Read the book: «Die Höhle des Löwen»
Christian Macharski
Die Höhle des Löwen

Das Buch
Die Einwohner des kleinen Dorfes Saffelen stehen unter Schock. Im Neubaugebiet hat sich eine unfassbare Bluttat ereignet und Hauptkommissar Peter Kleinheinz wird unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Obwohl alle Indizien gegen ihn sprechen, will Landwirt und Ortsvorsteher Hastenraths Will nicht wahrhaben, dass sein Freund der Täter sein soll. Zusammen mit Kreisliga-C-Legende Richard Borowka versucht er einer vermeintlichen Verschwörung auf die Spur zu kommen. Je mehr Will jedoch über die Hintergründe herausfindet, desto klarer wird ihm, dass Kleinheinz nicht derjenige ist, den er zu kennen glaubte. Zu diesem Zeitpunkt ist die Lage allerdings längst außer Kontrolle geraten und der Landwirt bekommt es mit einem übermächtigen Gegner zu tun, der auch vor dem Äußersten nicht zurückschreckt. Als Will keinen anderen Ausweg mehr sieht, begibt er sich in die Höhle des Löwen – mit tödlichen Folgen.
Der Autor
Christian Macharski wurde 1969 in Wegberg geboren. Seit 1991 ist er als Kabarettist und Autor tätig und entwickelte diverse Programme mit dem Comedyduo „Rurtal Trio“ sowie mehrere Soloprogramme. Darüber hinaus arbeitete Macharski als Autor für verschiedene Fernsehsender (WDR, SAT1, RTL) und war zehn Jahre lang Kolumnist bei den Aachener Nachrichten. 2008 erschien der erste Dorfkrimi um den ermittelnden Landwirt Hastenraths Will. Diese Kunstfigur wird von Macharski auch auf der Bühne, im Radio und im TV verkörpert. „Die Höhle des Löwen“ ist der sechste Teil der Dorfkrimi-Reihe.
Außerdem als Taschenbuch erhältlich:
Das Schweigen der Kühe (ISBN 978-3-9807844-4-3)
Die Königin der Tulpen (ISBN 978-3-9807844-5-0)
Das Auge des Tigers (ISBN 978-3-9807844-7-4)
Die Rache des Waschbären (ISBN 978-3-9424540-8-7)
Der Tango des Todes (ISBN 978-3-9807844-8-1)

© 2014 by paperback Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags
Umschlaggestaltung: kursiv, Oliver Forsbach
Fotos: Wilfried Venedey, Marcus Müller
Lektorat: Kristina Raub
ISBN 978-3-9816638-1-5
Die Personen und Handlungen der Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Die Protagonisten des Romans basieren auf Bühnenfiguren des Comedy-Duos Rurtal Trio.
Für Claudia
Prolog
Borowkas Seele brannte. Nichts und niemand hatte ihn auf diesen Moment vorbereitet. Sein Kumpel Fredi Jaspers sah sich beklommen um. Es waren nicht viele gekommen, nur die engsten Freunde. So wie Richard Borowka es sich gewünscht hatte. Wie alle anderen trug auch Fredi schwarz. Den Anzug hatte er zum letzten Mal bei der Beerdigung seines Vaters getragen. Es schauderte ihn, als er daran dachte. Spargel, der mit Tonne und einigen anderen Fußballkameraden etwas abseits Spalier stand, schnäuzte sich auf den Handrücken und schaute sich dabei verstohlen um. Fredi, der die Grabrede halten sollte, schenkte ihm ein kurzes, verkrampftes Lächeln und ließ seinen Blick dann zu Borowka schweifen, um ein Zeichen zu bekommen, dass er beginnen möge. Doch sein bester Freund stand nur seltsam entrückt mit vor dem Bauch gefalteten Händen im großen Schatten einer Trauerweide. Borowkas matter Blick verlor sich irgendwo in der flirrenden Luft dieses herrlichen Tages. Aber konnte ein Tag überhaupt schön sein, wenn es darum ging, Abschied von seiner großen Liebe zu nehmen? Borowka drehte langsam, fast wie mechanisch, den Kopf, aber der Platz an seiner Seite blieb leer. Genauso leer wie sein Innerstes. Seit man ihm vor einer Woche erklärt hatte, dass man nichts mehr tun könne, fühlte er sich nur noch wie eine ausgebrannte Hülle. Wie ein Trinkpäckchen, das man auf dem Schulhof zertreten hatte. Der letzte Funken Hoffnung, den er bis zuletzt gehabt hatte, war zerstört worden durch ein kurzes, bedrücktes Kopfschütteln. Das Schlimmste war, dass auch ihn selbst Schuld traf. Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit hatte zu der Katastrophe geführt. Über 20 gemeinsame Jahre, ausgelöscht in einer einzigen Sekunde. Jetzt würden ihm nur noch die Erinnerungen bleiben. Noch fehlte ihm jegliche Vorstellungskraft, wie er überhaupt würde weiterleben können, aber, wie so oft in schweren Zeiten, schoben sich die weisen Worte seines Trainers Karl-Heinz Klosterbach in sein Bewusstsein: „Weitermachen. Immer weitermachen. Auch wenn man 0 : 8 zurückliegt.“ Aber dieser Albtraum, den Borowka gerade durchlebte, war ein gefühlter Rückstand von 0 : 20. Mindestens.
Da Fredi vergeblich auf ein Zeichen wartete, entschied er selbstständig, mit seiner Rede zu beginnen. Behutsam entfaltete er das DINA-4-Blatt, auf dem er seine Sätze notiert hatte. Seine Hände zitterten, denn er war es nicht gewohnt, vor Menschen zu sprechen. Geschweige denn, dass er wusste, was in einer solchen Situation zu sagen sei. Doch Borowka hatte auf ihn als Trauerredner bestanden. Und so hatte Fredi im Internet nach tröstenden Gedanken gesucht, die extra erfunden worden waren für Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge erlitten hatten. Zum Glück hatte ihm seine Freundin Sabrina bei den Formulierungen geholfen, denn nicht alle Sätze hatte er auf Anhieb verstanden.
Fast flüsternd begann er mit seiner Ansprache: „Verehrte Trauergemeinde, wir sind heute hier, für Abschied zu nehmen. Das, was passiert ist, ist kaum zu verstehen. Aber genau aus diesem Grund dürfen wir nicht vergessen: Was bleibt, wenn alles geht, ist die Liebe. Die Zeit heilt zwar nicht alle Wunden, aber sie hilft uns, mit dem Unbegreiflichen zu leben. ‚Ohne dich‘ zwei Worte, so leicht zu sagen, aber so endlos schwer zu ertragen. Doch nur, wer vergessen wird, ist tot. Du aber wirst in unsere Erinnerung weiterleben ...“
Immer wieder wurde die Rede vom Schluchzen der Trauergäste unterbrochen. Der Einzige, der keinen Ton von sich gab, war Richard Borowka. Die Worte, die ihm Trost spenden sollten, kämpften sich nur mühsam durch die Nebelwände in sein Gehirn. „ … Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon. Ich sage euch: Weint nicht, weil es vorbei ist. Lacht, weil es so schön war ...“
Gerade als Fredi zum Schlusssatz ansetzen wollte, zerriss lautes Motorengeheul die andächtige Stille. Verärgert sah er auf und stellte voller Entsetzen fest, dass ein roter Suzuki Vitara mit hohem Tempo durch die Böschung brach und mit Vollgas auf die Trauergemeinde zuhielt. Unmittelbar vor einem verheerenden Aufprall wurde das Lenkrad herumgerissen und der Geländewagen kam seitlich zum Stehen. Dreck spritzte unter den Reifen hervor. Quietschend fuhr das Fahrerfenster herunter und ein blonder Frauenkopf mit einem mittig platzierten, palmenförmigen Pferdeschwanz, gehalten von einem Frotteehaargummi, kam zum Vorschein. Es handelte sich unverkennbar um Rita, Borowkas Ehefrau, die nicht nur einen stark geschminkten, sondern auch einen sehr verärgerten Eindruck machte. Aus Leibeskräften brüllte sie: „Richard! Werd endlich mal erwachsen!“
Doch Borowka drehte sich nicht einmal um. Stattdessen nickte er seinen Freunden Tonne und Spargel zu, die nach einer kurzen Schrecksekunde professionell darangingen, die beiden Holzpflöcke aus dem Erdreich zu ziehen, die als Poller dienten. Nun setzte sich langsam der gelbe Ford Capri mit den roten Rallyestreifen auf dem abschüssigen Ufergeröll in Bewegung und trat seine letzte Reise an. Nahezu lautlos rollte Borowkas große Liebe in den Uetterather Waldsee und hinterließ am Ende nichts als ein paar große Blubberblasen. Borowka stiegen Tränen in die Augen. Es war Zeit, loszulassen.
1

Hauptkommissar Peter Kleinheinz war zusammengezuckt, als die Scheibenwischer sich plötzlich wie von Geisterhand in Bewegung setzten. Der Regensensor hinter der Frontscheibe hatte als Erster registriert, dass sich am Himmel etwas zusammenbraute. Kurz nachdem Kleinheinz sich auf den Weg in seine neue Wahlheimat Saffelen gemacht hatte, waren innerhalb von Minuten schwere Wolken aufgezogen und es hatte wie aus Kübeln zu regnen begonnen. Mittlerweile ächzten die Scheibenwischer auf der höchsten Stufe und Kleinheinz hatte große Probleme, die Landstraße vor sich zu erkennen. Mit 50 km/h kroch er durch die dunstige Wand der einsetzenden Dämmerung, die nur von dünnem Scheinwerferlicht durchschnitten wurde. Irgendwie passte das zu diesem beschissenen Tag, dachte der Kommissar. Eigentlich sollte er zu diesem Zeitpunkt noch mit seinem Kollegen Jochen Dohmen in einem Zivilfahrzeug vor einem unscheinbaren Bürokomplex in Übach-Palenberg sitzen und eine Zielperson observieren. Bereits seit zwei Wochen waren sie einem Mann auf der Spur, der des bandenmäßigen Handels mit Amphetaminen verdächtigt wurde. Hinweisen zufolge sollte in der heutigen Nacht in ebendiesem Bürogebäude ein größerer Deal über die Bühne gehen. Doch dann war der Einsatz plötzlich um 19 Uhr von August Pimpertz, dem Direktionsleiter Kriminalität, persönlich abgeblasen worden. Angeblich sei die Zielperson gewarnt worden. Genaueres erfuhr man wie üblich nicht, Pimpertz galt nicht gerade als großer Kommunikator und mit Kleinheinz verband ihn ohnehin keine allzu große Sympathie. Ohne weitere Erklärung wurden Kleinheinz und Dohmen also zur Dienststelle zurückbeordert und in den Feierabend geschickt. Dohmen hatte sich sehr über die unerwartete Freizeit gefreut, da er nun doch noch das DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund würde verfolgen können. Kleinheinz hingegen konnte Fußball nicht das Geringste abgewinnen. Er war stattdessen noch mal ins Büro gefahren, um einen Bericht zu Ende zu schreiben. Mehrmals hatte er dabei versucht, seine Lebensgefährtin Bettina Hebbel zu erreichen, um sie zu fragen, ob sie nicht nach Heinsberg kommen wolle, um dort mit ihm bei dem Italiener, der neu aufgemacht hatte, essen zu gehen. Aber entweder war der Empfang im Saffelener Neubaugebiet mal wieder miserabel oder sie hatte ihr Handy ausgestellt. Vielleicht war sie auch schon ins Bett gegangen. In letzter Zeit hatte sie des Öfteren über Müdigkeit geklagt. Vor allem, wenn Kleinheinz den Wunsch nach etwas körperlicher Nähe geäußert hatte. Im Moment lief es privat nicht allzu gut, was wohl auch daran lag, dass Kleinheinz sich wieder mit größtem Enthusiasmus seiner Arbeit widmete, nachdem die letzten Jahre ihn ein wenig aus der Bahn geworfen hatten. Bettinas Verständnis für diesen Arbeitseifer hielt sich in Grenzen und äußerte sich in letzter Zeit immer häufiger in kleinen Streitereien.
Kleinheinz schreckte von seinem eigenen Seufzer aus seinen Gedanken hoch und atmete einmal kräftig durch. Das monotone Rauschen der Scheibenwischer hatte ihn schläfrig werden lassen. Er riss sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Der Regen prasselte unaufhörlich auf die Windschutzscheibe, doch am Horizont war zumindest schon die Skyline von Saffelen zu erkennen, jedenfalls der leicht schiefe Kirchturm, der sich den tief hängenden, böse grollenden Wolken tapfer entgegenreckte. Als Kleinheinz mit seinem Wagen wenig später die Gaststätte Harry Aretz passierte, drangen laute Schlachtgesänge an sein Ohr, woraus er schloss, dass auch ein Großteil der Saffelener Bevölkerung beim Pokalfinale mitfieberte. Das Neubaugebiet hingegen lag wie immer ausgestorben vor ihm, als er in die Goethegasse einbog. Aufgrund des Namens „Goethegasse“, gegen den sich Ortsvorsteher Hastenraths Will, einer der wenigen Freunde von Kleinheinz, lange gewehrt hatte, trug das Neubaugebiet unter den alteingesessenen Dorfbewohnern bereits den Beinamen „Besserwisser-Viertel“. Dass mit Bettina Hebbel und Peter Haselheim, dem Rektor der Grundschule, gleich zwei Lehrer dort wohnten, machte die Sache aus Wills Sicht nicht besser.
Als Kleinheinz den Wagen vor seinem neuen Zuhause parkte, tanzte das Scheinwerferlicht über die Fassade des Hauses. Er stellte den Motor ab und stellte fest, dass oben im Schlafzimmer Licht brannte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, denn Bettina schien noch wach zu sein. Um das kurze Stück durch den Vorgarten halbwegs trocken hinter sich zu bringen, legte sich der Kommissar seine Windjacke über den Kopf. An der Haustür angekommen, schüttelte er sich und schloss auf. Die nassen Schuhe quietschten im Flur, als er eintrat. Er wollte gerade zum Lichtschalter greifen, doch plötzlich musste er innehalten. Alles war ruhig, aber sein Instinkt sagte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte. Geräuschlos streifte er die Schuhe ab und schlich auf Socken durch den Flur. Am Geländer der Treppe, die nach oben führte, lauschte er. Er meinte, leises Gemurmel zu hören, was aber auch vom Fernseher kommen konnte. Während er auf Zehenspitzen die Treppe hinaufstieg, atmete er kaum. Immer mehr überkam ihn das Gefühl, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Ein unbekannter Geruch stieg ihm in die Nase. Er versuchte weiter zu lauschen, doch sein Herzschlag übertönte alle anderen Geräusche im Haus. Als er vor der Schlafzimmertür stand, legte er vorsichtig sein Ohr dagegen. Trotz des Unwetters, das draußen tobte, verstand er jedes einzelne Wort, das Bettina sagte und es traf ihn wie ein Blitzschlag: „Es ist so schön, dass du hier bist.“
Kleinheinz’ Muskeln krampften sich zusammen und er konnte förmlich spüren, wie sich sein Körper mit Adrenalin vollpumpte. Wutentbrannt riss er die Tür auf. Sein Hirn brauchte einige Sekunden, bis es die Situation erfasst hatte. Bettina saß nackt mit dem Rücken zu ihm auf dem aufgeschlagenen Bett und stöhnte leise. Dann entdeckte Kleinheinz den nackten Mann, der unter ihr lag. Bettina riss erschrocken den Kopf herum. Als sie ihren Freund sah, sprang sie auf und schrie hysterisch: „O nein, Peter! Ich kann dir alles erklären!“ Doch Kleinheinz brauchte keine Erklärungen mehr. Das Blut peitschte durch seinen Körper, sein Herz raste und eine unbändige Wut ergriff von ihm Besitz. Als Bettina mit weit aufgerissenen Augen um Hilfe schrie, konnte er sie schon garnicht mehr hören, so sehr hatte der Zorn das Kommando übernommen. Wie in Trance riss er seine Dienstwaffe aus dem Holster und richtete sie auf die beiden Personen, die er vor sich sah. Die Welt, in der Peter Kleinheinz gelebt hatte, hatte aufgehört zu existieren.
2

Die Flasche Dujardin war genauso leer wie die beiden Tüten Chips, die auf dem Wohnzimmertisch lagen. Hastenraths Will streckte sich ausgiebig in seinem Ohrensessel, strich sich dabei zufrieden über seinen leicht gewölbten Bauch und ließ einen lauten Rülpser entweichen. Was für ein perfekter Abend, dachte der Landwirt. Nicht nur, dass Bayern München mit 2: 5 gegen Borussia Dortmund verloren hatte, sondern, vor allem, dass er das Spiel in aller Ruhe hatte genießen können. Letzteres lag neben dem abgestellten Telefon vor allem an der Abwesenheit seiner Frau Marlene, mit der er seit 30 Jahren verheiratet war und der es auch nach all der Zeit noch gelang, den einfachen Genuss eines Fußballspiels nachhaltig zu stören. Sei es, indem sie zwischendurch immer mal wieder unmotiviert durchs Bild lief, laut schnarchte oder unpassende Fußballfragen stellte. Etwa, warum Arjen Robben immer so enge Trikots trägt, wieso die Frisur von Mario Gomez so gut hält oder wo Jogi Löw seine Schals herbekommt. Heute aber hatte sich Will voll und ganz auf das Spiel konzentrieren können, denn Marlene hatte sich pünktlich zum Anpfiff krankgemeldet. Bewaffnet mit einer Packung Wick Vaporup, einer Flasche Klosterfrau Melissengeist und Jack-Russell-Terrier Knuffi als Fußwärmer, war sie um 20 Uhr ins Bett gegangen, um der sich anbahnenden Erkältung zu trotzen. Will griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Nachdem die Stadionatmosphäre verstummt war, hörte er, dass seine Frau ihn rief. So schwach, wie die Stimme klang, schien sie durchaus schon seit einer ganzen Weile zu rufen. Behäbig schälte er sich aus dem Sessel und schlurfte auf abgewetzten Wollsocken die Treppe hinauf. Gähnend öffnete er die Schlafzimmertür.
„Was ist denn los, Marlene?“
Seine Frau saß halb aufgerichtet im Bett und schniefte mit roter Nase: „Musst du der Fernseher immer so laut machen? Ich brüll mir hier die Seele aus der Leib. Der Knuffi muss dringend noch mal raus.“
Wills Blick fiel auf den kleinen Hund, der junkend vor dem Bett Pirouetten drehte. Es schien dringend zu sein. Der Landwirt fuhr sich missmutig mit der Hand durchs Haar. Er war müde und der Sinn stand ihm ganz und gar nicht nach einem nächtlichen Spaziergang.
„Ja, aber ich war doch eben in der Halbzeit mit dem draußen. Da hat der nicht gemacht.“
Marlene verschränkte die Arme vor ihrer mächtigen Brust und verschärfte den Ton: „Du weißt genau, dass der Kleine Angst hat bei Gewitter. Und eben war es draußen die ganze Zeit am donnern. Außerdem bist du mit dem doch bloß bis zum Zigarettenautomat und zurück gegangen. Jetzt ist das Unwetter vorbei und deshalb gehst du noch mal mit dem. Und du kommst nicht eher zurück, bis der alle seine Geschäfte erledigt hat. Und denk dran, dem zu loben, wenn der sein Häufchen gemacht hat.“
Will seufzte. Ihm war bewusst, dass nach dieser Anweisung kein Widerspruch mehr möglich war und so fügte er sich. Zum Glück trug er noch nicht seinen Schlafanzug. Da das Melken länger als erwartet gedauert hatte, war er in seiner üblichen Kluft, der grauen Stoffhose mit den ausgefransten Hosenträgern und dem grün-weißen Baumwollhemd, gerade noch rechtzeitig zum Anpfiff in seinem Sessel versunken.
Nachdem Will den sich bereits krümmenden Hund angeleint hatte, schlüpfte er in seine Gummistiefel, setzte sich seine grüne Kappe auf und zog seinen Kapuzenparka über. Kaum war er vor die Tür getreten, erleichterte sich Knuffi schon unter dem Rhododendron. Der kleine Hund schien eine gigantische Blase zu haben, denn erst nach einer gefühlten Ewigkeit senkte er wieder sein rechtes Hinterbein. Ein breites, gelbes Rinnsal schlängelte sich hinunter bis zum Bürgersteig und mündete dort in einer großen Pfütze, die das Unwetter hinterlassen hatte. Noch immer nieselte es und Will zog sich seine Kapuze über den Kopf. Das große Geschäft sparte Knuffi sich traditionell für seine Lieblingswiese auf, die etwa 50 Meter die Straße hinunter lag und Landwirt Dieter Brockers, Wills Rivalen, gehörte. Als sie sich der Wiese näherten, wedelte Knuffi bereits voller Vorfreude mit dem Schwanz. Will genoss derweil die frische, vom Regen gereinigte Nachtluft, die ihn ein wenig ausnüchterte. Mit einem Mal jedoch wurde die abendliche Ruhe von lautem Sirenengeheul zerrissen. Will und Knuffi zuckten zusammen. Während der Hund seinen Schwanz zwischen den Hinterbeinen einklemmte, beobachtete Will entgeistert, wie mehrere Streifenwagen mit quietschenden Reifen ins Neubaugebiet einbogen. Und da Will nicht nur der erfolgreichste Landwirt von Saffelen, sondern auch dessen verantwortungsvoller Ortsvorsteher war, war ihm sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, wenn so viel Polizei den beschwerlichen Weg in das kleine Dorf an der holländischen Grenze auf sich genommen hatte. Ohne zu zögern spurtete er los. Knuffi jaulte auf und musste sich anstrengen, mit seinen kurzen Beinchen hinterherzukommen, ohne von der Leine stranguliert zu werden. Der kleine Hund bellte entsetzt, als er mit Schrecken feststellte, dass der dringend nötige Halt an seiner Lieblingswiese ausfiel.
Wills ohnehin nicht sehr ausgeprägte Kondition hatte unter der Flasche Dujardin und den Chips gelitten und so bog er nach wenigen Minuten schnaufend und schwitzend in die Goethegasse ein, um dort seine schlimmsten Vorahnungen bestätigt zu sehen. Das Blaulicht der kreuz und quer geparkten Streifen- und Krankenwagen tauchte das Haus von Peter Kleinheinz und Bettina Hebbel in ein gespenstisches Licht. Ein Beamter sperrte gerade den kompletten Vorgarten mit Flatterband ab. Völlig außer Atem überquerte Will die Straße. Als der schwächelnde Knuffi dabei unvermutet seinen Weg kreuzte, geriet der Landwirt an der Bordsteinkante ins Straucheln. Glücklicherweise aber war am übernächsten Tag Müllabfuhr und Kleinheinz’ Nachbarn hatten bereits heute pflichtbewusst ihre mit blauen Mülltüten vollgestopfte Tonne an die Straße gestellt. So konnte Will sich im letzten Moment an der Tonne festhalten, um einen bösen Sturz zu vermeiden. Er pustete einmal tief durch und ging dann die letzten Meter bis zum Tatort bewusst langsam, um seinen Puls wieder zu beruhigen. Er band den verstörten Knuffi an einen Laternenpfahl und näherte sich dann mit großer Geste dem Polizisten, der das Flatterband befestigte.
„Wilhelm Hastenrath mein Name“, stellte er sich höflich vor, „ich bin der Ortsvorsteher von Saffelen. Würden Sie mir bitte sagen, was hier los ist?“
Der Uniformierte musterte ihn kurz und antwortete dann schroff: „Tut mir leid. Darf ich nicht.“
Will drückte den Rücken durch und setzte erneut an. Diesmal etwas bestimmter. „Junger Mann, ich glaube, Sie haben mich nicht richtig verstanden. Ich bin hier der Ortsvorsteher und ich verlange auf der Stelle von Sie …“
„Wie gesagt“, unterbrach der Polizist den Landwirt, ohne dabei aufzusehen, „ich kann nichts für Sie tun. Am besten, Sie gehen nach Hause.“
Will traute seinen Ohren nicht. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. Gerade als er den jungen Beamten in seine Schranken weisen wollte, zupfte ihn jemand am Ärmel. Es handelte sich um Peter Haselheim, den Rektor der Saffelener Grundschule, der zwei Häuser weiter wohnte. Der Lehrer trug Filzpantoffeln und einen lächerlichen Frotteeschlafanzug.
Leise raunte er Will zu: „Komm da weg. Das gibt nur Ärger. Die reagieren sehr empfindlich.“
„Aber was ist denn überhaupt passiert?“
„Keine Ahnung. Vor ein paar Minuten brach hier plötzlich die Hölle los. Polizei, Krankenwagen. Eben habe ich sogar mitbekommen, wie von einem Toten die Rede war.“
„Um Gottes Willen“, entfuhr es Will.
Er schlug die Hände vor den Mund und Haselheim fuhr fort: „Ich soll mich hier bereithalten zur Befragung.“
„Hast du denn irgendswas mitbekommen?“
„Na ja, als ich ins Bett ging, habe ich seltsame Geräusche gehört. Es hat viermal kurz hintereinander geknallt. Zuerst dachte ich, das wär ein Fensterladen, der vom Sturm auf- und zugeschlagen wurde. Aber jetzt, im Nachhinein, bin ich mir sicher, dass es sich um Schüsse gehandelt haben muss.“
Während Will noch die Gedanken in seinem Kopf sortierte, sah er plötzlich, wie ein alter Bekannter aus der Haustür trat: Jochen Dohmen, der langjährige Partner von Peter Kleinheinz. Vor gerade mal zwei Monaten hatte er ihn näher kennengelernt, als sie gemeinsam einen Fall gelöst hatten. Das war seine Chance. Will ließ Haselheim stehen. Er riss das Absperrband hoch und betrat den Vorgarten. Innerhalb von Sekunden wurde er gestoppt. Ein fester Griff umklammerte seinen Arm.
Der junge Polizist von vorhin zischte ihm böse zu: „So, es reicht. Sie werden jetzt auf der Stelle den Einsatzort verlassen. Ich erteile Ihnen einen Platzverweis. Wenn Sie dem nicht Folge leisten, gibt’s eine Anzeige wegen …“
Will entwand sich dem Griff und funkelte den Beamten grimmig an: „Ich sag Sie mal was. Ich habe schon mehr Kriminalfälle gelöst als wie Sie. Außerdem kenne ich der Herr Dohmen persönlich. Und wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, dann wird der dafür sorgen, dass Sie unehrenhaft entlassen werden. Ich kenn sogar der Landrat … vom Sehen.“
Oberkommissar Jochen Dohmen war mittlerweile dazugekommen. Er hatte seinen alten Spezi natürlich sofort erkannt und wusste, dass es sich um einen engen Freund von Kleinheinz handelte. Er selbst hatte sich zwar noch nicht so recht mit dem ruppigen Charme des Landwirts angefreundet, wusste aber dennoch um dessen Verdienste. Und so trat er zwischen die beiden Streithähne und bat den Polizisten, ihn kurz mit dem Mann allein zu lassen. Leicht verärgert kam dieser der Bitte nach. Dohmen war kreidebleich. Was auch immer in diesem Haus geschehen war, es schien ihn sehr mitgenommen zu haben.
Es vergingen einige Sekunden, bevor der Kommissar stockend zu erzählen begann: „Herr Hastenrath, hören Sie, ich darf Ihnen eigentlich nichts sagen, aber ich weiß, dass Peter Kleinheinz Ihr Freund ist. Und deshalb … ja, ich kann es selbst noch nicht fassen. Viel können wir noch nicht sagen, wir warten noch auf die Mordkommission aus Aachen und die Spurensicherung. Das ganze Haus ist voller Blut ... Peter hatte mich angerufen. Er war völlig verwirrt und hat nur gestammelt, dass etwas Furchtbares passiert sei. Ich habe gerade versucht, mit ihm zu sprechen, aber er ist noch nicht vernehmungsfähig. Im Moment muss man wohl von einer Beziehungstat ausgehen. Ein noch nicht identifizierter Mann wurde erschossen, Frau Hebbel ist allem Anschein nach sehr schwer verletzt. Mehr weiß ich noch nicht und selbst das dürfte ich Ihnen eigentlich nicht sagen. Ich schlage vor, Sie gehen jetzt nach Hause und wir machen hier unsere Arbeit. Wir müssen sowieso erst mal warten, bis der Staatsanwalt da ist. Sie können mich aber gerne in den nächsten Tagen anrufen.“ Dohmen gab Will seine Karte.
Der Landwirt steckte sie in seine Parkatasche und stammelte: „Danke, Herr Dohmen. Und bitte versprechen Sie mir, dass Sie alles für der Peter tun, was nötig ist.“
Dohmen nickte und antwortete mit belegter Stimme: „Das verspreche ich Ihnen, Herr Hastenrath. Peter ist nicht nur Ihr guter Freund, sondern auch meiner.“ Er reichte Will die Hand.
„So, und jetzt muss ich wieder rein – meine Arbeit machen.“ Will wartete noch, bis der Kommissar wieder im Haus verschwunden war, streng verfolgt vom verbiesterten Blick des jungen Polizisten. Er begab sich unter dem Flatterband hindurch zurück auf den Bürgersteig, machte Knuffi los und trat den Heimweg an. Es fühlte sich an, als würde er einen Mühlstein hinter sich herziehen, so schwer wurde ihm plötzlich ums Herz. An der Straßengabelung drehte er sich noch einmal um und beobachtete noch einige Minuten das aufgeregte Treiben. Ein Van fuhr vor, aus dem drei Personen in weißen Schutzanzügen stiegen. Mit Koffern und Gerätschaften in der Hand verschwanden sie schnell im Haus. Will war wie versteinert. Dann sah er, wie der junge Polizist, mit dem er aneinandergeraten war, fluchend auf dem Bürgersteig stand und angewidert seine rechte Schuhsohle betrachtete.
Wütend rief er seinen Kollegen zu: „Verdammte Scheiße. Hier hat einer an den Laternenmast gekackt!“
Zum ersten Mal, seit Will hier war, huschte ihm ein Lächeln übers Gesicht. Der Landwirt bückte sich und streichelte dem schwanzwedelnden Knuffi stolz über den Kopf: „Das hast du fein gemacht.“
3

Fredi Jaspers nippte lautstark an seinem Kaffee. Sabrina konnte das Schlürfen bis in die Küche hören. Sie musste lächeln, denn sie liebte diese kleinen Macken an ihrem Verlobten. Ihr Start in Saffelen war zwar aufregender gewesen, als sie es sich vorgestellt hatte, dennoch hatte sie sich schon nach kurzer Zeit in diesem ganz speziellen Kosmos ganz gut eingelebt. Die Menschen begegneten ihr weitgehend offen und freundlich, was natürlich auch daran lag, dass Fredi und dessen Freund Borowka die Fußballstars der Kreisliga-C-Mannschaft waren und zudem zu den engsten Freunden des hoch angesehenen Ortsvorstehers Hastenraths Will gehörten. Das hatte ihr sicher geholfen, sich zu akklimatisieren, schließlich hatte sie bis dahin Berlin nie verlassen. Aber ein so großer Unterschied schien zwischen ihrer hektisch-quirligen Heimatstadt und dem scheinbar verschlafenen Dorf an der holländischen Grenze gar nicht zu bestehen. An diesem Morgen beherrschte eine unfassbare Bluttat die Schlagzeilen. Die Heinsberger Zeitung, aber auch viele überregionale Zeitungen hatten groß aufgemacht mit der Geschichte um Peter Kleinheinz. Allzu viele Details gab es nicht, da die Staatsanwaltschaft eine strikte Informationssperre verfügt hatte, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Peter Kleinheinz war, soviel hatte Sabrina mitbekommen, eine Berühmtheit unter den Kommissaren in der Region. Er hatte einige spektakuläre Fälle gelöst, den letzten erst vor wenigen Wochen, und galt vielen seiner Kollegen als Vorbild, auch aufgrund seiner oft unkonventionellen Methoden. Umso unglaublicher war, was sich im Haus an der Saffelener Goethegasse zugetragen haben sollte.
Als Sabrina sich mit einem Cappuccino zu Fredi an den Frühstückstisch setzte, las dieser ihr laut und etwas holprig aus der Zeitung vor: „Hör dir das an, zusammenfassend muss man von folgendem Szenario ausgehen: Da seine Nachtschicht ausgefallen war, kam der bekannte Hauptkommissar Peter Kleinheinz am späten Samstagabend unerwartet nach Hause. Dort überraschte er seine Lebensgefährtin Bettina H. mit einem noch nicht identifizierten Mann im Bett. Offenbar aus rasender Eifersucht gab Kleinheinz zunächst Schüsse auf den Mann ab. Die Polizei fand den 42-jährigen später im Schlafzimmer. Der Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.“
„Unfassbar“, entfuhr es Sabrina, „dabei war der doch immer so nett und freundlich.“
„Man kann die Leute immer nur vor der Kopf gucken“, murmelte Fredi, bevor er weiter vorlas: „In einer Pressekonferenz am Sonntag äußerte sich Polizeisprecher Hanno Heinrichs wie folgt: ‚Die Obduktion ergab, dass das Opfer aufgrund von Schussverletzungen starb.‘ Nicht bestätigen hingegen wollte er, dass auch Bettina H. Schussverletzungen erlitt, obwohl vieles darauf hindeutet. Der 36-jährigen gelang offensichtlich schwer verletzt die Flucht. Eine Blutspur, die ihr zugeordnet wird, erstreckte sich die Treppe hinunter bis auf die Außenterrasse des Hauses, wo sie sich aufgrund der Wetterverhältnisse verlor. Seit gestern laufen umfangreiche Suchaktionen, bei der auch eine Hundestaffel eingesetzt wird. Wie unsere Zeitung aus gut unterrichteten Quellen erfuhr, soll Bettina H. einen erheblichen Blutverlust erlitten haben. Dass dieser auf eine Schussverletzung zurückzuführen ist, lässt die Aussage eines Nachbarn vermuten: ‚Ich hörte kurz hintereinander vier Schüsse‘. Dies deckt sich auch mit unseren Recherchen, dass aus der Dienstwaffe des mutmaßlichen Täters Peter Kleinheinz vier Kugeln abgefeuert wurden, von denen am Tatort aber nur zwei sichergestellt werden konnten. Kurz nach der Tat war der 44-jährige Kriminalhauptkommissar am Tatort festgenommen worden. Er leistete keinen Widerstand. Schmauchspuren an seiner Hand sollen belegen, dass es sich bei ihm um den Schützen handelt. Noch am Sonntag wurde ein Haftbefehl erlassen.“
Fredi legte die Zeitung zur Seite: „Unglaublich, oder?“ Sabrina, die gebannt zugehört hatte, nickte. Das meiste wusste sie schon, da sich Informationen in diesem kleinen Dorf meist schneller verbreiteten als im Internet, was allerdings zum Teil daran lag, dass die Internetverbindung in Saffelen ausgesprochen schlecht war. Auch zwei Tage nach den dramatischen Ereignissen konnte Sabrina alles noch nicht glauben. „Der Kommissar Kleinheinz ist doch so ein netter Kerl. Es ist doch noch gar nicht so lange her, dass er uns das Leben gerettet hat. Überleg mal: Jetzt lebe ich erst seit zwei Monaten hier in Saffelen und hier ist mehr los als früher immer in Berlin.“
Fredi schüttelte vehement den Kopf. „Moment mal. Du denkst bestimmt jetzt, ich hätte die ganze Zeit Scheiße erzählt. Aber ich schwöre dir: Die ersten dreißig Jahre meines Lebens war hier absolut nix los. Ich würde sogar sagen: doppelt so wenig wie nix.“
„Meinst du denn wirklich, dass Peter Kleinheinz zu so was in der Lage ist?“
Fredi hob die Schultern. „Wie gesagt, man kann Leute immer nur vor der Kopf gucken. Ich glaube, ich dürfte auch keine Pistole in der Hand haben, wenn ich dich mit ein anderer Mann …“
„Fredi!“, fuhr Sabrina empört dazwischen. „Solche Gedanken schlägst du dir mal ganz schnell aus dem Kopf! Ich will keinen anderen als dich. Oder hast du etwa schon vergessen, dass ich deinen Heiratsantrag angenommen habe?“
Fredi grinste breit. „Nein, natürlich nicht.“
„Aber, wo wir gerade beim Thema sind. Schau doch mal in den Garten. Fehlt da nicht was?“
Fredi folgte ihrem Blick durch die große Glasschiebetür, deren Einbau ihm und Borowka eine Menge abverlangt hatte, hinaus auf das satte Grün des Rasens. Ihm fiel jedoch nichts auf, was fehlen könnte.
Sabrina half ihm auf die Sprünge. „Würde da nicht unheimlich gut eine Kinderschaukel hinpassen?“
Fredi sah sie irritiert an. „Eine Kinderschaukel? Wofür das denn? Aus dem Alter sind wir ja wohl raus. Wo ich aber tatsächlich drüber nachdenke, ist so ein großer Weber-Gasgrill für draußen. Spargel seine Eltern haben so einen. Und zwar der Genesis E 330. Den hab ich mir letztens mal bei denen angeguckt. Der macht besonders hohe Temperaturen und damit kann man so lustige Grillmuster auf die Steaks drauf machen. Der ist mit ein intrigiertes Thermometer für Temperaturkontrolle und so gusseiserne Grillroste. Damit kann man direkt und indirekt grillen, da muss ich wohl noch mal nachgucken, was genau der Unterschied ist. Auf jeden Fall ist das superlecker. Ich hatte schon mal mit der Borowka überlegt, da hinten in die Ecke der Boden zu pflastern und dadrauf dann der Grill …“
„Okay, ich versuch’s mal anders“, unterbrach Sabrina ihn sanft. „Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, was wir mit dem leer stehenden Zimmer neben unserem Schlafzimmer machen sollen?“
Fredi nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht, weil er mittlerweile kalt war. Nach kurzer Überlegung sagte er: „Aaah, ich verstehe. Du hast keine Lust mehr, die Wäsche im Keller zu machen. Du möchtest da dein Bügelzimmer reinmachen. Das ist kein Problem. Meine Mutter hatte das auch dadrin.“
„Falsche Antwort.“
„Hmm. Was könnte man denn sonst …? Ein Bürro? Aber was soll man dadrin machen?“
Sabrina seufzte. Sie stand auf, ging in die Küche und kam mit einer frischen Tasse Kaffee zurück, die sie vor Fredi abstellte. Fredi bedankte sich und nahm einen großen Schluck. Sabrina sagte: „Ich möchte ein Kind.“
Fredi spuckte den Kaffee in hohem Bogen aus. Die braune Flüssigkeit verteilte sich auf dem Laminat, dessen Verlegung ihm und Borowka ebenfalls einiges abverlangt hatte. Hustend sagte er: „Wie jetzt, ein Kind? Du meinst …?“
Sabrina ergriff seine Hand und sah ihm mit verträumtem Blick in die Augen. Fredi wusste, dass er jetzt irgendetwas sagen musste, aber ihm fiel partout nicht ein, was.
Zum Glück klingelte in diesem Augenblick sein Handy. Hastig drückte er die Annahmetaste und Borowkas laute Stimme drang in den Raum: „Wann kommst du mich endlich abholen, du Aschloch? Hast du mal auf die Uhr geguckt? Der Oellers reißt uns der Arsch von hier bis Himmerich auf, wenn wir wieder zu spät kommen. Ich werd noch bekloppt. Ohne Auto kommt man sich ja vor wie der Einarmige unter die Blinden.“
4

Hastenraths Will ließ die Zeitung sinken und schnaubte wie ein Pferd, so sehr ärgerte ihn das, was er da lesen musste. Dunkle Ränder unter seinen Augen zeugten von zwei schlaflosen Nächten. So viel Zeit war bereits vergangen seit der Festnahme seines besten Freundes.
Die immer noch stark erkältete Marlene betrachtete ihren Mann besorgt, während sie sich ein Marmeladenbrot schmierte.
„Was steht denn da?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort längst wusste.
„Nur Schwachsinn!“, echauffierte sich Will. „Ich habe doch gestern erst mit der Kommissar Dohmen telefoniert und der hat mir gesagt, dass bis auf Weiteres keine Informationen an die Presse rausgehen. Das ist alles zusammenfantasiertes Zeug. Wenn das so weitergeht, schreibe ich die mal ein gesalzener Leserbrief.“
„Was hat der Herr Dohmen dir denn gesagt, wie du dem angerufen hast?“
Will überlegte kurz. „Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist, Herr Hastenrath?!“ Marlene verpasste ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm. „Danach, mein ich!“
„Ach so“, Will schnaubte erneut, bevor er antwortete: „Nicht viel. Das Problem ist, dass eine Mordkommission aus Aachen die Ermittlungen übernimmt. Das ist wohl immer so.“
„Ja, aber, da werden doch wohl auch dem seine Kollegen aus Heinsberg mithelfen.“
„Ja schon“, erwiderte Will und nippte an seinem Kaffee.
„Die Aachener richten sich auch ein Bürro in der Kreispolizeibehörde ein und werden von Kommissare von da unterstützt. Aber das Problem ist natürlich, dass Kleinheinz ein Kollege ist. Und deshalb hat der Chef, dieser Pimpertz, von dem Peter früher immer schon mal erzählt hat, der Dohmen ausgeschlossen, wegen weil der vielleicht befangen ist als guter Freund. Das passt der Dohmen natürlich nicht. Deshalb darf der auch nicht mit der Peter sprechen. Der sagt, zu dem dürfte im Moment nur ein Anwalt, aber der Peter weigert sich, einen zu engagieren. Dabei, sagt Dohmen, gäbe es bei der Fall eine ganze Menge Ungereimtheiten, die der Peter entlasten könnten. Zum Beispiel sagt der, dass der so gut wie nie seine Dienstwaffe mit nach Hause genommen hat, weil die Bettina das nicht wollte. Der hat die normalerweise immer direkt nach Feierabend in sein Waffenschrank auf der Dienststelle eingeschlossen. Außer am Samstag – da hatte er sie, warum auch immer, dabei.“
Marlene zog die Stirn kraus und dachte nach. „Aber … wär das am Ende nicht sogar ein Beweis dafür, dass der das Ganze geplant hat?“
Will sah seine Frau irritiert an, bis es ihm dämmerte, dass sie recht haben könnte. Dennoch schüttelte er trotzig den Kopf. „Marlene, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass der Peter zu so was in der Lage wäre?!“
„Natürlich nicht. Aber findest du nicht auch, dass so ziemlich alles, was bisher bekannt ist, gegen dem spricht?“
Plötzlich klingelte das Telefon im Flur. Will zeigte keine Reaktion und starrte nur stumpf auf die vor ihm liegende Zeitung. Seufzend quetschte Marlene sich aus der Kücheneckbank heraus und schlurfte auf ihren Hausschuhen zum Telefon. Unmittelbar nachdem sie den Hörer abgehoben hatte, plapperte eine hochgradig aufgeregte Billa Jackels los wie ein Maschinengewehr. In atemlosen Sätzen berichtete sie davon, dass sie vor wenigen Minuten beobachtet habe, wie ein großer Bagger von der Polizei in den Garten von Bettina Hebbel und Peter Kleinheinz eingewunken worden sei. Sie war sich sicher, dass man dort nach der Leiche der jungen Frau suchen wollte. Angeblich habe man auf der Terrasse einen blutverschmierten Spaten mit den Fingerabdrücken von Peter Kleinheinz gefunden. Letzteres wusste sie allerdings nur von Eidams Fine, die das wiederum beim Metzger gehört hatte. Den Bagger jedoch habe sie eben mit eigenen Augen gesehen, als sie zufällig durch die Goethegasse spaziert sei.
„Zufällig spaziert? Um kurz nach sieben?!“, fragte Marlene argwöhnisch.
„Ja … ich dachte, ich hätte gestern Abend mein Portemonnaie da verloren“, geriet Billa kurz ins Stocken, bevor sie mit unvermindertem Tempo weiterredete, „ich habe es aber eben in meine Handtasche gefunden. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall läuft die Suche nach die Frau Hebbel auf Hochtouren. Die Polizei ist wohl zusätzlich zu die Baggeraktion mit eine sogenannte Hundertschaft der Wald am durchkämmen – obwohl ich nicht glaube, dass das hundert Leute sind. Aber die haben sogar Spezialhunde dabei, die sich an der Geruch von vermisste Personen orientieren. Unfassbar, oder? Ich mein, ich muss ganz ehrlich sagen. Dieser Kleinheinz war mir nie geheuer. Weißt du noch, wie betrunken der letztens bei der Feier von Eidams Juppi war.“
„Jetzt mach aber mal halblang, Billa. Zum einen waren da alle betrunken und zum anderen hatte der Richard Borowka dem doch gegen dem sein Willen mit Saffelener Höllentropfen abgefüllt.“
„Ja, schon, aber … aber, ich bin dem schon mal auf der Straße begegnet und da hat der nicht gegrüßt.“
Marlene seufzte und verkniff sich eine Antwort. Stattdessen beendete sie das Telefonat mit den Worten: „Billa, der Wäschetrockner geht. Ich melde mich später noch mal.“
Als sie in die Küche zurückkehrte, saß Will immer noch unbeweglich und mit eingefrorener Miene an seinem Platz. Marlene machte sich zunehmend Sorgen, denn in den 30 Jahren ihrer Ehe hatte sie ihren Mann selten so niedergeschlagen erlebt wie im Moment. Höchstens vielleicht beim Tod seiner geliebten Oma. Leider fiel ihr nichts wirklich Aufmunterndes ein, denn Kommissar Kleinheinz, den auch sie sehr schätzte, schien sich in eine hoffnungslose Lage manövriert zu haben. Die gegenwärtige Situation, die sich aus Gerüchten, aber auch aus unbestreitbaren Fakten zusammensetzte, ließ kaum einen anderen Schluss zu, als dass Peter Kleinheinz in einer Affekthandlung zum Mörder geworden war. Möglicherweise war ihm sogar seine Lebensgefährtin zum Opfer gefallen, doch von ihr fehlte nach wie vor jede Spur. Nicht zuletzt Billas Baggerbeobachtung ließ in Marlene jedoch den furchtbaren Verdacht aufkeimen, der bereits seit gestern im Dorf die Runde machte. Demnach soll Kleinheinz seine Freundin bis in den Garten verfolgt und dann dort getötet und vergraben haben. Dafür sprach, dass Bettina Hebbel aufgrund ihres starken Blutverlusts nicht weit hätte kommen können und dennoch wie vom Erdboden verschluckt war. Im wahrsten Sinne des Wortes, dachte Marlene unwillkürlich und ein kalter Schauer legte sich über ihren Rücken. Sie schob die gruseligen Gedanken beiseite und sagte sich, dass auch gegenüber Peter Kleinheinz so lange die Unschuldsvermutung zu gelten hatte, bis der Fall aufgeklärt war. Und auch Will zuliebe wollte sie sich gar nicht erst an wilden Spekulationen beteiligen. Der hielt nämlich unerschütterlich daran fest, dass sein bester Freund Peter Kleinheinz das Opfer einer Verwechslung, eines Komplotts oder wovon auch immer geworden war. Ihr war klar, dass Wills detektivischer Geist längst geweckt war und er nicht ruhen würde, bis der Fall aufgeklärt war. Ob ihm das, was er herausfinden würde, jedoch gefallen würde, da war Marlene sich alles andere als sicher. Eifersucht hatte schon viele Existenzen zerstört und war, das hatte Marlene erst kürzlich in der „Frau im Spiegel“ gelesen, mit Abstand das häufigste Mordmotiv.
Plötzlich musste sie darüber nachdenken, wie sie wohl selbst in einer ähnlichen Situation reagiert hätte. Doch als sie ihren mit dem Schicksal hadernden Mann in seinem abgetragenen Hemd und der altmodischen Hornbrille musterte, fehlte ihr schlicht die Fantasie, sich diesen Mann in den Armen einer fremden Frau vorzustellen. Aber wie würde Will über so etwas denken? Schließlich war er durchaus bekannt für seine cholerischen Momente, die sich allerdings meist gegen politische Gegner oder Nachbarn richteten. Neugierig fragte sie: „Sag mal: Wenn du mich mit ein anderer Mann im Bett erwischen würdest, was würdest du dann machen?“
Will hob den Kopf und sah seine Frau überrascht an. Nachdem er sich kurz mit der Frage beschäftigt hatte, antwortete er im Brustton der Überzeugung: „Wenn ich dich mit ein anderer Mann im Bett erwischen würde? Ich glaube, ich würde der Mann mit sein eigener Stock verprügeln.“
Marlene strich sich geschmeichelt durchs Haar. Dann hielt sie plötzlich inne und fragte: „Was denn für ein Stock?“
Will grinste schief und antwortete: „Wie, was für ein Stock? Ich geh doch mal davon aus, dass ein Mann, der sich in dein Bett legt, sein weißer Blindenstock dabei hat. Wie würde der sonst hochfinden?“
Will brach in sein typisches schepperndes Gelächter aus. Erst als Marlene mal wieder mit großer Geste und schneidendem Blick ihre Arme vor der Brust verschränkte, erstarb das Lachen und der Landwirt erhob sich mit einer schnellen Bewegung von der Eckbank. „Ähm, wo ist denn die Leine?“, lenkte er im Angesicht des drohenden Gewitters geschickt ab. „Ich geh, glaube ich, mal eine Runde mit der Knuffi.“
5

Will trat vor die Tür und blinzelte in die Sonne, die hinter dem Haus von Jütten Toni aufgegangen war. Knuffi wollte gerade vor dem Rhododendronbusch sein rechtes Hinterbein heben, als Will am Bürgersteig Richard Borowka entdeckte und auf ihn zulief. Der kleine Hund sah sich entsetzt gezwungen, den Uriniervorgang abzubrechen und hetzte seinem Herrchen mit stolpernden Trippelschritten hinterher. Richard Borowka wartete ungeduldig vor der Einfahrt seines Hauses. Es machte ihn halb wahnsinnig, dass er seit dem Verlust seines Ford Capris auf Fredis Chauffeurdienste angewiesen war. Der gehörte nämlich nicht zu den Pünktlichsten, seit er sich ein nicht enden wollendes Verabschiedungsritual mit seiner Verlobten angewöhnt hatte.
Will trat neben Borowka und kondolierte mit gesenkter Stimme: „Es tut mir so leid, Richard. Ich hab’s leider nicht mehr geschafft zur Seebestattung. Aber noch mal danke für die Einladung.“
Borowka nickte mit zusammengepressten Lippen. Da ihm der Gedanke an seine große gelbe Liebe noch zu viele Stiche versetzte, versuchte er schnell das Thema zu wechseln. „Hör mal, was ist das für eine Scheiße mit der Kleinheinz? Meinst du, der hat die arme Bettina …?“
„Nein, natürlich nicht“, schnitt Will ihm ein wenig zu laut das Wort ab, „das muss alles ein großer Irrtum sein.“
„Und was ist mit der tote Mann?“
Will zuckte kraftlos mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich kann mir das alles nicht erklären. Ein Tag vor der Tat habe ich mich noch mit der Peter unterhalten und da machte der ein ganz normaler Eindruck. Ich hoffe, dass ich bald mal mit dem reden kann.“
„Wo ist der denn jetzt?“
Will biss sich auf die Lippe. „Wenn ich das richtig verstanden habe, im Knast in Aachen, in Untersuchungshaft.“
„Und da kannst du dem einfach besuchen?“
„Na ja, so einfach wahrscheinlich nicht. Aber ich will mal mit der Kommissar Dohmen sprechen, ob der da für mich was deichseln kann.“
„Der Dohmen muss wohl gerade hinten am Tatort sein. Ich hab beim Rausgehen mitgekriegt, wie Rita mit Billa Jackels dadrüber telefoniert hat. Da sind die wohl mit Bagger der Garten am umgraben.“
Will starrte Richard mit großen Augen an. „Was ist los? Mit Bagger? Ich muss sofort da hin. Komm, Knuffi.“
Borowka hielt den Landwirt an seinem Parka zurück.
„Komm, wir nehmen dich mit. Wir müssen sowieso durch das Neubaugebiet. Da vorne kommt schon unser Taxi.“
Im selben Moment schleuderte ein dunkler Citroen mit quietschenden Reifen um die Kurve. Am Steuer saß ein gestresster Fredi Jaspers, dem sein braunes Haar, das er hinten lang trug, wirr ins Gesicht flog. Satte vier Minuten Verspätung hatte er auf der Uhr. Borowka winkte seinen Kumpel mit ausgestrecktem Mittelfinger am Bürgersteig ein. Der kurbelte das Fenster runter und keuchte: „Tut mir leid, Borowka. Ich musste Sabrina noch …“
„Ja, komm, erspar mir die Details“, ätzte Borowka, „geb lieber Gas. Wir müssen Will und Knuffi noch am Neubaugebiet absetzen.“
Nachdem Will und Knuffi zwei Minuten später in der Goethegasse gegenüber dem Mordhaus aus Fredis Auto gestiegen waren, entschuldigte sich Will wortreich für den großen Urinfleck, den Knuffi auf dem Sitzbezug hinterlassen hatte, und versprach, den Schaden umgehend seiner Versicherung zu melden. Fredi winkte resigniert ab und setzte seine Fahrt fort. Da der lautstarke Anschiss seines Chefs Heribert Oellers ohnehin nicht mehr zu verhindern war, fiel die feuchte Hinterlassenschaft von Knuffi auch nicht mehr groß ins Gewicht – abgesehen vielleicht vom beißenden Geruch. Will streckte sich kurz und näherte sich dann dem diesmal unbewachten Absperrband, das den kompletten Vorgarten vor Schaulustigen schützte. Er passierte die mittlerweile geleerte Mülltonne des Nachbarhauses, die immer noch auf dem Bürgersteig stand, und band Knuffi am Laternenmast an. Verstohlen sah er sich um. Da er keinen Uniformierten entdeckte, hob er das Absperrband an und betrat das Grundstück von Bettina Hebbel und Kleinheinz. Fast lautlos glitt er mit seinen Gummistiefeln durch das morgentaubenetzte Gras und öffnete vorsichtig das kleine, schmiedeeiserne Gartentörchen, das rechts neben dem Haus auf die Terrasse führte.
Hinter dem Haus ging es weitaus geschäftiger zu. Ein kleiner Bagger kurvte wild umher. Der rauchende Bauarbeiter darin hatte bereits mehrere Löcher ausgehoben, in denen Polizeibeamte mit langen Stangen herumstocherten. Ein Polizist mit vier silbernen Sternen auf der Schulterklappe stand mitten auf dem Rasen und brüllte Anweisungen in alle Richtungen. Die Vorstellung, dass gleich jemand „Hier ist was“ rufen könnte, gruselte Will so sehr, dass er gar nicht bemerkte, wie plötzlich jemand hinter ihn trat. Als sich eine Hand auf seine Schulter legte, zuckte er heftig zusammen. Schwer atmend drehte er sich um und sah in die blutunterlaufenen Augen von Kommissar Dohmen. Viel Schlaf schien der Mann nicht gehabt zu haben in der letzten Nacht. Entsprechend matt klang seine Stimme: „Herr Hastenrath, ich muss Sie wohl nicht belehren, dass Sie sich hier gar nicht aufhalten dürfen, oder?“
„Und was machen Sie hier?“, erwiderte Will. „Sie haben mir doch selbst gesagt, dass Sie von der Fall abgezogen worden sind.“
Dohmen nickte. „Das ist richtig. Aber der Staatsanwalt ist im Haus und es findet gerade eine Tatortvermessung statt. Und da ich Samstagnacht der Erste vor Ort war, soll ich dabei helfen.“
„Und was soll das hier mit der Bagger?“
Dohmen seufzte und zog den Landwirt ein wenig zur Seite. Leise sagte er: „Hören Sie. Ich kann Ihre Sorge verstehen. Mir geht es doch auch nicht anders. Aber alleine schon, dass Sie jetzt hier an einem abgesicherten Tatort stehen und ich mich mit Ihnen unterhalte, könnte mich meinen Kopf kosten. Unter uns – wir haben sogar die ausdrückliche dienstliche Anweisung erhalten, Sie auf Abstand zu halten.“
Will sah ihn erstaunt an. „Anweisung? Von wem?“
„Von unserem Vorgesetzten, Direktionsleiter Pimpertz.“ Will schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich kenn der Mann überhaupt nicht.“
Dohmen sah sich verstohlen um und behielt seinen Flüsterton bei. „Aber unser Chef kennt Sie dafür umso genauer. Ihnen eilt, sagen wir mal, ein gewisser Ruf voraus. Und da Pimpertz offensichtlich Sorge hat, dass Sie die Ermittlungen behindern könnten, insbesondere wegen Ihrer engen Freundschaft zu Kommissar Kleinheinz, haben wir alle die klare Ansage, Sie genau im Auge zu behalten.“
Will schürzte kampfeslustig die Lippen. „So ein Schwachsinn. Ich will Sie doch nur helfen, der Fall aufzuklären, damit der Peter so schnell wie möglich wieder aus dem Gefängnis kommt.“
Dohmen verzog das Gesicht. „Herr Hastenrath. Geht das schon wieder los? Sie sollen sich raushalten aus unserer Polizeiarbeit. Und erst recht sollten Sie sich hüten, schon wieder eigene Ermittlungen anzustellen. Deshalb muss ich Sie jetzt auch auffordern, das Grundstück zu verlassen.“
Will machte keine Anstalten, zu gehen, sondern hielt dem Blick des Kommissars mit sturer Entschlossenheit stand. Völlig ruhig sagte er: „Was ist nur aus Sie geworden, Herr Dohmen? Ich hatte beim letzten Mal, wo wir miteinander zu tun hatten, fast angefangen, Sie sympathisch zu finden. Und zwar, weil ich dachte, dass Sie nicht nur ein Kollege, sondern sogar ein Freund von der Peter sind. Aber jetzt muss ich feststellen, dass Sie auch nur ein uniformiertes Arschloch sind … selbst wenn Sie gar keine Uniform tragen. Und wo wir gerade dabei sind: Soll ich Sie mal sagen, wodran dieser Herr Pimpertz mich mal lecken kann?“
Dohmens Mund klappte auf und zu wie bei einem Fisch im Aquarium. Dass dieser Ortsvorsteher ein unangenehmer Zeitgenosse sein konnte, das hatte der Oberkommissar schon des Öfteren am eigenen Leib zu spüren bekommen, aber selten in derart offener und provozierender Form. Statt jedoch seinem ersten Impuls nachzugeben, den Mann mit einem schnellen Polizeigriff zu Boden zu bringen und ihm Handschellen anzulegen, lösten die drastischen Worte seltsamerweise ein ganz anderes Gefühl in ihm aus. Hastenraths Will tat ihm leid. Ihm schien nicht ansatzweise klar zu sein, wie schwerwiegend die Indizien waren, die gegen Kleinheinz sprachen, aber dennoch imponierte Dohmen der unerhörte Mut dieses einfachen Landwirts, der es wagte, sich trotzig gegen einen ganzen Apparat zu stellen. Einen Justizapparat, der ihm sehr schnell sehr großen Ärger einhandeln konnte. Dieser Schneid und diese Kühnheit waren Eigenschaften, die Dohmen selbst im Laufe seiner Dienstjahre abhanden gekommen waren – wenn er sie denn überhaupt jemals besessen hatte. Er wollte immer nur seine Ruhe und möglichst wenig Verantwortung. Deshalb war ihm schon klar, dass er nichts weiter war als der Erfüllungsgehilfe eines Systems, das diesen Fall so schnell wie möglich zu den Akten legen wollte. Aber hatte Peter Kleinheinz, der Mann, der ihm mehr als einmal das Leben gerettet hatte, es nicht verdient, in dieser schweren Zeit zumindest mit Respekt behandelt zu werden, auch wenn kaum einer im Präsidium noch Zweifel daran hatte, dass der einstige Vorzeigebeamte kaltblütig zwei brutale Morde verübt hatte?
Dohmen bemerkte, dass er bereits endlose Sekunden lang mit offenem Mund vor Will gestanden hatte. Er räusperte sich.
„Also … Herr Hastenrath. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich vergesse alles, was Sie gerade gesagt haben, vor allem die strafrelevanten Sachen. Dafür folgen Sie mir jetzt nach vorne auf die Straße. Da können wir etwas unbeobachteter sprechen.“ Will nickte und folgte dem Kommissar. Als die beiden auf den Bürgersteig traten, freute sich Knuffi so sehr, dass er urinierte. Will drückte ihm ein Leckerchen ins Maul und wandte sich wieder an Dohmen: „Tut mir leid. Da sind wohl eben etwas die Kühe mit mir durchgegangen. Ich wollte Sie nicht beleidigen, wie ich Sie ‚Arschloch‘ genannt habe.“ Dohmen wedelte mit der Hand, als verscheuche er Fliegen.
„Wie gesagt. Ich hab’s schon vergessen. Aber ich habe verstanden, was Sie damit zum Ausdruck bringen wollten. Glauben Sie mir. Ich bin genauso schockiert wie Sie und ich kenne Peter Kleinheinz noch ein paar Jahre länger. Im Moment versuche ich, so professionell wie möglich mit der Sache umzugehen. In den ersten Stunden und Tagen nach einer solchen Tat muss man so gründlich wie möglich nach allen Spuren suchen. Schließlich können solche Spuren auch entlastenden Charakter haben. Aber auch wenn ich in Teufels Küche komme und gegen mehrere Dienstvorschriften gleichzeitig verstoße, ich sage Ihnen jetzt ein paar Dinge, die das Polizeipräsidium eigentlich nie verlassen dürften. Und zwar mache ich das, weil ich weiß, dass auch Peter das gemacht hätte. Ich habe Ihr spezielles Verhältnis zwar nie verstanden, aber am Ende hat es ja oft zu einem guten Ergebnis geführt. Trotzdem hat es dieses Gespräch zwischen uns nie gegeben. Haben Sie das verstanden?“
Will nickte. „Ich danke Sie für Ihr Vertrauen. Und ich verspreche Sie, dass von mir keiner was erfahren wird.“
„Gut“, Dohmen holte tief Luft. „Folgendes scheint Samstagnacht passiert zu sein: Peter Kleinheinz betritt das Haus und überrascht seine Lebensgefährtin Bettina Hebbel und einen fremden Mann im Bett. Sofort eröffnet er das Feuer. Der Mann wird von zwei Schüssen getroffen, die beide tödlich sind. Auch Bettina scheint von zwei Kugeln getroffen worden zu sein, jedenfalls fehlten vier Kugeln in Peters Dienstwaffe. Die Spurensicherung konnte aber nur zwei Hülsen finden. Trotz ihrer starken Verletzung und eines sehr hohen Blutverlustes konnte sie offensichtlich über die Treppe in den Garten fliehen. Dort verliert sich die Blutspur aufgrund des starken Regens. Der Gerichtsmediziner schließt aber fast aus, dass sie sehr weit gekommen ist.“
„Deshalb der Bagger …?“, stotterte Will entsetzt.
„Ja. Wir vermuten, dass Peter die tote oder sterbende Frau im Garten vergraben hat. Wir haben einen blutverschmierten Spaten sichergestellt, allerdings ohne Fingerabdrücke von Peter. Dafür waren jedoch Schlammspuren an Peters Schuhen, die eindeutig aus dem Garten stammen. Entscheidend ist aber der Zeitfaktor. Die tödlichen Schüsse sind laut Gerichtsmediziner und Zeugenaussagen gegen 21.20 Uhr gefallen. Peter hat mich allerdings erst um kurz nach 22 Uhr angerufen und mir mitgeteilt, was er getan hat.“
„Moment mal. Der Peter hat Sie angerufen?“
„Ja. Das Pokalspiel war gerade zu Ende, da ging mein Handy. Peter war völlig verwirrt und redete zusammenhangloses Zeug. Als er sagte, dass er zu Hause sitzt und gerade etwas Furchtbares getan hätte, bin ich sofort hierhin gerast.“ Aber was ich damit sagen will, ist, dass zwischen den tödlichen Schüssen und dem Anruf fast eine Stunde lag. Zeit genug, um einen leichten Körper im Garten zu vergraben.“
Will konnte nicht glauben, was er da hörte. Und er wollte es auch nicht glauben. „Das macht doch überhaupt kein Sinn. Warum soll der denn nur eine Leiche vergraben?“
Dohmen zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil für die zweite die Zeit nicht mehr gereicht hat.“
„Blödsinn. Dann hätte der doch erst angerufen, nachdem der alle beide vergraben hat.“
„Ja, darüber haben wir uns auch schon Gedanken gemacht. Unser Polizeipsychologe meint, dass es wahrscheinlich gar nicht darum ging, Spuren zu verwischen, sondern, dass sich Peters ganze Wut nur auf seine Freundin konzentriert hat und er sie vollständig vernichten und verschwinden lassen wollte.“ Will bekam eine Gänsehaut. Beklommen hakte er nach: „Aber hätten dann nicht die Nachbarn hier was mitbekommen müssen von der Aktion?“ Er deutete auf das Haus nebenan.
Dohmen folgte seinem Blick und schüttelte den Kopf. „Da ist keiner. Die sind noch drei Wochen in Urlaub. Das haben wir schon gecheckt.“
Will stutzte. Bevor er seine Gedanken ordnen konnte, trat der Polizist mit den hochdekorierten Schulterklappen durch das Gartentörchen und rief Dohmen zu: „Herr Dohmen. Sie sollen reinkommen zum Kapdezernent.“
„Ich komm sofort.“
„Was ist denn ein Kapdezernent?“, fragte Will.
„Bitte? Ach so“, antwortete Dohmen zerstreut, „das heißt eigentlich Kapitaldezernent. Damit ist der Staatsanwalt gemeint, der hat hier den Hut auf. Bei einem Kapitalverbrechen ist die Staatsanwaltschaft immer die Herrin des Ermittlungsverfahrens.“
Will kratzte sich am Kopf. „Wollen Sie damit etwa sagen, dass der Staatsanwalt eine Frau ist?“
„Nein, der Staatsanwalt, das ist der Arnulf Gehring.“
„Wissen Sie was?“, sagte Will entschlossen. „Ich komm jetzt mal mit rein und red mit der Mann. So Leute muss man …“
Dohmen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nein, Sie kommen nicht mit rein. Das würde alles nur viel schlimmer machen. Und bei Gehring hätten Sie sowieso keine Chance. Das ist ein Golfkumpel von Pimpertz.“
Der Polizist erschien wieder am Gartentor. „Die Herren warten“, rief er.
„Bin unterwegs“, rief Dohmen zurück. „Wie sieht’s im Garten aus?“ Der Polizist schüttelte den Kopf. „Wir haben jetzt jeden Stein umgedreht. Hier liegt garantiert nichts in der Erde.“ Dohmen fluchte leise und murmelte: „Verdammt, Peter. Was hast du mit deiner Freundin gemacht?“
Der Kommissar verabschiedete sich schnell von Will, um ins Haus zu gehen. Will blieb zurück und dachte noch einmal über die Worte des Beamten nach. „Hier liegt nichts in der Erde.“ Plötzlich wurde ihm ganz flau im Magen. Er riss den Kopf herum und starrte auf die Mülltonne, die vor dem Nachbarhaus stand. Ihm gefror fast das Blut in den Adern, als er sich die Frage stellte: Wenn die Bewohner von dem Haus in Urlaub sind, wer hat dann die Mülltonne an die Straße gestellt? Und vor allem: Was war in den blauen Mülltüten?
6

„Sag mal, hast du Schmieröl gesoffen, oder was? Was fällt dir ein, hier morgens mit sechs Minuten Verspätung aufzulaufen?“ Die Halsschlagadern von Autohausbesitzer Heribert Oellers waren dick angeschwollen und pochten in schnellem Rhythmus. Sein hochroter Kopf schien kurz vor dem Explodieren. Richard Borowka war gerade damit beschäftigt, bei einem alten VW Polo die Reifen zu wechseln. Eigentlich war er sich sicher gewesen, dass der Alte ihn nicht bemerkt hatte, als er vor einer Dreiviertelstunde das Gebäude heimlich durch den Hintereingang betreten hatte. Doch als vor wenigen Sekunden die schwere Eisentür, die den Verkaufsraum von der Werkstatt trennte, aufflog, wusste er sofort, dass dem wohl nicht so gewesen war. Borowka kniete gerade vor einem Reifen, den er wechseln wollte, als sich der mächtige Schatten seines Chefs über ihn legte. Nun gab es kein Entrinnen mehr: Er befand sich mitten im Auge des Tornados.
„Du bist ja wohl mit der Klammeraffe gebeutelt. Das, was du dir die letzte Zeit hier erlaubst, da scheißt der Hund ins Feuerzeug. Das steht mir bis Oberkante Unterlippe. Wieso kommst du jeden Tag zu spät?“
„Tut mir leid, Chef“, stammelte Borowka. „Ich hab im Moment kein Auto und der Fredi …“
„Was ist los? Sag mal, ist dein Clowns-Kostüm in der Reinigung? Halt gefälligst die Klappe, wenn ich dich unterbreche. Der Fredi hatte ich gerade schon zwischen. Da kannst du sogar froh drüber sein, weil der mir schon meine ganze Energie geraubt hat mit sein weinerliches Rumgesülze von wegen seine neue Olle. Wenn ich so ein Scheiß hör, da wackelt mir die Hose. Für euch zwei Intelligenzallergiker gehen mir echt die Schimpfwörter aus. Wenn ihr zwei ein Loch im Kopf hättet und der Arzt müsste das nähen, dann würde man dafür Hohlraumversiegelung sagen. Ich sag dir mal eins, Richard: Wenn dein Vatter nicht so ein guter Fußballer gewesen wäre, dann hätte ich so eine faule Sau wie dich niemals eingestellt. Mein Oppa, der arbeitet doppelt so hart wie du – dabei ist der seit drei Jahre tot. Ich geb dir jetzt derselbe gute Rat, den ich eben der Fredi gegeben habe: Wenn du noch einmal zu spät kommst, dann klingelt es aber, und zwar nicht an deiner Haustür. Dann reiß ich dir der Kopf ab und werf den in die Alteisentonne. Hab ich mich klar genug ausgedrückt, oder hast du noch irgendswelche Fragen?“
Borowka schluckte und erhob sich. Während er sich die verölten Finger an seiner Blaumannhose abstrich, antwortete er mit gesenktem Kopf: „Nein, Herr Oellers. Oder ja, doch. Eine Frage hab ich tatsächlich noch. Dürfte ich in der Mittagspause vielleicht mal der Alfa Spider Probe fahren, den Sie letzte Woche eingetauscht haben?“
Zur selben Zeit betrat Hastenraths Will den Verkaufsraum des Autohauses Oellers und sah sich um. Am Empfang saß das von Heribert Oellers sehr geschätzte Fräulein Regina und widmete sich ihrer Lieblingsbeschäftigung – Fingernägel lackieren. Gleichzeitig führte sie mit ihrem zwischen Schulter und Ohr eingeklemmten Smartphone ein offensichtlich sehr lustiges Privatgespräch, denn immer wieder unterbrach sie ihre eigenen Sätze mit kreischendem Gegacker. Ihre langen Beine, die in schwarz lackierten High Heels endeten, hatte sie übereinandergeschlagen, sodass ihr knapper Minirock weit hochgezogen wurde. Dennoch konnte Will darunter keinen Miederhosenrand erkennen, was ihn zunächst verwunderte. Dann aber kam ihm der Gedanke, dass Regina möglicherweise eine dieser neumodischen Frauenunterhosen trug, bei der große Teile des Stoffs durch dünne Schnüre ersetzt worden waren. Will hatte davon gehört, dass es so etwas geben soll. Seine Frau Marlene trug solche Sachen nicht, jedenfalls nicht, soweit er sich erinnerte. Er zog sein Stofftaschentuch aus der Parkajacke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Blick wanderte wieder hoch und blieb am Ausschnitt der jungen Dame hängen. Seltsam, die Brüste schienen seit seinem letzten Besuch gewachsen zu sein. Will schüttelte sich und sah hinüber zu Fredi Jaspers, der neben dem Empfang an seinem Schreibtisch saß. Aber auch der nahm keine Notiz vom Landwirt, obwohl das schrille Bimmeln der Türglocke ja durchaus der Hinweis auf einen Kunden hätte sein können. Fredi tippte mit eingezogenem Kopf auf seiner Tastatur herum und starrte miesepetrig auf den Computerbildschirm vor sich. Die Tür zu Oellers’ Büro stand sperrangelweit offen, sodass Will davon ausging, dass der Gebrauchtwagenhändler sich in der angrenzenden Werkstatt aufhielt. Da jedenfalls schien eine Menge los zu sein. Das laute Geschepper, das bis in die Verkaufshalle drang, hörte sich an wie ein schwerer Werkzeugkasten, der gegen eine Wand geworfen wurde. Sekunden später wurde die Eisentür aufgerissen und Oellers stapfte mit hochrotem Kopf hindurch. „Heribert, hast du alles im Griff?“, rief Will ihm freundlich entgegen.
Oellers hob den Kopf. Als er seinen alten Freund erblickte, hellte sich seine Miene geringfügig auf. „Ach, Will, altes Scheißhaus. Hör mir bloß auf! Nur Ärger habe ich hier mit meine Leute. Ein Glas Gurken ist schlauer wie die alle zusammen. Vor allen Dingen der Borowka. Der muss mal schwer aufpassen. Ich sag dir: Das ist ein Kerl wie mein Sack, nur nicht so stramm.“
Die beiden schüttelten einander die Hände und Oellers führte Will in sein Büro. Im Vorbeigehen bat er Fredi Jaspers noch, Kaffee zu machen: „Komm, Mr. Honeymoon. Glotz nicht in der Computer wie ein bekifftes Känguru, sondern mach dich mal nützlich. Zwei Kaffee, aber zz – ziemlich zackig.“
Will nahm auf dem Kunstlederschwingsessel für die Besucher Platz. Oellers ließ sich in seinen Chefsessel hinter dem wuchtigen Schreibtisch fallen und legte die Hände in den Nacken. Mit lauter Stimme begann er zu schwadronieren: „Weißt du, Will. Manchmal frage ich mich, wie lange ich mir der Stress noch antun soll mit der Laden. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Aber dann denke ich mir auf der anderen Seite: Irgendswie macht es aber auch Spaß, diese ganzen Vollpfosten anzuschreien. Hahaha. Aber du bist bestimmt nicht hier, für dir das Elend anzugucken, womit ich mich hier tagtäglich rumschlage. Was kann ich für dich tun?“
Will knetete seine Hände und antwortete mit leiser Stimme: „Du hast ja mitbekommen, was da am Samstag passiert ist. Und du weißt auch, dass der Peter Kleinheinz ein sehr guter Freund von mir ist.“
Oellers nickte ernst, unterbrach den Landwirt aber nicht.
„Ja, und ich will jetzt versuchen, herauszufinden, was da genau passiert ist. Oder zumindest, warum der Peter das gemacht hat.“
„Das kann ich dir sagen, warum der das gemacht hat. Der hat seine Frau im flagranti mit ein anderer Mann im Bett erwischt und da ist dem die Sicherung durchgebrannt. Ende, Aus, Micky Maus.“
Will seufzte. „Kann schon sein. Aber ich glaub nicht, dass das so einfach ist. Ich meine, man erschießt doch nicht einfach zwei Leute.“
„Will, der Mann ist Polizist. Der ist dadrauf trainiert, Leute zu erschießen.“
In diesem Moment ging die Tür auf und Fredi kam mit einem Tablett herein, das er auf dem Schreibtisch abstellte. Darauf standen zwei dampfende Tassen Kaffee, eine Dose Kondensmilch und eine ungeschickt aufgerissene Packung voller Zuckerwürfel. Oellers wedelte mit der Hand und Fredi verschwand wieder. Will warf sich sechs Stücke Zucker in den Kaffee und rührte ihn bedächtig um.
„Wie dem auch sei, Heribert. Ich muss trotzdem unbedingt mal mit der Peter sprechen. Die Polizei schirmt dem total ab. Und eben, nachdem ich der Knuffi nach Hause gebracht habe, bin ich noch mal zu der Kommissar Dohmen gefahren, für dem zu bequatschen. Aber …“
„Oh Mann, Will. Das wollte ich dir die ganze Zeit schon gesagt haben“, unterbrach Oellers ihn plump. „Ist dir eigentlich bewusst, wie lächerlich du dich in Saffelen machst, wenn du immer mit die kleine Töle spazieren gehst? Was ist nur aus dir geworden? Früher bist du ganz stolz mit dein Hofhund Attila durch der Ort flaniert. Ohne Leine. Da hattest du nach ein kurzer Spaziergang drei Anzeigen am Hals. Und heute? Heute ziehst du eine Leberwurst auf vier Beine hinter dir her. Hör mal, die Leute verlieren der Respekt vor dir als Ortsvorsteher.“
„Das ist doch nur, bis meine Frau wieder gesund ist“, verteidigte sich Will halbherzig.
„Trotzdem ist das peinlich. Und außerdem muss man doch mit der Knuffi gar nicht Gassi gehen. Es reicht doch, wenn du den in der Kackbeutel steckst und einmal schüttelst – fertig!“ Will winkte verärgert ab. „Jetzt lass mich doch in Ruhe mit der Knuffi. Hier geht es sich doch um was ganz anderes. Hier geht es sich um das Leben von ein guter Freund, um dem seine ganze Existenz. Und ich kann nix machen. Der Kommissar Dohmen hat für mich gesagt, dass nur ein Anwalt zu Kleinheinz darf. Das Problem ist aber: Der Peter weigert sich, auszusagen, und der will wohl auch kein Anwalt haben. Deshalb habe ich mir jetzt überlegt, dass ich auf eigene Kosten ein Mann für dem engagier. Und der wird dann mein Sprachrohr ins Gefängnis. Und genau deshalb bin ich hier. Du hast mir doch mal erzählt, dass du ein Top-Anwalt hast, der dich überall raushaut.“ Oellers schürzte die Lippen. „Ach, du meinst der Schabowski?! Na ja, Top-Anwalt jetzt nicht im Sinne von Anzug und Krawatte und gute Manieren und so. Aber fachlich ist der super, keine Frage. Es gibt kein Paragrafen-Trick, den der Mann nicht kennt. Und das Gute an dem ist, dass dem alles scheißegal ist. Du glaubst nicht, wie oft ich schon angezeigt worden bin wegen Betrug. Meistens ging es sich dabei um so normale Bagatellsachen, totale Kleinigkeiten. Was weiß ich? Zurückgedrehte Tachos, gefälschte Papiere, zu teuer abgerechnete Ersatzteile, die wir nie eingebaut haben, oberflächlich ausgeführte Reparaturen – normales Tagesgeschäft eben. Ich meine, die Vorwürfe stimmten immer, aber ich habe trotzdem noch nie ein Fall verloren. Im Gegenteil, meistens hat der Schabowksi noch ein fetter Schadensersatz für mich rausgeholt wegen üble Nachrede oder so. Aber ob der sich mit Mörder auskennt, das weiß ich nicht. Außerdem hat der ein kleines Alkoholproblem. Ne Flasche Wodka zum Frühstück ist bei dem keine Seltenheit.“
„Oha“, sagte Will, „ja gut. Aber ich kenn leider kein anderer Anwalt. Wenn ich Probleme mit fremde Leute habe, dann regel ich das immer auf meine Weise. Aber in diesem Fall hier komm ich nicht weiter. Der Dohmen hat mir klipp und klar gesagt, dass ich nicht an der Kleinheinz rankomme.“
„Verstehe.“ Oellers rieb sich das Kinn. „Pass auf, ich schreib dir mal die Nummer von der Günther Schabowksi auf und dann versuchst du dein Glück. Die Kanzlei von dem ist in Kirchhoven. Ja, was heißt Kanzlei? Ich glaub, der wohnt da auch, seit dem vor zwei Jahre die Frau abgehauen ist. Bestell dem ein schöner Gruß von mir. Und lass oft klingeln. Der hat ein gesunder Schlaf, wenn der was getrunken hat.“
Mit dem Zettel in der Hand verließ Will das Autohaus. Auf dem Vorplatz erblickte er Borowka, der gerade dabei war, Unkraut zu zupfen. Der mürrische Gesichtsausdruck des Mechanikers deutete darauf hin, dass es sich wohl um eine disziplinarische Maßnahme handelte. Plötzlich kam dem Landwirt eine Idee und er sprach seinen Hausnachbarn an. „Hör mal, Richard. Ich bräuchte mal dein Knau-hau.“
Borowka knurrte, ohne aufzusehen: „Als was? Als Gärtner?“ Will lachte. „Nein. Als Einbrecher.“
Borowka zuckte zusammen und sah dann doch auf. „Wie, als Einbrecher?! Bist du bekloppt?“
Will musterte ihn kurz und sagte dann leise: „Du bist doch vor zwei Wochen in der Mainacht im Fußball-Vereinsheim eingebrochen, für ein Kasten Bier zu klauen. Richtig?!“
An Borowkas Hals bildeten sich hektische rote Flecken. Er erhob sich und sah sich um. Unbehaglich entgegnete er: „Ja schon … aber, da war ich doch besoffen. Und – woher weißt du das überhaupt?“
Will grinste ihn an. „Ich wusste es gar nicht. Aber jetzt weiß ich’s. Und du willst doch sicher nicht, dass ich das an die große Glocke hänge.“ Borowka schüttelte verlegen den Kopf und Will fuhr fort: „Zuerst mal muss ich dir ein Kompliment machen. Das war handwerklich eine super Leistung von dir, das Sicherheitsschloss zu öffnen. Und du hast überhaupt keine Spuren hinterlassen. Wir waren uns mit der Vorstand einstimmig einig, dass das nur eine Profitruppe aus Rumänien gewesen sein kann. Aber mich hat direkt stutzig gemacht, dass nur der Bierkasten gefehlt hat und die ganzen Computer und Laptops stehen geblieben waren. Die mussten wir nämlich alle selber wegschaffen, damit wir die der Versicherung melden konnten. Aber, wodrauf ich hinauswill: Wenn du das besoffen so gut hinbekommst, dann wirst du so was doch wohl auch nüchtern können, oder?“
Borowka lächelte geschmeichelt. „Ja sicher. Überhaupt kein Thema. Was musst du denn aufgebrochen haben?“
Will sah ihm verschwörerisch in die Augen und sagte: „Wir beide werden heute Abend in das versiegelte Mordhaus einsteigen.“
Borowka erstarrte.
7

Erschöpft ließ Sabrina Nowak ihre Sporttasche im Flur fallen. Sie würde die verschwitzten Sachen später in den Keller bringen. Zuallererst brauchte sie jetzt ein Wasser. Heute hatte ihr Trainingsprogramm in einem neuen Fitnessstudio begonnen, das im Nachbardorf aufgemacht hatte. Schnell war Sabrina unter der Anleitung eines Fitnesscoachs an ihre Grenzen gestoßen, aber ihr Stolz war mächtiger gewesen und sie hatte tapfer durchgehalten. Der Lohn dafür dürfte ein Mörder-Muskelkater sein. Mit einem Glas Wasser ging sie ins Wohnzimmer. Fredi hatte es sich auf der Couch bequem gemacht. Seine Füße, die in abgetragenen, weißen Tennissocken steckten, lagen auf dem Tisch neben einer Flasche Bier und einer halbleeren Tüte Chips. Auf dem 65-Zoll-Plasma-Fernseher, den er bei der Einrichtung des gemeinsamen Hauses durchgesetzt hatte, lief eine DVD seiner Lieblingsserie „Die Simpsons“. Und zwar zum x-ten Mal seine Lieblingsfolge „24 Minuten“, eine Parodie auf seine andere Lieblingsserie „24“. Sabrina quittierte das mit einem langgezogenen Seufzer.
„Hallo Schatz, wie war es beim Training?“, fragte Fredi und warf ihr einen flüchtigen Blick über seine Schulter zu.
„Ziemlich anstrengend. Aber die haben Supergeräte da. Du kannst ja mal mitkommen.“ Sie setzte sich neben ihn auf die Couch und zog die Schuhe aus.
Fredi gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte: „Nee, danke. Da laufen mir zu viele Poser rum. Mir reicht mein Fußballtraining einmal die Woche.“
Sabrina sah ein paar Minuten mit ihm zusammen fern und stellte bestürzt fest, dass selbst sie schon einzelne Dialoge mitsprechen konnte. Leicht genervt fragte sie deshalb: „Sollen wir nicht mal ‚Hart aber fair‘ gucken?“
Fredi verzog das Gesicht. „Warum das denn? Da wird doch bloß dumm rumgequatscht. Da haben wir doch wohl im Moment hier in Saffelen genug von.“
„Ja gut, aber Talkshows sind immer noch besser als ein Zeichentrickfilm, den du schon hundertmal gesehen hast.“ Fredi verschluckte sich an seinem Bier. Verwirrt sah er seine Freundin an: „Moment mal. ‚Die Simpsons‘ sind doch kein Zeichentrickfilm.“
„Hää? Was denn sonst?“
Fredi stellte die Bierflasche zurück auf den Tisch und hob den Zeigefinger. „Ja okay, vielleicht ein Zeichentrickfilm, aber doch jetzt nicht so was wie ‚Wickie‘ oder ‚Biene Maja‘. ‚Die Simpsons‘, das ist was für Erwachsene. Für zum drüber nachdenken. Außerdem ist das saulustig, hier mit Homer und Marge und so. Und überhaupt. Ein ganzes Dorf, wo nur Bekloppte leben. Ich find das lustig.“
„Ein Dorf voller Bekloppte. Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, murmelte Sabrina, aber Fredi bekam die kleine Spitze gegen seine Heimat nicht mit, da er bereits wieder in der Handlung versunken war und leise in sich hineinkicherte. Eine Weile beobachtete Sabrina ihren Freund, als plötzlich ein kleines Baby von der Decke herabschwebte und genau in Fredis Arm fiel. Das Kind hatte genau wie er dickes, braunes Haar, das es vorne kurz und hinten lang trug. Die beiden schmiegten sich aneinander und giggelten gemeinsam über Bart Simpson, als der sich mit seinem Skateboard überschlug. Dann ein lauter Knall. Sabrina schreckte hoch und musste sich kurz sammeln. Im Fernseher war ein Atomkraftwerk explodiert. Zum Glück nur das von Springfield.
„Alles klar?“, fragte Fredi leicht besorgt.
„Ähm ja, ich bin wohl gerade kurz eingenickt.“
„Kurz ist gut“, lachte Fredi, „du hast bestimmt zehn Minuten geratzt.“
Sabrina dachte über ihren Tagtraum nach. Dann fasste sie sich ein Herz und schnitt noch einmal das Thema an, das sie offenbar mehr beschäftigte, als ihr lieb war und das am Morgen durch Borowkas Anruf jäh beendet worden war. „Sag mal, Schatz. Du hast noch gar nichts dazu gesagt, ob du dir vorstellen kannst, dass wir beide irgendwann vielleicht mal ein Kind haben.“
Fredi hielt den Atem an. Unsicher griff er nach der Fernbedienung und stellte den Ton aus. Dann drehte er sich zu Sabrina.
„Ach ja, richtig. Da hatten wir ja … da wollten wir noch mal drüber … Also, natürlich, klar, habe ich mir da auch schon mal Gedanken zu gemacht. Das habe ich dir ja quasi im Prinzip auch versprochen, dass ich mir dadrüber ...“
„Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“ Sabrina nahm Fredis Hand und streichelte sie.
Er musste schlucken. „Ja, also, im Prinzip spricht ja nix dagegen. Obwohl ich jetzt nicht weiß, wie teuer …“
Sabrina nahm Fredis Kopf in beide Hände und gab ihm einen feuchten Kuss auf den Mund. Dann flüsterte sie ihm ins Ohr: „Stell dir vor, wir sitzen hier auf der Couch mit einem Fredi im Miniaturformat zwischen uns und gucken gemeinsam ‚Die Simpsons‘.“
Fredi schloss die Augen. Ihm gefiel der Gedanke. Und auch der Duft des Duschgels, nach dem Sabrina roch, gefiel ihm. Kokosnuss. Sabrina streichelte ihm sanft übers Bein. Ihre Hand wanderte immer höher und stieß gegen die Beule in seiner Hose. Fredi stöhnte leise auf.
Sabrina flüsterte ihm ins Ohr: „Oh, was haben wir denn da? Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich gerade große Lust auf dich habe?“
Fredi schüttelte den Kopf. „Nee, nicht so direkt.“
„Komm Schatz, lass uns jetzt hier auf der Couch ein Kind machen.“
Fredi brach der Schweiß aus. Mit sanfter Gewalt löste er sich aus der Umklammerung und sagte: „Moment, ich geh mich eben schnell frisch machen im Badezimmer.“
Sabrina gab ihm noch einen Kuss und hauchte ihm ins Ohr: „Ich warte hier auf dich, Baby. Beeil dich.“
„Ja klar.“
Fredi lief hoch ins Bad und schloss die Tür hinter sich ab. Sein Herz raste. Mit zittrigen Händen zog er sein Handy aus der Hosentasche und tippte hektisch eine Nummer ein. Ungeduldig wartete er, bis am anderen Ende endlich das Gespräch angenommen wurde.
„Borowka!“
„Hör zu, ich hab nicht viel Zeit. Sabrina liegt unten auf der Couch und die will mich verführen. Stell dir vor – einfach so, auf der Couch vorm Fernseher bei normales Licht.“
Borowka brauchte ein paar Sekunden, um den Satz zu entwirren. Dann rief er erfreut: „Ja super. Was ist dein Problem? Ran an der Speck. Hör mal, ich wär froh, wenn Rita mal wieder spontan der Küchentisch freiräumen würde. Aber die Zeiten sind bei uns lange vorbei. Wir brauchen den bloß noch zum Essen. Also, lass der Hammer kreisen!“
„Ja, Moment. Die will aber, dass wir ohne … hier, du weißt schon. Ohne Verhütungsmittel …“
Betretenes Schweigen am anderen Ende. Plötzlich war jede Euphorie aus Borowkas Stimme verschwunden. „Ach du Scheiße. Ich verstehe. Das ist also eine Falle“, begann er, sachlich die Lage zu analysieren. „Pass auf. Lass dich da bloß nicht drauf ein. Sag, du hättest spontan Migräne bekommen, für ein bisschen Zeit zu gewinnen. Und dann lässt du dich die Tage irgendswo in eine holländische Klinik heimlich stilisieren. Ich könnte dir ein paar Adressen besorgen.“
„Bist du bekloppt, Borowka?“, rief Fredi entsetzt in sein Telefon. „Du hast mich falsch verstanden. Ich will ja Kinder mit Sabrina haben. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das im Moment nicht vielleicht noch was zu früh ist.“
„Okay, beruhig dich erst mal. Du befindest dich gerade in ein psychischer Ausnahmezustand. Ich habe diese Diskussionen gefühlte tausend Mal mit Rita geführt. Aber irgendswann hat die auch eingesehen, dass Kinder bloß Ärger bedeuten. Überleg doch mal. Mit Kinder ist von heute auf morgen Schluss mit Party, Palmen, Sonnenschein. Dann siehst du unsere Stammdisko Himmerich nur noch von außen, wenn du da vorbeifährst, für dein verwöhntes Kind durch die Gegend zu gondeln. Aber das wär noch nicht das Schlimmste, weil du sowieso nicht mehr weggehen könntest. A, weil du keine Zeit mehr hast und B, weil du keine Kohle mehr hast. Da gibst du dein sauer verdientes Geld nämlich nur noch für Babybrei, Windeln und kaputte DVD-Laufwerke aus, wo Schokolade drin geschmolzen ist. Du kannst nie wieder ausschlafen, nie wieder Bundesliga gucken, ständig läufst du mit nackte Füße über Legosteine. Und wenn die Rotzlöffel erst mal reden können, dann löchern die dich der ganze Tag mit bescheuerte Fragen: Warum sind Pizzaschachteln eckig? Warum hat Tarzan kein Bart? Warum stinken Fische, obwohl die ständig baden? Nur so ein Scheiß. Das weiß ich alles von der Ralf Richterich. Der ist doch nur noch ein Schatten von sich selbst, seit der Kinder hat. Aber weißt du, was das Allerschlimmste ist?! Lass dir das von ein Frauenexperte gesagt sein: Kinder machen aus Frauen Mütter! Und das bedeutet im Klartext: Das Vergnügungsviertel im Schlafzimmer wird mit sofortige Wirkung von Amts wegen geschlossen. Und dass die Sabrina sich jetzt gerade unten auf dein Wohnzimmerteppich am rumräkeln ist, das ist alles nur ein Fortpflanzungstrick. Das habe ich mal zufällig bei ‚Discovery Channel‘ gesehen. Erinner dich mal dadran, wie der Grillcontainer hier bei uns in Saffelen aufgemacht hat. Die ersten Wochen gab es Riesenportionen für kleines Geld. Von da an ist das immer weniger geworden. Und heute kannst du froh sein, wenn die paar labberigen Fritten überhaupt richtig heiß sind.“
„Jetzt mach aber mal ein Punkt, Borowka. Du kannst Sabrina doch nicht mit eine Portion Fritten vergleichen.“
„Das ist doch nur ein Beispiel. Oder hier der Sascha Paulussen von der Pastor-Müllerchen-Straße. Der hatte sein ganzes Leben lang keine Freundin. Da lernt der an sein 39. Geburtstag die Natascha kennen. Ein Monat später ist die hochschwanger. Und jetzt muss der die heiraten. Der ist total am Ende der Mann.“
Fredis Puls hatte sich wieder beruhigt. Leise sprach er ins Telefon: „Ist ja gut. Ich hab verstanden, was du mir sagen willst, Borowka. Aber ganz so dramatisch seh ich das gar nicht. Wir wollen ja Kinder. Ich weiß nur nicht, ob das nicht noch ein bisschen zu früh ist. So lange sind wir ja auch noch nicht zusammen.“
Plötzlich hörte er, dass Sabrina die neue „Kuschelrock“ aufgelegt hatte, seine Lieblings-CD. Erneut überkam ihn die Lust, die ihn bereits vorhin im Wohnzimmer fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Die Hormone übernahmen wieder das Kommando in seinem Kopf und strichen alle seine Bedenken mit rosaroter Farbe an. Schnell verabschiedete er sich von Borowka und hatte ihn so schnell weggedrückt, dass er dessen lang gezogenes „Neeeeein!“ gar nicht mehr mitbekam.
Richard Borowka stand in seiner Küche und starrte auf das erloschene Display. Fassungslos schüttelte er den Kopf. Er hoffte inständig, dass sein Kumpel zur Besinnung kommen würde, bevor es zu spät war. Doch jetzt musste er sich auf seine Mission konzentrieren. Nachdem Rita zu ihrem allwöchentlichen Mädelsabend aufgebrochen war, hatte er alles bereitgelegt, was er brauchte: Werkzeug, Stemmeisen und eine Sturmhaube. Während er auf Hastenraths Will wartete, der ihn abholen wollte, sobald Marlene in der Badewanne saß, trank er sich ein wenig Mut an, um im Falle des Erwischtwerdens auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren zu können. Vier, fünf Wodka-Red-Bull waren kein Problem, da er sich durch den Adrenalinkick, den ihm diese illegale Aktion verlieh, topfit fühlte. Endlich wieder Action. Er streifte seine schwarze Bomberjacke über und fühlte sich dabei wie ein Mitglied der „Avengers“, das sich auf einen Einsatz vorbereitete. Es klingelte. Iron Man griff seine Tasche mit den Wunderwaffen und öffnete die Tür. Dort wartete bereits Captain America in Gummistiefeln.
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