Read the book: «Westerwälder Köpfe»

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Gefördert von den Landkreisen Altenkirchen, Neuwied und Westerwaldkreis.

© 2014 E-Book Ausgabe

Rhein-Mosel-Verlag

Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel

Tel. 06542-5151 Fax 06542-61158

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-89801-830-2

Satz und Gestaltung: Marina Follmann

Umschlagentwurf: Heiner Feldhoff

Heiner Feldhoff/Carl Gneist

Westerwälder Köpfe

33 Porträts herausragender Persönlichkeiten

Rhein-Mosel-Verlag

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Inhalt

Vorwort (Heiner Feldhoff) Vorwort (Carl Gneist) Édouard Baldus Andreas Balzar Wilhelm Boden Carmen Sylva Paul Deussen Karl Wilhelm Diefenbach Margaretha Flesch Ika Freudenberg Karl Otto Götz Johannes Gross Albertine von Grün Sophie von Hatzfeldt Annegret Held Lothar Hermann Joseph Höffner Peter Hussing Katharina Kasper Hermann Kempf Willy Korf Hermine Körner Maximilian Prinz zu Wied Mechthild von Sayn Hanns-Josef Ortheil Fritz Philippi Erwin Piscator Friedrich Wilhelm Raiffeisen August Sander Gisela Schmidt-Reuther Ewald Schnug Leo Sternberg Thomas Stum Clemens Wilmenrod Erwin Wortelkamp Anhang

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Der Westerwald und seine Menschen (I)

Heiner Feldhoff

Der alle verbindende Volksgruß, ein Dialog in knappster Form, der die Westerwälder Zusammengehörigkeit auf der Stelle erkennen lässt, ist seit hundert Jahren das Losungswort: »Hui! Wäller? – Allemol!«, die 1913 vom Westerwaldverein preisgekrönte, für Außenstehende unverständliche Parole aus einem Sechszeiler des Heimatdichters Adolf Weiß. Den Menschen des Westerwalds kurz Wäller zu nennen, hat sich durchgesetzt, so lautstark der verdiente Kulturhistoriker Hermann Josef Roth auch dagegen polemisiert: das sei albern, geschmacklos, eine Verstümmelung, ein Un-Wort, eine Erfindung eben. Aber ich meine, nach so vielen Jahren hat sich seine identitätsstiftende Berechtigung nun wahrlich erwiesen, und im Übrigen ist die Kurzform Wäller für Westerwälder z. B. schon bei dem von mir hochverehrten, literarisch bedeutsamen Dichter Fritz Philippi, also lange vor Adolf Weiß, anzutreffen, beide vom Hohen Westerwald. Auf dieses Westerwälder Kerngebiet trifft all das zu, was sich die Welt draußen so erzählt von der Wäller Rauheit, dem grollend Mundharten strengstirniger »Basaltköpp«, der Kargheit der Landschaft, dem berüchtigten Wind (Hui!), jenen Höhen, wo »zahllose Basaltblöcke zerstreut liegen, als habe der Himmel in seinem Zorn Felsen gehagelt«, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl beschrieben hat. Arno Schmidt, der selbst als Dichter zurückgezogen auf dem Land lebte, zitiert das weltweit bekannte Westerwaldlied »Ü berDei neHö henfeift der-Winnt. Sokallt« auf seine Weise. Pfarrer, Richter, Lehrer sind hierhin abgeordnet worden und recht bald, wenn es unstete Geistesmenschen, Stadtmenschen waren, wieder fortgezogen. Und sind dann berühmt geworden, haben aber oft lebenslang das Westerwäldische in ihrem Herzen bewahrt. Die sogenannten einfachen Leute wie auch die kommunalen Politiker verbinden mit dem Begriff Kultur meist die Forst- und Landwirtschaft, zu deren Geschichte Hans-Joachim Häbel ein vorzügliches Buch geschrieben hat: Die Kulturlandschaft auf der Basalthochfläche des Westerwaldes vom 16. bis 19. Jahrhundert.

Das Arno-Schmidt-Zitat begegnete mir vor Jahren, als ich für einen rheinland-pfälzischen Reiseführer den Westerwald als literarische Landschaft untersuchte, und auf einmal entdeckte ich überall zwischen Dill, Lahn, Rhein und Sieg, an Wied und Nister bedeutende Geistesspuren, ja gleich vor der Haustür: Nietzsches Freund Paul Deussen, Pfarrerssohn aus Oberdreis, weltberühmter übersetzer der Upanishaden, hatte hier gelebt, und schon bald wurde er für mich, neben Raiffeisen und Sander, zum Dritten im Bunde Westerwälder Kulturgrößen von Weltrang. Anfangs, das gebe ich gerne zu, war es eher die Tatsache, dass Deussens Freund, der große Friedrich Nietzsche, zwei Wochen lang hier bei uns im Westerwald, bei den Deussens in Oberdreis, zu Besuch gewesen war.

Dann schrieb ich für ein Sonderheft der Kultur-Initiative »Pro AK« von Ulrich Schmalz eine erste Serie von sieben Porträts berühmter Westerwälder, und am Ende war es u.a. der Künstler Erwin Wortelkamp, bereits der erlauchten Siebenzahl zugehörig, der anregte, diese Galerie zu erweitern und in Buchform dauerhaft bereitzuhalten. Die Landräte der Kreise Altenkirchen, Neuwied und Westerwald, selber an einem stärkeren regionalen Zusammenhalt interessiert, waren von der Idee einer solchen »Pro AK-NRWW «-Publikation allemol angetan. Aber auch aus dem hessischen Westerwald galt es kulturhistorisch bedeutsame Persönlichkeiten aufzunehmen. War tatsächlich anfangs eine gewisse Verlegenheit spürbar gewesen, wenn man nach wirklich großen Westerwäldern fragte, so tauchten auf einmal, besann man sich recht, immer mehr Namen auf, so dass mir das Projekt der Westerwälder Köpfe beinahe über den Kopf wuchs und unbedingt ein kompetenter Co-Autor hinzuzugewinnen war. Wir kamen dann aus dem Staunen nicht mehr heraus, die Zahl diskutabler großer Westerwälder wuchs ständig, so dass sich der Dreierbund Raiffeisen-Sander-Deussen wundersam um dreißig weitere Prominente vermehrte, – und damit nicht genug, am Ende noch einmal um das Doppelte, so dass wir hier eine alternative Liste beifügen (s. u.), für all jene, die in unserer subjektiven Auswahl vielleicht zu Recht den einen oder anderen eigenen Favoriten vermissen, dessen Aufnahme den Rahmen unseres Buches freilich gesprengt hätte. Vorläufer unseres Projekts waren im Übrigen die Lebensbilder aus dem Kreis Altenkirchen von 1979, Frauengeschichten, 2008 vom Kreis Neuwied herausgegeben, sowie diverse Heimatbücher, u.a. die Ausgabe der Wäller Heimat 2012 des Westerwaldkreises.

In unserer Sammlung bedeutender Westerwälder kommen selbstredend auch berühmte Westerwälderinnen vor – nicht nur zeitgemäße correctness lässt dies sogleich ergänzen, tatsächlich kann sich der Frauenanteil von 30 Prozent durchaus sehen lassen. Birgt aber der geschlechtsneutrale Buchtitel nicht die Gefahr, eine allzu intellektuelle Sortierung anzukündigen? Keine Sorge, hier werden nicht nur Hochkultivierte, durch kulturelle Glanzleistungen Aufgefallene vorgestellt, nicht nur Künstler, Schriftsteller, Adlige, Kirchengrößen, sondern auch Boxer, Schäfer und Koch. Umgekehrt war es August Sander, der zum Ausdruck gebracht hat, dass es nicht den geringsten Grund dafür gibt, auf »nur« volksschulisch Gebildete hochmütig herabzublicken, wenn er einfache, lebenserfahrene Bauersleute fotografiert und mit dem Titel versieht: »Der Philosoph«, »Die Philosophin«; ein alter Hirte wird ihm zum »Weisen«, Menschen, die offenkundig, mehr als mancher Studierter, etwas verstanden haben vom Werden und Vergehen, von der Mühsal tagaus, tagein, geprägt auch von der Gottesfurcht, vom Immergleichen im Wandel der Zeiten, von der Stille des Landes.

für die Abfolge entschieden wir uns gegen die Chronologie; die Anordnung nach dem Alphabet schafft neue überraschende Begegnungen, so stellt sie den Gewerkschafter neben den Unternehmer, den Koch neben den Wirtshaussohn, den ausschweifenden Maler neben die keusche Selige, Raiffeisen und Sander, die beiden Berühmtesten, stehen beieinander, mittendrin Mechthild von Sayn, unsere Älteste, aus dem 13. Jahrhundert.

Das Verfassen dieser Kurzbiographien war stets begleitet von einem gewissen Schuldbewusstsein, so viele Menschenleben in jeweils kaum mehr als tausend Worten einzufangen und möglicherweise, auch wenn das jeweilige Leben geglückt schien, es posthum doch noch zu verpfuschen, so lückenhaft, so verknappt, so fragmentarisch, wie es hier nur dargestellt werden konnte, bei aller Sorgfalt der Recherche. Aber unsere Lebensbilder verstehen sich als Einladungen an den Leser, den Spuren jener verehrten Westerwälder weiter nachzugehen, deren Lebensleistung bis heute Früchte trägt und die Nachgeborenen berührt, animiert, aufregt.

Bisweilen, so erging es mir nach langer Beschäftigung mit diesen ganz Anderen, schienen einige von ihnen auf einmal ihr Anderssein zu verlieren und wurden mir zeitweilig zum Bruder, zur Schwester, andere blieben fremd und fern und rätselhaft. Jedenfalls mag ein solches Festhalten in Bild und Wort ein wenig dazu beitragen, dass, umtost von der schönen neuen, immer erreichbaren medialen Präsenz, die Erinnerungsfähigkeit des wachsamen Einzelnen gestärkt wird, konkret im Blick auf unsere Westerwälder Köpfe in Geschichte und Gegenwart, und nicht nur auf Köpfe, denn auch die Hände sind beteiligt, die Fäuste gar, die Beine, nicht zu vergessen das Herz. Was sie alle, fast alle eint: sie wollen ins Öffentliche, sie wollen wirken, verändern, wollen Erfolg, gänzlich selbstlos die wenigsten, auch die Frömmsten nicht, denen es zumindest um einen Schatz im Himmel geht; Ika, Erwin, Annegret, Johannes, Carmen, Paul, sie alle tragen das, was sie befähigt und beseelt, zu Markte: ihre Kunst, ihr Denken, ihren Witz, ihre Mission.

Hervorragende Westerwälder Köpfe gibt es, wir sagten es, nicht wenige. Ein besonderer sei hier noch zum Schluss erwähnt: der Beulskopf bei Altenkirchen. Wer dort auf den Raiffeisenturm hinaufsteigt und sich ganz oben, weit ins Land hinausblickend, in den Wäller Wind stellt, den ergreift vielleicht jener Schwindel, bei welchem er nicht mehr recht zu entscheiden vermag, ob das, was ihn da umweht, noch Naturgeräusch ist oder schon Geisteshauch. Immer muss man sich erst um ein weniges aus dem Alltag erheben und den eigenen Kopf hinhalten. Um den überblick zu gewinnen. Sei es auch zwischen zwei Buchdeckeln.

HF

Wer wohl auch in diese Sammlung gepasst hätte:

Johann Peter Altgeld, der Gouverneur von Illinois; die Maler Karl Bruchhäuser, Robert Schuppner und Alois Stettner; der virtuose Bratschist Wolfram Christ, der Pianist Martin Stadtfeld und die Akkordeonistin Eva Zöllner, natürlich der Kabarettist Matthias Deutschmann; die historische Unternehmerpersönlichkeit Carl Johann Freudenberg und aus der Jetztzeit Ralph Dommermuth, Internet-Unternehmer, der Top-Manager Thomas Enders oder Joachim Fuhrländer, Apostel der Windräder: welche Karrieren! Dazu der »Holzpellet-Mann« Markus Mann und Willi H. Grün, Finanzjournalist – und Heimaterzähler. Aus der Welt des Sports ein Rudi Gutendorf oder Jutta Heine, Silbermedaillengewinnerin von Rom, Peter Hermann, Fußballprofi und Trainer bei Spitzenvereinen, Artur Knautz, Feldhandball-Nationalspieler. Dazu gehören auch: Hermann Graf Hatzfeldt, Schlossbesitzer und Hüter des Waldes, der Widerstandskämpfer Franz Leuninger, der Evangelist Anton Schulte, Friedrich Muck-Lamberty, furioser Lebensreformer. Dann die Schriftsteller Karl Ramseger-Mühle und Wilhelm Reuter, Hans-Christian Kirsch, der Erzähler für junge Menschen, der Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf und die Dichterin Maria Homscheid. Zudem Barbara Rudnik, die herbschöne Schauspielerin, oder Heinrich Roth, Landrat und Gegner des Hitler-Regimes, Hermann Josef Roth, der Kulturhistoriker der Region. Gewiss auch Wilhelm von Nassau-Dillenburg, hochadliger Kämpfer für die Freiheit der Oranjes, sowie die Verleger-Legende Klaus Wagenbach. Und nicht zuletzt der preußische Staatsreformer Karl Freiherr vom Stein.

Der Westerwald – immer wieder bewirkt er biografische Wunder …

Der Westerwald und seine Menschen (II)

Carl Gneist

Wir kamen, blieben und sind noch da …

Der eine im Herzen des Ruhrpotts aufgewachsen. Der andere, in Berlin geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in der Lüneburger Heide – wie konnten gerade die beiden Autoren Feldhoff und Gneist es wagen, die Geschichten bekannter Westerwälder Persönlichkeiten zu erzählen? Die einfache und auf der Hand liegende Antwort: Oft braucht es den unbestechlichen Blick von außen, um die Binnenwelt in ihrer Eigenart zu erkennen. Die hintergründige Antwort: Wir beide sind hierher gekommen und nicht mehr fortgegangen. Damit haben wir uns ganz unspektakulär zu dieser Landschaft und ihren Menschen bekannt. Mag sein, dass es woanders schöner und aufregender ist. Aber hier lässt sich auch leben, ohne zu verkümmern. Im Gegenteil: Der Westerwald ist eine Welt für sich, in der Menschen zu sich selbst kommen können – auch durch seine Ruhe.

Dableiben

Jede Kultur, besonders eine regionale, braucht einen abgegrenzten Raum und Menschen, die ihn bevölkern und dort bleiben für lange Zeit. Nur dann können sie in der langwierigen Auseinandersetzung mit den landschaftlichen Gegebenheiten besondere Techniken des überlebens, des Anbauens und Bauens und ihre besondere Sprache, den Dialekt, entwickeln, die alle Errungenschaften und Traditionen spiegelt und weitergibt.

Das Wort »Kultur« kommt von dem vieldeutigen lateinischen Verb »colere« = bebauen, pflegen, verehren. Die Römer bezeichneten mit dem Wort also die Bearbeitung des Bodens, das Errichten von Bauten aller Art, das Bewahren der Kenntnisse, Fähigkeiten, Sitten und schließlich den Dank an übergeordnete, hilfreiche Mächte, unter deren Schutz sie sich stellten. Das alles zusammengenommen ergab in den verschiedenen Regionen z. B. unseres Kontinents über die Jahrhunderte das Italienische, das Französische, das Deutsche usw. Und innerhalb der nationalen Kulturgruppierungen entwickelten sich regionale Lebenswelten, in die heute Touristen für eine Zeitlang eintauchen möchten: in die Provence, die Toskana, die Masuren, in den Schwarzwald.

Der Westerwald wurde allerdings lange nicht als Kulturlandschaft und Reiseziel wahrgenommen, als ab dem 19. Jh. mit der Eisenbahn der Massentourismus begann. Er blieb abgelegen. Schon zu Beginn des 20. Jh. versuchte deshalb Leo Sternberg – einer der von uns Porträtierten –, auf die landschaftliche Schönheit und die kulturelle Besonderheit der Gegend aufmerksam zu machen mit dem weithin beachteten Buch »Der Westerwald«. Später bekam diese Region eine zweifelhafte Berühmtheit, als deutsche Soldaten mit »O du schöhöhöner Wehehesterwald« durch Europa marschierten.

Gibt es in diesem Archiv von Lebensläufen bedeutsamer Menschen, die dem Westerwald entsprangen oder hierher kamen, etwas spezifisch Westerwäldisches zu entdecken?

Einst war es August Sander gelungen, in seinen Fotografien der Bauern und Arbeiter die besondere Physiognomie dieser Landschaft sichtbar zu machen. Ihre Gesichter und ihre Körper sind gezeichnet vom Ringen mit harten Existenzbedingungen. Jeder dieser Charaktere hätte eine eigene Biografie verdient. Es sind ja immer die Dagebliebenen als die ersten, die die Grundlagen für alles Spätere schaffen. In ihren eindrucksvollen »Westerwälder Köpfen« mit den tief eingekerbten Zügen ist aber auch schon die Gefahr der Versteinerung zu erahnen, wenn Menschen sich notgedrungen an ihrer engen Welt festklammern oder sich allzu sehr abgrenzen. Genau das aber kann man den Westerwäldern insgesamt nicht vorwerfen, dieser Gefahr der Verhärtung entkamen sie immer wieder.

Fortgehen

Die Menschen dieser Landschaft krallten sich nicht auf Teufel komm raus an ihre Scholle. Immer wenn die Not es verlangte oder die Abenteuerlust sie überkam, sind sie fortgezogen in die weite Welt – wie es so manche der Biografien in diesem Buch beweist.

»Jetzt ist die Zeit und Stunde da,

wir fahren nach Amerika.

Die Wagen stehn schon vor der Tür,

mit Weib und Kind marschieren wir!«

Dieses Auswandererlied des 19. Jahrhunderts haben viele Wäller gesungen. Manchmal ging sogar ein ganzes Dorf nach Amerika, ließ seine Häuser, seine Äcker und seine Geschichte hinter sich.

Nein, die Westerwälder sind keine Hinterwäld(l)er. Sie waren nie bedroht von sprachlicher, kultureller, genetischer Inzucht wie abgeschlossene Alpentäler. Dafür ist ihre Region zu offen und wird durchzogen von vielerlei Fließgewässern und Einflüssen und grenzt an den europäischen Strom, den Rhein. Ihr eigentümlicher, schwer nachzuahmender Dialekt ist eine besondere Melange aus den benachbarten Sprachgebieten, denn die Menschen überschritten oft genug nach allen Seiten den Rhein, die Lahn, die Sieg und die Dill.

Die von uns Ausgewählten sind von diesem Austausch mit der Welt unterschiedlich geprägt: Der Boxer Hussing zum Beispiel wurde geboren, lebte und starb in seinem Dorf Brachbach, kämpfte aber in vielen Ländern; der Bildhauer Wortelkamp kehrte nach Jahren in der Fremde in seine Heimat zurück, um hier sich und sein Werk zur Reife zu bringen; der Regisseur Piscator schleppte sein altes Westerwälder Autokennzeichen bis nach New York mit …

Menschen in ihrer Zeit

über das besondere Individuelle hinaus repräsentieren die ausgesuchten Lebensläufe auch – oft zu unserer eigenen überraschung – geradezu exemplarisch ihre historische Zeit, die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen. Prinz Maximilian zu Wied zum Beispiel untersuchte fremde Völker mit dem vorurteilsfreien, aufklärerischen Geist des Forschungsreisenden à la Humboldt und trauerte gleichzeitig über den Niedergang der traditionellen Adelsherrschaft in seiner deutschen Heimat nach 1848. Édouard Baldus flüchtete aus dem Dorf Grünebach nach Paris und ließ sich von der Welle der industriellen Revolution und der Erfindung der Photographie mitreißen. Willy Korf aus Hamm an der Sieg, der Star der Stahlindustrie in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, personifizierte einen global orientierten Unternehmungsgeist und musste schließlich erleben, wie gerade sein Typus des ideenreichen Unternehmers mit Privathaftung durch die Global Players verdrängt wurde. Der Gewerkschaftler und Pazifist Hermann Kempf saß in allen vier deutschen Staaten des 20. Jahrhunderts im Gefängnis …

Die Unbekannten

Vor Jahren hatte der Dramatiker Heiner Müller die Idee, ein deutsches Museum zu gründen, in dem das Leben von Unbekannten ausgestellt wird. Per Losverfahren ausgewählte Deutsche sollten in je einer Box ihre Existenz dokumentieren mit Fotografien, überbleibseln wie Strampelanzug, alten Turnschuhen, Autokennzeichen, Briefen und Tagebüchern, Schulzeugnissen usw. Die Museumsbesucher sollten einen tiefen Einblick haben in das besondere Leben aller Einzelnen.

Dieser schöne Gedanke steht hinter unserer Sammlung von Biografien bedeutsamer Westerwälder. Die von uns ausgewählten, namhaften Menschen stehen für all jene anderen nicht prominenten aus diesem Erdenwinkel, die hier gelebt, geliebt und gelitten, gearbeitet und Feste gefeiert haben – für alle Unbekannten also, deren Leben genauso unwiederholbar ist wie das der Berühmten, und für ihre Angehörigen und Freunde ebenso kostbar und einzigartig.

CG

Édouard Baldus, 1813-1885, Photograph, Grünebach


Vom Geldfälscher zum Photographen der Grande Nation

Wie eigentümlich! Demselben unscheinbaren Landschaftswinkel entstammen gleich zwei geniale Künstler, beide Weltmeister ihres Faches, der Photographie! Neben August Sander ist nun endlich auch der große Andere zu nennen: Édouard Baldus, der allerdings nicht so ohne weiteres von den Westerwäldern zu vereinnahmen ist. Die Franzosen sehen ihn nämlich als einen der Ihren an, zu Recht, denn er hat später nicht nur ihre Nationalität angenommen, sondern ist buchstäblich zu einem der bedeutendsten Repräsentanten seines neuen Vaterlandes aufgestiegen.

In Grünebach, einem Weiler im Hellertal im Kirchspiel Siegen, kommt als zweites Kind von Johann Peter und Elisabeth Baldus am 5. Juni 1813 ihr Sohn Eduard zur Welt. Zunächst noch zu Nassau gehörig, gelangt seine von Landwirtschaft und Eisenverhüttung geprägte Heimat zwei Jahre später an Preußen. Der Junge wächst in schlichten katholischen Verhältnissen auf und dient schon früh als Soldat bei der preußischen Artillerie in Köln. Doch dann nimmt er seinen Abschied vom Militär, offensichtlich hat er sein besonderes Talent bei der Handhabung neuester Drucktechniken entdeckt. Die nächste urkundlich überlieferte Erwähnung ist eine höchst unrühmliche, erst in jüngster Zeit von Peter Lindlein aus Betzdorf aufgedeckt: 1835 wird der »vormalige Bombardier Eduard Baldus« steckbrieflich in der Rheinprovinz gesucht, als Krimineller, der vom Staat ausgegebene Kassenanweisungen gefälscht hat. Ein lebensgefährliches Risiko, schlimmstenfalls droht ihm nach damaligem Recht die Todesstrafe.


Steckbrief in der preußischen Rheinprovinz, 1835

Der 21-jährige Grünebacher verduftet ins Ausland. 1838 taucht er als Kunststudent in Paris auf, mit einem fingierten Lebenslauf als Maler amerikanischer Herkunft, er ändert sein Geburtsdatum und schreibt sich gemäß französischer Aussprache Édouard. Zehn Jahre lang reicht er beim Pariser Kunstsalon seine Gemälde ein, letztlich ohne Resonanz. Privat ist er erfolgreicher: er heiratet die begüterte Elisabeth-Caroline Étienne und hat mit ihr drei Kinder. Da kommt ihm im Zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. der zivilisatorische und technische Fortschritt zu Hilfe: Paris wird nach Plänen des Barons Haussmann zur modernen Metropole umgestaltet. Die engen Viertel der einfachen Leute werden abgerissen, neue breite Boulevards ermöglichen einen zügigeren Straßenverkehr, bieten dem Second Empire mehr Schutz vor revolutionären Barrikadenkämpfen, aber auch, stadtästhetisch im wahrsten Sinne weitsichtig, imposante Durchblicke, z.B. auf den Arc de Triomphe oder die Oper. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich in Frankreich über Hippolyte Bayard, Louis Daguerre und andere Pioniere die neue Kunst der photographischen Ablichtung entwickelt, welcher sich der wendige und erfinderische Baldus nun mit aller Energie widmet: Er experimentiert, inzwischen Steckbrief in der preußischen Rheinprovinz, 1835 Gründungsmitglied der Pariser »Héliographischen Gesellschaft«, mit Salzpapier- bzw. Glasnegativen, später dann mit Kollodium-Nassplatten, seinem eigenen Heliogravüre-Verfahren, er weiß zu retuschieren und mehrere Negative zu einem Panoramabild zusammenzufügen. 1851 beauftragt ihn die Kommission für Denkmalspflege, historische Baudenkmäler zu photographieren, nicht nur in der Hauptstadt und Fontainebleau, sondern in ganz Frankreich, so in Burgund, in der Auvergne und im Midi. Seine Schwarz-Weiß-Bilder mit ihrer klassisch-ausgewogenen Sichtweise zeichnen sich durch eine ungewöhnliche Klarheit und Präzision aus, so dass sich sein Auftrag schon bald über das dokumentarische Festhalten der alten Bauwerke erweitert auf die Monumente des Fortschritts, wie Aquädukte, Bahnhöfe, Hafenanlagen.


Pont du Gard, 1861

Auf der Weltausstellung 1855 finden die Bilder seiner »Mission Héliographique « viele Bewunderer. Der Bankier James de Rothschild, Eigentümer der französischen Nordbahn, beauftragt ihn, ein Photoalbum von der Eisenbahnstrecke Paris-Boulogne zusammenzustellen, 50 Aufnahmen in einem Prachtexemplar, das Rothschild der Queen Victoria bei ihrem Besuch Pont du Gard, 1861 der Weltausstellung überreicht. Ein weiterer, ungleich umfänglicher Staatsauftrag wird ihm zuteil: Baldus dokumentiert mit mehr als 2000 Photographien den Neubau des Louvre.


Arc de Triomphe du Carrousel, nach 1850

Die große Nachfrage bei gleichzeitiger chemischer Fortentwicklung seines Druckverfahrens lässt ihn ein eigenes Unternehmen gründen; zeitweilig beschäftigt er ein Dutzend Mitarbeiter. 1861 beauftragen ihn die »Chemins de fer de Paris«, nunmehr Motive der südlichen Eisenbahnstrecke Lyon-Mittelmeer in einem Photowerk zu versammeln. Baldus ist aber nicht nur der dokumentarische Photograph nationaler Architektur, der modernen wie der aus der Römerzeit überkommenen – es gibt von ihm nicht minder imposante Landschaftsbilder aus der armen Auvergne oder von der schönen Côte d’Azur, von den überschwemmungen im Rhône-Tal sowie erst in unseren Tagen veröffentlichte Photographien einer eleganten Gesellschaft im Park des Schlosses La Faloise.

Im allgemeinen sind die Baldus-Aufnahmen menschenleer: es mag auch an den langen Belichtungszeiten damals gelegen haben, aber aus dieser technischen Not machte er die Tugend einer künstlerisch perfekten Komposition.


Thésée et le Minotaure - Jardin des Tuileries, 1858

In seiner Abwesenheit erscheint das Bild des Menschen bei Édouard Baldus nicht weniger nachhaltig als bei August Sander. Bereits in der Frühzeit des Lichtbilds wirft er einen modernen Blick auf die Dinge, wenn er zum Beispiel im Jardin des Tuileries unterhalb einer klassischen Skulptur die leeren Stühle aufnimmt. Heute werden die Werke des deutsch-französischen Meisters in Kunstausstellungen neben denen der bedeutendsten Impressionisten präsentiert, auf Auktionen erzielen die Originale Höchstpreise. In unserer Zeit werden sie in Verbindung gesehen mit den Schwarz-Weiß-Aufnahmen etwa von Bernd und Hilla Becher. Baldus selbst hat zum Thésée et le Minotaure - Jardin des Tuileries, 1858 Ende seines Lebens finanziellen Schiffbruch erlitten, geschäftlich hatte der Meisterphotograph keine glückliche Hand. Er stirbt am 22. Dezember 1889 in Arcueil-Cachan bei Paris. Auf dem dortigen Friedhof ist er im jüngst renovierten Familiengrab beigesetzt. Leicht ließe sich die Monumentalarchitektur der Herrschenden seines Jahrhunderts als imperialistische Selbsterhöhung kritisieren - und damit auch eine Photographie in deren Diensten. Doch liegt es nicht im Wesen großer Kunst, dass sie über die irdische Dauer von Auftraggebern und Zeitgenossen hinweg ihre Werke in einen melancholischen zeitlosen Zauber hüllt? Beide, ob Baldus oder auch Sander, sind eben keine Kopierer der Realität, sondern als geniale »Fälscher« bewundernswerte Erfinder eigener Bildkreationen.

HF

Andreas Balzar, 1769 - 1797, Räuberhauptmann, Höchstenbach


Ein Räuberhauptmann sieht rot

Wann und wo er geboren wurde, ist dokumentiert: am 28. Januar 1769 in Höchstenbach. Ebenso urkundlich belegt ist der Ort, das Datum und die Art seines Todes: Er wurde von Soldaten der napoleonischen Besatzungsarmee in Westerburg am 3. Oktober 1797 füsiliert. Dazwischen aber verliert sich das wildbewegte Leben dieses legendenumwobenen Mannes immer wieder im Dunkeln und fordert zu Spekulationen heraus. Doch sein Name ist im kollektiven Gedächtnis der Gegend zwischen Wied und Sieg dick unterstrichen. Nicht nur deshalb gehört er in diese Reihe von Westerwälder Köpfen, sondern auch, weil seine Biografie die revolutionäre »Sattelzeit« um 1800 spiegelt.

Seine Lebenszeit fällt in die kurze Blüte der großen Räuberbanden zwischen 1750 und 1820. Nach dem 30-jährigen Krieg war die Welt des mittelalterlichen Kaiserreichs ins Wanken geraten. Viele Landschaften waren gründlich geplündert und verarmt. Die Selbstverständlichkeit des einen christlichen Glaubens war zerstört, der Katholizismus und der Protestantismus hatten sich bis aufs Blut bekämpft. Und überall in Deutschland, das in viele Kleinstaaten zerfleddert war, über deren Grenzen man schnell fliehen konnte, bildeten sich Banden aus den Parias der damaligen Zeit: verarmte Bauernsöhne, Abkömmlinge der sogenannten unehrlichen Berufe wie Abdecker, Henker und Prostituierte, zu denen dann auch noch die überall verfolgten »Zigeuner« stießen, und viele elende Betteljuden. Unter ihnen Andreas Balzar 1769-1797 Räuberhauptmann Höchstenbach entwickelte sich ein besonderer Gauner-Jargon, das Rotwelsch, aus dem viele Ausdrücke in die Umgangssprache einwanderten wie: Bulle für Polizist, Bock haben für Lust, Model für Mädchen, Kohldampf für Hunger. Am Ende des 18. Jahrhunderts erschienen »Actenmäßige Nachrichten« an Stelle der heutigen Krimis, in denen den schaudernden Bürgern der Städte von den großen Räubern und ihren Banden erzählt wurde: »Schinderhannes« Bückler im Hunsrück, »Hiesl« Klostermeyer in Oberbayern, im Rheinland wüteten Damian Hessel, das »Studentchen« und Matthias Weber, genannt der »Fetzer«. Oft verklärte das Volk die Verfemten zu Sozialrebellen mit dem Flair eines Robin Hood. Der Schwager Goethes, Christian Vulpius, schrieb einen Bestseller über den edlen Banditen »Rinaldo Rinaldini«, und »Räuber und Gendarm« hieß von da an bis in unsere Zeit ein beliebtes Kinderspiel. Aber über den Räuberhauptmann Andreas Balzar findet sich in diesen Kriminalreports nichts. Er stammt nicht aus der deklassierten Gesellschaftsschicht wie die abgerissenen Desperados, die ihre Beute mit Lustnymphen in verrufenen Freudenhäusern versaufen und verhuren, weshalb viele von ihnen geschlechtskrank sind. Dagegen wächst Balzar als Sohn des Pfarrers von Flammersfeld auf. Und ebenso wie sein Vater soll er auf der »Hohen Schule« in Herborn, eine der wichtigsten Bildungsstätten der Calvinisten in Europa, Theologie studieren. Aber in seinen Adern rollt offensichtlich das Blut seiner Vorfahren, die jahrhundertelang als Förster und Soldaten gelebt hatten. Der fürstliche Wildpark um Herborn reizt seine Jagdlust allzu sehr, und der Lateinschüler wird nebenberuflich Wilddieb. Als Andreas Balzar enttarnt wird, kann er gerade noch aus dem Sayn-Wittgensteinschen Hoheitsgebiet nach Flammersfeld fliehen. Aus ist es mit der Theologen-Laufbahn, und sein empörter Pfarrervater verstößt ihn aus dem Elternhaus. Dabei war der Jagd- und Holzfrevel in jenen unruhigen Zeiten, als sich die alte Ständeordnung aufzulösen begann, auf dem Land eine übliche Praxis als Zeichen der Not wie der Revolte gegen das Unrecht. Denn allzu dreist nutzten die Adligen ihr Jagdprivileg aus. Sie verboten den Bauern, die Wildtiere zu töten, die ihre Feldfrüchte fraßen, und wenn den »Herren « danach war, betrieben sie rücksichtslos quer durch die Felder ihre Hetzjagden und zerstörten die Ernte. Da halfen sich die Dörfler eben selbst und besorgten sich Wildbret und Holz in den Wäldern. Das war noch nicht ehrenrührig. für den Sohn eines Pfarrers galten allerdings andere Regeln als für die Unterdrückten.

Nun ist er ein Outlaw.

Schiller hat in seiner Novelle »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« am Beispiel des »Sonnenwirts« Friedrich Schwahn die Karriere eines solchen Ausgestoßenen nachgezeichnet: Vom Wilddieb über das Zuchthaus in eine Räuberbande. Die Erzählung wirkt wie eine Blaupause für die Biografie von Andreas Balzar, nur dass dieser den Kerker überspringt. Er zieht nach Russland als Fremdenlegionär und bringt es dort bis zum Kapitän in der Leibwache des Zaren. Auch diese Lebensphase war beispielhaft für seine Zeit. Oft gingen damals abenteuerlustige Deutsche als Soldaten, Handwerker, Ingenieure und Kaufleute nach Russland, dort waren sie als Spezialisten gesucht und angesehen. In den russischen Romanen des 19. Jahrhunderts tauchten immer wieder Deutsche auf als Vorbilder an Tüchtigkeit und Können.

Warum Andreas Balzar aus Sankt Petersburg in den Westerwald zurückkehrt, wissen wir nicht. Aber plötzlich ist er wieder da. Er schließt sich einer Horde von Wilddieben und Räubern an und macht sich bald zu ihrem Anführer. Damit gehört er nun zu der sich epidemisch ausbreitenden Subkultur der Banden.

In jener Zeit wurde das ganze Rheinland unsicher gemacht von der weit verzweigten Niederländischen Bande. Zu ihr gehörte auch die Neuwieder


Andreas Balzar trifft seinen Vater kurz vor seiner Erschießung. Eine Szene aus der Aufführung der »Bartels Bühne«, Flammersfeld 1989.

Bande, die von der Stadt aus im Westerwald operierte. Die Waldgebiete der fürsten zu Wied waren zum großen Teil noch so unwegsam, dass selbst die Räuber sich verliefen, zum Beispiel nach einem missglückten nächtlichen überfall in Daaden. Auf ihrer Flucht gingen sie im Kreis und wurden am Morgen von den wütenden Bauern eingeholt, gefangen genommen und fürchterlich verprügelt. Balzar muss als Räuberhauptmann, der um Flammersfeld herumstreicht, Kontakt mit dieser Gang gehabt haben, aber er taucht in den »Acten der Polizey« nicht auf.

Er überfällt nämlich nicht Händler und Kaufleute, sondern französische Soldaten, und sein Gegner ist nicht die »Polizey«, sondern die französische Republik. Denn der Westerwald war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden. Das revolutionäre Frankreich, angegriffen von Österreich und Preußen, hatte nach mehreren Siegen mit seinem Volksheer die Rheinufer besetzt und lieferte sich zwischen Mainz und Koblenz ständig Gefechte mit den Habsburger Truppen.

Als ein französischer Offizier die Braut Balzars auf dem Marsch durch Flammersfeld schändet, sieht Balzar rot und beginnt einen blindwütigen Rachefeldzug gegen alle, die eine Offiziersuniform der Besatzer tragen. Er greift mit seinen Freischärlern die Franzosen aus dem Schutz der Wälder so erfolgreich an, dass im Jahr 1797 die Chance zu einem Aufstand des gesamten Westerwaldes gegen die fremde Besatzung in der Luft liegt, wie Heinrich von Gagern, der einstige nassauische Regierungspräsident, in seinen Memoiren berichtet. Seine militärischen Gegner jedenfalls nehmen Balzar, den »Capitain noir«, als Guerillakämpfer sehr ernst und jagen ihn intensiv. Schließlich fangen sie ihn, aber nur durch Verrat. Die Franzosen achten seinen russischen Offiziersrang und hängen ihn nicht wie einen gewöhnlichen Kriminellen an einen Strick. Und so beendet im Hof des Westerburger Schlosses ein Erschießungspeloton das dramatische Leben des Feuerkopfes. Seine Biografie ist exotisch genug für einen Roman vom Archivar Christian Spielmann ca. 100 Jahre nach seinem Tod und für ein darauf fußendes Theaterstück, das immer wieder mal im Westerwald von Laienbühnen aufgeführt wird. Manche Mitteilungen über Andreas Balzar stammen von Spielmann und sind heute nicht mehr belegbar. Jedoch ein Faktum steht fest: Im Angesicht seines Todes, »in articulo mortis«, gesteht er, einundzwanzig französische Offiziere mit eigener Hand getötet zu haben, und weist die Binde vor den Augen zurück.

CG

Wilhelm Boden, 1890-1961, Landrat und Ministerpräsident, Birnbach


Ein Mann für schwere Zeiten

Sauber gescheitelt, aufrecht im Anzug mit Weste und Krawatte: So hat ihn sein Nachbar, der später berühmte August Sander fotografiert. Ein gläubiger Katholik und milder Patriarch, geboren und aufgewachsen im Königreich Preußen, ein Jurist und lebenslang ein Verwaltungsbeamter reinsten Wassers. Kein glanzvoller Redner, keine schillernde, charismatische Persönlichkeit – doch ein höchst fähiger Mann in Krisenzeiten.

Wilhelm Bodens privates Leben verlief zunächst sehr gradlinig. Er wurde am 5. März 1890 in eine Juristenfamilie in der Nähe von Trier hineingeboren, Abitur daselbst, dem ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaft in Bonn und Berlin folgte, das er 1915 mit dem 2. Staatsexamen abschloss. Zwischendurch hatte er pflichtschuldigst und in kürzester Zeit 1912 in Würzburg die kirchenrechtliche Promotion eingeschoben – und die war sicherlich nicht irgendwo abgeschrieben. Selbstverständlich war er während seiner Studentenzeit einer der ältesten katholischen Studenten-Verbindungen Bonns beigetreten, und selbstverständlich wurde 1919, bald nach dem Studium, also zur rechten Zeit geheiratet, eine Frau aus dem gleichen bürgerlichen »Stall« und mit gleichem Glaubensbekenntnis. Es kann nicht überraschen, dass eine Familie gegründet wird mit sechs Kindern, für die ein großes Haus gebaut wird. Ein Lebenslauf wie aus dem Schnittbogen für das wohlsituierte katholische Bürgertum.

Als er 1919 im Jahr seiner Heirat zum Landrat für den Kreis Altenkirchen/ WW bestellt wird, ist er der jüngste Landrat in Preußen, dem größten und einflussreichsten Land innerhalb der neuen Weimarer Republik, das von Danzig bis ins Ruhrgebiet reichte. Seine Anfangsjahre sind nicht einfach: Das Gebiet ist gegliedert in einen Oberkreis um die Stadt Betzdorf, geprägt von der Industrie des angrenzenden Siegerlandes, und einen Unterkreis um das Verwaltungszentrum in der kleineren Stadt Altenkirchen, der vorrangig von der Landwirtschaft lebt. Darüber hinaus glauben und wählen die beiden Regionen verschieden – der Norden katholisch und der Zentrumspartei zuneigend, der Süden protestantisch, deutschnational und von Bismarck begeistert. Der junge Landrat, Mitglied der rein katholischen Zentrumspartei, stößt zunächst auf Misstrauen, das er aber nach und nach überwinden kann. In den ersten Jahren seiner Amtstätigkeit muss Boden die drängende soziale Not bekämpfen. Tausende ehemalige Soldaten der geschlagenen deutschen Armee sind zurück in ihre Westerwälder Heimat gekommen, seelisch und körperlich versehrt. für sie und ihre Familien muss ein Auskommen geschaffen werden, das wenigstens zum überleben reicht. Gleichzeitig bewirkt der »Versailler Vertrag«, mehr Racheakt als Friedensstiftung, mit unvernünftig hohen Reparationen eine schwere Inflation.


Der Geldwert verfällt im Stundentakt, und die Arbeiterfrauen stehen am Ausgang der Fabriken, um in Waschkörben den Tageslohn ihrer Männer abzuholen. Schließlich sehen sich die Landkreise und Gemeinden genötigt, eigenes Sondergeld auszugeben, so auch Altenkirchen. Diese Notgeldscheine tragen die Unterschrift von Wilhelm Boden als Vorsitzendem des Kreisausschusses. Nach Einführung der Rentenmark 1923 stabilisiert sich die Wirtschaft, und der junge Landrat kann sich tatkräftig an die Gestaltung des öffentlichen Lebens im Kreis machen. Mit der Fusion der Elektrizitätswerke Siegerland (EWS) und den viel größeren Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken (RWE), die 1927 abgeschlossen wurde, regelt er die Sicherung der Stromversorgung des Gebiets. Dieser Zusammenschluss zu einem effizienten, großen Energiebetrieb nützt auch dem Haushalt des Kreises. Bis heute, wenn auch in den letzten Jahren abnehmend, finanziert der Kreis mit den Dividenden aus seinen RWE-Aktien vor allem die Kulturarbeit. Weil er die Notwendigkeit erkennt, die Erzförderungs-, Hütten- und Basaltindustrie des Kreises an die großen Verkehrswege anzubinden, widmet er sich überdies intensiv dem Ausbau der Westerwald-Bahn.


W. Boden (im Führerstand) bei der Taufe einer neuen Dampf-Lok auf seinen Namen, 1927.

Eine der neuen Heißdampf-Lokomotiven wird feierlich auf den Namen »Landrat Dr. Boden« getauft. Als ebenso die Zeiten überdauernd erweisen sich seine Initiativen im Bereich der Ausbildung junger Menschen. Er sorgt dafür, dass das Real-Gymnasium Betzdorf als erstes in Preußen in die Trägerschaft des Kreises überführt wird – heute eine Selbstverständlichkeit – und begleitet die Schulreformen der folgenden Jahre mit dem Eifer des humanistisch Gebildeten. Das Gymnasium öffnet sich dadurch weiteren Kreisen der Gesellschaft, auch den Mädchen. Ein großzügiger Erweiterungsbau inklusive Sternwarte fängt den Zustrom der Schüler und Schülerinnen auf. Auch eine weitere Landwirtschaftsschule wird in seiner Amtszeit errichtet.

Boden verliert dabei die Schutzlosen und Belasteten der Zwanziger Jahre nicht aus seinem fürsorglichen Blick. Der Kreis erwirbt zwei Villen und gestaltet sie als Kindergenesungsheim und Müttererholungsheim um. Schließlich wird auf Veranlassung des Landrats in Kirchen ein modernes katholisches Krankenhaus errichtet, das bis in die Jetztzeit seine Aufgaben erfüllt. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 trifft vor allem den schwerindustriell geprägten Oberkreis hart. Die Arbeitslosigkeit steigt in ungeahnte Höhen, ein wesentlicher Grund für die Wahlerfolge der Nazis im Kreis. Viele verzweifelte Westerwälder wandern wieder einmal wie im 18. und 19. Jahrhundert nach Nord- und Südamerika aus. Engagiert stemmt sich Landrat Boden gegen die Stilllegung der Erzgruben mit Hunderten von Arbeitern. Wegen der »Grube Bindweide« richtete er sogar einen Appell an den Reichspräsidenten Hindenburg persönlich – vergeblich.

Die Machtergreifung der NSDAP bedeutet für Boden einen tiefen Riss in seinem sonst so makellosen Lebenslauf. Im Zuge der sogenannten »Gleichschaltung « wird er aus seinem Amt geworfen, wegen angeblicher Untreue wie viele andere Amtsträger angeklagt und in einem infamen, wochenlangen Schauprozess sogar zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. Anders als viele andere der Verwaltungselite biedert sich Boden aber niemals bei den Nazis an. Es hilft ihm sicher, dass er tief in seinem katholischen Glauben verankert ist. Boden zieht sich für die zwölf dunklen Jahre des »Tausendjährigen Reiches« mit seiner Familie nach Köln zurück und arbeitet als Rechtsanwalt und Gutachter.

Nach dem katastrophalen Ende des Weltkrieges suchen die alliierten Besatzungsmächte händeringend nach unbelasteten Fachleuten für die Organisation des zerstörten Landes. Wilhelm Boden macht nun eine geradezu atemberaubende Karriere. Zuerst wird er 1945 von den Amerikanern per Federstrich wieder als Landrat des Kreises Altenkirchen eingesetzt, doch schon nach wenigen Wochen ernennen ihn die Franzosen, die diese Zone von den Amerikanern übernahmen, erst zum Oberpräsidenten, dann zum Regierungspräsidenten von Koblenz. Wieder einmal bestehen seine Aufgaben vorwiegend darin, die Wohnungsnot und den Hunger zu bekämpfen. 1947 heben ihn die Franzosen auch noch in das Amt des Ministerpräsidenten von »Rhéno-Palatin«, dem neu gegründeten Rheinland-Pfalz. Doch obwohl er dann die ersten demokratischen Parlamentswahlen gewinnt als Spitzenkandidat der auf den Trümmern der Zentrumspartei gegründeten CDU, gelingt es ihm nicht, eine neue Regierung zu bilden gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und auch seiner eigenen Partei. Das politische Revier der Strippenzieher und Fallensteller ist dem passionierten Jäger und Waldgänger Boden nicht sehr vertraut. Resigniert gibt er den Regierungsauftrag zurück und das Amt des Ministerpräsidenten auf. Seine letzten Berufsjahre verbringt er hochgeachtet und hochgeehrt mit dem Bundesverdienstkreuz als Chef der Landeszentralbank.

Die Glanzzeit seines Lebens aber waren die Jahre als junger Landrat in Altenkirchen, als er auf allen möglichen Gebieten Erstaunliches leistete in den wilden Jahren der ersten deutschen demokratischen Republik. In seinem Haus in Birnbach, nahe Altenkirchen, stirbt er am 18. Oktober 1961.

CG

Carmen Sylva, 1843-1916, Königin, Schriftstellerin, Schloss Monrepos


Eine dichtende Königin, wie aus dem Märchenbuch

Es gibt noch da und dort eine Straße, einen Park oder ein Altenheim, die ihren Namen tragen, aber ihre Werke werden nicht mehr aufgelegt und sind vergessen. Und doch war sie einst in ganz Europa berühmt als »dichtende Königin«. Als sie 1890 Queen Victoria besuchte, trug sie auf einem Sängerfest in Wales eigene Dichtungen vor und wurde von der Menge bejubelt. Berichte über sie füllten die Boulevardblätter jener Zeit. Ihre Bücher wurden in verschiedene europäische Sprachen übersetzt, dafür sorgte sie oft schon selbst, denn sie sprach fließend Deutsch, Englisch, Französisch und Rumänisch. Eine spektakuläre Erscheinung, die Königin von Rumänien, geborene Elisabeth zu Wied, die sich als Dichterin »Carmen Sylva« nannte.

In diesem Namen verbirgt sich ihre Herkunft aus dem Westerwald: »Waldgesang«, lateinisch carmen sylvae, was sie wegen des besseren Klangs abänderte. »Carmen das Lied und Sylva der Wald / Von selbst gesungen das Waldlied schallt.«

Im Schloss Monrepos, über der Stadt Neuwied mit Blick auf den vielbesungenen Rhein gelegen, kommt sie als Tochter des fürsten Hermann zu Wied und seiner Frau Maria, geborene von Nassau, zur Welt. Sie durchlebt eine von strenger Erziehung geprägte Kindheit. Wenn sie aber in die Wälder um Monrepos darf, wird sie zum wilden Naturkind. Ihre Sprachbegabung fördert ein eigener Hauslehrer, – und sie bekommt sogar einige Klavierstunden von Clara Schumann, die als Starpianistin durch die deutschen Adelshäuser tingelt. Zu Füssen ihres weitgereisten Onkels Maximilian zu Wied sitzend, lauscht sie seinen Erzählungen über das Leben der nordamerikanischen Indianer.

Als sich kein passender hochadliger Ehemann anbietet, droht sie als junge Frau den Eltern an, Lehrerin zu werden, um etwas Nützliches für die Menschen zu tun. Dieser für eine Frau der damaligen Oberklasse ungewöhnliche Berufswunsch zeigt schon den Einfluss der Frauenemanzipation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch ist Elisabeth zu Wied alles andere als eine Suffragette. Zu sehr ist sie erfüllt von der überzeugung, die wesentliche Aufgabe einer Frau bestehe darin, zu lieben, zu pflegen, und zu dienen, zum Beispiel einem Ehemann und einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Der Wunsch, Leben zu erzeugen und zu erhalten, erwuchs sicherlich auch aus frühen Erschütterungen. Ihre Kindheit wird überschattet von schweren Krankheiten in der Familie. Der geliebte jüngste Bruder Oskar, schon schwer geschädigt geboren, stirbt mit 12 Jahren. Der Vater Hermann zu Wied, ein hochgebildeter Privatgelehrter, leidet an Tuberkulose, und auch die Mutter Maria kränkelt oft, ist zeitweise sogar gelähmt.

Obgleich eine attraktive junge Frau mit einer – wie Zeitzeugen berichten – »süssen«, wohlklingenden Stimme, lässt sie sich auf dem europäischen Heiratsmarkt des Hochadels schwer vermitteln. Sie gilt als zu ernsthaft und gebildet. Schon nähert sie sich mit 26 Jahren als Hochadlige dem Status der »alten Jungfer«, da führt ihre Mutter Maria zu Wied 1869 eine arrangierte Begegnung mit Prinz Karl von Hohenzollern-Sigmaringen herbei, einem hohen Offizier der preußischen Armee, ehrenhaft und zurückhaltend gegenüber Frauen. Kurzentschlossen macht er ihr jedoch bei diesem ersten Treffen einen Heiratsantrag, vielleicht weil er Elisabeth schon einmal in seinen Armen aufgefangen hatte, als das junge Mädchen, eine Schlosstreppe runterstürmend, gestolpert war. Sie nimmt den Antrag ebenso entschieden sofort an. Wenige Wochen später wird die Ehe geschlossen.

Schon 1866 hatte ihr Mann als fürst Carol I. die ihm angetragene Regentschaft in Rumänien übernommen. Die Flitterwochen bestehen deshalb aus zwei Tagen im Schlafwagen nach Bukarest. Obgleich ihr lockerer rumänischer Hofstaat die sittenstrenge fürstin nach einigen Wochen verdächtigt, sie sei wohl frigide, gebiert Elisabeth schon elf Monate nach der Hochzeit eine Tochter, die abgöttisch geliebte Maria. Das Glück über die Erfüllung ihres fraulichen Lebensziels dauert nur kurz. Als sie mit ihrem Kind während einer Scharlach-Epidemie aus Pflichtgefühl ein Hospital besucht, infiziert sich die Kleine an eben diesem Erreger und stirbt 1874 im Alter von 3 Jahren. Den Schmerz über diesen Verlust verwindet die Königin nie, zumal sie kein Kind mehr zur Welt bringen kann, stattdessen mehrfach Fehlgeburten erleidet. Schreibend versucht sie, diese Wunde ihres Lebens zu heilen: Sie beginnt eine Karriere als Dichterin mit dem Pseudonym »Carmen Sylva«. Unermüdlich veröffentlicht sie Gedichte, Romane, Märchen, Theaterstücke, Aphorismen – in rasender Eile und kaum korrigiert, was sich ungünstig auf die Qualität ihrer Arbeiten auswirkt. Bald erwirbt sie sich jedoch mit ihren Werken einen gewissen Ruhm, wozu sicher auch ihr gesellschaftlicher Rang beiträgt. Denn 1881 hat sich Rumänien zu einem Königreich gemacht. Nun ist sie eine »dichtende Königin«, die sich offen zur Schriftstellerei bekennt – anders als die mit ihr befreundete österreichische Kaiserin Sissy, die ebenfalls schreibt, aber eine Veröffentlichung wegen der Hofetikette ablehnt.


Carmen Sylva und Tochter Maria

Carmen Sylvas Bücher werden von der Presse sehr wohlwollend rezensiert. Sie korrespondiert mit einer Reihe von bekannten Autoren aus anderen Ländern, so mit Pierre Loti, dem französischen Romancier, der dafür sorgt, dass ihr Buch Pensées d‘une reine von der Académie Française ausgezeichnet wird. Kurz gesagt: Sie wird nach und nach eine Spezialistin in Public Relations, fördert tatkräftig die eigene Sache wie auch das Kulturleben Rumäniens, vor allem die Volkskunst, deren überlieferungen sie zu retten versucht. Geschickt inszeniert sie sich dabei selbst. Empfängt sie zum Beispiel einen Dichter, liegt sein Buch wie zufällig auf dem Flügel, an dem sie, in wallende Gewänder gehüllt, gerade eine Sonate spielt. Als sie in ihrem Publicity-Eifer so weit geht, home-stories vom Krankenlager ihres Mannes an die Presse zu schicken, ätzt Karl Kraus in seiner Zeitschrift »Die Fackel« 1907: »Carmen Sylva ist keine bedeutende Schriftstellerin, wohl aber eine tüchtige Krankenpflegerin …«

Carmen Sylva und Tochter Maria Im Leben wie in ihren Gedichten empfindsam bis zur Sentimentalität, wird sie anfällig fürs Zweite Gesicht. Als die junge Hofdame Vacarescu behauptet, in »Visionen« würde ihr der rumänische Thronfolger Prinz Ferdinand seine heimliche Liebe gestehen, versucht Königin Elisabeth hartnäckig, die beiden trotz großem Standesunterschied zu verheiraten. Als die skandalöse Affäre französische Boulevard-Zeitungen erreicht, verbannt sie ihr Ehemann Karl I. für zwei Jahre nach Italien, um den jungen fürsten standesgemäß verheiraten zu können.

über all ihren Eitelkeiten als Dichterin und den Merkwürdigkeiten ihres Auftretens darf nicht übersehen werden: die Landesmutter ist eine sehr warmherzige Frau, die ihre sozialen Verpflichtungen als Königin ernst nimmt. Sie gründet Schulen, Hospitäler und Pflegeheime in dem rückständigen Land, und im türkisch-russischen Krieg 1877 versorgt sie persönlich die verwundeten rumänischen Soldaten, die auf der Seite Russlands kämpfen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges trifft das Königspaar tief. Beide fühlen sich zerrissen zwischen ihrer deutschen Herkunft und der Loyalität zu Rumänien. 1914 stirbt der König im Schlaf. Seine Frau folgt ihm nur zwei Jahre später. Man sucht die überreste ihres Kindes Maria, findet sie in einem versteckten Grab im Garten des Schlosses und bestattet sie zusammen mit der Mutter. Im Tode vereint – ein ergreifendes, romanhaftes Lebensende, wie aus einem der Märchenbücher der »dichtenden Königin« Carmen Sylva.

CG

Aphorismen

Die sogenannte Frauenfrage geht die Seele gar nichts an. Der Frauenberuf heißt in der Natur: »Gebären« und in der geistigen Welt: »Mutter sein«. Das ist der Frauen Beruf, und wer das Gegenteil beweisen kann, beweise es.

Sobald in der Ehe der Gedanke an Geduld auftaucht, ist sie eigentlich schon keine Ehe mehr, denn die Liebe ist fort, auf der dieses Verhältnis sich allein aufbauen und erhalten kann.

Pflichttreue ist eines der schönsten Wörter der lieben deutschen Sprache; sie kann stolz sein, es zu besitzen.

aus: Gedanken einer Königin

Wenn ein Herz bricht, geht ein Hauch

Von Weh so über die Erde,

Als wenn in kalten Nebelhauch

Und Schnee sie verwandelt werde.

aus: Geflüsterte Worte von Carmen Sylva

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Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
255 p. 109 illustrations
ISBN:
9783898018302
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