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Christoph Schmitter

Neunmalweise

LebensMuster zum Nachmachen und Selberglauben


Online findest du auf

http://neunmalweise.de

Zusatzmaterial zu diesem Buch: Zu jedem der neun LebensMuster hat der Autor einen kurzen Schnipselfilm sowie Gruppenmaterial erstellt. Diese Downloads sind kostenlos und du kannst frei darüber verfügen.

Zu diesem Buch

Neun LebensMuster zum Nachmachen und Selberglauben

So schwer kann das doch nicht sein.

Leben. Glauben. Charakter entwickeln. Sinn finden. Der werden, der ich bin.

Behaupte ich mal so.

Hoffe ich doch sehr.

Glaube ich wirklich.

Dieses Buch erzählt von Wegen zu persönlicher Reife. Es erzählt von der Kunst zu leben. Von Menschen, die mich inspirieren. Von Dingen, die ich gelernt habe.

Über das Leben.

Über Gott.

Dieses Buch handelt von neun LebensMustern. Sie orientieren sich am faszinierendsten Menschen, der je über diesen Planeten lief.

Sie sind einfach.

Doch sie fordern dich ganz.

Am besten, du liest mit der Bereitschaft zur Veränderung. Was du für weise hältst, kannst du einfach nachmachen.

Und lies kritisch. Denk mit und entwickle deinen eigenen Weg. Es geht ums Selberglauben.

Leserstimmen

„NeunmalWeise. Was ist das? Für mich ist klar: Dieses Buch ist DoppeltGut und MehrfachBewährt. Meinem Freund Christoph ist etwas Großartiges gelungen. Eine Anleitung zur Nachfolge, die genau das ist und doch viel mehr. Ein Leitfaden für Einzelne und ganze Gemeinden, die eine Erneuerung suchen. Gut durchdacht, geistlich fundiert und in der Praxis bewährt. NeunmalWeise. Ein Buch – und Segen für alle, die diesen Weg mitgehen.“

Dr. Roland Werner, Generalsekretär im CVJM-Gesamtverband in Deutschland

„Unterhaltsam geschrieben, praktisch veranschaulicht und sehr gut strukturiert – weise, wer es liest.“

Tobi Wörner, Leiter des Jesustreffs Stuttgart, Schlagzeuger bei Gracetown

„Tiefgründig und trotzdem einfach. Praktisch und biblisch begründet. Ehrlich. Lebensnah – ihm gelingt ein Kunststück, das volle Anerkennung verdient und weswegen ich es empfehle: nämlich komplizierte Dinge einfach zu beschreiben, ohne zu einfach zu werden. Man spürt: Schmitter hat nachgedacht, studiert und abgewogen, aber er trägt nun seine Gelehrsamkeit nicht vor sich her …! Spitze.“

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen

„ … Kein Buch – obwohl ausgesprochen humorvoll und unterhaltsam geschrieben – zum hintereinanderweg Lesen, sondern zum immer wieder Hineinschauen, Studieren und vor allem: Umsetzen! Sehr gut auch geeignet als Gesprächsgrundlage für Hauskreise … .“

Susanne Tobies in AUFATMEN

Über den Autor

Christoph Schmitter, Jahrgang 1973 und gebürtiger Schweizer, ist seit 2005 Pastor der CityChurch Würzburg, einer Freien evangelischen Gemeinde. Gottesdienst feiert die CityChurch im Kino – um Menschen zu erreichen, die keine Kirchgänger sind.

Christoph Schmitter ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

Impressum

Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-86256-735-5, Bestell-Nummer 590 024E

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-86256-024-0, Bestell-Nummer 590 024

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden dem Neuen Testament – Neue Genfer Übersetzung (© 2009 Genfer Bibelgesellschaft, CH-1032 Romanel-sur-Lausanne) sowie der Gute Nachricht Bibel (Revidierte Fassung der Bibel in heutigem Deutsch, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) entnommen.

Lektorat: Dr. Thomas Baumann Korrektorat: Lukas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: vic&dd/Shutterstock.com Satz: Neufeld Media, Weißenburg in Bayern

© 2012 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen

Über den Autor

Impressum

Prolog

1. Die Triangel

Die LebensDimensionen

LebensBild

LebensWelt

LebensDimensionen

LebensMuster Triangel

MusterVorschläge

1. Visualisieren I

2. Visualisieren II

3. Visualisieren III

4. Wochenplan

5. Das nächste Kapitel

6. Triangel kaufen

Zum Schluss noch

2. Der Weg

Die LebensSchule

LebensBild

LebensWelt

LebensSchule

LebensMuster Weg

MusterVorschläge

1. LebensLinie

2. Tagebuch

3. Zweierschaft

4. Testament schreiben

5. Stille

6. Mentoringgruppe

7. Lies dieses Buch

Eine wichtige Sache noch

3. Die Schaukel

Der LebensRhythmus

LebensBild

LebensWelt

LebensRhythmus

LebensMuster Schaukel

MusterVorschläge

1. Mut zu Individualität

2. Regelmäßigkeit

3. Alltagskompatibel

4. Ganzheitlichkeit

5. Abstand

6. Gemeinsam

7. Lies dieses Buch

Achtung: Es fühlt sich falsch an!

4. Die Telefonzelle

Das LebensGebet

LebensBild

LebensWelt

LebensGebet

LebensMuster Telefonzelle

MusterVorschläge

1. Das Vaterunser als Teil des Alltags

2. Das Vaterunser als Wochenstruktur

3. Das Vaterunser meditieren

4. Mit dem Vaterunser die Welt verändern

5. Mit dem Vaterunser anbeten

6. Das Vaterunser als Muster für Gebet überhaupt

5. Das Brot

Das LebensMittel

LebensBild

LebensWelt

LebensMittel

LebensMuster Brot

1. B wie Belehrung

2. R wie Reue

3. O wie Orientierung

4. T wie Transformation

MusterVorschläge

1. Regelmäßig

2. Mit Fantasie lesen

3. Belehrung – Reue – Orientierung – Transformation

4. Immunisierung vermeiden

5. Systematisches Lesen

6. Lesen in Gemeinschaft

7. Meditieren und Auswendiglernen

8. Ritual

6. Der Staffelstab

Das LebensBeispiel

LebensBild

LebensWelt

LebensBeispiel

LebensMuster Staffelstab

Phase 1 – Unterweisen

Phase 2 – Verkaufen

Phase 3 – Partizipieren

Phase 4 – Delegieren

MusterVorschläge

1. Wähle mutig

2. Es ist mir eine Ehre

3. Wer nicht fragt, bleibt dumm

4. U40 – Ü40

5. Lob und Kritik

6. Lies eins dieser Bücher

Wichtiger Nachtrag

7. Das Mosaik

Die LebensAufgabe

LebensBild

LebensWelt

LebensAufgabe

LebensMuster Mosaik

1. Das Mosaiksteinchen

a) Wesensgestalt

b) Schicksalsgestalt

c) Berufungsgestalt

2. Der Einsatzort

3. Das große Bild

MusterVorschläge

1. Feedback

2. Diverse Tests

3. D.I.E.N.S.T.-Seminar

4. Experimentieren

5. Coaching

6. Das LebensMuster Weg

7. Lies diese Bücher

Zum Schluss: Hat Gott einen Plan für mein Leben?

8. Die Tür

Die LebensMission

LebensBild

LebensWelt

LebensMission

LebensMuster Tür

MusterVorschläge

1. Zusammen essen

2. Ehrenamt

3. Lukas 10 lesen und beten

4. Soziale Aktion als Kleingruppe

5. Für Profis: Kontextanalyse

6. Lies dieses Buch

Zum Schluss noch

9. Der Organismus

Die LebensKraft

Über den Verlag

Prolog

Wir glauben, dass keiner von uns wirklich die Fähigkeit, die Gnade, den Mut oder die Vorstellungskraft hat, genau so zu sein wie Jesus. Das ist ein vergebliches Unterfangen. Aber eines, das (…) allemal wert ist, unternommen zu werden. Michael Frost, Alan Hirsch

Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können. Johann Wolfgang von Goethe 1

Ich fahre eine Corvette. C5. Cabrio. 355 PS. Blau. Knappe 300 Spitze. Ein tolles Auto.

Ich fahre also Corvette, dieses eine Mal, mit einem Freund – er hat sie geliehen. Doch weil es regnet, bleibt das Verdeck zu und die Reifen bringen die Kraft nicht recht auf die rutschige Straße. Außerdem weiß der Besitzer des Autos nichts von unserer kleinen Probefahrt, weshalb ich ein schlechtes Gewissen habe. Die Sache macht also nur mäßig Spaß und ich drehe bald schon wieder um. Als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich eine lange Reihe umgekippter Mülltonnen und am Ende dieser Reihe drei Jugendliche. Einer trägt einen Kasten Bier, die zwei anderen treten gerade die Tonne meines Nachbarn um. Dann biegen sie auf den großen Parkplatz vor unserem Haus ein.

Das mache ich auch. Mit der Corvette. Langsam rolle ich neben den schlurfenden Kids her. Gern würde ich nun lässig die Fensterscheibe runterfahren, aber ich finde diesen blöden Schalter leider nicht. Also halte ich an und krabble umständlich aus dem tiefen Wagen.

„Hey Jungs, die Mülltonnen stellt ihr sicher wieder auf, oder?“

Als sein Blick auf den Sportwagen fällt, rutscht dem Bierkistenträger das Herz in die Baggy Pants. „Äh, na klar. Machen wir. Hey Leute“ – die anderen zwei sind schon paar Schritte weiter –, „kommt her, wir räumen die Tonnen wieder ein!“

Und eilig machen sie sich ans Werk.

Das wiederum hat mächtig Spaß gemacht.

Eine Sorte von Auto zu fahren, das in einschlägigen Kreisen auf einen Besitzer schließen lässt, mit dem man sich vielleicht lieber nicht anlegt2, veranlasst drei Kids, ihre Gesinnung von trotziger Rebellion auf duckmäuserischen Gehorsam zu wechseln.

Ich bin sicher: Hätten sie geahnt, dass der Typ in dem Auto der Jugendpastor der örtlichen Gemeinde ist – sie hätten die nächste Tonne vor meinen Augen umgetreten.

Äußerlich stärker zu wirken, als man es innen tatsächlich ist, führt nicht selten zu schnellen Erfolgen und macht auch noch Laune.

Bei Überprüfung

würde das Innere allerdings nicht halten,

was das Äußere verspricht.

Hm …

Das Haus, in dem ich heute lebe, steht auf einem Hanggrundstück. Will man ebene Rasenflächen schaffen, braucht man Stützmauern.

Eine dieser Mauern ist baufällig, als wir einziehen. Ein großer Riss durchzieht das Sichtmauerwerk. Den Grund dafür stelle ich fest, als ich sie abreiße: Das Fundament ist nur ein Fundamentchen. Gut für mich, denn so hat es meinem Vorschlaghammer wenig entgegen zu setzen.

Doch nun muss eine neue Mauer her. Das Angebot eines Bauunternehmers ist mir zu teuer. Also: selber machen! Warum aber sollte mir besser gelingen, was mein Vorgänger verpfuscht hat? Ich bin nicht Chuck Norris, noch nicht mal ein Maurer. Ich entscheide mich schließlich für eine Gabionen-Lösung. Gabionen sind große käfigartige Drahtkörbe, die mit Steinen gefüllt und aufeinander gestapelt werden. Vorteil: Die Mauer steht auch ohne Fundament wie eine Eins. Nachteil: In eine Mauer meiner Ausmaße passen Tonnen von Material. Wo die Mauer am höchsten ist, ist sie einen Meter dick! Ich brauche Monate, all die Steine von der Straße heraufzuschleppen und die Drahtkörbe zu füllen.

Doch als sie fertig ist, bin ich stolz. Diese Mauer wird niemals Risse bekommen. Diese Mauer wird hier in 200 Jahren noch stehen. Natürlich wird sie das!

Echte Stabilität kommt von innerer Stärke. Um sie zu erreichen, ist mehr Zeit und Schweiß nötig,

aber am Ende

hält das Innere,

was das Äußere verspricht.

Dieses Buch will dir helfen, innerlich stark zu werden. Dieses Buch möchte dich anleiten, hinter deiner äußeren Fassade ein stabiles Leben zu bauen – quasi Steine zu schleppen. Klingt irgendwie nach Arbeit? Ist es auch.

Leichter und oft auch Spaß bringender ist es, in dein äußeres Erscheinungsbild zu investieren – Corvette zu fahren, obwohl du gar keine besitzt. Das tun die meisten von uns fast automatisch. Ich selbst zumindest bin ein Mensch, der von Haus aus dazu tendiert, mehr Zeit, Kraft und Geld auf das Äußere als auf das Innere zu verwenden. Ausbildung, Job, Aussehen, Besitz, Fitness, Image – solche Sachen vernachlässigen wir selten. Sachen, die übrigens keinesfalls unwichtig sind. Doch zu oft kümmern wir uns nicht in gleicher Intensität um die Dinge, die zu unserem inneren Menschen gehören. Dinge wie Charakter, Reife, Persönlichkeit und Glauben.

Das geht oft sehr lange gut. Aber irgendwann fragt einer nach. Irgendwann merkt einer, dass der Sportwagen nur geliehen ist. Irgendwann wird der Druck des Erdreiches am Hanggrundstück zu hoch und die schlecht gebaute Stützmauer bekommt Risse. Sie kann nicht halten, was sie verspricht.

Wenn der folgende Gedanke ab und zu dein eigener ist, dann ist dieses Buch für dich geschrieben.

„Was, wenn ich innen drin nicht halten kann, was ich äußerlich verspreche?“

Ich kenne diesen Gedanken.

Man sagt, der Mensch verliere zum Zeitpunkt des Todes 21 Gramm.3 21 Gramm – das Gewicht der Seele. Meine Güte, ich muss sagen, das ist wenig! Wir sind seelische Leichtgewichte. Doch man kann kein großartiges Leben auf eine zu leichte Seele bauen.

Meine Mauer da draußen im Garten – ich sehe sie von dem Ort, an dem ich gerade schreibe – wird vor allem deshalb in 300 Jahren4 noch stehen, weil sie so schwer ist. Ihr Eigengewicht verleiht ihr diese Stabilität.

Dieses Buch will dir helfen, das Gewicht der Seele zu vergrößern.

Bevor ich beschreibe, wie das gehen soll, muss ich dir noch etwas sagen: Ich bin Pastor. Ich glaube an Gott. Nicht nur von Berufs wegen, sondern tatsächlich. Und darum gehe ich davon aus, dass Gott etwas mit dem Gewicht unserer Seele zu tun hat.

Genauer gesagt glaube ich, dass Jesus Christus etwas mit dem Gewicht unserer Seele zu tun hat.

Ich weiß nicht, ob du meinen Glauben teilst. Wenn nicht, bist du jetzt vielleicht drauf und dran, dieses Buch wieder wegzulegen.5 Doch solltest du dich entscheiden weiterzulesen … ich glaube, dann kann ich dir zusagen, dass du für dein Leben profitieren wirst, auch wenn du dem christlichen Glauben am Ende immer noch skeptisch gegenüberstehst.

Ich werde gleich in ein paar kurzen Sätzen erklären, was die Grundlage meines Glaubens und dieses Buches ist, aber dann werde ich auf den restlichen Seiten einfach so tun, als seien wir beide einer Meinung. Du entscheidest selbst, wie du mit dem umgehen willst, was du liest. Du wirst dabei ein paar Dinge über das Christentum lernen. Ein paar Dinge, die dir so bisher gar nicht bewusst waren. Und du wirst feststellen, wie direkt vieles, was Jesus tat und sagte, mit dem alltäglichen Leben eines Menschen im 21. Jahrhundert zu tun hat.

Also – zur Grundlage meines Glaubens und dieses Buches:

Ich glaube, dass diese Welt und das Leben seinen Ursprung in Gott hat. Ich glaube, dass stabiles und echtes Leben aus einer Beziehung zu diesem Gott entsteht. Und ich glaube, dass er in Jesus Christus Mensch wurde, um uns zu zeigen, wie er ist – um uns zu zeigen, wie Menschsein funktioniert – und um uns zu ermöglichen, tatsächlich so zu leben.

Darum ist Jesus Christus auf den nächsten 270 Seiten das Vorbild für alles, was dieses Buch beschreibt. Er ist quasi der Prototyp des Menschen.

Dieses Buch hat das Ziel, dir zu helfen, innere Stärke und Charakter zu entwickeln, und zwar einen Charakter, der dem von Jesus ähnlich ist.

Der dem von Jesus ähnlich ist!

Meine Überzeugung ist also: Ein Mensch mit einem von Jesus Christus geprägten Charakter ist ein Mensch, dessen Seele Gewicht hat und der innen hält, was er außen verspricht. Doch Charakter entwickelt sich nicht von selbst. Charakter muss geformt werden. N. T. Wright6 drückt es auf seine unnachahmlich kluge wie einfache Art so aus:

„Mit dem Charakter ist es wie mit einem lustigen Gesicht, das eine Kinder-Fleischwurst von vorne bis hinten durchzieht. Es ist nicht nur außen aufgedruckt. Wo man die Wurst auch anschneidet, immer kommt das Gesicht zum Vorschein. (…) Der menschliche ‚Charakter‘ ist in diesem Sinne das Denk- und Handlungsmuster, das jemanden durchdringt. Wo du eine Person mit Charakter auch ‚anschneidest‘, immer kommt dieselbe Person zum Vorschein. (…) Der Punkt, um den es geht, ist dieser: Ich weiß im Grunde gar nicht, wie die Wurst mit dem Gesicht hergestellt wird, doch eine Fleischwurst hat normalerweise kein lustiges Gesicht. Irgendjemand hat es erzeugt. So entstehen auch die Charakterstärken, auf denen Jesus und seine Nachfolger als den entscheidenden Zeichen eines gesunden christlichen Lebens bestehen, nicht automatisch. Man muss sie entwickeln.“7

Das klingt nach Arbeit. Steine schleppen. Doch es ist Arbeit, die sich lohnt. Denn ich kenne keine Persönlichkeit, die der des Jesus von Nazareth auch nur annähernd vergleichbar wäre, und ich bin überzeugt, dass es das Ziel menschlichen Lebens ist, ihm ähnlicher zu werden8.

Noch etwas solltest du wissen. Ich bin Pastor, und zwar Pastor einer jungen Kirche, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Glauben auf eine Art und Weise zu kommunizieren und zu leben, dass er für eine postmoderne und weitgehend „entkirchlichte“ Generation relevant wird. Ein Merkmal dieser Kirche ist zum Beispiel, dass die Gottesdienste der CityChurch9 (so heißt sie) in einem Multiplexkino stattfinden.

Vor einiger Zeit haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir den Leuten – und damit meinten wir auch uns selbst – helfen können, dass der Glaube wirklich im Alltag ankommt und tatsächlich das Leben verändert, Persönlichkeit entwickelt, Charakter prägt, der Seele Gewicht gibt. Was uns beim Überlegen geleitet hat, war die Überzeugung:

Es muss einfach sein.

Und es muss im normalen alltäglichen Leben stattfinden.

Wir haben keine Zeit (und irgendwie auch keine Lust) für irgendwelche volkshochschulähnlichen Seminare zu allen möglichen Themen, wie man als Christenmensch nun dies und jenes macht, damit das Leben gelingt.

Das Leben ist wirklich schon anstrengend genug.

Über den Zeitraum von gut einem Jahr haben wir deshalb die LebensMuster entwickelt. Es sind neun einfache Bilder. Neun Wege, um dem Leben Tiefe zu verleihen. Neun Muster, die wir uns bei Jesus abgeschaut haben und die leicht auf das Leben übertragbar sind. Inspiriert wurden wir von den Life-Shapes10, die Mike Breen entworfen hat. An dieser Stelle gebührt unser Dank darum dem Autor dieser sehr gelungenen Vorlage, die wir für unseren Kontext etwas verändert und – so bilden wir uns natürlich ein – verbessert haben.

Das Buch heißt Neunmalweise, weil ich jedes einzelne LebensMuster für weise halte. Nicht weise in dem Sinne, dass es besonderer Klugheit bedarf, so etwas zu entwickeln und in ein Buch zu schreiben. Sondern weise in dem Sinne, dass es klug ist, jedes dieser Muster auf das eigene Leben anzuwenden.

Und ich habe diesen Titel gewählt, weil die Gesamtheit der Neun unsere Art und Weise ist, dem Leben seine Form zu geben. Die LebensMuster sind so etwas wie unsere LebensPhilosophie.

So – und nun noch ein paar Zeilen darüber, wie du dieses Buch lesen solltest.

Jedes der folgenden Kapitel ist einem LebensMuster gewidmet.

Und jedes Kapitel ist gleich aufgebaut:

Zum Beginn findest du immer ein LebensBild. Ich habe dafür einen Menschen interviewt und zeichne nun ein Leben nach, in dem ich das LebensMuster verwirklicht sehe, das ich im Folgenden beschreiben will. Diese Menschen sind alle ganz normale11 Menschen wie du und ich. Ich kenne sie alle persönlich. Sie gehören (oder gehörten) zum Umfeld der CityChurch.

Dann schauen wir zusammen in unsere LebensWelt. In diesem Abschnitt versuche ich, die Welt, wie ich sie sehe, zu beschreiben, und zu begründen, warum ich glaube, dass das LebensMuster für das Leben in dieser Welt Bedeutung hat.

Der dritte Abschnitt jedes Kapitels trägt unterschiedliche Titel, je nach dem, um was es gerade geht. In ihm schaue ich jedes Mal in das Leben von Jesus Christus und zeichne nach, wo ich dieses LebensMuster in seinem Leben entdecke.

Der vierte Abschnitt dreht sich dann um das LebensMuster selbst. Was ich bei Jesus sehe, übertrage ich auf unser Leben und gieße es in eine leicht zu behaltende Form. Wer die Life-Shapes von Breen kennt, wird sie hier wiederentdecken.

Zum Schluss jedes Kapitels wird es dann praktisch. Die MusterVorschläge beschreiben verschiedene Möglichkeiten, wie du das Gelesene in deinem Alltag anwenden kannst, so dass es die Seiten dieses Buches und damit die Theorie verlässt und wirklich im echten Leben ankommt.

Die LebensMuster sind zum Nachmachen da. Zum Ausprobieren. Manchmal werden diese Muster genau zu dir passen, aber hier und da werden sie dich hoffentlich auch inspirieren, eigene Ideen zu entwickeln – passendere. Dann wird aus dem Nachmachen das Selberglauben, deine eigene Art und Weise, dem Leben seine Form zu geben. Die neun LebensMuster sind dabei eine Hilfe – aber sie sind eben nur das: Muster. Und Muster passen niemals hundertprozentig!

Ach, wichtig ist noch dies: Dieses Buch ist eigentlich kein Buch, dass du in einem Rutsch von vorne bis hinten durchlesen solltest. Damit es sich lohnt, musst du dir eigentlich nach jedem Kapitel genug Zeit nehmen, das jeweilige LebensMuster auf dein Leben zu übertragen und den einen oder anderen MusterVorschlag wirklich auszuprobieren.

In echt, meine ich jetzt.

Man sagt, dass man im Schnitt drei Tage Zeit hat, um einen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Eine Erkenntnis also, die nach drei Tagen noch nicht zu einem praktischen Ansatz im eigenen Leben geführt hat, gerät wieder in Vergessenheit und wird nichts hinterlassen als die dunkle Erinnerung, dass da doch mal was war. Deshalb wird dieses Buch erst dann für dich wertvoll, wenn du es umsetzt. Nicht alles auf einmal! Dafür ist es viel zu viel. Aber etwas!

An meiner Mauer habe ich Monate gebaut. Für dieses Buch brauchst du auch etwas Zeit.

Ein letzter Tipp: Du kannst die Inhalte dieses Buches auch sehr gut mit einer Gruppe durcharbeiten. Ihr könntet euch neun Mal treffen und jedes Mal über ein Kapitel sprechen, dabei voneinander lernen und euch gegenseitig motivieren, dran zu bleiben.

Dabei helfen euch die QR-Codes am Anfang jedes Kapitels. Smartphone-Besitzer wissen, wie sie mit Hilfe derselben auf eine Internetseite weitergeleitet werden. Hier findest du jeweils einen kleinen Film, der das LebensMuster beschreibt, sowie einen Entwurf für das Gruppenmeeting.

Es geht natürlich auch ohne diese technische Spielerei. Indem du einfach diese Seite aufrufst: http://neunmalweise.de

Okay, wollen wir?

Frage: Magst du Triangeln? Ich nicht besonders.

1 Dieser Satz wird verschiedenen Menschen zugeschrieben. Neben Goethe auch Konfuzius und Lao Tse.

2 Was ich zu sagen versuche, ist: Eine Corvette ist eine sogenannte „Zuhälterkarre“.

3 Der US-amerikanische Arzt Duncan MacDougall will das 1906 nachgewiesen haben. Ist natürlich Blödsinn, bleibt aber eine irgendwie faszinierende Vorstellung. Der Film 21 Gramm aus dem Jahr 2003 spielt mit dieser Idee.

4 Ja, 300! Habe ich etwas anderes gesagt?

5 Darüber denkst du möglicherweise schon seit dem Beginn dieses Kapitels nach. Es fing ja gleich mit einem Zitat über diesen Jesus an.

6 Nicholas Thomas Wright war anglikanischer Bischof von Durham (England) und ist heute Professor für Neues Testament an der University of St. Andrews (Schottland).

7 N. T. Wright, Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters, Verlag der Francke-Buchhandlung 2011, S. 35.

8 Wenn du mit der christlichen Terminologie vertraut bist, wirst du diesen Vorgang „Nachfolge“ oder „Jüngerschaft“ nennen.

9 Die CityChurch (http://citychurch.de) wurde 2003 gegründet und gehört zum Bund Freier evangelischer Gemeinden.

10 Mike Breen und Walt Kallestad beschreiben die Life-Shapes in ihrem Buch Leidenschaftlich glauben – Jüngerschaft vertiefen, Verlag der Francke-Buchhandlung, 2007. Es sind acht geometrische Formen, die für acht Impulse geistlichen Wachstums stehen. Wir haben diese Impulse übernommen, teilweise weiterentwickelt und einen neunten hinzugefügt.

11 Jedenfalls mehr oder weniger …

1. Die Triangel


Schnipselfilm sowie Gruppenmaterial zu diesem Kapitel findest du unter: http://neunmalweise.de/triangel/

Hier geht‘s direkt zum Schnipselfilm „Die Triangel“: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=CsCGsGT738A

Zum Download der Full-HD-Version: http://neunmalweise.s3.amazonaws.com/Schnipselfilm_ Triangel_1080.mp4

Zum Download der HD-Version: http://neunmalweise.s3.amazonaws.com/Schnipselfilm_ Triangel_720.mp4

Die LebensDimensionen

Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte. Novalis

Auch wenn alles einmal aufhört – Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe. Paulus

Das erste LebensMuster ist die Triangel. Das simpelste aller Musikinstrumente muss herhalten für das bedeutendste unserer Lebensthemen: Beziehungen.

Um schon etwas zu verraten: Es ist unter anderem die Anzahl der Ecken, die die Triangel zum Muster für die Beziehungen macht, in denen sich dein Leben abspielt.

LebensBild

Es ist Samstagvormittag, 11 Uhr. In der WG, zu der Mark12 gehört, wird gerade gefrühstückt. Die Party endete spät letzte Nacht. Man bietet mir Rühreier an. Nach mehrmaligen Danke-Neins nehme ich einen Kaffee.

Seit Marks Studienbeginn hat er in Wohngemeinschaften gelebt und schätzt diese Lebensform immer noch. In den letzten zehn Jahren waren vier verschiedene Wohnungen sein Zuhause und er hat sein Leben mit etwa einem Dutzend unterschiedlicher Menschen geteilt. Heute ist er 31 und berufstätig, und darum haben die Räume auch nichts von einer verlotterten Studentenbude, sondern gefallen mit Parkettboden, stilvollem Inventar und dem MacBook auf dem Schreibtisch. Doch auch wenn es aus finanziellen Gründen nicht mehr sein müsste: das WG-Leben bleibt.

„Bist du ein Beziehungsmensch?“, frage ich ihn und bin erleichtert, als er das bejaht. Immerhin ist dies der Grund, warum ich jetzt auf seinem Balkon sitze. „Absolut! Das Beste, was ich in meinem Leben bisher erlebt habe, entstand dadurch, dass wir mit ein paar Leuten gemeinsam eine Sache angepackt haben.“

Schon wenn Mark von seiner Kindheit in dem kleinen unterfränkischen Ort am Main erzählt, denkt er an das offene Haus seiner Eltern. Sie hatten häufig Gäste, oft auch über Nacht. Für andere Menschen da zu sein, liegt ihm wohl in den Genen, denn beide Elternteile haben ihre Berufsausbildung im sozialen Bereich absolviert: der Vater als Sozial-, die Mutter als Sonderpädagogin.

Die berufliche Laufbahn des Vaters erzählt sich abenteuerlich. Nach dem Studium und einem Praktikum in einer Jugendeinrichtung wechselt er in die professionelle Werbefotografie, übernimmt einige Jahre später das Schuhgeschäft des Großvaters und führt es zum Erfolg, nur um heute seine Brötchen wieder mit (außergewöhnlich guter!) Hochzeitsfotografie zu verdienen. Da vereint sich also eine soziale Ader mit Liebe zur Kunst und unternehmerischem Geschick – eine seltene Kombination.

„Ich glaube“, sagt Mark, „die berufliche Flexibilität meines Vaters hat viel damit zu tun, dass es mir heute leicht fällt, mit Leuten Beziehungen zu knüpfen. Ich interessiere mich für Menschen genauso wie für Technik; um ein Haar hätte ich Informatik anstelle von Sozialpädagogik studiert. Ich merke, dass es mir leicht fällt, mit den verschiedensten Menschen Kontakte aufzubauen, weil es eigentlich nichts gibt, was mich nicht interessiert.“

Und weil ich ihn kenne, weiß ich, dass das wahr ist. Es gibt wohl kaum einen Menschen, mit dem es leichter ist, über irgendwas zu quatschen.

Im Jahr 1993 geschieht etwas Entscheidendes in seinem jungen Leben. Die Familie findet zu Gott. Die Mutter ist ihren katholischen Wurzeln immer treu gewesen, doch der Vater hat mit Religion bisher nichts am Hut. In einer evangelistischen Veranstaltung mit Billy Graham steht Papa gegen Ende des Vortrags plötzlich auf und verkündet der erschrockenen Familie „Wir gehen! … Wir gehen nach vorne!“, und er bekennt sich öffentlich zum Glauben an Jesus Christus.

Von da an verändert sich das Leben der Familie sehr. Man schließt sich einer kleinen Gemeinde an, lernt andere Christen kennen und die Kinder sind beeindruckt von der positiven Kraft, mit der der Vater nun seinen Glauben lebt. Beziehungen zu Menschen waren schon immer wichtig; nun kommt die Beziehung zu Gott mit ins Spiel.

Schon bald beginnen Mark und sein jüngerer Bruder sich ehrenamtlich in der Kirche zu engagieren. Als er 14 ist, gründen sie eine Jungschargruppe für Kinder. Später leiten sie den Teenkreis. Über Jahre nehmen sie an einem Sommercamp teil und am Ende gehören sie zum Leitungsteam.

Das Telefon klingelt und unterbricht das Interview. „Hallo? … ja, sorry, ich hatte noch keine Zeit, zurückzurufen … ja, ich hab Zeit … wo? … bei dem Bäcker an der Ecke … okay, 14.30 Uhr, cool, bis dann.“ Ein Beziehungsmensch eben, denke ich lächelnd …

In der Jugendzeit spielen Freunde eine große Rolle in Marks Leben. Er lernt Leute aus Würzburg und eine neue Gemeinde kennen. Es bildet sich eine Clique und ein junger Mitarbeiter sieht das Potenzial dieser Jugendlichen und investiert sich in sie. Begleitet sie. Hat Zeit. Einige dieser damaligen Freundschaften bestehen bis heute. Sie haben Mark sehr geprägt.

„Braucht man Freunde, um sich selber kennenzulernen?“, frage ich und weiß, dass ich diese Frage einem Sozialpädagogen stelle. Er nickt: „In meinem Job führe ich mit Jugendlichen ein soziales Kompetenztraining durch. Und der Hauptpunkt dabei ist, dass sie lernen, Freundschaften zu leben. Denn Freunde sind wie ein Spiegel. In Beziehungen erlebst du dich selbst, bekommst eine direkte Rückmeldung auf dein Verhalten. Zu erleben, dass du für andere wichtig bist und dass andere für dich wichtig sind, ist absolut zentral im Leben.“

Mark selbst empfindet es als sehr wichtig, dass er damals in Würzburg Kontakte ohne seinen Bruder knüpfen konnte.

„Irgendwie ist mein Bruder immer der Angesagtere von uns beiden gewesen. Die Freunde, die ich hatte, hatte ich über meinen Bruder. Jetzt war das anders und ich merkte: Hey, ich allein bin ja auch cool.“ Und er lächelt über diese umwerfende Erkenntnis.

Die Dynamik, die sich dann entwickelt, hält Mark eigentlich bis heute in Atem. Aus der Clique entsteht eine Jugendgruppe, aus der Jugendgruppe ein großes Gottesdienstprojekt, das vielen Jugendlichen hilft, wieder in Kontakt mit Gott und der Kirche zu kommen. Mark ist im Leitungsteam und erlebt den Flow, der entsteht, wenn ein paar Leute ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Er ist 22, als ein Freund ihm von einer noch verrückteren Idee erzählt. Der Pastor seiner Gemeinde hat den Traum, eine neue Kirche zu gründen. Eine Kirche für junge Leute. Eine Kirche im Kino. Mark ist sofort begeistert.

„Mir war, als hätte ich mein Leben lang auf diese Möglichkeit gewartet. Als Jugendleiter hatten wir einen Ort geschaffen, an dem Jugendliche ihre Freunde mitbringen konnten. Aber ich selbst war kein Jugendlicher mehr. Diese Kirche nun würde ein Ort werden, an dem meine eigenen Freunde einen Zugang zum Glauben finden könnten.“

Im Jahr 2003 wird die CityChurch gegründet, die Kirche, in der ich heute arbeite. Mark gehört zu den tragenden Leuten des Gründungsteams und ist bis heute ein Mann, der sehr viele Leute in unserer Kirche kennt und miteinander verbindet.

„Das finde ich das Geniale an Kirche. Da kommen Leute zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber weil sie ein gemeinsames Ziel haben, stellen sie etwas Tolles miteinander auf die Beine. Das macht für mich die Faszination von Gemeinschaft aus.“

Mark ist ein Beziehungsmensch. Er investiert viel Zeit in seinen Freundeskreis und immer wieder auch in Menschen, die Hilfe brauchen. Seine WG hat schon einige Male Menschen aufgenommen, die übergangsweise ein Zuhause brauchten. Vor einigen Jahren boten sie einem jungen Mann ein Zimmer an, von dem vorher niemand geahnt hatte, dass er Job und Wohnung nur erfunden hatte und stattdessen unter der Brücke schlief. Diese Scheinexistenz hatte funktioniert, bis er im Knast landete. Mark und seine Mitbewohner nahmen ihn auf, bis er sein Leben auf der Reihe hatte. Heute hat er Frau und Kind und Mark sagt: „Ich glaube, dass Gemeinschaft Leben verändern kann.“

Ich bin froh, Mark interviewt zu haben, denn sein Leben zeigt, welche Bedeutung den Beziehungen in unserem Leben zukommt: der Beziehung zu anderen Menschen, der Beziehung zu Gott und der Beziehung zu uns selbst.

„Würdest du auch einen kritischen Gedanken in das Kapitel rein nehmen?“, fragt er. Ich nicke. „Was ich in letzter Zeit leider auch merke, ist dies: Ich habe zu oft das Leben anderer geteilt und zu wenig an mein eigenes gedacht. Ich habe oft den Schmerz anderer gespürt, doch den eigenen darüber ganz vergessen. Wenn du das Gleichgewicht nicht hältst zwischen den Beziehungen zu anderen und der Beziehung zu dir selbst, ist die Gefahr groß, dass du dich selbst verlierst. Ich werde da in Zukunft an einer besseren Balance arbeiten müssen!

Und damit liefert er mir die Steilvorlage für das, was das LebensMuster der Triangel sagen will.

LebensWelt

Dieses Buch soll dem Leser helfen, sein Leben in Form zu bringen. Das ist eine ziemliche Anmaßung. Trotzdem werde ich auf den folgenden Seiten selbstbewusst mit so bedeutungsschweren Begriffen wie Charakter, Reife oder Persönlichkeit um mich werfen.

Und immer wieder das große Wort Leben.

LebensMuster.

LebensBild.

LebensWelt.

Ich ahne es jetzt schon: Ich werde mich während dem Schreiben mehr als einmal fragen, ob diese Thematik nicht eine Nummer zu groß für mich ist, und vielleicht wirst du während des Lesens ab und zu denken, dass ich damit recht haben könnte. Immerhin: wir denken hier über nichts weniger als das Geheimnis des Lebens nach! Doch ich finde: diesem kommt man zweifellos schon sehr nahe, wenn man über Beziehungen nachdenkt.

Beziehungen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die meisten von uns mutmaßen, dass der Sinn des Lebens irgendwie mit dem zu tun hat, was zwischen uns passiert. Anders gesagt: der Sinn des Lebens hat mit Liebe zu tun.

Nach nichts sehnen wir uns mehr.

Nichts macht glücklicher. Nichts hinterlässt eine grausamere Lücke, wenn es fehlt.

Liebe. Beziehungen. Seufz.

Der christliche Glaube – wir werden im nächsten Abschnitt auf ihn zu sprechen kommen – scheint das zu bestätigen. Als Jesus einmal nach dem Geheimnis des Lebens gefragt wird, sagt er (nach einer kurzen Kunstpause, wie ich vermute):

Es ist die Liebe. Liebe Gott, liebe deine Mitmenschen, so wie du dich selbst liebst! Damit tust du alles, worauf es im Leben ankommt. 1

Dieses erste Kapitel und damit das erste LebensMuster ist also ein sehr grundlegendes. Es steht eigentlich nicht mit den noch folgenden acht Kapiteln in einer Reihe, sondern es ist so etwas wie das Fundament des Buches. Jedes der LebensMuster, so unterschiedlich sie scheinen mögen, hat letztlich dieses zum Ziel: gesundes Menschsein. Und ein gesunder Mensch ist einer, der liebt und sich geliebt weiß, oder nicht?

Jedenfalls – wenn ich in meine LebensWelt schaue, dann ist unverkennbar, dass Liebe das große Thema ist. Ich merke das schon daran, dass mein Schreibfluss mit jeder Zeile zähfließender wird.

Was du

in zehn Sekunden liest

kostet mich hier

eine halbe Stunde!

Warum? Weil das Thema Beziehungen so bedeutsam ist, dass mir jeder meiner Gedanken billig und oberflächlich vorkommt. Was soll man sagen über ein Thema, über das derart viel geschrieben und philosophiert, komponiert und gesungen, gegrübelt und gestümpert wurde? Na ja, zumindest dieses eine:

Nichts ist wichtiger auf diesem Planeten als die Liebe.

Aber sie gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Was die menschliche Spezies wirklich bewegt, kommt in ihren Geschichten zum Ausdruck. Und siehe da – Überraschung! –, fast jede Geschichte, ob am Lagerfeuer erzählt, in Liedern getextet oder als Drehbuch verfilmt, handelt von menschlichen Beziehungen bzw. dem Scheitern derselben. Streich das Thema Liebe aus der Kunst, und du hast nicht mehr viel zu lesen, die Kinos werden geschlossen und deine CDSammlung schrumpft auf Helge Schneider und ein paar Metal-Scheiben zusammen.

Es ist offensichtlich: In der Liebe scheint die Menschheit die Antwort auf alle Fragen des Daseins zu vermuten. Und das, obwohl wir feststellen, dass es bei der praktischen Umsetzung dieser Erkenntnis einige Schwierigkeiten gibt.

In Sachen Beziehung liegen Höhenflug und Fall verstörend dicht beieinander. Bei einer Trauung ergreift uns die Romantik der Tatsache, dass hier zwei Menschen das Glück ihres Lebens gefunden haben. Doch schon beim Abendprogramm lachen wir über die beißenden Witze, die über das Joch der Ehe kursieren, und nicken wissend, wenn Woody Allen anmerkt, dass die Ehe der Versuch ist, gemeinsam Probleme zu lösen, die man alleine nicht gehabt hätte.

Nichts ist so hartnäckig mit Hoffnung und Sehnsucht aufgeladen wie die Liebe.

Und nichts scheitert mit so bedauerlicher Regelmäßigkeit wie menschliche Beziehungen.

Paulus sagt, die Liebe sei ewig. Ich hoffe, er hat einen Moment nachgedacht, bevor er diesen Satz schrieb. Denn … wer glaubt das heute noch?

Vor einiger Zeit lag die Zeitschrift Brigitte auf unserem Esstisch. Warum auch immer. Wir haben kein Abo! Jedenfalls – ich las darin einen Artikel mit dem Titel „Hauptsache nicht allein?“ Die Autorin ließ sich über die vielen unglücklichen Ehen aus, die aufrechterhalten werden, weil Menschen zu feige sind, der Wahrheit ins Auge zu schauen und sich zu trennen, wenn die Liebe erloschen ist. In der Regel nach fünf Jahren sei es nötig, das Glück in einer neuen Beziehung zu suchen. Es sei die Utopie von lebenslanger Liebe, die verhindere, dass wir glücklich werden.

Der Artikel war brillant geschrieben, schnippisch, witzig … und so furchtbar desillusioniert. „Ich halte viel davon, an die ewige Liebe zu glauben“, schrieb sie. „Wenn’s sein muss, immer wieder.“

Sollte sie Recht haben, ist die menschliche Sehnsucht nach Liebe dann die Sehnsucht nach etwas, was es nicht gibt?

Sie gestaltet sich wohl schwieriger als gedacht, die Liebe.

Und doch ist nichts wichtiger auf diesem Planeten.

Das ist nicht nur bei der sogenannten „romantischen“ Liebe so. Das betrifft unsere Beziehungen grundsätzlich.

Beziehungen bilden die Dimensionen, in denen sich unser gesamtes Leben abspielt, in denen sich unsere Identität formt oder verloren geht, in denen wir Sinn finden oder ihn schmerzlich vermissen, in denen wir Heilung erleben oder tiefe Verwundungen davontragen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Ich bin zum Beispiel immer wieder verblüfft, wie viele Erwachsene, obwohl schon 40 Jahre alt, noch von Selbstzweifeln geplagt sind, nur weil sie sich mit vier oder vierzehn nicht geliebt fühlten. Manchmal bilde ich mir ein: Es geht allen so!

Immer wieder bin ich erstaunt, welche Lebenskraft anerkennende Worte in ein trauriges Menschenherz hauchen können. Mach einem Menschen ein Kompliment und du hast ihm den Tag und manchmal das Leben gerettet. Erstaunlich ist aber auch, welch selbstzerstörerische Unternehmungen Leute auf der anderen Seite in Kauf nehmen, um von der Welt geliebt zu werden und Applaus zu bekommen.

Und immer wieder kapiere ich neu: Wir Menschen wissen erst im Zusammenleben mit anderen, wer wir selber sind. Allein sein bringt uns auf Dauer um. Sollte ich – durch eine unselige Verkettung von Ereignissen – jemals in Einzelhaft kommen, werde ich wohl verstehen, warum diese Art der Unterbringung eine Strafverschärfung und keine Bevorzugung ist.

Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Beinahe alles, was das Leben ausmacht, lässt sich in den Dimensionen von Beziehungen beschreiben. Partnerschaft und Familie sowieso. Aber auch Karriere und Arbeit haben ohne Beziehungen keinen tragenden Wert an sich. Wäre ich allein auf der Welt, hätte ich wenig Lust, ein Buch zu schreiben, ein Elektrokabel zu verlegen oder mein Haus zu streichen. Es gäbe niemanden, für den ich das tun könnte, und damit wäre es nahezu sinnlos. Und meine Freizeit? Welchen Spaß bringt ein Tennisschläger, wenn man allein ist, oder eine Briefmarkensammlung, wenn man sie niemandem zeigen kann?

Sogar die großen drei, die laut Volksmund die Welt regieren – Sex, Macht und Geld; die großen drei, die die zentralen Triebfedern des Lebens zu sein scheinen – sie würden in Vergessenheit geraten. Denn alle drei beziehen sich auf andere Menschen. Ja, auch das Geld.

Beziehungen, alles dreht sich um Beziehungen.

Nichts ist wichtiger.

Doch die Sache ist schwierig.

Wir sind zum Glück nicht allein auf diesem Planeten, doch wir Menschen kommen unterm Strich nicht gut miteinander klar. Besser gesagt, es läuft miserabel! Und wir alle wissen das.

Würde das mit der Liebe nur halbwegs zufriedenstellend laufen, wir würden diese Welt nicht wiedererkennen. Neun von zehn Psychotherapeuten müssten ihre Praxis schließen, Scheidungsanwälte würden umschulen, die Polizei würde nur noch den Verkehr regeln und im Geschichtsunterricht würden die Schüler verständnislos den Kopf schütteln, wenn man ihnen erzählte, dass es Zeiten gab, in denen Kriege die Welt zerrütteten.

Leider ist es nicht so – im Gegenteil.

Und selbst dann, wenn wir auf eine der Ausnahmen stoßen, oder gar selbst eine sind; selbst dann, wenn du auf 50 glückliche Ehejahre zurückschauen kannst; selbst dann, wenn du weißt, was das Wort Freundschaft wirklich bedeutet, weil du Freunde hast, die für dich durchs Feuer gehen würden und du für sie; selbst dann, wenn deine Kinder mit 40 sehr genau wissen, dass sie mit vier und mit vierzehn geliebt wurden – selbst dann haben Beziehungen und Liebe einen letzten Feind.

Der Tod ist das Ende aller Beziehungen.

Und das bloße Wissen um seine Existenz reicht aus, um uns in Momenten des gemeinsamen Glücks die Gewissheit in die Seele zu brennen, dass wir am Ende doch

ganz

allein sind.

Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.

Voll Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein.

Hermann Hesse

Ja, wer hätte gedacht, dass dieses Buch so traurig macht?

Bin selbst etwas überrascht.

LebensDimensionen

So trübsinnig der letzte Abschnitt endete, so hoffnungsvoll beginnt der neue. Denn über diesen vom Nebel verdunkelten Planeten lief ein Mann, der die Zerrissenheit unserer LebensWelt deutlich vor Augen hatte und dennoch an Beziehungen glaubte.

Jesus.

Viele Male werden wir in diesem Buch den Blick von unserer LebensWelt auf diesen Menschen richten und danach fragen, ob in seinem Leben Antworten auf unsere Fragen stecken und ob es Muster gibt, die man bei ihm erkennen und auf das eigene Leben übertragen könnte.

So auch bei dieser sehr grundlegenden Frage, der Frage nach dem Sinn überhaupt. Ein Zeitgenosse stellt sie ihm – ich erwähnte es bereits. Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz? – was in den Begrifflichkeiten eines frommen Juden zur damaligen Zeit nichts anderes als die Frage nach dem ist, was diesem Leben wirklich Sinn verleiht. Jesu Antwort:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand! Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Ein zweites ist ebenso wichtig: Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst! Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten fordern. 2

Der Sinn des Lebens liegt in Beziehung. Am Tag deines Todes wird nur eines von Bedeutung sein: Ob du geliebt hast.

Gott.

Die anderen.

Wie dich selbst.

Die Worte dieses Mannes (und seine Taten!) haben Menschen bis heute veranlasst, das Leben und die Welt unter neuen Vorzeichen zu sehen. Die ersten Christen nahmen ernst, was Jesus über die Liebe sagte, und begannen, in Gott selbst den Ursprung vollendeter Liebe zu erkennen. Sie sagten, dass Gott in sich selbst Beziehung sei. Er sei einer, sagten sie … und doch drei, sagten sie … und doch nur einer – und waren sich dabei des Paradoxons dieser Aussagen sehr wohl bewusst.

Vater. Sohn. Heiliger Geist.

Der Ursprung des Universums ist Beziehung.

Eins plus eins plus eins ist eins3.

Dreieinigkeit.

Und nun entdeckten die ersten Christen dieses Geheimnis des Lebens in den uralten Schriften des Judentums wieder. Wie im Buch Genesis der Mensch als Gottes Abbild den Garten Eden betritt und diese göttliche Einheit widerspiegelt: Er ist eins mit Gott und der Welt und seinesgleichen. Wie die Beziehung zu Gott zerbricht und als Folge die Beziehung untereinander vor die Hunde geht. Und wie seither ein tiefer Riss die Weltgeschichte durchzieht, den jeder von uns täglich spürt.

Sie fanden im Alten Testament die dramatische Geschichte eines Gottes vor, der gewillt ist, Beziehung wiederherzustellen. Mit einem einzelnen Menschen zunächst: Abraham – und dann einem Volk, das aus diesem Menschen hervorgeht: Israel. Humane Gesetze sollen das Zusammenleben der Menschen regeln, ein Opferkult den Kontakt zu Gott ermöglichen.

Und immer schwingt der Traum in dieser mehr schlecht als recht funktionierenden Gemeinschaft von Menschen mit, dass es eines Tages wieder so sein wird wie am Anfang. Dass eines Tages die Welt in Ordnung kommen wird. Völlig! Dass sich eines Tages Gott und Mensch wieder im Garten treffen werden. Dass eines Tages einer kommen wird mit dem Himmel im Gepäck.

Der Retter. Der Messias.

Die Juden nannten diesen Traum Schalom und erinnern sich noch heute bei jeder Begrüßung an diesen Traum, auch wenn ihn heute sicher die meisten für zu-schönum-wahr-zu-sein halten.

Die Christen allerdings erkannten: Diese Zukunftsvision ist angebrochen! Der Messias war da. Er hatte von Schalom geredet, vom „Himmelreich“. Und dass es nah sei, hat er gesagt.

Und er hat Schalom gelebt. Mit jeder Faser seines Seins hat er Menschen geliebt. Gott geliebt. Und beide miteinander in Verbindung gebracht. Mehr noch: er war es selbst!

Gott. Einer von uns.

Jesus war Gott, sagten sie. „Wir haben Gott erlebt, dabei, Beziehungen wieder aufzurichten.“

Schaut man sich das Leben Jesu an, entdeckt man in der Tat, dass sich sein Wirken vor allem um Beziehungen dreht. Zum einen lebt er in einem ständigen und so intensiven Kontakt mit Gott, dass viele, die ihn reden hören, sagen, seine Worte seien Gottes Worte. Wenn er handle, handle Gott, sagen sie. Und in der Tat ist das, was im Umkreis Jesu geschieht, einigermaßen verblüffend. Menschen werden gesund, Menschen werden satt, Menschen werden lebendig – es ist wie im Himmel.

Zum anderen investiert er die meiste Zeit des Tages in die Formung einer kleinen Gemeinschaft gewöhnlicher Menschen. Er liebt das WG-Leben. Mark und Jesus hätten sich wohl ein paar wunderbare Insider-Geschichten zu erzählen. Er hält es aus irgendeinem Grund für sinnvoll, zwölf jungen Männern zu zeigen, wie man das macht: den Mitmenschen lieben wie sich selbst.

Und zum dritten ist er ständig unterwegs zu denen, die ihn nicht kennen und Schalom doch so dringend brauchen. Er hat eine Mission. Er sucht die von Gott getrennten, die Ungeliebten und vom lieblosen Leben Zermürbten.

Er hat den Himmel im Gepäck.

In den drei Jahren seines Lebens, die wir heute durch die Evangelien überblicken, geht es immer und immer wieder um Beziehung.

Das sind die Dimensionen, in denen er lebt, atmet und schwitzt:

Die Beziehung nach oben – zu Gott.

Die Beziehung nach innen – zu seinen Jüngern.

Die Beziehung nach außen – zu allen anderen.

Man muss sagen, er vernachlässigt dafür beherzt ein paar Dinge, die Männern in seinem Alter für gewöhnlich wichtig sind.

Er baut kein Haus.

Er pflanzt keinen Baum.

Er zeugt keinen Sohn.

Hey, mir hat man gesagt, diese Dinge seien bedeutsam! Über den Baum können wir meinetwegen reden, aber …

Jesu Leben hingegen predigt: Fokussiere dich auf Beziehungen! Und dann geht er sogar noch einen bedeutsamen und lebensgefährlichen Schritt weiter …

Nur mal angenommen, sein Lebenskonzept scheint dir irgendwie sinnvoll. Möglicherweise betrachtest du die Lehre des christlichen Glaubens noch aus einer gewissen Distanz – aber wie Jesus zu leben verstand, fasziniert dich. Es scheint dir tatsächlich der bessere Weg zu sein, zu vergeben statt zurückzuschlagen. Es scheint dir der bessere Weg zu sein, Brücken zu bauen statt Mauern aufzurichten. Es scheint dir der bessere Weg zu sein, an andere zu denken statt nur an sich selbst. Selbstlosigkeit, Freundlichkeit, Geduld, Hilfsbereitschaft, Gnade, Friedfertigkeit – all das scheint dir wirklich der einzige Weg zu einer besseren Welt zu sein. Dann stellen sich immer noch zwei Fragen:

Was mache ich, wenn ich nicht Jesus heiße?

Und was ist mit dem Tod?

Denn zweifellos hat Jesus die Sache mit den Beziehungen vorbildlich hinbekommen. Aber wenn ich das nachmachen soll, muss ich sagen, dass ich wenig Hoffnung habe, dass es mir auch nur halb so gut gelingen wird. Tolles Vorbild! Wirklich. Aber ich werde das nicht schaffen.

Und selbst wenn. Eines traurigen Tages werden alle noch so starken Bänder zwischen mir und anderen zerreißen. Je besser sie waren, desto größer wird der Schmerz sein. Widerlegt der todsichere Ausgang aller Geschichten auf dem Friedhof nicht letztlich die Behauptung, wir könnten wirklich für Beziehungen geschaffen sein?

Deshalb geht Jesus noch einen Schritt weiter.

Er stirbt.

An einem Kreuz.

Und das letzte, was er fühlt, ist der hässliche Riss, der seit Menschengedenken die menschliche Seele zerreißt. Einer seiner letzten Sätze ist ein verzweifelter Schrei. Mein Gott, mein Gott. Warum hast du mich verlassen?4

Man könnte in diesem Schrei das tragische Schicksal eines Mannes erkennen, der bis zum Ende reinste Ideale und einen unerschütterlichen Glauben an einen großen Traum hat – und doch scheitert.

Die ersten Christen hingegen sahen in Jesu Tod etwas ganz anderes. Sie sahen im Kreuz die Tür, die es mittelmäßig liebevollen Menschen wie dir und mir möglich macht, Schalom zu leben. Erneuerte Beziehungen zu Gott und zu Menschen.

Sie erkannten im Kreuz die Wende der Weltgeschichte, weil hier kein vorbildlicher Mensch gestorben war, sondern Gott selbst, so sagten sie. Und weil er damit gezeigt hatte, wie weit Gottes Liebe zu uns Menschen geht – bis zum äußersten nämlich. Bis zur völligen Selbstaufgabe. Und weil Jesus nach drei Tagen auferstand und somit am Kreuz die Liebe wirklich – unglaublicherweise! – über den Tod gesiegt hatte.

Die Liebe

über

den Tod

gesiegt hatte.

Sie verstanden: Gott kam wirklich auf unsere Seite des Risses. Und ermöglicht jenseits von Eden ein Leben in Verbindung mit ihm. Und wenn die Trennung von Gott der Beginn der Zerstörung menschlicher Beziehungen war, dann ist die wiederhergestellte Beziehung zu Gott der Beginn heilender Beziehungen zwischen Menschen. Und das … das wäre dann der Anbruch des Reiches Gottes! Der Beginn des Himmels auf Erden. Jesus hatte ihn wirklich im Gepäck.

So wurde das Kreuz zum Schlüsselsymbol für die Hoffnung, dass am Ende alles Sinn machen wird und es sich tatsächlich lohnt, an die Liebe zu glauben.

Liebe ist tatsächlich ewig.

Gottes Liebe!

Allerdings ist es eine andere Art Liebe als die, die wir gewohnt sind. Was wir heute Liebe nennen, hätten die alten Griechen Eros genannt. Das klingt nicht zufällig nach Erotik, aber es ist mehr als das. Eros ist jede Art von Liebe, die vom Objekt der Liebe ausgelöst wird. Das ist der Fall, wenn man sich verliebt. Aber auch, wenn ein Kind mit seinem Lächeln unser Herz gewinnt, dich der Anblick einer grandiosen Landschaft überwältigt oder Musik dich verzaubert.

Eros ist die Liebe, die liebt, weil etwas oder jemand so ist, dass es Liebe in uns auslöst. Eros ist eine Reaktion.

Die Griechen haben Eros die emporsteigende Liebe genannt. Etwas fasziniert uns, wir schauen auf, wir fühlen uns angezogen, wir wollen es haben, wir brauchen es – wir lieben es.

Oder sie.

Oder ihn.

Klar ist: ewigen Eros gibt es nicht. Spätestens wenn der Traummann 105 ist, verkalkt und mit seinem Nachttopf nach dir wirft, ist Eros Geschichte. Eher schon früher.

Ewige Liebe allerdings ist anders. Die Griechen nannten sie Agape, die herabsteigende Liebe. Diese Liebe gilt jemandem oder etwas, das nicht zwangsläufig liebenswert ist. Agape beugt sich herunter und indem sie liebt, erhebt sie das Objekt der Liebe. Diese Liebe ist nicht Reaktion, sondern Aktion.

Eros liebt, weil etwas wertvoll ist. Agape verleiht Wert, weil sie liebt.

Was selten sehr romantisch ist.

Was sogar an einem Kreuz enden kann.

Die herabsteigende Liebe ist die, die die ersten Christen in Jesus erkannten. Eine Liebe, die nicht vorhat, glücklich zu werden, sondern zu leiden. Die sich herunterbeugt. Bis ganz, ganz unten. Und die uns Menschen dadurch ungeahnten Wert verleiht.

Die ersten Christen wussten: Diese Art Liebe ist nicht menschlich. Sie liegt uns nicht im Blut. Sie wird schmerzlich vermisst auf diesem Planeten, weil nämlich Gott diese Liebe ist und diese Welt keine Verbindung mehr zu ihm hatte.

Bis jetzt. Bis Jesus. Jetzt ist sie da.

Und sie begannen, an sie zu glauben, die ewige Liebe. Und sie zu leben.

Und das war der Beginn der Kirche.

Sie entstand, weil die kleine von Jesus gegründete Gemeinschaft sich multiplizierte und fortführte, was er begonnen hatte. Zu leben und zu lieben wie er. Man traf sich wöchentlich im Tempel, feierte Gott und half einander, Gott zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit ganzem Verstand. Man saß täglich in den Häusern beim Essen zusammen, teilte das alltägliche Leben und übte sich darin, der entstandenen Gemeinschaft eine reale Form zu geben. Und man trug die Liebe Gottes zu denen in der Gesellschaft, die sie am nötigsten hatten. Den Alleingelassenen. Denen in Not. Um die Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Man lebte die drei Dimensionen der Liebe, um die es in diesem Kapitel geht.

Natürlich war die Kirche nie der Himmel auf Erden. Man musste blind sein, um ihre Fehlerhaftigkeit zu übersehen – damals schon. Aber sie war ein Anfang. Eine Gemeinschaft, in der man eine Ahnung bekommen konnte, wie geheilte Beziehungen aussehen. Ein Projekt, das Hoffnung machte, dass eines Tages Schalom Realität werden wird. Eine Bewegung, die an die Kraft der Liebe glaubte und daran, dass Gott ihr Ursprung ist.

Einer der Schüler Jesu – im Zwölferteam war er immer der Jüngste gewesen – schrieb als uralter Mann an seine Kirche:

Meine Freunde, wir wollen einander lieben, denn die Liebe hat ihren Ursprung in Gott, und wer liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe. Und Gottes Liebe zu uns ist daran sichtbar geworden, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, um uns durch ihn das Leben zu geben. Das ist das Fundament der Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden zu uns gesandt hat. Meine Freunde, da Gott uns so sehr geliebt hat, sind auch wir verpflichtet, einander zu lieben. Ihn selbst hat niemand je gesehen. Doch wenn wir einander lieben, lebt er in uns, und seine Liebe hat uns von Grund auf erneuert. 5

Ich würde nicht wagen, so was zu schreiben, wenn es nicht in der Bibel stünde. Denn diese Sätze sind krass.

Gott ist Liebe.

Lieben bedeutet Gott kennen.

Liebe ist das Geheimnis des Lebens.

Ab heute lieben wir ewig.

Novalis und Paulus haben doch recht.

LebensMuster Triangel

So, das waren bisher recht große Gedanken. In der Einleitung habe ich jedoch versprochen, dass es um einfache Muster geht, die du auf dein Leben übertragen kannst.

Also, wenn die großen Gedanken zusammengefasst so lauten:

Der Sinn des Lebens liegt in Beziehungen.

Jesus Christus lebte uns vor, wie es geht.

Sein Auftrag an uns lautet, es genauso zu machen.

Am Kreuz hat er alles getan, damit wir das können: Gott lieben. Menschen lieben. Mit Liebe die Welt verändern.

Wenn das die großen Ziele sind, dann brauchen wir einen einfachen Weg, wie wir dem morgen und übermorgen und den Rest unseres Lebens näher kommen können.

Und dabei hilft uns das Bild der Triangel.

Es gibt wohl kein einfacheres Musikinstrument als dieses. Ein simples Metalldreieck, das gerade mal in der Lage ist, einen einzigen Ton zu erzeugen. Und es ist nicht mal ein besonders schöner – durchdringend hell und metallisch. Während eines Musikstücks hat die Triangel deshalb nur alle Schaltjahre mal ihren Einsatz. Irgendwo in den hinteren Reihen des Orchesters erhebt sich ein bisher übersehener Musiker, klopft in der richtigen Sekunde etwas verschämt auf sein Metalldreieck, verleiht damit der Melodie ein klirrendes Glanzlicht und verschwindet dann wieder in der Bedeutungslosigkeit.

Triangel spielen ist einfach. Gehäuft findet sie sich deshalb in den Utensilien eines Kindergartens. Und das Kind, das im Schulorchester die Triangel in die Hand gedrückt bekommt, weiß, wie gut es nach Einschätzung der Lehrerin um seine musikalischen Fähigkeiten bestellt ist.

Kurz: Triangel kann jeder!

Und ihre Form, ein gleichseitiges Dreieck, hilft uns, die drei Dimensionen im Blick zu behalten, um die es in unserem Leben geht.

Dabei steht jede Ecke des Dreiecks für eine Beziehungsdimension:


OBEN bedeutet die Beziehung nach oben – zu Gott.

INNEN steht für die Beziehung nach innen – zu den Menschen, mit denen wir unterwegs sind.

AUSSEN ist die Beziehung nach außen – zu denen, die in dieser Welt Liebe am dringendsten brauchen.

Das Geheimnis dieses LebensMusters liegt nun darin, diese drei Beziehungsdimensionen im Gleichgewicht zu halten. Es geht um die Balance. Eine Triangel hängt immer frei an einem Bändel, nicht wahr?

Beginnen wir OBEN, mit der Beziehung zu Gott.


Wir sehen in Jesus einen Menschen, der aus seiner Verbindung zu Gott eine unglaubliche Kraft für den Alltag gewinnt. Er scheint ständig mit seinem Vater in Kontakt zu sein. Keine Sekunde seines Lebens durchlebt er allein – bis auf eine. Und dieser Moment, als er gottverlassen zwischen Himmel und Erde hängt und sein Leben aushaucht, ist der Augenblick, in dem Gott die Beziehung zwischen uns Menschen und dem Schöpfer wieder herstellt.

Du und ich, wir können nun mit Gott in Verbindung leben, wie Jesus es tat.

Die Beziehung nach OBEN zu leben erschöpft sich nicht in der Ausübung religiöser Rituale wie Gottesdienstbesuch oder Ähnlichem. Diese Dinge helfen, der Gottesbeziehung eine Form zu geben, aber sie ersetzen nicht die Beziehung selbst. Beziehung nach oben, wie Jesus sie verstand, ist hingegen etwas Ganzheitliches, etwas Alltägliches. Ein tatsächliches Mit-Gott-unterwegs-sein.

Es geht um eine Verbindung nach OBEN, die ständig besteht. Nicht nur an bestimmten Orten und bestimmten Zeiten, sondern immer.

Im Alltag ständig mit Gott in Kontakt.

Wie soll das funktionieren? Manche sagen, es sei so ähnlich wie bei einem Navigationsgerät.

Wie bei einem Navi?

Seit diese technische Errungenschaft nicht länger betuchten Oberklassefahrern vorbehalten, sondern der breiten Masse der Verkehrsteilnehmer verfügbar ist, wird es – das Navi – gerne auf die ständige Verbindung zwischen Gott und Mensch übertragen. Und das hat ja auch was. Eine höhere Macht, die mich zielsicher durch die verschlungenen Wege des Lebens navigiert. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, aber ich bin trotzdem auf dem direktesten Weg zum Ziel.

Ich halte diesen Vergleich für nicht sehr gelungen. Denn zumindest mein Navi hört mir nicht zu! Sooft ich auch eine Unterhaltung mit der freundlichen Dame beginnen will, geht sie nicht wirklich auf mich ein. Und ab und an sind ihre Anweisungen sogar grundverkehrt. Wenn ich dann falsch abgebogen bin, warte ich vergeblich auf eine Entschuldigung. Fazit: Ich habe keine Beziehung zu ihr, nein. Sie ist austauschbar. Längst gibt es bessere auf dem Markt, und ich werde ihr schon bald keine Träne nachweinen.

Ja, Gottes Stimme hilft uns, durch den Alltag zu finden. Und ja, man kann sich darin üben, sein leises Flüstern zu vernehmen. Aber Gott ist kein Navi. Er ist kein Garant für den kürzesten Weg.

Manchmal schweigt er.

Manchmal empfiehlt er lästige Umwege.

Manchmal sagt er nein, wenn man verzweifelt auf ein Ja gehofft hat.

Manchmal sagt er ja, wenn man sich schon mit einem Nein abgefunden hat.

Er ist nicht programmierbar. Er ist Gott.

Zum Glück, denn er hört zu. Wenn wir schon die Technik als Vergleich heranziehen, dann sollten wir eher die Freisprechanlage bemühen. Seit einiger Zeit sieht man immer öfter Autofahrer den Mund bewegen, obwohl sie allein im Auto sitzen. Es sieht etwas komisch aus. Aber es funktioniert. Das ist ein besseres Bild für die Beziehung nach OBEN. Es sieht aus, als ob wir allein wären. In Wirklichkeit stehen wir in Kontakt mit jemand, der uns hört. Und reden mit ihm. Hören ihm zu. Egal, was wir gerade tun.

Natürlich ist das die Idealvorstellung. Wir sind nicht Jesus. Wir sind mit den Gedanken oft hier unten und nicht da OBEN. Müssen wir ja auch. Aber wir können besser werden. Wir können lernen, unsere Standleitung in den Himmel öfter zu nutzen, aufmerksamer für das zu werden, was Gott uns sagen will.

Dieses Buch will dir unter anderem dabei helfen. In den folgenden Kapiteln wird das praktischer werden. Für den Moment geht es nur darum, zu verstehen, dass die Beziehung nach OBEN wichtig ist.

Sie nämlich zu vernachlässigen würde bedeuten, allein durch den Tag zu gehen. Viele tun das, auch Menschen, die sich Christen nennen. Ich oft genug auch.

Die Beziehung nach OBEN völlig auszublenden würde sogar bedeuten, nur in zwei Dimensionen zu leben. Wer nicht an die Existenz Gottes glaubt, wird sich nicht mit ihm unterhalten (obwohl es auch das gibt). Ein solches Leben ist deshalb nicht weniger sinnvoll. Menschen leben wunderbare Beziehungen, sind tolle Väter, grandiose Ehefrauen und Freunde fürs Leben. Einige opfern sich auf im Einsatz für andere, retten Leben, pflegen Kranke, riskieren sich selbstlos im Kampf gegen Hunger, Krieg und Ungerechtigkeit.

Sie versuchen zu lieben, aber sie tun es allein. Ohne Gott. Ohne die große Hoffnung, dass ihr Einsatz mit den Zielen dessen übereinstimmt, der diese Welt geschaffen hat und sie eines Tages von der Last des Bösen erlösen wird. Sie haben meinen allergrößten Respekt … doch welche Kraft könnten sie freisetzen, wenn sie wüssten, dass sie nicht allein sind?

„Ich denke, es gibt keinen Gott!“, sagt jemand und bekommt die clevere Antwort: „Oh, seien sie unbesorgt, ich habe gerade noch mit ihm gesprochen.“


Die zweite Dimension ist nicht weniger wichtig: INNEN. Denn die Beziehung zu Gott geht Hand in

Hand mit der Beziehung zu Menschen. Ich zitiere nochmal den alten Johannes, aus demselben Kapitel wie vor wenigen Seiten:

„Wenn jemand behauptet: ‚Ich liebe Gott‘, und dabei seinen Bruder oder seine Schwester hasst, dann lügt er. Wenn er seine Glaubensgeschwister, die er sieht, nicht liebt, dann kann er Gott, den er nicht sieht, erst recht nicht lieben. Gott gab uns dieses Gebot: Wer ihn liebt, muss auch seine Brüder und Schwestern lieben.“ 6

Hm …, geht es mir durch den Kopf, eigentlich finde ich es sehr viel leichter, einen unsichtbaren Gott zu lieben als sichtbare Menschen. Denn die nerven manchmal gewaltig.

Doch offensichtlich kann man das eine nicht ohne das andere bekommen, und darum geht es bei dieser Ecke des Dreiecks um die Zeitgenossen, mit denen du dein Leben teilst. Deine Familie, deine Freunde, die Gemeinschaft, zu der du gehörst. „Brüder und Schwestern“ nennt Johannes die, die mit dir auf dem Weg sind. Es sind die Menschen, die irgendwann mal an deinem Grab stehen werden, weil sie jemand verloren haben, der ihnen wichtig war.

Was für eine Art Mensch werden sie dann betrauern?

Jesus würde sagen: Hoffentlich einen, der sie liebte wie sich selbst.

Menschen lieben hat in diesem Fall nicht sehr viel mit Gefühlen zu tun, sondern vielmehr mit Taten. Nicht mit Eros, sondern mit Agape. Deine Kinder werden hoffentlich wissen: Er/sie hat uns nicht geliebt, weil wir hübsch und erfolgreich, sondern weil wir seine/ihre Kinder waren. Natürlich waren da Gefühle im Spiel. Aber sie waren nicht die Ursache der Liebe. Die Liebe war die Ursache der Gefühle.

Noch lebst du.

Deine Beziehungen nach INNEN zu pflegen bedeutet, den Menschen um dich herum Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, solange du noch Zeit dafür hast.

Das sind sehr konkrete und alltägliche Dinge. Niemand hat etwas davon, wenn deine Liebe zwar vorhanden ist, sich aber nicht in Taten äußert. Es geht um so was wie Zeit für deinen Ehepartner, auch wenn dein beruflicher Erfolg darunter leiden sollte. Es geht um Interesse am Fußballspiel deines Sohnes, auch wenn seine Mannschaft immer verliert. Es geht um den Telefonanruf bei Freunden, das Geschenk für den Kumpel, deine Verlässlichkeit in der Gruppe von Leuten, die auf dich zählt. Haben diese Menschen Gewicht in deinem Terminkalender oder laufen sie in deiner Prioritätenliste eher unter Falls-noch-Zeit-bleibt? Die Balance zu halten und die Beziehung nach INNEN zu leben, kostet Zeit.

Viel Zeit!

Es bedeutet auch, großzügig mit Anerkennung und Komplimenten zu sein. Es ist die herabsteigende Liebe, die andere erhebt, das Gute entdeckt und wertschätzt. Tu es, und du wirst öfter Menschen lächeln sehen.

Es bedeutet außerdem, Menschen praktisch zu helfen. Bei ihrem Umzug mit anpacken, ihnen das Auto leihen, die Hausarbeit Korrektur lesen, ihre Kinder durchfüttern, während sie sich ein schönes Wochenende in Paris machen.

Und bei all dem wirst du auch selber gewinnen. Man wird sich auch für dich interessieren, dir das Auto anvertrauen und Zeit zum Reden haben, wenn es dir schlecht geht.

Da werden Leute sein, die für dich beten, wenn du es nicht mehr kannst. Leute, deren Glaube an Gott dir Zuversicht einflößt, wenn dein Mut schwindet. Leute, die deine Fragen verstehen und ab und zu sogar eine Antwort wissen.

So ungefähr sollte Kirche aussehen. Menschen, die füreinander da sind. Man kann nicht alleine glauben. Wir brauchen einander.

Möglich, dass du zu den Leuten gehörst, die mehr als kuriert sind von der Illusion, in der Kirche wäre eine heile Welt oder gar der Himmel auf Erden zu finden. Ich gehöre, solange ich denken kann, zu diesem Verein und meine Erkenntnis ist die: So sehr ich meine „Brüder und Schwestern“ brauche – manchmal sind wir alle auch ein wenig … sagen wir … eigenartig. Ja, geben wir es ruhig zu – die Kirche besteht aus Menschen, die so sind, wie Menschen eben sind. Und manchmal schmerzt das. Jeder ist normal, bis du ihn kennenlernst, so hat John Ortberg sein Buch über Beziehungen – vor allem Beziehungen in der Gemeinde – genannt, und er hat recht.

Ein Trost mag sein, dass das schon immer so war. Die zwölf biblischen Stammväter verkauften sich gegenseitig als Sklaven, belogen ihren Vater und sorgten für Sexskandale. Die zwölf Jünger glichen eher einem Sack Flöhe als einem eingespielten Team. Die erste Kirche bekam Briefe, in denen sie sich von Paulus erklären lassen musste, dass es natürlich nicht in Ordnung ist, sich beim Abendmahl zu betrinken und den Armen nichts übrig zu lassen, dass man bitteschön nicht gleich vor Gericht gegeneinander ziehen solle und dass Männer Frauen ab sofort mit Respekt zu behandeln hätten.

Viele der zwischenmenschlichen Probleme rührten daher, dass in der Kirche Menschen zusammen kamen, die bisher nicht gewohnt waren, miteinander klarzukommen: Juden und Heiden, Reiche und Arme, Freie und Sklaven, Männer und Frauen.

Was ich damit sagen will: Das Geheimnis des Lebens in Beziehungen zu suchen, heißt auch: Menschen ertragen. Oft ist das die große Herausforderung in dieser Ecke der Triangel – eigenartige Menschen trotzdem lieben.

Ein Freund von mir hat eine kommunitäre Lebensgemeinschaft gegründet. Nach ein paar Jahren Erfahrung sagt er: „Gemeinschaft leben ist alles andere als romantisch. Gemeinschaft ist Arbeit.“

Ja, Beziehung leben hat auch einen Preis. Doch er ist gerechtfertigt durch die Hoffnung, dass sich nur so immer wieder auch die Schönheit der Gemeinschaft unterschiedlichster Menschen erleben lässt, die zwar mitunter nervig sind, in denen aber dennoch die Liebe Gottes lebt. Denn zusammen ist man weniger allein.7

Die Beziehung nach INNEN zu vernachlässigen ist keine Alternative, außer du suchst nach einem Weg, fromm, aber ungenießbar zu werden,

christlich, aber unfreundlich,

religiös, aber eigenbrötlerisch,

engagiert in Ehrenämtern, aber vermisst von Menschen,

und darum eigentlich allein.

Die Vision vom anbrechenden Schalom, die Jesus beseelte, war eine andere.

Die dritte Dimension ist die Beziehung nach AUSSEN.


Die Kirche hat einen Auftrag. Es ist unübersehbar. Glaube ist nicht nur etwas zwischen mir und Gott und denen, mit denen ich unterwegs bin. Glaube hat auch mit den anderen zu tun.

Und zwar sehr!

Jesus war mit der Mission unterwegs, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und Menschen mit der Liebe Gottes zu erreichen. Und diese Mission hat er an uns weitergegeben. Kirche ist Kirche für andere! Und um die anderen geht es hier.

Diese dritte Beziehungsdimension scheint mir am deutlichsten unterbelichtet zu sein, wenn ich mich so im Christentum umschaue. Logisch, denn wir vermissen sie am wenigsten – die Beziehung zu Menschen, die wir noch gar nicht kennen. Und den Fremden lieben klingt noch ein wenig anstrengender als mit dem klarzukommen, an dessen Eigenarten ich mich so langsam gewöhnt habe.

Nein, die meisten von uns vermissen die da draußen nicht.

Aber immer öfter begegne ich Menschen, die den Sinn vermissen. Den Sinn von Kirche, die sich nur um sich selbst dreht. Den Sinn von Gemeinschaft, wenn niemand dazu kommt. Den Sinn von Jesu Zukunftstraum, wenn das Reich Gottes kaum Einfluss auf den Lauf der Dinge und das Leben der Menschen außerhalb der Kirche zu haben scheint. Immer mehr Menschen spüren: Wenn die Kirche hier nicht etwas ändert, ist die Kirche nicht Kirche.

Sie nennen es „die Gesellschaftsrelevanz“, die sie vermissen.

Ich werde mir hier weitere Worte sparen, denn diesem Thema ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Es ist das achte LebensMuster, die Tür. Bleiben also noch ein paar Seiten Zeit – aber dann müssen wir uns über diese Sache nochmal unterhalten.

OBEN – INNEN – AUSSEN, das Geheimnis der Triangel ist, wie gesagt, die Balance. Das Dreieck muss frei im Raum pendeln, um klingen zu können. Und es ist gleichseitig, was auf den Klang einer Triangel, soweit ich weiß, jedoch keinen weiteren Einfluss hat – so schön das auch zu meinem Vergleich gepasst hätte.

Doch es ist wichtig, die drei Dimensionen im Gleichgewicht zu halten. Das passiert leider nicht automatisch. Man kann es bei einzelnen Menschen wie bei ganzen Kirchen beobachten: meist sind sie in der einen Ecke sehr aktiv und vernachlässigen eine andere. Jemand investiert sein Leben für andere, engagiert sich sozial und bewegt etwas „da draußen“, aber gleichzeitig haben seine Kontakte nach oben Seltenheitswert. Er ist kurz davor, auszubrennen, da er seine Kräfte allein aus den eigenen Reserven mobilisiert. Jemand anderes verbringt viel Zeit mit Beten, er und Jesus sind „dicke Freunde“, aber aus der Gemeinschaft mit Menschen zieht er sich zurück, echte Freundschaften hat er kaum. Ein dritter fühlt sich in der christlichen Subkultur wie ein Fisch im Wasser. Er verpasst keinen Gottesdienst und hat schon die zehnte Bibel zerlesen, aber in dieser Welt und ihrer Kultur ist er längst nicht mehr zu Hause.

Das LebensMuster der Triangel ist ein Instrument, um dir darüber klar zu werden, an welcher Stelle dein Leben nicht ausbalanciert ist. Es geht zunächst mal um eine Analyse … noch nicht um Maßnahmen.

Also:

Wo liegt dein Schwer- bzw. Schwachpunkt?

Welcher Ecke musst du mehr Zeit und Aufmerksamkeit zuwenden, um in Balance zu kommen?

Um deine LebensDimensionen ins Gleichgewicht zu bringen, wird es nötig sein, Prioritäten zu verschieben. Darum schließe ich dieses Kapitel (wie auch alle folgenden) mit ein paar praktischen Anregungen, wie du das Muster der Triangel auf dein Leben anwenden kannst.

MusterVorschläge
1. Visualisieren I

Vor dir liegt ein großes Blatt. Oder besser: ein richtig großes. Darauf malst du ein Dreieck und schreibst OBEN, INNEN und AUSSEN an die entsprechenden Ecken. Soweit ist es leicht. Und jetzt schreib in die verschiedenen Ecken, welche Ausdrucksformen der drei Beziehungsdimensionen in deinem Leben bereits regelmäßig vorhanden sind.

Bei OBEN steht also vielleicht „Gottesdienst“, „Gebetsspaziergang“ oder der „jährliche Klosteraufenthalt“. Bei INNEN sind es Namen von „Menschen“, deine „Kleingruppe“ in der Gemeinde oder ein „Team“, zu dem du gehörst. Bei AUSSEN deine „Arbeitskollegen“, dein Engagement im „Sportverein“ oder einem „Sozialwerk“. Einfach all das, was an Beziehungsformen in deinem Leben vorkommt und in die jeweilige Ecke gehört.

Nun schreibe mit einer anderen Farbe deine Hoffnungen und Wünsche dazu. Womit bist du nicht zufrieden? Was sollte sich ändern? Was würdest du eigentlich gerne tun (wenn du alle Zeit der Welt hättest)?

Dann nimm eine weitere Farbe und schreib Ideen dazu. Auf welche Weise könnte man etwas ändern?

Und da du nicht alle Zeit der Welt hast, entscheide dich für eine Sache unter den vielen, die dir die wichtigste ist. Eine Sache in der Ecke, die offensichtlich zu kurz kommt. Und tu etwas. Verschiebe die Priorität.

2. Visualisieren II

Tu dasselbe wie bei 1., nur mit anderen zusammen. Tauscht euch aus über eure Malereien.

3. Visualisieren III

Du nimmst dir deine Zeichnung und überlegst, ob es hilfreiche Querverbindungen zwischen den Ecken gibt. Vielleicht gibt es Menschen bei INNEN, die mit dir zusammen ein Projekt angehen könnten, das du unter AUSSEN notiert hast. Oder denen es wie dir ein Anliegen ist, die Beziehung nach OBEN zu stärken. Ruf sie an und überlegt gemeinsam, wie das aussehen könnte.

4. Wochenplan

Prioritäten zu verschieben funktioniert fast nie, ohne es mit einer konkreten Zeitplanung zu verbinden. Wer sich vornimmt, in Zukunft mehr Zeit mit Freunden zu verbringen, wird das nur dann tun, wenn er sich die Zeit dafür nimmt. Und die meisten von uns müssen das planen, sonst passiert es nicht.

Nimm dir zunächst Zeit, um darüber nachzudenken, welche Beziehungen dir (eigentlich!) wirklich wichtig sind. In welche Beziehungen (inklusive Gott) willst du im Rückblick auf dein Leben wirklich investiert haben?

Und nun ordne diesen Schwerpunkten feste Zeiten in einem Wochenplan zu. Denn was dir wirklich wichtig ist, sollte Priorität in deiner Zeitplanung haben. Du willst mehr Zeit mit Gott verbringen? Okay, wann? Trag es in deinen Kalender ein – warum nicht? Mach es so mit all den Beziehungen, die dir „eigentlich“ wichtig sind, für die aber nie Zeit bleibt. Wenn man sie nicht plant.

5. Das nächste Kapitel

Einige der FormVorschläge des nächsten Kapitels würden auch hier gut passen. Ich schreibe sie aber nicht zweimal auf. Lies einfach weiter, dann stößt du drauf.

6. Triangel kaufen

Kauf eine Triangel und melde dich in der Musikschule an.

Zum Schluss noch

Die Triangel kannst du nicht nur auf dein Leben als Einzelperson anwenden, sondern auch auf jede Gruppe von Menschen, die versucht, miteinander zu tun, was Jesus tat. Jede Gemeinschaft von Christen, ein Hauskreis, ein Arbeitsteam oder eine ganze Kirche sollte die drei Beziehungsdimensionen widerspiegeln. Nutzt das LebensMuster der Triangel, um gemeinsam zu reflektieren, ob und wo ihr als Gruppe Schlagseite habt.

12 Er heißt in Wirklichkeit anders, wie alle Menschen, die ich für die LebensBilder interviewt habe.

1 Siehe Markus 12,28–34 u. ö.

2 Matthäus 22,37–40.

3 Diese Formulierung göttlicher Mathematik fand ich bei Dr. Gilbert Bilezikian in Gemeinschaft, Projektion J, 1999.

4 Markus 15,34.

5 1. Johannes 4,7–12.

6 1. Johannes 4,20–21

7 So lautet der Titel eines sehenswerten Filmes von Claude Berri über den Zauber von Beziehungen zwischen fehlerhaften Menschen.

2. Der Weg


Schnipselfilm sowie Gruppenmaterial zu diesem Kapitel findest du unter: http://neunmalweise.de/weg/

Hier geht‘s direkt zum Schnipselfilm „Der Weg“: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=En3cHJkURDA

Zum Download der Full-HD-Version: http://neunmalweise.s3.amazonaws.com/Schnipselfilm_Weg _1080.mp4

Zum Download der HD-Version: http://neunmalweise.s3.amazonaws.com/Schnipselfilm_Weg _720.mp4

Die LebensSchule

Jeden Tag, jeden Moment kannst du dein Leben ändern. Adrian Silber in „Ein fliehendes Pferd“

Moses Pelham hat so viel aus seinen Fehlern gelernt, dass er darüber nachdenkt, noch ein paar zu machen. Moses Pelham via Twitter

Das zweite LebensMuster ist der Weg. Der Weg ist ein klassisches Bild für unser Leben. Unser Lebensweg führt kurvenreich von der Geburt bis zum Tod, und unterwegs geschehen eine Menge Dinge, die uns prägen und verändern. Aus Erfahrung wird man klug, sagt man, und so geht es in diesem Kapitel darum, vom Leben selbst zu lernen.

LebensBild

Der Weg, den ich durch dieses Leben bisher gegangen bin, begann 1973. Ganz schön lange her, wie ich finde.

Vor mir liegt ein großer Bogen Papier. Darauf habe ich mein Leben in Form eines mathematischen Graphs gezeichnet. Auf der x-Achse sind meine Lebensjahre eingetragen. Der Graph steigt an, wo’s mir gut ging und er fällt, wo meine Tiefpunkte waren. Und er ist beschriftet mit Dutzenden von Ereignissen, Menschen und Orten. Lebensstationen, die für mich bedeutsam waren.

Ich wurde als ältester Sohn in eine Pastorenfamilie geboren, was sich schlimmer anhört, als es ist. Meine Kindheit war keineswegs von übertriebener Frömmigkeit überschattet. Unsere Eltern haben ihren drei Jungs vorgelebt, was es heißt, aus dem Glauben an Gott Kraft und Hoffnung für das Leben zu ziehen, aber sie unternahmen nie den Versuch, uns in ein konservativ-christliches Korsett zu zwängen. Dieses Kleidungsstück war im Hause Schmitter nicht vorrätig.

Ich muss zugeben, ich war wohl ein eher vorsichtiger und auch etwas schüchterner Junge. Das Leben, so schien es mir, ist ein gefährliches! Ich mochte keine Achterbahnen, zum Fahrradfahren lernen musste man mich überreden, und in der 4. Klasse konnte ich noch nicht schwimmen.

Fremden Menschen begegnete ich mit Scheu. Bevorstehende Klassenfahrten generierten in meinem kleinen Herzen große Sorgen bezüglich der ungewissen Frage, wer mein Sitznachbar im Bus sein würde. Zum Bäcker ging ich als Siebenjähriger nur unter Begleitschutz meines drei Jahre jüngeren Bruders, und ab und an graute mir vor dem unausweichlichen Fakt, dass ich – irgendwann in ferner Zukunft – zwecks Familiengründung ja wohl oder übel mal ein Mädchen würde ansprechen müssen. Ein unverantwortlich riskantes Unternehmen!

Ich weiß nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund war ich überzeugt: Dem Leben kann man nicht ohne weiteres über den Weg trauen. Und man müsste eigentlich aus ganz anderem Holz geschnitzt sein als ich, um darin selbstbewusst und siegesgewiss auftreten zu können. Kurz: Ich war ein Feigling.

Immerhin: ein begabter Feigling!

Denn auch dies lehrte mich das Leben: dass andere Menschen mir mehr zutrauten als ich mir selbst. Zum einen stellte ich bald fest, dass es mir ein Leichtes war, andere Menschen zum Lachen zu bringen. Keine üble Fähigkeit in einer gefährlichen Welt. Und so tat ich es oft, wenn es sein musste, auf meine eigenen Kosten. Was mir recht bald die dankbare Rolle des Klassenclowns einbrachte. Hinter Heiterkeit lässt sich Unsicherheit wunderbar verstecken.

Zum zweiten konnte ich recht gut zeichnen. Gut malen können ist in der Schule zwar weniger bedeutsam als gut rechnen können, dafür erntet man mehr bewundernde Blicke, besonders vom weiblichen Teil der Klasse. Rechnen konnte ich außerdem auch.

Es gab noch andere Bereiche, in denen der begabte Feigling Bestätigung erfuhr. Er rannte als halbwüchsiger Knirps schon schneller auf Berggipfel als die meisten Erwachsenen und war tief beleidigt, wenn Papa eine Route als zu schwierig für ihn einstufte. Er hatte außerdem eine blühende Fantasie und dafür erntete er immer wieder … nein, eigentlich nichts. Aber Fantasie ermöglicht dem, der sie hat, immerhin unterhaltsame Tagträumereien.

Der Feigling war also ein begabter.

Doch war er außerdem – von Natur aus, möchte ich fast sagen – ein Zweifler.

Wenn ich der eigenen Lebenstüchtigkeit nicht so recht traute, so tat ich es ebenso mit den Dingen, die andere für sehr verlässlich hielten. Zum Beispiel diese Sache mit Gott. Mein Vater erinnert sich an seinen Vierjährigen, der ihm eines Tages einige gewichtige Fragen über die Existenz Gottes und des Himmels stellte. Papa antwortete geduldig, doch am Ende seiner Ausführungen konterte der Kleine mit der nüchternen Frage: „Schön und gut, aber was ist, wenn du dich irrst?“ Mit vier Jahren sollte man noch nicht an dem zweifeln, was die Eltern für die Wahrheit halten, oder? Dieser Vierjährige hat bis heute überlebt, irgendwo in mir.

So geht also ein zweifelnder Feigling, der sich hier und da seiner Begabungen bewusst ist, seinen vorsichtigen Weg durchs Leben. Und der Gott, über dessen Existenz er sich nicht immer ganz sicher ist, führt ihn in Lebenssituationen, in denen er lernt und sich verändert.

Es folgt nun ein abrissartiger Überblick über den Weg Christoph Schmitters und die LebensSchule, die er auf diesem Weg durchlief.

Schon als Teenager übertragen ihm Erwachsene Verantwortung als ehrenamtlicher Mitarbeiter in einer Jugendgruppe und fördern seine Begabungen.

Lerneffekt: Es gibt ernstzunehmende Menschen, die einen Leiter in mir sehen. Also jemanden, der dem Leben durchaus gewachsen ist. Interessanter Gedanke!

Ein paar Jahre später sitzt der schüchterne Junge um Mitternacht auf dem Sofa im Wohnzimmer. Völlig durcheinander und im siebten Himmel. Vor 10 Minuten hat ihn das erste Mal ein Mädchen geküsst.

Lerneffekt: Ein „Mädchen anzusprechen“, ist weniger riskant als gedacht. Warum auch immer, sie mag mich! Es gibt nicht viele Lebenserfahrungen, die man lieber macht!

Noch ein paar Jahre später wird er beim Militärdienst8 einige Monate Krieg spielen und diese Zeit auf eine merkwürdige Weise weniger schlimm finden, als er erwartet hatte. Aus einem Bubi wird (zumindest ansatzweise) ein Mann.

Lerneffekt: Vieles, was unangenehm scheint, ist von Nahem betrachtet leichter zu überstehen als erwartet. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Gut zu wissen!

Ein Jahr später trifft er die mutigste Entscheidung seines Lebens. Sie betrifft das Mädchen, das ihn damals geküsst hat. Sie lebt seit zwei Jahren 200 Kilometer entfernt von ihm. Die Fernbeziehung wird je länger je unerträglicher. Und er steht vor der Entscheidung, ein Studium an einem noch weiter entfernten Ort zu beginnen, was diese Situation für weitere fünf Jahre zementieren würde. Er ist erst 21, sie 22 und mancher schüttelt innerlich (einige auch äußerlich) den Kopf, als er sich in einem Anflug von Willensstärke entscheidet, zum einen ein anderes Studium an einem anderen Ort zu beginnen und zum anderen … seine Freundin zu heiraten. Und zwar sofort!

Lerneffekt: Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss. Entscheidungen vor sich herschieben ist riskanter, als riskante Entscheidungen zu treffen. Merken!

Er beginnt ein Theologiestudium mit dem Ziel, Pastor zu werden. Natürlich mit der heimlichen Sorge, ob er diesem Job gewachsen sein wird. Die Aussicht auf die erste Predigt hängt über ihm wie ein Damoklesschwert. Doch es gelingt. Sogar recht gut. Am Ende eines siebenmonatigen Gemeindepraktikums bescheinigt man ihm seine Tauglichkeit für diesen Job. Doch es gibt auch Kritik. Sie lautet: Sei mutiger! Trau dir mehr zu! Vor allem: Mach es nicht jedem recht! Kämpfe für das, was dir wichtig ist!

Lerneffekt: Du kannst etwas, doch dafür musst du dir selbst mehr vertrauen! Bis heute hängt eine Karte über meinem Schreibtisch, die mir einer meiner Mentoren damals gab. Auf ihr steht: „Diejenigen, die sagen, etwas sei unmöglich, werden bald von denjenigen überholt, die es einfach tun.“ 9

Wenig später wird die erste Tochter des jungen Paares geboren.

Lerneffekt: Das Leben meint es gut mit mir. Die Geburt der zweiten Tochter drei Jahre später bestätigt diese Feststellung.

Als Jugendpastor entwickelt er seinen Arbeitsstil und eine Vision davon, wie er sich Kirche erträumt. Hier und da beginnt er, diese Vision auch gegen Widerstand umzusetzen. In Phasen des Zweifels, wo er Lust hätte, alles hinzuschmeißen, gibt es Leute, die ihm Mut einflößen, weiter an sich zu glauben. Durch viele von ihnen hört er Gottes Stimme, die ihn auffordert, nicht aufzugeben.

Lerneffekt: Manchmal ist es Gott, der stärker an uns glaubt als wir an ihn. Ich hoffe, du weißt, was du da tust, Gott!

2004 wird ihm eine Traumstelle angeboten. Eine gerade gegründete Kirche, die vor allem junge Leute anzieht, möchte ihn als Pastor haben – die CityChurch Würzburg. In der Zeit der Entscheidungsfindung erlebt er mit seiner Familie, dass Gott sie ungewöhnlich klar zu diesem Schritt herausfordert und die Wege dafür ebnet.

Lerneffekt: Gott hat etwas mit dir vor und lässt dich nicht hängen. Beruhigend und beunruhigend zugleich!

In Würzburg hat er nun die alleinige Verantwortung als Pastor für eine dynamische Gemeinde, was extrem viel Spaß macht und ab und an auch ganz schön nervt. In Konfliktsituationen ist er herausgefordert, zu sich zu stehen und für das zu kämpfen, was ihm wichtig ist. Er erinnert sich an die konstruktiv-kritischen Töne nach seinem Praktikum und entscheidet sich, seinem eigenen Urteilsvermögen zu vertrauen.

Lerneffekt: Krisen sind Chancen, um sie zu überwinden und nachher stärker als vorher zu sein. Leichter gesagt als getan übrigens!

Mittlerweile ist er Mitte dreißig. Die 40 verdunkelt den Horizont. Seine Kinder werden bald Teenager sein. Das, was er später mal machen will, sollte er jetzt tun, denn später ist jetzt und er hat nicht ewig Zeit. Immer öfter denkt er mit mulmigem Gefühl über seine eigene Sterblichkeit nach. Und mehr und mehr muss er erkennen, dass er nicht alles erreichen wird, was man erreichen könnte, so sehr man sich auch anstrengt. Und dass es nötig ist, das Dringende vom wirklich Wichtigen zu unterscheiden.

Lerneffekt: Es gibt Wichtigeres als Erfolg und Anerkennung, zum Beispiel Charakter und Familie. Der zu werden, den Gott in dir sieht, und für die zu leben, die dir anvertraut sind.

So ist auf dem Lebensweg aus dem begabten Feigling ein durchschnittlich mutiger Mensch geworden, der trotz seiner Zweifel immer noch glaubt.

Das Leben hat ihn verändert, oder war es Gott?

LebensWelt

Jeder von uns hat nur dieses eine Leben. Behaupte ich jetzt mal so. Und das Ziel dieses Lebens ist, das volle Potenzial unserer Persönlichkeit zu entwickeln. Behaupte ich jetzt mal so. Du kannst dieses Ziel Lebenserfahrung oder auch Charakter nennen.

Charakter hat man nicht einfach. Charakter wird geformt. Ich erinnere an N. T. Wrights Kinderfleischwurst mit dem lachenden Gesicht. Einen Menschen mit Charakter kannst du an jeder Stelle „anschneiden“, immer findest du dasselbe Gesicht. Der Grund dafür liegt jedoch nicht darin, dass dieser Mensch mit diesem Gesicht auf die Welt gekommen wäre. Der Grund liegt vielmehr darin, dass er die Ereignisse seines Lebens auf eine Weise verarbeitet hat, die ihm ermöglichte, von ihnen zu lernen und an ihnen zu reifen.

Vor soundsoviel Jahren hast du wie ich den Weg durch dein Leben begonnen. Er führte dich durch schöne Landschaften, wilde Gegenden und nicht selten auch durch Einöden und hässliche Landstriche. Wahrscheinlich sah die Kulisse, durch die dich dein Weg bisher geführt hat, völlig anders aus als die Täler und Höhen, die ich in meinen Lebensjahren durchwandert habe. Und keiner von uns beiden weiß, wie die Reise weitergeht und wie lang dieser Weg noch sein wird. Aber wir haben dasselbe Ziel: die Menschen zu werden, die wir aus Gottes Sicht sein sollen.

Wie ich hast du deine Reise mit einem gewissen Startkapital angetreten. Schon mit deiner Geburt war ein Teil deines Equipments, mit dem du deinen Lebensweg bestreiten würdest, in dir angelegt. Einiges, was dich bis heute ausmacht, hast du ungefragt von deinen Erzeugern geerbt. Deine Begabungen waren schon impliziert, dein Aussehen über die Gene festgelegt und manche deiner Eigenarten finden sich auffallend ähnlich bei deinen Vorfahren. Und auch Begrenzungen sind leider von Beginn an Teil deiner Ausstattung. Wie die Begabungen scheinen sie bisweilen ungerecht verteilt zu sein. Einige Menschen starten mit erheblichen Hypotheken auf ihren Lebensweg, die sie nicht selbst verschuldet haben.

So ist das Leben.

Was wie ein billiger Spruch klingt, ist nichts als die harte Realität. Deinen Lebensweg hast du mit Stärken und Schwächen angetreten, an denen du nicht immer etwas ändern kannst.

So – und dann waren da die ersten spannenden Meter auf deinem Weg. Du bist sie weitgehend unbewusst gegangen, aber du hast in dieser Zeit so viel über das Leben gelernt wie später nie mehr. Das war die Zeit deiner frühen Kindheit. In den Jahren, in denen du den Eindrücken der Ereignisse hilflos ausgeliefert warst, ohne die Fähigkeit, Erlebnisse zu reflektieren und dich zur Wehr zu setzen, wurde deine Persönlichkeit und deine Art, das Leben zu verstehen, geprägt.

Glückwunsch, wenn du in eine Familie hinein geboren wurdest, in der deine Eltern deiner kleinen Persönlichkeit Selbstwert und Urvertrauen einhauchten. Falls es anders war, trägst du vielleicht heute noch schwer daran.

Aus dem, was wir als Kapital in dieses Leben mitgebracht haben (Stärken und Schwächen), und dem, was das Leben uns beigebracht hat (Positives wie Negatives), formte sich unsere Persönlichkeit. Der Mensch, der ich heute bin, bin ich aufgrund meiner Gene und der Lehren, die ich auf meinem Weg aus dem gezogen habe, was mir widerfuhr.

Und wie schwer oder schön auch immer unsere Kindheit aussah – das Leben ging weiter und heute ist die Herausforderung die, unseren Weg eigenverantwortlich zu gehen. Immer noch machen wir Erfahrungen, tagtäglich. Aber heute sind wir in der Lage, bewusst mit dem, was wir erleben, umzugehen. Wir müssen die Dinge nicht mehr ungefiltert auf uns einwirken lassen. Wir sind nicht mehr der Spielball unserer Umwelt und Umstände. Aber wir sind immer noch in der Lage, zu lernen.

Erlebnisse zu reflektieren.

Entscheidungen zu treffen.

Eine andere Richtung einzuschlagen.

Jeden Tag, jede Minute, kannst du dein Leben ändern.

Erfahrung ist der beste Lehrmeister, sagt man. Aber das stimmt nur bedingt. Denn entscheidend ist, wie der Mensch die Erfahrung, die er macht, bewertet. Welche Entscheidungen er aufgrund der Erfahrung trifft. Welche Lehren er zieht.

Zwei Menschen erleben denselben Schicksalsschlag. Sie verlieren einen nahen Menschen. Der eine verwindet seinen Schmerz nie. Verliert den Glauben an Gerechtigkeit, verbittert am Ende, gibt sich auf. Der andere spürt dieselbe Verzweiflung, doch einige Jahre später ist er ein Mensch, der immer noch lachen kann und sogar an seiner traurigen Erfahrung gereift ist. Sein Charakter hat an Tiefe gewonnen.

Zwei Menschen haben einen beruflichen Erfolg zu verbuchen. Anerkennung und Aufmerksamkeit von anderen sind die Folge. Die Karriere macht einen Sprung nach oben. Der eine von beiden entwickelt daraus Dankbarkeit und Zufriedenheit mit seinem Leben, die sich in Großzügigkeit anderen gegenüber äußert. Dem anderen steigt sein Erfolg zu Kopf. Selbstüberschätzung, Arroganz und Egoismus sind Züge, die man an ihm wahrnimmt.

Zwei Menschen machen einen schlimmen Fehler. Einen, der nicht zu entschuldigen ist, der den Ruf kostet, der das Spiegelbild zu einem Fremden macht. Den einen führen Scham und Schuldgefühle in Isolation und rauben ihm die Kraft für einen Neuanfang. Der andere steht zu seinem Versagen, durchlebt eine Zeit von Reue und Läuterung und geht später wieder aufrecht durchs Leben, im Besitz großer Barmherzigkeit für Menschen, die Fehler machen.

Aus den gleichen Erfahrungen

lernen Menschen

unterschiedliche Dinge!

Ja, Erfahrung ist ein Lehrmeister, doch nur reflektierte Erfahrung hilft uns, einen reiferen Charakter zu entwickeln. Wir müssen lernen, unsere Erfahrungen zu deuten und die richtigen Lehren daraus zu ziehen.

Und Gott? Hat er mit unseren Erfahrungen zu tun? Wenn er unseren Weg begleitet, wenn er uns gar führt auf diesem Weg, ist es dann letztlich er, der durch unsere Erlebnisse zu uns redet?

Ich meine: ja.

In gewisser Weise: ja.

Ich meine nämlich nicht, dass Gott uns schlimme Dinge widerfahren lässt, nur um uns etwas beizubringen. Schicksalsschläge sind keine „Lektionen“ Gottes. Jedenfalls in aller Regel nicht. Ich meine, dass Dinge passieren, weil sie eben passieren. Gute wie schlechte. Manche von ihnen haben wir sogar selbst verursacht. Manchmal hatten wir auch einfach nur Glück oder Pech.

Aber könnte es sein, dass Gott diese Geschehnisse nutzt, um zu uns zu reden? Auf Gott zu hören bedeutet, aus diesen Erlebnissen mit seiner Hilfe das zu lernen, was er uns durch sie und in ihnen lehren kann. Wenn ich damit halbwegs Recht habe, könnten wir, je länger wir auf dem Weg sind, desto mehr an Erfahrungen sammeln, durch die Gott uns lehrt und unseren Charakter formt.

Wir könnten zu erfahrenen Menschen heranreifen.

Das Leben wäre eine Schule.

Und jeder Tag wäre eine Chance, unsere Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Auf diesem Weg wird es übrigens nötig sein, einiges zu verlernen. Wir haben mit Sicherheit auch ein paar falsche Lehren aus dem Leben gezogen. Ich musste einige meiner kindlichen Grundannahmen über das Leben ablegen und ich bin sicher, ich trage jetzt noch die eine oder andere Überzeugung mit mir herum, die ich (hoffentlich) später einmal als totale Fehleinschätzungen entlarven werde. Ich denke also, dass Gott unser Selbst- und Weltbild verändern will, und zwar durch das Leben selbst.

Auf diesem Weg wird es auch nötig sein, aus den eigenen Fehlern zu lernen. Einige der weniger erfreulichen Vorkommnisse auf unserem Weg gehen auf unser eigenes Konto. Ich rede nicht nur von der Art von Fehlern, die man mit „menschlichem Versagen“ umschreiben könnte. Ich rede auch von Fehlern, die man handfestes und bewusstes „Fehlverhalten“ nennen muss. Ach, nennen wir das Kind beim Namen: Ich rede von Schuld! Natürlich werden wir schuldig auf unserem LebensWeg, wie soll es anders sein? Doch ein großer Charakter ist nicht einer, der nie gefallen ist, sondern einer, der wieder aufstand, die Verantwortung für sein Handeln übernahm und daraus lernte.

Kann es sein, dass Gott uns sogar durch unser Versagen Wichtiges beibringen will?

Bevor wir an diesem Punkt weiterdenken, nehmen wir uns ein paar Zeilen Zeit, um zu überprüfen, ob sich die Vorstellung vom Leben als LebensSchule auch bei Jesus finden lässt – denn immer noch ist er das Vorbild, an dem wir uns in diesem Buch orientieren.

LebensSchule

Der Grundgedanke dieses LebensMusters ist also der: Vom Leben selbst zu lernen, ist Gottes bevorzugte didaktische Methode. Nun ist die Frage, ob sich das bei Jesus erkennen lässt.

Drei Jahre zog er mit seinen Jüngern durchs Land. Sie nannten ihn „Lehrer“ und waren seine „Schüler“, doch in einem Klassenzimmer saßen sie meines Wissens nie.

Jesus lehrte seine Schüler, indem er mit ihnen das Leben teilte.

LebensSchule eben.

Dinge passierten einfach, und Jesus brachte ihnen in und durch diese Erfahrungen etwas über das Leben, über Gott und das wahre Menschsein bei.

Da war zum Beispiel dieser Sturm10. Wirklich dumm gelaufen, ausgerechnet jetzt auf See zu sein! Als Fischerjungs wissen die Jünger um die Gefährlichkeit dieser Fallwinde am See Genezareth. Plötzlich bist du in Lebensgefahr, nur aufgrund einer einzigen fatalen Fehlentscheidung. Verdammt, sie hätten nicht rausfahren sollen! Nicht heute! Todesangst greift um sich auf dem kleinen Kahn. Panisch wecken sie ihren seelenruhig schlafenden Lehrer. Und der knipst Wind und Wellen mit einem Befehl aus wie einen schlechten Film und bringt ihnen etwas darüber bei, wie man auch bei hohem Wellengang ruhig schlafen kann. „Warum habt ihr Angst? Habt ihr immer noch kein Vertrauen?“

Nie wieder haben die Zwölf diese Frage ihres Lehrers damals auf dem Boot vergessen. Sie flüsterte ihnen Mut ein, jedes Mal, wenn später im Leben der Wellengang gefährliche Dimensionen erreichte. Petrus wird eines Tages an einen panischen Haufen verfolgter Christen schreiben: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“11

Da waren auch Erlebnisse, die weniger schicksalhaft über die Jünger hereinbrachen. Oft genug haben sie ihre Lektionen aus eigener Kraft herbeigeführt. Eines schönen Tages zum Beispiel stecken sie mitten in den für Männer typischen Rivalitätsspielchen.12 Dass in einer Gruppe von Kerlen, die drei Jahre in einer Art mobiler Wohngemeinschaft zusammen leben, irgendwann mal geklärt werden muss, wer hier eigentlich die Nr. 2 direkt nach dem Chef ist, mag ordinär anmuten. Nichtsdestotrotz ist es wohl ganz normal.

Jesus nutzt diesen Wettbewerb der Alphamännchen als Gelegenheit und bringt ihnen etwas über Führungsqualitäten und wahre Größe bei. In der Nähe spielen Kinder. Er ruft eines her und sie müssen ertragen, dass Jesus ihnen vor den Augen eines vorwitzig grinsenden Lümmels eine Standpauke hält und das Kind als Vorbild vor die großen Jungs hinstellt.

Doch sie haben ihre Lektion gelernt: die von den Schülern Jesu später losgetretene Bewegung der Christenheit wird ein völlig neues Verständnis von Macht und Führungsqualität in die antike Welt hinaustragen.

Andere Lebenserfahrungen führt Jesus bewusst herbei. Zum Beispiel, als er sie zu zweit auf einen Missionstrip losschickt, um wie er – aber ohne ihn! – durchs Land zu ziehen, vom Reich Gottes zu reden, für Menschen zu beten.13 Und als sie begeistert und mit gewaltigem Adrenalinüberschuss zurückkommen, feiert er mit ihnen das Erlebte, lobt ihre Erfolge und holt sie dabei auch gleich auf den Boden der Realität zurück.

Matthäus hat das nie vergessen. Er wird später seine Jesus-Biografie mit dem sogenannten Missionsbefehl beenden.14 Markige Sätze, die heute mancher Glaubende auswendig zitieren kann. Der Auftrag, rauszugehen und den Himmel auf die Erde zu bringen, ist ihm zum zentralen Merkmal eines Lebens mit Gott geworden.

So könnte ich Beispiel an Beispiel reihen, in denen Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg war und ihnen half, vom Leben zu lernen und Charakter zu entwickeln.

Da waren die Ereignisse, die einfach geschahen wie der Sturm: Auf einer Hochzeit geht der Wein aus15 … Ein Gelähmter wird durch ein aufgebrochenes Dach heruntergelassen16 … Ein nackter Irrer überrascht sie an einem Ort, der sowieso schon unheimlich genug ist17 … Die geistliche Elite des Landes geht sie mit harten Vorwürfen an, wohin sie auch kommen18 … Immer wieder bedrängen Menschenmassen Jesus mit ihrer Bitte um Hilfe und sie erleben erstaunliche Erweise der Nähe und Kraft Gottes19 … Und am Ende ihrer gemeinsamen Zeit bricht die Verhaftung und Hinrichtung ihres Meisters über die Gruppe herein und sie müssen diesen Schock verarbeiten.

Dinge passieren einfach – und meistens sind die Jünger schlicht die Zuschauer des Geschehens und erleben, wie sich ihr Lehrer in diesen herausfordernden Situationen verhält.

Zum Zweiten sind da die Ereignisse, die Jesus als Gelegenheiten nutzt, um sie auf etwas Wichtiges aufmerksam zu machen. Er bemerkt die Spende einer armen Frau im Tempel und bringt seinen Schülern etwas über den Wert von Selbsthingabe bei20 … Er lehrt sie über die wahre Bedeutung des Sabbats, als sie durch die Kornfelder streifen und verbotenerweise von den Ähren essen21 … Vögel und Blumen werden ihm zu Vorbildern für ein sorgloses Leben22 … Und überhaupt packt Jesus seine Lehreinheiten vorzugsweise in kleine Alltagsgeschichten, die wir heute Gleichnisse nennen. Sein Unterricht findet mitten im Leben statt. Weil er einen Blick hat für die Dinge, die der Alltag über Gott und die Welt predigt.

Und dann sind da die Ereignisse, die Jesus nicht nur aufgreift, sondern bewusst herbeiführt wie den oben genannten Missionstrip. Eindrücklichstes und bis heute weltweit unvergessenes Beispiel ist das Abendmahl23, ein Erlebnis, das sich über die Jünger hinaus ins Gedächtnis der Menschheit gebrannt hat. Oder der Moment am gleichen Abend, als Jesus beginnt, seinen peinlich berührten Freunden die Füße zu waschen.24 Und wer weiß, vielleicht hat er ab und zu auch absichtlich zu lang gepredigt, um seinen Jungs im Anschluss die Gelegenheit zu geben, ohne Cateringservice 5000 Leute satt zu machen.25

Zwölf Männer sind drei Jahre mit dem Mensch gewordenen Gott unterwegs und sie sind nachher andere als vorher.

Jesus deutet ihre Erlebnisse,

verändert ihr Denken,

beeinflusst ihr Handeln.

Sie werden Menschen mit Charakter. Menschen, die wenige Jahre später eine Bewegung auslösen, die die gesamte damalige Welt verändern wird.

LebensMuster Weg

Angenommen, in diesem Jesus spiegelte sich das Wesen des ewigen Gottes. Angenommen, seine bevorzugte didaktische Methode, unseren Charakter durch unsere Erfahrungen zu formen, hätte sich nicht verändert. Angenommen, der Tag, den du heute erlebst, ist ein Tag in Gottes LebensSchule und eine Chance, Entscheidendes zu lernen.

Wenn das so ist, dann sind wir herausgefordert, diesen Tag mit wacheren Sinnen zu erleben. Dann liegt das Geheimnis der Persönlichkeitsentwicklung zu einem guten Teil darin, bewusster zu leben.

Intensiver.

Aufmerksamer.

Um dann das Erlebte zu reflektieren und darin Gottes Stimme zu bemerken, die uns etwas beibringen möchte.

Im Markusevangelium findet sich ein Satz Jesu, der auf bestechend einfache Weise beschreibt, worum es bei der LebensSchule geht. Dieser Satz fasst darüber hinaus die gesamte Botschaft Jesu zusammen:

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“1

Ich nehme an, du erkennst in diesem Satz auf den ersten Blick nichts von der LebensSchule und vom Lernen aus Erfahrungen. Aber sie steckt darin. Und wenn du sie mal erkannt hast, wird dir dieser Vers helfen, im Sinn zu behalten, um was es geht. Er wird dir helfen, heute bewusster zu leben und jeden Tag als Lern-Chance zu begreifen.

Meine Lieblingsgottheit der griechischen Mythologie ist ein eigentlich recht unbedeutender Nebendarsteller am olympischen Götterhimmel. Seine Erscheinung ist einigermaßen albern: Ein junger Mann, ständig am Rennen, und zwar auf Zehenspitzen. An den Füßen hat er Flügel, er ist schnell wie der Wind. Auffällig aber ist vor allem seine gewagte Frisur. Heute würden wir sie wohl als „Volahiku“ bezeichnen: vorne lang, hinten kurz. Der Junge trägt an der Stirn eine lange Haartolle, ist dafür am Hinterkopf kahl rasiert. Warum? Damit man ihn „am Schopf“ packen kann, wenn er vorbei rennt. Ist er aber erst mal vorüber, kriegst du ihn nicht mehr zu fassen.

Diese Gottheit trägt den Namen Kairos.

Der Kairos ist die Gottheit der günstigen Gelegenheit.

Wenn sie da ist, musst du sie ergreifen.

Der Kairos ist der Zeitpunkt, den es nicht zu verpassen gilt. Der Zeitpunkt, der bewusst erlebt werden will und der dem unaufmerksamen Zeitgenossen entgeht. Und mit ihm die Chance auf Veränderung. Denn der Kairos ist der Zeitpunkt der Entscheidungen. Jetzt gilt es, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu handeln. Wer zögert, leidet vielleicht an Kairophobie, der Entscheidungsangst.

„Heute ist der Tag, von dem wir später reden“, textet Clueso2 in einem melancholischen Song über die Zeit, die zu schnell vergeht. Wenn wir den Tag heute als Gelegenheit begreifen, werden wir später anders leben, weil wir heute den Kairos beim Schopf gepackt haben.

Und eben dieses Wort – Kairos – steckt in dem vorhin zitierten Satz von Jesus, und zwar an der Stelle, an der wir im Deutschen „Die Zeit ist erfüllt“ lesen. Jetzt, heute, hier ist die Zeit, in der die Geschichte ihre Wende nimmt. Das ist die Botschaft Jesu. Gott kommt! Sein Reich ist ganz nah!

Ihr wartet auf ein besseres Leben? Jetzt bricht es an.

Ihr hofft verzweifelt auf Gottes Hilfe? Heute kommt sie zu euch.

Ihr glaubt, es muss sich etwas verändern? Nun denn, hier ist der Ort, an dem die Karten neu gemischt werden.

Natürlich meinte Jesus mit dem Kairos seine Zeit, sein Kommen in die Welt der Menschen. Und dennoch impliziert diese Aussage Jesu auch unsere Zeit, diesen Tag, heute, wann und wo immer du gerade diese Zeilen liest. Seit damals ist das Reich Gottes nah. Seit damals ist jeder Tag ein Tag des Kairos, an dem sich alles ändern kann.

Das LebensMuster „Der Weg“ sagt: Dinge geschehen. Täglich. Lerne, den Kairos darin zu sehen! Nicht nur das Ereignis, sondern die Gelegenheit. Die Gelegenheit, etwas fürs Leben zu lernen. Dich weiterzuentwickeln. Heute ist der Tag, an dem etwas vom Reich Gottes in deinem Leben real werden kann. Jesus erkannte die Gelegenheiten in den Dingen, die geschehen. Gelegenheiten, zu lernen.

Ein Sturm – die Gelegenheit.

Ein Streit – die Gelegenheit.

Jünger, die voller Tatendrang sind – die Gelegenheit.

Das Leben wird zur LebensSchule, wenn du beginnst, die Ereignisse des Tages als Gelegenheiten zu erkennen. Einer der schlimmsten Irrtümer ist, zu glauben, im Wesentlichen würde das Leben immer so weitergehen wie bisher. Wir leben zu oft mit der (meist unbewussten) Einstellung, wir könnten ja doch nicht viel ändern. Als wären wir und die Menschen, mit denen wir leben, festgelegt auf die Rollen, die sie und wir spielen. Aus dieser Lethargie versuchte Jesus die Menschen damals und uns heute herauszureißen.

„Kehrt um!“, sagt er ihnen.

Wieder ist das griechische Wort wichtig, das hier im Grundtext steht. Es lautet Metanoia. Wo wir das Wort „umkehren“ lesen (bei Luther „Buße tun“) und mit diesem Begriff ganz bestimmte Vorgänge assoziieren, spricht Jesus eigentlich davon, dass wir „umdenken“, unseren „Sinn ändern“ sollen. Wortwörtlich könnte man es sogar mit „nachher (meta) erkennen (noeo)“ übersetzen.

Hier geht es um mehr als nur um die Änderung einer Verhaltensweise.

Hier geht es um die Veränderung einer Gesinnung.

Hier geht es um die Entwicklung von Charakter.

„Werdet andere Menschen!“, so könnte man Jesus hier auch übersetzen.

Verlassen wir Jesus und seine Aussage für einen Moment und wenden uns der modernen Hirnforschung zu. Denn diese kann uns helfen, zu verstehen, auf welche Weise Ereignisse, die wir bewusst erleben, und Entscheidungen, die wir bewusst treffen, unser Wesen verändern. Und das viel direkter, als man meinen sollte. Jedes Erlebnis, jede Entscheidung, jede Tat – so die Neurowissenschaft – hinterlässt in unserem Gehirn elektromagnetische Spuren, die zu einer Veränderung unseres Denkapparates führen. Und zwar im tatsächlich physischen Sinne. Anders gesagt, das Gehirn gleicht nicht nur einem Datenspeicher, der zu füttern ist, sondern mehr noch einem Muskel, den man trainieren kann. Nach dem Lesen dieses Buches wird dein Gehirn anders aussehen als vorher.

Dass ich mich an den ersten Kuss auch nach Jahrzehnten noch erinnere, ist nicht weiter verwunderlich. Aber dass auch manch weniger historische Moment ein Kairos ist, der in meinem Gehirn Nervenbahnen anlegt, die meine zukünftige Denkweise in ähnlichen Situationen prägen und meine Entscheidungen und Handlungen beeinflussen wird, das ist für die meisten von uns neu. N. T. Wright beschreibt es so:

Die Neurowissenschaften stecken vergleichsweise noch in den Kinderschuhen. Doch vieles deutet bereits heute klar darauf hin, dass bedeutsame Ereignisse in deinem Leben, inklusive der bedeutsamen Entscheidungen, die du hinsichtlich deines Verhaltens triffst, neue Informationswege und -muster in deinem Gehirn erzeugen. (…) Mit anderen Worten: Während wir lernen, verschiedene Dinge auf neue Weisen miteinander zu verbinden, zeichnet unser Gehirn jene Verbindungen auf. Das Ergebnis ist der Entdeckung eines Gärtners nicht unähnlich, dass ein Beet, das schon mal umgegraben wurde, sich beim zweiten Mal leichter umgraben lässt. Wenn eine bestimmte Reihe von Assoziationen im Gehirn durch intensive Emotionen oder physische Reaktionen ausgelöst werden, seien sie angenehm oder schmerzvoll, ist es leichter, sie durch die selben Begleitumstände ein weiteres Mal hervorzurufen. Die gegenwärtige Neurowissenschaft ist also tatsächlich in der Lage, den Weg zu studieren und aufzuzeichnen, auf dem lebenslange Gewohnheiten gebildet werden.3

Lebenslange Gewohnheiten – ein anderes Wort für unseren Charakter. Bewusst leben, Gelegenheiten erkennen und sie beim Schopf packen, Entscheidungen treffen und umdenken bewirkt einen Lernprozess, der nicht nur psychisch, sondern auch physisch einen anderen Menschen aus mir macht. Vergleichbar dem Training im Fitnessstudio, das, wenn es gut geht, tatsächlich meine Figur verändert und die Muskelmasse erhöht. Aus vielen einzelnen Lernprozessen wird etwas, das in unser Wesen übergeht.

Metanoia, Umkehr – die älteren Bibelausgaben übersetzen dieses Wort mit „Buße“. Dass diese Bedeutung mit obigen Ausführungen nicht vom Tisch gewischt werden darf, dazu am Ende des Kapitels mehr.

Zunächst wenden wir uns dem dritten und letzten wichtigen Begriff in Markus 1,15 zu, der uns zusammen mit den anderen beiden die LebensSchule erklärt: Der erste Begriff, der Kairos („die Zeit ist erfüllt“) fordert uns auf, die Ereignisse des Lebens als Gelegenheiten zu begreifen. Der zweite Begriff, Metanoia („kehrt um“) fordert uns auf, umzudenken und uns für einen neuen Weg zu entscheiden. Der dritte Begriff nun lautet pisteuo („glauben“).

Mir ist bewusst, dass wir auch mit diesem Wort bestimmte Dinge assoziieren, die sicher nicht falsch sind, den gemeinten Horizont aber stärker eingrenzen, als es für das Verständnis dessen gut ist, was Jesus meinte. Wenn wir „glauben“ sagen, meinen wir in der Regel das Für-wahr-Halten gewisser religiöser Aussagen. Wenn Jesus und die Menschen zur Zeit des Neuen Testaments „glauben“ sagten, meinten sie „Handeln aus Vertrauen“. Für wahr halten, dass man mit einem Gummiseil an den Füßen von einem Fernsehturm springen kann, ist aus Jesu Sicht noch nicht glauben. Tatsächlich springen – das ist glauben!

Jesus prägte noch einen anderen, etwas bildhafteren, Begriff für diesen Vorgang, den er hier pisteuo nennt. Bis heute gebraucht die Christenheit dieses andere Wort, um das gesamte Leben eines Christen zu beschreiben: Nachfolge. An Jesus zu glauben, aus dem Vertrauen auf ihn zu handeln, bedeutet ihm nachzufolgen.4

Auf dem eigenen Lebensweg ihm nachgehen.

Die Jünger taten es drei Jahre lang buchstäblich und entwickelten durch unzählige Erlebnisse mit Jesus einen von ihm geprägten Charakter. Der heutige Glaubende ist zu einem Leben herausgefordert, in dem er sich ebenfalls täglich von Gott die Richtung vorgeben lässt. Durch Nachfolge – so lernt man von einem Lehrer, der das reale Leben als die beste aller Schulen ansieht.

Fassen wir zusammen, was der Weg, die LebensSchule bedeutet:

Wir sind auf einem Weg. Dinge passieren. Einfach so oder selbst verschuldet. Wer das Leben als LebensSchule begreift, wird sich jetzt nicht einfach weiter treiben lassen.

Er erkennt den Kairos und hält inne.

Er besinnt sich. Denkt nach. Sucht nach Gottes Weisung in dieser Situation. Denkt um.

Und er geht in eine neue Richtung. Weil er der Stimme und dem Vorbild folgt, an die er glaubt.

Und was tut man, wenn man auf einem Weg innehält, um sich über die nächsten Schritte klar zu werden? Richtig, man setzt sich auf eine Parkbank. Also: Wir brauchen mehr Parkbänke an unserem Lebensweg. Um über die kleineren und größeren Ereignisse reflektieren zu können, bevor wir weitergehen.

Die Parkbank ist, im Bild gesprochen, unser Ort der Entscheidung.


Stell dir vor, du sitzt auf dieser Bank.

Der Puls noch in Wallung vom gerade Erlebten. Die Gedanken noch in Aufruhr durch die Geschehnisse. Die Lungen noch um Atem ringend wegen der Anstrengung.

Nun stell dir vor, du sitzt nicht allein auf dieser Bank.

Da ist der Gott, der mit dir auf dem Weg ist, seit Jesus behauptete, dass das Himmelreich uns viel näher ist, als wir meinen. Wenn du über das, was geschehen ist, nachdenkst – mit kühlem Kopf oder derart verwirrt, dass kaum ein klarer Gedanke möglich ist – dann tu es nicht, ohne mit ihm darüber zu reden. Stell deine Fragen, klag deinen Schmerz, sag deine Meinung, fass deine Wut in Worte und deine Freude in Lieder – aber richte all das an den, der dir helfen kann, damit klarzukommen, zu verarbeiten, was geschah oder was du getan hast … und daraus zu lernen.

Kurz gesagt: Reflektiere deine Erlebnisse im Austausch mit Gott. Damit aus Erfahrung gedeutete Erfahrung wird. Denn nur reflektierte Erfahrung ist ein guter Lehrmeister.

Und noch etwas, ebenso wichtig! Mit dir auf dieser imaginären Parkbank sitzt nicht nur Gott. Da sitzen auch die Menschen, die dir nahestehen und die schon lange oder gerade jetzt im Moment mit dir auf dem Weg sind.

Bevor du deine Entscheidung triffst und weitergehst, sprich mit einem Menschen darüber, dem du ein gewisses Urteilsvermögen zutraust. Insbesondere dann, wenn deine Entscheidung in ihrer Bedeutung über den Wechsel zu einer neuen Joghurt-Sorte oder das Vorhaben, nun doch die Winterreifen aufzuziehen, hinausgeht.

Deine Erlebnisse, Entscheidungen und nächsten Schritte mit Freunden zu reflektieren, ist ein einfaches Mittel, um angemessen mit dem Geschehen umzugehen und Missinterpretationen zu vermeiden. Nicht selten wirst du in den Gedanken anderer Menschen Gottes Stimme deutlicher hören als in deinen eigenen. Kluge Freunde bewahren dich vor dem Verzweifeln genauso wie vor der Selbstüberschätzung. Sie flößen dir Mut ein, wenn du vor einem wichtigen Schritt zurückschreckst, rücken dein Selbstbild gerade, wenn du in Selbstanklagen unterzugehen drohst, und waschen dir den Kopf, wenn du blind bist für deine eigenen Macken.

Und dann stehst du auf und gehst deinen Weg. Dem hinterher, der dich herausfordert, die Chance zu ergreifen, umzudenken und vertrauend zu handeln.

Und mit den Jahren in dieser LebensSchule

wirst du etwas entwickeln,

das man mit Recht

Charakterstärke

nennen kann.

MusterVorschläge

Wie kannst du ein Mensch werden, der bewusster lebt? Wie kann es praktisch aussehen, deinen Tag als LebensSchule zu begreifen? Was kannst du heute tun, um später als erfahrener Mensch zu gelten? Im Folgenden einige einfache Vorschläge, die nicht schwer umzusetzen sind, und die sich alle auf der Parkbank abspielen.

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328 p. 47 illustrations
ISBN:
9783862567355
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