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Carl-Ludwig Reichert

Blues

Geschichte und Geschichten

FUEGO

– Über dieses Buch –

Traurig und heiter im Sound, mitreißend und verführerisch im Rhythmus, ironisch, unsentimental und alltagsnah im Text – das war der Blues, als er von den Afroamerikanern erfunden wurde. Er wurde zur Basis für Jazz, Rock'n'Roll und alles, was später kam. Eine unterhaltsame und informative Geschichte des Blues, die es so selbst in seinem Mutterland noch nicht gibt.

Der Legende nach schließt jeder wirkliche Blues-Musiker an einer ganz bestimmten Kreuzung im Mississippi-Delta einen Pakt mit dem Teufel. Sonst bleiben musikalische Kreativität und Erfolg im Geschäft und in der Liebe aus. Wer aber die Höllenhunde des Blues auf seinen Fersen hatte, wie der legendäre Robert Johnson, dem noch die Rolling Stones einen ihrer größten Hits, ›Love in Vain‹, verdanken, den konnte schließlich nur ein eifersüchtiger Ehemann mit vergiftetem Whisky stoppen. Von dieser »devil's music«, die brave Gospel-Mädchen nicht singen durften und von der gläubige Mütter ihre Söhne – vergeblich – fernzuhalten versuchten, ist hier die Rede.

Der Autor, ein profunder Kenner, versteht es, aus der Geschichte des Blues und seiner Interpreten von den Anfängen bis zu den jüngsten Revivalbewegungen mit all ihren Kreuz- und Querverbindungen heraus die subtile und sublime Qualität dieser Musik anschaulich zu machen und auch beim Lesen zum Klingen zu bringen.

Einleitung: Blues – die Mutter (fast) aller Pop-Musik

Der Blues ist das Einfache. Deshalb ist er so schwer. Man kann ihn auf nur einer Saite spielen, wie Lonnie Pitchford, auf der Gitarre wie Robert Johnson oder Jimi Hendrix, dem Piano wie Pinetop Perkins oder Memphis Slim, allein wie Blind Blake oder Corey Harris, mit anderen wie die Memphis Jug Band oder The North Mississippi Allstars, sogar als voll instrumentiertes Orchester wie bei W.C. Handy oder Andy Kirk & His Clouds Of Joy – er bleibt immer erkennbar, gebunden an das wenig variable Schema der zwölf Takte, der drei, höchstens vier grundsätzlichen Harmoniewechsel der Akkordstufen I, IV, V, (IV) und I1 – und der Blue Notes, jenen zwischen den Tonarten schwebenden unkorrekten, aber unendlich aufregenden Zwischentönen, die ihn charakterisieren. Es gibt freilich immer wieder Ausnahmebluesmusiker, die sich nicht einmal daran halten. Doch ob sie nun acht, elf oder sechzehn Takte spielen oder in nur einer Harmonie – am Feeling, am einfühlsamen Spiel und an den Blue Notes wird man den Bluescharakter immer erkennen.

Seinen ohnehin vorhandenen Hang zum Metaphysischen drückt am Besten die bekannte Legende von der geheimnisvollen Kreuzung aus, zu der sich der noch unvollendete Bluessänger begeben muss. Dort wartet er, mit der Gitarre in der Hand, bis aus dem Nichts eine dunkle Gestalt hinter ihm auftaucht. Er dreht sich nicht um, auch nicht, wenn die Gestalt ihm die Gitarre aus der Hand nimmt, sie stimmt, ein paar komplizierte Bluesriffs darauf spielt und sie ihm wieder zurückgibt. Damit ist der Teufelspakt geschlossen und von nun an kann der Sänger den Blues vollendet auf der Gitarre begleiten – wie Robert Johnson oder all die anderen, denen man nachsagte, einen solchen Pakt eingegangen zu sein.

Rein musikalisch gesehen ist der Blues zunächst geradezu simpel und schematisch. Das macht es so schwer, ihn einfallsreich und interessant zu spielen. Denn dazu ist dann schon wieder eine erhebliche Virtuosität innerhalb des Genres nötig, wie die Einspielungen der Meister zeigen: ausgefeilte Pickingtechnik, Experimente mit offenen Gitarrenstimmungen, Übernahme von Einflüssen anderer Musikstile wie Gospel, Ragtime oder Techniken wie das Sliden, der Walking-Bass oder das Boogie-Ostinato in unendlichen Variationen.

Allerdings: Der Blues ist viel mehr als einfach nur ein Musikgenre und entzieht sich somit erfolgreich der grauen Theorie. Man hat ihn. Man singt und spielt ihn oder man hört dem zu, der ihn singt und spielt. Manche leben ihn, freiwillig oder unfreiwillig. Er ist Singular und Plural in einem – The blues got me und I got these blues. Er ist die Basis aller angloamerikanischen populären Musik, die sich nicht direkt aus der europäischen Folklore ableiten lässt. Er hat Geschwister in Afrika, Brasilien und Hawaii und er hatte ein Baby, das nannte man Rock 'n' Roll. Keine illustre Verwandtschaft, aber ehrliche Leute.

Viele seiner Abkömmlinge gingen ins Showbusiness: Boogie, Rhythm & Blues, Dixieland, Skiffle, Bluesrock. Einige studierten und wurden Intellektuelle: Jazz, Free Jazz. Andere zogen in die Metropolen und modernisierten ihn: Soul, Hip-Hop, Rap. Inzwischen taucht er manchmal sogar als Sample bei Moby oder in Technostücken auf. Wenn B.B. King und Eric Clapton ihn zusammenspielen, kauft ein Millionenpublikum das Album. Egal, was Puristen, Leute mit Geschmack, Kenner oder Fans davon halten. Vielleicht einfach nur, damit man ihn nachhaltig wahrnimmt, auch im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Dessen definitiver Bluessänger stand freilich schon im späten Zwanzigsten fest: Captain Beefheart alias Don Van Vliet.

Als freilich damals in den Sechzigern ebenfalls Millionen eine Single der Rolling Stones mit dem Titel »Love in Vain« hören wollten, ahnte kaum jemand, dass es sich um einen Blues von Robert Johnson, dem großartigen Sänger und Gitarristen aus dem Mississippidelta handelte. Erst als Mitte der Neunziger Jahre ein weiteres, bis heute andauerndes Bluesrevival einsetzte, das sich insbesondere auf die archivalischen Schätze des Vorkriegsblues richtete, wurde zur allgemeinen Überraschung eine Gesamtaufnahme der Bluesklassiker von Robert Johnson über eine halbe Million mal verkauft. Pop als Blues? Blues als Pop? Einmal so, einmal anders?

Fragen, die nur mit einem deutlichen »Jein« beantwortet werden können. Denn wie das Wort »Pop« auch – das einerseits eine Abkürzung für Popular Culture ist und den gesamten Bereich populärer Vergnügungen umfasst, andererseits aber einfach Popular Music von der Heimatschnulze bis zur Noise-Avantgarde bedeutet – war der Begriff »Blues« von Anfang an mit einer Doppelbedeutung behaftet. Schuld daran war kein geringerer als sein angeblicher Vater W.C. Handy (1873 – 1958) selbst.

Dessen für Tanzkapellen komponierte Stücke, die er auf den Straßen von Memphis adaptiert, als Notenblätter veröffentlicht und als Blues betitelt hatte, lösten nämlich die erste Blueswelle in Amerika aus. Blues war hier analog zu Bezeichnungen wie Charleston oder Shimmy der Name für eine bestimmte Art von Tanzmusik, die mehr oder weniger nach dem Bluesschema funktionierte. Eher weniger, denn schon in seinen Riesenhit »St. Louis Blues« schrieb Handy abwechslungshalber eine Einleitung im Tangorhythmus hinein.

Von welchen Bluesarten soll also in der Folge die Rede sein? Vom Tanzblues, vom Bluestanz, vom Landeierblues oder von dem der Stadtstreuner, vom Blues im Bordell oder vom Revivalblues im Hörsaal oder Stadttheater? Lassen wir Experten sprechen, denn die blicken auch nicht ganz durch.

»Der Blues als eigenständige musikalische Form ist wahrscheinlich in den Jahren kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, doch der Stil und die ›Bluesstimmung‹ waren schon seit über hundertfünfzig Jahren Bestandteil der Musik der nordamerikanischen Neger. Ein Blues ist ein tiefempfundener Song von ganz persönlicher, gefühlsbestimmter Eigenart. Im Blues fanden die Gefühle der Negersänger in allen Teilen des amerikanischen Südens ihren Niederschlag, und als sich die regellose Vielfalt der Plantagenlieder langsam in lose Muster ordnete, wurde der Blues zu einem Teil des Negerlebens selbst.« So romantisierend und gefühlig konnte Samuel B. Charters noch in den 1950er Jahren schreiben, als er sein bis heute unverzichtbares Standardwerk Country Blues verfasste. Einen scharfen, witzigen Verstand, Showmanship und geschäftliches Kalkül wollte er seinen Protagonisten nicht so gern zuschreiben.

Auch Giles Oakley wandelte 1976 auf dem Pilgerpfad der großen Gefühle. Aber er sah schon mehr: »Für diejenigen, die versuchten, eine geordnete Frömmigkeit, eine anerkannte, allgemeingültige Handlungsnorm im Leben aufrechtzuerhalten, die wenigstens im Tod noch Freiheit bringen würde, war es die Musik des Teufels ... Aber für die, die ihn sangen und ihn auch heute noch singen, ist er eine Musik des Gefühls, der direkten Beobachtung und des Feststellens von dem, was ist, und nicht, was sein könnte, unverziert, unvollkommen und ohne Ansprüche.«

Davor schon hatte der Franzose Hugues Panassié charakteristische Züge von Bluestexten festgestellt: »Die Texte des Blues – die sich der Sänger oft selber ausdenkt – spiegeln die Lebenseinstellung der Schwarzen wider: Auf eine Melodie mit dramatischem Akzent werden häufig komische, humorvolle Texte gesungen; und mitunter begleiten dramatische Texte voll bitterer Wahrheit eine heitere Melodie.«

Der Blues, wie gesagt, ist schwer zu fassen. Nimmt man ihn zu eng, rutscht er zwischen den Fingern durch, definiert man ihn zu breit, landet man bei Sprüchen wie »Ois is Blues«, legt man ihn einseitig auf Gefühl, Protest oder Unterhaltung fest, macht er sich aus dem Staub. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Blues eine besondere Haltung der Musik, der Welt, Gott und Teufel, den Mitmenschen und sich selbst gegenüber. Er definierte sich dann bei jedem einzelnen seiner Interpreten auf ganz besondere, eigenartige, individuelle Art. Ich werde deswegen keine eigene, nur scheinbar objektive Definition des Blues versuchen, sondern verschiedene prägnante Aussagen von Bluesmusikern zitieren, die in ihrer Gesamtheit eine Ahnung von der existentiellen Dimension des Blues ermöglichen. Hier sind einige davon. Die Schockierendsten gleich zu Beginn.

Lead Belly in der Einleitung zu »Good Morning Blues«:

»Now, this is the blues. Never the white man had the blues, 'cause nothing to worry about. Now you lay down at night. You roll from one side of the bed to the other all night long. You can't sleep. What's the matter? The blues has got ya! You git up and sit on your side of your bed in the morning, may have a sister and a brother, a mother and father around, but you don't want no talk out of them. What's the matter? The blues got ya! When you go and put your feet under the table, look down at your plate, got everything you wanna eat. With your shaky head you get up and you say: Lord, I can't eat, I can't drink. What's the matter? The blues got ya! Wanna talk to ya. Hear, what you got to tell em:

Good morning blues, blues how do you do?

Good morning blues, blues how do you do?

I'm dyin allright, good morning, how are you?« 2

Schlechte Zeiten für weiße, angelsächsische Protestanten schon damals. Denn selbst den Blues zu haben, sprach ihnen einer wie Lead Belly, den sie aus dem Gefängnis gelassen hatten, um sein Repertoire von über fünfhundert Songs anzuzapfen und um sich in den Konzerten beim Anblick des ungeschlachten Mordbuben mit seiner Zwölfsaitigen gepflegt zu gruseln, glatt ab. Und jüngst setzte David Honeyboy Edwards in seiner Autobiographie The World Don't Owe Me Nothing noch eins drauf: »Because they're white, white musicians, when they play blues, they get the benefit of our music. They get more recognition for our music than we do. But then it makes blues more popular, too. I think a few different ways about it ... A lot of these white boys play the blues real good. Ain't but one thing about most of them though: most can't sing a thing.3« (HBE, S.196)

Alles klar? Von wegen. So schwarz, wie der Blues gern wäre, ist er nämlich vielleicht gar nicht. So, wie David Honeyboy Edwards selbst einen Schuss Indianerblut in seinen Adern hat, so multikulturell sind die Einflüsse, denen er entsprang: Afrikanisches sowieso, aber auch die Slide-Technik aus Hawaii, aus den Alpen und den Prärien die Jodler und wer etwa die Musik der brasilianischen Cangaceiros mit offenen Ohren hört, weiß auch nicht so recht, wer was von wem hat. Mit Sicherheit ist der Blues nicht von heute auf morgen als fertige Sing- und Spielweise entstanden, sondern über lange Zeiträume hin und unter spezifischen sozialen und kulturellen Bedingungen.

Houston A. Baker Jr. beschrieb das in seiner unter Musikern viel zu wenig bekannten Untersuchung Blues, Ideology, and Afro-American Literature – A Vernacular Theory: »Die Blues sind eine Synthese ... Sie vereinigen Worksongs, weltlichen Gruppengesang, Field Hollers, geistliche Harmonien, sprichwörtliche Weisheiten, volkstümliche Philosophie, politische Kommentare, schlüpfrigen Humor, elegische Klagen und noch viel mehr, sie stellen ein Gemisch dar, das in Amerika immer in Bewegung gewesen zu sein scheint – und das die besonderen Erfahrungen von Afrikanern in der Neuen Welt ständig ausgebildet, geformt, verformt und durch neue ersetzt hat.« (Baker, S. 5)

Der Blues ist der entscheidende Beitrag der schwarzen Bevölkerung zur amerikanischen (Musik-)Kultur. Er ist zudem, um mit Baker zu sprechen, die Matrix afroamerikanischen Lebens überhaupt. »Die Matrix ist ein Punkt ständigen Inputs und Outputs, ein Netz aus einander überlagernden und sich kreuzenden Impulsen, die sich immer auf produktive Weise voran bewegen. Afroamerikanische Blues stellen solch ein vibrierendes Netzwerk dar.« (Baker, S. 4)

Genau auf diese Weise überlagern und ergänzen sich die individuellen Definitionen der Bluesinterpreten. Sie alle befinden sich innerhalb der Bluesmatrix.

Booker (Bukka) T. White: »The foundation of the blues is working behind a mule way back in slavery time.«4 (Oakley, Devil's Music S. 7).

Champion Jack Dupree: »You got a good woman and lose her, that's the beginning of the blues...«5 (Zum Autor, auf die Frage, was denn der Blues für ihn sei.)

Lightnin' Hopkins: »See, that's the blues- take your worry and twist it into a little story. Don't mean the worry goes away. It's like Mama putting an ointment after the bee bites you – takes away the terrible sting.«6

Willie Dixon: »The delivering of messages in a song is the blues, but today, people don't look into the song to get information. they just sing the the song for the musical qualitiy or rhythm quality and they never get the actual reason of the song. People have lost the original blues and the blues itself by the other creations that surround it. That's the reason I always say about music, the blues are the roots and the other musics are the fruits. Without the roots, you have no fruits so it's better keeping the roots alive because it means better fruits from now on. That's why I say the blues will always be because the blues are the roots of American music.«7

Sam Chatmon: »You know the blues partly come out of New Orleans and jazz, too. And they brought the blues down from church songs. And I'll tell you why the blues come about. It's a expression that a person have – he want to tell you something, and he can't tell you in his words, he'll sing it to you ...«8 (Sallis, The Guitar Players 1982)

Wenn man den Blues unter Respektierung seiner vielfachen Wurzeln individualisiert, wird klar, dass eine Bluesfrau und ein Bluesmann nur sein konnte, wer ihn entweder selbst erfand oder ihn sich durch kongeniale Interpretation aneignete und weiterentwickelte. Ob das im textlichen oder instrumentalen Bereich war, spielte dann kaum eine Rolle. Dass freilich dem Sänger und Interpreten in Personalunion der meiste Respekt gebührt, steht für mich und damit in diesem Buch außer Zweifel. Es sind die archaisch-anarchischen, fast mythischen Gestalten der Sängerinnen und Sänger aus der immer besser erforschten Frühzeit des Blues, denen besondere Beachtung gebührt, allen voran der dämonische Robert Johnson, aber auch die derbe Ma Rainey, die kaiserliche Bessie Smith, der kompakte Charlie Patton, der elegante Lonnie Johnson, der schlüpfrige Tampa Red oder der fingerfertige Blind Blake, um nur einige zu nennen. Damit ist nichts gegen rein reproduzierende Musiker und Interpreten gesagt, sie werden aber in dieser Darstellung nur eine Nebenrolle spielen.

Die Hauptrolle spielt ohnehin der Blues selbst. Denn er war und ist spätestens seit der letzten Jahrhundertwende die Basis der gesamten modernen amerikanischen Unterhaltungsmusik, vom Jazz bis zum Rock 'n' Roll, vom Schlager bis zum Musical. Obwohl seine Ursprünge nach wie vor im Dunkeln liegen und die Forschung inzwischen afrikanische Einflüsse (etwa aus Mali) stärker einbezieht, wird der Blues erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts als eine Musikform greifbar, die die Gesamtheit der Erfahrungen und Gefühlsregungen schwarzer Menschen ausdrücken konnte. Zwei Hauptformen sind zu unterscheiden:

a) der städtische Blues, der in den dortigen Vergnügungsvierteln entstand und als Vaudeville-Blues meist von einer Jazzband mit einer Sängerin vorgetragen, bald auch von der Plattenindustrie auf sogenannten Race Records speziell für den schwarzen Markt produziert und verkauft oder von Einzelunterhaltern und kleinen Gruppen in Kneipen und Bordellen dargeboten wurde. Zentren waren u.a. Chicago, Kansas City, St. Louis, Dallas, Memphis und New Orleans.

b) der ländliche Blues, heute auch gern Downhome-Blues genannt, der von vagabundierenden Einzelsängern, Duos, String- oder Jugbands erfunden, professionell gegen Entgelt aufgeführt und auch schon sehr bald in kommerziellen Sessions von Talentsuchern der Plattenfirmen mitgeschnitten und auf den Markt gebracht wurde – ein Umstand, dem wir die günstige dokumentarische Lage für den älteren Blues verdanken. Er wurde aber wohl auch als privates Freizeitvergnügen praktiziert, zumindest bis zu dem Tag, an dem ein Folkloreforscher mit Aufnahmegerät vor der Tür stand ...

Entgegen der landläufigen Tanzmusik-Definition sind die Blues weder notwendigerweise langsam noch traurig. Sie umfassen das gesamte Spektrum menschlicher Lebensäußerungen, Freude, Trauer, Liebe, Hass, Witz, Ernst, Tragik, Komik, Lust und Leid. Eine Besonderheit der Texte ist in vielen Fällen ihre Doppeldeutigkeit, der sog. Double Talk, nicht nur im erotisch-sexuellen Bereich, sondern auch im politischen. Es war dies mit Sicherheit eine Selbstschutzstrategie, um nicht mit den jeweiligen Obrigkeiten in Konflikt zu geraten. Es muss in diesem Zusammenhang auch betont werden, dass der Blues weit unter- und außerhalb der bürgerlichen weißen und, soweit vorhanden, schwarzen Gesellschaftsschichten angesiedelt war, vor allem in der Zeit der Prohibition. Freilich erregte er gerade dadurch das Interesse junger, nicht konformer Weißer, die sich zunächst für die Musik begeisterten, bald aber auch den Lebensstil der schwarzen Protagonisten kopierten – bis heute.

Was die meisten Fans in ihrem Enthusiasmus freilich vergessen, ist, dass der Blues von individuellen Erfahrungen handelt, die einer Gemeinde von Eingeweihten mitgeteilt werden. Man kann die Musik zwar bis ins letzte Detail kopieren und spielen lernen, aber, wie der Deltabluesmusiker David Honeyboy Edwards oben lakonisch anmerkte, »sobald sie [die jungen weißen Bluesmusiker] den Mund aufmachen, ist der Ofen aus«. Edwards meinte junge Amerikaner, wohlgemerkt. Was er von dem urigen Mississippi-Denglisch-Geknödel hiesiger Muddy-Waters-Imitatoren halten würde, mag man sich lieber nicht vorstellen.

Die Bluesforschung in den USA ist in mehreren Wellen erfolgt. Pionieren wie John A. Lomax und seinem Sohn Alan, die im Kontext der Folksongs, der Cowboy-Folklore und der Gospelsongs den Blues entdeckt hatten und ihn vor allem in den Gefängnissen der Südstaaten sammelten, taten es in den Sechziger Jahren junge Enthusiasten nach, die sich auf die Spuren legendärer Sänger wie etwa Robert Johnson setzten, viele Überlebende ausfindig machten und neu aufnahmen. Seither werden verstärkt die regionalen Varianten des Blues untersucht, also etwa der Texas-Blues, der Piedmont-Blues, der Red-River-Blues u.v.a. In jüngster Zeit hat sich die feministische Forschung umfänglich mit den widerständigen Inhalten der Vaudeville-Blues von Sängerinnen wie Alberta Hunter, Bessie Smith, Ma Rainey oder Victoria Spivey beschäftigt und den Subtexten von Gewalt, lesbischer Sexualität und weiblichen Gegenstrategien zum Patriarchat der weißen wie der schwarzen Bosse nachgespürt.

Das Material dazu lieferten die wieder geöffneten Archive der privaten und öffentlichen Sammlungen, die dank der neuen Technologien der Digitalisierung und Entrauschung ein fast verschüttetes Erbe wieder gut hörbar machten. Der Erfolg der Robert-Johnson-Edition trug sicher ebenfalls dazu bei, dass seit 1995 die Bluessongs aus der Schellack-Epoche der Zwanziger bis Fünfziger Jahre wieder auf CD-Alben erhältlich sind. Die meisten sind zudem liebevoll und kompetent ediert.

Die Rezeption dieser Musik war zur Zeit ihres Entstehens in Deutschland kaum möglich. Die Race Records wurden nicht exportiert, alles Weitere verhinderte die Nazibarbarei. Deshalb ist bei uns die Vorstellung vom Blues immer noch stark geprägt von den Bluesinterpreten der Nachkriegszeit, insbesondere vom Chicago-Blues und von der amerikanischen Folksong-Bewegung um Pete Seeger, die eine puristische, dem Kunstlied zuneigende Interpretation traditioneller Songs für besonders authentisch hielt. Da Sänger wie Big Bill Broonzy, Josh White oder Dave van Ronk sich dieser Forderung des weißen Geschmacks in den Fünfziger Jahren anpassten, wurden sie zeitweise immens populär, verhinderten aber lange Zeit die Rezeption bodenständigerer Bluesmusiker von Slim Harpo bis Howlin' Wolf.

Auch der Rhythm & Blues wurde hierzulande fast ausgelassen, dem Dixieland-Revival der Dutch Swing College Band und Chris Barbers folgte gleich der Rock 'n' Roll eines Elvis Presley und des abtrünnigen Bluesmanns Chuck Berry, der es auf kleine weiße Mädels abgesehen hatte. Die Skiffle-Bewegung, eine Simplifizierung der Jugband-Musik, war ein spezifisch englisches Phänomen, für das im Wesentlichen der Name Lonnie Donegan stand und steht.

So stand einer akademisch-idealistisch-puristischen Jazzgemeinde europaweit ein kleines, ebenfalls zu jedweder Dogmatik neigendes Häuflein von Bluesenthusiasten gegenüber, das erhebliche Informationsdefizite aufwies. Manche davon wirken sich bis heute aus. Es ist daher die Absicht dieser Darstellung, einige Akzente anders zu setzen als bisher üblich.

Kapitel 1: Die Anfänge

Geschichtsschreibung ist immer eine Konstruktion, den Umständen der Zeit verhaftet, abhängig von der Interessenlage der Historiker und von ihrer gesellschaftspolitischen Haltung. Eine feministisch orientierte Forscherin wie Angela Davis fixierte sich jüngst auf städtische Sängerinnen wie Bessie Smith, Ma Rainey und Billie Holiday und stellte sie in ihrem Buch Blues Legacies and Black Feminism (1998) als Protagonistinnen im Kampf gegen das weiße wie das schwarze Patriarchat dar. Ein liberaler Patriarch wie John A. Lomax war in seinen Adventures of a Ballade Hunter (1947) an der authentischen Folklore der »Neger«, wie er seine Informanten noch unbefangen nannte, mehr interessiert als an deren Vorstrafen und sonstigen Lebensumständen, die scheinbar offen und unbeschwert ausgelebte Sexualität einmal ausgenommen. Man muss beide Positionen zusammen sehen, beide Bücher – und noch ein paar andere – gelesen haben, bei beiden Autoren vom ideologischen Gehalt weitgehend absehen, um vielleicht einen halbwegs realistischen Eindruck von der Lebenswirklichkeit der Bluessänger zu erhalten. Recherche vor Ort hilft heutzutage nicht mehr viel. Der Blues ist in den Südstaaten zu einem touristischen Spektakel geworden, der zwar die schwache Ökonomie der kleinen und mittleren Deltastädte leidlich am Laufen hält, dies aber um den Preis einer musealen Nostalgie und eines Purismus der reinen Blueslehre, der erst von einer gerade nachwachsenden, mit dem Blues erfreulich respektlos experimentierenden Jugend überwunden werden wird.

Die beliebte Quizfrage nach dem historisch ersten Bluessong ist sinnlos. Von ihm existiert nämlich garantiert kein Tondokument. Die Frage nach der ersten Bluesaufnahme lässt sich hingegen stellen und irgendwann wohl auch beantworten. Sie hat aber schon im viel späteren Fall Doo Wop wenig gebracht: Der voreiligen Behauptung von Greil Marcus, es habe sich um »It's Too Soon to Know«, eine Aufnahme der Orioles gehandelt, wurde inzwischen oft und kompetent widersprochen, es wurden andere Kandidaten zuhauf ins Spiel gebracht, der letzte, allgemein einsichtige Beweis für ein Primat fehlt immer noch. Ganz ähnlich ist die Lage beim Blues. Kein seriöser Forscher wird sich auch nur auf ein genaues Datum seiner Entstehung festlegen wollen.

Immer weniger freilich ist man geneigt, die Fieldholler und Worksongs, der schwarzen Plantagensklaven im späten Achtzehnten und frühen Neunzehnten Jahrhundert als direkte Vorläufer des »echten« Blues darzustellen; sie gelten inzwischen als eigenständige Genres, die sich davor oder parallel dazu entwickelt haben. Immer fragwürdiger wird zudem die Ableitung aus einer einzigen Ursache, auch nicht aus einer nicht mehr gottergebenen, heidnisch-afrikanischen Widerstandshaltung der Unterdrückten, derenthalben man inzwischen gerne wieder synkretistisch den afrikanischen Bösewicht Légba statt des pferdefüßigen west-östlichen Teufels an der mythischen Kreuzung auftauchen lässt. Letztlich auch nicht haltbar ist eine Konzeption des Blues als Antigospelmesse, quasi als heidnischer Gegenpol schwarzen Christenglaubens, obwohl es für diese Interpretation immerhin einige Zeugnisse aus der schwarzen Mittel- und Unterschicht gibt. Die freilich entlarven sich bei genauerem Hinsehen als stinknormale Vorurteile, wie sie eben auch brave schwarze Bürger gegenüber dem Sittenverfall der Zeit hatten. Hält man sich an die wenigen Fakten, liest sich eine kurzgefasste Geschichte der schwarzen amerikanischen Musik etwa so:

Anfang des siebzehnten Jahrhunderts wurden die ersten schwarzen Sklaven nach Virginia verschifft. Unter zunehmend unmenschlichen Bedingungen entwickelte sich eine rigide Sklavenhalterökonomie in den südöstlichen Staaten Nordamerikas. Musik und Tanz waren ein in den meisten Fällen geduldetes Ventil, das zudem die gewünschte Reproduktion von Nachwuchs förderte. Zwar war in den nördlichen Staaten die Sklaverei schon 1807 offiziell abgeschafft worden, doch die Südstaaten hielten an ihr fest. 1831 kam es zum ersten Sklavenaufstand unter Nat Turner. 1843 fand die erste öffentliche Minstrelshow in Virginia statt. Minstrelshows waren eine Art derb-komischer Revue mit stark formalisierten Rollen, in der die Schwarzen meist von angemalten weißen Schauspielern dargestellt wurden. Aus den Minstrelshows stammten auch viele der spöttischen und abschätzigen Bezeichnungen für Schwarze wie Jim Crow – geschrieben 1828 als Jump Jim Crow von einem Schauspieler namens Rice, der Name wurde später Synonym für Rassenhass und Segregation – oder Pickaninny, Niggah, Abraham Lincum, Coon usw. Neben den Virginia Minstrels oder den Ethiopian Serenaders waren es vor allem die Christy Minstrels, die sich auch in England anhaltender Beliebtheit erfreuten. 1852 leitete Harriet Beecher-Stowes sentimentaler Roman Uncle Tom's Cabin eine Bewusstseinsveränderung in bürgerlichen Kreisen zugunsten der Schwarzen ein. Es bedurfte aber des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865, bis von den siegreichen Nordstaatlern die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde. Gleich im Jahr darauf wurde der Ku-Klux-Klan, die Organisation der unverbesserlichen Rassisten, gegründet, allerdings auch der erste weltberühmte schwarze Chor, die Fisk Jubilee Singers, dessen akademisch korrekter Gospelgesang ein etwas sehr keimfreies Bild schwarzamerikanischer Religiosität unter Auslassung jeglicher Ekstase vermittelte.

Über eine Tatsache kann es keine Diskussion geben: die Spirituals sind älter als die Blues. Schon 1867 erschien eine erste Sammlung in Buchform, betitelt: Slave Songs of the United States. 1890 stieg Columbia Records ins Geschäft ein, später verantwortlich für viele maßgebende Bluesaufnahmen. Aus dieser Zeit datieren auch die ersten schriftlichen Aufzeichnungen bluesähnlicher Songtexte, allerdings ohne Hinweise auf die Gesangsphrasierung oder die begleitende Musik.

1892 verwüstete erstmals der gefürchtete Baumwollschädling Boll-Weevil die Felder von Mexiko bis zum Mississippidelta. 1898 kam Hawaii zu den Vereinigten Staaten. Es brach eine Welle der Musikbegeisterung für die hawaiianischen Stahlsaitenzauberer aus. Die Steel-Guitar, 1889 erfunden, wurde von Musikern wie Joseph Kekuku meisterhaft traktiert. Der Anekdote nach soll er die Slide-Technik schon 1884 als junger Mann auf der Kamehameha Boys School erfunden haben, als ihm der Kamm aus dem Hemd und auf die Gitarre fiel. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Slide-Technik auf diesem Weg in die Countrymusik und von da aus in den Blues gelangte. Ob es eine Sonderentwicklung im angeblich von äußeren Einflüssen abgeschnittenen Mississippidelta gegeben hat, wo man auf einsaitigen Instrumenten wie dem Diddley-Bow slidete, ist auch nach neuesten Untersuchungen, etwa von Gerhard Kubik, nicht sicher, wird aber Musikwissenschaftler und Ethnologen noch lange beschäftigen.

1899 kam mit dem Ragtime Scott Joplins die nächste Popwelle. Drei Jahre später entstanden Aufnahmen einer schwarzen Gesangsgruppe für die Firma Victor. Sie nannte sich The Dinwiddie Colored Quartet.

Schon lange vor der Jahrhundertwende, ab 1877, hatte in den Südstaaten, wo immerhin drei Viertel der schwarzen Bevölkerung lebte, der Prozess der Rediskriminierung begonnen und war durch die juristische Formel »separate but equal« (getrennt aber gleichgestellt) abgedeckt. Sie wurde unter dem Deckmantel des föderalen Systems – und ohne, dass der ohnehin desinteressiert gewordenen Norden eingegriffen hätte – so rabiat ausgelegt, dass sich in manchen Gegenden die Verhältnisse der Sklavenzeit in leicht modernisierter Form faktisch neu etablierten. Schwarze lebten meist als sogenannte Sharecroppers in halbfeudaler Abhängigkeit. Von dem Ertrag des gepachteten Landes durften sie gerade das Existenzminimum für sich behalten und waren ansonsten der paternalistischen Willkür der weißen Herren bis hin zu sexueller Gewalt und Lynchjustiz schutzlos ausgeliefert. Kein Wunder, dass sich unter diesen Verhältnissen der Blues machtvoll entwickelte.

Musikalische Talente sammelten sich nun in den ersten rein schwarzen Minstrel Shows wie den Georgia Minstrels, den Young Colored Minstrels oder den Mahara Minstrels, denen auch der junge Handy angehörte und deren Chef er später wurde.

1912 wurde zum Schlüsseljahr für den Blues. Innerhalb kurzer Zeit kamen drei gedruckte Bluestitel auf den Markt: »Memphis Blues« von W.C. Handy, »Nigger Blues« von Leroy White sowie »Dallas Blues« von Lloyd Garret & Hart A. Wand. Spitzfindige Tüftler wie zuletzt Francis Davis führen gelegentlich an, dass im Jahr davor schon der auch heute noch geläufige Hit »Oh You Beautiful Doll« erschienen war, dessen Anfang im zwölftaktigen Bluesschema steht. Wie dem auch sei, jedenfalls lösten der »Memphis Blues«, der eigentlich »Mr. Crump« hieß und anlässlich dessen Wahlkampfs um das Bürgermeisteramt in Memphis geschrieben worden war, sowie W.C. Handys »St. Louis Blues« von 1914 eine Tanzwutwelle sowohl in den Großstädten wie in den ländlichen Gebieten aus, die auch 1920 noch anhielt, als der »Crazy Blues« von Mamie Smith erschien. Es war dies übrigens das Jahr, in dem die Frauen das Wahlrecht erhielten. Die Musikindustrie reagierte auf den Erfolg von »Crazy Blues« mit der Einführung der sogenannten Race Records, Schallplatten, die speziell für die schwarze Bevölkerung produziert wurden. Die Erfindung des aufziehbaren Phonographen ermöglichte das Abspielen der Victrola-Platten auch in ländlichen Gebieten ohne Stromversorgung. Schwieriger waren die Tonaufnahmen selbst. Obwohl bald mehrere Verfahren zur Verfügung standen, setzte sich auch im heißen Süden das Mitschneiden auf Wachsplatten durch. Diese mussten dann in Kühlschränken gelagert werden. Viele Aufnahmen wurden durch die Hitze beschädigt. Man ging daher dazu über, alle wichtigen Stücke zweimal einspielen zu lassen. Ansonsten verfuhr die Musikindustrie wie auch heute noch: wahllos. Wer fünf eigene Blueskompositionen vorweisen oder zumindest behaupten konnte, wurde auf Verdacht aufgenommen. War es kein Hit, musste der Sänger wieder auf die Baumwollfelder zurück, denen er zu entkommen gehofft hatte.

Kein Wunder, dass Erfolgsmuster vielfach kopiert und gerade dadurch entwertet wurden. Papa Charlie Jackson hatte es 1924 noch gut. Sein »Lawdy Lawdy Blues« war einer der Ersten, die den Weg aufs Wachs fanden. Ebenfalls 1924 nahm Ed Andrews in Atlanta auf seiner zwölfsaitigen Gitarre seinen stilistisch einwandfreien »Barrelhouse Blues« auf. Zwei Jahre später folgte Blind Lemon Jeffersons »That Black Snake Moan«. Und danach war kein Halten mehr.

Bluesgeschichte, soweit wir sie kennen, ist vor allem die Geschichte der erhaltenen Aufnahmen. Sie sind die primären Quellen. Denn selbst hinter dem schlimmsten Rillenrauschen der einzigen noch vorhandenen Schellackplatte wird eine Person hörbar, die in ihrer Zeit gelebt und eben dieses Dokument produziert hat.

Die Frage der Authentizität ist damit freilich noch lange nicht beantwortet. Fast alle frühen Tondokumente waren bereits kommerziell orientierte, auf Verkauf an ein modebewusstes Publikum getrimmte Produkte. Und wie wir Woche für Woche aus den Hitparaden schmerzlich erfahren, ist es nicht immer die beste Musik, die es ganz nach oben schafft. Einen Überblick ergibt nur das Hören möglichst vieler Aufnahmen. Das ist aber erst seit ein paar Jahren wieder allgemein praktikabel geworden, seit im Zuge des CD-Booms viele Firmen ihre Archive durchforsteten und Labels wie Yazoo und Document Records sorgfältig zusammengestellte Sampler oder gar das Gesamtwerk vieler Interpreten durch digitale Bearbeitung in sehr akzeptabler Tonqualität neu hörbar machten.

Das nicht genug zu lobende Vorhaben von Document Records, einer Initiative des österreichischen Sammlers Johnny Parth, ist es gar, alle jemals erschienenen Bluesaufnahmen digital zu konservieren. Hunderte von Alben mit teilweise aberwitziger Musik liegen bereits vor und harren der Analyse durch die Fachleute, aber auch der Entdeckerfreude der Liebhaber, die über das Delta und Chicago hinaus zu hören in der Lage sind. Die Materiallage ist somit besser denn je, zumal endlich auch wieder Field-Recordings veröffentlicht werden, also Aufnahmen, die vor Ort in nichtkommerziellen Zusammenhängen entstanden.

Die Library of Congress etwa hatte seit den Dreißiger Jahren John A. Lomax beauftragt, mit Aufnahmegeräten in den Süden zu fahren und dort in Gefängnissen und in den kleinen Ortschaften Aufnahmen zu machen, sein Sohn Alan setzte dieses Praxis in den Fünfziger Jahren erfolgreich fort. Vater und Sohn Lomax entdeckten Bluesgrößen wie Lead Belly oder Fred McDowell und edierten reihenweise klassische Aufnahmen, die auch heute noch unverzichtbar sind. Serien wie Sounds of the South oder Southern Journey sollten mindestens ebenso freudig rezipiert werden wie die spektakuläre und gern überbewertete Anthology of American Folk Music von Harry Smith, die den Folkies der Sechziger Jahre einen eher beliebigen Hauch von Ahnung vermittelte, welche Schätze amerikanischer Musik es noch zu heben galt. Im Großen und Ganzen beruhigend ist die Beobachtung, dass sich die folkloristischen Bluesaufnahmen der Amateure und Nebenberufssänger stilistisch doch nicht allzu sehr von denen der – allerdings meist viel elaborierter und trickreicher spielenden – Professionellen unterscheiden. So ist es auch nicht nötig, heutzutage einen Scheinwiderspruch zwischen beiden Phänomenen zu installieren, wie es noch die Folkpuristen der Sechziger gerne taten. Mit dem Ergebnis übrigens, dass seinerzeit einige Sänger eine recht profitable Mimikry entwickelten. So trat das Schlitzohr Lightnin' Hopkins im Rollkragenpullover und mit Zupfgitarre in einen Hörsaal, um sich als Folknik mit Sonnenbrille abfilmen zu lassen. Zu sehen auf der DVD 502 von Yazoo.

Auch Big Bill Broonzy, der damals schon eine heftige Rhythm-&-Blues-Phase hinter sich hatte, stellte seine elektrische Gitarre hin, verbreitete die Behauptung, er sei der letzte echte Bluesmann, der die letzten vierzig Jahre auf den Baumwollfeldern verbracht habe, und wandelte sich stracks zum akustischen Edelzupfer. Sein Kollege Josh White hatte schon vorher mit Witz und Geschmack den Folkie gegeben und auch Brownie McGhee und Sonny Terry kamen aus ihren Theaterklamotten, die sie bei den umjubelten Tennessee-Williams-Aufführungen von Cat on a Hot Tin Roof am Broadway trugen, lebenslang nicht mehr heraus. Sogar der bekennende Elektriker John Lee Hooker lieferte ein paar Folkblues-Alben ab, nicht einmal seine schlechtesten. Auch Muddy Waters hatte noch 1960 ein Folksinger-Album aufgenommen, obwohl er längst ein ausgefuchster Elektrogitarrist war. Deswegen bleibt festzuhalten, dass auch im Blues eine gewisse Skepsis allem gegenüber geboten ist, was sich als »urig«, »ehrlich« und »bodenständig« verkauft.

Ein weiteres ideologisches Konstrukt dürfte übrigens auch die in den Sechziger Jahren so beliebte Bluessession gewesen sein. Bei weitem nicht jeder, der da im Studio oder auf offener Bühnen auf die anderen Anwesenden losgelassen wurde, mochte wirklich mit ihnen den Blues spielen. Wer Ohren hat, der hört das selbst noch in den Aufnahmen. Die Geschichte der medialen Inszenierung des Blues von den in deutschen Fernsehstudios nachgebauten Gefängnisplantagen bis zu Brother Where Art Thou ist ebenfalls noch nicht geschrieben.

Die Geschichte des Blues ist also auch die Geschichte seiner Ideologie und seiner Ökonomie, der Profite und der Schwindeleien, mit denen Blueserfinder skrupellos um ihre Urheberrechte betrogen wurden und derer, die die Unwissenheit der Musiker schamlos ausbeuteten. Eine derartige Wirtschafts- und Kriminalgeschichte des Blues steht ebenfalls noch aus, ebenso eine fundierte Rezeptions- und Sozialgeschichte. Ansätze dazu finden sich am ehesten in den Büchern von Robert Springer Authentic Blues (1985) und Fonctions sociales du blues (1999).

Seit der epochemachenden Studie Country Blues von Samuel B. Charters aus dem Jahr 1959 arbeiten sich die Autoren vor allem am Material und an den Biographien der Musiker ab, wobei sich das Interesse der Forschungen inzwischen auf immer kleinteiligere Räume und vom Delta weg auch in alle anderen Regionen verlagert hat, von Georgia bis Kalifornien, vom Piedmont bis nach Texas. Mit Akribie und manchmal detektivischen Mitteln jagten Bluesermittler wie der Journalist Gayle Dean Wardlow in den letzten Jahrzehnten den wenigen, versteckten Lebenszeichen obskurer Bluesleute nach oder fanden sensationelle Dokumente, wie die Sterbeurkunde von Robert Johnson. Sein Buch Chasin' that Devil Music berichtete 1998 von der Jagd nach Bluesphantomen wie den beiden Willie Browns und wie hinter dem Phantasienamen King Solomon Hill durch intensive Recherche und eine publizistische Kontroverse schließlich ein wirklicher Mensch greifbar wurde, nämlich der Sänger und Gitarrist Joe Holmes (ca. 1897 – ca. 1949). Die Bluesgeschichte seiner Interpreten und Aufnahmen ist ein Prozess, der noch lange nicht beendet ist und der Mitarbeit Vieler bedarf.

Bluesgeschichte ist aber zudem noch die Geschichte der Erzählungen seiner Protagonisten über sich selbst und ihre Kollegen. Der vergleichsweise sehr uneitlen und offenen Autobiographie des Komponisten W.C. Handy, Father of the Blues kommt dabei immer noch eine Schlüsselstellung zu. Zumal er – vom etwas angeberischen Titel einmal abgesehen – ehrlicherweise nicht die Urheberschaft am Blues selbst beanspruchte. Er beschrieb vielmehr in einer oft zitierten Passage seines Buches, wie er ihn zum ersten Mal hörte:

»Eines Nachts dann in Tutwiler, als ich am Bahnhof auf einen Zug wartete, der neun Stunden Verspätung hatte und eingenickt war, da packte mich das Leben auf einmal an der Schulter und rüttelte mich auf. Ein dürrer, schlaksiger Schwarzer hatte, während ich duselte, angefangen, neben mir Gitarre zu spielen. Sein Anzug bestand aus Fetzen; seine Zehen schauten aus den Schuhen heraus. Sein Gesicht spiegelte etwas von den traurigen Verhältnissen der Zeitläufte wider. Beim Spielen drückte er ein Messer an die Saiten der Gitarre, eine Spielweise, die von hawaiianischen Gitarristen populär gemacht worden war, die ein Stück Stahl benutzten. Der Effekt war unvergesslich. Auch sein Song berührte mich unmittelbar:

Goin' where the Southern cross the Dog,

Goin' where the Southern cross the Dog,

Goin' where the Southern cross the Dog. 9

Der Sänger wiederholte die Zeile dreimal, wobei er auf der Gitarre die abgedrehteste Begleitung spielte, die ich je gehört hatte.«

Seltsamerweise wird der Hinweis auf Hawaii nicht immer zitiert oder übersetzt, so etwa in der deutschen Ausgabe von Giles Oakleys Bluesbuch. Sollte da etwa die Fiktion der Puristen aufrechterhalten werden, ein einsames Genie am Mississippi habe in einer trunkenen Nacht eine Flasche Whisky zerschmissen und mit dem Flaschenhals herumgespielt? Wie immer erweist es sich als nützlich, die Quellen selbst aufzusuchen. Denn die Story, die meist hier abbricht, war mitnichten zu Ende:

»Die Melodie blieb mir unvergesslich. Als der Sänger eine Pause einlegte, lehnte ich mich vor und fragte ihn, was der Text bedeutete. Er rollte mit den Augen, zeigte Anzeichen eines milden Amüsements. Vielleicht hätte ich es wissen müssen, aber er erklärte es mir trotzdem. Bei Moorhead trafen die Züge nach dem Osten und dem Westen aufeinander und kreuzten viermal täglich die nach dem Norden und Süden. Dieser Typ ging dorthin, wo der Southern den Dog kreuzte und es war ihm egal, wer das wusste. Er sang einfach über Moorhead, während er wartete. Das war nicht ungewöhnlich. Schwarze in den Südstaaten sangen über alles. Züge, Dampfer, Dampfpfeifen, Dampfhämmer, Flittchen, üble Bosse, widerspenstige Mulis – alle werden in ihren Songs thematisiert. Sie begleiten sich auf allem, was einen musikalischen Sound oder einen Rhythmus hervorbringen kann, egal ob Mundharmonika oder Waschbrett. Auf diese Art und mit diesem Material erzeugten sie die Stimmung für das, was wir heute Blues nennen.«

Handy selbst hatte sich schon als Jugendlicher einschlägig betätigt, woran er sich nun erinnerte: »Meine eigene Sympathie für diese Dinge fing damals in Florence an, als wir uns nicht zu schade waren, unter dem Fenster unserer Angebeteten Serenaden zu singen. Wir sangen, bis wir einen Kuss im Finstern ergattert hatten oder ein Glas voll guten, selbst angebauten Weins. Im Delta aber sah ich die Songs auf einmal mit den Augen eines heranreifenden Komponisten.« Handy war aber nicht bloß ein Musiker, der komponieren wollte, er war auch ein Geschäftsmann. Zwar war er nicht clever genug, das Hitpotential seines »Memphis Blues« sofort zu erkennen, sondern er verscherbelte ihn für ein paar Dollar, doch später kaufte er das Copyright wieder zurück. Und was er trotz seiner Ambitionen als seriöser Komponist sofort bemerkte, war die Anziehungskraft, die die einfache ländliche Musik auf die dortige Bevölkerung ausübte. Auch hier gab es ein eindringliches Schlüsselerlebnis:

»Ich beeile mich, zu gestehen, dass ich mich den niederen Formen der Folkmusik nur zögerlich zuwandte. Ich ging mit einer gewissen Furcht und wackligen Knien an sie heran. Wie viele andere Musiker, die ihr zunächst die kalte Schulter zeigten, hob ich zunächst die Augenbrauen und bezweifelte, ob sie das Richtige sei. … Aber wir leben, um zu lernen. Meine eigene Erleuchtung geschah in Cleveland, Mississippi. Ich leitete das Orchester für eine Tanzveranstaltung, als jemand eine seltsame Aufforderung hochschickte. Ob wir so etwas wie ›unsere Volksmusik‹ spielen könnten, stand auf dem Zettel. Das verblüffte mich. Die Männer der Gruppe konnten nicht ›simulieren‹ und ›abliefern‹ wie Minstrels. Sie waren alle gestandene Notisten. Also spielten wir für unseren anonymen Fan eine alte Südstaatenmelodie, eine, die eher sophisticated als volksnah war. Ein paar Minuten später kam eine weitere Anfrage. Ob wir etwas dagegen hätten, wenn eine schwarze Gruppe hier aus dem Ort ein paar Tänze spielen würde? Etwas dagegen haben! Das war lustig. Welcher Bläser würde schon etwas gegen eine bezahlte Schnauf- und Rauchpause haben?

Wir verdrückten uns elegant, als die Neuen kamen. Sie wurden angeführt von einem langbeinigen Schokoladenbuben und ihre Band bestand aus drei verschrammten Gitarren, einer Mandoline und einem ramponierten Bass. Die Musik, die sie machten, entsprach ziemlich genau ihrem Aussehen. Sie spielten einen dieser ewigen Zieher, die keinen klaren Anfang und kein Ende zu haben scheinen. Das Gezupfe produzierte eine verstörende Monotonie, aber es ging weiter und immer weiter, eine Art von Musik, die lang mit Zuckerrohrplantagen und Feldarbeitercamps assoziiert wurde.

Bum-Bum-Bum – ihre Füße stampften auf dem Boden. Ihre Augen rollten. Ihre Schultern wackelten. Und die ganze Zeit ging dieser kleine penetrante Zieher weiter. Er war nicht echt nervig oder unangenehm. Vielleicht ist »bedrückend« das richtige Wort dafür, aber ich fing an mich zu fragen, ob außer Kleinstadtsaufköpfen und ihrem Anhang sonst noch jemand darauf stünde. Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten. Es regnete Silberdollars. Sie fielen auf den Boden zwischen die seltsam stampfenden Füße. Die Tänzer drehten durch. Dollars, Viertel-, Halbdollarmünzen – der Regen wurde heftiger und dauerte so lang, dass ich meinen Hals reckte, um besser zu sehen. Vor den Jungs dort lag mehr Geld, als meine neun Musiker für das ganze Engagement bekamen.

Da erkannte ich die Schönheit primitiver Musik. Sie hatten den Stoff, den die Leute wollten. Er traf den Kern. Ihre Musik bedurfte der Verfeinerung, aber sie enthielt das Wesentliche. Die Leute würden Geld dafür ausgeben. Die alte konventionelle Musik war in Ordnung und gut und hatte ihren Platz, aber es war keine Tugend, blind zu sein, wenn man gute Augen hatte. In dieser Nacht wurde ein Komponist geboren, ein amerikanischer Komponist.«

Soweit und so ehrlich, was seine Motive betraf, W. C. Handy. Und wenn auch seine Kompositionen streng genommen oft nur Bluesmelodien oder Bluesmotive verwendeten, halfen sie doch mit, das zwölftaktige Bluesschema und die Textformel AAB zu etablieren und zum musikalischen Gemeingut zu machen. Zudem dürfte er den Begriff Blues, der vor 1900 kaum allgemein gebräuchlich gewesen sein wird, fest in der amerikanischen Sprache verankert haben. Er war somit vielleicht, um ein angemessen schräges Bild zu verwenden, eher die Hebamme des Blues als der Vater, aber auch nicht weniger.

Möglicherweise gibt es auch eine Mutter des Blues. Obwohl sie diesen Titel nie für sich reklamierte, behauptete Gertrude Pritchett, besser bekannt als Ma Rainey (1886 – 1939), sie habe schon um 1902 in einem kleinen Ort im Staat Mississippi, wo sie mit einer Zeltshow auf Tournee war, eine junge Frau den Blues singen hören. Diese sei zum Zeltplatz gekommen und habe ein Lied gesungen, in dem sie den Verlust eines Liebhabers beklagte. Der Song war so seltsam und eindringlich, dass er viel Aufmerksamkeit erregte. Ma Rainey interessierte sich so sehr dafür, dass sie ihn der jungen Frau ablernte und verwendete den Song in ihrem eigenen Programm als Zugabe. Angeblich wurde sie oft gefragt, was das für ein Lied sei und will, einer Eingebung folgend, eines Tages gesagt haben: »Das ist ein Blues.«

Quelle dieser Anekdote ist John Works Buch American Negro Songs, das freilich erst 1940 erschienen ist.

Während es lange Zeit nicht zuletzt auf Grund der »Erleuchtung« W.C. Handys und des Urteils von Samuel Charters unter Folkloristen praktisch als ausgemacht galt, dass der Blues im Mississippidelta entstanden sei, also in jenem keineswegs an der Mündung gelegenen Gebiet, das westlich vom Mississippi und östlich vom Yazoo-River begrenzt ist, wird auch diese Hypothese inzwischen stark relativiert. Denn wer Handy genau liest, stößt auf die Bemerkung, dass seine Liebe zu dieser Art von Musik bereits ein gutes Jahrzehnt davor angefangen habe, und zwar in seiner Heimatstadt Florence in Alabama, und dass die Art von Musik, die ihm an diesem Abend so gut gefiel, im ganzen Süden gespielt worden sei. Aus Georgia sind ebenfalls sehr frühe Blues bekannt.

Ein weiterer Ort, der auf alle Fälle noch für die Anfänge relevant ist, ist New Orleans. Ohrenzeugen berichteten von Hausmädchen, die seltsame Gesänge sangen, welche sich später als Strophen aus »Alabamy Bound« herausstellten, ein Blues, den insbesondere Lead Belly bekanntmachte, der aber noch im Repertoire früher Beatgruppen der Sechziger Jahre auftauchte. Der genialische Jelly Roll Morton erzählte Alan Lomax seine ureigene Version von den Ursprüngen des Jazz, ein Set von vier CDs gibt leider nicht die gesamte Konversation wieder. Aus seiner Sicht war es eine Klavier spielende kreolische Prostituierte namens Mamie Desdoumes, der zwei Finger der rechten Hand fehlten und die dafür berüchtigt war, von morgens bis abends immer dasselbe Lied zu singen, die ihn »als Erste echt an den Blues verkaufte.«

Morton, selbst Kreole, zettelte allerdings in späteren Jahren einen Streit mit Handy an, wie J. Graves in seinem Buch Könige des Blues (1961) berichtete: »Morton hat gegen Ende seines Lebens, als er schon vollkommen verarmt war, Handy schwer angegriffen und ihm öffentlich vorgeworfen, dass er durch seine Bearbeitungen der alten Folkblues-Melodien ›die Seele des Blues‹ verkauft und geschändet habe. Bei diesem ungerechten Angriff mochte wohl Mortons Ärger darüber mitspielen, dass Handy eine glücklichere Hand als er gehabt hatte, wenn es galt, herrenloses Musikgut unter den Copyrightschutz zu bringen.«

Handy verteidigte sich mit der lakonischen Bemerkung: »Viele Artikel und Bücher sind in der Absicht geschrieben worden, den Entstehungsort des Blues von Memphis nach New Orleans zu verlagern. Leider haben es die New-Orleans-Musiker unterlassen, den Blues vor meiner Zeit aufzuschreiben.«

Wie dem auch sei, als erstes Zentrum des Bluesgeschehens ist und bleibt ohnehin das Mississippidelta bei den meisten Autoren unangefochten. Die schiere Zahl der frühen Bluesmusiker aus dieser Region scheint dafür zu sprechen. Allerdings hat Francis Davis in seinem Buch History of the Blues (1995) eine erfrischend unkonventionelle andere Sicht der Dinge angeboten:

»Und die überwältigende Anzahl von großartigen Bluesleuten aus Mississippi? Sind nicht die Aufnahmen von Charley Patton, Son House und Skip James aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren an sich schon Beweis genug für die Überlegenheit, wenn nicht das Primat? Bevor wir ja sagen, müssen wir uns überlegen, in welchem Maß unsere Wahrnehmung der Vergangenheit vom heutigen Geschmack beeinflusst worden ist.«

Davis meint die allgemeine Vorstellung, Blues sei eben nur das, was Musiker wie Robert Johnson, Muddy Waters, Son House, John Lee Hooker oder Howlin' Wolf spielen. Sie alle stammten aus dem Delta, auch wenn sie oft in Chicago arbeiteten. Doch was ist mit den Texanern, was mit den Bluesern aus Georgia mit ihren zwölfsaitigen Gitarren, was mit dem eleganten Ragtime-Blues des Piedmont? Stilrichtungen, die meist nur Fachleuten bekannt sind. Schuld daran sei, meint Davis, vor allem die Veröffentlichungspolitik der Musikindustrie.

»CD-Reissues haben eine unschätzbare Rolle im Bluesrevival der Neunziger Jahre gespielt. Bis dato freilich lag der Schwerpunkt auf dem Deltablues und seinem elektrifizierten Ableger in Chicago, praktisch unter Ausschluss von Georgia, Texas und Kalifornien. In den meisten Fällen sind kommerzielle Aufnahmen die einzigen empirischen Beweise, die wir dafür haben, wie der Blues zu irgendeiner Zeit in einer bestimmten Region geklungen haben mag. Aber vielfach täuschen uns die Aufnahmen. Plattenfirmen tricksen – sie stellen das moderne technische Gegenstück dar zu Légba und Èsù, den afrikanischen Göttern der Kreuzungen, die sich einen Scherz daraus machen, den Unvorsichtigen Streiche zu spielen.«

Das fing laut Davis schon mit Mamie Smiths »Crazy Blues« an, der 1920 erschien und häufig als erster Blues auf Platte apostrophiert wird. Davis widerspricht dem zumindest formal, indem er anmerkt: »Genauer betrachtet, ist ›Crazy Blues‹ eine Synthese aus Blues und schwarzem Vaudeville ... Die Trickserei bestand darin, den Plattenkäufern zuerst die Synthese anzubieten: Countryblues-Sänger wurden in größerer Anzahl erst sechs oder sieben Jahre später aufgenommen und Charley Patton – der als der prototypische Bluesmann gilt – musste bis 1929 warten.«

Patton hatte zudem, wie auch Ma Rainey und viele andere, das Pech, von Paramount aufgenommen zu werden, einer Firma, die für ihre miese Aufnahmetechnik berüchtigt war, was zur Folge hat, dass ihre Aufnahmen heutzutage echt antiquiert klingen, wohingegen »Robert Johnson und Bessie Smith, die elektrische Aufnahmen für die Firma, die später Columbia werden sollte, machten, immer noch so gut klingen, als befänden sie sich mit uns im gleichen Raum.«

Die Aufnahmepolitik der Firmen hatte noch eine weitere, wenig bekannte Folge: Der Blues wurde im Gegensatz etwa zu den kollektiven Gospelgesängen als One-Man- oder One-Woman-Angelegenheit definiert. Dabei gab es sowohl Gitarrenevangelisten wie Blind Joe Taggart, Washington Phillips oder Blind Willie Johnson als auch Bluescombos wie die allseits beliebten String- und Jugbands, in denen viele Musiker spielten, die auch als Einzelinterpreten bekannt waren. Erste Aufnahmen von Jugbands gab es auch schon ab 1924 mit Bands aus Louisville, Kentucky. Dort war diese Musik, die eine Zwischenstufe von Jazz zu Blues darstellte, als Unterhaltung bei Pferderennen erfunden worden.

An fast allen frühen Jugbands war übrigens der umtriebige Geiger Clifford Hayes beteiligt. Das angebliche Blueskernland Mississippi hinkte auch hier nach. Die berühmte Memphis Jug Band war mit Aufnahmen erst 1927 dran, 1928 folgten Gus Cannon's Jug Stompers und erst 1930 die Mississippi Sheiks.

Solchermaßen setzte sich das Image vom heulenden Einzelwolf mit Gitarrenbegleitung seit den Zwanziger Jahren fest. Höchstens dem blinden Bluesbarden wollte man noch einen koffertragenden Lehrling auf staubigen Straßen zugestehen, der eventuell ein zweites Instrument spielte. Doch es gibt glaubwürdige Aussagen, etwa von Son House, dass er, Charley Patton und Willie Brown häufig zusammen auftraten.

Auch geographische Gegebenheiten spielten damals eine Rolle. Die Bahnverbindungen zwischen Chicago, dem Delta und Memphis waren günstiger als nach dem konkurrierenden New York oder in das weit entfernte Texas. »Das änderte sich auch nicht nach dem Erfolg des texanischen Sängers und Gitarristen Blind Lemon Jefferson mit ›That Black Snake Moan‹ von 1926. ... Egal, wie sie sich selbst einschätzten, in den Augen der Plattenfirmen waren die Bluesmänner Folksänger und keine professionellen Unterhalter. Ganz ähnlich wie bei den Feldarbeitern, die ihre Platten kauften, nahm man von Bluessängern an, es gäbe von ihnen einen unerschöpflichen Vorrat, sie seien beliebig austauschbar und gewillt, billig zu arbeiten. Sie waren praktisch die Hilfsarbeiterreserve der Musikindustrie.«

Die meisten von ihnen hatten angeblich nur ein begrenztes Repertoire von kaum mehr als einem Dutzend Stücke. Frank Walker, der Mann, der Bessie Smith entdeckt hatte, war jedenfalls dieser Ansicht: »Wenn du also die drei oder vier besten Songs aus dem sogenannten ›Repertoire‹ aufgenommen hattest, warst du mit dem Mann künstlerisch fertig. Du warst durch ... auf Wiedersehen. Und sie fuhren wieder heim.«

Jeder, der selbst einmal als Straßenmusiker oder in einer Band gearbeitet hat, weiß, dass mit einem so begrenzten Angebot an Material kein Durchkommen ist. Auch hier liegt noch ein relativ dicker Hund begraben, nämlich das Konzept des Hundertfünfzigprozent-Bluessängers, der seiner Lebtage nichts anderes hat und singt als den guten alten Blues. In Wirklichkeit dürfte das eine sehr späte Entwicklung gewesen sein.

Die frühen Interpreten waren vielmehr Songster: Sie sangen, was ihnen gefiel und was die Leute wollten. Und möglicherweise wollten die Leute gar nicht immer Blues. Das Repertoire der weißen und schwarzen Stringbands, das sich übrigens ebenfalls häufig überschnitt und gegenseitig beeinflusste, unterstützt diese Vermutung. Es bestand aus weißen Folksongs, schwarzen Folksongs, Bluesnummern, Tagesschlagern, Instrumentals wie den beliebten Breakdowns, Bawdy-Songs und Hokum, also schlüpfriger weißer und gepfefferter schwarzer Erotik, usw. Gut möglich, dass ein versierter Songster nur ein Dutzend Bluestitel auf Lager hatte. Vielleicht wäre er aber auch in der Lage gewesen, auf Anfrage mehr zu spielen. Und in jedem Fall umfasste sein Gesamtrepertoire viel mehr Lieder.

Lead Belly, mit seinem Riesenrepertoire von angeblich fünfhundert Songs, darunter auch Cowboylieder wie »When it's Springtime in the Rockies« – nachzuhören etwa auf Cowboy Songs on Folkways (1991) – war ebenso entschieden ein Songster wie Mississippi John Hurt, Hambone Willie Newbern, Jim Jackson, Frank Stokes aus Memphis, die Texaner Henry Thomas und Mance Lipscomb, der reisende Ragtime-Wizard Blind Blake aus Georgia oder der früh aufgenommene Papa Charlie Jackson.

Trotz aller Rassengesetze und aller Segregation scheinen zumindest die Lieder zwischen den Musikern, die kaum je Rassisten gewesen sein dürften, gewandert und getauscht worden zu sein. Davis kommt zu dem Schluss: »Das unterstreicht die frühere Behauptung, das Repertoire des typischen schwarzen Country-Songsters der Zwanziger Jahre sei mehr oder weniger identisch gewesen mit dem der weißen ländlichen Musiker der Zeit.« Als weiteren Beweis führt Davis Leslie Riddle an, einen typischen schwarzen Songster aus North Carolina, der der berühmten Carter Family viele Songs lieferte, aber kaum einem Blues- oder Countryfan bekannt sein dürfte. In den Städten, in den Barrelhouses oder bei privaten Rent-Parties wird wohl auch gemischte Kost geboten worden sein – eine Vermutung, die aber noch der Bestätigung bedarf.

Festzuhalten bleibt, dass die Geschichte des Blues anhand seiner Aufnahmen allein auch nicht exakt beschreibbar sein wird. Es bedarf wohl noch vieler interdisziplinärer Forschungen, bis die Entwicklung des frühen ländlichen Blues in einer Gesamtschau darstellbar sein wird. Für den frühen städtischen Blues sieht es etwas besser aus. Denn hier gibt es zusätzliche Quellen, mehr Fotografien, sogar filmisches Material – man denke nur an St. Louis Blues mit Bessie Smith von 1929, jetzt wieder zu sehen auf Hollywood Rhythm Vol. I, oder The Jailhouse Blues aus demselben Jahr. Bluesgeschichte ist also zuletzt auch noch Mediengeschichte – der Bücher, die über den Blues geschrieben wurden, der Fotografien und Filme, die ihn dokumentieren und auch die seiner Rezeption durch Kritiker und Fans.

Kapitel 2: Frühe Dokumente

Es wird alle Leserinnen, Feministinnen oder nicht, erfreuen, dass der allgemein als erste Bluesaufnahme anerkannte »Crazy Blues« im Jahr 1920, als die Frauen in den USA das Stimmrecht erhielten, von einer Frau, Mamie Smith (1890 – 1946), gesungen wurde. Mamie Gardener Smith war bereits im Januar des Jahres für das Label RCA Victor im Studio gewesen, ihre Aufnahme der Ballade »That Thing Called Love« wurde aber nicht veröffentlicht. Ihr Agent Perry Bradford verschaffte ihr im Februar einen neuen Termin im Studio von Okeh Records, die General Phonograph gehörten. Die gleiche Ballade und »You Can't Keep a Good Man Down« wurden im Sommer ohne große Werbung, aber mit Unterstützung der schwarzen Presse herausgebracht. Die Platte wurde sofort ein Riesenhit unter der schwarzen Bevölkerung, die buchstäblich die Läden leerkaufte. Angeblich sollen hunderttausend Exemplare abgesetzt worden sein. Okeh war auf eine Goldmine gestoßen.

Am 10. August 1920 nahm Okeh Records dann »Crazy Blues« auf. Das Studio-Orchester unter der Leitung von Perry Bradford wurde in Mamie Smith's Jazz Hounds umbenannt und auf dem Notenheft abgebildet. Ganz zu Recht beanspruchte Perry Bradford in seinen wenig bekannten Memoiren Born With The Blues (1965) seinen Anteil am Blueskuchen und brachte wenig bekannte Details zur Aufnahmegeschichte von Mamie Smith.

»Mamie Smith nahm ihre erste Platte, ›That Thing Called Love‹ und ›You Can't Keep A Good Man Down‹ mit Fred Hagers Ofay-Orchester auf (Ofay bedeutete im Theaterslang eine weiße Musikgruppe). Die Aufnahme geschah im Februar 1920.«

Patentstreitigkeiten zwischen den frühen Plattenfirmen Vocalion und Okeh auf der einen und Victor und Columbia auf der anderen Seite verhinderten jedoch eine Veröffentlichung vor August. »Während des Veröffentlichungsmonats August hatte Okeh Records über zehntausend Stück verkauft – fast so schnell wie sie die Knopflochfabrik in Scranton, Pennsylvania nachpressen und in den Süden schicken konnte. Obwohl diese Platte mit dieser Ofay-Band aufgenommen wurde, machte sie den Weg frei für einen Deal, ›It's Right Here For You‹ und ›Crazy Blues‹ einzuspielen, und die Plattenfirmen, die man [zuvor] mit einem Boykott bedroht hatte, falls sie eine junge Schwarze aufnehmen würden, flippten aus.«

Nun erhielt Bradford den Auftrag, eine Band zusammenzustellen, der er den Namen Jazz Hounds gab, und die Gelegenheit, als erster schwarzer Bandleader mit einer schwarzen Sängerin einen Blues einzuspielen. Er wählte ein Stück, das er »Harlem Blues« genannt hatte, und übte es mit den Musikern und der Sängerin ein.

»Nach der Probe am Samstag wollte ich am ›Harlem Blues‹ noch einiges ändern … Das erzählte ich zumindest Mamie; aber ich hatte bloß Schiss, falls der Song ein großer Hit werden würde, denn ich hatte die gleichen Lyrics schon drei Mal vorher verwendet. Also übten Mamie und ich von Sonntag Nachmittag um vier bis Montag früh um halb drei, konnten aber nichts verändern, außer den Titel ... Ich arbeitete hart, spielte den Song ein übers andere Mal, aber nichts passierte, denn er war einfach in sich stimmig. Meine Vermieterin, Mrs. Hall, muss Mitleid mit mir gekriegt haben, denn sie ging los und kam mit einer Flasche King Kong zurück (einer Komposition aus Alkohol und Zucker mit einem Hauch von Whiskygeschmack). Sie musste nicht weit laufen, denn der Stoff wurde über Nacht gebraut; und eine Destillerie nebenan brachte ihn alle zwölf Stunden frisch unter die Leute, damit die Kundschaft am Morgen vor der Arbeit schon einen Augentrost hatten. Ich trank den ganzen guten Liter King Kong, konnte aber nicht schlafen … bis Montag früh. Als ich aufwachte, deutete Mrs. Hall lakonisch auf einen weiteren halben Liter King Kong, riet mir, ihn zu vernichten und meinte, das würde mir auf die Beine helfen. Mamie und ich nahmen die U-Bahn, stiegen Zweiundvierzigste Straße Ecke Times Square aus und gingen ums Eck in das Okeh Studio.«

Da es erst acht Uhr morgens war, die Session aber für halb zehn angesetzt waren, nahmen die beiden als Frühstück noch einen Riesen-Free-Lunch für insgesamt zehn Cents ein, bestehend aus Schinken und Kartoffeln, Kaffee und Semmeln nebst zwei Glas Bier.

»Als wir dann im Aufnahmeraum waren und vier oder fünf Mal mit dem ›Harlem Blues‹ durch waren, sagte ich Mr. Hibbard, dem Toningenieur, alles sei Paletti. War aber nicht. Bis wir wirklich so weit waren, hatten wir zwölf Testplatten kaputtgemacht. Denn die Okeh Studios benutzten Hill&Dale-Equipment, das bei weitem nicht so sensitiv war wie die modernen elektrischen Geräte (die heutzutage aus Flüsterern Sänger machen). Dazwischen hatten sich alle außer Mamie eine Gallone Brombeere und Gin, das bevorzugte Prohibitionsgesöff der Musiker in Harlem, einverleibt und fühlten sich gut und high.«

Leider hatte Mamie vergessen, den Musikern die Titeländerung bekanntzugeben. Deshalb hörten sie bei der Aufzeichnung mitten im Stück auf, da sie glaubten, Mamie habe das Stück vermasselt. Aber dann war es endlich so weit.

»Als wir die Einleitung spielten, genau so, wie eingeübt und Mamie anfing zu singen, hatte ich den Thrill meines Lebens. Johnnie Dunns Kornett klagte diese träumerischen Blues, Dope Andrews machte einige Downhome-Zieher auf seiner Posaune, Ernest Elliott jivte auf der Klarinette und Leroy Parker sägte mit seiner Fiedel in den Groove. Mann, es war schier zu viel für mich.«

Diesmal lief die Werbemaschine auf vollen Touren. »Crazy Blues« von Mamie Smith & Her Jazz Hounds war ein beispielloser Erfolg und löste eine jahrelange Erfolgswelle für Bluesinterpretinnen aus. Einen guten Überblick über die Epoche verschafft das Doppelalbum Women in Blues, das auch die Originalaufnahme von »Crazy Blues« bringt.

Angeblich war es der Manager der Firma, ein gewisser Ralph Peer, dem der schöne Begriff Race Market einfiel, aus dem später die Race Records wurden. Binnen eines Jahres boomte der Markt. Im Wochentakt wurden neue sensationelle Sängerinnen angepriesen, der weitverbreitete Name Smith, mit dem sich in Krimis zwielichtige Figuren in Hotelbücher eintrugen, war auf einmal gar nicht mehr karrierehinderlich. Nach Mamie kamen noch Bessie, Clara, Clementine und Trixie Smith, alle zu hören auf Blue Ladies (Memphis Archives 1993). Die schwarze Presse wurde nicht müde, auf den Umstand hinzuweisen, dass Mamie die erste schwarze Sängerin war, die Popsongs aufgenommen hatte. Den Jazz Hounds kommt sogar noch eine weitere Pioniertat zu: Sie war das erste schwarze Ensemble, das bereits im Januar 1921 den »Royal Garden Blues« aufnahm, also noch vor Kid Orys berühmter erster Aufnahme des New-Orleans-Jazz »Society Blues« vom Juni 1922. Die weiße Truppe der Original Dixieland Jazz Band war beiden allerdings mit dem »Tiger Rag« im März 1918 vorausgegangen.

In ihrem grundlegenden Buch Black Pearls – Blues Queens Of The Twenties (1988) gab Daphne Duvall Harrison einen Überblick über die ersten Tondokumente schwarzer Musik. »Schwarze wurden schon 1895 hörbar, als George W. Johnson auf einem Edison-Phono-Zylinder »The Laughing Song« aufnahm. Es gab auch eine Victor-Aufnahme des brillanten jungen Komödianten Bert Williams, eine Aufnahme des Dinwiddie Colored Quartet von 1902, Aufnahmen von Carroll Clark mit sogenannten Plantation Melodies; die Fisk Jubilee Singers sangen ihre Sorrow-Songs und es gab Coon-Songs von ein paar schwarzen Minstrels (die das ein paar Jahre später öffentlich bedauerten).«

Ergänzend können seit 1998, dem Erscheinen der Anthologie American Pop: An Audio History – From Minstrel to Mojo: 1893 – 1946 noch weitere Dokumente angeführt werden: Das Unique Quartette mit »Mama's Black Baby Boy«, aufgenommen bereits im Herbst 1893, ein klassischer A-cappella-Song; eine von Dick Spottswood entdeckte Aufnahme von 1897 einer Gruppe namens Cousins & De Moss, betitelt »Poor Mourner«, mit zwei Sängern und Banjobegleitung, wie sie in den Aufnahmen schwarzer Musik selten ist, da die Produzenten meist den Gitarrensound bevorzugten. Bert Williams (1874 – 1922) nahm 1906 auch einen Song auf, »Nobody«. Eine weiße Sängerin namens May Irwin (1862 – 1938) sang im Mai 1907 ein Stück »The Bully« ein, dessen Autorschaft von einem Sportjournalisten beansprucht wurde, der aber zugab, es von Schwarzen gesungen gehört zu haben.

Ein überraschend hoher Anteil am späteren Erfolg des Blues kommt laut Harrison dem anhaltenden Interesse weißer Sängerinnen an gutem Songmaterial zu. »Diese frühen Aufnahmen brachten komische Monologe und Choralversionen schwarzer akademischer Chöre von religiöser Musik, aber keine Blues. Die einzige Ausnahme war ein Bluestitel in einer Serie von neunundvierzig Pianorollen, die 1906 herauskam, Music for the Aeolian Grand. Vielleicht war dies eine Anomalie, aber das war der Vorläufer jener Bluesrollen, die zehn Jahre danach herauskamen. Ironischerweise, aber typisch, war es die aktive Suche bekannter weißer Unterhaltungskünstlerinnen nach Bluessongs, die ihn ins Zentrum der Unterhaltungsindustrie stellte. Nach Ronald Foreman, einem Erforscher der Geschichte des Jazz und der Race Records, waren es Sophie Tuckers Interesse am Blues und die nachfolgenden Adaptionen durch Blossom Seeley, Al Bernard und Nora Bayes ..., welche das Wort Blues für viele Vaudeville- und Theaterbesitzer mit Bedeutung aufluden.«

So konnte Nora Bayes bereits 1916 einen »Homesickness Blues« aufnehmen, 1917 folgte Mary Cahill mit »Dallas Blues«, 1918 sang Irving Kaufman einen »Chinese Blues«, 1919 hatte er bereits den »Alcoholic Blues«. Alle Titel nebst vielen Späteren sind zu hören auf Tin Pan Alley Blues (Memphis Archives 1994).

James Reese Europe mit seiner Band aus schwarzen Musikern, der 1913 den »Down Home Rag« aufnahm, Al Jolson und auch W.C. Handy, der sich neben Mamie Smiths Manager Perry Bradford bei den Plattenfirmen unermüdlich dafür einsetzte, schwarze Sängerinnen aufzunehmen, waren weitere Pioniere auf dem Weg zu Mamies Erfolg. Für Mamie selbst machte sich der Durchbruch bezahlt. Allein 1921 warf sie neunundzwanzig Songs auf den Markt. Aber sie sollte nicht die einzige Nutznießerin bleiben.

Schon 1921 tauchten Konkurrentinnen auf: Mary Stafford und Edith Wilson für Columbia, die junge Ethel Waters lief bei Cardinal als Sweet Mama Stringbean, Emerson hatte Lillyn Brown, Arto brachte Lucille Hegamin, ging aber trotzdem bald ein. Dafür erblühte Black Swan. Ethel Waters hatte mit »Down Home Blues« Erfolg und rekrutierte Katie Crippen und Lula Whidby. Später übernahm Paramount das Label.

Bereits 1922 schrieb The Metronome: »Eine Plattenfirma hat über vier Millionen Dollar am Blues verdient. Jetzt hat jede Firma ein farbiges Girl, das Aufnahmen macht. Blues wird bleiben.« Dafür sorgten unter anderem außer den bereits Genannten Daisy Martin, Ester Bigeou, Lavinia Turner, Laura Smith, Monette Moore und Gladys Bryant. Und es kam zu ersten Firmengründungen unabhängiger, rein schwarzer Plattenproduzenten. Die Ersten hießen laut Perry Bradford The Grey-Gull und Black Swan Records, welch Letztere einem gewissen Harry Pace gehörten.

Als Dokumente schwarzer Musik kommen natürlich auch Filme in Frage. Schon in der Stummfilmzeit vor 1928 wurden Gruppen wie das Cleveland Coloured Quartet dokumentiert. Maude Mills war mit den Club Alabama Stompers und »I'm Gonna Loose Myself Down in Louisville« vertreten. Bessie Smith sang in St. Louis Blues, einem Kurzfilm von Dudley Murphy, Mamie Smith trat in The Jail House Blues erstmals vor die Kamera, später dann noch in Mystery in Swing, Sunday Sinners (beide 1940), Murder on Lenox Avenue (1941) und Paradise in Harlem (1939). Trixie Smith war zu sehen in The Black King (1932), Louisiana (1934), Swing! (1938) und God's Step Children (1938). Alberta Hunter tauchte in der Radio Parade of 1935 (1934) auf. Wild Women Don't Get the Blues (1985) war eine späte Dokumentation über sie.

Eine weitere kaum bekannte Quelle sind die synchronen Film- und Tonaufnahmen von Dr. Milton Metfessel für ethnologische Forschungszwecke aus dem Jahr 1926, der 1928 ein Buch dazu veröffentlichte. Titel wie »Westindies Blues«, »John Henry« oder »You Ketch Dis Train« erregen Bluesverdacht. Noch in Belle Of The Nineties (1934) von und mit Mae West, der im alten New Orleans spielte und von Duke Ellington musikalisch untermalt wurde, waren bewährte Vaudeville-Nummern wie der »Hesitation Blues« zu hören und zu sehen, Anklänge gab es auch in I'm no Angel (1933). Filme wie Cotton Club (1984) oder Pete Kelly's Blues (1955), ja selbst Eddie Murphys Klamotte Harlem Nights (1989) vermittelten eher Atmosphäre als das von Jennifer Jason Lee zerschwätzte Robert-Altman-Fiasko Kansas City (1996).

Für die Bluesladies der Zwanziger Jahre waren neben den Plattenverkäufen vor allem die Auftritte bei Tourneen wichtig. Die ausgefeilteste Form der Unterhaltung zwischen 1900 und 1925 stellten die Vaudeville genannten Nummernshows dar, die zudem die höchsten Gagen zahlten. In den weißen Varietétheatern traten die berühmtesten Unterhaltungskünstler der Epoche in eleganter Umgebung vor einem zahlungskräftigen Publikum auf. Oft gab es zwei verschiedene Orchester. Ein großes für die weiße Musik und eine kleine, heiße schwarze Band für das anschließende Tanzvergnügen. Schwarze Sänger freilich hatten keine Chance. Sie waren auf die rein schwarzen Theater angewiesen. Die Organisation ihrer Auftritte oblag fast ausschließlich einer Dachorganisation schwarzer Veranstalter, der TOBA (Theater Owners Booking Association). Die Abkürzung wurde nicht selten als Tough On Black Asses uminterpretiert. Die Arbeitsbedingungen dürften also kein Zuckerlecken gewesen sein. Die Shows der TOBA ähnelten denen der weißen Vaudevilles, fanden aber in bescheideneren Lokalitäten statt und waren ausschließlich auf den schwarzen Geschmack zugeschnitten.

Nathan W. Pearson, Jr. beschreibt in seinem Buch Going To Kansas City die zentrale Bedeutung der TOBA: »Die TOBA war die wichtigste Arena für Blueskünstlerinnen wie Ma Rainey, Mamie Smith und Bessie Smith und trug viel dazu bei, stilisierten Blues bei einem schwarzen Publikum landesweit populär zu machen. Es war freilich immer noch Vaudeville und man konnte eine große Anzahl anderer Künstler wie Louis Armstrong, Buck & Bubbles, Bill »Bojangles« Robinson und Eddie »Rochester« Anderson in TOBA-Häusern antreffen. In der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts war das die höchstentwickelte Form des schwarzen Theaters und wurde zum Trainingslager für viele Musiker, die später in Tanzhallen- und Nachtklub-Orchestern spielten.« Die TOBA war sehr stark und präsent in Kansas City und war nicht das schlechteste Argument für die häufige Reise von Bluesleuten nach Kansas City. »I'm goin to Kansas City ...«

Eine ähnliche Ausbildungsfunktion hatten, wie Pearson durch Interviews belegte, auch die schwarzen Minstrelshows gehabt, in denen überwiegend einfach strukturierte, ragtimeartige Musik gespielt wurde. »... Minstrelshows waren sowohl eine günstige Gelegenheit als auch eine Inspiration, gleichzeitig Schule und Beruf. Was heute oft an den Minstrelshows als rassistisch eingestuft wird, wurde damals häufiger als legitime Art von Unterhaltungskünstlertum betrachtet und gute Unterhalter waren immer gesucht.«

Seit Anfang des Jahrhunderts war Amerika eine hochmobile Gesellschaft geworden, mit der Erfindung des Automobils und schnellen Zugverbindungen wurde der ganze Kontinent bespielbar und dementsprechend viele Entertainer versuchten ihr Glück unterwegs.

»Eine Überfülle von Unterhaltungsangeboten – Vaudevilleunternehmen, Medizin-, Wildwest- und Minstrelshows – reisten zwischen 1900 und 1930 durch Amerika. Reisende Shows übten auf ehrgeizige und neugierige Musiker eine mächtige Anziehungskraft aus. Die Aufführungen waren wundervolle und exotische Ereignisse, ihre Darsteller welterfahrene Troubadours. Für viele junge Musiker, die ihr frisches Talent ausloten wollten, boten ›Traveling Shows‹ die perfekte Gelegenheit zu Abenteuern und zu musikalischer Ausbildung. In der Konsequenz stellten diese Shows auch einen mächtigen Faktor in der musikalischen Entwicklung Amerikas dar; sie integrierten Musiker mit sehr verschiedenem Hintergrund und aus verschiedenen Stilrichtungen und verbreiteten selbst weiträumig die Entwicklung neuartiger Stile.«

Zieht man noch die rasche Verbreitung der Phonographen in Betracht, wird klar, dass es seit Beginn des letzten Jahrhunderts tatsächlich schon eine allgemeinverbindliche populäre schwarze Musikkultur in den USA geben konnte. Und das Ferment, das sie durchdrang und entscheidend prägte, war der Blues.

Was waren nun die frühesten Bluesaufnahmen im »genuine Negro style«? Laut Francis Davis ging es ab 1924 los, mit den Aufnahmen von Johnny »Daddy Stovepipe« Watson, 1867 in Alabama geboren, einem Minstrel- und Medizinshow-Sänger, der im Mai 1924 für Gennett aufnahm. Seine Frau, »Mississippi Mary« sang meist die zweite Stimme dazu. Doch schon im April 1924 hatte Ed Andrews seinen »Barrelhouse Blues« in Atlanta eingespielt, aller Wahrscheinlichkeit nach die erste stilistisch saubere Bluesaufnahme. Papa Charlie Jacksons »Lawdy Lawdy Blues« wurde ebenfalls noch 1924 aufgezeichnet.

Erst 1927 kam Henry »Ragtime Texas« Thomas zum Zug, der im Oktober fünfundzwanzig Titel für Vocalion einspielte. Im November nahm Charlie Lincoln (Charlie Hicks) in Atlanta sechs Bluesstücke auf: »Jealous Blues«, »Hardluck Blues«, »Mojoe (!) Blues«, »My Wife Drove Me From My Door«, »Country Breakdown« und »Chain Gang Trouble«. Etwa zur gleichen Zeit entstanden die Aufnahmen von Emery Glen in Chicago und Sammy Brown in Richmond, Indiana. Beachtenswert wegen ihrer primitiven Ursprünglichkeit sind die vier Blues von Lewis Black, aufgenommen im Dezember 1927 in Memphis, Tennessee. Der Pianist Will Ezell hatte schon im September des Jahres eine erste Soloplatte bespielt: »Barrelhouse Man« und »Westcoast Rag«. Sein kurzlebiger Kollege Hersal Thomas (ca.1906 – 1926) aus Chicago hatte allerdings bereits am 25. Februar 1925 einen »Suitcase Blues« aufgenommen. Der Gitarrist Sylvester Weaver lieferte seinen »Guitar Rag« am 13.April 1927 ab, ein vollendet gepicktes Slide-Stück über Ragtime-Harmonien. Auch er hatte seine ersten Aufnahmen schon 1924 gemacht, aber alle ohne Gesang.

Früheste Jugband-Aufnahmen, wie die von Sara Martin's Jugband in New York oder von Whistler & His Jug Band in Richmond, Indiana datieren vom September 1924. Im Dezember desselben Jahres nahm die Old Southern Jug Band zwei Titel in Chicago auf. Der unglaubliche Clifford Hayes mit seiner Band aus Louisville folgte im Mai 1925.

Andere Quellen verweisen vor allem auf Blind Lemon Jefferson (ca. 1893 – 1929), der schon seit 1926 Aufnahmen gemacht haben soll, etwa den »Long Lonesome Blues«. Peg Leg Howell (1888 – 1966), ein Songster aus Georgia, nahm am 8. April 1927 seinen »New Jelly Roll Blues« auf, der große Lonnie Johnson wachte am zweiten Mai 1927 mit dem Blues in seinen Fingern auf und Blind Willie McTell, der Twelve-String-Wizard aus Atlanta, spielte einen Titel »Mama 'Taint Long Fo' Day« im Oktober 1927 ein. Die Memphis-Musiker Gus Cannon und Barbecue Bob folgten im November, Blind Willie Johnsons unheimlicher Slide-Blues »Dark Was the Night, Cold Was the Ground«, der »Dallas Rag« der Dallas String Band und Willard Robisons »Deep Elm« gehören ebenfalls noch zu den erwähnenswerten frühen Aufnahmen des Blues10.

Da die Suche nach den frühesten Dokumenten des Blues immer noch im Gang ist, kann es ohne weiteres sein, dass noch frühere Aufnahmen gefunden und veröffentlicht werden. Ein Blick in die Kataloge der genannten Spezialfirmen oder auf einschlägige Internetseiten lohnt sich also immer.

Aber Vorsicht! Denn wer sich erst einmal an das mehr oder weniger starke Grundrauschen der alten Schellacks gewohnt hat und die Musik mit mentaler Kraft in den Vordergrund holt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach bald süchtig werden nach diesen Dokumenten hochprofessionellen, garantiert schwindelfreien Musizierens lang vor unserer Zeit.

Kapitel 3: Die Zentren des Blues

Trotz der Fragwürdigkeit mancher Zuordnungen halten die meisten Autoren an der absolut zentralen Bedeutung des Deltablues unerschütterlich fest. Ein typisches Beispiel wissenschaftlicher Literatur soll hier für alle anderen stehen. Robert Springer beschrieb in seinem nützlichen und kenntnisreichen Buch über authentischen Blues die Kennzeichen des Deltabluesstils wie folgt:

»Die Deltablues sind nicht sehr ausgefeilt; sie basieren auf der Grundharmonie, wobei die Subdominante und Dominante oft mehr angedeutet als tatsächlich gespielt wird. Im Allgemeinen werden sie von Gitarren und/oder Mundharmonika begleitet, manchmal kommen perkussive Ergänzungen dazu oder Ad-hoc-Instrumente. Die Melodieführung ist relativ eng und entwickelt sich kaum. Die antiphone Verbindung zwischen Sänger und Instrument ist normalerweise einfach, aber stellenweise Unisono-Passagen zwischen Stimme und Gitarre sind charakteristisch für diese Blues.« (S.70)

Das Mississippidelta wird im Osten vom Yazoo-River und im Westen vom Mississippi zwischen Vicksburg und Memphis begrenzt. Die Gegend zwischen den beiden Flüssen ist bretteben und hatte als Schwemmland sehr fruchtbare Böden, die ideal für Plantagenbau waren. Anfang des Jahrhunderts lebten dort prozentual mehr Schwarze als irgendwo sonst in den USA. Im Delta waren es weit über die Hälfte der Bevölkerung, Nachkommen jener Sklaven, die das Land erschlossen hatten. Eine Statistik von 1930, die Jeff Todd Titon in seinem Buch Early Downhome Blues anführt, dürfte eher zu geringe als zu hohe Zahlen enthalten. Danach lebten in den USA insgesamt knapp 2,9 Millionen Familien, davon nur 610.000 im Norden! Die schwarze Bevölkerung im Süden teilte sich in 785.000 städtische und 1,4 Millionen ländliche Familien auf. Ungefähr zwei Drittel davon, also knapp eine Million Familien, lebten auf oder bewirtschafteten Farmen. Ungefähr 400.000 Familien hausten auf kleinen Farmen, etwa 550.000 arbeiteten auf den Baumwollfeldern. Im Delta wurde die Wirtschaft auch nach dem Ende der Sklaverei von der Baumwollindustrie bestimmt. Vermittler lockten zahllose Schwarze als billige Arbeitskräfte auf die Plantagen, die ausschließlich Weißen gehörten. Schwarze konnten es bestenfalls zu bescheidenem Landbesitz bringen, hatten sonst den feudalistischen Status von Share-Croppers, Share-Renters oder Cash-Renters. Sie lebten meist in primitiven Hütten und waren de facto ohne Bürgerrechte, da die Verwaltung der Union sich nicht in die regionalen Belange einmischte. Schließlich waren und sind die USA. ähnlich föderalistisch organisiert wie die Bundesrepublik. Anfang des Jahrhunderts gab es in Mississippi noch Lynchjustiz, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung, die sexuelle Ausbeutung schwarzer Frauen eine Selbstverständlichkeit. Und da Unterdrückung im Gegensatz zur Meinung von Sozialromantikern nicht zwangsläufig Rebellion und Revolution produziert, sondern ebenso oft die Repression verinnerlicht, waren die Verhaltensweisen vieler Schwarzer untereinander ähnlich brutal wie die Missetaten, die Weiße an ihnen begingen. Während Letztere freilich meist straflos blieben, waren die Arbeitslager und Gefängnisse voll mit schwarzen Delinquenten, die als Zwangsarbeiter beim Deichbau, auf den Feldern und bei der Bewässerung der Felder eingesetzt wurden. Hier fanden die ersten Feldforscher der schwarzen Folklore noch ähnliche Verhältnisse vor, wie sie zu Zeiten der institutionellen Sklaverei ein Jahrhundert zuvor geherrscht haben dürften.

Diese Situation war bis Ende der Fünfziger Jahre praktisch konstant. Erst die liberale Bürgerrechts-und Protestbewegung der Sechziger Jahre konnte nach harten Kämpfen und vielen Opfern gegen Polizeibrutalität und den massiven politischen Widerstand der Besitzenden Abhilfe oder wenigstens Erleichterungen schaffen. Stillschweigender, manchmal auch offener Rassismus ist im Süden aber bis heute vorhanden.

Der integrierende Faktor Nummer eins ist nach wie vor die Musik, die von Einsichtigen inzwischen als die wichtigste kulturelle Produktion erkannt wird, wichtiger noch als mit Pestiziden durchtränkte Baumwolle. Nicht zuletzt sind Bluestourismus und museale Traditionspflege eine beachtliche Einnahmequelle geworden.

Die vermittelnde Rolle der Musik zwischen den ausübenden Musikern ist im Detail noch nicht genau untersucht. Selbst ein großangelegter Repertoirevergleich steht noch aus. Versucht man so etwas innerhalb der eigenen Bestände, erhärtet sich jedenfalls der bereits geäußerte Verdacht, dass sowohl in der kommerziellen wie in der nichtkommerziellen Musik der ländlichen Gebiete ein gemischtes, weitgehend ähnliches Repertoire aus Folksongs, Blues und Balladen sich großer Beliebtheit erfreute und vor allem von den Stringbands gepflegt wurde, die bei den großen und kleinen Festlichkeiten zum Tanz aufspielten. Das dürfte auch im Delta nicht anders gewesen sein. Immerhin haben wir die gewichtige Aussage eines Son House, der sich an seine frühen Auftritte mit Charley Patton bei ländlichen Tanzvergnügungen erinnerte und damit zugleich die Unterstellung konterkarierte, es habe sich bei den Tänzern um zurückgebliebene Landeier mit altväterischem Geschmack gehandelt. Im Gegenteil:

»House sagte, er und Patton hätten Tanzstücke gespielt, die ohne Pause bis zu einer halben Stunde lang gewesen seien. Breakdowns und Square-Dances hätten als altmodisch gegolten; die Leute wollten die aktuellste Musik und die neuesten Tänze hören. Blues erfüllte diesen Zweck auf ideale Weise.« (Titon, S. 28.)

Trotzdem hat bei der Darstellung des Deltablues das Image des Einzelinterpreten in seiner möglichst dämonischen Variante fast alles überlagert, nicht zuletzt ein Problem engagierter, gutgemeinter aber einseitiger Darstellungen seit Samuel B. Charters. Auch Feldforschung schützte vor Irrtum nicht, vor allem wenn der Forscher ein Frantz Fanon lesender Intellektueller wie William Ferris Jr. war, dessen Buch Blues From The Delta (1970) als modernes Grundlagenwerk gilt.

»Regionale Unterschiede wurden während meiner Feldforschungen im Mississippidelta deutlich, wo Schwarze sich auf den Blues als ›ihre‹ Musik beziehen. Deltablues ist in dieser Gegend ursprüngliche schwarze Kultur und hat mit der traditionellen weißen Musik wenig gemein. Einer meiner schwarzen Informanten, Tom Dumas, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens außerhalb des Deltas in Walthall, Webster County, einer Gegend, in der die musikalische Tradition der Schwarzen stark von traditioneller weißer Musik beeinflusst ist. Dumas musikalisches Repertoire bestand ausschließlich aus Square-Dance-Melodien, die er auf der Fiedel und auf dem Banjo spielte und als er ins Delta zog, merkte er, dass nur Weiße an seiner Musik interessiert waren. Die Volksmusik, die als Kommunikationsmittel zwischen Schwarzen in Webster County funktioniert hatte, konnte das im Delta nicht leisten. Obwohl schwarz, fühlt Dumas keine Identität mit der Musik anderer Schwarzer in seiner Gemeinde. Er sagte mir: ›Ich spielte bei Tanzveranstaltungen dort, als ich sehr jung war, fünfzehn oder sechzehn. Ich lernte das dort. Die Leute hier mögen kein Gefiedel. Niemand mag das außer den Weißen. Farbige mögen diese Art von Musik nicht. Ich übe ein wenig und spiele für mich allein ... Ab und zu geh ich weg und picke ein bisschen Banjo für die Weißen. Die Farbigen hören das nicht gern.‹«

An dieser Darstellung ist schief, was nur schief sein kann. Was Ferris nicht in Betracht zog, war, dass auch schwarze Musik zeitweise Moden unterliegt und dass in den Sechziger Jahren Square Dances nicht nur im Delta und nicht nur bei Schwarzen mega-out waren. Das war nicht immer so gewesen. Als Jeff Todd Titon Menschen im Delta nach ihren Erinnerungen an frühe Tanzvergnügen befragte, kam er zu dem Ergebnis: »Die populärsten Tanzschritte waren Walzer, Foxtrott und Twostepp. Keiner der Befragten erwähnte Square-Dancing zu Musik aus dem Phonographen, allerdings tanzten sie zu Livemusik häufig Square-Dances. Offensichtlich machte Square-Dancing so viel Lärm, dass man die Musik nicht hören konnte und war so heftig, dass die Nadel aus der Rille sprang.«

Das war in den Sechziger Jahren freilich lang her und das Delta war gerade damals Zentrum des ersten großen Countryblues-Revivals, in dem Jugbands und Stringbands höchstens von einigen Collegestudenten und Hippies als randständige Kuriositäten gewürdigt wurden. Immerhin, auch Dumas' Aussage stützt den Verdacht von Repertoireüberschneidungen unter bestimmten sozialen Bedingungen.

Die Behauptung, die Leute im Delta hätten etwas gegen Banjos und Fiedeln im Blues gehabt, ist ebenfalls kaum haltbar. Man vergleiche etwa frühe Aufnahmen der Mississippi Black Snakes etc., von Charlie McCoy, Tommy Johnsons »Cool Drink of Wate Blues« vom 3. Februar 1928 und vor allem Charley Pattons »Going to Move to Alabama« – dem prototypischen Deltablueser überhaupt – mit dem Fiddler Henry Sims (1890 – 1958).

Es war wohl ein ganz anders gearteter Umstand als die folkloristische Stimmigkeit, der die Bluessänger im Delta zu dem werden ließ, was sie waren: lebende Legenden. Und dieser Umstand war sehr konkret. Big Bill Broonzy benannte ihn in seinen Memoiren ohne Zögern: »Diese Männer hatten keine Ahnung, wie Baumwolle, Mais, Reis und Zuckerrohr wachsen und es interessierte sie auch nicht die Bohne. Sie gingen aus, putzten sich jede Nacht fein heraus und manche von ihnen hatte drei oder vier Frauen. Die eine fütterte ihn und die andere kaufte seine Klamotten und Schuhe. Das waren die Männer, die Zehndollar-Stetsons trugen und Zwanzigdollar-Stücke an ihrer Uhr und Diamanten in ihren Zähnen oder an den Fingern.«

Nur im Unterhaltungsgewerbe konnte ein schwarzer Mann die harte Arbeit auf den Feldern mit einigem Anstand vermeiden. Die Alternative zum Musiker war eigentlich nur, als Zuhälter herumzulaufen.

Ferris Jr. hätte es gerne anders gehabt: »So stand der Bluesspieler deutlich abseits vom Rest der schwarzen Gemeinde und benutzte seine musikalischen Fähigkeiten dazu, die schwere körperliche Arbeit zu vermeiden, die das Geschick der meisten Schwarzen im ländlichen Süden war. Solche Sänger wurden oft musikalische Sprecher für die gesamte schwarze Gemeinde, insofern ihre Blues ein Leid ausdrückten, mit dem sich alle Schwarzen identifizierten. Bluessänger spielten in ihren Texten häufig auf örtliche Ereignisse und Personen an, drückten das Leid der Schwarzen sowohl als Individuen wie als Gruppe aus.«

Dieses schwer belegbare ideologische Konstrukt diente vor allem dazu, eine nahtlose Geschichte schwarzer Leidensidentität seit den Sklaventagen zu rekonstruieren, ein permanentes Anliegen intellektueller Masochisten, denen selbst vor lauter Grübeln die Lebensfreude abhandengekommen ist. Doch die Fakten liegen anders. Deshalb bleibt Ferris Jr. auch Belege für seine These vom Bluesmusiker als Sprecher der schwarzen Gemeinde schuldig. Wie in allen ehemaligen Stammesgesellschaften hätte diese Position übrigens niemals ein Künstler, eher vielleicht ein gewählter Häuptling oder eine Schamanin einnehmen können.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Hier soll mitnichten das Widerstandspotential des Blues in Frage gestellt werden. Ganz im Gegenteil. Nur der Begründungszusammenhang ist anders. Ganzheitlicher und individueller. Es wird nämlich darauf insistiert, dass der Blues nicht nur klagend bis wehleidig daher kam, auch nicht im Delta, sondern viel mehr und viel gelungenere Formen individuellen Widerstands zu entwickeln in der Lage war. Ein Umstand, den schon der kauzige aber kluge Jazzfranzose Hugues Panassié in seiner Geschichte des echten Jazz den wohl nie aussterbenden Tragik-, Erhabenheits- und Jazz-ist-die-Kammermusik-des-Zwanzigsten-Jahrhunderts-Wichteln entgegenhielt:

»Es ist eine ergreifende, aber nicht übertrieben klagende Musik, denn der Schwarze gehört einer ›jungen‹ Rasse voller Energie an, und er jammert nicht gern über sich selbst. Wenn ein Schwarzer den Blues singt, so nicht um traurig zu werden, nicht um sich wehmütig über sein Leid und sein schweres Schicksal auszulassen, sondern um sich davon zu befreien. Man kann auf den Blues das Wort des neuprovenzalischen Dichters Aubanel über die Dichtung anwenden: ›Wer sein Leid besingt, verzaubert es.‹ Darum ist der Blues im Grunde eine Musik, die stärkt und erfreut.«

Als unmittelbarer Ausdruck kollektiver Befindlichkeit eignet er sich aber viel weniger als etwa Worksongs, Prison- und Chaingang-Songs, Fieldhollers oder Gospel. Die wenigen expliziten Protest-Blues stammen fast alle aus den Vierziger und Fünfziger Jahren und keineswegs nur aus dem Delta. Manchmal täuscht sogar der Titel. Hinter dem »1931 Depression Blues« der ominösen Three Stripped Gears verbirgt sich ein flottes Instrumental!

Lead Belly sang den »Bourgeois Blues«, J.B. Lenoir den »Eisenhower-« und »Korea Blues«, John Brim beklagte die »Tough Times«, Lightnin' Hopkins den Krieg in »War is Starting Again«, Floyd Jones die harten Zeiten in »Ain't Times Hard«, am bekanntesten war wohl Big Bill Broonzys »Black, Brown and White«, ein inbrünstig vorgetragenes Manifest gegen den alltäglichen Rassismus:

»Me and a man was working side by side

This is what I meant:

They was paying him a dollar an hour,

But they was payin' me fifty cents.

They say, if you's white, it's allright,

If you's brown, stick around,

But if you's black, brother

Git back, git back, git back!« 11

Insgesamt aber war der Blues durchaus verschieden vom Protestsong, wie ihn weiße Politbarden á la Woody Guthrie oder Pete Seeger sangen. Die hier beliebte Form des Talking-Blues taucht bei schwarzen Musikern typischerweise kaum auf, am ehesten noch bei den sogenannten Gitarrenevangelisten, die als religiöse Erwecker und Moralapostel über die staubigen Straßen zogen. Der Blues als genuine Tanzmusik war ein primär kommunikatives Medium, das Reaktionen des Publikums hervorrufen wollte, anstatt es zu indoktrinieren. Aufgabe der Musiker war es, im Ruf-und-Antwort-Verfahren (call and response) ein Einverständnis und eine spontane Kommunikation zwischen Sänger und Publikum herzustellen. Fehlte das Publikum, funktionierte es auch zwischen Sänger und Begleitmusiker, im Notfall sogar noch zwischen dem Sänger und seinem Instrument.

In vielen Fällen scheint das eine entspannende, geradezu therapeutische Wirkung bei Interpret und Publikum gehabt zu haben. Konkrete Untersuchungen dazu stehen freilich aus, wiewohl manche Autoren gerne das folkloristische Afrika samt Griots und Schamanentum bemühen, Voodoo natürlich nicht zu vergessen. Es wird sich aber in den meisten Fällen einfach um wildes Abtanzen mit Hilfe mehr oder weniger deftigen Drogenkonsums auch und gerade zu Zeiten der Prohibition gehandelt haben. Nicht nur Tommy Johnson wusste davon ein Lied zu singen, das später einer Band von Bluesfans den Namen geben sollte. Canned Heat war übrigens ein alkoholhaltiger Brennstoff auf Paraffinbasis, der zum Grillen verwendet, in Zeiten der Prohibition aber auch höchst schädlich zweckentfremdet wurde.

Crying canned heat, canned heat mama,

Crying sure Lord, killing me (2x)

Takes alcorub to take those canned heat blues. 12

Es wird die Freunde des Deltablues herb treffen, aber sein wichtigster Interpret, Charley (auch Charlie) Patton (1891 – 1934), war zwar schon seit etwa 1907 mit dem Blues unterwegs, seine ersten Aufnahmen machte er aber erst 1929, als er auf der Dockery-Plantage lebte, für den Plattenladenbesitzer und Agenten H.C. Speir aus Jackson, Mississippi. Schon drei Jahre vorher waren die Bluessongs des ersten Großmeisters, Blind Lemon Jefferson, auf Platte erschienen und selbst Tommy Johnson, der von ihm, Willie Brown und Dick Bankston – die als Trio spielten – beeinflusst war, hatte schon im Februar 1928 für Victor seine bahnbrechenden Aufnahmen vom »Canned Heat Blues«, »Cool Drink of Water Blues«, »Big Road Blues«, »Maggie Campbell Blues«, »Slidin' Delta Blues« u.a. eingespielt. Nach anderen Quellen soll die erste Aufnahme mit Mississippi-Countryblues von Fred Spruell 1928 gewesen sein.

Charley Pattons Blues stellen einen frühen Höhepunkt des Delta-Dance-Blues dar – ein Umstand, der immer wieder betont werden muss. Alle frühen Bluesmusiker spielten zum Tanz für ihre Zuhörerschaft auf. Wahrscheinlich nur selten allein. Oft war ein zweiter Gitarrist beteiligt, wie häufig auch bei den Aufnahmen. Pattons Erkennungssong war »Pony Blues«, ein kompliziert gebauter, sich weit vom Schema entfernender Song. Seine anderen Glanznummern waren »Down The Dirt Road Blues«, »Banty Rooster« und sein zweiteiliger Blues über das Hochwasser von 1927, »High Water Everywhere Pt. 1&2«. Charley Patton nahm – endlich entdeckt – allein 1929 die rekordverdächtige Anzahl von 43 Titeln auf. Seine Aufnahmekarriere dauerte bis 1934. Seit 1933 hatte sich seine Stimme verändert, da ihm bei einer Tanzveranstaltung in Holly Ridge die Kehle aufgeschlitzt worden war. Bald nach seiner letzten Aufnahmesession starb er an einem alten Herzleiden. Er ist in Holly Ridge, Mississippi begraben.

Eine Tanzveranstaltung mit Charley muss für Zuschauer das reine Vergnügen gewesen sein. Zeitzeugen berichten von abenteuerlichen Verrenkungen und Clownerien mit der Gitarre. Patton war nicht zuletzt ein Show-Man, mit ihm begann eine Traditionslinie, die direkt zu T-Bone Walker, Chuck Berry, Screaming Jay Hawkins, James Brown und Jimi Hendrix führte. »Er nahm die Gitarre zwischen die Beine, hinter den Nacken, legte sich auf den Boden und hörte dabei nicht auf zu picken.« Anstatt sich darüber bluespuristisch zu genieren, sollte man vielleicht froh darüber sein, einen so frühen Beleg für Instrumentalartistik auch in der populären schwarzen Musik zu finden.

Von den dank ihrer anhaltenden Beliebtheit nur schlecht erhaltenen Platten allein lässt sich also kein Persönlichkeitsprofil ableiten. Und aus den Hagiographien mancher Beiheftschreiber auch nicht. Wo es etwa im Beiheft zu Charley Patton: Founder of the Delta Blues andeutend heißt: »Kurz, nachdem er eine Bluesplatten aufnehmende Berühmtheit geworden war, wurde Patton aus Dockery hinausgeworfen.« Über die Ursache erfahren wir Genaues erst wieder bei Davis, nämlich, dass er einen schlechten Ruf als Frauenmisshandler und Großmaul hatte: »Er wurde einmal aus Dockery hinausgeworfen, weil er eine seiner Lebensgefährtinnen mit einer Bullenpeitsche geschlagen hatte; Pattons eigene Version der Geschichte war, dass er bestraft worden sei, weil er die Frauen auf der Plantage mit seiner Musik und seiner sexuellen Potenz nicht habe zum Schlafen kommen lassen, was sie für die Feldarbeit am nächsten Tag unbrauchbar gemacht habe.«

Patton war bei seinen Kollegen wegen seiner präpotenten Art und seiner Prahlsucht über sexuelle Eroberungen wenig beliebt. Es wird auch gern unterschlagen, dass nur etwa die Hälfte der aufgenommenen Patton-Titel Blues oder bluesähnlich waren. Das macht ihn zu einer Figur des Übergangs vom Songster zum Bluesmann, weswegen Davis ihn zu Recht einen »Bluester« nennt. Nichtsdestotrotz beschrieb er die Verhältnisse, die ihn umgaben, durchaus genau und ohne jede Schönfärberei.

Every day seem like murder here (2x)

I'm gonna leave tomorrow I know you don't bid my care

(Charley Patton Down The Dirt Road Blues)

Man hat versucht, die Deltablues-Sänger als transzendental oder metaphysisch zu charakterisieren – religiös, wenn auch nicht immer im Sinn der Amtskirchen, wäre vielleicht richtiger –, gemeint ist jedenfalls die spirituelle Qualität vieler Texte, die sich mit dem Zustand jenes Teils des menschlichen Bewusstseins beschäftigen, den gläubige Menschen als Seele bezeichnen. Das Problem dabei ist, dass das für die Bluessongs von Texanern wie Blind Lemon Jefferson oder dem Gitarrenevangelisten Blind Willie Johnson mindestens genau so gilt. Einen Mann freilich hat das Delta hervorgebracht, der die Definition des spirituellen Bluessängers so genau erfüllt wie kein anderer: Eddie James, besser bekannt als Son House. Obwohl alles andere als ein glänzender Virtuose auf der National-Steel, wie die DVD aus der Masters-of-Blues-Serie zeigt, sang und spielte er sich auch nach seiner Wiederentdeckung in den Sechzigern mit jener Inbrunst und Intensität an den Rand einer geistesabwesenden Ekstase, die wohl nicht nur krankheitsbedingt war. Son House war ein mit dem Blues Geschlagener und Beglückter gleichermaßen, Beat im Sinn der Beatpoeten. Denn seine immense Begabung hatte ihm zwar zu Einnahmen von stolzen vierzig Dollar in den Jahren 1940 und 1941 verholfen – damals mehr als der Jahreslohn eines Farmarbeiters – als ihm Paramount für jede Platte pro Seite fünf Dollar zahlte. Andererseits verschaffte sie ihm ein permanent schlechtes Gewissen, das sich sowohl in seiner Körpersprache als auch in den Einleitungen zu seinen Songs niederschlug.

Manchmal hat man das Gefühl, hier werde eine Seele vor den Augen des Betrachters in zwei Teile zerrissen und erst im Augenblick des Spielens wieder zusammengefügt – nicht ohne Bruchstellen, wie die aufgerissenen Augen und der entrückte Blick nach oben ins Nichts beweisen. Und wenn ihn auch keine Höllenhunde vor sein akademisches Publikum gejagt hatten, dank seiner Vergangenheit als abtrünniger Prediger, den seine »schwarze Mama, deren Gesicht scheint wie die Sonne« vom rechten Weg abgebracht hatte, und der zwei Jahre Zwangsarbeit leisten musste, weil er einen Mann bei einer Rauferei in einer Bar getötet hatte, lagen genügend Steine auf seinem Weg, die ihm die Reise in den Himmel der Religiösen schwergemacht haben dürften. House war ein Zerrissener, der zwischen den Polen Sünde und Erlösung schwankte, wenn er zur Gitarre griff. Das Besondere an Son House war auch, dass er im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen immer nur den Blues gesungen hatte, völlig ohne kommerzielle Hintergedanken. Von Alan Lomax hatte er als Honorar eine Flasche Coca Cola erhalten – immerhin eisgekühlt, wie er ironisch anmerkte. Er war solchermaßen das tadellose Relikt, das nicht korrumpierbare Missing Link zwischen Tradition und Revival, aber er war als Person die absolut untypische Ausnahme. Selbst nach seiner Wiederentdeckung 1964 musste er zu Auftritten überredet werden und schlug kein Kapital daraus. 1971 wurde er krank und zog sich völlig zurück, bis zu seinem Tod 1988. Seine alten und seine neuen Aufnahmen gehören zum unverzichtbaren Erbe des echten Deltablues.

Von der anderen Seite her wurde das Bild ergänzt durch Nehemiah Skip James – der aus Bentonia, also nicht direkt aus dem Delta stammte – dessen Blues sich ebenfalls bevorzugt mit religiösen Themen wie Sünde und Erlösung befassten, allerdings mit einer weiteren, überpersonellen Perspektive. Wo Son House noch um die eigene Erlösung kämpfte, machte sich Skip James zum Anwalt und Richter der ganzen sündigen Menschheit. Als er im gleichen Jahr wie Son House aus dem kurzen Schatten trat, den seine wenigen Aufnahmen für Paramount 1931 geworfen hatten, wurde er schnell zum Liebling eines weißen, akademischen Publikums, das seine rare Platten gesammelt und wegen ihres ungewöhnlichen Inhalts ebenso geschätzt hatte wie wegen der außerordentlichen gesanglichen und instrumentalen Fähigkeiten. Skip James sang in einem eigentümlichen Falsett und spielte nicht die deltatypische Bottleneck-Gitarre, sondern verließ sich auf raffinierte Pickings, wenn er sich nicht gar ebenso delikat am Piano begleitete. Die zweite bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung also, keineswegs typisch für den Deltaelues der anderen Mississippi-Master wie Garfield Akers, Joe Callicott, William Harris, John D. Fox, Blind Joe Reynolds, Tom Turner, J.D. Short oder Otto Virgial sowie Mattie Delaney und die legendäre Geeshie (oder Geechie) Wiley. Deren Musik ist zwar teilweise erhalten, über die Personen und ihren Lebensweg sind die kargen Auskünfte in den Booklets wie in Mississippi Masters oft das Einzige, was wir haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Plattenindustrie seit der Depression, die Anfang der Dreißiger Jahre einsetzte, praktisch keine Aufnahmen mit Deltablues-Sängern mehr machte. Die entscheidende Ausnahme ist allerdings der großartigste Deltasänger überhaupt, Robert Johnson.

Wandernde Songster und Bluessänger gab es selbstverständlich auch noch in dieser Zeit. Vor allem ein Reiseziel bot sich an, wenn ein Delta-Landei Stadtluft schnuppern wollte: Sweet Home Chicago, das nach Robert Johnson allerdings in Kalifornien liegen sollte, was merkwürdigerweise noch kaum jemand verwundert hat.

Oh baby, don't you wanna go (2x)

Back to the land of California

To my sweet home Chicago ...

Mit der Illinois Central Railroad konnte man in vierundzwanzig Stunden von New Orleans über das Delta nach Chicago kommen. Der Fahrpreis von Memphis aus betrug laut Robert Palmer (Deep Blues, 1981) elf Dollar und zehn Cents. Chicago war seit der Jahrhundertwende gewissermaßen die großstädtische Filiale des Deltas. Mit einer ständig wachsenden Migration schwarzer Arbeitskräfte in die winddurchwehte Stadt am Michigan-See korrespondierte ein Bedürfnis nach der gewohnten ländlichen Unterhaltung, schon um das Heimweh zu vergessen. Eine kleine Plattenindustrie entstand, obwohl man in den frühen Jahren für Aufnahmen nach New York fahren musste. Und um die weißen und schwarzen Unterhaltungsunternehmer herum wuchs eine urbane Bluesszene heran, die sich aber bis heute ihrer ländlichen Wurzeln bewusst zu sein scheint.

Statistiken machen die Verschiebung deutlich. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Chicago weniger als fünfhundert schwarze Einwohner. Zur Jahrhundertwende waren es laut Paul und Beth Garon (Memphis Minnies Blues, 1992) schon an die dreißigtausend. Anfang der Dreißiger Jahre eine Viertel-, um 1950 eine halbe Million, 1960 über 800.000. Obwohl das Leben der Schwarzen auch in Chicago alles andere als lustig war, konnte man hier immerhin fast das Vierfache verdienen wie im Delta. Chicagos große Zeit als Zentrum des Blues kam freilich erst nach der Depression der Dreißiger Jahre.

In Chicago gab es eine schwarze Zeitung, den Defender, der die Schwarzen ermutigte, ihr Glück in Chicago zu suchen. Chicago war »kalt, teuer, dreckig und gefährlich« (Palmer), aber es gab Schulen, in die man die Kinder schicken konnte, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die meisten Zuwanderer blieben. Und manche von ihnen brachten es offensichtlich nicht nur zu Gitarren und Phonographen, sondern auch zu einem Piano. Anders wäre die dominante Rolle dieses Instruments im Chicago-Blues der frühen Jahre wohl kaum zu erklären. Zwei Stilrichtungen mischten sich hier: Die melodiösen Ragtimes aus dem Südosten der USA wurden mit dem rauen Klavierstil des tiefen Südens konfrontiert, den man Boogie-Woogie nannte und den schon Blind Lemon Jefferson als Booger-Wooger auf seiner Gitarre nachgedroschen hatte. Während in ländlichen Gegenden Pianos relativ selten waren und vor allem kaum transportabel, konnten städtische Kneipenbesitzer ihr Barrelhouses und sonstigen Lokale durch eine relativ bescheidene Investition attraktiv machen. Das Piano war das Geschenk Chicagos an den Blues. Solisten wie der Texaner Clarence Pinetop Smith (1904 – 1929), »Cripple« Clarence Lofton (1896 – 1957), Jimmy Yancey (1898 – 1951) und seine Schüler, die Freunde Albert Ammons (1907 – 1954) und Meade Lux Lewis (1905 – 1964) waren Ende der Zwanziger Jahre auch auf zahlreichen Blueseinspielungen vertreten. In den beiden folgenden Jahrzehnten erfreuten sich Boogie-Woogie-Combos und swingende Boogie-Orchester anhaltender Beliebtheit.

In den Studios hatten es Gitarristen von da an ziemlich schwer. Sie mussten schon die Klasse eines Scrapper Blackwell, Big Bill Broonzy, Lonnie Johnson oder Tampa Red haben, um noch mitspielen zu dürfen, wobei Letzterer mit Georgia Tom Dorsey einen pianistischen Langzeitpartner gefunden hatte. Weitere wichtige Pianisten waren Cow Cow Davenport (1894 – 1955) und Big Maceo (1905 – 1953) mit seinem umwerfenden »Chicago Breakdown«. Nicht alle Pianisten spielten ausschließlich Boogie, viele schwenkten früher oder später zum Pianoblues über, der sich gerade in Chicago nachhaltiger Beliebtheit erfreute.

Ein Dauerbrenner ganz anderer Art war der ständige Konflikt zwischen Chicago und New Orleans. Es ging dabei vor allem um das Geburtsrecht am Jazz, aber natürlich spielten gerade in den Anfängen auch die klassischen Bluesaufnahmen in der Argumentation eine Rolle. Dass das die persönlichen Beziehungen zwischen den Machern nicht unbedingt trüben musste, zeigt eine Anekdote, die Perry Bradford über sein erstes Zusammentreffen mit Jelly Roll Morton berichtete: »Ich erinnerte mich, wie ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte, in Chicago, damals, im Jahr 1913. Mama Bradford weckte mich auf, weil Charlie [Warfield] hereingestürzt kam und sagte, Mort Shoecraft schicke ihn, weil ich kommen solle, denn da sei einer – und damit meinte er den Typ, der gerade in mein Schlafzimmer latschte –, der habe nicht schlecht angegeben im Pompei Saloon, er sei der beste Pianist in Chicago und das sei ihm so an die Nieren gegangen, dass er es nicht ausgehalten habe. Inzwischen stand der große dürre Mann, der von seinem ›Jelly Roll Blues‹ den Spitznamen ›Jelly Roll‹ hatte, in meinem Zimmer. Ich sagte: Bist du der Typ, der der Blueskönig sein soll? ›Aber klar‹, sagte er. ›Charlie, bring das Lämmchen zum Piano, auf dass ich es schlachte‹, sagte ich. Jelly heulte vor lauter Lachen auf. Wir gingen ins Wohnzimmer zum Piano und Jelly spielte seinen später weithin berühmten ›Jelly Roll Blues‹. Ich bat ihn noch mehr zu spielen, aber er weigerte sich. Ich empfing ihn mit den Worten: ›Mann, das ist ein guter Blues, sehr trickreich, aber jetzt rutsch mal rüber und lass den echten Blueskönig ran, dann brichst du zusammen.‹ Ich spielte und sang ein ganze Reihe von Blues: ›I'm Alabama Bound‹ war dabei ... und dann spielte ich ›Cannon Ball Blues‹. Nach dieser morgendlichen Blues Session wurden Jelly und ich schnell Freunde.«

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291 p. 3 illustrations
ISBN:
9783862871100
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