Read the book: «Oh mein Gott!»

Font::


Christian Schwab:

Oh mein Gott! 5 Weltreligionen in 5 Monaten: ein Selbstversuch

Alle Rechte vorbehalten

© edition a, Wien

www.edition-a.at

Lektorat: Maximilian Hauptmann

Cover: Jaehee Lee

ISBN 978-3-99001-256-7

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Für Niko, meinen Papa.

Nicht mehr da, wo du warst, aber überall dort, wo ich bin.

(nach Victor Hugo)

Prolog

24. Dezember 2016, Heiliger Abend

»Ihr Inderlein kommet«
Meine Erleuchtung in einer katholischen Kirche

Ich sehe einen kleinen Christbaum, vielleicht einen Meter hoch, schlicht und von meiner Mutter geschmackvoll geschmückt, mit roten Kerzen und roten Kugeln. Leider steht dieser Baum nicht bei ihr im Wohnzimmer. Er steht auf dem Friedhof. Er ist für meinen Papa.

Nikolaus Schwab 24. Juni 1944 – 18. November 2014. Das steht auf der Steintafel hinter dem Christbaum, und ich kann diese eingravierte Inschrift noch so oft lesen – dass mein Vater vor etwas mehr als zwei Jahren plötzlich verstorben ist, will und kann ich bis heute nicht glauben. Herzinfarkt im Auto, bei der Heimfahrt von einem gemütlichen Hallenfußballspiel mit Freunden. Er hatte nie schwere gesundheitliche Probleme gehabt. Allerdings war mein Papa seit seinem elften Lebensjahr zuckerkrank, deswegen hatte ich stets die Angst, dass er nicht an der Zuckerkrankheit selbst, sondern an den jahrelangen körperlichen Abnützungserscheinungen sterben würde. So ist es dann wohl auch gekommen.

Aus der Kirche neben dem Grab ist eine Ziehharmonika zu hören, sicherlich ein Weihnachtslied, ich kann aber nicht heraushören, um welches es sich handelt. Es ist knapp nach 16 Uhr, die Kinderchristmette dürfte soeben begonnen haben. Mein Vater darf noch nicht hier auf diesem Friedhof liegen, nein, er müsste jetzt in der Kirche sitzen, um dort den Zeremonienmeister zu geben, wie er es so viele Jahre getan hat. Obwohl er einen gesunden Abstand zur katholischen Kirche hatte, war mein Papa stark in der kirchlichen Gemeinschaft von St. Jakob verankert. Er hielt Lesungen bei Messen, aber vor allem wurde er für seine einfühlsamen, sehr persönlichen Trauerreden bei Begräbnissen geschätzt. Er hat sie auch für Menschen gehalten, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Ebenso hat er als Theaterliebhaber für die Dramaturgie bei Anlässen wie etwa dieser Kinderchristmette gesorgt.

Und deshalb stelle ich mir die Frage: Warum musste er mit siebzig Jahren gehen? In dieser guten körperlichen und geistigen Verfassung? Ist Gott so brutal? Bringt es nichts, sich in der Kirche zu engagieren? Aber wenn ich weiterdenke, dann sehe ich das vielleicht falsch – mein Vater durfte trotz seines Diabetes I siebzig Jahre alt werden. Nicht nur einmal in seinem Leben hatte mein Papa Glück. In seiner Jugend zum Beispiel hat er die ein oder andere nicht ungefährliche medizinische Untersuchung, später so manchen Hypo (Kurzform von Hypoglykämie – starke Unterzuckerung) gut überstanden. Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, und selbst wenn ich welche hätte, der Schmerz würde nicht vergehen, Wut und Trauer würden nicht kleiner werden.

Dort, wo das Wissen aufhört, fängt der Glaube an, sagt man so schön. Ich zünde die Kerze an, die ich für meinen Papa mitgebracht habe, setze sie behutsam auf sein Grab und stelle mir an diesem Heiligen Abend selbst die Gretchen-Frage: Wie hast du es mit der Religion?

Nachdem ich keine schnelle Antwort finde, kehre ich wieder in Gedanken zurück zu meinem Papa, beginne – wie immer an seinem Grab – ein innerliches Zwiegespräch, wische mir die eine oder andere Träne aus den Augen, verabschiede mich und beschließe dann, doch noch einen Sprung in die Kirche zur Kinderchristmette zu machen. Auch letztes Jahr habe ich sie besucht, mit meiner Mutter, meinem Bruder, seiner Frau und ihren beiden Zwillingskindern Anna und David, damals knapp ein Jahr alt. Die Kirche war voll, es hatte den Anschein, als wollte sich niemand aus den umliegenden Häusern am Fuße der gelben St. Jakober Kirche diese Messe vor der Bescherung am Heiligen Abend entgehen lassen. Waren wirklich alle da? Nein, einer kam nicht – der Pfarrer selbst. 2015 ist in die Kirchengeschichte von St. Jakob eingegangen als das Jahr, in dem kein Pfarrer am Heiligen Abend in die Kirche gekommen ist.

Wie immer in kirchlichen Angelegenheiten gibt es in solchen Fällen einen offiziellen und einen inoffiziellen Grund. Der offizielle war: organisatorische Gründe. Der inoffizielle war, zumindest machte dieses Gerücht Tage später die Runde, dass der Pfarrer Weihnachten schon etwas vorgefeiert hatte, um es vorsichtig zu formulieren.

Ich habe damals zu den Leuten gesagt, seht es positiv, überall sonst sieht man in der Kirche nur noch den Pfarrer, aber keine Leute mehr. In St. Jakob ist es genau umgekehrt.

Meine Familie hat daher beschlossen, heuer gleich zuhause zu bleiben. Sie waren scheinbar die Einzigen, denn als ich die schwere Eisentüre zur Kirche öffne, kann ich gerade mal einen Schritt machen, mehr Platz ist nicht. Ich blicke zum Altar. Komisch, Pfarrer ist wieder keiner zu sehen, obwohl die Messe schon hätte beginnen müssen.

Ich frage den Herren neben mir: »Wieder kein Pfarrer hier?«

»Scheint so, die Kinder spielen schon zwanzig Minuten Lieder.«

Doch unser Dialog wird von einem Gemurmel vor uns unterbrochen, ich höre die Worte: »Ich glaube, jetzt tut sich was.«

Tatsächlich, die Glocken werden geläutet, die Ministranten kommen aus der Sakristei, dahinter der Pfarrer, doch es ist nicht der Pfarrer, den ich erwartet hatte – sondern ein Inder im Talar. Musste ein Hindu plötzlich einspringen, weil unser katholischer Diener Gottes wieder irgendwo mit organisatorischen Problemen zu kämpfen hat?

Die Sache hat sich rasch aufgeklärt. Der neue Pfarrer ist einfach aus Indien. Ja, anscheinend gibt es auch dort Leute, die dem katholischen Glauben angehören. Wenn man, so wie ich, wirklich nur zu den heiligen Zeiten in der Kirche vorbeischaut und noch dazu mittlerweile knappe 300 Kilometer weit entfernt vom Heimatort lebt, kriegt man solche Änderungen eben nicht mit.

»Zunächst möchte ich sagen – tut mir leid.« Der indische Pfarrer beginnt mit diesen Worten die Messe. Seine freundliche Ausstrahlung nimmt gleich die ganze Kirche ein, dennoch, ein katholischer Pfarrer aus Indien ist für mich ein genauso ungewöhnliches Bild wie der zweite Platz für Bayern München in der Deutschen Bundesliga.

Nach den Begrüßungsworten des Pfarrers quält ein kleines Mädchen ihre Geige, ich bilde mir ein, dass ich ein »Alle Jahre wieder« erkennen kann. Ich stelle mir meinen Papa neben mir vor und wie wir beide schmunzeln müssen.

Meine Gedanken schweifen zurück in meine Kindheit, als ich in St. Jakob am Altar neben dem Pfarrer gestanden, gesessen und gekniet habe. Damals war ich Ministrant. In der Schule bekam ich von Pater Wild Religionsunterricht. Der Pater stellte sich mit den Worten vor: »Ich heiße Wild, bin nicht wild, kann aber wild werden.« Das war er eigentlich nie, außer ich habe bei der Wandlung zu wenig Wein und zu viel Wasser in den Kelch geschüttet. Dann wurde mir schon das eine oder andere Mal ein »Nicht so viel Wasser!« in der Kirche zugeflüstert. Ebenso trank Pater Wild bei Hausbesuchen in seiner Gemeinde gerne den einen oder anderen Schnaps, aber nie so, dass er dadurch organisatorische Schwierigkeiten bekommen hätte.

Ministrieren empfand ich als schöne Aufgabe, neben den normalen Messen gab es auch viele Begräbnisse und Hochzeiten, bei denen ich als Ministrant dabei war. Ich denke, auf eine Hochzeit sind ungefähr zehn Begräbnisse gekommen, so gab es für mich schon sehr früh in meinem Leben eine häufige Auseinandersetzung mit dem Tod. Allerdings hatte ich damals noch die kindlich naive Vorstellung, dass es dann im Himmel locker weitergeht und sich alle, die jetzt noch am Grab stehen und trauern, wiedersehen werden.

Überhaupt war ich als Kind sehr im katholischen Glauben eingebettet und eingebetet. »Jesu Kindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir, mein Herz ist rein, darf niemand hinein, außer du, mein liebes Jesulein.« Das war mein katholisches Mantra beim Schlafengehen, ich kann es jetzt noch auswendig. Meine Oma erklärte mir auch alle katholischen Bräuche und Sitten; den Religionsunterricht, die Vorbereitungskurse zur Erstkommunion und Firmung gab es dann noch quasi von offizieller Seite dazu. Darüber hinaus nahm ich an vielen Krippenspielen teil und zwei Jahre lang rückte ich auch als Sternsinger aus, und auch das hat mir gefallen.

Insgesamt kann ich also behaupten, dass ich mich in diesem katholischen Umfeld, im katholischen Jahreskreislauf, geborgen fühlte. Vielleicht ist das mittlerweile eine verklärte Sicht der Dinge, aber so habe ich diese Zeit in Erinnerung. Ein schönes Gefühl, das sich erstmals bei einem sogenannten Ministrantenlager änderte. Es gab zur Nachmittagsjause Marmeladenbrote, und ich mag einfach keine Marmeladenbrote. Mir grauste als Kind vor Marmeladenbroten ungefähr so wie heute den RTL-Dschungelcamp-Kandidaten, wenn sie bei den Dschungelprüfungen Kakerlaken oder Känguruhoden vorgesetzt bekommen. »Ich bin ein Schwab – holt mich hier raus!«, dachte ich mir damals, als ich mein Marmeladenbrot nicht essen wollte, aber die Pastoralassistentinnen, die Tagesaufsicht hatten, sagten: »Du bleibst so lange hier sitzen, bis das Marmeladenbrot weg ist.« Und das war vollkommen ernst gemeint und mit Nachdruck gesagt.

Erst nach zwei Stunden Hungerstreik und einem kleinen Bissen vom Marmeladenbrot durfte ich vom Tisch aufstehen. Ein Ereignis, das mich nachhaltig geprägt hat. Damals dachte ich mir zum ersten Mal, dass in diesem Verein doch nicht alles so in Ordnung ist, wie ich gedacht hatte.

Vielleicht war das schon der Beginn einer kleinen jugendlichen Revolution gegen die katholische Kirche, die schließlich dazu führte, dass ich mit zwanzig Jahren aus dieser austrat. Ich wollte eigentlich nur über die Kirchensteuer verhandeln, aber die Sekretärin beim Amt für die Kirchensteuer nervte mich damals mit ihrem biederen und verhärmten Auftreten. Auf jeden Fall konnte ich mit ihr über die Senkung meines Kirchensteuerbetrags nicht verhandeln, und ich sagte dann einfach: »Wissen Sie was, streichen Sie mich überhaupt raus. Ich kündige die Mitgliedschaft in Ihrem Verein.« Auf Nachfrage, ob es mit der Kirchensteuer zu tun habe, antwortete ich, nicht nur deshalb, ich konnte auch mit der ganzen Sache überhaupt nicht mehr viel anfangen. Ich denke, mit den ersten Missbrauchsvorfällen, die damals bekannt wurden, hatte das nichts zu tun, auf jeden Fall habe ich dieses Argument ausgelassen. Sie waren also nicht der entscheidende Grund. Meine Kündigung bei der katholischen Kirche passierte eher aus einer Laune heraus. Die Tatsache, dass danach mein Vater von einem Vertreter des Kirchenamts angerufen wurde, der ihn fragte, wie es so weit kommen konnte und ob er das nicht hätte verhindern können, hat meinen Entschluss nicht rückgängig gemacht. Eher hat es mir bewiesen, den richtigen Schritt getan zu haben.

Seitdem lebe ich ohne Bekenntnis. Gott und Religionen beschäftigen mich trotzdem noch immer. Dieses Thema hat bei mir schon immer einen großen Raum eingenommen, ob beruflich als Kabarettist oder auch beim ganz privaten Nachdenken, wobei man Berufs- und Privatleben bei einem Kabarettisten wohl nie ganz trennen kann. Was ist im Namen Gottes nicht alles schon Schreckliches auf der Welt passiert. Religionen predigen nach außen den Weltfrieden, doch ist es nicht so, dass es erst Frieden auf der Welt geben wird, wenn es keine Religionen mehr gibt? Das sind die Fragen, die ich mir stelle. Millionen Menschen wurden im Lauf der Geschichte umgebracht, weil irgendjemand überzeugt war, er glaube an den richtigen Gott. Früher ist man mit Schwertern in Dörfer eingefallen, hat Häuser angezündet, wenn sich Leute nicht zum richtigen Glauben bekehren wollten. Heute fahren sogenannte Gotteskrieger mit einem Lastwagen in Menschenmassen, wie in Berlin geschehen oder auf der Strandpromenade von Nizza. Früher wurden Frauen mit roten Haaren öffentlich verbrannt, heute werden Comic-Zeichner erschossen, weil sie provokante Karikaturen veröffentlichen.

In meinen Augen ist es eine Anmaßung, zu glauben, dass alles sei wirklich Gottes Wille. Man könnte meinen, dass die meisten von uns sich mittlerweile Religionen gegenüber, vor allem der eigenen, aufgeklärt, abgeklärt und gelassen verhalten. Dennoch: Wenn Religionen und gläubige Menschen kritisiert werden oder ich Scherze auf der Bühne oder im Radio machte, dann habe ich bemerkt, wie schnell die Toleranzgrenze erreicht ist, oder wie oft auch heute noch der Satz fällt: »Darüber braucht man wirklich keine Schmähs machen.«

Auf meiner Top-3-Hitliste von Personen, die sich nach meinen Beiträgen bei mir beschweren, liegen nach 14 Jahren Comedy-Autor im Ö3 Wecker noch vor den Lehrern und den Tierschützern die Religionsfanatiker.

Nach jeder noch so kurzen Papstparodie gibt es sicher mindestens einen, der sich folgendermaßen beschwert: »Machen Sie das einmal beim Islam. Ihnen würden die Hände abgehackt werden.«

Zurück in der Kirche von St. Jakob bei St. Andrä im Lavanttal. Mittlerweile finde ich den indischen Pfarrer grandios. Er zeigt und beweist in einem kleinen beschaulichen Kärntner Dorf, wie bunt und groß die Welt ist. Und er bestärkt mich gerade in einer Idee, die schon länger in meinem Kopf rumschwirrt. Ich werde mich intensiv mit den fünf Weltreligionen auseinandersetzen, indem ich versuchen werde, ein Monat in jeder dieser Religionen zu leben, ganz nach ihren Regeln und Bräuchen. Ich möchte herausfinden, was jede Religion aus mir macht, wie sie mich verändert, wie ich sie am Anfang sehe und wie ich sie dann am Ende einschätze. Finde ich am Ende etwas, wenigstens mich selbst oder gar Gott?

Auf alle Fälle ist das mal ein etwas anderer Neujahrsvorsatz. Mit dem Rauchen aufhören brauche ich nicht, weil ich nie angefangen habe. Meine Sportbilanz passt auch und mein Alkoholkonsum hält sich ebenso in Grenzen.

Daher lautet mein Neujahrsvorsatz 2017: 5 Weltreligionen in 5 Monaten.

Als sich eine junge Mutter mit einem unruhigen Kind aus der Kirche schleicht, nutze ich diese Gelegenheit und schleiche mit ihr raus. Mein Kirchenbesuch hat sich mehr als bezahlt gemacht, und wenn ich jetzt gehe, erspare ich mir vielleicht auch eine schräge Stille-Nacht-Version auf der Geige. Außerdem habe ich versprochen, dass ich um 17 Uhr bei meiner Mama zum Weihnachtsessen bin, die traditionellen Schinkenrollen warten. Doch nicht nur die, auch meine Freundin Heidrun, unsere zehn Monate alte Tochter Ivy und eine Frage, die wir noch nicht geklärt haben: Sollen wir Ivy taufen lassen oder nicht?

Nach fünf Monaten werde ich mehr wissen. Möglicherweise habe ich das richtige für meine Tochter gefunden, oder ich kann ihr zumindest in ein paar Jahren beratend zur Seite stehen. Denn welcher Teufel mich auch immer geritten hat, ich werde tatsächlich alle Weltreligionen testen. Wenn mittlerweile ein Inder Pfarrer in St. Jakob sein kann, dann kann ich doch wohl locker für einen Monat lang Jude, Buddhist, Hindu, Muslim und auch wieder mal Katholik sein. So wahr mir Gott helfe!


JUDENTUM

Zurück zum Ursprung
Meine innere Reise nach Jerusalem beginnt

»Sie wissen ja wirklich gar nichts.«

»Jetzt, wo ich Ihnen so zuhöre, haben Sie eigentlich vollkommen recht. Ich habe keine Ahnung.«

»Wenigstens sind Sie ehrlich. Ein ehrlicher Mensch. So wie der Mann mit dem Koffer. Es gibt eine Geschichte um den Mann mit dem Koffer im Judentum, kennen Sie die? Ein Jude kommt am Flughafen an, geht auf einen Mann zu und fragt ihn: Sind Sie Antisemit? Sagt der Mann entrüstet: Ich bin doch kein Antisemit! Dann geht er zu einem zweiten Mann und sagt: Dein Vater war ein Nazi. Sagt dieser: Mein Vater war sicher kein Nazi! Dann geht er zum dritten und sagt das Gleiche. Darauf sagt dieser: Ja, Sie haben recht, mein Vater war ein Nazi. Sagt der Jude, Sie sind ein ehrlicher Mensch. Passen Sie mir auf meinen Koffer auf, während ich auf die Toilette gehe.«

Der Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg sitzt im traditionellen Café Hawelka neben mir, vor uns auf dem Tisch steht ausgerechnet ein Christbaum, wir haben jeder eine Melange vor uns stehen. Ich versuche Paul Eisenberg, der bis Juni 2016 35 Jahre lang Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien war, als meinen jüdischen Meister Yoda zu gewinnen. Er soll mir die Tür ins Judentum öffnen, mir sagen, was ich machen darf und kann, und mir vor allem seinen Segen für mein Experiment geben.

»Was haben Sie eigentlich vor?«, fragt er mich.

»Es ist so, Herr Oberrabbiner, ich möchte alle Weltreligionen näher kennenlernen. Und gebe mir für jede Religion einen Monat lang Zeit. Was sagen Sie dazu?«

»Als Jude finde ich es ein bisschen peinlich. Wäre ich Buddhist, wäre es mir vielleicht wurscht.«

Doch der Oberrabbiner scheint mir wohlgesonnen zu sein, das habe ich schon am Telefon gemerkt, als wir unseren Termin vereinbarten. »Kommen Sie heute gleich um 17:30 Uhr zum Chanukka-Kerzenanzünden ins Jüdische Museum, dann bekommen Sie schon mal eine Einstimmung«, hatte er mir geraten. »Und danach gehen wir auf einen Kaffee. Ich habe genau eine Stunde Zeit für Sie persönlich.«

Mit den Comedy-Hirten, einer Kabarettgruppe, deren Mitglied ich bin, treten wir oft im Casanova Wien auf, ein Lokal im 1. Bezirk, nur ein paar Schritte entfernt vom Jüdischen Museum. Daher bin ich schon oft daran vorbeigekommen. Und oft habe ich mir gedacht: Geh doch mal rein und schau dir das an. Aber es ist doch immer das Gleiche: Kommt man oft an einem Ort vorbei, denkt man sich: Geh, das kannst beim nächsten Mal auch noch machen. Und dann macht man es nie. Kurz vor 17:30 Uhr öffne ich die Tür zum Jüdischen Museum und gehe den kleinen Gang hinein. Dort sehe ich ihn schon stehen und in einem Buch blättern. Oberrabbiner Paul Eisenberg ist etwas kleiner, als ich dachte, dafür ist sein Bauch auch etwas größer, als ich dachte. Dieser gibt dem 66-jährigen Mann mit weißem Bart und Brille eine gewisse Gemütlichkeit. Vom ersten Moment an strahlt der Oberrabbiner für mich Weisheit aus. Er spricht mit einer Bestimmtheit, die mich schon am Telefon beeindruckt hatte.

»Sie kommen gleich mit. Jetzt machen wir das Kerzenanzünden. Und dann warten Sie auf mich, dann gehen wir auf einen Kaffee«, wiederholt Eisenberg, was er bereits am Telefon gesagt hatte.

Ich bedanke mich und sage ihm, dass ich mich freue, Chanukka kennenlernen zu dürfen. Das ist mitunter ein Grund, warum ich das Judentum als erste Religion für mein Experiment ausgewählt habe. Seit 19 Jahren fällt Chanukka wieder mit unserem Weihnachtsfest zusammen. Der zweite Grund ist, dass das Judentum die älteste Buchreligion ist, wie man so schön sagt. Das Motto lautet also: zurück zum Ursprung.

Es ist 17:30 Uhr und die Zeremonie des Kerzenanzündens beginnt. Auch wenn hier im Inneren des Jüdischen Museums wohl eher die touristische Variante stattfindet, mit vielen Erklärungen, bin ich selig, bei Chanukka dabei sein zu dürfen. Der kaufmännische Direktor des Jüdischen Museums begrüßt die Gäste, während wir ein Infoblatt bekommen, auf dem die Geschichte des Festes erklärt wird.

Jüdische Kämpfer unter Führung der Makkabäer hatten sich erfolgreich gegen die syrisch-griechische Fremdherrschaft aufgelehnt und den Jerusalemer Tempel wieder in Besitz genommen. Um jedoch die Menora, den siebenarmigen Leuchter im Tempel, anzünden zu können, brauchten sie geweihtes Öl. Die Legende besagt, dass sie nur eine kleine Menge an Öl fanden, und dass diese Menge nur für einen Tag gereicht hätte. Wie durch ein Wunder brannte die Menora aber acht Tage. An diese Geschichte erinnert das Anzünden der Lichter. Die neunte Kerze dient zum Anzünden der anderen Lichter und heißt auf Hebräisch »Schamasch« (Diener).

Ich weiß jetzt, was Chanukka ist, innerlich berührt hat es mich ehrlich gesagt nicht wirklich. Dazu fehlt mir wohl der Bezug, ich bin nicht mit dieser Tradition aufgewachsen. Vielleicht ist es etwas respektlos, aber mir scheint, ein beleuchteter Christbaum ist eindrucksvoller als ein Kerzenständer.

Ich muss an das bevorstehende Gespräch mit dem Rabbiner denken und habe etwas Angst, dass er mich und meine verrückte Buchidee gleich abweisen könnte. Auch weiß ich nicht besonders viel über das Judentum. Von Chanukka habe ich natürlich schon gehört, ebenso von anderen jüdischen Festen wie zum Beispiel dem Pessachfest. Die genauen Hintergründe sind mir aber nicht bekannt. Auch die Bar Mizwa ist mir bekannt und ein paar jüdische Begriffe wie meschugge, Mischpoche oder Tacheles, aber was sie wirklich bedeuten, weiß ich nicht so recht. Gebetet wird in der Synagoge, die Tora ist die Heilige Schrift der Juden, den Talmud gibt es auch noch, Juden tragen eine Kippa, und einmal in der Woche ist Sabbat. Koscher ist noch so ein Wort, das ich gut kenne. Und Beschneidung und Schächten sind auch zwei Begriffe, die mir zum Judentum einfallen.

Dieses Vorwissen, besser gesagt dieses Nicht-Vorwissen, erzähle ich auch dem Oberrabbiner und wir einigen uns darauf, dass ich ins Judentum eintauchen möchte, und der Oberrabbiner wird versuchen, mich nicht einzutunken.

Es gibt drei Sachen, die ich im nächsten Monat als Jude beherzigen muss.

1. Die Tora studieren,

2. den Gottesdienst in der Synagoge besuchen und

3. gute Taten vollbringen, ein guter Mensch sein.

Wobei Eisenberg beim dritten Punkt hinzufügt, dieser sei selbstverständlich kein Alleinstellungsmerkmal des Judentums.

Darüber hinaus gibt es natürlich noch das koschere Leben und den Sabbat. Wobei der Oberrabbiner selbst sagt, dass nur etwa zwanzig Prozent der etwa 15.000 in Österreich lebenden Juden (die meisten davon sind in Wien zuhause) ganz koscher und völlig nach den Gesetzen des Sabbats leben.

»Hier gibt es natürlich auch eine Überschneidung«, führt der Oberrabbiner weiter aus. »Wenn ein Jude koscher lebt, wird er auch den Sabbat einhalten und umgekehrt.«

Im nächsten Monat möchte ich nicht nur die drei oben angeführten Punkte hochhalten, ich werde auch versuchen, zu diesen zwanzig Prozent zu gehören. Damit ich das darf, brauche ich am Ende unseres Gespräches den Segen vom Oberrabbiner.

»Soll das ein lustiges Buch werden oder nicht?«, fragt er mich mit eindringlichem Blick, der eine gewisse Skepsis verrät.

»Lustig? Ich würde es eher humorvoll nennen. Der Humor wird vor allem dadurch entstehen, dass ich mich blöd anstelle, und dann lacht man darüber. Denke ich.«

»Da werden wir Sie ordentlich auslachen. Obwohl, Auslachen gehört eigentlich nicht zum jüdischen Humor. Schauen Sie, wenn Sie sich nur lustig machen danach über uns, dann geht das natürlich nicht, wenn Sie sich aber mit Respekt anstellen und sich mit Respekt dem Judentum annähern, dann ist das für mich in Ordnung.«

Erleichtert, dass mein Experiment nicht schon bei der ersten Religion und beim ersten Gespräch gescheitert ist, bezahle ich unsere zwei Melange.

Danach begleite ich den Oberrabbiner vom Café Hawelka zum Stephansplatz, hier wird es um 19 Uhr eine weitere öffentliche Chanukka-Zeremonie geben. Am Stephansplatz wartet schon eine Frau, und Eisenberg sagt zu mir: »Sie müssen jetzt gehen. Es ist 18:50 Uhr, jetzt rede ich mit der Dame hier.« Das war alles andere als unhöflich, vielmehr bestimmt und beeindruckend. Hilfreicher als jedes Zeitmanagementseminar. Überhaupt ließ mich die Begegnung mit Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg nicht unbeeindruckt. Neben seinem Talent zur Show und Selbstdarstellung besitzt er auch einen schier unendlichen Schatz an Anekdoten. Er ist wohl einfach, soweit ich das beurteilen kann, ein intellektueller Riese, neben dem ich mir vor allem in den ersten Minuten wie ein Zwerg vorgekommen bin.

Ich mache mich auf den Weg zu einer Vorstellung, die ich heute im Casanova habe, und muss an Eisenbergs jüdischen Humor denken. Eine Errungenschaft, die ich sehr schätze. Nicht umsonst wird Folgendes behauptet:

Wenn man einem Bauern einen Witz erzählt, lacht er drei Mal. Das erste Mal, wenn er den Witz hört, das zweite Mal, wenn man ihm den Witz erklärt, das dritte Mal, wenn er den Witz versteht.

Der Gutsherr lacht zwei Mal: das erste Mal, wenn er den Witz hört, das zweite Mal, wenn man ihn erklärt. Verstehen wird er ihn nie.

Der Offizier lacht nur ein Mal, nämlich wenn man ihm den Witz erzählt. Denn erklären lässt er sich prinzipiell nichts, und verstehen wird er ohnehin nicht.

Erzählt man aber einem Juden einen Witz, so sagt er: »Den kenn ich schon!« und erzählt einen noch besseren.

Ob mir morgen bereits das Lachen vergeht, wird sich zeigen. Im Café Hawelka habe ich mit Paul Eisenberg bereits den nächsten Termin ausgemacht.

»Ich komme morgen zum Morgengebet in den Stadttempel. Ist das in Ordnung für Sie, Herr Oberrabbiner?«

»Ja, kommen Sie hin, um 7 Uhr geht’s los.«

»Herzlichen Dank, ich bin um 6:30 Uhr dort.«

»Was wollen Sie um 6:30 Uhr dort? Da ist kein Mensch, mitten in der Nacht, kommen Sie um 6:59 Uhr, das reicht vollkommen.«

Wie der Ochs vor der Tora
Mein erster Besuch in einer Synagoge

»Sie halten das Ganze ja verkehrt. So rum.«

Peinlich berührt drehe ich unter Beobachtung des Oberrabbiners die Tora auf die richtige Seite. Hebräisch wird von rechts nach links geschrieben und gelesen, was ganz schön verwirrend sein kann.

Es ist 7 Uhr früh, ich befinde mich zum ersten Mal in einer Synagoge. Nicht mit einer Führung, nein, ich habe mich zum jüdischen Morgengebet im Wiener Stadttempel eingefunden. Dieser liegt wenige Schritte von der U-Bahn-Station Schwedenplatz entfernt, in der Seitenstettengasse. Hier befinden sich auf der einen Seite einige Fortgehlokale des sogenannten Bermuda-Dreiecks, in dem bis spät in der Nacht das Partyleben tobt. Auf der anderen Seite dieser Gasse steht die Hauptsynagoge Wiens. Für die jüdische Gemeinde ist sie jener Ort, an dem sie mit Gott den inneren Dialog sucht, betet und Ruhe und Stärke in ihrem Glauben findet. Obwohl, ganz ruhig ist es auch hier in der Synagoge nicht.

Die jüdische Gemeinde ist eine lebendige und aktive, das wird mir sehr bald klar. Kurz vor 7 Uhr stehe ich vor dem englischsprechenden Security, dem ich meinen Pass zeige. Der schaut noch etwas skeptisch, dann kommt auch schon der Oberrabbiner. Er spricht ein paar Worte mit dem Security auf Hebräisch, ich bekomme den Pass zurück und werde reingelassen. Es ist tatsächlich genau eine Minute vor 7 Uhr. Das Zeitmanagement von Paul Eisenberg ist beeindruckend. Ich folge dem Oberrabbiner, der flott vorangeht und gleich Anweisungen gibt wie: »So, da hängen Sie schnell Ihren Mantel auf«, und dabei deutet er auf die Garderobenständer, und dann: »Kommen Sie, es geht los.« Ich folge nicht nur dem Oberrabbiner, sondern auch den hebräischen Gebetslauten, die aus dem Inneren der Synagoge dringen. Nach dem Foyer biegen wir links ab und stehen im großen Tempel der Synagoge. Wenn ich in die Rundungen schaue, fühle ich mich fast wie in einem vergoldeten Theater oder kleinen Opernhaus. Die Bänke links und rechts vom Mittelgang sind wie in den katholischen oder evangelischen Kirchen aufgebaut und es gibt auch einen Altar, wo bereits der Vorbeter steht, mit dem Gesicht vor einem Schrein und mit dem Rücken zu den Leuten. Von ihm kommen also die Gebetslaute, die schon von draußen zu hören waren. Beeindruckt vom Ambiente hülle ich mich in ein weiß-blaues Tuch, dem sogenannten Tallit. Meine Kippa, die ich am Eingang der Synagoge bekommen habe, trage ich bereits auf dem Kopf.

Ich versuche, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Was natürlich nicht gelingt, da die jüdische Gemeinschaft eine sehr kleine ist und heute scheinbar nicht mehr als zwölf Juden zum Morgengebet erschienen sind. Auch wenn die meisten dieser zwölf bereits im Gebet versunken sind, werde ich sofort von ihnen wahrgenommen. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde tragen ebenso dieses weiß-blaue Tuch, die meisten von ihnen haben auch noch ein schwarzes Lederband um den linken Arm gewickelt. Das müssen die Gebetsbänder sein, von denen der Oberrabbiner gestern gesprochen hat. Zusätzlich tragen alle noch etwas auf der Stirn. Was auch immer das ist, es sieht von meinem Platz aus wie eine GoPro-Kamera, aber es handelt sich dabei um einen Kopftefillin, wie ich später in Erfahrung bringe. Das schwarze Lederband gehört zum Handtefillin.

Tefillin bedeutet Gebetsriemen und setzt sich aus zwei kleinen Schachteln zusammen, die Pergamentstücke mit ausgewählten Texten aus der Tora enthalten. In der Tora gibt es vier Stellen, die darauf hinweisen, dass die Juden ein Symbol auf ihrer Hand und zwischen ihren Augen setzen sollen, das sie daran erinnert, dass Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Die Tefilla vor der Stirn bedeutet geistige Loyalität, während die Tefilla in der Hand den Juden daran erinnert, dass er Gott mit aller Macht und Kraft dienen muss. Die kleinen Schachteln sind an ledernen Riemen befestigt, die natürlich von koscheren Tieren stammen. Bei Rechtshändern muss dieser Gebetsriemen siebenmal um den linken Arm gewickelt werden, bei Linkshändern eben um den rechten Arm, da der Psalmvers im Hebräischen aus sieben Wörtern besteht. Damit noch lange nicht genug, muss das Ende der Riemen noch dreimal um die Hand und dreimal um den Mittelfinger gewickelt werden, denn so entsteht die Form des hebräischen Wortes Schadai, was nichts anderes als Gott bedeutet.

Allein an den letzten Zeilen merkt man schon, dass es selbst für einen Juden schwer ist, Jude zu sein, also kann man sich ungefähr vorstellen, wie es mir gerade in der Synagoge geht. Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das zum ersten Mal versucht zu stehen und dabei nicht umzufallen.

Ich beobachte die Gläubigen beim Ausführen ihrer Gebete. Mein Versuch, mich einfach still und heimlich in die letzte Reihe zu stellen und nicht aufzufallen, scheitert kläglich, als ein Mann hinter mir, der etwas später gekommen sein muss, sagt: »Da kannst du nicht sein. Dieser Platz ist für mich reserviert.« Ich bitte um Entschuldigung, gehe zwei Reihen weiter vor und etwas weiter nach links, drehe mich um und frage, ob das passt. Er nickt. Durch diese Szene sind alle auf mich aufmerksam geworden und ein Gemurmel hat begonnen. Jetzt bin ich nicht nur verunsichert, sondern auch ängstlich.

Der Mann hinter mir, dem ich seinen Platz weggenommen habe, fühlt sich auch dazu berufen, herauszufinden, was ich wirklich hier tue. Er kommt zu mir vor und fragt:

»Bist du ein Levi?«

Ich kenne Levi bisher nur als finnischen Austragungsort für einen Weltcup-Slalom. Das sage ich aber nicht, ansonsten könnte er noch meinen, ich spreche Shalom, das hebräische Wort für Frieden, falsch aus. In meiner Panik schüttle ich einfach nur den Kopf. Der Mann wendet sich von mir ab und geht wieder zurück an seinen Platz. Zum Glück habe ich in meiner Not nicht Ja gesagt, denn Levi bezieht sich in diesem Fall auf die Leviten, die auch als eigene Gruppe im religiösen Judentum existieren, und die haben beim Lesen der Tora Vortritt vor allen anderen Juden.

Noch nie in meinem Leben habe ich mich so deplatziert, so ahnungslos, so fremd gefühlt. Es ist eine ganz besondere Erfahrung, und die Flucht nach vorne, also sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, ist hier fehl am Platz, weil ich sofort durchschaut werden würde, ja, schon längst durchschaut wurde. Der Oberrabbiner scheint meine Unsicherheit nicht nur zu spüren, er sieht sie wohl auch. Er kommt vom Altar herunter und sagt in die Runde: »Er wird heute unserem Morgengebet beiwohnen, und um 8 Uhr werden wir ihn dann beschneiden.«

Das erheitert alle bis auf mich, meine Verkrampfung löst sich nicht wirklich durch diesen Scherz. Zumindest bete ich, dass es ein Scherz war. Immerhin verändert sich durch das Einschreiten des Oberrabbiners etwas unter den Gläubigen, ein paar von ihnen beginnen mir plötzlich zu helfen, ich habe nun eine Tora vor mir, die eine deutsche Übersetzung hat, während auf der rechten Seite die fünf Bücher Mose in hebräischer Schrift abgedruckt sind. Das Ganze nützt mir aber nichts, weil auf Hebräisch gebetet wird. Hinter mir wird mir dauernd zugerufen, Seite 69, Seite 48, Seite 98, es wird sehr viel hin- und hergesprungen zwischen den Seiten, das ist das Einzige, was mir auffällt. Zusätzlich stehe ich einfach immer auf, wenn alle anderen aufstehen und setze mich wieder hin, wenn alle anderen sich auch hinsetzen. Das machen übrigens viele Katholiken in ihrer eigenen Kirche auch nicht anders. Als jemand beginnt, Opfergeld einzusammeln, erinnert mich das ebenfalls an den katholischen Gottesdienst. Das ist meine Chance, mich etwas beliebt zu machen, und ich spende zehn Euro. Den Mann zwei Reihen hinter mir beeindruckt das scheinbar gar nicht, er zückt einen grünen Schein und spendet hundert Euro. Dafür weiß er im Gegensatz zu mir wenigstens, für wen oder was er gespendet hat.

Ich will gerade in der Tora weiterlesen, als von der Seite schon wieder jemand ruft: »Seite 54 sind wir schon.« Der Oberrabbiner schreitet ein, gibt mir ein anderes Buch und sagt: »Nimm das, und lies einfach etwas darin.« Das mache ich, aber wenig später kommt der Mann hinter mir wieder und sagt: »Das ist das falsche Buch.« »Aber der Oberrabbiner hat es mir in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll darin lesen«, versuche ich mich zu entschuldigen. Das Argument zählt: »Gut, wenn das der Oberrabbiner sagt, dann passt das. Der Oberrabbiner ist schlauer als alle anderen.« Dann geht er wieder zurück an seinen Platz. Überhaupt ist der jüdische Gottesdienst ein sehr lebendiger. Es wird ein paar Minuten lang innig gebetet, dann geht der eine zum anderen und bespricht etwas. Es geht nicht nur um die Auslegung der Tora, sondern auch um ganz banale Sachen wie darum, wer wo Silvester verbringt. Und dabei zieht man sich oft gegenseitig auf.

Plötzlich betritt ein orthodox aussehender Jude die Synagoge. Er ist ganz in Schwarz gehüllt, trägt einen schwarzen Hut und einen langen Bart, und beginnt, alle zu segnen. Ich kann von verschiedenen Seiten das Wort »meschugge« hören. Jetzt bin ich an der Reihe, ich werde auch gesegnet, aber es passiert nicht umsonst, er will Geld von mir. Ich weiß nicht, ob das ein bestimmtes Ritual ist oder nicht, auf jeden Fall bin ich jetzt meinen zweiten Zehner los.

Der Oberrabbiner kommt erneut vom Altar runter in den Gang. »Der kommt einmal im Monat in die Synagoge und segnet uns, das kostet fünf Euro. Ich sehe, du hast ihm zehn Euro gegeben, auch gut, kann er dich zwei Mal segnen.« Ich bekomme so meinen zweiten Segen und der Oberrabbiner sagt zu mir: »Vielleicht nützt es nichts, aber schaden tut es auch nicht.«

Ernster wird es dann wieder bei der wichtigsten Passage des Morgengebets. Die Tora wird ausgehoben. Sie scheint sehr schwer zu sein, denn beim Rausholen der Tora packen gleich drei Leute mit an.

Danach werden Gläubige eingeladen, die Tora zu berühren. Nachdem die Tora wieder in den Schrein gewandert ist, scheint das Morgengebet langsam sein Ende zu finden. Ich habe viele aufregende Momente hier erlebt und dabei das Gefühl für Zeit und Raum verloren. Es könnte auch schon Nachmittag sein, so viel ist passiert. Der Oberrabbiner packt jedoch seine Sachen zusammen und geht den Mittelgang in Richtung Ausgang, nicht ohne seinen Abgang mit seinem typischen Humor zu verfeinern. Er bleibt neben mir stehen und sagt: »So, du bist jetzt ein frommer Jude, du musst noch bleiben. Ich bin Oberrabbiner, ich darf schon gehen.« Wenig später sind aber auch die anderen am Weg nach draußen. Und dort wartet noch eine kleine Überraschung. Weil Chanukka ist, gibt es für jeden einen Krapfen und, zu meiner Verwunderung, auch einen Wodka. Und das um 8 Uhr früh. Langsam beginnt mir das Judentum richtig zu schmecken. Ob mir auch die Umstellung auf die koschere Ernährung gelingt, wird sich zeigen.

Ich bin ganz koscher
Wenn das Neujahrsschwein Glück hat

Ein paar Frankfurter mit einem Pita-Brot und einem Bier dazu, das ist mein heutiges Abendmenü. Und es ist durch und durch koscher. Die Frankfurter Würste sind nicht aus Schweinefleisch, sondern vom Truthahn und außerdem von einem koscheren Fleischer hergestellt. Das Pita-Brot, wie Brot und Gebäck im Allgemeinen, ist auch koscher. Außer es wird gerade Pessach gefeiert, jenes Fest im Judentum, das an den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. In dieser Zeit sind Buchweizen, Roggen, Weizen, Gerste und Hafer und logischerweise alle Produkte, die daraus gemacht werden, also zum Beispiel Bier, verboten. Die Israeliten waren beim Auszug aus Ägypten derart in Eile, dass keine Zeit mehr blieb, ungesäuertes Brot herzustellen.

Da ich meine Zeit als Jude nicht zu Pessach verbringe (im Übrigen bedeutet das so viel wie hinwegschreiten oder verschonen) ist dieses Thema für mich sozusagen gegessen. Dafür habe ich aber viele andere Fragen an den Oberrabbiner, die ich ihm bei einem unserer Treffen im Café Hawelka stelle.

»Brauche ich einen zweiten Kühlschrank?«

»Nein, den brauchen Sie nicht.« Nach meinem durchaus überraschten Blick führt Paul Eisenberg fort: »Sehen Sie, haben Sie schon wieder Geld gespart. Es reicht, wenn Sie das Fleisch in einer eigenen geschlossenen Box im Kühlschrank getrennt von den Milchprodukten aufbewahren.«

»Brauche ich ein eigenes Geschirr und ein eigenes Besteck für Milch- und Fleischprodukte?«

Der Oberrabbiner nickt. »Das brauchen Sie. Die Vermischung von Milch- und Fleischprodukten passiert erst so richtig durchs Kochen. Obst und Gemüse hingegen sind neutral, die können Sie immer essen.«

Beim ersten Mal Hören klingt das alles viel komplizierter, als es ist. Vereinfacht merke ich mir, Fleisch und Milch werden ganz getrennt, ob im Kühlschrank, beim Kochen, in den dazugehörigen Kochtöpfen oder auf den Tellern.

Warum aber das Ganze? Nun, die Antwort ist, wie immer im Judentum, in der Tora zu finden. Dreimal schreibt sie vor, ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter zu kochen (Exodus 23,19; 34,26 sowie Deuteronomium 14,21).

Damit wieder zurück zum Oberrabbiner und meinen Fragen. »Ich habe im Internet eine Liste gefunden, in der unzählige koschere Produkte aufgezählt sind. Was hat es mit der auf sich?«

»In der Bibel gibt es eine ganze Liste. Aber wenn Sie koscher leben wollen, dann gehen Sie ganz einfach in die koschere Bäckerei, in die koschere Fleischerei, oder in Geschäfte, wo andere koschere Produkte sind. So gehen Sie auf Nummer sicher«, so der Oberrabbiner ganz pragmatisch. Damit sind meine Fragen zum koscheren Essen fürs Erste beantwortet. Ich wusste schon vor meiner Einführung durch Rabbi Eisenberg, dass Juden kein Schweinefleisch essen, also habe ich das mit Jahresbeginn sofort weggelassen. So gesehen hat zu Neujahr das Schwein nicht mir, sondern zur Abwechslung ich dem Schwein Glück gebracht. Blöderweise hatte ich ein paar Tage zuvor am Heiligen Abend von meiner Tante jede Menge an Speck und Salami geschenkt bekommen. Mit den Essensvorräten kann ich wenigstens eine gute Tat vollbringen, wie es Brauch ist für Juden am Beginn des Pessachfestes. Sie schenken dann Brot an Nicht-Juden. So erfreut sich in diesem Monat vor allem mein Nachbar daran, dass ich Jude geworden bin. Und das mit der guten Tat ist ebenso erledigt.

Warum darf ein Jude kein Schwein essen? Ich schlage wieder in der Tora nach. Im Kapitel 11 des Buches Leviticus finden sich genaue Anweisungen, welche Tiere gegessen werden dürfen und welche nicht. »Alles, was behuft ist und gespaltene Klauen hat und wiederkäuend ist unter den Vierfüßigen, das dürft ihr essen.« Und im 3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 3 und 4, steht weiter ausgeführt: »Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht, darum soll’s euch unrein sein.«

Als unrein gelten ebenso Pferd und Esel, das Kamel, der Hase und alle fleischfressenden Tiere. Bleibt noch das Geflügel. Hier gibt es auch Verbote in der Tora, erlaubt ist in jedem Fall Huhn, Ente, Gans, Taube und Truthahn. Also Adler, Falken und Uhus muss ich in diesem Monat von der Speisekarte streichen. Zu den Meerestieren finden wir im Buch des Leviticus im Kapitel 11 die Anweisung, dass man alles essen kann, »was Flossen und Schuppen hat«. Hummer, Krabben, Tintenfische, Austern und Muscheln sind auf keinen Fall koscher. Das heißt, die Pizza mit Meeresfrüchten fällt auch flach. Wie gesagt, Schweinefleisch habe ich gleich mal weggelassen und mich zur Sicherheit die ersten Tage im Jahr 2017 komplett vegetarisch ernährt.

Mit diesem Wissen geht es in den 2. Wiener Gemeindebezirk, jenen Bezirk, in dem die meisten Juden in Österreich leben. Daher finden sich dort auch einige koschere Geschäfte. Ich betrete in der Kleinen Sperlgasse das »Koscherland«, einen koscheren Supermarkt. Der Name ließ mich an einen großen Supermarkt denken, doch das »Koscherland« ist nur etwas größer als ein Kiosk. Dennoch bin ich überfordert, weil ich mir keine Einkaufsliste geschrieben habe. Somit bleibt mir nichts anderes übrig, als wahllos ein paar Produkte von den Regalen zu räumen. Ich kaufe einen Wein namens Hermon (koschere Weine können nur unter Aufsicht eines Rabbis hergestellt werden), Pita-Brot, Melanzani-Salat, Bier, die bereits erwähnten Würstchen sowie koschere Zahnpasta und einige Plastikboxen zur Trennung von Milch- und Fleischprodukten. Für den Einkauf zahle ich bei der sympathischen Frau an der Kassa 70,99 Euro, was mir etwas viel vorkommt.

Zu Hause angekommen, räume ich den Einkauf nicht gleich in den Kühlschrank. Zunächst putze ich den Kühlschrank und überlege mir, wie man Fleisch und Milch am besten trennen kann. Die Lösung ist nicht so schwer, das Fleisch kommt ganz rauf, die Milch ganz runter, dazwischen andere Sachen wie Getränke. Sollte doch einmal eine Milch oder ein Joghurt ausrinnen, dann ist das Fleisch nicht davon betroffen. Ich merke, dass ich beginne, wie ein Jude lösungsorientiert, aber auch detailverliebt zu denken.

Eine Lösung für das Kochgeschirr muss auch her. Es muss auf jeden Fall etwas neu gekauft werden. Das heißt, auf die Einkaufsliste kommen zwei Pfannen, zwei Kochtöpfe, neue Teller und neues Besteck. Die Ausgaben steigen. Dabei geistert doch immer die Aussage »als Jude wird man reich« herum. Ich kann das bisher absolut nicht bestätigen.

Daher habe ich für mein nächstes Problem eine unorthodoxe Lösung. Ganz konsequent und im Idealfall müsste ich mir auch noch einen zweiten Herd und einen zweiten Geschirrspüler anschaffen, jeweils einen für das Geschirr, das mit Fleisch, und einen für das Geschirr, das mit Milch in Berührung gekommen ist. Es wäre aber nicht nur eine Geld-, sondern auch eine Zeit- und Platzfrage, denn bis die Küche dementsprechend umgebaut wäre, ist auch mein Monat als Jude vorbei. Daher wird der klassische österreichische Kompromiss gewählt. Es wird weiterhin ein Herd benützt, aber beim Abwaschen wird das Geschirr, das mit Fleisch zu tun hat, in den Geschirrspüler gesteckt, und das Geschirr, das mit Milchprodukten in Berührung kommt, wasche ich mit der Hand ab.

Die koscheren Frankfurter, die ich mir heute zubereite, sind mein erstes Fleisch im neuen Jahr. Fleisch soll eher die Ausnahme als die Regel bleiben.

Das hat wenig bis nichts mit der Schächtung zu tun, also der Art und Weise, wie die rituelle Schlachtung durchgeführt wird. Der koschere Schlachter macht hier einen einzigen großen Schnitt an der Halsunterseite und lässt danach das Tier komplett ausbluten. In der Tora steht geschrieben, dass man darauf achten soll, mit dem Fleisch kein Blut zu essen, weil sich im Blut die Seele des Tieres befindet. Über diese Art der Schlachtung gibt es einen ewigen Streit zwischen Tierschützern, die sagen, dass es sich hier um eine besonders grausame Art des Tiertötens handelt, während die Schlachter und Gläubigen, nicht nur im Judentum, sondern auch im Islam behaupten, diese Art ist eine sehr tierfreundliche Lösung, da es mit einem Schnitt vorbei ist und das Tier danach sofort das Bewusstsein verliert. Kritisiert wird vor allem, dass das Tier vor diesem Schnitt in den Hals nicht betäubt wird. Der jüdische Glaube lehnt dies jedoch insofern ab, da durch die Betäubung das Tier verletzt wird und dadurch das Fleisch nicht mehr zum Verzehr geeignet ist.

Diese Diskussion ums Thema Schächten wurde von mir vermutlich sehr vereinfacht wiedergeben. Die gesetzliche Regelung sieht in Österreich zurzeit jedenfalls so aus, dass alle Schlachttiere unmittelbar nach dem Schächtschnitt sofort wirksam zu betäuben sind. Schächtungen dürfen nur in einem dafür zertifizierten Schlachthof unter Beisein eines Tierarztes stattfinden. Meiner Meinung nach wäre eine Betäubung vor dem Schächtschnitt sinnvoller und viel tierfreundlicher. Dieser Ansicht sind im Übrigen auch viele sogenannte Reformjuden, die eine solche Vorgehensweise bevorzugen.

Ich finde überhaupt, dass jede Form, ein Tier zu schlachten, für das Tier wohl nicht sonderlich angenehm sein kann, aber wie auch immer. Der Plan für mein koscheres Leben in den nächsten Tagen ist gemacht. Zumindest für das Leben zu Hause, wie ich mich auswärts anstelle, wird sich erst zeigen. Vielleicht hilft mir hier wieder einmal der jüdische Witz. Koscher heißt, das wurde noch gar nicht erwähnt, tauglich, geeignet, rein und sauber und umgangssprachlich auch einwandfrei oder unbedenklich. Soweit vielleicht bekannt. Bis vor Kurzem hatte ich aber keine Ahnung, dass es auch ein Gegenteil von koscher gibt. Es ist das Wort »trefe« oder auch »treife«, das dann logischerweise so viel bedeutet wie nicht geeinigt oder unrein.

Aber selbst dieses Nicht-Wissen kann man sich zunutze machen. So waren einmal zwei Juden in Ungarn unterwegs und trafen auf eine Bäuerin, die ihnen eine leckere Salami anbot. »Schade, dass die Würste trefe sind«, meinte einer der Juden. »Unsinn«, sagte der andere, »ich werde Ihnen gleich beweisen, dass die Würste koscher sind.« Er winkte die Bäuerin heran und fragte sie streng: »Haben Sie trefene Würste?« Die Bäuerin, die das Wort noch nie gehört hatte, antwortete: »Nein!« Der Jude drehte sich triumphierend um: »Siehst du! Dann muss die Salami koscher sein!«

Sabbatpremiere
Am siebten Tage sollst du ruhen

Im bayrischen Eggenfelden geht gerade die Sonne unter. Damit beginnt mein erster Sabbat. Heute Abend ist im Landkreistheater an der Rott die Musical-Premiere von Evita. Bei dem Stück führt meine Schwester Elke Regie.

Am Sabbat darf ein gläubiger Jude nicht arbeiten, darf er sich aber passiv unterhalten lassen? Bereits bei unserem ersten Treffen im Café Hawelka habe ich das Thema mit dem Oberrabbiner diskutiert. »Ich bin ja Kabarettist. Darf ich am Sabbat auftreten, Herr Oberrabbiner?«

Der Oberrabbiner blickt mich etwas verständnislos an und schüttelt den Kopf. »Nee.« Diese Antwort habe ich leider erwartet. Ich gehe in Gedanken meinen Jänner-Spielplan durch und überlege, ob ich irgendwann an einem Freitag auftrete.

Zögerlich stelle ich die nächste Frage: »Darf ich selber ins Kabarett oder ins Theater gehen?«

»Kommt drauf an. Wenn Sie eine Freikarte bekommen, dann ja. Sonst nicht.« Ich atme durch, denn meine Schwester hat mich eingeladen. Doch Eisenberg ist mit seinen Ausführungen noch nicht fertig.

»Über den Sabbat und seine Regeln wird so viel erzählt, aber das Wichtigste ist, und das können Sie sich merken: Über allem steht das Leben. Dann kann jede Regel gebrochen werden. Wenn jemand zum Beispiel kurz vorm Verhungern ist und es ist nur ein Schweinsschnitzel da zum Essen, dann darf er das essen.«

»Was sind sonst noch Grundregeln, an die ich mich halten soll? Kein Handy, kein Fernseher?«

»Ja, kein Fernseher, kein Handy«, sagt der Oberrabbiner. »Autofahren soll man am besten auch nicht, weil es anstrengend ist. Außer es handelt sich um eine kurze Fahrt in die Synagoge«, fügt Eisenberg mit einem Augenzwinkern hinzu. »Wenn Sie dringend jemanden ins Krankenhaus fahren müssen, dann dürfen Sie natürlich Autofahren. Wie gesagt, das Leben steht über allem. Mitfahren ist immer erlaubt.« Und dann sagt der Oberrabbiner, was für mich den bedeutendsten Teil des Sabbats darstellt.

»Wichtig ist, sich am Sabbat Gott, seiner Familie und seinen Freunden zu widmen. Jeder Jude muss für sich selbst wissen, wie er seinen Sabbat anlegt.« Orthodoxe Juden legen den Sabbat so streng wie möglich und nach jahrtausendalten Gesetzen an.

So streng wird es bei mir eher nicht werden. Beachten muss ich zunächst die Sonnenuntergangszeiten. Der Sabbat dauert von Freitagabend bis zum Samstag. Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. In dieser Zeit werde ich weder Fernseher noch Smartphone einschalten. Kein WLAN am Sabbat, der Draht zu Gott muss reichen. Das Thema Autofahren werde ich folgendermaßen lösen: Ich fahre am Freitagvormittag mit meiner Familie nach Eggenfelden, da ist noch kein Sabbat. Problematischer ist die Rückfahrt, da ich vor Sabbatende wieder in Wien sein muss. Mitfahren ist ja erlaubt, also wird meine Freundin Heidi den 300 Kilometer langen Rückweg übernehmen.

Den Synagogenbesuch lasse ich aus, weil keine in der Nähe ist. Allerdings habe ich meine Kippa und Tora dabei und werde zu Sabbatbeginn eine Stunde in der Tora lesen. Zeit für Gott ist also eingeplant, genauso wie für die Familie.

Die erste Hürde muss ich bereits bei der Begegnung mit meiner Familie überwinden, als meine Schwester sagt: »Setzt euch zum Essen! Ich habe einen Schweinsbraten gemacht.« Gott stellt mich also auf die Probe, jetzt muss er mir auch beistehen. Es gilt, den eingeschlagenen Weg nicht zu verlassen.

»Elke, Schweinefleisch ist für mich tabu.« Ich beginne meiner Familie von meinem Experiment zu erzählen. Meine Mama schaut mich verdutzt an und sagt: »Du warst schon immer etwas verrückt, aber jetzt hat’s dich erwischt.« Darauf habe ich die passende Antwort. »Im Gegenteil. Ich bin jetzt zum ersten Mal koscher.« Für mich werden also nur Kraut und Knödel serviert und mein Dasein als Jude wird von meiner Familie nicht nur akzeptiert, sie beginnt sich sogar dafür zu interessieren. Ich bin selbst überrascht, was ich alles vom Judentum mitgenommen habe, als ich von den ersten Tagen erzähle. Übernachten werde ich mit Freundin und meiner kleinen Tochter in einem Hotel, wir sind pünktlich zu Sabbatbeginn um 16:30 Uhr im Zimmer. Ich brauche oft tagelang keinen Fernseher, aber hier im Hotelzimmer würde ich gerne sofort zur Fernbedienung greifen und alle Kanäle rauf- und runterzappen. Doch der Versuchung kann ich ebenso widerstehen wie zuvor dem Schweinsbraten. Stattdessen widme ich mich der Tora und beginne im ersten von insgesamt fünf Büchern Moses zu lesen, der Genesis, die Schöpfungsgeschichte. Bald bin ich vertieft, und wenn nicht die Evita-Premiere rufen würde, ich würde wohl länger als die eingeplante Stunde in der Tora verweilen.

Mein Smartphone habe ich bereits eine Stunde vor Sabbatbeginn ausgeschaltet. Es war ein nahezu feierlicher Akt. Während ich also keine Anrufe entgegennehmen oder Nachrichten verschicken muss, bemerke ich, wie ich mich durch mein Smartphone oft mit vielen Leuten beschäftige, nur nicht mit denen, die gerade da sind.

Doch an diesem Abend kann ich mich ganz auf die anwesenden Menschen konzentrieren und vor allem auch auf das Stück. Dem Sabbat sei Dank. Evita wird ein Erfolg, die Premiere wird bejubelt und beklatscht, ich freue mich für meine Schwester, die ich nach dem Stück im Theatercafé umarme. Ich stoße mit ihr mit einem Weißbier an. Dann fällt mir ein: Ob Alkohol am Sabbat erlaubt ist oder nicht, habe ich gar nicht gefragt. Glauben heißt bekanntlich nicht wissen, und weil ich es nicht weiß, glaube ich einmal, dass ein Bier am Sabbat erlaubt ist. Auf alle Fälle hier in Bayern. Der nächste Tag wird genauso eingehalten, wie ich ihn geplant habe, und so ziehe ich am Samstagabend Bilanz über meinen ersten Sabbat. Er war tatsächlich richtig erholsam, quasi ein 24-Stunden-Urlaub mit Tora lesen. Hat es was mit dem Judentum zu tun, oder habe ich nur gut abschalten können, weil auch mein Smartphone abgeschaltet war? Um die Antwort dafür zu bekommen, habe ich noch drei Sabbats Zeit. Meine Vorfreude auf den nächsten ist jetzt schon groß.

Synagoge statt Streif
Mein Tora-Wunder

Meinen dritten Sabbat möchte ich, nachdem ich den zweiten einfach mit Lesen in der Tora und sonstigem Nichtstun verbracht habe, so streng wie möglich begehen. Wir verzichten in unserer Wohnung komplett auf elektrisches Licht und benützen keine elektrischen Geräte wie die Waschmaschine oder den Geschirrspüler. Ausnahme: Eine Herdplatte darf für den Brei von Ivy aktiviert werden, sonst wäre es wohl rasch vorbei mit der Ruhe am Sabbat. Smartphone und Internet sind sowieso tabu, das ist nach zwei Sabbats schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich ärgere mich, dass zu wenig Zeit war, um ihn noch ordentlicher vorzubereiten oder zumindest pünktlich zu starten.

Heidi muss noch einiges erledigen und ist noch nicht zurück. Doch ohne die Frau des Hauses kann der Sabbat nicht begonnen werden, denn 18 Minuten vor Beginn des Sabbats sind die Sabbatkerzen anzuzünden. Grundsätzlich gibt es zwei Kerzen, die jeweils für Mann und Frau stehen, mittlerweile wird für jedes Familienmitglied eine Kerze angezündet. Traditionellerweise zündet die Frau diese Kerzen an, außer ein Mann lebt alleine in einem Singlehaushalt, dann muss natürlich er die Sabbatkerzen anzünden. Heute hätte dieses Ritual um 16:18 Uhr stattfinden sollen, es ist aber nun bereits knapp nach 17 Uhr, als ich die Wohnungsschlüssel höre und Heidi nach Hause kommt. Wenn die Tora wortwörtlich ausgelegt werden würde, dann hätte ich jetzt vielleicht ein ernstes Problem, denn im 2. Buch Mose, im Exodus, steht Folgendes:

»Und der Ewige sprach zu Moscheh, indem er sagte: Du aber rede zu den Söhnen Jisraels und sprich: Nur meinen Sabbat müsset ihr halten, denn ein Zeichen ist es zwischen mir und euch für eure Geschlechter, dass ihr erkennet, dass ich der Ewige, der euch heiliget. Und haltet Sabbat, denn heilig ist er euch. Wer ihn entweiht, soll getötet werden.«

Sehr freundlich und großherzig klingt das nicht gerade, aber ich hoffe, Gott sieht über unsere Unpünktlichkeit hinweg oder zumindest gerade nicht auf die Uhr. Die Zeremonie kann beginnen. Heidi zündet die Kerzen an, danach führt sie beide Hände in einer Kreisbewegung zu ihren Augen und hält diese zu. Nun ist es Zeit für sie, den Segensspruch aufzusagen. Leider kann ihn keiner von uns auswendig und ich habe auch vergessen, ihn auszudrucken. Was aber ohnehin sinnlos wäre, weil Heidi die Hände vor ihren Augen hat und ihn nicht lesen könnte. So wünschen wir uns einfach »Good Schabbes«, eine Mischung aus dem englischen Wort für gut und dem jiddischen Wort für Sabbat. Zwei Wörter, die sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde am Sabbat vor allem zur Begrüßung in der Synagoge sagen. Doch die drei Sabbatkerzen sind nicht die einzigen, die meine Freundin anzündet. Es folgen noch einige mehr. Ich bin direkt verwundert, wie viele Kerzen sie bei uns gelagert hat. Sollte dem Flughafen Wien-Schwechat einmal das Licht für eine Landebahn ausgehen, könnten wir mit unseren Kerzen locker aushelfen. Mit jeder Kerze, die brennt, so habe ich das Gefühl, werde ich innerlich ruhiger.

Jetzt gilt es, sich nur nicht anzustrengen. Es gibt sogar Juden, die das Streichholz beim Kerzenanzünden nicht ausblasen, sondern warten, bis es von selbst erlischt, weil das Ausblasen zu anstrengend sein könnte. Eine Besonderheit bei den orthodoxen Juden ist auch der sogenannte Sabbatlift. Dieser ist so programmiert, dass er automatisch von oben nach unten fährt und in jedem Stockwerk stehen bleibt, damit kein Jude einen Knopf betätigen muss. Diesen Sabbatlift findet man in Krankenhäusern, Wohnhäusern, auch in Synagogen und Hotels, allen voran natürlich in Israel. Im Jahr 2001 wurde dort sogar ein Sabbat-Aufzugsgesetz verabschiedet, das für die Planung und den Bau aller Wohngebäude sowie öffentlicher Gebäude, die über mehr als einen Aufzug verfügen, zur Einrichtung eines Steuermechanismus für Sabbat (Sabbat-Modul) in einem der Aufzüge verpflichtend vorsieht.

Die Lösung muss manchmal aber gar keine technische sein, sondern kann allzu menschlich ausfallen, indem man einen sogenannten Sabbat-Goi beschäftigt. Als Goi werden alle Nicht-Juden bezeichnet. Und so kann zum Beispiel in einem großen Hotel einfach ein Sabbat-Goi beauftragt werden, die Liftknöpfe für Juden zu drücken. Die Treppe nehmen kommt gar nicht infrage, weil das viel zu anstrengend ist. Für mich persönlich ist es allerdings anstrengender, an all die Regeln zu denken und die Vorbereitungen dafür zu treffen als einfach gar nichts zu tun.

Eine solche Vorbereitung hätten wir auch für die Sabbat-Mahlzeiten treffen sollen: Drei Mahlzeiten vorkochen und auf eine Wärmeplatte stellen. Bei uns fehlt es gerade an beidem, an den drei Mahlzeiten und an der Wärmeplatte. Aber es fehlt mir nicht an Kreativität, und so wird der gute österreichische Kompromiss gewählt: Es wird einfach nicht warm gegessen, sondern kalt gejausnet. Zumindest habe ich mit meiner Freundin jetzt, nachdem Ivy bereits tief und fest schläft, ein romantisches Candle-Light-Dinner in der eigenen Wohnung, oder besser gesagt eine Candle-Light-Jause. Kornspitz bei Kerzenschein.

Ich widme mich also meiner Familie, wie es der Sabbat vorschreibt. Und jetzt kommt das Beste: Es gibt das Gebot, am Sabbat Sex zu haben. Da kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Den Liftknopf zu drücken ist nicht erlaubt, Sex jedoch schon. Aber vielleicht strengen sich manche beim Sex noch weniger an als beim Drücken des Liftknopfes. Dieses Gebot betrifft allerdings nur Ehepaare, und nachdem ich nicht verheiratet bin, bleibt mir nun nichts anderes zu tun, als meine Liebe Gott zu widmen. So klingt der Abend beim Toralesen im Kerzenschein aus. Anstelle von Musik höre ich das leise Schnarchen von Heidi, die neben mir auf der Couch eingeschlafen ist. Einige Bibelstellen später schleiche ich dann wie ein Nachtwächter durch die Wohnung und blase alle Kerzen aus. Und nachdem es so viele sind, verbrauche ich dabei mindestens so viel Luft wie bei einem Halbmarathon.

8 Uhr nächster Tag. Viele Skifans sind unterwegs zur Streif, heute findet wieder der legendäre Abfahrtsklassiker in Kitzbühel statt. Ich werde das Rennen nicht einmal im Fernsehen verfolgen können, für mich heißt es heute Synagoge statt Streif. Ich würde mein Experiment als Jude nicht ernst nehmen, wenn ich nicht auch einmal einen Sabbatgottesdienst besuchen würde. Im Vergleich zum Morgengebet, das um 7 Uhr abgehalten wird, findet der Sabbatgottesdienst erst um 9 Uhr statt, dafür wird er nicht eine Stunde, sondern mitgestoppte zwei Stunden und 52 Minuten dauern. Ich habe mich bereits angemeldet und zusätzlich habe ich Raphael, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, als »Begleitschutz« mit dabei.

Die schönste Erfahrung mache ich bereits nach wenigen Minuten. Das Gefühl der Fremdheit, beinahe ein Gefühl der Angst, das ich noch bei meinem ersten Synagogenbesuch verspürt habe, ist komplett verschwunden. Das liegt auch daran, dass ich sofort freundlich aufgenommen werde. Ich treffe an der Garderobe wieder auf Mirko, einen Fahrlehrer aus Wien, der mir beim Morgengebet zu Beginn meines jüdischen Monats durch Zurufen der Seitenzahlen geholfen hat. Er freut sich, mich wiederzusehen. In der Synagoge sehe ich auch bekannte Gesichter, die mir schon beim Morgengebet begegnet sind. Wir geben uns die Hand und wünschen uns gegenseitig »Good Schabbes«. Ich weiß nicht, ob ich bei meinem ersten Morgengebet einen guten Eindruck hinterlassen habe, aber auf alle Fälle habe ich einen Eindruck hinterlassen. Von vielen werde ich sofort wiedererkannt. Das hilft mir sehr, mich heute in der Synagoge um einiges wohler zu fühlen. Auch kenne ich mich bereits besser aus und bin vorbereitet.

Ist mir beim ersten Mal meine Kippa noch zwei oder drei Mal runtergefallen, weiß ich mir mittlerweile mit einer Klammer zu helfen. Dieses Fettnäpfchen lasse ich diesmal aus, ebenso weiß ich, dass ich mich nicht auf den ersten Platz in der letzten Reihe setzen soll. Denn der Mann, der mich beim Morgengebet noch zurechtgewiesen hat, tat das völlig zu Recht. Immerhin habe ich mich damals auf den Platz des Shames, des Synagogendieners, gesetzt. Er hat die Aufgabe, für Ordnung in der Synagoge zu sorgen.

Heute ist die Synagoge fast komplett gefüllt, beim Morgengebet, zu Beginn meines Monats im Judentum, waren nur etwas mehr als ein Dutzend Leute anwesend. Auch viele Frauen befinden sich heute in der Synagoge, aber sie sitzen wie in der jahrtausendealten Tempelordnung einen Stock höher. Auf Nachfrage erklärt mir Mirko, dass das alles seinen Sinn hat. Die Geschlechtertrennung soll symbolisieren, dass jeder, egal ob verheiratet oder nicht, vor Gott gleich ist, und so kann auch kein Neid innerhalb der Synagoge entstehen.

Generell wird heute weniger untereinander gesprochen als noch beim Morgengebet. Das liegt vielleicht am Sabbat oder einfach daran, dass mein jüdischer Meister Yoda, Oberrabbiner Paul Eisenberg, fehlt. Er verbringt den Sabbat-Gottesdienst scheinbar woanders. Die Leitung übernimmt diesmal der nun amtierende Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde, Arie Folger, ein großgewachsener, überaus netter Belgier, der mir auch gleich zu Beginn »Good Schabbes« gewünscht hat. Neben ihm am Altar stehen der Oberkantor und dahinter der Chor. Es wird immer sehr viel gesungen während des Sabbat-Gottesdienstes. Mein Hebräisch hat sich weder verbessert noch verschlechtert, es ist konstant bei null geblieben. Aber dem liturgischen Ablauf kann ich besser folgen. Laute Gebete, stille Gebete, dann wieder ein Gesang, und ab und zu aufstehen und sich wippend nach vorne beugen. Langsam finde ich etwas rein, auch dank der Hilfe und den Anmerkungen von Mirko. Langsam steuern wir wieder auf den Höhepunkt des Gottesdienstes zu, der Aushebung der Tora. Das schöne blau-goldene Tuch hinter dem Altar wird weggezogen, der Schrein wird aufgemacht und die schwere Torarolle rausgeholt. Dann geht der Oberkantor, gefolgt vom Oberrabbiner Folger, eine Runde durch die Synagoge, dabei berührt jeder mit der Hand die Tora und küsst danach seine Hand. Der Oberrabbiner schüttelt einem danach die Hand.

Im Vergleich zum Morgengebet wird auch aus der Tora gelesen. Jeder liest die gleiche Stelle, aber jeder für sich. Nun erlebe ich wirklich einen mystischen Moment. Heute wird genau an jener Stelle zu lesen begonnen, an der ich gestern Abend bei mir daheim, im Schein der Kerzen, aufgehört habe. Das kann kein Zufall sein, immerhin hat die Tora, die ich mir gekauft habe, über 1100 Seiten. Da muss göttliche Fügung dahinter stecken. Ich bin wirklich perplex und muss das sofort Mirko zu meiner Linken zuflüstern. Er ist glaubenstechnisch viel stabiler als ich und nimmt mein persönliches Tora-Wunder cool zur Kenntnis. Stattdessen klärt er mich auf, dass im Kreislauf eines Jahres die ganze Tora einmal durchgelesen wird, jeden Gottesdienst am Sabbat ist eine andere Stelle dran. Irgendein kluger, mathematisch begabter Jude muss sich das wohl vor Tausenden Jahren ausgerechnet haben. In Gedanken bin ich aber noch dabei, zu begreifen, dass wir wirklich genau dort weiterlesen, wo ich gestern aufgehört habe. Vielleicht ist Gott gar nicht so brutal wie in vielen Stellen der Tora beschrieben. Vielleicht schenkt er mir etwas Zeit zurück, immerhin so viel Zeit, wie ich durch die Sabbatverspätung eingebüßt habe. Good Schabbes!

Wie geht es weiter?
Der Jude und das Jenseits

»Wenn einer einen Fuß amputiert bekommt, dann begraben wir zunächst gleich den Fuß. Und erst Jahre später den Rest des Körpers.«

Das klingt nach einem Ausschnitt aus einem Krimi von Simon Beckett oder Stieg Larsson, es ist aber Teil der jüdischen Begräbnisordnung.

Ich sitze im Verwaltungsgebäude des jüdischen Friedhofs beim Tor 4 des Wiener Zentralfriedhofs, Simmeringer Hauptstraße 244. Mir gegenüber, an seinem Schreibtisch, Chaim Tetruashvili, der Friedhofsleiter, ein frommer jüdischer Mann um die vierzig mit Bart und Kippa am Kopf. Ich höre gebannt seinen Schilderungen über jüdische Begräbnisse und das Leben nach dem Tod. »Männer müssen unbedingt eine Kopfbedeckung tragen«, steht mit weißer Schrift auf einer blauen Tafel am Eingangstor des Friedhofs. Da kann heute nichts falsch gemacht werden, ohne Haube frieren einem sowieso die Ohren ab. Ich weiß nicht, ob die Formulierung »saukalter Jännertag« koscher ist, aber anders kann ich es nicht ausdrücken.

Ich stelle Chaim Tetruashvili im Schutz des warmen Zimmers alle Fragen, die mir auf der Zunge liegen. »Stimmt es, dass Juden innerhalb von nur zwei Tagen beerdigt werden müssen?«

»Nein, wenn möglich wird das viel früher erledigt. Das Ziel ist, die Beerdigung so schnell wie möglich durchzuführen. Ein bis drei Stunden nach dem Tod. Am besten wäre es sogar, wenn jemand weiß, dass er stirbt, und sich gleich neben das Grab legt«, sagt Tetruashvili mit einem Schmunzeln. »Der Seele tut es einfach nicht gut, wenn die Beerdigung dauert. Daher dürfen Tote auch auf keinen Fall alleine sein, es muss immer jemand Totenwache halten.«

Dass es dafür im Judentum spezielle Regeln gibt, muss mir mittlerweile nicht mehr extra erzählt werden. Die Organisation eines jüdischen Begräbnisses übernimmt in Österreich nicht ein Bestattungsunternehmen, sondern die Israelitische Kultusgemeinde. Im sogenannten Tahara-Raum wird der Leichnam gewaschen. Tahara ist das Wort für Waschung. Danach kommt der oder die Tote in ein schlichtes Totengewand aus weißem Leinen. Der Sarg ist ein anspruchsloser Holzsarg, er soll auf keinen Fall prunkvoll ausfallen. Auch dadurch wird dem Gedanken Ausdruck verliehen, dass vor Gott alle Toten gleich sind.

Wie das Begräbnis selbst abläuft, hat mir davor schon Jiri Schreiber, der hier am jüdischen Friedhof seit 1970 Steinmetz ist, in seiner Werkstatt erklärt. Es ist im Grunde dem christlichen Begräbnis sehr ähnlich, es gibt allerdings keine große Anzahl von Grabrednern. In der Aufbahrungshalle spricht lediglich ein Rabbi oder ein Oberkantor über das Leben des Verstorbenen. Danach begleitet die Trauergemeinde den Toten zu seinem Grab. Hier wird nicht wie im Christentum nur ein kleines Schäuflein Erde von den Angehörigen auf den Sarg geworfen, nein, das Grab wird von der Trauergemeinde gleich komplett zugeschüttet. Zu einer zweiten Zeremonie kommt es meistens ein knappes Jahr später, bei der Enthüllung des Grabsteins, sagt mir der Steinmetz. Die beiden hebräischen Zeichen für »Hier ruht« müssen dabei auf dem Grabstein sein. In vielen Fällen wird auch der Name des Verstorbenen auf Hebräisch in Stein gemeißelt. Auf meine Nachfrage, ob seine Arbeiter denn Hebräisch können müssen, lächelt der ältere Herr mit weißem Bart und sagt: »Nein, dafür gibt es zum Glück Schablonen.«

Die Frage des Begräbnisses wäre also geklärt, nun stelle ich aber Chaim Tetruashvili die entscheidenden Fragen jeder Religion: »Wie geht es nach dem Tod weiter? Wie sieht das Jenseits aus?« Der sympathische Friedhofsleiter gibt mir zu meiner Überraschung zunächst die einzig richtige Antwort auf solche Fragen: »Ich kann es nicht genau sagen, ich war ja noch nie dort.« Nach einem kurzen Lachen von uns beiden fährt er fort: »Der Tote kommt danach vor Gott, dort wird ihm das Leben noch einmal wie in einem Film vorgeführt. Nichts wird ausgelassen, weil Gott alles sieht und mitbekommt. Und nach diesem Film gibt es ein Gericht. Dort wird über gute und böse Taten geurteilt.«

Auf meine Nachfrage, ob es einen genauen Strafenkatalog gibt, wie zum Beispiel: ein Seitensprung bedeutet ein Jahr Hölle, bekomme ich zunächst ein Kopfschütteln als Antwort: »Wir wissen nicht genau, für welche Taten es welche Strafen gibt. Aber wir versuchen, hier auf Erden eben so gut wie möglich zu leben. Jeder hat seine schlechten Seiten, selbst ein Rabbi, und dafür müssen wir im Jenseits büßen. Aber wir glauben auch fest daran, dass schlussendlich jeder erlöst wird.«

»Und wie sieht es mit der Wiederauferstehung der Toten aus? Wann passiert die?«, frage ich. »Wenn der Messias kommt«, antwortet Chaim. »Allerdings ist es eine schwierige Frage, was mit denen passiert, die zu diesem Zeitpunkt leben. Dürfen die einfach so weiterleben, ohne vor ein Gericht zu kommen?«

Eines ist allerdings für die gläubigen Juden klar: Wenn der Messias kommt, dann wird er das wohl im gelobten Land Israel tun. Auch aus diesem Grund veranlassen viele, dass sie nach ihrem Tod nach Israel überstellt werden. Es gibt auch den Brauch, dem Toten einen kleinen Sack mit Erde aus Israel beizugeben.

Auf jeden Fall ist es gut, wenn der Tote im Falle einer Wiederauferstehung alle seine Knochen zusammen hat. Davon handelt auch die Geschichte der Amputation zu Beginn dieses Kapitels. »Es sind auch keine Tattoos erlaubt, da wir Juden unseren Körper nicht verletzen dürfen.«

»Daher gibt es auch kein Krematorium bei Ihnen, oder?«, frage ich weiter. Der Friedhofsleiter nickt und antwortet: »Das ist strengstens verboten bei uns.« Der Steinmetz, der mit mir ins Verwaltungsgebäude gekommen ist, schaut erstaunt aus seiner tief ins Gesicht gezogenen Kappe raus. Er dachte, das Verbot der Einäscherung hat mit dem so traurigen Kapitel unserer Geschichte und den Verbrennungen der Juden während der Naziherrschaft zu tun. Aber unter dem Aspekt der Wiederauferstehung bekommen diese unbeschreiblichen Gräueltaten noch eine weitere tragische Seite.

Ich bedanke mich bei Chaim Tetruashvili für das Gespräch, ich bin nun wieder ein Stück schlauer geworden. Für mich geht es zurück, raus in die Kälte, aber die Sätze und Ausführungen lassen mich so schnell nicht los. Sie begleiten mich beim anschließenden Sparziergang durch den jüdischen Friedhof mindestens ebenso wie die eisige Kälte. Letztendlich geht es am Ende immer um einen selbst. Könnte ich mit so einem Jenseits leben? Der Glaube daran fällt mir ehrlicherweise nicht leicht. Wenn ich die ganze Zeit nachdenken muss, ob das, was ich gerade tue, gut oder schlecht ist und welche Auswirkungen es im Jenseits auf mich haben könnte, dann stehe ich gedanklich sozusagen schon mit einem Bein im Grab. Manchmal passiert das im Judentum ja wortwörtlich.

Gegen das Vergessen
Besuch im ehemaligen KZ Mauthausen

Ich möchte die Formulierung »göttliche Fügung« nicht leichtfertig verwenden, aber es ist erstaunlich, wie Ereignisse zueinander passen. Ausgerechnet gestern hatte der Oberrabbiner in seiner Torastunde Antisemitismus als Thema gewählt, als wollte er mich auf meinen heutigen Tag so gut wie möglich vorbereiten, den Besuch in der Gedächtnisstätte KZ Mauthausen.

Viel Schnee liegt in Mauthausen, als ich die Erinnerungsstraße zum Parkplatz hochfahre. Ich habe Angst vor dem, was mich in den nächsten zwei Stunden erwartet. Ich fürchte mich, mit diesem dunklen Kapitel österreichischer Geschichte konfrontiert zu werden. Ich war nie mit der Schule hier oder in einer ähnlichen Gedenkstätte, aber nun hole ich dieses Versäumnis nach. Im Eingangsbereich wartet Daniel Tscholl, ein langhaariger und bärtiger Mühlviertler, der mich in den nächsten zwei Stunden durch das ehemalige Konzentrationslager führen wird.

Daniel und ich gehen zunächst den verschneiten Weg entlang, der außerhalb an den Gebäuden vorbeiführt. Nach 200 Metern bleiben wir stehen, Daniel öffnet seine hellbraune Umhängetasche und holt Fotos und Pläne aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs heraus. Anhand dieser Unterlagen veranschaulicht Daniel eindrucksvoll, dass Mauthausen kein abgeschotteter Ort war, über den die Außenwelt nichts wusste. Zu Beginn verübten die Nazis in Mauthausen ihre Verbrechen tatsächlich hinter versteckten Mauern, aber schon bald haben sie diese nach außen geöffnet. Daniel erklärt mir das am Beispiel der Fußballmannschaft. 1943 wurde mitten im KZ ein Fußballplatz erbaut und die Mannschaft Mauthausen hat hier in der Oberösterreichischen Landesliga gespielt. Hunderte Fans sind jeden zweiten Sonntag vom Dorf raufgekommen, um bei Würstel und Bier die »beste Mannschaft, die Mauthausen je hatte«, wie ein Zeitzeuge von damals sagt, anzufeuern, während wenige Meter hinter dem Platz die KZ-Insassen im Krankenlager verstorben sind. Nichts war versteckt, das alles war gut sichtbar. Von der Tribüne aus hatte man einen guten Einblick auf das Krankenlager. Daniel zeigt mir auf der Karte, wo sich die Nebenlager in Gusen befunden haben. Mittlerweile sieht man davon schon lange nichts mehr, seit den 1950er Jahren wurden hier Wohnsiedlungen errichtet. Das führt mich zur Frage, ob ich an einem Ort wohnen würde, wo einst KZ-Gebäude standen. Daniel erzählt mir allerdings, dass ein KZ-Überlebender meinte, er findet es richtig schön, dass dort, wo einst so schreckliche Sachen passiert sind, heute Kinder spielen.

Wir gehen weiter Richtung Steinbruch, der ein Grund dafür war, genau hier ein KZ zu errichten. Die Steinbrüche in Mauthausen und in Gusen befanden sich im Eigentum der Gemeinde Wien, daher hat der Steinbruch in Mauthausen auch den Namen »Wiener Graben«. Unmittelbar nach der im März 1938 erfolgten Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen gab es eine Besichtigung dieser Steinbrüche von hohen SS-Leuten, an der Spitze Heinrich Himmler.

Bereits im August 1938 wurden die ersten 300 Häftlinge aus dem KZ Dachau nach Mauthausen übersiedelt. Daniel holt nun ein Foto heraus, das die Nazis von der sogenannten Todesstiege gemacht haben. Es ist ein Beispiel der schmutzigen Nazi-PR. Ich sehe Menschen, die scheinbar schwere Lasten schleppen, aber alles scheint in Ordnung zu sein, niemand liegt am Boden, niemand wird misshandelt. Die traurige Wahrheit ist eine andere. Durchschnittlich elf Stunden dauerte der Arbeitstag, der im Sommer um 4:45 Uhr und im Winter um 5:15 Uhr begann. 4.600 Häftlinge wurden, wenn sie keine Kraft mehr hatten, auf der Todesstiege erschossen, erschlagen oder ertränkt, weitere 2.300 Häftlinge wurden unter der kalten Dusche zu Tode gequält und gefoltert. Der erste jüdische Häftling kam am 29. September 1939 aus dem Konzentrationslager Dachau ins KZ Mauthausen. Bis März 1944 sind in das KZ Mauthausen/Gusen aus allen europäischen Staaten zunächst jene jüdischen Häftlinge eingeliefert worden, die von der Geheimen Staatspolizei angeblich wegen eines politischen Delikts »in Schutzhaft« genommen wurden. In Summe waren das 3.000 Häftlinge, von denen nur drei überlebten. Im Zuge der Eichmann-Aktion »Endlösung der Judenfrage« wurden vom April 1944 bis Mai 1945 22.942 namentlich erfasste jüdische Kinder, Frauen und Männer und etwa 10.000 namentlich nicht erfasste vorwiegend Budapester Juden ins KZ Mauthausen gebracht. Insgesamt haben bis zur Befreiung in den ersten Maitagen 1945 durch die US-Armee mindestens 103.000 Menschen aus allen europäischen Staaten im KZ Mauthausen und seinen Nebenlagern auf grausame Weise ihr Leben verloren. (Quelle: Mauthausen Komitee, Zirkusgasse 3/5/1, 1020 Wien)

Daniel und ich stehen mittlerweile in einer der damaligen Baracken und er erzählt vom täglichen Kampf um Brot, vom Leben auf engstem Raum, von den Quälereien der Kapos (KZ-Aufseher). Wir sprechen über den Verlust der menschlichen Würde, die dann selbst aus vielen guten Menschen Unmenschen machte. Die schwierigsten Orte im Memorial KZ Mauthausen stehen mir aber noch bevor: die ehemalige Gaskammer und die Verbrennungsöfen im Krematorium. Daniel zeigt mir das ehemalige Büro von SS-Hauptscharführer Martin Roth, der als Kommandoführer des Krematoriums hauptsächlich die Vergasungen durchführte und Listen darüber anfertigte. Nach jedem seiner Arbeitstage wusch er sich die Hände, fuhr in den Ort Mauthausen und aß mit seiner Familie zu Abend. Der Anblick der Verbrennungsöfen und der Duschhähne, verbunden mit dem Bewusstsein, was hier passiert ist, lässt mich verschämt zu Boden blicken. Ich merke, wie ich in manchen Momenten mit den Tränen kämpfe. Wir verlassen diese so traurigen Räume, es ist bitterkalt draußen. Was ist es nur für ein unsagbares Glück, dass ich Jahrzehnte später in einer warmen Winterjacke und Winterschuhen diesen Rückblick in die dunkle Vergangenheit machen kann und nicht selbst in ihr leben muss.

Wie so viele, denen die Gnade der späten Geburt zuteilwurde, möchte ich mir nicht anmaßen, zu sagen, wie ich mich verhalten hätte. Ich bin einfach nur froh, dass ich mich dieser Frage nicht stellen musste. Und ich habe einen riesigen Respekt vor allen, die Kraft und Mut genug hatten, um Widerstand zu leisten, auch wenn viele davon diesen Mut mit dem Leben bezahlt haben. Wir Nachkommen müssen von dieser Geschichte lernen. Diese Erinnerungen hochzuhalten wird immer schwieriger, vor allem, da uns auch bald die letzten Zeitzeugen abhandenkommen werden. Ich war immer der Meinung, dass ein ähnlich schreckliches Regime wie jenes der Nazis nie wieder möglich sein würde, aber je älter ich werde und je mehr ich aktuelle Entwicklungen verfolge, umso mehr fühle ich mich an diese schreckliche Vergangenheit erinnert, umso unsicherer werde ich. Wie Daniel am Anfang sagte, es passierte nicht nur hier, an einem isolierten Ort, wo der Rest der Welt nichts davon mitbekam. Nein, die Nazis waren während des Zweiten Weltkriegs wohl selbst überrascht, dass all ihre Gräueltaten so reibungslos durchgingen.

Beeindruckt, verwirrt und verstört steige ich ins Auto und fahre die Erinnerungsstraße zurück Richtung Autobahn. Die Gebäude des ehemaligen KZ Mauthausen verschwinden langsam im Rückspiegel, die Erinnerung an meinen Besuch wird bleiben. Viele Bilder werden mich in kommenden Nächten in meinen Träumen einholen.

Ich war dann mal Jude
Die Bilanz

»Bahur Tov« heißt guter Junge. So heißt auch das koschere Lokal in der Taborstraße 19 im 2. Wiener Gemeindebezirk, in dem ich mein Finale als Jude mit meiner Freundin und meiner kleinen Tochter begehe. Bei einem Teller mit Gemüse, Salat und Humus sowie einem Hühnerspieß und einem gespritzten koscheren Wein ziehe ich Bilanz. Was bleibt? Was hat mich geprägt? Woran bin ich gescheitert? War ich ein guter Junge im Judentum?

Vor allem freue ich mich, dass ich meinen Monat im Judentum durchgezogen habe. Das koschere Essen habe ich mit ein paar Kompromissen gut gemeistert. Daheim wurden Fleisch und Milch strikt getrennt, das eigens dafür angeschaffte Geschirr wurde nicht entweiht. Dafür hat vor allem Heidi gesorgt, das Thema koscheres Essen habe ich schleichend an sie abgegeben, ich hätte wahrscheinlich irgendwann den Überblick verloren. Ich habe auch kaum jemals zuvor einen Monat lang so wenig Fleisch gegessen wie in diesem. Da ich im Jänner viel unterwegs war, habe ich das Essen, das ich nicht daheim gegessen habe, vegetarisch gestaltet. So ging ich sicher, dass ich kein nicht koscheres Fleisch konsumiere. Komplett koscher, also auch mit eigenen Tellern und Töpfen zu essen, ist zwar nicht unmöglich, aber mit enormem Aufwand verbunden. Daher habe ich an meinem letzten Tag als Jude noch einen koscheren Hühnerspieß bestellt. Er schmeckt köstlich, aber irgendwie doch anders, als ich den Geschmack von Hühnerfleisch gewohnt bin. Vielleicht liegt es doch am Schächten. Das wäre auch noch ein Punkt auf meiner Liste gewesen, in einer koscheren Schlachterei vorbeizuschauen. Aber um ehrlich zu sein und keine Ausreden zu erfinden, davor habe ich mich dann doch gedrückt.

Acht italienische Juden betreten nun das Lokal, das auch für viele jüdische Feste in Wien gemietet wird. Sie sprechen eine Mischung aus Italienisch und Hebräisch. Die meisten von ihnen tragen, wie die restlichen Gäste und das Personal im Bahur Tov, eine Kippa. Wir haben das Gefühl, auf Urlaub zu sein. Urlaub und Erholung führt mich zum nächsten Punkt. Das Judentum hat bereits vor Jahrtausenden das Rezept gegen Burnout erfunden: den Sabbat. Vier davon habe ich mitgemacht, einen davon in einer strengen Version, drei Mal war ich eher ein »Wellness-Jude«. Auch am letzten Sabbat, den ich aufgrund eines Auftritts am Samstagabend (aber bitte nach Sonnenuntergang, also schon nach dem Ende des Sabbats) in Tirol verbracht habe. Wie immer ohne Handy, ohne Fernsehen, ohne Internet, aber ich war im Hallenbad schwimmen und mit meiner Tochter am Rodelhang. Elektrisches Licht habe ich auch verwendet, wobei die Glühbirnen des Gasthofes, in dem wir übernachtet haben, schwächer waren als Kerzenlicht. Es war aber in Summe näher am Sabbat 4.0 als an der orthodoxen Version. Das wäre nach diesen Erfahrungen auch mein persönlicher Zugang zum Sabbat.

Die Idee, einen Tag der Woche nur Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen, ohne Ablenkung, ist wunderbar. Dabei aber keinen Liftknopf drücken zu dürfen, halte ich für überholt. Einen Tag Ruhe geben, dafür muss man kein Jude sein. Das Geniale am Sabbat ist jedoch, dass er zwar nur 24 Stunden dauert, aber zwei Tage betrifft. So gibt’s am Freitag den Höhepunkt mit dem Beginn des Sabbats, auf den ich fast schon hin fieberte, und am Samstag ist es dann das Ende, auf das man wartet, um zum Beispiel endlich wieder alle Nachrichten am Handy checken zu können. Kein Handy zu verwenden hat mir nichts ausgemacht, der größte Verzicht waren Sportresultate im Live-Ticker. An einem Freitagabend nicht zu wissen, wie es gerade beim VSV, dem Eishockeyverein aus Villach, steht, war in manchen Momenten sehr hart. Hier hätte ich wirklich dringend einen Schabbes-Goi gebraucht.

Spätestens nach dem dritten Sabbat hat sich auch mein familiäres Umfeld daran gewöhnt. Ihnen ist es ähnlich gegangen wie mir zu Beginn mit dem Oberrabbiner. Bei ihm habe ich sofort gewusst, dass er ab Freitag Sonnenuntergang nicht erreichbar ist. So hat etwa letzten Freitag mein Schwager zu meiner Schwester in Bayern gesagt: »Du, in einer Stunde ist in Wien Sonnenuntergang, wenn du deinen Bruder anrufen willst, dann musst du dich beeilen.«

Es wäre also nicht so schwer, 24 Stunden nicht erreichbar zu sein. Und einmal in der Woche nicht auf Facebook sein, dafür hätte wohl sogar Marc Zuckerberg Verständnis. Der Gründer des sozialen Netzwerkes ist immerhin selbst Jude.

Allerdings ist für mich als Kabarettist der Sabbat an den falschen Wochentagen. Freitag und Samstag sind die zwei besten Spieltage. Ich hatte Glück, dass ich im Jänner die Freitage über spielfrei hatte und am Samstagabend der Sabbat schon vorbei war. In der Kabaretthauptsaison von Februar bis Mai bzw. von Mitte September bis Dezember ist aber quasi fast jeder Freitag besetzt. Und in den Sommermonaten fällt der Sonnenuntergang so, dass man weder an einem Freitag noch am Samstag spielen könnte. An keinem Sabbat aufzutreten wäre für meine Erholung gut, aber schlecht für meine Brieftasche. Und das wäre dann längerfristig auch wieder nicht gut für die Erholung. Dann würde ich nicht nur am Sabbat bei Kerzenlicht in der Wohnung sitzen.

Das koschere Lokal, in dem ich gerade das letzte Stück Hühnerfleisch vom Spieß runterkratze, hat natürlich am Freitag und Samstag geschlossen. Der Chef des Lokals, ebenso mit Kippa am Kopf, weiß nicht wirklich, woran er bei uns ist. Haben wir uns nur verirrt? Er merkt aber auch, dass wir doch etwas vertraut sind mit dem Judentum, uns mit dem koscheren Essen etwas auskennen. Juden, die rund um uns mit der Kippa sitzen, geben ein fast schon vertrautes Bild ab. Immer wieder fragt er: »Sind Sie zum ersten Mal bei uns?« Und er ist jedes Mal aufs Neue erfreut, wenn wir ihm sagen, wie gut es uns schmeckt.

Den Eindruck, den der Chef vom Bahur Tov von mir hat, ist wohl genau das richtige Bild und fasst meine Zeit im Judentum gut zusammen. Ich habe noch immer keinen Durchblick, aber einen ziemlichen Einblick bekommen. Meine kleine Tochter schaut fasziniert zum Fenster raus, es hat wild zu schneien begonnen. Ich bestelle als Nachspeise einen Espresso und dazu einen Apfelstrudel, weil ich wissen möchte, wie ein Apfelstrudel in einem koscheren Lokal schmeckt. Ich kann verraten: Er schmeckt, wie ein selbstgemachter Apfelstrudel immer schmeckt: einfach fantastisch. Nachspeise ist ein gutes Stichwort. Jetzt, wo ich mich etwas zurechtgefunden habe in dieser Kultur und dieser Religion, hätte ich noch gerne einen Nachschlag. Nicht jede Torastelle habe ich gelesen, den Talmud nur in Ansätzen. Darüber hinaus habe ich jetzt richtig Lust, nach Israel zu reisen, vor allem nach Jerusalem, um noch tiefer in das Judentum einzutauchen. Aber meine Abmachung mit mir selbst war ein Monat pro Religion. Und in diesem Monat gilt es herauszufinden, wie weit ich komme, wie viel ich in meinen Alltag erleben und erfahren kann. Mein Fazit: Ich werde immer ein Goi bleiben, denn mir fehlt die Vertrautheit mit der jüdischen Kultur. Obwohl es möglich wäre zu konvertieren, werde ich das also nicht tun.

Auch wenn das Lesen und das Studieren der Tora etwas wirklich Mystisches hatte, tritt mir Gott darin zu brutal auf. Zu oft kommen Wörter wie erschlagen oder ausrotten vor.

Wäre jetzt der Oberrabbiner Eisenberg neben mir, dann weiß ich, dass er mich nach allen Regeln seiner Kunst zerpflücken würde. Er würde mir zeigen, dass Gott nicht so brutal ist, wie er oft dargestellt wird. Deutungen der Tora durch Rabbis für die heutige Zeit und die Auseinandersetzung komplexer Fragestellungen sind etwas Spezielles im Judentum.

Nicht nur Paul Eisenberg bin ich dankbar, dass ich einen Monat lang Teil der jüdischen Welt sein durfte, auch wenn es nicht einfach für mich war. Ohne ihn sowie Olivia Pixner und Raphael Kanfer, die beide Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind und mir die Türen geöffnet haben, wäre ich wohl gar nicht so weit gekommen. Die Juden, die ich kennengelernt habe, hatten eines gemeinsam: Sie waren alle freundlich, höflich, aber auch vorsichtig, nahezu misstrauisch. Beim Versuch, zumindest einen halben Tag mit einer orthodoxen Familie zu verbringen, habe ich auf Granit gebissen. Oder, in diesem Falle, auf eine der zwei Steinplatten Moses.

Aber bei ihrer Geschichte ist diese Vorsicht bei den Juden wohl auch fast schon genetisch verankert, und das kann ich nur gut verstehen. Dazu passt die Geschichte, die mir ein junger Jude erzählt hat. Sein Opa, der ein Konzentrationslager überlebt hat, pflegte seiner Familie zu sagen, es muss immer ein fertig gepackter Koffer griffbereit sein, mit allem, was man zum Überleben braucht. Damit man jederzeit flüchten kann.

Der vielzitierte Neid auf Juden kommt vermutlich daher, und da mag ich nach diesem Monat vielleicht etwas befangen sein, dass sie schon immer schlauer waren als der Rest der Welt. Das liegt in ihrer Kultur, denn Juden wird beispielsweise von klein auf beigebracht, alles zu hinterfragen. So ist auch ihr Bildungssystem aufgebaut, und so geht es nicht nur in der Schule, sondern bei aller Treue zur Tora auch in der Synagoge zu.

Wenn Sie also einen Juden treffen und ihn fragen, warum ein Jude immer mit einer Gegenfrage antwortet, wundern Sie sich nicht, wenn er antwortet: »Warum nicht?«

In diesem Sinne erhebe ich jetzt meinen koscheren Weißen Spritzer und trinke auf das Judentum! Mazel Tov!


BUDDHISMUS

Namaste!
Willkommen im Buddhismus!

Ich bin als Jude schlafen gegangen und als Buddhist aufgewacht. Wer kann das schon von sich behaupten? Und das ganz ohne Reinkarnation.

Heute beginnt Teil 2 meines Experiments. Der Buddhismus wird meine nächste Glaubensrichtung.

Dachten die Leute vor vielen Jahren noch, Wiedergeburt bedeutet, das zweite Kind zu kriegen, so haben mittlerweile Klangschalen, Meditationsmusik und die Buddha-Figur als Gartenzwergersatz längst auch in unseren Kreisen Einzug gehalten. Mit dem Wort Achtsamkeit wurde scheinbar das Rezept gegen die Ablenkungen von WhatsApp, Twitter, Facebook, Snapchat und dem guten alten SMS-Verkehr gefunden. Selbst bei den Wiener Verkehrsbetrieben schwört man darauf. Durchsagen wie folgende bestätigen das: »Bitte seien Sie achtsam. Wetterbedingt kann es in den Stationen vereinzelt zu Glatteis kommen.« Ja, und Luftholen beim Atmen nicht vergessen. Atmen ist das nächste Stichwort, die Konzentration auf den Atem spielt beim Meditieren eine wichtige Rolle. Ich werde im Februar wohl selbst keines dieser oben erwähnten Klischees auslassen, aber ich möchte in den nächsten 28 Tagen nicht nur einen »Buddhato-go-Crashkurs« machen, sondern dieser Weltreligion in ihren Ursprüngen, in ihrer Philosophie und in ihren Grundsätzen so nahekommen, wie es nur irgendwie geht.

In meinem Monat als Jude hat sich fast schon auf mystische Art und Weise eines in das andere gefügt, das scheint im Buddhismus weiterzugehen.

Mein erster Tag als Buddhist führt mich nach Graz, der Grund sind zwei Kabarettauftritte. Ausgerechnet jener Ort, an dem ich 2002 zum ersten Mal mit dem Buddhismus in Kontakt gekommen bin. Als Zeitungsreporter habe ich mich beim Kalachakra akkreditieren lassen. »Kala« heißt im Alt-Indischen Zeit und »Chakra« Rad, also bedeutet Kalachakra: das Rad der Zeit. Doch dieses buddhistische Ritual, das alle zwei Jahre in einer anderen Stadt irgendwo auf der Welt stattfindet, hat mich nicht interessiert. Ich wollte damals den Dalai Lama kennenlernen, was mir auch gelungen ist. Bei einem gemeinsamen Mittagessen mit Journalisten durfte ich dabei sein. Die Selfiekultur hat es damals noch nicht gegeben, daher habe ich leider kein Erinnerungsfoto gemacht. Gesegnet wurde ich von Seiner Heiligkeit dennoch. Weitere zwei Mal in meinem Leben, beide Male in Kärnten, habe ich den Dalai Lama gesehen, hier aber immer aus weiterer Entfernung und nur als interessierter Zuseher.

Ich befinde mich nun im Grazer Volksgarten bei dem Friedensstupa, der in den Jahren 1995 von 1998 im Auftrag des Buddhistischen Zentrums Graz erbaut und nach der Fertigstellung vom Dalai Lama höchstpersönlich eingeweiht wurde. Der Stupa ist ein Bauerwerk, das Buddha selbst und seine Lehre symbolisiert. Bei einer Nepalreise 2011 habe ich Bodnath besucht, eine der wohl größten und wichtigsten Stupas der Welt. Rund um diesen Stupa hat sich ein eigenes buddhistisches Dorf gebildet. Ein Stupa zu umschreiten bringt Karmapunkte und soll bessere Wiedergeburten ermöglichen. Allerdings ist der Stupa immer im Uhrzeigersinn zu umkreisen, ein Geistergeher-Dasein bringt Unglück.

Rund um den Grazer Stupa befindet sich kein eigenes Dorf, sondern nur die Grünflächen eines Parks und in etwas weiterer Entfernung ein Spielplatz. Es dauert keine dreißig Sekunden, ihn zu umrunden. Dennoch werde ich das fünf Mal machen. Einmal für jedes Laiengelübde, das ich hier symbolisch schwören werde. Christine Schnöll, Künstlerin aus Salzburg und eine Freundin meiner Freundin, hat mir diesen Tipp letzte Woche gegeben. Sie verbringt selbst jedes Jahr viel Zeit in Nepal oder Indien beim Dalai Lama und kennt sich im Buddhismus sehr gut aus. »Womit soll ich beginnen? Kein Fleisch essen? Meditieren?«, habe ich sie gefragt. Sie hat nur den Kopf geschüttelt und gemeint: »Grundsätzlich gibt es im Buddhismus keine Gebote in diesem Sinn. Man legt Gelübde ab. An die hat man sich zu halten, daran soll der Geist wachsen. Für Anfänger gibt es fünf davon.«

So stehe ich nun vor dem Stupa und werde für die nächsten 28 Tage meine buddhistischen Laiengelübde ablegen.

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
265 p. 10 illustrations
ISBN:
9783990012567
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books