Read the book: «Gesammelte Gedichte (851 Titel in einem Buch)»
Christian Morgenstern
Gesammelte Gedichte (851 Titel in einem Buch)

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-0342-0
Inhaltsverzeichnis
In Phanta’s Schloß
Auf vielen Wegen
Horatius Travestitus
Ich und die Welt
Ein Sommer
Und aber ründet sich ein Kranz
Alle Galgenlieder:
Galgenlieder
Palmström
Palma Kunkel
Der Gingganz
Zeitgedichte
Melancholie
Osterbuch
Einkehr
Ich und Du
Wir fanden einen Pfad
Stufen - Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
In Phanta’s Schloß
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
PROLOG
AUFFAHRT
IM TRAUM
PHANTA'S SCHLOSS
SONNENAUFGANG
WOLKENSPIELE
SONNENUNTERGANG
HOMO IMPERATOR
KOSMOGONIE
DAS HOHELIED
ZWISCHEN WEINEN UND LACHEN
IM TANN
DER ZERTRÜMMERTE SPIEGEL
DAS KREUZ
DIE VERSUCHUNG
DER NACHTWANDLER
ANDRE ZEITEN, ANDRE DRACHEN
DIE WEIDE AM BACHE
ABENDDÄMMERUNG
AUGUSTNACHT
MÄDCHENTRÄNEN
LANDREGEN
DER BELEIDIGTE PAN
MONDAUFGANG
MONDBILDER
ERSTER SCHNEE
TALFAHRT
EPILOG
DEM GEISTE FRIEDRICH NIETZSCHES
Sei's gegeben, wie's mich packte,
mocht es oft auch in vertrackte
Bildungen zusammenschiessen!
Kritisiert es streng und scharf, –
doch wenn ich Euch raten darf:
Habt auch Unschuld zum Geniessen!
PROLOG
Inhaltsverzeichnis
Längst Gesagtes wieder sagen,
hab ich endlich gründlich satt.
Neue Sterne! Neues Wagen!
Fahre wohl, du alte Stadt,
drin mit dürren Binsendächern
alte Traumbaracken stehn,
draus kokett mit schwarzen Fächern
meine Wunden Abschied wehn.
Kirchturm mit dem Tränenzwiebel,
als vielsagendem Symbol,
Holperpflaster, Dämmergiebel,
Wehmutskneipen, fahret wohl!
Hoch in einsam-heitren Stillen
gründ ich mir ein eignes Heim,
ganz nach eignem Witz und Willen,
ohne Balken, Brett und Leim.
Rings um Sonnenstrahlgerüste
wallend Nebeltuch gespannt,
auf die All-gewölbten Brüste
kühner Gipfel hingebannt.
Schlafgemach –: mit Sterngoldscheibchen
der Tapete Blau besprengt,
und darin als Leuchterweibchen
Frau Selene aufgehängt.
Längst Gesagtes wieder sagen,
Ach! ich hab es gründlich satt.
Phanta's Rosse vor den Wagen!
Fackeln in die alte Stadt!
Wie die Häuser lichterlohen,
wie es kracht und raucht und stürzt!
Auf, mein Herz! Empor zum frohen
Aether, tänzergleich geschürzt!
Schönheit-Sonnensegen, Freiheit-
Odem, goldfruchtschwere Kraft,
ist die heilige Kräftedreiheit,
die aus Nichts das Ewige schafft.
AUFFAHRT
Inhaltsverzeichnis
Blutroter Dampf ..
Rossegestampf ..
»Keine Scenen gemacht!
Es harren
und scharren
die Rosse der Nacht.«
Ein lautloser Schatte,
über Wiese und Matte
empor durch den Tann,
das Geistergespann ..
Auf hartem Granit
der fliegende Huf ..
Fallender Wasser
anhebender Ruf ..
Kältendes Hauchen ..
Wir tauchen
in neblige Dämpfe ..
Donnernde Kämpfe
stürzender Wogen
um uns.
Da hinauf
der Hufe Horn!
In die stäubende Schwemme,
hoch über den Zorn
sich sträubender Kämme
empor, empor!
Aus klaffenden Wunden
speit der Berg
sein Blut gegen euch.
Mit Wellenhunden
fällt euch an
der Hass der Höhe
wider das Tal.
Aber ihr fliegt,
blutbespritzt,
unbesiegt,
empor, empor.
Vor euch noch Farben
verzuckenden Lebens,
auf grünlichem Grau
verrötender Schaum;
hinter euch
Schwarz und Silber,
die Farben des Todes.
Ein Schleier,
an eure Mähnen geknüpft,
schleppt
geisterhaft nach.
Wie ein Busentuch
zieht ihr hinauf ihn
über des Bergs
zerrissene Brust.
Müde sprang sich
der Sturzbach.
Nur mit den Lippen
wehrt er sich noch.
Und bald
wird er zum Kind
und hängt sich selber
spielend an eure Schweife.
Weiter! weiter!
Da!
Winkende Gipfel
im Sicheldämmer!
Langsamer traben
die Rosse der Nacht.
Heilige Sterne
grüssen mich traut.
Ewige Weiten
atmen mich an.
Langsamer traben
die Rosse der Nacht,
gehen,
zögern,
stehen still.
Alles liegt nun
florumwoben.
Schlaf umschmiegt nun
Unten, Oben.
Nur die fernen
Fälle toben.
Leise Geisterhände
tragen
mich vom Wagen
in des Schlummers
Traumgelände.
Aller Notdurft,
alles Kummers
ganz befreit,
fühle ich ein höhres Sein
mich durchweben.
Wird die tiefe Einsamkeit
mir auf alles Antwort geben?
IM TRAUM
Inhaltsverzeichnis
Wer möcht am trägen Stoffe kleben,
dem Fittich ward zu Weltenflug!
Ich lobe mir den süssen Trug,
das heitre Spiel mit Welt und Leben.
In tausend Buntgewande steck ich,
was geistig, leiblich mich umschwebt;
in jedem Ding mich selbst entdeck ich:
nur der lebt Sich, der also lebt.
Mir ist, ich sei emporgestürmt
über stürzende Wasserfälle.
Mir engt's die Brust, um mich getürmt
ahn ich schützende Nebelwälle.
Aus dumpfen Regionen,
aus Welten von Zwergen,
trieb's mich fort,
ob auf ragenden Bergen
ein besserer Ort
dem Freien, zu wohnen.
Es weht mir um die Stirne
ein Hauch wie von Frauengewand ..
Folgte zum steilen Firne
mir wer aus dem Unterland?
Es beugt sich zu mir nieder
ein liebes, schönes Gesicht ..
Glaubst Du, ich kenne Dich nicht,
Sängerin meiner Lieder?
Du bist ja, wo ich bin,
mein bester Kamerade!
Bei Dir trifft mich kein Schade,
meine Herzenskönigin!
»Du flohest aus Finsternissen,
mühsamen Mutes,
ich weiss es.
Du hast zerrissen
Dein Herz, Dein heisses,
und bei dem Leuchten Deines Blutes
bist Du den dunklen Pfad
weiter getreten,
bis Du mich fandest
und mit tiefen Gebeten
mich an Dich bandest,
dass ich Dich liebgewann,
dem ringenden Mann
ein treuer Kamerad.
Du brachst uralte Ketten
und kamst heute Nacht
in mein Reich.
Ich will Dich betten
an meiner Brust
warm und weich,
in Träumepracht
deine Seele verzücken:
der ganzen Welt
Aussen und Innen
sei Deinem Sinnen
preisgestellt.
Magst sie schmücken
mit lachender Lust,
magst sie tausendfach
deuten und taufen,
mit Berg und Wald,
mit Wiese und Bach,
mit Wolken und Winden,
mit Sternenhaufen
Dein Spiel treiben,
Deinen Spass finden;
brauchst nicht zu bleiben
an einem Ort;
magst die Welt
bis zu Ende laufen;
denn Hier oder Dort,
wo Du auch seist,
wo sich das Himmelszelt
über die Erde spannt:
das sei Deinem Geist
Phanta's Schloss genannt.«
Schneller strömt des Blutes Fluss,
Wonne mich durchschauert,
auf meinen Lippen dauert
sekundenlang Dein süsser Kuss.
Nun nimm mich ganz, und trage
mein Fragen mit Geduld!
Für alles, was ich nun sage,
trägst Du fortan die Schuld.
PHANTA'S SCHLOSS
Inhaltsverzeichnis
Die Augenlider schlag ich auf.
Ich hab so gross und schön geträumt,
dass noch mein Blick in seinem Lauf
als wie ein müder Wandrer säumt.
Schon werden fern im gelben Ost
die Sonnenrosse aufgezäumt.
Von ihren Mähnen fliessen Feuer,
und Feuer stiebt von ihrem Huf.
Hinab zur Ebne kriecht der Frost.
Und von der Berge Hochgemäuer
ertönt der Aare Morgenruf.
Nun wach ich ganz. Vor meiner Schau
erwölbt azurn sich ein Palast.
Es bleicht der Felsenfliesen Grau
und lädt den Purpur sich zu Gast.
Des Quellgeäders dumpfes Blau
verblitzt in heitren Silberglast.
Und langsam taucht aus fahler Nacht
der Ebnen bunte Teppichpracht.
All dies mein Lehn aus Phanta's Hand!
Ein König ich ob Meer und Land,
ob Wolkenraum, ob Firmament!
Ein Gott, des Reich nicht Grenze kennt.
Dies alles mein! Wohin ich schreite,
begrüsst mich dienend die Natur:
ein Nymphenheer gebiert die Flur
aus ihrem Schoss mir zum Geleite;
und Götter steigen aus der Weite
des Alls herab auf meine Spur.
Das mächtigste, das feinste Klingen
entlauscht dem Erdenrund mein Ohr.
Es hört die Meere donnernd springen
den felsgekränzten Strand empor,
es hört der Menschenstimmen Chor
und hört der Vögel helles Singen,
der Quellen schüchternen Tenor,
der Wälder Bass, der Glocken Schwingen.
Das ist das grosse Tafellied
in Phanta's Schloss, die Mittagsweise.
Vom Fugenwerk der Sphären-Kreise
zwar freilich nur ein kleinstes Glied.
Erst wenn mit breiten Nebelstreifen
des Abends Hand die Welt verhängt
und meiner Sinne masslos Schweifen
in engere Bezirke zwängt –
wenn sich die Dämmerungen schürzen
zum wallenden Gewand der Nacht
und aus der Himmel Kraterschacht
Legionen Strahlenströme stürzen –
wenn die Gefilde heilig stumm,
und alles Sein ein tiefer Friede –
dann erst erbebt vom Weltenliede,
vom Sphärenklang mein Heiligtum.
Auf Silberwellen kommt gegangen
unsagbar süsse Harmonie,
in eine Weise eingefangen,
unendlichfache Melodie.
Dem scheidet irdisches Verlangen,
der solcher Schönheit bog das Knie.
Ein Tänzer, wiegt sich, ohne Bangen,
sein Geist in seliger Eurythmie.
Oh seltsam Schloss! bald kuppelprächtig
gewölbt aus klarem Aetherblau;
bald ein aus Quadern, nebelnächtig,
um Bergeshaupt getürmter Bau;
bald ein von Silberampeldämmer
des Monds durchwobnes Schlafgemach;
und bald ein Dom, von dessen Dach
durch bleiche Weihrauch-Wolkenlämmer
Sternmuster funkeln, tausendfach!
Das stille Haupt in Phanta's Schosse,
er wart ich träumend Mitternacht: –
da hat der Sturm mit rauhem Stosse
die Kuppelfenster zugekracht.
Kristallner Hagel glitzert nieder,
die Wolken falten sich zum Zelt.
Und Geisterhand entrückt mich wieder
hinüber in des Schlummers Welt.
SONNENAUFGANG
Inhaltsverzeichnis
Wer dich einmal sah
vom Söller des Hochgebirgs,
am Saum der Lande
emporsteigen,
aus schwarzem Waldschooss
emporgeboren,
oder purpurnen Meeren
dich leicht entwiegend –
wer dich einmal sah
die bräutliche Erde
aufküssen
aus Morgenträumen,
bis sie, von deiner Schwüre
Flammenodem
heiss errötend,
dir entgegenblühte,
in der zitternden Scham,
in dem ahnenden Jubel
jungfräulicher Liebe –
der breitet die Arme
nach dir aus,
dem lösest die Seele du
in Seufzer
tiefer Ergriffenheit,
oh, der betet dich an,
wenn beten heisst:
zu deiner lebenschaffenden
Glutenliebe
ein Ja und Amen jauchzen –
wenn beten heisst:
in den Aetherwellen des Alls
bewusst mitschwingen,
eins mit der Ewigkeit,
leibvergessen, zeitlos,
in sich der Ewigkeit
flutende Akkorde –
wenn beten heisst:
stumm werden
in Dankesarmut,
wortlos
sich segnen lassen,
nur Empfangender,
nur Geliebter ...
Wer dich einmal sah
vom Söller des Hochgebirgs!
WOLKENSPIELE
Inhaltsverzeichnis
I
Eine grosse schwarze Katze
schleicht über den Himmel.
Zuweilen
krümmt sie sich zornig auf.
Dann wieder
streckt sie sich lang,
lauernd,
sprungharrend.
Ob ihr die Sonne wohl,
die fern im West
langsam sich fortstiehlt,
ein bunter Vogel dünkt?
Ein purpurner Kolibri,
oder gar
ein schimmernder Papagei?
Lüstern dehnt sie sich
lang und länger,
und Phosphorgeleucht
zuckt breit
über das dunkle Fell
der gierzitternden Katze.
II
Es ist, als hätte die Köchin
des grossen Pan
– und warum sollte der grosse Pan
keine Köchin haben?
Eine Leibnymphe,
die ihm in Kratern
und Gletschertöpfen
köstliche Bissen brät
und ihm des Winters
Geysir-Pünsche
sorglich kredenzt? –
Als hätte diese Köchin
eine Schüssel mit Rotkohl
an die Messingwand
des Abendhimmels geschleudert.
Vielleicht im Zorn,
weil ihn der grosse Pan
nicht essen wollte ...
III
Wäsche ist heute wohl,
grosse Wäsche,
droben im Himmelreich.
Denn seht nur, seht!
wie viele Hemdlein,
Höslein, Röcklein,
und zierliche Strümpflein
die gute Schaffnerin
über die blaue Himmelswiese
zum Trocknen breitet.
Die kleinen Nixen,
Gnomen, Eiben,
Engelchen, Teufelchen,
oder wie sie ihr Vater nennt,
liegen wohl alle nun
in ihren Bettchen,
bis ans Kinn
die Decken gezogen,
und sehnlich lugend,
ob denn die Alte
ihren einzigen Staat,
ihre weissen Kleidchen,
nicht bald
ihnen wiederbringe.
Die aber legt
ernst und bedächtig
ein Stück nach dem andern
noch auf den Rasen.
IV
Wie sie Ballet tanzen,
die losen Panstöchter!
Sie machen Phoebus
den Abschied schwer,
dass er den Trab seiner Hengste
zum Schritt verzögert.
Schmiegsam, wiegsam
werfen und wiegen
die rosigen Schleier sie
zierlich sich zu,
schürzen sie hoch empor,
neigen sie tief hinab,
drehn sich die wehende
Seide ums Haupt.
Und Phoebus Apollo!
Bezaubert vergisst er
des heiligen Amts,
springt vom Gefährt
und treibt das Gespann,
den Rest der Reise
allein zu vollenden.
Er selber,
gehüllt in den grauen Mantel
der Dämmrung,
eilt voll Sehnsucht
zurück zu den
lieblichen, lockenden
Tänzerinnen.
Zügellos rasen
die Rosse von dannen.
Der Gott erschrickt:
Dort entschwindet
sein Wagen,
und hier –
haben die schelmischen
Töchter des Pan
sich in waschende Mägde
verwandelt.
Durch riesige Tröge
ziehen sie weisse,
dampfende Linnen
und hängen sie rings
auf Felsen und Bäumen
zum Trockenen auf
und legen sie weit
gleich einem Schutzwall
auf Wiesen und Felder.
Ratlos steht
der gefoppte Gott.
Und leise kichern
die Blätter im Winde.
V
Düstere Wolke,
die du, ein Riesenfalter,
um der abendrotglühenden Berge
starrende Tannen
wie um die Staubfäden
blutiger Lilien schwebst:
Dein Dunkel redet
vom Leid der Welt.
Welchen Tales Tränen
hast du gesogen?
Wie viel angstvoller Seufzer
heissen Hauch
trankst du in dich?
Düstere Wolke,
wohin
schüttest die Zähren
du wieder aus?
Schütte sie doch
hinaus in die Ewigkeit!
Denn wenn sie wieder
zur Erde fallen,
zeugen sie neue
aus ihrem Samen.
Nie dann
bleiben der Sterblichen
Augen trocken.
Ach! da wirfst du sie schon
in den Abgrund ...
Arme Erde,
immer wieder aufs Neue
getauft
in den eigenen Tränen!
VI
Oh, oh!
Zürnender Gott,
schlage doch nicht
Deine himmlische Harfe
ganz in Stücke!
Dumpfe Donnerakkorde
reisst
herrisch
Dein Plektron.
Zick, zack
schnellen
die springenden Saiten
mit singendem Sausen
silbergrell
über die Himmel hin.
Holst Du auch manche
der Flüchtlinge
wieder zurück,
viele fallen doch
gleissend zur Erde nieder,
ragenden Riesen des Tanns
um den stöhnenden Leib
sich wirbelnd,
oder in zischender Flut
sich für ewig
ein Grab erkiesend.
Zürnender Gott!
Wie lange:
Da hast Du Dein Saitenspiel
kläglich zerbrochen,
und kein Sterblicher
denkt mehr Deiner,
des grollenden Rhapsoden
Zeus-Odhin-Jehovah.
SONNENUNTERGANG
Inhaltsverzeichnis
Am Untersaum
des Wolkenvorhangs
hängt der Sonne
purpurne Kugel.
Langsam zieht ihn
die goldene Last
zur Erde nieder,
bis die bunten Falten
das rotaufzuckende Grau
des Meeres berühren.
Ausgerollt ist
der gewaltige Vorhang.
Der tiefblaue Grund,
unten mit leuchtenden Farben
breit gedeckt,
bricht darüber
in mächtiger Fläche hervor,
karg mit verrötenden
Wolkenguirlanden durchrankt
und mit silbernen Sternchen
glitzernd durchsät.
Aus schimmernden Punkten
schau ich das Bild
einer ruhenden Sphinx
kunstvoll gestickt.
Eine Ankerkugel,
liegt die Sonne im Meer.
Das eintauchende Tuch,
schwer von der Nässe,
dehnt sich hinein in die Flut.
Die Farben blassen,
mählig verwaschen.
Und bald strahlt
vom Himmel zur Erde
nur noch
der tiefe, satte Ton
blauschwarzer Seide.
HOMO IMPERATOR
Inhaltsverzeichnis
Gewandert bin ich
auf andere Gipfel,
deren Riesenfüsse,
das Meer, wie ein Hund,
demütig leckt;
an deren Knöcheln
es wohl auch manchmal
bellend hinaufspringt,
den brauenden Nebeln nach,
als seien diese
warme Dämpfe aus leckeren Schüsseln.
War ich der Mond,
der Hunden verhasste,
ich hülfe herauf dir
auf den Berg.
Doch Ich bin der Mensch,
lasse dich lächelnd
unten kläffen
und übe an dir
Meinen göttlichen Spott.
Denn sieh,
du armes, krauses Meer!
was bist du denn
ohne Mich?
Ich gebe dir Namen
und Rang und Bedeutung,
wandle dich tausendfalt
nach Meinem Gelüst.
Meine Schönheit,
Meinen Witz
hauch Ich als Seele dir ein,
werf Ich dir um als Kleid:
und also geschmückt
wogst du und wiegst du dich
vor deinem König,
ein trefflicher Tänzer,
brausköpfiger Vasall!
In Meine hohle Hand
zwing Ich hinein dich
und schütte dich aus,
einem Kometen,
der grade vorbeischiesst
aufs eilige Haupt.
Wie einen Becher
fass Ich dein Becken
und bringe dich
als Morgentrunk
Meinem Liebchen Phanta.
In dein graues Megärenhaar
greift Mein lachender Uebermut
und hält es gegen die Sonne:
Da wird es eitel Goldhaar und Seide.
Und nun wieder nenn Ich dich
Jungfrau und Nymphe und Göttin,
und deiner dämonischen Leidenschaft
sing Ich ein Seemanns-Klagelied.
Oder Ich deute den donnernden Prall dir aus
als stöhnende Sehnsucht um Himmelsglück,
als wühlenden Groll,
als heulenden Hass:
So redet Schwermut, flugohnmächtig,
wenn sie der Krampf der Verzweiflung
zu jagenden Fieberschauern schüttelt.
Aber du drohst:
»Eitler Prahler,
breite die Arme nur aus,
und komm an mein nasses Herz!
Dann wirst du künden,
wer grösser und mächtiger,
du oder ich!«
Drohe mir immer,
doch wisse: Die Stunde,
da du Mich sinnlosen Zornes verschlingst,
tötet auch dich.
Ein kaltes, totes Nichts,
wertlos, namenlos,
magst du dann
in die Ewigkeit starren,
entseelt,
entgöttert.
Denn Ich, der Mensch,
bin deine Seele,
bin dein Herr und Gott,
wie Ich des ganzen Alls
Seele und Gottheit bin.
Mit Mir vergehen
Namen und Werte.
Leer steht die Halle der Welt,
schied Ich daraus.
Gleich unermesslichem Aether
füllt Mein Geist den Raum:
In Seinen Wellen allein
leuchtend, tönend,
schwingt der unendliche Stoff.
Eine Harfe bin Ich
in tausend Hauchen.
Zertrümmere Mich:
das Lied ist aus.
KOSMOGONIE
Inhaltsverzeichnis
Ewiges Firmament,
mit den feurigen Spielen
deiner Gestirne,
wie bist du entstanden?
Du blauer Sammet!
Welch fleissige Göttin
hat sich auf dir
mit goldnen und silbernen
Kreuzstichmustern verewigt?
Wie! oder wären
die Sterne Perlen,
tagesüber
in Wolkenmuscheln gebettet:
Aber des Nachts
tuen die Schalen sich auf,
und aus den schwarzen,
angelspottenden Tiefen empor
lachen und funkeln
die schimmernden Schätze
des Meers Unendlichkeit?
Oft auch ist mir,
ein mächtig gewölbter
kristallener Spiegel
sei dieser Himmel,
und was wir staunend
Gestirne nennen,
das seien Millionen
andächtiger Augen,
die strahlend
in seinem Dunkel sich spiegeln.
Oder wölbt
eines Kerkers bläuliche Finsternis
feindlich sich über uns?
Von ungezählten Gedankenpfeilen
durchbohrt,
die von empörter Sehne
der suchende Menschengeist
rings um sich gestreut:
Das Licht der Erkenntnis aber,
die Sonne der Freiheit,
quillt leuchtend
durch die zerschossenen Wände.
Nein, nein! ..
Mit spottenden Augen
blinzt die Unendlichkeit
auf den sterblichen Rätselrater ...
Und dennoch
rat ich das tiefe Geheimnis!
Denn bei Phanta
ist nichts unmöglich.
– – – – – – – – – – –
In der leeren, dröhnenden Halle des Alls
rauschte der Gott der Finsternis
mit schwarzen, schleppenden Fittichen
grollend dahin.
So flügelschlug der düstere Dämon
schon seit Aeonen:
An seiner Seele frass das Nichts.
Umsonst griffen die Pranken
seines wühlenden Schaffenswahnsinns
hinaus in die unsägliche Leere.
Vom eigenen Leibe musste er nehmen,
wollte er schaffen –:
das hatte ihn jüngst quälend durchzuckt.
Und nun rang und rang er
gegen sich selber, der einsame Weltgeist,
daß er sich selbst verstümmle.
Bis sein Wollen, ein Löwe,
in seiner Seele aufstand
und ihm die Hand ans Auge zwang,
daß sie es ausriss mit rasendem Ruck.
Ströme Blutes schossen nach.
Der brüllende Gott aber krampfte
in sinnloser Qual die Faust um das Auge,
dass es zwischen den Fingern
perlend herausquoll.
Den glänzenden Tropfenregen
rissen die fallenden Schleier des Bluts
in wirrem Wirbeltanze
hinab, hinaus in die eisigen Nächte
des unausgründlichen Raums.
Und die perlenbesäten blutigen Schleier
kamen in ewigem Kreislauf wieder,
schlangen erstickend sich
um des flüchtenden Gottes Haupt,
zerrten ihn mit sich,
warfen ihn aus,
ein regelloses, tobendes Chaos.
Tiefer noch zürnte der gramvolle Gott.
Nicht Schöpfer und Herrscher,
Spielball war er geworden,
weil er, vom Schmerz bewältigt,
den heiligen Lebensstoff,
statt ihn zu formen, zerstört.
Aeonen hindurch
trug er die Marter der glühenden Schleier,
litt er in seiner eigenen Hölle.
Dann aber stand zum anderen Male
sein Wollen, ein Löwe,
in seiner Seele auf.
Sieben Kreisläufe des Chaos
rang er und rang er noch,
und dann
gab er den Arm dem Wollen frei.
Und er nahm sich auch noch
das andere Auge
aus dem unsterblichen Gotteshaupt
und warf die blutüberströmte,
unversehrte Kugel
mitten hinein ins unendliche All.
Da stand sie, glühend,
in unermesslicher Purpurründung,
und sammelte um sich
die tanzenden Blutnebel,
dass sie, ein einziger Riesenring
von Flammenschleiern,
um den gemeinsamen Kern
sich wanden und kreisten.
Der blinde Gott aber sass
und lauschte dem Sausen der Glut.
Aeonen kreiste der Ring:
Dann zerriss er.
Und um die glasigen Perlen
des zerkrampften Auges
ballten sich Bälle kochenden Bluts,
glühende, leuchtende Blutsonnen,
und andere Bälle,
die unter roten Dampfhüllen
langsam gerannen.
Durch die Unendlichkeit
schwangen sich zahllose Reigen
zahlloser Welten
in tönender Ordnung
um das geopferte, heile Auge.
Der blinde Gott aber
lauschte dem Klang der Sphären,
die seinen Preis jauchzten,
den Preis des Schaffenden,
und flog tastend mit seinen
schwarzen, schleppenden Fittichen
durch seine Schöpfung,
ein Schrecken den Menschlein
auf allen Gestirnen,
der große Lucifer.
DAS HOHELIED
Inhaltsverzeichnis
Singen will ich den Hochgesang,
den mit Sterngoldlettern
der heilige Geist der Erkenntnis
in den schwarzen Riesenschiefer
nächtigen Firmaments
leuchtend gegraben,
den jauchzenden Hochgesang,
des Kehrreim von zahllosen Chören
von Weltengeschlechtern das All durchtönt:
Auf allen Sternen ist Liebe!
Siehe, ich mass auf dem Feuerfittich
rascher Kometen die Bahnen der Ewigkeit,
durch tausend Planetenreigen
flog ich zitternden Geistes,
spähte und lauschte hinab
auf die kreisenden Bälle
mit überirdischen Sehnsuchtsinnen.
Und entgegen schwoll mir allewig
aus unzählbarer Lebenden Brüsten:
Auf allen Sternen ist Liebe!
Sahst du je ein liebendes Paar
sich vereinen zu seligem Kuss,
sahst du je der Mutterlippe
stummes Segengebet des Kindes
reinen Scheitel inbrünstig weihen,
sahst du je die stille Flamme
heiliger Freundschaft im Kusse brennen –
oh dann sang auch deine Seele,
stammelte schauernd die süsse Gewißheit:
Auf allen Sternen ist Liebe!
Trunken bin ich von diesem Liede,
das aus der Harfe der Ewigkeit hallt.
Oh meine Brüder auf wandelnden Welten,
deren Sonnen purpurne Kränze
um die Muttersonne des Alls
ewigen Rhythmus' Sturmschwung reisst,
grüssen lasst euch durch Aeonen!
Tausendgestaltiger Sterblicher Hymnen
Ein' ich des Menschengeschlechts Dithyrambe.
Auf allen Sternen ist Liebe!
Liebe! Liebe! durch die Unendlichkeit
ausgegossen, ein Strom erlösenden Lichts,
in das Nichts, die Nacht der Herzen
deine glühenden Wogen schlagend –
hebend aus dem Dumpfen das Heilige –
aus dem Chaos rettend und schaffend den Gott –
Gottheit auf die Stirn dem Menschen
prägend und ins schimmernde Aug ihm
Gottheit senkend – Liebe! Liebe!
Auf allen Sternen ist Liebe!
Liebe! Liebe! bist du die Mutter auch
aller Schmerzen, aller der Lebensqual,
wer erträgt um dich nicht alles,
stolzen Mutes, ein Held, ein Ringer!
Heilig sprechen wir Hass und Leid und Schuld,
denn wir lassen von dir nicht, oh Liebe!
Träges Verschlummern lockt uns nicht,
Leben und Tod soll ewig dauern,
denn wir wollen dich ewig, oh Liebe!
Auf allen Sternen ist Liebe!
Erden werden zu Eis erstarren
und ineinander stürzen,
Sonnen die eigene Brut verschlingen,
tausend Geschlechter und aber tausend
werden in Staub und Asche fallen:
aber von Ewigkeit zu Ewigkeit
bricht aus unzähliger Lebenden Brüsten
dreimal heilig und hehr das hohe Lied,
dreimal heilig des Lebens Preisgesang:
Auf allen Sternen ist Liebe!
ZWISCHEN WEINEN UND LACHEN
Inhaltsverzeichnis
Zwischen Weinen und Lachen
schwingt die Schaukel des Lebens.
Zwischen Weinen und Lachen
fliegt in ihr der Mensch.
Eine Mondgöttin
und eine Sonnengöttin
stossen im Spiel sie
hinüber, herüber.
In der Mitte gelagert:
Die breite Zone
eintöniger Dämmerung.
Hält das Helioskind
schelmisch die Schaukel an,
übermütige Scherze,
weiche Glückseligkeit
dem Wiege-Gast
ins Herz jubelnd,
dann färbt sich rosig,
schwingt er zurück,
das graue Zwielicht,
und jauchzend schwört er
dem goldigen Dasein
dankbare Treue.
Hat ihn die eisige Hand
der Selenetochter berührt,
hat ihn ihr starres Aug,
Tod und Vergänglichkeit redend,
schauerlich angeglast,
dann senkt er das Haupt,
und der Frost seiner Seele
ruft nach erlösenden Tränen.
Aschfahl und freudlos
nüchtert ihm nun
das Dämmer entgegen.
Wie dünkt ihm die Welt nun
öde und schal.
Aber je höher die eine Göttin
die Schaukel zu sich emporzieht –
je höher
schiesst sie auch drüben empor.
Höchstes Lachen
und höchstes Weinen,
eines Schaukelschwungs
Gipfel sind sie.
Wenn die Himmlischen endlich
des Spieles müde,
dann wiegt sie sich
langsam aus.
Und zuletzt
steht sie still
und mit ihr das Herz
des, der in ihr sass.
Zwischen Weinen und Lachen
schwingt die Schaukel des Lebens.
Zwischen Weinen und Lachen
fliegt in ihr der Mensch.
IM TANN
Inhaltsverzeichnis
Gestern bin ich weit gestiegen,
abwärts, aufwärts, kreuz und quer;
und am Ende, gliederschwer,
blieb im Tannenforst ich liegen.
Weil' ich gern in heitrer Buchen
sonnengrünem Feierlichte,
lieber noch, wo Tann und Fichte
kerzenstarr den Himmel suchen.
Aufrecht wird mir selbst die Seele,
läuft mein Aug empor den Stamm:
Wie ein Kriegsvolk, straff und stramm,
stehn sie da, ohn Furcht und Fehle;
ernst, in selbstgewollter Busse,
nicht zur Rechten nicht zur Linken:
wer der Sonne Kuss will trinken,
hat im Dämmer keine Musse.
Denksam sass ich. Moose stach ich
aus des Waldgrunds braunem Tuch.
Und der frische Erdgeruch
tat mir wohl, und heiter sprach ich:
Wahrlich, ich vergleich euch Riesen
unerbittlichen Gedanken,
die sich ohne weichlich Wanken
Höhenluft der Wahrheit kiesen.
Philosophin Mutter Erde
hat euch klar und schlicht gedacht,
jeglichem zu Lehr und Acht,
wie man teil des Lichtes werde.
Stolz aus lauem Dämmer flüchten,
Rast und Abweg herb verachten,
nur das eine Ziel ertrachten –
also muss der Geist sich züchten.
Lang noch an den schlanken Fichten
sah ich auf mit ernstem Sinn.
Erde! Grosse Meisterin
bist du mir im Unterrichten!
Besser als Folianten lehren,
lehrst mich du, solang mein Leben.
Unerschöpflich ist dein Geben,
doch noch tiefer mein Verehren.
DER ZERTRÜMMERTE SPIEGEL
Inhaltsverzeichnis
Am Himmel steht ein Spiegel, riesengross.
Ein Wunderland, im klarsten Sonnenlichte,
entwächst berückend dem kristallnen Schoss.
Um bunter Tempel marmorne Gedichte
ergrünt geheimnisvoller Haine Kranz;
der Seen Silber dunkle Kähne spalten,
und wallender Gewänder heller Glanz
verrät dem Auge wandelnde Gestalten.
Wohl kenn ich dich, du seliges Gefild! ..
Doch was in heitrer Ruh erglänzt dort oben,
ist mehr als dein getreues Spiegelbild,
ist Irdisches zu Göttlichem erhoben.
Du zeigst ein friedsam wolkenloses Glück,
um das umsonst die Staubgebornen werben ...
Und doch! Auch du bist nur ein Schemenstück!
Ein Hauch-: Du schläfst im Grund in tausend Scherben.
Ein Hauch! .. Von düstren Wolken löst ein Flug
sich von der Felskluft Schautribünenstufen.
Um meinen Gipfel streift ihr dumpfer Zug,
als hätte sie mein fürchtend Herz gerufen.
Hinunter weist beschwörend meine Hand,
indes mein Aug nach oben bittet »Bleibe!« –
Umsonst! Ein Stoss zermalmt des Spiegels Rand,
und donnernd bäumt sich die gewaltige Scheibe
und stürzt, von tausend Sprüngen überzackt,
mit fürchterlichem Tosen in die Tiefen.
Der Abgrund schreit, von wildem Graun gepackt.
Blutüberströmt die Wolken talwärts triefen.
Fahlgrüner Splitterregen spritzt umher,
den Leib der Nacht zerschneidend und zerfleischend.
Mordbrüllend wühlt der Sturm im Nebelmeer
und heult in jede Höhle, wollustkreischend.
Der Berge Adern schwellen, brechen auf
und schäumen graue Fülle ins Geklüfte.
Ihr Flutsturz reisst verstreuter Scherben Hauf
unhemmbar mit in finstre Waldnachtgrüfte.
Es wogt der Forsten nasses Kronenhaar,
durchblendet von demantnem Pfeilgewimmel ..
Doch um die Höhen wird es langsam klar,
durch Tränen lächelt der beraubte Himmel.
Und bald verblitzt der letzten Scherbe Schein,
zum Grund gefegt vom Sturm- und Wellentanze.
Nur feiner Glasstaub deckt noch Baum und Stein
und funkelt tausendfach im Sonnenglanze ...
Ich schau, ich sinne, hab der Zeit nicht acht –:
Den Tag verscheuchte längst der Schattenriese.
Und aus der Tiefe predigen durch die Nacht
die Fälle vom versunknen Paradiese.
DAS KREUZ
Inhaltsverzeichnis
Die gestürzten Engel
schweben um den Berg.
Mit weissen, bleiernen Riesenfittichen
schleicht ihr Flug aus den Talen,
dass er die Höhen der Erde auch
todeskältend überfinstere,
dass im Schweigen der Nacht
endlich das Leben sterbe.
Lebendige Flammen
entrief ich dem Fels
zum Schutze.
In goldenem Zorn
leuchtet das Berghaupt.
Aber die heisseste Stirn,
das glühendste Aug
ist nicht lange gefeit,
wo solcher Flügel
grabkalte Bahrtücher
der Vernichtung eisige Schauer
ins Haupt schatten.
Und fahles Grauen
würgt mir die Kehle
und reisst einen Schrei mir
aus der Brust
und wirft ihn hinaus
in die Finsternisse ..
Vom grauen Fittichgewölbe
fällt er ohnmächtig
in mich zurück.
Im Schein der mühsam
kämpfenden Lohe
trete ich, halb von Sinnen,
zum Rande des Abgrunds
und breite, wie prüfend,
die Arme aus.
Da zucken die Nebelgespenster
grausengepackt zusammen.
Ihr schnürender Reigen
löst sich, zerstreut sich.
In wildem Entsetzen
rasen heulend die Satane
um den Gipfel.
Ich aber erkenne
auf der zitternden Wand
ihrer Flügelflucht
ein mächtiges, schwarzes Kreuz.
Meines Körpers
kreuzförmiger Schatte
quält triumphierend
die Engel des Todes
hinweg, hinab,
zurück in ihr trauriges Reich.
Ich stehe noch lange,
die Arme gebreitet,
doch nicht mehr in Angst
noch als Wehr,
nein! jetzt als Gruss
und heilige Ehrung
den tausend lächelnden Lichtaugen
des unsterblichen Alls.
DIE VERSUCHUNG
Inhaltsverzeichnis
Der alte, ehrwürdige Herr
mit dem grossen Bart
war heute bei mir.
»Ich habe dich gestern gerettet!«
sagte er freundlich.
»Den Einfall, die Arme
zur Kreuzform zu strecken,
hab ich dir gesteckt.«
Ich schüttelte dankbar
die biedere Rechte.
Er aber drohte mir
mit dem Finger:
»Ein Schelm bleibst du doch!
Ich traue dir nicht.
Doch höre!«
Und er kniff mir den Arm
und zeigte mir rings
die Lande –:
»Dies alles soll dein sein,
wenn du hier hinfällst
und mich anbetest.«
Der Arme, er wusste nicht,
dass Erde und Himmel
durch Phanta längst mein war.
»Nun, willst du nicht?«
rief er halb ängstlich
halb ärgerlich.
Ich aber machte ihm
schnell eine kalte Kompresse
um die erhitzten Schläfen
und führte ihn sorgsam
den Berg hinunter.
Auf halber Höhe
traf ich den großen Pan.
Er wollte gerade
eine Windhosen-Orgel bauen.
Doch ich entriss ihn
dem kühnen Projekte
und stellte ihm
seinen greisen Kollegen vor.
»Alte Bekanntschaft!« rief Pan
und zog die krumme Nase
missmutig noch krümmer.
»Vielleicht hilft er dir
bei der Windhosen-Orgel!«
schlug ich begütigend vor.
Das leuchtete ein.
Arm in Arm
zogen die beiden ab.
Ich aber stieg,
ein freier, glückseliger Mensch,
singend wieder empor
auf meine herrlichen,
klaren, einsamen Höhen.
DER NACHTWANDLER
Inhaltsverzeichnis
Sanfter Mondsegen über den Landen.
Schlafstumm Berge, Wälder, Tale.
In den Hütten erstorben die Herde;
an den Herden eingenickte Grossmütter,
zu deren Knieen offne Enkel-Mäulerchen
unter verhängten Aeuglein atmen.
Auf Daunen und Strohsack
schnarchendes Laster, schnarchende Tugend.
Wachend allein: Diebe, Dichter,
Wächter der Nacht, und auf Gassen, in Gärten
und in verschwiegenen Kammern
lispelnde Liebe.
Sanfter Mond! du segnest, weil du nichts andres kannst. Aber am Herzen zehren dir Neid und Groll, weil die Menschen dich also missachten, dass sie zu Bett gehn, wenn du kommst. Aergerlich ziehn sie die Vorhänge zu: und du stehst draussen und – segnest milde deine Verächter.
Sanfter Mond! manchmal auch
lugen Herrschergelüste gefährlich vor
unter deiner Demut.
Dann rufst du in verträumte Gehirne:
»Auf! auf!
Ich bin die Sonne!
Kommt: es ist Tag!«
Und der blöden Schläfer
glaubt es dir mancher
und steigt ernsthaft
aus seinen Kissen
und geht gravitätisch
über die Dächer.
Scheel sehen die Kater ihn an.
Er aber wandelt und klettert,
als hätt ihm sein Arzt
die Alpen verschrieben.
Wie? Freundchen!
Hätt ich dich heut gar ertappt?
Mir dünkt, da unten
kam solch ein Wandler!
Armer Fremdling,
– besser: Hemdling –,
wer bist du?
Welchem Bette entflohst du?
Opferlamm
mondlicher Lüsternheit,
meilenweit musst du gewandert sein!
Redet er nicht im Schlaf? horch!
»Wer ich bin? ...
Eine lebendige Litfass-Säule
Etiquettiert von oben bis unten: –
Staatsbürger,
Gemeindemitglied,
Protestant,
Hausbesitzer,
Ehemann,
Familienvater,
Vereinsvorstand,
Reserveleutnant,
Agrarier,
Christlicher Germane,
Antisemit,
Deutschbündler,
Socialmonarchist,
Bimetallist,
Wagnerianer,
Antinaturalist,
Spiritist,
Kneippianer,
Temperenzler –«
»Wie!« ruf ich,
»und nie Mensch?«
Aber da reisst
der Schläfer die Augen auf,
und – »Mensch?«
von verzerrten Lippen heulend,
stürzt er,
fehltretend,
die Felswand hinab,
von Zacke zu Zacke
im Bogen geschleudert.
Ich aber,
ich »Mörder«,
muss unbändig lachen.
Ich kann nicht anders –
Gott helfe dem Armen!
Amen!
ANDRE ZEITEN, ANDRE DRACHEN
Inhaltsverzeichnis
Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen –:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.
Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten –
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen ...
Hocharomatisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mussten –
da der Lindwurm in den Engpass
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste
kommst du wieder, trautes Gestern?
Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.
Feuerwurm, ich grüsse froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, – ich bekenne,
dass ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.
Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob StofFesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!
Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer –:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!
DIE WEIDE AM BACHE
Inhaltsverzeichnis
Weißt du noch, Phanta,
wie wir jüngst
eine Nyade,
eine der tausend
Göttinnen der Nacht,
bei ihrem Abendwerk
belauschten?
Einer Weide
half sie, sorglich
wie eine Mutter,
ins Nachthemd,
das sie zuvor
aus den Nebel-Linnen des Bachs
kunstvoll gefertigt.
Ungeschickt
streckte der Baum die Arme aus,
hineinzukriechen
ins Schlafgewand.
Da warf es die Nymphe
lächelnd ihm über den Kopf,
zog es herab,
strich es ihm glatt an den Leib,
knöpfte an Hals und Händen
es ordentlich zu
und eilte weiter.
Die Weide aber,
in ihrem Nachtkleid,
sah ganz stolz
empor zu Lima.
Und Lima lächelte,
und der Bach murmelte,
und wir beide,
wir fanden wieder einmal
die Welt sehr lustig.
ABENDDÄMMERUNG
Inhaltsverzeichnis
Eine runzelige Alte,
schleicht die Abenddämmerung,
gebtickten Ganges
durchs Gefild
und sammelt und sammelt
das letzte Licht
in ihre Schürze.
Vom Wiesenrain,
von den Hüttendächern,
von den Stämmen des Walds,
nimmt sie es fort.
Und dann
humpelt sie mühsam
den Berg hinauf
und sammelt und sammelt
die letzte Sonne
in ihre Schürze.
Droben umschlingt ihr
mit Halsen und Küssen
ihr Töchterchen Nacht
den Nacken
und greift begierig
ins ängstlich verschlossene
Schurztuch.
Als es sein Händchen
wieder herauszieht,
ist es schneeweiss,
als war es mit Mehl
rings überpudert.
Und die Kleine,
längst gewitzt,
tupft mit dem
niedlichen Zeigefinger
den ganzen Himmel voll
und jauchzt laut auf
in kindlicher Freude.
Ganz unten aber
macht sie einen grossen,
runden Tupfen –
das ist der Mond.
Mütterchen Dämmerung
sieht ihr mit mildem
Lächeln zu.
Und dann geht es
langsam
zu Bette.
AUGUSTNACHT
Inhaltsverzeichnis
Stille, herrliche Sommernacht!
Silberfischlein springen lustig
in dem himmlischen Meer.
Hochauf schnellen
die zierlichen Leibchen sich,
blitzschnell.
wieder verschwindend.
Hinter grauen Wolkenklippen
gleisst es verdächtig.
Da kauert arglistig
der Mann im Mond –
und fischt.
Verstohlene, seidene
Angelschnüre
wirft er hinab
in die arglose Flut.
Ach! und nun
zappelt auch schon
ein armer Weissling
am Haken
und fliegt
im weiten Bogen
hinauf zu den grauen,
hässlichen Klippen ...
mir ist,
ich höre ein leises,
behäbiges Lachen.
MÄDCHENTRÄNEN
Inhaltsverzeichnis
Die schönen, blauen Augen des Himmels
hängen voll trüber Nebelschleier,
und unter verstohlenen Schluchzern
strömen graue Güsse zur Erde nieder.
Auf traurigen Häuptern tragen die Bäume
das schwere Tränenweh, die Bäche
hetzen verstört sich talwärts, mürrisch
vermummt sich der Berg in weisser Wolle.
Und das alles?
Weil mit allzuglühender Lippe
der liebesrasende, ungestüme Sonnengott
des Morgenhimmels reine, kühle Mädchenunschuld
bestürmt und die tief errötende Geliebte
mit allzuversengenden Küssen
in ihrer jungfraustillen Seele
fassungslos aufgewühlt.
Wie ein Krampf packte die Leidenschaft
den überwältigten Herzensfrieden ...
Und all die verwirrten Gefühle
lösten und schütteten sich aus
in einem grossen Weinen.
Mählig verebben die Seufzer.
Versöhnlicher, weicher wird das Herz.
Und schon sehe ich wieder ein halbes Lächeln,
ein warmes Winken
undämmbar aufdrängender Liebe
in den schönen, blauen Augen.
LANDREGEN
Inhaltsverzeichnis
Auf der Erde
steht eine hohe, gewaltige,
tausendsaitige Regenharfe.
Und Phanta
greift mit beiden
Händen hinein
und singt dazu –:
Monoton,
wie ein Indianerweib,
immer dasselbe.
Die Lider werden mir
schwer und schwerer.
Nach langem Halbschlaf
erwach ich wieder, –
reibe verstört mir
die trägen Augen –:
auf der Erde
steht eine hohe, gewaltige,
tausendsaitige Regenharfe.
DER BELEIDIGTE PAN
Inhaltsverzeichnis
Auf der Höhlung
eines erstorbenen Kraters
blies heute Pan,
wie Schusterjungen
auf Schlüsseln pfeifen.
Er pfiff »die Welt« aus,
dies sonderbare,
zweideutige Stück
eines Anonymus,
das Tag für Tag
uns vorgespielt wird
und niemals endet.
Oh pfeife doch minder,
teuerer Waldgott!
Halt Einkehr, Pan!
Wer hiess Dich denn
unter Menschen gehen? ..
MONDAUFGANG
Inhaltsverzeichnis
In den Wipfeln des Walds,
die starr und schwarz
in den fahlen Dämmerhimmel
gespenstern,
hängt eine grosse,
glänzende Seifenblase.
Langsam löst sie sich
aus dem Geäst
und schwebt hinauf
in den Aether.
Unten im Dickicht
liegt Pan,
im Munde
ein langes Schilfrohr,
dran noch der Schaum
des nahen Teiches
verkrustet schillert.
Blasen blies er,
der heitere Gott:
die meisten aber
platzten ihm tückisch.
Nur eine
hielt sich tapfer
und flog hinaus
aus den Kronen.
Da treibt sie schimmernd,
vom Winde getragen,
über die Lande.
Immer höher steigt
die zerbrechliche Kugel.
Pan aber blickt
mit klopfendem Herzen –
verhaltenen Atems –
ihr nach.
MONDBILDER
Inhaltsverzeichnis
I
Der Mond steht da
wie ein alter van Dyck:
ein rundes, gutmütiges
Holländergesicht
mit einer mächtigen,
mühlsteinartigen,
cremefarbenen
Halskrause.
Ich möcht ihn
wohl kaufen,
den alten van Dyck!
Aber ich fürchte,
er ist im Privatbesitz
des Herrn Zebaoth.
Ich müsste den Ablass
wieder in Schwung bringen!
Vielleicht liess er ihn
dafür mir ab ...
Hm.
Hm.
II
Eine goldene Sichel
in bräunlichen Garben,
liegt der Mond
im broncenen Gewölk.
Mag da weit
die Schnitterin sein?
Ich meine,
die Schwaden bewegen sich –
oh, ich errate alles!
Ins Aehrenversteck
zog wohl ein Gott
die emsige Göttermaid, –
irgend ein himmlischer
Schwerenöter der Liebe,
Jupiter-Don Juan
oder Wodan-Faust ..
In frohem Schreck
liess sie die Sichel fallen ...
Oh, Ihr königlich freien,
heiter geniessenden,
seligen Götter!
III
Gross über schweigenden
Wäldern und Wassern
lastet der Vollmond,
eine Aegis,
mit düsterem Goldschein
alles in reglosen Bann
verstrickend.
Die Winde
halten den Atem.
Die Wälder ducken sich
scheu in sich selbst hinein.
Das Auge des Sees
wird stier und glasig –:
als ob eine Ahnung
die Erde durchfröre,
dass dieser Gorgoschild
einst ihren Leib
zertrümmern werde ..
Als ob eines Schreies
sie schwanger läge,
eines Schreies voll Grausen,
Voll Todesentsetzen ..
Εσσετι ηµαρ!
IV
Durch Abendwolken fliegt ein Bumerang,
ein goldgelbes Bumerang.
Und ich denke mir: Heda!
Den hat ein Australneger-Engel
aus den seligen Jagdgründen
dorthin geschleudert –
vielleicht aus Versehen!?
Der arme Nigger!
Am Ende verwehrt ihm ein Cherub,
über den himmlischen Zaun zu klettern,
damit seine Waffe
er wieder hole ...
Oh, lieber Cherub,
ich bitte für den Nigger!
Bedenke:
es ist solch ein schönes,
wertvolles,
goldgelbes Bumerang!
ERSTER SCHNEE
Inhaltsverzeichnis
Die in Wolkenkukuksheim
zerreissen ihre Manuskripte,
und in unzähligen,
weissen Schnitzelchen
flattert und fliegt es mir
um die Schläfen.
Die Unzufriednen!
Nie noch blieben
der Lieder sie froh,
die im Lenz
ihnen knospeten,
nie noch
der dithyrambischen Chöre,
die durch glühende Julinächte
von ihren Munden
wie Donner brachen.
Immer wieder
zerstören gleichmütig sie,
was sie gedichtet:
und in unzähligen,
weissen Stückchen
flattert es
aus dem grauen Papierkorb,
den sie schelmisch
zur Erde kehren.
Grosse, redliche Geister!
Ich, der Erde armer Poet,
versteh Euch.
Wenn wir uns selbst genügen wollen, ehrlich Schaffende wir, müssen wir unsren Gedanken wieder all die bunten Hüllen ausziehn. Ach! allein in der Maske des Worts wird unser Tiefstes dem Nächsten sichtbar!
Ihr Stolzen verschmäht es,
den Wortewerken,
die Ihr erschuft,
Dauer zu leihen,
und ihr könnt es –
denn Ihr seid Götter!
Keiner von Euch
will Trost, will Erlösung,
weiss von dem Wahnsinn
Glückes und Leides:
in Euch selbst
seid Ihr Euch ewig genug!
Aber wir Menschen,
wir Selig-Unseligen,
tief in gemeinsame Lose
verstrickten,
müssen einander
die Herzen erschliessen,
müssen einander
fragen, belehren,
trösten, befreien,
stärken, erheitern,
und zu all Dem
raten und planen,
formen und bauen,
rastlos, mühvoll,
an dem Menschheitstempel
»Kultur«.
Ich stehe stumm
in den wirbelnden Flocken
und denke mit Schwermut
meines Stückwerks.
Doch streue ich selbst
nichts in den lustigen Tanz.
Meine Werke, Ihr Götter,
stürben wie roter Schnee,
wollt ich sie opfern!
Ich schrieb mit Herzblut ...
Homo sum.
TALFAHRT
Inhaltsverzeichnis
Die du im ersten
jungfräulichen Schnee
dort am fallenden Hang
ahnungsvoll schläfst,
talbrünstige Lawine!
Wach auf!
Und trage mich!
wildestes Ross,
wieder hinab
in der Menschen Gefilde!
– – – – – – – – – – –
Die zierliche Flocke
bewegt sich .. wächst .
Und stürmt immer toller
von Fels zu Fels ...
Ich springe ihr nach
und fasse beherzt
in ihr weisses,
wehendes Mähnenhaar,
indessen Phanta
den Renner lenkt,
wie auf rollender Kugel
die Göttin des Glücks,
hochaufgerichtet
und furchtlos.
– – – – – – – – – – –
Wir sind am Ziel.
Vom Laufe ruht
im Bach des Tals
das Rösslein aus.
Ich flieg auf weichen
Wiesenplan,
und lächelnd
hilft mir Phanta auf.
Und dann – zerbricht sie
ihren Stab.
– – – – – – – – – – –
EPILOG
Inhaltsverzeichnis
Am Schreibtisch finde ich mich wieder,
als wie aus krausem Traum erwacht ..:
Vor mir ein Buch seltsamer Lieder,
und um mich stille Mondesnacht.
Ich schaue auf den kleinen Ort,
aus dem mein Geist im Zorn geflohn: –
Nachtwächter ruft sein Hirtenwort
zu greiser Turmuhr biedrem Ton ..
Wie knochige Philisterglatzen
erglänzt des Pflasters holprig Beet ..
Und auf den Giebeln weinen Katzen
um ein versagtes tête-a-tête.
Euch also, winklige Gemäuer,
durchschnarcht von edlen Atta Trolls,
bewarf ich einst mit wildem Feuer
aus den Vulkanen meines Grolls!
Ich sah in eurer Kleinlichkeit
die Welt, die in mir selbst ich trug:
es war ein Stück Vergangenheit,
das ich in eurem Bild zerschlug.
Von oben hab ich lachen lernen
auf euer enges Kreuz und Quer!
Wer Kurzweil trieb mit Sonn und Sternen,
dem seid ihr kein Memento mehr!
In tiefentzückten Weihestunden
fernab dem Staub der breiten Spur,
hab ich mich wieder heimgefunden
zum Mutterherzen der Natur!
In ihm ist alles gross und echt,
von gut und böse unentweiht:
Schönheit ist Kraft ihm, Kraft ihm Recht,
sein Pulsschlag ist die Ewigkeit.
Wen dieser Mutter Hände leiten
vom Heut ins Ewige hinein,
der lernt den Schritt des Siegers schreiten,
und Mensch sein heisst ihm König sein!
Auf vielen Wegen
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Widmung
Träume
Hirt Ahasver
Die Irrlichter
Mensch und Möwe
Der Schuss
Der gläserne Sarg
Der Stern
Der Besuch
Das Bild
Malererbe
Das Äpfelchen
Rosen im Zimmer
Kinderglaube
Vom Tagwerk des Todes
Der Sämann
Vöglein Schwermut
Der Tod und das Kind
Der Tod und der Müde
Der Tod und der einsame Trinker
Der fremde Bauer
Der Tod in der Granate
Im Nebel
Am Ziel
Die Gedächtnistafel
Am Moor
Im Fieber
Eine Großstadt-Wanderung
Vier Elementarphantasien
Meeresbrandung
Erdriese
Der Sturm
Die Flamme
Gedichte vermischten Inhalts
Kleine Geschichte
Der vergeßene Donner
Das Häuschen an der Bahn
Amor der Zweite
Der zeitunglesende Faun
Goldfuchs, Schürz' und Flasche
Die Brücke
Der Tag und die Nacht
Der Schlaf
Pflügerin Sorge
Legende
Die apokalyptischen Reiter
Parabel
Das Ende
Der Born
Der Urton
Der einsame Turm
Waldluft
Aufforderung
Krähen bei Sonnenaufgang
Das Häslein
Mittag-Stille
Sommernacht im Hochwald
Mattenrast
Bergziegen
Der alte Steinbruch
Beim Mausbarbier
Elbenreigen
»Ur-Ur«
Geier Nord
Fusch-Leberbrünnl
Vor einem Gebirgsbach
Morgen
Und doch!
Nebel im Gebirge
Vor zurückgeschickten Versen
Abendliche Wolkenbildung
Abendbeleuchtung
»Dichter«?
Briefe
Vor einem Wasserfall
»Leberbrünnl«-Schlucht
Natur spricht
Ich antworte
Nebel ums Haus
Zum Abschied an F.-L.
Anmutiger Vertrag
Die beiden Nonnen
Am See
Auf dem Strome
Frage
Sehnsucht
Friede
Bestimmung
Brief an Georg Hirschfeld
Widmung
Meinem Freunde Friedrich Kayssler
Inhaltsverzeichnis
Wär' der Begriff des Echten verloren,
in Dir wär' er wiedergeboren.
Als Haß mir nach der Wurzel schlug,
warst Du bei mir, das war genug,
hast mir zu Deinem Leben
das meine neu gegeben.
Zehn Jahre zusammen!
Es löst sich der Dunst.
Auf schlagen die Flammen
Unserer Kunst.
Träume
Hirt Ahasver
Inhaltsverzeichnis
Ich träumte jüngst, mir träumte, daß ich träumte,
daß ich geträumt, geträumt zu haben hätt',
wie Ahasver mit zweimal sieben Kühen,
den sieben magern und den sieben fetten,
im Mondschein übers Moor gewandert wär',
worüber selbst ein später Weg mich wies.
»Ei guten Abend, Meister Ahasver,« –
begrüßt ich keck ihn, daß ein magres Tier
erschreckt zur Seite setzte, – »Was ist das?
Ihr treibt die vierzehn Kühe durch die Welt?«
Verächtlich schoß des Alten Blick nach mir,
und zornig murmelnd zog er einer fetten
den lauten Stecken übers Hinterteil.
Heidi! wie sich die Rinderbeine regten,
die magern immer flink voran, dahinter
mit schwipp und schwapp der Hängebäuche Trott;
bis Fern' und Dämmrung endlich sie verschlang,
und nur des Hirten wehnder Weißbart noch
ein Weilchen aus den Weiten schimmerte ...
Doch mir verschob sich alles nun. Und weiter
flog hin und her das Webeschiff des Traums.
Die Irrlichter
Inhaltsverzeichnis
Ein Irrlicht, schwebt ich heut im Traume
auf einem weiten, düstren Sumpfe,
und um mich der Gespielen Reigen
in wunderlich geschlungnen Kränzen.
Wir sangen traurig-süße Lieder
mit leisen, feinen Geisterstimmen,
viel feiner als die lauten Grillen,
die fern im Korn eintönig sangen.
Wir sangen, wie das harte Schicksal
uns wehre, daß wir Menschen würden:
So oft schon waren wir erschienen,
wo sich zwei Liebende vereinten,
doch immer, ach, war schon ein andres
Irr-Seelchen uns zuvorgekommen,
und seufzend hatten wir von neuem
zurück gemußt zum dunklen Sumpfe.
So sangen wir von unsern Leiden –
als uns mit einem Mal Entsetzen
in wirren Läufen huschen machte.
Ein Mensch entsprang dem nahen Walde
und lief verzweifelten Gebarens
gerade auf uns zu –: Der Boden
schlug schwankend, eine schwere Woge,
dem Armen überm Haupt zusammen.
Verstummt zu zitterndem Geflüster
umschwirrten wir die grause Stelle ...
Bald aber sangen wir von neuem
die alten traurig-süßen Lieder.
Mensch und Möwe
Inhaltsverzeichnis
Eine neugierkranke Möwe,
kreiste ich zu Häupten eines
Wesens, das in einen weiten
dunklen Mantel eingewickelt,
von dem Kopfe einer Bune
auf die grüne See hinaussah.
Und ich wußte, daß ich selber
dieses Wesen sei, und war mir
dennoch selbst so problematisch,
wie nur je dem klugen Sinne
einer Möwe solch ein dunkler
Mantelvogel, Mensch geheißen.
Warum blickt dies große, stumme,
rätselhafte Tier so ernsthaft
auf der Wasser Flucht und Rückkehr?
Lauert es geheimer Beute?
Wird es plötzlich aus des Mantels
Schoß verborgne Schwingen strecken,
und mit schwerem Flügelschlag den
Schaum der weißen Kämme streifen?
So und anders fragte rastlos
mein beschränktes Möwenhirn sich,
und in immer frechern Kreisen
stieß ich, kläglich schreiend, oder
ärgerlich und höhnisch lachend,
um mich selber ... Da erhob sich
aus dem Meere eine Woge ...
stieg und stieg ... Und Mensch und Möwe
ward verschlungen und begraben.
Der Schuss
Inhaltsverzeichnis
»Nimm die Fahne!« – »gib!« – und weiter –
Leichenhügel – Gräben – Hecken –
Donnern – Brausen – Knattern – Pfeifen –
Stöhnen – Schreien – Wimmern – Schnaufen –
Pulverschleier – Kugelregen –
»vorwärts, Kameraden!« – »hurra!« –
blaue Gruppen – springend – stürzend –
Flüche – Bitten – Seufzer – Pfiffe –
Tiergesichter – Fetzen Fleisches –
Blut in Rinseln – Bächen – Lachen –
wildgewälzte Pferdeleiber –
Sterbende – zerstampft – zerrissen –
Arme – Hände – hemmend – heischend –
fortgestoßen – »vorwärts!« –»hurra!« –
»nieder!« – »Feuer!« – »auf!« – »Attacke!« –
»ah!« – »da!« – »Mar–!« – »ich!« – »hier!« – »die Fahne!« – –
Und ich stürze tot zusammen.
Jäh schreck' ich auf –:
Im Hause fällt ein Schuß.
Der gläserne Sarg
Inhaltsverzeichnis
Zwölf stumme Männer trugen mich
in einem Sarge von Kristall
hinunter an des Meeres Strand,
bis an der Brandung Rand hinaus.
So hatte ich's im Testament
bestimmt: Man bette meinen Leib
in einem Sarge von Kristall
und trage ihn der Ebbe nach,
bis sie den tiefsten Stand erreicht.
Der Sonne ungeheurer Gott
stand bis zum Gürtel schon im Meer:
An seinem Glanze tränkte sich
wollüstig noch einmal die Welt.
Ich selber lag in rotem Schein
wie ein Gebilde aus Porphyr.
Da streckte katzengleich die Flut
die erste Welle nach mir aus.
Und ging zurück und schob sich vor
und tastete am Sarg hinauf
und wandte flüsternd sich zur Flucht.
Und kam zurück und griff und stieß
und raunte lauter, warf sich kühn
darüber, einmal, viele mal.
Und blieb, und ihrer Macht gewiß,
umlief frohlockend sie mein Haus
und pochte dran und schäumte auf,
als ihrer Faust es widerstand.
Und hoch und höher wuchs und wuchs
das Wasser um mein gläsern Schloß.
Nun wankte es, als hätt' ein Arm
und noch ein Arm es rauh gepackt,
und scholl in allen Fugen, als
ein Wellenberg auf ihm sich brach
und es wie ein Lawinensturz
umdröhnte und verschüttete.
Und langsam wich der nasse Sand.
Und seitlings neigte sich der Sarg.
Und, unterwühlt und übertobt,
begann er um sich selber sich
schwerfällig in die See zu drehn.
Zu mächtig, daß die Brandung ihn
zum Strand zu schleppen hätt' vermocht,
vergrub er rollend sich und mich
in totenstillen Meeresgrund.
So lag ich denn, wie ich gewollt.
Und dunkle Fische zogen still
zu meinen Häupten hin und her.
Und schwarzer Seetang überschwamm
mein Grab. Und mein Bewußtsein schwand.
Der Stern
Inhaltsverzeichnis
Ich träumt einmal, ich läg, ein blasser Knabe,
in einem Kahne schlafend ausgestreckt,
und meiner Lider fein Geweb durchflammte
der hohen Nacht geheimnisvoller Glanz.
Und all mein Innres wurde Licht und Schimmer,
und ein Entzücken, das ich nie gekannt,
durchglühte mich und hob mein ganzes Wesen
in eine höhere Ordnung der Natur.
Ein leises Tönen hielt mich hold umfangen,
als zitterte in jedem Sternenstrahl
der Ton der Heimat, die ihn hergesendet.
Ein Ton vor allen aber traf mein Herz
und ließ die andern mehr und mehr verstummen
und tat sich auseinander wie der Kelch
der Königin der Nacht und offenbarte
auf seinem Grunde mir sein süßes Lied ...
»Wir grüßen dich in deine stillen Nächte,
als deiner Zukunft tröstliche Gewähr,
es schalten ungeheure Willensmächte
in unsrer Tage blindem Ungefähr.
Sie ziehn dich von Gestaltung zu Gestaltung,
heut schleppst du dich noch schweren Schrittes hin,
doch bald begabt dich freiere Entfaltung
mit reicherer Natur und höherm Sinn.
So wandeln wir auf leichten Tänzerfüßen,
die wir dereinst auch dein Geschick geteilt,
und dürfen dich mit einem Liede grüßen,
das dich auf Strahlen unsres Sterns ereilt.
Oh flüchte bald nach unsern Lustgefilden,
und laß der kalten Erde grauen Dunst,
Oh sähst du, zu welch göttlichen Gebilden
uns schuf des Schicksals heiß ersehnte Gunst!
Auf Blumen wandeln wir wie leichte Falter,
aus Früchten saugen wir der Kräfte Saft,
uns ficht kein Elend an, zerbricht kein Alter,
der frühern Leiden lächelt unsre Kraft.
Denn allzu schön, als daß wir uns entzweiten,
erschuf uns das Gestirn, das uns gebar, –
wir können uns nicht Schmerz und Not bereiten,
die Schönheit macht uns aller Feindschaft bar!
Wir lieben uns aus tiefsten Herzensgründen,
wir trinken unsres Anblicks Glück und Huld,
wir wissen nichts wie ihr von fahlen Sünden,
und keinen ängstigt das Gespenst der Schuld.
Oh komm! daß sich die dornenlose Rose
auch deiner Schläfe duftend schmiegen kann!
Die schönste Schwester diene deinem Lose
und schenke dich dem schönsten Mann – oh komm –!«
Da unterbrach ein dumpfer Glockenton
die reinen, feinen Stimmen jener Welt.
Ich richtete mich halb im Bette auf –
und sah viel Sterne durch mein Fenster glühn ...
und sank zurück. Und weiter floß die Nacht.
Der Besuch
Inhaltsverzeichnis
Wie doch ein Traum so traurig stimmt,
wenn unser Geist Vergangenheit
und Gegenwart als Eines nimmt!
Ich saß bei dir im Brautgemach
und sprach von deinem Bräutigam,
und wie so alles anders kam ...
Und lachte hell und scherzte laut ...
Doch endlich ward mein Sinn zu schwer –
du warst ja eines andern Braut!
Ein Garten lag vor deinem Haus,
da trug ich meinen Schmerz hinein
und weinte meine Wehmut aus.
Und als ich wiederkam, da schien,
als ahntest du, was mich erregt,
und selber wardst du sanft bewegt.
Dein Mütterlein umfing mich still,
sie wußt' um die geheime Lieb',
die stumm in mir ihr Wesen trieb.
Wir setzten uns den Tisch umher ...
Du hattest alles selbst gekocht –
doch mir, mir mundete nichts mehr.
Das Bild
Inhaltsverzeichnis
Aus seinem Rahmen trat dein Bild
und schlang den Arm mir ums Genick –
und, eingewurzelt Blick in Blick,
durchgingen wir ein fremd Gefild ...
Und gingen stumm und unverwandt
und tranken unsrer Seelen Glanz
und wurden eine Seele ganz
und fühlten, was wir nie gekannt ...
Da schlug ein Lärm an unser Ohr –
ich sprach ein Wort – du fuhrst zurück –.
Zerflossen war das kurze Glück,
und alles wieder wie zuvor.
Malererbe
Inhaltsverzeichnis
Die Spanne, die nicht Träumen ist noch Wachen,
beschenkt mich oft mit seltsamen Gedichten:
Der Geist, erregt, aus Chaos Welt zu machen,
gebiert ein Heer von landschaftlichen Sichten.
Da wechseln Berge, Täler, Ebnen, Flüsse,
da grünt ein Wald, da türmt es sich graniten,
da zuckt ein Blitz, da rauschen Regengüsse,
und Mensch und Tier bewegen sich inmitten.
Das sind der Vordern fortgepflanzte Wellen,
die meinen Sinn bereitet und bereichert,
das Erbe ihrer Form- und Farbenzellen,
darin die halbe Erde aufgespeichert.
Das Äpfelchen
Inhaltsverzeichnis
Auf einer Wiese, der sich hier und dort
ein reich beschwerter Apfelbaum enthob,
ergötzten wir, ein Häuflein Freunde, uns,
mit grünem Obst uns scherzend zu bekriegen.
Ich lag im Gras, entsandte, deckte mich,
erspähte Blößen, wurde selbst getroffen –
da plötzlich stand, wer weiß, woher sie kam,
die Liebste meiner Knabenzeit vor mir
und winkte, wie zu zarter Fehde fordernd,
mir zu, – daß ich ein unreif Äpfelchen
gemeßnen Schwungs nach ihrer Wange schickte.
Oh wie viel Liebe da aus ihren Augen,
aus ihrem Lächeln brach, als, leicht errötend,
sie sich ein wenig nun herunterbeugte
und schelmisch drohte – wieviel tiefe Liebe!
Mein Auge floh vor so viel süßem Glück,
und sehnend streckt' ich meine Rechte aus
und faßte ihres Kleides reinen Saum,
ihn, wie aus Reue meiner Tat, zu küssen.
Da ging mein Glück wie ein Gewebe auf ...
Und andre Bilder spann mein träumend Hirn.
Rosen im Zimmer
Inhaltsverzeichnis
Ich stand, eine Vase
voll üppiger Rosen,
auf einer Konsole
am Lager der Liebsten
und goß überschwengliche
Gluten und Düfte
ins mondige Dämmer
der magdlichen Kammer.
Aufseufzte das Mädchen
und streckte das weiße
Gelenk ihrer Linken
nach mir und umschloß mich
und hob mich hinüber –
und alles im Schlafe.
Da schwankte die Vase,
und all meine Rosen
entfielen ihr lodernd
und hüllten in Purpur
das brüstliche Linnen:
Aufschlugen erschreckt sich
zwei glänzende Augen –
und sahn mich, den Menschen,
sich über sie beugen ...
Ich aber – ihr Götter! –
mich über sie neigend,
ich ward meines Kusses
betrogen! –: Nur Rosen,
worauf ich mich neigte!
Kein Liebchen, kein Lager,
kein Zimmer, kein Ort mehr –
nur Rosen, nur Rosen!
Ich stürzte in Rosen –
durch Rosen – auf Rosen ...
bis quälende Schmerzen
der Schläfe mich weckten.
Kinderglaube
Inhaltsverzeichnis
Heut ritt ich im Traum
auf schneeweißem Pferde
ohne Zügel und Zaum
rings um die Erde.
Und wo ein Dach,
war ein Treiben
hinter den Scheiben:
Alles war wach!
Großäugig, tieflockig,
schmalfüßig, kurzrockig,
lugten die Kindlein
der Menschen mir nach.
Oh euch süße Gesichter
vergess' ich nie mehr,
euch glückliche Lichter
durch Nacht zu mir her,
euch Näschen, vom Fensterdruck
schelmisch gestumpft,
euch Wädchen und Kniechen,
nur dürftig bestrumpft,
euch rosige Händchen,
ans Glas angestützt,
euch kosige Mündchen,
neugierig gespützt!
Ihr Kindchen, ich segn' euch
viel tausend tausend mal!
Nur Großes begegn' euch
Im Sonn- und Mondenstrahl!
Euer Lachen, euer Weinen
sei edler Frucht geschwellt!
Ihr seid ja, ihr Kleinen,
die Zukunft unsrer Welt!
Euch reifen die Lieder
auf meines Lebens Baum ...
Einst sehn wir uns wieder –
und nicht mehr im Traum!
Vom Tagwerk des Todes
Der Sämann
Inhaltsverzeichnis
Durch die Lande auf und ab
schreitet weit Bauer Tod;
aus dem Sack um seine Schulter
wirft er Keime ohne Zahl.
Wo du gehst, wo du stehst,
liegt und fliegt der feine Staub.
Durch die unsichtbare Wolke
wandre mutig, doch bereit!
Durch die Lande auf und ab
schreitet weit Bauer Tod;
aus dem Sack um seine Schulter
wirft er Keime ohne Zahl.
Vöglein Schwermut
Inhaltsverzeichnis
Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
das singt so todestraurig ...
Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
wer es hört, der tut sich ein Leides an,
der mag keine Sonne mehr schauen.
Allmitternacht, Allmitternacht
ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
Der streichelt's leis und spricht ihm zu:
»Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein!«
Und wieder fliegt's flötend über die Welt.
Der Tod und das Kind
Inhaltsverzeichnis
»Kindchen, was willst du
erwachen zum Leben?
Komm mit mir,
dir ist besser so!
Den Kampf zu bestehn,
hast du nicht Kraft,
komm, leg dein Köpfchen
an meine Brust,
sieh doch,
mein Mantel ist warm und gut!
Komm, Kindchen,
wir bitten den Wind;
der trägt uns hinüber
in meinen Garten;
da will ich dich betten
ins grüne Gras ...
Und wenn eine Zeit vergangen ist,
dann wirdst du Blume und Schmetterling,
blühende Blume, glühender Schmetterling ...!
Nicht wahr, nun willst du?
Komm, kleines Herz!
Dir ist besser so!«
Der Tod und der Müde
Inhaltsverzeichnis
»Von der Brücke hinunter
in die dunklen, ruhlosen Fluten,
deren Wellen um Wellen
deine Blicke mit sich fort ziehen,
deren Wellen um Wellen
ein Stück deines Willens
davonführen,
bis er ganz dir geraubt,
und dein Leib,
leer,
schwer,
übers Geländer schlägt –
von der Brücke hinunter
schaue, spähe ...
siehst du das Wort nicht,
das meine Finger
ins Wasser schreiben?
Friede ... Friede ...!
und was ich nun schreibe?
Komm!
Komm!!
Siehst du es nicht?
Beuge dich tiefer!
Komm!!!«
Der Tod und der einsame Trinker
Inhaltsverzeichnis
Eine Mitternachtszene
»Guten Abend, Freund!«
»Dein Wohl!«
»Wie geht's?«
»Dein Wohl!«
»Schmeckt's?«
»Dein Wohl!«
»Du zürnst mir nicht mehr?«
»Dein Wohl!«
»Im Ernst?«
»Dein Wohl!«
»Hab Dank!«
»Dein Wohl!«
»Aber –«
»Dein Wohl!«
»Zuviel!«
»Dein Wohl!«
»Nun –«
»Dein Wohl!«
»Wie du willst!«
»Dein Wohl!«
»Narr!«
»Dein Wohl!«
»Genug!«
»Dein –«
Der fremde Bauer
Inhaltsverzeichnis
Ein Mann mit einer Sense tritt
zur Dämmerzeit beim Dorfschmied ein.
Der schlägt sie fester an den Stiel
und dengelt sie und schleift sie scharf
und gibt sie frohen Spruchs zurück
und frägt sein wer? woher? wohin?
und lauscht dem Fremden offnen Munds,
als der ihm dies und das erzählt.
Und wie die Rede irrt und kreist,
berührt sie auch das letzte Los,
das jedem fällt, und – »Unverhofft!
so möcht' ich hingehn!« ruft der Schmied –
und stürzt zusammen wie vom Blitz ...
Die Sense auf der Schulter geht
der fremde Mann das Dorf hinab.
Der Tod in der Granate
Inhaltsverzeichnis
Im Mantel der Granate,
die nach dem Feind sich senkt,
liegt Meister Tod im Schlafe,
behaglich ausgestreckt.
Da zuckt mit einem Male
in jähem Schreck sein Fuß:
Versengt hat ihm die Sohle
die abgebrannte Schnur.
Ein Blitz und ein Donner –
und Rauch und Geheul –:
der Tod steht im Herzen
des feindlichen Heers.
Im Nebel
Inhaltsverzeichnis
Schaurig heult das große Dampfhorn
seine Warnung in den Nebel ...
Irgendwo antwortet schaurig,
leis bald, lauter bald, ein andres ...
Angstvoll stehn die Passagiere,
jeden Nerv gespannt die Mannschaft ...
Schaurig heult das große Dampfhorn ...
Dumpf antwortet's aus dem Nebel ...
Alles späht, horcht, mißt die Pausen,
die Maschine schafft mit Halbdampf,
langsam schiebt durch undurchdringlich
Dunkel der Koloß sich vorwärts ...
Schaurig heult das große Dampfhorn ...
Dumpf antwortet's aus dem Nebel ...
In den Schiffsraum steigen Wachen,
an den Luken, an den Booten
harrt Bemannung, von der Brücke
schallt des Kapitäns Befehlsruf ...
Schaurig heult das große Dampfhorn ...
Dumpf antwortet's nah und näher ...
Die Erregung wächst zum Fieber ...
Ahnt wer, daß des Todes Hand die
Kompaßnadel abgelenkt hat,
daß der Mann am Steuer falsch fährt? ...
Schaurig heult das große Dampfhorn ...
Laut antwortet nächste Nähe ...
Böllerschlag –: Schwerfällig tasten
weiße Kugeln in die Dämmrung ...
»Schiff an Steuerbord!« – Zu spät! – Schon
schießt es rauschend, ungeheuer,
unaufhaltsam aus dem Nebel –
gräßlich mischen sich die Hörner –
rasend rolln die Steuerketten –
»Rückdampf!« – Schreie – Donnerkrachen –
alles stürzt zu Boden – Flammen
speit der Kesselraum – der Spiegel
senkt sich – aller Kampf vergebens! –
»Boote ab!« – Umsonst! – In Wirbeln,
Strudeln, Kratern dreht sich alles
tollen Tanzes in die Tiefe .....
Wo verblieb der fremde Fahrer?
Sank er? Fuhr er feig des Weges?
Lautlos lastet dicker Nebel
über totenstillen Wassern.
Am Ziel
Inhaltsverzeichnis
Schlote schnauben, Lichter funkeln,
Pfeifen schrillen, Rufe schallen,
draußen vor des Bahnhofs Hallen
harrt Verderber Tod im Dunkeln.
Fest ist alles abgekartet
mit dem trunknen Wart der Weiche,
daß der Zug das Gleis erreiche,
drauf der Gegen-Eilzug wartet.
Und schon wächst es mit den grellen
Spählaternen aus der Ferne,
glühnder Rauch verhüllt die Sterne,
hohl erdröhnt das Holz der Schwellen.
Blind, im Schienen-Überfluge,
stampft der Zug die falschen Gleise:
Schimmernd grüßt das Ziel der Reise –
Leise lacht es hinterm Zuge.
Die Gedächtnistafel
Inhaltsverzeichnis
»Der dort unten ruht jetzund,
sein Schatten stieß ihn in den Grund.
Am steilen Fels den schmalen Gang
klomm verwegen er entlang.
Scharf lag auf ihm das Mittagslicht,
der Schweiß rann ihm übers Gesicht.
Da blieb er, sich zu trocknen, stehn –
muß dabei seinen Schatten sehn.
Und wie er ihn sieht, reckt sich der
von der Wand gegen ihn her.
Den Wandrer fasset bittre Not,
er fühlet, neben ihm steht der Tod
und drängt ihn in das tiefe Grab
der wilden Felsenschlucht hinab.
Er sinkt zusammen in kaltem Schweiß,
alles dreht sich mit ihm im Kreis.
Er preßt die Stirn an den kalten Stein
und denkt an Weib und Kinderlein.
Aber der Tod hatt' gewonnen Spiel
und schob und stieß ihn, bis daß er fiel.
Eine Dirn aus unserm Dorf hat's geschaut,
ein fremder Maler den Stein aufgebaut,
die Verse sind von der alten Kathrein.
Sprecht: Armer Wandrer, wir denken Dein!«
Am Moor
Inhaltsverzeichnis
Flackernd lösen sich vom Sumpf
ungewisse Schemen ...
Nach der alten Weide Stumpf
sieh den Weg sie nehmen.
Auf dem Stumpfe sitzt der Tod:
Dumpfe Fiedel lockt und droht
mit verworrnen Themen.
Huschend schlingt der wirre Kreis
sich um Tod und Weide ...
Um die Flämmchen schimmert's weiß
wie von feinster Seide.
Knaben, Mädchen, Männer, Fraun
glaubst wie Schatten du zu schau'n
tief im Totenkleide.
Und ein Seufzen hebt sich her,
düster dich zu bannen ...
Schaudernd fühlst du: Schon will Er
dein Gemüt entmannen.
Der Gespenster Reihn erschrickt?
Haben sie dein Haupt erblickt?
Und du eilst von dannen.
Im Fieber
Inhaltsverzeichnis
Ich lag in Fieberphantasien ...
Aus allen Ecken wuchs es her ...
Wohin ich sah, ich sah nur Ihn,
wohin ich tastete, war Er ...
Die Tücher, die Tapeten liehn
ihm ihrer Muster Fratzenmeer ...
Und schloß ich fest die Lider, schien
sein Aug' in meines weit und leer.
Ein Opfer wilder Bilderreihn
entschlief ich endlich. Mich umspann,
mich spornte rittlings sein Gebein
durch Felsenwüsten glutwindan ...
Verzehrend fraß sein Frost sich ein,
indes mich Blutschweiß überrann,
und auf Geröll und spitzem Stein
der wunde Fuß nicht Weg gewann.
Doch nicht ein Fristchen durft' ich ruhn.
»Wir müssen« – stachelte sein Hohn –
»Zum Richter über all dein Tun,
der Weg ist weit nach seinem Thron.
Gebucht, in klaftertiefen Truhn,
erharrt dich dort, wofür dich Lohn
und Strafe wird ereilen nun:
Bereite dich, verlorner Sohn!«
Da ging die Stubentür, und leis
umklang mein Bett ein sanfter Schritt,
und eines Stirnbands kühlend Eis
erlöste mich vom grausen Ritt.
Doch ehe noch ein Wort dem Kreis
der Wirrgedanken sich entstritt,
verschob schon wieder sich das Gleis
und neuer Traumgang riß mich mit.
Wie anders aber war das Bild,
das nun mein Fiebergeist entband!
Mein liebster Freund umfing mich mild
und hob mich von des Lagers Rand.
Aus Zweigen harrte mein ein Schild:
Drauf trug mich vierer Fremden Hand
wie ein erbeutet Edelwild
hinaus ins sommerliche Land.
Wer waren sie? wo lief ihr Pfad?
Sie stürmten voll erhabner Wucht ...
bis, wo ein Lärm vollbrachter Mahd
herklang aus stiller Waldesbucht.
Noch rollte hoch das Sonnenrad,
doch schon geschnitten lag die Frucht;
denn Wolken drohten Blitz und Bad:
Und alles war schon helle Flucht.
Dort setzten sie aufs hohe Korn
die Bahre ab. Noch stand sie nicht:
Da schoß schon goldner Wetterzorn:
Ein Glutstoß stob die Ährenschicht.
Mein Herz stand still vom scharfen Dorn.
Es sank der Erde höchst Gedicht,
der Mensch, zurück in ihren Born,
als Asche, Wasser, Luft und Licht.
Eine Großstadt-Wanderung
Inhaltsverzeichnis
Eine lange Gasse war mein Nachtweg.
Vor mir schalt ein Kerl mit seiner Dirne,
hohl zerbrach der Hall am Wall der Wände.
Nun ein kurzer Kampf – und gellend schreiend
floh das Weib den Weg an mir vorüber.
Aus dem Dämmer tauchten, wie dem Boden
jäh entwachsen, drohende Gestalten,
Pfiffe schrillten, schwere Tritte trabten,
Flüche zischten: Fort! die Polizisten!
Und im Nu von Nacht verschlungen alles.
Wimmern noch ... Geworfne Türen ... Stille ...
Ausgestorben schien der ganze Stadtteil.
Rot und trübe kämpften die Laternen.
Und ich sah, erstarrt, durch eine Hauswand ...
Eines Kaufherrn Schlafgemach beschlichen
zwei geschwärzte Bursche. Auf den Schläfer
warf der eine sich, der andre feilte
an dem Schrank. Dem Ächzen seiner Säge
mischten grausig sich erstickte Laute.
Gold, Papiere, Ringe rissen gierig
ihre Finger aus den Fächern ... Leise
rief es durch die Tür: Die Wache warnte.
Hastig raffte jeder noch das Nächste,
wusch sich flüchtig die befleckten Hände –
Dringend rief es noch einmal. Die Kerze
gloste. Schwarz und lautlos lag das Zimmer.
Und ich ging die lange Gasse weiter.
Hinter fensterlosen Mauern sah ich
neue Frücht' und Opfer der Gesellschaft.
Der zerschlug sich den geschornen Schädel ...
Der verstierte sich hinauf zur Luke ...
Der durchtappte rastlos seine Zelle ...
Augen brannten; Lippen fluchten flüsternd;
Fäuste krampften sich; Gehänge klirrten;
mancher wälzte sich in lauten Träumen;
doch die meisten schliefen tief wie Tote.
Frech vertiert, verduldet, unterwürfig,
gramzerfressen, haßverzerrt, verachtend,
also prägten schrecklich sich die Mienen.
Und mich zog die lange Gasse weiter.
Endelosen Fensterreihn entscholl es,
mir nur hörbar, dumpf und unablässig,
wie von Stöhnen, Weinen, Weherufen.
Sieche, Krüppel, Giftige, Zersetzte
nährten dort des Lebens arme Flämmchen,
hofften, rafften sich von Tag zu Tage,
bis des Todes Weisheit endlich siegte.
Wie sie so in weißen Kissen wachten ...
Opfer ihrer Herkunft, ihres Standes,
ihrer Gierden, ihrer Dienst und Taten,
ihrer Mitwelt, die sie stieß und hemmte!
Wie die bleichen Händ' anklagend winkten!
Und ich floh die trübe Gasse weiter.
Gebt euch nicht so stolz, ihr roten Mauern,
oder prahlt mit freudigeren Gästen!
Niemand weiß es, wer sie sind, sie selber
lächeln seltsam, fragst du, wie sie heißen.
Sind an Tafeln zwar geladen worden,
drauf zu lesen, wo man sie getroffen –:
Den in einem Wehr beim Fest der Fische;
die in einem Hag voll Heckenrosen;
den auf blanken Gleises kaltem Kissen;
den in einer Herberg fremdem Zimmer.
Aber alle ruhn sie bleich und schweigend,
lächeln starr-verächtlich deiner Fragen.
Und ich wanderte mechanisch weiter.
Hinter einer hohen Gartenmauer
hob aus Bäumen sich ein altes Kloster,
dessen eisenstabverkreuzte Scheiben
wirren Lärms zuweilen dumpf erklirrten.
Plötzlich ward ein Fenster aufgerissen,
und ein Mensch im Hemde überschrie sich
in den leeren Park hinunter: »Rechts schwenkt!
Laufschritt! Marsch marsch! Das Gewehr zum Sturm rechts!
Ha–alt! Nieder! Fertig! Feuer! Feuer!
Feu–« Jäh brach es ab, zu schlug das Fenster.
Fernes Toben. – Über dem Portal stand:
»Selig sind, die große Trübsal dulden!«
Und ich setzte meine Schritte weiter –
fast so ungewiß wie der Betrunkne,
der im Morgengrauen mir entgegen
kam –: Nun tappte er zur Seit', nun rückwärts,
schoß vornüberfallend vorwärts, rannte
wider die Laterne, griff ins Leere,
schwankte, rollte in den Kot der Gosse ...
Selber wirbelte mir Wust im Haupte ...
Särge, drängten sich die Häuser; Grüfte
hallten, wo ich schritt; von Moder, Fäulnis
schnob die Luft; Gewölke Bluts und Tränen
dampften, dunsteten, mich dumpf erstickend ...
Weiß nicht mehr, wie ich den Weg vollendet.
Vier Elementarphantasien
Meeresbrandung
Inhaltsverzeichnis
»Warrrrrrrte nur . . . . . . .
wie viel schon riß ich ab von dir
seit den Äonen unsres Kampfs –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
wie viele stolze Festen wird
mein Arm noch in die Tiefe ziehn –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
zurück und vor, zurück und vor –
und immer vor mehr denn zurück –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
und heute mild und morgen wild –
doch nimmer schwach und immer wach –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
umsonst dein Dämmen, Rammen, Baun,
dein Wehr zerfällt, ich habe Zeit –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
wenn erst der Mensch dich nicht mehr schützt –
wer schützt, verloren Land, dich dann?
warrrrrrrte nur . . . . . . .
mein Reich ist nicht von seiner Zeit:
er stirbt, ich aber werde sein –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
und will nicht ruhn, bis daß du ganz
in meinen Grund gerissen bist –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
bis deiner höchsten Firnen Schnee
von meinem Salz zerfressen schmilzt –
warrrrrrrte nur . . . . . . .
und endlich nichts mehr ist als Ich
und Ich und Ich und Ich und Ich –
warrrrrrrte nur . . . . . . .«
Erdriese
Inhaltsverzeichnis
Grab tausend Klafter
hinab in den Grund,
da weckt dein Scheit
ein hallend Gewölb –:
den Kugelkerker
aus zwölffachem Erz,
darin Erdriese
gefangen.
Hörst du ihn
bei seinem Werk?
Mit Fersen und Fäusten
stampft und stößt er,
wirft mit dem breiten Nacken
sich dumpf an die Wände,
scharrt mit Nägeln und Zähnen ...
lautlos nun,
und nun brüllend
wie zehntausend Stiere.
Gleich einer Espe
zittert der Ball ...
Die Meerunholde
schrecken aus ihrem Spiel
und stürzen den Festen zu ...
Die Feuerhexen
schießen mit sprühendem Brandhaar
aus ihren Küchen ...
Die Acker- und Felsenschläfer
rücken und recken sich:
Städte und Länder
versinken
in Trichtern und Schächten.
Hörst du ihn noch?
Ward er nun still?
Horch!
Er schnarcht!
Wie es brummt und sägt! ...
Nun schläft er, der Alte.
Der Sturm
Inhaltsverzeichnis
»Bis an die Knöchel
steh ich
im tiefen See.
Den Horizont hinab,
wo mir Gebirge
die grauen Rachen –
entgegensperren,
greif' ich
und ziehe
aus ihren Schlünden
die zähen Schleimschleier
unendlicher Nebel.
Und ich halte sie in die Sonne,
die euch scheidet,
mir noch im Mittag steht:
Das glüht, das leuchtet!
Das gefällt euch!
Und ich schlag' das Gewölk
wie Schaum
mit der flachen Hand,
und wirbl' es
und ball' es
und kraus' es
und zaus' es –
heißah halloh!
Und ich pust' es
auf eure Dörfer
und hebe die Füße
aus eurem tiefen See
und laufe
Mutter Sonne davon,
heißah,
unter die purpurnen Sterne!«
Die Flamme
Inhaltsverzeichnis
»So sterben zu müssen –
auf einer elenden Kerze!
tatenlos, ruhmlos
im Atemchen
eines Menschleins
zu enden! ...
Diese Kraft,
die ihr alle nicht kennt –
diese grenzenlose Kraft!
Ihr Nichtse! ...
Komm doch näher,
du schlafender Kopf!
Schlummer,
der du ihn niederwarfst –
ruf doch dein Brüderlein Tod –
er soll ihn mir zuschieben –
den Lockenkopf –
ich will ihn haben – haben!
Sieh,
wie ich ihm entgegenhungre!
Ich renke mir alle Glieder
nach ihm aus ...
Ein wenig noch näher –
näher –
ein wenig –
so –
jetzt vielleicht –
wenn's glückt –
ah! du Hund!
Er will erwachen?
still –
still –
so ist's noch besser!
Der Pelz am Mantel –
Der Pelz – der Pelz –
hinüber – hinüber –
ahhh! faß ich dich – hab ich dich –
hab ich dich, Brüderchen –
Pelzbrüderchen, hab ich dich – ahhh!
Hilft dir nichts –
wehr dich nicht mehr!
Mein bist du jetzt –
Hand weg!
Wasser weg!
Mein bist du jetzt!
Wasser weg!
Wart', da drüben ist
auch noch für mich –
so –
den Vorhang hinauf –
fängst mich nicht mehr –
Tuch – Tuch –
jetzt bin ich Herr!
Siehst du, jetzt breit' ich mich
ganz gemächlich im Zimmer aus –
laß doch den Wasserkrug!
Laß doch das Hülfgeschrei!
Bis sie kommen
bin ich schon längst
in den Betten und Schränken –
und dann könnt ihr nicht mehr herein –
und ich beiß' in die Balken der Decke –
die dicken, langen, braunen Balken –
und steig' in den Dachstuhl –
und vom einen Dachstuhl
zum andern Dachstuhl –
und irgendwo
werd' ich wohl Stroh finden,
und Öl finden,
und Pulver finden –
das wird eine Lust werden!
Das wird ein Fest werden!
Und wenn ich die Häuser alle zernichtet –
dann wollen wir mit Wäldern
die Fische in den Flüssen kochen –
und ich will euch hinauftreiben
auf die kältesten Berge –
und da droben
sollt auch ihr meine Opfer werden,
sollt ihr meine Todesfackeln werden –
und dann wird alles still sein –
und dann –
Gedichte vermischten Inhalts
Kleine Geschichte
Inhaltsverzeichnis
Litt einst ein Fähnlein große Not,
halb war es gelb, halb war es rot,
und wollte gern zusammen
zu einer lichten Flammen.
Es zog sich, wand sich, wellte sich,
es knitterte, es schnellte sich, –
umsonst! es mocht nicht glücken
die Naht zu überbrücken.
Da kam ein Wolkenbruch daher
und wusch das Fähnlein kreuz und quer,
daß Rot und Gelb, zerflossen,
voll Inbrunst sich genossen.
Des Fähnleins Herren freilich war
des Vorgangs Freudigkeit nicht klar, –
indes, die sich besaßen,
nun alle Welt vergaßen.
Der vergeßene Donner
Inhaltsverzeichnis
Ein Gewitter, im Vergehn,
ließ einst einen Donner stehn.
Schwarz in einer Felsenscharte
stand der Donner da und harrte –
scharrte dumpf mit Hals und Hufe,
daß man ihn nach Hause rufe.
Doch das dunkle Donnerfohlen –
niemand kams nach Hause holen.
Sein Gewölk, im Arm des Windes,
dachte nimmer seines Kindes –
flog dahin zum Erdensaum
und verschwand dort wie ein Traum.
Grollend und ins Herz getroffen
läßt der Donner Wunsch und Hoffen,
richtet sich im Felsgestein,
wie ein Bergzentaure ein.
Als die nächste Frühe blaut,
ist sein pechschwarz Fell ergraut.
Traurig sieht er sich im See
fahl, wie alten Gletscherschnee.
Stumm verkriecht er sich, verhärmt;
nur wenn Menschheit kommt und lärmt,
äfft er schaurig ihren Schall,
bringt Geröll und Schutt zu Fall ...
Mancher Hirt und mancher Hund
schläft zu Füßen ihm im Schrund.
Das Häuschen an der Bahn
Inhaltsverzeichnis
Steht ein Häuschen an der Bahn,
hoch auf grünem Hügelplan.
Tag und Nacht, in schnellem Flug,
braust vorüber Zug um Zug.
Jedesmal bei dem Gebraus
zittert leis das kleine Haus –:
»Wen verläßt, wen sucht auf
euer nimmermüder Lauf?«
»Oh nehmt mit, oh bestellt
Grüße an die weite Welt!«
Rauch, Gestampf, Geroll, Geschrill ...
Alles wieder totenstill.
Tag und Nacht dröhnt das Gleis.
Einsam Häuschen zittert leis.
Amor der Zweite
Inhaltsverzeichnis
(Sommerabend im Park des Fürsten. Um eine Marmorbank zu Füßen der Medicëischen Venus versammelt sich eine kleine Gesellschaft, den Dichter in ihrer Mitte bittend, sie mit neuen Versen zu erfreuen. Er beginnt unter einigen galanten Entschuldigungen, während die Schönen und ihre Kavaliere sich auf und um die Bank erwartend gruppieren. Verstecktes Lachen, Flüstern und Fächerschlagen begleitet den leichten Vortrag, nach dessen Beendigung man sich lebhaft plaudernd und scherzend wieder in den hohen dämmrigen Laubgängen des Parks zerstreut, nicht ohne den Poeten mit zweien seiner liebenswürdigsten Verehrerinnen einer anmutigen Einsamkeit zu überlassen.)
Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag,
der Park verwildert, pfadlos, unzugänglich,
dicht eingestrüppt von wirrem Weißdornhag.
Wo Grotten, Treppen, Hügel uranfänglich:
Verfall nun: Stämme, Schutt, gesunkner Grund ...
des Friedens Stätte einst, nun wüst und bänglich.
In dieses Parkes Tiefe birgt ein Rund
von Birken zweier Götter Steingebilde,
den Alten hochberühmt durch ihren Bund –:
Den Gott des Krieges, mit zerbrochnem Schilde,
und sie, der Liebe hohe Königin,
in wohl gewahrter Lieblichkeit und Milde.
Sie blicken zärtlich gen einander hin,
und bunte Falter tragen ihre Grüße, –
doch kennt ihr auch des Spiels geheimen Sinn? ...
In einer Sommermondnacht Wundersüße,
in einer Nacht, da eine Nachtigall
tot niederstürzte vor der Göttin Füße,
so wild war ihrer Sehnsucht Überschwall,
in einer solchen Nacht des Drangs der Säfte
geschah der dunkle, unerhörte Fall,
daß aus dem Übermaß der Lebenskräfte
ein Strom in jenes Paar hinüberrann
und es mit trügerischem Leben äffte –:
Herab zur Erde springen Weib wie Mann ...
Und stürmisch, wie sich Glut und Flut umfassen,
vergessen sie den langen, kalten Bann ...
Doch schon beginnt die Lippe zu erblassen,
versagt das Blut den weitern tollen Lauf –:
Sie müssen schaudernd von einander lassen ...
Nach ihren Säulen streben sie hinauf –
allein umsonst –: Sie sinken, wo sie stehen:
Und wieder nimmt sie Steines Starrheit auf.
Zwölf Monde gingen hin, seit dies geschehen,
als gleicher Frist das Gleiche sich begab:
Man wachte auf, doch Venus – lag in Wehen!
Und alsobald erscheint ein muntrer Knab',
zum Leben sichtlich denn zum Tod bereiter,
und bricht sich schon ein Birkenreislein ab ...
Und während Mars und Venus innig heiter
ihm zusehn, zielt er schon nach links und rechts
auf Mäuse, Hummeln, Vögel und so weiter.
Und merkt es nicht im Eifer des Gefechts,
daß seine Eltern still und stiller werden, –
bis plötzlich er der Letzte des Geschlechts.
Er springt hinzu mit kindlichen Gebärden,
er ruft und tastet, –: Stein und nichts als Stein!
Und eben erst entrückt dem Schoß der Erden,
von niemandem belehrt als sich allein,
verwirft er endlich all die eitlen Fragen
und richtet sich in seinem Reiche ein.
Ein freundlich Heer von ungetrübten Tagen,
so schien es, war dem losen Schelm beschert ...
Wie manches Tierherz mußte ihn verklagen:
Denn ach wie manches ward von ihm versehrt!
Wenn früher schon die Liebe hoch hier blühte,
so war ihr jetzt kein Herz mehr abgekehrt.
Bis eines Tags ein Paar bekränzter Hüte,
seit Jahr und Tag das erste Menschenpaar,
sich kreuz und quer den alten Park durchmühte.
Weh, Amor! nun ereilt dich die Gefahr! –:
Denn, kaum daß jene durchs Gebüsch gedrungen, –
der kleine Gott schon Stein geworden war.
»O sieh doch! sieh!« so jubeln sich die jungen
Entdecker zu – »Ein Fund! ein Schatz! ein Hort!«
Das Mädchen ist zu Amorn hingesprungen –:
Der spielt noch, steinern, seine Rolle fort
und steht mit trotzig aufgespanntem Bogen –
und treibt den Jüngling so zum rechten Wort ...
Von jäher Röte Flammen überflogen,
bekennt sein Lieb sein Werben ihm zurück –
und fühlt sich schon an seine Brust gezogen ...
Wer glaubte nicht der beiden reinem Glück?
So laßt uns nur die Frage noch beschwichten,
wie sich beschließt das wunderliche Stück.
Man wollte auf den Kleinen nicht verzichten
und nahm ihn mit, er war ja »herrnlos Gut«!
Die Eltern glückt' es wieder aufzurichten.
Sie ließ man wieder in der Wildnis Hut.
Sie blicken immer noch voll Zärtlichkeiten,
doch ewig nun erloschen schweigt ihr Blut.
Indessen steht vor Amor man (dem Zweiten),
als allbekanntem »Raub«, bewundernd da ...
Man glaubt, er stamme aus Canovas Zeiten ...
Ich aber lächelte, als ich ihn sah.
Der zeitunglesende Faun
Inhaltsverzeichnis
Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine
behaglich überschlagen, sitzt ein Faun
und liest in einem alten Zeitungsblatt,
das er im Walde irgendwo gefunden.
Ein Feuilleton »Die Presse, ihre Macht
und heilige Mission« beschäftigt ihn.
»Die Presse« liest er »ist das Fundament
der heutigen Kultur, der stärkste Hebel
geistigen Fortschritts, höherer Gesittung.
Sie ist die Lehrerin, Erzieherin
und Richterin der Völker! Nichts entzieht sich
der Allmacht ihrer Kritiker: Sie prüft,
beleuchtet alles, was du denkst und tust,
sie ist die vornehmste, stets wachsame
und drum so wichtige Vertreterin
der öffentlichen Meinung. Papst und Kaiser
umbuhlen sie. Und bis herab zum Bettler
sieht alle Stände, alle Klassen man
ihr unterworfen und gezwungen, sie
zu respektieren. Und noch mehr, noch mehr!
Sie ist das unentbehrlich-wichtigste
Verkehrs- und Bildungsmittel unsrer Zeit:
Bezieht ein großer Teil der Menschheit doch
heut sein gesamtes Wissen aus der Zeitung!
Denn mehr und mehr verdrängt die Tagespresse
der langen Bücher zweifelhaften Wert:
Der Menschen Kraft, Bedürfnis nehmen heut
die Zeitungen und Zeitschriften in Anspruch,
sodaß der Sammlung fordernden Lektüre
kein Raum mehr bleibt. Die für den Tag geschriebnen
und mit dem Tag vergehnden Zeitungen,
sie wirken eben rascher als die dicken,
gedankenschweren Bücher, ja noch mehr!
In ihren Händen liegt das Schicksal aller
schriftstellerisch- und dichterischen Werke!«
Mit breitem Grinsen liest es der Panisk,
und seine Flöte an die Lippen langend,
erhebt er sich und trabt vergnügt waldein.
Ein Wiesel raschelt unterm Stamm hervor;
die hohen Eichen flüstern hell im Wind;
und das Papierchen tanzt in eine Pfütze.
Goldfuchs, Schürz' und Flasche
Inhaltsverzeichnis
Eine Ballade1
Auf der Waldwies' hausten heut
sonderbare Brüder,
sangen, sprangen um die Wett'
zu eines Alten Fiedel, –
Goldfuchs, rund wie ein Banquier,
Schürze, zart und weiß wie Schnee,
Flasche, grau wie Asche.
Sang der Goldfuchs:
Alles dreht
sich um mich
früh und spät,
rum didl dum,
rum didl dauz,
bum bum bum,
bauz!
Sang die Schürze:
Alles dreht
sich um mich
früh und spät,
rum didl dum,
rum didl dauz,
bum bum bum,
bauz!
Sang die Flasche:
Alles dreht
sich um mich
früh und spät,
rum didl dum,
rum didl dauz,
bum bum bum,
bauz!
Warf der Alt' die Fiedel weg,
kriegt' den Fuchs zu fassen,
schickt' ihn wie 'nen Schlitterstein
weit hinaus aufs Wasser,
griff die Schürze, stopfte sie
zwischen Ripp' und Gürtel,
schmiß die leere Flasch' zu Boden,
daß sie gell zerklirrte ...
Wandte sich, das Buschwerk schlug
hinter ihm zusammen,
aber lang noch hört' man ihn
fernher brummen:
Alles dreht
sich um mich
früh und spät,
rum didl dum,
rum didl dauz,
bum bum bum,
bauz!
Fußnoten
1 Aus einem Liederspiel, komponiert von Robert Kahn
Die Brücke
Inhaltsverzeichnis
Einem Bildhauer der Zukunft
Bis an die Kniee stehn im Strom
die beiden Riesen Kraft und Maß:
Auf ihren breiten Nacken ruht
der Brücke stählernes Gebälk.
Beine breit in Grund gestemmt,
Hände auf des andern Schulter,
Stirn an Stirne fest gepreßt,
stehn sie da und schaun hinunter.
Da flieht die Welle ruhlos hin,
und weiße Segel ziehn einher,
und dunkle Schlote wölken Rauch,
und Schollen türmt des Winters Frost.
Aber unbewegten Blicks
stehn die muskelfrohen Hünen;
leis nur zuckt des Einen Leib
stampft es droben donnernd drüber.
Der andre aber preßt die Stirn
nur fester, fester nur die Faust:
Er kennt des Bruders trotzig Herz,
das tief im Kern die Menschheit haßt.
Der Tag und die Nacht
Inhaltsverzeichnis
Aus der Laube der Dämmerung,
drin sich der Tag und die Nacht
ein Weilchen geliebt,
scheucht ihn des Abends Ruf.
Aber die Nacht
eilt ihm nach ...
Und wie sie dahinstürmt,
löst sich ihr herrliches Haar
und fällt ...
Sie wankt,
bricht in die Kniee –:
Weithin
hüllen die schwarzen Strähnen
die Erde.
Lange verharrt sie so
dunklen Grams.
Aber schon sehe ich
ihren Geliebten
wiederkehren
und der Vorsonnendämmerung
schweigende Laube
neuer Umarmungen
kurzem Entzücken
winken.
Der Schlaf
Inhaltsverzeichnis
Der Schlaf schickt seine Scharen in die Nacht,
Unholde, Legionen auf Legion ...
Vom Rücken schleichen sie ihr Opfer an,
auf leisen Tatzen, und umarmen es,
wie Bären, unentrinnbar und geräuschlos, –
bis alle Muskeln ihm erschlafft, und stumm
von ihrer Brust der Leib zu Boden rollt ...
Und wenn so alles hingebettet liegt,
so traben sie zu ihrem Herrn zurück,
und ihr Gebrumm erfüllt wie dumpfer Donner
die düstren Waldgebirge seines Reichs.
Pflügerin Sorge
Inhaltsverzeichnis
Über der Erde Stirne,
durch Tag und Nacht,
pflügt ein hagres Weib
hin und her ...
Wilde Stiere,
kaum zu hemmen, ziehn,
reißen ihre Pflugschar durch den Grund:
Doch je rasender die Nacken zerrn,
nur so tiefer drückt den Baum sie ein.
Über der Erde Stirne,
durch Tag und Nacht,
führt Frau Sorge
Furche, Furche, Furche ...
Leidenschaften,
kaum zu zähmen, ziehn,
reißen ihre Pflugschar durch den Grund:
Doch je wilder die Dämonen zerrn,
nur so tiefer gräbt den Stahl sie ein.
Legende
Inhaltsverzeichnis
Vom Tisch des Abendmahls erhob
der Nazarener sich zum Gehn
und wandte sich mit seiner Schar
des Ölbergs stillen Wäldern zu.
Erloschen war der Wolken Glut;
in Hütt' und Höfen ward es licht;
hell glänzten nah und näher schon
die Fenster von Gethsemane.
Aus einer Scheune klang vertraut
das Tanzlied eines Dudelsacks,
und Mägd und Bursche drehten sich
zum Feierabend drin im Tanz.
Und Jesus trat ans Tor und sah
mit tiefem Aug dem Treiben zu ...
Und plötzlich übermannte ihn
ein dunkles, schluchzendes Gefühl.
Und, Tränen in den Augen, trat
er zu auf eine junge Magd
und faßte lächelnd ihre Hand
und schritt und drehte sich mit ihr.
Ehrfürchtig wich der rohe Schwarm;
die Jünger standen starr und bleich; –
Er aber schritt und drehte sich
als wie ein Träumer, weltentrückt.
Da brach auf eines Jüngers Wink
des Spielers Weise jählings ab –
ein krampfhaft Zucken überschrak
des Meisters hagre Hochgestalt –:
Und tief verhüllten Hauptes ging
er durch das Tor dem Garten zu ...
Wie dumpf Gestöhn verlor es sich
in der Oliven grauer Nacht.
Die apokalyptischen Reiter
Inhaltsverzeichnis
Beim stillen Weinglas saß ich spät und spannte
zerrißne Saiten neu der treuen Geige –:
Da war's, daß mir das harte Haupt des Dante
erschien in meines Römers dunkler Neige:
Als wollte es die Lieder-Stufen höhnen,
auf denen ich zu meinem Ruhme steige.
Und alsobald begann im Zorn zu tönen
mein Saitenspiel von hochvermeßnen Händen
und füllte mein Gemach mit eh'rnem Dröhnen.
Und zuckend von irrlichterischen Bränden
zerbarst vor mir die laute Nacht in Stücke,
und von Gespenstern schwoll's aus fahlen Wänden ...
Doch wie ich rasch des Worts tollkühne Brücke
nach solcher Schattenflucht zu schlagen strebe,
entweicht es schon und lockt mit neuer Tücke ...
Bis endlich in die rinnenden Gewebe
einschlägt des Willens grollende Gewalt
und eins ergreift inmitten seiner Schwebe –:
Mit finstren Stämmen drängt empor ein Wald,
drin Wiesengrund im Dreieck ausgeweitet,
von Klumpen Mondgewölkes überballt.
Doch mehr mein Aug dem Dämmer noch entstreitet:
Vier sattelleere Rosse schau ich grasen
und dunkle Körper unweit hingebreitet.
Sind's Räuber, die die Flucht hierher geblasen?
Ein Mondstrahl gleißt: Dies Haupt verrät ein Weib,
zwei grüne Augen schillern im Verglasen.
Und um dies Haupt welch fürchterlicher Leib!
Nur widerwillig gibt die fahle Nacht
sein Bild, daß keinem es zu treu verbleib'.
Und jäh erkenn' ich, wer hier Rast gemacht –:
Der Tod, der Krieg, der Hunger und die Pest, –
tiefmüde Nachtrast! Nur der Hunger wacht ...
Die Greisin kauert Kinn an Knie gepreßt ...
Der Krieg, die Stirn am Schwertknauf, atmet schwer,
blutüberronnen noch vom letzten Fest ...
In freudelosen Halbschlaf sank selbst Er ...
Parabel
Inhaltsverzeichnis
Kennst du die Figur der Polonaise,
wenn die Paare, hochgefaßter Hände,
Lauben, wie die Tänzer sagen, bilden?
Und das immer letzte Paar, sich bückend,
durch die Bogen an die Spitze schreitet,
dort als Tor sich wieder aufzustellen?
Nun, so wirst du mich begreifen, wenn ich,
dies betrachtend, an die Menschheit denke,
Wie sie sich vom Greis zum Kind erneuert:
Gleich als ob das Paar des höchsten Alters
plötzlich in der andern Rücken schwände,
vorn das Spiel von neuem aufzunehmen ...
Das Ende
Inhaltsverzeichnis
Jahrhunderttausende durchmißt mein Geist ...
Verwandelt ist der Erde Angesicht,
der Menschheit letzte Horde tief vergreist.
Kaum bricht durch Wolken mehr das liebe Licht.
»Wie alt sind wohl die Menschen?« fragt ein Kind
den Vater. Und ich höre, wie der spricht:
»So alt, mein Liebling, als die Sterne sind!«
»Was sind das, Sterne, Vater?« »Späh einmal,
wenn nachts im Nebel wühlt der wilde Wind.
Vielleicht erspähst du einen stillen Strahl:
Der kommt von Welten, die unendlich fern;
uralte Sagen rühmen ihre Zahl.«
»Doch Vater, sprich, wie alt ist solch ein Stern;
denn gleiches Alter gabst den Menschen du?«
»Das, kleiner Frager, wüßt ich selber gern!
Sieh, Kind, zähl' tausend Jahren tausend zu
und abertausend, zähl' solang du magst, –
dein Hirnchen käme nimmermehr zur Ruh!
Kein Mund weiß Antwort dem, wonach du fragst:
Denn keine Rechnung führt dahin zurück,
daran neugierig du zu rühren wagst ...
Doch alter Märchen weiß ich manches Stück –
noch mehr die Mutter! Willst du? geh hinein!
(Oh Kinderherz mit deinem kurzen Glück!)«
Kaum ward es Tag, schon bricht die Nacht herein ...
Der Knabe läuft nach einem plumpen Bau ...
Im Aug' des Mannes glimmt ein stierer Schein ...
Ein tiefes Graun verwehrt mir weitre Schau.
Der Born
Inhaltsverzeichnis
Im Garten Gottes
wirft ein Born
sein Silber
Tag und Nacht empor:
Ohn maßen stürzt
die Flut hinauf
und fällt zurück,
ein Perlenmeer.
Urewig türmt
der Strahl sich ab
und baut sich wieder
aus sich selbst,
urewig kreißt
der Schoß und nimmt
Empfängnis
von der eignen Frucht.
In Silberschauern
wirbeln sich
Legionen Tropfen
durch den Raum ...
Im Garten Gottes
spielt ein Born
gedankenlos
das Spiel der Welt.
Der Urton
Inhaltsverzeichnis
Fernher schwillt
eines Dudelsacks
einförmig-ewigwechselnde
Melodie:
Unaufhörlich
hebt sich und senkt sich
über dem Urton
ihr unerfaßliches Spiel.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Auf dem ehernen Tische
Unendlichkeit
liegt unermeßlicher Sand gebreitet.
Da streicht ein Bogen
die Tafel an:
Einen Ton
schwingt und klingt
die fiebernde Fläche.
Und siehe!
Der Sand
erhebt sich und wirbelt
zu tausend Figuren.
Aus ihnen,
den tanzenden,
tönenden,
glühenden
schlingen sich Tänze,
binden sich Chöre,
winden sich Kränze,
umringen sich,
fliehen sich,
finden sich wieder.
Aber das Spiel
der Formen, Farben und Töne
durchbrummt
unaufhörlich,
beherrscht
fürchterlich-unerfaßlich
der tiefe Urton.
. . . . . . . . . . . . .
Fern verschwillt
des Dudelsacks
einförmig-ewigwechselnde
Melodie.
Dorf, Wald, Welt
versinkt mir
schweigend
in Nacht.
Der einsame Turm
Inhaltsverzeichnis
Wer laut von diesem längst verlaßnen Turm
der Tannen Ringwald überrufen wollte,
und trüge, was er riefe, stärkster Sturm,
ihm ahnte, daß es nie ein Ziel errollte.
So einsam steigt der alte Bau empor;
er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen,
bis, dunkler Taten schauerlich verrufen,
sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor.
Nur daß von Jägern sich zuweilen wer
vorbei verirrt, von wanderfrohen Seelen,
von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer
den Forst durchschleicht, sich Holz und Wild zu stehlen;
nur daß an seinem Fuß zuweilen sich,
wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet
und mit der Bogen wehmutwildem Strich
sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet.
In allen Kronen hängt noch goldner Glanz ...
Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden ...
Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz
umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden ...
Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born,
ein Strom von Tönen –: Abends erst Erschauern
erregt des Turms uraltes Äolshorn,
der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern.
Die Heimatlosen drunten horchen auf – –.
Und einer nimmt die Geige von den Knien
und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf
des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen ...
Und wie so Wind und Seele sich verweben,
erwachen mehr und mehr der treuen Geigen ...
Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben
erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen.
Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar
der Windposaune wunderlichen Launen ...
Nun rast es tollkühn, unberechenbar ...
Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen ...
Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen,
verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen
und drohn und flehn in immer bangren Wehen,
je mehr des Tages Brände rings verglimmen.
Doch droben – seht ihr? die Zigeunerin!
Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne?
Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin?
Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne!
Und hört ihr – hört! wie ihre Lippen singen –
ein Lied, das endlich alles überwindet,
in sich die andern Stimmen alle bindet,
damit Natur und Menschheit sie umklingen.
Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit,
das Königslied der großen Ungekrönten,
das Klagelied der würdelosen Zeit,
das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten,
und ist der Weisheit gütiger Gesang,
des Willens jugendewiges »Es werde!«,
der Liebe Durst und Pein und Überschwang,
es ist das Schicksals-Hohelied der Erde.
Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen.
Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf ...
Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen
sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf ...
Die überall Verstoßenen, sie wohnen
in der Unendlichkeit azurnem Zelt –:
Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen,
und ihre Seelen sind der Sinn der Welt.
Waldluft
Aufforderung
Inhaltsverzeichnis
Stiller Wälder süßen Frieden
laßt uns suchen und genießen!
Stätten, heimlich, abgeschieden,
mögen uns der Welt verschließen!
Seht ihr dort das braune Tierchen –
unsern kleinen Nüsseknacker,
unser schelmisches Possierchen,
unsern blitzbehenden Racker?
Wirf uns nicht mit Bucheneckern,
Kätzchen, führ uns leise Wege,
wo Gelächter heimlich meckern,
kommen Menschen ins Gehege ...
Nachtigallenchor dem Reigen
lichter Elben schlägt und flötet,
bis der Mondnacht Silberschweigen
erste Frühe überrötet ...
Wo auf großgeäugter Hinde
lauscht die stumme Elbin Stille,
wenn das Ungestüm der Winde
endlich zwang ihr flehnder Wille ...
Wo der Gnomen kluge Völkchen
aus Irrflämmchen, Neumond-Tauen,
Regenruch, Gewitterwölkchen
ihr geheimes Wissen brauen ...
Stiller Wälder süßen Frieden
laßt uns suchen und genießen!
Stätten, heimlich, abgeschieden,
mögen uns der Welt verschließen!
Krähen bei Sonnenaufgang
Inhaltsverzeichnis
Noch flieht der Blick des jungen Tags
der Berge nebelgraue Gipfel,
und schon entschwebt, gemeßnen Schlags,
die erste Krähe ihrem Wipfel.
Der schwankt, befreit von schwerer Last,
daß rings die Zweige sich bewegen:
Fahlsilbern sprüht von Ast zu Ast
des Frühtaus feiner Flüsterregen.
Doch eh sein Flüstern noch erstickt,
enttönt ein »Krah« dem stillen Raume:
Der Vogel hat am Wolkensaume
das erste blasse Rot erblickt.
Auf allen Wipfeln wacht es auf
und schüttelt sich und ruft nach Taten ...
In lautem Streiten und Beraten
erhebt sich endlich Hauf um Hauf.
Nur zwei Gewitzte warten schlau,
bis alles nach und nach verstoben,
sie wissen einen nahen Bau,
den gestern Jäger ausgehoben.
Ein Käuzleinflügel harrt hier noch,
die Kecken lecker zu belohnen –:
Das Paar umkreist erregt das Loch ...
Braungolden glänzt das Meer der Kronen ...
Das Häslein
Inhaltsverzeichnis
Unterm Schirme, tief im Tann,
hab ich heut gelegen,
durch die schweren Zweige rann
reicher Sommerregen.
Plötzlich rauscht das nasse Gras –
stille! nicht gemuckt! –:
Mir zur Seite duckt
sich ein junger Has ...
Dummes Häschen,
bist du blind?
Hat dein Näschen
keinen Wind?
Doch das Häschen, unbewegt,
nutzt, was ihm beschieden,
Ohren, weit zurückgelegt,
Miene, schlau zufrieden.
Ohne Atem lieg ich fast,
laß die Mücken sitzen;
still besieht mein kleiner Gast
meine Stiefelspitzen ...
Um uns beide – tropf – tropf – tropf –
traut eintönig Rauschen ...
Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf ...
Und wir lauschen ... lauschen ...
Wunderwürzig kommt ein Duft
durch den Wald geflogen;
Häschen schnubbert in die Luft,
fühlt sich fortgezogen;
schiebt gemächlich seitwärts, macht
Männchen aller Ecken ...
Herzlich hab ich aufgelacht –:
Ei! der wilde Schrecken!
Mittag-Stille
Inhaltsverzeichnis
In der blauen Mittag-Stille
stehn die Föhren ohne Regung;
hält des Windes wilder Wille
einmal nicht sie in Bewegung?
Wie sie dem Gebieter grollen,
der sie Tag und Nacht ohn' Ende
zwingt, Gehorsam ihm zu zollen,
Flüsterlob und Wohlduft-Spende!
Und sie rühren keine Nadel,
träumen stumm ins blaue Schweigen;
selber ihren Groll und Tadel
haben sie nicht Lust zu zeigen;
kurzes Spechtgeklopf umlärmt sie,
Brummvolk summt nach süßem Lohne,
tiefes Wohlgefühl durchwärmt sie
von der Wurzel bis zur Krone.
Sommernacht im Hochwald
Inhaltsverzeichnis
Im Hochwald sonngesegnet
hats lange nicht geregnet.
Doch schaffen sich die Bäume
dort ihre Regenträume.
Die Espen und die Erlen –
sie prickeln und sie perlen.
Das ist ein Sprühn und Klopfen
als wie von tausend Tropfen.
Die Lärchen und die Birken –
sie fühlen flugs es wirken.
Die Fichten und die Föhren –
sie lassen sich betören!
Der Wind weht kühl und leise.
Die Sterne stehn im Kreise.
Die Espen und die Erlen:
sie schaudern tausend Perlen ...
Mattenrast
Inhaltsverzeichnis
Wiese, laß mich ganz in dein
Wohlgefühl versinken,
dein legionenfältig Sein
als mein eignes trinken.
Deine breite Sonnenbrust
laß die meine werden,
meine Lust die feine Lust
deiner Gräserherden.
Mächtig schwelle mein Gesang
dann aus solchem Grunde,
künde Glückesüberschwang
höchster Sommerstunde.
Bergziegen
Inhaltsverzeichnis
Vor dem Abendhimmel gehen
längs der Felsen schärfsten Kanten
ein – (da bin ich schon gesehen!)
Bock und seine Geißtrabanten.
Und nun spähen sie herunter,
stehen, wie aus Stein geschnitten ...
Aber blitzschnell sind sie munter,
bin ich meines Wegs geschritten!
Und in weiten Sätzen eilt die
Herde, mich ins Dorf zu bringen;
blick ich rückwärts, so verweilt sie,
schreit' ich, hör ichs wieder springen.
Endlich sprech ich Donnerstrophen,
wende mich an ihre Bärte:
Laßt des Philosophen Fährte!
Seid doch selber Philosophen.
Feierlich und fragend schauen
lang wir einer auf den andern ...
Und mit hochgezognen Brauen
lassen sie mich schließlich wandern.
Der alte Steinbruch
Inhaltsverzeichnis
Tief im Walde, tief im Walde
bildet, fern der Wege Reich,
eines Bruchs verlaßne Halde
einen kleinen, stillen Teich.
Moosbewachsne Blöcke ragen
aus der seichten Regenflut,
Falter und Libellen jagen
über bunter Lurche Brut.
Aber wenn im Abendbrande
hinterm Wald die Glut verraucht,
stößt und rudert es vom Rande,
kriecht und klettert, plumpst und taucht.
Und der Unken Urgroßahne
– niemand weiß, wann Gott ihn schuf –
ruft, daß er sein Weibchen mahne,
seinen dunklen Werberuf.
Daß das Froschgeschlecht nicht sterbe,
bleibt zuletzt nicht Einer still:
Denn der Tümpel ist ein Erbe,
das getreu gewahrt sein will.
Liebeskranke Grunzer fliehen
der bewegten Weibchen Schlund;
immer kühnre Harmonien
füllen den dämmertrauten Grund.
Bis des Mondes Goldhorn endlich
neuen Schimmers alles speist:
Nun erwahrt sich unabwendlich
trunkner Nächstenliebe Geist ...
Tief im Walde, tief im Walde
schwärmt Froschbräutigam und Braut
in versteckter Steinbruchhalde,
bis der letzte Stern ergraut.
Beim Mausbarbier
Inhaltsverzeichnis
»Springst auch zum Bader?«
»Ja!«
»Spring'n wir zusammen!«
»Ein schöner Sonntag heut –«
»Duck dich!«
»Was ist?«
»Ein Has!«
»Ein Has! das ist 'was Recht's!«
»Sei still! wenn er dich hört, so –«
»Nun?«
»Verklagt er uns beim Raben!«
»Du!«
»Was hast? ein Korn?«
»Hihi! die Hälfte fress' ich –«
»Mehlgebacknes?«
»Und mit der andern zahl' ich –«
»Den Barbier? Und ich?«
»Hi! wenn du noch dein Weibchen wärst!«
»Ich beiß' dich –«
»Still! da sind wir!«
»Guten Morgen!«
Aus einem Erdloch
unter einer Wurzel
verbeugt sich tief
ein alter Mausekopf –:
»Frisieren? brennen?
Bitte, nur herein!«
Die Mäuslein nehmen Platz
auf einer Moosbank
und harren stumm
in saubern Spinnwebmänteln,
indes der Alte
seine Eisen draußen
auf einen Stein
ins Sonnenfeuer legt.
»Die Härchen ausziehn?«
»Nach der Mode!«
»Bitte! ...«
Bedächtig zieht
der alte Mausbarbier
die Schnurrbartfädchen
durch das warme Scherlein.
Dann wichst er sie
ein wenig noch mit Harz
und wäscht zum Überfluß
die samtnen Köpfchen
mit Birkenöl
und scheitelt sie geschickt.
Dann knüpft er flink
die Mäntel ab
und bürstet
die sonntäglichen Wämser
spiegelglatt.
Mit Anstand holt
das eine Mäuslein drauf
den Kuchen aus der Tasche:
»Bitte!«
»Danke!« ...
Von seinem Loch aus
guckt der Mausbarbier
dem stolzen Paar
behaglich knabbernd nach
und lugt vergnügt
zum blauen Himmel auf,
der reiche Kundschaft
heute noch verspricht.
Elbenreigen
Inhaltsverzeichnis
Auf der Wiese webt und schwebt
Elbenringelreigen;
feiner Füßchen Schnee sich hebt
zu geheimen Geigen.
Schleier schlingen sich im Ring,
Silberflechten flimmern,
Flügel wie von Schmetterlingen
scheu im Monde schimmern.
Jedes Köpfchen krönt ein Kranz
goldner Leuchtlaternchen,
wunderwirr verstrickt der Tanz
all die tausend Sternchen.
Busen wogen, Wangen glühn
bräutliches Begehren –:
Wird der Rechte heut sich mühn,
werden sie nicht wehren.
Lüstern läuft ein lauer Wind
übers Taugelände ...
Plötzlich hebt ein Elbenkind
warnend beide Hände:
»Horcht! Was kommt da übern Berg
durch den Wald gegangen?«
»Hei, die Zwerge, dummen Zwerge
wolln uns fangen, fangen!«
»Husch hinaus! und auf den Strom!« ...
Oh ihr Trotzeköpfchen!
Durch die Bäume lugt ein Gnom –
schüttelt trüb sein Schöpfchen.
»Ur-Ur«
Inhaltsverzeichnis
In den dunkelsten Nächten,
wo nur die Eule noch jagt,
zieht durch des einsamsten Waldes
finstersten Teil
ein gespenstischer Stier ...
Sie nur
kennt seinen Namen
und ruft ihn –:
»Ur-Ur ... Ur-Ur ...«
Über ihm streicht sie
mit glühenden Augen ...
Niemand weiß es, denn sie:
Urvater ist es,
Waldvater,
Weltvater,
totgeglaubt,
ewig doch –
»Ur-Ur ... Ur-Ur ...«
Wach
wird der ganze Wald,
horcht,
späht ...
Gedrängt und geduckt,
zittern die Vöglein ...
Unhörbar huscht's
durch die Bäume ...
»Ur-Ur ... Ur-Ur ...«
Geier Nord
Inhaltsverzeichnis
Der Geier Nord fliegt übern Wald,
in einen grauen Sack gekrallt,
er hat nicht leicht zu tragen.
Er fliegt zu niedrig ob der Erd',
die Fichten drohen ihm Gefährd',
die dort so spitzig ragen.
Da ... schon ... da hängt das Wolkentuch!
Hörst du des Geiers grausen Fluch?
Er muß es fahren lassen:
Und aus dem aufgerißnen Sack
spreun lustig sich auf Tann und Hag
Frau Holles weiße Massen.
Erdmännlein halten hohle Hand
und schmücken mit dem Glitzer-Tand
laut kichernd ihre Weiblein.
Die stelzen hoch daher, doch weh!
schon schmelzen die Geschmeid' aus Schnee,
und naß sind alle Leiblein.
Am Himmel kommt der Nord zurück
mit einem neuen Wolkenstück, –
doch wieder bleibt es hängen.
Wenn das so fort geht –, Leutlein, rennt
nach Haus, sonst wird das Element
euch ernstlich noch bedrängen!
Das Völklein läuft. Der Geier gibt's
voll Trotz nicht auf – und endlos stiebt's
aus aufgespießten Säcken ...
Den ganzen Tag, die ganze Nacht ...
Wohl tausend Stück, von ihm gebracht,
den Waldgrund nun bedecken.
Zwischenstück
Fusch-Leberbrünnl
(Herzogtum Salzburg)
Tagebuch-Fragment
10.-22. August 1896
Vor einem Gebirgsbach
Inhaltsverzeichnis
Nulla dies sine linea
10. August 1896
Waagrecht diese Wasser, – und zu Ende
Wellenspiel und jähe Formenwende!
Wo liegt's? Der Wechsel selbst, für sich allein?
Der Wechsel nur in mir, nur Form, nur Schein?
11. August 1896
Dunkel von schweigenden Bergen umschlossen,
vergessen die Welt wie ein Puppenspiel,
nebelumflossen, regenumgossen,
doch in der Brust ein leuchtendes Ziel.
12. August 1896
Hinaus in Nebel und Regen,
wie stark auch der Himmel trauft!
Mit Sprühwasser-Morgensegen
die junge Stirne getauft!
14./15. August 1896
Spät von Goethe und andrem Wein
hab ich mich des Nachts getrennt –:
Legionenfacher Schein
überfloß das Firmament.
Wie ein Silberschauer rann
grenzenlose Sternenpracht
über Gipfel, Hang und Tann
durch die tiefe, heilige Nacht.
Morgen
Inhaltsverzeichnis
15. August 1896
Nun sind die Sterne wieder
von blaßblauer Seide verhüllt,
nun Näh' und Ferne wieder
von junger Sonne erfüllt.
Ihr weißen Wasser, die ihr
hinab zur Ebne springt,
oh sagt den Freunden, wie mir
das Herz heut singt und klingt.
Und doch!
Inhaltsverzeichnis
(d.)
Und doch, ich sag es frank und rund,
mir fehlt noch was zum Glücke –:
Ein lieber, süßer Mädchenmund,
ein Arm, der meinen drücke,
ein Aug, darein ich glänzen könnt'
mein jubelndes Empfinden,
ein Blondhaar, das ich Keinem gönnt'
sich um die Hand zu winden.
Nebel im Gebirge
Inhaltsverzeichnis
Schwerer Nebel dunkle Lasten
sinken von dem Schnee der Kämme
über öde Herdenrasten
in des Tannichts finstre Stämme.
Nur des Baches bleiche Brandung
rauscht und leuchtet noch gerettet, –
bis die düstre Dunstgewandung
endlich ihn auch überbettet.
Vor zurückgeschickten Versen
Inhaltsverzeichnis
16. August 1896
Urteilsloser Nörgler Schlag
ruhig schelten lassen!
Müssen dich nach Jahr und Tag
dennoch gelten lassen.
17. August 1896
Schlechte Wittrung trägt sich gut,
wenn die Luft nur rein ist;
Städtedunst verdirbt das Blut,
selbst wenn Sonnenschein ist.
(d.)
Möcht' es wohl hier oben wagen,
Apostat vom Tinten-Grale,
mit des Bergstocks hartem Stahle
Runen in den Fels zu schlagen!
Abendliche Wolkenbildung
Inhaltsverzeichnis
(d.)
Oben stille, bleiche Lämmer,
drunter sonngoldschwere Züge,
trotz erhöhter Hellnis Lüge
ohne Wehr dem nahen Dämmer.
18. August 1896
Wer doch den trüben Wahn erfunden,
daß keine Seele glücklich sei!
Ich war's, ich bin's! in reichen Stunden
von aller kleinen Trübsal frei.
Nicht wahrlich, da mit heisrem Atem
die Menge mir den Weg verbellt, –
doch nun Suleika sich und Hatem
mit goldnen Liedern mir gesellt.
Nun da Natur mich treu umbreitet
mit Tannen, hehr wie Hafis' Geist,
und drüber mir die Blicke weitet,
bis, wo der letzte Fels vereist.
Wie sollt ich da nicht Mensch sein mögen,
ein weltverleumderischer Tropf!
So gern sie auch herunter bögen
den heitren, hochgemuten Kopf.
Abendbeleuchtung
Inhaltsverzeichnis
19. August 1896
Wie sich die Gebirge bauen,
Sonnenspätlichts überboten,
fern zurück: von milchig blauen
bis zu violett- und roten!
»Dichter«?
Inhaltsverzeichnis
20. August 1896
Nur nicht eignen Gang bespähen!
Immer kopfhoch weiter wandern!
Bald genug, und gleich den andern
wirst du im Register stehen.
Briefe
Inhaltsverzeichnis
(d.)
Briefe von den beiden treusten,
liebsten, schönsten Weggenossen!
Ihr in dritten Freundes Fäusten:
Und der Zirkel ist geschlossen.
Vor einem Wasserfall
Inhaltsverzeichnis
(d.)
In breiten Spießen stürzt die Flut zu Tal,
noch mehr, in lang hinabgedehnten Brüsten – –
bis endlich wehnder Staub der letzte Strahl
und hier und dort gestreut nach Winds Gelüsten.
»Leberbrünnl«-Schlucht
Inhaltsverzeichnis
(d.)
Jeden Abend, den ich kehre
aus der Täler weitem Lauf,
geht mein Herz in Dank und Ehre
deiner stillen Schönheit auf.
21. August 1896
Freundin Phanta hat unzweiflich
mich hier oben schnöd verlassen,
doch Faulenzen, Schlafen, Prassen
macht es unliebsam begreiflich.
Natur spricht
Inhaltsverzeichnis
(d.)
Mußt denn um mein ewig Leben
immer arme Verse spinnen?
Glaubst du Größeres zu geben,
wo so Großes zu gewinnen?
Laß die undankbaren Musen,
bin ich Mutter nicht von allen?
Besser als an ihrem Busen
wirst du dir bei mir gefallen!
Ich antworte
Inhaltsverzeichnis
Ach wenn ich gewinnen könnte
kindesweich noch wie vor Jahren!
Allzufrüh schon, Mutter, gönnte
mir mein Stern, allein zu fahren.
Kannst mir Lieb' und Heimat geben?
Für mich Tote neu mir schenken?
Dunkles Irrn, verfehltes Streben
in Vergessens Abgrund senken?
Kannst du neu mich selber schaffen?
Nochmals dich in mich verschwenden?
Kannst du beßre Lebenswaffen
tatbereitem Sohne spenden!
Nein, auch du kannst mich nur trösten.
Hilfe kommt allein von innen.
Meiner Lebenswerte größten
werd' ich nur durch mich gewinnen.
Nebel ums Haus
Inhaltsverzeichnis
(d.)
Ein Dunstgewölb, wie ich noch keines sah!
Durchbleicht von außen von des Vollmonds Schein!
Auf kleiner Insel dünk' ich mich allein –
bin ich Napoleon auf St. Helena? ...
Der nahe Bach gibt lauter Brandung Ton ...
Durchs Tannicht schimmert's hell – wie meilenweit ...
Ich brüt' in ungeheure Einsamkeit ...
Nach Englands Küste kehrt Bellerophon.
Zum Abschied an F.-L.
Inhaltsverzeichnis
22. August 1896
Wie ich schwer von deiner stillen,
unberührten Schönheit gehe!
Doch ich habe tiefen Willen,
daß ich einst dich wiedersehe.
Anmutiger Vertrag
Inhaltsverzeichnis
Auf der Bank im Walde
haben sich gestern zwei geküßt.
Heute kommt die Nachtigall
und holt sich, was geblieben ist.
Das Mädchen hat beim Scheiden
die Zöpfe neu sich aufgesteckt ...
Ei, wie viel blonde Seide da
die Nachtigall entdeckt!
Den Schnabel voller Fäden,
kehrt Nachtigall nach Haus
und legt das zarte Nestchen
Mit ihrem Golde aus.
Freund Nachtigall, Freund Nachtigall,
so bleib's in allen Jahren! –:
Mir werd ein Schnäblein voll Gesang,
dir eins voll Liebchens Haaren!
Die beiden Nonnen
Inhaltsverzeichnis
Ich müßt' es malen, solltet ihr sie sehen,
wie ich sie sah, die beiden schwarzen Schwestern –:
Allein sich glaubend im beschneiten Walde,
der Jugend süße Ungeduld nicht zügelnd,
mit einem Male Menschen, Mädchen, Kinder.
Die Kleider flogen um die leichten Füße,
die Hüften wiegten sich, und jubelnd jagten
sie sich mit weißen Bällen durch die Bäume ...
Ein schwerer Ast begrub sie fast in Flocken ...
Ein Reh erschreckte sie, – und wie des Schreckens
sich schämend, klatschten toll sie in die Hände ...
Dann stellten sie sich plötzlich gegenüber
und maßen ihre Kraft, die offnen Finger
verstrickend, bis die eine lachend kniete ...
Und fort und fort so heitre Kurzweil treibend,
entschwanden sie dem nicht geahnten Späher,
bis selbst die Stimmen, heller Lieder selig,
im Winterwald sich endlich fern verloren.
Am See
Inhaltsverzeichnis
In trüber Schwermut schaut der feuchte Mond
wie ein verweintes Auge durch die Nacht ...
Umrauscht vom eignen Odem schläft der See,
breitausgebettet bis zum fernsten Wald ...
Oft fährt's in Busch und Röhricht schaudernd auf,
wie wenn im Halbschlaf sich ein Seufzer löst ...
Dann wieder Stille, als ob selber Gott
als Alp auf seiner Erde lastete ...
Auf dem Strome
Inhaltsverzeichnis
Am Himmel der Wolken
erdunkelnder Kranz.
Auf schauerndem Strome
metallischer Glanz.
Die Wälder zu seiten
so finster und tot.
Und in flüsterndem Gleiten
vorüber mein Boot ...
Ein Schrei aus der Ferne –
dann still wie zuvor.
Wie weit sich von Menschen
mein Leben verlor! ...
Eine Welle läuft leise
schon lang nebenher,
sie denkt wohl, ich reise
hinunter zum Meer ...
Ja, ich reise, ich reise,
weiß selbst nicht, wohin.
Immer weiter und weiter
verlockt mich mein Sinn.
Schon kündet ein Schimmer
vom morgenden Rot, –
und ich treibe noch immer
im flüsternden Boot.
Frage
Inhaltsverzeichnis
Wie tief die Wipfel heut erschauern!
Wie Schicksal greift es in mein Herz
und überwältigt mich, zu trauern,
und reift zu altem neuen Schmerz.
Schwermütige Gemälde steigen
zu klagender Musik empor,
und wie sie Jahr um Jahr mir zeigen,
erkenn ich, was ich schon verlor.
Zuletzt in mich zurückgetrieben –
was bleibt mir nun? wem darf ich traun?
Wer wird mein stilles Tagwerk lieben?
Was bürgt mir, nicht umsonst zu baun? ...
Wie tief die Wipfel heut erschauern!
Wie Schicksal greift es in mein Herz
und überwältigt mich, zu trauern,
und reift zu altem neuen Schmerz.
Sehnsucht
Inhaltsverzeichnis
Dort unten tief im Dämmer-Grunde,
wo nun so wach die Wasser gehn,
und hier verstreut und da im Bunde
die mondumwobnen Häuser stehn,
dort hast du nun mit all den andern
zur sanften Ruhe dich gelegt,
indes dem Freunde nur im Wandern
das Blut sich minder ruhlos regt ...
Schlaf süß in deinem Silbertale,
mein Dunkelauge, Rätselkind,
gegrüßt von jedem reinen Strahle,
der selig in die Tiefe rinnt!
Schlaf süß! und sieh den Freund im Traume
sich nächtlicher Natur vertraun
und von des Bergwalds dunklem Saume
verzückt und schmerzlich niederschaun!
Friede
Inhaltsverzeichnis
Wie weich sich Form und Farbe binden
in Sommermittags glühem Hauch: –
Das Dorf im Schatten alter Linden,
ein rötlich Dach, ein Wölkchen Rauch;
der Bergbach, dessen heitre Eile
sich glitzernd durch die Wiese webt;
der Straße laubverhüllte Zeile,
die ahndevoll zur Ferne strebt;
und all dies gütig eingeschlossen
von hoher Felder Gold und Duft;
und alles flimmernd überflossen
von lerchenlauter Juliluft ...
Ich schau des Herdrauchs fromme Kreise
zum hohen Blau erblassend ziehn, –
und meine Seele füllen leise
des Friedens süße Harmonien.
Bestimmung
Inhaltsverzeichnis
Von dieser Bank hinauszuträumen,
wenn ferner Erdsaum, lichtverwaist,
entgegen den gestirnten Räumen
die Sonne dampfend überkreist! ...
Da fühle deine treue Erde,
wie sie ihr Weltwerk schafft und schafft,
daß jedes Land gesegnet werde
von ihrer Mutter trunkner Kraft!
Und wie du heiß die Arme breitest,
von mächtigem Gefühl erfaßt,
und dein Gemüt zur Menschheit weitest,
die dumpf und dunkel liebt und haßt, –
ergreifst du, was du bist, von ferne,
und, was du darfst, und, was du mußt,
und wirst dir deiner guten Sterne
von neuem still und stolz bewußt.
Brief an Georg Hirschfeld
Inhaltsverzeichnis
Mein lieber teurer Georg,
Die Dreckseelen, die über Dich einzigen Kerl sich ausgegeifert haben, haben mich ganz krank gemacht. Ich kann mich immer noch nicht fassen und stehe wieder einmal vor einem Ekel vor der »Welt, dieser Großstadtwelt, der mir den Atem benimmt. Aber nimm Dir's nicht zu Herzen, lieber Kerl, denk' an Böcklin, Klinger, Hauptmann und jeden ändern Charakterkopf, den die Menschen bei seinem Auftreten besudelt haben . . . Lieber Junge, Du lachst vielleicht schon über den ganzen Chorus – aber verzeih ich mußte mich hier erleichtern, ich war' Ja fast umgekommen heut Nachmittag.
Leb wohl Bruderherz, grüß die Deinen!
Dein Christian.
14.V.95.
Horatius Travestitus
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
| I,1 Maecenas, atavis edite regibusI,9 Vides ut alta stet nive candidumI,11 Tu ne quaesieris, scire nefasI,20 Vile potabis modicis SabinumI,22 Integer vitae scelerisque purusI,23 Vitas hinuleo me similis, ChloeI,27 Natis in usum laetitiae scyphisI,32 Poscimur. Siquid vacui sub umbraI,33 Albi, ne doleas plus nimio inmitisII,3 Aequam memento rebus in arduisII,19 Bacchum in remotis carmina rupibusIII,9 Donec gratus eram tibiIII,12 Miserarum est neque amoriIII,21 O nata mecum consule ManlioIII,22 Montium custos nemorumque, VirgoIII,25 Quo me, Bacche, rapis tuiIII,26 Vixi duellis nuper idoneusIII,30 Exegi monumentum aere perennius | Hoher Protektor und Freund, Edler von Gönnersheim Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand Laß das Fragen doch sein! sorg dich doch nicht Während du im Frack vor der Rampe standest Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist Warum fliehst du vor mir wie eine scheue Gems Beim Weine gegenständlich zu werden, ist Spielen soll ich! ... Wenn ich auf deinen Tasten Albert, kränke dich nicht allzusehr um ein Weib! «Kalt Blut und warmes Untergewand!» das ist Gambrinus selber sah ich am Nockherberg Als ich Hahn noch im Korbe war Welch ein Elend, arme Kleine Heut soll der Zweiundsechziger endlich dran Die Sie Wind und Wetter nicht scheuten, Emma Wohin reißt mich der süße Wein? Vor kurzem noch ein Ritter im Liebesspiel Wenn die Bürger mir ein Monument stifteten |
Christian Morgenstern: Horatius travestitus
Zwiefach tauchen vor euch, Gebilde flüchtiger Laune,
Menschen, Zeiten mir auf, denen ich lange entrückt;
dort die Jugendgenossen der neun lyzeischen Jahre,
hier der märkischen Stadt erstes, erregendes Bild.
Nur im Scherze entläßt der strenger und älter Gewordne
euer leichtes Geschwätz, das mit dem Klassischen spielt;
und indes der Student dem Dichter lachend die Schuld gibt,
schwört der Dichter bestürzt: Wahrlich, es war der Student!
I,1 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,1)
Inhaltsverzeichnis
| Maecenas, atavis edite regibus, O et praesidi' et dulce decus meum: Sunt quos curriculo pulver' Olympicum collegisse iuvat; metaque fervidis evitata rotis palmaque nobilis Terrarum dominos evehit ad Deos. Hunc, si mobilium turba Quiritium certat tergeminis tollere honoribus; illum, si proprio condidit horreo quidquid de Libycis verritur areis. Gaudentem patrios findere sarculo agros, Attalicis condicionibus numquam demoveas, ut trabe Cypria Myrtoum pavidus nauta secet mare. Luctant' Icariis fluctibus Africum mercator metuens, oti' et oppidi laudat rura sui: mox reficit rates quassas, indocilis pauperiem pati. Est qui nec veteris pocula Massici, nec partem solido demere de die spernit; nunc viridi membra sub arbuto stratus, nunc ad aquae lene caput sacrae. Multos castra iuvat, et lituo tubae permixtus sonitus, bellaque matribus detestata. Manet sub Jove frigido venator, tenerae coniugis inmemor; seu visast catulis cerva fidelibus, seu rupit teretes Marsus aper plagas. Me doctar' hederae praemia frontium dis miscent superis: me gelidum nemus Nympharumque leves cum Satyris chori secernunt populo; si neque tibias Euterpe cohibet, nec Polyhymnia Lesboum refugit tendere barbiton. Quod si me Lyricis vatibus inseris, sublimi feriam sidera vertice. | Hoher Protektor und Freund, Edler von Gönnersheim, was doch alles der Mensch auf seiner Erde treibt! ... Dieser fegt auf dem Rad über die Rennbahn, und platzt der Gummischlauch nicht, geht er zuerst durchs Ziel. Welcher Tag für den Mann, wenn ihm das Comité die Medaille verleiht, Meisterschaft zuerkennt! Jenen wieder erfreut's, wenn ihn der Wähler Schar an das berühmte Büfett unseres Reichstags schickt. Andre, wenn der Kaffee prompt aus Brasilien kommt, Sack an Sack imposant in ihren Speichern steht. Der Agrarier, der jammernd sein Land bestellt, tauscht dir dennoch den Pflug mit der Couponscher' nicht, noch verlockst du ihn leicht, daß einem Dampfer er sich zur Überfahrt nach Mexiko anvertrau. Sieh den Kaufmann! Er schimpft auf Kolonialpolitik, wird Lokalpatriot, gründet Bazars und Klubs, aber bald wieder doch rüstet mit Schnaps und Blei neue Schiffe er nach Togo und Kamerun. N. N. schmollt, wie du weißt, perlenden Sekten nicht, noch auch, wenn ein Gelag früh im Kaffeehaus schließt; Sommers stärkt er sich dann durch eine Sprudelkur oder reist nach Tirol oder nach Helgoland. Andere wieder sind mit Leib und Seel Militärs, schmähn das faule Zivil, dem jeder Schuß ein Greul. Und wer jagt von Beruf oder aus Waidlust nur: Dessen Hitze vergißt Weibchen und Kinder oft, wenn sich etwan ein Hirsch in seinen Forst verläuft, oder Wild- oder Holz- Diebe zu fangen sind. Mich – der ja, wie du weißt, all diesem Treiben fern, - reiht mein Sammetbarett göttlicherm Kreise an, trennt vom Trubel der Welt meiner vier Wände Heim, zarter Träume ein Schloß, klingend von Scherz und Kuß. Bleibt die Muse nur treu, rundlich der Pegasus, deine Schatulle mein Hort, Glück meiner Wege Stern, sprich gelassen es aus: oh, welch ein Lyriker! Und vom Himmel herab nick ich, ein Gott zu dir |
I,9 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,9)
Inhaltsverzeichnis
| Vides ut alta stet nive candidum Soracte, nec iam sustineant onussilvae laborantes, geluque flumina constiterint acuto: Dissolve frigus ligna super foco large reponens, atque benigniusdeprome quadrimum Sabina, o Thaliarche, merum diota. Permitte divis cetera: qui simul stravere ventos aequore fervidodeproeliantes, nec cupressi nec veteres agitantur orni. Quid sit futurum cras fuge quaerer' et quem fors dierum cumque dabit lucroadpone, nec dulces amores sperne puer neque tu choreas, donec virenti canities abest morosa. Nunc et campus et areaelenesque sub noctem susurri composita repetantur hora; nunc et latentis proditor intimo gratus puellae risus ab angulo,pignusque dereptum lacertis aut digito male pertinaci. | Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand, der Kreuzberg steht, und wie der Viktoriaparktief eingeschneit, wie Spree und Panke Mäntel von Eis auf den Leib gezogen. Drum heize, Freundchen, spare die Kohlen nicht, und laß uns im behaglichen Stübchen dannaus schönem alten Rum – was meinst du? – einen urkräftigen Steifen brauen! Laß Pan die Welt verwalten, dem Wintersturm, der mit dem Lenzwind heulende Schlachten schlägt,gebieten! Beide werden schweigen, daß sich kein Zweig mehr am Baume rüttelt. Was kann dich kümmern, was dir das Morgen bringt, des Lebens freue jeglichen Tag dich neu,und walze froh mit süßen Mädchen draußen in Halensee oder Treptow, solang zu Tanz und Kuß du noch jung genug! Zum Zirkus wandre, sieh dir ein Lustspiel an!Vielleicht auch knüpf ein zart Verhältnis an in dem Dämmer der Gaslaterne! Und sitzt du dann bei Dressel beim Dejeuner und deine Kleine hält die Serviette vor –wie köstlich, wenn der scherzhaft Spröden endlich den Kuß du, den süßen, raubtest! |
I,11 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,11)
Inhaltsverzeichnis
| Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios temptaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati, seu plures hiemes seu tribuit Iupiter ultimam, quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare Tyrrhenum: sapias, vina liques, et spatio brevi spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida aetas: carpe diem, quam minimum credula postero! | Laß das Fragen doch sein! sorg dich doch nicht über den Tag hinaus! Martha! geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin! Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist, das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem werden: sieh's doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht. Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher! Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust! Küssen Sie mich, m'amie! Heute ist heut! Après nous le déluge! |
I,20 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,20)
Inhaltsverzeichnis
| Vile potabis modicis Sabinum cantharis, Graeca quod eg' ipse testa conditum levi, datus in theatrocum tibi plausus, clare Maecenas eques, ut paterni fluminis ripae simul et iocosa redderet laudes tibi Vaticanimontis imago. Caecub' et praelo domitam Caleno tu bibes uvam: mea nec Falernae temperant vites neque Formianipocula colles. | Während du im Frack vor der Rampe standest und von Beifallsstürmen das Haus erbebte, zog ich hier auf Flaschen ein schlichtes FäßchenMarca Italia. Teufel auch! es pfiff es der Spatz vom Dach ja! Und ich harrte nur noch auf Extrablätter mit den Lebensdaten und mit dem Bild desglücklichen Mannes. Trinkst wohl jetzt nicht mehr meinen sauren Tropfen, alter Schwede, pfeifst nun auf alles andere, als auf Vin sec, Monopol-Heidsick, Cliquot,Pommery-Greno! |
I,22 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,22)
Inhaltsverzeichnis
| Integer vitae scelerisque purus non eget Mauris iaculis nequ' arcu, nec venenatis gravida sagittis,Fusce, pharetra, sive per Syrtes iter aestuosas, sive facturus per inhospitalem Caucasum vel quae loca fabulosuslambit Hydaspes. Namque me silva lupus in Sabina, dum meam canto Lalagen et ultra terminum curis vagor expeditis,fugit inermem, quale portentum neque militaris Daunias latis alit aesculetis, nec Iubae tellus generat, leonumarida nutrix Pone me pigris ubi nulla campis arbor aestiva recreatur aura, quod latus mundi nebulae malusqueJupiter urget; pone sub curru nimium propinqui solis, in terra domibus negata: Dulce ridentem Lalagen amabo,dulce loquentem. | Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist, braucht nicht Degenstöcke, noch Ochsenziemer, noch amerikanische Schlagringwaffen,noch auch Revolver, – ob er die unwirtliche Hasenheide oder den Tiergarten des Nachts durchwandert oder nach dem Norden Berlins geht, wo diePanke sich schlängelt. Stiefle ich im Grunewald jüngst nach Schildhorn, pfeife lustig «Anne-Marie, erhör mich!», als ein Hirsch zwölf Schritte vor mir sich regt und –fort wie der Satan! 's war ein Kapitalkerl, ein Achtzehnender, wie so groß ich keinen zuvor gesehen! Keine Waffe hatt ich – und doch! er forcht sich! –:fort wie der Satan! Laß am Nordpol mich zu den Robben gehen und im ewigen Eise den Eisbären treffen – Glaubst du, daß mir einer ein Leides täte?Ebensowenig! Wär ich in der Wüste, im Löwenviertel Afrikas, ich würde mich doch nicht fürchten! Pfeifen würd ich «Anne-Marie, erhör mich»,pfeifen, ja pfeifen. |
I,23 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,23)
Inhaltsverzeichnis
| Vitas hinuleo me similis, Chloe, quaerenti pavidam montibus aviismatrem non sine vano aurar' et siluae metu. Nam seu mobilibus veris inhorruit adventus foliis, seu virides rubumdimovere lacertae et cord' et genibus tremit. Atqui non ego te tigris ut aspera Gaetulusve leo frangere persequor:Tandem desine matrem tempestiva sequi viro. | Warum fliehst du vor mir wie eine scheue Gems, Annchen, bin ich denn so fürchterlich anzuschaun?Laß die Mutter doch predigen – deine Mutter war auch mal jung. Aber kaum, daß ich mich irgendwo sehen lass', läufst du fort wie der Wind, daß es vergeblich wird,dir zu folgen – und dann zu Haus: möglichst schnell die Gardine zu. Ist das freundlich von dir? Bin ich ein Kannibal, der dich draußen im Wald braten und fressen will?Fressen – höchstens aus Liebe, Kind, so alt schon und noch so spröd! |
I,27 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,27)
Inhaltsverzeichnis
| Natis in usum laetitiae scyphis pugnare Thracumst: tollite barbarum morem, verecundumque Bacchum sanguineis prohibete rixis. Vin' et lucernis Medus acinaces inmane quantum discrepat: inpium lenite clamorem, sodales, et cubito remanete presso. Vultis severi me quoque sumere partem Falerni? Dicat Opuntiae frater Megillae, quo beatus volnere, qua pereat sagitta. Cessat voluntas? Non alia bibam mercede. Quae te cumque domat Venus, non erubescendis adurit ignibus, ingenuoque semper amore peccas. Quidquid habes, age, depone tutis auribus. A miser, quanta laboras in Charybdi, digne puer meliore flamma! Quae saga, quis te solvere Thessalis Magus venenis, quis poterit deus? Vix inligatum te triformi Pegasus expediet Chimaera. | Beim Weine gegenständlich zu werden, ist kassubisch! Wahrt doch, Freunde, den guten Ton! Bedenkt doch, daß wir nicht in Rixdorf sondern im Westen der Hauptstadt sitzen! Ich bitt euch, laßt die Messer und Gabeln ruhn: Die Glaserrechnung wäre nicht abzusehn! Ad loca, Kinder, seid vernünftig, daß die Gemütlichkeit nicht gestört wird! Ich soll Bescheid euch tuen in Malvasier? Wohlan! doch vorher stell die Bedingung ich, daß unser Freund und Bruder Gottlieb uns seine neuesten Sünden beichte. Er will nicht? Nun so rühr ich mein Glas nicht an! Du schämst dich wohl! O Gottlieb, wenn du dich schämst... Wir kennen dich doch all' und wissen, daß keine einzige deiner wert ist! Vertrau's uns, Bester, was es auch immer sei! Wir sind wie Gräber!.....Oh, das ist bös, sehr bös! Du armer Kerl, so reinzufallen! Hättest doch bessere haben können! Prost, Gottlieb! spül's hinunter mit Malvasier – vielleicht erscheint ein Deus ex machina – – sonst freilich blieb' dir höchstens übrig, daß du die Sache in Verse brächtest. |
I,32 – zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen I,32)
Inhaltsverzeichnis
| Poscimur. Siquid vacui sub umbra lusimus tecum, quod et hunc in annum vivat et plures, age, dic Latinum,barbite, carmen, Lesbio primum modulate civi: Qui ferox bello tamen inter arma, sive iactatam religarat udolitore navim, Liber' et Musas Veneremque et illi semper haerentem puerum canebat, et Lycum nigris oculis nigroquecrine decorum. O decus Phoeb' et dapibus supremi grata testudo Jovis, o laborum dulce lenimen, medicumque, salverite vocanti | Spielen soll ich! ... Wenn ich auf deinen Tasten je geübt, was bleibenden Wert verdiente – nun, so will ich heute ein Volkslied spielen,teuerer Flügel, der dem C. G. Schröter zuerst du töntest, der dich in Nordhausen um Siebzehnhundert mit dem Mechanismus der Hämmer schmückte,ferner dem Silber- mann in Freiberg, der dich mit Kunst verbessert, dann dem 1. U. Stein in der Stadt der Fugger, dem Pariser Erard, dem Streicher-Wien, demBroadwoad in London. O Klavier, du Zierde und Schmuck des Hauses, Freude, Trost und Speise du aller Ohren, laß mich auf geduldigen Tasten spielen«Santa Lucia»! |
I,33 – zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen I,33)
Inhaltsverzeichnis
| Albi, ne doleas plus nimio memor inmitis Glycerae neu miserabiles decantes elegos cur tibi iunior laesa praeniteat fide. Insignem tenui fronte Lycorida Cyri torret amor, Cyrus in asperam declinat Pholoen: Sed prius Apulis iungentur capreae lupis, quam turpi Pholoe peccet adultero. Sic visum Veneri, cui placet inpares, formas atqu' animos sub iuga aenea saevo mittere cum ioco. Ipsum me melior cum peteret Venus grata detinuit compede Myrtale libertina, fretis acrior Hadriae curvantis Calabros sinus. | Albert, kränke dich nicht allzusehr um ein Weib! Sei nicht sentimental! Hat Friederike sich in den Stutzer verliebt, weil er der hübschere war –: Tröste dich! andern geht's ebenso. Schau, der niedliche Balg, Betty von Rosenberg, ist in Eduard Schmidt bis übers Ohr verknallt –: Dieser (...) poussiert Else, die spröde Maid, doch soweit ich die Else kenn, darf man kecklich vertraun, daß sich ein Schmetterling eher mit einem Mops bräutlich verbinden wird, als ihn diese erhört. Ja, wie die Liebe spielt, ist ein langes Kapitel, Freund! Stand ich selber doch einst vor der Verlobung schon, – Exquisite Partie! –, als eine Nähterin mir mein Herz überfiel und es in Fesseln schlug –, 's war fatal, aber schön war's doch! |
II,3 – zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen II,3)
Inhaltsverzeichnis
| Aequam memento rebus in arduis servare mentem, non secus in bonis ab insolenti temperatam laetitia, moriture Delli,seu maestus omni tempore vixeris, seu t' in remoto gramine per diesfestos reclinatum bearisinteriore nota Falerni. Quo pinus ingens albaque populus umbr' hospitalem consociar' amantramis? Quid obliquo laboratlympha fugax trepidare rivo? Huc vin' et unguent' et nimium breves flores amoenae ferre iube rosae,dum res et aetas et sororumfila trium patiuntur atra. Cedes coemptis saltibus et domo, villaque, flavus quam Tiberis lavit,cedes, et exstructis in altumdivitus potietur heres. Divesne, prisco natus ab Inacho nil interest an pauper et infimade gente sub divo moreris;victima nil miserantis Orci. Omnes eodem cogimur, omnium versatur urna serius ociussors exitur' et nos in aetern'exili' inpositura cumbae. | «Kalt Blut und warmes Untergewand!» das ist ein alter Satz, ob minus, ob plus du machst.Wozu die Überschwenglichkeiten?Holt doch auch, Freundchen, der Teufel dich einst, ob du mit Schopenhauer die Welt verwünschst, ob jeden Sonntag du bei Kempinsky direin Austernmahl mit Sekt geleistetund eine schwere Export-Havanna! Du bist gesund, bist Kapitalist, bist jung, du hast die schönste Villa am Strand der Spree,in deinen Park verliebt sich jeder –hörst du die Quellen nicht lieblich flüstern? Und zieht's dich nicht zur marmornen Ruhbank dort, darauf der Ahorn schützende Schatten wirft?Ein kühles Weinchen dort zu trinken,denk ich mir, müßte ein Hochgenuß sein. Doch freilich, spar dir jegliche Illusion betreffs der Dauer! – Scheiden mußt einst auch du,und zungensehnalzend wird dein Erbedeine vorzüglichen Marken schlürfen. Das Sterben hast gemein du mit Hinz und Kunz –: Es ist das Gras das einzige Kraut, dareinso reich wie arm gemeinsam beißenund sich den Magen daran vertun muß. Auf alle harrt vergnüglichen Blicks Freund Hein und dreht sein knarrendes Glücksrad um und um,und jede Ziffer ist ein Treffer,ist eines Sterblichen arme Seele. |
II,19
Inhaltsverzeichnis
| Bacch' in remotis carmina rupibus vidi docentem, credite posteri,nymphasque discentes et auriscapripedum Satyror' acutas. Euhoe, recenti mens trepidat metu, plenoque Bacchi pectore turbidum laetatur. Euhoe, parce Liber,parce, gravi metuende thyrso. Fas pervicacis est mihi Thyiadas, vinique fontem lactis et uberes cantare rivos atque truncislapsa cavis iterare mella; fas et beatae coniugis additum stellis honorem, tectaque Penthei disiecta non leni ruinaThracis et exitium Lycurgi. Tu flectis amnes, tu mare barbarum tu separatis uvidus in iugis nodo coherces viperinobistonidum sine fraude crines. Tu, cum parentis regna per arduum cohors Gigantum scanderet inpia, Rhoetum retorsisti leonisunguibus horribilique mala; quamquam choreis aptior et iocis ludoque dictus non sat idoneuspugnae ferebaris; sed idempacis eras mediusque belli. Te vidit insons Cerberus aureo cornu decorum, leniter atterens caud', et recedentis trilinguiore pedes tetigitque crura. | Gambrinus selber sah ich am Nockherberg Kneip'nlieder lehren – glaub es, ungläubig Volk! –Vor saubrer Münchner Kellermadelnund der Studenten gespitzten Ohren. Rum plum! Noch bebt der Leib mir vom Biergenuß, und aus mir redet stürmisch der Gerstensaft – rum plum, o schone mein, Gambrinus,Gott mit dem schrecklichen Tier im Wappen. Die Radiweiber laßt mich besingen laut, das Hofbräuhaus, die Brezel mit Salz beschneit, das Bockbier, das aus Steinzylindernölig wie Honig den Schlund hinabläuft! Besingen auch die wartende Ehefrau, die eingeworfnen Fenster des Mannes, der dem Morgenschoppen Feind gewesen,und die bierfeindlichen Philosophen! Du zähmst, Gambrinus, selbst ein Barbarenherz –: In eines Theologen Gestalt charmierst mit hübscher Kellnerin Gelock du,ziehst ihr die Schleife des Schürzenbands auf; In eines Mediziners Gestalt einmal hast du den Haufen drängender Gläubiger mit Maßkrugsalven aus dem Tempeldeines olympischen Reichs getrieben. Obschon man dich für stärker im Rundgesang und Renommieren als in dem Faustkampf hält,so zeigst du doch, gereizt, so wild dich,wie du gemütlich dich gibst im Frieden. Der Nachtpolyp mit goldenem Tutehorn – ein Auge drückt er schmunzelnd, der Brave, zu, sieht Arm in Arm er deine Söhnejohlend durch nächtliche Gassen traben. |
III,9
Inhaltsverzeichnis
| «Donec gratus eram tibi nec quisquam potior bracchia candidae cervici iuvenis dabat; Persarum vigui rege beatior.» «Donec non alia magis arsisti nequ' erat Lydia Post Chloen; multi Lydia nominis Romana vigu' e- larior Ilia.» «Me nunc Thressa Chloe regit, dulces docta modos et citharae sciens, pro qua non metuam mori, si parcent animae fata superstiti.» «Me torret face mutua Thurini Calais filius Ornyti, pro quo bis patiar mori, si parcent puero fata superstiti.» «Quid si prisca redit Venus diductosque iugo cogit aheneo? Si flav' excutitur Chloe, reiectaeque patet ianua Lydiae?» «Quamquam sidere pulchrior ill' est, tu levior cortic' et inprobo iracundior Hadria: Tecum vivere amem, tec' obeam libens!» | «Als ich Hahn noch im Korbe war, und kein andrer Mund sich auf das braune Mal deines schneeigen Nackens bog – Bombenkreuzelement! Mädel, die Zeit war schön!» «Als du sonst keine Flamme hatt'st und kein andrer Zopf dir in die Augen stach – ach, wie stolz war die Gretel da, und wie platzten vor Neid all' meine Freundinnen!» «Ich poussiere die Frieda jetzt. Waldmann spielt die und Strauß; oh, und sie singt sehr nett! Wär's daß eins von uns sterben müßt', sagt' ich: Frieda, du bleibst! Ich sterbe gern für dich!» «Ach, ich bin so verliebt in den Max, – sein Vater, der ist polnischer Adliger! Wär's daß eins von uns sterben müßt', sagt' ich: Maxchen, ich leid zehnmal den Tod für dich!» «Hm! – Was sagtest du wohl, wenn nun Amor wieder den Zwist lächelnd begütigte? Wenn die Frieda passée wär und mein verstoßener Schatz offen fänd Herz und Tür?» «Maxchen freilich ist tadellos – du hingegen ein leichtsinniger Sausewind! Doch trotz alle- und alldem – du mein Leben und Tod, mach mit mir, was du willst!» |
III,12
Inhaltsverzeichnis
| Miserarumst nequ' amori dare ludum neque dulci mala vino laver' aut ex- animari metuentes patruae verbera linguae. Tibi qualum Cythereae puer ales, tibi telas operosaeque Minervae studi' aufert, Neobule, Liparaei nitor Hebri, simul unctos Tiberinis umeros lavit in undis, eques ipso melior Bel- lerophonte, neque pugno neque segni pede, victus catus idem per apertum fugientes agitato grege cervos iacular' et celer arto latitantem fruticet' exciper' aprum. | Welch ein Elend, arme Kleine, wenn der Tante böse Zunge dir unschuldiger Poussaden, ja sogar des Kaffeekränzchens süße Freudenwelt verkümmert! Ach, ich sah dich wohl, Helenchen, jüngst am Fenster träumend sitzen, umgefallen lag der Nähkorb und der Wollknäul ohne Regung – plagt dich der bewußte Leutnant? Hast ihn wohl einmal vom Dampfer in dem Flusse schwimmen sehen... Durch den Stadtpark galoppieren... Im Lawn Tennis triumphieren... Seine Kompagnie formieren... Oder gar auf Onkels Landgut...: wenn die Kavaliere kamen und vor allen Er das meiste Edelwild – und mit ihm (nicht wahr?) stets auch dich zur Strecke brachte? |
III,21
Inhaltsverzeichnis
| O nata mecum consule Manlio, seu tu querellas sive gens iocosseu rix' et insanos amores,seu facilem, pia testa, somnum, quocumque lectum nomine Massicum servas, moveri digna bono die, descende, Corcino iubentepromere languidiora vina non ille, quamquam Socraticis madet sermonibus, te negleget horridus; narratur et prisci Cantonissaepe mero caluisse virtus. Tu lene torment' ingeni' admoves plerumque duro; tu sapientium curas et arcanum iocosoconsilium retegis Lyaeo; tu spem reducis mentibus anxiis viresqu' et addis cornua pauperi, post te nequ' iratos trementireg' apices neque milit' arma. Te Liber et si laet' aderit Venus segnesque nodum solvere Gratiae, vivaeque producent lucernae,dum rediens fugat astra Phoebus. | Heut soll der Zweiundsechziger endlich dran, der jenes Jahr, da Bismarck Minister ward,gleich mir sich zum Geburtsjahr wählte!Mag er in Melancholie mich stürzen, mag Scherz und Spott, mag hitzige Händelsucht, mag Liebeswut, mag friedlichen Schlummer er uns bringen! ... Bitte schön, Frau Lehmann!Hier sind die Schlüssel: die Flasche Rheinwein! Ich denke, Karl, du wirst doch kein Unmensch sein, obzwar Dozent der Philosophie du bist: – Verwarf's doch selbst der strenge Kant nicht,manchmal ein Gläschen vergnügt zu trinken. Ein Weinchen! oh, ich sag dir, ein Weinchen, Freund! Bei dem ein Klotz Ekstatiker werden muß, bei dem die kniffigsten Schlaumeier inihre Karten sich gucken lassen. Ein Saft, der jede Sorge zur Hölle jagt, der jeden Tropfen Blutes dir glühend macht, daß stolz du wirst vor Königsthronenund vor des Staatsanwalts Auge furchtlos. Vor fünf Uhr morgens gehn wir heut nicht zu Bett. So lang das Öl im Becken der Lampe reicht laß froh die Stunden uns verplaudern!Prosit, amico! auf: «Was wir lieben»! |
III,22
Inhaltsverzeichnis
| Montium custos nemorumque, Virgo, quae laborantes utero puellas ter vocat' audis adimisque leto, diva triformis, inminens villae tua pinus esto, quam per exactos ego laetus annos verris obliquum meditantis ictum sanguine donem. | Die Sie Wind und Wetter nicht scheuten, Emma, als wir neulich Ihrer Person bedurften und in Todesängsten ich dreimal Ihnen telephonierte – wolln Sie für den Winter ein Klafter Brennholz? Darf ich Ihnen Schinken und Wein zuschicken? Ausgestanden hab ich! ... ach, Frau! wie bin ich Ihnen so dankbar! |
III,25
Inhaltsverzeichnis
| Quo me, Bacche, rapis tui, plenum? Quae nemor aut quos agor in specus, velox mente nova? Quibus antris egregii Caesaris audiar aeternum meditans decus stellis inserer' et consilio Jovis? Dic', insigne, recens, adhuc indict' or' alio. Non secus in iugis edonis stupet Euhias, Hebrum prospiciens et nive candidam Thracen ac pede barbaro lustratam Rhodopen, ut mihi devio ripas et vacuum nemus mirari libet. O Naiadum potens Baccharumque valentium proceras manibus vertere fraxinos nil parv' aut humili modo, nil mortale loquar. Ducle periculumst, o Lenaee, sequi deum ringentem viridi tempora pampino. | Wohin reißt mich der süße Wein? Welche Gassen sind das, die ich noch nie gesehn? Welches Glückskind von Nachtrat hört, was die schweigende Stadt laut mich zu schwärmen reizt! Wißt ihr, was ich im Pult noch hab? Was euch allen noch winkt? Glückliche Menschen, ihr! Solche Dinge, wie ich da sag, hat noch keiner gesagt, seit Gott die Welt erschuf! Mädel, du vor der Schenke dort – he, was guckst du mich an? Guck dich doch selber an! Ich bin völlig bei klarem Sinn! Ich kann gehn, wie ich will – wo ich – wohin ich will! Gott ist Zeuge, ich hab noch nie einen schlüpfrigen Vers – noch einen schlechten Vers, überhaupt einen Vers – gemacht, der nicht, ihm zu gefall'n, mir aus der Feder floß! Ach... es ist doch von eigenem Reiz, zwischen schwankenden Reihn schiefer Gebäude so sichern Fußes des Weges zu ziehn, des Zylinderhuts Rohr tief in die Stirn gedrückt... |
III,26
Inhaltsverzeichnis
| Vixi duellis nuper idoneus, et militavi non sine gloria;nunc arma, defunctumque bello barbiton hic paries habebit, laevum marinae qui Veneris latus custodit. Hic, hic ponite lucidafunali' et vectes et arcus oppositis foribus minaces. O quae beatam diva tenes Cypr' et Memphin carentem Sithonia nive,regina, sublimi flagello tange Chloen semel arrogantem! | Vor kurzem noch ein Ritter im Liebesspiel, der seine Klinge nicht ohne Glück geführt –und heut? .. Genug! laßt uns nun endlich Leyer und Schwert an den Nagel hängen. Und an denselben Nagel den Dieterich, der mir nichts half, die kleine Laterne, dieverlosch, und die Strickleiter, die das freche Geschöpf mir vom Fenster abschnitt. Du sonst so eifrig rächende Nemesis – die Dirn empfehl ich deiner besondern Huld!Der wünscht' ich einen Mann einst, der sie ein um den anderen Tag verprügelt. |
III,30
Inhaltsverzeichnis
| Exegi monument' aere perennius, regalique situ pyramid' altius, quod non imber edax, non Aquil' inpotens possit diruer' aut innumerabilis annorum series et fuga temporum. Non omnis moriar multaque pars mei vitabit Libitin': usqu' ego postera crescam laude recens, dum Capitolium scandet cum tacita virgine pontifex. Dicar, qua violens obstrepit Aufidus et qua pauper aquae Daunus agrestium regnavit populor', ex humili potens princeps Aeolium carmen ad Italos deduxisse modos. Sume superbiam quaesitam meritis et mihi Delphica lauro cinge volens, Melpomene, comam. | Wenn die Bürger mir ein Monument stifteten, ob aus Gips oder Holz, Erz oder Marmerstein, – Sommers sonnt es sich froh, kinderwagenumringt, Winters baut man ein Dach drüber aus Papp' und Stroh – kann man eins gegen zehn wetten: Der Zahn der Zeit nagt so lange daran, bis es in Trümmer füllt. Darum lob ich mir das, was ich mit eigner Hand in der Weltpoesie ewige Tafeln schrieb. Nimmer werd ich vergehn; blühen, solange mich ein Magister durchs Tor eines Gymnasiums trägt und die Klasse mit mir würdigen Schritts betritt und voll tiefen Verstands mich seiner Prima preist! Überall, wo der Mensch klassische Bildung pflegt wird man fordern von ihm, daß er horazfest sei. Habe mich darum auch redlich genug geplagt! Reicht mir neidlos den Kranz, der meiner Kunst gebührt! |
Anhang:
Eduard Mörike: Wispeliaden, "Sommersprossen" (1837): IXte Ode des Horace
| .Horatius ad / Thaliarchum (Chansons, Livre I, od. 9) Vides, ut alta stet nive candidum Soracte, nec jam sustineant onussivae laborantes, geluqueflumina constiterint acuto. Dissolve frigus, ligna super foco large reponens; atque benigniusdeprome quadrimum Sabina,o Thaliarche, merum diota. | Des / Vtus Horazius Flakkus / aus Wenusia / Ersten Buches der Oden / die Neunte Schau, wie, an Altersweisheit ein Sokrates Höchlings der Berg steht, und wie die Silphe sich,Ihn untergrabend, umsonst abmühet,Und die Gewässer wie Spießglas zwitzern! Wärme dich, Guter! stapple den Holzstoß auf, Reichlich, nicht etwa über dem Sparherd bloß!Und vielleicht ist Sabinchen* so gütig,Uns, Daliarch, ein Quart Rein-Wein zu wismen.** * Wahrscheinlicherweise Horazens Gattin. ** Die übrigen Verse blieben weg, weil ich sie nicht für antique halte. |
Ich und die Welt
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Motto
Jünglings Absage
Caritas, caritatum caritas
O – raison d'esclave
Gebt mir ein Ross ...
Frühling
Das Königskind
Leise Lieder
Frohsinn und Jubel ...
Was rufst du ...
Nun hast auch du ...
Winternacht
Ein Wunsch
Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt
Entwickelungs-Schmerzen
Schicksals-Spruch
Frage ohne Antwort
Wohin?
Inmitten der großen Stadt
Am Meer
Vaterländische Ode
Der einsame Christus
Der Blick
Der Wissende
Das Auge Gottes
Stimmungen vor Werken Michelangelos
Der Abend
Ein Sklave
Frühlingsregen
Abend am See
So möcht ich sterben ...
Schicksale der Liebe
Casta regina!
Prometheus
Hymnus des Hasses
Traum
Der Spieler
Im Eilzug
An Friedrich Nietzsche
Refugium
An Sirmio 1
Auf der piazza Benacense
Fliegendes Blatt
Übermut
Bahn frei!
Per exemplum
Ἄσβεστος γέλως
Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk
Auf mich selber
Übern Schreibtisch
Vor alle meine Gedichte
Wir Lyriker
Pöblesse obligee
Einigen Kritikern
Kriegerspruch
Herbst
Morgenandacht
Ein fünfzehnter Oktober
Und so hebe dich denn ...
Die Kinder des Glücks
Gefühl
Bei einer Sonate Beethovens
Vor die vier Sätze einer Symphonie
Kinderliebe
»Aber die Dichter lügen zu viel«
Glück
Macht-Rausch
Präludium
Wo bist du ...
Gleich einer versunkenen Melodie ...
Gesellschaft
Lieder!
Ewige Frühlingsbotschaft
An Mutter Erde
Ein Sommerabend
Feierabend
Volkslied
Geheime Verabredung
Erntelied
Der Abend
Nachtwächterspruch
Gebet
Erden-Wünsche
Eins und alles
Ob sie mir je Erfüllung wird ...
Künstler-Ideal
An meine Seele
Mondstimmung
An die Wolken
Vor Strindbergs »Inferno«
Ne quid nimis!
Quos ego!
Natura abundans
Du trüber Tag ...
Konzert am Meer
Der freie Geist
Nur wer ...
Die Luft ward rein ...
Aus Religion
Ja trutze nur ...
Morgenstimmung
Weiße Tauben
Allein im Gebirg
Abendpromenade
Görlitzer Brief
An die Moral-Liberalen
An N.
An * *
An denselben
Lebensluft
Stilles Reifen
Mensch Enkel
Abendläuten
Oh zittre mir nicht so ...
Lebens-Sprüche
Was mir so viel vom Tage stiehlt ...
Wohl kreist verdunkelt oft der Ball ...
Singende Flammen
Moor
Nächtliche Bahnfahrt im Winter
Dunkle Gäste
Begegnung
Dunst
Ohne Geige
Venus Aschthoreth
Reine Freude
An die Messias-Süchtigen
Ersehnte Verwandlung
Mitmenschen
Die russische Truhe
Vorfrühling
Thalatta!
Zum II. Satz
Eine junge Witwe singt vor sich hin
Mir kommt ein altes Bergmannslied zu Sinn
Du dunkler Frühlingsgarten ...
Vorbemerkung
Inhaltsverzeichnis
Diese Sammlung ist, der Entstehungszeit ihrer Gedichte nach betrachtet, die umfassendste, die ich bisher veröffentlicht habe. Sie reicht bis vor die Entstehung meines Erstlings »In Phanta's Schloß« – also bis in den Sommer 1898 ab. Sie bildet demnach eine Ergänzung zu meinem ersten und noch mehr zu meinem zweiten Buche »Auf vielen Wegen«, dessen Inhalt hauptsächlich in den Jahren 96 und 97 entstanden ist. Ihre Gedichte sind im wesentlichen chronologisch geordnet. Mit »Ein Wunsch« gehen sie ins Jahr 95 über, mit den »Stimmungen vor Werken Michelangelos« ins Jahr 96, mit »Präludium« ins Jahr 97 und mit »Mensch Enkel« ins Jahr 98.
Berlin, Frühjahr 1898
Chr.M.
Motto
Inhaltsverzeichnis
Wie ward ich oft gebrochen, brach mich selbst,
und dennoch leb ich, unverwüstlich stark;
was alles liegt in mir geknickt, verdorrt,
doch unaufhaltsam wächst es drüber hin.
Jünglings Absage
Inhaltsverzeichnis
Oh liebt mich nicht, ihr Guten und Gerechten,
oh laßt mich nicht so herb und qualvoll leiden,
von eurem Wege muß mein Weg sich scheiden,
und gegen euch, nicht mit euch, muß ich fechten.
Umsonst, daß wir um Ziel und Pfade rechten,
umsonst, daß sorglich wir die Kluft verkleiden,
den Einsamen, der nicht mit euch mag weiden,
ihr bannt ihn doch zuletzt, als einen Schlechten.
Dürft ich euch lieben! ... Doch wenn eure Hände
Erhabenstes mit rohem Griff mißhandeln,
und wenn ihr tobt in eures Sinns Umnachtung,
dann wünscht ich mir die Faust voll Feuerbrände,
dann möcht ich, Gorgo gleich, zu Stein euch wandeln –
durch einen Blick unsäglicher Verachtung.
Caritas, caritatum caritas
Inhaltsverzeichnis
An seinem Grabe rief des Priesters Mund:
»Ob unbewußt, er war doch Kirchenchrist!
O glaubt es, des Allmächtigen Bildnis ist
verschwunden nie aus seiner Seele Grund!«
Wohl mancher biß sich da die Lippe wund,
ersah er, wie voll heuchlerischer List
der Moloch Kirche noch die Toten frißt
in seinen gierigen, eifersüchtigen Schlund.
Und ob ein Held auch alle Kerker brach,
die je ihn diesem Ungetüm versklavt,
im Tode schleicht ihm seine »Liebe« nach
und spricht: »Die ändern ruhn in meinem Bauch,
wie sollt ich Dich als frei und ungestraft
verschonen?! Sei getrost, ich freß' dich auch.«
O – raison d'esclave
Inhaltsverzeichnis
»Krücken, Krücken! gebt uns Krücken!
Ach, wie geht die Menschheit lahm,
seit man, neu sie zu beglücken,
ihr die alten Stützen nahm.
Brillen, Brillen! gebt uns Brillen!
grün und blau und gelb und rot!
Volles Licht ist für Pupillen
unsrer Art der sichre Tod.
Lügen, Lügen! gebt uns Lügen!
Ach, die Wahrheit ist so roh!
Wahrheit macht uns kein Vergnügen,
Lügen machen fett und froh!
Gängelbänder, Schaukelpferde,
Himmel, Hölle und Moral –
und dich selbst gib deiner Herde
neu zurück, oh großer Baal!«
Gebt mir ein Ross ...
Inhaltsverzeichnis
Gebt mir ein Roß, und laßt mich reiten
aus diesem Meer von Staub und Stein,
in Wäldernacht, in Steppenweiten
laßt einsam mich und selig sein!
Hurrah! hussah! Der Rappe fliegt ...
Die schwarzen Mauern fliehn zurück ...
Vor mir in stiller Ferne liegt
der Freiheit unaussprechlich Glück ...
Vorüber tausend glatten Städten,
bis mich ein freies Land empfängt,
wo nicht Kultur mit Sklavenketten
die kühne Mannesfaust behängt!
Hurrah! hussah! Zigeunerkind!
Herauf zu mir! mein Arm hält fest!
Hin, wo die Berge pfadlos sind!
Ein Horst sei unser Hochzeitsnest! ...
Und spürt uns die verruchte Sippe
im hohen Felsenbrautbett auf – –
todwilde Jagd zur nächsten Klippe!
Die letzte Kugel aus dem Lauf!
Hurrah! hussah! Die Tiefe droht ...
Umschling mich, Weib! Hörst du sie schrein? ...
Viel lieber hier im Abgrund tot
als dort im Staub lebendig sein! ...
Frühling
Inhaltsverzeichnis
Wie ein Geliebter seines Mädchens Kopf,
den süßen Kopf mit seiner Welt von Glück,
in seine beiden armen Hände nimmt,
so faß ich deinen Frühlingskopf, Natur,
dein überschwänglich holdes Maienhaupt,
in meine armen, schlichten Menschenhände,
und, tief erregt, versink ich stumm in dich,
indes du lächelnd mir ins Auge schaust,
und stammle leis dir das Bekenntnis zu:
Vor so viel Schönheit schweigt mein tiefstes Lied.
Das Königskind
Inhaltsverzeichnis
Ich ging an träumenden Teichen
vorüber in mondiger Nacht;
in den flüsternden Kronen der Eichen
spielten die Winde so sacht ...
Da umspann mich der Zauber der Stunde,
daß ich hemmte den einsamen Gang –
nur die Nixen sangen im Grunde,
tief im Grunde,
ihren leisen, dunklen Gesang.
Ihr Antlitz tauchten die Sterne
ins schauernde Wellenmeer,
aus duftverschleierter Ferne
grüßten die Berge her.
Kein Laut in schweigender Runde –
keines Vögleins verspäteter Klang –
nur die Nixen sangen im Grunde,
tief im Grunde,
ihren leisen, dunklen Gesang.
Da war mir, es käme gezogen
ein Nachen im leichten Wind
und trüge über die Wogen
ein strahlendes Königskind ...
Und ich rief mit bittendem Munde –
doch keine Antwort klang –
nur die Nixen sangen im Grunde,
tief im Grunde,
ihren leisen, dunklen Gesang.
Leise Lieder
Inhaltsverzeichnis
Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;
denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.
Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.
Frohsinn und Jubel ...
Inhaltsverzeichnis
Frohsinn und Jubel überall –
in meinem Herzen kein Widerhall.
Ein bittres Zucken im harten Gesicht ...
Verzicht! Verzicht!
Daß mir kein Weib in die Augen schau, –
es könnte zu tief erschrecken.
Ich kenne auf Erden nur eine Frau –
die mag mich nicht – die mag mich nicht –.
Verzicht. Verzicht.
Was rufst du ...
Inhaltsverzeichnis
Was rufst du, traurig Herz! sei still!
Es kann nicht sein –
ergieb dich drein.
Es kann nicht alles also sein,
wie deine Sehnsucht will.
Nimm Abschied, Herz, von deinem Traum,
er war zu schön.
Von lichten Höhn
wieder hinab
ins einsame Grab!
Schau, dort fliegt's,
was du geträumt ...
Die Welle wiegts
hinab zu Tal ... –
Zerschäumt, zerschäumt!
Es war einmal ...
O Dunst und Schaum!
Nimm Abschied, Herz, von deinem Traum,
er war zu schön.
Weine, mein Herz, soviel du magst,
klag und wein!
Es wird dein letztes Weinen sein
auf lang.
Ich weiß, daß du nicht fürder klagst,
wenn dieser Schmerz sich niederzwang.
Dann wirst du hart
und schweigst erstarrt ...
Weine, mein Herz! klag und wein!
Es wird dein letztes Weinen sein
auf lang.
Nun hast auch du ...
Inhaltsverzeichnis
Nun hast auch du, mein Herze,
dein großes Liebesleid,
nun bist auch du vom Schmerze
gesegnet und geweiht.
Von heut ab wird dein Klagen
nicht tändeln mehr wie einst,
und auch dein schönstes Sagen
wird sein, als ob du weinst.
Winternacht
Inhaltsverzeichnis
Flockendichte Winternacht ...
Heimkehr von der Schenke ...
Stilles Einsamwandern macht,
daß ich deiner denke.
Schau dich fern im dunklen Raum
ruhn in bleichen Linnen ...
Leb ich wohl in deinem Traum
ganz geheim tiefinnen? ...
Stilles Einsamwandern macht,
daß ich nach dir leide ...
Eine weiße Flockennacht
flüstert um uns beide ...
Ein Wunsch
Inhaltsverzeichnis
Weißt, was ich möchte, Mädchen?
Ich wollt, ich wär ein Maurer
und stürzte vom Gerüst,
und kurze Frist nur gäbe
man meinem Leben noch ...
Sie trügen in dein Haus mich,
du pflegtest mich voll Mitleid,
voll frauenhafter Güte,
voll leiser Traurigkeit ...
Und deine Hände lägen
auf meiner Fieberstirn,
und unter deinen Händen
schliefe mein Herzblut ein.
Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt
Inhaltsverzeichnis
O laß mich diese stummen Rosen küssen,
die auf durchhelltem Grund sich dunkel ranken –
sie werden oft in freundlichen Gedanken,
doch öfter noch mich traurig sehen müssen.
O laß mich diese stummen Rosen küssen,
und also jede Mitternacht dir danken,
daß du bewahrt mein Auge, zu erkranken,
und meine Stirn, in Fieber stehn zu müssen.
O laß mich diese stummen Rosen küssen –
sie bluten mir von Zeiten, die versanken,
von düstrer Qual, von sonnigen Genüssen ...
von jungen Blicken, die sich suchend tranken,
von eitler Sehnsucht stammelnden Ergüssen,
von kurzer Träume klagendem Verschwanken.
Entwickelungs-Schmerzen
Inhaltsverzeichnis
Ich werde an mir selbst zu Grunde gehn.
Ich, das sind zwei, ein Möchte sein und Bin, –
und jenes wird zum Schlusse dies erwürgen.
Das Möchte sein ist wie ein rasend Roß,
an dessen Schweif das Bin gefesselt ward,
ist wie ein Rad, darauf das Bin geflochten,
ist wie ein Mönch, der sich den Leib zerdornt,
wie eine Furie, deren Finger sich
in ihres Opfers Haar verstricken, wie
ein Vampyr, der am Herzen sitz und saugt
und saugt ...
Wohl wie ein Gott auch, der emporziehn will,
oder ein Weib, aus dessen Augen es
dem Wanderer entgegenlockt, und das
der atemlose Narr doch nie erreicht.
So sieht mein Ich von innen aus, von außen
ein Haus wie andre, hell die Fenster manchmal,
doch öfter dunkel. Stoß die Tür auf! schau
die schöne Eh' von Bin und Möchte sein!
Schaut nur hinein und ruft bedauernd ach!
und weh! und, wenns euch leichter macht, auch pfui!
Bin ich nicht Dichter? Hab ich nicht das Vorrecht –
oh welch ein Vorrecht! – jedem frechen Auge
die Räume meiner Häuslichkeit zu zeigen?
Hört doch mein Pathos, das euch jeden Winkel
beschreibt und tut, als hätt es just zum Zweck,
ihn euch als Sehenswürdigkeit zu preisen.
Ists Eitelkeit, die mich zum Cicerone
der eignen Seele macht? ists Geiz nach Ehre?
Mangel an Scham, an Stolz, an Wert, an Tiefe?
Das alles ists wohl auch, doch ists noch mehr.
So etwas noch wie Rachsucht, Grausamkeit,
Blutgierde, Haß, Verachtung wider mich selbst,
so etwas, das nicht hat, was es erlechzt,
ein Durst nach Macht, der, ungestillt, verzehrt,
das Wär' ich! vor der kalten Sphinx Ich bin.
Ja, darum führ ich euch herum in mir,
weil ich mir selbst damit das Herz zerreiße,
mich selbst erniedre und zum Schwätzer mache;
es tut so wohl, wenn man den stumpfen Schmerz
laut bluten läßt aus aufgerissnen Wunden.
Und dann: Ihr seht ja nur das Blut und nicht
das Herz, daraus es stammt! Es lacht vielleicht,
wenn ihr des Blutes Färbung düster findet,
und weint gewiß, indes ihr wähnt, es lacht.
Wohl lud ich oft euch in mein Haus, – allein
die Dielen haben Doppelböden, Spiegel,
dreht man sie um, sind Türen insgeheim,
und im Getäfel schlafen weite Truhen.
Ihr wißt gar nichts. Und ob ich mich verlöre
in einem Strom von Worten! Werft euch lüstern
in diesen Strom! Da fließt er. Er gehört euch. –
Ich werde an mir selbst zu Grunde gehn.
Schicksals-Spruch
Inhaltsverzeichnis
Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut,
ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick – des Erdballs Werdnis und Verglut.
Frage ohne Antwort
Inhaltsverzeichnis
Was bist du, Unbegriffnes,
Mensch genannt, –
Antlitz in Antlitz
eingwendet Janushaupt, –
Urwerden
Aug in Aug mit Wissenheit, –
Urzwiegesicht
und doch ureine Form – –?
Wohin?
Inhaltsverzeichnis
Wohin noch
wirst du mich reißen,
ruhlose Sehnsucht –
wohin? wohin?
Hinter mir
dunkles Vergessen gebreitet;
vor mir der Zukunft
dunklerer Pfad ...
Aber noch hallt
meiner Hoffnungen Hufschlag
vor den rollenden Rädern,
auf denen
hochaufgerichtet ich noch,
allen Gefahren
heiter trotzend,
die Ferne suche.
Schatten und Lichter –
vorüber – vorüber –
in den Tiefen
klirrende Ketten –
nicht an mir –
nicht für mich –
mich laßt hinweg,
höher hinauf!
Freiheit! Leben!
Zukunft! Sterne!
Empor!
Noch
halten die Götter
goldene Schilde
schützend
über mein junges Haupt.
Inmitten der großen Stadt
Inhaltsverzeichnis
Sieh, nun ist Nacht!
Der Großstadt lautes Reich
durchwandert ungehört
der dunkle Fluß.
Sein stilles Antlitz
weiß um tausend Sterne.
Und deine Seele, Menschenkind?
Ward sie nicht Spiel und Spiegel
irrer Funken,
die gestern wurden,
morgen zu vergehn, –
verlorst
in deiner kleinen Lust und Pein
du nicht das Firmament,
darin du wohnst, –
hast du dich selber nicht
vergessen,
Mensch,
und weiß dein Antlitz noch
um Ewigkeit?
Am Meer
Inhaltsverzeichnis
Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern,
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.
Keine Frage
von Menschenlippen
fordert Antwort.
Keine Rede
noch Gegenrede
macht dich gemein.
Nur mit Himmel und Erde
hältst du
einsame Zwiesprach.
Und am liebsten
befreist du
dein stilles Glück,
dein stilles Weh
in wortlosen Liedern.
Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.
Vaterländische Ode
Inhaltsverzeichnis
Weh dir,
der du ein Deutscher bist!
Deine glühende Seele
mußt du in Einsamkeit flüchten;
denn im Qualm und Geschrei deiner Märkte
achtet niemand dein –
und wie ein Narr
stehst du, feierlich dich gebärdend,
schwere, langsame Worte rollend,
unter der wirren, kreischenden Menge.
Rolltest du blanke Taler
in ihre Gassen,
heiß umpestete dich
ihr geiler Atem –
aber verhüllten Hauptes,
Mensch der Würde,
wendest du dich ...
Hier ist unheiliger Boden.
Weh dir,
der du ein Menschenfreund –
doppelt weh dir,
der du es Deutschen bist!
Aus der Inbrunst deiner Liebe
mußt du dich
immer wieder
in brennender Scham
an die Kniee der Einsamkeit
flüchten!
Der einsame Christus
Inhaltsverzeichnis
Wachet und betet mit mir!
Meine Seele ist traurig
bis an den Tod.
Wachet und betet!
mit mir!
Eure Augen
sind voll Schlafes, –
könnt ihr nicht wachen?
Ich gehe,
euch mein Letztes zu geben –
und ihr schlaft ...
Einsam stehe ich
unter Schlafenden,
einsam vollbring ich
das Werk meiner schwersten Stunde.
Wachet und betet mir mir!
Könnt ihr nicht wachen?
Ihr alle seid in mir,
aber in wem bin ich?
Was wißt ihr
von meiner Liebe,
was wißt ihr
vom Schmerz meiner Seele!
O einsam!
einsam! Ich sterbe für euch –
und ihr schlaft!
Ihr schlaft!
Der Blick
Inhaltsverzeichnis
Mir gegenüber,
dicht unterm Dach,
sitzt ein Weib
am geduckten Fenster
und näht.
Früh
in das steigende Licht,
spät
in die fallende Nacht.
Manchmal
blickt es vom Schoße auf
und verloren hinaus
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit.
Ich kann
sein Auge nicht sehn,
aber ich fühle den Blick –
ich blicke ihn mit,
den zehrenden Blick
auf die Dächer –
die Wolken –
die Ewigkeit ...
Der Wissende
Inhaltsverzeichnis
Wer einmal frei
vom großen Wahn
ins leere Aug
der Sphinx geblickt,
vergißt den Ernst
des Irdischen
aus Überernst
und lächelt nur.
Ein Spiel bedünkt
ihn nun die Welt,
ein Spiel er selbst
und all sein Tun.
Wohl läßt ers nicht
und spielt es fort
und treibt es zart
und klug und kühn –
doch lüftet ihr
die Maske ihm:
er blickt euch an
und lächelt nur.
Wer einmal frei
vom großen Wahn
ins leere Aug
der Sphinx geblickt,
verachtet stumm
der Erde Weh,
der Erde Lust,
und lächelt nur.
Das Auge Gottes
Inhaltsverzeichnis
Einst träumte mir das Auge Gottes,
und Grausen überfiel mich.
Entschürzt, entzaubert lag die Welt vor ihm,
entwirrt, entblößt, bis in den letzten Winkel
entheimlicht, nüchtern, reiz- und rätsellos.
Nichts log ihm mehr.
Der ahnungsvolle Rauch,
den wir in Qual und Wonne Leben nennen,
zerflatterte vor ihm, ward kalte Klarheit,
Durchsichtigkeit, notwendige Verknüpfung.
Die Blitz' und Donner der Gefühl' und Triebe,
des Unbewußten herrlich jäher Sturm –
Verhältnisse von Zahlen.
Und mich fror.
Graunvolle Ahnung grenzenloser Öde
befiel mich.
Und ich wünschte mir den Tod.
Stimmungen vor Werken Michelangelos
Der Abend
Inhaltsverzeichnis
(Grabmal des Lorenzo v.M.)
Sah ich dich nicht schon einmal,
lichtloser Sinnierer? ...
Sah ich dich nicht schon
viel vielemal? ...
Wenn ich des Tages Straße
hinabgegangen
und im Dämmer,
trauriger Träume schwer,
saß und hinaus sann
in Blut und Schatten
und in die brechenden Blicke
erstarrenden Lebens ...
Lagst du da nicht
am Wegrand,
den Rücken
am letzten Meilenstein,
schwer-lässig den Leib
ellbogengestützt,
aus überernsten, verschatteten Augen
über des Irdischen Wandel
brütend? ...
Warf ich mich da nicht
vor dich hin
und vergrub mich
in deine Augen
und ward mit dir eins
und brütete selber
aus ihren Höhlen
hinaus in die Landschaft? ...
Und dann sah ich
noch einmal im Geist
die langen Menschenzüge des Tags
des Weges wallen,
wie sie dem Goldtor des Morgens
fröhlich entsprangen,
Blumen im Haar
und sorglosen Lachens voll;
wie der und jener
zu Staube dann glitt
und immer mehr
sanken, stürzten –
bis endlich der heiße Mittag
müdrastender Völker
schläfrige Lager fand.
Dann wieder Aufbruch,
klingendes Spiel,
neue Siege der Kraft,
neue Opfer.
Wohin zogen sie aus,
die Morgenscharen?
Wo winkt ihr Ziel?
Wohin leuchten
aufblitzende Sterne?
Dort liegt es –:
Ein dunkles Tor,
drin alle verschwinden,
langsam,
auf ewig.
– – –
Laß mich!
Aus deinen kalten,
unsterblichen Augen
kann ich nicht länger schaun;
denn unendliches Weinen
drängt mir empor, –
und es sinken erbarmungsvoll
Tränen der Schwermut
wie Schleier
zwischen den Sterblichen
und das Bild
seines grausamen Schicksals.
Ein Sklave
Inhaltsverzeichnis
(Louvre)
Du bist der Schmerz,
der fremde Augen meidet,
der, übertief,
die eignen Augen schließt,
du bist der Schmerz,
der ohne Tränen leidet,
weil sich ihr Strom
nach innen stumm ergießt.
Ein ratlos Fliehn
todwilder Wehgedanken
tobt hinter deiner Lider
schlaffem Fall ...
Sie brechen aus ...
Zurück in ihre Schranken
peitscht sie Vernunft
mit spitzem Geißelknall.
Nun stehn sie eng,
wie angstgedrängte Pferde,
tiefköpfig, zitternd,
blutig, schaumbedeckt ...
und stürzen endlich
wie vom Blitz zur Erde,
von einem letzten Schlag
zu Tod erschreckt.
Und, der sie hegt, dein Leib,
er will mit ihnen
zu Boden stürzen –
Ah! ... Aufbrennt das Mal
umschnürter Brust ...
Du stöhnst ... Mit starren Mienen
erträgst du weiter
deines Loses Qual.
Frühlingsregen
Inhaltsverzeichnis
Regne, regne, Frühlingsregen,
weine durch die stille Nacht!
Schlummer liegt auf allen Wegen,
nur dein treuer Dichter wacht ...
lauscht dem leisen, warmen Rinnen
aus dem dunklen Himmelsdom,
und es löst in ihm tiefinnen
selber sich ein heißer Strom,
läßt sich halten nicht und hegen,
quillt heraus in sanfter Macht ...
Ahndevoll auf stillen Wegen
geht der Frühling durch die Nacht.
Abend am See
Inhaltsverzeichnis
Auf die düstern Kiefernhügel
legt sich kupfern letzte Sonne ...
Sanft wie über weichen Sammet
schmeicheln Winde drüber hin ...
Eine kurze Spanne weilt sie
goldbraun auf den stillen Wäldern,
bis ihr milder süßer Schimmer
plötzlich, wie ein Lächeln, stirbt.
So möcht ich sterben ...
Inhaltsverzeichnis
So möcht ich sterben, wie ich jetzt mein Boot
aus sonnenbunten Fluten heimwärts treibe.
Noch glüht die Luft, noch liegt ein gütig Gold
auf mir und allem um mich her gebreitet.
Bereit und heiter tu ich Schlag auf Schlag
dem Schattensaum der stillen Ufer zu ...
So möcht ich sterben, Sonnengold im Haar!
Der Kiel knirscht auf – und mich umarmt die Nacht.
Schicksale der Liebe
Inhaltsverzeichnis
1.
Ich stand, ein Berg,
still und einsam.
Da kamst du
und zerschmolzest
das Erz meiner Adern!
Nun bricht es vulkanisch heraus,
ein Schrecken dem Wandrer,
ein Schrecken mir selber.
Verdorrt steht
mein blühender Schmuck,
stumm
meiner Quellen Gespräch,
und langsam
verrinnt
mein Blut
um dich ...
2.
Wir sind zwei Rosen,
darüber der Sturm fuhr
und sie abriß.
Gemeinsam
wirbeln sie nun
den Weg entlang,
und ihre Blätter
wehn durcheinander.
Heimatlose,
tanzen und fliehn sie,
nur für einander
duftend und leuchtend,
den Weg der Liebe –:
Bis sie am Abend
der große Feger
lächelnd
auf seine Schaufel nimmt.
Casta regina!
Inhaltsverzeichnis
Wie oft zerriß ich
der Leidenschaft
schwüles Rosengerank
um Deinetwillen,
reines Weib,
und sang Dir, zartesten Glückes voll,
Anbetung und Liebe!
Dich,
die, keusch in innerster Brust,
ihrem Herren sich wahrt,
grüßt, Ehre bietend, mein Herz
und fleht aus der Sonne der Zukunft
den goldensten Strahl
Deiner Stirn.
Süß ist das Spiel der Liebe,
und die Rosen der Wollust duften heiß –
purpurne Lieder blühn ihr
aus meiner Harfe –
doch mit dem würdigsten Kranze
krön ich
die weiße Stirne der Keuschheit.
Trunkne Mänade
die du in fallenden Schleiern
vor glühenden Jünglingen
schrankenlos rasest –
lodernder Urgewalt
bist du ein göttlich Bild.
Aber vor Dir,
die, göttlicher noch,
der Mutter in sich
die Jungfrau opfert,
knie ich in Ehrfurcht,
und große Söhne
segnen mit mir
Dein heiliges Haupt.
Prometheus
Inhaltsverzeichnis
Dein Leben setz an dein Werk!
Deine Liebe zerbrich!
Auf einsame Berge
flüchte verfehmt empor!
Fittichfinster
fällt auf dich
der Geier Wahnsinn ...
Zuckend läßt du
dich zerfleischen ...
Über ihn fort
mit sterbenden Blicken
bohrst du dich noch
in ewige Nächte ...
Dunkel,
dampfend,
tropft es
den Abgrund hinab ...
Wer
achtet
Dein?
Wer
hebt unten
demantene Schalen? ...
Aber zwei Wanderer
hör ich
über dich reden –:
»Ein kranker Geist!«
»Ein krankes Werk!«
Siehe, Prometheus,
das ist dein Dank!
Hymnus des Hasses
Inhaltsverzeichnis
Heil dir,
der du hassen kannst,
dem im reichen Mark
tötende Flamme schläft,
den es lüsten kann,
als ein großer Blitz
ins feige Antlitz der Welt
zu verglühn,
grabend dein stolzes Mal
in der Menschheit Stirn!
Heil dir,
dem erhabenen Zorns
schmerzendes Feu'r
enge Adern zerreißt,
daß, den Überstrom deines Bluts
in gewölbten Händen, du
um dich spähst,
daß Todestaufe
deine Feinde
von dir empfingen!
Heil dir,
der du den trägen Trotz
stumpfer Geschlechter irrst,
dessen strafender Haß
strafende Liebe ist!
Sonne der Zukunft
loht aus dir,
wenn vernichtend heiß
göttlichen Grimmes Odem
von dir geht!
Traum
Inhaltsverzeichnis
Ich bin eine Harfe
mit goldenen Saiten,
auf einsamem Gipfel
über die Fluren
erhöht.
Du laß die Finger leise
und sanft darüber gleiten,
und Melodien werden
aufraunen
und aufrauschen,
wie nie noch Menschen hörten;
das wird ein heilig Klingen
über den Landen sein ...
Ich bin eine Harfe
mit goldenen Saiten,
auf einsamem Gipfel
über die Fluren
erhöht –
und harre Deiner,
oh Priesterin!
daß meine Geheimnisse
aus mir brechen
und meine Tiefen
zu reden beginnen
und, wie ein Mantel,
meine Töne
um dich fallen,
ein Purpurmantel
der Unsterblichkeit.
Der Spieler
Inhaltsverzeichnis
Zu jeglichem Ding
will ich also sprechen:
»Sei mein Würfel!
Im Becher der Phantasie
will ich den höchsten Wurf
mit dir wagen!
Mit jedem Großen,
der aus dem Schoß
der rollenden Erde stieg,
will um den Kranz ich
mit dir werfen!«
Allzu zaghaft
spielte bisher der Mensch,
brach nieder zu oft
unter der Würfel Last, –
starke Sehnen
spür ich frohlockend –:
Wie viel Augen habt ihr,
Dinge?
Trotzt – ihr – mir? –
Einmal naht es euch doch,
daß ihr allzusamt
in meinen Becher müßt –
und ich ihn,
und mit ihm euch,
mir voran
in die Grube schmettre.
Im Eilzug
Inhaltsverzeichnis
Über der Erde
erhabne Rundung,
hart dem Tag
auf fliehender Ferse,
rollende Räder
rauscht mit mir!
Vom Horizonte
schürzen Gewölke sich
nächtlich herauf
und schwärzen seltsam
ein formlos Gesicht
in den stahlhellen Himmel.
Ein breiter Stierkopf,
träg und tückisch,
wächst und schwillt es
über die Welt ...
dehnt und verzerrt sich ...
verschwimmt in Nacht ...
Rollet, raset
den Rücken der Erde,
Räder, empor!
Des Tages Gewandsaum
möcht ich noch einmal
inbrünstig küssen!
An Friedrich Nietzsche
Inhaltsverzeichnis
Die Park-Kapelle spielte »Lohengrin«.
Da löste sich mein Blut zu jähem Gang,
daß heiß und weh das Herz mir überschwoll.
Auch Du hast jene Töne ja geliebt
und einst voll tiefen Dursts in dich getrunken,
auch Du an ihnen zitternd dich berauscht,
wie ich mich heute zitternd dran berausche.
O Du! ...
Und unter tausenden, die stumpf
ihr kaltes Ich behaglich wiederkäuten,
hab ich, mit starren, unerschlossnen Mienen,
in innern Tränen fassungslos geweint.
Refugium
Inhaltsverzeichnis
Flieh um so tiefer in dich selbst zurück,
als du dich keinem recht enträtseln kannst ...
Verhäng die Fenster deiner Seele
mit dichtgeknüpften Alltagsphrasen!
Mit lauem Lächeln stehn sie um dich her
und rühren hier und tasten dort dich an –
Gib acht! Bedroht sind deine Schätze
von tempelschänderischen Fingern.
Verbirg dich im Gewölb des Frühgewölks
und in des Abends langem Schattenwurf,
am liebsten aber in der Nächte
hochherrlich ausgespannten Zelten.
Dort wanderst du allein mit deinem Schmerz
und schmückst die Erde ungestraft mit Lust,
aus deines Geistes grünen Körben
ein unerschöpflicher Verschwender.
An Sirmio 1
Inhaltsverzeichnis
(Kartulls Ode)
Kaum glaub ichs noch! Katull, du bist daheim!
Daheim auf deinem lieben Sirmio!
Oh Sirmio, Sirmio, Kronjuwel Neptuns!
In allen Meeren, Strömen, Seen sucht
Deingleichen man umsonst: Kein Vorgebirg,
kein Halbeiland, kein Eiland kommt dir gleich!
Wie gern bin ich zu dir zurück geeilt!
Wie schön, die Sorg und all den fremden Kram,
der mir nichts ist, im Rücken weit, weit, weit,
am eignen Tisch, im eignen Bett zu ruhn!
Das ist doch noch ein Lohn nach so viel Plag!
Mein Zauber-Sirmio, freust du dich denn auch?
Und du, mein See, brandest du mir Willkomm?
Ja, alles lacht und ruft: Katull ist da!
Fußnoten
1 Sirmio (heute Sermione), Halbinsel im Süden des Gardasees, mit einer Villa des Katull.
Auf der piazza Benacense
Inhaltsverzeichnis
(Riva am Gardasee)
Den Nacken hoch, Germane!
Diese Gassen
trat deines Ahns
geschienter Herrenfuß.
Hier eben, wo ich schreite,
schritt auch er,
geehrt vom Italer,
und seiner Weiber
Gebet und Furcht.
Ich blonder Enkel bin
kein Fremder hier;
der Bursch dort teilt vielleicht
uralte Vaterschaft
mit meinem Blut.
Wie mir das Herz schlägt,
töricht laut und stark!
Es ist ein Stolz
um alte Volkheit doch, –
und warens Bären auch,
die hier als Gäste
des schönsten Reichs gehaust ––
der Enkel hegt,
nicht ihren Grimm,
doch ihre Kraft noch heut.
Den Nacken hoch, Germane!
Felskastelle
des Berner Dietrich
und des großen Karl
erzählen heut
von alten Siegen noch,
und schwarze Augen
brenne heut noch heißer,
wenn sie des Nordens
blauer Blitz versengt.
Fliegendes Blatt
Inhaltsverzeichnis
Kecke weiße Spitzensäume,
schlanke Stiefeletten,
aus den Augen Purzelbäume
toller Amoretten,
Zöpfe, minder Liebeszäume,
eher Liebesketten,
Lippen, heiß vom Hauch der Träume, –
wer kann da sich retten?
Übermut
Inhaltsverzeichnis
Einher zu gehn, den freien Kopf
sechs Fuß hoch über der Erde!
genug, daß aus dem ärmsten Tropf
ein stolzer König werde.
Die Brust wird breit, die Hüfte leicht,
das Auge Glut und Glanz.
Ihr Toren, die ihr kriecht und schleicht,
mein Gang ist eitel Tanz.
Bahn frei!
Inhaltsverzeichnis
Nur müßt ihr mich nicht halten wollen,
wenn die Rosse der Phantasie
vor meiner Geißel dahinrasen!
Wehe dem Schurken,
der mir in die Zügel fällt, –
siebenmal schleif ich ihn
um den Bezirk
meiner Welt.
Wehe vor allem dem Rezensenten,
der mir
mit höchst ungriechischem Feuer
den Weg bedräut.
Meine Peitsche ist länger noch
als seine Ohren,
von stärkerem Leder
als seine Hirnhaut,
die Schnur noch gespaltner
als seine Zunge.
Bahn frei!
Kurz ist zur Fahrt die Zeit.
Springt mit herauf,
wenns euch lüstet!
Tausend gewähr ich Platz,
hier an den Mähnen,
hier an den Schweifen,
hier auf den Rücken der Rosse,
und hier oben bei mir
auf dem Wagen
weiteren tausend.
Herauf, Freunde!
Sturm um die Stirn,
Sonnen im Aug,
so laßt uns jauchzend
die tausendundein Weltwege
durchbrausen.
Per exemplum
Inhaltsverzeichnis
Ich wollt, ich wäre Gott;
denn Mensch sein
heißt Prahler sein.
In Gedanken
mit Sternen spielen –
Spiel für Dichter
und Wäscherinnen.
Aber wär ich Gott ...
ich griffe mir
per exemplum
ein violettbestrumpftes,
schnupftabaktalariges,
zölibatbettiges
Pfäfflein
von irgend einem
bigotten Planeten,
macht' es so groß
wie mich selber
und hängt' ihm dann
das ganze Sternall
als Rosenkranz
über die Hand –
es abzubeten.
»Hurtig, hurtig!
Dein Lohn ist
die ewige Seligkeit!«
»Aber Herr, Herr ...«
»Nichts da! Gebetet!«
Ach! daß ich Mensch bin, –
ein Murmeltier,
auf den Alpen
passiver Begriffe.
Ἄσβεστος γέλως
Inhaltsverzeichnis
Die Tage der Gläubigen
uralten Wahns
sind dahin!
Unauslöschlich Gelächter
grüßt,
was sie lassen und tun.
Am Sonnenhimmel
schaun sie noch immer
schwärzliche Punkte
und sprechen: »Seht!
Gottes Finger
deuten auf uns!«
Wissen sie nicht,
daß sie Flecken des eigenen Augs
anbeten?
Rührendem Schauspiel
lohnt
unauslöschlich Gelächter.
Bändigen
wolln sie den Huf der Zeit,
mit Spruch und Fluch
bannen das steigende Roß,
drauf frühlingsgewaltig
der freie Geist,
der Zukunft König,
einherbraust!
Weh den Zermalmten!
Ihr Ende
umschallt
unauslöschlich Gelächter.
Hören sie nichts?
Vom Aufgang zum Niedergang
lacht es ja unablässig,
grüßt,
was sie lassen und tun,
unauslöschlich Gelächter.
Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk
Inhaltsverzeichnis
Kehrt Phoebus Apollo
zum zwölften Male,
sollen der Christen
Tempel fallen!
Ihre Säulen
sollen gebrochen werden
und ihre Kreuze
sich in die Erde bohren!
Und der Priester unheilig Volk
sei in ihnen,
als ihren Heimstätten,
wenn sie zusammenstürzen!
Und alles Volk
gehe in Rosen umher
und werfe die Steine
in seine Schlüchte und Wässer!
Und Tag und Nacht
solln die Posaunen
der neuen Tempel
jauchzen!
Wann aber der alten
Boden flach ward,
so soll man
Gärten darüber breiten!
Denn die Zeit ist um,
da das Kreuz geragt,
der neue Mensch
reckt seine Hand.
Auf mich selber
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Höchste Unabhängigkeit –
sin' qua non condicio;
Zwang der Herdengängigkeit –
maxima contricio!
Rang, Besitz und Menschengunst –
larum lirum larum;
eine Kunst statt aller Kunst:
hic fons lacrimarum.
Übern Schreibtisch
Inhaltsverzeichnis
1.
Bau dich nur an in deiner Welt,
und schiele nicht nach fremden Trieben,
bist du nur selbst dir treu geblieben,
so hast du einst auch deinen Mann gestellt.
2.
Willst du fest und fördernd leben,
mußt du oft den Blick verkleinern
und, dich schaffend zu erheben,
vielem dein Gefühl versteinern.
Vor alle meine Gedichte
Inhaltsverzeichnis
»Traurig« – »lustig« –
Worte!
Ich schreibe für Männer.
Freue sich, wer da kann,
der lebendigen Kraft,
die, unbekümmert
um das, was sie greift,
nur sich selber
auslassen und üben will!
Schaffen ist Kraft!
Oh ihr empfindsamen Werther!
Wir Lyriker
Inhaltsverzeichnis
Warum wir immer noch Verse schreiben?
Um unbekannt und ungestört zu bleiben.
Pöblesse obligee
Inhaltsverzeichnis
»Gutes laßt uns stets beschweigen;
denn es dünkt uns selbstverständlich;
Schlechtem aber stets bezeigen,
wie wir ihm so tief erkenntlich.«
Einigen Kritikern
Inhaltsverzeichnis
Laßt bei diesem Kot und Stroh
es nunmehr bewenden,
müßt nicht euer Bestes so
leichten Sinns verschwenden!
Kriegerspruch
Inhaltsverzeichnis
Alte treue
Fahne Einsamkeit,
mit dir scheue
ich keinen Streit.
Hülle mich ein,
mein Panier,
in dir
will ich leben und begraben sein.
Herbst
Inhaltsverzeichnis
1.
Hörst du die Bäume im Windstoß zischen?
Siehst du, wie sie sich drehen und winden
unter des Regens tausendsträhniger Geißel?
Gekrümmten Rückens, erstarrten Blutes,
flüstern sie unaufhörlich heisere Flüche
in den kalten, grausamen Herbst hinaus.
Blühten sie nicht in dankender Schönheit
Göttern und Menschen auf?
Bargen der Vöglein süßes Geschwätz nicht treu?
Schildeten nicht vor Schloßen das zarte Beet?
Und der Sonne furchtbare Feuer –
wer empfing sie, sich lautlos opfernd? ...
Sieh, wie die Armen im Sturm erschauern –:
Wie langzottige frierende Hunde,
denen das nasse gesträubte Fell
überwirbelt nach vorne weht,
trotzen gesträubt die trostberaubten,
und ihr herzzerbrechendes Seufzen
rauscht umsonst
ans graue Gewölb der Wolken.
2.
Der graue Herbst
lädt mich zu sich hinaus,
übern grauen See,
übern grauen Wald,
in die graue, graue Himmelsferne ...
Bin ich der einzige Mensch der Erde? ...
Tiefe Verlassenheit fällt mich an.
Morgenandacht
Inhaltsverzeichnis
Ihr Götter der Frühe,
schenket mir gute Gedanken!
Küßt mir die helle Stirne
mit lächelnden Lippen!
Aufatmend tret ich hinaus
auf die Altane ...
Von leichten Winden gerührt,
schwanken die Büsche,
und, holdanwogend,
grüßt der glitzernde See
die treuen Ufer.
Fernher kommen
fleißige Segel gezogen, –
ihr Unsichtbaren,
tragen sie eure Geschenke?
Aber was frag ich!
Von euerer Nähe
Odem schauern
Himmel und Erde ...
Euren Odem selber im Busen,
tret ich,
überbegnadet,
fromm,
zurück ins Zimmer ...
Ein fünfzehnter Oktober
Inhaltsverzeichnis
Vier Abendstimmungen am (53.) Geburtstag Friedrich Nietzsches
1.
Urplötzlich –
durch Vorhangspalten –
der Mond ...
Drunter,
schneehell,
der See ...
Dazwischen
schwarzblaue Kluft ...
Hinaus,
in den Nichtraum-Raum
der Myriaden Welten!
Abgrund!
Ausgrund!
Urungrund! ...
Nicht fallen, Geist! –:
Hier! –:
Lampe, Bücher, Tintenfaß!
O Narrheit!
Narrheit!
Narrheit!
2.
Was wollt ihr doch
hier um mich?
Wißt, wer ihr seid?
Wer ich bin?
Was wandelt durch uns?
Welch Spieles Puppen
sind wir?
»Lebe! lebe!«
Ich lebe ja!
Auch das ist Leben,
wenn unter dem Fuße
der Feindin Finsternis
der Wurm sich krümmt
und an ihm
zu beiden Seiten hinauf
strebt,
züngelt,
seufzet
– – –
3.
Wahrt euer Mitleid für euch,
gutherzige Menschlein!
Auch der düstersten Leidenschaft
bitterster Seufzer
ist köstlicher noch,
als was ihr uns bieten könntet!
In unserm Schmerz,
Zorn, Haß, Einsamsein –
wie viel glücklicher sind wir
als ihr!
Hinweg mit dem Leichnam,
den, trostbeflissen,
eu'r Eifer heranschleppt!
Fort mit der Mumie!
Was soll
den lebendigen Göttern
der tote!
4.
Und da ich nun so frei wie nur ein Mensch,
von Schönheit übervoll und hell an Geist,
so weiß ich nicht, was ich nicht zwingen sollte
in meiner Kunst gefügig Alphabet.
Frei, frei! du schönstes Wort der neuen Welt,
Paß aller Unersättlichen und Glück!
Wer ermaß schon deinen Wert?
Höher, heitrer wölbst du des Helden Stirn,
stolzer stößt ihm das Herz,
wuchtiger wirken die Lungen ihm,
und seine Schritte
tragen geflügelt ihn über die Erde.
Keines Gottes rächender Blitz
schreckt,
wer selber von Flammen ein Schoß.
Lächelnd löst er den Blitz
seiner Hand –:
Mein ist er, war er von je!
Ich gab ihn dir,
ihm dich,
dich mir! ...
Frei! ruf ich, frei! ...
Und sieh, kein Echo wirft den Ruf zurück –
ins Grenzenlose warf ich ihn.
Fliege, mein Adler, schieße, mein Stern!
Und erst die Stunde, die mein Auge bricht,
wird dich den Kopf zerschelln und enden sehn –
am Echoschild des Tods.
Und so hebe dich denn ...
Inhaltsverzeichnis
Und so hebe dich denn
aus den Nebeln des Grams
auf des Selbstvertrauens
mächtigen Fittichen
aufwärts,
bis du dir selber
mit all deinem Leide
klein wirst,
groß wirst
über dir selber
und all deinem Leide.
Die Kinder des Glücks
Inhaltsverzeichnis
Sorglosen Lächelns
die Lippen geschürzt,
fröhlich die blühenden
Wangen gerötet,
tanzen wir Kinder des Glücks
unsre sonnigen Pfade dahin.
Rosenkränze
und schimmernde Bälle
werfen wir uns
und den Fremdlingen zu.
Wer uns begegnet,
dem huscht es wie Gold
über das sinnende
Antlitz.
Auf weichen Armen
trägt uns das Weib,
süß von Küssen
duftet die Luft.
Unser Wort
ist Gesang
und Gesang
unsre Antwort.
Fallen uns Feinde an,
schütten wir lachend
klingende Blitze
über sie aus.
Aber dem Urfeind
kommen am liebsten wir
raschen Entschlusses
selber zuvor.
Wir sind der Welt
unschuldigster Sinn,
wir sind die Erntenden
mühsamer Saaten.
Sorglosen Lächelns
die Lippen geschürzt,
fröhlich die blühenden
Wangen gerötet,
tanzen wir Kinder des Glücks
unsre sonnigen Pfade dahin.
Gefühl
Inhaltsverzeichnis
Ha, fühls! du mußt!
Ein Neues gärt empor ...
Mit tausend Armen krampft und reckt sichs auf ...
Ein dunkler, graunvoll süßer Lärm schwillt an ...
So rollt das Meer in Vorsturm-Melodien ...
Oh Kraft! oh Leben!
Komm herauf! herauf!
Natur gebier!
Ein neues Erdenfest
entfrühlinge der Völker trägem Schoß!
Ja! ja! du willst!
Ich fühl es ja!
Ich fühls!
Bei einer Sonate Beethovens
Inhaltsverzeichnis
Da rollte der Donner selber –
und Titanen
schnitten mit flachen Händen
Steinplatten aus dem Fels
und schmetterten sie
frohlockend hinaus,
daß sie wie Vögel
die Luft durchschossen ...
Vor die vier Sätze einer Symphonie
Inhaltsverzeichnis
1.
Wie das noch so hoch getürmte
Wasser wieder muß zum Meere,
fällt der noch so hoch gestürmte
Geist zurück in toter Schwere.
2.
Fester Boden kann dich retten,
wenn du dich verloren hast;
trage fromm der Erde Ketten,
und zur Lust wird dir die Last.
3.
Stiegst du aus der Wasser Gruft
auf die feste Erden,
magst du nun einmal der Luft
kecker Segler werden.
4.
Auf zur Erdenmutter Sonne
trägt den Vogel sein Gefieder,
Feuer tiefster Daseinswonne
schenkt ihm seine höchsten Lieder.
Kinderliebe
Inhaltsverzeichnis
Nach Klostersitte floß dein wollen Kleid
in grauer Strenge faltenlos zum Fuß,
doch drüber hin, gelöst und quellend reich,
des sanftesten Marienkopfs Gelock.
Braunaugen, wie von stiller Gluten Wehn
erschimmernd, sich verschleiernd – strahlt ihr noch? ...
Ich war wohl acht, du dreizehn Jahre alt.
Was wars, das unsre Lippen jäh verband –
ach eine selige Sekunde nur –
wie erster unaussprechlich süßer Durst
von Mann zu Weib – in weltvergeßnem Kuß –
dem schönsten Kusse, den ich je geküßt ...? ...
Wo weilst du, Liebe, – nun wohl Mutter längst,
doch ewig junge Beatrice mir –?
Gemahnt auch dich noch Hauch versunkner Zeit –
und gabst auch Du dein Herz nie süßer hin?
»Aber die Dichter lügen zu viel«
Inhaltsverzeichnis
Der Dichter muß des Menschen Sklave werden,
sonst ist es nichts, sonst bleibt es bei Gebärden.
Habe Lust an der Wirklichkeit!
Sie ist der Urquell der Phantasie.
Glück
Inhaltsverzeichnis
Nun bebt in banger Fülle meine Welt,
der Jahre Gärten wollen Früchte tragen.
Und wie auf weichen Wiesenteppich oft
ein goldner Apfel, zart empfangen, rollt,
so rührt den Plan der täglichen Gefühle
ein heimlich reif und süß geworden Lied.
Macht-Rausch
Inhaltsverzeichnis
Dich zu spielen, gewaltige Orgel –:
Blind,
mit tastenden Händen
über den Herzen der Welt!
Mit jedem Griff
Unnennbares lockend,
Stürmen und Säuseln
abgrundentfesselnd, –
eine Fuge
aus Seufzern,
Gelächtern,
Flüchen,
Wehklagen,
Wollüsten,
Jauchzern ...
So zu sitzen!
Blind
vor brausendem Tönemeer –
unter meiner Hand,
des Mächtigen,
auf und nieder rauschendem Tönemeer ...
Und ein Lauschen
auf allen Sternen ...
Präludium
Inhaltsverzeichnis
Singe, o singe dich, Seele,
über den Eintag empor in die
himmlischen Reiche der Schönheit!
Bade in goldenen Strömen der Töne dich rein
vom Staube der Sorgen!
Was dir die Welt geraubt, vergiß es!
Was dir dein Los verwehrt,
genieß es im Traum!
Auf klingenden Wellen
kommen die heimlichsten Wunder
wie Düfte
ferner Gärten
zu deinen leis zitternden Sinnen.
Singe, singe, Seele des Menschen,
vom Grauen der Nächte bedroht,
dich empor,
wo, lichtumgürtet,
der Phantasien
jungfräulicher Reigen
die zierlichen Füße
auf nie verblühenden Wiesen
verführerisch setzt.
Wo bist du ...
Inhaltsverzeichnis
Wo bist du, süße Blume meiner Tage?
Ich strecke müde, glückverlangende Hände
nach deinem holden Kelche aus?
Wo bist du –
daß ich das keusche, sammetweiche Haupt
dir küsse?
Wo bist du –
daß der Falter meiner Seele
an deiner Blüte Staub
sich neu vergolde?
Ich dürste, hungere nach deinem Duft!
Wo birgst du deine Schönheit?
Welcher Garten des Paradieses
umfriedet deine Pracht?
Wo bist du – bist du –
süße Blume meiner Tage?
Gleich einer versunkenen Melodie ...
Inhaltsverzeichnis
Gleich einer versunkenen Melodie
hör ich vergangene Tage
mich umklingen.
Heiß von Tränen
wird mir die Wange,
und von wehmütigen Seufzern
schluchzt mir die Brust,
an der du –
ach Du!
einst dein blondes,
erglühendes Köpfchen bargst,
o Geliebte!
Gesellschaft
Inhaltsverzeichnis
1.
Aus der Gesellschaft Lärm und Lachen
hebt schwermütigen Flügelschlags
meine einsame Seele sich
fernen schweigenden Höhen zu,
wo der Nachtwind klagend
in mächtigen Bäumen harft,
und in den langen Schatten
des kühlen Mondes
meine Träume und Wünsche
sorgenvoll wandeln ...
Ach, die ihr hier scherzt und lacht
und mit leeren Tönen
der Tag und Nächte
kostbare Luft erfüllt –
was hab ich mit euch –
was hab ich mit euch
zu schaffen!
2.
Jene schmerzlichen Stimmungen!
Wenn du plötzlich den Kopf
in den Nacken wirfst –:
Alles um dich wird starr, tot –:
Und du springst auf,
um herbe Lippen
ein mühsam Lächeln.
Hinaus!
Ins Freie!
Allein sein! Dein sein!
Ins Erdreich
stampft dein erregter Fuß
deine Unrast ...
Schluchzend, stammelnd
löst sich dein Trotz ...
Stiller wirst du,
gütiger, reifer ...
Jene schmerzlichen Stimmungen.
Lieder!
Inhaltsverzeichnis
Träumerische Stimmen
durchstürmen meine Seele ...
Nackte Mädchen
jagen sich
an Hügelhängen hin ...
Tief unten rauscht
der breite blaue Fluß.
Über mir in tönenden
Kreisen zieht ein Aar.
Lieder ...
Lieder ...
Lieder überall!
Im Sonnenschein,
im grünen Gras,
im Wald,
im Fluß,
im Tal ...
Ewige Frühlingsbotschaft
Inhaltsverzeichnis
Sieh mit weißen Armen, schwellenden Brüsten,
purpurnen Lippen, blitzenden Augen dort
der jungen Weiber hold erregte Reigen
aus den immergrünen Toren der Jugend,
gleich aus brechenden Körben rollenden Früchten,
quellen – strömen – – sich ergießen – – –
des Lebens unversiegliche Bürgschaft selber.
Und du stürzest nieder in deiner Kraft,
und, besiegt vom Zauber unendlicher Anmut,
lässest du willenlos dich mit Rosenbanden
fesseln, und durch den zierlichen Fuß der Erwählten
küssest und wirkst du mit neuen Gelöbnissen dich
an den gütigen Schoß deiner ewigen Mutter.
Aus den immergrünen Toren der Jugend
wiegen jungfräuliche Reigen sich
in die grauen Gefilde der Welt.
Und es zittert die keusche Myrte,
und unruhig atmet die Rose,
wenn im hohen Äthergewölbe
die Kerzen der Nacht aufflammen.
An Mutter Erde
Inhaltsverzeichnis
Sie wollen mich umgarnen,
sie wollen mich fort reißen –
aber ich werfe mich
an deine heilige Brust,
Mutter Erde ...
Mit weiten Händen
greif ich in deine Schollen,
mit tiefen Zügen
schlürf ich den herben Duft
deiner Kräuter ...
Nein, Du
verlässest mich nicht,
du nährst mich,
du stärkst mich,
daß die bösen Geister
mich lassen müssen,
und ich hoch und heiter
wieder des Weges wandere,
den ich mir kor.
Dafür will ich dich auch
ohn End, ohn Ende
lieben und preisen ...
Und wenn du mich einst
vom Strahl der Sonne
zurückheischst,
dann will ich
mein Haupt still
in deinen Schoß betten ...
Und du wirst
meinen Schlummer behüten
von Ewigkeit
zu Ewigkeit.
Aus einer Lieder-Gruppe
Ein Sommerabend
In Musik gesetzt von Robert Kahn
Feierabend
Inhaltsverzeichnis
Lindenduft ... Bienenchor ...
Vogelsang und Brunnenrauschen ...
Knarrend schließt sich Tor um Tor;
Feierabend lockt hervor,
Grüße auszutauschen.
Junges Volk will Gesang,
Fiedelspiel und kecke Reigen;
säume heute keiner lang,
sich zur Ehr und uns zu Dank
seine Kunst zu zeigen!
Einer weiß ein neues Lied,
andre freuen sich der alten;
wer von Fern zu Ferne zieht,
muß es, eh er weiter flieht,
fröhlich mit uns halten.
Düfteschwerer Dämmerflor ...
Vogelsang und Brunnenplauschen ...
Trete nun der Mensch hervor,
lasse in den großen Chor
seine Stimme rauschen!
Volkslied
Inhaltsverzeichnis
Draußen im weiten Krieg
ist blieben mein armer Schatz,
draußen im fremden Land,
da liegt er kalt und blaß.
Läg ich doch bei ihm im Grab
in der fremden Erd!
Was tu ich hier allein
am einsamen Herd?
Stiller Mond,
der in mein Fenster scheint,
hat schon jemand so
um seinen Schatz geweint?
Geheime Verabredung
Inhaltsverzeichnis
Glühend zwischen dir und mir
Julinächte brüten;
gleiche Sterne dort und hier
unsern Schlaf behüten.
Wähl das schönste Sternelein,
will das Gleiche tuen; –
morgen droben Stelldichein
auf geheimen Schuhen.
Gibst du nur nichts anderm Raum,
als mich dort zu finden,
wird ein gleicher süßer Traum
dich und mich verbinden.
Erntelied
Inhaltsverzeichnis
Wo gestern noch der Felder Meer
gewogt in allen Farben,
steht heut in Reih und Glied ein Heer
festlich gegürteter Garben.
Es will der goldne Heeresbann
vor Frost und Hungers Wüten
das ganze Dorf mit Maus und Mann
bis übers Jahr behüten.
Und liegen die Bataillone erst
im sichern Scheunquartiere,
du fändst, und wenn du der König wärst,
nicht beßre Grenadiere.
Der Abend
Inhaltsverzeichnis
Auf braunen Sammetschuhen geht
der Abend durch das müde Land,
sein weiter Mantel wallt und weht,
und Schlummer fällt von seiner Hand.
Mit stiller Fackel steckt er nun
der Sterne treue Kerzen an.
Sei ruhig, Herz! Das Dunkel kann
dir nun kein Leid mehr tun.
Nachtwächterspruch
Inhaltsverzeichnis
Ihr Leut im Dorfe, laßt euch sagen,
die Glock am Turm ist elf.
Nicht lang, so wird es wieder tagen,
drum auf, und geht zu Bett!
Denn der nur gilt in der Gemeine,
der rüstig wirkt und schafft,
der sorgt getreulich für die Seinen,
bis ihn der Tod entrafft.
Ihr Leut im Dorfe, laßt euch sagen,
die Glock am Turm ist elf.
Nicht lang, so wird es wieder tagen,
drum auf, und geht zu Bett!
Gebet
Inhaltsverzeichnis
Oh Friede, der nun alles füllet,
erfüll auch uns mit süßer Ruh,
und bis ein Tag sich neu enthüllet,
deck uns mit trauten Träumen zu.
Wie manches, was des Tages Wille
mit rechter Klarheit nicht ergreift,
dem hilf, daß es in deiner Stille
zu freundlicher Vollendung reift!
Wen Schicksalsschläge grausam trafen,
den laß vergessen, was geschehn;
wer neid– und haßerfüllt entschlafen,
den laß versöhnt den Morgen sehn!
So allem, dem gleich uns auf Erden
zu Teil des Lebens schwankes Los,
laß deines Segens Tiefe werden,
gib Kraft aus deinem heiligen Schoß!
Erden-Wünsche
Inhaltsverzeichnis
Ein Weib, ein Hund, ein Segelboot,
mein Freund, sein Weib und sonst nichts mehr;
ein freies Schaffen, ein edler Tod,
das wäre so mein Begehr.
Vergaß ich nichts? Wer fehlt noch, wer?
Mein Triumph wider den Tod!
Ein Sohn, dem mein Wollen im Blute loht
und Kraft noch tausendmal mehr.
Eins und alles
Inhaltsverzeichnis
Meine Liebe ist groß
wie die weite Welt,
und nichts ist außer ihr,
wie die Sonne alles
erwärmt, erhellt,
so tut sie der Welt von mir!
Da ist kein Gras,
da ist kein Stein,
darin mein Liebe nicht wär,
da ist kein Lüftlein
noch Wässerlein,
darin sie nicht zög einher!
Da ist kein Tier
vom Mücklein an
bis zu uns Menschen empor,
darin mein Herze
nicht wohnen kann,
daran ich es nicht verlor!
Meine Liebe ist weit
wie die Seele mein,
alle Dinge ruhen in ihr,
sie alle, alle
bin ich allein,
und nichts ist außer mir!
Ob sie mir je Erfüllung wird ...
Inhaltsverzeichnis
Ob sie mir je Erfüllung wird, die Lust,
in alle Höhn und Tiefen auszuschweifen,
die Welt mit Riesenarmen zu umgreifen,
so Brust an Brust
der Allnatur zu reifen,
und dann, ein Sonnenweinstock, Erdendust
ein Meer purpurner Herbste abzustreifen?
Künstler-Ideal
Inhaltsverzeichnis
O tiefe Sehnsucht, die ich habe,
erfülltest du dich einst einmal,
daß ich nach dieses Lebens Grabe
mich wiederfänd in Lust und Qual –
in einem neuen Künstlerwerdcn,
in einem Gott des Tons, des Steins ...
daß ich in ewigen Gebärden
so webte am Gewand des Scheins.
Ob Not und Leid des Schöpfers Lose,
nur Schöpfer sein bedünkt mich wert,
aus bittren Dornen flammt die Rose,
nach der mein ganzes Blut begehrt.
O immer neu mit vollen Händen,
der Schönheit Meister, aufzustehn,
von Welt zu Welt, mit hehren Bränden,
ein unbekannter Gott, zu gehn!
An meine Seele
Inhaltsverzeichnis
Was wirst du noch wollen,
du ewig begehrende,
wohin du noch fliegen,
du sturmwindwilde!
Die in Erkenntnis du
rein dich badetest,
die du des Schaffens
heiligen Wahnsinn kostetest,
die du der Macht
überweltliche Freuden ahnetest,
die du von Strömen der Liebe
quollest und duftetest!
War dir ein Lohn je genug?
Hielt dich ein Ziel je zurück?
Gleich wie der Wind tagaus, nachtein
um den rollenden Ball
seine ruhlosen Fittiche regt,
nicht über Meeren rastend,
nicht auf der Berge Haupt,
ewig wechselnder Wolke
Former und Feger –
gleich wie sein Odem
des Pols und der Wüste
streitende Lüfte sind
und der Blitze Herden
ein Spiel seiner Lust –
so bist du, meine sturmwilde Seele,
ein ewiger Odem,
ein schwangerer Weltwind,
ein Schoß von Gewittern!
Oh du meine Seele,
die du in tausend Herzblutquellen
durch den Ring äonischer Alter
heran, herauf wuchsest bis zu mir,
du wie die Menschheit uralte Seele,
du, deren zahllose Wurzeln
saugend die ganze Erde umklammern,
schwankend vor Glück
schreit' ich mit deiner lieben Last
und kann noch nicht fassen,
daß grade ich
dein Werk, deine Frucht.
Mondstimmung
Inhaltsverzeichnis
Über den weiten
schweigenden Wäldern der Welt
möcht ich gleich dir, oh Mond,
großen Auges dahinziehn ...
wenn die dämmrigen Wiesen
den Geist ihrer Nebel
zu dir emporwölken,
und breite Gewässer
schwärzliche Eilande
silbern umrinnen ...
wenn die Dörfer sich tiefer
dem erdigen Boden schmiegen
und die steinernen Städte
mit weißeren Giebeln und Türmen
lautlos
vor deinem Angesicht schlafen.
Auf die träumende Menschheit dann
möcht ich gleich dir
großen Auges hinabschaun
und der leisen Musik
ihres flutenden Blutes
lauschen.
An die Wolken
Inhaltsverzeichnis
Und immer wieder,
wenn ich mich müde gesehn
an der Menschen Gesichtern,
so vielen Spiegeln
unsäglicher Torheit,
hob ich das Aug
über die Häuser und Bäume
empor zu euch,
ihr ewigen Gedanken des Himmels.
Und eure Größe und Freiheit
erlöste mich immer wieder,
und ich dachte mit euch
über Länder und Meere hinweg
und hing mit euch
überm Abgrund Unendlichkeit
und zerging zuletzt
wie Dunst,
wenn ich ohn' Maßen
den Samen der Sterne
fliegen sah
über die Äcker
der unergründlichen Tiefen.
The free sample has ended.