Read the book: «Kulturgeschichte der Überlieferung im Mittelalter»

UTB 4554
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Elisabeth Gruber, Christina Lutter, Oliver Jens Schmitt
Kulturgeschichte
der Überlieferung
im Mittelalter
Quellen und Methoden zur Geschichte
Mittel- und Südosteuropas
BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR · 2017
Impressum
Elisabeth Gruber ist Mitarbeiterin am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Universität Salzburg in Krems und Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.
Christina Lutter ist Professorin für Österreichische Geschichte an der historisch-
kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.
Oliver Jens Schmitt ist Professor für Geschichte Südosteuropas an der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Eine vollständige Liste aller Beiträgerinnen und Beiträger findet sich am Ende des Buches.
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Siegelabbildung revers. Foto: Ivan Jordanov.
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Korrektorat: Claudia Macho, Wien
Kartographie: Joachim R. H. Zwick, Ingenieurbüro für Kartographie, Giessen
Satz: büro mn, Bielefeld
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
UTB-Band-Nr. 4554 | ISBN 978-3-8252-4554-2 | eISBN 978-3-8463-4554-2
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Über dieses eBook
Vorwort
Erläuterungen zur Verwendung von Ortsnamen
Einleitung – eine Annäherung
1
1.1 „Moderne“ Wissenschaften und Nationen
1.2 Nationale Geschichtsbilder
1.3 Wiener Methodenausbildungen und ihre Ausstrahlung nach Südosteuropa
1.4 Ausblick: nach 1945 – nach 1989
2
2.1 Überblick über die politischen Veränderungen 500–900
2.2 Forschungstraditionen und Methoden zur frühmittelalterlichen Geschichte Mittel- und Südosteuropas
2.2.1 Spätantike Karten: Die Tabula Peutingeriana
2.2.2 Spätantike Epigraphik und das Ende der Alten Welt (300–500)
2.2.3 Linguistische Quellen zum Frühmittelalter: Zur Aussagekraft der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft
2.3 Die Kirche als Trägerin frühmittelalterlicher Überlieferung
2.3.1 Differenzierung und Integration durch Glauben
2.3.2 Integration durch Schriftlichkeit
2.4 Die Materialität der Quellen: Archäologie und Architektur, dingliche und bildliche Überlieferung
2.4.1 Stratigraphie eines Burghügels – das Beispiel von Alessio/Lissus/Lezha
2.4.2 Die Fundinterpretationen in der Mittelalterarchäologie der Provinz Vojvodina
2.4.3 Inschriften als Quelle für Herrschaftsgeschichte: Frühmittelalterliche kroatische Inschriften
2.4.4 Ein Steppenvolk erobert den östlichen Balkan: Bildkultur und Schriftlichkeit in proto-bulgarischen Inschriften
2.4.5 Die Siegel des mittelalterlichen Bulgarien 864–971
2.5 Ordnung ins Chaos? Das Handbuch De Administrando Imperio (948–952) des Konstantin Porphyrogénnetos
3
3.1 Neue Herrschaftsbildungen 1000–1300: Adels-, Hof- und Klosterkultur
3.2 Herstellung von Sicherheit: Recht setzen und gestalten
3.2.1 Urkundliche Überlieferung im mitteleuropäischen Kontext
3.2.2 Fälschungen und Herrschaftslegitimation
3.2.3 Urkunden der lateinischen Kaiserkanzlei der Romania (Lateinisches Kaiserreich von Konstantinopel)
3.2.4 Serbische Herrscherurkunden
3.2.5 Urkunden als Spiegel von Kultureinflüssen: Fallbeispiel Moldau
3.2.6 Rechtskodifikationen in Mitteleuropa
3.2.7 Das Gesetzbuch des Stefan Dušan
3.2.8 Die fränkischen Assisen in Griechenland
3.2.9 Mittelalterliches Stadtrecht an der östlichen Adriaküste und in Mitteleuropa
3.3 Geschichte(n) erzählen: Historiographie, Hagiographie und Literatur
3.3.1 Geschichten erzählen: Geistliche und weltliche Überlieferung
3.3.2 Hagiographie und ihre politischen Funktionen: Böhmen und Mähren
3.3.3 Heilige Könige: Serbische Königsviten als balkanslawische Form der Herrscherrepräsentation
3.3.4 Klösterliche Annalistik
3.3.5 Chronistik des 12. und 13. Jahrhunderts
3.3.6 Deutschsprachige höfische Literatur: Ein Überblick
3.4 Visuelle und materielle Kultur
3.4.1 Materielle, bildliche und schriftliche Überlieferung als Medien von Repräsentation und Kommunikation
3.4.2 Burgen als Medien mittelalterlicher Herrschaftspraxis
3.4.3 Memoria multimedial: Inschriften und Wappen im Dienste von Erinnerung und Repräsentation
Übersichtskarten Mittel- und Südosteuropa
Karte 1 Physische Übersicht
Karte 2 Mittel- und Südosteuropa um 500
Karte 3 Mittel- und Südosteuropa um 800
Karte 4 Mittel- und Südosteuropa um 900
Karte 5 Mittel- und Südosteuropa um 1000
Karte 6 Mittel- und Südosteuropa um 1200
Karte 7 Mittel- und Südosteuropa um 1400
Karte 8 Mittel- und Südosteuropa um 1475
Karte 9 Wichtige Handelswege
Karte 10 Universitäten
4
4.1 Herrschaft und pragmatische Schriftlichkeit 1300–1500: Städtische Gemeinschaften
4.2 Verschriftlichung und Normierung: Bausteine institutioneller Überlieferung
4.2.1 Professionalisierung in der Territorialverwaltung: Südosteuropa
4.2.2 Sicherung der Stadtverfassung durch Rechtsbücher: Wien – Prag – Ofen
4.2.3 Die Archive sprechen: Notarsprotokolle und Prozessakten im Vergleich
4.3 Stadt als Raum
4.3.1 Ansichten der Stadt: Chroniken, Karten und Pläne
4.3.2 Himmel über Prag und Wien: Städteportraits im 15. Jahrhundert
4.3.3 Die Stadt und ihr Umland: Umweltgeschichte, Donaustädte, Grundherrschaft
4.4 Soziale Gruppen und Gemeinschaften
4.4.1 Gebets- und Wirtschaftsgemeinschaften
4.4.2 Stadt und Fürsorge: Bettelorden, Spitäler und religiöse Stiftungen
4.4.3 Liturgie in der Stadt: Prozessionen, Altäre und Stiftungen
4.4.4 Ländliche Gemeinschaften in Dalmatien
4.5 Verflechtung spätmittelalterlicher Lebensräume
4.5.1 Quantifizierte Personen: Universitätsmatrikel
4.5.2 Bücherverzeichnisse als Abbild städtischer Beziehungsgeflechte
4.5.3 Zur christlich-jüdischen Koexistenz in der Stadt
4.5.4 Hof, Adel und Religion: Böhmische Buchmalerei zur Zeit der Luxemburger und der Hussitenkriege
4.5.5 Narrative der Herrschaftsrepräsentation und -praxis
4.6 Kommunikation und Korrespondenz: Politische und pragmatische Schriftlichkeit
4.6.1 Reform, Konzil und Korrespondenz: Böhmen und die Kirche
4.6.2 Endlich Zahlen: Osmanische Steuerregister
4.6.3 Handelsregister als quantitative Quelle: Dalmatien
4.6.4 Italienische Gesandtenberichte als Schlüsselquellen der politischen Geschichte Südosteuropas?
Ausblick
Abbildungsnachweis
Bibliographie | eBookplus
Personenregister
Geographisch-ethnographisches Register
Quellenregister
Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger
Rückumschlag
Vorwort
In den vergangenen fünf Jahren, in denen wir an diesem Buch arbeiteten, wurde die Frage „Was ist Europa?“ in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen neu gestellt. In diesem Zeitraum wurden Jahrestage des Endes der Teilung Europas (1989) und der darauf folgenden fundamentalen Veränderungen der europäischen politischen Landschaft gefeiert, Fragen nach der Zugehörigkeit zu diesem Europa, nach Begründungen von Ein- und Ausschlüssen gestellt; die räumlichen Begriffe „Mittel“-, „Zentral“- und „Südost“-Europa wurden und werden neu und oft kontrovers definiert, und nicht zuletzt historisch argumentiert. Diese Kontexte lassen sich beim Verfassen einer „Kulturgeschichte der Überlieferung“ Mittel- und Südosteuropas nicht ausblenden, auch wenn sie dem Mittelalter gewidmet ist. Denn damals wurden – weder linear noch ungebrochen, sondern in unterschiedlichen Rhythmen und komplexen Verfechtungen – allmählich die Eigenschaften geformt, welche dieses Europa in seiner Vielfalt ausmachen.
Vor diesem Hintergrund entstand das Buch auf mehreren Ebenen der Auseinandersetzung: jener der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen; jener des wissenschaftlichen Diskurses, mit Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Fachdisziplinen und geographischer Verortung, die sich im weitesten Sinn mit den überlieferungsgeschichtlichen Grundlagen unseres Wissens über das, was wir heute „Europa“ nennen, auseinandersetzen, ebenso wie mit jenen, die sich in einer transkontinentalen Perspektive mit größeren Zusammenhängen befassen, in denen Aspekte einer europäischen Geschichte differenziert und konturiert werden können; und schließlich der Ebene der Auseinandersetzung mit unseren Studierenden, die sich dafür interessieren, warum die Beschäftigung mit den Quellen mittelalterlicher Geschichte und den Methoden ihrer Untersuchung für die Fragen, die uns heute bewegen, wichtig und bedeutsam ist.
Dieses Buch ist daher einer vergleichenden Perspektive verpflichtet. Sie hat uns auch dazu bewogen, gewohnte Gestaltungsprinzipien solcher Einführungsbücher abzuwandeln: Wir haben diesen Band gemeinsam verfasst und zusätzlich dort Forscherinnen und Forscher um Gastbeiträge gebeten, wo unsere eigene Expertise an ihre Grenzen stieß. Ihnen sei an erster Stelle mit besonderem Nachdruck gedankt, sich auf dieses „Experiment“ der überfachlichen Zusammenarbeit eingelassen zu haben. Angesichts der räumlichen und zeitlichen Dimensionen, die das Buch umfasst, haben wir zudem eine Reihe von Fachleuten unterschiedlicher Fachkulturen eingeladen, den [<<9] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Text vorab zu lesen und mit uns in einem Intensiv-Workshop zu erörtern: Unser großer Dank für diese detaillierte Auseinandersetzung und die wertvollen Kommentare, Ergänzungen und Korrekturen gilt Gábor Klaniczay, Jonathan Lyon, Judit Majorossy, Claudia Märtl, Ferdinand Opll, Konrad Petrovsky, Walter Pohl, Bernd Schneidmüller, Katalin Szende und Petr Štih, die hier stellvertretend für die zahlreichen Kolleginnen und Kollegen genannt werden sollen, durch deren Wissen, Kritik und Anregungen dieses Buch erst ermöglicht wurde. Der vom österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderte Spezialforschungsbereich VISCOM (SFB 42) Visions of Community: Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600 CE) bot einen hervorragenden Rahmen, die skizzierten Fragestellungen aus einer Vielzahl von Perspektiven zu diskutieren – gerade weil dort Europa nicht im Zentrum steht.
Der Breite der hier behandelten Themen ist auch unsere Entscheidung geschuldet, die notwendigerweise detaillierte und damit sehr umfangreiche Bibliographie vollständig online und nicht in Form eines bibliographischen Anhangs zugänglich zu machen und damit der quellenbezogenen Kontextualisierung im gedruckten Buch mehr Raum zu geben. Direkte Nachweise von Quellen und Literatur werden dafür unmittelbar im Textzusammenhang gegeben, ebenso wie solche zum Bildmaterial, das integraler Bestandteil der diskutierten Überlieferungsformen ist. Wir danken dem UTB-Verlagskonsortium, besonders dem Böhlau Verlag, namentlich Julia Beenken und Ursula Huber, für professionelle Betreuung und Lektorat, und nicht zuletzt für das Entgegenkommen bei diesen editorischen Entscheidungen ebenso wie dafür, dass in diesem Einführungsformat Bild- und Kartenmaterial großzügig berücksichtigt werden konnte. Für die gemeinsame Erstellung eines eigenen Kartensatzes für dieses Buch gilt unser Dank Joachim Zwick, für die Unterstützung bei der Erarbeitung der Bibliographie Daniel Frey und Birgit Aubrunner, für die kontinuierliche Begleitung der Konzeptentwicklung Karl Brunner und für ihre mehrfache kritische Lektüre Stefan Erdei, Herwig Weigl und Horst Wenzel.
Eine vergleichende Kulturgeschichte der Überlieferung liegt in mancherlei Hinsicht quer zu den gewohnten Kategorien der Einordnung mittelalterlicher Quellen und der Methoden ihrer Bearbeitung. Das beginnt bei der Auswahl des Materials, der Frage nach dessen Repräsentativität, und führt bis hin zu den vielfach verflochtenen Wissenschaftsgeschichten seiner Auffindung, Ordnung und Bearbeitung. Eine mittel- und südosteuropäische Perspektive auf Überlieferungsformen, die uns Auskunft über Aspekte des Werdens des mittelalterlichen Europa geben, macht Heterogenität und Ungleichzeitigkeit von historischen Entwicklungen, die den Kontinent auch heute prägen, besonders deutlich. Manche der Wege, die wir dabei erkundet haben, waren [<<10] noch wenig beschritten, manche Frage konnte nur skizziert werden, manche Unübersichtlichkeit bleibt bestehen, oft fehlen Quellen, während in anderen Fällen aus der Fülle des Materials eine Auswahl getroffen werden musste. Unser Anliegen ist es zu zeigen, dass Überlieferungsgeschichte mehr bieten kann als Quellenkenntnis allein, dass eine kulturwissenschaftliche Verortung der Überlieferung robustere Brücken zwischen den Gegenständen der Forschung und den Möglichkeiten ihrer Interpretation bauen hilft. Damit hoffen wir einen Beitrag zu einer Verflechtungsgeschichte historischer Räume zu leisten, deren Uneindeutigkeit und je zeitgebundene Neuerfindung für jede Generation von Historikerinnen und Historikern wieder eine neue Herausforderung ist.
Wien, im Mai 2016 [<<11]
Erläuterungen zur Verwendung von Ortsnamen
In einem vielsprachigen Raum mit bisweilen starker sprachlicher Durchmischung, die erst durch Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert teilweise zerstört worden ist, stellt die Schreibweise von Ortsnamen eine besondere Herausforderung dar. Die Verwendung heutiger Ortsnamen allein wird der kulturellen Gemengelage im Mittelalter nicht gerecht. Auch kann sie sprachlich-demographische Verschiebungen im Laufe der Geschichte nicht abbilden. Alle historischen Sprachgruppen im Betrachtungsraum dieses Buches haben für Ortsnamen, auch außerhalb ihres mehr oder minder geschlossenen Sprachraumes, eigene Bezeichnungen. Dieser Komplexität versuchen wir, mit unterschiedlichen Mitteln Rechnung zu tragen.
Fließtext
Da sich dieses Buch an deutschsprachige Leserinnen und Leser richtet, werden im Fließtext sowie in den Karten bei häufiger Nennung in der Regel deutsche Ortsnamenformen verwendet, die – sofern existent – auch in der folgenden Ortsnamenkonkordanz an erster Stelle stehen. Ergänzend werden die zeitgenössisch am häufigsten verwendeten Formen genannt, um die kulturelle Vielfalt im Betrachtungsraum zu unterstreichen, sowie in der Konkordanz zusätzlich jeweils die heute gültige amtliche Form (z. B. Pressburg/Bratislava/Pozsony).
Karten
Die Karten versuchen, historische Entwicklungsprozesse von der Spätantike bis ins Spätmittelalter abzubilden, indem epochal einschlägige Namensvarianten angegeben werden. Zugleich müssen auch sie auf Lesbarkeit und Verwendbarkeit Bedacht nehmen.
In der physischen Karte, die der allgemeinen Orientierung dient, entsprechen die Ortsnamenformen als einzige ausschließlich dem heutigen Sprachgebrauch. Überall sonst soll die beschriebene Herausforderung mit einem Ansatz gelöst werden, der am besten anhand eines Beispiels erläutert werden kann: Im Falle der adriatischen Ostküste, wo die Siedlungskontinuität besonders bedeutsam ist, wird etwa für das bereits im [<<12] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Mittelalter so belegte Dubrovnik zusätzlich auch der frühmittelalterliche griechische Ortsname Raúsion angegeben, für die Zeit um 1200 das im ganzen Mittelmeerraum bekannte und bis weit in das 20. Jahrhundert verwendete Ragusa, für die späteren Karten aus Gründen der Übersichtlichkeit nur noch Dubrovnik.
Ortregister und Ortsnamenkonkordanz
Während das Ortsregister alle im Text genannten Ortsnamen mit Querverweisen in Form von → listet, enthält die folgende Ortsnamenkonkordanz die wichtigsten, mehrsprachig gebrauchten Ortsnamen in tabellarischer Form gegenübergestellt, und zwar in der Reihenfolge
1. Spalte: im Text/in den Karten am häufigsten verwendete Form
2. Spalte: heute amtliche Bezeichnung
3. Spalte: weitere wichtige Namensvarianten
Abkürzungen:
al. = albanisch; bg. = bulgarisch; bks. = bosnisch/kroatisch/serbisch; gr. = griechisch; it. = italienisch; lat. = lateinisch; lit. = litauisch; maz. = mazedonisch; pol. = polnisch; rum. = rumänisch; slowa. = slowakisch; slowe. = slowenisch; tsch. = tschechisch; tr. = türkisch; ung. = ungarisch; ukr. ukrainisch
| Adrianopel | tr. Edirne | gr. Adrianupolis, bg. Odrin |
| Agram | bks. Zagreb | |
| Alessio | al. Lezha | lat. Lissus, bks. Lješ |
| Antivari | bks. Bar | al. Tivar |
| Belgrad | bks. Beograd | dt. Griechisch-Weißenburg, ung. Nándorfehérvár |
| Breslau | pol. Wrocław | |
| Brigetio | ung. Komárom | dt. Komorn |
| Brünn | tsch. Brno | |
| Budweis | tsch. České Budějovice | |
| Capodistria | slowe. Koper | |
| Cilli | slowe. Celje | lat. Celeia |
| Czernowitz | ukr. Černivci | rum. Cernǎuţi [<<13] |
| Dubrovnik | bks. Dubrovnik | it. Ragusa, gr. Rausion |
| Dulcigno | bks. Ulcinj | al. Ulqin |
| Durostorum | bg. Silistra | |
| Dyrrachion | al. Durrës | bks. Drač |
| Erlau | ung. Eger | slowa. Jáger |
| Fünfkirchen | ung. Pécs | bks. Pečuh |
| Gran | ung. Esztergom | lat. Strigonium |
| Hermannstadt | rum. Sibiu | ung. Nagyszeben |
| Iglau | tsch. Jihlava | |
| Kalocsa | ung. Kalocsa | dt. Kollotschau |
| Kaschau | slowa. Košice | ung. Kassa |
| Klausenburg | rum. Cluj | ung. Kolozsvár |
| Königgrätz | tsch. Hradec Králové | |
| Korčula | bks. Korčula | it. Curzola |
| Kotor | bks. Kotor | lat./gr. Dekatera, it. Cattaro |
| Krakau | poln. Kraków | |
| Kremnitz | slowa. Kremnica | ung. Körmöcbánya |
| Krk | bks. Krk | it. Veglia |
| Kronstadt | rum. Braşov | ung. Brassó |
| Krumau | tsch. Český Krumlov | |
| Kuttenberg | tsch. Kutná Hora | |
| Laibach | slow. Ljubljana | it. Lubiana, lat. Emona |
| Lemberg | ukr. Lviv | |
| Leutschau | slowa. Levoča | ung. Lőcse |
| Marburg | slowe. Maribor | |
| Neusohl | slowa. Banská Bystrica | ung. Besztercebánya |
| Nikaia | tr. Iznik | |
| Niš | bks. Niš | lat. Naissus |
| Ochrid | bks. Ohrid | al. Ohër |
| Ödenburg | ung. Sopron | lat. Scarabantia |
| Ofen | ung. Budapest | ung. Buda, bks. Budim |
| Olmütz | tsch. Olomouc | |
| Pettau | slowe. Ptuj | [<<14] |
| Pirano | slowe. Piran | |
| Prag | tsch. Praha | |
| Pressburg | slowa. Bratislava | ung. Pozsony, slowa. Prešporok (bis 1919) |
| Raab | ung. Győr | slowa. Ráb |
| Rab | bks. Rab | ital. Arbe |
| Schäßburg | ung. Segesvár | rum. Sigişoara |
| Schemnitz | slowa. Banská Štiavnica | ung. Selmecbánya |
| Šibenik | bks. Šibenik | it. Sebenico |
| Sillein | slowa. Žilina | ung. Zsolna |
| Sirmium | bks. Sr[ij]emska Mitrovica | ung. Szávaszentdemeter |
| Skopje | maz. Skopje | al. Shkupi, bks. Skoplje, tr. Üsküb |
| Skutari | al. Shkodra | bks. Skadar, lat. Scodra |
| Solin | bks. Solin | it./lat. Salona |
| Split | bks. Split | it. Spalato |
| Stuhlweißenburg | ung. Székesfehérvár | bks. Stolni Biograd |
| Teschen | tsch. Český Těšín | |
| Thessalonike | gr. Thessaloniki | tr. Selanik, bg. Solun |
| Triest | it. Trieste | slowe. Trst |
| Trogir | bks. Trogir | it. Traù |
| Troppau | tsch. Opava | |
| Tyrnau | slowa. Trnava | ung. Nagyszombat |
| Wardein/Großwardein | ung. Nagyvárad | rum. Oradea |
| Wilna | lit. Vilnius | |
| Zara | bks. Zadar | lat. Iadera |
| Zengg | bks. Senj | it. Segna |
| Znaim | tsch. Znojmo | [<<15] |
Einleitung – eine Annäherung
Mehr als 25 Jahre sind seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem dadurch eingeleiteten Ende der Teilung Europas in einen Westen und einen Osten vergangen. In diesen bald drei Jahrzehnten hat sich die politische ebenso wie die akademische Landschaft des Kontinents maßgeblich verändert, und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. In demselben Maß, in dem „alte“ Grenzen an Bedeutung verloren haben, hat das Bewusstsein für Formen aktueller, etwa wirtschaftlich begründeter, aber ebenso historisch gewachsener regionaler Zusammengehörigkeit zugenommen, die quer zu alten und neuen nationalen Grenzen liegen. Gleichzeitig haben sich aber auch neue Brüche und Abgrenzungen aufgetan. Die Dynamik und Heterogenität der politischen, sozioökonomischen und kulturellen Entwicklung innerhalb Europas spiegelt sich in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, und zwar sowohl in den einzelnen Ländern als auch in vergleichender Perspektive. Dieser Befund gilt grundsätzlich auch für die Mediävistik einschließlich aktueller einschlägiger Überblickswerke, allerdings mit der interessanten Leerstelle, dass deutsch- und auch englischsprachige Handbücher zur Überlieferung des europäischen Mittelalters zu einem überwiegenden Teil auf den geographischen Raum des Heiligen Römischen Reichs bzw. den „Westen“ Europas und Italien fokussieren und vergleichsweise selten Beispiele aus der Überlieferung „Mittel- und Südosteuropas“ geben.
Überlieferungschancen und Überlieferungszufälle
Maßgebliche Motivation einer deutschsprachigen Überlieferungsgeschichte dieses Raumes ist daher einmal, durch einen Perspektivenwechsel bislang wenig berücksichtigte, aber wesentliche Grundlagen einer vergleichenden europäischen Geschichte zu vermitteln und gleichzeitig anhand der Vielfalt und Heterogenität der Überlieferungslagen die historische Besonderheit unterschiedlicher Regionen Europas ebenso wie ihre komplexen Bezüge zueinander sichtbar zu machen. Wir wollen anhand konkreter Beispiele einen Einblick in die Entstehungsbedingungen historischer Überlieferung und in deren soziokulturelle und politische Hintergründe geben und dabei auch [<<16] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe einen Blick auf die Traditionen der Forschung ermöglichen, durch deren Fragen jede Quelle erst zum „Sprechen“ gebracht wird:
Überlieferung, so formulierte Arnold Esch 1985 unter dem programmatischen Titel „Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers“, ist das, was der Historiker in Händen hält: was ihm über frühere Zeiten, was ihm aus früheren Zeiten überliefert ist. Der Historiker weiß, daß sein Wissen Stückwerk ist – aber welche Stücke er in Händen hält, das wird ihm nicht ebenso deutlich […].
Arnold Esch, Überlieferungschance und Überlieferungszufall als methodisches Problem des Historikers. In: Historische Zeitschrift 240 (1985), S. 529–570.
Nach Überlieferungschancen und -zufällen zu fragen, bedeutet herausfinden zu wollen, warum wir über die Vergangenheit wissen, was wir wissen, welche Bausteine uns fehlen und inwieweit es möglich ist, sie zu rekonstruieren. Fragen nach der Überlieferung führen also direkt zu grundsätzlichen Überlegungen, wie historisches Wissen entsteht, auf welchem Material es beruht, welche Ereignisse oder Gegebenheiten überhaupt eine Chance hatten, der Nachwelt überliefert zu werden, aufgrund welcher Forschungsinteressen und -fragen Quellen gesucht und gefunden, in bestimmte Kategorien eingeteilt, bewertet und gewichtet wurden. Die Typologien für die Einteilung historischer Überlieferung sind vielfältig. Sie orientieren sich an Material und Medien (Sprache und Texte; Bilder, Münzen und Siegel; Architektur), an ihrem Inhalt (z. B. rechtlich, erzählend), an Intentionen (z. B. Hagiographie, Historiographie) und Funktionen (z. B. Wirtschafts- oder liturgische Quellen). Solche Kategorien sind ihrerseits Werkzeuge und gleichzeitig Produkte der Arbeit unterschiedlicher akademischer Fachdisziplinen und ihrer Gegenstände. So notwendig sie epistemologisch wie methodologisch sind, so sehr sind die Grenzen einzelner „Quellengattungen“ in der Praxis der Überlieferung wie in der wissenschaftlichen Arbeit fließend. Es geht uns also auch darum, die Ordnungskriterien und -kategorien der Beschreibung historischer Überlieferung in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext zu differenzieren und zu zeigen, wie Vertreterinnen und Vertreter der Geschichtswissenschaft, aber auch ihrer Nachbardisziplinen arbeiten, um zu historischer Erkenntnis zu gelangen. [<<17]
Vergleichen
Dabei wollen wir weder eine „Quellenkunde“ traditionellen Zuschnitts verfassen noch einen Katalog der klassischen hilfswissenschaftlichen Methoden zusammenstellen. Für beides gibt es gerade in der deutschsprachigen Mediävistik ausgezeichnete Handbücher, die in der Bibliographie angeführt sind und auf die auch in den einzelnen inhaltlichen Kapiteln gezielt hingewiesen wird.
Die gesamte Bibliographie steht frei zum Download zur Verfügung. Informationen unter http://www.utb-shop.de/downloads. QR-Code als Direktlink.

Vielmehr geht es uns um einen möglichst konkreten Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten an und mit historischen Quellen in spezifischen Überlieferungszusammenhängen. Das Buch folgt also einer problem- und praxisorientierten Perspektive, die durch unsere eigene Lehr- und Forschungspraxis motiviert ist: Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts zum Thema Visions of Community. Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600 CE) vergleichen wir unter anderem Gemeinschaftsvorstellungen in unterschiedlichen sozialen Milieus Mittel- und Südosteuropas. Dabei zeigten sich sowohl viele Gemeinsamkeiten als auch grundlegende Unterschiede der Überlieferung.
Vergleichen gehört zu den zentralen Bestandteilen der historischen Methode. Es erhöht nicht nur das Verständnis für das „Andere“, sondern schafft oft erst die dafür notwendige Wissensbasis. Darüber hinaus schärft eine vergleichende Perspektive auch den Blick für Brüche, Ausnahmen und Besonderheiten innerhalb des eigenen (nur scheinbar bekannten) Gegenstandes. Vieles, was gegenwärtig unter der Überschrift „Globalisierung“ verstärkt aus dieser Perspektive diskutiert wird, lässt sich am Beispiel Mittel- und Südosteuropas anhand der Gemeinsamkeiten und Unterschiede im räumlichen Vergleich herausarbeiten.
Raum und Zeit
Ähnlich wie die Kriterien der Einteilung historischer Überlieferung sind auch räumliche und zeitliche Abgrenzungen wissenschaftliche Konstruktionen, die auf bestimmten, mehr oder weniger begründeten Konventionen beruhen. Raumkonstruktionen und zeitliche Periodisierungen haben ihre jeweils eigenen Geschichten. Gleichzeitig sind sie auf komplexe Weise miteinander verschränkt. Historische [<<18] Periodisierungen bilden bestimmte Ausschnitte der Vergangenheit aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart ab. Dabei sind Wahrnehmungen zeitlicher „Epochen“ maßgeblich durch den Blick auf bestimmte räumliche Abgrenzungen mitbestimmt, und umgekehrt.
„Zeit“ und „Raum“ als zentrale Dimensionen historischer Betrachtung und ihre Abgrenzungen sind nicht erst seit den Anfängen moderner Wissenschaft Gegenstand von fachlichen Debatten, die zudem weit über den engeren Bereich der Wissenschaft hinausreichen und immer auch politische Implikationen haben. Die Abgrenzung von „Mittelalter“ – ein Begriff, der in der europäischen „Renaissance“ erfunden wurde – und „Moderne“ etwa hat viel mit den jeweils aktuellen Vorstellungen von historischem bzw. gesellschaftlichem Fortschritt und der Kritik daran zu tun – wie sie wiederum in Gegenbegriffen, etwa dem der „Post-Moderne“, zum Ausdruck kommen.
Vergleichbares gilt für Raumbegriffe, deren Diskussion besonders dann an Aktualität gewinnt, wenn sie und die mit ihnen verbundenen Bilder in Frage stehen. Räume operieren mit Grenzen, und Grenzen schließen ebenso ein wie aus. „Europa“ selbst ist angesichts der politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte ein eindrucksvolles Beispiel für derartige Diskussionsprozesse, die in wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Debatten ihren Niederschlag finden.
„Mittel“- und „Südosteuropa“
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gehören die titelgebenden Begriffe dieses Buches, „Mittel-“ und „Südosteuropa“ zu jenen Raumbegriffen, um deren Verwendbarkeit, Bedeutung und genaue Verortung im Raum seit dem 19. Jahrhundert intensiv und bisweilen auch erbittert gerungen wurde. Sie sind im Laufe unterschiedlicher Phasen der Wissenschaftsgeschichte nicht weniger umstritten gewesen als „Zentraleuropa“, „Ostmitteleuropa“ und andere Bezeichnungen, die wesentliche Teile unseres Betrachtungsraumes markieren.
Diese wichtigen Diskussionen zeigen, dass Zeit- und Raumbegriffe, die Kategorien zur Wahrnehmung der Welt darstellen, weder in der Geschichte vorfindlich noch „unschuldig“ sind: Weder ergeben sie sich „einfach“, etwa durch Ereignisse oder geographische Gegebenheiten, noch bilden sie fest gefügte Einheiten – weder abgeschlossene Epochen noch Räume, die man sich wie Container vorstellen könnte. Vielmehr sind sie in einem dichten Geflecht wissenschaftlicher Konventionen, politischer Rahmenbedingungen und unterschiedlich motivierter [<<19] Entscheidungen von Autorinnen und Autoren entsprechender Darstellungen verortet, die alle zusammen ihren Gebrauch prägen.
Es ist nicht Gegenstand dieses Buches, die Debatten um diese Begriffe und die ihnen zugrunde liegenden Konzeptionen im Detail zu referieren, zumal gerade in den vergangenen Jahren zu ihren einzelnen Aspekten eine Fülle von erstklassigen Darstellungen entstanden ist. Dazu bietet etwa die Darstellung von Nora Berend, Przemysław Urbańczyk und Przemysław Wiszewski, Central Europe in the Middle Ages: Bohemia, Hungary, and Poland, c.900–c.1300 (Cambridge 2013) einen vorzüglichen Überblick.
Eine neue Perspektive
Im Falle unseres Buches geht es vielmehr darum, eine mittelalterliche Überlieferungsgeschichte in Europa aus einer – wie wir denken – neuen räumlich vergleichenden Perspektive zu erzählen. Deutschsprachige Einführungen in die Geschichte mittelalterlicher Überlieferung orientieren sich vielfach entlang einer Nord-Süd-Achse: Im Zentrum stehen das Heilige Römische Reich und Italien. Daneben tritt eine Verlängerung nach Westen, die Frankreich und auch England umfasst. Eher am Rande des Interesses bleiben in der Regel die iberische Halbinsel und Skandinavien ebenso wie die Gebiete östlich der Reichsgrenzen. Dabei ist zu differenzieren: Böhmen wird oft im Zusammenhang des Reichs betrachtet. In den letzten Jahrzehnten wurden auch Polen und das Baltikum in ihren Bezügen zum Reich und im Sinne einer Ostseegeschichte verstärkt in den Blick genommen. Was südöstlich der Reichsgrenzen liegt, bleibt hingegen meist terra incognita.
Hier liegt der Schwerpunkt dieses Buches: Unsere Perspektive auf das mittelalterliche Europa richtet sich auf den Südosten Europas; der Verlauf der Donau dient dabei der groben räumlichen Orientierung. Damit fokussieren der hier gewählte Ausschnitt und seine Binnendifferenzierungen auf historische Räume, die ‒ wenn auch in unterschiedlicher Dichte ‒ über den gesamten Beobachtungszeitraum zahlreiche Bezugspunkte aufweisen. Der geographische Bogen wird gespannt vom südlichen Bayern und Salzburg, den österreichischen Ländern und dem heutigen Slowenien; Böhmen und Mähren, über Ungarn, Dalmatien und Kroatien, dem heutigen Bulgarien und Rumänien; Serbien, Bosnien und Albanien, bis zu den mittelalterlichen Kreuzfahrerstaaten in Griechenland sowie der frühen osmanischen Herrschaft auf dem Balkan. [<<20]
Die Darstellung verbindet den Südosten des mittelalterlichen römisch-deutschen Reichs mit dem pannonischen Becken und dem westlichen Schwarzmeerraum. Die Donau bildet den einzigen schiffbaren Strom im südöstlichen Europa und ist gleichzeitig Grenze und Verbindung. So stellte sie kein Hindernis für die bis in das späte Mittelalter andauernden Wanderungsbewegungen aus der Steppenzone in Richtung Balkan dar. Die untere Donau ist bis in das 14. Jahrhundert Grenz- und Begegnungsraum von Steppenreichen, Byzanz und dem im 9. Jahrhundert christianisierten Bulgarien. Nördlich der Donau reichen die Gebiete bis südlich und östlich der Karpaten in die Walachei und die Moldau. Dies sind traditionelle Durchzugszonen, in denen stabile regionale Herrschaften erst nach 1300 entstanden, in Abgrenzung zu, aber zugleich in steter Verbindung mit Ungarn und Polen. Im Süden sind weite Teile des Balkans zur Donau hin ausgerichtet, in welche die wichtigsten Flüsse der Region münden. Zwischen Donau und Save, Adria, Ägäis und Schwarzem Meer liegt der eigentliche Balkan; seit dem 9. Jahrhundert kann er mit Dimitri Obolensky als „byzantinisches Commonwealth“ bezeichnet werden, als Raum byzantinischer Kulturprägung, und das heißt in erster Linie Orthodoxie und Übernahme byzantinischer Kulturmuster zumeist in der kirchenslawischen Liturgie- und Kultursprache. Schon die antike Geographie hatte den Balkan als räumliche Einheit begriffen (Haemushalbinsel).
Der in diesem Buch behandelte Donau-Balkan-Raum bildet eine Betrachtungseinheit, einen Betrachtungsraum. Diesen prägen gewisse gemeinsame Merkmale, deren Untersuchung eine neue Perspektive auf die mittelalterliche europäische Geschichte eröffnet.
Das Erbe der Alten Welt
Weite Teile unseres Betrachtungsraumes gehören zur Alten Welt, d. h. zum antiken Römischen Imperium. In der Alten Geschichte zieht er im Vergleich zu Italien, Gallien oder Spanien verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit auf sich. Im Frühmittelalter erfolgten durch die Veränderung der sprachlich-kulturellen Landkarte durch Germanen, Slawen und Awaren unterschiedlich starke Brüche zur Alten Welt, im Inneren des Balkans stärker als im Alpenbogen. Doch dehnte sich seit dem 9. Jahrhundert der Einfluss der beiden Nachfolgereiche des römischen Imperiums, Byzanz und des Frankenreichs, politisch wie kulturell wieder in den Raum zwischen dem heutigen Österreich und dem Südwestrand des Schwarzen Meeres aus. Seit dem frühen [<<21] 15. Jahrhundert übernahm das Osmanische Reich das strategische Erbe von Byzanz als Vormacht im Süden unseres Betrachtungsraumes, während die Habsburger in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Nordwesten und Norden als eigenen Machtraum organisierten.
Grenzen sind nicht statisch. Wie sich die einst provinzial-römische Welt in neue Raumeinheiten auflöste, wurden diese wiederum mit Gebieten verbunden, die zuvor nicht römischer Verwaltung unterstanden hatten: das alte Noricum etwa mit den böhmischen Ländern, die untere Donau mit den nordpontischen Gebieten (Nordküste des Schwarzen Meeres). Dieser geschichtlichen Dynamik unseres Betrachtungsraumes werden die räumlichen Schwerpunkte der Darstellung angepasst. Aufgrund der gewählten mittel-/südosteuropäischen Perspektive werden allerdings manche Gebiete, die ‒ wie etwa Polen ‒ in anderen Konzeptionen Kerngebiete Ostmitteleuropas sind, hier gegenüber Gebieten wie Dalmatien weniger intensiv behandelt.
Religiöse Diversität
Nicht nur die politische und kulturelle Überschichtung durch überregionale Großreiche kennzeichnen unseren Betrachtungsraum. In einem komplizierten Wechselspiel von Abgrenzung und Begegnung bildete sich zudem eine Grenzzone zwischen römisch-„katholischer“ und „orthodoxer“ Kirche heraus. Jenseits aller zumeist vereinfachenden Absolutsetzungen von Kulturgrenzen, denen es oft an historischer Tiefe mangelt, ist die allmähliche Herausbildung von maßgeblichen Differenzen unterschiedlich konfessionell geprägter Lebensformen eine der wesentlichen langfristigen Entwicklungen der mittelalterlichen Geschichte unseres Betrachtungsraumes. Andererseits gibt es eine Vielfalt von Verbindungen und Übergangsformen in konfessionellen Überlappungsgebieten wie etwa dem heutigen Albanien. Zudem bildet unser Betrachtungsraum bis ins Spätmittelalter das Zielgebiet eurasiatischer Wanderungsbewegungen und Herrschaftsbildungen, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit dem Mongolenreich einen Höhepunkt erreichten.
Periodisierungen
Die zeitliche Abgrenzung des Mittelalters – das Ende des Römischen Reichs zum einen, der Fall Konstantinopels 1453 oder die Entdeckung Amerikas 1492 zum anderen – scheinen klare zeitliche Wegmarken darzustellen. Doch war es in der Forschung keineswegs unstrittig, ob das Ende des Römischen Reichs einen tiefen Bruch hervorrief oder ob nicht vielmehr von einem allmählichen Übergang zu [<<22] sprechen ist (→ Kap. 2.2). Blickt man noch genauer hin, wird deutlich, dass allzu eindeutige Interpretationen kaum für unseren gesamten Betrachtungsraum zutreffen: Noricum an der oberen und mittleren Donau und die zentralbalkanischen Gebiete des antiken Römischen Reichs haben sehr unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen.
Ähnlich heterogen stellt sich die Lage für den Abschluss der osmanischen Eroberungen auf dem europäischen Kontinent dar. Während das Jahr 1526 (als in der Schlacht bei Mohács das ungarische Königtum geschlagen wurde, die Habsburger die ungarische Krone nominell übernahmen und die Osmanen ihre Herrschaft im pannonischen Becken etablierten) im Westen des gewählten räumlichen Ausschnitts für die ungarische und österreichische Geschichte einen maßgeblichen historischen Einschnitt darstellt, begann dieser Prozess an seinem östlichen Ende bereits mehr als 150 Jahre vorher: Als Symboldatum gilt die Festsetzung der Osmanen in Gallipoli/Gelibolu an den Dardanellen (1354).
Dazwischen liegen also eineinhalb Jahrhunderte unterschiedlich „dichter“ osmanischer Herrschaft mit ebenso unterschiedlichen Auswirkungen, nicht zuletzt auf die Überlieferung. Während für Byzanz, die orthodoxen Balkanstaaten und auch Ungarn zwischen dem späten 14. und dem frühen 16. Jahrhundert das Mittelalter endet, beginnt es anderswo erst im 14. Jahrhundert. Diese Ungleichzeitigkeit verdeutlicht die Fragwürdigkeit einer ganz Europa umfassenden und damit nivellierenden Begrifflichkeit. Denn im Falle der rumänischen Geschichtsbetrachtung beginnt das Mittelalter wesentlich mit der Bildung eigener Herrschaften südlich und östlich der Karpaten (ca.1330‒ca.1360) in der Walachei und der Moldau, die sich aus dem zerfallenden Reich der mongolischen Horde sowie dem ungarischen Einfluss lösten. Mit der Herrschaftsbildung beginnt auch eine eigene Schriftlichkeit in Fürstenkanzleien. Rumänische Historiker betrachten die Epoche bis zur Einsetzung griechischer Fürsten aus Konstantinopel (sog. Phanarioten) als Mittelalter – ein Mittelalter, das im 14. Jahrhundert anhebt und 1711 symbolisch ein Ende findet.
Ebenso wenig geeignet ist der westliche Mittelalterbegriff auch für die osmanische Geschichte, demzufolge deren Anfänge im südosteuropäischen Spätmittelalter liegen: Anfang und Ende fallen hier zeitlich zusammen. Das uns vertraute Mittelalter endet also nicht [<<23] nur in der Zeit, sondern auch im Raum. Genauso wenig wie die zeitlichen Grenzen klar festzulegen sind – Daten bieten nur symbolhafte Orientierung – ist dies im Raum möglich. Unser Betrachtungsraum kennzeichnet sich gerade durch die Verdichtung dieser raum-zeitlichen Ambivalenz.
Standort und Perspektive
Geschichtsschreibung ist immer kontextgebunden und perspektivisch. Sie wird immer vom Standort der Betrachtenden aus erzählt. Das gilt für die moderne Geschichtsschreibung und ihre akademischen Ausformungen im Wissenschaftsbetrieb ebenso wie für den Umgang mit Vergangenheit in der Überlieferung selbst. Da wie dort werden Teile dieser Standortgebundenheit reflektiert, andere fließen unbewusst oder zufällig in die Überlieferung ein. Die Wahl eines Standorts aber ist Voraussetzung für die Konstruktion der Perspektive. Wie bei jeder Wahl einer Perspektive werden dabei manche Phänomene weniger beleuchtet als andere oder geraten an den Rand des Blickfelds.
In diesem Buch dient der Standort Wien zwar nicht als Zentrum, aber sehr wohl als einer von mehreren Ausgangspunkten der Betrachtung (→ Kap. 1.3). Diese Wahl hat gewiss mit unserer akademischen Verortung zu tun. Diese allein würde das Vorgehen aber nicht rechtfertigen. Wer eine südöstliche Perspektive auf das europäische Mittelalter wählt, kommt an der Bedeutung Wiens für die Forschungsgeschichte nicht vorbei. Diese wird im ersten Kapitel genauer erläutert. Hier nur so viel: Für Generationen von Mediävisten und Mediävistinnen, die sich mit dem skizzierten Zeit-Raum befassten, war Wien seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein wesentlicher Ort der Ausbildung, Anregung, aber auch der politischen Reibung. Polen, Tschechen und Ungarn, besonders aber Serben, Bulgaren, Albaner und Rumänen, Kroaten und Slowenen studierten in Wien – Frauen waren allerdings erst ab 1897, und zunächst nur an der philosophischen Fakultät zum Studium zugelassen – und nahmen wichtige Anstöße mit in ihre Herkunftsgebiete, wo sie in den politischen, sozialen und religiösen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts in unterschiedlicher Weise weiterentwickelt wurden.
Im Rahmen des – trotz zunehmender nationaler Konflikte – ganz Europa umfassenden Geflechts von wissenschaftlichen Kontakten und Formen des Austausches war Wien keinesfalls der einzige Bezugspunkt der akademischen Eliten aus den genannten Ländern: Berlin, [<<24] Leipzig und Paris zogen ebenfalls und oftmals mehr Studierende aus Mittel- und Südosteuropa an als Wien. Die Wahl eines anderen Standorts als Ausgangspunkt wäre daher ebenso legitim wie möglich; sie wurde in entsprechenden wissenschaftshistorischen Fallstudien auch getroffen. Für die hier in den Blick genommenen Räume und ihre Entwicklung war allerdings Wien einer der wichtigsten Zentralorte der europäischen Mittelalterforschung.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund kann eine Geschichte der Überlieferung daher im doppelten Sinn nicht „unschuldig“ sein. Sie muss immer danach fragen, was von konkreten Quellen erwartet werden darf – in ihrem spezifischen historischen Kontext, mit ihren Chancen auf Überlieferung, aber auch durch Zufälle, welche sie vielleicht wider Erwarten bewahrt haben. Gleichzeitig müssen sich Historikerinnen und Historiker ebenso ihrer eigenen Erwartungshaltungen bewusst sein. Nicht einmal die „ideale“ Überlieferungslage bildet Geschichte ab, denn die Quellen sprechen nur, wenn man Fragen an sie richtet, und von den Fragen hängen ihre Antworten ab. Umgekehrt haben die Quellen gemäß einem berühmten Diktum von Reinhart Koselleck ein „Vetorecht“: Historische Interpretationen dürfen nicht „gegen“ die Überlieferung oder an ihr vorbei erfolgen. Was zu Beginn des 21. Jahrhunderts vielleicht eine wissenschaftstheoretische Selbstverständlichkeit ist, war gerade hinsichtlich der Geschichte der wissenschaftlichen Quellenerschließung und -bearbeitung lange keine.
Die ungeheuer verdienstvollen monumentalen Quellensammlungen, -editionen und -dokumentationen des 19. und 20. Jahrhunderts, die vielfach bis heute die Basis historischen Arbeitens darstellen, dienten gleichzeitig maßgeblich der Konstruktion und Legitimation jener entstehenden Nationalstaaten, in deren Kontext sich auch die akademischen Wissenschaften entwickelt haben. Dementsprechend wurde die Objektivität der Überlieferung zuweilen für scheinbar unparteiische, oft jedoch auch für offen politische Zwecke nachdrücklich bemüht.
Aber auch Geschichtsregionen, die bewusst nationale Grenzen überschreitend gedacht werden, entstehen als historische Konstrukte in einem Kontext, dessen außerwissenschaftliche Dimension verdeutlicht werden muss. Die Konstruktion historischer Räume – ob nun Nationalstaaten, deren Geschichte weit in die Vergangenheit projiziert wird, oder Großregionen wie Mittel- und Südosteuropa – [<<25] kann als Akt wissenschaftlicher und auch politischer Machtausübung verstanden werden.
„Mittel“- und „Südosteuropa“: eine überlieferungsgeschichtliche Perspektive
Der Begriff „Südosteuropa“ etwa wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Wiener Slawisten, Geographen und Diplomaten entwickelt und diente der räumlich-kulturellen Strukturierung der an das Habsburgerreich angrenzenden europäischen Provinzen des damaligen Osmanischen Reichs. In dieser Region verfolgte die Donaumonarchie bis zu ihrem Ende 1918 weitreichende außenpolitische Interessen. Außenpolitik und historische Forschung verliefen oft parallel, bisweilen in Personalunion repräsentiert von Historiker-Diplomaten. In der so konstruierten Region wurde der Begriff „Südosteuropa“ im 20. Jahrhundert als neutralere Begriffsvariante zum oftmals als negativ belastet empfundenen Terminus „Balkan“ verwendet und schließlich in die Begrifflichkeit der Vereinten Nationen aufgenommen. Der Blick von außen und die Wahrnehmung von innen können in einer derart konstruierten Geschichtsregion durchaus konvergieren, sie müssen es aber nicht.
Ähnliches gilt für den Begriff „Mitteleuropa“, der im Ersten Weltkrieg den Expansionsraum der verbündeten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn umschrieb, aber auch zur Erfassung der kulturell vielfältigen Gebiete des Heiligen Römischen Reichs verwendet werden kann. Umso wichtiger ist es, beide Blickweisen sichtbar zu machen. In diesem Buch geschieht dies auch dadurch, dass Autorinnen und Autoren sowohl aus den Ländern unseres Betrachtungsraumes wie auch außerhalb desselben zu Wort kommen. Geschichtsräume sind nicht statisch; auf ihre möglichen ideologischen Konnotationen ist hinzuweisen. Sie sind aber sinnvolle räumliche Betrachtungseinheiten, die helfen, die weit anachronistischere Konstruktion vermeintlich linearer Nationalgeschichten zu vermeiden.
Aktualität des Mittelalters
Ein Wort noch zu den gegenwärtigen Bedeutungen des „Mittelalters“ in diesem Raum: Sie sind, wie vieles in unserer Betrachtungseinheit, nicht auf einen schlichten Nenner zu bringen. Mittelalterwellen, Mittelalternostalgie, sommerliche Turnieraufführungen und Computerspiele zu mittelalterlichen Themen dominieren im Westen unseres Betrachtungsraumes. In vielen Gesellschaften Südosteuropas besitzt die Epoche bis in die Gegenwart aber auch eine politische Dimension: Die Begründung von Eigenstaatlichkeit und Gebietsansprüchen wird aus [<<26] der mittelalterlichen Geschichte abgeleitet, ebenso wie Vorstellungen nationaler Größe und nationaler Selbstvergewisserung. Mittelalterliche Geschichte findet also nicht nur zwischen oftmals trivialisiert-kommerzialisierter Verwendung und wissenschaftlicher Forschung statt, sondern ist auch Teil eines politischen Feldes. Daher widmen wir uns im ersten Kapitel dieses Buches etwas ausführlicher einer wissenschaftsgeschichtlichen Verortung der Mediävistik in diesem Raum.
Aufbau der Darstellung
Die diesem ersten wissenschaftshistorischen Kapitel folgenden drei Abschnitte verschränken chronologische, geographische und soziale wie kulturelle Aspekte der Überlieferung. Vor dem Hintergrund der soeben umrissenen Periodisierungsprobleme folgen sie erstens pragmatisch einer groben zeitlichen Gliederung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter, die in der deutschsprachigen Mediävistik üblich ist. Die breite räumliche Perspektive macht den Charakter einer solchen Einteilung nur als Hilfsmittel zur Orientierung – und nicht mehr – besonders deutlich.
Logik der Überlieferung
Sie wird daher zweitens ergänzt und verschränkt mit einer Einführung in die sozialen Räume und kulturellen Milieus, in denen in jedem dieser Zeiträume tendenziell die umfangreichste oder eine deutlich ansteigende Überlieferung zu verzeichnen ist, sowie besonders gute Chancen ihres längerfristigen Bestandes. Das ist für das Frühmittelalter die Kirche als wichtigste Überlieferungsträgerin. Im Hochmittelalter hat die urkundliche Überlieferung auch für die Rechts- und Verwaltungspraxis weltlicher Herrschaftsträger zunehmenden Anteil an der Überlieferung, ergänzt durch die Vielzahl von Objekten schriftlicher, bildlicher und materieller Kultur, die Zeugnis von höfischer und adeliger Repräsentation geben. Im Spätmittelalter kann Stadtentwicklung als paradigmatisch für den enormen Anstieg an zunehmend organisierter pragmatischer Schriftlichkeit und vergleichbaren materiellen Überlieferungsformen gelten.
Auch diese Typologie versteht sich in erster Linie als grobe Orientierungshilfe: Selbstverständlich sind im geistlichen Milieu entstandene Quellen über weite Strecken auch im Hoch- und Spätmittelalter dominant, doch im Zeitraum davor sind sie gemeinsam mit den spärlichen historiographischen Nachrichten aus dem Betrachtungsraum bzw. der fränkischen, langobardischen und byzantinischen Geschichtsschreibung über ihn oft die einzige erzählende Überlieferung. [<<27] Selbstverständlich gibt es auch im Frühmittelalter bereits Urkunden. Sie sind maßgeblich für die Etablierung eines robusten raum-zeitlichen Gerüsts. Richtiggehende Urkundenlandschaften entstehen allerdings in den meisten Regionen erst im Hochmittelalter, wo sie ihrerseits zur Konstituierung des Raumes beitragen. Selbstverständlich gab es pragmatische Schriftlichkeit bereits in den gut organisierten Reformorden des 12. und 13. Jahrhunderts und zunehmend auch in fürstlichen Kanzleien. Die systematische und serielle Überlieferung, die teilweise sogar vorsichtige quantitative Auswertungen möglich macht, ist allerdings besonders charakteristisch für die spätmittelalterliche Stadtkultur.
Die Orientierung an der Logik der Überlieferung und deren zunehmende Dichte, die sich nicht zuletzt in den Proportionen der Kapitel widerspiegelt, ist ungewohnt und liegt teilweise quer zum gewohnten chronologischen Aufbau von Überblicksdarstellungen, der als Rahmen auch diesem Buch zugrunde liegt. In allen Abschnitten werden wir daher zusätzlich zu Überblicksdarstellungen zur Forschungssituation besonderes Augenmerk auf die Diskussion solcher Überlappungen und auf vergleichende Differenzierungen legen.
Fallstudien
Das dritte Strukturprinzip der Darstellung ist jenes der exemplarischen Fallstudien, für die wir teilweise auf die Expertise von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fächern und mit spezifischen Sprach- und Materialkenntnissen zurückgreifen, um der räumlichen und damit auch sprachlichen Heterogenität der Überlieferung in Mittel- und Südosteuropa Rechnung zu tragen. Eine einführende Darstellung wie diese kann dabei nicht enzyklopädisch, sondern nur exemplarisch vorgehen, um die Vielfalt und Komplexität der Gegenstände auch methodisch fassbar zu machen.
Ein kulturhistorischer Zugang zu historischen Quellen fokussiert auf das „Wie“ und „Warum“ ihrer Herstellung, Rezeption und Zirkulation im Kontext von sozialen Lebensformen und kulturellen Vorstellungen. Der Aufgabe einer vergleichenden einführenden Darstellung als Wegweiser oder Orientierungshilfe gerecht zu werden, erfordert daher Schwerpunktsetzungen. „Exemplarisch“ ist angesichts der unterschiedlichen Größenordnungen der vorhandenen Überlieferung daher weniger im Sinn von „repräsentativ“ zu verstehen, sondern mit einem weiteren Begriff von Arnold Esch (1985) als „maßstäblich“: [<<28]
Wie lässt sich die jeweils präsentierte Überlieferung im Vergleich einordnen? Frühe erzählende Quellen wie die Lebensbeschreibung des Hl. Severin aus dem 6. Jahrhundert oder jene der Hl. Method und Kyrill, die dreihundert Jahre später geschrieben wurden, sind für den jeweiligen Überlieferungsraum singulär, während es vergleichbare Quellen im Westen und Süden des ehemaligen Römischen Reichs in deutlich größerer, aber immer noch überschaubarer Zahl gibt und die Überlieferung von Heiligenviten ab dem 12. Jahrhundert sprunghaft anwächst. Aber auch hier ist die räumliche Verteilung im Betrachtungsraum sehr ungleichmäßig. Am eindrücklichsten ist in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Gegensatz zwischen Papst Innozenz III. und dem bulgarischen Patriarchen Visarion. Während für das Oberhaupt der römischen Kirche eine enorme Fülle an Urkunden und Registereinträgen erhalten ist, wissen wir von der Existenz seines kirchlichen Gegenübers nur durch eine kurze Inschrift und ein zufällig überliefertes Siegel (Abb 1). Umfasst das niederösterreichische Urkundenbuch insgesamt über 150 Urkunden in 36 Gruppen bis zum Jahr 1076, das babenbergische Urkundenbuch einige hundert Stück bis 1246, und verzeichnen die Regesten der Bischöfe von Passau für denselben Zeitraum knapp 2000 Dokumente, so gibt es in Bulgarien oder den rumänischen Fürstentümern Walachei und Moldau bis ins 14. Jahrhundert aus unterschiedlichen Gründen (Urkundenverlust, spätes Einsetzen der Urkundenausstellung) nur einige wenige Einzelstücke.

Abb 1 Siegel des Patriarchen Visarion, Siegelabbildung revers, 13. Jahrhundert. [Bildnachweis] [<<29]
Ein letztes Beispiel: Um 1200 bildeten europäische Städte wie Rom oder Paris mit fünfstelligen Einwohnerzahlen die Ausnahme. Dazu gehörte auch Venedig, für das in dieser Zeit rund 70.000 Einwohner angenommen werden. Ebenso hat das dichte Städtegeflecht der italienischen Halbinsel oder der spätmittelalterlichen Hanse-Kultur an Nord- und Ostsee keine Entsprechung in Mittel- und Südosteuropa. „Große“ Städte wie Wien oder Prag hatten bis 1500 zwischen 10.000 und 25.000 Einwohner, durchschnittliche Mittel- und Kleinstädte zwischen 2000 und 5000, oft auch weniger. Dalmatien, der westliche Küstensaum Südosteuropas mit einer teilweise noch aus römischer Zeit stammenden Stadtkultur, hatte keine Stadt mit mehr als 10.000 Einwohnern. Selbst die im 15. Jahrhundert blühende Stadtrepublik Dubrovnik/Ragusa, die den Balkanhandel beherrschte und Handelsschiffe bis in das westliche Mittelmeer sandte, gehörte im europäischen Vergleich bestenfalls zu den mittelgroßen Städten. Konstantinopel, die bevölkerungsreichste Stadt Südosteuropas, hatte um 1450 mit zwischen 30.000 und 40.000 Einwohnern einen demographischen Tiefstand erreicht und wurde nach der Eroberung durch Sultan Mehmed II. (1453) u. a. durch gezielte Deportationen aus den Provinzen des Osmanischen Reichs besiedelt.
Die exemplarische Vorstellung einzelner Überlieferungsträger wird daher, wo immer das möglich ist, vergleichend diskutiert, um die Relevanz und Repräsentativität oder eben die Besonderheit der vorgestellten Beispiele deutlich zu machen. Sie werden zudem mit den entsprechenden Verweisen auf einschlägige Handbücher und Forschungsliteratur jeweils in den zeitlichen und räumlichen Kontext eingeordnet. Gleichzeitig werden „weiße Flecken“ auf der Landkarte der Quellenerschließung ebenso sichtbar gemacht wie das Fehlen eines Vergleichsrahmens, wo dies der Fall ist. Schließlich sollen einige Fallbeispiele bewusst konkrete methodische Vorgangsweisen sichtbar machen, mit denen unterschiedliche Fachwissenschaften an ihre Gegenstände herangehen.
Eine kulturhistorische Perspektive
Prägend für das mittelalterliche Europa in seinem allmählichen und „ungleichzeitigen“ Werden waren eine Reihe komplex verflochtener Faktoren. Zwei davon, die – wenn auch vielfach gebrochen – nachhaltig wirksam werden sollten, sind das Christentum und die Auffassung von der sozialen Welt als durch das Prinzip der Ungleichheit [<<30] strukturiert. Man stellte sich die Menschen in Stände hineingeboren vor, die Lebensformen und -chancen wie Handlungsmöglichkeiten maßgeblich bestimmten. Selbstverständlich muss man solche Aussagen umgehend wieder einschränken. Denn das Christentum setzte sich nur allmählich und regional sehr unterschiedlich „tief“ durch, wurde darüber hinaus in einem langen Prozess in einen katholischen „Westen“ und einen orthodoxen „Osten“ geteilt. In ganz Europa lebten im gesamten behandelten Zeitraum Angehörige nicht christlicher Religionen, besonders Juden und Muslime. So gehörten weite Teile unseres Raumes seit der osmanischen Eroberung zu einem Reich, in dem eine überwiegend muslimische Elite nach islamischen Staatsmodellen eine mehrheitlich christliche Bevölkerung beherrschte.
Ebenso sah die ständische Einteilung der Menschen in Geistliche, Krieger und Bauern, welche die Kirchenväter der lateinischen Spätantike prägten, schon in den frühmittelalterlichen Jahrhunderten viel komplexer aus. Geistlicher und adeliger Stand überschnitten einander und differenzierten sich, die bäuerliche Bevölkerung war je nach naturräumlichen und ökonomischen Gegebenheiten regional unterschiedlich stark abhängig. In Krisenzeiten stieg oft die soziale Mobilität, und die Ausbildung von Herrschaftszentren, Städten und Dörfern in Hoch- und Spätmittelalter schuf neue Formen der Zugehörigkeit und des gemeinschaftlichen Zusammenlebens ebenso wie eine verstärkte Binnendifferenzierung in diesen sozialen Räumen, deren Grenzen nach außen ihrerseits unterschiedlich durchlässig sein konnten.
Überlieferungschancen hängen maßgeblich von sozialen Aspekten ab. Wer Macht und Einfluss hat, wer sich ein Archiv bauen und es erhalten kann, wer der Erinnerung Stimme und Schrift verleihen kann, dessen Zeugnisse werden eher in die Geschichte eingehen als die von Angehörigen sozialer Unterschichten, manchmal auch von Randgruppen oder rechtlich nicht Gleichgestellten wie etwa Frauen. Die zumindest teilweise „Unsichtbarkeit“ dieser Gruppen in den Quellen liegt aber nicht nur in der Überlieferung selbst begründet, die meist die Perspektive der Sieger und der institutionell langfristig Erfolgreichen privilegiert. Sie hängt vielmehr auch davon ab, ob Historiker und Historikerinnen nach ihnen suchen. Es ist uns daher ein Anliegen, in der exemplarischen Diskussion vorhandener Überlieferung gerade auch solchen Personen und Gruppen Augenmerk zu schenken, die auf [<<31] den ersten Blick geringere Chancen haben, von Überlieferung und historischen Darstellungen – zumal im Überblick – berücksichtigt zu werden.
Selbstverständlich gilt auch hier, dass man sich darum bemühen muss, die Proportionalität der überlieferten Gegebenheiten methodisch nachvollziehbar zu machen. Der reichen Überlieferung dalmatinischer Küstenstädte und dörflicher Gemeinden im 14. und 15. Jahrhundert, die uns Einblicke in den Alltag der Menschen und in Facetten sozialer Beziehungen, in Ehestreitigkeiten und Wirtschaftsweisen, Gasthausraufereien und Handlungsstrategien gegenüber der venezianischen Obrigkeit erlaubt, stehen weite Gebiete im bosnischen oder serbischen Hinterland gegenüber, über die zu all diesen Themen nur vereinzelte oder gar keine Quellen erhalten sind. Warum das jeweils so ist und wie Historiker und Historikerinnen in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Nachbardisziplinen (Archäologie, Kunstgeschichte, Theologie und Kirchengeschichte, Philologien, Linguistik, etc.) versuchen, diese Probleme zu lösen, das sind Fragen konkreter methodischer Verfahren, die nicht zuletzt durch die – zu Unrecht so bezeichneten – historischen „Hilfs“-Wissenschaften laufend weiter entwickelt werden. Der Umgang mit Schriften, Inschriften und Handschriften (Paläographie, Epigraphik, Kodikologie) gehört dazu ebenso wie die Interpretation von Bildern, Wappen und Münzen (Ikonographie, Heraldik, Numismatik). Sie alle werden in den einzelnen Kapiteln im Sinn von Kulturtechniken ebenso wie als methodische und letztlich epistemologische Werkzeuge vorgestellt. [<<32]
1
1.1 „Moderne“ Wissenschaften und Nationen
Vom ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert, als sich in ganz Europa Rahmenbedingungen und Formen dessen ausprägten, was heute unter „moderner Wissenschaft“ verstanden wird, gehörten einige Gebiete unseres Betrachtungsraumes politisch zunächst noch zum Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reichs, der überwiegende Teil aber zu dem der Habsburgermonarchie. Ihr Zentrum Wien hatte daher in vielfacher Hinsicht Einfluss auf die wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Entwicklung der sich im 19. Jahrhundert formierenden „Nationen“, trotz und teilweise gerade wegen ihrer zunehmenden politischen Abgrenzung von diesem Zentrum.
Generell ist Europa im 19. Jahrhundert von zwei für unseren Gegenstand maßgeblichen und komplex verflochtenen Aspekten der politischen und wissenschaftlichen Entwicklung charakterisiert: Eine der vielen Antworten auf die napoleonischen Kriege und die konservative Restaurationspolitik der europäischen Großmächte bestand in zunehmenden nationalstaatlichen Bestrebungen. Diese entwickelten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa in Konkurrenz und Opposition zur imperialen Politik der heterogen zusammengesetzten Habsburgischen, Russischen und Osmanischen Reiche besondere Brisanz. Formen der politischen und sozialen Nationsentwicklung und die ihnen zugrunde liegenden Prozesse nationaler Identifikation benötigten ihrerseits Erzählungen, die eine „eigene“ – möglichst weit in die Vergangenheit zurück reichende – Geschichte propagierten.
Wissenschaft als Legitimationsinstanz
Solche nationalen „Meistererzählungen“ bedurften einer möglichst robusten Fundierung durch historische Belege. Quellenbasierte Geschichtsdeutungen hatten größere Autorität, wodurch wissenschaftliche Forschung in den entstehenden Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts eine herausragende Funktion als Legitimationsinstanz erhielt: Philologien, Sprach- und Geschichtswissenschaften, historische [<<33] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe Geographie und Archäologie und später auch „neue“ Fächer wie die Ethnologie erarbeiteten Materialgrundlagen und Methoden, mit denen die kategorialen Grundlagen dessen geschaffen wurden, was man als Basis einer „Nation“ verstand: eine gemeinsame Sprache und Herkunft, Geschichte und Kultur.
Die zunehmende Bedeutung nationaler Geschichtskulturen und deren Konkurrenz untereinander führten somit zu einer Aufwertung von Wissenschaft, deren Arbeits-, Organisations- und Vermittlungsformen. Dies resultierte in einem gewaltigen Schub der Institutionalisierung und Professionalisierung wissenschaftlicher Forschung.
Neue Sammlungen und Institutionen
Die Sammlung, Sichtung, Ordnung und Auswertung vor allem schriftlicher, aber auch materieller Überlieferung war bis dahin am Ort der Entstehung der Quellen selbst – in Klöstern, an Adelssitzen, in Städten und später in höfischen Sammlungen und Institutionen (in Wien etwa das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, die Hofbibliothek oder das Münz- und Antikenkabinett) erfolgt. Dort hatte sie jeweils einen besonders seit dem 18. Jahrhundert intensivierten Prozess der Verwissenschaftlichung im Sinn einer zunehmend geregelten methodischen Herangehensweise an die Gegenstände durchlaufen.
Im 19. Jahrhundert verschob sich der institutionelle Schwerpunkt durch die Aufhebung vieler geistlicher Institutionen einerseits und die Einrichtung neuer Akademien und universitärer Lehrstühle, Bibliotheken und Museen andererseits in Richtung zentraler Institutionen, wo unterschiedliche Überlieferungsformen (Handschriften, archäologische Funde, Toponyme, etc.) mit neu entwickelten Methoden erfasst, bearbeitet und analysiert wurden.
Landes- und Nationalmuseen
So wurden nach der Gründung des ungarischen Nationalmuseums 1802 ähnliche Institutionen in Berlin (1815), Lemberg (1817, heute in Breslau/Wrocław), Prag (1818), Agram/Zagreb (1821) und Laibach/Ljubljana (1821 Landesmuseum für Krain, 1921 slowenisches Nationalmuseum) gegründet, sowie das steiermärkische Landesmuseum Joanneum in Graz (1811) und das Ferdinandeum in Innsbruck (1823). Die methodische Ausdifferenzierung führte zur Abgrenzung wissenschaftlicher Disziplinen gegeneinander, wenn auch die jeweils individuellen Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit überregional bzw. international, die neuen Fachrichtungen übergreifend und durch persönliche Kontakte geprägt waren. [<<34]
Vereine und Gesellschaften
Ähnliche Tendenzen der organisierten Beschäftigung mit der Vergangenheit zeigten sich in der Gründung verschiedener Vereine und Gesellschaften auf regionaler und Landesebene. Ihre Träger waren ebenfalls oft Vertreter sozialer – adeliger und bürgerlich-gelehrter – Eliten, die sich ihrerseits zu Trägern des jeweiligen Landes- bzw. Nationalbewusstseins entwickelten. Staatlich-institutionelle und „private“ Initiativen waren zunächst eng miteinander verflochten, so wie die europäische Gelehrtenkultur durch ein dichtes Netz an personellen, intellektuellen und institutionellen Bezügen gekennzeichnet war.
Quellenerschließung und Editionen
Überall aber erforderte die umfassende Sammlung unterschiedlichster Überlieferung neue Organisationsformen der Quellenerschließung, allen voran in großen Editionsunternehmen. Die Tätigkeiten im Rahmen der bereits in den 1770er Jahren gegründeten, und damit ältesten gelehrten Vereinigung, der Königlich-Böhmischen Gesellschaft, sind dafür ebenso ein Beispiel wie das bis heute federführende Editionsunternehmen für mittelalterliche Schriftquellen, die Monumenta Germaniae Historica (MGH), das in der 1819 durch den Reichsfreiherrn Karl von Stein begründeten Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde seinen Anfang nahm. An der 1825 von Graf Széchenyi in Pressburg am damaligen Parlamentssitz gegründeten und geförderten Ungarischen Akademie der Wissenschaften (so genannt ab 1845) wurden ebenfalls früh Editionsprojekte durchgeführt. Die Praxis der systematischen Quellenerhebung, -kritik und -interpretation ging Hand in Hand mit der Etablierung von zunehmend spezialisierten begrifflichen Instrumentarien.
Neue Ausbildungsstätten
In diesem gesamteuropäischen Rahmen gewann die Universität Wien als wissenschaftliches Zentrum vergleichsweise spät jenes Profil, das sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts charakterisierte. Im Unterschied etwa zu den deutschen Ländern wurde hier zu Beginn des Jahrhunderts noch keine systematische Forschung oder Methodendiskussion betrieben. Der Lehrbetrieb war den obrigkeitsstaatlichen Prinzipien des Vormärz unterworfen. Erst das Revolutionsjahr 1848 führte zu grundlegenden Reformen durch die Zentralverwaltung und zu einer offeneren Haltung gegenüber der universitären Lehre und Forschung. Der staatliche Bedarf nach einer modernisierten Wissenschaftsverwaltung äußerte sich bereits zuvor im Beginn der [<<35] Universitätsreform (1847) und – in demselben Jahr – der Gründung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, als deren erste Einrichtung die Historische Kommission mit ihrer Arbeit begann und bald maßgebliche Editionsreihen wie die Fontes rerum Austriacarum etablierte. Seit 1848 konnten österreichische Gelehrte und Institutionen auch formell Mitglied der MGH sein. 1854 wurde schließlich nach dem Vorbild der Pariser École des Chartes (1821) das Institut für österreichische Geschichtsforschung (IÖG) gegründet.
Nationalgeschichte der Habsburgermonarchie?
All diese Initiativen sind nicht nur Antwort auf bildungs- und verwaltungspolitische Defizite, sondern sie reagierten auch auf die grundlegenden Schwierigkeiten der Habsburgermonarchie und ihres Zentrums, ein integratives nationalstaatliches Geschichtsbild zu etablieren. Um eine forschungsbasierte „Nationalgeschichte“ im Sinn einer habsburgischen Gesamtstaatsgeschichte ging es einem der bekanntesten Vertreter der Reformpolitik, dem aus Prag stammenden Juristen, Bildungsbeamten und ab 1861 Unterrichtsstaatssekretär Josef Alexander Helfert. 1853 veröffentlichte er in Prag seine Schrift Über Nationalgeschichte und den gegenwärtigen Stand ihrer Pflege in Oesterreich, die programmatisch für die habsburgische Wissenschaftspolitik war. Der mit der Gründung des IÖG verbundene politische Auftrag bestand daher in Helferts Sinn in einer wissenschaftlichen Ausbildung und Forschung, die das Verständnis einer habsburgischen Gesamtstaatsgeschichte begründen, aufbauen und vermitteln sollten.
Hilfswissenschaftliche Mediävistik in Wien
Betrafen also zunächst die Aufgaben des IÖG sowohl Geschichtsforschung als auch Geschichtsdarstellung, so verschob sich der Schwerpunkt von Beginn der praktischen Arbeit an auf die Forschungsaspekte, und hier wiederum fokussiert auf mediävistisch-hilfswissenschaftliche Studien. Maßgeblich prägte diese Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der aus Sachsen berufene Institutsleiter Theodor von Sickel (1869–1891), unter dem das IÖG sein primär an der Urkundenforschung (Diplomatik) des Mittelalters orientiertes Profil entwickelte. Das Sickel’sche paläographisch-diplomatische Ideal der „peinlich exakten Methode“ wurde nicht zuletzt vor dem Hintergrund zeitgenössischer naturwissenschaftlicher Modelle neben der Urkundenforschung auch auf andere Gegenstände mittelalterlicher Überlieferung und ihre Erforschung angewandt (z. B. Numismatik, Heraldik, Sphragistik). [<<36]
Die zunehmende methodische Spezialisierung und die Konzentration auf die hilfswissenschaftlichen Aspekte der Geschichtsforschung an Quellen zur Geschichte des Mittelalters begründeten letztlich den Erfolg dieser Institution und ihren nachhaltigen Einfluss zunächst auf die österreichische Forschungslandschaft und bald auch in Mittel- und Südosteuropa. Diese spezifische Forschungspraxis und das – mit wenigen Ausnahmen – Fehlen von Bemühungen um umfassendere Geschichtsdarstellungen gingen Hand in Hand mit einer tendenziell unpolitischen Haltung eines großen Teils der Institutsangehörigen.
1.2 Nationale Geschichtsbilder
Während sich aber gleichzeitig das Problem des Fehlens eines gesamtstaatlich-nationalen Geschichtsbildes für das habsburgische Zentrum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch politisch weiter verschärfte – einerseits durch den endgültigen Verlust einer politischen „groß-deutschen“ Option unter habsburgischer Führung spätestens mit Ende des deutschen Bundes (1866) und andererseits durch den „Ausgleich“ mit Ungarn (1867) – entwickelten sich in demselben Zeitraum die nationalen Narrative der einzelnen Länder der Monarchie unter den Schlagworten des „nationalen Erwachens“ bzw. der „nationalen Wiedergeburt“. Hier wiederum gingen methodische Spezialisierung und disziplinäre Verfestigung Hand in Hand mit der Entwicklung identitätsstiftender nationaler Geschichtsbilder, die ihrerseits in neu gegründeten nationalen Institutionen in den jeweils eigenen Sprachen und ebenfalls mit einem zunehmend verfeinerten methodischen Handwerkszeug effektiv wurden.
Die Verflechtungen der wissenschaftlich-institutionellen und politischen Entwicklungen im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg und teilweise auch darüber hinaus machen deutlich, wie eng methodische und inhaltliche Fortschritte in der Forschung und ihre politische Instrumentalisierung verflochten sein konnten – aber dies nicht notwendigerweise sein mussten. Eines der charakteristischen Momente, die diesen Zeitraum kennzeichnen, ist die Spannung zwischen vielfältigen historischen Meistererzählungen (v. a. weit in die Vergangenheit zurück reichenden Gründungsnarrativen) und der [<<37] zunehmend national orientierten Konkurrenz beim Versuch ihrer möglichst umfassenden Fundierung in der Überlieferung in einem Raum intensiver akademisch-methodischer Kommunikation.
Angesichts des weitgehenden Fehlens schriftlicher Quellen für die jeweiligen Frühgeschichten der entstehenden Nationen kam der Entwicklung kritischer Methoden in philologischer, sprachwissenschaftlicher und linguistischer Forschung sowie der Archäologie eine herausragende Bedeutung zu. Wie auch für die Geschichtswissenschaft reichen die Anfänge einer intensivierten und zunehmend systematischen Beschäftigung mit diesen Gegenständen ins 18. Jahrhundert zurück.
Historisch-philologische Methodik in Prag
So beruht die monumentale Bibliotheca Slavica des böhmischen Theologen, Philologen und Slawisten Josef Dobrovský (1753–1829), der eine herausragende Rolle bei der Entwicklung der modernen tschechischen Schriftsprache spielte, auf Material der Wiener Hofbibliothek und des Prager Clementinums. Dieses Jesuitenkolleg ging nach Aufhebung des Ordens (1773) in die habsburgische Verwaltung über; 1781 ließ Maria Theresia dort die Nationalbibliothek errichten. Auf Dobrovskýs Werk und der in Wechselwirkung mit ihm verfeinerten historisch-philologischen Methode bauten im 19. Jahrhundert die wichtigsten Begründer eines sprachlich fundierten tschechischen Nationalbewusstseins auf, v. a. der Sprachwissenschaftler Josef Jungmann (1773–1847) mit seinem grundlegenden fünfbändigen tschechisch-deutschen Wörterbuch.
Panslawismus
Am politisch einflussreichsten wurde der Historiker František Palacký (1798–1876), dessen Dějiny národu českého v Čechách a v Moravě (Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren) im Revolutionsjahr 1848 erschien. Gemeinsam mit dem slowakischen Slawisten Pavel Jozef Šafárik (1795–1861) gilt er als Begründer des in den nationalen Auseinandersetzungen bedeutenden Konzepts des Panslawismus, das von einem gemeinsamen Ursprung und einer gemeinsamen Geschichte der slawischen Völker ausging. Šafárik, dessen internationales Profil in seinen Mitgliedschaften in der Königlich-Preußischen, der Bayerischen und seit ihrer Gründung 1847 der Wiener Akademie der Wissenschaften deutlich wird, arbeitete wiederum eng mit dem Slowaken Ján Kollár (1793–1852) zusammen, der als erster Professor für slawische Archäologie die Universität Wien zu einem wichtigen Zentrum für diesen Gegenstand machte. [<<38]
Archäologie in Ungarn
Archäologische Funde und ihre unterschiedliche Interpretation in Hinblick auf die historische Kontinuität der einzelnen konkurrierenden Nationen der Habsburgermonarchie führten ebenfalls zu steigender systematischer Sammlung und methodischer Spezialisierung der Analyse der Überlieferung. Slawisch- und rumänisch-sprachige Minderheiten standen mit ihren Auslegungen besonders nach dem Österreichisch-Ungarischen „Ausgleich“ von 1867 dem Gründungsmythos der ungarischen Mehrheit gegenüber.
Für diese war die ungarische Landnahme ein Schlüsselereignis, das 1896 anlässlich seines „Millenniums“ als Ereignis von herausragender nationaler Bedeutung gefeiert wurde. Archäologische Argumentationen wurden dabei politisch in Dienst genommen, während gleichzeitig der Archäologe József Hampel (1849–1913), Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften, die erste umfassende fachwissenschaftliche Studie der sogenannten „Landnahmezeit“ vorlegte. Bereits zuvor hatte sich der Linguist Pál Hunfalvy (1810–1891) in seiner Magyarország ethnographiája (Ethnographie von Ungarn, 1876/77) basierend auf neuesten philologischen und sprachwissenschaftlichen Methoden gegen biologistische Modelle nationaler Zugehörigkeit gewandt. Wenige Jahre später verfasste er den 5. Band des in Wien und Teschen herausgegebenen Werks Die Völker Österreich-Ungarns zu Ungarn, kurz darauf folgte eine Publikation zu den Rumänen. Trotz methodologischen Austauschs wurde in diesen Fragen weder kurz- noch mittelfristig ein inhaltlicher Konsens zwischen fachlichen und politischen Vertretern konkurrierender Narrative über die Vergangenheit gefunden.
Methodenlehre
Am Institut für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG), das sich gleichzeitig zu einem der zentralen Orte der Methodenlehre entwickelt hatte, fanden sie kaum Resonanz, wie man sich dort generell wenig für die nicht deutschsprachigen Länder der Habsburgermonarchie interessierte. Der Schwerpunkt lag klar auf der Erforschung und Edition mittelalterlicher Quellen. Hier bestanden vielfältige Kooperationen mit den Monumenta Germaniae Historica (MGH) in Berlin. Auch der inhaltliche Fokus lag auf der deutschen Geschichte, v. a. der mittelalterlichen Könige bzw. Kaiser sowie Italien und der Papstgeschichte, besonders in Verbindung mit dem 1881 gegründeten Österreichischen Institut in Rom. Eine Ausnahme bildete das Interesse an [<<39] der tschechischen Geschichtsschreibung zur böhmischen Geschichte, wie sie von Jaroslav Goll (1846–1929) in Prag vertreten wurde, einem der wichtigsten Vertreter der tschechischen Historiographie.
Mitteleuropäische Absolventen, europäische Karrierewege
Die Ausbildung in den handwerklichen Grundlagen zur Erforschung der Überlieferung zu deren jeweils „eigenen“ Geschichte erfolgte allerdings häufig in Wien als wichtigem Standort. Für das 1907 eingerichtete Seminar für osteuropäische Geschichte der Universität sowie das IÖG liegen einschlägige Darstellungen über die Absolventen in diesem Zeitraum vor. So besuchten bis zum Ersten Weltkrieg jeweils sechs Polen und Slowenen, 15 Ungarn und Deutsche aus Ungarn sowie 22 Tschechen und 13 Deutsche aus Böhmen und Mähren die Ausbildung am IÖG. Die Methodenrezeption in Südosteuropa erfolgte weniger über die historisch-hilfswissenschaftliche Ausbildung als über andere Institutionen (→ Kap. 1.3).
Exemplarisch ist etwa der europäische Karriereweg von Stanisław Krzyzanowski (1865–1917), der seine in Wien begonnenen paläographischen Studien später in Rom erweiterte und sich als erster Pole in Krakau in den historischen Hilfswissenschaften habilitierte und dort ab 1898 als Professor für dieses Fach und Geschichte des Mittelalters tätig war. Er und seine Schüler schrieben die wesentlichen ersten Werke zur polnischen Paläographie, Urkundenlehre und den historischen Hilfswissenschaften. Ein Beispiel für das Ende dieser formativen Periode der Wissenschaftsentwicklung ist der Slowene Milko Kos (1892–1972), der ab 1911 zuerst in Wien und dort auch am IÖG, nach dem Krieg an der Pariser École des Chartes studierte, sich 1924 in Belgrad für historische Hilfswissenschaften habilitierte und dann zunächst als Extraordinarius in Zagreb und ab 1926 als Professor für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Ljubljana tätig war, wobei er für beide Fächer eine maßgebliche Gründerrolle in Slowenien spielte und u. a. eine Geschichte der Slowenen im Mittelalter verfasste.
Gute Beispiele für die enge Verflechtung verschiedener wissenschaftlicher Tätigkeitsfelder bieten die ungarischen Teilnehmer an der Ausbildung am IÖG. Von ihnen wirkte etwa László Fejérpataky (1857–1923) sowohl als Professor an der Universität Budapest (ab 1895) als auch als Direktor der Bibliothek des Nationalmuseums. Auch der Spezialist für Heraldik und Sphragistik Gyula Schönherr (1864–1908) [<<40] war nach Studien in Wien am Nationalmuseum in Budapest tätig und habilitierte sich 1902 an der dortigen Universität. Árpád Károlyi (1853–1940) wiederum war nach seiner Wiener Ausbildung am dortigen Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHStA) beschäftigt, bevor er sich 1880 in Budapest habilitierte, jedoch einen Ruf auf einen dortigen Lehrstuhl ablehnte und von 1909–1913 als Direktor des HHStA tätig war.
Prag – Berlin – Wien
Die meisten Absolventen der Wiener historischen Ausbildung waren Tschechen bzw. Deutsche aus Böhmen und Mähren. Jene unter ihnen, die sich in den historischen Hilfswissenschaften spezialisierten, studierten zu einem großen Teil in Wien, von den Deutschsprachigen vermutlich alle.
Die Prager Carolo-Ferdinandea war 1882 in die k. k. böhmische Karl-Ferdinands-Universität und die k. k. deutsche Karl-Ferdinands-Universität geteilt worden. Zwischen letzterer und den deutschsprachigen Universitäten in Wien und Berlin gab es in den letzten Jahrzehnten der Monarchie enge wissenschaftliche Beziehungen sowie einen intensiven Austausch von Gelehrten. An der tschechischen Karlsuniversität spielte der Archivar und seit 1887 Ordinarius für Hilfswissenschaften Josef Emler (1836–1899) eine zentrale Rolle, besonders für die Editionstechnik. Seine Schüler absolvierten ihrerseits häufig die Wiener Ausbildung, unter anderem die Gründer der Schule für Urkundenforschung in Brünn.
Parallel zur Intensivierung der nationalen Geschichtsnarrative und der Ausprägung nationalsprachlicher Fachwissenschaften in den einzelnen Kronländern kam es in den deutsch-österreichischen Wissenschaften im Zentrum der Habsburgermonarchie, denen Anknüpfungspunkte an eine „alte“ politische Nation fehlten, zu einer – je unterschiedlich artikulierten – Entwicklung eines deutschen Nationalbewusstseins, das sich seinerseits in einer deutschsprachigen Wissenschaftskultur äußerte. Diese lässt sich etwa an den engen Beziehungen zwischen den Universitäten in Berlin, Wien und Prag gut nachvollziehen.
In einer Phase weiterer Verwissenschaftlichung um die Jahrhundertwende wurden die Forschungsgegenstände abermals kleinteiliger und die Methoden vielfältiger und spezialisierter. Dementsprechend verlagerten sich die Auseinandersetzungen noch stärker auf Methoden-Diskussionen. Trotz einer auch hier bestehenden Wechselwirkung [<<41] zwischen Nationalisierungspolitiken und wissenschaftlicher Entwicklung dominierten methodische Debatten um fachwissenschaftliche Spezialisierung vs. disziplinäre Öffnung die akademischen Beziehungsgeflechte, die über die politischen Brüche des Ersten Weltkriegs und seiner Konsequenzen bis in die Zwischenkriegszeit aufrecht blieben.
1.3 Wiener Methodenausbildungen und ihre Ausstrahlung nach Südosteuropa
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bemerkte Dejan Medaković, Mitglied der Serbischen Akademie und national ausgerichteter Historiker, dass „fast alle namhaften serbischen Historiker“ in Wien studiert hätten (2001). Damit meinte er insbesondere die Belgrader Mittelalter- und Frühneuzeithistoriker des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In abgeschwächter Form gilt diese Aussage auch für die bulgarische, kroatische, rumänische und albanische Mittelalterforschung.
Dejan Medaković, Serben in Wien (Novi Sad 2001), S. 196.
Dass die Wiener mediävistische Schule stark nach Südosten ausstrahlen konnte, hatte gleich mehrere wissenschaftsgeschichtliche Gründe: Bis 1918 war Wien das kulturelle und wissenschaftliche Zentrum der Habsburgermonarchie. Die Universität Wien zog aber auch Studierende aus den jungen Balkanstaaten Serbien (autonom 1815, souverän 1878), Rumänien (autonom 1859/61, souverän 1878), Bulgarien (autonom 1878, souverän 1908) und Albanien (souverän 1912) an, die alle zumindest zeitweise politisch eng an die Donaumonarchie gebunden waren. Deren imperiale Politik hatte – wie im Zentrum – auch entscheidenden Anteil am Aufbau einer institutionalisierten Wissenschaft im seit 1878 von Österreich-Ungarn verwalteten, 1908 annektierten Bosnien-Herzegowina (vor allem über das Landesmuseum in Sarajevo), während albanische intellektuelle Eliten durch gezielte Stipendienvergabe besonders an den Universitäten Wien und Graz herangezogen wurden.
Das Bildungswesen des jungen bulgarischen Staates wurde in seinen Anfängen von Konstantin Jireček (1854–1918), selbst Sohn eines österreichischen Bildungsministers, maßgeblich begleitet. Wien war [<<42] aber auch Zentralort der Forschung zu Südosteuropa, an dem Theorien und Methoden der philologischen, geographischen, anthropologischen und historischen Beschäftigung mit dem Raum von den österreichisch-ungarischen Reichsgrenzen bis zum Ionischen und Schwarzen Meer ausgebildet wurden. Diese zentrale Stellung Wiens kann man in drei Phasen gliedern.
Vor der Institutionalisierung
In einer vorinstitutionellen Phase in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Grundlagen für eine mehrdisziplinäre Erforschung Südosteuropas im Umfeld der Hofbibliothek und der Zensurbehörde sowie im diplomatischen Dienst gelegt. Auch der Begriff Südosteuropa entstand in Wien, erstmals eingeführt 1814 von dem herausragenden Philologen Bartholomäus Kopitar (1780–1844). Der hamburgische Hugenotte in Wiener Diensten Ami Boué (1794–1881) erschloss als erster Forschungsreisender den inneren Balkan (heutiges Bosnien, Serbien, Kosovo, Albanien, Makedonien) in geographischer und anthropologischer Sicht (La Turquie d’Europe, 1840). Der Diplomat Johann Georg von Hahn (1811–1869) aus Hessen schuf nicht nur die Grundlagen einer philologischen und kulturwissenschaftlichen Albanologie, sondern veröffentlichte gemeinsam mit Karl Hopf (1832–1873), dem Begründer der Erforschung Griechenlands im Mittelalter, einen ersten quellengesättigten Überblick über die mittelalterliche Geschichte der Albaner.
Institutionalisierung: Lehrstühle und Seminare
Die institutionalisierte wissenschaftliche Beschäftigung mit Südosteuropa setzte an der Wiener Universität mit der Schaffung eines Lehrstuhls für Slawistik (1849) ein und wurde 1907 mit der Einrichtung eines Seminars für osteuropäische Geschichte abgeschlossen. Prägende Gestalt dieser Phase war Franz Ritter von Miklosich (1813–1891), ein Schüler Kopitars, dessen Arbeiten alle Sprachen Südosteuropas, vom Altkirchenslawischen bis zur Sprache der Roma, umfassten. Zur Mittelalterforschung trug er durch Editionen slawischer und byzantinischer Urkunden bei.
Die herausragende Stellung der philologischen Methode kennzeichnet auch die Generation des Slawisten Vatroslav Jagić (1838–1923) und des Historikers Konstantin Jireček, den man als zentrale Figur der Balkanmediävistik bezeichnen kann. Jireček erschloss das Archiv von Dubrovnik als Hauptquelle nicht nur für die mittelalterliche Geschichte Serbiens, Bosniens und Albaniens, sondern auch insgesamt [<<43] für die historische Forschung. Seine Geschichte der Serben (2 Bde., 1911–1918) und Staat und Gesellschaft im mittelalterlichen Serbien (4 Bde., 1912–1919) gelten heute noch als Standardwerke. Jireček schuf eine eigene Schule serbischer, aber auch bulgarischer Mediävisten, die in ihren Herkunftsländern die Wiener Methode verbreiteten. Diese bestand in einer kritischen Analyse erzählender Quellen und vor allem der Heranziehung archivalischer Dokumente. Als entscheidend erwies sich gerade für Serbien der Impuls zur Abkehr von einer nationalromantischen Schule, die das Mittelalter nach dem Vorbild der europäischen Romantik des frühen 19. Jahrhunderts verklärt und in den Dienst der Theorie von einer nationalen Wiedergeburt nach dem Ende der osmanischen Herrschaft gestellt hatte.
Neue Forschungsfelder
Auch in der Bestimmung der Forschungsfelder erwies sich Jireček als Pionier und Anreger: Institutionen- und Rechtsgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, historische Geographie, Literaturgeschichte besonders des mittelalterlichen Dubrovnik charakterisieren ein Forschungsinteresse, das weit über eine eng gefasste politische Ereignisgeschichte hinausreichte. Daneben kam der Grundlagenforschung erhebliches Gewicht zu: Jireček legte Editionen serbischer Urkunden vor und veröffentlichte gemeinsam mit dem Kroaten Milan von Šufflay (1879–1931) und dem Ungarn Ludwig von Thallóczy (1857–1916) ein heute noch maßgebendes Urkundenbuch zur mittelalterlichen albanischen Geschichte (1913–1918). Da Jirečeks ehemalige Dissertanten wie die Serben Jovan Radonić (1873–1953) und Stanoje Stanojević (1874–1937) oder der Bulgare Petăr Nikov (1884–1938) ebenfalls schulbildend wirkten, erstreckte sich Jirečeks Einfluss besonders auf die serbische Mediävistik bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bestes Beispiel ist der bedeutende serbische Mediävist Sima Ćirković (1929–2009).
Diese Schulen übernahmen von Jireček weitgehend Methode und Themenwahl, freilich mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Ein serbisches Urkundenbuch wurde erst vor kurzem vorgelegt, beinahe hundert Jahre nach Jirečeks Tod und nach vielen vergeblichen Anläufen (→ Kap. 3.2.7). Ein größeres bulgarisches Urkundenbuch des Mittelalters kann wegen des fast völligen Verlusts der Dokumente kaum erstellt werden. Ganz anders gestaltet sich hingegen die kroatische Urkundenforschung: Nicht nach Wiener Vorbild, sondern nach dem [<<44] Modell der MGH arbeitet die als Südslawische Akademie gegründete heutige Kroatische Akademie der Wissenschaften an einer umfassenden Sammlung der die Südslawen betreffenden mittelalterlichen Urkunden mit Schwerpunkt auf der kroatischen Vergangenheit (Monumenta historica Slavorum meridionalium, seit 1863). Dieselbe Akademie betreut auch das kroatische Urkundenbuch (seit 1904).
Zwischenkriegszeit (1918–1938)
Als dritte Phase eines freilich nunmehr schwindenden Wiener Einflusses auf die südosteuropäische Mediävistik kann die Zeit 1918–1938 angesehen werden. Das Ende der Monarchie und die tiefe Krise des Nachfolgestaates Österreich führten zu einem allmählichen Rückgang der Forschungsmöglichkeiten und -kompetenzen. 1934 wurden der Lehrstuhl für Balkangeschichte und das nach 1918 eingerichtete Balkaninstitut aus Spargründen geschlossen. Doch wirkte das Erbe der Jahrhundertwende noch nach, diesmal vor allem auf bulgarische und albanische Studierende, d. h. Angehörige von Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg nahestehenden Nationen. Jene aus den Siegerstaaten Serbien und Rumänien hingegen wandten sich den aufstrebenden Wissenschaftszentren Belgrad und Bukarest zu, wo direkt oder indirekt vom Wiener Methodenraum beeinflusste Mediävisten Institute und Schulen aufbauten. Neue wissenschaftliche Bezugsorte in Frankreich, Italien und Deutschland aber übernahmen zunehmend das wissenschaftliche Erbe der Donaumonarchie.
Der österreichische Ständestaat (1934–1938) hatte die Wiener Balkanforschung bereits stark zurückgedrängt, als der Nationalsozialismus in Wien eine neue Richtung vorgab: die einer „Südostforschung“ im Dienste der NS-Raumpolitik. Nach 1945 verlagerte sich der Schwerpunkt der deutschsprachigen historischen Südosteuropaforschung in die Bundesrepublik Deutschland, wobei Forschungen zum Mittelalter fast ganz zugunsten der jüngeren Epochen vernachlässigt wurden.
Der Wiener Einfluss auf die historische Forschung zu Südosteuropa war hingegen stark mediävistisch geprägt. Hier trafen sich die Bedeutung der mittelalterlichen Geschichte im Rahmen der allgemeinen Geschichtsforschung in Mitteleuropa und besonders in Wien mit dem Interesse südosteuropäischer Studenten an ihrer Nationalgeschichte: Denn die jungen Balkanstaaten suchten nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft einen Anknüpfungspunkt im Mittelalter, um eine fortlaufende nationale Erzählung zu konstruieren, die nicht erst im [<<45] 19. Jahrhundert einsetzt. Die wissenschaftliche Methode im Umgang mit dem Quellenmaterial wurde dabei in Wien vermittelt, durch – nahezu ausschließlich männliche – Gelehrte, die ihrerseits unter dem Einfluss der Methoden der allgemeinen österreichischen Mittelalterforschung standen. Darauf beziehen wir uns, wenn in diesem Buch der Wiener Methodenraum angesprochen wird.
Die Übernahme von Methoden und Fragestellung ist dabei auch hier nicht gleichzusetzen mit kultureller oder gar politischer Sympathie für Österreich-Ungarn. Im Gegenteil, gerade serbische und rumänische Absolventen der Wiener Schulen engagierten sich in ihren Heimatländern nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch, und zwar sehr oft gegen die Donaumonarchie: Jovan Radonić zählt zu den führenden großserbischen Ideologen, und der Rumäne Ion Nistor (1876–1962), der bei Jireček eine heute noch lesenswerte Abhandlung zur Handelsgeschichte der Moldau vorgelegt hatte, wirkte nach 1918 maßgeblich an der Rumänisierung der Universität Czernowitz mit, die unter seiner Ägide zum Mittelpunkt ultranationalistisch-antisemitischer Umtriebe wurde.
Unpolitisch war freilich auch die Wiener Forschung nicht, wenngleich sich ihre zentralen Gestalten Miklosich, Jireček und Jagić nicht von der Balkanpolitik der Donaumonarchie vereinnahmen ließen. Doch ist die Beschäftigung mit dem albanischen Mittelalter und das erwähnte Urkundenbuch auch vor dem Hintergrund des österreichisch-serbischen Konflikts um Nord- und Mittelalbanien zu sehen, der 1913 fast zum Krieg geführt hätte. Beide Seiten argumentierten mit auf das Mittelalter zurückgehenden historischen Rechten, und bei Verhandlungen um die Ostgrenze des 1912 geschaffenen albanischen Staates im Jahre 1913 zitierten österreichische Diplomaten serbische Klosterurkunden aus dem 14. Jahrhundert.
Führende Mediävisten der Donaumonarchie wie Jirečeks Kollegen Milan von Šufflay (1879–1931; von serbischen Agenten ermordet, was Albert Einstein und Heinrich Mann in einem internationalen Appell anprangerten) und Ludwig von Thallóczy (1857–1916) zählten zu den führenden Vertretern kroatischer bzw. ungarischer Nationalpolitik. Thallóczy verfasste etwa im Auftrag des österreichisch-ungarischen Außenministeriums die erste albanische Geschichte, die unter dem Namen des albanischen Übersetzers verbreitet wurde und [<<46] die albanische Geschichtsauffassung nachhaltig prägte. In Bosnien wirkte er sowohl als hoher Beamter wie als einer der Begründer der bosnischen Mediävistik.
In der Zwischenkriegszeit, besonders den zwanziger Jahren, sammelten sich im Umfeld der Wiener Universität albanische, makedonische und kroatische Studenten, deren Vereine in engem Kontakt zu Untergrundgruppen standen, die Anschläge gegen das 1918 geschaffene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929 Jugoslawien) durchführten. Diese Politisierung des sozialen Raumes Universität schränkte aber die Rezeption der Wiener Methoden offensichtlich nur wenig ein – derart konkurrierende Historiographien wie die serbische und die albanische bezogen sich gleichermaßen auf sie. Die Osteuropaforschung wurde zwischen 1934 und 1945 zuerst vom sogenannten Ständestaat mit Sparmaßnahmen eingeschränkt, dann vom Nationalsozialismus weitgehend für seine Zwecke missbraucht. Nicht zufällig wurden zwei der führenden Sprachwissenschaftler, Nikolaj Trubeckoj (1890–1938) und Norbert Jokl (1877–1942), Opfer des Regimes.
1.4 Ausblick: nach 1945 – nach 1989
Die europäische Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat durch die Teilung des Kontinents in zwei machtpolitische und ideologische Blöcke, die sich ihrerseits – wie zuvor nationalstaatliche Ideologien, kulminierend im Nationalsozialismus – maßgeblich auf die Wahrnehmung von Geschichte und die Konstruktion von Geschichtsbildern ausgewirkt hat, ebenso nachhaltig die wissenschaftlichen Grundlagen für diese Bilder einschließlich der methodischen Erschließung und Aufbereitung historischer Überlieferung beeinflusst. Anders als im 19. und 20. Jahrhundert bis zur Zwischenkriegszeit, als wissenschaftliche Kommunikation trotz politischer Brüche zwar eingeschränkt, aber dennoch auch grenzüberschreitend weiter stattfand, hat der Totalitarismus des 20. Jahrhundert zu vielfach bis heute wirksamen Unterbrechungen des fachlichen wie methodischen Austausches geführt.
Fallbeispiele in Langzeitperspektive
Die grundlegende Wende von 1989 kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden. Seither hat die politische Öffnung eine Vielzahl [<<47] von Initiativen zur Wiederaufnahme, Intensivierung und Stabilisierung des wissenschaftlichen Dialogs ermöglicht. Jedoch auch hier macht gerade die südosteuropäische Blickachse deutlich, wie heterogen und regional spezifisch die Auswirkungen der politischen Wende auf gesellschaftliche und damit auch wissenschaftliche Perspektiven waren: Der gewaltsame Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und die weitgehend friedliche, aber von schweren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen geprägte Übergangsepoche in Bulgarien und Rumänien hatten in den einzelnen Ländern ganz unterschiedliche Konsequenzen.
In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, aber auch in Bulgarien und Rumänien differenzierte sich die Forschung in den letzten drei Jahrzehnten in ein weitgehend selbstreferentielles, nach außen hin abgeschlossenes nationalkonservatives Lager einerseits und Gruppen von Historikerinnen und Historikern, die nach der Isolation im Kommunismus bewusst die Integration in eine gesamteuropäische Historikergemeinschaft anstreben, andererseits. Die Mittelalterforschung spiegelt so im Kleinen Gesellschaften mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten wider.
Es ist daher kaum verwunderlich, dass eine gesellschaftlich und politisch kritische und inhaltlich differenzierte Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit (nach 1945) sowie der jüngeren Vergangenheit bis einschließlich der letzten drei Jahrzehnte seit Ende der kommunistischen Regime in Mittel-, Ost- und Südosteuropa geographisch, institutionell und disziplinär äußerst unterschiedlich stark entwickelt ist. Dies wiederum hat seinerseits Auswirkungen auf den aktuellen Stand der jeweiligen Auseinandersetzung mit Gegenständen und Themen der Mittelalterforschung und der Einschätzung und Interpretation der Überlieferung.
Ein Fallbespiel für diese zudem vielfach gebrochenen Forschungsgeschichten bietet in diesem Buch der Überblick von Miklós Takács in Kap. 2.4.2 zur Mittelalterarchäologie der Provinz Woiwodina seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis zu den Veränderungen nach 1989; ein weiteres die in Kap. 4.6.4 diskutierte Erschließung und Interpretation mailändischer Gesandtenbriefe durch die historische Südosteuropaforschung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart hinsichtlich der Konstruktion des als Nationalhelden gefeierten albanischen Fürsten Georg Kastriota Skanderbeg (1405–1468). [<<48]
An dieser Stelle müssen einige Beispiele als Ausblick auf zukünftige Forschungsaufgaben genügen: Zeitlich konsequent fand in unserem Betrachtungsraum eine umfassende Aufarbeitung der Verflechtung von Wissenschaft und Politik in den europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts zuerst und systematisch in der Bundesrepublik Deutschland statt. Diese Aufarbeitung erfasste auch die Mittelalterforschung und mit ihr die historischen Hilfswissenschaften und ihre Vertreter und wenigen Vertreterinnen. In Österreich, wo politisch lange die These seiner Rolle als „Opfer“ nationalsozialistischer Machtpolitik prägend blieb, setzte der Prozess einer systematischen und gleichzeitig differenzierten Analyse der Involvierung wissenschaftlicher Akteure in das politische Geschehen erst deutlich später und zögerlich ein. Federführend war auch hier die zeithistorische Forschung.
Für die österreichische Mediävistik und ihre spezifische Ausprägung am Institut für österreichische Geschichtsforschung ist dieser Prozess nach wie vor nicht abgeschlossen: Das von Karel Hruza herausgegebene mehrbändige Handbuch Österreichische Historiker (1900–1945) (Bde. 1 und 2, Wien 2008 und 2012) zeigt, in welchen unterschiedlichen Formen gerade auch scheinbar unpolitische, methodisch-„positivistische“ historische Hilfswissenschaften und Quellenforschungen ihren wesentlichen Anteil an der Schaffung und Verfestigung von Geschichtsbildern haben können.
Die Aufarbeitung der komplexen Geschichte der deutsch-böhmischen Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert und ihrer Beziehungen zur tschechischen Historiographie vor dem Hintergrund der mehrfach gebrochenen Geschichte der böhmischen Länder und der Slowakei im Kontext der politischen Entwicklung des östlichen Mitteleuropa macht sich das 1956 gegründete Collegium Carolinum in München zur Aufgabe. Als wissenschaftliche Gesellschaft, die unterschiedliche Fachdisziplinen und ihre Vertreterinnen und Vertreter aus einer Vielzahl europäischer Länder zusammenbringt, widmet sie sich besonders der vergleichenden Forschung. So wurden etwa in mehreren besonders seit 2000 durchgeführten Tagungen für die Zeit nach 1945 eine Reihe der hier angesprochenen Fragen systematisch diskutiert und publiziert. Eine vergleichbare Plattform für den internationalen Austausch hat sich mit dem Collegium Hungaricum in Wien etabliert. [<<49]
In der Südosteuropäischen Geschichte setzte eine Münchner Tagung im Jahre 2002 wichtige Akzente, die freilich kaum der umfangmäßig bescheidenen deutschsprachigen mediävistischen Forschung zum Balkanraum galten. Gegenwärtig setzt sich auch die deutsche Südosteuropa-Gesellschaft kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinander. In Südosteuropa selbst ist es in der Mittelalterforschung am ehesten die bulgarische Osmanistik, die ihre Rolle bei der Rechtfertigung der nationalistischen Repression gegen die türkische Minderheit in der Spätphase (Mitte der 1980er Jahre) der kommunistischen Diktatur Todor Živkovs hinterfragt.
Deutlich geringer ist eine öffentliche Debatte in der serbischen Mediävistik, die teilweise immer noch nationalistische Positionen vertritt, etwa die selbstverständliche Eingliederung ganz Bosniens und der Herzegowina in eine mittelalterliche serbische Geschichte. Stark von Nationalismus gekennzeichnet ist auch die personell kleine albanische Mittelalterforschung. In Griechenland besteht die Tendenz, Byzanz als griechischen Staat, und nicht als Vielvölkerreich wahrzunehmen. Historiographiekritische Ansätze in Südosteuropa sind überwiegend auf die Neuzeitforschung bezogen und behandeln das Mittelalter eher am Rande. Den kritischsten Umgang mit dem Mittelalter pflegen im regionalen Vergleich rumänische Historiker.
Hingegen hat sich in Ungarn das Collegium Budapest in den vergangenen beiden Jahrzehnten in einer Reihe von Workshops und daraus resultierenden internationalen Publikationen die systematische vergleichende Erforschung der Bedeutung mittelalterlicher Geschichte und der Methoden zu ihrer Erforschung für die Konstruktion vergangener wie gegenwärtiger nationaler Mythen zur Aufgabe gemacht. Die Untersuchung verschiedener historischer und kultureller Visionen der Vergangenheit dient als Ausgangspunkt für eine histoire croisée (Bénedicte Zimmermann, Michael Werner), eine Geschichte der Verflechtungen unterschiedlicher Gründungsnarrative. Ähnlich wie bei anderen aktuellen europäischen Forschungsprojekten, z. B. in Wien, Bergen, den Niederlanden bzw. jenen der European Science Foundation wird dabei die Untersuchung der einzelnen Fächer der humanities von den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts bis zu den Meistererzählungen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in ihren Interaktionen in Politik und Wissenschaft fokussiert. [<<50]
Dabei werden die tiefgreifenden Auswirkungen der Mittelalterforschung und ihrer überlieferungsgeschichtlichen Grundlagen gerade dort deutlich, wo ihre populären Aneignungen nachhaltig erfolgreich waren. Andererseits wurden bereits im 18. und 19. Jahrhundert eine Reihe spezifisch nationaler Mythen durch Vertreter einer Länder und Fächer übergreifenden intellectual community aufgedeckt, deren gemeinsames Methodenverständnis in jahrzehntelangen Prozessen des Verhandelns von Gegenständen und der Praxis der Forschung zu historischer Überlieferung etabliert wurde.
Patrick J. Geary, Gábor Klaniczay, (Hg.), Manufacturing The Middle Ages. Entangled History of Medievalism in Nineteenth-Century Europe (Leiden, Boston 2013). [<<51]
2
2.1 Überblick über die politischen Veränderungen 500–900
Das antike Erbe
Nimmt man die Jahre 500 und 900 als Ausgangspunkte für einen Vergleich der Herrschaftsbildungen im Donau-Balkanraum, werden tiefgreifende politische und sprachlich-ethnische Veränderungen deutlich. Um 500 hielt das Römische Imperium, seit 395 in einen West- und einen Ostteil gegliedert, noch die Donaugrenze. Damit lagen weite Teile unseres Betrachtungsraumes innerhalb des Imperiums. Gerade der Balkanraum diente seit dem 3. Jahrhundert als Rekrutierungsgebiet der römischen Heere. Bedeutende Kaiser der ausgehenden Antike von Diokletian über Konstantin den Großen bis zu Justinian I. stammten aus den römischen Balkanprovinzen. Während die Küstenlandschaften – ebenso wie jene an der mittleren Donau – von einem dichten Städtenetz überzogen waren, gestaltete sich die Urbanisierung im Inneren der Balkanhalbinsel bescheidener. Dennoch bestand auch dort die griechisch-römische Reichskultur, die imperiale Verwaltung. Zudem bildete sich in der Spätantike eng an die Orte der staatlichen Verwaltung gebunden ein System von Bischofssitzen heraus. Die Bevölkerung setzte sich aus Griechen und anderen altbalkanischen Sprachgruppen (Illyrern, Thrakern, Dakern u. a.) zusammen, deren Sprachen aber kaum verschriftlicht wurden, da das Griechische im Süden, das Lateinische im Zentrum und Norden des römischen Donau-Balkanraumes als Schriftsprache verwendet wurden. Wichtige Teile der altbalkanischen Bevölkerung im Einflussbereich der lateinischen Verwaltungssprache waren, ähnlich wie in Gallien oder Spanien, romanisiert worden. Wie auf der iberischen Halbinsel die Basken oder in der Bretagne die Kelten waren aber in gebirgigen Gebieten des westlichen Balkans die sprachlichen „Vorfahren“ der heutigen Albaner von der Romanisierung nur am Rande erfasst worden.
Byzantinische Einflüsse
400 Jahre später hatte sich unser Betrachtungsraum von einem militärisch-administrativen, wenn auch – mit Ausnahme der Küste [<<52] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe ngebiete – nicht wirtschaftlichen oder kulturellen Kerngebiet des Römischen Imperiums in einen Zwischenraum zwischen den Nachfolgern des römischen Reichsgedankens verwandelt. Im Osten betonte das Byzantinische Reich die ungebrochene Kontinuität des römischen Kaisertums; im Westen hatte Karl der Große durch die Kaiserkrönung im Jahre 800 die Tradition des westlichen Kaisertums wiederbelebt und danach dessen Anerkennung durch Byzanz erzwungen. Dieses westliche Kaisertum war um 900 aber stark geschwächt. Byzanz hatte im 7. Jahrhundert die Kontrolle über den Balkan bis auf wenige Küstenplätze verloren. Um 900 hatte es die Küsten von Ägäis und der östlichen und südwestlichen Adria wieder unter seine Herrschaft gebracht und war dabei, sich mit einer groß angelegten Christianisierungsstrategie den Balkan wieder zu erschließen.
Awaren und Bulgaren
Archäologische Befunde und solche der Ortsnamenforschung sowie deutlich spätere schriftliche Quellen legen nahe, dass im Gefolge der Awaren, die gemeinsam mit den iranischen Sassaniden 626 Konstantinopel belagert hatten, in einem langwierigen Prozess slawische Gruppen bis an die Adria und die Spitze der Peloponnes vorgedrungen waren. Wichtige Teile der provinzialrömischen Bevölkerung waren an die Küsten oder in gebirgige Rückzugszonen geflohen. Slawen gründeten vom Alpenbogen bis nach Südgriechenland neue Siedlungen. Römische Städte wurden oftmals geplündert und zerstört; Staats- und Kirchenverwaltung brachen zusammen. Nicht die Awaren, sondern eine andere aus den eurasiatischen Steppenzonen zuwandernde Kriegergemeinschaft, die von der Forschung so bezeichneten „Proto-Bulgaren“, füllten das politische Vakuum an der unteren Donau dauerhaft auf. Verwendet wird der Begriff „Proto-Bulgaren“, um die nichtslawische namengebende Gruppe der mittelalterlichen Bulgaren von slawischen Bevölkerungsgruppen abzugrenzen. Die Frühgeschichte der Bulgaren ist quellenmäßig so schlecht belegt, gleichzeitig aber von so starken Forschungshypothesen überformt, dass die moderne Forschung kaum gesicherte Aussagen tätigen kann: Wann und unter welchen Umständen eine Integration der vom Nordkaukasus bis auf den Balkan (dort seit dem 5. Jahrhundert n. Chr.) nachweisbaren nichtslawischen Bulgaren als Kerngruppe von Kriegern mit der ansässigen altbalkanischen Bevölkerung und slawischen Gruppen südlich der unteren Donau [<<53] erfolgte, die eine gemeinsame ostsüdslawische Sprache verwendeten, ist nicht genau zu klären.
Die Verfestigung ihrer Ende des 7. Jahrhunderts errichteten Herrschaft, die in das heutige Rumänien und Ungarn hineinreichte, gelang den Bulgaren durch die Annahme des Christentums 864/65. Die Missionierung der (aus der Perspektive der christlichen Welt) heidnischen, d. h. nichtchristlichen Bulgaren wurde von Rom, dem ostfränkischen Reich und Konstantinopel aus in zunehmender Konkurrenz betrieben. Sie stand in engstem Zusammenhang mit der Christianisierung des zwischen dem ostfränkischen Reich und der bulgarischen Herrschaft liegenden mährischen Reichs im Donaubecken. Die Entfremdung zwischen Rom und Byzanz, die Entstehung einer katholischen Papstkirche und einer orthodoxen Kirche unter dem Patriarchen von Konstantinopel ist nicht zuletzt Folge des Wettlaufs um die Christianisierung des Donau-Balkan-Raumes.
Magyaren
Ende des 9. Jahrhundert gewann mit der Migration, Landnahme und Herrschaftskonsolidierung der Magyaren ein weiteres „Volk“ aus dem Steppenraum im Karpatenbogen an maßgeblicher Bedeutung. Seine Christianisierung erfolgte erst hundert Jahre später, wiederum in einem langwierigen Prozess und im Spannungsfeld zwischen Rom und Byzanz. Mit der Annahme des Christentums wurden Bulgaren wie Magyaren als einzige Steppen-„Völker“ Teil der christlichen Staatenwelt. Das erst viel später – ab dem 13. Jahrhundert – als Reich der Stephanskrone bezeichnete Ungarn, benannt nach dem Hl. Stephan, seinem ersten getauften König, erwies sich dabei als deutlich stabiler als das bulgarische Reich. Dies erklärt die ungarische Betonung seiner Krone als einer staatsrechtlichen Tradition ungeachtet aller territorialen Veränderung bis ins 21. Jahrhundert. Ähnliches gilt für die kroatische Staatsidee: Im Westen der Balkanhalbinsel hatte sich im 7. Jahrhundert im Hinterland Dalmatiens mit „Kroatien“ eine weitere, dauerhafte Herrschaft herausgebildet, deren Krone (abermals im Sinn der Herrschaftstradition) ohne Unterbrechung bis 1918 Bestand hatte, allerdings seit dem 12. Jahrhundert mit Ungarn verbunden war. Venedig, formell byzantinische Provinz, machte sich als Ordnungsfaktor im Kampf gegen slawische und arabische Piraten bereits bemerkbar.
Wenig bekannt ist über den inneren Balkan, das heutige Bosnien und Serbien. Dieser Raum stand im Spannungsfeld von Kroatien, [<<54] Bulgarien, Byzanz und Ungarn. Im späteren 9. Jahrhundert lässt sich eine südslawische (serbische) Herrschaft im heutigen südwestlichen Serbien (Raška; heute Region Novi Pazar) schemenhaft erkennen.
Interdisziplinarität
Was hier in groben Zügen geschildert wird, erarbeitete die historische, archäologische, bild- und sprachwissenschaftliche Forschung in mühsamer Kleinarbeit. Ausgrabungen, Inschriften, Siegel, Bildquellen stellen hohe Anforderungen an die Interpretierenden. Entsprechend spezialisiert sind die Forschungszweige, in deren Gegenstände und Arbeitsweisen die folgenden Abschnitte Einblick geben. Sie sollen – wie bereits der wissenschaftshistorische Abriss im ersten Kapitel – sichtbar machen, in welchem Maß die Mittelalterforschung auf die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Disziplinen angewiesen ist, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen – und dies jenseits aller Moden auch immer war. Aus einer überlieferungsgeschichtlichen Perspektive wird zudem deutlich, dass sich Geschichtswissenschaften keineswegs allein mit schriftlichen Hinterlassenschaften befassen. Im Gegenteil, die folgenden Abschnitte zur frühmittelalterlichen Geschichte sollen zeigen, dass nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Überlieferung in diesem Zeitraum Schriftquellen im engeren Sinn darstellen. Das Kapitel über die Kirche als Trägerin schriftkultureller Tradition (→ Kap. 2.3) ist daher eingebettet in jene zu maßgeblichen spätantiken Forschungsgegenständen und Methoden (Kartographie, Epigraphik, Linguistik) einerseits (→ Kap. 2.2), und andererseits zur dinglichen und bildlichen Überlieferung (→ Kap. 2.4), die lange Zeit das Gros der Quellen in unserem Untersuchungszeitraum ausmacht. Auch hier gilt – wie für alle Teile dieses Buches – dass zeitliche und räumliche Grenzen fließend sind: Die Mittelalterarchäologie spielt selbstverständlich auch für das 12.‒15. Jahrhundert eine herausragende Rolle, ebenso wie die formale und ikonographische Interpretation von Bildern und ihren vielfältigen Trägern: Wände, Stoffe und Bücher, Siegel, Wappen und Münzen. Für die frühen Jahrhunderte stellen sie jedoch vielfach die einzige Grundlage unseres Wissens über die Vergangenheit dar. [<<55]
2.2 Forschungstraditionen und Methoden zur frühmittelalterlichen Geschichte Mittel- und Südosteuropas
Transformation der Römischen Welt
Die Frage, wie das Ende römischer Staatlichkeit und das Entstehen neuer Formen politischer Macht zu erklären und die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in Europa am Übergang vom Altertum zum Mittelalter zu deuten sind, ist Gegenstand der klassischen Diskussionen der europäischen Geschichtswissenschaft seit der Aufklärung. Die Deutungen – der Althistoriker Alexander Demandt hat weit über 200 zumeist monokausale Erklärungen für den Fall Roms zusammengetragen – spiegeln in hohem Maße das politisch-kulturelle Selbstverständnis der beteiligten Historikerinnen und Historiker wider. So sprach der französische Gelehrte André Piganiol davon, das blühende Römische Reich sei von Barbaren ermordet worden – sein biographisches Schlüsselerlebnis war der Zusammenbruch Frankreichs unter dem Angriff des „Dritten Reichs“ im Jahre 1940. Bruch oder Übergang, beide in verschiedensten Unterformen und Schattierungen, bilden die beiden zentralen Erklärungsansätze. Die Forschung betont für den Westen des Römischen Reichs in den letzten Jahrzehnten Phänomene des Übergangs – bahnbrechend war etwa das mehrjährige Verbundprojekt der European Science Foundation mit dem Titel Transformation of the Roman World –, auch wenn Theorien von einem massiven Kulturverfall (so der britische Archäologe Bryan Ward-Perkins) wieder aufgegriffen werden.
Brüche und Kontinuitäten
Für unseren Betrachtungsraum besonders bedeutsam aber ist, dass diese Theorien nicht allgemein gültig angewandt werden können: Während an der oberen Donau und im Alpenraum zwar die römische Herrschaft verschwand, hielt sich, wenn auch geschwächt, die christliche Kirche als Trägerin wichtiger Teile der spätantiken Kultur. Die Tradition wurde zwar ausgedünnt, aber nicht unterbrochen. Anders in weiten Teilen des Balkans: Hier hinterließen im Gegensatz zur oberen Donau die durchziehenden germanischen Gruppen kaum dauerhaft Spuren. Dafür führten die ab dem 5. Jahrhundert zu beobachtenden, im 6. und 7. Jahrhundert sehr starken Bewegungen zumeist kleiner slawischer Gruppen zu einem Zusammenbruch von politischer und kirchlicher Tradition. Ausgenommen waren nur von [<<56] See her gut erreichbare Außenposten des Byzantinischen Reichs in Dalmatien, den ionischen Inseln und Festlandgriechenland. Christliche Kultur verschwand nicht völlig, wohl aber die Kirche als Institution. Wenngleich Elemente der Kontinuität vorhanden sind – im albanischen Fall eine Sprach- und relative Siedlungskontinuität, beim rumänischen Beispiel jedenfalls eine sprachliche –, wirkte der Bruch ungleich stärker.
Ethnogenesen
Bedeutendes hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten auch zur Klärung der Frage geleistet, wer denn die Akteure der Veränderungen waren. Im Gegensatz zu den bis in die vierziger Jahre vorherrschenden und auch nach 1945 teils weiter bestehenden Vorstellungen von germanischen Völkern, im Sinne eines modernen Nationsbegriffs, haben im Anschluss an Reinhard Wenskus und in Weiterentwicklung seiner Thesen die Wiener Mediävisten Herwig Wolfram und Walter Pohl aufgezeigt, dass der Begriff „Volk“ für die Untersuchungsgegenstände der Frühmittelalterforschung mit besonderer Vorsicht zu verwenden ist, da sich die Annahme geschlossener ethnischer Großgruppen nicht für das Verständnis der soziokulturellen Veränderungen zwischen dem 4. und dem 9. Jahrhundert eignet.
Fruchtbar gemacht wurde eine differenziert weiter entwickelte Theorie von namengebenden, politisch und militärisch erfolgreichen Kerngruppen. Wer sich ihnen anschloss, nahm den Erfolg versprechenden Gruppennamen an. Wurde diese Gemeinschaft militärisch und politisch besiegt, ging damit nicht ein Volk gleichsam biologisch unter. Vielmehr bildeten sich neue Herrschaftsverbände, denen sich die Gefolgsleute der Unterlegenen anschlossen. In solchen komplexen Prozessen siedelten sich Slawen in Dalmatien an, das vom Reich der Awaren mit Schwerpunkt im pannonischen Raum beherrscht wurde. Im Verlauf des 7. und 8. Jahrhunderts lösten sich diese Zuwanderer dann allmählich aus dem awarischen Machtbereich und bildeten, als Kroaten bezeichnet, ab dem 9./10. Jahrhundert einen eigenen Herrschaftsbereich.
Spricht die Forschung heute nicht mehr von germanischen „Völkern“ mit einer „Urheimat“ in Skandinavien, so wurde in den letzten Jahren auch die Idee einer „slawischen Urheimat“, von der aus sich die heutigen slawischen Völker in alle Himmelsrichtungen ausgebreitet hätten, kritisch betrachtet: Vielmehr wird z. B. gefragt, wie [<<57] und unter welchen Umständen der Begriff „Slawe“ in spätantiken und frühmittelalterlichen, zumeist byzantinischen, Quellen überhaupt aufscheint. Deutlich wurde, wie die byzantinischen Eliten, die an der mittleren und unteren Donau das Vordringen slawischer Kleingruppen abzuwehren hatten, die Komplexität der gegnerischen Gruppen durch die Schaffung eines Überbegriffs zu fassen versuchten. Sie kategorisierten – und konstruierten dadurch – eine gegnerische Gruppe, die bestimmte Eigenschaften in Lebens- und Kampfweise besaß, und vereinfachten – militärstrategisch sinnvoll – eine komplexe soziale Wirklichkeit. Die Beschreibung des Gegners zu dessen Bekämpfung war das Ziel des sog. Strategikón des Mauríkios, eines Militärhandbuches, das zugleich eine der wichtigsten Quellen zur frühen Geschichte der Slawen darstellt.
Abnehmende Schriftlichkeit
Nicht nur Epochendeutungen und die kritische Diskussion vermeintlich eindeutiger ethnischer Zuordnungen beschäftigen die Forschung zum frühen Mittelalter. Sie hat sich mit weiteren erheblichen methodischen und wissenschaftsgeschichtlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Der Rückgang, im regionalen Extremfall das Verschwinden, imperialer und kirchlicher Verwaltung zeitigte einschneidende Folgen für die Überlieferung. Die Schriftlichkeit ging allgemein massiv zurück und erreichte im 7. Jahrhundert im Frankenreich einen Tiefstand. Die geringe Schriftproduktion zur Zeit der Merowinger hebt sich aber immer noch von dem fast gänzlichen Verschwinden von Schrift und Text in den Donauländern und innerbalkanischen Provinzen des früheren Römischen Reichs ab. In Südosteuropa wurde nur noch in einigen Küstenstädten Schriftlichkeit gepflegt: in Qualität und Quantität überragte die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs, Konstantinopel, alle anderen Häfen an Adria (Iadera/Zadar, Raúsion/Dubrovnik) und Ägäis (v. a. Thessalonike). Unser bescheidenes Wissen über die Vorgänge im Inneren Südosteuropas stammt aus Schriftquellen, die räumlich gesehen an seiner äußersten Peripherie entstanden sind und die zumeist kein unmittelbares Interesse an unserem Betrachtungsraum zeigen: Byzantinische Geschichtsschreibung war in erster Linie auf den Kaiser und dessen Hof bezogen; viele byzantinische Literaten hatten Konstantinopel zeitlebens kaum verlassen. Das Ende der Antike verringerte Schriftlichkeit nicht nur quantitativ: einzelne in der Spätantike blühende Gattungen wie die Redekunst und die [<<58] Geschichtsschreibung verloren an Bedeutung, doch verlagerte sich die erzählende Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen in andere Genres, besonders die Heiligenleben.
Träger der Überlieferung
Neben einer mengen- und gattungsmäßig veränderten Schriftlichkeit muss die Forschung in vielen Fällen daher auf andere Arten der Überlieferung zurückgreifen, um politische, vor allem aber soziale und kulturelle Entwicklungen wenigstens in Umrissen rekonstruieren zu können; und auch hier gilt die Regel der erheblichen regionalen Unterschiede. Formen schriftlicher und bildlicher Überlieferung sind nicht nur auf Pergament (und später Papier) erhalten, sondern auch auf Stein und Metall: Inschriften und Siegel werden daher im Folgenden als Träger von Überlieferung vorgestellt. Materiell greifbar sind auch die Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen, die auch in Gegenden und zu Zeitabschnitten erfolgen können, aus denen kaum Textzeugnisse, auch nicht auf Stein oder Metall, vorliegen.
Für die materialmäßig besonders schlecht erschlossenen inneren Teile des Balkans schließlich untersucht die Forschung auch die Sprachen – slawische wie nichtslawische – als Quellen, und zwar sowohl ihre Form (Morphologie) wie ihren Wortschatz (Lexik), die Aufschlüsse über kulturelle Berührungen und soziale Wechselwirkungen in der langen Dauer erschließen. Von besonderer Bedeutung für den gesamten Betrachtungsraum ist zudem die Erforschung von Orts- und Geländenamen (wobei zwischen größeren Bezugspunkten wie wichtigen Flüssen und Bergmassiven und der Mikrotoponomastik, also etwa Bächen und Flurnamen, zu unterscheiden ist): Kontinuität von Siedlungen oder zumindest weiter bestehende Kenntnis von Siedlungsnamen, deren Übernahme in neu auftretende Sprachen, oder Hinweise auf die Neugründung von Siedlungen sind nur einige der Angaben, die Orts- und Geländenamen mitteilen. Archäologie und Sprachwissenschaft werden somit zu Grundlagenwissenschaften historischer Forschung zum frühen Mittelalter.
Herkunft und Sprache
Forschungsgeschichtlich war die Deutung des Frühmittelalters in unserem Betrachtungsraum von den zumeist in nationalhistoriographischem und damit politischem Rahmen debattierten Fragen nach den Ursprüngen und Siedlungsgebieten heutiger Nationen geprägt – und teilweise ist sie dies immer noch: Sind die heutigen Griechen Nachfahren der antiken Griechen und haben diese auf dem ganzen heute [<<59] griechischen Staatsgebiet gewohnt? Stammen die heutigen Albaner von den antiken Illyrern ab, bewohnen sie deren einstiges Siedlungsgebiet und beweist eine solche Kontinuität den Anspruch der Albaner auf den auch von Serben bewohnten Kosovo, um den bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein erbitterter, bis heute nicht völlig gelöster albanisch-serbischer Konflikt besteht? Und leiten sich die Rumänen vom antiken Volk der Daker ab, die 117 n. Chr. von den Römern unterworfen und romanisiert wurden, auf jeden Fall aber vor den Magyaren im Karpatenbogen siedelten, um den seit dem 18. Jahrhundert Ungarn und Rumänen mit Argumenten aus der antiken und frühmittelalterlichen Geschichte eine emotionale Debatte um das historische Recht auf Siebenbürgen führen?
Allen diesen heutigen Nationen – Griechen, Albanern und Rumänen – gemeinsam ist, dass ihre Sprachen schon in der Antike im südöstlichen Europa gesprochen wurden. Ihre nicht miteinander verwandten Sprachen sind alle nicht slawisch. Trotz fehlender Verwandtschaft weisen sie einige gemeinsame Elemente auf, die auf ein langes gemeinsames Mit- und Nebeneinander hindeuten. Geht es den Nationalhistoriographien darum, die Kontinuität dieser „Völker“ von der Antike bis heute zu belegen und damit moderne Gebietsansprüche historisch zu untermauern oder symbolisches Kapital zu erwerben (das moderne Griechenland sieht sich etwa gerne als Mutterland der Demokratie), so heben Historiker von Nationen, die in nationalhistoriographischer Sicht im Frühmittelalter entstanden sind, die Epoche als zumeist mythenumwobene Zeit ruhmreicher Anfänge hervor. Dies gilt sowohl für jene beiden modernen Nationen, die sich von Steppenreitergemeinschaften ableiten, die im 7. bzw. Ende des 9. Jahrhunderts in den Donau-Balkan-Raum vorgedrungen waren (sog. Proto-Bulgaren und Magyaren), als auch für die modernen südslawischen Nationen der Kroaten, Serben und Slowenen. Gerade weil einige dieser Nationen bis in das 19., oft auch das 20. Jahrhundert hinein keine Eigenstaatlichkeit besaßen (→ Kap. 1), kam den mythischen Anfängen besondere Bedeutung zu: Der frühe Eintritt in die europäische Geschichte sollte den Wunsch nach Loslösung aus der Habsburgermonarchie bzw. dem Osmanischen Reich in der Neuzeit rechtfertigen. Eine moderne Nation wie jene der Bulgaren, die erst 1878 Autonomie erlangte, legte Wert auf die Behauptung, [<<60] den „ältesten Staat“ Europas zu besitzen: Das im 7. Jahrhundert an der unteren Donau entstandene Chanat der Proto-Bulgaren, dem Byzanz 681 Tribut zahlte, wurde in einer Vorstellung unmittelbarer ethnisch-nationaler Kontinuität seit diesem Jahr gedeutet. Zugleich wurde mit dem Beharren auf uralter Staatlichkeit das Gefühl kultureller Unterlegenheit gegenüber dem westlichen Europa kompensiert.
Ein übergreifender Ansatz wird demgegenüber versuchen, grundlegende Entwicklungen der Epoche zu begreifen. Dazu zählen die Transformation der spätantiken christlichen Kultur in Mitteleuropa und die erneute Christianisierung weiter Teile Südosteuropas sowie die langsame Herausbildung einer neuen Herrschaftswelt in Mittel- und Südosteuropa, die wesentlich mit der Integration germanischer und slawischer Gruppen sowie von Steppen-„Völkern“ (in einem nicht ethnisch essentialisierenden Sinn der Begriffe) verbunden ist. Beide Prozesse – kirchliche Verstetigung und Mission sowie politische Stabilisierung – sind dabei auf das engste verwoben, wie am Beispiel der sogenannten „Slawenmission“ gezeigt werden wird, einer Bewegung, die vor allem von Rom und Konstantinopel ausging und die gesamteuropäischen Bezüge unseres Betrachtungsraumes besonders deutlich vor Augen führt.
2.2.1 Spätantike Karten: Die Tabula Peutingeriana
Imperiale Herrschaftsansprüche
Das mittelalterliche Straßennetz Mittel- und Südeuropas basiert in seinen Grundzügen auf den seit der Spätantike bestehenden Verkehrswegen. Straßen als Verbindungslinien zwischen einem Ausgangspunkt und einem Ziel beschreiben die lineare Wahrnehmung eines Raumes. Meilensteine mit Entfernungsangaben sind wichtige Bestandteile des spätantiken Systems der Verkehrserschließung. Beides kann auch als Ausdruck der imperialen Herrschaftsansprüche des Römischen Reichs in seinen Provinzen verstanden werden. Beredtes Beispiel dafür sind fünf erhaltene Kalksteintafeln aus Spalato/Split, deren Inschriften die Gliederung der neuen Provinz Dalmatien in fünf von Salona/Solin ausgehenden Hauptrouten darstellen. Die Tafeln dokumentieren die Strukturierung der Provinz durch die neu angelegten und vermessenen Straßen: nach Norden ad fines provinciae Illyrici in Richtung Servitium/Bosanska Gradiška, nach Andetrium/Gornji Muć, nach Castellum [<<61] Hedum/Podgora bei Breza, zum Fluss Batinus/Bosna und zur Passhöhe Ulcirus (bei Strumica).
Ähnliche Funktion haben auch die spätantiken Routenverzeichnisse, die Itinerarien, wie etwa das Itinerarium Antonini. Es ist zugleich die inhaltliche Basis des einzigen, in einer mittelalterlichen Kopie des 12. bzw. frühen 13. Jahrhunderts überlieferten Exemplars einer spätrömischen Straßenkarte, der Tabula Peutingeriana (Abb 2). Auf 11 Pergamentblättern in Form eines Pergamentstreifens mit einem Gesamtmaß von 34 × 674,5 cm, der ursprünglich wohl als Rotulus – als Schriftrolle – konzipiert war, werden die großen Straßenverbindungen des Römischen Reichs dargestellt. Die graphische Übersicht gibt nicht nur einen Einblick in die Verkehrssituation zwischen Adria und Donau, sondern des gesamten Raumes vom Atlantik bis nach Indien.

Abb 2 Tabula Peutingeriana, um 1200. Segment 5 der Tabula itineraria orbis romani mit Teilen des heutigen Serbien, Kroatien, Italien und Tunesien; die ursprünglich als Rolle angelegte Darstellung von Verkehrsverbindungen mit einer Größe von 34 × 674,5 cm wird in 11 Segmenten aufbewahrt. [Bildnachweis]
Mit unterschiedlichen Hilfsmitteln wie Farben und Piktogrammen (Vignetten) werden Straßenverläufe, Städtenamen, Wegstationen und landschaftliche Gegebenheiten dargestellt und vermitteln den Eindruck eines weit verzweigten und gut organisierten Verkehrssystems. Zudem sind Entfernungsangaben in römischen Meilen bzw. keltischer Leuga (Gallien) ausgewiesen. Die etwa 4000 eingezeichneten Ortsangaben erfahren durch unterschiedliche Vignetten eine inhaltliche Differenzierung: Sie verweisen auf römische Villen mit Beherbergungspflicht, die oft zusätzlich mit Thermen, Tempeln oder Altären ausgestattet waren. Vignetten für Hafenanlagen und Leuchttürme sowie Straßentunnel zeichnen spezielle Routensituationen aus. Besonders auffällig sind die Städte Rom, Konstantinopel und Antiochia markiert. Die Darstellungen von allegorischen Personifikationen der Stadt oder der jeweiligen Stadtgottheit bringen den hohen Stellenwert der drei Städte in der Vorstellungswelt des Römischen Imperiums zum Ausdruck. Doch auch die christliche Perspektive fand Eingang in die Symbolik der Tabula Peutingeriana. So wurden die Hauptziele des spätantiken Pilgerwesens, die Peterskirche in Rom sowie das Heilige Land mit dem Ölberg und dem Sinaigebiet besonders hervorgehoben.
Die Tabula Peutingeriana veranschaulicht das Imperium Romanum und die angrenzenden Gebiete: Teile des heutigen England, Nordspanien, Frankreich und Mitteleuropa bis zur Donau; im Süden erstreckt sich die Darstellung der Regionen bis auf das Gebiet des heutigen Nordafrika, im Osten bis nach Indien. Manche der nicht dargestellten [<<62] Teile werden auf nicht mehr zu rekonstruierende Blattverluste zurückgeführt. Prominent im Zentrum befindet sich Rom, flankiert von Italien und jeweils links und rechts von den Gebieten im Osten und Westen. Dem Betrachter wird aus der Perspektive Roms die eroberte Welt vor Augen geführt.
Entstehungszusammenhänge
Nicht vollständig geklärt sind die antiken Entstehungszusammenhänge dieser Karte. Inhaltlich basiert sie auf dem Itinerarium Antonini (Itinerarium provinciarum Antonini Augusti), einem Reisehandbuch aus der Zeit um 300 n. Chr., das die wichtigsten Straßenverbindungen mit Angaben von Orten, Stationen und Entfernungsangaben in Form von Listen beschreibt. In der spätantiken Tradition entstand eine Reihe von Werken, die zunächst dem praktischen Gebrauch und der Verwaltung dienten, darüber hinaus jedoch auch Funktionen der räumlichen und politischen Repräsentation übernehmen konnten. Dies zeigt sich schon in der Größe und graphischen Gestaltung der Karte, die in Form eines relativ schmalen, aber sehr langen, zu einem Rotulus gerollten Streifens die geographische Ausdehnung des gesamten römischen Machtbereichs darstellen konnte.
Lange Zeit führte die Forschung die erhaltene mittelalterliche Kopie der Tabula Peutingeriana auf eine existierende Weltkarte des [<<63] Römischen Imperium zurück. Eine erste Fassung soll auf die berühmte Karte des römischen Feldherrn Agrippa († 12 v. Chr.) zurückgehen, die er in einer von ihm erbauten Säulenhalle in Rom anbringen ließ. Denn einige Details der Darstellung, wie etwa die Unversehrtheit der bereits 79. n. Chr. durch den Ausbruch des Vulkans Vesuv zerstörten Stadt Pompeji legen eine inhaltlich ältere Konzeption der Karte nahe. Das Vorbild der Wandflächen entlang einer Säulenhalle sei auch der Grund für die auffällige Form der Tabula, wird von der Forschung vermutet.
Neuere Studien weisen jedoch sehr nachdrücklich auf eine andere Dimension des Rückgriffes auf antike Vorbilder hin. Sie sehen den Entstehungszusammenhang der Tabula Peutingeriana in der Funktion einer Weltkarte, die karolingische Welt des 9. und 10. Jahrhunderts mit ihren Macht- und Herrschaftsansprüchen in der Tradition des Imperium Romanum bildlich auszudrücken. So könnte gemäß dem wenig konkreten Eintrag mappa mundi in rotulis in einem Bücherverzeichnis des frühen 9. Jahrhunderts eine erste Vorlage der um 1200 entstandenen Abschrift möglicherweise aus der Abtei Reichenau stammen. Das Benediktinerstift am Bodensee gilt als ein Zentrum der „karolingischen Renaissance“.
Doch dann schweigen die Quellen bis ins 16. Jahrhundert. Erst mit dem Interesse des Humanisten, Dichters und Gelehrten Conrad Celtis († 1508) an antiker Kartographie fand die Karte wieder Eingang in das gelehrte Wissen der Zeit. Celtis, Professor für Rhetorik und Poetik in Wien, entdeckte das Dokument in einem süddeutschen Kloster und vererbte es testamentarisch seinem Freund Konrad Peutinger († 1547), einem vermögenden Augsburger Kaufmann und Humanisten, mit dem Auftrag, es der gelehrten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach ihm wurde das einzigartige Dokument einander überlagernder spätantik-mittelalterlicher Raumkonstruktionen schließlich in der Forschung auch benannt. Peutinger hatte sich bereits um eine kaiserliche Druckerlaubnis beworben, konnte jedoch sein Vorhaben nicht mehr ausführen. Als Teil der Peutinger’schen Bibliothek geriet die Karte wieder in Vergessenheit. Erst 1720 gelangte sie über die Sammlung des kaiserlichen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen wieder zurück nach Wien in die kaiserliche Hofbibliothek. Die Tabula Peutingeriana wird heute in den Beständen der Wiener [<<64] Nationalbibliothek aufbewahrt und zählt seit dem Jahr 2006 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
2.2.2 Spätantike Epigraphik und das Ende der Alten Welt (300–500)
Fritz Mitthof, Wien
Inschriften im öffentlichen Raum
Die Allgegenwart von Inschriften unterschiedlichster Gattungen auf dauerhaften Schriftträgern wie Stein oder Bronze war in der römischen Kaiserzeit ein grundlegender Bestandteil des öffentlichen Lebens. Die Städte des Imperium Romanum boten in vielfältiger Weise Raum für die inschriftengestützte Kommunikation zwischen Herrscher, Herrschaftsapparat, Reichselite, örtlicher Elite und Unterschichten: zunächst auf dem forum, dem zentralen Platz und Ort offizieller Verlautbarungen ebenso wie der Ehrung herausragender Persönlichkeiten, sodann in den öffentlichen Gebäuden, Tempeln, Kultstätten und Privathäusern der Vornehmen, die mit Bau-, Weih- und Ehreninschriften geschmückt waren, sowie in den Nekropolen, die sich vor den Toren der Stadt entlang der Zufahrtsstraßen hinzogen und zahllose Grabmonumente beherbergten – ganz abgesehen schließlich von den Graffiti und Dipinti, mit Griffel geritzten oder mit Pinsel gemalten Kurzmitteilungen jeden erdenklichen Genres, mit denen Bauwerke und Monumente überzogen waren. Diese enorme Masse an Texten, deren Urheber alle sozialen Schichten repräsentierten und deren Adressatenkreis je nach Inhalt, Kontext und Zugänglichkeit der jeweiligen Inschrift variierte, bewirkte einen dauernden Dialog zwischen den verschiedenen Gesellschaftsgruppen. Inschriften entwickelten sich somit in der Kaiserzeit zum Medium par excellence für politisch-gesellschaftliche Diskurse zu Themen wie Herrschaftslegitimation, Definition und Hierarchisierung sozialer Gruppen, Funktion und Selbstrepräsentation der Eliten, Erinnerungskultur und Identität.
Formen privater Schriftlichkeit
Neben dieser „monumentalen“, auf eine möglichst breite und nachhaltige Interaktion abzielenden Form von Schriftlichkeit bestand eine weitere, die den Zwecken der Verwaltung, des Rechts- und Geschäftslebens und der häuslich-privaten Sphäre gewidmet war und sich vergänglicher Beschreibstoffe wie Papyrus und Holztäfelchen und damit auch kursiver Schriften bediente. [<<65]
Überlieferungschancen
Die erhaltenen und von der Forschung erschlossenen Reste dieser beiden Bereiche von Schriftlichkeit bieten uns kein genaues Abbild der ursprünglichen Verhältnisse, da die Materialien, die in der Antike als Schriftträger dienten, in sehr unterschiedlichem Maße der natürlichen Zersetzung oder mutwilligen Zerstörung ausgesetzt waren, so etwa organische Stoffe wie Papyrus und Holz durch Verrottung, Metall durch Einschmelzen oder Marmor durch Kalkbrennerei. Verzerrt ist das Bild auch durch solche Faktoren wie die höchst unterschiedliche Intensität einerseits späterer Überbauung und andererseits der archäologischen Erforschung antiker Siedlungen. Dennoch eröffnen Inschriften als authentische Primärzeugnisse tiefe Einblicke in die antike Lebenswelt, und dabei vor allem in solche Bereiche, über die uns die übrigen Quellen kaum oder gar keine Auskunft geben. In der Gesamtschau betrachtet, d. h. nach Zusammenführung und Vergleich aller Einzeldaten, lassen sich aus den Inschriften grundlegende Erkenntnisse gewinnen, und nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Bedeutung für die Erforschung der römischen Kaiserzeit nimmt von Jahr zu Jahr stetig zu.
Die Blütezeit der monumentalen Inschriftenkultur Roms lag in den Provinzen des lateinischen Westens zwischen dem späten 1. und frühen 3. Jahrhundert n. Chr. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts setzt allerdings ein dramatischer Wandel ein, als dessen primäre Ursache die allgemeine Reichskrise gelten darf. Zahlenmäßig ist ein extremer Schwund zu verzeichnen, und qualitativ sticht die geringe Sorgfalt in der Ausführung der epigraphischen Monumente ins Auge. Das Schriftbild erscheint nachlässig, und oftmals greift man nunmehr auf ältere Steinblöcke oder -platten zurück, um diese einer Zweitverwendung zuzuführen, wobei die Erstbeschriftung getilgt oder der neue Text auf der Rückseite des Monuments angebracht wird.
Forschungsgeschichte
In der älteren Forschung ist der Einschnitt des 3. Jahrhunderts als Symptom des allgemeinen Niedergangs und Verfalls des Reichs betrachtet worden. Spätantike Inschriften wurden daher lange Zeit nur insofern gewürdigt, als sie den Prozess der Christianisierung beleuchten, und aus dieser Haltung heraus entstand bereits im 19. Jahrhundert die „Christliche Epigraphik“ als eigenständige Disziplin. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Bewertung des mit Diokletian (284–305) und Konstantin (306–337) beginnenden post-tetrarchischen Zeitalters allerdings deutlich gewandelt. Die Spätantike wird nicht [<<66] mehr als Verfallszeit oder Übergangsphase, sondern als selbständige Epoche mit eigenen Leistungen und eigener Bedeutung gewürdigt. Dies hat zur Folge, dass mittlerweile auch die epigraphische Kultur der Spätantike als „drittes Zeitalter“ der lateinischen Epigraphik eingestuft wird. Besonders die letzten zehn Jahre haben eine enorme Zunahme an derartigen Forschungen gesehen. Diese Entwicklung bringt es mit sich, dass die traditionelle Scheidung von Inschriften aus nach-konstantinischer Zeit in christliche und nicht-christliche nicht mehr als sinnvoll gilt, da sich eine solche Trennlinie nicht scharf ziehen lässt und überdies moderner Perspektive entspringt.
In der neuesten Forschung gilt als anerkannt, dass nach dem vorübergehenden Einbruch des 3. Jahrhunderts seit dem Beginn des Zeitalters der Tetrarchen („Vierherrscher“, d. h. die beiden Augusti und die beiden Caesares nach dem von Kaiser Diokletian eingeführten Herrschaftssystem) eine neue Blüte der Inschriftenkultur zu beobachten ist, die das gesamte 4. Jahrhundert hindurch anhielt und in weiten Teilen des lateinischen Westens erst im Laufe des 5. Jahrhunderts zum Erliegen kam. Von diesem Niedergang blieben nur einzelne Regionen Italiens und vor allem die Stadt Rom ausgenommen – wo die Tradition sich zumindest in rudimentärer Form sogar bis ins frühe 7. Jahrhundert hielt, wie die Phokás-Säule auf dem Forum zeigt –, ebenso wie der Osten des Reichs, der unter Anastásios I. (491–518) und Justinian I. (527–565) nochmals einen markanten Aufschwung der epigraphischen Kultur erlebte, und zwar besonders im Hinblick auf die Publikation kaiserlicher Gesetze.
Spätantike Epigraphik des Donau-Balkan-Raumes
Die epigraphische Kultur der Spätantike beinhaltet alle vier Hauptgattungen, die auch schon in den früheren Jahrhunderten maßgeblich gewesen waren: Ehren-, Bau-, Weih- und Grabinschriften. Es sind aber bedeutsame Akzentverschiebungen zu verzeichnen: Zunächst nimmt der relative Anteil der Grabinschriften stark zu, einerseits weil die Christen dieses Medium für die eigene Identitätsbildung besonders nutzten, andererseits weil die übrigen Gattungen in der Bedeutung deutlich an Bedeutung verloren. Zugleich verlagert sich der Schwerpunkt epigraphischer Repräsentation von der „politischen“ in die kirchliche Sphäre; munizipaler Euergetismus, d. h. Schenkungen und Stiftungen an Stadtgemeinden durch die örtliche Oberschicht, wird jetzt nicht mehr auf dem Forum, sondern in Sakralbauten durch [<<67] Stifterinschriften (bevorzugt in Gestalt von Mosaiken) zum Ausdruck gebracht. Die Selbstdarstellung der Reichs- und lokalen Eliten in ihrer politischen Funktion reduziert sich mehr und mehr auf die Metropolen. Drittens gewinnt das Genre der Versinschrift an Bedeutung, sowohl für Ehrungen als auch für Epitaphe.
Der Donau-Balkan-Raum folgt dieser allgemeinen Entwicklung des Westens. Selbst die oben angesprochenen unterschiedlichen Entwicklungsrhythmen lassen sich hier nachweisen: Während in den Provinzen entlang der Donau die Inschriften mit der Wende zum 5. Jahrhundert quasi schlagartig verschwinden, lebt die epigraphische Kultur in den beiden Zonen, die einerseits an Italien und andererseits an den oströmischen Reichsteil angrenzen, noch mindestens bis ins frühe 7. Jahrhundert fort – zweifellos aufgrund der Impulse, die von Rom und Konstantinopel, aber auch von direkt benachbarten Landschaften wie Oberitalien oder Makedonien ausgehen, alles Gebiete mit ungebrochen aktiver epigraphischer Kultur. Dies ist auch der Grund, warum das dalmatinische Küstenland mit Städten wie Salona oder die westpontische Küste (Pontos = Schwarze Meer) mit Tomis/Constanţa, (heute Rumänien) bzw. das thrakische Binnenland südlich des Haemus (Balkangebirge) mit Philippopolis/Plovdiv und Augusta Traiana/Stara Zagora zu den Orten zählen, die in der Spätantike die vergleichsweise reichste und am längsten anhaltende epigraphische Dokumentation liefern, und zwar nicht nur auf Latein, sondern auch auf Griechisch, das in Thrakien und im westpontischen Bereich ohnehin tief verwurzelt war, aber in Dalmatien ebenfalls an Bedeutung gewann.
Die spätantiken Inschriften des Donau-Balkan-Raumes, also von Noricum, Pannonien, Dalmatien, Epirus, Moesien, dem südlich der Donau gelegen Dakien und Thrakien, in lateinischer Sprache sind erstmals im Rahmen der Erstellung des Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) zusammen mit dem übrigen antiken Material von Theodor Mommsen (1817–1903) zusammengestellt worden; manches hiervon gelangte in die Auswahlsammlung von Hermann Dessau (1856–1931) (ILS). Hingegen haben die Inscriptiones Graecae (IG), das griechische Pendant zum CIL, den thrakisch-pontischen Raum bis heute nicht erreicht. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das CIL für fast alle Regionen durch nationale Corpora ersetzt worden, die erstmals auch die [<<68] griechischen Zeugnisse systematisch erschließen (IGBulg, ILBulg, ILJ, IMS, IScM, LIA, RIU etc.). Spezielle Sammlungen, die sich auf die spätantike bzw. frühchristliche Evidenz beschränken, liegen für Bulgarien, Nord-Kroatien, Ungarn und Rumänien vor (Beševliev, Migotti, Gáspár, Barnea und Popescu); daneben existieren lokale Kollektionen (z. B. Asdracha, Salona IV). Weiters ist auf die den gesamten Reichswesten umspannende Sammlung von Ernst Diehl zu verweisen (ILCV). Die Versinschriften werden derzeit neu bearbeitet (CLEMoes, CLEPann und CLEThr), ebenso die Meilensteine (CIL XVII).
Zur Auflösung der im folgenden verwendeten Siglen von Inschrifteneditionen wie CIL etc.: http://db.edcs.eu/epigr/hinweise/abkuerz.html, Zugriff: 21. 12. 2016
Epigraphische Textsuchen sind über Online-Volltext-Datenbanken möglich, z. B. für lateinische Inschriften:
Epigraphische Datenbank Clauss-Slaby (EDCS): http://db.edcs.eu/epigr/epi_de.php, Zugriff: 24. 03. 2016 und für griechische Inschriften: Packard Humanities Institute, Greek Epigraphy: Searchable Greek Inscriptions http://epigraphy.packhum.org/inscriptions/, Zugriff: 24. 03. 2016
Für archäologische Beschreibungen und Bildmaterial epigrapischer Monumente aus dem Donau-Balkan-Raum: http://www.ubi-erat-lupa.org/about.php, Zugriff: 24. 03. 2016
Quellenwert der Inschriften
Der Quellenwert der griechisch-lateinischen Epigraphik beruht vor allem darauf, dass sie realien-, struktur- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte und Zusammenhänge erhellt, die durch keine andere Quellengruppe einsichtig gemacht werden. In seltenen Fällen wird aber auch die Ereignisgeschichte bedient. Dies gilt auch für das hier behandelte Material. Im Folgenden seien einige Beispiele angeführt:
Ein herausragendes politisches Ereignis dokumentiert die berühmte Weihung der Tetrarchen anlässlich ihrer Konferenz zu Carnuntum (östlich des heutigen Wien) im Jahre 308 n. Chr. für den Gott Mithras, den Gönner und Förderer ihrer Herrschaft (fautor imperii sui). Es liegen ferner Grabsteine von Soldaten vor, die in einem der zahlreichen Bürgerkriege des Zeitalters fielen (in proelio Romanorum; bello civili). Gelegentlich haben sich kaiserliche Konstitutionen auf Bronze erhalten, insbesondere zu Fragen der Rechtsstellung von Soldaten (Brigetio/Silistra, [Bulgarien], 311 n. Chr.; Durostorum/Szőny, [Ungarn], 311 n. Chr.).
Von besonderer historischer Relevanz ist die Existenz intakter römischer Herrschaftsstrukturen, repräsentiert etwa durch Meilensteine [<<69] und andere Bauinschriften der Kaiser oder durch Ehreninschriften lokaler Akteure wie Statthalter oder Städte für Kaiser. Besonders prägnant tritt dabei die Funktion der Herrscher als Garanten für eine erfolgreiche Abwehr der Barbaren hervor (z. B. ad confirmandam provincialium suorum aeternam securitatem; ad confirmandam limitis tutelam). Solches läßt sich im gesamten Donau-Balkan-Raum bis zum Ende des 4. Jahrhunderts nachweisen, danach nur noch in den oben angesprochenen Übergangszonen im Nordwesten und Südosten.
Aus der Verwendung der Konsulatsdatierung auf Grabsteinen mag auf ein Zugehörigkeitsempfinden auch unterer Bevölkerungsschichten zum Reich geschlossen werden; interessant ist daher die Tatsache, dass in Salona nach dem Ende des Westreichs die (nunmehr oströmischen) Konsuln nur noch vereinzelt genannt werden. Als Echo auf den Auflösungsprozess römischer Herrschaft können auch Fürbitten von Reichsbewohnern für den Erhalt der res publica Romana (Salona, ca. 450–600 n.Chr.) bzw. der Romania (Sirmium, 578–582 n.Chr.) gelten. Unter den Grabsteinen, die mehr als nur die Namen der Verstorbenen liefern, stechen jene der Soldaten hervor. Die detailreichen Angaben zu ihren Karrieren bieten wertvolles Material für die sonst nur schlecht dokumentierte Militärgeschichte des Zeitalters. Eine Gruppe von Inschriften aus Novae (bei Svištov, Bulgarien) beleuchtet die logistischen Strukturen der Donauarmee, die damals aus dem Ägäisraum und der Levante mit Proviant beliefert wurde.
Die Prominenz von Epitaphen aus dem militärischen Milieu kontrastiert auffällig mit der geringen Zahl von Mitgliedern der städtischen Führungsschichten; im einen Fall liegt also gegenüber dem 1.‒3. Jahrhundert weitgehende Kontinuität, im anderen ein deutlicher Einschnitt vor.
Aus religionsgeschichtlicher Sicht fällt neben der allgemeinen Erscheinung der Christianisierung das vereinzelte Fortleben paganer Kulte und deren Förderung durch allerhöchste Repräsentanten des Reichs ins Auge. Man denke etwa an die bereits angesprochene Weihung der Tetrarchen für Mithras in Carnuntum oder aber an die Neuerrichtung eines seit fünfzig Jahren aufgelassenen Mithräums durch den norischen Statthalter (Virunum [bei Maria Saal, Kärnten], 311 n. Chr.).
Zur nach wie vor anhaltenden Mobilität und wirtschaftlich bedingten Migration der Reichsbevölkerung liefern die Inschriften viele [<<70] höchst interessante Detailinformationen. Hervorgehoben sei etwa die starke Präsenz syrischstämmiger Personen im Salona des 4. bis 6. Jahrhunderts.
Ausklang
Die epigraphische Kultur der Spätantike endete im Donau-Balkan-Raum teils um 400, teils im Laufe des 6. Jahrhunderts. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der städtischen Kultur des Altertums gewesen. Mit dem Verschwinden von Urbanität und der Auflösung städtischer Eliten verlor sie die elementaren Voraussetzungen für ihre Existenz und Entfaltung. Zugleich ist die Spätantike aber auch der Beginn der christlich geprägten Inschriftenkultur im sakralen Raum ebenso wie auf Friedhöfen, mit neuen Formularen und Symbolen. Diese „christliche Epigraphik“ wurde in den folgenden Jahrhunderten bruchlos fortgeführt und erschloss sich neben Latein und Griechisch allmählich auch die neuen Sprachen und Schriften des Donau-Balkan-Raumes. Aber selbst die „politische“ Epigraphik findet zumindest in rudimentärer Form eine Fortsetzung, sowohl in den „barbarischen“ Nachfolgereichen als auch im mittelalterlichen Byzanz, freilich unter völlig veränderten Rahmenbedingungen und mit neuen Merkmalen.
2.2.3 Linguistische Quellen zum Frühmittelalter: Zur Aussagekraft der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft
Joachim Matzinger, Wien
Zwei bedeutende historische Ereignisse haben die Sprachenlandschaft Südosteuropas vor dem Beginn der Neuzeit einschneidend verändert: Zum einen in antiker Zeit – zu Beginn des 2. vorchristlichen Jahrhunderts – die römische Eroberung, die als Folge der schrittweisen Eingliederung dieses Territoriums unter die Herrschaft Roms die lateinische Sprache als weitreichendes Kommunikationsmedium (d. h. als Sprache der Verwaltung, des Militärs, des Handels sowie der Neusiedler) nach Südosteuropa brachte; zum anderen am Ausgang der Antike ab ca. dem 6. Jahrhundert n. Chr. die Ankunft slawischer Verbände, die sich dauerhaft in Südosteuropa ansiedelten. Besonders die frühmittelalterlichen Veränderungen sind in schriftlichen Quellen kaum dokumentiert. Hauptzeugnis der sprachlich-ethnischen Verschiebungen sind die in Südosteuropa überlieferten Sprachen selbst. Diese werden von der vergleichenden Sprachwissenschaft erforscht. [<<71] Dieses Kapitel gibt einen vertieften Einblick in die Arbeits- und Denkweise einer Disziplin, von deren Befunden historische Forschung zum südosteuropäischen Frühmittelalter in hohem Maß abhängig ist.
Die antike Sprachenlandschaft Südosteuropas vor der Ausbreitung des Lateinischen kann folgendermaßen skizziert werden: Im Süden lag seit der Bronzezeit das Sprachgebiet des Griechischen. Griechische Kolonisierungstätigkeit und Binnenhandel brachten andere Bewohner Südosteuropas in Kontakt mit dem Griechischen (vor allem mit der hellenistischen Gemeinsprache, der sog. Koiné), das wegen des hohen Prestiges der materiellen und geistigen Kultur der Griechen die Funktion eines Ausdrucksmediums lokaler Eliten übernahm. Dies äußert sich u. a. darin, dass sich diese auf Inschriften des Griechischen bedienten und nicht ihrer eigenen Sprachen. Dieses hohe soziale Prestige des Griechischen als Sprache der „Kultiviertheit“ erklärt, warum in Südosteuropa nur wenige etwas längere Inschriften gefunden wurden, die in lokalen Sprachen verfasst sind. An der Adriaküste, von Epirus im Süden bis Istrien im Norden wird vielfach der Siedlungsraum der Illyrer angenommen. Während dieser illyrische Siedlungsraum nach einem heute überholten Forschungskonzept sogar noch viel weitergehend gefasst wurde (z. T. weite Gebiete Europas einnehmend), wird er nach neueren archäologischen sowie sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen nur noch im Bereich des heutigen Albaniens (Mittel- und Nordalbanien) und Montenegros mit ihren jeweiligen Hinterländern lokalisiert.
Die vielen lokalen Stämme nördlich Montenegros, d. h. auf dem Gebiet Dalmatiens, sollten hiervon besser getrennt werden, da ihre (sprachliche) Verbindung mit dem illyrischen Kerngebiet keineswegs gesichert ist. So hat z. B. die Sprachwissenschaft zeigen können, dass im Ostadriabereich mehrere ganz verschiedene Personennamengebiete vorliegen, von denen sich nur eines auch mit dem Siedlungsraum der eigentlichen Illyrer deckt. Im Osten, zur Schwarzmeerküste und Ägäis hin (heute Nordostgriechenland, Bulgarien und die europäische Türkei), liegt der Siedlungsraum jener zahlreichen Stämme, die mit dem allgemeinen Sammelbegriff Thraker benannt und denen auch die Geten im Donaudeltaraum zugerechnet werden.
Für alle jene Stämme wieder, die auf heute rumänischem Staatsgebiet siedelten (hauptsächlich im heutigen Siebenbürgen) und die [<<72] man zumeist ebenfalls zu den Thrakern zählt, kam seit dem 1. vorchristlichen Jahrhundert der gesonderte Begriff Daker auf. Die Sprache der im nördlichen Griechenland (d. h. nördlich von Thessalien) siedelnden Makedonen wird von der Sprachwissenschaft im Gegensatz zu früher heute nicht mehr als eigene Sprache, sondern vielmehr als nordwestgriechisch-dorischer Dialekt angesehen, der wie die übrigen altgriechischen Dialekte auch (abgesehen vom Überbleibsel des Tsakonischen auf der Peloponnes) zu Gunsten der hellenistischen Koiné aufgegeben wurde. Darüber hinaus siedelte auch im Inneren Südosteuropas eine Vielzahl von Stämmen, deren Einordnung allerdings nicht immer zu sichern ist.
Spärliche Belege der altbalkanischen Sprachen
Alle antiken lokalen Sprachen Südosteuropas können schließlich mit dem Begriff altbalkanische (bzw. paläobalkanische) Sprachen benannt werden. Ihre Beleglage ist marginal; es gibt nur eine Handvoll längerer thrakischer Inschriften, die sich – obgleich in griechischem Alphabet geschrieben – dennoch bis heute einer allgemein anerkannten Interpretation entziehen. Keine Inschriften hinterlassen haben die Daker (wie auch die Illyrer sowie alle übrigen altbalkanischen Stämme). Die Interpretation des altbalkanischen Sprachmaterials muss sich, da keine Textdenkmäler zur Verfügung stehen, daher auf andere Zeugnisse stützen. Hierzu gehören neben den bei antiken Autoren verzeichneten Glossenwörtern (d. h. Erklärungen fremder Wörter), deren Interpretation jedoch nicht immer zweifelsfrei ist, vor allem die zahlreich überlieferten Orts- und Personennamen, die den altbalkanischen Sprachen zuzuschreiben sind. Auf Grundlage dieser Namensbelege muss schließlich versucht werden, zumindest die Grundzüge der Lautsysteme dieser Sprachen zu ermitteln, da der Einblick in ihre Grammatik verwehrt bleibt, die bei Untersuchungen zum Sprachvergleich letzten Endes von ausschlaggebendem Wert ist.
Das genaue Schicksal der lokalen Sprachen im Gefolge der Ausbreitung des Lateinischen ist nur schwer zu bestimmen, gemeinsam ist ihnen allen aber, dass sie ausgestorben sind, bzw. präziser gesagt, zu Gunsten des Lateinischen allmählich aufgegeben wurden (abgesehen vom Griechischen und der Ausnahme des Albanischen; dazu im Folgenden). Dieser Vorgang war gewiss nicht einheitlich, sondern verlief örtlich und zeitlich unterschiedlich. Am schnellsten fasste das Lateinische in urbanen Siedlungen, erschlossenen Ebenen sowie [<<73] entlang der Verkehrswege Fuß, während damit gerechnet werden muss, dass lokale Sprachen in den Höhenlagen zunächst eine gewisse Zeit lang noch weiter gesprochen wurden.
Die sprachliche Neuformierung des Balkans
Nachdem für den Ausgang der Antike anzunehmen ist, dass ein weitreichender Teil Südosteuropas (von Griechenland und griechisch geprägten Siedlungen abgesehen) zur lateinischen Sprache übergewechselt ist, hat die Ankunft der slawischen Verbände, die zunächst die Ebenen in Besitz genommen haben, dazu geführt, dass die lateinische Sprachlichkeit erschüttert wurde.
Das Lateinische findet sich in der Folge einerseits noch in den urbanen Bereichen an der Adriaküste. Denn in den Städten an der Adria (so z. B. in Dubrovnik/Ragusa) entwickelte sich – im Unterschied zum slawischen Hinterland – aus dem Latein jene romanische Sprachform, die Dalmatisch genannt wird, jedoch im Spätmittelalter unter dem Druck des Venezianischen und des Slawischen ausgestorben ist (ein letzter Rest hielt sich jedoch noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf der Insel Krk/Veglia).
Aus dem Latein jener Sprecher wieder, von denen angenommen werden kann, dass sie sich in die Höhenlagen zurückgezogen hatten, wofür das rumänische Lexikon Hinweise gerade im Bereich der Hirtenterminologie liefert, entwickelte sich andererseits das Urrumänische. Von diesem leiten sich die modernen erhaltenen ostromanischen Sprachen her: das norddanubische (Dako)rumänische und die kleinen süddanubischen Sprachen Aromunisch (in Albanien, Mazedonien und Griechenland), Meglenorumänisch (in Griechenland) sowie Istrorumänisch (auf Istrien). Aus dem Slawischen schließlich, das bei Ankunft seiner Sprecher, wie die Daten der historischen slawischen Linguistik nahelegen, noch einheitlich war, entstanden im Verlauf der Zeit durch Differenzierungsprozesse die heute in Südosteuropa gesprochenen südslawischen Sprachen. Den modernen Fortsetzern der hellenistischen Koiné (Neugriechisch), des Lateinischen (Rumänisch sowie die anderen Kleinsprachen) und des Slawischen (Bulgarisch, Mazedonisch, Serbisch-Kroatisch, Slowenisch) ist gemein, dass ihre Sprachgeschichte auf Grund der Tatsache, dass ihre Vorstufen gut bezeugt und auch reichlich Textdokumente vorhanden sind, recht gut nachverfolgt werden kann, ihre Herkunft und Entwicklung ist daher kein besonderes Forschungsproblem. [<<74]
Das Beispiel des Albanischen
Anders stellt sich die Lage beim Albanischen dar, das die Forschung schon bald als eine eigenständige indogermanische Sprache identifiziert hat. Seine Dokumentation setzt nämlich von Namens- und Einzelwortbelegen sowie in spätmittelalterlichen lateinischen und griechischen Handschriften überlieferten kleinen Sätzchen abgesehen erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein (1555 mit dem Seelsorgehandbuch des katholischen Priesters Gjon Buzuku). Die albanische Sprachgeschichte vor diesem Zeitpunkt kann mangels schriftlicher Zeugnisse daher nur auf dem Weg des Sprachvergleichs und der sogenannten internen Rekonstruktion erschlossen werden. Dies wird im Folgenden näher erläutert. Hier bewährt sich die Tatsache, dass die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft als eine seit langer Zeit erprobte linguistische Disziplin, die ihre Methodik im Zusammenspiel mit anderen linguistischen Forschungsrichtungen kontinuierlich verfeinert, über die nötigen Instrumentarien dazu verfügt. So konnte aus dem Sprachvergleich der indogermanischen Einzelsprachen das lautliche und grammatische System des Urindogermanischen rekonstruiert werden, d. h. jene rekonstruierte Sprachform, die auch als Ursprung des Albanischen vorauszusetzen ist.
Darüber hinaus wurde aus Sprachen mit langer schriftlicher Überlieferungsgeschichte die Methode der internen Rekonstruktion entwickelt, mit deren Hilfe es möglich ist, innerhalb einer Sprache historische sprachinterne Veränderungen in der Laut- und Formenlehre nachzuvollziehen. Der Sprachvergleich und besonders die interne Rekonstruktion ermöglichen es, die schriftlose Sprachgeschichte von erst spät belegten Sprachen wie dem Albanischen sehr zuverlässig zu ermitteln. Zum Tragen kommt hierbei das empirische Prinzip der relativen Chronologie, das besagt, dass auch wenn der exakte Zeitpunkt z. B. eines Lautwandels nicht datiert werden kann, so doch die zeitliche Abfolge der einzelnen lautlichen Wandel innerhalb einer Sprache bestimmbar ist, womit erkennbar wird, wo es sich um einen früheren und wo um einen späteren Wandel handelt.
Illyrisch und Albanisch
Da das Albanische heute auf jenem Territorium gesprochen wird, das in der Antike von illyrischen Stämmen besiedelt wurde, wurde a priori angenommen, dass es sich beim Albanischen um eine kontinuierliche moderne Fortsetzung des Illyrischen handeln muss. Die Befürworter dieser Herleitung, die sich in albanischen Handbüchern [<<75] trotz schwerwiegender Kritikpunkte gleichsam konkurrenzlos durchgesetzt hat, führen zur Bekräftigung neben archäologischen gerade auch sprachwissenschaftliche Argumente an. Sie sollen im Folgenden zur Erläuterung der methodischen Analyseweisen skizziert und kritisch überprüft werden.
Lautgesetze als Schlüssel zur altbalkanischen Geschichte
Da das antike Illyrische nicht in Textzeugnissen überliefert und das Albanische erst neuzeitlich belegt ist, ergeben sich bei einem Vergleich dieser beiden Größen zwei Schwierigkeiten: zum einen eine zeitliche Distanz von ca. 1500 Jahren und zum anderen eine Ungleichmäßigkeit der jeweiligen Beleglage. Da die für einen Sprachvergleich primär aussagekräftige Komponente der Grammatik für das Illyrische völlig fehlt, müssen sich alle Hypothesen bei einem Vergleich des Albanischen mit dem Illyrischen auf einen Abgleich der Lautsysteme dieser beiden Sprachen stützen. Dies unternehmen auch die Vertreter einer Abstammung des Albanischen vom Illyrischen, indem sie postulieren, dass die auf dem Territorium Albaniens bezeugten antiken illyrischen Ortsnamen nach typisch albanischen Lautentwicklungen zu den modernen Formen weiterentwickelt worden sind (eine weitreichende Folge dieser Hypothese ist dann auch die Annahme einer Autochthonie (Alteingesessenheit) der Albaner auf ihrem Siedlungsgebiet). So wird z. B. auf eine albanische Lautentwicklung beim Namen der antiken Stadt Scodra (einem der Hauptorte der Illyrer) hingewiesen: Die albanische Form des Ortsnamens Shkodra zeige als Fortsetzer der antiken Namensform, dass deren Lautverbindung sk als shk erscheint, was so nur im Albanischen möglich ist – im Gegensatz etwa zur slawischen Namensform Skadar.
Nun handelt es sich bei der Wiedergabe des antiken sk als shk in der Tat um eine typisch albanische Erscheinung, aber bei genauem Hinsehen zeigt sich auch, dass diese Wiedergabe nur bei Wörtern zu finden ist, die das Albanische aus dem Altgriechischen, vor allem aber so zahlreich aus dem Lateinischen entlehnt hat. In den Wörtern, die das Albanische direkt aus seiner Vorstufe, dem Urindogermanischen, als Erbwörter fortgeführt hat, ist die Lautverbindung sk hingegen ganz anders entwickelt worden, nämlich zum Laut h, so z. B. in dem Verbum mih „graben, umgraben“, das mit dem deutschen Verbum mischen verwandt ist und die beide auf einer rekonstruierten urindogermanischen Vorform *misḱe/o- „mischen“ beruhen (Rekonstruierte [<<76] sowie unbelegte bzw. nur hypothetisch gebildete Vorformen werden in der Linguistik mit einem hochgestellten Sternchen gekennzeichnet).
Beim Ortsnamen alban. Shkodra muss auch sein Vokal o einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Die Entsprechung des alban. o mit dem o der antiken Namensform ist gleichfalls ein Phänomen, das so nur bei Wörtern beobachtet werden kann, die das Albanische entlehnt hat, vgl. alban. korb „Rabe“, das vom gleichbedeutenden lateinischen corvus abstammt. In albanischen Erbwörtern wiederum hat man es dagegen mit einer völlig anderen Entwicklung des urindogermanischen Vokals o zu tun, der, wie aus der relativen Chronologie klar hervorgeht, sehr frühzeitig schon zu einem a geworden ist, wie in dem Beispiel von natë „Nacht“ aus urindogermanisch *nokwt- (von dem auch gleichbedeutend lateinisch nox, Genetiv noctis herstammt).
Das bedeutet, dass eine ältere Sprachform des Albanischen, Uralbanisch genannt, somit keinen Vokal o mehr gekannt hat. Erst in einer späteren Periode seiner Sprachentwicklung ist dann sekundär wieder ein Vokal o entstanden, der sich aus den urindogermanischen Langvokalen ā und ē entwickelt hat (beide wurden zunächst zu uralban. ā, ehe dieses später zu o verändert wurde, vgl. z. B. alban. motër „Schwester“ aus urindogermanisch *māter- „Mutter“ gegenüber lateinisch māter). Dieses (ca. zwischen dem 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert) erst sekundär entstandene o wurde dann als geeigneter Ersatzvokal verwendet, um das o in den lateinischen Lehnwörtern wiederzugeben.
Aus diesen Befunden geht daher klar hervor, dass die albanische Namensform Shkodra typische Merkmale aufweist, die nicht die ererbten Wörter des Albanischen kennzeichnen, sondern nur seine Lehnwörter. Im Rahmen der Hypothese einer linearen illyrisch-albanischen Sprachkontinuität sollte aber auch der antike Ortsname Scodra, der seit ca. dem 4. vorchristlichen Jahrhundert inschriftlich auf Münzen bezeugt ist, ebenfalls linear im Albanischen fortgeführt worden sein, und mithin sollte er nach dem eben Gesagten die lautlichen Merkmale eines albanischen Erbwortes aufweisen (hierbei wäre eine hypothetische Namensform *Hadra zu erwarten gewesen).
Die sorgfältige Untersuchung der Fortführung antiker Ortsnamen im Albanischen lässt somit gesicherte Rückschlüsse auf die Lautsysteme des Illyrischen und des zeitgleichen Uralbanischen zu: während [<<77] das Illyrische, wie es der Ortsname Scodra zeigt, einen Vokal o sowie eine Lautverbindung sk aufwies, waren diese dem Uralbanischen unbekannt (urindogermanisches o war bereits zu a geworden und sk hatte sich zu h entwickelt). Diese entsprechend den linguistischen Grundprinzipien unüberwindbaren lautlichen Diskrepanzen offenbaren, dass es sich hier um zwei unterschiedliche Lautsysteme und damit auch um zwei verschiedene Sprachen handelt. Das Albanische kann deshalb weder mit dem Illyrischen gleichgesetzt, noch direkt von ihm hergeleitet werden. Durch seine lautliche Wiedergabe im Albanischen verrät der Ortsname Shkodra somit, dass er erst in einer späteren Periode des Uralbanischen von dessen Sprechern aufgenommen wurde, wobei fremdes o durch erst neu entwickeltes o und die Lautgruppe sk mit shk ersetzt wurde. Einer Kontinuität bzw. Autochthonie von Albanern in diesem Raum widerspricht dieser sprachliche Befund. So verhält es sich aber nicht nur bei der Lautgeschichte von Shkodra, auch alle anderen Orts-, und ebenso die Flussnamen, die auf dem antiken Gebiet des heutigen Albaniens bezeugt sind, zeigen bei ihrer Erhaltung gleichfalls nur solche Lautersetzungen, die für Lehnwörter im Albanischen charakteristisch sind. In diesem Zusammenhang darf auch nicht übersehen werden, dass ein großer Teil der heute in Albanien zu findenden geographischen Namensgebung ohne Zweifel sogar erst aus den südslawischen Sprachen übernommen worden ist. Dieser Befund widerspricht somit ganz deutlich der Annahme, wonach die Albaner als vermeintlich Autochthone die heutigen Nachkommen der antiken Illyrer sein sollen und legt zugleich nahe, dass die Albaner in ihren bekannten Siedlungsraum erst zugewandert sein müssen.
Alteingesessene oder Zuwanderer?
In der Tat wurde in der Forschung schon frühzeitig als Gegenentwurf zur Autochthoniehypothese der Albaner die Hypothese ihrer Zuwanderung aufgestellt. Diese sogenannte Admigrationshypothese widerspricht aber nicht nur einer illyrischen Herkunft der Albaner und des Albanischen, sondern versucht gleichzeitig auch, die Frage der Herkunft mit der Behauptung zu beantworten, dass das Albanische vom Thrakischen herzuleiten sei. Dieser vermeintlich thrakischen Herkunft (im Besonderen vom thrakischen Stamm der Bessen) kann wegen der eingeschränkten Beleglage des Thrakischen wiederum nur durch eine Konfrontation der Lautsysteme der beiden Sprachen [<<78] nachgegangen werden. Jedoch ergeben sich auch bei diesem Vergleich klare Diskrepanzen, die deutlich machen, dass die Lautsysteme des Thrakischen und Uralbanischen nicht deckungsgleich sind und somit zwei verschiedene Sprachen vorliegen müssen.
Ist das Albanische aber weder illyrischer noch thrakischer Herkunft, so bleibt nur der Schluss, dass es vielmehr eine andere altbalkanische Sprache fortsetzt, die unabhängig neben dem Illyrischen und Thrakischen gesprochen und trotz der intensiven Sprachkontakte mit dem Lateinischen sowie später auch dem Slawischen weder romanisiert noch slawisiert wurde, ähnlich wie das keltische Walisische (bzw. Kymrische) überlebte, das im Rückzugsgebiet walisischer Höhenlagen trotz eines ebenso intensiven Sprachkontakts mit dem Lateinischen weder romanisiert wurde, noch im Folgenden dem Angelsächsischen (Altenglischen) unterlegen ist.
Intensiver Sprachkontakt zwischen verschiedenen Sprachen und daraus resultierende Vielsprachigkeit ist im Übrigen ein Charakteristikum auch des nachantiken Südosteuropa, denn die hier gesprochenen Sprachen haben in jeweils mehr oder weniger hohem Grad spezifische Übereinstimmungen in Grammatik, Satzbau, Wortschatz und Redewendungen ausgebildet, die sogenannten Balkanismen, die besonders zahlreich im Albanischen, Mazedonischen und Aromunischen verbreitet sind. Als Benennung dieser sprachlichen Übereinstimmungen hat sich der Terminus Balkansprachbund eingebürgert, die Disziplin, die diese Phänomene untersucht, ist die Balkanlinguistik.
Führt die sprachwissenschaftliche Analyse zu der Erkenntnis, dass das Albanische weder illyrisch noch thrakisch ist und die Albaner nach Ausweis der lautlichen Entwicklung der Orts- und Flussnamen erst zugewandert sein müssen, stellt sich sofort die Frage, woher diese Zuwanderung erfolgt ist und ob die Sprachwissenschaft auch hierauf eine Antwort geben kann. In der Tat gibt es indirekte Hinweise, dass diese Zuwanderung aus den inneren Regionen Südosteuropas erfolgt sein muss. Einer dieser Hinweise besteht darin, dass das Albanische mit dem Rumänischen eine Reihe von Wörtern gemeinsam hat, besonders in der Domäne der Kleinviehhaltung. Dabei handelt es sich einerseits um Wörter, die exklusiv nur diesen beiden Sprachen gemeinsam sind und den Charakter von Erbwörtern aufweisen, sowie andererseits um lateinische Lehnwörter, die gleichfalls nur im Albanischen und [<<79] Rumänischen in dieser Form erhalten sind. Diese Gemeinsamkeiten können aus einem direkten Sprachkontakt auf einer früheren Zeitstufe erklärt werden, d. h. die heute geographisch weit voneinander getrennt lebenden Sprecher des Albanischen und des Rumänischen müssen sich zwischen nachantiker und frühmittelalterlicher Zeit in einer geographisch unmittelbaren soziokulturellen Symbiose und in engem Sprachkontakt befunden haben.
Da aus sprachwissenschaftlicher Sicht auch der nahezu von der gesamten rumänischen Linguistik vertretenen Hypothese einer Entstehung des Rumänischen nördlich der Donau mit gewichtigen Argumenten zu widersprechen ist, ergibt sich so ein weiterer Hinweis darauf, dass das albanisch-rumänische Kontaktgebiet einst im Inneren Südosteuropas gelegen haben muss. Speziell für die Gruppe der gemeinsamen Wörter, die sich auf die Kleinviehhaltung beziehen und die nicht gemeinsamer lateinischer Herkunft sind (z. B. albanisch thark, rumänisch ţarc „(geflochtene Kleinviehhürde“), hat sich die Ansicht eingebürgert, dass diese gleichfalls Lehnwörter (sog. Substratwörter) sein sollen, und zwar aus einer altbalkanischen Sprache, die meist mit der Sprache der Daker identifiziert wird. Aber dieser Substrathypothese wurde auch schon früh von Teilen der Sprachwissenschaft widersprochen, die in vielen dieser Wörter uralbanische Lehnwörter erkennt, die ins Urrumänische aufgenommen wurden. Dass diese Auffassung zutrifft, kann in einer Reihe von Fällen tatsächlich an Hand der lautlichen Struktur dieser Wörter nachgewiesen werden. Im Fall von albanisch thark, rumänisch ţarc (aus einem uralbanischen *tsarka- entlehnt), das im Rumänischen isoliert ist, zeigt sich auch, dass das albanische Wort eben nur im Albanischen gut versippt ist, wo auch das zu Grunde liegende Verbum thur „flechten“ belegt ist, von dem dieses Substantiv abgeleitet ist.
Ein anderer Hinweis auf eine Herkunft der Albaner aus dem Inneren Südosteuropas ist ferner auch der Umstand, dass die historische Lautgeschichte einiger antiker, heute auf ausschließlich slawischem Sprachgebiet befindlicher Ortsnamen nicht mit slawischen Lautentwicklungen erklärbar ist, sondern vielmehr Lautentwicklungen vorliegen, die für das Albanische typisch sind. Ein solcher Fall ist z. B. Niš (aus antikem Naissus), dessen heutige Namensform (der Vokal i und das auslautende š) eben nicht mit slawischen Regeln erklärbar ist, [<<80] sehr wohl aber mit albanischen. Ist die Annahme einer Zuwanderung der Albaner aus sprachwissenschaftlicher Perspektive zwar überaus wahrscheinlich, so ist in der lebhaft geführten Diskussion nach wie vor die Frage ungelöst, woher ursprünglich und wann genau diese Zuwanderung erfolgt ist, d. h. ob noch in (nach)antiker Zeit oder erst im Frühmittelalter.
Forschungsergebnisse und ihre politische Dimension
Die Untersuchung der historischen Lautgeschichte der geographischen Namen Südosteuropas kann, wenn sie objektiv und frei von nationalistischen und anderen ideologischen Vorgaben oder Erwartungshaltungen durchgeführt wird, eine Reihe von recht gezielten Aussagen über schriftlose Perioden treffen. Auf berechtigte Fragen von Herkunft, früherer Siedlungsgeschichte und möglicher Migrationen können durchaus grundlegende Antworten gegeben werden. Die Daten der Linguistik zeigen, dass sich das wenige sprachliche Material der alten Balkansprachen Illyrisch und Thrakisch nicht mit den linguistischen Daten des Albanischen, im Speziellen mit den Daten des zeitgleichen, d. h. antiken Uralbanischen, in Übereinstimmung bringen lässt. So lässt sich sagen, dass das heutige Albanische die moderne Fortsetzung einer altbalkanischen Sprache darstellt, die einzige überhaupt, die unabhängig sowohl vom Illyrischen als auch vom Thrakischen ihren Weg in die Neuzeit gefunden hat, und deren Sprecher außerdem in ihr Siedlungsgebiet in Albanien erst zugewandert sein müssen. Allerdings, auch wenn erste Ansätze bereits unternommen wurden, so steht die wertfreie Untersuchung wie Auswertung solcher Befunde in großen Teilen noch aus; das geographische Namensmaterial ist sehr umfangreich und ein großer Teil der vorhandenen Literatur noch ideologiebeladen oder inzwischen methodisch stark veraltet, sodass in den meisten Fällen die Analyse erneut begonnen werden muss.
Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft ist eine von ihrer Ausrichtung und Methodik her geeignete Disziplin für diese Aufgabe, die im Zusammenspiel und Dialog mit anderen linguistisch-philologischen Fachrichtungen (Klassische Philologie, Gräzistik, Slawistik, Romanistik, Byzantinistik) und der Geschichtswissenschaft die Untersuchung dieser Fragen in Angriff nehmen kann. Sie in absehbarer Zukunft zu beantworten, ist Aufgabe und Ziel von kontinuierlichen interdisziplinären Forschungsbemühungen. [<<81]
2.3 Die Kirche als Trägerin frühmittelalterlicher Überlieferung
2.3.1 Differenzierung und Integration durch Glauben
Fallbeispiel: Die Vita St. Severini und der Abzug der romanischen Bevölkerung aus dem Donauraum
Die vielen Leben des Heiligen Severin
Wenige frühmittelalterliche Werke über den Betrachtungsraum wurden von der Geschichtsforschung und ihren Nachbardisziplinen (v. a. Archäologie, Philologie, Theologie) so eingehend behandelt wie die schmale Erinnerungs- oder Denkschrift (commemoratorium) des Eugippius über das Leben des Heiligen Severin, die als Vita Sancti Severini in die Forschungsgeschichte Eingang gefunden hat.
Das liegt zunächst einmal maßgeblich an der Quellenlage: Bedingt durch den generellen Rückgang von Schriftlichkeit kommt den wenigen erhaltenen Texten umso mehr Bedeutung zu, besonders wenn es sich um narrative Darstellungen unmittelbar aus dem Betrachtungsraum selbst handelt. Den Text schrieb Eugippius zwar erst nach den wiedergegebenen Ereignissen im Jahr 511 im süditalienischen Kloster Castellum Lucullanum bei Neapel, das heißt etwa eine Generation nach dem Tod des Heiligen 482 in Favianis/Mautern an der Donau im heutigen Niederösterreich. Ob und wie genau er persönlich Severin gekannt hat, ist nicht restlos geklärt. Jedenfalls aber war er Zeuge der maßgeblichen Entwicklungen, denn 488 wurde die von Severin gegründete geistliche Gemeinschaft, der Eugippius angehörte und später vorstand, im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Skiren Odoaker, der 476 den letzten weströmischen Kaiser abgesetzt hatte, und den pannonischen Goten unter Mitnahme der sterblichen Überreste des Heiligen nach Italien evakuiert.
Schriftlichkeit und Mündlichkeit
Die dazwischen liegenden drei Jahrzehnte, ebenso wie der etwa gleiche Zeitraum zuvor, in dem Severin in den provinzialrömischen Siedlungen an der mittleren Donau wirkte, sind gekennzeichnet von Entwicklungen, die einen Abschnitt der sogenannten „Völkerwanderung“ mit besonders nachhaltigen Konsequenzen gerade auch für die schriftliche Überlieferung markieren. [<<82]
Zu der Zeit, als der Hunnenkönig Attila starb, herrschten in beiden Teilen Pannoniens und den übrigen an die Donau grenzenden Gebieten unsichere Verhältnisse. […] Damals nun kam der hochheilige Diener Gottes Severinus aus dem Osten in das Grenzgebiet zwischen Ufer-Noricum und Pannonien und hielt sich in einer kleinen Stadt auf, die Asturis heißt. Er lebte nach der Lehre des Evangeliums und der Apostel in aller Frömmigkeit und Sittenreinheit und erfüllte im Bekenntnis des katholischen Glaubens sein ehrwürdiges Gelübde durch heiligmäßige Werke. (c. 1,1)
Eugippius, Vita Sancti Severini. Das Leben des heiligen Severin (lt./dt.), übers. und hrsg. von Theodor Nüsslein (Stuttgart 1999).
Die Schrift bietet die einzige umfassende narrative Darstellung zur Veränderung der Sozial- und Siedlungsstrukturen im ersten Jahrhundert der Transformation des Römischen Reichs in seinen Provinzen Rätien, Noricum und Pannonien im Donauraum auf der Basis von vielfach „vor Ort“ gewonnenen und mündlich weitergegebenen Informationen. Auch für viele der politischen und militärischen Ereignisse ist der Text die einzige Quelle. Dementsprechend wurde er lange Zeit besonders auf seine detaillierten chronologischen, topographischen und prosopographischen Daten hin ausgewertet.
Ein hagiographischer Text
Die besondere Glaubwürdigkeit des Eugippius wurde nicht zuletzt deshalb angenommen, weil der Text nicht im üblichen rhetorisch stilisierten Ton, sondern einfach geschrieben ist ‒ ein Umstand, den der Autor mit entsprechendem Bescheidenheitsgestus in seinem dem Text vorangestellten Brief an den einflussreichen römischen Diakon Paschasius explizit betont. Was aber, wenn es sich gerade dabei um einen bewusst gesetzten „Wahrheitseffekt“ handelt? Denn selbstverständlich ist die „Denkschrift“ des Eugippius vor allem ein hagiographischer Text: Sein Ziel ist die Darstellung eines exemplarischen Heiligenlebens in der damals bereits etablierten Tradition dieses literarischen Genres, in dem biblische, patristische und hagiographische Modelle je nach Kontext adaptiert werden konnten. Er repräsentiert also jedenfalls spezifische Formen der Stilisierung eines vorbildlichen Heiligen, die ihrerseits sowohl in der Welt seines Autors Eugippius und seines Publikums im erst seit Kurzem ostgotischen Italien des frühen 6. Jahrhunderts verortet sind und auf zeitgenössische geistliche Debatten und (kirchen-)politische Parteiungen reagieren, wie sie [<<83] auch die Welt Severins, des Protagonisten der Geschichte der letzten Jahrzehnte der römischen Donauprovinzen, kommentieren. Diese Ebenen hagiographischer und gleichzeitig politischer Stilisierung verbinden komplexe Wechselbezüge, die bei der Lektüre mitbedacht werden müssen.
Neue gentes an der Donau
Doch zurück an den Schauplatz der Erzählung: Attila starb 453, und nur wenig später (454/5) fand sein riesiges Reich mit Schwerpunkt im Karpatenbecken in der Schlacht am Nedao (vielleicht ein Nebenfluss der Save) ein Ende. Alle an den kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten Gruppen ‒ Goten und Gepiden, Rugier und Eruler, Sueben, Skiren und Sarmaten ‒ wurden in ihren teilweise „neuen“ Gebieten im Osten der Donauprovinzen nominell als römische Föderaten angesiedelt: In dieser vertraglichen Form regelten die Römer seit ihrer entscheidenden Niederlage gegen ein hunnisch-gotisches Heer bei Adrianopel (378) ihr Verhältnis zu den nicht dem populus Romanus angehörigen „barbarischen“ gentes. Im Nord-Westen der Donauprovinzen stellten Alamannen und Thüringer eine zunehmende Bedrohung dar. Dazwischen lag Ufer-Noricum, wo Severin vor allem zwischen dem kleinen Ort Quintanis/Küntzing westlich von Passau und der Wachau bzw. dem Wienerwald im Osten tätig war. Nach Süden erstreckte sich sein Einfluss auch auf Binnen-Noricum bis in das heutige Slowenien.
Transformation römischer Staatlichkeit
Viel Präsenz zeigte das Römische Reich zu diesem Zeitpunkt in der Region allerdings nicht mehr: So sind aus diesem Zeitraum gerade zwei Bleisiegel des in Konstantinopel residierenden Kaisers Markianos († 457) und drei Goldmünzen des weströmischen Kaisers Anthemius († 472) erhalten. Wie die sukzessive Aufgabe militärischer und ziviler Verwaltungsstrukturen bis zum Abzug der geistlichen Gemeinschaft Severins sechs Jahre nach seinem Tod († 482) vonstatten ging, davon erzählt unter anderem seine Lebensbeschreibung. Gleichzeitig macht sie aber auch deutlich, dass und wie ein Leben in den Grenzregionen in dieser Umbruchsituation möglich war und worin seine alltäglichen militärischen, sozialen und spirituellen Herausforderungen bestanden. Sie erzählt von „barbarischen“ Übergriffen, der Verschleppung und Versklavung von Angehörigen der provinzialrömischen Bevölkerung ebenso wie von Handelsbeziehungen und dem Besuch rugischer Wochenmärkte (c. 6,4; 9,1; 22,2), aber auch von Verhandlungen und [<<84] Verträgen, die in diesen Jahrzehnten nicht mehr durch das west- bzw. oströmische Kaisertum in Ravenna und Konstantinopel geschlossen wurden, sondern durch seine Vertreter vor Ort, jedoch meist ohne explizites politisches Mandat. Oft handelte es sich dabei um Bischöfe, wie im Fall des Constantius von Lauriacum/Lorch, dem ehemaligen Legionslager und einzigen Bischofsstadt an der Donau. Er gehörte der einheimischen Oberschicht an und war der Onkel des berühmten (Hl.) Antonius von Lérins, der seinerseits in Severins Gemeinschaft erzogen wurde und über den im Jahr 506, also nur kurz vor der Abfassung der Severins-Vita, der hoch gebildete Bischof Ennodius von Pavia eine eigene berühmte Lebensbeschreibung, die Vita S. Antonii, verfasste.
Severin sagt einem Paulinus die Wahl zum Bischof des binnen-norischen Teurnia voraus (c. 21), und auch ihm selbst wird die Bischofswürde angetragen, die er jedoch ablehnt (c. 9,4). Einen weiteren Bischof nennt Kapitel 4, das von einem Überfall „barbarischer Räuber“ (praedones barbari) auf Favianis/Mautern, dem Zentrum von Severins Wirkens, erzählt:
Da eilten mehrere Bürger unter Tränen zu dem Manne Gottes und berichteten ihm von dem schrecklichen Unglück, das ihnen widerfuhr; gleichzeitig wiesen sie ihn auf Beweise für die neuerlichen Plünderungen hin. Severin aber fragte Mamertinus, den ehemaligen Stadtkommandanten, der später in das Bischofsamt eingesetzt wurde, ob er einige bewaffnete Männer habe, mit denen er die Straßenräuber verfolgen könne. Dieser antwortete: „Ich habe wohl einige wenige Soldaten, wage aber nicht, mit einer so großen feindlichen Schar den Kampf aufzunehmen. Doch wenn deine Ehrwürden es anordnet, glauben wir, durch dein Gebet Sieger zu werden, auch wenn uns die Hilfe der Waffen fehlt“. (c. 4,1–2)
Aufgaben der Kirche
An diesem wie an zahlreichen anderen Beispielen aus der Vita wird zweierlei deutlich: Zum einen zeigt sich die enge Verflechtung weltlicher und geistlicher Aufgaben in der Praxis, ebenso wie die einzelnen Ämter auch funktional nicht scharf gegen einander abgegrenzt sind. Die politische Ordnung der römischen Provinzialorganisation und jene der bereits gut etablierten kirchlichen Strukturen überlappen einander. Die Vita nennt eine Reihe von Gemeindekirchen (ecclesiae) und Klosterkirchen (basilicae) entlang der Donau. Für Binnennoricum wird dies durch archäologische Funde ergänzt. Als sich die römische Verwaltung schrittweise aus dem Raum zurückzieht, übernehmen [<<85] die Bischöfe ihre Aufgaben. Wie Severin selbst dürften sie jeweils von einer befestigten Siedlung aus (oppidum vel castellum, c. 11,1; 17,1) für das jeweilige Umland Verantwortung übernommen haben. Zum anderen lässt die Vita keinen Zweifel daran, dass der charismatische Heilige durch seine von Gott gegebene Autorität und mittels seiner vielfältigen Kompetenzen politische ebenso wie geistliche Aufgaben übernimmt. Ihre Integration zum Schutz der Bevölkerung ist aber klar dem Kampf mit geistlichen Waffen verpflichtet – Beten, Fasten, Almosen geben sind die wichtigsten unter ihnen. Die asketische Vorbildlichkeit des Heiligen wird dabei ebenso betont wie die Regelmäßigkeit der Gottesdienste. Der Alltag im Grenzgebiet an der Donau ist christlich geprägt. Hier werden deutlich frühere Hinweise auf die Verbreitung des Christentums, wie das Martyrium des Hl. Florian († 304) in der Enns bei Lorch oder der Grabstein der Christin Ursa (um 400 bei Wels), der von ihrem offenkundig noch nicht christlichen Ehemann gesetzt wurde (→ Kap. 2.2.2), auf breiterer Basis bestätigt.
Severins Wirken
Severin selbst zieht sich regelmäßig in eine kleine Zelle „an den Weinbergen“ (ad Vineas, c. 4,6) zurück, eine abgeschiedene Behausung […], die von den Anwohnern Burgus genannt wurde und von Favianis eine Meile entfernt war, um den vielen Menschen, die ständig kamen, auszuweichen und in unablässigem Gebet enger mit Gott verbunden zu sein. (c. 4,7) Regelmäßig sucht etwa der Rugierkönig Flaccitheus seinen Rat und seine Gabe, in die Zukunft zu sehen (c. 5). Dessen Sohn Feletheus und seine „böse“ gotische Gattin Giso, die als Arianerin sogar katholische Christen wiedertaufen will, werden ermahnt bzw. von Gott bestraft (c. 8). Beide respektieren die Autorität Severins, ebenso wie der Alemannen-König Gibuld in seiner Anwesenheit vor Furcht zu zittern beginnt (c. 9,2). Und dem damals noch ärmlich gekleideten Odoaker sagt er bei einem Besuch seine große Zukunft in Italien voraus (c. 7). Immer wieder wird der Heilige als Vermittler tätig, schließt Verträge, kümmert sich um den Schutz der Provinzialen nicht nur gegen feindliche Übergriffe, sondern auch vor Überschwemmungen und Nahrungsknappheit, organisiert ihre Versorgung, Kleidung und Hilfsgüter und hebt den Zehnt ein (c. 17, 2–4; 18, 1). Er wirkt zahlreiche Wunder, die zum überwiegenden Teil im Vorhersehen zukünftiger Ereignisse (und der dadurch möglichen Abwendung von Gefahren) bestehen, aber auch in der häufigen Heilung von Kranken [<<86] oder in der Vermehrung des knappen Öls (c. 28). Zwischen 467 und seinem Tod 482 lässt sich Severins Wirken an der Donau konkret rekonstruieren; wenige Ereignisse, und keines mit Sicherheit, lassen sich in das Jahrzehnt davor datieren.
Die Person Severin
Wer aber war Severin? Seine Lebensbeschreibung nennt ihn in verschiedenen Varianten einen Heiligen und Diener des Herrn, er handelt im Auftrag Gottes und in der Nachfolge Christi. Wenn er auch Mönche (monachi, c. 9,4) bzw. Geistliche (spiritales, c. 13,2) um sich schart, so ist er selbst weder Mönch noch Priester, kein Abt und Bischof, aber auch kein römischer Beamter oder Träger eines offiziellen Mandats. Auch über seine Herkunft ist wenig bekannt. Eugippius lässt den Heiligen in seinem Schreiben an Paschasius beredt schweigen:
Was nützt dem Knecht Gottes die Angabe seines Geburtsortes oder seiner Familie, wenn er dadurch, daß er darüber lieber schweigt, leichter der Prahlsucht, die etwas Widerwärtiges ist, entgeht? (Ep. 9)
Daraus wurde auf eine hohe Herkunft des Heiligen geschlossen. Bischof Ennodius erwähnt ihn in seiner Antonius-Vita als vir illustrissimus, was sowohl im Sinn eines Angehörigen des römischen Senatorenstandes, aber ‒ wohl plausibler ‒ im Sinn der besonderen Ehrerbietung für den Heiligen interpretiert worden ist. Eine römische Ämterlaufbahn des homo omnino Latinus (Ep. 10) lässt sich jedenfalls auf Basis der vorhandenen Quellen nicht rekonstruieren. Vor seiner Tätigkeit in Ufernorikum sei Severin, so Eugippius in seinem Brief an Paschasius weiter, auf der Suche nach einem eremitischen Leben in einer Wüste im Osten gewesen und dann durch göttliche Offenbarung in die bedrängten Städte von Noricum in der Nachbarschaft Pannoniens gekommen (ebd.).
Die Gemeinschaft des Eugippius in Süditalien
Diese Schilderung ist selbstverständlich genauso topisch wie die Lebensbeschreibung Severins selbst. Der „historische“ und der hagiographisch wie politisch stilisierte Heilige lassen sich ebenso wenig voneinander trennen wie die geistlichen und politischen Herausforderungen der Zeit. Auf sie verweisen Vita und Brief, der Antwortbrief des Paschasius an Eugippius, aber auch dessen übrige Werke, darunter eine Klosterregel für seine Gemeinschaft und eine Zusammenstellung von Werken des Hl. Augustinus. Als Vorsteher seines Klosters bei Neapel war Eugippius Teil eines sozialen Beziehungsgeflechts, in dem politische und geistliche Faktoren aufs engste miteinander verwoben [<<87] waren. Dies wird am Beispiel jener illustris femina Barbaria deutlich, die vielleicht die Witwe des von Odoaker ermordeten Orestes und Mutter des abgesetzten letzten Kaisers Romulus Augustus war und im letzten Kapitel der Severins-Vita eine Grablege für den Heiligen zur Verfügung stellt (c. 46). Auch das ist ein zeittypisches Modell frommen Handelns, das mit der Möglichkeit für Eugippius korrespondiert, „einen Heiligen aus einer Grenzregion als Begründer einer frommen Gemeinde in Italien darzustellen und sein Vorbild in der kirchenpolitischen Diskussion seiner Zeit wirksam werden zu lassen“.
Kate Cooper, The Widow as Impressario: Gender, Legendary Afterlives, and Documentary Evidence in Eugippius’ Vita Severini, in: Maximilian Diesenberger, Walter Pohl (Hg.), Eugippius und Severin. Der Autor, der Text und der Heilige (Wien 2001), S. 53–63, hier S. 63.
Denn das „richtige“ geistliche Leben, auch das monastische, war in den politisch-geistlichen Parteiungen im Süditalien des 6. Jahrhunderts ebenso umstritten wie dreißig Jahre vorher in Ufernoricum. Die Schwierigkeiten Severins, angesichts der Verantwortung für die ihm Anvertrauten eine Balance zwischen den geistlichen Modellen der vita contemplativa und der vita activa zu finden, sind ein wichtiger Hinweis darauf. Bezieht man die beiden Handlungskontexte aufeinander, lässt sich das commemoratorium des Eugippius als Dokument einer komplexen Praxis des Umgangs sowohl mit zeitgenössischen Grenzerfahrungen als auch mit Gemeinschaftsvorstellungen lesen.
Ré-écriture
Auf vergleichbare Herausforderungen verweist die geistliche Überlieferung durch das gesamte Mittelalter trotz zunehmend etablierter Ordensstrukturen. Immer wieder neue Reformbewegungen und Auslegungen bestehender Regeln geben davon ebenso beredtes Zeugnis wie die Rezeption von exemplarischen Heiligenleben. Der bei weitem größte Teil dieses zentralen Bestandteils erzählender mittelalterlicher Überlieferung ist in meist Jahrhunderte später entstandenen Handschriften überliefert. So ist die Vita des Heiligen Severin seit dem 11. Jahrhundert in über 50 Handschriften v. a. in Italien, Bayern und Österreich überliefert. Das hat einerseits mit Überlieferungsverlusten älterer Textträger zu tun. Andererseits dienten die vielfachen und dabei oft auch modifizierten Abschriften – Textteile wurden weggelassen oder ergänzt und ausgeschmückt –, ihre ré-écriture jeweils unterschiedlichen Zwecken. Im Fall der Lebensbeschreibung Severins [<<88] etwa wurde im hochmittelalterlichen Bistum Passau die Kontinuität zum spätantiken Bistum Lauriacum/Lorch vor allem zur Begründung von weitreichenden kirchenpolitischen Ansprüchen herangezogen, ohne dass dabei der Heilige selbst oder sein Hagiograph eine besondere Rolle gespielt hätten (→ Kap. 3.2.2).
Fallbeispiel: Die Salzburger Überlieferung des 8. und 9. Jahrhunderts
Ende der spätantiken Kirchenorganisation
Die in der Severins-Vita so eindrucksvoll dokumentierte spätantike Kirchenorganisation ging in den Grenzgebieten des einstigen Römischen Reichs an der mittleren Donau um 490 zu Ende. Die letzten Nachrichten über den Metropolitanverband von Aquileia sind aufgrund von kirchenpolitischen Kontroversen rund um die Synode von Grado (572/vor 577) erhalten, als deren Teilnehmer die Bischöfe von Scarabantia/Ödenburg, Celeia/Cilli, Emona/Laibach, der binnennorischen Bistümer Teurnia und Aguntum/Lavant sowie Sabiona/Säben und Trient genannt werden. Nach dieser letzten „Momentaufnahme“ gibt es lange nahezu keine Nachrichten mehr. In den folgenden Jahrzehnten vollzog sich eine völlige Neuordnung der ehemaligen römischen Provinzen. Eine Folge der Auseinandersetzungen ist das Fehlen jeglicher schriftlicher Überlieferung aus diesem Raum in den nächsten gut hundert Jahren. Sie setzt erst mit der von den bayerischen Herzögen aus dem Geschlecht der Agilolfinger initiierten Missionsbewegung durch angelsächsische, irische und fränkische Mönche wieder ein.
Geschichtsschreibung „von außen“
Über den Zeitraum dazwischen sind wir siedlungsgeschichtlich nahezu ausschließlich durch archäologische und linguistische Befunde informiert sowie durch die Nachrichten der byzantinischen Historiographen Prokópios, Agathias, Ménandros und Jordanes, die Historia Langobardorum des Paulus Diaconus sowie die fränkischen Autoren Venantius Fortunatus und Gregor von Tours bzw. die sogenannte Chronik des Fredegar.
Bis zum Tod Theoderichs des Großen (536), dessen Heer Odoaker besiegte und dessen Reich seinen Mittelpunkt in Ravenna hatte, dominierten die Goten auch den Ostalpen- und Donauraum. Danach ging die ostgotische Herrschaft in diesem Raum an die Franken unter [<<89] dem Herrschergeschlecht der Merowinger über, während die Gebiete weiter im Osten im Zuge langwieriger Auseinandersetzungen mit dem ost-römisch/byzantinischen Kaisertum neu geordnet wurden. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielten die Langobarden, die ihre Siedlungsgebiete um 500 im Donauraum ‒ im ehemaligen Gebiet der Rugier ‒ hatten, wie Gräberfelder im niederösterreichischen Hollabrunn und Krems belegen. Sie sind in der Folge in Pannonien nachweisbar und ab 568 in Oberitalien mit dem Herrschaftszentrum in Pavia.
Im Laufe der Auseinandersetzungen des 6. Jahrhunderts wurde, wie Herwig Wolfram formuliert, der Ostalpenraum von Italien getrennt. Im Westen sind ab Mitte des Jahrhunderts die politisch von den Frankenkönigen abhängigen Bayern nachweisbar, deren Herkunft unklar ist und die wohl verschiedene gentile Gruppen inklusive der verbleibenden romanischen Bevölkerung integrierten. Das führende bayerische Geschlecht der Agilolfinger (um 555 nennt die Historia Langobardorum als ersten Herzog Garibald) hatte enge verwandtschaftliche Beziehungen zu den Langobarden in Italien. Im Westen am Arlberg grenzte das bayerische Einflussgebiet an das der ebenfalls von den Franken abhängigen Alemannen. Im Osten berichtet die Langobarden-Geschichte des Paulus Diaconus für 592 von ersten Zusammenstößen der Bayern mit den Slawen im Drautal; für 595 und 610 mit den Awaren, zu denen die Grenze an der Enns verlief. Sie sind bereits 558 am byzantinischen Hof Kaiser Justinians I. († 565) fassbar und dominierten die Donauländer von ihrem Herrschaftszentrum im pannonischen Raum aus bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts. Gemeinsam mit den Awaren sind an der unteren Donau slawische Verbände belegt, die ‒ wie die Bayern im Westen ‒ in diesem Raum die wichtigste und nachhaltigste Bevölkerungsgruppe darstellen. Im frühen 7. Jahrhundert sind ihre Siedlungen bis ins östliche Pustertal, ins nördliche Ennstal und an der Traun nachweisbar. In den 620er Jahren konnte der fränkische Kaufmann Samo das Machtvakuum zwischen Awaren und Bayern zur Etablierung einer ersten slawischen Herrschaftsbildung von Böhmen bis ins heutige Kärnten nutzen. Nach seinem Tod (um 660) setzten sich aber wieder die Awaren durch, um 700 stabilisierte sich die Grenze zu den Bayern an der Enns. Südlich der Alpen brachten die Bayern um 740 die karantanischen Slawen [<<90] in ihre Abhängigkeit. Hier entstand das Fürstentum Karantanien, später Kärnten.
Heiligenleben
Über diese Vorgänge gibt es ab dem späten 7. Jahrhundert wieder schriftliche Nachrichten aus der bayerischen Überlieferung. Abermals, und vielleicht noch deutlicher als an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert, zeigt sich, wie sehr Motive zur Errichtung und Durchsetzung politischer Herrschaft sowie Aneignung des Raumes und ihre ideelle Legitimation mit geistlich-missionarischen Bemühungen Hand in Hand gehen. Um 700 begannen die Missionstätigkeiten der unter den agilolfingischen Herzögen ins Land gekommenen Emmeram, Corbinian und Rupert. Alle drei wurden Gründer bzw. Patrone der 739 durch den Hl. Bonifatius in päpstlichem Auftrag eingerichteten neuen Bistümer Regensburg, Freising und Salzburg; das Wirken aller drei wurde jeweils zwei bis drei Generationen später in Heiligenviten gewürdigt und nach den genretypischen hagiographischen Mustern stilisiert. Zum späteren Metropolitanverband von Salzburg mit dem ersten Erzbischof Arn († 821), der erst 798 auf Initiative Karls des Großen etabliert wurde, der auch seine Südgrenze gegenüber dem Patriarchat Aquileia mit der Drau festlegte, gehörte außerdem das Bistum Passau.
Die Passio Haimhrammi und die Vita Corbiniani verfasste wohl zwischen 768 und 772 Arbeo von Freising, der zunächst Schreiber in der bischöflichen Kanzlei und später selbst Bischof von Freising und Zeitgenosse des Salzburger Bischofs Virgil († 784) war. Die Gesta Hrodberti, die Lebensbeschreibung des Salzburger Gründungsbischofs, der von Worms nach Bayern gekommen war, lässt sich hingegen keinem Autor zuweisen, und auch ihre Überlieferungsgeschichte ist deutlich komplizierter. Die vielleicht 746/7 entstandene früheste Fassung ist nicht erhalten. Die ältere Überlieferung A (nach 791/3) und die jüngere Fassung B, die viel später (870) entstanden ist (→ s. u.), weichen in maßgeblichen Punkten voneinander ab und zeugen so von ihrer jeweils kontextbezogenen Intentionalität.
Fränkische Quellen
Alle drei Heiligenviten gehören zusammen mit der karolingischen Hofhistoriographie, besonders dem Liber Historiae Francorum und der fränkischen Annalistik, der spezifisch mittelalterlichen Form historischer Darstellung in nach Jahren geordneten knappen Notizen (→ Kap. 3.3.4), zu den maßgeblichen frühen schriftlichen Quellen zur [<<91] bayerischen Geschichte, aber auch zu jener des Konflikts zwischen den Karolingern als neuen Trägern der fränkischen Herrschaft und ihren bayerischen Verwandten, der agilolfingischen Herzogsfamilie. Alle drei Heiligenleben wurden außerdem in einem Zeitraum geschrieben, als es die Auseinandersetzung zwischen dem mächtigen Bayernherzog Tassilo III. und Karl dem Großen für die Salzburger Kirche klug erscheinen ließ, sich der Gunst beider, der Agilolfingerherzöge wie der Frankenkönige, zu versichern.
Geistliche Kultur
Neben den Bistümern sind die bayerischen Klöster als Träger von schriftlicher Kultur von herausragender Bedeutung. Im 8. Jahrhundert wurden neben dem Domstift von St. Peter in Salzburg durch den Hl. Rupert und der Frauengemeinschaft auf dem Nonnberg unter seiner Nichte Erintrudis als erster Äbtissin unter anderen die Klöster Mondsee, Niederaltaich, Kremsmünster sowie das Passauer Domstift gegründet und von den bayerischen Herzögen mit umfangreichem Grundbesitz ausgestattet. In den Klöstern wurden Handschriften vor allem für den liturgischen Gebrauch hergestellt, die gleichzeitig zum Erlernen der lateinischen Sprache dienten. Der wichtigste Text war die Bibel; Latein, die Sprache der christlichen Liturgie, lernte man zunächst anhand der Psalmen des Alten Testaments. Die Bücher, die man für unterschiedliche liturgische und pastorale Zwecke wie für die Lektüre im Rahmen des monastischen Tagesablaufs und der Ausbildung benötigte, brachten die Missionsgeistlichen mit. In den Skriptorien der Klöster wurden sie kopiert und oft mit reichen Illustrationen ausgestattet: solche illuminierten Codices enthielten Psalterien, Sakramentare mit Mess- und Weiheformeln, Evangeliare und verschiedene Lektionare mit Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament, darüber hinaus Gesangbücher, Sammlungen von Heiligenlegenden (Legendarien), Texte der Kirchenväter, exegetische und erbauliche Schriften, theologische Traktate sowie Texte, welche die wichtigsten Wissensbestände der Artes liberales (bestehend aus dem Trivium ‒ Grammatik, Rhetorik, Dialektik ‒ und dem Quadrivium ‒ Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) vermitteln sollten.
Zu den prachtvollsten frühen Werken im Betrachtungsraum gehören das exquisit illuminierte Cuthberht-Evangeliar aus der Schreibschule von St. Peter in Salzburg, das in der Zeit der Bischöfe Virgil oder Arn entstanden ist (Cod. Vind. 1224), und eine Handschrift [<<92] mit naturphilosophischen und chronologischen Texten mit den ältesten Monatsbildern (Cod. Vind. 387). Zwei der Legendarien aus diesem Skriptorium zählen zu den ältesten im deutschen Sprachraum überhaupt.
Memorialüberlieferung
Im Jahr 784 wurde noch unter Bischof Virgil der Liber confraternitatum, das Salzburger Verbrüderungsbuch, angelegt, ein Verzeichnis aller Lebenden und Toten, für die das Kloster eine Gebetsverpflichtung trug. Der ältere Teil der Handschrift – einer der ältesten in karolingischer Minuskel im Stil von St. Denis – reicht bis zum Ende des 9. Jahrhunderts und enthält etwa 8.000 Eintragungen, darunter die älteste Salzburger Bischofsreihe, die Namen der agilolfingischen Herzöge und fränkischen Könige mit ihren Frauen und Kindern, von Äbten und Äbtissinen, Grafen und Großen. Der jüngere Teil reicht von 1004 bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts. Vergleichbare Aufzeichnungen zur Bewahrung der memoria der Verstorbenen, um durch Gebet für ihr Seelenheil Sorge zu tragen, sind in den Nekrologen vieler Klöster erhalten und gehören zu den wichtigsten zeitgenössischen Quellen zur Rekonstruktion prosopographischer Daten und Beziehungskonfigurationen zwischen Menschen innerhalb und außerhalb geistlicher Institutionen. Für das frühmittelalterliche Mitteleuropa lässt sich anhand des Salzburger Liber confraternitatum gemeinsam mit dem Reichenauer Verbrüderungsbuch und dem Liber vitae aus Cividale ein guter Teil der bayerischen politischen und geistlichen Eliten und ihre Bemühungen um die Christianisierung der slawischen Großen wie der Bevölkerung im Donau- und Ostalpenraum und des bayerischen „Ostlandes“ (plaga orientalis) erschließen.
Eine Geschichte der Bekehrung der Bayern und Karantanen
Ein weiteres außergewöhnliches Beispiel der Salzburger Überlieferung sowohl hinsichtlich seines historischen Erkenntniswertes, mindestens genauso aber aufgrund seiner subtilen ré-écriture verschiedener Überlieferungsbestände und ihrer Integration in eine kirchenpolitische Denkschrift ist die von der modernen Geschichtsschreibung so genannte Conversio Bagoariorum et Carantanorum, die wohl 870 verfasst wurde und von Herwig Wolfram als „Weißbuch der Salzburger Kirche über die erfolgreiche Mission in Karantanien und Pannonien“ bezeichnet wurde (32013).
In den abermals mehr als hundert Jahren, die seit der bayerischen Bistumsorganisation durch Bonifatius vergangen waren, hatte sich die [<<93] bayerisch-salzburgische Mission parallel zur militärischen fränkisch-bayerischen Expansion nach Süd-Osten ausgedehnt, zunächst seit den 740er Jahren nach Karantanien. Davon erzählt die „Bekehrungsgeschichte“ im Rückblick aus der Perspektive des späten 9. Jahrhunderts, als es darum ging, die Ansprüche des Salzburger Erzbistums in Pannonien gegenüber den von Byzanz und später auch Rom unterstützten orthodoxen Missionsbestrebungen der Brüder Konstantin/Kyrill und Method zu verteidigen. Dementsprechend erzählt die Conversio eine bruchlose Geschichte der erfolgreichen Salzburger Mission und blendet dabei konsequent alle Ereignisse aus, die quer zu dieser Erfolgsgeschichte liegen.
Bayerische Mission in Karantanien
Denn der Zeitraum zwischen der bayerischen Karantanenmission und der Missionskonkurrenz seit den 860er Jahren ist geprägt von einer Vielzahl von Konflikten, die sich auch in der komplexen Geschichte der durchaus nicht widerstandslos erfolgten Verbreitung des Christentums in Karantanien äußern. 741/2 hatte der Karantanenfürst Boruth den Agilolfingerherzog Odilo gegen die Awaren zu Hilfe gerufen; der gemeinsam errungene Sieg führte allerdings zur politischen Abhängigkeit der Karantanen von den Bayern. In der Folge wechselten Bitten der Karantanen um Entsendung von Missionspriestern mit karantanischen Unruhen ab. Auf der kirchenpolitischen Ebene erhielt Salzburg päpstliche Bestätigungen seiner Zuständigkeit für Karantanien für diese Missionstätigkeit. Dass es daneben ebensolche Initiativen seitens Aquileias und Freisings gab, bleibt jedoch – der Intention der Schrift entsprechend – in der Conversio gänzlich unerwähnt.
Herrschaftskonflikte
Ein weiterer maßgeblicher Faktor im Hintergrund der Bekehrungsgeschichte waren die Auseinandersetzungen zwischen dem karolingischen Königtum und den Bayernherzögen, die im Konflikt zwischen Karl dem Großen und Tassilo III. ihren Höhepunkt fanden. 788, also 16 Jahre nach dem letzten großen militärischen Erfolg des Bayernherzogs in Karantanien (772), wurde er durch den König abgesetzt. Die bayerischen Selbständigkeitsbestrebungen wurden durch die Unterwerfung des Herzogtums unter die fränkische Oberhoheit vollständig unterbunden. Dem endgültigen karolingischen Sieg über die Awaren kurz darauf folgte auch eine administrative Neuordnung des Raumes, unter anderem mit der Einrichtung des bayerischen Ostlandes, das in der Conversio 70 Jahre später erstmals als plaga orientalis bezeichnet [<<94] wird (c. 10). Für die neue Grenzorganisation waren zunächst königliche Beauftragte zuständig. Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts wurden hier Mitglieder der königlichen Familie eingesetzt, die den Raum zunehmend für ihre abermals recht eigenständige Herrschaftsbildung im Grenzgebiet nutzten. 822, in demselben Jahr, in dem die Annales regni Francorum zum letzten Mal die Awaren erwähnen, werden zum ersten Mal die Mährer genannt. Eine Generation später (858) kämpfte Karlmann, der Sohn Ludwigs des Deutschen, gegen den bereits mächtigen Mährerfürsten Rastislav. Die jahrelangen Auseinandersetzungen, Friedensschlüsse und Allianzen, die sich in diesem und dem folgenden Jahrzehnt im Grenzland zu Mähren und zu Pannonien abspielten und in deren Rahmen innerkarolingische Herrschaftskonflikte wie Parteikämpfe zwischen den jeweils involvierten Adelsgruppen, also den Großen des Landes, ausgetragen wurden, bilden den Hintergrund für die weiteren Missionsbestrebungen sowohl in Mähren als auch in Pannonien.
Urkundliche Überlieferung
Eine Konsequenz solcher Konflikte ist die vergleichsweise gute Überlieferungslage. Dass man in Zeiten politischer Instabilität Maßnahmen zur Sicherung seiner „alten Rechte“ ergriff, war im Bayern des 9. Jahrhunderts nichts Neues. Die wichtigsten Urkundensammlungen und -bearbeitungen Salzburgs waren im Sinn von Besitztitelverzeichnissen bereits in jenen Jahren angelegt worden, als sich Tassilo III. Karl dem Großen unterwerfen musste: die Notitia Arnonis entstanden 788/90, die Breves Notitiae 798/811; und auch andere geistliche Institutionen wie Niederaltaich, Kremsmünster oder Passau ließen sich bestehende Rechte bestätigen. Damals begann man in bayerischen Bistümern und Klöstern auch eine neue Form von Urkundensammlungen, Traditionscodices, zu führen, die der besseren Verwaltung und damit größeren Rechtssicherheit dienten (→ Kap. 3.2.1).
Salzburgs Argumente
Ähnlich gestiegene Überlieferungschancen bewirkte die Eskalation der Missionskonkurrenz bei den Slawen vor dem skizzierten politischen Hintergrund: Die Mährerfürsten Rastislav und sein Neffe Zwentibald I. wandten sich nämlich, nachdem sie es vorher erfolglos in Rom versucht hatten, im Jahr 862 in einem Brief an den byzantinischen Kaiser Michael III. mit der Bitte um einen Bischof und Lehrer, „der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könne“. Die zahlreichen italienischen, griechischen und bayerischen [<<95] Lehrer, die bei ihnen unterschiedliche Lehren verträten, verwirrten das Volk, heißt es in den Lebensbeschreibungen von Konstantin/Kyrill und Method, die daraufhin zunächst in Mähren missionierten. Ab 869 war Methodios auch als päpstlicher Legat und Erzbischof in Pannonien tätig (→ Kap. 2.3.2). Während die slawischen Fürsten darin die Möglichkeit einer pannonischen Kirche mit der alten Metropole Sirmium unter Einschluss von Mähren und unabhängig von Salzburg und der bayerischen Kirche erkannten, argumentierte Salzburg im Sinn einer ununterbrochenen Missionskontinuität von Bayern über Karantanien nach Pannonien.
Deshalb ist in der Fassung B der Rupert-Vita, die als erstes Kapitel die Conversio Bagoariorum et Carantanorum eröffnet, von einer Bekehrung der bayerischen Herzöge, Großen und des Volks durch den Hl. Rupert die Rede, wohingegen die Bayern in der älteren Fassung A von 791/3 bei der Ankunft des Heiligen bereits Christen waren. Der zweite (cc. 3–10) und dritte Teil (cc. 11–14) widmen sich der Slawenmission, wobei die Ansprüche auf Pannonien dadurch legitimiert werden, dass dieser Teil des slawischen Gebiets gleichsam als erweitertes Karantanien dargestellt wird. Die Denkschrift setzt also dort an, wo die Belege Salzburgs für sein „altes Recht“ am schwächsten sind. Während für die Salzburger Zuständigkeit in Karantanien mehrere päpstliche Bestätigungen vorlagen, besaß weder das Erzbistum selbst noch eines der Salzburger Bistümer entsprechende Rechte für Pannonien.
Conversio Bagoariorum et Carantanorum. Das Weißbuch der Salzburger Kirche über die erfolgreiche Mission in Karantanien und Pannonien, hg., übers., komm. und um die Epistola Theotmari wie um gesammelte Schriften zum Thema ergänzt von Herwig Wolfram (Ljubljana/Klagenfurt 32013).
Seit der Zeit nämlich, da aufgrund der Vergabe und auf Befehl des Herrn Kaisers Karl das (christliche) Volk des östlichen Pannoniens von den Salzburger Bischöfen regiert zu werden begann, bis zur Gegenwart sind es 75 Jahre, daß kein Bischof, der woandersher kam, in jenem Gebiet die kirchliche Gewalt besaß außer die Salzburger Leiter. Auch kein Priester, der von woandersher kam, wagte dort länger als drei Monate sein Amt auszuüben, bevor er dem Bischof nicht sein Entlaßschreiben vorgelegt hatte. Das wurde dort nämlich beachtet, bis die neue Lehre des Philosophen Methodius aufkam. (c. 14) [<<96]
Mit diesen Worten schließt die Denkschrift, die vermutlich an Ludwig den Deutschen anlässlich einer Synode in Regensburg (870) gerichtet war, bei der sich Methodios gegenüber dem ostfränkischen König und den bayerischen Bischöfen verantworten musste. Ihr Autor, ein Salzburger Kleriker, vielleicht sogar Erzbischof Adalwin († 873) selbst, konnte auf eine Fülle von Quellen zurückgreifen, um seine recht sachlich wirkende Argumentation zu fundieren. Zwar verwendete er nach neuestem Forschungsstand die Salzburger Urkundenverzeichnisse (Notitia Arnonis und Breves Notitiae) nicht, dafür aber unter anderem Salzburger Urkunden, verschiedene Annalenwerke, den Liber confraternitatum von 784, sowie eine Bischofsliste von 854/59 aus den Carmina Salisburgensia, der berühmten Salzburger Gedichtesammlung.
Wessen Wahrheit?
Ein guter Teil dieser Überlieferung stand dem Autor der Conversio nicht zuletzt deshalb zur Verfügung, weil die bayerische Geschichte und jene der Verbreitung des Christentums eben nicht bruchlos verlaufen waren, sondern in zahlreichen geistlichen, politischen und auch gewaltsamen Auseinandersetzungen unterschiedlicher Akteure und Institutionen. Solche Konflikte und die dadurch entstehende Rechtsunsicherheit erhöhten Überlieferungschancen gerade für Material, das in den letztlich langlebigen kirchlichen Institutionen entstanden ist und dort zu Belegzwecken besonders sorgfältig aufbewahrt wurde. Ein Teil des Quellenwerts der Conversio erwächst daher aus der Fülle des Materials, auf das ihr Autor zurückgreifen konnte. Gleichzeitig gibt es zu vielem, was die Denkschrift behauptet, aufgrund der skizzierten Umstände unüblich viele Parallelüberlieferungen. Das bedeutet, dass man dem Autor bei der Konstruktion seines Arguments gleichsam auf die Finger sehen und in einer Reihe von Fällen auch nachweisen kann, was der Text „gegen besseres Wissen“ verschweigt. Herwig Wolfram hat in mehreren detaillierten Analysen (zuletzt 2013) gezeigt, wo und wie die Salzburger Denkschrift maßgebliche Informationen zur bayerischen Missionsgeschichte bei den Slawen weglässt, um eine ganz bestimmte, den Salzburger Intentionen entsprechende Version dieser Geschichte zu erzählen.
Bewegliche Texte
Wie wenig sich diese einzigartige Quelle daher in abgegrenzten Gattungen kategorisieren lässt, macht ihre Bezeichnung als genus mixtum durch die neuere Forschung deutlich, als ein „gemischtes“, ein uneindeutiges Genre. Die Notwendigkeit solcher offenen Kategorien [<<97] wird – ähnlich wie bei der Überlieferungsgeschichte der Vita S. Severini – durch die Geschichte der Rezeption der Conversio noch unterstrichen. Die insgesamt zehn erhaltenen Handschriften sind fast ausschließlich um 1200 entstanden oder überarbeitet worden; fast alle sind in Sammelhandschriften in Klöstern der Region überliefert, die eine enge Verbindung zu Salzburg aufwiesen. Auch hier bedingten aktuelle Interessen an der Vergangenheit – von der erneuten Notwendigkeit der Besitzsicherung angesichts der Rezeption des gelehrten Rechts im Alpenraum über die Auffindung des Grabes Bischof Virgils (1183) und seine Kanonisation (1233) bis zum Beginn des Salzburger Dombaus durch Erzbischof Konrad III. († 1200) – die ré-écriture des Textes und ließen ihn so lebendig bleiben.
2.3.2 Integration durch Schriftlichkeit
Christianisierung der Slawen
Die Christianisierung der slawischen Zuwanderer, allen voran des mährischen Reichs im pannonischen Becken und der aus Proto-Bulgaren, Slawen und altbalkanischer Bevölkerung hervorgegangenen Bulgaren, gehört zu den Vorgängen mit den weitestreichenden Konsequenzen in der frühmittelalterlichen Geschichte Europas überhaupt. Erstmals trat mit den Bulgaren eines der militärisch mächtigen Steppenvölker zum Glauben der alten römisch geprägten Welt über und gliederte sich damit in das alte mittelmeerische Machtsystem ein. Obwohl die Bulgaren heute der orthodoxen Welt zugehören, ist ihr Übertritt zum Christentum, ähnlich wie derjenige der Serben, keinesfalls von Anfang an eine eindeutige Bewegung hin zum Christentum byzantinischer Prägung gewesen. Vielmehr schwankten Bulgaren und Serben bis in das 13. Jahrhundert hinein zwischen den beiden kirchlichen Zentren Rom und Konstantinopel, und ihre klare Orientierung nach Osten erfolgte erst im Spätmittelalter.
Die Christianisierung der Bulgaren ist nur vor dem Hintergrund der seit längerem schwelenden Konflikte zwischen dem Papsttum und dem Patriarchat von Konstantinopel zu verstehen. Sie hatten im Jahr 732 einen Höhepunkt erreicht, als der byzantinische Kaiser die Kirchenprovinz Illyricum, also weite Teile des heutigen Balkans (die Diözesen Macedonia und Dacia), der Gerichtsbarkeit des Papstes entzog und dem von ihm kontrollierten Patriarchen von Konstantinopel [<<98] unterstellte. Rom erkannte diesen Schritt nicht an. Als die bulgarische Elite zum Christentum übertrat, tat sie diesen Schritt teilweise auf einem Territorium, dessen Jurisdiktion zwischen Rom und Konstantinopel kirchenrechtlich umstritten und dessen politische Ausrichtung zwischen Byzanz und dem ostfränkischen Reich kontrovers war.
Konstantin/Kyrill und Method in Mähren
Die Missionierung der Bulgaren stellte also auch ein Ringen um Einfluss auf dem Balkan dar, wo sich Ost- und Westreich, Ost- und Westkirche, letztere zudem aufgeteilt in die konkurrierenden Zentren Rom, Aquileia, Salzburg und Passau, gegenüberstanden. Die Entfremdung der Kirchen Roms und Konstantinopels wurde verschärft durch den Streit um die kirchenrechtliche, kulturelle und politische Zugehörigkeit des bulgarischen Reichs zu einer der beiden kulturellen Sphären in Europa, ja sie erreichte in der Polemik zwischen dem Papsttum und dem machtbewussten Konstantinopolitaner Patriarchen Phótios (858–867, 877–886) einen neuen Höhepunkt.
Der Übertritt der bulgarischen Führungsschicht zum Christentum ist mit mehreren Motiven zu erklären: Die Zugehörigkeit zur christlichen Religion bedeutete auch die Verstetigung der bulgarischen Reichsbildung im überregionalen, christlich geprägten Kontext. Sie bedeutete die endgültige Anerkennung des bulgarischen Reichs durch die beiden Kaisertümer und durch die auch politisch einflussreichen Kirchen. Sie machte die Bulgarenherrscher zu vollwertigen Vertragspartnern, deren Eide Gültigkeit besaßen. In der Folge sah sich Bulgarien aber massivem politischen Druck ausgesetzt. Es war durch ein Bündnis seiner Nachbarn im Süden und Norden, Byzanz und dem mährischen Reich, an zwei Fronten gefährdet. Das bulgarische Gegenbündnis mit dem ostfränkischen Reich unter Kaiser Ludwig dem Deutschen (862), bei dem der bulgarische Chan Boris (852–889) versprach, sich taufen zu lassen, bedeutete nur eine teilweise Entlastung. Die Taufe der bulgarischen Elite fiel außerdem in eine Zeit, als das Reich von einer Hungersnot geschwächt war und Byzanz militärisch drohte (864/65).
Die Missionierung der Bulgaren bildet einen Teil einer allgemeinen politischen und kulturellen Expansion des seit der Mitte des 9. Jahrhunderts erstarkten Byzantinischen Reichs auf dem Balkan. Getragen wurde sie von einer kleinen, hochgebildeten Gruppe von Geistlichen aus Thessalonike, allen voran den Brüdern Konstantin (später Kyrill) und Methodios, die schon früh in ihrer zu einem guten Teil von Slawen [<<99] bewohnten griechischen Heimat die slawische Sprache erlernt hatten. Nach einer Ausbildung an den besten Bildungsstätten Konstantinopels stieg besonders Konstantin zu einem führenden Theologen der byzantinischen Kirche auf, die er u. a. im Bagdader Kalifat bei Streitgesprächen mit muslimischen Geistlichen vertrat, aber auch bei der Missionierung des Steppenvolkes der Chazaren (in der heutigen Ukraine). Als 862 der Herrscher des mährischen Reichs, Rastislav († 870), von Byzanz Missionare erbat, fiel die Wahl des Kaisers Michael III. auf den erfahrenen und auch sprachlich qualifizierten Konstantin. Rastislav hatte ähnliche Motive wie nach ihm der Bulgarenchan Boris: Er war bedrängt vom ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen, dem Verbündeten der Bulgaren, und wollte sein eigenes überlebenswichtiges Gegenbündnis mit Byzanz durch einen Übertritt zum Christentum byzantinischer Prägung absichern.
Eine eigene Kirchensprache
Konstantin und Method missionierten also die Slawen im mährischen Reich – und nicht etwa die weiter südlich lebenden Balkanslawen. Ein geradezu revolutionärer Schritt wurde durch die Missionare vollzogen, als sie für die neuen Gläubigen eine eigene Kirchensprache, das sog. Altkirchenslawisch, und ein eigenes Alphabet, die Glagolica, entwickelten. Frühe archäologische Belege in Form von Scherben mit glagolitischen Buchstaben wurden erst kürzlich im mährischen Zentralort Zalavár/Mosaburg gefunden. Die Ursprünge der glagolitischen Schrift sind umstritten. Bezüge zu semitischen und koptischen (christlich-ägyptischen) Vorbildern wurden ebenso hergestellt wie zu christlich-kaukasischen (georgischen, armenischen) Schriftsystemen. Konstantin und Method brachten Übersetzungen liturgischer und biblischer Schriften in ihr Missionsgebiet mit und legten damit die Grundlage einer slawischen Schriftkultur. Diese sollte ein Gegengewicht zur lateinischsprachigen Kirche des fränkischen Reichs bilden, zu den römischen Einflüssen und v. a. jenen der bayerischen Kirche in Mähren. Dies rief den heftigen Widerstand sowohl der Kirche im ostfränkischen Reich wie in Rom hervor. Einen Einblick in die Interessenslage aus deren Blickwinkel gibt z. B. die Salzburger Überlieferung (→ Kap. 2.3.1).
Konstantin verteidigte in Italien die Berechtigung einer weiteren Kirchensprache neben den klassischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein. Der Papst lud die beiden Brüder nach Rom ein, wo sie [<<100] ehrenvoll empfangen wurden. Konstantin starb dort bereits 869. Method handelte nach dem Tode Konstantins im Dienst Roms, das ihn noch in demselben Jahr als Erzbischof von Sirmium (heute Sremska Mitrovica, nahe Belgrad) einsetzte. Damit sollte die alte kirchliche Metropole des nördlichen Balkans wiederbelebt und als Gegengewicht zum byzantinisch kontrollierten Erzbistum von Saloniki ausgebaut werden. Bei seiner Rückkehr ins mährische Reich fand er allerdings seinen Förderer Rastislav abgesetzt. Dafür war der Einfluss von dessen Gegnern im ostfränkischen Reich und besonders der bayerischen Bischöfe gestiegen. Method wurde zeitweise in einem oberdeutschen Kloster interniert. Zwar kam er wieder frei und konnte seine Tätigkeit bis zu seinem Tode 885 fortsetzen, doch wurde seine slawische Kirche danach von der lateinischsprachigen Kirche des ostfränkischen Reichs beseitigt, die Christen im pannonischen Raum der römischen Kirche angegliedert.
Die Christianisierung der Bulgaren
Das byzantinische Ausgreifen weit nach Ostmitteleuropa hinein war damit gescheitert. Viel erfolgreicher handelten Byzanz und das Patriarchat von Konstantinopel hingegen mit den zunächst für das mährische Reich entwickelten Missionsinstrumenten ‒ der neuen Liturgiesprache und dem neuen Alphabet – südlich der Donau. Denn dort gelang wesentlich unter politischem und militärischem Druck wohl 865 der Übertritt der Bulgaren zum Christentum byzantinischer Prägung. Die Christianisierung war ein politischer Akt, das zentrale Element die Taufe des bulgarischen Chans Boris († 907), der den Namen Michail annahm und damit die geistige Patenschaft des byzantinischen Kaisers Michael III. anerkannte. Vom Herrscher ausgehend, sollte die gesamte Führungsschicht, die Bojaren, den neuen Glauben annehmen. Dieser schnelle Bruch mit deren älteren religiösen Traditionen, der zudem mit der politischen Annäherung an den alten Gegner in Konstantinopel verbunden war, verlief nicht ohne erhebliche Verwerfungen. Von 100 Bojaren sollen sich 52 dem Chan und dessen neuen Glauben entgegengestellt haben; mit der Hilfe der 48 konvertierten Adeligen rang Boris-Michail den Aufstand nieder und ließ seine Gegner beseitigen. Damit hatte er zumindest für einige Jahre der „heidnischen“ Bojarenopposition das Genick gebrochen. Wesentliche Nachrichten über diese Vorgänge verdanken wir wieder erzählenden lateinischen Quellen aus dem Karolingerreich, in erster [<<101] Linie der Fortsetzung der Annales Bertiniani, die Hinkmar, dem Erzbischof von Reims († 882), zugeschrieben werden.
Annales Bertiniani, ed. Georg Waitz, MGH Scriptores I (Hannover 1883), S. 85, Übersetzung Oliver Schmitt.
Der König der Bulgaren, der durch Gottes Eingebung sowie durch Zeichen und Unglücksfälle im Volke seines Königreichs im Jahr zuvor erwogen hatte, Christ zu werden, nahm die heilige Taufe an. Da dies die Mächtigen übel aufnahmen, brachten sie das Volk gegen ihn auf, mit dem Ziel, ihn zu töten. Alle aus den zehn Grafschaften (comitatus) versammelten sich bei seinem Palast. Jener aber rief Christi Namen an und ging mit nur 48 Männern, die wegen ihrer glühenden christlichen Frömmigkeit bei ihm geblieben waren, gegen diese Menge vor; und kaum hatte er die Tore der Stadt verlassen, da erschienen ihm und jenen, die mit ihm waren, sieben Geistliche, und jeder von diesen hielt eine brennende Kerze in der Hand, und so schritten sie dem König und jenen, die mit ihm waren, voran. Jenen aber, die sich gegen ihn erhoben hatten, schien es, als ob eine große brennende Stadt auf sie herabstürzte, und die Pferde der Anhänger des Königs, so schien es den Gegnern, schritten aufrecht einher und traten sie mit den Vorderhufen; so große Furcht ergriff sie, dass sie weder zur Flucht noch zur Abwehr in der Lage waren, sondern sich zu Boden warfen und nicht mehr bewegen konnten. Der König aber tötete von den Mächtigen, die das Volk so gegen ihn aufgebracht hatten, zweiundfünfzig an der Zahl; das übrige Volk aber ließ er unbehelligt abziehen.
Ergänzt wird dieser Bericht durch die 106 Antworten von Papst Nikolaus I. auf Fragen des Bulgarenherrschers, Responsa Nicolai I. Papae ad consulta Bulgarorum (866). Diese Responsa gaben Auskunft zu kirchenrechtlichen Fragen, zu Fragen des Alltags und des Brauchtums, die Boris-Michail stellte, um eine zuverlässige Einhaltung des christlichen Ritus sicherzustellten, denn dieser wurde eng mit dem Herrscherheil und damit dem Wohlergehen der Gefolgschaft und des Herrschaftsgebiets in Verbindung gebracht.
Zwischen Byzanz und Rom
Kurz nach der Bekehrung zeigte sich aber ein Phänomen, das später auch bei den Serben hohe Bedeutung gewinnen sollte. Um den starken byzantinischen Einfluss auszugleichen und enttäuscht von dem mangelnden Entgegenkommen der byzantinischen Seite in wichtigen kirchenrechtlichen Fragen, wandte sich Chan Boris-Michail an die [<<102] römische Kirche und forderte insbesondere eine autonome bulgarische Kirchenorganisation, also kirchliche Unabhängigkeit von Konstantinopel (866). Der Papst ergriff die Möglichkeit und schickte seinerseits zwei Bischöfe – Formosus von Porto und Paulus von Populonia – nach Bulgarien. Diese verdrängten zwei Missionarsgruppen, die sie dort vorfanden, nämlich die griechischen Mitarbeiter des Patriarchats von Konstantinopel zum einen, dann aber auch die aus dem fränkischen Reich von Bischof Hermanrich von Passau geschickten Missionare. Rom wollte die Aufgabe der Bulgarenmission ganz an sich ziehen, den Bulgaren aber ebenfalls keine kirchliche Autonomie zugestehen. Als Boris-Michail einen der beiden italienischen Bischöfe zum Erzbischof erheben lassen wollte – also zum Oberhaupt einer eigenen bulgarischen Kirchenorganisation –, lehnte der Papst dieses Ansinnen ab.
Die Argumente des Patriarchen Phótios
Als also recht bald Spannungen zwischen dem Chan und dem Papst auftraten, begann Patriarch Phótios, die römische Kirche heftig anzugreifen. Er verglich die römischen Missionare im von Byzanz beanspruchten Bulgarien mit dem legendären „Eber im Weinberg Gottes“ und listete erstmals die Streitpunkte mit Rom und Paulus von Populonia auf, die bis heute von Bedeutung sind:
• die lateinische Fastenordnung;
• den Priesterzölibat, den die byzantinische Kirche nicht kannte;
• die bischöfliche Firmung;
• und das Filioque (d. h. die Frage, ob der Heilige Geist nur vom Vater durch den Sohn ausgehe, wie in der Orthodoxie üblich, oder a patre filioque, d. h. „vom Vater und dem Sohne“ wie im römischen Glaubensbekenntnis festgehalten).
Patriarch Phótios ging so weit, Papst Nikolaus I. zu exkommunizieren (867). Die drohende Krise schien durch den Tod des Papstes und den Sturz des Patriarchen beigelegt zu sein, der sich wegen seiner allzu raschen kirchlichen Karriere angreifbar gemacht hatte, wenngleich der neue Papst Hadrian II. († 872) nun seinerseits nachträglich auf den Angriff des Phótios reagierte. Gleichzeitig verlor Rom aber das Ringen um die kirchliche Hegemonie in Bulgarien, da sich Rom und der Chan nicht auf einen Kandidaten für den Thron des Erzbischofs einigen konnten. Bulgarien schwenkte daher wieder auf die byzantinische Seite und akzeptierte 870 einen griechischen Erzbischof für die Reichshauptstadt [<<103] Pliska. Die zum Teil aus dem Patriarchat von Aquileia stammenden lateinischen Missionare mussten Bulgarien verlassen. Das Reich öffnete sich griechischsprachigen byzantinischen Geistlichen. Freilich blieb dies angesichts der jahrhundertealten Tradition der Feindschaft zwischen Bulgaren und Byzantinern nicht ohne Folgen. Als Boris-Michail 889 die Herrschaft an seinen Sohn Vladimir-Rasate übergab und sich in ein Kloster zurückzog, brach sich die „heidnische“ Reaktion Bahn, die wesentlich von Vladimir getragen wurde. Boris-Michail musste seine Klostereinsamkeit verlassen, um seinen Sohn zu stürzen und seinen zweiten Sohn Simeon († 927) an dessen Stelle zu setzen.
Die kulturelle und religiöse Ausrichtung der Bulgaren nach Konstantinopel, der überwältigende Einfluss der griechisch-byzantinischen Kultur sollte eine Konstante der bulgarischen Geschichte bis in die Neuzeit hinein werden. Es sollte beinahe vier Jahrhunderte dauern, bis ein bulgarischer Herrscher sich wieder an Rom wandte, um sich von Konstantinopel zu lösen: Zar Kalojan handelte so kurz vor der Eroberung Konstantinopels durch die Teilnehmer des 4. Kreuzzuges (1204). Freilich übernahm Bulgarien von Byzanz nur den Glauben, nicht aber die griechische Kirchensprache.
Die Mission im inneren Balkan
Die Schaffung einer eigenen slawischen Kirchensprache ist für den gesamten slawischen orthodoxen Balkan von herausragender Bedeutung gewesen. Sie belegt auch die nun weitgehend abgeschlossene „Slawisierung“ der sogenannten Proto-Bulgaren (→ Kap. 2.1), die in der zahlenmäßig stärkeren Gruppe der Slawen aufgegangen waren. Die Integration der altbalkanisch-thrakischen Bevölkerung, der Slawen und der Proto-Bulgaren zu einem slawischsprachigen Volk, das seinen vermutlich turksprachlichen Namen beibehielt, wurde durch die Christianisierung entscheidend gefördert. Die Slawisierung der Bulgaren erhielt zudem einen neuen Schub, als das Reich den slawisch besiedelten makedonischen Raum eroberte, wo sich gegen Ende des 9. Jahrhunderts um die makedonischen Seen mit Ochrid ein zweites Zentrum der mittelalterlichen bulgarischen Kultur ausbildete, das neben dem alten östlichen Machtschwerpunkt um die Orte Pliska und der neuen Hauptstadt Preslav (unter Zar Simeon I., † 927) lag und in dem eine neue kirchenslawische Schreibschule entstand.
Die Lange Klemensvita
In Ochrid wirkten die Heiligen Klemens († 916) und Naum († 910), Angelarius und Gorazd († 900) als Missionare des inneren Balkans. [<<104] Zentrale Quelle ist ein Heiligenleben, die Vita des heiligen Klemens. Diese ist nicht etwa auf Kirchenslawisch erhalten; vielmehr handelt es sich um einen griechischen Text, der dem Erzbischof Theophýlaktos von Ochrid († 1107) zugeschrieben wird, einem für seinen Briefwechsel berühmten hochgelehrten Kirchenfürsten, der in einer Zeit wirkte, als das bulgarische Reich seit fast einem Jahrhundert (seit 1018) von Byzanz unterworfen war. Byzanz bemühte sich aber um die Respektierung der kulturellen und vor allem kirchlichen Traditionen des bulgarisch missionierten Balkans. So erklärt sich auch, weshalb ein griechischsprachiger Erzbischof die Vita eines Slawenmissionars verfasste.
Die Quellen der sog. Langen Klemensvita (eine Kurze Vita entstammt der Feder von Demétrios Chomatenós, ebenfalls Erzbischof von Ochrid, 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts) sind umstritten: Theophýlaktos wird mündliche Überlieferung, wohl aber auch schriftliche Vorlagen aus der Ochrider Tradition verwendet haben. Die ältesten erhaltenen Handschriften sind rund vier Jahrhunderte nach Theophýlaktos’ Tod entstanden. Die erste Edition gab 1847 der bedeutende Wiener Slawist Franz von Miklosich heraus.
Im Gegensatz zu den Bulgaren ist die Christianisierung im herrschaftlich weniger strukturierten Serbien im 9. Jahrhundert nur schemenhaft fassbar. Man darf davon ausgehen, dass Serbien wie Bulgarien sowohl von römischen wie byzantinischen Missionaren dem Christentum über einen längeren Zeitraum erschlossen wurden, wobei einem Taufakt, wie er von Michaels III. Nachfolger Basíleios I. gegen Ende des 9. Jahrhunderts vorgenommen wurde, primär symbolische Bedeutung zukam. Die byzantinische Missionsstrategie erfasste 988/89 auch das von skandinavischen Warägern (Kiewer Rus’) begründete ostslawische Reich von Kiew.
Die Bedeutung der sakralen Sprache
Mit dem Altkirchenslawischen trat eine vierte heilige Sprache und Schrift neben das Griechische, Lateinische und Hebräische. Sprache und Schrift sind im geistlichen Verständnis nicht nur Träger von Information. Sie haben als Form und Zeichen heiligen Charakter, und dies ganz besonders in der Liturgie und der Heiligen Schrift. Nur wenn man sich diese sakrale Dimension vor Augen hält, begreift man den umwälzenden Charakter dieser Neuerung. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa kam es in Griechenland wegen einer Bibelübersetzung ins Neugriechische zu schweren Unruhen. Gegen [<<105] die Schaffung einer neuen Liturgiesprache war es auch in Byzanz zu Widerstand gekommen. Und die Vertreter der jungen sakralen Sprache fühlten sich genötigt, ihren Standpunkt zu verteidigen.
Chrabar, Über die Buchstaben
In diesen Zusammenhang gehört die kirchenslawische Schrift O pismeneh /„Über die Buchstaben“ des Mönchs Chrabar, die wohl im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts entstanden ist. Über den Verfasser ist wenig bekannt. Sein sprechender Name (etwa: „der Tapfere, Mutige“) ließ Vermutungen aufkommen, es handle sich um ein Pseudonym, hinter dem man u. a. Konstantin/Kyrill selbst vermutete. Entstanden ist die Schrift wohl im Umfeld einer bulgarischen Reichssynode unter dem jungen Herrscher Simeon I. , der eben die „heidnische“ Reaktion niedergeworfen hatte (893).
Der Verfasser war jedenfalls hoch gebildet und verfügte über gute Kenntnisse der Kirchenväter-Texte – dass im Paradies syrisch gesprochen worden sei, geht etwa auf Theodoret von Kyrrhos († 460) zurück. Die älteste erhaltene Handschrift von Chrabars Text entstand erst knapp viereinhalb Jahrhunderte nach Abfassung der Schrift im Jahre 1348. Sie wurde von dem bulgarischen Zaren Ivan Alexandăr († 1371) in Auftrag gegeben. Dies deutet auf den hohen symbolischen Wert des Bekenntnisses zur kirchenslawischen Tradition in einer Zeit hin, als der byzantinische Einfluss auf die bulgarische höfische Kultur besonders stark wirkte. „Über die Buchstaben“ ist in rund 80 Handschriften überliefert und wurde in der Frühen Neuzeit in der slawischen Welt im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen der orthodoxen und der unierten Kirche auch durch den Buchdruck verbreitet (Vilnius 1575–1580, Moskau 1637), was beides auf die Beliebtheit der Schrift über Jahrhunderte hinweg hinweist.
Eine Verteidigung des Kirchenslawischen
Die kurze Schrift teilt sich in eine knappe Geschichte des griechischen Alphabets; die Erzählung von der Schaffung des neuen slawischen Alphabets; sowie eine Verteidigung des Kirchenslawischen gegenüber den Verfechtern der Dreisprachenlehre, wonach nur das Griechische, Lateinische und Hebräische als heilige Sprachen anzusehen seien.
I. Früher als die Slawen noch Heiden waren und keine Bücher hatten, lasen und wahrsagten sie mit Hilfe von Strichen und Schnitzen.
II. Als sie aber Christen wurden, versuchten sie die slawische Sprache mit römischen und griechischen Buchstaben niederzuschreiben, ohne einer [<<106] Ordnung zu folgen. Aber wie kann man mit griechischen Buchstaben „Bogъ“ (Gott) oder „životъ“ (Leben) oder „selo“ (Dorf) oder „crьkovь“ (Kirche) oder „čaanie“ (Hoffnung) oder „širota“ (Breite) oder „jadь“ (Gift) oder „ọdru“ (woher) oder „junostь“ (Jugend) oder „jazykъ“ (Sprache) und andere diesen ähnliche Wörter gut schreiben? Und so ging es viele Jahre.
III. Dann aber ließ Gott, der Menschenfreundliche, der alles lenkt und das menschliche Geschlecht nicht unwissend lässt, sondern alle zur Erkenntnis und Erlösung führt, seine Gnade über dem slawischen Volk walten, und schickte ihm den Heiligen Konstantin, den Philosophen, der (als Mönch) Kyrill genannt wurde, einen gerechten und wahrhaftigen Mann. Und er schuf 38 Buchstaben, einige nach griechischem Vorbild, die anderen aber der slawischen Sprache entsprechend.
Übersetzung hier: Marina Sharlaj/Holger Kuße, Der Mönch Chrabar, „Über die Buchstaben“: https://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/fakultaet_sprach_literatur_und_kulturwissenschaften/slavistik/einblicke/slav_schriften/chrabr_uebersetzung-2.pdf, S. 2, Zugriff: 26. 05. 2016
Chrabar verortet also die Schaffung des Alphabets auf der Zeitachse und stellt der bücherlosen heidnischen Zeit die neue Epoche des Christentums gegenüber. Frühere Schriftsysteme sind ihm zwar bekannt, doch seien sie aus unterschiedlichen Gründen abzulehnen. Die vorchristlichen „Striche und Schnitze“ sind heidnisch, das griechische und lateinische Alphabet können die slawischen Wörter „Gott, Leben, Dorf, Kirche“ – dies sind nicht zufällig die ersten vier Begriffe, die er nennt – nicht wiedergeben. Dies stellt Chrabar als kulturelles Defizit dar; dass damit auch ein heilsgeschichtlicher Mangel verbunden war, zeigt er in Abschnitt III. Denn die Schaffung des neuen kyrillischen Alphabets wird der göttlichen Gnade zugeschrieben. Dies dient der Erhöhung der neuen Schrift, aber auch deren Rechtfertigung gegenüber Traditionalisten. Er folgt damit einer Deutung, die schon in der Vita des Konstantin/Kyrill entfaltet wird:
[…] bald offenbarte ihm Gott, der die Gebete seiner Diener erhört, die Schrift. Und dann setzte er die Buchstaben aneinander und begann den Wortlaut des Evangeliums aufzuschreiben.
Übersetzung hier: Joseph Bujnoch, Zwischen Rom und Byzanz. Leben und Wirken der Slavenapostel Kyrillos und Methodios nach den Pannonischen Legenden und der Klemensvita (Graz u. a. 1958), S. 67. [<<107]
Die Verfechter der neuen Liturgiesprache mussten sich auch vor jenen rechtfertigen, die nur das Lateinische, Griechische und Hebräische für heilige Sprachen hielten:
VI. Wieder andere sagen: Wozu brauchen wir slawische Bücher? Diese haben ja weder Gott noch die Engel geschaffen, und es gab sie nicht von jeher wie die hebräischen, römischen und griechischen, die seit alters her bestehen und gottgefällig sind. Noch andere glauben, dass Gott selbst uns die Buchstaben geschaffen hat. Doch sie, die Verfluchten, wissen selbst nicht was sie da sagen, (wenn sie vorbringen,) dass Gott befohlen habe, dass die Bücher nur in drei Sprachen geschrieben werden sollen, wie es im Evangelium steht: „Und so wurde die Aufschrift auf Hebräisch, Römisch und Griechisch geschrieben“, von Slawisch war aber keine Rede, deswegen seien die slawischen Bücher nicht von Gott.
Was sagen wir oder was entgegnen wir solchen Narren? Wir wollen aus der Heiligen Schrift antworten, so wie wir es gelernt haben, dass alles der Reihe nach von Gott kommt, nicht jedoch alles auf einmal. Gott schuf weder zuerst die hebräische noch die römische noch die griechische, sondern die syrische Sprache, die Adam gesprochen hat, und die dann von Adam bis zur Sintflut, und von der Sintflut bis zu der Zeit gesprochen wurde, als Gott die Sprachen verwirrte beim Turmbau zu Babel, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Als die Sprachen getrennt wurden, wurden, so wie die Sprachen getrennt wurden, auch die Sitten und Gebräuche, Vorschriften und Gesetze wie auch das Wissen unter den Völkern aufgeteilt: die Ägypter erhielten den Ackerbau und die Perser, Chaldäer und Assyrier die Astrologie, die Magie, die Medizin, Zauberei und alles Wissen, das menschlich ist. Die Hebräer aber erhielten die Heiligen Schriften, in denen geschrieben steht, wie Gott Himmel und Erde schuf und alles auf Erden und den Menschen und alles der Ordnung nach, so wie es (in der Schrift) geschrieben steht. Die Griechen bekamen die Grammatik, die Rhetorik und die Philosophie.
Übersetzung hier: Marina Sharlaj/Holger Kuße, Der Mönch Chrabar, „Über die Buchstaben“ (s. o.).
Chrabar steht wiederum in der Tradition der Konstantins-Vita, die von der „Dreisprachenhäresie“ spricht, also den Vorwurf der Ketzerei gegen die Traditionalisten erhebt. Der Verfasser der Konstantins-Vita bemüht zum einen die eigensprachlichen Traditionen der armenischen, [<<108] koptischen, georgischen und anderer orientalischer Kirchen, zum anderen stützt er sich auf eine lange Reihe von Zitaten aus dem Alten Testament (Psalmen) und Neuen Testament (Evangelien, Paulus’ Briefe an die Korinther), welche die Vielfalt und Gleichrangigkeit der Sprachen besonders für die Mission hervorheben, etwa
Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium jeglichem Geschöpf […] Denen aber, die glauben, werden diese Zeichen folgen: in meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Sprachen werden sie sprechen. (Mk 16,15–17)
Das Kirchenslawische setzte sich als neue Liturgiesprache durch. Dass Chrabars Text so oft abgeschrieben wurde, zeigt aber, dass das Bedürfnis nach Rechtfertigung nicht so rasch erlosch.
Von Bulgarien aus wurde die altbalkanische und schon unter Rom christianisierte romanisierte Gruppe der Rumänen kirchlich und kulturell überschichtet: Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein wirkte das Altkirchenslawische als Liturgie-, Verwaltungs- und Literatursprache der romanischsprachigen orthodoxen Rumänen. Bleibende Spuren hinterließ die byzantinische Kulturpolitik auch in Regionen, die sich der Westkirche zuwandten. Im Norden Dalmatiens (Kvarner-Bucht) hatte sich um 1000 eine zweisprachige (lateinische und kirchenslawische) katholische Kirchenkultur entwickelt. Nur hier hielt sich dauerhaft die Verbindung von glagolitischer Schrift und (katholischer) Messe in kirchenslawischer Sprache.
Diese glagolitische Schriftkultur in Teilen Dalmatiens entwickelte sich im Spätmittelalter zu einem regionalen Sonderphänomen, das im kroatischen Nationsdenken der Neuzeit mit besonderem Stolz hervorgehoben wurde. Tatsächlich wurde die komplizierte glagolitische Schrift ab dem 10. Jahrhundert von der kyrillischen Schrift abgelöst, die sich im Wesentlichen an der griechischen Unziale ausrichtet und Sonderzeichen nur für Laute aufweist, die im Griechischen nicht bestehen. Das kyrillische Alphabet prägt die Schriftkultur von Bulgaren, Makedoniern, Serben und Ostslawen bis heute. Einzig die Rumänen wechselten um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum lateinischen Alphabet, um damit – den zeitspezifischen nationalen Abgrenzungsbestrebungen entsprechend – ihren Charakter als romanisches Volk und eine politische Abkehr vom byzantinischen Osten zum lateinischen Westen sichtbar zu machen. Einen Sonderfall in [<<109] der europäischen Geschichte stellt die kroatische Kultur mit ihrer Dreischriftlichkeit dar: Im Mittelalter wurden die glagolitische, die kyrillische und die lateinische Schrift – diese als zeitlich letzte – nebeneinander für slawische Texte des katholischen Kulturmilieus verwendet und am Ende des 15. Jahrhunderts auch in das neue Medium des Buchdrucks überführt. Ausschließlich die lateinische Schrift kam für lateinische und italienische Texte im venezianischen Dialekt zum Einsatz.
2.4 Die Materialität der Quellen: Archäologie und Architektur, dingliche und bildliche Überlieferung
Neben den spärlichen schriftlichen Quellen und den Befunden der Sprachwissenschaft sind – durch das gesamte Mittelalter – materielle Denkmäler von besonderer Bedeutung. Ist die Mittelalterarchäologie im Vergleich zur klassischen Archäologie schon im westlichen Europa ein verhältnismäßig junges Fach, gilt dies erst recht für Südosteuropa. Dort diente und dient teilweise bis in die Gegenwart die antike Geschichte als Grundlage und Rechtfertigung moderner Staats- und Nationsbildung. Entsprechend wurde in Griechenland in die Archäologie des antiken Makedonien, in Bulgarien in die Thrakerforschung, in Rumänien in die Dakerarchäologie und in Albanien in die Erschließung der materiellen Kultur, die den Illyrern zugeschrieben wurde, investiert.
In den kommunistischen Diktaturen mobilisierten die Regime erhebliche Mittel für diese Forschungen, die entsprechend hoch ideologisiert waren und die jeweiligen Dogmen von Alteingesessenheit und Siedlungskontinuität absichern sollten. Das Mittelalter stand ganz im Schatten der Konzentration auf die Antike – denn nur diese gewährleistete ein möglichst hohes Alter des jeweiligen Nationskonstrukts. Etwas anders gelagert sind jene Fälle, in denen frühmittelalterliche Zuwanderung ganz (im Falle Ungarns oder Kroatiens) oder teilweise (im Falle Bulgariens) Teil der nationalgeschichtlichen Meistererzählung ist. Hier erhielten entsprechende Funde geradezu nationalen Symbolcharakter wie etwa der sogenannte Reiter von Madara in Bulgarien (Abb 3) (→ Kap. 2.4.4). [<<110]

Abb 3 Reiter von Madara, Bulgarien, lebensgroßes Felsrelief. [Bildnachweis]
Neuere Ergebnisse archäologischer Grabungen stellen viele vermeintliche Gewissheiten der nationalkommunistischen Forschungen infrage. Die Beiträge von Etleva Nallbani und Miklós Takács erläutern, welche neuen Fragen und Interpretationsschemata für die Auswertung archäologischer Befunde verwendet werden und welche neuen Deutungen sich daraus für die frühmittelalterliche Geschichte des Donau-Balkan-Raumes ergeben.
Materielle Überlieferung ist oft auch Trägerin der spärlichen Schriftlichkeit in der Region. Daniel Ziemann für Bulgarien und Tomislav Raukar für Kroatien legen dar, wie sehr die Forschung von den wenigen inschriftlichen Befunden abhängig ist. Unterstützt wird dieser Befund durch die Behandlung von Siegeln als Quelle für die wichtigste Reichsbildung im frühmittelalterlichen Balkan, das Erste Bulgarische Reich. Neben den Inschriften sind Siegel die Hauptquelle etwa für Herrschaftsrepräsentationen des frisch christianisierten Reichs. Dass noch im 13. Jahrhundert ein Patriarch der bulgarischen Kirche im Wesentlichen nur durch einen einzigen sigillographischen Beleg bekannt ist, macht den gewaltigen Unterschied in der Quellenüberlieferung zwischen dem westlichen und südöstlichen Europa deutlich. Wer eine mittelalterliche Geschichte Europas schreibt, die nicht die Mitte oder den Westen des Kontinents zur Norm erhebt, hat sich mit dieser methodischen Konstellation eingehend auseinander zu setzen. [<<111]
2.4.1 Stratigraphie eines Burghügels – das Beispiel von Alessio/Lissus/Lezha
Etleva Nallbani, Paris
An der südwestlichen Adriaküste, im Gebiet des heutigen Nordalbanien, überlappten sich die Einflüsse aus dem westlichen und dem östlichen Teil des spätantiken Römischen Reichs in besonderer Weise, hier begegneten sich das Lateinische und das Griechische als Amts- und daher Inschriftensprache (→ Kap. 2.2.2), hier wirkte sich das Ringen der Kirchen von Rom und Konstantinopel um kirchenrechtlichen und kulturellen Einfluss auf dem Balkan in enger Nachbarschaft und schwankenden konfessionellen Loyalitäten aus (→ Kap. 2.3.2). Die Erforschung des Siedlungswesens dieser Grenzregion ist daher von besonderem Interesse. Dabei kommt angesichts des Mangels schriftlicher Quellen gerade für das Früh- und Hochmittelalter der Archäologie besondere Bedeutung zu. Ausgrabungen zweier großer Stätten sollen Licht in dieses Dunkel bringen. Seit 2008 gräbt ein albanisch-französisches Team im alten Lissus (heute Lezha, nahe der Adriaküste) und in Dalmace (heute Koman), im nahen gebirgigen Hinterland. Es interessiert sich dabei für die Organisation des Siedlungsraumes, die Bevölkerungsentwicklung und den regionalen Austausch von Waren [<<112] im Tal des Drin, eines der wichtigsten in die Adria entwässernden Flüsse des Balkans, im heutigen Nordwestalbanien. Dalmace ist seit 1989 wegen seiner besonders reichen Nekropole (Gräberfeld) bekannt und wurde zu einem mythischen Ort der albanischen Archäologie. Die sog. Kultur von Koman sollte das fehlende Glied in der Theorie der nationalistischen albanischen Geschichtsschreibung von einer ungebrochenen albanischen Siedlungskontinuität von den antiken Illyrern über die mittelalterlichen sog. Arbër bis zu den modernen Albanern bilden (→ Kap. 2.2.3).
Durch Grabungen zu einer Neudeutung der frühmittelalterlichen Geschichte
Die seit 2008 laufenden neuen Grabungen versuchen, sich von diesem politisch motivierten Schema zu lösen.


Abb 4 und 5 Grabung Nekropole Lezha, Albanien. [Bildnachweis]
Bisher haben sie ergeben, dass Dalmace nicht nur aus einer Nekropole bestand, sondern sich auf mehreren steil abfallenden Höhenbereichen auf einer Fläche von rund 35 Hektar ausdehnte. Die Siedlung beherrschte das rechte Ufer des Drin zwischen der Siedlung Sarda im Osten und der Festung Scodra (heute Shkodra, die wichtigste Stadt Nordalbaniens) im Nordwesten. Die Siedlung Dalmace geht im Wesentlichen auf die römische Epoche zurück, auch wenn es Siedlungsspuren aus hellenistischer Zeit (den drei letzten vorchristlichen Jahrhunderten) gibt. Im Mittelalter wies der Ort eine sehr dichte Siedlungsgeschichte auf, besonders vom ca. 6.‒10. Jahrhundert, als sich Dalmace [<<113] zu einem richtigen städtischen Zentrum entwickelte. Die Siedlung war in mehrere Viertel gegliedert, darunter eines mit hochgelegenen Wohnhäusern aus Stein sowie Kirchen und Produktionsstätten. Bisher sind eine große Nekropole und fünf Kirchen freigelegt worden, die die verschiedenen Siedlungsstufen kennzeichnen. Die Dichte der Kirchenbauten ist ein besonderes Merkmal der Topographie von Dalmace zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert und prägt auch sonst die städtische Kultur Nordwestalbaniens (Lezha, Sarda, Danja, alle am Drin gelegen). Die Kirchen waren ursprünglich hochwertig geschmückt und bemalt und mit liturgischen Geräten ausgestattet, was auf die außergewöhnliche Investitionstätigkeit der Geistlichkeit hindeutet. Der Klerus wurde so zum Mittelpunkt von Wirtschaft und Produktion in Dalmace. Auf der St. Georgs-Insel bestand auch eine Metallerzeugung, was für die Bestattungsbräuche zwischen dem 7. Jahrhundert und dem Ende des Mittelalters durchaus unüblich war. Eine 2012 entdeckte Schmiede überlagerte am Kopfende der Kirche einen Gräberbereich (9.‒10. Jh.).
Diese ersten Befunde zur Produktion und die außergewöhnliche Fülle und Reichhaltigkeit der freigelegten Objekte in der Siedlung und vor allem der Nekropole erlauben es, verschiedene Gegenstände aus Keramik, Glas und Metall und deren Verteilung durch den regionalen Handel genauer zu untersuchen. Die Nekropole dehnt sich über eine Fläche von vier Hektar aus und war seit der spätrömischen Zeit (4./5. Jh.) bis mindestens zum 13. Jahrhundert in Gebrauch – an ihrem Beispiel lässt sich die tausendjährige Siedlungsgeschichte auch in regional vergleichender Sicht darstellen. Die Erdbestattung, ein allgemeiner Brauch seit dem Ende der römischen Epoche, erlaubt durch die Untersuchung der menschlichen Überreste wie auch der Grabbeigaben in einer großen Zahl von Gräbern – vor allem Kleidungsstücke im weitesten Sinn (Waffen, Schmuck, Objekte zur Reparatur von Kleidungsstücken, religiöse Artefakte) – umfassende Rückschlüsse auf Gesundheitszustand, Entwicklung von demographischen Strukturen und fortschreitender Christianisierung, Kleidungscodes und gesellschaftlicher Stellung der Bestatteten nach chronologischen Phasen und gesellschaftlichen Gruppen.
Eine Stadt an der Schnittstelle zwischen Mittelmeer und innerem Balkan
Im Gegensatz zu Dalmace, einer im Mittelalter neuformierten Siedlung par excellence, lag Lezha (das antike Lissos) auf den Ruinen [<<114] einer Siedlung aus dem klassischen Altertum, von der es eine prachtvolle 2500m lange und 8m hohe Stadtmauer aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. gleichsam geerbt hatte; diese Mauer umspannte drei Viertel des Burghügels. An der Mündung des Drin und an der Römerstraße gelegen, die in nordwestlicher Richtung nach Naissus (heute Niš, Serbien) und die Donauprovinzen führte, beherrschte Lezha den Nordteil der albanischen Küstenebene zwischen Dyrrachium (heute der mittelalbanische Hafen Durrës) und Scodra/Shkodra und riegelte den Übergang vom gebirgigen Hinterland an die Küste ab (Abb 4 und 5).
Die mittelalterliche Siedlung folgte nicht der antiken Anlage. Sie ist in kleinen Siedlungsinseln organisiert, die auf verschiedenen Plateaus des Hügels liegen. Die Siedlung ist so in eine Unterstadt, eine Mittel- und eine Oberstadt geteilt. In der Oberstadt mit der Burg und dem östlichen Friedhof lässt sich eine Siedlungsgeschichte von der Spätantike bis in die osmanische Zeit nachvollziehen. Fast an allen Stellen der Stadt ist die Bedeutung des Christentums feststellbar. In der Burg lag die 2013 teilweise ausgegrabene Kirche, die der Heiligen Maria Schnee/S. Maria ad nives zugeschrieben wird, die auf älteren spätantiken Elementen errichtet worden war. Die Dichte hochwertiger Gräber im Inneren der Kirche und die zahlreichen Umbauten lassen die Marienkirche als eines der wichtigsten Zeugnisse der sehr komplexen Geschichte Lezhas im Mittelalter erscheinen, bis sie im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts zu einem Munitionslager des osmanischen Heeres umgewandelt wurde. Seit dem 8. Jahrhundert verwaltete die Geistlichkeit auch den Gräberbereich: zwei Kirchen, eine davon mit einer sehr schönen Ikonostase in Steinmetzarbeit des 8.‒9. Jahrhunderts, dazu auch eine Zisterne und eine kleine Kapelle, liegen nördlich des Grabbereichs. Zwei Friedhöfe befinden sich nördlich und südlich außerhalb des hellenistischen Walls, während der Friedhof in der Burg die größte Ausdehnung besitzt. Eine archäologisch-anthropologische Untersuchung von 150 freigelegten Gräbern weist auf eine große Vielfalt von Grabtypen hin, was durch das lange Bestehen des Grabfelds und durch die Vielzahl von Bevölkerungsgruppen erklärt wird, die im Mittelalter in Lezha siedelten. Nach den Kleidungsarten zu schließen, kleideten sich die Einwohner Lezhas zu Beginn des Mittelalters sowohl in typisch mittelmeerisch-byzantinischer Weise als auch nach jener Art, die für die in Klan-Strukturen organisierten Bewohner des [<<115] Binnenlands charakteristisch war. Die Analyse von Grabbeigaben und Grabarchitektur ermöglicht es so, materielle Kultur und gesellschaftliche Organisation über viele Jahrhunderte nachzuverfolgen.
2.4.2 Die Fundinterpretationen in der Mittelalterarchäologie der Provinz Vojvodina
Miklós Takács, Budapest
Die Vojvodina (heute Nordserbien), am Südwestrand der Karpaten gelegen, stellte ein ideales Feld für Forschungen zu politisch motivierten Deutungen archäologischer Funde aus dem Mittelalter dar. Seit der Wende zum 18. Jahrhundert erlebte das Gebiet mehrfache Herrschaftswechsel. Die ebenfalls wechselnden Eliten versuchten, ihre Macht mit historischen Argumenten zu untermauern. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verdrängte die Habsburgermonarchie die osmanische Herrschaft aus dem Karpatenbecken (Friedensverträge von Karlowitz/Sremski Karlovci 1699 und Passarowitz/Požarevac 1718) und nahm Gebiete in Besitz, die im Mittelalter Teile der Länder der ungarischen Stephanskrone gewesen waren. Bereits im Zuge des Landesausbaus in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden alte Siedlungen mehrmals mit Geländebegehungen, d. h. sozusagen mit archäologischen Methoden, bestimmt, da das mittelalterliche Urkundenmaterial überwiegend verloren gegangen war. In diesem Zusammenhang legte Graf Luigi Ferdinando Marsigli (1658–1730) die erste zusammenfassende Darstellung des römischen und mittelalterlichen materiellen Erbes der Region vor, wobei er historische Erkenntnisse für die Deutung der von ihm beschriebenen archäologischen Objekte heranzog. Die Interpretation archäologischer Funde bzw. Befunde war also bereits von Beginn an historischen Postulaten untergeordnet.
Mittelalterforschung im ungarisch-serbischen Spannungsfeld der Donaumonarchie
Seit der Gründung des Ungarischen Nationalmuseums im Jahre 1802 entwickelte die politische Elite des Königreichs Ungarn ein verstärktes Interesse an historischen Fragen, besonders am mittelalterlichen Erbe (→ Kap. 1.1). Freilich wurden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Überreste der mittelalterlichen materiellen Kultur im südlichen Teil des Karpatenbeckens noch nicht in Aufsätzen zur mittelalterlichen Geschichte behandelt. Sogar in der Revolution und dem ungarischen „Freiheitskampf“ von 1848/49, der in der Region als [<<116] erbittert geführter ungarisch-serbischer und ungarisch-rumänischer Konflikt ausgetragen wurde, berief sich die ungarische Regierung mit Blick auf den Südteil des Karpatenbeckens nur selten auf historische Argumente. Demgegenüber aber formulierte die serbische Nationalversammlung im Mai 1848 ihre Forderungen mit Verweis auf eine angebliche serbische Woiwodschaft im Karpatenbecken des 9. Jahrhunderts.
Aufgenommen wurde die archäologische Forschung in diesem Raum nach dem österreichisch-ungarischen bzw. dem ungarisch-kroatischen Ausgleich (1867 bzw. 1868) sowie nach der Aufhebung der Militärgrenze (1869–1873). Damals wurden zwei Drittel des Raumes der ungarischen, ein Drittel der kroatischen Krone unterstellt. Die kroatischen Archäologen der Bodendenkmalpflege in Syrmien (östliche Hälfte: Srem, Serbien, westliche Hälfte: Zapadni Srijem, Kroatien) organisierten ein Netzwerk sog. Vertrauensmänner (örtliche Lehrer, Notare, Beamte), was maßgeblich zur Erschließung der römischen Großstadt Sirmium (kr. Srijemska Mitrovica, srb. Sremska Mitrovica) beitrug. Lokalen Initiativen sind wesentliche Funde und Befunde in den Regionen Batschka und Banat in der Zeit des Dualismus (1867–1918) zu verdanken. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden mehrere Regional- bzw. Komitatsmuseen in den südlichen Teilen des damaligen Ungarn eingerichtet.
Zumeist waren die archäologischen Forschungen Ergebnis nicht der Förderung durch das Ungarische Nationalmuseum in Budapest, sondern durch kleinere Museen. Im Dualismus blieb die Zahl der Fragestellungen der Mittelalterarchäologie beschränkt. Zumeist wurden Gräberfelder der Völkerwanderungszeit freigelegt und Grabungen zu Reihengräberfeldern des 10./11. Jahrhundert durchgeführt. Alte Bauten wie Kirchen- oder Burgruinen wurden nur ausnahmsweise erschlossen, und wenn überhaupt, dann auf Betreiben des Landesdenkmalamts in Budapest. Die Gründe für die Zurückhaltung der serbischen Eliten bei der Förderung archäologischer Forschungen lassen sich nur erahnen. Wahrscheinlich war der Widerspruch zwischen der eigenen Meistererzählung und den Befunden aus der entstehenden archäologischen Forschung zu stark. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Fundmaterial von Reihengräberfeldern die älteste archäologische Hinterlassenschaft von Slawen in diesem Raum festgestellt. Dies stand [<<117] in deutlichem Widerspruch zur serbischen These, wonach die sog. „Altserben“ bereits seit der späten Sarmatenzeit (3./4. Jahrhundert n. Chr.) im südlichen Teil des Karpatenbeckens die Mehrheit gebildet hätten.
Mittelalterarchäologie und Staatspolitik in den beiden Jugoslawien
Der politische Umbruch von 1918, d. h. die Eingliederung der Region in das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (ab 1929: Jugoslawien) brachte einen völligen Umbruch auch in der archäologischen Forschung. Nun befanden sich viele der unter dem Dualismus eingerichteten Museen außerhalb der ungarischen Staatsgrenzen (Vertrag von Trianon 1920). In der Zwischenkriegszeit war nur das Nationalmuseum in Belgrad für die Erfassung und Sammlung archäologischer Funde zuständig. Die wenigen Grabungen bezogen sich nur zu einem geringen Teil auf die Völkerwanderungszeit bzw. das Mittelalter. So wurde in Südost-Syrmien eine kleine Notgrabung in einem Gräberfeld der Awarenzeit (8. Jahrhundert n. Ch.) durchgeführt. Die kurze Auswertung durch Djordje Mano-Zissi (srb. auch Mano-Zisi, 1901–1995) stützte sich auf Arbeiten des tschechischen Archäologen Lubor Niederle (1865–1944) und betrachtete das Gräberfeld von Batajnica (nahe Belgrad) als Hinterlassenschaft nicht nur von Awaren, sondern vielmehr von Slawen.
Die Jahreswende 1944/45 brachte dem südlichen Karpatenbecken nicht nur die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft durch die Rote Armee, sondern für Jugoslawien auch die Machtübernahme der kommunistischen Partisanen unter Josip Broz, genannt Tito (1892–1980). Damit verbunden war die Rückgliederung der Vojvodina in das nunmehr kommunistische Jugoslawien, und zwar als Autonome Provinz der Teilrepublik Serbien. Es setzte auch der Aufbau eines neuen Macht- und Gesellschaftssystems nach bolschewistischem Muster ein. Bis zum Bruch Titos mit dem Führer der Sowjetunion, Josef Stalin, im Jahre 1948 kopierte die kommunistische jugoslawische Archäologie am treuesten sowjetische Muster, was gleichbedeutend war mit einer panslawistischen Deutung der Funde und Befunde. Bis Mitte der 1960er Jahre koexistierten in Jugoslawien diese panslawistische Idee und die aus dem 19. Jahrhundert stammende „altserbische“ Interpretationsvariante.
Erst ab Mitte der 1960er Jahre verschwanden beide stark ideologisierten Denkmuster aus den Deutungen, die nicht mehr zwanghaft ethnischen Kriterien folgen und die Siedlungskontinuität der „Al [<<118] tserben“ belegen mussten. (Die ersten, aber entscheidenden Schritte haben in dieser Richtung Danica Dimitrijević sowie Jovan Kovačević gemacht.) In einer Atmosphäre relativer Freiheit und Toleranz wurden neue Vorhaben der Mittelalterarchäologie in Angriff genommen, so die Klostergrabungen in Aracs (srb. Arača) und Dombó (srb. Novi Rakovac). Die awarenzeitlichen Gräberfelder der nördlichen Batschka wurden systematisch erforscht und die mittelalterliche Siedlungstopographie derselben Region unter Verwendung des archäologischen Quellenmaterials rekonstruiert. Sándor Nagy (1912–1995) sowie László Szekeres (1931–1997) haben sich größte Verdienste bei dieser Arbeit erworben.
Als Slobodan Milošević 1987 in Serbien an die Macht gelangte, bedeutete dies auch eine erhebliche Umstrukturierung der Mittelalterarchäologie in der Vojvodina. Ziel des neuen Regimes war die Mobilisierung der öffentlichen Meinung, die für bevorstehende interethnische Kriege indoktriniert werden sollte. In der Vojvodina wurde eine Pressekampagne mit der Behauptung geführt, das serbische Kulturerbe werde absichtlich vernichtet (1991). Der radikale Abgeordnete Milan Paroški, damals Leiter des Denkmalamtes der Vojvodina, brachte sogar eine entsprechende Interpellation im serbischen Parlament ein. Die Pressekampagne zielte auf die angebliche Zerstörung der Grundmauern einer Kirche beim Bau der Autobahn E75. Dieses Denkmal wurde als altserbische Kathedralkirche des 9. Jahrhunderts und als Massengrab der „altserbischen“ Opfer der ungarischen Landnahme an der Wende zum 10. Jahrhundert interpretiert, und dies, obwohl alle Funde und Befunde in das 13.‒16. Jahrhundert zu datieren sind. Wiederbelebt wurde auch die Vorstellung einer seit dem 3./4. Jahrhundert n. Chr. dauerhaft ansässigen „altserbischen“ Bevölkerung. Seit dem Sturz des Milošević-Regimes teilen sich die Mittelalterarchäologen in jene, die – wie in Ostmitteleuropa nunmehr üblich – ethnische Deutungskategorien archäologischer Funde mit Zurückhaltung anwenden (Nebojša Stanojev, Ivan Bugarski), und jene, die weiterhin die Theorie einer „altserbischen“ Kontinuität vertreten (Djordje Janković, Stanko Trifunović). [<<119]
2.4.3 Inschriften als Quelle für Herrschaftsgeschichte: Frühmittelalterliche kroatische Inschriften
Tomislav Raukar, Zagreb
Frühe Herrschaftsbildung an der Adria
Quellenmangel hat die Mythenbildung auch zur frühmittelalterlichen Geschichte der Kroaten begünstigt. Die Gleichsetzung von Goten und Slawen in zwei lateinischen Chroniken aus dem 13. Jahrhundert hat sogar zu der heute allerdings kaum noch vertretenen These einer gotisch-kroatischen Kontinuität geführt.
Im Rahmen der Feldzüge der Awaren gelangten um 625 Slawen an die Adria. Ob die Kroaten, deren Namen wohl auf die iranischstämmige Bezeichnung für einen awarischen Würdenträger zurückgeht, als bereits slawisches Ethnos kamen oder einer weiteren, sekundär slawisierten Zuwandererschicht angehören, ist nicht zu klären. Mit byzantinischer Unterstützung lösten sich die Kroaten allmählich von der awarischen Herrschaft. Ihre Christianisierung erfolgte in der Zeit der Abhängigkeit vom fränkischen Reich um 800 von Aquileia und den dalmatinischen Städten aus.
Fürst Trpimir († 864) begründete die nach ihm benannte Dynastie; zu seiner Zeit wurde außerdem in Nin (nordwestlich von Zadar) ein Bistum für Kroatien errichtet, dessen Mittelpunkt im Dreieck Nin – Knin – Solin (dem alten Salona bei Split) lag. Den Höhepunkt erreichte die mittelalterliche kroatische Reichsbildung unter dem vom Papst als König angesprochenen Tomislav († 928). König Zvonimir schwor Papst Gregor VII. 1075 den Lehnseid. Nach dem Ende der Dynastie und in Verbindung mit dem durch Erbansprüche geförderten Bestreben der ungarischen Krone, einen Zugang an die Adria zu erhalten, wurde der ungarische König Koloman 1102 in Biograd zum kroatischen König gekrönt. 1105 erreichte er zudem die Anerkennung seiner Herrschaft durch die bis dahin nominell noch byzantinischen norddalmatischen Städte. Über alle nationalpolitisch bedingten staatsrechtlichen Debatten über die Natur des ungarisch-kroatischen Verhältnisses hinweg hatte die ungarisch-kroatische Personalunion bis 1918 Bestand.
Aus den Städten des byzantinischen Dalmatien und dem Raum des kroatischen Fürstentums bzw. später Königtums und seines Umlandes haben sich aus dem 9.‒11. Jahrhundert zahlreiche ep [<<120] igraphische Denkmäler erhalten. Dabei handelt es sich zumeist um Bruchstücke, unter diesen aber befinden sich auch einige vollständige Inschriften von herausragender Bedeutung für die frühe kroatische Geschichte. In den Inschriften der dalmatinischen Städte werden vor allem kirchliche Würdenträger, Erzbischöfe und Bischöfe, wie auch weltliche Amtsträger, darunter die Prioren, die weltlichen Stadtoberhäupter, erwähnt. In den Inschriften des kroatischen Fürstentums bzw. Königtums, d. h. hauptsächlich im Raum zwischen Solin, Knin und Nin sind kroatische Fürsten, Könige und deren župani (regionale Amtsträger) genannt.
Älteste Schriftträger
Das älteste und zugleich eines der wichtigsten erhaltenen epigraphischen Denkmäler des kroatischen Raumes ist das Baptisterium des Višeslav, ein sechseckiges steinernes Taufbecken, das aus der Kathedrale von Nin (nördlich von Zadar) stammt. Auf der Inschrift, die um die obere Kante des Beckens verläuft, heißt es, der Priester Johannes habe zur Zeit des Fürsten Višeslav das Taufbecken anfertigen lassen (SUB TEMPORE VUISSASCLAVO DUCI). In anderen Quellen wird dieser kroatische Fürst nicht erwähnt, aber das Taufbecken ist wohl ein Beleg für die Hauptwelle der Christianisierung der Kroaten zu Beginn des 9. Jahrhunderts; demnach kann die Herrschaftszeit des ansonsten unbekannten Fürsten Višeslav in die ersten Jahrzehnte des 9. Jahrhunderts datiert werden.
Aus Solin bei Split, dem anderen Mittelpunkt des kroatischen Fürstentums bzw. Königtums, sind einige wichtige lateinische Inschriften erhalten. Aus Rižinice, einem Ort zwischen Solin und Klis, wo sich ein Benediktinerkloster und eine Kirche befanden, haben sich Reste der Altarschranke erhalten. Auf der Inschrift eines Giebelfragments wird der Fürst Trpimir erwähnt (PRO DVCE TREPIM[ERO]), der 852 eine Schenkungsurkunde, die älteste erhaltene kroatische Herrscherurkunde, ausstellte. Ihn erwähnt auch Gottschalk aus Orbais in seiner Schrift Tractatus de trina deitate, in der er berichtet, dass Trpimir gegen das „Volk der Griechen und deren patrikioi“, d. h. die dalmatinischen Städte, erfolgreich Krieg geführt habe. So ist das Fragment aus Rižinice in die Mitte des 9. Jahrhunderts zu datieren.
Grabinschrift für Königin Helena/Jelena
Bedeutsam ist auch die Grabinschrift für die Königin Helena/Jelena aus Solin, aus der Kirche Sveti Stjepan na Otoku/St. Stefan auf der Insel. Sie enthält im Text selbst das Datum 976. Als die Grabplatte [<<121] entdeckt wurde, war sie in zahllose Teile zerbrochen, doch konnte der Text in Grundzügen rekonstruiert werden. Der Grabinschrift zufolge war Helena die UXOR MIHAELI REGI MATERQ(UE) STEFANI R[EGIS], d. h. die Frau von König Mihajlo Krešimir II. und Mutter von König Stjepan Držislav. Dies sind wichtige Angaben zur Bestätigung der Herrschergenealogie der Dynastie der Trpimiriden. Die Inschrift bietet auch ein topisches Beispiel der Darstellung von Herrschertugenden, wenn Helena als „Mutter des Königreichs und Beschützerin der Waisen und Witwen“ gefeiert wird (ISTAQ[ue v]IVENS FU[it] REGN[i]MATER FIT PUPILLOR(UM) TUTO[rque] VIDUAR(UM)).
Kroatische Fürsten und Könige
Aus Uzdolje na Kosovu bei Knin stammen Bruchstücke einer Altarschranke mit einer Inschrift, die den Fürsten Muncimir erwähnt. Die Inschrift verläuft entlang der Unterkante der Altarschranke und nennt das Jahr 895. Sie lautet: [H]IC BENE CO(M)P(O)S(U)IT OPVS PRINCEPS NA(M)Q(UE) MUNCIMYR, was zeigt, dass Fürst Muncimir mit dem Titel princeps die Kirche oder zumindest deren Altar hatte errichten lassen.
In Kapitul bei Knin wurden zwei Steinplatten gefunden, die mit Flechtornamentik verziert sind und wohl Teile einer Altarschranke oder eines Ambo bildeten. Auf ihrer oberen Kante befindet sich eine Inschrift, in der zwei kroatische Herrscher erwähnt sind: […]CLV DVX XROATORUM IN TE(M)PVS DIRZISCLV DVCE(M) MAGNV(M). Der erste Name ist nur unvollständig erhalten, man glaubt aber „Svetoslav“ lesen zu dürfen; Svetoslav trug den Titel dux, d. h. „Fürst (kroat. knez) der Kroaten“. Er ist der Sohn Stjepan Držislavs, der den Titel magnus dux, d. h. „Großfürst“, führte. Die Inschrift ist über die Namen implizit auf die 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts zu datieren.
Weiters erhalten haben sich Inschriften mit dem Namen des kroatischen Fürsten Branimir († 892), von denen die wichtigste aus Gornji Muć und Šopot bei Benkovac stammten. Die Inschrift aus Gornji Muć, ein Teil einer Altarschranke, ist wegen ihrer expliziten Datierung auf das Jahr 888 wertvoll und ragt wegen ihrer epigraphischen Qualität heraus. Die Inschrift aus Šopot bei Benkovac, im Hinterland des byzantinischen Zadar, erwähnt Branimir als „Fürsten der Kroaten“ [<<122] (DVX CRVATORVM) und ist besonders wichtig, weil hier zum ersten Mal der Name der Kroaten inschriftlich belegt ist.
Aus den dalmatinischen Städten kennen wir keine einzige lateinische Inschrift mit dem Namen eines kroatischen Herrschers aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Das im Baptisterium der Spliter Kathedrale befindliche Taufbecken, das im 11. Jahrhundert entstand und sehr wahrscheinlich aus dem kroatischen Solin stammt, zeigt allerdings die Abbildung eines kroatischen Königs mit seinen Höflingen, vor dem eine Gestalt in der Proskynese (fußfällige Verehrung) liegt. Auf der Oberkante gab es wohl eine Inschrift, doch ist diese nicht erhalten.
Der erste König, dessen Name in lateinischen Inschriften der dalmatinischen Städte zu Beginn des Hochmittelalters aufscheint, ist der ungarische König Koloman aus dem Geschlecht der Árpáden, der 1102 in Biograd zugleich zum kroatischen König gekrönt worden war und 1105 die Anerkennung seiner Herrschaft durch die norddalmatinischen Städte erlangt hatte. Die wichtigste Inschrift läuft um drei Seiten des Glockenturmes des damals von der Äbtissin Vekenega geleiteten Marienklosters in Zadar. Sie ist auf das Jahr 1105 datiert und verkündet im zweiten Teil, dass „König Koloman von Ungarn, Dalmatien und Kroatien befohlen hat, auf eigene Kosten diesen Turm der heiligen Maria zu bauen und aufzurichten“ (PROPRIO SVMPTV HANC TVRRIM SANCTAE MARIAE VNGARIAE DALMATIAE CHROATIAE CONSTRVI ET ERIGI IVSSIT REX COLLOMANNVS).
Aus etwa derselben Zeit stammt die berühmte Tafel von Baška, die in glagolitischer Schrift geschrieben ist (→ Kap. 2.3.2). Sie ist nicht datiert, wird aber wohl um 1100 entstanden sein. Die Tafel von Baška war Teil einer Altarschranke der Kirche Sveta Lucija in Jurandvor bei Baška auf der Insel Krk. Im ersten Teil der Inschrift in kroatischer Sprache und glagolitischer Schrift wird erwähnt, dass der „kroatische König Zvonimir“ (ZЪVЪNIMIRЪ KRALЪ HRЪVATЪSKЪЇ) der Kirche Sveta Lucija ein Anwesen schenkte. Die Inschrift ist aus zwei Gründen bedeutsam, erstens weil sie darauf hinweist, dass die Herrschaft König Zvonimirs bis auf die Insel Krk, eigentlich Teil des byzantinischen Dalmatien, reichte; und zweitens, weil hier zum ersten Mal die Intitulatio eines kroatischen Herrschers in kroatischer Sprache und glagolitischer Schrift belegt ist: kralj hrvatski d. h. „kroatischer König“. [<<123]
Regionale Amtsträger
Wie das Inschriftenmaterial belegt, traten auch kroatische regionale Amtsträger (župani) als Stifter auf. So ist auf der Unterseite des Türsturzes der Heiligkreuzkirche (Sveti Križ) in Nin zu lesen: GODEZAI IVPPANO QUI ISTO DOMO CO(STRUXIT), was bedeutet, dass der župan Godečaj die Kirche hatte erbauen lassen. Grabinschriften von Würdenträgern in dalmatinischen Städten können konkrete biographische Angaben wie auch topische Formeln der Frömmigkeit enthalten. So heißt es auf dem Sarkophag des Spliter Priors Petrus vom Ende des 11. Jahrhunderts: EGO PETRUS DO(MINUS) ET PRIOR NATUS NUTRITUS ET ERUDIT(US) IN SPALATO, d. h. „Ich Petrus, Herr und Prior, geboren, aufgezogen und ausgebildet in Split“. Auf dem Sarkophag des Spliter Erzbischofs Johannes steht: HIC REQUIESCIT FRAGELIS ET INUTELIS JOHANNIS PECCATOR HARCHIEPISCOPUS, also „Hier ruht Johannes, der schwache und unnütze Sünder und Erzbischof“.
Die Überlieferung frühmittelalterlicher Inschriften im Raum der Adriaostküste, sowohl in den dalmatinischen Städten als auch auf kroatischem Herrschaftsgebiet, ist zum einen so dicht, da die Baustiftungspraxis blühte, zum anderen weil man in Stein baute, wodurch sich die Erhaltungswahrscheinlichkeit erhöhte. Der Inschriftenbestand übertrifft die Überlieferungsdichte in vielen anderen europäischen Regionen. Er hat wegen der spärlichen Überlieferung an Urkunden und erzählenden Quellen aus der Region zur selben Zeit einen hohen Informationswert auch für die „Ereignisgeschichte“. Die durchgängig lateinische Epigraphik auf kroatischem Territorium entspricht der lateinischen Urkundenpraxis der kroatischen Herrscher und dem Gebrauch der lateinischen Liturgie.
Die frühesten Zeugnisse glagolitischer Epigraphik befinden sich ganz an der Peripherie des kroatischen Herrschaftsgebietes, auf Krk und in Ostistrien, also dort, wo auch die kirchenslawisch-glagolitische Liturgie seit dem 10. Jahrhundert neben der lateinischen zu Hause war. [<<124]
2.4.4 Ein Steppenvolk erobert den östlichen Balkan: Bildkultur und Schriftlichkeit in proto-bulgarischen Inschriften
Daniel Ziemann, Budapest
Bei den als „proto-bulgarische Inschriften“ bezeichneten epigraphischen Zeugnissen handelt es sich um überwiegend in griechischen Buchstaben eingemeißelte oder eingravierte, meist fragmentarisch erhaltene Inschriften unterschiedlichen Inhalts aus der von der Forschung als „heidnische Periode“ des Ersten Bulgarischen Reichs bezeichneten Zeit des 7. bis 9. Jahrhunderts. Neben in Stein gemeisselten werden auch einige in Siegel, Ringe oder Becher eingravierte Inschriften hinzugezählt. Der überwiegende Teil der bisher entdeckten Inschriften ist nicht nur in griechischen Buchstaben, sondern auch in griechischer Sprache verfasst. Jedoch werden bisweilen auch Inschriften in altbulgarischer/altkirchenslawischer Sprache und kyrillischen Buchstaben aus späterer Zeit in die Inschriftensammlungen aufgenommen. Einige wenige Inschriften verwenden zwar griechische Buchstaben, sind aber in „proto-bulgarischer“ Sprache verfasst, also einer nicht mehr vollständig zu rekonstruierenden Sprache, die von der Mehrheit der Forschung den Turksprachen zugeordnet wird. Es handelt sich dabei um die Sprache der wohl aus dem asiatischen Raum eingewanderten Gruppen, die ab Ende des 7. Jahrhunderts die politisch-militärische Führungsschicht des Ersten Bulgarischen Reichs bildeten und im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung des Ersten Bulgarischen Reichs weder der slawischen noch einer romanisierten oder gräzisierten Sprachgemeinschaft zuzuordnen sind.
Die meisten Inschriften stammen aus der Zeit zwischen dem Ende des 8. und der Mitte des 9. Jahrhunderts, jedoch sind auch Inschriften aus späterer Zeit bekannt. Die zahlreichen altbulgarischen/altkirchenslawischen Inschriften aus dem 10./11. Jahrhundert in kyrillischen oder glagolitischen Buchstaben stehen, auch wenn sie in einen christlichen Kontext eingebettet sind, in der Tradition der proto-bulgarischen Inschriften; die von der Forschung jeweils gezogenen Grenzen sind daher fließend.
Im Hinblick auf Vorbilder und Traditionsstränge wird von Teilen der Forschung im Zusammenhang mit Überlegungen zur Herkunft der „Proto-Bulgaren“ auf die alttürkischen Inschriften Zentralasiens [<<125] verwiesen, jedoch sind für Bulgarien als ehemals zum Römischen Reich gehörendes Gebiet auch die zahlreich vorhandenen antiken lateinischen und griechischen Inschriften in Betracht zu ziehen (→ Kap. 2.2.2).
Die meisten bisher gefundenen Inschriften stammen aus dem heutigen Nordostbulgarien, also dem Herrschaftszentrum des Ersten Bulgarischen Reichs, hier vor allem aus der als Herrscherresidenz des Ersten Bulgarischen Reichs bezeichneten Stadt Pliska (s. dazu unten) und ihrer Umgebung in der Nähe der heutigen Stadt Šumen. Das Verbreitungsspektrum ist jedoch weit größer; so wurden Inschriften auch in Südbulgarien, im griechischen Philippi bei Kavala oder in der Umgebung von Thessaloniki gefunden. Teile der Forschung tendieren dazu, weitere Inschriften aus anderen Gegenden oder auch die häufig zu findenden Runenzeichen in die Überlegungen einzubeziehen.
Forschungsgeschichte
Obwohl die erste proto-bulgarische Inschrift aus den Ruinen der großen Basilika von Philippi schon Anfang des 18. Jahrhunderts abgeschrieben wurde, sind die bedeutendsten Entdeckungen und die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema erst in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu datieren. Nach vereinzelten Veröffentlichungen von Inschriften aus Šumen und Veliko Tărnovo 1831 und 1859 wurden Stück für Stück weitere Exemplare der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, so beispielsweise durch den österreichisch-ungarischen Gelehrten Felix Kanitz (1829–1904), der zudem die berühmten Inschriften am Reiter von Madara (Abb 3) entdeckte.
Es waren jedoch vor allem die Gelehrten des späten 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts, wie Konstantin Jireček (1854–1918), Karel (1859–1944) und Hermengild Škorpil (1858–1923), Fjodor Uspenskij (1845–1928) sowie Vasil Zlatarski (1866–1935), die neu entdeckte Inschriften in die wissenschaftliche Diskussion anhand von kritischen Editionen einführten und für Fragen der bulgarischen Geschichte nutzbar machten. Ab den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts stand die vertiefende Erforschung der bereits bekannten Inschriften im Vordergrund, aus der sich bisweilen eine rege Diskussion entwickelte.
Die eingehendste wissenschaftliche Bearbeitung und Edition der proto-bulgarischen Inschriften besorgte Veselin Beševliev (1900–1992) in deutscher Sprache im Jahr 1963. Die Gesamtedition wurde unter Ergänzung neu entdeckter Inschriften im Rahmen der 1992 erschienenen [<<126] zweiten Auflage der bulgarischen Ausgabe von 1979 aktualisiert und stellt damit den Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema dar.
Inschriften als Quellen für die bulgarische Geschichte
Die proto-bulgarischen Inschriften besitzen einen außerordentlichen Wert für die Geschichte des Ersten Bulgarischen Reichs, das sich ab 680/681 am Unterlauf der Donau etablierte. Durch sie verfügt die Forschung über einzigartige Zeugnisse, die den Ereignisverlauf aus Sicht der Bulgaren, also meist der ihrer Herrscher, bieten. Ansonsten stellen die von außen über das frühmittelalterliche Bulgarien berichtenden byzantinischen oder in geringerem Maße dem lateinischen Westen oder der islamischen Welt entstammenden Quellen die einzige Überlieferungsgrundlage dar. Die Inschriften gehören nicht nur zu den wichtigsten Quellen für die bulgarische Geschichte, sie stellen aufgrund des linguistischen Materials in Form von Namen und Titeln eine entscheidende Grundlage für Beobachtungen zur Sprache der „Proto-Bulgaren“ dar. Zugleich erlauben sie einen Blick auf deren Sozialstrukturen, Machtverhältnisse, Kult und Religion. So werden in verschiedenen Inschriften Titel wie Boilas, Bagainos, Kana, Tarkanos sowie unterschiedliche Zusammensetzungen von Titeln genannt, die sich Ämtern bzw. Positionen zuordnen lassen. In einer Inschrift werden beispielsweise Boilen, Bagainen und Bulgaren unterschieden, worin vermutlich soziale Schichten innerhalb des bulgarischen Reichs zu erkennen sind.
Veselin Beševliev teilte die Inschriften in seiner Edition in die Themenbereiche „Res gestae“ (d. h. „Ereignisse“), „Siegessäulen“, „Friedensverträge“, „Militärinschriften“, „Bauinschriften“, „Grabinschriften“ sowie „Unbestimmte Fragmente“ und schließlich „Varia und Dubia“ ein. Damit sind die zentralen inhaltlichen Aspekte erfasst. In den meisten komplett lesbaren Inschriften verkündet ein bulgarischer Herrscher ein Ereignis oder eine Maßnahme, sei es einen militärischen Sieg, den Bau eines Palastes oder den Abschluss eines Vertrages. Allerdings sind zahlreiche Inschriften nur als Fragmente erhalten und bieten oft nicht mehr als bloße Namen oder Wortfetzen.
Die meisten Diskussionen wurden um mehrere, teilweise schwer zu entziffernde Inschriften am Reiterrelief von Madara in der Nähe von Šumen geführt, an deren Zustandekommen vielleicht mehrere bulgarische Chane beteiligt waren. Folgt man der Lesung Veselin [<<127] Beševlievs, so würden wir dort mit einer Chan Tervel († ca. 717/721) zugeschriebenen Inschrift auch die früheste der heute bekannten proto-bulgarischen Inschriften erkennen können, doch bleiben bei der vorgeschlagenen Lesung gewisse Zweifel.
Ein interessantes Beispiel stellt eine Bauinschrift Chan Omurtags († ca.830) dar, die im Jahre 1905 auf einer nahe der Ortschaft „Khan Krum“ gefundenen Marmorsäule entdeckt wurde und von der Errichtung eines Palastes am Fluß Tiča in Nordostbulgarien berichtet. Den Palast glaubt man durch archäologische Grabungen in der Nähe des Fundortes identifiziert zu haben. In dieser Inschrift wird auch zum ersten Mal der Name Pliska erwähnt, und zwar zusammen mit dem griechischen Wort „kampos“, das meist im Sinne von „Feld“ gebraucht wird. Jenes Pliska wird dort als momentaner Aufenthaltsort des Chans bezeichnet. Dieser Fund begründete die Identifikation Pliskas als Hauptstadt des Ersten Bulgarischen Reichs. Eine weitere Bauinschrift des gleichen Chans erwähnt den Bau eines Hauses an der Donau, welches aufgrund jüngerer Forschungen vielleicht in Silistra gefunden wurde. Aus anderen Inschriften lassen sich hingegen beispielsweise in den übrigen Quellen nicht erwähnte Kriegszüge oder Details von Friedensverträgen erschließen.
Die proto-bulgarischen Inschriften stellen somit ein äußerst wichtiges Zeugnis für die Geschichte des Ersten Bulgarischen Reichs dar, die das Bild jener Zeit entscheidend bereichern können. Viele Fragen bleiben jedoch Gegenstand der Diskussion und Interpretation. Vor allem von den fortdauernden archäologischen Forschungen in Pliska und an anderen Orten lassen sich in Zukunft weitere Inschriftenfunde erhoffen.
2.4.5 Die Siegel des mittelalterlichen Bulgarien 864–971
Ivan Jordanov, Šumen
Bedeutung der Siegel für die mittelalterliche bulgarische Geschichte
Ähnlich wie die im vorigen Kapitel vorgestellten proto-bulgarischen Inschriften sind Siegel ein besonders wichtiger Teil der Überlieferung zum mittelalterlichen Bulgarien, für welches Schriftquellen nur sehr begrenzt vorhanden sind. Die wichtigsten schriftlichen Informationen stammen aus byzantinischen Texten, welche demgemäß byzantinische Sichtweisen zum Ausdruck bringen. Die Siegel und die Wissenschaft, [<<128] die sich mit ihnen beschäftigt, die Sphragistik (griech. sphragís, Siegel), dienen hier als Korrektiv. Darüber hinaus sind Siegel bisweilen die einzige Informationsquelle überhaupt. Ihre Untersuchung stellt eine der wenigen Möglichkeiten dar, direkte Hinweise auf die mittelalterliche bulgarische Herrschaft und ihre Repräsentation zu erlangen. Dafür können zwei Typen von Siegeln als Quellen herangezogen werden. Erstens Siegel von Vertretern des bulgarischen Reichs und zweitens byzantinische Siegel, von denen auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien mehr als 3500 Stück dokumentiert sind, die verschiedene Funktionen aufweisen. Für die Zeit des Ersten und Zweiten Bulgarischen Reichs, also von 681 bis 971 und von 1185 bis 1393, erhellen sie die Beziehungen zwischen Bulgarien und Byzanz. In den Jahren, als Bulgarien Teil des Byzantinischen Reichs war (971–1185), beleuchten sie die Kontakte zwischen der Reichshauptstadt Konstantinopel und der bulgarischen Peripherie des Reichs sowie zwischen dem Verwaltungszentrum und der Provinz.
Forschungsgeschichte
Schon in der Zeit der „Nationalen Wiedergeburt“, wie auch in Bulgarien die Nationalbewegung genannt wurde (→ Kap. 1.2), als noch kein moderner bulgarischer Staat bestand (spätes 18. Jahrhundert bis 1878), erwachte das Interesse an den Siegeln, deren Erforschung als Beitrag zur Begründung und Legitimation einer frühen „nationalen“ bulgarischen Geschichte verstanden wurde. Die früheste Erwähnung eines mittelalterlichen bulgarischen Siegels findet sich in der „Slavenobulgarischen Geschichte“ des Mönchs Paisij Hilendarski (1722–1773) aus dem Jahre 1762. Sie bezieht sich auf ein silbernes Siegel des Zaren Ivan Aleksandăr († 1371), das heute im Kloster Chilandar (auf dem Mönchsberg Athos in Nordgriechenland) gemeinsam mit der sog. Urkunde von Mraca aus dem Jahre 1347 aufbewahrt wird.
Die erste Veröffentlichung eines bulgarischen Siegels – des letzten bulgarischen Zaren Ivan Šišman († 1395) – stammt aus dem Jahr 1845, als der bulgarische Nationalaktivist und Mäzen Vasil Aprilov (1789–1845) diese Urkunde mit angehängtem Siegel aus dem Rila-Kloster (heutiges Südwestbulgarien) publizierte. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft in Bulgarien (1877/78) wurden grundlegende staatliche Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen und eine Universität geschaffen, wo unter anderem auch das Interesse an der Erforschung der bulgarischen Siegel gepflegt wurde. Die Entwicklung [<<129] moderner Wissenschaften und ihrer Methoden ging auch hier Hand in Hand mit politisch-nationalen Bestrebungen. Die erste Veröffentlichung eines einzelnen Siegels erfolgte 1901 in der angesehenen Revue numismatique und hatte den Direktor des Archäologischen Museums in Sofia, Václav Dobruský, zum Autor, der dabei zwei Zarensiegel vorstellte. Allmählich wuchs die Siegelsammlung des Nationalmuseums für Archäologie, deren Aufbau und Publikation mit der Gelehrtenpersönlichkeit von Nikola Mušmov (1869–1942) verbunden ist. 1925 veröffentlichte er seine für die Zeit grundlegende Arbeit „Münzen und Siegel der bulgarischen Zaren“, in der er alle damals bekannten Siegel der bulgarischen Herrscher – insgesamt acht – zugänglich machte. Die folgende Periode der Forschungsgeschichte wurde von Todor Gerasimov (1903–1974) geprägt. Er veröffentlichte Dutzende unbekannter bulgarischer Siegel aus Pliska, Preslav und anderen Fundorten, darunter auch das Siegel des ansonsten nirgends belegten bulgarischen Patriarchen Visarion († 1246). (Cover-Abb und Abb 1)
1990 erschien eine Neufassung von Mušmovs Werk durch Jordanka Jurukova und Vladimir Penčev „Siegel und Münzen des mittelalterlichen Bulgarien“ mit mehr als 20 Beispielen; 2001 das „Corpus der Siegel des mittelalterlichen Bulgarien“ von Ivan Jordanov. Dieses Corpus umfasst 197 sigillographische Denkmäler, darunter 4 Goldbullen (Chrysobullen), 3 Silberbullen (Argyrobullen), 170 Bleibullen (Molybdobullen), sieben Matrizen und 13 Ringsiegel. Dieser sprunghafte Anstieg der dokumentierten Überlieferung hat auch mit heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen wie der Schatzgräberei, d. h. der Suche nach vor allem thrakischen Grabmälern, zu tun, die nach dem Ende des Kommunismus wegen nicht ausreichender staatlicher Kontrolle und starker Nachfrage auf dem internationalen Kunstmarkt überhandgenommen hat. Doch erschöpft sich damit die Zahl der bulgarischen Siegel nicht. 2003 wurde ein erster Ergänzungsband mit 20 neuen bulgarischen Siegeln gedruckt. Damals betrug ihre Zahl rund 350 Stück. Es ist sehr zu begrüßen, dass die neuen Funde der letzten Jahre unmittelbar im Rahmen archäologischer Grabungen erfolgt sind. Eine Neuausgabe des „Corpus“ ist in Vorbereitung.
Methoden der Auswertung
Die ersten aus dem mittelalterlichen Bulgarien überlieferten Siegel stammen im Zusammenhang mit der Christianisierung seit 864 vom ersten christlichen Herrscher Boris-Michail sowie vom ersten [<<130] bulgarischen Bischof Isaja. Die Überlieferung legt nahe, dass Siegel sehr wahrscheinlich als spezifisch christliche Form der Herrschaftsrepräsentation interpretiert werden können, da sie zeigten, dass die irdische Herrschaft vom christlichen Gott her stammte. Daher werden auf der Vorderseite (Avers) der Herrschersiegel Jesus Christus und auf der Rückseite (Revers) dessen irdischer Stellvertreter dargestellt.
Bischof Isaja bekleidete den Bischofsstuhl von 864 bis 866 und war von Konstantinopel ausgewählt worden, um die Bulgaren zu christianisieren. Die Siegel von Boris, der nach der Annahme des Christentums den Namen seines Taufpaten, des byzantinischen Kaisers Michael III. († 867) wählte, unterteilen sich in zwei Gruppen. In der ersten Gruppe ist er „Herrscher (gr. árchon) von Bulgarien“ (Abb 6.1), ein Titel, der ihm nach der Taufe zuerkannt worden war; in der zweiten Gruppe erscheint er als Mönch und von Gott eingesetzter Herrscher Bulgariens (Abb 6.2). Nach seiner Abdankung im Jahre 889 ging Boris-Michail in ein Kloster, doch erfahren wir aus dem Siegel, [<<131] dass er seine Funktion als Herrscher behielt: Als sein Sohn Vladimir-Rasate versuchte, wieder eine nicht-christliche Herrschaft zu errichten (→ Kap. 2.3.2), verließ er folgerichtig das Kloster und vertrieb seinen Sohn 893 aus der Hauptstadt.


Abb 6.1 und 6.2 Bulgarische Siegel, Boris-Michail. [Bildnachweis]
Der Höhepunkt des bulgarischen Mittelalters
Boris-Michails Nachfolger Simeon I. († 927) ist aus mehr als 80 Siegeln bekannt. Diese können in fünf Gruppen unterteilt werden und veranschaulichen seine Politik, die Souveränität des bulgarischen Reichs zu befestigen. Nach der byzantinischen Vorstellung kam dem byzantinischen Kaiser eine führende Stellung unter den Herrschern der bekannten Welt (Oikuméne) zu. Alle anderen Herrscher verwalteten nach dieser Vorstellung in seinem Namen ihre Reiche. Ihre Stellung hing von dem Titel ab, den ihnen der byzantinische Kaiser verlieh. Feinheiten der byzantinischen Kaisertitulatur sowie Abstufungen bei kaiserähnlichen Titeln, die Byzanz Bulgarien zugestand, drücken die byzantinisch-bulgarische Rivalität auf dem Balkan und dann auch um die Nachfolge Roms symbolisch aus: Zu Beginn seiner Herrschaft trug Simeon als Erbe seines Vaters den Titel Herrscher (árchon) von Bulgarien, wie die Siegel dieser Periode belegen (Abb 6.3). Er hatte demnach die Politik seines Vaters übernommen. Auf der Reichsversammlung in Preslav (893), zu der das „Chronicon“ des Regino von Prüm († 915) die Hauptquelle darstellt, eröffnete ihm sein Vater, dass er das Schicksal seines Bruders erleiden werde, wenn er vom vorgegebenen Wege abwiche: und Vladimir-Rasate war nicht nur entthront, sondern auch geblendet worden. [<<132]

Abb 6.3 Bulgarische Siegel, Simeon I., Frühphase. [Bildnachweis]
Simeon trug den árchon-Titel bis zum Jahre 913. Dann aber wurde dieser Titel weder seinen Ambitionen noch den politischen Gegebenheiten mehr gerecht: Das bulgarische Reich war gefestigt und befand sich kulturell und wirtschaftlich im Aufschwung, während Byzanz unter einer langwährenden Krise litt. Auf dem Thron saß der minderjährige Konstantin VII. Porphyrogénnetos († 959), und an seiner Stelle führte eine Regentschaft die Staatsgeschäfte. Ein Anlass zum Krieg wurde gefunden, und bald erschien das bulgarische Heer vor Konstantinopel. Verhandlungen führten zu einem Abkommen, das die Heirat von Simeons Tochter mit dem minderjährigen Kaiser vorsah und Simeon den Titel „Kaiservater“ (basileopátor) verlieh, was mit der Herrschaft über das Byzantinische Reich verbunden war. Von Simeons Siegeln erfahren wir die ansonsten unbekannte Tatsache, dass er 913 den Titel basileús (Kaiser) trug. Auf diesen Siegeln steht zu lesen „Simeon, dem friedenschaffenden Kaiser, viele Jahre“ (Abb 6.4). Der Titel des byzantinischen Kaisers hingegen lautete „Kaiser und Selbstherrscher der Römer“. Simeons Titel, der also nur einen Teil des byzantinischen Kaisertitels umfasste, stellte aus byzantinischer Sicht den äußersten Kompromiss dar; denn so war das Reich ein Jahrhundert zuvor auch in der Frage der Anerkennung des Kaisertitels Karls des Großen († 814) verfahren.

Abb 6.4 Bulgarische Siegel, Simeon I. als basileús. [Bildnachweis]
Nach Simeons Abzug wurde in Konstantinopel die Regentschaft gestürzt. Die neue Regierung kündigte den Friedensvertrag mit Bulgarien auf, was einen neuen Krieg auslöste. In der Schlacht bei [<<133] Anchíalos (heute: Pomorie, Schwarzmeerküste) schlug Simeon das byzantinische Heer und marschierte kurz darauf wieder vor Konstantinopel auf. Aus der nächsten Siegelgruppe erfahren wir, dass er sich selbst zum „Basileús der Römer“, also zum Oberhaupt der Familie der christlichen Könige, ausrief. Auf dem Avers dieser Gruppe wird Christus Pantokrátor (der Allbeherrscher) und die Akklamation „Dem siegreichen Basileús viele Jahre“ dargestellt. Auf dem Revers erscheint der siegbringende Herrscher mit der Aufschrift „Simeon in Christo Basileús der Römer“ (Abb 6.5). Dieser Anspruch auf die Herrschaft über Byzanz wäre freilich nur Wirklichkeit geworden, wenn Simeon als Sieger in Konstantinopel eingezogen und in der Hagia Sophia gekrönt worden wäre.

Abb 6.5 Bulgarische Siegel, Simeon I. als „Basileús der Römer“. [Bildnachweis]
Von Simeons Nachfolger Petăr I. († 969) liegen 20 Siegel vor. Sie veranschaulichen die schwierige Herrschaftszeit dieses Zaren. Hervorzuheben ist, dass die bislang griechischen Aufschriften und die bislang byzantinischen Titel durch die kyrillische Schrift und die slawische Sprache ersetzt werden: „Zar der Bulgaren“ (Abb 6.6). Die Zahl der Siegel – über 250 Stück – aus dem Zeitraum 893–969 ist beeindruckend. Sie übertrifft um ein Vielfaches die bekannten byzantinischen Herrschersiegel aus derselben Zeit (886–969). Einzig aus Siegeln wissen wir, welchen Titel der Thronfolger trug; er führte einen turksprachigen Titel – bagatur und kana irči tjuni („Prinz des morgigen Tages“). Nur durch Siegel belegt ist eine Reihe von ansonsten unbekannten Würdenträgern des Ersten Bulgarischen Reichs, wie der [<<134] Magister des bulgarischen Herrschers oder der Groß-Kurator des Herrschers (árchon) von Bulgarien (Abb 6.7). Einzig auf Siegeln bezeugt ist auch der sýnkellos der bulgarischen Patriarchen (mit kyrillischer Aufschrift; Abb 6.8) – ein weiterer Beleg für den herausragenden Quellenwert von Siegeln für die frühe bulgarische Geschichte.



Abb 6.6, Abb 6.7 und Abb 6.8 Bulgarische Siegel in slawischer Sprache und kyrillischer Schrift. [Bildnachweis] [<<135]
2.5 Ordnung ins Chaos? Das Handbuch De Administrando Imperio (948–952) des Konstantin Porphyrogénnetos
Über die Entwicklungen im inneren Balkan und an der Nordküste des Schwarzen Meeres ist selbst zu Beginn des Hochmittelalters aus Schriftquellen nur wenig bekannt. Wie die frühe Geschichte von Kroaten und Bulgaren aus Inschriften und Siegeln, die Geschichte der Albaner aus der albanischen Sprache rekonstruiert werden kann, wurde in den voran gegangenen Kapiteln beschrieben. Wenn nun eine Schrift vorliegt, die von Konstantinopel, der byzantinischen Reichshauptstadt, aus einen Überblick über jene ethnischen Gruppen und neuen Herrschaften versucht, die von der Adria bis in die heutige ukrainische Steppe zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert entstanden sind, dann ist ihr die Aufmerksamkeit der Forschung gewiss. De Administrando Imperio (DAI) ist, wie so häufig in der Geschichte mittelalterlicher Überlieferung, ein Kunstname, den ein Gelehrter – in diesem Fall Johannes van Meurs (1579–1639) – einer Abhandlung gab, die im griechischen Original als Schrift des Kaisers Konstantínos VII. an seinen Sohn Romanós (II.) bezeichnet wird. Meurs (Meursius) veröffentlichte 1611 die erste Ausgabe, die auf einer damals in Heidelberg liegenden (nun im Vatikan aufbewahrten) Handschrift beruhte. Weitere, kaum veränderte Editionen (bzw. Nachdrucke) folgten 1617, 1711, 1729 (venezianische Ausgabe byzantinischer Historiker) und 1864.
Entstanden ist das DAI um die Mitte des 10. Jahrhunderts (ca.948‒ca.952). Unter Konstantínos VII. erreichte das Byzantinische Reich einen Höhepunkt kultureller Blüte. Der tiefen Krise, welche die Angriffe der Araber im Osten (seit dem zweiten Drittel des 7. Jahrhunderts) sowie im Mittelmeer (678 und 717 belagerten die Araber Konstantinopel) und der weitgehende Verlust der Balkanprovinzen im Westen ausgelöst hatten, wurde durch militärische Offensiven in Ostanatolien und zunehmend auch in Syrien sowie auf dem Balkan begegnet.
Wissen ordnen
Konstantínos VII. erlebte zwar die militärischen Triumphe des späten 10. Jahrhunderts selbst nicht mehr, doch trug er wesentlich zu einem Aufschwung des kulturellen Lebens in der Hauptstadt bei. Mit seinem Namen verbunden sind Abhandlungen, die Wissen zu verschiedenen Sachbereichen ordnen sollten, so etwa: De ceremoniis, ein [<<136] Zeremonienhandbuch des byzantinischen Hofes, und De thematibus („Von den Provinzen“), ein weitgehend auf antike Geographen gestützter Überblick über das Byzantinische Reich. In diesen Zusammenhang gehört auch das DAI. Es handelt sich um eine „geheime“, d. h. nicht für ein größeres Publikum, sondern im Sinn eines Fürstenspiegels (→ Kap. 3.3.1) für den Unterricht des Kronprinzen gedachte Schrift, worauf die geringe Zahl der Handschriften (vier) hindeutet. Die bedeutendste Handschrift ist der Codex Parisinus graecus N. 2009, der zwischen 1057 und 1081 abgeschrieben wurde. Das Werk behandelt
• die Beziehung der sogenannten éthne („Völkerschaften“, d. h. ethnische Gruppen wie Petschenegen, Chazaren, Kiewer Rus’, Bulgaren, Magyaren) zu Byzanz und die Möglichkeiten, wie die byzantinische Außenpolitik diese Gruppen gegeneinander ausspielen könnte;
• die Wünsche der éthne nach Geschenken, die von Byzanz als außenpolitisches Mittel eingesetzt wurden;
• eine Schilderung der geographischen Lage, der politischen Entwicklung und „Sitten“ der Nachbarn von Byzanz.
Die Forschung hat sich intensiv mit dem Aufbau des Werks beschäftigt und mit der Frage, ob es sich um ein einheitliches Werk oder um eine Zusammenfügung verschiedener Schriften handele. Sie hat drei Teile herausgearbeitet: als Kern der Schrift werden die Kapitel 14–42 angesehen, die als Abhandlung über die éthne zu bezeichnen sind; Kapitel 1–13 geben didaktische Anweisungen zur Außenpolitik, Kapitel 43–46 zu der zum Zeitpunkt der Abfassung aktuellen außenpolitischen Lage.
Eine Frühgeschichte der Serben
Das DAI ist von den Nationalhistoriographien der südosteuropäischen Länder und Russlands äußerst intensiv erforscht worden. Am Beispiel des Kapitels zur Frühgeschichte der Serben sollen methodische Aspekte der Deutung einer solchen Schrift veranschaulicht werden. Die Forschung geht davon aus, dass sich die slawische Gruppe der Serben im frühen 7. Jahrhundert auf dem Balkan ansiedelte, wobei dieser Vorgang in Schriftquellen mit Ausnahme des DAI kaum dokumentiert ist, was dessen Interpretation so wichtig und gleichzeitig auch so schwierig macht. Um 900 lag das Serbien (griech. Serblía) genannte Gebiet zwischen Kroatien und Bulgarien, wobei die Grenzpunkte Livno (heute in der Herzegowina, nahe der [<<137] bosnisch-kroatischen Grenze) und Raška (heute: Region Novi Pazar, Südwestserbien) waren. Serbien befand sich im Spannungsfeld dieser beiden südosteuropäischen Nachbarn, die zu Beginn des 10. Jahrhunderts auch militärisch aufeinanderprallten (924 Sieg des kroatischen Herrschers Tomislav über ein Heer des bulgarischen Zaren Simeon), sowie von Byzanz und dessen Militärprovinzen (Thémata) Dalmatien (um Iadera/Zadar) und Dyrrháchion (heute: Durrës, Albanien). Die Christianisierung wird in die Zeit um 870 gesetzt (→ Kap. 2.3), verlief aber als langsamer Prozess.
Kapitel 32 des DAI erzählt zunächst von der Ansiedlung der Serben auf dem Balkan unter Kaiser Herákleios († 641): Geführt worden seien sie von zwei Brüdern, von denen dem einen bei Thessalonike, dem anderen im nordgriechischen Ort Sérvia Wohnorte zugewiesen worden seien. Der Kaiser erklärt die Herkunft des Namens „Serbe“ aus dem Wort für Diener und Begriffen für einfaches Schuhwerk (griech. sérbyla, tzerbulianoí als Träger von einfachen Schuhen). Nachdem die romanische Bevölkerung (unter dem Druck von Awaren und Slawen) von der mittleren Donau an die Adria geflohen war, ließen sich die Serben mit Erlaubnis des Kaisers weiter im Norden nieder, wurden von Rom aus getauft und blieben Untertanen des Kaisers. An diese Frühgeschichte schließt sich eine Genealogie der serbischen Herrscher, die bis in das frühe 10. Jahrhundert immer ausführlicher wird. Großen Wert legt die Schrift auf die Stellung der serbischen Herrschaft zwischen Kroaten und Bulgaren, wobei letztere als Rivalen von Byzanz auf dem Balkan besonders interessieren. Wiederholt flohen serbische Fürsten nach Byzanz oder Kroatien, um Hilfe gegen das übermächtige Bulgarien (vor allem zur Zeit von Zar Simeon, † 927) zu suchen. Das Kapitel endet mit der Bemerkung, die Serben seien immer Untertanen von Byzanz gewesen.
Die Forschung hat das Kapitel des DAI zur serbischen mit jenen zur kroatischen Frühgeschichte verglichen und dabei festgestellt, dass in beiden Fällen die Ansiedlung durch Kaiser Herákleios als Motiv betont wird. Angenommen wird, dass beide Teile aus einer Quelle stammen, die die byzantinische Souveränität über den gesamten Balkan unterstreichen möchte. Der Einleitungsteil zur Einwanderung wurde in der Analyse getrennt von dem Kern des Kapitels 32, den die Forschung als „Chronik der serbischen Herrscher“ bezeichnet. [<<138] Hier wird angenommen, dass der Verfasser des DAI eine eigene, den politischen Verhältnissen Serbiens gewidmete Schrift heranzog und in das Werk integrierte.
Die Chronik der serbischen Herrscher
Nach einiger Zeit wurde von diesen (abstammend) Višeslav (griech. Voisesthlabos) geboren, und von diesem (abstammend) Rodoslav (griech. Rodosthalbos), und von diesem Prosigoj (Prosegoes), und von diesem Vlastimir (Vlastmires); und bis zu Vlastimir lebten die Bulgaren in Frieden mit den Serben; als Nachbarn und Grenzgenossen brachten sie sich gegenseitig Zuneigung entgegen, wobei sie den Kaisern der Römern als Diener untertan waren und von ihnen Wohltaten erhielten. Unter der Herrschaft Vlastimirs überzog Presiam, der Herrscher Bulgariens, die Serben, die er unterwerfen wollte, mit Krieg; nach dreijährigem Krieg hatte er nicht nur nichts vollbracht, sondern auch viel Volk verloren. Nach dem Tod des Herrschers Vlastimir übernahmen die Herrschaft über Serbien seine drei Söhne, Mutimir (griech. Muntimeros), Strojimir (griech. Stroimeros) und Gojnik (griech. Goinikos), die das Land aufteilten. Gegen diese zog der Herrscher Bulgariens, Michael/Boris, der die Niederlage seines Vaters Presiam rächen wollte; gegen diesen eilten die Serben und nahmen schliesslich dessen Sohn Vladimir (griech. Vladimeros) zusammen mit zwölf großen Bojaren gefangen. Da schloss Boris in Trauer um seinen Sohn und unwillig Frieden mit den Serben. Er wollte nach Bulgarien zurückkehren, fürchtete aber einen Hinterhalt der Serben auf dem Weg, weswegen er als Sicherheit die Söhne Mutimirs verlangte, Bran (griech. Borenas) und Stefan, die ihn sicher bis zur Grenze bei Rase (Raška) brachten. Und für diesen Gunsterweis machte ihnen Michael/Boris große Geschenke, und sie schenkten ihm als Gegengabe zwei Sklaven, zwei Falken, zwei Hunde und achtzig Pelze, was die Bulgaren als Abkommen (griech. Pakton, von lat. Pactum) ansahen.
Constantine Porphyrogenitus, De administrando imperio, ed. Gyula Moravcsik/Romilly Jenkins (Washington D. C. 1967), S. 154, dt. Übersetzung Oliver Schmitt.
Der Text gibt den Anfang der Chronik wieder. Dieser zerfällt erkennbar in zwei Teile: eine knappe Herrschergenealogie, die erst in der Zeit von Mutimirs Söhnen mit erzählenden Elementen ergänzt wird. Der Text beschreibt die Serben in ihrem Verhältnis zu ihren [<<139] östlichen Nachbarn, den Bulgaren, und dem Byzantinischen Reich. Hervorgehoben werden die Abhängigkeit von Serben wie Bulgaren sowie der serbisch-bulgarische Gegensatz, der sich durch die erfolglose Expansionspolitik des bulgarischen Herrscher Presiam (in anderen Quellen: Persian) ergab. Schon hier kann gezeigt werden, auf welche Schwierigkeiten die Quellenkritik stößt: Denn Presiam kann selbst mit Hilfe von heute im nordgriechischen Philippi aufbewahrten Inschriften nur mit Mühe identifiziert werden. Einige Forscher setzen ihn mit dem Chan Malamir gleich, andere sehen zwei getrennte Personen, wobei Persian zwischen 836/37 bis 852 geherrscht habe. Dessen Sohn Boris-Michail scheiterte bei einem Rachefeldzug gegen Serbien. Doch auch dessen Herrscher lassen sich nur mit Mühe auf der Zeitachse verorten, denn Hauptbezugspunkt sind die bulgarischen Herrscher, von denen nur Boris-Michails Regierungszeit sicher bekannt ist. So verlegt die Forschung Vlastimir in die Mitte, Mutimir und seine Brüder in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts. Unter Mutimir, der seine Brüder verdrängte, nahmen die Serben, so die überwiegende Forschungsmeinung, das Christentum an. 890/91 folgte ihm sein Sohn Pribislav.
Das DAI bietet nicht nur Angaben zu der schwer rekonstruierbaren bulgarischen Herrscherliste des früheren 9. Jahrhunderts, zu bulgarischen Adeligen (Bojaren) sowie einen freilich vagen Hinweis zur Grenzzone zwischen dem Bulgarenreich und dem als Serbien bezeichneten Gebiet, sondern gibt auch Hinweise auf Geschenk- und Jagdkultur der serbischen Anführer. Die genaue Datierung des Feldzugs (860 oder 863/64) ist umstritten. Letztere Datierung steht in Zusammenhang mit der Bekehrung der Bulgaren unter Boris-Michail, die unter dem Eindruck militärischer Misserfolge der Bulgaren gegen Byzanz beschlossen wurde. Die Schwierigkeiten der Deutung dieser Textstelle sind nicht zuletzt durch das weitgehende Fehlen von Parallelquellen für die serbische Frühgeschichte (auch die Archäologie hilft mangels umfangreicher Grabungen kaum weiter) und selbst für die Geschichte des bekannteren bulgarischen Reichs zu erklären.
Eine kurze, nicht dieser Chronik zugehörige Bemerkung rundet das Kapitel ab: Der Herrscher von Serbien ist von Anfang an, das heißt von der Kaiserherrschaft des Kaisers Herakleios, dem Kaiserreich der Römer als Diener untertan und war nie dem Herrscher Bulgariens unterworfen. [<<140] In dem getauften Serbien gibt es sechs bewohnte Burgen: Destinikon, Tzernabuskei, Megyretus, Dresneik, Lesnik, Salines und im Lande Boson Katera und Desnik (ebd. S. 160).
Keine dieser Ortschaften konnte bisher zweifelsfrei lokalisiert werden; am wahrscheinlichsten ist die Gleichsetzung von Salines mit Tuzla (heute in Bosnien-Herzegowina), dessen Name ebenfalls mit Salz zu tun hat (türk. Tuz, Salz; der mittelalterliche Name Tuzlas vor der osmanischen Eroberung war Soli).
Kapitel 32 des DAI unterscheidet sich in seinem Kompilations-, d. h. Zusammenstellungscharakter nicht von anderen Kapiteln. Brüche in ein und demselben Kapitel und die Verwendung unterschiedlicher Quellen sind mehrfach erkennbar. Da es sich um ein didaktisches Werk handelte, das nicht zur Verbreitung durch Abschriften gedacht war, fehlt eine literarische Abrundung, die für byzantinische Geschichtsschreiber, die gezielt für eine breitere höfische Öffentlichkeit schrieben, zur gleichen Zeit in hohem Maße charakteristisch war. Datiert werden kann das Serbenkapitel auf die Zeit vor 944, da die Chronik nicht über die Regierungszeit des byzantinischen Kaisers Romanós I. Lakapenós († 944) hinausgeht.
Der Quellenwert des DAI wurde lange kontrovers diskutiert, zumal es widersprüchliche Angaben und legendenhaft wirkende Erzählungen enthält. Kapitel 32 ist die einzige zeitnah entstandene Textquelle zur serbischen Herrschaft im inneren Balkan (sog. Raška, heute Gebiet von Novi Pazar). Im Gegensatz zur kroatischen Frühgeschichte, zu der zahlreiche epigraphische Quellen vorliegen (→ Kap. 2.4.3), können die Angaben des DAI kaum mit anderen Schriftquellen abgeglichen werden, und archäologische Befunde liegen für die frühe Geschichte der Serben kaum vor.
Die überragende Bedeutung des Textes für die ansonsten dunklen Anfänge der serbischen Geschichte geht auch aus der Tatsache hervor, dass selbst für das Jahrhundert, das nach der in Kapitel 32 beschriebenen Zeit liegt, keine Schriftquellen vorliegen. [<<141]
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3.1 Neue Herrschaftsbildungen 1000–1300: Adels-, Hof- und Klosterkultur
Byzanz, Ungarn und die Kiewer Rus’
Die Welt, die Konstantínos VII. Porphyrogénnetos beschrieb, war eine Welt in Bewegung. Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Kaisers († 959) hatten sich die politischen Verhältnisse in unserem Betrachtungsraum entlang der Donau grundlegend verändert. Wer in gängigen Handbüchern eine Karte des südöstlichen Europas betrachtet, erhält folgendes Bild vermittelt: Das Byzantinische Reich hatte um 1000 weite Teile des Balkans, von der Adria bis zum Schwarzen Meer, von der mittleren Donau bis in die Peloponnes wieder unter seine Herrschaft gebracht. Auf solchen Geschichtskarten nimmt sich die imperiale Machtausdehnung eindrucksvoll aus. Verschwunden ist das Erste Bulgarische Reich: 971 hatte Byzanz den Osten Bulgariens unterworfen, 1018 auch die bulgarische Herrschaft des Zaren Samuil, die von 976 bis 1018 mit dem Zentrum um die makedonische Seenplatte (Ochrid- und Prespa-Seen) bestanden hatte. In den sich herausbildenden serbischen Raum wurden auch die zahlreichen kleineren südslawischen Herrschaften eingegliedert. Byzanz war wieder eine Donaumacht geworden, wie einst das römische Imperium.
Doch auch der Raum nördlich der unteren und mittleren Donau hatte sein politisches Antlitz verändert, ebenfalls im Sinne einer Stabilisierung. Im pannonischen Raum waren die Magyaren – nach der Landnahme im 9. Jahrhundert und zahlreichen Vorstößen in den Westen und Süden Europas im 10. Jahrhundert – in einem langwierigen Prozess um 1000 zum Christentum übergetreten und wurden unter ihrem König Stephan I. (dem Heiligen) aus der Familie der Árpáden Teil der westkirchlichen Christenheit. Wie im Falle Bulgariens hatten Rom und Byzanz bei der Bekehrung der Magyaren in Konkurrenz zueinander gestanden, und die ungarische Krone, die später so benannte Stephanskrone (Abb 7 und 8), trägt deutliche Spuren dieses byzantinischen Einflusses: Ihr unterer Teil mit Emailbildern von Christus, [<<142] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe den Erzengeln Michael und Gabriel sowie den Heiligen Kosmas und Damian wird als „griechische“, ihr oberer Teil als „lateinische Krone“ bezeichnet (corona graeca, corona latina). Für ein halbes Jahrtausend, bis zur ungarischen Niederlage gegen die Osmanen bei Mohács (1526), war das Königreich Ungarn die Vormacht im pannonischen Raum. 1102 wurde der damalige ungarische König Koloman König von Kroatien; 1105 erlangte er die Oberhoheit über Dalmatien womit Ungarn zur Adriamacht wurde.

Abb 7 und 8 Krone des Hl. Stephan, undatiert, vermutlich im 12. Jahrhundert in dieser Form zusammengestellt. [Bildnachweis]
Ebenfalls langfristig stabilisierend wirkte die zweite große Herrschaftsbildung im Norden des byzantinischen Einflussbereichs, die Kiewer Rus’: Aus Skandinavien in den heute russischen Raum eingewanderte Kriegergruppen hatten slawische und finno-ugrische Gemeinschaften politisch organisiert, die langfristig in eine neue sprachlich ostslawisch geprägte Herrschaftswelt mit Zentrum in Kiew verschmolzen. 988/989 trat ihr Anführer Vladimir zum Christentum byzantinischer Prägung über. Das Großfürstentum Kiew der Dynastie der Rurikiden zerfiel zwar ab dem 11. Jahrhundert in zahlreiche Teilfürstentümer, die von Dynastieangehörigen regiert wurden, stabilisierte mittelfristig aber die seit der Spätantike unruhige Steppenzone im Gebiet der heutigen Ukraine. Mit den Rurikiden und den ungarischen [<<143] Árpáden (bis 1301) erhielt der weite Raum zwischen pannonischem Becken und den Weiten des russischen Raumes erstmals seit der Spätantike dauerhafte Strukturen.
Eine solche kartographische Beschreibung stellt allerdings nicht mehr als eine Momentaufnahme aus der „Vogelperspektive“ dar: Weder kann sie die Vielzahl der längerfristig weniger erfolgreichen politischen Projekte erfassen, noch sagt sie etwas über die Kriterien, was „Herrschaft“ jeweils konkret bedeutet hat, inwieweit wir über ihre Durchsetzung Kenntnis haben und welche Grundlagen der Überlieferung einen solchen Befund erlauben. Karten, die große Räume einfarbig als Herrschaftsgebiete ausweisen, geben kaum mittelalterliche Realitäten wieder. Die byzantinische Herrschaft auf dem Balkan etwa war alles andere als flächendeckend. Schon die Ausdehnung der Provinzen, die von der Küste ins gebirgige Hinterland zunahm, deutet auf stärkere Herrschaftsdichte in verkehrsmäßig besser erschlossenen Gebieten hin.
Die Küsten der Ägäis und des ionischen Meeres und die anschließenden Küstenebenen – die an Flussmündungen jedoch oft malariaverseucht waren – bildeten den Kernraum byzantinischer Kontrolle. Aufgrund der räumlichen Entfernung und der instabilen Lage im Hinterland als schon weniger nachhaltig erwies sich die Machtstruktur in der südlichen und mittleren Adria. Im balkanischen Binnenland hatte Byzanz starke Garnisonen nach Ochrid, Skopje und Niš gelegt. Das Reich konzentrierte sich darauf, die wichtigsten Verkehrsachsen durch Burgen zu beherrschen, die West-Ost-Transversale Dyrrháchion (heute: Durrës, Albanien) – Ochrid – Saloniki – Konstantinopel; die Heerstrasse von Konstantinopel über Serdika (heute: Sofia, Bulgarien) – Niš – Sirmium (heute: Sremska Mitrovica) sowie die Straße entlang der Vardar-Morava-Furche (Saloniki – Skopje – Niš – Sirmium).
Die Gebirgszonen des westlichen Balkans (Bergzonen von Bosnien über Serbien, Montenegro nach Albanien) vermochte das Reich weder flächendeckend mit seinem Verwaltungsapparat zu durchdringen noch – selbst auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung – dauerhaft zu befrieden. Es griff zu bewährten Methoden indirekter Herrschaft, wie der Vergabe von Titeln und Jahrgeldern an örtliche Machthaber, während neue Provinzen (Thémata) in strategisch wichtigen und verkehrsgünstigen Regionen wie Süddalmatien (Raúsion/Dubrovnik, nach 1018) und an der mittleren Donau (Sirmium) errichtet wurden. [<<144] Im Hinterland entglitt schon im zweiten Viertel des 11. Jahrhunderts die Zeta (Raum zwischen Kotor und Shkodra) der byzantinischen Herrschaft. Aufstände in der Region des heutigen Kosovo und Makedonien (um 1040) begleiteten diese Loslösungsprozesse. Der verkehrsoffenere Osten der Balkanhalbinsel (heutiges Nordostgriechenland und Südbulgarien) hingegen war kaisernäher, d. h. sowohl geographisch wie politisch-kulturell stärker an Konstantinopel angebunden.
Doch auch in Regionen wie Thessalien entzogen sich Bevölkerungsgruppen wie die Vlachen (Aromunen, eine balkanromanischsprachige Bevölkerung aus überwiegend seminomadischen Hirten) der byzantinischen Herrschaft. Die untere Donau hingegen stellte einen eigentlichen Begegnungsraum zwischen byzantinischer und Steppenkulturen dar: In den byzantinischen Forts mischte sich eine Bevölkerung, die in byzantinischen Quellen als mixobárbaroi („Mischbarbaren“) bezeichnet wurde. Einfälle von Steppenvölkern wie den Petschenegen (1045–1049), Uzen und Kumanen (ab 1064) legten aber die Fragilität der byzantinischen Herrschaft offen. Auch für die europäische Geschichte als einschneidend erwies sich die byzantinische Niederlage im ostanatolischen Mantzikert gegen die vorrückenden turksprachigen Seldschuken (1071): Byzanz verlor seine Machtbasis in Kleinasien fast vollständig.
Kreuzzugsbewegungen
Die ab 1096 beginnenden Kreuzzugsbewegungen wurden nicht zuletzt in diesem Zusammenhang in Gang gesetzt. Sie verschärften die seit dem 8. und 9. Jahrhundert schwelenden Spannungen zwischen West- und Ostkirche, d. h. zwischen Katholiken und Orthodoxen, die erstmals in großer Zahl aufeinander trafen. Die zunehmende Entfremdung, die Bildung von Vorurteilen auf beiden Seiten zeitigen Folgen bis in die Gegenwart. Als 1204 die Teilnehmer des Vierten Kreuzzuges Konstantinopel eroberten, erschütterten sie nicht nur nachhaltig das Byzantinische Reich. Das Jahr 1204 steht bis heute für viele Orthodoxe für katholische Gewalt gegen das Ostchristentum, und noch 2004 entschuldigte sich Papst Johannes Paul II. (1920–2005) für Plünderung und Verwüstung des Mittelpunkts orthodoxer Kultur.
Für den Balkanraum bedeutete das Jahr 1204 den Beginn einer fast drei Jahrhunderte währenden Zeit zunehmender politischer Zersplitterung. Schon 1185 hatte sich in einem großen von Bulgaren, balkanromanischen Vlachen und christianisierten turksprachigen Kumanen [<<145] getragenen Aufstand Bulgarien von Byzanz gelöst (sog. Zweites Bulgarisches Reich, bis 1393). Ebenfalls am Ende des 12. Jahrhunderts hatte die serbische Dynastie der Nemanjiden die byzantinische Kontrolle abgeschüttelt. In Bulgarien wurde die alte Zarenwürde neu belebt. Zar Kalojan wurde 1204 von einem päpstlichen Legaten gekrönt. 1217 erhielt der serbische Herrscher Stefan (der „Erstgekränzte“, prvovenčani) vom Papst die Königswürde verliehen. Nach 1204 umwarb das Papsttum also die orthodoxen Balkanslawen. Diese aber orientierten sich langfristig an dem politisch schwachen, kulturell aber prestigereichen Konstantinopel, nicht aber an Rom, das auch politisch als Bedrohung wirkte. Denn das Papsttum stützte in den Augen der orthodoxen Eliten des Balkans – ob byzantinisch, serbisch oder bulgarisch – das kurzlebige lateinische Kreuzfahrerreich Konstantinopel (1204–1261), das realpolitisch stark von Venedig abhängig war. 1219 wandte sich Serbien kirchlich dem im kleinasiatischen Exil (Níkaia) befindlichen Patriarchat von Konstantinopel zu, das ihm kirchliche Autokephalie (Autonomie) unter einem eigenen Erzbischof verlieh.
Als deutlich langlebiger erwiesen sich die sogenannten Kreuzfahrerstaaten in Griechenland: das Herzogtum des Archipel/Kykladen, bis 1566; das Herzogtum Athen, bis 1456; das Fürstentum Achaia/Peloponnes, bis 1432. Die Republik Venedig, ursprünglich ein fernes Randgebiet von Byzanz, richtete sich als eigentliche Vormacht in der Adria und der Ägäis ein. Sie hatte sich schrittweise zu einem faktisch gleichberechtigten Vertragspartner von Byzanz entwickelt (1082), hatte weite Teile des byzantinischen Handels schon vor 1204 beherrscht und wurde nach 1204 zur direkten (Kreta) und indirekten (Kykladen) Territorialherrscherin in der Ägäis. In der Adria setzte sich Venedig nach jahrhundertelangen wechselvollen Kriegen gegen das Königreich Ungarn erst 1420 als Vormacht durch.
Politische Instabilität
Das 13. Jahrhundert war in Südosteuropa geprägt von starker politischer Instabilität: weder Ungarn noch die Kreuzfahrer, weder Serbien noch Bulgarien oder die byzantinischen Nachfolgestaaten im heutigen Westgriechenland (Epirus) waren in der Lage, das byzantinische Erbe ganz zu übernehmen. Die Mongolen zerstörten schließlich 1240 Kiew, 1241/42 wurde das ungarische Königreich schwer verwüstet; die Schätzungen der Bevölkerungsverluste bewegen sich zwischen 25 % und 40 %. Das mongolische Chanat der Goldenen Horde beherrschte [<<146] den weiten Steppenraum von der unteren Donau bis nach Russland und brachte auch das geschwächte Bulgarien in Tributabhängigkeit. Damit erreichte der Einfluss der Kriegergemeinschaften mit germanischer, zentralasiatischer, ostasiatischer Führungsschicht, die seit der Spätantike die untere Donau bedrängten, einen letzten Höhepunkt. Erst im beginnenden 14. Jahrhundert lockerte sich der Druck der „Steppenvölker“ auf den südosteuropäischen Raum. Am Abhang der Karpaten schoben sich zwei neue orthodoxe Fürstentümer allmählich in das politische Vakuum vor: die Walachei (um 1330) und die Moldau (um 1360) entstanden als Herrschaftsbildungen von rumänischen Adeligen, die sich Schritt für Schritt von der nominellen ungarischen Herrschaft gelöst hatten und sich deren Übergreifen über die Süd- und Ostkarpaten entgegen setzten.
Fränkisches Reich
Im Norden des hier beschriebenen Raumes, d. h. an der Ostgrenze des ostfränkischen Reichs unter karolingischer Herrschaft, hatten sich im 9. Jahrhundert das polyethnische, von duces (Fürsten) geführte Böhmen und besonders das mährische regnum (Reich) als maßgebliche Machtfaktoren etabliert. Die politisch-militärische Expansion des fränkischen Reichs wiederum – dessen Geschichtsschreibung diese Bezeichnungen entstammen – war seit dem 8. Jahrhundert Hand in Hand mit internen Maßnahmen der Herrschaftsstabilisierung gegangen, etwa um Selbständigkeitsbestrebungen der Herzöge von Bayern entgegen zu wirken. So versuchten die ostfränkischen Karolinger, lokale Große entweder politisch zu integrieren oder aber auszuschalten, indem sie wichtige Positionen mit königlichen Mandatsträgern besetzten. Dabei wurden neue Ämter geschaffen, von denen sich einige längerfristig etablierten. Neben den „alten“ Herzogtümern (ducatus) waren dies vor allem Grafschaften (comitatus) in den gesicherten Herrschaftsgebieten und Markgrafschaften (marchae) für die Grenzlandverteidigung. Besonders große Gebiete wie das bayerische Ostland (plaga orientalis) unterstanden zwar zeitweilig einem Präfekten. Maßgeblich waren aber darunter liegende Einheiten wie das „alte“ Fürstentum Karantanien im Südosten oder die zeitgenössisch noch sehr unspezifisch benannte marcha orientalis, die Ende des 10. Jahrhunderts das Kerngebiet der österreichischen Länder werden sollte. Das insgesamt vergleichsweise riesige, dünn und polyethnisch besiedelte Gebiet bot für die königlichen Beauftragten sowohl eine Fülle von [<<147] Herausforderungen, die in der Rodung und Urbarmachung des Landes, in Befestigungen, Auseinandersetzungen wie Verhandlungen mit den Nachbarn bestanden, aber gleichzeitig auch Karrierechancen. Weitab vom karolingischen Herrschaftszentrum mussten die Verantwortlichen vor Ort oft rasch und selbständig handeln und bauten dabei ihre eigene Machtbasis aus. Dies wiederum führte zu permanenten Konflikten, besonders in Zeiten eines schwachen Königtums oder bei Herrschaftsteilungen, wobei zwischen „intern“ und „extern“ oft nur schwer zu unterscheiden ist. Oft lagen Allianzen zwischen karolingischen Amtsträgern oder Vertretern von Nebenlinien der Herrscherfamilie mit mährischen, später auch ungarischen Fürsten bzw. einflussreichen Gruppen näher als unbedingte Loyalität zum König. Diese Auseinandersetzungen stellen eines der Grundelemente der allmählichen Organisation von Raum und Herrschaft in den mittelalterlichen Jahrhunderten dar.
Momentaufnahme: Das Zollweistum von Raffelstetten
Einen guten und in dieser Dichte bis auf Weiteres letzten Einblick in die karolingische Herrschaftsorganisation und Rechtsfindung, Handels- und Verwaltungswirklichkeit im Grenzgebiet zwischen Bayern, Böhmen und Mähren zu Beginn des 10. Jahrhunderts bietet das sogenannte Zollweistum von Raffelstetten im heutigen Oberösterreich. Das Dokument wurde 903/906 verfasst und blieb in einer einzigen Abschrift aus dem 13. Jahrhundert erhalten – im Lonsdorfer Kodex, dem Kopialbuch, d. h. der zeitgenössischen Zusammenstellung der Rechtstitel des Bistums Passau. Formal gehört es zu der unter den Karolingern eingerichteten Anlassgesetzgebung zu unterschiedlichen Aspekten des Zusammenlebens in Form von Kapitularien, benannt nach ihrer Einteilung in capitula: Aufgrund von Beschwerden der bayerischen Bischöfe, Äbte und Grafen über Abgaben und Zölle für den Warenverkehr auf der Donau beauftragte König Ludwig („das Kind“, der letzte ostfränkische Karolinger) den Markgrafen Aribo und seine Richter aus dem Ostland, den alten Rechtszustand durch Befragung zu erheben und wieder herzustellen. Als „Königsboten“ fungierten so prominente Große wie der Salzburger Erzbischof, der Passauer Bischof sowie ein Graf Otakar. Die folgenden 12 Abschnitte bieten eine für die Zeit einzigartige Momentaufnahme einer Reihe von topographischen und handelstechnischen, rechtspraktischen und gesellschaftlichen Details: Handelsrouten sind ebenso beschrieben [<<148] wie die wichtigsten Waren – etwa Salz und Honig, aber auch Tiere und Sklaven – sowie Abgaben und Marktbestimmungen differenziert nach Herkunft, sozialem Stand und Beruf der Betroffenen. So enthält der letzte Absatz den ältesten eindeutigen Nachweis jüdischer Händler in diesem Gebiet (mercatores, id est iudei et ceteri mercatores, undecunque venerint de ista patria vel de aliis patriis […]) und benennt ihre Abgabenpflicht.
Monumenta Germaniae Historica (MGH), Capitularia II, Nr. 253, S. 252, c. 9, sowie Urkunde und Geschichte. Niederösterreichs Landesgeschichte im Spiegel der Urkunden seines Landesarchivs (Niederösterreichisches Urkundenbuch), bearb. von Maximilian Weltin (St. Pölten 2004), Nr. 13, S. 150–158.
Mit dem Vordringen der Ungarn vom Schwarzen Meer nach Pannonien in der zweiten Hälfte des 9. und ihren Streifzügen bis weit ins fränkische Reich, sowie nach Süd- und Westeuropa, während der ersten Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts enden vorerst die Nachrichten über derart geregelte Beziehungen. Die fränkischen Annalen berichten von ungarischen Übergriffen und Plünderungszügen von Pannonien aus: 881 werden Kämpfe bei Wien (ad Weniam) erwähnt; 907 fällt ein Großteil der bayerischen Elite bei Brezalauspurc – dem späteren Pressburg und heutigen Bratislava – gegen ungarische Reiter, darunter der Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Säben und Freising und der Markgraf der marcha orientalis Luitpold. Das bayerische „Ostland“ ging ebenso verloren. Die ungarische Expansion nach Westen bedeutete auch das Ende des mährischen Reichs. Erst nach den schweren Niederlagen der Ungarn bei Riade, das in Thüringen vermutet wird (933), und auf dem Lechfeld bei Augsburg (955) änderte sich die Politik der ungarischen Herrscher, namentlich des Fürsten Géza († 997), mit seiner epochemachenden Wendung zum Christentum: Dass die Annahme von Christentum und lateinischer Schriftlichkeit im Laufe des 10. Jahrhunderts zum erfolgreichen Integrationsmodell überregionaler Herrschaft nicht nur in Bulgarien, Kroatien und Ungarn, sondern besonders auch in Böhmen und – am Rande unseres Betrachtungsraumes – Polen werden sollte, war damals aber noch nicht absehbar.
Neue christliche regna
Der Etablierung der mitteleuropäischen christlichen regna, die um 1000 diesen Ausschnitt der Landkarte charakterisieren, waren [<<149] langwierige und keineswegs linear verlaufende politische Konzentrations- und Integrationsprozesse vorangegangen. Auch ihr „Erfolg“, der sich um 1000 in der Terminologie der Überlieferung abzeichnet (Urkunden und erzählende Quellen, Briefe und Predigten, Inschriften und Siegel), wird erst ex post aus historischer Perspektive deutlich. Dies gilt auch für die zeitgenössische bzw. zeitnahe Überlieferung – auch sie nahm die neuen Reichsbildungen erst als gleichsam „fertige“ politische Einheiten wahr, besonders im Vergleich mit ihren „gescheiterten Vorläufern“, die nicht dauerhaft erfolgreich blieben: „Geschichte“ erscheint immer erst nachträglich geschlossen und folgerichtig.
Herwig Wolfram hat in einer vergleichenden Studie die Kriterien für diese unterschiedlichen Entwicklungen systematisch zusammengestellt und diskutiert.
Herwig Wolfram, Die ostmitteleuropäischen Reichsbildungen um die erste Jahrtausendwende und ihre gescheiterten Vorläufer. Ein Vergleich im Überblick, in: Ivan Hlaváček, Alexander Patschovsky (Hg.), Böhmen und seine Nachbarn in der Přemyslidenzeit im mitteleuropäischen Vergleich (VuF 74) (Sigmaringen 2010), S. 49–90.
Maßgebliche Faktoren waren neben einer ausreichenden militärischen Machtbasis die Durchsetzung eines Alleinherrschers (im Unterschied etwa zu mehreren duces wie im 9. Jahrhundert noch in Böhmen) und die Transpersonalität dieser Herrschaft sowie eine erfolgreiche hierarchische Christianisierung von oben nach unten, die ihren Ausdruck in der bereits frühen Verehrung von Landesheiligen bzw. Hl. Königen wie dem Hl. Wenzel für Böhmen und dem Hl. Stephan für Ungarn fand. Die neue Religion benötigte aber auch eine dauerhafte kirchliche Organisation in Form von Erzbistums- und Bistumsgründungen, etwa Prag, Gnesen und Gran/Esztergom und einer Diözesanordnung. Die enge Verflechtung von kirchlicher und weltlicher Verwaltung wird besonders gut in Ungarn sichtbar, wo die regionale Einteilung der ersten zehn Bistümer auch der politischen Organisation durch Komitate entsprach. Nicht zuletzt bedurfte das geistlich legitimierte Königtum der Anerkennung des römisch-deutschen Königs, des byzantinischen Kaisers und des Papstes, um dauerhafte Stabilität zu erlangen – wie sich ex negativo an den gescheiterten Herrschaftsbildungen des 9. Jahrhunderts und ihren kirchenpolitischen Dimensionen veranschaulichen lässt (→ Kap. 2). [<<150]
Sowohl als Indiz wie auch als Bedingung von nachhaltigem Erfolg kann wohl auch die Existenz von „Sprechern“ der Herrschaft gelten, wie dies der tschechische Historiker František Graus bereits in den 1960er Jahren genannt hat: Strukturell vergleichbar mit dem frühmittelalterlichen Genus der origo gentis, einer grundlegenden Form politisch und sozial adaptierbarer Gründungsgeschichte, wie sie etwa für Goten, Franken und Langobarden charakteristisch ist, entstanden in und für die neuen regna Erzählungen im Schnittfeld von Geschichtsschreibung und Hagiographie, die eine Fülle von historischen wie geistig-geistlichen Angeboten zur Identifikation mit der Herrschaft bereit stellten. Die Viten der heiligen ungarischen Könige, die „Wenzelslegenden“ des von seinem Bruder ermordeten böhmischen „Märtyrer“-Herzogs sowie die Lebensbeschreibung Bischof Adalberts von Prag, der seinerseits das Martyrium erlitten hatte, aus dem 10./11. Jahrhundert gehören dazu ebenso wie zwei der frühesten mittelalterlichen Landeschroniken überhaupt, die Chronica Boemorum des Cosmas von Prag aus dem frühen 12. Jahrhundert und wesentlich später die Chronica Hungarorum, deren Autor nicht eindeutig feststellbar ist (→ Kap. 3.3).
Herrschaftskonsolidierung
Vor allem die nationalstaatlich orientierte Geschichtsforschung in der Tradition des 19. Jahrhunderts (→ Kap. 1) hat ähnlich wie bei der Suche nach den Ursprüngen der eigenen „Nation“ im Frühmittelalter vielfach den Beginn der jeweils eigenen „staatlichen“ Entwicklung im Zeitraum zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert identifiziert. Die aktuelle Forschung steht solchen Positionen seit geraumer Zeit kritisch und zurückhaltend gegenüber. Das betrifft nicht nur die Problematik der Projektion moderner Vorstellungen von „Nation“ in die Vergangenheit, sondern auch von Konzepten wie „Staat“ oder „Zentralisierung“, die nur schwer eine Entsprechung in der zeitgenössischen Überlieferung finden. Zwar lassen sich, wie beschrieben, ab dem 11. Jahrhundert in weiten Teilen des Betrachtungsraumes eine zunehmende Stabilisierung der Grenzen ebenso wie Formen verstärkter Herrschaftsorganisation und -konzentration beobachten. Dennoch dominieren generell die Offenheit der Herrschaftsräume und wechselnde Machtkonstellationen konkurrierender Personenverbände. Konzentrationsprozessen stehen die Erweiterung von Herrschaftsräumen ebenso wie Reichsteilungen gegenüber. Die Quellen verwenden [<<151] Begriffe für Herrschaft und Reich in Verbindung mit dynastischen Zuordnungen; die Vielfalt und der parallele Gebrauch von Würden-, Amts- und Funktionsbezeichnungen ebenso wie von geographischer und ethnographischer Terminologie macht einen äußerst vorsichtigen analytischen Umgang mit ihrer Interpretation notwendig.
Zudem lässt sich für Böhmen wie Ungarn, aber ebenso für die seit dem Ende des 10. Jahrhunderts neu eingerichteten Markgrafschaften Österreich und Steier oder das Herzogtum Kärnten zunächst recht wenig Konkretes über die Durchsetzung von Herrschaft sagen. Burgenbau zum Zweck der Verteidigung und Grenzsicherung sowie später auch der Herrschaftsrepräsentation lässt sich bereits seit den Karolingern archäologisch überall in Europa gut nachweisen, ebenso wie es Belege für dauerhafte administrative Einheiten wie die ungarischen Komitate oder das Amt des castellanus in Böhmen gibt. Hinweise auf eine „straffe Burgenorganisation“, von der in der älteren Forschung etwa zu Böhmen häufig die Rede war, finden sich allerdings kaum. Cosmas von Prag erwähnt in seiner Chronik insgesamt zwei konkrete castellani. Während die Einteilung der ungarischen politischen Landschaft in eine Vielzahl von Komitate mit Burgen als Herrschafts- und Verwaltungsmittelpunkten schon seit dem 11. Jahrhundert überliefert ist, wissen wir wenig Konkretes über die frühe Organisation von Grundherrschaften oder über die Gefolgschaften der árpádischen Könige wie auch der přemyslidischen Herzöge.
Auch für das kleine Herrschaftsgebiet der Babenberger Markgrafen an der Donau um Melk, Krems und Klosterneuburg, das im Jahr 996 nebenbei in einer königlichen Schenkungsurkunde für den Bischof von Freising erstmals und noch sehr unspezifisch als Ostarrîchi bezeichnet wird (in regione vulgari vocabulo Ostarrichi in marcha et in comitatu Heinrici comitis filii Luitpaldi marchionis), und für die Steiermark, deren Markgrafen sich ab Mitte des 11. Jahrhunderts nach ihrem Herrschaftsmittelpunkt marchiones de Stire benannten, gibt es im 10. und frühen 11. Jahrhundert nur vereinzelt urkundliche Nachrichten. Die älteste im Original erhaltene ungarische Urkunde stellte König Andreas I. im Jahr 1055 für das Kloster Tihany aus. Vergleichbar mit der Ostarrîchi-Urkunde von 996 enthält sie den ersten erhaltenen volkssprachlichen Einschub in den ansonsten lateinischen Dokumenten. Auch in diesem Fall geht es um eine geographische Spezifikation, wenn [<<152] erläutert wird, dass die dem Kloster übertragenen Besitzungen an der Straße nach Stuhlweißenburg/Székesfehérvár liegen.
Dynastische und politische Allianzen und Konflikte
Personale Beziehungen unterschiedlicher Qualität und vernetzte Eliten spielten lange Zeit eine deutlich größere Rolle als territorial abgegrenzte Einheiten und institutionelle Strukturen, die sich erst ab dem 12., vor allem aber im 13. Jahrhundert verstärkt auszubilden begannen, wovon sowohl die Terminologie in Urkunden und erzählenden Quellen als auch der Anstieg „pragmatischer Schriftlichkeit“ an sich Zeugnis geben. Zunächst aber sind die am besten sichtbaren Akteure einmal die jeweiligen Fürsten, deren Familien sich über mehrere Generationen hinweg im Land durchsetzen konnten. Dabei stützten sie sich auf die übrigen „Großen“ des Landes, deren Bedeutung bei der Mitwirkung an wichtigen Entscheidungen, insbesondere der Nachfolge in der Herrschaft nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie werden in den Quellen zunächst ebenfalls vielfältig und unspezifisch in Hinblick auf ihre soziale Vorrangstellung als maiores natu, nobiles, proceres, primates oder auch mit ihren weltlichen und geistlichen Amtstiteln etwa als comites, episcopi oder abbates bezeichnet. Diese „Adeligen“ im weitesten Sinn, also wichtige Familien im Land, wirkten einerseits bei der Unterstützung der Landesfürsten zusammen. Andererseits aber konkurrierten die einzelnen Großen ihrerseits um jene Ressourcen, die für die Etablierung von Herrschaft nötig waren – Land, Rechte, Einkünfte und Abgaben.
Konflikte zwischen den machtpolitisch maßgeblichen Personen und Personengruppen sowohl mit der jeweils herrschenden Familie als auch untereinander blieben auch in den folgenden Jahrhunderten ein kontinuierlicher Faktor einer prozessualen Landeswerdung und integraler Bestandteil mittelalterlicher Herrschaftsverdichtung und -differenzierung, im Rahmen derer sich soziale Unterschiede allmählich verfestigten und strukturelle Abgrenzungen herausbildeten. Die oft auch blutige Ausschaltung von Gegnern ebenso wie das Aussterben von Familien bleiben eher strukturelles Element als Ausnahmeerscheinung. Die andere Seite der Medaille zeigt Allianzen oft zwischen denselben Personen und Gruppen, die einander eben noch bekämpft haben, besonders in Form von verwandtschaftlichen Beziehungen, die von politischen und ökonomischen Aspekten nicht zu trennen sind: Familienpolitik ist Herrschaftspolitik. [<<153]
Eheverbindungen in immer größerem Stil – d. h. über weite Distanzen und Herrschaftsräume hinweg – spielten eine zunehmende Rolle für Land- und Prestigegewinn und standen ihrerseits in Wechselwirkung mit politisch-rechtlichen Allianzen, aber auch Abhängigkeitsverhältnissen. Neben den Fürsten in der Nachbarschaft, die sich sozusagen „auf Augenhöhe“ befanden, waren die wichtigsten Partner vor allem der römisch-deutsche König bzw. Kaiser, der Papst sowie Byzanz. War das ungarische Königtum von diesen drei Instanzen zu Beginn des 11. Jahrhunderts anerkannt worden, befand sich Böhmen seit dem ostfränkischen Königtum der Karolinger in, wenn auch loser, lehensrechtlicher Abhängigkeit von den römisch-deutschen Königen, ebenso wie die Markgrafschaften und Herzogtümer im Südosten des römisch-deutschen Reichs. Ihr Verhältnis untereinander, zu König, Papst und Byzanz differenzierte sich zunehmend vor dem Hintergrund und in den großen Konflikten des 11. und 12. Jahrhunderts – dem endgültigen kirchenpolitischen Bruch (1054) zwischen Rom und Byzanz, d. h. katholischer und orthodoxer Kirche, und der Auseinandersetzung zwischen römisch-deutschem Kaisertum und Papsttum um den Vorrang in Europa, dem sogenannten „Investiturstreit“ (1075–1122).
Die dynastischen Allianzen zwischen Böhmen, Polen und Ungarn waren einerseits so dicht und vielfältig, dass die drei Herrschaftsräume häufig in Personalunion miteinander verbunden waren. Andererseits verbanden sich immer wieder oppositionelle Gruppen innerhalb dieser Herrschaften mit „externen“ Partnern, intervenierten byzantinische wie römisch-deutsche Kaiser in den einzelnen Ländern. Ab dem 12. Jahrhundert, und nicht zuletzt gefördert durch die Kreuzzüge europäischer Mächte ins Heilige Land, spielten Heiratsverbindungen mit Byzanz eine zunehmende Rolle: Byzantinische Prinzessinnen heirateten nach Ungarn und Böhmen; österreichische ebenso wie steirische Markgrafen waren in solchen Prestigeprojekten erfolgreich. Parallel dazu verdichtete sich das Netz dynastischer Verbindungen mit den wichtigen, zunehmend als „königsfähig“ qualifizierten Familien im römisch-deutschen Reich ‒ allen voran den Saliern und Staufern.
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