Read the book: «Ausweitung der Kontingenzzone»
Christian Schuldt
Ausweitung
der Kontingenzzone
Beobachtungen der
nächsten Gesellschaft

E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Coverabbildung: Elliott Hundley, There Is No More Firmament
(2016, Ausschnitt)
Covergestaltung: Christian Wöhrl, Hoisdorf
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePub:
ISBN 978-3-86393-583-2
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Print: ISBN 978-3-86393-124-7
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter
www.europaeischeverlagsanstalt.de
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Systemtheorie: Soziale Komplexität verstehen
I.Kontrollverlust
Evolution I: Entropie
Sinnüberschuss: Die unordentliche Gesellschaft
Intransparenz: Lost in Transformation
Nichttrivialität: Die Potenziale der Künstlichen Intelligenz
Komplementarität: Mensch versus plus Maschine
II.Hybridisierung
Evolution II: Morphogenese
Wirtschaft: Mehr als Geld
Politik: Die Illusion von Kontrolle
Liebe: Pragmatische Passion
Kunst: Primat der Polykontexturalität
Religion: Von Konfession zu Meditation
Wissenschaft: Partizipation und Poesie
Massenmedien: Die Selbstbeobachtung der Gesellschaft
Serendipität: Sensibilität für Zufälle
III. Reflexion
Evolution III: Komplexitätskultur
Kybernet(h)ik: Einsicht durch Blindheit
Sinnovation: Die Kraft des Kreativen
Spielkultur: Der Mensch als Möglichkeit
Neo-Humanismus: KI und Kontingenzintelligenz
IV. Zusammenhalt
Evolution IV: Restabilisierung
Generationen: Die Konvergenz von Jung und Alt
Wirtschaft: Unternehmen als Treiber des Wandels
Gemeinwohl: Ein neuer Sektor
Teilhabe: Der Weg zur ökosozialen Wende
Synthese: Von Spaltung zu Gestaltung
Kontingenzvertrauen
Literatur
Kontingent ist etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. (Niklas Luhmann)
Vorwort
Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines historischen Umbruchs – das hat spätestens die Coronapandemie unmissverständlich vor Augen geführt. Viele Veränderungsdynamiken, die bereits länger virulent gewesen sind, haben im Kontext der Krise eine ganz neue Kraft und Relevanz erhalten. Sie sind Ausdruck einer umfassenden Zeitenwende, die die Grundfeste unserer Gesellschaftsstrukturen aufbricht und neu zusammenfügt.
Dabei erfindet sich die Gesellschaft neu, indem sie einem neuen Differenzierungsprinzip folgt: dem Prinzip der Vernetzung. Es entsteht eine „nächste Gesellschaft“ (Peter Drucker), mit neuen sozialen, politischen und kulturellen Mustern – und einer neuen Dimension von Kontingenz. Denn in Zeiten steigender Konnektivität und kommunikativer Komplexität gilt zunehmend, dass alles immer auch anders sein könnte. Das Prinzip der Kontingenz prägt sämtliche Lebens- und Arbeitswelten, mit unmittelbaren praktischen Konsequenzen für Organisationen und Staaten sowie für jedes einzelne Individuum.
Nach welchen Gesetzmäßigkeiten vollzieht sich diese Metamorphose hin zu einer nächsten, hypervernetzten und hochgradig kontingenten Gesellschaft? Um diese Frage zu beantworten, bietet sich die soziologische Systemtheorie in der Prägung Niklas Luhmanns an. Aufgrund ihrer hohen Abstraktionslage ermöglicht die Theorie einen scharfen Blick auf die universellen Mechanismen sozialer Genese – und damit ebenso übergreifende wie tiefenscharfe Erkenntnisse. Zugleich aber erschwert gerade diese theoretische Flughöhe die Zugänglichkeit, schließlich gleicht die Theorieanlage „eher einem Labyrinth als einer Schnellstraße zum frohen Ende“, wie Luhmann selbst konstatierte (Luhmann, 1984, 14).
Die vorliegende Publikation will helfen, diese Rezeptionshindernisse zu überwinden – indem sie die konstruktiven Kräfte der abstrakten Theorie in den Mittelpunkt stellt. Das heißt vor allem: die Reflexion des Auch-anders-möglich-Seins, die schöpferische Kraft der Kontingenz. Denn der bewusste Fokus auf konkrete gesellschaftliche Veränderungsdynamiken erschließt zugleich künftige Möglichkeits- und Gestaltungsräume, legt die „possibilistischen“ Potenziale der nüchternen Theorie frei. Gerade inmitten eines historischen Umbruchs, der eine ganze Flut neuer Risiken und Unsicherheiten mit sich bringt, wird diese konstruktive Perspektive immer wichtiger.
Unter der Prämisse der Kontingenz versammelt dieses Buch Themen, die so divers sind wie die nächste Gesellschaft selbst. Das Spektrum reicht von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Innovation bis zu Liebe, Kunst und Religion; von Politik, Geld und Gemeinwohl bis zu Jugend, Alter und Klimawandel. Hervorgegangen sind diese Perspektiven auch aus meiner Tätigkeit als Studienleiter und Autor für das Zukunftsinstitut (siehe die entsprechenden Verweise im Text).
Der rote Faden, der diese Vielfalt bündelt und zugleich eine neue Beobachtungsdimension eröffnet, besteht folglich in einer hybriden Perspektive: in der Kopplung der Systemtheorie an die konkreten Wandlungsdynamiken unserer Zeit. Und in der Frage: Was hält eine Gesellschaft, die heterogen vernetzt und damit auch zunehmend „exkludierend“ ist, überhaupt noch zusammen?
Der Untertitel des Buches ist dabei zugleich eine Reverenz an Niklas Luhmann, genauer: an seine Aufsatzsammlung „Beobachtungen der Moderne“. Im Vorwort schrieb Luhmann: „Der Titel ist bewusst zweideutig gefasst, denn es handelt sich um Beobachtungen der modernen Gesellschaft durch die moderne Gesellschaft.“ (Luhmann 1992, 8). Diese Ambivalenz prägt auch die „Beobachtungen der nächsten Gesellschaft“: Auch sie sind zugleich Selbstbeobachtungen der Netzwerkgesellschaft – die sich noch im Entstehen befindet. Eine systemtheoretische Perspektive, die diese selbstreferenziellen Schleifen miteinkalkuliert, kann dazu beitragen, dieser nächsten Gesellschaft Kontur zu geben.
Christian Schuldt
Hamburg, im Juli 2021
EINLEITUNG
Es gibt nette, hilfsbereite Theorien und solche, die durch das Wahrscheinlichwerden des Unwahrscheinlichen fasziniert sind. Die erstgenannte Variante hat die Tradition für sich, die zweite drängt sich auf, sobald man explizit fragt, wie soziale Ordnung möglich ist. (Niklas Luhmann)
Systemtheorie: Soziale Komplexität verstehen
Um die konstruktiven Erkenntnispotenziale des systemtheoretischen Beobachtungsansatzes zu verdeutlichen, ist es wichtig, zunächst einmal ihre theoretischen Grundzüge zu umreißen. Im Folgenden werden deshalb in aller Kürze die wichtigsten systemtheoretischen Prämissen in Bezug auf gesellschaftliche Wandlungsdynamiken zusammengefasst, mit besonderem Augenmerk auf die vernetzte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
„Inseln geringerer Komplexität“
Wie ist soziale Ordnung möglich? Wie kann so etwas Unwahrscheinliches wie die Gesellschaft überhaupt entstehen? Die Antwort der Systemtheorie lautet: durch verschiedene Formen von Kommunikation, die sich voneinander abgrenzen und eigene Hoheitsgebiete bilden. Oberster Bezugspunkt systemtheoretischen Denkens ist dabei das Thema Komplexität: Soziale Systeme machen die unbestimmbare Komplexität der Welt „behandelbar“, indem sie eigenmächtig Komplexität reduzieren. Die Vermittlung zwischen der unbestimmten Weltkomplexität und der menschlichen Möglichkeit zur Komplexitätsverarbeitung macht soziale Systeme zu „Inseln geringerer Komplexität“ (Luhmann 1970, 116) im diffus-komplexen Weltmeer.
An der Grenze zwischen System und Umwelt herrscht also immer ein Komplexitätsgefälle: Die Umwelt ist stets komplexer als das System, und das System ist stets „geordneter“ als seine Umwelt. Um aber Komplexität reduzieren zu können, müssen Systeme zunächst selbst über Komplexität verfügen. Erst ein gewisses Maß an Eigenkomplexität erlaubt es ihnen, auf Veränderungen in ihrer Umwelt zu reagieren und den eigenen Fortbestand dynamisch zu sichern – und je komplexer ein System ist, desto mehr Reaktionsmöglichkeiten hat es. Soziale Systeme verfügen damit über eine dynamische Stabilität.
Genese der Gesellschaft
Auf Basis dieser dynamischen Stabilität sozialer Systeme vollzieht sich die gesellschaftliche Evolution – denn „nur die Differenz von System und Umwelt ermöglicht Evolution“ (Luhmann 1997, 433). In diesem Prozess bilden sich Strukturen heraus, mit denen die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation wahrscheinlich gemacht wird. Auf Basis des Angepasstseins können dann immer radikalere Unangepasstheiten entstehen, Unwahrscheinliches kann immer schneller wahrscheinlich werden. Das Resultat ist „eine ungewöhnlich hohe, in der Lebenszeit der einzelnen Menschen sichtbar werdende Änderungsfrequenz in den Strukturen des Gesellschaftssystems“ (ebd., 495).
Alle evolutionären Errungenschaften gleichen sich deshalb darin, dass sie kombinatorische Möglichkeiten erhöhen, also höhere Komplexitätsgrade ermöglichen. Die vier Formen gesellschaftlicher Differenzierung, die die gesellschaftliche Evolution auf dieser Grundlage hervorgebracht hat, sind daher auch gestaffelt nach ihrer ansteigenden Komplexität:
•segmentäre Differenzierung (tribale/archaische Gesellschaft)
•stratifikatorische Differenzierung (antike/traditionelle Gesellschaft)
•funktionale Differenzierung (moderne Gesellschaft)
•vernetzte Differenzierung (Netzwerkgesellschaft)
Jede dieser Gesellschaftsformen ist direkt verbunden mit einem dominanten Verbreitungsmedium – Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer –, das jeweils einen kommunikativen „Sinnüberschuss“ produziert. Das heißt: Jede einzelne Kommunikation kann und muss verglichen werden mit den sozialen Phänomenen, die durch die mediale Verbreitung ebenfalls in den Blick kommen. Die Gesellschaft reagiert auf diesen medialen Sinnüberschuss mit Strukturformen, die die Verteilung der jeweiligen Kommunikationsmöglichkeiten akzeptabel machen, und mit Kulturformen, die bestimmte soziale Phänomene in der Differenz zu anderen definieren. „Gelöst“ werden kann das Problem des Sinnüberschusses also nur durch neue Orientierungsmuster und Kulturformen beziehungsweise Semantiken (siehe III. Reflexion, S. 79).

Gesellschaft 1.0 bis 4.0: Evolution der Verbreitungsmedien sowie der Struktur- und Kulturformen
Die verschiedenen Medienepochen verdrängen sich nicht, sondern überlagern sich. Auch im Kontext der Vernetzung muss die Gesellschaft also neue und andere Lösungen finden für alle Probleme, die vorige Gesellschaften bereits gelöst haben. Die Netzwerkgesellschaft lässt sich deshalb nicht verstehen ohne ein Verständnis für die Dynamik früherer Gesellschaften.
Die nächste Gesellschaft: Vernetzte Komplexität
Seitdem die Strukturform der funktionalen Differenzierung Mitte des 19. Jahrhunderts tonangebend wurde, ist die Gesellschaft nach Typen von Kommunikationen differenziert. Diese Kommunikationen werden von den einzelnen Funktions- oder Subsystemen der Gesellschaft geleitet: Subsysteme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion oder Kunst entscheiden in ihrem jeweiligen Hoheitsgebiet eigenmächtig, welche Kommunikationen aneinander anschließen. Mithilfe binärer Codierungen (etwa Zahlung/Nichtzahlung in der Wirtschaft oder Wahrheit/Unwahrheit in der Wissenschaft) und Erfolgsmedien (etwa Geld in der Wirtschaft oder Wahrheit in der Wissenschaft) sorgen sie auf je eigene Weise dafür, dass auch unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich wird.
Das Versprechen der Moderne lautete dabei, dass alle Funktionssysteme für alle Personen zugänglich sind – allerdings immer nur unter partikularen Personenmerkmalen, in bestimmten Rollen, etwa als Politikerin, Verkäufer, Wissenschaftlerin, Künstler oder Angestellter. Die Netzwerkgesellschaft, die nun im 21. Jahrhunderts zunehmend Form annimmt, weicht diese Prämisse auf: Die neue Differenzierungsform schafft in allen Gesellschaftsbereichen neue Schnittstellen, an denen sich neuartige soziale, kulturelle und technologische Phänomene kristallisieren. Mit der gesellschaftlichen Komplexität steigt auch die Kontingenz rapide an und bringt das moderne Inklusionsversprechen ins Wanken.
In der Netzwerkgesellschaft werden die „vernünftigen“, klar konturierten Ordnungen früherer Gesellschaften abgelöst durch eine offene Ökologie: durch die Komplexität überraschender und potenziell flüchtiger Ordnungen. Überall in der Gesellschaft werden traditionelle Grenzen, Strukturen und Hierarchien beweglich und fluide. Unter vernetzten Vorzeichen ist somit eigentlich nur noch eines gewiss: die Ungewissheit. Zum zentralen Bezugsproblem wird damit die Bewältigung von Komplexität – und die Anpassung an eine neue Dimension von Kontingenz.
Von Kausalität zu Kontingenz
Die Systemtheorie fokussiert auf die Entdeckung des Unwahrscheinlichen im Gewöhnlichen, auf die Transformation von Notwendigkeit in Kontingenz. Anders als das Gros der westlichen Philosophen, die meist von einer normativen, rationalen oder „natürlichen“ Grundlage für soziale Realität ausgingen, setzt Luhmann auf das kontingente Auch-anders-möglich-Sein – allerdings nicht als postmodernistisches „anything goes“, sondern als Theorie der Kontingenz.
„Kontingenz“, so Luhmann, „heißt praktisch Enttäuschungsgefahr und Notwendigkeit des Sicheinlassens auf Risiken“ (Luhmann 1987, 31), sie bezeichnet „Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen“ (Luhmann 1984, 152): Nichts, was passiert, ist zwingend. Dies ist die logische Folgerung, wenn die alten mechanistischen Steuerungsideen abgelöst werden durch die wechselseitigen Feedbackeffekte komplexer System-Umwelt-Gefüge. Die Erkenntnis, dass Systeme immer nur verstehbar sind in ihren Umweltkontexten, verabschiedet die Idee klarer kausaler Zusammenhänge und Verbindungen. An die Stelle des Kontrollierbarkeitsglaubens tritt das Operieren mit Wahrscheinlichkeiten.
Unter den Bedingungen der Vernetzung erfordert diese neue kontingente Realität von allen Akteuren der Gesellschaft eine Öffnung für das Unplanbare und Unvorhersehbare, eine Flexibilisierung mentaler und organisationaler Muster und Strukturen. In der Praxis hat sich unsere soziale, emotionale und rationale Intelligenz bereits auf diese neue, fluide Realität eingestellt. Unser Denken und Fühlen jedoch folgt großenteils noch immer den Konzepten vorheriger Epochen, wie es der Soziologe und Luhmann-Schüler Dirk Baecker beschreibt:
„Wir haben es immer noch, wenn nicht zunehmend, mit der Topologie von Stimmen (tribale Gesellschaft 1.0), der Teleologie verschiedener Korporationen und Dynastien (antike Hochkultur 2.0) und der Rationalität unruhiger Funktionssysteme (moderne Gesellschaft 3.0) zu tun. Aber diesen überlagert sich die Komplexität einer neuen Verschaltung von Mensch und Maschine, Körper, Bewusstsein und Gesellschaft, die im Fadenkreuz analoger und digitaler Verrechnung eher freigesetzt als gezähmt wird (nächste Gesellschaft 4.0).“ (Baecker 2015a, S. 15)
Klassische soziale, politische oder ökonomische Modelle sind immer weniger in der Lage, die volatilen, paradoxalen und hochkontingenten Phänomene dieser Netzwerkgesellschaft zu erklären. Um die Komplexität der nächsten Gesellschaft umfänglich erfassen und deuten zu können, braucht es eine holistische, system(theoret)ische Perspektive.
Wie praxistauglich ist die Theorie?
Niklas Luhmann war hinsichtlich der konkreten Anwendbarkeit von Theorien äußerst skeptisch. „Ich habe nicht die Vorstellung, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die auf die Praxis angewendet werden könnten“, sagte er in einem Interview: „Die Praxis, zum Beispiel ein Ministerium, ist für mich ein nach eigener Logik funktionierendes System“ (Baecker/ Stanitzek 1987, 135). Dieser Praxispessimismus gründet vor allem darin, dass die Systemtheorie im Wissenschaftssystem operiert: Die Theorie beobachtet, wie sich die Gesellschaft selbst beobachtet. Sie liefert also keine Lösungsvorschläge, sondern „nur“ ein distanziertes Beobachtungsinstrumentarium.
Gerade aufgrund ihrer abstrakten Flughöhe hat sich die Systemtheorie aber zugleich als besonders anschlussfähig erwiesen für benachbarte wissenschaftliche Disziplinen – und sogar dezidiert „kritische“ Auslegungen erfahren (vgl. etwa Amstutz/Fischer-Lescano 2013). Ein zentraler Ansatzpunkt liegt dabei im „äquivalenzfunktionalistischen“ Ansatz der Theorie: dem Vergleich verschiedener möglicher systemischer Lösungen für ein und dasselbe Problem – und dem Aufdecken der blinden Flecken anderer Beobachtungen. Die Grundfrage der Systemtheorie (Wie entstehen und evoluieren soziale Systeme?) lässt sich deshalb immer auch ergänzen um die Frage: Welche alternativen Optionen tun sich dabei auf?
Diese komparatistische Komponente macht es auch plausibel, den Beobachtungsapparat der Systemtheorie dezidiert „konstruktiv“ zu nutzen: als analytisches Fundament für eine komplexere Beobachtung – und Gestaltung – möglicher Zukünfte. Dies gilt umso mehr, als dass wir heute in einer „unglaublich gegenwartsorientierten Kultur“ leben, wie der Soziologe und Systemtheoretiker Armin Nassehi sagt: einer Zeit, in der wir uns „enorm schwer“ damit tun, „kollektiv zu handeln und vor allem die Zukunft einzubeziehen“ (vgl. Illinger 2021). Der Soziologe Heinz Bude sieht darin sogar den neuen Auftrag der soziologischen Disziplin: „Die Aufgabe der Soziologie heute ist es, die Zukunft zu öffnen“ (Becker 2020).
Gestaltungsraum Gesellschaft
Leitend ist dabei die Erkenntnis, dass die „nächste Gesellschaft“ nicht einfach passiert – sie ist nicht etwas, auf das man bloß reagieren kann. Nichts anderes impliziert auch Luhmanns Kontingenzverständnis: Kontingenz „setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität aus gesehen anders möglich ist“ (Luhmann 1984, 152). Auch wenn die gegebenen Gesellschaftsstrukturen und -dynamiken also einen evolutionären Rahmen vorgeben: Die Gesellschaft ist und bleibt stets ein Möglichkeits- und Gestaltungsraum.
Das heißt nicht, dass eine Gesellschaft, die in verschiedene selbstferenziell-geschlossene Subsysteme ausdifferenziert ist, nach bestimmten Vorgaben „gestaltbar“ wäre, erst recht nicht im Übergang zum neuen Paradigma einer hyperkomplexen Netzwerkgesellschaft. Dennoch ist und bleibt Gesellschaft immer das, was wir aus ihr machen, indem wir unsere Wünsche und Vorstellungen umsetzen. Und je mehr Menschen, Organisationen und Institutionen eine gemeinsame Idee der zukünftigen Gesellschaft aktiv mitgestalten, umso wahrscheinlicher wird sie.
Gerade in einer Zeit fundamentaler globaler Umbrüche und zunehmender gesellschaftlicher Fragmentierung ist die Kultivierung eines solchen möglichkeits- und gestaltungsorientierten Gesellschafts- und Zukunftsverständnisses wichtig und wertvoll. Die Voraussetzung dafür ist nicht nur eine mentale Offenheit für Veränderungen, sondern vor allem auch ein umfassendes Verständnis der Strukturen und Kulturen der nächsten Gesellschaft – und ihrer möglichen Zukünfte.
Die systemtheoretische Perspektive ermöglicht eine solche Sicht auf die vernetzte Welt im 21. Jahrhundert: komplexitätsaffin, holistisch, possibilistisch. Gerade die nüchterne Analyse der „unordentlichen“ systemischen Dynamiken schärft den Blick für die neuen, komplexen Ordnungsmuster – und damit auch für alternative Möglichkeiten des Zusammenhalts in Zeiten des Kontrollverlusts. Von diesen Kontingenz- und Kohärenzpotenzialen handelt dieses Buch.
I. KONTROLLVERLUST
An die Stelle sachlicher Rationalität treten heterogene Spannungen, an die Stelle der Vernunft das Kalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz. (Dirk Baecker)
Evolution I: Entropie
Die „nächste Gesellschaft“ ist eine vernetzte Gesellschaft. Aber was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von „Vernetzung“ und „Digitalisierung“ sprechen? Allzu oft ist der Diskurs über den „digitalen Wandel“ vor allem eines: tendenziell hysterisch. Debatten über die „digitale Transformation“ sind häufig geprägt von Übertreibungen und Simplifizierungen, von überzogenen Erwartungen und diffusen Ängsten, gespickt mit Buzzwords wie „Disruption“, „Plattformökonomie“, „Industrie 4.0“ oder „Künstliche Intelligenz“ – ohne dass dabei die strukturellen Prinzipien, die diesen Phänomenen zugrunde liegen, in den Blick kommen.
Was ein aufgeklärter und emanzipierter Umgang mit den komplexen Phänomenen des medialen Wandels daher umso mehr braucht, ist eine theoretische Fundierung: ein reflektiertes Verständnis, wie sich der Prozess der Digitalisierung auf die Gesellschaft, auf ihre Organisationen und Individuen auswirkt. Die Systemtheorie kann dazu vieles beitragen. Niklas Luhmann selbst erlebte den globalen Siegeszug des Internets zwar nicht mehr, doch in seinem letzten Buch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ (vgl. Luhmann 1997) thematisierte er an verschiedenen Stellen die künftige Entwicklung der damals erst breitenwirksam einsetzenden Digitalisierung – und legte damit den Grundstein für weitere systemtheoretische Beobachtungen der vernetzten Gesellschaft.
Einer der wenigen, die produktiv daran anschließen konnten, ist der Soziologe Dirk Baecker. Bereits 2007 nahm er in seinen „Studien zur nächsten Gesellschaft“ die neuen Muster der Netzwerkgesellschaft erstmals umfassend unter die Lupe (vgl. Baecker 2007), mit „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“ legte er 2018 eine Art Kartografie dieser nächsten Gesellschaft vor (vgl. Baecker 2018a). Luhmanns und Baeckers Beobachtungen schärfen das Bewusstsein für die Funktionsweise der vernetzten Gesellschaft – auch und gerade in der Unterscheidung zu den vorigen, nichtvernetzten Gesellschaftsformen, in denen wir mental immer noch zu Hause sind. Denn: „Verstehen kann man nur, wenn man das bislang Unverständliche mit bereits Verstandenem vergleicht“ (Baecker 2016, 5).
Diese Perspektive erklärt bereits, warum die Digitalisierung kontroverse bis panische Reaktionen hervorruft. Und sie öffnet den Blick für jene neuen Kompetenzen und Kulturformen, die Individuen und Organisationen heute und künftig brauchen, um sich in einer vernetzten Gesellschaft zurechtzufinden (siehe III. Reflexion, S. 79).
Grundlegend für eine systemtheoretische Perspektive auf gesellschaftlichen Wandel ist ein „ökologisches“, systemisches Verständnis von Evolution. Luhmann zufolge vollzieht sich Evolution stets, indem „die Differenz zwischen System und Umwelt durch strukturelle Kopplung überbrückt wird“ (Luhmann 1997, 74). Anders als Charles Darwin, der die biologische Evolution mit der Idee des „survival of the fittest“ als Fortschrittsgeschichte deutete, schreibt Luhmann der voranschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung aber keine wertenden oder hierarchisierenden Momente zu.
Stattdessen betrachtet Luhmann Evolution aus der Perspektive selbstreferenzieller, autopoietischer Systeme – also Systeme, die sich aus ihren Elementen selbst erzeugen oder ermöglichen – und verabschiedet damit das Darwinsche Prinzip der „natürlichen Selektion“ durch die Umwelt. Stellt man die Evolutionstheorie auf die Co-Evolution strukturell gekoppelter, selbstreferenziell-geschlossener Systeme um, gibt es auch keine Garantie für Stabilität mehr – vielmehr „müssen diese Systeme selbst für ihre Stabilität sorgen, um weiterhin an Evolution teilnehmen zu können“ (ebd., 427). An die Stelle der Stabilität tritt das Prinzip der Restabilisierung, das gewissermaßen „nachgeschaltet“ ist und nur zum Einsatz kommt, „wenn Variation und Selektion ‚zufällig‘ zusammenwirken“ (ebd.).
Hier wird bereits die grundlegende Kontingenz gesellschaftlicher Wandlungsprozesse deutlich. Restabilisierung ist als dritter Faktor zugleich Voraussetzung und Ende einer evolutionären Sequenz – und führt daher nicht zu Anpassung, sondern, im Gegenteil, zu einer Abweichungsverstärkung: „Die unbeabsichtigt oder jedenfalls unbezweckt erzeugten Auswirkungen auf die Umwelt scheinen zu explodieren“ (ebd., 133). In diesem Sinne ist eine „postdarwinistische“ Evolutionstheorie eine „ökologische“ Theorie: Ihr erscheint Wandel weniger notwendig als kontingent.
Eine solche Perspektive auf Evolution verbindet den historischen Rückbezug mit Zukunftsoffenheit, ausgehend von einer Vielzahl koexistierender Alternativen sowie nichtarbiträrer Verbindungen zwischen dem, was ist, und dem, was war. Weil Evolution demnach ein dynamischer Prozess der kontinuierlichen Neuerfindung ist, bei dem der Faktor Umwelt eine entscheidende Rolle spielt, werden die modernistischen Konzepte von Intentionalität, Planung und freiem Willen gleichsam obsolet. So wie ein Ökosystem kein Zentrum hat, folgt Evolution keinen Richtlinien, die systemisch vorgegeben werden. Und natürlich spielt auch der Mensch keine übergeordnete Rolle, sondern fungiert als ein Element unter vielen innerhalb hochkomplex-verschränkter Systemumwelten.
Dieser evolutionäre Paradigmenwechsel gleicht der Umstellung von einer Kybernetik erster Ordnung auf eine Kybernetik zweiter Ordnung: von steuerbaren Systemen hin zu autopoietischen Systemen, bei denen sich Input und Output wechselseitig bedingen, verbunden durch Feedback-Loops. Beispiele für solche „immanenten“ Systeme sind biologische Organismen, das Bewusstsein, das Klima und auch die Gesellschaft selbst.
Den roten Faden eines systemtheoretischen Evolutionsverständnisses bildet eine Paradoxie: die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen. „Die Unwahrscheinlichkeit des Überlebens isolierter Individuen oder auch isolierter Familien wird transformiert in die (geringere) Unwahrscheinlichkeit ihrer strukturellen Koordination, und damit beginnt die soziokulturelle Evolution“ (Luhmann 1997, 414). Die evolutionäre Leitfrage lautet deshalb: Wie ist es möglich, dass immer unwahrscheinlichere Strukturen entstehen und als Normalität funktionieren? Die Antwort der Systemtheorie lautet: durch die evolutionäre Umwandlung von „geringer Entstehungswahrscheinlichkeit in hohe Erhaltungswahrscheinlichkeit“ (ebd.).
Die nächste Gesellschaft, die Netzwerkgesellschaft, bildet die bislang unwahrscheinlichste Stufe der soziokulturellen Evolution – und stellt zugleich einen Epochenbruch dar, der so einschneidend ist wie der Übergang zur Sesshaftigkeit oder die industrielle Revolution. Dabei ist die digitale Transformation zugleich eine bewegliche Epochenschwelle, die strukturell, kulturell und intellektuell auf verschiedene Zeitpunkte fixierbar ist – so wie sich das Paradigma der Elektrizität erstreckt vom Beginn der urbanen und industriellen Elektrifizierung Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Einführung und Etablierung des Computers mit seinen Netzwerken, Speichern und Algorithmen im 20. und 21. Jahrhundert.
Viel entscheidender als eine zeitliche Fixierung ist jedoch das Prinzip der evolutionären Temporalisierung, das prägend ist für die strukturelle Koordination dieser neuen Komplexität. Dirk Baecker beschreibt es als oszillierendes Zusammenspiel von Zerfall und Wiederaufbau beziehungsweise Entropie und Negentropie: „Die Zeit der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr die der ewigen Wiederkehr noch die eines sich erfüllenden Schicksals oder gar des Fortschritts. Stattdessen handelt es sich um eine Zeit des Zerfalls, der Entropie, als Voraussetzung des Aufbaus einer vorübergehenden Ordnung, einer Negentropie“ (Baecker 2018a, 76).
Beides, Entropie und Negentropie, bedingt einander: Der Zerfall ist die Voraussetzung für den Wiederaufbau – weil er die Form ist, die verschiedenste Zeitlichkeiten zumindest momentweise synchronisieren kann. Genau darin liegt der evolutionäre Geschwindigkeitsvorteil der elektronischen Medien, die unser Sozialverhalten unweigerlich begleiten und beeinflussen. Sie können „an jeder Schnittstelle genau die Zerfallsfrequenzen anbieten, die Körper, Gehirn, Interaktion unterschiedlich attrahieren und für den Moment binden“ (ebd., 84). Das Resultat dieser Verknüpfung des Heterogenen und nur kontextuell Zugehörigen ist eine umfassende Dynamisierung und Flexibilisierung der gesellschaftlichen Grundstrukturen – eine unkontrollierbare, „unordentliche“ Gesellschaft.
Sinnüberschuss: Die unordentliche Gesellschaft
Die nächste Gesellschaft ersetzt das Strukturprinzip der klar separierten Funktionssysteme, das die moderne Gesellschaft dominiert hat, durch das neue Paradigma des Netzwerks. An die Stelle der funktionalen Rationalität und der Vernunft, die noch die moderne Gesellschaft mit ihren klar abgrenzbaren Subsystemen dominierten, tritt die neue Strukturform des Netzwerks. Es ist gekennzeichnet durch die hybride Kopplung heterogener Elemente, hat keine spezifischen Grenzen, ist jederzeit irritierbar und verknüpfbar. Heterogene Varianzen lösen die moderne Dynamik ab.
In diesem Sinne funktioniert die digitale Transformation rekursiv und nicht-trivial: Indem sie ständig neue Voraussetzungen für Anschlusskommunikationen schafft, die wiederum neue Voraussetzungen für weitere Anschlusskommunikationen schaffen, wird die soziale Realität gewissermaßen „verflüssigt“ (vgl. Bauman 2000). Damit endet gleichsam die Ära des Atoms, das als Leitmotiv für einen „autoritären“ Individualismus stand: nach innen hierarchisch strukturiert, nach außen in Relationen zu anderen Elementen, aber dennoch solitär. Die Metapher für das 21. Jahrhundert ist dagegen das dynamische Netz, das Prinzip der Interdependenz der Gleichen. Es geht um die kooperative Wechselseitigkeit von Strukturen und Individuen, die sich gegenseitig brauchen und bedingen, um das Gesetz der strukturellen Äquivalenz. Eben deshalb unterscheidet sich die nächste Gesellschaft von der modernen Gesellschaft „wie die Elektrizität von der Mechanik“ (Baecker 2018a, 14).
Je mehr das alte Prinzip der Verbreitung, das die Ära des Buchdrucks prägte, abgelöst wird vom neuen Prinzip der computerisierten Resonanzen, umso mehr wird auch das individualistische Selbstbild der Moderne obsolet. Immer weniger geht es um die individuellen Motive individueller Handlungen – und immer mehr um Singularitäten und Aktivitäten, die einander bedingen und rekrutieren. Auch Identitäten können in der Netzwerkgesellschaft nur noch in Abhängigkeit von anderen Netzwerkelementen bestimmt werden.
Um tiefer zu verstehen, wie diese nächste Gesellschaft alte Strukturen flexibilisiert und verabschiedet, hilft ein Blick auf die Historie der Gesellschaft. Wie bereits in der Einleitung umrissen (siehe S. 14ff.), lässt sich die Evolution der Gesellschaft in vier Epochen unterteilen (tribale Gesellschaft, antike Gesellschaft, moderne Gesellschaft, Netzwerkgesellschaft), die ihrerseits mit vier dominanten Verbreitungsmedien verbunden sind (Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer). Neue Verbreitungsmedien prägen aber nicht nur die Art, wie Inhalte verbreitet werden, sondern auch die Basisstruktur der Kommunikation, die Grundlage jeder Gesellschaft. Wird die Kommunikation komplexer, weil auf einmal mit Büchern neue Ideen verbreitet werden können oder weil über das Internet unmittelbare Vernetzung im großen Stil stattfinden kann, entstehen neue Gesellschaftsformen.
Jedes Verbreitungsmedium produziert dabei einen kommunikativen „Sinnüberschuss“: Es bewirkt, dass in jeder einzelnen Kommunikation der Gedanke daran mitläuft, was auch woanders und früher oder später gesprochen, geschrieben, gedruckt und errechnet werden kann. Dieser neue Sinnüberschuss überfordert bisherige Gesellschaftsstrukturen. Er bedeutet eine „Katastrophe im mathematischen Sinne“ und löst einen „Attraktorzustandswechsel“ aus (Baecker 2007, 153): Alles organisiert sich neu.
Keine dieser medialen Neoorganisationen geht ohne Wachstumsschmerzen vonstatten. Das gilt auch für die „Katastrophe“, die der Siegeszug der vernetzten Medien mit seiner neuen Dimension des Sinnüberschusses erzeugt. Die bisherigen Sinnüberschüsse – der Referenzüberschuss der Sprache (Verweise auf Abwesendes), der Symbolüberschuss der Schrift (Verweise auf Vergangenheit und Zukunft) und der Kritiküberschuss des Buchdrucks (Verweise auf jederzeit mögliche andere Perspektiven) – werden nun überlagert und ergänzt durch den neuen Kontrollüberschuss des Computers. Die „undurchschaubaren“ Maschinen, die zunehmend an Kommunikation beteiligt sind, beschleunigen die Organisation von Komplexität und erhöhen die Unbeständigkeit.
Konkret heißt das: Immer häufiger müssen wir uns auf maschinell prozessierte Kommunikation verlassen, ohne den Informationsgehalt hinterfragen zu können, zunehmend müssen wir Informationen annehmen und Entscheidungen treffen, ohne die Quelle und Qualität der Daten überprüfen zu können. Das betrifft alle Akteure der Gesellschaft, von Unternehmen, die über Big-Data-Auswertungen rätseln, bis zu Singles, die sich über Dating-Algorithmen kennen lernen. Die Möglichkeiten, vernetzt zu kommunizieren, explodieren förmlich – und verbreiten ein Gefühl des kollektiven Kontrollverlusts.
Die Netzwerkgesellschaft ist undurchschaubarer und unberechenbarer als vorige Gesellschaftsformen. Ihr Weltmodell ist organisch und ökologisch gestaltet: komplex vernetzt und verwoben – und damit radikal unterschieden von den modernen Vorstellungen der Eindeutigkeit, Balancierbarkeit und Steuerbarkeit, die noch die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts prägten. Insgesamt bewirkt die Digitalisierung damit einen Wandel von Berechenbarkeit und Steuerbarkeit zu Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit. Der Krisenmodus wird gleichsam zum Normalzustand: „Solange man nicht weiß, wie es weitergeht, vergewissert man sich eines Stands der Dinge, auf den kein Verlass ist“ (Baecker 2018a, 86).
Eben dies macht Kontingenz zu einer elementaren Erfahrung der nächsten Gesellschaft: Im Zuge der Vernetzung gewinnt das Prinzip der Kontingenz eine neuartige, strukturell prägende Dominanz. Denn in Netzwerken geht es nicht mehr, wie in Funktionssystemen, um die Inklusion aller Personen, sondern eher im Gegenteil: Die beteiligten Elemente werden austauschbar. Alle Akteure der Gesellschaft müssen sich deshalb auf das Prinzip der strukturellen Äquivalenz einstellen, um anschlussfähig und kalkulierbar zu bleiben.
Intransparenz: Lost in Transformation
In seinem letzten Buch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ beschrieb Niklas Luhmann bereits 1997, wie die Computerisierung die Teilnahme an Kommunikation leichter denn je macht – und zugleich kontingenter denn je, weil kaum noch kontrollierbar ist, wer unter welchen Bedingungen mit welchen Botschaften erreicht werden kann. Die Information wird gleichsam von der Quelle gelöst und erhält einen Eigensinn, der weniger von Sendungs- als von Nutzungsabsichten bestimmt ist. Deshalb geht es in der Netzwerkgesellschaft zunehmend um die immer schwieriger zu beantwortende Frage, welche Akteure eigentlich wie und wo kommunizieren und rezipieren.
Aus systemtheoretischer Sicht bedeutet „Digitalisierung“ daher vor allem: Die Gesellschaft wird intransparent und kontingent – undurchschaubar und unberechenbar. Menschen können die algorithmischen Prozesse und Effekte der Computer von außen nicht einsehen oder verstehen, und diese Intransparenz prägt mit fortschreitender Vernetzung auch zunehmend die soziale Kommunikation.
Luhmann verdeutlichte diese Intransparenz am Beispiel des Computer-Bildschirms: Das Display bildet eine Oberfläche, die mit der undurchschaubaren Tiefe der „unsichtbaren Maschine“ (Luhmann 1997, 304) konfrontiert. Denn an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine werden Operationen ausgeführt, die keine eindeutigen oder kausalen Beziehungen zwischen Ein- und Ausgabe zulassen. Diese Unterbrechung von Eindeutigkeit oder Kausalität kennen wir bislang nur aus sozialen Situationen, etwa im Bereich der Kunst. Und, in vorhumanistischen Zeiten: aus Magie und Religion. In beiden Fällen geht es um zeichenhafte Oberflächen, die auf verschlossene Tiefen verweisen.
Die Analogie zu Kunst und Religion macht zugleich verständlich, weshalb wir – positiv wie negativ – fasziniert sind von Prozessen der Automatisierung, warum die Nutzung von Social Media zu Suchteffekten führen kann und weshalb wir nichttrivial reagierenden Maschinen eine „Intelligenz“ zuschreiben. Zwar weist die intransparente Maschinenkommunikation noch lange nicht jene Merkmale auf, die menschliche Intelligenz kennzeichnen, aber sie wirkt „intelligent“. Aus diesem Grund beschreiben wir „smarte“ Maschinen mit Attributen wie „undurchschaubar“ oder „idiosynkratisch“, die zuvor nur Individuen zugeschrieben wurden. Im Gegenzug zelebriert der Mensch seine individuelle Autonomie umso intensiver, mit Hinweisen auf die menschliche Körperlichkeit, Verletzlichkeit und Irrationalität, mit einer Wertschätzung des Spontanen, Emotionalen und Unprogrammierbaren.
In der Netzwerkgesellschaft werden Unvereinbarkeiten und Unreduzierbarkeiten daher nicht nur akzeptiert, sondern sogar gepflegt – mit folgenreichen sozialen und psychischen Verwerfungen. Es herrscht ein „gesellschaftliches Durcheinander“, in dem „kaum jemand weiß, woran er ist“ (vgl. Baecker 2015c, 6). Diese Beobachtungen machen auch deutlich, dass die „Digitalisierung“ kein primär technologisches Phänomen ist, sondern vor allem ein sozialer und kultureller Wandlungsprozess, der neben den technischen auch die soziokulturellen Implikationen digitaler Konnektivität umfasst (vgl. Zukunftsinstitut 2016b, 2018a).
Die schwer – und mitunter auch: gar nicht – kontrollierbare maschinelle Kommunikation beeinflusst die Anschlussfähigkeit der sozialen Kommunikation, mit weitreichenden lebensweltlichen Konsequenzen. Denn auf diese Umstellung ist unsere Gesellschaft nur unzureichend vorbereitet. Die bisherigen strukturellen und kulturellen Gesellschaftsformen sind schlicht nicht geeignet, um diese „entfesselte“ Kommunikation zu verarbeiten. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie gelingt es der Gesellschaft, diesen medial produzierten Kommunikations-Overflow strukturell und kulturell zu kontrollieren? Welche neuen kulturellen Muster sind dem Umgang mit Intransparenz angemessen?
Niklas Luhmann hielt es für wahrscheinlich, „dass die Beschleunigung der Kontrolloperationen dasjenige Moment sein wird, auf das die Kultur reagieren muss – und dies dann wohl mit einem Verzicht auf eine Positivwertung zeitlicher Beständigkeit“ (Luhmann 1997, 412). Genau das beschreibt der neue Fokus auf Komplexität und Kontingenz in der vernetzten Gesellschaft: Jede digitale oder digitalisierbare Kommunikation umfasst Ungleichartiges und Widersprüchliches – und erhält genau darin einen Sinn, der sich gewissermaßen selbst absichert. Die Kulturform, die es der vernetzten Gesellschaft ermöglicht, den digital produzierten Überschusssinn zu kompensieren, ist deshalb der Modus der Komplexität (siehe III. Reflexion, S. 79).
Eine – wenn nicht die – zentrale Herausforderung für Individuen und Organisationen, aber auch für die gesamte Gesellschaft, lautet deshalb: Lerne, mit diesem Komplexitätsaufkommen umzugehen. Lerne, die vernetzte Komplexität adäquat und zukunftsweisend zu verstehen und zu kontrollieren. Das ist umso schwieriger, als dass dies nicht mehr, wie noch in Vor-Internet-Zeiten, bedeutet, Komplexität möglichst stark zu reduzieren. Im Gegenteil: Heute und künftig gilt es, Komplexität zuzulassen und aufzubauen – weil sie erst dann intelligent kontrolliert werden kann.
Die Grundvoraussetzung dafür ist ein umfassendes, systemisches Verständnis von Komplexität und Kultur – und damit auch Technologie. Denn der Kontrollverlust in der nächsten Gesellschaft korreliert direkt mit dem Kontrollgewinn neuer Technologien.
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