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Christian Garve

Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066112288

Inhaltsverzeichnis

Vorrede des Herausgebers.

Erster Brief.

Zweyter Brief.

Dritter Brief.

Vierter Brief.

Fünfter Brief.

Sechster Brief.

Siebenter Brief.

Achter Brief.

Neunter Brief.

Zehnter Brief.

Eilfter Brief.

Zwölfter Brief.

Dreyzehnter Brief.

Vierzehnter Brief.

Funfzehnter Brief.

Sechzehnter Brief.

Siebenzehnter Brief.

Achtzehnter Brief.

Neunzehnter Brief.

Zwanzigster Brief.

Ein und zwanzigster Brief.

Zwei und zwanzigster Brief.

Drey und zwanzigster Brief.

Vier und zwanzigster Brief.

Fünf und zwanzigster Brief.

Sechs und zwanzigster Brief.

Sieben und zwanzigster Brief.

Acht und zwanzigster Brief.

Neun und zwanzigster Brief.

Dreyßigster Brief.

Ein und dreyßigster Brief.

Zwey und dreyßigster Brief.

Drey und dreyßigster Brief.

Vier und dreyßigster Brief.

Fünf und dreyßigster Brief.

Sechs und dreyßigster Brief.

Sieben und dreyßigster Brief.

Acht und dreyßigster Brief.

Vorrede des Herausgebers.

Inhaltsverzeichnis

Die Freundin Garve’s hat bey der Herausgabe dieser Briefe keine andere Absicht, als mit allen Freunden und Verehrern des guten Mannes ein kleines, ihr sehr theures Erbtheil von ihm zu theilen. Daß dieser Gedanke ihrem eignen Herzen und ihrer Gesinnung gegen ihren verstorbenen Freund wohlthun, ist sie gern geständig. — So wenig auch Garve’s gelehrter Nachlaß dadurch um ein Bedeutendes vermehrt werden mag, so kann doch auch der Gelehrte sich wohl dieser Briefe freuen; er sieht in ihnen den Geist blühen, von dem er die Früchte kennt und schätzt. Was man von Schriftstellern nicht heraus geben muß, sind taube Blüthen und unreife Früchte; von einem philosophischen Geiste ist die Blüthe so angenehm, als die Frucht stärkend; und wenn ein Mann etwas geworden ist — dann wird der Welt die Frage interessant: wie wurde er es? — Diese Briefe enthalten vielleicht manche interessante Data zur Beantwortung der Fragen: Wie war Garve, der Jüngling? — Wie früh war sein Geist gereift, gefaßt, in sich gegründet? — Wie wurde Garve, der Mann? — Wie entwickelte sich der Plan seines Lebens? — Wie wurde Garve, der Schriftsteller? — — Diese Briefe sind unmittelbar vor seiner Bearbeitung des Cicero geschrieben, und man kann sie in mehr als einer Hinsicht als einen Eingang in sein öffentliches schriftstellerisches Leben ansehen.

So viel für diejenigen, die in diesen Briefen Garven, den Gelehrten, suchen. Diese und alle gute Menschen, denen dieselben in die Hände kommen, mögen sich freuen — dieß ist der lebhafteste, ja ich kann wohl sagen, der einzige Wunsch der Herausgeberin, ihren Freund hier in den ersten, reinsten, natürlichsten Verhältnissen des Lebens zu sehen, Garven, den Sohn, — den Freund — und den Menschen. — Hier kann ihn der Gute lieben, der den Gelehrten nicht kennt; und gern wird vielleicht der Gelehrte sein philosophisches Werk einen Augenblick hinlegen, um mit dem menschlichen Verfasser desselben einige Zeit im Zirkel seiner Familie, seines Jugendlehrers, und seiner Freunde, zuzubringen.

Dieß sind die Gedanken der Freundin Garve’s bey der Herausgabe dieser Briefe, nach welchen sie wegen derselben von dem Publikum beurtheilt zu werden wünschen muß.

Vertraute Briefe

an

eine Freundin.

Erster Brief.

Inhaltsverzeichnis

Dienstags Nachmittags um 3 Uhr,

den 11. May, 1767.

Endlich bin ich wieder bey Ihnen, und vergesse in diesem Augenblicke alle die Schwermuth, den Verdruß, und die Langeweile, die ich seit unserer Trennung ausgestanden habe. Wir haben es uns hundert Mal gesagt, daß die empfindlichen Herzen mehr zum Leiden als zur Freude gemacht sind. Und wenn ich der Sympathie, die alle unsere Neigungen einander so gleich gemacht hat, trauen darf, wenn meine Empfindungen den Ihrigen ähnlich waren, so sind Sie diese drey Tage über nicht glücklich gewesen. Zuerst eine mehr süße als unangenehme Schwermuth, aber bald darauf eine finstere und traurige Melancholie, die alle Ideen der Seele in ihre Farbe kleidete, und selbst der Hoffnung nicht zuließ, sie zu trösten.

Ich finde, daß ich gemeiniglich in dem Augenblicke, wenn mir ein Unglück widerfährt — und unsere Trennung halte ich für eins — mehr bestürzt als traurig bin. Die Geschwindigkeit, mit welcher es mich überrascht, benimmt mir die Fähigkeit darüber nachzudenken. Ich werde einiger Maßen fühllos, ich erstarre. Aber wenn mein Gemüth wieder ruhig genug ist, die Größe und die Folgen des Uebels zu überlegen; wenn es sich die Scenen des Vergnügens wieder vorstellt, deren es jetzt beraubt ist; wenn es von da sich zu den künftigen Aussichten wendet; dann wird erst sein ganzes Gefühl rege, und alle seine Kräfte vereinigen sich bloß dazu, es in der Traurigkeit zu unterhalten.

Ich bin Ihnen noch so nahe, und es scheint mir eine unermeßliche Entfernung zu seyn. Und doch werde ich Ihnen in einem halben Jahre nicht näher kommen, — vielleicht niemals. Aber lassen Sie mich diese unglückliche Furcht unterdrücken. Ich sehe Sie wieder.... Mein Herz ist mir dafür Bürge, das der Himmel nicht umsonst mit dem Ihrigen so sympathetisch gemacht hat. Selbst unter einem entfernten Himmelsstriche würde ich Sie geliebt haben, ohne Sie zu kennen, — eine Person, die Ihnen ähnlich wäre, eine zweyte Wilhelmine. Und nun, da uns die Vorsicht zusammen gebracht hat, da wir uns haben kennen lernen müssen, da wir diesen geheimen Zug der Aehnlichkeit in uns entwickelt, unsere Seelen gegen einander gehalten, und sie so ähnlich gefunden haben, als zwey freundschaftliche Seelen seyn müssen; da wir überzeugt worden sind, daß dieses höchste Geschenk der Gottheit, die Freundschaft, für unsere Herzen gemacht ist: nun sollten wir einander auf immer verlassen? um wieder in der Welt nach einer uns verwandten Seele zu suchen und zu seufzen, und sie vielleicht nicht zu finden.

Sie sehen, ich schreibe stolz. Ich nenne mich keck Ihren Freund; und zwar in der hohen Bedeutung, in welcher dieses Wort nur selten gebraucht wird. Aber wen sollte auch Ihre Gütigkeit nicht stolz machen. Mein Herz ist noch von derjenigen gerührt, die Sie mir den letzten Tag erwiesen haben. Wie oft habe ich mir nicht die Auftritte dieses Tages von meiner Einbildungskraft wieder vorspielen lassen! Und immer verweilte ich mich bey dem Augenblicke, wo ich in einer Bestürzung, die mich von meinen Bewegungen nicht mehr Herr seyn ließ, meinen Huth suchte, und Sie mir das unerwartete Vergnügen ankündigten, daß ich noch einen halben Tag länger bey Ihnen seyn könnte. Niemals hat man eine freundschaftlichere Gefälligkeit zu einer gelegenern Zeit gethan, zu einer so gelegenen Zeit, daß ich Ihnen die Grausamkeit vergebe, daß Sie mich die Angst des Abschieds haben zwey Mal empfinden lassen.

Ich sollte Ihnen nun meine Reise beschreiben. Ich wollte sie Ihnen beschreiben. Ich habe jede Kleinigkeit bemerkt, von der ich hoffte, daß sie entweder einer kleinen Satyre fähig wäre, oder, durch Ihre freundschaftliche Theilnehmung an allem was mich betrifft, Ihnen wichtig seyn könnte. Ich hatte in meinen Gedanken eine ganz kleine Sammlung von solchen Zügen, und schon dachte ich mit Eitelkeit an die Reisebeschreibung, die ich daraus zusammensetzen wollte. Aber dieses war noch in der ersten Zeit, wo der Einfluß Ihrer noch nicht längst verlornen Gegenwart meiner Seele noch Muth und eine gewisse Munterkeit erlaubte. Aber seit diesem Zeitpunkte sind alle jene Ideen weggewischt worden. Der Schmerz hat sie alle so einförmig gemacht, daß ich sie nicht ohne Mühe, und gewiß ohne Anmuth aus ihrer Dunkelheit hervorziehen würde. Also will ich Ihnen nur kurz sagen, daß ich meine Reisegesellschaft nicht genauer kennen gelernt habe, als wir sie im Wirthshause schon kannten, ausgenommen, daß der Macedonier ein großer Schläfer war, den ich herzlich beneidete, durch die ärgsten Stöße niemals in seiner Ruhe gestört zu werden; daß der Herr Magister sehr wenig sprach, und daß dieses Wenige alle Mal etwas kraftloses und langweiliges war; daß mein Nachbar ein Kaufdiener, und noch ein vierter ein Dreßdner war.

Ich selbst habe den Postwagen in W*** verlassen. In der That war es beynahe eine Unbesonnenheit, die ich beging. Die Sache war so. Der Postwagen war auf das erschrecklichste befrachtet. Eine Menge Geldfässer und anderer schwerer Waren! Vier elende und abgetriebene Pferde würden ihn mit Mühe und Noth bey dem besten Wege gezogen haben. Aber dieser war entsetzlich. Aus einem Loch ins andere! Ich stieg drey bis vier Mal ab. Ich ging zu Fuß. Aber so oft ich wieder aufstieg, verschlechterte sich alle Mal der Weg. Das Gewicht des Wagens machte, daß er bey jedem Abhange sehr stark schwankte; wir waren zwey Mal in der größten Gefahr gewesen, umzuwerfen. Endlich bemächtigte sich die Furcht meiner. Ich dachte an den schrecklichen Fall bey B***werda. Ich fuhr beständig in Angst. Wir erreichten endlich W***. Einer von der Gesellschaft, eben der Dreßdner, der eben so furchtsam wie ich war, nahm hier Extrapost für sich bis H****burg. Ich entschloß mich, ihm Gesellschaft zu leisten. In der That war es unüberlegt: denn ich hatte mit genauer Noth so viel Geld bey mir, als nöthig war; und meinen Koffer hatte ich auf der ordinären zurück gelassen.

Wir kamen um 9 Uhr nach H***burg. Ich fand keinen Menschen aus G****dorf. Man erwartete mich erst Montags. Ich wußte also von neuem nicht, wie ich nach G****dorf hinüber kommen sollte. Ich erwartete erstlich die ordinäre Post, um meinen Koffer zu haben. Ich ganz allein, in der Poststube, wo ein durch die jetzigen Meßexpeditionen abgematteter Postschreiber auf einem Stuhle schlief, bey einem kleinen einsamen Lämpchen, hatte alle mögliche Zeit zur Schwermuth. In der That brachte ich die Stunden höchst traurig zu. Endlich kam mein Koffer. Ich nahm noch einmal Extrapost nach G****dorf. Hier kam ich um 11 Uhr an. Meine Freunde, oder vielmehr mein Freund, der eben zu Bette gehen wollte, empfing mich liebreich.

Hier lebe ich nun nicht mit der düstern Melancholie, die durch die Einsamkeit genährt wird, aber in einem gewissen Tiefsinn, den man mir auch anmerkt. Ich habe kaum diesen Augenblick finden können. Man ruft mich schon etliche Mal, und ich muß nothwendig den Brief endigen, ob ich gleich nicht den hundertsten Theil von dem gesagt habe, was ich Ihnen sagen wollte. Was für eine elende, unvollkommene Art der Unterredung ist doch ein Brief! Gott segne Sie. Von ganzem Herzen

der Ihrige.

Zweyter Brief.

Inhaltsverzeichnis

G***dorf, den 28. May, 1767.

Ich reise diesen Augenblick von hier nach H****burg. Dort erwarte ich Hr. M.. und mit ihm — das angenehmste, was ich in meinen gegenwärtigen Umständen erhalten könnte, Ihre eigne Gegenwart ausgenommen.

Ich fange an, das Leben als eine lange und oft beschwerliche Reise anzusehen, auf der wir von einem höhern Führer geleitet werden. Von Zeit zu Zeit kommen einige angenehme Ruheplätze, wo wir uns nur erholen sollen, und wo wir ganz und gar zu wohnen wünschen. Ihr Haus und ihre Gesellschaft war einer von diesen. Ich fing schon an in demselben zu vergessen, daß ich bloß zur Fortsetzung meiner Reise gestärkt werden sollte. Es kommt der fürchterliche Befehl zum Aufbruche. Ich verlasse in einer Art von Betäubung den angenehmen Aufenthalt. Endlich kommt meine Empfindung wieder; aber nur um mich meinen Verlust fühlen zu lassen. Lange, lange sehe ich mit einer zaudernden Sehnsucht nach dem gewünschten Orte zurück, indeß ich mich immer mehr von ihm entferne. Dort, dort, sage ich, ist meine Freundin, und ich reise nach der entgegenstehenden Gegend. Von einem unbefriedigten Verlangen zur Schwermuth ist nur ein einziger Schritt. Endlich verlieren sich alle diese schmerzhaften Ideen in dem Gedanken an meinen großen und gütigen Anführer. Er ist zugleich der Führer meiner Freundin. In ihm, unserm gemeinschaftlichen Vater, vereinigen sich wieder unsere Seelen, wenn sie auch durch noch so weite Entfernungen von einander getrennt sind. So ist der Schmerz oft unser Lehrer; und eine menschliche Seele, die niemals traurig gewesen wäre, müßte gewiß lasterhaft seyn.

Die Pferde sind angespannt, alles ist fertig. Ich schreibe mitten unter dem Geräusch. — Ich bin unaufhörlich

der Ihrige.

Dritter Brief.

Inhaltsverzeichnis

B***, den 3. Juni.

Fleuch, Brief, eile, so geschwind wie meine Gedanken, um es meiner besten Freundin zu sagen, daß ich meine Reise überstanden, daß ich meine Mutter wieder gesehen habe, und daß ich mich doch über beydes nur halb so sehr freue, als wenn sie mit daran Theil nähme.

O meine gefühlvolle Freundin, was wäre das für eine Scene für Sie gewesen, da ich meine Mutter wieder sah. Denken Sie nur. Sie wußte nicht ein Wort davon, daß ich Sonntags kommen würde. Der Himmel hatte sogar zu meinem Glück den Brief unrichtig gehen lassen, worin ich es Ihr von G****dorf aus meldete. Sie war den Tag zuvor mit meinem alten Lehrer (den Sie schon kennen und hochschätzen) dem Hrn. Ringeltauben, vom Lande herein gekommen. Die Wiederkunft in die Stadt hatte den Schmerz über den Verlust der liebenswürdigsten Tochter wieder aufgeweckt. Meine Reise war ihr ein neuer Kummer. Eine Menge von andern unangenehmen Umständen hatte ihr Gemüth für das Vergnügen verschlossen. Sie stand am Fenster in einer bekümmerten und traurigen Stellung. Zu eben der Zeit komme ich an. Ich steige bey einem fremden Hause ab. Ich fliege mit einer gewissen Art von ängstlicher Eile über die Straßen. Ich komme an das Haus meiner Mutter, ohne daß mich ein Mensch gewahr wird, die Treppe hinauf, fort, fort, bis an das Zimmer meiner Mutter. Ich eröffne die Thüre mit Zittern. In diesem Augenblicke sehe ich meine Mutter mit ausgebreiteten Armen auf mich zufliegen. — Mein Sohn, mein allerliebster Sohn, du bist es! — Ihre Thränen ersticken das übrige.

Ich war völlig sprachlos. Ich küßte alle, die in der Stube waren, ohne ihnen ein Wort zu sagen. Ich ging, wie ein Mensch in der Irre, von einem zum andern herum, ohne zu wissen, wer um mich war, und was in mir selbst vorging. Endlich fingen die Thränen an zu fließen. Mein Herz wurde leichter. Meiner Mutter ihres auch. Ein sanfter und stiller Schmerz über die Abwesenheit einer Person, die ich bey einem solchen Auftritte am liebsten würde gegenwärtig gesehen haben, vermischte sich mit unserer Freude, und brachte eine gewisse stille, aber nicht verdrießliche Schwermuth hervor, die unter allen Zuständen der Seele vielleicht der angenehmste ist, und den sie am längsten aushalten kann.

O meine gütigste Freundin! Ich habe noch nicht alles gewußt, was ich an meiner Cousine verloren habe. Die liebenswürdigste Gestalt, ein richtiger und durchdringender Verstand, ein sicheres und feines Gefühl, Adel und Hoheit in den Empfindungen, Unschuld und Tugend im Herzen; das waren die Vorzüge, die jeder an ihr kannte, und jeder, der für Vollkommenheiten von dieser Art Augen hat, hochschätzte. Aber sie war für mich noch mehr. Sie war die einzige Freundin, der Trost und die Stütze meiner Mutter, das Band unserer Familie, die Hoffnung und die Belohnung eines Freundes, den ich verehre, und der in ihr sein Glück würde gefunden haben. Denken Sie, was ich dabey fühlen muß, wenn man mir noch die letzten Beweise ihrer Gewogenheit gegen mich erzählt, ihren Wunsch, mich wieder zu sehen, ihre Freude bey der Hoffnung von meiner nahen Zurückkunft. Ist denn alles, was gut und vortrefflich ist, nur bestimmt, zu leiden und zu sterben?

Schon fange ich an, für Sie selbst zu fürchten. Eine so gute, rechtschaffene Frau, eine so zärtliche Freundin, eine so verständige Mutter, ist vielleicht nur ein Darlehn, kein Geschenk, das der Himmel der Erde macht. Werden Sie ja wieder gesund, oder Sie machen mich ganz melancholisch. Ich bin es ohnedieß schon halb; meine Mutter kränklich, von Schmerz und Kummer verzehrt; mein Onkel seiner geliebtesten Tochter beraubt; meine übrigen Freunde theils zerstreut, theils unglücklich: ist das nicht mehr als genug, selbst ein hartes Herz zu beunruhigen? —

Sie sehen, ich habe Ihre Briefe erhalten. Einen durch Hrn. M.., den andern gestern mit der Post. Sie sind die angenehmste unter meinen Ergötzungen gewesen. Was meynen Sie wohl? Herr M.. gab mir ihn erst in Stauchitz. Bis dahin sagte er nicht ein Wort, daß er einen Brief von irgend einem Menschen hätte. Glauben Sie nicht, daß mich diese fehlgeschlagene Hoffnung, einen Brief von Ihnen zu bekommen, den Weg über sehr unruhig machte? Und doch fürchtete ich mich zu fragen, weil ich den Zweifel für besser hielt, als einer unangenehmen Sache gewiß zu seyn. Endlich wagte ich es, ihn ganz leise zu fragen, ob er von Niemand Briefe hätte. Ja, sagte der Mensch ganz gelassen, ich habe einen von ***. Was ist doch der Mann für eine Schlafmütze, dachte ich. Geschwind, geschwind her mit dem Briefe! Aber was ist denn das für eine Dame, die an Sie so zeitig schreibt? — Eine gute Frau, eine recht sehr gute Frau! Aber geben Sie mir den Brief her. Nun denken Sie sich das übrige. —

Den Augenblick kommt man, und sagt, daß die Post abgeht, und ich meine Briefe würde hier behalten müssen. Ums Himmelswillen, mein lieber Post-Sekretär, wenn ich Euch jemals eine solche Freundin, wie ich habe, wünschen soll, so bestellt diesen Brief an die meinige!

Vierter Brief.

Inhaltsverzeichnis

B***, den 8. Juni.

Ungeachtet ich anfangs über die neue Einrichtung, die es Ihnen mit meinem Posttage vorzunehmen beliebte, ein bischen murrete, so muß ich Ihnen doch jetzt sagen, daß Sie es recht gut gemacht haben. Sie kennen die Theorie des Vergnügens. Sie wissen, wie notwendig es sey, seine Vergnügungen zu sparen, um sie recht zu genießen. Durch Ihre gegenwärtige Einrichtung haben Sie zwischen dem Vergnügen, von Ihnen Briefe zu bekommen, und dem beynahe eben so großen, Briefe an Sie zu schreiben, fast gleiche Zwischenräume gesetzt, da sie sich vorher unmittelbar auf einander drängten. Auf diese Art wird mir die Zeit von einem Freytage zum andern kürzer, und zwischen beyden Unterredungen, die ich mit Ihnen die Woche halte, bey deren einer ich Sprecher, und bey der andern Hörer bin, ist doch auch Raum genug, um das Verlangen nach einer neuen wieder recht lebhaft zu machen.

Wissen Sie, was mir das ärgste bey dieser Art von Umgang zu seyn scheint? Dieses, daß ein Brief, den man (wenn unsere Freunde sehr gütig sind) acht Tage erwartet hat, in eben so viel Minuten zu Ende gelesen ist, und nach Verlauf dieser glücklichen acht Minuten, in denen man den Brief lieset, schon wieder die neuen acht Tage angehen, in denen man auf den folgenden wartet. Bey alle dem bin ich doch noch immer sehr glücklich, daß Sie so gütig sind, und meinem Vergnügen alle Wochen einen Theil Ihrer Zeit schenken. Ihre Briefe geben mir wieder in meinen Augen einen gewissen Werth. Und dieses ist sehr nöthig, da ich mir hier zuweilen in gewissen Gesellschaften recht einfältig vorkomme.

Ich habe mir vorgenommen, Ihnen heute viel von mir selbst vorzuschwatzen. Nicht eben, daß ich mich für einen sehr guten Gegenstand des Gesprächs hielte; aber ich habe heute nun einmal keinen bessern, oder wenn ich ihn hätte, so wäre ich nicht dazu aufgelegt, ihn zu nutzen. Ich muß mich also schon mit mir selbst begnügen. Ueberdieß sind Sie selbst daran schuld, daß Sie mir die Eitelkeit in den Kopf gesetzt haben, als wenn alles, was mich anginge, sehr wichtige Sachen für Sie seyn müßten. Diese Einbildung mache ich mir also zum Vortheile meiner Trägheit zu Nutze, und mache getrost meine Briefe zu einem guten, ehrlichen Zeitungsblatte von mir selbst. Heute sollen Sie also erfahren, wie ich meinen Tag hier gewöhnlicher Weise zubringe; obgleich der Ausnahmen beynahe so viel sind, als der Fälle, die unter die Regel gehören.

So wissen Sie denn, daß ich nicht bloß gewöhnlich, sondern beständig sehr spät aufstehe. Dieses spät aber müssen Sie weder früher noch später annehmen, als acht Uhr des Morgens nach B***scher Uhr. Ich habe schon lange die Ursachen dieser Begebenheit, die mit meinen Entwürfen und Vorsätzen so wenig übereinstimmt, aufgesucht; ich bin aber noch nicht weiter als bis auf die Dunkelheit der Alkove gekommen, in der ich liege, und die der Sonne vor Mittag den Besuch nicht erlaubt. Dieses ist ein sehr gutes Mittel die fernere Untersuchung wenigstens aufzuschieben, die sich vermuthlich damit endigen würde, daß ich ein wenig faul wäre.

Der erste Gedanke, wenn ich erwache, ist, nach einem kurzen Dank für das Geschenk eines neuen Tages, der Gedanke an meine Freunde. Wie glücklich, denke ich alsdann, bin ich, daß ich wieder in einer Welt erwache, in der so manches edle, vortreffliche Herz an meinem Leben und an meiner Wohlfahrt Theil nimmt! Ich überzähle alsdann mit aller der Begierde, mit der ein reicher Geitziger am frühen Morgen seine Summen wieder überzählt, die Anzahl dieser Freunde. Ich bin nicht mißvergnügt, daß ich sie so klein finde. Das Herz liebt desto stärker, je mehr es konzentrirt ist. Dieser stille Genuß der Glückseligkeit, Freunde zu haben, bereitet mich zu einer andern vor; — zu der, ihnen Gutes zu wünschen. Wie rührt und wie erhebt mich in diesem Augenblicke ein Gedanke an den Herrn und den Vater, den ich mit allen meinen Freunden gemein habe. Er ist bey ihnen, so wie bey mir gegenwärtig; er regiert ihr Leben, so wie das meinige; er sorgt für ihre Glückseligkeit mit alle dem Eifer, mit dem ich dafür sorgen würde, wenn ich die Macht dazu hätte. Durch diese Erinnerung scheinen sich mir die weitesten Entfernungen zu verengern. Ich vereinige mich mit meinen Freunden. Bürger einer und derselben großen Republik, in einerley gemeinschaftlichen Plan von allgemeiner Glückseligkeit verflochten, von einerley Gesetzen regiert und von gleichen Hoffnungen belebt, sind unsere Geister unter einem beständigen, gemeinschaftlichen Einfluß eben derselben Güte! —

Ich muß mich mit Gewalt von diesen Betrachtungen losreissen. Das Vergnügen macht geschwätzig. Und doch sind Worte so wenig fähig, Vergnügungen von der Art zu beschreiben, daß man nothwendig entweder einem Herzen, das sie niemals empfunden hat, verdrießlich, oder einem solchen, das sie kennt, matt und kraftlos vorkommen muß. Auf diese geheimen Ergötzungen folgt eine andere, an der meine liebe Mutter, und meine Cousine, die beständig bey ihr ist, Theil nimmt. Wir trinken gemeinschaftlich auf einem kleinen Altan, den wir haben, und der mit Grünem besetzt ist, Thee. Sie wissen schon, was ich Ihnen sonst von dem Vergnügen der Theestunde vorgeschwatzt habe; und in der That bleibt es noch immer eine der schönsten Stunden des ganzen Tages. Sie können es auch daraus schließen, daß wir sie fast niemals vor zehn Uhr endigen. Ich habe mich hier zum Lekteur meiner ganzen Familie aufgeworfen, und man hört mich noch so ziemlich gern. Ich lese also diesem Amte zu Folge auch manchmal beym Thee ein Stück vor. Das gewöhnlichste aber ist, daß wir bloß sprechen; sehr oft von Leipzig, noch weit öfter von Ihnen; das können Sie denken. Um zehn Uhr gehe ich herunter, und diese beyden Stunden bis zu Mittage lasse ich mir ungern rauben. Mein Geist wird ohne eine tägliche Nahrung trocken und leer. Er ist keine immerbrennende Flamme, die durch ihre eigene Kraft in die Höhe steigt. Er ist wie das in Stein eingeschlossene Feuer, das nur von Zeit zu Zeit Funken giebt, und auch diese müssen erst heraus geschlagen werden. Ich lese also in diesen zwey Stunden, oder ich schreibe. Das was ich lese, und was ich davon denke, das sollen Sie alles nach und nach erfahren. —

Aber diese zwey kostbaren Stunden sind eben jetzt vorbey; ich habe sie dazu angewendet, an Sie zu schreiben; und das ist gewiß der beste Gebrauch, den ich die ganze Woche davon mache. Dem ungeachtet verzweifle ich noch nicht, ehe man mich zu Tische ruft, zu Ende zu kommen. Das nächste also, was jetzt folgt, ist, daß ich esse. Die Gesellschaft eben dieselbe, die es beym Thee war. Die Gerichte sehr mäßig, aber sehr wohlschmeckend. Und hier kann ich nicht unterlassen, eine kleine Lobrede für die Schlesischen Köche und Köchinnen einzuschalten. Wenn ein Land durch gute Suppen, durch sehr fettes und derbes Rindfleisch, durch vortreffliches und wohlzugerichtetes Kräuterwerk glücklich würde, so wäre in der Welt nichts ungerechter, als die Klagen, von denen meine Ohren hier gar nicht ausruhen. Denn alles das und noch weit mehr, als ein solcher Idiot in der jetzigen Favorit-Wissenschaft der Welt, wie ich bin, sagen kann, das besitzt Schlesien. O warum kann ich nicht hier Ihren Geschmack aufbieten, mir Recht zu sprechen! Warum kann ich Sie nicht einmal mit dem Manne, ohne welchen alle mögliche Schlesische Gerichte umsonst vor Ihnen stünden, an unserm Tische sitzen sehen! —

Wenigstens will ich den Einfall in meinen Gedanken verfolgen. Ich werde den Augenblick gerufen. Wie wäre es, wenn Sie, ohne ein Wort zu sagen, nach B***lau gekommen wären, wenn Sie mich heute überraschen wollten, wenn ich Sie oben schon an unserm Tische sitzen und auf mich schmälen sähe, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Ich gehe, ich gehe, — um meinen Traum zu vernichten. —

Ich komme eben von Tische wieder, und ich habe nur noch einen Augenblick Zeit bis zur Post. Auf meiner Mutter Stirne saßen, wie ich heraufkam, einige finstere Wolken. Einige verdrießliche Geschäfte, und noch mehr als das, die Unruhe eines Baues, der sie beynahe aus ihrem Zimmer vertreibt, hatten diese Wolken zusammengezogen. Ich schreibe mir heute die Ehre zu, sie zerstreut zu haben. Wenigstens habe ich meine Mutter heiterer verlassen, als ich sie fand. —

Um also meinen Tag vollends bis zum Abend zu bringen, so müssen Sie wissen, daß ich unmittelbar nach Tische eine kleine halbe Stunde den Flügel spiele. In meiner Mutter Stube steht ein ziemlich guter mit zwey Klavieren. Dann kommt der gesellschaftliche Kaffee. Sie können glauben, daß ich den niemals ohne meine Mutter und Cousine trinke, ausgenommen, wenn diese Frauenzimmerbesuch hat, den ich nicht kenne. Nichts ist ungewisser und unsicherer als der übrige Rest des Nachmittags. Wir fahren zuweilen in Gesellschaft einiger Freunde spazieren. Ein ander Mal gehe ich ganz allein mit einem einzigen Bekannten. Ich besuche dann und wann die hiesigen öffentlichen Bibliotheken; ich mache zuweilen Staats-Visiten, die mich ennuyiren; und dann endlich bleibe ich einmal zu Hause, um recht viel oder gar nichts zu thun.

Der Abend ist dem Mittag vollkommen ähnlich. Ordentlicher Weise ist mein Onkel bey uns, der der rechtschaffenste Mann, aber fast immer kränklich und dann und wann ein wenig argwöhnisch ist. Leben Sie wohl. Ich bin —

N. S.

Denken Sie einmal, liebste Freundin! gestern bekomme ich von Herrn Weisen einen Brief, — einen sehr gütigen, freundschaftlichen Brief. Und dieses Vergnügen muß mir durch eine so traurige Nachricht verbittert werden, als die von Meinhards Tode. Ja, dieser rechtschaffene Mann, dieser große Gelehrte, dieser schöne und empfindliche Geist, dieser mein Freund — ist todt. Peace to his gentle shade!

Fünfter Brief.

Inhaltsverzeichnis

B***, den 9. und 10. Juni.

Niemals ist ein Brief mit einem so schmerzhaften Verlangen erwartet worden, als ich gestern den Ihrigen erwartete. Selbst in dem Schoße meiner Familie, und an der Seite der vortrefflichsten Mutter, empfinde ich dem ungeachtet, daß mir noch ein Freund und eine Freundin fehlt, um diesem Glück seine Vollständigkeit zu geben. Ich fühle es, daß mir Ihr Umgang nothwendig geworden ist; und ohne die Gütigkeit, mit welcher Sie mir Ihren Briefwechsel versprachen, und ohne die Beständigkeit, mit welcher Sie dieses Versprechen ausführen, würde ich meine hiesigen Freunde mit dem beständigen Anblick einer gewissen Unruhe beleidigt haben, die sie vielleicht auf die Rechnung eines Mangels von Zärtlichkeit geschrieben hätten. Aber jetzt setzt mich Ihre Gütigkeit in den Stand, zwey der angenehmsten Beschäftigungen mit einander zu verbinden, die Unterhaltung mit meiner Mutter und das Andenken an Sie.

Meine Mutter kannte Sie schon als eine sehr gütige Freundin von ihrem Sohne, ehe ich noch Leipzig verließ. Aber nun kennt sie Sie als eine vortreffliche Frau, als eine zärtliche Freundin, mit einem Worte, als eine Person von einem solchen Geiste und einem solchen Herzen, als die Liebe und die Freundschaft nöthig hat, wenn sie beschlossen hat, einen glücklichen Ehemann und einen kleinen Kreis glücklicher Freunde zu machen.

Was meynen Sie wohl? Ich zeige meiner Mutter alle Ihre Briefe. Sie liest sie beynahe mit eben dem Feuer, mit welchem ich sie lese. Bey gewissen Stellen füllen sich ihre Augen mit Thränen der Zärtlichkeit und der Freude. So stark wirken diese gleichgestimmten Herzen auf einander, selbst in der weitesten Entfernung. Glauben Sie wohl, daß ich es hätte aushalten können, ein ganzes halbes Jahr zuzubringen, ohne Jemand zu haben, mit dem ich mich von Ihnen unterreden könnte, und in dessen Schoß ich zuweilen mein volles Herz ausleerte, wenn Ihre Gütigkeit und die Sehnsucht nach Ihrem Umgange dasselbe mit zu unruhigen und stürmischen Wünschen anfüllte? Und könnte wohl diese Person Jemand anders als meine Mutter seyn? Sie, die an den kleinsten Vergnügen ihres Sohnes Theil nimmt, sollte sie nicht in der Glückseligkeit, die ihm der Himmel geschenkt hat, eine Freundin und einen Freund zu besitzen, einen Theil derjenigen wieder finden, die sie durch den Tod einer Tochter, die zugleich Freundin war, verloren hat?

Ja, gütigste Freundin, schon theilt meine Mutter alle die Empfindungen mit mir, die mir die Bekanntschaft mit einer so edlen und zugleich zärtlichen Seele eingeflößt hat, und die ich, wenn es möglich ist, durch die Abwesenheit noch gestärkt und vermehrt finde. Unsere Unterredungen beleben sich am meisten, wenn sie Sie zum Gegenstand haben; und ohne daß wir es gewahr werden, kommen sie durch die wunderbarsten Irrgänge immer wieder auf diese Lieblingsmaterie zurück. So viel Gewalt hat das Herz über unsere Denkungskraft, daß die leichtesten und schwächsten Verbindungen schon genug sind, Ideen in die Seele wieder zurück zu bringen, die durch ein starkes Interesse an uns gebunden sind. Lassen Sie sich dieses von Home viel besser und gründlicher sagen. Ich mag nicht philosophiren, ich will Ihnen bloß sagen, was ich empfinde. —

Aber gütigste Freundin, wie haben Sie es übers Herz bringen können, mir mit einem so versteckten, aber für mich doch sehr fühlbaren Vorwurf wehe zu thun? — Oder trauten Sie es der Feinheit meines Gefühls nicht zu, daß ich den kleinen Ansatz von Empfindlichkeit gewahr werden würde, der Ihnen die Worte eingab: „Ich suchte in der Folge Ihres Briefes Trost, aber ich fand keinen. Sie, der Sie mit mir einerley Gefühl haben, Sie empfinden den Unterschied wohl, der zwischen der Verstorbenen und mir ist!“ Und noch dazu eine so ceremoniöse Vorsichtigkeit, Ihren Namen nicht zuerst zu schreiben! Ein kleiner, ganz kleiner Rest von Weiblichkeit! würde Onkel Selby sagen. Wie? glauben Sie wohl, daß ich meine Cousine liebte, und die Eigenschaften nicht von ganzem Herzen hochschätzte, die sie liebenswürdig machten? daß ich ihren Verlust beweinen, und mich nicht zugleich über den Besitz von Freunden erfreuen sollte, in denen ich ihren Geist und ihr Herz wieder finde? Oder können Sie so ungerecht gegen sich selbst seyn, diese größten Geschenke des Himmels in sich zu verkennen, und sich unter Ihren eigenen Werth herabzusetzen? Liebste, gütigste Freundin, lassen Sie sich niemals durch einen gewissen Unmuth die Erhabenheit der Seele schwächen, die ohne Stolz, dennoch ihre eigene Vollkommenheit fühlt, und indem sie die Stufe erkennt, auf welche die Güte des Schöpfers sie gesetzt hat, dadurch nur noch mehr Muth bekommt, höhere zu erreichen. —

Aber lieber will ich glauben, daß Sie nur darum diese Stelle in Ihren Brief gesetzt haben, um mir die Gelegenheit, die ich so sehr wünsche, zu geben, es Ihnen noch einmal zu sagen, wie hoch ich meine Freundin schätze, und wie theuer sie meinem Herzen ist. Ich kann dieses, zu meinem eigenen Vergnügen nicht oft genug wiederholen. Denn welche Glückseligkeit ist der gleich, seinem Freunde zu sagen, daß man ihn liebt, wenn es nicht die Glückseligkeit ist, zu hören, daß man von ihm geliebt wird? Wenn ich also von meiner Cousine rede, so glauben Sie nur, daß keine Ideen verwandter sind und einander leichter erwecken, als der Gedanke an ein Gut, das man verloren, und der an ein anderes, das uns der Himmel noch läßt; und daß der Abgang von so theueren Freunden das Herz nur noch zärtlicher gegen diejenigen macht, die uns noch übrig sind.

Ich glaube, ich habe Ihnen schon in Leipzig gesagt, daß ein Freund von mir und von unserm Hause, ein junger angehender Dichter, der jetzt in Halle studirt, ein Gedicht auf meine Muhme gemacht hat. Ich habe es hier erst zu sehen bekommen. Weil viel gute Stellen darin sind, obgleich manche gegen die übrigen matt, andere in der Verbindung, in der sie stehen, nicht richtig und zusammen hängend genug, und noch andere zu überhäuft und nur durch die Rechte der Poesie zu entschuldigen sind, so will ich es Ihnen abschreiben. Aber schöner, als das ganze Gedicht, ist meinem Urtheile nach ein Motto aus dem Petrarch, welches er demselben vorgesetzt hat. Wo ich nicht irre, so ist es eine der schönsten Stellen im ganzen Petrarch. Es ist aber zur Anwendung auf die Person, die der Gegenstand dieses Gedichts ist, nicht schicklich und angemessen genug, und überhaupt kann es nur im Munde eines Liebhabers und eines solchen Liebhabers als Petrarch, sein rechtes Verhältniß bekommen. Ich will es wagen, die Stelle zu übersetzen, ob ich Sie gleich zu eben der Zeit bedauren werde, daß Sie nicht das Original lesen können.

„Wer alles sehen will, was nur die Natur und der Himmel unter den Menschen vermag, der komme, diese zu sehen. Aber er komme bald. Denn der Tod raubt zuerst die besten, und läßt die schlechtern stehen. Dieses in dem Reiche der Götter schon lang erwartete schöne und sterbliche Geschöpf geht nur vorüber, und bleibt nicht. Wenn er noch zu rechter Zeit kommt, so wird er jede Tugend, jede Schönheit, jede erhabene Eigenschaft in einem Körper mit wunderbarer Mischung vereinigt sehen. Aber wenn er zu lange zaudert, so wird er nur kommen, um beständig zu weinen“[A].

Ist diese Apostrophe nicht das rührendste Gemählde eines von Schmerz ganz durchdrungenen Herzens? Aber nun zum Gedicht selbst. Sie sollen nur die besten Strophen davon bekommen.

Also blühte rühmlich Doris Leben —

Rühmlich mußte sie es wieder geben;

Und das grosse Beyspiel im Erblassen

Noch der Erde zum Vermächtniß lassen;

Da ihr lieblich Auge brechen sollte,

Stürmend Feuer durch die Adern rollte,

Freunde sprachlos matte Hände rangen,

Und die Engel froh die Flügel schwangen,

Schaute sie des Todes letzten Schlägen

Voll Geduld und Majestät entgegen,

Ruhig, da die Trennung jetzt begonnte,

Weil sie nur die Hülle wechseln konnte.

Keusche Jungfraun, eilt ihr Grab zu ehren.

Pflanzt Zypressen, oft benetzt mit Zähren,

Und gelobet auf dem Staub der Schönen

Euren Wandel einst wie sie zu krönen.

Aus den Zweigen soll ein Hayn entsprießen,

Junge, leicht verführte Töchter müssen

Ihn besuchen, die Geschichte hören,

Und erröthend sittsam wiederkehren.

Jährlich sollen freundschaftliche Reyhen,

Wo sie schlummert, zarte Lilien streuen,

Und das Opfer mit gedämpften Saiten

Und wehmüthigem Gesang begleiten.

Nie, Geliebte, nie wirst du vergessen!

Deinen Nachruhm wird kein Ruhm ermessen.

Laß noch Einen für die Tugend brennen,

So wird er auch dich mit Ehrfurcht nennen.

Und sollt’ einst auf der undankbar’n Erden

Sie verkannt, gehaßt von allen werden;

Darf sie nur, um alle zu entzücken,

Sich mit deinem süßen Reitze schmücken.

Dürfte ich wohl so eigennützig seyn, und mit diesem kleinen Geschenke wuchern? Meine Freunde kennen Sie noch nicht als eine eben so empfindungsvolle Dichterin, als Sie eine gefühlvolle Ehegattin und Freundin sind. Einige von den kleinen Stücken, die Sie mir einmal vorlasen, und unter diesen auch das Hochzeit-Gedicht, das Sie für einen Ihrer Bekannten gemacht haben, würden mich in den Stand setzen, dieses Vergnügen meiner Mutter zu machen. Ich würde sogar durch die Mittheilung derselben ein gewisses Ansehen bekommen. Ich würde Macht haben, Gefälligkeiten auszutheilen; und ich würde gewiß meine Geheimnisse nicht so wohlfeil verkaufen. Sie sehen schon, daß ich unbescheiden genug bin, auch wohl gar eine kleine Mühe Ihnen aufzulegen. —

Wenn ich nur dafür im Stande wäre, Ihr Tagebuch, das mich so sehr unterhält und mich auf einige Augenblicke wieder zu Ihnen zurück bringt, mit einem eben so angenehmen zu vergelten. — Aber meine Geschichte (ich nehme die Unterhaltung mit meiner Mutter aus, und die wissen Sie schon größten Theils) ist so einförmig, oft für den Helden derselben so langweilig, und fast immer für die Leser so wenig unterrichtend, daß ich alle Mal abgeschreckt werde, so oft ich daran denke, meine Briefe mit meinen Begebenheiten, anstatt mit meinen Empfindungen anzufüllen. Sie sollen unterdessen alle meine Freunde, die ich hier hochschätze, kennen lernen. So bald nur der Cirkel von Besuchen, in dem ich mich jetzt herumgedreht habe, durch seyn wird, so werde ich es mir zu einer fest gesetzten Beschäftigung machen, Sie ganz in unsere Familie und in unsere Bekanntschaften einzuführen, und mich auch zuweilen für die Langeweile, die mir einige davon machen, zu rächen.

Meine Reise ist, wie Sie wissen, glücklich, aber dem ungeachtet ziemlich unangenehm gewesen. Meine Gesellschafter waren entweder Misanthropen oder Schläfer. Ich dankte unterdessen beyden für die Muse, die sie mir gaben, an meine Freunde zu denken. Oft in der Mitte der Nacht, wenn alles um mich schlief, schweifte meine durch die Stille noch mehr aufgeweckte Seele zu allen Wohnungen meiner Freunde umher, und segnete ihren sanften und ruhigen Schlaf. Bald flog ich unsern langsam kriechenden Pferden zuvor, warf mich in Gedanken zu den Füßen des Bettes meiner Mutter, küßte sanft ihre Hand um sie nicht zu wecken, und flehte den Beystand der sie bewachenden Engel an, sie mir zu beschützen. Bald überraschte ich Sie, weit glücklicher als mein Freund Reiz, in Ihrem Schlafzimmer, und gebot Ihrem Schutzgeist, Ihnen mitten im Schlafe die angenehmsten, fröhlichsten und schönsten Bilder vorzustellen, und Ihre Seele, selbst ohne ihr Wissen, noch vollkommener zu machen. — Alsdann — Ich freue mich, theuerste Freundin, daß unsere Freundschaft von der Beschaffenheit ist, daß meine Seele von dem Andenken an Sie, unmittelbar zu dem Gedanken an Gott, unsern großen und gemeinschaftlichen Freund, übergehen kann, zu dessen Verehrung solche Seelen, wie die Ihrige, geschaffen worden. Meine Seele steigt durch diese Stufen auf eine leichtere Art bis zu ihm hinauf.

Aber ich muß, ich muß schließen u. s. w.

[A] Für Freunde des Originals folgt hier das ganze Sonnet:

Chi vuol veder quantunque può natura,

E’l Ciel tra noi, venga a mirar costei,

Ch’è sola un Sol, non pur agli occhi miei,

Ma al mondo cieco, che virtù non cura;

E venga tosto, perchè morte fura

Prima i migliori, e lascia stare i rei;

Questa aspettata regno degli Dei

Cosa bella mortal passa, e non dura.

Vedrà s’arriva a tempo, ogni virtute,

Ogni bellezza, ogni real costume

Giunti in un corpo con mirabil tempre.

Allor dirà, che mie rime son mute.

L’ingegno offeso dal soverchio lume;

Ma se più tarda, avrà da pianger sempre.

Sechster Brief.

Inhaltsverzeichnis

B***, den — Juli.

1767.

Wissen Sie auch wohl, daß ich Ihre Frage, ob wir noch einerley Empfindungen mit einander hätten, für einen Vorwurf würde angesehen, und daß mich dieser Vorwurf würde gekränkt haben, wenn ich nicht selbst in den Beyspielen, die Sie dafür anführen, eine nette Bestätigung dieser Gleichheit Ihrer Gesinnungen mit den meinigen, auf die ich so stolz bin, gefunden hätte. Ich kann mir also unmöglich helfen. Ich muß erst diese beyden Punkte erörtern, ehe ich ein Wort weiter schreiben kann, gesetzt auch, daß Ihnen indeß der Brief vor Langerweile aus der Hand fallen sollte.

Zuerst also meine Unzufriedenheit bey meiner Ankunft in B****. Sollte ich Ihnen erst nöthig haben, die Quellen davon zu entdecken? Sie sagen, ich hatte Freunde verlassen, die mich liebten, und ich kam zu andern, die ich auch liebte. Haben Sie niemals diese angenehme Mischung von Schmerz und Vergnügen, von Verlangen und von Befriedigung, von Sehnsucht nach abwesenden Gütern, und von Genuß der gegenwärtigen empfunden? Haben sich niemals mit den Thränen, die Sie über den Anblick neuer Freunde vergossen, diejenigen vermischt, die Ihnen das Andenken an die, von denen Sie sich losgerissen hatten, ablockte? Sie, die Sie die menschliche Seele so gut kennen, da Sie Ihre eigene mit so vieler Sorgfalt studirt haben, wissen Sie nicht, wie geschickt eine gewisse Art von Freude ist, die traurigen Empfindungen, die eine Zeit lang in der Seele geschlafen haben, wieder zu erwecken, und mit ihnen vermischt einen gewissen Zustand der Ermattung hervorzubringen, wo die Seele, zu denken und zu handeln unfähig, unter der Menge von dunkeln Ideen, die sich in ihr zusammen drängen, erliegt. So empfand meine gute Mutter den Verlust ihrer Tochter niemals mehr, als da sie ihren Sohn wieder sah, und ich fühlte in den ersten Umarmungen meiner Mutter am meisten, wie viel ich an Freunden verloren hatte, die in diesem Augenblicke mit mir die Glückseligkeit einer wieder vereinigten Familie würden getheilt haben.

Dieses waren die Regungen der ersten Augenblicke. Ihnen folgten andere eben so traurige, aber weniger angenehme. Glauben Sie ja nicht, daß die guten Leute immer glücklich sind. Wenn sie es wären, so bin ich stolz genug zu sagen: unser Haus würde mehr als einen Glücklichen einschließen. Aber wie weit, wie weit ist es davon entfernt, daß dieses ganz wahr seyn sollte? Meine Mutter, durch die natürliche Zärtlichkeit ihres Körpers, und durch die große Empfindlichkeit ihrer Seele, einer Menge von Uebeln bloß gestellt, mit denen die Natur härtere und fühllosere Menschen verschont hat; durch eine beynahe fortgehende Reihe von Unglücksfällen in einer beständigen Uebung dieser Empfindlichkeit unterhalten; durch eine sehr schwere und sorgenvolle Nahrung, die sie seit dem Tode ihres Mannes ohne Gehülfen und Rathgeber besorgt, abgemattet und entkräftet, von Krankheit und der Annäherung des Alters bis zu dem äußersten Grade der Zärtlichkeit in ihren Nerven gebracht; und in diesem Zeitpunkte ihrer besten Stütze beraubt, und fast mitten unter ihrer Familie einsam und verlassen, — sagen Sie mir, geliebte Freundin, was würden Sie in meinen Umständen fühlen, wenn Sie, so wie ich, sich außer Stande sähen, dieser Mutter zu helfen; wenn Sie ihr sogar in der Zukunft keine Aussicht, wenigstens keine nahe Aussicht anweisen könnten, durch die Sie ihre gegenwärtigen Umstände erträglich machten? Sagen Sie mir, liebe Freundin, wo ist die Stelle, die für mich zubereitet ist, und von der ich hoffen könnte, meiner Mutter die ihrem gütigen Herzen so theuere Glückseligkeit zu verschaffen, in der Gesellschaft ihres Sohnes ihre letzten Tage in Ruhe und Zufriedenheit zuzubringen? Ich selbst in die Welt nur noch so hingeworfen, in die Welt, die, dem Himmel sey es gedankt, nicht ganz leer von Freunden für mich, aber vielleicht leer von Beförderern und dem, was man darin Patronen nennt, ist; ich selbst noch von einem Orte zum andern herumirrend, zwar nicht ganz ohne Endzweck, aber doch noch ohne große Mittel, diesen Endzweck auszuführen; was kann ich für meine Mutter thun, da ich für mich selbst nichts zu thun vermag?

Glauben Sie wohl, daß es mir unter diesen Umständen leicht wird, daran zu denken, daß ich meine Mutter verlassen soll; sie so verlassen, ohne ihr vorher zu sagen, nach was für einem Plane ich arbeiten werde, um ihre Glückseligkeit mit der Erreichung meiner Wünsche zu vereinigen? Und doch kann ich nicht anders; ich muß sie verlassen. Alles, sie selbst ausgenommen, macht, daß ich diesen Augenblick beynahe wünsche. Die Beförderung, die mir meine Vaterstadt darbieten kann, ist, wie Sie wissen, nur von einer einzigen Art. Glauben Sie nicht, daß mich der Name und die gewöhnliche Verachtung eines Schulmannes abhalten würde, in einen Stand zu treten, der, wenn er recht verwaltet wird, ehrwürdig ist, und den die Vortheile und die Erleichterung, die ich meiner Mutter dadurch verschaffe, mir auch sogar liebenswürdig machen würden. Aber die Verrichtungen, die hier zuerst denen auferlegt sind, die in diesen Stand treten, die Unwissenheit, und noch mehr der elende Geschmack, der unter den meisten der hiesigen Schullehrer herrscht, und durch sie ohne Zweifel die Studirenden ansteckt; der durchgängige Mangel an guter Lebensart bey dieser ganzen Zunft Leuten, unter denen ich doch genöthigt würde zu leben; der Mangel an Ermunterung und Hülfsmitteln zur Vermehrung der Wissenschaften, die ich mehr schätze als alles; endlich, was darf ich es erst sagen, die Entfernung von Freunden, die mir theuer sind, um so viel theurer, weil ich sie nicht bloß der Natur und Familienverbindungen zu danken habe; — alles dieses, und was weiß ich noch, was für hundert dunkel damit vermischte Vorstellungen mehr, machen mir es ganz unmöglich, daran zu denken.

Nun gut also. Ich gehe von B****. Aber wohin? Nach L***zig? Ja freilich ist dieß der Ort, der mich unter allen am meisten an sich zieht. Aber was hälfe es, wenn ich vor mir selbst es verbärge. Es ist nicht Hoffnung der Beförderung, sondern das Vergnügen, meine Freunde wieder zu sehen, welches mir diese Stadt vor allen andern so angenehm macht. Sie wissen selbst, und wenn Sie es nicht wissen, so lassen Sie sich es den braven und rechtschaffenen Ebert sagen, was für Geduld und Aufopferungen dazu gehören, sein Glück bey der Leipziger Akademie zu erwarten. Und während der Zeit, daß ich diese vielleicht fehl schlagende Probe machte, würde meine arme Mutter von Alter und Sorgen verzehrt, von ihren noch übrigen Freunden vollends entblößt, und stürbe, ehe sie die so lange gehoffte und so theuer errungene Ruhe ihres Alters gekostet hätte. Lassen Sie mich also auf eine andere Universität gehen, wo die Beförderung leichter und geschwinder ist. Setzen Sie den besten möglichen Fall. Machen Sie mich in einigen Jahren zum Professor in Halle, oder in irgend einem andern solchen Winkel der Erde. Jetzt soll ich meine Mutter in ihrem Alter aus ihrem natürlichen Boden in ein ganz fremdes Land verpflanzen, sie aus einer belebten und volkreichen Stadt in einen todten und finstern Flecken führen, sie aus dem Cirkel ihrer Freunde und ihrer Bekanntschaften, die sie von langer Zeit her kennen, die sie alle hochschätzen, unter ganz fremde und für sie noch gar nicht eingenommene Menschen bringen, — oder mir mit einem so groben Stolze schmeicheln, daß ich allein aller deren Stelle würde ersetzen können. — Ist dieses vielleicht nicht ein eben so schwerer und trauriger Schritt für beyde? — Und doch bey dem allen, was bleibt mir übrig?

Sie sehen, liebe Freundin, wenn Sie diese Ueberlegungen machen, Sie werden meine Unruhe nicht schelten, so gütig Sie mich auch von Ihrer Gewogenheit versichert haben, und so gewiß ich von der Liebe der Meinigen bin. — Aber das ist noch lange nicht alles. Ich behalte mir dieß auf einen andern Brief vor. Ich kann nicht anders; ich muß Sie mit meinen eigenen Angelegenheiten unterhalten. Der Wohlstand würde dieß bey Personen, die weniger meine Freunde wären, verbieten. Aber es ist gar zu eine große und eine zu unentbehrliche Glückseligkeit, zuweilen sein volles Herz in den Schoß eines Freundes ausschütten zu können. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Sie und Ihr liebster Gemahl machen in meiner Einbildungskraft nur Eine Person aus. Sie sind in meinen Gedanken eben so unzertrennlich, als Sie es durch Ihre Liebe sind. Alles also, was ich Ihnen schreibe, ist zugleich für ihn geschrieben. Sein kurzer Brief ist mir dem ungeachtet so angenehm gewesen, als der längste Brief hundert anderer mir nicht seyn würde.....

Ich sehe, ich stehe in Gefahr, meinen Brief eben so lang und so voll von Digressionen zu machen, als es des Tristram Shandy Roman ist. Also nur noch ein Wort von Klopstock und seinen Briefen, und dann nehme ich bis auf künftigen Freytag von Ihnen Abschied. (Können Sie wohl errathen, was ich da erwarte?) —

Ich wundere mich gar nicht darüber, daß Ihnen des Mannes, und mir der Frau ihre Briefe zärtlicher vorkommen. Das macht, würde Onkel Tobias sagen, Sie sind eine Frau, und ich ein junger Mensch. Ich habe des Klopstocks Briefe flüchtig gelesen, der Frau ihre recht aufmerksam. Sie haben vielleicht das Gegentheil gethan. Mit einem gleichen Grade der Aufmerksamkeit würden wir bey beyden vielleicht gleich viel empfunden haben. Ich wenigstens, durch die Verschiedenheit Ihres Gefühls aufmerksam gemacht, habe sie noch einmal gelesen, und schon habe ich des Klopstock Briefe viel zärtlicher gefunden. Aber, daß es ihre weniger sind, das wollte ich doch noch nicht gerne für wahr halten.

Wie gern fieng’ ich noch die eilfte Seite an, um Stellen zu meiner Vertheidigung anzuführen! Aber es hilft nichts. Es ist jetzt ein Uhr, Dienstags in der Nacht. Möchten doch die gütigen Engel Ihre und Ihres Geliebten Ruhe beschirmen u. s. w.

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18+
Release date on Litres:
16 January 2025
Volume:
160 p. 1 illustration
ISBN:
4064066112288
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Bookwire
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