Read the book: «Clown Grimaldi»
Charles Dickens
Clown Grimaldi
Inhaltsverzeichnis
Clown Grimaldi Erstes Kapitel.
Sein Großvater und Vater. – Seine Geburt und erstes Erscheinen auf den Theatern in Drury-Lane und Sadlers-Wells. – Seines Vaters Strenge. – Der Earl von Derby und die Perücke. – Die Vermögensbüchse und der Guttätigkeit Lohn. – Seines Vaters Scheintod, und sein und seines Bruders Benehmen dabei.
Zweites Kapitel. 1788 bis 1795
Des Vaters wirklicher Tod. – Sein Testament und des Testamentsvollstreckers Bankerott. – Edelmütiges Benehmen des Lehrers Grimaldi's und des Schauspielers Wrougthon. – Sheridan's Wohlwollen. – Grimaldi's Mühen und Erholungen. – Insekten-Fangen. – Exkursion nach den »Dartford-Bläulingen.« – Mrs. Jordan. – Abenteuer aus Clapham Common; der blecherne Sixpence. – Grimaldis erste Liebe.
Drittes Kapitel.
Glückliche Liebeswerbung. – Ein Unfall und die »Grimaldi-Tinktur«. – Wachsende Gunst des Publikums. – Einbruch durch eine Diebesbande. –
Daß eine mit dem lustigen Bühnensohne so jäh erfolgte gründliche Wandlung seiner Umgebung und vor allem seiner ihn zärtlich liebenden Mutter nicht verborgen bleiben konnte, läßt sich wohl annehmen, besonders wenn er immer unter ihren Augen lebt. Natürlicherweise suchte man hinter den Sachverhalt zu kommen, konnte aber die Wahrheit nicht aus ihm herausbringen. Seine näheren Bekannten erfuhren weiter nichts, als daß er sich nicht recht auf dem Posten befände, daß ihn die Rollen, die er zu spielen hätte, stark in Anspruch nähmen, und was dergleichen Ausflüchte mehr waren.
Viertes Kapitel.
Die Diebesbande kehrt zurück. – Grimaldi sucht Beistand in Haton-Garden. – Unterredung mit Mr. Trott. – Kriegslist und ihr Erfolg beim dritten Diebesbesuche. – Was Pantomimen und Schaustücke bewirken. – Fahrt nach Gravesend und Chatam. – Unangenehmes Zusammentreffen mit einem übelgesinnten Freunde, und angenehme Weise zu reisen, wie sie auch anderen empfohlen sein soll.
Fünftes Kapitel.
Ein wunderliches Vorkommnis. – Ein lakonisches Schreiben. – Zwei wichtige Auftritte mit Mr. Hughesund, ein spaßhafter Auftritt mit einem neidischen Freunde. – Zurüstungen zu Grimaldis Verheiratung. – Erschöpfung nach den Strapazen mit einer neuen Rolle.
Sechstes Kapitel.
Verdrießliche und vergnügliche Auftritte mit »dem alten Lukas« und in Gegenwart des Friedensrichters Blamire. – Mysteriöse Erscheinung eines Silberstabes. – Eine Wette mit einem gespaßigen Freunde auf der Dartforder Chaussee. – Der Prinz von Wales, Sheridan und das Töpfermädchen.
Siebentes Kapitel.
Georgs des Dritten Vorliebe für das Theater. – Sheridans Gefälligkeit gegen Grimaldi. – Grimaldis häusliches Leid. – Harlekin Amulet, eine neue Äera in der Pantomime. – Taubenliebhaber und Wetten. – Erste Kunstreise mit Mrs. Baker. – John Kemble und Jude Davis. – Große Erfolge in Maidstone und Canterbury. – Eine Unterhaltung mit John Kemble.
Achtes Kapitel.
Kein Preis ohne Fleiß. – Entlassung aus dem Verbande des Drury-Lane und Wiederaufnahme in denselben. – Mönch Lewis. – Lewis und Sheridan. – Sheridan und der Prinz von Wales. – Grimaldi bekommt einen Sohn und kommt um sein Geld.
Neuntes Kapitel.
Ein merkwürdiger Vorfall.
Zehntes Kapitel.
Signor Bologna und seine Familie. – Ein Ausflug mit ihr nach Kent. – Mr. Mackintosh, der wohlsituierte Landeigentümer. – Eine große Feldjagd und eine Szene mit einem Wirt, einem Wildhüter, Bologna und Grimaldi, die sich im »Garricks-Kopfe« abspielte.
Elftes Kapitel.
Theaterfragen und Differenzen. – Mr. Graham als Friedensrichter. – Mr. Peake. – Grimaldi wird durch John Kemble dem Mr. Harris vorgestellt. – Grimaldi nimmt ein Engagement im Covent-Garden an. – Aerger der Direktion »des andern Hauses.« – Grimaldi mit Dibdins Gesellschaft in Dublin. – Das »nasse« Theater. – Fehlschlag der Spekulation, aber großer Erfolg seines Benefizes. – Bemerkungen über den Unterschied zwischen Punsch aus Whisky und solchem aus Punsch, nebst einigen interessanten Experimenten.
Zwölftes Kapitel.
Grimaldi kehrt nach London zurück, erkältet sich und zahlt seine Miete daheim doppelt. – Mr. Charles Farley. – Grimaldis erstes Auftreten im Covent Garden. – Valentin und Orson. – Mutter Gans. – Das geheimnisvolle halbe Dutzend Herren und Damen.
Dreizehntes Kapitel.
Wie sich das Geheimnis mit den sechs Damen und sechs Herren aufklärte.
Vierzehntes Kapitel.
Clown Bradbury. – Dessen freiwillige Einsperrung in einem Irrenhause. – Dessen Befreiung, seltsames Benehmen, späteres Leben und Hinscheiden. – Schreckliches Unglück im Sadlers-Wells-Theater. – Die nächtlichen Fahrten nach Finchley. – Reise nach Birmingham. – Schauspieldirektor Macready und dessen kuriose Theater-Utensilien. – Plötzliche Rückkehr nach London.
Fünfzehntes Kapitel.
Zerstörung des Covent-Garden-Theaters durch eine Feuersbrunst. – Grimaldi begibt sich nach Manchester, wo ihm, wie auch in Liverpool, ein Unglücksfall zustößt. – Die Kneipe zum »Sir Middleton« in Sadlers-Wells und mehreres von ihren Gästen.
Sechzehntes Kapitel.
Ein Abenteuer mit Straßenräubern und dessen Folgen.
Siebzehntes Kapitel.
Eröffnung des neuen Covent-Garden-Theaters. – Die großen Tumulte wegen des sogenannten »alten Preises«. – Grimaldis erste Auftreten als Clown in den Straßen. – Augenblickliche Verlegenheiten. – Triumphe in Cheltenham und Gloucester. – Besuch in Berkeley Castle und Bekanntschaft mit Lord Byron. – Fischbrühe und Apfelstrudel. – Abreise nach Bath.
Achtzehntes Kapitel.
Ein Diner bei einem Geistlichen in Bath. – Grimaldis Sohn tritt zum ersten Male auf. – Mr. Hughes segnet das Zeitliche. – Grimaldi spielt an einunddemselben Abende auf drei Theatern – und zum Lohne für seine Mühe wird ihm seine Gage – einbehalten. – Er erkrankt schwer. – Abermalige Reise nach Bath. – Davidge, »Billy Coombes« und der Koffer. – Besagten Billys Neigung zu Jux und Alfanz.
Neunzehntes Kapitel.
Grimaldi verläßt Sadlers-Wells-Theater infolge einer Veruneinigung mit den Eigentümern. – Lord Byron. – John Kemble zieht sich zurück. – Triumphe Grimaldis in der Provinz. – Auftritt in einer Badestube.
Zwanzigstes Kapitel.
Neue Triumphe in der Provinz. – Bologna, und seine Knickrigkeit. – Sonderbare Manieren, Geld zu sparen.
Einundzwanzigstes Kapitel.
»Baron Münchhausen«. – Wie Ellar, der Harlekin, durch den Mond sprang und dabei sich die Hand verstauchte. – Grimaldi wird Miteigentümer von Sadlers-Wells. – Anekdoten vom Herzog von York, von Sir Godfrey Webster, einer goldenen Tabaksdose, Ihrer hochseligen Majestät, von Newcastle-Lachs und einem Kohlenbergwerk.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Gewinn und Verlust. – Grimaldis Sohn auf dem Covent-Garden-Theater. – Sein letztes Engagement in Sadlers-Wells. – Die Riesen im Dubliner Pavillon. – Beunruhigender Gesundheitszustand. – Sein Engagement beim Koburg-Cheater. – Mr. Harris Liberalität. – Grimaldis letztes Auftreten in Covent-Garden. – Besuch in Cheltenham und Birmingham. – Oberst Berkeley, Mr. Charles Kemble und Mr. Bunn.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Neuer Schmerz infolge des schlimmen Lebenswandels seines Sohnes. – Der Lohn wird von der Liste des Covent-Garden-Theaters gestrichen. – Neue Spekulation in Sadlers-Wells. – Ein anderes Direktionssystem und dessen Erfolg. – Sir James Scarlett und ein Zeuge, dem die Schamröte auf die Wangen tritt.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Miß Kelly und ihre Liebenswürdigkeit gegen Grimaldi. – Grimaldis Abschieds-Benefiz und Anrede in Sadlers-Wells. – Vorbereitungen zu einem letzten Auftreten in Covent-Garden. – Der Plan wird vereitelt. – Lord Seegrave vermittelt ein Benefiz im Drury-Lane-Theater für Grimaldi. – Seine letzte Zusammenkunft mit Kemble und dessen Familie.
Impressum
Erstes Kapitel.
Sein Großvater und Vater. – Seine Geburt und erstes Erscheinen auf den Theatern in Drury-Lane und Sadlers-Wells. – Seines Vaters Strenge. – Der Earl von Derby und die Perücke. – Die Vermögensbüchse und der Guttätigkeit Lohn. – Seines Vaters Scheintod, und sein und seines Bruders Benehmen dabei.
Joseph Grimaldi's Großvater väterlicherseits war sowohl dem französischen als italienischen Publikum als ein ausgezeichneter Ballett-Tänzer bekannt. Er war so gewandt und stark, daß man ihm den Beinamen »Eisen-Bein« gab. Dibbin erzählt in seiner Geschichte der Bühne mehrere hierauf bezügliche Anekdoten von ihm, wie denn auch deren viele im Umlaufe sind; die nachstehende ist vollkommen wahr. Eines Abends tat er auf der Bühne einen ungewöhnlich hohen Sprung, vielleicht in einem, durch die Anwesenheit des türkischen Gesandten, der sich mit seinem Gefolge in der Seiten-Loge befand, veranlagten absonderlichen Enthusiasmus. Er zerbrach dabei einen der Kronleuchter, die in jener Zeit über den Bühnen-Türen hingen, wobei dem Gesandten ein Stück vom Glasgehänge in das Auge oder doch das Gesicht flog. Da die Würde des gewichtigen Mannes verletzt war, wurde eine förmliche Klage bei dem französischen Hofe erhoben, der an Eisen-Bein das ernste Gebot ergehen ließ, um Verzeihung zu bitten, was Eisen-Bein auch in seiner gebührenden Form zu seiner eigenen, des Hofes, des Publikums und mit einem Worte, jedermanns großer Belustigung tat. Die große Angelegenheit endigte mit einem Kuplet.
Der erste Grimaldi in England war Eisenbein's Sohn und Joseph's Vater. Er kam im Jahre 1760 als Dentist der Königin Charlotte nach England. Er war in Genua geboren, war ausgezeichnet als Dentist, wendete sich aber mit noch größerer Vorliebe der Tanzkunst zu, bat die Königin bald nach seiner Ankunft in England, ihn zu entlassen, und fing an Tanz- und Fecht-Unterricht zu geben, wobei er seinen Schülern bisweilen kleine Proben seiner vormaligen Kunst gab. In jenen Tagen der Menuetts in Kotillons waren die Tanzübungen eine weit mühsamere und ernsthaftere Angelegenheit, als sie es jetzt sind, und die jüngeren Zweige des Adels und der Reichen beschäftigten Grimaldi fortwährend. Es wurde gesagt, er habe seine Stelle bei Hofe infolge unfeinen Benehmens und einer Respekt-Widrigkeit gegen den König verloren, welche Beschuldigung sein Sohn sich stets sehr zu Herzen nahm, und deren Grundlosigkeit zur Genüge daraus hervorging, daß sich der König und die Königin bei allen möglichen Gelegenheiten stets als seine huldreichen Beschützer erwiesen.
Grimaldi gelangte auf seiner neuen Laufbahn zu einem bedeutenden Rufe, und wurde daher zum Balett-Meister und ersten Buffon beim alten Drury Lane- und Sadlers Wells-Theater ernannt, in welcher Doppeleigenschaft er ein großer Liebling des Publikums und Ihrer Majestäten wurde, die fast wöchentlich die Aufführung einer Pantomime befahlen, deren Held Grimaldi war. Er stand in dem Rufe großer Rechtschaffenheit und Wohltätigkeit. Auch hatte man ihm – ein Umstand, dessen sein Sohn stets mit gerechtem Stolze erwähnte – niemals trunken gesehen; eine ziemlich seltene Tugend der Bühnenkünstler neuerer Zeit, deren sich zu befleißigen berühmtere als er sehr wohl tun würden.
Er scheint ein äußerst wunderlicher und exzentrischer Mann gewesen zu sein, was man bei den von ihm anzuführenden kleinen Charakter-Zügen nicht übergehen darf. Er kaufte einst einen Garten in Lambeth, nahm in einem ungewöhnlich unfreundlichen Winter Besitz davon, und konnte es schier nicht erwarten, wie sich derselbe in voller Blütenzeit ausnehmen würde, so daß er ihn mit einer Ungeheuern Menge künstlicher Blumen schmückte, und die Bäume mit den schönsten grünen Blättern, sowie mit Früchten bis zum Brechen belud, die natürlich gleichfalls künstliche waren.
Zu seinen sonderbaren Charakterzügen gehörte eine unbestimmte und heftige Furcht vor dem vierzehnten Tage jedes Monats. Er war bei dem Herannahen desselben stets reizbar, unruhig und ängstlich; unmittelbar nach ihm aber wieder ein ganz anderer Mann, und rief dann aus: »Ah! Jetzt sein ick wieder sicher auf einen Monat!« Es ist bemerkenswert, daß er wirklich an einem vierzehnten März starb, so wie er auch am vierzehnten dieses Monats geboren und getauft war und sich verheiratet hatte.
Man erzählt ähnliche Anekdoten von Heinrich dem Vierten und anderen; die hier erzählte ist vollkommen verbürgt, und kann dem Verzeichnisse der Ahnungen, oder wie man es nennen will, als ein wahrhaftes Beispiel hinzugefügt werden.
Grimaldi war krankhaft reizbar und trübsinnig im höchsten Grade, und hatte eine fast unbeschreibliche Furcht vor dem Tode. Er wanderte oft stundenlang auf Kirchhöfen oder Begräbnisplätzen umher, grübelte über die Krankheiten, an welchen die in den Gräbern um ihn her Liegenden gestorben sein möchten, malte sich ihre Sterbe-Betten vor, und überrechnete, wie viele von ihnen wohl lebendig begraben wären; eine Möglichkeit, an welche zu denken er schauderte, und die ihn sein Leben lang bis an sein Ende mit peinlicher Angst erfüllte. Er verfügte daher in seinem Testamente, daß man ihm, bevor sein Sarg verschlossen würde, den Kopf abschnitte, was auch in Gegenwart mehrerer Personen geschah.
Sonderbar genug wählte er den Tod, der ihm in seinen unbeschäftigten Augenblicken fast unaufhörlich und unter den düstersten und qualvollsten Gedanken und Empfindungen vor Augen schwebte, zum Gegenstande seiner beliebtesten Szenen in den Pantomimen der damaligen Zeit. Unter vielen andern derselben Art erfand er die wohlbekannte Skelett-Szene für den Clown, welche damals äußerst beliebt war und noch jetzt bisweilen dargestellt wird.Wahrscheinlich ist das Harlequin-Gerippe gemeint, dessen in Humphrey Clinker Erwähnung geschieht. Die Tatsache ist gleich merkwürdig, gleichviel ob es wahr ist, daß die Hypochondristen am geneigtesten sind, über die Dinge zu lachen, die ihnen insgeheim am meisten Verdruß, oder Bangigkeit erregen, sowie diejenigen, die an Geister-Erscheinungen glauben, sich am ungläubigsten auszusprechen pflegen; oder ob die erwähnten düsteren Vorstellungen das Gemüt des unglücklichen Mannes so unablässig beunruhigten, daß selbst seine Heiterkeit eine schauerlich düstere Färbung annahm, und seine Laune groteske Gegenstände in den Gräbern und Beinhäusern aussuchte.
Zur Zeit der Lord George Gordon-AufläufeSie entstanden auf Veranlassung der im Jahre 1780 vor geschlagenen Toleranz-Bill, gegen welche der Lord Gordon besonders heftig eiferte und daher Anführer des erwähnten gefährlichen Aufruhrs wurde., als die Londoner, um ihre Häuser vor der Wut des Pöbels zu schützen, an die Türen die Worte schrieben: »Kein Papsttum!« schrieb er, um es mit keiner Partei zu verderben und der Möglichkeit zu begegnen, irgend einen durch sein Glaubens-Bekenntnis zu beleidigen: »Gar keine Religion!« an die seinige, und erreichte seinen Zweck; wir wissen indes nicht zu sagen, ob durch den Humor seines Wahlspruchs, oder die Folge davon, daß der aufrührerische Haufen nicht durch die Straße kam, in welcher er wohnte.
Am 18. Dezember 1779, dem Jahre, in welchem Garrick starb, wurde Joseph Grimaldi, »der alte Joe«, in der Stunhope Straße, Clare Market, in welchem Stadtteile damals, wie jetzt, ein großer Teil des Theaterpersonals wegen der Nähe der Schauspielhäuser wohnt, geboren. Sein Vater war damals über siebenzig Jahre alt, und fünfundzwanzig Monate später wurde demselben noch ein Sohn geboren – Joseph's einziger Bruder.
Das Knäblein blieb nicht eben lange im Zustande der hilflosen und uneinträglichen Kindheit, denn schon in dem Alter von einem Jahre und elf Monaten wurde es von seinem Vater auf dem alten Drury-Lane-Theater produziert, wo es seine erste Verbeugung machte und seinen ersten Purzelbaum schlug. Das Stück, in welchem es sein frühreifes Talent entfaltete, war die wohlbekannte Pantomime Robinson Crusoe, in welcher der Vater die Rolle des schiffbrüchigen Seemanns, und der Sohn die des kleinen Clown hatte. Des letzteren Erfolg war vollkommen; er wurde sofort engagiert, und erhielt ein wöchentliches Salär von fünfzehn Schillingen, und mit jedem Jahre eine neue und hervorstechende Rolle. Er wurde ein Liebling sowohl, beim Publikum, als hinter den Kulissen, und hieß im Garderobe-Zimmer der »kleine kluge Joe«; Joe wurde er bis an das Ende seiner Tage genannt.
Im Jahre 1782 trat er zuerst in Sadlers Wells in der schwierigen Rolle eines Affen auf, und war glücklich genug, in derselben soviel Beifall zu finden, als er in der eines Clowns in Drury Lane gefunden hatte. Auch in Sadlers Wells wurde er sogleich regelmäßiges Mitglied der Truppe, und blieb es (mit Ausnahme einer einzigen Saison) neunundzwanzig Jahre, bis an das Ende seines Künstler-Lebens.
Seine Mühen nahmen jetzt einen ernsten Anfang, da er zwei Engagements hatte, welche ihn verpflichteten, an demselben Abende und fast zu derselben Zeit auf zwei Theatern aufzutreten. Die Aufgabe, schwer genug schon für einen Mann, war es umsomehr für ein Kind, und man wird sehen, wenn zu irgend einer Periode seines Lebens seine Einnahmen sehr bedeutend waren, auch die Geistes- und Körper-Anstrengungen nicht minder groß genannt werden mußten, durch welche jene errungen wurden. Die schauspiel-närrischen jungen Leute, die unermüdlichen Besucher der öffentlichen und Privattheater, die es so sehnlich verlangt, auf die Bühne zu gehen, weil es »so leicht« sei, Schauspieler zu sein, lassen sich wenig von all den Sorgen, sauren Mühen und Entbehrungen träumen, welche die Summe des Lebens der meisten Schauspieler ausmachen.
Wir bemerkten oben, daß der Vater Grimaldi's ein exzentrischer Mann gewesen wäre; er scheint es besonders und etwas unangenehm bei Züchtigung seines Sohnes gewesen zu sein. Der Knabe, der zu Possen aller Art auf dem Theater erzogen wurde, war überall ebenso sehr Clown, Affe, oder was sonst possierlich und lächerlich sein mochte, als auf der Bühne; die Damen und Herren im Garderobezimmer munterten ihn dazu auf, und er trieb seine Späßchen fast ebenso sehr zu ihrer, als zu des Publikums Ergötzlichkeit. Dieses alles wurde jedoch sorgfältig vor dem Vater geheim gehalten, der, wenn etwas davon zu seiner Kunde gelangte, Joe regelmäßig derb dafür abprügelte, ihn dann bei den Haaren aufhob und mit der Warnung, sich ja nicht von der Stelle zu, rühren, in einen Winkel trug. Joe rührte sich jedoch trotzdem von der Stelle. Mit dem Vater verschwanden auch seine Tränen, und mit vielen seiner komischen Gebärden und Mienen, welche später so beliebt wurden, begann er seine Possen von neuem und mit verdoppelter Lebhaftigkeit, worin ihn nur der Ruf: »Joe, Joe, Dein Vater kommt!« unterbrechen konnte, worauf er denn in seinen Winkel zurückeilte und wieder zu weinen anfing, als wenn er gar nicht aufgehört hätte.
Dies wurde allmählich eine regelmäßige Belustigung, und man rief: »Joe, Joe, Dein Vater kommt!« wenn der Vater auch nicht kam, um das Vergnügen zu haben, Joe in seinen Winkel zurücklaufen zu sehen. Joe merkte dies bald, verwechselte häufig die ernsthafte mit der scherzhaften Warnung, und empfing mehr Schläge als zuvor von seinem, wie er sich in seiner Handschrift ausdrückt, »strengen aber vortrefflichen Vater«.
Einst war er zu seiner Lieblingsrolle des kleinen Clown in Robinson Crusoe angekleidet, und sein Gesicht gerade so wie das seines Vaters bemalt, worauf zum Teil das Komische seiner Rolle beruhte, als ihn der alte Herr in das Garderobenzimmer brachte, ihn in seinen gewöhnlichen Winkel setzte, ihm streng anbefahl, sich kein Haar breit von der Stelle zu rühren und wieder hinausging. Zufällig trat in demselben Augenblicke, der das Garderobenzimmer zu jener Zeit beständig besuchende Earl von DerbyLord Derby war der Großvater des jetzigen Lord Stanley. Seine erste Frau war die Schwester des berühmten Herzogs von Hamilton und die Halbschwester der jetzigen Lady Charlotte Bury, der Schriftstellerin, die sich durch einige Romane, und neuerdings durch ein Buch über die Königin Caroline berüchtigt gemacht hat. herein, und rief den Knaben gutmütig zu sich, dessen trübselige Mienen mit seinem Anzug so wenig übereinstimmten. Joe schnitt ein höchst merkwürdiges Gesicht, blieb aber wo er war. Der Earl lachte und blickte nach einer Erklärung umher.
»Er darf nicht von der Stelle,« nahm Miß Farren das Wort, welcher Dame der Lord damals sehr den Hof machte und die er später ehelichte. »Sein Vater schlägt ihn sonst.«
»Schlägt ihn!« wiederholte der Lord, und Joe schnitt zur Bekräftigung der Aussage Miß Farren's ein noch weit merkwürdigeres Gesicht.
»Ich glaube,« sagte der Lord abermals lachend, »er hat nicht soviel Furcht vor seinem Vater, als Sie glauben. Komm her, Kleiner!«
Bei diesen Worten hielt er ihm eine halbe Krone entgegen, und Joe, dem der Wert des Geldes sehr wohl bekannt war, sprang aus seinem Winkel hervor und bemächtigte sich mit pantomimischer Raschheit des Geldstücks und war im Begriff zurückzueilen, als ihn der Earl am Arme festhielt.
»Schau hier, Joe!« sagte der Earl. »Nimm Deine Perücke ab, wirf sie in das Feuer, und Du bekommst noch eine halbe Krone.«
Gesagt, getan. Joe schlenderte seine Perücke in das Feuer. Es entstand ein schallendes Gelächter. Der Knabe hüpfte mit einer halben Krone in jeder Hand im Zimmer umher, und der Earl, besorgt wegen der Folgen, war damit beschäftigt, mit Zange und Schüreisen die Perücke den Flammen zu entreißen, als der Vater im vollen schiffbrüchigen Seemanns-Anzug eilig hereintrat. Es war ein Glück für den kleinen Joe, daß Lord Derby kräftige Fürsprache für ihn einlegte, denn sonst hätte es leicht sein können, daß der Kleine lebendig begraben wurde. Vor einer tüchtigen Tracht Schläge war er indes doch nicht zu schützen. Die Tränen liefen ihm über die zolldick bemalten Wangen dermaßen hinab, daß die Farben gänzlich verwischt wurden und daß er fast so wenig einem kleinen Clown als einem menschlichen Wesen mehr ähnlich sah, mit welchen beiden Charakteren er nur noch die entfernteste Ähnlichkeit hatte. Er wurde fast unmittelbar darauf gerufen, und der heftig Erzürnte bemerkte die mit ihm vergangene Veränderung erst, als Joe auf die Bühne kam und ein allgemeines und schallendes Gelächter entstand. Er wurde noch wütender als vorhin, prügelte ihn sogleich noch tüchtiger ab, und das Kind schrie auf das Fürchterlichste. Die Zuschauer nahmen alles für einen höchst vortrefflichen Spaß, ein Gelächter- und Beifalls-Sturm erschütterte das Haus, und die Blätter erklärten am folgenden Morgen, daß es wahrhaft wunderbar gewesen wäre, wie natürlich das Kind gespielt hätte, was den Lehrgaben seines Vaters die größte Ehre machte.
Der Vorfall wirft ein bedeutsames Streiflicht auf die Schauspieler-Leiden. Scherze auf den Lippen und Tränen in den Augen, fröhliche Mienen und Wehe im Herzen haben hundertmal denselben Gelächter- und Beifallssturm hervorgerufen. Halbverhungerte werden fast ohne Ausnahme auf der Bühne belacht – die Zuschauer haben ihr Mittags- oder Abendessen gehabt.Man wolle sich erinnern, welch' eine vortreffliche Akquisition Smike im »Nickleby« dem Schauspiel-Direktor deuchte.
Die härteste Strafe für den Knaben bestand darin, daß er sich seiner fünf Schillinge beraubt sah, die der vortreffliche Vater in seine eigene Tasche steckte, vielleicht auch weil er Joe's Salär in Empfang nahm, und mit Goldsmith´s Bärenführer meinte, daß »alles hübsch beieinander sein müßte«.In dem berühmten Lustspiele She stoops to conquer, in Szene, wo Tony Lumkin sein Lied singt.
Der Earl gab indes Joe eine halbe Krone, so oft er ihn späterhin sah, und Joe hatte große Ursache zum Kummer, als Seine Herrlichkeit Miß Farren heiratete und sich in der Garderobe nicht mehr blicken ließ.
Auf dem Sadlers Wells wurde er fast eben so schnell beliebt, als im Drury Lane-Theater. Der Schauspieler King, der Haupteigentümer des ersteren und Direktor des letzteren war, hielt nicht wenig von ihm, und schenkte ihm bisweilen eine Guinee, um sich ein Schaukelpferd, einen Wagen, oder anderes Spielzeug, das er sich eben wünschte, dafür zu kaufen. Bei einer der Vorstellungen des ersten Stückes, in welchem der kleine Joe in Sadlers Wells auftrat, machte er zum ersten Male ernstlich Effekt, wobei ihn jedoch nur das Glück, das ihn in solchen Fällen stets begleitet zu haben scheint, vor dem Schicksal bewahrte, unfähig zu werden, jemals wieder auftreten zu können. Er stellte einen Affen vor, und mußte in dem ganzen Stück um den Clown (seinen Vater) sein. In einer Szene hatte ihn der letztere an der Kette, und wirbelte ihn auf Armeslänge mit der größten Schnelligkeit in der Luft herum. Eines Abends zerriß die Kette, und Joe flog weit in das Parterre hinein, jedoch glücklicherweise ohne den mindesten Schaden zu nehmen, da er wie durch ein Wunder einem, mit gespannter Aufmerksamkeit zuschauenden Herrn in die Arme geschleudert wurde.
Zu den vielen Personen, die sich ihm in dieser frühen Periode seiner Laufbahn freundlich geneigt erwiesen, gehörte das berühmte Seiltänzerpaar, Mr. und Mrs. Ridge, zu jener Zeit der kleine Teufel und die schöne Spanierin genannt. Sie gaben ihm häufig eine Guinee, die ihm sein Vater regelmäßig wegnahm, in eine Büchse, auf welche des kleinen Joe's Name geschrieben stand, hineinsteckte, und dieselbe sorgfältig verschloß, worauf er dann dem Knaben den Schlüssel gab und zu ihm sagte: »Merk, Joe, das sein Dein Vermögen, wenn ick tot sein.« Joe kam indes um die Büchse wie um sein ganzes Vermögen, wie wir bald sehen werden.
Da er beinahe vier Monate im Jahre Theaterferien hatte, indem die Weihnachtspantomime im Drury Lane selten länger als vier Wochen gegeben wurde, und die Vorstellungen in Sadlers Wells erst Ostern ihren Anfang nahmen, so schickte ihn sein Vater auf die genannte Zeit in eine Kostschule in Putney zu einem Mr. Ford, von dessen Herzensgüte und Zuneigung zu ihm er noch als ein alter Mann mit der gerührtesten Dankbarkeit sprach. Viele seiner damaligen Schulkameraden widmeten sich später auf die eine oder andere Weise gleichfalls dem Theaterfache, – unter ihnen z. B. Mr. Henry HarrisDem Verfasser scheint es nicht bekannt gewesen zu sein (vielleicht trog auch Grimaldi sein Gedächtnis), daß dieser Mr. Henry Harris nie Schauspieler war. Er war der Sohn eines anderen sehr bekannten Mr. Harris, des Eigentümers des Covent-Gardentheaters Mr. Harris der Jüngere machte sich dadurch berüchtigt, daß er mit einer Schauspielerin, einer Mrs. Johnson lebte, die verheiratet war und mehrere Kinder hatte, und ferner dadurch, daß er derselben, dem Publikum zum Trotz, hervorstehende Rollen verschaffte, was er auch durchzusetzen wußte. – Mrs. Johnson's Lebensgeschichte war sehr merkwürdig. Sie war die Tochter eines Kunstreiters und einer italienischen Dame, wie man sagte, von hohem Range; das Kind wurde dem Vater mit einer Summe Geldes zugeschickt, darauf nach England gebracht, und lernte seine Mutter niemals kennen. vom Covent-Gardentheater – keiner derselben aber der Pantomime, und wir müssen uns, wenn wir der Laune und Lebhaftigkeit Joe's gedenken, nur wundern, daß seine Schulkameraden nicht sämtlich Clowns geworden sind.
Weihnachten 1782 trat er in seiner zweiten Rolle in Drury Lane im »Harlequin dem Jüngeren oder dem Zaubergürtel« auf. Er stellte darin einen Dämon vor, der von einem feindlichen Zauberer abgeschickt war, der Macht Harlequins entgegenzuwirken. Er erwarb sich auch diesesmal großen Beifall, und sein Ruf stand von dieser Zeit an fest, nur daß er mit seinen Jahren an Kräften und Fortschritten natürlich zunahm.
Zu Ostern gab er abermals den Affen in Sadlers Wells, doch ohne daß ihm ein ähnliches Unglück, wie das erzählte, widerfahren wäre, und ging wieder nach Putney, als das Stück am Schlusse des Monats zurückgezogen wurde, und während der Saison nichts mehr für ihn zu tun war.
Weihnacht 1783 trat er abermals in Drury Lane in einer Pantomime, dem »Wirrwarr«, auf, und zwar nicht bloß in seiner alten Rolle als Affe, sondern außerdem noch in der einer Katze. In der letzteren betraf ihn ein Unfall, bei dem er so wenig bleibenden Schaden nahm, daß man fast glauben sollte, er hätte sich mit dem Charakter, den er darstellte, so vollkommen identifiziert, daß er ein wahres Katzenleben besessen. Sein Kostüm hatte den bedeutenden Mangel, daß er, wenn er in dasselbe hineingenäht war, nicht sehen konnte. So geschah es, daß er in eine gewöhnlich durch eine Falltür verschlossene Öffnung hineinfiel, welche offen gelassen war, um einen Brunnen vorzustellen. Er stürzte vierzig Fuß tief hinunter, zerbrach sich das Schlüsselbein und trug mehrere Kontusionen davon. Er wurde sogleich nach Hause geschafft und der Behandlung eines Wundarztes übergeben, war freilich erst nach Beendigung der Saison in Drury Lane wiederhergestellt, spielte aber Ostern in Sadlers Wells wie gewöhnlich. Im Sommer dieses Jahres erhielt er, als einen Beweis hoher und besonderer Gunst, die Erlaubnis, einen Sonntag um den anderen im Hause seines Großvaters von mütterlicher Seite zuzubringen, der, wie er selbst sagt,Es möchte nämlich nicht ohne Bedeutung für ihn sein. So häufig es in England verhältnismäßig, daß vornehme und reiche Herren Schauspielerinnen ehelichen, so ist es doch selten genug, daß Töchter wohlhabender und angesehener Eltern auf das Theater gehen, oder gar Tänzerinnen werden. Ein Londoner Metzger en gros ist aber schon eine bedeutende Person, Ich entsinne mich, daß die Tochter eines solchen 10 000 Pfund im Vermögen hatte, und sich mit dem jetzigen Lord Montford, einem Sprößlinge einer der ältesten Adelsfamilien des Landes, verheiratete. »in der Newtonstraße, Holborn, wohnte, ein Metzger en gros, und außerdem Inhaber des Schlachthauses in Bloomsbury war, das er bei seinem Tode einige sechszig Jahre inne gehabt hatte«. Joe war ein großer Liebling desselben, und da ihm im Hause des Großvaters viel nachgesehen und zu gut getan wurde, so sah er jedem seiner dortigen Besuche mit großer Sehnsucht entgegen. Sein Vater wünschte seinerseits ebenso lebhaft, daß Joe die Ehre seiner Familie bei diesen Gelegenheiten aufrecht erhalten möchte, und nach großer und langer Überlegung und Beratung mit Schneidern, wurde der »kleine Clown« für einen seiner Sonntagsausflüge folgendermaßen kostümiert; er trug einen grünen, mit fast so vielen künstlichen Blumen, als sein Vater in seinem Lambether Garten angebracht hatte, besetzten Leibrock; unter selbigem glänzte ein seidenes, blendend weißes Westchen, wozu noch weiter unten grüne tuchene Kniehosen (das Wort existierte zu jener Zeit) mit reichem Besatze und weißseidene Strümpfe und Schuhe mit blanken Schnallen kamen. Ebenso wenig fehlten ein Spitzenhemde, Halstuch und Manschetten, ein dreieckiger Hut, eine kleine Uhr mit Diamanten – mutmaßlich Theaterjuwelen – und ein Spazierrohr, das er so kecklich handhabte, wie es gegenwärtig unsere großen Clowns nur tun mögen.
Der Vater hielt Generalinspektion vor seinem Abmarsche, drückte die vollkommenste Billigung aus, küßte ihn, forderte ihm den Schlüssel zu seiner »Vermögensbüchse ab, gab ihm aus selbiger eine Guinee, sagte: »Sieh – jetzt sein Du ein Gentleman oder noch mehr – hast einen Guinee in der Tasche,« schärfte ihm ein, um acht Uhr wieder zu Hause zu sein, und entließ ihn, ohne zu gestatten, daß ihn jemand begleitete, und zwar weil er ein Gentleman, und demnach vollkommen imstande wäre, für sich selber zu sorgen.
Die Erscheinung Joe's in den Straßen erregte ein beträchtliches Aufsehen, zumal da er ein öffentlicher Charakter war. Ein Gassenbube rief: »Hussa, da ist der kleine Joe!« ein zweiter: »Geht doch, 's ist der Affe!« Ein dritter meinte, es wäre »der Bär, angekleidet zum Tanze«, und ein vierter behauptete, »es möchte die Katze sein, die in Gesellschaft ginge«; während größere und gesetztere Begegnende nicht umhin konnten, herzlich zu lachen und zu bemerken, daß es doch gar zu lächerlich wäre, ein Kind in einem solchen Anzuge allein durch die Straßen gehen zu lassen. Joe schritt indes unter jeweiligen verwunderlichen Grimassen unbekümmert weiter, bis ihm eine auf dem Straßenpflaster liegende Frau auffiel, deren elendes Aussehen bereits die Veranlassung gewesen war, daß sich ein Haufen gesammelt hatte. Der Knabe stand gleich anderen still, und wurde, als er die Leidensgeschichte der Verlassenen hörte, so gerührt, daß er in die Tasche griff, und ihr die Guinee, sein einziges Stück Geld, in die Hand drückte, worauf er sich noch mit feierlichen Schritten entfernte. Nunmehr sammelte sich ein Haufen um ihn und schrie und starrte ihn unendlich verwundert an, wodurch er sich jedoch nicht im mindesten aus der Fassung bringen ließ, sondern kecklich an der Spitze eines zwei Straßen langen Gefolges weiter schritt, bis ein Freund seines Vaters daherkam, ihn trotz seines Sträubens aufhob und auf den Armen nach des Großvaters Hause trug, wo er den Tag zu seiner und jedermanns Befriedigung hinbrachte.
Als er abends wieder anlangte, sah der Vater auf die Uhr, küßte und belobte ihn wegen seiner Pünktlichkeit, untersuchte seinen Anzug, war erfreut, keine Beschädigung daran zu finden, und forderte ihm zuletzt den Schlüssel zur »Vermögensbüchse« und die Guinee wieder ab. Der Knabe dachte zuerst an den Vorfall des Morgens nicht, durchsuchte seine Taschen, entsann sich endlich dessen, was er getan, fiel auf die Knie nieder, bekannte alles und flehte um Vergebung.
Der Vater wußte anfangs nicht, was er tun oder sagen sollte, da er selbst soviel Geld aus Guttätigkeit wegschenkte. Er blickte den Knaben ein paar Augenblicke ungewiß an, sagte darauf bloß: »Du bekommst eine Tracht Schläge,« und schickte ihn zu Bett.
Zu den Eigenheiten des alten Sonderlings – es war allerdings nicht die liebenswürdigste – gehörte die, daß er stets hielt, was er versprach, und wenn auch vielleicht in Fällen, wie diesem, Monate vergingen, bevor es geschah, wodurch denn die Strafe verdoppelt, verdrei- oder vervierfacht wurde, indem die verlängerte Furcht vor ihr, bei der Gewißheit, daß sie nicht ausbleiben würde, hinzukam. Es waren vier oder fünf Monate vergangen, und der Knabe hatte keine Veranlassung zum Unwillen gegeben, als ihn sein Vater eines Tages sehr unerwartet rief, und ihm ankündigte, daß er ihn sofort abzupeitschen dächte. Der Knabe fing an erbärmlich zu weinen, und stammelte die Frage hervor: »O Vater, wofür denn?« – »Denk an die Guinee!« sagte der alte Herr und prügelte ihn dermaßen, daß Joe sein Leben lang daran dachte.
Die Hausgenossenschaft bestand zu dieser Zeit aus den beiden Eltern, Joe, dessen einzigem Bruder John Baptist, drei oder vier weiblichen Domestiken, und einem Neger, der als Bedienter fungierte und durch die Benennung des »schwarzen Sam« honoriert wurde.
Der Vater war äußerst gastlich und sah ausnehmend gern Freunde bei sich. Er aß selten allein, und gab an gewissen Gala-Tagen und namentlich auch am Christabend, große Gesellschaften, bei welchen Gelegenheiten sein wirklich glänzendes Silberservice nebst verschiedenen Bijouterieartikeln zur Bewunderung der Gäste zur Schau gestellt wurde. An einem Christabend, als das Speisezimmer so glänzend als möglich geschmückt und ausgestattet war, stahlen sich die beiden Knaben in des schwarzen Sam Begleitung hinein, und drückten einander ihre Bewunderung all des Glanzes aus.
»Ah,« sagte Sam, »wenn alt Massa sterben, gehören allen die schönen Sachen Euch.«
Sam's Bemerkung erregte in hohem Maße die Aufmerksamkeit der beiden Knaben, besonders aber John's, des jüngeren, der noch sehr jung, wahrscheinlich weit weniger grauenvoll an den Tod dachte, als sein Vater und daher ohne den mindesten Rückhalt oder eine Spur von Zartgefühl ausrief, daß er außerordentlich froh sein würde, wenn ihm alle die schönen Sachen zufielen.
Es wurde nicht weiter darüber gesprochen. Der schwarze Sam ging an seine Geschäfte, die Knaben fingen an zu spielen, und niemand dachte mehr an den Vorfall, den Vater selbst ausgenommen, der zufällig ein unsichtbarer Hörer gewesen war. Er überlegte einige Tage, und faßte endlich, um die Sinnesart seiner beiden Knaben zu erforschen, den sonderbaren, doch bei dem ihn stets vornehmlich beschäftigenden Gedanken natürlichen Beschluß, sich tot zu stellen. Er ließ sich im verdunkelten Besuch-Zimmer als Leiche ankleiden, die Dienstboten erhielten ihre Verhaltungsmaßregeln, und den Kindern wurde vorsichtig angekündigt, daß ihr Vater plötzlich verstorben wäre, worauf man sie in das angebliche Totengemach führte.Auf der Bühne ist häufig eine ähnliche Szene dargestellt wurden, woher dem alten Grimaldi wahrscheinlich sein Einfall gekommen war.
Joe war anfangs verwirrt, gewann aber bald die feste Überzeugung, daß sein Vater nicht tot wäre. Er hatte ihn noch vor kurzem vollkommen gesund gesehen, der schwarze Sam ließ es an heimlichen Winken und Andeutungen nicht fehlen und als er genau hinsah, bemerkte er, daß der Verstorbene atmete. Er gewahrte sogleich, was er zu tun hatte, begann auf das trübseligste zu ächzen und zu schluchzen, warf sich zu Boden und wälzte sich wie im schrecklichen Kummer umher.
John, der vom öffentlichen Leben noch nicht soviel gesehen hatte, als sein Brüder, war nicht so verschlagen, sah in des Vaters Absterben nur eine Befreiung von Schlägen und Büchern (vor welchen beiden er einen gleich großen Widerwillen hegte), freute sich des so bald erlangten Besitzes der schönen Silbersachen, sprang im Zimmer umher, sang und schlug Schnippchen, und erklärte, daß er froh wäre, den Vater tot zu sehen.
»O Du abscheulicher Junge,« sagte Joe unter einer Tränenflut. »Hast Du denn gar keine Liebe zu Deinem guten Vater? Ach, was würde ich darum geben, wenn ich ihn wieder lebendig sähe!«
»Papperlappapp!« sagte John; »sei doch nicht so ein Narr, zu weinen; jetzt gehört uns die Kuckucks-Uhr ganz allein.«
Dies war mehr, als der Abgeschiedene zu ertragen vermochte. Er sprang von seiner Totenbahre, öffnete die Fensterläden und bläuete den jüngeren Sohn unbarmherzig ab; während Joe, über sein eigenes Schicksal zweifelhaft, hinauslief und sich im Kohlenkeller versteckte, wo ihn der schwarze Sam ein paar Stunden darauf fest eingeschlafen fand, und ihn zu seinem Vater trug, der ihn ängstlich gesucht hatte und ihn als den zärtlich und wahrhaft liebenden Sohn auf das liebevollste empfing.
Joe war von dieser Zeit an bis zum Jahre 1788 für dieselben Saläre engagiert, die er von Anfang an sowohl in Drury Lane, als Sadlers Wells erhalten hatte.
Zweites Kapitel.
1788 bis 1795
Des Vaters wirklicher Tod. – Sein Testament und des Testamentsvollstreckers Bankerott. – Edelmütiges Benehmen des Lehrers Grimaldi's und des Schauspielers Wrougthon. – Sheridan's Wohlwollen. – Grimaldi's Mühen und Erholungen. – Insekten-Fangen. – Exkursion nach den »Dartford-Bläulingen.« – Mrs. Jordan. – Abenteuer aus Clapham Common; der blecherne Sixpence. – Grimaldis erste Liebe.
Nach verschiedenen öffentlichen Angaben starb Grimaldis Vater im Jahre 1787; aus mehreren Stellen der von dem Sohne diktierten Memoiren geht aber hervor, daß er am 14. März 1788 an der Wassersucht im siebenundachtzigsten Lebensjahre gestorben und auf dem Begräbnisplatze der Exmouthstraßen-Kapelle begraben ist, wo er – wenn der Platz zu jener Zeit nicht etwa größer als jetzt gewesen – bei seiner Lebzeit sehr wenig Raum zum grübelnden Umherwandeln gehabt hat. Er hinterließ ein Testament, und verordnete darin, daß seine sämtlichen Effekten und Juwelen in öffentlicher Versteigerung verkauft werden sollten; die daraus zu lösende Summe habe man seinem baren Vermögen, das sich auf mehr als 15 000 Pfund belief, hinzuzufügen, und das ganze zwischen den beiden Brüdern gleich zu verteilen, sobald sie zur Mündigkeit gelangten. Er hatte den schon genannten Mr. King zum Mit-Testamentsvollstrecker neben einem gewissen Mr. Joseph Hopwood ernannt, einen Spitzenfabrikanten in Long Acre, der in dem Rufe stand, nicht bloß Inhaber eins großen Geschäfts, sondern auch Besitzer eines beträchtlichen unabhängigen Vermögens zu sein. Mr. King lehnte die Mitwirkung ab, Mr. Hopwood legte das ganze Kapital der Brüder in seinem Geschäfte an, machte binnen Jahresfrist Bankerott, entfloh aus dem Lande, und man hat niemals wieder etwas von ihm gehört. So verloren die Brüder ihr Vermögen und waren wegen ihres Unterhalts auf ihre eigenen Hilfsquellen und Anstrengungen verwiesen.
Es ehrt sowohl die Freunde der Witwe und ihre Söhne, als es für den Charakter und das Benehmen der Familie Grimaldi zeugt, daß ihr sogleich von allen Seiten Beistand zuteil wurde. Mr. Ford, Grimaldi's Lehrer, erbot sich, Joseph in seine Pensions-Anstalt aufzunehmen und ihn zu adoptieren. Die Mutter wies dieses Anerbieten zurück, und nun erhöhte Sheridan, der damals Eigentümer des Drury Lane Theaters war, des Knaben Gehalt aus freien Stücken auf ein Pfund wöchentlich und erlaubte der Mutter, die bei demselben Theater von Kindheit an Tänzerin gewesen war und noch war, ein ähnliches Engagement in Sadlers Wells anzunehmen, was der Tat nach einem doppelten Saläre gleichkam, da beide Schauspielhäuser während eines beträchtlichen Teils des Jahres zugleich geöffnet waren.
In Sadlers Wells, wo Joseph im Jahre 1788 kurz nach seines Vaters Tode wie gewöhnlich auftrat, war man weniger großmütig. Sein Gehalt wurde ohne alle Umstände von fünfzehn Schillingen wöchentlich auf drei heruntergesetzt, und der Mutter auf ihre Gegenvorstellungen erwidert, wenn die Änderung ihren Beifall nicht habe, so stehe es ihrem Sohne vollkommen frei, seine schätzbaren Dienste jedem beliebigen anderen Hause zu widmen. So gering indes das angebotene Gehalt war, sie konnte es nicht entbehren, und Joe blieb daher beim Sadlers Wellstheater drei Jahre lang für drei Schillinge wöchentlich, beaufsichtigte das Requisitenzimmer, leistete bald dem Zimmermanne, bald dem Maler Beistand und half, mit einem Worte, wo oder wie es gerade erforderlich war.
Als die Familie ihr Vermögen verloren hatte, mußte sie eine bescheidene Wohnung suchen, und fand sie im Hause eines Bekannten, Mr. Bailey's in der Great-Wildstraße, wo sie mehrere Fahre wohnte. John war nicht zu bewegen, ein regelmäßiges Engagement anzunehmen, denn alle seine Gedanken und Träume drehten sich um den Plan, zur See zu gehen, und obenein hegte er den ausgemachtesten Widerwillen gegen die Bühne. Man ließ ihn bisweilen holen, wenn man in Drury Lane bei einer Vorstellung Knaben bedurfte, er erschien und erhielt einen Schilling für den Abend; allein seine Unlust und Abneigung war so offenbar, daß der Schauspieler Wroughton, der um diese Zeit nach Mr. King durch Kauf Eigentümer des Sadlers Wells-Theaters wurde, zu seinen Gunsten einschritt, und ihm eine Stelle an Bord eines Ostindien-Fahrers verschaffte, der soeben absegeln sollte.
John war fast außer sich vor Freude, die jedoch durch die Entdeckung getrübt wurde, daß eine Equipierung notwendig sei und über 13 Pfund kosten würde, eine Summe, welche die Mutter herbeizuschaffen außerstande war. Doch derselbe gutherzige Herr entfernte das Hindernis, gab mit einer Bereitwilligkeit, welche den Wert der Wohltat hundertfach erhöhte, ohne Sicherheit oder Handschrift die ganze erforderliche Summe her, und sagte nur: »Hör', John, wenn Du Kapitän wirst, mußt Du mir das Geld zurückzahlen.«
Nach zwei Tagen nahm John von den Seinigen Abschied und wurde an Bord gebracht, wo er, nachdem er gehört, daß das Schiff erst in acht bis zehn Tagen absegeln würde, ungeduldig und seine ganze Ausstattung zurücklassend, nach einem in der Nähe liegenden königlichen Flottenschiffe schwamm, das im Begriff war, die Anker zu lichten, sich unter einem angenommenen, den Seinigen nie bekannt gewordenen Namen als Matrose oder Kajütenjunge einschreiben ließ, verschwand, und vierzehn Jahre lang nichts von sich weder sehen noch hören ließ.
Joe war zu dieser Zeit weit entfernt, müßig zu sein. Er mußte jeden Morgen von Drury Lane nach Sadlers Wells wandern, um den Proben beizuwohnen, welche damals um zehn Uhr ihren Anfang nahmen; um zwei Uhr zum Mittagessen wieder in Drury Lane sein, wenn er nicht gar verhungern wollte; durfte abends sechs Uhr den Anfang der Vorstellungen in Sadlers Wells nicht versäumen, und war dann bis elf Uhr oder noch später so unablässig beschäftigt, daß er sich wohl zwanzigmal umzukleiden hatte.
So vergingen ihm einige Jahre im gewöhnlichen Gleise, nur daß er immer größere Fortschritte in seinem Fache und der Gunst beim Publikum machte, was denn auch Einfluß auf seine Einnahme hatte. Im Jahre 1794 wurde sein Gehalt in Drury Lane verdreifacht, während er in Sadlers Wells von drei Schillingen wöchentlich bis zu vier Pfunden gestiegen war. Er wohnte während dieser ganzen Zeit mit seiner Mutter in der Great-Wildstraße. Der Hauswirt war gestorben, und die Tochter der Witwe desselben hatte, indem sie Mrs. Grimaldi häufig nach Sadlers Wells begleitet, Mr. Robert Fairbrother, der sowohl dort als in Drury Lane engagiert war, kennen gelernt und geheiratet, worauf ihn Mrs. Bailey in ihr Kürschnergeschäft mit aufnahm, das er mit außerordentlichem Glück betrieb.
Grimaldi verdiente sich manche Guinee von Mr. Fairbrother, indem er demselben in seinen Mußestunden beim Rauchhandelgeschäft half und sich nebenher belehren ließ, ebenso wie er häufig, wenn in jenem nichts zu tun war, nach der Newtonstraße ging, und seinen Verwandten beim Schlachtgeschäfte umsonst Hilfe leistete: so groß war sein Widerwillen gegen das Müßig-Sein. Er sagt uns nicht, ob es praktischer Geschäftskenntnis bedurft, um jenes Geschick und die Gewandtheit zu zeigen, womit er späterhin in seiner Glanzperiode die Braten seiner Kunden als Bäcker verkürzte, oder das Gewicht des Fleisches als Fleischer künstlich vergrößerte, hoffen aber zur Ehre des Bäcker- und Metzger-Geschäfts, daß seine Moral in dieser Beziehung lediglich eine imaginäre gewesen ist.In den Pantomimen treten Harlequin und der Clown bisweilen zuerst als Handwerker oder Geschäftsleute irgend einer Art auf, z. B. als Bäcker und Bäckergesell. In dieser Rolle war Grimaldi äußerst komisch, wenn die Pasteten und Puddinge zum Backen gebracht wurden, und er dann von allen ein wenig stipitzte, wie es den Bäckern nachgesagt wird.
So stand es mit seinen Beschäftigungen, wobei es indes auch an Vergnügungen nicht fehlte. Er hatte Tauben, sammelte Insekten und brachte eine Sammlung von 4000 Fliegen zusammen, die ihn, wie er sagt, »viel Zeit, Geld und Mühe gekostet«, wofür ihn jedoch der Entomologist hinreichend belohnt erachten wird. Er erinnerte sich noch in seinem Alter mit Lust dieser Bestrebungen und rief sich gern eine Gegend in Surrey und eine andere in Kent zurück, wo sich zwei berühmte Fliegen fanden. Eine derselben hieß »die Schönheit von Camberwell« (sie war äußerst häßlich, wie er sagt) und die andere »Datford-Bläuling«, wovon er einen großen Vorrat sammelte und deren Fang er sich, als sie sich zeigten, im Juni nämlich, große Anstrengungen kosten ließ.
Da er jeden Abend in Sadlers Wells spielen mußte, war er genötigt, sich zu gedulden, bis seine Geschäfte auf dem Theater beendet waren. Er begab sich darauf nach Hause, aß zu Abend und machte sich um Mitternacht nach dem fünfzehn Meilen von London entfernten Dartford auf den Weg, wo er um fünf Uhr morgens bei einem Freunde, namens Brooks, anlangte, ausruhte und frühstückte, um dann auf den Feldern umherzustreifen. Er war nicht eben glücklich, denn er hatte nach einigen Stunden nur einen einzigen Dartford Bläuling gefunden, mit welchem er jedoch, vorläufig vollkommen befriedigt, zu dem Freunde zurückkehrte. Um ein Uhr nahm er von dem letzteren Abschied, langte in London um fünf an, kleidete sich um, trank seinen Tee und eilte nach Sadlers Wells. Es war keine Zeit zu verlieren (denn die Erscheinung der Dartford Bläulinge stand fest), wenn er noch mehr Exemplare erlangen wollte; sobald daher Pantomime und Abendessen beendet waren, marschierte er abermals nach Dartford ab, fing diesesmal vier Dutzend Bläulinge, spießte sie kunstgerecht auf, war um vier Uhr nachmittags wieder zu Hause und zur gehörigen Zeit auf dem Theater. Allein die notwendige Anzahl Bläulinge war noch nicht gefangen; er freute sich zu hören, daß die Pantomime zuerst gespielt werden sollte, konnte daher London schon um neun verlassen, erreichte Dartford um ein Uhr, aß, und legte sich ermüdet zu Bett. Der folgende Tag war ein Sonntag, er brauchte daher nicht nach der Stadt zurückzukehren, fing im Laufe des Morgens mehr Bläulinge, als er bedurfte, und brachte den Mittag und Nachmittag vergnüglich bei dem Freunde zu. Am Montag-Morgen stand er früh auf und hatte um Mittag seine Rolle, nachdem er der Probe beigewohnt, vollkommen inne.
Wir können annehmen, daß Grimaldi durch diese und ähnliche Bestrebungen, bei Mäßigkeit und Nüchternheit, einen großen Teil jener Körperkraft und Gewandtheit erlangte, ohne welche er es in seiner Kunst nicht so weit gebracht haben würde. Indes war seine Liebe zur Entomologie nicht der einzige Beweggrund bei seinen Ausflügen nach Dartford; ein anderer, stark wirkender war der, daß er »einer der liebenswürdigsten Frauen ihrer Zeit« – der unglücklichen Mrs. Jordan,Sehr bekanntgeworden besonders durch ihre merkwürdigen, nicht eben geheim gebliebenen Verhältnisse zu einer hohen Person. Die war eine unnachahmliche komische Schauspielerin, hatte eine wohlklingende Stimme und anmutvolle Manieren, obwohl ihre Redeweise bisweilen unfein war. Sie hatte dreizehn erwachsene Kinder, wohnte kurz vor ihrem Tode in Cadogan-Place (s. Nicklebys Schicksale – Mr. und Mrs. Wititterly), und sah sich genötigt, das Land zu meiden, um Gläubigern zu entfliehen. Sie starb in nichts weniger als glänzenden Umständen in St. Omers. Die Kosten ihrer Beerdigung mußten durch Subskription gedeckt werden. welche damals beim Drury Lane-Theater engagiert war, eine kleine Insekten-Sammlung versprochen hatte.
Einst trug er während einer Vormittags-Probe eine Schachtel mit Insekten unter dem Arme. Mrs. Jordan neugierig zu wissen, was darin wäre, verlor sie nicht aus den Augen, fragte endlich, was sie Artiges enthielte, und seine Antwort bestand darin, daß er die Schachtel öffnete und ihr die Insekten zeigte. Er sagte nicht, ob es Dartford-Bläulinge gewesen, wohl aber, daß er große Geschicklichkeit, sie wohl zu erhalten und zu ordnen, besessen, und daß er die ganze Mühe aus ehrerbietiger Galanterie gegen die einnehmendste Dame ihrer Zeit übernommen und derselben, nach zuvor erhaltener Erlaubnis, am ersten Tage der neuen Saison und nachdem sie die Probe der Rosalinde in »Wie es Euch gefällt« beendigt, zwei Rahmen mit Insekten überreicht habe; daß Mrs. Jordan (und er selbst wenigstens ebenso sehr) entzückt gewesen, die Rahmen in ihrem Wagen mit nach Hause genommen und sein Herz durch die Mitteilung erfreut habe, daß seine Königliche Hoheit, der Herzog von Clarence, die Insekten so schön, wo nicht schöner gefunden, als irgend etwas der Art, das er jemals gesehen.
Sein einziger Begleiter, außer dem Dartforder Freunde, bei diesen Ausflügen war Nobert Gomery, oder »Freund Bob«, wie er von seinen näheren Bekannten genannt wurde, zu jener Zeit Schauspieler beim Sadlers Wells-Theater, und später während vieler Jahre ein Liebling des Publikums in den kleineren Theatern der Hauptstadt. Er lebt oder lebte wenigstens bis vor kurzem von seinem Gelde in Bath. Grimaldi hatte ein kleines Abenteuer mit ihm, das er mit großem Vergnügen zu erzählen pflegte.
Er war eines Tages mit Freund Bob vom frühen Morgen bis an den Abend auf der Insektenjagd gewesen, und sie hatten an nichts anderes gedacht.
»Bob,« sagte Grimaldi endlich, »ich bin sehr hungrig.«
»Ich auch,« erwiderte Bob.
»Da ist ein Wirtshaus,« bemerkte Grimaldi.
»Kommt uns gerade recht,« sagte Nobert Gomery.
Grimaldi war dessen minder gewiß. Es war ein sehr gutes Gasthaus, allein er hatte kein Geld, und zweifelte auch stark, ob sein Freund damit versehen wäre.
»Laß uns hineingehen,« fuhr Bob fort. »Es wird spät – Du bezahlst.«
»Nein, nein; Du!«
»Ich würde es gern tun, habe aber kein Geld bei mir.«
Grimaldi griff mit einem seiner lächerlichsten Gesichter erst in die rechte, dann in die linke, dann in die Rock- und die Westen-Taschen, nahm zuletzt den Hut ab und schaute hinein, allein nirgend wollte sich Geld finden.
Sie näherten sich inzwischen dem Gasthause, und berieten äußerst niedergeschlagen mit sich selbst, als Grimaldi plötzlich unter einem Baume ein Geldstück erspähte, es aufhob und unter vielen pantomimischen Freuden-Bezeugungen ausrief: »Ein Sixpence, ein Sixpence!«
Die Mienen des hungrigen Freundes erheiterten sich, nahmen jedoch bald wieder ihren trübseligen Ausdruck an. »Es ist ein Stück Blech,« sagte er.
Grimaldi rieb und beschaute den Fund um und um, und behauptete das Gegenteil. Der Freund drückte kopfschüttelnd fortwährend Zweifel aus.
»Ich will Dir etwas sagen,« entgegnete Grimaldi, »wir wollen hineingehen und den Wirt fragen. Diese Leute wissen dergleichen am besten.«
Bob stimmte bei; sie eilten weiter, und hörten nicht auf zu streiten, ob der Fund ein Stück Geld, oder ein Stück Blech wäre. Das Geld war zu jener Zeit so abgegriffen, daß über eine Frage dieser Art allerdings Zweifel obwalten konnten.
Der Wirt, ein munterer beleibter Mann, stand vor der Tür und sprach mit jemand. Das Haus sah so einladend aus, daß sich Gomery, als sie bis auf wenige Schritte herangekommen waren, nicht enthalten konnte, Grimaldi zuzuflüstern, es möchte das beste sein, daß sie sich vor allen Dingen Brot und Käse geben ließen und dann erst die große Frage an den Wirt richteten.
Grimaldi nickte ihm Billigung zu, sie gingen hinein und forderten Brot, Käse und einen Trunk Bier. Sobald sie die ungestümsten Forderungen ihres Hungers befriedigt hatten, bedienten sie sich eines Hellers, den Grimaldi noch in einer seiner Taschen entdeckt, um nach »Schrift oder Bild« entscheiden zu lassen, wer den Sixpence vorzeigen sollte. Das Los traf Grimaldi; er trat gravitätisch zu dem Wirte, legte die zweifelhafte Münze mit seiner ganzen eigentümlichen Würde vor ihm auf den Tisch und forderte ihn auf, sich davon bezahlt zu machen.
»Ganz recht, Sir,« sagte der Wirt, nach der wunderbaren Miene, die Grimaldi angenommen, statt nach dem Sixpence zu sehen.
»Ist es auch recht, Sir?« fragte Grimaldi.
»Allerdings, ich danke Ihnen, meine Herren,« erwiderte der Wirt und steckte die Münze, oder was es sonst war, in die Tasche.
Gomery sah Grimaldi an, und Grimaldi ging mit einer Miene und einem schlechterdings unbeschreiblichen Wesen, gefolgt von seinem Freunde, aus dem Hause hinaus.
»Solch ein Glück ist mir noch niemals begegnet,« sagte er. »Der Sixpence war eine wahrhaftige Gottesgabe.«
»Das Blechstück willst Du sagen,« bemerkte Gomery.
Ob der Fund das eine oder andere war, ist ungewiß, allein Grimaldi besuchte dasselbe Gasthaus späterhin noch öfter, und da der Sache nicht wieder erwähnt wurde, so hielt er sich vollkommen überzeugt, daß es ein guter wirklicher Sixpence gewesen sei.
Anfangs 1794 bezog er mit seiner Mutter ein sechs Zimmer enthaltendes Haus in Penton Place, Pentonville, mit einem Garten. Sie überließen einige der Zimmer einem Mr. Lewis und dessen Frau, welche in Sadlers Wells engagiert waren, lebten so drei Jahre. Da Grimaldi's Gehalt eine Steigerung erfahren hatte, so fing er an, sich als vollkommen unabhängig zu betrachten. Zu Ostern nahmen die Vorstellungen in Sadlers Wells wie gewöhnlich ihren Anfang. Er machte Furore in einer neuen Rolle, und sein Ruf nahm rasch bedeutend zu. Er knüpfte zu dieser Zeit eine neue Bekanntschaft an, die für viele Jahre einen wesentlichen Einfluß auf sein Lebensglück gewann. Es ging damit folgendermaßen zu.
Wenn Probe in Sadlers Wells war, pflegte seine, bei dem dortigen Theater gleich ihm selbst engagierte Mutter den ganzen Tag im Schauspielhause zuzubringen, im Ankleidezimmer zu essen und sich mit Nähtereien zu beschäftigen. Sie hatte dies angefangen, weil die Great-Wildstraße von Sadlers Wells sehr weit entfernt war, und als sie in Penton Place dem Schauspielhause so viel näher wohnte, setzte sie es fort, weil sie sich einmal daran gewöhnt hatte. Mr. Hughes, der zu dieser Zeit Haupteigentümer des Theaters geworden war und ein anstoßendes Haus bewohnte, hatte mehrere Kinder. Das älteste derselben war eine Tochter. Miß Maria Hughes war eine ausgezeichnete junge Dame. Sie hatte immer sehr viel von Grimaldi's Mutter gehalten und benutzte jede Gelegenheit, in ihrer Gesellschaft zu sein; sie pflegte bei ihr von drei oder vier bis sechs Uhr, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt, im Ankleidezimmer zu verweilen, und ging, wenn die anderen beim Theater engagierten Frauenzimmer sich einstellten. Grimaldi pflegte sich zwischen vier und fünf Uhr einzufinden, trank zur letztgenannten Stunde den Tee mit seiner Mutter und blieb ebenso lange wie sie. So entstand zwischen ihm und Miß Hughes eine genauere Bekanntschaft, die allmählich wärmere Gefühle erweckte.
Den folgenden Tag, nachdem er in seiner neuen Rolle so großen Beifall geerntet, begab er sich wie gewöhnlich in das Ankleidezimmer, wo ihn seine Hausbewohnerin, Mrs. Lewis, die Garderobemeisterin, die zufällig anwesend war, mit Lobsprüchen überhäufte. Miß Hughes war gleichfalls zugegen, sagte aber lange Zeit nichts, und Grimaldi hörte so ungeduldig, als er konnte, Mrs. Lewis zu. Er hätte Miß Hughes lieber eine Minute, als die letztere eine Stunde reden hören. Endlich schwieg sie, um Atem zu schöpfen, wie die besten Redner von Zeit zu Zeit nicht umhin können, und nun blickte Miß Hughes auf und sagte mit einigem Stocken, Mr. Grimaldi hätte ihrer Meinung nach die Rolle außerordentlich gut gespielt, so gut, daß es ihm sicher niemand gleich tun könnte.
Grimaldi hatte auf dem Wege nach Sadlers Wells die Sache überlegt und beschlossen, wenn Miß Hughes sein Spiel loben würde, mit einer feinen und wohlgesetzten Schmeichelei zu erwidern, die eine Andeutung auf den Zustand seiner Gefühle enthielte. Er hatte mehrere ausgesonnen, vermochte aber, sobald ihm Miß Hughes ihr Lob ausgesprochen, kein Wort hervorzubringen, errötete stark, nahm eine sehr spaßhafte Miene an, fühlte sich äußerst verlegen, machte endlich eine ungeschickte Verbeugung und ging nach der Tür, um sich zu entfernen.
Es war sechs Uhr, und die Damen traten eben herein. Er war stets eine Art Liebling derselben gewesen, und ein paar der lebhaftesten und mutwilligsten – deren einige es in fast allen Schauspielerinnen – wie anderen Gesellschaften gibt – lobten zuerst sein Spiel und zogen ihn sodann mit einem anderen Gegenstande auf.
»Joe ist so unendlich beliebt geworden,« sagte die eine, »daß er sich nach einem Liebchen umsehen sollte.«
Hier blickte Joe nach Miß Hughes, und errötete noch weit stärker. »Sehr wahr,« fiel die zweite ein. »Was sagen Sie zu einer von uns, Joe?«
Joe wurde so betreten, daß sein Aussehen ein allgemeines Gelächter erregte.
»Wenn ich nicht sehr irre, meine Damen,« nahm Mrs. Lewis das Wort, »so hat Joe bereits ein Liebchen.«
Eine andere Dame sagte, sie wisse bestimmt, daß er deren zwei, noch eine andere, daß er deren drei hätte, und so fort. Er stand unterdessen mit gesenkten Blicken fast außer sich vor Unruhe und Verdruß da, zu denken, daß Miß Hughes diese Anklagen hörte und ihnen vielleicht gar Glauben schenkte.
Er eilte endlich hinaus, überlegte noch reiflicher, und gelangte bald zu dem Schlusse, daß Mr. Hughes' schöne Tochter einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Herz gemacht habe und daß er gar nicht heiraten möchte, wenn sie ihn nicht erhörte, in welchem Falle er für immer unglücklich sein würde; anderer ähnlichen Folgerungen nicht zu gedenken, wie sie von jungen Leuten aus gleichen Vorsätzen gezogen zu werden pflegen. Mehrfache Sorgen und Befürchtungen begleiteten jedoch die Entdeckung. Der gewünschten Verbindung schien sich in seinen und der Dame so verschiedenen Verhältnissen ein fast unüberwindliches Hindernis entgegenzustellen; er hatte keinen Grund zu glauben, daß Miß Hughes andere Gefühle für ihn hege, als solche, die sie gegen den Sohn einer Freundin, welche sie schon lange gekannt hatte, zu unterhalten geneigt sein möchte. Diese Betrachtungen machten ihn so unglücklich, als der leidenschaftliche Liebhaber zu sein wünschen konnte. Er aß wenig, trank wenig, schlief noch weniger, verlor seine heitere Laune und ließ mit einem Worte eine große Menge von Krankheitsanzeichen blicken, dergleichen unter allen Umständen bedenklich gewesen sein würden, es aber besonders bei einem Patienten waren, bei welchem die Erfüllung seiner schwachen Hoffnungen hauptsächlich davon abhing, daß er sich seine humoristische heitere Laune bewahrte.
Drittes Kapitel.
Glückliche Liebeswerbung. – Ein Unfall und die »Grimaldi-Tinktur«. – Wachsende Gunst des Publikums. – Einbruch durch eine Diebesbande. –
Daß eine mit dem lustigen Bühnensohne so jäh erfolgte gründliche Wandlung seiner Umgebung und vor allem seiner ihn zärtlich liebenden Mutter nicht verborgen bleiben konnte, läßt sich wohl annehmen, besonders wenn er immer unter ihren Augen lebt. Natürlicherweise suchte man hinter den Sachverhalt zu kommen, konnte aber die Wahrheit nicht aus ihm herausbringen. Seine näheren Bekannten erfuhren weiter nichts, als daß er sich nicht recht auf dem Posten befände, daß ihn die Rollen, die er zu spielen hätte, stark in Anspruch nähmen, und was dergleichen Ausflüchte mehr waren.
Was der Mutter am meisten auffiel und wofür sie gar keine Erklärung finden konnte, war, daß er sich gar nicht mehr in der Garderobe sehen ließ, während er doch seither dort noch tagtäglich erschienen war, und daß er sein Glas Tee entweder gar nicht mehr vorm Auftreten, oder schon zuhause trank.
Dies hatte indessen keinen andern Grund, als daß es ihm widerstrebte, im Beisein von Miß Hughes von den anderen Damen gehänselt zu werden, und gerade von diesen selbst darüber, daß er sich ärgere. Ihm war das so ärgerlich, daß er lieber ihrer Gesellschaft aus dem Wege ging.
So ging es ein paar Wochen hindurch, bis er einmal abends während der Vorstellung, um einen nötigen Gegenstand zu holen, doch wieder in der Garderobe erschien, und sich dort, statt seiner alten Freundin, Frau Lewis, Miß Hughes gegenüber sah.
Zeigt in solchem Falle die Dame ein bißchen Interesse, so faßt der Herr leicht Mut, aber Miß Hughes ließ von Interesse nichts verspüren, sondern sagte nur:
»Ei, Joe, ich habe Sie ja volle vierzehn Tage nicht gesehen, wo blieben Sie denn seither? Und warum sieht man Sie auch beim Tee nicht mehr?«
Ihr freundlicher Ton flößte dem Liebenden doch einigen Mut ein, unter einigen Anstrengungen erwiderte er:
»Mir ist nicht recht wohl.«
»Nicht recht wohl!« wiederholte die junge Dame, und zwar mit solcher Teilnahme, daß der arme Joe wieder all seinen Empfindungen unterlag, und da er tatsächlich unwohl und angegriffen war, gab er sich vergeblich alle Mühe, ein vergnügtes Gesicht zu zeigen, sodaß er in helle Tränen ausbrach.
Die junge Dame blickte ihn eine Weile lang erschüttert an, dann sagte sie im Tone des innigsten Mitleids:
»Ihnen ist, wie ich sehe, wirklich nicht Wohl, Sie haben sich recht verändert, was ist Ihnen denn?... Sagen Sie es mir doch, bitte!«
Der junge Mensch, der die Erregbarkeit seines Vaters, ohne die schlimme Seite derselben geerbt haben mochte, warf sich auf einen Stuhl, weinte wie ein Kind und machte vergebliche Versuche, ein paar Worte zu stammeln, die aber völlig unverständlich waren. Miß Hughes bemühte sich nun in aller Liebenswürdigkeit, ihn zu beruhigen. In demselben Augenblicke trat Mrs. Lewis ein, sie überraschte das junge Paar in seiner sentimentalen Situation. Grimaldi glaubte sich recht lächerlich gemacht zu haben, sprang auf und eilte hinaus.
Mrs. Lewis, an Jahren und Erfahrung in solchen Dingen reicher als die jungen Leutchen, schwieg zunächst, überlegte, was sie gesehen hatte, und sprach am folgenden Morgen Grimaldi, der nach einer schlaflosen Nacht sich durch allerlei trübe Gedanken verwirrt erschien, und ratlos, all seiner süßen Hoffnungen beraubt, im Garten umherirrte.
»Du lieber Gott, Joe! Wie verzagt Sie aussehen! Was fehlt Ihnen denn?« fragte ihn die alte Dame.
Zuerst gab er ausweichende Antworten. Da er aber in ihre Klugheit und wohlmeinende Gesinnung großes Vertrauen setzte, legte er ihr, nachdem er ihr das Versprechen abgenommen, kein Sterbenswort zu sagen, Generalbeichte ab. Mrs. Lewis erklärte sich auf der Stelle bereit, seine Herzallerliebste auszuforschen. In erster Linie gab sie ihm den Rat, einen Brief abzufassen und in Bereitschaft zu halten, worin er ihr all seine Gefühle offenbarte. Verliefe ihre Unterredung mit ihr günstig, dann solle der Brief am andern Morgen abgegeben werden.
Grimaldi folgte diesem Rate und verwandte nun all sein Können auf ein solches Schreiben. Endlich hatte er das schwere Stück Arbeit fertig gebracht, aber mit dem Resultat derselben war er just nicht zufrieden, bald gefiel ihm ein Satz nicht, bald hatte er an dem und dem Worte auszusetzen. Schließlich ließ er es aber so, wie es war, ging nach Sadlers Wells, hütete sich aber, einen Fuß in die Garderobe zu setzen, und spielte seine Abendrolle mit einem Feuer und einer Verve, wie kaum je zuvor.
Sobald er sich umgekleidet hatte, ging er wieder zu Mrs. Lewis, die ihm ohne alles Zögern mitteilte, was sich seit dem Vormittage zugetragen hatte, sie sagte ihm ihre Meinung darüber, verschwieg aber das, was sie für ungünstig und zweifelhaft hielt.
Mrs. Lewis hatte der jungen Dame zuerst ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, daß Joseph seit einiger Zeit gar so schlecht aussähe. Darauf hatte die junge Dame geäußert, das sei freilich wohl der Fall, wobei es Mrs. Lewis schien, als ob es der jungen Dame recht lieb gewesen wäre, wenn dieses Thema weiter gesponnen würde, als ob sie aber nicht recht wisse, wie sie es anstellen solle, es weiter zu führen.
»Was mag ihm denn nun fehlen?« hatte sie gefragt.
»Nun, ich weiß es, meine Liebe. Joseph ist verliebt.«
»Verliebt? Ei, was!« hatte sie darauf geantwortet.
»Jawohl, und zwar bis über die Ohren. In solchem Zustande habe ich einen jungen braven Menschen noch nie gesehen.«
»Und in wen mag er sich denn verguckt haben?« hatte Miß Hughes gefragt und dabei anscheinend gleichgiltig den Blick auf einen vor ihr liegenden Gegenstand gerichtet.
»Das ist noch ein Geheimnis. Ich kenne wohl ihren Namen, aber sie – das Mädchen – weiß noch nichts davon, daß er sie liebt. Nun soll ich ihr deshalb morgen abend einen Brief überreichen, worin er sich offen über alles ausspricht.«
»Ich möchte den Namen gar zu gern wissen.«
»Ich kann ihn aber nicht nennen, denn ich habe Joe das Versprechen gegeben, vorerst noch reinen Mund darüber zu halten. Wenn Ihnen aber gar soviel daran liegt, ihn zu erfahren, dann läßt sich schließlich eins tun: Ich kann Ihnen die Aufschrift des Briefes zeigen. Auf diese Weise kann ich Sie schließlich einweihen, ohne mein Wort zu brechen.«
Miß Hughes war darüber vor Freude schier aus dem Häuschen geraten, hatte auf der Stelle Zeit und Stunde mit Mrs. Lewis verabredet, worauf dann sich diese verabschiedete von Miß Hughes.
Grimaldi war nicht so hoffnungsfreudig wie Mrs. Lewis; er wandte sich seinem Heim zu und suchte bald die Ruhe auf, konnte aber kein Auge zutun, und als Mrs. Lewis am andern Morgen mit seinem Schreiben nach Sadlers Wells hinüber gegangen war, hatte er den Tag in einem Zustande verbracht, daß er selbst nicht recht wußte, wie er so rasch dahingegangen war.
Um fünf Uhr begab er sich nach dem Theater, um Näheres über das Schicksal seines Briefes zu hören.
»Ich habe ihn noch immer nicht abgeben können,« erklärte Mrs. Lewis, »gehen Sie aber in die Garderobe, dort werden Sie Miß Hughes finden, und werden wohl auch nicht lange im unklaren darüber sein, ob Sie ihr Interesse abgewinnen oder nicht, wenn Sie sie eine Weile lang beobachten.«
Er ging in die Garderobe. Sie war dort, sah aber sehr blaß aus und hatte augenscheinlich geweint. Die Stunde, die ihnen blieb, verflog geschwind. Die junge Dame, eilte zu ihrer Vertrauten, um sie nach dem Briefe zu fragen, den Joseph ihr anvertraut hatte.
Mrs. Lewis antwortete schelmisch, freilich, den Brief hätte sie.
»So lassen Sie ihn mich sehen! Ich möchte doch gar zu gern wissen, wer das Mädchen ist, mit dem Joseph glücklich zu werden hofft.«
»Ohne Josephs Erlaubnis kann ich es Ihnen wahrhaftig nicht sagen, liebes Kind,« hatte Mrs. Lewis darauf geantwortet. »Ach, wüßten Sie bloß, was ich seit gestern abend ausgestanden habe!« rief Miß Hughes, war dann ein Weilchen still, rief aber dann erregt, sie fürchte, noch um ihren Verstand zu kommen, wenn sie noch länger in Ungewißheit gelassen würde!«
»Aber wie können Sie bloß so etwas reden, mein liebes Mariechen! Den Verstand verlieren! Sie selbst werden doch kaum so töricht gewesen sein, sich in Joseph zu verlieben? Aber da Ihnen so sehr viel daran liegt, den Brief zu sehen, will ich ihn Ihnen nicht länger vorenthalten; nur müssen Sie mir versprechen, bei der Dame, an die er gerichtet ist, für den armen Joe ein gutes Wort einzulegen.«
Dazu schien sich Miß Hughes gar nicht recht verstehen zu wollen, erwiderte aber endlich stockend, sie wolle versuchen, ob es ihr möglich sein werde. Darauf gab ihr nun Mrs. Lewis den Brief, aber kaum hatte sie die Aufschrift gelesen, so fiel ihr der Brief aus der Hand, und sie sank ihrer Freundin in die Arme...
Grimaldi war unterdessen auf der Bühne, eifrig bemüht, das beste aus seiner Rolle zu machen, weil er sich sagte, daß er nur Aussicht haben könnte, seine Hoffnungen erfüllt zu sehen, wenn er mit seiner Rolle »durchdrückte«. Da sah er kurz vor dem ersten Aktschlusse jemand in die Loge des Mr. Hughes treten... und wen? Die Dame, um die sich all sein Denken drehte!
Zitternd dachte er bei sich: Den Brief muß sie bekommen haben... sie muß sich nun klar darüber geworden sein, wie sie sich verhalten will mir gegenüber! und er hätte alles in der Welt dafür hingegeben, zu wissen, wie die Dinge ständen... Seine Rolle verlangte, daß er dicht ans Orchester trat, also ganz in ihre Nähe... und sie – sie nickte ihm lächelnd zu! O, es war nicht das erste Mal, daß sie ihm zugenickt, ihm lächelnd zugenickt hatte. Diesmal aber geriet er in solche Aufregung und Verwirrung darüber, daß er von all dem, was um ihn her vorging, nicht das geringste mehr sah oder hörte.
Kein Mensch sagte ihm, daß er seine Rolle nicht zu Ende gespielt habe, und so meinte er, sie bis zu Ende gespielt zu haben. Von dem Wie aber hatte er weder einen Begriff, noch auch nur die leiseste Erinnerung.
Glück und Unglück waren in Grimaldis ganzem, an Wechselfällen überreichem Leben immer eigentümlich verknüpft, sodaß er wohl nie eine wirklich große Freude hatte, ohne daß sich gleich darauf etwas ereignete, was sie ihm versalzte. Er spricht hiervon wiederholt, ohne indessen besonderes Gewicht auf diese »Ironie des Schicksals,« wie er sich ausdrückt, zu legen.
An demselben Abend nun, an welchem sich all diese Dinge abspielten, brach ein schweres Gerüst zusammen, auf dem ein Dutzend Männer standen und von dem Grimaldi ein Balken an der Schulter traf. Er wurde verwundet und zwar so schwer, daß man ihn auf der Stelle nach Hause bringen mußte. Ohne Zeit zu verlieren, wurden alle erdenklichen Mittel angewandt, ihn von den unangenehmen Schmerzen zu befreien, die sich infolge der erhaltenen Wunden einstellten; aber helfen konnte ihm eigentlich nur eine Salbe, über dessen Bereitung ihm sein Vater ein Rezept hinterlassen hatte, und die er für Unglücksfälle bereitzuhalten pflegte.
Er hatte schon recht viel Menschen mit diesem Heilmittel geholfen und überantwortete zuletzt das Rezept einem Clerkenwaller Wundarzte, namens Chamberlain, der die Salbe auf seinen Namen taufte und jahrelang mit großem Erfolge weiter benützte. Grimaldi hatte, ehe er aus dem Theater getragen wurde, die Geistesgegenwart gehabt, Mrs. Lewis zu sich bitten lassen, und sie ersucht, Miß Hughes, die vor seinem Unfalle ihre Loge verlassen hatte, schonend davon in Kenntnis zu setzen. Eilen wir indessen nun dem Ende zu, so gern auch der alte Herr bei der Erinnerung an die schöne Zeit verweilt, wo er zuerst all die Vorzüge derjenigen Dame kennen lernte, der er mit Innigkeit zugetan war, deren Liebe ihm immer eine heilige Erinnerung blieb, mit der er nie leichtfertig spielte.
Am andern Tage mußte Grimaldi mit dem Arm in der Binde auf dem Sofa liegen. Seine Herzensallerliebste besuchte ihn, gab ihrem lebhaften Wunsche, ihn recht bald wiederhergestellt zu sehen, den eifrigsten Ausdruck und gestand ihm unverhohlen ihre Gegenliebe. Das machte ihn natürlicherweise zum glücklichsten Manne oder vielmehr Jungen auf der Welt, denn er war ja doch erst knapp sechzehn Jahre alt...
Nur ein Umstand setzte seiner Wonne einen Dämpfer auf: das war die feste Weigerung des Mädchens, ohne Vorwissen der Eltern die geringste Beziehung, schriftlich oder persönlich, mit ihm zu unterhalten. Daß Grimaldi sich hierüber seine ernsten Gedanken machte, wird insofern nicht verwundern, als ja doch Mr. Hughes für einen sehr wohlhabenden Mann galt und Grimaldi weiter nichts besaß als sein Talent.
Er scheute keine Mühe, die Geliebte zu einer Wandlung ihres Entschlusses zu bringen, erreichte aber weiter nichts von ihr als daß sie ihm zugestand, vorderhand bloß mit ihrer Mutter zu sprechen, auf deren Güte und Verschwiegenheit sie sich verlassen zu dürfen meinte.
Das geschah, und da die Mutter einsah, daß von ihr das Glück und die Zukunft ihres Kindes abhänge, zeigte sie sich nicht widerwillig, bemerkte jedoch, daß beide Teile doch noch viel zu jung seien, um schon ans Heiraten denken zu können.
Der Papa, Mr. Hughes, wurde in das süße Geheimnis erst nach ganzen drei Jahren eingeweiht.
Diese Zeit war nun die glücklichste von Grimaldis ganzem Leben. Jeden Abend sah er seine Marie in Gesellschaft ihrer Mama im Theater, und jeden Sonntag verlebte er in ihrer Gesellschaft unter Aufsicht der Mama. Sein Künstlerruf festigte sich in einem fort, und wohl jede Rolle, in der er auftrat, verschaffte ihm neue Gunst des Publikums. So verlief ihm das Leben in ungetrübtem Frohsinn, und noch nie hatte er sich zufriedener gefühlt als jetzt.
Grimaldi bewohnte damals mit seiner Mutter und dem Ehepaare Lewis das Haus am Penton Place ganz allein, sogar ohne Dienstboten. Wohl hatten sie ein Dienstmädchen, das aber, ohne daß für die Zeit ihrer Abwesenheit Ersatz genommen worden, ein paar Wochen aufs Land beurlaubt worden war.
Um Mitte August herum war einmal im Sadlers-Wells-Theater eine Nachtprobe angesetzt worden, wie ihrer zuweilen ja nach Vorstellungen anberaumt werden. Mr. Lewis verließ das Haus zuletzt, schloß es ab, brachte den Schlüssel mit und übergab ihn Grimaldi.
Als die Vorstellung aber zu Ende war, teilte der Direktor den anwesenden Damen und Herren mit, daß die Nachtprobe nicht notwendig sei, da er seinen Entschluß hinsichtlich des neuen Stückes geändert und dessen Aufführung auf Montag über acht Tage verschoben habe. Die Leute gingen daraufhin schnell auseinander. Da Grimaldi noch etwa zehn Minuten im Theater zu tun hatte, ging seine Mutter mit Mrs. Lewis voraus, er folgte ihnen aber bald darauf mit Mr. Lewis und noch zwei anderen Frauen vom Theater nach. Kaum waren die Damen vorm Hause angelangt, als sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung das Gartentor offen fanden. Mrs. Grimaldi sagte, es sei doch recht unvorsichtig vonseiten des Herrn Lewis, das Haus nicht sicher zu verschließen, Pentonville war damals noch Vorort und wurde um diese Zeit herum gerade durch eine berüchtigte Diebsbande unsicher gemacht. Es waren schon mehrere Spitzbuben, die zu ihr gehörten, durch den Galgen vom Leben zum Tode gebracht, andere auch in Straf-Kolonien verschickt worden; trotzdem war es in Pentonville noch immer nicht geheuer, man hatte im Gegenteil bis in die jüngste Zeit noch weit verwegenere Einbrüche als früher erlebt.
Als die Damen nun aber auch die Haustür unverschlossen fanden und, als sie sie leise aufklinkten, auf der Hausflur Licht schimmern sahen, bekamen sie natürlich eine Heidenangst und schrien nach Hilfe. Der Zufall führte einen beim Sadlers-Wells-Theater angestellten Mann des Weges vorbei, der ihnen sofort seinen Beistand antrug.
Mrs. Grimaldi bat ihn, bei Mrs. Lewis zu bleiben. »Ich will ins Haus hinein gehen. Folgen Sie mir erst, wenn ich schreien sollte.«
Beherzt ging sie über die Hausflur, die Treppe hinunter und in die Küche, machte geschwind Licht und sah nun, daß Diebe aufs schlimmste gehaust hatten, denn dort war fast alles schon ausgeräumt und weggeschafft worden. Eben trat sie wieder zu Mrs. Lewis, als ihr Sohn mit einigen Freunden ankam. Es wurde natürlich sogleich eine genaue Hausdurchsuchung vorgenommen, denn da die Räuber bei frischer Tat ertappt worden waren, konnte es leicht der Fall sein, daß sich einer von ihnen noch im Hause versteckt hielt.
Es fanden sich auch ein paar Nachtwächter ein, – nach damaliger Sitte alte Leutchen, die solchen Platz als Versorgung für ihre letzten Jahre zugewiesen bekamen – und unter Schreien und Weinen der Damen und Wettern und Fluchen der Männer drang die »Phalanx« vor.
Im Hause war alles durcheinander geworfen, aber von einem Diebe war keine Spur mehr zu sehen. Schränke und Schiebladen waren erbrochen und geleert, und bis auf einen Schal, den Miß Hughes für ihre künftige Schwiegermutter angefangen, war kein Stück mehr vorhanden.
Grimaldi bewaffnete sich mit einem Prügel, Mr. King, ein guter Freund von ihm, mit einem Säbel und suchten den Garten hinter dem Hause ab, während die Frauen unter lautem Gejammer über den großen Verlust, der sie betroffen, bei den übrigen Männern zurückblieben.
Der Garten war durch eine drei bis vier Fuß hohe Mauer in zwei Hälften, einen Blumen- und einen Gemüsegarten, geteilt und durch eine noch um ein paar Fuß höhere Mauer von einem großen Stück Weideland geschieden.
Es war eine rabenfinstre Nacht. Eine Zeitlang tappten sie umher, ohne jemand zu finden. Grimaldi sprang auf die höhere Mauer, guckte über die niedrigere hinüber und sah einen Menschen im Begriffe, von der Mauer des anstoßenden Gartens hinüberzuspringen. Der Dieb – denn ein solcher war es ohne Zweifel – hielt Grimaldi für einen Kameraden, denn die Gegenwart einer andern Person mochte ihm nicht für wahrscheinlich gelten – rief leise: »Pst, pst! Bist du es?«
»Ja,« antwortete Grimaldi, näherte sich und versetzte ihm, als er sah, daß er über die Wand springen wollte, weil er die Stimme als eine fremde erkannt hatte, einen derben Hieb mit dem Säbel. Dem Diebe schien der Buckel gewaltig zu schmerzen, wenigstens schrie er ganz erbärmlich, brach auch zusammen, hatte sich aber doch wieder aufgerafft und war im Dunkel der Nacht verschwunden, als Grimaldi sich über die Mauer hinüber begeben hatte.
Grimaldi rief nun seinem Freunde zu, ihm durch die Hintertür zu folgen, und eilte dann mit diesem über das Stück Weideland hinweg dem flüchtigen Spitzbuben nach, stolperte aber schon nach wenigen Schritten über eine auf der Erde liegende Kuh und hätte sich bei diesem unfreiwilligen pantomimischen Koup vielleicht mit seiner eigenen Waffe schwer verwundet, wenn er nicht durch seine Fechtübungen auf der Bühne sich daran gewöhnt hätte, ein Gewehr mit Vorsicht zu tragen.
Alles fernere Suchen war vergebliche Mühe. Grimaldi ging mit seinem Freunde wieder ins Haus. Dort sahen sie, daß an dem Säbel Blut klebte.
Unterdessen war ein Polizist erschienen, der mit den beiden Nachtwächtern ausziehen wollte, die Missetäter lebendig oder tot zu fangen. Das letztere wäre ihnen das liebere gewesen. Beides aber war dadurch einigermaßen zweifelhaft gemacht worden, daß die beiden Nachtwächter, als große Vorsichtskommissarien, hellleuchtende Laternen mitbrachten, den Spitzbuben zum Zeichen, daß sie ihnen auf den Leib rücken wollten!
Grimaldi ließ es an Trostworten nicht fehlen. Er versicherte den Damen wiederholt, daß es gelingen werde, das gestohlene Gut wieder herbeizuschaffen. Was die Räuber noch in den Räumen zurückgelassen, bemühte er sich, wieder an Ort und Stelle zurückzuschaffen. Der erste Gegenstand, auf den seine Augen fielen, war der Schal, den Miß Hughes für seine Mutter in Arbeit hatte.
Aufs höchste erfreut hob er ihn auf, und polternd fiel eine Arzneischachtel daraus auf die Erde. Seine Mutter schlug ganz außer sich die Hände überm Kopfe zusammen, um nun noch lauter als bei der Entdeckung, daß das Haus ausgeplündert worden, zu schreien: »Ach Gott, mein Geld! mein Geld! mein Geld!«
»Geschehene Dinge lassen sich nun einmal nicht ändern,« hieß es von allen Seiten. »Denken Sie an die arme Mrs. Lewis, der es ebenso schlimm ergangen ist.«
Es verhielt sich aber ganz anders, als die Leute meinten. In der Schachtel waren siebenunddreißig Guineen, Frau Grimaldis Spargroschen. Unter dem Schal waren die Diebe nicht auf die Schachtel gekommen, und so war wenigstens das bare Geld gerettet. –
Beim Abendbrote war Frau Grimaldi zufolgedessen wieder bei ganz guter Laune und neckte sogar ihre alte Freundin, die sich aber, da ihr kein Guineenfund beschert gewesen war, gar nicht recht zu trösten wußte.
Als sich die Bekannten verabschiedet hatten, trafen die Zurückbleibenden ihre Vorkehrungen für die Nacht, die aber wunderlich genug ausfielen, so daß niemand Schlaf finden konnte. Schließlich wurde der Ausweg gefunden, daß alle zusammen in einem und demselben Zimmer übernachten sollten. Eine Matratze wurde nun in das größte Wohnzimmer getragen: Die beiden Damen streckten sich in Kleidern darauf hin. Lewis setzte sich in einen Sessel, und Grimaldi postierte sich als »sauve-Garde« an der Tür, nachdem er zwei Pistolen geladen, den Säbel von Blut gereinigt und Pistolen und Säbel neben sich gelegt hatte...
Eine Zeitlang blieb alles still. Einer nach dem andern schlief ein, aber sie hatten noch nicht lange geschlummert, als sie durch langes und lautes Klopfen an der in den Garten führenden Hintertür aufgeschreckt wurden. Erschreckt fuhr einer nach dem andern auf, und alle gafften einander an. Hätte den Frauen nicht der Schreck die Zunge gelähmt, so hätten sie gewiß Zetermordio geschrien, die Männer dagegen hätten vielleicht recht laut darüber gelacht, aber die gleiche Ursache lähmte ihre Lachmuskeln. Männlein und Weiblein hatten Bange, daß die Spitzbuben wieder zurückgekehrt sein möchten.
Der erste, der sich ermannte, war Grimaldi. Mit einem Gesicht, wie er es wunderlicher auf keiner Bühne hätte schneiden können, wandte er sich zu Mr. Lewis.
»Aber sehen Sie doch mal zu, wer an der hintern Gartentür solch gräßlichen Spektakel macht!« sagte er zu dem Freunde. Mr. Lewis schien gar keine Lust zu dem Gange zu haben. Er stand und stand, guckte seine Frau verzagt an und sagte, Mr. Grimaldi sei ja sehr nett, sich seiner auch, in diesem Falle so freundlich zu erinnern, aber er hätte doch seiner Meinung nach kein sonderliches Recht, ihm selbst vorzugreifen.
In dieser Verlegenheit wurde endlich das Übereinkommen getroffen, daß Lewis sich auf die Hausflur begeben, Grimaldi aber leise hinaufgehen und aus dem Fenster hinaus rekognoszieren solle. Diese Vereinbarung wurde sogleich zur Ausführung gebracht.
Unterdessen hatte das Klopfen ununterbrochen angedauert; Grimaldi erinnerte in seiner »Armatur« an den mit Freitag wider die Wilden ausziehenden Robinson Crusoe, nur seine Stimme zerstörte die Einbildung, denn sie verriet eine große Unruhe, das lebhafte Verlangen, alle Nachbarn zu der bevorstehenden »tätlichen Auseinandersetzung« zu invitieren; auch erinnerte sie mit einiger Lebhaftigkeit an die Art und Weise, wie er sein so oft zitiertes und altbeliebtes: »So, nun sind wir da!« zu sprechen pflegte, wenn er die Bühne betrat. Es war inzwischen zwei und drei Uhr morgens. Der Tag fing an zu grauen. Im Zwielichte unterschied Grimaldi zwei Männer, die eine schwere Last zu tragen schienen; er konnte aber nicht unterscheiden, was getragen wurde. Nur einen Trost meinte er schöpfen zu dürfen: Feuergewehre waren es nicht, die getragen wurden, und das war immerhin ein Trost.«
»Holla!« schrie er hinunter, mit dem Säbel rasselnd, daß jedem Menschen angst und bange werden mußte: »was ist denn mit euch los?« »Sapperment, Herr,« rief einer von den Männern, »wir haben wirklich schon gedacht, daß Sie tot seien – wie lange klopfen wir schon, ohne daß Sie was hören ließen.«
»Weshalb wollten Sie mich denn munter haben?«
»Na, Sie sehen doch die Säcke, die wir schleppen! Das gestohlene Gut ist drin!«
»Was ist drin?«
»Ei, was die Spitzbuben Ihnen geraubt haben! Wir haben das Feld abgesucht und die beiden Säcke gefunden.«
Die Tür wurde aufgemacht. Die Nachtwächter brachten zwei große Säcke hereingeschleppt, die von den Frauen unverzüglich ausgepackt wurden. Es war alles gestohlene Gut drinnen, nicht ein einziges Stück fehlte, auch Dietriche, Brecheisen und Feilen steckten in den Säcken.
Die Nachtwächter bekamen jeder zehn Schilling, die vielen Dankesworte, mit denen sie bedacht wurden, nicht gerechnet, und an diesem Morgen frühstückten die Hausbewohner weit vergnügter als sie am verflossenen Abend genachtmahlt hatten. Begreiflicherweise wurde viel darüber diskutiert, wer die Diebe gewesen sein möchten. Augenscheinlich mußten sie in Erfahrung gebracht haben, daß für den Abend eine späte Probe angesetzt gewesen war, und ganz sicher wäre es ihnen auch geglückt, ihre Beute in Sicherheit zu bringen, wenn die Probe nicht unvermutet wieder abbestellt worden wäre.
Auch war, solange das Mädchen zuhause war, nie ein Einbruch versucht worden. Bei Frau Grimaldi, wie auch Frau Lewis schien halb und halb Neigung vorhanden zu sein, das Mädchen des Diebstahls zu verdächtigen. Bei schärferer Erwägung aller Umstände schien diese Kombination doch nicht recht stichhaltig, stammte das Mädchen doch von sehr rechtlichen Eltern und war doch auch die Tante schon vier Jahre bei Grimaldis im Dienst gewesen. Dazu kam weiter noch, daß ein Onkel des Mädchens vierzig Jahre lang beim Theater als erster Schneider beschäftigt war, daß das Mädchen eine gute Schulbildung genossen und auch schon fast vierzig Jahre bei Grimaldis gedient, sich auch niemals in dieser ganzen Zeit irgend etwas zu schulden hatte kommen lassen.
Gleichviel aber, wer die Diebe gewesen, darüber herrschte Klarheit, daß alles zur bessern Sicherung des Hauses geschehen mußte, was von nöten war. So bekam denn ein Zimmermann Auftrag, die Türen mit besonders starken Riegeln und Haspen zu versehen. Nichtsdestoweniger wollte die Furcht nicht aus den Gemütern der Frauen weichen, und noch lange Zeit befiel sie nervöses Zittern, wenn bei Dunkelwerden oder zur Nachtzeit ein ungewohntes Geräusch ertönte, oder gar geklopft wurde.
Ein Theaterdiener, der um elf Uhr den Nachtdienst anzutreten hatte, wurde angeworben, bis zu dieser Stunde das Grimaldische Haus zu bewachen. Früher kehrten Grimaldis niemals heim, und so lange das Mädchen noch seine Ferien hatte, bezog der Mann regelmäßig seine Wache.
Das Mädchen schien sich vor Schrecken und Staunen gar nicht fassen zu können, als sie nach ihrer Rückkehr hörte, was geschehen war. Ihr Benehmen schien aber durchaus nicht derart, daß sich der Argwohn gegen sie hätte festigen können. Es waren vielmehr alle der Meinung, daß zu einem wirklichen Verdacht nicht genug ausreichende Gründe vorhanden seien.
Als man das Mädchen fragte, ob sie sich allein zuhause zu bleiben fürchte, erklärte sie, Furcht sei ihr fremd, sie bliebe gern die halbe Nacht munter, wenn man ihr nur erlaubte, in der Wohnstube Feuer anzumachen, denn wenn die Räuber und Diebe Feuerschein sähen, bekämen sie doch sicher die Meinung, die Herrschaft sei zuhause; lieb wäre es ihr auch, wenn man ihr eine recht große Klapper kaufte, mit der sie die Nachbarschaft im Nu alarmieren könnte, wenn sich Gefahr zeige.
Die Erlaubnis, Feuer anzumachen, wurde ihr gern gegeben, auch eine Klapper wurde für sie gekauft, auch dem Nachtwächter, der in der Nähe seinen Stand hatte, ein gutes Trinkgeld verabfolgt, damit er das Haus in Obacht behalte und auf den ersten Hilferuf herbeieile.
Die Spitzbuben, welche mutwillige Gesellen gewesen, denn sie hatten sich nicht auf die Plünderung beschränkt, sondern mit herzloser Barbarei Grimaldis Insektenschrank erbrochen und alle Kästen zerstört, sogar die Bartford Bläulinge nicht verschont und mit Ausnahme eines einzigen Schächtelchens die ganze Sammlung nebst allen Zeichnungen, Modellen und Farben vernichtet.
Jahre wären notwendig gewesen, wenn der unermüdliche Sammler den großen Verlust hätte wieder wett machen wollen, und um ihn durch Ankäufe zu ersetzen, wären mindestens zweihundert Pfund bares Geld nötig gewesen.
Dieses unvorhergesehene Mißgeschick machte mit einem Schlage aller Insektenjagd ein Ende, Grimaldi schenkte, was von der Sammlung vielleicht noch brauchbar war, einem guten Bekannten, der gleich ihm Sammler war, griff aber auf seine einstmalige Lieblingsbeschäftigung nie mehr im Leben zurück.
Nach Verlauf einiger Wochen gewannen die Hausbewohner ihre Ruhe wieder zufolge der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Schließlich fühlten sie sich wieder ganz sicher, weil sie meinten, den Dieben sei durch den schlimmen Empfang, den sie gefunden, alle Lust zur Wiederkehr geraubt worden. Und doch sollten sie sich hierin bitter täuschen, denn in der vierten Woche nach Rückkehr des Dienstmädchens erneuerten die Einbrecher ihren Versuch, wovon wir aber in einem späteren Kapitel berichten werden.
Viertes Kapitel.
Die Diebesbande kehrt zurück. – Grimaldi sucht Beistand in Haton-Garden. – Unterredung mit Mr. Trott. – Kriegslist und ihr Erfolg beim dritten Diebesbesuche. – Was Pantomimen und Schaustücke bewirken. – Fahrt nach Gravesend und Chatam. – Unangenehmes Zusammentreffen mit einem übelgesinnten Freunde, und angenehme Weise zu reisen, wie sie auch anderen empfohlen sein soll.
Zwei Abende waren ohne alle Störung verlaufen. Am dritten meinte die in der Küche beschäftigte Magd ein Geräusch zu hören, wie wenn ein Versuch gemacht würde, die in den Garten führende Tür zu erbrechen. Leise ging sie nach dem Hausflur hinauf und sah nun, wie der Türgriff auf und nieder bewegt wurde, auch, daß jemand mit Gewalt gegen die Tür drückte.
Bestürzt fing sie gleich zu schreien an, was jedoch die Diebe durchaus nicht verscheuchte. Sie schienen vielmehr ihre Anstrengungen zu verdoppeln, so daß die Tür halb aus den Angeln gehoben wurde, wie man sie auch nachher fand. Hätte sie keinen Widerstand geleistet, wäre die Magd zweifellos ermordet worden; sie hatte jedoch ihre Geistesgegenwart wieder gewonnen, lief nach der Vordertür, riß sie auf und machte nun von ihrer Klapper Gebrauch und zwar so energisch, daß sehr bald nachher Nachtwächter und die ganze Nachbarschaft zur Stelle waren. Man ließ es an Nachforschungen nicht mangeln, allein der Diebe konnte man nicht habhaft werden.
Der zweite Versuch der Bande war so dreist und verwegen gewesen, daß den Herrschaften ihre Besorgnisse doppelt und dreifach wiederkehrten. Die ganze Nacht wurde durchwacht, und alles war Verwirrung und Schrecken im Hause.
Am andern Morgen wurde beschlossen, neue Sicherungsmaßregeln zu treffen, und der Anfang damit sogleich gemacht. Man verwahrte die Türen gleich Festungstoren, und Grimaldi begab sich auf das Bezirkspolizeiamt nach Hatton-Garden, um auch den Beistand und Schutz der Behörden in Anspruch zu nehmen.
Bei jenem Polizeiamte war damals ein sehr erfahrener und listiger Unterbeamter, namens Trott, angestellt, der bisweilen, wenn ein sehr volles Haus erwartet wurde, den regulären Konstablern im Theater beigegeben wurde.
Als Grimaldi anlangte, kam Trott ihm entgegen und kündigte ihm an, daß er eben hätte zu ihm kommen wollen.
»Sie haben also schon gehört?«
»Freilich, und wohl ein gut Teil mehr, als Sie wissen.«
»Haben Sie die Diebe festgenommen?«
»Das eben nicht, es waren mir ihrer noch immer zuviel. Da sie das Geschäft anfingen, waren ihrer nicht weniger als zwanzig in der Bande. Sechzehn oder siebzehn sind gehangen oder verschifft, und die anderen haben bei Ihnen den Einbruch versucht. Irgendwo in Pentonville haben sie ihren Schlupfwinkel, es sind die schlimmsten von allen, die alles wagen und vor nichts zurückschrecken.«
Das war keine erfreuliche Mitteilung. Trott gewahrte Grimaldis Unruhe und setzte hinzu:
»Seien Sie nur ohne Sorgen! Die Halunken wollen sich bloß dafür rächen, daß sie beim ersten Male so schlecht weggekommen sind.«
»Meine Situation ist höchst unangenehm,« meinte Grimaldi.
»Hm – ja – wenn man bedenkt, daß solche Leute niemals drohen, ohne ihre Drohung auch auszuführen. Aber, wie gesagt, seien Sie nur ganz ruhig, Grimaldi.«
»Gestern Abend sind sie wieder dagewesen.«
»Ich weiß es wohl. Will Ihnen auch noch etwas im geheimen mitteilen: Heut Abend kommen sie wieder.«
»Heute Abend?«
»So sicher wie der Tod, und wenn Sie nicht Leute genug im Hause haben, wenn Sie nicht stark genug sein sollten.«
»Es sind nur drei Frauen und eine Mannsperson außer mir im Hause.«
»Nicht genug, lange nicht genug!«
»Und meine Mutter kann den Tod davon haben!«
»Gar nicht unmöglich! Ist doch meine Mutter auf eine ähnliche Art umgekommen!«
In dem allen lag wenig tröstliches, und Grimaldi sah Trott mit ängstlichen Mienen an. Trott sann ein Weilchen. Dann erklärte er, einen Gedanken zu haben.
»Und was denken Sie zu tun?« fragte Grimaldi. »Sprechen Sie! Ich werde Ihnen gern erkenntlich sein.« »Davon reden Sie lieber kein Wort! Sie geben sich in meine Hände, und ich will Ihr Hab und Gut schützen und die Spitzbuben fangen.«
Grimaldi drückte ihm vor Freude die Hand, dankte für sein Versprechen und fügte hinzu:
»Befreien Sie uns von den schrecklichen Gästen, und Sie sollen so gut belohnt werden, wie es nur in unsern Kräften steht.«
Trott erwiderte durch mancherlei moralische Bemerkungen über Pflichten von Polizeibeamten, über unbestechliche Redlichkeit und gewissenhafte, eifrige Erfüllung von Obliegenheiten; auch erklärte er, er begehre ja weiter nichts, als daß Herr Grimaldi, seiner Bürgerpflicht nachkäme und die Anklage einleite.was in England geschehen muß, wenn ein Strafverfahren gegen Privatpersonen eingeleitet werden soll, bei der damals über alles Maß blutigen strenge der englischen Gesetze indes häufig unterblieb, besonders auch, weil viele, die geschädigt worden, nicht schuld daran sein mochten, daß einer ihrer Menschen schließlich wegen eines geringfügigen Vergehens hingerichtet wurde. Grimaldi der keine genaue Vorstellung davon hatte, was solche Anzeige für Kosten im Gefolge hatte, versprach das, wofür ihm Trott in dem Bewußtsein, seine Schuldigkeit getan zu haben, reichlichen Lohn verhieß, ohne es aber für nötig zu erachten, an den Umstand zu erinnern, daß auf die Ergreifung der Pentonviller Diebsbande eine Prämie, fällig bei ihrer Überführung, ausgesetzt worden sei.
Trott begab sich mit Grimaldi in dessen Wohnung, nahm dieselbe mit geübtem Blick in Augenschein und erklärte, daß seine Maßnahmen, sofern seine Anordnungen genau befolgt würden, gelingen müßten.
Mit großer Verve erklärte er den um ihn versammelten Hausbewohnern: »Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird aus der Hinterküche, Hinterstube und Kammer entfernt werden müssen. Mir wird für die Dauer einer Nacht das ganze Haus überantwortet werden müssen, oder zum wenigsten auf die Zeit, bis es mir gelungen ist, die Musjes zu fassen.«
All seine Anordnungen wurden streng ausgeführt, die Schlüssel wurden ihm ausgeliefert, und zwar, als er in der fünften Nachmittagsstunde wiederkam. Wie gewöhnlich begaben sich die Herrschaften nach Sadlers Wells und ließen Mr. Trott allein im Hause zurück. Auch die Magd war auf die Nachbarschaft geschickt worden, wie Mr. Trott ausdrücklich verlangt hatte, sei es aus Zartgefühl – denn er war verheiratet – oder weil er Bange hatte, sie möchte bei seinen Maßnahmen hinderlich sein.
Tagsüber hielt er sich von den Fenstern fern und ließ nach Einbruch der Dunkelheit so leise wie möglich zwei Kollegen zur Gartentür herein. Einer von ihnen verschloß und verriegelte die Vorderküche. Der andere schloß und riegelte sich in das Wohnzimmer im ersten Stock ein. Trott selbst schlug sein Hauptquartier in der Wohnstube unten im Erdgeschoß auf, nachdem er die Hintertür regelrecht verbarrikadiert, die Vordertür aber nur verschlossen hatte.
Lange Zeit blieb alles ruhig, und da sie kein Licht hatten, mochte ihnen die Zeit wohl recht langsam hinschleichen. Endlich wurde leise an die nach der Straße hinführende Tür gepocht. Da sich niemand im Hause rührte, wurde das Klopfen verstärkt, und nicht lange, so wurde die Tür mit Dietrichen erbrochen. Dann schallten Männertritte von dem Hausflur herauf, die Tür wurde verriegelt, Diebslaternen wurden ans Licht gezogen, dann schlichen zwei Männer die Treppe hinauf.
Als sie die Stubentür im obern Stock verriegelt fanden, schlichen sie wieder hinunter und suchten Eingang in die Stube zu gewinnen, in der sich, Trott versteckt hielt, der an der Tür horchte und die Menschen von Herzen auslachte, doch nur innerlich.
Nun schlichen sie wieder hinunter ins Erdgeschoß, wo sie zu ihrer nicht geringen Überraschung die eine Küche verschlossen, die andere offen fanden. Sie guckten nun in die offene hinein und kehrten dann auf den Hausflur zurück.
»Heut abend ist uns niemand im Wege,« sagte der eine im Hinaufgehen, »verlieren wir also keine Zeit! Doch sieh mal her!«
»Was gibt's?« sagte der andere.
»Sieh doch mal die Tür da! Sind da Riegel und Bäume und Patentschlösser! Die sind doch erst angebracht, seit wir voriges mal hier waren. Wir hätten uns wohl müde gearbeitet und doch nichts ausgerichtet.«
»Ich denke, wir öffnen sie. Wir können dann, falls wir von vorn angegriffen werden sollten, auskneifen wie voriges mal.«
»Leichter gesagt als getan! Was wird das für Zeit kosten, und welchen Teufelslärm wird das setzen! Wir müssen uns tummeln. Heute gibt's keine Nachtprobe.«
Beide lachten und beschlossen, erst das Zimmer aufzubrechen, wo Mr. Trott steckte. Mittels Dietrichs wurde das Schloß gesprengt. Dann drängten sie gegen die Tür. Aber die Riegel widerstanden.
»Dumme Geschichte!« brummte der eine, gegen die Tür gestemmt, »sie geht nicht auf!«
»Fangen wir bei der offenen Hinterküche an!« sagte der andere, »wir haben ja schon was drin gefunden.«
»Wüßtest wohl gern, Tom, wer Dir den Säbelhieb versetzte?«
»Das kannst Du wohl denken! Und wüßte ich es, möcht's wohl nicht lange dauern, dann säße ihm mein Messer im Leibe!« »Komm, komm!« riefen sie beide.
Sie schlichen hinunter. Trott ihnen hinterher bis auf den Hausflur, verschloß die Haustür, steckte den Schlüssel in die Tasche und postierte sich darauf oben an die Küchentreppe. Mit Behagen lauschte er hier den Ausrufen der Verwunderung, mit denen die Diebe nicht geizten, als sie einen Schrank nach dem andern öffneten und einen Kasten nach dem andern aufzogen, ohne das geringste zu finden.
»Es ist ja alles ausgeräumt,« sagte der eine – »was hat das wohl zu bedeuten?«
Trott schoß ein Pistol ab, das aber nur mit Pulver geladen war. Dann retirierte er schleunig in seine Stube. Auf dies Signal hin riegelten die andern beiden Polizeidiener ohne Säumen die Türen der Stuben auf, in denen sie sich versteckt hatten. Die Diebe eilten hinauf, wollten zur Haustür entweichen, wurden jedoch ohne sonderliche Mühe festgenommen und im Triumphe hinweg geführt.
Bald nachher kehrten die Bewohner wieder zurück und nahmen von dem zurückgebliebenen Polizeidiener das Haus wieder in Besitz. Am andern Morgen ging Grimaldi wieder nach Hatton-Garden, wo er die Diebe zum erstenmal zu Gesicht bekam. Er, wie auch die Polizisten legten Zeugnis wider sie ab. Die Identität ihrer Personen war bewiesen, und der Friedensrichter ordnete ihre Verhaftung an bis zum nächsten Schwurgerichtstage, an welchem ihnen das Urteil gesprochen werden sollte. Grimaldi mußte für die Erhebung der Anklage Bürgschaft leisten. Sie wurden für schuldig befunden und zu lebenslänglicher Deportation verurteilt.
Diese Anekdote wirft ein seltsames Licht auf Londons gesellschaftlichen Zustand am Schlusse des verwichenen Jahrhunderts. Der kühne Straßenräuber war wohl verschwunden, nichtsdestoweniger trieben nicht bloß in der nächsten Umgegend, sondern in der Stadt selbst Räuberbanden ihr Wesen, die kaum weniger gefährlich waren und mit einer Dreistigkeit zu Werke gingen, von der wir uns heute kaum noch eine Vorstellung machen können.
Ein Vorfall, wie der eben geschilderte, möchte heute den Zeitungen Stoff zu Auseinandersetzungen und Beschwerden auf ganze vier Wochen geben und ganz London mit Umgebung, das ganze Land auf dreißig Meilen in der Runde in Staunen und Entrüstung setzen, sollte es ein und dieselbe Bande wagen, in ein und demselben Hause dreimal hintereinander Einbruch zu wagen!
Beim Verhör der beiden Einbrecher stellte sich heraus, daß sie die einzigen noch übrigen Mitglieder ihrer Bande waren, was allen, die bisher in Angst und Schrecken gelebt hatten, zur großen Beruhigung gereichte; brauchten sie nun doch nicht mehr zu fürchten, daß noch andere das Schicksal ihrer Spießgesellen zu rächen versuchen möchten.
Unter ganz anderen Umständen erschien Grimaldi zum zweitenmal vor einem Polizeigerichte. Davon indessen später.
Mittlerweile war ihm aber das Haus in Pentonplace äußerst verleidet und seiner Mutter zu einem Gegenstande des Schreckens geworden. Zudem neigte er der Meinung zu, daß er wohl gut tun möchte, an seine Verheiratung zu denken. Da er die Mutter auf seiner Seite hatte, glaubte er, daß ihm die Einwilligung des Vaters wohl auch nicht fehlen möchte. So kam er auf den Gedanken, sich eine größere Wohnung zu mieten und nach Maßgabe seiner augenblicklichen Verhältnisse und Mittel zu möblieren. Wenn er Mr. Hughes in eine freundliche und nette, wenn auch nicht eben elegante Wohnung führen und ihm zeigen könne, daß er seiner jungen Gattin ein behagliches Heim, das den Verhältnissen ihrer Eltern nicht allzu viel nachstände, zu bieten vermöchte, meinte er, schon viel gewonnen zu haben.
Er kündigte also seinem Wirte auf den nächstfolgenden März die Wohnung und machte sich in Fräulein Hughes' Gesellschaft auf die Suche nach einem Heim, wie es ihren beiderseitigen Wünschen entsprechen möchte. Daß »sie« dabei das große Wort führen durfte – und auch führte – möge nur nebenher bemerkt sein.
Damals war die Penton-Straße die Saint-James-Straße von Pentonville, der Regent's-Park der City-Road, und er pries sich als der glücklichste Erdensohn, dort das Haus Nr. 37 zu finden, das er vollständig so einrichtete, wie Miß Hughes es anzuordnen geruhte.
Da Sadlers-Wells-Theater zurzeit geschlossen war, blieb ihm reichlich Zeit, sich dem Vorgenusse des ersehnten Glückes hinzugeben. Ja, er durfte rechnen, daß ihm bis zum Weihnachtsfeste Zeit dazu bleiben werde, denn die Saison ging mit dem Oktober zu Ende, und im Drury-Lane-Theater gab's für ihn erst wieder um Weihnachten herum Arbeit, und auch dann noch nicht viel, sofern nicht eine Pantomime zur Aufführung gebracht wurde.
Die Besitzer des Drury-Lane-Theaters gaben aber, wie in früheren, so auch in diesem Jahre statt einer Pantomime ein brillantes Schau- und Spektakelstück – was nach Grimaldis Meinung nun freilich keine Wandlung zum Bessern war, wenn er auch nicht gerade eine solche zum Schlechtern darin erblicken mochte. Das Publikum war seit Jahren zum Weihnachtsfeste an Pantomimen gewöhnt und rechnete auf eine solche. Stücke, wie Blaubart, Lodoiska und dergleichen machten ja Kasse, aber ob die Pantomimen im Covent-Garden nicht doch noch bessere Kasse machten, darüber hätte Grimaldi doch noch streiten mögen. Darnach zu schließen, daß auch Drury-Lane schließlich sich der Pantomime wieder zuwandte, war Grimaldi mit seiner Auffassung freilich im Rechte.
In all diesen Stücken, wie Blaubart, Lodoiska usw., trat Grimaldi auf, doch immer nur in Rollen, die ihn wenig beschäftigten. Ihm konnte das nur recht sein, da ihm die Gesellschaft seiner jungen Miß weit lieber war als aller Theaterkram.
Gegen Ende Februar war die neue Wohnung eingerichtet, und da von der Aufführung einer Pantomime nichts verlautete, schien die Zeit für die Hochzeitsfeier außerordentlich günstig.
Grimaldi teilte der Dame seines Herzens seine Gedanken mit, und sie erklärte, den Hochzeitstag festsetzen zu wollen, sobald er mit ihrem Papa im reinen sei.
Davor graute es aber Grimaldi, und zwar einesteils, weil es ihm an sich zuwider war, dergleichen Auseinandersetzungen zu führen, andernteils weil ihm schwante, daß auf diese Weise das ersehnte Glück durch Hinausschiebung des Termins nur verkürzt werden möchte. Er erklärte also, daß er Mr. Hughes um seine Einwilligung nicht angehen könnte, da derselbe ja nicht in London sei.
»Es geht Dir eben alles nach Willen,« bemerkte darauf die junge Dame, »denn ich weiß ja doch, Du fändest im ganzen Leben nicht die Kurage, über die Angelegenheit mit ihm zu reden. Also schreibe ihm, was ich an sich auch für weit besser halte. Unfehlbar wird er Dir mit wendender Post Antwort geben.«
Mr. Hughes war in Exeter. Grimaldi setzte nun eine entsprechende Epistel auf, der momentanen Sachlage streng angemessen, Miß Hughes las sie durch, hieß sie gut, natürlich unter Vorbehalt einiger Änderungen im Stil und im Gedankengange. Dann wurde sie ins reine geschrieben, mit Briefumschlag versehen und der Post übergeben. Am andern Tage fand sich die Notwendigkeit, daß Mariechen auf ein Weilchen der Stadt Valet sagen mußte, da sie ein paar guten Freunden draußen in Gravesend ihren Besuch versprochen hatte. Trotzdem es Grimaldi gar nicht recht war, gerade jetzt ihre Gegenwart und ihren Trost zu missen, blieb ihm doch weiter nichts übrig, als sich in diese Trübsal zu finden. Fünf volle Tage vergingen, ohne daß von Mr. Hughes eine Antwort kam, Grimaldi war der Verzweiflung um so näher, als er nichts vorhatte, sich also trübseligen Gedanken recht ungehindert überlassen, von seinen schlimmen Ahnungen so recht beherrschen lassen konnte.
Um so größer war begreiflicherweise seine Freude, einen Brief von Mariechen zu erhalten, der ihm eine Aufforderung zur Teilnahme einer Fahrt auf der Themse nach Gravesend brachte.
Dazu ließ er sich nicht nötigen, ließ auch nicht auf sich warten, sondern war pünktlich zur festgesetzten Zeit am Trefforte. Das konnte er sich nicht hoch genug anrechnen, denn zur damaligen Zeit gab es bloß Segelboote, man war also abhängig von Ebbe und Flut und von Wind und Wetter, so daß man zufrieden sein mußte, wann und wie man sein Ziel erreichte, wenn man es überhaupt nur erreichte.
Mariechen erwartete ihn am Landungskai. Mit ihr zusammen fuhr er nach Chatham. Sie hatte, wie sie ihm erzählte, ihren Bruder in das Geheimnis eingeweiht, und bei ihm sollten sie den Tag verleben.
»Sepperl,« sagte sie, nachdem er seinem freuderfüllten Herzen Luft gemacht, »nun sage mir aber auch, wie sich alles bis jetzt gemacht hat. Was hat der Vater geschrieben?«
»Bis jetzt noch gar nichts.«
»Das ist wunderlich. Er ist doch sonst so pünktlich.« »Ich habe aber noch keine Zeile von ihm gesehen.«
»So mußt Du eben noch einmal schreiben, Sepp, und ohne allen Aufschub. Heute wird's ja kaum gehen, aber morgen tue es auf jeden Fall! Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb er sich in Schweigen hüllt.«
»Ich auch nicht.«
»Er muß sehr viel zu tun haben, daß er Deinen Brief so ganz hat vergessen können.«
Wie so oft, war auch hier der Wunsch des Gedankens Vater, und so befaßten sie sich nicht weiter mit dem Papa und dessen Saumseligkeit, sondern verlebten einen recht frohen Tag in Gemeinschaft mit Mariechens Bruder. Abends fuhren sie nach Gravesend zurück, und kurz nach elf saß Grimaldi wieder an Bord seines Segelboots. Mariechen hatte ihm versprochen, am Sonnabend nachzukommen.
In der Kajüte traf Grimaldi Mr. Cleave, den Kassierer vom Sadlers Wells-Theater. An Intrigen und Eifersüchteleien fehlt beim Theater so wenig, wie bei Hofe, in Pensionaten und Ballsälen. Kein Wunder also, daß auch Mr. Cleave seine »Tort« wider Grimaldi hatte, nicht aber, weil er ihm selbst im Wege gestanden hätte, sondern weil durch ihn ein gewisser Hartland, den er für höchst talentvoll und auch für einen netten Kerl hielt, ins Hintertreffen geraten war. Besagter Hartland war nämlich gleichfalls in Sadlers-Wells für Pantomimen und Melodramen engagiert. Um dieses guten Freundes willen war ihm also Grimaldi ein gewisser Dorn im Auge, und lieber wäre er ihm aus dem Wege gegangen, als hier mit ihm zusammenzutreffen. Wäre nun gar Miß Hughes mit dabei gewesen, so hätte man sich mancherlei Unheils mit apodiktischer Gewißheit versehen dürfen. »Um alles in der Welt, Grimaldi, was haben Sie hier zu schaffen?«
»Ich bin auf der Fahrt nach London, wohin wohl die meisten Kollegen unterwegs sein dürften.«
»Das meine ich. Was Sie nach Gravesend hinaus geführt, wollte ich wissen.«
»In Gravesend habe ich gar nichts zu tun gehabt, bin vielmehr gleich nach Chatham weiter gefahren.«
»Hm!«
»Es ist aber ganz, wie ich Ihnen sage.«
Der Kassierer schnitt ein wunderliches Gesicht. Man hätte fast meinen können, er habe den ganzen Tag weiter nichts vorgehabt, als Grimaldi nachzuspüren. Eine Weile lang verhielt er sich still; dann sagte er:
»Ich habe bloß gefragt, weil ich dachte, Sie hätten vielleicht in Gravesend – mit einer jungen Dame zu Mittag speisen sollen?«
Hieraus folgerte Grimaldi, daß Mr. Cleave in Erfahrung gebracht haben müsse, daß Miß Hughes in Gravesend sei, und in der freundlichen Absicht, ihn auszuspionieren, die Spritzfahrt dorthin gemacht habe. Er lachte sich nun ins Fäustchen, daß der Kassierer ihn mit Mariechen nicht zusammen gesehen, überließ ihn schadenfroh seinen Gedanken und verfügte sich auf Deck, weil ihm die kalte Nachtluft lieber war als das fischblütige Temperament des Kassierers.
Auf der Bank oben auf Deck saß ein Mann mit seiner Frau, einer Schwester von ihr und einer Freundin der Schwester, einem recht niedlichen Mädchen. Platz war gerade noch für eine Person, und zwar neben letzterem, und Grimaldi ließ sich nicht weiter nötigen, den Platz in Beschlag zu nehmen.
Das hübsche Ding war in einen weiten Seemannskittel gehüllt, und der Mann der Frau, wohl ein rechter Schalk, rief dem Mädchen zu, ob sie denn nicht sähe, wie sehr es ihrem Nachbar friere; sie möchte doch barmherzig sein und ihm einen Zipfel von dem weiten Kittel abtreten. Natürlich gab's erst wiederholte Wangenröte und wiederholtes Gekicher, schließlich kam aber ein freundliches Übereinkommen zu stände, dahingehend, daß die niedliche Freundin den linken Arm durch das linke, Grimaldi den rechten Arm durch das rechte Armloch des Kittels steckte, natürlich unter großem Halloh der übrigen, denn das Paar erinnerte in diesem Doppelkostüm an die Ungetüme von Marktweiberröcken bei Regenwetter.
So saßen sie während der ganzen Heimfahrt, und Grimaldi hat immer, wenn er darauf zu sprechen kam, gesagt, über solche Art zu reisen gehe nichts, und das mag auch der Fall sein.
»Lachen Sie nur,« hatte er auch unterwegs gesagt, »wir lachten schließlich auch in einem fort, wenn wir was hätten, das uns innen so nett wärmt, wie der Seemannskittel außen.«
»Und was wäre Ihnen da wohl am liebsten?«
»Hm, ein guter Stonsdorfer oder Steinhäger.«
»Ei, wären Sie Bosco statt Clown,« erwiderte der Nachbar, der sich als ein gar jovialer Herr entpuppte, »so hätten Sie ihn nicht schneller herbeieskamotieren können, als Sie ihn hier sehen!«, und dabei langte er eine große, schwere Steingutflasche unter der Bank vor und hob sie mit beiden Händen hoch...
Das war das letzte noch, was zu dem allgemeinen Gaudium fehlte.
Es war eine kühle Nacht, aber der Mond schien hell, und mit solcher Stärkung verging die Nacht ebenso schnell wie angenehm. Bevor sie am Landungskai anlegten, war es Tag geworden, war die Flasche leer geworden, war der Nachbar sanft entschlummert, aber Grimaldis rechter Arm steckte noch immer im rechten, und der jungen Dame linker noch immer im linken Armloche des Seemannskittels, und des Nachbars Frau und Töchterlein hätten fideler sein können.
Am Landungskai trennten sie sich. Mann und Frau nebst Schwester und Freundin kutschierten nach Hause, während Grimaldi sich nach der Gracechurch-Straße begab, wo er sich zum Postamt verfügte, um einige Geschäfte zu erledigen.
Das Postamt war aber noch nicht offen. Müde war er noch nicht, zu Hause so früh zu stören, paßte ihm nicht, und so kam er auf den Gedanken, ein paar Stunden in der inneren Stadt, die ihm noch nicht so recht bekannt war, umherzubummeln und erst dann seine Penaten aufzusuchen.
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