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Christian Morgenstern

Gesammelte Gedichte (851 Titel in einem Buch)


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0342-0

Inhaltsverzeichnis

In Phanta’s Schloß

Auf vielen Wegen

Horatius Travestitus

Ich und die Welt

Ein Sommer

Und aber ründet sich ein Kranz

Alle Galgenlieder:

Galgenlieder

Palmström

Palma Kunkel

Der Gingganz

Zeitgedichte

Melancholie

Osterbuch

Einkehr

Ich und Du

Wir fanden einen Pfad

Stufen - Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

In Phanta’s Schloß

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

AUFFAHRT

IM TRAUM

PHANTA'S SCHLOSS

SONNENAUFGANG

WOLKENSPIELE

SONNENUNTERGANG

HOMO IMPERATOR

KOSMOGONIE

DAS HOHELIED

ZWISCHEN WEINEN UND LACHEN

IM TANN

DER ZERTRÜMMERTE SPIEGEL

DAS KREUZ

DIE VERSUCHUNG

DER NACHTWANDLER

ANDRE ZEITEN, ANDRE DRACHEN

DIE WEIDE AM BACHE

ABENDDÄMMERUNG

AUGUSTNACHT

MÄDCHENTRÄNEN

LANDREGEN

DER BELEIDIGTE PAN

MONDAUFGANG

MONDBILDER

ERSTER SCHNEE

TALFAHRT

EPILOG

DEM GEISTE FRIEDRICH NIETZSCHES

Sei's gegeben, wie's mich packte,

mocht es oft auch in vertrackte

Bildungen zusammenschiessen!

Kritisiert es streng und scharf, –

doch wenn ich Euch raten darf:

Habt auch Unschuld zum Geniessen!

PROLOG

Inhaltsverzeichnis

Längst Gesagtes wieder sagen,

hab ich endlich gründlich satt.

Neue Sterne! Neues Wagen!

Fahre wohl, du alte Stadt,

drin mit dürren Binsendächern

alte Traumbaracken stehn,

draus kokett mit schwarzen Fächern

meine Wunden Abschied wehn.

Kirchturm mit dem Tränenzwiebel,

als vielsagendem Symbol,

Holperpflaster, Dämmergiebel,

Wehmutskneipen, fahret wohl!

Hoch in einsam-heitren Stillen

gründ ich mir ein eignes Heim,

ganz nach eignem Witz und Willen,

ohne Balken, Brett und Leim.

Rings um Sonnenstrahlgerüste

wallend Nebeltuch gespannt,

auf die All-gewölbten Brüste

kühner Gipfel hingebannt.

Schlafgemach –: mit Sterngoldscheibchen

der Tapete Blau besprengt,

und darin als Leuchterweibchen

Frau Selene aufgehängt.

Längst Gesagtes wieder sagen,

Ach! ich hab es gründlich satt.

Phanta's Rosse vor den Wagen!

Fackeln in die alte Stadt!

Wie die Häuser lichterlohen,

wie es kracht und raucht und stürzt!

Auf, mein Herz! Empor zum frohen

Aether, tänzergleich geschürzt!

Schönheit-Sonnensegen, Freiheit-

Odem, goldfruchtschwere Kraft,

ist die heilige Kräftedreiheit,

die aus Nichts das Ewige schafft.

AUFFAHRT

Inhaltsverzeichnis

Blutroter Dampf ..

Rossegestampf ..

»Keine Scenen gemacht!

Es harren

und scharren

die Rosse der Nacht.«

Ein lautloser Schatte,

über Wiese und Matte

empor durch den Tann,

das Geistergespann ..

Auf hartem Granit

der fliegende Huf ..

Fallender Wasser

anhebender Ruf ..

Kältendes Hauchen ..

Wir tauchen

in neblige Dämpfe ..

Donnernde Kämpfe

stürzender Wogen

um uns.

Da hinauf

der Hufe Horn!

In die stäubende Schwemme,

hoch über den Zorn

sich sträubender Kämme

empor, empor!

Aus klaffenden Wunden

speit der Berg

sein Blut gegen euch.

Mit Wellenhunden

fällt euch an

der Hass der Höhe

wider das Tal.

Aber ihr fliegt,

blutbespritzt,

unbesiegt,

empor, empor.

Vor euch noch Farben

verzuckenden Lebens,

auf grünlichem Grau

verrötender Schaum;

hinter euch

Schwarz und Silber,

die Farben des Todes.

Ein Schleier,

an eure Mähnen geknüpft,

schleppt

geisterhaft nach.

Wie ein Busentuch

zieht ihr hinauf ihn

über des Bergs

zerrissene Brust.

Müde sprang sich

der Sturzbach.

Nur mit den Lippen

wehrt er sich noch.

Und bald

wird er zum Kind

und hängt sich selber

spielend an eure Schweife.

Weiter! weiter!

Da!

Winkende Gipfel

im Sicheldämmer!

Langsamer traben

die Rosse der Nacht.

Heilige Sterne

grüssen mich traut.

Ewige Weiten

atmen mich an.

Langsamer traben

die Rosse der Nacht,

gehen,

zögern,

stehen still.

Alles liegt nun

florumwoben.

Schlaf umschmiegt nun

Unten, Oben.

Nur die fernen

Fälle toben.

Leise Geisterhände

tragen

mich vom Wagen

in des Schlummers

Traumgelände.

Aller Notdurft,

alles Kummers

ganz befreit,

fühle ich ein höhres Sein

mich durchweben.

Wird die tiefe Einsamkeit

mir auf alles Antwort geben?

IM TRAUM

Inhaltsverzeichnis

Wer möcht am trägen Stoffe kleben,

dem Fittich ward zu Weltenflug!

Ich lobe mir den süssen Trug,

das heitre Spiel mit Welt und Leben.

In tausend Buntgewande steck ich,

was geistig, leiblich mich umschwebt;

in jedem Ding mich selbst entdeck ich:

nur der lebt Sich, der also lebt.

Mir ist, ich sei emporgestürmt

über stürzende Wasserfälle.

Mir engt's die Brust, um mich getürmt

ahn ich schützende Nebelwälle.

Aus dumpfen Regionen,

aus Welten von Zwergen,

trieb's mich fort,

ob auf ragenden Bergen

ein besserer Ort

dem Freien, zu wohnen.

Es weht mir um die Stirne

ein Hauch wie von Frauengewand ..

Folgte zum steilen Firne

mir wer aus dem Unterland?

Es beugt sich zu mir nieder

ein liebes, schönes Gesicht ..

Glaubst Du, ich kenne Dich nicht,

Sängerin meiner Lieder?

Du bist ja, wo ich bin,

mein bester Kamerade!

Bei Dir trifft mich kein Schade,

meine Herzenskönigin!

»Du flohest aus Finsternissen,

mühsamen Mutes,

ich weiss es.

Du hast zerrissen

Dein Herz, Dein heisses,

und bei dem Leuchten Deines Blutes

bist Du den dunklen Pfad

weiter getreten,

bis Du mich fandest

und mit tiefen Gebeten

mich an Dich bandest,

dass ich Dich liebgewann,

dem ringenden Mann

ein treuer Kamerad.

Du brachst uralte Ketten

und kamst heute Nacht

in mein Reich.

Ich will Dich betten

an meiner Brust

warm und weich,

in Träumepracht

deine Seele verzücken:

der ganzen Welt

Aussen und Innen

sei Deinem Sinnen

preisgestellt.

Magst sie schmücken

mit lachender Lust,

magst sie tausendfach

deuten und taufen,

mit Berg und Wald,

mit Wiese und Bach,

mit Wolken und Winden,

mit Sternenhaufen

Dein Spiel treiben,

Deinen Spass finden;

brauchst nicht zu bleiben

an einem Ort;

magst die Welt

bis zu Ende laufen;

denn Hier oder Dort,

wo Du auch seist,

wo sich das Himmelszelt

über die Erde spannt:

das sei Deinem Geist

Phanta's Schloss genannt.«

Schneller strömt des Blutes Fluss,

Wonne mich durchschauert,

auf meinen Lippen dauert

sekundenlang Dein süsser Kuss.

Nun nimm mich ganz, und trage

mein Fragen mit Geduld!

Für alles, was ich nun sage,

trägst Du fortan die Schuld.

PHANTA'S SCHLOSS

Inhaltsverzeichnis

Die Augenlider schlag ich auf.

Ich hab so gross und schön geträumt,

dass noch mein Blick in seinem Lauf

als wie ein müder Wandrer säumt.

Schon werden fern im gelben Ost

die Sonnenrosse aufgezäumt.

Von ihren Mähnen fliessen Feuer,

und Feuer stiebt von ihrem Huf.

Hinab zur Ebne kriecht der Frost.

Und von der Berge Hochgemäuer

ertönt der Aare Morgenruf.

Nun wach ich ganz. Vor meiner Schau

erwölbt azurn sich ein Palast.

Es bleicht der Felsenfliesen Grau

und lädt den Purpur sich zu Gast.

Des Quellgeäders dumpfes Blau

verblitzt in heitren Silberglast.

Und langsam taucht aus fahler Nacht

der Ebnen bunte Teppichpracht.

All dies mein Lehn aus Phanta's Hand!

Ein König ich ob Meer und Land,

ob Wolkenraum, ob Firmament!

Ein Gott, des Reich nicht Grenze kennt.

Dies alles mein! Wohin ich schreite,

begrüsst mich dienend die Natur:

ein Nymphenheer gebiert die Flur

aus ihrem Schoss mir zum Geleite;

und Götter steigen aus der Weite

des Alls herab auf meine Spur.

Das mächtigste, das feinste Klingen

entlauscht dem Erdenrund mein Ohr.

Es hört die Meere donnernd springen

den felsgekränzten Strand empor,

es hört der Menschenstimmen Chor

und hört der Vögel helles Singen,

der Quellen schüchternen Tenor,

der Wälder Bass, der Glocken Schwingen.

Das ist das grosse Tafellied

in Phanta's Schloss, die Mittagsweise.

Vom Fugenwerk der Sphären-Kreise

zwar freilich nur ein kleinstes Glied.

Erst wenn mit breiten Nebelstreifen

des Abends Hand die Welt verhängt

und meiner Sinne masslos Schweifen

in engere Bezirke zwängt –

wenn sich die Dämmerungen schürzen

zum wallenden Gewand der Nacht

und aus der Himmel Kraterschacht

Legionen Strahlenströme stürzen –

wenn die Gefilde heilig stumm,

und alles Sein ein tiefer Friede –

dann erst erbebt vom Weltenliede,

vom Sphärenklang mein Heiligtum.

Auf Silberwellen kommt gegangen

unsagbar süsse Harmonie,

in eine Weise eingefangen,

unendlichfache Melodie.

Dem scheidet irdisches Verlangen,

der solcher Schönheit bog das Knie.

Ein Tänzer, wiegt sich, ohne Bangen,

sein Geist in seliger Eurythmie.

Oh seltsam Schloss! bald kuppelprächtig

gewölbt aus klarem Aetherblau;

bald ein aus Quadern, nebelnächtig,

um Bergeshaupt getürmter Bau;

bald ein von Silberampeldämmer

des Monds durchwobnes Schlafgemach;

und bald ein Dom, von dessen Dach

durch bleiche Weihrauch-Wolkenlämmer

Sternmuster funkeln, tausendfach!

Das stille Haupt in Phanta's Schosse,

er wart ich träumend Mitternacht: –

da hat der Sturm mit rauhem Stosse

die Kuppelfenster zugekracht.

Kristallner Hagel glitzert nieder,

die Wolken falten sich zum Zelt.

Und Geisterhand entrückt mich wieder

hinüber in des Schlummers Welt.

SONNENAUFGANG

Inhaltsverzeichnis

Wer dich einmal sah

vom Söller des Hochgebirgs,

am Saum der Lande

emporsteigen,

aus schwarzem Waldschooss

emporgeboren,

oder purpurnen Meeren

dich leicht entwiegend –

wer dich einmal sah

die bräutliche Erde

aufküssen

aus Morgenträumen,

bis sie, von deiner Schwüre

Flammenodem

heiss errötend,

dir entgegenblühte,

in der zitternden Scham,

in dem ahnenden Jubel

jungfräulicher Liebe –

der breitet die Arme

nach dir aus,

dem lösest die Seele du

in Seufzer

tiefer Ergriffenheit,

oh, der betet dich an,

wenn beten heisst:

zu deiner lebenschaffenden

Glutenliebe

ein Ja und Amen jauchzen –

wenn beten heisst:

in den Aetherwellen des Alls

bewusst mitschwingen,

eins mit der Ewigkeit,

leibvergessen, zeitlos,

in sich der Ewigkeit

flutende Akkorde –

wenn beten heisst:

stumm werden

in Dankesarmut,

wortlos

sich segnen lassen,

nur Empfangender,

nur Geliebter ...

Wer dich einmal sah

vom Söller des Hochgebirgs!

WOLKENSPIELE

Inhaltsverzeichnis

I

Eine grosse schwarze Katze

schleicht über den Himmel.

Zuweilen

krümmt sie sich zornig auf.

Dann wieder

streckt sie sich lang,

lauernd,

sprungharrend.

Ob ihr die Sonne wohl,

die fern im West

langsam sich fortstiehlt,

ein bunter Vogel dünkt?

Ein purpurner Kolibri,

oder gar

ein schimmernder Papagei?

Lüstern dehnt sie sich

lang und länger,

und Phosphorgeleucht

zuckt breit

über das dunkle Fell

der gierzitternden Katze.

II

Es ist, als hätte die Köchin

des grossen Pan

– und warum sollte der grosse Pan

keine Köchin haben?

Eine Leibnymphe,

die ihm in Kratern

und Gletschertöpfen

köstliche Bissen brät

und ihm des Winters

Geysir-Pünsche

sorglich kredenzt? –

Als hätte diese Köchin

eine Schüssel mit Rotkohl

an die Messingwand

des Abendhimmels geschleudert.

Vielleicht im Zorn,

weil ihn der grosse Pan

nicht essen wollte ...

III

Wäsche ist heute wohl,

grosse Wäsche,

droben im Himmelreich.

Denn seht nur, seht!

wie viele Hemdlein,

Höslein, Röcklein,

und zierliche Strümpflein

die gute Schaffnerin

über die blaue Himmelswiese

zum Trocknen breitet.

Die kleinen Nixen,

Gnomen, Eiben,

Engelchen, Teufelchen,

oder wie sie ihr Vater nennt,

liegen wohl alle nun

in ihren Bettchen,

bis ans Kinn

die Decken gezogen,

und sehnlich lugend,

ob denn die Alte

ihren einzigen Staat,

ihre weissen Kleidchen,

nicht bald

ihnen wiederbringe.

Die aber legt

ernst und bedächtig

ein Stück nach dem andern

noch auf den Rasen.

IV

Wie sie Ballet tanzen,

die losen Panstöchter!

Sie machen Phoebus

den Abschied schwer,

dass er den Trab seiner Hengste

zum Schritt verzögert.

Schmiegsam, wiegsam

werfen und wiegen

die rosigen Schleier sie

zierlich sich zu,

schürzen sie hoch empor,

neigen sie tief hinab,

drehn sich die wehende

Seide ums Haupt.

Und Phoebus Apollo!

Bezaubert vergisst er

des heiligen Amts,

springt vom Gefährt

und treibt das Gespann,

den Rest der Reise

allein zu vollenden.

Er selber,

gehüllt in den grauen Mantel

der Dämmrung,

eilt voll Sehnsucht

zurück zu den

lieblichen, lockenden

Tänzerinnen.

Zügellos rasen

die Rosse von dannen.

Der Gott erschrickt:

Dort entschwindet

sein Wagen,

und hier –

haben die schelmischen

Töchter des Pan

sich in waschende Mägde

verwandelt.

Durch riesige Tröge

ziehen sie weisse,

dampfende Linnen

und hängen sie rings

auf Felsen und Bäumen

zum Trockenen auf

und legen sie weit

gleich einem Schutzwall

auf Wiesen und Felder.

Ratlos steht

der gefoppte Gott.

Und leise kichern

die Blätter im Winde.

V

Düstere Wolke,

die du, ein Riesenfalter,

um der abendrotglühenden Berge

starrende Tannen

wie um die Staubfäden

blutiger Lilien schwebst:

Dein Dunkel redet

vom Leid der Welt.

Welchen Tales Tränen

hast du gesogen?

Wie viel angstvoller Seufzer

heissen Hauch

trankst du in dich?

Düstere Wolke,

wohin

schüttest die Zähren

du wieder aus?

Schütte sie doch

hinaus in die Ewigkeit!

Denn wenn sie wieder

zur Erde fallen,

zeugen sie neue

aus ihrem Samen.

Nie dann

bleiben der Sterblichen

Augen trocken.

Ach! da wirfst du sie schon

in den Abgrund ...

Arme Erde,

immer wieder aufs Neue

getauft

in den eigenen Tränen!

VI

Oh, oh!

Zürnender Gott,

schlage doch nicht

Deine himmlische Harfe

ganz in Stücke!

Dumpfe Donnerakkorde

reisst

herrisch

Dein Plektron.

Zick, zack

schnellen

die springenden Saiten

mit singendem Sausen

silbergrell

über die Himmel hin.

Holst Du auch manche

der Flüchtlinge

wieder zurück,

viele fallen doch

gleissend zur Erde nieder,

ragenden Riesen des Tanns

um den stöhnenden Leib

sich wirbelnd,

oder in zischender Flut

sich für ewig

ein Grab erkiesend.

Zürnender Gott!

Wie lange:

Da hast Du Dein Saitenspiel

kläglich zerbrochen,

und kein Sterblicher

denkt mehr Deiner,

des grollenden Rhapsoden

Zeus-Odhin-Jehovah.

SONNENUNTERGANG

Inhaltsverzeichnis

Am Untersaum

des Wolkenvorhangs

hängt der Sonne

purpurne Kugel.

Langsam zieht ihn

die goldene Last

zur Erde nieder,

bis die bunten Falten

das rotaufzuckende Grau

des Meeres berühren.

Ausgerollt ist

der gewaltige Vorhang.

Der tiefblaue Grund,

unten mit leuchtenden Farben

breit gedeckt,

bricht darüber

in mächtiger Fläche hervor,

karg mit verrötenden

Wolkenguirlanden durchrankt

und mit silbernen Sternchen

glitzernd durchsät.

Aus schimmernden Punkten

schau ich das Bild

einer ruhenden Sphinx

kunstvoll gestickt.

Eine Ankerkugel,

liegt die Sonne im Meer.

Das eintauchende Tuch,

schwer von der Nässe,

dehnt sich hinein in die Flut.

Die Farben blassen,

mählig verwaschen.

Und bald strahlt

vom Himmel zur Erde

nur noch

der tiefe, satte Ton

blauschwarzer Seide.

HOMO IMPERATOR

Inhaltsverzeichnis

Gewandert bin ich

auf andere Gipfel,

deren Riesenfüsse,

das Meer, wie ein Hund,

demütig leckt;

an deren Knöcheln

es wohl auch manchmal

bellend hinaufspringt,

den brauenden Nebeln nach,

als seien diese

warme Dämpfe aus leckeren Schüsseln.

War ich der Mond,

der Hunden verhasste,

ich hülfe herauf dir

auf den Berg.

Doch Ich bin der Mensch,

lasse dich lächelnd

unten kläffen

und übe an dir

Meinen göttlichen Spott.

Denn sieh,

du armes, krauses Meer!

was bist du denn

ohne Mich?

Ich gebe dir Namen

und Rang und Bedeutung,

wandle dich tausendfalt

nach Meinem Gelüst.

Meine Schönheit,

Meinen Witz

hauch Ich als Seele dir ein,

werf Ich dir um als Kleid:

und also geschmückt

wogst du und wiegst du dich

vor deinem König,

ein trefflicher Tänzer,

brausköpfiger Vasall!

In Meine hohle Hand

zwing Ich hinein dich

und schütte dich aus,

einem Kometen,

der grade vorbeischiesst

aufs eilige Haupt.

Wie einen Becher

fass Ich dein Becken

und bringe dich

als Morgentrunk

Meinem Liebchen Phanta.

In dein graues Megärenhaar

greift Mein lachender Uebermut

und hält es gegen die Sonne:

Da wird es eitel Goldhaar und Seide.

Und nun wieder nenn Ich dich

Jungfrau und Nymphe und Göttin,

und deiner dämonischen Leidenschaft

sing Ich ein Seemanns-Klagelied.

Oder Ich deute den donnernden Prall dir aus

als stöhnende Sehnsucht um Himmelsglück,

als wühlenden Groll,

als heulenden Hass:

So redet Schwermut, flugohnmächtig,

wenn sie der Krampf der Verzweiflung

zu jagenden Fieberschauern schüttelt.

Aber du drohst:

»Eitler Prahler,

breite die Arme nur aus,

und komm an mein nasses Herz!

Dann wirst du künden,

wer grösser und mächtiger,

du oder ich!«

Drohe mir immer,

doch wisse: Die Stunde,

da du Mich sinnlosen Zornes verschlingst,

tötet auch dich.

Ein kaltes, totes Nichts,

wertlos, namenlos,

magst du dann

in die Ewigkeit starren,

entseelt,

entgöttert.

Denn Ich, der Mensch,

bin deine Seele,

bin dein Herr und Gott,

wie Ich des ganzen Alls

Seele und Gottheit bin.

Mit Mir vergehen

Namen und Werte.

Leer steht die Halle der Welt,

schied Ich daraus.

Gleich unermesslichem Aether

füllt Mein Geist den Raum:

In Seinen Wellen allein

leuchtend, tönend,

schwingt der unendliche Stoff.

Eine Harfe bin Ich

in tausend Hauchen.

Zertrümmere Mich:

das Lied ist aus.

KOSMOGONIE

Inhaltsverzeichnis

Ewiges Firmament,

mit den feurigen Spielen

deiner Gestirne,

wie bist du entstanden?

Du blauer Sammet!

Welch fleissige Göttin

hat sich auf dir

mit goldnen und silbernen

Kreuzstichmustern verewigt?

Wie! oder wären

die Sterne Perlen,

tagesüber

in Wolkenmuscheln gebettet:

Aber des Nachts

tuen die Schalen sich auf,

und aus den schwarzen,

angelspottenden Tiefen empor

lachen und funkeln

die schimmernden Schätze

des Meers Unendlichkeit?

Oft auch ist mir,

ein mächtig gewölbter

kristallener Spiegel

sei dieser Himmel,

und was wir staunend

Gestirne nennen,

das seien Millionen

andächtiger Augen,

die strahlend

in seinem Dunkel sich spiegeln.

Oder wölbt

eines Kerkers bläuliche Finsternis

feindlich sich über uns?

Von ungezählten Gedankenpfeilen

durchbohrt,

die von empörter Sehne

der suchende Menschengeist

rings um sich gestreut:

Das Licht der Erkenntnis aber,

die Sonne der Freiheit,

quillt leuchtend

durch die zerschossenen Wände.

Nein, nein! ..

Mit spottenden Augen

blinzt die Unendlichkeit

auf den sterblichen Rätselrater ...

Und dennoch

rat ich das tiefe Geheimnis!

Denn bei Phanta

ist nichts unmöglich.

– – – – – – – – – – –

In der leeren, dröhnenden Halle des Alls

rauschte der Gott der Finsternis

mit schwarzen, schleppenden Fittichen

grollend dahin.

So flügelschlug der düstere Dämon

schon seit Aeonen:

An seiner Seele frass das Nichts.

Umsonst griffen die Pranken

seines wühlenden Schaffenswahnsinns

hinaus in die unsägliche Leere.

Vom eigenen Leibe musste er nehmen,

wollte er schaffen –:

das hatte ihn jüngst quälend durchzuckt.

Und nun rang und rang er

gegen sich selber, der einsame Weltgeist,

daß er sich selbst verstümmle.

Bis sein Wollen, ein Löwe,

in seiner Seele aufstand

und ihm die Hand ans Auge zwang,

daß sie es ausriss mit rasendem Ruck.

Ströme Blutes schossen nach.

Der brüllende Gott aber krampfte

in sinnloser Qual die Faust um das Auge,

dass es zwischen den Fingern

perlend herausquoll.

Den glänzenden Tropfenregen

rissen die fallenden Schleier des Bluts

in wirrem Wirbeltanze

hinab, hinaus in die eisigen Nächte

des unausgründlichen Raums.

Und die perlenbesäten blutigen Schleier

kamen in ewigem Kreislauf wieder,

schlangen erstickend sich

um des flüchtenden Gottes Haupt,

zerrten ihn mit sich,

warfen ihn aus,

ein regelloses, tobendes Chaos.

Tiefer noch zürnte der gramvolle Gott.

Nicht Schöpfer und Herrscher,

Spielball war er geworden,

weil er, vom Schmerz bewältigt,

den heiligen Lebensstoff,

statt ihn zu formen, zerstört.

Aeonen hindurch

trug er die Marter der glühenden Schleier,

litt er in seiner eigenen Hölle.

Dann aber stand zum anderen Male

sein Wollen, ein Löwe,

in seiner Seele auf.

Sieben Kreisläufe des Chaos

rang er und rang er noch,

und dann

gab er den Arm dem Wollen frei.

Und er nahm sich auch noch

das andere Auge

aus dem unsterblichen Gotteshaupt

und warf die blutüberströmte,

unversehrte Kugel

mitten hinein ins unendliche All.

Da stand sie, glühend,

in unermesslicher Purpurründung,

und sammelte um sich

die tanzenden Blutnebel,

dass sie, ein einziger Riesenring

von Flammenschleiern,

um den gemeinsamen Kern

sich wanden und kreisten.

Der blinde Gott aber sass

und lauschte dem Sausen der Glut.

Aeonen kreiste der Ring:

Dann zerriss er.

Und um die glasigen Perlen

des zerkrampften Auges

ballten sich Bälle kochenden Bluts,

glühende, leuchtende Blutsonnen,

und andere Bälle,

die unter roten Dampfhüllen

langsam gerannen.

Durch die Unendlichkeit

schwangen sich zahllose Reigen

zahlloser Welten

in tönender Ordnung

um das geopferte, heile Auge.

Der blinde Gott aber

lauschte dem Klang der Sphären,

die seinen Preis jauchzten,

den Preis des Schaffenden,

und flog tastend mit seinen

schwarzen, schleppenden Fittichen

durch seine Schöpfung,

ein Schrecken den Menschlein

auf allen Gestirnen,

der große Lucifer.

DAS HOHELIED

Inhaltsverzeichnis

Singen will ich den Hochgesang,

den mit Sterngoldlettern

der heilige Geist der Erkenntnis

in den schwarzen Riesenschiefer

nächtigen Firmaments

leuchtend gegraben,

den jauchzenden Hochgesang,

des Kehrreim von zahllosen Chören

von Weltengeschlechtern das All durchtönt:

Auf allen Sternen ist Liebe!

Siehe, ich mass auf dem Feuerfittich

rascher Kometen die Bahnen der Ewigkeit,

durch tausend Planetenreigen

flog ich zitternden Geistes,

spähte und lauschte hinab

auf die kreisenden Bälle

mit überirdischen Sehnsuchtsinnen.

Und entgegen schwoll mir allewig

aus unzählbarer Lebenden Brüsten:

Auf allen Sternen ist Liebe!

Sahst du je ein liebendes Paar

sich vereinen zu seligem Kuss,

sahst du je der Mutterlippe

stummes Segengebet des Kindes

reinen Scheitel inbrünstig weihen,

sahst du je die stille Flamme

heiliger Freundschaft im Kusse brennen –

oh dann sang auch deine Seele,

stammelte schauernd die süsse Gewißheit:

Auf allen Sternen ist Liebe!

Trunken bin ich von diesem Liede,

das aus der Harfe der Ewigkeit hallt.

Oh meine Brüder auf wandelnden Welten,

deren Sonnen purpurne Kränze

um die Muttersonne des Alls

ewigen Rhythmus' Sturmschwung reisst,

grüssen lasst euch durch Aeonen!

Tausendgestaltiger Sterblicher Hymnen

Ein' ich des Menschengeschlechts Dithyrambe.

Auf allen Sternen ist Liebe!

Liebe! Liebe! durch die Unendlichkeit

ausgegossen, ein Strom erlösenden Lichts,

in das Nichts, die Nacht der Herzen

deine glühenden Wogen schlagend –

hebend aus dem Dumpfen das Heilige –

aus dem Chaos rettend und schaffend den Gott –

Gottheit auf die Stirn dem Menschen

prägend und ins schimmernde Aug ihm

Gottheit senkend – Liebe! Liebe!

Auf allen Sternen ist Liebe!

Liebe! Liebe! bist du die Mutter auch

aller Schmerzen, aller der Lebensqual,

wer erträgt um dich nicht alles,

stolzen Mutes, ein Held, ein Ringer!

Heilig sprechen wir Hass und Leid und Schuld,

denn wir lassen von dir nicht, oh Liebe!

Träges Verschlummern lockt uns nicht,

Leben und Tod soll ewig dauern,

denn wir wollen dich ewig, oh Liebe!

Auf allen Sternen ist Liebe!

Erden werden zu Eis erstarren

und ineinander stürzen,

Sonnen die eigene Brut verschlingen,

tausend Geschlechter und aber tausend

werden in Staub und Asche fallen:

aber von Ewigkeit zu Ewigkeit

bricht aus unzähliger Lebenden Brüsten

dreimal heilig und hehr das hohe Lied,

dreimal heilig des Lebens Preisgesang:

Auf allen Sternen ist Liebe!

ZWISCHEN WEINEN UND LACHEN

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Weinen und Lachen

schwingt die Schaukel des Lebens.

Zwischen Weinen und Lachen

fliegt in ihr der Mensch.

Eine Mondgöttin

und eine Sonnengöttin

stossen im Spiel sie

hinüber, herüber.

In der Mitte gelagert:

Die breite Zone

eintöniger Dämmerung.

Hält das Helioskind

schelmisch die Schaukel an,

übermütige Scherze,

weiche Glückseligkeit

dem Wiege-Gast

ins Herz jubelnd,

dann färbt sich rosig,

schwingt er zurück,

das graue Zwielicht,

und jauchzend schwört er

dem goldigen Dasein

dankbare Treue.

Hat ihn die eisige Hand

der Selenetochter berührt,

hat ihn ihr starres Aug,

Tod und Vergänglichkeit redend,

schauerlich angeglast,

dann senkt er das Haupt,

und der Frost seiner Seele

ruft nach erlösenden Tränen.

Aschfahl und freudlos

nüchtert ihm nun

das Dämmer entgegen.

Wie dünkt ihm die Welt nun

öde und schal.

Aber je höher die eine Göttin

die Schaukel zu sich emporzieht –

je höher

schiesst sie auch drüben empor.

Höchstes Lachen

und höchstes Weinen,

eines Schaukelschwungs

Gipfel sind sie.

Wenn die Himmlischen endlich

des Spieles müde,

dann wiegt sie sich

langsam aus.

Und zuletzt

steht sie still

und mit ihr das Herz

des, der in ihr sass.

Zwischen Weinen und Lachen

schwingt die Schaukel des Lebens.

Zwischen Weinen und Lachen

fliegt in ihr der Mensch.

IM TANN

Inhaltsverzeichnis

Gestern bin ich weit gestiegen,

abwärts, aufwärts, kreuz und quer;

und am Ende, gliederschwer,

blieb im Tannenforst ich liegen.

Weil' ich gern in heitrer Buchen

sonnengrünem Feierlichte,

lieber noch, wo Tann und Fichte

kerzenstarr den Himmel suchen.

Aufrecht wird mir selbst die Seele,

läuft mein Aug empor den Stamm:

Wie ein Kriegsvolk, straff und stramm,

stehn sie da, ohn Furcht und Fehle;

ernst, in selbstgewollter Busse,

nicht zur Rechten nicht zur Linken:

wer der Sonne Kuss will trinken,

hat im Dämmer keine Musse.

Denksam sass ich. Moose stach ich

aus des Waldgrunds braunem Tuch.

Und der frische Erdgeruch

tat mir wohl, und heiter sprach ich:

Wahrlich, ich vergleich euch Riesen

unerbittlichen Gedanken,

die sich ohne weichlich Wanken

Höhenluft der Wahrheit kiesen.

Philosophin Mutter Erde

hat euch klar und schlicht gedacht,

jeglichem zu Lehr und Acht,

wie man teil des Lichtes werde.

Stolz aus lauem Dämmer flüchten,

Rast und Abweg herb verachten,

nur das eine Ziel ertrachten –

also muss der Geist sich züchten.

Lang noch an den schlanken Fichten

sah ich auf mit ernstem Sinn.

Erde! Grosse Meisterin

bist du mir im Unterrichten!

Besser als Folianten lehren,

lehrst mich du, solang mein Leben.

Unerschöpflich ist dein Geben,

doch noch tiefer mein Verehren.

DER ZERTRÜMMERTE SPIEGEL

Inhaltsverzeichnis

Am Himmel steht ein Spiegel, riesengross.

Ein Wunderland, im klarsten Sonnenlichte,

entwächst berückend dem kristallnen Schoss.

Um bunter Tempel marmorne Gedichte

ergrünt geheimnisvoller Haine Kranz;

der Seen Silber dunkle Kähne spalten,

und wallender Gewänder heller Glanz

verrät dem Auge wandelnde Gestalten.

Wohl kenn ich dich, du seliges Gefild! ..

Doch was in heitrer Ruh erglänzt dort oben,

ist mehr als dein getreues Spiegelbild,

ist Irdisches zu Göttlichem erhoben.

Du zeigst ein friedsam wolkenloses Glück,

um das umsonst die Staubgebornen werben ...

Und doch! Auch du bist nur ein Schemenstück!

Ein Hauch-: Du schläfst im Grund in tausend Scherben.

Ein Hauch! .. Von düstren Wolken löst ein Flug

sich von der Felskluft Schautribünenstufen.

Um meinen Gipfel streift ihr dumpfer Zug,

als hätte sie mein fürchtend Herz gerufen.

Hinunter weist beschwörend meine Hand,

indes mein Aug nach oben bittet »Bleibe!« –

Umsonst! Ein Stoss zermalmt des Spiegels Rand,

und donnernd bäumt sich die gewaltige Scheibe

und stürzt, von tausend Sprüngen überzackt,

mit fürchterlichem Tosen in die Tiefen.

Der Abgrund schreit, von wildem Graun gepackt.

Blutüberströmt die Wolken talwärts triefen.

Fahlgrüner Splitterregen spritzt umher,

den Leib der Nacht zerschneidend und zerfleischend.

Mordbrüllend wühlt der Sturm im Nebelmeer

und heult in jede Höhle, wollustkreischend.

Der Berge Adern schwellen, brechen auf

und schäumen graue Fülle ins Geklüfte.

Ihr Flutsturz reisst verstreuter Scherben Hauf

unhemmbar mit in finstre Waldnachtgrüfte.

Es wogt der Forsten nasses Kronenhaar,

durchblendet von demantnem Pfeilgewimmel ..

Doch um die Höhen wird es langsam klar,

durch Tränen lächelt der beraubte Himmel.

Und bald verblitzt der letzten Scherbe Schein,

zum Grund gefegt vom Sturm- und Wellentanze.

Nur feiner Glasstaub deckt noch Baum und Stein

und funkelt tausendfach im Sonnenglanze ...

Ich schau, ich sinne, hab der Zeit nicht acht –:

Den Tag verscheuchte längst der Schattenriese.

Und aus der Tiefe predigen durch die Nacht

die Fälle vom versunknen Paradiese.

DAS KREUZ

Inhaltsverzeichnis

Die gestürzten Engel

schweben um den Berg.

Mit weissen, bleiernen Riesenfittichen

schleicht ihr Flug aus den Talen,

dass er die Höhen der Erde auch

todeskältend überfinstere,

dass im Schweigen der Nacht

endlich das Leben sterbe.

Lebendige Flammen

entrief ich dem Fels

zum Schutze.

In goldenem Zorn

leuchtet das Berghaupt.

Aber die heisseste Stirn,

das glühendste Aug

ist nicht lange gefeit,

wo solcher Flügel

grabkalte Bahrtücher

der Vernichtung eisige Schauer

ins Haupt schatten.

Und fahles Grauen

würgt mir die Kehle

und reisst einen Schrei mir

aus der Brust

und wirft ihn hinaus

in die Finsternisse ..

Vom grauen Fittichgewölbe

fällt er ohnmächtig

in mich zurück.

Im Schein der mühsam

kämpfenden Lohe

trete ich, halb von Sinnen,

zum Rande des Abgrunds

und breite, wie prüfend,

die Arme aus.

Da zucken die Nebelgespenster

grausengepackt zusammen.

Ihr schnürender Reigen

löst sich, zerstreut sich.

In wildem Entsetzen

rasen heulend die Satane

um den Gipfel.

Ich aber erkenne

auf der zitternden Wand

ihrer Flügelflucht

ein mächtiges, schwarzes Kreuz.

Meines Körpers

kreuzförmiger Schatte

quält triumphierend

die Engel des Todes

hinweg, hinab,

zurück in ihr trauriges Reich.

Ich stehe noch lange,

die Arme gebreitet,

doch nicht mehr in Angst

noch als Wehr,

nein! jetzt als Gruss

und heilige Ehrung

den tausend lächelnden Lichtaugen

des unsterblichen Alls.

DIE VERSUCHUNG

Inhaltsverzeichnis

Der alte, ehrwürdige Herr

mit dem grossen Bart

war heute bei mir.

»Ich habe dich gestern gerettet!«

sagte er freundlich.

»Den Einfall, die Arme

zur Kreuzform zu strecken,

hab ich dir gesteckt.«

Ich schüttelte dankbar

die biedere Rechte.

Er aber drohte mir

mit dem Finger:

»Ein Schelm bleibst du doch!

Ich traue dir nicht.

Doch höre!«

Und er kniff mir den Arm

und zeigte mir rings

die Lande –:

»Dies alles soll dein sein,

wenn du hier hinfällst

und mich anbetest.«

Der Arme, er wusste nicht,

dass Erde und Himmel

durch Phanta längst mein war.

»Nun, willst du nicht?«

rief er halb ängstlich

halb ärgerlich.

Ich aber machte ihm

schnell eine kalte Kompresse

um die erhitzten Schläfen

und führte ihn sorgsam

den Berg hinunter.

Auf halber Höhe

traf ich den großen Pan.

Er wollte gerade

eine Windhosen-Orgel bauen.

Doch ich entriss ihn

dem kühnen Projekte

und stellte ihm

seinen greisen Kollegen vor.

»Alte Bekanntschaft!« rief Pan

und zog die krumme Nase

missmutig noch krümmer.

»Vielleicht hilft er dir

bei der Windhosen-Orgel!«

schlug ich begütigend vor.

Das leuchtete ein.

Arm in Arm

zogen die beiden ab.

Ich aber stieg,

ein freier, glückseliger Mensch,

singend wieder empor

auf meine herrlichen,

klaren, einsamen Höhen.

DER NACHTWANDLER

Inhaltsverzeichnis

Sanfter Mondsegen über den Landen.

Schlafstumm Berge, Wälder, Tale.

In den Hütten erstorben die Herde;

an den Herden eingenickte Grossmütter,

zu deren Knieen offne Enkel-Mäulerchen

unter verhängten Aeuglein atmen.

Auf Daunen und Strohsack

schnarchendes Laster, schnarchende Tugend.

Wachend allein: Diebe, Dichter,

Wächter der Nacht, und auf Gassen, in Gärten

und in verschwiegenen Kammern

lispelnde Liebe.

Sanfter Mond! du segnest, weil du nichts andres kannst. Aber am Herzen zehren dir Neid und Groll, weil die Menschen dich also missachten, dass sie zu Bett gehn, wenn du kommst. Aergerlich ziehn sie die Vorhänge zu: und du stehst draussen und – segnest milde deine Verächter.

Sanfter Mond! manchmal auch

lugen Herrschergelüste gefährlich vor

unter deiner Demut.

Dann rufst du in verträumte Gehirne:

»Auf! auf!

Ich bin die Sonne!

Kommt: es ist Tag!«

Und der blöden Schläfer

glaubt es dir mancher

und steigt ernsthaft

aus seinen Kissen

und geht gravitätisch

über die Dächer.

Scheel sehen die Kater ihn an.

Er aber wandelt und klettert,

als hätt ihm sein Arzt

die Alpen verschrieben.

Wie? Freundchen!

Hätt ich dich heut gar ertappt?

Mir dünkt, da unten

kam solch ein Wandler!

Armer Fremdling,

– besser: Hemdling –,

wer bist du?

Welchem Bette entflohst du?

Opferlamm

mondlicher Lüsternheit,

meilenweit musst du gewandert sein!

Redet er nicht im Schlaf? horch!

»Wer ich bin? ...

Eine lebendige Litfass-Säule

Etiquettiert von oben bis unten: –

Staatsbürger,

Gemeindemitglied,

Protestant,

Hausbesitzer,

Ehemann,

Familienvater,

Vereinsvorstand,

Reserveleutnant,

Agrarier,

Christlicher Germane,

Antisemit,

Deutschbündler,

Socialmonarchist,

Bimetallist,

Wagnerianer,

Antinaturalist,

Spiritist,

Kneippianer,

Temperenzler –«

»Wie!« ruf ich,

»und nie Mensch?«

Aber da reisst

der Schläfer die Augen auf,

und – »Mensch?«

von verzerrten Lippen heulend,

stürzt er,

fehltretend,

die Felswand hinab,

von Zacke zu Zacke

im Bogen geschleudert.

Ich aber,

ich »Mörder«,

muss unbändig lachen.

Ich kann nicht anders –

Gott helfe dem Armen!

Amen!

ANDRE ZEITEN, ANDRE DRACHEN

Inhaltsverzeichnis

Immer nicht an Mond und Sterne

mag ich meine Blicke hängen –:

Ach man kann mit Mond und Sternen,

Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen

allzuleichtlich kokettieren,

hat man solch ein schelmisch Weibchen

stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden

meine Augen in die Tiefe.

Hier und da ein Hüttenlichtlein;

auch ein Feuer, dran sich Hirten

nächtliche Kartoffeln braten –

wenig sonst im dunklen Grunde.

Doch! da drunten seh ich eine

goldgeschuppte Schlange kriechen ...

Hocharomatisches Erspähnis!

Kommst du wieder, trautes Gestern,

da die Drachen mit den Kühen

friedlich auf den Almen grasten,

wenn sie nicht grad Flammen speien

oder Ritter fressen mussten –

da der Lindwurm in den Engpass

seinen Boa-Hals hinabhing

und mit grünem Augenaufschlag

Dame, Knapp und Maultier schmauste

kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-

Ungetüm da drunten ist ein

ganz modernes Fabelwesen,

unersättlich zwar, wie jene

alten Schlangen, doch auch wieder

jenem braven Walfisch ähnlich,

der dem Jonas nur auf Tage

seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüsse froh dich

von den Stufen meines Schlosses!

Denn ob mancher dich auch schmähe

als den Störer stiller Lande,

und die gelben Humpeldrachen,

die noch bliesen, noch nicht pfiffen,

wiederwünschte, – ich bekenne,

dass ich stolz bin, dich zu schauen.

Höher schlägt mir oft das Herze,

seh ich dich auf schmalen Pfaden

deine Wucht in leichter Grazie

mit dem Flug der Vögel messen

und mit Triumphatorpose

hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis

Geistessiegs ob StofFesträgheit!

Gleichnis bist du neuer Zeit mir,

die, jahrtausendalter Kräfte

Erbin, Sammlerin, sie spielend

zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,

andre Drachen, andre Märchen,

andre Märchen, andre Mütter,

andre Mütter, andre Jugend,

andre Jugend, andre Männer –:

Stark und stolz, gesund und fröhlich,

leichten, kampfgeübten Geistes,

Überwinder aller Schwerheit,

Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

DIE WEIDE AM BACHE

Inhaltsverzeichnis

Weißt du noch, Phanta,

wie wir jüngst

eine Nyade,

eine der tausend

Göttinnen der Nacht,

bei ihrem Abendwerk

belauschten?

Einer Weide

half sie, sorglich

wie eine Mutter,

ins Nachthemd,

das sie zuvor

aus den Nebel-Linnen des Bachs

kunstvoll gefertigt.

Ungeschickt

streckte der Baum die Arme aus,

hineinzukriechen

ins Schlafgewand.

Da warf es die Nymphe

lächelnd ihm über den Kopf,

zog es herab,

strich es ihm glatt an den Leib,

knöpfte an Hals und Händen

es ordentlich zu

und eilte weiter.

Die Weide aber,

in ihrem Nachtkleid,

sah ganz stolz

empor zu Lima.

Und Lima lächelte,

und der Bach murmelte,

und wir beide,

wir fanden wieder einmal

die Welt sehr lustig.

ABENDDÄMMERUNG

Inhaltsverzeichnis

Eine runzelige Alte,

schleicht die Abenddämmerung,

gebtickten Ganges

durchs Gefild

und sammelt und sammelt

das letzte Licht

in ihre Schürze.

Vom Wiesenrain,

von den Hüttendächern,

von den Stämmen des Walds,

nimmt sie es fort.

Und dann

humpelt sie mühsam

den Berg hinauf

und sammelt und sammelt

die letzte Sonne

in ihre Schürze.

Droben umschlingt ihr

mit Halsen und Küssen

ihr Töchterchen Nacht

den Nacken

und greift begierig

ins ängstlich verschlossene

Schurztuch.

Als es sein Händchen

wieder herauszieht,

ist es schneeweiss,

als war es mit Mehl

rings überpudert.

Und die Kleine,

längst gewitzt,

tupft mit dem

niedlichen Zeigefinger

den ganzen Himmel voll

und jauchzt laut auf

in kindlicher Freude.

Ganz unten aber

macht sie einen grossen,

runden Tupfen –

das ist der Mond.

Mütterchen Dämmerung

sieht ihr mit mildem

Lächeln zu.

Und dann geht es

langsam

zu Bette.

AUGUSTNACHT

Inhaltsverzeichnis

Stille, herrliche Sommernacht!

Silberfischlein springen lustig

in dem himmlischen Meer.

Hochauf schnellen

die zierlichen Leibchen sich,

blitzschnell.

wieder verschwindend.

Hinter grauen Wolkenklippen

gleisst es verdächtig.

Da kauert arglistig

der Mann im Mond –

und fischt.

Verstohlene, seidene

Angelschnüre

wirft er hinab

in die arglose Flut.

Ach! und nun

zappelt auch schon

ein armer Weissling

am Haken

und fliegt

im weiten Bogen

hinauf zu den grauen,

hässlichen Klippen ...

mir ist,

ich höre ein leises,

behäbiges Lachen.

MÄDCHENTRÄNEN

Inhaltsverzeichnis

Die schönen, blauen Augen des Himmels

hängen voll trüber Nebelschleier,

und unter verstohlenen Schluchzern

strömen graue Güsse zur Erde nieder.

Auf traurigen Häuptern tragen die Bäume

das schwere Tränenweh, die Bäche

hetzen verstört sich talwärts, mürrisch

vermummt sich der Berg in weisser Wolle.

Und das alles?

Weil mit allzuglühender Lippe

der liebesrasende, ungestüme Sonnengott

des Morgenhimmels reine, kühle Mädchenunschuld

bestürmt und die tief errötende Geliebte

mit allzuversengenden Küssen

in ihrer jungfraustillen Seele

fassungslos aufgewühlt.

Wie ein Krampf packte die Leidenschaft

den überwältigten Herzensfrieden ...

Und all die verwirrten Gefühle

lösten und schütteten sich aus

in einem grossen Weinen.

Mählig verebben die Seufzer.

Versöhnlicher, weicher wird das Herz.

Und schon sehe ich wieder ein halbes Lächeln,

ein warmes Winken

undämmbar aufdrängender Liebe

in den schönen, blauen Augen.

LANDREGEN

Inhaltsverzeichnis

Auf der Erde

steht eine hohe, gewaltige,

tausendsaitige Regenharfe.

Und Phanta

greift mit beiden

Händen hinein

und singt dazu –:

Monoton,

wie ein Indianerweib,

immer dasselbe.

Die Lider werden mir

schwer und schwerer.

Nach langem Halbschlaf

erwach ich wieder, –

reibe verstört mir

die trägen Augen –:

auf der Erde

steht eine hohe, gewaltige,

tausendsaitige Regenharfe.

DER BELEIDIGTE PAN

Inhaltsverzeichnis

Auf der Höhlung

eines erstorbenen Kraters

blies heute Pan,

wie Schusterjungen

auf Schlüsseln pfeifen.

Er pfiff »die Welt« aus,

dies sonderbare,

zweideutige Stück

eines Anonymus,

das Tag für Tag

uns vorgespielt wird

und niemals endet.

Oh pfeife doch minder,

teuerer Waldgott!

Halt Einkehr, Pan!

Wer hiess Dich denn

unter Menschen gehen? ..

MONDAUFGANG

Inhaltsverzeichnis

In den Wipfeln des Walds,

die starr und schwarz

in den fahlen Dämmerhimmel

gespenstern,

hängt eine grosse,

glänzende Seifenblase.

Langsam löst sie sich

aus dem Geäst

und schwebt hinauf

in den Aether.

Unten im Dickicht

liegt Pan,

im Munde

ein langes Schilfrohr,

dran noch der Schaum

des nahen Teiches

verkrustet schillert.

Blasen blies er,

der heitere Gott:

die meisten aber

platzten ihm tückisch.

Nur eine

hielt sich tapfer

und flog hinaus

aus den Kronen.

Da treibt sie schimmernd,

vom Winde getragen,

über die Lande.

Immer höher steigt

die zerbrechliche Kugel.

Pan aber blickt

mit klopfendem Herzen –

verhaltenen Atems –

ihr nach.

MONDBILDER

Inhaltsverzeichnis

I

Der Mond steht da

wie ein alter van Dyck:

ein rundes, gutmütiges

Holländergesicht

mit einer mächtigen,

mühlsteinartigen,

cremefarbenen

Halskrause.

Ich möcht ihn

wohl kaufen,

den alten van Dyck!

Aber ich fürchte,

er ist im Privatbesitz

des Herrn Zebaoth.

Ich müsste den Ablass

wieder in Schwung bringen!

Vielleicht liess er ihn

dafür mir ab ...

Hm.

Hm.

II

Eine goldene Sichel

in bräunlichen Garben,

liegt der Mond

im broncenen Gewölk.

Mag da weit

die Schnitterin sein?

Ich meine,

die Schwaden bewegen sich –

oh, ich errate alles!

Ins Aehrenversteck

zog wohl ein Gott

die emsige Göttermaid, –

irgend ein himmlischer

Schwerenöter der Liebe,

Jupiter-Don Juan

oder Wodan-Faust ..

In frohem Schreck

liess sie die Sichel fallen ...

Oh, Ihr königlich freien,

heiter geniessenden,

seligen Götter!

III

Gross über schweigenden

Wäldern und Wassern

lastet der Vollmond,

eine Aegis,

mit düsterem Goldschein

alles in reglosen Bann

verstrickend.

Die Winde

halten den Atem.

Die Wälder ducken sich

scheu in sich selbst hinein.

Das Auge des Sees

wird stier und glasig –:

als ob eine Ahnung

die Erde durchfröre,

dass dieser Gorgoschild

einst ihren Leib

zertrümmern werde ..

Als ob eines Schreies

sie schwanger läge,

eines Schreies voll Grausen,

Voll Todesentsetzen ..

Εσσετι ηµαρ!

IV

Durch Abendwolken fliegt ein Bumerang,

ein goldgelbes Bumerang.

Und ich denke mir: Heda!

Den hat ein Australneger-Engel

aus den seligen Jagdgründen

dorthin geschleudert –

vielleicht aus Versehen!?

Der arme Nigger!

Am Ende verwehrt ihm ein Cherub,

über den himmlischen Zaun zu klettern,

damit seine Waffe

er wieder hole ...

Oh, lieber Cherub,

ich bitte für den Nigger!

Bedenke:

es ist solch ein schönes,

wertvolles,

goldgelbes Bumerang!

ERSTER SCHNEE

Inhaltsverzeichnis

Die in Wolkenkukuksheim

zerreissen ihre Manuskripte,

und in unzähligen,

weissen Schnitzelchen

flattert und fliegt es mir

um die Schläfen.

Die Unzufriednen!

Nie noch blieben

der Lieder sie froh,

die im Lenz

ihnen knospeten,

nie noch

der dithyrambischen Chöre,

die durch glühende Julinächte

von ihren Munden

wie Donner brachen.

Immer wieder

zerstören gleichmütig sie,

was sie gedichtet:

und in unzähligen,

weissen Stückchen

flattert es

aus dem grauen Papierkorb,

den sie schelmisch

zur Erde kehren.

Grosse, redliche Geister!

Ich, der Erde armer Poet,

versteh Euch.

Wenn wir uns selbst genügen wollen, ehrlich Schaffende wir, müssen wir unsren Gedanken wieder all die bunten Hüllen ausziehn. Ach! allein in der Maske des Worts wird unser Tiefstes dem Nächsten sichtbar!

Ihr Stolzen verschmäht es,

den Wortewerken,

die Ihr erschuft,

Dauer zu leihen,

und ihr könnt es –

denn Ihr seid Götter!

Keiner von Euch

will Trost, will Erlösung,

weiss von dem Wahnsinn

Glückes und Leides:

in Euch selbst

seid Ihr Euch ewig genug!

Aber wir Menschen,

wir Selig-Unseligen,

tief in gemeinsame Lose

verstrickten,

müssen einander

die Herzen erschliessen,

müssen einander

fragen, belehren,

trösten, befreien,

stärken, erheitern,

und zu all Dem

raten und planen,

formen und bauen,

rastlos, mühvoll,

an dem Menschheitstempel

»Kultur«.

Ich stehe stumm

in den wirbelnden Flocken

und denke mit Schwermut

meines Stückwerks.

Doch streue ich selbst

nichts in den lustigen Tanz.

Meine Werke, Ihr Götter,

stürben wie roter Schnee,

wollt ich sie opfern!

Ich schrieb mit Herzblut ...

Homo sum.

TALFAHRT

Inhaltsverzeichnis

Die du im ersten

jungfräulichen Schnee

dort am fallenden Hang

ahnungsvoll schläfst,

talbrünstige Lawine!

Wach auf!

Und trage mich!

wildestes Ross,

wieder hinab

in der Menschen Gefilde!

– – – – – – – – – – –

Die zierliche Flocke

bewegt sich .. wächst .

Und stürmt immer toller

von Fels zu Fels ...

Ich springe ihr nach

und fasse beherzt

in ihr weisses,

wehendes Mähnenhaar,

indessen Phanta

den Renner lenkt,

wie auf rollender Kugel

die Göttin des Glücks,

hochaufgerichtet

und furchtlos.

– – – – – – – – – – –

Wir sind am Ziel.

Vom Laufe ruht

im Bach des Tals

das Rösslein aus.

Ich flieg auf weichen

Wiesenplan,

und lächelnd

hilft mir Phanta auf.

Und dann – zerbricht sie

ihren Stab.

– – – – – – – – – – –

EPILOG

Inhaltsverzeichnis

Am Schreibtisch finde ich mich wieder,

als wie aus krausem Traum erwacht ..:

Vor mir ein Buch seltsamer Lieder,

und um mich stille Mondesnacht.

Ich schaue auf den kleinen Ort,

aus dem mein Geist im Zorn geflohn: –

Nachtwächter ruft sein Hirtenwort

zu greiser Turmuhr biedrem Ton ..

Wie knochige Philisterglatzen

erglänzt des Pflasters holprig Beet ..

Und auf den Giebeln weinen Katzen

um ein versagtes tête-a-tête.

Euch also, winklige Gemäuer,

durchschnarcht von edlen Atta Trolls,

bewarf ich einst mit wildem Feuer

aus den Vulkanen meines Grolls!

Ich sah in eurer Kleinlichkeit

die Welt, die in mir selbst ich trug:

es war ein Stück Vergangenheit,

das ich in eurem Bild zerschlug.

Von oben hab ich lachen lernen

auf euer enges Kreuz und Quer!

Wer Kurzweil trieb mit Sonn und Sternen,

dem seid ihr kein Memento mehr!

In tiefentzückten Weihestunden

fernab dem Staub der breiten Spur,

hab ich mich wieder heimgefunden

zum Mutterherzen der Natur!

In ihm ist alles gross und echt,

von gut und böse unentweiht:

Schönheit ist Kraft ihm, Kraft ihm Recht,

sein Pulsschlag ist die Ewigkeit.

Wen dieser Mutter Hände leiten

vom Heut ins Ewige hinein,

der lernt den Schritt des Siegers schreiten,

und Mensch sein heisst ihm König sein!

Auf vielen Wegen

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Träume

Hirt Ahasver

Die Irrlichter

Mensch und Möwe

Der Schuss

Der gläserne Sarg

Der Stern

Der Besuch

Das Bild

Malererbe

Das Äpfelchen

Rosen im Zimmer

Kinderglaube

Vom Tagwerk des Todes

Der Sämann

Vöglein Schwermut

Der Tod und das Kind

Der Tod und der Müde

Der Tod und der einsame Trinker

Der fremde Bauer

Der Tod in der Granate

Im Nebel

Am Ziel

Die Gedächtnistafel

Am Moor

Im Fieber

Eine Großstadt-Wanderung

Vier Elementarphantasien

Meeresbrandung

Erdriese

Der Sturm

Die Flamme

Gedichte vermischten Inhalts

Kleine Geschichte

Der vergeßene Donner

Das Häuschen an der Bahn

Amor der Zweite

Der zeitunglesende Faun

Goldfuchs, Schürz' und Flasche

Die Brücke

Der Tag und die Nacht

Der Schlaf

Pflügerin Sorge

Legende

Die apokalyptischen Reiter

Parabel

Das Ende

Der Born

Der Urton

Der einsame Turm

Waldluft

Aufforderung

Krähen bei Sonnenaufgang

Das Häslein

Mittag-Stille

Sommernacht im Hochwald

Mattenrast

Bergziegen

Der alte Steinbruch

Beim Mausbarbier

Elbenreigen

»Ur-Ur«

Geier Nord

Fusch-Leberbrünnl

Vor einem Gebirgsbach

Morgen

Und doch!

Nebel im Gebirge

Vor zurückgeschickten Versen

Abendliche Wolkenbildung

Abendbeleuchtung

»Dichter«?

Briefe

Vor einem Wasserfall

»Leberbrünnl«-Schlucht

Natur spricht

Ich antworte

Nebel ums Haus

Zum Abschied an F.-L.

Anmutiger Vertrag

Die beiden Nonnen

Am See

Auf dem Strome

Frage

Sehnsucht

Friede

Bestimmung

Brief an Georg Hirschfeld

Widmung
Meinem Freunde Friedrich Kayssler

Inhaltsverzeichnis

Wär' der Begriff des Echten verloren,

in Dir wär' er wiedergeboren.

Als Haß mir nach der Wurzel schlug,

warst Du bei mir, das war genug,

hast mir zu Deinem Leben

das meine neu gegeben.

Zehn Jahre zusammen!

Es löst sich der Dunst.

Auf schlagen die Flammen

Unserer Kunst.

Träume
Hirt Ahasver

Inhaltsverzeichnis

Ich träumte jüngst, mir träumte, daß ich träumte,

daß ich geträumt, geträumt zu haben hätt',

wie Ahasver mit zweimal sieben Kühen,

den sieben magern und den sieben fetten,

im Mondschein übers Moor gewandert wär',

worüber selbst ein später Weg mich wies.

»Ei guten Abend, Meister Ahasver,« –

begrüßt ich keck ihn, daß ein magres Tier

erschreckt zur Seite setzte, – »Was ist das?

Ihr treibt die vierzehn Kühe durch die Welt?«

Verächtlich schoß des Alten Blick nach mir,

und zornig murmelnd zog er einer fetten

den lauten Stecken übers Hinterteil.

Heidi! wie sich die Rinderbeine regten,

die magern immer flink voran, dahinter

mit schwipp und schwapp der Hängebäuche Trott;

bis Fern' und Dämmrung endlich sie verschlang,

und nur des Hirten wehnder Weißbart noch

ein Weilchen aus den Weiten schimmerte ...

Doch mir verschob sich alles nun. Und weiter

flog hin und her das Webeschiff des Traums.

Die Irrlichter

Inhaltsverzeichnis

Ein Irrlicht, schwebt ich heut im Traume

auf einem weiten, düstren Sumpfe,

und um mich der Gespielen Reigen

in wunderlich geschlungnen Kränzen.

Wir sangen traurig-süße Lieder

mit leisen, feinen Geisterstimmen,

viel feiner als die lauten Grillen,

die fern im Korn eintönig sangen.

Wir sangen, wie das harte Schicksal

uns wehre, daß wir Menschen würden:

So oft schon waren wir erschienen,

wo sich zwei Liebende vereinten,

doch immer, ach, war schon ein andres

Irr-Seelchen uns zuvorgekommen,

und seufzend hatten wir von neuem

zurück gemußt zum dunklen Sumpfe.

So sangen wir von unsern Leiden –

als uns mit einem Mal Entsetzen

in wirren Läufen huschen machte.

Ein Mensch entsprang dem nahen Walde

und lief verzweifelten Gebarens

gerade auf uns zu –: Der Boden

schlug schwankend, eine schwere Woge,

dem Armen überm Haupt zusammen.

Verstummt zu zitterndem Geflüster

umschwirrten wir die grause Stelle ...

Bald aber sangen wir von neuem

die alten traurig-süßen Lieder.

Mensch und Möwe

Inhaltsverzeichnis

Eine neugierkranke Möwe,

kreiste ich zu Häupten eines

Wesens, das in einen weiten

dunklen Mantel eingewickelt,

von dem Kopfe einer Bune

auf die grüne See hinaussah.

Und ich wußte, daß ich selber

dieses Wesen sei, und war mir

dennoch selbst so problematisch,

wie nur je dem klugen Sinne

einer Möwe solch ein dunkler

Mantelvogel, Mensch geheißen.

Warum blickt dies große, stumme,

rätselhafte Tier so ernsthaft

auf der Wasser Flucht und Rückkehr?

Lauert es geheimer Beute?

Wird es plötzlich aus des Mantels

Schoß verborgne Schwingen strecken,

und mit schwerem Flügelschlag den

Schaum der weißen Kämme streifen?

So und anders fragte rastlos

mein beschränktes Möwenhirn sich,

und in immer frechern Kreisen

stieß ich, kläglich schreiend, oder

ärgerlich und höhnisch lachend,

um mich selber ... Da erhob sich

aus dem Meere eine Woge ...

stieg und stieg ... Und Mensch und Möwe

ward verschlungen und begraben.

Der Schuss

Inhaltsverzeichnis

»Nimm die Fahne!« – »gib!« – und weiter –

Leichenhügel – Gräben – Hecken –

Donnern – Brausen – Knattern – Pfeifen –

Stöhnen – Schreien – Wimmern – Schnaufen –

Pulverschleier – Kugelregen –

»vorwärts, Kameraden!« – »hurra!« –

blaue Gruppen – springend – stürzend –

Flüche – Bitten – Seufzer – Pfiffe –

Tiergesichter – Fetzen Fleisches –

Blut in Rinseln – Bächen – Lachen –

wildgewälzte Pferdeleiber –

Sterbende – zerstampft – zerrissen –

Arme – Hände – hemmend – heischend –

fortgestoßen – »vorwärts!« –»hurra!« –

»nieder!« – »Feuer!« – »auf!« – »Attacke!« –

»ah!« – »da!« – »Mar–!« – »ich!« – »hier!« – »die Fahne!« – –

Und ich stürze tot zusammen.

Jäh schreck' ich auf –:

Im Hause fällt ein Schuß.

Der gläserne Sarg

Inhaltsverzeichnis

Zwölf stumme Männer trugen mich

in einem Sarge von Kristall

hinunter an des Meeres Strand,

bis an der Brandung Rand hinaus.

So hatte ich's im Testament

bestimmt: Man bette meinen Leib

in einem Sarge von Kristall

und trage ihn der Ebbe nach,

bis sie den tiefsten Stand erreicht.

Der Sonne ungeheurer Gott

stand bis zum Gürtel schon im Meer:

An seinem Glanze tränkte sich

wollüstig noch einmal die Welt.

Ich selber lag in rotem Schein

wie ein Gebilde aus Porphyr.

Da streckte katzengleich die Flut

die erste Welle nach mir aus.

Und ging zurück und schob sich vor

und tastete am Sarg hinauf

und wandte flüsternd sich zur Flucht.

Und kam zurück und griff und stieß

und raunte lauter, warf sich kühn

darüber, einmal, viele mal.

Und blieb, und ihrer Macht gewiß,

umlief frohlockend sie mein Haus

und pochte dran und schäumte auf,

als ihrer Faust es widerstand.

Und hoch und höher wuchs und wuchs

das Wasser um mein gläsern Schloß.

Nun wankte es, als hätt' ein Arm

und noch ein Arm es rauh gepackt,

und scholl in allen Fugen, als

ein Wellenberg auf ihm sich brach

und es wie ein Lawinensturz

umdröhnte und verschüttete.

Und langsam wich der nasse Sand.

Und seitlings neigte sich der Sarg.

Und, unterwühlt und übertobt,

begann er um sich selber sich

schwerfällig in die See zu drehn.

Zu mächtig, daß die Brandung ihn

zum Strand zu schleppen hätt' vermocht,

vergrub er rollend sich und mich

in totenstillen Meeresgrund.

So lag ich denn, wie ich gewollt.

Und dunkle Fische zogen still

zu meinen Häupten hin und her.

Und schwarzer Seetang überschwamm

mein Grab. Und mein Bewußtsein schwand.

Der Stern

Inhaltsverzeichnis

Ich träumt einmal, ich läg, ein blasser Knabe,

in einem Kahne schlafend ausgestreckt,

und meiner Lider fein Geweb durchflammte

der hohen Nacht geheimnisvoller Glanz.

Und all mein Innres wurde Licht und Schimmer,

und ein Entzücken, das ich nie gekannt,

durchglühte mich und hob mein ganzes Wesen

in eine höhere Ordnung der Natur.

Ein leises Tönen hielt mich hold umfangen,

als zitterte in jedem Sternenstrahl

der Ton der Heimat, die ihn hergesendet.

Ein Ton vor allen aber traf mein Herz

und ließ die andern mehr und mehr verstummen

und tat sich auseinander wie der Kelch

der Königin der Nacht und offenbarte

auf seinem Grunde mir sein süßes Lied ...

»Wir grüßen dich in deine stillen Nächte,

als deiner Zukunft tröstliche Gewähr,

es schalten ungeheure Willensmächte

in unsrer Tage blindem Ungefähr.

Sie ziehn dich von Gestaltung zu Gestaltung,

heut schleppst du dich noch schweren Schrittes hin,

doch bald begabt dich freiere Entfaltung

mit reicherer Natur und höherm Sinn.

So wandeln wir auf leichten Tänzerfüßen,

die wir dereinst auch dein Geschick geteilt,

und dürfen dich mit einem Liede grüßen,

das dich auf Strahlen unsres Sterns ereilt.

Oh flüchte bald nach unsern Lustgefilden,

und laß der kalten Erde grauen Dunst,

Oh sähst du, zu welch göttlichen Gebilden

uns schuf des Schicksals heiß ersehnte Gunst!

Auf Blumen wandeln wir wie leichte Falter,

aus Früchten saugen wir der Kräfte Saft,

uns ficht kein Elend an, zerbricht kein Alter,

der frühern Leiden lächelt unsre Kraft.

Denn allzu schön, als daß wir uns entzweiten,

erschuf uns das Gestirn, das uns gebar, –

wir können uns nicht Schmerz und Not bereiten,

die Schönheit macht uns aller Feindschaft bar!

Wir lieben uns aus tiefsten Herzensgründen,

wir trinken unsres Anblicks Glück und Huld,

wir wissen nichts wie ihr von fahlen Sünden,

und keinen ängstigt das Gespenst der Schuld.

Oh komm! daß sich die dornenlose Rose

auch deiner Schläfe duftend schmiegen kann!

Die schönste Schwester diene deinem Lose

und schenke dich dem schönsten Mann – oh komm –!«

Da unterbrach ein dumpfer Glockenton

die reinen, feinen Stimmen jener Welt.

Ich richtete mich halb im Bette auf –

und sah viel Sterne durch mein Fenster glühn ...

und sank zurück. Und weiter floß die Nacht.

Der Besuch

Inhaltsverzeichnis

Wie doch ein Traum so traurig stimmt,

wenn unser Geist Vergangenheit

und Gegenwart als Eines nimmt!

Ich saß bei dir im Brautgemach

und sprach von deinem Bräutigam,

und wie so alles anders kam ...

Und lachte hell und scherzte laut ...

Doch endlich ward mein Sinn zu schwer –

du warst ja eines andern Braut!

Ein Garten lag vor deinem Haus,

da trug ich meinen Schmerz hinein

und weinte meine Wehmut aus.

Und als ich wiederkam, da schien,

als ahntest du, was mich erregt,

und selber wardst du sanft bewegt.

Dein Mütterlein umfing mich still,

sie wußt' um die geheime Lieb',

die stumm in mir ihr Wesen trieb.

Wir setzten uns den Tisch umher ...

Du hattest alles selbst gekocht –

doch mir, mir mundete nichts mehr.

Das Bild

Inhaltsverzeichnis

Aus seinem Rahmen trat dein Bild

und schlang den Arm mir ums Genick –

und, eingewurzelt Blick in Blick,

durchgingen wir ein fremd Gefild ...

Und gingen stumm und unverwandt

und tranken unsrer Seelen Glanz

und wurden eine Seele ganz

und fühlten, was wir nie gekannt ...

Da schlug ein Lärm an unser Ohr –

ich sprach ein Wort – du fuhrst zurück –.

Zerflossen war das kurze Glück,

und alles wieder wie zuvor.

Malererbe

Inhaltsverzeichnis

Die Spanne, die nicht Träumen ist noch Wachen,

beschenkt mich oft mit seltsamen Gedichten:

Der Geist, erregt, aus Chaos Welt zu machen,

gebiert ein Heer von landschaftlichen Sichten.

Da wechseln Berge, Täler, Ebnen, Flüsse,

da grünt ein Wald, da türmt es sich graniten,

da zuckt ein Blitz, da rauschen Regengüsse,

und Mensch und Tier bewegen sich inmitten.

Das sind der Vordern fortgepflanzte Wellen,

die meinen Sinn bereitet und bereichert,

das Erbe ihrer Form- und Farbenzellen,

darin die halbe Erde aufgespeichert.

Das Äpfelchen

Inhaltsverzeichnis

Auf einer Wiese, der sich hier und dort

ein reich beschwerter Apfelbaum enthob,

ergötzten wir, ein Häuflein Freunde, uns,

mit grünem Obst uns scherzend zu bekriegen.

Ich lag im Gras, entsandte, deckte mich,

erspähte Blößen, wurde selbst getroffen –

da plötzlich stand, wer weiß, woher sie kam,

die Liebste meiner Knabenzeit vor mir

und winkte, wie zu zarter Fehde fordernd,

mir zu, – daß ich ein unreif Äpfelchen

gemeßnen Schwungs nach ihrer Wange schickte.

Oh wie viel Liebe da aus ihren Augen,

aus ihrem Lächeln brach, als, leicht errötend,

sie sich ein wenig nun herunterbeugte

und schelmisch drohte – wieviel tiefe Liebe!

Mein Auge floh vor so viel süßem Glück,

und sehnend streckt' ich meine Rechte aus

und faßte ihres Kleides reinen Saum,

ihn, wie aus Reue meiner Tat, zu küssen.

Da ging mein Glück wie ein Gewebe auf ...

Und andre Bilder spann mein träumend Hirn.

Rosen im Zimmer

Inhaltsverzeichnis

Ich stand, eine Vase

voll üppiger Rosen,

auf einer Konsole

am Lager der Liebsten

und goß überschwengliche

Gluten und Düfte

ins mondige Dämmer

der magdlichen Kammer.

Aufseufzte das Mädchen

und streckte das weiße

Gelenk ihrer Linken

nach mir und umschloß mich

und hob mich hinüber –

und alles im Schlafe.

Da schwankte die Vase,

und all meine Rosen

entfielen ihr lodernd

und hüllten in Purpur

das brüstliche Linnen:

Aufschlugen erschreckt sich

zwei glänzende Augen –

und sahn mich, den Menschen,

sich über sie beugen ...

Ich aber – ihr Götter! –

mich über sie neigend,

ich ward meines Kusses

betrogen! –: Nur Rosen,

worauf ich mich neigte!

Kein Liebchen, kein Lager,

kein Zimmer, kein Ort mehr –

nur Rosen, nur Rosen!

Ich stürzte in Rosen –

durch Rosen – auf Rosen ...

bis quälende Schmerzen

der Schläfe mich weckten.

Kinderglaube

Inhaltsverzeichnis

Heut ritt ich im Traum

auf schneeweißem Pferde

ohne Zügel und Zaum

rings um die Erde.

Und wo ein Dach,

war ein Treiben

hinter den Scheiben:

Alles war wach!

Großäugig, tieflockig,

schmalfüßig, kurzrockig,

lugten die Kindlein

der Menschen mir nach.

Oh euch süße Gesichter

vergess' ich nie mehr,

euch glückliche Lichter

durch Nacht zu mir her,

euch Näschen, vom Fensterdruck

schelmisch gestumpft,

euch Wädchen und Kniechen,

nur dürftig bestrumpft,

euch rosige Händchen,

ans Glas angestützt,

euch kosige Mündchen,

neugierig gespützt!

Ihr Kindchen, ich segn' euch

viel tausend tausend mal!

Nur Großes begegn' euch

Im Sonn- und Mondenstrahl!

Euer Lachen, euer Weinen

sei edler Frucht geschwellt!

Ihr seid ja, ihr Kleinen,

die Zukunft unsrer Welt!

Euch reifen die Lieder

auf meines Lebens Baum ...

Einst sehn wir uns wieder –

und nicht mehr im Traum!

Vom Tagwerk des Todes
Der Sämann

Inhaltsverzeichnis

Durch die Lande auf und ab

schreitet weit Bauer Tod;

aus dem Sack um seine Schulter

wirft er Keime ohne Zahl.

Wo du gehst, wo du stehst,

liegt und fliegt der feine Staub.

Durch die unsichtbare Wolke

wandre mutig, doch bereit!

Durch die Lande auf und ab

schreitet weit Bauer Tod;

aus dem Sack um seine Schulter

wirft er Keime ohne Zahl.

Vöglein Schwermut

Inhaltsverzeichnis

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,

das singt so todestraurig ...

Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,

wer es hört, der tut sich ein Leides an,

der mag keine Sonne mehr schauen.

Allmitternacht, Allmitternacht

ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.

Der streichelt's leis und spricht ihm zu:

»Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein!«

Und wieder fliegt's flötend über die Welt.

Der Tod und das Kind

Inhaltsverzeichnis

»Kindchen, was willst du

erwachen zum Leben?

Komm mit mir,

dir ist besser so!

Den Kampf zu bestehn,

hast du nicht Kraft,

komm, leg dein Köpfchen

an meine Brust,

sieh doch,

mein Mantel ist warm und gut!

Komm, Kindchen,

wir bitten den Wind;

der trägt uns hinüber

in meinen Garten;

da will ich dich betten

ins grüne Gras ...

Und wenn eine Zeit vergangen ist,

dann wirdst du Blume und Schmetterling,

blühende Blume, glühender Schmetterling ...!

Nicht wahr, nun willst du?

Komm, kleines Herz!

Dir ist besser so!«

Der Tod und der Müde

Inhaltsverzeichnis

»Von der Brücke hinunter

in die dunklen, ruhlosen Fluten,

deren Wellen um Wellen

deine Blicke mit sich fort ziehen,

deren Wellen um Wellen

ein Stück deines Willens

davonführen,

bis er ganz dir geraubt,

und dein Leib,

leer,

schwer,

übers Geländer schlägt –

von der Brücke hinunter

schaue, spähe ...

siehst du das Wort nicht,

das meine Finger

ins Wasser schreiben?

Friede ... Friede ...!

und was ich nun schreibe?

Komm!

Komm!!

Siehst du es nicht?

Beuge dich tiefer!

Komm!!!«

Der Tod und der einsame Trinker

Inhaltsverzeichnis

Eine Mitternachtszene

»Guten Abend, Freund!«

»Dein Wohl!«

»Wie geht's?«

»Dein Wohl!«

»Schmeckt's?«

»Dein Wohl!«

»Du zürnst mir nicht mehr?«

»Dein Wohl!«

»Im Ernst?«

»Dein Wohl!«

»Hab Dank!«

»Dein Wohl!«

»Aber –«

»Dein Wohl!«

»Zuviel!«

»Dein Wohl!«

»Nun –«

»Dein Wohl!«

»Wie du willst!«

»Dein Wohl!«

»Narr!«

»Dein Wohl!«

»Genug!«

»Dein –«

Der fremde Bauer

Inhaltsverzeichnis

Ein Mann mit einer Sense tritt

zur Dämmerzeit beim Dorfschmied ein.

Der schlägt sie fester an den Stiel

und dengelt sie und schleift sie scharf

und gibt sie frohen Spruchs zurück

und frägt sein wer? woher? wohin?

und lauscht dem Fremden offnen Munds,

als der ihm dies und das erzählt.

Und wie die Rede irrt und kreist,

berührt sie auch das letzte Los,

das jedem fällt, und – »Unverhofft!

so möcht' ich hingehn!« ruft der Schmied –

und stürzt zusammen wie vom Blitz ...

Die Sense auf der Schulter geht

der fremde Mann das Dorf hinab.

Der Tod in der Granate

Inhaltsverzeichnis

Im Mantel der Granate,

die nach dem Feind sich senkt,

liegt Meister Tod im Schlafe,

behaglich ausgestreckt.

Da zuckt mit einem Male

in jähem Schreck sein Fuß:

Versengt hat ihm die Sohle

die abgebrannte Schnur.

Ein Blitz und ein Donner –

und Rauch und Geheul –:

der Tod steht im Herzen

des feindlichen Heers.

Im Nebel

Inhaltsverzeichnis

Schaurig heult das große Dampfhorn

seine Warnung in den Nebel ...

Irgendwo antwortet schaurig,

leis bald, lauter bald, ein andres ...

Angstvoll stehn die Passagiere,

jeden Nerv gespannt die Mannschaft ...

Schaurig heult das große Dampfhorn ...

Dumpf antwortet's aus dem Nebel ...

Alles späht, horcht, mißt die Pausen,

die Maschine schafft mit Halbdampf,

langsam schiebt durch undurchdringlich

Dunkel der Koloß sich vorwärts ...

Schaurig heult das große Dampfhorn ...

Dumpf antwortet's aus dem Nebel ...

In den Schiffsraum steigen Wachen,

an den Luken, an den Booten

harrt Bemannung, von der Brücke

schallt des Kapitäns Befehlsruf ...

Schaurig heult das große Dampfhorn ...

Dumpf antwortet's nah und näher ...

Die Erregung wächst zum Fieber ...

Ahnt wer, daß des Todes Hand die

Kompaßnadel abgelenkt hat,

daß der Mann am Steuer falsch fährt? ...

Schaurig heult das große Dampfhorn ...

Laut antwortet nächste Nähe ...

Böllerschlag –: Schwerfällig tasten

weiße Kugeln in die Dämmrung ...

»Schiff an Steuerbord!« – Zu spät! – Schon

schießt es rauschend, ungeheuer,

unaufhaltsam aus dem Nebel –

gräßlich mischen sich die Hörner –

rasend rolln die Steuerketten –

»Rückdampf!« – Schreie – Donnerkrachen –

alles stürzt zu Boden – Flammen

speit der Kesselraum – der Spiegel

senkt sich – aller Kampf vergebens! –

»Boote ab!« – Umsonst! – In Wirbeln,

Strudeln, Kratern dreht sich alles

tollen Tanzes in die Tiefe .....

Wo verblieb der fremde Fahrer?

Sank er? Fuhr er feig des Weges?

Lautlos lastet dicker Nebel

über totenstillen Wassern.

Am Ziel

Inhaltsverzeichnis

Schlote schnauben, Lichter funkeln,

Pfeifen schrillen, Rufe schallen,

draußen vor des Bahnhofs Hallen

harrt Verderber Tod im Dunkeln.

Fest ist alles abgekartet

mit dem trunknen Wart der Weiche,

daß der Zug das Gleis erreiche,

drauf der Gegen-Eilzug wartet.

Und schon wächst es mit den grellen

Spählaternen aus der Ferne,

glühnder Rauch verhüllt die Sterne,

hohl erdröhnt das Holz der Schwellen.

Blind, im Schienen-Überfluge,

stampft der Zug die falschen Gleise:

Schimmernd grüßt das Ziel der Reise –

Leise lacht es hinterm Zuge.

Die Gedächtnistafel

Inhaltsverzeichnis

»Der dort unten ruht jetzund,

sein Schatten stieß ihn in den Grund.

Am steilen Fels den schmalen Gang

klomm verwegen er entlang.

Scharf lag auf ihm das Mittagslicht,

der Schweiß rann ihm übers Gesicht.

Da blieb er, sich zu trocknen, stehn –

muß dabei seinen Schatten sehn.

Und wie er ihn sieht, reckt sich der

von der Wand gegen ihn her.

Den Wandrer fasset bittre Not,

er fühlet, neben ihm steht der Tod

und drängt ihn in das tiefe Grab

der wilden Felsenschlucht hinab.

Er sinkt zusammen in kaltem Schweiß,

alles dreht sich mit ihm im Kreis.

Er preßt die Stirn an den kalten Stein

und denkt an Weib und Kinderlein.

Aber der Tod hatt' gewonnen Spiel

und schob und stieß ihn, bis daß er fiel.

Eine Dirn aus unserm Dorf hat's geschaut,

ein fremder Maler den Stein aufgebaut,

die Verse sind von der alten Kathrein.

Sprecht: Armer Wandrer, wir denken Dein!«

Am Moor

Inhaltsverzeichnis

Flackernd lösen sich vom Sumpf

ungewisse Schemen ...

Nach der alten Weide Stumpf

sieh den Weg sie nehmen.

Auf dem Stumpfe sitzt der Tod:

Dumpfe Fiedel lockt und droht

mit verworrnen Themen.

Huschend schlingt der wirre Kreis

sich um Tod und Weide ...

Um die Flämmchen schimmert's weiß

wie von feinster Seide.

Knaben, Mädchen, Männer, Fraun

glaubst wie Schatten du zu schau'n

tief im Totenkleide.

Und ein Seufzen hebt sich her,

düster dich zu bannen ...

Schaudernd fühlst du: Schon will Er

dein Gemüt entmannen.

Der Gespenster Reihn erschrickt?

Haben sie dein Haupt erblickt?

Und du eilst von dannen.

Im Fieber

Inhaltsverzeichnis

Ich lag in Fieberphantasien ...

Aus allen Ecken wuchs es her ...

Wohin ich sah, ich sah nur Ihn,

wohin ich tastete, war Er ...

Die Tücher, die Tapeten liehn

ihm ihrer Muster Fratzenmeer ...

Und schloß ich fest die Lider, schien

sein Aug' in meines weit und leer.

Ein Opfer wilder Bilderreihn

entschlief ich endlich. Mich umspann,

mich spornte rittlings sein Gebein

durch Felsenwüsten glutwindan ...

Verzehrend fraß sein Frost sich ein,

indes mich Blutschweiß überrann,

und auf Geröll und spitzem Stein

der wunde Fuß nicht Weg gewann.

Doch nicht ein Fristchen durft' ich ruhn.

»Wir müssen« – stachelte sein Hohn –

»Zum Richter über all dein Tun,

der Weg ist weit nach seinem Thron.

Gebucht, in klaftertiefen Truhn,

erharrt dich dort, wofür dich Lohn

und Strafe wird ereilen nun:

Bereite dich, verlorner Sohn!«

Da ging die Stubentür, und leis

umklang mein Bett ein sanfter Schritt,

und eines Stirnbands kühlend Eis

erlöste mich vom grausen Ritt.

Doch ehe noch ein Wort dem Kreis

der Wirrgedanken sich entstritt,

verschob schon wieder sich das Gleis

und neuer Traumgang riß mich mit.

Wie anders aber war das Bild,

das nun mein Fiebergeist entband!

Mein liebster Freund umfing mich mild

und hob mich von des Lagers Rand.

Aus Zweigen harrte mein ein Schild:

Drauf trug mich vierer Fremden Hand

wie ein erbeutet Edelwild

hinaus ins sommerliche Land.

Wer waren sie? wo lief ihr Pfad?

Sie stürmten voll erhabner Wucht ...

bis, wo ein Lärm vollbrachter Mahd

herklang aus stiller Waldesbucht.

Noch rollte hoch das Sonnenrad,

doch schon geschnitten lag die Frucht;

denn Wolken drohten Blitz und Bad:

Und alles war schon helle Flucht.

Dort setzten sie aufs hohe Korn

die Bahre ab. Noch stand sie nicht:

Da schoß schon goldner Wetterzorn:

Ein Glutstoß stob die Ährenschicht.

Mein Herz stand still vom scharfen Dorn.

Es sank der Erde höchst Gedicht,

der Mensch, zurück in ihren Born,

als Asche, Wasser, Luft und Licht.

Eine Großstadt-Wanderung

Inhaltsverzeichnis

Eine lange Gasse war mein Nachtweg.

Vor mir schalt ein Kerl mit seiner Dirne,

hohl zerbrach der Hall am Wall der Wände.

Nun ein kurzer Kampf – und gellend schreiend

floh das Weib den Weg an mir vorüber.

Aus dem Dämmer tauchten, wie dem Boden

jäh entwachsen, drohende Gestalten,

Pfiffe schrillten, schwere Tritte trabten,

Flüche zischten: Fort! die Polizisten!

Und im Nu von Nacht verschlungen alles.

Wimmern noch ... Geworfne Türen ... Stille ...

Ausgestorben schien der ganze Stadtteil.

Rot und trübe kämpften die Laternen.

Und ich sah, erstarrt, durch eine Hauswand ...

Eines Kaufherrn Schlafgemach beschlichen

zwei geschwärzte Bursche. Auf den Schläfer

warf der eine sich, der andre feilte

an dem Schrank. Dem Ächzen seiner Säge

mischten grausig sich erstickte Laute.

Gold, Papiere, Ringe rissen gierig

ihre Finger aus den Fächern ... Leise

rief es durch die Tür: Die Wache warnte.

Hastig raffte jeder noch das Nächste,

wusch sich flüchtig die befleckten Hände –

Dringend rief es noch einmal. Die Kerze

gloste. Schwarz und lautlos lag das Zimmer.

Und ich ging die lange Gasse weiter.

Hinter fensterlosen Mauern sah ich

neue Frücht' und Opfer der Gesellschaft.

Der zerschlug sich den geschornen Schädel ...

Der verstierte sich hinauf zur Luke ...

Der durchtappte rastlos seine Zelle ...

Augen brannten; Lippen fluchten flüsternd;

Fäuste krampften sich; Gehänge klirrten;

mancher wälzte sich in lauten Träumen;

doch die meisten schliefen tief wie Tote.

Frech vertiert, verduldet, unterwürfig,

gramzerfressen, haßverzerrt, verachtend,

also prägten schrecklich sich die Mienen.

Und mich zog die lange Gasse weiter.

Endelosen Fensterreihn entscholl es,

mir nur hörbar, dumpf und unablässig,

wie von Stöhnen, Weinen, Weherufen.

Sieche, Krüppel, Giftige, Zersetzte

nährten dort des Lebens arme Flämmchen,

hofften, rafften sich von Tag zu Tage,

bis des Todes Weisheit endlich siegte.

Wie sie so in weißen Kissen wachten ...

Opfer ihrer Herkunft, ihres Standes,

ihrer Gierden, ihrer Dienst und Taten,

ihrer Mitwelt, die sie stieß und hemmte!

Wie die bleichen Händ' anklagend winkten!

Und ich floh die trübe Gasse weiter.

Gebt euch nicht so stolz, ihr roten Mauern,

oder prahlt mit freudigeren Gästen!

Niemand weiß es, wer sie sind, sie selber

lächeln seltsam, fragst du, wie sie heißen.

Sind an Tafeln zwar geladen worden,

drauf zu lesen, wo man sie getroffen –:

Den in einem Wehr beim Fest der Fische;

die in einem Hag voll Heckenrosen;

den auf blanken Gleises kaltem Kissen;

den in einer Herberg fremdem Zimmer.

Aber alle ruhn sie bleich und schweigend,

lächeln starr-verächtlich deiner Fragen.

Und ich wanderte mechanisch weiter.

Hinter einer hohen Gartenmauer

hob aus Bäumen sich ein altes Kloster,

dessen eisenstabverkreuzte Scheiben

wirren Lärms zuweilen dumpf erklirrten.

Plötzlich ward ein Fenster aufgerissen,

und ein Mensch im Hemde überschrie sich

in den leeren Park hinunter: »Rechts schwenkt!

Laufschritt! Marsch marsch! Das Gewehr zum Sturm rechts!

Ha–alt! Nieder! Fertig! Feuer! Feuer!

Feu–« Jäh brach es ab, zu schlug das Fenster.

Fernes Toben. – Über dem Portal stand:

»Selig sind, die große Trübsal dulden!«

Und ich setzte meine Schritte weiter –

fast so ungewiß wie der Betrunkne,

der im Morgengrauen mir entgegen

kam –: Nun tappte er zur Seit', nun rückwärts,

schoß vornüberfallend vorwärts, rannte

wider die Laterne, griff ins Leere,

schwankte, rollte in den Kot der Gosse ...

Selber wirbelte mir Wust im Haupte ...

Särge, drängten sich die Häuser; Grüfte

hallten, wo ich schritt; von Moder, Fäulnis

schnob die Luft; Gewölke Bluts und Tränen

dampften, dunsteten, mich dumpf erstickend ...

Weiß nicht mehr, wie ich den Weg vollendet.

Vier Elementarphantasien
Meeresbrandung

Inhaltsverzeichnis

»Warrrrrrrte nur . . . . . . .

wie viel schon riß ich ab von dir

seit den Äonen unsres Kampfs –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

wie viele stolze Festen wird

mein Arm noch in die Tiefe ziehn –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

zurück und vor, zurück und vor –

und immer vor mehr denn zurück –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

und heute mild und morgen wild –

doch nimmer schwach und immer wach –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

umsonst dein Dämmen, Rammen, Baun,

dein Wehr zerfällt, ich habe Zeit –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

wenn erst der Mensch dich nicht mehr schützt –

wer schützt, verloren Land, dich dann?

warrrrrrrte nur . . . . . . .

mein Reich ist nicht von seiner Zeit:

er stirbt, ich aber werde sein –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

und will nicht ruhn, bis daß du ganz

in meinen Grund gerissen bist –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

bis deiner höchsten Firnen Schnee

von meinem Salz zerfressen schmilzt –

warrrrrrrte nur . . . . . . .

und endlich nichts mehr ist als Ich

und Ich und Ich und Ich und Ich –

warrrrrrrte nur . . . . . . .«

Erdriese

Inhaltsverzeichnis

Grab tausend Klafter

hinab in den Grund,

da weckt dein Scheit

ein hallend Gewölb –:

den Kugelkerker

aus zwölffachem Erz,

darin Erdriese

gefangen.

Hörst du ihn

bei seinem Werk?

Mit Fersen und Fäusten

stampft und stößt er,

wirft mit dem breiten Nacken

sich dumpf an die Wände,

scharrt mit Nägeln und Zähnen ...

lautlos nun,

und nun brüllend

wie zehntausend Stiere.

Gleich einer Espe

zittert der Ball ...

Die Meerunholde

schrecken aus ihrem Spiel

und stürzen den Festen zu ...

Die Feuerhexen

schießen mit sprühendem Brandhaar

aus ihren Küchen ...

Die Acker- und Felsenschläfer

rücken und recken sich:

Städte und Länder

versinken

in Trichtern und Schächten.

Hörst du ihn noch?

Ward er nun still?

Horch!

Er schnarcht!

Wie es brummt und sägt! ...

Nun schläft er, der Alte.

Der Sturm

Inhaltsverzeichnis

»Bis an die Knöchel

steh ich

im tiefen See.

Den Horizont hinab,

wo mir Gebirge

die grauen Rachen –

entgegensperren,

greif' ich

und ziehe

aus ihren Schlünden

die zähen Schleimschleier

unendlicher Nebel.

Und ich halte sie in die Sonne,

die euch scheidet,

mir noch im Mittag steht:

Das glüht, das leuchtet!

Das gefällt euch!

Und ich schlag' das Gewölk

wie Schaum

mit der flachen Hand,

und wirbl' es

und ball' es

und kraus' es

und zaus' es –

heißah halloh!

Und ich pust' es

auf eure Dörfer

und hebe die Füße

aus eurem tiefen See

und laufe

Mutter Sonne davon,

heißah,

unter die purpurnen Sterne!«

Die Flamme

Inhaltsverzeichnis

»So sterben zu müssen –

auf einer elenden Kerze!

tatenlos, ruhmlos

im Atemchen

eines Menschleins

zu enden! ...

Diese Kraft,

die ihr alle nicht kennt –

diese grenzenlose Kraft!

Ihr Nichtse! ...

Komm doch näher,

du schlafender Kopf!

Schlummer,

der du ihn niederwarfst –

ruf doch dein Brüderlein Tod –

er soll ihn mir zuschieben –

den Lockenkopf –

ich will ihn haben – haben!

Sieh,

wie ich ihm entgegenhungre!

Ich renke mir alle Glieder

nach ihm aus ...

Ein wenig noch näher –

näher –

ein wenig –

so –

jetzt vielleicht –

wenn's glückt –

ah! du Hund!

Er will erwachen?

still –

still –

so ist's noch besser!

Der Pelz am Mantel –

Der Pelz – der Pelz –

hinüber – hinüber –

ahhh! faß ich dich – hab ich dich –

hab ich dich, Brüderchen –

Pelzbrüderchen, hab ich dich – ahhh!

Hilft dir nichts –

wehr dich nicht mehr!

Mein bist du jetzt –

Hand weg!

Wasser weg!

Mein bist du jetzt!

Wasser weg!

Wart', da drüben ist

auch noch für mich –

so –

den Vorhang hinauf –

fängst mich nicht mehr –

Tuch – Tuch –

jetzt bin ich Herr!

Siehst du, jetzt breit' ich mich

ganz gemächlich im Zimmer aus –

laß doch den Wasserkrug!

Laß doch das Hülfgeschrei!

Bis sie kommen

bin ich schon längst

in den Betten und Schränken –

und dann könnt ihr nicht mehr herein –

und ich beiß' in die Balken der Decke –

die dicken, langen, braunen Balken –

und steig' in den Dachstuhl –

und vom einen Dachstuhl

zum andern Dachstuhl –

und irgendwo

werd' ich wohl Stroh finden,

und Öl finden,

und Pulver finden –

das wird eine Lust werden!

Das wird ein Fest werden!

Und wenn ich die Häuser alle zernichtet –

dann wollen wir mit Wäldern

die Fische in den Flüssen kochen –

und ich will euch hinauftreiben

auf die kältesten Berge –

und da droben

sollt auch ihr meine Opfer werden,

sollt ihr meine Todesfackeln werden –

und dann wird alles still sein –

und dann –

Gedichte vermischten Inhalts
Kleine Geschichte

Inhaltsverzeichnis

Litt einst ein Fähnlein große Not,

halb war es gelb, halb war es rot,

und wollte gern zusammen

zu einer lichten Flammen.

Es zog sich, wand sich, wellte sich,

es knitterte, es schnellte sich, –

umsonst! es mocht nicht glücken

die Naht zu überbrücken.

Da kam ein Wolkenbruch daher

und wusch das Fähnlein kreuz und quer,

daß Rot und Gelb, zerflossen,

voll Inbrunst sich genossen.

Des Fähnleins Herren freilich war

des Vorgangs Freudigkeit nicht klar, –

indes, die sich besaßen,

nun alle Welt vergaßen.

Der vergeßene Donner

Inhaltsverzeichnis

Ein Gewitter, im Vergehn,

ließ einst einen Donner stehn.

Schwarz in einer Felsenscharte

stand der Donner da und harrte –

scharrte dumpf mit Hals und Hufe,

daß man ihn nach Hause rufe.

Doch das dunkle Donnerfohlen –

niemand kams nach Hause holen.

Sein Gewölk, im Arm des Windes,

dachte nimmer seines Kindes –

flog dahin zum Erdensaum

und verschwand dort wie ein Traum.

Grollend und ins Herz getroffen

läßt der Donner Wunsch und Hoffen,

richtet sich im Felsgestein,

wie ein Bergzentaure ein.

Als die nächste Frühe blaut,

ist sein pechschwarz Fell ergraut.

Traurig sieht er sich im See

fahl, wie alten Gletscherschnee.

Stumm verkriecht er sich, verhärmt;

nur wenn Menschheit kommt und lärmt,

äfft er schaurig ihren Schall,

bringt Geröll und Schutt zu Fall ...

Mancher Hirt und mancher Hund

schläft zu Füßen ihm im Schrund.

Das Häuschen an der Bahn

Inhaltsverzeichnis

Steht ein Häuschen an der Bahn,

hoch auf grünem Hügelplan.

Tag und Nacht, in schnellem Flug,

braust vorüber Zug um Zug.

Jedesmal bei dem Gebraus

zittert leis das kleine Haus –:

»Wen verläßt, wen sucht auf

euer nimmermüder Lauf?«

»Oh nehmt mit, oh bestellt

Grüße an die weite Welt!«

Rauch, Gestampf, Geroll, Geschrill ...

Alles wieder totenstill.

Tag und Nacht dröhnt das Gleis.

Einsam Häuschen zittert leis.

Amor der Zweite

Inhaltsverzeichnis

(Sommerabend im Park des Fürsten. Um eine Marmorbank zu Füßen der Medicëischen Venus versammelt sich eine kleine Gesellschaft, den Dichter in ihrer Mitte bittend, sie mit neuen Versen zu erfreuen. Er beginnt unter einigen galanten Entschuldigungen, während die Schönen und ihre Kavaliere sich auf und um die Bank erwartend gruppieren. Verstecktes Lachen, Flüstern und Fächerschlagen begleitet den leichten Vortrag, nach dessen Beendigung man sich lebhaft plaudernd und scherzend wieder in den hohen dämmrigen Laubgängen des Parks zerstreut, nicht ohne den Poeten mit zweien seiner liebenswürdigsten Verehrerinnen einer anmutigen Einsamkeit zu überlassen.)

Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag,

der Park verwildert, pfadlos, unzugänglich,

dicht eingestrüppt von wirrem Weißdornhag.

Wo Grotten, Treppen, Hügel uranfänglich:

Verfall nun: Stämme, Schutt, gesunkner Grund ...

des Friedens Stätte einst, nun wüst und bänglich.

In dieses Parkes Tiefe birgt ein Rund

von Birken zweier Götter Steingebilde,

den Alten hochberühmt durch ihren Bund –:

Den Gott des Krieges, mit zerbrochnem Schilde,

und sie, der Liebe hohe Königin,

in wohl gewahrter Lieblichkeit und Milde.

Sie blicken zärtlich gen einander hin,

und bunte Falter tragen ihre Grüße, –

doch kennt ihr auch des Spiels geheimen Sinn? ...

In einer Sommermondnacht Wundersüße,

in einer Nacht, da eine Nachtigall

tot niederstürzte vor der Göttin Füße,

so wild war ihrer Sehnsucht Überschwall,

in einer solchen Nacht des Drangs der Säfte

geschah der dunkle, unerhörte Fall,

daß aus dem Übermaß der Lebenskräfte

ein Strom in jenes Paar hinüberrann

und es mit trügerischem Leben äffte –:

Herab zur Erde springen Weib wie Mann ...

Und stürmisch, wie sich Glut und Flut umfassen,

vergessen sie den langen, kalten Bann ...

Doch schon beginnt die Lippe zu erblassen,

versagt das Blut den weitern tollen Lauf –:

Sie müssen schaudernd von einander lassen ...

Nach ihren Säulen streben sie hinauf –

allein umsonst –: Sie sinken, wo sie stehen:

Und wieder nimmt sie Steines Starrheit auf.

Zwölf Monde gingen hin, seit dies geschehen,

als gleicher Frist das Gleiche sich begab:

Man wachte auf, doch Venus – lag in Wehen!

Und alsobald erscheint ein muntrer Knab',

zum Leben sichtlich denn zum Tod bereiter,

und bricht sich schon ein Birkenreislein ab ...

Und während Mars und Venus innig heiter

ihm zusehn, zielt er schon nach links und rechts

auf Mäuse, Hummeln, Vögel und so weiter.

Und merkt es nicht im Eifer des Gefechts,

daß seine Eltern still und stiller werden, –

bis plötzlich er der Letzte des Geschlechts.

Er springt hinzu mit kindlichen Gebärden,

er ruft und tastet, –: Stein und nichts als Stein!

Und eben erst entrückt dem Schoß der Erden,

von niemandem belehrt als sich allein,

verwirft er endlich all die eitlen Fragen

und richtet sich in seinem Reiche ein.

Ein freundlich Heer von ungetrübten Tagen,

so schien es, war dem losen Schelm beschert ...

Wie manches Tierherz mußte ihn verklagen:

Denn ach wie manches ward von ihm versehrt!

Wenn früher schon die Liebe hoch hier blühte,

so war ihr jetzt kein Herz mehr abgekehrt.

Bis eines Tags ein Paar bekränzter Hüte,

seit Jahr und Tag das erste Menschenpaar,

sich kreuz und quer den alten Park durchmühte.

Weh, Amor! nun ereilt dich die Gefahr! –:

Denn, kaum daß jene durchs Gebüsch gedrungen, –

der kleine Gott schon Stein geworden war.

»O sieh doch! sieh!« so jubeln sich die jungen

Entdecker zu – »Ein Fund! ein Schatz! ein Hort!«

Das Mädchen ist zu Amorn hingesprungen –:

Der spielt noch, steinern, seine Rolle fort

und steht mit trotzig aufgespanntem Bogen –

und treibt den Jüngling so zum rechten Wort ...

Von jäher Röte Flammen überflogen,

bekennt sein Lieb sein Werben ihm zurück –

und fühlt sich schon an seine Brust gezogen ...

Wer glaubte nicht der beiden reinem Glück?

So laßt uns nur die Frage noch beschwichten,

wie sich beschließt das wunderliche Stück.

Man wollte auf den Kleinen nicht verzichten

und nahm ihn mit, er war ja »herrnlos Gut«!

Die Eltern glückt' es wieder aufzurichten.

Sie ließ man wieder in der Wildnis Hut.

Sie blicken immer noch voll Zärtlichkeiten,

doch ewig nun erloschen schweigt ihr Blut.

Indessen steht vor Amor man (dem Zweiten),

als allbekanntem »Raub«, bewundernd da ...

Man glaubt, er stamme aus Canovas Zeiten ...

Ich aber lächelte, als ich ihn sah.

Der zeitunglesende Faun

Inhaltsverzeichnis

Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine

behaglich überschlagen, sitzt ein Faun

und liest in einem alten Zeitungsblatt,

das er im Walde irgendwo gefunden.

Ein Feuilleton »Die Presse, ihre Macht

und heilige Mission« beschäftigt ihn.

»Die Presse« liest er »ist das Fundament

der heutigen Kultur, der stärkste Hebel

geistigen Fortschritts, höherer Gesittung.

Sie ist die Lehrerin, Erzieherin

und Richterin der Völker! Nichts entzieht sich

der Allmacht ihrer Kritiker: Sie prüft,

beleuchtet alles, was du denkst und tust,

sie ist die vornehmste, stets wachsame

und drum so wichtige Vertreterin

der öffentlichen Meinung. Papst und Kaiser

umbuhlen sie. Und bis herab zum Bettler

sieht alle Stände, alle Klassen man

ihr unterworfen und gezwungen, sie

zu respektieren. Und noch mehr, noch mehr!

Sie ist das unentbehrlich-wichtigste

Verkehrs- und Bildungsmittel unsrer Zeit:

Bezieht ein großer Teil der Menschheit doch

heut sein gesamtes Wissen aus der Zeitung!

Denn mehr und mehr verdrängt die Tagespresse

der langen Bücher zweifelhaften Wert:

Der Menschen Kraft, Bedürfnis nehmen heut

die Zeitungen und Zeitschriften in Anspruch,

sodaß der Sammlung fordernden Lektüre

kein Raum mehr bleibt. Die für den Tag geschriebnen

und mit dem Tag vergehnden Zeitungen,

sie wirken eben rascher als die dicken,

gedankenschweren Bücher, ja noch mehr!

In ihren Händen liegt das Schicksal aller

schriftstellerisch- und dichterischen Werke!«

Mit breitem Grinsen liest es der Panisk,

und seine Flöte an die Lippen langend,

erhebt er sich und trabt vergnügt waldein.

Ein Wiesel raschelt unterm Stamm hervor;

die hohen Eichen flüstern hell im Wind;

und das Papierchen tanzt in eine Pfütze.

Goldfuchs, Schürz' und Flasche

Inhaltsverzeichnis

Eine Ballade1

Auf der Waldwies' hausten heut

sonderbare Brüder,

sangen, sprangen um die Wett'

zu eines Alten Fiedel, –

Goldfuchs, rund wie ein Banquier,

Schürze, zart und weiß wie Schnee,

Flasche, grau wie Asche.

Sang der Goldfuchs:

Alles dreht

sich um mich

früh und spät,

rum didl dum,

rum didl dauz,

bum bum bum,

bauz!

Sang die Schürze:

Alles dreht

sich um mich

früh und spät,

rum didl dum,

rum didl dauz,

bum bum bum,

bauz!

Sang die Flasche:

Alles dreht

sich um mich

früh und spät,

rum didl dum,

rum didl dauz,

bum bum bum,

bauz!

Warf der Alt' die Fiedel weg,

kriegt' den Fuchs zu fassen,

schickt' ihn wie 'nen Schlitterstein

weit hinaus aufs Wasser,

griff die Schürze, stopfte sie

zwischen Ripp' und Gürtel,

schmiß die leere Flasch' zu Boden,

daß sie gell zerklirrte ...

Wandte sich, das Buschwerk schlug

hinter ihm zusammen,

aber lang noch hört' man ihn

fernher brummen:

Alles dreht

sich um mich

früh und spät,

rum didl dum,

rum didl dauz,

bum bum bum,

bauz!

Fußnoten

1 Aus einem Liederspiel, komponiert von Robert Kahn

Die Brücke

Inhaltsverzeichnis

Einem Bildhauer der Zukunft

Bis an die Kniee stehn im Strom

die beiden Riesen Kraft und Maß:

Auf ihren breiten Nacken ruht

der Brücke stählernes Gebälk.

Beine breit in Grund gestemmt,

Hände auf des andern Schulter,

Stirn an Stirne fest gepreßt,

stehn sie da und schaun hinunter.

Da flieht die Welle ruhlos hin,

und weiße Segel ziehn einher,

und dunkle Schlote wölken Rauch,

und Schollen türmt des Winters Frost.

Aber unbewegten Blicks

stehn die muskelfrohen Hünen;

leis nur zuckt des Einen Leib

stampft es droben donnernd drüber.

Der andre aber preßt die Stirn

nur fester, fester nur die Faust:

Er kennt des Bruders trotzig Herz,

das tief im Kern die Menschheit haßt.

Der Tag und die Nacht

Inhaltsverzeichnis

Aus der Laube der Dämmerung,

drin sich der Tag und die Nacht

ein Weilchen geliebt,

scheucht ihn des Abends Ruf.

Aber die Nacht

eilt ihm nach ...

Und wie sie dahinstürmt,

löst sich ihr herrliches Haar

und fällt ...

Sie wankt,

bricht in die Kniee –:

Weithin

hüllen die schwarzen Strähnen

die Erde.

Lange verharrt sie so

dunklen Grams.

Aber schon sehe ich

ihren Geliebten

wiederkehren

und der Vorsonnendämmerung

schweigende Laube

neuer Umarmungen

kurzem Entzücken

winken.

Der Schlaf

Inhaltsverzeichnis

Der Schlaf schickt seine Scharen in die Nacht,

Unholde, Legionen auf Legion ...

Vom Rücken schleichen sie ihr Opfer an,

auf leisen Tatzen, und umarmen es,

wie Bären, unentrinnbar und geräuschlos, –

bis alle Muskeln ihm erschlafft, und stumm

von ihrer Brust der Leib zu Boden rollt ...

Und wenn so alles hingebettet liegt,

so traben sie zu ihrem Herrn zurück,

und ihr Gebrumm erfüllt wie dumpfer Donner

die düstren Waldgebirge seines Reichs.

Pflügerin Sorge

Inhaltsverzeichnis

Über der Erde Stirne,

durch Tag und Nacht,

pflügt ein hagres Weib

hin und her ...

Wilde Stiere,

kaum zu hemmen, ziehn,

reißen ihre Pflugschar durch den Grund:

Doch je rasender die Nacken zerrn,

nur so tiefer drückt den Baum sie ein.

Über der Erde Stirne,

durch Tag und Nacht,

führt Frau Sorge

Furche, Furche, Furche ...

Leidenschaften,

kaum zu zähmen, ziehn,

reißen ihre Pflugschar durch den Grund:

Doch je wilder die Dämonen zerrn,

nur so tiefer gräbt den Stahl sie ein.

Legende

Inhaltsverzeichnis

Vom Tisch des Abendmahls erhob

der Nazarener sich zum Gehn

und wandte sich mit seiner Schar

des Ölbergs stillen Wäldern zu.

Erloschen war der Wolken Glut;

in Hütt' und Höfen ward es licht;

hell glänzten nah und näher schon

die Fenster von Gethsemane.

Aus einer Scheune klang vertraut

das Tanzlied eines Dudelsacks,

und Mägd und Bursche drehten sich

zum Feierabend drin im Tanz.

Und Jesus trat ans Tor und sah

mit tiefem Aug dem Treiben zu ...

Und plötzlich übermannte ihn

ein dunkles, schluchzendes Gefühl.

Und, Tränen in den Augen, trat

er zu auf eine junge Magd

und faßte lächelnd ihre Hand

und schritt und drehte sich mit ihr.

Ehrfürchtig wich der rohe Schwarm;

die Jünger standen starr und bleich; –

Er aber schritt und drehte sich

als wie ein Träumer, weltentrückt.

Da brach auf eines Jüngers Wink

des Spielers Weise jählings ab –

ein krampfhaft Zucken überschrak

des Meisters hagre Hochgestalt –:

Und tief verhüllten Hauptes ging

er durch das Tor dem Garten zu ...

Wie dumpf Gestöhn verlor es sich

in der Oliven grauer Nacht.

Die apokalyptischen Reiter

Inhaltsverzeichnis

Beim stillen Weinglas saß ich spät und spannte

zerrißne Saiten neu der treuen Geige –:

Da war's, daß mir das harte Haupt des Dante

erschien in meines Römers dunkler Neige:

Als wollte es die Lieder-Stufen höhnen,

auf denen ich zu meinem Ruhme steige.

Und alsobald begann im Zorn zu tönen

mein Saitenspiel von hochvermeßnen Händen

und füllte mein Gemach mit eh'rnem Dröhnen.

Und zuckend von irrlichterischen Bränden

zerbarst vor mir die laute Nacht in Stücke,

und von Gespenstern schwoll's aus fahlen Wänden ...

Doch wie ich rasch des Worts tollkühne Brücke

nach solcher Schattenflucht zu schlagen strebe,

entweicht es schon und lockt mit neuer Tücke ...

Bis endlich in die rinnenden Gewebe

einschlägt des Willens grollende Gewalt

und eins ergreift inmitten seiner Schwebe –:

Mit finstren Stämmen drängt empor ein Wald,

drin Wiesengrund im Dreieck ausgeweitet,

von Klumpen Mondgewölkes überballt.

Doch mehr mein Aug dem Dämmer noch entstreitet:

Vier sattelleere Rosse schau ich grasen

und dunkle Körper unweit hingebreitet.

Sind's Räuber, die die Flucht hierher geblasen?

Ein Mondstrahl gleißt: Dies Haupt verrät ein Weib,

zwei grüne Augen schillern im Verglasen.

Und um dies Haupt welch fürchterlicher Leib!

Nur widerwillig gibt die fahle Nacht

sein Bild, daß keinem es zu treu verbleib'.

Und jäh erkenn' ich, wer hier Rast gemacht –:

Der Tod, der Krieg, der Hunger und die Pest, –

tiefmüde Nachtrast! Nur der Hunger wacht ...

Die Greisin kauert Kinn an Knie gepreßt ...

Der Krieg, die Stirn am Schwertknauf, atmet schwer,

blutüberronnen noch vom letzten Fest ...

In freudelosen Halbschlaf sank selbst Er ...

Parabel

Inhaltsverzeichnis

Kennst du die Figur der Polonaise,

wenn die Paare, hochgefaßter Hände,

Lauben, wie die Tänzer sagen, bilden?

Und das immer letzte Paar, sich bückend,

durch die Bogen an die Spitze schreitet,

dort als Tor sich wieder aufzustellen?

Nun, so wirst du mich begreifen, wenn ich,

dies betrachtend, an die Menschheit denke,

Wie sie sich vom Greis zum Kind erneuert:

Gleich als ob das Paar des höchsten Alters

plötzlich in der andern Rücken schwände,

vorn das Spiel von neuem aufzunehmen ...

Das Ende

Inhaltsverzeichnis

Jahrhunderttausende durchmißt mein Geist ...

Verwandelt ist der Erde Angesicht,

der Menschheit letzte Horde tief vergreist.

Kaum bricht durch Wolken mehr das liebe Licht.

»Wie alt sind wohl die Menschen?« fragt ein Kind

den Vater. Und ich höre, wie der spricht:

»So alt, mein Liebling, als die Sterne sind!«

»Was sind das, Sterne, Vater?« »Späh einmal,

wenn nachts im Nebel wühlt der wilde Wind.

Vielleicht erspähst du einen stillen Strahl:

Der kommt von Welten, die unendlich fern;

uralte Sagen rühmen ihre Zahl.«

»Doch Vater, sprich, wie alt ist solch ein Stern;

denn gleiches Alter gabst den Menschen du?«

»Das, kleiner Frager, wüßt ich selber gern!

Sieh, Kind, zähl' tausend Jahren tausend zu

und abertausend, zähl' solang du magst, –

dein Hirnchen käme nimmermehr zur Ruh!

Kein Mund weiß Antwort dem, wonach du fragst:

Denn keine Rechnung führt dahin zurück,

daran neugierig du zu rühren wagst ...

Doch alter Märchen weiß ich manches Stück –

noch mehr die Mutter! Willst du? geh hinein!

(Oh Kinderherz mit deinem kurzen Glück!)«

Kaum ward es Tag, schon bricht die Nacht herein ...

Der Knabe läuft nach einem plumpen Bau ...

Im Aug' des Mannes glimmt ein stierer Schein ...

Ein tiefes Graun verwehrt mir weitre Schau.

Der Born

Inhaltsverzeichnis

Im Garten Gottes

wirft ein Born

sein Silber

Tag und Nacht empor:

Ohn maßen stürzt

die Flut hinauf

und fällt zurück,

ein Perlenmeer.

Urewig türmt

der Strahl sich ab

und baut sich wieder

aus sich selbst,

urewig kreißt

der Schoß und nimmt

Empfängnis

von der eignen Frucht.

In Silberschauern

wirbeln sich

Legionen Tropfen

durch den Raum ...

Im Garten Gottes

spielt ein Born

gedankenlos

das Spiel der Welt.

Der Urton

Inhaltsverzeichnis

Fernher schwillt

eines Dudelsacks

einförmig-ewigwechselnde

Melodie:

Unaufhörlich

hebt sich und senkt sich

über dem Urton

ihr unerfaßliches Spiel.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Auf dem ehernen Tische

Unendlichkeit

liegt unermeßlicher Sand gebreitet.

Da streicht ein Bogen

die Tafel an:

Einen Ton

schwingt und klingt

die fiebernde Fläche.

Und siehe!

Der Sand

erhebt sich und wirbelt

zu tausend Figuren.

Aus ihnen,

den tanzenden,

tönenden,

glühenden

schlingen sich Tänze,

binden sich Chöre,

winden sich Kränze,

umringen sich,

fliehen sich,

finden sich wieder.

Aber das Spiel

der Formen, Farben und Töne

durchbrummt

unaufhörlich,

beherrscht

fürchterlich-unerfaßlich

der tiefe Urton.

. . . . . . . . . . . . .

Fern verschwillt

des Dudelsacks

einförmig-ewigwechselnde

Melodie.

Dorf, Wald, Welt

versinkt mir

schweigend

in Nacht.

Der einsame Turm

Inhaltsverzeichnis

Wer laut von diesem längst verlaßnen Turm

der Tannen Ringwald überrufen wollte,

und trüge, was er riefe, stärkster Sturm,

ihm ahnte, daß es nie ein Ziel errollte.

So einsam steigt der alte Bau empor;

er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen,

bis, dunkler Taten schauerlich verrufen,

sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor.

Nur daß von Jägern sich zuweilen wer

vorbei verirrt, von wanderfrohen Seelen,

von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer

den Forst durchschleicht, sich Holz und Wild zu stehlen;

nur daß an seinem Fuß zuweilen sich,

wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet

und mit der Bogen wehmutwildem Strich

sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet.

In allen Kronen hängt noch goldner Glanz ...

Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden ...

Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz

umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden ...

Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born,

ein Strom von Tönen –: Abends erst Erschauern

erregt des Turms uraltes Äolshorn,

der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern.

Die Heimatlosen drunten horchen auf – –.

Und einer nimmt die Geige von den Knien

und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf

des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen ...

Und wie so Wind und Seele sich verweben,

erwachen mehr und mehr der treuen Geigen ...

Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben

erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen.

Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar

der Windposaune wunderlichen Launen ...

Nun rast es tollkühn, unberechenbar ...

Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen ...

Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen,

verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen

und drohn und flehn in immer bangren Wehen,

je mehr des Tages Brände rings verglimmen.

Doch droben – seht ihr? die Zigeunerin!

Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne?

Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin?

Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne!

Und hört ihr – hört! wie ihre Lippen singen –

ein Lied, das endlich alles überwindet,

in sich die andern Stimmen alle bindet,

damit Natur und Menschheit sie umklingen.

Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit,

das Königslied der großen Ungekrönten,

das Klagelied der würdelosen Zeit,

das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten,

und ist der Weisheit gütiger Gesang,

des Willens jugendewiges »Es werde!«,

der Liebe Durst und Pein und Überschwang,

es ist das Schicksals-Hohelied der Erde.

Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen.

Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf ...

Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen

sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf ...

Die überall Verstoßenen, sie wohnen

in der Unendlichkeit azurnem Zelt –:

Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen,

und ihre Seelen sind der Sinn der Welt.

Waldluft
Aufforderung

Inhaltsverzeichnis

Stiller Wälder süßen Frieden

laßt uns suchen und genießen!

Stätten, heimlich, abgeschieden,

mögen uns der Welt verschließen!

Seht ihr dort das braune Tierchen –

unsern kleinen Nüsseknacker,

unser schelmisches Possierchen,

unsern blitzbehenden Racker?

Wirf uns nicht mit Bucheneckern,

Kätzchen, führ uns leise Wege,

wo Gelächter heimlich meckern,

kommen Menschen ins Gehege ...

Nachtigallenchor dem Reigen

lichter Elben schlägt und flötet,

bis der Mondnacht Silberschweigen

erste Frühe überrötet ...

Wo auf großgeäugter Hinde

lauscht die stumme Elbin Stille,

wenn das Ungestüm der Winde

endlich zwang ihr flehnder Wille ...

Wo der Gnomen kluge Völkchen

aus Irrflämmchen, Neumond-Tauen,

Regenruch, Gewitterwölkchen

ihr geheimes Wissen brauen ...

Stiller Wälder süßen Frieden

laßt uns suchen und genießen!

Stätten, heimlich, abgeschieden,

mögen uns der Welt verschließen!

Krähen bei Sonnenaufgang

Inhaltsverzeichnis

Noch flieht der Blick des jungen Tags

der Berge nebelgraue Gipfel,

und schon entschwebt, gemeßnen Schlags,

die erste Krähe ihrem Wipfel.

Der schwankt, befreit von schwerer Last,

daß rings die Zweige sich bewegen:

Fahlsilbern sprüht von Ast zu Ast

des Frühtaus feiner Flüsterregen.

Doch eh sein Flüstern noch erstickt,

enttönt ein »Krah« dem stillen Raume:

Der Vogel hat am Wolkensaume

das erste blasse Rot erblickt.

Auf allen Wipfeln wacht es auf

und schüttelt sich und ruft nach Taten ...

In lautem Streiten und Beraten

erhebt sich endlich Hauf um Hauf.

Nur zwei Gewitzte warten schlau,

bis alles nach und nach verstoben,

sie wissen einen nahen Bau,

den gestern Jäger ausgehoben.

Ein Käuzleinflügel harrt hier noch,

die Kecken lecker zu belohnen –:

Das Paar umkreist erregt das Loch ...

Braungolden glänzt das Meer der Kronen ...

Das Häslein

Inhaltsverzeichnis

Unterm Schirme, tief im Tann,

hab ich heut gelegen,

durch die schweren Zweige rann

reicher Sommerregen.

Plötzlich rauscht das nasse Gras –

stille! nicht gemuckt! –:

Mir zur Seite duckt

sich ein junger Has ...

Dummes Häschen,

bist du blind?

Hat dein Näschen

keinen Wind?

Doch das Häschen, unbewegt,

nutzt, was ihm beschieden,

Ohren, weit zurückgelegt,

Miene, schlau zufrieden.

Ohne Atem lieg ich fast,

laß die Mücken sitzen;

still besieht mein kleiner Gast

meine Stiefelspitzen ...

Um uns beide – tropf – tropf – tropf –

traut eintönig Rauschen ...

Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf ...

Und wir lauschen ... lauschen ...

Wunderwürzig kommt ein Duft

durch den Wald geflogen;

Häschen schnubbert in die Luft,

fühlt sich fortgezogen;

schiebt gemächlich seitwärts, macht

Männchen aller Ecken ...

Herzlich hab ich aufgelacht –:

Ei! der wilde Schrecken!

Mittag-Stille

Inhaltsverzeichnis

In der blauen Mittag-Stille

stehn die Föhren ohne Regung;

hält des Windes wilder Wille

einmal nicht sie in Bewegung?

Wie sie dem Gebieter grollen,

der sie Tag und Nacht ohn' Ende

zwingt, Gehorsam ihm zu zollen,

Flüsterlob und Wohlduft-Spende!

Und sie rühren keine Nadel,

träumen stumm ins blaue Schweigen;

selber ihren Groll und Tadel

haben sie nicht Lust zu zeigen;

kurzes Spechtgeklopf umlärmt sie,

Brummvolk summt nach süßem Lohne,

tiefes Wohlgefühl durchwärmt sie

von der Wurzel bis zur Krone.

Sommernacht im Hochwald

Inhaltsverzeichnis

Im Hochwald sonngesegnet

hats lange nicht geregnet.

Doch schaffen sich die Bäume

dort ihre Regenträume.

Die Espen und die Erlen –

sie prickeln und sie perlen.

Das ist ein Sprühn und Klopfen

als wie von tausend Tropfen.

Die Lärchen und die Birken –

sie fühlen flugs es wirken.

Die Fichten und die Föhren –

sie lassen sich betören!

Der Wind weht kühl und leise.

Die Sterne stehn im Kreise.

Die Espen und die Erlen:

sie schaudern tausend Perlen ...

Mattenrast

Inhaltsverzeichnis

Wiese, laß mich ganz in dein

Wohlgefühl versinken,

dein legionenfältig Sein

als mein eignes trinken.

Deine breite Sonnenbrust

laß die meine werden,

meine Lust die feine Lust

deiner Gräserherden.

Mächtig schwelle mein Gesang

dann aus solchem Grunde,

künde Glückesüberschwang

höchster Sommerstunde.

Bergziegen

Inhaltsverzeichnis

Vor dem Abendhimmel gehen

längs der Felsen schärfsten Kanten

ein – (da bin ich schon gesehen!)

Bock und seine Geißtrabanten.

Und nun spähen sie herunter,

stehen, wie aus Stein geschnitten ...

Aber blitzschnell sind sie munter,

bin ich meines Wegs geschritten!

Und in weiten Sätzen eilt die

Herde, mich ins Dorf zu bringen;

blick ich rückwärts, so verweilt sie,

schreit' ich, hör ichs wieder springen.

Endlich sprech ich Donnerstrophen,

wende mich an ihre Bärte:

Laßt des Philosophen Fährte!

Seid doch selber Philosophen.

Feierlich und fragend schauen

lang wir einer auf den andern ...

Und mit hochgezognen Brauen

lassen sie mich schließlich wandern.

Der alte Steinbruch

Inhaltsverzeichnis

Tief im Walde, tief im Walde

bildet, fern der Wege Reich,

eines Bruchs verlaßne Halde

einen kleinen, stillen Teich.

Moosbewachsne Blöcke ragen

aus der seichten Regenflut,

Falter und Libellen jagen

über bunter Lurche Brut.

Aber wenn im Abendbrande

hinterm Wald die Glut verraucht,

stößt und rudert es vom Rande,

kriecht und klettert, plumpst und taucht.

Und der Unken Urgroßahne

– niemand weiß, wann Gott ihn schuf –

ruft, daß er sein Weibchen mahne,

seinen dunklen Werberuf.

Daß das Froschgeschlecht nicht sterbe,

bleibt zuletzt nicht Einer still:

Denn der Tümpel ist ein Erbe,

das getreu gewahrt sein will.

Liebeskranke Grunzer fliehen

der bewegten Weibchen Schlund;

immer kühnre Harmonien

füllen den dämmertrauten Grund.

Bis des Mondes Goldhorn endlich

neuen Schimmers alles speist:

Nun erwahrt sich unabwendlich

trunkner Nächstenliebe Geist ...

Tief im Walde, tief im Walde

schwärmt Froschbräutigam und Braut

in versteckter Steinbruchhalde,

bis der letzte Stern ergraut.

Beim Mausbarbier

Inhaltsverzeichnis

»Springst auch zum Bader?«

»Ja!«

»Spring'n wir zusammen!«

»Ein schöner Sonntag heut –«

»Duck dich!«

»Was ist?«

»Ein Has!«

»Ein Has! das ist 'was Recht's!«

»Sei still! wenn er dich hört, so –«

»Nun?«

»Verklagt er uns beim Raben!«

»Du!«

»Was hast? ein Korn?«

»Hihi! die Hälfte fress' ich –«

»Mehlgebacknes?«

»Und mit der andern zahl' ich –«

»Den Barbier? Und ich?«

»Hi! wenn du noch dein Weibchen wärst!«

»Ich beiß' dich –«

»Still! da sind wir!«

»Guten Morgen!«

Aus einem Erdloch

unter einer Wurzel

verbeugt sich tief

ein alter Mausekopf –:

»Frisieren? brennen?

Bitte, nur herein!«

Die Mäuslein nehmen Platz

auf einer Moosbank

und harren stumm

in saubern Spinnwebmänteln,

indes der Alte

seine Eisen draußen

auf einen Stein

ins Sonnenfeuer legt.

»Die Härchen ausziehn?«

»Nach der Mode!«

»Bitte! ...«

Bedächtig zieht

der alte Mausbarbier

die Schnurrbartfädchen

durch das warme Scherlein.

Dann wichst er sie

ein wenig noch mit Harz

und wäscht zum Überfluß

die samtnen Köpfchen

mit Birkenöl

und scheitelt sie geschickt.

Dann knüpft er flink

die Mäntel ab

und bürstet

die sonntäglichen Wämser

spiegelglatt.

Mit Anstand holt

das eine Mäuslein drauf

den Kuchen aus der Tasche:

»Bitte!«

»Danke!« ...

Von seinem Loch aus

guckt der Mausbarbier

dem stolzen Paar

behaglich knabbernd nach

und lugt vergnügt

zum blauen Himmel auf,

der reiche Kundschaft

heute noch verspricht.

Elbenreigen

Inhaltsverzeichnis

Auf der Wiese webt und schwebt

Elbenringelreigen;

feiner Füßchen Schnee sich hebt

zu geheimen Geigen.

Schleier schlingen sich im Ring,

Silberflechten flimmern,

Flügel wie von Schmetterlingen

scheu im Monde schimmern.

Jedes Köpfchen krönt ein Kranz

goldner Leuchtlaternchen,

wunderwirr verstrickt der Tanz

all die tausend Sternchen.

Busen wogen, Wangen glühn

bräutliches Begehren –:

Wird der Rechte heut sich mühn,

werden sie nicht wehren.

Lüstern läuft ein lauer Wind

übers Taugelände ...

Plötzlich hebt ein Elbenkind

warnend beide Hände:

»Horcht! Was kommt da übern Berg

durch den Wald gegangen?«

»Hei, die Zwerge, dummen Zwerge

wolln uns fangen, fangen!«

»Husch hinaus! und auf den Strom!« ...

Oh ihr Trotzeköpfchen!

Durch die Bäume lugt ein Gnom –

schüttelt trüb sein Schöpfchen.

»Ur-Ur«

Inhaltsverzeichnis

In den dunkelsten Nächten,

wo nur die Eule noch jagt,

zieht durch des einsamsten Waldes

finstersten Teil

ein gespenstischer Stier ...

Sie nur

kennt seinen Namen

und ruft ihn –:

»Ur-Ur ... Ur-Ur ...«

Über ihm streicht sie

mit glühenden Augen ...

Niemand weiß es, denn sie:

Urvater ist es,

Waldvater,

Weltvater,

totgeglaubt,

ewig doch –

»Ur-Ur ... Ur-Ur ...«

Wach

wird der ganze Wald,

horcht,

späht ...

Gedrängt und geduckt,

zittern die Vöglein ...

Unhörbar huscht's

durch die Bäume ...

»Ur-Ur ... Ur-Ur ...«

Geier Nord

Inhaltsverzeichnis

Der Geier Nord fliegt übern Wald,

in einen grauen Sack gekrallt,

er hat nicht leicht zu tragen.

Er fliegt zu niedrig ob der Erd',

die Fichten drohen ihm Gefährd',

die dort so spitzig ragen.

Da ... schon ... da hängt das Wolkentuch!

Hörst du des Geiers grausen Fluch?

Er muß es fahren lassen:

Und aus dem aufgerißnen Sack

spreun lustig sich auf Tann und Hag

Frau Holles weiße Massen.

Erdmännlein halten hohle Hand

und schmücken mit dem Glitzer-Tand

laut kichernd ihre Weiblein.

Die stelzen hoch daher, doch weh!

schon schmelzen die Geschmeid' aus Schnee,

und naß sind alle Leiblein.

Am Himmel kommt der Nord zurück

mit einem neuen Wolkenstück, –

doch wieder bleibt es hängen.

Wenn das so fort geht –, Leutlein, rennt

nach Haus, sonst wird das Element

euch ernstlich noch bedrängen!

Das Völklein läuft. Der Geier gibt's

voll Trotz nicht auf – und endlos stiebt's

aus aufgespießten Säcken ...

Den ganzen Tag, die ganze Nacht ...

Wohl tausend Stück, von ihm gebracht,

den Waldgrund nun bedecken.

Zwischenstück

Fusch-Leberbrünnl

(Herzogtum Salzburg)

Tagebuch-Fragment

10.-22. August 1896

Vor einem Gebirgsbach

Inhaltsverzeichnis

Nulla dies sine linea

10. August 1896

Waagrecht diese Wasser, – und zu Ende

Wellenspiel und jähe Formenwende!

Wo liegt's? Der Wechsel selbst, für sich allein?

Der Wechsel nur in mir, nur Form, nur Schein?

11. August 1896

Dunkel von schweigenden Bergen umschlossen,

vergessen die Welt wie ein Puppenspiel,

nebelumflossen, regenumgossen,

doch in der Brust ein leuchtendes Ziel.

12. August 1896

Hinaus in Nebel und Regen,

wie stark auch der Himmel trauft!

Mit Sprühwasser-Morgensegen

die junge Stirne getauft!

14./15. August 1896

Spät von Goethe und andrem Wein

hab ich mich des Nachts getrennt –:

Legionenfacher Schein

überfloß das Firmament.

Wie ein Silberschauer rann

grenzenlose Sternenpracht

über Gipfel, Hang und Tann

durch die tiefe, heilige Nacht.

Morgen

Inhaltsverzeichnis

15. August 1896

Nun sind die Sterne wieder

von blaßblauer Seide verhüllt,

nun Näh' und Ferne wieder

von junger Sonne erfüllt.

Ihr weißen Wasser, die ihr

hinab zur Ebne springt,

oh sagt den Freunden, wie mir

das Herz heut singt und klingt.

Und doch!

Inhaltsverzeichnis

(d.)

Und doch, ich sag es frank und rund,

mir fehlt noch was zum Glücke –:

Ein lieber, süßer Mädchenmund,

ein Arm, der meinen drücke,

ein Aug, darein ich glänzen könnt'

mein jubelndes Empfinden,

ein Blondhaar, das ich Keinem gönnt'

sich um die Hand zu winden.

Nebel im Gebirge

Inhaltsverzeichnis

Schwerer Nebel dunkle Lasten

sinken von dem Schnee der Kämme

über öde Herdenrasten

in des Tannichts finstre Stämme.

Nur des Baches bleiche Brandung

rauscht und leuchtet noch gerettet, –

bis die düstre Dunstgewandung

endlich ihn auch überbettet.

Vor zurückgeschickten Versen

Inhaltsverzeichnis

16. August 1896

Urteilsloser Nörgler Schlag

ruhig schelten lassen!

Müssen dich nach Jahr und Tag

dennoch gelten lassen.

17. August 1896

Schlechte Wittrung trägt sich gut,

wenn die Luft nur rein ist;

Städtedunst verdirbt das Blut,

selbst wenn Sonnenschein ist.

(d.)

Möcht' es wohl hier oben wagen,

Apostat vom Tinten-Grale,

mit des Bergstocks hartem Stahle

Runen in den Fels zu schlagen!

Abendliche Wolkenbildung

Inhaltsverzeichnis

(d.)

Oben stille, bleiche Lämmer,

drunter sonngoldschwere Züge,

trotz erhöhter Hellnis Lüge

ohne Wehr dem nahen Dämmer.

18. August 1896

Wer doch den trüben Wahn erfunden,

daß keine Seele glücklich sei!

Ich war's, ich bin's! in reichen Stunden

von aller kleinen Trübsal frei.

Nicht wahrlich, da mit heisrem Atem

die Menge mir den Weg verbellt, –

doch nun Suleika sich und Hatem

mit goldnen Liedern mir gesellt.

Nun da Natur mich treu umbreitet

mit Tannen, hehr wie Hafis' Geist,

und drüber mir die Blicke weitet,

bis, wo der letzte Fels vereist.

Wie sollt ich da nicht Mensch sein mögen,

ein weltverleumderischer Tropf!

So gern sie auch herunter bögen

den heitren, hochgemuten Kopf.

Abendbeleuchtung

Inhaltsverzeichnis

19. August 1896

Wie sich die Gebirge bauen,

Sonnenspätlichts überboten,

fern zurück: von milchig blauen

bis zu violett- und roten!

»Dichter«?

Inhaltsverzeichnis

20. August 1896

Nur nicht eignen Gang bespähen!

Immer kopfhoch weiter wandern!

Bald genug, und gleich den andern

wirst du im Register stehen.

Briefe

Inhaltsverzeichnis

(d.)

Briefe von den beiden treusten,

liebsten, schönsten Weggenossen!

Ihr in dritten Freundes Fäusten:

Und der Zirkel ist geschlossen.

Vor einem Wasserfall

Inhaltsverzeichnis

(d.)

In breiten Spießen stürzt die Flut zu Tal,

noch mehr, in lang hinabgedehnten Brüsten – –

bis endlich wehnder Staub der letzte Strahl

und hier und dort gestreut nach Winds Gelüsten.

»Leberbrünnl«-Schlucht

Inhaltsverzeichnis

(d.)

Jeden Abend, den ich kehre

aus der Täler weitem Lauf,

geht mein Herz in Dank und Ehre

deiner stillen Schönheit auf.

21. August 1896

Freundin Phanta hat unzweiflich

mich hier oben schnöd verlassen,

doch Faulenzen, Schlafen, Prassen

macht es unliebsam begreiflich.

Natur spricht

Inhaltsverzeichnis

(d.)

Mußt denn um mein ewig Leben

immer arme Verse spinnen?

Glaubst du Größeres zu geben,

wo so Großes zu gewinnen?

Laß die undankbaren Musen,

bin ich Mutter nicht von allen?

Besser als an ihrem Busen

wirst du dir bei mir gefallen!

Ich antworte

Inhaltsverzeichnis

Ach wenn ich gewinnen könnte

kindesweich noch wie vor Jahren!

Allzufrüh schon, Mutter, gönnte

mir mein Stern, allein zu fahren.

Kannst mir Lieb' und Heimat geben?

Für mich Tote neu mir schenken?

Dunkles Irrn, verfehltes Streben

in Vergessens Abgrund senken?

Kannst du neu mich selber schaffen?

Nochmals dich in mich verschwenden?

Kannst du beßre Lebenswaffen

tatbereitem Sohne spenden!

Nein, auch du kannst mich nur trösten.

Hilfe kommt allein von innen.

Meiner Lebenswerte größten

werd' ich nur durch mich gewinnen.

Nebel ums Haus

Inhaltsverzeichnis

(d.)

Ein Dunstgewölb, wie ich noch keines sah!

Durchbleicht von außen von des Vollmonds Schein!

Auf kleiner Insel dünk' ich mich allein –

bin ich Napoleon auf St. Helena? ...

Der nahe Bach gibt lauter Brandung Ton ...

Durchs Tannicht schimmert's hell – wie meilenweit ...

Ich brüt' in ungeheure Einsamkeit ...

Nach Englands Küste kehrt Bellerophon.

Zum Abschied an F.-L.

Inhaltsverzeichnis

22. August 1896

Wie ich schwer von deiner stillen,

unberührten Schönheit gehe!

Doch ich habe tiefen Willen,

daß ich einst dich wiedersehe.

Anmutiger Vertrag

Inhaltsverzeichnis

Auf der Bank im Walde

haben sich gestern zwei geküßt.

Heute kommt die Nachtigall

und holt sich, was geblieben ist.

Das Mädchen hat beim Scheiden

die Zöpfe neu sich aufgesteckt ...

Ei, wie viel blonde Seide da

die Nachtigall entdeckt!

Den Schnabel voller Fäden,

kehrt Nachtigall nach Haus

und legt das zarte Nestchen

Mit ihrem Golde aus.

Freund Nachtigall, Freund Nachtigall,

so bleib's in allen Jahren! –:

Mir werd ein Schnäblein voll Gesang,

dir eins voll Liebchens Haaren!

Die beiden Nonnen

Inhaltsverzeichnis

Ich müßt' es malen, solltet ihr sie sehen,

wie ich sie sah, die beiden schwarzen Schwestern –:

Allein sich glaubend im beschneiten Walde,

der Jugend süße Ungeduld nicht zügelnd,

mit einem Male Menschen, Mädchen, Kinder.

Die Kleider flogen um die leichten Füße,

die Hüften wiegten sich, und jubelnd jagten

sie sich mit weißen Bällen durch die Bäume ...

Ein schwerer Ast begrub sie fast in Flocken ...

Ein Reh erschreckte sie, – und wie des Schreckens

sich schämend, klatschten toll sie in die Hände ...

Dann stellten sie sich plötzlich gegenüber

und maßen ihre Kraft, die offnen Finger

verstrickend, bis die eine lachend kniete ...

Und fort und fort so heitre Kurzweil treibend,

entschwanden sie dem nicht geahnten Späher,

bis selbst die Stimmen, heller Lieder selig,

im Winterwald sich endlich fern verloren.

Am See

Inhaltsverzeichnis

In trüber Schwermut schaut der feuchte Mond

wie ein verweintes Auge durch die Nacht ...

Umrauscht vom eignen Odem schläft der See,

breitausgebettet bis zum fernsten Wald ...

Oft fährt's in Busch und Röhricht schaudernd auf,

wie wenn im Halbschlaf sich ein Seufzer löst ...

Dann wieder Stille, als ob selber Gott

als Alp auf seiner Erde lastete ...

Auf dem Strome

Inhaltsverzeichnis

Am Himmel der Wolken

erdunkelnder Kranz.

Auf schauerndem Strome

metallischer Glanz.

Die Wälder zu seiten

so finster und tot.

Und in flüsterndem Gleiten

vorüber mein Boot ...

Ein Schrei aus der Ferne –

dann still wie zuvor.

Wie weit sich von Menschen

mein Leben verlor! ...

Eine Welle läuft leise

schon lang nebenher,

sie denkt wohl, ich reise

hinunter zum Meer ...

Ja, ich reise, ich reise,

weiß selbst nicht, wohin.

Immer weiter und weiter

verlockt mich mein Sinn.

Schon kündet ein Schimmer

vom morgenden Rot, –

und ich treibe noch immer

im flüsternden Boot.

Frage

Inhaltsverzeichnis

Wie tief die Wipfel heut erschauern!

Wie Schicksal greift es in mein Herz

und überwältigt mich, zu trauern,

und reift zu altem neuen Schmerz.

Schwermütige Gemälde steigen

zu klagender Musik empor,

und wie sie Jahr um Jahr mir zeigen,

erkenn ich, was ich schon verlor.

Zuletzt in mich zurückgetrieben –

was bleibt mir nun? wem darf ich traun?

Wer wird mein stilles Tagwerk lieben?

Was bürgt mir, nicht umsonst zu baun? ...

Wie tief die Wipfel heut erschauern!

Wie Schicksal greift es in mein Herz

und überwältigt mich, zu trauern,

und reift zu altem neuen Schmerz.

Sehnsucht

Inhaltsverzeichnis

Dort unten tief im Dämmer-Grunde,

wo nun so wach die Wasser gehn,

und hier verstreut und da im Bunde

die mondumwobnen Häuser stehn,

dort hast du nun mit all den andern

zur sanften Ruhe dich gelegt,

indes dem Freunde nur im Wandern

das Blut sich minder ruhlos regt ...

Schlaf süß in deinem Silbertale,

mein Dunkelauge, Rätselkind,

gegrüßt von jedem reinen Strahle,

der selig in die Tiefe rinnt!

Schlaf süß! und sieh den Freund im Traume

sich nächtlicher Natur vertraun

und von des Bergwalds dunklem Saume

verzückt und schmerzlich niederschaun!

Friede

Inhaltsverzeichnis

Wie weich sich Form und Farbe binden

in Sommermittags glühem Hauch: –

Das Dorf im Schatten alter Linden,

ein rötlich Dach, ein Wölkchen Rauch;

der Bergbach, dessen heitre Eile

sich glitzernd durch die Wiese webt;

der Straße laubverhüllte Zeile,

die ahndevoll zur Ferne strebt;

und all dies gütig eingeschlossen

von hoher Felder Gold und Duft;

und alles flimmernd überflossen

von lerchenlauter Juliluft ...

Ich schau des Herdrauchs fromme Kreise

zum hohen Blau erblassend ziehn, –

und meine Seele füllen leise

des Friedens süße Harmonien.

Bestimmung

Inhaltsverzeichnis

Von dieser Bank hinauszuträumen,

wenn ferner Erdsaum, lichtverwaist,

entgegen den gestirnten Räumen

die Sonne dampfend überkreist! ...

Da fühle deine treue Erde,

wie sie ihr Weltwerk schafft und schafft,

daß jedes Land gesegnet werde

von ihrer Mutter trunkner Kraft!

Und wie du heiß die Arme breitest,

von mächtigem Gefühl erfaßt,

und dein Gemüt zur Menschheit weitest,

die dumpf und dunkel liebt und haßt, –

ergreifst du, was du bist, von ferne,

und, was du darfst, und, was du mußt,

und wirst dir deiner guten Sterne

von neuem still und stolz bewußt.

Brief an Georg Hirschfeld

Inhaltsverzeichnis

Mein lieber teurer Georg,

Die Dreckseelen, die über Dich einzigen Kerl sich ausgegeifert haben, haben mich ganz krank gemacht. Ich kann mich immer noch nicht fassen und stehe wieder einmal vor einem Ekel vor der »Welt, dieser Großstadtwelt, der mir den Atem benimmt. Aber nimm Dir's nicht zu Herzen, lieber Kerl, denk' an Böcklin, Klinger, Hauptmann und jeden ändern Charakterkopf, den die Menschen bei seinem Auftreten besudelt haben . . . Lieber Junge, Du lachst vielleicht schon über den ganzen Chorus – aber verzeih ich mußte mich hier erleichtern, ich war' Ja fast umgekommen heut Nachmittag.

Leb wohl Bruderherz, grüß die Deinen!

Dein Christian.

14.V.95.

Horatius Travestitus

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis


I,1 Maecenas, atavis edite regibusI,9 Vides ut alta stet nive candidumI,11 Tu ne quaesieris, scire nefasI,20 Vile potabis modicis SabinumI,22 Integer vitae scelerisque purusI,23 Vitas hinuleo me similis, ChloeI,27 Natis in usum laetitiae scyphisI,32 Poscimur. Siquid vacui sub umbraI,33 Albi, ne doleas plus nimio inmitisII,3 Aequam memento rebus in arduisII,19 Bacchum in remotis carmina rupibusIII,9 Donec gratus eram tibiIII,12 Miserarum est neque amoriIII,21 O nata mecum consule ManlioIII,22 Montium custos nemorumque, VirgoIII,25 Quo me, Bacche, rapis tuiIII,26 Vixi duellis nuper idoneusIII,30 Exegi monumentum aere perennius Hoher Protektor und Freund, Edler von Gönnersheim Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand Laß das Fragen doch sein! sorg dich doch nicht Während du im Frack vor der Rampe standest Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist Warum fliehst du vor mir wie eine scheue Gems Beim Weine gegenständlich zu werden, ist Spielen soll ich! ... Wenn ich auf deinen Tasten Albert, kränke dich nicht allzusehr um ein Weib! «Kalt Blut und warmes Untergewand!» das ist Gambrinus selber sah ich am Nockherberg Als ich Hahn noch im Korbe war Welch ein Elend, arme Kleine Heut soll der Zweiundsechziger endlich dran Die Sie Wind und Wetter nicht scheuten, Emma Wohin reißt mich der süße Wein? Vor kurzem noch ein Ritter im Liebesspiel Wenn die Bürger mir ein Monument stifteten

Christian Morgenstern: Horatius travestitus

Zwiefach tauchen vor euch, Gebilde flüchtiger Laune,

Menschen, Zeiten mir auf, denen ich lange entrückt;

dort die Jugendgenossen der neun lyzeischen Jahre,

hier der märkischen Stadt erstes, erregendes Bild.

Nur im Scherze entläßt der strenger und älter Gewordne

euer leichtes Geschwätz, das mit dem Klassischen spielt;

und indes der Student dem Dichter lachend die Schuld gibt,

schwört der Dichter bestürzt: Wahrlich, es war der Student!

I,1 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,1)

Inhaltsverzeichnis


Maecenas, atavis edite regibus, O et praesidi' et dulce decus meum: Sunt quos curriculo pulver' Olympicum collegisse iuvat; metaque fervidis evitata rotis palmaque nobilis Terrarum dominos evehit ad Deos. Hunc, si mobilium turba Quiritium certat tergeminis tollere honoribus; illum, si proprio condidit horreo quidquid de Libycis verritur areis. Gaudentem patrios findere sarculo agros, Attalicis condicionibus numquam demoveas, ut trabe Cypria Myrtoum pavidus nauta secet mare. Luctant' Icariis fluctibus Africum mercator metuens, oti' et oppidi laudat rura sui: mox reficit rates quassas, indocilis pauperiem pati. Est qui nec veteris pocula Massici, nec partem solido demere de die spernit; nunc viridi membra sub arbuto stratus, nunc ad aquae lene caput sacrae. Multos castra iuvat, et lituo tubae permixtus sonitus, bellaque matribus detestata. Manet sub Jove frigido venator, tenerae coniugis inmemor; seu visast catulis cerva fidelibus, seu rupit teretes Marsus aper plagas. Me doctar' hederae praemia frontium dis miscent superis: me gelidum nemus Nympharumque leves cum Satyris chori secernunt populo; si neque tibias Euterpe cohibet, nec Polyhymnia Lesboum refugit tendere barbiton. Quod si me Lyricis vatibus inseris, sublimi feriam sidera vertice. Hoher Protektor und Freund, Edler von Gönnersheim, was doch alles der Mensch auf seiner Erde treibt! ... Dieser fegt auf dem Rad über die Rennbahn, und platzt der Gummischlauch nicht, geht er zuerst durchs Ziel. Welcher Tag für den Mann, wenn ihm das Comité die Medaille verleiht, Meisterschaft zuerkennt! Jenen wieder erfreut's, wenn ihn der Wähler Schar an das berühmte Büfett unseres Reichstags schickt. Andre, wenn der Kaffee prompt aus Brasilien kommt, Sack an Sack imposant in ihren Speichern steht. Der Agrarier, der jammernd sein Land bestellt, tauscht dir dennoch den Pflug mit der Couponscher' nicht, noch verlockst du ihn leicht, daß einem Dampfer er sich zur Überfahrt nach Mexiko anvertrau. Sieh den Kaufmann! Er schimpft auf Kolonialpolitik, wird Lokalpatriot, gründet Bazars und Klubs, aber bald wieder doch rüstet mit Schnaps und Blei neue Schiffe er nach Togo und Kamerun. N. N. schmollt, wie du weißt, perlenden Sekten nicht, noch auch, wenn ein Gelag früh im Kaffeehaus schließt; Sommers stärkt er sich dann durch eine Sprudelkur oder reist nach Tirol oder nach Helgoland. Andere wieder sind mit Leib und Seel Militärs, schmähn das faule Zivil, dem jeder Schuß ein Greul. Und wer jagt von Beruf oder aus Waidlust nur: Dessen Hitze vergißt Weibchen und Kinder oft, wenn sich etwan ein Hirsch in seinen Forst verläuft, oder Wild- oder Holz- Diebe zu fangen sind. Mich – der ja, wie du weißt, all diesem Treiben fern, - reiht mein Sammetbarett göttlicherm Kreise an, trennt vom Trubel der Welt meiner vier Wände Heim, zarter Träume ein Schloß, klingend von Scherz und Kuß. Bleibt die Muse nur treu, rundlich der Pegasus, deine Schatulle mein Hort, Glück meiner Wege Stern, sprich gelassen es aus: oh, welch ein Lyriker! Und vom Himmel herab nick ich, ein Gott zu dir

I,9 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,9)

Inhaltsverzeichnis


Vides ut alta stet nive candidum Soracte, nec iam sustineant onussilvae laborantes, geluque flumina constiterint acuto: Dissolve frigus ligna super foco large reponens, atque benigniusdeprome quadrimum Sabina, o Thaliarche, merum diota. Permitte divis cetera: qui simul stravere ventos aequore fervidodeproeliantes, nec cupressi nec veteres agitantur orni. Quid sit futurum cras fuge quaerer' et quem fors dierum cumque dabit lucroadpone, nec dulces amores sperne puer neque tu choreas, donec virenti canities abest morosa. Nunc et campus et areaelenesque sub noctem susurri composita repetantur hora; nunc et latentis proditor intimo gratus puellae risus ab angulo,pignusque dereptum lacertis aut digito male pertinaci. Du siehst, wie weiß, im glänzenden Schneegewand, der Kreuzberg steht, und wie der Viktoriaparktief eingeschneit, wie Spree und Panke Mäntel von Eis auf den Leib gezogen. Drum heize, Freundchen, spare die Kohlen nicht, und laß uns im behaglichen Stübchen dannaus schönem alten Rum – was meinst du? – einen urkräftigen Steifen brauen! Laß Pan die Welt verwalten, dem Wintersturm, der mit dem Lenzwind heulende Schlachten schlägt,gebieten! Beide werden schweigen, daß sich kein Zweig mehr am Baume rüttelt. Was kann dich kümmern, was dir das Morgen bringt, des Lebens freue jeglichen Tag dich neu,und walze froh mit süßen Mädchen draußen in Halensee oder Treptow, solang zu Tanz und Kuß du noch jung genug! Zum Zirkus wandre, sieh dir ein Lustspiel an!Vielleicht auch knüpf ein zart Verhältnis an in dem Dämmer der Gaslaterne! Und sitzt du dann bei Dressel beim Dejeuner und deine Kleine hält die Serviette vor –wie köstlich, wenn der scherzhaft Spröden endlich den Kuß du, den süßen, raubtest!

I,11 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,11)

Inhaltsverzeichnis


Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios temptaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati, seu plures hiemes seu tribuit Iupiter ultimam, quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare Tyrrhenum: sapias, vina liques, et spatio brevi spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida aetas: carpe diem, quam minimum credula postero! Laß das Fragen doch sein! sorg dich doch nicht über den Tag hinaus! Martha! geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin! Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist, das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem werden: sieh's doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht. Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher! Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust! Küssen Sie mich, m'amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!

I,20 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,20)

Inhaltsverzeichnis


Vile potabis modicis Sabinum cantharis, Graeca quod eg' ipse testa conditum levi, datus in theatrocum tibi plausus, clare Maecenas eques, ut paterni fluminis ripae simul et iocosa redderet laudes tibi Vaticanimontis imago. Caecub' et praelo domitam Caleno tu bibes uvam: mea nec Falernae temperant vites neque Formianipocula colles. Während du im Frack vor der Rampe standest und von Beifallsstürmen das Haus erbebte, zog ich hier auf Flaschen ein schlichtes FäßchenMarca Italia. Teufel auch! es pfiff es der Spatz vom Dach ja! Und ich harrte nur noch auf Extrablätter mit den Lebensdaten und mit dem Bild desglücklichen Mannes. Trinkst wohl jetzt nicht mehr meinen sauren Tropfen, alter Schwede, pfeifst nun auf alles andere, als auf Vin sec, Monopol-Heidsick, Cliquot,Pommery-Greno!

I,22 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,22)

Inhaltsverzeichnis


Integer vitae scelerisque purus non eget Mauris iaculis nequ' arcu, nec venenatis gravida sagittis,Fusce, pharetra, sive per Syrtes iter aestuosas, sive facturus per inhospitalem Caucasum vel quae loca fabulosuslambit Hydaspes. Namque me silva lupus in Sabina, dum meam canto Lalagen et ultra terminum curis vagor expeditis,fugit inermem, quale portentum neque militaris Daunias latis alit aesculetis, nec Iubae tellus generat, leonumarida nutrix Pone me pigris ubi nulla campis arbor aestiva recreatur aura, quod latus mundi nebulae malusqueJupiter urget; pone sub curru nimium propinqui solis, in terra domibus negata: Dulce ridentem Lalagen amabo,dulce loquentem. Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist, braucht nicht Degenstöcke, noch Ochsenziemer, noch amerikanische Schlagringwaffen,noch auch Revolver, – ob er die unwirtliche Hasenheide oder den Tiergarten des Nachts durchwandert oder nach dem Norden Berlins geht, wo diePanke sich schlängelt. Stiefle ich im Grunewald jüngst nach Schildhorn, pfeife lustig «Anne-Marie, erhör mich!», als ein Hirsch zwölf Schritte vor mir sich regt und –fort wie der Satan! 's war ein Kapitalkerl, ein Achtzehnender, wie so groß ich keinen zuvor gesehen! Keine Waffe hatt ich – und doch! er forcht sich! –:fort wie der Satan! Laß am Nordpol mich zu den Robben gehen und im ewigen Eise den Eisbären treffen – Glaubst du, daß mir einer ein Leides täte?Ebensowenig! Wär ich in der Wüste, im Löwenviertel Afrikas, ich würde mich doch nicht fürchten! Pfeifen würd ich «Anne-Marie, erhör mich»,pfeifen, ja pfeifen.

I,23 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,23)

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Vitas hinuleo me similis, Chloe, quaerenti pavidam montibus aviismatrem non sine vano aurar' et siluae metu. Nam seu mobilibus veris inhorruit adventus foliis, seu virides rubumdimovere lacertae et cord' et genibus tremit. Atqui non ego te tigris ut aspera Gaetulusve leo frangere persequor:Tandem desine matrem tempestiva sequi viro. Warum fliehst du vor mir wie eine scheue Gems, Annchen, bin ich denn so fürchterlich anzuschaun?Laß die Mutter doch predigen – deine Mutter war auch mal jung. Aber kaum, daß ich mich irgendwo sehen lass', läufst du fort wie der Wind, daß es vergeblich wird,dir zu folgen – und dann zu Haus: möglichst schnell die Gardine zu. Ist das freundlich von dir? Bin ich ein Kannibal, der dich draußen im Wald braten und fressen will?Fressen – höchstens aus Liebe, Kind, so alt schon und noch so spröd!

I,27 – zur wortwörtlichen Übertragung dieser Horaz-Ode (carmen I,27)

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Natis in usum laetitiae scyphis pugnare Thracumst: tollite barbarum morem, verecundumque Bacchum sanguineis prohibete rixis. Vin' et lucernis Medus acinaces inmane quantum discrepat: inpium lenite clamorem, sodales, et cubito remanete presso. Vultis severi me quoque sumere partem Falerni? Dicat Opuntiae frater Megillae, quo beatus volnere, qua pereat sagitta. Cessat voluntas? Non alia bibam mercede. Quae te cumque domat Venus, non erubescendis adurit ignibus, ingenuoque semper amore peccas. Quidquid habes, age, depone tutis auribus. A miser, quanta laboras in Charybdi, digne puer meliore flamma! Quae saga, quis te solvere Thessalis Magus venenis, quis poterit deus? Vix inligatum te triformi Pegasus expediet Chimaera. Beim Weine gegenständlich zu werden, ist kassubisch! Wahrt doch, Freunde, den guten Ton! Bedenkt doch, daß wir nicht in Rixdorf sondern im Westen der Hauptstadt sitzen! Ich bitt euch, laßt die Messer und Gabeln ruhn: Die Glaserrechnung wäre nicht abzusehn! Ad loca, Kinder, seid vernünftig, daß die Gemütlichkeit nicht gestört wird! Ich soll Bescheid euch tuen in Malvasier? Wohlan! doch vorher stell die Bedingung ich, daß unser Freund und Bruder Gottlieb uns seine neuesten Sünden beichte. Er will nicht? Nun so rühr ich mein Glas nicht an! Du schämst dich wohl! O Gottlieb, wenn du dich schämst... Wir kennen dich doch all' und wissen, daß keine einzige deiner wert ist! Vertrau's uns, Bester, was es auch immer sei! Wir sind wie Gräber!.....Oh, das ist bös, sehr bös! Du armer Kerl, so reinzufallen! Hättest doch bessere haben können! Prost, Gottlieb! spül's hinunter mit Malvasier – vielleicht erscheint ein Deus ex machina – – sonst freilich blieb' dir höchstens übrig, daß du die Sache in Verse brächtest.

I,32 – zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen I,32)

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Poscimur. Siquid vacui sub umbra lusimus tecum, quod et hunc in annum vivat et plures, age, dic Latinum,barbite, carmen, Lesbio primum modulate civi: Qui ferox bello tamen inter arma, sive iactatam religarat udolitore navim, Liber' et Musas Veneremque et illi semper haerentem puerum canebat, et Lycum nigris oculis nigroquecrine decorum. O decus Phoeb' et dapibus supremi grata testudo Jovis, o laborum dulce lenimen, medicumque, salverite vocanti Spielen soll ich! ... Wenn ich auf deinen Tasten je geübt, was bleibenden Wert verdiente – nun, so will ich heute ein Volkslied spielen,teuerer Flügel, der dem C. G. Schröter zuerst du töntest, der dich in Nordhausen um Siebzehnhundert mit dem Mechanismus der Hämmer schmückte,ferner dem Silber- mann in Freiberg, der dich mit Kunst verbessert, dann dem 1. U. Stein in der Stadt der Fugger, dem Pariser Erard, dem Streicher-Wien, demBroadwoad in London. O Klavier, du Zierde und Schmuck des Hauses, Freude, Trost und Speise du aller Ohren, laß mich auf geduldigen Tasten spielen«Santa Lucia»!

I,33 – zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen I,33)

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Albi, ne doleas plus nimio memor inmitis Glycerae neu miserabiles decantes elegos cur tibi iunior laesa praeniteat fide. Insignem tenui fronte Lycorida Cyri torret amor, Cyrus in asperam declinat Pholoen: Sed prius Apulis iungentur capreae lupis, quam turpi Pholoe peccet adultero. Sic visum Veneri, cui placet inpares, formas atqu' animos sub iuga aenea saevo mittere cum ioco. Ipsum me melior cum peteret Venus grata detinuit compede Myrtale libertina, fretis acrior Hadriae curvantis Calabros sinus. Albert, kränke dich nicht allzusehr um ein Weib! Sei nicht sentimental! Hat Friederike sich in den Stutzer verliebt, weil er der hübschere war –: Tröste dich! andern geht's ebenso. Schau, der niedliche Balg, Betty von Rosenberg, ist in Eduard Schmidt bis übers Ohr verknallt –: Dieser (...) poussiert Else, die spröde Maid, doch soweit ich die Else kenn, darf man kecklich vertraun, daß sich ein Schmetterling eher mit einem Mops bräutlich verbinden wird, als ihn diese erhört. Ja, wie die Liebe spielt, ist ein langes Kapitel, Freund! Stand ich selber doch einst vor der Verlobung schon, – Exquisite Partie! –, als eine Nähterin mir mein Herz überfiel und es in Fesseln schlug –, 's war fatal, aber schön war's doch!

II,3 – zur wortwörtlichen Übertragung der Horaz-Ode (carmen II,3)

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Aequam memento rebus in arduis servare mentem, non secus in bonis ab insolenti temperatam laetitia, moriture Delli,seu maestus omni tempore vixeris, seu t' in remoto gramine per diesfestos reclinatum bearisinteriore nota Falerni. Quo pinus ingens albaque populus umbr' hospitalem consociar' amantramis? Quid obliquo laboratlympha fugax trepidare rivo? Huc vin' et unguent' et nimium breves flores amoenae ferre iube rosae,dum res et aetas et sororumfila trium patiuntur atra. Cedes coemptis saltibus et domo, villaque, flavus quam Tiberis lavit,cedes, et exstructis in altumdivitus potietur heres. Divesne, prisco natus ab Inacho nil interest an pauper et infimade gente sub divo moreris;victima nil miserantis Orci. Omnes eodem cogimur, omnium versatur urna serius ociussors exitur' et nos in aetern'exili' inpositura cumbae. «Kalt Blut und warmes Untergewand!» das ist ein alter Satz, ob minus, ob plus du machst.Wozu die Überschwenglichkeiten?Holt doch auch, Freundchen, der Teufel dich einst, ob du mit Schopenhauer die Welt verwünschst, ob jeden Sonntag du bei Kempinsky direin Austernmahl mit Sekt geleistetund eine schwere Export-Havanna! Du bist gesund, bist Kapitalist, bist jung, du hast die schönste Villa am Strand der Spree,in deinen Park verliebt sich jeder –hörst du die Quellen nicht lieblich flüstern? Und zieht's dich nicht zur marmornen Ruhbank dort, darauf der Ahorn schützende Schatten wirft?Ein kühles Weinchen dort zu trinken,denk ich mir, müßte ein Hochgenuß sein. Doch freilich, spar dir jegliche Illusion betreffs der Dauer! – Scheiden mußt einst auch du,und zungensehnalzend wird dein Erbedeine vorzüglichen Marken schlürfen. Das Sterben hast gemein du mit Hinz und Kunz –: Es ist das Gras das einzige Kraut, dareinso reich wie arm gemeinsam beißenund sich den Magen daran vertun muß. Auf alle harrt vergnüglichen Blicks Freund Hein und dreht sein knarrendes Glücksrad um und um,und jede Ziffer ist ein Treffer,ist eines Sterblichen arme Seele.

II,19

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Bacch' in remotis carmina rupibus vidi docentem, credite posteri,nymphasque discentes et auriscapripedum Satyror' acutas. Euhoe, recenti mens trepidat metu, plenoque Bacchi pectore turbidum laetatur. Euhoe, parce Liber,parce, gravi metuende thyrso. Fas pervicacis est mihi Thyiadas, vinique fontem lactis et uberes cantare rivos atque truncislapsa cavis iterare mella; fas et beatae coniugis additum stellis honorem, tectaque Penthei disiecta non leni ruinaThracis et exitium Lycurgi. Tu flectis amnes, tu mare barbarum tu separatis uvidus in iugis nodo coherces viperinobistonidum sine fraude crines. Tu, cum parentis regna per arduum cohors Gigantum scanderet inpia, Rhoetum retorsisti leonisunguibus horribilique mala; quamquam choreis aptior et iocis ludoque dictus non sat idoneuspugnae ferebaris; sed idempacis eras mediusque belli. Te vidit insons Cerberus aureo cornu decorum, leniter atterens caud', et recedentis trilinguiore pedes tetigitque crura. Gambrinus selber sah ich am Nockherberg Kneip'nlieder lehren – glaub es, ungläubig Volk! –Vor saubrer Münchner Kellermadelnund der Studenten gespitzten Ohren. Rum plum! Noch bebt der Leib mir vom Biergenuß, und aus mir redet stürmisch der Gerstensaft – rum plum, o schone mein, Gambrinus,Gott mit dem schrecklichen Tier im Wappen. Die Radiweiber laßt mich besingen laut, das Hofbräuhaus, die Brezel mit Salz beschneit, das Bockbier, das aus Steinzylindernölig wie Honig den Schlund hinabläuft! Besingen auch die wartende Ehefrau, die eingeworfnen Fenster des Mannes, der dem Morgenschoppen Feind gewesen,und die bierfeindlichen Philosophen! Du zähmst, Gambrinus, selbst ein Barbarenherz –: In eines Theologen Gestalt charmierst mit hübscher Kellnerin Gelock du,ziehst ihr die Schleife des Schürzenbands auf; In eines Mediziners Gestalt einmal hast du den Haufen drängender Gläubiger mit Maßkrugsalven aus dem Tempeldeines olympischen Reichs getrieben. Obschon man dich für stärker im Rundgesang und Renommieren als in dem Faustkampf hält,so zeigst du doch, gereizt, so wild dich,wie du gemütlich dich gibst im Frieden. Der Nachtpolyp mit goldenem Tutehorn – ein Auge drückt er schmunzelnd, der Brave, zu, sieht Arm in Arm er deine Söhnejohlend durch nächtliche Gassen traben.

III,9

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«Donec gratus eram tibi nec quisquam potior bracchia candidae cervici iuvenis dabat; Persarum vigui rege beatior.» «Donec non alia magis arsisti nequ' erat Lydia Post Chloen; multi Lydia nominis Romana vigu' e- larior Ilia.» «Me nunc Thressa Chloe regit, dulces docta modos et citharae sciens, pro qua non metuam mori, si parcent animae fata superstiti.» «Me torret face mutua Thurini Calais filius Ornyti, pro quo bis patiar mori, si parcent puero fata superstiti.» «Quid si prisca redit Venus diductosque iugo cogit aheneo? Si flav' excutitur Chloe, reiectaeque patet ianua Lydiae?» «Quamquam sidere pulchrior ill' est, tu levior cortic' et inprobo iracundior Hadria: Tecum vivere amem, tec' obeam libens!» «Als ich Hahn noch im Korbe war, und kein andrer Mund sich auf das braune Mal deines schneeigen Nackens bog – Bombenkreuzelement! Mädel, die Zeit war schön!» «Als du sonst keine Flamme hatt'st und kein andrer Zopf dir in die Augen stach – ach, wie stolz war die Gretel da, und wie platzten vor Neid all' meine Freundinnen!» «Ich poussiere die Frieda jetzt. Waldmann spielt die und Strauß; oh, und sie singt sehr nett! Wär's daß eins von uns sterben müßt', sagt' ich: Frieda, du bleibst! Ich sterbe gern für dich!» «Ach, ich bin so verliebt in den Max, – sein Vater, der ist polnischer Adliger! Wär's daß eins von uns sterben müßt', sagt' ich: Maxchen, ich leid zehnmal den Tod für dich!» «Hm! – Was sagtest du wohl, wenn nun Amor wieder den Zwist lächelnd begütigte? Wenn die Frieda passée wär und mein verstoßener Schatz offen fänd Herz und Tür?» «Maxchen freilich ist tadellos – du hingegen ein leichtsinniger Sausewind! Doch trotz alle- und alldem – du mein Leben und Tod, mach mit mir, was du willst!»

III,12

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Miserarumst nequ' amori dare ludum neque dulci mala vino laver' aut ex- animari metuentes patruae verbera linguae. Tibi qualum Cythereae puer ales, tibi telas operosaeque Minervae studi' aufert, Neobule, Liparaei nitor Hebri, simul unctos Tiberinis umeros lavit in undis, eques ipso melior Bel- lerophonte, neque pugno neque segni pede, victus catus idem per apertum fugientes agitato grege cervos iacular' et celer arto latitantem fruticet' exciper' aprum. Welch ein Elend, arme Kleine, wenn der Tante böse Zunge dir unschuldiger Poussaden, ja sogar des Kaffeekränzchens süße Freudenwelt verkümmert! Ach, ich sah dich wohl, Helenchen, jüngst am Fenster träumend sitzen, umgefallen lag der Nähkorb und der Wollknäul ohne Regung – plagt dich der bewußte Leutnant? Hast ihn wohl einmal vom Dampfer in dem Flusse schwimmen sehen... Durch den Stadtpark galoppieren... Im Lawn Tennis triumphieren... Seine Kompagnie formieren... Oder gar auf Onkels Landgut...: wenn die Kavaliere kamen und vor allen Er das meiste Edelwild – und mit ihm (nicht wahr?) stets auch dich zur Strecke brachte?

III,21

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O nata mecum consule Manlio, seu tu querellas sive gens iocosseu rix' et insanos amores,seu facilem, pia testa, somnum, quocumque lectum nomine Massicum servas, moveri digna bono die, descende, Corcino iubentepromere languidiora vina non ille, quamquam Socraticis madet sermonibus, te negleget horridus; narratur et prisci Cantonissaepe mero caluisse virtus. Tu lene torment' ingeni' admoves plerumque duro; tu sapientium curas et arcanum iocosoconsilium retegis Lyaeo; tu spem reducis mentibus anxiis viresqu' et addis cornua pauperi, post te nequ' iratos trementireg' apices neque milit' arma. Te Liber et si laet' aderit Venus segnesque nodum solvere Gratiae, vivaeque producent lucernae,dum rediens fugat astra Phoebus. Heut soll der Zweiundsechziger endlich dran, der jenes Jahr, da Bismarck Minister ward,gleich mir sich zum Geburtsjahr wählte!Mag er in Melancholie mich stürzen, mag Scherz und Spott, mag hitzige Händelsucht, mag Liebeswut, mag friedlichen Schlummer er uns bringen! ... Bitte schön, Frau Lehmann!Hier sind die Schlüssel: die Flasche Rheinwein! Ich denke, Karl, du wirst doch kein Unmensch sein, obzwar Dozent der Philosophie du bist: – Verwarf's doch selbst der strenge Kant nicht,manchmal ein Gläschen vergnügt zu trinken. Ein Weinchen! oh, ich sag dir, ein Weinchen, Freund! Bei dem ein Klotz Ekstatiker werden muß, bei dem die kniffigsten Schlaumeier inihre Karten sich gucken lassen. Ein Saft, der jede Sorge zur Hölle jagt, der jeden Tropfen Blutes dir glühend macht, daß stolz du wirst vor Königsthronenund vor des Staatsanwalts Auge furchtlos. Vor fünf Uhr morgens gehn wir heut nicht zu Bett. So lang das Öl im Becken der Lampe reicht laß froh die Stunden uns verplaudern!Prosit, amico! auf: «Was wir lieben»!

III,22

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Montium custos nemorumque, Virgo, quae laborantes utero puellas ter vocat' audis adimisque leto, diva triformis, inminens villae tua pinus esto, quam per exactos ego laetus annos verris obliquum meditantis ictum sanguine donem. Die Sie Wind und Wetter nicht scheuten, Emma, als wir neulich Ihrer Person bedurften und in Todesängsten ich dreimal Ihnen telephonierte – wolln Sie für den Winter ein Klafter Brennholz? Darf ich Ihnen Schinken und Wein zuschicken? Ausgestanden hab ich! ... ach, Frau! wie bin ich Ihnen so dankbar!

III,25

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Quo me, Bacche, rapis tui, plenum? Quae nemor aut quos agor in specus, velox mente nova? Quibus antris egregii Caesaris audiar aeternum meditans decus stellis inserer' et consilio Jovis? Dic', insigne, recens, adhuc indict' or' alio. Non secus in iugis edonis stupet Euhias, Hebrum prospiciens et nive candidam Thracen ac pede barbaro lustratam Rhodopen, ut mihi devio ripas et vacuum nemus mirari libet. O Naiadum potens Baccharumque valentium proceras manibus vertere fraxinos nil parv' aut humili modo, nil mortale loquar. Ducle periculumst, o Lenaee, sequi deum ringentem viridi tempora pampino. Wohin reißt mich der süße Wein? Welche Gassen sind das, die ich noch nie gesehn? Welches Glückskind von Nachtrat hört, was die schweigende Stadt laut mich zu schwärmen reizt! Wißt ihr, was ich im Pult noch hab? Was euch allen noch winkt? Glückliche Menschen, ihr! Solche Dinge, wie ich da sag, hat noch keiner gesagt, seit Gott die Welt erschuf! Mädel, du vor der Schenke dort – he, was guckst du mich an? Guck dich doch selber an! Ich bin völlig bei klarem Sinn! Ich kann gehn, wie ich will – wo ich – wohin ich will! Gott ist Zeuge, ich hab noch nie einen schlüpfrigen Vers – noch einen schlechten Vers, überhaupt einen Vers – gemacht, der nicht, ihm zu gefall'n, mir aus der Feder floß! Ach... es ist doch von eigenem Reiz, zwischen schwankenden Reihn schiefer Gebäude so sichern Fußes des Weges zu ziehn, des Zylinderhuts Rohr tief in die Stirn gedrückt...

III,26

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Vixi duellis nuper idoneus, et militavi non sine gloria;nunc arma, defunctumque bello barbiton hic paries habebit, laevum marinae qui Veneris latus custodit. Hic, hic ponite lucidafunali' et vectes et arcus oppositis foribus minaces. O quae beatam diva tenes Cypr' et Memphin carentem Sithonia nive,regina, sublimi flagello tange Chloen semel arrogantem! Vor kurzem noch ein Ritter im Liebesspiel, der seine Klinge nicht ohne Glück geführt –und heut? .. Genug! laßt uns nun endlich Leyer und Schwert an den Nagel hängen. Und an denselben Nagel den Dieterich, der mir nichts half, die kleine Laterne, dieverlosch, und die Strickleiter, die das freche Geschöpf mir vom Fenster abschnitt. Du sonst so eifrig rächende Nemesis – die Dirn empfehl ich deiner besondern Huld!Der wünscht' ich einen Mann einst, der sie ein um den anderen Tag verprügelt.

III,30

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Exegi monument' aere perennius, regalique situ pyramid' altius, quod non imber edax, non Aquil' inpotens possit diruer' aut innumerabilis annorum series et fuga temporum. Non omnis moriar multaque pars mei vitabit Libitin': usqu' ego postera crescam laude recens, dum Capitolium scandet cum tacita virgine pontifex. Dicar, qua violens obstrepit Aufidus et qua pauper aquae Daunus agrestium regnavit populor', ex humili potens princeps Aeolium carmen ad Italos deduxisse modos. Sume superbiam quaesitam meritis et mihi Delphica lauro cinge volens, Melpomene, comam. Wenn die Bürger mir ein Monument stifteten, ob aus Gips oder Holz, Erz oder Marmerstein, – Sommers sonnt es sich froh, kinderwagenumringt, Winters baut man ein Dach drüber aus Papp' und Stroh – kann man eins gegen zehn wetten: Der Zahn der Zeit nagt so lange daran, bis es in Trümmer füllt. Darum lob ich mir das, was ich mit eigner Hand in der Weltpoesie ewige Tafeln schrieb. Nimmer werd ich vergehn; blühen, solange mich ein Magister durchs Tor eines Gymnasiums trägt und die Klasse mit mir würdigen Schritts betritt und voll tiefen Verstands mich seiner Prima preist! Überall, wo der Mensch klassische Bildung pflegt wird man fordern von ihm, daß er horazfest sei. Habe mich darum auch redlich genug geplagt! Reicht mir neidlos den Kranz, der meiner Kunst gebührt!

Anhang:

Eduard Mörike: Wispeliaden, "Sommersprossen" (1837): IXte Ode des Horace


.Horatius ad / Thaliarchum (Chansons, Livre I, od. 9) Vides, ut alta stet nive candidum Soracte, nec jam sustineant onussivae laborantes, geluqueflumina constiterint acuto. Dissolve frigus, ligna super foco large reponens; atque benigniusdeprome quadrimum Sabina,o Thaliarche, merum diota. Des / Vtus Horazius Flakkus / aus Wenusia / Ersten Buches der Oden / die Neunte Schau, wie, an Altersweisheit ein Sokrates Höchlings der Berg steht, und wie die Silphe sich,Ihn untergrabend, umsonst abmühet,Und die Gewässer wie Spießglas zwitzern! Wärme dich, Guter! stapple den Holzstoß auf, Reichlich, nicht etwa über dem Sparherd bloß!Und vielleicht ist Sabinchen* so gütig,Uns, Daliarch, ein Quart Rein-Wein zu wismen.** * Wahrscheinlicherweise Horazens Gattin. ** Die übrigen Verse blieben weg, weil ich sie nicht für antique halte.

Ich und die Welt

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Motto

Jünglings Absage

Caritas, caritatum caritas

O – raison d'esclave

Gebt mir ein Ross ...

Frühling

Das Königskind

Leise Lieder

Frohsinn und Jubel ...

Was rufst du ...

Nun hast auch du ...

Winternacht

Ein Wunsch

Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt

Entwickelungs-Schmerzen

Schicksals-Spruch

Frage ohne Antwort

Wohin?

Inmitten der großen Stadt

Am Meer

Vaterländische Ode

Der einsame Christus

Der Blick

Der Wissende

Das Auge Gottes

Stimmungen vor Werken Michelangelos

Der Abend

Ein Sklave

Frühlingsregen

Abend am See

So möcht ich sterben ...

Schicksale der Liebe

Casta regina!

Prometheus

Hymnus des Hasses

Traum

Der Spieler

Im Eilzug

An Friedrich Nietzsche

Refugium

An Sirmio 1

Auf der piazza Benacense

Fliegendes Blatt

Übermut

Bahn frei!

Per exemplum

Ἄσβεστος γέλως

Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk

Auf mich selber

Übern Schreibtisch

Vor alle meine Gedichte

Wir Lyriker

Pöblesse obligee

Einigen Kritikern

Kriegerspruch

Herbst

Morgenandacht

Ein fünfzehnter Oktober

Und so hebe dich denn ...

Die Kinder des Glücks

Gefühl

Bei einer Sonate Beethovens

Vor die vier Sätze einer Symphonie

Kinderliebe

»Aber die Dichter lügen zu viel«

Glück

Macht-Rausch

Präludium

Wo bist du ...

Gleich einer versunkenen Melodie ...

Gesellschaft

Lieder!

Ewige Frühlingsbotschaft

An Mutter Erde

Ein Sommerabend

Feierabend

Volkslied

Geheime Verabredung

Erntelied

Der Abend

Nachtwächterspruch

Gebet

Erden-Wünsche

Eins und alles

Ob sie mir je Erfüllung wird ...

Künstler-Ideal

An meine Seele

Mondstimmung

An die Wolken

Vor Strindbergs »Inferno«

Ne quid nimis!

Quos ego!

Natura abundans

Du trüber Tag ...

Konzert am Meer

Der freie Geist

Nur wer ...

Die Luft ward rein ...

Aus Religion

Ja trutze nur ...

Morgenstimmung

Weiße Tauben

Allein im Gebirg

Abendpromenade

Görlitzer Brief

An die Moral-Liberalen

An N.

An * *

An denselben

Lebensluft

Stilles Reifen

Mensch Enkel

Abendläuten

Oh zittre mir nicht so ...

Lebens-Sprüche

Was mir so viel vom Tage stiehlt ...

Wohl kreist verdunkelt oft der Ball ...

Singende Flammen

Moor

Nächtliche Bahnfahrt im Winter

Dunkle Gäste

Begegnung

Dunst

Ohne Geige

Venus Aschthoreth

Reine Freude

An die Messias-Süchtigen

Ersehnte Verwandlung

Mitmenschen

Die russische Truhe

Vorfrühling

Thalatta!

Zum II. Satz

Eine junge Witwe singt vor sich hin

Mir kommt ein altes Bergmannslied zu Sinn

Du dunkler Frühlingsgarten ...

Vorbemerkung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung ist, der Entstehungszeit ihrer Gedichte nach betrachtet, die umfassendste, die ich bisher veröffentlicht habe. Sie reicht bis vor die Entstehung meines Erstlings »In Phanta's Schloß« – also bis in den Sommer 1898 ab. Sie bildet demnach eine Ergänzung zu meinem ersten und noch mehr zu meinem zweiten Buche »Auf vielen Wegen«, dessen Inhalt hauptsächlich in den Jahren 96 und 97 entstanden ist. Ihre Gedichte sind im wesentlichen chronologisch geordnet. Mit »Ein Wunsch« gehen sie ins Jahr 95 über, mit den »Stimmungen vor Werken Michelangelos« ins Jahr 96, mit »Präludium« ins Jahr 97 und mit »Mensch Enkel« ins Jahr 98.

Berlin, Frühjahr 1898

Chr.M.

Motto

Inhaltsverzeichnis

Wie ward ich oft gebrochen, brach mich selbst,

und dennoch leb ich, unverwüstlich stark;

was alles liegt in mir geknickt, verdorrt,

doch unaufhaltsam wächst es drüber hin.

Jünglings Absage

Inhaltsverzeichnis

Oh liebt mich nicht, ihr Guten und Gerechten,

oh laßt mich nicht so herb und qualvoll leiden,

von eurem Wege muß mein Weg sich scheiden,

und gegen euch, nicht mit euch, muß ich fechten.

Umsonst, daß wir um Ziel und Pfade rechten,

umsonst, daß sorglich wir die Kluft verkleiden,

den Einsamen, der nicht mit euch mag weiden,

ihr bannt ihn doch zuletzt, als einen Schlechten.

Dürft ich euch lieben! ... Doch wenn eure Hände

Erhabenstes mit rohem Griff mißhandeln,

und wenn ihr tobt in eures Sinns Umnachtung,

dann wünscht ich mir die Faust voll Feuerbrände,

dann möcht ich, Gorgo gleich, zu Stein euch wandeln –

durch einen Blick unsäglicher Verachtung.

Caritas, caritatum caritas

Inhaltsverzeichnis

An seinem Grabe rief des Priesters Mund:

»Ob unbewußt, er war doch Kirchenchrist!

O glaubt es, des Allmächtigen Bildnis ist

verschwunden nie aus seiner Seele Grund!«

Wohl mancher biß sich da die Lippe wund,

ersah er, wie voll heuchlerischer List

der Moloch Kirche noch die Toten frißt

in seinen gierigen, eifersüchtigen Schlund.

Und ob ein Held auch alle Kerker brach,

die je ihn diesem Ungetüm versklavt,

im Tode schleicht ihm seine »Liebe« nach

und spricht: »Die ändern ruhn in meinem Bauch,

wie sollt ich Dich als frei und ungestraft

verschonen?! Sei getrost, ich freß' dich auch.«

O – raison d'esclave

Inhaltsverzeichnis

»Krücken, Krücken! gebt uns Krücken!

Ach, wie geht die Menschheit lahm,

seit man, neu sie zu beglücken,

ihr die alten Stützen nahm.

Brillen, Brillen! gebt uns Brillen!

grün und blau und gelb und rot!

Volles Licht ist für Pupillen

unsrer Art der sichre Tod.

Lügen, Lügen! gebt uns Lügen!

Ach, die Wahrheit ist so roh!

Wahrheit macht uns kein Vergnügen,

Lügen machen fett und froh!

Gängelbänder, Schaukelpferde,

Himmel, Hölle und Moral –

und dich selbst gib deiner Herde

neu zurück, oh großer Baal!«

Gebt mir ein Ross ...

Inhaltsverzeichnis

Gebt mir ein Roß, und laßt mich reiten

aus diesem Meer von Staub und Stein,

in Wäldernacht, in Steppenweiten

laßt einsam mich und selig sein!

Hurrah! hussah! Der Rappe fliegt ...

Die schwarzen Mauern fliehn zurück ...

Vor mir in stiller Ferne liegt

der Freiheit unaussprechlich Glück ...

Vorüber tausend glatten Städten,

bis mich ein freies Land empfängt,

wo nicht Kultur mit Sklavenketten

die kühne Mannesfaust behängt!

Hurrah! hussah! Zigeunerkind!

Herauf zu mir! mein Arm hält fest!

Hin, wo die Berge pfadlos sind!

Ein Horst sei unser Hochzeitsnest! ...

Und spürt uns die verruchte Sippe

im hohen Felsenbrautbett auf – –

todwilde Jagd zur nächsten Klippe!

Die letzte Kugel aus dem Lauf!

Hurrah! hussah! Die Tiefe droht ...

Umschling mich, Weib! Hörst du sie schrein? ...

Viel lieber hier im Abgrund tot

als dort im Staub lebendig sein! ...

Frühling

Inhaltsverzeichnis

Wie ein Geliebter seines Mädchens Kopf,

den süßen Kopf mit seiner Welt von Glück,

in seine beiden armen Hände nimmt,

so faß ich deinen Frühlingskopf, Natur,

dein überschwänglich holdes Maienhaupt,

in meine armen, schlichten Menschenhände,

und, tief erregt, versink ich stumm in dich,

indes du lächelnd mir ins Auge schaust,

und stammle leis dir das Bekenntnis zu:

Vor so viel Schönheit schweigt mein tiefstes Lied.

Das Königskind

Inhaltsverzeichnis

Ich ging an träumenden Teichen

vorüber in mondiger Nacht;

in den flüsternden Kronen der Eichen

spielten die Winde so sacht ...

Da umspann mich der Zauber der Stunde,

daß ich hemmte den einsamen Gang –

nur die Nixen sangen im Grunde,

tief im Grunde,

ihren leisen, dunklen Gesang.

Ihr Antlitz tauchten die Sterne

ins schauernde Wellenmeer,

aus duftverschleierter Ferne

grüßten die Berge her.

Kein Laut in schweigender Runde –

keines Vögleins verspäteter Klang –

nur die Nixen sangen im Grunde,

tief im Grunde,

ihren leisen, dunklen Gesang.

Da war mir, es käme gezogen

ein Nachen im leichten Wind

und trüge über die Wogen

ein strahlendes Königskind ...

Und ich rief mit bittendem Munde –

doch keine Antwort klang –

nur die Nixen sangen im Grunde,

tief im Grunde,

ihren leisen, dunklen Gesang.

Leise Lieder

Inhaltsverzeichnis

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,

Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,

noch ein Stern, der etwa spähend wacht,

noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,

das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,

und an denen niemand als der Schmerz,

der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,

dir, in deren Aug mein Sinn versank,

und aus dessen tiefem, dunklen Schacht

meine Seele ewige Sehnsucht trank.

Frohsinn und Jubel ...

Inhaltsverzeichnis

Frohsinn und Jubel überall –

in meinem Herzen kein Widerhall.

Ein bittres Zucken im harten Gesicht ...

Verzicht! Verzicht!

Daß mir kein Weib in die Augen schau, –

es könnte zu tief erschrecken.

Ich kenne auf Erden nur eine Frau –

die mag mich nicht – die mag mich nicht –.

Verzicht. Verzicht.

Was rufst du ...

Inhaltsverzeichnis

Was rufst du, traurig Herz! sei still!

Es kann nicht sein –

ergieb dich drein.

Es kann nicht alles also sein,

wie deine Sehnsucht will.

Nimm Abschied, Herz, von deinem Traum,

er war zu schön.

Von lichten Höhn

wieder hinab

ins einsame Grab!

Schau, dort fliegt's,

was du geträumt ...

Die Welle wiegts

hinab zu Tal ... –

Zerschäumt, zerschäumt!

Es war einmal ...

O Dunst und Schaum!

Nimm Abschied, Herz, von deinem Traum,

er war zu schön.

Weine, mein Herz, soviel du magst,

klag und wein!

Es wird dein letztes Weinen sein

auf lang.

Ich weiß, daß du nicht fürder klagst,

wenn dieser Schmerz sich niederzwang.

Dann wirst du hart

und schweigst erstarrt ...

Weine, mein Herz! klag und wein!

Es wird dein letztes Weinen sein

auf lang.

Nun hast auch du ...

Inhaltsverzeichnis

Nun hast auch du, mein Herze,

dein großes Liebesleid,

nun bist auch du vom Schmerze

gesegnet und geweiht.

Von heut ab wird dein Klagen

nicht tändeln mehr wie einst,

und auch dein schönstes Sagen

wird sein, als ob du weinst.

Winternacht

Inhaltsverzeichnis

Flockendichte Winternacht ...

Heimkehr von der Schenke ...

Stilles Einsamwandern macht,

daß ich deiner denke.

Schau dich fern im dunklen Raum

ruhn in bleichen Linnen ...

Leb ich wohl in deinem Traum

ganz geheim tiefinnen? ...

Stilles Einsamwandern macht,

daß ich nach dir leide ...

Eine weiße Flockennacht

flüstert um uns beide ...

Ein Wunsch

Inhaltsverzeichnis

Weißt, was ich möchte, Mädchen?

Ich wollt, ich wär ein Maurer

und stürzte vom Gerüst,

und kurze Frist nur gäbe

man meinem Leben noch ...

Sie trügen in dein Haus mich,

du pflegtest mich voll Mitleid,

voll frauenhafter Güte,

voll leiser Traurigkeit ...

Und deine Hände lägen

auf meiner Fieberstirn,

und unter deinen Händen

schliefe mein Herzblut ein.

Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt

Inhaltsverzeichnis

O laß mich diese stummen Rosen küssen,

die auf durchhelltem Grund sich dunkel ranken –

sie werden oft in freundlichen Gedanken,

doch öfter noch mich traurig sehen müssen.

O laß mich diese stummen Rosen küssen,

und also jede Mitternacht dir danken,

daß du bewahrt mein Auge, zu erkranken,

und meine Stirn, in Fieber stehn zu müssen.

O laß mich diese stummen Rosen küssen –

sie bluten mir von Zeiten, die versanken,

von düstrer Qual, von sonnigen Genüssen ...

von jungen Blicken, die sich suchend tranken,

von eitler Sehnsucht stammelnden Ergüssen,

von kurzer Träume klagendem Verschwanken.

Entwickelungs-Schmerzen

Inhaltsverzeichnis

Ich werde an mir selbst zu Grunde gehn.

Ich, das sind zwei, ein Möchte sein und Bin, –

und jenes wird zum Schlusse dies erwürgen.

Das Möchte sein ist wie ein rasend Roß,

an dessen Schweif das Bin gefesselt ward,

ist wie ein Rad, darauf das Bin geflochten,

ist wie ein Mönch, der sich den Leib zerdornt,

wie eine Furie, deren Finger sich

in ihres Opfers Haar verstricken, wie

ein Vampyr, der am Herzen sitz und saugt

und saugt ...

Wohl wie ein Gott auch, der emporziehn will,

oder ein Weib, aus dessen Augen es

dem Wanderer entgegenlockt, und das

der atemlose Narr doch nie erreicht.

So sieht mein Ich von innen aus, von außen

ein Haus wie andre, hell die Fenster manchmal,

doch öfter dunkel. Stoß die Tür auf! schau

die schöne Eh' von Bin und Möchte sein!

Schaut nur hinein und ruft bedauernd ach!

und weh! und, wenns euch leichter macht, auch pfui!

Bin ich nicht Dichter? Hab ich nicht das Vorrecht –

oh welch ein Vorrecht! – jedem frechen Auge

die Räume meiner Häuslichkeit zu zeigen?

Hört doch mein Pathos, das euch jeden Winkel

beschreibt und tut, als hätt es just zum Zweck,

ihn euch als Sehenswürdigkeit zu preisen.

Ists Eitelkeit, die mich zum Cicerone

der eignen Seele macht? ists Geiz nach Ehre?

Mangel an Scham, an Stolz, an Wert, an Tiefe?

Das alles ists wohl auch, doch ists noch mehr.

So etwas noch wie Rachsucht, Grausamkeit,

Blutgierde, Haß, Verachtung wider mich selbst,

so etwas, das nicht hat, was es erlechzt,

ein Durst nach Macht, der, ungestillt, verzehrt,

das Wär' ich! vor der kalten Sphinx Ich bin.

Ja, darum führ ich euch herum in mir,

weil ich mir selbst damit das Herz zerreiße,

mich selbst erniedre und zum Schwätzer mache;

es tut so wohl, wenn man den stumpfen Schmerz

laut bluten läßt aus aufgerissnen Wunden.

Und dann: Ihr seht ja nur das Blut und nicht

das Herz, daraus es stammt! Es lacht vielleicht,

wenn ihr des Blutes Färbung düster findet,

und weint gewiß, indes ihr wähnt, es lacht.

Wohl lud ich oft euch in mein Haus, – allein

die Dielen haben Doppelböden, Spiegel,

dreht man sie um, sind Türen insgeheim,

und im Getäfel schlafen weite Truhen.

Ihr wißt gar nichts. Und ob ich mich verlöre

in einem Strom von Worten! Werft euch lüstern

in diesen Strom! Da fließt er. Er gehört euch. –

Ich werde an mir selbst zu Grunde gehn.

Schicksals-Spruch

Inhaltsverzeichnis

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,

in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,

unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,

wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.

Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,

den ewige Kraft auf ihre Werke tut,

ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn,

ein Blick – des Erdballs Werdnis und Verglut.

Frage ohne Antwort

Inhaltsverzeichnis

Was bist du, Unbegriffnes,

Mensch genannt, –

Antlitz in Antlitz

eingwendet Janushaupt, –

Urwerden

Aug in Aug mit Wissenheit, –

Urzwiegesicht

und doch ureine Form – –?

Wohin?

Inhaltsverzeichnis

Wohin noch

wirst du mich reißen,

ruhlose Sehnsucht –

wohin? wohin?

Hinter mir

dunkles Vergessen gebreitet;

vor mir der Zukunft

dunklerer Pfad ...

Aber noch hallt

meiner Hoffnungen Hufschlag

vor den rollenden Rädern,

auf denen

hochaufgerichtet ich noch,

allen Gefahren

heiter trotzend,

die Ferne suche.

Schatten und Lichter –

vorüber – vorüber –

in den Tiefen

klirrende Ketten –

nicht an mir –

nicht für mich –

mich laßt hinweg,

höher hinauf!

Freiheit! Leben!

Zukunft! Sterne!

Empor!

Noch

halten die Götter

goldene Schilde

schützend

über mein junges Haupt.

Inmitten der großen Stadt

Inhaltsverzeichnis

Sieh, nun ist Nacht!

Der Großstadt lautes Reich

durchwandert ungehört

der dunkle Fluß.

Sein stilles Antlitz

weiß um tausend Sterne.

Und deine Seele, Menschenkind?

Ward sie nicht Spiel und Spiegel

irrer Funken,

die gestern wurden,

morgen zu vergehn, –

verlorst

in deiner kleinen Lust und Pein

du nicht das Firmament,

darin du wohnst, –

hast du dich selber nicht

vergessen,

Mensch,

und weiß dein Antlitz noch

um Ewigkeit?

Am Meer

Inhaltsverzeichnis

Wie ist dir nun,

meine Seele?

Von allen Märkten

des Lebens fern,

darfst du nun ganz

dein selbst genießen.

Keine Frage

von Menschenlippen

fordert Antwort.

Keine Rede

noch Gegenrede

macht dich gemein.

Nur mit Himmel und Erde

hältst du

einsame Zwiesprach.

Und am liebsten

befreist du

dein stilles Glück,

dein stilles Weh

in wortlosen Liedern.

Wie ist dir nun,

meine Seele?

Von allen Märkten

des Lebens fern

darfst du nun ganz

dein selbst genießen.

Vaterländische Ode

Inhaltsverzeichnis

Weh dir,

der du ein Deutscher bist!

Deine glühende Seele

mußt du in Einsamkeit flüchten;

denn im Qualm und Geschrei deiner Märkte

achtet niemand dein –

und wie ein Narr

stehst du, feierlich dich gebärdend,

schwere, langsame Worte rollend,

unter der wirren, kreischenden Menge.

Rolltest du blanke Taler

in ihre Gassen,

heiß umpestete dich

ihr geiler Atem –

aber verhüllten Hauptes,

Mensch der Würde,

wendest du dich ...

Hier ist unheiliger Boden.

Weh dir,

der du ein Menschenfreund –

doppelt weh dir,

der du es Deutschen bist!

Aus der Inbrunst deiner Liebe

mußt du dich

immer wieder

in brennender Scham

an die Kniee der Einsamkeit

flüchten!

Der einsame Christus

Inhaltsverzeichnis

Wachet und betet mit mir!

Meine Seele ist traurig

bis an den Tod.

Wachet und betet!

mit mir!

Eure Augen

sind voll Schlafes, –

könnt ihr nicht wachen?

Ich gehe,

euch mein Letztes zu geben –

und ihr schlaft ...

Einsam stehe ich

unter Schlafenden,

einsam vollbring ich

das Werk meiner schwersten Stunde.

Wachet und betet mir mir!

Könnt ihr nicht wachen?

Ihr alle seid in mir,

aber in wem bin ich?

Was wißt ihr

von meiner Liebe,

was wißt ihr

vom Schmerz meiner Seele!

O einsam!

einsam! Ich sterbe für euch –

und ihr schlaft!

Ihr schlaft!

Der Blick

Inhaltsverzeichnis

Mir gegenüber,

dicht unterm Dach,

sitzt ein Weib

am geduckten Fenster

und näht.

Früh

in das steigende Licht,

spät

in die fallende Nacht.

Manchmal

blickt es vom Schoße auf

und verloren hinaus

auf die Dächer –

die Wolken –

die Ewigkeit.

Ich kann

sein Auge nicht sehn,

aber ich fühle den Blick –

ich blicke ihn mit,

den zehrenden Blick

auf die Dächer –

die Wolken –

die Ewigkeit ...

Der Wissende

Inhaltsverzeichnis

Wer einmal frei

vom großen Wahn

ins leere Aug

der Sphinx geblickt,

vergißt den Ernst

des Irdischen

aus Überernst

und lächelt nur.

Ein Spiel bedünkt

ihn nun die Welt,

ein Spiel er selbst

und all sein Tun.

Wohl läßt ers nicht

und spielt es fort

und treibt es zart

und klug und kühn –

doch lüftet ihr

die Maske ihm:

er blickt euch an

und lächelt nur.

Wer einmal frei

vom großen Wahn

ins leere Aug

der Sphinx geblickt,

verachtet stumm

der Erde Weh,

der Erde Lust,

und lächelt nur.

Das Auge Gottes

Inhaltsverzeichnis

Einst träumte mir das Auge Gottes,

und Grausen überfiel mich.

Entschürzt, entzaubert lag die Welt vor ihm,

entwirrt, entblößt, bis in den letzten Winkel

entheimlicht, nüchtern, reiz- und rätsellos.

Nichts log ihm mehr.

Der ahnungsvolle Rauch,

den wir in Qual und Wonne Leben nennen,

zerflatterte vor ihm, ward kalte Klarheit,

Durchsichtigkeit, notwendige Verknüpfung.

Die Blitz' und Donner der Gefühl' und Triebe,

des Unbewußten herrlich jäher Sturm –

Verhältnisse von Zahlen.

Und mich fror.

Graunvolle Ahnung grenzenloser Öde

befiel mich.

Und ich wünschte mir den Tod.

Stimmungen vor Werken Michelangelos
Der Abend

Inhaltsverzeichnis

(Grabmal des Lorenzo v.M.)

Sah ich dich nicht schon einmal,

lichtloser Sinnierer? ...

Sah ich dich nicht schon

viel vielemal? ...

Wenn ich des Tages Straße

hinabgegangen

und im Dämmer,

trauriger Träume schwer,

saß und hinaus sann

in Blut und Schatten

und in die brechenden Blicke

erstarrenden Lebens ...

Lagst du da nicht

am Wegrand,

den Rücken

am letzten Meilenstein,

schwer-lässig den Leib

ellbogengestützt,

aus überernsten, verschatteten Augen

über des Irdischen Wandel

brütend? ...

Warf ich mich da nicht

vor dich hin

und vergrub mich

in deine Augen

und ward mit dir eins

und brütete selber

aus ihren Höhlen

hinaus in die Landschaft? ...

Und dann sah ich

noch einmal im Geist

die langen Menschenzüge des Tags

des Weges wallen,

wie sie dem Goldtor des Morgens

fröhlich entsprangen,

Blumen im Haar

und sorglosen Lachens voll;

wie der und jener

zu Staube dann glitt

und immer mehr

sanken, stürzten –

bis endlich der heiße Mittag

müdrastender Völker

schläfrige Lager fand.

Dann wieder Aufbruch,

klingendes Spiel,

neue Siege der Kraft,

neue Opfer.

Wohin zogen sie aus,

die Morgenscharen?

Wo winkt ihr Ziel?

Wohin leuchten

aufblitzende Sterne?

Dort liegt es –:

Ein dunkles Tor,

drin alle verschwinden,

langsam,

auf ewig.

– – –

Laß mich!

Aus deinen kalten,

unsterblichen Augen

kann ich nicht länger schaun;

denn unendliches Weinen

drängt mir empor, –

und es sinken erbarmungsvoll

Tränen der Schwermut

wie Schleier

zwischen den Sterblichen

und das Bild

seines grausamen Schicksals.

Ein Sklave

Inhaltsverzeichnis

(Louvre)

Du bist der Schmerz,

der fremde Augen meidet,

der, übertief,

die eignen Augen schließt,

du bist der Schmerz,

der ohne Tränen leidet,

weil sich ihr Strom

nach innen stumm ergießt.

Ein ratlos Fliehn

todwilder Wehgedanken

tobt hinter deiner Lider

schlaffem Fall ...

Sie brechen aus ...

Zurück in ihre Schranken

peitscht sie Vernunft

mit spitzem Geißelknall.

Nun stehn sie eng,

wie angstgedrängte Pferde,

tiefköpfig, zitternd,

blutig, schaumbedeckt ...

und stürzen endlich

wie vom Blitz zur Erde,

von einem letzten Schlag

zu Tod erschreckt.

Und, der sie hegt, dein Leib,

er will mit ihnen

zu Boden stürzen –

Ah! ... Aufbrennt das Mal

umschnürter Brust ...

Du stöhnst ... Mit starren Mienen

erträgst du weiter

deines Loses Qual.

Frühlingsregen

Inhaltsverzeichnis

Regne, regne, Frühlingsregen,

weine durch die stille Nacht!

Schlummer liegt auf allen Wegen,

nur dein treuer Dichter wacht ...

lauscht dem leisen, warmen Rinnen

aus dem dunklen Himmelsdom,

und es löst in ihm tiefinnen

selber sich ein heißer Strom,

läßt sich halten nicht und hegen,

quillt heraus in sanfter Macht ...

Ahndevoll auf stillen Wegen

geht der Frühling durch die Nacht.

Abend am See

Inhaltsverzeichnis

Auf die düstern Kiefernhügel

legt sich kupfern letzte Sonne ...

Sanft wie über weichen Sammet

schmeicheln Winde drüber hin ...

Eine kurze Spanne weilt sie

goldbraun auf den stillen Wäldern,

bis ihr milder süßer Schimmer

plötzlich, wie ein Lächeln, stirbt.

So möcht ich sterben ...

Inhaltsverzeichnis

So möcht ich sterben, wie ich jetzt mein Boot

aus sonnenbunten Fluten heimwärts treibe.

Noch glüht die Luft, noch liegt ein gütig Gold

auf mir und allem um mich her gebreitet.

Bereit und heiter tu ich Schlag auf Schlag

dem Schattensaum der stillen Ufer zu ...

So möcht ich sterben, Sonnengold im Haar!

Der Kiel knirscht auf – und mich umarmt die Nacht.

Schicksale der Liebe

Inhaltsverzeichnis

1.

Ich stand, ein Berg,

still und einsam.

Da kamst du

und zerschmolzest

das Erz meiner Adern!

Nun bricht es vulkanisch heraus,

ein Schrecken dem Wandrer,

ein Schrecken mir selber.

Verdorrt steht

mein blühender Schmuck,

stumm

meiner Quellen Gespräch,

und langsam

verrinnt

mein Blut

um dich ...

2.

Wir sind zwei Rosen,

darüber der Sturm fuhr

und sie abriß.

Gemeinsam

wirbeln sie nun

den Weg entlang,

und ihre Blätter

wehn durcheinander.

Heimatlose,

tanzen und fliehn sie,

nur für einander

duftend und leuchtend,

den Weg der Liebe –:

Bis sie am Abend

der große Feger

lächelnd

auf seine Schaufel nimmt.

Casta regina!

Inhaltsverzeichnis

Wie oft zerriß ich

der Leidenschaft

schwüles Rosengerank

um Deinetwillen,

reines Weib,

und sang Dir, zartesten Glückes voll,

Anbetung und Liebe!

Dich,

die, keusch in innerster Brust,

ihrem Herren sich wahrt,

grüßt, Ehre bietend, mein Herz

und fleht aus der Sonne der Zukunft

den goldensten Strahl

Deiner Stirn.

Süß ist das Spiel der Liebe,

und die Rosen der Wollust duften heiß –

purpurne Lieder blühn ihr

aus meiner Harfe –

doch mit dem würdigsten Kranze

krön ich

die weiße Stirne der Keuschheit.

Trunkne Mänade

die du in fallenden Schleiern

vor glühenden Jünglingen

schrankenlos rasest –

lodernder Urgewalt

bist du ein göttlich Bild.

Aber vor Dir,

die, göttlicher noch,

der Mutter in sich

die Jungfrau opfert,

knie ich in Ehrfurcht,

und große Söhne

segnen mit mir

Dein heiliges Haupt.

Prometheus

Inhaltsverzeichnis

Dein Leben setz an dein Werk!

Deine Liebe zerbrich!

Auf einsame Berge

flüchte verfehmt empor!

Fittichfinster

fällt auf dich

der Geier Wahnsinn ...

Zuckend läßt du

dich zerfleischen ...

Über ihn fort

mit sterbenden Blicken

bohrst du dich noch

in ewige Nächte ...

Dunkel,

dampfend,

tropft es

den Abgrund hinab ...

Wer

achtet

Dein?

Wer

hebt unten

demantene Schalen? ...

Aber zwei Wanderer

hör ich

über dich reden –:

»Ein kranker Geist!«

»Ein krankes Werk!«

Siehe, Prometheus,

das ist dein Dank!

Hymnus des Hasses

Inhaltsverzeichnis

Heil dir,

der du hassen kannst,

dem im reichen Mark

tötende Flamme schläft,

den es lüsten kann,

als ein großer Blitz

ins feige Antlitz der Welt

zu verglühn,

grabend dein stolzes Mal

in der Menschheit Stirn!

Heil dir,

dem erhabenen Zorns

schmerzendes Feu'r

enge Adern zerreißt,

daß, den Überstrom deines Bluts

in gewölbten Händen, du

um dich spähst,

daß Todestaufe

deine Feinde

von dir empfingen!

Heil dir,

der du den trägen Trotz

stumpfer Geschlechter irrst,

dessen strafender Haß

strafende Liebe ist!

Sonne der Zukunft

loht aus dir,

wenn vernichtend heiß

göttlichen Grimmes Odem

von dir geht!

Traum

Inhaltsverzeichnis

Ich bin eine Harfe

mit goldenen Saiten,

auf einsamem Gipfel

über die Fluren

erhöht.

Du laß die Finger leise

und sanft darüber gleiten,

und Melodien werden

aufraunen

und aufrauschen,

wie nie noch Menschen hörten;

das wird ein heilig Klingen

über den Landen sein ...

Ich bin eine Harfe

mit goldenen Saiten,

auf einsamem Gipfel

über die Fluren

erhöht –

und harre Deiner,

oh Priesterin!

daß meine Geheimnisse

aus mir brechen

und meine Tiefen

zu reden beginnen

und, wie ein Mantel,

meine Töne

um dich fallen,

ein Purpurmantel

der Unsterblichkeit.

Der Spieler

Inhaltsverzeichnis

Zu jeglichem Ding

will ich also sprechen:

»Sei mein Würfel!

Im Becher der Phantasie

will ich den höchsten Wurf

mit dir wagen!

Mit jedem Großen,

der aus dem Schoß

der rollenden Erde stieg,

will um den Kranz ich

mit dir werfen!«

Allzu zaghaft

spielte bisher der Mensch,

brach nieder zu oft

unter der Würfel Last, –

starke Sehnen

spür ich frohlockend –:

Wie viel Augen habt ihr,

Dinge?

Trotzt – ihr – mir? –

Einmal naht es euch doch,

daß ihr allzusamt

in meinen Becher müßt –

und ich ihn,

und mit ihm euch,

mir voran

in die Grube schmettre.

Im Eilzug

Inhaltsverzeichnis

Über der Erde

erhabne Rundung,

hart dem Tag

auf fliehender Ferse,

rollende Räder

rauscht mit mir!

Vom Horizonte

schürzen Gewölke sich

nächtlich herauf

und schwärzen seltsam

ein formlos Gesicht

in den stahlhellen Himmel.

Ein breiter Stierkopf,

träg und tückisch,

wächst und schwillt es

über die Welt ...

dehnt und verzerrt sich ...

verschwimmt in Nacht ...

Rollet, raset

den Rücken der Erde,

Räder, empor!

Des Tages Gewandsaum

möcht ich noch einmal

inbrünstig küssen!

An Friedrich Nietzsche

Inhaltsverzeichnis

Die Park-Kapelle spielte »Lohengrin«.

Da löste sich mein Blut zu jähem Gang,

daß heiß und weh das Herz mir überschwoll.

Auch Du hast jene Töne ja geliebt

und einst voll tiefen Dursts in dich getrunken,

auch Du an ihnen zitternd dich berauscht,

wie ich mich heute zitternd dran berausche.

O Du! ...

Und unter tausenden, die stumpf

ihr kaltes Ich behaglich wiederkäuten,

hab ich, mit starren, unerschlossnen Mienen,

in innern Tränen fassungslos geweint.

Refugium

Inhaltsverzeichnis

Flieh um so tiefer in dich selbst zurück,

als du dich keinem recht enträtseln kannst ...

Verhäng die Fenster deiner Seele

mit dichtgeknüpften Alltagsphrasen!

Mit lauem Lächeln stehn sie um dich her

und rühren hier und tasten dort dich an –

Gib acht! Bedroht sind deine Schätze

von tempelschänderischen Fingern.

Verbirg dich im Gewölb des Frühgewölks

und in des Abends langem Schattenwurf,

am liebsten aber in der Nächte

hochherrlich ausgespannten Zelten.

Dort wanderst du allein mit deinem Schmerz

und schmückst die Erde ungestraft mit Lust,

aus deines Geistes grünen Körben

ein unerschöpflicher Verschwender.

An Sirmio 1

Inhaltsverzeichnis

(Kartulls Ode)

Kaum glaub ichs noch! Katull, du bist daheim!

Daheim auf deinem lieben Sirmio!

Oh Sirmio, Sirmio, Kronjuwel Neptuns!

In allen Meeren, Strömen, Seen sucht

Deingleichen man umsonst: Kein Vorgebirg,

kein Halbeiland, kein Eiland kommt dir gleich!

Wie gern bin ich zu dir zurück geeilt!

Wie schön, die Sorg und all den fremden Kram,

der mir nichts ist, im Rücken weit, weit, weit,

am eignen Tisch, im eignen Bett zu ruhn!

Das ist doch noch ein Lohn nach so viel Plag!

Mein Zauber-Sirmio, freust du dich denn auch?

Und du, mein See, brandest du mir Willkomm?

Ja, alles lacht und ruft: Katull ist da!

Fußnoten

1 Sirmio (heute Sermione), Halbinsel im Süden des Gardasees, mit einer Villa des Katull.

Auf der piazza Benacense

Inhaltsverzeichnis

(Riva am Gardasee)

Den Nacken hoch, Germane!

Diese Gassen

trat deines Ahns

geschienter Herrenfuß.

Hier eben, wo ich schreite,

schritt auch er,

geehrt vom Italer,

und seiner Weiber

Gebet und Furcht.

Ich blonder Enkel bin

kein Fremder hier;

der Bursch dort teilt vielleicht

uralte Vaterschaft

mit meinem Blut.

Wie mir das Herz schlägt,

töricht laut und stark!

Es ist ein Stolz

um alte Volkheit doch, –

und warens Bären auch,

die hier als Gäste

des schönsten Reichs gehaust ––

der Enkel hegt,

nicht ihren Grimm,

doch ihre Kraft noch heut.

Den Nacken hoch, Germane!

Felskastelle

des Berner Dietrich

und des großen Karl

erzählen heut

von alten Siegen noch,

und schwarze Augen

brenne heut noch heißer,

wenn sie des Nordens

blauer Blitz versengt.

Fliegendes Blatt

Inhaltsverzeichnis

Kecke weiße Spitzensäume,

schlanke Stiefeletten,

aus den Augen Purzelbäume

toller Amoretten,

Zöpfe, minder Liebeszäume,

eher Liebesketten,

Lippen, heiß vom Hauch der Träume, –

wer kann da sich retten?

Übermut

Inhaltsverzeichnis

Einher zu gehn, den freien Kopf

sechs Fuß hoch über der Erde!

genug, daß aus dem ärmsten Tropf

ein stolzer König werde.

Die Brust wird breit, die Hüfte leicht,

das Auge Glut und Glanz.

Ihr Toren, die ihr kriecht und schleicht,

mein Gang ist eitel Tanz.

Bahn frei!

Inhaltsverzeichnis

Nur müßt ihr mich nicht halten wollen,

wenn die Rosse der Phantasie

vor meiner Geißel dahinrasen!

Wehe dem Schurken,

der mir in die Zügel fällt, –

siebenmal schleif ich ihn

um den Bezirk

meiner Welt.

Wehe vor allem dem Rezensenten,

der mir

mit höchst ungriechischem Feuer

den Weg bedräut.

Meine Peitsche ist länger noch

als seine Ohren,

von stärkerem Leder

als seine Hirnhaut,

die Schnur noch gespaltner

als seine Zunge.

Bahn frei!

Kurz ist zur Fahrt die Zeit.

Springt mit herauf,

wenns euch lüstet!

Tausend gewähr ich Platz,

hier an den Mähnen,

hier an den Schweifen,

hier auf den Rücken der Rosse,

und hier oben bei mir

auf dem Wagen

weiteren tausend.

Herauf, Freunde!

Sturm um die Stirn,

Sonnen im Aug,

so laßt uns jauchzend

die tausendundein Weltwege

durchbrausen.

Per exemplum

Inhaltsverzeichnis

Ich wollt, ich wäre Gott;

denn Mensch sein

heißt Prahler sein.

In Gedanken

mit Sternen spielen –

Spiel für Dichter

und Wäscherinnen.

Aber wär ich Gott ...

ich griffe mir

per exemplum

ein violettbestrumpftes,

schnupftabaktalariges,

zölibatbettiges

Pfäfflein

von irgend einem

bigotten Planeten,

macht' es so groß

wie mich selber

und hängt' ihm dann

das ganze Sternall

als Rosenkranz

über die Hand –

es abzubeten.

»Hurtig, hurtig!

Dein Lohn ist

die ewige Seligkeit!«

»Aber Herr, Herr ...«

»Nichts da! Gebetet!«

Ach! daß ich Mensch bin, –

ein Murmeltier,

auf den Alpen

passiver Begriffe.

Ἄσβεστος γέλως

Inhaltsverzeichnis

Die Tage der Gläubigen

uralten Wahns

sind dahin!

Unauslöschlich Gelächter

grüßt,

was sie lassen und tun.

Am Sonnenhimmel

schaun sie noch immer

schwärzliche Punkte

und sprechen: »Seht!

Gottes Finger

deuten auf uns!«

Wissen sie nicht,

daß sie Flecken des eigenen Augs

anbeten?

Rührendem Schauspiel

lohnt

unauslöschlich Gelächter.

Bändigen

wolln sie den Huf der Zeit,

mit Spruch und Fluch

bannen das steigende Roß,

drauf frühlingsgewaltig

der freie Geist,

der Zukunft König,

einherbraust!

Weh den Zermalmten!

Ihr Ende

umschallt

unauslöschlich Gelächter.

Hören sie nichts?

Vom Aufgang zum Niedergang

lacht es ja unablässig,

grüßt,

was sie lassen und tun,

unauslöschlich Gelächter.

Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk

Inhaltsverzeichnis

Kehrt Phoebus Apollo

zum zwölften Male,

sollen der Christen

Tempel fallen!

Ihre Säulen

sollen gebrochen werden

und ihre Kreuze

sich in die Erde bohren!

Und der Priester unheilig Volk

sei in ihnen,

als ihren Heimstätten,

wenn sie zusammenstürzen!

Und alles Volk

gehe in Rosen umher

und werfe die Steine

in seine Schlüchte und Wässer!

Und Tag und Nacht

solln die Posaunen

der neuen Tempel

jauchzen!

Wann aber der alten

Boden flach ward,

so soll man

Gärten darüber breiten!

Denn die Zeit ist um,

da das Kreuz geragt,

der neue Mensch

reckt seine Hand.

Auf mich selber

Inhaltsverzeichnis

Höchste Unabhängigkeit –

sin' qua non condicio;

Zwang der Herdengängigkeit –

maxima contricio!

Rang, Besitz und Menschengunst –

larum lirum larum;

eine Kunst statt aller Kunst:

hic fons lacrimarum.

Übern Schreibtisch

Inhaltsverzeichnis

1.

Bau dich nur an in deiner Welt,

und schiele nicht nach fremden Trieben,

bist du nur selbst dir treu geblieben,

so hast du einst auch deinen Mann gestellt.

2.

Willst du fest und fördernd leben,

mußt du oft den Blick verkleinern

und, dich schaffend zu erheben,

vielem dein Gefühl versteinern.

Vor alle meine Gedichte

Inhaltsverzeichnis

»Traurig« – »lustig« –

Worte!

Ich schreibe für Männer.

Freue sich, wer da kann,

der lebendigen Kraft,

die, unbekümmert

um das, was sie greift,

nur sich selber

auslassen und üben will!

Schaffen ist Kraft!

Oh ihr empfindsamen Werther!

Wir Lyriker

Inhaltsverzeichnis

Warum wir immer noch Verse schreiben?

Um unbekannt und ungestört zu bleiben.

Pöblesse obligee

Inhaltsverzeichnis

»Gutes laßt uns stets beschweigen;

denn es dünkt uns selbstverständlich;

Schlechtem aber stets bezeigen,

wie wir ihm so tief erkenntlich.«

Einigen Kritikern

Inhaltsverzeichnis

Laßt bei diesem Kot und Stroh

es nunmehr bewenden,

müßt nicht euer Bestes so

leichten Sinns verschwenden!

Kriegerspruch

Inhaltsverzeichnis

Alte treue

Fahne Einsamkeit,

mit dir scheue

ich keinen Streit.

Hülle mich ein,

mein Panier,

in dir

will ich leben und begraben sein.

Herbst

Inhaltsverzeichnis

1.

Hörst du die Bäume im Windstoß zischen?

Siehst du, wie sie sich drehen und winden

unter des Regens tausendsträhniger Geißel?

Gekrümmten Rückens, erstarrten Blutes,

flüstern sie unaufhörlich heisere Flüche

in den kalten, grausamen Herbst hinaus.

Blühten sie nicht in dankender Schönheit

Göttern und Menschen auf?

Bargen der Vöglein süßes Geschwätz nicht treu?

Schildeten nicht vor Schloßen das zarte Beet?

Und der Sonne furchtbare Feuer –

wer empfing sie, sich lautlos opfernd? ...

Sieh, wie die Armen im Sturm erschauern –:

Wie langzottige frierende Hunde,

denen das nasse gesträubte Fell

überwirbelt nach vorne weht,

trotzen gesträubt die trostberaubten,

und ihr herzzerbrechendes Seufzen

rauscht umsonst

ans graue Gewölb der Wolken.

2.

Der graue Herbst

lädt mich zu sich hinaus,

übern grauen See,

übern grauen Wald,

in die graue, graue Himmelsferne ...

Bin ich der einzige Mensch der Erde? ...

Tiefe Verlassenheit fällt mich an.

Morgenandacht

Inhaltsverzeichnis

Ihr Götter der Frühe,

schenket mir gute Gedanken!

Küßt mir die helle Stirne

mit lächelnden Lippen!

Aufatmend tret ich hinaus

auf die Altane ...

Von leichten Winden gerührt,

schwanken die Büsche,

und, holdanwogend,

grüßt der glitzernde See

die treuen Ufer.

Fernher kommen

fleißige Segel gezogen, –

ihr Unsichtbaren,

tragen sie eure Geschenke?

Aber was frag ich!

Von euerer Nähe

Odem schauern

Himmel und Erde ...

Euren Odem selber im Busen,

tret ich,

überbegnadet,

fromm,

zurück ins Zimmer ...

Ein fünfzehnter Oktober

Inhaltsverzeichnis

Vier Abendstimmungen am (53.) Geburtstag Friedrich Nietzsches

1.

Urplötzlich –

durch Vorhangspalten –

der Mond ...

Drunter,

schneehell,

der See ...

Dazwischen

schwarzblaue Kluft ...

Hinaus,

in den Nichtraum-Raum

der Myriaden Welten!

Abgrund!

Ausgrund!

Urungrund! ...

Nicht fallen, Geist! –:

Hier! –:

Lampe, Bücher, Tintenfaß!

O Narrheit!

Narrheit!

Narrheit!

2.

Was wollt ihr doch

hier um mich?

Wißt, wer ihr seid?

Wer ich bin?

Was wandelt durch uns?

Welch Spieles Puppen

sind wir?

»Lebe! lebe!«

Ich lebe ja!

Auch das ist Leben,

wenn unter dem Fuße

der Feindin Finsternis

der Wurm sich krümmt

und an ihm

zu beiden Seiten hinauf

strebt,

züngelt,

seufzet

– – –

3.

Wahrt euer Mitleid für euch,

gutherzige Menschlein!

Auch der düstersten Leidenschaft

bitterster Seufzer

ist köstlicher noch,

als was ihr uns bieten könntet!

In unserm Schmerz,

Zorn, Haß, Einsamsein –

wie viel glücklicher sind wir

als ihr!

Hinweg mit dem Leichnam,

den, trostbeflissen,

eu'r Eifer heranschleppt!

Fort mit der Mumie!

Was soll

den lebendigen Göttern

der tote!

4.

Und da ich nun so frei wie nur ein Mensch,

von Schönheit übervoll und hell an Geist,

so weiß ich nicht, was ich nicht zwingen sollte

in meiner Kunst gefügig Alphabet.

Frei, frei! du schönstes Wort der neuen Welt,

Paß aller Unersättlichen und Glück!

Wer ermaß schon deinen Wert?

Höher, heitrer wölbst du des Helden Stirn,

stolzer stößt ihm das Herz,

wuchtiger wirken die Lungen ihm,

und seine Schritte

tragen geflügelt ihn über die Erde.

Keines Gottes rächender Blitz

schreckt,

wer selber von Flammen ein Schoß.

Lächelnd löst er den Blitz

seiner Hand –:

Mein ist er, war er von je!

Ich gab ihn dir,

ihm dich,

dich mir! ...

Frei! ruf ich, frei! ...

Und sieh, kein Echo wirft den Ruf zurück –

ins Grenzenlose warf ich ihn.

Fliege, mein Adler, schieße, mein Stern!

Und erst die Stunde, die mein Auge bricht,

wird dich den Kopf zerschelln und enden sehn –

am Echoschild des Tods.

Und so hebe dich denn ...

Inhaltsverzeichnis

Und so hebe dich denn

aus den Nebeln des Grams

auf des Selbstvertrauens

mächtigen Fittichen

aufwärts,

bis du dir selber

mit all deinem Leide

klein wirst,

groß wirst

über dir selber

und all deinem Leide.

Die Kinder des Glücks

Inhaltsverzeichnis

Sorglosen Lächelns

die Lippen geschürzt,

fröhlich die blühenden

Wangen gerötet,

tanzen wir Kinder des Glücks

unsre sonnigen Pfade dahin.

Rosenkränze

und schimmernde Bälle

werfen wir uns

und den Fremdlingen zu.

Wer uns begegnet,

dem huscht es wie Gold

über das sinnende

Antlitz.

Auf weichen Armen

trägt uns das Weib,

süß von Küssen

duftet die Luft.

Unser Wort

ist Gesang

und Gesang

unsre Antwort.

Fallen uns Feinde an,

schütten wir lachend

klingende Blitze

über sie aus.

Aber dem Urfeind

kommen am liebsten wir

raschen Entschlusses

selber zuvor.

Wir sind der Welt

unschuldigster Sinn,

wir sind die Erntenden

mühsamer Saaten.

Sorglosen Lächelns

die Lippen geschürzt,

fröhlich die blühenden

Wangen gerötet,

tanzen wir Kinder des Glücks

unsre sonnigen Pfade dahin.

Gefühl

Inhaltsverzeichnis

Ha, fühls! du mußt!

Ein Neues gärt empor ...

Mit tausend Armen krampft und reckt sichs auf ...

Ein dunkler, graunvoll süßer Lärm schwillt an ...

So rollt das Meer in Vorsturm-Melodien ...

Oh Kraft! oh Leben!

Komm herauf! herauf!

Natur gebier!

Ein neues Erdenfest

entfrühlinge der Völker trägem Schoß!

Ja! ja! du willst!

Ich fühl es ja!

Ich fühls!

Bei einer Sonate Beethovens

Inhaltsverzeichnis

Da rollte der Donner selber –

und Titanen

schnitten mit flachen Händen

Steinplatten aus dem Fels

und schmetterten sie

frohlockend hinaus,

daß sie wie Vögel

die Luft durchschossen ...

Vor die vier Sätze einer Symphonie

Inhaltsverzeichnis

1.

Wie das noch so hoch getürmte

Wasser wieder muß zum Meere,

fällt der noch so hoch gestürmte

Geist zurück in toter Schwere.

2.

Fester Boden kann dich retten,

wenn du dich verloren hast;

trage fromm der Erde Ketten,

und zur Lust wird dir die Last.

3.

Stiegst du aus der Wasser Gruft

auf die feste Erden,

magst du nun einmal der Luft

kecker Segler werden.

4.

Auf zur Erdenmutter Sonne

trägt den Vogel sein Gefieder,

Feuer tiefster Daseinswonne

schenkt ihm seine höchsten Lieder.

Kinderliebe

Inhaltsverzeichnis

Nach Klostersitte floß dein wollen Kleid

in grauer Strenge faltenlos zum Fuß,

doch drüber hin, gelöst und quellend reich,

des sanftesten Marienkopfs Gelock.

Braunaugen, wie von stiller Gluten Wehn

erschimmernd, sich verschleiernd – strahlt ihr noch? ...

Ich war wohl acht, du dreizehn Jahre alt.

Was wars, das unsre Lippen jäh verband –

ach eine selige Sekunde nur –

wie erster unaussprechlich süßer Durst

von Mann zu Weib – in weltvergeßnem Kuß –

dem schönsten Kusse, den ich je geküßt ...? ...

Wo weilst du, Liebe, – nun wohl Mutter längst,

doch ewig junge Beatrice mir –?

Gemahnt auch dich noch Hauch versunkner Zeit –

und gabst auch Du dein Herz nie süßer hin?

»Aber die Dichter lügen zu viel«

Inhaltsverzeichnis

Der Dichter muß des Menschen Sklave werden,

sonst ist es nichts, sonst bleibt es bei Gebärden.

Habe Lust an der Wirklichkeit!

Sie ist der Urquell der Phantasie.

Glück

Inhaltsverzeichnis

Nun bebt in banger Fülle meine Welt,

der Jahre Gärten wollen Früchte tragen.

Und wie auf weichen Wiesenteppich oft

ein goldner Apfel, zart empfangen, rollt,

so rührt den Plan der täglichen Gefühle

ein heimlich reif und süß geworden Lied.

Macht-Rausch

Inhaltsverzeichnis

Dich zu spielen, gewaltige Orgel –:

Blind,

mit tastenden Händen

über den Herzen der Welt!

Mit jedem Griff

Unnennbares lockend,

Stürmen und Säuseln

abgrundentfesselnd, –

eine Fuge

aus Seufzern,

Gelächtern,

Flüchen,

Wehklagen,

Wollüsten,

Jauchzern ...

So zu sitzen!

Blind

vor brausendem Tönemeer –

unter meiner Hand,

des Mächtigen,

auf und nieder rauschendem Tönemeer ...

Und ein Lauschen

auf allen Sternen ...

Präludium

Inhaltsverzeichnis

Singe, o singe dich, Seele,

über den Eintag empor in die

himmlischen Reiche der Schönheit!

Bade in goldenen Strömen der Töne dich rein

vom Staube der Sorgen!

Was dir die Welt geraubt, vergiß es!

Was dir dein Los verwehrt,

genieß es im Traum!

Auf klingenden Wellen

kommen die heimlichsten Wunder

wie Düfte

ferner Gärten

zu deinen leis zitternden Sinnen.

Singe, singe, Seele des Menschen,

vom Grauen der Nächte bedroht,

dich empor,

wo, lichtumgürtet,

der Phantasien

jungfräulicher Reigen

die zierlichen Füße

auf nie verblühenden Wiesen

verführerisch setzt.

Wo bist du ...

Inhaltsverzeichnis

Wo bist du, süße Blume meiner Tage?

Ich strecke müde, glückverlangende Hände

nach deinem holden Kelche aus?

Wo bist du –

daß ich das keusche, sammetweiche Haupt

dir küsse?

Wo bist du –

daß der Falter meiner Seele

an deiner Blüte Staub

sich neu vergolde?

Ich dürste, hungere nach deinem Duft!

Wo birgst du deine Schönheit?

Welcher Garten des Paradieses

umfriedet deine Pracht?

Wo bist du – bist du –

süße Blume meiner Tage?

Gleich einer versunkenen Melodie ...

Inhaltsverzeichnis

Gleich einer versunkenen Melodie

hör ich vergangene Tage

mich umklingen.

Heiß von Tränen

wird mir die Wange,

und von wehmütigen Seufzern

schluchzt mir die Brust,

an der du –

ach Du!

einst dein blondes,

erglühendes Köpfchen bargst,

o Geliebte!

Gesellschaft

Inhaltsverzeichnis

1.

Aus der Gesellschaft Lärm und Lachen

hebt schwermütigen Flügelschlags

meine einsame Seele sich

fernen schweigenden Höhen zu,

wo der Nachtwind klagend

in mächtigen Bäumen harft,

und in den langen Schatten

des kühlen Mondes

meine Träume und Wünsche

sorgenvoll wandeln ...

Ach, die ihr hier scherzt und lacht

und mit leeren Tönen

der Tag und Nächte

kostbare Luft erfüllt –

was hab ich mit euch –

was hab ich mit euch

zu schaffen!

2.

Jene schmerzlichen Stimmungen!

Wenn du plötzlich den Kopf

in den Nacken wirfst –:

Alles um dich wird starr, tot –:

Und du springst auf,

um herbe Lippen

ein mühsam Lächeln.

Hinaus!

Ins Freie!

Allein sein! Dein sein!

Ins Erdreich

stampft dein erregter Fuß

deine Unrast ...

Schluchzend, stammelnd

löst sich dein Trotz ...

Stiller wirst du,

gütiger, reifer ...

Jene schmerzlichen Stimmungen.

Lieder!

Inhaltsverzeichnis

Träumerische Stimmen

durchstürmen meine Seele ...

Nackte Mädchen

jagen sich

an Hügelhängen hin ...

Tief unten rauscht

der breite blaue Fluß.

Über mir in tönenden

Kreisen zieht ein Aar.

Lieder ...

Lieder ...

Lieder überall!

Im Sonnenschein,

im grünen Gras,

im Wald,

im Fluß,

im Tal ...

Ewige Frühlingsbotschaft

Inhaltsverzeichnis

Sieh mit weißen Armen, schwellenden Brüsten,

purpurnen Lippen, blitzenden Augen dort

der jungen Weiber hold erregte Reigen

aus den immergrünen Toren der Jugend,

gleich aus brechenden Körben rollenden Früchten,

quellen – strömen – – sich ergießen – – –

des Lebens unversiegliche Bürgschaft selber.

Und du stürzest nieder in deiner Kraft,

und, besiegt vom Zauber unendlicher Anmut,

lässest du willenlos dich mit Rosenbanden

fesseln, und durch den zierlichen Fuß der Erwählten

küssest und wirkst du mit neuen Gelöbnissen dich

an den gütigen Schoß deiner ewigen Mutter.

Aus den immergrünen Toren der Jugend

wiegen jungfräuliche Reigen sich

in die grauen Gefilde der Welt.

Und es zittert die keusche Myrte,

und unruhig atmet die Rose,

wenn im hohen Äthergewölbe

die Kerzen der Nacht aufflammen.

An Mutter Erde

Inhaltsverzeichnis

Sie wollen mich umgarnen,

sie wollen mich fort reißen –

aber ich werfe mich

an deine heilige Brust,

Mutter Erde ...

Mit weiten Händen

greif ich in deine Schollen,

mit tiefen Zügen

schlürf ich den herben Duft

deiner Kräuter ...

Nein, Du

verlässest mich nicht,

du nährst mich,

du stärkst mich,

daß die bösen Geister

mich lassen müssen,

und ich hoch und heiter

wieder des Weges wandere,

den ich mir kor.

Dafür will ich dich auch

ohn End, ohn Ende

lieben und preisen ...

Und wenn du mich einst

vom Strahl der Sonne

zurückheischst,

dann will ich

mein Haupt still

in deinen Schoß betten ...

Und du wirst

meinen Schlummer behüten

von Ewigkeit

zu Ewigkeit.

Aus einer Lieder-Gruppe

Ein Sommerabend

In Musik gesetzt von Robert Kahn

Feierabend

Inhaltsverzeichnis

Lindenduft ... Bienenchor ...

Vogelsang und Brunnenrauschen ...

Knarrend schließt sich Tor um Tor;

Feierabend lockt hervor,

Grüße auszutauschen.

Junges Volk will Gesang,

Fiedelspiel und kecke Reigen;

säume heute keiner lang,

sich zur Ehr und uns zu Dank

seine Kunst zu zeigen!

Einer weiß ein neues Lied,

andre freuen sich der alten;

wer von Fern zu Ferne zieht,

muß es, eh er weiter flieht,

fröhlich mit uns halten.

Düfteschwerer Dämmerflor ...

Vogelsang und Brunnenplauschen ...

Trete nun der Mensch hervor,

lasse in den großen Chor

seine Stimme rauschen!

Volkslied

Inhaltsverzeichnis

Draußen im weiten Krieg

ist blieben mein armer Schatz,

draußen im fremden Land,

da liegt er kalt und blaß.

Läg ich doch bei ihm im Grab

in der fremden Erd!

Was tu ich hier allein

am einsamen Herd?

Stiller Mond,

der in mein Fenster scheint,

hat schon jemand so

um seinen Schatz geweint?

Geheime Verabredung

Inhaltsverzeichnis

Glühend zwischen dir und mir

Julinächte brüten;

gleiche Sterne dort und hier

unsern Schlaf behüten.

Wähl das schönste Sternelein,

will das Gleiche tuen; –

morgen droben Stelldichein

auf geheimen Schuhen.

Gibst du nur nichts anderm Raum,

als mich dort zu finden,

wird ein gleicher süßer Traum

dich und mich verbinden.

Erntelied

Inhaltsverzeichnis

Wo gestern noch der Felder Meer

gewogt in allen Farben,

steht heut in Reih und Glied ein Heer

festlich gegürteter Garben.

Es will der goldne Heeresbann

vor Frost und Hungers Wüten

das ganze Dorf mit Maus und Mann

bis übers Jahr behüten.

Und liegen die Bataillone erst

im sichern Scheunquartiere,

du fändst, und wenn du der König wärst,

nicht beßre Grenadiere.

Der Abend

Inhaltsverzeichnis

Auf braunen Sammetschuhen geht

der Abend durch das müde Land,

sein weiter Mantel wallt und weht,

und Schlummer fällt von seiner Hand.

Mit stiller Fackel steckt er nun

der Sterne treue Kerzen an.

Sei ruhig, Herz! Das Dunkel kann

dir nun kein Leid mehr tun.

Nachtwächterspruch

Inhaltsverzeichnis

Ihr Leut im Dorfe, laßt euch sagen,

die Glock am Turm ist elf.

Nicht lang, so wird es wieder tagen,

drum auf, und geht zu Bett!

Denn der nur gilt in der Gemeine,

der rüstig wirkt und schafft,

der sorgt getreulich für die Seinen,

bis ihn der Tod entrafft.

Ihr Leut im Dorfe, laßt euch sagen,

die Glock am Turm ist elf.

Nicht lang, so wird es wieder tagen,

drum auf, und geht zu Bett!

Gebet

Inhaltsverzeichnis

Oh Friede, der nun alles füllet,

erfüll auch uns mit süßer Ruh,

und bis ein Tag sich neu enthüllet,

deck uns mit trauten Träumen zu.

Wie manches, was des Tages Wille

mit rechter Klarheit nicht ergreift,

dem hilf, daß es in deiner Stille

zu freundlicher Vollendung reift!

Wen Schicksalsschläge grausam trafen,

den laß vergessen, was geschehn;

wer neid– und haßerfüllt entschlafen,

den laß versöhnt den Morgen sehn!

So allem, dem gleich uns auf Erden

zu Teil des Lebens schwankes Los,

laß deines Segens Tiefe werden,

gib Kraft aus deinem heiligen Schoß!

Erden-Wünsche

Inhaltsverzeichnis

Ein Weib, ein Hund, ein Segelboot,

mein Freund, sein Weib und sonst nichts mehr;

ein freies Schaffen, ein edler Tod,

das wäre so mein Begehr.

Vergaß ich nichts? Wer fehlt noch, wer?

Mein Triumph wider den Tod!

Ein Sohn, dem mein Wollen im Blute loht

und Kraft noch tausendmal mehr.

Eins und alles

Inhaltsverzeichnis

Meine Liebe ist groß

wie die weite Welt,

und nichts ist außer ihr,

wie die Sonne alles

erwärmt, erhellt,

so tut sie der Welt von mir!

Da ist kein Gras,

da ist kein Stein,

darin mein Liebe nicht wär,

da ist kein Lüftlein

noch Wässerlein,

darin sie nicht zög einher!

Da ist kein Tier

vom Mücklein an

bis zu uns Menschen empor,

darin mein Herze

nicht wohnen kann,

daran ich es nicht verlor!

Meine Liebe ist weit

wie die Seele mein,

alle Dinge ruhen in ihr,

sie alle, alle

bin ich allein,

und nichts ist außer mir!

Ob sie mir je Erfüllung wird ...

Inhaltsverzeichnis

Ob sie mir je Erfüllung wird, die Lust,

in alle Höhn und Tiefen auszuschweifen,

die Welt mit Riesenarmen zu umgreifen,

so Brust an Brust

der Allnatur zu reifen,

und dann, ein Sonnenweinstock, Erdendust

ein Meer purpurner Herbste abzustreifen?

Künstler-Ideal

Inhaltsverzeichnis

O tiefe Sehnsucht, die ich habe,

erfülltest du dich einst einmal,

daß ich nach dieses Lebens Grabe

mich wiederfänd in Lust und Qual –

in einem neuen Künstlerwerdcn,

in einem Gott des Tons, des Steins ...

daß ich in ewigen Gebärden

so webte am Gewand des Scheins.

Ob Not und Leid des Schöpfers Lose,

nur Schöpfer sein bedünkt mich wert,

aus bittren Dornen flammt die Rose,

nach der mein ganzes Blut begehrt.

O immer neu mit vollen Händen,

der Schönheit Meister, aufzustehn,

von Welt zu Welt, mit hehren Bränden,

ein unbekannter Gott, zu gehn!

An meine Seele

Inhaltsverzeichnis

Was wirst du noch wollen,

du ewig begehrende,

wohin du noch fliegen,

du sturmwindwilde!

Die in Erkenntnis du

rein dich badetest,

die du des Schaffens

heiligen Wahnsinn kostetest,

die du der Macht

überweltliche Freuden ahnetest,

die du von Strömen der Liebe

quollest und duftetest!

War dir ein Lohn je genug?

Hielt dich ein Ziel je zurück?

Gleich wie der Wind tagaus, nachtein

um den rollenden Ball

seine ruhlosen Fittiche regt,

nicht über Meeren rastend,

nicht auf der Berge Haupt,

ewig wechselnder Wolke

Former und Feger –

gleich wie sein Odem

des Pols und der Wüste

streitende Lüfte sind

und der Blitze Herden

ein Spiel seiner Lust –

so bist du, meine sturmwilde Seele,

ein ewiger Odem,

ein schwangerer Weltwind,

ein Schoß von Gewittern!

Oh du meine Seele,

die du in tausend Herzblutquellen

durch den Ring äonischer Alter

heran, herauf wuchsest bis zu mir,

du wie die Menschheit uralte Seele,

du, deren zahllose Wurzeln

saugend die ganze Erde umklammern,

schwankend vor Glück

schreit' ich mit deiner lieben Last

und kann noch nicht fassen,

daß grade ich

dein Werk, deine Frucht.

Mondstimmung

Inhaltsverzeichnis

Über den weiten

schweigenden Wäldern der Welt

möcht ich gleich dir, oh Mond,

großen Auges dahinziehn ...

wenn die dämmrigen Wiesen

den Geist ihrer Nebel

zu dir emporwölken,

und breite Gewässer

schwärzliche Eilande

silbern umrinnen ...

wenn die Dörfer sich tiefer

dem erdigen Boden schmiegen

und die steinernen Städte

mit weißeren Giebeln und Türmen

lautlos

vor deinem Angesicht schlafen.

Auf die träumende Menschheit dann

möcht ich gleich dir

großen Auges hinabschaun

und der leisen Musik

ihres flutenden Blutes

lauschen.

An die Wolken

Inhaltsverzeichnis

Und immer wieder,

wenn ich mich müde gesehn

an der Menschen Gesichtern,

so vielen Spiegeln

unsäglicher Torheit,

hob ich das Aug

über die Häuser und Bäume

empor zu euch,

ihr ewigen Gedanken des Himmels.

Und eure Größe und Freiheit

erlöste mich immer wieder,

und ich dachte mit euch

über Länder und Meere hinweg

und hing mit euch

überm Abgrund Unendlichkeit

und zerging zuletzt

wie Dunst,

wenn ich ohn' Maßen

den Samen der Sterne

fliegen sah

über die Äcker

der unergründlichen Tiefen.

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
04 February 2026
Volume:
576 p. 28 illustrations
ISBN:
9788027203420
Publishers:
Illustrators:
Copyright Holder::
Bookwire
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