Read the book: «Das Mondschaf steht auf weiter Flur»

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Zum Buch

»Man lacht sich krumm, bewundert hinterher, ernster geworden, eine tiefe Lyrik […] – und merkt zum Schluß, daß man einen philosophischen Satz gelernt hat.« TUCHOLSKY

Die Zeitlosigkeit Morgensterns zeigt sich in der humoristisch-skurrilen Doppeldeutigkeit seiner Gedichte und Sprüche: Sind sie auf der einen Seite gutmütiger Nonsens, lohnt sich auf der anderen Seite ein zweiter Blick, welcher schnell erkennen lässt: Morgenstern versteckt hinter der oberflächlichen Anmut seines Witzes tiefgreifende Wortkünste, deren Sinn sich nur dem achtsamen Leser eröffnet.

Nebst Morgensterns humoristischer Galgenpoesie enthält der vorliegende Band zudem Aphorismen, Sprüche, Epigramme und kleine lyrische Formen.

Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt

tranken Sekt.

Sie stießen aufs Futurum an

(was man wohl gelten lassen kann).

Plusquamper und Exaktfutur

blinzten nur.

CHRISTIAN MORGENSTERN

Christian Morgenstern

Das Mondschaf steht auf weiter Flur

Christian Morgenstern

Das Mondschaf steht auf
weiter Flur

Gedichte und Sprüche


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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH,

Hamburg Berlin

Bildnachweis: © Gerhard Schröder

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0435-6

www.marixverlag.de

INHALT

DER GINGGANZ UND VERWANDTES

PALMSTRÖM

Korf und Palmström wetteifern in Notturnos

Der Wasseresel und anderes

Zeitgedichte

Ein modernes Märchen

Nachlese zu Palmström und von Korf

MUHME KUNKEL, LORUS UND ZÄZILIE

Muhme Kunkel

Lorus

Zäzilie

PARODIEN UND DICHTERISCHE SPIELE

Parodien

Dichterische Spiele

GALGENLIEDER

NACHLESE ZUR GALGENPOESIE

Fünf Teufelslegendchen

KLAUS BURRMANN, DER TIERWELTPHOTOGRAPH

EPIGRAMME, SPRÜCHE UND KLEINE LYRISCHE FORMEN

STUFEN. EINE AUSWAHL

In me ipsum

Natur

Kunst

Literatur

Theater

Sprache

Politisches, Soziales

Kritik der Zeit

Ethisches

Lebensweisheit

Erziehung, Selbsterziehung

Psychologisches

Erkennen

Weltbild: Anstieg

Weltbild: Am Tor

ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER GEDICHTÜBERSCHRIFTEN UND -ANFÄNGE

DER GINGGANZ UND VERWANDTES

Der Gingganz

Ein Stiefel wandern und sein Knecht

von Knickebühl gen Entenbrecht.

Urplötzlich auf dem Felde drauß

begehrt der Stiefel: Zieh mich aus!

Der Knecht drauf: Es ist nicht an dem;

doch sagt mir, lieber Herre, –: wem?

Dem Stiefel gibt es einen Ruck:

Fürwahr, beim heiligen Nepomuk,

ich GING GANZ in Gedanken hin …

Du weißt, daß ich ein andrer bin,

seitdem ich meinen Herrn verlor …

Der Knecht wirft beide Arm’ empor,

als wollt’ er sagen: laß doch, laß!

Und weiter zieht das Paar fürbaß.

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,

mit Latten ohne was herum,

Ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri – od – Ameriko.

Die beiden Flaschen

Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,

die eine dick, die andre schlank.

Sie möchten gerne heiraten.

Doch wer soll ihnen beiraten?

Mit ihrem Doppel-Auge leiden

sie auf zum blauen Firmament …

Doch niemand kommt herabgerennt

und kopuliert die beiden.

Das Lied vom blonden Korken

Ein blonder Korke spiegelt sich

in einem Lacktablett –

allein er säh sich dennoch nicht,

selbst wenn er Augen hätt!

Das macht, dieweil er senkrecht steigt

zu seinem Spiegelbild!

Wenn man ihn freilich seitwärts neigt,

zerfällt, was oben gilt.

O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich

im, sagen wir, – im All!

Und senkrecht! – wärest du dann nicht

ganz in dem gleichen Fall?

Der Würfel

Ein Würfel sprach zu sich: Ich bin

mir selbst nicht völlig zum Gewinn!

Denn meines Wesens sechste Seite,

und sei es auch ein Auge bloß

sieht immerdar, statt in die Weite,

der Erde ewig dunklen Schoß.

Als dies die Erde, drauf er ruhte,

vernommen, ward ihr schlimm zu Mute.

Du Esel, sprach sie, ich bin dunkel,

weil dein Gesäß mich just bedeckt!

Ich bin so licht wie ein Karfunkel,

sobald du dich hinweggefleckt.

Der Würfel, innerlichst beleidigt,

hat sich nicht weiter drauf verteidigt.

Kronprätendenten

– »Ich bin der Graf von Réaumur

und hass’ euch wie die Schande!

Dient nur dem Celsio für und für,

Ihr Apostatenbande!«

Im Winkel König Fahrenheit

hat still sein Mus gegessen.

– »Ach Gott, sie war doch schön, die Zeit,

die man nach mir gemessen!«

Die Weste

Es lebt in Süditalien eine Weste

an einer Kirche dämmrigem Altar.

Versteht mich recht: Noch dient sie Gott aufs beste.

Doch wie in Adam schon Herr Hæckel war,

(zum Beispiel bloß), so steckt in diesem Reste

Brokat voll Silberblümlein wunderbar

schon heut der krause Übergang verborgen

vom Geist von gestern auf den Leib von morgen.

Philantropisch

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese

wäre besser ohne sie daran;

darum seh’ er, wie er ohne diese

(meistens mindstens) leben kann.

Kaum daß er gelegt sich auf die Gräser,

naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,

naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,

und die Hummel ruft zum Sturm.

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese

tut drum besser, wieder aufzustehn

und dafür in andre Paradiese

(beispielshalber: weg) zu gehn.

Der Mond

Als Gott den lieben Mond erschuf,

gab er ihm folgenden Beruf:

Beim Zu- sowohl wie beim Abnehmen

sich deutschen Lesern zu bequemen,

ein formierend und ein –

daß keiner groß zu denken hätt’.

Befolgend dies ward der Trabant

ein völlig deutscher Gegenstand.

Die Westküsten

Die Westküsten traten eines Tages zusammen

und erklärten, sie seien keine Westküsten,

weder Ostküsten noch Westküsten –

»daß sie nicht wüßten!«

Sie wollten wieder ihre Freiheit haben

und für immer das Joch des Namens abschütteln,

womit eine Horde von Menschenbütteln

sich angemaßt habe, sie zu begaben.

Doch wie sich befreien, wie sich erretten

aus diesen widerwärtigen Ketten?

Ihr Westküsten, fing eine an zu spotten,

gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?

Und wenn schon! rief eine andre schrill.

Wenn ich seine Magd nicht mehr heißen will? –

Dann blieben aber immer noch die Atlanten –

meinte eine von den asiatischen Tanten.

Schließlich, wie immer in solchen Fällen,

tat man eine Resolution aufstellen.

Fünfhundert Tintenfische wurden aufgetrieben,

und mit ihnen wurde folgendes geschrieben:

Wir Westküsten erklären hiermit einstimmig,

daß es uns nicht gibt, und zeichnen hochachtungsvoll:

Die vereinigten Westküsten der Erde. –

Und nun wollte man, daß dies verbreitet werde.

Sie riefen den Walfisch, doch er tat’s nicht achten;

sie riefen die Möwen, doch die Möwen lachten;

sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht;

sie riefen ich weiß nicht was, doch ich weiß nicht was kam nicht.

Ja, wieso denn, wieso? schrie die Küste von Ecuador:

Wärst du etwa kein Walfisch, du grober Tor?

Sehr richtig, sagte der Walfisch mit vollkommener Ruh:

Dein Denken, liebe Küste, dein Denken macht mich erst dazu.

Da war’s den Küsten, als säh’n sie sich im Spiegel;

ganz seltsam erschien ihnen plötzlich ihr Gewiegel.

Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land.

Und die Resolution, die blieb unversandt.

Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt

tranken Sekt.

Sie stießen aufs Futurum an

(was man wohl gelten lassen kann).

Plusquamper und Exaktfutur

blinzten nur.

Unter Schwarzkünstlern

Eines Mittags las man:

»Pfiffe zu mieten gesucht!

Hundertweis, zu jedem Preis!

Victor Emanuel Wasmann!«

Um sechs Uhr kam der erste Pfiff

von einem alten Kohlenschiff.

Um acht Uhr waren’s tausend schon.

Um neun Uhr eine halbe Million.

Victor Emanuel Wasmann schlug

die Türe zu: Nun ist’s genug!

Hört zu, ihr Pfiffe!

Ich habe einen Feind (hört! hört!),

der mir des nachts die Ruhe stört, –

auf den sollt ihr marschieren!

Er hat Gelächter angestellt,

die schickt er nachts mir an mein Bett,

da hocken sie auf der Decke,

mit Flügeln weiß und Flügeln rot,

und krähn und flattern mich zu Tod. –

Doch alles hat sein Ende.

Die Pfiffe pfiffen wie e i n Mann;

empfingen ihren Sold sodann.

(Ein Schusterjungenpfiff sogar

bot Wasmann sich als Bravo dar.)

Drauf ließ er sie durchs Ofenloch …

Doch lange stand er brütend noch,

schrieb Zeichen, hob die Hand und schwur,

ein schwarzer Meister der Natur …


Bald nach diesem ging

ein Herr Axel Ring

kurzerhand

außer Land. –

Wasmann hatte gesiegt.

Der Traum der Magd

Am Morgen spricht die Magd ganz wild:

»Ich hab heut nacht ein Kind gestillt –

ein Kind mit einem Käs als Kopf –

und einem Horn am Hinterschopf!

Das Horn, o denkt euch, war aus Salz

und ging zu essen, und dann –«

»Halt’s –

halt’s Maul!« so spricht die Frau, »und geh

an deinen Dienst, Zä-zi-li-e!«

Das Nasobēm

Auf seinen Nasen schreitet

einher das Nasobēm,

von seinem Kind begleitet.

Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.

Und auch im Brockhaus nicht.

Es trat aus meiner Leyer

zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet

(wie schon gesagt) seitdem,

von seinem Kind begleitet,

einher das Nasobēm.

Anto-logie

Im Anfang lebte, wie bekannt,

als größter Säuger derG i g-ant.

Wobei gig eine Zahl ist, die

es nicht mehr gibt, – so groß war sie!

Doch jene Größe schwand wie Rauch.

Zeit gab’s genug – und Zahlen auch.

Bis eines Tags, ein winzig Ding,

derZ w ö l e f-ant das Reich empfing.

Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb? –

Sein Bein wird im Museum gelb.

Zwar gab die gütige Natur

denE l e f-anten uns dafür.

Doch ach, der Pulverpavian,

der Mensch, voll Gier nach seinem Zahn,

erschießt ihn, statt ihm Zeit zu lassen,

zumZ e h e n-anten zu verblassen.

O »Klub zum Schutz der wilden Tiere«,

hilf, daß der Mensch nicht ruiniere

die Sprossen dieser Riesenleiter,

die stets noch weiter führt und weiter!

Wie dankbar wird der Ant dir sein,

läßt du ihn wachsen und gedeihn, –

bis er dereinst im Nebel hinten

alsN u l e l-ant wird stumm verschwinden.

Die Hystrix

Das hinterindische Stachelschwein

(hystrix grotei Gray),

das hinterindische Stachelschwein

aus Siam, das tut weh.

Entdeckst du wo im Walde drauß

bei Siam seine Spur,

dann tritt es manchmal, sagt man, aus

den Schranken der Natur.

Dann gibt sein Zorn ihm so Gewalt,

daß, eh’ du dich versiehst,

es seine Stacheln jung und alt

auf deinen Leib verschießt.

Von oben bis hinab sodann

stehst du gespickt am Baum,

ein heiliger Sebastian,

und traust den Augen kaum.

Die Hystrix aber geht hinweg,

an Leib und Seele wüst.

Sie sitzt im Dschungel im Versteck

und büßt.

Die Probe

Zu einem seltsamen Versuch

erstand ich mir ein Nadelbuch.

Und zu dem Buch ein altes zwar,

doch äußerst kühnes Dromedar.

Ein Reicher auch daneben stand,

zween Säcke Gold in jeder Hand.

Der Reiche ging alsdann herfür

und klopfte an die Himmelstür.

Drauf Petrus sprach: »Geschrieben steht,

daß ein Kamel weil eher geht

durchs Nadelöhr, als Du, du Heid,

durch diese Türe groß und breit!«

Ich, glaubend fest an Gottes Wort,

ermunterte das Tier sofort,

ihm zeigend hinterm Nadelöhr

ein Zuckerhörnchen als Douceur.

Und in der Tat! Das Vieh ging durch,

obzwar sich quetschend wie ein Lurch!

Der Reiche aber sah ganz stier

und sagte nichts als: Wehe mir!

Im Jahre 19000

Die Ameisen oder Emsen

sind so weit jetzt, daß sie Gemsen

sich als Sklaven halten (aus

Gründen ihres Körperbaus).

Da sie selber sehr viel kleiner,

so bedienen sie sich einer

Gemse oder zweier Gemsen

zu Gebirgspartien, die Emsen.

Ist sodann ein Adlernest

abgesucht bis auf den Rest,

gehn sie endlich, zog der Weih

schon den Ameisbären bei,

wieder ihm aus Horst und Rock –

und besteigen ihren Bock,

der sie, wie ein Stein, der springt,

heim zu ihrem Hügel bringt.

Angepflöckt, so stehn die Gemsen

in der Nähe dort der Emsen,

bei den Läusen u.s.w.

und verwünschen ihre Reiter.

Der Gaul

Es läutet beim Professor Stein.

Die Köchin rupft die Hühner.

Die Minna geht: Wer kann das sein? –

Ein Gaul steht vor der Türe.

Die Minna wirft die Türe zu.

Die Köchin kommt: Was gibt’s denn?

Das Fräulein kommt im Morgenschuh.

Es kommt die ganze Familie.

»Ich bin, verzeihn Sie«, spricht der Gaul,

»der Gaul vom Tischler Bartels.

Ich brachte Ihnen dazumaul

die Tür- und Fensterrahmen!«

Die vierzehn Leute samt dem Mops,

sie stehn, als ob sie träumten.

Das kleinste Kind tut einen Hops,

die andern stehn wie Bäume.

Der Gaul, da keiner ihn versteht,

schnalzt bloß mal mit der Zunge,

dann kehrt er still sich ab und geht

die Treppe wieder hinunter.

Die dreizehn schaun auf ihren Herrn,

ob er nicht sprechen möchte.

Das war, spricht der Professor Stein,

ein unerhörtes Erlebnis! …

Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar

des abends noch wie Kohle war,

betrübte sich so höllenheiß,

weil seine Dame Flügel spielte,

trotzdem er heulte: daß (o Preis

dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)

er beim Gekräh der Morgenhähne

aufstand als wie ein hoher Greis –

mit einer silberweißen Mähne.

Das Huhn

In der Bahnhofhalle, nicht für es gebaut,

geht ein Huhn

hin und her …

Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteh’r?

Wird dem Huhn

man nichts tun?

Hoffen wir es! Sagen wir es laut:

daß ihm unsre Sympathie gehört,

selbst an dieser Stätte, wo es – »stört«!

Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,

als ob sie Emma hießen.

Sie tragen einen weißen Flaus

und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,

ich laß sie lieber leben –

und füttre sie mit Roggenbrot

und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei

der Möwe Flug erreichen.

Wofern du Emma heißest, sei

zufrieden, ihr zu gleichen.

Igel und Agel

Ein Igel saß auf einem Stein

und blies auf einem Stachel sein.

Schalmeiala, schalmeialü!

Da kam sein Feinslieb Agel

und tat ihm schnigel schnagel

zu seinen Melodein.

Schnigula schnagula

schnaguleialü!

Das Tier verblies sein Flötenhemd …

»Wie siehst Du aus so furchtbar fremd!?«

Schalmeiala, schalmeialü –.

Feins Agel ging zum Nachbar, ach!

Den Igel aber hat der Bach

zum Weiher fortgeschwemmt.

Wigulawagula

waguleia wü

tü tü …

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich

von Weib und Kind und sich begab

an eines Dorfschullehrers Grab

und bat ihn: »Bitte, beuge mich!«

Der Dorfschulmeister stieg hinauf

auf seines Blechschilds Messingknauf

und sprach zum Wolf, der seine Pfoten

geduldig kreuzte vor dem Toten:

»Der Werwolf« – sprach der gute Mann,

»des Weswolfs, Genitiv sodann,

dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,

den Wenwolf, – damit hat’s ein End’.«

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,

er rollte seine Augenbälle.

»Indessen«, bat er, »füge doch

zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!«

Der Dorfschulmeister aber mußte

gestehn, daß er von ihr nichts wußte.

Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,

doch »Wer« gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –

er hatte ja doch Weib und Kind!!

Doch da er kein Gelehrter eben,

so schied er dankend und ergeben.

Die Fingur

Es lacht die Nachtalp-Henne,

es weint die Windhorn-Gans,

es bläst der schwarze Senne

zum Tanz.

Ein Uhu-Tauber turtelt

nach seiner Uhuin.

Ein kleiner Sechs-Elf hurtelt

von Busch zu Busch dahin …

Und Wiedergänger gehen,

und Raben rufen kolk,

und aus den Teichen sehen

die Fingur und ihr Volk …

Km 21

Ein Rabe saß auf einem Meilenstein

und rief Ka-em-zwei-ein, Ka-em-zwei-ein …

Der Werhund lief vorbei, im Maul ein Bein,

Der Rabe rief Ka-em-zwei-ein, zwei-ein.

Vorüber zottelte das Zapfenschwein,

der Rabe rief und rief Ka-em-zwei-ein.

»Er ist besessen!« – kam man überein.

»Man führe ihn hinweg von diesem Stein!«

Zwei Hasen brachten ihn zum Kräuterdachs.

Sein Hirn war ganz verstört und weich wie Wachs.

Noch sterbend rief er (denn er starb dort) sein

Ka-em-zwei-ein, Ka-em-Ka-em-zwei-ein …

Geiß und Schleiche

Die Schleiche singt ihr Nachtgebet,

die Waldgeiß staunend vor ihr steht.

Die Waldgeiß schüttelt ihren Bart,

wie ein Magister hochgelahrt.

Sie weiß nicht, was die Schleiche singt,

sie hört nur, daß es lieblich klingt.

Die Schleiche fällt in Schlaf alsbald.

Die Geiß geht sinnend durch den Wald.

Der Purzelbaum

Ein Purzelbaum trat vor mich hin

und sagte: »Du nur siehst mich

und weißt, was für ein Baum ich bin:

Ich schieße nicht, man schießt mich.

Und trag’ ich Frucht? Ich glaube kaum;

auch bin ich nicht verwurzelt.

Ich bin nur noch ein Purzeltraum,

sobald ich hingepurzelt.«

»Jenun«, so sprach ich, »bester Schatz,

du bist doch klug und siehst uns; –

nun, auch für uns besteht der Satz:

wir schießen nicht, es schießt uns.

Auch Wurzeln treibt man nicht so bald,

und Früchte nun erst recht nicht.

Geh heim in deinen Purzelwald,

und lästre dein Geschlecht nicht.«

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt

unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,

das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei

und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.

Das ist genug für einen Tag.

Schlachtgesang

Den Kinnback ab,

den Kinnback ab!

Der Laie leihe sich dem Trab,

zum Teufel er sich hinpack’

vorm Kinnback!

Das Kniebein ab,

das Kniebein ab!

Der Laie leihe sich dem Trab,

sonst trägt ihm einen Hieb ein

das Kniebein.

Der Kinnback und das Kniebein,

die flößen keine Lieb’ ein.

Hoiotoho hui hui hui

heulalaweia!

Wer denn?

»Ich gehe tausend Jahre

um einen kleinen Teich,

und jedes meiner Haare

bleibt sich im Wesen gleich,

im Wesen wie im Guten,

das ist doch alles eins,

so mag uns Gott behuten

in dieser Welt des Scheins!«

Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder Eine glückliche Ehe

Der Nachtschelm und das Siebenschwein,

die gingen eine Ehe ein,

o wehe!

Sie hatten dreizehn Kinder, und

davon war eins der Schluchtenhund,

zwei andre waren Rehe.

Das vierte war die Rabenmaus,

das fünfte war ein Schneck samt Haus,

o Wunder!

Das sechste war ein Käuzelein,

das siebte war ein Siebenschwein

und lebte in Burgunder.

Acht war ein Gürteltier nebst Gurt,

neun starb sofort nach der Geburt,

o wehe!

Von zehn bis dreizehn ist nicht klar; –

doch wie dem auch gewesen war,

es war eine glückliche Ehe!

Der Walfafisch oder Das Überwasser

Das Wasser rinnt, das Wasser spinnt,

bis es die ganze Welt gewinnt.

Das Dorf ersäuft,

die Eule läuft,

und auf der Eiche sitzt ein Kind.

Dem Kind sind schon die Beinchen naß,

es ruft: das Wass, das Wass, das Wass!

Der Walfisch weint

und sagt, mir scheint,

es regnet ohne Unterlaß.

Das Wasser rann mit zasch und zisch,

die Erde ward zum Wassertisch.

Und Kind und Eul’,

o greul, o greul –

sie frissifraß der Walfafisch.

Der Igel

Ein Igel

saß pyramidalisch

auf einem Hügel.

(*)

— • —

Er fühlte sich

– wie sag’ ich’s ungeziert –

normal vokalisch

untergrundfundiert.

(*)

Lies: Strich, Punkt, Strich.

(Galgenschule. Verf. unbek.)

Die beiden Esel

Ein finstrer Esel sprach einmal

zu seinem ehlichen Gemahl:

»Ich bin so dumm, du bist so dumm,

wir wollen sterben gehen, kumm!«

Doch wie es kommt so öfter eben:

Die beiden blieben fröhlich leben.

Das Fest des Wüstlings

Was stört so schrill die stille Nacht?

Was sprüht der Lichter Lüstrepracht?

Das ist das Fest des Wüstlings!

Was huscht und hascht und weint und lacht?

Was cymbelt gell? was flüstert sacht?

Das ist das Fest des Wüstlings!

Die Pracht der Nacht ist jach entfacht!

Die Tugend stirbt, das Laster lacht!

Das ist das Fest des Wüstlings!

(Zu flüstern)

Die Schildkrökröte

»Ich bin eintausend Jahre alt

und werde täglich älter;

der Gotenkönig Theobald

erzog mich im Behälter.

Seitdem ist mancherlei geschehn,

doch weiß ich nichts davon;

zur Zeit, da läßt für Geld mich sehn

ein Kaufmann zu Heilbronn.

Ich kenne nicht des Todes Bild

und nicht des Sterbens Nöte:

Ich bin die Schild- ich bin die Schild-

ich bin die Schild – krö – kröte.«

Der Steinochs

Der Steinochs schüttelt stumm sein Haupt,

daß jeder seine Kraft ihm glaubt.

Er spießt dich plötzlich auf sein Horn

und bohrt von hinten dich bis vorn.

Weh!

Der Steinochs lebt von Berg zu Berg,

vor ihm wird, was da wandelt, Zwerg.

Er nährt sich meist – und das ist neu –

von menschlicher Gehirne Heu.

Weh!

Der Steinochs ist kein Tier, das stirbt,

dieweil sein Fleisch niemals verdirbt.

Denn wir sind Staub, doch er ist Stein!

Du möchtest wohl auch Steinochs sein?

He?

Das Wasser

(Dem Dichter Franz Servaes)

Ohne Wort, ohne Wort

rinnt das Wasser immerfort;

andernfalls, andernfalls

spräch’ es doch nichts andres als:

Bier und Brot, Lieb und Treu, –

und das wäre auch nicht neu.

Dieses zeigt, dieses zeigt,

daß das Wasser besser schweigt.

Die Lampe

Es steht eine Lampe am weiten Meer.

Wo kommt denn die Lampe, die Lampe her?

Sie trägt ein Reformhemd aus grünem Tang

und steht auf der Insel Fragnichtlang.

Die Lampe, die Lampe, die Lampe, weh,

sie kommt aus der Werweißwosisee!

Da liegt ein Schiff ganz unten kaputt,

und aus seinen Fenstern schaun Molch und Butt.

Die Wellen, die Wellen, die haben sie geschwemmt:

Jetzt träumt sie, den Fuß auf die Küste gestemmt,

in ihrem Reformkleid aus grünem Tang …

Und im Hintergrund, da liegt – Fragnichtlang.

Klabautermann

Klabautermann,

Klabauterfrau,

Klabauterkind

im Schiffe sind.

Die Küchenfei

erblickt die drei.

Sie schreit: »O Graus,

das Stück ist aus!«

Den Pudel Pax –

den Kaufmann Sachs –

sie alle frißt

der Meerschoßdachs.

Klabautermann,

Klabauterfrau

Klabauterkind

wo anders sind.

Die Luft

(Herrn Dr. Lärmschutz-Lessing)

Die Luft war einst dem Sterben nah.

»Hilf mir, mein himmlischer Papa«,

so rief sie mit sehr trübem Blick,

»ich werde dumm, ich werde dick;

du weißt ja sonst für alles Rat –

schick mich auf Reisen, in ein Bad,

auch saure Milch wird gern empfohlen; –

wenn nicht – laß ich den Teufel holen!«

Der Herr, sich scheuend vor Blamage,

erfand für sie die – Tonmassage.

Es gibt seitdem die Welt, die – schreit.

Wobei die Luft famos gedeiht.

Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Anton

bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn,

am vegetarischen Gedanken

moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:

Seegras, Seerose und Seegries.

Doch Gries, Gras, Rose floß, o Graus,

entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.

Fünfhundert Fische sind verreckt.

Doch Sankt Anton, gerufen eilig,

sprach nichts als: Heilig! heilig! heilig!

Tapetenblume

»Tapetenblume bin ich fein,

kehr’ wieder ohne Ende,

doch statt im Mai’n und Mondenschein,

auf jeder der vier Wände.

Du siehst mich nimmerdar genung,

so weit du blickst im Stübchen,

und folgst du mir per Rösselsprung –

wirst du verrückt, mein Liebchen.«

PALMSTRÖM

Palmström

Palmström steht an einem Teiche

und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:

Auf dem Tuch ist eine Eiche

dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen, –

er gehört zu jenen Käuzen,

die oft unvermittelt-nackt

Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,

was er eben erst entbreitet.

Und kein Fühlender wird ihn verdammen,

weil er ungeschneuzt entschreitet.

Das Böhmische Dorf

Palmström reist, mit einem Herrn v. Korf,

in ein sogenanntes Böhmisches Dorf.

Unverständlich bleibt ihm alles dort,

von dem ersten bis zum letzten Wort.

Auch v. Korf (der nur des Reimes wegen

ihn begleitet) ist um Rat verlegen.

Doch just dieses macht ihn blaß vor Glück.

Tiefentzückt kehrt unser Freund zurück.

Und er schreibt in seine Wochenchronik:

Wieder ein Erlebnis, voll von Honig!

Nach Norden

Palmström ist nervös geworden;

darum schläft er jetzt nach Norden.

Denn nach Osten, Westen, Süden

schlafen, heißt das Herz ermüden.

(Wenn man nämlich in Europen

lebt, nicht südlich in den Tropen.)

Solches steht bei zwei Gelehrten,

die auch Dickens schon bekehrten –

und erklärt sich aus dem steten

Magnetismus des Planeten.

Palmström also heilt sich örtlich,

nimmt sein Bett und stellt es nördlich.

Und im Traum, in einigen Fällen,

hört er den Polarfuchs bellen.

Westöstlich

Als er dies v. Korf erzählt,

fühlt sich dieser leicht gequält;

denn für ihn ist Selbstverstehung,

daß man mit der Erdumdrehung

schlafen müsse, mit den Pfosten

seines Körpers strikt nach Osten.

Und so scherzt er kaustisch-köstlich:

Nein,m e i nDiwan bleibt – westöstlich!

Bildhauerisches

Palmström haut aus seinen Federbetten,

sozusagen, Marmorimpressionen:

Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.

Aus dem Stegreif faßt er in die Daunen

des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen,

leuchterschwingend, seine Schöpferlaunen.

Und im Spiel der Lichter und der Schatten

schaut er Zeusse, Ritter und Mulatten,

Tigerköpfe, Putten und Madonnen …

träumt: wenn Bildner all dies wirklich schüfen,

würden sie den Ruhm des Alters retten,

würden Rom und Hellas übersonnen!

Die Kugeln

Palmström nimmt Papier aus seinem Schube.

Und verteilt es kunstvoll in der Stube.

Und nachdem er Kugeln draus gemacht.

Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.

Und verteilt die Kugeln so (zur Nacht),

daß er, wenn er plötzlich nachts erwacht,

daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln

knistern hört und ihn ein heimlich Grugeln

packt (daß ihn dann nachts ein heimlich Grugeln

packt) beim Spuk der packpapiernen Kugeln …

Lärmschutz

Palmström liebt sich in Geräusch zu wickeln,

teils zur Abwehr wider fremde Lärme,

teils um sich vor drittem Ohr zu schirmen.

Und so läßt er sich um seine Zimmer

Wasserröhren legen, welche brausen.

Und ergeht sich, so behütet, oft in

stundenlangen Monologen, stundenlangen

Monologen, gleich dem Redner

von Athen, der in die Brandung brüllte,

gleich Demosthenes am Strand des Meeres.

Der vorgeschlafene Heilschlaf

Palmström schläft vor zwölf Experten

den berühmten Schlaf vor Mitternacht,

seine Heilkraft zu erhärten.

Als er, da es zwölf, erwacht,

sind die zwölf Experten sämtlich müde.

Er allein ist frisch wie eine junge Rüde!

Zukunftssorgen

Korf, den Ahnung leicht erschreckt,

sieht den Himmel schon bedeckt

von Ballonen jeder Größe

und verfertigt ganze Stöße

von Entwürfen zu Statuten

eines Klubs zur resoluten

Wahrung der gedachten Zone

vor der Willkür der Ballone.

Doch er ahnt schon, ach, beim Schreiben

seinen Klub im Rückstand bleiben:

dämmrig, dünkt ihn, wird die Luft

und die Landschaft Grab und Gruft.

Er begibt sich drum der Feder,

steckt das Licht an (wie dann jeder),

tritt damit bei Palmström ein,

und so sitzen sie zu zwein.

Endlich, nach vier langen Stunden,

ist der Albdruck überwunden.

Palmström bricht zuerst den Bann:

Korf, so spricht er, sei ein Mann!

Du vergreifst dich im Jahrzehnt:

Noch wird all das erst ersehnt,

was, vom Geist dir vorgegaukelt,

heut dein Haupt schon überschaukelt.

Korf entrafft sich dem Gesicht.

Niemand fliegt im goldnen Licht!

Er verlöscht die Kerze schweigend.

Doch dann, auf die Sonne zeigend,

spricht er: Wenn nicht jetzt, so einst –

kommt es, daß du nicht mehr scheinst,

wenigstens nicht uns, den – grausend

sag ich’s –: Unteren Zehntausend! …

Wieder sitzt v. Korf danach

stumm in seinem Schreibgemach

und entwirft Statuten eines

Klubs zum Schutz des Sonnenscheines.

Das Warenhaus

Palmström kann nicht ohne Post

leben:

Sie ist seiner Tage Kost.

Täglich dreimal ist er ganz

Spannung.

Täglich ist’s der gleiche Tanz:

Selten hört er einen Brief

plumpsen

in den Kasten breit und tief.

Düster schilt er auf den Mann,

welcher,

wie man weiß, nichts dafür kann.

Endlich kommt er drauf zurück:

auf das:

»Warenhaus für Kleines Glück«.

Und bestellt dort, frisch vom Rost,

(quasi):

ein Quartal – »Gemischte Post«!

Und nun kommt von früh bis spät

Post von

aller Art und Qualität.

Jedermann teilt sich ihm mit,

brieflich,

denkt an ihn auf Schritt und Tritt.

Palmström sieht sich in die Welt

plötzlich

überall hineingestellt …

Und ihm wird schon wirr und weh …

Doch es

ist ja nur das – »W.K.G.«

Bona fide

Palmström geht durch eine fremde Stadt …

Lieber Gott, so denkt er, welch ein Regen!

Und er spannt den Schirm auf, den er hat.

Doch am Himmel tut sich nichts bewegen,

und kein Windhauch rührt ein Blatt.

Gleichwohl darf man jenen Argwohn hegen.

Denn das Pflaster, über das er wandelt,

ist vom Magistrat voll List – gesprenkelt.

Bona fide hat der Gast gehandelt.

Sprachstudien

Korf und Palmström nehmen Lektionen,

um das Wetter-Wendische zu lernen.

Täglich pilgern sie zu den modernen

Ollendorffschen Sprachlehrgrammophonen.

Dort nun lassen sie mit vielen andern,

welche gleichfalls steile Charaktere,

(gleich als ob’s ein Ziel für Edle wäre),

sich im Wetter-Wendischen bewandern.

Dies Idiom behebt den Geist der Schwere,

macht sie unstät, launisch und cholerisch …

Doch die Sache bleibt nur peripherisch.

Und sie werden wieder – Charaktere.

Theater

Palmström denkt sichd i e s e saus:

Ein quadratisch Bühnenhaus,

mit (v. Korf begreift es kaum)

drehbarem Zuschauerraum.

Viermal wechselt Dichters Welt,

viermal wirst du umgestellt.

Auf vier Bühnen tief und breit

schaust du basse Wirklichkeit.

Denn in dieser Quadratur,

wo pro Jahre i nDrama nur,

wird natürlich jeder Akt

höchst veristisch angepackt.

Mauern siehst du da von Stein,

Bäche murmeln quick und rein.

Erdreich riechst du schlecht und recht,

Gras und Baum blühn wurzelecht.

Alles steht hier für ein Jahr

und ist deshalb wirklich wahr. –

Palmström macht sich ein Modell:

formt aus Rauschgold einen Quell

und aus Schächtelchen ein Dorf …

und verehrt das Ganze Korf.

Im Tierkostüm

Palmström liebt es, Tiere nachzuahmen,

und erzieht zwei junge Schneider

lediglich auf Tierkostüme.

So z. B. hockt er gern als Rabe

auf dem oberen Aste einer Eiche

und beobachtet den Himmel.

Häufig auch als Bernhardiner

legt er zottigen Kopf auf tapfere Pfoten,

bellt im Schlaf und träumt gerettete Wanderer.

Oder spinnt ein Netz in seinem Garten

aus Spagat und sitzt als eine Spinne

tagelang in dessen Mitte.

Oder schwimmt, ein glotzgeäugter Karpfen,

rund um die Fontäne seines Teiches

und erlaubt den Kindern ihn zu füttern.

Oder hängt sich im Kostüm des Storches

unter eines Luftschiffs Gondel

und verreist so nach Ägypten.

Die Tagnachtlampe

Korf erfindet eine Tagnachtlampe,

die, sobald sie angedreht,

selbst den hellsten Tag

in Nacht verwandelt.

Als er sie vor des Kongresses Rampe

demonstriert, vermag

niemand, der sein Fach versteht,

zu verkennen, daß es sich hier handelt –

(Finster wird’s am hellerlichten Tag,

und ein Beifallssturm das Haus durchweht)

(Und man ruft dem Diener Mampe;

»Licht anzünden!«) – daß es sich hier handelt

um das Faktum: daß gedachte Lampe,

in der Tat, wenn angedreht,

selbst den hellsten Tag

in Nacht verwandelt.

Die Korfsche Uhr

Korf erfindet eine Uhr,

die mit zwei Paar Zeigern kreist,

und damit nach vorn nicht nur,

sondern auch nach rückwärts weist.

Zeigt sie zwei, – somit auch zehn;

zeigt sie drei, – somit auch neun;

und man braucht nur hinzusehn,

um die Zeit nicht mehr zu scheun.

Denn auf dieser Uhr von Korfen,

mit dem janushaften Lauf,

(dazu ward sie so entworfen):

hebt die Zeit sich selber auf.

Palmströms Uhr

Palmströms Uhr ist andrer Art,

reagiert mimosisch zart.

Wer sie bittet, wird empfangen.

Oft schon ist sie so gegangen,

wie man herzlich sie gebeten,

ist zurück- und vorgetreten,

eine Stunde, zwei, drei Stunden,

jenachdem sie mitempfunden.

Selbst als Uhr, mit ihren Zeiten,

will sie nicht Prinzipien reiten:

Zwar ein Werk, wie allerwärts,

doch zugleich ein Werk – mit Herz.

Die Geruchs-Orgel

Palmström baut sich eine Geruchs-Orgel

und spielt drauf v. Korfs Nießwurz-Sonate.

Diese beginnt mit Alpenkräuter-Triolen

und erfreut durch eine Akazien-Arie.

Doch im Scherzo, plötzlich und unerwartet,

zwischen Tuberosen und Eukalyptus,

folgen die drei berühmten Nießwurz-Stellen,

welche der Sonate den Namen geben.

Palmström fällt bei diesen Ha-Cis-Synkopen

jedesmal beinahe vom Sessel, während

Korf daheim, am sichern Schreibtisch sitzend,

Opus hinter Opus aufs Papier wirft …

Der Aromat

Angeregt durch Korfs Geruchs-Sonaten,

gründen Freunde einen »Aromaten«.

Einen Raum, in welchem, kurz gesprochen,

nicht geschluckt wird, sondern nur gerochen.

Gegen Einwurf kleiner Münzen treten

aus der Wand balsamische Trompeten,

die den Gästen in geblähte Nasen,

was sie wünschen, leicht und lustig blasen.

Und zugleich erscheint auf einem Schild

des Gerichtes wohlgetroffnes Bild.

Viele Hunderte, um nicht zu lügen,

speisen nun erst wirklich mit Vergnügen.

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,

wird an einer Straßenbeuge

und von einem Kraftfahrzeuge

überfahren.

»Wie war« (spricht er, sich erhebend

und entschlossen weiterlebend)

»möglich, wie dies Unglück, ja –:

daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen

in bezug auf Kraftfahrwagen?

Gab die Polizeivorschrift

hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,

hier Lebendige zu Toten

umzuwandeln, – kurz und schlicht:

D u r f t ehier der Kutscher nicht –?«

Eingehüllt in feuchte Tücher,

prüft er die Gesetzesbücher

und ist alsobald im Klaren:

Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:

Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil, so schließt er messerscharf,

nicht seink a n n ,was nicht seind a r f .

Die Behörde

Korf erhält vom Polizeibüro

ein geharnischt Formular,

wer er sei und wie und wo.

Welchen Orts er bis anheute war,

welchen Stands und überhaupt,

wo geboren, Tag und Jahr.

Ob ihm überhaupt erlaubt,

hier zu leben und zu welchem Zweck,

wieviel Geld er hat und was er glaubt.

Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck

in Arrest verführen würde, und

drunter steht: Borowsky, Heck.

Korf erwidert darauf kurz und rund:

»Einer hohen Direktion

stellt sich, laut persönlichem Befund,

untig angefertigte Person

als nichtexistent im Eigen-Sinn

bürgerlicher Konvention

vor und aus und zeichnet, wennschonhin

mitbedauernd nebigen Betreff,

Korf. (An die Bezirksbehörde in –).«

Staunend liest’s der anbetroffne Chef.

Die Mausefalle

Palmström hat nicht Speck im Haus

dahingegen eine Maus.

Korf, bewegt von seinem Jammer,

baut ihm eine Gitterkammer.

Und mit einer Geige fein

setzt er seinen Freund hinein.

Nacht ist’s und die Sterne funkeln.

Palmström musiziert im Dunkeln.

Und derweil er konzertiert,

kommt die Maus hereinspaziert.

Hinter ihr, geheimer Weise,

fällt die Pforte leicht und leise.

Vor ihr sinkt in Schlaf alsbald

Palmströms schweigende Gestalt.

II

Morgens kommt v. Korf und lädt

das so nützliche Gerät

in den nächsten, sozusagen,

mittelgroßen Möbelwagen,

den ein starkes Roß beschwingt

nach der fernen Waldung bringt,

wo in tiefer Einsamkeit

er das seltne Paar befreit.

Erst spaziert die Maus heraus,

und dann Palmström, nach der Maus.

Froh genießt das Tier der neuen

Heimat, ohne sich zu scheuen.

Während Palmström, glückverklärt,

mit v. Korf nach Hause fährt.

Die weggeworfene Flinte

Palmström findet eines Abends,

als er zwischen hohem Korn

singend schweift,

eine Flinte.

Trauernd bricht er seinen Hymnus

ab und setzt sich in den Mohn,

seinen Fund

zu betrachten.

Innig stellt er den Verzagten,

der ins Korn sie warf, sich vor

und beklagt

ihn von Herzen.

Mohn und Ähren und Cyanen

windet seine Hand derweil

still um Lauf,

Hahn und Kolben …

Und er lehnt den so bekränzten

Stutzen an den Kreuzwegstein,

hoffend zart,

daß der Zage,

noch einmal des Weges kommend,

ihn erblicken möge – und –

(… Seht den Mond

groß im Osten …)

Korfs Verzauberung

Korf erfährt von einer fernen Base,

einer Zauberin,

die aus Kräuterschaum Planeten blase,

und er eilt dahin,

eilt dahin gen Odelidelase,

zu der Zauberin …

findet wandelnd sie auf ihrer Wiese,

fragt sie, ob sie sei,

die aus Kräuterschaum Planeten bliese,

ob sie sei die Fei,

sei die Fei von Odeladelise?

»Ja, sie sei die Fei!«

Und sie reicht ihm willig Krug und Ähre,

und er bläst den Schaum,

und sieh da, die wunderschönste Sphäre

wölbt sich in den Raum,

wölbt sich auf, als ob’s ein Weltball wäre,

nicht nur Schaum und Traum.

Und die Kugel löst sich los vom Halme,

schwebt gelind empor,

dreht sich um und mischt dem Sphärenpsalme,

mischt dem Sphärenchor

Töne, wie aus ferner Hirtenschalme

dringen sanft hervor.

In dem Spiegel aber ihrer Runde

schaut v. Korf beglückt,

was ihm je in jeder guten Stunde

durch den Sinn gerückt:

Seine Welt erblickt mit offnem Munde

Korf entzückt.

Und er nennt die Base seine Muse,

und sieh da! sieh dort!

Es erfaßt ihn was an seiner Bluse

und entführt ihn fort,

führt ihn fort aus Odeladeluse

nach dem neuen Ort …

Professor Palmström

Irgendwo im Lande gibt es meist

einen Staat, von dem, was sich an Geist

irgendwo befindet und erweist,

doch noch nirgendwo Professor heißt,

eben zum Professor wird gemacht,

wie von wem, der unaufhörlich wacht,

ob auch jeder Seele wird gedacht,

die der Menschheit Glück und Heil gebracht.

Solch ein Staat und solch ein Fürst, o denkt,

hat auch Palmströms Los zum Licht gelenkt,

hat ihm den Professorrang geschenkt

und das Kreuz für Kunst ihm umgehenkt.

Palmström gibt das Kreuz für Kunst zurück;

denn er trägt kein solches Kleidungsstück.

Den Professor nicht; denn man versteht:

Als Professor gilt erst ein Prophet.

Muhme Kunkel

Palma Kunkel ist mit Palm verwandt,

doch im Übrigen sonst nicht bekannt.

Und sie wünscht auch nicht bekannt zu sein,

lebt am liebsten ganz für sich allein.

Über Muhme Palma Kunkel drum

bleibt auch der Chronist vollkommen stumm.

Nur wo selbst sie aus dem Dunkel tritt,

teilt er dies ihr Treten treulich mit.

Doch sie trat bis jetzt noch nicht ans Licht,

und sie will es auch in Zukunft nicht.

Schon daß hier ihr Name lautbar ward,

widerspricht vollkommen ihrer Art.

Der Papagei

Palma Kunkels Papagei

spekuliert nicht auf Applaus:

niemals, was auch immer sei,

spricht er seine Wörter aus.

Deren Zahl ist ohne Zahl:

denn er ist das klügste Tier,

das man je zum Kauf empfahl,

und der Zucht vollkommne Zier.

Doch indem er streng dich mißt,

scheint sein Zungenglied verdorrt:

gleichviel, wer du immer bist,

er verrät dir nicht ein Wort.

Lore

Wie heißt der Papagei? wird mancher fragen.

Doch nie wird jemand jemandem dies sagen.

Er ward einmal mit »Lore« angesprochen –

und fiel darauf in Wehmut viele Wochen.

Er ward erst wieder voll und ganz gesund

durch einen Freund: Fritz Kunkels jungen Hund.

Lorus

Fritz Kunkels Pudel ward, noch ungetauft,

von einem Stiefmilchbruder Korfs gekauft.

Es trieb ihn, als er, hilfreich von Natur,

der sogenannten »Lore« Leid erfuhr,

sogleich zu ihr: worauf er, der nicht hieß,

sich ihr zum Troste »Lorus« taufen ließ:

den Namen also gleichsam auf sich nehmend –

und alle Welt durch diese Tat beschämend!

Korf selbst vollzog den Taufakt unverweilt.

Der Vogel aber war fortan geheilt.

Wort-Kunst

Palma Kunkel spricht auch. O gewiß.

Freilich nicht wie Volk der Finsternis.

Nicht von Worten kollernd wie ein Bronnen,

niemals nachwärts-, immer vorbesonnen.

Völlig fremd den hilflos vielen Schällen,

fragt sie nur in wirklich großen Fällen.

Fragt den Zwergen niemals, nur den Riesen,

und auch nicht, wie es ihm gehe, diesen.

Nicht vom Wetter spricht sie, nicht vom Schneider,

höchstens von den Grundproblemen beider.

Und so bleibt sie jung und unverbraucht,

weil ihr Odem nicht wie Dunst verraucht.

Zäzilie

Zäzilie soll die Fenster putzen,

sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

Durch meine Fenster muß man, spricht die Frau,

so durchsehn können, daß man nicht genau

erkennen kann, ob dieser Fenster Glas

Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen …

Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.

Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –

und schlägt die Fenster allesamt entzwei!

Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,

und ohne Zweifel ist es so am besten.

Sogar die Dame spricht, zunächst verdutzt:

So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,

und spricht einstimmig: Diese Magd muß gehn.

KORF UND PALMSTRÖM WETTEIFERN IN NOTTURNOS
Die Priesterin

Nachdenklich nickt im Dämmer die Pagode …

Daneben tritt aus ihres Hauses Pforte

T’ang-ku-ei-i, die Hüterin der Orte

vom krausen Leben und vom grausen Tode.

Aus ihrem Munde hängt die Mondschein-Ode

Tang-Wangs, des Kaisers, mit geblümter Borte,

in ihren Händen trägt sie eine Torte,

gekrönt von einer winzigen Kommode.

So wandelt sie die sieben ängstlich schmalen

aus Flötenholz geschwungnen Tempelbrücken

zum Grabe des vom Mond erschlagnen Hundes –

und brockt den Kuchen in die Opferschalen –

und lockt den Mond, sich auf den Schrein zu bücken,

und reicht ihm ihr Gedicht gespitzten Mundes …

v. K.

Der Rock

Der Rock, am Tage angehabt,

er ruht zur Nacht sich schweigend aus;

durch seine hohlen Ärmel trabt

die Maus.

Durch seine hohlen Ärmel trabt

gespenstisch auf und ab die Maus …

Der Rock, am Tage angehabt,

er ruht zur Nacht sich aus.

Er ruht, am Tage angehabt,

im Schoß der Nacht sich schweigend aus,

er ruht, von seiner Maus durchtrabt,

sich aus.

P.

DER WASSERESEL UND ANDERES
Der Wasseresel

Der Wasseresel taucht empor

und legt sich rücklings auf das Moor.

Und ordnet künstlich sein Gebein,

im Hinblick auf den Mondenschein:

So daß der Mond ein Ornament

auf seines Bauches Wölbung brennt …

Mit diesem Ornamente naht

er sich der Fingur Wasserstaat.

Und wird von dieser, rings beneidet,

mit einem Doktorhut bekleidet.

Als Lehrer liest er nun am Pult,

wie man durch Geist, Licht und Geduld,

verschönern könne, was sonst nicht

in allem dem Geschmack entspricht.

Er stellt zuletzt mit viel Humor

sich selbst als lehrreich Beispiel vor.

»Einst war ich meiner Dummheit Beute«

so spricht er – »und was bin ich heute?

Ein Kunstwerk der Kulturbegierde,

des Waldes Stolz, des Weihers Zierde!

Seht her, ich bring’ euch in Person

das Kunsthandwerk als Religion.«

Das Perlhuhn

Das Perlhuhn zählt: eins, zwei, drei, vier.

Was zählt es wohl, das gute Tier,

dort unter den dunklen Erlen?

Es zählt, von Wissensdrang gejückt,

(die es sowohl wie uns entzückt):

die Anzahl seiner Perlen.

Das Einhorn

Das Einhorn lebt von Ort zu Ort

nur noch als Wirtshaus fort.

Man geht hinein zur Abendstund’

und sitzt den Stammtisch rund.

Wer weiß! Nach Jahr und Tag sind wir

auch ganz wie jenes Tier

Hotels nur noch, darin man speist –

(so völlig wurden wir zu Geist).

Im »Goldnen Menschen« sitzt man dann

und sagt sein Solo an …

Die Nähe

Die Nähe ging verträumt umher …

Sie kam nie zu den Dingen selber.

Ihr Antlitz wurde gelb und gelber,

und ihren Leib ergriff die Zehr.

Doch eines Nachts, derweil sie schlief,

da trat wer an ihr Bette hin

und sprach: »Steh auf, mein Kind, ich bin

der kategorische Komparativ!

Ich werde dich zum Näher steigern,

ja, wenn du willst, zur Näherin!«

Die Nähe, ohne sich zu weigern,

sie nahm auch dies als Schicksal hin.

Als Näherin jedoch vergaß

sie leider völlig, was sie wollte,

und nähte Putz und hieß Frau Nolte

und hielt all Obiges für Spaß.

Der Salm

Ein Rheinsalm schwamm den Rhein

bis in die Schweiz hinein.

Und sprang den Oberlauf

von Fall zu Fall hinauf.

Er war schon weißgottwo,

doch eines Tages – oh! –

da kam er an ein Wehr:

das maß zwölf Fuß und mehr!

Zehn Fuß – die sprang er gut!

Doch hier zerbrach sein Mut.

Drei Wochen stand der Salm

am Fuß der Wasser-Alm.

Und kehrte schließlich stumm

nach Deutsch- und Holland um.

Die Elster

Ein Bach, mit Namen Elster, rinnt

durch Nacht und Nebel und besinnt

inmitten dieser stillen Handlung

sich seiner einstigen Verwandlung,

die ihm vor mehr als tausend Jahren

von einem Magier widerfahren.

Und wie so Nacht und Nebel weben,

erwacht in ihm das alte Leben.

Er fährt in eine in der Nähe

zufällig eingeschlafne Krähe

und fliegt, dieweil sein Bett verdorrt,

wie dermaleinst als Vogel fort.

Anfrage

Der Ichthyologe Berthold Schrauben

will Umiges dem Autor glauben.

Er kennt dergleichen aus Oviden,

doche i n e sraubt ihm seinen Frieden:

»Wo nämlich«, fragt er, »bleibt die Stelle

der Fischwelt obbenannter Quelle.

Verkörpert sie sich mit zum Raben –

oder verbleibt sie tot im Graben?«

Persönlich sei er für das Erste,

dem Zweiten aber sei die mehrste

Wahrscheinlichkeit zu geben, da,

als seinerzeit die Tat geschah,

die Pica von dem mächtigen Feinde

in einen ohne Fischgemeinde

zunächst gedachten Wasserlauf

verwandelt worden sei, worauf

erst später jene, teils durch Nebengewässer,

teils durch Menschenstreben,

als übliche Bewohnersphäre

ihm eingegliedert worden wäre.

Es sei für einen Fall wie diesen,

von Nennwert, nicht unangewiesen,

wenn er, empfand’ man’s gleich als Bürde,

bis auf den Grund durchleuchtet würde.

Antwort (i.A.)

»Sehr geehrter Herr! Gestatten

Sie der Gattin meines Gatten

seine Antwort mitzuteilen.

Er beglückwünscht sich zu solchen

Äußerungen, die gleich Dolchen

seiner Werke Brust durchwühlen.

Doch er ist zurzeit verhindert.

Nämlich (was den Vorwurf mindert)

durch Verfolgung jenes Falles –

statt nach rückwärts, wie Sie streben,

vorwärts: in das neue Leben

unsrer trefflichen Schalalster!

(Ach, mein Herr, ich wünsch’ es keinem.)

Folgender »Entwurf zu einem

bürgerlichen Trauerspiele«

gibt dem Ganzen eine Wende,

die uns, wie Sie (und wohl viele)

nicht ganz ungleichmütig fühlen

werden, lehrt, wie doch noch alles

recht in Blindheit lebt. Derweilen,

und mit Dank und Grüßen (falls der

Anteil an der Fisch-Allmende

wirklich echt in Ihren Zeilen!)

Ihre X. – Ich bin zu Ende.«

Entwurf zu einem Trauerspiel

Ein Fluß, namens Elster,

besinnt sich auf seine wahre Gestalt

und fliegt eines Abends

einfach weg.

Ein Mann, namens Anton,

erblickt ihn auf seinem Acker und schießt

ihn mit seiner Flinte

einfach tot.

Das Tier, namens Elster,

bereut zu spät seine selbstische Tat;

(denn – Wassersnot tritt

einfach ein).

Der Mann, namens Anton,

(und das ist leider kein Wunder) weiß

von seiner Mitschuld

einfach nichts.

Der Mann, namens Anton,

(und das versöhnt in einigem Maß),

verdurstet gleichwohl

einfach auch.

Das Butterbrotpapier

Ein Butterbrotpapier im Wald, –

da es beschneit wird, fühlt sich kalt …

In seiner Angst, wiewohl es nie

an Denken vorher irgendwie

gedacht, natürlich, als ein Ding

aus Lumpen usw., fing,

aus Angst, so sagte ich, fing an

zu denken, fing, hob an, begann,

zu denken, denkt euch, was das heißt,

bekam (aus Angst, so sagt’ ich) Geist,

und zwar, versteht sich, nicht bloß so

vom Himmel droben irgendwo,

vielmehr infolge einer ganz

exakt entstandnen Hirnsubstanz –

die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,

(durch Angst), mit Überspringung der

sonst üblichen Weltalter, an

ihm Boden und Gefäß gewann –

[(mit Überspringung) in und an

ihm Boden und Gefäß gewann.]

Mithilfe dieser Hilfe nun

entschloß sich das Papier zum Tun, –

zum Leben, zum – gleichviel, es fing

zu gehn an – wie ein Schmetterling …

zu kriechen erst, zu fliegen drauf,

bis übers Unterholz hinauf,

dann über die Chaussee und quer

und kreuz und links und hin und her –

wie eben solch ein Tier zur Welt

(je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.

Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! –:

Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

erblickt’s (wir sind im Januar …) –

und schickt sich an, mit Haut und Haar –

und schickt sich an, mit Haar und Haut –

(wer mag da endigen!) (mir graut) –

(Bedenkt, was alles nötig war!) –

und schickt sich an, mit Haut und Haar – –

Ein Butterbrotpapier im Wald

gewinnt – aus Angst – Naturgestalt …

Genug!! Der wilde Specht verschluckt

das unersetzliche Produkt …

ZEITGEDICHTE
Der Ästhet

Wenn ich sitze, will ich nicht

sitzen wie mein Sitz-Fleisch möchte,

sondern wie mein Sitz-Geist sich,

säße er, den Stuhl sich flöchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,

schätzt am Stuhl allein den Stil,

überläßt den Zweck des Möbels

ohne Grimm der Gier des Pöbels.

Die Oste

Er ersann zur Weste

eines nachts die Oste!

sprach: »Was es auch koste! –«

sprach (mit großer Geste):

»Laßt uns auch von hinten

seidne Hyazinthen

samt Karfunkelknöpfen

unsern Rumpf umkröpfen!

Nicht nur auf dem Magen

laßt uns Uhren tragen,

nicht nur überm Herzen

unsre Sparsesterzen!

Fort mit dem betreßten

Privileg der Westen!

Gleichheit allerstücken!

Osten für den Rücken!«

Und sieh da, kein Schneider

sagte hierzu: Leider –!

Hunderttausend Scheren

sah man Stoffe queren …

Ungezählte Posten

wurden schönster Osten

noch vor seinem Tode

»letzter Schrei« der Mode.

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