Read the book: «Die Kunst, auf dem Wasser zu gehen»
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30 201
31 213
32 220
33 222
(Nachtrag) 229
1
Als Janis Quint eines Tages entdeckte, dass er auf dem Wasser wandeln konnte, verwunderte ihn dies eher als dass es ihn beunruhigte. Viel später erst begriff er die Tragweite dieser Entdeckung und dass es kaum etwas in seinem Leben gab, dass ihn so sehr geprägt hatte wie diese Fähigkeit, deren praktischer Nutzen eher gering war.
***
So oder so ähnlich müsste es anfangen. Wenn es zutreffen würde. Aber meiner Ansicht nach hat er die Tragweite nie wirklich begriffen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, ihm ist niemals der Gedanke gekommen, dass man solche Gaben nicht wie ein lästiges Mitbringsel behandelt, das man nur annimmt, weil man nicht unhöflich sein will.
Das hat er nämlich getan. Einen großen Teil seines Lebens hat er damit verbracht nur dazusitzen und herauszufinden, was er tun wollte.
Ungeachtet dessen müsste ein Bericht über Janis Quints Leben natürlich mit einem solchen Satz beginnen. Denn niemand will ja etwas über ihn erfahren. Wenn sie eine Wahl haben zwischen Legende und Wahrheit, entscheiden sich die Leute immer für die Legende. Sie lieben fromme, kleine Episoden aus dem Leben ihres Helden. Überschaubare Szenen, die nicht zu lang sein dürfen, damit die Leser nicht den Faden verlieren oder nach dem Lesen nicht mehr dazu kommen, über das Gelesene nachzusinnen. Und sie brauchen immer eine Moral. Einen Nutzen, den sie daraus ziehen können. Fromme Literatur ist Gebrauchsliteratur. Erbauung eine Form geistlichen Stoffwechsels.
Na schön, ihr sollt eure Episoden haben. In denen wird nichts darüber stehen, dass eure Lichtgestalt keinen Ehrgeiz besaß, dass sie für euch, die ihr ihm jedes Wort von den Lippen zu lesen bereit wart, nur gleichgültiges Schulterzucken übrig hatte und sich in seinem Leben eigentlich nichts anderes wünschte, als an einem Klavier zu hocken und ohne Sinn und Verstand immer wieder ein und dasselbe Stück zu klimpern.
Ihr habt keine Ahnung, wer Janis Quint war, und so soll es auch bleiben. Aber dass ihr ihn als Heilsbringer verehrt, verdankt ihr nicht ihm.
Sondern mir.
***
„Du darfst ihnen nicht trauen.“
„Das tue ich auch nicht, Dad.“
„Einmal habe ich ihnen vertraut und daraus gelernt. So etwas passiert mir nicht wieder, habe ich mir gesagt. Man sollte ihnen nicht trauen, dann kann man ganz gut mit ihnen auskommen. Merk dir das, mein Junge.“
„Ja, das werde ich.“
„Habe ich dir schon erzählt, dass sie keine Kreuze mehr haben? Das heißt, sie haben schon noch welche, nur beten sie sie jetzt an und nageln keine Menschen mehr an ihnen fest.“
„Ja, das hast du schon erzählt, Dad. Schon oft.“
„Das bedeutet aber nicht, dass deine Aufgabe jetzt leichter ist. Man wird zwar nicht mehr ans Kreuz genagelt, dafür lassen sie einen im Fernsehen auftreten und machen ihn zum Narren. Das wäre das Schlimmste, wenn sie aus dir eine Witzfigur machen.“
„Keine Sorge, das wird schon nicht passieren.“
„Versprich mir, dass du das nicht mit dir machen lässt.“
„Ja, ich verspreche.“
„Ein wenig habe ich nämlich den Eindruck, dass du alles zu leicht nimmst. Dass du keine rechte Lust hast, dich ganz und gar einzubringen.“
„So wie mein Bruder, meinst du?“
„Was willst du damit sagen?“
„Dass du ihn bei jeder Gelegenheit zum leuchtenden Vorbild erklärst, an dem ich mir ein Beispiel nehmen sollte.“
„Na und? Was ist falsch daran? Ist er etwa kein Vorbild?“
„Oh doch, das ist er! Immerhin war er stets folgsam und tat, was du von ihm verlangtest. Ein Musterknabe, wenn es ihn auch das Leben gekostet hat.“
„Hör auf. Was weißt du denn schon von deinem Bruder?“
2
Mein älterer Bruder war immer ein Vorbild für mich. Dabei lernte ich ihn eigentlich nie richtig kennen. Ich glaube aber, das ist ganz normal, die meisten Menschen haben Vorbilder, die sie nie persönlich kennenlernten. Vielleicht hätten die sonst nie eine Chance, den Rang eines Vorbildes zu erlangen.
Abel – so hieß mein Bruder – und ich, wir sind über zehn Jahre auseinander. Als ich neun war, ging er für Ärzte ohne Grenzen in den Irak. Dort wurde er von islamistischen Terroristen entführt und umgebracht. Mein Vater meinte damals, dass im größten Unglück, das einem widerfahren könne, auch ein Quäntchen Glück liege.
„Er ist für andere gestorben. Und das ist eine ganze Menge. Wie viele Menschen sterben heutzutage völlig sinnlos und haben ihr Leben lang nicht begriffen, worauf es ankommt.“
„Du freust dich also, dass er gestorben ist?“, fragte ich.
Lotte, meine Mutter, meinte daraufhin, dass ich still sein solle, und Papa fügte hinzu, dass ich mir an meinem Bruder ein Beispiel für mein ganzes Leben nehmen könne.
Damals versuchte ich es auch. Abel hatte schließlich eine Menge riskiert und konnte nichts dafür, dass er ermordet worden war. Und doch war es der Tag, an dem ich anfing, ihn zu hassen. Nicht weil ich ihn für das falsche Beispiel hielt. Sondern weil sein Vorsprung zu groß war. Er war ein Märtyrer, und ich würde es nie mit ihm aufnehmen können.
***
Viele, ich glaube sogar die meisten aus meiner Jahrgangsstufe, bevorzugten Popgrößen als Vorbilder. Sie kleideten sich schrill, gründeten eine Band oder spielten Videoclips nach. Andere wollten Fußballstar werden und wieder andere wurden von ihren Eltern schon seit dem Kindergarten zu mathematischen Genies trainiert.
Das hat mein Papa aber nicht gemeint, als er mir wieder und wieder einschärfte, dass jeder Mensch jemanden brauche, dem er nacheifern könne. „Vorbilder sind mehr als nur ein rationales Ziel, das eine Person verkörpert“, dozierte er. „Sie sind eine Vision. Und ohne eine Vision zu haben, kannst du auf Erden nichts bewirken.“
Henrik, mein Vater, war lange Zeit evangelischer Pfarrer einer beschaulichen Gemeinde in Neukirchen-Vluyn gewesen. Eines Tages jedoch hatte ihn der Ruf Gottes ereilt (ich stellte mir das lange Zeit so vor, dass der Herr sich telefonisch bei ihm meldete), und von da an kümmerte er sich um verirrte Schafe. Ich fand es damals toll, dass Gott sich nicht nur der Menschen, sondern auch der Tiere erbarmte, doch es stellte sich heraus, dass er mit Schafe Menschen gemeint hatte, die in die Fänge skrupelloser Sekten geraten waren. Vater befreite sie in halsbrecherischen Aktionen, die sich oftmals am Rand der Legalität bewegten und schloss sich nach einer geglückten Tat wochenlang mit den Befreiten ein, um sie zu dekodieren.
So lernte er auch Mama kennen.
Als ich zur Welt kam – das war neun Jahre vor Abels Tod - , lag seine aktive Zeit schon etwas zurück, doch das bedeutete keineswegs, dass er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Henrik Marius war Sprecher von mindestens drei Bürgerintiativen und reiste fast jedes Wochenende zu einer Demo, die irgendwo in der Republik stattfand.
Mama leitete Kurse über gewaltlose Selbstverteidigung für Frauen und hielt darüber auch abendfüllende Vorträge oder Wochenendseminare, auf denen sie eine DVD zum Thema anbot.
***
Was Abel anging, so habe ich ihm eigentlich Unrecht getan. Als ich an einem der Wochenende, an denen meine Eltern nicht wussten, wo ihnen der Kopf stand, zufällig in Mamas Unterlagen herumstöberte, konnte ich einen ernüchternden Blick hinter das Märtyrerimage meines Bruders werfen.
Abel war gar nicht von Islamisten ermordet worden. Er hatte nicht einmal einen Fuß in den Irak gesetzt. Und die Mitarbeit bei Ärzte ohne Grenzen war nur ein vager Plan unter vielen gewesen, nichts weiter. In einer regennassen Herbstnacht, in der Gundula, seine Damalige, ihm eröffnet hatte, dass sie mit ihm Schluss machen wolle, hatte er sich sinnlos betrunken und war mit seinem Kleinwagen gegen einen Baum gerast.
Auch heute denke ich noch oft an diese zufällige Entdeckung und verstehe meine Gefühle nicht. Eigentlich hätte mir Abel von da an näher sein müssen, menschlicher. Schließlich war er von seinem Sockel gestürzt und nicht mehr die unantastbare Märtyrerikone, der ich niemals das Wasser reichen konnte. Er war das wehrlose Opfer einer bodenlosen Verleumdungskampagne seitens seiner Eltern, und doch liebte ich ihn dafür nicht. Im Gegenteil, ich hasste ihn immer noch, nur von jetzt an aus einem anderen Grund. Aus dem strahlenden Heiligen war im Handumdrehen ein armseliger Sünder geworden, dem gerade recht geschehen war, da er nicht fähig gewesen war, seine Gelüste zu beherrschen.
Kein Quäntchen Glück lag im Unglück. Abel gehörte zu denen, die ihr Leben lang nicht begriffen, worauf es ankommt, und einen sinnlosen Tod erlitten hatten – wie mein Vater sagen würde und höchstwahrscheinlich damals auch gesagt hatte: einen egoistischen Tod, denn er hatte sich betrunken hinter das Steuer gesetzt, ohne Rücksicht darauf, dass er auch andere Menschenleben gefährdete. Das war mitleiderregend, aber nicht bemitleidenswert.
3
Ich bin einer der zahllosen Linkshänder, die niemals Linkshänder waren, sondern von ihren ehrgeizigen Eltern dazu abgerichtet worden sind, weil diese sich nicht damit abfinden wollten, dass ihr Kind so wie die meisten anderen war. So wuchs ich mit zwei linken Händen auf und hatte schon frühzeitig keine andere Wahl, als eine intellektuelle Karriere anzustreben.
Für mich stand bald fest, dass ich wie Martin Luther King werden wollte. Oder wie Mahatma Gandhi, Mutter Theresa oder Johannes der Täufer. Eine Symbolfigur des Guten, dem die Massen zuhörten. Ich war entschlossen, mein Leben nicht in eitler Weise für den ganz privaten Ruhm zu verschwenden, so wie all die anderen, die Popidolen und Filmstars nacheiferten. Eines Tages wollte ich jemand sein, der in dieser gleichgültigen Welt eine Wende herbeiführte. Ich wusste, dass es dazu nicht nur Ideen brauchte, sondern Persönlichkeiten. Eine charismatische Gestalt. Ich war überzeugt davon, dass die Welt auf jemanden wie mich wartete.
Als ich Janis Quint kennenlernte, arbeitete ich schon seit geraumer Zeit auf dieses Ziel hin. In meiner Zeit als Klassensprecher hatte ich eine Bewegung für universale Wahrheit gegründet. Sie sollte sich über alle Konfessionsgrenzen hinweg für die wirklichen Ziele stark machen. Leider schaffte sie es noch nicht einmal über die Schulgrenzen hinaus, und die einzigen Erfolge, die sie verbuchen konnte, waren ein Rauchverbot auf dem Schulhof, Tempo Dreißig für die Zufahrt zum Lehrerparkplatz und ein mit fünfzehn Unterschriften versehener Appell an die Bundesregierung, den Klimaschutz ernster zu nehmen. Dessen ungeachtet übte ich mich weiter in der Fähigkeit, meine Umgebung für eine Sache zu begeistern, und wenn es darum ging, auf Menschen zuzugehen, kannte ich keine Hemmungen.
Dass diese Methode nicht zum durchschlagenden Erfolg führte, lag nicht an mir. Der Grund war vermutlich, dass es zu der Zeit eben nicht cool war, zu wissen, was man wollte. Rumhängen war cool und keinen Bock haben. Etwas lernen zu wollen, um das Gelernte später zur Durchsetzung seiner Ziele einsetzen zu können, galt als verpönt, und wer den Mut hatte, sein Leben in diesem Sinn zu organisieren, wurde als Streber angesehen. Wie oft erlebte ich, dass diejenigen, auf die ich zuging, sich umdrehten und lieber über das gestrige Fußballspiel oder die Fete am Wochenende schwatzten. Wie naiv von mir zu glauben, Menschen für außergewöhnliche Dinge gewinnen zu können, die nichts anderes im Sinn hatten, als sich auf ein durchschnittliches, vorhersagbares Leben ohne Überraschungen vorzubereiten! Sollten sie mir doch den Stuhl vor die Tür stellen, mir konnte es egal sein. Ich hatte nämlich Wichtigeres zu tun als auf Feten herumzuhängen.
Trotzdem war es mir nicht egal.
***
Es war in der achten Klasse, als Friese, unser Lehrer, uns eines Tages einen neuen Schüler präsentierte, einen unscheinbaren, unsportlichen Jungen mit blassen Gesicht und Segelohren. Sein Vater hatte einen Lehrstuhl für neue Literatur an der Uni und war der Meinung, dass die Waldorfschule, die Janis bis dahin besucht hatte, ihn leistungsmäßig unterfordert habe. Friese, unser Lehrer, war hin und weg von diesem Vater und wies mindestens drei Mal, nachdem Janis sich längst auf seinen Platz verzogen hatte, darauf hin, dass unser neuer Mitschüler der Sohn eines gefeierten Literaturprofessors sei.
„Er ist nicht mein Vater“, sagte Janis knapp und deutlich. Das war das Erste, was ich ihn sagen hörte.
„Nicht?“ Friese war irritiert. „Aber nach meinen Informationen ...“
„Sie haben mich bloß adoptiert.“
Von da an kam Friese nie mehr auf Janis Quints Eltern zu sprechen, und der Versuch, das Eis für den neuen Mitschüler zu brechen, scheiterte kläglich. Weitere Versuche scheiterten ebenfalls, weshalb er sie bald einstellte.
Natürlich konnte Quint nichts dafür, dass er der Sohn eines ‚literarischen Urgesteins’ - so hatte Friese sich ausgedrückt – war. Für die meisten in der Klasse galt er dennoch als hochnäsiger Schnösel, der sich einbildete, etwas Bessers zu sein. Keine der Klicken nahm ihn auf, er stand in den Pausen allein herum, und jeden Tag erging es ihm wie am ersten Schultag. Wir gewöhnten uns allmählich daran, dass er eine sozial isolierte Existenz fristete, und Janis ging es wahrscheinlich genauso.
Allen fiel zunächst nur das Negative an ihm auf. Quint sähe Scheiße aus, meinten die Mädchen, was nicht stimmte. Vielleicht war sein Kopf im Verhältnis zum restlichen Körper ein wenig zu groß geraten, und er trug seine Brille auf eine Art, als wollte er kund tun, dass er kein Brillentyp war, doch konnte man ihn nicht wirklich hässlich nennen.
Und abgesehen davon spürte ich von Anfang an, dass eine Faszination von ihm ausging. Nein, das ist nicht wahr, ich spürte es erst mit der Zeit, als ich ihn näher kennenlernte. Zunächst bekam er in der Klasse den Platz neben mir. Pech für ihn. Wenn er sich von meiner Bekanntschaft den Zugang zu den Anderen versprach, dann täuschte er sich.
„Adoptiert?“, kam ich auf seine Bemerkung zurück. „Das bedeutet, dass du Pflegeeltern hast?“
Quint nickte. „Adoptiveltern, um es genau zu sagen.“
„Und echte Eltern auch noch.“
„Leibliche“, verbesserte er mich. „Man nennt es leibliche Eltern.“ Sein Blick durchbohrte mich. „Was gibt es darüber zu grinsen?“
„Nichts. Ich frage mich nur, wie es ist, vier Eltern zu haben statt zwei.“
„Tja, die Antwort ist leicht. Es ist wie keine Eltern zu haben.“
***
Vielleicht war ich von Quint heimlich fasziniert, weil es den Anschein hatte, dass er gar nicht unter seiner Einsamkeit litt. Es schien ihm nichts auszumachen, dazusitzen und aus dem Fenster zu starren, während sich alle um ihn herum über die Bundesliga unterhielten. Er verhielt sich so, als sei ihm das aus-dem-Fenster-Schauen hundertmal wichtiger als irgendeine belanglose Plauderei mit einem seiner oberflächlichen Mitmenschen, den er auf diese Weise kennenlernen und vielleicht sogar zum Freund gewinnen konnte.
Genauso ergeht es mir doch auch, flüsterte ich ihm im Stillen zu. Sie können mir egal sein, diese Schwätzer. Aber das glauben sie mir nicht. Im Gegenteil, sie denken, die Art und Weise, wie ich ihnen mit meinen Unterschriftslisten auf die Nerven gehe, sei ein Versuch, Anerkennung und Zustimmung von ihnen zu erlangen.
Janis spielte seine Außenseiterrolle konsequent und mit der Zeit gelang es ihm sogar, sie mit dem Nimbus des Geheimnisvollen zu umgeben, der ihm eine schwer fassbare Art von Respekt einbrachte. Es war genial: Ich konnte so viel auf die Leute zugehen, wie ich wollte – sie kritzelten ihre Unterschrift hin und schlugen mir die Tür vor der Nase zu; Quint passte die Rolle des unnahbaren Zeitgenossen, der es nicht im mindesten nötig hatte, sich in den Vordergrund zu spielen, wie angegossen, weil er genau wusste, was alles in ihm schlummerte. Und diesen Mythos erschuf er einzig dadurch, dass er sich nicht die Bohne für den Kram der anderen interessierte.
Auch ich war ihm eigentlich egal, obwohl ich neben ihm saß. Das änderte sich eher zufällig, als Friese auf die Idee kam, Kleingruppen zu bilden, ohne einen Schüler um seine Meinung zu fragen. Das war sein Stil: lange Lobreden auf Teamwork und Dialog auf Augenhöhe zu halten, aber wenn es konkret wurde, alles selbstherrlich durchzuziehen. Es ging um diverse Referatprojekte, an denen jeweils zwei Schüler arbeiten sollten, und als ich mich für das Thema Das Streben nach Glück meldete, schrieb er uns beide auf.
„Ich würde aber lieber etwas anderes machen“, verlangte Quint. „Das Streben nach Glück liegt mir nicht besonders.“
„Kein Problem“, meinte Friese. „Im Gegenteil, es trifft sich sogar sehr gut. Meine Hoffnung war, dass ihr das Thema kontrovers angeht. Also einer von euch übernimmt pro, der andere kontra.“
So begann alles. Von mir aus konnten wir uns irgendwo auf dem Schulhof zusammensetzen und die Sache besprechen. Doch Janis fand es besser, wenn ich ihn am nächsten Samstagnachmittag zu Hause besuchte.
4
Es war Frühling, sehr sonnig und schon viel zu warm für die Jahreszeit, als ich mich auf dem Fahrrad dem Quintschen Haus näherte.
Anwesen war der bessere Ausdruck. Es war eines dieser Häuser, die ganz allein stehen, so als gäbe es nur sie auf der Welt, umgeben von einer Gartenanlage, über der die Sonne nicht unterzugehen scheint, mit Golfrasen, Wasserspielen und und perfekt frisiertem Heckenlabyrinth. In solchen Häusern wohnt man nicht, hatte ich immer gedacht, man dreht Fernsehserien darin und gaukelt der Masse Episoden aus einem frei erfundenen Leben der Schönen und Reichen vor.
Janis erwartete mich in hellen Shorts, die ihm nicht standen, weil sie seine staksigen Beine wie eine grellbunte Verpackung umschlotterten, auf dem breiten Treppenaufgang, der zur Haustür führte.
Er hat mich nur eingeladen, um anzugeben, dachte ich im ersten Moment.
„Komm herein“, sagte er mit einem ungeschickten, seltsam verlegenen Gesichtsausdruck, und ich folgte ihm ins Haus. „Mach’s dir gemütlich.Willst du was trinken?“
Er drückte mir ein Glas Cola in die Hand, während ich damit beschäftigt war, mit offenem Mund den Luxus zu begaffen.
„Tolles Haus“, meinte ich, eher neidisch als bewundernd. „Was machen deine Eltern? Lass mich raten: Sklaven-Im- und Export?“
„Tja.“ Quint grinste gequält. „So ähnlich.“
„Ach, ich vergaß, dein Vater ist ja literarisches Urgestein. Wo steckt er denn?“
„Er hält ein Symposion an der Uni ab. Und abends feiert er noch mit seinen Studenten.“
„Was ist mit deiner Mutter?“
„Sie haben sich getrennt, schon als ich sieben war. Meine Mutter ist Solistin. Klassische Violine. Sie ist ständig auf Tournee, wohnt aber in Berlin.“ Er zuckte mit den Schultern. „Glaube ich jedenfalls.“
„Du weißt es nicht genau?“
„Ich sehe sie nicht sehr oft. Das meiste erfahre ich aus der Zeitung oder dem Fernsehen.“
„Verstehe“, sagte ich. „Deshalb wohnst du bei deinem Vater.“
Quint schüttelte den Kopf. „Es ist hauptsächlich wegen des Hauses.“
„Was hat denn das Haus damit zu tun?“
„Als meine Adoptiveltern sich trennten, wollte keiner das Kindermädchen weiterbezahlen, also musste sie gehen. Meine Eltern stritten um das Sorgerecht.“
„Sowas hört man ja andauernd“, sagte ich mit halbherzigem Verständnis. „Keiner will auf die Kinder verzichten, und die Zankerei nimmt kein Ende.“
Wieder schüttelte Quint den Kopf. „Tja, es ist leider genau umgekehrt.“
„Umgekehrt? Was?“
„Streng genommen haben beide nie Zeit. Aber dann stritten sie sich auch noch um dieses Haus, und paradoxerweise brachte das die Lösung.“
Ich wartete darauf, dass er sie mir verriet, doch er schien zu glauben, dass ich selbst drauf kommen würde.
„Keiner wollte die Kinder“, erklärte er schließlich, „aber beide waren scharf auf das Haus. So haben sie sich geeinigt.“
„Du meinst, dein Vater bekam das Haus dafür, dass er dich nahm?“
Janis nickte bitter. „Exakt.“
Ich grinste verlegen. „Also doch Sklaven-Im- und Export, was?“
Wir gingen nach oben in sein Arbeitszimmer, das man eher als Konferenzsaal bezeichnen musste. Breit wie ein Konzertflügel stand der Schreibtisch mitten im Raum, ausgestattet mit zwei Computern und Drucker und allem sonstigen Schnickschnack.
„Lass uns anfangen.“ Ich kramte mein Konzeptpapier hervor. „Streben nach Glück liegt dir also nicht so.“
Mein Gastgeber ignorierte den protzigen Arbeitsplatz und hockte sich lieber an ein niedriges Tischchen in der Nähe des Fensters, wo er mit einem Kugelschreiber auf einem Blatt herumkritzelte. „Nicht besonders“, sagte er.
„Und wonach willst du dann streben?“, erkundigte ich mich. „Ich meine, wenn du mit der Schule fertig bist?“
„Mal sehen.“ Janis dachte nicht lange nach. „Mama will, dass ich Pianist werde.“
„Wusste gar nicht, dass du Klavier spielen kannst.“
„Das habe ich auch nicht gesagt.“
„Du kannst es also nicht?“
„Wenn ich schon Musiker wäre, dann bräuchte ich es ja nicht mehr zu werden.“
„Aber wenn du berühmt werden willst, hättest du schon längst damit anfangen müssen. So im Alter von vier oder fünf.“
Janis schüttelte wieder den Kopf, dieses Mal ohne Grinsen. „Wer hat denn gesagt, dass ich berühmt werden will? Die Rede war von Klavier spielen, weiter nichts.“
***
Vielleicht bin ich nicht der richtige Biograph für einen wie Quint. Dazu habe ich ihn zu wenig verstanden. Und jetzt, wo ich mir alles noch mal vor Augen führe, scheint mir so manches rätselhafter als vorher. Wieso sagte er das mit dem Klavierspielen, wo er doch nichts damit erreichen wollte? Pianist ist man doch nicht, wenn man auf welche Weise auch immer auf einem Klavier herumklimpert, sondern wenn man in Konzertsälen auftritt. Im Grunde gab es gar nichts, wofür er Feuer und Flamme war. Wen wundert es also, dass er es zu nichts gebracht hat? Wahrscheinlich hat er das mit der Musik nur gesagt, um irgendetwas zu sagen. Genauso hätte er antworten können: Ich will später einmal Tote auferwecken.
„Wie steht’s denn mit dir?“, erkundigte er sich, ohne von seinem Blatt aufzusehen. „Was willst du machen?“
Gern erklärte ich ihm ausführlich, was mir schon seit langem im Kopf herumging. Auf solche Fragen war ich immer vorbereitet, ich wartete geradezu auf sie.
Quint zeigte sich allerdings nicht sehr beeindruckt. Er grinste nur und deutete ein Kopfschütteln an.
„Eine universale Bewegung?“, zweifelte er. „Wie oft gab es das denn schon?“
„Man muss eine Essenz bilden“, präzisierte ich. „Das eine, was alle Weltanschauungen und Konfessionen wollen. Und damit kann man alle Menschen zusammenbekommen.“
„Eine hehre Idee oder sowas?“
„Richtig. Nenne es von mir aus eine hehre Idee. Eines Tages werde ich sie formulieren.“
Er zuckte mit den Schultern. „Davon verstehe ich nichts.“
„Ich schon. Mein Vater ist evangelischer Geistlicher und meine Mutter Mitglied der Frauen- und Friedensbewegung.“
„Verstehe“, nickte er.
Ich ärgerte mich über diesen Kommentar, denn er klang mitleidig, nicht, wie ich erwartet hatte, bewundernd oder meinetwegen auch spöttisch. So, als hätte ich ihm erzählt, dass meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen seien.
„Was würdest du von einem Vater halten, der sein Kind sogar sehenden Auges in einen Hinterhalt schickt, nur weil er glaubt, dass das einer hehren Idee nützt?“, fragte er mich nach einer Weile. Er war aufgestanden und schaute aus dem Fenster in den Garten hinaus.
„Ein Hinterhalt? Wem soll denn das nützen?“
„Egal.“ Schulterzucken. „Er glaubt es jedenfalls. Und schickt sein Kind ins sichere Verderben. Würde ein Vater, der sein Kind liebt, so handeln? Oder eher einer, der menschenverachtend ist?“
„Na, das Letztere, denke ich.“
Er lachte zischend. „Dann lass die Finger von hehren Ideen, Kai. Sie bringen Väter dazu, ihre Kinder zu opfern und über Leichen zu gehen. Du weißt, wovon ich rede.“
„Ich weiß, wovon du redest? Was meinst du damit?“
„Na, was denn schon?“
„Nein, weiß ich nicht.“
Ich öffnete die Tür, trat auf den Balkon um die Aussicht auf den weiten Park zu genießen, den Janis Garten nannte. Es gab einen großen Teich, auf dem Libellen spielten, von farbenfrohen Beeten umrankt.
Und ich bemerkte noch etwas: Auf dem Balkon stand ein Rollstuhl. Ich wollte mir ihn genauer ansehen und erst da nahm ich wahr, dass jemand darin saß. Es schien eine Puppe zu sein, denn für einen Menschen war die Gestalt viel zu klein. Sie hatte rotes, viel zu dünnes Haar, die Augen blickten starr aus einem bleichen Gesicht, und der Mund stand schief, wie verrutscht. Die ganze Puppe war verrrutscht, und ich trat noch näher, um sie aufrecht in den Stuhl zu rücken. Da bewegte sie sich.
„Das ist Leonore, meine Schwester“, erklärte Quint, der mir noch eine Cola eingegossen hatte. „Natürlich ist sie nicht meine leibliche Schwester.“
„Hi“, sagte ich und lächelte dem starren Gesicht verlegen zu.
„Man sieht ihr nicht an, dass sie zwei Jahre älter ist als ich, was?“ Quint trat zu dem Mädchen und strich ihr auf zärtliche Weise über den Kopf. Dann löste er die Bremsen des Rollstuhls und stellte ihn so hin, dass auch Leonore den Blick auf den Garten genießen konnte.
„Tja, jetzt kennst du auch schon den Grund dafür, dass meine Zweiteltern mich adoptiert haben. Da sie in ihrer Karriere alles geben müssen, brauchen sie jemanden, der auf ihre behinderte Tochter aufpasst.“
„Deshalb haben Sie dich adoptiert?“
„Die Ärzte meinen, dass Leo länger lebt, wenn sie etwas Gesellschaft hat.“
Ich war immer noch ziemlich perplex. „So gut wie sie verdienen, müssten sie sich doch Pflegepersonal leisten können.“
„Personal könnte Leo aber nur betreuen und pflegen. Nicht heilen.“
„Heilen? Kann das denn jemand?“
Quint antwortete nicht. Wir gingen wieder hinein und arbeiteten bis Abends, ohne sehr viel zustande zu bringen. Die Sonne verschwand hinter den Tannen und Leonore saß immer noch in ihrem Stuhl und verfolgte das Schauspiel, ohne sich zu regen.
Schließlich machte ich mich auf Weg.
„Nächsten Freitag will ich meinen Geburtstag feiern“, sagte Quint, während er mich zur Haustür begleitete. „Wie wär’s, hättest du Lust zu kommen?“
„Klar, wenn du mich einlädst.“
„Also, bis dann.“
In der Diele fiel mir ein Bild an der Wand auf. Ein Foto hinter Glas, das das Proträt eines braungebrannten Mannes mit länglichem Gesicht und Sonnenbrille zeigte. Sein Gesicht zierte ein Bart, der wild und gepflegt gleichzeitig war. Sein Schnitt lag irgendwo zwischen Fidel Castro und Walther Ulbricht.
„Mein Vater“, erklärte Janis. „Das literarische Urgestein. Er war immer schon sehr eitel.“
Mir ging seine Bemerkung nicht aus dem Kopf. „Hast du eigentlich Kontakt zu deinen Eltern? Ich meine, zu deinen leiblichen?“
Schulterzucken. „Zu meinem Vater. Wir telefonieren hin und wieder.“
„Das mit dem Hinterhalt“, fragte ich, „ist dir das passiert?“
Wieder dieses zischende Lachen. Quint hatte keine Lust, darauf zu antworten.
„Also dann“, sagte ich. „Wir müssen den Text noch mal durchgehen, sonst wird da kein Referat draus.“
„Nicht mir“, sagte er, als ich ihm schon den Rücken zugekehrt hatte. „Meinem Bruder ist es passiert.“
***
Janis Quint wollte mich zum Freund haben, das war an diesem Herbstnachmittag nur allzu deutlich geworden. Vielleicht nicht deshalb, weil er mich besonders mochte oder mich bewunderte, sondern – das vermutete ich jedenfalls - weil er es satt war, wie der Geist von Canterville durch die leeren Riesenzimmer dieses Hauses zu spuken, den Aufpasser für seine Halbschwester zu spielen und nicht einmal seinem ungeliebten Papa am Rockzipfel hängen konnte, weil der nie Zeit für ihn hatte und lieber mit seinen Studenten feierte.
Die Geburtstagsfeier, die eine Woche später stattfand, brachte mir dafür den Beweis.
Ich war nämlich der einzige Gast.
„Wo sind die anderen?“
„Viele habe ich gar nicht eingeladen“, meinte Quint. Ich kannte ihn noch zu wenig, um einzuschätzen, ob er gekränkt war. „Sieh dir das Wetter an. Die meisten sind lieber ins Freibad gegangen.“
Ich glaube fast, so wurde ich sein bester Freund. Es sagt einiges über unser Verhältnis aus, wie ich finde. Du wirst unweigerlich der Freund von einem Menschen, nur weil du zufällig der Einzige bist, der zu seinem Geburtstag gekommen ist.
Im Übrigen reagierte Quint wie ein guter Verlierer. Er schmiedete keine Rachepläne und verbrachte den Rest des Nachmittags auch nicht damit, seine sogenannten Freunde zum Teufel zu wünschen, was viele andere getan hätten. Stattdessen saßen wir gemütlich bei Kaffee und Kuchen, denn davon hatten wir ja reichlich.
„Hattest du eigentlich schon eine Freundin?“, erkundigte er sich mit vollem Mund.
„Die eine oder andere“, log ich. „Bisher noch nichts Festes.“
„Ich frage mich, wie man es anstellt, ein Mädchen dazu zu bringen, dass es für einen schwärmt.“
„Sie schwärmen doch schon für dich“, sagte ich. „Du merkst es zwar nicht, aber sie halten dich für den geheimnisvollen Typen. Du kriegst kein Wort heraus, deshalb malen sie sich wer weiß was aus, was sich hinter deiner Fassade verbirgt. Hut ab, das ist eine geniale Masche.“
„Sie werden aber nichts Besonderes finden.“
„Woher willst du das denn wissen?“
„Woher wohl?“ Die Annahme von Fragen zu verweigern und sie postwendend an den Absender zurückzugeben, war eine Angewohnheit von ihm.
„Na gut, dann sorge eben dafür, dass da etwas ist.“
„Was denn?“
„Hast du denn nicht irgendwelche Begabungen? Ich meine etwas, das dich einzigartig macht oder wenigstens besonders. Nicht irgendeinen Mist, sondern etwas, das Sinn macht.“
„Nein, nein, vergiss es.“ Janis Quint schüttelte den Kopf. „Jedenfalls nicht direkt.“
„Was soll denn das jetzt wieder heißen: nicht direkt?“
Er antwortete nicht. Wieder kam mir der Verdacht, dass er nur angeben wollte. Wahrscheinlich würde er gleich einfließen lassen, dass er über das absolute Gehör verfügte, und später würde sich dann herausstellen, dass er nur seine Fähigkeit gemeint hatte, laute von leisen Tönen zu unterscheiden.
„Also, entweder du hast etwas oder du hast nichts“, beharrte ich. „Dass du nicht direkt etwas hast, ergibt doch keinen Sinn.“
Quint erhob sich aus seinem Stuhl und fixierte mich eine Weile nachdenklich. „Du musst mir versprechen, dass du es nicht weitererzählst“, sagte er.
„Was denn? Was soll ich nicht weitererzählen?“
„Na schön, komm mit.“
Ich folgte meinem Gastgeber auf die Terrasse hinaus in den Garten, an einer mächtigen Trauerweide vorbei auf die andere Seite des Hauses.
Wie schon erwähnt, verfügte das Grundstück über zwei Pools: Der eine davon war ein großflächiger, an den Rändern mit Schilf bewachsener Schwimmteich, wie sie damals bei Besserverdienenden in Mode kamen. Mehr ein kleiner See als ein Teich, bot er ein natürliches Badeerlebnis, da man inmitten von echter Flora und Fauna im grünen Wasser herumplantschen konnte.
Janis Quint wählte jedoch den anderen Pool aus: ein klassisches Sportbecken mit sechs Längsbahnen und weißgetünchten nummerierten Steinklötzen zum Absprung. Die Anlage war top-gepflegt. Nicht ein Insekt strampelte auf der Oberfläche. Durch das glasklare Wasser konnte man jede einzelne Kachel auf dem Grund erkennen.
Eine ganze Weile standen wir am Beckenrand und starrten in das gechlorte Wasser, als gäbe es da irgendetwas Interessantes zu sehen.
„Ich habe kein Badezeug dabei“, gab ich schließlich zu Bedenken.
„Brauchst du auch nicht. Pass einfach nur auf.“ Ohne sich umzuziehen, trat Janis Quint an eine silbernen Aluleiter am Beckenrand, und dann - kletterte er auf die Wasseroberfläche. Anders kann man es nicht beschreiben. Seine Füße, die in weißen Turnschuhen steckten, sanken nämlich nicht ein. Am Anfang schwankten sie leicht hin und her, als sei das Wasser mit einer Plastikfolie überzogen, oder als sei es gar kein Wasser, sondern irgendeine festere, gallertartige Masse, auf der man leidlich stehen konnte.
Man sah Quint an, dass er das, was er tat, nicht zum ersten Mal tat. Er richtete sich auf und schwankte nicht mehr. Machte einen Schritt, dann noch einen. Ich konnte nicht fassen, was ich mit eigenen Augen sah: Der Junge latschte auf dem Wasser herum!
„Wie machst du das?“, wollte ich wissen. „Heh, das ist cool, du musst mir den Trick verraten.“
Janis drehte sich um. Da stand er auf dem nassen Untergrund, der vom leichten Wind sanft gekräuselt wurde, schwankte kein bisschen auf und ab. Und kam auf mich zu. Er bewegte sich so, als hätte er festen Boden unter den Füßen. „Es gibt keinen Trick.“
„Ach, komm schon, hör auf, mich zu verarschen ...“ Mit einem Schritt war auch ich beim Beckenrand, tauchte meinen Fuß hinein und zog Schuh und Strumpf triefend nass wieder heraus. Ich kam mir blöd vor. Was hatte ich denn anders erwartet?
„Das ist kein Trick“, wiederholte Quint ernst. Er stand jetzt in der Mitte des Swimmingpools und sah zu mir herüber.
„Aber wie, zum Teufel, hast du das gelernt?“
„Ich habe es nicht gelernt.“
„Du konntest es immer schon, oder was?“
Er nickte. „Eines Tages habe ich es rein zufällig entdeckt. Keiner weiß etwas davon, auch mein Pflegevater nicht.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Niemand außer dir.“
Da wir uns praktisch überhaupt nicht kannten, wusste ich nicht, was ich von dieser Ehre halten sollte. „Geht das nur in diesem Pool?“, wollte ich wissen.
„Nein, es funktioniert überall. Ich dachte nur, dass ich es dir hier am besten zeigen kann, weil das Wasser klar ist. Wenn du willst, können wir aber gern noch drüben zum Teich gehen ...“
„Nein, nein, lass nur, ich glaube dir“, versicherte ich, worauf Quint das Becken verließ und mich zu einer kleinen Parkbank in der Nähe begleitete.
Nicht mal seine Schuhe waren nass geworden.
„Vergiss nicht, was du versprochen hast“, erinnerte er mich.
„Klar, versprochen ist versprochen.“ Immer noch schüttelte ich fassungslos den Kopf. „Obwohl ich das nicht kapiere: Du kannst auf dem Wasser gehen und hältst es geheim. Warum willst du es bloß niemandem erzählen?“
„Ich finde, die Frage ist: Warum sollte ich es jemandem erzählen?“
„Weil es der Brüller ist, deshalb. Etwas Besonderes, mit dem du höchstwahrscheinlich jede Frau rumkriegen kannst.“ Das war mir so herausgerutscht. Natürlich hatte ich, schon lange bevor ich sein schockiertes Gesicht sah, geahnt, dass es für Quint nicht in Frage kam, ein Brüller zu sein. Die Vorstellung schien ihm geradezu Angst einzuflößen. Ja, das war es wohl, was hinter seiner Geheimnistuerei stand: Wenn überhaupt jemand es hasste, als Sehenswürdigkeit begafft und herumgereicht zu werden, dann Janis Quint. Jetzt verstand ich, was er damit gemeint hatte, als er sagte, er habe nicht direkt eine Begabung.
„Etwas, das Sinn macht, waren das nicht deine Worte?“, sagte er. „Und ich frage dich: Was hat es für einen Sinn, auf einem Swimmingpool herumzulaufen?“
„Woher soll ich das wissen? Sei nicht so kleinlich, irgendeinen Sinn wird es schon haben. Du musst nur herausfinden, welchen.“
„Wehe, du erzählst es jemandem“, schärfte er mir nochmal ein. „Versprich es.“
Allmählich fing er an zu nerven. Er hatte sein Geheimnis doch preisgegeben, also wie wollte er verhindern, dass ich es an die große Glocke hängte?
***
Das tat ich aber nicht, schließlich stehe ich zu meinem Wort.
Darüber hinaus wusste ich aber auch nicht, was ich von der Sache halten sollte. Jemand ging über das Wasser - das war vielleicht exotisch und parapsychologisch interessant, aber sonst doch banal, oder nicht?
Nein, ganz so simpel verhielt es sich nicht. Als jemand, der auf dem Gebiet des Weltanschaulichen und Weltmobilisierenden Großes zu leisten beabsichtigte, hatte ich schon damals ein feines Gespür dafür, dass Dinge und Ereignisse ihre Zeit brauchten. Etwas Bedeutendes konnte nur dann bedeutend sein, wenn seine Zeit gekommen war, soviel stand fest. Wann die Zeit für etwas gekommen war und wann nicht, das war ein kniffliges Thema. Janis Quints Zeit war aber noch nicht gekommen und ich war mir überhaupt nicht sicher, ob sie das jemals tun würde. Je länger ich darüber nachdachte - und ich gebe zu, dass mir die Grübelei darüber seit jenem Nachmittag so manche Nacht raubte - desto mehr verfestigte sich meine Überzeugung, dass hier ein Talent an den Falschen verschwendet worden war. Quint hatte weder den Schneid noch den Biss, etwas aus diesem einzigartigen Geschenk zu machen.
Zugegeben: Zu diesem Zeitpunkt unterschätzte ich ihn in der Tat.
Ich will nicht abstreiten, dass ich neidisch auf Janis war. Der Neid ist eine wesentliche Triebfeder menschlichen Handelns, meist unterschätzt und dämonisiert, aber ohne ihn wäre das Konkurrenzprinzip als Auswahlmechanismus in unserer Welt ein zahnloser Tiger. Warum hatte er diese Gabe und nicht ich? Ich hätte mir nicht lange den Kopf darüber zerbrochen, ob sie einen Sinn hatte oder nicht. Bei mir hätte sie nicht unfreiwillig komisch gewirkt, wie eine missglückte sportliche Übung, so wie bei Quint.
Der Neid brachte ihn mir nicht näher, und dennoch bewirkte dieser Nachmittag am Swimmingpool, dass wir von nun an regelmäßig und dauernd miteinander zu tun hatten. Ich hielt es wohl für das Beste, ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen. Was immer aus ihm wurde, ich wollte ihn beobachten und notfalls zur Stelle sein, wenn es losging.
***
„Ich bins.“
„Du? Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht ständig anrufen.“
„Ich möchte dich nur an das erinnern, worüber wir gesprochen haben.“
„Dass ich nicht im Fernsehen auftreten soll?“
„Nein. Ich meine, dass du die Aufgabe, die dir anvertraut ist, etwas ernsthafter angehst.“
„Ich gehe sie doch ernstaft an.“
„Du fährst in Urlaub, lungerst auf Parties herum, machst dich an Mädchen heran. Nennst du das ernsthaft?“
„Nie war die Rede davon, dass ich mich zur Keuschheit verpflichte.“
„Du solltest den Kopf frei haben für das, was vor dir liegt. Dein Bruder hat das auch beherzigt.“
„Kommt das jetzt wieder? Junge, sei vorsichtig damit, lass das lieber deinen älteren Bruder machen, der versteht mehr davon als du.“
„Du hörst es vielleicht nicht gern, aber er verstand wirklich mehr davon.“
„Wovon?“
„Von diesen Dingen, weshalb ich ihn ausgeschickt habe.“
„Hat es ihm denn etwas genützt?“
„Danach hat er nicht gefragt. Verstehst du, mein Sohn? Nein, du verstehst es nicht. Das ist der Unterschied zwischen euch beiden. Heutzutage fragt ihr immer erst: Was bringt mir das, was nützt das mir? Vorher rührt ihr keinen Finger. Dein Bruder war anders.“
„Na schön, Vater, aber wem hat es denn genützt? Hat es die Menschen besser gemacht? Oder diese Welt? Oder nur irgendeinen Menschen irgendwo auf der Welt?“
„Doch. Bestimmt hat es das. Ich bin mir ziemlich sicher.“
„Du bist dir also sicher. Dann kannst du mir ja bestimmt wenigstens einen Menschen nennen.“
„Nun, da sind sogar eine ganze Reihe. Aber verlange nicht von mir, dass ich mich an Namen erinnere. Dein Bruder ist jedenfalls gestorben, weil er sich selbst dazu entschlossen hatte. Nicht, weil ich ihn gezwungen hätte oder kaltblütig geopfert, auch wenn man dir das jetzt vielleicht einreden will.“
„Er hat sich selbst dazu entschlossen?“
„Sagen wir, er hat alles auf eine Karte gesetzt und verloren.“
„Auf welche Karte denn?“
„Eines Tages wirst du das verstehen, mein Sohn.“
***
Papa war Anfangs Feuer und Flamme für Quint, was daran lag, dass er Wortkargheit mit Nachdenklichkeit und mangelnde Begeisterungsfähigkeit mit Zielstrebigkeit verwechselte. Das dauerte so lange, bis eine Bemerkung von Janis ihn ernüchterte. Es war an einem der Tage, als Janis nach der Schule mit mir zum Mittagessen nach Hause kam.
„Weißt du schon, was du mit deinem Leben anfangen wirst?“, fragte mein Vater, kaum dass wir Platz genommen hatten. Diese Frage war unvermeidlich. Früher oder später stellte er sie jedem; ich war nicht der Einzige, den er damit belästigte.
Janis zuckte mit den Schultern und löffelte seine Suppe.
Vater reimte sich die Antwort selbst zusammen. „In deinem Alter weiß man das noch nicht. Woher denn auch? Es kommt einzig darauf an zu wissen, auf welcher Seite man steht, nicht wahr?“
Quint löffelte noch eine ganze Weile vor sich hin. Wir alle löffelten, und niemand sprach. „Auf welcher Seite man steht“, meinte Janis schließlich, „weiß man in meinem Alter auch noch nicht.“
Dafür hatte mein Vater nun aber weniger Verständnis. Er fand, dass das Leben kurz sei und der Mensch kein Recht habe, unnötig Zeit zu verschwenden. Wenn es um die Welt besser bestellt wäre, dann schon, aber das sei es nun einmal nicht, und deshalb gäbe es zu viel zu tun, als dass man sich leisten könne, die Füße hochzulegen. Die Schule absolvieren zu dürfen, sei ein Privileg, das verpflichte, weshalb es sich nicht gehöre, sich zurückzulehnen und in der Weltgeschichte herumzubummeln.
Als wollte er diese Einschätzung eines Menschen, der nicht weiß, auf welcher Seite er steht, bestätigen, rückte Janis Quint bald darauf mit seinem Plan heraus, nach dem Abi ein bis zwei Jahre nach Indien zu reisen.
„Komm doch mit“, schlug er mir vor.
„Wie stellst du dir das denn vor?“
„Du packst deinen Rucksack, und dann gehen wir zum Bahnhof und kaufen Tickets.“
„Was, zum Teufel, soll ich in Indien?“
„Herausfinden, auf welcher Seite du stehst.“
„Das weiß ich doch längst.“
Während Janis sich ausgiebig in den für sein Alter üblichen Selbstfindungsdramen tummelte, hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Vorstellungstermine an den Universitäten Bonn und Münster wahrgenommen, weil ich mich für das nächste Wintersemester für evangelische Theologie und vergleichende Religionswissenschaft einschreiben wollte. Genau wie er gab ich mich der Illusion hin, dass mir die Welt offenstand und die Möglichkeiten, die sich mir boten, täglich nicht weniger, sondern mehr wurden. Doch war mir von zu Hause aus eine gesunde Skepsis mitgegeben worden, dass das Leben noch lange sein mochte, aber gemessen an dem, was ich mit ihm vorhatte, alles auf eine präzise Planung ankam.
Meine Stunde würde kommen, und wenn sie kam, wollte ich nicht terminlich verhindert sein.
Quints Indienreise dauerte keine zwei Jahre. Es waren nicht einmal drei Wochen vergangen, als er eines Sonntags morgens bei mir klingelte. Papa war gerade in der Kirche predigen, Mama leitete einen ihrer Workshops.
„Schon zurück?“, wunderte ich mich.
Janis hatte sich einen Bart wachsen lassen, der ihm nicht stand. Wie ein dünnes, zartes Pflänzchen schmiegte er sich an sein Kinn und bildete einen krassen Kontrast zu dem schwarzen Jackett, das er trug.
„Was soll diese Schale? Trägt man sowas neuerdings in Indien?“
Wie üblich war er nicht zu Scherzen aufgelegt. Trotzdem war er nicht wie sonst, er wirkte angeschlagen. „Hast du einen Moment Zeit?“, fragte er.
Wir machten einen kleinen Spaziergang, während dessen er damit herausrückte, dass er gerade von Leonores Beerdigung kam. Niemand hatte es für nötig gehalten, ihn darüber zu unterrichten, wie schlimm es um seine Schwester stand. Er hatte es rein zufällig erfahren, als er aus Neu Dehli zu Hause angerufen hatte.
„Aber wenn du nichts geahnt hast, warum hast du dann angerufen?“, fragte ich.
„Nicht einfach so“, erklärte Quint. „Ich hatte ein bestimmtes Gefühl. Und dann bin ich mit dem nächsten Flugzeug gekommen. Leider war es schon zu spät.“ Sein Mund verzog sich im Spott. „Weißt du, was mein Vater gesagt hat? Wir wussten doch, dass es eines Tages so kommen musste. So, als hätte er sich den Tag schon seit langem im Kalender notiert.“
„So hat er es bestimmt nicht gemeint.“
„Mein Vater ist ein literarisches Urgestein, schon vergessen? Er meint alles genau so, wie er es sagt.“
„Aber du hast doch selbst gesagt, dass -“
„Ich hätte überhaupt nicht fahren dürfen. Dann hätte ich vielleicht noch etwas tun können.“
„Was denn tun?“
Wir gingen eine Weile schweigend, und mir ging seine spöttische Bemerkung durch den Kopf, dass er dem Handycap seiner Halbschwester seine Adoption verdanke. Da sie in ihrer Karriere alles geben müssen, brauchen sie jemanden, der auf ihre behinderte Schwester aufpasst, hatte er gesagt, woraus ich geschlossen hatte, dass er sich weniger als Familienmitglied als vielmehr als Hilfspersonal empfand.
„Du hast sie sehr gemocht, was?“, fragte ich und es klang seltsam überflüssig, denn schließlich sprachen wir von seiner Schwester.
Er blieb stehen, bückte sich und hob einen Ast vom Boden auf. Schleuderte ihn in den Kanal. „Sie war alles, was ich hatte“, sagte er knapp und auf eine Weise, die mir eindrucksvoll klar machte, dass seine Äußerungen über den Aufpasserjob nichts als cooles Gehabe gewesen waren. Er musste seine Leo abgöttisch geliebt haben.
5
Soweit mir bekannt ist, holte Quint seine Indienreise niemals nach. Er setzte auch keinen Fuß mehr in sein Adoptiveltern-Haus, in dem er so lange ziellos umhergespukt war. Darüber hinaus weigerte er sich, den schwarzen Anzug, den er auf der Beerdigung getragen hatte, abzulegen, sondern behielt ihn an, bis er Löcher hatte. Später noch, als der Fummel endgültig ausgedient hatte, blieb er bei seiner Vorliebe für dunkles Outfit.
Wieder einmal machte ich damals die Erfahrung, dass ich ihn kaum kannte. Es erwies sich nämlich, dass Janis Quint, er schüchterne, verschlossene, der Öffentlichkeit hasste wie kein anderer, in gewissen Situationen durchaus einen Sinn für schräge Inszenierungen hatte. Noch am Tag der Trauerfeier packte er seine Habseligkeiten und zog für’s Erste in eine billige Pension im Osten der Stadt. Etwa vier Wochen später besuchte ich ihn in einem Bauwagen, den er im Internet ersteigert hatte. Ein schäbiges, grün getünchtes Ding mit staubblinden Fenstern. Außen quollen die Holzlatten unter dem abblätternden Lack. Innen roch es nach feuchtem Holz und wenn es regnete, tropfte es vom Dach in eine antike Plastikschale, die der Verkäufer ihm gratis überlassen hatte.
Die Bruchbude stand am Kanal, in einer nicht gerade abwechslungsreichen Gegend. Es gab keine Spazierwege oder Natur, die man durchstreifen konnte. Nur einen begrünten Uferstreifen mit einem Fahrradweg, alle zweihundert Meter eine Bank mit einem Papierkorb daneben und eine ungemähte Wiese, die sich die Böschung hinauf bis zum Hallenbad-Ost erstreckte.
Auf dieser Wiese kampierte Janis, ein Freak mit einem Kinnbart, der, je länger er wuchs, mehr und mehr an Spinnweben erinnerte, und einem schwarzen Beerdigungsanzug. Er war schnell zu einer Art Sehenswürdigkeit geworden. Zunächst nur für Jogger und schaulustige Spaziergänger, später auch für die lokale Presse. Schließlich bemühte sich sogar das Fernsehen her und berichtete unter der Rubrik Kurioses aus der Region vom Einsiedler am Ostbad. Sponsoren fanden sich bereit, den seltsamen Kauz mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dafür durften sie ihre Plakate auf dem Wohnwagen platzieren. Greenpeace, Amnesty international und zwei Tierschutzorganisationen nutzten ihn als Werbefläche für ihre Anliegen.
An dem Tag, als ich an der Tür des Bauwagens anklopfte, regnete es in Strömen. Rhythmisch hämmerten die Tropfen in der Plastikschale.
„Schön, dass du mich besuchst.“ Janis trat zurück, um mir einen Platz an dem winzigen Tisch anzubieten und stieß sich dabei den Kopf. „Willst du einen Tee? Kaffee habe ich keinen da.“
Ich probierte den Tee. Er schmeckte nach nichts und schon nach wenigen Schlucken wurde deutlich, dass für ihn das Gleiche galt wie für den Kaffee.
„Was willst du damit erreichen?“, erkundigte ich mich, nachdem wir uns eine Weile schweigend in dem engen Verschlag gegenüber gesessen hatten.
„Womit?“
„Damit, dass du diese windige Eremitage hier eröffnet hast.“
„Gar nichts“, sagte Quint. „Ich will gar nichts erreichen.“
„Danach sieht es aber nicht aus.“
„Und bei dir?“, wechselte er das Thema. „Was macht deine hehre Idee?“
„Ich arbeite dran. Im Übrigen wollte ich dich fragen, was du davon halten würdest, mitzumachen.“
„Ich?“ Janis machte ein Gesicht, als hätte ich ihn gebeten, mich auf die Toilette zu begleiten. „Wie kommst du denn bloß darauf?“
„Weil du eine Gabe hast, Janis. Du könntest meine hehre Idee mühelos in die Köpfe aller Menschen auf dieser Erde befördern. Du und deine Gabe. Ich habe lange darüber nachgedacht. Und ich finde, wir wären das ideale Team.“
„Nee“, grinste er schief. „Das glaubst du doch nicht wirklich.“
„Meinst du vielleicht, ich scherze über solche Dinge? Du hattest das Fernsehen doch schon hier.“
„Ich habe es nicht eingeladen.“
„Egal. Da drüben ist Wasser.“ Ich deutete auf den Dortmund-Ems-Kanal, auf der gerade ein Frachtkahn in Richtung Rotterdam dahintuckerte. „Geh nur ein paar Mal auf und ab, und schon ist die Sensation da.“
„Hör auf, Kai.“ Janis schüttelte den Kopf. „Was denkst du, wer ich bin? Ein Esel, den man auf dem Jahrmarkt zum Tanzen bringt?“
„Du solltest mit deinem Leben was anfangen. Du hast so viel zu geben.“
„Weißt du was, Kai? Du hörst dich an wie mein Vater.“
***
Nachdem ER SEINEM Zuhause den Rücken gekehrt hatte, führte der Geist IHN in die Einöde, wo Satan IHN in Versuchung führte.
„Wandle über das Wasser“, sprach Satan. „Und du wirst sehen, die Welt wird dich anbeten.“
ER aber erwiderte: „Sicher könnte ich tun, was du verlangst. Doch sage mir: Wofür sollte die Welt mich dann noch anbeten?“
„Du wärst ein Held“, präzisierte der Teufel. „Größer als alle, die vor dir waren. Niemand wäre würdig, deine Schuhriemen zu lösen. Die Welt giert nach Helden.“
Darauf stellte ER unmissverständlich klar, dass ER in keiner Weise daran interessiert sei, ein Held zu werden.
Satan trollte sich, doch er wäre nicht der Versucher gewesen, wenn er nicht kurz darauf erneut vor IHM gestanden hätte.
„Dies solltest du auf jeden Fall noch einmal überdenken“, mahnte er. „Denn als berühmter Mensch kannst du viele Dinge tun: heilen, helfen, Leben schenken. Und Gutes bewirken. Die Welt wartet auf dich. Du hast kein Recht, dich ihr zu verweigern.“
„Das tut sie nicht“, widersprach ER. „Niemand wartet auf mich.“
Da versuchte der Böse es ein letztes Mal.
„Aber steht denn nicht geschrieben“, sagte er, „dass jeder etwas aus seinem Leben machen sollte und jener gering zu achten sei, der mit seinen Pfunden nicht wuchert?“
ER aber sprach: „Nichts steht einfach so geschrieben, was nicht jemand dort hingeschrieben hat. Falls es dich interessiert: Das mit dem Leben und den Pfunden stammt von meinem Vater. Wenn du Fragen dazu hast, wende dich an ihn, nicht an mich.“
***
In diesem Jahr gab es viel zu tun. Papa reiste zum ökumenischen Weltkongress nach Genf und hielt eine zündende Rede über den Heiligen Geist und sein vielfältiges Wirken in den Bürgerinitiativen des zwanzigsten Jahrhunderts. Mama dehnte ihre Kurstätigkeit noch weiter aus, bot nun auch gewaltfreie Selbstverteidigung für Männer an und erfand eine neue Schreitherapie. In Berlin fiel die Mauer und ich gründete in Münster eine Zweier-WG, gemeinsam mit Janis Quint, der eines Abends bei mir vor der Tür stand.
„Was ist mit deinem schönen Bauwagen?“, erkundigte ich mich spöttisch.
„Ich habe genug davon. Außerdem regnet es durch das Dach. Du hast doch gesagt, du hättest noch ein Zimmer frei.“
Er zog bei mir ein. Mittlerweile habe er herausgefunden, auf welcher Seite er stehe, behauptete er, auch ohne dafür nach Indien reisen zu müssen. Es sei immer die Seite, auf der sein Vater nicht stünde. Im Übrigen habe er vor, von jetzt an ernsthaft zu studieren, schon für das nächste Semester würde er sich einschreiben.
„Für welches Fach?“, fragte ich neugierig.
„Ich werde mir schon noch eins aussuchen.“
Janis wirkte tatsächlich verändert. Er war unsolider geworden, hing oft auf Parties herum und betrank sich hin und wieder. Prahlte sogar des öfteren, bei einem Mädchen gelandet zu sein, was ich ihm allerdings nicht abkaufte. Sein krautförmiger Bart ließ ihn nicht männlich, sondern kindlicher als früher aussehen. Außerdem schloss er sich einer obskuren linken Gruppierung an, die auf Uni-Ebene den Aufstand probte, indem ihre Mitglieder jeden Dienstag Abend bis kurz vor Mitternacht bei Rooibosch-Tee über Horkheimer-Texten brüteten. Er schlief bis mittags, und wenn ich ihn am Schreibtisch erwischte, spielte er meistens eins seiner zahlreichen Computerspiele.
Währenddessen kartografierte ich die Bibel, wühlte mich durch den Koran und den Talmud, verschlang die Satzung von Amnesty International und des World wildlife fund, konsumierte hunderte von Weisheiten der Pueblo-Indianer, meditierte die Vorträge Rudolf Steiners und schlief über Parteiprogrammen ein – saugte alles auf, was Menschen zu irgendeiner Zeit unter einer beliebigen Fahne versammelt hatte. Schrieb selbst am ersten Entwurf der Satzung für eine weltweite Erneuerungsbewegung zu Meere und zu Lande. Versuchte wie ein Chemiker, in endlosen Forschungsreihen ein einzelnes Element zu isolieren, jenen mysteriösen charismatischen Funken, der den Prozess weltweiten Aufbruchs in Bewegung setzen würde.
Janis Quint fand einen Aushilfsjob in einer Klinik, wo er recht gut verdiente, jedenfalls mehr, als ich an BaföG bekam. Er trank viel, aber seine phlegmatische und oft abweisende Art bewirkte mit der Zeit, dass er kaum noch zu Feten eingeladen wurde. Also begann er wieder, in der Wohnung herumzuhängen, und ich begann wieder, sauer auf ihn zu werden. Der Haussegen in unserer Zweier-WG hing immer öfter schief.
Und dann lernte ich Pandora kennen.
6
Es war auf einem Bibelwochenende im Sommer. ESG und KHG hatten zu einem Fest der Begegnung im Schlossgarten aufgerufen, einem spannenden Diskurs des Glaubens, zu dem alle Welt eingeladen war. Leider kamen nicht sehr viele, dabei bot das Wetter die besten Bedingungen. Es war sozusagen über das Ziel hinausgeschossen und bescherte uns hochsommerliche Temperaturen, die zur Gitarre singen und über Bibeltexte zu diskutieren auf die dritte Stelle der studentischen Beliebtheitsliste verdrängten, hinter in Badesehen plantschen und auf der Promenade grillen.
Ich war damals schon Anwärter auf eine Assistentenstelle und hatte einen Beitrag vorbereitet, in dem ich eine wohl ausgewählte Reihe von Sinnmodellen – darunter auch das Programm von Greenpeace, den Koran und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung – auf die Frage hin untersuchte, wie weit es ihnen gelänge, menschliches Engagement herauszufordern, Individuen zu motivieren und dauerhaft an sich zu binden. Mein Fazit, das ich damals für ziemlich gewagt und kompromisslos hielt, lautete in etwa, dass es gar nicht so sehr auf den Entwurf ankäme, sondern vielmehr auf die Personen. Auf Menschen, die das lebten, was sie verkündeten. Nichts sei schlimmer als ein Guru, der in italienischen Modeschuhen vor das Mikrofon trete und verlange, dass man zum Zeichen der Buße barfuß gehen solle.
Menschen sind lebenslang auf der Suche, das ist eine Binsenweisheit. Auch ich war schließlich auf der Suche gewesen, vielleicht nicht so ausgiebig wie andere, doch immerhin so lange, bis ich meinen Weg gefunden und eingeschlagen hatte. Einige wenige Menschen jedoch, davon bin ich überzeugt, sind es auf ganz besondere Art. Sie pflegen die Suche als Lebenseinstellung und betreiben sie intensiver, unerbittlicher als andere und unabhängig von einem wie auch immer gearteten Ergebnis. Wenn der Weg das Ziel ist, kann Ankommen zur Enttäuschung werden, weil es das Ende des Weges bedeutet.
Pandora war eine dieser Menschen, die zu durstig sind, um zu trinken, und ich bildete mir damals ein, dass ihr Äußeres dies widerspiegelte. War es ihr langes, glattes Haar und der wallende Rock, mit dem sie auf ein Open-Air-Rockkonzert der siebziger Jahre gepasst hätte? Ihr Verzicht auf Make-up? Wohl kaum, denke ich, denn auf Bibelfesten und internationalen ökumenischen Treffen traf man damals wie heute viele langhaarige und -berockte Frauen, die sich auf bekennende Weise der Eitelkeit verweigerten. Es war vielmehr Pandoras Blick, in dem sich die heitere Ungezwungenheit einer Generation und ihre Entschlossenheit, sich nur bedingt an Regeln zu halten, mit einem kompromisslosen Ernst vereinte, für den es nur eine Tugend gab: authentische Lebensführung. Glaubwürdigkeit.
Ich hatte meinen Vortrag gerade beendet und suchte hinter der improvisierten Bühne nach einer Möglichkeit, mich etwas frisch zu machen, als ich beinahe mit ihr zusammenstieß.
Sie erkannte mich sofort wieder. „Das mit den Modeschuhen fand ich gut“, sagte sie. „Sehr authentisch.“
Seltsam, im selben Moment, in dem ich mich von ihrem Lächeln geschmeichelt fühlte, fiel das Hochgefühl schon von mir ab, denn mir wurde auf ernüchternde Weise klar, dass meine Ausführungen nicht einen Funken Neues enthalten hatten. Sie waren nur eine von tausend Variationen des immer gleichen Themas gewesen. Dieses Mädchen würde ich damit nicht beeindrucken, da sie auf der Suche nach nach Neuem war, worin auch immer es bestand.
„Wenn du willst“, bot ich an, „können wir uns gern darüber austauschen.“
„Tja, eigentlich“, sagte sie, „war ich nur auf der Suche nach der Toilette.“
***
Trotzdem sprachen wir ausgiebig über meinen Beitrag. Verließen kurzentschlossen das Bibeltreffen und führten unsere Unterhaltung in einem Café in der Innenstadt fort. Zunächst glaubte ich, dass Pandora aus reiner Höflichkeit fragte, und gab mir Mühe, nicht abschweifend oder redselig zu wirken. Doch sie konnte nicht genug hören, hakte immer wieder nach, ich antwortete und sie fragte. Die Zeit verging wie im Fluge, es war so wie in der Bibel, als der Herr den Jüngern die Schrift auf eine solch spannende Art und Weise auseinandergelegt hatte, dass sie darüber vergessen hatten, dass es Abend geworden war.
Also suchten wir uns eine lauschige Pizzeria. Immer noch war Pandora bei dem Thema authentisches Leben. Je intensiver wir uns darüber austauschten, desto näher kamen wir uns. Pandora hatte vor, Anglistik und Germanistik auf Lehramt zu studieren, aber sie fand es eigentlich noch zu früh, sich festzulegen. Für viel wichtiger hielt sie es herauszufinden, was sie überhaupt wollte und auf welcher Seite sie stand.
Es war ein traumhafter Sommerabend, schwül bis in die Nacht hinein, und aus den weit geöffneten Restaurants duftete es mediterran. Es ist schon ein Ding, dass ich mich noch heute an jede Nuance dieses Geruchs erinnern, ihn jederzeit abrufen kann, so fest ist er in meinem Gedächtnis gespeichert.
Immer noch waren wir zusammen und mir war klar, wenn ich sie jetzt zu mir nach Hause einladen würde, würde der Zauber des Abends verfliegen. Dort nämlich wartete mein Mitbewohner nur darauf, mit seiner schweigsamen und vorwurfsvollen Art alle Konversation zum Versiegen zu bringen.
An diesem Abend aber meinte es das Glück gut mit uns. Der Zauber dauerte an, während eines ausgedehnten Spaziergangs durch den Grüngürtel sprachen wir über moderne Heilige und den Weltfrieden. In Nächten wie diesen wimmelte es hier von spontanen Lagerfeuern, Teelichtern und Wachsfackeln. Schräge Gitarrenklänge und ausgelassenes, betrunkenes Gelächter wehte durch die Luft.
Pandora drängte dorthin, wo es weder Lagerfeuer noch Teelichter gab. Wo wir unbeobachtet waren. Und sobald wir angekommen waren, zögerte sie kaum eine Sekunde, um sich in aller Eile ihres T-Shirts, ihres langen Rockes, ihres weiß glänzenden BHs und des Slips zu entledigen.
Mir stockte der Atem, als sie nackt vor mir stand und ihre ganze Schönheit im fahlen Mondlicht leuchtete. Dann trat sie auf mich zu und half mir dabei, die Hose auszuziehen, weil sie es nicht erwarten konnte.
Mir klopfte das Herz.
Pandoras sexuelle Energie war phänomenal. In jener Nacht am See liebten wir uns leidenschaftlich und ausgiebig, und ich hatte das Gefühl, dass sie Ewigkeiten auf diesen Augenblick hingelebt hatte.
In gewisser Hinsicht stimmte das auch, wie ich später heraufinden sollte.
„Endlich habe ich dich gefunden“, flüsterte sie, als wir nebeneinander im Gras lagen, die Sterne am Himmel betrachteten und sirrende Mücken verscheuchten.
„Ich wusste nicht einmal, dass du mich gesucht hast.“
„Du wusstest auch nicht, dass ich nicht allein auf dem Bibeltreffen war. Ruben war bei mir, ein Prophet der letzten Charismatiker. Du hast vielleicht von ihnen gehört.“
„Nein, wer ist er?“
„Als wir uns damals kennenlernten, war es phantastisch. Ruben war kompromisslos, geradezu radikal. Wenn er A sagte, meinte er auch A. Doch seit einiger Zeit ist mir klar geworden, dass er nur redet. Ich habe ihn verlassen.“
Ich legte meine Hand auf ihren Oberschenkel und sah dem Zigarettenqualm nach, den sie in einer dünnen Säule in den nächtlichen Himmel aufsteigen ließ. „Und wer war vor Ruben?“
„Sigmar. Er wollte die Welt verändern. Nicht nur davon reden, wie die meisten. Ihm war es ernst damit. Und später war es ihm schnurz. Er war ein eitler Schwätzer, nichts weiter.“
Auch Sigmar hatte einen Vorgänger gehabt, und auch der war nicht der erste gewesen. Allen war gemeinsam gewesen, dass sie eine religiöse Vision gehabt und Pandora damit fasziniert hatten. Und dass sie sie später enttäuscht hatten.
In dieser Nacht, in der wir schließlich unsere Klamotten zusammensuchten und uns anzogen, weil die Mücken Überhand nahmen, in der ich sie erst dann nach Hause begleitete, als der Morgennebel schon schwadenweise auf den Wiesen herumlungerte, nahm ich mir vor, nicht wie Ruben zu enden.
7
Vor Janis hielt ich meine regelmäßigen Treffen mit Pandora zunächst geheim. Ich hatte keine Lust auf vorwurfsvolles Schweigen oder sein gleichermaßen stilles wie effektvolles Verschwinden von der Bildfläche, mit dem er auf sich aufmerksam machen wollte. Trotzdem war es natürlich unvermeidlich, dass die beiden sich eines Tages kennenlernten, zum Beispiel an einem Wochenende, das Quint bei seiner Mutter, der Solistin, hatte verbringen wollen, doch dann den Zug verpasste. Ohne sich anzukündigen, kehrte er in unsere Wohnung zurück, und als er auf’s Klo gehen wollte, traf er Pandora unter der Dusche.
„Heh, schon zurück?“, wunderte ich mich, als er kurz darauf die Küche betrat.
„Wusste nicht, dass du Besuch hast.“
„Das ist Pandora, eine Kommilitonin. Sie studiert auf Lehramt.“
„Eine Kommilitonin“, wiederholte er zweifelnd und begab sich auf die Suche nach seinem Rooibosch-Tee. „Und sie duscht in unserem Badezimmer?“
„Wo soll sie es denn sonst tun? Etwa hier in der Küche?“
Die Tür öffnete sich und Pandora gesellte sich zu uns. Sie hatte ihr Haar mit einem Handtuch umwickelt und eins meiner T-Shirts übergezogen, das ihr gerade einmal bis zum Oberschenkel reichte.
„Das ist Janis, mein Mitbewohner“, stellte ich Quint vor.
„Hi, Janis. Ich bin Dora.“ Sie lächelte. „Alle nennen mich Pandora.“
Quint war völlig überrumpelt. Wie immer versuchte er, unbeteiligt und cool zu wirken, gleichzeitig kämpfte er gegen das Verlangen, diese Frau, die fast nichts anhatte, anzustarren. Ein aussichtsloser Kampf.
„Hi“, brummte er, ohne den Mund aufzumachen, und kramte im Wandschrank, als sei er auf der Suche nach einer Tasse, dabei stand sie vor ihm auf dem Tisch.
Erwartungsgemäß war Pandora nicht sehr beeindruckt von ihm.
***
Wie mir ein befreundeter Psychiater erklärte, ist es ein Fehler, religiöse Inbrunst für bloßen geistlich geprägten Enthusiasmus zu halten. Man wird dieser Sinneshaltung viel eher gerecht, wenn man sie als spezielle Form der Brunst begreift, der sogenannten Liebeswut, die vom Menschen Besitz ergreift, um ihn fast gewaltsam in Sphären zu führen, die er sonst kaum zu betreten fähig wäre.
Das Phänomen der Inbrunst ist kaum erforscht. Und bisher sind auch nur sehr wenige historische Fälle bekannt. Theresa von Avila, die heilige Clara, Johanna von Orleans und einige Mystikerinnen - das war’s auch schon.
Pandora gehörte auf diese Liste. Auch sie litt unter religiöser Inbrunst. Natürlich ist es nicht zutreffend, von Leiden zu sprechen, denn sie ging darin auf, wuchs sogar über sich hinaus und erlebte ungeahnte Hochgefühle. Pandora war immer auf der Suche, doch sobald sie an einen Menschen geriet, der in ihren Augen jene Dinge, nach denen sie suchte, auf authentische und glaubwürdige Art verkörperte, verfiel sie ihm mit allen Sinnen. Geistliche Schwärmerei, das wunderbare Gefühl gleicher Wellenlänge gingen bei ihr nicht einfach in sexuelles Verlangen über; beide Dinge waren für sie regelrecht identisch. Vereinigung ím metaphysischen Sinne war für sie ohne die körperliche nicht denkbar.
Sobald mir dies klar wurde, war ich überzeugt davon, dass Pandora und ich das ideale Paar darstellten. Insgeheim verglich ich uns mit Romeo und Julia oder Caesar und Cleopatra. Andere, gewöhnliche Sterbliche, mochten ein Leben lang rätseln, ob sie ihren Traumpartner gefunden hatten oder lediglich einer Illusion nachhingen, die sie täglich der ernüchternden Realität anpassen mussten. Wir beide brauchten nicht zu rätseln, denn unsere Lebenswege schienen geradezu füreinander konzipiert zu sein. Wir waren wie die Steine eines Puzzles, die sich den Stein, zu dem sie passten, nicht aussuchen konnten. Wenn ein Bild entstehen sollte, dann mussten sie ineinander greifen. Für Pandora konnte es keinen besseren geben als mich. Es konnte keinen anderen geben.
Eine ganze Weile bildete ich mir das ein. Wir verbrachten sie damit, Abende lang über die Frage der Rechtfertigung oder die Sühne zu philosophieren, dann ins Bett zu gehen und den anschließenden Rest der Nacht nicht mehr zum Schlafen zu kommen. An der Uni besuchten wir Podiumsdiskussionen zu tiefschürfenden theologischen Themen und schafften es danach oft nicht einmal bis nach Hause. Noch auf der Promenade schlüpften wir in ein Gebüsch und rissen uns gegenseitig die Kleider vom Leib. Hin und wieder las ich ihr Stellen aus der Bibel vor und musste mich vorsehen, dass sie nicht schon kam, noch bevor wir überhaupt eine Berührung ausgetauscht hatten.
Es war eine schöne Zeit, doch die Sicherheit trog. Und ich hatte mich viel zu früh gefreut.
***
Janis nahm es mir übel, dass ich ihn quasi über Nacht auf den zweiten Platz meiner Gunst verwiesen hatte. Hin und wieder, an Abenden, an denen Pandora keine Zeit hatte, versuchte ich ihn zum Ausgehen zu überreden.
Doch er gab mir einen Korb, behauptete, in der Klinik zu sehr gefordert zu sein, um sich abends noch irgendwo herumtreiben zu können. Dass er zu eingespannt war, glaubte ich ihm nicht, schließlich wurde er dafür bezahlt, dass er Bettlaken wechselte und leere Kaffeetassen einsammelte, nicht dafür, dass er Operationen durchführte. Na schön, dann wurde eben nichts daraus. Janis würde schon eines Tages einsehen, dass auf Tauchstation zu gehen die falsche Taktik war, um mir begreiflich zu machen, dass er sich zurückgesetzt fühlte.
Ich behielt recht. Er änderte seine Taktik, drehte sich um hundertachzig Grad. Plötzlich kam er wieder auf unser ‚gemeinsames Projekt’ zu sprechen.
„Welches Projekt meinst du?“
„Du hast doch damals gesagt, dass wir ein ideales Team wären.“
Das stimmte, doch die Zeiten hatten sich geändert. Jetzt war Pandora da. „Aber du hast gesagt, dass das ja wohl nicht mein Ernst sei.“
„Weißt du“, sagte er, „in der Klinik habe ich so manches dazugelernt.“
„Gratuliere. Hast du demnach vor, Medizin zu studieren?“
Quint schüttelte den Kopf. „Eben nicht.“
„Eben nicht?“
„Medizin sollte abgeschafft werden.“
Ich verstand kein Wort. „Klasse Idee: Keiner studiert mehr und es gibt nur noch Medizinmänner, oder was?“
„Ich meine nicht das Medizinstudium, sondern die Arznei als solche. Keine Frage, sie hat vieles geleistet und Schmerzen ohne Ende gelindert. Doch nun wird es Zeit, dass der Mensch das übernimmt.“
„Der Mensch? Du meinst, der Arzt?“
„Nein. Jeder. Ich bin fest davon überzeugt, Kai, dass jeder einen anderen heilen kann. Es ist eine Frage der geistigen Einstellung.“
Er fing an, mich zu nerven. „Würde es dir etwas ausmachen, dich etwas klarer auszudrücken?“
„Du hast mich überhaupt erst darauf gebracht mit deinem Gequassel von der hehren Idee. Wenn es uns gelingt, etwas in den Köpfen der Menschen zu ändern, dann brauchen wir bald keine Kliniken mehr.“
„Tut mir leid, Janis, wenn ich dich auf irgendetwas gebracht habe“, sagte ich kopfschüttelnd. „Aber von einem Plan, weltweit Krankenhäuser zu schließen, habe ich nie gesprochen, da musst du mich völlig missverstanden haben. Und bitte nimm es mir nicht übel, wenn ich dir sage, dass ich einen solchen Plan für Riesenschwachsinn halte.“
Janis bedachte mich mit einem langen, enttäuschten Blick und stand vom Tisch auf. „Es kommt der Tag, da wirst du anders darüber denken“, brummte er.
***
Der Tag kam tatsächlich. Es war kaum zwei Wochen später, an einem Vormittag. Ich zog die Haustür hinter mir zu und realisierte im selben Moment, dass ich Handy und Wohnungsschlüssel in der Küche vergessen hatte. Wohl oder übel machte ich mich auf dem Weg zur St.Franziskus-Klinik und fragte mich dort zur chirurgischen Männerstation durch, in der Quint für die Frühschicht eingeteilt war.
Durch eine schwere Glastür betrat ich einen langen, mit hellgrünem PVC ausgelegten Gang. Rechts ging es zur Krankenhauskapelle und links zu den Personal-Toiletten. Die Wände waren weiß getüncht, Blumengestecke wechselten sich ab mit Bildern, die Luftansichten der Stadt zeigten.
Vom gegenüberliegenden Ende der Station näherten sich zwei Krankenschwestern, die dabei waren, das Mittagessen auszuteilen. Patienten in Bademänteln kamen mir entgegen, auf Krücken gestützt oder im Rollstuhl sitzend, von Angehörigen geschoben.
Und dann sah ich auch Quint. In einen weißen Kittel gehüllt, begleitete er einen älteren Herrn, der sich vorsichtig mit der Hilfe von Krücken fortbewegte. Ich winkte Janis zu, als er in meine Richtung blickte.
Warte einen Moment!, bedeutete er mir mit einer Geste. Dann wandte er sich zu dem Patienten, flüsterte ihm etwas ins Ohr und trat dann einen Schritt von ihm zurück.
„Janis?“, rief ich. „Keine Sorge, du bist mich gleich wieder los. Ich muss mir nur deinen Schlüssel ausborgen!“
Quint beachtete mich nicht. Seine Aufmerksamkeit wurde voll und ganz von dem Patienten in Anspruch genommen, der sich jetzt, mit einem Ausdruck ungeheurer Konzentration im Gesicht, aufrichtete und dann, wie in einem Kraftakt, die Krücken in die Luft hob. Er brach aber nicht zusammen, sondern stand - ohne Krücken, auf seinen zwei Beinen!
„Es klappt“, flüsterte der Mann, und sein Gesicht entspannte sich plötzlich. Er lachte breit. „Es klappt tatsächlich!“, brüllte er los. „Verdammte Scheiße: Ich kann wieder gehen!“
Alle Patienten in Bademänteln waren stehengeblieben und starrten ihn an. Atemlose Stille herrschte auf dem Krankenhausflur. Die Schwestern hatten die Essensausgabe unterbrochen. Eine von ihnen stand mit einem Tablett in der Hand und gaffte mit offenem Mund herüber.
„Wie hast du das gemacht, mein Junge?“, jubelte der Mann, während er fröhlich mit seinen Krücken gestikulierte. „Das ist stark, das ist wirklich ... glatte Zauberei! Alles weg! Leck mich am Arsch, ich bin geheilt!“
Ich fing Quints Blick auf, der mir in etwa sagte na siehst du, wovon habe ich neulich gesprochen?
Aber dann passierten mehrere Dinge auf einmal.
Während die Freude des Geheilten immer unbändiger wurde, öffnete sich die Tür des Schwesternzimmers und ein junger Arzt trat auf den Flur. Sein finsterer Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er den Lärm nicht schätzte. „Was zum Teufel geht denn hier vor?“, erkundigte er sich gereizt und näherte sich dem Mann mit den Krücken.
„Die Scheißdinger brauche ich jetzt nicht mehr!“, jubilierte der Geheilte. „Nie mehr!“ Und damit holte er aus und schleuderte beide Gehhilfen hinter sich.
Die linke richtete keinen großen Schaden an. Zwar flog sie ziemlich weit und erwischte einen Geschirrwagen. Es krachte gehörig und Dutzende von Tassen aus schlechtem Porzellan zerschepperten. Ein Meer aus Scherben und verschüttetem Kaffee breitete sich auf dem Stationsflur aus.
Die andere Krücke jedoch traf, aufgrund eines starken Linksdralls, wie eine Keule den Kopf des jungen Oberarztes, den ein Namensschildchen auf der Brust als Dr. Haller auswies.
Dr. Haller klappte ohne ein weiteres Wort zusammen und lag wie tot da.
Jetzt war die Stille lähmend. Denn auch der Geheilte hatte mit dem Jubilieren aufgehört. Bestürzt stand er da und starrte schuldbewusst auf den Verletzten, über den sich schließlich eine der Schwestern beugte.
„Worauf wartet ihr?“, trieb sie ihre Kolleginnen an. „Holt einen Arzt, aber schnell!“
***
Sie brachten einen Lahmen zu IHM, dass er ihn heile. ER wandte sich dem Kranken zu und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, worauf der Lahme sich aufrichtete und wieder gehen konnte.
Viele Menschen sahen diese Tat und fragten: „Wer ist dieser Mensch, dass er Lahme gehend machen kann?“ Denn sie vermuteten, dass er, wenn er schon jenes ohne Mühe vollbringen konnte, auch die Kraft besitze, Blinde sehend zu machen, Aussätzige zu heilen, wenn nicht sogar Dämonen auszutreiben.
Darauf verbot ER dem Geheilten, von dem zu berichten, was ihm widerfahren war. Er solle einfach nur geheilt sein und es genießen.
Doch der fromme Mann quoll über vor Freude und sah nicht ein, weshalb er vor aller Welt schweigen solle über das, was ihm geschehen war. Und er ergriff seine Krücken, die er jetzt nicht mehr brauchen würde. Er hob sie hoch und warf sie weit von sich. Und wie sie durch die Luft flogen, flink wie Vögel und gewaltig wie Kriegswerkzeuge, trafen sie einen jener Kleingläubigen, die in der Nähe gestanden hatten und sich gefragt, mit welchem Recht dieser Mensch daherkäme und Gelähmte auffordere: Nimm dein Bett und wandle.
Das hatte er nun davon: Der Kleingläubige lag selbst da, zu Boden gestreckt von einer Krücke, und die Menschen hofften sehr, dass ER auch diesem Menschen das gewähre, was er dem Glaubenden gewährt hatte.
ER jedoch ging mitten durch die Menge hindurch und sprach zu ihnen: „Lasst mich, denn meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
***
Dr. Haller kam wieder auf die Beine, doch das war nicht Quints Verdienst. Seine leichte Gehirnerschütterung war weniger das Problem als die Brücke, die er sich gerade für mehr als tausend Euro hatte einsetzen lassen. Die Krücke hatte sie zerschmettert, als sie den Oberkiefer des Oberarztes getroffen hatte.
Haller verklagte Quint auf Schadenersatz und Schmerzensgeld und sorgte dafür, dass er fristlos gekündigt wurde.
„Wenn du doch den Alten geheilt hast“, fragte ich Janis, der in der Küche saß und trübsinnig in seine Teetasse starrte, „warum dann nicht auch diesen Doktor?“
Quint seufzte nur gequält. „Jetzt fang du nicht auch noch mit diesem Mist an.“
Der Einzige, der wirklich an eine Heilung glaubte, war der Mann, der seine Krücken weggeworfen hatte. Der Presse gegenüber äußerte er nachdrücklich seine feste Überzeugung, dass ihm ein Wunder widerfahren sei. In dem Zeitungsartikel wurde allerdings auch nicht verschwiegen, dass der Mann als schräger Kauz galt, der hin und wieder dazu neige, Krankheiten zu simulieren. Möglicherweise habe er dieses Theater nur inszeniert, um Eindruck auf das pflegerische Personal zu machen, von dem er den Eindruck gehabt habe, es nehme ihn und seine Beschwerden nicht ernst. Im Übrigen sei die Krankenhausleitung nicht daran interessiert, den Vorfall hochzuspielen, und es sei auch nicht ihre Absicht, alle Welt mit der Nachricht zu langweilen, dass der an dem insgesamt unschönen Zwischenfall beteiligte Aushilfspfleger der Sohn des berühmten Adrian Quint sei, der an der Uni einen Lehrstuhl für Literatur innehabe.
8
Zwei Tage später stand das literarische Urgestein höchstpersönlich vor unserer Wohnungstür. Ein drahtiger, grauhaariger Mann in Turnschuhen, zu jung, wie ich fand, um Janis’ Vater zu sein. Aber zu alt, um enge Jeans und ausgewaschene T-Shirts zu tragen.
Janis war nicht zu Hause. Er hatte etwas von einem Vorstellungstermin gefaselt, was höchstwahrscheinlich bedeutete, dass er in irgendeinem Café vor sich hindümpelte. Natürlich tat ich dem Professor gegenüber so, als erwartete ich ihn jeden Moment zurück.
Und während Adrian in der Küche bei einem Kaffee saß, erzählte er mir, wie sehr er sich um seinen Sohn sorgte, da er gehört habe, dass er seinen Job verloren habe. Dass er jedes Verständnis dafür habe, wenn man sich in jungen Jahren erst finden müsse, alles mögliche ausprobieren, um herauszufinden, in welche Richtung man sich orientieren wolle. Dies aber bedeute wiederum nicht, dass es ihm als Vater egal sei, welche Richtung sich dann letztendlich durchsetzen würde. Für Eltern sei der Balanceakt zwischen helfen wollen und keine Kontrolle ausüben wollen oft schwer zu vollbringen, diese Erfahrung würde ich sicher später auch noch machen. Adrian Quint erkundigte sich ausführlich nach meinen Plänen und zeigte sich sehr interessiert, überdies hocherfreut, dass ich die mir selbst gesteckten Ziele mit einer so ‚bewundernswerten’ Konsequenz in Angriff nehme.
Ich verstand immer weniger, was Janis gegen seinen Vater hatte. Dieser Mann verstand zu plaudern, ohne auf die Nerven zu fallen, er war intelligent und witzig. Seine Weltsicht war ein vielseitiges Farbenspektrum, nicht jenes grelle Schwarz-Weiß, das Janis bevorzugte.
Als der Professor die dritte Tasse Kaffee getrunken hatte, kreuzte Janis endlich auf. Er schien nicht begeistert zu sein, seinen Vater zu sehen, und verwundert war er schon gar nicht.
„Ich hatte mir schon gedacht, dass du aufläufst“, brummte er unfreundlich.
Adrian hob eine Augenbraue, um deutlich zu machen, dass er sich nicht provozieren lassen wollte. Dann nahm er noch einen Kaffee und übte sich in väterlicher Geduld.
Janis blieb einsilbig, erwies sich als ein schlechter Gastgeber, der seinem Überraschungsbesuch das Gefühl gab, unwillkommen zu sein. Mit der Zeit kam mir der Verdacht, dass Janis meinetwegen diese Register zog, um seinen Vater hinauszuekeln. Ihr beider Verhältnis mochte sein, wie es wollte, aber das, was sich hier abspielte, war ein Stück, das für mich inszeniert war. Irgendetwas ließ Janis wohl glauben, dass es ihn in meinen Augen aufwertete, wenn er das Enfant Terrible spielte.
Adrian Quint sah schließlich auf eine Uhr. „Tja, ich habe in einer Stunde ein Seminar zu halten“, sagte er und erhob sich. Bevor er ging, legte er einen Briefumschlag auf den Tisch. „Das ist für’s Erste“, sagte er. „Wenn du mehr brauchst, mein Sohn, ist das kein Problem. Komm zu mir und rede mit mir. Wenn du dir darüber im Klaren bist, was du willst, werde ich dich gern auch regelmäßig unterstützen.“ Er nickte mir zu. „Danke für den Kaffee.“
***
In dem Briefumschlag waren dreihundert Euro. Für uns bedeutete es den Ausweg aus unserer momentanen Notlage. Ein Geschenk des Himmels aus meiner Sicht.
Was mich betraf, so hatte ich nämlich nicht das Glück, Eltern zu haben, die sich um meine finanzielle Situation scherten und beim Gehen einen satt gefüllten Briefumschlag auf dem Tisch zurückließen. Vor gerade erst zwei Wochen hatten sie sich getrennt. Mama hatte ein Verhältnis mit einem katholischen Priester angefangen. Sie hatte ihn auf einem Workshop über männliche Sexualphantasien kennengelernt und behauptete, er habe ihr leid getan, weil er sich sehr allein gefühlt habe, außerdem habe sie ihn dafür bewundert, wie sehr er sich für andere Menschen aufopfere. Von leid tun wollte Papa aber nichts wissen und brüllte sie an, ob sie etwa die über alle Maßen taktlose Dreistigkeit besäße, anzudeuten, dass er nicht zu jenen gehöre, die sich für andere aufopferten. Fast eine Woche lang hatten die beiden sich nur angebrüllt. Dann war Mama mit dem Priester an die ligurische Küste gefahren und Stille war eingekehrt. Papa stürzte sich seitdem in Arbeit und organisierte eine Menschenkette für den Frieden, die einmal um den Äquator reichen sollte. Für ihren Sohn waren beide nicht mehr zu sprechen.
„Frag deine Mutter“, brummte Papa, als ich ihn mit der schlechten Nachricht konfrontierte, dass die BaFöG-Zahlungen allein nicht zum Leben ausreichten.
„Wie wär’s denn mit arbeiten?“, fertigte Mama mich am Telefon ab.
Das war unfair. So gut wie jede Minute, die ich nicht mit Pandora verbrachte, nutzte ich für das Studium. Für Aushilfsjobs von der Art, wie Janis sie bevorzugte, hatte ich keine Zeit.
So kam das Unterstützungsangebot des Professors wie ein Rettungsanker in der letzten Sekunde.
Was aber tat Janis? Er nahm den Briefumschlag, der an der leeren Kaffeetasse lehnte. Öffnete ihn, nahm die Scheine heraus und warf einen kurzen Blick darauf. Dann steckte er sie wieder hinein.
„Einen Moment, Vater!“, rief er Adrian Quint nach, der schon im Treppenhaus stand. „Lieb von dir, aber ich brauche das Geld nicht.“ Er hielt ihm den Umschlag hin.
Ich traute meinen Ohren nicht.
Der Professor lächelte leicht genervt. „Das freut mich zu hören, mein Sohn“, sagte er. „Aber nimm es trotzdem, es kommt von Herzen.“ Er sah auf den Briefumschlag direkt vor seiner Nase und wartete darauf, dass Janis ihn zurücknahm.
Mindestens zwanzig Sekunden wartete er - vergeblich.
„Mein Geld verdiene ich mir selbst“, beharrte sein Sohn kalt. „Ich habe gerade eben einen Job angenommen.“
Das Urgestein hörte auf zu lächeln. „Na schön, wie du willst.“ Quint senior schnappte den Umschlag, ließ ihn in seiner Jackentasche verschwinden und trabte ohne Gruß die Treppe hinunter.
***
„Sag mal, tickst du eigentlich noch richtig?“, motzte ich meinen Mitbewohner an, sobald die Haustür ins Schloss gefallen war. „Die Kohle hätten wir dringend gebraucht!“
„Wir?“ Janis sah mich an, als würde ich eine fremde Sprache sprechen.
„Allerdings: Mein elterlicher Geldhahn versiegt, und auf dich kommt eine fette Schadensersatzklage zu. Da wäre es nicht verkehrt, ein kleines finanzielles Polster zu haben.“
„Hast du überhaupt eine Ahnung davon, worum es geht? Er hat den Zaster nur deshalb herübergeschoben, weil sie in der Zeitung seinen Namen in Zusammenhang mit meinem peinlichen Rausschmiss erwähnt haben. Nur darum geht es ihm. Um Schadensbegrenzung.“
„Na und? Wen interessiert es denn, worum es ihm geht? Bitte, komm mal wieder herunter auf den Teppich, Janis! Geld ist Geld, oder etwa nicht?“
Er schüttelte den Kopf. „Selten habe ich so einen Unsinn gehört.“ Damit verzog er sich auf sein Zimmer.
„Was ist das für ein dämlicher Job, den du angenommen hast?“, rief ich ihm nach.
„Als Bestattergehilfe. Morgen früh fange ich an.“
***
Bruno Detleffsen war ein Mann mit der athletischen Figur eines Fußballers. Man konnte sich gut vorstellen, wie er im feindlichen Strafraum auf die Hereingabe des Eckballs wartete und höher als alle anderen sprang, um ihn ins Tor zu köpfen. So wie er aussah, hatte er es nicht nötig anzugeben. Er hatte auch niemals seinen Intellekt einsetzen müssen, um bei Frauen anzukommen, was ihm insofern zum Nachteil gereichte, dass er ihn deshalb auch niemals ausgebildet hatte. Mit einem wie Detleffsen unterhielt man sich über Sport, angesagtes Essen oder ein standesgemäßes Outfit. Man erwartete aber nicht, dass er etwas von Philosophie verstand.
Viel verstand er auch nicht davon, doch war er geschickt darin, sich mit seinem spärlichen Wissen in Szene zu setzen. Detleffsen war das klassische Exemplar eines falschen Propheten: ein Mensch, der nichts zu sagen hat, dies aber so beeindruckend kaschiert, dass die Menschen, die ihm zuhören, sich nichts sehnlicher wünschen, als auch nichts zu sagen zu haben.
Selbst die, die bald begriffen, dass er ein Schwätzer war, hörten ihm weiter zu. So wie ich, wenn ich es auch mit Neid und heimlicher Bewunderung dafür tat, dass er es schaffte, die Leute mit nichts zu faszinieren.
„Wenn du eine große, bedeutende Botschaft hast, Baby, dann ist es doch ein Kinderspiel“, gestand er mir später. „Die Kunst besteht darin zu gewinnen, ohne einen einzigen Trumpf auf der Hand zu haben.“
Detleffsen hatte sich nie die Frage gestellt, auf welcher Seite er stand. Seiten interessierten ihn nicht. Mal veröffentlichte er ein Pamphlet über den Neid als kreative Urgewalt gesellschaftlichen Lebens. Dann konvertierte er zum Pazifismus und rief seine Anhänger dazu auf, gegen Autofahrer vorzugehen, da Autofahren als Akt der Agression zu betrachten sei. Eine seiner Seminararbeiten mit dem Titel Das Selbstmordattentat in der abendländisch christlichen Tradition wurde in Bausch und Bogen abgelehnt und erlangte dennoch völlig unverständlicherweise eine Art Kultstatus. Detleffsen glaubte an das Wort, er war in es verliebt, doch meinte er nicht den Inhalt, sondern seine Wirkung.
Ich hatte zwei Wochen in Südfrankreich an einem Schweigeworkshop in einem Kartäuserkloster teilgenommen. Ausgezehrt und hungrig, wie ich zurückkehrte, konnte ich es kaum erwarten, mit Pandora einen Vortrag über die Heilserwartungen der frühen Apologeten zu besuchen, doch sie ging nicht ans Telefon.
Als ich sie auf einer Party traf, stellte sie mir den Fußballer vor, bei dem sie sich untergehakt hatte. „Das ist Bruno. Er hat sich sehr mit Gotteserfahrungen beschäftigt.“
Mir war das egal und ich war auch nicht wütend. Dieser Kerl konnte ihr nichts anhaben, da war ich mir sicher. Pandoras Ansprüche waren hoch, und einen Schwätzer durchschaute sie innerhalb einer Sekunde, mochte er auch noch so brillant sein. Geradezu lächerlich erschien mir Detleffsens Outfit: langes verfilztes Haar und bloße Füße, die in fleckigen Strandlatschen steckten - das alberne Klischee eines Wanderpredigers.
Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Schließlich waren wir beide Romeo und Julia und Caesar und Kleopatra in einem. Also dauerte es recht lange, bis bei mir der Groschen fiel. Erst nachdem mir Pandora zwei Körbe hintereinander überreicht hatte, kam mir allmählich der Verdacht, dass sie an weiteren philosophischen Disputen mit mir nicht interessiert war.
„Lass uns zu dir nach Hause gehen“, schlug ich vor. „Ich lese dir aus der geheimen Offenbarung des Johannes vor. Na, wie denkst du darüber?“
Pandora winkte ab, und die Art, wie sie es tat, sagte mir, dass ich verloren hatte.
„Warum dieser Kerl?“, beklagte ich mich. „Er schminkt die Lüge, malt sie bunt an, damit du sie für die Wahrheit hältst. Und ausgerechnet du fällst auf ihn herein.“
„Immer noch besser als sich einzubilden, etwas sei der Weisheit letzter Schluss“, gab sie zurück, „nur weil es langweilig ist und in keiner Weise faszinierend.“
Das saß. Und es stimmte obendrein. Pandora hatte recht, ich war selbstzufrieden geworden, satt und träge in meinem hausbackenen Universitätsstudium. Nie war ich mich weiter von meinen großen Ambitionen entfernt gewesen, die Menschheit ein neues und nie dagewesenes Denken zu lehren.
Damals aber, an jenem adventlichen, frostigen Abend, wollte ich davon nichts wissen. Ich hatte nicht vor, kampflos das Feld zu räumen und all die Nächte, die vor mir lagen, lustvoll aufgeladen durch die vielen vorweihnachtlichen Betrachtungen und Meditationen, an meinen Nachfolger abzutreten.
Stattdessen machte ich Zugeständnisse. „Wie denkst du über eine kleine Auszeit? Abstand kann in festgefahrenen Beziehungen wahre Wunder bewirken.“
„Unsere Beziehung ist aber nicht festgefahren“, meinte Pandora, „sondern du.“
9
Nachdem Rubens und Sigmars Schicksal mich so plötzlich und auf so kalte Weise ereilt hatte, ging es mir schlecht. Ich hatte ein für alle Mal genug von Frauen, fand sie kalt und berechnend, außerdem unberechenbar und abstoßend opportunistisch. Es war nicht schön, so plötzlich im Regen zu stehen, also ließ ich mich gehen und trank bis zur Besinngslosigkeit. Nun ja, ich versuchte es jedenfalls, hin und wieder gelang es mir auch, ich schaffte ein paar Bier, dann wurde mir erst schwindlig, dann schlecht und ich musste kotzen.
Es war eine elende Zeit. Was fanden die Leute nur daran, sich für ihr Unglück zu trösten, indem sie sich in einen Zustand der Übelkeit versetzten? Ich fand mich damit ab, dass ich nicht der Typ zum Durchhängen war. Mein Bruder vielleicht, der sich lieber in volltrunkenem Zustand totgefahren hatte, als bei den Ärzten ohne Grenzen mitzumachen, aber nicht ich, dem selbst im Schlaf ganz klar war, dass jede Minute, die ich nicht für das nutzte, weshalb ich auf dieser Welt war, eine verschwendete Minute war. Dabei gab ich mir Mühe, ließ mich von Janis zu den geistlosen Feten mitschleifen, auf denen er ständig abhing. Hoffte, dass mir das ohrenbetäubende Gewummer abstoßender Musik den Verstand vernebelte, während Quint mir ins Ohr brüllte, wie sein Tag im Bestattungsinstitut verlaufen war.
„Bis jetzt fehlt mir einfach noch die richtige Technik!“, brüllte er, und ich fragte ihn nicht: Technik wofür?, denn es interessierte mich nicht im Geringsten.
Zuhören hatte nie zu meinen Stärken gehört, außerdem waren wir an diesem Abend hier, um mein Selbstmitleid zu feiern. Janis war mein Freund und hatte verdammt noch mal die Pflicht, mich wieder aufzurichten.
„Es ist spät, lass uns gehen“, sagte er stattdessen.
„Zum Teufel, warum fragst du mich nicht, wie du mir helfen kannst?“
„Das habe ich doch schon.“
„Du hast mich bedauert und viel Verständnis geäußert. Aber das ist leicht. Du sollst mir dabei helfen, sie zurückzugewinnen.“
„Wen?“
„Na, wen denn wohl? Die heilige Gottesmutter oder was? Ich rede von Pandora.“
„Aber wie soll ich dir denn dabei helfen?“
Möglich, dass der Alkohol mich die Dinge in einem grelleren Licht sehen ließ. Das machte mich weniger kompromissbereit, intoleranter und aufbrausender. Folglich nervte mich Vieles, was mich unter anderen Umständen vielleicht nicht genervt hätte. Janis zum Beispiel, wie er da saß, den Dummen spielte und unschuldig banale Anekdoten aus seinem Beerdigungsinstituts-Alltag zum Besten gab. „Du kannst auf dem Wasser gehen!“, schrie ich ihn an. „Und das, mein Lieber, ist so etwas wie eine Geheimwaffe. Es ist die einzige Möglichkeit, diesem Detleffsen sein großes Maul zu stopfen.“
Janis spielte weiter den Arglosen. „Was für eine Geheimwaffe?“
„Mensch, wann fällt denn bei dir endlich der Groschen? Er spielt den wahren Propheten, und Pandora steht darauf. Ich kann mich dumm und dämlich abrackern, ihn bei ihr mies zu machen, sie glaubt nur noch mehr an ihn.“ Mein Finger wedelte vor Janis’ Gesicht herum. „Aber mit diesem Kunststück könnte ich ihn übertrumpfen.“
„Das ist aber kein Kunststück.“
„Scheiß egal, was es ist.“ Ich rückte meinem Freund auf die Pelle. „Du zeigst mir, wie es geht, und ich mache den Affen damit fertig.“
„Nein.“
Der Lärm setzte für einen Augenblick aus, gerade lang genug, um mir eine Lücke für meine Fassungslosigkeit zu lassen.
„Nein?“
„Ich kann es dir nicht beibringen.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich auch nicht weiß, wie es geht.“
„Quatsch! Natürlich weißt du es.“
„Weiß ich nicht.“ Janis schüttelte den Kopf. „Du tust ja so, als sei das nur eine billige Show oder so.“
„Na und? Ist es das etwa nicht?“
„Ich werde jetzt zahlen“, sagte Janis.
„Was ist jetzt: Bringst du’s mir bei oder nicht?“
Er antwortete nicht, warf mir nur einen ultrakurzen Blick zu, einen, mit dem eingeschnappte Leute im allgemeinen kund tun, dass sie es für unter ihrer Würde halten zu antworten.
„Na gut!“, brüllte ich so laut, dass einige Kneipengäste sich trotz des ohrenbetäubenden Lärms zu mir umdrehten. „Dann kriege ich’s eben allein raus, du wirst schon sehen!“
***
Ich probierte es noch in derselben Nacht. Mein Nachhauseweg führte nämlich an einem Freibad vorbei, und ich kannte eine Stelle, wo man nur unter einer Hecke hindurchkriechen musste, um hineinzugelangen.
Gespenstisch still lag die Anlage da, geradezu Ehrfurcht gebietend, die Wasseroberflächen der Becken waren glatt wie Spiegel. Da war der lange Pool für die gerade Bahnen, der bei einer Wassertiefe von achzig Zentimetern begann und am Ende zwei Meter tief war. Das quadratische Sprungbecken am Fünfmeterturm, drei Meter zwanzig tief. Und das nierenförmige Nichtschwimmerbecken mit einem separaten Plantsch-Bereich für Mutter und Kind.
Janis Quint, die Pfeife, war kein Überflieger, das war ja wohl offenkundig. Er war auch nicht hochbegabt oder ein verkanntes Genie, sondern ein stinknormaler Typ, der in seiner Entwicklung, was soziale Dinge betraf, hinter den meisten anderen herhinkte. Vielleicht stimmte es, dass er das Gehen auf dem Wasser wirklich nicht trainiert hatte. Aber wenn er es konnte, dann konnte jemand wie ich es allemal, das stand wohl außer Zweifel. Die Technik des Auf-dem-Wasser-gehens würde ich schon herausbekommen, es war die Art und Weise, wie man den Fuß auf die Oberfläche setzte, wie ich vermutete. So ähnlich, wie es die Wasserläufer auf den Pfützen taten, winzige Insekten, die blitzschnell über Teiche und Tümpel sausten, als seien es wohlgemähte Rasenflächen. Wenn mir das gelang, natürlich nicht zu rennen, sondern ehrfurchtsgebietend darüber zu schreiten, dann würde – davon war ich überzeugt – Pandora sich mir wieder zuwenden und an ihrem Götzen zweifeln. Plötzlich würde sie hinter seine aufgemotzte Fassade schauen und feststellen, dass dort nichts war. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer schien mir, dass dies nicht nur der beste, sondern auch der einzige Weg zurück zu Pandora war!
Mit aller Konzentration, die mir noch zur Verfügung stand, machte ich ein paar Trockenübungen auf dem Rasen, wo Tags über Kinder Federball spielten und Familien ihre Picknickdecken ausbreiteten. Schritt vor Schritt, es war gar nicht so leicht, selbst auf dem Rasen. Immer wieder kam ich ins Trudeln und konnte gerade noch verhindern, dass ich wie ein Sack ins Gras plumste. Und danach bildete ich mir noch lange nicht ein, schon perfekt zu sein. Ich würde es dort versuchen, wo ich am wenigsten riskierte: im Plantschbecken für Mutter und Kind.
Dass dieses alberne Ding aber plötzlich so tief war, dass es gar keinen Grund zu haben schien, überrumpelte mich. Ich ruderte mit Armen und Beinen, schluckte literweise chlorhaltiges Wasser, kam nach oben und prustete und spuckte. Und während ich dagegen ankämpfte, abzusaufen wie ein Hund, dämmerte mir, dass es gar nicht sein konnte, dass ein Schwimmbecken keinen Grund hatte. Da das Becken tiefer war, als ich erwartet hatte, musste ich einfach nur ein Weile länger zu Boden sinken, dann würde ich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf Grund treffen. Ich mochte besoffen sein, ja, doch nicht so besoffen, dass ich nicht mehr begriff, dass ich aufgrund der von mir konsumierten Mengen an Alkohol die Fähigkeit verloren hatte, das Babybecken vom quadratischen Sprungbecken mit fünf Metern Tiefe zu unterscheiden. Und das, obwohl der Sprungturm direkt über mir als dunkle Silhouette aufragte. Genau deshalb hatte ich sie wohl verwechselt. Zum Denken war ich also noch nicht zu besoffen, wohl aber zum Schwimmen. Statt auf dem Wasser zu gehen, schien mich etwas hinunterzuziehen wie ein bleiernes Gewicht, und jeder Liter Wasser, den ich schluckte, machte mich schwerer und schwerer. Selber schuld!, brüllte mich meine innere Stimme an. Du konntest dir doch wohl denken, dass du einen solchen blasphemischen Versuch teuer bezahlen musst ...
***
Ich wurde aber gerettet. Anwohner, obwohl Hunderte von Metern entfernt, hörten das Gepruste und vermuteten, dass sich eine Kuh von einer der umliegenden Weiden ins Freibad verirrt habe und dabei war, jämmerlich zu ersaufen. Die Polizei und die Feuerwehr rückte an, ich wurde geborgen und verbrachte eine Nacht in der Ausnüchterungszelle, die gerade neu getüncht worden war.
Bis auf die Knochen blamiert und mit einer Erkältung von einem Ausmaß, wie ich sie nie in meinem Leben gehabt hatte, kehrte ich nach Hause zurück. Meine Schleimhäute waren ins Gigantische angeschwollen, mein Kopf schien ausschließlich Flüssigkeit zu enthalten, an Atmen war nicht zu denken. Eigentlich war es egal, ob ich hier in der Küche nach Luft rang oder auf dem Grund des Sprungbeckens.
Janis, der kurz nach mir die Wohnung betrat, grüßte mich wortkarg. Mein elender Zustand konnte ihm nicht entgehen.
Das letzte Pfund, mit dem ich wuchern konnte, das war er, mein elender Zustand. Janis konnte sich von mir aus in seinem Zimmer einschließen, um sich vor dem Geschniefe zu retten, doch auch wenn er laute Musik hörte, schützte ihn das nicht davor, Ohrenzeuge meiner gewaltigen Nieser zu werden. Schon bald konnte er keinen Schritt in der Wohnung tun, ohne über meine gebrauchten Papiertaschentücher hinwegzusteigen. Er entkam mir nicht.
Noch am selben Nachmittag kam er in die Küche, brühte einen Rooiboschtee und stellte ihn mir wortlos hin.
Ich bedankte mich mit einem Hustenanfall, in dessen Verlauf ein feiner Regen auf der Plastiktischdecke niederging, bestehend aus jener Flüssigkeit, die meinen Kopf komplett ausfüllte.
Janis war beeindruckt und ging früh schlafen.
Am nächsten Morgen brachte er mir ein karges Frühstück, bestehend aus Tee mit Honig, Orangen und Hustensaft, ans Bett.
„Also gut“, brach er das Schweigen, während er die Orange aufschnitt und den Saft in mein Glas presste. „Ich könnte dir was anderes zeigen.“
„Musst du nicht.“ Ich schniefte in meine Hand, weil die Taschentücher alle waren, und wischte sie am Bettzeug ab. „Danke für dein Angebot, Janis. Aber ich komme schon klar.“
„Was hältst du davon, Lahme gehend zu machen? Ich könnte es dir zeigen.“
„So, könntest du?“
„In der Klinik hab ich’s doch auch gemacht.“
Ich schlürfte den Orangensaft und stellte das Glas auf das Tablett zurück. „Und was hat die Sinneswandlung bewirkt?“
„Keine Sinneswandlung.“ Janis schüttelte den Kopf. „Es ist viel leichter. Man kann es gut lernen.“
„Ach ja?“ Lahme gehend machen hörte sich gar nicht schlecht an. Aber ich hatte nicht vor, Janis leicht davonkommen zu lassen. „Tut mir leid, aber ich habe keine Lust auf so eine Schwindelnummer.“
„Es ist keine Schwindelnummer, wie kommst du bloß darauf? Ich schwöre dir, es ist echt. Außerdem“, fügte er hinzu, „würde es sich besser dazu eignen, Detleffsen auszustechen.“
„Wieso das denn?“
„Am Montagabend nimmt er an einer Podiumsdiskussion zum Thema Menschenrecht – Tierrechte teil. Pandora wird sicher auch da sein.“
„Tierrechte?“
„Bruno Detleffssen macht sich neuerdings für sie stark. Er hält das für ehrlicher, als sich für den Menschen, den Ausbeuter der Schöpfung, einzusetzen. Sein Gesprächspartner wird mein Vater sein, weil er in einem Zeitungsartikel Tierschutz als Kinderkram bezeichnet hat.“
„Na, Klasse“, spottete ich. „Der Altachtundsechziger gegen den falschen Fuffziger. Wird bestimmt ein spannender Abend.“
„Mein Vater“, erklärte Quint, „wird das erste Mal seit langem wieder in der Öffentlichkeit auftreten. Außerdem im Rollstuhl, das wird viele Zuschauer anziehen.“
„Im Rollstuhl?“
„Seit sein letztes Buch erschien, erhielt er Todesdrohungen aus islamistischen Kreisen und steht unter Polizeischutz. Mit einem der Beamten hat er eine Partie Tennis gespielt und sich dabei gleich einen doppelten Bänderriss zugezogen.“
„Verstehe“, sagte ich. „Und du meinst, ihn soll ich gehend machen.“
„Genau das“, nickte Janis. „Er wird in deiner Schuld stehen, und Detleffssen wird als Schwätzer entlarvt.“
„Und Pandora sitzt in der ersten Reihe“, nickte ich schwärmerisch. Immer noch war ich sauer auf Quint, doch ich konnte mich dem Reiz dieses Planes nicht entziehen. Er war einfach perfekt.
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So kam es, dass ich lernte, Lahme gehend zu machen.
Natürlich ist das stark übertrieben. Ich lernte es niemals wirklich. Es sah leicht aus und mir schien es so, als lernte ich es sehr schnell. Verblüffenderweise funktionierte es tatsächlich. Allerdings muss ich gestehen, dass ich zu keinem Zeitpunkt einen Schimmer davon hatte, was ich tat, warum ich es tat und wieso etwas daraufhin geschah. Das brauchte ich aber gar nicht zu haben, denn Janis befand sich bei jedem gelungenen Versuch in der Nähe. Heute denke ich, dass er es eigentlich war, der sämtliche Wunder bewirkte.
Das, was am Montag Abend stattfand, war mit der Bezeichnung Podiumsdiskussion nicht ausreichend beschrieben. Man sollte es vielmehr so ausdrücken, dass es zur Schlacht kam zwischen zwei Giganten der Meinungsführerschaft, Trendsettern politischen Zeitgeistes.
Bruno Detleffsen, der wortgewandte Prahlhans, tänzelte wie ein Boxchampion, bevor er sich auf seinem Sessel niederließ. An der Uni galt er als der aufmüpfige Geist schlechthin, Verfasser der tabubrechenden Streitschrift Das Selbstmordattentat in der abendländisch christlichen Tradition. Für Detleffsen war der Disput ein Heimspiel. Fettig glänzte sein gestyltes Haar im Scheinwerferlicht, als er seine Fans siegessicher vom Podium aus grüßte. Der Kerl konnte mir nur leid tun.
War es doch sein Gegenspieler, der dafür gesorgt hatte, dass der Hörsaal 3, einer der größten der Universität, bis auf den letzten Platz besetzt war. Professor Adrian Quint, auch er ein unbequemer Geist, mindestens so tabubrechend wie sein junger Herausforderer. Kritisch und unbeugsam noch dazu – was das anging, hatte er Detleffsen sogar noch einiges voraus: Immerhin hatte er sich in seinem gerade erst erschienenen Roman mit islamistischen Kreisen angelegt und deren Todesdrohungen mit einem gelassenen Schulterzucken quittiert. Ihr wollt, dass ich mich zu Hause vor euch verstecke, schien Quint zu sagen, während er mit seinem Rollstuhl auf die Bühne rollte, ohne die Menschenmenge auch nur eines Blickes zu würdigen, aber da habt ihr euch gründlich verrechnet. Seht her: Hier bin ich und schere mich nicht um eure Drohung, auch wenn ihr mir das angetan habt (die meisten Besucher gingen davon aus, dass der Professor sein Handicap einem fundamentalistischen Anschlag verdankte, denn das war in einer Studentenzeitung verbreitet worden).
Wenngleich es auch vom Standpunkt abhing, wer gut und wer böse war, ahnten alle, dass hier ein Schlagabtausch zwischen gut und böse stattfand, und es brauchte schon einen Gesprächsleiter von besonderem Format, um den Event über alle Runden zu bringen. Ole von Feuchten, ein kahlköpfiger Riese mit rundem Kindergesicht, war clever und wendig wie kaum ein anderer. Er hatte sein Studium geschmissen und ganz allein einen kleinen TV-Sender aufgebaut, wo er Produktionsleiter, Blogger, Literatur- und Filmkritiker, Kameramann und brillanter politischer Kommentator in einer Person war. Als Medienprofi hatte er schon in so mancher konfrontativen TV-Runde als Ringrichter durch die Sendung geführt.
Was mich anging, so fühlte ich mich in Bestform und konnte meinen Auftritt kaum erwarten. Janis hatte mir einen Platz in umittelbarer Nähe des Podiums frei gehalten, und nicht weit entfernt entdeckte ich Pandora, deren Blick mehrmals über mich hinweg schweifte, ohne auch nur einen Moment zu verweilen.
Wäre es nach Quint gegangen, so hätte er wohl am liebsten auf Detleffsens Essay über den Selbstmordanschlag Bezug genommen und ihn genüsslich als infantiles und unausgegorenes Machwerk verrissen. Doch nach ihm ging es nicht.
Nicht umsonst hatte Detleffsen vor circa einem Monat erst einen radikalen Schwenk zum kompromisslosen Tierschützer und Fleischessergegner vollzogen. Statt der üblichen Müsli kauenden linksliberalen Studierenden, die seine diffusen intellektuellen Ergüsse bis dahin mit Beifall bedacht hatten, verfügte er jetzt über eine kaderähnlich organisiserte Anhängerschaft von Veganern, denen, was Intoleranz und fundamentalistische Gesinnung anging, nicht einmal Islamisten das Wasser reichen konnten. Ein Wort ihres Gurus, und sie schwärmten aus, um Wurstesser zu verprügeln, Hühnerfarmen abzufackeln oder Lobbyisten der Fleischindustrie zu kidnappen. Oder, wie heute abend, den Professor im Rollstuhl gnadenlos auszupfeifen.
Auf diese Weise kam Detleffsen zu Wort. In kurzen, prägnanten Sätzen, die wie Gewehrschüsse durch den Saal peitschten, stellte er klar, dass der radikale Tierschutz ja wohl hundert mal radikaler und konsequenter sei als Quints spießiges Engagement für Demokratie und Frieden. Sich für so etwas einzusetzen, sei schöpfungsethisch gesehen sogar eine Arroganz gegenüber anderen Geschöpfen, eine Bevorzugung des Homo sapiens, kurzum: nichts anderes als blanker Gattungsrassismus.
Ein kraftvoller Auftakt, der mit Applaus belohnt wurde. Quint senior zeigte sich von der windigen Rhetorik allerdings wenig beeindruckt und es schien ihm auch nicht viel auszumachen, als ‚Evolutionsnazi’ bezeichnet zu werden. Während Detleffssen im Proklamierton sein Plädoyer für die Vierbeiner hielt, hob er ab und zu die Hand, um sich zu Wort zu melden, wartete aber geduldig, bis Ole von Feuchten dem Tierrechtler das Wort entzog und es Quint erteilte. Der Professor erging sich darauf mit einer vor Arroganz leisen Stimme in einem Vortrag über damals, als die Jugend noch etwas bewegt hatte. Als keiner dem anderen etwas geschenkt habe. Als man den krummen Weg dem graden vorgezogen und nicht vor jeder Protestaktion Marktforschung betrieben habe, ob sich der Event auch politisch rechnete.
Detleffsens Prophetenstimme wollte Protest gegen diese altbackene Polemik erheben, doch mit unerwarteter Schärfe bat sich das literarische Urgestein das Recht aus, ausreden zu dürfen, was Detleffssen für einen Moment die Sprache verschlug.
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