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Christian Kuchler

Lernort Auschwitz

Geschichte und Rezeption

schulischer Gedenkstättenfahrten

1980–2019


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


© Wallstein Verlag, Göttingen 2021

www.wallstein-verlag.de

Umschlag: Susanne Gerhards, Düsseldorf

Umschlagbild: Quelle: ASEE A14-111-331


ISBN (Print) 978-3-8353-3897-5

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4620-8

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4621-5

Inhalt

Lernort

1 Exkursionsziel Auschwitz

2 Fragestellung, Archivsituation und methodisches Vorgehen

3 Forschungsstand

Geschichte

1 Vom größten NS-Lager zur internationalen Gedenkstätte

2 Erste Gruppenreisen aus Deutschland zum Staatlichen Museum

3 Vom Nischenangebot zur Routine: Schulische Exkursionen nach Auschwitz-Birkenau

3.1 Gedenkstättenbesuche als Teil schulischer Rundreisen durch Polen

3.2 Zunehmende Fokussierung auf die Gedenkstätte

3.3 Zentraler Lernort schulischer wie außerschulischer Bildungsangebote

Rezeption

1 Wahrnehmung der Gedenkstätte im Rahmen schulischer Polenrundreisen (1980-1991)

2 Wahrnehmung der Gedenkstätte im Rahmen schulischer Auschwitzfahrten (2010-2019)

2.1 Zwischen Angst und Vorfreude: Erwartungen vor der Ankunft in Oświęcim

2.2 Eindrücke unmittelbar nach dem Besuch der Gedenkstätte

2.3 Zusammenfassende Bewertung der Schwerpunkte aktueller schulischer Besuche der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

3 Wahrnehmung schulischer Gedenkstättenfahrten mit zeitlichem Abstand

3.1 Lernen aus der Geschichte oder Lehren aus der NS-Diktatur

3.2 Konsequenzen des Gedenkstättenbesuchs für das alltägliche Leben?

Virtuelle Realitäten

1 Plötzliches Ende schulischer Gedenkstättenfahrten und Kompensationsmöglichkeiten mittels Augmented Reality und Virtual Reality

2 Mit 360°-Perspektive »Inside« Auschwitz: Möglichkeiten und Grenzen des virtuellen Besuchs

3 Virtual Reality als Ergänzung und Zukunftsoption

Zukunft

1 Befunde

2 Neue Schwerpunkte für schulische Gedenkstättenexkursionen

Historischer Ort im Mittelpunkt

Es muss nicht immer Auschwitz sein

Ängste vermeiden

Emotionen sinnvoll nutzen, Zeit für Wahrnehmung und Austausch gewähren

Internationale Dimension des Gedenkens

Täter nicht vergessen

Gedenkstättenexkursionen als integraler Teil des schulischen Geschichtsunterrichts

3 Gedenken als bleibende Aufgabe

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Dank

Anmerkungen

Lernort
1 Exkursionsziel Auschwitz

Auschwitz zählt zu den am häufigsten von deutschen Schulen besuchten Exkursionszielen im Ausland. Tausende von Schülerinnen und Schülern reisen alljährlich zur dort eingerichteten Gedenkstätte mit dem offiziellen Titel Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau.[1] Ziel der Studienfahrten ist es, bei einem Besuch am historischen Ort dessen angebliche authentische Dimension zu erfahren und für das Lernen über die Shoah nutzbar zu machen.[2] Schließlich ist es gerade jene »Aura« des Geschehensortes, der ein hohes Motivationspotenzial für das individuelle historisch-politische Lernen zugeschrieben wird.[3] Wenn also Auschwitz, das in Deutschland lange ein »eigentümlich ortloser Ort«[4] geblieben war, inzwischen alljährlich von Hunderten deutscher Schulgruppen besucht wird, verwandelt sich der Schauplatz des »größten Verbrechens der Geschichte der Menschheit«[5] zunehmend zu einem »Lern-Ort«. Er wird damit absichtsvoll in den Unterricht miteinbezogen und ausschließlich zum Zwecke des Lernens besucht.[6] Das vormalige Lager wird auf diese Weise zum Gegenstand des schulischen Unterrichtens und die Exkursion ergänzt das zuvor im Klassenzimmer erworbene Wissen über den Nationalsozialismus und die Shoah.

An der Eignung der Gedenkstätte im Süden Polens als Lernort scheint in der Öffentlichkeit keinerlei Zweifel zu bestehen,[7] zumal mit dem Ortsnamen Auschwitz häufig viel beachtete bildungspolitische Kontroversen verbunden waren und sind.[8] Um gegen wiedererstarkenden Antisemitismus und Rassismus sowie gegen Vorurteile aller Art vorzugehen, schlagen Politikerinnen und Politiker quer durch alle demokratischen Parteien immer wieder vor, schulische Besuche an Gedenkstätten früherer NS-Lager weiter auszubauen oder sogar verpflichtend in den Curricula zu verankern.[9] Zuletzt hat Wolfgang Benz der seit Jahren in unregelmäßigen Abständen aufflammenden politischen Debatte um Pflichtbesuche eine »erstaunliche Wiedergängerqualität in der deutschen Öffentlichkeit« attestiert und auf die völlig überhöhten Erwartungen hingewiesen.[10] Doch finden derartige Mahnungen aus Geschichtswissenschaft und Gedenkstättenpädagogik in der Öffentlichkeit selten Gehör. Ausweislich einer Umfrage vom Januar 2020 sollen 75 Prozent der Deutschen schulische Pflichtbesuche in ehemaligen NS-Lagern befürworten und damit ausdrücklich einem Schlussstrich unter die Erinnerung an den Nationalsozialismus eine Absage erteilen.[11]

Die Mehrheit der Deutschen vertraut wohl weiterhin auf die Lerneffekte der Bildungsangebote und pädagogischen Programme in Gedenkstätten.[12] Bei einem Besuch sollten die Gäste überzeugt werden, »durch ihr eigenes Leben zu einer Welt beizutragen, in der ein Schrecken von der Art des erinnerten sich nicht mehr ereignen darf oder kann«.[13] Der Eindruck entsteht, als wären die ehemaligen Tatorte inzwischen zu Bildungsstätten transformiert.[14] Dabei beschränkt sich das Vertrauen selbstredend nicht auf Einrichtungen in Deutschland, sondern schließt – dies vielleicht sogar in noch verstärktem Maße – Gedenkstätten in anderen Ländern ein. Formal verankert ist diese Internationalisierung seit Dezember 2014, als die Gemeinsame Kultusministerkonferenz der Länder das Konzept Erinnern für die Zukunft. Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule[15] verabschiedete. Darin forderten die Ministerinnen und Minister ihre Schulen auf, nicht nur verstärkt historische Exkursionen in den Unterrichtsalltag aufzunehmen, sondern zudem bewusst Ziele im Ausland anzusteuern. Seither reisen Lernende, wenn sie KZ-Gedenkstätten aufsuchen, nicht mehr »nur« zu Stätten innerhalb Deutschlands, wie etwa Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau oder Sachsenhausen, sondern zunehmend auch ins Ausland. Neben Fahrten baden-württembergischer Schulen nach Frankreich in die nahe gelegene Gedenkstätte Natzweiler-Struthof[16] oder bayerischer Gruppen ins österreichische Mauthausen sind dies vor allem Exkursionen nach Oświęcim. Das dortige Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau wird von der bundesdeutschen Bildungspolitik immer wieder hervorgehoben und seine Bedeutung als Lernort für deutsche Schülerinnen und Schüler unterstrichen.[17] Namentlich scheint man dem Besuch der Überreste des vormals größten Lagers innerhalb des NS-Terrorsystems[18] zuzuschreiben, worüber sich schon Überlebende wie Maurice Goldstein, der langjährige Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, sicher waren: Besuche in Auschwitz veränderten Menschen – jeden Menschen.[19]

Es ist nicht schwer, auf dem Buchmarkt entsprechende Titel zu finden, die diesen Optimismus weitertragen.[20] Manche Berichte im Nachklang zu Gedenkstättenfahrten spiegeln dieses Bild ebenfalls wider.[21] Zu fragen ist aber, ob es tatsächlich so einfach ist, die inzwischen klassisch gewordene Forderung Theodor W. Adornos aus dem Jahr 1966 zu erfüllen. Kann bereits der einmalige Besuch des ehemals größten NS-Lagers und der dort heute existierenden Gedenkstätte einen grundlegenden Beitrag dazu leisten, »dass Auschwitz nicht noch einmal sei«[22]? Dieser Überlegung will die vorliegende Studie nachgehen, indem sie das Potenzial des Lernortes Auschwitz ausleuchtet und diskutiert.

Wenig strittig dürfte zunächst sein, dass sich in Oświęcim sehr günstige Rahmenbedingungen für schulisches Lernen finden lassen. Die geschichtsdidaktische Forschung hat als Voraussetzungen für einen ertragreichen Einbezug historischer Orte in den schulischen Geschichtsunterricht vier Kriterien formuliert,[23] welche das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau zu garantieren scheint. In der Tat haben sich, erstens, auf dem Areal der ehemaligen Lager geschichtlich höchst bedeutsame Ereignisse abgespielt, deren Behandlung zu den kanonischen Themen des Geschichtsunterrichts (nicht nur in Deutschland) gehört. Zweitens lassen sich bei einem Besuch an den heute noch sichtbaren Relikten sowohl in Auschwitz I als auch in Auschwitz II relevante Strukturen der Geschehenszeit ablesen und rekonstruieren. Das Agieren der Täter ebenso wie das Leiden der Opfer kann bestimmten Räumen zugeordnet werden. Daneben wirkt Birkenau auf die Gedenkstättenbesucher durch seine unglaubliche Dimension. Bereits die Größe des früheren Lagerkomplexes von mehr als 191 Hektar belegt bei einem Besuch die Unmenschlichkeit der NS-Ideologie. Drittens werden Lernende bei einem Besuch des heutigen Staatlichen Museums erkennen, wie stark sich der historische Ort seit 1945 verändert hat. Er entspricht nicht mehr dem zeitgenössischen Zustand am Tag der Befreiung des Lagers. Noch weit weniger ist er deckungsgleich mit den Filmkulissen, die den Lernenden schon vor ihrer Reise an den Geschehensort aus Leinwandproduktionen wie Schindlers Liste vertraut sind. Vielmehr waren die zu besuchenden Räume schon in den Jahren zwischen 1940 und 1945 einem ständigen Wandel unterworfen,[24] was sich für die Zeit nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 weiter beschleunigt hat. Besonders in der musealen Gestaltung des seit 1947 existierenden Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau schlägt sich diese geschichtskulturelle Prägung nieder.[25] Die erinnerungspolitische Nutzung des Ortes bis in die Gegenwart stellt eine vierte Dimension dar, die Lernende bei ihrer Fahrt nach Oświęcim erfahren und ergründen können.

Vielleicht ist es tatsächlich diese fast idealtypische Passung des historischen Ortes zum Geschichtsunterricht, vielleicht zieht viele Gruppen aber nur primär die Prominenz des Namens an: Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau ist inzwischen kein »Geheimtipp« mehr für deutsche Schulen. Besaß der Besuch im Süden Polens bis in die 1990er Jahre noch einen Hauch von Exklusivität,[26] so finden Exkursionen dorthin inzwischen in sehr hoher Zahl statt, wie die vorliegende Arbeit noch ausführlich darstellen wird. Die schulischen Fahrten tragen damit ihren Teil zum enormen Ansturm der Besucherinnen und Besucher bei, dem sich das Staatliche Museum seit Jahren gegenübersieht. Lag die Zahl der jährlichen Gesamtgäste noch bis Mitte der 1990er Jahre bei etwa 500.000, so stieg das Interesse danach rasch an und hat sich bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie bei über zwei Millionen Gästen eingependelt.[27] Wenn aber etwa zwei Drittel der Gäste Jugendliche sind, demonstriert das das große Interesse von Bildungseinrichtungen an Besuchen in Oświęcim, vor allem von Schulen – nicht nur aus Deutschland.[28]

Mit der enormen Nachfrage einher geht eine häufige Überfüllung der Gedenkstätte. Die Menschenmassen, die sich dort vornehmlich in den Hauptreisezeiten des Sommers regelrecht ballen, lassen einen ungehinderten Besuch des historischen Ortes oft kaum mehr zu. Für die Bundeszentrale für politische Bildung resultierte aus dieser Situation schon im Jahr 2017 die Notwendigkeit, eine umfangreiche Publikation vorzulegen, die deutschen (Gruppen-)Reisenden bewusst Alternativen zu Besuchen in Oświęcim nahebringen will.[29] Der Band will aufzeigen, dass nicht alle, die einen historischen Ort der Shoah besuchen wollen, ausschließlich zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau fahren müssen. Weil sich besonders in Osteuropa eine Fülle an Schauplätzen von NS-Gewaltverbrechen nachweisen lässt, sei der gängigen Engführung der Shoah auf den industriell abgewickelten Massenmord in Birkenau entgegenzuwirken. Beispielsweise könnten historische Orte von Massenerschießungen, die in der aktuellen Forschung weit stärker fokussiert werden als die zentralen Lager,[30] besucht werden.[31] Insgesamt sei dementsprechend die Zentrierung auf den Lernort Auschwitz dringend zu überdenken, zumal sich an anderen historischen Orten ebenfalls pädagogisches Potenzial ausmachen lasse,[32] so der Tenor des Bandes der Bundeszentrale für politische Bildung.[33]

Allerdings sagen hohe Besucherzahlen wenig über die spezifische Zielsetzung der Gäste oder einen wie auch immer gearteten Lernerfolg aus,[34] zumal das Streben nach einem reflektierten und demokratischen Geschichtsbewusstsein nicht bei allen Reisenden zwingend vorauszusetzen ist. So zieht besonders der Schauplatz des »schrecklichste[n] Schlachthaus[es] der Menschheitsgeschichte«[35], wie es ein Polen-Reiseführer in DDR-Zeiten einst zugespitzt formulierte, heute Gäste des sogenannten »Dark Tourism« an, die sich am Schrecken des dort Vorgefallenen ergötzen wollen, aber in der Regel kein grundlegendes Bildungsinteresse verfolgen.[36] Daneben ist der Ort des Verbrechens zugleich Erinnerungsort einer internationalen extremen Rechten, die sich gegenüber gedenkstättenpädagogischen Intentionen strikt abgrenzt und ausdrücklich kein Interesse an einer universellen Menschenrechtsbildung oder an Fragen der Antisemitismusprävention zeigt.[37] Doch auch im klassischen Tourismus, der Oświęcim inzwischen vollständig erfasst hat und den Besuch dort zumeist mit einem Aufenthalt in Krakau verbindet, herrscht keineswegs immer ein aus Sicht der Geschichtswissenschaft angemessener Umgang mit den historischen Orten vor.[38] Vielmehr jagen die Besuchermassen einer Fiktion von »Authentizität« hinterher, die sich an den besuchten Orten ohnehin nicht mehr vorfinden lässt.[39] Wenn nun Jugendliche das Staatliche Museum in sehr hoher Quantität nicht zuletzt im Rahmen von schulischen Gruppenexkursionen aufsuchen, garantiert das noch nicht, dass die Besuche bei den einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Auf- und Ausbau eines reflektierten Geschichtsbewusstseins beitragen.[40]



Die Überfüllung der Gedenkstätte lässt sich auch in den Fotos der Schulgruppen gut nachweisen, beispielhaft eine Abbildung aus einer Reisedokumentation aus dem Jahr 2014. Quelle: ASEE A14-111-331

2 Fragestellung, Archivsituation und methodisches Vorgehen

Gegenstand der hier vorliegenden Studie ist indessen nicht der allgemeine (Massen-)Tourismus nach Oświęcim, sondern eine Sonderkohorte unter den Reisenden. Nachfolgend soll es um Lernende deutscher Bildungseinrichtungen gehen, die mit ihren Lehrkräften gemeinsam das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau besuchen. Dementsprechend sollen die Fahrten dazu führen – so sehen es die einschlägigen Curricula im Fach Geschichte vor –, bei den Schülerinnen und Schülern jenes reflektierte Geschichtsbewusstsein auf- und auszubauen.[41] Im Zentrum der Studie stehen denn auch die Subjekte und ihr individueller Annäherungsprozess an den besuchten Ort.[42] Es geht darum, ob das reflektierte Geschichtsbewusstsein mithilfe einer Exkursion zum vielleicht exponiertesten historischen Ort, den es für den Geschichtsunterricht an deutschen Schulen gibt, tatsächlich erreicht werden kann. Zugespitzter ließe sich mit Theodor W. Adorno fragen, ob persönliche Erkundungen des vormals größten Lagers innerhalb des NS-Terrorkomplexes tatsächlich dazu beitragen, dass »Auschwitz« sich nicht wiederhole, es also nicht nochmals sei?[43]

Beantwortet werden soll diese Frage in zwei Schritten. Zunächst geht es darum, zu klären, wie aus dem – gerade auch bei Adornos bekanntem Diktum – primär symbolisch verstandenen Ort ein konkreter Lernort hatte werden können. Schließlich war Auschwitz nach 1945 nicht nur von der geografischen Landkarte verschwunden, sondern auch der Ort Oświęcim für die Deutschen in Ost wie in West kein fassbarer Begriff. Wie konnte sich also aus dem verdrängten Raum ein Attraktivitätszentrum für pädagogische Ziele entwickeln, das heute höchst anerkannt ist und in seiner Bedeutung als Lernort nicht in Abrede gestellt wird?

Um dies nachzuzeichnen, gibt der Abschnitt Geschichte zunächst einen kursorischen Blick auf die Geschehensorte Auschwitz und Birkenau in den Jahren 1940 bis 1945, ehe dann die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte skizziert wird. Aufbauend darauf stehen anschließend die ersten, primär politisch motivierten Gruppenreisen aus der Bundesrepublik und der DDR im Mittelpunkt. An ihnen ist zu prüfen, inwieweit etwa die Fahrten der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken oder der beiden christlichen Friedensinitiativen Aktion Sühnezeichen und Pax Christi nachweislich Vorbildcharakter für spätere schulische Exkursionen einnahmen.[44]

Dargestellt werden danach die ersten schulischen Fahrten zum »Lernort« Auschwitz. Es handelte sich dabei primär um umfangreiche, bis zu zwölf Tage umfassende Polenreisen, die zwischen 1980 und 1991 von der Robert Bosch Stiftung angeregt und gefördert wurden. Ein inhaltlicher Schwerpunkt lag dabei stets auf der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit;[45] nur etwa zehn Prozent der schulischen Rundreisen in die damalige Volksrepublik Polen kamen ohne den fast obligatorischen Besuch einer Gedenkstätte aus. Unter ihnen aber ragt das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau eindeutig heraus.[46] Mehr als zwei Drittel aller Fahrten suchten die dortige Gedenkstätte auf.[47]

Bedeutsam ist dies für die vorliegende geschichtswissenschaftliche Analyse, da zu diesen Schulexkursionen eine Vielzahl von Dokumentationen überliefert sind, die von teilnehmenden Schülerinnen und Schülern erstellt wurden. Schon das frühe Beispiel der Robert Bosch Stiftung belegt demnach ein singuläres Phänomen für deutsche Gedenkstättenfahrten: Zahlreiche Gruppen dokumentierten den Ertrag ihrer Fahrten nach Oświęcim in schriftlichen Berichten, die mehr oder weniger auf die Rezeption des Gesehenen durch Lehrende und Lernende eingehen. Ähnliche Berichte sind für keine andere Gedenkstätte in vergleichbarer Quantität und zeitlicher Erstreckung verfügbar. Anders als bei Reisen innerhalb Deutschlands, wo für die Beantragung von Fördermitteln keine abschließende Dokumentation eingefordert wurde und wird, können damit anhand der einschlägigen Akten vertiefte Erkenntnisse zum Ablauf, zur Bewertung und zur Wahrnehmung der Fahrten in das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau angestellt werden. In diesem Sinne verwahrt das Archiv der Robert Bosch Stiftung einen Schatz für die geschichtsdidaktische, bildungspolitische und bildungsgeschichtliche Forschung, der gleichwohl bislang kaum von der Wissenschaft wahrgenommen worden ist.[48] In der vorliegenden Studie wird er ergänzt um andere, ähnlich gelagerte Bestände. Dabei handelt es sich um Reisedokumentationen von Schülerinnen und Schülern aus den Jahren 1986 bis 1990, die im Deutschen Polen Institut Darmstadt verwahrt werden,[49] ebenso wie um Material, das für die Analyse von Exkursionen zwischen 2010 und 2015 in der Registratur des nordrhein-westfälischen Schulministeriums bereitgestellt wurde. Den umfangreichsten Bestand an schulischen Exkursionsdokumentationen zu Fahrten zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau verwahrt allerdings das Archiv der Stiftung Erinnern ermöglichen. Deren Bestände zu Exkursionen nach dem Jahr 2010 erst lassen es zu, die vorliegende Untersuchung bis nahe an die aktuelle Gegenwart heranzuziehen und sie damit nicht nur bildungsgeschichtlich anschlussfähig zu machen, sondern Ergebnisse mit Relevanz für die aktuelle Schulpraxis vorzulegen. Versucht wird daher, die Befunde zu den historischen und den aktuellen Gedenkstättenreisen zu bündeln. Sie sollen nach dem von der Corona-Pandemie ausgelösten Stopp aller schulischer Exkursionen neue Impulse für diese außerschulischen Lernorte vorlegen und damit den künftigen Geschichtsunterricht und seine Exkursionspraxis befruchten. Von der entstehenden Dissertation von Fiona Roll, die sich auf Basis der Archivunterlagen der (Selbst-)Reflexivität in den Narrationen von Lernenden annimmt, sind zudem wichtige Impulse für die geschichtsdidaktische Forschung zu erwarten.

Innerhalb der Überlieferung zu Fahrten deutscher Schulen nach Oświęcim besteht trotz der genannten Breite an Archivmaterial eine nennenswerte Lücke, die sich aus der Dokumentationspraxis des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW) ergibt. Zwar unterstützte es seit seiner Gründung im Jahr 1991 bis ins Jahr 2015 ebenfalls mononationale Fahrten deutscher Schulgruppen nach Oświęcim, doch das DPJW forderte von den Antragstellenden keine eigenständigen Berichte der Lernenden. Vielmehr begnügte es sich neben einem Finanzbericht mit knappen, sehr formalisierten Fragebogenauskünften, die zudem fast immer von den Lehrkräften abgegeben wurden. Für die hier verfolgte, schülerzentrierte Fragestellung sind die Bestände also wenig aussagekräftig. Ferner werden alle Unterlagen des Deutsch-Polnischen Jugendwerks nach fünf Jahren vernichtet. Im Zuge der Arbeiten an der vorliegenden Studie konnten daher nur Anträge aus dem Jahre 2014 eingesehen werden, ehe sie dann geschreddert wurden. Aus ihnen ergaben sich aber keine wesentlichen Impulse, weshalb zur Förderungspolitik des Deutsch-Polnischen Jugendwerks vor allem statistische Angaben aus dessen Archiv und den publizierten Jahresberichten herangezogen werden. Sie belegen aber, wie bedeutsam die Rolle des DPJW bei der Förderung von Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz-Birkenau war, da es die Kontinuität deutscher Schulfahrten zu Gedenkstätten nach Polen zwischen 1991 und 2015 gewährleistete. Damit lassen sich in einer Gesamtschau aus den skizzierten Beständen sehr gut die Kontinuitäten und Wandlungsprozesse in den schulischen Gedenkstättenfahrten zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau für die zurückliegenden vier Jahrzehnte rekonstruieren.

Als zweiter Arbeitsschritt schließt sich der Abschnitt Rezeption an. Bewusst aufbauend auf den benannten Quellenbeständen und auf den Ergebnissen der vorangestellten diachronen Analyse folgt eine synchrone Untersuchung dessen, was Schülerinnen und Schüler bei ihren Reisen nach Oświęcim erfahren, gelernt und internalisiert haben. Möglich ist diese Schwerpunktsetzung, weil es dem Autor möglich war, das bisher nicht erschlossene Archiv der Stiftung Erinnern ermöglichen wissenschaftlich auszuwerten.[50] Darin finden sich, ähnlich den Beständen der Robert Bosch Stiftung für die frühen Jahre bis zum Beginn der 1990er Jahre, Hunderte Dokumentationen zu schulischen Exkursionen. Dabei gingen die aus Nordrhein-Westfalen zwischen 2010 und 2015 durchgeführten schulischen Reisen, die von der Stiftung Erinnern ermöglichen finanziell unterstützt wurden, vorrangig zu einem früheren Lager in Polen – in fast allen Fällen war dies Auschwitz (98,5 Prozent der bewilligten Anträge).[51] Voraussetzung für die Stiftungsförderung war eine Berichterstattung über die gesammelten Eindrücke durch die Jugendlichen nach ihrer Rückkehr. Diese Darstellungen dienen als zentraler Gegenstand des zweiten Arbeitsschrittes, da mit ihnen Quellen vorliegen, die als aussagekräftig anzusehen sind, gerade weil ihnen keine exakten Vorgaben zur Erstellung zugrunde lagen und sie in ihrer inhaltlichen Ausrichtung, grafischen Gestaltung und detaillierten Beschreibung höchst unterschiedlich ausfallen. So lässt sich auf Basis dessen, was die Jugendlichen schreiben, nachvollziehen, welche spezifischen Eindrücke, welches zusätzliche Wissen und welche Erfahrungen sie bei ihrer Reise erwarben. Die Dokumentationen zeigen auf, welche Schwerpunkte die Jugendlichen setzten, was sie ausklammerten, welche Auswertungen sie vornahmen und welche Eindrücke sie gewannen. Allerdings ist bei der Arbeit mit den Berichten stets zu bedenken, dass die Lernenden ihre Texte nicht intrinsisch motiviert für sich selbst verfassten. Vielmehr erstellten sie sie ganz bewusst für die ihre Reise finanziell maßgeblich fördernde Institution. Ein wesentlicher Grad an sozialer Erwünschtheit ist also bei den schriftlichen Abhandlungen immer mit zu bedenken.[52] Für die Analyse folgt daraus, dass aus den Beständen der Stiftung Erinnern ermöglichen vor allem Fahrtdokumentationen herangezogen werden, die spontan und handschriftlich noch während der Reise entstanden. Sie drücken weitgehend ungefiltert die Eindrücke und Gedanken der Jugendlichen aus. Ihre unmittelbaren Reaktionen sind es, die für die Analyse aussagekräftig sind. Allerdings reduziert sich mit diesem Zugriff zugleich die Quantität der Untersuchungsbasis. Aus den mehr als 600 Berichten, die im Archiv der Stiftung Erinnern ermöglichen vorliegen, fokussiert sich die vorliegende Arbeit damit auf 52 Berichte, die zumindest teilweise handschriftliche Beiträge enthalten und zwischen 2010 und 2019 entstanden.[53] Hingegen spielen die Ergebnisberichte, die erst nach der Rückkehr aus Polen geschrieben wurden, in der Auswertung nur eine untergeordnete Rolle. Der Bestand an aufwändig hergestellten Dokumentationen, die zumeist unter aktiver Mit- und Einwirkung von Lehrkräften entstanden, dient nur vereinzelt als Vergleichsfolie für die weitere Analyse der unmittelbaren Fahrteindrücke. Gänzlich ausgeklammert bleiben dagegen die von den Gruppen produzierten (Dokumentar-)Filme[54] ebenso wie die musealen Präsentationen, die Lernenden im Anschluss an ihre Reisen in der eigenen Schule oder in anderen öffentlichen Räumen ausstellten. Vor allem bei diesen Präsentationsformen, die oftmals erst sechs Monate nach der eigentlichen Fahrt abgeschlossen waren und dem Publikum zugänglich wurden, kann von einer Dokumentation der unmittelbaren Eindrücke am historischen Ort nicht mehr die Rede sein.[55]

Die vielfältigen Archivbestände eröffnen der Forschung zu Gedenkstättenbesuchen eine Fülle von Möglichkeiten, schließlich sind sie im regulären Schulbetrieb entstanden. Als die Schülerinnen und Schüler ihre Texte verfassten, wussten sie nicht, dass diese später zur Grundlage eines Forschungsprojektes werden würden. Vielmehr verorteten sich die Autorinnen und Autoren bei der Abfassung ihrer Texte in ihrem gewohnten schulischen Umfeld, wenngleich im Kontext einer schulischen Exkursion. Umso höher kann der Wert ihrer Aussagen eingestuft werden. Unabhängig davon hebt sich diese Analyse von vergleichbaren Studien dadurch ab, dass nicht die Gedenkstätte als Labor gesehen wurde oder der Gedenkstättenbesuch unter Laborbedingungen stattfand. Vielmehr ermöglicht die Fülle an archivierten Reisedokumentationen einen annähernd repräsentativen Einblick in die gegenwärtige Form der Exkursionsgestaltung sowie in deren Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung.

Gleichwohl ist aus den archivierten Exkursionsberichten nicht abzuleiten, ob die Schulgruppen bei ihrem Besuch im Staatlichen Museum tatsächlich Impulse aufnahmen, die sie langfristig prägten. Vor allem die in der vorliegenden Studie besonders thematisierten handschriftlichen Quellen entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck des Erlebten. Nicht zu klären ist auf dieser Basis, ob die Ausführungen der Jugendlichen nur bloße Schlaglichter darstellen oder ob der Besuch im früheren Lager sie langfristig beeinflusst hat. Wenn aber ein nachhaltiger Effekt wahrzunehmen sein sollte, ist zu fragen, welche Impulse es waren, die Jugendliche des 21. Jahrhunderts just am Schauplatz des »größten Verbrechens der Geschichte der Menschheit«[56] aufnahmen. Um dies zu klären, wird im Kapitel Rezeption der klassisch geschichtswissenschaftliche Zugang über Quellen um eigengeneriertes Datenmaterial ergänzt. Bewusst wurde dabei nicht die in vielen quantitativen Studien genutzte Methode, geschlossene Items in Fragebögen abzutesten,[57] herangezogen, sondern das offenere Verfahren der Gruppendiskussion mit leitfadengestützten Interviews eingesetzt.[58] Als Forschungspartnerinnen und Forschungspartner wirkten Lernende mit, die mit ihren Schulen selbst zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau gereist waren und 10 bis 22 Monate nach ihrer Rückkehr befragt wurden. Die leitfadengestützten Interviews sollen zumindest die Möglichkeit bieten, vertiefte und exemplarische Einblicke in die Rezeptions- und Denkwelten der Lernenden zu erlangen und deren Wahrnehmung und Verständnis der Exkursion zu erhellen. An drei verschiedenen Schulen konnten Jugendliche der Sekundarstufe II befragt werden, die allerdings alle einen Leistungskurs im Fach Geschichte belegt hatten. Die Einschätzungen dieser am Fach sicherlich besonders interessierten Gruppe stehen zwar nicht repräsentativ für alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Dennoch ergänzen ihre Einschätzungen mit zeitlichem Abstand die zunächst untersuchten schriftlichen Reisedokumentationen. Das gilt umso mehr, als die in Gruppendiskussionen interviewten Personen keine schriftlichen Dokumentationen zu ihren Exkursionen verfasst hatten und deshalb nicht im ersten Teil der Analyse berücksichtigt sind. Beide Zugriffe sollen gemeinsam eine Überprüfung ermöglichen, ob die gesellschaftliche Erwartungshaltung tatsächlich zutrifft, ein Besuch in Auschwitz immunisiere gegen Antisemitismus und Rassismus und fördere zugleich die Ausprägung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins sowie einer demokratischen Grundhaltung.

Insgesamt ergibt sich aus der Analyse der umfangreichen Archivbestände sowie der Interviewerhebung eine Tiefenbohrung, die in ähnlicher Weise zur Geschichte und zum Ertrag von Exkursionen deutscher Schulen zu einer Gedenkstätte bislang noch nicht vorgelegt wurde. Ein vergleichbarer Längsschnitt zur Entwicklung von Schulreisen zu einem früheren Lager fehlt bislang ebenso wie eine breit angelegte Untersuchung zur Rezeption solcher Fahrten bis in die Gegenwart. Interessant daran ist vor allem die quantitative Breite der Untersuchungsbasis. Ausgewertet wird nicht nur der Besuch einer Kleingruppe oder einer bestimmten Schule, sondern das Besuchsverhalten der letzten vier Jahrzehnte. Daraus ergibt sich eine besondere Ausweitung in der Perspektive, da Lernende unterschiedlichen Alters (von der 9. Jahrgangsstufe der allgemeinbildenden Schule bis hin zu jungen Erwachsenen an Berufskollegs), aus allen Schulformen (mit deutlichem Schwerpunkt auf den Gymnasien und unter Ausnahme der Grundschule), aller sozialen Schichten und Herkunftskontexten und aller Regionen untersucht wurden.[59] Ähnlich plural sind die Zugangswege der Gruppen zum »Lernort« in Auschwitz-Birkenau. Die skizzierte Bandbreite der Fahrten bildet also eine stabile Basis für eine umfassende Erhebung. Zu fragen wird letztlich sein, ob schulische Exkursionen nach Oświęcim tatsächlich ein »Erinnern ermöglichen«, wie es der ebenso optimistische wie verheißungsvolle Titel der einschlägigen Stiftung verspricht. Fast zeitgleich zum Beginn der Arbeit der Stiftung hatte Volkhard Knigge genau diese Hoffnung zurückgewiesen, da der Erinnerungsbegriff besonders für junge Menschen nicht mehr tauglich erscheine, ohne zugleich eine Schuldzuweisung an die nachwachsende Generation vorzugeben.[60]

Das anschließende Kapitel Virtuelle Realitäten nimmt dann die grundsätzliche Veränderung der schulischen Realität seit der Corona-Pandemie auf, indem es die Frage aufwirft, ob persönliche Besuche an Gedenkstätten zwingend nötig sind oder ob sie nicht durch digitale Formate ersetzt werden können. Erörtert werden soll dabei, ob neue Techniken wie etwa Augmented Reality, Virtual Reality oder 360°-Filme als Ergänzung oder Ersatz klassischer Exkursionen dienen können. Neben einer aktuellen Bestandsaufnahme hinsichtlich der virtuellen Angebote verschiedener Gedenkstätten steht dabei vor allem die schulische Einsatzfähigkeit eines 360°-Films im Zentrum der Betrachtung. Am Beispiel der preisgekrönten Produktion Inside Auschwitz – Das ehemalige Konzentrationslager in 360° soll überprüft werden, welchen Lernerfolg Jugendliche erzielen, wenn sie mittels der Produktion sich dem historischen Ort nähern. Um die Qualität der Ortserkundung ermessen zu können, arbeitet die Studie mit zwei Probandengruppen, die sich vor allem darin unterscheiden, dass eine von ihnen das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau bereits besucht hat, während die anderen Befragten eine solche Exkursion nicht gemacht hatten und auch nicht vor sich hatten. Beide Gruppen wurden mit Fragebögen um ihre Einschätzung gebeten, nachdem sie den Film jeweils einmal gesehen hatten. Aus der Gegenüberstellung soll abgeleitet werden, inwieweit Inside Auschwitz sich eignet, um einen ersten Kontakt zum historischen Ort herzustellen oder ob Inside Auschwitz nur als Auffrischung der eigenständig in der heutigen Gedenkstätte erworbenen Erfahrungen einsetzbar ist.

Abgerundet wird die Untersuchung schließlich vom Kapitel Zukunft. Während im ersten Abschnitt die bedeutsamsten Ergebnisse der vorgelegten Studie skizziert werden, werden danach aus den Befunden weiterführende Hinweise abgeleitet, die neue Schwerpunktsetzungen für künftige schulische Gedenkstättenfahrten vorlegen. In sieben Kernkriterien zusammengefasst, soll pointiert weitergegeben werden, worauf vor allem Lehrkräfte bei der Planung von künftigen Exkursionen achten sollten, um die Fahrten nicht in den Eindruck eines zunehmend verstaubten Rituals immer gleich ablaufender Besuche zu rücken. Schließlich stehen gerade Schulen immer wieder vor der Frage, die schon Roman Herzog vor einem Vierteljahrhundert als damaliger Bundespräsident erkannt hatte: Das Gedenken an die Verbrechen der NS-Herrschaft und die Trauer über ihre Opfer muss für jede Generation in neue Formen gegossen werden. Wie dies künftig aussehen kann, nachdem gerade in den letzten Jahren Fahrten zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau von Schulen oft als eine zeitgemäße Form des Gedenkens und Trauerns angesehen wurde, soll mit den abschließenden Vorschlägen im Kapitel Zukunft zur Diskussion gestellt werden.

3 Forschungsstand

Die wissenschaftliche Forschung zum Lernen außerhalb der klassischen Schulumgebung nahm seit den 1970er Jahren deutlich zu. Bestehende Vorbehalte gegenüber informelleren Lernanlässen traten zunehmend zurück, weshalb der Terminus »Lernort« rasch an Bedeutung gewann.[61] Bildungspolitisch vorangetrieben wurde die Entwicklung von der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates, die in ihrem Gutachten zur Weiterentwicklung der Sekundarstufe II eine verstärkte Berücksichtigung von Lernorten ausdrücklich einforderte und zugleich eine erste Auswahl an möglichen Orten vorlegte.[62] Innerhalb der bildungswissenschaftlichen Diskussion orientierte man sich anschließend an der Differenzierung zwischen primären und sekundären Lernorten, die Joachim Münch in die Diskussion eingebracht hatte.[63] Inzwischen scheint diese Debatte überwunden. Als allgemeingültiger und fächerübergreifender Terminus hat sich die Rede vom »außerschulischen Lernort« durchgesetzt. Von Schulklassen werde dieser ausdrücklich zum Zwecke des Lernens besucht,[64] um ihn absichtsvoll in den schulischen Unterricht einzubringen, da sich an ihm ein didaktisches Arrangement vorfinden lasse, welches umfangreichen pädagogischen Ertrag verspreche.[65]

Als Vorzüge von außerschulischen Lernorten werden vor allem die angeblich authentische Begegnung vor Ort, das Lernen in größeren Sinnzusammenhängen, ein ganzheitliches und sinnliches Lernerlebnis, ein hoher Grad an Selbsttätigkeit bei den Schülerinnen und Schülern, auch durch kooperative Lernformen, sowie der Einbezug von Expertinnen und Experten genannt.[66] Im Zentrum steht dabei die Andersartigkeit des besuchten Raums, die es ermöglicht, Ergebnisse vorzulegen, die im Klassenzimmer unmöglich seien.[67] Erreicht werde damit, die Lernenden »in die Situation mit hineinzunehmen«[68]. So eröffne sich ein ganzheitliches Lernen, da viele Sinne angesprochen würden.[69] Nicht zuletzt weist die Bildungswissenschaft darauf hin, dass die Begegnung mit Lernorten jenseits der Schulmauern den klassischen 45-Minuten- oder 60-Minuten-Rhythmus aufbricht, an dessen Stelle längere Arbeitsphasen oder vollständige Projekttage treten, die eine weit intensivere und umfassendere Auseinandersetzung ermöglichen.[70] Zudem wird die Rolle der Expertinnen und Experten betont, auf die Lernende bei ihren Besuchen stoßen.[71] Im konkreten Fall der Exkursionen nach Auschwitz-Birkenau handelt es sich dabei um die Gespräche mit Überlebenden des Lagers, die als Zeitzeugen berichten, was von den Schülerinnen und Schülern immer wieder als absolutes Highlight ihrer Reisen hervorgehoben wird.[72] Obgleich in der didaktischen und bildungswissenschaftlichen Literatur auch potenzielle Probleme diskutiert werden – genannt werden dabei der hohe Organisationsaufwand,[73] eine eventuell zu hohe Komplexität[74] oder ein potenziell unangemessenes Verhalten der Lernenden[75] – steht doch fest: Außerschulische Lernorte genießen hohe Anerkennung und werden als Möglichkeit angesehen, gleichsam die ganze Welt als Klassenzimmer für die schulische Arbeit heranzuziehen.[76] Sie sind damit weit mehr als eine »Flucht aus der Anstalt«[77]. Gleichwohl beziehen sich bislang die meisten Untersuchungen auf den naturwissenschaftlich-technischen Bereich, während für die geisteswissenschaftlichen Fächer ein deutlicher Forschungsrückstand, vornehmlich in der dezidiert empirisch orientierten Forschung, festgestellt wird.[78] Zielsetzung der vorliegenden Studie ist es dementsprechend, zu klären, ob sich diese vielfältigen, dem Umgang mit außerschulischen Lernorten auch für das historisch-politische Lernen[79] zugeschriebenen Potenziale bei einer schulischen Exkursion zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau nachweisen lassen. Forschungsmethodisch sollen dabei hermeneutische Quellenarbeit und empirische Erhebungsmethoden kombiniert werden.

Doch bevor der Blick auf den konkreten Untersuchungsgegenstand des Lernortes Auschwitz gerichtet wird, ist zunächst der engere Bereich der domänenspezifischen Forschungsliteratur zu skizzieren. Dabei konzentriert sich der Forschungsüberblick auf den schulischen Umgang mit historischen Orten im Allgemeinen und mit ehemaligen Lagern des nationalsozialistischen Deutschlands im Besonderen. Andere außerschulische Lernorte des Faches – zu denken wäre etwa an Archive, Museen oder Denkmäler – bleiben dementsprechend ausgeklammert. Für den ausgewählten Teilaspekt der geschichtsdidaktischen Literatur zeigt sich, wie zu erwarten ist, dass die domänenspezifische Diskussion zu außerschulischen Lernorten nicht grundsätzlich entkoppelt von der erziehungswissenschaftlichen Debatte blieb. Demgemäß spielten im Fach Geschichte außerschulische Lernorte lange Zeit keine exponierte Rolle. Zwar können erste Forderungen, das direkte Umfeld der jeweiligen Bildungseinrichtungen für das historische Lernen zu nutzen, bis in das 17. Jahrhundert auf Comenius zurückgeführt werden,[80] doch finden sich konkrete Versuche, sein allgemeines Konzept für das historische Lernen zu nutzen, erst wesentlich später. Vor allem im Zeitalter der Reformpädagogik zogen sie erstmals in die schulische Alltagswelt ein.[81] Zumeist blieben Unterrichtsgänge allerdings auf die Primarstufe beschränkt,[82] wo sie bis heute zu den gängigen Formaten des auf die Orts- und Lokalgeschichte bezogenen Unterrichtens zählen.[83] In der Sekundarstufe I und noch verstärkt im Bereich der Sekundarstufe II fand sie hingegen kaum Unterstützung, da Exkursionen in das unmittelbare Umfeld der jeweiligen Schulen bis in die 1970er Jahre das Stigma der Provinzialität anhaftete.[84] Dieses offenkundige Desinteresse spiegelt sich in der einschlägigen Forschungsliteratur wider, wenn beispielsweise die erste Auflage des Handbuchs der Geschichtsdidaktik aus dem Jahr 1979 überhaupt keinen ausgewiesenen Beitrag zum Lernen an Stätten bedeutsamer historischer Ereignisse beinhaltete.[85] Lernen an Orten – wenn dieser »Ort« nicht das eigene Klassenzimmer war – fand also lange Zeit im deutschsprachigen Geschichtsunterricht ebenso wie in der geschichtsdidaktischen Literatur nicht statt.[86] Dementsprechend entwickelte sich keine Forschung zur Bedeutung von Lernorten. Ebenso wie in den Bildungswissenschaften entfaltete sich breiteres, wissenschaftliches Interesse erst ab der Mitte der 1970er Jahre, als erste einschlägige theoretische Überlegungen die Frage nach dem Ertrag von Exkursionen zu historischen Orten aufwarfen. Der Landeshistoriker und Geschichtsdidaktiker Walter Ziegler war es beispielsweise, der in einer ersten Abhandlung vorschlug, mit Schulklassen die Schauplätze bedeutsamer historischer Ereignisse zu besuchen und dort mit den Methoden der Geschichtswissenschaft die noch vorhandenen Überreste im schulischen Kontext zu befragen.[87] Neben zahlreichen Beispielen aus vormodernen Zeiten rief er ausdrücklich dazu auf, beispielsweise das vormals erste NS-Lager in Dachau zum Ziel einer Exkursion im Geschichtsunterricht zu machen.[88] Schon in seiner Pionierarbeit stellte Ziegler also die Zeitgeschichte und mit ihr die Orte der Gewaltverbrechen der jüngsten Vergangenheit deutlich heraus, was gerade den etwa zeitgleich entstehenden Forschungsbemühungen der lokalen Geschichtswerkstätten entsprach.[89]

Ein breiteres Verständnis von Lernorten im Geschichtsunterricht legte etwa zeitgleich der in Oldenburg lehrende Geschichtsdidaktiker Bernd Hey an den Tag. Er forderte, Archive, Lehrpfade oder Museen ebenfalls als Ziele von Exkursionen anzuerkennen, selbst wenn sie nicht am eigentlichen Geschehensort errichtet worden seien oder der direkte Bezug zum Schauplatz des Ereignisses zum Teil fehle.[90] Hey war es denn auch, dessen wiederholte Plädoyers für einen stärkeren Einbezug von Lernorten außerhalb der angestammten Schulmauern im Fach gehört wurden und ein Umdenken einläuteten.[91] Lernorte außerhalb der Schule hatten das historische Lernen erreicht. In der Folge wuchsen die Forschungsanstrengungen zum historischen Lernen an außerschulischen Lernanlässen deutlich an,[92] sodass sie inzwischen sogar die einschlägigen Handbücher erreicht haben[93] und Bestandteil von Grundlagenwerken zur Geschichtsmethodik geworden sind.[94] Ob damit aber der Spatial Turn in der Geschichtsdidaktik angekommen ist, der räumlichen Prägung von Geschichte also gebührender Raum zugestanden wird, worum sich die Geschichtswissenschaft seit mehr als einem Jahrzehnt bemüht,[95] ist keineswegs gesichert. Vielmehr lässt sich wohl weiterhin mit Vadim Oswalt konstatieren, dass für den Geschichtsunterricht ebenso wie für die Geschichtsdidaktik das »Wo« zum »Was« und »Wann« zu häufig fehle.[96]

Wenn der Raum doch in den Blick rückt, findet dies oft am Beispiel spezifischer, zumeist eng umgrenzter Orte statt, denen dann allerdings als »Lernorte« eine besondere Dignität für den Geschichtsunterricht attestiert wird.[97] Ursache für diese Wertschätzung ist zunächst der Umstand, dass Lernende bei Besuchen an historischen Orten sich an die Räume begeben, an denen sich bedeutsame Ereignisse in der Vergangenheit abgespielt haben. Im Sinne eines »ex-currere« aus der angestammten Lernumgebung wird ihnen zugleich ein erhöhtes Motivationspotenzial zugeschrieben.[98] Weit schwieriger ist die Lage bei der »originalen« Begegnung, von der in der erziehungswissenschaftlichen Literatur mit Bezug auf die uneingeschränkt bestehende Authentizität besuchter Lernorte die Rede ist.[99] Gerade für historische Orte ist Authentizität nicht mehr gegeben, eine »reale« oder »originale« Begegnung mit dem historischen (Geschehens-)Ort ist ausdrücklich nicht mehr möglich.[100] Der aufgesuchte Ort besteht schließlich nicht mehr im Zustand des ursprünglichen Ereignisses, sondern hat sich im Verlauf von Jahren oder Jahrhunderten vielfach verändert. Die oft gebrauchte Rede von der Authentizität, die das wichtigste Kapital historischer Orte sei, ist sicherlich nicht zutreffend,[101] gerade für Gedenkstätten ist Authentizität eine ausgesprochen »problematische Kategorie«[102]. Zugleich resultiert aus dieser Veränderbarkeit des historischen Untersuchungsraums das Potenzial, bei Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für die Historizität von Geschichte allgemein und von historischen Orten im Speziellen aufzubauen.[103] Nicht zuletzt gelingt es an besuchten Orten, den besuchten Raum als Manifestation einer öffentlichen Geschichtskultur zu studieren, da er als derartig exponiert angesehen wird, dass dort ein (mehr oder minder umfangreiches) öffentliches Erinnern an ein spezifisches Ereignis stattfindet.

In diesem Sinn zählen ehemalige Lager, ebenso wie andere exponierte Orte des Nationalsozialismus, zur geschichtsdidaktischen Kategorie der historischen Orte – zu denken ist etwa an das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, die Stätten der »Euthanasie«, den Obersalzberg als Sitz von Hitlers »Berghof« oder die NS-Ausbildungsstätte Vogelsang in der Eifel. Seit den 1980er Jahren wurden ehemalige Stätten des Nationalsozialismus als Lernorte entdeckt.[104] Gerade die besonders bekannten KZ-Gedenkstätten – Peter Reichel nennt hier für den Osten Deutschlands Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück, für den Westen Dachau, Bergen-Belsen und Neuengamme[105] – sind inzwischen kanonische »außerschulische Lernorte« für Schulen[106] und zählen sicher zu den am häufigsten aufgesuchten Exkursionszielen des historischen Lernens an deutschen Schulen.[107] Das gilt besonders für Bayern, wo schon seit dem Jahr 1964 eine Empfehlung des Bayerischen Kultusministeriums besteht, Abschlussklassen aller Schulen sollten die KZ-Gedenkstätten in Dachau oder Flossenbürg besuchen, was aber in den ersten Jahren kaum stattfand. Zwar wuchs die Nachfrage bis in die 1980er Jahre deutlich und für das Jahr 1983 wurden beispielsweise bereits rund 6.000 Schulklassen und Jugendgruppen allein in Dachau verzeichnet,[108] doch blieb und bleibt der Ertrag derartiger Reisen weitgehend im Dunkeln. Selbst wenn die Quantitäten inzwischen nochmals gestiegen sind und die ministeriellen Vorgaben inzwischen verpflichtende Besuche für alle Lernenden weiterführender Schulen vorsehen, zählt die wissenschaftliche Begleitung des Vor- und Nachbereitens sowie der Durchführung derartiger Exkursionen nicht zu den zentralen Gegenständen der geschichtsdidaktischen Forschung.[109] Vielmehr stützt sich selbst das schuladministrative Vorgehen in Bayern mit seinen weitgehend verpflichtenden Gedenkstättenbesuchen bislang auf ein (sicher sehr umfangreiches) Erfahrungswissen von Lehrkräften, wonach die direkte Auseinandersetzung mit den Relikten der Gewalt bei Lernenden großen Eindruck hinterlasse und für das historische Lernen besonderen Ertrag zeitige.[110]

Anders als vielleicht zu erwarten, kann sich die Schulbürokratie bei ihrem Vorgehen jedoch nicht auf eine umfangreiche geschichtsdidaktische Literatur stützen. Zwar liegen zahlreiche Sammelbände oder Tagungspublikationen zum Themenfeld Geschichtsunterricht und Shoah vor,[111] daneben untersuchten vor allem die Bildungswissenschaften das Lernen über, vom und zum Holocaust,[112] jedoch fehlt es bislang an Forschungsarbeiten zur Rezeption von Gedenkstättenbesuchen. Diese Lücke reicht so weit, dass Gedenkstätten sogar in den geschichtsdidaktischen Basispublikationen erst spät als regelmäßige Ziele schulischer Exkursionen behandelt wurden.[113] Unter den dezidierten Forschungsarbeiten zum Thema ragt weiterhin die Dissertationsschrift von Meik Zülsdorf-Kersting heraus, die den Besuch Jugendlicher in der Gedenkstätte Neuengamme begleitet und ausgewertet hat.[114] Daneben sind in den letzten Jahren vor allem kleinere Studien entstanden, die vornehmlich Lernenden auf ihrem Weg durch einzelne Gedenkstätten folgen.[115] Grundlegende Fragen zur Rezeption von Gedenkstättenbesuchen, wie sie methodisch durchaus bereits früh aufgeworfen wurden,[116] blieben bislang weitgehend unbeantwortet, obwohl sich die Geschichtsdidaktik zuletzt durchaus wieder des Potenzials von Emotionen für das historische Lernen angenommen hat.[117]

Die meisten einschlägigen Analysen zum hier besprochenen Themenfeld entstammen der Gedenkstättenpädagogik.[118] Das Fach, das sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend professionalisiert hat und mit der Zeitschrift Gedenkstättenrundbrief ein stark rezipiertes und themensetzendes Journal besitzt,[119] prägt das Wissen um schulisches Lernen an Gedenkstätten, obwohl es sich nicht im engeren Sinne über die Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler definiert.[120] Schließlich sollen gedenkstättenpädagogische Angebote sich an alle Alters- und Zielgruppen richten, obwohl Schulen durchaus als die größte »Rekrutierungsadresse«[121] für Gedenkstättenbesuche wahrgenommen werden und wohl etwa die Hälfte der Gäste stellen.[122] Demnach sind sie es eben doch in großen Teilen, die die Angebote der meisten Einrichtungen wahrnehmen.[123] Das Beispiel der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, wo aktuell Jugendliche etwa zwei Drittel der Gäste stellen, bestätigt dies.[124] Dass sich in der Öffentlichkeit das Arbeitsfeld der Gedenkstätten oftmals als eine unweigerliche Symbiose von Gedenken und Lernen darstellt, wird in der Gedenkstättenpädagogik höchst kritisch gesehen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätten definieren ihr Arbeitsfeld dezidiert nicht als »staatstragende Lernorte«[125], weshalb sie sich bewusst von einem in ihren Augen ungenügenden Geschichtsunterricht abzusetzen versuchen.[126]

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass bislang kaum verlässlichere Untersuchungen zum Ablauf und zum Ertrag von schulischen Exkursionen in Gedenkstätten vorliegen.[127] In einer Metastudie bilanzierte Bert Pampel zum Stand der Forschung im Jahr 2011, es lägen insgesamt überraschend wenige Auswertungen vor, die sich dem Lernen von Schülerinnen und Schülern in Gedenkstätten zum Nationalsozialismus widmen.[128] Das Desiderat ist bereits lange bekannt[129] und wiederholt festgestellt worden.[130] Beseitigt ist es gleichwohl noch nicht. Die vorliegende Studie kann es sicher nicht vollständig tilgen, soll aber dazu beitragen, die bestehende Forschungslücke weiter zu schließen.

Richtet sich das Erkenntnisinteresse auf schulische Gedenkstättenfahrten, deren Ziel jenseits der nationalen Grenzen liegt, wird die Datenbasis nochmals deutlich dünner. Spezifisch für Auschwitz-Birkenau kann bislang nur auf gedruckte Reflexionen von federführend an der Organisation von Exkursionen nach Oświęcim mitwirkenden Lehrkräften zurückgegriffen werden. Dieses Genre reicht schon länger zurück. Beginnend in den 1980er Jahren referierten Pädagoginnen und Pädagogen von ihren in Polen gesammelten Erfahrungen,[131] bei welchen die Besuche im Staatlichen Museum stets eine besonders exponierte Stellung einnahmen. Obwohl sich die Fahrtgestaltung seit den 1980er Jahren durchaus veränderte und zunehmend innovativere Methoden, wie beispielsweise das Konzept Schüler-führen-Schüler,[132] die umfangreiche Einbeziehung von Zeitzeugen in die schulische Exkursion[133] oder die Nutzung des Ortes Auschwitz zur Erarbeitung des Themas Heterogenität,[134] eingesetzt wurden, finden sich weiterhin Schilderungen zu Reisen, die vorrangig auf Führungen durch die Gedenkstätte basieren.[135] Zugleich muss aber festgestellt werden, dass generell über die Intention von Lehrkräften, mit ihren Klassen oder Kursen eine Gedenkstätte zu besuchen, kaum Erkenntnisse vorliegen.[136]

Gleichwohl decken die genannten Texte der Lehrkräfte, ebenso wie der an anderer Stelle exemplarisch dokumentierte Eindruck eines einzelnen Lernenden,[137] nicht den Anspruch ab, empirisch abgesicherte Erhebungsergebnisse beizusteuern. Mit dieser Intention liegt bislang lediglich ein Titel vor, der die Auswertung einer schulischen Fahrt aus Thüringen nach Oświęcim erfasst.[138] Seine Befunde decken sich jedoch nicht mit den eingangs zitierten optimistischen Sichtweisen auf die langfristige Rezeption von Gedenkstättenfahrten, obwohl an der untersuchten Exkursion nur Lernende mit »positivem Sozialverhalten« hatten teilnehmen können.[139] Vielmehr scheinen sie skeptische Stimmen zu bestätigen, die vor einer Überbewertung von Besuchen im Staatlichen Museum warnen. »Auschwitz sperrt sich gegen jede Form der Didaktisierung«[140], formuliert Manfred Wittmeier etwa eindringlich. Die vereinfachte Hoffnung in Politik und Gesellschaft, Fahrten zu NS-Gedenkstätten im Allgemeinen und noch verschärft zum »Lernort« Auschwitz würden generell eine Katharsis bei allen Besuchern nach sich ziehen,[141] sie könnten demgemäß als »antifaschistische Schutzimpfung« dienen, wie dies im Jahr 2001 der damalige österreichischer Innenminister Ernst Strasser mit Blick auf Mauthausen formuliert hatte,[142] erscheint zu naiv-optimistisch.[143] Dennoch scheint in den letzten Jahren unter dem Stichwort der Holocaust Education eine Entkoppelung von den historischen Vorgängen eingesetzt zu haben, die vor allem auf eine Emotionalisierung setzt und weniger eine kritisch-analytische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.[144] Zugleich wird vor einer »Pädagogisierung der Erinnerungskultur«[145] gewarnt. Weiterhin gilt nämlich, dass ein direkter Zusammenhang zwischen einer umfassenden Kenntnis der Fakten über die nationalsozialistische Willkürherrschaft und der Bereitschaft, sich aktiv für den Erhalt einer freiheitlich demokratischen Ordnung einzusetzen, bislang nicht nachgewiesen ist.[146]

Geschichte
1 Vom größten NS-Lager zur internationalen Gedenkstätte

Bis zum Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen war Oświęcim eine vergleichsweise »normale Stadt«[1], in der weniger als 15.000 Einwohner lebten. Erstmals schriftlich erwähnt im Jahr 1178, hatte die Gemeinde zahlreiche Höhen und Tiefen erlebt, war sie als »Grenzort seit Jahrhunderten«[2] doch mehrfach wechselnden Mächten unterstellt gewesen. Bereits ihr Name zeugt von der wechselvollen Geschichte, schließlich hatte er sich zwischen 1772 und 1866 unter der Herrschaft der Habsburger in Auschwitz verändert, um danach dann wieder in die polnische Ursprungsform zurückzukehren. Derartige Transformationen waren freilich nicht ungewöhnlich für die Region zwischen Polen, Preußen, Russland und dem Habsburgerreich, weshalb die Geschichte Oświęcims wohl kaum überregionale Beachtung errungen hätte, wenn nicht im Frühjahr 1940 die Entscheidung einer SS-Kommission die Situation fundamental verändert hätte. Unter dem deutschen Namen Auschwitz entstand in der Stadt das siebte Konzentrationslager innerhalb des NS-Terrorsystems, bis 1945 entwickelte es sich zum Zentrum des industriell abgewickelten Massenmords. Seither ist der deutsche Name der Stadt eindeutig konnotiert. Stellvertretend steht er für alle Verbrechen der NS-Zeit.[3]

Grundlage für die Standortentscheidung der SS-Kommission war nicht nur die verkehrstechnisch günstige Lage Oświęcims, sondern vor allem die Existenz von kasernenartigen Gebäuden, die einst zur Unterbringung von Saisonarbeitern genutzt worden waren. Ursprünglich sollten dort vor allem politische Gefangene aus Polen inhaftiert werden.[4] Allerdings zeichnete sich bereits während der Rekrutierung jüdischer Personen zur Zwangsarbeit bei der Errichtung des erweiterten Lagerkomplexes ab, wer langfristig zu dessen Hauptopfern werden sollte.[5] Gleichwohl war im Jahr 1940 noch nicht abzusehen, dass Oświęcim bzw. Auschwitz einmal zum Schauplatz eines Verbrechens dieser Dimension werden würde. Vielmehr fungierte das Lager zunächst als Durchgangs- und Quarantänestation, nahm Zwangsarbeiter, Straftäter und Kriegsgefangene auf. Doch schon unmittelbar nach der Einlieferung der ersten politischen Gefangenen im Juni 1940 wuchs das Lager schnell, weil das Chemieunternehmen IG Farben den Standort zur Herstellung von synthetischem Kautschuk vorgesehen hatte. Im September 1941 ordnete Heinrich Himmler deshalb den weiteren Ausbau des bestehenden Lagers an. Ergänzend zum bisherigen Stammlager in Auschwitz sollte rund um das nahe gelegene Dorf Brzezinka (dt.: Birkenau) ein weiterer Lagerkomplex entstehen. Zunächst auf bis zu 50.000 Personen ausgelegt, vervierfachte sich dessen Dimension im Verlauf der weiteren Planungen. Mit der Entstehung der Lager Auschwitz II und Auschwitz III sowie seiner vielen Außenlager erhöhte sich die Zahl der Todesopfer schon lange vor dem Einsatz von Giftgas. Endgültig zum Ort des Massenmordes wurde der Lagerkomplex, als ab dem Spätsommer 1941 Zyklon B zunächst testweise und dann regelmäßig zur Ermordung von Opfern eingesetzt wurde. Ermordet wurden sowjetische Kriegsgefangene sowie kranke und schwache Zwangsarbeiter, unter ihnen auch erste Juden. Der Schauplatz des Mordens verlagerte sich dann jedoch schnell vom Stammlager nach Birkenau, wo die ersten Transporte europäischer Juden ab März 1942 eintrafen. In der Folge baute das NS-Regime die systematische Vernichtung von ankommenden Juden immer weiter aus, bis sie im Sommer 1944 einen letzten, grausamen Schlusspunkt erlebte, als etwa 430.000 ungarische Jüdinnen und Juden innerhalb weniger Monate in Birkenau ermordet wurden. Spätestens jetzt wuchs in Auschwitz-Birkenau ein Areal, das heute oftmals als der größte Friedhof der Welt bezeichnet wird,[6] zutreffender aber bestenfalls als »Verscharrungsort«[7] benannt werden sollte.

Lange Zeit blieb unklar, wie hoch die Zahl der Ermordeten genau war. Zumeist ging man von mehr als vier Millionen Toten aus – eine Angabe, die sich unhinterfragt in fast allen Nachkriegsdarstellungen finden lässt.[8] Erst Mitte der 1990er Jahre unterzog Franciszek Piper im Auftrag des Staatlichen Museums die Daten einer kritischen Überprüfung. Sein Schätzwert von etwa 1,1 Millionen Ermordeten gilt inzwischen als allgemein akzeptiert. Demnach sind Juden mit weitem Abstand die größte Opfergruppe, ihre Zahl liegt wohl bei 960.000. Daneben wurden etwa 75.000 nichtjüdische Polen, 21.000 Sinti und Roma, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und bis zu 15.000 politische Häftlinge aus unterschiedlichen Ländern in Auschwitz-Birkenau ermordet,[9] ehe die singuläre Gewaltgeschichte mit der Befreiung des verbliebenen Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 endete.

Allerdings hatten sich schon davor zahlreiche Häftlinge darüber Gedanken gemacht, wie das Grauen der Lager festgehalten und für die Nachwelt dokumentiert werden könnte. Auf keinen Fall wollten sie zulassen, dass das, was sich in Auschwitz-Birkenau ereignet hatte, in Vergessenheit geraten würde. Deshalb erwogen viele schon während ihrer Haftzeit die Möglichkeiten einer musealen Bewahrung des Ortes. Mit Ende der Kampfhandlungen erschien dies, anders als in den ausschließlich zur Massenvernichtung genutzten Lagern in Bełżec, Kulmhof/Chełmno, Sobibór oder Treblinka, durchaus möglich. Schließlich hatten wesentliche Teile des vormaligen Lagerkomplexes die Eroberung weitgehend unbeschädigt überstanden. Obgleich die deutschen Truppen bei ihrem Abzug ab dem Sommer 1944 einige zentrale Bauten, wie etwa Teile der Gaskammern und der Krematorien, zu zerstören versucht hatten, war es ihnen nicht gelungen, den gesamten Lagerkomplex dem Erdboden gleichzumachen – ganz im Gegenteil. In Auschwitz I wie auch in Birkenau überdauerten viele Bauten das Ende des Schreckens. Zudem entdeckten die Befreier in den Magazinen des Lagers Unmengen von Kleidung, Schuhen und Koffern, sowie abgeschnittenes Frauenhaar, das bereits zum Transport verpackt war und nach zeitgenössischen Berechnungen wohl von etwa 140.000 Personen stammen musste.[10] Nach dem 27. Januar 1945 standen also der Großteil des Areals und einige besonders schreckliche Fundstücke der SS-Herrschaft für eine künftige museale Entwicklung zur Verfügung,[11] wenngleich Materialdiebstahl und Raubbau an den vorhandenen Lagerbauten während der unmittelbaren Nachkriegszeit einen schwerwiegenden Verlust historischer Bausubstanz nach sich zog.[12]

Mit dem Kriegsende ging das schwierige Erbe des früheren Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau auf die polnische Nachkriegsgesellschaft über, in der sich intensive Diskussionen entwickelten, wie mit dem Gelände künftig umzugehen sei. Ganz unterschiedliche Vorschläge aus dem politischen, religiösen und kulturellen Bereich standen einander gegenüber und mussten ausgelotet werden. Schließlich gab es, worauf zeitgenössisch Beteiligte noch Jahrzehnte später immer wieder hinwiesen,[13] kein historisches Vorbild für einen musealen Ort, der an ein ähnliches Grauen erinnern und Interessierte langfristig zum Besuch animieren sollte. Nachdem die provisorische Regierung noch vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands erste Schritte zur Musealisierung einleitete,[14] gelang es innerhalb von nur zwei Jahren, die konzeptionellen Grundsatzentscheidungen dieses schwierigen Prozesses abzuschließen.[15] Bereits am 14. Juni 1947 eröffnete der damalige polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, der selbst als Gefangener in Auschwitz gewesen war, eine erste Ausstellung. Es begann die offizielle Gedächtnisgeschichte des Ortes. Sie legte die Basis für das Staatliche Museum in Oświęcim, das das polnische Parlament, der Sejm, im Juli 1947 per Gesetz und auf ewige Zeit zum polnischen Nationaldenkmal erhob.[16]

Obwohl die erste Ausstellung des Jahres 1947 einen spezifischen Raum für das Gedenken an jüdische Opfer umfasste, zeigte sie bereits die Richtung des staatlich gewünschten Gedenkens an: Im Mittelpunkt sollte das Leid der polnischen Bevölkerung während der deutschen Besatzungszeit stehen. Die anderen Opfergruppen, insbesondere die jüdischen, wurden bestenfalls am Rande thematisiert.[17] Zudem beschränkte sich die Musealisierung fast ausschließlich auf das frühere Stammlager in Auschwitz. Derweil verfiel der eigentliche Ort der Massenmorde in Birkenau ab den späten 1940er Jahren immer mehr.[18] Zumeist war er nicht Teil von Besichtigungen, die sich fast ausschließlich auf das Lager Auschwitz I konzentrierten.[19] Den zeitgenössischen Erwartungen in Polen entsprach dieses Konzept offenbar, da der Gedenkort schon früh von vielen Gästen besucht und gut angenommen wurde. Allein in den Monaten zwischen Januar und September 1948 reisten mehr als 10.000 Menschen zu der neu entstehenden Gedenkstätte. Der weit überwiegende Teil der Gäste stammte aus Polen. Die meisten von ihnen trauerten um Verwandte und Angehörige,[20] wohingegen internationale Gäste zunächst nur selten anreisten.[21] Noch im Jahr 1950 stammten lediglich sechs Prozent aller Besucher aus dem Ausland.[22]

Dem entspricht, dass zunächst die Debatten um die Gestaltung und Weiterentwicklung der Gedenkstätte primär innerhalb der polnischen Gesellschaft geführt wurden. Insbesondere in den ersten drei Nachkriegsjahren fand darüber eine breite und pluralistische Auseinandersetzung statt. Doch in der Folge zogen die staatlichen Stellen die konzeptionelle Entwicklung zunehmend an sich und unterbanden weitere öffentliche Kontroversen.[23] Innenpolitisch diente Auschwitz in der Folge zunehmend zur Legitimation der kommunistischen Herrschaft, da es als Bestandteil einer angeblich jahrhundertealten Feindschaft zwischen Deutschen und Polen ausgelegt wurde.[24] Für die Machthaber war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg eine wesentliche Folie ihrer eigenen Machtsicherung, da sie stets Teil der Legitimierung blieb.[25] Dem entsprach die Zentrierung auf das Leiden polnischer Gefangener in Auschwitz – ein Signum des Staatlichen Museums in Oświęcim, das bis zum Ende der Volksrepublik bestehen sollte.[26] In diesem Sinne kann die Gedenkstätte tatsächlich als ein nationales Denkmal interpretiert werden.[27] Dementsprechend betonte noch im Jahr 1985 die Leiterin der Pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte bei einer Tagung der Aktion Sühnezeichen in (West-)Berlin, dass es dem polnischen Staat vor allem um »das Gedenken an das Martyrium und an den Kampf des polnischen Volkes in der Zeit der Naziokkupation« gehe und er dieses auf ewig erhalten wolle, weshalb sich die Gedenkstätte selbst dezidiert als »Martyrologie-Museum«[28] verstehe.

Auf den ersten Blick schien es also, als wäre der frühere Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau auf dem Weg zu einem rein polnischen Erinnerungsort. Doch dieser Eindruck trügt: Er verschwand nie aus einer dezidiert internationalen Wahrnehmung. Da es hier, anders als in den anderen, rein auf Vernichtung ausgelegten Lagern, eine relativ hohe Zahl an Menschen gab, die überlebt hatten, entstanden schon früh individuelle Erinnerungsschriften. Wer es wollte, konnte sich deshalb umfangreich und detailliert über das Leben und Sterben in Auschwitz und Birkenau informieren. Daneben organisierten sich die Überlebenden frühzeitig in internationalen Opferverbänden, deren Mitglieder nicht nur in Polen oder dem Ostblock, sondern in aller Welt lebten. Ihr übereinstimmendes Hauptanliegen war es, die in den Lagern von Auschwitz-Birkenau begangenen Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Trotz des zunehmenden Systemkonflikts zwischen Ost und West setzten sie sich in Organisationen – vorrangig ist dabei das International Auschwitz Committee (IAC) zu nennen – massiv für den musealen Ausbau der Lagerrelikte ein, was heute von der Forschung als eine der wenigen, dünnen Verbindungslinien angesehen wird, die Europa im Zeichen der politischen Trennung während des Kalten Krieges verblieben waren.[29] Vor allem dem IAC ist es wohl zuzuschreiben, wenn sich Auschwitz-Birkenau über die Jahre hinweg immer mehr zu einem internationalen Gedenkort entwickelte, was sich nicht zuletzt in den Debatten um ein Denkmal für die Opfer in Birkenau niederschlug.[30] Wenngleich die Ausstellung des Jahres 1947 und die darauf folgenden Überarbeitungen bis ins Jahr 1955 die Basis der musealen Präsentation legten,[31] die in großen Teilen bis zum Systemwechsel im Jahr 1989 unverändert bestand,[32] so zeigte sich die Internationalisierung des Staatlichen Museums bereits in den Feierlichkeiten zur zehnjährigen Befreiung des Lagers im Jahr 1955. Erstmals sprachen die polnischen Stellen nicht nur von einer angestrebten Internationalisierung der Erinnerung, sondern sie banden nun auch nichtpolnische Akteure aktiv mit ein.[33]

Als unmittelbare Konsequenz dieser Tendenzen zur Öffnung sind vor allem die autonomen Länderausstellungen anzusehen, die in der Folge entstanden. Schon im Jahr 1960 hatten Ungarn und die Tschechoslowakei, ein Jahr später die Sowjetunion und die DDR eigene Sammlungen eröffnet. Politisch und erinnerungskulturell brisant waren hingegen nicht die Ausstellungsräume sozialistischer »Bruderländer«, sondern vornehmlich die Frage, ob es daneben einen israelischen Pavillon geben sollte. Nach den öffentlich intensiv beachteten Gerichtsprozessen in Jerusalem und Frankfurt am Beginn der 1960er Jahre äußerte der Staat Israel im Jahr 1963 den Wunsch nach einer solchen nationalen Ausstellung.[34] Lange vermied es die polnische Seite, dem Anliegen zu folgen und einen Gedenkort dezidiert für die jüdischen Opfer zuzulassen. Man argumentierte, der Staat Israel selbst habe während der Jahre des Mordens überhaupt noch nicht bestanden. Die Ermordeten seien demzufolge keine israelischen Staatsbürger gewesen. Erst nach längeren Verhandlungen fand man eine Lösung: Es sollte ein »jüdischer« Pavillon entstehen, in dessen Zentrum die Würdigung der polnischen Retterinnen und Retter von verfolgten Juden stehen sollte.[35] Ab 1964 wurden konkrete Planungen für einen jüdischen Ausstellungsbereich auf den Weg gebracht, der am 21. April 1967 im Block 27 des Stammlagers eröffnet wurde. Damit rückten die Schicksale der jüdischen Opfer und ihrer Retterinnen und Retter erstmals nach Kriegsende ins Zentrum einer musealen Präsentation im Staatlichen Museum.[36]

Die neue Ausstellung geriet indessen unmittelbar in Widerspruch zur aktuellen polnischen Politik, die sich nach dem Sechstagekrieg und dem darauf folgenden Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik Polen und Israel in den Jahren 1967/1968 zunehmend antisemitischer Propagandatöne bediente.[37] Diese Eintrübung der bilateralen Beziehungen zeitigte Folgen bis hin nach Oświęcim. Der gerade erst eröffnete jüdische Pavillon blieb in der Folge grundsätzlich verschlossen und war nur selten zugänglich,[38] weshalb er vergleichsweise gering besucht war. Innerhalb von zehn Jahren sahen weniger als 80.000 Menschen die Ausstellung – verglichen mit anderen Ausstellungsbereichen ein eher geringer Wert.[39] Erst im Jahr 1978, als Teil der polnischen Bemühungen zu einer Rehabilitation nach den antisemitischen Vorfällen,[40] erfolgte dann ein grundlegender Neubeginn,[41] bei welchem die »jüdische« Ausstellung unter Einbindung internationaler Expertise neu konzipiert wurde und fortan stets zugänglich war.[42] Zugleich aber blieben während der 1970er Jahre umfassendere Versuche, den Massenmord an den Juden zum Hauptgegenstand der musealen Präsentation insgesamt und der pädagogischen Bemühungen im Staatlichen Museum zu machen, bereits in ihren Anfängen stecken.[43]

Ungeachtet dieser museumspolitisch fragwürdigen Grundsatzentscheidung erfuhr die Gedenkstätte in den späten 1970er Jahren eine deutliche Aufwertung, weil sie unter die frühesten Orte aufgenommen wurde, die von der UNESCO, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, zum besonders schützenswerten Erbe der Menschheit gerechnet wurde. Auschwitz-Birkenau war von der Volksrepublik Polen bereits in die erste Begutachtungsrunde im Jahr 1978 eingebracht worden, war aber zunächst nicht bestätigt worden, da mit dem Innenstadtensemble Krakaus und dem Salzbergwerk Wieliczka bereits zwei polnische Nominierungen angenommen worden waren. Ein Jahr später aber rückte das Staatliche Museum tatsächlich auf die im Entstehen befindliche Liste ein. Seither zählt es zum UNESCO-Welterbe.[44] Es gehört damit noch immer zum engsten Kreis jener Stätten, die frühzeitig mit dem neuen Prädikat ausgezeichnet wurden, war aber einer der ersten Historischen Orte mit dezidiert »negativen« Konnotationen.[45] Schließlich war und ist die Welterbeliste geprägt von »schönen« und »positiven« Räumen, wie sie etwa der Yellowstone National Park (USA) oder die Galápagosinseln (Ecuador) als Beispiele für Naturereignisse oder der Karlsdom in Aachen für Geschichte symbolisieren. Dass mit dem früheren Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau ein Sinnbild für Zwangsarbeit, Genozid und industriell abgewickelten Massenmord aufgenommen wurde, ganz offenkundig als die radikalste mögliche Negation des Welterbegedankens,[46] unterstreicht den bereits 1979 artikulierten Willen der UNESCO, dessen Bedeutung für die weltweite Kultur, aber auch für die globale Bildungsarbeit zu betonen.[47]

Neben der UNESCO-Anerkennung trug noch eine mediale Entwicklung dazu bei, das Staatliche Museum zum internationalen Erinnerungsort werden zu lassen und damit langfristig dessen Attraktivität für Besuchende ebenso zu steigern wie seine Relevanz für die weltweite Erinnerung an die Shoah. Die Rede ist von der Erstausstrahlung der Fernsehproduktion Holocaust. Die TV-Serie aus den Vereinigten Staaten zeigte das individuelle Schicksal einer fiktiven jüdischen Familie und es gelang ihr, damit die Verbrechen der Shoah einem Millionenpublikum zu vermitteln. Alleine in den USA sahen etwa 120 Millionen Menschen den Vierteiler im Fernsehen.[48] Weil Die Geschichte der Familie Weiß, wie der Untertitel der Produktion für die Ausstrahlung in der Bundesrepublik lautete, nicht zuletzt auch das Lagerleben in Auschwitz-Birkenau visualisierte, nahm der Ort fortan einen prominenten Platz in der amerikanischen Medienlandschaft ein.[49] Nicht minder umfassend und fundamental war die Resonanz, die Holocaust in der Bundesrepublik bei der Erstausstrahlung in den Dritten Programmen im Januar 1979 fand. Die bis dahin in der Öffentlichkeit kaum diskutierte Shoah wurde mit einem Schlag zum öffentlichen Thema, nachdem bis zu 15 Millionen Menschen die einzelnen Folgen der Serie gesehen hatten.[50] Nach der Ausstrahlung war »die Nation betroffen«[51]. Obwohl dieser Effekt in der Volksrepublik Polen nicht eintreten konnte – hatte doch die kommunistische Staatsführung eine Ausstrahlung von Holocaust wegen ihrer angeblich antipolnischen Grundhaltung untersagt[52] –, wirkte das mediale Ereignis auf die Gedenkstätte zurück. Schließlich eröffneten in der Folge zahlreiche Museen und Erinnerungsorte, die die Shoah zum Thema machten. Vor allem die Gründung des U. S. Holocaust Memorial Museum Washington, ist hier sicherlich zu nennen.[53]

Zum unzweifelhaften »Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte von Auschwitz«[54] stieg das Jahr 1979 allerdings nicht nur aufgrund der Verleihung des UNESCO-Titels und der Wirkung der Serie Holocaust auf, sondern auch weil sich in dem Jahr der Gipfel- und Höhepunkt einer sich seit dem Beginn der 1970er Jahre intensivierenden internationalen Reisetätigkeit festmachen lässt. Sie beschränkte sich indes nicht auf die zunehmenden Besuche jüdischer Gruppen aus Westeuropa und den USA,[55] sondern reichte bis hin zu diplomatischen Reisen. Die Attraktivität für Staatsbesuche entwickelte sich, obwohl die weiterhin bestehende museale Betonung der polnischen Opferrolle der weltweiten Hinwendung zur Shoah eigentlich entgegenstand. Dennoch reisten Politiker aus aller Welt, wenn sie in Polen waren, nach Oświęcim. Aus der Bundesrepublik kam als erster Politiker zwischen dem 14. und 16. Juni 1969 der Regierende Bürgermeister der Stadt Berlin, der SPD-Politiker Klaus Schütz zur Gedenkstätte.[56] Am 8. November 1970 besuchte sie dann Bundesaußenminister Walter Scheel (FDP),[57] während sich vom 14. bis 17. Februar 1971 eine größere Delegation der SPD-Bundestagsfraktion unter Leitung von Herbert Wehner auf den Weg nach Oświęcim machte.[58]

Freilich waren die Besuche im Zuge der Entspannungspolitik keine rein deutsche Erscheinung. In der internationalen Politik unternahmen beispielsweise UN-Generalsekretär Kurt Waldheim,[59] Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky,[60] Frankreichs Präsident Valéry Giscard d’Estaing[61] und US-Präsident Gerald Ford[62] im Rahmen von diplomatischen Reisen Besuche im Staatlichen Museum in Oświęcim. In die Riege dieser Reisediplomatie reihte sich der erste Besuch eines westdeutschen Bundeskanzlers im November 1977 ein. Helmut Schmidt (SPD) sprach bei seinem Aufenthalt in der Gedenkstätte vom bedeutsamen Status, den Auschwitz-Birkenau als Mahnmal besitze. Der Weg der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen dürfe es nicht ausklammern, die Wege der künftigen Verständigung könnten aber nicht dort enden.[63]

Unbestrittener Höhepunkt der Reisetätigkeit zum Staatlichen Museum und zugleich Wendepunkt in dessen öffentlicher Wahrnehmung war jedoch der Aufenthalt von Papst Johannes Paul II. im Juni 1979. In seiner Person verschmolzen die beiden zentralen Stränge der Erinnerungspolitik, da das Kirchenoberhaupt nicht nur als Persönlichkeit des internationalen Lebens reiste, sondern zugleich als gebürtiger Pole nach Oświęcim kam. Im Jahr 1920 als Karol Józef Wojtyła im kleinen Ort Wadowice nur unweit von Oświęcim geboren, hatte Johannes Paul II. einen sehr engen Bezug zur Gedenkstätte, wie er bereits in seinem Wirken zwischen 1964 und 1978 als Erzbischof von Krakau gezeigt hatte, als die Gedenkstätte zu seinem Diözesansprengel gehörte. Nur acht Monate nach seiner Wahl zum Pontifex kehrte er in sein konfessionell weitgehend geschlossenes katholisches Heimatland zurück, wo ihm Millionen Menschen einen begeisterten Empfang bereiteten. Als einer der Höhepunkte seiner offiziell als Pilgerreise deklarierten Fahrt, der Frank Bösch eine hohe Bedeutung für den Zerfall des kommunistischen Machtbereichs und dem Ende des Ost-West-Konflikts zuschreibt,[64] kristallisierte sich sein Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau heraus. Johannes Paul II. interpretierte bei seiner Predigt im Juni 1979 den Ort entgegen der Erwartungen der polnischen Staatsführung, indem er nicht das Ende der Mitmenschlichkeit oder den völligen Bruch mit allen humanen Umgangsformen in den Mittelpunkt stellte, sondern vielmehr konsequent religiöse Kategorien anlegte, mit welchen er dem bestehenden Erinnerungsort eine dezidiert römisch-katholische Prägung einschrieb. Basis dieser Auslegung war die Figur des polnischen Franziskanerpaters Maksymilian Kolbe.[65] Als Gefangener im Stammlager Auschwitz I hatte er im Jahr 1941 sein Leben im Austausch für das eines Familienvaters angeboten, als die Wachmannschaften eine Vergeltungsaktion für einen Fluchtversuch durchführten. Sein Vorschlag wurde akzeptiert, der Tausch fand statt und so überlebte der andere Häftling, während Kolbe am 14. August 1941 ermordet wurde. Maßgeblich bezogen auf dieses Einzelschicksal sprach der Papst von Auschwitz als dem »Golgotha der modernen Welt«[66]. Weil das polnische Staatsfernsehen live aus Oświęcim übertrug und damit einem Millionenpublikum die katholische Interpretation des Leidensortes leicht zugänglich machte, erlangte die Lesart des Pontifex eine besondere Breitenwirkung, die die bestehenden Deutungsmuster der Shoah innerhalb der polnischen Bevölkerung zumindest ergänzte.[67] Der »Katholisierung« der Gedenkstätte war der Weg bereitet.[68]

Neben der nationalen Rezeption wirkte der Papstbesuch vor allem international. Johannes Paul II. wies die Weltöffentlichkeit auf die Gedenkstätte des Staatlichen Museums hin und entzog sie damit endgültig dem bislang bestehenden, engeren nationalen Deutungsrahmen. Fortan fand sie ungleich größeres internationales Interesse, was zugleich bedeutete, dass sie vermehrt zum Gegenstand von Kritik und Kontroverse in aller Welt wurde.[69] Ironischerweise traf diese globale Beachtung in den folgenden Jahren vor allem die katholischen Gedenkinitiativen rund um das ehemalige Lager. So kam es zu einem ersten Konflikt, als der Frauenorden der Unbeschuhten Karmeliterinnen im Jahr 1984 im Alten Theater, einem Gebäude unmittelbar in der Umfriedung des ehemaligen Lagergeländes, ein Kloster einrichtete. Gegen diese scheinbare Vereinnahmung des primär jüdisch konnotierten Leidensortes durch eine christliche Einrichtung regte sich international Protest, der über Jahre hinweg schwelte und erst 1993 eine Lösung fand. Erneut war es Papst Johannes Paul II., der auf die Situation in Oświęcim entscheidend einwirkte, indem er anordnete, die Klosterschwestern müssten das Gelände wieder verlassen.[70] Neben dem Konvent sorgten Kruzifixe im Umfeld der Gedenkstätte für hitzige Debatten. Besonders das acht Meter hohe Kreuz, das während der Papstmesse im Jahr 1979 am Altar gestanden hatte und nun erneut aufgestellt worden war, schürte den Konflikt. Auch wenn der Sejm und der polnische Senat das Problem Mitte 1999 schlichten konnten, belegt der Streit die tiefen Friktionen, die sich innerhalb der polnischen Gesellschaft nach dem Systemwechsel auftaten.[71]

Das neue, weltweite Interesse am Thema ließ vor allem im Westen das Bedürfnis wachsen, den ursprünglichen Geschehensort zu besuchen. Trotz der Barrieren des Kalten Krieges verspürte man in Oświęcim eine erhöhte internationale Nachfrage, die sogar von der polnischen Regierung unterstützt wurde. Seit dem Beginn der 1970er und noch stärker in den 1980er Jahren öffnete sich das Land langsam für ausländische Gäste, da man hoffte, der ökonomischen Krise mit der Akquirierung von zusätzlichen Devisen entgegenwirken zu können.[72] Polen lag besonders für westliche Reisende nicht mehr völlig unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang und »Auschwitz« blieb nicht mehr nur unkonkrete Metapher für die Shoah, sondern Gäste aus dem Westen kamen tatsächlich verstärkt nach Oświęcim.[73]

Insbesondere für die zunehmende Zahl an Gästen aus Westeuropa erwuchs daraus ein Problem der Logistik: ausreichende Unterkünfte in der näheren Umgebung der Gedenkstätte fehlten. Ein Manko, das es lange Zeit vor allem Gruppen erschwerte, mehrtägige Aufenthalte in Oświęcim zu planen.[74] Deshalb entstanden schon im Jahr 1971 erste Überlegungen, mithilfe von Fördergeldern aus Bundes- und Kirchenmitteln sowie einer Unterstützung des Landes Berlin ein Haus des internationalen Austausches und der Begegnung zu errichten.[75] Trägerin der Einrichtung sollte die Aktion Sühnezeichen sein, da sie ähnliche Projekte zuvor schon in anderen, vom Krieg betroffenen Staaten umgesetzt hatte.[76] Allerdings stand die polnische Seite der Idee, gerade in der unmittelbaren Umgebung des ehemaligen Lagers Auschwitz-Birkenau eine von Deutschen finanzierte und auf internationale Besucher hin ausgerichtete Begegnungsstätte zu errichten, lange zögerlich gegenüber, da man wohl zu Recht befürchtete, damit weiter an Interpretationshoheit über den historischen Ort zu verlieren.[77] Doch sogar nachdem mit der Einbindung des Polnischen Verbands ehemaliger Widerstandskämpfer (ZBoWiD) eine gemeinsame Basis offenbar gefunden[78] und für Anfang 1979 die Grundsteinlegung anvisiert war,[79] kam das Projekt trotz umfangreicher Spendenaufrufe nicht voran.[80] Nun bremste angeblich das Auswärtige Amt in Bonn unter seinem neuen Minister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Man befürchtete, das Projekt stehe zu sehr im Schatten der Vergangenheit und behindere damit eine unbefangene Begegnung junger Menschen aus Polen und der Bundesrepublik.[81]

Letztlich dauerte es bis zum Beginn des Jahres 1986, ehe eine Einigung erzielt werden konnte, woran sich dann aber eine schnelle Realisierung des Hauses anschloss.[82] Am 7. Dezember desselben Jahres nahm die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz ihre Tätigkeit auf[83] und ermöglichte fortan auch schulischen Gruppen eine verbesserte Logistik. Mehr als drei Jahrzehnte nimmt das Haus inzwischen »Auschwitz als Aufgabe«[84] an und bietet ein umfangreiches gedenkstättenpädagogisches Programm, wobei die Begegnungsstätte in ihrem Anliegen inzwischen nicht mehr einzigartig ist. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts entstanden in Oświęcim weitere Jugendgästehäuser mit ähnlichen Programmen, wie etwa das Zentrum für Dialog und Gebet (seit 1992)[85] oder das Jüdische Zentrum (seit 2000).[86]

Zeitgleich zur weiteren Öffnung Polens nahm in den 1980er Jahren innerhalb des Landes das Interesse an der eigenen Geschichte zu. Da zudem der kommunistischen Führung die Lenkung der gesellschaftlichen Kommunikation über zeithistorische Fragen zunehmend entglitt,[87] entwickelte sich eine alternative Geschichtskultur im Umkreis der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarność. Sie forcierte den Diskurs über die Bedeutung der jüdischen Kultur für die polnische Nationalgeschichte.[88] Mithin entstand eine Narration, die sich bewusst gegen die bisherige staatliche Interpretation von Geschichte stellte. Es rückte nicht zuletzt das Schicksal der während der Shoah ermordeten Juden verstärkt in den Blick, was seinen Niederschlag in der Gedenkstätte fand.

Insbesondere nach dem politischen Umsturz und dem Systemwechsel der Jahre um 1989 stand das Staatliche Museum vor fundamentalen Herausforderungen. Sie beschränkten sich nicht nur auf symbolische Akte, etwa das Schleifen der vorhandenen Denkmäler für die Rote Armee.[89] Vielmehr ging es um eine vollständige Neuausrichtung der Erinnerung.[90] Notwendig war das, weil die weiterhin stark auf den Opfermythos der polnischen Nation zentrierte Narration des Museums nicht mehr mit der globalen Erinnerungskultur, der sich Auschwitz-Birkenau nach 1989 unbeschränkt gegenübersah, kompatibel war. Im Gegenteil, der polnische Anspruch auf eine bevorzugte Opferrolle stand diametral der weltweiten Interpretation entgegen, wonach in Auschwitz-Birkenau der Kulminationspunkt der Shoah liege und deshalb vor allem der jüdischen Opfer zu gedenken sei.[91] Dieser westlichen Interpretation kam das Staatliche Museum mit seinen Veränderungen entgegen, nicht zuletzt weil seit 1990 der Anteil der internationalen Gäste deutlich zunahm.[92] Der Gedanke, wonach es zu einer Entterritorialisierung des Gedenkens an die Shoah komme,[93] konnte sich zwar weltweit nicht durchsetzen,[94] im Staatlichen Museum zeigte sich dies aber – trotz aller Internationalisierung – vielleicht am deutlichsten, schließlich hatte sich der symbolische Ort »Auschwitz« als Medien- und Wissensikone zum umstrittenen Objekt der Erinnerung entwickelt,[95] der aber bis in die Gegenwart eine wesentliche Funktion innerhalb der polnischen Erinnerungskultur einnimmt.[96] Der Osteuropahistoriker Florian Peters hat den lokalen Konflikt zutreffend und pointiert skizziert, indem er die polnische und die internationale Erinnerungskultur gegenüberstellte und den Konflikt auf die unterschiedlichen Ortsnamen reduzierte: »Auschwitz oder Oświęcim?«[97]

Vor allem auf Druck der USA, die die Staaten des ehemaligen Ostblocks und dementsprechend nicht zuletzt Polen im Vorfeld ihrer Beitritte zur NATO (1999) und zur Europäischen Union (2004) drängten, der westlichen Erinnerungs- und Wertegemeinschaft beizutreten,[98] veränderte sich die Gedenkstätte am vormals größten Lager. Es kam zur massiven Aufwertung des historischen Ortes in Birkenau, der über Jahrzehnte hinweg kaum beachtet worden war und nun als der eigentliche Ort des Massenmords an jüdischen Menschen betont wird.[99] Erstmals seit Kriegsende rückten damit die jüdischen Betroffenen als eigenständige und zugleich größte Opfergruppe in den Blick der polnischen Gedenkstätte.[100] Hatte das Staatliche Museum sich bislang bemüht, eine möglichst starke Schwerpunktsetzung auf die nationale Erinnerung und das Martyrium des polnischen Volkes zu garantieren, kam es nun zu einer »Entpolonisierung von Auschwitz«[101]. Prominent sichtbar wurde diese in der Namensveränderung der Institution selbst. Hatte sie seit 1947 Państwowe Muzeum Oświęcim-Brzezinka, also Staatliches Museum in Oświęcim-Brzezinka geheißen, so firmiert sie seit dem Jahr 1999 als Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau, also Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau. Auf polnischen Antrag hin veränderte sich zudem der Zusatz innerhalb der UNESCO-Welterbeliste, wo sich nun als Untertitel »deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager« findet.[102] Ähnliche Debatten, die um die Abgrenzung Polens von Formulierungen kreisten, wie sie etwa die New York Times im Januar 1995 verwendete, als sie von Auschwitz-Birkenau als »the Polish concentration camp«[103] schrieb, führten zu diplomatischen Verwerfungen, nachhaltigen polnischen Interventionen im Ausland und parlamentarischen Initiativen im Inland.[104]

Die Globalisierung der Erinnerung an die Shoah, die sich besonders im Stockholm International Forum on the Holocaust im Januar 2000 niederschlug,[105] erreichte demgemäß Oświęcim. Damit öffnete sich das Staatliche Museum für den einsetzenden Besucheransturm nach 1990, in dessen Folge es heute sicherlich als die weltweit größte und bekannteste Gedenkstätte überhaupt anzusehen ist.[106] Sie steht als Symbol für das, was Menschen anderen Menschen antun können.[107] Weitere Dynamik gewann der Prozess mit dem Erfolg von Schindlers Liste (USA 1993), der – wie im Jahr 1979 Holocaust – auf der medialen Ebene eine Steigerung des Interesses initiierte.[108] »Selling the Holocaust« ist ein Phänomen, das sich vor allem nach 1989 in Oświęcim wiederfindet, seither aber immer wieder massiv kritisiert wurde, wenn etwa die Ausstellung polemisch als »Holocaust theme-park« angegriffen wird,[109] zumal sich die stark emotionalisierende Strategie der Gedenkstätte nach 1989 nochmals verstärkte.[110] Die reduzierte politologische und sozialstrukturelle Interpretation der Shoah trat auch in der Gedenkstätte zugunsten einer emotionalisierenden Konzentration vornehmlich auf die Opfer zurück.[111] Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – nahm das Interesse an einem Besuch nicht ab, wie dies noch in den ersten Jahren nach dem Erscheinen von Schindlers Liste (Weltpremiere 30.11.1993) auf polnischer Seite befürchtet wurde.[112] Im Gegenteil. Mit zuletzt mehr als zwei Millionen Gästen pro Jahr ist das Staatliche Museum deswegen inzwischen Polens meistbesuchtes Museum und rangiert beim Internetbewertungspool TripAdvisor in der Rubrik »Aktivitäten« landesweit auf den vorderen Rängen.[113] Kein anderer Ort in Polen werde so häufig fotografiert wie die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Oświęcim[114] und die Onlineausgabe des Lonely Planet präsentiert ein Bild des Tores von Auschwitz I als erstes Foto auf der Homepage zu Polen,[115] während die Printausgabe ausführlich auf die dortigen »Sehenswürdigkeiten« eingeht.[116] Die Zeiten, in welchen die weitgehende Ausklammerung ehemaliger Lager oder anderer Stätten des NS-Terrors aus dem Tourismus noch moniert worden war,[117] sind offenbar vorbei.

Demgemäß ist es wenig überraschend, wenn sich in der Literatur immer wieder Klagen über die zu hohe Zahl an Touristen finden,[118] die allein aufgrund ihrer Masse einem Innehalten und reflektierten Nachdenken über den besuchten historischen Ort entgegenstünden; man befinde sich in Oświęcim inzwischen an einem »Un-Ort des Gedenkens«.[119] An den nachfolgend untersuchten Texten von Schülerinnen und Schülern hingegen lässt sich belegen, wie sehr die Klage über Besuchermassen ein Topos geworden ist. Schon unter den Berichten aus dem Archiv der Robert Bosch Stiftung finden sich für die 1980er und 1990er Jahre etliche Dokumentationen, die bereits lange vor dem Erreichen der touristischen Höchststände die Überfüllung des besuchten historischen Ortes beklagten.[120] Andererseits finden sich bis ins Jahr 2019 hinein noch Aussagen, die den Besuch des Staatlichen Museums als so wertvoll erachten, dass sie diesem noch weit mehr zusätzliche Besucher wünschen.[121]

Wie an keinem anderen Ort der Welt treffen unterschiedliche nationale Erinnerungskulturen an die Shoah aus fast allen Ländern der Welt zusammen. Auschwitz-Birkenau ist zu einem der Kulminationspunkte der internationalen Holocaust Education geworden. Das spiegelt sich in den vielen Gruppenreisen, die inzwischen organisiert werden. Am bekanntesten ist sicher der seit dem Jahr 1988 stattfindende March of the living, mit welchem israelische Jugendliche ihrer Vorfahren gedenken und das Überleben des jüdischen Volkes und seiner Kultur zelebrieren.[122] Daneben finanzieren andere, teilweise sogar staatliche Einrichtungen, schulische Fahrten nach Oświęcim. Aus Großbritannien reisen beispielsweise mit der Hilfe des Holocaust Educational Trust seit dem Jahr 1999 mehr als 41.000 Schülerinnen, Schüler und ihre Lehrkräfte zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau,[123] während für große Teile der polnischen Schülerschaft derartige Besuche weiterhin zum curricularen Pflichtprogramm gehören.[124] Wenn die vorliegende Studie sich also den aus Deutschland kommenden schulischen Besuchen in Oświęcim widmet, zeichnet sie keine nationale Besonderheit nach,[125] sondern untersucht eine Entwicklung, die sich in anderen Staaten ebenfalls oder sogar intensiver zutrug, als dies in Deutschland der Fall war und ist. Exkursionen deutscher Schülerinnen und Schüler zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau sind also nur ein Teil der internationalen Entwicklung, in deren Kontext jährlich Tausende von Schulgruppen in den Süden Polens reisen.

Eine staatliche Vorgabe einer »korrekten« Erinnerung, wie sie seit der Gründung noch bis ins Jahr 1989 bestanden hatte, lässt sich im neuen Umfeld nicht mehr aufrechterhalten.[126] Die sich schon seit 1955 immer weiterentwickelnde Internationalisierung der Gedenkarbeit hat nun eine völlig neue Dimension erreicht. Waren es zunächst nur wenige Überlebende oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den Austausch traten, so gehört das Staatliche Museum inzwischen zu den weltweiten touristischen Hotspots. Der israelische Historiker und Auschwitz-Überlebende Otto Dov Kulka hat seinen Besuch in Birkenau, bei dem er sich Mitte der 1970er Jahre gänzlich alleine auf dem Gelände bewegen konnte, einmal – zwar mit Bezug auf jüdische Besuche – treffend in den Kontrast zu heute gesetzt: »[…] at that time it wasn’t the fashion it is today«.[127]

2 Erste Gruppenreisen aus Deutschland zum Staatlichen Museum

»In Mode« waren Besuche in Auschwitz-Birkenau auch in Deutschland lange Zeit nicht. Vielmehr erfuhr die Einrichtung der Gedenkstätte im Jahr 1947 weder in der Bundesrepublik noch in der DDR besondere Aufmerksamkeit. Beide deutschen Teilstaaten taten sich schwer mit dem Erbe der auf ihren jeweiligen Territorien liegenden Verbrechensorten. Es sollte wesentlich länger als in Oświęcim dauern, ehe erste museale Initiativen ergriffen wurden. In den ersten Nachkriegsjahren dienten die meisten ehemaligen Lager für andere Zwecke, beispielsweise die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Eine Erinnerung an die dort begangenen Verbrechen fand nicht statt. Vereinzelte Ausnahmen, wie etwa die viel beachtete Rede des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss in Bergen-Belsen im Jahr 1952,[128] können an diesem grundsätzlichen Befund nichts ändern.[129] Klarster Beleg für die außerordentliche Geringschätzung der ehemaligen Geschehensorte ist die lange Zeit, derer es bedurfte, ehe auch in Deutschland an den Orten der nationalsozialistischen Konzentrationslager ähnliche Gedenkstätten entstanden. In der Bundesrepublik vergingen zwei Jahrzehnte, ehe im Mai 1965 in Dachau ein erster institutionalisierter Erinnerungsort eingerichtet wurde.[130]

Weniger lange dauerte es in der DDR. Die Orte des NS-Terrors, vor allem die Lager in Sachsenhausen und Buchenwald, wurden zu zentralen Nationalen Mahn- und Gedenkstätten gestaltet.[131] Die in den Jahren 1958 bzw. 1961 eröffneten Institutionen zielten derweil darauf, die DDR in die Kontinuität der Opfer des Faschismus zu stellen und sie als Hort des kommunistischen Widerstands zu positionieren. Alle Lernenden der 8. Jahrgangsstufe wurden im Vorfeld der Jugendweihe zu einem Besuch dort verpflichtet.[132] Die Gedenkstätten hatten also einen explizit politischen Auftrag, da sie unter Rückgriff auf die Geschichte des NS-Regimes dem sozialistischen Staat in Ostdeutschland zusätzliche Legitimation verleihen sollten.[133] Diese Funktion konnte – und wollte – der Erinnerungsort Auschwitz-Birkenau nicht erfüllen. Weil dort in erster Linie das Schicksal des polnischen Volkes und seines Leidens während der Besatzungszeit dargestellt wurde, war dies geschichtspolitisch für die Führung der DDR nicht interessant. Gruppenbesuche aus der DDR im Staatlichen Museum wurden zunächst, wie noch an einem Beispiel aus dem Jahr 1964 zu zeigen sein wird, häufig unterbunden und wurden erst ab Mitte der 1980er Jahre ein zentraler Programmpunkt in den zwischenstaatlichen Ferienprogrammen der DDR und der Volksrepublik Polen.[134]

Für die Bundesrepublik gestaltet sich das Bild in den ersten Jahren nicht anders, auch hier war man gegenüber den Überresten des größten Konzentrationslagers weitgehend ungerührt. Nur sehr vereinzelt erschienen Zeitungsbeiträge zur musealen Gestaltung. Beispielsweise nutzte der damalige Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Moskau, Hermann Pörzgen,[135] seine Möglichkeiten und beschrieb umfangreich die Wirkung der Gedenkstätte im Jahr 1956. Allerdings blieb die Rezeption derartiger Artikel offensichtlich sehr begrenzt, obschon sie sehr eindringlich die Bedeutung des historischen Ortes unterstrichen.[136] Insgesamt aber verweilte die bundesdeutsche Medienlandschaft ebenso wie die Gesamtgesellschaft der 1950er Jahre in einem weitgehenden und unhinterfragten Desinteresse gegenüber dem Staatlichen Museum in Oświęcim und den Inhalten, die es vermittelte.

Erst ab den 1960er Jahren regte sich langsam ein neu erwachendes Interesse an Auschwitz-Birkenau, dessen Initialzündung wohl die spektakuläre Verhaftung Adolf Eichmanns in Argentinien und der anschließende Prozess in Jerusalem darstellten. In der Folge veränderte sich der öffentliche Blick auf das »Dritte Reich«. Diskutiert wurden in der Bundesrepublik nicht mehr nur die NS-Innenpolitik oder der Kriegsverlauf, sondern der industriell abgewickelte Massenmord an den europäischen Juden wurde, wenn auch zögerlich, zum Thema.[137] Entscheidend trug der Frankfurter Auschwitz-Prozess dazu bei, da er zwischen 1963 und 1965 die öffentliche Berichterstattung prägte.[138] Besonderes publizistisches Aufsehen erregte der juristische und politische Höhepunkt des Verfahrens, ein Ortstermin des Gerichts auf dem Gelände des vormaligen Lagers.[139] Etwa 300 Journalistinnen und Journalisten aus dem In- und Ausland begleiteten die Richter auf ihrer aufsehenerregenden Fahrt nach Polen, woraus sich eine umfangreiche mediale Berichterstattung ergab.[140] Erstmals sah dabei ein bundesdeutsches Massenpublikum aktuelle Bilder des früheren Lagers. Die Prozessreise machte in Westdeutschland (und wohl auch in Ostdeutschland) das zeitgenössische Aussehen des Staatlichen Museums bekannt und verschaffte der Gedenkstätte damit erstmals einen exponierten Platz im öffentlichen Raum.

Wenngleich nach den Prozessen in Jerusalem und Frankfurt die frühere Ortsbezeichnung »Auschwitz« zu einem universellen Symbol für die Verbrechen der Nationalsozialisten aufstieg und spätestens um die Mitte des Jahrzehnts seine volle Durchschlagskraft erreicht hatte,[141] blieb der reale Ort in Südpolen gleichwohl zunächst weiterhin eher abstrakt und unkonkret. Notwendig war die mediale Vermittlung der Bilder aus Auschwitz-Birkenau, wie sie gerade der Ortstermin des Frankfurter Prozesses lieferte, da es Mitte der Sechzigerjahre noch weitgehend unmöglich war, nach Oświęcim zu reisen und den Ort eigenständig zu besuchen. Zwischen Bonn und Warschau bestanden keine diplomatischen Beziehungen und die bilateralen Kontakte waren äußerst spärlich, was sich in den Reisebewegungen zwischen beiden Staaten direkt spiegelt. Lediglich 26.600 Einreisen aus der Bundesrepublik in die Volksrepublik Polen weist die offizielle Statistik für das Jahr 1965 aus.[142] Einen nennenswerten Austausch zwischen den beiden Staaten gab es demnach nicht. Auch wenn es für die 1960er Jahre keine detaillierten Statistiken zum deutschen Anteil innerhalb des internationalen Besuchs der Gedenkstätte gibt,[143] liegt der Schluss nahe: Kaum ein bundesdeutscher Fernsehzuseher des Frankfurter Prozesses war wohl schon selbst in Polen gewesen und hatte den Geschehensort tatsächlich besuchen können – sofern es sich nicht um vormals Internierte oder um Täter handelte, die vor 1945 dort stationiert und an den Verbrechen beteiligt waren.

Just an diesem Punkt hatte bereits Jahre zuvor die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken (SJD) angesetzt. Die offiziell parteipolitisch ungebundene Jugendorganisation, die gleichwohl vor allem in der Frühphase der Bundesrepublik der SPD sehr nahestand, hatte frühzeitig Kontakte in den Ostblock entwickelt. Startsignal war dafür der 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, auf dem Generalsekretär Nikita Chruschtschow mit den Verbrechen des Stalinismus gebrochen hatte. Nachdem in der Volksrepublik Polen mit der Einsetzung Władysław Gomułkas zum Ersten Sekretär der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei (VPAP) ebenfalls eine Neuausrichtung der Politik zu erhoffen war, intensivierten Die Falken ihre Kontakte zum östlichen Nachbarn.[144] Vor allem auf Initiative des Berliner Landesverbandes kam es im März 1958 zu einem ersten offiziellen Austausch mit dem Jugendverband der polnischen Kommunisten, der Sozialistischen Jugend Polens (ZSMP). Im Rahmen einer zehntägigen Reise ins Nachbarland lernte die Führungsriege des Falken-Bundesverbandes die Volksrepublik kennen. Neben Warschau, Posen, Krakau und Breslau stand ein Besuch im ehemaligen Lager Auschwitz-Birkenau auf dem Programm der westdeutschen Gäste.[145] Dem Schauplatz des millionenfachen Mordes maßen sie ein besonderes Gewicht bei, da sie ihre Kontakte nach Polen bewusst als ein Aussöhnungsangebot an den im Krieg so geschundenen Nachbarstaat verstanden wissen wollten.

Neben den geschichtspolitischen Überlegungen erkannte die Jugendorganisation zugleich den Reiz von Besuchen im Ostblock. Für westdeutsche Jugendliche, die am Ende der 1950er Jahre zunehmend eigenständige Reisen antraten und sich damit von den Reisegewohnheiten ihrer Elterngeneration bewusst abheben wollten,[146] galten Fahrten nach Polen als besonders ausgefallen. Gemeinhin war es bis dahin unmöglich, touristisch die Blockgrenzen zu überwinden und nach Polen zu fahren. Reisen in die Volksrepublik ganz grundsätzlich und Fahrten zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau im Speziellen wurden also für zugkräftig erachtet, um Die Falken gerade für Außenstehende attraktiver zu machen. Deshalb ist es wenig überraschend, dass man die Gelegenheit nutzte und erste Fahrten schnell organisieren wollte. Tatsächlich fand schon am Jahresende 1959 die erste aus Westdeutschland organisierte Reise nach Oświęcim und Krakau statt, an der sich 452 Personen beteiligten. Der Besuch des ehemaligen Lagergeländes beanspruchte insgesamt fünf Stunden und war geprägt von Reden der Protagonisten der polnischen und der bundesdeutschen Jugendorganisationen.[147] Eine vertiefte, oder gar individuelle, Erkundung des historischen Ortes war den Teilnehmenden in dem engen Zeitkorsett unmöglich. Vielmehr fügte sich die Gruppe in den von polnischer Seite formulierten Opfermythos. Dennoch war im Nachklang die Rede von hoher Betroffenheit und lang anhaltenden Eindrücken bei den Teilnehmenden,[148] weshalb bereits zu Ostern 1960 eine weitere Fahrt angeboten wurde, an der dann sogar 660 Personen teilnahmen. Erneut beschränkte sich das Programm in der Gedenkstätte auf die Niederlegung eines Kranzes an der Todesmauer, einige Ansprachen und das Vortragen von antifaschistischen Liedern und Gedichten.[149] Zusätzliche Gruppenfahrten in den Jahren 1962, 1963, 1966 und 1967 waren bestimmt von ähnlichen Inhalten. Weiterhin konzentrierten sich Die Falken auf eine formelle Kommunikation, eine individuelle Annäherung an den Geschehensort fand hingegen nicht statt.[150] Vielmehr zielten die Reisen primär darauf, die jüngste polnisch-deutsche Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und damit ausdrücklich ein deutliches Signal gegen die Polenpolitik der unionsgeführten Bundesregierungen auszusenden. Wie sehr der historische Ort Auschwitz-Birkenau mit den Fahrten der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken zu einer Bühne für die politische Auseinandersetzung innerhalb der Bundesrepublik wurde, belegt der Umstand, dass nach dem Regierungsantritt der sozial-liberalen Koalition keine weiteren Gruppenreisen mehr stattfanden.[151]

Das parteipolitische Engagement in den Reisen der Falken ist das früheste Indiz für ein sich verstärkendes Interesse an westdeutschen Besuchen in Auschwitz-Birkenau, das sich aber auch einpasst in das zunehmende Interesse am Nationalsozialismus als einem Thema der historisch-politischen Bildung.[152] Vielleicht auch aus diesem Grund blieb das Reiseangebot der Falken nur kurzzeitig ein Einzelfall. Im kirchlichen Umfeld wurde innerhalb der katholischen Friedensorganisation Pax Christi seit der Mitte der 1950er Jahre intensiv über eine Annäherung an Polen nachgedacht.[153] Bewusst als Angebot zur Aussöhnung gedacht war dabei eine Bußwallfahrt nach Oświęcim, die zunächst für das Jahr 1960 angedacht war, letztlich aber am Widerstand der polnischen Behörden scheiterte. Umgesetzt werden konnte die Idee erst im Jahr 1964.[154] Dann aber gelang es Pax Christi, in der Gedenkstätte an Traditionen, die schon in der Annäherung an westlichen Orten des NS-Terrors eingeübt worden waren, anzuknüpfen. In diesem Sinn überbrachte die katholische Besuchergruppe ihren Versöhnungswunsch an den anwesenden Krakauer Erzbischof (und späteren Papst) Karol Wojtyła und überreichte ihm einen Sühnekelch.[155] Diese erste Reise einer katholischen Vereinigung in die Volksrepublik Polen mit dem Schwerpunkt auf einem Besuch im Staatlichen Museum fand innerhalb der katholischen Presselandschaft ein enormes Echo,[156] sodass Pax Christi bereits im Jahr darauf ein Diskussionsseminar mit dem Krakauer Club katholischer Intelligenz (Znak) durchführte,[157] aber auch andere Laienorganisationen ähnliche Fahrten durchführten.[158]

Wenngleich sich die Weltanschauung von Pax Christi und den Falken unterschied, so vereinte sie doch der Wunsch nach einer deutsch-polnischen Annäherung. Stark symbolisch aufgeladene Akte sollten diese einleiten. Eine individuelle Auseinandersetzung mit dem historischen Geschehensort Auschwitz-Birkenau war darin nicht angelegt. Beide Verbände verfolgten eher politische denn pädagogische Ziele. Dies veränderte sich erst mit dem Auftreten der Aktion Sühnezeichen, deren Engagement rund um die Gedenkstätte bewusst die Ebene der politischen Annäherung an Polen ebenso verfolgte wie die individuelle Auseinandersetzung der Projektteilnehmenden mit dem Geschehensort. Erst ihre Angebote können nun als tatsächliche Vorläufer der späteren Schulexkursionen interpretiert werden. Dabei war auch sie im christlichen Kontext entstanden. Als Impulsgeber für die Entstehung der Aktion Sühnezeichen fungierte im Jahr 1959 ein Personenkreis um den evangelischen Geistlichen Lothar Kreyssig (1898-1986), der vornehmlich aus der protestantischen Kirche erwachsen war. Zugleich erhob der Verband einen ausdrücklich interkonfessionellen Anspruch und war zunächst als organisatorische Einheit in beiden deutschen Staaten aktiv. Als Ansatz verfolgte man, durch konkrete Versöhnungsarbeit zum friedlichen Miteinander in Europa beizutragen. Bei jungen Deutschen warb Aktion Sühnezeichen beispielsweise darum, als Freiwillige ins Ausland zu gehen und in Staaten, die unter der deutschen Okkupationspolitik besonders gelitten hatten, soziale Projekte zu unterstützen und voranzubringen. Mit ihrem Engagement erhoffte die Aktion Sühnezeichen sich, zur Aussöhnung und Verständigung zwischen den früheren Kriegsgegnern beizutragen.[159]

Nach dem Mauerbau war die Organisation gezwungen, sich aufzuspalten. Doch sowohl für die ost- wie für die westdeutsche Sektion der Aktion Sühnezeichen erschien das Gelände der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, angeregt vom zeitgleich stattfindenden Frankfurter Gerichtsverfahren, besonders attraktiv. In der DDR hatten sich seit 1962 erste Kontakte nach Polen aufgebaut, die zwei Jahre später zu Reisen von zwei Sühnezeichen-Gruppen ins Nachbarland hätten führen sollen. Neben Majdanek hatten sich die jungen Reisenden Oświęcim als Ziel gesetzt. Bereits in Görlitz zum Grenzübertritt versammelt, scheiterte ihr Plan jedoch in letzter Minute an den DDR-Behörden, die eine Ausreise nicht zuließen,[160] da sie eine Versöhnungsarbeit gegenüber Polen als gänzlich unnötig ansahen. Schließlich seien seit dem Görlitzer Vertrag aus dem Jahr 1950, dem offiziellen Nachkriegsabkommen zwischen Volksrepublik Polen und DDR, alle geschichtspolitischen Probleme gelöst, zumal die Shoah ohnehin nicht auf der politischen Agenda beider Staaten stand.[161] Die Aktivistinnen und Aktivisten der Aktion Sühnezeichen ließen sich davon aber nur temporär abhalten. Bereits im folgenden Jahr reisten sie, dann nicht als Gruppe, sondern als Einzelpersonen, dennoch nach Polen. Alle männlichen Teilnehmer vereinigten sich nach ihrer Ankunft in Polen zu einer Gruppe und leisteten ihren Dienst in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, während die Frauen sich gemeinsam in Majdanek einbrachten.[162] In den Folgejahren bot die Aktion Sühnezeichen der DDR dann regelmäßig Programme in Polen an, was als zentraler Bestandteil des direkten Dialogs zwischen der Bevölkerung der DDR und der Volksrepublik Polen auf der nichtoffiziellen Ebene gewertet werden kann.[163]

In der Bundesrepublik plante die Aktion Sühnezeichen ebenfalls eine Gruppenfahrt nach Oświęcim, um dort das museale Ensemble zu pflegen und instand zu setzen. 1964 scheiterten erste Bemühungen um Freiwilligeneinsätze jedoch an polnischen Bedenken. Erst nach der Publikation der Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Titel »Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn«, in der sich die protestantische Kirche am 14. Oktober 1965 für eine Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn und für einen völkerrechtlichen Verzicht der Bundesrepublik auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße aussprach,[164] veränderte sich das Bild. Weil das wichtigste außenpolitische Ziel der polnischen Regierung, nämlich die Anerkennung der polnischen Westgrenze, in der Bundesrepublik von den evangelischen Bischöfen unterstützt wurde, währenddessen die katholischen Oberhirten beider Länder in intensivem Schriftwechsel standen,[165] war es der Aktion Sühnezeichen im Herbst 1967 möglich, erstmals insgesamt 14 Freiwillige für zwei Wochen in Oświęcim unterzubringen.[166] Bis zu acht Stunden täglich arbeiteten diese und wirkten an der Instandhaltung historischer Relikte mit, um, wie sie es zeitgenössisch formulierten, im wörtlichen Sinne zu erreichen, über die Geschehnisse der NS-Zeit »kein Gras wachsen zu lassen«[167]. Die Jugendlichen gewannen offenbar schnell Respekt und Anerkennung innerhalb der Gedenkstätte, wo Gäste und Schulklassen »reserviert, erstaunt [und] interessiert« mit den Freiwilligen ins Gespräch kamen.[168] In der Folge entstanden Kontakte zur polnischen Bevölkerung.[169] Dem schlossen sich die staatlichen Stellen an und erlaubten ab den Siebzigerjahren zunehmend mehr Freiwilligen im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, aber auch in anderen Gedenkstätten, zu arbeiten.[170] In den 1980er Jahren kamen dann durchschnittlich 50 Gruppen pro Jahr nach Polen, um sich vornehmlich in Auschwitz-Birkenau, aber auch in Sztutowo/Stutthof und Majdanek, einzubringen. Bis 1986 absolvierten nicht weniger als 16.500 Personen aus der Bundesrepublik einen solchen Freiwilligendienst.[171] Daran knüpft die Aktion Sühnezeichen bis in die Gegenwart an. Vor allem durch die Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz prägt sie die schulische wie auch die außerschulische Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe in und um die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Sowohl die ost- wie auch die westdeutsche Sektion der Aktion Sühnezeichen bereiteten damit späteren Schulfahrten den Weg, schließlich stand bei ihrem Einsatz der bewusste Bezug auf das historische Erbe im Zentrum. Die jungen Freiwilligen beschäftigten sich intensiv mit dem historischen Ort und bemühten sich, ihn zu erkunden und zu erhalten. Neben selbst durchgeführten Renovierungsarbeiten trugen dazu Archivrecherchen oder Zeitzeugengespräche mit ehemaligen Inhaftierten bei. Und tatsächlich nahmen bereits in den frühen 1970er Jahren erste Schulen die Angebote der Organisation wahr und traten mit ihren Lernenden die zweiwöchigen Programme an. Dabei reisten die Jugendlichen zunächst nach Oświęcim, verweilten dort für zwölf Tage, in denen sie Pflegemaßnahmen in der Gedenkstätte übernahmen. Dann schloss sich eine Rundreise durch Polen an, die über Warschau, Olsztyn (dt.: Allenstein) und Danzig nach Posen führte. Allein im Jahr 1971 unternahmen drei Schulen, nämlich die Paulsenschule Berlin, die Melanchthonschule Neukirchen und die Paul-Gerhard-Schule Laubach (beide Hessen), derartige Reisen nach Oświęcim.[172] Insgesamt ist die Quellenlage jedoch sehr dünn, nachweisen lassen sich über das Jahr 1971 hinaus nur noch zwei schulische Aufenthalte. Im Oktober 1975 beispielsweise arbeitete die 10. Jahrgangsstufe der Evangelischen Schule Steglitz in Birkenau über zwei Wochen hinweg täglich von 8 bis 13 Uhr an der Instandsetzung eines Entwässerungskanals. Daneben unternahmen sie nachmittags Archivrecherchen oder trafen mehrfach mit dem Überlebenden Tadeusz Szymanski zusammen.[173] Eine breite Bewegung scheinen die schulischen Teilnahmen gleichwohl nicht gewesen zu sein. Allerdings schlossen sich Schülerinnen und Schüler zugleich Reisen an, die Aktion Sühnezeichen im Rahmen der außerschulischen Bildungsarbeit anbot.[174]

Neben persönlichen Besuchen in der Gedenkstätte versuchte Aktion Sühnezeichen, Auschwitz für den regulären Geschichtsunterricht greifbar zu machen. Ihr stellvertretender Vorsitzender, Axel Böing, erstellte dazu eine Unterrichtseinheit für Lehrkräfte, die mit Themen wie »Leben in Konzentrationslagern«, »Ursachen und Wirkungen des Geschehens in Auschwitz und die Befreiung« und »Persönlichkeitsstruktur der Täter« das Thema Auschwitz in der Unterrichtswirklichkeit noch weiter verankern wollte.[175] In der Förderung der Robert Bosch Stiftung ab den 1980er-Jahren gibt es denn auch einige Anträge, die in ihren Programmen ausdrücklich die Angebote der Aktion Sühnezeichen als Vorbild nehmen und ebenfalls ähnliche Ansätze verfolgen. Die Kontinuitätslinie setzte sich offenbar fort bis in die Gegenwart, zumal sich auch andere Organisationen an den Programmen orientierten und Archiv- und Gartenarbeiten in ihre Programme aufnahmen.[176] Daneben trafen einige Schulgruppen in Oświęcim mit Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen zusammen und informierten sich über deren Arbeit und Engagement am historischen Ort.[177] Die besonders intensive Form der Erinnerungsarbeit in handwerklichen Initiativen blieb innerhalb der Schulfahrten allerdings stets randständig.

Zunächst aber waren reguläre schulische Exkursionen, ebenso wie andere schulische Kontakte, nach Polen ohnehin noch weitgehend undenkbar.[178] Die Grenzen zwischen den politischen Systemen waren bis um die Mitte der Sechzigerjahre weitgehend undurchlässig. Selbst innerhalb Osteuropas änderte sich dies erst seit dem Amtsantritt des neuen Parteivorsitzenden der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Edward Gierek, im Winter 1970. Mit dem Wegfall bestehender Reiserestriktionen setzte eine neue Mobilität ein, in deren Folge sich die Zahl der Gäste aus anderen sozialistischen Staaten in Polen verfünffachte. Erheblichen Anteil daran hatte der Wegfall der Visapflicht gegenüber der DDR im Jahr 1971, welche bereits 1980 aus Furcht vor einem Übergreifen der polnischen Oppositionsbewegung wieder aufgehoben wurde. Mit ihr gelangten zahlreiche Ostdeutsche erstmals auf polnisches Gebiet, wo sie fast zwangsläufig der Geschichte des Zweiten Weltkrieges begegneten – und dabei nicht selten eine neue Multiperspektivität erlebten, da die Interpretation der jüngsten Vergangenheit sich nicht nur im Staatlichen Museum häufig von dem, was in der DDR als historisches Wissen vermittelt wurde, deutlich unterschied.[179]

Für die Organisation von Gruppenreisen aus der DDR nach Oświęcim veränderte sich mit der polnischen Liberalisierung nichts. Zwar konnte man nun leichter die Grenze zwischen beiden Staaten überschreiten, doch entwickelten sich daraus offenbar keine Initiativen zu Schulexkursionen.[180] Allerdings fanden kleinere Gruppenreisen durchaus statt, da sich beispielsweise für den früheren führenden Beamten im Reichssicherheitshauptamt, Kurt Harder, eine Teilnahme an einer Fahrt des VEB Berliner Glühlampenwerk im Jahr 1967 belegen lässt. Mit seinem Kombinat besuchte er die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, wo er massive antipolnische Ressentiments artikulierte und sich über das Eiltempo des Besuches mokierte. Seine Reise, die in der Wissenschaft als »Tiefpunkt realsozialistischer Geschichtsvergessenheit« gebrandmarkt wurde,[181] ist jedoch ein Indikator, dass es in der Erwachsenenbildung durchaus möglich war, das frühere Lager zu besuchen. Daneben findet sich auch in der Reiseliteratur, die während der 1970er Jahre in der DDR über Polen entstand, der Nachweis, dass Individualtouristen durchaus Auschwitz besuchten. Offenbar lag ihnen viel an der Bedeutung des Ortes für die deutsch-jüdische Geschichte,[182] doch lassen sich für Schulen vergleichbare Initiativen nicht nachweisen.

Allerdings wären umfangreichere Schulreisen aus Westdeutschland ebenfalls unmöglich geblieben, wenn die Liberalisierung der polnischen Regierung nicht in etwa zeitgleich mit einer bundesdeutschen Entwicklung angelaufen wäre: Die Neue Ostpolitik der seit 1969 in der Bundesrepublik regierenden sozial-liberalen Regierung. Erst sie wirkte auf eine grundlegende Entspannung zwischen beiden Seiten hin und ermöglichte langfristig den Aufbau von schulischen Kontakten. Erklärtes Ziel der diplomatischen Initiative war es, Menschen aus beiden Ländern zusammenzubringen und eine Entspannung gegenüber den östlichen Nachbarn zu erreichen. Bundeskanzler Willy Brandt initiierte dazu bereits am Beginn seiner Amtszeit eine Reihe von bilateralen Verträgen mit der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten. Aus bundesdeutscher Perspektive war das Übereinkommen mit Polen ein ganz zentrales Kernstück der Neuen Ostpolitik, da das Land unter den deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs besonders zu leiden gehabt hatte.

Nach intensiven Verhandlungen gelang es tatsächlich, einen (west-)deutsch-polnischen Vertrag auszuhandeln, der am 7. Dezember 1970 in Warschau unterzeichnet wurde. Der diplomatische Akt, von dem in der deutschen Erinnerung zumeist nur noch das Bild von Brandts Kniefall vor dem Denkmal des Aufstands im Jüdischen Ghetto präsent ist,[183] schuf die Basis für eine stärkere bilaterale Zusammenarbeit. Gleichwohl setzte der Austausch nicht unmittelbar ein, sondern die deutsch-polnischen Beziehungen blieben zunächst schwierig.[184] Dies spiegelte sich in den intensiven Debatten um die Vertragsratifikation in der Bundesrepublik ebenso wie in der vorläufigen Weigerung der polnischen Regierung, die noch im Land lebende deutschstämmige Bevölkerung in die Bundesrepublik ausreisen zu lassen.[185] In der Geschichtspolitik hingegen kam die Kooperation noch vor der Ratifizierung des Warschauer Vertrages um einen entscheidenden Schritt voran. Im Februar 1972 nämlich nahm die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission unter der Schirmherrschaft der UNESCO ihre Arbeit auf. Schon länger hatte es Vorgespräche gegeben, um im gegenseitigen Dialog die vielfältigen Fehler und Vorurteile in den schulischen Lehrwerken des jeweils anderen Landes zu identifizieren, zu klären und beizulegen. Nun kam es zu einem intensiven Austausch, allein im Gründungsjahr kam die Konferenz dreimal zusammen und legte die Basis für die nachfolgenden Jahre.[186] In anderen kulturpolitischen Fragen hingegen stockte es noch deutlich länger. So kam ein Kulturabkommen erst am 11. Juni 1976 zustande, während es für den Jugendaustausch lange Zeit überhaupt keine formale Grundlage gab. Dennoch entstanden erste Bande zwischen bundesdeutschen und polnischen Städten, bei welchen häufig Besuche des Staatlichen Museums Teil der ersten Anbahnungsvisiten waren.[187]

Für alle Interessierten war klar, dass mit dem Warschauer Vertrag die Beziehungen zwischen Bonn und Warschau auf eine neue Ebene gehoben worden waren und der Austausch zwischen Westdeutschland und Polen intensiviert werden würde. Tatsächlich wuchs die Reisetätigkeit in der Folge deutlich an. Die Zahl der aus Westdeutschland nach Polen eingereisten Personen hatte sich bis 1979, verglichen mit 1965, auf 303.000 jährlich mehr als verzehnfacht.[188] Parallel erhöhte sich die Zahl der Gäste aus dem Westen insgesamt, sie versechsfachte sich bis zum Ende der 1970er Jahre.[189] In poleninteressierten Kreisen wurde diese Entwicklung fast euphorisch kommentiert und zum Besuch aufgerufen: »Man kann wieder nach Polen reisen. Und man sollte es wahrhaftig tun.«[190]

3 Vom Nischenangebot zur Routine:
Schulische Exkursionen nach Auschwitz-Birkenau

Die Aufforderung, nach Polen zu reisen, richtete sich gewiss zunächst an Individualreisende. Das Land, das ja weiterhin hinter dem »Eisernen Vorhang« lag und damit schwerer zu erreichen war als klassische Urlaubsziele wie Italien, Frankreich oder Österreich, blieb ein Reiseziel für Liebhaber. Dennoch ist es spannend, dass just zu dem Zeitpunkt, da es überhaupt wieder möglich schien, sich auf den (touristischen) Weg nach Polen zu machen, bereits die Idee aufkam, dies auch im Rahmen schulischer Exkursionen zu tun.[191] Natürlich blieben die nachfolgend dargestellten Fahrten, die innerhalb des knappen Jahrzehnts zwischen 1980 und der politischen Wende 1989/1990 durchgeführt wurden, innerhalb des bundesdeutschen Bildungssystems dezidierte Nischenangebote. Dennoch belegen sie ein wachsendes Interesse am östlichen Nachbarland. Möglich waren schulische Reisen nach Polen ab 1980 allerdings nur, weil inzwischen drei wesentliche Voraussetzungen erfüllt waren.

Zum einen hatte die diplomatische Annäherung zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen dafür gesorgt, dass nicht nur die bilateralen Verbindungen besser wurden, sondern – dies allerdings mit deutlicher zeitlicher Verzögerung gegenüber dem Vertragsabschluss 1970 – dass auch die kulturpolitische Zusammenarbeit ausgebaut wurde. Insbesondere die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission hatte bereits im engeren, schulischen Feld umfangreiche Vorarbeiten geleistet, da sie sich ganz bewusst dem Beseitigen von falschen gegenseitigen Wahrnehmungen verschrieben hatte.[192]

Zweitens spielten sogar für die schulischen Reiseabsichten die ökonomischen Probleme Polens eine wesentliche Rolle. Erst mit den Reiseerleichterungen der 1970er Jahre war es überhaupt möglich geworden, an die politische Akklimatisierung anzuknüpfen und mit Gruppen eine Reise in die Volksrepublik zu unternehmen. Da es sich bei den Lernenden zumeist um Personen handelte, die keinen persönlichen Bezug zu Polen hatten, musste das Reiseprogramm attraktiv sein. Nur so entwickelte sich innerhalb der Schulgemeinschaft ein Interesse für Reisen gen Osten – zumal dort die Preise nur auf den ersten Blick günstig waren. Weil die Schulen in hochklassigen Hotels untergebracht werden mussten und die offiziellen Wechselkurse einzuhalten waren, summierten sich die anfallenden Reisekosten letztlich in Dimensionen, die in klassischen westlichen Reisezielen ebenfalls angefallen wären.[193]

Vielleicht der entscheidendste Punkt, der half, überhaupt die Aufnahme von schulischen Reisen nach Polen zu realisieren, war, drittens, die politische und finanzielle Unterstützung durch die Robert Bosch Stiftung. Die Industriestiftung, die schon in den 1970er Jahren zu den größten privaten Stiftungen der Bundesrepublik zählte, hatte, die beiden erstgenannten Faktoren aufnehmend, lange mit der polnischen Seite verhandelt, um im Nachklang zum Warschauer Vertrag direkte Schulkontakte zwischen beiden Staaten zu initiieren. Ihr ging es vorrangig um ein Kennenlernen der aktuellen Situation Polens. Von der unmittelbaren Begegnung junger Menschen aus beiden Staaten versprach sie sich eine neue Ebene des internationalen Dialogs. Im besten Sinne hoffte die Robert Bosch Stiftung auf eine »Völkerverständigung«.

Das war der Terminus gewesen, mit welchem, schon Jahrzehnte zuvor, der Ingenieur und Großindustrielle Robert Bosch (1869-1942) operiert hatte, als er testamentarisch festgelegt hatte, was nach seinem Ableben mit seinem umfangreichen Vermögen passieren sollte. Zwar dachte er nicht spezifisch an Polen, doch beschloss das Kuratorium der nach ihm benannten Stiftung in seiner Sitzung im Juni 1974, mit gezielten Projekten eine Verständigung zwischen (West-)Deutschen und Polen anzuregen.[194] Nachdem zuvor schon die Aussöhnung mit Frankreich als Förderungsschwerpunkt bestanden hatte, trat nun jene mit Polen hinzu.[195] Die ersten Schritte waren indessen außerordentlich schwierig. In der Volksrepublik beobachtete man gerade die Tätigkeit einer westdeutschen Industriestiftung im eigenen, kommunistischen Land mit besonderer Skepsis. Daher erfolgten die Verhandlungen stets auf Regierungsebene. Erste Vorgespräche fanden beispielsweise in der bundesdeutschen Botschaft in Warschau statt.[196] Nur zögerlich nahm die polnische Seite den Austausch an und versuchte, ihn nach den eigenen Vorstellungen zu lenken. Beispielsweise mussten neben den Jugendfahrten nach Polen auch Reisen für polnische Parteikader in die Bundesrepublik angeboten werden, bei welchen sich diese zu spezifischen Schwerpunktthemen, so etwa im Bereich der Landwirtschaft, informieren konnten.[197] Für die Robert Bosch Stiftung stand aber nicht in Zweifel, dass es ihr um den unmittelbaren, direkten Dialog zwischen jungen Menschen aus der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen ging, weshalb sich die Verhandlungen in die Länge zogen.[198] Erst im Jahr 1979 gab die polnische Botschaft ihre Zustimmung zum Aufbau eines derartigen Jugendaustausches bekannt.[199] Um einen langfristigen Ertrag im Transfer zu erreichen, gehörten Schulen in beiden Ländern schon von Beginn der Überlegungen an zu den avisierten Hauptzielgruppen. Nach dieser Grundsatzentscheidung konnten bereits im Jahr 1980 vier schulische Exkursionen bewilligt werden.[200]

3.1 Gedenkstättenbesuche als Teil schulischer Rundreisen durch Polen

Die Oberstufen des Bert-Brecht-Gymnasiums Dortmund, der Marienschule Hildesheim, des Rudi-Stephan-Gymnasiums Worms und des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Betzdorf waren die ersten Einrichtungen, deren Reisen unterstützt wurden. Ihre Inhalte sollen nachfolgend skizziert werden.[201] In der Folge reisten zahlreiche Bildungseinrichtungen mit Förderung der Robert Bosch Stiftung nach Polen. Unter den wenigen Haupt- und Realschulen dominierte dabei der Charakter einer Abschlussfahrt, während bei den Reisen im Bereich der Gymnasien zumeist Lernende der Sekundarstufe II teilnahmen und dies oft im Kursverband erfolgte. Festzustellen sind aber auch Studienexkursionen, die sich über die Jahrgangsstufen hinweg an alle Schülerinnen und Schüler der Oberstufe richteten. Während in den Klassen- und Kursreisen die Vorbereitung primär im Unterricht erfolgte, banden die übergreifenden Formate auch externe Angebote, die beispielsweise von der Aktion Sühnezeichen angeboten wurden,[202] mit ein.[203]

Die Fahrten zeichneten sich durch einen gänzlich anderen Charakter aus als jene Reisen, die bislang beispielsweise im Zusammenhang mit der Aktion Sühnezeichen oder Pax Christi dargestellt worden waren. Ihnen ging es nicht um die Erkundung eines einzelnen Ortes, sondern sie zielten darauf, ein ganzes Land kennenzulernen. Auschwitz spielte dabei, wenn man es drastisch formulieren möchte, bestenfalls eine »Nebenrolle«. In der Hauptrolle stand neben dem Jugendaustausch die Begegnung mit der aktuellen Situation der Menschen in Polen, zudem wurden aber auch die geschichtlichen und kulturpolitischen Dimensionen des besuchten Landes mit einbezogen. Dazu gehörte es, vor allem eine direkte Kontaktaufnahme mit der polnischen Bevölkerung, insbesondere Lernenden und Lehrenden in Schulen, anzubahnen.[204] Das Programm der ersten Fahrten orientierte sich an diesen Vorgaben. Von Westdeutschland aus ging es über die DDR in die Volksrepublik Polen, wo zunächst Posen als erste Stadt besucht wurde. Danach reisten die Schülerinnen und Schüler für meist drei Tage in die Hauptstadt Warschau, ehe sie dann weiter nach Krakau fuhren. Auf dem Weg dorthin oder von dort hielt man am Staatlichen Museum in Oświęcim. Als Abschluss der Fahrt diente dann zumeist ein letzter Stopp in Breslau. Ergänzt wurde das Programm um Austauscheinheiten mit polnischen Schulklassen, Journalistinnen und Journalisten, aber auch mit Arbeitergruppen, wie beispielsweise beim Besuch des Hüttenkombinats Nova Huta.[205] Spezifische Schwerpunkte, etwa für die katholische Marienschule Hildesheim, waren möglich. Dann spielte beispielsweise bei christlichen Schulen das kirchliche Leben im zeitgenössischen Polen eine weitere, prominente Rolle.[206]


Im September 1985 unternahm das Prälat-Diehl-Gymnasium Groß-Gerau eine Rundreise durch Polen. Die von der Schulgruppe erstellte Karte zeigt die Route, wobei der Aufenthalt in Oświęcim nicht ausgewiesen wird. Quelle: ARBS 2001-27


Bereits der bislang umrissene Ablauf lässt erahnen, wie dicht und prall gefüllt die Schulexkursionen waren. Innerhalb weniger als zwei Wochen besuchten die Jugendlichen zahlreiche exponierte Stätten Polens, sahen eine Vielzahl an Erinnerungsorten an die Zeit des Zweiten Weltkriegs, traten in Austausch mit Gleichaltrigen und folgten zahlreichen Stadtrundführungen. Daher verlangte die Stiftung von den antragstellenden Schulen, den Besuch in den regulären Unterricht einzubeziehen und intensiv vorzubereiten. Demnach war Bedingung für die Förderung, dass bei den Teilnehmenden ein umfangreiches Wissen um die Geschichte und die aktuelle Situation Polens vorlag.[207] Überprüft wurde der Stand der verbindlichen Vorbereitung allerdings nicht ausdrücklich, die Stiftung leitete jedoch aus den eingereichten Berichten der Lernenden einen hohen Vorwissensstand ab.[208] Nicht ersichtlich ist allerdings, auf welcher Grundlage man zu dem positiven Befund kam, da viele Berichte nichts zu der spezifischen Vorbereitung der Gruppen auf ihre Reise nach Polen aussagen. Nur wenige Texte, die sich mit dem Arbeiten im Vorfeld auseinandersetzen, dokumentieren tatsächlich umfangreiche Aktivitäten. Zu ihnen zählt beispielsweise eine Gruppe aus Freiburg, die davon schreibt, an ihrer Schule sei das vorgesehene Curriculum verändert und die NS-Zeit bereits vor der Reise durchgenommen worden. Zudem hätten thematisch einschlägige Theaterbesuche stattgefunden und die Lernenden vielfältige Literatur zur deutsch-polnischen Geschichte gelesen. Nicht zuletzt verweist die Schule darauf, im Vorfeld der Reise enge Kontakte zu Institutionen geknüpft zu haben, die den Austausch mit Polen forcieren. Neben dem Maximilian-Kolbe-Werk zur Versorgung von ehemaligen KZ-Insassen wird die Aktion Sühnezeichen erwähnt, mit der gemeinsam spezifische Seminartage zur Vorbereitung auf den Besuch in Polen absolviert worden seien.[209] Allein: Ein derartig umfangreiches Vorbereitungsprogramm weisen außerordentlich wenige Schulen auf, die finanzielle Förderung empfingen aber alle Einrichtungen.

Waren die Jugendlichen dann aufgebrochen, stellten die Exkursionen an sie noch Anforderungen in anderer Hinsicht. Schließlich legten sie mit ihren Bussen während der maximal zweiwöchigen Fahrten jeweils weit über 2.000 Kilometer Strecke auf den zeitgenössisch sehr schlechten Straßen Osteuropas zurück.[210] Vergnügungs- oder Erholungsreisen waren die Exkursionen demnach nicht. Um dennoch Schulen für das Angebot zu gewinnen, setzte die Robert Bosch Stiftung in den ersten Jahren auf bemerkenswert attraktive Finanzierungsanreize. Die Pionierfahrten unterstützte sie sogar mit einem stattlichen Zuschuss in Höhe von 80 Prozent. Damit ergab sich beispielsweise für die 56 Schülerinnen und Schüler des Bert-Brecht-Gymnasiums Dortmund und die vier betreuenden Lehrkräfte bei einer Gesamtkostensumme von 29.700 DM eine Förderung von nicht weniger als 23.760 DM.[211] Nach Darstellung der Stiftung gelang es, obwohl das Programm der Polenfahrten nicht dezidiert öffentlich beworben wurde und man es aus politischen Gründen zurückhaltend abwickelte, um die polnische Seite nicht zu verunsichern, sehr schnell interessierte Schulen aus allen westdeutschen Bundesländern zu erschließen. Schon für die Zeit bis zur politischen Wende im Jahr 1989, als die Robert Bosch Stiftung erstmals eine umfangreichere Auswertung des Programms vorlegte,[212] überstiegen die Förderanfragen stets die finanziellen Möglichkeiten. Dennoch konnten zwischen 1979 und 1988 insgesamt 325 Schulen das Bildungsangebot wahrnehmen.[213]

Allerdings entwickelte sich das Programm keineswegs kontinuierlich, vielmehr war es Seismograf für die inneren Entwicklungen Polens und die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik im Verlauf der 1980er Jahre. Hatten beispielsweise im Jahr 1980 die ersten schulischen Reisen ungehindert stattfinden können und damit das Programm seinen formalen Anfang gefunden, so zeigt dies, wie sehr sich Polen nach dem Ende des ungehinderten Reiseverkehrs zur DDR gegenüber der Bundesrepublik öffnete. Dieses Zeitfenster zu nutzen, erschien der Robert Bosch Stiftung notwendig. Daher erfolgte die Ausstellung der ersten Bewilligungen ad hoc durch die Geschäftsführung, um keine Zeit verstreichen zu lassen und unmittelbar mit den Schulreisen starten zu können.[214] Wie zutreffend diese Einschätzung war, zeigte sich schnell. Innerhalb von zwölf Monaten hatten bereits zwölf Schulen Polen bereist, doch die Verhängung des Kriegsrechts durch die Regierung Jaruzelski am 13. Dezember 1981 veränderte die Lage grundsätzlich. Es schien, als fände das Austauschprogramm ein jähes Ende, da zunächst alle Schulexkursionen unterbunden wurden. Wie sehr die Volksrepublik aber auf Devisen angewiesen war,[215] nachdem der Auslandstourismus fast vollständig zusammengebrochen war,[216] belegt die vertrauliche Information der Polnischen Botschaft vom 5. Februar 1982, wonach ab April des Jahres wieder Gruppenfahrten würden stattfinden können.[217] Gleichwohl kürzte die Stiftung die veranschlagten Fördermittel für das Jahr 1982 um die Hälfte auf 100.000 DM. So konnten ab Mai 1982 tatsächlich sechs Reisen in das noch immer vom Kriegsrecht bestimmte Land unternommen werden.[218]

Für die Robert Bosch Stiftung bestand offenbar nie Zweifel daran, sofern irgend möglich, das Programm weiterhin aufrechtzuerhalten. Da andere Jugendbegegnungen zwischen den beiden Staaten in der angespannten politischen Situation weitgehend unmöglich schienen, erachtete man es als erstrebenswert, das bestehende Abkommen weiterhin zu nutzen.[219] Folglich fanden im Jahr 1983 sechzehn Exkursionen statt, die teilweise noch während des Kriegsrechtes erfolgten. Diese Kontinuität schuf offenbar auf polnischer Seite zusätzliches Vertrauen, denn ab 1984 konnten erstmals sogar polnische Jugendliche zum »Schüleraustausch« in die Bundesrepublik reisen – ein Begriff, den die polnische Administration noch 1982 strikt vermeiden wollte.[220]

Mit Aufhebung des Kriegsrechts und den international stark beachteten Oppositionsbestrebungen in Polen während der weiteren 1980er Jahre rückte das Land gerade im geteilten Deutschland stärker in den Fokus, was sich eindeutig in den Anträgen auf Schulfahrten nach Polen widerspiegelte. Hatte die Stiftung in den ersten Jahren noch extrem hohe Fördersätze zahlen müssen, um überhaupt Schulen für Exkursionen zu gewinnen, so explodierte die Nachfrage ab Mitte der 1980er Jahre förmlich.[221] In einem internen Vermerk ist die Rede von einer »Antragsflut«, in deren Folge die Bewilligungsquote auf etwa 50 Prozent gefallen sei.[222] Operativ antwortete die Stiftung darauf mit einer deutlichen Anhebung der verfügbaren Fördermittel. Hatte der Etat im Jahr 1983 bei 250.000 DM gelegen,[223] stieg er im Jahr 1986 auf bis zu 350.000 DM,[224] während für 1987 bereits bis zu 430.000 DM eingeplant wurden und die Summe im Folgejahr sogar auf 700.000 DM[225] weiter anstieg.[226] Bis zum Jahr 1988 hatte das Programm die stattliche Summe von insgesamt mehr als 3,6 Millionen DM verausgabt.[227]

Das Interesse an Polen beschränkte sich derweil nicht nur auf die Angebote der Robert Bosch Stiftung. Parallel zum deutlichen Mittelaufwuchs des schon länger existierenden Programms traten zunehmend weitere Förderinstitutionen auf den Plan. Deutlich wird dies, wenn westdeutsche Bundesländer in ihren Haushalten Gelder einplanten, mit welchen schulische Kontakte und Exkursionen nach Polen aufgebaut werden sollten. Andere, wie etwa die Freie Hansestadt Hamburg, behielt bestehende Unterstützungsprogramme aufrecht, sodass die Zahl der Exkursionen in das östliche Nachbarland insgesamt relativ konstant blieb.[228] In Baden-Württemberg gestaltete sich die Situation anders, da in Abstimmung mit der Robert Bosch Stiftung – eine Doppelförderung sollte vermieden werden – ab 1987 eigene Mittel bereitgestellt wurden, um schulische Exkursionen nach Polen zu ermöglichen. Mit den zunächst vorgesehenen 35.000 DM wurden 31 Projekte gefördert, die 815 Personen erreichten. Wie hoch das Interesse an dem Landesprogramm offenkundig war, belegt die Aufstockung der Gelder im Jahr 1988, als bereits 245.629 DM für 67 Projekte verausgabt wurden.[229]

In diesem Sinn bewilligten beispielsweise die Bundesländer Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schon Mitte der 1980er Jahre zusätzliche Mittel. Dem schloss sich der Freistaat Bayern an und stellte eine eigene Finanzförderung in den Haushalt ein.[230] Neben diesen Mitteln, die für Fahrten von Lernenden nach Polen bereitgestellt wurden, legte beispielsweise das Bundesland Berlin mit Beschluss des Abgeordnetenhauses vom 10. Dezember 1986 ein neues Programm auf, bei dem Lehrkräfte der Fächer Politik, Geografie und vor allem Geschichte zur Weiterbildung organisierte Reisen durch Polen unternehmen konnten.[231] Die beispielsweise vom Evangelischen Bildungswerk Berlin durchgeführten Fortbildungsfahrten fokussierten das Reiseziel Oświęcim, wo die Reisegruppen übernachteten.[232] Vereinzelt scheinen sich sogar Kommunen, die keine besondere Bindung an Polen aufwiesen, engagiert zu haben.[233] Das Interesse, mit Lernenden in das sich immer reformorientierter zeigende Nachbarland zu reisen, stieg dementsprechend deutlich an. Seinen zunächst eher exotischen Status als Ziel von Gruppenreisen verlor es zunehmend. Neben Gymnasien interessierten sich nun auch Berufskollegs für einen Austausch und es entstanden erste offizielle Schulpartnerschaften.[234] Unterstrichen wird der Weg vom Nischenangebot zur politisch gewünschten Bildungsreise durch eine Förderlinie, die sich direkt auf den zwischen 1984 und 1994 amtierenden Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bezieht. Der langjährige CDU-Politiker war es, der zum Jahresende 1985 das Deutsche Polen Institut in Darmstadt damit beauftragte, zusätzliche Schulfahrten nach Polen zu organisieren.[235] Im Zentrum standen dabei wechselseitige Besuche von Schülerinnen und Schülern aus beiden Staaten, die zum gegenseitigen Abbau von Vorurteilen und zu einer Verstärkung der deutsch-polnischen Annäherung dienen sollten. Grundlage für die private Stiftung waren von Weizsäckers Einkünfte aus dem Druck seiner viel beachteten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985. Sämtliche Gewinnanteile aus dem Verkauf des Textbandes Von Deutschland aus. Reden des Bundespräsidenten[236], die das Staatsoberhaupt vom Siedler Verlag erhielt, spendete er, um Begegnungen von Jugendlichen aus Deutschland und Polen zu ermöglichen. Mit einem Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet organisierte das Deutsche Polen Institut zwischen Herbst 1986 und Sommer 1990 für mehr als 1.200 Jugendliche aus beiden Ländern die Fahrt ins Nachbarland.[237] Ebenso wie bei den Fahrten der Robert Bosch Stiftung überwog bei den vom Deutschen Polen Institut geförderten Reisen das Kennenlernen des gesamten Landes. Besuche von KZ-Gedenkstätten standen zwar stets im Programmablauf, nahmen aber keine exponierte Position ein. Bedeutung gewinnt von Weizsäckers Programm vor allem aus der politischen Symbolkraft, die von der Initiative eines amtierenden Bundespräsidenten ausgeht. Wenn von Weizsäcker sein privates Vermögen gerade für einen Jugendaustausch mit dem östlichen Nachbarland investierte, so unterstreicht dies das Gewicht, das er derartigen Kontakten als Form der Auswärtigen Kulturarbeit für die Zukunft Europas beimaß. Dass bei diesen vom Staatsoberhaupt persönlich initiierten Reisen ebenfalls das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau stets ein kanonischer Bestandteil der Programme war,[238] bestätigt dessen besondere Stellung für den binationalen Dialog zwischen Polen und Deutschland.

Zugleich bleibt zu fragen, was derartige Schulreisen de facto erreichen konnten. Inhaltlich überrascht an ihnen aus heutiger Sicht vor allem die Fülle an Stationen und die Diversität an Inhalten, die den Gruppen innerhalb von maximal zwei Wochen komprimiert begegneten. Für kaum einen Abschnitt des Programms stand eine längere Zeitspanne zur Verfügung, in der sich die Schülerinnen und Schüler vertieft auf das Gesehene oder Gehörte hätten einlassen oder eigenen Fragen hätten nachgehen können. Vielmehr wurden fast alle Programmpunkte im Frontalvortrag abgehalten, vertiefende Referate fanden häufig sogar während der Überlandfahrten im Bus statt. Die Jugendlichen waren deshalb gezwungen, außerordentlich viele Eindrücke in minimaler Zeit aufzunehmen und zu verarbeiten. Zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Erfahrungen fehlte wohl immer die Zeit. Zwangsläufig folgt daraus die Frage, warum die Reisen in dieser komprimierten Form geplant wurden. Schließlich monierten bereits zeitgenössisch einige Gruppen die Überfrachtung, die sich nicht zuletzt am Beispiel der zu kurzen Aufenthalte in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau manifestierte.[239] Allerdings lag das Problem nicht im noch sehr schwach ausgeprägten Sensorium der Schulen für die reisende Erschließung des Landes Polen oder gar für das Arbeitsfeld Gedenkstätte.[240] Vielmehr konnten die westdeutschen Lehrkräfte über ihre Gruppenprogramme keineswegs frei bestimmen, sondern die beiden staatlichen Jugendreisebüros Almatur und Juventur, die sich das Monopol zur Organisation von Gruppenreisen durch Polen aufteilten, planten den konkreten Ablauf.[241] Alle Modalitäten der Fahrten mussten mit ihnen von Deutschland aus abgeklärt werden, was gewiss nicht immer gelang. Besonders in den ersten Jahren der Förderung gingen die Reiseanbieter kaum auf die Wünsche ihrer Gäste ein.[242] Erst mit der zunehmenden Öffnung und Liberalisierung des Landes gegen Ende der 1980er Jahre trat diesbezüglich eine deutliche Verbesserung ein und die Reisegestaltung konnte aufgelockert oder mit besonderen Schwerpunkten versehen werden.[243]

Bezogen auf die Zeit in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau überwog in den ersten Jahren bis 1989 der Kurzbesuch, so legen es die archivierten Ablaufpläne der schulischen Fahrten nahe. Für die quantitativ größte Förderline, also jene der Robert Bosch Stiftung, lässt sich das gut belegen. Unter den 106 dokumentierten Fahrten verweilten immerhin sechs Reisegruppen nicht einmal für drei Stunden in der Gedenkstätte. Was die Schülerinnen und Schüler dieser immerhin mehr als 5 Prozent an Fahrten bei ihren Besuchen hatten mitnehmen oder gar lernen sollen, ist schwer vorstellbar. Immerhin ein Zeitbudget von bis zu sechs Stunden veranschlagten 46 Gruppen (43,4 Prozent). Den »Lernort« Auschwitz in größerem Umfang kennengelernt haben denn auch nur 21 Gruppen, die am Ort des früheren Lagers einen ganzen Tag einplanten (19,8 Prozent), während in 31 Fällen (36,8 Prozent) eine eindeutige Zuordnung der Verweildauer auf Basis der archivierten Dokumentationen nicht mehr möglich ist. Konkret zeigt sich, dass erst gegen Ende der 1980er Jahre die Verweildauer tatsächlich zunimmt. Dann steigt besonders die Nachfrage nach Ganztagsbesuchen. Dessen ungeachtet spiegeln die Schulbesuche die polnische Museums- und Geschichtspolitik der 1980er Jahre. Die kurze Verweildauer in der Gedenkstätte beschränkte sich vielfach auf einen geführten Besuch durch das ehemalige Stammlager Auschwitz I, in welchem in erster Linie das Leid der polnischen Opfer museal inszeniert war. Davon einen Eindruck zu gewinnen, erschien der polnischen Seite offenbar auch in halbtägigen Programmen möglich. Vertiefungen, etwa in Form von Zeitzeugengesprächen, waren nicht angedacht,[244] zumeist blieb es bei der gelenkten Führung über das Gelände. Dass dies aber schon zeitgenössisch vielen Gruppen nicht ausreichte, belegen die Quellen. Das bemerkenswerteste Beispiel ist sicher eine Schulgruppe, die nicht befriedigt vom Kurzbesuch in Auschwitz I ihr Reiseprogramm sogar grundsätzlich umdisponierte. Dabei nahm die Gruppe auf ihrem Heimweg nach Deutschland sogar einen Umweg in Kauf und fuhr erneut nach Oświęcim, um den Schülerinnen und Schülern eine nochmalige, individuellere Begegnung mit dem historischen Ort zu ermöglichen. Dann fuhr die Gruppe in den zuvor nicht besuchten Gedenkstättenteil Birkenau, ehe es zurück in die Bundesrepublik ging.[245]

Das Beispiel zeigt die Selektivität der Reisegestaltung in den Jahren vor 1989. Der Stellenwert des etwa drei Kilometer vom Stammlager entfernt liegenden Lagers Auschwitz II entsprach nicht den Erwartungen der deutschen Gäste und auch nicht dessen historischer Bedeutung. Besuche in Birkenau fanden häufig überhaupt nicht statt. Wenn die Gruppen es doch besuchten, blieben im extrem knapp bemessenen Zeitbudget kaum Kapazitäten für die Spuren des dort anzutreffenden, vor allem jüdischen Leids.[246] Nur so ist es zu erklären, dass nur knapp 27 Prozent der von der Robert Bosch Stiftung geförderten Fahrten in ihren Programmen oder in den eingereichten Dokumentationen ausweisen, Birkenau besucht zu haben. 38,9 Prozent der Schulen weisen ausdrücklich aus, dass sie nicht in Birkenau waren (keine Angaben finden sich in 37,3 Prozent der Quellen). Offenbar war es also nicht nur möglich, sondern auch üblich, nach Oświęcim zu reisen, dabei aber nur das frühere Lager I, nicht hingegen das ehemalige Lager II in Birkenau zu besuchen.

Die fast völlige Ausklammerung Birkenaus und die oft nur sporadische Einbindung des Stammlagers sagen aber viel über den Stellenwert aus, den die polnischen Reisebüros dem schulischen Besuch im Staatlichen Museum zubilligten. Er gehörte quasi zum Pflichtprogramm der umfangreichen Polenreisen, doch sollte im Mittelpunkt die Vermittlung des staatlich gewünschten Narrativs vom polnischen Martyrium stehen. Diese war garantiert durch den Frontalvortrag der jeweiligen Guides, die die Gruppen über das Gelände führten. Eine vertiefte Auseinandersetzung im Sinne einer individuellen Recherche am historischen Ort oder einer Besichtigung des zentralen Erinnerungsortes der jüdischen Leidensgeschichte in Birkenau entsprachen nicht der staatlich gelenkten Geschichtspolitik, deren Zielsetzungen die Reisebüros verfolgten. Daher sind vor allem die Exkursionen vor 1989 ein Beleg dafür, dass es eben doch einer näheren Erklärung bedurft hätte, warum schulische Gruppen aus Deutschland nach Auschwitz-Birkenau reisen wollten, welche pädagogischen oder geschichtsdidaktischen Ziele dort verwirklicht werden sollten und warum dies als Pflichtprogramm einer schulischen Polenfahrt gelten musste. Während dies vonseiten der bundesdeutschen Lehrkräfte, in einem Fall sogar mit sehr direkter Übernahme von Formulierungen aus Adornos Rundfunkansprache zur »Erziehung nach Auschwitz«, als selbstverständlich vorausgesetzt wurde,[247] zählte eine kritische und vertiefte Auseinandersetzung mit dem »Lernort« Auschwitz nicht zur Intention der staatlichen Stellen in der Volksrepublik.

Nimmt man aber die Reiseberichte der Gruppen als Basis, so beschränkten sich die Zeiten in der Gedenkstätte tatsächlich weitgehend auf reine Frontalvorträge zu Fragen des polnischen Leids. Gleichwohl ließ das zahlreiche Gruppen in sehr nachdenklicher Stimmung zurück,[248] während sich in den Berichten zugleich umfassende Kritik an der politischen Instrumentalisierung des Ortes findet. Dabei richtet sich der Blick weniger auf die Ausblendung des jüdischen Leids. Da viele Jugendliche kaum mit dem früheren Lager in Berührung kamen, sie eigentlich nur kurz hindurchgeführt wurden, ist dies wohl auch nicht zu erwarten. Aber im Zuge des Ost-West-Konflikts formulierten die Lernenden immer wieder Bemerkungen, die auf eine Missstimmung bei den westdeutschen Besuchergruppen schließen lassen. Moniert wurde vor allem der sowjetische Einfluss auf die Museumsgestaltung[249] sowie der einführende Dokumentarfilm zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee (»politisch subjektiver Film«[250] oder »so roter schwarz-weiß Film«[251]).

Mit dem Systemwechsel wandelte sich dann nach 1990 auch der Besuchsaufbau in der Gedenkstätte. Bereits die Jahre, in welchen die Robert Bosch Stiftung noch bis 1991 schulische Fahrten unterstützte, belegen das. Für diesen Zeitraum sind weitere 61 Berichte archiviert. Unter ihnen findet sich nur noch eine einzige Schule, die weniger als drei Stunden im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau verweilte. Dagegen blieben 26 Reisegruppen für einen vollen Tag, vier weitere sogar für mehrere Tage. Der Aufenthalt hatte also massiv an Bedeutung gewonnen. Die Gedenkstätte war nicht mehr nur Teil eines »Hop-On-Hop-Off«-Tourismus, sondern rückte als historischer Ort ins Zentrum der Fahrten. Das unterstrich die gesteigerte Einbeziehung Birkenaus. War es in den ersten Jahren oftmals völlig unbeachtet geblieben, so besuchten nun sehr viele Gruppen das Lager Auschwitz II. Immerhin fuhren 43 von 61 Schulen nun auch nach Birkenau, wenngleich aus den Programmen nicht nachzuweisen ist, was dort diskutiert wurde. Oft blieb es bei einem Blick auf die Dimensionen des Lagers oder einem Aufstieg in das Obergeschoss des Torhauses. Doch diese Kurzbesuche wurden von den Gruppen wiederholt kritisiert,[252] zumal Jugendliche, die Birkenau besucht hatten, dessen emotionale Komponente deutlich über jene des zuvor besuchten Stammlagers stellten.[253]

3.2 Zunehmende Fokussierung auf die Gedenkstätte

Schon vor dem Paradigmenwechsel in der Organisation der schulischen Fahrten nach Polen rückte die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in der Bundesrepublik stärker in den Blick. Zunehmend wurde es auch als ausgewiesener Ort der historischen und politischen Bildung angesehen, weshalb das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau zum Reiseziel wurde. Zeigen lässt sich dies beispielsweise an der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung. Schon seit 1967 war sie in der Unterstützung von Gedenkstättenfahrten aktiv, doch bei den ersten Reisen handelte es sich noch um Fahrten innerhalb der Bundesrepublik. Erst im April 1986 bewilligte die Wiesbadener Stelle erstmals eine schulische Exkursion, die als Ziel Oświęcim anpeilte. Die Fahrt der Beruflichen Schulen des Wetteraukreises belegt zugleich, dass nun nicht mehr nur Rundfahrten durch Polen mit einem Zwischenstopp attraktiv waren, sondern dass sich das Interesse zunehmend auf Gedenkstättenfahrten zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau konzentrierte.[254]

Derartige Initiativen jenseits der Robert Bosch Stiftung gewannen in der Folge rasch an Bedeutung, da sich die Stuttgarter Industriestiftung aus ihrem Engagement im Bereich der Schulfahrten im Jahr 1991 zurückzog. Schon seit dem Anstieg der Förderanträge im Verlauf der späten 1980er Jahre hatte man überlegt, in welche Hände man das stark nachgefragte Programm würde übergeben können. Doch erst im Jahr 1991 zeichnete sich dafür eine Lösung ab, da nach dem Vorbild des Deutsch-Französischen Jugendwerks eine ähnliche Institution für die Zusammenarbeit mit dem östlichen Nachbarland entstand. Das Deutsch-Polnische Jugendwerk mit Sitz in Warschau und Potsdam übernahm die Unterstützung aller Jugendkontakte zwischen dem nun demokratischen Polen und dem wiedervereinigten Deutschland. In seine Zuständigkeit fiel somit auch die schulische Kontaktpflege.[255] Zentral für seine Arbeit sollte die Überwindung der Gewalterfahrungen der jüngeren Geschichte beider Staaten sein.[256] Wenngleich sich die praktische Tätigkeit auf den Austausch von binationalen Gruppen konzentrierte, gab es beim DJPW seit dessen Gründung den Förderungsbereich »Gedenkstättenfahrten«. Allerdings wich dieser von der generellen Systematik der binationalen Institution insofern ab, als in diesem Programm nur mononationale Fahrten in das jeweils andere Land gefördert wurden. Eine Kooperation oder ein Austausch mit einem Partner im Nachbarland war nicht zwingend notwendig,[257] sodass sich deutsche Einrichtungen schulischer wie außerschulischer Bildungsarbeit um die Unterstützung reiner Gedenkstättenfahrten nach Polen bemühen konnten.

Die bereits im Einleitungsteil beschriebene, für die wissenschaftliche Forschung unglückliche Quellensituation zur Arbeit des Deutsch-Polnischen Jugendwerks erlaubt keine vertieften Einblicke in dessen frühe Förderungspolitik. Erst für die Zeit ab Mitte der 2000er Jahre lassen sich statistische Angaben fassen, die dann für die nachfolgenden Jahre konkreter werden. Auf Basis der veröffentlichten Jahresberichte lässt sich beispielsweise rekonstruieren, dass der Anteil der geförderten, zweistaatlichen Projekte in der polnischen Woiwodschaft Kleinpolen, in der Oświęcim liegt, zwischen 2007 und 2013 massiv zunahm. Die Zahl der bewilligten Projekte stieg von 135 auf 303 an.[258] Obwohl bei diesen Daten schulische wie außerschulische Programme erfasst sind, belegen sie, wie prägend Oświęcim war. Allein unter den in der Region bewilligten 285 Projekten des Jahres 2014 finden sich nicht weniger als 166, die in der Stadt selbst durchgeführt wurden.[259]

Bei den Gedenkstättenfahrten, die nicht in einem binationalen Begegnungsprogramm durchgeführt wurden, stellte sich die Sachlage nochmals differenzierter dar. Obwohl das Förderprogramm ab 1991 bestand, liegen Zahlen zu den Bewilligungen auch hier erst ab dem Jahr 2008 vor. Zudem blieb in den seit 2007 publizierten Jahresberichten die Förderung von Gedenkstättenfahrten gänzlich unberücksichtigt. Da sie der Systematik des auf den grenzübergreifenden Austausch ausgerichteten Arbeit des DPJW widersprachen, ist anzunehmen, dass sie innerhalb des Hauses wenig nachdrücklich beworben und umgesetzt wurden. Dies dokumentieren nicht zuletzt die Formulare, die alle Bewilligungsempfänger mononationaler Fahrten auszufüllen hatten. Sie erfragten bei den Antragstellenden, ob die deutschen Gäste auch mit dem polnischen Alltagsleben in Kontakt getreten seien.[260] Einige Reiseleitungen verneinten dies gänzlich[261] oder verwiesen auf die obligatorischen, geführten Rundgänge in Oświęcim oder Krakau.[262] Deshalb forderte das DPJW die Interessierten unmissverständlich auf, von den mononationalen Fahrten abzurücken, indem ab März 2014 alle Formulare den ausdrücklichen Verweis auf eine mögliche Förderung im Rahmen von binationalen Begegnungsprogrammen enthielten.[263] Doch darauf formulierten einzelne Bewilligungsempfänger ihr gänzliches Desinteresse an einem Austausch mit polnischen Partnern (»Nein, wir sind nicht am Aufbau einer Zusammenarbeit interessiert«[264]), andere betonten die Bedeutung der »nationalen Aufarbeitung« für die »eigene Identität« und begründeten damit ihre rein deutschen Exkursionen ins Nachbarland Polen und ihren dezidierten Verzicht auf kooperative Formen des Gedenkstättenbesuchs.[265] Auf Basis derartiger Aussagen wird möglicherweise verständlich, warum die Gedenkstättenförderung innerhalb des DPJW eher wenig euphorisch betrieben wurde.

Zur konkreten Nachfrage nach dem Förderprogramm lassen sich erst ab dem Jahr 2008 exakte Daten nachweisen. Demnach war die Unterstützung von Gedenkstättenfahrten lange eine Nische geblieben. Aus ganz Deutschland förderte das Deutsch-Polnische Jugendwerk stets zwischen 30 und 40 Gruppen, die Zahl der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler pendelte um die 1.000. Im Jahr 2013 aber, also nach dem Beginn der flächendeckenden Arbeit der Stiftung Erinnern ermöglichen, verdoppelte sich die Projektzahl schlagartig auf 76 Anträge mit 2.419 teilnehmenden Personen, weshalb die eingesetzten Mittel deutlich aufgestockt werden mussten.[266] In der Folge stellte das Deutsch-Polnische Jugendwerk die Förderlinie zu den Gedenkstättenfahrten ein und legte ab dem Jahr 2015 das neue Programm »Wege der Erinnerung« auf, mit welchem ausschließlich kooperativ durchgeführte Gedenkstättenbesuche unterstützt werden.[267] Damit knüpft es an die eigene Arbeit früherer Jahre an, so etwa an eine Handreichung aus dem Jahr 1996, die dezidiert danach gefragt hatte, ob an einem ebenso umstrittenen wie prominenten Erinnerungsort wie Auschwitz überhaupt ein gemeinsames, polnisch-deutsches Lernen möglich sein könne.[268]

Für das Jahr 2013, in dem die Antragszahlen in Deutschland auf 76 schulische und 50 außerschulische Bewilligungen angestiegen waren und auch von Polen aus mit 28 Bewilligungen mehr als dreimal so viele Fahrten zu ehemaligen Konzentrationslagern in Deutschland unternommen worden waren, lässt sich das belegen. Von den 154 bewilligten mononationalen Fahrten gingen 28 nach Deutschland (Sachsenhausen 12, Ravensbrück 8, Dachau 6, Flossenbürg und Neuengamme je 1), während nach Polen 126 Gedenkstättenfahrten gefördert wurden. Unter ihnen dominiert ganz eindeutig der Besuch im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Nicht weniger als 116 Gruppen reisten dorthin – was einem Prozentsatz von über 92 Prozent gleichkommt. Die beiden einzigen anderen früheren NS-Lager, die überhaupt von deutschen Schulen im Jahr 2014 im Rahmen der Gedenkstättenförderung des DPJW noch besucht wurden, waren diejenigen in Majdanek und Sztutowo/Stutthof. Schon ihr Anteil an den Reisen ist mit nur 5,5 Prozent bzw. 2,4 Prozent minimal.[269] Die anderen historischen Orte in Polen blieben völlig außen vor. Zugespitzt ließe sich sagen: Wer 2014 als deutsche Schulklasse nach Polen zu einer Gedenkstättenfahrt aufbrach, fuhr fast zwangsläufig zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau.

Aus den sicherlich methodisch ungenauen Zahlen des Deutsch-Polnischen Jugendwerks lässt sich zugleich ablesen, wie sehr die Nachfrage nach Gedenkstättenreisen ins heutige Polen vor allem nach 2005 anstieg. Parallel zum wachsenden Besucherinteresse am Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau entdeckten zunehmend deutsche Schulen ihr Interesse an dem als besonders ergiebig angesehenen Lernort, obwohl dieser im Ausland lag und mit erheblichem Mehraufwand an Zeit, Logistik und Finanzmitteln verbunden war. In den Jahren nach der Wiedervereinigung war eine solche Tendenz noch nicht festzustellen gewesen, da sich die intensive Debatte auf die Zukunft des Erbes innerhalb der nationalen Grenzen konzentrierte. Ausgelöst von der ursprünglichen Erwartung, das Interesse an der Erinnerung an den Nationalsozialismus werde im Schatten der DDR-Diktatur erlahmen, zeigte sich schnell, wie wichtig das Gedenken an die erste deutsche Diktatur des 20. Jahrhunderts bleiben sollte. Ulrich Herbert konstatiert für die 15 Jahre nach 1990 den Zeitraum mit der intensivsten öffentlichen Debatte über die NS-Vergangenheit.[270] Es konstituierten sich nicht zuletzt die Gedenkstätten innerhalb der Bundesrepublik neu und ihre Tätigkeit wurde im Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung im Jahr 1999 langfristig institutionell verankert.[271] Volkhard Knigge geht so weit, die NS-Gedenkstätten seither zur »kulturellen Grundausstattung der Bundesrepublik«[272] zählen zu wollen.

In diesem Umfeld fand zwar die Debatte um verpflichtende Schulbesuche an NS-Gedenkstätten für alle bundesdeutschen Lernenden neue Nahrung,[273] doch beschränkte sich die öffentliche Diskussion weitgehend auf die Gedenkstättenbesuche innerhalb des wiedervereinigten Landes. Auch wenn gerade für diesen Zeitraum kaum belastbare Daten zu den schulischen Reisen nach Oświęcim vorliegen, steht zu vermuten, dass relativ wenige Exkursionen aus Deutschland durchgeführt wurden.[274]

Erst gegen Ende der 2000er Jahre rückte Auschwitz wieder in den Blick einer größeren Öffentlichkeit. Ursache dafür war die alarmierende Diagnose, der bauliche Zustand der dortigen Relikte sei so schlecht, dass es umfangreicher Sofortmaßnahmen bedürfe, um den historischen Ort vor dem Zerfall zu retten.[275] Der Hilfsappell aus Polen stieß besonders in Deutschland auf offene Ohren, wo Bund und Länder sich auf die Gründung der Stiftung Auschwitz-Birkenau verständigten.[276] Diese denkmalschützende Initiative verfolgten Roswitha und Erich Bethe, die sich zuvor als Mäzene auf anderen Feldern eingebracht hatten. Nach einer gemeinsamen Reise nach Oświęcim entschloss sich das Ehepaar zu einer operativen Unterstützung der Erinnerungskultur. Dabei dachten sie zunächst an Instandsetzungsarbeiten, lenkten ihr Interesse dann auf die pädagogische Auseinandersetzung mit den Geschehensorten und vereinbarten mit der Landesregierung des größten deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen den Aufbau einer engen Kooperation. Mit dieser Zusammenarbeit gewann Auschwitz als Exkursionsziel deutscher Schulen enorm an Bedeutung und NRW nahm für einige Jahre eine besonders exponierte Stellung in der Förderung und Abwicklung von Schulexkursionen nach Oświęcim ein. Unter dem Titel Die Stiftung Erinnern ermöglichen wurde ein Angebot aufgelegt, das künftig allen Schülerinnen und Schülern des Bundeslandes – langfristig hatte man sogar vor, der gesamten Schülerschaft Deutschlands derartige Exkursionen zu ermöglichen – die Chance eröffnen sollte, persönlich eine Gedenkstättenfahrt zu einer Stätte des NS-Massenmordens im heutigen Polen zu unternehmen. Theoretisch waren in der Förderung der Stiftung Erinnern ermöglichen also auch Exkursionen zu Orten »jenseits« von Auschwitz-Birkenau möglich. In Werbebroschüren wurde dies herausgestellt und auf die zugeschriebenen Potenziale von Besuchen in Bełżec, Sobibór, Treblinka, Majdanek und Kulmhof/Chełmno verwiesen.[277] Doch schon in der öffentlichen Kommunikation der Stiftung selbst spielte vor allem das Reiseziel Auschwitz eine Rolle,[278] was sich in den Bewilligungen widerspiegelt. Zur Finanzierung versprachen die Stifter jährlich eine Million Euro bereitzustellen, wenn das Land NRW für anfallende Verwaltungskosten 50.000 Euro in das Projekt einbringe. Angedacht war, jeden teilnehmenden Jugendlichen mit 200 Euro zu unterstützen. Mit dem Beginn des Schuljahres 2010/2011 trat das Programm in Kraft und ermöglichte den ersten Schulen eine Exkursion.[279]

Die Stiftung Erinnern ermöglichen verlieh schulischen Gedenkstättenfahrten nach Polen damit quantitativ eine neue Dynamik, die sich sogar in den Statistiken der Gedenkstätte selbst nachweisen lässt. Separat erfasst werden dort alle Gäste, die bis zu 26 Jahre alt sind. In den Jahren zwischen 2004 und 2009 schwankte deren Zahl zwischen 20.000 und 25.000. Mit den zusätzlichen Personen, die durch die Förderung der Stiftung Erinnern ermöglichen nach Auschwitz-Birkenau kamen und der zusätzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit, die durch die nordrhein-westfälische Initiative für schulische Reisen zur Gedenkstätte entstand, wuchsen auch die Zahlen der Jugendlichen, sodass die Statistik in den Jahren 2012 mit 39.212, 2013 mit 38.041, 2014 mit 41.074 und 2015 mit 38.458 Personen neue Rekordmarken für Gäste aus Deutschland im Alter bis 26 Jahren erklomm.[280]

Fahrten nach Oświęcim hatten damit eine neue Quantität und Qualität erreicht. Immerhin war es zumindest für das Bundesland an Rhein und Ruhr erstmals nicht mehr nur das persönliche Engagement einzelner Lehrkräfte oder ausgewählter Schulen, die ursächlich für Gedenkstättenfahrten nach Polen waren,[281] sondern mit der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen und dem Ministerium für Schule und Weiterbildung unterstützten die obersten Dienststellen des Landes derartige schulische Studienfahrten.[282] Nachdem Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) den Kontakt zwischen der Stiftungsinitiative und den Landesbehörden hergestellt hatte, war er es noch, der, mit Verweis auf die Auschwitz zugeschriebene »Wirkmacht dieses Ortes«[283] nach der für seine Regierung verlorenen Landtagswahl vom Mai 2010 das Programm am 2. Juni 2010 der Öffentlichkeit vorstellte.[284] Innerhalb der nachfolgenden rot-grünen Koalition nahm Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) den Faden auf und förderte die Gedenkstättenfahrten politisch. Sie setzte sich nicht nur in ihrer Zeit als Ministerin und als Vorsitzende der Gemeinsamen Kultusministerkonferenz für eine generelle Aufwertung des historisch-politischen Lernens an außerschulischen Lernorten insgesamt ein,[285] sondern sie unterstrich ihre Wertschätzung für Exkursionen nach Oświęcim, indem sie jährlich mit Schulgruppen zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau reiste.[286] Diese publizistisch stark beachteten Fahrten lenkten das schulpolitische Interesse auf den »Lernort« Auschwitz.[287] Letztendlich war es Löhrmann bei ihren höchst symbolisch aufgeladenen Fahrten ein »besonderes Anliegen, die wichtige Zielsetzung der Stiftung Erinnern ermöglichen zu unterstützen«[288], wie es in einer Kabinettsvorlage aus dem Jahr 2012 ausdrücklich hieß.

Wenig verwunderlich ist es also, wenn mit dem Arbeitsbeginn der Stiftung Erinnern ermöglichen eine quantitativ neue Dimension der Reisen aus Nordrhein-Westfalen nach Oświęcim einherging. Alleine im ersten Jahr half die Stiftung bereits 55 Schulen mit 2.843 Lernenden in finanzieller Form. In den Folgejahren stieg die Nachfrage nochmals merklich an. Zusätzliche Schulen machten ebenfalls von dem Angebot Gebrauch. Im Jahr 2013 unterstützte die Stiftung insgesamt 130 Exkursionen, im darauffolgenden Jahr 115.[289] Damit reisten jeweils mehr als 4.000 Schülerinnen und Schüler zu vormaligen Stätten des NS-Terrors. Dies schlug sich zwar, wie skizziert, auch in steigenden Gästezahlen in der Gedenkstätte nieder, bezogen auf das ursprüngliche, selbst gesteckte Ziel der Stiftung, ausnahmslos allen Lernenden des größten deutschen Bundeslandes eine Studienfahrt nach Oświęcim möglich zu machen, blieb Erinnern ermöglichen gleichwohl weit hinter den Erwartungen zurück. Noch nicht einmal im Bereich der Gymnasien – der Schulform, die mit großem Abstand die meisten Reiseanträge einreichte und für den Zeitraum zwischen 2011 und 2015 mit 46,9 Prozent fast die Hälfte aller Bewilligungen ausmachte – konnte eine Förderung für jeden Lernenden in NRW erreicht werden. Für alle anderen Schulformen, die mit weitem Abstand folgten, erwies sich der Ansatz geradezu als utopisch.[290]

Gleichwohl war das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau als schulisches Exkursionsziel mit dem nordrhein-westfälischen Programm deutlich bekannter geworden, wozu zahlreiche Exkursionsberichte in den jeweiligen Lokalzeitungen der antragstellenden Schulen ihren Teil beitrugen.[291] Landesweit rechneten Bildungseinrichtungen daraufhin mit einer langfristigen Unterstützung durch die Stiftung Erinnern ermöglichen und verankerten die Exkursionen nach Oświęcim als festen Bestandteil ihrer Jahresprogramme. Gedenkstättenfahrten zählen seither zu vielen hausinternen Curricula ebenso wie zu den ausgewiesenen Schulprofilen von Bildungseinrichtungen aller Schulformen.[292]

Ab dem Jahr 2015 ergaben sich aber seitens der Stiftung Erinnern ermöglichen offenbar finanzielle Engpässe, die zunächst zur Kürzung der Zuschüsse für die einzelnen Reisegruppen führten. Im Zuge dessen stellte die Stiftung beispielsweise die regelmäßige Förderung der von Lernenden erstellten (und dieser Auswertung als Quellenbasis maßgeblich zugrunde liegenden) Abschlussdokumentationen ein,[293] die zuvor selbstverständlich im Nachklang zur Fahrt gefördert worden waren.[294] Wirtschaftliche und inhaltliche Differenzen veranlassten das Ministerium für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen im Jahr 2017, die Kooperation mit der Stiftung Erinnern ermöglichen zu beenden.[295] Seither ist es für Schulen und andere Bildungseinrichtungen aus Nordrhein-Westfalen nicht mehr möglich, bei der bislang vertrauten Institution einen Zuschuss zu den anfallenden Reisekosten zu erhalten. Das Land verlor damit seine Vorreiterstellung bezüglich des singulären Reiseziels Auschwitz-Birkenau. Es fand aber, wie noch darzustellen sein wird, neue Ansätze, um die Arbeit mit historischen Orten im Unterricht weiterhin zu fördern.

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23 July 2025
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458 p. 15 illustrations
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9783835346215
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