und des Terrors der Nationalsozialisten schließlich gänzlich zunichte gemacht wird. Doch es gibt auch die unerschütterliche Hoffnung, die insbesondere die junge Evelyn – kurz Evi –, wie die Autorin sich im Buch nennt, immer wieder auszudrücken vermag.
Daisy Koeb lebt heute in Rishon-Lezion, Israel. Die Originaldokumente befinden sich in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem.
Vorwort der Autorin
Als ich vor einigen Jahren pensioniert wurde, machte ich es mir zu einer meiner ersten Aufgaben, endlich in alten Papieren und Dokumenten Ordnung zu schaffen. Dabei fielen mir Briefe in die Hände, die meine Eltern mir während des Krieges aus dem damaligen Palästina geschrieben hatten, aber auch solche, die ich ihnen geschrieben hatte, sowie Briefe meiner Großmutter an mich oder an meine Eltern und einige Briefe von Geschwistern meiner Großmutter und Geschwistern meines Vaters.
Einige Tage später hatte ich die Briefe gelesen. Es fällt mir schwer zu schildern, was während des Lesens in mir vorging: Ich weiß nur, wie aufgewühlt ich war. Und nun stand ich vor einem Dilemma: Was sollte ich tun mit den Briefen, in denen sich mein eigenes und das Schicksal mir nahe stehender Menschen während solch schwerer Zeiten widerspiegelte?
Meine Kinder sprechen zwar Deutsch, aber ich wusste, dass sie nicht imstande sein würden, die verschiedenen Handschriften zu lesen; meine Großmutter schrieb meist noch Kurrent. Sie würden die Briefe wahrscheinlich eines Tages einfach wegwerfen. Sollte ich dies vielleicht schon selber tun, oder gab es eine Möglichkeit, die Geschichte unserer Familie in einer Form zu erhalten, die sie auch meinen Kindern zugänglich machen würde?
Und so entstand dieses Buch. Aus den Erzählungen meiner Großmutter und ihrer Geschwister während meiner Kindheit, aus den Berichten meiner Mutter, aus den Briefen der Kriegsjahre und aus Aufzeichnungen in den Tagebüchern meiner Kindheit und Jugend webte ich die Geschichte derer, die mit mir so unendlich eng verbunden waren und von denen keiner mehr am Leben ist. Es ist auch meine eigene Geschichte.
Daisy Koeb
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Zu diesem Buch
Vorwort der Autorin
Wien, 13. März 1890
Wien, 3. August 1891
Wien, 8. Mai 1893
Wien, 9. Mai 1893
Wien, 13. August 1893
Mariaschein, 10. November 1894
Mariaschein, 30. November 1897
Mariaschein, 5. Dezember 1897
Mariaschein, 8. Oktober 1902
Mariaschein, 1. November 1902
Mariaschein, 10. Mai 1905
Mariaschein, 30. November 1905
Teplitz-Schönau, 14. April 1907
Teplitz, 3. Dezember 1907
Teplitz, 8. Jänner 1908
Teplitz, 13. Juni 1908
Teplitz, 20. Juni 1908
Lyon, 6. März 1910
Teplitz, 19. Oktober 1911
Teplitz, 26. Jänner 1912
Teplitz, 15. August 1912
Teplitz, 5. März 1913
Berlin, 29. Juni 1913
Feldpostbrief, 19. November 1914
Teplitz, 9. Mai 1915
Feldpostkorrespondenzkarte, 17. August 1915
Teplitz, 20. August 1915
Teplitz, 2. September 1915
Feldpostkorrespondenzkarte, 7. Februar 1916
Teplitz, 23. Mai 1916
Feldpostkorrespondenzkarte, 12. November 1916
Feldpostkorrespondenzkarte, 3. Jänner 1917
Wien, 10. März 1917
Feldpostkorrespondenzkarte, 26. November 1917
Teplitz, 18. Februar 1918
Teplitz, 23. Oktober 1918
Teplitz, 15. November 1918
Wien, 6. Februar 1919
Berlin, 3. März 1919
Teplitz, 10. Juni 1919
Wien, 27. Juni 1919
Teplitz, 23. November 1919
Teplitz, 5. Mai 1920
Wien, 9. September 1920
Wien, 15. Oktober 1920
Wien, 16. März 1921
Wien, 9. November 1921
Wien, 27. April 1922
Wien, 6. Juni 1922
Teplitz, 30. November 1922
Wien, 15. Dezember 1922
Wien, 13. Dezember 1923
Berlin, 9. Mai 1925
Teplitz, 21. Oktober 1925
Wien, 5. März 1926
Wien, 3. April 1926
Wien, 20. Februar 1927
Wien, 3. April 1929
Teplitz, 5. April 1929
Teplitz, 20. Oktober 1930
Abschrift Im Namen der Republik!
Teplitz, 7. Februar 1931
Teplitz, 11. September 1931
Teplitz, 8. Mai 1932
Wien, 18. August 1932
Berlin, 15. August 1933
Wien, 17. September 1933
Wien, 15. Feber 1934
Teplitz, 23. Mai 1934
Teplitz, 6. Juni 1934
Wien, 6. Juni 1934
Wien, 10. Juli 1934
Wien, 27. Juli 1934
Wien, 28. September 1934
Teplitz, 1. Oktober 1934
Wien, 4. Oktober 1934
Wien, 20. September 1936
Wien, 15. November 1936
Teplitz, 2. März 1937
Teplitz, zum 19. Februar 1938
Teplitz, 6. April 1938
Wien, 3. Mai 1938
Lyon, 15. Juni 1938
Wien, 10. Juni 1938
Wien, 30. Juni 1938
Teplitz, 1. Juli 1938
Wien, 18. September 1938
Wien, 20. September 1938
Wien, 1. Oktober 1938
Prag, 12. Oktober 1938
Lyon, 6. November 1938
Telegramme
Wien, 15. November 1938
New York, 19. Dezember 1938
Prag, 30. Januar 1939
Göteborg, 28. Februar 1939
Prag, 17. März 1939
Wien, 20. März 1939
Wien, 23. April 1939
Abschied von Wien
Göteborg, 25. April 1939
Wien, 25 April 1939
Prag, 27. April 1939
Göteborg, 2. Mai 1939
Göteborg, 15. Mai 1939
Berlin, 18. Mai 1939
Göteborg, 28. Mai 1939
Göteborg, 30. Mai, 1939
Wien, 7. Juni 1939
Haifa, 4. Juni 1939
Prag, 9. Juni 1939
Prag, 11. Juni 1939
Tel Aviv, 15. Juli 1939
Göteborg, 4. September 1939
Prag, 13. Oktober 1939
Prag, geschrieben am 13. Oktober, abzugeben am 24. November 1939
Göteborg, 20. September, für den 24. November 1939
Verona, 14. November 1939
Göteborg, 25. November 1939
Göteborg, 15. Jänner 1940
Berlin, 3. Februar 1940
Verona, 19. März 1940
Tel Aviv, 9. April 1940
Göteborg, 15. Mai 1940
Göteborg, 1. Juni 1940
Tel Aviv, 11. Juni 1940
Askerud, Närke, Schweden, 14. Juli 1940
Göteborg, 18. September 1940
Prag, 3. Oktober 1940, zum 24. November
Göteborg, 10. November 1940
Göteborg, 15. Dezember 1940
Bnei-Brak, 15. Jänner 1941, zum 19. Februar
Prag, 12. Februar 1941, zum 19. Februar
Göteborg, 5. März 1941
Bnei-Brak, 8. März 1941
Göteborg, 14. Mai 1941
Göteborg, 22. Juni 1941
Prag, 21. Juli 1941
Göteborg, 2. September 1941
Prag, 12. Dezember 1941
Göteborg, 28. Dezember 1941
Göteborg, 31. Dezember 1941
Prag, 24. März 1942
RASC, Middle East Forces, 16. April 1942
Göteborg, 26. Mai 1942
Prag, 29. Juni 1942
Prag, 16. Juli 1942
Göteborg, 16. Juli 1942
Göteborg, 18. August 1942
Göteborg, 9. September 1942
Göteborg, 29. November 1942
Berlin, 15. Dezember 1942
Göteborg, 26. Dezember 1942
Tiberias, 11. Januar 1943
Göteborg, 13. Februar 1943
Göteborg, 3. März 1943
Army Form B 104-82 (Pal.)
Vejbystrand, 3. August 1943
Göteborg, 29. Oktober 1943
Göteborg, 31. Dezember 1943
Bnei-Brak, 27. Februar 1944
Berlin, 3. April 1944
Vejbystrand, 18. Juni 1944
Bnei-Brak, 18. September 1944
Göteborg, 5. November 1944
Bnei-Brak, 25. November 1944
Göteborg, 26. Dezember 1944
Göteborg, 14. Jänner 1945
Bnei-Brak, 23. Feber 1945
Göteborg, 27. März 1945
Göteborg, 28. April 1945
Göteborg, 10. Mai 1945
Göteborg, 11. Juni 1945
Vejbystrand, 16. Juli 1945
Göteborg, 4. November 1945
Göteborg, 31. Dezember 1945
Kurt Spielmann, London, 20. Jänner 1946
Wien, 22. Feber 1946
An Viktor Bermeiser, Wien
Göteborg, 12. März 1946
Göteborg, 15. März 1946
Göteborg, 7. April 1946
Bnei-Brak, 25. Mai 1946
Epilog
Worterklärungen
Stammbaum
Wien, 13. März 1890
Gestern war mein 16. Geburtstag, und ich hab ein Tagebuch bekommen. „Damit du lernst deine Gedanken zu bändigen“, sagte Mama. Aber warum soll ich meine Gedanken denn bändigen? Das Schöne an Gedanken ist doch, dass sie einen so weit weg führen, ins Unbekannte, in Abenteuer, die man in Wirklichkeit ja nie erleben kann. Doch gestern hatte ich ein richtiges Abenteuer: Ich hab den Kaiser gesehen! Er fuhr in seiner Equipage1 den Ring entlang, und da standen ich und Schwester Bertha. Wir hatten die Haare aufgesteckt, und ich hatte einen neuen Hut, denn es war ja mein Geburtstag. Bertha hatte mir Veilchen gekauft, die warf ich in die Kutsche. Wir konnten sehen, dass Franz Joseph uns zuwinkte, aber der Hofknicks auf der Straße drohte den Saum meines Kleides staubig zu machen, und das hätte Mama geärgert; als ich die Falten des Rocks fein säuberlich zusammengerafft hatte, war die kaiserliche Equipage schon vorbei.
Wien, 3. August 1891
Jetzt ist Jenny, meine große Schwester, schon eine Woche lang verheiratet und auf der Hochzeitsreise in Venedig. Wir Geschwister sorgten ganz allein für die Unterhaltung; Ernst und ich sangen die Verse, die Alfred und Adele geschrieben hatten, nach den Melodien der „Schönen Helene“, die Bertha am Klavier spielte. Eine richtige „Jenny-Oper“ war das! Max war der Conférencier.
Ob Jenny wohl glücklich wird? Sie kennt ihn doch kaum, ihren Mann. Jetzt sind wir nur noch sechs Geschwister im Haus.
Wien, 8. Mai 1893
Mir zittert noch die Hand! Papa ließ mich rufen; er ging im Wohnzimmer auf und ab, und Mama saß am Diwan und schaute auf den Tisch – nicht auf mich.
Dann lud Papa mich ein, mich in seinen Lehnstuhl zu setzen, und ich verstand, dass er mir etwas sehr Ernstes zu sagen hatte. Und deshalb zittere ich noch.
Mein Verlobter – mein zukünftiger Gemahl –, den ich noch nie gesehen hab, heißt Bernhard Back; er ist schon 28 Jahre alt, fast 30. Wir werden in Böhmen leben, im Sudetenland, und morgen kommt er auf Besuch. Grethe – Back?
Wien, 9. Mai 1893
Bernhard war da! Er ist groß und blond und ich hab keine Angst mehr; ich konnt ja kein Auge schließen die ganze Nacht. Um 10 Uhr in der Früh stand ich dann, hinterm Vorhang versteckt, im Wohnzimmer und schaute auf die Straße, bis er kam. Ich hab mir dabei die Lippe blutig gebissen.
Mama hat für nächste Woche Fräulein Krause bestellt; die soll meine Aussteuer nähen, so wie für Jenny vor zwei Jahren.
Wien, 13. August 1893
Ich steh jeden Abend vor den Toiletten2, die mir Fräulein Krause genäht hat. Manchmal zieh ich ein neues Kleid an und betrachte die fremde Grethe im langen Spiegel. Das tu ich natürlich nur, wenn ich ganz allein bin, denn ich muss doch erst selber diese neue Person kennen lernen.
Wer bist du, Grethe? Ich hab ja bis jetzt nur so in den Tag hinein gelebt. Da war die Schule, und da waren die Nachmittage mit Mademoiselle, en francais naturellement. Adele kam zu kurz dabei, die ist zu intelligent, wir andern hatten wenig Geduld für philosophische Gespräche. Arme Adele! Es muss schrecklich sein, einen Buckel zu haben und nicht größer zu sein als ein 5-jähriges Kind. Wenn ich damals auch Rippenfellentzündung bekommen hätte, ob ich dann auch trotzdem so lieb und gut wäre wie Adele? Sie scheint mich gar nicht zu beneiden, trotz der neuen Kleider und der Briefe, die so oft von Bernhard kommen. Sie ist schon 22 und schreibt so schöne Gedichte.
Die Bertha ist anders, die wäre aber auch nicht gern an meiner Stelle, und sie ist ja erst 16. Sie will nur Klavier spielen, den ganzen Tag, so wie ich singen möchte. Bernhard hat mir versprochen, dass ich weiter Stunden nehmen darf, auch nachdem wir verheiratet sein werden. Aber Bertha will Pianistin werden und bittet und bettelt Papa und Mama seit Jahren um Erlaubnis. Ich verstehe ja, dass das nicht geht – eine Dannhauser soll öffentlich auftreten? Maxl lacht sie immer aus, aber er hört ihr doch auch gerne zu. Der lacht auch über alles! Unlängst hat er nachts die Eingangstür verbarrikadiert, und als Alfred gegen früh, viel später als ihm erlaubt war, so leise wie möglich ins Haus schleichen wollte, fiel er mit Gepolter direkt ins Vorzimmer und einem verärgerten Papa in die Arme. Alfred ist fesch, alle Mädels schauen ihm nach, und das ärgert den Max. Dabei sollte er doch mit seinen 26 Jahren schon ernster sein, und Alfred, mit 28, erst recht, besonders wo er doch verlobt ist und bald heiraten wird. Auch Max hat schon Fühler ausgestreckt, wie er sagt; er hat sie bis nach Frankreich ausgestreckt, attrahiert von einer „süßen“ Dame in Lyon.
Das Haus wird leer sein ohne meine großen Brüder, denn mit wem wird man dann lachen? Ernstl nimmt sich noch zu ernst, er ist erst 17. Aber dichten, Klavier spielen, singen und schauspielern kann er auch; und die Mädels auf der Straße drehen sich schon nach ihm die Köpfe aus. Ich werd ja auch bald nicht mehr zu Hause sein, das hätt ich fast vergessen, und ob Bernhard so lachen kann wie Alfred und Max, weiß ich nicht.
Das grüne Kleid ist besonders schön; der Stoff schillert in Hellgrün und Gold und passt zu meinen Haaren „wie Kastanien“, sagt Mama. Ich hab damit Fräulein Krause an der Nase herumgeführt, das war eine Hetz! Sie rief mich zum Probieren, und ich stand am Piedestal3, von dem ich die chinesische Vase heruntergenommen hatte, mitten im Salon. Den schillernden Stoff hatte ich umgenommen wie das Gewand einer griechischen Göttin. Ich stand ganz regungslos, die Arme hinterm Kopf, und kein Mensch sah mich, obwohl sie alle durch die ganze Wohnung und dabei an mir vorbeiliefen und meinen Namen riefen. Ich stieg erst dann von meinem Piedestal herab, als Mama schon ganz ärgerlich wurde. Beinahe hätte Bertha das grüne Kleid statt meiner bekommen; ich war zu schlimm, um beschenkt zu werden.
Mariaschein, 10. November 1894
Geliebte Mama!
Wie gerne möchte ich Dir zeigen, wie sich mein Leben jetzt gestaltet. Ich kann ja kaum glauben, dass ich schon 3 Monate verheiratet bin! In Gedanken bin ich noch immer bei meinen lieben Eltern und Adele, Ernst und Bertha in unserem schönen Haus in Wien. Wie froh muss Alfred sein, dass er und die liebe Julie in der Nähe der guten Eltern wohnen; Bruder Max, Schwester Jenny und mir geht es nicht so gut.
Du weißt ja, dass Mariaschein ein Wallfahrtsort ist. Ein großes Kloster ist hier und eine schöne Kirche; es gibt auch eine Schule, in welcher die Nonnen unterrichten. Dann sind hier Bernhards Fabrik, die kleinen Häuschen der Arbeiter, das Haus von Herrn Dr. Kisch, der sich um die Gesundheit aller Bewohner sorgt, das Pfarrhaus, der Spezereiwarenladen4 und, nicht zu vergessen, das Back’sche Haus. Bernhard hatte alles wunderschön für meinen Empfang vorbereitet. Wir haben einen großen Salon, und mein Gemahl überraschte mich mit einem Perserteppich, den er bei der Ausstellung in Dresden, welche er vor einem Monat geschäftlich besuchen musste, kaufte. Dann wurde plötzlich noch eine große Kiste ins Zimmer getragen; als die Holzwolle daraus entfernt worden war, kam ein wunderhübscher Meissner Luster hervor, mit den schönsten Porzellanvögeln und -blumen geziert. Wie schön wäre es doch, wenn Du und Papa all dies sehen könntet!
Das Musikzimmer ist neben dem Salon, und jede Woche machen wir Kammermusik. Bernhard spielt auf seiner Violine, ich am Klavier, wenn ich nicht singe, Dr. Kisch spielt die zweite Geige, und der Herr Pfarrer hat ein Cello. Oft macht mich die Musik sehr traurig, denn sie erinnert mich an die vertrauten Musikabende mit den lieben Geschwistern in Wien.
Im Parterre ist auch noch die große Küche, in der Bernhards Mali schon seit Jahren waltet, und neben der Küche die Speisekammer. Du hättest Deine Freude an Malis selbst gemachten Würsten, die von der Decke hängen, und den guten Konfitüren, Säften und Gemüsen, die dort fein säuberlich in Gläsern und Flaschen in Reih und Glied stehen. Freilich, weit hat es die Mali nicht zu ihren Beeren, denn im Garten wächst alles in Hülle und Fülle. Da gibt es Stachelbeeren und Johannisbeeren, Himbeeren und Brombeeren, Kirschbäume und Apfelbäume sowie Birnen- und Pflaumenbäume; die Pfirsiche wachsen am Spalier und auch die Erbsen, deren Platz ja eigentlich im Gemüsegarten wäre. Ich sah noch alles in voller Pracht, als ich hier einzog, doch jetzt kommt der Winter, und der Garten ist kahl.
Im 1. Stock befindet sich unser Schlafzimmer und noch zwei Zimmer. Das eine ist für gern gesehene Gäste gedacht – wann kommen Mama und Papa? – und das zweite ... Noch eine große Überraschung hat mir mein lieber Bernhard bereitet. Als ich die vierte Türe im 1. Stock öffnete, bot sich mir der Anblick eines Badezimmers, wie es der Kaiser selbst nicht schöner haben kann. Das Wasser fließt aus Hähnen direkt in die Badewanne, sowohl das kalte wie das warme, und das Handbecken ist an der Wand angebracht, so dass die Wasserhähne der Wanne auch das Becken bedienen können. Bernhard hat selbst die Pläne zum Bau des Badezimmers gemacht und es mit Hilfe des Vorarbeiters der Fabrik gebaut. Im 2. Stock sind Malis Kammer und der geräumige Boden.
Wenn mich gelüstet spazieren zu gehen, besuche ich die alte Rosenburg oben am Berg, die aus dem Mittelalter stammt. Ich habe meinen Namen in die Mauer eingraviert, so wie schon viele vor mir. Oft begeben wir uns nach Teplitz, wohin uns die Eisenbahn in einem Viertelstündchen führt, ergötzen uns am Konzert im Kurpark oder einer Vorstellung im Theater und besuchen Bernhards Mutter, die bei seiner Schwester Hermine lebt. Zur Jahreswende will Bernhard mich seinen andern Geschwistern in Prag vorstellen. Ob ich ihnen wohl gefallen werde?
Euere treue Tochter Grethe
Mariaschein, 30. November 1897
Geliebte Mama!
Vor 6 Tagen wurde unser Püppchen ein ganzes Jahr alt und Papa und Du würdet das Wickelkind, das Ihr bei Euerem Besuch am Arm trugt, gar nicht mehr erkennen. Truderl läuft schon fleißig herum, und gestern Abend, während wir Kammermusik machten, fand ich sie unterm Flügel versteckt, eifrig lauschend. Bernhards erster Weg, wenn er nach Hause kommt, ist ins Kinderzimmer, wo er mit Jauchzen empfangen wird. Er wird es nie müde, sich mit unserem Töchterchen zu beschäftigen und Pläne für ihre Zukunft zu schmieden. Vielleicht, weil sie die Einzige bleiben wird und ich kein Kind mehr bekommen darf. Mir scheint oft, sie hänge mehr an ihm als an mir. Alfred schickte mir eine Fotografie von Klein-Ditti, die mit ihrem blonden Lockenkopf ein reizendes Kind sein muss, und aus Lyon kam ein Konterfei von Maxens Sohn Gabriel, der Baby Simone im Schoß hält und sich dabei sehr wichtig vorzukommen scheint. Nur Jenny lässt sich Zeit! Es kam auch ein Brief von Bertha, der mich traurig stimmte; sie ist nicht glücklich mit ihrem Mann.
Ich lege auch eine Photographie von Truderl bei, damit Ihr sie gleich erkennt, wenn Ihr wiederkommt.
Euere treue Tochter Grethe
Mariaschein, 5. Dezember 1897
Liebes Berterl!
Dein lieber Brief hat mich sehr traurig gemacht! Der Gedanke, dass meine kleine Schwester so unglücklich ist, bedrückt mich sehr, und ich bin besorgt um Deine Gesundheit, die unter der lieblosen Behandlung von Seiten Deines Mannes bestimmt leiden wird. Vielleicht wird alles besser, wenn Du ein Kind bekommen wirst, da wird er Dich doch mit Respekt behandeln müssen.
Ich wäre so gern bei Dir in Wien, mit allen Geschwistern. Wie glücklich wir noch vor so wenigen Jahren dort gelebt haben! Mariaschein ist eintönig, dass ich schreien möchte. Stets dieselben Gesichter, und Bernhard in seine Arbeit vertieft, immer wieder neue Pläne für die Fabrik schmiedend, von welchen ich nichts verstehe. Mein Mann ist Respekt einflößend wie ein Lehrer. Es ist ja wahr, dass er alles besser weiß als ich, und mir kommt er vor, als wäre er ein Jahrhundert älter und klüger und nicht nur 10 Jahre. Er wird wohl Truderl ganz nach seinem Willen formen – mit mir gelingt es ihm nicht. Ich bin und war schon immer eine Individualistin.
Schreib bald wieder Deiner Dich liebenden Schwester Grethe
Mariaschein, 8. Oktober 1902
Liebste Mama!
Du und Papa müsstet Truderl mit ihrem neuen Schulranzen sehen! Sie trägt ihn stolz am Rücken, obwohl sie ja nur wenige Schritte in die Schule hat und den Ranzen ruhig in der Hand tragen könnte. Die Schiefertafel mit dem Schwamm baumelt lustig daran. Ob wir wohl richtig getan haben, sie in die Dorfschule zu schicken? Aber Bernhard meinte, dass sie ja auch bis jetzt mit den Kindern im Dorf aufgewachsen ist, und außerdem sind die Nonnen in der Schule besonders nett zu ihr. Als sie unlängst einen ihrer schweren Bronchialkatharre hatte, kam Schwester Johanna sie besuchen und ließ ein Heiligenbildchen am Nachtkasten5 zurück. Wird der heilige Joseph auch unserem kleinen jüdischen Töchterchen helfen, gesund zu werden? Bernhard erhofft sich viel von den Turngeräten, die er im Garten angebracht hat und auf welchen Truderl fleißig übt – in Gesellschaft der Dorfkinder natürlich. Unser Kind ist auch eine tüchtige Schwimmerin, denn Bernhard bestand darauf, sie Schwimmen zu lehren. Wann immer er sich frei machen kann, wandern die beiden zum Teich. Jetzt, wo wir vor dem Winter stehen, wird dies wohl aufhören müssen. Truderl wird ihre Sommerspiele im Garten vermissen. Wenn ich zum Fenster hinausschaute, sah ich sie stets inmitten eines Rudels Kinder, sie als Anführerin. Ihre größte Sorge ist es jetzt, wo und wie ihre Blindschleiche überwintern wird. Mir schaudert noch, wenn ich daran denke, wie oft sie das Tier als Halsschmuck getragen hat!
Ich freue mich, dass Bertha mit Olga, Kurt und Hans bei Euch auf Besuch war, so war unser schönes Zuhause in Wien wieder voller Kinder, wie einst. Nur traurig, dass sie kam, um ihrem tristen Leben auf einige Zeit zu entrinnen. Wie kann man nur zu unserer Bertl und drei kleinen Kindern so schlecht sein wie ihr Mann es ist?
Schreibt bald wieder Euerer treuen Tochter Grethe
Mariaschein, 1. November 1902
Lieber Ernstl!
Sei vernünftig, überleg Dir tausendmal, wen Du heiratest. Jenny und Alfred haben Glück gehabt. Moritz ist gut zu Jenny, und Uli ist eine richtige Dannhauser geworden, wie eine Tochter von Mama und Papa. Auch mein Bernhard ist ja ein guter Ehemann, wenn ich mich auch oft aus seinen Gedanken ausgeschlossen fühle und wir so manche Meinungsverschiedenheiten haben. Du wirst jemandem ein liebevoller Gatte werden und darfst Deine Zuneigung nicht an eine Frau verschwenden, die ihrer nicht würdig ist, so wie Elise nicht die Richtige für Max ist und ihn tief unglücklich macht. Adele sandte mir den Brief, den sie von Max bekam, in welchem er sich sein Herz ausschüttet. Elises Hass geht so weit, dass sie ihre eigene kleine Simone verabscheut, weil sie wie Max blond und blauäugig ist. Warum musste er eine Französin heiraten und ihretwegen auch noch Katholik werden? Und warum konnte unsere Bertl nicht einen Mann finden, der so ist wie Du? Mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke, was sie mitzumachen hat, muss sie doch die kleinen Kinder vor den Wutausbrüchen ihres Mannes schützen. Auch sie hat sich ja seinetwegen taufen lassen – evangelisch. Wozu das wohl gut war?
Lieber kleiner Bruder, lass Dir Zeit, bis Du sicher bist, die Richtige gefunden zu haben. Ich will, dass Du glücklich wirst!
Deine Dich liebende Schwester Grethe
Mariaschein, 10. Mai 1905
Geliebte Mama!
Ich bin in Gedanken ständig bei Dir und kann es noch immer nicht fassen, dass mein guter Papa nicht mehr ist. Hat doch sogar die Natur geweint, als wir ihn alle bei strömendem Regen zu Grabe trugen! Das war ein trauriges Wiedersehen nach so vielen Jahren, wo wir Geschwister doch immer so fröhlich miteinander waren.
So leid es mir tut, dass Du Bernhards Wunsch, Dich mit Adele bei uns niederzulassen, nicht nachkommen willst, verstehe ich, dass es Dich nach Berlin zurückzieht. Hast Du doch Deine liebe Schwester dort und andere liebe Verwandte, und das Schönste ist, dass unser Ernstl mit seiner Clara auch dort leben wird. Wir alle haben Clara schon in unser Herz geschlossen – man kann gar nicht anders, so lieb ist sie.
Alfred und Uli werden Dir und Adele, wie Du schreibst, bei der Übersiedlung helfen, und ich werde die trauten Räume nie mehr wiedersehen. Wie viele fröhliche Stunden habe ich in ihnen verbracht, und wie freudig denke ich an die Jahre meiner Jugend zurück, die dank der lieben Eltern so glücklich waren.
Mögest Du in Deinem neuen Heim in Berlin noch viele schöne Jahre verbringen, und möge uns unser gutes Mutterl noch lange, lange erhalten bleiben.
In Liebe,
Deine treue Tochter Grethe
Mariaschein, 30. November 1905
Geliebte Mama!
Es kann ja nicht wahr sein! Ich kann es nicht glauben, dass uns Jenny, unsere geliebte Jenny, für immer verlassen hat. Sie war noch so jung und glücklich und heiter und stets zu Späßen aufgelegt, die Schönste und Beste von uns allen. Wie wirst Du sie vermissen, Deine älteste Tochter! Welch eine Leere wird sie hinterlassen! Warum, warum musste sie gehen?
Ihr letzter Brief liegt vor mir: „Professor Hochmann will mein Myom nicht operativ entfernen. Er meint, es sei zu klein, um eine Operation zu rechtfertigen.“ Und so fiel sie einem ärztlichen Irrtum zum Opfer. Meine Tränen mischen sich in Gedanken mit den Deinen.
Grethe
Teplitz-Schönau, 14. April 1907
Liebste Mama!
Ich wäre so gern zu Dir nach Berlin gekommen, weil mir mein Besuch dort vor einem Jahr noch in so angenehmer Erinnerung ist. Eine Großstadt bietet ja doch ein anderes Leben mit ihrer Fülle von Theatervorstellungen und Symphoniekonzerten; ganz abgesehen davon, wie vergnüglich ich die Zeit in Deiner und Adeles Gesellschaft verbrachte und wie schön es war, sich von Ernstl und Clara ausführen zu lassen.
Du wirst verstehen, dass ich jetzt nicht von Teplitz abkommen kann. Es war bestimmt der richtige Entschluss, hierher zu übersiedeln, denn obwohl Truderl bereits voriges Jahr sehr selbstständig täglich mit der Bahn in die Schule und wieder nach Haus nach Mariaschein fuhr, ist es für sie doch besser, wenn wir hier wohnen.
Ich bin noch immer mit dem Einrichten der Wohnung beschäftigt und auch damit, unser neues Faktotum, die Resi, anzulehren. Wie schade, dass Mali nicht mitkommen wollte, und wie groß war unsere Überraschung, als sie uns mitteilte, sie wolle Nonne werden. Aber die Resi scheint auch sehr tüchtig zu sein.
Wir hatten großes Glück, eine so schöne Wohnung zu finden. Sie liegt in einem Villenviertel, im Stadtteil Schönhaus, nicht weit von Hermines Villa entfernt, so dass Truderl mit Leichtigkeit wenigstens eine ihrer geliebten Großmütter besuchen kann. Für Bernhards Schwester Hermine hat sie dagegen wenig übrig. Wir bewohnen den ersten Stock einer zweistöckigen Villa in der Waagestrasse Nr. 11; über uns wohnt der Hausherr, ein Rechtsanwalt. Das Vorzimmer ist sehr geräumig und wird vom Stiegenhaus aus durch eine mit bunten Blumen und Vögeln eingelegte Glastüre betreten. Linker Hand führt eine Tür in den Salon mit seinem Erker, in dem die schöne Glasampel hängt, und vom Salon führt eine weitere Tür ins Musikzimmer, wo unser Flügel seinen Platz gefunden hat. Truderl nennt es das blaue Zimmer, und wahrlich, die blauen Samtmöbel geben dem Raum seine Prägung. Zwei weitere Türen führen vom Vorzimmer ab ins Herrenzimmer, welches Bernhard als Kontor benutzen wird, und ins Schlafzimmer, an welches das Badezimmer anschließt. Die Mahlzeiten nehmen wir oft auf dem Balkon ein. Sonst dient uns der Salon mit seinem großen runden Tisch auch als Speisezimmer. Die Tür schließlich, die rechts vom Vorzimmer abgeht, führt in die große Küche, in welcher Resi schaltet und waltet und in der ihr Tafelbett6 steht. Truderls Zimmer liegt daneben.
Berlin ist Berlin, aber Teplitz hat auch ein reges Kulturleben. Wir gehen oft ins Theater und in Konzerte. Sonntags treffen wir uns mit guten Freunden im Café beim Kurkonzert.
So wäre alles schön und gut, wenn ich mir nicht große Sorgen um Bernhard machen würde. Es war ja sein eigener Entschluss, die Fabrik in Mariaschein zu verpachten, das Haus zu vermieten und nach Teplitz zu ziehen. Ich verstehe nichts von seinen Geschäften, weiß nur, dass er Geld bei verschiedenen Unternehmen angelegt hat. Trotzdem ist er stets deprimiert, und nicht einmal Truderl gelingt es ihn aufzuheitern. Wann wird er wieder der Alte sein?
In inniger Liebe,
Deine treue Tochter Grethe
Teplitz, 3. Dezember 1907
Mein liebes, gutes Berterl!
Innigen Dank für Deinen Brief, den ich gestern empfing. Wie wohl taten mir Deine tröstenden Worte! Ich schätze sie doppelt, weil ich doch weiß, mit welch schwerem Schicksal Du selbst zu kämpfen hast. Ein Glück, dass Olga mit ihren 9 Jahren so vernünftig ist und geschickt ihre kleinen Brüder in Sicherheit bringt, wenn ihr Vater schlechter Laune ist. Aber dass so etwas notwendig sein soll! Magda ist ja noch ein Wickelkind. Möge ihr Weinen Heinrich nur nicht in Wut versetzen, so wie es bei den drei andern der Fall war, was Du dann auszubaden hattest. Ich bin stets in Gedanken bei Dir.
Bernhard fühlt sich in letzter Zeit etwas wohler, doch wird er das Sanatorium auch zu Weihnachten nicht verlassen dürfen, was für uns eine große Enttäuschung ist. Die Ärzte machen mir Hoffnung, sie meinen, dass diese schwere Depression nur vorübergehend sei.
Es war gewiss vernünftig von ihm, sich ins Sanatorium zu begeben, und wenn ich die Wahrheit gestehen soll: Das war nur Truderls Überredungskunst zu verdanken. Die beiden waren schon immer ein Herz und eine Seele. Das arme Kind erschrak natürlich furchtbar, als wir wie durch ein Wunder Bernhards Selbstmordabsichten noch rechtzeitig entdeckten. Sie ist sehr reif für ihr Alter, verstand sofort, dass nur ein Sanatoriumaufenthalt helfen könnte, und fand rasch den richtigen Weg, ihren Vater davon zu überzeugen. Mögen wir ihn bald wieder bei uns zu Hause haben!
In Liebe,
Deine Schwester Grethe
Teplitz, 8. Jänner7 1908
Geliebte Mama!
Gestern erreichte uns ein Schreiben vom Chefarzt des Sanatoriums, in welchem er uns mitteilt, dass alle Patienten, Ärzte und Schwestern, die sich am Heiligen Abend dort befanden, Bernhard ihr Leben zu verdanken hätten.
Man saß im großen Speisesaal beim festlichen Mahl, als die schweren Brokatvorhänge plötzlich Feuer fingen; der Weihnachtsbaum mit seinen brennenden Kerzen stand zu nahe am Fenster. Professor Weiner schreibt: „Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich im ersten Moment den Kopf verlor. Auch das Personal stand ratlos herum, die Patienten schrien und das Feuer verbreitete sich blitzartig. Da griff Ihr Gemahl, gnädige Frau, mit größter Ruhe und Geistesgegenwart ein. Im Nu hatte er die Patienten aus dem Raum geführt und uns allen zugerufen, was zu tun sei. Wir rissen die brennenden Vorhänge herunter und es gelang uns, die Flammen mit Hilfe schwerer Decken fast ganz zu ersticken; einige Kübel Wasser besorgten den Rest. Als die von Herrn Back verständigte Feuerwehr erschien, hatten die Männer schon nichts mehr zu tun. Es war unser Glück, dass sich dieser mutige Mensch an jenem Abend in unserer Mitte befand.“
Nach Erhalt dieses Briefes, liebste Mama, hadere ich schon nicht mehr mit dem Schicksal, welches uns Gemahl und Vater am Weihnachtsabend vorenthielt. Er muss ja bald wieder sein altes Selbst werden!
Deine Dich liebende Tochter Grethe
Teplitz, 13. Juni 1908
Liebste Mama!
Deine liebevollen Briefe sind mir eine große Stütze, wie gern möchte ich Deiner Einladung Folge leisten und mit Trude einige Sommerwochen bei Dir und Adele in Berlin verbringen. Ich kann aber nicht weg von hier, muss doch in Bernhards Nähe sein, wenn ich ihn auch nicht zu oft besuchen darf. Ich wäre sogar bereit, das Kind allein zu Euch zu schicken, nur will sie auf keinen Fall so weit weg von ihrem geliebten Vater sein. Sie hätte die Ablenkung dringend nötig, ist letzthin sehr niedergeschlagen, hat Angstträume und weint viel, was sie doch sonst nie tut. Sie ist immer die Starke, nicht ich.
So kann ich Dich nur in Gedanken umarmen!
Deine treue Tochter Grethe
Teplitz, 20. Juni 1908
Meine geliebte Großmama!
Mein Vater ist nicht mehr! Er starb gestern ganz plötzlich und völlig unerwartet, sein Tod ist den Ärzten ein Rätsel. Bitte kommt, um ihn mit uns zu Grabe zu tragen. Es wird auch alles leichter, wenn Ihr bei uns seid, Du, Tante Adele und Onkel Ernst. Ich bin ganz allein. Mama hat sich in ihr Zimmer gesperrt.
Deine Dich innig liebende Enkelin Trude
Lyon, 6. März 1910
Lieber Alfred!
Gestern erreichte mich Dein Brief und verwandelte den Tag in einen Festtag. Das Bewusstsein, dass nicht nur Uli und Du, sondern auch die anderen Geschwister so liebevoll an mich denken, gibt mir die Kraft, mein Leben weiter zu führen. Ich durste nach einem guten Wort, denn zu Hause habe ich schon Jahr und Tag keines gehört. Nichts kann ich Elise recht machen, und traurigerweise habe ich keine Ahnung, warum sie so geworden ist und was sie gegen mich hat.
Die Kinder sind mein Trost. Gabriel ist ein ernster Junge und mit seinen 15 Jahren schon erwachsen; wenn Nesthäkchen Fredy auf meinen Schoß klettert und um ein Märchen bettelt, vergesse ich alle Sorgen; Simone dagegen, jetzt 13, schnürt mir das Herz ab! Das arme Kind leidet ebenso unter den Launen ihrer Mutter wie ich. Auch sie macht in deren Augen alles falsch, auch sie hört nie ein liebes Wort und versteht nicht, warum. Deshalb hängen wir besonders aneinander, und das wiederum ärgert Elise. Es ist wie ein Teufelskreis, den wir nicht durchbrechen können. Simone geht neuerdings oft in die Kirche; sie sagt, dort ist ihr wohl. Für mich ist das keine Lösung. Sei mir gegrüßt, Bruderherz, und küsse die Deinen in meinem Namen.
Max
Teplitz, 19. Oktober 1911
Lieber, lieber Ernstl!
Ich danke Dir tausendmal für Deinen Brief! Du weißt ja gar nicht, wie glücklich ich bin, wenn Post von Dir kommt, und welche Stütze ich an Deinen Zeilen finde, denn nur Dir kann ich schreiben, wie mir zumute ist. Warum ist es Mama nicht gegeben, ihre Tochter zu verstehen? Manchmal erscheint es mir, als lebten zwei Menschen hier in der Waagestrasse, die einander wildfremd sind; ich komme und gehe, als wohnte ich zur Untermiete. Will ich ihr aus meinem Leben erzählen, erscheint sie so uninteressiert, dass ich schnell gelernt habe, dies zu unterlassen. Ich vermisse Papa so sehr! Er hatte immer Zeit für mich, verfolgte stets mit Interesse alles, was ich tat, und speiste mich nie mit nichtssagenden Worten ab. Komisch – wenn man niemanden hat, dem man seine Erlebnisse erzählen kann, verlieren diese ganz an Bedeutung; das Lyzeum und die andern Schülerinnen dort sind mir völlig gleichgültig, ebenso wie die Lehrer. Doch hat Mama mir jetzt erlaubt, die Tanzstunde zu besuchen. Wer weiß, vielleicht wird dies Freude in mein Leben bringen. Grüße Tante Clara innigst von mir.
Deine Dich liebende Nichte
Trude
Teplitz, 26. Jänner 1912
Geliebte Großmama!
Wie schön war es zu Weihnachten in Berlin bei Dir und Adele und wie herrlich, sich so verwöhnen zu lassen. Ich schwelge noch in der Erinnerung an die Theater- und Konzertbesuche und die gemütlichen Abende mit meinem lieben Ernstl und seiner Clara, welche mir eher wie Bruder und Schwester und nicht wie Onkel und Tante sind. Wie gut geht es mir doch, dass ich Euch habe!
Es ist ja wirklich komisch, dass wir als Juden Weihnachten feiern, aber an Religion denke ich dabei gar nicht. Für mich ist es das Lichterfest, das den langen, dunklen Winter erhellt, welches schon von den Heiden gefeiert wurde, lang bevor es Christen gab. Nichts ist schöner als die Atmosphäre um die Weihnachtszeit! Mama hat das Fest ebenso angenehm mit Tante Hermines Familie verbracht; Hermines Schwager war auch dort und besucht uns jetzt öfters. Mir gefällt er gut, er heißt Albert Roubitschek.
Die Tanzstunde macht mir weiter Freude, besonders da Mama eingesehen hat, dass ich dazu ein neues Kleid brauche und mir ein entzückendes hellgelbes Organdykleid8 nähen ließ. Die meisten der jungen Herren wissen nicht, dass ich erst 15 bin, und es fehlt mir nie an Tanzpartnern. Einer von ihnen, er heißt Viktor Bermeiser, spielt herrlich Klavier, und wenn die Tanzstunde aus ist, spielt er mir und meiner Freundin noch aus seinem Repertoire vor. Stell Dir vor, er komponiert sogar selbst! Natürlich musste ich mich Großmutterl Back in meinem schönen Kleid zeigen. Wie macht sie das nur, dass sie so auf Gott vertrauen kann? Ich werde wohl nie den Moment vergessen, als Mama nach Papas Tod weinend in ihrer Gegenwart zusammenbrach. Sie sagte: „Warum weinst Du, Grethe? Gott hat gegeben und Gott hat genommen, und wir dürfen nicht hadern.“ Solch ein Glaube macht stark, aber er ist leider nicht jedem gegeben.
Dir und Adelchen in inniger Liebe,
Euere Enkelin und Nichte Trude
Teplitz, 15. August 1912
Mein liebes, gutes Berterl!
Gestern hielt Albert Roubitschek um meine Hand an, und ich weiß nicht, was ich ihm antworten soll! Was sagst Du dazu? Er ist ein sehr liebevoller und gütiger Mensch, etwas älter als ich, der mir über viele schwere Stunden hinweggeholfen hat, auch Truderl hat ihn gern. Er hat Vermögen, ist der Besitzer einer Mühle, welche ihm ein gutes Einkommen sichert. Doch bin ich schon 38 – ob ich mich wirklich noch einmal binden soll?
Verzeih, dass ich Dir mit meinen Sorgen daherkomme, wo Du doch mehr als genug eigene hast. Aber Mama will ich nicht aufregen, Adelchen kann ich deshalb auch nicht schreiben und die Brüder, so sehr ich sie liebe, sind eben Brüder und keine Schwestern, und niemand steht mir näher als Du.
Deine alte Grethe
Teplitz, 5. März 1913
Liebste Großmama, Adelchen, Ernstl und Clara!
Wie schön war es, Euch alle zu Mamas Hochzeit hier zu haben! Dass auch Onkel Alfred, Tante Uli und Bertl kommen konnten, machte alles doppelt so festlich.
Ich freue mich, dass Mama Albert geheiratet hat. Ihr werdet es kaum glauben, aber er weiß schon mehr über mein Leben, meine Interessen und Freunde als Mama und ist sehr lieb zu mir.
Euere Trude
Berlin, 29. Juni 1913
Innigst geliebstes Schwesterlein!
Ich beeile mich Dir, Albert und Truderl mitzuteilen, dass gestern unsere Senta zur Welt kam. Alles ging gut, und Du kannst Dir die Freude im Hause Dannhauser wohl vorstellen. Mama und Adelchen sind auch glücklich, jetzt eine Enkelin und Nichte in Berlin und nicht in weiter Ferne zu haben, und werden unser Töchterchen wohl nach allen Regeln der Kunst verwöhnen. Clara zuliebe habe ich eingewilligt, das Kind evangelisch taufen zu lassen, damit sie die Religion ihrer Mutter teilt. Nicht, dass das bei uns eine Rolle spielt – meine lutheranische Clara fügt sich vortrefflich in unsere jüdische Familie ein!
Da ich noch an Alfred, Max und Berterl zu schreiben habe, muss das für heute alles sein.
Dein überglücklicher Bruder Ernst
Feldpostbrief, 19. November 1914
Mein allerliebstes Truderl!
Kann es denn wahr sein, dass Du in wenigen Tagen 18 Jahre alt wirst? Wohin sind die Jahre verflogen, in welchen ich meine kleine Nichte auf den Schultern trug? Wo sind die Jahre, in denen ich zu meinem Stolz zum Tröster und Berater erkoren war und Dir hilfreich zur Seite stehen durfte? Nun höre ich mit Staunen, dass mein Truderl nach abgelegter Matura9 nicht ihre Jugend und Freiheit genießt, sondern die ehrenswerte Uniform der Roten Kreuzschwester angelegt hat und ihr Schärflein dazu beiträgt, unserem Vaterland zum Siege zu verhelfen. Ich bin stolz auf Dich, mein Liebling, und wünsche Dir, dass Du Deine so schwere Arbeit leichten Herzens verrichten sollst, um den armen Verwundeten ebenso viel Freude spenden zu können, wie Du mir immer gespendet hast. So dienen wir beide, jeder auf seine Art, dem Vaterland.
Wenn Ihr alle zu Deinem Geburtstag ein Gläschen auf Dein Wohl trinkt, gedenkt auch meiner, so wie ich in Gedanken bei Euch sein werde.
In alter Liebe,
Dein Ernst
Teplitz, 9. Mai 1915
Liebste Mama!
Wir sind glücklich, dass Clara doch endlich wieder Nachricht von Ernst bekommen hat, denn wie Du Dir vorstellen kannst, waren wir in größter Besorgnis. Möge der liebe Herrgott ihn weiter beschützen! Wie gut, dass Clara Dich und Adelchen in ihrer Nähe hat. Fällt es Adele nicht zu schwer, Senterl zu versorgen, während Clara im Geschäft ist? So fordert der Krieg Opfer von jedem, nicht nur von den tapferen Soldaten.
Truderl hat großen Erfolg bei ihrer schweren Arbeit. Ich war ja sehr dagegen, sie Schwester werden zu lassen, aber sie ließ nicht locker. Zum Glück ist sie hier in Teplitz stationiert, denn unser Kurhaus wurde zum Spital, hauptsächlich für orthopädische Fälle. Seit Neuestem arbeitet sie im Operationssaal und hat gestern zum ersten Mal dem Professor selbstständig assistiert. Wir hatten in ihrem Alter andere Gedanken im Kopf! Doch hätte sie ohnehin keine Gelegenheit, mit Altersgenossen fröhlich zu sein – alle, alle sind eingerückt! Auch ich selbst stehe manchmal am Bahnhof und verteile Essen an durchfahrende Truppen, bin froh, auch etwas beitragen zu können!
Es grüßt und küsst Dich und Adelchen innigst,
Euere Grethe
Feldpostkorrespondenzkarte, 17. August 1915
Liebste Gretl!
Dank Dir für Deine liebe Karte vom 3. Juli. Es ist wirklich rührend, dass Ihr Euch so um mich kümmert. Ich bin seit ein paar Wochen schon urlaubsbereit – soweit es von mir abhängt – und kaum noch geduldig genug, um meine Korrespondenz in Ordnung zu halten. Ich bitte deshalb um Nachsicht.
Ich hoffe, doch noch diesen Monat kommen zu können, und freue mich über Deinen Vorschlag, Clara mit Senterl nach Teplitz einzuladen. Hoffentlich kommen Mama und Adele auch mit, da sähe ich Euch alle! Es wird Clara gut tun, für einige Zeit aus ihren vier Wänden herauszukommen, denn auch im Geschäft sieht sie wahrscheinlich immer dieselben Gesichter.
In freudigster Erwartung eines baldigen Wiedersehens,
Dein treuer Bruder Ernst
Teplitz, 20. August 1915
Lieber Viktor!
Gestern traf ich Deine liebe Mutter auf der Straße, und sie klagte sehr darüber, schon lange nichts von Dir gehört zu haben. Ich versuchte ihr zu erklären, dass Feldpostkarten nicht immer rasch befördert werden, und tat alles, um ihr Mut zuzusprechen, bin aber nicht sicher, dass es mir gelang. Du schreibst ihr doch, wenn Du Gelegenheit dazu hast?
Dabei hab ich im Moment selbst Aufmunterung nötig! Ich kann mir nicht erklären, warum ich so deprimiert bin, kaum lächeln kann und am liebsten laut losheulen möchte, wo ich doch sonst immer den Kopf hoch halte. Es ist, als nähere sich ein drohendes Unheil, und das Gefühl beängstigt mich sehr, da mich schon einmal im Leben solch furchtbare Traurigkeit überkam – bevor mein Vater starb. Jedoch will ich Dich nicht mit meinen Ängsten belasten, Dein Leben ist momentan unerfreulich genug. Es wäre alles leichter, wenn Du bei mir wärest!
Gib acht auf Dich,
Deine Trude
Teplitz, 2. September 1915
Liebster Onkel Alfred!
Ich habe die traurige Pflicht Dir mitzuteilen, dass Onkel Ernst gefallen ist, und bitte Dich, dies Tante Bertha so schonend wie möglich zu sagen und auch Onkel Max zu informieren, falls Du ihn erreichen kannst.
Ich schreibe Dir, weil sonst niemand dazu imstande ist. Mama liegt mit schwerer Migräne in ihrem verdunkelten Zimmer, Großmama ist um Clara bemüht, und Adele kümmert sich um Senta. Der brave Albert übernimmt das Zepter, wenn ich zur Arbeit muss, ohne ihn wäre alles noch schwerer.
Es wird lange dauern, bis wir uns von dem furchtbaren Schock erholen. Wir erwarteten ja täglich das Läuten an der Tür, das unseren geliebten Ernst auf Urlaub bringen sollte und auf das wir uns so unendlich freuten. Großmama, Adele, Clara und Senta kamen vor einer Woche aus Berlin, damit wir alle zusammen sein konnten, und gestern saßen wir gerade bei Tisch, als es wirklich läutete. Ich stürzte zur Tür und riss sie auf; da stand der brave Schindler, Ernstens Leibbursch. Er hatte dessen Mantel über dem Arm und den Degen in der Hand und sein Gesicht sagte alles. Ich kann es gar nicht fassen!
Deine tieftraurige Nichte Trude
Feldpostkorrespondenzkarte, 7. Februar 1916
Wehrte Schwester Trude!
Fühle mich gezwungen, mich bei Ihnen, wehrtes Fräulein, nochmals zu bedanken für alles Gute, was Sie mir im Spital getan. Bin jetzt in der Garnison, so schön ist es nicht wie in Teplitz. Hoffentlich hat das Theater bald ein Ende.
Mit bestem Gruß,
Lt. Gobler aus Zimmer 219
Teplitz, 23. Mai 1916
Liebster Viktor!
Schon lange wieder keine Nachricht von Dir und ich kann nur hoffen, dass Du gesund und halbwegs munter bist. Ich besuche Deine Eltern, so oft ich kann, hauptsächlich um zu erfahren, ob sie vielleicht Post von Dir erhalten haben. Da dies sehr selten der Fall ist, versuchen wir dann immer, uns gegenseitig aufzuheitern. Du fehlst mir so sehr!
Ich bin froh, meine Arbeit zu haben. Wenn sie mich auch von dem furchtbaren Geschehen nicht ablenken kann, da ich doch die armen Verwundeten ständig vor Augen habe, ermüdet sie mich meist so sehr, dass ich, wenn ich Gelegenheit dazu habe, sofort einschlafe. Bin ich einmal weniger erschöpft, verfolgt mich das Bild von meinem so sehr geliebten Ernst, verwundet und verlassen, bis in meine Träume. Dabei kann ich nicht einmal auf ein paar Tage zu Großmama, Adele und Clara fahren, obwohl ich Urlaub bekäme und es mich so sehr zu ihnen zieht. Kein Zivilist darf ohne Sondererlaubnis Züge benutzen, da jeder Platz für Soldaten gebraucht wird.
Seit Neuestem arbeite ich zusätzlich zu meiner normalen Arbeit im Operationssaal als Assistentin von Prof. Dr. Paul Glessner. Er ist ein bekannter Orthopäde und kam vor einigen Wochen aus Berlin, um an unseren Patienten seine Methode der Heilmassage und -gymnastik auszuprobieren. Er sagt, ich hätte ein natürliches Talent fürs Massieren, und will sich nur von mir assistieren lassen. Er erzielt erstaunliche Erfolge, und wenn ich sehe, dass ein Lahmer, der an den Rollstuhl gebunden war, plötzlich doch wieder zu gehen anfängt, macht mich die Rolle, die ich bei seiner Genesung spielen durfte, sehr glücklich, und darum ist mir keine Anstrengung zu viel. Prof. Glessner lehrt mich richtig an, und manchmal arbeite ich schon ganz selbstständig.
Wir alle hoffen, dass Du doch bald auf Urlaub kommen kannst. Wie gerne möchte ich wieder einmal mit Dir vierhändig spielen oder Deinem Spiel lauschen.
Alles trägt sich leichter, wenn Du da bist!
In treuer Liebe,
Deine Trude
Feldpostkorrespondenzkarte, 12. November 1916
Liebste, liebste Trude!
Wieder einmal nichts mit dem Urlaub, muss noch mindestens eineinhalb Monate warten. Dir darüber zu schreiben, wie sehr mich das wurmt, unterlasse ich, und aus diesem Grund für heute nur innige Küsse in der Hoffnung, dass es wenigstens dieses Mal wahr ist, dass ich in anderthalb Monaten fahren kann.
Dein Viktor
Feldpostkorrespondenzkarte, 3. Jänner 1917
Meine allerliebste Trude!
Wie Du aus der Adresse ersehen kannst, bin ich Kdt. Asp.10 geworden. Aber mit dem Urlaub ist dafür nichts!
Ich danke Dir für Deine lieben Karten. Du weißt gar nicht, was sie mir bedeuten, zeigen sie mir doch, dass Du stets in Gedanken bei mir bist. Jetzt heißt es für mich wieder warten, warten, warten. Wie oft habe ich nicht schon gewartet? Werden wir halt später eine Freude haben.
Innigst,
Dein Viktor
Wien, 10. März 1917
Liebste Grethe!
Stell Dir vor, gestern läutete es plötzlich zu später Stunde, und als ich öffnete, stand Max vor der Tür. Die Freude war riesig, denn nie hätten wir erwartet, dass unser „Franzose“ mitten im brennenden Krieg hier erscheinen könnte, war doch jeglicher Kontakt mit ihm schon seit Ausbruch des Krieges abgebrochen. Die Freude hielt nicht an, als wir sahen, wie elend der arme Max aussah. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Während er uns erzählte, was sich im Lauf der Jahre abgespielt hatte, ließ ihn sogar sein sonst unverwüstlicher Humor im Stich, und das besagt alles. Als ich ihm dann noch sagen musste, dass unser Ernst gefallen ist, brach er ganz zusammen und schläft jetzt schon seit vielen Stunden den Schlaf des Erschöpften, während wir alle auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleichen. Hoffentlich wird es uns gelingen, ihn wieder gesund zu pflegen, auch ohne die Hilfe von Ulis bekannt guter Küche; es gibt ja kaum Lebensmittel zu kaufen. Aber an Liebe soll es nicht fehlen.
Langer Rede kurzer Sinn: Seit Anfang des Krieges wurden Max und Simone vom Hass Elisens buchstäblich verfolgt. „Salle boche11“ war die harmloseste Bezeichnung, die sie für ihren Gatten fand, und am liebsten hätte sie ihn aus dem Haus gewiesen. Da aber die Fabrik ohne ihn nicht weiter funktionieren konnte, wurde er gnädigst geduldet. Vor einer Woche jedoch erfuhr er von einem guten Freund, dass Elise ihn bei den Behörden als Spion angezeigt hatte und dass seine Verhaftung bevorstünde. Selbiger Freund bot ihm seine Hilfe an, und so kam Max bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Deutschland und von dort zu uns. Simone zog schon vor einem Jahr die Konsequenzen aus dem Benehmen ihrer Mutter: Sie ging ins Kloster. Einstweilen noch Novize, wird sie bald Nonne werden und dann mit ihren Eltern nicht mehr sprechen dürfen, da die Nonnen dieses Ordens der Schweigepflicht unterworfen sind. So verliert Max auch noch seine geliebte Tochter.
Wir haben selbst ein schweres Los zu tragen, denn die Ärzte machen uns keinerlei Hoffnung, dass unsere Susi nach dem schweren Scharlach im Winter jemals wieder hören können wird. So ist unser kleines Mädel, das doch erst 9 Jahre alt und schon so sprachbegabt und musikalisch ist, zu einem Leben der Lautlosigkeit verurteilt und wie weh uns das tut, brauche ich Dir wohl kaum zu sagen.
Ditti kann zu ihrem Leidwesen ihrer Kurzsichtigkeit wegen keinerlei Dienst beim Roten Kreuz verrichten, doch arbeitet sie am Bahnhof, um dort Truppen auf der Durchfahrt zu betreuen. Sie hat dabei einen netten jungen Mann kennen gelernt, der auch zu kurzsichtig ist, um einberufen zu werden, und statt dessen am Bahnhof Dienst macht. So hat Ditti wenigstens Gesellschaft, denn durch Susis Leiden geht es bei uns zu Haus nicht immer fröhlich zu. Wir hatten eine schönere Jugend als unsere Kinder!
In treuer Liebe, Dein alter Bruder Alfred
Feldpostkorrespondenzkarte, 26. November 1917
Liebe, liebe Trude!
Schreibe wieder im Nachtdienst meine rückständige Post. Du bist an erster Stelle. Kann Dir gar nicht schildern, in welcher Stimmung ich von Teplitz fortging. So, glaub ich, hab ich’s noch nie gespürt. Und an dem Ganzen war das Klavierspielen schuld. Die wirkliche Schwere meiner Situation wurde mir so recht klar, als ich am Klavier saß, meine Finger wie von selbst über die Tasten liefen und die Sehnsucht nach gediegener, geruhsamer Arbeit, welcher Begriff in letzter Zeit aus meinem Tagesprogramm gelöscht wurde, mein Inneres durchdrang. Doch bin ich schon wieder ganz vernünftig. Es tut mir leid, dass ich so wenig dazu beitrug, Dir und den Eltern den Sonntag vergolden zu helfen. Wie ich Euch kenne, freut Ihr Euch schon immer auf den Sonntag, und dann kommt so ein Raunzer und macht den Sonnen- zum Alltag. Für Nächstens verspreche ich sanft wie ein Lamm und lustig wie ein junger Hund zu sein.
Die Buchteln12 sind fabelhaft und das Verführungsmoment so groß, dass ich schon heute 6 Stück verschlungen habe, also mit dem Bis-Samstag-Auskommen ist nichts. Für den heutigen Nachtdienst schenkte mir mein Schlafkumpan einen ganzen Laib Brot, da ich keines mehr hatte. Dafür bekam er eine große Buchtel. Das nenn ich Kameradschaft!
Lass Dir wegen des Alleinseins keine grauen Haare wachsen und freu Dich auf kommende glückliche Zeiten, was ich hier auch tue; man fährt so doch am besten.
Dein Dich innig liebender Viktor
Teplitz, 18. Februar 1918
Liebe, liebe Großmama, liebstes Adelchen!
Wie gerne hätte ich Euch gestern mit dabei gehabt, als mir der Oberstabsarzt und Chefarzt unseres Spitals die silberne Medaille des Roten Kreuzes mit dem Ehrenzeichen feierlichst überreichte. Mama sagt, ich hätte sie mir wohl verdient, doch ist mir, als gäbe mir der Dienst im Spital mehr, als ich ihm gebe. Es ist wunderbar, das Gefühl zu haben, etwas Richtiges zu leisten!
Ich habe unendliche Sehnsucht nach Euch und warte ungeduldig auf den Moment, wenn ich endlich wieder normal in einen Zug steigen und zu Euch fahren kann. Wann wird es wohl so weit sein? Noch dröhnen die Kanonen!
In inniger Liebe,
Euere Trude
Teplitz, 23. Oktober 1918
Liebste Mama, liebes Adelchen!
Ich mache mir die größten Sorgen, da ich schon so lange nichts von Euch gehört habe. Ich bete und hoffe, dass Ihr beide, sowie Clara und Senterl, von der furchtbaren Spanischen Grippe verschont geblieben seid, so wie wir, gottlob.
Hier hört man jeden Tag von neuen Fällen, und rund um uns sind alle krank. Die Ansteckungsgefahr ist riesig und keiner weiß zu sagen, wie man sich schützen soll. Seit gestern komme ich überhaupt nicht aus der Aufregung heraus, da Trude aus dem Spital nach Hause kam, einfach einen kleinen Koffer packte und zum Bruder eines Freundes zog, um dessen grippekranke Frau zu pflegen. Was ich auch sagte, nichts half, sie war nicht bereit, Vernunft anzunehmen. Ich zittere um sie, obwohl Albert alles tut, um mich zu beruhigen. Als wäre der schreckliche Krieg nicht genug, musste auch noch diese schreckliche Krankheit über uns hereinbrechen!
Von Bertl hatte ich Nachricht. Es geht ihnen leidlich, da Alfred und Uli helfen, wo sie können. In Wien scheint es kaum noch Lebensmittel zu geben und Berterl sorgt sich hauptsächlich um Kurt und Hans, die für heranwachsende Jungen einfach unterernährt sind. Heinrich kümmert sich weiter um nichts, im Gegenteil, er muss auch noch gefüttert werden, statt dass er sich um seine Frau und Kinder kümmert. Olga hat, soweit ich aus Berthas Brief entnehmen konnte, die Erhaltung von Mutter und Geschwistern übernommen. Das ist ein großartiges Mädel, so begabt und musikalisch! Trotzdem hat Heinrich sie nicht weiter lernen lassen. Sie scheint einen guten Posten bei einer Bank zu haben, und ihr Verdienst hält die Familie über Wasser. Max lebt weiter bei Alfred und Uli.
Bitte schreibt sofort, damit ich die Sorge um Euch loswerde. Ich bin in Gedanken ständig bei Euch!
In Liebe,
Euere Grethe
Teplitz, 15. November 1918
Liebster Viktor!
Du kannst beruhigt sein, Deine Schwägerin Liesl ist schon auf dem Wege der Besserung, wenn sie auch noch sehr schwach ist. Es war mir unmöglich, Deinem Bruder eine abschlägige Antwort zu erteilen, als er mich bat seine Frau zu pflegen, denn der Arme stand ganz allein da. Deiner Mutter war die schwere Pflege natürlich nicht zuzumuten, sie hätte auch gar nicht die nötige Kraft dazu.
Ich muss Dir ehrlich sagen, dass das auch für mich die beste Medizin war. Es herrscht hier eine panische Angst vor dieser Krankheit, was ja zu verstehen ist, denn die Menschen sterben wie die Fliegen. Vor einem Monat erst war ich beim Begräbnis einer meiner besten Freundinnen, mit der ich drei Tage vorher noch einen gemütlichen Abend verbracht hatte. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch ich schon von Panik ergriffen wurde und direkt Angst hatte, unter Menschen zu gehen. Es war mir klar, dass ich den Stier bei den Hörnern zu fassen hatte, und Oskars Bitte kam mir gerade recht. Seit ich angefangen habe Liesl zu pflegen, ist meine Angst verschwunden.
Nun, da dieser grässliche Krieg zu Ende ist, wirst Du hoffentlich bald nach Hause kommen. Gib nur acht auf Dich, damit Dir nicht noch im letzten Moment etwas passiert.
Deine Trude
Wien, 6. Februar 1919
Liebe Gretl!
Gestern wurde ich Zeuge einer Szene, die ich nicht für möglich gehalten hätte, wäre ich nicht selbst dabei gewesen.
Ich war in der Nähe der Währingerstraße, und da ich schon lange nichts von Bertha gehört hatte, machte ich einen Sprung zu ihr. Sie schien fast zu erschrecken, als sie mich sah, und die Ursache dafür wurde mir bald klar: Heinrich kam knapp nach mir die Stiegen hinauf, und wir betraten die Wohnung fast gleichzeitig. Die Begrüßung war frostig; kaum, dass er mir Platz anbot. Bertha benahm sich, als wäre sie ein Dienstbote und hätte nichts zu sagen.
Und dann geschah’s! Heinrich erblickte Stephan Zweigs „Jeremias“, das auf einem Tischchen lag: Wer das Buch gekauft hätte? – Olga! – Hatte er nicht schon x-mal gesagt, dass dieses Luder ihr Geld für Nützlicheres als für blöde Bücher ausgeben sollte? Direkt zu Bertha gewandt, brüllte er: „Ich werde das Mistvieh hinausschmeißen! Euch alle werd ich hinausschmeißen, Ihr Schmarotzer!“ Er riss das Fenster auf, ergriff das Buch und warf es in weitem Bogen hinaus; meine Anwesenheit hatte er total vergessen. Als Bertha einzulenken versuchte, drehte er sich um und hob die Hand gegen sie, schien sich aber plötzlich meiner Gegenwart zu entsinnen und rannte aus dem Zimmer. Wir hörten die Wohnungstür hinter ihm zuschlagen.
Wir alle haben ja gewusst, dass Berthas Ehe unglücklich ist; dass sie aber in solch einer Hölle lebt, hatte ich mir nicht vorgestellt. Es ist mir ein Rätsel, warum sie nicht schon längst die Scheidung eingereicht hat, denn quälen lassen muss sich keiner. Das arme Ding schämte sich dieser Szene so sehr, dass sie mir kaum in die Augen schauen konnte, und ich es für das Barmherzigste hielt, mich so schnell wie möglich zu verabschieden. Wie konnten unsere guten Eltern nur zulassen, dass ihre Tochter solch einen Sadisten heiratet? Es bedrückt mich furchtbar, dass ich so machtlos bin. Als ihr ältester Bruder sollte ich ihr doch helfen können!
Dein treuer Bruder Alfred
Berlin, 3. März 1919
Liebe Mama, lieber Albert!
Ich beeile mich Euch mitzuteilen, dass ich heil in Berlin angekommen bin und von Großmama und Adele mit offenen Armen empfangen wurde. Auch Clara war zu meiner Begrüßung da und brachte Senterl mit, die enorm gewachsen und sehr herzig ist. Ich bin glücklich, endlich wieder hier zu sein!
Allerdings muss ich gestehen, dass Ihr mit Eueren Befürchtungen ganz recht hattet und die Reise wirklich nicht so reibungslos vor sich ging, wie ich mir vorgestellt hatte. Ich erlebte ein richtiges Abenteuer, von dem ich noch einmal meinen Enkelkindern erzählen werde.
Von Teplitz bis Aussig ging alles gut. Dort hielt der Zug, wie wir glaubten, um Kohle nachzufüllen und gleich danach weiterzufahren. Die Kohle wurde nachgefüllt, doch sonst geschah nichts. Wir warteten und warteten und warteten. Nach ungefähr zwei Stunden wurde verlautbart, dass der Zug nicht weiterfahren würde, Lokomotivführer und Schaffner wären auf Streik. Ihr kennt mich doch, ich wollte nach Berlin. Was tun?
Schon vorher war mir ein Mann aufgefallen, der mit einem Geigenkasten unter dem Arm wie besessen am Bahnsteig auf und ab lief. Jetzt schrie er den Stationsvorsteher an, dass er unbedingt nach Berlin müsse, er hätte dort noch am selben Abend ein Konzert zu geben. Der Mann war Bronislav Hubermann! Ich ging auf ihn zu, stellte mich vor und machte ihm den Vorschlag, gemeinsam den Weg bis zur Grenzstation Schandau zurückzulegen. Noch einige Passagiere gesellten sich zu uns, doch hatten sie Angst, ihr Gepäck im Zug zurückzulassen. Aber Trude wusste Rat. Es gelang mir, einige tschechische Soldaten, die dort herumstanden, dazu zu überreden, unsere Koffer zu tragen.
So zogen wir denn los, elf Mann hoch und die Soldaten. Ich trug Hubermanns Geige, die er niemandem anvertrauen wollte, aber die er auch nicht selbst durch das schwierige Terrain tragen konnte. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Landstrasse gesperrt war und wir einen Bergpfad benützen mussten. Es ging über Stock und Stein immer höher hinauf und oft durch dickes Gestrüpp. Hier und da lag noch Schnee, aber meistens versanken wir bis zu den Knöcheln im Morast. Felsblöcke verstellten den Weg, Steine rollten uns vor die Füße und Bäche rieselten über den Weg. Jede paar Minuten schrie Hubermann: „Meine Geige! Passen Sie auf meine Geige auf!“ Der Aufstieg war zwar schwer, aber nichts gegen den Abstieg ins Tal. Wir waren alle schon todmüde und rutschten bei Schritt und Tritt bergab. Ich musste mir die größte Mühe geben, nicht wirklich mit Hubermanns kostbarer Geige zu fallen und sie zu ruinieren.
Am halben Weg, noch mitten im Wald, machten unsere Träger Halt: Nicht weit von dort sei die deutsche Grenze, sie hätten Angst und wären nicht bereit weiterzugehen. Nun war guter Rat teuer! Aber wer A sagt, muss auch B sagen, und dieses Abenteuer war schließlich meine Idee gewesen. So übergab ich Hubermann seine Geige und machte mich allein auf den Weg zur Grenzstation, die ich auch glücklich erreichte. Dort gelang es mir, deutsche Träger zu überreden, mich zurückzubegleiten und unsere Koffer über die Grenze bis nach Schandau zu tragen. Wir hatten großes Glück, denn von dort fuhr wirklich nach kurzer Zeit ein Zug nach Berlin, in dem wir alle Platz fanden, obwohl er recht überfüllt war.
Adelchen ist gerade damit beschäftigt, mein neues hellgraues Kleid und meine hellen Knopfstiefel zu reinigen, die ich mir extra zur Feier des Wiedersehens mit ihr und Großmama angezogen hatte und die leider bei der abenteuerlichen Fahrt recht gelitten haben. Aber heute Abend müssen wir alle vier, Clara auch, elegant sein, denn Hubermann verehrte mir vier Karten zu seinem Konzert!
Alles Liebe, Euere müde Trude
Teplitz, 10. Juni 1919
Mein liebstes Berterl!
Ich bin ganz außer mir! Stell Dir vor, Trude sagte uns gestern aus heiterem Himmel, sie hätte vor, diesen Viktor Bermeiser zu heiraten. Wo hab ich nur meine Augen gehabt, dass ich das nicht habe kommen sehen! Er ist nichts, er kann nichts und hat sie wahrscheinlich mit seinem Klavierspiel berauscht. Wie immer war Trude allen Argumenten gegenüber taub. Sie ist finanziell selbstständig, sowohl Bernhard wie auch seine beiden Schwestern haben sie reichlich in ihren Testamenten bedacht, und so kann sie leider tun, was sie will, wir können sie nicht hindern. Viktor gefällt weder Albert noch mir; er ist ein ganz oberflächlicher Mensch, und ich halte es für absolut möglich, dass es Trudes Vermögen ist, welches ihn attrahiert. Ich bin sehr unglücklich, sehe ich sie doch nur in ihr Verderben rennen.
Verzeih, dass ich Dich wieder mit meinen Sorgen behellige, wo Du doch gewiss genug eigene Sorgen hast. Wir freuen uns mit Dir, dass Magda sich in Uppsala so wohlfühlt. Die Schweden sind ein braves Volk, dass sie sich dieser armen Kriegskinder so liebevoll annehmen. Wir hoffen, dass Magda richtig erholt, mit roten Backen und einige Kilo schwerer nach Wien zurückkehrt. Wir machen uns Sorgen um Deinen Kurt! Dem könnte so ein Aufenthalt in Schweden auch nicht schaden, wo er doch nur 40 Kilo wiegt. Aber leider ist er kein Kind mehr mit seinen 19 Jahren und die Schweden nehmen wohl nur Kinder. Und Hans will Schauspieler werden? Ich glaube fest, dass er das Zeug dazu hat, und bildhübsch ist er außerdem, also „Glück auf!“ Du wirst noch viel Freude an Deinen Kindern haben, und das verdienst Du auch.
Vorige Woche starb meine Schwiegermutter, und der Tod ihrer geliebten Großmutter Back ist ein schwerer Schlag für Truderl. Sie verstand sich wunderbar mit der alten Dame, die bis zuletzt ganz rüstig war und immer das größte Verständnis für ihre Enkelin hatte. Vielleicht hätte sie ihr die verrückte Idee dieser Heirat ausreden können!
Innigste Küsse von Deiner treuen Schwester Grethe
Wien, 27. Juni 1919
Liebe Gretl!
Bertha erzählte uns, dass Trude heiraten wird, und von Deiner Verzweiflung darüber. Ich kann Dich wohl verstehen, doch kann man die Sache auch anders betrachten.
Mag sein, dass es der junge Mann wirklich auf Truderls Geld abgesehen hat, aber die beiden sind jung, haben ihr Leben noch vor sich und die Chance, etwas daraus zu machen. Sie sind doch verliebt ineinander und so besteht die Möglichkeit, dass sich das Verliebtsein einmal in echte Liebe verwandeln wird. Vielleicht wird es Trude gelingen, den Luftikus zu ernster Arbeit anzuhalten. Andererseits sind Künstler ja wirklich aus feinerem Stoff gemacht als andere Sterbliche, und dem muss man Rechnung tragen. Wer weiß, Dein zukünftiger Schwiegersohn mag noch ein berühmter Komponist werden! Mach gute Miene zum bösen Spiel, Schwesterlein, wirst sehen, zum Schluss wird das Spiel gar nicht so böse sein.
Unsere Ditti will ja auch bald heiraten und wir wären mit ihrer Wahl von Paul sehr zufrieden, wenn nur eines nicht wäre: Er ist ebenso kurzsichtig wie sie. Es macht uns tief traurig, dass die beiden schon beschlossen haben, keine Kinder in die Welt zu setzen, denn sie fürchten wohl mit Recht, ein blindes Kind zu bekommen. So wird uns die Freude, ein Enkelkind zu haben, versagt bleiben, denn ob Suserl mit ihrem Gebrechen je heiraten wird, ist höchst zweifelhaft. Dabei ist sie hoch begabt, kann an jedem Gespräch mühelos teilnehmen, da sie den Sprechenden von den Lippen abliest und selber so spricht, dass man sie verstehen kann. Sie hat jetzt sogar angefangen, Französisch zu lernen, und ihre Ambition, enorm für ein 11-jähriges Kind, wird sie noch weit bringen. Trotzdem bricht uns fast das Herz, wenn wir an ihre Zukunft denken! So hat ein jeder sein Kreuz zu tragen.
Max hat beschlossen, nach Lyon und zu seiner Familie zurückzukehren. Der Wunsch, in der Nähe seiner Kinder zu sein, und wohl auch die Tatsache, dass er katholisch ist, dürften zu dem Entschluss geführt haben. Auch bedarf die Fabrik seiner und wird ihm in diesen schweren Zeiten eine sichere Existenz bieten. Es ist uns jedoch unverständlich, dass es ihm möglich scheint, nach allem, was gewesen ist, wieder mit seiner Frau unter einem Dach zu leben. Max sagt, Katholiken sei die Scheidung eben verboten. Zum Glück ist Bertha evangelisch und nicht katholisch! Wir hoffen aus ganzem Herzen, dass sie endlich die seelische Kraft dazu aufbringen wird, Heinrich den Laufpass zu geben. Die Arme lebt in einer wahren Hölle und kommt nur zur Ruhe, wenn er von Hause abwesend ist. Auch die Kinder wagen sich nicht ins Haus, wenn er da ist. Olga ist großartig und bemuttert sowohl ihre Mutter als auch die Geschwister, ohne sie wäre Bertha verloren. Hans ist ausgezogen und wohnt jetzt in einem möblierten Zimmer im selben Haus, denn Heinrich warf ihn hinaus, als er erfuhr, Hans wolle Schauspieler werden. Wovon der Junge lebt, weiß ich nicht, wahrscheinlich unterstützt ihn Olga. Kurt ist entsetzlich abgemagert, hustet auch ständig; er soll nur nicht Tuberkulose bekommen! Leider können wir sehr wenig helfen, obwohl wir tun, was uns nur möglich ist.
Grüße Albert herzlich von mir und Uli, die Dich in Gedanken umarmt, so wie ich es tue.
Dein treuer Bruder Alfred
Teplitz, 23. November 1919
Geliebte Großmama, liebstes Adelchen!
Ich war bitter enttäuscht, dass Ihr nicht zu meiner Hochzeit kommen konntet, denn obwohl sie in aller Stille am Standesamt stattfand, hätte ich Euch doch für mein Leben gern mit dabei gehabt. Aber natürlich verstehe ich, dass die Reise zu anstrengend gewesen wäre. Macht nichts, bei erster Gelegenheit komme ich nach Berlin, und dann erzähle ich Euch alles ganz ausführlich.
Ich werde genug Zeit haben, denn Viktor hat in Prag auf der medizinischen Fakultät inskribiert und ist schon hingefahren. Ich wohne weiter in der Waagestraße, denn wozu hätte ich für mich allein eine andere Wohnung nehmen sollen. Sehr gerne möchte auch ich in Prag Medizin studieren, was Viktor das Studium bestimmt erleichtern würde, doch ist Mama ganz außer sich bei dem Gedanken, und so ließ ich ihn wohl oder übel fallen. Sogar Albert, der mich doch meist unterstützt, ist dagegen. Papa wäre dafür gewesen, davon bin ich überzeugt.
Bitte dankt Clara einstweilen in meinem Namen für ihren liebevollen Brief zu meiner Hochzeit und für das schöne Geschenk. Sehr freut mich auch die Fotografie von Senta, die mit ihrer Schultüte in der Hand und dem Ranzen am Rücken so ernst in die Welt blickt. Wie stolz Ernst auf seine Tochter gewesen wäre!
Habt Ihr genug zu essen in Berlin? Wenn Ihr etwas braucht, dann schreibt mir, und ich werde versuchen es mitzubringen, wenn ich komme. Gebt acht auf Euch!
In inniger Liebe,
Euere Trude
Teplitz, 5. Mai 1920
Liebste Tante Uli, lieber Onkel Alfred!
Könntet Ihr mir vielleicht behilflich sein, in Wien eine Wohnung zu finden? Viktor hat das Medizinstudium doch nicht zugesagt. Erst glaubte ich, er hätte die Prüfungen des ersten Semesters bestanden, jedoch stellte sich heraus, dass ich ihn missverstanden habe. Er möchte jetzt Zahntechnik erlernen, und das lieber in Wien als in Prag. Diesmal lasse ich ihn nicht wieder allein weg. Wenn er ein geordnetes Zuhause hat, wird ihm das Studium bestimmt leichter fallen. Er hat eben hauptsächlich Musik im Kopf, nur ist das leider momentan eine brotlose Kunst, und es gereicht ihm zur Ehre, dass er nicht von meinem Geld leben will.
Ich freue mich darauf, in Euerer und Berterls Nähe zu sein, zumal es mich schon immer nach Wien gezogen hat.
In Liebe,
Euere Trude
Wien, 9. September 1920
Liebste Mama, lieber Albert!
Die Fahrt hierher ging ganz glatt. Gegen 10 Uhr abends kam ich bei Alfred und Uli an und wurde mit Hallo empfangen. Gleich am nächsten Tag in der Früh gingen wir die Wohnung besichtigen, und ich nahm sie an Ort und Stelle. Uli sagt, sie hätte die größte Mühe gehabt, den Hausherrn zu überreden, auf mich zu warten, denn es gibt so gut wie keine leer stehenden Wohnungen in Wien.
Ich glaube, wir haben Glück gehabt! Unser neues Domizil ist im 3. Bezirk, nicht weit vom Stadtpark, die Adresse: Mattheusgasse 12. Wir haben ein Zimmer, eine Küche und ein Kabinett13; ein Badezimmer ist nicht da, aber die Küche ist geräumig, so dass mit Leichtigkeit eine Zinkwanne Platz findet, die man, wenn sie nicht in Gebrauch ist, in einer Ecke unterbringen kann. Uli sagt, in Wien wären Wohnungen mit Bad eine Seltenheit.
Die Biedermeiermöbel, die mir Tante Regine vermacht hat, werden sehr gut ins Kabinett passen; fürs Schlafzimmer muss ich mich erst nach etwas Schönem umschauen. Ich werde noch genug Rennereien haben, bis alles zum Einziehen bereit sein wird, aber Viktor kommt ja sowieso erst nächsten Monat, so dass ich mich nicht besonders beeilen muss. Ich wohne inzwischen weiter bei Alfred und Uli, die mich sehr herzlich eingeladen haben. Morgen besuche ich Berterl und hoffe auch Olga, Kurt und Hans anzutreffen. Magda ist noch in Schweden und Heinrich zum Glück verreist. Ditti und Paul habe ich noch nicht gesehen, aber sie kommen heute Abend zum Nachtmahl.
Alles Liebe,
Euere Trude
Wien, 15. Oktober 1920
Liebste Mama, lieber Albert!
Die Wohnung ist fertig und wartet nur auf den Hausherrn, meinen Mann, der morgen Abend kommt. Sie ist sehr schön geworden und ich danke Euch nochmals für das prompte Schicken der Möbel, Teppiche und Wäsche. Das Kabinett ist ein richtiges Biedermeierzimmer, sogar der Sekretär und die Vitrine fanden Platz. Berterl stöberte in einer Kiste am Boden cremefarbige Vorhänge mit gestickten rosa Blümchen und hellgrünen Blättchen auf, die genau zum grünen Möbelstoff mit den rosa und gelben Streifen des Sofas und der Stühle passen; in den Stoffgeschäften hatte ich gar nichts Richtiges gefunden. Ich kaufte ein Schlafzimmer in Weiß, Betten, Schränke und Psyche14, außerdem einen kleinen Tisch mit runden, gepolsterten Sesseln. Da das Zimmer sehr geräumig ist und auch das Klavier darin stehen wird, werden wir uns bestimmt viel dort aufhalten. Danke, Mama, dass Du an die weißen Vorhänge mit der Filetspitze gedacht hast; sie sind wie für diesen Raum geschaffen.
Wien ist eine graue Stadt geworden; alles erscheint schäbig, auch die Menschen. Vom klingenden, singenden, tanzenden Wien ist nichts zu merken, aber so wie Du mir Deine Vaterstadt geschildert hast, Mama, sind die Wiener ja nie unterzukriegen und werden sich bestimmt wieder aus der Misere herauswursteln. Wann immer ich kann, fahre ich mit der Straßenbahn nach Grinzing oder Hütteldorf und wandere oft stundenlang durch den Wienerwald, dessen Herrlichkeit sogar der grässliche Krieg nicht zerstören konnte. Von solchen Ausflügen kehre ich immer erfrischt und mit neuen Kräften zurück.
Mit Ditti und Paul bin ich häufig zusammen, ebenso mit Olga und Kurt. Hans sehe ich selten, Berterl dagegen umso mehr. Sie kommt oft zu mir und ich habe es mir zum Ziel gesetzt, sie von der Notwendigkeit einer Scheidung zu überzeugen. Sie schaut elend aus und kränkt sich, dass sich Olga so für die Familie abrackern muss, dass Hans sie nur im Geheimen besuchen kann, wenn nämlich Heinrich nicht in der Nähe ist, und dass Kurts Gesundheitszustand sehr viel zu wünschen übrig lässt. Ein Glück, dass Magda in Uppsala ist!
Ich freue mich unendlich auf Viktors Ankunft und darauf, jetzt ein richtiges Eheleben anzufangen. Ich habe alles für ihn auf der zahnärztlichen Hochschule erledigt und er kann sofort die Vorlesungen besuchen. Hoffentlich bleibt ihm dann noch genug Zeit zum Klavierspielen.
In Liebe,
Euere Trude
Wien, 16. März 1921
Liebste Mama!
Ich schreibe in Eile, nur um Dir mitzuteilen, dass Kurt seit gestern im Allgemeinen Krankenhaus liegt. Er bekam plötzlich eine Lungenblutung und die Ärzte machen uns wenig Hoffnung. Sie sagen, dass er zu sehr heruntergekommen sei, um der Tuberkulose Herr zu werden. Ich bin fast ständig mit Berterl im Spital, will sie dort nicht allein lassen, während Olga bei der Arbeit ist. Uli oder Ditti lösen mich manchmal ab, auch Alfred, wenn er sich freimachen kann. Leider ist Magda gerade jetzt aus Schweden zurückgekommen; länger ließ man sie nicht bleiben.
Ich werde Dich auf dem Laufenden halten.
Trude
Wien, 9. November 1921
Liebste Mama, lieber Albert!
Ich glaube, jetzt ist Kurt über dem Berg! Die Ärzte selbst können kaum begreifen, dass er es geschafft hat, und warnen uns noch immer vor einem Rückfall. Ihr wisst ja, wie es die ganzen Monate erst bergab, wieder bergauf und dann wieder bergab gegangen ist. Also haltet Daumen, dass diesmal nicht wieder eine Verschlechterung eintritt; wir sind alle so glücklich über diese ersten Anzeichen einer wirklichen Besserung.
Viktor besucht fleißig alle Vorlesungen, scheint sich aber doch noch nicht im Klaren darüber zu sein, ob Zahntechnik wirklich der Beruf ist, welcher ihm zusagt. Klavier spielt er, wann er nur kann, häufig spielen wir auch vierhändig, und ich versuche stets, Berterl ans Klavier zu locken, wenn sie bei uns ist; das ist das Einzige, was sie von ihren trüben Gedanken ablenkt. Magda geht in die Schule, sehnt sich aber nach Schweden zurück, wo es ihr auch bestimmt besser gegangen ist. Zu ihr ist Heinrich nett, wenigstens schlägt er sie nicht wie seine anderen Kinder. Sie aber hasst ihn, denn sie sieht ja, wie er ihre Mutter und Geschwister behandelt; Hans wagt sich trotz seiner 19 Jahre nie ins Haus, wenn sein Vater in der Nähe ist, und Kurt wäre nicht so krank geworden, wenn Heinrich zur Versorgung der Familie beigetragen und sich um die Beschaffung von Lebensmitteln gekümmert hätte. Es ist kaum auszudenken, was geschähe, wenn Olga nicht wäre!
In inniger Liebe,
Euere Trude
Wien, 27. April 1922
Liebste Clara!
Ich danke Dir innigst für Deinen lieben Brief mit der hübschen Fotografie von Senta. Welch großes Mädel sie schon ist mit ihren 9 Jahren! Wie gerne möchte ich Euch alle wieder einmal umarmen und richtig abküssen!
Ich sehne mich nach Euch und Berlin und sogar nach Teplitz, obwohl ich Wien liebe. Die Erklärung zu diesem Paradox ist nicht schwer zu finden, und Dir kann ich es ja sagen: Ich weiß nicht, wohin meine Ehe führen wird. Viktor nimmt sein Studium gar nicht ernst, spricht schon davon, es aufzugeben, um etwas anderes zu versuchen. Das wäre das Wenigste, doch scheint er zu glauben, dass mein Geldbeutel keinen Boden hat, meine Mittel unbegrenzt sind und dass ich ständig neue Pläne finanzieren kann. Dem ist nicht so! Mein Bankkonto ist schon sehr zusammengeschmolzen, und ich mache mir oft Sorgen um das tägliche Brot. Dabei muss ich sehr vorsichtig sein, denn ich will ihn nie daran erinnern, dass ich das Geld mit in die Ehe gebracht habe. Ich werde mich jetzt nach einem Posten umschauen, was im heutigen Wien gar nicht leicht ist, aber ich will keinesfalls Mama um Hilfe bitten.
In Gesellschaft dagegen hat mein Herr Gemahl großen Erfolg. Mit seinem guten Aussehen und herrlichen Klavierspiel ist er der reinste Salonlöwe, der Rattenfänger von Hameln oder wie Du es nennen willst, und die Studentinnen umschwirren ihn wie die Bienen. Seine schlechte Laune wegen nicht bestandener Prüfungen koste dann zu Hause ich allein aus. Das ist die Ironie des Schicksals: Nach zweieinhalbjähriger Ehe, wo ich größeren Abstand zu unserem Verhältnis halten kann, flüstert eine Stimme mir zu, dass auch ich hauptsächlich in sein Klavierspiel verliebt war. Ich bin es ja jetzt noch, nur zweifle ich immer häufiger daran, ob das eine gesunde Grundlage für eine glückliche Ehe sein kann.
Liebste, liebste Clara, Du weißt gar nicht, was Deine liebevollen Briefe für mich bedeuten. Ich habe doch sonst keinen Menschen, dem ich mich anvertrauen könnte, und muss nach außen stets ein freudiges Gesicht zeigen, trotzdem mir das Herz so schwer ist.
Gib Senta einen Kuss von mir!
In treuer Liebe,
Deine Trude
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