Read the book: «Kirche im freien Fall»
Cristina Fabry
Kirche im freien Fall
Kurzkrimis 2020
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Wut
Isebel – ein Ultrakurzkrimi
Ouroboros
Blutige Erben
Prophet
Epilog in der Hölle
Alles Wurst
Ziel unbekannt
Die zehnte Plage
Eremit
Schmerz
Verzweifelte Suche - Ein Antikrimi mit Peter Margo
Christenverfolgung – ein Goedereede-Krimi
Pest
Feuer!
Mitten ins Herz – eine Zufallsgeschichte aus erwürfelten Begriffen
Quarantäne – Kurzkrimi in 8 Teilen
Misanthropie
Maschinensturm
Einfach drauflos
Brüder
Fleisch
Mamma
Mammographie-Tagebuch
Bildbetrachtung
Hydra – fast nur ein Plot
Ende offen
Strafprediger gerichtet
Sehnsuchtsort
Wahlkampf
Schuld
Streit
Spinner
Dumm gelaufen
Hahn im Korb
Cliffhanger – Auftakt einer längeren Geschichte
Sabotage - eine Peter-Margo-Geschichte
Vergebung
Gebrauchsanweisung
Macht
Im freien Fall
Ungelebtes Leben – oder ein Motiv
Videokonferenz mit Katze
Seelenlos
Besitzstandswahrung
Impressum neobooks
Wut
Am Anfang war das Wort. Ganz leise, unausgesprochen, mehr so ein Gefühl.
„Das gibt‘s doch gar nicht! Und so was von Kirche! Da hört sich doch alles auf! Machen die einfach ein Konfirmanden-Event im Möbelhaus, ohne das vorher anzumelden, und dann steht mein Kind draußen in der Kälte, einfach vor die Tür gesetzt, nur weil diese Orgelpfeifen nicht anständig planen können. Sollte man alle rausschmeißen. Schmarotzerpack!“
Und das Wort war nicht mehr bei Gott. Gott war auch nicht das Wort, es war ein böses Wort. Ein Scheißgefühl.
„Ekelhaft, wenn die Weiber ihre blutenden Windeln einfach so in den Hausmüll meiern. Gibt doch extra diese Papiertüten dafür. Drecksweiber, widerliche! Und der Küster macht auch nix, die Sau!“
Alles Elend ist durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist kein Elend gemacht, was entstanden ist.
„Diese beschissene Pastorin! Der würde ich am liebsten büschelweise die Haare ausreißen. Als wenn irgendjemand sonst den Verkündigungsengel besser spielen könnte als meine Joelina. Immer wird sie nach hinten gedrängt und die Kinder von Borchardts und Vennebecks haben jedes Mal Hauptrollen. Ist doch eh alles abgekartet, stecken alle unter einer Decke!“
In ihm war das Streben. Und das Streben war die dunkle Last der Menschen.
„Kein Ave Maria bei der Trauung? Hallo? Wessen Hochzeit ist das eigentlich? Dass die Pastöre mit ihren vorsintflutlichen Vorstellungen einem einfach jede Party im Leben versauen müssen. Als ob das irgendeinen interessiert, dass man in der Evangelischen Kirche nicht zu Maria betet. Will ja auch keiner beten. Wir wollen doch einfach nur ergreifende Musik, wenn Blumen streuen und Reis werfen schon verboten sind. Wenn das alles über die Bühne ist, trete ich aus. Spätestens nach der Kindstaufe. Sollen sehen, wo sie ihre Steuern herkriegen. Wenn sie ihre Pastöre nicht mehr bezahlen können, weht hier endlich mal ein anderer Wind!“
„Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat‘s nicht ergriffen.“ (Johannes 1, 5)
„Kirche ist wirklich der allerletzte Vermieter! Schaffen es noch nicht einmal einen Parkplatz für Anwohner frei zu halten. Überall stellen diese fußfaulen Weiber ihre bonbonfarbenen Knutschkugeln ab und ich muss meinen Großeinkauf ‘n halben Kilometer um den Block schleppen. Abschleppen lassen müsste man die, damit sie es endlich lernen!“
Und die Dunkelheit dringt in alle Ritzen, ergreift Besitz von jedem und die Macht über alle.
„Jetzt ist es also amtlich. Ich habe ja schon immer gewusst, dass der ein krummer Hund ist. Wie der schon immer rumläuft. Und wie der redet, als käme er direkt aus der Gosse. Und so einen hat man nun jahrelang auf Kinder losgelassen. Dem zeigen wir es jetzt. Der kriegt hier nie mehr ein Bein an die Erde.“
„Unfassbar. Dass der jahrelang damit durchgekommen ist. Wer weiß an wie vielen der sich am Ende vergangen hat. Immer schön auf Freizeiten gefahren und die kleinen Mädchen nachts am Strand verführt. Hat er wohl nicht mit gerechnet, dass mal eine auspackt. Jetzt kriegt er die Packung. Und nicht nur eine.“
Vor dem Gemeindehaus zogen die düsteren Gestalten immer engere Kreise um den Eingangsbereich. Hier war kein Entkommen mehr für den, dessen sie habhaft werden wollten. Trotz der farblichen Vielfalt ihrer Walkmäntel und Funktionsjacken stockten sie langsam zu einer graubraunschwarzen homogenen Masse, denn die Finsternis ihrer versteinerten Mienen breitete sich rauchschwadengleich über ihnen aus. Sie waren die selbst beflügelten Racheengel mit der flammenden Rosenschere, dem donnernden Dachdeckerhammer, dem zornglühenden Gemüsemesser. Einige hatten sogar Fackeln dabei und wussten selbst nicht warum. Sie waren nur noch geballte Wut. Es hatte sich herumgesprochen in der Gemeinde, Rüdiger, der bärig-väterliche Diakon mit dem athletischen Kreuz und den hellbraunen Samtaugen war einer von diesen Subjekten. Lisa-Marie war am Samstag spät aus seinem Haus getreten, das Gesicht voller Tränen, ihre Lippen hatten nicht ein einziges Wort geformt, nur erstickte Schreie und sie hatte am ganzen Körper gezittert. Jetzt war er dran, das Schwein. Es ging ganz schnell. Hopp, zack, bumm und Rüdiger rührte sich nicht mehr. Sie waren schneller als Lisa-Maries Mutter, die sich beeilte zu erklären, dass die Lisa-Marie beim Rüdiger gewesen war, zum seelsorgerlichen Gespräch, weil, ja das war jetzt auch egal und überhaupt zu spät.
Und am Ende heißt es dann wieder: Man habe das alles nicht gewusst und das habe man so nicht gewollt und wer hätte denn ahnen können und man habe ja auch nur seine Pflicht getan.
Isebel – ein Ultrakurzkrimi
Die Bereichsleitung hatte immer dagegengehalten, hatte die religiös Orientierten ausgelacht, als missionarisch stigmatisiert, als unaufgeklärt, als Fleisch gewordene Stagnation. Wie Isebel, immer voller Hohn, nur die eigene Karriere im Blick, alles andere egal.
Konnte ja nicht wissen, dass die leerstehenden Räume, die anzumieten ich vorgeschlagen hatte, direkt an das Grundstück des Rottweiler-Züchters grenzte. Auch nicht, dass die Balkonbrüstung schadhaft war. Stürzte – wie Isebel. Und dann die Hunde – wie Isebel. War am Ende über das gesamte Grundstück verteilt – wie Isebel.
Ouroboros
1. Carla hatte schon seit Tagen nichts mehr von Jan-Olaf gehört. Zuerst war es ihr gar nicht aufgefallen; sie war so übertrieben beschäftigt mit den Abiturvorbereitungen und um den Kopf frei zu kriegen, raste sie gern noch eine Runde auf den Roller-Skates durch die Feldstraßen, bis sie richtig in Schweiß geriet. Danach liebte sie es, mit der fruchtigen Waschlotion zu duschen und dann bei Wildkirschtee auf dem Sofa zu sitzen und Skizzen für ihr nächstes Aquarell zu machen.
Aber jetzt sehnte sie sich nach Streicheleinheiten, der Wärme und dem Geruch ihres Freundes und vielleicht auch nach ein bisschen mehr.
Er war ebenfalls im Abistress, aber weniger ehrgeizig als Carla, ging alles entspannter an, weil er sich auch nicht so anstrengen musste, um gute Zensuren zu bekommen. Carla war stolz auf ihren Jan-Olaf, er war intelligent, kultiviert, sportlich, gutaussehend und sehr treu. Auch wenn sie ihn in den letzten Wochen häufiger zurückgewiesen hatte, konnte sie sich darauf verlassen, dass er sich spätestens nach drei Tagen wieder meldete. Jetzt waren aber schon fünf Tage vergangen. Dann eben nicht. Morgen Abend wollte sie mal wieder zum Jugendkreis gehen, ein bisschen Bibelarbeit machen und Anstecker aus Kronkorken basteln, dafür musste sie nichts vorbereiten, lag alles im Schrank.
Am nächsten Abend waren sie immerhin zu siebt: Carla, Jan-Olaf, die dumme Imke, der stumme Jens, die anstrengende Kerstin, die lahmarschige Silke, die langweilige Annette und der witzige Martin.
Kerstin wollte unbedingt das erste Lied mit der Gitarre begleiten und Carla ließ sie gewähren, obwohl die Barrégriffe regelmäßig danebengerieten und Kerstins Rythmus-Gefühl an übergewichtige, durchs Unterholz stolpernde Kinder erinnerte. Sie selbst war auch alles andere als unrund, aber stetig bemüht, wie ein Bambi-äugiges, scheues Reh zu wirken: elegant, grazil und schutzbedürftig.
Bei der anschließenden Bibelarbeit versuchte sie permanent, sich der theologischen Deutungshoheit zu bemächtigen, stellte alles in Frage, was Carla erklärte, hielt immer dagegen und meinte, alles besser zu wissen, dabei war sie erst sechzehn und offensichtlich nicht außerordentlich belesen; nicht einmal durchschnittlich für eine Gymnasiastin ihres Alters. Am schlimmsten war, dass Jan-Olaf sie viel zu ernst nahm, auf alles einging, was sie absonderte und ihr hin und wieder sogar beipflichtete. Warum verschwendete er seine Aufmerksamkeit an so einen erbärmlichen Fettfleck?
Auf dem Heimweg war er schweigsam. Er blieb noch eine Weile bei ihr, streichelte ihr leidenschaftslos den Rücken und sie tauschten sich über ihre Lernerfolge aus.
Carla legte ein erstklassiges Abitur hin, Jan-Olaf ebenso. Als Carla zum Studium in die nächste Universitätsstadt zog, war Jan-Olaf schon aus ihrem Bundesland verschwunden. Und aus ihrem Leben.
2. Er hatte das alles nicht gewollt: Den Kasernenton, die Uniform, die kurzen Haare und all die Gedankenlosen um ihn herum, die unter Jugend eine Aneinanderreihung von Vollrausch, schnellen Autobahnfahrten, noch schnellerem Sex, Fußballspielen und Science-Fiction-Filmen verstanden. Alles laut und ungestüm wie junge Hunde. So verhielten sie sich auch sonst: kläfften sich gegenseitig an, mussten ständig ausramboen, wer der Chef des Rudels war, pissten an jeden Baum oder markierten ihr Revier mit Kritzeleien an Möbeln. Jan-Olaf tat sich das mit der Bundeswehr nur seinem Vater zuliebe an – einem Offizier aus tiefster Überzeugung. Hätte er den Wehrdienst verweigert, hätte er das Lebenswerk seines Vaters damit zur unzeitgemäßen Sinnlosigkeit erklärt. Auf die Gefühle seines alten Herrn hatte er Rücksicht genommen, dafür hatte es ihn seine letzte Freundin gekostet. Kerstin hatte erklärt, sie könne als überzeugte Pazifistin nicht mit einem Soldaten zusammen sein. Er hatte das zutiefst bedauert und die Trennung von Carla einen Moment lang bereut. Aber dann erinnerte er sich wieder an Carlas Besserwisserei, ihre Humorlosigkeit, ihr elitäres Gebaren. Vielleicht war Kerstin nur in sein Leben getreten, damit er sich von Carla lösen konnte. Jetzt war er frei und alle Türen standen offen.
Wenn die Jungs in seiner Stube nur nicht so unendlich blöd gewesen wären. Der Neue war ganz nett. Hatte sich hierher versetzen lassen, weil seine Freundin in Frankfurt studierte. Lutz hieß er, hörte gute Musik, las interessante Bücher und berichtete von tollen Reisen. Über Politik machte er sich auch Gedanken, nur religiös war er nicht, aber ein deutlicher Abstand zu Carlas Frömmigkeit und Kerstins unbeugsamer Selbstgerechtigkeit tat ihm gut. Als beide gleichzeitig Urlaub hatten, unternahmen sie eine Rucksacktour nach Portugal. Nachts unter den Sternen und im Angesicht der tosenden atlantischen Brandung öffnete Lutz sein Herz. Es gab keine Freundin in Frankfurt, auch sonst nirgends, es gab nie eine und würde nie eine geben. Er hatte sich versetzen lassen, weil er an seinem vorherigen Ausbildungsort gemobbt und verprügelt worden war. Nicht nur die Kameraden hatten ihm das Leben schwer gemacht, vor allem die Vorgesetzten, denn einige in der Kaserne kannten Lutz seit der Grundschule und wussten längst, dass er Männer liebte. Beim Bund sah man das nicht gern; schon gar nicht Ende der Achtziger. Und nun konnte Lutz nicht länger verschweigen, dass Jan-Olaf ihm das Herz genommen hatte und dass er das Gefühl hatte, er erwidere seine Gefühle.
Das tat Jan-Olaf nicht. Aber er war zu anständig, um Lutz brüsk vor den Kopf zu stoßen. „Tut mir leid.“, erwiderte er, „Du bist echt mein bester Freund da in der Kaserne, aber ich liebe Frauen. Mit Männern kann ich das nicht.“
Lutz zog seufzend die Schultern hoch und ließ sie beim geräuschvollen Ausatmen resigniert fallen.
Nach dem Urlaub war es zwischen ihnen nie wieder so vertraut und unbefangen.
3. Lutz brachte den Rest der Bundeswehrzeit unbeschadet hinter sich. Jan-Olaf, der Offizierssohn, schützte ihn. Danach verlor er ihn aus den Augen, auch weil er die Provinz mehr als satt hatte und darum nach Berlin ging, wo es so viel mehr Möglichkeiten gab. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, zog in den Wedding und fing endlich an zu leben. Nach zwei Jahren hatte er das Karussell aus Uni, Party, Sex und Drogen gründlich satt, sehnte sich plötzlich nach Ruhe, Solidarität und einer privaten Perspektive. In dieser Zeit lernte er Malte kennen. Klarer Fall von Klemmschwester. Malte gab sich als Hete aus, lebte mit Friederike zusammen, beide studierten Kunstgeschichte und lebten in einer WG mit Lutz' Kommilitonen Jörg und Janine. Die beiden waren total lustig und Malte hatte es auch faustdick hinter den Ohren, darum verstand Lutz auch nicht, was er an der zart besaiteten Friederike fand, die zwar ein hübsches Gesicht und eine grazile Figur hatte, aber immer alles schrecklich ernst nahm und auf die Goldwaage legte, ständig beleidigt war und täglich versuchte, in ihrer WG ein biodynamisches Terrorregime zu errichten.
Es dauerte nicht einmal ein halbes Jahr, da zog er mit Malte zusammen. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte sich alles gut und richtig an. Hätte er Malte einer liebenswerten Person mit Kontaktschwierigkeiten ausgespannt, hätte er vielleicht ein schlechtes Gewissen gehabt, aber nicht gegenüber der unsäglichen Friederike. Heimlich nannte er sie immer F-F-F-Friederike, die frierende, friedensverachtende, frigide Friederike, weil sie ständig in ultradicken Strickpullis durch die Wohnung schlich und sich blass und hohlwangig bei fröstelnd hochgezogenen Schultern über die Oberarme strich, mit jedem Schritt und jedem Wort Zwietracht säte, sich beklagte, stichelte, lästerte und dabei so schmallippig, blutleer und leidenschaftslos im Weg herumstand wie ein ungeliebtes Erbmöbelstück, das mehr Rechte besitzt als sein gegenwärtiger Eigentümer, ein Bleiberecht über Generationen trotz minimalsten praktischen oder ästhetischen Nutzens.
Er hatte Malte aus der Hölle geholt und ans Licht gehoben, das tat ihm nicht Leid. F-F-F-Friederike würde schon jemand Neues finden und wenn nicht, umso besser für die Menschheit.
4. Es war kaum zu ertragen, die Wohnung mit einem glücklichen Paar zu teilen, wenn man selbst gerade verlassen worden war. Janines hysterische Lustschreie waren ihr schon vorher auf die Nerven gegangen. Für dieses demonstrative Hört-alle-her- ich-habe-Sex-und-zwar-richtig hatte Friederike nur Verachtung übrig. Wie gut, dass schon bald das Auslandssemester in Pisa anstand. In der Zwischenzeit würde ein Erasmus-Student in ihr Zimmer ziehen – oder vielleicht auch zuerst in Maltes altes Zimmer, noch zahlte er die Miete, da Lutz ihn kostenlos bei sich unterbrachte, bis sie etwas Größeres für ihre gemeinsame Zukunft gefunden hatten.
Ein paar Wochen später rollte Friederike im österreichischen Sechserabteil durch die Alpen, bewunderte die gigantischen Bergmassive mit den weißen Gipfeln, die satten grünen Almwiesen, die idyllischen Holzhütten an steilen Hängen und wurde das Gefühl nicht los, keine Luft zu bekommen. Wenn sie in dieser verdichteten, düsteren, beengten Berglandschaft leben müsste, würde sie ersticken. Sogar als sie den Brennerpass überquert hatte und sich links und rechts die Obstplantagen erstreckten, empfand sie sich als Flüchtende, als seien die Berge selbst ihre Bedränger, die einfach nicht von ihr abließen, sie bis nach Italien verfolgten und ihr die Luft zum Atmen nahmen.
Nach Verona wurde es besser und als sie endlich in den weichen Hügeln der Toskana ankam, empfand sie nichts als Vorfreude und uneingeschränkte Zustimmung.
Es dauerte etwa eine Woche, bis sie angeregte Gespräche führen konnte, aber als sie das endlich geschafft hatte, war sie ein anderer Mensch. Zwischen den Lehrveranstaltungen und abends in den Bars gab es überall Gespräche, und den deutschen Erasmus-Studierenden ging sie konsequent aus dem Weg, jetzt war sie in Pisa, wollte eins werden mit der italienischen Lebensweise, die Sprache lernen, aufgehen in der toskanischen Campus-Gemeinde.
Ihr Vorhaben gelang. Und nicht nur das: über Weihnachten hatte sie der lebenslustigste Kommilitone von allen zu seiner Familie nach Belforte all'Isauro, einem winzigen Nest in den Marken eingeladen. Sie unternahmen lange Spaziergänge durch schneebedeckte Hügel und weiß glitzernde Wälder, aßen Fagiano arrosto, die Vögel hatte der Großvater selbst geschossen und auch wenn die örtlichen Konventionen eine gemeinsame Zeit im Bett von Unverheirateten verbaten, passierte es irgendwann im größten Tohuwabohu, als Gennaro sie heimlich ins Gästezimmer entführte und damit anfing, seinen weichen Mund in die warme Grube zwischen Hals und Schulter zu drücken. Es waren nur Küsse und ein Augenblick intensivster Körperkontakt, aber aufregender als jeder nackte Sex, den sie bisher erlebt hatte. Sie mussten nichts überstürzen, sie würden in drei Tagen nach Pisa zurückkehren und alles nachholen, was sie bisher versäumt hatten.
Als das Semester im Februar zu Ende ging, hatten sie alles geregelt und Gennaro begleitete Friederike nach Berlin – zunächst für ein Auslandssemester, aber das Leben meinte es gut mit ihnen, es würde wohl mehr daraus.
5. Auch nach drei Monaten war es Gennaro nicht gelungen, Berlin liebenswert zu finden: zu rüde die Umgangsformen, zu lieblos und abgewandt. In der deutschen Umgebung wurde sogar Friederike eine von den „Crucchi“, den Scheißdeutschen von denen sie sich in Italien so deutlich unterschieden hatte. Aber hier war sie plötzlich genauso übellaunig, regelwütig und kleinkariert wie der Rest dieses von der Sonne vernachlässigten Volkes. Obwohl es gerade Sommer war und die dunkelste Zeit des Jahres noch vor ihm lag, fühlte Gennaro, wie die allgemeine Depression sich allmählich auch seiner bemächtigte.
Unbewusst machte er sich auf die Suche nach Leichtigkeit, lachenden Gesichtern – und lernte Carolin kennen, eine Sozialpädagogik-Studentin aus dem Westen, die sich im ausklingenden Sommersemester der Humboldt-Universität ein paar Lehrveranstaltungen in Kunstgeschichte antat, einfach so, aus Interesse, ohne überhaupt als Gasthörerin eingeschrieben zu sein, im Schlepptau einer Freundin, die für sie die passenden Vorlesungen ausgewählt hatte. Dieser anarchische Griff nach dem Leben und seinen Möglichkeiten gefiel Gennaro außerordentlich und rettete seine eigene Lebenslust, die im zähflüssigen Sumpf der deutschen Melancholie zu versinken drohte. Er zog mit Carolin durch eine Reihe Kreuzberger Kneipen und ließ sich von ihr in die Wohnung der Freundin mitschleppen, wo sie ein vorübergehend leerstehendes WG-Zimmer bewohnte.
Natürlich bekam Friederike mit, dass er die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen war und er hatte auch keine Lust, mit einem würdelosen Versteckspiel anzufangen. Friederike setzte ihn prompt vor die Tür und er flüchtete zu Carolin, die wenig begeistert davon war, dass ihr One-Night-Stand sich bei ihr einnisten wollte, zumal sie ja gar nicht dauerhaft in Berlin lebte, sondern in Bielefeld, wo sie aktuell mit jemandem zusammenlebte.
Es war Carolins Freundin, die ihm anbot, vorübergehend in der WG unterzukommen, auf dem Sofa im Wohnzimmer, bis er etwas Anderes gefunden hatte.
Nur halbherzig hatte Gennaro einen Antrag auf Verlängerung seines Auslandsstudiums gestellt. Als er Friederike auf dem Campus traf, die ihm einen an ihn gerichteten Brief reichte mit dem Hinweis: „Du musst der Uni mal deine neue Adresse mitteilen, ich habe keinen Bock, dir deine Post hinterherzutragen.“, wurde ihm das Herz noch schwerer, weil sein Antrag bewilligt worden war. Noch ein Semester in diesem kalten, dunklen Land, in dieser lauten, riesigen Stadt, das würde er nicht ertragen.
Noch vor dem Ende des Sommers landete er in einer anderen deutschen Stadt.
6. Carolin brauchte dringend Geld, musste für einen Ferienjob nach Bielefeld zurückkehren, sonst wäre sie noch länger in Berlin geblieben. Das mit der Kunstgeschichte hatte ihr gefallen, vielleicht sollte sie noch ein Aufbaustudium dranhängen und Sozialpädagogik mit Kunst kombinieren, da gab es sicher interessantere Jobs, als in irgendeinem Jugendzentrum, Kindergarten oder verstaubten, städtischen Behördensumpf.
Der Sommer an der Freibadkasse war der längste und langweiligste, den sie je erlebt hatte. Sie sehnte sich nach der pulsierenden Metropole, den inspirierenden Kontakten. Stattdessen blickte sie täglich stundenlang in tumbe Gesichter, die in Einwortsätzen ihrem Begehr nach Eintritt Ausdruck verliehen und sie erwiderte dies gleichermaßen mit „Drei Fünfzig“ oder „Eins Fünfzig“ - je nach Tarif. Warum musste Geldverdienen als Studentin immer so anregungsarm gestaltet sein? Auf einer Party erzählte ihre Kommilitonin Kerstin: „Ich plane selbst ein Seminar anzubieten für die Begleitung im Grundstudium. Die Profs kriegen das ja nicht auf die Reihe, sind zu sehr mit ihren Hobbys beschäftigt, 'Lust und Leid des Tangos', Ferienhausrenovierung in Griechenland und 'schade, dass Beton nicht brennt'. Ich habe schon mit Günther telefoniert, der meinte, ich sollte mir noch einen Co-Moderator holen und dann könnten wir das als Tutorenjob machen, weil das ja ein Auftrag der Hochschule ist, dem die Profs nicht ausreichend nachkommen.“
„Wie?“, fragte Carolin nun hellwach und im Beuterausch, „Wir könnten Geld verdienen mit Studienbegleitung? Was muss man denn da machen?“
„Das gleiche, was bei uns gelaufen ist. Einführung, Studientipps, Praktikumsvor- und Nachbereitung und ich finde, wir könnten die Leute auch bei der ersten Hausarbeit unterstützen und sie auf die erste Fachprüfung vorbereiten.“
„Wollen wir das nicht zusammen machen?“, fragte Carolin mit betont warmer Stimme, anbiedernd, wie es ihre Art war, wenn sie etwas erreichen wollte. Kerstin war nur B-Ware und zwar in jeglicher Hinsicht. Sie würde alles einstielen und Carolin könnte sich ins gemachte Nest setzen, glänzen, Praxispunkte sammeln und nebenbei noch Geld verdienen.
Sie sah Kerstin deutlich an, dass ihr diese Wendung nicht behagte. Sicher hatte sie geplant, die Co-Moderation Thomas anzubieten, auf den war sie schon lange scharf, der sah ja auch gut aus und war sehr unterhaltsam. Aber Carolin wollte endlich mal auf interessante Weise Geld verdienen und mit ihrer offensiven Art hatte sie bisher noch die meisten ihrer Ziele erreicht.
Am Ende hatte Kerstin eingewilligt, schließlich hatte sie kein Ass im Ärmel, hätte sie eben taktisch klüger vorgehen müssen.
Carolin hatte in der Folge eine tolle Zeit. Sie hatte im Hauptstudium ein interessantes Projekt für sich ausgewählt, arbeitete mit psychisch Kranken und besuchte das Begleitseminar bei einer beeindruckenden Dozentin. Das Geld als Tutorin war leicht verdient, Günther, der Dekan des Fachbereichs wurde auf sie aufmerksam und bot ihr, weil sie die Studierenden so kompetent und gezielt auf ihre Prüfungen vorbereitet hatte, einen weiteren Tutorenjob an. Sie musste nur aufpassen, dass sie es gut machte, denn sie hatte natürlich verschwiegen, dass es vor allem Kerstin gewesen war, die die dazu erforderlichen didaktischen Schritte ausgearbeitet hatte. Kerstin hatte einfach nicht das Zeug zur angemessenen Selbstinszenierung im richtigen Moment und außerdem hatte Carolin die schmalere Taille und die blaueren Augen. Und Thomas war sie auch schon näher gekommen...
7. Das Sozialpädagogik-Studium schloss Kerstin in der Regelstudienzeit ab. Mit Carolin war sie fertig, die hatte die ganzen Lorbeeren eingeheimst und Kerstin dastehen lassen wie eine Trittbrettfahrerin. Das würde ihr eine Lehre sein, künftig würde sie sich solche Frauen vom Leib halten, denn eigentlich hatte sie Carolins parasitäres Wesen von Anfang an durchschaut, hatte aber dem eigenen Gefühl noch nicht ganz getraut, wollte frei von Vorurteilen sein und hatte auch zu wenig Erfahrung darin, Menschen, die sich aufdrängten, auf Abstand zu halten. Das würde sich ändern.
Das Anerkennungsjahr brachte sie mehr hinter sich, als dass es ein wertvolles Lernfeld gewesen wäre, aber dann fand sie eine interessante Teilzeitstelle und begann ein Zweitstudium der Diplompädagogik mit dem Fernziel einer Hochschul-Karriere. Sie war endlich angekommen in ihrem Leben und alles entwickelte sich planmäßig. Aus einer Laune heraus begann sie einen Italienisch-Kurs und verliebte sich prompt in den Lehrer. Nein hier lag keine Neigung zu Mentor-Schützling-Beziehungen vor, Gennaro war in ihrem Alter, hatte zunächst Kunstgeschichte in Pisa, dann ein Semester in Berlin studiert und war bei Kunsterziehung in Bielefeld gelandet, wo er sich sein Studium nun mit Sprachkursen finanzierte. Die gesammelte Weiblichkeit des Kurses betete ihn an und Kerstin fand sich damit ab, dass es auch bei ihr wohl bei dieser Anbetung bleiben würde. Umso erstaunter war sie, als Gennaro sie schon nach dem dritten Treffen fragte, ob sie nicht einen Kaffee mit ihm trinken wollte. Natürlich war es nichts weiter als ein unschuldiges Schwätzchen in der Caféteria, aber sie hatte Mühe, seinen Ausführungen zu folgen und nicht in seinen warmen, dunklen Augen zu versinken. Als ein anderes Kursmitglied beim nächsten Mal vorschlug, man könne ja mal zusammen italienisch kochen, bot sie direkt ihre Wohnung als Veranstaltungsort an und lud auch Gennaro dazu ein.
Es wurde ein denkwürdiger Abend mit matschiger Pasta, Tomatensauce mit Holzkohle-Aroma, Magen-übersäuerndem Rotwein und sehr viel fröhlichem Gelächter.
So lange hatte Kerstin darauf gewartet, dass es in ihrem Leben endlich gut würde – beruflich wie privat. Immer hatten andere sich vorgedrängelt, ihr die Chancen vergällt, sie ignoriert, beiseitegeschoben, abgewertet. Und sie hatte auch oft nicht so recht gewusst, wohin mit sich, war auf der Suche nach ihrem Platz gewesen und hatte beharrlich gewartet auf eine Gelegenheit, ein Zeichen, eine Erkenntnis, eine glückliche Wendung. Sie war geduldig geblieben, oft traurig, manchmal verzweifelt, aber demütig, denn ihr war bewusst, dass sie andere Menschen nicht für ihr Unglück verantwortlich machen konnte. Sie würde selbst herausfinden müssen, wie sie ans Ziel gelangte. Und jetzt war es zum Greifen nah. Das Warten hatte sich gelohnt.
8. In der Mitte des Semesters bekam der Italienischkurs einige Neuzugänge, das heißt, er wurde mit dem zweiten Kurs zusammengelegt, nachdem der erste Andrang nachgelassen hatte und die Lust-und-Laune-Studierenden das Interesse an der staatlich finanzierten Urlaubsvorbereitung verloren hatten. Außerdem hatte die Leiterin des zweiten Anfänger-Kurses überraschend einen interessanten Job in einer anderen Stadt bekommen und hatte die Brocken hingeschmissen.
Nun war es ziemlich voll im Seminarraum und Kerstin traute ihren Augen nicht, als sie ein bekanntes Gesicht unter den Neuzugängen ausmachte: die unerträgliche, blasierte, dumm-fromme Carla aus ihrer Heimatgemeinde. Ja, Kerstin hatte gehört, dass sie in Bielefeld Biologie studierte, aber sie musste doch längst fertig sein, schließlich war sie zwei Jahre älter als Kerstin und Kerstin hatte ihr Studium auch schon vor fast zwei Jahren abgeschlossen. Obwohl sie vor Neugier nahezu platzte, was genau Carla
an der Uni zu suchen hatte, bemühte sie sich, sie zu ignorieren und vorzugeben, sie nicht wiederzuerkennen, so sehr ekelte sie sich vor der ehemaligen Rivalin, die sie noch immer in ihrer senfgelben Strickjacke vor sich sah, mit dem überheblichen Gesichtsausdruck und dem einschläfernden Redefluss.
Doch am Ende der Veranstaltung, als Carla bemerkt hatte, dass Kerstin einen besonderen Draht zu dem reizvollen Lehrer hatte, beschloss sie, sich zu einem ersten Schritt herabzulassen. Sie ging auf die ungeliebte, alte Bekannte zu und sagte in einem Ton, der auf wundersame Weise ein freundliches Einschmeicheln mit einem herabwürdigenden Befremden verband: „Hallo Kerstin. Was machst du denn hier?“
„Ach – Carla“, erwiderte Kerstin Überraschung heuchelnd. „Ich habe dich gar nicht erkannt. Ich mache hier das gleiche wie du: einen Sprachkurs.“
„Ja klar.“, antwortete Carla in der gewohnten Redeweise der großen Schwester, die für immer und ewig, der jüngeren ein paar Schritte voraus ist.
„Ich meine natürlich, was du hier an der Uni machst.“
„Ach so. Ich studiere Diplompädagogik.“
„Da musst du sicher auch bald fertig sein, oder?“
„Nee, das ist mein Zweitstudium, ich habe gerade angefangen. Und du?“
„Ich promoviere gerade.“
„Ach, interessant. Und worüber?“
„Ach das ist so fachspezifisch, das ist für Laien total uninteressant.“
„Und brauchst du dafür Italienisch?“
„Nein, das mache ich nur zur Ablenkung, damit ich nicht zur Fachidiotin mutiere. Und du?“
„Ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Vielleicht wandere ich mal aus. Vielleicht freue ich mich aber auch nur, dass ich im Urlaub problemlos mein Essen bestellen kann.“
In diesem Stil setzten sie ihr Gespräch fort und es war nicht zu übersehen, dass sie sich gegenseitig nicht ausstehen konnten, Kerstin zog es zu Gennaro, der dummerweise heute mit Stefan in Richtung Caféteria abzog, aber sie war zu unhöflich, um Carla zu erklären, dass sie nun keine Zeit mehr habe.
Kerstin verstand nicht warum das passierte, aber Carla heftete sich an ihre Fersen, wollte sich dauernd mit ihr verabreden, setzte sich im Sprachkurs neben sie und tauchte auch bei jedem noch so überschaubaren, privaten Kurstreffen auf. Allmählich schlich sich der Verdacht ein, dass sie es auf Gennaro abgesehen hatte und Kerstin als Trittbrett benutzte, vielleicht Gennaro auch nur erobern wollte, damit Kerstin ihn nicht bekam.
Während der vorlesungsfreien Zeit beruhigte sich die Situation. Kerstin absolvierte einen Ferienkurs in den Marken, einer kleinen, intimen Schule in Belforte All'Isauro, wo sie auch Gennaros Familie auf dessen Drängen einen Besuch abstattete und sie hätte Carla einfach vergessen, hätte sie im neuen Semester nicht wieder schmierig grinsend neben ihr Platz genommen. In diesem Halbjahr bot sich ein Hallenbadbesuch nach dem Sprachkurs an, Kerstin musste dringend etwas für ihre Fitness tun und Schwimmen war ihre bevorzugte Sportart – gleich nach Radfahren, Spazierengehen und Sofadümpeln.
Carla fand, regelmäßiges Schwimmen täte ihr auch mal wieder gut und hängte sich auch hier an Kerstin, was dieser nun wirklich ein Rätsel war. Carla erklärte, es fördere den gesunden Muskelaufbau, wenn man vor dem Schwimmen flüssiges Protein zu sich nehme, beispielsweise einen Trinkjoghurt. Sie bot Kerstin ebenfalls einen an und weil die zu höflich war, abzulehnen, wurde es bald zur Gewohnheit. Nach dem Schwimmen lud sie Carla dann zum Kaffee ein – widerwillig, aber unfähig, sich aus dieser einengenden Pseudofreundschaft zu lösen.
Weihnachten stand vor der Tür und damit auch der letzte Hallenbadbesuch in diesem Jahr. Im Januar würde sie eine Ausrede finden, das Schwimmtraining vorerst ruhen zu lassen. Sie träumte davon, Weihnachten bei Gennaros Familie in Belforte zu verbringen, aber so weit waren sie noch nicht. Vielleicht wären sie auch nie so weit, wer wusste das schon.
Das Uni-Bad war erstaunlich leer, außer Carla und Kerstin pflügte nur eine ehrgeizige Schwimmerin durchs Becken, die schon bald ihr Programm absolviert hatte und nur noch die Schwimmaufsicht war im Raum. Kerstin war besonders erschöpft, das lag wohl an der Vorweihnachtszeit, was sie sah, verlor an Schärfe und als Carla plötzlich schrie, untertauchte, wieder auftauchte, schrie, wieder untertauchte, nahm sie dieses Schauspiel nur wie durch einen Schleier wahr. Die Schwimmaufsicht sprang ins Becken um die junge Frau mit dem Wadenkrampf zu retten, wie gut, dachte Kerstin, dann ist ja alles in Ordnung und als das Wasser in ihre Lungen strömte, wunderte sie sich über das eigenartige Gefühl; danach wunderte sie sich über gar nichts mehr.
Als Kommissar Keller den Obduktionsbericht las, schüttelte er mit dem Kopf. Wie konnte eine erwachsene Frau mit abgeschlossenem Studium, Job und weitergehender Perspektive nur so bescheuert sein und im Drogenvollrausch schwimmen gehen? Vermutlich hatte sie geplant, auf derartig spektakuläre Weise ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ihre Begleitung war ebenfalls entsetzt, hatte erklärt, dass sie sich schon sehr lange kannten und sie ihr eine solche Handlung niemals zugetraut hätte, dass sie aber schon seit längerem äußerst verzweifelt gewesen sei und oft davon gesprochen habe, dass es sich bei ihrem Leben um eine Sackgasse handele. Dass sie sich tatsächlich mit Suizidgedanken trug, war ihr aber nicht klar gewesen, dann hätte sie sich um Hilfe bemüht.
Kerstins Akte wurde geschlossen. Und Carla konnte sie nun endlich auch schließen und neu durchstarten.
Blutige Erben
Es war ein gewaltiger Zug. Sie trugen ihn an einen Pfahl gebunden durch die Straßen, eine aufgewühlte Menschenmenge um ihn herum, wie bei einer sizilianischen Karfreitags-Prozession. Oder hing er an einem Kreuz? Sie konnte es nicht einmal sagen. Sein Rücken war gerade und in einer Kurve hatte sie kurz einen Blick auf sein Gesicht erhaschen können: starr und hölzern, wie bei einer Puppe.
Sie wollte in Kontakt treten und in seine sehenden Augen blicken, die sie erkannten, aber das wollten alle anderen auch, sie sah nur von weitem seinen Rücken. Sie kämpfte sich weiter nach vorne, entschlossen, mit der Energie einer Verzweifelten. Ihr stockte der Atem: Seine Haut war fast schwarz, nicht dunkel pigmentiert, sondern so, als wäre sie verbrannt – oder verrottet.
Sie stellte sich seinen Trägern in den Weg und blickte hoch in sein Gesicht, doch sie sah nichts als Leere darin. Sein Kopf kippte vornüber, ein Sterbender am Kreuz, ein Gekreuzigter, ein Gestorbener.
Die Menge schob sie zur Seite und trug ihn weiter. Sie fiel, stand wieder auf, rannte hinter ihm her. Sie musste ihn berühren, wenn sie ihn nur einmal kurz anfassen könnte, dann würde er wieder atmen, zurückkehren.
Sie schaffte es, legte ihre Hände auf seinen festen, geraden Rücken. Aber er war schwarz, seltsam hart und kalt. Nicht eiskalt wie eine erstarrte Leiche, aber kalt genug, um zu spüren, dass das Leben aus ihm gewichen war. Sie weinte, schrie, heulte, rief seinen Namen. Er wurde fortgetragen.
Was für ein Scheißtraum. Sie träumte nie von Hannes, da gab es nichts zu verdrängen, das sich im Schlaf Bahn brechen musste. Und jetzt so ein gruseliger Schwachsinn. Hannes als Gekreuzigter und sie selbst als Maria Magdalena. Dabei wollte ihn niemand kreuzigen, er opferte sich nicht, er ging nur einfach fort, würde munter weiter leben.
Und er ließ auch kein Chaos zurück, hatte allen, die seine Aufgaben übernehmen sollten, seine Unterstützung zukommen lassen. Trotzdem würde er eine große Lücke hinterlassen, riesige Fußstapfen, in denen niemand sicher und zielgenau gehen konnte so wie er. Aber so war das mit den Heilsbringern, Supermenschen, Nächstenliebemultiplikatoren: sie hatten viel zu geben, trösteten, heilten, retteten, bauten auf, machten es allen schön und hinterließen Stabilität, Orientierung, liebe Erinnerungen, Stärkung, Wärme, Licht und jede Menge Schmerz und Traurigkeit, wenn sie ihr Wirkungsfeld verließen. Ihre Nachfolger hatten es schwer, aber sie teilten es unter sich auf.
Und dann brach doch das Chaos aus. Obwohl längst abgesprochen war, dass Larissa sein wichtigstes Ressort übernehmen sollte, kam plötzlich Konrad aus der Deckung der chronisch desinteressierten Tatenlosigkeit und brachte einen anderen Kandidaten ins Spiel. Er würde Till ansprechen und sie ahnte, wie er dazu kam. Mit Larissa hatte Konrad Stress, und außerdem beherrschte sie sein Arbeitsgebiet besser als er. Das wurmte ihn.
Der karrieregeile Till würde nicht einen Moment zögern, die Chance ergreifen, die Ressortleitung übernehmen, wenn man ihn ließ. Und man würde ihn lassen, denn er war ein Meister der Selbstinszenierung, der es verstand, sich zu verkaufen. Die Arbeit hinter den Kulissen überließ er gern den anderen. Er würde sie alle instrumentalisieren, um seine Projekte umzusetzen und sich damit ein dickes Brett für den nächsten Karrieresprung zu sichern.
Larissa dagegen tat, was getan werden musste, hielt den Mitarbeitenden den Rücken frei, hielt sich selbst im Hintergrund, stärkte, unterstützte beratend, gab Impulse, äußerte Bedenken. Etwa so, wie Hannes es auch gehalten hatte.
Nach dem Chaos saß sie vor diesem schmucklosen Schreibtisch und fragte sich, ab welchem Punkt es falsch gelaufen war. Wäre sie etwas schneller gewesen, hätte es nur einen Toten gegeben und sie wäre womöglich davon gekommen. Egal, welchen von beiden sie sich zuerst vorgeknöpft hätte, es hätte das Ableben des anderen überflüssig gemacht, nur rechtzeitig hätte sie handeln müssen. Hatte sie aber nicht.
Um zu verhindern, dass Konrad sein Anliegen überhaupt an Till herantrug, hatte sie ihm nach Feierabend aufgelauert – er parkte seinen Wagen gern in einer dunklen Ecke – und blitzschnell seine Beinschlagader mit einem sehr scharfen Küchenmesser durchtrennt. Als er zusammensackend nach dem Warum fragte, erklärte sie: „Du hättest uns Till vor die Nase gesetzt. Das muss ich verhindern. Du hältst ihn für den Größten, das tut er auch, aber er ist nur ein kleiner Mann, der ganz schnell nach oben will und der uns alle als Steigbügel benutzen würde, wenn man ihm ließe. Ich lasse ihn nicht. Wenn ihn niemand fragt, kommt er auch nicht auf dumme Gedanken.“
„Aber ich hab‘ ihn schon gefragt.“, erklärte Konrad, dann verdrehte er die Augen und atmete bewusstlos seinem Ende entgegen.
Das war dumm gelaufen, denn jetzt musste auch Till aus dem Weg geschafft werden, vermutlich war er schon im Rennen. Sie nahm ihn sich auf dieselbe Weise vor, nur erklärte sie ihm nicht warum. Sollte er doch dumm sterben. Und er starb schnell, schneller als Konrad. Doch dann saß Larissa plötzlich in Untersuchungshaft. Sie hatte kein Alibi, ein glasklares Motiv und schwache Nerven. Sie konnte sie unmöglich ihrem Schicksal überlassen und musste sich stellen.
Nun würde sie bis ans Ende ihrer Tage im Gefängnis sitzen und den scheidenden Hannes würde sie wohl nie wieder zu Gesicht bekommen, denn mit einer Mörderin wollte er gewiss nichts zu tun haben.
Wenigstens erhielt Larissa die Stelle der Ressortleiterin.
Prophet
Kiel hatte einen Auftrag. Er musste die Wahrheit aussprechen, unbedingt, jetzt sofort und gerichtet an die, die sie nicht hören wollten. Sollte er gleich bei den Schlimmsten anfangen, den Faschisten, den Steigbügelhaltern des Turbo-Kapitalismus, den Kriegstreibern und rassistischen Volksverhetzern? Aber wenn die ihn direkt zu Brei prügelten, hätte er nichts und niemanden erreicht.
Nein, Kiel würde es umgekehrt angehen. Er würde bei denen beginnen, die fast total in Ordnung waren, vielleicht nur ein bisschen inkonsequent. Danach würde er sich mit den lokalpolitischen Mauschlern befassen, die gleichzeitig im sozialistischen Jugendverband, bürgerlicher Volkspartei und pseudo-gemeinnütziger freier Wirtschaft ihre Fäden zogen. Dann wären die mittelständischen Unternehmer dran, die jede Schweinerei mit Wettbewerbsfähigkeit rechtfertigten und danach ein paar Kandidaten im Landtag. Wenn er mit denen fertig war, kämen die Vorstände der Bundesparteien an die Reihe, zuerst die vermeintlich revolutionären, danach die bürgerlichen und am Ende die völkisch-nationalen. Und wenn er dann noch am Leben war, würde er sich die europäischen Despoten vornehmen, danach die eurasischen, dann die amerikanischen, dann käme Asien dran, danach Australien und ganz am Ende Afrika – nicht weil das etwa die Schlimmsten waren, sondern weil er glaubte, dass er von den Verhältnissen dort am allerwenigsten verstand.
Er würde ja auch mit denen beginnen, die er noch am ehesten zu verstehen glaubte. Er ging einfach zu Carlos Geburtstagsparty. Paul war eigentlich ganz in Ordnung, auch wenn seine Perle nicht hellste Kerze auf der Torte war und nur für Schmink-Tutorials und Kochshows lebte. Paul ging malochen, kam niemandem auf die krumme Tour, trank gern einen über den Durst, dachte nicht so viel nach und klopfte gern Sprüche. Kiel legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und sagte: „Komm Paul, lass uns mal auf die Zukunft trinken.“
„Jau.“, sagte Paul. „Das klingt doch mal nach ‘nem guten Plan. Trinken wir darauf, dass uns auch in Zukunft das Pils nicht ausgeht. Prost.“
„Und darauf, dass uns die Luft nicht ausgeht und die Wärme und das Licht und das Wasser und das Essen und dass alle endlich schnallen, dass das nur funktioniert, wenn wir endlich weniger Fleisch fressen, Auto fahren, einkaufen, Strom verballern und Plastik benutzen. Dass man keine Nazis wählt, muss ich dir ja zum Glück nicht erklären.“
„Nee.“, sagte Paul. „Aber lass mich in Ruhe mit der Ökoscheiße, ich will feiern.“
„Na gut.“, sagte Kiel. „Dann musst du wohl an deinem Schnitzel ersticken. Und deine Kinder gleich mit. Schade eigentlich. Ich fand, du warst ein prima Kerl.“
Den Sonntag verbrachte er im Bett. Er musste Kräfte sammeln. Am Montag fuhr er mit der Straßenbahn zu den Stadtwerken. Er verlangte Pressesprecher Schumann zu sehen. Das erwies sich als schwierig, man wollte ihn mit Jakobs abspeisen, einem harmlosen Erfüllungsgehilfen, dem hatte er aber nichts zu sagen. Als er sich endlich zu Schumanns Büro hindurch gekämpft hatte, war es bereits früher Nachmittag.
Schumann sah ihn müde an. „Kennen wir uns?“, fragte er halb abwesend.
„Flüchtig. Von früher.“, antwortete Kiel. „Aber das ist irrelevant. Ich will nur ein paar Sätze loswerden. Mit denen können Sie dann machen was Sie wollen. Danach bin ich wieder weg. Folgendes: Nicht jeder Zweck heiligt die Mittel und nicht jedes Mittel, das einem hehren Ziel dient, ist damit zu rechtfertigen. Ich wette, Sie wissen das, aber sie ignorieren es beharrlich, betrügen und lügen, dass sich die Gasleitungen biegen. Irgendwann wird Ihnen das alles um die Ohren fliegen, wenn Sie nicht umkehren. Also gehen Sie in sich und benutzen sie nicht nur ihren Verstand, sondern auch ihr Herz.“
Kiel machte auf dem Absatz kehrt und verließ Schumanns Büro, ohne eine Reaktion abzuwarten. Er würde darüber nachdenken oder den Vorfall einfach ignorieren. Er würde sich ändern oder weitermachen wie bisher. Das hatte Kiel nicht in der Hand.
Der Tag war noch nicht zu Ende und er beschloss, die Mittelständler vorerst in Ruhe zu lassen. Lieber gleich in die örtliche Schokoladenfabrik, die noch immer keine utz-zertifizierten Produkte lieferte, geschweige denn fair gehandelte. Doch wenn er geglaubt hatte, nur den Hauch einer Chance zu haben, zur Konzernleitung vorzudringen, hatte er sich geschnitten. Die wussten schon, warum sie sich abschotteten, denen hätte sonst schon längst jemand den Kopf gewaschen, den Hintern versohlt und die Eier rasiert. Aber so wichtig, dass sie Personenschutz erhielten, waren sie auch wieder nicht. Die Privat-Adresse der Familie hatte er längst ermittelt und so musste er sich nur an der Einfahrt auf die Lauer legen. Als Heribert keuchend vom Joggen aus dem Wald kam, stellte Kiel sich ihm unversehens in den Weg und sagte: „Sie werden jetzt zuhören, was ich Ihnen zu sagen habe. Es dauert nur eine Minute, danach können Sie damit machen was Sie wollen.“
„Gehen Sie mir aus dem Weg Sie unverschämter Flegel!“, schnaubte Heribert und versuchte, Kiel beiseite zu schubsen. Aber Kiel war kampferprobt und willensstark und das Überraschungsmoment war auf seiner Seite. Er nahm den Unternehmer in den Schwitzkasten und sprach ruhig direkt in sein Ohr: „Auf den Plantagen Ihrer Bezugsquellen für Kakaopulver arbeiten sich Kinder zu Tode, die von ihren Eltern entführt wurden, um sie als Sklaven auszubeuten, darum ist der Rohstoff so billig. Obwohl Sie das wissen, wechseln Sie nicht den Lieferanten. An ihrer Schokolade klebt das Blut tausender Kinder, genauso wie an ihrem Vermögen. Ändern Sie das oder fahren Sie zur Hölle.“
Er ließ Heribert los und verschwand in der Dunkelheit.
Am Dienstag fuhr er mit der Bahn in die Landeshauptstadt. An die Politiker heranzukommen, erwies sich als unmöglich. Da musste er sich schon informieren, wann wer wo öffentlich auftrat und wenn er sich einmal einer Person unrechtmäßig genähert hätte, würde er das kein zweites Mal tun können. Also verlegte er sich auf E-Mails und Videobotschaften. Aber das konnte ja nicht funktionieren, er brauchte den unmittelbaren, menschlichen Kontakt. Nur so konnte er seine Adressaten erreichen.
Eine Woche später lag Hoberg in seinem Blut. Etliche waren alles andere als betroffen, denn er hatte als die Reinkarnation des Bösesten aller Bösen gegolten. Aber trotz allem war es ein Mensch, der getötet worden war. Kiel hatte es nur aus einem Grund getan: damit sie ihm endlich zuhörten, damit seine Botschaft ankam, damit sie umkehrten, sich auf das besannen was wirklich wichtig war: Wahrheit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Barmherzigkeit, Verantwortung, das Leben und die Liebe. Dafür war ein Opfer nötig gewesen und er hatte ein Opfer gewählt, bei dem der Schmerz über den Verlust am geringsten wog.
Sie sperrten ihn weg. Niemand hörte ihm zu. Es saßen längst zehn neue Hobergs in den Startlöchern. Das Martyrium ihres Parteifreundes hatte ihnen nur Aufwind beschert. Kiel hatte nichts erreicht. Der Schokoladenonkel rieb sich erfreut die Hände, als er sein Foto in den Nachrichten sah. Pressesprecher Schuhmann atmete erleichtert auf, dass er die Begegnung unbeschadet überlebt hatte.
Paul aß heute Margherita. Er hatte nicht mehr so viel Zeit im Internet zu shoppen, weil er seit neuestem mit der Straßenbahn zur Arbeit fuhr. Seine Frau war angenervt, aber sie würde sich schon daran gewöhnen, genauso wie Paul sich ihrer neuesten Leidenschaft beugte: Gepa-Schokolade.
Epilog in der Hölle
Tobi: Was machst Du denn hier? Wieso bist du nicht im Himmel?
Grete: Hab' mich freiwillig gemeldet. Dass ich so einen wie dich auf die Welt gebracht und großgezogen habe, werde ich mir nie verzeihen. Außerdem kann man dich ja nicht eine Minute allein lassen. Am Ende machst du noch Terror in der Hölle, als wenn es hier nicht schon ohne dich schlimm genug wäre.
Tobi: Wieso Terror? Ich hab' aufgeräumt. Neun auf einen Streich. Das soll mir mal
einer nachmachen.
Grete: Lieber nicht. Und zählen kannst du auch nicht.
Tobi: Wieso?
Grete: Weil es elf Menschen waren. Schließlich hast du erst mich und dann
dich selbst erledigt.
Tobi: Das musste ich tun. Ich musste dich schützen.
Grete: Mich schützen?! Wovor denn?
Tobi: Vor dem linken Mob, der dir die Schuld gegeben hätte.
Grete: Ich hätte nichts zu befürchten gehabt, wenn du dich nicht so feige aus dem
Staub gemacht hättest.
Tobi: Ich bin nicht feige!
Grete: Bist du wohl. Schon immer gewesen. Hattest nie den Mut, dich dem Leben zu stellen. Immer war alles zu schwierig. Keine Ausbildung hast du zu Ende gebracht, keine Frau gefunden, der du gefallen hast, hast noch mit über vierzig Jahren an meinem Rockzipfel gehangen...
Tobi: Ohne mich wärst du doch nicht klargekommen!
Grete: Wäre ich bestens! Du hast mir nur Arbeit gemacht. Kochen musste ich für dich, deine stinkenden Klamotten waschen, deine miefige Hundehütte wenigstens ab und zu mal saugen und überall feucht durchwischen, damit mein Haus nicht von Parasiten heimgesucht wurde. Beizutragen hattest du gar nichts, nicht einmal die klassischen Männerjobs wie Dachrinne reinigen, Auto reparieren, Terrassenplatten auswechseln oder wenigstens Rasen mähen. Das konnte ich alles besser als du.
Tobi: Ich war eben beschäftigt.
Grete: Ja, mit stundenlangem Surfen im Internet, beim Spiele zocken und bei tagelangen Kommentarschlachten mit lauter Dumpfbacken, die genauso blöd sind wie du.
Tobi: Du hast doch überhaupt keine Ahnung!
Grete: Nee, stimmt, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, dann hätte ich rechtzeitig
etwas unternommen. Dummerweise war ich nur genervt, wo ich hätte besorgt sein müssen. Wenigstens hast du dich selbst aus der Welt geschafft. Es wäre nur rücksichtsvoller gewesen, wenn du niemanden mitgenommen hättest. Ist dir eigentlich schon einmal aufgefallen, dass von den Muslimen, die du getötet hast, nicht ein einziger hier in der Hölle gelandet ist?
Tobi: Die haben bestimmt ihre eigene Hölle.
Grete: Sicher. Wäre ja eine Zumutung, wenn sie auch noch die Ewigkeit mit dir
verbringen müssten.
Tobi: Wieso Ewigkeit? Ich werde sowieso bald wieder geboren, als größter Kanzler
aller Zeiten! Und dann bringe ich mein Werk zu Ende. Dann werden die alle ausgelöscht, die bösen und minderwertigen Völker!
Grete: Als Grökaz? Träum weiter! Wenn du wiedergeboren wirst, dann höchstens
als Kakerlake. Wenn du Glück hast.
Tobi: Und wenn ich kein Glück habe?
Grete: Als Eisbär.
Alles Wurst
Seltsame Fortbildung. Es war nicht einmal klar, ob die Kollegen, mit denen sie duschen ging, überhaupt Kollegen waren. Seltsames Bad, hatte irgendwie Wohnzimmeratmosphäre, mit Stoff-Vorhängen an einer Seite und drei Duschköpfen in der Mitte des Raums unter der Decke. Sie hatte auch einen Moment gezögert. Jetzt wirklich duschen? Konnte sie das bringen mit diesen beiden Kerlen? Der eine ein alter Sack, der andere in ihrem Alter aber auch nicht attraktiv, aber egal, sie würden schon nicht gewalttätig und falls sie sich etwas einbildeten, konnte sie sie sicher wieder auf den Teppich holen. Also zog sie sich aus. So standen sie zu dritt, dicht beieinander, wie rauchende Teenager im uneinsehbaren Teil des Schulhofs. Sie überlegte noch kurz, ob sie sich wirklich die Haare waschen sollte, hatte sie doch gerade gestern gemacht, war noch nicht nötig, aber ach, frische, duftige Haare waren ja auch ganz schön. Und die Typen waren auch mehr miteinander beschäftigt, kein Grund zur Sorge, obwohl sie da so ein unterschwelliges Mal-gucken-ob-da-nicht-doch-was-geht spürte, aber das ließ sich ja, wie gesagt, abwenden. Dann flutschte ihr die Seife aus den Händen, schlitterte blitzschnell über die Fliesen, sodass sie nicht einmal auszumachen vermochte, wohin. Verdammt, muss ich mich jetzt nach der Seife bücken, so nackt wie ich bin? Blödes Klischee. Kurz und halbherzig halfen ihr die Typen bei der Suche, gaben aber schnell auf und waren wieder mit ihren Männerthemen beschäftigt, irgendetwas schrecklich Relevantes, was sie gar nicht interessierte. Sie suchte weiter nach der Seife, hinter der Kommode, unterm Waschbecken, hinter dem Vorhang, unauffindbar.
Trübes Licht fiel durch das kleine Fenster, es war warm unter der Decke, aber auch einsam. Sie sehnte sich nach liebkosenden Händen, war aber zu träge, um nach nebenan zu gehen, wo sie sich hätte holen können, was sie begehrte. Alles viel zu anstrengend. Sie griff nach dem Nachschlagewerk auf ihrem Nachttisch, las mit zusammengekniffenen Augen – die Lesebrille steckte noch in der Handtasche – Dusche, Seife, Nacktheit, unbekannter Mann...sie fühlte sich also schuldig, wollte sich davon befreien, schaffte es aber nicht. Welche Schuld konnte das sein? Nachlässigkeit bei der Reduktion des ökologischen Fußabdrucks? Außereheliche erotische Phantasien? Die kleinen Vertrauensbrüche, wenn sie sich im angeregten Gespräch verplapperte? Dass sie nicht all ihren mittelständischen Reichtum den Ärmsten der Armen überließ? Oder waren es die Gewaltphantasien, die sie zunehmend heimsuchten?
Als Kind hatte ihr noch die Vorstellung eines effektiven Kinnhakens gereicht, um boshafte Gesellen aus dem Weg zu räumen. Als Teenager träumte sie von der eigenen maschinengewehrsalvenartigen, wortgewaltigen Schlagfertigkeit, mit der sie ihre Gegner schachmatt setzen wollte. In den Zwanzigern erschrak sie zum ersten Mal heftig über sich selbst, als sie sich bei der Vorstellung ertappte, einen renitenten Jugendlichen so lange vor die Wand zu klatschen, bis das Blut spritzte. Aus der Nummer war sie herausgekommen, indem sie mit ihrem Chef darüber redete, eine Idee davon bekam, dass das Objekt ihres Hasses ein elendes Opfer seiner Verhältnisse war und so hatte sie sich ihm mit systematischer Pädagogik zugewandt, war durch die Schale seiner Abwehr zu seiner verletzten Seele durchgedrungen und hatte sich um Heilung bemüht, tatsächlich mit Erfolg. Aus dem Enfant terrible mit der Schwerverbrecherprognose war ein erfolgreicher, bürgerlicher Unternehmer geworden, mit reizender Gattin und ehrenwerter Presse. Seitdem hatte sie sich bei jedem garstigen Jungspund immer dieses Geschichte vor Augen geführt und sich in Empathie geübt, sich auch vom Scheitern nicht entmutigen lassen, denn sie scheiterte ja nicht jedes Mal.
In den Dreißigern hatte das Gewaltpotential dann noch einmal angezogen. Da hatte sie nach der Lektüre eines Emma-Artikels über die Lage der Frauen in Afghanistan den glühenden Wunsch verspürt, sich bewaffnet mit einer Kalaschnikow in dieses Land zu begeben und die ganzen Frauenverächter wegzublasen, rattattattattatt umgemäht, bestraft, vernichtet. Sie wusste natürlich, dass sie dazu nicht in der Lage war, ebenso wenig wie zum Kinnhaken Verteilen oder zum Mundtotlabern mit flotten Sprüchen. Außerdem wusste sie auch, dass ein solches Vorgehen kein einziges Problem löste. Nicht einmal ein Tyrannenmord würde die Welt verbessern. Nicht Trump, Erdogan, Putin, Kim Jong Un, Johnson, Orban usw. waren das Problem. Das Problem waren die Leute, die diesen Brüllaffen ihre Stimme gaben, die ihre Macht legitimierten, die kein Erbarmen hatten mit denen, die darunter zu leiden hatten. Und wo war da ihre Schuld? Sie hatte die Neofaschisten in ihrem Land nicht gewählt, nicht einmal ihre Steigbügelhalter.
Der Türklopfer riss sie aus ihren Gedanken. Wer konnte das sein? Der Postbote benutzte immer die Klingel, der Schornsteinfeger auch. Sie schälte sich aus dem warmen Bett, schlüpfte in den weißen Bademantel, band ihn ordentlich zu und fuhr sich mit den Fingern durch die von der Nacht zerwühlten Haare. Durch das gefrostete Glas konnte sie keine bekannte Kontur entdecken. Sie öffnete neugierig die Haustür und da stand er. Sie erkannte ihn sofort an seinen Zorn versprühenden, kleinen, grauen Augen. So ein armes, kleines Würstchen war er gewesen. Gekümmert hatten sie sich um ihn, sich seine Geschichte angehört, seine kruden Ansichten, mit ihm diskutiert, ihn ihre Sorge spüren lassen, ihn gewarnt, als sie Kenntnis davon hatten, dass er auf einer Abschussliste stand. Sie hatte so sehr gehofft, dass er die Kurve kriegen würde, sich von dem Wahnsinn abwenden würde, in den er da geraten war. Neulich hatte sie ihn gegoogelt. Auf seiner Facebook-Seite war ein Foto von einem Nazi-Konzert zu sehen, ein moderner Reichsparteitag, alle streckten den rechten Arm schräg nach oben, straff, stählern und zum Töten bereit. Er war kein armes kleines Würstchen mehr. Er war eine arme große Wurst und absolut nicht mehr zu retten. Aber was wollte er bei ihr?
„Anja Delacroix?“ fragte er und sprach ihren Nachnamen „Delakreuks“ aus. „Delacroix“, verbesserte sie ihn instinktiv.
„Auch noch 'ne Franzosenschlampe.“, stieß er hervor. „Hab' ich dich endlich gefunden, du dreckige, linke Zecke. Ich hab's euch ja damals schon gesagt. Wir kriegen euch alle.“
Wie kam er dazu nach fast dreißig Jahren hier vor ihrer Tür zu stehen? Sie überlegte schnell, was sie erwidern sollte, doch bevor sie antworten konnte, blickte sie schon in das kalte, schwarze, frisch geölte Metallrohr, spürte kurz so ein unangenehmes Ziehen, zuerst im Nacken, dann im ganzen Rücken, sah dann in das orangerote Mündungsfeuer. Der weiße Bademandel färbte sich rot. Wäre ihr Haar noch schwarz gewesen, hätte sie glatt als Schneewittchen durchgehen können.
Auf ihrem Grabstein stand nichts. Ihre Asche wurde in einem Friedwald beigesetzt. Und die große Wurst wurde nicht erwischt. Dieses Mal nicht.
Ziel unbekannt
Warme Milch mit Kurkuma – entzündungshemmend und gar nicht schlecht – besser als Ingwer. Man soll ja auf die Heilkräfte der Natur setzen – Apotheke Gottes und so. Wann sehen wir uns wieder? Wie oft noch? Das Leben ist eine Ansammlung von Zufällen, da hängt nichts zusammen. Sinn ist eine Illusion; und ob ich jetzt krank werde oder gesund bleibe, sterbe oder lebe, liebe oder hasse, ist irrelevant. Ich kämpfe um meinen Platz, mein Wohlbefinden, mein Leben genau wie alle anderen. Mal gewinnt man, mal verliert man und am Ende steht immer der Tod.
Sie kriegen mich nicht, dachte Corrie. Ich bin ihnen immer ein paar Schritte voraus. Sie halten mich für beherrschbar, berechenbar, besiegbar – aber sie irren sich. Andere von meinem Format verfolgen eine bestimmte Zielgruppe, besonders Schwache zum Beispiel. Ich töte wahllos – und sie finden die Tatwaffe nicht. Wenn sie den Mord entdecken, bin ich längst über alle Berge, bei den nächsten Opfern. Tausende habe ich schon erwischt – und es werden immer mehr. Niemand kann mir entkommen, wenn ich ihn haben will, das haben sie nur noch nicht begriffen. Ich werde die Erde heilen von diesem widerlichen Virus Mensch, damit die Wunden heilen, die Entzündungen abklingen können und die grüne Lunge wieder frei durchatmen kann.
Hausmittel, Gebete, Gottvertrauen – das sollte helfen – und wenn nicht, dann sehen wir weiter. Wir sehen uns wieder, so oder so. Das Leben ist eine Perlenkette der Ereignisse: bunt, schön, abwechslungsreich, manchmal geschmacklos, individuell und oft überraschend. Ob ich jetzt gesund bleibe oder krank werde, lebe oder sterbe, ist irrelevant. Entscheidend ist, dass ich liebe und nicht hasse, dass ich meinen Platz finde und ihn würdig ausfülle, dass ich mein Wohlbefinden nicht über das der anderen stelle. Mal habe ich Glück, mal muss ich leiden genau wie alle anderen und am Ende steht immer das Leben.
Die zehnte Plage
„Jetzt ist es soweit. Die neunte Plage ist gekommen und bis zur zehnten wird es nicht mehr lange dauern, denn sie kehren noch immer nicht um. Kaum jemand erkennt die Zeichen.
Die erste Plage hat schon in den Achtzigerjahren begonnen: AIDS hat im Laufe der Jahre mehrere Millionen Menschen getötet und bis heute gibt es weder Impfung noch Heilung – von zwei Ausnahmewundern abgesehen.
Dann folgte die zweite Plage: Gletscher und Polareis begannen aufgrund der Erderwärmung deutlich zu schmelzen, die Weltmeeresspiegel stiegen an, bewohnte, pazifische Inseln versanken für immer.
Die dritte Plage war das exorbitante Seebeben mit dem darauf folgenden, verheerenden Tsunami, der fast eine Viertelmillion Menschenleben gefordert und eine unglaubliche Spur der Verwüstung hinterlassen hat.
Immer mehr Kriege haben weltweit für Vertreibung und Flucht gesorgt, die Geflüchteten mussten erbittert um einen neuen Platz und ihre Existenz kämpfen, viele haben den Kampf verloren und von denen, die fortan ihren Platz teilen mussten, wurden die neu hinzugekommenen Menschen als Bedrohung erlebt. Das war die vierte Plage.
Die fünfte Plage war bald nicht mehr zu übersehen: unendliche Mengen von Plastik fand sich in den Weltmeeren, tötete Pflanzen und Tiere und gelangte in die Nahrungskette der Menschen, um sie krank zu machen.
Wie von selbst kam nun die sechste Plage: überall schossen Faschisten und Populisten wie Pilze aus dem Boden und die Menschen in ihrer Torheit und Bosheit gaben ihnen Macht über sich.
Die siebte Plage folgte auf den Fuß: Hitze und Trockenheit ließen die Ernten verbrennen und dezimierten die Trinkwasservorräte. Doch sie erkannten noch immer nichts.
Die achte Plage brachte Stürme und Überschwemmungen, doch die Menschen machten wie gewohnt weiter und ignorierten die Warnungen des HERRN.
Nun ist also die neunte Plage gekommen. Das Virus hält sie fest im Würgegriff, hat schon viele Tausende getötet und wird weiter töten. Die Mächtigen indes, die es auf welchem Weg auch immer in die Welt gebracht haben, nutzen die Angst und Unsicherheit, um die Massen unter ihre vollkommene Kontrolle zu bringen.
Kein Zeichen der Einsicht bei den Menschen, keine Bereitschaft zur Umkehr, um für die Wiederkunft des HERRN bereit zu sein. Bald wird die zehnte Plage kommen: die Tötung aller Erstgeburten durch den Engel des HERRN. Und dieser Engel bin ich selbst.
Ich hatte einen Traum – was sage ich – ein Gesicht, eine Vision, eine Offenbarung des HERRN. Er gab mir das spitze, zweischneidige, flammende Schwert in die Hand, eine Lilienblüte bildete Heft und Griff und ich hörte seine donnernde Stimme sagen: ‚Bereite dem HERRN den Weg, denn siehe, die Himmel sind nahe herbei gekommen, es ist an der Zeit und das Blut der Stammhalter der Verderbten soll den ausgedörrten Boden benetzen und ihm seine Fruchtbarkeit zurück bringen.‘
Und ich sah mich selbst, wie ich all die Erstgeburten vernichtete und wie das Land sich rot färbte und wie dann überall das Grün aus dem Boden schoss und der Himmel blauer als blau wurde und die helle Sonne alles in goldenes Licht tauchte und die Seraphinen und Cherubim sangen mit glockenhellen Stimmen und der HERR selbst stieg aus den Himmeln und machte alles neu.“
Renan hat die Verrückte im letzten Moment zu Boden gerungen, bevor sie Hakan das lange, spitze Fleischmesser in den Leib rammen konnte. Um sie herum stehen die Leute mit offenen Mündern, ihre Einkaufswagen schützend vor sich, wie eingefroren, als warteten sie auf den Retter.
„Verdammt!“, brüllt Renan. „helft mir dieses Ungeheuer festzuhalten. Ruft die Polizei!“
Die Umstehenden rühren sich noch immer nicht. Die einen glotzen, die anderen gehen einfach weiter, nur weg aus der Gefahrenzone. Schließlich haben sie nichts damit zu tun. Am Ende bekommt man noch einen Messerstich ab, nein nein, das ist sicher eine Stammesfehde, irgendeine Türkenmafia-Geschichte, das sollen die mal schön unter sich ausmachen. Womöglich hat noch einer von denen Corona, denen kommt man besser nicht zu nahe.
Hakan wählt einen aus, der besonders stark aussieht. Er hat große, kräftige Beine, sehr breite Schultern und einen Kopf wie der Mann auf der Flasche mit dem Reinigungsmittel. Seine schweren, schwarzen Stiefel mit den weißen Schnürsenkeln machen den Eindruck, als wenn ihn nichts und niemand umhauen könnte. Hakan geht auf ihn zu und sagt: „Du bist groß und stark. Kannst du meiner Mama helfen?“
Der große Mann sieht ihn lange an. Zuerst so, als sehe er durch den kleinen Jungen hindurch. Aber die Hilfsbedürftigkeit und das große Vertrauen in Hakans Augen beschämen ihn. Er kann doch einen kleinen Jungen und eine Mutter nicht hängen lassen, dann wäre er kein Kerl. Er löst sich aus seiner Starre und eilt zur Hilfe. Als sie das sieht, kommt Bewegung in eine junge Frau, die ruft die Polizei.
„Diesmal war Satan stärker als ich. Aber der HERR wird kommen, das kann Satan nicht verhindern. Der HERR wird siegen. Und ich werde sein Engel sein.“
Eremit
Endlich Ruhe. Was für ein Geschenk. Endlich war er da angekommen, wo er schon immer hinwollte. Als Frauke vor einem halben Jahr ausgezogen war, hatte er zunächst einen Anflug von Panik verspürt, eine große Verunsicherung, die Störung der gewohnten Abläufe, da war etwas unkontrollierbar aus den Fugen geraten, entzog sich seiner Selbstwirksamkeit.
Doch Woche für Woche hatte er gelernt, mit den neuen Anforderungen des Alltags fertig zu werden, hatte feste Tage für seine Routine-Einkäufe, hatte gelernt, sich selbst etwas Schmackhaftes zu essen zuzubereiten und hatte zunehmend die störungsfrei Zeit in seinen eigenen vier Wänden genossen. Kein plärrendes Radio in der Küche, kein nervtötendes Herzkino im Wohnzimmer, keine geschäftige Gattin, die hier etwas ordnete, da etwas putzte, dort etwas zusammenrührte und ihn permanent mit Nichtigkeiten belästigte, seien es Neuigkeiten aus der Nachbarschaft, aktuelle politische Entwicklungen, die neuesten Zipperlein und ausführliche Berichte von Arztbesuchen, ihre Nörgeleien, weil er schmutzige Wäsche im Bad liegen ließ oder seinen Tee zu lautstark schlürfte.
Perfekt war es trotzdem nicht gewesen. Die Gemeinde hatte ihm kaum Ruhe gelassen. Neben den üblichen regelmäßigen Amtshandlungen wie Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, hatte es immer Übergriffe auf sein Privatleben gegeben: Anrufe aufgeregter, wichtigtuerischer Presbyter, die ihre Schlaflosigkeit mit ihm teilen wollten, weil irgendein Haushaltsloch ihnen keine Ruhe ließ. Kurzfristig anberaumte Sitzungen aufgrund vermeintlicher Krisen, psychisch labile oder einsame Menschen, die den persönlichen Kontakt suchten für ein tröstendes Gespräch, abgebrannte Präkarier, die vor der Tür standen und es nicht dabei beließen, finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sondern versuchten, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen, weil er sie nicht umfassend aus ihrem Elend rettete und ihnen so viel Unterstützung gewährte, dass sie für die nächsten Monate ausgesorgt hatten, die manchmal aggressiv wurden und versuchten, ins Haus zu kommen; hormonell übersteuerte Pastorenschwalben von unterirdischem Marktwert, die ihre heimliche Schwärmerei kaum verbergen konnten oder sich nicht einmal Mühe gaben, eine höfliche und angemessene Distanz zu halten.
Das war jetzt alles ausgesetzt, der Seuche sei Dank. Der stille, von hohen Hecken umsäumte Garten, war in goldenes Frühlingslicht getaucht, die Narzissen blühten um die Wette mit dem schneeweißen Mirabellenbusch und niemand suchte ihn auf, weil man persönliche Kontakte ja vermeiden sollte. Gottlob war vor einer Woche seine Telefon- und Internet-Verbindung zusammengebrochen und ein Mobiltelefon besaß er nicht, das lehnte er kategorisch ab. Er war nun ganz auf sich zurückgeworfen, ging jeden Morgen ins Gemeindebüro, hörte dort den Anrufbeantworter ab, sah die Post durch, rief Leute zurück, erteilte der Verwaltungskraft Arbeitsaufträge fürs Homeoffice und hatte zu seiner großen Erleichterung schon seit einer Woche niemanden mehr beerdigen müssen.
Er war ganz auf sich selbst zurückgeworfen, spürte den wärmenden Wollstoff auf seiner Haut, der ihm die gefährliche Frühlingskühle vom Leib hielt, spürte den Puls in seinen Adern, den Geschmack auf der Zunge, wie der Atem in seine Lungen strömte und sie wieder verließ, wo sein Körper den Boden und den Stuhl berührte, wie die Schwerkraft ihn mit der Erde verband. Er hörte in sich hinein, hörte es brausen und tosen. So viel war da in ihm, das ans Licht wollte und immer nicht konnte, weil es permanent zu Störungen kam. Doch jetzt begann es sich Bahn zu brechen, wie der Keimling aus einem Samenkorn, der mit aller Kraft, die über ihm verdichtete, lehmige Erde durchbrach. Alle Weisheit und Erkenntnis dieser Welt schlummerte in ihm und nun erwachte sie, um sich schon bald in voller Pracht zu entfalten.
Da! Verdammt. Dieses entsetzliche, schrille Geräusch, Inbegriff der Unterbrechung, seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Wer wollte denn jetzt etwas von ihm? Das konnte doch nur die wabernde Waltraud sein, die ihn mit einer überwürzten Pizza-Suppe verköstigen, bestechen, verführen oder einfach nur ihren überkochenden Gefühlen Ausdruck verleihen wollte. Er hatte bereits den unappetitlichen Geruch von Schweinehack und minderwertigem Schmelzkäse in der Nase, alles in ihm sträubte sich, die Tür zu öffnen, dennoch erhob er sich pflichtschuldig von seinem Stuhl und schritt schwerfällig zur Haustür.
Durch das Fenster erblickte er einen Mann, der von der Haustür abgewandt auf die Straße blickte. Es würde nicht mehr lange dauern, dann ständen die Bettler vor seiner Tür und würden nebenbei telefonieren, wie es etliche bereits an der Supermarktkasse taten. Gereizt riss er die Haustür auf, doch bevor er ein barsches „Ja, bitte?“ hervorstoßen konnte, war der Mann schon in seiner Wohnung und zwei weitere, die direkt neben der Haustür gestanden hatten, kamen hinterher, schlossen die Tür, rangen ihn zu Boden. Sie rochen säuerlich, hielten ihm mit nach Nikotin stinkenden Fingern den Mund zu, dann hörte er das enervierende Geräusch von abgezogenem Reparaturband. Sie umwickelten seine Hand- und Fußgelenke damit und verschlossen ihm schließlich den Mund. Dann ließen sie ihn liegen und schwärmten aus. Idioten. Was gab es bei ihm schon groß zu holen? Die paar Kröten in der Diakonie-Kasse waren den Aufwand nicht wert. Er besaß keine Wertgegenstände wie Schmuck, Münzen oder handliche High-End-Geräte.
Das Atmen fiel ihm schwer. Die Nasenschleimhäute waren leicht geschwollen, er bekam nicht genug Luft, sein Herz raste und überall im Haus hörte er Schranktüren klappern, das polternde Ausleeren von Schubladen, schwere Schritte.
Irgendwann waren sie fertig. Sie verließen das Haus, wortlos, maskiert, bis sie ins Licht traten, ließen ihn liegen, schlossen die Haustür.
Frauke fühlte sich endlich frei und war heilfroh, dass sie die folgende Zeit der weitestgehenden sozialen Isolation nicht mit ihrem dauermürrischen Ehemann verbringen musste, sie hatte den Kontakt komplett abgebrochen und spürte die heilsame Wirkung des Abstands sich täglich entfalten.
Gemeindeglieder waren mit innerer Unruhe und verzweifelten Hamsterkäufen vollkommen ausgelastet. Ihren Pfarrer würden sie erst wieder brauchen, wenn die Ausgangssperre einsetzte.
Das Gemeindeleben war praktisch zum Erliegen gekommen, darum hatte man auch im Presbyterium kaum etwas zu tun.
Waltraud zerriss es das Herz, dass sie den Herrn Pfarrer nicht besuchen konnte. Sie wollte seine Gesundheit nicht gefährden und für ein Telefongespräch war sie nicht wortgewandt genug, hatte auch zu wenig Phantasie, um einen Grund für einen Anruf zu finden.
Man fand ihn erst nach ein paar Tagen, als es mehreren aufgefallen war, dass er nicht ans Telefon ging und auch nicht mehr im Gemeindebüro gewesen war.
Bestattet wurde er in aller Stille, mehr war nicht drin in der Krise, aber die Stille hatte er ja auch gewollt.
Schmerz
Sie fanden sie in Seitenlage, zusammengekrümmt in ihrem Bett. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen, was bei dem Geruch im Treppenhaus zu erwarten gewesen war. Sie war nicht aus dem Urlaub zurückgekehrt, das hatte einige Leute auf Trab gebracht, das und der Geruch. Die Kriminalpolizei schickte die Spurensicherung und nahm die Leiche zur Obduktion mit.
Nichts deutete auf ein Verbrechen hin: keine Verletzungen, keine Vergiftungen, es war wohl einfach so gekommen, dass ihr Herz stehen geblieben war.
Sie hatte nicht so viele private Kontakte gehabt, nur beruflich war sie sehr umtriebig gewesen, dort allerdings engagiert und meistens fröhlich und gut gelaunt. Alle waren sich einig: Für Suizid, was sie nicht der Typ. Es gab ja auch keinen Abschiedsbrief.
In den letzten Wochen hatte sie allerdings etwas nachgelassen, war einem Kollegen aufgefallen. Sonst hatte sie sich vor keiner Arbeit gedrückt, war mit Esprit ans Werk gegangen, empathisch gegenüber der Zielgruppe, hilfsbereit gegenüber Kolleginnen und Kollegen. Vielleicht war sie einfach mit ihren Kräften am Ende gewesen. Sie hatte in den letzten Wochen irgendwie unkonzentriert gewirkt, das Lächeln hatte sich weitestgehend aus ihrem Gesicht verabschiedet und wenn da eines gewesen war, dann meistens ein bitteres. Auch waren die Augen oft rot gerändert, wie bei einer ausgewachsenen Pollenallergie oder bei einem Menschen, der viel weint. Blass und mit hängenden Schultern war sie umher geschlichen, als wäre sie in Trauer.
Das war sie auch, aber niemand wusste davon. Es war ja auch niemand gestorben, um den sie getrauert hätte. Aber da war ein Kollege gewesen, einer zum Pferde stehlen, einer für den sie alles getan hätte und auch vieles getan hatte, bis zum letzten Blutstropfen. Und dann hatte er einen Karrieresprung hingelegt, wechselte zu einem anderen Träger. Aber er blieb ja in der Stadt, sie würden in Kontakt bleiben, sich privat verabreden, wenigstens gelegentlich, das hatte sie getröstet, wenn auch nur schwach.
Als es dann auf den letzten Metern in seiner Einrichtung zu einem Rieseneklat gekommen war, hatte sie in großer Sorge um ihn bei ihm angerufen, um sich zu erkundigen, wie es ihm gehe, natürlich um für ihn da zu sein, ihm zur Seite zu stehen, ihn nicht im Stich zu lassen, wie man das bei Freunden eben so tut.
Er hatte sie angeblafft, hatte reagiert, als wenn sie ihn mit Nichtigkeiten bestürmt hätte, wie eine lästige Stalkerin. Sie hatte die Welt nicht mehr verstanden. Sie hatte sich verabschiedet mit einem „Wir hören sicher wieder voneinander.“
„Lieber per Mail.“, hatte er erwidert, freundlich aber bestimmt. Nicht einmal telefonieren wollte er mit ihr, er, für den sie alles getan hätte.
Als sie sich das nächste Mal gesehen hatten, hatte er ihr ein Buch zurückgegeben, das sie ihm geliehen hatte.
„Und wie hat es dir gefallen?“
„Weiß ich nicht. Offen gestanden bin ich nicht dazu gekommen, es zu lesen.“
„Und warum behältst du es dann nicht noch?“
„Weil wir uns ja demnächst nicht mehr sehen, wenn wir nicht mehr zusammenarbeiten.“
Das war mehr als eine klare Ansage gewesen. Und wenn die Beamten, die ihren Rechner durchforstet hatten, davon gewusst hätten, hätten sie verstanden, was in der zuletzt veränderten Datei gespeichert war:
er will mich nicht
will mich nicht
mich nicht
nicht.
Ich sitze
ich atme
ich wiege hundert tonnen
nicht einmal ins leere stürzen kann ich
ich kann mich auch nicht auflösen
ich bin nur schmerz
bin nur schmerz
nur schmerz
schmerz
Verzweifelte Suche - Ein Antikrimi mit Peter Margo
Eigentlich ging der Sommer gerade zu Ende aber so vieles war in diesem Jahr komplett verrückt gelaufen, dass ich mich auch nicht über die Affenhitze wunderte, die sogar Ende September den Deckenventilator in meinem sonst so kühlen Büro unentbehrlich machte. Jetzt um die Mittagszeit war es hier drin am besten auszuhalten, erst wenn gegen Abend die Gluthitze langsam von der lauen Sommernacht abgelöst wurde, war es das Klügste, diesen möblierten Umluft-Herd zu verlassen.
Es klopfte und ich gab ein neutrales „Herein!“ von mir, vollkommen ahnungslos, ob da auf der anderen Seite der Tür ein Arbeitsauftrag, ein Schuldeneintreiber, ein War-gerade-zufällig-in-der-Gegend-Bekannter, ein Verrückter oder alles auf einmal wartete. Die Klinke wurde sanft herunter gedrückt, die Tür behutsam geöffnet und vor mir stand eine farblose, weibliche Person mittleren Alters. Graubraun gewandet und behaart, in derben Lederschuhen, Cordhosen und Wollwalkjacke, ungeschminkt, aber nicht ungepflegt, mit müden Augen und die schmalen Lippen umgebenden Kräuselfalten.
„Bin ich hier richtig?“, fragte sie mit brüchiger Stimme, ganz so, als sei sie es nicht mehr gewohnt, sie regelmäßig zum Einsatz zu bringen. „Privatdetektiv Peter Margo?“
„Ja, ganz recht, Lady“, antwortete ich, „was kann ich für Sie tun?“
„Ich hoffe, Sie halten mich nicht für verrückt. Bei der Polizei war ich schon, die sahen keine Notwenigkeit zu ermitteln und haben auch so reagiert, als wenn ich meine fünf Sinne nicht beisammen hätte.“
Sie sprach nicht weiter und sah mich erwartungsvoll an.
„Setzen Sie sich doch.“, forderte ich sie auf und fragte: „Welches Anliegen haben Sie denn?“
Sie nahm Platz, stellte die Füße ordentlich nebeneinander und bemühte sich ihre Schultern zu straffen. So ganz gelang ihr das nicht, ich schloss auf verkürzte Muskeln, Sehnen und Bänder, sie war nicht so der athletische Typ. Sie atmete tief durch, dann begann sie zu erzählen: „In der Wohnung schräg gegenüber wohnt seit zwei Jahren ein Paar, sie sind in den mittleren Jahren, vielleicht auch etwas drüber und haben sich einfach gut gehalten. Sie leben allein, bekommen kaum Besuch, in den letzten Monaten ohnehin nicht, da hatte ja niemand mehr Besuch, aber jetzt, wo es wieder los geht, eben auch nicht. Sie waren eigentlich kaum zu Hause, waren wohl beide beruflich sehr eingespannt, gesehen habe ich sie nur in der dunklen Jahreszeit, wenn abends Licht bei ihnen war und sie in der Küche hantierten oder im Wohnzimmer saßen. Während der Corona-Zeit waren sie wie so viele meistens in ihrer Wohnung, arbeiteten wohl von zu Hause aus. Und an manchen Tagen, wenn bei ihnen die Fenster geöffnet waren und bei mir auch, habe ich mitbekommen, wie sie sich gestritten haben, richtig lautstark, sonst hätte ich ja nichts gehört. Es passierte immer häufiger, in immer geringeren zeitlichen Abständen und in einer Heftigkeit, dass mir das Blut in den Adern gefror. Dann, Ende Juli, hörte es plötzlich auf. Zuerst war ich natürlich dankbar für die Ruhe, aber dann fragte ich mich, ob die zwei wohl weg gezogen waren. Ich bin spazieren gegangen, aber da standen noch immer die gleichen Namen auf den Klingelschildern und irgendwann sah ich die Frau, die abends nach Hause kam. Komischerweise sah ich den Mann aber nicht mehr, obwohl sein Name noch immer auf dem Klingelschild steht.“
„Es kann doch aber sein.“, bemerkte ich. „Dass der Mann ausgezogen ist und die Frau es bisher versäumt hat, das Schild zu ändern, weil sie zu viel um die Ohren hat oder weil sie heimlich hofft, dass er zu ihr zurückkehrt.“
„Ja“, antwortete meine Klientin. „Das dachte ich auch. Aber dann habe ich die Frau mal auf der Straße getroffen und bin einfach auf sie zugegangen. Da hab‘ ich sie gefragt, ob es ihnen gut gehe, und gesagt, dass man ihren Mann ja gar nicht mehr zu Gesicht bekäme und ob denn alles in Ordnung sei. Da hat sie erwidert, alles sei in bester Ordnung, ihr Mann sei nur sehr viel unterwegs, das sei so bei beruflich erfolgreichen Menschen. Und dann hat sie mich einfach stehen lassen.“
„Vielleicht ist es ihr auch einfach nur peinlich, dass er sie verlassen hat.“, bemerkte ich. „Sie will die Illusion der Bilderbuchehe nach außen hin aufrecht erhalten und spielt Ihnen die erfolgsverwöhnte Gattin vor. Und mal ganz im Ernst, das Leben dieser Leute geht Sie ja nun wirklich nicht das mindeste an. Warum sollte da ein Verbrechen vorliegen?“
„Nein.“, erwiderte die graue Maus, „Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht überzeugt davon, dass die Frau ihrem Mann etwas angetan hat. Vielleicht wurde er auch entführt und sie schaltet aus Angst vor schlimmeren Folgen die Polizei nicht ein. Vielleicht ist es auch so wie sie vermuten und er hat sie verlassen und sie will das nicht zum Thema machen. Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass da etwas nicht stimmt. Die Polizei sagt, sie haben keinen Grund, aktiv zu werden und das verstehe ich ja auch. Wenn ich Sie jetzt aber dafür bezahle, dass Sie diskrete Ermittlungen anstellen, um herauszufinden, was tatsächlich passiert ist, dann haben wir etwas in der Hand, um das die Polizei sich kümmern muss oder, was viel besser wäre, ich kann wieder ruhig schlafen.“
„Na gut.“, sagte ich und nannte ihr meinen Preis. „Dann brauche ich von Ihnen noch Namen und Anschrift des besagten Paares und ich mache mich gleich morgen an die Arbeit.“
Ich musste verdammt früh aufstehen, wenn ich um 7.00 Uhr am Haus der zu beobachtenden Personen in Stellung gehen wollte. Ich schaffte es gerade mal so, mit einem Becher Kaffee zum Mitnehmen stand ich schließlich in der Berliner Straße und hatte die Wohnung der Eheleute Benrath und Marowski im Visier. Rüdiger Benrath und Olivia Marowski, um genau zu sein, bewohnten gemeinsam eine großzügige Fünfzimmer-Wohnung im ersten Stock eines etwa einhundert Jahre alten Mehrfamilien-Bürgerhauses mit großflächigen Sprossenfenstern und hohen Stuckdecken. In der Küche war Licht, ich konnte durch das Fenster aber nur die Silhouette der Frau erkennen, soweit stimmten meine Beobachtungen mit der meiner Klientin überein.
Gegen 7.30 Uhr verließ Frau Marowski die Wohnung und stieg in einen dunkelblauen Jaguar. Ich startete meine alte Klapperkiste und folgte ihr unauffällig. Sie fuhr quer durch die Stadt, bis sie schließlich den Wagen auf einem reservierten Mitarbeiterparkplatz einer größeren Anwaltskanzlei abstellte. Ich parkte in der Nähe, ging erst einmal in Ruhe frühstücken und drückte mich danach den gesamten Vormittag vor dem Gebäude herum. Gegen 13.00 Uhr verließ Frau Marowski das Haus mit einem Mann und einer Frau, offensichtlich zum gemeinsamen Mittagessen. Ich wartete etwa fünf Minuten, dann betrat ich die Kanzlei. Der Laden befasste sich überwiegend mit Vertragsrecht, da würde mir schon etwas einfallen. Ein Vorzimmer-Herr begrüßte mich freundlich und fragte, ob ich einen Termin habe.
„Nein.“, erwiderte ich. „Aber ich weiß schon zu wem ich will. Ich hätte gern die Frau Marowski gesprochen.“
„Die ist gegenwärtig zu Tisch.“
„Dann vielleicht mit ihrer Vertretung? Wissen Sie, die Frau Marowski wurde mir persönlich empfohlen, aber wenn sie jemand vertritt, ist das vielleicht ebenso gut.“
„Worum geht es denn bei Ihnen?“
„Ach, das würde ich lieber gern selbst mit dem zuständigen Rechtsbeistand erörtern, es ist nämlich etwas heikel.“
„Aber wenn ich wüsste, in welche Richtung Ihr Anliegen geht, könnte ich Sie dem passenden Mitarbeiter zuweisen.“
„Nun, es müsste ja nur jemand mit dem gleichen Spezialgebiet sein, wie die Frau Marowski.“
„So einfach ist das aber nicht. Jeder hat hier nicht nur ein Spezialgebiet. Die Frau Marowski zum Beispiel ist zuständig für Das Aufsetzen von Eheverträgen, Entwicklung und Überarbeitung von AGBs und dem Widerspruch gegen betrügerische Vertragspartner, die zum Beispiel durch Täuschung Verträge zustande kommen lassen, in denen die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gegeben ist.“
„Also um einen Betrugsfall geht es bei mir auch.“
„Dann schicke ich Sie mal zu der Frau Ostenholt. Die ist schon aus der Pause zurück.“
Kurz darauf betrat ich ein steriles Büro mit grauem Tretford-Teppichboden, Armstühlen aus Metall mit gepolsterten und strapazierfähigem Textil bezogenen Sitzen, Büromöbeln mit Kirschholzfurnierimitat und weißen Lamellen vor den Fenstern, wie sie in Arztpraxen verwendet wurden. Frau Ostenholt war normal groß, schlank, ein wenig konservativ frisiert, geschminkt und gekleidet. Sie bot mir an, mich zu setzen und fragte nach meinem Anliegen.“
„Wissen Sie“, begann ich, „es ist mir etwas peinlich. Ich bin da einer billigen Betrugsmasche auf den Leim gegangen. Man hat mir einen Eintrag ins Branchenbuch angeboten, ich habe das nicht weiter geprüft, dachte, ja klar, Branchenbuch, da muss man ja drin stehen, hab die erforderlichen Daten eingetragen und das Formular abgeschickt. Sechs Wochen später kam die Rechnung: 600,- € für das laufende Jahr, Vertragsbindung für mindestens zwei Jahre. Keine Möglichkeit mehr vom Vertrag zurückzutreten, weil ich ihn ja schon vor sechs Wochen abgeschlossen hatte. Mein Bekannter empfahl mir, das Problem mit Frau Marowski zu lösen, die hole mich da raus, allein könne ich das nicht schaffen.“
„Ja, da hat Ihr Bekannter wohl Recht. Für Laien ist das ein Problem, für uns dagegen ein lösbares Problem. Wieso hat Sie Ihr Bekannter so besonders auf Frau Marowski verwiesen?“
„Er kennt sie wohl persönlich. Was meinen Sie? Ist sie so kompetent wie mein Bekannter behauptet hat?“
„Davon gehe ich aus. Ich kann Ihnen aber genauso weiterhelfen. Wenn Sie allerdings unbedingt möchten, dass Frau Marowski sich im Weiteren der Sache annimmt, kann ich die Angelegenheit auch an sie übergeben. Sie können mir Ihr Anliegen trotzdem vortragen.“
„Wie gut kennen Sie Ihre Kollegin?“
„Ich weiß, wie sie arbeitet.“
„Und wie ist sie sonst so?“
„Was tut das zur Sache?“
„Ich weiß gern mehr über einen Menschen, dem ich persönliche Angelegenheiten anvertraue. Ich muss ein gutes Gefühl bei einer Person haben. Seriös sollte sie sein, auch in privater Hinsicht. Ist sie verheiratet?“
„Allerdings.“
„Und was macht ihr Mann beruflich?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Reden sie als Kolleginnen denn nicht miteinander?“
„Doch, schon, aber eben über berufliche Dinge.“
„Nie über Privates?“
„Gelegentlich. Frau Marowski ist da allerdings eher zurückhaltend. Da werden Sie auch bei den anderen Kolleginnen und Kollegen kein Glück haben, wenn sie etwas aus ihrem Privatleben erfahren wollen. Aber worum geht es Ihnen eigentlich? Um ihren Betrugsfall oder um meine Kollegin?“
„Natürlich um meinen Fall. Und vielleicht ist es besser, wenn ich Sie damit betraue. So kompliziert ist es auch gar nicht, nur ein bisschen peinlich, dass ich auf diese Betrüger hereingefallen bin.“
Ich holte in meinen Erzählungen noch etwas aus, hatte dann aber, oh Schreck, die Unterlagen vergessen und versprach, sie in den nächsten Tagen zu mailen oder persönlich vorbei zu bringen.
Frau Marowski trennte also Berufliches und Privates strikt voneinander. Niemand an ihrem Arbeitsplatz wusste etwas über ihren Mann. Auch dass er verschwunden war, schien hier niemandem aufgefallen zu sein. Ich entschloss mich, zunächst einmal herauszufinden, wo Rüdiger Benrath arbeitete und wählte den bequemsten Weg über die Bilder der Suchmaschine. Hier gab es so viele Fotos, die meisten ließen sich gleich eliminieren, insbesondere die von dem Schauspieler Martin Benrath, aber auch jene in Städten am anderen Ende der Republik. Schließlich hatte ich einen gefunden, der mir mehr als wahrscheinlich erschien. Ich schickte meiner Klientin einen Link zu dem Foto und fragte sie, ob das der Vermisste sei. Er war es. Ein Universitätsprofessor für Soziologie. Vermutlich war er verreist wegen eines Forschungsfreisemesters oder einer Gastprofessur im Ausland. Ich würde mich also morgen in die Heiligen Hallen der Wissenschaft begeben. Vorher fuhr ich vorsichtshalber noch einmal in der Berliner Straße vorbei und sah nach dem Rechten. Frau Marowski kam gerade mit einem Korb voller Lebensmittel nach Hause. Noch vor der Haustür zog sie ihr Mobiltelefon aus der Tasche und sprach mit jemandem. Dabei wirkte sie fröhlich und ausgelassen, fast wie ein frisch verliebter Teenager. Sogar auf die Entfernung hörte ich sie ein erwartungsfrohes „Bis gleich.“ in das Mikrophon rufen. Da würde ich wohl noch eine Weile auf meinem Posten bleiben müssen.
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