Read the book: «Ohne WHAM! und ABBA»

Font::

Christian Moser-Sollmann

Ohne WHAM! und ABBA


Dachbuch Verlag

1. Auflage: September 2020

Veröffentlicht von Dachbuch Verlag GmbH, Wien

ISBN 978-3-903263-17-8

EPUB ISBN 978-3-903263-18-5

Copyright © 2020 Dachbuch Verlag GmbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Autor: Christian Moser-Sollmann

Lektorat: Nikolai Uzelac

Korrektorat: Ines-Mercedes Freitag, Teresa Emich

Satz & Umschlaggestaltung: Daniel Uzelac

Umschlagmotiv: Akos Boekoe

Besuchen Sie uns im Internet

www.dachbuch.at

Inhalt

1 Alles, was gut aussieht, ist für die Galerie

2 Warten auf den Bus

3 Kein normaler Tiroler geht zum Zivildienst

4 Jung, hungrig und pleite oder warum Franz Innerhofer auf meine Leseliste gehört

5 Die Perle Kärntens

6 Murder Inc. forever

7 Bin ich Anne Frank oder möglicherweise gar ein entlaufener Sklave?

8 Quellenkunde

9 I am higher than the sun

10 Du bist das Land, dem ich die Treue halte

11 Tagwache

12 Disziplin ist alles

13 Lehrjahre sind keine Herrenjahre, Raggler!

14 Bart Simpsons Silvesterstreich

15 Bruce Lee fährt auch Ski

16 Weil du so schön bist, mein Tiroler Herz

17 Endstation Sainihåns

18 The Nobel Savage Caro (Call me)

19 Out of Order

Der Text ist meine Party

und mein Bild ist kein Messer

Kolossale Jugend

Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ist‘s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück suchen.

Joseph von Eichendorff

1
Alles, was gut aussieht, ist für die Galerie

Eine Faust, hart wie eine gefrorene Kartoffel, fliegt auf meine Nase zu. »Der Romed blutet! Der Romed blutet!«, schreit das einzige Mädchen unserer Taekwondo-Gruppe. Ich spüre, wie mir warmes Blut von der Lippe langsam übers Kinn rinnt. Ich liege am Boden des Turnsaals und habe gerade meinen ersten Vollkontaktkampf durch ein Knockout verloren. Verheerend für meine weitere Laufbahn als Kampfsportler! Ich war mir sicher, zu gewinnen, aber der Kollege hat eine kurze Unaufmerksamkeit beinhart ausgenützt. Ich wollte vor meinen Sportkameraden glänzen und habe meinen Gegner mit einem Luftsprung attackiert. Aber alles, was gut aussieht, ist für die Galerie und nicht effizient. Er ist ausgewichen und als ich gelandet bin, habe ich für eine Nanosekunde das Gleichgewicht verloren. Ich habe meine Deckung vernachlässigt und er hat einen kompakten Schlag in meinem Gesicht geparkt. Mit voller Wucht, ohne abzustoppen, wie wir es gelernt hatten. Ich habe ihn richtiggehend eingeladen, mich zu vernichten und kann jetzt nicht mal mehr aufstehen. Und das Beschämendste ist – der Kampf hat keine zwanzig Sekunden gedauert. So schnell zerstört sonst nur Bruce Lee seine Gegner.

Ich ignoriere die hämischen Kommentare meiner Trainingspartner und schließe die Augen, um nicht von ihren abfälligen Blicken durchbohrt zu werden. Trotzdem höre ich sie: »Voll der Anfängerfehler. Wer wie ein junger Hund losstürmt und dabei seine Deckung vergisst, verdient eine blutige Lippe.«

Mir ist schwindlig und ich übergebe mich. Meine Knie zittern wie bei einem Föhnsturm. Erst nach zwanzig Minuten Erholungspause kann ich wieder richtig stehen. Das Bluten hat aufgehört, ich muss nicht ins Krankenhaus, doch meine Lippe ist auf das Dreifache angeschwollen. Ein bisschen sehe ich jetzt aus wie Mick Jagger.

»Kühl das daheim mit Eis und geh‘ schlafen. Ab morgen trainierst du dann dreimal so hart.« Mein Trainer tröstet mich mit ein paar Weisheiten aus seinem Motivationshandbuch: »Erst durch Niederlagen wird man besser. Weißt du, dass auch Bruce Lee seine ersten zwei Kämpfe verloren hat? Ab sofort machst du jeden Tag nach dem Aufstehen hundert Liegestütze.«

Alles in allem war er zufrieden, weil ich nicht geweint habe. Ich muss noch viel härter trainieren, meinem Gegner immer in die Augen schauen und darf niemals, absolut niemals meine Deckung vernachlässigen.

Am nächsten Tag in der Schule habe ich noch immer rasende Kopfschmerzen und sehe erbärmlich aus mit meiner Schlauchbootlippe. Natürlich kommentiert meine Lieblingsmitschülerin Babsi das hämisch:

»Hey, Karate Kid! Bist in deinem Dorf gegen eine Stalltür gerannt oder hat dich ein Pferd getreten?«

Um von meiner Schmach abzulenken, muss mir dringend was einfallen.

»Ach, vergiss‘ meine Lippe. Ich hab‘ heute Nachmittag frei und du nicht. Mein Großonkel ist gestorben und ich muss zum Begräbnis. Das ist so lässig.«

»Mensch, Romed, bist du nicht traurig?«

Babsi blickt bemüht entrüstet.

»Wieso denn? War nur einer meiner hunderttausend Onkels. Ich habe eine Riesenverwandtschaft. Ich habe ihn nicht mal gekannt. Der Mann war 95. Er ist nun sicher erlöst«, sage ich und lächle Babsi entschuldigend an. Sie hätte auch gerne frei.

Babsi ist eine noch größere Minderleisterin als ich. Wir fiebern beide unserer Matura entgegen. Sie steht auf acht »Genügend«. Sie ist nicht blöd, nur faul. Seit der dritten Klasse sitze ich in der ersten Reihe rechts, direkt vor Babsi. Viele Taugenichtse denken fälschlicherweise, vorne rechts zu sitzen wäre blöd, weil man dann im Blickfeld des Lehrers ist. Doch das stimmt nur teilweise. Mein Klassenvorstand Ratzinger hat mich vor drei Jahren wegen meiner ausufernden Schwätzereien auf diesen Platz strafversetzt. Allmählich lerne ich seine pädagogisch gut gemeinte Maßnahme zu schätzen; ganz vorn kann ich ungestört schwindeln, wobei mich die Lehrer in Ruhe lassen, weil sie die Spitzbuben in den hinteren Reihen vermuten.

Eine Stunde muss ich noch schwätzen, dann kann ich mich endlich niederlegen. Philosophielehrer Mayerhofer betritt die Klasse. Mit seinem Mittelscheitel, dem braunen Cordsakko und der randlosen Brille wirkt er verständnisvoll. Er schreibt mit seiner Babyschrift sein Anwesenheitszeichen in das Klassenbuch; es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich einer meiner Klassenkameraden aufrafft, um mit einer idiotischen Scheinfrage den Unterrichtsbeginn hinauszuzögern. Mayerhofer ist ein Lehrer ohne Autorität. Das weiß er selbst am besten, weshalb er sich möglichst lange ans Klassenbuch klammert.

»Romed, was ist denn mit deiner Lippe passiert? Egal, ich habe schon länger nicht mehr geprüft. Du interessierst dich doch für Philosophie, also beginnen wir gleich mit dir.«

Ich habe weder gelernt noch bin ich geistig bereit für eine Prüfung.

»Bitte heute nicht, ich hab‘ nicht geschlafen, weil ich solche Zukunftsängste wegen des sauren Regens habe.«

Mayerhofer lacht und antwortet: »Romed, diese Geschichte hast du mir schon vor zwei Wochen erzählt. Der Regen wird Osttirol schon nicht zerstören. Komm, hab‘ dich nicht so.«

Dann brauche ich eben stärkere Argumente als Umweltschutz, die Bewahrung der Schöpfung und meine schmerzende Lippe: »Das geht heute leider wirklich nicht, Herr Professor, dass sie mich prüfen, leider. Mein geliebter Großonkel ist völlig unerwartet verstorben. In zwei Stunden ist Begräbnis und ich bin voll in Trauer.«

Mayerhofer schaut betroffen. Ein Todesfall kommt ihm ungelegen. Er druckst herum:

»Mein aufrichtiges Beileid. Ein Todesfall in der Familie nimmt einen immer mit. Dann prüfen wir eben…«, Mayerhofer blickt kurz hoch, »… die Barbara.«

»Geh bitte, Herr Professor, muss das sein? Dem Romed geht es schon wieder viel besser. Der hat seine Trauerphase bereits überwunden. Schauen Sie ihn sich ruhig an. Er ist das blühende Leben trotz seiner geschwollenen Lippe.« Doch alles Jammern nützt nichts, Babsi wird geprüft. Neben ihr sitzt Johanna, schwarzhaarig und sehr hübsch, nur leider stumm. Sie geht ausschließlich mit älteren Jungs aus, die wie Italiener aussehen, mit Gleichaltrigen wie mir gibt sie sich nicht ab. Ich habe das verstanden, mein Banknachbar nicht. Der hat sich in sie verliebt und sich einen fürchterlichen Korb abgeholt. Kein Wunder, Jürgen ist Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Weil ich seine Erzählungen von der Feuerwehr alle kenne und er abseits dieses Vereins kein Leben hat, rede ich so gut wie nie mit ihm. Seit ich mich erinnern kann, bekommt Babsi ein »Wenig Zufriedenstellend« in Betragen. Manche Lehrer fürchten sich richtig vor ihr. Auch die anderen Buben lassen sie in Ruhe, jeder hütet sich vor ihrer scharfen Zunge. Mich stänkert sie nie an, außer, wenn ich gerade eine geschwollen Lippe habe.

»Ein Todesfall als Prüfungsausrede. Du wirst immer dreister. Einmal fürchtest du dich vor dem sauren Regen, dann vor der Rodung des Regenwaldes. Was kommt als nächstes? Hast du Angst, dein Bergdorf könnte vermurt werden? Egal, wie dämlich deine Ausreden sind, die Lehrer lassen dir alles durchgehen, weil du so treuherzig schaust. Vor allem die weiblichen! Das muss was mit deinem Babyspeck zu tun haben, du Unschuld vom Lande. Die Lehrer glauben, du bist einer Peter-Rosegger-Erzählung entsprungen.«

Ich seufze. Dass mir unsere Lehrerinnen zugeneigt sind, hilft mir nicht weiter. Denn ich stehe unter extremem Druck. Weniger wegen meiner schlechten Leistungen; im Umgang mit negativen Noten bin ich routiniert. Vor allem in Latein bin ich grenzwertig unterwegs. Nur mit einer strategischen Mitgliedschaft bei den Pfadfindern, wo mein Lateinlehrer Stolz auch engagierter Gruppenleiter ist, kann ich halbwegs bestehen. Nein, meine Probleme sind schwerwiegender als Noten: Ich bin noch immer Jungfrau. Und: Einer meiner zwei besten Freunde hat vor kurzem zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen – mit meiner Ex-Freundin Stella. Was bedeutet schon eine Matura, wenn ich als Einziger noch unberührt bin?

Ich sollte Barbara fragen, ob sie mit mir schläft. Mit ihren wilden Locken gefällt sie mir gut. Keiner kann so schnell und so viel reden wie sie. Wir gehen im Winter gemeinsam rodeln oder Ski fahren, im Sommer schwimmen. Ich weiß nicht, warum wir uns nie küssen. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht dauernd auf ihre Brüste zu starren. Wenn Barbara die Wahrheit sagt und die Lehrerinnen mich tatsächlich mögen, sollte ich vielleicht versuchen, mit einer Lehrerin zu schlafen. Bislang habe ich keine Eile verspürt, weil ich für mein erstes Mal verliebt sein wollte… Erst die Glocke erlöst mich von meinen trüben Gedanken.

Statt zum Begräbnis gehe ich noch auf einen Sprung ins »Alt-Lienz«. Meinen Eltern habe ich erklärt, ich kann wegen dringend anstehender Maturavorbereitungen nicht am Begräbnis teilnehmen. Ich treffe Sid dort. Er ist ein richtiger Arsch - ich bin krank im Bett gelegen und er entjungfert meine Ex-Freundin.

Ich habe Sid beim Kauf einiger seiner ausgemusterten Computerspiele kennengelernt. Damals hatte ich vor diesem 1,90 Meter großen Riesen noch eine Heidenangst. Er hatte einen Ruf als Stänkerer, der kein Erbarmen mit Schwächeren kennt. Die Übergabe der Spiele im Pausenhof war mehr Verkaufsgespräch als Freundschaftsanbahnung. Er wollte mich loswerden, ich war ihm lästig, das spürte ich. Ich erinnere mich noch genau: Sid zündete sich eine Zigarette an und bot mir höflichkeitshalber auch eine an, die ich unter Verweis auf meine Kampfsporttätigkeit ablehnte.

»Trinken tust wohl auch nichts, oder wie? Bist‘ leicht ein Gesundheitsapostel?« Auch meine Kleidung kommentierte er herablassend: »Sag mal, zieht dich noch deine Mutter an? Deine Turnpatschen sind echt scheiße.«

Ich grinste verlegen, über Mode spricht in meinem Dorf niemand. Sid trug ein schwarzes Lederarmband, einen Totenkopfring, ein Flinserl, Jeans mit Karottenschnitt und Markenschuhe. Dieser Stadtmensch verhielt sich anders als meine Klassenkollegen. Ich starrte auf seine Schuhe.

»Das sind Doc Martens, du Träne. Was treibst du in deinem Scheißkaff, außer Schafen nachzurennen und Kühe zu melken?«

Sid hat eben eine schroffe Art. Hinter seiner rauen Schale ist er aber sanftmütig, das habe ich schnell herausgefunden. Er ist der Sohn meines Physiklehrers und deshalb zeigt er wenig Achtung vor den Professoren, während für mich ungebildetes Landkind Lehrer allwissende Autoritäten darstellen.

Sid spielte mit zwei Typen Karten. Einen kannte ich flüchtig vom Ministrieren, er heißt Rahim. Mit seinen Bundfaltenhosen, dem karierten Hemd, dem Mittelscheitel und dem zarten Oberlippenflaum sah er aus wie alle in unserem Alter. Der neben ihm wirkte hingegen wie ein Wesen von einem fremden Planeten. Das war Breiti. Er hatte seine blonden Haare auftoupiert – mindestens fünfzehn Zentimeter hoch und wild durcheinander; die Stirnfransen hingen ihm bis weit über die Nasenspitze. Er trug schwarze Jeans, ein schwarzes Hemd, schwarze Socken und schwarze Schuhe. Ich fragte mich, warum Breiti schwarz angezogen war. War er in Trauer? Er sah im Ganzen irgendwie zerknautscht aus, so, als ob er gerade aufgestanden wäre.

Ich war eifersüchtig. Während ich bieder wie Rahim ausschaute, waren Sid und Breiti cool. Ich kannte kein Kleidergeschäft, wo es solche Sachen gab. Die drei verloren bald das Interesse am Kartenspiel und Rahim verabschiedete sich.

»Was hörst du denn so für Musik?«, fragte mich Breiti.

»Wham, Nena, Kim Wilde, Madonna, Falco und manchmal Abba, weil das die Lieblingsband meiner Mama ist. Hitparade halt.«

»Ich habe dich gefragt, welche Musik du hörst und nicht, ob du hirnamputiert bist. Wir sind Underground.«

»Was ist denn Underground?«

»Der Sound, den sie nicht im Radio spielen. Wir stehen auf The Cure und The Sex Pistols.«

»Kenne ich nicht«, sagte ich und lief rot an.

»Ist doch egal«, sprach mir Breiti Mut zu, »wir sind selbst erst seit einem halben Jahr Indie. Früher habe ich Grönemeyer gehört, wegen meiner Schwester. Geh‘ am Freitag mit uns weg, dann geb‘ ich dir eine Kassette. Wir treffen uns hier um sieben, dann gehen wir in den ›Club K2‹, da kostet das Bier nur 1,50 Euro1.«

»Ich weiß nicht, ich darf noch nicht ausgehen und Alkohol trinke ich keinen. Ich mach‘ Kampfsport. Wer Taekwondo lernt, darf nichts trinken, sagt unser Trainer.«

Sid unterbrach mich: »So ein Quatsch. Ich kenne deinen Trainer. Dieser Rollmops trinkt oft Bier in der ›Bahnhofsreste‹.«

»Das glaube ich nicht. Wir leben nach dem alten koreanischen Ehrenkodex.«

»Dem ist doch scheißegal, was du treibst. Machst du einen auf Samurai?«

Es folgten keine weiteren Beleidigungen und seitdem sind wir drei unzertrennlich. Das war vor einem halben Jahr.

Sid, der Draufgänger, hat also meine Ex-Freundin flachgelegt. Während ich zögerte, weil ich Stella nicht drängen wollte, wie mir meine Mama geraten hatte. Ich sollte auf den Arsch angefressen sein, aber mit meinem Zaudern habe ich es eindeutig selbst vergeigt.

»Mit einer Frau zu schlafen ist das Beste, was man sich überhaupt vorstellen kann.« Sid ist verständlicherweise gut drauf. Kaum hatte er einmal Sex, wirkt er viel erwachsener. »Das Blut stört nicht im Geringsten«, sagt er, »im Gegenteil, das ist der Beweis ihrer Jungfräulichkeit.«

Sid sagt, eine Jungfrau zu finden, sei seltener als ein Lottogewinn. Ich schlucke.

1Im Osttirol der 1990er Jahre zahlte man wie in ganz Österreich noch mit Schillingen und Groschen, was des besseren Leseverständnisses Willen vom Autor allerdings auf Euros und Cents umgemünzt wurde.

2
Warten auf den Bus

Blöde herumstehen und warten auf den Schulbus. Warten ist meine Hauptbeschäftigung. Wenn ich Glück habe, sehe ich an der Haltestelle ein hübsches Mädchen aus einer anderen Landgemeinde. Nur meine Tagträumereien machen dieses sinnlose Herumstehen erträglich.

Bei der Heimfahrt genieße ich die Winterlandschaft. Die Fichten und die Landstraße sind mit Schnee bedeckt, die Felder glitzern wie Discokugeln. Selbst die Strommasten strahlen heute gold-weiß. Im Februar ist es zum Aushalten am Land. Wenn es schneit, fahre ich mit meinen Skiern oder mit der Rodel bis vor unsere Haustür. Wintersport ist unsere Freiluftdisco. Aber damit ist bald endgültig Schluss. Anfang Juni maturiere ich und dann beginnt mein Leben. Ich werde Tirol Richtung Wien verlassen, falls mir das mein Vater erlaubt. Noch streiten wir über meinen Studienort. Wie alle Tiroler hasst er Ostösterreich und will mich lieber nach Innsbruck schicken. Was soll ich in Innsbruck? Da kann ich gleich in Lienz bleiben.

Noch trauriger als mein ereignisarmer Schulalltag und mein Dasein als Jungmann ist mein Wohnort. Ich wohne nicht mal in der Bezirksstadt, nein, ich wohne in einem vier Kilometer entfernten und auf tausend Meter Seehöhe gelegenen, kaum erschlossenen Bergdorf namens Oberdrum in einem kleinen, von meinem Vater selbst erbauten Einfamilienhaus, umgeben von Misthaufen und arbeitsamen Bauern. Täglich pendle ich mit dem Schulbus, um die vierhundert Meter Höhenunterschied zu überwinden. Drei Stunden Fußmarsch sind mir zu anstrengend, obwohl das für meine Ausdauer beim Kämpfen gut wäre. Wegen dieser Distanz ist den Kindern aus unserem Dorf der Besuch höherer Schulen übrigens lange verwehrt geblieben.

Busfahrten sind die einzige Fluchtmöglichkeit aus meinem 350-Seelen-Dorf, wo es mehr Kühe als Frauen gibt. Drei meiner fünf Nachbarn sind Landwirte, der vierte ist einer meiner vielen Onkels, der fünfte ist mein Opa und der Rest unserer Dorfgemeinschaft setzt sich folgendermaßen zusammen: Vierzehn Vollerwerbsbauern, zwanzig Nebenerwerbsbauern, ein paar Dutzend Einfamilienhäuser - welche die Zweit-, Dritt- und Viertgeborenen der jeweiligen Bauerndynastie auf den Grundstücken erbauten, die ihnen der Altbauer nach alter, nie hinterfragter Tiroler Tradition zuteilte - und ein paar zugezogene deutsche Pensionisten, die in der Abgeschiedenheit dieses, vom Massentourismus verschont gebliebenen, Herrgottswinkels ihren dritten Lebensabschnitt mit Gartenarbeiten, Spaziergängen und Bergsteigen verbringen. Bis auf meine Cousinen gibt es bei uns im Dorf keine feschen Mädchen. Die Väter meiner Volksschulfreunde reden lieber mit ihren Rindern und Schafen als mit ihren Frauen.

Mit zehn besuchte ich entgegen dem ausdrücklichen Rat meines Volksschullehrers das neusprachliche Gymnasium. Weniger aus einem ungebührlich großen Wissensdrang heraus; ich wollte endlich in Kontakt mit Stadtmenschen treten. Wäre ich in die Hauptschule gegangen, hätte ich nämlich weiterhin mit den Dorfkindern meine Zeit verbringen müssen. Das wollte ich vermeiden, obwohl meine Freunde schwer in Ordnung sind und ich meine Kindheit genossen habe: Heuhüpfen in den Silos der Bauern, ministrieren und vorbeten, Obst stehlen sowie abwechselnd schlägern und Fußball spielen mit den gezählt dreizehn gleichaltrigen Burschen meines Dorfes. Massenschlägereien bildeten den Höhepunkt meiner Kindheit. Wir Oberdrumer raufen gerne und sind in ganz Osttirol berüchtigt für unsere unbändige Kraft. Wir sind waschechte Tiroler: stolz, treu und ein bisschen geistig unterbelichtet. Die Bewohner der umliegenden Gemeinden nennen uns »Oberdrumer Wölfe«. Wir prügeln uns mit allen und gerne auch grundlos. Einmal verteidigen wir die Ehre unserer Elternhäuser, dann müssen wir unsere Siedlung gegen umherschweifende Eindringlinge aus anderen Dorfteilen behaupten. Wenn meine Nase blutet, fühle ich mich erhaben.

Nur noch ein paar Monate, dann sehe ich diese verschneite Landschaft nie wieder. Den Schnee und die Berge werde ich vermissen. Mein Drang, wegzugehen ist aber stärker. Ich weiß gar nicht, ob ich Tirol hasse. Ich liebe mein Dorf, die Berge und meine Freunde. Auch meine Schulzeit verläuft eigentlich prima. Meinen Geschichtslehrer Wassermann verehre ich sogar.

Als Kärntner lästert er gerne über den Tiroler Freiheitskampf von 1809. Er behauptet, Andreas Hofer war ein bigotter Frömmler und geldgieriger Weinbauer, der nur in Ruhe den Franzosen Wein verkaufen wollte. Mit heimatkritischen Aussagen wie dieser hat er mich für die Methoden der mündlichen Geschichtsschreibung sensibilisiert. Ein weiterer Verdienst Wassermanns ist es, mich zu politisieren. Er borgt mir in unregelmäßigen Abständen anarchistische Klassiker aus seiner erstklassig sortierten Privatbibliothek. »Auf die Bäume, ihr Affen«, eine Streitschrift gegen Noten- und Leistungszwang hat mich besonders überzeugt. Ich liebe die abgegriffenen Wälzer meines Lehrers. Von ihm und seinen Büchern fühle ich mich verstanden. Die anderen Lehrer vertreten einen komischen Bildungsbegriff: Wir Schüler sollen nicht nachfragen. Wassermann sagt, mit der Schule wollen die Politiker nur die soziale Reproduktion der Stände erreichen und nicht die Mündigkeit des Einzelnen. Seine Theorie habe ich nicht ganz verstanden, also hat er sie mir mit folgenden Worten erklärt: »Die oben sind, wollen oben bleiben, die unten sind, sollen unten bleiben. Du als Dorfkind sollst dein ganzes Leben lang unten bleiben. Wer denkt, ist verdächtig.«

Unsere Schule hat trotz Wassermanns Kritik auch Vorteile. Übertriebener Lerneifer ist nicht notwendig. Egal, wie wenig ich auch lerne, ich habe es bislang nicht geschafft, sitzen zu blieben. Nur zehn Jahre früher hätte ich als Landkind kein Gymnasium besuchen dürfen, denn Dorfkinder hat der Lehrer alle automatisch in die Hauptschule geschickt, außer wenn sie Pfarrer werden wollten. Erst Bruno Kreisky schaffte die bis in die 1970er-Jahre verpflichtende Aufnahmeprüfung ab und hat damit die Anforderungen ins Bodenlose gesenkt. In seiner Güte war dem Mann auch egal, mit welchen Noten man maturierte – Hauptsache positiv. Warum soll ich mich also anstrengen? Mein Ehrgeiz beschränkt sich auf die gekonnte Vermeidung von Nachprüfungen. Ich will mit möglichst vielen Vierern durchkommen, darin sehe ich das Vermächtnis Kreiskys am besten gewürdigt. In Österreich darf sowieso jeder Idiot studieren. Ich habe mir sogar schon ausgerechnet, wieviel Studienbeihilfe ich bekommen werde. Mein Leben ist für die nächsten Jahre ausfinanziert, obwohl mir meine Eltern eigentlich gar kein Studium finanzieren könnten. Ich liebe Österreich.

Ich bin gut integriert in die Klassengemeinschaft, obwohl mir der Einstieg als Dorfdepp nicht leicht fiel. Seit drei Jahren bin ich Klassensprecher. Die Wahl verlief eigenartig: Die weiblichen Mitschülerinnen wählten mich einstimmig, aber nur knapp die Hälfte der Buben. Ich vertrage mich einfach besser mit den Mädchen und dennoch hab‘ ich noch mit keinem geschlafen. Vielleicht bin ich zu nett…

Als ich unsere Haustüre aufsperre, ist das Kopfweh weg und meine Eltern noch beim Begräbnis. Ich bin schmerzfrei und kann deshalb zur Taekwondostunde. Weil nach sechs kein Bus mehr nach Oberdrum fährt, düse ich mit 20 km/h mit meinem Mofa los. Anders komme ich im Winter nicht zum Kampfsport. Meine Eltern spielen für mich nicht Privattaxi. Um mir mein Mofa zu finanzieren, arbeitete ich schon mit vierzehn illegal auf einer Tankstelle. Von meinem Fünf-Euro-Stundenlohn habe ich mir schließlich ein gebrauchtes Mofa um 250 Euro gekauft. Es ist ein hässlicher, weiß-orangefarbener Klotz. Da Radfahren von Lienz in unser Bergdorf mit seiner achtzehnprozentigen Steigung verbunden ist, ist es so kräftesparender. Ich lasse selbst an den kältesten Wintertagen nie eine Einheit ausfallen. Wenn ich bei minus 14 Grad mit dem Mofa fahre, frieren mir fast die Knie ab. Meine Mama hat mir deshalb eigens Knieschoner gestrickt.

Das Training ist höllisch anstrengend. Ich darf am Tag vorher nichts trinken, sonst halte ich mit den Kollegen nicht mit. Bechere ich Bier, schaffe ich nicht mal vierzig Liegestütze zum Aufwärmen. Mein Trainer lacht mich dann aus und nennt mich »Mädchen«. Fortschritte beim Taekwondo sind mir wichtiger als Bier. Wir beginnen das Training mit Dehnen. Mein großes Ziel bleibt der Herrenspagat, worauf mir nur noch fünf Zentimeter fehlen. Nach dem Aufwärmen geht es weiter mit Schattenboxen und Formen, wo man die Abläufe diverser Schlagkombinationen übt. Mit jedem Hyong werden die Schlagkombinationen technisch anspruchsvoller. Formenüben ist wie Beten - je mehr man übt, desto besser wird man. Weil ich schon sechs beherrsche, einen Bruchtest sowie drei Sparrings erfolgreich gemeistert habe und nur gestern unglücklich meinen Kampf verloren habe, bin ich stolzer Träger des blauen Gürtels. Als ich mein erstes Brett zertrümmert habe, war ich richtig glücklich. Wenn man schnell schlägt, ist so ein Bruchtest aber einfach, muss ich zugeben. Schnelligkeit ist wichtiger als rohe Kraft. Nach den Formen üben wir Freikampf mit Körperkontakt. Die meisten Taekwondo-Techniken bestehen aus Fußtritten. Ich würde eigentlich lieber einen Kampfstil erlernen, der mehr mit den Händen arbeitet; aber Boxen erlauben mir meine Eltern nicht und Kung-Fu-Schule gibt es bei uns keine.

Nach dem Training gehe ich noch Schattenboxen und eine Runde spazieren, weil so viele Sterne am Himmel sind und ich mir keine Erzählungen vom Begräbnis anhören möchte. Papa ist sicher traurig, er kannte seinen Onkel im Unterschied zu mir ja. Die Sterne sind meine Freunde. Wenn ich bei minus zehn Grad alleine im Wald boxe, wirkt das bestimmt lächerlich. Durch das viele Training ist meine Kondition durchaus beachtlich. Eine Stunde Dauerlauf schaffe ich locker, obwohl mein Trainingsehrgeiz nachgelassen hat, seit ich Sid und Breiti regelmäßig treffe. Für Sport interessieren die sich nämlich überhaupt nicht.

Meine Lehrer tun so, als ob die Reifeprüfung etwas Besonderes wäre. Sie wollen mir einreden, dass ich zur Bildungselite meines Jahrgangs gehöre. Ich bin ins Gymnasium gegangen, weil ich nicht arbeiten will und nicht, weil ich besonders schlau bin. Elite, was soll das überhaupt heißen? Wassermann hat mir erzählt, dass 1990 jeder Fünfte eines Jahrgangs maturiert, um die Jahrhundertwende war es nur jeder Hundertste. Ist die Menschheit heute etwa um das Zwanzigfache klüger als damals? Wohl kaum. Unser Klassenvorstand Ratzinger bläut uns hingegen ein, wir als Schüler der Klasse 8A seien die Besten unserer Schule. Die Lehrer sollten sich nicht vom Fernsehen blenden lassen: Lateinlehrer Stolz hat seine Unterrichtsmethoden komplett umgestellt, seitdem er den bescheuerten Film »Club der toten Dichter« gesehen hat. Er klettert nun öfters ungefragt aufs Lehrerpult, um uns so einen Perspektivenwechsel zu veranschaulichen. Oft sperrt er den Klassenraum zu und unterrichtet während der Pause weiter, weil er meint, Wissensvermittlung ende nicht nach einer 45-Minuten-Einheit. Er wäre so gern charismatisch! Er hat uns ernsthaft gebeten, das derbe Wort »ficken« nicht mehr zu verwenden. Nicht, weil es frauenfeindlich sei, sondern weil es aus dem Mittelhochdeutschen kommt, von »mit dem Besen fegen« abstamme und daher eine mechanistische Reduktion des Geschlechtsaktes darstelle. Der Mann hat Sorgen.

Wie alt ich beim ersten Mal sein werde, hat mich bis zu Sids Heldentat keine Sekunde beschäftigt. Doch jetzt kann ich mit meiner Schande nicht mehr länger leben. Ich bin ein sexueller Spätzünder. Ich bin erst in der siebten Klasse gewachsen, vorher hatte ich weder Stimmbruch noch Haare am Sack. Noch mit vierzehn habe ich lieber »Die Jungen von Burg Schreckenstein« gelesen als an Mädchen zu denken. In meinem Kopf war kein Platz für Sexualität. Als ich irgendwann verstanden hatte was Pubertät heißt, habe ich meine Mutter um ein Aufklärungsgespräch gebeten. Sie hat mir empfohlen, nur mit Frauen zu schlafen, die mich gerne haben und die ich gerne habe. Sie ist überzeugt, es wäre für meine Seele schlecht, wenn ich einfach so mit Frauen schlafe. Ihre Botschaft: Sex ist etwas Wertvolles und ich soll damit warten, bis ich die Richtige finde. Ihre Erklärung stellte mich vollkommen zufrieden. Das bisherige Schuljahr verläuft, was Frauen betrifft, nicht schlecht. Babsi schreibt mir meine Italienischaufsätze, die ich dann für die Schularbeiten verwende. Ihre Banknachbarin bereitet mir sorgfältig Themenblöcke für Englisch auf, die ich mikrokopiere und in meinem Brillenetui verstaue. Ich trage Brillen nur während der Schularbeiten und wundere mich, warum das keinem der Lehrer auffällt. Mit Hilfe meiner strebsamen Mitschülerinnen bekomme ich meistens ein »Befriedigend« oder »Genügend«, ohne eine Ahnung zu haben, was genau ich da niederschreibe. Ja, die Frauen verwöhnen mich richtiggehend. Seitdem mir Babsi und Johanna helfen, habe ich nie mehr ein »Nicht Genügend« geschrieben. Wenn meine Mitschülerinnen freiwillig für mich arbeiten, meine Lehrerinnen mich wegen meines unschuldigen Lächelns nie prüfen, und ich mit 100 Prozent aller weiblichen Stimmen zum Klassensprecher gewählt werde, kann ich kein Versager sein.

Gelegentlich steckt mir ein Mädchen einen Brief zu, wo es mir nette Sachen schreibt und fragt, ob ich mit ihm weggehen will. Ich gehöre nicht zu jener Sorte Männer, die für Frauen nur Schultaschenträger sind. Meine Schlussfolgerung aus diesen Beobachtungen, wie ich es im Philosophieunterricht bei der Einführung im logischen Schließen gelernt habe, kann also nur lauten: Es liegt an mir selbst, dass ich in Liebesangelegenheiten bislang nur kümmerliche Erfolge vorweisen kann.

Weil ich mit meinem freundlichen Wesen nichts erreicht habe, ändere ich ab sofort mein Verhalten. Wenn ich als netter Junge von nebenan versage, probiere ich es eben mit Weltschmerz. Sid und Breiti helfen mir bei meiner Verwandlung. Sie ziehen mich richtig an: Statt roter Wangen und der von der Höhensonne braun gebrannten Haut kultiviere ich nun eine vornehme Blässe, die ich geschickt mit schwarzen Hemden, schwarzen Pullovern, schwarzen Socken, schwarzen Schuhen und einem kleinen Totenkopfring kombiniere. Ich kämme mich auch nicht mehr. Grufti bin ich aber keiner. Das ist auch nicht mein Ziel, ich möchte wie ein depressiver französischer Schriftsteller aussehen. Ich habe »Der Fremde« von Albert Camus gelesen und ähnlich entfremdet fühle ich mich augenblicklich von Oberdrum, weshalb ich unseren Ortsnamen häufig englisch ausspreche, was aber niemand außer Sid und mir lustig findet. Sogar ein altes, schwarzes, etwas zu großes Sakko habe ich mir gekauft. Ich müsste nur noch anfangen Gitanes zu rauchen wie Breiti, dann wäre meine Verwandlung vom fröhlichen Landbuben zum, von Frauenabweisung und Umweltzerstörung, gepeinigten Verlierer abgeschlossen. Er hat mir Kleidung gekauft und gezeigt, wie ich mir die Haare toupieren muss. Wenn ich mir auch noch ein wenig Kajal unter die Augen schmiere und diesen verwische, macht mich das geheimnisvoll. Breiti zeigt mir, wie ich auffalle. »Mode ist demokratisch«, meint er, »man braucht nicht viel Geld, um gut auszusehen. Nur Zeit und ein gutes Händchen.« Neben dem neuen Outfit bekomme ich Nachhilfestunden in Musikgeschichte. Breiti und Sid überspielen mir die wichtigsten Kassetten. Mit der Rolle des Nachahmers habe ich mich noch nie zufrieden gegeben. Mein Forscherehrgeiz ist entbrannt. Ich gebe Breiti Bestellungen nach Villach mit, wo er zur Schule geht. Musik ist in unserer Prioritätenliste nach Frauen und mittlerweile Trinken die klare Nummer drei. Aber leider hören die Frauen nur Hitparadenscheiß und fürchten sich vor unseren schwarzen Uniformen. Wir besitzen zwar die beste Musik, nur können wir sie nirgendwo anhören. In den zwei Lienzer Diskotheken wird Kuschelrock und Wham gespielt. Wir sind schon froh, wenn wir einmal pro Abend einen Cure-Song hören. Diese Situation ist für alle äußerst unbefriedigend. »Wir müssen uns unsere Freiräume selber schaffen«, schlage ich Sid und Breiti deshalb vor, »uns fehlt ein Ort, wo wir machen können, was wir wollen.«

Ich muss also mein Organisationstalent unter Beweis stellen, denn obwohl Sid und Breiti mir Musik, Mode und Biertrinken beigebracht haben, stört es sie nicht, dass wir keinen Rückzugsort haben. Bevor wir ausgehen, treffen wir uns meistens bei Breitis Mutter, weil es ihr egal ist, wenn wir dort laut Musik hören. Aber natürlich ist diese Wohnung wegen ihrer Anwesenheit nicht perfekt. Was wir brauchen, ist ein zentral in der Stadt gelegener Platz für uns allein. Wir brauchen einen Ort, wo wir laut Musik spielen, spontan Partys organisieren und bei Bedarf mit Mädchen Zeit verbringen können.

Einen solchen Sehnsuchtsort gibt es und er wird mir quasi am Silbertablett serviert. Ich bin Mitglied bei den Pfadfindern und diese besitzen ein großzügig bemessenes Vereinslokal mitten im Stadtzentrum. Das Innenstadtjuwel mit zwei Räumen verfügt als Glanzstück sogar über ein zehn Quadratmeter großes Hochbett, wo man mit einer Leiter raufklettert. Hier können locker zehn Leute schlafen. Das Vereinshaus beherbergt neben den Pfadfindern noch die katholische Studentenverbindung Salurn und einen Jugendklub namens Club K2, steht ansonsten aber leer. Dieses Haus, fünf Gehminuten vom Hauptplatz und je drei Minuten von unseren beiden Stammlokalen »Alt Lienz« und »Hoppla« entfernt, erfüllt also alle Anforderungen einer selbstverwalteten Feier- und Übernachtungszone. Es gibt Strom, einen Kühlschrank, um Bier einzukühlen, und was noch viel wichtiger ist, eine Musikanlage. Mein Plan steht also fest: Beim jährlichen Vereinsfest der Pfadfinder melde ich mich zur Überraschung aller freiwillig zum Auf- und Abbauen des Verkaufsstandes und bekomme dafür den Schlüssel zum Vereinsheim ausgehändigt. Eine Woche später halte ich zwei Ersatzschlüssel, die ich mir um 5 Euro beim örtlichen Schlüsseldienst habe nachmachen lassen, in meinen Händen. Die Mühen des zehnstündigen Standaufbaus wiegt meine kleine städtische Zweitwohnung mehr als auf, die noch dazu den Vorteil hat, gratis zu sein.

Die von uns an den Wochenenden bewohnte Bude entwickelt sich schon bald zur Zentrale unserer nächtlichen Aktivitäten. Wie bei den Schularbeiten, die mir meine Mitschülerinnen vorbereiten, frage ich mich, warum meine Eltern, meine Lehrer, die Eltern meiner Freunde, mein Pfadfindergruppenleiter und Lateinlehrer Stolz, sowie die Nachbarn gegenüber vom Vereinshaus noch keinen Verdacht schöpfen. Ich erkläre mir das mit meinem unschuldigen Äußeren. Ich schaue trotz meiner schwarzen Kleidung einfach noch immer zu brav und wohlerzogen aus, niemand verdächtigt mich eines liederlichen Doppellebens.

3
Kein normaler Tiroler geht zum Zivildienst

In unserer Clique steige ich zum allseits anerkannten Mitglied auf, während Sid Rahim nicht aufgenommen hat. Sid will unsere Gang exklusiv halten. Meinem Vater gefällt meine neue Kleidung weniger und er hasst meine Frisur. Beim gemeinsamen Frühstück, wo wir grauenhafte Volksmusiksender hören müssen, nervt er mich:

»Warum versteckst du deine Augen hinter deinen Haaren? Willst du zu einem Begräbnis gehen, weil du ganz in schwarz angezogen bist?«

Er findet solche Fragen witzig.

»Schwarz symbolisiert mein langsames Sterben, Papa«, versuche ich ihn zu ärgern. Auf so einen Schwachsinn antwortet er nicht.

Meinem Vater ist meine Kleidung eigentlich egal. Mode ist ihm so fremd wie mir früher.

Ich habe keine Probleme mit meinen Eltern. Sie sind nur etwas streng. Ich muss selbst in der achten Klasse noch um Mitternacht zu Hause sein, wenn ich freitags und samstags ausgehe. Doch sie lassen mich Bier trinken, bei Freunden übernachten und fragen auch nie nach. Ich kann mich nicht beschweren. Mein Erzeuger trinkt nicht, geht nie aus und hat keine Affären; er arbeitet in seiner Freizeit gerne im Garten und wir gehen manchmal gemeinsam rodeln und bergsteigen. Er steckt mich nie in lächerliche Trachtenkostüme oder zwingt mich, den Schützen beizutreten oder sonst den Paradetiroler zu spielen. Er ist stolz, weil ich als erster in seiner Familie die Matura mache. Nur beim Frühstück meckert er gerne, weil ich immer so stumm bin. Was soll ich schon groß erzählen? Dass ich Jungmann bin? Dass mein Freund Sid den Job statt mir erledigt hat? Ich finde es angenehm, wenn wir uns anschweigen. Die Stille hat nur einen gravierenden Nachteil: Ich höre die Volksmusik. Noch ein Grund, auszuwandern…

Für das heutige Frühstück hat sich mein Vater allerdings ein Thema aufgespart, welches ihm im Unterschied zu meiner missglückten Frisur wirklich am Herzen liegt.

»Romed, magst du dir deinen Entschluss wegen des Zivildienstes nicht noch einmal überlegen? Ich war selber bei den Pionieren und da bist du viel an der frischen Luft in den Bergen. Kein normaler Tiroler geht zum Zivildienst! Bei mir in der Klasse haben zwei Kameraden geweint, als sie damals erfahren haben, dass sie untauglich sind.«

Ich muss grinsen.

»Geweint vor Freude? Nein, Papa, ich bin eben kein richtiger Tiroler. Was soll ich beim Heer? Da muss ich mir die Haare schneiden und mich rumkommandieren lassen. Außerdem bin ich Pazifist.«

Mit dieser Antwort ist er nicht zufrieden.

»Du trainierst doch diesen komischen asiatischen Kampfsport.«

»Das ist was anderes. Ich sehe nur keinen Sinn darin, für ein Land zu kämpfen. Sein Leben für eine Nation oder eine Republik zu opfern, ist schwachsinnig. Opa erzählt mir oft, wie erbärmlich es in Russland war, und dass ihn in seiner Gefangenschaft in Frankreich nur die schwarzen amerikanischen Soldaten menschlich behandelt haben. ›We are slaves too‹, haben sie zu ihm gesagt. Das sind die einzigen vier englischen Wörter, die er bis heute kann. Ich habe keine Lust, Kanonenfutter für die herrschenden Klassen abzugeben.«

Papa versucht einen weiteren Anlauf: »Der Krieg ist lange vorbei. Das Heer braucht gebildete Menschen. Ich bin ja auch kein Militarist.«

»Stimmt schon, nur hat es bei dir noch keinen Zivildienst gegeben. Und ich habe bereits ein staatlich geprüftes Gewissen. Es war nicht einfach bei den Innsbrucker Pfeifen von der Kommission. Vertrau mir, in einem Jahr bist du stolz auf mich, wenn du siehst, wie gut mir die Arbeit mit Behinderten tut. Dort lerne ich Verantwortung.«

Das klingt nach einem versöhnlichen Schlusswort. Es benötigte einiges an Recherche, Gutachten und Zeitaufwand, bis ich überhaupt zum Zivildienst zugelassen worden bin, aber nun ich besitze ein staatlich geprüftes Gewissen. Ich bin offiziell vom Wehrdienst befreit und darf Behinderten den Hintern auswischen, statt in Wiesen herumzurobben. Mein Vater nimmt diese Entscheidung nur widerwillig zur Kenntnis. Er kann sich eine weitere Bemerkung nicht verkneifen:

»Die Tiroler Damenwelt weiß Uniformen zu schätzen. So eine schneidige Uniform verkörpert Eleganz.«

Mit diesem Makel kann ich ausgezeichnet leben.

»Papa, du kommst ja aus der Steinzeit.«

Ich kenne keine Frauen, die für das Heer schwärmen. Durch meine schwarze Kleidung spreche ich einen anderen Frauentyp an als früher. Aktiv auf Frauen zuzugehen, hat sich für mich als die falsche Taktik herausgestellt. Viel effizienter erledigen meine Freunde das Verkuppeln für mich. Außerdem ist das aktive Frauenanbraten unnötig; wenn ich gelangweilt rumstehe, umgibt mich eine spezielle Aura und die Frauen kommen von selbst, weil sie denken, ich sei geheimnisvoll. Um Frauen kennenzulernen, muss ich in keiner Band spielen. Unsere Dreierbande mit ihren billig zusammengebastelten Outfits und den auftoupierten Haaren ist Blickfang genug. Wir benehmen uns wie Rockstars, ohne in einer Band zu spielen. Wir sind auch kein Teil einer Jugendbewegung. Wir ziehen uns freiwillig komisch an, um leichter Mädchen kennenzulernen.

Meine Freunde bemühen sich redlich, gestört auszusehen. Sid trägt eine Krankenkassenbrille, schwarze Hemden und schwarze Jeans mit neongrünen Hosenträgern. Seine Schläfen rasiert er sorgfältig aus und seine Kopfhaare toupiert er zu einem Turm. Am besten gefällt mir seine Lederjacke, die er regelmäßig an der Stadtmauer abwetzt, damit sie speckiger aussieht. Breiti trägt im Gegensatz zu uns keine Doc Martens, sondern Creepers und mit seinen blonden Haaren und den Koteletten sieht er aus wie ein Rockabilly, der keinen Rock mag. Man kann es drehen und wenden, wie man will, als Vertreter einer amtlichen Jugendkultur gehen wir keinesfalls durch. Wir sehen aus wie drei Tiroler Landjugendliche, die sich weigern, wie Tiroler Landjugendliche auszusehen. Im Prinzip ist Mode nur unser Ventil, um Leute zu ärgern. Gründe, zu protestieren gibt es genug: zu wenig gute Lokale, zu frühe Sperrstunden, keine taugliche Disco, zu wenig Frauen. »Lienz, die Schlampe, unterhält uns zu wenig«, sagt Sid oft und findet das eher lustig als provokant. Ich glaube, er mag es einfach, wenn er Wörter sagt, die andere schockieren.

Seitdem ich den Schlüssel zur Pfadfinderbude besitze, haben wir unsere eigene spießerbefreite Zone geschaffen, wie Sid das etwas hochgestochen nennt. Hier werden wir nicht schief von irgendwelchen Tränen angesprochen und wir hören die Musik, die uns gefällt. Das hat sich herumgesprochen. Wir trinken regelmäßig in der Bude Bier und etablieren eine richtige Wochenendroutine: Wir beginnen mit dem Biertrinken im »Alt-Lienz«, schauen weiter ins »Hoppla«, um kurz in die 1960er Jahre abzutauchen und gehen dann in den Jugendklub »T3«, weil dort die überheblichen Hübschen aus den Tälern herumstehen. Gegen zehn besuchen wir die Diskothek »Stadtkeller«. Dort spielen sie Musik, die so scheiße klingt wie der Name des Lokals, aber da gehen eben alle Mädchen hin und die Musik ist laut. So können wir sie ausgiebig anstarren, ohne mit ihnen reden zu müssen.

Wenn wir Frauen finden, die auch uns gut finden, besorgen wir uns ein paar Flaschen Bier vom Würstelstand vorm »Stadtkeller«, gehen in die Pfadfinderbude, legen eine Kassette ein, lassen den Raum verdunkelt und knutschen mit den Mädchen herum. Leider muss ich immer als Erster nach Hause. Jedes Wochenende bei einem Freund, also auf der Bude zu übernachten, traue ich mich nicht. Meine wenig glaubwürdigen Ausreden, warum ich bei Freunden übernachten will, funktionieren deshalb so gut, weil ich sie nur gelegentlich verwende. Ewig lange kann ich die Lieblingscomputerspiele meines besten Freundes nicht testen und wie oft findet das englische Cup-Finale im Jahr statt?

Im Alt-Lienz habe ich Stella vor ein paar Monaten angesprochen. Ehrlicher gesagt, fand ich sie so hübsch, dass sie Breiti auf mich aufmerksam gemacht hat mit ein paar einfühlsamen und motivierenden Worten. Mit ihren langen, glatten, schwarzen Haaren, schwarzem Lippenstift, schwarz lackierten Fingernägeln und einer vornehmen Blässe wirkte sie sehr städtisch. Nur ein paar Sommersprossen verrieten ihre ländliche Herkunft. Ich war schon entmutigt, weil sie mich zu ignorieren schien, doch Breiti klärte mich über Stella auf: Er kennt sie aus Villach. Sie besucht dort eine Modeschule. Deswegen ist sie so gut angezogen. Sie fahren zusammen Zug, auch dort redet sie wenig bis auf ›Hallo‹ und ›Ciao‹. Ich besorgte mir ihre Adresse und schrieb ihr einen Brief mit einer selbst aufgenommenen Kassette. Und sie hat mir geantwortet! Sie will später einmal Modedesignerin werden und hat dem Brief deshalb ein paar selbst gezeichnete Kleiderentwürfe beigelegt. Die Designs gefallen mir und sie hat Talent, sofern ich das überhaupt beurteilen kann.

Wir machten uns zusammen nie etwas aus. Das wenige, was ich von ihr weiß, hat mir Breiti erzählt. Wenn sie fünf Wörter pro Abend mit mir wechselte, war das viel. Beim vierten Treffen habe ich sie endlich geküsst. Obwohl sie erst 16 ist, küsste Stella viel besser als ich. Ich mochte ihre Zunge, sie war weich und sanft. Seitdem knutschten wir, wenn wir uns trafen. Für mich war das die ideale Beziehung. Für Stella nicht. Sie ist jünger und doch ungeduldiger als ich. Bald beschwerte sie sich:

»Warum küsst du mich nur? Du greifst mich nicht einmal aus. Die anderen Jungs bei mir im Hof wollen gleich mehr.«

»Na ja, ich will nichts überstürzen. Außerdem küsst du so gut. Da kann ich an nichts anderes denken.«

Stella schaute mich entgeistert an. Dabei habe ich nicht gelogen. Ich verspürte überhaupt keine Eile. Sie sah das anders.

»Romed, mir geht das zu langsam. Ich will was erleben. Du bist mir zu schüchtern. Ich mache Schluss mit dir.«

Ich habe so lange gezögert, bis sie mich für einen Schlappschwanz gehalten hat. Sid hat die Situation schneller überzuckert und Stellas Wunsch erfüllt.

4
Jung, hungrig und pleite oder warum Franz Innerhofer auf meine Leseliste gehört

Mein Deflorationsstress gerät langsam ins Hintertreffen. Meine Matura naht mit Riesenschritten und die Panik, bei den Prüfungen komplett zu versagen, verdrängt die Sorgen um den Makel meiner Jungfräulichkeit. Meine Arbeitsauslagerungen für die Matura laufen auf Hochtouren. Als mündliche Fächer wähle ich Geografie, Deutsch und Latein. Meine Mathematikleistungen sind dürftig, weshalb ich unser kauziges Mathegenie überrede, mein persönlicher Trainer zu werden. Er will Lehrer werden und ich überzeuge ihn, dass ich der ideale Kandidat bin, um seine pädagogische Eignung zu testen. Wenn er mich durch die Matura bringt, schafft er das garantiert bei jedem anderen auch. Zweimal wöchentlich büffeln wir, mit etwas Wohlwollen meines Lehrers werde ich Mathe mit einem eleganten »Befriedigend« abschließen. In Italienisch gestaltet sich die Situation dramatischer. Meine Lehrerin sagt mir klipp und klar, sie schenkt mir nur dann ein »Genügend« im Abschlusszeugnis, wenn ich nicht bei ihr antrete. Ich bin ihr aufgrund meiner Sympathien für den führerlosen Widerstand der Roten Armee Fraktion ans Herz gewachsen, nur zählt das vor der Prüfungskommission wenig. Sie ist die netteste Lehrerin, die man sich vorstellen kann, dazu jung, fesch und politikinteressiert, nur leider zu alt für mich. Auch sie findet es bitter, dass unsere Mädels uns öfters wegen fescher Italiener verlassen, aber die Italiener sind nun mal ein altes Kulturvolk. Dabei lacht meine Lehrerin und ich erröte. Also muss ich stattdessen Latein wählen, wo ich noch schlechter als in Italienisch und Englisch bin. Da ich fix von einem »Nicht Genügend« bei der schriftlichen Arbeit ausgehe, wähle ich die tote Sprache gleich auch für die mündliche Matura. So erspare ich mir ein Zusatzfach, falls ich durchfallen sollte. In Englisch verhandle ich mit der Lehrerin, ob sie mir nicht schon vorab den Stoff nennen kann. Immerhin einigen wir uns nach einigen Diskussionen auf eine Themeneingrenzung. Damit bin ich zufrieden. Wenn sie mir drei Themen nennt, kommt eines davon mit Sicherheit. Weil Matura ist, bin ich sogar bereit, drei Aufsätze auswendig zu lernen. Ich beknie also Babsi, mir drei 550 Wörter lange englische Erörterungen mit variablen Einstiegen und Enden zu schreiben. Sie macht sich sofort an die Arbeit. Meine Lernabwälzungen zu koordinieren, artet in echte Arbeit aus und hält mich vom eigentlichen Lernen ab. Ich frage mich nur, warum Babsi und das Mathematikgenie so lieb zu mir sind.

Für Trennungsschmerzen wegen Stella habe ich keine Zeit, weil ich gleich nach unserem abrupten Beziehungsende mit ihrer besten Freundin Sonja zusammengekommen bin. Das war nicht schwer. Sonja hat mich als ihren Freund auserkoren, weil ihr Stella brühwarm erzählt hat, wie unerfahren ich bin. Genau so einen wünscht sich Sonja: Einen Verlierer, der sich mit Küssen begnügt und alle Zeit der Welt hat, ihren jungen Frauenkörper in seiner Vielfalt zärtlich zu entdecken. Mit ihrem »Death to the Pixies«-T-Shirt qualifiziert sich Sonja auch eindeutig als freundinnentauglich. Sie ist nicht so dürr wie Stella; sie hat richtige Rundungen und ihre Brüste zeichnen sich selbst unter ihren weiten Sweatshirts deutlich ab. Sonja ist eher klein, höchstens 1,60 Meter groß, hat halblange, schwarze, stark gelockte Haare, ein längliches Gesicht und eine gerade, ziemlich große Nase. Ein bisschen sieht sie aus wie eine Gurke. Bei unserem dritten Treffen beschließen wir, die Party im Club K2 frühzeitig zu verlassen und lieber eine Zweierparty ein Stockwerk höher zu feiern. Wir steuern das Hochbett an. Sonja atmet laut, sie ist gleich aufgeregt und unerfahren wie ich.

Breiti gibt mir immer gute Tipps, um meine Unsicherheit zu überspielen. Wir knutschen eine Weile herum, dann greife ich ihr unter den Pullover und öffne ihren BH, wie es mir Breiti erklärt hat:

»Fast alle BHs haben hinten in der Mitte einen Verschluss mit einem oder zwei kleinen Haken. Du musst einfach beide Seiten des Verschlusses aufeinander zu bewegen, damit die einen Häkchen aus den Ösen der anderen Seite gleiten.« Breiti ist ein richtiger Techniker. »Das ist besser, als den BH einfach wegzureißen. Wenn du ihn richtig aufmachst, ist es irgendwie feierlicher.«

Breitis Tipps sind Gold wert! Leicht zittrig öffne ich ihren BH auf Anhieb. Sonjas Art zu küssen ist ganz anders als die von Stella. Sie genießt die Küsse mehr, manchmal seufzt sie. Besonders mag sie es, wenn ich sie an ihren Ohren und ihrem Hals küsse. Erregt wie ich bin, will ich ihre Hose aufmachen. Doch ich scheitere beim Öffnen des ersten Knopfes und es braucht eine Weile, bis ich begreife, dass ihre Jeans keinen Reisverschluss hat. Sonja scheint es zu genießen und öffnet mir ebenfalls meinen Hosenstall. Wir basteln unbeholfen am Geschlechtsteil des anderen herum. Ich weiß nicht, was ich als nächstes machen soll. Da reißt mich Sonja aus meinen Gedanken:

»Also so schüchtern wie die Stella sagt, bist du gar nicht. Sie meinte, du traust dich nicht mal ausgreifen. Ich mag mit dir nicht schlafen.«

Ich akzeptiere ihr Nein und bin nicht beleidigt.

Ich will die Sache mit dem Sex nicht überstürzen. Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis sie mit mir schläft. Außerdem ist das soeben Erlebte ein wichtiger Etappensieg. Beim Küssen bin ich schon recht geübt, aber meine Fertigkeiten beim Petting, wie Sid das nennt, sind noch ausbaufähig.

Ein Bier im Club K2 kühlt uns ab. Der Partyraum ist noch gut gefüllt, aber nur Sid und Breiti tanzen Slamdance zu zweit in der Mitte des Raumes. Sid küsst Stella und ich bin kein bisschen wehmütig. Wegen Frauen streiten wir nicht. Warum sollte sich Sid nicht mit meiner Ex-Freundin vergnügen? Ich habe längst eine neue Freundin.

»Alt Lienz«, »Hoppla« und der »Club K2« sind unser Bermudadreieck beim Weggehen. Breiti ist unser Anführer. Er hat angefangen, sich schwarz anzuziehen. Sid hat nachgezogen und ich habe es ihnen nachgemacht. Damit haben wir eine Lawine losgetreten. Mittlerweile laufen in Lienz sicher zehn bis fünfzehn Leute so herum wie wir. Nicht allen Jugendlichen gefällt das. Es kommt vor, dass uns irgendwelche Deppen anstänkern, nur weil wir anders aussehen. Doch im Club K2 ist alles friedlich. Neben uns besuchen den Club nur Lehrlinge, Arbeiter, Arbeitslose und vier hauptberufliche, jeweils zwei Meter große Bundesheerangestellte. Die Militärfraktion findet Sids vorlaute Schnauze lustig; seitdem darf uns niemand mehr blöd anquatschen, weil sie unsere persönlichen Personenschützer sind.

Sid, Breiti und ich spielen Außenseiter. Jung, dumm und pleite zu sein, ist unsere Bestimmung. Ich bin ein Landkind, das in einem verschlafenen Paradies lebt, wo nie etwas los ist, aber im Vergleich mit meinen Freunden bin ich ein Glückspilz. Breitis Vater starb vor Kurzem an Lungenkrebs. Breiti spricht nie darüber. Wenn ich ihn von zu Hause abhole, sehe ich immer das Bild, wo sein Vater drauf ist und Breiti als Zehnjähriger danebensteht. Breiti lächelt auf diesem Foto so sanftmütig. So glücklich habe ich ihn noch nie erlebt; auch nicht, wenn er besoffen ist. Ich würde gerne mehr von seinem Vater erfahren, traue mich aber nicht, nachzufragen. Das ist ihm bestimmt zu persönlich. Am Samstagabend an der Bar Gespräche über den Tod zu führen, ist sowieso verkehrt. Wenn er mir etwas von seinen Gefühlen erzählen will, wird er das schon tun. Durch den Todesfall wirkt Breiti irgendwie erwachsener als ich.

Auch Sids Mama ist schon tot. Ich habe ihren qualvollen Tod mitverfolgt. Sie hatte Multiple Sklerose, saß in einem Rollstuhl und konnte sich nicht mehr mit der Außenwelt verständigen. Sie saß leblos im Wohnzimmer herum, wenn ich Sid besuchte. Sie lebte schon in einer Zwischenwelt. Sid hat eine gewöhnungsbedürftige Art, seinen Schmerz zu verarbeiten: Er stänkert und schreit Leute an, allen voran seinen Vater. Ich kann ihn gut verstehen. Ihre Wohnung machte einen verwunschenen Eindruck auf mich; eine todkranke Frau und zwei Männer, ein Ehemann und ein Sohn, die mit dem langsamen Sterben überfordert waren und ihren Schmerz mit gegenseitiger Ablehnung kaschierten. Dieser Vernichtungswille, den Sid seither kultiviert, beeindruckt mich. Wenn er mich verarscht, ist er nie bösartig, eher wie ein kleiner Junge, der um Aufmerksamkeit buhlt. Mir kann er nichts vormachen: Hinter seiner zynischen Fassade steckt ein stummer Schrei nach seiner Mama. Sid beeindruckt es hingegen, wenn er Witze über mein Dorf macht und ich ihn ignoriere. Ich glaube, er denkt oft, dass er ganz alleine auf der Welt ist. Dabei mögen wir ihn und halten zu ihm. Ich selbst habe keinerlei Grund, mich zu beschweren. Sicher, ich wohne ich in einem Bergdorf, aber meine Eltern und meine Schwester sind pumperlgesund. Papa ist erst siebenundvierzig Jahre alt und beim Armdrücken habe ich nicht die geringste Chance gegen ihn.

Wenn wir an der Bar stehen und ich den Jungs zuproste und sie mir, wundere ich mich, warum ich dennoch ihren Weltschmerz teile. Warum sind wir Seelenverwandte, obwohl ich nichts Schreckliches erlebt habe? Meine einzigen Sorgen sind meine nahende Matura, ein guter Kämpfer zu werden, und wie ich möglichst bald entjungfert werde. Meine Kumpels ziehen mich nie wegen meines kleinen Geheimnisses auf. Der einzige, der mich unter Druck setzt, bin ich selbst. Sonja bestellt uns noch ein Bier, als mich Breiti aus meinen Gedanken reißt:

»Ich wohn‘ nicht mehr im Heim. Ich bin rausgeworfen worden. Mein Heimleiter ist zu mir gekommen und hat gesagt, das war’s für uns. Er hat die ständige Sauferei auf den Zimmern satt. Er muss andauernd leere Flaschen und Kisten wegräumen. Mein Zimmernachbar hat eh mit ihm diskutiert, um Verständnis für uns Jugendliche gebeten und auf die Tränendrüse gedrückt, aber es war nichts zu machen. Eigentlich ist das Ganze eh ein Glücksfall, Romed. Ich wohne jetzt in meinen eigenen vier Wänden, zusammen mit einem Mitschüler. Komm‘ mich doch mit Sid mal besuchen. Dann feiern wir Frühlingsbeginn am Drauufer.«

Ein herausragender Plan. Ich werde mir neue Platten kaufen, in Lienz herrscht gerade ein Versorgungsengpass. Der Verkäufer hasst mich, weil er die Tonträger, die ich bestellen will, nie in seinem Bestellkatalog findet. Ich frage Sonja, ob sie auch nach Villach mitfährt. Sie darf leider nicht, weil sie für eine Schularbeit lernen muss. Ihr Fleiß bringt mich kurz zum Nachdenken. Ich sollte selber ernsthafter lernen, doch dieser Trinkurlaub lockt mich mehr. Ich habe noch nie allein außerhalb Osttirols übernachtet. Wenn ich meine Eltern zu diesem Abstecher überreden kann, wiegt das ein schlechteres Maturazeugnis locker auf.

Ich begleite Sonja heim, um noch ein bisschen mit ihr zu knutschen. Ich bin schon ein richtiger Küsserkönig, so nennt mich jedenfalls einer der Militärfreaks halb spöttisch, halb anerkennend. Vor lauter Küssen übersehe ich die Zeit. Die eineinhalb Kilometer bis zum Stadtrand muss ich also rennen. Mein Mofa braucht bei den kalten Wintertemperaturen einiges an gutem Zureden, bis es anspringt. Eine Verspätung kann ich mir nicht leisten, da akzeptiert mein Papa keinen Verhandlungsspielraum. Als ich zu Hause ankomme, schlafen meine Eltern schon, ich sehe keine Lichter mehr und schleiche möglichst leise ins Jugendzimmer. Mein Zimmer ist das Beste an unserem Haus! Letztes Jahr habe ich mein Kinderzimmer geräumt und stattdessen mein Jugendzimmer im ebenerdigen Kellerzubau bezogen. Das ist ein kleiner Zubau – ein in die steil ansteigende Wiese eingefügter Betonblock – neben dem Haus, wo ich meine Ruhe habe.

Ich habe nur zwei kleine Bier getrunken, verkatert zu sein, kann ich mir im Moment nicht leisten. Ich muss den ganzen Sonntag Lateinvokabeln lernen. Bei der Matura darf ich zwar ein Wörterbuch verwenden, Professor Stolz hat mir dennoch dringend angeraten, meinen erbärmlich kleinen Grundwortschatz auszubauen. Die Sonntage mit Lernen zu verplempern, muss ich noch bis zur Matura durchhalten. Mit meinem Deutschlehrer Ratzinger, bei dem ich auch in Geografie maturiere, habe ich mich bereits auf eine Literaturliste geeinigt. Bei seinen Lektürevorlieben ist er wertkonservativ und beharrt auf Mindeststandards. Ein kluger Mann. »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« hat er nicht akzeptiert, weil er diese Elendsreportage nicht als Literatur durchgehen lässt. Auch Franz Innerhofer wollte er anfänglich nicht akzeptieren. Thomas Bernhard mag er ebenso wenig, weil dieser schlecht über Salzburg – Ratzingers Geburtsort – geschrieben hat. Wenn es nach Ratzinger ginge, müsste ich nur viel Nikolaus Lenau, Franz Werfel, Lessing und Fontane lesen. Auch die Franzosen wie Diderot, Stendhal und Flaubert preist er mir mit flammendem Herzen an. Mit etwas Flehen und Betteln konnte ich ihm den Franz-Innerhofer-Schwerpunkt doch noch einreden. Ratzinger war aber bald versöhnt und ein wenig positiv überrascht, ja mir schien sogar, er war verwundert, als ich ihm Heinrich Heines »Reisebilder« vorgeschlagen habe. Dass ich eine solche Geistesgröße kenne, hätte er mir nicht zugetraut. Dabei habe ich ihm immer ganz genau zugehört, wenn es spannend war. Wenn ich Spötteleien über Tirol finde, kann ich nicht widerstehen. Heine hat die Tiroler Seele böse, aber nicht ganz unzutreffend beschrieben, als er ihr eine unergründliche Geistesbeschränktheit zugeschrieben hat.

Wenn ich lese, was Innerhofer am Bauernhof so alles erlebt hat, spüre ich deutliche Parallelen zu unserem Dorfleben. Die meisten Landwirte sind lieb zu uns Kindern. Nur im verwunschenen Ortsteil spielen sich Szenen wie beim Innerhofer ab. Aber ich bin eindeutig kein Opfer, nur Beobachter. Es ist deprimierend, wie sehr die Schicksale Innerhofers jenen unserer benachteiligten Dorfbewohner ähneln.

Einige wenige Dorfbewohner, und von ihnen auch nur die Verbitterten, vergeben ihre Zuneigung sehr spärlich, wie ich ja schon von Franz Innerhofer weiß. Ich habe mich immer gewundert, warum der Herrenbauer im Dorf mit seinen 54 Kühen, 20 Schweinen und 60 Schafen den ältesten Sohn viel besser behandelt hat als den zweitältesten. Die Töchter stehen in der Hierarchie noch weiter drunter. Auf der letzten Stufe befinden sich dann die ledigen Kinder. Mein Dorfkumpel Manfred etwa, der hatte das Pech, ein lediges Kind einer Schwester vom Chefbauern zu sein und keines vom Hofherren. Der Manfred saß beim Essen nicht einmal am gleichen Tisch wie der Rest der Familie, nein, für ihn haben sie einen zweiten, kleineren Tisch daneben gedeckt.

Einer anderer im Dorf verdrischt regelmäßig seine Kinder. Die sitzen dann am nächsten Tag immer ganz ruhig in der Schule mit ihren Blutergüssen, froh darüber, wenigstens hier sicher zu sein. Königlich behandelt wird hingegen der Erstgeborene, weil der eines Tages den Hof weiterführen wird. So hört dieser Kreislauf nie auf. Und da wir Tiroler weltweit die ersten freien Bauern waren, sind wir unendlich stolz auf unsere Höfe. Unser Lebenssinn besteht nun mal darin, Hab und Gut dem Erstgeborenen weiterzuvererben. So will es die Tiroler Überlieferung. Der Bauer im Dorf, der mich am wenigsten mag, behandelt sogar seine Jagdhunde besser als seine Kinder. Die Hunde bekommen an ihren Geburtstagen Frankfurter Würstel zu essen, während die Kinder »Muas«, einen widerwärtigen Milch-Mehl-Brei mit geschmolzener Butter oder Polenta fressen müssen. Was Innerhofer beschreibt, ist zumindest in seinem Leben und in jenem unserer Dorf-Ausgestoßenen Realität und keine Fiktion. Und allein daher ist es wert, aufgeschrieben zu werden. Die Nachwelt soll daran erinnert werden, wie böse Menschen sein können…

Doch der Ratzinger kritisiert genau diese nüchternen Alltagsbeschreibungen. Für ihn ist Innerhofer nur ein Chronist und kein Dichter. Ratzinger hat Ahnung von Literatur, weiß aber nur wenig von der Stumpfheit in manch verwunschener Bauernstube. Als Salzburger Städter glaubt er lieber den Bildern der Österreich Werbung. Er denkt, Imagebroschüren zeigen den Alltag der Landbevölkerung detailgetreu. Ich hingegen mag Innerhofer; er ist für mich eine ländliche Entsprechung des Wiener Arbeiterdichters Jura Soyfer.

Über unsere geschmacklichen Differenzen diskutiere ich lieber nicht mit Ratzinger; er hat mir noch den »Zauberberg«, »Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«, »Die neuen Leiden des Jungen W.« und »Aus dem Leben eines Taugenichts« als heilende Lesekur verordnet. Diese Meisterwerke habe ich alle schon komplett verschlungen und nicht nur die Kurzfassungen aus dem Deutschbuch überflogen, wie das meine Mitschüler als Referatsvorbereitung gerne machen. Wenn mich was interessiert, bin ich strebsam. Ich bin auch der Einzige, der Deutsch als mündliches Prüfungsfach wählt, da man dafür zur Vorbereitung zehn Bücher lesen muss. Für meine Mitschüler ist das zu mühsam, für mich die schönste Zeit meines Lebens. Auch Geografie habe ich nur deshalb gewählt, weil es lernintensiv ist. Ich sitze also mit Ratzinger zu zweit in unserem Klassenzimmer und wir beratschlagen, welches Schwerpunktthema ich mir erarbeiten muss. Ich habe die Geschichte der Sklaverei in den USA und Lateinamerika sowie die damit einhergehenden Widerstandsbewegungen vorgeschlagen. Diese Schwerpunktsetzung hat er gleich akzeptiert. Er hat mich gefragt, warum ich mich als 17-jähriger Bergdorfbewohner, der noch nie im Leben einen Schwarzen gesehen hat, für das Schicksal und die politischen Aufstände der amerikanischen Sklaven interessiere, ja mich sogar mit diesem Kampf, der nicht der meine sei, voll und ganz identifiziere. Auf das Sklaventhema bin ich eher zufällig gestoßen. Beim Musikhören habe ich eine neue amerikanische Musik namens »HipHop« entdeckt. Für Sid ist das inakzeptable Discoscheiße, Rumprollen und Rumprotzen widern ihn an. Mich fasziniert neben den sprechenden Trommeln das politisch Widerständige. Texte der Freiheitskämpfer Public Enemy will Ratzinger leider nicht als Quellen akzeptieren, doch ich habe wiedermal einen Ausweg gefunden und mir das Buch »Black Marxism. The Making of the Black Radical Tradition« gekauft. Diesen Wälzer muss ich nun selbstständig aufbereiten. Da er auf Englisch geschrieben ist, verstehe ich nicht alles und bin erst bei Seite 80, dennoch bin ich schon auf die heiße Spur des revolutionären Partysubjektes gestoßen. Ich erkenne einige Ähnlichkeiten zwischen den aufständischen Schwarzen und unserer Clique: Sie kämpfen wie wir für Freiheit, Party und Selbstbestimmung.

Die Fesseln der Tiroler Kultur abzuschütteln und stattdessen eine hybride Identität basierend auf das geheime und nur mündlich überlieferte Wissen der Afrodiaspora aufzubauen, lockt mich mehr, als Lodenmäntel zu tragen. Durch die Lektüre erkenne ich erst den Rassismus in unseren Lehrplänen. Ich lese, dass es auch weiße Sklaven gab und viele freie Schwarze, die erst nach und nach versklavt wurden. Es gab zum Beispiel Ladinos – hispanisierte Schwarze – und Zambos – Afro-Indianer – sowie Mestizen. Ich frage mich, warum wir so was im offiziellen Lehrplan nicht lernen. Dieser kommt mir auf einmal sehr einseitig vor. Der Autor erklärt weiters, dass der Begriff »Schwarzer« erst ein nachträgliches Konstrukt der europäischen Aufklärung war, um Afrikaner sichtbar zu machen. Das leuchtet mir ein, gegen den Hochmut der Aufklärung verspüre ich eine instinktive Abneigung. Die afroamerikanischen Sklaven haben eine schier endlose Geschichte der Ausbeutung hinter sich. Man hat ihnen gewaltsam Sprache, Familie und Heimat entrissen. Sie verfügen durch diese bitteren Erfahrungen über den Vorsprung der Besiegten; sie hegen ein Geheimwissen, welches mich anzieht. Ihre Weisheit wird mir bestimmt dabei helfen, mein Tirolertum zu überwinden.

Die Techniken des schwarzen Widerstandes bestärken mich, die Strategie der Aneignung als erlaubten Protest zu verstehen. Unsere subkulturell befreite Partyzone ähnelt den autonom verwalteten und vom Staatszugriff befreiten Siedlungen der Quilombos, wie die entlaufenen Sklaven in Brasilien hießen. Die dort praktizierte Selbstverwaltung ohne Anführer und Gerichtsbarkeit nehmen wir als Blaupause für unsere nächtlichen Aktivitäten. Wir üben unsere eigene Geschichte der Empfindsamkeit und nehmen niemand Neuen auf, obwohl mittlerweile viele zu uns gehören wollen. Es gibt keine formale Mitgliedschaft, kein Aufnahmeritual, keinen Anführer und keine untergeordneten Chargen. Jeder von uns drei trägt sein Scherflein dazu bei, um zu helfen, den Traum der leistbaren Party und des guten Lebens zu verwirklichen…

Die endlose Feier muss vorerst warten; Vokabellernen lässt meine Gedanken zwanghaft abschweifen und ich sehe deutlich mein Bild als künftiger Partyheld. Meine Mama ist so nett und fragt mich die Lateinvokabeln ab, was auch für sie unendlich langweilig sein muss, weil sie diese tote Sprache selbst nie gelernt hat. Dennoch verfügt sie schon über einen größeren Basiswortschatz als ich, sie ist ein richtiges Sprachentalent. Eine unserer Lernpausen nütze ich aus, um ihr meinen geplanten Kurzurlaub schmackhaft zu machen. Da irgendwelche Großcousinen von ihr in Villach wohnen, mag sie die Kärntner und ist gut auf dieses Bundesland anzusprechen. Negativ fällt hingegen ins Gewicht, dass ich schon Donnerstag fahren will und am Freitag daher den Unterricht spritzen müsste. Mein Argument, dass wir Breitis 18. Geburtstag feiern wollen und ich dringend einen Tapetenwechsel brauche, überzeugt sie am Ende aber doch.

Wenn ich von meinen Eltern etwas brauche, beginne ich meine Verhandlungen bei Mama. Wenn sie mir meinen Wunsch erfüllt, kann ihn mir Papa nachher nicht mehr verbieten. Er wird die Gelegenheit bestimmt wieder nutzen, um ausführlich über Kärnten abzulästern, nicht ohne den Hinweis anzubringen, dass Osttirol in den 1960er-Jahren fast an Kärnten angegliedert worden wäre, was nur der selige Altlandeshauptmann Eduard Wallnöfer zu verhindern wusste, indem er mit dem Aufmarsch der Tiroler Schützen drohte. Nach einer längeren Abhandlung über diese Unverschämtheit der Kärntner wird er dann aber ebenfalls meiner Reise zustimmen.

Sid fährt auch mit, weil er Stella besuchen will, mit der er inzwischen fix zusammen ist. Unser Freizeitprogramm steht schon fest: Wir werden am Donnerstag Begrüßung feiern, am Freitag ab zehn Uhr Vormittag auf unseren schulfreien Tag anstoßen und uns betrinken, bis wir heimkriechen, und am Samstag exakt dasselbe machen. Mit diesem abwechslungsreichen Freizeitprogramm werden wir unsere Diskette neu formatieren, wie Sid das nennt. Übernachten werden wir zu zweit auf einem Sofa in Breitis Zweizimmerwohnung. Über Villach weiß ich nichts, außer, dass es eine altehrwürdige Eisenbahnerstadt und ein Verkehrsknotenpunkt ist. Ich will die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten auf keinen Fall kennenlernen oder mir langweilige Kirchen und Provinzmuseen anschauen. Breitis Kenntnisse der lokalen Ausgehmeile bieten genügend Betätigungsfelder. Er hat versprochen, uns zu Ehren die talentiertesten Partytiere zusammenzutrommeln…

Meine Italienischlehrerin hat sich noch einmal rückversichert – ich darf bei ihr nicht maturieren. Sie ist heilfroh, als ich ihr mitteile, dass ich in Latein antrete. Sie hat mir empfohlen, nach der Matura Rechtswissenschaften oder sonst was zu studieren, nur nicht Italienisch. In Biologie ist hingegen etwas Außergewöhnliches passiert: Unser Lehrer meinte, wir werden bald volljährig und wir sollten uns daher selbst benoten. Dann ist er zu mir gekommen und hat gesagt, weil ich der Klassensprecher bin, solle ich die Leistungsfähigkeit unserer Klasse beurteilen. Ich habe mich spontan für eine Zwei-Noten-Skala entschieden: Alle Kollegen, die in den letzten zwei Jahren mindestens einmal aufgezeigt haben, bekamen ein »Sehr Gut«, alle anderen ein »Gut«. Aber wie sollte ich mich selbst benoten? Wenn ich mir ein »Sehr Gut« gab, war das lächerlich, wenn ich mich mit »Gut« benotete, war das anbiedernd. Mich selbst zu benoten, war der mit Abstand schwierigste Teil seines Auftrages; mein Bio-Lehrer wollte mir mit diesem kleinen Experiment eine Lektion fürs Leben erteilen. Ich nahm also eine Münze, warf sie in die Luft und schenkte mir selbst ein »Sehr Gut«, obwohl ich die Schönheit der Zellteilung nicht verstehe.

5
Die Perle Kärntens

Sid raucht am Bahnhof. Meine Mutter zeichnet mir zum Abschied noch ein Kreuz auf die Stirn und küsst mich, was mir peinlich ist. Er ignoriert diesen Vorfall galant. Ich geniere mich, als ich merke, wie er mich beneidet, weil meine Mama noch lebt. Um keine trübsinnigen Gedanken aufkommen zu lassen, betreten wir ein geschlossenes Abteil und ziehen die Vorhänge zu. Sid hat als Wegzehrung einen Sechserträger mitgenommen. Warum Sid Sid heißt, weiß er übrigens selber nicht. Laut Taufschein heißt er Severin, aber nicht mal sein Vater nennt ihn so. Wahrscheinlich ist Sid einfach eine verunglückte Abkürzung seines Vornamens. Auch die Entstehungsgeschichte von Breitis Spitzname ist langweilig. Zuerst dachte ich, alle nennen ihn so, weil er so oft besoffen ist, aber Breiti ist nur die Abkürzung seines Nachnamens. Wenn die beiden allerdings mich aufziehen wollen, nennen sie mich Romy, weil ich unschuldig, theatralisch und geheimnisvoll wie Romy Schneider bin.

Sids Lerneifer ähnelt meinem, er plant seine Mittelschulkarriere gleich sorgfältig. Wie ich steht er auf vier »Genügend«, wird aber zur Matura zugelassen. Sid hat ebenfalls den Mathekönig seiner Klasse verpflichtet, ihm wöchentlich gratis Nachhilfe zu geben. Auch sonst ist er umtriebig. Er schleicht regelmäßig in den Lehreraufenthaltsraum und stöbert in den Unterlagen der Professoren herum, weil er hofft, etwas Verwertbares zu finden. Mit seiner Spürnase erschnüffelt er jede Lateinschularbeit. Bedauerlicherweise bunkert sein Mathelehrer keinerlei Lehrmittelunterlagen im Konferenzzimmer, weshalb Sid fieberhaft nach sonstigen Hinweisen sucht. Er hat bereit die Jahresberichte der letzten zwanzig Jahre auf die zu erwartenden Aufgabenstellungen durchforstet. Nur die Idee, wirklich zu lernen, missfällt ihm verständlicherweise; er wird höhere Mathematik nie mehr brauchen.

Mit dem ersten Schluck aus der zweiten Bierflasche erreichen wir den Villacher Hauptbahnhof. Wir kennen weder Breitis Wohnadresse noch haben wir einen Zeitpunkt ausgemacht, an dem wir uns treffen. Breiti hat uns aufgetragen, zum Leo zu kommen, eine angeblich urige Kneipe in einer schmalen Seitengasse der Innenstadt. Villach ist weitläufiger als Lienz, doch schon nach zwanzig Minuten und ohne uns zu verirren, sind wir am Ziel. Wir entern das Lokal. Niemand, den wir kennen, aber auch kein anderer Gast sitzt dort. Das finden wir nicht ungewöhnlich, es ist schließlich Donnerstag dreiviertel sechs und da werden die meisten Villacher Eishockey spielen, auch in Lienz ist um diese Zeit tote Hose. Die Einrichtung gleicht jener vom »Alt Lienz«; eine klassische Bierstube mit dicken, dunkel gebeizten Echtholztischen, Steinmauergewölbe und Bierschank. Natürlich schenkt der Wirt hier kein Falkensteiner vom Fass aus, wir sind schließlich in Kärnten. Überall kleben Trinkersprüche auf Aufklebern wie »Wanderer, hier enden deine Schritte«. Auch ein paar Bilder mit Landschaftsmalereien, denen wir keine herausragende kunstgeschichtliche Bedeutung beimessen, schmücken die Wände. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt der Bierkarte, Leo bietet als Vollprofi sechs offene Bier vom Fass an. Wir bestellen uns kein Villacher, aber zwei große Hirter, um die Einheimischen gleich mal ein wenig zu necken.

Endlich taucht Breiti mit Stella und einer feiermotivierten Gruppe auf. Unserer Freundschaftsdelegation zu Ehren bleiben sie morgen geschlossen dem Unterricht fern. Breiti stellt uns seine Leute vor: Wurmi und Seppi besuchen beide die HTL und Seppi hat seine Freundin Hannah mitgenommen, dazu noch deren Freundinnen Elfie und Anne. Wurmis Spitzname ist selbsterklärend, er schaut aus wie ein frisch geschlüpfter Wurm mit Knollennase, zusammengeknautschtem Gesicht und man möchte ihn sofort knuddeln. Seppi schaut weniger niedlich als furchterregend gut aus. Er und Hannah scheinen sich zu mögen, sie wohnen schon zusammen, sitzen auch hier nebeneinander und halten die ganze Zeit Händchen. Hannah ist einen Kopf kleiner als Seppi, hat ein rundliches Gesicht, mittellange dunkelblonde Haare und noch jede Menge Babyspeck an den Hüften. Mein Blick bleibt bei Elfies Freundin hängen. Die hat mich schon bei der Vorstellungsrunde nett angesehen.

Anne hat höchstens fünf Millimeter kurze Haare, so kurz wie Sinéad O‘Connor, nur knallrot gefärbt statt dunkelbraun. Tellergroße braune Augen dominieren ihr ebenmäßig ovales Gesicht und sie trägt knallroten Lippenstift, den sie sehr dick aufgetragen hat. Ohrringe oder sonstigen Schmuck trägt sie keinen. Ich habe mich verliebt! Ich weiß nur noch nicht, wie ich mit ihr ins Gespräch kommen soll. Breiti hat es sich neben Elfie gemütlich gemacht. Seine Freundin habe ich mir ganz anders vorgestellt. Sie trägt einen Pagenkopf, ist ziemlich klein und hat breite Hüften. Sie ist nicht unbedingt eine Katalogschönheit, dennoch versprüht sie eine unerklärlich starke sexuelle Ausstrahlung. Sie schaut einen an und man weiß sofort: Diese Frau genießt ihr Leben und kümmert sich nicht um ihr Übergewicht. Diese Kärntner Mädchen wirken überhaupt aufgeschlossener als ihre Osttiroler Geschlechtsgenossinnen.

Wurmi steigt hinter meinem Rücken über die Holzbank und sagt: »Ich muss pro Bier zweimal pissen. Gestern hab ich neun Bier getrunken, jetzt kannst du dir ausrechnen, wie oft ich noch hinter dir drübersteigen werde. Oder magst lieber Platz tauschen?« Nach dem dritten Bier muss ich auch aufs Klo. Am Rückweg zum Tisch kommt mir Anne entgegen. Wir schauen uns an, ich nehme ihre Hand, halte sie einen Moment lang und dann küssen wir uns. Das war nicht schwer. Ihre Wimpern sind unglaublich dicht. Anne verschwindet Richtung Toilette und ich setze mich wieder… Beim vierten Getränk bin ich schon ziemlich besoffen. Ich habe noch nie so trinkfeste Mädchen erlebt. Anne trinkt schneller als ich und spricht noch klar und deutlich. Breiti küsst mit Elfie, Seppi mit Hannah, ich mit Anne, Sid streitet mit Stella und Wurmi unterhält uns mit Schwänken aus seinem Leben. Obwohl er zu viel trinkt, ist er Vorzugsschüler und er gesteht mir, er trinkt vor allem deshalb, weil er bei seinem Äußeren kaum Frauen kennenlernt. Er hat selber eine Schwäche für Anne. Alle finden ihn nett, weil er lustig ausschaut, küssen will ihn dann aber doch niemand.

Ich bin erst seit drei Stunden hier. Anne wird gleich merken, wie wenig ich vertrage. Ich gehe schon wieder auf die Toilette, um mich mit kaltem Wasser abzukühlen und trinke zwischendurch einen Espresso zur Ausnüchterung; vier Bier sind meine Obergrenze. Im Unterschied zu den Anwesenden, inklusive der Mädchen, bin ich ein lausiger Amateurtrinker. Mir ist schon ein bisschen schlecht. Ich frage Breiti, wo er wohnt und ob er mir seinen Schlüssel gibt, damit ich vorgehen kann. Meine Kondition ist erschöpft und morgen geht die Sauferei ja weiter. An zwei Tagen hintereinander habe ich überhaupt noch nie Alkohol getrunken.

Als mir Breiti seinen Schlüssel geben will, fragt mich Anne, ob ich nicht lieber bei ihr schlafen möchte. Da habe ich mehr Platz und bei diesem Angebot kann ich schlecht Nein sagen. Ich gebe Sid 20 Euro zum Zahlen und verabrede mich für 10 Uhr zum Frühschoppen. Kärnten ist ein Schlaraffenland! Ich schnappe mir meinen Rucksack und versuche mir den Weg einzuprägen, damit ich morgen wieder ins Wirtshaus finde. Ich kann mein Glück kaum fassen – Anne sieht tatsächlich aus wie die Sängerin aus dem Video von »Nothing Compares 2 U«. Ich versuche, möglichst wenig zu wanken und einen nüchternen Eindruck zu erwecken. Vor einem unscheinbaren Reihenhaus bleibt Anne schließlich stehen. Sie schleust mich in ihr Schlafzimmer und wir legen uns angezogen hin. Obwohl ich sie noch nicht ausziehe, höre ich mein Herz pochen. Ich bin aufgeregt, weil ich mir Sorgen mache, ob sie merkt, wie unerfahren ich bin. Sie wirkt weltmännischer und abgebrühter als ich. Weil ich es nicht wage, sie auszuziehen, erledigt Anne das selber. Sie liegt in Strümpfen und BH neben mir, doch das sehe ich nicht, weil es dunkel ist. Ich spüre es aber, weil sie plötzlich meine Hand nimmt und damit langsam über ihren Körper fährt. Schlagartig bin ich nüchtern. Ich gleite über ihre Brüste zu ihrem Bauchnabel und streichle ihre Beine. Ich ziehe mich ebenfalls aus und nun liegen wir halbnackt nebeneinander da. Anne hat eine kräftige und tiefe Stimme und sagt:

»Du bist ein Süßer. Nicht dass du denkst, ich bin eine Schlampe für eine Nacht. Ich bin nicht so gut aufgelegt im Moment. Letzte Woche bin ich draufgekommen, dass mein Freund eine Zweitfreundin hat, ohne mir was zu sagen. Die Kärntner sind alle notgeile Deppen. Du hast eh keine Freundin, oder?«

Diese Frage beendet meine Euphorie; ich habe Sonja vergessen. Ich bin weniger besoffen als panisch. Ich werde Sonja einfach verlassen, wenn ich sie wiedersehe. Streng genommen instrumentalisieren Sonja und ich uns nur gegenseitig. Sie will einen schüchternen Mann zum Knutschen, ich brauche ein Trostpflaster nach der Pleite mit Stella. Sonjas Aufgabe ist es, mein ramponiertes Selbstbewusstsein aufzupolieren. Mit Anne will ich wirklich zusammenkommen. Was soll ich antworten? Sie ist verletzt worden und ich kann ihr schlecht sagen, ich hätte auf meine Freundin vergessen, als ich sie gesehen habe. Also sage ich nichts.

Als ich aufwache, ist Anne schon weg. Sie hat mir auf einen Zettel aufgezeichnet, wie ich zum Leo komme. Sie wird nach der Schule zu uns stoßen. Mit Lippenstift hat sie auf die Nachricht einen Kussmund gedrückt; ich stecke ihre Notiz in meine Brieftasche. Ich bin verkatert und überlege, wie ich mich Anne gegenüber verhalten soll. Ich möchte ihr von Sonja erzählen und dass ich die auch sofort verlassen will, weil ich sie kennengelernt habe. Den klitzekleinen Schönheitsfehler, mit Anne rumgeknutscht zu haben, ohne ihr von meiner Freundin zu erzählen, kann ich leicht erklären: Ihr Anblick hat jeden Gedanken an Sonja unwiederbringlich getilgt.

Ich gehe schleunigst zum Leo, um mein Kopfweh aktiv mit einem Guten-Morgen-Bier zu bekämpfen. Annes Plan ist exakt, sogar die Straßennamen stimmen, und ich erreiche ohne Probleme das Lokal. Für die drei Tage habe ich 50 Euro Reisekasse mitgenommen. Ich war meinen Opa besuchen und er hat mir diese enorme Summe einfach so zugesteckt mit dem Hinweis, die Kärntner Mädchen seien die besten. Ich habe mir seinen Ausspruch damit erklärt, dass er eine Kärntnerin geheiratet hat. Seit dem Auftauchen Annes entpuppt sich Opas Spruch durchaus als Weissagung. Breiti, Sid, Seppi und Wurmi sitzen schon motiviert am Stammtisch. Seppi erzählt mir, dass mich Anne gestern geküsst hätte, weil sie seine Zweitfreundin gewesen wäre. Seppi war richtig erleichtert, als sie mich mit nach Hause genommen hat. Auch Breiti kommentiert anerkennend meine neue Eroberung: »Anne ist ein guter Fang. Elfie hat mir erzählt, du hast ihr gleich gefallen. Wegen deines Aussehens findet dich normalerweise keine gut.«

Das erste Bier schmeckt mir überhaupt nicht; ich muss mich überwinden, schon wieder Alkohol zu trinken. Wurmi und Seppi laden uns zu sich nach Hause ein, weil sie ein altes Haus bewohnen und man dort billiger als im Gasthaus trinken kann. Eine Anlage haben sie auch und der Sound ist dort besser als beim Leo. Sid und ich streichen kurzerhand unsere geplante Platteneinkaufstour. Alle Burschen schwänzen die Schule, während die Frauen brav den Unterricht besuchen. Stella hat eine gute Ausrede, sie schreibt eine Englischschularbeit. Bald habe ich einen Aufgewärmten; ich sollte langsamer trinken, weil ich ja später noch mit Anne reden will. Das Bier vertreibt routiniert mein schlechtes Gewissen wegen Sonja und als Anne gemeinsam mit Elfie und Stella das Lokal betritt, kann ich gerade noch reden, ohne zu lallen… Anne sieht heute noch besser aus als gestern, nur trägt sie schwarzen statt roten Lippenstift. Sie küsst mich zur Begrüßung mit ihrer Zunge, bestellt sich ein Bier und setzt sich gleich neben mich. Heute werden wir miteinander schlafen.

Kurz vor Ladenschluss kaufen wir eine Kiste Bier und gehen zu Wurmis und Seppis Wohngemeinschaft. Ich breche auf der Couch zusammen und schlafe ein. Ich wache erst auf, als mich jemand an der Schulter unsanft rüttelt. Ich schaue Sonja ins Gesicht… Was macht die denn hier? Die Situation ist sehr unübersichtlich. Sid redet auf Stella und Anne ein. Sonja wollte mich überraschen und ist spontan nach Villach gefahren, um mit mir unsere erste Liebesnacht zu verbringen. Stella hat ihr von mir und Annes spontaner Zuneigung erzählt und Sonja ist jetzt fuchsteufelswild. Ich suche Annes Blick. Sie wirkt etwas geknickt. Sonja schimpft mit mir: »Romed, du bist echt ein Arsch. Ich fahre nur wegen dir her, um dich zu überraschen. Und du machst mit anderen Frauen rum. Mit uns ist es aus. Ich fahr‘ wieder heim. Du bespringst doch alles, was dir über den Weg läuft!« Weil ich auf frischer Tat erwischt worden bin, fällt mir keine Ausrede ein. Wer rechnet schon mit Sonja in Villach? Sie kanzelt mich noch als Schwerenöter ab und dann verschwindet sie wieder. Wenigstens hat sie keine arge Szene gemacht und mir Bier über den Kopf geschüttet oder meinen Rucksack auf die Straße geworfen.

Ich will wissen, wie es Anne geht. Ich muss mich um sie kümmern. Ich setze mein gewinnendstes Lächeln auf, aber kann ihren Blick nicht richtig einordnen.

»Ihr Tiroler seid nicht besser als die Kärntner. Dabei habe ich dir von meiner Enttäuschung erzählt. Ich dachte, du wärst ein wenig rücksichtsvoller. Ich finde dich extrem nett, ich wollte dich fragen, ob wir miteinander gehen. Das geht jetzt nicht mehr.«

»Anne, tut mir leid. Es hat mich wegen dir voll geflasht. Ich habe mich extrem verknallt und kann nur mehr an dich denken. Mit der Sonja hätte ich sofort Schluss gemacht am Montag. Ich steh nur auf dich.«

»Das glaub ich dir, aber so einfach ist das nicht für mich. Du schläfst deinen Rausch auf der Couch aus und dann taucht deine Freundin auf. Ich muss das erst einmal verdauen.«

So schnell gebe ich Anne nicht auf, ich hole mir ein Bier und nehme ihr gleich eines mit.

»Jeder hat eine zweite Chance verdient. Trinken wir ein Bier und feiern weiter. Ist ja nix passiert«, sage ich und zucke mit den Schultern.

6
Murder Inc. forever

In Lienz gibt es nur eine Handvoll übler Schläger und die haben Sid und Breiti schon richtig verdroschen. Mich verschonen sie, weil einer von ihnen mit mir die Taewkondo-Klasse besucht. Als mich ihr Anführer niederhauen wollte, hat er ihn regelrecht zurückgehalten: »Lass den, den kenne ich vom Kämpfen. Der ist zwar ein schwuler Gymnasiast, aber sonst in Ordnung.« Dann sind die Brutalos einfach abgezogen. Seither lässt mein Ehrgeiz beim Kämpfen dramatisch nach. Ein Ruf als Killermaschine reicht aus, um in Ruhe gelassen zu werden. Meine Freizeitgestaltung verschiebt sich unwiederbringlich vom Kämpfen mehr und mehr in Richtung Feiern. Die besten Kämpfe sind bekanntlich die vermiedenen und beim Biertrinken brauche ich noch wesentlich mehr Übung, um mit Sid und Breiti mitzuhalten. Breiti trinkt doppelt so schnell und die dreifache Menge von mir. Er kann ein großes Bier in einem Zug austrinken. Bei einem solchen Tempo würgt es mich. Peinlicherweise muss ich schon kotzen, wenn ich vier Bier trinke. Das ist unangenehm, wenn ich herumtorkle und es nur noch mit letzter Kraft auf irgendein Klo schaffe.

Ich will mir gerade von der Bar im Club K2 ein Bier holen, als mir ein Typ mit Lederjacke und langen Haaren den Weg verstellt.

»Hey, Kasperl, stell‘ dich hinten an!«

Ich lache ihn aus und stänkere gleich zurück:

»Na ja, ein Adonis bist auch nicht grad.«

Was ist denn das für Einer? Den habe ich hier noch nie gesehen.

»Wo sind hier die geilen Weiber?«

»Gibt’s bei uns überall, aber leider gehen die hübschen Mädchen nur selten aus. Wir wohnen in Lienz«, antworte ich ungerührt.

Warum lerne immer ich die Verhaltensauffälligen kennen? Ich nehme dem Fremden ein Bier mit. Der Mann mit der Lederjacke heißt Moritz und ist Vorsitzender des Motorradclubs »Murder Inc.«. Er zeigt mir stolz das Abzeichen auf seiner Jacke und eine Pistole, die er unter seiner Jacke trägt. Er macht einen auf Rocker, aber irgendwie finde ich ihn eher lustig als beängstigend. Moritz öffnet die Flasche mit seinen Zähnen. Das beeindruckt mich mehr als seine lächerliche Schreckschusspistole. Er will mir sein Motorrad zeigen und fragt mich, ob ich mit ihm eine Runde fahren mag. Ich winke ab. Biker finde ich lächerlich, was ich aber für mich behalte. Moritz merkt mein Desinteresse:

»Bist leicht ein Popper-Schwein, wenn du dich nicht für Motorräder interessierst? Dann habe ich was für dich. Ich bin der Herausgeber der Musikzeitschrift ›Sonic News‹. Wir sind sowas wie das ›Rolling Stone‹, nur halt nicht so hängengeblieben wie diese Szene-Opas. Wir sind das Sprachrohr einer neuer Generation.«

Einen Verleger habe ich noch nie kennengelernt.

»Lässig, du machst eine Musikzeitschrift?«

»Klar! Gitarren, Bikes, Trommeln, Frauen und ein bisschen Punkrock.«

Moritz ist beeindruckt, weil ich als Landbewohner The Cure kenne.

»Magst für uns schreiben? Du könntest neue Platten rezensieren.«

Vom Fleck weg hat er mich engagiert, nicht einmal Textproben will er. Bislang habe ich nur im Rahmen eines Schulprojektes einen Konzertbericht für den »Osttiroler Boten« verfasst, aber das stört ihn nicht.

»Ich will Frischfleisch. Ich bin 25 und ein Opa. Wir brauchen jemand, der die Stimme der Jugend glaubwürdig rüberbringt.«

Ich nicke zustimmend. Moritz bietet mir sogar Geld an, was mich sofort von der Ehrenhaftigkeit meines neuen Bosses überzeugt.

»Ich weiß, das ist nicht viel, aber du bekommst gratis Platten und wenn du gut bist, stellen wir dich fix an!«

Dieses Gespräch wird immer besser. Gratis Platten und mit dem Schreiben auch noch massig Geld verdienen, ist deutlich besser als mein letzter Ferialjob im Betonwerk.

»Und du kannst umsonst Konzerte besuchen, wenn du für ›Sonic News‹ Konzertberichte schreibst.«

Ich bin endgültig im Paradies! Moritz ist ein echter Macher.

»Na dann, lass‘ uns auf unsere Partnerschaft anstoßen. Und jetzt zeig‘ ich dir meine Maschine, ob du willst oder nicht.«

Diesen kleinen Gefallen mache ich meinem neuen Boss gerne. Vor dem Vereinshaus parkt seine Harley-Davidson. Er erklärt mir alle technischen Details des Motorrades und streichelt dabei zärtlich über den Tank. Er lebt in Wien und kennt sich in Lienz nicht aus. Er trinkt sein Bier ex aus und wirft die Flasche auf den Boden. Moritz wird von einer dreiköpfigen Entourage begleitet. Wenn er winkt, kommen sie wie auf Kommando. Er stellt mir seine Gefolgschaft vor: seinen Bruder Manni, einen kahlköpfigen Koch namens Löffler und seinen persönlichen Bodyguard Schnee. Schon sein Bruder und der Koch wirken mit ihren Lederjacken, Tattoos und Ohrringen gefährlich. Beide tragen Totenkopfringe und braune Cowboystiefel mit Fransen. Schnee spielt noch einmal in einer ganz eigenen Liga. Moritz‘ Leibwächter ist ein Zweimeterschrank mit langen Haaren, Jesusbart und mächtigem Bauch. Der wiegt sicher 120 Kilo. Schnee hat seine bis zu den Schulterblättern gehenden Haare kunstfertig zu zwei Zöpfen geflochten. Als wir einander vorgestellt werden, nickt Schnee nur. Er spricht den ganzen Abend kein Wort und hält sich schweigend in Moritz‘ Nähe auf; als ob er sein Schatten wäre. In seinem Gürtel steckt ein Messer und in seiner mit einem »Murder Inc.« verzierten Gürteltasche lugt ein Geldbündel heraus. Die Geschäfte der Gang scheinen zu florieren. Woher Schnee seinen Spitznamen wohl hat?

Alle vier fahren Harley-Davidson, was anderes kommt für sie nicht in Frage. Ihr Fuhrpark fällt am Parkplatz des Jugendclubs auf. Der Rest der Gäste kommt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit gebrauchten Mofas. Autos oder schwere Maschinen kann sich keiner von uns leisten. Lienz ist so klein, da müssen wir uns auch mit den Rockern arrangieren. Immer nur mit Sid und Breiti abzuhängen, ist sowieso langweilig. Sid war übrigens nicht begeistert, als die Rocker plötzlich an der Theke des Club K2 auftauchten. Aber sie einfach rauskicken können wir nicht. Die haben zu viert sicher 100 Kilo mehr als wir und Moritz trägt eine Pistole. Bei dem traut sich nicht mal Sid rumzupöbeln; der hat im Augenblick aber sowieso ganz andere Sorgen. Er hat sich von Stella getrennt, weil die auf der Problemparty in Villach, während ich geschlafen hatte, mit Breiti am Klo geschlafen hat, nachdem der wieder aus dem Suff aufgewacht war. Damit schließt sich der Kreis: Breiti hatte Stella ja ursprünglich für mich aufgerissen. Als sie sich von mir trennte, weil ich nicht mit ihr geschlafen habe, sprang Sid für mich in die Bresche. Da ist es nur konsequent, wenn Breiti mit Stella jetzt zusammenkommt. Die beiden gehen nicht nur gemeinsam in Villach zur Schule, sie harmonieren auch optisch am besten miteinander. Und sein Draufgängertum gefällt den Frauen.

Ich versuche, mehr über meinen neuen Arbeitgeber herauszufinden. Moritz ist ein komischer Kauz; er öffnet auch das zweite Bier mit seinen Zähnen und präsentiert mir voller Stolz ein Klappmesser. Zum Bier isst er drei Toasts, die er in einem Bissen runterschlingt. Nach dem Imbiss fragt er mich, ob er einen durchziehen kann.

»Klar ist Rauchen erlaubt, siehst du doch.«

Moritz lacht: »Doch keine Zigaretten, du Depp. Wir wollen einen hübschen Ofen vernichten.«

Soweit ich ihn verstehe, will er etwas Verbotenes tun. Ich habe keinerlei Erfahrung mit Rauschgift und frage Breiti um Rat.

»Ich hab‘ das mal in Villach probiert, aber bei uns ist es unmöglich, so was zu organisieren. Leider!«

»Also wir haben nichts«, sage ich Moritz.

»Ich frag dich nicht, ob du was zum Rauchen hast, sondern ob wir was Rauchen können.«

»Ach so, nein, hier nicht, da hinten steht ja unsere Betreuerin. Aber wir könnten einen Stock höher, dort sind wir völlig unter uns.«

Moritz nickt, Breiti ist begeistert.

»Wir können nur gewinnen«, spricht er mir Mut zu.

Mir ist etwas mulmig zumute, mit den wilden Rockern alleine zu sein. Moritz lästert über unser Königreich:

»Was ist denn das für eine Bruchbude? Gibt’s hier Jack Daniels?«

Ich gebe den Rockern Bier und beobachte Schnee, wie er sorgfältig drei Blatt Zigarettenpapier aneinanderklebt und Tabak aus seinem Beutel dazu gibt. Anschließend nimmt er eine nussgroße braune Masse in die Hand, erwärmt diese mit seinem Feuerzeug und bröselt kleine Stücke in den Tabak. Aus dieser Mischung dreht er eine ansehnliche Zigarette.

»Das ist echtes Haschisch«, staunt Breiti, »seit Monaten bin ich unfähig, sowas aufzustellen. Cool, dass du diese Rocker angekarrt hast. Die sind unser Schlüssel zu einem entspannten Sommer.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mitrauchen will. Unser Religionslehrer hat mir den Konsum von Zigaretten mit Krebsbildern und seinem Leitspruch »Ich bin stolz, Nichtraucher zu sein« verleidet. Ich bin Kampfsportler, warum soll ich Rauschgift probieren? Diese Droge ist sicher nicht ohne Grund illegal, sie muss gefährlich sein. Sid, Breiti und Stella wirken weniger ängstlich als ich. Moritz lobt unseren Musikgeschmack, lästert aber weiter über die Einrichtung:

»Könnt ihr euch keine anständige Bar mit Hockern leisten? Was soll’s, ich werde mit dir dennoch die Friedenspfeife rauchen. Du bist ja ab sofort mein jüngster Redakteur.«

Wie auf Befehl reicht ihm der Zwei-Meter-Turm den Joint. Moritz beißt die Spitze ab, spuckt den Inhalt auf den Boden, worüber ich großzügig hinwegsehe, und zündet sich das Gerät an. Er inhaliert langsam und schließt die Augen. Er nimmt noch einen zweiten, tiefen Zug.

»Nicht schlecht das Zeug, Schnee. Besorg mir davon einen Deka.«

Moritz gibt den Ofen an Schnee weiter. Der raucht zwei Züge, dann sein Bruder und der Koch. Der Joint wird kleiner und kleiner, endlich kommt Breiti an die Reihe. Er nimmt hastig zwei Züge. Nun ziehe ich kurz an und inhaliere. Ich huste, weil das Zeug im Rachen kratzt.

»Bist du Anfänger?«, erkundigt sich Moritz.

»Nichtraucher.«

»Okay, dann gib‘ mal den Ofen her.«

Er nimmt den Joint, dreht ihn um, steckte ihn mit der Glut voraus in seinen Mund und winkt mich zu sich. Ich stehe direkt vor seinem Gesicht und er bläst mir Rauch in meinen offenen Mund. Mit dieser Technik kühlt er den Rauch und ich muss nicht husten, erklärt er mir. Der Rauch schlängelt sich durch meine Luftröhre, aber leider spüre ich nichts. Drogen zu rauchen, habe ich mir spannender vorgestellt. Mir ist nur heiß, aber auch das ist normal. Mir ist immer zu heiß. Ich spüre keinerlei euphorisierende Wirkung. Moritz hat mich sicher verarscht und wir rauchen hier Schuhpasta oder Kuhmist.

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Volume:
271 p. 2 illustrations
ISBN:
9783903263185
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books