Read the book: «Eigenständig im Alltag unterwegs (E-Book)»


Christa Luginbühl / Monika Luginbühl
Eigenständig im Alltag unterwegs
Alltagskompetenzen in sozialen Einrichtungen kreativ fördern
ISBN Print: 978-3-0355-1991-4
ISBN E-Book: 978-3-0355-1992-1
Fotos: Frank Egle
Dank an: Hanspeter Bosshard, Marianne Bossard, Eliane Hess, Simon Lieberherr, Familie Luginbühl, Luca Patocchi, Melanie Seifert, Sonia Schädeli, Kathrin Scheidegger, Talina Rostetter, Chantal Billaud, Eva Zogg, Moritz Zumbühl, BFF Bern, Berner Schuldenberatungsstelle
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© 2022 hep Verlag AG, Bern
hep-verlag.ch
Inhaltsverzeichnis
Teil 1: Auftritt Hauswirtschaft: Nicht verstaubt, sondern brillant!Einführung1. Das Plädoyer für die Hauswirtschaft2. Unser Bildungsverständnis3. Lebensweltorientierung im Kontext von Hauswirtschaft4. Modell SALSA: Spezifische, alltagskompatible Lernsituationen systematisch finden und anleiten5. Was Sie in diesem Buch finden
Teil 2: Themenbereiche mitten aus dem PraxisalltagA | Konsum und GeldCash und Credit: Mein Umgang mit Geld und FinanzenSchein und Sein: Wie Werbung mich und meine Konsumentscheide beeinflusstKlipp und klar: Ich weiss, warum ich was willB | Kochen und wohnenEffizient und organisiert: Ohne Anstrengung durch den AlltagGenussvoll und kreativ: Kochen mit KöpfchenGemeinsam und relaxt: Gute Stimmung am TischC | Smart mit PhonePraktisch und Handy: Mit digitaler Unterstützung durch den AlltagRisiken und Grauzonen: Wenn das Handy zur Gefahr wirdD | Selbstbestimmt und entspanntEigenständig unterwegs: Ich habe den Alltag im Griff
Teil 3: Lernsituationen konkret Übersicht über die einzelnen Kompetenzstufen Anwendung des SALSA-Modells am Beispiel der Förderung von Selbststeuerungskompetenzen Ideen für Lernsituationen mit Kindern (5- bis 10-jährig) ohne Lernschwierigkeiten Ideen für Lernsituationen mit Kindern (5- bis 10-jährig) mit Lernschwierigkeiten Ideen für Lernsituationen mit Jugendlichen (11- bis 19-jährig) ohne Lernschwierigkeiten Ideen für Lernsituationen mit Jugendlichen (11- bis 19-jährig) mit Lernschwierigkeiten Ideen für Lernsituationen mit Erwachsenen ohne Lernschwierigkeiten Ideen für Lernsituationen mit Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten
Abbildungsverzeichnis
Weiterführende Literatur
AnhängeAnnex 1: Checkliste Grundhaltung: Menschenbild, Werte, Ziele, BerufsverständnisAnnex 2: Checkliste Lernfelder erkennen: visionäre, potenzielle, aktuelle OptionenAnnex 3: Checkliste Lernsituationen wählen: alltagskompatibel, angepasst an Finanz-, Zeit- und BetreuungsressourcenAnnex 4: Kurzzusammenfassung der wichtigsten Lerntheorien
Die Autorinnen
Teil 1: Auftritt Hauswirtschaft: Nicht verstaubt, sondern brillant!
Hauswirtschaft. Schon der Begriff löst bei vielen Menschen negative Assoziationen aus: Pingelige Hauswirtschaftslehrer*innen lassen gesundes, aber bitter schmeckendes Gemüse kleinschneiden, kontrollieren mit dem Zeigefinger die eben geputzte Arbeitsfläche, fordern exakt ausgestochene Weihnachtsguetzli und lassen Menüs auf die Minute und den Rappen genau planen. Auch zu Hause fallen die Assoziationen meist nicht besser aus: aufräumen, putzen … – was daran soll bitteschön interessant sein? Und nun folgt hier zum Auftakt dieses Buches ein Plädoyer für die Hauswirtschaft mit dem nicht eben bescheidenen Titel «Nicht verstaubt, sondern brillant»?!
Nun, liebe kritische Leser*innen, ja, genau das möchten wir Ihnen beweisen: Das Themenfeld Hauswirtschaft ist aus sozialpädagogischer Sicht eine wahre Goldgrube für die Erweiterung der Alltagskompetenzen Ihrer Klient*innen.
Mit dem Lehrplan 21 ist das neue Schulfach Wirtschaft, Arbeit, Haushalt (WAH) entstanden. Es ersetzt den bisherigen Hauswirtschaftsunterricht der 9. Klasse. Dieses Schulfach im dritten Zyklus (7.–9. Klasse) erörtert genau die hier ins Zentrum gestellten Inhalte. Alltagskompetenzen werden nicht mehr nur so verstanden, dass lediglich die erforderlichen handwerklichen und organisatorischen Kompetenzen erlangt werden müssen. Es geht vielmehr umfassend darum, sich als Konsument*in sicher zu bewegen, bewusste Konsumentscheide zu fällen und einen Umgang mit Geld und Verlockungen zu erlernen. – Kurz: sich im Alltag organisieren können. Die Stunden des äusserst sinnvollen Schulfaches ersetzen aber nicht die pädagogische Förderung im Alltag. Und hier sind Sie als Sozialpädagog*in in Ihrer Profession gefragt, indem Sie Menschen fördern, damit diese so eigenständig und selbstbestimmt wie möglich im Alltag leben können. Die Ressourcen dafür liegen denn auch im Alltag selbst, Sie müssen diese nur erkennen und pädagogisch nutzbar machen. Wir geben Ihnen mit dem vorliegenden Buch einen breit gefächerten ersten Überblick, das Thema bietet aber unzählige Vertiefungsmöglichkeiten für das Selbststudium.
Es geht uns mit diesem Buch um nicht weniger als um die Verschiebung des Blickwinkels, um das Setzen eines neuen Rahmens: Hauswirtschaft als zentrales Lernfeld für die Erweiterung der Alltagskompetenzen. Machen Sie sich mit uns auf den Weg, dieses spannende und vielfältige Thema neu zu entdecken!
Einführung
1. Das Plädoyer für die Hauswirtschaft
Erlauben Sie uns zuerst eine Frage: Was bringt Sie besser durch den Alltag, das Fachbuch oder die Klobürste? Nun ja, die Frage ist etwas gewagt und rhetorisch, aber dennoch bringt sie einiges auf den Punkt: Selbstverständlich ist das Fachbuch wichtig, aber wenn Sie die Anforderungen des Alltags – und dazu gehören nun mal auch so banale Dinge wie ein Klo putzen – nicht managen, ergeben sich für Sie ganz schnell Probleme, und zwar fundamentale.
Um im Leben gut zurechtzukommen, müssen wir für uns selbst sorgen können. Dafür müssen wir eine Reihe von Alltagskompetenzen beherrschen. Die meisten Menschen entwickeln diese Alltagskompetenzen nicht in der Schule, sondern zu Hause im familiären Umfeld. Klient*innen der Sozialpädagogik leben häufig ganz oder teilweise in Institutionen. Einige verbringen nur die Wochenenden in der Herkunftsfamilie oder mit den Partner*innen. Entsprechend verlagern sich die Alltagsaufgaben in die Institution, und das bedeutet: Die Klient*innen der Sozialpädagogik sind darauf angewiesen, dass sie im institutionellen Umfeld alltagspraktischen Lernchancen erhalten. Dabei fällt den Angehörigen trotzdem weiterhin eine wichtige Rolle zu, denn für eine nachhaltige, systemische Arbeitsweise ist es wichtig, das Herkunftssystem der Klient*innen wann immer möglich einzubeziehen und zu beteiligen. Im Sinne des lebenslangen Lernens brauchen auch Erwachsene, die in Wohnheimen leben, entsprechende Förderung. Das Ziel der sozialpädagogischen Arbeit ist es, Menschen zu unterstützen und zu befähigen, möglichst eigenständig und in weitgehend selbstbestimmten Lebenszusammenhängen ihren Alltag gelingend zu gestalten und dabei am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und teilzunehmen. Dazu gehört als Basis auch, dass Klient*innen lernen, möglichst eigenständig für sich selbst zu sorgen. Wenn es Ihnen in Ihrer Vorbildfunktion und als sozialpädagogische Begleitperson also gelingt, das negative Image der Hauswirtschaft abzustreifen, können Sie das sich bietende Potenzial für die Erweiterung der lebenspraktischen Befähigung aktiv und vielfältig nutzen. Im Folgenden geben wir Ihnen einen kurzen Überblick, welche Förderfelder im Buch thematisiert werden.
Selbstwirksamkeit erleben, Erfolgsmomente ermöglichen: Der Alltag der Klient*innen der Sozialpädagogik zeichnet sich in der Regel nicht primär durch Erfolge aus. Oftmals befinden sich die Klient*innen in komplexen Problemlagen und haben schon viele belastende Erfahrungen gemacht. Selbstwirksamkeitsförderung ist daher ein zentrales Ziel. Im Bereich Hauswirtschaft können Sie Ihren Klient*innen sichtbare und schnell erreichbare Momente des Erfolgs ermöglichen. Mit Kochen und Backen liegt das auf der Hand – aber auch im Bereich Putzen ist es möglich. Denken Sie nur kurz nach, wie das bei Ihnen zu Hause läuft: Sie haben sich endlich überwunden, die Fenster ihrer Wohnung zu putzen. Am Abend kommt Besuch vorbei – was sagen Sie? «Schau, die Fenster! Man sieht nicht mal das Glas, so sauber sind sie geworden.» Solche Momente des Stolzes sind auch für Ihre Klient*innen wichtig.
Umfassende Alltagskompetenzen fördern: Das eigenständige Verrichten von Alltagsarbeiten im Haushalt fördert eine Vielzahl an wichtigen Basiskompetenzen, beispielsweise die Finanz- oder Konsumkompetenz, Kompetenzen in den Bereichen Konsumethik, Haushaltsarbeiten oder Ernährung, Sozialkompetenz in Tischsituationen, Medien-, aber auch Planungs- oder Selbststeuerungskompetenz sowie Reflexionsfähigkeit. Die Tatsache, dass haushaltsbezogene Arbeiten regelmässig und in überblickbaren Sequenzen erledigt werden müssen, erlaubt ein tägliches Trainieren und Erweitern dieser Kompetenzen.
Soziale Kompetenzen erweitern: Sozialpädagogische Arbeit wird meist in Gruppen durchgeführt. Hauswirtschaft ist ein tolles Lernfeld, um soziale Kompetenzen zu trainieren. Kooperation und Teamwork sind erforderlich, etwa dann, wenn zur richtigen Zeit das Abendessen auf dem Tisch stehen soll. Die verschiedenen Kompetenzen und das unterschiedliche Vorwissen der Klient*innen können gut kombiniert werden und bei einer gelungenen Umsetzung stärkt der gemeinsame Erfolg das «Wir-Gefühl» der Gruppe. Auch das Thema «Gäste empfangen» eignet sich hervorragend, damit Klient*innen ihre Sozialkompetenz weiterentwickeln können und Wertschätzung und Anerkennung erfahren. Zudem ermöglichen hauswirtschaftliche Tätigkeiten, durch eine eigenständige Aktivität an der Lebenssituation von anderen teilzuhaben, zum Beispiel jemanden eine Freude zu machen mit einem selbstgebackenen Kuchen. Generell werden dabei Dialog-, Konflikt-, und Kooperationsfähigkeit trainiert.
Motorische Fertigkeiten üben: Gemüse schälen, schneiden, hacken; Wäsche aufhängen, falten; Zutaten abwiegen: Hauswirtschaftliche Tätigkeiten erfordern eine Vielzahl an feinmotorischen Fertigkeiten. Diese werden geübt, ganz nebenbei und ohne Frage nach dem Sinn der Übung, denn dieser ist offensichtlich und das Ziel in Reichweite.
Kreativität anstossen: Hauswirtschaft beinhaltet ein schier unerschöpfliches Potenzial an kreativen Gestaltungsmöglichkeiten. Kochen, backen, Tisch decken, gärtnern: Überall kann Schönes, Spannendes und Überraschendes entstehen und aktiv gestaltet werden.
Interkulturelle Begegnungen schaffen: Was essen wir bei uns – was esst ihr bei euch? Was gibt es am Traumreiseziel zu essen? Ist erst einmal die Neugier geweckt und werden kulturelle Begegnungen mit Kochen und Essen verbunden, wird Trennendes plötzlich zu Verbindendem und Grenzen sind leichter zu überwinden.
Inklusion im Alltag leben: Hauswirtschaftliche Aufgaben lassen sich einfach oder komplex gestalten. Für jede Person ist etwas dabei, und gerade deshalb eignet sich Hauswirtschaft auch so gut für inklusive Projekte. Gemeinsam verschieden sein und etwas erschaffen oder Aufgaben bewältigen ist hier gefragt und einfach möglich.
Umdenken, um weiterzukommen
Sie sehen: An Argumenten für eine positive Sichtweise auf das Thema Hauswirtschaft fehlt es nicht. Kleine Kinder beteiligen sich meist noch ausserordentlich gerne an hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Mit Inbrunst und einer hohen Selbstwirksamkeitsüberzeugung helfen sie beim Putzen, sammeln Müll ein oder rühren in der Teigschüssel, ja sogar spielerisches Aufräumen kann Spass machen. Woher kommt also die spätere Abneigung? Wir beobachten, dass Erwachsene dazu tendieren, die «minderwertige» Alltagsarbeit negativ zu bewerten, oder gar im pädagogischen Sinne operant negativ zu verstärken – das geschieht etwa dann, wenn zur Strafe die Küche gemacht werden muss. Ein solches Verhalten ist nicht nur schade, sondern schädlich, denn dadurch werden die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten negativ aufgeladen. Als Folge davon bleibt das pädagogische Potenzial des Themas ungenutzt und Klient*innen werden um den Erwerb wichtiger Alltagskompetenzen gebracht. Vielfach wird durch negative Stigmata das Haushalten zudem zu einem konfliktiven Gebiet, auf dem sich Sanktionen und Machtkämpfe abspielen. Es ist daher zentral, dass Sie als Berufsfachperson positive Zugänge zu Haushaltsthemen schaffen und selbst einen kreativen Umgang damit vorleben.
Auch eine lösungsorientierte Grundhaltung statt einer Problemfokussierung ist in der Begleitung der Klient*innen im Alltag zentral. Oder wie Steve de Shazer es ausgedrückt hat: «Problemtalk creates problems. Solutiontalk creates solutions.» Er und seine Partnerin Isoo Kim Berg haben in ihren Ausführungen wichtige Leitsätze formuliert, die bei der Förderung von alltagspraktischen Kompetenzen umgesetzt werden können. Drei Beispiele:
«Nimm immer zuerst die Person in ihren Ressourcen wahr.» (Insoo Kim Berg) Alle Menschen haben ein Potenzial, sich zu entwickeln. Wenn die Ressourcen ausgelotet werden, können angepasste Lernschritte gefunden werden.
«Wenn es funktioniert – mach mehr davon. Wenn das, was du tust, nicht funktioniert, dann mach etwas anderes.» (Steve de Shazer) In der Begleitung im Alltag ist immer wieder Kreativität und «out of the box»-Denken gefragt. Neue Wege zu finden und alte Strukturen infrage zu stellen gehören hier unbedingt dazu.
«Ziele sind wie Lokomotiven, die Lösungen hinter sich herziehen.» (Steve de Shazer) Ziele implizieren ein geplantes Vorgehen. Der Alltag steckt voller Lernmöglichkeiten. Fachlich macht es Sinn, einige davon auch als explizite Lernchancen mit entsprechenden Zielen zu entwickeln und umzusetzen.
Im institutionellen Praxisalltag werden Sie indes oft damit konfrontiert sein, dass Haushaltsarbeiten ausgelagert oder zentralisiert werden. Suchen Sie dennoch Nischen im Alltag und gestalten Sie diese. Und geben Sie den Alltagsthemen, insbesondere den hauswirtschaftlichen Themen, einen Wert. Denn die «Normalität» ist ja nicht so, dass einem das Essen gebracht und die Wäsche gemacht wird. «Normal» ist, sich um den Alltag mit all seinen Anforderungen zu kümmern. Erfolge soll man unbedingt geniessen, es gehört aber auch dazu, sich mal zu überwinden und etwas zu erledigen, was auf der Vergnügungsskala nicht an erster Stelle steht. Die Befriedigung, die sich gerade nach Momenten der Selbstüberwindung einstellt, ist eine wichtige Lernerfahrung.
2. Unser Bildungsverständnis
Wir orientieren uns in unserem Bildungsverständnis im Wesentlichen am Lehrplan 21 sowie an den interdisziplinären Konzepten der Bildung für Nachhaltige Entwicklung und des lebenslangen Lernens. In dem Sinne haben wir ein breites Bildungsverständnis, das sich an Kompetenzen orientiert, globale Wirtschafts-, Umwelt- und Gesellschaftszusammenhänge integriert und Menschen ihr Leben lang fördern und in ihrer Entwicklung unterstützen will. Wir sind zudem überzeugt, dass Alltagskompetenzen eine wesentliche Grundlage bilden für ein möglichst selbstbestimmtes Leben und die gesellschaftliche Teilhabe – beides sind Kernziele der sozialpädagogisch-agogischen Arbeit. Für das bessere Verständnis unserer Herangehensweise möchten wir in diesem Kapitel zentrale Begriffe und Konzepte erklären.
Kompetenzorientierung und Lehrplan 21
Mit dem Lehrplan 21 (LP21) fand ein wesentliches Umdenken in der Bildung statt. Der starke Fokus auf den Erwerb und die Erweiterung von Kompetenzen bedingt, dass Lehrinhalte anders gelehrt und anders bewertet werden, als dies bei der reinen Wissensvermittlung der Fall ist. Der LP21 äussert sich zur Kompetenzorientierung so: «Durch die Beschreibung von Lernzielen in Form von Kompetenzen werden Kulturinhalte mit daran zu erwerbenden fachlichen und überfachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten verbunden; Wissen und Können, fachliche und personale, soziale und methodische Kompetenzen werden miteinander verknüpft. In den Fokus rücken damit auch die für den Kompetenzerwerb notwendigen Aneignungs-, Lern- und Problemlöseprozesse.»[1]
Der LP21 gilt so weit als möglich auch für Schüler*innen (SuS) mit Lerneinschränkungen. Können die im LP21 vorgesehenen Kompetenzen nicht erreicht werden, kommt die Ergänzung «Anwendung des LP21 für SuS mit komplexen Behinderungen» zum Tragen.[2] Die Aspekte Elementarisierung (Fokus auf Grundsätzliches, Basales), Befähigungsbezug (individuelle Förderung im Sinne des Bildungsauftrags) und Erfahrungsbezug (Anknüpfung an die Lern- und Lebenskontexte) stehen dort im Zentrum.
Der LP21 liefert mehrere konkrete Ziele[3] zu den Themenfeldern des vorliegenden Buches. Dazu gehören:
Die Lernenden
«können einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld entwickeln»,[4]
«können unterschiedliche Einflüsse auf die Gestaltung des Konsumalltages erkennen und benennen sowie deren Bedeutung für das eigene Konsumieren reflektieren (z.B. Marktangebot, finanzielle Ressourcen, Medien, soziales Umfeld)»,[5]
«können sich bei Miet- und Kaufverträgen über vertragliche Bedingungen informieren und rechtliche sowie finanzielle Verpflichtungen einschätzen (z.B. Wohnungsmiete, Online-Shopping, Kleinkredite, Leasing, Reparaturen, Abonnements, Reisen)»,[6]
«können an exemplarischen Gütern das Zusammenspiel von Produktion und Handel beschreiben (z.B. globale Arbeitsteilung bei Kleidern, Lebensmitteln: Produktionsorte, Handelswege, personelle Ressourcen)»,[7]
«können ökonomische, ökologische und soziale Überlegungen in der Güterproduktion bzw. der Bereitstellung von Dienstleistungen aus Sicht des Produzenten bzw. Anbieters beschreiben und Interessens- und Zielkonflikte erklären»,[8]
«können kriterien- und situationsorientierte Konsumentscheidungen finden»,[9]
«können Informationen aus Lebensmittelkennzeichnungen erschliessen und das Angebot hinsichtlich unterschiedlicher Aspekte beurteilen (z.B. Gesundheit, Haltbarkeit, Lagerung, Herkunft, Produktion, Ökologie, Zertifizierung)»,[10]
«können alltägliche Arbeiten organisiert und effizient ausführen (z.B. Arbeitsverteilung und -koordination im Team, Geräteeinsatz bei der Nahrungszubereitung)»,[11]
«können Medien und Medienbeiträge entschlüsseln, reflektieren und nutzen»,[12]
«können Medien interaktiv nutzen sowie mit anderen kommunizieren und kooperieren.»[13]
Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)
Gemäss LP21 bezweckt Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE), dass sich die Lernenden «mit der Komplexität der Welt und deren ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen», sowie Vernetzungen und Zusammenhänge verstehen und dazu befähigt werden, «sich an der nachhaltigen Gestaltung der Zukunft zu beteiligen.»[14]
Das nationale Kompetenzzentrum éducation 21 beschreibt für BNE zudem spezifischere Ziele, etwa zu Umweltbildung: «Im Zentrum zeitgemässer Umweltbildung stehen die Förderung der Handlungsbereitschaft und die Befähigung des Menschen zum respektvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen im Spannungsfeld von individuellen und gesellschaftlichen sowie ökonomischen und ökologischen Interessen.»[15] Auch Globales Lernen ist ein wichtiger Teil der BNE und beinhaltet «die Orientierung in der Weltgesellschaft und die Auseinandersetzung mit globalen Herausforderungen». Und weiter: «Globales Lernen will verstehbar machen, dass unser Alltag von weltweiten Zusammenhängen und Machtbeziehungen geprägt ist. Dazu gehört auch die Vergegenwärtigung einschränkender eigener Konzepte sowie die Auseinandersetzung mit Stereotypen und Vorurteilen. Globales Lernen orientiert sich am Wert der sozialen Gerechtigkeit sowie an der Leitidee einer Nachhaltigen Entwicklung.»[16] Für unser Buch heisst das, dass wir Hauswirtschaftsthemen und Konsumfragen global ausgerichtet und mit dem Ziel auf eine möglichst nachhaltige eigene Verhaltensweise verstehen.
Lebenslanges Lernen
Auch wenn sich das Verständnis von lebenslangem Lernen oft im engeren Sinne an einer möglichst optimalen Teilhabe am Arbeitsmarkt orientiert, finden wir die dahinterliegenden Grundsätze wichtig. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation beschreibt das Konzept so: «Das lebenslange Lernen umfasst sämtliche Lernformen, die im ganzen Leben genutzt werden, um das eigene Wissen zu stärken und Kompetenzen zu erweitern.»[17] Weiter wird spezifiziert: «Die Beherrschung der Grundkompetenzen bildet eine unabdingbare Voraussetzung für lebenslanges Lernen und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.»[18] Mit Blick auf die Klient*innen in stationären und teilstationären sozialpädagogisch-agogischen Einrichtungen sind beide Aussagen gleichermassen von Bedeutung: einerseits, dass sich Lernen nicht auf formale Lernformen wie Schulbildung beschränkt, in jeder Lebensphase stattfindet und sich am Kompetenzerwerb orientiert; andererseits, dass das Beherrschen gewisser Grundkompetenzen – und dazu gehört heute beispielsweise auch der Umgang mit digitalen Medien im Alltag – eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe ist. In Bezug auf Menschen mit einer Beeinträchtigung ist elementar, dass ihnen das Entwicklungspotenzial zum Lernen nicht abgesprochen wird. Aufgrund der Differenz von Lebens- und Entwicklungsalter ist es gut möglich, dass gewisse Lernschritte wie zum Beispiel Geld zählen lernen erst im Erwachsenenalter erfolgen, andere vermeintlich komplexere Lernschritte im Regelbereich hingegen schon im frühen Schulalter bewältigt werden können.
Begrifflichkeiten in diesem Buch
Begriffsdefinitionen[19]
Kenntnisse bezeichnen die Gesamtheit der Fakten, Grundsätze, Theorien und Praxis in einem Arbeits- oder Lernbereich.
Fertigkeiten umfassen die Fähigkeit, Kenntnisse anzuwenden und Know-how einzusetzen, um Aufgaben auszuführen und Probleme zu lösen. Dazu gehören kognitive Fertigkeiten (logisches, intuitives und kreatives Denken) und praktische Fertigkeiten (Geschicklichkeit und Verwendung von Methoden, Materialien, Werkzeugen und Instrumenten).
Kompetenz ist die nachgewiesene Fähigkeit, Kenntnisse, Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten in Arbeits- oder Lernsituationen und für die berufliche und/oder persönliche Entwicklung zu nutzen.
Was wir unter Lernschwierigkeiten verstehen
Analog der Grundhaltung des Modells der funktionalen Gesundheit[20] gehen wir von der Prämisse aus, dass die ganzheitliche Lebens- und Entwicklungssituation einer Person bei der Frage der Kompetenzförderung auch die Umweltfaktoren mit ihren Ressourcen und Barrieren miteinschliesst. Lernschwierigkeiten verstehen wir demnach als Ausgangslage mit einem spezifischen Förderbedarf, schwerpunktmässig in den Bereichen Kognition sowie soziale und emotionale Kompetenz. Die Bereiche der Motorik und Sensorik spielen immer auch eine Rolle. Der spezifische Förderbedarf für Menschen mit Sinnesbehinderungen oder motorischen Einschränkungen ist nicht Teil unserer Ausführungen. Das Buch kann zwar auch für diesen Bereich Inputs liefern, wir verweisen hier aber auf bestehende Literatur aus dem heilpädagogischen Bereich.
Wie wir mit den Begriffen Andragogik, Sozialpädagogik, Agogik umgehen
Wir sprechen im vorliegenden Buch meist von «Sozialpädagogik» und beziehen uns damit auf das weite Berufsfeld von Sozialpädagog*innen, das Klient*innen aller Altersklassen einbezieht. Für die bessere Lesbarkeit haben wir darauf verzichtet, konsequent den Doppelbegriff «Sozialpädagogik-Andragogik» zu verwenden. Der Vollständigkeit halber möchten wir aber hier dennoch einen Überblick über die verschiedenen Begrifflichkeiten geben:[21]
Agogik: Überbegriff für alle Lernprozesse mit professioneller Begleitung, der Begriff umfasst alle Altersstufen.
Andragogik: wird im Zusammenhang mit Lernprozesse von Erwachsenen verwendet, laut Duden ist die wörtliche Bedeutung «Wissenschaft der Erwachsenenbildung».
Pädagogik: wird im Kontext von Lernprozesse von Kindern gebraucht, sowohl die Ebene der Bildung als auch die Ebene der Erziehung werden dabei berücksichtigt.
In der Praxis werden die Begriffe nicht immer konsequent verwendet. Häufig wird auch im Bereich von Erwachsenen von Pädagogik gesprochen und auch die Literatur ist hier nicht immer stringent.
Was wir unter echten Lernchancen verstehen
Wir meinen mit echten Lernchancen professionell gestaltete, an die jeweilige Lebenswelt und Ressourcenvoraussetzung angepasste und sinnvoll sequenzierte Lernsituation für Klient*innen, mit dem Ziel der Förderung von Selbstwirksamkeit im Bereich Alltagskompetenzen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass wir mit dem vorliegenden Buch an ein zeitgemässes Bildungsverständnis anschliessen und eine Theorie-Praxis-Relation wichtiger Inhalte des LP21 zu «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt (mit Hauswirtschaft)» sowie zu «Medien und Informatik» als Querschnittsthema im Kontext von stationären und teilstationären sozialpädagogisch-agogischen Institutionen leisten. Es gibt daneben im LP21 viele überfachliche Kompetenzen, die auch im Kontext der sozialpädagogischen und agogischen Arbeit wichtig sind. Wir fokussieren auf die Selbststeuerungskompetenz, da diese zentral in alle Themenbereiche des Buches hineinspielt. Wir sind überzeugt, dass jede*r Klient*in in jeder Lebensphase lernfähig ist und ein Anrecht auf angemessene Förderung hat. Wichtig ist dabei, dass sowohl Lerninhalte wie Lernziele, Lernmethoden und Hilfsmittel der jeweiligen Situation der Lernenden angepasst werden. Ausgangs- und Ankerpunkt sind bei allen Klient*innen deren Lebenswelten, also ihr individueller Umgang mit Lebenslagen, verbunden mit den subjektiven Erfahrungen und Überzeugungen. Deshalb befasst sich der Hauptteil dieses Buches auch damit, wie eine angemessene pädagogische Umsetzung der Lerninhalte mit Blick auf die Klient*innen lebensweltorientiert angepackt und in den Institutionsalltag integriert werden kann.
3. Lebensweltorientierung im Kontext von Hauswirtschaft
Die lebensweltorientierte Perspektive, begründet durch Hans Thiersch, ist in der sozialpädagogischen Arbeit weitverbreitet und ein wichtiger theoretischer Zugang. Ziel der lebensweltorientierten Arbeit ist es, die Klient*innen bei der Gestaltung eines gelingenderen Alltags zu unterstützen. Darunter wird verstanden, dass die Klient*innen in der Lage sind, ihr Leben mit all seinen täglichen Herausforderungen so zu bewältigen, dass sie selbst zufrieden sind, aber auch so, dass sie im Kontext der jeweiligen Gesellschaft bestehen können. Ressourcen im institutionellen Rahmen sollen so eingesetzt werden, dass die Klient*innen auch in Institutionen ein Leben in grösstmöglicher Selbstständigkeit und «Normalität» führen können. Um diese Ziele zu erreichen, müssen Alltagskontexte individuell pädagogisch-agogisch gestaltet werden. Die angestrebte Selbstständigkeit kann man auch als Handlungsfähigkeit bezeichnen. Im Alltag handlungsfähig zu sein, geht einher mit der Erlangung von Selbstwert, Anerkennung und Selbstwirksamkeit.
Lebenswelten sind Alltagswelten, und das ist der Schnittpunkt zur Hauswirtschaft. In der gelingenden Gestaltung des Alltags liegt das Potenzial zu mehr Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Gleichzeitig muss hier die Balance zwischen einer normgeleiteten Realität und der Individualität jeder Person gefunden werden. Ein Beispiel: Wenn ein chronisch psychisch kranker Klient seine Kleider nicht im Schrank, sondern auf dem Boden aufbewahren will, weil er sich – warum auch immer das in seiner Lebenswelt so ist – dadurch sicherer fühlt, entspricht das zwar normgeleitet nicht der Regel, aber aus lebensweltlicher Sicht kann das Verhalten trotzdem in Ordnung sein. Selbst dann, wenn diese Ordnung die «Normalität» der Sozialpädagogik irritiert. Voraussetzung ist in diesem Beispiel allerdings, dass ein Minimum an Hygiene gewährleistet wird, damit es nicht zu einer Gesundheitsgefährdung kommt. Lebensmittel im Kleiderhaufen oder feuchte Kleidung, die schimmelt, wären hier eine Grenze des Tolerierbaren. Der Grat zwischen der eigenen Perspektive des gelingenden Alltags und der Akzeptanz der Realität der Klient*innen ist immer wieder eine Herausforderung und bedarf der ständigen Reflexion. So ist beispielsweise Fairtrade und Konsumerziehung im Setting einer Jugendwohngruppe grundsätzlich ein sinnvoller Inhalt sozialpädagogischer Schulung, der zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Wenn es sich allerdings um eine Wohngruppe mit geflüchteten Minderjährigen handelt, sollte zuerst thematisiert werden, wie diese mit all den vorhandenen, aber für sie aktuell unerreichbaren Konsumverlockungen umgehen können.
Hauswirtschaft als pädagogisch-agogische Ressource mit dem Ziel einer gelingenden, möglichst selbstbestimmten Alltagsgestaltung sowie einer maximalen gesellschaftlichen Teilhabe und Teilnahme führt also dann zum Erfolg, wenn gleichzeitig eine lebensweltorientierte Sichtweise anstelle eines normierten Weltbildes eingenommen wird. Weiter muss die Balance zwischen «Normalität» und «Individualität» stets reflektiert werden. Dieses Ausloten und die damit verbundene Förderung der Klient*innen im Alltag ist für alle Zielgruppen sinnvoll, wenn auch die angestrebten Kompetenzen unterschiedlich weit gehen. Während eine Jugendliche zum Beispiel lernt, wie sie ihren Jugendlohn verwalten muss, damit das Geld bis Ende Monat reicht, lernt der Klient mit einer kognitiven Beeinträchtigung die Bedeutung der Geldmünzen in Relation zu einzelnen Gütern kennen. Beide haben im Alltag Lernschritte gemacht. Den Menschen Entwicklungsfähigkeit zuzuschreiben und Lernmöglichkeiten zu eröffnen, gehört zu einem humanistischen Berufsverständnis und zeigt sich gerade eben im gelebten Alltag besonders deutlich. Selbstverständlich ist der Ansatz der Lebensweltorientierung von Hans Thiersch komplexer und beinhaltet auch eine politische Dimension, da sich die Soziale Arbeit für möglichst gute Lebenslagen der Klient*innen einsetzen soll.
Lebenspraktische Themen pädagogisch gestalten
Wir haben dargelegt, wieso Hauswirtschaft ein sehr reichhaltiges Lernfeld ist, das Sie aktiv nutzen können und sollen. In diesem Kapitel nähern wir uns ein erstes Mal der ganz konkreten pädagogischen, lebenspraktischen Gestaltung dieses Lernfelds.
Stellen Sie sich folgende Situation aus dem Praxisalltag vor: Ein Kind auf Ihrer Wohngruppe hat Geburtstag und wünscht sich eine Torte mit frischen Himbeeren. Es ist allerdings Januar. Was tun Sie?
1 Ich kaufe frische Importhimbeeren, schliesslich will ich dem Kind eine Geburtstagsfreude machen.
2 Ich bespreche mit dem Kind die Saisontabelle für Früchte und schaue, ob wir die Torte mit anderen Früchten machen können, zum Beispiel mit Äpfeln.
3 Ich bespreche mit dem Kind die Einkaufsoptionen und ihre ökologischen Vor- und Nachteile, und wir wählen schliesslich als Alternative zu den frischen die tiefgekühlten Himbeeren.
Alle drei Reaktionen sind zwar menschlich nachvollziehbar, aus pädagogischer Sicht und mit Blick auf die Erweiterung der Alltagskompetenzen bieten sich allerdings nur bei Reaktion b) und c) echte Lernchancen: In der Diskussion mit der Betreuungsperson lernt das Kind die Saisonalitäten kennen, es setzt sich mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen auseinander, lernt mögliche Alternativen zum Einkauf von CO2-intensiver Importwaren kennen, erfährt, dass man Rezepte variieren kann, und erhält am Schluss zum Geburtstag einen Kuchen, der ihm dennoch schmeckt – und vielleicht ja noch einen Gutschein für einen Kuchen mit frischen Himbeeren, der während der Himbeersaison eingelöst werden kann. Mit anderen Worten: Auch wenn die Reaktion a) nett gemeint ist, wird das Kind in diesem Beispiel um wichtige Lernerfahrungen gebracht.
Stellen Sie sich eine zweite Situation vor: Wiederum steht ein Geburtstag an, dieses Mal in einer Institution für Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen. Eine Klientin kommt mit der Bitte auf Sie zu, für einen Mitbewohner den Geburtstagskuchen selbst backen zu dürfen. Sie nehmen die Planung in die Hand – was tun Sie?
1 Sie finden die Idee zwar gut, aber die Zeit ist knapp und Sie denken nicht, dass die Klientin wirklich einen schmackhaften Kuchen backen kann. Sie lassen sie daher wählen, was es für ein Kuchen sein soll, kaufen ihn aber in der Bäckerei ein.
2 Sie wählen ein Rezept aus, kaufen die Zutaten ein, wiegen die Zutaten ab und lassen die Klientin den Teig umrühren. Damit der Kuchen nicht zu schief rauskommt, füllen Sie den Teig aber selbst in die Backform und überwachen den Backprozess.
3 Sie besprechen mit der Klientin, was für einen Kuchen sie backen könnte, wählen ein dem Lernniveau angepasstes Kochbuch aus, lassen sie einen Einkaufszettel erstellen und einkaufen gehen, und assistieren ihr während des Backprozesses. Die Vorbereitung für den Kuchen nimmt viel Zeit in Anspruch und das Ergebnis ist leider leicht angebrannt, aber dennoch essbar.
Wiederum sind alle drei Reaktionen im Alltag gut nachvollziehbar, haben allerdings sehr unterschiedliche pädagogische Wirkungen: Bei Reaktion a) und b) schmeckt zwar wahrscheinlich der Kuchen sehr gut, aber es geht etwas Entscheidendes verloren, nämlich der ganze Lernprozess und die Motivation, überhaupt einen Kuchen als Geburtstagsüberraschung zu backen. Auch wenn die Klientin bei Teilentscheiden (Kuchen auswählen) oder Teilschritten (Teig umrühren) involviert war, hatte sie nur eine sehr limitierte Lernchance. Ganz anders bei Reaktion c): Hier wird das Kuchenbacken von Anfang an als Lernsituation genutzt und entsprechend gestaltet. Die Klientin lernt die notwendigen vorbereitenden Teilschritte kennen, erhält Anleitungen oder Hilfsmittel, um das gesetzte Ziel möglichst eigenständig zu erreichen (z.B. ein Bilderkochbuch, falls das Lesen schwerfällt) und hat am Schluss einen Kuchen als Ergebnis – zwar etwas angebrannt, aber dafür selbst gemacht und mit doppelter Freude zum Verschenken.
Die beiden fiktiven Situation zeigen mehrere wichtige Aspekte auf:
Im stationären und teilstationären sozialpädagogisch-agogischen Alltag gibt es viele potenzielle Lernchancen – aber nur, wenn diese als solche erkannt und pädagogisch aufbereitet werden.
Die Schaffung und Gestaltung von Lernprozessen hin zu mehr Selbstständigkeit gehört zu den wichtigsten sozialpädagogisch-agogischen Aufgaben. Nicht nur das Endresultat zählt, sondern insbesondere der Lernprozess – dieser sollte daher auch im Zentrum der Arbeit stehen.
Damit Lernprozesse stattfinden, müssen sie gut geplant, sinnvoll rhythmisiert, in den Alltag integriert und unterstützend umgesetzt werden.
Generell gilt: Je grösser der eigenständige Anteil an der Bewältigung einer Aufgabe, desto grösser das Erfolgserlebnis. Insbesondere Teilschritte und Hilfsmittel müssen im Lernprozess gut an die Kenntnisse und Fertigkeiten der Lernenden angepasst werden.
Erfolgserlebnisse motivieren für mehr, und Motivation ist gleichzeitig der Schlüssel für die Erweiterung der eigenen Kompetenzen. Gut umgesetzte Lernsituationen im Alltag stärken die Selbstständigkeit und Eigenmotivation der Klient*innen entscheidend.
Um das Potenzial im Alltag zu nutzen, muss zunächst der pädagogische Wert dieser Alltags-Lernsituationen erkannt und explizit gemacht werden. Denn damit Lernsituationen ihre Wirkung entfalten können, muss ihnen genügend Zeit eingeräumt werden. Wer die Erweiterung der Alltagskompetenzen anhand von pädagogisch aufbereiteten Lernsituationen nicht als Prinzip, sondern als optionalen Zusatz einstuft, wird im Berufsalltag womöglich immer wieder an der Ressourcenfrage scheitern. Es braucht daher eine bewusste Entscheidung eines Teams respektive einer Institution, solche Alltagskompetenzen aktiv und innovativ zu fördern und die Qualität der eigenen sozialpädagogisch-agogischen Arbeit – neben anderen Zielen wie etwa Coping-Strategien im Umgang mit Stress – auch an der Erweiterung der Alltagskompetenzen der Klient*innen zu messen. Durch die sichtbaren, konkreten Erfolge im Alltag können zudem weitere Synergien für die übergeordneten (Förder-)Ziele der Klient*innen entstehen.
Damit das im Alltag gut gelingt, braucht es Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen: Es geht sowohl um das Erkennen und Nutzen von vorhandenen Arbeitsfeldern als auch um das Initiieren von Denk- und Diskussionsprozessen im Team und in der Institution. Im ganz Praktischen geht es zudem um das Auswählen und Gestalten von geeigneten Lernsituationen. Wann immer möglich sollte die Schwerpunktsetzung zudem partizipativ mit den Klient*innen geschehen. Wie Sie das auf einfache Weise tun können, zeigen wir Ihnen im Folgekapitel. Unser Modell SALSA unterstützt Sie in der Umsetzung einfach und praxisnah.
4. Modell SALSA: Spezifische, alltagskompatible Lernsituationen systematisch finden und anleiten
Wir haben für den Praxisalltag ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe Sie einfach und strukturiert geeignete Lernsituationen finden und gestalten können. Auf den folgenden Seiten erklären wir den Grundsatz des Modells. Unter den thematischen Kapiteln finden Sie jeweils die themenorientierte Umsetzung des Modells sowie im dritten Teil des Buches zusätzlich Beispiele für die Gestaltung von spezifischen Lernsituationen.

Abbildung 1: SALSA-Modell (eigene Darstellung, Copyright Christa und Monika Luginbühl, CC BY-NC-ND 4.0)
Um geeignete Lernsituation zu finden, müssen Sie zuerst die Rahmenbedingungen klären. Es lohnt sich, dass Sie sich hierfür genügend Zeit nehmen, denn die Wahl der Lernsituation ist entscheidend für den Erfolg Ihrer Klient*innen. Klären Sie die Rahmenbedingungen in den Schritten 1 und 2 des Modells.
Schritt 1: Grundhaltung reflektieren
Seien Sie sich im Klaren, mit welchem Menschenbild, welcher Grundhaltung und welchen Grundwerten Sie Ihren Beruf ausüben. Gehen Sie beispielsweise bei allen Klient*innen davon aus, dass es Lernpotenzial gibt? Wo sehen Sie dieses? Wie steht es mit Ihren Berufsambitionen: Wollen Sie Erfolge bei Ihren Klient*innen sehen? Und was werten Sie dabei als Erfolg? Fordern und fördern Sie Ihre Klient*innen oder überfordern Sie sie manchmal? Sind Sie oft im Zeitstress und greifen dadurch (zu) schnell helfend ein? In welchen Situationen sind Sie besonders stolz auf Ihren Beruf, wann macht er Ihnen richtig Spass, und wann finden Sie ihn besonders schwierig? Wer hat in Ihrem Team welche Stärken, und wie können Sie diese bei der Bearbeitung verschiedener Lernfelder sinnvoll nutzen? Wie gehen Sie selbst mit hauswirtschaftlichen Themen um? (Siehe auch Annex 1 mit einer Checkliste zur Bearbeitung dieser Fragen, S. 333.)
Schritt 2: Lernfelder erkennen
Nicht jede eigentlich sinnvolle Lernsituation ist im jeweiligen institutionellen Kontext auch umsetzbar. Es gibt institutionelle Organisationsabläufe, die Lernfelder eher begünstigen oder hemmen. Ist beispielsweise die Küche zentral organisiert, wird es schwierig mit dem Kochen ganzer Menüs. Sie könnten aber trotzdem einen Geburtstagskuchen auf der Gruppe backen. Als potenzielles Lernfeld könnten Sie initiieren, dass jede Gruppe einmal wöchentlich selbst kocht und das dafür notwendige Budget erhält. Analysieren Sie, welche Ressourcen Sie nutzen können, sowohl auf institutioneller Ebene wie auch auf Ebene der Gruppe und individueller Ebene des*der Klient*in. Nutzen Sie vorhandene Optionen, erweitern Sie diese, wo es der institutionelle Rahmen einfach zulässt, seien Sie punktuell visionär und diskutieren Sie ganz neue Organisationsformen und Prozesse. Wichtig ist dabei: Ihre Klient*innen wachsen nur an den Lernsituationen, die sie auch umsetzen – denken Sie also nicht hauptsächlich in Zukunftsszenarien, sondern packen Sie konkret dort an, wo Sie bereits heute Lernchancen ermöglichen können. (Siehe auch Annex 2 mit einer Checkliste zur Bearbeitung dieses Themenfelds, S. 334.)
Lernen im Alltag kann auf zwei Arten geschehen. Implizit, sozusagen «by the way» machen wir jeden Tag neuen Erfahrungen. Diese können auch als Lernerfahrungen gesehen werden, da sie unsere früheren Erfahrungen bestätigen oder auch infrage stellen. Bei Letzterem müssen wir neue Strategien finden, um die Situation zu bewältigen. Diese Momente sind wichtig, um potenzielle Lernfelder und Lernchancen zu erkennen. Daneben gibt es aber auch agogische Lernsituationen, in denen Lernmöglichkeiten bewusst und gezielt kreiert werden, um die Klient*innen zu fördern. Wir sprechen hier von angeleiteten Lernsituationen, welche die Klient*innen dazu befähigen sollen, auch in variablen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Dies betrachten wir auf den folgenden Seiten genauer.
Schritt 3: Lernsituationen auswählen
Damit Sie Ihre Klient*innen zu einem Lernerfolg führen können, muss die gewählte Lernsituation alltagskompatibel sein. Erwarten Sie beispielsweise, dass Ihr Klient nach einem anstrengenden Arbeitstag am Abend noch viel Motivation für eine Lernsituation an den Tag legt, die seiner Arbeit ähnelt, wird es schwierig. Überlegen Sie sich, wann Sie welche Lernsituationen im Tages- und Wochenablauf Ihrer Klient*innen einbauen. Beziehen Sie dabei die Klient*innen in die Entscheidungsfindung mit ein; dieser partizipative Prozess ist ein wesentlicher Faktor für die intrinsische Motivation. Klären Sie zudem die dafür erforderlichen Finanz-, Zeit- und Betreuungsressourcen. In individuellen Lernsituationen dürfen zum Beispiel nicht die gesamten Ressourcen, die der Gruppe zustehen, für eine Einzelperson verwendet werden. Behalten Sie bei der Planung von individualisierten Lernsituationen daher die Gruppendynamik gut im Blick. Denken Sie daran, dass pädagogisch umgesetzte Lernsituationen immer mehr Zeit in Anspruch nehmen, als wenn Sie die Aufgabe selbst erledigen. Und auch wenn das Endresultat wichtig ist, steht bei der pädagogischen Umsetzung der Weg dorthin, also der eigentliche Lernprozess, im Hauptfokus und muss entsprechend hoch gewichtet werden. (Siehe auch Annex 3 mit einer Checkliste zur Bearbeitung dieses Themenfelds, S. 335.)
Exkurs: Grundsätzliche Überlegungen zu der Zusammenarbeit mit Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten[22]
Lebensweltorientierung
Je stärker Lernsituationen an die persönliche Lebenswelt anknüpfen, desto eher sind die Beteiligten bereit, sich auf das Lernen einzulassen. Die Verbindung zu eigenen Zielen oder Vorlieben schafft Motivation. Dies können grosse Ziele sein, wie etwa das Erlernen von Kompetenzen, um selbstständig zu wohnen, oder auch kleine Ziele, wie beispielsweise die Lieblingsspeise selbst zubereiten zu können. Lebensweltorientierung ist für alle Zielgruppen wichtig, für Menschen mit einer Lernschwierigkeit aber umso zentraler, um überhaupt einen subjektiv sinnvollen Zugang zu einer Aufgabe zu finden.
Beziehungsarbeit
Die positive, pädagogisch-agogische Beziehung ist zentral für Lernerfolge. Menschen lassen sich eher auf Lernprozesse ein, wenn sie Anerkennung und Wertschätzung erfahren und ihnen von der lehrenden Person Kompetenzen und Know-how zugeschrieben werden. Auch dieser Aspekt ist für alle Zielgruppen wichtig. Doch bei Personen, die wenig abstrahieren können, beispielsweise aufgrund einer kognitiven Beeinträchtigung, wird der emotionale Bezug zu Themen und Aufgaben umso wichtiger und die Beziehungsebene rückt noch stärker in den Fokus. Zudem gilt: Je jünger die Klient*innen, desto wichtiger ist die Beziehungsebene.
Positive, emotionale Zugänge schaffen
Je positiver die Emotionen sind, die in Lernsituationen entstehen, desto mehr intrinsische Motivation entwickeln die Lernenden. Humor ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Komponente. Zudem sollen sich alle Beteiligten über Erfolge freuen und Fehler als Chance zum Lernen sehen. Diese Aspekte sind für alle lernenden und lehrenden Personen wichtig.
Visuelle Zugänge betonen
Kleine Kinder und Menschen mit einer Lernschwierigkeit lernen oftmals stark über Bilder. Visuelle Zugänge in Form von ansprechenden Bildern erhöhen deshalb den Lernerfolg. Sicher haben alle Personen gerne eine ästhetisch ansprechende Visualisierung, insofern ist ein solcher Zugang immer sinnvoll. Kognitiv fitte Klient*innen sind aber daneben auch in der Lage, sich auf komplexere, sprachliche Aufgaben einzulassen, vorausgesetzt sie sind dafür motiviert.
Prozessorientierung
Lernen ist ein Prozess, für diesen haben sowohl Unter- als auch Überforderung eine demotivierende Wirkung. Es ist daher für alle Zielgruppen wichtig, eine gute Anforderungsbalance zu finden. Die Zielsetzungen können für mehrere Personen gleich, die Etappierungen und Teilziele jedoch individuell sehr unterschiedlich sein in Bezug auf den Schwierigkeitsgrad und das Tempo. Das Gliedern von Lernprozessen in individuell angepasste Teilschritte ermöglicht immer wieder Erfolgserlebnisse und Etappensiege und ist daher für alle Zielgruppen wichtig, um motiviert zu lernen.
Schritt 4: Fachkompetenz sichern
Unter Fachkompetenzen werden Fachkenntnisse und fachspezifische Fertigkeiten verstanden, die es für die Bewältigung einer spezifischen Aufgabe braucht. Es geht also darum, einerseits über Wissen und anderseits über das geeignete Handwerk zu verfügen, sowie darum, beides zielführend anzuwenden.
Nehmen wir das Beispiel Spaghettikochen: Im Bereich der Fachkenntnisse geht es um das Wissen, wie viel Gramm Spaghetti es braucht, wie lange es dauert, bis diese gar sind, welche Sossen zu Spaghetti passen und was es für die Zubereitung braucht. Zudem braucht es Wissen zum Ablauf der einzelnen Arbeitsschritte, also etwa wann und wie die Sosse zubereitet wird und wie lange es dauert, bis die Sosse fertig ist. Auch planerische Kompetenzen sind wichtig, damit die Spaghetti und die Sosse gleichzeitig fertig werden. Im Bereich der fachspezifischen Fertigkeiten braucht es die Wahl einer Pfanne in angemessener Grösse für das Kochen der Spagetti und das Timing, wann die Spaghetti ins Wasser gegeben werden müssen und wie erkannt wird, dass sie gar sind. Bei der Sosse braucht es Fertigkeiten zum Zwiebelnschneiden, und Kenntnisse, was andünsten heisst oder wie viel gewürzt wird. Selbstverständlich fliessen Kenntnisse und Fertigkeiten ineinander. Eine Trennung ist in der Praxis auch nicht nötig. Hingegen ist es wichtig zu erkennen, dass es schwierig ist, jemandem etwas beizubringen, wenn man selbst nicht über die grundlegenden Fachkompetenzen verfügt. Gleichzeitig ist in der Praxis auch ein gewisser Pragmatismus angesagt. Man muss nicht bis ins letzte Detail über Fachkompetenzen verfügen, man kann je nach Kontext auch gemeinsam mit Klient*innen Dinge ergründen und lernen. Je komplexer der Kontext, desto sicherer muss aber die anleitende Person fachlich sein. Eine Gruppe mit mehreren Klient*innen anzuleiten, ohne sich fachlich sicher zu fühlen, ist stressig, was sich negativ auf den Lernerfolg der Klient*innen auswirken kann.
Schritt 5: Lernzugänge abrufen
Methodenkompetenzen betrachten wir hier in Zusammenhang mit Pädagogik und Agogik. Als Grundlage dafür ist Basiswissen über die Lerntheorien wichtig. Wir geben Ihnen daher in Annex 4 auf S. 336 einen kurzen Überblick über die wichtigsten Lerntheorien.
In der Praxis geht es dann um die Frage, mit welchen Lernzugängen ein Lernprozess initiiert wird. Lernzugänge werden auf dem Fundament von Lerntheorien geschaffen, praxisorientiert umgesetzt und sie kombinieren in der Regel mehrere Lerntheorien miteinander.
Lernzugänge
Für die Entwicklung einer Lernsituation müssen Sie wie in Schritt 4 erläutert über Fachkompetenz in den zu vermittelnden Inhalten verfügen. Dazu gehören sowohl Fachwissen, das thematisch in die Tiefe geht, wie auch die dazugehörigen Fachmethoden, beispielsweise bezüglich der Planung von Abläufen. Für die Vermittlung der Inhalte stellen wir Ihnen nun in Schritt 5 eine Reihe von Lernzugängen vor. Das Gelingen des Lernprozesses hängt essenziell davon ab, ob der*die Klient*in motiviert werden kann. Diese Motivation wiederum gelingt dann, wenn die individuell passende Form einer Lernsituation mit dem individuell passenden Lernzugang gefunden wird. Wir stellen in diesem Buch befähigendes Lernen ins Zentrum, das heisst wir haben Lernzugänge gewählt, die auf eine hohe Partizipation und einen individuellen Lernprozess fokussieren. Lernzugänge, die auf klassischer oder operanter Konditionierung basieren, haben wir bewusst ausgeklammert, da diese im Kontext der Themen dieses Buches in den meisten Fällen dem Anspruch eines individuellen, befähigenden Lernens nicht gerecht werden. Auch Lernzugänge auf der Basis von «Versuch und Irrtum» schliessen wir weitgehend aus, da beispielsweise einzelne Entscheide potenzielle Konsequenzen von grosser Tragweite wie Verschuldung oder delinquentes Verhalten haben können, da Unfallgefährdung entsteht oder sich ethische Fragen, etwa im Umgang mit Lebensmitteln, stellen. Für die Umsetzung in der Praxis arbeiten wir in diesem Buch mit sieben Lernzugängen, die wir Ihnen in der Folge kurz erläutern.
Sensorisches Lernen – Lernen über die fünf Sinne: Man spricht auch von multisensorischem Lernen und meint damit, dass wir mit allen Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten) lernen und dass Lernprozesse besser gelingen, wenn mehrere Sinne angesprochen werden. Voraussetzung ist jedoch, dass die Lernimpulse und die verschiedenen Sinne im Lernprozess koordiniert werden und sich nicht widersprechen oder konkurrenzieren.[23]
Beispiel für sensorisches Lernen: Zopfbacken und die einzelnen Arbeitsschritte mit allen Sinnen wahrnehmen: Hefe riechen, Teig kneten und so weiter.
Exkurs: Visuelle Zugänge
Visualisierungen sind ein wichtiger Lernzugang für unsere Herangehensweise. Dabei ist es zentral, den Abstraktionsgrad der Visualisierung im Kontext der individuellen Entwicklungsstufe der Klient*innen zu berücksichtigen.[24] Visualisierungen können von sehr konkret bis sehr abstrakt sein:
Funktionales Objekt: Es wird eins zu eins mit dem Objekt visualisiert, um das es geht. So wird zum Beispiel die Pfanne, die es zum Kochen braucht, gezeigt.
Repräsentatives Objekt: Ein konkretes Symbol oder ein Teil eines Objekts verweist auf das Objekt, beispielsweise wird ein Topflappen als Symbol für eine heisse Pfanne benutzt.
Miniatur: Ein verkleinertes Objekt steht für das Original. Beispielsweise kann eine Puppenpfanne die echte Pfanne symbolisieren.
Foto: Bei Fotos gibt es wiederum mehrere Abstraktionsebenen, so etwa ein Bild von genau der Pfanne, die später benutzt wird, ein Bild einer ähnlichen Pfanne oder das Symbolbild einer Pfanne.
Zeichnung: Der Gegenstand wird grafisch dargestellt, zum Beispiel mit der Zeichnung einer Pfanne.
Piktogramm: Eine schematische Zeichnung, hier beispielsweise der Pfanne, wird angefertigt.
Symbol: Ein Symbol weist auf einen Gegenstand hin, eine kleine Pfanne bedeutet beispielsweise, dass das Rezept für eine Einzelperson berechnet ist, eine grosse Pfanne symbolisiert die Mengen für 4 Personen.
Buchstaben: Diese sind die abstrakteste Form der Visualisierung. So symbolisiert etwa die Buchstabenfolge PFANNE den Gegenstand.
Observatives Lernen – Lernen durch Beobachten: Dieser Lernzugang orientiert sich am Lernen am Modell nach Albert Bandura. Differenzieren wir diesen Zugang, dann können folgende Stufen daraus abgeleitet werden:[25]
vormachen und erklären,
anleiten,
unterstützen,
Hilfestellung abbauen.
Während die ersten beiden Schritte dem Schema «Beobachten und nachmachen» folgen, werden die beiden darauffolgenden Schritte, wenn sie wiederholt geübt werden, via Habituation zur Routine für Abläufe, die sich situativ wenig ändern.
Beispiel für observatives Lernen: Jede Woche auf der Wohngruppe einen Zopf backen und den Klient*innen zunehmend mehr Selbstverantwortung für die einzelnen Teilschritte übergeben.
Motorisches, manuelles Lernen – Lernen durch praktisches Ausprobieren: Dieser Zugang ist eine Mischung der Lerntheorien «Lernen durch Versuch und Irrtum» und «Habitation». Je nach didaktisch-methodischem Aufbau erfolgt dieser Zugang nach dem observativen Lernen oder auch zu Beginn in einer eher experimentellen Art.
Motorisches, manuelles Lernen erfolgt in drei Phasen:[26]
1 Grobkoordination: Eine Karotte wird mit dem Messer grob zerkleinert, es entstehen ungleiche Stücke, es besteht noch Unsicherheit bei der Handhabung des Messers.
2 Feinkoordination: Eine Karotte wird exakt zerkleinert, das Messer wird routiniert benutzt.
3 Stabilisierende Feinkoordination: Auch andere Gemüsesorten werden exakt zerkleinert.
Beispiel für motorisches, manuelles Lernen: Zutaten für Zopf bereitstellen (Mehl abwiegen, Wasser abmessen usw.), Teig kneten, Zopf formen und dabei Routine entwickeln.
Analytisch-verstehendes Lernen – Lernen durch Fragen, Erläutern, Zerlegen und Vergleichen: Dieser Ansatz gehört zu den kognitivistischen Lerntheorien und beinhaltet auch Begriffs- und Regellernen.
Beispiel für analytisch-verstehendes Lernen: Zopf mit und ohne Ei bestrichen backen und die verschiedenen Resultate vergleichen (Zopf glänzt, glänzt nicht)
Eidetisches, mentales Lernen – Lernen durch Vorstellen und Nachdenken: Dieser Zugang ist rein kognitiv. Angeleitet durch Fragen, Diskussionen und Nachdenken werden Erkenntnisse gewonnen.
Beispiel für eidetisches, mentales Lernen: Wie muss die Arbeitsorganisation aussehen, dass der selbst gebackene Zopf rechtzeitig zum geplanten Brunch auf der Wohngruppe essbereit ist?
Emotional-affektives Lernen – Lernen durch Erleben und Erfühlen: Dieser Zugang gehört zu den sozialen Lerntheorien – durch Erlebnisse werden Lernerkenntnisse emotional eingebettet.
Beispiel für emotional-affektives Lernen: Die Klient*innen besuchen einen Bauernhof und beschäftigen sich damit, woher die Eier für den Zopf stammen. Sie sehen die Hühner und dürfen selbst Eier einsammeln. Dieses Erlebnis ermöglicht einen anderen emotionalen Bezug, als wenn sie die Eier einfach im Laden kaufen.
Sozial-affektives Lernen – Lernen durch gemeinsames Handeln, Reflektieren und Erleben: Auch dieser Zugang gehört zu den sozialen Lerntheorien. Gemeinsames Handeln in der Gruppe, sich als Team erleben, aber auch etwas für jemanden anderen tun ermöglichen viele soziale Erfahrungen, die in den Alltag integriert und für diesen genutzt werden können.
Beispiel für sozial-affektives Lernen: Gemeinsam einen Zopf backen, gemeinsam am Frühstückstisch den Zopf geniessen, Ideen für Zopfvarianten entwickeln (Speckzopf, Rosinenzopf, Zimtzopf usw.).
Schritt 6: Analyse und Konklusion durchführen
Analysieren Sie die Ausgangslage für die Lernsituation: Beziehen Sie lebensweltliche Fragen Ihrer Klient*innen mit ein und klären Sie die individuellen Voraussetzungen bezüglich Kenntnissen, Fertigkeiten und Teilkompetenzen, die Ihre Klient*innen mitbringen und auf denen sie aufbauen können. Nehmen Sie eine lösungsorientierte Haltung ein und fokussieren Sie auf vorhandene Stärken. Diese Analyse bildet die Basis für Schritt 7, die Sequenzierung.
Schritt 7: Sequenzierung gestalten

Abbildung 2: Visualisierung der unterschiedlich grossen Lernstufen bei gleichem Ziel (eigene Darstellung, R. Luginbühl)
Wichtig ist, dass Sie Lernschritte in geeigneten Lernstufen schaffen. Diese Lernstufen können, wie auf dem Bild ersichtlich, unterschiedlich sein. Die eine Treppe zeigt kurze, steile Stufen, die schnell aufeinander folgen. Die Stufen der anderen Treppen sind weniger steil und viel länger – bis das Lernziel, hier symbolisch oben an der Treppe, erreicht wird, braucht die lernende Person also wesentlich länger. Das heisst: Sie definieren einzelnen Lernschritte und stellen sicher, dass Ihre Klient*innen diese erreichen können. Wir gross die einzelnen Stufen sind, ist individuell verschieden und hängt von den Kompetenzen der Klient*innen ab. Ebenso individuell ist der Einsatz der einzelnen Lernzugänge. Es kann sein, dass Sie einer fitten Jugendlichen etwas in wenigen Schritten erklären können (kognitive Lerntheorie) und sie das Gehörte gleich umsetzt. Es kann aber auch sein, dass sie einen Lernschritt mit einem Klienten lange einüben müssen (behavioristischer Zugang), bis der nächste erfolgen kann. Die Aufgabenstellung für die einzelnen Lernschritte muss allenfalls auch sprachlich angepasst werden, sodass die Klient*innen mit einer Textanleitung, mit Piktogrammen oder mit einem Audiozugang arbeiten können. Die richtige Sequenzierung ist demnach die Hauptarbeit bei der Planung von Lernsituationen.
Wir geben Ihnen in der Folge auf S. 34–35 ein Beispiel, wie eine spezifisch gestalteten Lernsituation aussehen kann. Natürlich werden Sie mit zunehmender Routine und Praxis auch mehr Übung im Erkennen, Durchdenken und Gestalten von Lernsituationen erlangen. Eine schriftliche Planung wird nicht immer nötig sein, aber die strukturierte Vorgehensweise hilft Ihnen, dass Sie sich der Komplexität der Lernsituationen bewusst werden und für Ihre Klient*innen passende Lernschritte finden.
Schritt 8: Lernsituation reflektieren
Evaluation und Reflexion sind wichtige Teile eines Lernprozesses. Es geht darum, immer wieder den Blick auf Lernerfolge zu legen und gemeinsam neue, weitere Lernschritte zu finden. Stellt sich ein Lernschritt als zu gross heraus oder verändern sich die Rahmenbedingungen, muss das Lernsetting angepasst werden. Auch die selbstkritische Reflexion der Berufsfachleute ist wichtig: Was hat sich weshalb bewährt? Was war handlungsleitend? Gibt es Aspekte, die angepasst werden sollten? In der Alltagsrealität kommt es immer wieder zu unerwarteten Situationen, Störungen oder Änderungen der Kontexte. Versuchen Sie den «roten Faden» nicht zu verlieren und trotzdem agil und pragmatisch zu bleiben. Im Sinne der Lösungsorientierung geht es oft auch darum auszutesten, was funktioniert, und dort Schritt für Schritt anzuknüpfen. Klappt etwas nicht, dann beharren Sie nicht darauf, sondern orientieren Sie sich am Motto von Steve de Shazer: «Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon. Wenn das, was du tust, nicht funktioniert, dann mach etwas anders.» Wesentlich ist, dass die Alltagsarbeiten möglichst positive Emotionen hervorrufen und nicht in Frust enden. Und manchmal müssen die Berufsfachleute ihre eigenen Ansprüche drosseln, ganz nach der Devise: «Wenn es keine perfekte Lösung gibt, nehme ich von den schlechteren die Beste.» Würdigen und feiern Sie Erfolge mit den Klient*innen, aber auch im Team, und betrachten Sie Misserfolge nicht als Versagen, sondern als Rückmeldung, was neu und anders angegangen werden könnte.
Beispiel einer spezifisch gestalteten Lernsituation
Sie arbeiten in einer stationären Einrichtung für Kinder aus prekären Familienverhältnissen. Die Institution hat eine zentrale Küche. Die Kinder auf Ihrer Gruppe beklagen sich oft über das Essen, das ihnen nicht schmeckt. Food Waste ist auf Ihrer Gruppe ein Thema, die Kinder werfen Essen schnell weg.
| Vorgehen zum Planen einer spezifisch gestalteten Lernsituation | ||
| 1 . | Grundhaltung reflektieren: Es ist für Kinder wichtig, dass sie die Wertigkeit von Lebensmitteln erfahren. Indem sie selbst mit Lebensmitteln arbeiten, reflektieren sie ihren Umgang mit Lebensmitteln. Konkrete, sichtbare Resultate erhöhen die Motivation. Auch kleine Kinder können, wenn gut sequenziert, einen ganzen Arbeitsablauf lernen. | |
| 2 . | Lernfelder erkennen: Es gibt eine eingerichtete Küche mit Backofen. Am Freitagnachmittag sind die Kinder auf der Gruppe, bevor sie am Samstagmorgen für das Wochenende abreisen. Es gibt ein kleines Budget für Gruppenaktivitäten. | |
| 3 . | Lernsituation auswählen: Brot backen mit Kindern im Vorschulalter, Gruppengrösse: 4–6 Kinder. Richtziel: Am Beispiel Brotbacken lernen die Kinder den respektvollen Umgang mit Lebensmitteln. Sie können zudem mit dem Brot am Wochenende ihre Familien überraschen Kompetenztraining: in einer Gruppe arbeiten, einen Ablauf planen und überblicken, motorische Fähigkeiten erweitern, nachdenken, erläutern, Prüfen und Vertreten von Werten und Normen in Bezug auf Lebensmittel | |
| 4 . | Fachkompetenz sichern: – Kenntnisse über das Brotbacken inkl. Kenntnisse im Umgang mit Hefeteig, – Kenntnisse der Hygienegrundsätze, – Kenntnisse über die Arbeitsplatzorganisation einer Küche, – Kenntnisse über Unfallprävention. | |
| 5. | Lernzugänge abrufen: Als Lernzugänge für die Gruppe eignen sich: – sensorisches Lernen, – observatives Lernen, – motorisches, manuelles Lernen, – analytisch-verstehendes Lernen, – sozial-affektives Lernen. | |
| 6. | Analyse und Konklusion durchführen: Brotbacken ist für alle Kinder etwas Neues. Es gibt aber zwei Kinder, die sich sehr für Naturwissenschaften interessieren; sie könnten animiert werden, das Hefe-Experiment* mithilfe von YouTube-Anleitungen durchzuführen. | |
| 7 . | Sequenzierung gestalten: Planung der einzelnen Lernstufen | |
| Inhalte | Anregungen | |
| Lernschritt 1: Die Zutaten für ein Brot kennenlernen | ||
| 1.1. Zutaten benennen | Repetieren Sie in spielerischer Form das Erlernte (z.B. Rätsel, Quiz). | |
| Lernschritt 2: Die Vorbereitungsarbeiten verrichten | ||
| 2.1. Hände waschen 2.2. Schürze anziehen 2.3. Zutaten/Hilfsmittel bereitlegen 2.4. Arbeitsplätze zuteilen | Achten Sie darauf, dass jedes Kind seinen Arbeitsplatz hat und dieser passend ausgestaltet ist (z.B. gute Tischhöhe). | |
| Lernschritt 3: Einen Brotteig herstellen | ||
| 3.1. Rezept verstehen 3.2. Hefe verarbeiten 3.3. Teig herstellen (rühren, kneten) 3.4. Teig aufgehen lassen | Visualisieren Sie das Rezept (z.B. Bildfolge mit Fotos/Piktogrammen). Erklären Sie den Kindern, wie man Hefe verarbeiten muss, machen Sie eventuell vorgängig ein Experiment zur Funktionsweise der Hefe.* | |
| Lernschritt 4: Ein Brot backen | ||
| 4.1. Backofen vorheizen 4.2. Brot formen 4.3. Zeit überwachen 4.4. Brot abkühlen lassen | Stellen Sie Verhaltensregeln für den Umgang mit dem heissen Ofen auf und visualisieren Sie diese z.B. mit einem Stopp-Plakat. Setzen Sie alternative Methoden zur Zeitmessung ein, falls die Kinder die Uhr noch nicht kennen, z.B. einen Wecker. | |
| 8 . | Lernsituation reflektieren: Reflexion Berufsfachperson: Wie gut wurde das Ergebnisziel erreicht? Wie gut das Prozessziel? Welche Beobachtungen haben Sie in Bezug auf die Gruppendynamik gemacht? Konnten die Kinder gleichermassen von den Lernchancen profitieren oder braucht es künftig eine stärkere Diversifizierung der Aufgaben? Reflexion mit den Kindern: Wie war die Stimmung in der Gruppe? Hat mir/uns die Aufgabe Spass gemacht? Wie gut hat das Brot geschmeckt? Hat sich die Familie am Wochenende über das mitgebrachte Brot gefreut? Gibt es Ideen, was ich/wir ein nächstes Mal anders machen können? Was sollen wir so beibehalten? Wer weiss noch, wie man genau ein Brot macht? | |
*Hefe-Experiment
Nehmen sie zwei kleine Pet-Flaschen und füllen sie in jede Flasche eine kleine Menge «Brotteig»: Einmal mischen Sie 1 EL Mehl, 1 TL Zucker und ein halbes Päckchen Trockenhefe mit 1 dl Wasser, einmal machen Sie denselben Teig ohne Hefe. Bei Bedarf können Sie zum Abfüllen einen kleinen Trichter benutzen. Setzen Sie jetzt jeweils einen Ballon auf den Flaschenhals der beiden Flaschen und lassen Sie diese für 15 Minuten bei Zimmertemperatur stehen. Schon nach kurzer Zeit können Sie mit Ihren Klient*innen beobachten, wie sich der eine Ballon wegen der Gasbildung aufbläht – die Wirkung der Hefe wurde visualisiert.
5. Was Sie in diesem Buch finden
Dieses Praxishandbuch ist in drei Bereiche gegliedert, die sich jeweils mit einem Thema befassen, mit dem Sie im Alltag von stationären und teilstationären Einrichtungen garantiert konfrontiert sind: Im ersten Themenbereich geht es um Fragen zu «Konsum und Geld», im zweiten um das «Kochen und Wohnen», also um Haushalt, Kochen und Putzen, im dritten Themenbereich «Smart mit Phone» beleuchten wir Fragen zum Umgang mit digitalen Medien. Im Kapitel «Selbstbestimmt und entspannt» werden die Themen zusammengeführt.
Beim Thema «Konsum und Geld» geht es um Finanzmanagement, das Verstehen der Wirkungsweise von Werbung, das Entwickeln eines Verständnisses für die komplexe globale Wirtschaftsweise und einer ethischen Grundhaltung dazu sowie um das Treffen von möglichst bewussten Konsumentscheiden. Sie finden Anregungen in den drei Unterkapiteln «Cash und Credit: Mein Umgang mit Geld und Finanzen», «Schein und Sein: Wie Werbung mich und meine Konsumentscheide beeinflusst» und «Klipp und klar: Ich weiss, warum ich was will».
Beim Thema «Kochen und wohnen» nähern wir uns der Frage, wie der Wohnalltag angenehm und möglichst selbstwirksam gestaltet werden kann. Es geht dabei um die Erweiterung der Planungs- und Sozialkompetenzen und der positiv besetzten Eigenständigkeit. Wir zeigen hier ausserdem, wie Nachhaltigkeitsfragen im Zusammenhang mit Haushalt thematisiert werden können. Das Thema wird durch die drei Unterkapitel «Effizient und organisiert: Ohne Anstrengung durch den Alltag», «Genussvoll und kreativ: Kochen mit Köpfchen» und «Gemeinsam und relaxt: Gute Stimmung am Tisch» strukturiert.
Beim Thema «Smart mit Phone» schliesslich stellen wir digitale Medien unter einem medienpädagogischen Gesichtspunkt ins Zentrum und zeigen auf, wie das Handy sinnvoll für die Bearbeitung der ersten beiden Themenfelder «Konsum und Geld» und «Kochen und wohnen» eingesetzt werden kann. Sie finden das Wichtigste kurz und knapp zusammengefasst in den beiden Unterkapiteln «Praktisch und Handy: Mit digitaler Unterstützung durch den Alltag» sowie «Risiken und Grauzonen: Wenn das Handy zur Gefahr wird».
Abschliessend führt das Thema «Selbstbestimmt und entspannt» die vorherigen Inhalte zusammen. Wir beleuchten hier ausführlich die Selbststeuerungskompetenz, die im Alltag als Querschnittsthema hineinspielt. Eine ausgereifte Selbststeuerungskompetenz ist die Voraussetzung für eine hohe Eigenständigkeit im Alltag, wir widmen dem Thema deshalb ein eigenes Unterkapitel.
Uns war wichtig, dass Sie dieses Praxishandbuch sowohl von A bis Z lesen, als auch als Nachschlagewerk und somit punktuell zu den für Sie relevanten Themen nutzen können. Daher ist jedes Kapitel gleich strukturiert: Zuerst finden Sie ein didaktisierendes Intro, in dem wir kontextualisieren, weshalb das Thema für stationäre und teilstationäre Einrichtungen besonders relevant ist. Danach erklären wir anhand unseres Modells SALSA, wie Sie das Thema bearbeiten können, um gewinnbringende Lernsituationen in Ihren Berufsalltag einzubauen.
Schliesslich beschreiben wir in Teil 3 des Buches konkrete Beispiele, wie Sie für unterschiedliche Zielgruppen Lernsituationen gestalten können. Wir haben dafür die folgenden sechs Zielgruppen gewählt: 5- bis 10-jährige Kinder mit/ohne Lernschwierigkeiten, 11- bis 19-jährige Jugendliche mit/ohne Lernschwierigkeiten und Erwachsene mit/ohne Lernschwierigkeiten.
Wir möchten an dieser Stelle nochmals betonen, dass jede Lernsituation spezifisch angepasst werden muss, sowohl an das institutionelle Umfeld wie auch an die Lernvoraussetzungen der Person oder Personengruppe, die Sie während des Lernprozesses begleiten. Unsere beispielhaften Lernsituationen sind auf der Ebene der Richtziele ausgearbeitet und lassen sich individuell spezifizieren. Orientieren Sie sich daher zwar am hier aufgeführten Modell und dem Planungsablauf, seien Sie aber gleichzeitig inhaltlich kreativ und nutzen Sie die sich bietenden Lerngegenstände und Lernchancen in Ihrem Berufsumfeld.
Teil 2: Themenbereiche mitten aus dem Praxisalltag
Die Themenbereiche in den folgenden Kapiteln wurden im Austausch mit Praktiker*innen festgelegt. Der Alltag ist das Lernfeld; wir alle lernen im Alltag durch unsere Erfahrungen und lernen aus unseren Erfahrungen für den Alltag. Möglichst kompetent im Alltag unterwegs sein ist unser aller Ziel. Teil 2 dieses Buchs handelt davon, gemeinsam mit den Klient*innen diesen Weg zu gehen, entlang verschiedener Themenbereiche.
A | Konsum und Geld

Cash und Credit: Mein Umgang mit Geld und Finanzen
1. Warum das Thema «Finanzkompetenz» didaktisch wichtig ist
Ausgangslage
Finanzielle Handlungen sind etwas Alltägliches: Wir wählen Nahrungsmittel aus und kaufen diese ein, zahlen die Handyrechnung und die Wohnungsmiete oder sparen auf eine grössere Anschaffung hin. Doch auch wenn wir die Finanzfertigkeiten täglich üben, bleibt es für viele Menschen schwierig, sich finanzkompetent zu verhalten. Dass sich Finanzkompetenz nicht mal eben so nebenbei ergibt, zeigt sich unter anderem auch an der grossen Anzahl an von Verschuldung betroffenen Erwachsenen – denken Sie nur einmal daran, wie viele Menschen Sie in Ihrem Umfeld kennen, die ihre Steuerrechnung nicht fristgerecht begleichen können. Der Verein Schuldensanierung Bern präzisiert: «Verschuldet zu sein ist an sich kein Problem. Erst wenn diese Schulden aus dem laufenden Einkommen oder den flüssigen Mitteln des Haushaltes nicht beglichen werden können, stellt sich die Überschuldung ein. Von Überschuldung sprechen wir, wenn der Teil des Einkommens, der nach der Deckung des Existenzminimums übrigbleibt, nicht ausreicht, um sämtliche darüber hinaus bestehenden Verpflichtungen in einem überschaubaren Zeitraum zu erfüllen und wenn auch sonst keine Ressourcen zur Verfügung stehen. Überschuldung setzt Verschuldung voraus.»[27]
Verschuldung und Überschuldung beginnt oft früh, vielfach im Jugendalter, und hat langwierige und weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen. Sie kann zudem massive sozio-ökonomische Folgen haben, beispielsweise müssen überschuldete Menschen häufig bezüglich der Wohn- oder Arbeitssituation, aber auch im Sozialleben gravierende Einbussen in Kauf nehmen, oder jugendliche Familienmitglieder müssen bereits für das gemeinsame Haushaltseinkommen mitverdienen. Verschuldung und insbesondere Überschuldung limitiert daher die Gestaltung des eigenen Lebens. Für Betroffene wird der Schuldenberg zur psychischen Belastung und führt vielfach auch zu Einsamkeitsgefühlen, da die Situation schambehaftet ist. Es ist daher wichtig, dass insbesondere Jugendliche vor dem Erlangen der Volljährigkeit und im Hinblick auf ein möglichst eigenständiges Leben in ihrer Finanzkompetenz gefördert werden.[28] Auch erwachsene Klient*innen müssen ihre Finanzkompetenz erweitern können. Es zeigen sich hier aber meist multidimensionale Gründe für eine Verschuldungssituation. So können beispielsweise psychische Erkrankungen wie eine Depression oder psychotische Episoden dazu führen, dass der Alltag inklusive Post öffnen und Rechnungen bezahlen nicht mehr bewältigt werden kann. Auch Suchtproblematiken führen oft zu Überschuldung oder zumindest in eine finanzielle Schieflage. Daneben gibt es aber auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Überschuldung begünstigen. So sind beispielsweise Einelternfamilien stärker von Armut und Verschuldung betroffen als Mehrelternhaushalte. Auch ein Jobverlust oder Krankheit führen in vielen Fällen zu einer Abwärtsspirale mit Geldsorgen. In einem stationären oder teilstationären Kontext werden Sie durch Ihre Arbeit mit Klient*innen sowie mit deren Umfeld daher garantiert mit finanziellen Fragen konfrontiert sein.
Exkurs: Verschuldungssituation Schweiz
«1 von 10 Personen lebt in einem Haushalt, der in den letzten 12 Monaten Steuerschulden hatte.»
«Nahezu 20 Prozent der Bevölkerung leben in einem Haushalt mit mindestens einem auf Kredit gekauften Fahrzeug.»
«Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung leben in einem Haushalt mit mindestens einer Art von Schulden.» [29]
Diese Schlagzeilen der letzten Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2017 zur Verschuldung in der Schweiz lassen aufhorchen. Insgesamt haben Haushalte in der Schweiz auch im Vergleich mit dem Ausland eine sehr hohe Verschuldungsquote.[30] Haushalte mit Kindern, insbesondere Einelternhaushalte, waren gemäss BFS-Erhebung[31] stärker von Verschuldung betroffen, Haushalte in der französischen und der italienischen Schweiz und Personen ausländischer Nationalität haben sich zudem eher verschuldet. Weiter waren Personen mit materieller Entbehrung signifikant stärker von Verschuldung betroffen als Personen ohne materielle Entbehrung. Materielle Entbehrung misst im Unterschied zu relativen Armutserhebungen in absoluten Zahlen die soziale Ausgrenzung mittels dem Nichtbesitz von grundlegenden Gebrauchsgütern. Wenn mindestens drei von neun erhobenen Indikatoren aufgrund von mangelnden finanziellen Ressourcen fehlen, gilt die Person als von materieller Entbehrung betroffen.[32]
Fast jede fünfte Person tauchte in der Verschuldungsstatistik auf, weil Rechnungen zu spät bezahlt wurden, aber auch fast eine von zehn in der Statistik erfassten Personen lebte in einem Haushalt mit Verschuldung wegen Klein- oder Konsumkredit.[33]
Jugendliche und junge Erwachsene sind stark von Verschuldung betroffen, jede zweite Person unter 24 Jahren war laut BSF-Statistik auf mindestens eine Art verschuldet. Zu den erfassten Schuldenarten gehörten Fahrzeug-Leasings, Klein- oder Konsumkredite, Ratenzahlungen, Verschuldungen bei der Familie oder Freunden, Hypotheken auf den Zweitwohnsitz, Zahlungsrückstände sowie Kontoüberziehungen und unbezahlte Kreditkartenrechnungen. Die Basler Schuldenfachstelle Plusminus[34] stellt mehrere Faktoren fest, die bei Jugendlichen zu Verschuldung führen. Dazu gehören fehlende Finanzkompetenz, Konsum als Freizeitbeschäftigung, Gruppendruck, kompensatorischer Konsum oder Suchtprobleme.
Digitale Medien verschärfen die Verschuldungs-Thematik zweifellos, weil neben der permanenten Verfügbarkeit und den tiefen Hürden zum Shoppen auch eine Dauerberieselung mit zielgruppenspezifischer Werbung stattfindet und mit nur wenigen Klicks fatal hohe Kaufverträge abgeschlossen sind.
2. So verstehen wir «Finanzkompetenz»
Finanzkompetenz beinhaltet nicht nur den Umgang mit Geld in engeren Sinn, sondern auch das Erkennen und Priorisieren des eigenen Bedarfs und der Bedürfnisse, sowie die kurz-, mittel- und langfristige Planung des Ressourceneinsatzes. Es handelt sich also um eine komplexe und vielschichtige Kompetenz, die entwickelt und gelernt werden muss. Als Voraussetzung für den Kompetenzerwerb braucht es sowohl rechnerische Kenntnisse als auch mit Blick auf den zunehmend bargeldlosen Einkauf und den Onlinehandel eine hohe Abstraktionsfähigkeit. Kinderspielkassen für das «Verkäuferli-Spiel» haben heute beispielsweise oft einen Scanner und eine Karten-Zahlstation eingebaut, bei neueren Ausgaben des Monopolyspiels lässt sich nicht nur mit Bargeld, sondern auch mit Karte bezahlen. Kinder lernen so spielerisch, dass es neben dem handfesten Papiergeld und den Münzen zusätzlich nicht physisch sichtbares Geld gibt via Kartenzahlung. Das weitere Abstraktionslernen besteht dann darin, zu verstehen, dass auch Kartengeld nicht unendlich verfügbar ist – eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, da viele Karten bereits integrierte Verschuldungsfunktionen (Option zum Kontoüberzug) haben. Daneben geht es aber auch um Fragen der Frustrationstoleranz oder um die Fähigkeit, Konsequenzen zu antizipieren, die aus kurzfristigen Entscheiden resultieren. Mit zunehmender zielgruppenspezifischer Werbepräsenz auf den diversen Social-Media-Kanälen sind der Umgang mit der täglichen Verführung und das Management der eigenen Finanzen noch anspruchsvoller geworden: Ein paar Klicks genügen und der Einkauf ist getätigt, die Ware wird bequem angeliefert. Auch Klient*innen im institutionellen Rahmen sind solchen Verlockungen ausgesetzt. Allerdings leben sie vielfach auch in einem engen Setting mit wenig bis gar keinem finanziellen Entscheidungsspielraum. Das Erlangen einer ausreichenden Finanzkompetenz ist aus professioneller Sicht wichtig, denn ohne solche ist die gesellschaftliche Teilhabe und Autonomie der Klient*innen massiv eingeschränkt. Es geht dabei zudem um das Normalisierungsprinzip: In unserer westlichen Gesellschaft gilt es als normal, über gewisse individuelle finanzielle Ressourcen zu verfügen und eigene Entscheide zu fällen. In der Arbeit mit Personen aus anderen Kulturkreisen, die Entscheide eher in Gruppen fällen, kann das indes bereits eine erste Herausforderung sein. Auch Personen, die eine Beistandschaft haben, werden vielfach im Alltag nur limitiert in Finanzentscheide einbezogen. Wir sind der Meinung, dass gelingende Finanzkompetenz für jede Zielgruppe notwendig ist und Erfolgserlebnisse ermöglichen kann. Es braucht dazu jedoch spezifische Lernsituationen, die sich eng an der Lebenswelt der betroffenen Person orientieren.
3. Förderung und Kompetenzerweiterung im Alltag
Die Aufgabe aus professioneller Sicht besteht also vor allem darin, einen den Kenntnissen und Fertigkeiten der Klient*innen angepassten Rahmen zu finden, der sie befähigt, ihre eigenen Finanzkompetenzen stetig zu erweitern. Nicht zuletzt geht es dabei auch um Fragen der Partizipation, also darum, dass Klient*innen zugetraut, aber auch zugemutet wird, für sich selbst finanzielle Entscheidungen zu treffen oder in der Gruppe mitzuentscheiden und die daraus entstehenden Konsequenzen mitzutragen. Wenn sich eine Klientin beispielsweise dafür entscheidet, ihr Taschengeld jeweils direkt in Süssigkeiten und Zeitschriften zu investieren, muss sie damit leben, dass sie kein Geld hat, um sich die neue Lieblingsjeans zu kaufen. Wenn sie diese Hose dennoch möchte, muss sie sich kurzfristig einschränken, um mittelfristig die Finanzressourcen für eine grössere Anschaffung zu schaffen.
Ein wichtiger Faktor dabei ist das Modelllernen im familiären Umfeld. Wenn also Kinder lernen, dass Verschuldung vermieden und die Finanzressourcen eingeteilt werden sollen, beispielsweise indem im Folgemonat auf einen teuren Ausflug verzichtet wird, weil sich die Familie soeben ein neues Sofa angeschafft hat, werden sie diese Erfahrung als Grundwert mitnehmen und im Idealfall auch selbst danach leben. Wenn hingegen das Familienbudget chaotisch ist und oftmals kaum Geld für Lebensmittel bleibt, weil beispielsweise alles für Zigaretten und Alkohol ausgegeben wurde, wird auch diese Erfahrung das Kind entsprechend prägen und im ungünstigen Fall zu einer Wiederholung des vorgelebten Umgangs mit Geld führen.

Aus professioneller Sicht lassen sich aus diesen Beobachtungen wichtige Schlussfolgerungen ableiten:
Finanzkompetenz ist eine Grundvoraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation.
Menschen, die in stationären und teilstationären Einrichtungen leben, sind darauf angewiesen, dass sie von Fachleuten bewusst, aktiv und stetig in ihrer Finanzkompetenz gefördert werden.
Der Einbezug der Elternarbeit respektive die Arbeit mit dem Klient*innensystem ist unabdingbar
Die individuellen Finanzbiografien und die Erfahrungen der Klient*innen müssen miteinbezogen werden, um geeignete und lebensweltorientierte Lernsituationen zu finden und zu bearbeiten.
Da sich aus Geldangelegenheiten oftmals juristische Fragen ergeben (z.B. Vertragsabschlüsse, Verschuldung), müssen Fachleute über ein entsprechendes rechtliches Grundlagenwissen sowie über Adressen von Fachstellen verfügen, um ihre Klient*innen gut zu beraten und zu begleiten.
Aus der Praxis
Im Wohnheim für Kinder herrschte Ratlosigkeit, als es eines Morgens an der Tür klingelte und der Pizzakurier eine Calzone abgeben wollte. Auf Nachfrage der Sozialpädagogin bestätigte der Kurier, dass er für die Lieferung definitiv an der richtigen Adresse sei. Was war passiert? Wie sich herausstellte, hatten zwei sechsjährige Mädchen gespielt, dass sie für ihre Puppen das Mittagessen vorbereiten, und zwar Pizza. Also hatten sie heimlich das Gruppen-Natel stibitzt und kurzerhand den Pizzakurier angerufen, der dann auch prompt vor der Tür stand …
Komplizierter war die Situation im Wohnheim für Erwachsene. Ein Bewohner, Herr M., leidet an Demenz. Er ist aber gleichzeitig noch recht selbstständig und informiert sich auch immer im Internet über die neusten Aktionen. Da sah er bei einer ihm bekannten Firma, dass es eine Waschmaschine zu einem Schnäppchenpreis gab – und bestellte sie sofort, denn ihm ist wichtig, dass die Wäsche immer sauber ist. Erst bei der Anlieferung wurde der Kauf bekannt. Der Sozialpädagoge sah sich plötzlich mit einem Waschmaschinen-Lieferanten konfrontiert, der darauf bestand, dass es einen gültigen Verkaufsvertrag gebe, und die Waschmaschine nicht wieder mitnehmen wollte …
Das Internet stellt demnach für Klient*innen, aber auch für deren Betreuungspersonen, eine grosse Herausforderung dar. So auch im Wohnheim für Erwachsene mit kognitiver Beeinträchtigung. Bewohner U. machte im Internet Bekanntschaft mit einer Dame, und er wollte diese nette Frau unbedingt persönlich kennenlernen. Also verabredete er sich für den Abend mit ihr. Um 22 Uhr fuhr auf dem ländlichen Gelände des Wohnheims plötzlich ein teures Auto vor, und eine schick gekleidete Dame stieg aus. Der Bewohner mit kognitiver Beeinträchtigung war sich nicht bewusst gewesen, worauf er sich eingelassen hatte, und die arbeitende Sozialpädagogin musste spätabends mit einer erbosten Escort-Dame verhandeln, die für ihre Anreise und Dienste Entschädigung wollte …
Nicht immer ist die rechtliche Situation in solchen Situationen glasklar. Das bekam auch Bewohnerin L. vom Wohnheim für Jugendliche zu spüren. Sie verwaltet ihr eigenes Taschengeld und bestellt sich immer mal wieder Produkte aus dem Internet. Das darf sie auch, wenn der finanzielle Umfang pro Kauf verhältnismässig ist. Doch an einem verhängnisvollen Abend sah sie ein unwiderstehliches Angebot für einen Marken-Lippenstift für 19.90 Franken, zu bestellen gegen Rechnung. Nach dem Kauf surfte sie weiter und sah auf einer anderen Kosmetik-Website einen noch besseren Lippenstift, auf einer dritten eine Wimperntusche, auf einer vierten ein Parfüm. Letztendlich kaufte Sie in acht verschiedenen Shops gegen Rechnung ein, fast 200 Franken kostete sie das alles – viel mehr als ihr monatliches Taschengeld. Als sie das gemeinsam mit der Sozialpädagogin erkannte, wollte sie die Einkäufe rückgängig machen, doch das ist kompliziert, bei acht verschiedenen Anbietern …
Nicht immer ist zu wenig Geld das Problem, manchmal wird es auch schwierig, wenn ein plötzlicher Geldsegen eintrifft. So geschehen in einem Wohnheim für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Klientin S. erhielt eine Erbschaft, und das sprach sich schnell im Wohnheim herum. Immer wieder pumpten Mitbewohner*innen S. an, einige überredeten sie auch zu grosszügigen Geschenken. Einem Mitbewohner schenkte S. gar ein neues Mofa – die überraschten Sozialpädagog*innen merken das erst nach dem Kauf. Kurz darauf meldete sich die Schwester von S. und warf den Betreuungspersonen vor, sie hätten ihre Schutzpflicht verletzt, weil sie zu wenig auf die Ausgaben der psychisch labilen Klientin geachtet hätten. Die Schwester drohte ihnen mit einer Klage …
Exkurs: Rechtliche Grundlagen
Im Berufsalltag stellen sich eine ganze Reihe praktischer Fragen rund um den Umgang mit Finanzen. Hier finden Sie eine Übersicht von wichtigen Hinweisen, die auch in den oben genannten Praxisbeispielen nützlich gewesen wären. Die Antworten kommen von der Berner Schuldenberatung (schuldeninfo.ch).
1. Unter welchen Voraussetzungen kommt im Internet ein Kaufvertrag zustande?
BS: Erste Voraussetzung, die wie bei allen Kaufverträgen erfüllt sein muss, ist die Urteilsfähigkeit. Wer nicht urteilsfähig ist, kann keine Verträge abschliessen. Sodann sind die Voraussetzungen für das Zustandekommen von Verträgen, die im Internet geschlossen werden, grundsätzlich dieselben, die auch für sämtliche andere Verträge gelten. Wenn Formvorschriften bestehen, müssen diese erfüllt sein: Ist Schriftlichkeit vorgeschrieben, kann der Vertrag nicht im Internet abgeschlossen werden, der Vertragstext muss ausgedruckt und von beiden Parteien unterschrieben werden. Eine Alternative wäre die elektronische Unterschrift, die auf einem Zertifikat beruht. Im Alltag treffen wir diese Art von Unterschrift bisher kaum an. Schliesslich braucht es noch eine übereinstimmende gegenseitige Willensäusserung der Vertragsparteien zu sämtlichen wesentlichen Vertragspunkten. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, muss der Onlinevertrag eingehalten werden, sofern er nicht gesetzes- oder sittenwidrig und damit nichtig ist.
2. Wer ist in welchem Rahmen vertragsfähig?
BS: Urteilsfähige Minderjährige und urteilsfähige Personen mit umfassender Beistandschaft sind nur beschränkt handlungsfähig. Sie können ohne die Zustimmung ihrer gesetzlichen Vertretung (z.B. der Eltern oder des Beistandes) keinen Vertrag abschliessen (vgl. Art. 19 ZGB). Die gesetzliche Vertretung kann ihre Zustimmung vor oder nach dem Vertragsschluss abgeben, wobei die Zustimmung ausdrücklich oder stillschweigend beziehungsweise durch entsprechendes Verhalten erteilt werden kann. Verweigert die gesetzliche Vertretung die Zustimmung, fällt der Vertrag rückwirkend dahin (vgl. Art. 19a ZGB). Wird die Zustimmung erteilt, gilt der Vertrag. Vertraglich verpflichtet ist aber nur der*die Minderjährige beziehungsweise die Person mit Beistandschaft. Die gesetzliche Vertretung haftet nicht. Es sei denn, sie hat sich im Vertrag ausdrücklich zur solidarischen Haftung verpflichtet.
Ohne die Zustimmung der gesetzlichen Vertretung können urteilsfähige, aber handlungsunfähige Personen alltägliche Besorgungen tätigen, soweit sie geringfügig sind. Alltagsbesorgungen sind zum Beispiel der Kauf von Zahnpasta, Hygieneartikeln, Kleidern, Eintrittskarten zu Sportveranstaltungen oder Kinovorstellungen oder auch der Erwerb von Lebensmitteln, Trambilletten sowie die Konsumation von Getränken und Essen in Restaurants. Ob eine Alltagsbesorgung geringfügig ist, beurteilt sich unter anderem auch nach den finanziellen Verhältnissen des*der Handlungsunfähigen. Die Höhe des Taschengeldes oder des selbstverdienten Lohns dient als Richtwert und soll zur freien Verfügung stehen. Weiter können urteilsfähige, aber handlungsunfähige Personen ohne die Zustimmung der gesetzlichen Vertretung auch unentgeltliche Vorteile erlangen (z.B. Geschenke, Abschluss eines Schulderlassvertrags). Ist eine Person kognitiv oder psychisch beeinträchtigt, muss geklärt werden, ob sie urteilsunfähig ist. Fehlt die Urteilsfähigkeit, ist die betroffene Person rechtlich gesehen nicht handlungsfähig. Sie kann deshalb mit ihrem Verhalten grundsätzlich keine rechtlichen Wirkungen herbeiführen und folglich auch keine Verträge abschliessen (vgl. Art. 16 und Art. 18 ZGB). Tut sie es trotzdem, sind die Verträge nichtig.
3. Gibt es Unterschiede bei Verträgen für Güter und Verträgen für Dienstleistungen?
BS: Nein. Solange es sich um geringfügige Angelegenheiten des täglichen Lebens handelt, können urteilsfähige, aber handlungsunfähige Personen (z.B. Minderjährige und urteilsfähige Personen mit umfassender Beistandschaft) sämtliche Rechtsgeschäfte abschliessen. Dazu gehören der Kauf und Verkauf von Waren (z.B. auf dem Kinder-Flohmi), Tausch (z.B. von Panini-Bildchen), Schenkung, Leihe und das Anbieten von Dienstleistungen wie beispielsweise Hunde ausführen oder Rasen mähen gegen Entgelt.
4. Was passiert bei Mehrfachbestellungen im Umfang des Kindervermögens?
BS: Minderjährige oder umfassend verbeiständete Personen haben die Fähigkeit, vernunftgemäss und ihrem Willen entsprechend zu handeln, weshalb sie auch die Verantwortung für ihr Verhalten im vertraglichen und ausservertraglichen Bereich haben und folglich schuldfähig sind (vgl. Antwort zu Frage 3). Wenn Minderjährige oder umfassend verbeiständete Personen Mehrfachbestellungen tätigen, die allesamt zu den Alltagsbesorgungen gezählt werden können, dann haben sie sich für jeden einzelnen Vertrag verpflichtet und haften entsprechend. Ist nicht genügend Geld vorhanden, um sämtliche Verpflichtungen zu erfüllen, droht unter Umständen die Betreibung.
5. Wie weit geht die Aufsichtspflicht der Berufsfachpersonen für Kinder und Jugendliche im Hinblick auf Schuldenprävention? Und wie weit geht der Schutzauftrag der Berufsfachpersonen bei Erwachsenen?
BS: Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Wir raten den Berufsfachpersonen zur Auftragsklärung: Wie weit die Aufsichtspflicht geht, ist unter Berücksichtigung des Auftrags der jeweiligen Institution und des Berufskodexes zu klären.
6. Wie ist die rechtliche Ausgangslage, wenn Klient*innen untereinander Schenkungen vornehmen oder Kredite gewähren?
BS: Man muss die Situation genau analysieren. Wie hoch war die Schenkung oder der Kredit? Wer hat wem die Schenkung gemacht oder den Kredit gewährt? Waren die betroffenen Personen urteils- und handlungsfähig? Bei der Beantwortung dieser Fragen gelten die unter Frage 2 besprochenen Grundsätze.
4. Cash und Credit anhand des SALSA-Modells

Im Einführungskapitel haben wir Ihnen erklärt, wie Sie anhand des SALSA-Modells in acht Schritten geeignete Lernsituationen finden und umsetzen können. Auf den folgenden Seiten zeigen wir nun anhand dieser acht Schritte die fachspezifischen Überlegungen im Bereich Finanzen und der Erweiterung der Finanzkompetenz. Bei den Schritten 1 und 2 geht es um die Klärung der Rahmenbedingungen und Voraussetzungen in Ihrem beruflichen Umfeld, in den Schritten 3 bis 8 nehmen Sie die Planung der spezifischen Lernsituation in die Hand.
Schritt 1: Grundhaltung reflektieren
Machen Sie sich selbst Gedanken und diskutieren Sie im Team Ihren eigenen Umgang mit Geld, Ihre Finanzkompetenz und Ihr Kaufverhalten. Klären Sie, mit welchem Wertesystem Sie an diesen Themenkomplex herangehen. Beantworten Sie die folgenden Fragen für sich selbst und diskutieren Sie diese im Team:
Wie wichtig ist für mich materieller Besitz und Reichtum?
Wofür gebe ich selbst gerne Geld aus und wieso?
Gibt es Ausgaben, die Menschen in meinem Umfeld tätigen und die ich nicht nachvollziehen kann? Was stört mich an diesen Ausgaben?
Wie gehe ich selbst mit Onlinebestellungen und bargeldlosem Einkauf um?
Mit welchen Hilfsmitteln arbeite ich in meiner eigenen Budgetplanung und warum?
Wie stehe ich zu Verschuldung und Überschuldung – ist das eher belastend oder eher normal?
Was ist meine Meinung zur «Konsumgesellschaft» und zur «konsumorientierten Jugend»? Wie erlebe ich diese stereotypen Bilder konkret in meinem Alltag?
Wie steht es um meine eigene Finanzkompetenz – ist sie gut ausgebildet? Wieso (nicht)?
Haben ich Vertrauen in meine Klient*innen, dass diese die eigenen Ausgaben sinnvoll gestalten können? Wieso (nicht)?
Geld wird oftmals im Sinne einer operanten Konditionierung eingesetzt, indem Klient*innen mit Geld belohnt oder mit Geldentzug sanktioniert werden. Welche Haltung habe ich diesbezüglich? Welche Risiken könnte diese Art der Konditionierung bergen?
Welchen Umgang haben Eltern und Angehörige der Klient*innen? Sind wir mit Situationen von «paradoxen Elternhaltungen» konfrontiert, das heisst mit Eltern, die wenig Geld haben, aber ihre Kinder in einer Art kompensatorischer Handlung übermässig beschenken? Wie gehen wir mit solchen Situationen um? Was müssen wir aus einer systemisch-lösungsorientierten Perspektive berücksichtigen?
Wie gehen wir damit um, wenn Klient*innen ihr ganzes Geld für In-Game-Käufe oder In-App-Käufe ausgeben wollen? Wo liegt unsere Verantwortung in der Abwägung zwischen Schutz und persönlicher Freiheit?
Wie reagieren wir auf Sammelwellen, wenn beispielsweise Panini-Bilder oder Ähnliches im Trend sind?
Wie können wir die Klient*innen in ihrer Impulskontrolle und Selbststeuerung unterstützen, wenn es um Konsumverlockungen und Konsumwünsche geht?
Welchem Druck sind die Kinder und Jugendlichen in Bezug auf Konsum im Kontext der Peergruppe ausgesetzt? Wie können wir sie unterstützen, sich in einer guten Art davon zu distanzieren?

Schritt 2: Lernfelder erkennen
Diskutieren Sie im Team, welche Lernfelder für Mehrpersonensettings aktuell bestehen, zum Beispiel:
Gruppenbudgets für Ausflüge pro Wochenende;
Gruppenbudgets für Verpflegung pro Kocheinheit (1x/Woche kochen, xy CHF pro Person);
Gruppenbudgets für Wohneinrichtung.
Überlegen Sie sich als Bezugsperson, welche Lernfelder individuell für Ihre Bezugsklient*innen bestehen, zum Beispiel:
frei verfügbares Taschengeld Ihrer Bezugsklient*innen;
Einzelbudgets der Bezugsklient*innen für kleinere Anschaffungen (z.B. Kleider, Hygieneartikel);
Planung von grösseren Anschaffungen oder Reisen;
Verwaltung von Jugendlohn oder Lehrlingslohn.
Überlegen Sie sich sowohl für das Mehrpersonensetting wie für Ihre Bezugspersonen, wo es potenziell sinnvolle Lernfelder gibt und wie Sie diese erschliessen können.

Schritt 3: Lernsituationen auswählen
Diskutieren Sie im Team, wie Sie mit angepassten Schritten im vorhandenen Mehrpersonensetting erste Aufgaben anpacken können und wie Sie die möglichen Lernfelder priorisieren. Setzen Sie sich als Team einen ganz konkreten Rahmen mit ganz konkreten Zielen, zum Beispiel am Freitagabend eine Mahlzeit selbst kochen mit einem von den Klient*innen verwalteten Budget von 9 Franken pro Person und zwei Betreuungspersonen vor Ort. Überlegen Sie sich auch als Bezugsperson, wie Sie die Lernfelder für Ihre Bezugsklient*innen priorisieren und einen den Voraussetzungen angemessenen Rahmen setzen, zum Beispiel wie hoch das Budget ist, das Ihre Klientin pro Aufgabe überblicken kann.
Schritt 4: Fachkompetenz sichern
Stellen Sie sicher, dass Sie selbst über das notwendige Fachwissen verfügen oder dieses in Ihrem Team abrufbar ist. Dazu gehören folgende Grundlagen:
Kenntnisse in Versicherungsfragen, insbesondere bezüglich IV, Ergänzungsleistungen, Krankenkasse, Steuern;
rechtliches Grundlagenwissen in den Bereichen Handlungs- und Urteilsfähigkeit, Vertragswesen, Schulden;
Finanz- und Planungskompetenzen, vor allem Budgets erstellen, verwalten, abrechnen;
Kenntnisse in den Bereichen bargeldlos bezahlen, E-Banking, Onlinebestellungen;
Allgemeinwissen zu Einkommenssituation und Lebensstandard in der Schweiz, unter anderem Medianeinkommen, Armutsschwelle, SKOS-Richtlinien, IV-Budget;
Allgemeinwissen zu gesellschaftlichen Trends und neue Anforderungen, zum Beispiel weg von physischem Geld hin zu bargeldlos bezahlen, digitale Konsumangeboten.
Schritt 5: Lernzugänge abrufen
Stellen Sie sicher, dass Sie das erforderliche Methodenrepertoire zu den Lernzugängen abrufen können, die in diesem Bereich besonders sinnvoll sind:
analytisch-verstehendes Lernen (inkl. Begriffs- und Regellernen);
observatives Lernen;
sensorisches Lernen (inkl. Visualisierungen).
Schritt 6: Analyse und Konklusion durchführen
Wie bereits erwähnt spielt die individuelle Finanzbiografie der Klient*innen eine wichtige Rolle. Gestalten Sie die Lernsituationen so, dass Ihre Klient*innen sie möglichst eigenständig bewältigen können. Gerade weil es um Finanzfragen geht, müssen Sie dabei eine gute Balance zwischen Schutzpflicht und Förderung der Klient*innen bewahren und Art wie Umfang der Lernsituationen angemessen auswählen. Klären Sie das individuelle Vorwissen und die Voraussetzungen der Gruppe oder Einzelperson, unter anderem welche Kenntnisse bezüglich Zahlenraum und Rechnen sowie abstraktem Denkens bestehen, aber auch wie ausgebildet die Selbstkompetenz im Sinne der Selbststeuerung und Impulskontrolle ist. Fehlen letztere, kann es zum Beispiel zu Spontaneinkäufen kommen und das ganze Monatsbudget ist bereits Anfang Monat aufgebraucht. In einem solchen Fall sollten Sie die Lernstufen feinteilig gestalten und gezielt auf die eigenständige Verwaltung des Monatsbudgets hinarbeiten.
Schritt 7: Sequenzierung gestalten
Bei Finanzfragen eignen sich zeitlich fix eingeplante Meilensteine, beispielsweise jede Woche eine Budgetbesprechung, sowie kurz-, mittel- und langfristige Ziele. Erfolge sollten zudem explizit gemacht und wo möglich sogar visualisiert werden. Schuldenfreiheit beispielsweise wird nicht per se sichtbar, kann aber mit lebensweltorientierten Hilfsmitteln oder Metaphern visualisiert, thematisiert und wertgeschätzt werden.
Der Kompetenzaufbau hin zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Geld bedingt eine Reihe von Vorwissen und verläuft stufenweise. Klären Sie, auf welcher Kompetenzstufe Ihre Klient*innen stehen und fördern Sie diese gezielt. Vereinfacht dargestellt verläuft der Kompetenzerwerb über folgende Stufen:[35]
1 Tauschbeziehungen und deren Bedeutung erkunden (z.B. Ware gegen Ware, Ware gegen Geld, Ware gegen Zeit).
2 Geldwert kennen (Münzen, Banknoten, bargeldloses Bezahlen).
3 Modell eines einfachen Wirtschaftskreislaufes kennen (Tausch von Gütern, Arbeitskraft und Geld zwischen Unternehmen und Haushalten).
4 Einfache Einkäufe planen und Nutzen, Kosten und Sparmöglichkeiten abwägen.
5 Konsumentscheidungen unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten prüfen sowie Alternativen der Bedürfnisdeckung diskutieren (z.B. selbst herstellen).
6 Formen des Zahlungsverkehrs beschreiben und sich über Vertragsbedingungen informieren (z.B. Barzahlung, Überweisung, Onlineshopping, Kreditkarte, Kleinkredit, Leasing).
7 Budget planen, sich über fixe und variable Kosten informieren, Auswirkungen von Einkommensveränderungen auf Handlungsspielräume und Sparmöglichkeiten erkennen.
8 Ursachen von Verschuldung sowie der Schuldenspirale erklären und präventive Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und diskutieren.
Schritt 8: Lernsituation reflektieren
Evaluieren Sie selbst, mit den Klient*innen und im Team, was bei der umgesetzten Lernsituation gut und was weniger gut funktioniert hat, und passen Sie bedarfsorientiert das Lernsetting an.
Schein und Sein: Wie Werbung mich und meine Konsumentscheide beeinflusst
1. Warum das Thema «Konsumkompetenz» didaktisch wichtig ist
Ausgangslage
Es ist kein Geheimnis, dass wir in der Schweiz zu viel konsumieren. Nicht nur klassische Konsumgüter wie Bekleidung, Nahrungsmittel oder Elektronikgeräte, sondern auch verstecktere Konsumformen von Gütern wie Wasser, Elektrizität, Benzin, Wohnfläche, Heizöl oder Verpackungsmaterial tragen zur massiven Übernutzung der Biokapazität bei. Würden global alle so konsumieren wie die Schweizer Bevölkerung, wären fast drei Erden erforderlich.[36] Es liegt auf der Hand: Der Konsum muss hierzulande deutlich reduziert werden.
Wie stehen Sie zu Konsumfragen? Gehen Sie gerne einkaufen und freuen sich an Schnäppchenangeboten? Oder empfinden Sie den ständigen Konsumdruck als Belastung und sehnen sich eigentlich nicht nach mehr materiellem Besitz, sondern nach einer besseren Lebensqualität und mehr Zeit mit Freund*innen, mehr Zeit in der Natur? Ärgern Sie sich, dass Konzerne auf Gewinnmaximierung setzen und durch ihre Aktivitäten in Billiglohnländern – vom Rohstoffabbau über die Produktion bis hin zu Abfallentsorgung und Endlagerung – die Missachtung von Menschenrechten in Kauf nehmen? Belastet Sie das Wissen um unfaire Arbeitsbedingungen, etwa in der Kleiderproduktion? Oder haben Sie für sich bereits Möglichkeiten gefunden, wie Sie Ihren Konsumalltag mit einem guten Gefühl gestalten können?
Egal was Sie auf diese Fragen antworten, eines wird klar: Konsumfragen sind nie neutral. Im eigenen Verhalten zeigt sich immer eine bestimmte Konsumhaltung. Und Sie als Berufsfachpersonen leben Ihren Klient*innen entsprechend immer eine Konsumhaltung vor. Im Minimum sollten Sie sich daher auf eine kritische Selbstreflexion einlassen, um die eigene Haltung zu erkennen und sich aktiv dafür zu entscheiden, was Sie selbst vertreten und vorleben wollen. Denn mit konsumbezogenen Dilemmata sind auch Ihre Klient*innen konfrontiert. Die Fähigkeit, eigene, bewusst gefällte Konsumentscheidungen zu treffen, die dem Finanzrahmen entsprechen, den Bedarf decken, die Bedürfnisse berücksichtigen und dabei möglichst nachhaltig sind, ist täglich gefragt. Sie als Berufsfachperson haben hier eine wichtige Vorbildfunktion und eine zentrale Aufgabe in der Begleitung Ihrer Klient*innen auf dem Weg zu einer differenzierten Konsumhaltung.

Erlauben Sie uns noch ein paar Worte zur Einordnung des Problems des Überkonsums: Auch wenn zunehmende und grundlegende Kritik an der heutigen Wirtschaftsweise hör- und sichtbar wird, etwa in Form der weltweiten Klimastreik-Bewegung, fehlt es bisher an griffigen regulatorischen Massnahmen, um beispielsweise Schritte in eine umwelt- und sozialverträglichere Kreislaufwirtschaft zu machen. Die Veränderung des Konsumverhaltens ist eine grosse gesellschafts- und wirtschaftspolitische Aufgabe, und es wären wirksame politische Lenkungsmassnahmen erforderlich, sowohl in der Schweiz wie grenzüberschreitend im europäischen und internationalen Wirtschaftsraum. Es bräuchte Massnahmen, die Breitenwirkung entfalten und schon bei der Art der angebotenen Produkte beginnen. Doch die Konsumfrage wird nach wie vor zur Privatsache erklärt. Der Weg hin zu einem umwelt- und sozialverträglichen Konsumverhalten beinhaltet zwar immer auch – aber eben nicht nur – Veränderungen auf persönlicher Ebene. Mit individuellen Verhaltensänderungen allein kommen wir kaum ans Ziel. Dafür sind die Fortschritte schlicht zu langsam und zu fragmentiert. Insofern ist der individuelle Beitrag angesichts der Grösse der Probleme immer zu gering. Das heisst nun im Umkehrschluss aber nicht, dass das eigene Konsumverhalten keine Rolle spielt. Im Gegenteil, es macht sehr wohl einen Unterschied, wie, was und wie oft Sie einkaufen und konsumieren. Denn Veränderung beginnt auch im Kleinen. Wir möchten Sie mit diesen einleitenden Worten daher einerseits davon entlasten, in Eigenregie die Welt verändern zu müssen, aber andererseits auch motivieren, dass Sie dort anpacken, wo Sie tatsächlich etwas tun können: In Ihrem täglichen Konsumverhalten, in Ihrer Rolle als Berufsfachperson und in Ihrer Rolle als Bürger*in.
Exkurs: Konsummengen Schweiz
Konsum ist nicht nur eine Frage des Kaufens, sondern findet auch tagtäglich in Form von Strom-, Wasser-, oder Papierverbrauch statt und spielt zudem bei der Entsorgung von Abfall eine Rolle. Wir haben Ihnen hier in der Folge einige wenige, aber aussagekräftige Zahlen zum Konsum in Privathaushalten in der Schweiz zusammengestellt.[37] Im Haushalt lässt sich mit einfachen Anpassungen vieles verbessern. Im stationären und teilstationären Kontext bieten Ihnen diese Konsumfelder daher weitere Anknüpfungspunkte für Ihre Arbeit mit den Klient*innen.
Stromverbrauch
Der Elektrizitätsbedarf in Privathaushalten hat in den letzten 20 Jahren zugenommen, dies hauptsächlich, weil immer mehr Elektrogeräte und vermehrt Wärmepumpenheizungen eingesetzt werden. 2019 entfielen gemäss Bundesamt für Energie in den Schweizer Privathaushalten 7,6 Prozent des Elektrizitätsverbrauchs auf Kochherde, 5,9 Prozent auf Beleuchtung, und 8,3 Prozent auf Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungselektronik. 36 Prozent des Elektrizitätsbedarfs fiel bei weiteren Elektrogeräten wie Bohrmaschinen, Staubsaugern, Waschmaschinen, Trocknern, Kühl- und Gefrierschränken, Geschirrspülern und Küchengeräten an. Der restliche Elektrizitätsbedarf fiel auf Beheizung, Belüftung und Warmwasser.[38]
Ein durchschnittlicher Vierpersonenhaushalt nutzt rund 4500 Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr.[39] Zur Einordnung: Mit einer Kilowattstunde kann man zehn Stunden am Computer arbeiten, eine Maschine Wäsche waschen, 60 Minuten lang die Haare föhnen oder 133 Scheiben Brot toasten.[40]
Mit diesen Tipps lässt sich im Haushalt einfach Strom sparen:[41]
Kochen mit Deckel auf der Pfanne;
Backofen nicht Vorheizen;
Backofen oder Herdplatte etwas früher ausschalten und Restwärme nutzen;
Kühlschranktür rasch schliessen, Kühlschrank und Gefrierfach regelmässig abtauen;
waschen ohne Vorwäsche, mit tiefen Temperaturen (30–40°);
Wäsche an der Luft trocknen;
Sparduschkopf verwenden;
Computer, Tablet und Smartphone erst ersetzen, wenn die Lebensdauer der Geräte genutzt wurde;
Elektrogeräte ganz ausschalten, nicht auf Stand-by lassen;
möglichst energieeffiziente Geräte kaufen.
Wasserverbrauch
Fast 15 Prozent des Energieverbrauchs in Privathaushalten entfällt auf die Warmwasseraufbereitung.[42] Der Wasserverbrauch spielt daher auch für den Energieverbrauch eine grosse Rolle. In der Stadt Bern werden gemäss EWB täglich pro Person und Tag 175 Liter Wasser genutzt für Haushalt, Hygiene und Trinken. Davon werden für die Toilettenspülung täglich gut 50 Liter genutzt, für Baden und Duschen gut 43 Liter, für das Lavabo im Bad knapp 20 Liter, für das Abwaschbecken in der Küche rund 28 Liter und für die Waschmaschine 21 Liter.[43]
Papierverbrauch
Gemäss Industrieverbänden wurden 2019 in der Schweiz pro Person 118 kg Papier und Karton verbraucht. 39 kg entfielen auf Verpackungsmaterialien, 20 kg auf Zeitungspapier, 17 kg auf Klo- und Haushaltspapier und 38 kg auf Schreib-, Druck und Kopierpapier.[44] Für die Produktion von Papier braucht es viel Holz. 40 Prozent der gefällten Bäume, die industriell verwertet werden, werden für die Papierproduktion verwendet.[45] Für die Herstellung von 500 Blatt Kopierpapier im Format DIN A4 (80 g, ohne Altpapieranteil) werden durchschnittlich 3,6 kg Holz, 202 Liter Wasser und 35 kWh Energie verbraucht.[46] Mit der gleichen Energiemenge könnte man einen Monat lang das Mittagessen für vier Personen kochen.[47]
Abfallmenge und Food Waste
Im Jahr 2020 sind gemäss Bundesamt für Umwelt in der Schweiz pro Einwohner*in 700 kg Siedlungsabfall angefallen, 369,7 kg davon landeten in Recycling- und Sondermüllstellen (134,7 kg Papier, 161,3 kg Kompost, 43,8 kg Glas, 14,9 kg Elektrogeräte, 7,5 kg Textilien, 4,1 kg PET-Flaschen, 1,5 kg Konservendosen, 1,5 kg Aluverpackungen und Getränkedosen, 0,4 kg Batterien).[48]
Jedes Jahr werden gigantische Mengen an essbaren Lebensmitteln weggeworfen. In der Schweiz sind es gemäss BAFU rund 2800000 Tonnen Lebensmittel, die statt auf dem Teller als Food Waste enden. Dabei fällt etwa die Hälfte der Umweltbelastung des Food Waste auf den Stufen landwirtschaftliche Produktion, Lebensmittelverarbeitung sowie Detail- und Grosshandel an. Die andere Hälfte fällt auf die Privathaushalte (rund 778000 Tonnen Food Waste) und die Gastronomie (210000 Tonnen Food Waste).[49]
Achtlos weggeworfener Abfall, der in der Natur landet, ist sehr problematisch – nicht nur weil es das Landschaftsbild stört und potenziell Haus-, Weide- und Wildtiere gefährdet, die den Abfall verschlucken, sondern auch weil die Natur viele Jahre mit dem Abfall belastet wird. Eine Bananenschale ist nach etwa drei Monaten verrottet, ein Zigarettenstummel überlebt in der Natur bis zu zwei Jahren, Kaugummi bis zu fünf Jahren, eine Getränkedose bis zu 100 Jahren, eine PET-Flasche sogar bis zu 1000 Jahren.[50]
Werbeverführungen im Fokus
Gerade weil wir heute immer noch im Paradigma des Mehrkonsums leben und wir dadurch diesem Konsummodell täglich und über viele Kanäle via Werbung ausgesetzt sind, ist es eine so grosse Herausforderung, eine eigenständige Konsumhaltung zu entwickeln. Werbung zielt auf Mehrkonsum ab, spricht in vielen Fällen aber nicht im engen Sinn von den Vorteilen des Produktes, etwa dass ein Pullover warm hält, sondern von versteckten Wünschen wie Coolness oder gesellschaftliches Ansehen. Angefeuert von Werbung mischen sich daher permanent die verschiedenen Motivationen für den Konsum, und das Unterscheiden zwischen einem echten Bedarf, wie dem Besitz von warmer Kleidung, und einem Bedürfnis, wie Zugehörigkeit zur Peergroup dank dem passenden Marken-Pullover, wird zur echten Herausforderung.
Um Absatzmärkte zu steigern und Profite zu maximieren, wird zudem heute zunehmend auf das umfassende Kauferlebnis gesetzt. Das heisst beispielsweise im Bereich Mode, dass das Shoppingerlebnis mit besonderen Events oder mit exklusiven Sonderangeboten für Club-Mitglieder verbunden wird, oder dass jährlich bis zu 20 verschiedene Modezyklen in die Läden kommen, immer mit dem Ziel, die Kund*innen zu Mehrkonsum anzuregen. Einkaufen wird zur Freizeitbeschäftigung. Es erstaunt daher nicht, dass während des Lockdowns 2020 und 2021 im Rahmen der Corona-Krise der Onlinehandel boomte und die Post zeitweise unter der Paketflut fast kollabierte. Generell wird der Onlinehandel zunehmend wichtiger, und damit verbunden auch die Onlinewerbung. Dabei setzen Konzerne ihre Präsenz auf Social-Media-Kanälen geschickt ein und agieren mittels Influencer*innen bis tief in verschiedenste Communities. Diese platzieren gegen Bezahlung auf ihren Onlineprofilen Produkte und bewerben diese spezifisch bei ihren Follower*innen. Was früher die Tupperware-Party erledigte, übernehmen heute also Influencer*innen. Auch passgenaue Werbung, die je nach Konsumvorlieben und scheinbar wie von Geisterhand auf Facebook oder Google erscheint, ist heute integraler Bestandteil des Werbebusiness. Offensichtliche Werbung ist dabei meist das kleinere Problem, viel schwieriger wird es mit der «Below-the-Line-Kommunikation». Dazu gehören Werbemassnahme wie Sponsoring, Gewinnspiele, Bonusprogramme, Kundenclubs, Suchmaschinen-Optimierung, oder eben alle Arten von Social-Media-Marketing, inklusive Arbeit mit Influencer*innen.
Das zeigt: Werbung ist allgegenwärtig und zielgruppenspezifisch. Zwar kann Werbung durchaus auch positive Seiten haben, die stetigen Angebote verringern etwa den Suchaufwand für Produkte. Doch Werbung beeinflusst und verführt auch zu Mehrkonsum. Kinder und Jugendliche werden dabei als eigene Zielgruppe intensiv bewirtschaftet, denn sie gelten als wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nicht nur, weil sie selbst konsumieren, sondern auch weil sie das Einkaufsverhalten in ihren Familien beeinflussen. Zudem sind sie die potenziell zahlungskräftige Kund*innen von morgen. Kund*innenbindung beginnt früh, bereits im Kleinkindesalter, etwa durch Comicfiguren, die auf Kindernahrung aufgedruckt sind und für einen kindergerechten Wiedererkennungseffekt und Markenbindung sorgen sollen.
Exkurs: Onlinewerbung
Interview mit Moritz Zumbühl, FEINHEIT AG und Blindflug Studios (Computergames)
1. Welche Arten von Onlinewerbung gibt es und welche sind am meisten verbreitet in der Schweiz?
MZ: Der Hauptteil der Werbeschaltungen sind heute immer noch Banner, aber das ändert sich gerade: Video-Werbung im Internet nimmt rasant zu, es wird schon heute mehr Werbung im Internet als im Fernsehen geschaut. Hauptplattformen sind Facebook (v.a. mit Instagram) und Google (v.a. mit YouTube).
2. Wie funktioniert Onlinewerbung? Welche Algorithmen wirken auf meinem Smartphone?
MZ: Video-Werbung wird personalisiert: Wenn beispielsweise jemand eine Kreditmöglichkeit sucht, wird er danach immer wieder Kreditangebote erhalten. Es geht aber nicht nur um die Produkte, die personalisiert beworben werden, sondern auch die Werbung für dieselben Produkte unterscheidet sich von Person zu Person. Das wird in den nächsten drei bis fünf Jahren noch stark zunehmen. Für das gleiche Produkt sehen Sie und ich also auf dem Smartphone nicht die gleiche Werbung. Algorithmen erstellen pro Person eine Karte und sammeln möglichst viele Attribute zur Person. Es kann dann für eine Werbung definiert werden, welche Typen von Menschen erreicht werden sollen. Danach wird die Onlinewerbung automatisch personalisiert und eingespielt. Der Online-Werbemarkt ist gross und relevant, allein der Umsatz in der Schweiz beläuft sich geschätzt auf jährlich über eine Milliarden Franken.
3. Welche Zielgruppen sind auf welchen Onlinekanälen besonders im Fokus der Werbung und was macht den Umgang mit Onlinewerbung so anspruchsvoll?
MZ: Es ist sehr schwierig, Werbung von Nicht-Werbung zu unterscheiden. Es gibt die redaktionelle Vermischung, aber auch viele Websites, die nur einen Klick weg sind, und die nicht als Werbung gekennzeichnet sind. Auch berühmte Seiten wie der Spiegel oder die Zeit machen das: Sie vermischen Werbung und Inhalt oder kennzeichnen die Werbung nicht genügend. Es gibt auch Phänomene wie den «fat finger»: Das bedeutet, dass man auf einem Smartphone nur minim verrutscht und dann versehentlich einen Link anklickt, und schon ist man auf einer neuen Seite vermerkt und erhält fortan die Werbung von diesem Anbieter. Viele Menschen, die nicht so viel Geld haben, nutzen Gratisangebote im Internet, also Chats, Unterhaltung und mehr. Insbesondere bei diesen Gratisangeboten werden fleissig Daten gesammelt. Das kann auch Informationen aus einem persönlichen Chat betreffen, der von einem Algorithmus auf Schlüsselworte durchsucht wird, um die Werbung zu optimieren. Die Kosten für solche personalisierte Werbung und Datensammlung sind pro Person minim, das heisst auch Menschen mit wenig Geld sind hier eine interessante Zielgruppe. Bei der Nutzung von Gratisangeboten ist daher die Werbepräsenz noch viel höher, die User*innen sind hier besonders stark der Werbung ausgesetzt. Werbung, die nicht offensichtlich nach Werbung aussieht, wirkt grundsätzlich interessanter, weil es vermeintlich mehr um den Inhalt und nicht um den Profit geht. Auch in der Pornografie funktioniert Werbung besser, die nicht als Hochglanz daherkommt, die Klickrate ist viel höher, wenn es nach selbst gemachten Videos aussieht.
4. Wie wird der Erfolg von Onlinewerbung gemessen?
MZ: Für digitale Angebote, bei denen es rein um einen Verkauf per Kreditkarte geht, ist die Erfolgsmessung einfach: Es wird nur der Umsatz gemessen. Es geschieht keine Segmentierung nach sozialen Schichten, sondern nach Interesse, Affinität und demografischen Daten, die dann mit der Quote des Abschlusses gespiegelt werden. Das wiederum gibt Aufschluss darüber, wie oft eine Werbung gesehen werden muss oder ob eine bestimmte Tageszeit besonders erfolgversprechend ist, damit es zum erfolgreichen Kaufabschluss kommt. Werbung läuft nicht beliebig, sie kann und wird auf einen bestimmten Zeitpunkt hin geschaltet. Bei einem Fussballmatch kann es zum Beispiel schon 30 Sekunden nach dem Tor einer Mannschaft zu einer Werbeschaltung kommen, dann werden die User*innen im Moment einer positiven Emotion abgeholt, was die Werbung noch effektiver macht. Man kann sich als User*in weder der Werbung per se noch dem Fakt, dass diese personalisiert auf die User*in zugeschnitten wird, entziehen.
5. Wie wichtig ist die Arbeit mit Influencer*innen und Promis in der Werbung?
MZ: Das Thema wird immer wichtiger, aber im Internet herrscht «Wilder Westen». Viele halten sich hier nicht an Regeln. Wenn jemand auf YouTube oder TikTok eine Empfehlung macht, muss grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass es sich um Werbung handelt, auch wenn es als persönliche Empfehlung daherkommt. Es gibt viele Influencer*innen, die gerade für Menschen, die im schwierigen Spektrum der Gesellschaft leben, eine grosse Nähe generieren. Streamer*innen, die mit anderen gamen, verbringen viel Zeit miteinander. Es ist tough, sich dann der Realität zu stellen, dass diese «Freunde» eben auch Werbung machen – und nicht bloss freundschaftliche Ratschläge erteilen. Man muss das ernst nehmen, es entsteht auch digital eine wichtige Nähe. In solchen Communitys ist Manipulation durch Werbung viel einfacher möglich. Die Nähe ist dabei oft nicht gespielt, aber das Heikle ist, dass in dieser Nähe auch Werbung passiert, und die ist scheinbar banal, aber sie verfängt, sie animiert beispielsweise Jugendliche zum Kauf eines Games, die sich erhoffen, damit noch länger gemeinsam zu gamen. Der Umgang mit dieser Dualität von Nähe und Manipulation ist extrem schwierig. Wie im realen Leben geht es um Gruppenzugehörigkeit oder Gruppenausschluss.
6. Gibt es technische Möglichkeiten, um die Werbeschaltungen zu vermeiden?
MZ: Technischer Schutz ist individuell, aber einen vollständigen Schutz gibt es nicht. Ad-Blocker können helfen, brauchen aber viel Wartung. Die Browser unterscheiden sich stark bezüglich der bereits integrierten Blocker-Funktionen; hier lohnt es sich, die Browsereinstellung zu prüfen oder den Browser zu wechseln. Auch die Kindersicherung einzusetzen kann im Extremfall in Absprache mit den Klient*innen eine Option zum Schutz vor unerwünschten Inhalten sein.
7. Was ist besonders wichtig in der sozialpädagogischen Arbeit mit Klient*innen?
MZ: Die Realität der Onlinewerbung ist aufgrund des individuellen Suchverhaltens im Internet für jede Person anders. Eine Berufsfachperson kann also nicht von sich selbst ausgehen, um die Online-Werberealität der Klient*innen mit der jeweiligen personalisierten Werbung zu verstehen. Das Wichtigste ist daher, dass Berufsfachpersonen mit ihren Klient*innen gemeinsam und auf den Geräten der Klient*innen die Online-Werberealität anschauen, thematisieren und einen Umgang damit finden.
2. So verstehen wir «Konsumkompetenz»
Beim Thema Konsumkompetenz geht es uns nicht um die Frage des «richtigen» Konsumierens, sondern darum, bewusste Konsumentscheide zu treffen. Konsumkompetenz bedingt ein hohes Mass an Selbstbeobachtung und Selbststeuerung sowie ein schrittweises Herantasten an die eigenen Bedürfnisse. Darauf aufbauend kann das bewusste Entscheiden für oder gegen eine bestimmte Konsumverhaltensweise entwickelt werden.
Der Aufbau von Konsumkompetenz geschieht stufenweise und nicht von heute auf morgen. Schon nur das Benennen der individuellen Wünsche und daraus abgeleitet der ihnen zugrunde liegenden Bedürfnisse ist eine vielschichtige Aufgabe. Die Diskussion, wie Wünsche und Bedürfnisse befriedigt werden können, bedingt Zeit und einen vertrauensvollen Umgang zwischen Klient*innen und Berufsfachperson. Nicht immer ist Kaufen die Lösung, es gibt auch kostenfreie oder kostengünstige Angebote wie Bibliotheken, Ludotheken, Tauschbörsen, Secondhandshops und mehr. Zudem können Wünsche auch gestaffelt befriedigt werden, beispielsweise mit einer Geburtstagswunschliste. Komplexer wird es, wenn Konsumgüter aufgrund ihrer Wirkung als Statussymbole ins Spiel kommen. Dies weckt das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit, das gerade im Jugendalter, aber auch im Erwachsenenalter nicht unterschätzt werden darf – denken Sie nur einmal an die Arbeitsbekleidung von Personen im Bankensektor; da wird es offensichtlich, wie stark Bekleidung auch bei gestandenen Berufsleuten als Status- und Zugehörigkeitssymbol wirkt. Wie eingangs dargelegt, spielt auch die zielgruppenspezifische Werbung eine grosse Rolle. Einen eigenen Umgang zu finden im Spannungsfeld zwischen Druck aus der Peergroup, Wunsch nach einer sozial- und klimaverträglichen Konsumweise und der permanenten Werbe-Berieselung ist nicht ganz einfach und setzt einen breiten Fächer an Kenntnissen und Kompetenzen voraus. Wir zeigen in diesem Kapitel eine Auswahl und legen einen Schwerpunkt auf Fragen rund um Werbung und deren Wirkung auf Konsumierende, weil uns der Umgang mit Werbung als eine zentrale Konsumherausforderung erscheint.

3. Förderung und Kompetenzerweiterung im Alltag
Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) hat sich mit der Konsumkompetenz von jungen Menschen befasst und unterstreicht in ihrem Fachbericht[51], dass es neben Wissensvermittlung insbesondere auch um Erfahrungsfelder geht, «in denen das Gelernte erprobt, reflektiert und weiterentwickelt werden kann. Durch Wissen und Erfahrung entsteht Konsum- resp. Finanzkompetenz»[52]. Für die Bereitstellung dieser Erfahrungsfelder sind in einem teilstationären und stationären Setting die Berufsfachleute verantwortlich. Dabei geht es auch um einen guten Mix zwischen Schutz- und Fördermassnahmen. Ganz wichtig als Grundhaltung erscheint uns, dass das Thema Konsumieren nicht unnötig moralisch aufgeladen und nicht primär mit Verboten belegt wird. Viel zielführender ist es, wenn Sie den Fokus auf das Erlangen einer hohen Selbstwirksamkeit und Selbstzufriedenheit richten und Ihre Klient*innen dazu motivieren, sich selbst und ihre Umwelt besser zu verstehen, um aktive Konsumentscheidungen zu treffen, die den Bedarf decken, den Finanzrahmen respektieren, die Bedürfnisse im Alltag möglichst gut abdecken und die ethischen Grundhaltungen der Klient*innen widerspiegeln.
Entscheidungen – und dazu gehört auch der Kauf- respektive Konsumentscheid – werden zu bis zu 80 Prozent durch Emotionen gesteuert.[53] Das erklärt, weshalb die Werbeindustrie so stark auf Emotionen setzt. Und das wiederum bedeutet, dass die Arbeit am Konsumverhalten primär auf Beziehungsarbeit aufbauen muss.
Das Konsumverhalten ist zudem wesentlich durch das soziale Umfeld und die Peergroup geprägt, das heisst, auch da sind viele Emotionen und Ängste wie vor dem sozialen Ausschluss involviert. Kulturelle Hintergründe können das Konsumverhalten zusätzlich prägen. Das Anknüpfen an die Lebenswelt der Klient*innen ist daher unabdingbar, um auf dem langen Weg hin zu Konsumkompetenz Entwicklungsschritte zu machen. Es kann sich auch lohnen, die Arbeit an der Konsumkompetenz mit Konsumbereichen zu beginnen, die nicht allzu stark mit Emotionen aufgeladen sind, also beispielsweise mit Jugendlichen zuerst an Konsumfragen rund um Lebensmittel zu arbeiten, statt direkt mit dem vielfach hochemotionalen Modekonsum einzusteigen. Denn nur wenn sich Ihre Klient*innen emotional auf die Entdeckungsreise des eigenen Konsumverhaltens einlassen können, sind auch Erkenntnisse und Verhaltensänderungen möglich.
Für Sie als Berufsfachperson ergeben sich in diesem Themenbereich sowohl auf der individuellen Ebene der Klient*innen wie auch auf der Ebene der Institution konkrete Aufgabenfelder für die sozialpädagogische-agogische Arbeit. Aus professioneller Sicht lassen sich daraus wichtige Schlussfolgerungen ableiten:
Um Ihre Klient*innen auf dem Weg zur Erlangung von Konsumkompetenz und zum Treffen von bewussten Konsumentscheiden zu begleiten, braucht es über einen längeren Zeitraum die wertschätzende, gemeinsame Reflexion.
Konsumfragen sind oft auch eng mit intrapersonalen Dilemmata verbunden, die durch Werbung stets aufs Neue befeuert werden. Konsumverhalten und Konsumfragen beinhalten daher sehr persönliche Aspekte, die entsprechend Raum erhalten und mit der nötigen Achtsamkeit bearbeitet werden sollten.
Social-Media-Werbung läuft zwar nebenbei, aber permanent, und wirkt dadurch unterbewusst sehr stark. Sie sollten daher die Grundsätze der Funktionsweise dieser Art von Werbung kennen, um deren Wirkung auf Ihre Klient*innen besser einschätzen zu können.
Sponsoring durch Firmen oder firmennahe Stiftungen ist heute weit verbreitet, auch bei stationären sozialen Einrichtungen. Diese Art von Unterstützung ist jedoch zweischneidig: Auch wenn es im Einzelfall und kurzfristig bedeutet, dass beispielsweise ein Ausflug oder eine Veranstaltung durchgeführt werden kann, muss doch klar betont werden, dass Sponsoring nie ohne Gegenwert zustande kommt. Ein solcher Gegenwert kann vieles bedeuten und reicht von Firmen, die sich als sozial engagiert positionieren möchten, bis hin zum Verteilen von Gratismustern und dem «Anfüttern» von künftigen Konsument*innen. Ein Sponsoring muss daher in jedem Fall kritisch durchleuchtet werden, bevor es eingegangen wird.
Aus der Praxis
In der Kita im Dorf spielten drei Mädchen ganz vertieft mit ihren Plüschhäschen. Ein viertes, B., machte nicht mit und hockte allein in einer Ecke. Auf die Nachfrage der Betreuerin sagte die Vierjährige, sie dürfe nicht mitmachen, weil sie kein Plüschhäschen habe. Wie sich herausstellte, waren besagte Plüschhäschen Teil eines Ostergeschenk-Sets, das es mit einer bestimmten Anzahl Treuepunkte im Supermarkt gab. Die Eltern der kleinen B. hatten keine solche Karte und machten sich auch nichts aus den Kundenbindungsprogrammen. Dass dies jedoch bereits in der Kita ihrer Tochter zu gravierenden sozialen Auswirkungen und Ausgrenzung führen würde, hätten Sie sich nicht im Traum ausgemalt …
Der Bewohner K. wohnt in einem Wohnheim für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Er ist immer knapp bei Kasse und achtet daher auf Rabatte und Aktionen. Als ein Betreuer eines Abends bei Herrn K. im Zimmer vorbeischaute, ging es ihm offensichtlich nicht gut. Er klagte über starke Bauchschmerzen und Übelkeit, was sich der Betreuer nicht erklären konnte, weil alle im Wohnheim das gleiche Abendessen verspeist hatten. Herr K. gab nach einigen Nachfragen kleinlaut zu, er habe eine Tüte Sport-Mint-Bonbons verzehrt. Doch der Blick in den Abfalleimer offenbarte dann, dass es sich bei der besagten Tüte nicht um eine Standardgrösse handelte, sondern um ein Sonderangebot in der Maxigrösse von 500 g. Mit Blähungen und starkem Unwohlsein musste Herr B. dann spätabends notfallmässig zum Heimarzt …
Im Wohnheim für Jugendliche fiel auf, dass die jugendliche Bewohnerin M. immer wieder Pakete erhielt und generell über ein grosszügiges Monatsbudget von rund 500 CHF verfügte. Das Betreuungsteam konnte sich das nicht erklären, denn die Familie von M. ist einkommensschwach und M. hat auch keine begüterten Onkel oder Tanten. Woher stammte also das ganze Geld? Wie sich herausstellte, hatte M. im Internet erfolgreich einen eigenen Instagram-Kanal mit zwischenzeitlich über mehreren tausend Follower*innen aufgebaut. Ihr Kanal und sie als Influencerin wurde damit für gewisse Marken attraktiv, um Werbung zu platzieren, und sie erhielt sowohl Geldsponsoring wie auch Waren als Gegenleistung für die Werbespots auf Instagram …
Im Wohnheim für Alkoholkranke herrschte schlechte Stimmung. Herr R. war richtig frustriert von einem Stadtspaziergang zurückgekommen. Was war geschehen? Auf Nachfrage seitens seiner Betreuerin erklärte Herr R., dass er auf dem Heimweg von seinem Spaziergang an einem Werbeplakat vorbeigekommen war, auf dem für Ferien in Italien geworben wurde: Pasta, Rotwein, Strand, Meer – eben alles, was es für Ferienfeeling braucht. Doch der alkoholkranke Herr R. wusste, dass er nie wieder eine Rotweinflasche anrühren durfte, und versank in eine depressive Verstimmung. Das Werbeplakat, mit dem er emotional auch verband, dass er ohne Alkohol nie wieder eine solches Ferienfeeling erlangen könne, wurde für ihn zum Negativtrigger …
4. Schein und Sein anhand des SALSA-Modells

Wir zeigen in diesem Teil anhand der acht Schritte des SALSA-Modells die fachspezifischen Überlegungen im Bereich Konsumkompetenz. Bei den Schritten 1 und 2 geht es um die Klärung der Rahmenbedingungen und Voraussetzungen in Ihrem beruflichen Umfeld, in den Schritten 3 bis 8 nehmen Sie die Planung der spezifischen Lernsituation in die Hand.
Schritt 1: Grundhaltung reflektieren
Reflektieren Sie Ihr eigenes Konsumverhalten, Ihre Wertevorstellungen und Ihre ethischen Grundsätze.
Stellen Sie sich Fragen wie:
Wie bewusst treffe ich Konsumentscheide im Alltag?
Wie zufrieden bin ich mit meinem eigenen Konsumverhalten?
Was möchte ich an meinem Konsumverhalten ändern und wieso?
Wie wirkt Werbung auf mich? Was beeinflusst mich bewusst oder womöglich unbewusst?
Welche Art von Werbung spricht mich an und wieso?
Welche Art von Werbung macht mich ärgerlich und wieso?
Welche Verhaltensänderungen fallen mir schwer und was könnten die Gründe dafür sein?
Schritt 2: Lernfelder erkennen
Diskutieren Sie im Team, welche Lernfelder für Mehrpersonensettings aktuell bestehen, zum Beispiel:
Anschaffungen von Einrichtungsgegenständen für die Wohngruppe;
Lebensmitteleinkauf für die Wohngruppe;
Gruppen-Challenge (z.B. spezifisches Konsumverhalten über einen vereinbarten Zeitraum);
Gruppendynamik auf der Wohngruppe oder in der Schule und am Arbeitsplatz bezüglich Trends in den Bereichen Mode, Ernährung, Fitness oder Körperkult.
Überlegen Sie sich als Bezugsperson, welche Lernfelder individuell für Ihre Bezugsklient*innen bestehen, zum Beispiel:
grössere Anschaffungen wie Kleider, Spielzeug oder IT-Geräte;
Kauf von täglichen Verbrauchsgütern wie Pflegeprodukte, Kosmetika oder Verpflegung;
Trends und Anforderungen an Zugehörigkeit auf der Wohngruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz;
Trends in Onlineforen und auf Social Media (was spricht an, was ist wieso cool usw.);
Stressoren im Bereich Konsumverlockung (Gruppendruck, Finanzlimiten, Werbeversprechen usw.).
Überlegen Sie sich sowohl für das Mehrpersonensetting wie für Ihre Bezugspersonen, wo es potenziell sinnvolle Lernfelder gibt und wie Sie diese erschliessen können.
Schritt 3: Lernsituationen auswählen
Diskutieren Sie, welche Grundhaltungen Sie als Team bezüglich Konsumfragen einnehmen und Ihren Klient*innen vermitteln wollen. Es lohnt sich, dass Sie sich hier explizit verständigen, ansonsten wird es schwierig, eine fokussierte Kompetenzerweiterung zu begleiten. Vereinbaren Sie konkrete Lernfelder, die Sie priorisieren. Knüpfen Sie dabei eng an die Lebenswelt Ihrer Klient*innen an und wählen Sie für das Mehrpersonensetting Aufgaben aus, für die Sie die ganze Gruppe motivieren können und mit denen Sie möglichst sichtbare gemeinsame Ergebnisse erreichen. Das könnte beispielsweise die Anschaffung eines neuen bequemen Sessels für den Wohnbereich sein, der Vorrecherchen zu Produktion und Material, Diskussionen mit Bewertung der Ergebnisse und schliesslich eine bewusste Entscheidung der Gruppe vorausgegangen sind. Ergänzen Sie die Gruppenlernfelder mit individualisierten Lernfeldern für Ihre Bezugspersonen.
Schritt 4: Fachkompetenz sichern
Stellen Sie sicher, dass Sie selbst über das notwendige Fachwissen verfügen oder dieses in Ihrem Team abrufbar ist. Dazu gehören folgende Grundlagen:
Kenntnisse über die Funktionsweise von Werbung;
Kenntnisse über die Funktionsweise von Social Media;
Kenntnisse der Grundsätze wertschätzender Gesprächsführung (Einzelsetting, Gruppengespräche);
Moderationstechniken für Entscheidungsfindungen in Gruppen;
Grundkenntnisse über Motivationspsychologie;
Grundkenntnisse über das Recherchieren im Internet, u.a. Faktencheck und Verlässlichkeit von Quellen;
Allgemeinwissen zu gesellschaftlichen Trends und neue Anforderungen bezüglich Konsumfragen.
Schritt 5: Lernzugänge abrufen
Stellen Sie sicher, dass Sie das erforderliche Methodenrepertoire zu den Lernzugängen abrufen können, die in diesem Bereich besonders sinnvoll sind:
analytisch-verstehendes Lernen (punktuell kann sich auch Regellernen oder Begriffslernen eignen, etwa wenn es um die Abfolge von Planungsschritten vor einer Kaufentscheidung geht oder den Aufbau eines Vokabulars als Voraussetzung für ein gemeinsames Verständnis, beispielsweise im Bereich Werbung);
observatives Lernen;
sensorisches Lernen (inkl. Visualisierungen);
eidetisches, mentales Lernen;
sozial-affektives Lernen.
Schritt 6: Analyse und Konklusion durchführen
Analysieren Sie die Ausgangslage für die Sequenzierung: Klären Sie das individuelle Vorwissen und die Voraussetzungen der Gruppe oder Einzelpersonen. Beziehen Sie lebensweltliche Fragen Ihrer Klient*innen mit ein und überlegen Sie, auf welchen Kenntnissen, Fertigkeiten und Teilkompetenzen Sie aufbauen können. Binden Sie vorhandene Stärken kreativ ein: Haben Sie beispielsweise eine Klientin, die kaum von ihrem Smartphone wegzukriegen ist? Dann können Sie deren Technikaffinität, Kenntnisse und Fertigkeiten in der Gruppe nutzen, etwa um spezifische kleine Onlinerecherchen durchführen zu lassen.
Schritt 7: Sequenzierung gestalten
Achten Sie bei der Sequenzierung insbesondere darauf, wo Ihre Bezugspersonen bezüglich der einzelnen Stufen hin zu mehr Konsumkompetenz steht und bedenken Sie dabei, dass die Stufe nicht unbedingt eine Frage des Alters ist. Für Erwachsene mit einer Suchtproblematik ist es beispielsweise ziemlich sicher eine Herausforderung, die eigenen Bedürfnisse zu benennen, während Jugendliche möglicherweise bereits Marketingstrategien durchschauen, aber noch keine eigene Strategie im Umgang damit entwickelt haben. Auch wenn der Aufbau von Konsumkompetenz nicht ganz linear geschieht, kann vereinfacht gesagt werden, dass das Überspringen einzelner Stufen oder vorhandene Defizite auf vorangehenden Stufen den Erfolg für weitere Entwicklungsschritte erheblich beeinträchtigen. Sie sollten daher darauf achten, dass Sie Ihre Klient*innen auf den einzelnen Kompetenzstufen ausreichend fördern, bevor Sie die Anforderungen steigern. Die vereinfacht dargestellten Kompetenzstufen umfassen:[54]
1 Wünsche und Bedürfnissen benennen.
2 Eine Vielfalt an Strategien für die Befriedigung der Bedürfnisse erarbeiten.
3 Konsumgütern als Statussymbole erkennen.
4 Marketingstrategien und deren Einfluss auf Konsumentscheide erkennen.
5 Erklären, wie die eigenen Konsumentscheide zustande kommen.
6 Nach Informationen recherchieren und daraus relevante Kriterien für Kaufentscheidungen ableiten.
7 Eine alltagstaugliche Strategie für kriterienorientierte Konsumentscheidungen erarbeiten.
Bei Konsumfragen eignen sich regelmässige Reflexionen, da die Selbstbeobachtung und Selbststeuerung wesentlich in den Aufbau von Konsumkompetenz hineinspielen. Ein gemeinsam erarbeitetes Motto sowie die Visualisierungen von Fragen, die im Alltag bei Konsumthemen eine Rolle spielen, können dabei helfen, dass Klient*innen eine Routine in der Selbstbeobachtung erlangen. Ausformulierte Teilziele, die sich die Klient*innen selbst setzen, wirken motivierend und helfen als Kompass, um Fortschritte zu erkennen und diese explizit zu benennen.
Schritt 8: Lernsituation reflektieren
Evaluieren Sie für sich selbst, mit den Klient*innen und im Team, was bei der umgesetzten Lernsituation gut und was weniger gut funktioniert hat, und passen Sie bedarfsorientiert das Lernsetting an.

Klipp und klar: Ich weiss, warum ich was will
1. Warum das Thema «Konsumethik» didaktisch wichtig ist
Ausgangslage
Wenn Sie am Morgen einen Kaffee und ein Glas Orangensaft trinken und dazu ein Stück Brot mit Schinken essen, haben Sie trotz simpler Mahlzeit eine ganze Palette an weitgereisten Produkten mit konsumethischen Fragen auf dem Frühstückstisch: Wussten Sie zum Beispiel, dass mit Kaffee global gehandelt und damit an der Börse spekuliert wird? Mächtige Handelsfirmen und Lebensmittel-Giganten wie Nestlé mischen mit, wenn es um das Festlegen des Weltmarktpreises geht. Kaffeebäuer*innen sind gegenüber diesen Handelsfirmen in einer schwachen Verhandlungsposition, mit der Folge, dass sie trotz harter Arbeit für den Kaffeeanbau kein existenzsicherndes Einkommen erwirtschaften können. Auch an Ihrem Frühstücksbrot verdienen womöglich Schweizer Agrarrohstoffhändler wie Cargill oder Glencore mit: Die Nichtregierungsorganisation Public Eye schätzt, dass mindestens 50 Prozent des Getreides, das auf den Weltmarkt kommt, sowie 30 Prozent des Kakaos, 30 Prozent des Kaffees und 25 Prozent der Baumwolle über die Schweiz gehandelt wird.[55] Auch Orangensaft wird gehandelt: Nur drei Firmen – Cutrale, Citrosuco und Louis Dreyfuss (LDC) – dominieren zusammen drei Viertel des weltweiten Orangensaftmarktes, LDC mit Sitz in der Schweiz kontrolliert etwa 15 Prozent des weltweiten Orangensafthandels. LDC kauft aber nicht nur Orangen ein, der Konzern besitzt in Brasilien auch 38 Zitrusplantagen mit einer Fläche von mehr als 35000 Fussballfeldern[56], drei eigene Saftfabriken, drei Schiffstanker, die den Saft oder das gefrorene Saftkonzentrat nach Europa bringen, in Brasilien und Belgien je ein eigenes Saft-Hafenterminal sowie in Belgien Lagerinfrastruktur für bis zu 71000 Tonnen Saft.[57] Und auch beim Schinken auf dem Frühstücksbrot stellen sich je nach Fleischherkunft und Produktionsstandard eine ganze Menge an Fragen, etwa zu Futtermittelimporten – denn bis zu 90 Prozent des weltweit produzierten Soja landet im Futtertrog, auch in der Schweiz.[58] Für den Sojaanbau braucht es gewaltige Landflächen, dafür wird etwa im brasilianischen Amazonas und Cerrado-Gebiet im grossen Stil abgeholzt, was zu negativen Klimaeffekten und einem Rückgang der Biodiversität, aber auch zu Landrechtskonflikten mit den dort ansässigen indigenen Gemeinschaften führt.[59]
Sie sehen: Konsum ist eng verbunden mit den ganz grossen weltwirtschaftlichen, sozialen, und ökologischen Fragestellungen. Und Konsumethik ist eine komplexe Angelegenheit. Wie beim Thema Konsumkompetenz gibt es nicht einfach eine richtige oder falsche Antwort auf die Frage, was denn ethisch vertretbarer Konsum beinhaltet. Wir plädieren hier auch nicht für einen Verzicht auf Kaffee, Orangensaft oder Fleisch. Vielmehr möchten wir mit diesen Beispielen illustrieren, wie viele Geschichten und Fragestellungen in unseren alltäglichen Konsumgütern stecken. Die Entwicklung von ethischen Grundhaltungen in Konsumfragen bedingt denn auch, dass sich Konsumierende mit diesen Geschichten befassen und ein Interesse dafür entwickeln, und das ist auch einer der Ansatzpunkte für Ihre Arbeit in stationären und teilstationären Institutionen. Dabei kann es um umweltbezogene Aspekte gehen, zum Beispiel um Klimafragen rund um den Abbau von nicht erneuerbaren Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle, oder um soziale Fragen, etwa zu den Arbeitsbedingungen in Minen für den Abbau von Gold, Kobalt oder Kupfer – allesamt metallische Rohstoffe, die in Smartphones stecken.[60] Auch soziale Fragen wie etwa der Verdienst entlang globaler Wertschöpfungsketten oder Themen wie der Lebenszyklus, das Recycling und die Entsorgung von Konsumgütern, aber auch beispielsweise Mikroplastik und die daraus folgende Verschmutzung der Ozeane gehören zu konsumethischen Überlegungen.

Lassen Sie sich von der Summe der möglichen Zugänge nicht abschrecken, sehen Sie diese viel mehr als Chance: Beginnen Sie mit den Themen, für die sich Ihre Klient*innen im Alltag interessieren, für die sie sich motivieren lassen könnten und zu denen Sie selbst Bezüge haben – das ist die beste Ausgangslage, damit Sie gemeinsam mit Ihren Klient*innen den vielschichtigen und sehr spannenden Fragen rund um das Thema Konsumethik nachgehen und mit der Zeit eine differenziertere Haltung dazu entwickeln können. Planen Sie überschaubare, aber regelmässige Sequenzen zu konsumethischen Fragen in den Alltag Ihrer Klient*innen ein. Tasten Sie sich Schritt für Schritt an dieses grosse Thema heran – Konsumethik lässt sich nicht mit einer einmaligen Aktivität abschliessen. Vielmehr geht es darum, dass Sie kleine Fenster im Alltag nutzen, um das Thema mit Ihren Klient*innen zu diskutieren. Das erfordert, dass auch Sie selbst sich emotional auf diese Entdeckungsreise einlassen.
Exkurs: Label drauf – alles gut?!
Labels dienen als Kommunikationsmittel zwischen Anbieter*in und Konsument*in und sollen Konsumentscheide erleichtern. Sie haben aber auch eine Marketingfunktion und werden in der Werbung eingesetzt, um Verkaufsförderung zu betreiben. Manchmal nehmen es Firmen auch nicht so genau und preisen Labels als umfassende Gütesiegel an, was diese jedoch bei genauerem Betrachten nicht sind. Als Konsument*in sollten Sie daher bei Labels genau hinschauen und sich nicht mit deren simplen Vorhandensein zufriedengeben.
Produktlabels sind weit verbreitet, deren Aussagekraft unterscheidet sich aber stark: Es gibt Labels, die von einer firmenunabhängigen Stelle betrieben werden, dazu gehören etwa «Knospe Bio-Suisse», «Fairtrade Max Havelaar» oder «Demeter». Dann gibt es Labels, die von der anbietenden Firma selbst betrieben werden. Beispiele dafür sind «Coop Naturaplan» oder «Migros Bio». Firmeneigene Labels können sich dabei ganz oder teilweise auf die Umwelt- und Sozialstandards unabhängiger Labelstellen abstützen, oder aber ein eigenes Set an Kriterien entwickeln. Und sie können Kontrollen an externe Stellen auslagern, oder aber alles selbst überprüfen. Generell kann gesagt werden, dass Unabhängigkeit bei der Festlegung der Kriterien wie bei der Überprüfung ihrer Einhaltung die Glaubwürdigkeit eines Labels erhöht.
Wichtig zu wissen ist auch, dass Labels immer nur einen gewissen Ausschnitt an konsumethischen Fragestellungen abdecken. Das Migros-Label «Aus der Region. Für die Region» etwa kennzeichnet, dass das Produkt regional hergestellt wurde und die Wertschöpfung grösstenteils in der Region bleibt. Weitere Kriterien wie Bioanbau oder Tierhaltung werden nicht erfasst. Das Label ist demnach ein guter Wegweiser, wenn Ihnen aus Umweltgründen kurze Lieferwege wichtig sind. Wenn Sie jedoch Bioprodukte suchen, reicht das Label als Informationsquelle nicht aus.
Labels im Non-Food-Bereich sind meist komplizierter. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Non-Food-Produkte langen Produktionswege und vielen Arbeitsschritte unterliegen, was die Überprüfung von Kriterien anspruchsvoll und potenziell teuer macht. Im Bereich Textilien kennzeichnet beispielsweise das Label «Ökotex 100» nur, dass im Produkt die Grenzwerte für schädliche Substanzen wie Schwermetalle oder Pestizide eingehalten sind und dass es keine krebserregenden oder allergenen Farbstoffe enthält. Über den Herstellungsprozess, zum Beispiel die Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken, sagt das Label nichts aus.
Eine gute Informationsquelle zur Frage, was sich hinter den jeweiligen Labels verbirgt, ist die Website labelinfo.ch der Umweltstiftung PUSCH. Auch andere NGOs bieten Orientierungshilfen an, so zum Beispiel Public Eye für Infos zu Labeln im Textilbereich oder HEKS/Brot für alle zu Produktionsbedingungen von Smartphones und Computern.
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