Read the book: «Sturm und Drang»

UTB 3398
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Christoph Jürgensen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen im Projekt „Geschichtslyrik“ der „Arbeitsgruppe zur Poetik lyrischer Literatur (Leitung Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering).
Ingo Irsigler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der Universität Kiel.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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ISBN der elektronischen Ausgabe: 978-3-8385-3398-8
ISBN 978-3-846-33398-3 (E-Book)
ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-8252-3398-3
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Inhaltsverzeichnis
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit Einleitung 1 - Begriffsgeschichte, Gruppenbildungen und Literaturpolitik
Eine kurze Begriffsgeschichte Gruppenbildung und Literaturpolitik Herders und Goethes „Secte“ in Straßburg Kooperation zwischen Frankfurt, Darmstadt und Gießen: Der legendäre Jahrgang 1772 der Frankfurter gelehrten Anzeigen Inszenierung als „Parnassum in nuce“: Der Göttinger Hain Literatur
2 - „Lernt: Die Natur schreib in das Herz sein Gesetz ihm“: Ästhetik und Poetik
Der Dichter als „second Maker“: Die Genieästhetik Das vorbildliche Genie I: Herders Shakespeare-Aufsatz (1773) Das vorbildliche Genie II: Goethes Rede Zum Schäkespears Tag (1771) Zurück in die Zukunft: Die Volkspoesie Der Wurf der Wilden: Herders Auszug aus einem Briefwechsel über Oßian und die Lieder alter Völker (1773) Herders Alte Volkslieder (1774) und der Kampf ums Lied Literatur
3 - Die Lyrik des jungen Goethe
„da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf“ – Goethes Sesenheimer Gedichte „Zündkraut einer Explosion“: Die Hymne Prometheus Literatur
4 - „Stürzt, Paläste! Stürze, Tyrann!“: Lyrik als Medium der Kritik
Vorläufer Freiheitslyrik Volkspoesie und Sozialkritik: Die Balladen Bürgers Literatur
5 - Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774)
„Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“: Werthers Psyche Die Darstellung der Leidensgeschichte in Briefen: Zur Form des Romans „Klopstock!“ Werther als emphatischer Leser Rezeption Literatur
6 - Der große Mann als Modernisierungsverlierer: Goethes Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand (1773)
Von den Fakten zur Fiktion Der Fehdehandschuh ist hingeworfen: Zu Form und Inhalt des Götz Der „notwendige Gang des Ganzen“ und die Freiheit des Einzelnen – Götz als Modernisierungsverlierer Die zeitgenössische Rezeption Literatur
7 - Lenz oder Die Geburt des Milieudramas aus dem Geiste des Sturm und Drang
Zur Biographie Lenz’ Die Komödie ist die neue Tragödie: Lenz’ Anmerkungen übers Theater (1774) Der Hofmeister als Tragikomödie über das akademische Prekariat Literatur
8 - Der Bruderkonflikt im Drama des Sturm und Drang
„Ihr stahlt mir alles und gabts ihm“: Friedrich Maximilian Klingers Die Zwillinge „Du kannst nichts tun, ohne die Liebe zu fragen, ich nichts, ohne die Ehre“: Johann Anton Leisewitz’ Julius von Tarent „alles entartet unter den Händen des Menschen“ (J.J. Rousseau): Zum Erziehungsdiskurs in den Bruderdramen Kain und Abel revisited Literatur
9 - Summe, Überbietung, Nachhall – Schillers Die Räuber (1781)
Die paratextuelle Inszenierung der Räuber Das häßliche Genie Franz Moor „O über mich Narren“: Das Kraftgenie Karl Moor Ein kurzer Schluss zum langen Abschied Literatur
Serviceteil Literatur
1. Siglenliste 2. Primärliteratur 3. Sekundärliteratur
Einleitung
„Entfernt von aller Wohnung, ja von allem betretenen Fußpfad“, erinnert sich Goethe in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit an eine fern zurückliegende ‚Jugendsünde‘, „fanden sie es hier ganz unverfänglich, die Kleider abzuwerfen und sich kühnlich den schäumenden Stromwellen entgegen zu setzen; dies geschah freilich nicht ohne Geschrei, nicht ohne ein wildes, teils von der Kühlung, teils von dem Behagen aufgeregtes Lustjauchzen [ … ]. “ ‚Sie‘, das sind die Brüder Stolberg, mit denen der europaweit berühmte Verfasser des Götz und der Leiden des jungen Werthers im Jahr 1775 eine Reise in die Schweiz unternahm, angetreten in ‚Werther-Tracht‘, in blauem Rock mit gelber Weste, gelben Hosen und runden grauen Hüten, um den Zwängen der Gesellschaft und unglücklichen Liebschaften zu entkommen. Und Goethe? „Ich selbst will nicht leugnen, daß ich mich im klaren See mit meinen Gesellen vereinte.“ Das ausgelassene Nacktbaden konnte allerdings nicht lange genossen werden, denn bald mussten sie „aus dem oberen stummen Gebüsch herab Steinwurf auf Steinwurf erfahren“. (HA, Bd. 10, S. 153f.)
Eine kleine, unbedeutend erscheinende Szenerie nur, und doch veranschaulicht sie, wofür die Protagonisten des Sturm und Drang standen, die in dem Jahrzehnt zwischen 1770 und 1780 die deutsche Literatur ‚revolutionierten‘: Denn sichtbar wird in ihr zunächst die grundsätzliche Bedeutung des Freundschaftskults, das Bewusstsein für Gruppenbindungen, ohne die sich der Sturm und Drang nicht verstehen lässt. Zudem illustriert sie beispielhaft die Selbstdarstellung der Stürmer und Dränger als ‚Popstars‘ avant la lettre, als junge avantgardistische Autorengeneration, die gegen die Konventionen der Gesellschaft verstoßen, d.h. sich emanzipieren will von dem bürgerlichen Bändigungszwang und ihre Individualität bzw. ‚Natu r‘ ausleben will. Damit inszenieren sie sich hier, wenn man so will, als derjenige Künstler- und Menschentyp, von dem ihre Dramen und Gedichte immer wieder handeln: als ‚Kraft‘- oder ‚Originalgenies‘, die ihre Leidenschaften frei entfalten und von innen heraus leben können, die Ausdruck nicht der Kultur, sondern der Natur sind. Und bezeichnenderweise lebt sich die Natur der Stürmer und Dränger hier nicht in irgendeiner Landschaft aus, sondern in den erhabenen Gebirgen der Schweiz, die im 18. Jahrhundert, namentlich dank Albrecht von Hallers Gedicht Die Alpen (1732) und Salomon Gessners Idyllen (1756) geradezu zum „Natur-Park der Kultivierten“ (Adolf Muschg), zu einem neuen Arkadien avanciert war. Schließlich präsentiert die Szene mit Goethe die Zentralgestalt des Sturm und Drang. Goethe war zum einen verbindendes Glied der verschiedenen Autoren-Zirkel in Straßburg, Frankfurt und Darmstadt und er veröffentlichte zum anderen die sowohl zeitgenössisch resonanzträchtigsten als auch am nachhaltigsten wirkenden Texte der Strömung (wie den schon genannten Werther oder den Götz). Alles in allem hat er die literarische Öffentlichkeit seiner Zeit in einer Weise geprägt, dass sie in Literaturgeschichten häufig nach ihm benannt ist: als ‚Goethezeit‘. Ausgehen kann man übrigens davon, dass der Geheime Rat Goethe sich in der Erinnerung zwar, um im Bild zu bleiben, eher in die Kulisse als den Vordergrund der Bühne stellt, als würde er dem „dichterischen Tumult“ nüchtern zuschauen. Tatsächlich aber wird er mittendrin statt nur dabei gewesen sein, denn Friedrich Leopold Graf zu Stolberg erinnert ihn als einen „wilde [n], unbändige [n,] aber sehr gute[n] Jungen“. Außerdem war er ja trotz eines überlieferten Unbehagens an dieser Inszenierung der Identität von Leben und Werk wie seine Begleiter werbewirksam im Werther-Habit gereist und so offensichtlich maßgeblich und bewusst beteiligt an der Präsentation der Gruppe als ‚Junge Wilde‘ der Literatur.
Unsere Szene fängt den Sturm und Drang auf seinem ästhetischen wie konjunkturellen Höhepunkt ein, aber sie ist eine Momentaufnahme, sozusagen ein Schnappschuss aus dem ‚kurzen Sommer der Anarchie‘. Im wohl produktivsten Jahr 1776 erschienen noch einige poetisch hochrangige und thematisch innovative Dramen wie Lenz’ Die Soldaten, Klingers Die Zwillinge oder Wagners Die Kindermörderin, doch danach läuft die Strömung schnell aus – auch in Folge von Goethes Übersiedelung nach Weimar Ende 1775 und seinem Dienstantritt als Geheimer Legationsrat. Mit diesem Umzug bricht die bindende Gruppenkultur weg und die Versuche von Klinger und Lenz, ebenfalls in Weimar Fuß zu fassen, enden jeweils im Fiasko, im Zerwürfnis mit Goethe: Der Rollenwechsel Goethes vom autonomen Dichter zum dichtenden Staatsbeamten ließ ihn nicht länger an individuellen Dichterfreundschaften im Zeichen des Geniekults interessiert sein. Lenz, Gerstenberg und Maler Müller verstummen literarisch, Wagner stirbt früh an Lungentuberkulose und Schubart sitzt seit 1777 auf der Bergfestung Asperg in Haft. Kurzum: Wenige Jahre nach ihrem viel versprechenden Anfang ist die ‚Bewegung‘ schon wieder zu Ende.
War der Sturm und Drang also ein sehr kurzlebiges Phänomen, so ist damit nicht gesagt, dass er nur eine geringe Bedeutung für die deutsche Literatur- und Kulturgeschichte hatte. Das Gegenteil ist der Fall: Mit ihm unternahm die deutsche Literatur gleichsam ihren Aufbruch in die Moderne. Nachhaltig gewirkt hat in diesem Sinne sowohl das neue Konzept von Autorschaft, das die ‚Stürmer und Dränger‘ propagierten, als auch das neue Verständnis von Natur, Gefühl und Sexualität sowie die Entdeckung der Nachtseite der Vernunft, die Aufwertung des Irrationalen, das die Aufklärung aus ihrem Menschenbild noch ausgeschlossen hatte. Und insgesamt nimmt der Sturm und Drang maßgeblich Teil an den gesellschaftlichen Umwälzungen in der ‚Sattelzeit‘ (Reinhart Koselleck), in der das gesellschaftliche wie politische Denken eine tiefgreifende Veränderung erfuhr und Begriffe wie Staat, Republik und Bürger ihre heutige Bedeutung aufgeprägt bekamen.
Das Buch will das Profil dieser literarischen Strömung in klar erkennbaren Umrissen nachzeichnen. Dazu ist eine Beschränkung auf eine Auswahl der wichtigsten Autoren und Werke notwendig, an denen sich die Eigenarten des Sturm und Drang exemplarisch verdeutlichen lassen. Ausgehend von einer kurzen Begriffsgeschichte sowie einer Skizze der sozial-, geistes- und literaturgeschichtlichen Rahmenbedingungen, in denen sich der Sturm und Drang entwickelte, sollen daher die zentralen Gattungen anhand der in Schule wie Studium immer wieder behandelten Texte erläutert werden. Die eigene Lektüre soll und kann durch diese Einführung natürlich nicht ersetzt werden, aber sie will das Verständnis durch den Hinweis auf zentrale Charakteristika, auf formale Strukturen und thematische Schwerpunkte des Sturm und Drang erleichtern.
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Begriffsgeschichte, Gruppenbildungen und Literaturpolitik
Die beiden Einzelbegriffe ‚ Sturm‘ und ‚Drang‘ lassen sich schon seit Beginn der 1770er Jahre als Ausdruck der inneren wie äußeren Aufbruchsstimmung der jungen ‚Literaturrevolutionäre‘ nachweisen. Die Karriere der Formel ‚Sturm und Drang‘ begann aber erst mit einem Drama Friedrich Maximilian Klingers. Klinger hielt sich im Oktober 1776 in Weimar auf und arbeitete an einem Stück, das ursprünglich – übrigens durchaus seine Struktur treffend – Der Wirrwarr heißen sollte. Dann allerdings, erinnert sich Klinger in einem späten Brief an Goethe vom 26. Mai 1814, ‚drängte‘ der durchreisende Christoph Kaufmann (1753 – 1795) ihm den alternativen Titel Sturm und Drang geradezu „mit Gewalt“ auf – und die literarische Öffentlichkeit hatte nun ein Schlagwort für den ‚Kampf‘ um die richtige Lebens- und Schreibhaltung.
Eine kurze Begriffsgeschichte
Bezeichnend ist Heinrich Leopold Wagners Verteidigung seines ‚Verbündeten‘ Klinger kurz nach der wenig erfolgreichen Aufführung des Stücks in Frankfurt:
Wie heißt das Stück? Fragte fast jedermann, als es verwichnen Sonnabend angekündigt wurde: Sturm und Drang! – Sturm und – – ? Und Drang! Mit dem weichen D und hinten ein g; ja nicht mit dem harten T oder dem ck! So, so! Sturm und Drang also! – […] wenn sie beym Titel nichts fühlen, kann ihnen das Stück selbst unmöglich behagen. Ich finde es sehr lobenswürdig, daß er diese abstrakte, metaphysische – gewiß nicht zu viel anziehende – Ueberschrift |11◄ ►12| gewählt hat; […] wer die drey Worte anstaunt, als wären sie chinesisch oder malabarisch, der hat hier nichts zu erwarten, mag immerhin ein alltägliches Gericht sich auftischen lassen. (Heinrich Leopold Wagner: Briefe, die Seylerische Schauspielergesellschaft betreffend, 1777. Zit. nach Klinger 1970, S. 78).
Aber die Formel diente in der Folge, wie angedeutet, nicht nur zur apologetischen Auf-, sondern auch vielfach zur polemischen Abwertung des ‚literaturrevolutionären‘ Programms und seiner Autoren. Um nur zwei Beispiele aus der langen Reihe abschätziger Verwendungen herauszugreifen: So findet sich in Friedrich Traugott Hases Roman Geschichte eines Genies (1780) die spöttische, den Akzent vom Ästhetischen auf das Psychologische verschiebende Bemerkung über eine Protagonistin: „Es war daher so viel Sturm und Drang in ihr (und das mag ein mitleidenswürdiger Zustand seyn, denn wer bejammert nicht den Mann, der diese Verfassung der Seele öffentlich hat kund werden lassen?), daß sie im Grunde nicht wußte, was sie that.“ Wie ein triumphierender Abgesang auf die Strömung klingt dann die Notiz in der Nürnbergischen gelehrten Zeitung vom 29. Juni 1781: „Die Steckenpferde der Empfindsamkeit, des Sturms und Drangs sind, Gottlob! jezt größtentheils von den Büchermachern so steif und lahm geritten, daß man selten mehr, als Knaben oder Kranke, damit auf die Leipziger Buchmesse traben sieht.“
Ablesen lässt sich diesen Belegen, dass die Wortverbindung ‚Sturm und Drang‘ bereits Ende der 1770er Jahre als Formel etabliert war, „mit deren Hilfe der Anspruch der jungen Sturm-und-Drang-Autoren auf Originalität und Genialität als ästhetisch inakzeptabel zurückgewiesen und psychologisierend als Entwicklungsstufe abgewertet wurde“ (Luserke, S. 33; dort finden sich weitere Belegstellen).
Als literaturgeschichtlicher Periodisierungsbegriff setzte sich die Formel allerdings erst später durch, und zwar erstens, weil die Autoren und ihre Zeitgenossen kein Bewusstsein davon hatten, eine zusammenhängende ‚Epoche‘ zu bilden, und zweitens, weil solche Periodisierungen grundsätzlich Ex-post-Konstruktionen sind, d.h.: Epochen sind theoretische Konstrukte der Literaturgeschichte, Ergebnis von Periodisierungshypothesen, und gerade keine Entitäten – es gibt eine Epoche nicht, wie es die Stadt Straßburg gibt. Um nur die wichtigsten Stationen dieser Entwicklung in unserem Fall zu nennen: Die Umwidmung der Formel zu einer literarhistorischen Kategorie begann damit, dass August Wilhelm Schlegel im dritten Teil seiner Berliner Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst (1801 – 1804) die „herrlichen Anlagen“ von Maler Müllers Faust-Fragment lobte, aber monierte, dass diese Anlagen durch „die üblen Manieren der damaligen Sturm- und Drang-Periode entstellt |12◄ ►13| werden“. Mit mehr Sympathie blickt Ludwig Tieck dann in seinem Essay Goethe und seine Zeit (1828) auf diese „fast wunderbaren Jahre“ und bedauert, dass den „neueren Kritikern und Erzählern [ …] fast nur der stehende Beiname der Sturm- und Drangperiode im Gedächtniß geblieben“ sei. Und der endgültige Durchbruch der Formel zur literaturgeschichtlichen Epochenbezeichnung erfolgte dann 1869 mit Hermann Hettners Literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, deren dritter Band Das klassische Zeitalter der deutschen Literatur einen Abschnitt zur „Sturm- und Drangperiode“ aufweist.
Gruppenbildung und Literaturpolitik
Zwar besaß der Sturm und Drang kein Zentrum, mit dem er dauerhaft verbunden war, wie zuvor die Berliner oder Züricher Aufklärung oder später die Weimarer Klassik. Aber entscheidend für seine Entwicklung war die Bildung lockerer, jeweils nur kurz bestehender Zirkel gleichgesinnter Autoren in Straßburg, Frankfurt, Darmstadt und Göttingen, die sich mündlich und brieflich über Literatur austauschten, gemeinsam auf Reisen gingen und vor allem gemeinsame ästhetische Positionen entwickelten und literarische bzw. literaturpolitische Feindschaften über die Stadtgrenzen hinaus pflegten. Etwas zugespitzt lässt sich die Bewegung daher geradezu als „Resultat einer Gruppenbildung“ (Sauder) bezeichnen. Aber warum waren diese Gruppenbildungen so wichtig für die Jungen Wilden, warum diese literarische Bündnispolitik? Prinzipiell lässt sich das literarische Feld mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu als „Kampfplatz“ verstehen, auf dem nach spezifischen Regeln darum gestritten wird, welches die ästhetischen und moralischen Kategorien zur Beurteilung von Literatur sind, und mehr noch: was überhaupt unter ‚Literatur‘ zu verstehen ist und wer die Definitionsmacht über diesen Begriff hat. Dementsprechend herrscht eine große Konkurrenz von Akteuren und Gruppen auf diesem Feld, die jeweils deutlich machen müssen, wie sich ihr Angebot von anderen Angeboten unterscheidet und warum es besser ist. Wie für jeden anderen Markt gilt auch für den Marktplatz Literatur, dass ein Angebot zunächst sichtbar gemacht, d.h. Aufmerksamkeit erregen muss, beispielsweise durch öffentlichkeitswirksame Gesten der Abgrenzung oder Überbietung.
Dementsprechend gehört es grundsätzlich zur Strukturlogik des literarischen Feldes, dass Schriftsteller sich und ihre Werke inszenieren müssen, um die Währung ‚Aufmerksamkeit‘ zu kassieren. In der zweiten |13◄ ►14| Hälfte des 18. Jahrhunderts nimmt dieser Inszenierungsdruck allerdings dadurch erheblich zu, dass sich die Strukturen der literarischen Öffentlichkeit auf die heutigen Rahmenbedingungen für die Produktion und Rezeption von Literatur hin zu wandeln beginnen. Der Buchmarkt kapitalisiert sich, indem die Buchhändler vom wechselseitigen Tausch der Druckbögen zum Verkauf der Bögen gegen Geld übergehen. Zudem steigen Nachfrage und Angebot praktisch im Gleichschritt rasant an: Das Lesepublikum vergrößert sich sprunghaft, es lesen immer mehr Menschen aus verschiedenen Schichten der Bevölkerung – vor allem ‚Frauenzimmer‘, wie es damals hieß. Und nicht nur das Publikum, sondern auch die Lesehaltung verändert sich, von einer intensiven zu einer extensiven Lektüre. Statt wenige Bücher wie die Bibel oder religiöse Erbauungsschriften immer wieder zu lesen, ‚verschlingt‘ das neue Publikum immer neue Bücher. Folgerichtig zieht auch die Buchproduktion an, um dieses gesteigerte Bedürfnis nach neuem Lesestoff zu befriedigen. Allein im Jahrzehnt zwischen 1770 und 1780 verdoppelt sich die Zahl der Schriftsteller in Deutschland von ca. 3000 auf ca. 6000 und die Buchproduktion verzehnfacht sich im Zeitraum zwischen 1770 und 1800 sogar. Chancen wie Probleme dieser Entwicklung liegen auf der Hand: Einerseits wächst die Freiheit der Schriftsteller, ihr Handlungsspielraum, und es beginnt sich (langsam) eine freie, autonome Autorschaft im heutigen Sinne herauszubilden; andererseits wächst mit der Zahl der Anbieter von Literatur auch der Konkurrenzdruck enorm und damit die Notwendigkeit, sich öffentlichkeitswirksam zu inszenieren und zu positionieren.
In dieser Umbruchsituation betritt die junge Autorengeneration also das literarische Feld. Dessen gewichtige Positionen sind vor allem von dem Autorenkartell der Aufklärung und Protagonisten wie Friedrich Nicolai (1733 – 1811) besetzt – und die Literaturrevolutionäre setzten quasi Kartellbildungen dagegen, um sich und ihre häretischen Programme gegen die orthodoxe Aufklärung resonanzträchtig in Stellung zu bringen.
Herders und Goethes „Secte“ in Straßburg
Zunächst formiert sich eine wichtige personelle Konstellation in Straßburg. Dort unterhielt der Aktuarius Johann Daniel Salzmann (1722 – 1812) ab 1770 eine Tischgesellschaft von Studenten, die rasch größere Aufmerksamkeit als die schon länger bestehende Straßburger „Société de Philosophie et Belles-Lettres“ erregte und die literaturpolitische Meinungsführerschaft vor Ort übernahm. Bald wurde der Zirkel aber auch |14◄ ►15| über die Grenzen der Stadt hinaus in seinem Anspruch wahrgenommen, die literarische Avantgarde zu sein. Verantwortlich für diese Resonanzgewinne waren vor allem zwei ‚Neuzugänge‘: Zunächst trifft Goethe am 4. April 1770 in Straßburg ein, wo er sein Jurastudium fortsetzen wollte, stößt kurz danach zu dieser Tischgesellschaft und nimmt fortan teil an ihren Gesprächen über Kunst, Literatur und Studium und dem Vortrag eigener Texte sowie an gemeinsamen Reisen ins Elsass, nach Lothringen und Sesenheim – und auf Sesenheim werden wir zurückkommen, wenn es um die Lyrik des jungen Goethe geht, denn dort lernte er Friederike Brion kennen und erfand für sie die ‚Erlebnislyrik‘.
Institutionalisiert waren diese Zusammenkünfte nicht, sehr wohl aber ritualisiert und erkennbar auf die Bildung eines Gruppenbewusstseins gerichtet. So erinnert sich Goethe in Dichtung und Wahrheit: „Ohne die äußeren Formen, welche auf Akademien so viel Unheil anrichten, stellten wir eine durch Umstände und guten Willen geschlossene Gesellschaft vor, die wohl mancher Andere zufällig berühren, aber sich nicht in dieselbe eindrängen konnte.“ (HA, Bd. 9, S. 373) Und aufgrund einer ‚natürlichen‘ Autorität, schildert Jung-Stilling in seiner Lebensgeschichte später seine Eindrücke von der Gruppenordnung, rückte Goethe schnell zur führenden Figur dieser geschlossenen Gesellschaft auf, hatte „die Regierung am Tisch“, „ohne daß er sie suchte“.
Am 5. September 1770 kommt dann allerdings eine noch größere Autorität nach Straßburg, die sich im Gegensatz zu Goethe und seinen Tischgenossen schon einige literarische Meriten erworben hat: Johann Gottfried Herder. Das Zusammentreffen zwischen Herder und Goethe ist immer wieder als ‚Geburtsstunde‘ des Sturm und Drang bezeichnet worden: Zwar wird das role model Herder nicht Mitglied der Tischgesellschaft, nimmt aber Kontakt zu deren Mitgliedern und vor allem zu Goethe auf, der ihn häufig besucht. Goethe selbst hat die Begegnung mit Herder als „das bedeutendste Ereignis, was die wichtigsten Folgen für mich haben sollte“ eingeordnet: In ihren Gesprächen wird der angehende Autor Goethe von dem älteren Herder viel kritisiert, gelegentlich durchaus sarkastisch, erhält aber auch Bestätigung für viele seiner ästhetischen Ansichten sowie durch den Hinweis auf die Volkspoesie und das Vorbild Shakespeare wesentliche Anregungen für sein Literaturverständnis. Diese erste Phase des Sturm und Drang im engeren Sinne dauert nur ein halbes Jahr, weil Herder schon im April 1771 wieder abreist. Sie wirkt aber als ästhetischer Impuls fort, sowohl in der Bewegung im Allgemeinen als auch in gemeinsamen Veröffentlichungen wie dem Aufsatzband Von deutscher Art und Kunst (1773) im Besonderen. Und diese Form der |15◄ ►16| Bündnispolitik ist durchaus wahrgenommen worden: So bemerkt beispielsweise Christian Heinrich Schmid (1746-1800) in Wielands Teutschem Merkur (1774): „Noch immer ertönen von allen Seiten die Klagen über die Secten, und Spaltungen, welche auf unserem Parnasse herrschten. “ – und stimmt dann in die Klagen ein, indem er der „Secte“ gut aufklärerisch ihre „Neuerungssucht“ vorwirft.
Bevor dann auch Goethe im August 1771 nach der abgeschlossenen Promotion zum Lizentiaten der Rechte aus Straßburg abreist, um in Frankfurt als Anwalt zu arbeiten, ergibt sich noch eine weitere Bekanntschaft, die sich entscheidend auf die weitere Entwicklung des Sturm und Drang auswirken sollte. Im Mai 1771 kommt nämlich Lenz nach Straßburg, schafft die Aufnahme in den inner circle bei Salzmann, wird in den Publikationsorganen der Zeit bald als erster Freund und Nachahmer Goethes bezeichnet und orientiert sich tatsächlich so stark an ihm, dass Daniel Schubart Lenz’ Drama Der Hofmeister im Augustheft 1774 seiner Deutschen Chronik für ein Werk „unsers Shakespears, des unsterblichen Dr. Göthe“ hält.
Im Gegensatz zu Goethe blieb Lenz mit kurzen Unterbrechungen bis 1776 in Straßburg und engagierte sich in der „Société de Philosophie et Belles-Lettres“ (die im Jahr 1775 auf sein Betreiben hin in „Deutsche Gesellschaft“ umbenannt wurde), um für sich und andere deutsche Autoren ein breit wahrgenommenes Forum zu etablieren. Der Erfolg dieser literaturpolitischen Aktivitäten blieb allerdings mäßig, wie Lenz in einem Brief an Goethe eingestehen muss. Überhaupt blieb Straßburg zwar auch nach der Abreise der beiden ‚Sektenführer‘ Herder und Goethe gelegentlicher Treffpunkt der jungen Autoren und somit bedeutungsvoll für ihr Gruppenbewusstsein, wie eine Inschrift auf dem Turm des Straßburger Münsters bezeugt, auf der sich neben der Jahreszahl ‚1776‘ die Namen von 21 Autoren der jungen Generation finden, unter ihnen die Brüder Stolberg, Goethe, Lenz, Wagner, Schlosser, Herder und Lavater. Aber die Musik spielte mittlerweile längst anderswo: in Frankfurt, Darmstadt und Gießen.
Kooperation zwischen Frankfurt, Darmstadt und Gießen: Der legendäre Jahrgang 1772 der Frankfurter gelehrten Anzeigen
Hatte Goethe in Straßburg noch die Rolle des ersten ‚Schülers‘ von Herder eingenommen, so bildete sich in Frankfurt ein literarischer Zirkel |16◄ ►17| mit dem Heimkehrer als unumstrittenem Mittelpunkt heraus. Über seinen Darmstädter Freund Johann Heinrich Merck stellte sich überdies der Kontakt dieses Zirkels zu einer Gruppe empfindsamer Literaturfreunde in Darmstadt her, aus dem eine der resonanzträchtigsten literaturpolitischen Aktivitäten des Sturm und Drang resultierte: die Neugründung der Frankfurter gelehrten Anzeigen. Für ein Jahr, einen legendären ‚Jahrgang 1772‘ war dieses Publikationsorgan die literaturkritische Plattform, auf der sich die jungen Autoren präsentierten, d.h. ihr Programm artikulierten und Stellung bezogen gegen die Vertreter der Aufklärung, deren ästhetische Maßstäbe und deren Rezensionspraxis.
Herausgegeben von Merck und Johann Georg Schlosser, erschienen die Frankfurter gelehrten Anzeigen zweimal wöchentlich und publizierten im Jahr 1772 104 Artikel, 396 Rezensionen und 36 Nachrichten „eher persönlicher Art“ (Gerhard Sauder). Die Beiträger rekrutieren sich aus dem Darmstädter Kreis um Merck und Herder (dessen Verlobte und spätere Frau Caroline Flachsland zu den Darmstädter ‚Empfindsamen‘ gehörte), dem Frankfurter Kreis um Goethe und einem Gießener Kreis um Karl Friedrich Bahrdt (1741 – 1792), ergänzt um einige ‚auswärtige‘ unregelmäßige Mitarbeiter. Insgesamt sind ca. 40 Rezensenten beteiligt, wobei die meisten Beiträge von Goethe, Merck, Schlosser, Petersen und Herder verfasst wurden. Nicht in allen Fällen ist die Verfasserschaft allerdings eindeutig zu klären, weil die Werke gelegentlich zunächst von einem der Bündnispartner referiert und dann diskutiert wurden, bevor einem Protokollführer die Aufgabe zufiel, eine „Protokoll-Rezension“ anzufertigen.
Klar vernehmlich spricht sich der Gruppencharakter der Zeitschrift und ihre Opposition gegen das Interessenkartell der Aufklärung gleich in ihrer Ankündigung durch den Verleger aus:
Eine Gesellschaft Männer, die ohne alle Autorfesseln und Waffenträgerverbindungen im stillen bisher dem Zustand der Litteratur und des Geschmacks hiesiger Gegenden, als Beobachter zugesehen haben, vereinigen sich, um dafür zu sorgen, dass das Publikum von hieraus nicht mit unrichtigen, oder nachgesagten, oder von den Autorn selbst entworffenen Urtheilen getäuscht werde. (Zit. nach Frankfurter gelehrte Anzeigen, Neudruck Heilbronn 1883, S. XXXI).
Die erste Nummer der Zeitschrift vom 3. Januar 1772 wird dann von einer programmatisch zu verstehenden „Nachricht an das Publikum“ eingeleitet: Erfasst werden sollten „nur die gemeinnützigen Artikel in der Theologie, Jurisprudenz und Medizin“, das „Feld der Philosophie, der Geschichte, der schönen Wissenschaften und Künste“ hingegen „in seinem ganzen Umfange“. Außerdem sollte dafür gesorgt werden, dass dem |17◄ ►18| „Liebhaber der englischen Literatur [ …] kein einziger Artikel, der seiner Aufmerksamkeit würdig ist, entgehe“ (S. 3). Auf den ersten Blick mutet diese ‚Nachricht‘ nicht gerade ‚literatur-revolutionär‘ an, wie ein spektakulärer Neuanfang nach dem Bruch mit der Praxis aufklärerischer Literaturkritik. Neu war immerhin der Verzicht darauf, alle Neuerscheinungen besprechen zu wollen, wie es Anspruch des renommiertesten Konkurrenzunternehmens, des von Friedrich Nicolai herausgegebenen Rezensionsorgans Allgemeine deutsche Bibliothek war. Neu war auch die Bevorzugung englischer Literatur, die gegen den französischen Klassizismus ausgespielt wurde. Neu aber – bzw. neu in Gewichtung und Interpretation – waren vor allem die ästhetischen Hochwertbegriffe, die die Anzeigen zunehmend stärker exponierten: Genie, Gefühl und Natur. Gefeiert wurden etwa der „Blitzstrahl des Genies“ (S. 49) bei Klopstock oder Shakespeares Werke dafür, „fliegende Blätter aus dem großen Buche der Natur, Chroniken und Annalen des menschlichen Herzens“ (S. 144) zu sein. Und über den Einzelfall hinaus galt prinzipiell das poetologische Credo: „Die Dichtkunst und alle schönen Künste strömen aus den Empfindungen, sind nur den Empfindungen gewidmet und sollten nur durch sie beurteilt werden“, womit die Individualität zur zentralen Kategorie der Produktion und Rezeption des ‚Kunstschönen‘ aufgewertet war.
Und neu war schließlich der Stil, in dem diese Hochwertbegriffe in Szene gesetzt wurden: Denn während noch die 1760er Jahre von einer Form der Literaturkritik dominiert wurden, die vornehmlich über die Einhaltung der Regeln wachte und dem subjektiven Geschmack keinen Platz einräumte, urteilten die Autoren der Frankfurter gelehrten Anzeigen ihrer Poetologie entsprechend betont persönlich – und keineswegs immer zurückhaltend, sondern oftmals äußerst polemisch. Ein bezeichnendes Beispiel für den provokativen Gestus der Anzeigen bietet Goethes erster Beitrag zu dem Gemeinschaftsprojekt. In einer spöttischen Besprechung des zweiten Teils von Schummels Empfindsame Reise durch Deutschland (1772) schickt er den wenig originellen Verfasser ins „neue Arbeitshaus“, wo „alle unnützenden und schwatzenden Schriftsteller Morgenländische Radices raspeln, Varianten auslesen, Urkunden schaben“, denn: „Es ist alles unter der Kritik, und wir würden diese Maculatorbogen nur mit zwey Worten angezeigt haben, wenn es nicht Leute gäbe, die in ihrem zarten Gewissen glauben, man müsse ein solches junges Genie nicht ersticken.“ (S. 119) Und die Kritik mündet in die vernichtende Feststellung: „Endlich bekommt der Verf. S. 73 ein ganzes Bataillon Kopfschmerzen, weil er was erfinden soll; und wir und unsere Leser klagen schon lange darüber.“ (S. 121)
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Solche schonungslosen Angriffe sind typisch für den Jahrgang 1772 der Anzeigen, und sie sorgten dafür, dass die Zeitschrift erhebliche Aufmerksamkeitsgewinne in der ‚Gelehrtenrepublik‘ erzielte. ‚Naturgemäß‘ riefen Haltung wie Vehemenz der Beiträge dabei sowohl Widerspruch als auch Zustimmung hervor: Während von Seiten der Aufklärung die mangelnde Fairness der Rezensionen moniert und der Autorengruppe ein „Complot“ gegen Anstand und Religion unterstellt wurde, schrieb der berühmte Schweizer Physiognomiker Lavater (1741 – 1801) an Schlosser, er kenne keine andere kritische Instanz, deren „Verf. so viel Genie, Geschmack, Literatur, Freyheit, Witz und Empfindsamkeit hätten“. Und so resümiert Goethe in seiner „Nachrede statt der versprochenen Vorrede“:
Es ist wahr, es konnten einige Autoren sich über uns beklagen. Die billigste Kritik ist schon Ungerechtigkeit; jeder macht’s nach Vermögen und Kräften und findet sein Publikum, wie er einen Buchhändler gefunden hat. Wir hoffen, diese Herren werden damit sich trösten und die Unbilligkeit verschmerzen, über die sie sich beschweren. Unsre Mitbrüder an der kritischen Innung hatten außer dem Handwerksneid noch einige andere Ursachen, uns öffentlich anzuschreien und heimlich zu necken. Wir trieben das Handwerk ein bißchen freyer als sie und mit mehr Eifer. (S. 689)
Ein Jahr lang boten die Frankfurter gelehrten Anzeigen folglich ein Forum, auf dem die Prinzipien der Künstler- und Gefühlsautonomie kampflustig propagiert wurden. Die Anzeigen bestanden noch bis 1790, büßten ihre Bedeutung als fortlaufendes Manifest der Bewegung aber schnell wieder ein, weil das Autorenbündnis sich nach dem Jahr 1772 wieder auflöste. An langfristigen Kooperationen bestand offensichtlich kein Interesse.
Inszenierung als „Parnassum in nuce“: Der Göttinger Hain
Fast zeitgleich mit den Gruppenbildungen in Frankfurt und Darmstadt konstituierte sich in Göttingen eine weitere Verbindung junger Literaturinteressierter, die in den Umkreis des Sturm und Drang gehört. Organisatorischer Motor dieser Gruppe war der Jurastudent Heinrich Christian Boie (1744 – 1806), der schon im Januar 1772 feststellen konnte: „Wir bekommen nachgerade hier einen Parnassum in nuce. Es sind einige feine junge Köpfe da, die zum Teil auf gutem Wege sind. Ich suche |19◄ ►20| das Völkchen zu vereinigen.“ Inspiriert von Klopstocks Ode Der Hügel und der Hain kommt es am 12. September 1772 dann zur feierlichen Gründung eines ‚heiligen‘ Bundes, der unter dem Namen ‚Göttinger Hain‘ in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Wenige Tage danach, am 20. September berichtet Johann Heinrich Voß seinem Freund Theodor Johann Brückner noch ganz beseelt von dem Ereignis:
Ach, den 12. September, mein liebster Freund, da hätten Sie hiersein sollen. Die beiden Millers, Hahn, Hölty, Wehrs und ich gingen noch des Abends nach einem nahegelegenen Dorfe. Der Abend war außerordentlich heiter, und der Mond voll. Wir überließen uns ganz den Empfindungen der schönen Natur. Wir aßen in einer Bauernhütte eine Milch, und begaben uns darauf ins freie Feld. Hier fanden wir einen kleinen Eichengrund, und sogleich fiel uns allen ein, den Bund der Freundschaft unter diesen heiligen Bäumen zu schwören. Wir umkränzten die Hüte mit Eichenlaub, legten sie unter den Baum, faßten uns alle bei den Händen, tanzten so um den eingeschlossenen Stamm herum, – riefen den Mond und die Sterne zu Zeugen des Bundes an, und versprachen uns ewige Freundschaft. Dann verbündeten wir uns, die größte Aufrichtigkeit in unsern Urtheilen gegeneinander zu beobachten, und zu diesem Entzwecke die schon gewöhnliche Versammlung noch genauer und feyerlicher zu halten.
Anschaulich wird schon in diesem Gründungsdokument die Selbstinszenierung der Gruppe als gleichermaßen empfindsamer und naturverbundener wie deutschnationaler Zirkel, der zwar klein ist, aber groß denkt. Zu diesem selbst ernannten ‚Parnassum in nuce‘ gehörten anfangs Johann Heinrich Voß (1751 – 1826), Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748 – 1776), Johann Friedrich Hahn (1753 – 1779) und Johann Martin Miller (1748 – 1776) sowie dessen Vetter Gottlob Dietrich Miller (1750 – 1818 ), Johann Thomas Ludwig Wehrs (1751 – 1811) und natürlich Boie. Wenig später traten u.a. noch die Brüder Stolberg, ihr Hofmeister Carl Christian Clausewitz (1734 – 1795) und Johann Anton Leisewitz (1752 – 1806) dem Bund bei. Gleichsam assoziiert war außerdem Gottfried August Bürger (1747 – 1794). Dieser ‚Club der angehenden Dichter‘ traf sich in der Folgezeit regelmäßig zu stark ritualisierten Zusammenkünften, deren Ablauf von heute aus betrachtet fast komisch wirkt, wie ein kindliches Spiel: Durch Losentscheid wurde zunächst jeweils ein Ältester bestimmt, dann wurden Werke vorgelesen und bewertet und die Ergebnisse der Diskussionen schließlich in einem ‚Bundesbuch‘ festgehalten. Die Mitglieder des Bundes firmierten während dieser Sitzungen allerdings nicht unter ihren bürgerlichen Namen, sondern unter erfundenen oder Klopstocks Oden entlehnten Bardennamen: Voß trat erst als Gottschalk|20◄ ►21| und später als Sangrich auf, Boie als Werdomar, Hölty als Haining usw. Auch diese Umbenennungen mögen nur spielerisch wirken, doch sind sie durchaus programmatisch zu verstehen: Denn in dem Rekurs auf die Helden der germanischen Vorzeit artikuliert sich die entschiedene Abgrenzung des Bundes gegen die zeitgenössische Verzärtelung des Geschmacks und seine Einschreibung in eine germanische Tradition. Der Wegbereiter dieser Bardenmode, genauer: einer zwar erfundenen, aber gleichwohl identitätsstiftenden germanischen Mythologie war der schon mehrfach erwähnte Klopstock. Die Verehrung der Hainbündler für den Sänger des Messias (dessen erste Teile 1748 erschienen) und vaterländischer ‚Bardieten‘ wie Hermanns Schlacht (1769) nahm beinahe kultische Züge an und fand ihren Gipfel im Februar 1774 mit einem euphorisch begrüßten Aufnahmeantrag Klopstocks und seinem Besuch in Göttingen. Dadurch beglaubigte das Idol öffentlichkeitswirksam die von den Hainbündlern behauptete Genealogie, d.h. ihre ‚Abstammung‘ vom ‚Vater‘ Klopstock. Und er tat dies sicher einerseits aufgrund poetologischer Gemeinsamkeiten, andererseits aber aus werkpolitischen Gründen. Denn Klopstock war der erste freie Berufsdichter, der materiell unabhängig zu leben versuchte, überall nach „Commissionären“ und „Collecteuren“ für seine Werke fahndete und für die Deutsche Gelehrtenrepublik (1774) zur Zeit seines Besuchs gerade ein Subskriptionsmodell entwarf – modern gesprochen ging es auch um Marketing, um den Absatz seiner Bücher. In der Ode an Johann Heinrich Voß (1786) bedankte sich Klopstock für die Unterstützung: „Dank unsern Dichtern! Da sich des Kritlers Ohr / Fern von des Urtheils Stolze, verhörte; / Verliessen sie mich nicht“.
Den Gegenpart zu Klopstock bildete Christoph Martin Wieland (1733 – 1813). Abgelehnt wurde er als frankophiler ‚Wollustsänger‘, sprich: als prominenter Protagonist der prinzipiell von den Bündlern inkriminierten Verzärtelung des Geschmacks. Die Vielzahl der Herabsetzungen Wielands lässt sich nachgerade als „Kreuzzug der Hainbündler gegen Wieland“ (Poitzsch) interpretieren, der seinen Kulminationspunkt in einem veritablen Autodafé fand: Am 2. Juli 1773, anlässlich des Geburtstages von Klopstock, verbrannten die Mitglieder des Hainbunds ein Porträt Wielands und sein Versepos Idris.
Nicht verwundern kann, dass der Bund zwar ‚auf ewig‘ gegründet war, aber nicht ewig hielt. Ihren künstlerischen wie literaturpolitischen Zenit erreichte die Gruppe mit der Veröffentlichung des Musenalmanach auf das Jahr 1774, der alle jungen Autoren von Rang und Namen versammelte: neben Hainbund-Mitgliedern wie Hölty, Voß und den beiden Grafen |21◄ ►22| Stolberg auch Goethe, Herder und Klopstock. Danach begann allerdings der zügige Abstieg. Der produktions- wie wirkungsästhetische Drive des Bundes verlor sich in Folge des Weggangs der Studenten aus Göttingen. Immerhin konnte Boie im Oktober 1776 mit Stolz und Recht konstatieren: „Welche Schritte hat die deutsche Poesie gemacht seit Entstehung der Almanache.“
Literatur
Franziska Herboth: Satiren des Sturm und Drang. Innenansichten des literarischen Feldes zwischen 1770 und 1780. Hannover 2002, S. 43 – 96
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„Lernt: Die Natur schreib in das Herz sein Gesetz ihm“: Ästhetik und Poetik
Trotz des intensiven Austauschs über Fragen der Literaturproduktion und -rezeption haben die Stürmer und Dränger keine einheitliche Programmatik formuliert und überhaupt fast vollständig auf die schriftliche Fixierung ästhetischer und poetologischer Konzepte verzichtet. Dass es dementsprechend keine Theorie(n) des Sturm und Drang, keine zusammenhängende Ästhetik dieser Bewegung gibt, erklärt sich aus ihrer grundsätzlichen Opposition gegen die Unterdrückung der künstlerischen Freiheit durch die Herrschaft der poetologischen Regeln, sprich: gegen die normative Poetik der Aufklärung. Auf die Formelhaftigkeit von Werken wie Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730, 4. Auflage 1751), die praktische Anleitungen zur Verfertigung von Dichtung und objektive, vorgeblich überzeitlich gültige Maßstäbe, zu ihrer Beurteilung aufstellten, reagieren die Autoren des Sturm und Drang mit einer radikalen Aufwertung der Subjektivität bzw. Individualität des Dichters. Nicht nach vorgegebenen Regeln soll Literatur also produziert werden, sondern aufgrund des jeweils angeborenen und weiterentwickelten schöpferischen Talents. In diesem Sinne ruft Klopstock in seiner Ode Ästhetiker aus: „Lernt: Die Natur schreib in das Herz sein Gesetz ihm.“ (Klopstock, S. 133) Und in der Programmschrift Die Gelehrtenrepublik (1774) erläutert er dazu: „Frag du den Geist, der in dir ist, und die Dinge, die du um dich siehst und hörst, und die Beschaffenheit des, wovon du vorhast zu dichten; und was die dir antworten, dem folge.“ (Ebd., S. 904)
Der Sturm und Drang hat folglich mindestens so viele – freilich implizite – Dichtungskonzepte wie Dichter hervorgebracht. Diese Subjektzentriertheit bedeutete dennoch keine absolute Regellosigkeit, sondern etablierte neue Regeln, ein neues ästhetisches ‚Grundgesetz‘: Literatur sollte nun ‚natürlich‘ und wahrscheinlich sein, und in ihrem Mittelpunkt sollten große, wahre Charaktere und ihre Leidenschaften stehen. Ausgehandelt|23◄ ►24| wurden diese neuen Regeln in der Auseinandersetzung um einige zentrale Begriffe bzw. Konzepte. Die Diskussion kreist gleichsam um wenige diskursive Kerne. Vorrangig geht es dabei um Genieästhetik und Volkspoesie. Diese beiden Kerne sollen im Folgenden jeweils knapp in ihre literarhistorischen Zusammenhänge eingebettet und anschließend anhand exemplarischer Texte erläutert werden.
Der Dichter als „second Maker“: Die Genieästhetik
Die Diskussion um den Geniegedanken setzt nicht erst mit dem Sturm und Drang ein, sondern war schon seit den 1750er Jahren zum zentralen Reflexionsgegenstand nicht nur der deutschen, sondern überhaupt der europäischen Literaturen aufgerückt. Geführt wurde diese Debatte entlang der Leitdifferenz, anhand derer im 17. Jahrhundert in Frankreich die so genannte Querelle des anciens et des modernes ausgetragen wurde: Kurz gesagt, stritten dort ‚Alte‘ und ‚Moderne‘ um das Verhältnis von ingenium und studium, um die Frage also, ob sich das Genie eher durch Talent und Begabung oder durch Gelehrsamkeit bzw. die Anwendung erlernter Regeln auszeichne.
Die deutsche Frühaufklärung und namentlich Gottsched hatte sich zwischen diesen Alternativen noch eindeutig für das studium entschieden. Poesie sei lehr- wie erlernbar, dekretiert Gottsched in seiner Critischen Dichtkunst, und ihr Hauptzweck sei moralische Belehrung. So berühmt wie berüchtigt ist sein ‚Rezept‘ zur Zubereitung von Literatur: „Zu allererst wähle man sich einen lehrreichen moralischen Satz, der in dem ganzen Gedichte zum Grunde liegen soll, nach Beschaffenheit der Absichten, die man sich zu erlangen, vorgenommen.“ (S. 215) Das schöpferische Genie, die Phantasie hat in diesem vernunftbasierten Dichtungsverständnis offensichtlich keinen Platz. Gottscheds Position sah sich begreiflicherweise bald scharfen Angriffen ausgesetzt, vor allem durch die Schweizer Bodmer und Breitinger, die für eine Aufwertung der Neuheit und des Wunderbaren gegenüber der phantasiebereinigten Anwendung tradierter Regeln eintraten – was zu einem heftigen, gleichermaßen poetologischen wie literaturpolitischen Kampf zwischen diesen und bald vielen weiteren Kombattanten führte, der in Literaturgeschichten als ‚Zürcher Literaturstreit‘ geführt wird. Noch weiter in den Hintergrund verschoben wurde das Prinzip des studiums dann bei Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769), der mittels seiner Literatur weniger auf den Verstand, als vielmehr auf das Herz seiner Leser, auf ihre Sinnlichkeit einwirken will. Gellert verfocht außerdem das Originalitätspostulat und |24◄ ►25| verstand sich als erster Originalautor der Deutschen, ja als erstes Originalgenie. Dennoch hielt selbst er noch an einigen Grundannahmen aufklärerischer Poetik fest, etwa am unterhaltend-lehrhaften Charakter der Dichtung und der Geltung poetischer Regeln der ‚Alten‘ Aristoteles, Horaz oder Quintillian.
Der entscheidende Einfluss für die Autoren des Sturm und Drang zur Radikalisierung dieser Tendenz hin zur Autonomie der Literatur und einem Selbstverständnis als quasi ‚gottgleicher‘ Schöpfer von originaler Kunst kam dann allerdings nicht aus Deutschland, sondern aus England. Dort war schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine lebhafte Auseinandersetzung um den Genie-Begriff in Gang gekommen. Shaftesbury etwa hatte den Dichter als ‚zweiten Schöpfer‘ charakterisiert: „Such a Poet is indeed a second Maker: a just Prometheus, under Jove.“ (Soliloquy or Advice to an Author, 1711). In diesem Sinne spielte auch Edward Young in seinem Buch Conjectures on original composition von 1759, das bereits 1760 in deutscher Übersetzung vorlag, die schöpferische Kraft gegen eine vernunftdominierte Regelpoetik aus: „Schönheiten, die man noch nie in Regeln vorgeschrieben, und etwas Vortrefliches, von dem man noch kein Exempel hatte, (und dies ist die Characteristik des Genies) diese liegen weit außer den Gränzzeichen der Herrschaft der Gelehrsamkeit und ihrer Gesetze.“ (Young, S. 29) Gerhard Sauder hat darauf hingewiesen, dass sich keine direkten Belege für die Rezeption von Youngs Schrift durch die Autoren des Sturm und Drang finden lassen. Seine Gedanken wurden aber offenkundig vermittelt rezipiert und in je unterschiedlicher Akzentuierung als argumentatives Gerüst der Geniekonzeption verwendet.
In der Nachfolge Youngs erheben die Autoren des Sturm und Drang den Dichter also in den Rang eines ‚zweiten Gottes‘, ernennen ihn zur beispielhaften Verwirklichung der allein aus sich schaffenden Subjektivität. Paradoxerweise verzichten sie dennoch nicht auf Vorbilder: Als exemplarisches neuzeitliches Genie gilt ihnen Shakespeare. Vorstellen wollen wir zwei literaturgeschichtlich besonders wirkungsmächtige literarische Positionierungen im Zeichen Shakespeares, und zwar zum einen Herders schlicht Shakespeare betitelten Aufsatz aus dem bereits erwähnten Band Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter (1773) und zum anderen Goethes im Jahr 1771 aus Anlass der Shakespeare-Feiern verfassten Text Zum Schäkespears Tag.
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Das vorbildliche Genie I: Herders Shakespeare-Aufsatz (1773)
Herders Aufsatz über Shakespeare kommt von allen literaturtheoretischen Texten des Sturm und Drang einer Programmschrift am nächsten, da er die zentralen Gedanken und Begriffe der zeitgenössischen Diskussion behandelt und im Sinne der Straßburger Gespräche ausbuchstabiert. In diesem Aufsatz, rühmte ihm Goethe in Dichtung und Wahrheit dementsprechend nach, sei erfahrbar, „was damals in dieser lebendigen Gesellschaft gedacht, gesprochen und verhandelt worden“ (HA, Bd. 9, S. 494). Unmittelbar angeregt wurde er durch Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs (1737 – 1823) Versuch über Shakespears Werke und Genie in dessen Briefen über Merkwürdigkeiten der Literatur (14. – 18. Brief; 1766 – 1770 in vier Bänden erschienen). Gerstenberg hatte zwar das Genie Shakespeares betont und den Hauptzweck seiner Dramen in der „Zeichnung der Sitten, der sorgfältigen und treuen Nachahmung wahrer und erdichteter Charaktere, dem kühnen und leicht hingeworfenen Bilde des [...] animalischen Lebens“ in den „lebendigen Bildern der sittlichen Natur“ erkannt. An der Geltung der aristotelischen Regeln, an den drei Einheiten Zeit, Raum und Handlung sowie der Kanonizität der französischen Tragödie hatte er dabei aber festgehalten. Damit blieb er letztlich Positionen der Aufklärung verpflichtet, vergleichbar Lessing, der in seinen Briefen, die neueste Literatur betreffend (1759) von Shakespeares Genie gesagt hatte, das es „alles bloß der Natur zu danken zu haben scheinet“ (S. 72), dieses Genie aber innerhalb des traditionellen Gegensatzes von Natur und Kunst, von ingenium und studium verortet. Herder nun überwindet diesen Gegensatz bzw. leistet eine weiterführende Synthese der Ansätze Lessings und Gerstenbergs.
Im Wesentlichen unternimmt Herder zweierlei: Zum einen formuliert er seine Einsicht in die Geschichtlichkeit jeder Kunst, und zum anderen bestimmt er über das Vorbild Shakespeare den Geniebegriff neu. Zunächst also zum ersten Kern der Argumentation, dem Hinweis auf die Historizität von Kunstwerken. Herder vollzieht den Sprung von der quasi zeitlosen aufklärerischen Ästhetik zu einem Versuch historisch-genetischen Verstehens des jeweiligen Kunstwerks, indem er die Poetik von Aristoteles neu interpretiert – auf den Punkt gebracht: Er versteht sie im Gegensatz zu den Vertretern der Aufklärung und des Klassizismus nicht mehr als normativen „Regelnvorrat“, der „von der Lehre unzertrennlich“ ist (HW, Bd. 2, S. 499), sondern als Beschreibung des Theaters zu seiner Zeit. Begründet wird dieser Perspektivwechsel mit einer Geschichte des |26◄ ►27| griechischen Theaters in nuce: Die Kultur stand damals nämlich im Stadium der Kindheit, erläutert Herder, sei nicht modern zersplittert, sondern einfach und einheitlich gewesen. Dieser zeitgenössischen Erfahrung entspreche das damalige Theater: Aus einem Auftritt habe sich das griechische Drama entwickelt, bevor Aischylos die zweite und Sophokles die dritte Figur einführten. Und Aristoteles habe seinen Begriff des Dramas aus diesen Stücken gewonnen und Regeln aus ihnen abgeleitet, die demgemäß ursprünglich nicht ‚künstlich‘, sondern ‚natürlich‘ gewesen seien:
das Künstliche ihrer Regeln war – keine Kunst! war Natur! – Einheit der Fabel – war Einheit der Handlung, die vor ihnen lag; die nach ihren Zeit- Vaterlands-Religions- Sittenumständen, nicht anders als solch ein Eins konnte. Einheit des Orts – war Einheit des Orts; denn die Eine, kurze feierliche Handlung ging nur an einem Ort […] Und daß Einheit der Zeit nun hieraus folgte und natürlich mitging – welchen Kinde brauchte das bewiesen zu werden? (S. 501)
Von dieser historischen Herleitung der aristotelischen Einheiten aus erklärt sich Herders anschließende Polemik gegen die französischen Klassizisten, die „neuen Athenienser[] Europens“ (S. 503): Formal sei das Theater von Corneille, Racine oder Voltaire durchaus vollkommen, erläutert Herder, befolge es alle Regeln des vorbildhaften griechischen Theaters. Aber genau diese Regeltreue sei der kardinale Fehler des Klassizismus: Denn die Welt, der ‚Zeitgeist‘ (der eine Wortschöpfung Herders ist) habe sich seit den Zeiten des griechischen Theaters grundlegend gewandelt, und so haben sich auch die Bedingungen verändert, die dieses Theater hervorbrachten. Ignoriere man diesen Wandel und halte an notwendig überlebten Formen fest, entstehe ein erstarrtes Theater, das nur „Puppe“ sei, „Gemälde der Empfindungen von dritter Fremder Hand; nie aber oder selten die unmittelbaren, ersten, ungeschminkten Regungen, wie sie Worte suchen und endlich finden“ (S. 504). Dieses Ergebnis einer „Letternkultur“ (S. 499) vermöge den Zuschauer nicht zu emotionalisieren, weil es sozusagen ‚Papier‘ sei, nicht lebendig und sinnlich: „Das ganze ihrer Kunst ohne Natur, ist abenteuerlich, ist ekel!“ (S. 506)
Statt also nach Frankreich zu blicken und wie der französische Klassizismus die Griechen „nachzuäffen“ (S. 506), die viel zu fern seien, soll sich das deutsche Theater die Briten zum Vorbild nehmen, die mit Shakespeares Werk ein Drama aus ihren spezifischen (kultur-) historischen Rahmenbedingungen hervorgebracht haben. Erfunden seien dessen Stücke nämlich nach der britischen „Geschichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meinungen, Sprache, Nationalvorurteilen, Traditionen, und Liebhabereien“ (S. 507) und es sei überdies aus dem Volk hervorgegangen, aus Fastnachts-|27◄ ►28| und Marionettenspiel. Dementsprechend sei Shakespeares ‚nordisches‘ Drama zwar auf – sinnbildlich wie geographisch – anderem Boden als das klassische griechische Drama entstanden, erziele aber dieselbe Wirkung, weil es ebenso ‚natürlich‘ bzw. ‚naturtreu‘ sei. Um nur ein Beispiel für diese Form der Natürlichkeit zu nennen: Während die Beschränkung des griechischen Dramas auf nur einen Ort, eine Zeit und eine Handlung der griechischen Simplizität entspreche, stimme die Vielfalt der Räume, Zeiten und Ereignisse in Stücken wie Othello, Macbeth oder Hamlet mit der komplexen zeitgenössischen Wirklichkeit überein.
Aber Herder bleibt nicht bei der Rekonstruktion des Shakespeareschen Theaters aus den Zeitumständen stehen, sondern, und das ist der zweite wichtige Angelpunkt der Argumentation, er konstatiert darüber hinaus die Einmaligkeit dieser Werke, das „Neue, Erste, ganz verschiedene“ (S. 508) an ihnen und profiliert damit den Geniebegriff neu. Belegt wird das exemplarische Genie Shakespeare von Herder mit den Attributen ‚natürlich‘, ‚groß‘ und ‚original‘: Natürlich wie original meint hier die je eigene Art des Künstlers, den aufrichtigen Ausdruck seiner Persönlichkeit, Shakespeares Persönlichkeit ist groß über Menschenmaß hinaus, ja mehr göttlich als menschlich. Gleich eingangs sieht Herder Shakespeares „Haupt in den Strahlen des Himmels“ (S. 498), und später apostrophiert er ihn als „Göttersohn“, als einen „Sterbliche [n] mit Götterkraft begabt“: als Dichter also, der aus sich heraus eine Welt erschafft, „das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen“ (S. 508) zusammensetzt.
Ein kurzer Seitenblick bestätigt die prinzipielle Geltung dieser Konzeption für den Sturm und Drang: In analoger Weise nämlich argumentiert Goethe in seinem 1772 in Frankfurt erschienenen Aufsatz Von deutscher Baukunst, den Herder bezeichnenderweise in Von deutscher Art und Kunst erneut abdruckte. Goethe liefert hier gleichsam einen großen Prosahymnus auf Erwin von Steinbach, den Baumeister des Straßburger Münsters: Wie Shakespeare seine Werke, so hat das Genie Steinbach das Münster geplant und dabei die einzelnen Vorarbeiten in seiner Seele zu einem Kunstwerk zusammengesetzt, das viel mehr ist als die Summe seiner Teile. Gegenüber diesem übermenschlich großen Genie, das Goethe ausdrücklich „heilig [ ] “ (HA, Bd. 12, S. 12) nennt, erscheinen die anderen Menschen wie „Ameisen“ (S. 7) .
Aber zurück zu Herder. Die Entstehung des Kunstwerks wird von ihm folglich vollständig in die Subjektivität des Künstlers gelegt, ebenso wie die Rezeption vollständig in diejenige des Zuschauers, in dem die jeweils dargestellte Welt zur Einheit wird – und dementsprechend wird das Gefühl zum zentralen Maßstab des Verständnisses von Dichtung. Offenkundig|28◄ ►29| ausgehebelt ist damit die Geltung jeglicher Regeln. Der Aufsatz zielt darauf, den poetologischen Kanon zu verabschieden.
Doch so groß, so genial Shakespeare auch ist: Notwendig folgt aus der Einsicht in die Geschichtlichkeit aller Kunst, dass auch sein Werk veralten und schließlich unverständlich werden wird. Und mehr noch: Diese traurige Einsicht in die Vergänglichkeit betrifft ‚naturgemäß‘ auch die eigene Literatur – womit Herder seinen enthusiastischen Essay in einen für den Sturm und Drang insgesamt charakteristischen Pessimismus münden lässt. Aber immerhin, ruft er aus und wendet sich dabei an Goethe, dessen Götz von Berlichingen er 1772 gelesen hatte:
Glücklich, daß ich noch im Ablaufe der Zeit lebte, wo ich ihn begreifen konnte, und wo du, mein Freund, der du dich bei diesem Lesen erkennest und fühlst, und den ich vor seinem heiligen Bilde mehr als Einmal umarmet, wo du noch den süßen und deiner würdigen Traum haben kannst, sein Denkmal aus unsern Ritterzeiten in unsrer Sprache, unserm so weit abgearteten Vaterlande herzustellen. (S. 520f.)
Das vorbildliche Genie II: Goethes Rede Zum Schäkespears Tag (1771)
Im Gegensatz zu Herders umfangreichem und argumentativ weit ausgreifendem Essay ist Goethes Shakespeare-Text knapp geraten und erscheint auf den ersten Blick wie ein Nebenwerk; in der Hamburger Ausgabe seiner Werke umfasst er gerade einmal vier Druckseiten. Aber er bietet ein sowohl für das Verständnis des Sturm und Drang im Allgemeinen als auch für Goethes Werk im Besonderen wichtiges Seitenstück zu Herders Gedanken und er hat bis ins 20. Jahrhundert eine erhebliche Wirkung ausgeübt, namentlich deshalb, weil er als Keimzelle einer Nationalidentität des Deutschen gelesen wurde. Geschrieben wurde der kleine Text als Rede für den 14.10.1771, den protestantischen Namenstag für ‚Wilhelm‘, an dem in Straßburg eine Shakespeare-Feier geplant war, und lässt sich daher gewissermaßen als Botschaft an die dortigen Freunde begreifen – er wurde dann allerdings auf der Feier nicht verlesen, weil Franz Christian Lerse die Festrede hielt. Stattdessen, wie das Haushaltungsbuch von Rat Goethe belegt, kam die Rede am selben Tag im väterlichen Haus zum Vortrag.
Geistiger Nährboden auch dieser Rede waren die Straßburger Gespräche mit Herder über Kunst, Literatur und eben Shakespeare, und wenig verwunderlich sind daher die Parallelen zu Herders Shakespeare-Aufsatz: |29◄ ►30| So kreisen auch Goethes Überlegungen um die Zentralbegriffe Genie und Natur und bestimmen sowohl sie als auch ihr Verhältnis zueinander in offenkundiger Anlehnung an Herder: Das Genie Shakespeare habe im Wettstreit mit Prometheus ‚kolossalische‘ Figuren geschaffen, sie gottgleich mit dem „Hauch seines Geistes“ (HA, Bd. 12, S. 227) belebt und ihnen so Natürlichkeit verliehen. Emphatisch ruft er dementsprechend aus: „Natur! Natur! nichts so Natur als Schäkespears Menschen“. (S. 226)
Nur das Genie könne also Natur angemessen erfassen und wahrhaftig darstellen, und zugleich sei es selbst „persongewordene Offenbarung der Natur“ (GH, Bd. 3, S. 524) – die Begriffe werden letztlich ineins gesetzt. Zudem wendet sich die Rede wie Herders Essay vehement gegen die Gültigkeit der aristotelischen Einheiten: „Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäßigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerkermäßig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskraft“ – und kündigt den „Herrn der Regeln“, also den Aufklärern, dann kämpferisch eine regelrechte „Fehde“ an (HA, Bd. 12, S. 225). Schließlich findet sich hier ebenfalls die spöttische Wendung gegen das ‚unnatürliche‘ französische Theater, sprich dessen Nachahmung griechischer Muster: „Französchen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu groß und zu schwer. Drum sind auch alle Französische Trauerspiele Parodien von sich selbst.“ (S. 225)
Doch Goethes Text erschöpft sich nicht darin, Herdersche Gedanken noch einmal leicht variiert auszubuchstabieren, sondern setzt einen ganz eigenen Akzent. Auf den Punkt gebracht: Während Herder über Shakespeare nachdenkt, fühlt Goethe als typisches Individuum des Sturm und Drang sich ein. Gleich eingangs gesteht er, „wenig über Schäckespearen gedacht“ zu haben; stattdessen habe er „geahndet, empfunden“ (S. 224). Und diese Bemerkung ist nicht rhetorisch, als floskelhafte Bescheidenheitsgeste zu verstehen, sondern durchaus programmatisch. Denn Goethe entwirft seine Shakespeare-Lektüre als quasi religiöses Erweckungserlebnis, das weniger seinen Verstand, als vielmehr sein Gefühl affiziert und folglich primär eine sinnliche Qualität habe. Diese plötzliche, sinnliche Einsicht in das Wesen von Shakespeares Kunst übersetzt Goethe in eine Lichtmetaphorik:
Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu, unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernte ich sehen, und, dank sei meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhaft, was ich gewonnen habe. (S. 225) [unsere Hervorh.]
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