Read the book: «Seewölfe Paket 22»

Impressum
© 1976/2018 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-95439-781-5
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 421
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 422
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 423
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 424
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 425
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 426
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 427
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 428
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 429
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 430
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 431
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 432
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 433
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 434
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 435
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 436
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 437
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 438
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 439
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 440
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8

1.
Das Wasser der Bucht war so ruhig, als sei nie etwas Außergewöhnliches geschehen. Zumindest verdeutlichte es, daß sich die Natur einen feuchten Kehricht darum scherte, wenn sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlugen.
Sir Edward Tottenham lehnte an den mächtigen Luftwurzeln einer Mangrove und blickte auf die Bucht hinaus. Nur die Masten der Kriegsgaleonen „Orion“ und „Dragon“ ragten noch aus dem Wasser. Der Angriff dieses schwarzhaarigen Rasseweibes war tollkühn gewesen, das mußte man anerkennen, wenn es auch noch so schmerzte.
Sir Edward hatte sich von den Männern abgesondert und sich an einen abseits gelegenen Winkel des Strandes begeben. Er brauchte Ruhe, um seine Gedanken wieder in Ordnung zu bringen. Was sein Innerstes an diesem 23. August des Jahres 1594 aufwühlte, war nicht allein der Verlust seines Schiffes, der „Orion“.
Nein, für Sir Edward Tottenham hatte dieser Tag etwas Schicksalhaftes – aus Gründen, über die er erst noch Klarheit gewinnen mußte. Alle Äußerlichkeiten hatten für ihn plötzlich keinen Belang mehr. Es störte ihn nicht, daß seine Kapitänsuniform verdreckt und an verschiedenen Stellen eingerissen war. Die Macht der Sonne, die erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel brannte, spürte er kaum, obwohl er unter anderen Umständen lieber einen schattigen Platz aufgesucht hätte.
Der Grund seiner Tiefsinnigkeit lag auch nicht darin, daß es mit mörderischen Anstrengungen und Gefahren verbunden sein würde, jemals das heimatliche England wiederzusehen. Sir Edward ahnte, daß es einen anderen Grund für seine sonderbare Stimmung geben mußte. Vage ahnte er überdies, daß er in sich selbst nach jenem Grund forschen mußte. Denn da war eine Empfindung, die er nie zuvor in seinem Leben gekannt hatte.
Es war das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben.
Aber woher, um Himmels willen, rührte dieses Gefühl? Hatte er etwa falsche Entscheidungen getroffen? Oder mit seinen Entscheidungen zu lange gezögert? Diese Fragen ließen ihm keine Ruhe.
Von Anfang an hatte diese Reise in die Neue Welt unter einem unguten Stern gestanden. Möglicherweise hatte es schon daran gelegen, daß die Kompetenzen zu keinem Zeitpunkt eindeutig abgegrenzt worden waren. Sir Edward verstand bis heute nicht, warum sich die Königin in dieser Frage nicht klar und deutlich festgelegt hatte, wie es sonst ihre Art war.
Sir Andrew hatte sich ganz als Befehlshaber gebärdet. Und er, Sir Edward, hatte vielleicht nicht genügend Energie gehabt, solchem Gehabe wirkungsvoll entgegenzutreten. Vor seinem geistigen Auge erschien das Bild der spanischen Galeone „Santa Cruz“, die bereits die Flagge gestrichen hatte und dennoch zusammengeschossen worden war – von der „Dragon“ und der „Lady Anne“.
Sir Edward war nicht entgangen, daß sich seine Geschützmannschaften auf der „Orion“ merklich zurückgehalten und absichtlich danebengeschossen hatten. Gewiß, dagegen war er nicht eingeschritten, aber er hatte auch nicht jene Courage an den Tag gelegt wie die Kapitäne Rooke und Wavell, die einfach nicht mehr mitgespielt und mit ihren Galeonen „Centurion“ und „Eagle“ den Verband verlassen hatten.
Vielleicht hatten Rooke und Wavell das einzig Richtige getan – sicherlich aus ihrer aufrechten Haltung heraus. Sir Edward haßte sich heute dafür, daß er seinerzeit geneigt gewesen war, Rooke und Wavell als Meuterer zu betrachten. Aber zu dem betreffenden Zeitpunkt hatte er auch noch zu sehr unter dem Einfluß von Sir Andrew gestanden. Daß ihm erst jetzt nach und nach die Augen aufgingen, wertete er allerdings nicht als Entschuldigung für sich selbst.
Es blieb die bedrückende Gewißheit, in vielen Punkten versagt zu haben.
Die Männer von der „Orion“ waren indessen voller Hoffnung. Sir Edward hörte es aus ihren Stimmen heraus, und er las es aus der Entschlossenheit, mit der sie seit dem Untergang des Schiffes ans Werk gingen. Für sie war dieses kleine Eiland der östlichen Grand Cays nicht gleichbedeutend mit einem besiegelten Schicksal. Sie hatten Waffen, Munition, Proviant, Ausrüstung und vor allem die sechs Jollen. All das verdankten sie der Umsicht von Marc Corbett.
Jene letztere Tatsache mußte Sir Edward Tottenham neidlos und unumwunden zugeben. Verdankte nicht auch er einiges der Entschlußfreudigkeit und Umsicht seines Ersten Offiziers?
Wie so oft bewahrheitete sich das Sprichwort, daß der nicht weit ist, von dem gerade in Worten oder Gedanken die Rede ist. Sir Edward hörte das mahlende Geräusch von Schritten im Sand. Erstaunt wandte er den Kopf nach links.
Marc Corbett, der schlanke Mann mit dem scharfgeschnittenen Gesicht, dem dunklen Haar und den graugrünen Augen, war sichtlich erfreut, seinen Kapitän gefunden zu haben.
„Ich möchte Sie nicht unbedingt stören, Sir Edward“, sagte der Erste Offizier der „Orion“, „aber es gibt einige Dinge, die ich gern mit Ihnen besprechen würde.“
Tottenham verschränkte die Arme vor der schmalen Brust und nickte ermunternd.
„Nur zu, Mister Corbett. Sie stören nicht im mindesten. Lassen Sie sich gesagt sein, daß ich über Ihre Anwesenheit durchaus froh bin.“
Corbett zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Die so unvermutete Offenheit des Kapitäns brachte ihn in Verlegenheit. Deshalb ging er nicht darauf ein, sondern wandte sich dem Grund seines Auftauchens zu.
„Wenn ich Sie mit einer Angelegenheit behelligen darf, die ich selbst zu verantworten habe“, sagte er gedehnt.
Nun war es Tottenham, der sein Erstaunen nicht verbergen konnte.
„Das klingt ja beinahe so, als ob Sie sich etwas vorzuwerfen hätten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb. Nicht bei Ihnen, Mister Corbett.“
Der Erste Offizier senkte geschmeichelt den Kopf. Ihm war nicht entgangen, daß sich in Sir Edward seit dem Untergang der „Orion“ offenbar eine Wandlung vollzogen hatte. In seinem ganzen Verhalten wirkte er jetzt bestimmter und geradliniger. Gleichzeitig gab es aber auch Momente, in denen er von tiefer Nachdenklichkeit gepackt wurde. So war es der Fall gewesen, als er sich hierher abgesondert hatte.
Marc Corbett gab sich innerlich einen Ruck, nahm wieder Haltung an und blickte dem hageren Mann offen in die Augen.
„Es handelt sich um die Gefangenen von der ‚Lady Anne‘, Sir Edward, die achtundzwanzigköpfige Crew des Sir John Killigrew. Ich kann mir Selbstvorwürfe in dieser Beziehung nicht ersparen. Die Dinge entwickeln sich auf eine Art und Weise, wie ich es nicht erwartet habe.“
„Weil Sie die Kerle aus der Vorpiek befreit haben?“ entgegnete Sir Edward stirnrunzelnd. „Deshalb trifft Sie doch keine Schuld. Im Gegenteil.“
„Sicher war es richtig, Sir, die Kerle nicht wie Ratten absaufen zu lassen. Insofern gebot es schon die Christenpflicht, sie über Bord zu jagen, als feststand, daß der Untergang der ‚Orion‘ nicht mehr abzuwenden war.“
„Meine Rede“, sagte Tottenham mit bekräftigendem Nicken. „Dieser Christenpflicht haben Sie genügt. Und nicht nur das. Ihnen gebührt noch besonderes Lob dafür, daß Sie als einziger an Bord der ‚Orion‘ daran gedacht haben, die hilflosen Gefangenen zu retten. Denn hilflos waren sie in diesem Moment, einerlei, was man ihnen auch sonst alles zur Last legen kann.“
„Ich weiß, Sir Edward“, sagte Marc Corbett leise. „Und ich danke Ihnen aufrichtig. Aber ich hätte vorhersehen müssen, wie sich die Kerle hier an Land aufführen. Ein Umstand, der mir erhebliche Sorgen bereitet.“
Sir Edward rieb sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand.
„Ich verstehe. Aber auch in dem Punkt meine ich, Sie beruhigen zu müssen. Erstens gab es keine Möglichkeit, die Killigrew-Kerle hier auf der Insel sofort wieder zu fesseln und zu bewachen. Dafür waren wir alle zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Zweitens haben wir meines Erachtens keine ernsthaften Schwierigkeiten zu befürchten, da unsere Mannschaft zahlenmäßig weit überlegen ist. Und wir verfügen über Waffen und Munition, mein lieber Corbett – was wir wiederum auch Ihrer Umsicht verdanken.“
„Sie sollten mir nicht zu sehr schmeicheln, Sir Edward. Ich habe nur meine Pflicht getan.“
„Ehre, wem Ehre gebührt. Ich habe jedenfalls meine Gründe, wenn ich jetzt, in dieser Situation, einiges sage, was ich früher nie gesagt habe.“
Marc Corbett starrte ihn Atemzüge lang ungläubig an.
„Sir Edward!“ rief er dann voller Bestürzung. „Wenn ich Ihnen durch mein Verhalten das Gefühl gegeben haben sollte, ihre Autorität anzuzweifeln, dann bitte ich um …“
Tottenham unterbrach ihn mit einer energischen Handbewegung.
„Unsinn. Wenn Sie so wollen, haben Sie mir vielleicht ein wenig die Augen geöffnet. Etwas, wofür ich Ihnen dankbar sein muß. Aber davon wollen wir nicht reden. Nicht jetzt.“ Sein Blick wanderte für einen Moment auf die Bucht hinaus. Dann sah er wieder den Ersten Offizier an. „Was bereitet Ihnen solches Unbehagen in Zusammenhang mit Killigrews Strolchen?“
„Ich vermute, daß sie sich mit Mister Stewart verbünden werden.“
„Ja, und?“
„Daraus könnte dann doch eine ernsthafte Gefahr entstehen.“
Sir Edward sah den Ersten Offizier an, als studiere er dessen Gedanken.
„Ihre Rechnung weist einen kleinen Denkfehler auf, Mister Corbett. Sie dürfen die achtzig Mann von der Crew der ‚Dragon‘ nicht zusammen mit Stewart und den Killigrew-Kerlen in einen Topf werfen. Mit den adligen Gentlemen noch viel weniger.“
Marc Corbett schwieg sekundenlang. Er mußte zugeben, daß er diesen Gesichtspunkt nicht erwogen hatte. Aber wäre Sir Edward früher in der Lage gewesen, solche Überlegungen anzustellen? Es war das Erstaunliche, das mit seiner rätselhaften Wandlung zu tun haben mußte – mit eben jener Wandlung, die wiederum mit ihrem gerade beginnenden Dasein als Schiffbrüchige zusammenzuhängen schien.
„Sie meinen, Sir Edward, die ‚Dragon‘-Crew würde sich nicht unbedingt mit Killigrews Leuten verbünden?“
„Genau das. Kennen Sie nicht den Unterschied zwischen anständigen Seeleuten und durchtriebenen Küstenhaien? Wissen Sie denn nicht, zu welcher Sorte diese Sippschaft in Cornwall gehörte?“
„Doch, Sir, das ist mir durchaus bekannt.“
„Na also. Dann sollten Sie aufhören, diesen Punkt überzubewerten. Ich denke, es gibt zur Zeit Vordringlicheres, mit dem wir uns beschäftigen müssen.“
„Allerdings, Sir“, erwiderte der Erste und konnte abermals sein Erstaunen nicht verbergen. Sir Edward entwickelte eine Art von praktischem Denken, die einem geradezu unheimlich erscheinen konnte. „Die Männer haben eine erste Bestandsaufnahme abgeschlossen. Alle sechs Jollen befinden sich in seetüchtigem Zustand, einschließlich der Besegelung.“
„Ausgezeichnet. Und weiter?“
„Waffen und Munition konnten wir ebenfalls in genügender Menge bergen. Ich habe veranlaßt, daß die Pulverfässer an einen geschützten und doch ausreichend luftigen Platz in Strandnähe gebracht werden – vorläufig, bis wir eine bessere Lagermöglichkeit haben. Darauf komme ich gleich noch zu sprechen, Sir.“
Tottenham lächelte, denn er ahnte bereits, auf was dieser stets praktisch denkende Mann hinaus wollte.
„Wie sieht es mit den Waffen aus, Mister Corbett?“
„Musketen, Tromblons und Pistolen in ausreichender Zahl, Sir. Wir können jeden Mann mit mindestens einer Waffe ausrüsten, etliche sogar mit Muskete und Pistole zugleich, wenn es sein muß. Wir haben außerdem bereits Äxte, Sägen und andere Werkzeuge geborgen. Die Proviantvorräte werden für die nächsten paar Tage reichen. Ich meine aber, wir sollten schon heute die erste Gruppe von Männern mit Musketen losschicken. Wir sollten so rasch wie möglich feststellen, ob es auf der Insel jagdbares Wild gibt.“
„Der Meinung bin ich auch“, sagte Kapitän Tottenham.
„Außerdem“, fuhr Corbett fort, „sollten wir unverzüglich mit dem Bau von Hütten beginnen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Sir. Es klingt vielleicht so, als hätte ich vor, mich für einen längeren Aufenthalt auf der Insel einzurichten. Ich halte die Hütten aber aus Gründen der Zweckmäßigkeit für angebracht. Zum einen wären natürlich die Männer vor Sturm und Regen geschützt. Wichtiger erscheint mir aber, daß wir unsere gesamte Ausrüstung sicher unter Dach und Fach haben. Ich denke also auch an ein kleines Munitionsdepot, das besonders bewacht werden müßte.“
Sir Edward nickte und dachte eine Weile darüber nach.
„Ich stimme Ihnen zu“, erwiderte er dann. „Was ich über Killigrews Meute gesagt habe, soll nicht heißen, daß ich das Risiko etwa unterschätze. Ihr Vorschlag ist gut, Mister Corbett. Hütten sind für uns auf jeden Fall von Vorteil.“
„Dann können wir also mit den Vorbereitungen zum Bau beginnen?“
„Selbstverständlich.“ Sir Edward nickte. Dann hob er die rechte Hand. „Eins wollen wir dabei aber nicht vergessen, Mister Corbett: Wir müssen den Mannschaften sagen, warum wir die Hütten bauen. Eben als Wetterschutz und letztlich aus Sicherheitsgründen. Denn wenn die Männer das Gefühl haben, wir müßten uns für einen längeren Aufenthalt auf der Insel einrichten, dann könnte das eine demoralisierende Wirkung haben. Wir müssen Ihnen immer wieder vor Augen halten, daß wir so bald wie möglich versuchen werden, eine größere Insel zu finden – wie es ironischerweise die schwarzhaarige Lady des Zweideckers empfohlen hat.“
Erneut mußte Marc Corbett im stillen zugeben, daß Tottenham auf einen Punkt hingewiesen hatte, an den er selbst noch nicht gedacht hatte. Natürlich – der Arbeitseifer der Männer würde im wesentlichen davon bestimmt werden, wie sie ihre Zukunftsaussichten einschätzten. Neben dem Arbeitseifer spielten Loyalität und Verteidigungswille eine nicht minder bedeutende Rolle.
„Danke für den Hinweis, Sir“, sagte Corbett. Er zögerte einen Augenblick. Doch dann sagte er sich, daß er mit jener Offenheit antworten konnte, wie sie Sir Edward auch ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte. „Ich bitte Sie, Sir, alle erforderlichen Maßnahmen zu überwachen. Ich möchte nicht gern den Eindruck erwecken, daß ich eigenmächtig über Dinge entscheide, die in Ihre Zuständigkeit fallen.“
Eine Sekunde lang war das schmale Gesicht des Kapitäns wie eine Maske. Marc Corbett fürchtete fast, nun richtig ins Fettnäpfchen getreten zu sein. Doch er täuschte sich. Unvermittelt löste sich Tottenhams scheinbare Anspannung in ein Lachen auf, und er klopfte seinem Ersten Offizier sogar auf die Schulter.
„Reden Sie getrost, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, Corbett. Sie erwarten von mir ein bißchen mehr als zuvor, und Sie haben recht damit. Ein Mensch sollte Kritik vertragen können. Das will ich mir hinter die Ohren schreiben.“
„So habe ich es aber nicht gemeint, Sir“, sagte Marc Corbett erschrocken. „In erster Linie wollte ich zum Ausdruck bringen, daß ich nicht gern meine Kompetenzen überschreite.“
„Ich weiß, ich weiß.“ Sir Edward klopfte ihm abermals auf die Schulter. „Lassen Sie es gut sein.“ Er stieß sich von der Mangrovenwurzel ab. „Gehen wir jetzt zu den anderen. Ich meine, wir sollten es dem Schiffszimmermann übertragen, die Beschaffung von Bauholz zu leiten. Andere Gruppen können unterdessen die Bauplätze für die einzelnen Hütten vorbereiten.“
„Ich bin sicher, wir werden schon am Abend die ersten Dächer über dem Kopf haben!“ rief der Erste begeistert. Am liebsten hätte er sich revanchiert und seinem Kapitän ebenfalls einen Hieb auf die Schulter versetzt. Aber er beherrschte sich gerade noch rechtzeitig. Bei aller guten Kumpanei wäre das denn doch ein Schritt zu weit gewesen.
Ein anderer Gedanke beschäftigte Marc Corbett, als sie den Lagerplatz der „Orion“-Crew erreichten.
„Ist Ihnen bekannt, Sir, daß sich Mister Stewart die beiden Goldkisten aus dem Besitz von Sir Henry angeeignet hat?“
Sir Edward blieb stehen und blickte den Ersten entgeistert an.
„Nein! Sind Sie sicher?“
„Völlig sicher, Sir. Mehrere Männer und auch ich selbst haben gesehen, wie Stewart nach dem Angriff des Zweideckers mit seiner unbeschädigten Jolle zur ‚Dragon‘ pullte und die beiden Kisten aus dem Achterdeck bergen ließ. Sir Henry hatte keine Chance, sich dagegen aufzulehnen.“
Tottenham konnte sich eines Lächelns, nicht erwehren. Der sehr ehrenwerte Duke of Battingham war bis zuletzt kreischend auf dem Achterdeck der „Dragon“ herumgehüpft, aber niemand hatte auch nur einen Gedanken daran verschwendet, ihn zu retten.
Einer der riesenhaften Kerle von dem fremden Zweidecker hatte den Zitternden schließlich aufgefordert, den Großmars zu räumen. Dorthin hatte sich der Hochwohlgeborene geflüchtet, nachdem die „Dragon“ auf Grund gegangen war.
Daß es unter seiner Würde wäre, sich schwimmend fortzubewegen, hatte Sir Henry immer wieder hinausposaunt. Den Denkzettel dafür hatte er erhalten, denn nun befand er sich als Gefangener an Bord des Zweideckers. Daß man sich sein Gezeter dort nicht sehr lange anhören würde, stand wohl fest.
„Wegen der Goldkisten könnten sich allerdings Komplikationen ergeben“, sagte Sir Edward düster. „Die Raffgier gewisser Personen ist nicht zu unterschätzen. Wir müssen auf jeden Fall ständig Wachen einteilen, auch während der Bauarbeiten.“
Für Marc Corbett gab es nichts mehr hinzuzufügen. Er war froh, jetzt einen Kapitän an seiner Seite zu haben, auf den er sich verlassen konnte. So wunderte es ihn auch nicht, als Tottenham kurze Zeit später mit einer der Arbeitsgruppen losmarschierte, um Bäume zu fällen. Jede Hand wurde gebraucht, und am Beispiel ihres Kapitäns orientierten sich auch Corbetts Offizierskameraden. Der alte Gemeinschaftsgeist der „Orion“-Crew war in vollem Umfang wieder erwacht.
2.
Alle drei Jollen der „Dragon“ waren hoch auf den Strand gezogen worden. Eine lag jedoch ein Stück abseits, von Palmwedeln sogar ein wenig beschattet. Die beiden Männer, die dort Wache hielten, waren froh, der sengenden Sonne nicht schutzlos ausgesetzt zu sein.
Aus dem Dickicht sahen sie unvermittelt Charles Stewart auftauchen. Irgendwo dort lungerten auch die anderen herum und pflegten ihre faule Haut. Daran, etwas Eßbares aufzutreiben, dachte keiner. Vorläufig begnügten sie sich mit Kokosnüssen.
Drüben, in einiger Entfernung, hatten die „Orion“-Leute unterdessen ein Kochfeuer angefacht – deutlich sichtbar auf dem Strand. Am liebsten wären die beiden Wachtposten hinübergelaufen und hätten um einen Schlag Suppe gebettelt. Aber sie wußten, daß sie dort gewiß nicht mit offenen Armen empfangen worden wären.
Stewart war nicht allein. An seiner Seite walzte ein Ungetüm aus dem Unterholz hervor, wie es seinesgleichen keine Crew kannte: Joe Doherty, der persönliche Profos des verblichenen Sir Andrew Clifford, Earl of Cumberland.
Dieser Doherty war ein Bulle von einem Kerl, was allein gar nicht mal so schlimm gewesen wäre. An Land hätte er in einem Zirkus auftreten können – als Kinderschreck. Denn sein Gesicht sah wahrhaftig zum Fürchten aus.
Gesicht konnte man diese wüste Landschaft von Narben und Furchen allerdings kaum noch nennen. Einige der Narben waren blutrot, andere dunkel und bläulich. Die Nase war plattgeschlagen, zu allem Überfluß fehlten diesem Monstrum auch noch ein Ohr und die Hälfte der Zähne.
Stewart war schon ein Brocken von einem Mann. Aber neben Doherty wirkte er geradezu zierlich. Zielstrebig marschierten die beiden durch die Sonnenglut am Rand des Dickichts auf die bewachte Jolle zu. Die beiden Posten ahnten, daß ihre geruhsame Zeit im Schatten abgelaufen war.
Sie täuschten sich nicht.
„Ihr könnt abhauen“, sagte Stewart barsch. „Mister Doherty übernimmt diese Aufgabe jetzt.“
Der Profos Sir Andrews stemmte die Riesenpranken in die Hüften und grinste geschmeichelt. Dabei bemerkte er einen Ausdruck des Entsetzens in den Gesichtern der beiden Kerle, die sich da von den Duchten der Jolle erhoben.
Doherty hatte eine Art dumpfes Wissen um die Wirkung seines Erscheinungsbildes. Das hatte er schon oft erlebt, infolgedessen war es nichts Ungewohntes: Sein Grinsen rief bei manchen Leuten geradezu fluchtartige Reaktionen hervor. Gelegentlich hatte er das ausgenutzt. In Hafenschänken beispielsweise, wenn es darum ging, einen guten Platz am Tresen zu ergattern.
Bedauerlicherweise pflegte in solchen Fällen zumeist auch die holde Weiblichkeit Reißaus zu nehmen. Joe Doherty hatte sich schließlich damit abgefunden, daß er stets tiefer in die Tasche greifen mußte als andere, wenn er eins von den Hafenmädchen für sich interessieren wollte. Und dann waren es meist auch nur die fetten älteren Weiber, die sich für ihn zu begeistern schienen.
Er hatte bis heute nicht begreifen können, warum die drallen und hübschen jungen Dinger immer einen großen Bogen um ihn schlugen.
Männer wie Charles Stewart brauchten indessen nur ein paar Worte mit Joe Doherty zu wechseln, um zu wissen, daß die Natur ihn unterhalb der Schädeldecke äußerst sparsam ausgestattet hatte. Das bedeutete allerdings nicht, daß dieses Monstrum ein gutmütiger Trottel gewesen wäre, wie man es oft bei Einfaltspinseln erlebt.
Nein, Joe Doherty hatte alle Eigenschaften, die ein Dienstherr vom Schlage Sir Andrews zu schätzen gewußt hatte – gewalttätig bis zur Grausamkeit, rücksichtslos, frei von menschlichen Empfinden jedweder Art und bärenstark.
Über Dohertys Körperkraft gab es die wildesten Gerüchte. Er selbst brüstete sich bisweilen mit einer Geschichte aus Falmouth in Cornwall. Dort, so behauptete er, hätte er bei einem Gauklermarkt einen ausgewachsenen Stier bei den Hörnern gepackt und auf den Rücken geworfen. Wenn Doherty so etwas erzählte, wagte niemand, ihm zu widersprechen, geschweige denn auch nur Zweifel anzumelden.
Die beiden Wachtposten wollten sich verdrücken.
„Einen Moment noch“, sagte Stewart.
Er bückte sich und überzeugte sich, daß die beiden Goldkisten mit unversehrten Schlössern unter der Achterducht standen. Dann erst scheuchte er die beiden Männer mit einer Handbewegung weg.
Von seinem Mißtrauen blieb niemand verschont, auch die nicht, die sich stets als absolut zuverlässig erwiesen hatten. In besonderem Maße galt das jetzt, da er die beiden Kisten hüten mußte wie seinen Augapfel. Nicht zuletzt deshalb hatte er Doherty mit freundlicher Aufmerksamkeit bedacht.
Das Monstrum war der geborene Befehlsempfänger. Doherty konnte nicht leben ohne jemanden, der ihm sagte, was zu tun war.
„Davon hängt meine Zukunft ab“, sagte Stewart und klatschte mit der flachen Hand auf das Kistenholz. „Also auch die Ihre, Mister Doherty. Ich denke, wir beide verstehen uns.“ Stewart kniff bei diesen Worten in kumpelhafter Vertraulichkeit das linke Auge zu.
„Aye, aye, Sir“, sagte Doherty geschmeichelt. Sir Andrew hatte ihn zwar auch ordentlich behandelt, jedenfalls so, wie er es gewohnt war. Aber der Kapitän Stewart redete ihn sogar mit „Mister Doherty“ an und war auch sonst sehr höflich zu ihm. Dies erfüllte Doherty mit besonderem Stolz, vor allem dann, wenn andere es auch mitkriegten.
Stewart richtete sich wieder auf.
„Sie sind jetzt meine Vertrauensperson, Mister Doherty“, sagte er bedeutungsvoll. „Ich weiß, daß ich mich in jeder Beziehung auf Sie verlassen kann. Was ich vorläufig noch nicht weiß, ist, wie wir von dieser lausigen Insel verschwinden werden. Aber das Gold“, er stieß mit dem Stiefelabsatz gegen die Bootsplanken, „wird uns in jedem Fall dabei helfen. Passen Sie gut auf das Gold auf, Mister Doherty. Und auch darauf, daß mir nie jemand in den Rücken fällt oder sonstwie versucht, mich zu überlisten. Bin ich raus aus dem Schlamassel, dann sind Sie es auch. Klar?“
„Aye, aye, Sir“, sagte Doherty abermals, diesmal dröhnend und voller Selbstzufriedenheit.
Die Ehre, Vertrauensperson des Kommandanten sein zu dürfen, ließ ihn noch um einiges breiter werden. Es sah aus, als sei er aufgeblasen worden. Sir Andrews Umgangston ihm gegenüber war von der Art eines Herrn zu seinem Hund gewesen. Gemessen daran fand sich Doherty nun als Vertrauensperson Kapitän Stewarts in seiner Wichtigkeit um ein Vielfaches angehoben.
Für Stewart indessen war der Kerl nichts weiter als ein nützlicher Idiot. Leichter konnte man es gar nicht haben, sich einen persönlichen Leibwächter zuzulegen. Ein paar freundliche Worte genügten, und man konnte den hirnlosen Narren mit dem kleinen Finger in jede nur beliebige Richtung bugsieren. Auf die Idee, daß er nur ausgenutzt wurde, kam Joe Doherty nie im Leben.
Und Charles Stewart hatte seinerseits nicht vor, das Monstrum bis ans Ende seiner Tage mit sich zu schleifen. Hatte man erst einmal wieder England erreicht und sich ein Leben in Wohlstand gesichert, dann würde es Mittel und Wege geben, sich des ungeschlachten Kerls zu entledigen.
Stewart wies ihn an, sich auf die Achterducht der Jolle zu setzen und niemanden an die Goldkisten heranzulassen.
„Sollte es doch einer wagen“, sagte Stewart, „dann …“ Er fuhr mit dem Zeigefinger an der Gurgel entlang.
Joe Doherty lachte glucksend, wobei sein mächtiger Oberkörper regelrecht bebte.
„So einem reiße ich den Kopf ab“, sagte er dumpf.
Stewart war überzeugt, daß Doherty das sogar wörtlich meinte. Er nickte dem Monstrum zu und stiefelte durch den weichen Sand los. Bevor er im Dickicht verschwand, sah er sich noch einmal um.
Doherty hockte auf der Achterducht wie ein Granitblock. Bei ihm war das Gold in der Tat so sicher wie in Abrahams Schoß. Er selbst würde es sich ganz gewiß nicht unter den Nagel reißen, denn er wußte ja nicht einmal, was man damit anfangen konnte.
Der Lagerplatz der „Dragon“-Crew war den Umständen entsprechend gar nicht einmal schlecht. Das mußte Stewart erneut feststellen, als er nach dem kurzen Weg über den sonnendurchglühten Strand die schattige Lichtung erreichte. Die Sonne drang nicht bis hierher vor, die Luft war beinahe als angenehm kühl zu bezeichnen, da eine sanfte Brise durch das Dickicht strich. Im Inneren der Insel mochte es undurchdringlich, stickig und feucht sein. Aber hier in Ufernähe konnten es Menschen noch aushalten.
Stewart hatte nicht vor, die Insel näher zu erkunden. Was interessierte ihn dieses dämliche Eiland! Er mußte weg von hier, und zwar so schnell wie möglich.
Die hochwohlgeborenen Gentlemen, die samt und sonders arg gerupft aussahen, hatten sich abgesondert. Wie immer zogen sie es vor, unter sich zu sein.
Sollen sie, dachte Stewart. Der einzige nach seinem Geschmack war Sir Robert Monk. Mit dem Mann konnte man etwas anfangen, das spürte Stewart instinktiv. Er hatte auch den Eindruck, daß dieser Sir Robert durchaus seiner Adels-Clique den Rücken zuwenden würde, wenn es die Lage erforderte. Aber das war im Augenblick noch Zukunftsmusik.
Die insgesamt etwa achtzig Crewmitglieder der „Dragon“ hockten in der Mitte der Lichtung. Einige von ihnen kauten mißmutig auf Stücken von Kokosnüssen herum, andere schlürften die Milch aus angebohrten Nüssen. Auf die Dauer war das natürlich keine Ernährung für ausgewachsene Männer, darüber war sich Stewart im klaren. Aber wie sollten sie etwas Besseres beschaffen? Sie besaßen ja nicht einmal Schußwaffen, um irgendwelches Viehzeug zu erlegen.
Stewart wollte sich bereits wieder auf seinen ursprünglichen Platz niederlassen, als er eine Gestalt sah, die ihm vom jenseitigen Rand der Lichtung aus zuwinkte. Dort gab es eine Schneise und daran angrenzend eine Nebenlichtung – Zufluchtsort der Burschen von der „Lady Anne“. Verständlich, daß sie sich nicht in die Nähe von Corbett und Tottenham trauten, wobei man den letzteren nach Stewarts Meinung besser auf „Trottelham“ umtaufte.
Die winkende Gestalt war niemand anders als O’Leary, der Bootsmann mit der Holzhackervisage. Unter dem Kommando des alten Killigrew mußte er eine große Nummer gewesen sein. Stewart hatte das daraus gefolgert, daß O’Leary sogar das Recht hatte, die beiden ferkelgesichtigen Söhne des Alten herumzukommandieren. Geblieben war dem vierschrötigen Bootsmann immerhin ein uneingeschränkter Respekt der Crewmitglieder von der „Lady Anne“.
Stewart ging auf ihn zu und ließ sich von ihm beiseite nehmen.
„Die Jungs haben gesagt, ich sollte mal mit Ihnen reden, Sir“, sagte O’Leary und setzte dabei ein vertrauliches Grinsen auf.
„Da haben die Jungs dir einen guten Rat gegeben“, entgegnete Stewart und grinste zurück.
Bei jenen Zukunftsplänen, die ihm allerdings noch nicht genau umrissen vorschwebten, paßten die Killigrew-Leute unter O’Leary besser zu ihm als die Crew der „Dragon“. Diesen Burschen, die für den alten Halunken aus Cornwall durch dick und dünn gegangen waren, brauchte man nicht lange zu erklären, warum man sich beispielsweise zwei Goldkisten unter den Nagel riß. Denen brauchte man auch nicht zu verklaren, warum man sich für die legendäre Schatzbeute des Seewolfs mehr interessierte als dafür, den Mann in England vor Gericht zu stellen.
O’Leary rannte bei Stewart gewissermaßen ein offenes Schott ein.
„Ja, das ist so“, sagte der Bootsmann gedehnt, „wir wissen irgendwie nicht richtig, wo wir hingehören. Dieser Corbett hat uns zwar aus der Vorpiek rausgelassen. Aber wenn wir freiwillig hingehen, läßt das Schwein uns bestimmt in Ketten legen.“
„Damit ist zu rechnen“, sagte Stewart grinsend.
„Aber bei Ihnen wissen wir auch nicht, woher der Wind weht“, fuhr O’Leary fort.
„Warum nicht?“
„Kann man schwer sagen. Die Kerls von der ‚Dragon‘ sind nicht gerade die freundlichsten. Sieht so aus, als wollten sie mit uns nichts zu tun haben.“
„Das entscheiden nicht die Kerls von der ‚Dragon‘, sondern immer noch ich, ihr Kommandant“, entgegnete Stewart. „Und ich meine, daß ihr von der ‚Lady Anne‘ brauchbare Burschen seid, die wissen, wann und wie sie zupacken müssen.“
O’Leary strahlte.
„Dann heißt das …“
„… daß ihr bei mir gut aufgehoben seid“, fiel ihm Stewart ins Wort. „Ihr braucht euch also nicht länger abseits zu halten. Und keine Sorge: Ab sofort steht ihr unter meinem persönlichen Schutz.“
Der Bootsmann blinzelte verblüfft.
„Dann macht es Ihnen gar nichts aus, daß wir mit dem Gold von der ‚Santa Cruz‘ einfach abgehauen sind?“
„Erstens habt ihr einen Befehl ausgeführt, den euch Sir John. Killigrew gegeben hat. Zweitens“, Stewart hieb ihm auf die Schulter und lachte dröhnend, „seien wir doch mal ehrlich! Ich hätte an eurer Stelle nicht anders gehandelt. Zum Teufel, eine ganze Schiffsladung Gold! Da ist man doch nicht so blöd, mit allen Leuten zu teilen.“
O’Learys Verblüffung schlug in ein Grinsen um. Auf einmal begriff er, daß dieser Kapitän aus einem ähnlichen Holz geschnitzt war wie Sir John Killigrew, der alte Schnapphahn von der Feste Arwenack.
Charles Stewart seinerseits hatte indessen längst erkannt, daß die achtundzwanzig Kerle von der „Lady Anne“ besser zu ihm paßten als alle anderen, die hier auf der Insel versammelt waren. Mit solchen Burschen konnte man mitten durch die Hölle segeln und dem Gehörnten höchstpersönlich am Schwanz ziehen.
Aus keinem anderen Grund war Charles Stewart auch seinerzeit in England höchst erfreut gewesen, an der Fahrt in die Karibik teilzunehmen. Insgeheim hatte er von Anfang an nur seine persönliche Bereicherung im Sinn gehabt, wie das bei vielen Kapitänen vor ihm der Fall gewesen war.
Stewart kannte all die Geschichten, die man sich in den englischen und irischen Schänken erzählte. Aber auch aus seinem Dienst bei der britischen Marine wußte er, wie viele Kapitäne Ihrer Majestät, der königlichen Lissy, von einer Kaperfahrt in die Karibik nicht zurückgekehrt waren.
Wie viele spanische Gold- und Silberschiffe hier in der Neuen Welt ausgeplündert wurden, wußte man von den Protestnoten, die der spanische Botschafter ständig bei Hofe vorgebracht hatte. Seine Allerkatholischste Majestät in Madrid geruhten besorgt darüber zu sein, wie oft man ihm etwas von seinem Mammon abzwackte.
Kurzum – Charles Stewart beneidete die Kapitäne, die sich zu einem Piratenleben in Saus und Braus auf einsame Karibik-Inseln zurückgezogen hatten. Wem er das Gold und sonstige Schätze abnahm, ob dem Seewolf oder den Spaniern, das war ihm letzten Endes völlig gleichgültig.
Fest stand jedenfalls, daß er das gesteckte Ziel mit O’Leary und seinen Kerlen am besten erreichte. Diese Burschen mußte man bei Laune halten, solange sie von Nutzen waren.
Kurz entschlossen ließ Stewart die ganze Meute von O’Leary zusammenrufen, und dann führte er sie hinüber zur großen Lichtung.
„Herhören!“ rief er. „Mister O’Leary und die Crew Sir John Killigrews gehören ab sofort zu uns. Ihre Gefangenschaft auf der ‚Orion‘ war unrechtmäßig, denn sie trifft in keiner Beziehung ein Verschulden. Sie haben lediglich Befehle ausgeführt.“
Die Crewmitglieder der „Dragon“ reagierten mit eisigem Schweigen. Nicht ein einziges Wort wechselten sie mit den Killigrew-Strolchen, die sich jetzt ganz in ihrer Nähe niederließen. Stewart übersah es nicht, doch es kratzte ihn herzlich wenig.
Wenn es darauf ankam, wußte er, auf wen er sich verlassen konnte und auf wen nicht. Alles andere war unwichtig, solange sie sich nicht gegenseitig die Schädel einschlugen. Und so etwas würden sie zur Zeit gewiß nicht anfangen, denn mit knurrendem Magen hatte man erfahrungsgemäß andere Gedanken im Kopf als unsinnige Keilereien.
3.
Sir Robert Monk hatte das Geschehen beobachtet und begann, gezielte Überlegungen anzustellen, was die Lage im allgemeinen und ihn persönlich betraf.
Sein Gesicht war verquollen. Er konnte die Schrammen und Platzwunden fühlen, aber er hatte längst aufgegeben, sie immer wieder zu betasten, wie das die anderen taten, die jammernd und wehklagend in seiner Nähe hockten.
Natürlich war den Decksleuten der Kragen geplatzt, als man an Bord der sinkenden „Dragon“ verlangt hatte, bevorzugt zur Insel übergesetzt zu werden. Da hatten diese strohköpfigen Narren eben ihre Fäuste gebraucht und sämtliche Gentlemen kurzerhand über Bord befördert.
Sir Robert hatte seine Schrammen und Beulen allerdings nicht jenem blasierten Verhalten zu verdanken, das die anderen sieben der Clique an den Tag gelegt hatten. Nach dem gescheiterten Enterunternehmen gegen die „Orion“ und während des anschließenden Angriffs des Zweideckers hatte er sich schwimmend den Weg zum rettenden Ufer freikämpfen müssen.
Seine inzwischen getrocknete Kleidung hatte er wieder angezogen. Besonders vor der Sonne mußte man die empfindliche Haut schützen. Darin unterschied sich Sir Robert nicht von den übrigen Gentlemen. Wo man gezwungen war, unbedeckte Haut der Außenluft preiszugeben, schützte man sie tunlichst mit einer Schicht Puder.
Bedauerlicherweise waren nun aber mit der „Dragon“ auch alle persönlichen Sachen der Gentlemen untergegangen, so auch die Vorräte an Puder, die man aus England mit auf die Reise genommen hatte.
Harte Zeiten standen bevor. Ungeschützt würde man widrigen Witterungseinflüssen ausgesetzt sein. Eine Tatsache, die üble Launen hervorrufen würde, unter denen dann wiederum die mehrköpfige Dienerschaft der acht Gentlemen zu leiden hatte.
Keiner von ihnen zeigte allerdings auch nur das geringste Bedauern darüber, daß Sir Henry, Duke of Battingham, nicht mehr unter ihnen weilte. Vermißt wurde er von niemandem, und im Grunde konnte man der rätselhaften Korsarin nur dankbar sein, daß sie diesen Schwachkopf mit seinem ewigen Gekreisch fortgeschafft hatte.
Als Führer des Verbandes, wie ihm das in seinen krankhaften Hirngespinsten vorschwebte, hatte Sir Henry nie eine Rolle gespielt. Denn die Qualitäten dafür fehlten ihm. Wenn man ihn hatte faseln lassen und zum Teil auf seine idiotischen Anweisungen eingegangen war, dann eben nur deshalb, weil er das Karibik-Unternehmen finanziert hatte.
Insofern war er für den verblichenen Sir Andrew und die übrigen Gentlemen nichts weiter als ein Mittel zum Zweck gewesen. Niemand hatte Grund, ihm eine Träne nachzuweinen. Seine Person war in höchstem Maße überflüssig geworden. Überdies war sich in der augenblicklichen desolaten Situation ohnehin jeder selbst der Nächste.
Sir Robert Monk war keineswegs entgangen, wie Charles Stewart begonnen hatte, seine Pläne für die weiteren Schritte in die rechten Bahnen zu leiten. Äußerst clever war es gewesen, die beiden Goldkisten Sir Henrys zu vereinnahmen. Neidlos mußte Sir Robert anerkennen, daß er sich nicht geschickter hätte verhalten können.
Die Crew der „Dragon“ verfügte nur noch über drei Jollen, und eine davon betrachtete Stewart sozusagen als seinen Privatbesitz. Ebenso hatte Sir Robert bemerkt, daß Stewart den hirnlosen Doherty auf seine Seite gezogen hatte und ihn nun als Leibwächter betrachtete.
Es bestand durchaus die Möglichkeit, daß dieser Stewart in noch größerem Ausmaß Gerissenheit bewies und die Gunst der Stunde zu nutzen verstand – was bedeuten konnte, daß außer ihm und der Killigrew-Meute alle anderen das Nachsehen hatten.
Sir Robert war indessen nicht der Typ, der sich gern in eine aussichtslose Position manövrieren ließ. Meist geschah so etwas aufgrund eigener Untätigkeit. Sir Robert kannte sich selbst schließlich gut genug, und so wußte er auch, worin er sich von der adligen Nichtstuer-Clique unterschied.
Als einziger war er bereit und in der Lage, Belastungen zu ertragen oder sogar bewußt in Kauf zu nehmen, wenn sie durch das angestrebte Ziel gerechtfertigt wurden. Die übrigen Gentlemen konnten sich gerade dazu aufraffen, beim Essen das Besteck zum Mund zu führen. Manchmal fragte sich Sir Robert ernsthaft, warum sie sich nicht auch noch von ihren Dienern füttern ließen.
Er war indessen stolz darauf, daß man ihm den Charakter eines eiskalten Rechners nachsagte. Wobei jene, die ihn kannten, natürlich auch nicht übersahen, daß ein gehöriger Schuß Abenteuerblut in seinen Adern floß.
Zur letzteren Eigenschaft gehörte auch seine Neigung zum Falschspiel. Mit den präparierten Würfeln hatte er Sir Henry während der Fahrt über den Atlantik gehörig geschröpft, und als der Dummkopf ihn schließlich zum Duell gefordert hatte, war es nur aus alkoholseliger Großmäuligkeit geschehen.
Erst einmal wieder nüchtern, hatte Sir Henry natürlich aus Unpäßlichkeit nicht an dem Duell teilnehmen können. Bedauerlicherweise war die Schiffsbesatzung dadurch auch um ein Schauspiel gebracht worden, das Sir Robert ihr gern geboten hätte.
Sir Robert Monk hatte bislang mit keinem darüber gesprochen, warum er sich dem Karibik-Unternehmen angeschlossen hatte. Sein Ziel war von Anfang an gewesen, mit einer fetten Beute nach England zurückzukehren. So hatte er zwar vorgegeben, an der Jagd auf Philip Hasard Killigrew ebenfalls interessiert zu sein. Doch in Wahrheit ging es ihm nur um dessen legendäre Schätze. Was sich davon abzweigen ließ, mußte man auf die elegante Art und Weise zum persönlichen Vorteil auf die Seite schaffen.
Wenn es dann gewissermaßen außer der Reihe noch so eine famose Gelegenheit gab wie die Galeone „Santa Cruz“, dann konnte man gar nicht anders handeln als Sir John Killigrew, der sich mit der Goldladung im Bauch der „Lady Anne“ schleunigst abgesetzt hatte.
Allerdings hatte der alte Killigrew den Fehler begangen, nicht sofort nach England zurückzusegeln. Solche Fehler entstanden eben oft dann, wenn man sich zu sehr dem Alkohol hingab. Sir Robert wußte von sich selbst, daß er stets nüchtern zu denken pflegte – und das in jeder Beziehung.
Auch in der augenblicklichen Situation verschwendete er seine Gedanken weniger auf die Frage, wie man es am besten anstellte, am Leben zu bleiben. Viel wichtiger erschien ihm, über die „Lady Anne“ und ihre Ladung nachzudenken. So wartete er geduldig ab, bis sich eine erste Gelegenheit ergab, Sondierungsgespräche zu führen. Dies war der Fall, als Charles Stewart die träge Runde auf der Lichtung verließ, um noch einmal nach seinen Goldkisten zu sehen.
Sir Robert erhob sich und tat, als recke er sich voller Behagen. Scheinbar planlos stelzte er ein paar Schritte hin und her und erweiterte schließlich seinen Bewegungsbereich, bis er wie zufällig in die Nähe von O’Leary schlenderte.
Sir Robert blieb stutzend stehen, als erinnere er sich unvermittelt an den Mann.
„Begleiten Sie mich ein Stück?“ sagte er höflich. „Ich möchte mir ein bißchen die Beine vertreten, aber nicht schutzlos der Wildnis preisgegeben sein.“
„Warum nehmen Sie nicht Ihren Diener mit?“ entgegnete O’Leary grinsend, und die anderen lachten rauh.
Sir Robert ließ sich nicht aus der Fassung bringen.
„Ein Diener als Leibwächter?“ entgegnete er und lächelte dabei. Zufrieden bemerkte er, daß seine Worte den Stolz der rauhbeinigen Kerle wachkitzelten. Natürlich fühlten sie sich geschmeichelt, wenn man zu erkennen gab, daß man ihre besonderen – und wahrscheinlich einzigen – Fähigkeiten zu schätzen wußte. Das galt auch für O’Leary. „Also gut“, sagte er brummend. „Kann nicht schaden, sich ein bißchen zu bewegen – noch dazu in so erlauchter Gesellschaft.“ Er blickte beifallheischend in die Runde, und prompt lachte die Killigrew-Meute denn auch wiehernd los.
Wenig später erreichten sie die Nebenlichtung, und O’Leary blieb stehen.
„Sie haben doch etwas im Sinn“, sagte er rundheraus. „Daß Sie eine so ängstliche Natur sind, können Sie mir nicht erzählen, Sir Robert.“
„Danke für das Kompliment.“ Monk lächelte wieder und deutete eine Verbeugung an. „Sie haben es erfaßt, Mister, O’Leary. Mir geht es um ein Gespräch unter vier Augen.“
Der Bootsmann zog die Schultern hoch.
„Wüßte nicht, was ich Ihnen zu erzählen hätte.“
„Wir müssen an unsere Zukunft denken, Mister O’Leary. Jeder von uns hat sicher andere persönliche Interessen. Im Augenblick aber sitzen wir alle in einem Boot.“
„Hoffentlich tun wir’s bald“, sagte O’Leary knurrend, „damit wir bald weg sind von dieser verdammten Insel.“
„Nur, um auf eine andere Insel zu gelangen?“ Sir Robert schüttelte den Kopf. „Nein, damit können wir uns nicht begnügen. Mit der Zukunft meine ich auch das, was uns erwartet, wenn wir nach Hause zurückkehren. Was wollen Sie denn Ihren Freunden erzählen, Mister O’Leary, wenn die sagen: ‚Was? Du warst in der Neuen Welt, wo man Gold und Silber fast von den Bäumen pflücken kann, und du kehrst mit leeren Händen zurück? Wahrscheinlich warst du gar nicht da. Bestimmt flunkerst du uns was vor.‘ Habe ich recht? Mit solchen Fragen müssen Sie rechnen, Mister O’Leary.“
Der Bootsmann blickte sein Gegenüber betroffen an. Daß Sir Robert nichts anderes bezweckte, als seine schlummernde Gier ans Tageslicht zu holen, ging ihm nicht auf. Denn der Falschspieler traf genau den richtigen Ton. O’Leary konnte sich regelrecht bildlich vorstellen, wie er den Kerlen in der Schenke gegenübersaß und sie sich über ihn amüsierten. Verdammt, ja, es würde schon ein großer Mist sein, mit nichts als leeren Händen aus der Karibik heimzukehren.
„Stimmt haargenau.“ Er senkte den Kopf. „Aber im Moment geht’s doch wohl ums Überleben, Sir Robert. Wie stellen Sie sich das vor mit dem Mammon? Soll ich mit bloßen Händen eine spanische Galeone angreifen? Oder“, ein Lauern trat in seine Augen, „erwarten Sie etwa, daß ich diesem Stewart die beiden Goldkisten abnehme?“
Sir Robert Monk winkte entrüstet ab. So etwas hatte er nun wiederum nicht bezweckt.
„Nicht doch, Mister O’Leary. Die beiden Kisten hat sich Mister Stewart sehr redlich angeeignet. Seien sie ihm also gegönnt. Außerdem ist es doch nichts gegen das, was man wirklich an Land ziehen könnte. Ich denke da ganz besonders an die Ladung der ‚Lady Anne‘.“
Der Bootsmann riß die Augen weit auf.
„Die ist futsch, Sir Robert. Da ist nichts mehr zu machen.“
„Das würde ich nicht unbedingt sagen. Wenn ich einen Weg finden würde, um die ‚Lady Anne‘ doch noch zu erwischen – würden Sie mich unterstützen?“
„Darauf können Sie Gift nehmen“, erwiderte O’Leary begeistert.
„Na fein. Dann tun Sie mir einen Gefallen und schildern Sie mir genau, was sich ereignet hat, als Sie diesen englischen Piraten und dem schwarzhaarigen Teufelsweib in die Hände fielen.“
O’Leary nickte grimmig. In der Erinnerung an das Geschehen trat ein seltsames Leuchten in seine Augen.
„Das ist vielleicht ein Weib“, sagte er heiser. „Mann, die würde ich mir gern noch mal genauer ansehen und …“ Er hielt inne und schüttelte den Kopf, als sei ihm bewußt geworden, daß der kumpelhafte Ton unpassend war. „Verzeihung, Sir. Sollte sich nicht so anhören, als ob ich Sie für meinesgleichen halte.“
Sir Robert winkte gönnerhaft ab.
„Schon gut, Mister O’Leary. Wenn wir unter uns sind, brauchen Sie kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Also fangen Sie an. Die ganze Crew der ‚Lady Anne‘ stand wohl ziemlich unter Alkohol, wenn ich richtig gehört habe.“
„Kann man wohl sagen“, erwiderte O’Leary und grinste. Dann begann er zu berichten, wie man vor Anker gegangen wäre in der Hoffnung, „nackte Indianerweiber“ aufzustöbern. Das nackte Weib, das man dann prompt in einer Lagune entdeckt hätte, wäre natürlich keine Indianerin, sondern die verdammte Piratin gewesen. Und wenn man nicht zu tief in die Humpen geschaut hätte, wäre man in eine solche Falle natürlich nicht getappt. Aber so hatte das Verhängnis seinen Lauf genommen, und die gesamte Mannschaft einschließlich Sir John Killigrew wäre von dem Seewolf und der Korsarin gefangengenommen worden.
Umständlich begann O’Leary zu beschreiben, was zu dem Duell zwischen Sir Andrew und Philip Hasard Killigrew geführt und dann ein so verrücktes Ende genommen hatte.
Sir Robert winkte jedoch ab.
„Diese Einzelheiten sind für uns nicht so wichtig. Viel wichtiger ist etwas anderes: In welche Richtung haben sich die Piraten gewandt, von denen die ‚Lady Anne‘ übernommen wurde?“
O’Leary zögerte. Er begriff sehr wohl, daß dies der springende Punkt war. Was, wenn man diesem aalglatten Sir nun doch nicht trauen konnte? Wenn er doch mit seiner Clique unter einer Decke steckte und auch in diesem Fall ein falsches Spiel im Sinn hatte?
Sir Robert spürte, welche Bedenken dem Bootsmann durch den Kopf gingen.
„Wir müssen uns gegenseitig klaren Wein einschenken“, sagte er daher. „Ich kann verstehen, daß Sie daran nicht so recht glauben wollen, Mister O’Leary. Deshalb erkläre ich es ganz deutlich: Wir sollten gemeinsam versuchen, die ‚Lady Anne‘ aufzuspüren und die Goldbeute zurückzuerobern. Natürlich werden wir das Gold nicht der Krone übereignen, sondern unter uns aufteilen. Genauso, wie das Sir John vorgehabt hat.“
O’Leary begann zu grinsen. Eben dies war genau nach seinem Geschmack.
„Wenn das so ist“, sagte er gedehnt, „sind wir uns natürlich einig, Sir Robert. Also, ich habe leider nur gesehen, wie die ‚Lady Anne‘ mit einem Teil von diesen Halunken losgesegelt ist.“ Umständlich begann er zu beschreiben, wie die Karavelle nach Südosten gesegelt sei und damit einen Kurs entlang der Atlantikseite der Bahama-Inseln aufgenommen habe. O’Leary hatte indessen nur eine ungefähre Vorstellung von den Bahamas. Das Kartenmaterial, über das Sir John Killigrew verfügt hatte, war alles andere als das Beste gewesen, was es derzeit für Navigationszwecke in der Karibik gab.
„Ihr Bericht gibt Anlaß zur Hoffnung“, sagte Sir Robert im Tonfall eines Schulmeisters, der einen besonders willigen Zögling lobt. „Ich kann also davon ausgehen, daß Sie und Ihre Crew mit von der Partie wären, wenn wir die erforderliche Ausrüstung zusammenhaben?“
„Klar doch“, sagte O’Leary großspurig. „Wir sind alle dabei. Das Wichtigste, was wir brauchen, wären wohl Waffen, denke ich.“
„Womit Sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben“, erwiderte Sir Robert. „Ich möchte Sie allerdings bitten, über unser Gespräch vorerst Stillschweigen zu bewahren. Wir müssen Unruhe vermeiden. Denken Sie an die Crew der ‚Dragon‘.“
O’Leary nickte eifrig. Er genoß es, so vollständig ins Vertrauen gezogen zu werden. Dieser Monk war schon ein raffinierter Bursche. Wenn es einer schaffte, die ‚Lady Anne‘ zurückzuholen, dann vermutlich er. Denn mit dem alten Killigrew konnte man wohl kaum mehr rechnen.
4.
Als er mit dem Bootsmann zur großen Lichtung zurückkehrte, stellte Sir Robert Monk fest, daß Charles Stewart von seinem Kontrollgang offenbar noch nicht zurückgekehrt war. Die Stimmung in seiner Crew schien ihn nicht im mindesten zu interessieren.
Vor sich hin lächelnd ging Sir Robert auf den Trampelpfad zu, der zum Strand führte. Wenige Minuten später erreichte er das offene Sandgelände. Die Sonnenglut traf ihn mit der Wucht eines Hiebes. Augenblicklich spürte er, wie die Schweißperlen auf seiner Stirn hervorzutreten begannen. Am liebsten wäre er sofort wieder ins Dickicht geflüchtet, wo er immerhin vor den sengenden Sonnenstrahlen geschützt war.
Aber das Ziel, das er ins Auge gefaßt hatte, ließ ihn durchhalten.
Er sah, daß Stewart mit seinem einfältigen Leibwächter palaverte. Wahrscheinlich erhielt das Monstrum neue Verhaltensmaßregeln. Die Sorge um die beiden Goldkisten schien das einzige zu sein, was bei dem ehemaligen Kommandanten der „Dragon“ eine Rolle spielte.
Sir Robert blieb am Rand des Dickichts stehen und mußte grinsen. Er brauchte sich nur zu bemühen, Stewarts Denkweise in Sachen Gold auf größere Ziele zu richten. Die beiden läppischen Kisten schienen für ihn alles zu sein, was er jemals ersehnt hatte.
Sir Robert gab sich wie ein ausruhender Spaziergänger, der den idyllischen Blick auf die Bucht bewundert. Er zwang sich zur Zurückhaltung. Bei Leuten vom Schlage Stewarts durfte man nicht mit der Tür ins Haus fallen. Das erweckte meistens ihr Mißtrauen. Eher sachlich und beinahe gelangweilt mußte man sie dazu bringen, von sich aus Interesse zu entwickeln.
Stewart bemerkte ihn schließlich, ließ seinen Leibwächter allein und stapfte auf den Falschspieler zu.
„Was treibt Sie in die Sonne, Sir Robert?“ fragte er stirnrunzelnd.
„Nachdenklichkeit“, erwiderte Monk einsilbig.
„Zukunftssorgen?“ Stewart grinste breit. „Keine Angst. Als Schiffbrüchige stehen wir gar nicht mal so schlecht da.“
„Mit den drei Jollen? Seien Sie ehrlich, Mister Stewart, es könnte besser sein. Das Beispiel haben wir schließlich vor Augen.“ Sir Robert deutete in die Richtung, in der sie beide die andere Gruppe unter Tottenham und Corbett wußten.
Stewart war geneigt, aufzubrausen. Ein versteckter Vorwurf lag in den Worten Sir Roberts. Er, Stewart, hatte sich nur um die beiden Goldkisten gekümmert, als die „Dragon“ gesunken war. Der Crew Anweisungen für sinnvolle Bergungsmaßnahmen zu geben, war ihm nicht eingefallen.
„Bei Corbett lagen die Dinge anders“, sagte Stewart pikiert. Er zwang sich, seinen aufkeimenden Groll herunterzuschlucken. „Die hatten nicht vorher so ein Theater mit ihren Jollen erlebt, wie es bei uns der Fall war.“
„Nennen Sie das Kind ruhig beim Namen“, entgegnete Sir Robert. „Der mißglückte Enterversuch hat uns ins Hintertreffen gebracht. Aber das muß nicht so bleiben, und Sie verstehen mich völlig falsch, Mister Stewart, wenn Sie denken, ich würde Ihnen etwas vorwerfen.“
„Was dann?“ Charles Stewart zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Was meinen Sie damit, es müsse nicht so bleiben?“
Sir Robert lächelte mild.
„Ich stehe nicht zufällig hier und lasse mir die Sonne auf den Pelz brennen. Das, was ich mit Ihnen zu besprechen habe, möchte ich nicht an die große Glocken hängen.“
Stewarts Staunen wich erkennbarer Spannung.
„Hören Sie auf mit der Geheimniskrämerei“, forderte er heiser. „Reden Sie bitte so, daß es ein normaler Mensch wie ich verstehen kann.“
„Aber gern. Es handelt sich um die ‚Lady Anne‘ und ihre Ladung. Beides brauchen wir noch lange nicht abzuschreiben.“
„So? Und warum nicht?“ Stewarts Spannung schlug in Skepsis um.
„Weil ich Anhaltspunkte über den Kurs habe. Wir können die ‚Lady Anne‘ verfolgen und kapern.“
„Sie spinnen“, sagte Stewart respektlos und im Brustton der Überzeugung.
Sir Robert schluckte es, ohne mit der Wimper zu zucken. In einer Ausnahmesituation galten eben außergewöhnliche Regeln. Wenn er sich mit Männern wie Stewart oder O’Leary verbündete, dann mußte er auch deren rüpelhaftes Benehmen erdulden. Monk hatte in dieser Beziehung wesentlich mehr Weitblick als die übrigen Gentlemen aus seiner Clique.
„Ich spinne keineswegs“, widersprach er höflich. „Was wir brauchen, sind lediglich zwei Jollen und eine kleine, aber schlagkräftige Truppe. Damit setzen wir uns möglichst noch in dieser Nacht von der Insel ab und segeln nach Südosten. In diese Richtung ist nämlich die ‚Lady Anne‘ verschwunden. O’Leary, der Bootsmann des alten Killigrew, hat das beobachtet. Man kann daraus immerhin folgern, daß sich der Schlupfwinkel des Killigrew-Bastards und seiner Meute irgendwo südöstlich der Bahama-Inseln befinden muß. Wenn Sie kein Wagnis auf sich nehmen wollen – bitte. Ich für meinen Teil habe jedenfalls nicht vor, hier auf der Insel zu versauern.“ Charles Stewart blinzelte ungläubig. Was der sehr ehrenwerte Sir Robert da von sich gab, klang nach äußerster Entschlossenheit. Bereits bei dem gescheiterten Enterunternehmen hatte er immerhin bewiesen, daß er in der Lage war, bei einer Sache mit anzupacken – ganz im Gegensatz zu den übrigen Hochwohlgeborenen.
Stewart gab sich einen Ruck. Es konnte also von Vorteil sein, die Andeutung Monks ernst zu nehmen.
„Angenommen, wir würden es schaffen, die ‚Lady Anne‘ aufzuspüren“, sagte er, „dann brauchen wir auf jeden Fall Schußwaffen. Wir haben zwar einige, aber es fehlt uns das Pulver dafür. Mit Blankwaffen eine Crew des Killigrew-Bastards anzugehen, ist viel zu riskant. Das sage ich Ihnen klipp und klar, auch wenn Sie mich für einen Feigling halten.“
„Um Himmels willen, nein! Sie haben völlig recht, Mister Stewart.“ Abermals deutete Monk zum Lager der „Orion“-Crew. „Wissen Sie, daß die da drüben ziemlich viele Pulverfässer abgeborgen haben? Nun gibt es drei Möglichkeiten: Entweder rücken die Burschen freiwillig ein paar Fässer heraus, oder wir holen sie uns mit Gewalt, oder wir bezahlen sie.“
„Bezahlen?“ Stewart schüttelte fassungslos den Kopf. „Womit denn?“
„Ganz einfach. Mit einem von den Goldbarren aus den beiden Kisten.“
„Was?“ Stewart schnappte nach Luft. „Ist das Ihr Ernst? Das Gold gehört mir. Ich denke nicht daran, es für irgendwas anderes …“
„Denken Sie lieber nach“, fiel ihm Sir Robert ins Wort. „In der augenblicklichen Lage ist das Gold so wertlos wie der Sand, auf dem wir stehen. Was wollen Sie denn damit anfangen? Wie können Sie überhaupt sicher sein, das Gold jemals an einen Ort zu bringen, wo es Ihnen von Nutzen ist? Fest steht doch, daß wir auf Pulver nicht verzichten können. Und Sie wissen ganz genau, daß die beiden anderen Möglichkeiten ausscheiden. Freiwillig rücken Tottenham und Corbett das Pulver nie heraus. Mit Gewalt werden wir es uns nicht holen können, weil die Kerle in der Übermacht sind. Also?“ Charles Stewart dachte eine Weile nach.
„Ich bin einverstanden“, sagte er schließlich. „Gehen wir erst mal rüber, und verhandeln wir mit ihnen.“
Der Lagerplatz der „Orion“-Crew befand sich in einer Schneise, die vom Strand aus weit in das Dickicht reichte.
Das Kreischen von Sägeblättern übertönte den Lärm, den die Tierwelt landeinwärts, im Dschungel verursachte. Auch Hammerschläge waren jetzt häufiger zu hören. Die Tauchergruppe, die mittlerweile beim Wrack der „Orion“ im Einsatz war, hatte neben anderen Materialien auch Nägel geborgen. Nein, es mangelte an nichts, was man für den Bau eines soliden Lagers brauchte.
Marc Corbett hatte den Männern beim Kochfeuer einen kurzen Kontrollbesuch abgestattet und unternahm jetzt einen Rundgang durch das weiträumige Gelände, auf dem die Wände der einzelnen Hütten in die Höhe zu wachsen begannen. Auf Pläne hatte man verzichtet. Gemeinsam mit Sir Edward Tottenham und dem Schiffszimmermann hatte Corbett lediglich die Plätze bestimmt, an denen die Hütten stehen sollten.
Für den eigentlichen Bau war der Schiffszimmermann verantwortlich. Er hatte den Männern die erforderlichen Instruktionen gegeben und ihnen verklart, nach welchem Muster die kleinen Holzgebäude aus soliden Baumstämmen errichtet werden sollten.
Lächelnd verharrte Corbett einen Moment, als er den Kapitän der „Orion“ erblickte. Sir Edward arbeitete in der Gruppe des Schiffszimmermanns mit. Er war damit beschäftigt, aus Tauwerk Faserstränge abzuteilen, mit denen die Baumstämme verzurrt werden sollten. Es war wichtig, daß die Hütten eine hohe Stabilität hatten. Denn vom Hörensagen wußte man, wie verheerend die Stürme in diesem Teil der Neuen Welt sein sollten.
Sir Edward hatte darauf bestanden, sich selbst für eine der Arbeitsgruppen einzuteilen. Er hatte dem Ersten Offizier die Aufsicht abgetreten, denn er selbst wollte, wie er Corbett vertraulich gesagt hatte, durch ordentliches Zupacken einen klaren Kopf gewinnen. Auch die übrigen Offiziere waren Tottenhams Beispiel gefolgt. So gab es praktisch niemanden, der etwa daran gedacht hätte, sich in den Schatten zu legen und zu faulenzen.
Auch über das weitere Vorgehen war sich Marc Corbett mit Sir Edward einig. Zunächst einmal sollten die Hütten fertig werden. Erst dann würde man darangehen, die im Süden und im Südosten gelegenen Inseln zu erkunden. So hatte es ihnen auch die rassige Frau auf dem Zweidecker geraten. Übereinstimmend waren die Männer zu der Erkenntnis gelangt, daß dieser Rat wirklich fundiert und keineswegs nur dahergeredet war.
Unvermittelt näherten sich eilige Schritte. Corbett hörte sie trotz des Lärms der Bautätigkeit und wandte sich um.
Einer der Männer vom Kochfeuer nahm vor dem Ersten Offizier Haltung an. Corbett forderte ihn mit einer Handbewegung auf, zu reden.
„Sir, der Posten schickt mich. Ich soll Ihnen mitteilen, daß Sir Robert Monk und Kapitän Stewart unseren Kommandanten zu sprechen wünschen.“
Einen Atemzug lang war Corbett verblüfft. Dann aber sagte er sich, daß er im Grunde mit etwas Derartigem gerechnet hatte. Ja, er hatte geahnt, daß vom Lager der „Dragon“-Crew und der Killigrew-Horde irgendwann Verdruß ausgehen würde. Deshalb hatte er auch den Posten am Rand des eigenen Lagerplatzes aufgestellt. Die Vorsichtsmaßnahme war auf jeden Fall berechtigt.
Daß sich Monk und Stewart formell anmeldeten, besagte nichts. Es konnte ohne weiteres sein, daß hinter ihnen schon die Strolche lauerten, die mit Säbeln und Messern zum Angriff gerüstet waren. Aber das würden sie bestenfalls bei Nacht riskieren. Selbst dann hatten sie kaum eine Chance, da sie zahlenmäßig unterlegen waren.
Sie würden es also mit Tricks versuchen.
Deshalb mußte man auch diesem Sir Robert und dem anderen Kerl mißtrauen, der in Corbetts Augen längst kein Kapitän mehr war.
„Ich verständige Sir Edward“, entgegnete der Erste Offizier. „Sagen Sie dem Posten, die Gentlemen mögen dort warten.“
„Aye, aye, Sir.“ Der Mann salutierte und wandte sich um.
Nachdenklich ging Corbett unterdessen auf die Arbeitsstelle von Sir Edward zu. Wie richtig es war, die Hütten zu bauen, bestätigte sich für ihn schon jetzt. Daß die Kerle um Stewart und Monk etwas im Schilde führten, war mehr als nur eine Ahnung. Bevorstehende Schwierigkeiten lagen für Corbett buchstäblich in der Luft.
So schlug er denn zwei Fliegen mit einer Klappe – wie beabsichtigt: Die Hütten schützten die Crew vor Sturm und Regen. Aber wesentlich wichtiger war der Schutz der wertvollen Ausrüstungsgegenstände vor Langfingern vom anderen Lager.
Für Marc Corbett gab es nichts mehr daran zu deuteln: Kapitän Charles Stewart hatte sich als verantwortungsloser Mensch und vor allem als krasser Egoist entpuppt. Mit seinem nächtlichen Enterangriff auf die „Orion“ hatte er bewiesen, als was er einzuschätzen war, nämlich als charakterloser Lump. Als Offizier der Marine Ihrer Majestät, Königin Elisabeth I., war er nicht mehr anzusprechen. Ja, mit seiner unglaublichen Verhaltensweise hatte er sich selbst außerhalb des Offizierskorps gestellt.
Sir Edward hob den Kopf, als er Corbetts gewahr wurde. Der Erste Offizier trat ohne Zögern auf ihn zu. Es war also klar, daß es sich nicht um ein vertrauliches Gespräch handeln würde. Nach Corbetts Meinung konnten die Männer ruhig hören, um was es ging.
„Erfreuliche Neuigkeiten scheinen Sie nicht zu haben“, sagte Tottenham nach einem kurzen Blick auf Corbetts ärgerliche Miene.
„In der Tat nicht“, erwiderte der Erste. „Sir Robert und Charles Stewart möchten Sie sprechen, Sir. Der Posten, den ich am Rand des Lagers aufgestellt habe, konnte die beiden zum Glück abfangen. Wahrscheinlich hätten sie sonst erst einmal ausgiebig herumgeschnüffelt, ehe wir sie überhaupt bemerkt hätten.“
Sir Edward nickte. Seine Miene hatte sich verdüstert.
„Ich werde mit diesen Männern nicht reden“, sagte er entschlossen. „Beide haben versucht, die ‚Orion‘ anzugreifen und zu entern. Wenn ihnen in den Wirren des Geschehens nicht die Flucht gelungen wäre, lägen sie jetzt in Ketten. Nein, mit Männern dieses Schlages spreche ich nicht.“
„Aye, aye, Sir“, entgegnete Marc Corbett, und es klang regelrecht begeistert. Dies war ein Kapitän nach seinem Geschmack. Die Wandlung, die sich mit Sir Edward vollzogen hatte, wurde wirklich von Stunde zu Stunde deutlicher.
„Fertigen Sie die beiden ab, Mister Corbett“, fügte Tottenham hinzu. „Jagen Sie die Kerle von mir aus weg. Aber sorgen Sie dafür, daß sie ihren Fuß nicht in unser Lager setzen. Ich bevollmächtige Sie, das in dieser Deutlichkeit zu sagen.“
„Aye, aye, Sir“, sagte Corbett noch einmal, noch freudiger.
5.
Die beiden Besucher sahen einigermaßen gerupft aus. Doch gemessen an dem, was sie sich geleistet hatten, waren sie im Grunde glimpflich davongekommen.
Corbett erspähte sie schon von weitem. Sie standen am Rand des Dickichts unter dem schattenspendenden Blattwerk einer etwas mehr als mannshoch wachsenden Palmenart. Der Posten, mit Muskete, Pistole und Entersäbel bewaffnet, hatte sich weisungsgemäß vor ihnen aufgebaut und den Weg versperrt. Weder Monk noch Stewart hatten gewagt, den Mann einfach beiseite zu stoßen.
Der Erste Offizier der „Orion“ wußte, daß er sich mit aller Macht beherrschen mußte. Angesichts der beiden Kerle begann die Wut in ihm aufzusteigen. Hölle und Teufel, es war schon eine Unverschämtheit, daß sie wagten, hier aufzutauchen! Normalerweise hätten sie nicht einmal verdient, überhaupt noch am Leben zu sein.
Aus einem Impuls heraus winkte Corbett den Männern beim Kochfeuer zu. Mit einer Handbewegung gebot er ihnen, Musketen mitzunehmen und ihm zu folgen. Was Monk und Stewart im Schilde führten, konnte man nie wissen. Mit einer Teufelei mußte man bei ihnen immer rechnen. Der Enterversuch hatte das deutlich genug bewiesen.
Wenige Minuten später trat Marc Corbett den beiden Halunken entgegen. Ja, Halunken waren sie in seinen Augen, nichts anderes.
Der Posten, der sie aufgehalten hatte, zog sich zu den anderen Männern zurück, die hinter dem Ersten Offizier Aufstellung genommen hatten.
Charles Stewart starrte den Ersten aus schmalen Augen an.
„Wir hatten darum gebeten, mit dem Kapitän der ‚Orion‘ zu sprechen“, sagte er bissig.
„Sie werden mit mir vorliebnehmen müssen“, entgegnete Corbett eisig. „Sir Edward Tottenham lehnt es ab, Sie zu empfangen. Er hat mich beauftragt, Sie abzufertigen. Also, was wollen Sie?“ Mit Absicht legte Corbett äußerste Geringschätzung in seine Worte. Diese Schurken sollten von Anfang an spüren, was er von ihnen hielt.
Stewart lief krebsrot an.
„Was nehmen Sie sich heraus, Mann?“ rief er wütend. „Tottenham hat Sie bestimmt nicht beauftragt, in diesem Ton mit uns zu …“
Sir Robert brachte ihn zum Schweigen, indem er ihm sanft, aber bestimmt die Hand auf den Unterarm legte.
„Wir haben keinen Grund, uns gegenseitig Unfreundlichkeiten an den Kopf zu werfen“, sagte er versöhnlich. „Nicht wahr, Mister Corbett?“
Der Erste Offizier lächelte kalt.
„Wenn es nach Sir Edward ginge, wäre ein Tritt in den Hintern die angemessene Antwort, Gentlemen.“
Charles Stewart war nahe daran, zu explodieren. Sir Robert schaffte es jedoch, ihn zurückzuhalten. Er war eindeutig geschmeidiger und anpassungsfähiger, das erkannte Marc Corbett sehr wohl. Um so mehr beschloß er, auf der Hut zu sein.
„Wenn möglich, sollten wir uns doch wie zivilisierte Menschen unterhalten“, sagte Monk eindringlich.
„Bitte“, entgegnete Corbett kühl. „Sagen Sie, was Sie vorzubringen haben.“
„Gern. Es handelt sich darum, daß Mister Stewart und ich die Absicht haben, gemeinsam mit den Leuten zu einer größeren Insel überzusetzen. Denn dieses Eiland ist für zwei Schiffsbesatzungen zu klein. Das werden Sie bestätigen, Mister Corbett.“
„Nicht nur das“, sagte der Erste schneidend. „Auf dieser Insel ist vor allem kein Platz für Lumpengesindel.“
Während er den erneut Luft holenden Stewart mit eiserner Faust zurückhielt, tat Sir Robert, als hätte er die Worte Corbetts überhört.
„Leider haben wir keine Vorräte an Schwarzpulver für unsere geretteten Schußwaffen. Deshalb erlauben wir uns, anzufragen, ob Sie uns einige Pulverfässer überlassen könnten.“
Marc Corbett glaubte, sich verhört zu haben. Die Unverfrorenheit dieses Schlitzohrs überstieg alle Vorstellungskraft. Aber Corbett beherrschte sich.
„Sind Sie noch bei Trost?“ erwiderte er frostig. „Wollen Sie uns alle für dumm verkaufen – den Kommandanten, die Offiziere und die Mannschaft der ‚Orion‘?“ Bevor einer der beiden antworten konnte, schlug seine Stimme in eisige Verachtung um. „Sie hatten vor, die ‚Orion‘ in Ihre Gewalt zu bringen. Das ist ein so ungeheuerlicher Vorgang, daß er ein Nachspiel vor dem Kriegsgericht haben wird, wenn wir jemals nach England zurückkehren sollten.“
Sir Robert wedelte beschwichtigend mit der Hand.
„Hören Sie, Mister Corbett, Sie nehmen das alles ein wenig zu ernst. Ein Mensch muß in der Lage sein, die Vergangenheit zu begraben. Deshalb hatten wir um ein Gespräch mit Sir Edward gebeten, weil er aufgrund seines Alters über mehr Erfahrung verfügt. Das soll natürlich nicht gegen Sie gerichtet sein. Fassen Sie es um Himmels willen nicht so auf.“
Corbett lächelte kalt.
„Sie irren sich. Sir Edward hat nicht die Absicht, Galgenstricke auch noch mit Pulver zu versorgen. Glauben Sie im Ernst, wir helfen Ihnen, damit Sie noch einmal über uns herfallen können?“ Deutliche Ironie schwang jetzt in den Worten des Ersten Offiziers mit.
Sir Robert Monk versuchte es trotzdem noch einmal.
„Ich sagte Ihnen doch schon, Mister Corbett. Wir wollen uns nach einer größeren Insel umsehen. Dort müssen wir natürlich mit Wilden rechnen. Deshalb, und nur deshalb, brauchen wir das Schwarzpulver.“
Corbett stieß ein verächtliches Lachen aus.
„Wie können Sie erwarten, daß man Ihnen noch glaubt? Im übrigen gestatten Sie mir einen Hinweis. Hätte sich der sehr ehrenwerte Mister Stewart vor dem Untergang der ‚Dragon‘ um die Bergung des überlebenswichtigen Gutes gekümmert, dann brauchte er jetzt nicht um Pulver zu betteln. Wenn er seine Pflichten als Kommandant nicht vernachlässigt hätte, befänden Sie sich jetzt nicht in dieser Lage, Gentlemen.“
Stewart konnte sich kaum noch zurückhalten.
„Nein“, fuhr Corbett fort. „Für Sie war es wichtiger, zwei Goldkisten aus dem Besitz Sir Henrys zu stehlen. Um Schiff und Mannschaft kümmerten Sie sich einen Dreck. Was Sie sich jetzt hier leisten, ist ja wohl der Gipfel der Unverfrorenheit.“
„Ich bettele nicht!“ brüllte Stewart wutentbrannt. „Verdammt noch mal, ich bin bereit, das lausige Pulver mit Goldbarren zu bezahlen!“
Marc Corbett schüttelte fassungslos den Kopf.
„Sind Sie noch bei Trost, Mann? Sie glauben doch wohl nicht, daß wir unser Schießpulver an Lumpen, Verräter und Betrüger verkaufen, die auch noch mit geraubtem Gut bezahlen wollen!“
Stewart stieß einen dumpfen Knurrlaut aus. Es war wie ein Signal.
Jäh griffen Sir Robert und er zum Degen.
Doch bevor sie die Klingen blankgezogen hatten, ertönte ein mehrfaches scharfes Knacken, das sie erstarren ließ.
Insgesamt acht Musketen waren es, deren Hähne die Männer hinter Corbett blitzschnell gespannt hatten. Sir Robert und Charles Stewart erbleichten. Ernüchtert stießen sie die Degen in die Scheiden zurück. Dieser verfluchte Erste Offizier und seine Kerle waren auf der Hut. Wahrscheinlich wäre es bei Tottenham eher geglückt, ihn gefangenzunehmen und als Geisel zu benutzen. So hatten sie es geplant, um dann all das zu erpressen, was sie an Ausrüstung brauchten.
„Anders habe ich das von Ihnen nicht erwartet“, sagte Corbett verächtlich. „Dieses Verhalten paßt zu Ihnen, Gentlemen. Sie bestätigen damit nur die schlechte Meinung, die ich von Ihnen habe.“
„Das wird Ihnen noch leid tun“, sagte Sir Robert zähneknirschend.
„Ich glaube kaum“, widersprach Corbett spöttisch. „Im übrigen halte ich es für sehr begrüßenswert, wenn sich die Gentlemen nach einer größeren Insel umsehen. Für uns wäre der Aufenthalt auf dieser Insel in der Tat angenehmer, wenn wir Sie nicht mehr in der Nähe wüßten. Auf Pulver können Sie übrigens verzichten. Denn wenn Sie wirklich auf Wilde stoßen, dann ist es ohnehin empfehlenswert, sich mit ihnen friedlich zu einigen.“
Charles Stewart hatte die Hände zu Fäusten geballt. Es sah aus, als wolle er sich trotz der Musketen auf den so unerwartet widerborstigen Ersten Offizier der „Orion“ stürzen.
„Corbett, ich warne Sie“, sagte er mit vor Wut klirrender Stimme. „Im Augenblick mögen Sie in der günstigeren Lage sein. Aber es kommen auch andere Zeiten, darauf können Sie Gift nehmen.“
Corbett lächelte, scheinbar gelassen.
„Richtig“, sagte er, „damit bringen Sie mich auf einen weiteren Punkt. Ich muß Sie meinerseits davor warnen, sich das Pulver mit Gewalt anzueignen – beispielsweise in der Art, wie Sie es mit dem Überfall auf die ‚Orion‘ versucht haben. Das Lager wird strengstens bewacht. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren. Auf jeden, der sich in feindlicher Absicht nähert, wird sofort geschossen. Dabei kann es auch passieren, daß die Männer ohne Warnung das Feuer eröffnen. Niemand kann es ihnen verdenken, wenn ihre Nerven angespannt sind. Es ist zwar bedauerlich, ausgerechnet in einer Notsituation solche Maßnahmen ergreifen zu müssen. Aber nach den jüngsten Ereignissen sind wir leider dazu gezwungen. Wir haben eben erkennen müssen, daß wir es nicht mit Ehrenmännern, sondern mit Schurken zu tun haben. Diesen Umstand haben Sie sich letzten Endes selbst zuzuschreiben, Gentlemen.“
Minutenlang starrten Monk und Stewart den Mann an, dessen Entschlossenheit keineswegs nur gespielt war. Sie hatten begriffen, daß sie hier auf Granit bissen. Die acht Musketen, die noch immer auf sie gerichtet waren, sprachen eine allzu deutliche Sprache. Corbett brachte es fertig und gab tatsächlich den Feuerbefehl, wenn man ihn zu sehr reizte.
Marc Corbett spielte unterdessen mit dem Gedanken, die beiden Halunken kurzerhand festnehmen zu lassen. Aber irgend etwas, das er selbst nicht begriff, ließ ihn zögern. Lag es daran, daß Sir Edward einen solchen Befehl nicht ausdrücklich gegeben hatte? Nein, das konnte nicht der Grund sein. Ebensowenig hatte es damit zu tun, daß eine Festnahme von Monk und Stewart die Probleme nicht vom Tisch brachte.
Nein, es war ein sicherlich illusionärer Gedanke, bei dem Mark Corbett sich ertappte. Tief in seinem Inneren verbarg sich die Hoffnung, daß dieser Stewart als Offizier der königlichen Marine irgendwann doch noch erkennen würde, wie falsch er gehandelt hatte. Und im Falle einer solchen Erkenntnis mußte ihm die Chance zugebilligt werden, sich zu rehabilitieren.
Vorerst schien Charles Stewart derartiges nicht im Sinn zu haben. Er knurrte einen lästerlichen Fluch und wandte sich ab. Ohne auf seinen Begleiter zu achten, marschierte er los. Sir Robert folgte ihm notgedrungen, doch er hatte ohnehin nicht mehr vorgehabt, noch einen Überredungsversuch zu unternehmen.
Stewart fluchte noch, als er schon fünfzig Yards entfernt war.
Marc Corbett schickte dem Posten einen weiteren Mann zur Verstärkung, nachdem die Männer zum Kochfeuer zurückgekehrt waren. Dann begab er sich in das entstehende Lager und berichtete Sir Edward über den Wortwechsel mit Monk und Stewart. Tottenham war sofort mit Corbetts Vorschlag einverstanden, rings um das Lager zusätzliche Wachen aufziehen zu lassen.
6.
Geoff Kearney, Decksmann von der „Dragon“, ließ die Blätter der Schlingpflanze vorsichtig zurückgleiten. Die Lücke im grünen Vorhang des Dickichts, durch die er mit seinem Gefährten gespäht hatte, schloß sich wieder.
„He, hast du plötzlich die Hosen voll?“ flüsterte Thomas Haddock, der neben ihm ausharrte und das Geschehen beim Lager der „Orion“ mitbeobachtet hatte. „Die sind doch noch weit weg.“
Die Rede war von Sir Robert Monk und Charles Stewart, die mit verkniffenen Gesichtern am Rand des Dickichts entlangmarschierten. Daß sie sich bei Corbett eine Abfuhr geholt hatten, war deutlich zu verstehen gewesen.
„Ich bin nur vorsichtig“, sagte Geoff Kearney leise. „Unser Kommandant hat Augen wie ein Luchs, das weißt du. Sollte er zufällig sehen, daß sich was bewegt, dann hetzt er uns womöglich dieses Ungetüm auf den Hals.“ Kearney deutete mit dem Daumen in die Richtung, in der sie beide Joe Doherty und die Jolle mit den beiden Goldkisten wußten.
„Hm“, brummte Haddock, „hast wohl recht, Geoff. Also verdrücken wir uns lieber.“
Sie benutzten die verschiedenen Trampelpfade, die sie inzwischen ausgekundschaftet hatten, um zur Lichtung zurückzukehren. Keiner der beiden kräftig gebauten Männer war feige oder scheute sich davor, seine Meinung notfalls auch mit den Fäusten durchzusetzen. Normalerweise hätten sie sich auch vor Joe Doherty nicht gefürchtet. Aber sie hatten dieses Monstrum lange genug erlebt, um zu wissen, wie hinterhältig und grausam der Kerl war. Einen ehrlichen Kampf konnte man mit dem Ungeheuer nicht austragen.
Die gesamte Crew der „Dragon“ war bestürzt, daß sich Charles Stewart ausgerechnet diesen Doherty als Leibwächter ausgesucht hatte.
Und: Brauchte ein Kapitän Ihrer Majestät überhaupt einen Leibwächter? So etwas war unter Seeoffizieren zumindest ungewöhnlich.
Kearney und Haddock erreichten den Lagerplatz ihrer Gefährten von der „Dragon“, ohne daß die Killigrew-Strolche und die Hochwohlgeborenen etwas davon bemerkten. Denn die beiden Decksleute krochen im Schutz der am Boden Hockenden aus dem Dickicht hervor und befanden sich im nächsten Moment mitten unter ihnen. Von weitem war es unmöglich gewesen, festzustellen, wer oder was sich dort bewegt hatte.
Flüsternd berichteten Kearney und Haddock über das Geschehen, das sie soeben miterlebt hatten. Ebenfalls im Flüsterton erzählten es jene, die in ihrer Nähe saßen, weiter. Innerhalb von wenigen Minuten hatte die Neuigkeit die Runde gemacht. So geschah es, daß die „Dragon“-Crew eher über den Stand der Dinge informiert war als etwa die Killigrew-Meute oder gar die sehr ehrenwerten Gentlemen.
Wenn sie sich auch zu harten und ruppigen Seeleuten entwickelt hatten, so waren die meisten der Männer von der „Dragon“ doch ehrliche und anständige Burschen, denen gedankliche Winkelzüge und hinterlistige Tricks fremd waren. Allein schon deshalb war ihnen ein hirnloser Wüterich vom Schlage eines Joe Doherty zuwider.
Nicht ganz geheuer war ihnen das Enterunternehmen gegen die „Orion“ von Anfang an gewesen. Kein Wunder, daß Marc Corbett so sauer reagiert hatte. Eigentlich geschah es Stewart und diesem Monk nur recht, daß sie sich eine Abfuhr geholt hatten.
„Ein eigenes Schiff zu überfallen und zu entern!“ murmelte Geoff Kearney und schüttelte in der Erinnerung daran fassungslos den Kopf. „Das war doch regelrechter Wahnwitz“, ergänzte Thomas Haddock.
„Wahnwitz?“ fragte einer der Nebenmänner erbittert. „Soll ich euch mal sagen, was das wirklich war? Ein Akt von Meuterei, noch dazu vom Kommandanten befohlen.“
„Woher willst du denn das wissen?“ entgegnete einer der anderen spöttisch. „Bist doch kein Rechtsverdreher oder so was.“
„Ich weiß, von was ich rede“, ereiferte sich der Mann. „Ich bin mal vor Jahren auf einer Kriegsgaleone gefahren, deren Kommandant sich vor Gericht verantworten mußte. Und ich wurde als Zeuge vernommen, Freunde. Der Kommandant hatte eine von den eigenen Galeonen entern lassen. Wir waren nämlich in Seenot geraten, lagen in der Bucht eines Felseneilands und hatten seit Tagen nichts mehr zu beißen. Wir waren vor Hunger halb verrückt, und da hat der Kommandant befohlen …“
„Das ist doch mit unserem Fall gar nicht zu vergleichen“, sagte Kearney.
„Aber ja! Der besagte Kommandant wurde nämlich unter anderem verurteilt, weil er einen meuterischen Akt begangen hatte.“
„Welchen Namen das Kind kriegt, ist mir ziemlich egal“, brummte ein anderer Decksmann. „Es geht ja auch nicht bloß um das Entern der ‚Orion‘. Was Stewart sich hinterher geleistet hat, ist für mich noch viel schlimmer. Reißt sich die verdammten Goldkisten unter den Nagel, ohne sich um unser Schiff zu kümmern!“
„Jawohl, eine Riesenschweinerei ist das!“
„Und so was von einem Kapitän Ihrer Majestät!“
„Der hat die Ehre der Marine besudelt!“
„Uns alle in den Dreck gezogen!“
„So einer darf doch kein Kommandant mehr sein!“
Die zornigen Stimmen wollten nicht abreißen. Je mehr sie über das Verhalten Stewarts nachdachten, desto mehr brachte es sie in Rage. Daß sie trotzdem ihre Stimmen gedämpft hielten, lag nur daran, daß die Halunken des alten Killigrew in der Nähe hockten und auf keinen Fall etwas mithören durften.
Still wurden sie erst kurz darauf, als Charles Stewart und Sir Robert wieder auf der Lichtung erschienen.
Nein, Stewart hatte kein Recht mehr, sich noch länger als Kommandant aufzuspielen. Darin waren sich jetzt alle einig. Was aber plante er jetzt – gemeinsam mit diesen vornehmen Affen, die sich beim Untergang der „Dragon“ wie Halbirre gebärdet hatten? Daß Stewart und Monk etwas im Schilde führten, hatten die Männer bereits geahnt, als die beiden zum Lagerplatz der „Orion“-Leute aufgebrochen waren. Deshalb hatte Arthur Gretton, der Erste Offizier, auch nichts dagegen gehabt, als sich Kearney und Haddock freiwillig gemeldet hatten, ein wenig zu lauschen.
Aus schmalen Augen beobachteten die Männer von der „Dragon“, wie sich am jenseitigen Rand der Lichtung eine Besprechungsrunde zusammenfand. Teilnehmer waren Charles Stewart, Bootsmann O’Leary von der „Lady Anne“, die beiden ferkelgesichtigen Killigrew-Söhne und die acht blasierten Gentlemen einschließlich Sir Robert Monk.
Die Beratung dauerte nur etwa eine halbe Stunde. Das Ergebnis waren barsche Anweisungen, die O’Leary den Galgenstricken gab, die einmal die Crew der „Lady Anne“ gebildet hatten. Jetzt hasteten sie los und begannen, die drei Jollen seeklar zu machen.
Die Männer hatten sich von ihrer Überraschung noch nicht erholt, als Charles Stewart unvermittelt auf sie zustelzte und sich breitbeinig vor ihnen aufbaute. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und hob energisch den Kopf.
„Herhören!“ verkündete er. „Ihr werdet jetzt alle eure Waffen abgeben!“
Das eisige Schweigen, das seinen Worten folgte, drückte die Ablehnung der Männer aus.
Langsam, herausfordernd langsam, erhob sich der Erste Offizier der „Dragon“. Arthur Gretton war ein hagerer, sehniger Mann mit einer Säbelnarbe auf der rechten Wange. Der Ausdruck seiner scharfen und hellen Augen wurde von einem energischen Kinn verstärkt. Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Darf man erfahren, was diese ungewöhnliche Maßnahme zu bedeuten hat?“ fragte er kühl.
Stewart sperrte den Mund auf und starrte seinen Ersten ungläubig an. Nicht sofort brachte er eine Antwort hervor.
Gretton war bisher ein stets loyaler Offizier gewesen. Aber der Überfall auf die „Orion“ und die wahrhaft schamlose Verhaltensweise Stewarts in der letzten Nacht hatten ihm die Augen geöffnet. Nein, Arthur Gretton war nicht länger gewillt, diesem ehrlosen Mann zu gehorchen.
Es war, als ginge ein Aufatmen durch die Reihen der Männer von der „Dragon“. Endlich wurden klare Verhältnisse geschaffen. Daß dies durch ihren Ersten Offizier geschah, war ihnen mehr als recht. Arthur Gretton genoß ihren vollen Respekt. Er war zwar ein scharfer Hund, der nie etwas durchgehen ließ. Aber er war gerecht und kein Schinder. Das allein zählte.
So schätzten sie ihn alle ein, und im stillen hatten sie auch gehofft, daß er es sein würde, der diesem Hurensohn von einem Kommandanten endlich entgegentreten würde.
So geschah es wie von selbst, daß sich die Männer nach und nach aufrichteten – erst langsam, doch dann immer energischer. Hinter Arthur Gretton versammelten sie sich als unübersehbare Rückenstärkung – eine Phalanx trotziger Männer mit harten Gesichtern.
Stewart hatte indessen Luft geholt und endlich die Sprache wiedergefunden. Sein Gesicht war krebsrot angelaufen.
„Mann, Sie haben keine Fragen zu stellen!“ brüllte er. „Sie haben Befehle zu befolgen! Ist das klar?“
„Nein“, entgegnete Arthur Gretton kalt. „Seit der letzten Nacht habe ich keinen Kommandanten mehr. Folglich kann mir auch niemand etwas befehlen – am allerwenigsten eine Unperson wie Sie, Mister Stewart.“ Das „Mister“ betonte Gretton besonders.
Stewart schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Dafür werden Sie …“, setzte er an.
„Nichts werde ich“, schnitt ihm Gretton eisig das Wort ab. „Sie haben hier nichts mehr zu befehlen, Stewart. Nicht Sie, der Sie es offenbar vorziehen, sich mit Galgenvögeln zu verbünden, statt sich um die eigene Crew zu kümmern. Jedenfalls haben diese Strolche nichts bei den drei Jollen der ‚Dragon‘ zu suchen.“
„Haben Sie den Verstand verloren, Mann?“ brüllte Stewart erneut los. „Ich brauche die drei Jollen und die Waffen, um die Inseln zu erkunden. Die Mannschaft muß nämlich auf eine größere Insel gebracht werden, wo es entsprechend bessere Überlebenschancen gibt.“
Die Männer von der „Dragon“ mußten an sich halten, um nicht in brüllendes Gelächter auszubrechen.
„Bemühen Sie sich nicht, Stewart“, sagte Gretton verächtlich. „Sie haben nämlich gar nicht die Absicht, sich um die Mannschaft zu kümmern. In Wirklichkeit wollen Sie sich heimlich absetzen, weil Sie scharf darauf sind, die ‚Lady Anne‘ zu finden.“
Stewart erbleichte, gewann seine Fassung aber im nächsten Moment zurück.
„Lüge!“ brüllte er. „Alles Lüge!“
Arthur Gretton straffte seine Haltung.
„Nein!“ brüllte er zurück. Er konnte sich jetzt nicht mehr beherrschen. Es war einfach zuviel, was sich diese Witzfigur von einem Kommandanten herausnahm. „Es ist keine Lüge, Stewart. Zufällig habe ich sehr scharfe Ohren, und zufällig war ich in der Nähe, als Sie mit diesem Schlitzohr Monk gesprochen haben. Von der ‚Orion‘-Mannschaft wollten Sie Pulver und andere Sachen erpressen. Deshalb hatten Sie vor, Kapitän Tottenham als Geisel zu nehmen. Glücklicherweise ist Ihnen das ja gründlich mißlungen – dank Marc Corbett, dem unser aller Hochachtung gilt.“
Stewart brachte keine Antwort hervor, obwohl Gretton eine kurze Pause zum Luftholen einlegte.
„Als Ersatz wollen Sie jetzt unsere Waffen haben“, fuhr der Erste Offizier der „Dragon“ mit metallisch klingender Stimme fort. „Und damit wollen Sie allen Ernstes die Galgenvögel ausrüsten, die erst kurz zuvor als Gefangene entwaffnet wurden. Ist Ihnen nicht klar, daß Sie die Pflicht hätten, diese Burschen wieder festzunehmen – wenn Sie wirklich ein Kommandant wären, der seine Aufgaben ernst nimmt?“
Charles Stewart stand wie versteinert. Noch nie zuvor hatte jemand gewagt, so mit ihm zu reden. Obwohl sich die Gedanken in seinem Schädel zu überschlagen schienen, begriff er doch sehr gut, was diese Szene bedeutete. Es war eine unvorstellbare und unwürdige Szene für ihn, den Kommandanten einer Kriegsgaleone Ihrer Majestät.
Niemals und unter keinen Umständen hatte ein Offizier das Recht, die Autorität eines. Vorgesetzten in Gegenwart von Mannschaften anzuzweifeln. Und dieser Gretton zweifelte nicht nur seine Autorität an – nein, der Mistkerl stellte sie sogar in Abrede!
Es war unglaublich, einfach ungeheuerlich.
„Ich werde Sie vor ein Kriegsgericht bringen“, sagte Stewart tonlos. „Was Sie sich hier herausnehmen, ist glatte Meuterei, Aufwiegelung der Mannschaft. Glauben Sie nur nicht, daß Sie damit durchkommen.“
Gretton juckte es in den Fingern. Er hatte Mühe, seinen aufwallenden Zorn herunterzuschlucken.
„Stellen Sie die Dinge nicht auf den Kopf, Stewart“, sagte er schneidend. „Die Männer der ‚Dragon‘ lassen sich nicht für dumm verkaufen, bilden Sie sich das nicht ein. Und glauben Sie nur nicht, daß sich diese Männer von einer Unperson, wie Sie es sind, etwas befehlen lassen. Wenn Sie sich also zusammen mit den Galgenstricken und den ehrenwerten Gentlemen von hier entfernen wollen, dann ist das von uns aus sehr zu begrüßen. Sie und Ihresgleichen lungern ja doch nur herum. Eine Jolle kann ich Ihnen zur Verfügung stellen – mehr nicht. Notfalls müssen Sie eben einen Pendelverkehr zu der Insel einrichten, die Sie hoffentlich bald finden werden.“
Die Männer der Crew klatschten Beifall, grölten und hieben sich gegenseitig vor Begeisterung auf die Schulter. Verdammt noch mal, das war nach ihrem Geschmack. Gretton hatte es dem Schweinehund Stewart endlich gegeben. So einer verdiente es überhaupt nicht, daß man vor ihm noch Haltung annahm. Damit hatte Gretton völlig recht. Und dieser Erste Offizier der „Dragon“ konnte sich voll und ganz auf jeden einzelnen Mann der Crew verlassen.
7.
Charles Stewart reagierte mit einem Tobsuchtsanfall.
Fast sah es aus, als würde sein Kopf auseinanderfliegen – so sehr rötete sich seine Haut vom Hals an aufwärts, und so sehr schwollen seine Adern an. Ruckartig wandte er sich um und stürmte auf den wilden Haufen von der „Lady Anne“ zu.
„Mister O’Leary!“ brüllte Stewart mit sich überschlagender Stimme. „Sofort zu mir!“ Es sollte wie die Anweisung eines ordnungsgemäß eingesetzten Kommandanten an einen ordnungsgemäß eingesetzten Untergebenen klingen.
Doch die Männer von der „Dragon“ vernahmen es mit um so mehr Verachtung. Was Stewart da von sich gab, war das Befehlsgeschrei eines Halunken, der einen Galgenstrick übelster Sorte heranrief.
Widerstrebend hatte sich O’Leary aufgerappelt. Die übrigen Kerle von der Karavelle des alten Killigrew zeigten keine Anstalten, ihre gerade begonnene „Pause“ beim Ausrüsten der Jollen schon wieder zu beenden.
„Sir?“ sagte der Bootsmann unwirsch.
O’Leary war nicht einfältig genug, um nicht in etwa zu ahnen, was jetzt bevorstand. Es entwickelte sich eben doch alles anders, als Stewart geplant hatte.
„Nehmen Sie Ihre Männer!“ schrie Stewart, und es klang beinahe kreischend. „Entwaffnen Sie die verdammten Meuterer. Und dann besetzen Sie alle drei Jollen, wie ich angeordnet habe, verstanden?“
„Mal sehen, wie die Stimmung ist“, entgegnete O’Leary gelassen. „Die da drüben haben wenigstens ihre Blankwaffen, unsereins nur die leeren Hände.“ Bevor Stewart etwas einwenden konnte, drehte sich O’Leary zu seiner Meute um. „Ihr habt gehört, wie die Lage ist. Kann sein, daß wir was auf die Jacke kriegen, wenn wir drauflos gehen. Also, was ist?“ Fragend blickte er in die Runde.
Der Stolz der Kerle war angestachelt.
„Sehen wir so aus, als ob wir den Schwanz einziehen?“ knurrte einer von der wüstesten Sorte.
„Wir doch nicht!“ schrie ein anderer, sprang auf und reckte die rechte Faust. „Diese Marineaffen schlagen wir auch so zu Klump!“
„Auf was warten wir dann noch?“ brüllte ein dritter.
Gleich darauf schrie die ganze Meute Zustimmung.
„Langsam, langsam“, sagte O’Leary dröhnend, als sie blindlings auf die „Orion“-Crew losstürmen wollten. „Sucht euch wenigstens ein bißchen was zusammen, Knüppel oder so was. Oder wollt ihr einen Schiffshauer mit dem Arm parieren?“
Das leuchtete ein. In aller Eile begannen die Kerle, sich im nahegelegenen Dickicht umzusehen.
Charles Stewart begab sich unterdessen zur Gruppe der Gentlemen, um sich während der Angriffsvorbereitungen O’Learys mit Sir Robert Monk abzusprechen.
„Meine Freunde und ich haben immerhin Blankwaffen“, sagte Sir Robert.
Die Gentlemen erbleichten unter den kümmerlichen Resten ihrer Puderschicht. Hatte dieser Monk den Verstand verloren? Glaubte er etwa, daß ein Mann von Stand sich in Handgreiflichkeiten einmischen würde?
„Zierdegen“, sagte Charles Stewart verächtlich. „Die können Sie Kindern zum Spielen geben, aber gegen einen ausgewachsenen Mann richten Sie damit nichts aus. Und in Ihren ziselierten Pistölchen dürfte das Pulver naß geworden sein – wenn die Dinger überhaupt geladen waren.“
Ein Aufatmen ging durch die Reihe der Gentlemen. Dieser Stewart sah die Dinge wenigstens realistisch. Wozu sollte man sich mit irgendwelchem Pöbel herumschlagen, wenn es doch keinen Sinn hatte! Die Gentlemen konnten indessen nicht ahnen, wie sehr ihre augenblicklich gute Meinung von Stewart schon bald ins Gegenteil umschlagen sollte.
Arthur Gretton und seine Männer hatten sich derweil seelenruhig auf den bevorstehenden Angriff vorbereitet. Die Offiziere und Decksleute von der „Orion“ hatten sich zu einer breiten Front halbkreisförmig auseinandergezogen. Schiffshauer, Enterbeile und Messer blitzten in ihren Fäusten.
Für Arthur Gretton schien es unverständlich, daß die achtundzwanzig Killigrew-Schnapphähne allen Ernstes einen Angriff auf die achtzigköpfige Übermacht der „Dragons“ riskieren wollten. Dieser O’Leary und seine Halunken schienen der Ansicht zu sein, es mit den Männern von der Marine aufnehmen zu können.
Gewiß, Schlägereien und alle anderen Arten von Kämpfen und Gefechten waren ihr Metier, und darin fühlten sie sich stark. Aber es gegen eine mehr als zweieinhalbfache Übermacht zu versuchen, die noch dazu bewaffnet war, das übertraf denn doch das Maß aller Dreistigkeit, die Gretton bislang erlebt hatte.
Diese Strolche mußten übergeschnappt sein. Oder die Gier nach dem Gold im Bauch der „Lady Anne“ hatte ihnen den Verstand geraubt.
Minuten später begann mit Gebrüll der Vormarsch der Horde. Die meisten hatten sich mit langen Knüppeln aus dem Dickicht versorgt. Vier waren es, die Bootsriemen vom Strand geholt hatten und diese wie Lanzen führten.
Den Männern von der „Dragon“ verschlug es jedoch endgültig die Sprache, als sie sahen, wer an der Spitze der Horde losstürmte.
Charles Stewart, ihr eigener Kommandant!
Nein, dieser Hundsfott war nie und nimmer mehr Kommandant. Auch dem letzten Mann in den Reihen der „Dragon“-Crew schwand in diesem Moment jeglicher Zweifel. Stewart war ein Halunke ohnegleichen. Er verdiente nicht, daß man im Zusammenhang mit ihm überhaupt noch daran dachte, daß er jemals den Kommandantenrang innegehabt hatte.
Das Gebrüll der anrückenden Horde schwoll an.
Die Männer von der „Dragon“ standen geduckt und mit angespannten Muskeln.
Geoff Kearney und sein Freund Thomas Haddock gehörten zu jenen, die eine der Bootsriemen-Lanzen auf sich zurasen sahen. Wie die anderen auch wichen sie diesem Angriff im letzten Moment durch einen blitzschnellen Sprung zur Seite aus.
Doch sie begingen nicht etwa den Fehler, die wertvollen Riemen durch Säbelhiebe zu zerschmettern. Vielmehr ließen sie die dazugehörigen Kerle kurzerhand leerlaufen und trieben sie dann mit wohlgezielten Hieben der Plattseiten ihrer Klingen zurück.
Erste Schmerzensschreie gellten, als die Riemen zu Boden fielen und die Kerle sich fluchtartig herumwarfen.
Im nächsten Augenblick war die Hauptangriffswelle der Killigrew-Meute heran. Mit schwirrenden Knüppelhieben versuchten sie, die drohenden Klingen von Schiffshauern, Enterbeilen und Messern beiseite zu fegen. Ein Versuch, der im Ansatz erstickt wurde.
Nachdem die Bootsriemen-Träger gleich zu Beginn die Flucht ergriffen hatten, kamen auf jeden Angreifer mindestens drei Männer von der „Dragon“. Arthur Gretton konnte es sich leisten, Stewart an den Rand des Kampfgetümmels zu treiben und die Klinge mit ihm zu kreuzen.
Nur wenige der Knüppelhiebe trafen überhaupt. Innerhalb von zwei, drei Minuten mußten O’Learys Kerle begreifen, daß sie den Mund zu voll genommen hatten. Säbel und Äxte zerschmetterten ihre primitiven Schlagwaffen, und dann setzten die Männer von der „Dragon“ ihre keineswegs ungeübten Fäuste ein.
Das verbissene Keuchen der Kämpfenden wurde immer mehr von Schmerzenslauten und Schreien überlagert. Nach wie vor klirrten die Säbelklingen Grettons und Stewarts, doch schon jetzt war abzusehen, daß der Erste Offizier seinen ehemaligen Kommandanten in zunehmende Bedrängnis brachte.
Plötzlich mußte Arthur Gretton voller Verblüffung feststellen, daß sich Stewart mitten in einer neuen Attacke Hals über Kopf herumwarf und die Flucht ergriff.
Erst einen Atemzug später erkannte Gretton den Grund für dieses absonderliche Verhalten. Lächelnd ließ er den Säbel sinken.
Am Rand der Lichtung waren etwa dreißig Männer von der „Orion“ aufmarschiert. Unter dem Kommando von Marc Corbett nahmen sie Aufstellung und brachten ihre Musketen in Anschlag. Zusätzlich waren sie noch mit Pistolen und Entersäbeln bewaffnet.
Sekunden später hatten auch O’Leary und seine Kerle begriffen.
Hals über Kopf warfen sie sich herum und folgten Stewarts Beispiel, als säße ihnen der Gehörnte persönlich im Nacken. Jene, die von den „Dragons“ nicht sofort Abstand gewinnen konnten, kriegten zur Untermalung der neuen Lage noch einen Tritt in den Hintern.
„Auf geht’s, Freund, so kommst du schneller in Fahrt!“ brüllte Geoff Kearney, nachdem er einem der O’Leary-Strolche seinen Stiefel in den Achtersteven gerammt hatte.
Der Mann stolperte armrudernd, raste mit kleinen schnellen Schritten los und hatte gleich darauf die übrigen Fliehenden eingeholt.
Brüllendes Gelächter von der „Dragon“-Crew hallte den Kerlen nach, und gleich darauf stimmten auch die Männer von der „Orion“ mit ein. Sie ließen ihre Musketen sinken, denn es war nicht erforderlich gewesen, auch nur einen einzigen Schuß abzugeben.
In panischer Hast erreichten Charles Stewart und Sir Robert als erste die „Privat-Jolle“ des ehemaligen Kommandanten. Keuchend verharrten sie, nachdem sie die beruhigende Feststellung getroffen hatten, daß sich die beiden Goldkisten noch an ihrem Platz befanden.
Joe Doherty hockte unerschütterlich wie ein Granitfelsen auf der Achterducht.
Mit einer Kopfbewegung deutete er zu den beiden anderen Jollen, die etwa einen Steinwurf weit entfernt lagen.
„Gibt wohl Ärger, was?“
Stewart und Monk ruckten herum.
Drüben marschierten die Bewaffneten unter dem Kommando von Marc Corbett auf und versperrten den Weg zu jenen Jollen, die Arthur Gretton für sich beanspruchte.
„Dieser Hurensohn!“ fluchte Stewart. „Dieser verdammte Schweinehund von einem Ersten Offizier erdreistet sich …“
Sir Robert unterbrach ihn mit einer heftigen Handbewegung. Schon waren die Schritte der anderen im Dickicht zu hören.
„Lamentieren hilft uns nicht weiter, Stewart. Wir müssen sehen, wie wir mit dem Problem fertig werden. Wie viele Männer passen in die Jolle?“
Stewart starrte ihn an.
„Neunzehn“, sagte er tonlos. „Das ist die äußerste Belastung.“
„Dann müssen wir unsere Auswahl treffen“, sagte Sir Robert kalt.
Aus dem Unterholz brachen sie jetzt hervor, stolpernd, fluchend und keuchend. Auch die sieben Gentlemen waren dabei, das Entsetzen stand in ihren bleichen Gesichtern.
Charles Stewart hatte augenblicklich verstanden, auf was Sir Robert hinauswollte. Eilends wandte sich der Ex-Kommandant zu seinem Leibwächter um.
„Es könnte wirklich Ärger geben, Mister Doherty. Aber mehr von unseren eigenen Leuten. Wenn einer gegen meine Befehle verstößt, hauen Sie ihm was aufs Maul. Klar?“
Ein Grinsen kerbte sich in das wüste Gesicht des Monstrums.
„Aye, aye, Sir“, sagte er, und es klang wie ein Grollen aus der Tiefe seines mächtigen Oberkörpers. Voller Vorfreude auf mögliche Taten richtete er sich auf und nahm hinter Stewart Aufstellung, als dieser die heranstürmende Meute mit Donnerstimme und energischen Handbewegungen zum Stehen brachte.
„Halt, halt! Zur Panik gibt es keinen Grund, verdammt noch mal. Haltet gefälligst Ruhe. Wir müssen jetzt sorgfältig überlegen, wie es weitergeht.“
Einer der Gentlemen trat einen Schritt vor und zupfte dabei mit blasierter Miene an seiner verdreckten Kleidung. Die Art, wie er es tat, hatte etwas Vorwurfsvolles – als sei Stewart für den derzeitigen erniedrigenden Zustand der Hochwohlgeborenen verantwortlich.
Der Mann war ein dünnes und blasses Bürschchen von fünfundzwanzig Lenzen, doch er sah wesentlich älter aus. Das zügellose Leben hatte unübersehbare Spuren in sein Gesicht gegraben. Sein Name war Sir James Sandwich. Stewart kannte ihn bereits.
„Was gibt es da zu überlegen?“ sagte Sandwich mit unangenehm hoher Stimme. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Bewaffneten unter Corbetts Kommando. „Allem Anschein nach steht uns nur diese eine Jolle zur Verfügung. Es dürfte eine Selbstverständlichkeit sein, daß zuerst wir, die Angehörigen des Adels, damit in Sicherheit gebracht werden. Später können Sie dann Ihre Überlegungen anstellen, Stewart.“
Sandwich wollte allen Ernstes auf die Jolle zustelzen, und er forderte seine Standesgenossen mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen.
„Keinen Schritt weiter!“ brüllte Stewart mit Donnerstimme.
Wenn die Hochwohlgeborenen tatsächlich erschrocken zurückprallten, lag das aber nicht an ihm, sondern an Doherty. Das Monstrum war einen Schritt neben seinen Gebieter getreten und neigte drohend den riesenhaften Oberkörper vor. Mehr war nicht nötig.
„Was soll das heißen?“ schrie Sandwich schrill.
Sir Robert Monk gab ihm die Antwort mit eiskaltem Grinsen.
„Daß Sie hierbleiben, mein Bester. Sie und die anderen. Mister Stewart und ich brauchen Sie nicht. Sie sind absolut nutzlos.“
Sir James Sandwich sperrte den Mund auf, und auch die übrigen Gentlemen starrten Monk fassungslos an. Ausgerechnet er, einer der ihren, war ihnen in den Rücken gefallen. Das war mehr, als sie auf Anhieb verkraften konnten. Eine bittere Medizin, die sich nicht so schnell herunterwürgen ließ.
Und in den nächsten Minuten gab es keine Gelegenheit mehr für sie, abermals Proteste zu äußern.
„Mister O’Leary“, sagte Stewart entschlossen.
„Sir?“ Der Bootsmann der „Lady Anne“ trat vor.
„Sie gehen mit an Bord, außerdem die beiden Söhne Sir John Killigrews. Bestimmen Sie weitere dreizehn Mann aus Ihrer Crew, die Sie für geeignet halten, die Jolle zu besetzen.“
„Aye, aye, Sir“, sagte O’Leary knapp. Er hatte sofort begriffen. Jetzt war sich jeder selbst der Nächste, nichts anderes zählte mehr. Und er wußte, daß sich die Auserwählten haargenau nach diesem Grundsatz richten würden.
Im Handumdrehen bestimmte O’Leary die brutalsten und rücksichtslosesten Schläger aus der „Lady Anne“-Crew als Jollenbesatzung. Sie waren gewitzt genug, sich schnellstens auf die Seite von Charles Stewart, Sir Robert Monk und O’Leary zu begeben, wo inzwischen auch die ferkelgesichtigen Killigrew-Söhne erleichtert Aufstellung genommen hatten.
Die übrigen Kerle aus O’Learys Meute brüllten ihren Protest hinaus. Doch die Stentorstimme ihres Bootsmanns übertönte alles.
„Schnauze halten, oder ich lasse sie euch stopfen!“
Das wirkte. Denn die von O’Leary Bevorzugten bauten sich mit drohendem Grinsen in einer Linie auf. Ihre Pranken, zu Fäusten geballt, waren deutlich genug.
Im nächsten Moment war es Sir Robert Monk, der den Gentlemen einen erneuten Schock zufügte.
„Mister O’Leary!“ rief er. „Bitte veranlassen Sie, daß Sir James und seinen Freunden die Waffen abgenommen werden.“
Der Bootsmann der „Lady Anne“ brauchte es nicht ausdrücklich zu wiederholen.
„Dann mal los, Männer“, sagte er grinsend und teilte mit knappen Handbewegungen fünf Kerle ein, die die Spezialaufgabe zu übernehmen hatten.
Während die Hochwohlgeborenen vor Entsetzen zu zittern begannen, erkannten die Zurückgewiesenen aus der Killigrew-Meute ihre Chance.
„Los jetzt!“ schrie einer von ihnen. „Das lassen wir uns nicht gefallen!“ Und mit erhobenen Fäusten stürmte er als erster auf die Jollen-Crew zu. Die anderen folgten ihm wutentbrannt.
O’Leary und die anderen duckten sich verteidigungsbereit.
„Mister Doherty!“ rief Stewart schneidend.
Das Monstrum walzte auf die Angreifer los und fällte drei von ihnen mit einem einzigen sensenartigen Hieb.
Zur selben Zeit stießen die Gentlemen quiekende Schreie aus, als ihnen von derben Pranken die zierlichen Prunkdegen entrissen wurden. Viel ließ sich mit diesen Waffen nicht anfangen, aber sie waren besser als nichts.
O’Leary und seine Auserwählten ließen nun ebenfalls ihre Fäuste wirbeln. Gemeinsam mit dem wild grunzenden Doherty gelang es ihnen, die Angreifer zurückzutreiben. Ein halbes Dutzend der Kerle wälzte sich jammernd am Boden – die Auswirkung von Dohertys Hieben. Der Anblick wirkte auf die übrigen demoralisierend.
„Los jetzt!“ befahl Charles Stewart. „Bringt die Jolle zu Wasser! Und dann nichts wie weg!“
Joe Doherty stemmte sich als erster gegen den Spiegel des Bootes, folglich genügte es für die anderen, mit halber Kraft zu schieben.
Die Kerle an Land erwachten aus ihrer Fassungslosigkeit, als die Jolle bereits vollständig bemannt war und im Uferwasser Fahrt aufnahm.
Mit wildem Gebrüll stürmten ein paar von ihnen in die Fluten und schwammen dem Boot nach.
Die sieben Gentlemen beschränkten sich darauf, ein schrilles Wehklagen anzustimmen.
Unterdessen erreichten drei, vier Kerle schwimmend die Jolle und versuchten, das Dollbord zu packen. Es blieb beim Versuch. Doherty hieb ihnen die Faust auf die Schädel, daß sie unter Wasser gestoßen wurden und blubbernd zurückblieben.
Einer aus der Meute, der mit den anderen in ohnmächtiger Wut am Strand ausharrte, bückte sich nach einem Stein und schleuderte ihn mit einem wilden Schrei dem Boot nach. Augenblicklich folgten die anderen seinem Beispiel.
Schon der erste Stein war ein Volltreffer.
Charles Stewart verspürte einen harten Schlag am Kopf und kippte bewußtlos nach vorn. Doherty konnte ihn gerade noch abfangen und verhindern, daß sein Master zwischen die Duchten fiel.
Im nächsten Moment ging bereits ein Steinhagel auf die Jolle nieder. Flüche und Aufschreie der Getroffenen waren die Folge.
Die Kerle am Strand stimmten ein Triumphgeheul an. Ein paar von ihnen liefen auf den für sie erreichbaren Ausgang der Bucht zu, um die Jolle von dort aus mit weiteren Steinwürfen einzudecken. Daß sie Monk und Stewart nicht mehr aufhalten konnten, dämmerte ihnen bereits. Doch die mit aller Kraft geschleuderten Steine milderten, wenigstens ihre Wut.
8.
Es war ein beschämendes Bild, das den Zuschauern von der „Orion“ und der „Dragon“ geboten wurde.
Dieses Bild wurde um keinen Deut schöner, als jetzt Sir James Sandwich auf den Ersten Offizier der „Orion“ zustelzte.
Die Männer aus den Crews der beiden Kriegsgaleonen hatten sich inzwischen gemeinsam am Strand versammelt. Angesichts des blasierten Jünglings mit den verlebten Gesichtszügen wechselten sie belustigte Blicke. Viele von ihnen mußten sich die Hand vor den Mund halten, um nicht in Lachen auszubrechen.
Die übrigen Hochwohlgeborenen verharrten in einiger Entfernung und spähten erwartungsvoll herüber. Unterdessen befanden sich die zurückgebliebenen Kerle aus der Killigrew-Meute noch auf der Landzunge. Sie hatten das Steinewerfen aufgegeben. Die Jolle hatte inzwischen zuviel Distanz gewonnen.
Für die Männer von der „Dragon“ und auch für ihre Gefährten von der „Orion“ bestätigte sich unterdessen der Eindruck, den sie in den vergangenen Stunden von Charles Stewart gewonnen hatten. Schon früher war er durch seine rauhbeinige und oft rücksichtslose Art aufgefallen. Doch dabei hatte er sich meistens noch fair verhalten.
Die Aussicht auf Gold und Reichtum schien jetzt allerdings sein wahres Ich ans Tageslicht gebracht zu haben. Nichts hielt ihn mehr zurück, auf sein Ziel loszusteuern. Das entwürdigende Schauspiel, das er soeben mit der Jolle geboten hatte, war das letzte deutliche Beispiel dafür.
Die Männer aus den beiden Crews konnten nur noch Abscheu und Ekel für Stewart empfinden. Wer sich in einer Gemeinschaft von Schiffbrüchigen befand und dann nur an den eigenen Vorteil dachte, der war nichts anderes als ein gewissenloser Schurke.
Während die Jolle bereits das offene Wasser erreicht hatte, baute sich Sir James Sandwich vor dem Ersten Offizier der „Orion“ auf. Sandwich verschränkte die dürren Arme vor der mageren Brust und reckte überheblich das spitze Kinn vor. Seine verdreckte Kleidung ließ nur noch ahnen, wie elegant er einmal ausgesehen hatte, als er noch frisch gepudert in den ersten Reisetagen an Bord des Flaggschiffs herumgelungert hatte.
Ihm selbst wurde indessen keineswegs bewußt, daß sein Anblick zur Heiterkeit reizte.
„Sie sind der Erste – äh – Offizier der ‚Orion‘, nicht wahr?“ sagte er schnarrend und musterte Corbett dabei geringschätzig von Kopf bis Fuß.
Corbett lächelte kaum merklich. Dieses Bürschchen kannte ihn natürlich genau. Nur versuchte Sandwich, sich an die Gepflogenheit der Hochwohlgeborenen zu halten, sich Namen von Menschen niederen Standes nicht zu merken.
„Warum sollte ich Ihnen verraten, wer ich bin?“ entgegnete Corbett und verstärkte sein Lächeln.
Sir James blinzelte irritiert. Sein Mund klappte auf und wieder zu.
„Lassen Sie den Unsinn, Mister!“ schnarrte er. „Was fällt Ihnen ein, sich mir gegenüber so aufzuführen!“
Das Lächeln des Ersten Offiziers schwand. Ruckartig trat er einen Schritt vor, es hatte den Anschein, als wolle er den Dürren am Kragen packen und durchschütteln. Doch er beließ es bei der drohenden Geste.
Sir James war erschrocken zurückgewichen, stolperte und konnte sein Gleichgewicht gerade noch halten.
Die Männer von den beiden Kriegsgaleonen lachten glucksend. Es war einfach unfaßbar, woher diese gepuderten Affen ihre Unverschämtheit nahmen – in einer Situation wie dieser, in der nichts von dem zählte, was sie daheim in England an Macht und Beziehungen spielen ließen.
„Weshalb tun Sie so, als ob Sie mich nicht kennen?“ sagte Corbett schneidend. „Heraus damit, Sandwich. Wenn Sie schon mit mir reden wollen, dann will ich zuerst diese Frage beantwortet haben.“
„Papperlapapp“, fauchte der Hochwohlgeborene. „Ich habe nicht Ihre, sondern Sie haben meine Fragen zu beantworten. Ist das klar? Im übrigen verlange ich, Sir Edward zu sprechen. Er ist der einzige Mann von Stand in dieser ganzen Bande von …“
Corbetts Fäuste zuckten vor und gruben sich eisenhart in den Seidenstoff des Hochwohlgeborenen-Wamses. Ohne sonderliche Anstrengung schüttelte er das Kerlchen durch, daß dessen Kopf vor und zurück wackelte.
„Ich habe eine Frage gestellt“, sagte Corbett wütend. „Wenn Sie nicht gleich antworten, lasse ich Sie in Eisen legen. Haben Sie mich verstanden!“ Das war natürlich höllisch übertrieben. Aber der Zweck heiligte die Mittel. Diesen arroganten Burschen mußte endlich der Kopf zurechtgerückt werden. Wenn ihnen auch der Grips fehlte, so mußten sie doch begreifen lernen, daß sie die Rechte anderer Menschen nicht ständig mit Füßen treten durften – nicht in einer Situation wie dieser, in der sie ohnehin alle an einem Strang zogen.
Corbett wiederholte seine Frage: „Weshalb taten Sie so, als ob Sie mich nicht kennen?“
Sandwich ächzte gequält.
„Ich habe Sie nicht sofort erkannt, Mister Corbett. Wirklich nicht. Nach diesen furchtbaren Geschehnissen sind wir alle ein bißchen durcheinander, nicht wahr?“
„Sie vielleicht.“ Corbett stieß ihn angewidert von sich. „Sagen Sie, was Sie von uns wollen, und dann ersparen Sie uns Ihren Anblick.“
Hinter ihm nickten die Männer voller Grimm. Was sich dieser magere Schnösel von einem Gentleman leistete, ging auch ihnen mächtig gegen den Strich. Lachen konnte man darüber nur begrenzte Zeit. Dann kochte einem unweigerlich die Galle über.
Sir James Sandwich zupfte sein Wams zurecht und straffte seine Haltung. Er wandte sich kurz um und erblickte die anderen, die ihn fordernd und aufmunternd ansahen. Er räusperte sich, und es klang wie das Rascheln von trockenem Herbstlaub.
„Zunächst einmal, Mister Corbett“, sagte er näselnd, „sind für mich und die übrigen sechs Gentlemen umgehend Hütten zu errichten. Selbstverständlich brauchen wir Einzelquartiere.“
Marc Corbett schüttelte fassungslos den Kopf.
„Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“ erkundigte er sich mit gespielter Höflichkeit.
„Eine fast überflüssige Frage“, sagte Sandwich von oben herab. „Die Mittagszeit ist längst vorüber. Für mich und die anderen Gentlemen ist es höchste Zeit, zu speisen. Lassen Sie also schleunigst die Tafel richten und dann servieren.“
Marc Corbett beschwichtigte die Männer hinter sich mit einer Handbewegung. Er selbst wußte, daß er sich nicht mehr lange zur Ruhe zwingen konnte.
„Mehr Wünsche haben Sie nicht?“ fragte er, immer noch scheinbar höflich.
„Im Augenblick nicht“, erwiderte Sir James Sandwich. „Auch wir müssen uns der Ausnahmesituation anpassen und uns in Bescheidenheit üben. Sie und die Männer sollten sich ein Beispiel daran nehmen, Mister Corbett. Später dürfen Ihre Leute unsere Schuhe putzen …“
Das war mehr als genug.
Ein zorniges Raunen ging durch die Reihen der Seeleute.
Marc Corbett konnte nicht mehr verhindern, daß ihm der Kragen platzte.
„Warum verlangen Sie nicht auch noch, daß wir Sie füttern sollen?“ brüllte er. Die Zornesadern an seinen Schläfen schwollen an. „Oder jeden einzelnen Bissen vorkauen, was?“
Sandwich war noch einen Grad blasser geworden. Entsetzt wich er zurück und streckte abwehrend die Arme aus.
„Ich warne Sie, Corbett!“ schrie er mit zitternder Stimme. „Nehmen Sie sich nicht zuviel heraus!“
Aber der Erste Offizier war nicht mehr aufzuhalten. Mit einer raschen Bewegung hieb er dem mageren Bürschchen die Arme weg und packte ihn erneut am Kragen. Wieder schüttelte er ihn durch, wobei der beängstigende Eindruck entstand, Sandwichs Kopf auf dem dürren Hals könne abbrechen.
„Jetzt hören Sie mal gut zu“, sagte Corbett grob. „Ich werde den Teufel tun und für Sie und Ihresgleichen Hütten bauen lassen. Und keiner der Männer wird eine Tafel für Sie richten oder Sie sonstwie bedienen. Haben Sie das begriffen?“
Sir James schluckte krampfhaft. Sein Adamsapfel bewegte sich dabei ruckend auf und ab.
„Ja“, sagte er weinerlich, „um Himmels willen, ja.“
Corbett stieß ihn von sich.
„Dann ist es gut. Denken Sie ein bißchen nach. Spucken Sie selbst in die Händchen, und sorgen Sie für sich selbst.“
Sandwichs Augen weiteten sich. Der Gedanke, die bloße Vorstellung dessen, was Corbett angedeutet hatte, erschien ihm grauenvoller als alles andere, was bisher geschehen war.
„Das – das kann doch nicht Ihr Ernst sein“, stammelte er.
Diesmal konnten sich die Männer nicht mehr zurückhalten. Schallendes Gelächter ertönte. Spätestens jetzt mußten auch die in einiger Entfernung wartenden Gentlemen begriffen haben, wie wenig der sehr ehrenwerte Sir James Sandwich mit seinem Befehlsgang ausgerichtet hatte.
Corbett musterte den Müßiggänger verächtlich und von oben bis unten.
„Begreifen Sie endlich“, sagte er barsch, „daß Sie hier keine Rechte oder Privilegien mehr genießen. Es sei denn, Sie ordnen sich in die Gemeinschaft ein und packen mit an, wie wir alle es tun.“ Er wandte sich halb um und deutete zum Strand, wo Sir Edward Tottenham gemeinsam mit dem Schiffszimmermann dabei war, einen angetriebenen Schiffsbalken zu zersägen. „Nehmen Sie sich ein Beispiel daran. Sir Edward, auch ein Mann von Stand, läßt sich nicht bedienen!“ Ohne den Dürren noch zu beachten, wandte sich Corbett kurzerhand um.
Sir James Sandwich blickte den Männern nach, die sich einfach von ihm entfernten, als sei er Luft. Er verstand die Welt nicht mehr. Insgeheim verfluchte er seine Teilnahme an dieser Karibik-Reise als den schlimmsten Fehler, den er jemals in seinem Leben begangen hatte. Doch das durfte natürlich niemand wissen. Ein Mann von Adel gestand anderen gegenüber keine Fehler ein.
Während er zu den anderen zurückschlurfte, überlegte Sir James bereits, wie er seinen Freunden am besten erklärte, daß das Pack zur Zeit mit dringlicheren Arbeiten beschäftigt sei und daher für das Richten der Tafel noch keine Gelegenheit bestehe.
Marc Corbett einigte sich unterdessen rasch mit Arthur Gretton, dem Ersten Offizier der „Dragon“.
Ein Teil der Crew half beim Bau der Hütten mit, ein anderer Teil der Männer von der „Dragon“ wurde den Tauchergruppen zugeordnet. Es sollte versucht werden, die beiden gesunkenen Kriegsgaleonen so weit wie möglich auszuschlachten. Die beiden letzten Jollen der „Dragon“ wurden in den Bereich des nunmehr gemeinsamen Lagers verholt.
Niemand kümmerte sich jetzt mehr um die erlauchten Adligen und ebensowenig um die zwölf zurückgebliebenen Kerle von der „Lady Anne“. Bei ihnen handelte es sich um eine so unbedeutende Minderheit, daß von ihnen kaum eine Gefahr drohte, zumal das Lager mittlerweile nach allen Seiten gut bewacht wurde.
Sir James Sandwich und seine Gentlemen setzten sich beleidigt in den Schatten oberhalb des Strandes und zeigten weiterhin keine Bereitschaft, auch nur einen Finger zu rühren.
Die zwölf Kerle von der „Lady Anne“ trödelten am Strand entlang, immer weiter vom Lager weg, bis sie sich schließlich vollends verdrückt hatten.
Die Jolle mit Stewart, Monk und den übrigen Halunken war unterdessen nach Südosten gesegelt und ebenfalls außer Sichtweite.
9.
Für die Arwenacks war dieser Tag so düster, als hingen dichte schwarze Wolken unmittelbar über ihren Köpfen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß die Sonne nach wie vor strahlend am blauen Himmel stand und eine handige Brise die See zu freundlichem Wellengang streichelte.
Die „Isabella“ lag an diesem Nachmittag des 23. August in der Südbucht der östlichsten Insel der Pensacola Cays. An Bord des schlanken Schiffes herrschte im wahrsten Sinne des Wortes Grabesruhe.
Der Kutscher hatte an Bord das Regiment übernommen, und keiner wagte, seinen Anordnungen auch nur andeutungsweise zu widersprechen. Klipp und klar und unmißverständlich hatte er erklärt, daß auf dem Schiff absolute Ruhe zu herrschen habe. Andernfalls könne er für nichts mehr garantieren.
Am gestrigen Tag, auf der Fahrt zu den Pensacola Cays, hatte der Kutscher das Unmögliche gewagt. Mit Hilfe Mac Pellews und der Zwillinge hatte er die Pistolenkugel herausgeholt, die in Hasards Rücken eingedrungen und dicht vor dem Herzen steckengeblieben war.
Alle an Bord der „Isabella“ hatten den Atem angehalten und das Schlimmste befürchtet.
Aber der Seewolf war dem Kutscher nicht unter der Hand weggestorben.
Dennoch hatte sich bislang keine rechte Besserung einstellen wollen. Jeder wußte, daß Hasard noch lange nicht über den Berg war.
Ben Brighton harrte regungslos wie ein Standbild an der Heckbalustrade des Achterdecks aus. Doch seine Ruhe war nur äußerlich. Innerlich empfand er ein Vibrieren und Rumoren, wie er es selten erlebt hatte.
Ähnlich erging es zweifellos den Männern. Die meisten hockten auf der Kuhl, redeten nur im Flüsterton, und wenn sie sich tatsächlich einmal bewegen mußten, dann taten sie es so leise, daß sie sich dabei selbst nicht hörten.
Die Anspannung, die auf der Crew des Seewolfs lastete, war geradezu körperlich spürbar.
Es war wie ein Schmerz, der sie alle gepackt hatte und zur Hilflosigkeit verdammte.
Sie konnten nichts tun für Philip Hasard Killigrew, buchstäblich nichts. Das bißchen Hilfe, das möglich war, mußte sich zwangsläufig auf einen kleinen Personenkreis beschränken. Denn es konnten nicht ständig alle Mann in die Krankenkammer poltern, wo Hasard noch immer ohne Bewußtsein lag.
Ben Brighton wußte, wie düster es in den Köpfen der Männer aussah. Er selbst konnte sich von dieser Stimmung nicht befreien.
Ben und all die anderen hatten viele Menschen sterben sehen. Unendliche Tragik hatten sie erlebt und immer wieder lernen müssen, wie schwach und hilflos jeder einzelne von ihnen doch im Grunde war.
Ihre Stärke aber hatten sie in der Gemeinschaft mit dem Seewolf bewiesen. Und nun sollte es mit dieser Gemeinschaft plötzlich vorbei sein? Denn ohne Hasard, das spürten sie alle, würde ihr Haufen nie wieder der alte sein.
Auch Ben Brighton hatte in den letzten Stunden erkennen müssen, daß es sich anders verhielt als in früheren Gefahrensituationen. Seinerzeit, als der spanische Kampfverband unter Don Antonio de Quintanilla gegen die Schlangen-Insel vorgerückt war, war Hasard in den Wirren des Gefechtsgeschehens über Bord gegangen. Doch es hatte in der Zeit seines Verschollenseins immer noch Hoffnung gegeben. Man hatte ja nicht einmal gewußt, ob er verwundet worden war.
Jetzt aber waren die Arwenacks mit einer völlig neuen Gefahr konfrontiert – mit der Tatsache, daß Hasards Leben wahrhaftig an einem seidenen Faden hing.
Die Männer waren gewohnt, gegen faßbare und sichtbare Gegner zu kämpfen. In solchen Situationen wußten sie, woran sie waren. Da konnten sie zuschlagen und sehen, welches Ergebnis ihr Mut und ihre Entschlossenheit bewirkten. Im Augenblick jedoch gab es niemanden, den sie mit einem Säbelhieb, einer Pistolenkugel oder auch nur mit der bloßen Faust davon abhalten konnten, sich auf den wehrlosen Seewolf zu stürzen und ihm das Lebenslicht auszublasen.
Nein, die Macht, die ihn bedrohte, war stärker als sie alle zusammen. Und sie würde sich bei der Entscheidung, ob Philip Hasard Killigrew am Leben blieb oder nicht, kaum dreinreden lassen.
Ben Brighton konnte nicht umhin, an die vielen Jahre zu denken, die er gemeinsam mit Hasard auf den Achterdecks ihrer Schiffe verbracht hatte. Die neunte „Isabella“ war es bereits, auf der sie jetzt fuhren, und es war die stolzeste von allen Galeonen, die die Arwenacks ihr eigen genannt hatten. Sollte die neunte „Isabella“ für den Seewolf etwa zum Schicksalsschiff werden?
Unzählige Male hatten sie in den vergangenen Jahren dem Tod ins Auge geblickt. Mörderische Gefahren waren sie mit heiler Haut entronnen, oder sie hatten schlimme Blessuren davongetragen. Aber immer waren ihre Entschlossenheit und ihre Kampfkraft stärker gewesen als alles, was sich ihnen in den Weg gestellt hatte.
Auch die fürchterlichsten Unwetter hatten sie auf den sieben Weltmeeren erlebt, und manches Mal hatten sie dabei geglaubt, den entfesselten Naturgewalten nicht mehr entrinnen zu können.
Das alles sollte nun umsonst durchgestanden worden sein?
Es mußte wohl etwas Wahres daran sein, wenn man sagte, daß auch der stärkste Mann eine Kugel nicht verkraften konnte, die ihn in den Rücken getroffen hatte.
Sir Andrew Clifford hatte für seine Hinterlist beim Duell mit Hasard mit dem Leben bezahlt. Batuti hatte in ohnmächtigem Zorn gehandelt, und er hatte dabei genauso gedacht wie alle anderen an Bord der „Isabella“, als er den Pfeil abfeuerte, der den niederträchtigen Kerl auf der Stelle tötete.
Doch die Rache hatte niemandem an Bord ein Gefühl der Erleichterung gebracht.
Zu ungeheuerlich war das Geschehen gewesen, und zu ungewiß war jetzt die Zukunft. Hasard war es gewesen, der maßgeblich daran mitgewirkt hatte, die neue Heimat in der Karibik aufzubauen. All das, was heute die Schlangen-Insel bedeutete, war zum großen Teil sein Werk. Sie hatten England den Rücken gekehrt, um hier, in der Neuen Welt, ein Leben in Freiheit zu führen. Sollte Hasard etwa der einzige sein, der diesen Vorzug nicht mehr genießen konnte?
Ben Brighton hielt es auf dem Achterdeck nicht länger aus. Er wußte auch, daß die Männer die Ungewißheit kaum noch ertragen konnten. Er war der einzige, dem der Kutscher erlaubt hatte, die Krankenkammer zu betreten. Es war also gerechtfertigt, wenn er nach Stunden wieder einmal nach dem Rechten sah und die Männer anschließend über die Lage informierte.
Auf Zehenspitzen bewegte er sich über die Decksplanken. Im Vorbeigehen nickte er den Arwenacks zu, die ihn mit fragenden und besorgten Blicken ansahen. Er bemerkte, daß die meisten nicht einmal mehr zu flüstern wagten. Sie unterhielten sich nur noch in der Zeichensprache, wenn eine Verständigung überhaupt nötig war.
Einen Moment blieb Ben Brighton vor dem Schott der Krankenkammer stehen und horchte. Dann pochte er behutsam mit der Kuppe des Mittelfingers an das Holz.
Es dauerte Sekunden, die wie Ewigkeiten währten, bis das Schott einen Spaltbreit geöffnet wurde. Die Augen des Kutschers spähten durch den Spalt.
„Darf ich nach ihm sehen?“ fragte der Erste Offizier der „Isabella“ kaum hörbar.
Der Kutscher antwortete nicht sofort. Die Entscheidung schien ihm schwerzufallen.
„Tritt ein, Ben“, flüsterte er schließlich. „Aber bitte …“ Er legte mahnend den Zeigefinger auf die Lippen.
Ben Brighton schlüpfte geräuschlos in die Kammer und verharrte gleich neben dem Schott, nachdem der Kutscher es behutsam hinter ihm geschlossen hatte. Ben kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Es dauerte einen Moment, bis er sich nach dem grellen Sonnenlicht an das Halbdunkel gewöhnt hatte.
Der Anblick verursachte ein Würgen in seiner Kehle.
Mit Gurten hatten sie den Seewolf auf seinem Lager festgezurrt.
Der Kutscher bemerkte den entsetzten Gesichtsausdruck des Ersten.
„Das mußte leider sein“, flüsterte er. „Zu seinem eigenen Schutz, verstehst du? Als heute vormittag das Fieber einsetzte, fing er an, sich hin und her zu wälzen und mit den Gliedern zu zucken. Wir mußten das natürlich verhindern.“
Ben Brighton nickte und schluckte trocken. Hasard war auch jetzt noch unruhig, man sah es an seinem Kopf, der sich fortwährend bewegte. Sein Gesicht war fahl und schweißüberströmt. Die Zwillinge und Mac Pellew waren bei ihm und legten ihm immer wieder nasse Leinentücher über die Stirn.
Ben wandte sich zur Seite und sah den Kutscher voller Besorgnis an.
„Wann wird er wieder bei Bewußtsein sein? Kannst du das nicht wenigstens vorhersagen?“
Der stets so ernst aussehende Mann schüttelte müde den Kopf.
„Ich kann überhaupt nichts sagen, Ben. Mac und ich haben ihm einen Sud eingetrichtert, der zum einen das Fieber dämpft und zum anderen die Abwehrkräfte des Körpers mobilisiert oder zumindest stärkt.“
„Abwehrkräfte gegen was?“
Der Kutscher senkte den Kopf und preßte die Lippen aufeinander.
„Gegen eine Blutvergiftung“, sagte er tonlos und so leise, daß Ben Mühe hatte, es zu verstehen. „Ja, Ben, das ist es, womit wir rechnen müssen. Ich kann niemandem auch nur die leiseste Hoffnung machen. Nicht einmal seinen Söhnen.“
Ben Brighton blickte auf die beiden Jungen, die in dieser Stunde wie Erwachsene aussahen. Nichts Kindliches war mehr an ihnen, die Sorge um den Vater, so schien es, hatte sie älter werden lassen.
Wortlos legte der Erste dem Kutscher die Hand auf die Schulter. Es war ein Zeichen stummer Anerkennung und eines Dankes, der nicht ausgesprochen werden mußte. Alle vier, die hier in der Krankenkammer ausharrten, taten das menschenmögliche. Im übrigen konnten sie wie alle an Bord auch nur warten und hoffen und beten.
Ben Brighton wandte sich ab, denn hier war er überflüssig. Er fühlte sich genauso hundeelend wie alle anderen Männer an Bord, denen er gleich darauf einen geflüsterten Lagebericht gab. Selbst Ed Carberry, das Urvieh mit dem Narbengesicht, konnte nur fassungslos den Kopf schütteln.
Eine Blutvergiftung bedeutete das Ende für Hasard. Das brauchte ihnen niemand ausdrücklich zu sagen.
Ferris Tucker holte tief Luft, um einen Fluch auszustoßen. Im letzten Moment besann er sich und knirschte lediglich mit den Zähnen. Selbst dieses Geräusch trug ihm empörte Blicke von den anderen ein.
Im nächsten Atemzug gefror ihnen das Blut in den Adern.
Heiseres Gebrüll ertönte plötzlich aus dem Vorschiff.
Keiner der Arwenacks brauchte herumzurätseln, wer das war.
John Killigrew, das alte Miststück, randalierte in der Vorpiek – nicht einmal weit von der Krankenkammer entfernt.
Edwin Carberry war als erster auf den Beinen. Ben Brighton und die anderen folgten ihm dichtauf. Unter normalen Umständen hätten sie vermutlich über sich selbst gelacht, wie sie mit seltsam verkrampften Bewegungen über die Planken schlichen. Aber zur Zeit war ihnen nach allem anderen zumute, nur nicht nach Lachen.
Und immer noch grölte der alte Halunke, was das Zeug hielt.
Wutentbrannt riß Ed Carberry das Schott zur Vorpiek auf. Ferris Tucker und Luke Morgan hielten es fest und ließen es zur Seite gleiten, damit kein Poltern verursacht wurde.
Das Gebrüll dröhnte ihnen jetzt mit voller Lautstärke entgegen.
„Hunger! Durst! Verdammt noch mal, ihr Schweine, gebt mir endlich was zu …“
Ein dumpfer Schlag ließ den Alten verstummen.
Ed Carberry langte mit seiner Pranke noch zweimal hin und verharrte dann schnaufend vor dem Bewußtlosen.
„Dreckskerl“, knurrte er und beugte sich über die Pütz, die noch zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. „Wenn du denkst, daß du dich hier mit Bier oder Schnaps vollaufen lassen kannst, hast du dich aber mächtig getäuscht.“ Auch der Brotkanten, den man dem Gefangenen gegeben hatte, lag noch unberührt.
Ferris Tucker brachte bereits einen Lappen.
„Stopf ihm das Maul“, sagte der hünenhafte Schiffszimmermann grob. „Verdammt noch mal, wenn dieser Strolch dafür verantwortlich ist, daß Hasard …“ Er sprach nicht weiter, doch alle dachten das gleiche.
Unter keinen Umständen durfte geschehen, daß ausgerechnet der alte Killigrew mit seinem Gebrüll den Zustand des Seewolfs verschlimmerte.
Ed Carberry knebelte den Alten sorgfältig. Anschließend fesselten sie ihn so gründlich, daß er sich nicht mehr rühren konnte.
Ein unnötiges Risiko war ausgeschaltet.
Mit hängenden Schultern kehrten die Männer auf das Hauptdeck zurück. Grund zum Aufatmen gab es noch immer nicht.
Am späten Nachmittag dieses schicksalsschweren 23. August 1594 lief die „Caribian Queen“ in die Südbucht der Insel ein.
Sobald sie freies Blickfeld über die Wasserfläche der Bucht hatte, hob Siri-Tong das Spektiv. Auf den Decks der „Isabella“ war keine Bewegung zu erkennen. Ben Brighton lehnte an der Heckbalustrade des Achterdecks. Auf der Back war niemand zu sehen, auf der Kuhl nur die Köpfe der Männer, die dort auf Taurollen hockten. Ansonsten verwehrte die Verschanzung den Blick.
Die Rote Korsarin spürte, wie sich eine trockene Masse in ihrer Kehle bildete – etwas, das sie trotz aller Anstrengung nicht herunterschlucken konnte. Um die Lage an Bord der „Isabella“ zu erkennen, brauchte sie nicht zweimal hinzusehen. Es stand kritisch um den Seewolf, keine Frage.
Noch im Eingang der Bucht gab die Rote Korsarin ihre Befehle. Da ihr und der Crew nicht das gewohnte Begrüßungsgebrüll entgegentönte, war eindeutig, daß völlige Ruhe zu herrschen hatte. Sie beauftragte Barba, dafür zu sorgen, daß jeder einzelne Mann an Bord des Zweideckers nachdrücklich instruiert wurde. Keiner durfte auch nur einen Muckser von sich geben. Wenn jetzt noch Befehle erteilt werden mußten, dann hatte das per Zeichensprache zu geschehen. Für eine so gut eingespielte Crew wie die der Roten Korsarin waren Befehle ohnehin überwiegend schmückendes Beiwerk.
So glitt die „Caribian Queen“ nahezu lautlos wie ein Geisterschiff in die Bucht. Nur das Knarren von Tauwerk, das Schlagen des Tuchs beim Aufgeien und das Knirschen des Ankerspills ließen sich nicht vermeiden.
In einer guten Kabellänge Entfernung von der „Isabella“ ging der Zweidecker vor Anker. Ein Beiboot wurde abgefiert, und sechs Bootsgasten begannen, so behutsam und so kraftvoll wie möglich zu pullen. Siri-Tong, die auf der Achterducht saß und die Ruderpinne hielt, bemühte sich, ihre Unrast zu verbergen. Doch es war überflüssig, denn die Männer empfanden die gleiche Sorge um den Seewolf wie sie auch.
Gemeinsam mit den restlichen Männern spähte Barba, der das Kommando an Bord der „Caribian Queen“ übernommen hatte, hinüber zur „Isabella“. Ihnen allen stand Philip Hasard Killigrew genauso nahe wie den Arwenacks. Die beklemmende und unheilschwangere Stille hatte auch ihnen sofort die Sprache verschlagen.
Die Männer im Boot nahmen die Riemen ein, und Siri-Tong manövrierte die Jolle vorsichtig an die Jakobsleiter. Die freien Hände ausgestreckt, verhinderten die Bootsgasten, daß die Jolle gegen den Rumpf der Galeone stieß. Der dumpfe Laut wäre sicherlich durch das ganze Schiff zu hören gewesen.
Auf leisen Sohlen enterte die Rote Korsarin über die Jakobsleiter auf. Ben Brighton empfing sie bei der Pforte im Schanzkleid.
„Sieht es schlimm aus mit ihm?“ fragte sie leise und biß sich voller Anspannung auf die Unterlippe.
Ben Brighton nickte.
„Der Kutscher befürchtet eine Blutvergiftung“, antwortete er flüsternd. „Du weißt, was das bedeutet.“
Für Siri-Tong war es wie ein Stich, der sie mitten ins Herz traf. Die böse Nachricht glich einem körperlich spürbaren Schmerz. Die Rote Korsarin empfand es um so deutlicher, da sie die Entscheidung des Seewolfs von Anfang an für blanken Unsinn gehalten hatte. Fast verzweifelt hatte sie versucht, ihm das Duell auszureden. Aber er hatte nicht auf sie gehört und seinen Dickschädel durchsetzen müssen.
Sie begriff es auch jetzt noch nicht: Wie hatte er sich wegen seiner verletzten Ehre mit einem Lumpenhund duellieren können, der selbst keinen Funken Ehrgefühl hatte. Auch das beabsichtigte zweite Duell mit Sir John Killigrew hätte sich in dem Punkt durch nichts von dem ersten unterschieden.
Das Verhalten dieses Earl of Cumberland hatte Siri-Tong in ihrer Meinung bestätigt. Nach wenigen Schritten hatte er sich umgedreht und dem Seewolf die Pistolenkugel in den Rücken gejagt. Aus Feigheit hatte dieser Lump die Regeln des Duells gebrochen – was die Rote Korsarin im Grunde vorhergesehen hatte. Nur war sie natürlich die einzige gewesen, die solche Befürchtungen gehegt hatte. Und Hasard hatte am allerwenigsten auf sie gehört, obwohl sie wie mit Engelszungen geredet hatte.
Dennoch war es ungerecht, daß er jetzt mit dem Leben bezahlen sollte – er, ein aufrechter Mann, der durch die Beleidigungen tief in seinem Inneren getroffen worden war. Er hatte es nicht ertragen können, daß die adligen Halunken – Sir Andrew und Sir Henry an der Spitze – seinen Namen gegenüber der Königin in den Dreck gezogen hatten. Siri-Tong hatte das sehr wohl verstehen können. Was sie jedoch bis jetzt nicht verstand, war die Tatsache, daß der Seewolf solche Kreaturen wie diese schleimigen Hochwohlgeborenen als ernstzunehmende Gegner betrachtete.
Zweifellos waren sie gefährlich – wegen der Intrigen, die sie zu spinnen verstanden. Aber mußte man sie nicht gerade deshalb hinwegfegen wie lästiges Ungeziefer?
Siri-Tong gab sich einen Ruck.
„Ich möchte ihn sehen“, sagte sie leise. „Meinst du, daß der Kutscher etwas dagegen hat?“
Ben Brighton schüttelte den Kopf.
„Bestimmt nicht. Du hast das Recht, den Seewolf zu besuchen.“
Die Rote Korsarin nickte den Männern zu, die zu ihr aufblicken. Geräuschlos bewegte sie sich auf die Back zu und pochte dann behutsam an die Planken des Schotts zur Krankenkammer.
Die Miene des Kutschers spiegelte Unwillen, als er öffnete. Doch sein Gesicht glättete sich in dem Moment, in dem er Siri-Tong erkannte – was ihm erst nach einigem Blinzeln gelang, da ihn die gleißende Helligkeit des Tageslichts blendete. Mit einem Wink forderte er die schwarzhaarige Frau auf, einzutreten.
Um ein Haar hätte Siri-Tong einen Entsetzenslaut ausgestoßen. Sie schlug die flache Hand vor den Mund. Es geschah selten, daß sie derart erschrak, und es gehörte schon eine Menge dazu, sie aus der Fassung zu bringen.
Aber der Anblick des Seewolfs war wie ein Schock. So durchsichtig und fahl hatte sie ihn nie zuvor erlebt, obwohl er bereits einige Verwundungen davongetragen hatte. Schweiß rann in Strömen über sein Gesicht, die Zwillinge und Mac Pellew hielten nicht inne, dem immer noch Bewußtlosen mit Tüchern Linderung zu verschaffen.
Für einen Augenblick wandten sich Hasards Söhne zu der Roten Korsarin um. Es rührte an ihr Herz, denn sie war eine Frau. Unendlicher Schmerz lag wie ein Hilfeschrei in den Gesichtern dieser Jungen, die allzu früh ihre Mutter verloren hatten. Aber da war auch wilde und trotzige Entschlossenheit in ihren Augen, und dieser Ausdruck gab ihnen schon eher etwas von Mannhaftigkeit. Sie wollten nicht auch noch ihren Vater verlieren. Was sie tun konnten, um das zu verhindern, das würden sie tun.
Es war dieses Bild, das ergreifend und lähmend auf Siri-Tong wirkte. Das Bild der beiden verzweifelten und doch so entschlossenen Söhne am Lager des Vaters, der schwerverwundet und im Fieberkampf mit dem Tode rang.
Die Rote Korsarin konnte nichts dagegen tun, daß ihr Tränen in die Augen stiegen. Dieses Bild des Elends und zugleich der Hoffnung im Halbdunkel der Krankenkammer traf die verwundbarste Stelle ihrer Seele. Doch sie schämte sich der Tränen nicht.
Unvermittelt spürte sie die Hand des Kutschers auf ihrer linken Schulter. Seine Stimme war nur wie ein Hauch.
„Es ist zu früh, um ihn zu weinen, Siri-Tong. Ich will ihn durchbringen, bei Gott, ich will ihn durchbringen!“
Mit einem Lächeln voller Dankbarkeit wandte sich die Rote Korsarin dem ernsten Mann an ihrer Seite zu.
„Ich habe nicht um Hasard geweint“, flüsterte sie. „Es ist das, was ich vor mir sehe, verstehst du?“
Der Kutscher sah sie einen Augenblick schweigend an. Dann nickte er. Siri-Tong verließ die Krankenkammer und blieb für einen Moment vor dem Schott stehen. Es gelang ihr nicht auf Anhieb, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Zu sehr hatte das Gesehene ihre Gedanken in einen tiefen Strudel gerissen.
Aber man durfte auch nicht die Dinge vernachlässigen, die getan werden mußten.
Die Männer versammelten sich im Halbkreis vor dem Großmast, als die Rote Korsarin sie mit auffordernden Handbewegungen zusammenrief. Im Flüsterton berichtete sie über die letzten Ereignisse.
Grimmige Zufriedenheit zeichnete sich in den Gesichtern der Arwenacks ab, als sie erfuhren, daß sich der sehr ehrenwerte Sir Henry als Gefangener an Bord der „Caribian Queen“ befand. Barba hatte ihm nur das Messer an die Kehle zu setzen brauchen, um ihn zum Plaudern zu bringen.
Mit der Versenkung der Kriegsgaleonen „Orion“ und „Dragon“ war das Unternehmen der Adligen-Clique also endgültig gescheitert, zumal die „Centurion“ und die „Eagle“ bereits lange zuvor die Heimreise nach England angetreten hatten.
Die Arwenacks konnten sich das Geschehen jetzt sehr gut zusammenreimen. Und nachträglich zollten sie den beiden aufrechten Kapitänen Rooke und Wavell Hochachtung. Diese Männer waren nach ihrem Geschmack, denn sie hatten nicht mitgespielt, als ein wehrloser Gegner zusammengeschossen worden war.
„Was ist mit den Besatzungen der ‚Orion‘ und der ‚Dragon‘?“ fragte Ben Brighton. „Von ihnen könnte immerhin noch Gefahr drohen.“
Siri-Tong schüttelte den Kopf.
„Das glaube ich nicht“, erwiderte sie. „Ich schätze diese Männer ähnlich ein wie die Besatzungen der ‚Centurion‘ und der ‚Eagle‘. Wer mir nicht gefällt, ist der Kommandant der ‚Dragon‘.“
Ben Brighton nickte nachdenklich.
„Und die restlichen Adligen dürfen wir auch nicht vergessen. Ebensowenig die Halunken aus der John-Killigrew-Meute.“
„Ich meine, wir müssen die gesamte Insel und die Bucht überwachen“, sagte die Rote Korsarin leise. „Daran bin ich in gewisser Weise selbst schuld. Ich habe dem Ersten Offizier der ‚Orion‘ nämlich geraten, sich nach einer größeren Insel umzusehen. Bist du einverstanden, wenn ich eine Gruppe von meiner Crew an Land setzen lasse, damit sie die Insel nach allen Seiten überwacht?“
Ben Brighton hatte nichts dagegen einzuwenden.
„Da ist noch etwas“, sagte er. „Was soll mit Sir John und Sir Henry geschehen?“
Ein harter Glanz trat in die Augen Siri-Tongs.
„Da gibt es für mich nicht viel zu überlegen. Wenn Hasard stirbt, sollen sie an der Rah hängen. Bleibt er am Leben, dann soll er selbst entscheiden, was mit den Kerlen passiert.“
„Einverstanden“, sagte Ben Brighton sofort. Er blickte in die Runde. „Ist jemand anderer Meinung?“
Die Männer schüttelten den Kopf.
„Eines werde ich allerdings mit allen Mitteln verhindern“, sagte die Rote Korsarin.
Der Erste Offizier der „Isabella“ blickte sie stirnrunzelnd an.
„Und das wäre?“
„Ein weiteres Duell. Ich werde nicht zulassen, daß sich Hasard noch einmal zu einem solchen Unsinn hinreißen läßt.“
Ben Brighton nickte.
„Diesmal hast du mich auf deiner Seite, Siri-Tong. Auch ich bin gegen ein Duell. Ich habe eingesehen, daß du von vornherein recht hattest. Aber du mußt Hasard verstehen.“
„Das tue ich, Ben.“ Die Rote Korsarin erhob sich und verabschiedete sich von den Männern.
Wenig später, nachdem sie mit der Jolle auf die „Caribian Queen“ zurückgekehrt war, wurde eine Gruppe ihrer Männer an Land gebracht, die die Überwachung der Insel aufnehmen sollte.
10.
„Warum, zum Teufel, haben wir keine Spektive?“ sagte Sir Robert Monk ärgerlich zischend. „Wenn wir jetzt Spektive hätten, könnten wir genau sehen, was sich abspielt.“
Charles Stewart verschränkte die Arme vor dem Brustkasten, denn er wußte, daß dieser Vorwurf natürlich ihm galt. Er war es gewesen, der sich einen Dreck darum gekümmert hatte, die notwendigen Ausrüstungsgegenstände von der sinkenden „Dragon“ zu bergen.
„Brauchen wir nicht, die Dinger“, entgegnete er grollend. „Was wir sehen müssen, sehen wir auch so.“
Joe Doherty, Stewarts Leibwächter, baute sich in drohender Haltung hinter dem Ex-Kommandanten der „Dragon“ auf. Der grobschlächtige Riese hatte immerhin mitgekriegt, daß sich Sir Robert vorwurfsvoll gegenüber seinem Herrn geäußert hatte. Die Hintergründe dafür begriff Doherty sowieso nicht. Doch ein Wink von Stewart würde genügen, und er schnappte sich diesen adligen Geier und drehte ihm den Hals um.
Aber offenbar schien Stewart derartiges vorerst nicht im Sinn zu haben, und so mußte sich das Monstrum darauf beschränken, seine wüsten Gesichtszüge auf die bewährte und furchterregende Weise zu verzerren.
Es wirkte auch bei Sir Robert. Er verkniff sich weitere Anspielungen auf die nicht vorhandenen Kieker.
Die Männer standen auf der Hügelkuppe einer Insel, durch hohes Buschwerk sichtgeschützt. Zwei, drei winzige Eilande lagen zwischen ihnen und jener Insel, in deren Südbucht die Masten der beiden Schiffe deutlich zu erkennen waren.
Den düsteren Zweidecker hatten sie gesehen, als er von See her die Südbucht der nahen Insel angelaufen hatte. O’Leary hatte den Zweimaster entdeckt, und sofort waren sie mit der Jolle hinter dieser Insel in Deckung gegangen, die sie gerade angesteuert hatten.
Stewart, Monk und O’Leary waren sofort zur Hügelkuppe aufgebrochen, um das weitere Geschehen zu beobachten. Das Monstrum, das wie eine Klette an ihm hing, hatte Stewart nicht zum Zurückbleiben bewegen können. Auch der Hinweis auf die Goldkisten hatte nichts gefruchtet.
Trotz seiner Beschränktheit schien Doherty begriffen zu haben, daß sich hier sowieso niemand die Kisten unter den Nagel reißen und damit verschwinden konnte. Sie waren aufeinander angewiesen, wenn sie noch einer Zukunft entgegensehen wollten.
Stewart wurde es indessen beinahe unangenehm, daß Doherty ihn bewachte wie ein Hofhund seinen Herrn. Zumindest O’Leary und seine Strolche grinsten Insgeheim darüber. Denn wozu, bitte sehr, brauchte ein ausgewachsener Mann einen Leibwächter? So und nicht anders dachten sie wahrscheinlich.
Daß er auf seine Goldkisten aber nicht allein aufpassen konnte, wußte Stewart. Wenn er schlief, brauchte er jemanden, der für ihn wachte. Doherty war der richtige Mann für die Aufgabe. Seine Anhänglichkeit mußte man dafür eben in Kauf nehmen.
Allerdings ergab die Lage durch das Entdecken der beiden Schiffe auch für Charles Stewart völlig neue Aspekte.
Schweigend beobachteten sie, wie der Zweidecker in der Bucht vor Anker ging. Gleich darauf wurde allem Anschein nach ein Boot ausgesetzt, und jemand begab sich an Bord der „Isabella“. Zweifellos war es dieses Teufelsweib, wenn es auch mit bloßem Auge nicht genau zu erkennen war.
Sir Robert Monk wandte sich zu den anderen um.
„Besser konnte es für uns gar nicht kommen“, sagte er frohlockend. „Gentlemen, wir brauchen praktisch nur noch zuzugreifen, und dann haben wir ein Schiff.“
„Stellen Sie sich das nicht so einfach vor“, entgegnete O’Leary. „Wir haben nur eine Handvoll Leute und keine Waffen. Jedenfalls keine richtigen.“
Stewart grinste und klopfte ihm auf die Schulter.
„Man muß sich schon ein bißchen was einfallen lassen, Mister O’Leary. Wie ich unseren verehrten Sir Robert kenne, hat er bereits was auf Lager.“
Sir Robert nickte.
„Wir müssen die Dunkelheit abwarten – nein, noch besser die Nacht, wenn wir sicher sind, daß die meisten an Bord selig schlafen.“ Er kicherte bei der Vorstellung und fuhr dann mit listigem Grinsen fort: „Wir brauchen nur mit ein paar Leuten in völliger Finsternis die ‚Isabella‘ zu entern. Die Deckswachen müssen natürlich im Handstreich überwältigt werden. Dann dringen wir in die Kapitänskammer vor. Dort liegt aller Wahrscheinlichkeit nach der angeschossene Bastard Killigrew.“
„Prächtig!“ rief Stewart begeistert. „Sobald wir den Hundesohn in unserer Gewalt haben, ist alles andere ein Kinderspiel.“
Auch O’Leary setzte eine überzeugtere Miene auf.
„Eins ist aber wichtig“, sagte er. „Wenn wir es so schaffen, wie Sir Robert sagt, dann muß die gesamte Crew von Bord. Außer dem Bastard darf kein einziger von den Mistkerlen an Bord bleiben. Sonst können wir vor Überraschungen niemals sicher sein.“
„Und dann?“ entgegnete Stewart stirnrunzelnd. „Sollen wir mit Ihren paar Leuten diese große Galeone segeln?“
„Nur bis zum nächsten Hafen“, sagte O’Leary. „Das schaffen wir. Und dann können wir jede Menge zuverlässige Leute anheuern.“
„Und die Jagd auf die ‚Lady Anne‘ aufnehmen“, sagte Sir Robert mit einem Nicken. „Ich glaube, Ihr Vorschlag ist gut, O’Leary. Vor Überraschungen müssen wir uns schützen, das stimmt. Da wäre aber auch noch dieser Zweidecker.“
„Den schießen wir leck“, sagte Stewart. „Dann sitzt er auf Grund wie unsere ‚Dragon‘, und die ganze Sippschaft kann sich an Land verziehen.“
„Womit wir den Spieß umgedreht hätten“, sagte Sir Robert zufrieden. „Hat noch jemand etwas hinzuzufügen?“ Er sah die anderen an, doch es gab keine weiteren Vorschläge.
Sorgfältig prägten sie sich die Lage der östlichsten Insel und der zahlreichen Korallenriffs ein. Fest stand, daß sie von Westen her zu der Insel vordringen würden. Wenn Posten aufgestellt waren, würden sie die Seeseite zum Atlantik hin beobachten. Denn von Westen her würde man auf keinen Fall jemanden erwarten – wegen der wirklich unzähligen Korallenriffs und der gefährlichen Untiefen in diesem Bereich der Kleinen Bahama-Bank.
Die Kerle unter dem Kommando von Charles Stewart, Sir Robert Monk und O’Leary warteten bis nach Mitternacht. Allen knurrte der Magen, als sie die Segel setzten. Denn außer ein paar Kokosnüssen hatten sie nichts zu sich nehmen können. Wenn man jedoch davon ausging, daß Hunger ein guter Antreiber war, dann mußte das Unternehmen gelingen.
Sir Robert war voller Hoffnung, nicht zuletzt aus Stolz auf seine Idee.
Eine auflandige Brise strich über die beiden Schiffe, die mit dem Bug nach Südwesten ausgerichtet vor Anker lagen. Nur zeitweise war es stockfinster – immer dann, wenn sich einzelne Wolken oder eine ganze Wolkenbank vor das fast vollkommene Rund des zunehmenden Mondes schoben.
Doch der Südwestwind sorgte dafür, daß jene Zeitabschnitte totaler Finsternis nur äußerst kurz waren.
Smoky, der Decksälteste der „Isabella“, hatte sich auf der Back auf einer Taurolle niedergelassen und strich der Wolfshündin über das Fell. Plymmie war zuverlässig und verhielt sich ruhig – dank der guten Erziehung durch die Zwillinge. Deshalb hatte Ben Brighton zugestimmt, sie an Deck zu lassen. Das übrige Viehzeug, wie Ed Carberry es nannte, mußte unter Deck bleiben. Bei Arwenack, dem Schimpansen, und Sir John, dem Papagei, wußte man nie ganz genau, ob sie nicht plötzlich in ein wildes Gezeter ausbrachen.
Alles war ruhig in der Bucht. Nur das leise Singen des Windes in Wanten und Pardunen und das Schlagen der Wellen gegen die Schiffsrümpfe waren zu vernehmen. Die Tierstimmen, die tagsüber von Land her zu hören gewesen waren, waren jetzt verstummt.
Unvermittelt spürte Smoky, wie sich die Nackenhaare der Wolfshündin sträubten. Im nächsten Moment richtete sie sich auf und witterte nach Westen. Ihre Ohren spielten, und leise begann sie zu knurren.
Der Decksälteste wußte, daß Plymmie alle guten Eigenschaften eines Hütehundes hatte. An erster Stelle stand ihre Wachsamkeit. Ihr Verhalten war nicht etwa eine Laune.
Smoky richtete sich auf, ging leise auf die vordere Balustrade zu und spähte in die Richtung, die Plymmie mit anhaltendem Knurren anzeigte.
Die Bucht wurde von einer langen Landzunge abgeschirmt; die sich von Nordwesten nach Südosten erstreckte. Zu- und Ausgang befanden sich im Südosten der Bucht, wo die „Isabella“ ankerte. Die „Caribian Queen“ lag weiter innen an Steuerbord der „Isabella“.
Als die Wolkendecke aufriß, sah Smoky das Segel, das sich von Westen her dem Zugang der Bucht näherte.
Der Decksälteste reagierte, ohne lange zu überlegen. Ein leiser Zuruf zur Landzunge genügte, um die drei Männer aus der Crew der Roten Korsarin zu alarmieren, die dort postiert waren.
Es dauerte keine Minute, bis gleich darauf alle Arwenacks an Deck versammelt waren und sich hinter das Schanzkleid kauerten. Der Stahl ihrer Waffen schimmerte matt im Mondlicht.
Wenige Augenblicke später waren auch auf der „Caribian Queen“ alle Crewmitglieder hellwach und auf dem Posten.
Die einsame Jolle, die sich von dort draußen der Bucht näherte, segelte auf eine waffenstarrende Festung zu.
Geduckt kauerte O’Leary auf der Achterducht und hielt die Pinne mit verkrampfter Faust. Die gefährlichen Riffe hatten sie überwunden. In der Stille der Bucht mußte auch der Rest leicht zu bewältigen sein.
O’Leary blickte zum Himmel und atmete erleichtert auf. Nur noch Minuten würde es dauern, bis sich eine Wolkenbank vor den Mond schob. Dann konnte das Vorhaben wie geplant abgewickelt werden.
Einen Atemzug später erstarrten der Bootsmann und die übrigen Männer in der Jolle vor Schreck.
„Halt! Wer da?“ ertönte eine energische Männerstimme von der nahen Landzunge.
Stewart und Monk stießen wüste Flüche aus, und auch die anderen verschafften ihrem Schreck durch wütendes Gebrüll Luft. Doch bereits im nächsten Moment überschlugen sich die Ereignisse.
Mündungsblitze zuckten von der Landzunge her auf. Sofort darauf tauchten am Backbord-Schanzkleid der „Isabella“ die Arwenacks auf, und die Musketen in ihren Fäusten begannen Feuer zu spucken.
Joe Doherty, der geduckt neben seinem neuen Herrn hockte, kippte plötzlich außenbords, ohne einen Laut von sich zu geben. Jetzt hämmerten die Musketen auch von der „Caribian Queen“.
O’Leary zog den Kopf ein, halste nach Steuerbord und wollte abdrehen. Es hatte keinen Sinn, das sah er ein.
Unvermittelt sprang Sir Robert Monk mit einem wütenden Schrei auf und wollte O’Leary von der Pinne stoßen. Doch seine Absicht wurde im Ansatz erstickt. Eine Kugel von der „Isabella“ traf ihn wie der Hieb eines Giganten. Robert Monk war bereits tot, als er über Charles Stewart zusammensackte.
Fluchend befreite sich der Ex-Kommandant der „Dragon“ von der Last und wuchtete den Toten kurzerhand über Bord.
O’Leary hatte es unterdessen geschafft, abzudrehen. Mit halbem Wind segelte die Jolle jetzt nach Südosten.
Immer noch peitschten die Schüsse auf den beiden Schiffen, und auch auf der Landzunge luden die Posten zügig ihre Musketen nach. Das gefährliche Surren der Kugeln folgte den Kerlen in der Jolle, und mit wachsender Panik sahen sie die kleinen Fontänen, die das großkalibrige Blei bedrohlich nahe aus dem Wasser riß.
Thomas Lionel Killigrew, der jüngere der beiden ferkelgesichtigen Brüder, schrie plötzlich schrill auf, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und schraubte sich von seiner Ducht hoch. Sein Bruder riß ihn zurück, aber das Geschrei wollte kein Ende nehmen.
„Ist nur ein Streifschuß“, rief Simon Llewellyn, sein Bruder.
„Dann soll er das Maul halten, verdammt noch mal!“ brüllte O’Leary. „Sonst fliegt er über Bord!“
Es wirkte. Thomas Lionel verstummte augenblicklich und beschränkte sich auf ein fast lautloses Schluchzen, während er weiter den Kopf unter beiden Händen barg.
Die Schüsse versiegten, nachdem die Jolle zusehends Distanz gewonnen hatte.
„Das wird nichts mehr“, sagte O’Leary, als Stewart sich zu ihm umdrehte. „Die Hunde passen zu scharf auf. Und mit unseren paar Kerlen können wir schlecht gegen sie anstinken.“
„Das ist mir inzwischen auch klar“, sagte Stewart gepreßt.
„Und was jetzt?“ fragte O’Leary.
Charles Stewart rieb sich das Kinn.
„Zurück zu den Grand Cays“, sagte er nach einem Moment. „Vielleicht kann ich die Idioten überreden, mit uns gemeinsam die beiden Schiffe anzugreifen. Wenn wir das schaffen, haben wir nämlich keine Probleme mehr. Dann sind wir wieder beweglich – egal, ob wir in der Karibik bleiben oder wieder nach England segeln.“
O’Leary zog die Schultern hoch. Was die Marine-Affen betraf, war er mehr als skeptisch. Aber er schwieg, denn er wollte Stewart seine Meinung nicht auf die Nase binden.
Die beiden Goldkisten unter der Achterducht waren irgendwie sehr beruhigend. Und eins war sicher: Die Mannschaft hier in der Jolle hörte auf ihn, nicht auf Stewart.
O’Leary steuerte auf die See hinaus und ging auf Nordwestkurs …
ENDE

1.
Ein milchig-blasser Mond erhellte um zwei Uhr am Morgen des 24. August 1594 matt die Insel- und Wasserwelt der Bahamas. Nur eine flache Dünung kräuselte die See. Der Wind wehte handig aus Südwesten und verursachte ein feines Säuseln in den Wipfeln der Palmen und Mangroven. Zikaden zirpten im Dickicht des Eilandes, in dessen Südbucht die „Isabella IX.“ und die „Caribian Queen“ ankerten. Hin und wieder war das monotone Quaken der Frösche zu vernehmen.
Das waren um diese Zeit die einzigen Geräusche, sonst herrschte Grabesruhe an Bord der beiden Schiffe, die durch die lange Wartezeit bedingt war. Der Kutscher hatte den Seewolf operiert und ihm die Kugel aus dem Rücken geholt, die ihm Sir Andrew Clifford heimtückisch verpaßt hatte. Jetzt konnten die Crews der Galeone und des Zweideckers nur abwarten und hoffen, daß sich alles wieder zum Besten wendete.
Hasard lag in der Krankenkammer des Vorschiffs der „Isabella“ – mit hohem Fieber, über dessen Ausgang sich niemand im klaren war, auch der Kutscher und Mac Pellew nicht.
Der Kutscher hatte an Bord der „Isabella“ gewissermaßen das Regiment übernommen und klipp und klar erklärt, wenn auf dem Schiff keine Ruhe gehalten werde, könne er für nichts garantieren. Und doch hatte es eine jähe Unterbrechung und Störung gegeben: durch wildes Musketengeknatter. Eine Jolle, voll besetzt mit wilden Kerlen, hatte sich in die Bucht geschlichen. Sie hatten die Männer der „Isabella“ überrumpeln wollen. Daraufhin hatten die Arwenacks das Feuer auf sie eröffnet und sie in die Flucht geschlagen.
Doch wie nahm der Seewolf diesen Versuch eines Überfalles auf? Hatte er etwas davon bemerkt – oder nahm er Geräusche zur Zeit kaum noch wahr? Nicht einmal der Kutscher wußte darauf eine Antwort zu geben. Alles war dem Zufall überlassen – und dem Schicksal. Wenn Hasard großes Glück hatte, überlebte er die Folgen des Eingriffs. Hatte er Pech, starb er. Sein Leben hing an dem sprichwörtlichen seidenen Faden, der zur Zeit erschreckend dünn war und jeden Augenblick reißen konnte.
Noch während der Fahrt von den Grand Cays zu den Pensacola Cays hatte der Kutscher am 22. August das unmögliche gewagt. Er hatte die Pistolenkugel, die in den Rücken des Seewolfes eingedrungen und dicht vor dem Herzen steckengeblieben war, mit Unterstützung von Mac Pellew und den Zwillingen herausgeholt.
Unter der Hand war ihm Hasard also nicht gestorben, wie er befürchtet hatte. Aber über den Berg war er noch lange nicht, denn seit dem Vormittag hatte das Fieber eingesetzt, und sie hatten ihn anschnallen müssen. Zwar war er noch bewußtlos, aber er bewegte sich hin und her und war unruhig. Sein Gesicht war fahl und schweißüberströmt.
Immer wieder legten ihm die Zwillinge nasse Leinen zur Kühlung über die Stirn. Mit Mac Pellews Hilfe hatte ihm der Kutscher einen Sud eingeflößt, der das Fieber herabmindern und die Abwehrkräfte des Körpers gegen eine Blutvergiftung mobilisieren oder stärken sollte.
Genau das war es, was der Kutscher insgeheim befürchtete. Aus diesem Grund wachten sie alle vier bei Hasard. Die Männer auf den Decks der „Isabella“ bewegten sich auf den Zehenspitzen und verständigten sich in der Zeichensprache miteinander. Sie konnten nichts, absolut gar nichts tun – nur warten und hoffen und beten oder die Hände zu Fäusten ballen. Diese Situation ging ihnen erheblich ans Gemüt, denn sie stellte eine Geduldsprobe ersten Ranges dar, weil die Männer zur völligen Untätigkeit verdammt waren.
Aber nach Mitternacht hatte es dann eine völlig unerwartete, nicht herbeigesehnte Abwechslung gegeben, eine Überraschung übelster Art. Plymmie, die Wolfshündin, hatte als erste etwas davon gespürt – und dann hatte Smoky von der Back aus die heransegelnde Jolle erspäht. Ein leiser Zuruf voraus zur Landzunge hatte genügt, und die dort postierten Wächter aus der Mannschaft Siri-Tongs waren alarmiert. Kurze Zeit darauf waren auch alle Arwenacks an Deck der „Isabella“ gewesen und hatten sich mit schußbereiten Musketen und Tromblons hinter das Schanzkleid gekauert. Auch auf der „Caribian Queen“ hatten sich die Männer in Deckung gehockt.
Als die fremde Jolle auf den Zugang der Bucht zusegelte, brüllte einer der Posten auf der Landzunge: „Halt? Wer da?“
Das Gefluche, das daraufhin in der Jolle einsetzte, war eindeutig. Außerdem schien es sich dem Klang der Stimmen nach um die Kerle der „Lady Anne“ zu handeln, also die Besatzung von Sir John Killigrew.
Sofort eröffneten die Männer der „Isabella“ das Feuer, und sie erzielten auch Treffer. Deutlich war zu sehen, wie von der Jolle zwei Gestalten ins Wasser kippten. Daraufhin drehte die Jolle ab und ergriff die Flucht. Ein paar Schüsse pfiffen noch hinter ihr her, dann trat wieder Stille ein.
Die Rote Korsarin hatte ein Boot abfieren lassen. Juan und Mike Kaibuk, die beiden Bootsgasten, versuchten, die beiden im Wasser der Bucht schwimmenden Toten zu bergen, doch einer war bereits untergegangen. Daß es sich um Sir Robert Monk handelte, hatte keiner von ihnen bemerkt. Der andere hingegen, ein bulliger Kerl, trieb noch in den Fluten. Ihm näherten sich Juan und Mike mit wenigen Riemenschlägen, dann beugte sich Juan aus dem Boot und drehte den mit dem Gesicht und Bauch nach unten Liegenden auf den Rücken.
„Sieh ihn dir an“, murmelte er. „Wirkt er nicht wie ein großer, primitiver Affe?“
„Genau das“, erwiderte Mike. „Und weißt du, um wen es sich bei dem Kerl handelt?“
„Ich glaube, das könnte der Profos von diesem Drecksack Clifford sein. Oder täusche ich mich?“
„Meiner Meinung nach nicht.“
„Was machen wir mit ihm?“
„Fragen wir Siri-Tong“, erwiderte Mike.
Juan ließ den toten Profos – daß sein Name Joe Doherty gelautet hatte, wußten sie nicht – wieder los, die Leiche trieb ein Stück von der Jolle weg. Juan griff nach dem Riemen, sie pullten wieder an und kehrten zur „Caribian Queen“ zurück.
Die Rote Korsarin verzog keine Miene, als sie ihre Meldung vernahm.
„Ich verstehe“, sagte sie nur. „Also, überlassen wir den Hundesohn den Haien. Er hat es nicht anders verdient. Besser wäre gewesen, wenn die Grauen ihn bei lebendigem Leib vertilgt hätten.“
Das klang sehr grausam, aber auch die Männer der „Isabella“ teilten ihre Ansicht, als sie hörten, um wen es sich bei dem Toten handelte.
„Der Hund“, sagte Roger Brighton. „Ein Leuteschinder und Sadist. Gut, daß er abgekratzt ist. Wieder einer weniger von diesem Lumpengesindel.“
Sein Bruder stand mit verkniffener, finsterer Miene bei ihm. Um sie herum hatten sich auf dem Hauptdeck die anderen geschart – Shane, Ferris, Smoky und die ganze Crew bis auf den Kutscher, Mac und die Zwillinge, die auch während der kurzen Knallerei nicht von Hasards Lager gewichen waren.
„Eins ist sicher“, sagte Ben. „Wenn Hasard durch den Überfall gelitten hat oder es noch schlimmer kommt, segeln wir zu der Insel der Grand Cays zurück und rechnen endgültig mit den Kerlen ab. Ihr habt ja auch alle sehr genau erkannt, wer in der verdammten Jolle saß, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte Big Old Shane mit grollender, nur mühsam gedämpfter Stimme. „Stewart und fünfzehn, sechzehn Kerle von der ‚Lady Anne‘. Ganz klar. Schade, daß wir sie nicht alle in die Hölle befördern konnten.“
„Sie hätten nur ein bißchen näher ranzukommen brauchen“, sagte Dan verhalten. „Aber sie hatten nur Blankwaffen.“
„Keine Schußwaffen“, murmelte Matt Davies.
„Oder keine Munition dafür“, meinte Smoky.
„Egal“, sagte Ben. „Tatsache ist, daß ihnen ihr Angriff mißlungen ist. Was haben sie sich denn eingebildet? Daß sie uns einfach überrumpeln können?“
„So haben sie sich das wohl vorgestellt“, brummte Ferris Tucker. „Wahnsinn. Aber sie dachten Wohl, wir sind durch Hasard abgelenkt und merken nichts, wenn sie sich anpirschen und längsseits gehen.“
„Von wegen“, sagte Stenmark mit grimmiger Miene.
Dan schickte einen Blick zur „Caribian Queen“ hinüber. „Achtung-, da kommt Siri-Tong.“
Die Rote Korsarin ließ sich von Juan und Mike zur „Isabella“ übersetzen und enterte an der Jakobsleiter auf. Kaum war sie bei den Arwenacks eingetroffen, fragte sie: „Wie geht es Hasard?“
„Er hat nach wie vor hohes Fieber“, entgegnete Ben.
„Aber irgendwann muß der Sud wirken.“
„Das hoffen wir alle.“
„Stewart, dieser Bastard!“ zischte sie. „Ich habe es gewußt, daß man ihm nicht trauen kann. Dieser Hund! Wenn Hasard stirbt, töte ich den Kerl eigenhändig, das schwöre ich.“
Keiner zweifelte daran, daß sie ihre Drohung wahrmachen würde. Der Haß steckte in ihnen allen, sie warteten nur darauf, etwas unternehmen zu können. Doch vorerst waren sie zum Warten verdammt, zum Warten und Hoffen, zum stillen Fluchen und Beten.
„In der Jolle hat auch O’Leary, der Bootsmann vom Alten, gehockt“, brummte Carberry. „Ich habe nicht so gute Augen wie Dan, aber ich habe ihn erkannt.“
„Und die Ferkelsöhne“, sagte Dan mit wütend verzerrtem Gesicht.
„Thomas Lionel und Simon Llewellyn. Sie waren auch dabei.“
„Der Teufel soll sie holen“, murmelte Al Conroy.
„Hoffentlich tut er’s“, fügte Jeff Bowie hinzu. „Das wäre mir gerade recht.“
„Wie sie hierher gefunden haben, ist mir einigermaßen klar“, sagte die Rote Korsarin. „Nachdem wir die beiden Kriegsgaleonen versenkt hatten, retteten sich alle an Land und teilten sich dort in zwei oder sogar drei Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten und Zielen auf. Daß sich Stewart auf die Seite der Killigrew-Mannschaft schlagen würde, leuchtet mir ein. Stewart und O’Leary wollen ihr eigenes Süppchen kochen.“
„Unklar ist aber, was ihr Angriff bezwecken sollte“, sagte Ben. „Wollten sie nun den Alten oder Sir Henry befreien?“
Diese Frage hing unbeantwortet in der Luft. Sir John Killigrew befand sich als Gefangener in der Vorpiek der „Isabella“, Sir Henry, der Duke of Battingham, war an Bord der „Caribian Queen“, wo er vor Angst fast verging und ihm die Knie schlotterten, wenn er Barba nur tief durchatmen hörte.
Mit einem Trick hatte Siri-Tong selbst die wüste Crew der „Lady Anne“ angelockt, indem sie sich als „Sirene“ in dem Lagunensee der Grand-Cay-Insel den Kerlen dargeboten hatte. So waren die Halunken in die Falle gegangen, und die Seewölfe und die Männer der „Caribian Queen“ hatten sie „vereinnahmt“. Dann aber hatte Hasard die zwar verständliche, aber im Endeffekt doch fatale Idee gehabt, sich aus Gründen der Ehre mit Sir Andrew Clifford, Earl of Cumberland, und Sir John Killigrew zu duellieren – am Strand der Inselbucht.
Clifford hatte genau solche Angst gehabt wie jetzt Sir Henry. Schließlich gehörten sie ja auch beide der blaublütigen Clique an, die das Unternehmen in die Karibik organisiert hatte. Clifford war ein Menschenschinder, aber mit dem eigenen drohenden Tod vor Augen hatte ihn die Panik gepackt. Zuerst hatte er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, zu kämpfen. Dann hatte er sich – feige und hinterhältig – nach wenigen Schritten viel zu früh umgedreht und die ihm ausgehändigte Pistole auf den Rücken des Seewolfes abgefeuert.
Batuti hatte Cliffords Leben mit einem Pfeil ein Ende gesetzt. Aber damit war die Sache längst nicht bereinigt. Hasards Leben stand auf der Kippe. Und sie hatten immer noch Sir John Killigrew am Hals – und den kreischenden, zitternden Sir Henry, den Barba nach dem Gefecht der „Caribian Queen“ gegen die „Orion“ und die „Dragon“ von der gesunkenen „Dragon“ durch einen simplen Trick abgeborgen hatte. Wie sich nun herausgestellt hatte, waren auch die Überlebenden der Schiffe immer noch eine große Gefahr. Besonders Stewart und O’Leary konnten noch viel Unheil anrichten.
„Ich weiß es nicht“, entgegnete die Rote Korsarin auf Bens Frage. „Aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. Vielleicht haben die Kerle den Wahnsinnsplan verfolgt, Hasard zur Strecke zu bringen.“
„Klar, kann schon sein“, sagte Dan. „Sie wollten also entern und wahrscheinlich die Kapitänskammer der ‚Isa‘ stürmen. Verrückt, ohne Schußwaffen oder entsprechende Munition.“
„Das finde ich auch“, stimmte Carberry ihm zu.
„Nicht so laut, Ed“, sagte Ben.
„Ich flüstere ja auch nur“, brummte der Profos. „Ich möchte wissen, warum dieser idiotische Angriff nur von einer Jolle unternommen wurde, noch dazu nur von den Kerlen der ‚Lady Anne‘.“
„Wegen der Aufsplitterung in Gruppen“, sagte Siri-Tong. „Die Schiffbrüchigen haben sich gegenseitig in die Wolle gekriegt.“
„Das ist auch nur eine Vermutung“, sagte Carberry. „Vielleicht halten sich in der Umgebung noch mehr Jollen auf. Das meine ich.“
„Sie umzingeln uns und kochen uns langsam weich“, sagte Gary Andrews. „Sie landen von der anderen Seite auf der Insel und pirschen sich heimlich an. Unsere Posten müssen auf der Hut sein.“
„Das sind sie auch“, sagte die Rote Korsarin. „Und noch etwas. Glaubt ihr vielleicht, mich können diese Kerle einschüchtern?“
„Wir sind ganz schön dumm, wenn wir uns von den paar Lauseaffen beeindrucken lassen“, sagte der Profos. „Hölle, denen haue ich doch notfalls ganz allein die Affenärsche weich. Was ist eigentlich los mit uns?“
Sie blickten sich untereinander an. Ja – Hasards Zustand und die ganz prekäre Lage setzten ihnen erheblich zu. Sie waren nervös und ziemlich gereizt. Wie lange sie diese Situation, die keine Veränderung brachte und sich über einen großen Zeitraum ausdehnen konnte, noch hinnehmen würden, konnte keiner von ihnen sagen.
„Die Sache ist so, daß Hasard auf keinen Fall durch Lärm gestört werden darf“, sagte Ben. „Es darf keine weiteren Angriffe geben. Nur wissen unsere Gegner jetzt, wo wir ankern. Das ist schlecht für uns.“
„Sie müssen die ‚Caribian Queen‘ gestern gesehen haben“, sagte Siri-Tong. „Vielleicht haben sie uns von irgendeiner Nachbarinsel aus beobachtet. Aber das konnten wir nicht ahnen.“
„Es war reiner Zufall“, sagte Carberry.
„Und dir macht keiner einen Vorwurf“, fügte Ben zu Siri-Tong gewandt hinzu. „Es geht jetzt darum, daß wir uns gegen weitere Überfälle schützen müssen. Es darf kein einziger Schuß mehr fallen.“
Die Ungewißheit, die an ihnen nagte, war darauf zurückzuführen, daß sie die genauen Verhältnisse auf der Grand-Cay-Insel nicht kannten. Sie waren auf Vermutungen angewiesen, die sich wiederum in erster Linie aus dem ergaben, was Siri-Tong über den Zustand im feindlichen Lager zu berichten wußte.
Weder die Männer der „Isabella“ noch Siri-Tong und ihre Mannen ahnten jedoch, daß sich Kapitän Charles Stewart, der Kommandant der versenkten Kriegsgaleone „Dragon“, Sir Robert Monk, der in dieser Nacht sein verdientes Ende gefunden hatte, Joe Doherty, der persönliche Profos des verblichenen Sir Andrew Clifford, sowie die sechzehn Kerle der „Lady Anne“ mehr oder weniger gewaltsam von den anderen getrennt hatten, wobei es zu einem heftigen Handgemenge und Steinwürfen gekommen war.
Stewart und O’Leary, der Bootsmann des alten Killigrew, sowie die Meute hatten ursprünglich vorgehabt, nach der „Lady Anne“ und ihrer Goldladung zu suchen, auf die sie geradezu versessen waren.
Daß sie dabei die „Caribian Queen“ gesichtet hatten, die in der Südbucht der östlichsten Insel der Pensacola Cays einlief, war tatsächlich ein reiner Zufall. Daraufhin hatte Stewart gemeinsam mit Monk und O’Leary beschlossen, in der Nacht die „Isabella“ zu entern und sofort in die Kapitänskammer einzudringen, wo der angeschossene „Bastard“ Killigrew ihrer Meinung nach liegen mußte. Hatten sie Hasard erst in der Gewalt, so hatten sie sich das ausgemalt, war alles andere nur noch ein Kinderspiel.
Sie hatten sich gründlich verrechnet. Doch Hasards Crew und die Rote Korsarin und ihre Mannschaft konnten nur herumrätseln. Wie sollten sie sich jetzt verhalten?
„Es ist völlig gleichgültig, welche Gründe für diesen Angriff maßgebend waren“, sagte Siri-Tong schließlich. „Ich bin entschlossen, dem Spuk ein Ende zu bereiten.“
„Wie?“ fragte Ben Brighton.
„Ich werde noch einmal zu der Insel der Grand Cays zurückkehren.“
„Das kommt gar nicht in Frage“, empörte sich der Profos. „Vielleicht warten sie nur darauf, weil sie inzwischen einen entsprechenden Hinterhalt gelegt haben.“
„Merkst du nicht, daß du nur Unsinn redest?“ fuhr sie ihn an. „Es muß auf jeden Fall verhindert werden, daß die Hunde einen solchen Angriff noch einmal unternehmen.“
Carberry schob das Kinn vor und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Paß bloß auf, daß du dir kein nasses Grab holst. Du hast schon genug unternommen, jetzt sind wir mal dran.“
Fast hätte sie freudlos aufgelacht. „Und wie stellst du dir das vor?“
„Hasard müßte auf die ‚Caribian Queen‘, dann könnten wir auslaufen“, sagte der Profos. „Mir juckt es in den Fingern.“
„Und an deinen Kapitän denkst du nicht, was?“ Der Kutscher war näher getreten. „Einen solchen Transport würde er kaum überleben, das sagt jedem vernünftigen Menschen der logische Verstand.“
Carberry schnaufte wie ein wütender Stier. „Ich bin aber kein vernünftiger Mensch, und deinen Logik-Kram kannst du dir sonstwohin stecken. Ich will mir diesen Stewart-Hurensohn und die O’Leary-Ratte vornehmen, kapiert? Und das wegen Hasard. Klar?“
„Das verstehe ich schon“, sagte Ben einlenkend. „Aber leider geht es so nicht, wie du dir das vorstellst, Ed. Siri-Tong hat meiner Ansicht nach völlig recht mit ihrem Plan, noch einmal zu der Insel zu segeln.“
„Ja“, sagte sie. „Dort hocken ja schließlich noch die Mannschaften der ‚Orion‘ und der ‚Dragon‘ am Ufer der Bucht, und sie haben immerhin noch einige Jollen, mit denen sie weiteres Unheil stiften können, solange die ‚Isabella‘ hier in der Bucht festgenagelt ist. Deine Einsatzbereitschaft in Ehren, Ed, aber es muß auch dir in den Kopf gehen, daß wir handeln müssen, nicht ihr.“
„Meinetwegen“, brummte Carberry. „Hölle, ich kapier’s ja auch, aber es ist großer Mist, daß uns so die Hände gebunden sind.“
„Hasard braucht Ruhe, Ruhe und noch einmal Ruhe“, erklärte der Kutscher erneut. „Daran wird sich auch in den nächsten Stunden nichts ändern. Wir sind zur Tatenlosigkeit verdammt und können nichts unternehmen.“
Die Augenbrauen von Siri-Tong hatten sich ärgerlich zusammengezogen. „Eigentlich habe ich selbst schuld, daß die Stewart-Bande uns hier aufgespürt hat. Ich habe den Männern der ‚Orion‘ und der ‚Dragon‘ ja den Rat gegeben, sich nach einer größeren Insel umzuschauen – mit Hilfe der Jollen. Das war ein Fehler von mir.“
„Nein“, sagte Ben. „Es war ein faires Angebot, denn du hättest die Jollen auch in Trümmer schießen können. Aber wenn sie jetzt statt dessen meinen, sich mit uns anlegen zu können, müssen sie auch mit den Konsequenzen rechnen, die sich daraus ergeben.“
„Eben“, sagte die Rote Korsarin grimmig. „Das können sie haben.“
Auch die anderen Männer pflichteten ihr bei. Es wurden nur noch wenige Worte gewechselt, dann verließ Siri-Tong die „Isabella“ wieder und kehrte mit der Jolle zur „Caribian Queen“ zurück.
Gegen vier Uhr morgens verließ die „Caribian Queen“ die Südbucht der Insel und ging auf der Atlantikseite der Inseln auf Nordwestkurs Richtung Grand Cays. Schon bald waren ihre Umrisse in der Dunkelheit verschwunden.
Ben Brighton ließ von jetzt an verschärft Ausguck gehen. Die „Isabella“ blieb gefechtsbereit. Der Kutscher war wieder in den Krankenraum zurückgekehrt, sein Aufenthalt an Deck war nur von kurzer Dauer gewesen. Schweigend setzte er sich zu Mac Pellew und den Zwillingen, die nach wie vor am Lager des Seewolfs Wache hielten.
Hasard lag in einem unruhigen Fieberschlaf. Der Kutscher blickte Mac Pellew an und nickte ihm zu. Es war richtig, daß sie ihn angeschnallt hatten, sehr leicht hätte er sonst von seiner Koje fallen können. Sein Zustand war unverändert bedenklich, eine Besserung zeichnete sich nicht ab. Der Kutscher und Mac Pellew bewachten ihn aufmerksam. Noch verspürten sie keine Müdigkeit. Philip junior jedoch fielen im Morgengrauen die Augen zu, er schlief im Sitzen ein.
Sein Bruder wollte ihn wachrütteln, aber der Kutscher schüttelte den Kopf, stand auf und bettete den Jungen vorsichtig auf der Bank.
„Zwei Mann genügen für die Wache“, flüsterte er Hasard junior zu. „Warum legst du dich nicht auch ein bißchen hin?“
Hasard junior preßte die Lippen zu einem Strich zusammen und gab keine Antwort. Sein Blick war auf seinen Vater gerichtet. Bei der Schlacht um die Schlangen-Insel hatten sie bereits einmal geglaubt, ihn verloren zu haben, doch dann war er – völlig unerwartet – wieder aufgetaucht und hatte in das Gefecht eingegriffen. Dieses Mal aber sah es weitaus übler aus – mehr als das, was vorgenommen worden war, konnten sie für ihn nicht tun.
2.
Kapitän Charles Stewart saß mit finsterer, brütender Miene auf den beiden Goldkisten, die der Jolle zusätzliches Gewicht und mehr Tiefgang verliehen. Das Erwachen des jungen Tages, der sich im Osten mit grauen und rötlichen Schleiern ankündigte, nahm er kaum wahr. Auch der Sonnenaufgang fand nicht seine Beachtung. Er starrte nur vor sich hin und grübelte über die jüngsten Geschehnisse nach.
Welcher Teufel hatte ihn überhaupt geritten, den Zweidecker des „Satansweibes“ zu verfolgen und mit dem verwegenen Plan, den Seewolf als Geisel festzunehmen, in die Ankerbucht der beiden Schiffe einzudringen?
Hatte er tatsächlich geglaubt, der Handstreich würde ihm gelingen? Ja, das hatte er getan. Schließlich hätte das Bubenstück auch gut ausgehen können, denn es war durchaus möglich gewesen, daß die „verfluchten Hunde“ ihre volle Aufmerksamkeit dem angeschossenen „Bastard“ widmeten.
Aber es hatte wohl nicht klappen sollen. Es war so gut wie alles schiefgegangen, und wieder mal hatte er sich davonstehlen müssen, um nicht selbst verletzt oder gar getötet zu werden. Eine zweite negative Erfahrung – wie im Fall des Entermanövers, mit dem er auf Anraten von Monk hin die „Orion“ hatte entern wollen. Auch das war fehlgeschlagen, denn Corbett und seine Crew waren höllisch auf der Hut gewesen. Energisch hatten sie den Angriff zurückgeschlagen – mit Drehbassen und Musketen, Handspaken und Koffeynägeln.
Überhaupt, dieser Monk! Gut so, daß er tot war. Mit seinen idiotischen Einfällen hatte er ihn, Stewart, zu waghalsigen Unternehmungen verleitet. Und Doherty war so dumm gewesen, dabei mitzumachen, doch der Kerl hatte sowieso keine eigene Meinung gehabt, dazu war er viel zu einfältig gewesen. Gut, daß auch er verreckt war, ihm weinte sowieso keiner eine Träne nach.
Kein Wort wurde an Bord der Jolle gesprochen, auch O’Leary und die fünfzehn Kerle der „Lady Anne“ hockten mit verkniffenen, bösen Gesichtern da. Es wurde heller, die Sonne stieg als roter Ball aus der See, einige Möwen schwebten über dem Boot. Keiner schaute zu ihnen auf. O’Leary spuckte hin und wieder ins Wasser.
Nein, dachte Stewart, es war doch nicht verkehrt, es zu versuchen. Gut, wir sind nicht ausreichend bewaffnet, aber der Mut ersetzt die fehlenden Mittel. Es hätte auch alles klappen können. Außerdem hätten wir noch viel mehr Pech haben können. Nur Monk und Doherty sind über den Jordan gegangen, das ist ein geringer Verlust. Wir anderen können froh sein, daß es uns nicht erwischt hat.
Thomas Lionel, der Jüngste und dümmste Killigrew-Sproß, hatte allerdings einen Kopfstreifschuß erhalten. Zuerst hatte er gezetert und gejammert, dann aber hatte ihn O’Leary mit der Drohung, er werde ihn über Bord werfen, zum Verstummen gebracht. Später hatte Simon Llewellyn seinem Brüderchen einen improvisierten Kopfverband verpaßt. Seitdem beklagte sich Thomas Lionel nicht mehr über seine „gräßlichen Schmerzen“. Er war sogar eingeschlafen und gab abgehackte Schnarchtöne von sich.
Jawohl, es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Alle Mann hätten sie sterben können, dann wäre es ganz aus gewesen mit dem Gold und allen Plänen. Jetzt mußte man wieder Hoffnung schöpfen.
Deswegen, so fand Stewart, war es auch richtig, daß er angeordnet hatte, zu den Grand Cays zurückzukehren. Dort würde man erst mal weitersehen.
Es wurde acht Uhr morgens und noch ein bißchen später. O’Leary murmelte etwas Unverständliches, richtete sich auf und schirmte die Augen mit der Hand ab.
„Verdammter Mist“, sagte er. „Ich sehe die Insel nirgends. Vielleicht segeln wir auf falschem Kurs.“
Stewart hielt ebenfalls Ausschau. „Bald müßte sie in Sicht sein.“
„Das sage ich ja.“
„Noch eine halbe Stunde, dann haben wir sie vor uns“, sagte Stewart.
„Eigentlich wäre es besser, sie doch nicht wiederzufinden“, sagte O’Leary und sah ihn an.
„Wie? Du meinst, die Kerle sind abgehauen?“
O’Leary spuckte wieder ins Wasser, dann erwiderte er: „Es ist mir so ziemlich scheißegal, ob sie sich verholt haben, in der Nase bohren oder den Sand fressen, der auf dem verfluchten Strand der Bucht rumliegt.“
Nach menschlichem Ermessen mußten sie sich allerdings nach wie vor auf der östlichen Insel der Grand Cays befinden: die Männer der „Orion“ und der „Dragon“ sowie noch zwölf Kerle der „Lady Anne“ und sieben Gentlemen aus der erlauchten, sehr ehrenwerten und hochwohlgeborenen Sir-Henry-Clique. Sie hatten Hütten gebaut und wollten aller Wahrscheinlichkeit nach das Eiland vorerst gar nicht verlassen. Von dieser Annahme ging Stewart bei seinem Kalkül, das er aufgestellt hatte, aus.
„Mir ist es nicht egal“, sagte Stewart und verengte die Augen. „Ich finde es sogar verdammt wichtig.“
„Du bildest dir also nach wie vor ein, du könntest diesen Narren Tottenham zu irgendwas überreden?“
„Ja. Er soll mit uns zusammen die Schiffe überfallen. Wenn wir das schaffen, haben wir keine Probleme mehr und sind wieder beweglich, gleichgültig, ob wir in der Karibik bleiben oder nach England zurückkehren.“
„Das hast du mir vorhin schon mal erzählt.“
„Und du hast immer noch Bedenken?“
„Ich bin skeptisch wegen der Marineaffen“, entgegnete O’Leary.
„Tottenham wird es einsehen, ich habe ja neue, überzeugende Argumente“, sagte Stewart, wobei er fand, daß er auch die Wahl seiner Worte richtig getroffen hatte. Hölle, wußte ein Kerl wie O’Leary denn überhaupt, was Argumente waren?
„Also gut“, sagte O’Leary. „Wir wissen jetzt wieder, wo die Schiffe von Hasard Killigrew und der Chinesenhure stecken. Tottenham und seine Offiziere werden sich’s wohl anhören – und dann?“
„Dann rüsten wir zum Auslaufen. Waffen und Boote in ausreichender Zahl sind vorhanden. Tottenham hat auch allen Grund, einen vernichtenden Schlag gegen die Schwarzhaarige und den Killigrew-Bastard zu führen. Hast du vergessen, daß dieses Weib die ‚Orion‘ und die ‚Dragon‘ versenkt hat?“
„Natürlich nicht. Aber Tottenham ist entschlußlos und hat keine Lust, seine Haut zu Markte zu tragen.“
„Corbett schon.“
„Corbett kannst du vergessen“, sagte O’Leary schroff. „Der ist viel zu ehrlich und geradlinig, der setzt das Leben der Männer nicht leichtfertig aufs Spiel. Mit Musketen und Pistolen gegen Schiffskanonen – darauf läßt der sich nicht ein.“
„Und die restlichen Männer deiner Crew?“
„Mit denen kann ich rechnen. Aber das sind zu wenige.“ O’Leary grinste plötzlich höhnisch. „Die Hosenscheißer wie Sandwich und Konsorten scheiden sowieso aus.“
„Mit anderen Worten, du willst nicht mit Tottenham reden?“ fragte Stewart ziemlich aufgebracht.
„Ich habe keinen Grund dazu.“
„Der Gegner liegt in der Südbucht der Insel, und wir lassen ihn ungeschoren?“
„Aber sicher doch“, erwiderte O’Leary mit dreistem Lächeln. „Was schert mich der Killigrew-Bastard? Der krepiert sowieso. Und die Chinesenhure? Soll sie doch selig werden. Und die anderen Spinner? Irgendwann knallen die Spanier sie ab. Sobald ihr Kapitän tot ist, werden sie ohnehin kopfscheu.“
„Das siehst du falsch“, sagte Stewart nur mühsam beherrscht. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte O’Leary die Faust mitten ins Gesicht geschlagen. Doch die Kerle der „Lady Anne“ schienen einmütig auf der Seite des Bootsmannes zu stehen, sie hörten auch auf sein Kommando. Einige von ihnen hatten wie O’Leary zu grinsen begonnen und stießen sich untereinander an. Thomas Lionel war aufgewacht und schaute sich verständnislos um, Simon Llewellyn beugte sich zu ihm und tuschelte ihm etwas ins Ohr.
„Hör mal genau zu“, sagte Stewart. „Mit dem Besitz der beiden Schiffe, der Galeone und des Zweideckers, wäre das Problem unseres eigenen Schiffbruchs gelöst, das muß dir doch einleuchten.“
„Na und?“ sagte O’Leary und lachte.
„Unsere beiden Mannschaften brauchen sich nicht auf ein fragwürdiges Inseldasein einzurichten.“
„Es sind drei Mannschaften.“
„Tottenham kehrt mit seiner ‚Orion‘-Crew sicherlich nach England zurück. Dann bleiben nur noch wir, du und ich, mit unseren beiden Crews.“
„Und was hast du vor?“
„Ich würde meine Crew dazu zwingen, mir zu folgen“, erwiderte Stewart.
„Die ist ja auch sehr gehorsam, wie?“
„Zwingen, habe ich gesagt.“
„Mit was denn, wenn man fragen darf?“ erkundigte sich der Bootsmann in geradezu aufreizend spöttischem Tonfall.
„Mit der Waffe natürlich“, entgegnete Stewart, der sich jetzt kaum noch zügeln konnte.
„Da spielen die nicht mit“, sagte O’Leary. „Die doch nicht.“
„Vor allen Dingen dieser Gretton nicht“, fügte Simon Llewellyn hinzu.
„Wer ist denn das?“ fragte Thomas Lionel.
„Haltet ihr euer Maul!“ fuhr O’Leary sie barsch an. „Ihr habt sowieso von nichts eine Ahnung.“
„So kannst du mit mir nicht reden!“ begehrte Simon Llewellyn auf.
„Und mit einem Schwerverletzten wie mir erst recht nicht!“ stieß Thomas Lionel schrill hervor.
„Hört auf“, sagte einer der Kerle, der in ihrer Nähe saß. „Fangt nicht wieder an zu streiten. Davon haben wir die Nase voll. Klar?“
„Ganz klar“, antwortete Thomas Lionel kleinlaut. „Aber um was geht’s eigentlich.“
„Um Gretton“, sagte sein Bruder. „Und um die Crew der ‚Dragon‘, die …“
„Ruhe!“ schnitt O’Leary ihm das Wort ab. „Jetzt rede ich. Gretton ist drauf und dran, den Scheißkerl Corbett nachzueifern. Folglich können wir auch ihn vergessen. Und die Crew? Und die Seesoldaten? Die sind auch dafür, den Arsch einzuziehen.“
„Nein!“ schrie Stewart. „Das stimmt nicht! Wenn sie wissen, daß es eine Chance gibt, das ganze Gold einzusacken, sind sie sofort mit Feuer und Flamme dabei!“
„Quatsch, die sind nur müde!“ rief O’Leary. „Die haben keine Lust mehr, sich für eine fixe Idee blutige Köpfe zu holen.“
„Für die was? Das ist keine fixe Idee!“
„Mann, du kannst die Jagd nach der ‚Lady Anne‘ und ihrer Goldladung aufgeben!“
„Das tue ich aber nicht“, sagte Stewart scharf. „Ich will das Gold.“
„Du bist nicht mehr ganz richtig im Kopf, Stewart, das ist es“, sagte O’Leary verächtlich.
Stewart sah ihn mit haßerfüllten Augen an. Noch stürzte er sich nicht auf ihn, aber die Situation trieb unweigerlich ihrem Höhepunkt entgegen, der nur in einem Handgemenge enden konnte. Aber wer würde den ersten Schlag führen? Er oder O’Leary? Das war hier die Frage.
O’Leary, der Bootsmann der „Lady Anne“ war, alles in allem gesehen, ein genauso übler Kerl wie Kapitän Stewart. Aber in diesem Fall dachte er realistischer. Sie hatten keine Chance, die Männer der „Orion“ und „Dragon“ zu einem Abenteuer zu überreden. Die würden kalt ablehnen und höchstwahrscheinlich auch wieder mit Steinen nach ihnen werfen.
Außerdem war O’Leary der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach. Der Spatz in der Hand – das waren die beiden Goldkisten unter der Achterducht der Jolle. Stewart saß buchstäblich mit seinem Hintern darauf, als habe er die Absicht, noch mehr Goldbarren auszubrüten.
Das nüchterne Denken des grobschlächtigen O’Leary bezog sich auf die Tatsache, daß sie sich von den Männern auf der Grand-Cay-Insel nicht in aller Freundschaft, sondern im Krach getrennt hatten – vor allem von den zwölf eigenen Kumpanen von der „Lady Anne“. Die würden wahrscheinlich doch nicht mehr hinter O’Leary stehen, wie er behauptet hatte, und auch das war ein wichtiger Grund, die Insel nicht anzulaufen.
Schließlich hatten diese zwölf der Jolle ja einen wüsten Hagel von Steinen nachgesandt, als sie aus der Bucht gesegelt war. Die zwölf Galgenstricke hatten also wohl oder übel zurückbleiben müssen, weil die Jolle sonst überladen gewesen wäre. Und ebenso auch die sieben vornehmen Affen des pinseligen Sir Henry – die wären nun wirklich überflüssiger Ballast gewesen.
Haß würde also der Jollencrew am Strand der Bucht entgegenschlagen, nichts als blanker Haß. Im übrigen wollte O’Leary auch nichts mit der Marine Ihrer Majestät zu tun haben, von der sich seiner Meinung nach ja auch der alte Sir John Killigrew mit Recht getrennt hatte, um sein eigenes Süppchen zu kochen.
Alle diese Gründe hatte sich O’Leary während der letzten Stunden durch den Kopf gehen lassen und war zu dem Schluß gelangt: Ich bin doch nicht blöd, meinen Kopf noch einmal in die Schlinge zu stecken! Denn die ganze Sir-John-Crew war ja auch bereits auf der „Orion“ hinter Schloß und Riegel gebracht worden, eben wegen der Geschichte mit der Goldladung der „Santa Cruz“ und der damit verbundenen Entführung des Sir Andrew Clifford.
O’Leary hatte es wenig genutzt, sich mit Lügen herausreden zu wollen – man hatte ihm nicht geglaubt. Sie waren ausgepeitscht und in die Vorpiek der „Orion“ geworfen worden. Was hatten sie also von diesen Marineaffen zu erwarten? Nichts Gutes.
„Da ist die Insel!“ stieß plötzlich einer der Kerle hervor. „Backbord voraus!“
„Sehr gut“, sagte Stewart bissig. „Wir laufen sie also an.“
„Sie ist noch zwanzig Meilen entfernt“, sagte Thomas Lionel.
„Quatsch“, sagte sein Bruder. „Höchstens zehn.“
„Drei bis vier“, sagte einer der Kerle, und die anderen lachten grölend.
„Zur Sache“, sagte O’Leary kaltschnäuzig. „Ich habe keine Lust, mit diesem Idioten Tottenham zu reden. Überhaupt, ich habe auch nicht die Absicht, die nördliche Bucht anzusteuern und dort zu landen. Ist das klar?“
„Du bist ein Narr, O’Leary“, sagte Stewart.
„Das trifft für dich erst recht zu. Es wäre nämlich auch schade wegen der beiden Goldkisten, denn die werden garantiert von den Marineaffen beschlagnahmt.“
„Das lasse ich nicht zu!“
„Hast du wirklich schon mal richtig darüber nachgedacht?“ fragte O’Leary mit höhnischem Grinsen.
„Ja!“
„Den Eindruck habe ich nicht.“
„Deine Eindrücke scheren mich einen Dreck!“ brüllte Stewart.
„Bilde dir bloß nicht ein, daß du über mich und die Crew dieser Jolle so einfach bestimmen kannst“, sagte O’Leary, ohne jetzt die Stimme zu heben. Er sprach in eisigem Tonfall und ließ Stewart dabei nicht aus den Augen. „Unser Kapitän ist immer noch John Killigrew, obwohl der im Augenblick leider nicht unter uns weilt – aber kein Mister Stewart.“
„Kapitän Stewart, wenn ich bitten darf“, zischte Stewart.
„Mister Stewart, du bist ganz schön hirnverbrannt.“ Der Anflug eines Grinsens huschte über O’Learys Züge, erstarb aber gleich wieder. „Für mich gibt’s nur einen Kapitän. John Killigrew. Klar?“
„Für uns auch“, brummten die Kerle.
Simon Llewellyn wollte etwas hinzufügen, aber O’Leary warf ihm einen derart scharfen Blick zu, daß er es vorzog, den Mund zu halten.
Stewart richtete den Zeigefinger auf O’Leary. „Aber diese Jolle hier, die gehört der ‚Dragon‘ und untersteht daher mir als dem Kommandanten der ‚Dragon‘.“
„Das kratzt mich überhaupt nicht.“
„Es ist meine Jolle, verdammt noch mal!“
„Na, dann sagen wir mal, ich beschlagnahme sie“, erklärte O’Leary und grinste jetzt wieder dreist und herausfordernd.
Seine Kerle grinsten ebenfalls und stießen sich untereinander mit den Ellenbogen an. Die Söhne des alten Killigrew sahen sich an, und Thomas Lionel kicherte. Sonst waren sie ziemlich aufsässig und renitent, dieses Mal aber waren sie mit dem Kurs, den O’Leary einschlug, voll einverstanden. Längst hatten auch sie aufgehorcht, und sogar Thomas Lionel war inzwischen aufgegangen, wie das Spiel zu laufen hatte.
Die Crew der „Lady Anne“ war eine wilde Schar von Raufbolden und Schlagetots, die vor so gut wie nichts zurückschreckten. Aber auch ihnen war es nicht geheuer gewesen, zu der Insel der Grand Cays zurückzukehren. Daß O’Leary auf die beiden Goldkisten spitzte, war ganz nach ihrem Geschmack.
Somit schwand die trübe Stimmung, in der sie sich nach ihrer Niederlage befunden hatten. Mit breitem Grinsen starrten sie Charles Stewart an. Plötzlich spielten einige von ihnen in eindeutiger Weise mit ihren Messern.
Stewart hatte bereits begriffen, was sich zusammenbraute. Meuterei – das hatte ihm zu seinem Pech noch gefehlt. Er biß die Zähne zusammen und unterdrückte einen Fluch. Was sollte er tun?
Er begriff natürlich auch, daß er diesen wüsten Kerlen des alten Killigrew nicht damit imponieren konnte, Kapitän der Marine Ihrer Majestät zu sein, dem sie wie Kriegsschiffbesatzungen zu gehorchen hatten. Die Hunde würden sich darüber eher totlachen.
Darum beschloß er, seine bisherige Taktik zu ändern. Es hatte keinen Zweck, sich auf Teufel komm raus mit diesem Bastard O’Leary anzulegen. Er mußte einen Köder auswerfen. Er wußte auch schon, wie er es anpacken mußte, damit sie sich darin verbissen und ihm sozusagen auf den Leim gingen, so daß er sie auf seine Seite ziehen und erneut für seine Zwecke gewinnen konnte.
3.
„Na ja“, sagte Stewart und war bemüht, seiner Stimme einen gelassenen Klang zu geben. „Wenn das so ist, müssen wir eben verhandeln. Also schön, hier mein Angebot: Ich bin bereit, den Inhalt dieser beiden Goldkisten brüderlich mit euch zu teilen.“
„Fein!“ rief Thomas Lionel und schlug die Hände zusammen, daß es laut klatschte. Er freute sich schon darauf, daß die Kisten endlich geöffnet wurden. Goldbarren waren doch etwas zu Schönes.
O’Leary hatte die Hand am Heft seines Messers und blickte ihn in wilder Mordlust an.
„Noch ein einziges Wort, du Idiot, und ich schneide dir den Hals durch!“ zischte er.
Thomas Lionel senkte den Blick. Die anderen sahen ihn auch wütend an, sogar Simon Llewellyn. Thomas Lionel hatte keine Ahnung, was er wieder falsch gemacht hatte, aber eins war klar: Er riskierte wirklich sein Leben, wenn er die Verhandlungen durch Zwischenrufe störte.
„Teilen“, sagte O’Leary gedehnt. „Und was dann?“ Er richtete den Blick wieder auf Stewart.
„Dann müßt ihr euch selbstverständlich auch meinem Kommando unterstellen.“
„Das hast du dir fein ausgedacht, du Bastard“, sagte O’Leary. „Aber wir lassen uns von dir nicht verscheißern.“ Er war völlig respektlos und saugrob, und es amüsierte ihn, daß Stewart dunkelrot im Gesicht wurde und seine Schläfenadern anschwollen.
„Wie redest du eigentlich mit mir?“ schrie Stewart.
„So, wie’s sich gehört. Der Fall ist doch wohl eher umgekehrt.“
„Umgekehrt?“
„Ja. Du kannst uns allenfalls darum bitten, das Gold mit uns teilen zu dürfen, Stewart.“
„Ich werde dich um einen Scheißdreck bitten, O’Leary“, sagte Stewart wild.
„Klar, aber wir lehnen sowieso ab, mit dir zu teilen. Denn tatsächlich gehört das Gold dem alten Sir John, beziehungsweise uns, da wir, die Männer der ‚Lady Anne‘, ja die spanische Galeone ‚Santa Cruz‘ gekapert haben, nicht wahr?“
„Nein!“
„Du leidest eben an Gedächtnisschwund“, sagte O’Leary verächtlich, „und scheinst einiges vergessen zu haben, was aber sehr wichtig ist. Die beiden hübschen Kisten da, auf denen du mit deinem breiten Hintern hockst, gehören gar nicht dir.“
„Sie gehören der Marine!“
„Scheiß auf die Marine und all ihre Affen! Das Gold gehört uns! Und wir haben nicht die geringste Absicht, mit dir zu teilen!“
„Haben wir nicht!“ brüllten die Kerle.
Stewart schnappte nach Luft. Er glaubte, zerspringen zu müssen oder vom Schlag getroffen zu werden.
„So eine verdammte Unverfrorenheit!“ brüllte er. „Aber damit kommt ihr bei mir nicht durch, ihr Schweinehunde!“
Leider begriff er viel zu spät, daß er diesen Schlagetots und Galgenvögeln auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. O’Leary rückte drohend auf ihn zu, und es war nichts Gutes in seinen Zügen zu lesen.
„Was willst du?“ schrie Stewart ihn an. „Bleib, wo du bist!“
„Es wird Zeit, daß du dein Maul hältst.“
„Ich rede, wann und wie es mir paßt.“
„Wir müssen hier wohl mal gründlich aufklaren“, sagte O’Leary. „Es gibt störende Elemente an Bord, die abgeräumt werden müssen.“ Er stieg über die Duchten und hatte Stewart jetzt fast erreicht.
In diesem Moment explodierte Stewart. Er wollte sich auf O’Leary stürzen, aber der war auf der Hut. Ehe Stewart auch nur einen Hieb landen konnte, hatte der Bootsmann eine Abwehrbewegung vollführt und rammte ihm gleichzeitig die Faust gegen die Brust. Stewart gab einen ächzenden Laut von sich und prallte zurück.
„Gib’s ihm!“ brüllten die Kerle. „Hau ihn zusammen, O’Leary!“
„Tüchtig Zunder!“ rief Simon Llewellyn.
„Mach ihn hin!“ kreischte Thomas Lionel, weil er es für angebracht hielt, ebenfalls einen Kommentar abzugeben.
Diesmal tadelte ihn niemand, und er war sehr zufrieden. Er saß da und meckerte wie ein Ziegenbock. Plötzlich aber zuckte er wie unter einem Peitschenhieb zusammen, denn seine Kopfwunde meldete sich mit stechendem Schmerz.
O’Leary schoß die Fäuste mit voller Wucht auf Stewart ab. Er war ihm voraus, Stewart schaffte es nicht mehr, eine Verteidigung aufzubauen. Ehe er sich’s versah, hatte er das Gleichgewicht verloren und kippte über das Dollbord.
„Bravo!“ schrie einer der Kerle. „Das war gut, O’Leary!“
„Raus mit dem Schwein!“ brüllte ein anderer.
Stewart landete im Wasser, die Fluten schlugen über ihm zusammen, er schien auf Tiefe zu gehen. O’Leary stand aufrecht im Heck der Jolle und rieb sich grinsend die schwieligen Hände.
„Na, wie haben wir das hingekriegt?“ fragte er grinsend.
„Das war prächtig“, sagte Simon Llewellyn. „Jetzt haben wir die Kisten.“
„Ob Stewart absäuft?“ fragte Thomas Lionel.
„Das ist uns doch egal“, erwiderte der Kerl, der zu seiner Rechten saß. „Hauptsache, er ist weg.“
Thomas Lionel warf einen Blick ins Wasser. Es war türkisfarben bis tiefblau. Einige Yards unter der Jolle war ein großer grauer Schatten zu erkennen. Stewart – oder ein Hai? Thomas Lionel kniff die Augen ein bißchen zusammen, konnte aber nichts erkennen.
Die Jolle hatte inzwischen auch die Ostspitze der Insel erreicht und stand etwas querab, ungefähr hundert Yards von ihr entfernt.
O’Leary warf nur einen kurzen Blick hinüber, dann gab er seinen Kerlen einen Wink. „Los, wir gehen sofort auf nördlicheren Kurs. Bei dem Wind aus Südwesten haben wir die Scheiß-Insel schnell hinter uns gebracht.“
„Jawohl“, sagte einer seiner Kumpane. „Die Hunde sollen alle verrecken. Auch die von der ‚Lady Anne‘.“
„Warum haben sie auch mit Steinen nach uns geworfen?“ brummte Simon Llewellyn. „So was tut man nicht.“
Er wollte zu den Kisten kriechen, aber ein Blick von O’Leary genügte, und er verharrte sofort wieder. O’Leary befaßte sich mit einer der Kisten, als sie weiter nach Norden hochgedreht hatten und sich mit zügiger Fahrt von dem Platz entfernten, an dem er Stewart ins Wasser gestoßen hatte.
„Dick verrammelt“, sagte er. „Aber das Schloß kriege ich auf.“ Er begann, mit seinem Messer an dem Schloß zu hantieren.
Die Kerle schauten ihm mit glitzernden Augen zu.
So mußte es sein, wenn man starb: Alles drehte sich, es rauschte, und man sank in unergründliche Tiefen, die keinen Grund zu haben schienen. Stewart spürte, wie ihm die Luft knapp wurde, ein heftiges Stechen setzte in seinen Lungen ein. Für kurze Zeit hatte er mit einem Ohnmachtsanfall kämpfen müssen, wegen der Hiebe, die er von O’Leary hatte einstecken müssen. Ein Faustschlag hatte seinen Bauch getroffen, und ihm war speiübel.
Die erfrischende Kühle des Wassers bewirkte aber, daß ihm doch nicht die Sinne schwanden. Er bewegte die Arme und Beine, und die Auftriebskraft nahm ihn zur Oberfläche mit. Er glaubte zwar, ertrinken zu müssen, und sein Brustkasten schien platzen zu wollen, dann aber schoß er hoch und war an der Luft.
Gierig, mit japsenden Lauten, schöpfte er frischen Atem. Die Schmerzen ließen fast augenblicklich nach. Er tauchte noch einmal kurz unter, hob den Kopf wieder über das Wasser und spuckte prustend etwas von dem salzigen Naß aus, das er in den Mund bekommen hatte.
Gerettet, dachte er und schnaufte. Haß und Wut stiegen wieder in seinem Inneren auf, doch er wußte nicht, wie er es bewerkstelligen sollte, sich an den Hundesöhnen zu rächen.
Die Jolle zog bereits ab – unerreichbar für ihn. Er konnte die Kerle noch sehen, und ihm entging auch nicht, daß O’Leary genau in diesem Moment aufschaute und ihn im Wasser entdeckte.
„He, Stewart!“ brüllte O’Leary. „Sieh zu, daß du Land gewinnst! Die Haie haben noch nicht gefrühstückt!“
„Fahr zur Hölle!“
„Danke, gleichfalls!“
Stewart hob die Faust aus dem Wasser und schüttelte sie in ohnmächtiger Wut. Es gab keine Chance mehr, er konnte dem Boot nicht nachschwimmen. Welchen Sinn hätte es auch gehabt? Die Kerle würden ihm sofort auf die Finger schlagen, wenn er versuchte, sich anzuhängen. Er war machtlos.
Anders ausgedrückt: Ausgebootet hatten sie ihn. Sie verspotteten ihn auch noch, ihr Hohngelächter drang an seine Ohren, während sich die Jolle immer weiter entfernte. Er fluchte, schluckte wieder Wasser, spuckte es aus und wandte sich der Insel zu.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als an Land zu schwimmen. Das Gold war er los, und die drohende Haigefahr saß ihm wie eine Faust im Nacken. Immer wieder sah er sich nach den grauen Mördern um, während er in hastigen Zügen zu schwimmen begann.
Noch zeigten sich keine Dreiecksflossen, aber er wußte, daß sie sehr schnell und völlig überraschend auftauchen konnten. Und die Barrakudas? Gab es die gefährlichen, räuberischen Pfeilhechte nicht auch in diesen Breiten? Mit Sicherheit. Sie traten in Schwärmen auf, und sie stiegen von unten hoch, nichts kündigte ihr Nahen an.
Stewart spürte, wie er im Wasser zu schwitzen begann. Sein Herz schlug heftig, sein Atem ging schnell und unregelmäßig. Rückte das Ufer näher? Warum ging es nicht schneller? Er mußte es erreichen, bevor die Haie erschienen. Oder die Barrakudas. Und was war, wenn ihn ein Krake fing und in die Tiefe zerrte?
Gräßliche Visionen zogen an seinem geistigen Auge vorbei. Er sah sich mit Haien kämpfen, mit Sharks, wie sie daheim in England genannt wurden. Ein Riesenschwarm Barrakudas fiel über ihn her und zerfetzte ihn, bis nur noch das Skelett von ihm übrig war. Gigantische Tentakel zerrten an ihm und würgten ihn, bis ihm die Augen aus dem Kopf traten.
Angst!
Nie zuvor hatte Charles Stewart, der sich selbst für einen harten Kerl hielt, sie so verspürt wie in diesem Augenblick. Am liebsten hätte er aufgeschrien. Seine Kräfte drohten ihn zu verlassen. Er konnte kaum noch schwimmen. Und das Ufer der Insel schien immer noch weit entfernt zu sein.
Das Hohngelächter, das zwar allmählich verebbte, aber noch immer in seinen Ohren nachhallte, verschlimmerte seinen Zustand. Er war ein Versager, nichts hatte geklappt. Er hatte es mit seiner eigenen Mannschaft verdorben, mit Tottenham und dessen Leuten und nun sogar mit den Galgenstricken, die sich auf seine Seite geschlagen hatte. Es gab keine Zukunft mehr für ihn – hoffnungslos. Er war erledigt.
Mit Ach und Krach erreichte er den Strand und ließ sich auf den feinen weißen Sand sinken. Wenigstens hatte ihn kein Raubfisch gepackt. Aber war das wirklich ein Vorteil, die Rettung, eine Wende des Schicksals?
Kaum. Er atmete tief durch. Die Schmerzen schwanden, er fühlte sich von neuer Energie durchströmt. Er setzte sich in den Sand, zog die Knie an den Körper und blickte der Jolle nach. Sie war jetzt nur noch ein kleiner Punkt an der Kimm.
Sollen sie verrecken, die Hunde, dachte er. Er wünschte es ihnen, daß sie den Spaniern in die Hände fielen. Die würden nicht lange fackeln, wenn sie die Kisten mit dem Gold bei ihnen entdeckten. Vielleicht war es sogar gut, daß er nicht mehr mit diesen Hundesöhnen zusammen war.
Plötzlich hegte er wieder Zuversicht. Was hatte er schon verloren? Das Gold. Aber er hatte sein Leben, war nicht verletzt und konnte neue Unternehmungen starten. Warum eigentlich nicht? Es gab noch eine Menge Gold zu holen, beispielsweise das, was sich an Bord der „Lady Anne“ befand. Oder den ganzen Schatz des Seewolfes. Der Bastard mußte gewaltige Reichtümer in seinem Schlupfwinkel gehortet haben.
Daran dachte Stewart, und die Vorstellung von Macht und Reichtum war ein antreibendes, aufreizendes Element. Er erhob sich, atmete noch ein paarmal tief durch und brach zur Bucht auf. Er mußte durch das Dickicht und den Dschungel, doch er hatte immer noch sein Messer und bahnte sich damit einen Weg.
Die Angst, die ihn gepackt hatte, war wie weggewischt. Mit einemmal lächelte er kalt. Tottenham würde staunen, wenn er ihn sah. Die Auskunft über den Zweidecker der Chinesenhure und die Galeone des Seewolfs würde ihn anstacheln. Schließlich war es ja sein Auftrag, dieses Piratenpack zu stellen und zu vernichten.
Im Grunde genommen, so resümierte Charles Stewart, sah es doch nicht so schlecht aus. Er war kerngesund und schon fast wieder voll bei Kräften. Ein starker Mann konnte noch viel beginnen. Warum verzweifeln? Er war in der Karibik, und diese konnte sich immer noch in eine Goldgrube für ihn verwandeln, wenn er es nur geschickt genug anpackte.
Allmählich wurde es wärmer. Der Dschungel war voller Geräusche, Vögel kreischten und zirpten, kleine Affen keckerten. Mückenschwärme und anderes Ungeziefer umtanzten Stewart, dorniges Gerank streifte seine Arme und Beine und verursachte Kratzer. Einmal sah er den Kopf einer Schlange, der pendelnd von einem Mangrovenast herunterhing. Mit Sicherheit handelte es sich um ein giftiges Reptil.
Doch all das vermochte Stewart nicht aufzuhalten. Er schlug sich durch das Zweig- und Blattwerk mit dem scharfen Messer und näherte sich unbeirrt dem Lager an der Nordbucht der Insel. Keinen Moment zweifelte er daran, daß er sich in der Richtung nicht getäuscht hatte. Er verfügte über einen ausgezeichneten Orientierungssinn und kannte sich auch schon einigermaßen gut auf dem Eiland aus. Bald sollte er die Bestätigung erhalten, daß er sich nicht geirrt hatte.
Er geriet auf einen winzigen Kahlschlag, auf dem er die Spuren von Behausungen zu entdecken glaubte. Abgerissene Hütten? Hatten hier Eingeborene gelebt? Er verharrte kurz und untersuchte den Untergrund. Vielleicht täuschte er sich auch. Die pflanzliche Verwesung schritt im Urwald schnell voran, es ließ sich nicht mehr genau erkennen, ob die Überreste dieser Matten und Schilfgeflechte einmal zu primitiven Hüttendächern gehört hatten.
In der Nähe gurgelte Wasser. Er stieß auf einen Flußlauf. Hatten hier Boote gelegen? Vielleicht. Möglich war es. Aber was kümmerte es ihn? Er mußte das Lager an der Bucht erreichen, und zwar so schnell wie möglich. Das war sein Ziel.
Stewart konnte nicht ahnen, daß an diesem Platz, den er soeben zufällig entdeckt hatte, zwei kleine Familien gelebt hatten: der Engländer Speckled Red und der Korse Louis Lamare mit ihren Indianerfrauen Tampa und Onda sowie drei kleinen Kindern. Diese Menschen, die ausgesprochen friedlich lebten und jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gingen, hatten von Anfang an alles verfolgt, was sich auf und vor der Insel zugetragen hatte.
Sie waren stumme Zeugen gewesen, als Siri-Tong nackt in dem Lagunensee gebadet hatte, um die Kerle der „Lady Anne“ anzulocken. Alles hatten sie beobachtet: Wie Sir John und seine Spießgesellen überrumpelt und niedergeschlagen worden waren, wie man sie am Strand an die Stämme der Mangroven gebunden hatte – alles, bis hin zum Auftauchen der „Orion“ und der „Dragon“ und den damit verbundenen Komplikationen.
Dann aber hatten sie sich heimlich im Schutz der Nacht von der Insel zurückgezogen, weil sie richtig vermuteten, daß die Männer früher oder später landen und Lager errichten würden.
In einem solchen Fall war es gefährlich für Frauen – besonders für Eingeborene –, sich im Urwald versteckt zu halten. Irgendwie entdeckte man sie doch. Und hatten nicht schon die Kerle des John Killigrew vorgehabt, Frauenzimmer aufzuspüren und zu vergewaltigen? Das war ihre ursprüngliche Absicht gewesen, als sie die Grand Cays angesteuert hatten.
Somit waren Red und Lamare nur gut beraten, wenn sie sich wie jetzt auf einer Nachbarinsel verborgen hielten. Noch zwei Abstecher hatten sie in der Dunkelheit unternommen, um auch die letzte Phase, die Auseinandersetzung zwischen der „Orion“ und der „Dragon“ und das Eingreifen des Zweideckers der Roten Korsarin, mitzuerleben. Doch das wagten sie in der Zwischenzeit nicht mehr. Und daran taten sie gut. Sich mutwillig in Gefahr zu begeben, war schädlich für die Gesundheit.
So hatte sich Sir Henry, Duke of Battingham, auszudrücken geruht, doch inzwischen hatte auch er gelernt, wie fatal es sein konnte, riskante Unternehmen zu finanzieren. Die große „Expedition“, die Suche nach dem „Bastard“, dem Seewolf, war gescheitert. Und er, Sir Henry, hatte die Ehre, als Gefangener an Bord der „Caribian Queen“ zu hocken und einen Kerl wie Barba ertragen zu müssen.
Stewart schob sich weiter durch das Dickicht und vernahm jetzt die Stimmen von Männern. Weit war die Bucht nicht mehr entfernt, es konnte sich höchstens noch um ein paar hundert Yards handeln, dann hatte er sie erreicht.
Doch es wartete eine weitere kalte Dusche auf ihn, diesmal zwar im übertragenen Sinne, aber nicht weniger schockierend als das „Ausbooten“, das der Hund O’Leary herbeigeführt hatte. Es raschelte im Gestrüpp vor Stewart, und plötzlich schob sich der Lauf einer Muskete zwischen den lappigen, feuchten Blättern hervor. Die Mündung zielte genau auf seine Brust. Er blieb stehen und griff in einer instinktiven Geste nach dem Messer, ließ die Hand dann aber doch wieder sinken.
„Ich bin’s“, sagte er und wunderte sich darüber, wie heiser seine Stimme klang. „Kapitän Stewart.“
„Von mir aus auch der Philipp von Spanien“, sagte der Mann mit der Muskete. Es war Ross, ein Mann der „Orion“, der zu den besten Kameraden des Decksältesten Francis Bush gehörte. „Was, zum Teufel, wollen Sie hier noch?“
„Mit Sir Edward Tottenham sprechen.“
„Soll das ein Witz sein?“
„Ich habe nicht den geringsten Anlaß, irgendwelche Witze zu reißen“, sagte Stewart wütend. „Und nehmen Sie die Muskete herunter, verdammt noch mal.“
„Sir“, sagte Ross kalt. „Ich bin hier als Wachtposten unterwegs und habe den strikten Befehl, jeden Eindringling oder Unbefugten festzunehmen und Vorkommnisse, gleich, welcher Art, unverzüglich zu melden. Sie haben Glück, daß die anderen Patrouillenposten Sie noch nicht entdeckt haben.“
„Ich bin weder ein Unbefugter noch ein Eindringling“, sagte Stewart gepreßt.
„Das zu klären, ist nicht meine Aufgabe“, sagte Ross und trat ganz aus dem Gesträuch hervor. „Wenn ich jetzt bitten darf? Gehen Sie brav vor mir her. Geben Sie mir Ihr Messer. Machen Sie keine Dummheiten. Ich habe die Order, abzudrücken, und das tue ich, wenn Sie Tricks versuchen.“
Stewart hatte keine andere Wahl. Er mußte sein Messer abgeben. Ross untersuchte ihn kurz, dann dirigierte er ihn vor sich her durch das Unterholz. Stewart hob zwar nicht die Hände, aber er fühlte sich bereits als Gefangener. Verbissen kämpfte er dagegen an. Er dachte an sein Ziel. Es war jetzt seine Aufgabe, Tottenham zu überzeugen. Dazu bedurfte es eines gewissen diplomatischen Geschicks – an dem es aber ihm, Stewart, so glaubte er, nicht mangelte.
Wieder waren Geräusche im Dickicht, eine Stimme fragte: „Wer da?“
„Hier Ross“, erwiderte der Decksmann der „Orion“. „Ich habe Stewart bei mir.“
„Wen? Mann, mich kannst du doch nicht auf den Arm nehmen!“
„Er ist aber wirklich hier“, sagte Ross und grinste hart. „Ich habe es erst auch nicht glauben wollen.“
Der zweite Posten gesellte sich zu ihnen, er gehörte ebenfalls zu der Crew der in der Bucht gesunkenen „Orion“. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er Stewart.
„Dazu gehört Dreistigkeit“, sagte er. „Und wo sind die anderen?“
Stewart schwieg, und gemeinsam führten die beiden ihn an den Strand der Nordbucht. Ein Pfiff ertönte, und ein auf einer riesigen Sumpfzypresse postierter Ausguck meldete dem Kommandanten und den Offizieren das Auftauchen des sonderbaren Trios.
Im Lager standen bereits die ersten Hütten. Sie waren das Ergebnis fleißiger Arbeit, die in erster Linie von Tottenhams Besatzung, aber auch von den Männern der „Dragon“ unter Arthur Gretton vorangetrieben worden war. Die erlauchten Gentlemen der Adels-Clique und die letzten Männer der Sir-John-Crew hingegen ließen sich nur widerwillig zu jeder Art von körperlicher Tätigkeit bewegen.
Es war nicht Sir Edward, der jetzt als erster vor Stewart hintrat. In diesem einen Punkt hatte er sich verrechnet, und auch sonst lag er falsch. Die kalte Dusche begann, auf ihn niederzurauschen.
Vor den Hütten scharten sich rasch die Männer zusammen. Stewart hob den Kopf und blickte ihnen hochmütig entgegen. Er suchte Tottenham, konnte ihn aber nirgends entdecken.
Das macht nichts, dachte er, sie müssen ihn rufen. Es ist ihre Pflicht, und ihre Pflichten dürfen sie nicht vernachlässigen, schon gar nicht bei einem Mann wie Tottenham, der sich ständig auf die Dienstvorschriften beruft.
Noch immer befand sich Charles Stewart in dem Irrwahn, als Kapitän der „Dragon“ respektiert zu werden, beziehungsweise, herumkommandieren zu können.
Marc Corbett, der Erste Offizier der „Orion“, und Arthur Gretton, der Erste der „Dragon“, traten ihm entgegen. Stewart blieb vor ihnen stehen und warf einen prüfenden Blick auf die See. Die Jolle war nicht mehr zu sehen, sie mußte bereits hinter der Kimm verschwunden sein.
„Stewart“, sagte Corbett. „Was wollen Sie hier?“
„Das habe ich ihn auch gefragt“, sagte Ross.
„Ich will mit Kapitän Tottenham sprechen“, entgegnete Stewart gereizt. „Und ich verlange die sofortige Verfolgung meiner Jolle.“
„Ihrer Jolle?“ wiederholte Corbett. „Was ist denn geschehen? Wir haben sie gesichtet und auch Gebrüll gehört, wußten aber nicht, um was es sich handelte.“
„Man hat mich über Bord gestoßen“, erklärte Stewart. „Weil ich verlangt habe, die Insel wieder anzulaufen. Diese Insel. Verstehen Sie, was ich meine?“
„Nein“, erwiderte Corbett.
„Das müssen Sie uns genauer erklären, Mister Stewart“, sagte Gretton aufreizend langsam und unter besonderer Betonung des Wortes „Mister“.
4.
Stewart musterte Gretton aus schmalen, haßsprühenden Augen. Er überlegte sich, ob er ihn wegen der Anrede zurechtweisen sollte, verzichtete dann aber darauf. Er konnte sich jetzt nicht mit Fragen des Protokolls und der allgemeinen Formen aufhalten. Vordringlich war das Unternehmen, das er sich in den Kopf gesetzt hatte und unbedingt durchführen wollte.
„Das ist so“, sagte er. „Ich habe den Entschluß gefaßt, wieder zur Insel zurückzukehren, weil ich gestern die beiden Schiffe des Piraten Killigrew entdeckt habe.“
„Wo?“ fragte Corbett.
„Sie ankern in einer Bucht der Pensacola Cays etwa vierzig Meilen südöstlich dieser Insel“, erwiderte Stewart. „Letzte Nacht haben wir einen Angriff gewagt, und zwar auf beide Schiffe, aber der ist fehlgeschlagen.“ Er schilderte in knappen Zügen, was sich zugetragen hatte.
„Verrückt, das Ganze“, sagte Gretton. „So ganz ohne Pulver und Kugeln. Kaum zu fassen.“
„Den Angriff habe ich nur unternommen, um die beiden Schiffe für die Kameraden von der ‚Orion‘ und der ‚Dragon‘ zu erobern“, sagte Stewart. Er blickte reihum in die Gesichter der Männer und versuchte, bieder dreinzuschauen. Aber ihre Mienen blieben verschlossen. Sie trauten ihm nicht. Bei ihnen hatte er verspielt. Trotzdem versuchte er, sich wieder durchzusetzen. Dazu gehörte wirklich Diplomatie.
„Wenn wir jetzt mit den Jollen – auch mit meiner, die dieser Schurke O’Leary mit seinem Gesindel entführt hat – den Angriff auf die beiden Schiffe wiederholen, dann haben wir natürlich eine sehr gute Aussicht, sie zu kapern“, fuhr er hastig fort. „Ist das nicht ein Angebot?“
„Reiner Wahnsinn“, sagte Gretton.
„Aber Sie meinen es gut mit uns, Stewart, nicht wahr?“ sagte Corbett in sarkastischem Tonfall.
„Ja“, erwiderte Stewart. „Damit wir nicht mehr schiffbrüchig sind. Außerdem erfüllen wir damit den Auftrag Ihrer Majestät, den Verräter und Betrüger Philip Hasard Killigrew gefangenzunehmen.“
„Ja, wir schlagen also zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagte der Zweite Offizier der „Orion“.
„Und darüber sollten wir eigentlich froh sein“, sagte Bush, der Decksälteste der „Orion“. „He, warum freut sich denn keiner? Seid ihr etwa schwerhörig?“
„Aber zunächst muß meine Jolle verfolgt und aufgebracht werden“, sagte Stewart. „Das ist jetzt das allerwichtigste.“
Corbett erwiderte kalt: „Also gut. Wenn Sie Ihre Jolle zurückhaben wollen, können Sie ja hinter ihr herschwimmen. Was die anderen Jollen betrifft, so denke ich gar nicht daran, sie in einem leichtfertigen Angriff auf zwei ungewöhnlich kampfstarke Schiffe aufs Spiel zu setzen, geschweige denn Männer aufzuopfern – noch dazu in einem Kampf gegen einen Mann, der wohl der persönliche Feind einer gewissen Adels-Clique ist, aber niemals ein Gegner der Krone oder Englands, wie er wiederholt mit seinen Kämpfen gegen Spanien bewiesen hat.“
„Was?“ schrie Stewart plötzlich los. „Sie stellen sich auf die Seite dieses Piraten?“
„Ich sage nur, wie die Sachlage ist.“
„Der Killigrew-Bastard ist unser aller Feind!“ brüllte ihn Stewart mit hochrotem Gesicht an. „Hören Sie doch auf, sich was anderes vorzumachen! Er hat die Spanier bekämpft, um sich ihr Gold und Silber unter den Nagel zu reißen!“
„Und er ist dafür auch von Ihrer Majestät, der Königin, mit dem Ritterschlag geehrt worden“, sagte Corbett völlig ruhig.
„Sie haben sich mit ihm verbündet!“
„Ich diene nach wie vor der Marine.“
„Pirat!“ brüllte Stewart. „Ihr seid alle Piraten! Aber ich zeige euch, wie ich mit Lumpenpack wie euch umspringe!“ Er versuchte, Ross den Säbel zu entreißen und wollte sich damit auf Corbett stürzen. Doch Ross wich aus und riß die Muskete herum. Der Schaft traf Stewarts Brust und warf ihn zurück.
Stewart verlor völlig die Beherrschung und schlug wild um sich.
„Ich bringe euch alle um!“ schrie er. „Ihr seid Galgenstricke! Drecksgesindel! Nicht besser als O’Leary und die Crew von Bastarden!“
Bush, Ross und einige andere Männer der „Orion“ fielen über ihn her.
„Du blöder Hund!“ stieß Bush wütend hervor. „Leuteschinder! Du hast wohl schon vergessen, was du uns angetan hast, wie?“
Ein paar Schläge prasselten auf Stewart ein. Er ging zu Boden, versuchte noch, sich zu wehren, hatte aber keine Chance. Zuletzt schützte er seinen Kopf mit den Händen.
„Aufhören“, sagte Corbett. „Ihr bringt ihn sonst noch um.“
„Das hätte der Kerl verdient“, sagte Ross aufgebracht.
Aber die Männer ließen von Stewart ab. Die Tracht Prügel, die er bezogen hatte, wirkte auch so schon. Er blutete aus ein paar Platzwunden und Kratzern, auf seiner Stirn begann eine Beule zu schwellen. Halb benommen lag er auf dem weißen Sand, vor lauter Schmerzen konnte er ein Stöhnen jetzt nicht mehr zurückhalten.
Damit war der Traum, noch irgendeinen seiner dunklen Pläne zu verwirklichen, für ihn aus. Er hatte sich bei diesem Karibik-Unternehmen zu viele Übeltaten geleistet. Wie durch einen Schleier erkannte er die Gestalt von Sir Edward, als er aufblickte. Dieser war nun endlich erschienen und trat auf ihn zu.
„Fesseln und unter Bewachung in eine der Hütten sperren, den Mann“, befahl er.
„Sir“, sagte Stewart mit dunkler, undeutlicher Stimme. „Die Jollen. Wir – müssen …“
„Ich habe jedes Wort gehört“, sagte Tottenham kalt. „Aber wir sehen von einer Verfolgung der Jolle oder einem Angriff auf die beiden Schiffe ab, wie Mister Corbett Ihnen bereits zu verstehen gegeben hat.“
Stewart wollte noch etwas dazu äußern, aber seine Stimme wurde breiig, man konnte kein Wort mehr verstehen. Dann brach er bewußtlos vor den Augen der um ihn versammelten Männer zusammen.
„In die Hütte mit ihm“, sagte Tottenham. „Und halten Sie weiterhin die Augen offen. Ich glaube zwar nicht, daß auch O’Leary so verrückt ist, zurückzukehren, aber man kann ja nie wissen, was kommt.“
Darüber waren sich alle einig, und Bush, Ross und die anderen Männer nahmen wieder ihre Wach- und Kontrollgänge über die Insel auf, nachdem sie den besinnungslosen Stewart gefesselt und in eine der Unterkünfte geschleppt hatten.
Mit gierigen Augen blickten O’Leary, die Killigrew-Brüder und die Kerle der Crew auf den ersten Goldbarren, den O’Leary der einen Kiste entnahm. Inzwischen war es ihm gelungen, sie zu öffnen.
Das Gold hatte einen matten Glanz, der die Lichtstrahlen der Sonne reflektierte.
„Schwer, das Ding“, sagte O’Leary. „Und die anderen sehen genauso hübsch aus.“ Er warf einen Blick in die offene Kiste und grinste.
„Darf ich mal sehen?“ fragte Thomas Lionel.
„Ja, aber paß auf, daß der Barren nicht ins Wasser fällt“, erwiderte O’Leary.
„Ich bin doch nicht blöd“, brummelte Thomas Lionel.
„Aber ungeschickt“, sagte sein Bruder.
„Ist das nicht das gleiche?“ fragte einer der Kerle.
„Nein“, sagte Thomas Lionel. „Und ich laß mir auch nicht gefallen, daß ihr mich dumm anredet.“
„Das tut doch keiner“, sagte sein Bruder mit breitem Grinsen. Er nahm den Barren aus der Hand von O’Leary in Empfang und hob ihn prüfend an. „Wie viele Unzen wiegt der denn?“
„Hundert“, sagte einer der Kerle.
„Quatsch“, meinte ein anderer. „Zehn.“
„Gib her“, drängte Thomas Lionel seinen Bruder. „Ich will mal einen richtig dicken Klotz Gold halten. Ach, ist das schön.“ Er ließ sich den Barren aushändigen, aber fast fiel er ihm auf die Füße. „Mann, daraus könnte man ein ganzes Schwert aus Gold gießen, was?“
„Zweifellos“, erwiderte Simon Llewellyn. „Aber das wäre reine Verschwendung.“
„Na, meinetwegen“, sagte Thomas Lionel. „Aber vielleicht könnte man hundert hübsche Ketten daraus herstellen.“
„Was du willst“, sagte O’Leary. „Aber gib den Brocken wieder her, ich will ihn in die Kiste zurückpacken.“
Thomas Lionel preßte den Barren an sich. „Nein! Ich behalte ihn! Er ist mein Anteil!“
„Wir teilen später“, sagte O’Leary. „Das haben wir vorhin schon vereinbart.“
„Sei brav und rück den Barren wieder raus“, sagte nun auch Simon Llewellyn. „Wir haben das wirklich so abgesprochen. Oder hast du’s vergessen? Leidest du an Gedächtnisschwund oder so, wegen deiner Blessur?“
„Ziehst du mich deswegen jetzt auch auf?“ stieß Thomas Lionel schrill hervor.
„Nein.“
„Fehlt noch, daß du sagst, mein Grips sei angekratzt.“
„Ist er das nicht?“ fragte O’Leary, dann stieg er über eine Ducht und streckte die Hand aus. „Den Barren her, wir schließen die Kiste wieder ab, und damit hat sich der Fall.“
„Hältst du mich für verrückt?“ fuhr Thomas Lionel ihn an.
„Für total bescheuert, wenn du’s genau wissen willst.“
„Das laß ich mir von dir nicht sagen!“
„Von mir nicht?“ O’Leary lachte roh und wandte sich an die anderen. „Dann sagt ihr es ihm.“
„Ja, einen Schlag hast du weg, Söhnchen“, sagte einer der Kerle. „Aber das braucht dich nicht zu kratzen. Nicht jeder kann im Kopf richtig sein.“
„Drecksäcke!“ Thomas Lionel hielt den Barren mit beiden Händen außenbords. „Da, seht mal, was ich mit dem blöden Mistding mache!“
„Ich hab’s ja gleich gesagt“, brummte O’Leary. „Der Kerl ist total bescheuert.“
„Nimm das zurück, was du gesagt hast!“
„Gut. Ich nehme es zurück und entschuldige mich.“
Thomas Lionel kicherte. „Dann ist es gut.“ Er zog den Barren wieder zu sich heran. Dann, einem jähen Entschluß folgend, warf er ihn O’Leary vor die Füße. Es krachte, und fast hatte es den Anschein, als sei eine der Planken beschädigt. Doch das war nicht der Fall.
O’Leary stieß einen Wutschrei aus, der wie eine Mischung aus Brüllen und Heulen klang, und wollte sich auf Thomas Lionel stürzen. Simon Llewellyn fuhr jedoch hoch, um seinen Bruder zu verteidigen, und zwei Kerle hielten den fluchenden Bootsmann an beiden Armen fest.
„Laßt mich los!“ brüllte O’Leary. „Ich bringe ihn um, den blöden Hund!“
„Ich hau’ dir die Rübe zu Brei!“ kreischte Thomas Lionel.
„Hört doch endlich auf!“ rief einer der Männer. „Fangt nicht schon wieder an! Wir müssen zusammenhalten, verflucht noch mal!“
Es gelang ihnen, O’Leary halbwegs zu beruhigen. Er stieß zwar noch üble Verwünschungen aus und warf Thomas Lionel dolchspitze, mörderische Blicke zu, aber allmählich verrauchte seine Wut, und er kehrte auf seinen Platz am Bootsheck zurück.
Sorgsam verstaute er den Goldbarren wieder in der Kiste und riegelte sie zu. Dann befaßte er sich eingehend mit einer Seekarte, die Charles Stewart an Bord zurückgelassen hatte.
Simon Llewellyn untersuchte den Boden der Jolle und hob grinsend den Kopf.
„Nichts kaputt“, sagte er. „Keine Planke beschädigt. Dabei ist der Barren ganz schön schwer.“
„Halt’s Maul!“ zischte einer seiner Kumpane. „Das fehlte uns noch, daß ihr uns den Kahn kaputtschlagt. Wenn ihr euch noch mal so ein Ding leistet, rechnen wir miteinander ab, verstanden?“ Er sah dabei Thomas Lionel an. Der senkte den Blick und kaute angelegentlich auf der Unterlippe herum.
„Wir gehen auf Westkurs“, sagte O’Leary plötzlich. „Das bietet sich an.“ Er schaute von der Karte auf. „Nach der Karte hier liegt im Westen – an die hundertzwanzig Meilen entfernt – das Land Amerika.“
Einer der Kerle warf einen Blick auf die Seekarte.
„Sieht riesig aus“, brummte er. „Und da sind sicher auch Häfen an der Küste.“
„Eben“, sagte der Bootsmann. „Da will ich hin.“
„Eine gute Idee“, sagte ein anderer Mann der Crew. „Endlich mal wieder richtig einen saufen, was? Und Weiber gibt’s in den Häfen auch.“
„Aber keine Indianerhuren“, sagte sein Nebenmann. „Sondern Spanierinnen und Französinnen.“
„Keine Engländerinnen?“ fragte Simon Llewellyn.
„Weiß ich nicht“, erwiderte der andere. „Aber auf die Suppenhühner leg’ ich auch keinen gesteigerten Wert.“
Die anderen lachten, und sogar O’Leary grinste jetzt.
Rasch wurde er jedoch wieder ernst, beugte sich vor und sagte: „Es sind spanische und französische Häfen, Leute, das haltet euch mal vor Augen. Aber mich beeindruckt das nicht weiter. Wir haben schließlich das Gold, und wenn wir es geschickt genug anstellen, sollte es auch möglich sein, daß wir uns ein gutes, handiges Schiff besorgen.“
„Ein Schiff“, sagte der Kerl, der ihm gegenüber auf der Ducht saß. „O ja, Mann, das wäre was! Ein eigenes Schiff! Wer hätte je gedacht, daß wir eins kriegen! Dann kann uns auch Sir John gestohlen bleiben.“
„Wie war das?“ sagte Simon Llewellyn aufbegehrend. „So haben wir aber nicht gewettet!“
„Das haben wir auch nicht“, sagte O’Leary. „Mit dem Schiff klopfen wir den Alten raus, das ist mal sicher. Und dann geht’s los, auf Kaperfahrt. Wir holen uns die ‚Lady Anne‘ wieder und überfallen jede Menge spanische Galeonen.“
„Gold und Silber“, sagte einer von der Crew lachend. „Und Diamanten, Edelsteine, Perlen! Das wird ein Leben! In Saus und Braus!“
„Wir sehen ganz einfach zu, daß sich zu den beiden Goldkisten hier noch viele andere gesellen“, sagte O’Leary. „Für uns ist das keine Schwierigkeit, das haben wir ja wohl bewiesen. Wir dürfen nur keine Hohlköpfe wie Stewart oder Monk oder Doherty dabeihaben. Keine Fremden.“
„Und selber essen macht fett“, sagte ein Kerl mit zustimmendem Kopfnicken.
O’Leary warf wieder einen Blick auf die Karte, nachdem das Manöver vollzogen war und die Jolle hoch am Wind auf Kurs lag. Über Steuerbordbug liegend rauschte sie westwärts. Das fremde, vielverheißende Land Amerika schien schon bald zum Greifen nah zu sein.
Jetzt waren die Kerle wieder voller Hoffnung. Es wurden bereits die kühnsten Pläne geschmiedet, wie man die Spanier überfallen würde. Tollkühne Raids, denn diese Crew des Teufels schreckte vor nichts zurück.
O’Leary sagte: „Soweit mir bekannt ist, haben die Spanier eine feste Segelroute für ihre nach Spanien zurückkehrenden Schatzschiffe.“
„Solche Schiffe wie die ‚Santa Cruz‘“, sagte Thomas Lionel.
„Solche“, sagte O’Leary, warf ihm dabei aber einen finsteren Blick zu. „Also, die Route führt von Havanna durch die Florida-Straße zu den Bermuda-Inseln und von dort aus quer über den Atlantik und die Azoren nach Spanien.“
„Da kann man ganze Konvois aufbringen“, sagte einer der Kerle.
„Und in die Herde einfallen wie ein reißender Wolf“, fügte der Bootsmann grinsend hinzu. „Ja, so stelle ich mir das auch vor. Daß wir hier, in der nördlichen Florida-Straße, auf den Bastard Hasard Killigrew gestoßen sind, beweist ja auch, daß er in dieser Ecke ebenfalls herumräubert.“
„Und der räubert nur, wo es wirklich was zu holen gibt“, sagte Simon Llewellyn.
O’Leary spuckte kräftig ins Wasser und blickte dann voraus. „So ist es. Und was der kann, können wir auch. Oder hat einer von euch Angst?“
Die Kerle grinsten und lachten, und einige von ihnen ließen entsprechende Bemerkungen fallen.
„Hei, das wird ein feines Leben!“ rief einer von ihnen. „Nur noch tüchtiges Rupfen – und Weiber, Wein und Gold in rauhen Mengen!“
Simon Llewellyn hockte neben seinem Bruder und hatte die Hände vor dem Bauch gefaltet.
„Bald sind wir alle steinreich“, sagte er. „Wunderbar. Irgendwo, auf einer wilden Insel, richten wir uns häuslich ein, und keiner kann uns was anhaben.“
Das war keine Utopie. Mit einer Meute wie dieser konnte man immer noch sehr viel auf die Beine stellen, wenn sie in der Zwischenzeit auch der Umstände halber um einige Männer vermindert worden war. Darauf verließ sich ein Mann wie Simon Llewellyn Killigrew. Sein Bruder Thomas Lionel dachte genauso. Sie würden Schiffe kapern und Festungen stürmen und bald die unumstrittenen Herren der Karibik sein. Der Seewolf war ohnehin erledigt – wer sollte ihnen da noch im Wege stehen?
5.
Genau sechs Tage zuvor, also am 18. August, hatte der englische Verband auf der Fahrt südwärts entlang der amerikanischen Ostküste das spanische Fort St. Augustine passiert – die erste spanische Niederlassung in Florida.
Weder Sir John Killigrew noch Kapitän Tottenham, Kapitän Stewart oder Rooke und Wavell hatten jedoch Notiz von dem Kastell oder dem Hafen genommen, zumal beide auch durch die davorliegende Insel Anastasia verdeckt waren. So waren sie völlig unbekümmert weitergesegelt: die „Lady Anne“, die „Orion“, die „Dragon“, die „Centurion“ und die „Eagle“.
Etwas später fand der Überfall auf die spanische Galeone „Santa Cruz“ statt, und diese Begebenheit zerriß den Verband. George Rooke und James Wavell, die Kapitäne der „Centurion“ und der „Eagle“, waren über Sir Johns Alleingang empört und sonderten sich ab, um unverzüglich zurück nach England zu segeln.
Die „Lady Anne“ wurde auf der Insel der Grand Cays vom Seewolf aufgebracht, Jean Ribault überführte sie samt ihrer Schatzladung zur Schlangen-Insel. Siri-Tong versenkte mit der „Caribian Queen“ die Kriegsgaleone „Orion“ und „Dragon“. Damit bestand der einst so stolze Verband nicht mehr, und das Unternehmen war gescheitert.
Dennoch war es gelungen, den „Bastard“ Philip Hasard Killigrew „zur Strecke zu bringen“, und darüber freute sich besonders diebisch Sir John Killigrew, der sich in der Vorpiek der „Isabella“ grinsend die Hände rieb.
Die Spanier von Fort St. Augustine hatten von diesen Geschehnissen nicht die geringste Ahnung. Aber die fünf Schiffe – vier Kriegsgaleonen und Sir Johns Dreimastkaravelle – waren von den Ausguckposten auf dem Wehrturm des Kastells natürlich gesichtet und auch als englischer Verband erkannt worden.
Als die Schiffe weitersegelten und schließlich ganz verschwanden, atmeten alle auf, besonders der Festungskommandant. Es hatte schon einige Überfälle auf St. Augustine gegeben. Bei einem solcher Raids war ein gewisser „El Lobo del Mar“ als lachender Dritter aufgetaucht und hatte die in der Festung lagernden Schätze mitgehen lassen. Das war der tollkühnste Handstreich gewesen, den es hier je gegeben hatte.
Der derzeitige Kommandant war erst seit ein paar Monaten in seinem Amt, aber man hatte ihm haarklein erzählt, wie es seinerzeit zugegangen war. Immer, wenn er daran dachte, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter.
Das Kastell war teilweise neu aufgebaut worden. Neue Kanonen standen auf den Wehrgängen, bereit, alles in Fetzen zu schießen, was sich in kriegerischer Absicht dem Hafen näherte. St. Augustine lag isoliert und war ein vorgeschobener Posten, der letzte Hafen für die Konvois, die die Karibik mit dem Ziel Spanien verließen, und der erste Zufluchtsort für Schiffe aus der Alten Welt, die sich vor Stürmen in Sicherheit bringen mußten oder Kranke oder Verletzte an Bord hatten.
Es war kein schöner Platz, dieses St. Augustine, denn es war von tückischen Sümpfen umgeben, die Giftschwaden verbreiteten und den Tod brachten. Das Sumpf- und Schüttelfieber hatte schon viele Soldaten getroffen, die hier ihren Dienst taten, und mancher hatte die Festung nur mit den Füßen voraus wieder verlassen.
Man konnte sich auch anstecken, wenn Kranke von den atlantiküberquerenden Galeonen hier abgeladen wurden. Das ganze Klima war ungesund. Hinzu kam die ständige Furcht vor Überfällen durch Piraten oder Indianer.
Nun, die Indianer waren in der letzten Zeit ruhig geworden. Die Timucuas, ein Stamm der von Ponce de Léon entdeckten Halbinsel, waren ohnehin friedlich. Die Seminolen schienen derzeit kein Interesse mehr an St. Augustine zu haben, sie hatten sich tief in die Sümpfe zurückgezogen. Das war gut so, befand der Festungskommandant, aber was blieb, war die Angst vor den Piraten, die völlig überraschend auftauchen konnten.
Engländer galten natürlich auch als Piraten, auch wenn ihre Schiffe zur Marine gehörten. England, dieses Armenhaus Europas, hatte sowieso keine richtige, sondern nur eine sogenannte Marine, wie die Spanier und auch die Portugiesen hochnäsig behaupteten. Daß diese „erbarmungswürdige Ansammlung von Wracks“ ihrer glorreichen Armada 1588 die Niederlage des Jahrhunderts beigebracht hatte, schienen sie inzwischen fast schon wieder vergessen zu haben.
Der Verband von fünf Schiffen war auf See erschienen wie ein Spuk und wie ein solcher auch wieder verschwunden. Sollte man dennoch Bedenken haben? Ja – es bestand aller Anlaß dazu.
Ganz unverhofft konnte dieser Fünfer-Verband von offensichtlich gut armierten Schiffen zurückkehren und möglicherweise St. Augustine angreifen. Man wußte nie, was in den Köpfen dieser angelsächsischen Dickschädel vor sich ging.
Darum war man in Fort St. Augustine alarmiert. Das Auftauchen englischer Kriegsschiffe vor der Ostküste von Amerika konnte, alles in allem betrachtet, nichts Gutes bedeuten. Selbstverständlich hätte der Kommandant gern entsprechend gehandelt, als sie vorbeisegelten, aber ihm waren zu diesem Zeitpunkt die Hände gebunden. Man wäre am besten sofort ausgelaufen, um diesen Engländern auf den Zahn zu fühlen und es ihnen gründlich zu verleiden, überhaupt hier aufzukreuzen. Doch dazu mußte man ein kampfstarkes Geschwader haben, und das war leider nicht der Fall.
Nur zwei Kriegsgaleonen standen zur Verfügung, und die befanden sich an diesem 18. August zur Überholung in der Werft. Es war paradox – und höchst gefährlich zugleich. Don Gregorio de la Cuesta, der dienstälteste Kommandant einer der beiden Galeonen, bat den Festungskommandanten aus diesem Grund um eine dringende Unterredung.
„Wir können den Engländern nicht trauen“, sagte er, sobald er die Diensträume betreten hatte. „Wir müssen die Schiffe so schnell wie möglich ausrüsten, trotz der Überholungsarbeiten.“
„Darüber habe auch ich schon nachgedacht“, sagte der Kommandant. „Was haben Sie vor, de la Cuesta?“
„Ich will den Engländern nachspüren oder zumindest Havanna anlaufen und den Gouverneur, Don Antonio de Quintanilla, wegen dieses Verbandes warnen.“
„Sie glauben, die Engländer laufen Kuba an?“
„Möglich ist alles, oder schließen Sie das etwa aus?“
„Nein.“
„Genausogut können sie hierher zurückkehren“, sagte de la Cuesta.
„Ja. Einer ihrer Ausgucks könnte das Kastell sehr wohl entdeckt haben“, sagte der Kommandant. „Jetzt bedienen sie sich eines Tricks und warten in irgendeiner Bucht die Nacht ab, um uns in Sicherheit zu wiegen und dann über uns herzufallen.“
„Señor“, sagte de la Cuesta. „Noch sind alle Möglichkeiten offen. Doch ungeachtet dessen sollten wir die Arbeiten an den Schiffen vorantreiben. Ich bitte Sie aus diesem Grund um alle Männer, die Sie entbehren können, dann sind wir schneller fertig. Es geschieht zum Schutz von St. Augustine, bitte bedenken Sie das.“
„Ich habe mir das schon überlegt“, sagte der Festungskommandant. „Sie erhalten alle Männer, die Sie brauchen.“
So wurde verstärkt an den in der Werft liegenden Galeonen geklopft und gehämmert, gepönt und kalfatert. De la Cuesta legte sich in der Zwischenzeit einen Plan zurecht. Griffen die Engländer in den nächsten zwei, drei Tagen Fort St Augustine nicht an, dann bedeutete dies, daß sie tatsächlich weitergesegelt waren. In dem Fall wurde die Havanna-Theorie, die er entwickelt hatte, aktuell, und es galt, so schnell wie möglich, Kuba anzulaufen, Alarm zu geben und nach Möglichkeit ein Gegengeschwader zusammenzustellen.
Erst am 22. August verließen die beiden spanischen Kriegsgaleonen den Hafen von St. Augustine. Inzwischen waren sie überholt und ausgerüstet. Sie gingen auf südlichen Kurs und segelten bei dem anhaltenden Wind aus Südwesten über Backbordbug liegend mit Steuerbordhalsen.
Am 24. August vormittags wollte es der Zufall, daß der Ausguck im Großmars von de la Cuestas Galeone Backbord voraus die mit Westkurs segelnde Jolle sichtete.
„Welcher Herkunft ist die Jolle?“ fragte de la Cuesta, der auf dem Achterdeck seines Schiffes stand und das auseinandergezogene Spektiv nach Backbord voraus richtete.
Sein Erster Offizier fragte den Ausguck, doch der schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Señor! Sie führt keine Flagge!“
„Vielleicht sind es Schiffbrüchige, Señor“, sagte der Erste.
„Oder Engländer. Das stellen wir jetzt fest.“
„Wir steuern die Jolle an, Señor?“
„Wir schneiden ihr den Weg ab“, entgegnete de la Cuesta.
Nur eine geringe Kurskorrektur wurde vorgenommen, und die beiden Kriegsgaleonen segelten im stumpfen Winkel auf die Jolle zu. Bereits aus einiger Entfernung ließ de la Cuesta aus den Masttoppen signalisieren, und der Jollenführer wurde aufgefordert, sich zu erkennen zu geben und beizudrehen.
„Verdammt“, sagte O’Leary genau in diesem Moment. „Das sind Spanier. Die wollen uns schnappen.“
„Hauen wir ab“, sagte Simon Llewellyn.
„Ich will nicht sterben“, begann Thomas Lionel sofort zu jammern. „Nicht in einem spanischen Gefängnis.“
„Sondern im Meer bei den Haien, wenn du nicht deine Schnauze hältst“, sagte O’Leary. Es klang so kalt und gemein, daß Thomas Lionel sich einschüchtern ließ und fortan wieder verstummte. Alle waren ihm dafür dankbar, sogar sein Bruder.
„Wir können nicht mehr abdrehen“, sagte O’Leary. „Wenn wir das tun, eröffnen sie das Feuer. Wir können nur tun, was sie von uns verlangen.“
„Verstehst du denn die Signale?“ fragte einer seiner Kumpane.
„Nein, aber es ist auch so klar, was sie wollen. Sieh mal genau hin.“
„Die haben die Stückpforten offen.“
„Und sie können uns in lauter kleine Krümel zerschießen, wenn sie wollen.“
„Also beidrehen?“ fragte ein anderer Kerl.
„Segel bergen und abwarten“, erwiderte O’Leary. „Gegen Kanonen, Drehbassen und sonstige Schußwaffen haben wir nicht die geringste Chance.“
„Dann ist es also aus mit den schönen Träumen vom feinen Leben?“ fragte Simon Llewellyn mit weinerlicher Stimme.
„Warte doch erst mal ab!“ zischte O’Leary. „Die kühnen Träume habe ich immer noch. So schnell schmeiß ich die Muskete nicht ins Wasser. Aber wir müssen versuchen, diese bescheuerten Dons irgendwie aufs Kreuz zu legen. Wir müssen sie täuschen, kapierst du das?“
„Ja. Wie?“
„Wir stellen uns erst mal dumm“, entgegnete O’Leary. „Wir verstehen kein Wort Spanisch. Stimmt ja auch. Wir sind völlig taub.“
„Und stumm auch“, sagte Simon Llewellyn.
„Wäre doch gelacht, wenn wir diese Olivenfresser nicht an der Nase herumführen könnten“, murmelte ein anderer Kerl, der vorn im Bug saß. „So schlau, wie sie denken, sind sie nun auch wieder nicht. Sie patrouillieren hier an der Küste rum und kontrollieren jeden, den sie antreffen. Das ist ja wohl ihre Aufgabe, nicht wahr?“
„Genau“, erwiderte O’Leary. „Mal sehen, wie ihr Kommandant aussieht. Vielleicht ist er faul und hat keine Lust, groß herumzuspinnen. Wir lassen uns von ihm untersuchen, und dann segeln wir wieder weiter.“
„Und die Kisten?“ fragte einer der Kerle.
„Deck ein Stück Segeltuch darüber“, erwiderte O’Leary. „Vielleicht filzen sie unseren Kahn überhaupt nicht. Vielleicht denken sie, daß wir harmlose Küstenhändler sind. Oder Schiffbrüchige. Vielleicht kann ich ihnen das irgendwie erklären, durch Gesten und so.“
„Wir hauen sie übers Ohr“, sagte Simon Llewellyn. Plötzlich konnte er schon wieder grinsen. „Ha, das wird ein Riesenspaß.“
Zum selben Zeitpunkt wandte sich der Ausguck im Großmars von Don Gregorio de la Cuestas Galeone erneut an das Achterdeck.
„Deck!“ rief er. „Die sehen wie Ausländer aus! Franzosen oder Engländer! Vielleicht auch Holländer! Es scheinen Piraten zu sein!“
„Aha“, sagte de la Cuesta grimmig. „Na, die nehmen wir uns jetzt mal richtig vor.“
„Deck! Sie verstecken was unter der achteren Ducht und packen ein Stück Segeltuch darüber!“
„Gut, das zu wissen“, sagte de la Cuesta.
Dann richtete er selbst wieder sein Spektiv auf die Jolle und erkannte, wie die Kerle im Boot achtern herumhantierten. Offenbar gaben sie sich sehr viel Mühe, etwas unter der Heckducht zu verbergen.
Beigedreht lag die Jolle inzwischen im Wind. Nur noch eine Kabellänge trennte die erste Kriegsgaleone von ihr. Inzwischen hatte auch die zweite Galeone aufgeschlossen, und gemeinsam schickten sie sich an, das fremde Boot zu stellen. Fast wirkte es so, als wollten sie es rammen, dann aber wurden auf beiden Schiffen die Segel aufgegeit, und sie drehten mit ihrem Bugspriet in den Südwestwind.
„Ganz ruhig bleiben jetzt“, sagte O’Leary. „Sie haben uns mit den Drehbassen im Visier. Wir tun so, als wüßten wir überhaupt nicht, was los ist.“
„Ob sie uns das abnehmen?“ fragte Thomas Lionel.
„Laß das nicht deine Sorge sein“, entgegnete einer der Kerle. „Und halte besser weiterhin die Klappe. Die Dons hören uns sonst noch und kapieren, daß wir Engländer sind.“
„Sie kommen“, sagte O’Leary gedämpft.
Er hatte die Augen zusammengekniffen und verfolgte, wie von den beiden Galeonen, die jetzt ohne Fahrt in den Fluten lagen, Boote abgefiert wurden. Männer enterten an den Jakobsleitern ab, in erster Linie Seesoldaten, wie O’Leary und seine Kerle an den Helmen und Brustpanzern erkannten.
„Das Begrüßungskomitee“, zischte Simon Llewellyn. „Hölle, wie wäre es, wenn wir die aus den Booten hauen würden?“
„Wir haben kein Schießpulver“, murmelte der Kerl neben ihm auf der Ducht.
„Brauchen wir nicht.“
„Die Kanonen sind auch auf uns gerichtet, nicht nur die Drehbassen“, raunte O’Leary. „Wenn wir einen blitzschnellen Überfall auf diese Hunde riskieren, eröffnen sie von den Schiffen aus garantiert das Feuer auf uns.“
„Warum nehmen wir die Burschen nicht als Geiseln?“ fragte einer der Kerle leise. „Wir hätten dann auch ihre Waffen.“
„Es sind zu viele“, flüsterte O’Leary. „Gegen die haben wir kaum eine Chance. Wir dürfen nicht den Fehler begehen, der Stewart unterlaufen ist. Wir dürfen uns nicht überschätzen. Vorsicht ist geboten.“
Er verstummte jetzt. Die voll besetzten Jollen näherten sich unter zügigem Riemenschlag. Einige der Seesoldaten hatten sich von den Duchten erhoben und richteten ihre Musketen unmißverständlich auf die Crew der „Lady Anne“. Es war offensichtlich: Die Spanier trauten ihnen nicht und ließen sich nicht auf das geringste Risiko ein.
Wie sahen sie denn auch aus, diese Engländer! Schmutzig und abgerissen waren sie, finster und verbiestert, und Thomas Lionels Kopfverband wirkte auch nicht gerade vertrauenerweckend. Alles in allem sah man ihnen an, daß sie eine Meute von Höllenbraten und Lumpenhunden waren. Kein Mensch der Welt hätte sie für fromme Seepilger oder gute Christenmenschen gehalten.
„He, ihr da!“ schrie einer der Spanier. Seiner Montur nach mußte er ein Schiffsoffizier sein, wie O’Leary richtig erkannte. Wenig später sollte er erfahren, daß es sich um den Ersten Offizier des Capitáns Don Gregorio de la Cuesta handelte. „Welches Boot?“ rief er.
O’Leary zuckte nur mit den Schultern, die anderen schüttelten die Köpfe. Die Killigrew-Brüder hatten die Münder halb geöffnet und blickten dümmlich drein.
„Seid ihr Spanier?“ rief der Erste Offizier.
O’Leary grinste und beschrieb eine Gebärde der Hilflosigkeit.
„Franzosen? Engländer?“
Wie sollte ein Mann, der des Spanischen nicht mächtig war, auch nur ein Wort verstehen? O’Leary gestikulierte, seine Crew schaute drein, als sei die ganze Welt ein riesiges Fragezeichen.
„Die verstehen nichts“, sagte der Erste Offizier. „Oder sie tun nur so. Aber das werden wir noch ergründen.“ Er ließ wieder anpullen und steuerte die Jolle an die Backbordseite des englischen Bootes. Von hier aus gab er den Kerlen durch Zeichen zu verstehen, daß sie vor ihm her zu den Galeonen pullen sollten.
Das taten sie nach einigem Hin und Her auch: O’Leary hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Er mußte sich fügen. Was blieb ihm anderes übrig? Er gab seinen Kerlen ein Zeichen, und sie bewegten die Jolle auf die Kriegsgaleonen zu. Kurz darauf gingen sie längsseits und legten an. Dann mußten sie an Bord der Galeone des Capitáns Gregorio de la Cuesta aufentern.
Sie stellten sich weiterhin taub, aber auf die Dauer war es keine Taktik, die sie aufrechterhalten konnten. O’Leary wußte es bereits jetzt, aber er nutzte jede Chance, um Zeit herauszuschinden. Mit abgespreizten Beinen stand er auf dem Hauptdeck der Galeone, umringt von schwerbewaffneten Seesoldaten. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete ab, was weiter geschah.
Don Gregorio de la Cuesta stand an der Schmuckbalustrade des Achterdecks und hatte die Hände aufgestützt.
„Sind sie das alle?“ fragte er seinen Ersten Offizier.
„Ja, Señor. Sechzehn Mann.“
„Wer ist ihr Kapitän?“
„Ich weiß nicht, ob sie einen Kapitän haben. Aber der Wortführer scheint der Mann dort zu sein.“ Der Erste deutete auf O’Leary.
De la Cuesta betrachtete den grobschlächtigen Kerl. Er traute ihm auf Anhieb nicht, beschloß aber, sich an die Regeln zu halten.
„Treten Sie näher“, sagte er zu O’Leary.
Dieser grinste und legte den Kopf ein wenig schief. Er spielte seine Rolle gut. Zwar begriff er die Sprache nicht, aber es war natürlich nicht mißzuverstehen, was der Kapitän von ihm verlangte.
De la Cuesta winkte ihm mit der Hand zu. Jetzt tat O’Leary zwei Schritte und stand dicht vor der Querwand des Achterkastells. Den Kopf immer noch etwas schief gelegt, schaute er zu dem Kapitän auf.
Thomas Lionel konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Simon Llewellyn rammte ihm zwar sofort den rechten Ellenbogen in die Seite, doch die Spanier hatten es natürlich gehört. Aus dem Hintergrund löste sich die Gestalt eines bulligen Mannes, er trat auf sie zu und löste etwas von seinem breiten Ledergürtel, das sie nur zu gut kannten: die neunschwänzige Katze.
„Ich freß einen Dweil, wenn das nicht der Profos ist“, flüsterte Simon Llewellyn. „Genauso sieht er nämlich aus.“
„Halt’s Maul!“ raunte der hinter ihm stehende Mann der Crew.
Der Profos der Kriegsgaleone war ein Bulle, aber er hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Kerlen vom Kaliber eines Joe Doherty. Er war groß und stark, sein nackter Oberkörper glänzte, als habe er ihn mit Öl oder Fett eingerieben. Er hatte einen schmalen Knebelbart, buschige schwarze Augenbrauen und eine Glatze, die ebenfalls wie poliert wirkte. Seine behaarte Brust zierte eine Kette, die – auf den ersten Blick – aus purem Silber zu sein schien.
Nur einmal zog er die Neunschwänzige durch die Luft, und schon zuckten die Killigrew-Brüder heftig zusammen. Er blieb neben ihnen stehen und sah sie an, ohne ein Wort zu sprechen. Thomas Lionel hätte sich am liebsten in ein winziges Mauseloch verkrochen. Simon Llewellyn schwitzte heftig und glaubte zu zerfließen.
De la Cuesta hatte unterdessen angeordnet, die Jolle der vermeintlichen Schiffbrüchigen – er war sicher, daß sie miese Schnapphähne waren – gründlich zu untersuchen. Vier Soldaten unter der Leitung eines Sargentos nahmen sich das Boot vor und stießen natürlich sofort auf das, was sich da unter der achteren Ducht befand und gleichsam magische Anziehungskraft zu haben schien.
„Wie heißen Sie, Señor?“ fragte de la Cuesta laut und deutlich den Bootsmann O’Leary.
Ja, O’Leary begriff – der Mann wollte seinen Namen wissen. Du kannst mich kreuzweise, dachte er, aber er sagte kein Wort. Wieder zuckte er nur mit den Schultern.
„Sie scheinen nicht fähig zu sein, überhaupt ein Wort herauszubringen“, sagte der Erste Offizier. „Vielleicht hat man ihnen die Zungen herausgeschnitten.“
„Eine Mannschaft von Stummen, meinen Sie?“ De la Cuesta schüttelte den Kopf. „Wissen Sie was? Das sind Engländer.“
„Soll ich Brandez rufen lassen?“ fragte der Erste mit gedämpfter Stimme.
„Ja, das erscheint mir angebracht.“
„Er hat gerade Freiwache.“
„Wir brauchen ihn jetzt“, sagte de la Cuesta. „Er wird uns weiterhelfen können.“
O’Leary gab sich redlich Mühe, so harmlos wie möglich dreinzuschauen, aber er registrierte natürlich, daß die beiden Spanier im Begriff waren, etwas auszuhecken. Auch die Geräusche, die von außenbords heraufdrangen, schienen nichts Gutes zu verkünden. Da polterte es, und irgend etwas Schweres schien bewegt zu werden.
Der Sargento erschien außenbords am Schanzkleid, er war die Jakobsleiter hochgestiegen. „Señor, im Boot befinden sich außer einiger weniger Waffen zwei Kisten mit Goldbarren, die den Stempel der Münze von Potosi aufweisen.“
„Aha“, sagte de la Cuesta trocken. „Danke.“
Der Erste war verschwunden, tauchte aber kurze Zeit darauf in Begleitung eines Mannes auf, der die Gefangenen besonders aufmerksam musterte.
„Brandez“, sagte der Erste Offizier zu diesem Mann. „Sprechen Sie mit Ihnen.“
Brandez blieb bei O’Leary und fragte auf Englisch: „Wie heißen Sie?“
Seine Aussprache war nahezu akzentfrei – und O’Leary verfluchte ihn bis in die tiefsten Schlünde der Hölle, weil er nicht damit gerechnet hatte, hier an Bord einem Dolmetscher zu begegnen.
Wieder zuckte O’Leary nur mit den Schultern und schüttelte grinsend den Kopf.
„Brandez“, sagte Don Gregorio de la Cuesta, „Erklären Sie diesem Mann, daß wir ihn zum Sprechen zwingen werden, falls es nicht tatsächlich ein körperlicher Mangel ist, der ihn daran hindert.“
„Bitte antworten Sie, Señor“, sagte Brandez zu dem Bootsmann der „Lady Anne“. „Es ist nur zu Ihrem Vorteil, glauben Sie mir.“ Er mußte in irgendeiner sehr guten Schule oder gar in England die Sprache erlernt haben, anders konnte es gar nicht sein.
O’Leary gab nur einen dumpfen Laut von sich, der bekundete, daß er entweder schwachsinnig oder taub oder stumm oder alles zusammen war.
„Der hier“, sagte der Profos jetzt und wies auf Thomas Lionel, „hat eben gelacht. Er kann sprechen. Vielleicht sollte man ihn befragen.“
De la Cuesta sagte: „Tun Sie das, Brandez.“
Brandez trat dicht vor Thomas Lionel Killigrew hin. „Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Wie heißt Ihr Schiff, und was haben Sie für einen Auftrag?“
Thomas Lionel wußte nicht, ob er kichern oder fluchen sollte. Er hielt es für besser, auf die Unterlippe zu beißen und ein dummes Gesicht zu schneiden, was ihm ohnehin nicht schwerfiel.
„Noch einmal“, sagte Brandez. „Ich habe Sie mit allem Respekt um Auskunft gebeten.“
Thomas Lionel druckste herum. Seine Augen waren Irrlichter, sie huschten mal nach links, mal nach rechts, mal nach unten oder nach oben. Nur vermied er es, Brandez oder den Profos anzusehen.
„Profos“, sagte de la Cuesta. „Versuchen Sie es mal. Vielleicht versteht er Ihre Sprache bedeutend besser.“
Blitzschnell schlug der Zuchtmeister mit der Neunschwänzigen zu – viel schneller, als man ihm das zugetraut oder als Thomas Lionel es erwartet hätte. Die geknoteten Lederriemen trafen ihn voll ins Gesicht.
Er stürzte mit einem kreischenden Entsetzenslaut auf die Planken und schrie: „Ich bin Thomas Lionel Killigrew, der Sohn vom alten Killigrew! Aber nicht mehr hauen! Ich bin unschuldig! Ich hab’ nichts getan! Ganz bestimmt nicht!“
6.
Der Profos wollte erneut zuschlagen, hielt jedoch verdutzt inne, als er sah, wie sich Thomas Lionel auf den Planken drehte und wand, und vernahm, wie dieser jammerte und offenbar um sein Leben winselte. Mit einem saftigen Fluch quittierte der bullige Mann das Benehmen des ferkelgesichtigen Kerls, dann wandte er sich zu seinen Leuten um und fragte: „Zum Teufel, was ist denn das für ein Jammerlappen?“
„Ohne Zweifel ein Engländer“, erwiderte Brandez. „Und zwar aus Cornwall, das hört man am Akzent.“
„Brandez, ich will wissen, wer sein Kapitän ist und was sie hier zu suchen haben“, sagte de la Cuesta.
Brandez trat auf Thomas Lionel zu, der sich gerade halb am Süll der Ladeluke hochzog und seufzend auf der Gräting niederließ. Stöhnend rieb er sich das schmerzende Gesicht, und mit einer wehleidigen Geste griff er an den Kopf verband, der etwas blutig war.
„Wer ist der alte Killigrew?“ fragte Brandez.
„Mein Vater.“
„Wo ist er?“
„Auf der ‚Isabella‘, in der Vorpiek, nehme ich doch an!“ stieß Thomas Lionel hastig mit einem Seitenblick auf den Profos aus.
„Ist die ‚Isabella‘ euer Schiff?“
„Nein, sie gehört dem Bastard.“
„Welchem Bastard?“
„Dem Bastard aller Bastarde!“ zischte Thomas Lionel. „Der hat uns die ganze Suppe ja überhaupt eingebrockt.“
Brandez übersetzte diese Worte, aber keiner wurde daraus schlau. Jetzt trat der Profos wieder in Aktion. Er drosch wie in einem jähen Wutanfall mit der Neunschwänzigen auf die Gefangenen ein und trieb O’Leary sogar mit Hieben und Tritten gegen die Querwand des Achterkastells, wo dieser sich heftig die Knochen stieß und dann auf die Planken sank.
„Bist du wirklich taub und stumm?“ brüllte der Profos ihn an.
Brandez übersetzte es, wie es seine Aufgabe war. O’Leary spuckte vor Ihnen beiden aus, aber daraufhin traktierte der Profos ihn erneut mit der Peitsche. Thomas Lionel stieß quiekende Laute aus, und auch sein Bruder begann vor lauter Angst entsetzlich zu stöhnen. Die anderen Kerle von der „Lady Anne“ fluchten unflätig.
O’Leary hob plötzlich die Hand, bevor der Profos erneut zuschlagen konnte.
„Das genügt“, sagte er. „Ich rede.“
„Das wird auch langsam Zeit“, sagte Brandez, der Dolmetscher.
„Der Mann dort mit dem Schweinegesicht ist nicht ganz richtig im Kopf“, erklärte O’Leary. „Killigrew war sein Vater, aber er ist jetzt tot, mit unserem Schiff, der ‚Lady Anne‘, gesunken. Wir sind friedliche Kauffahrer, jetzt jedoch Schiffbrüchige. Lange haben wir auf einer Insel der Grand Cays gehockt. Dann trieb die Jolle an, ein Geschenk des Himmels für uns arme Teufel, die wir schon seit Monaten auf dem Eiland dahinvegetierten.“
De la Cuesta ließ sich dies übersetzen, dann enterte er auf das Hauptdeck ab und besah sich den Bootsmann der „Lady Anne“ noch einmal genau. Er schoß eine Reihe von Fragen auf ihn ab, die von Brandez genauso schnell wie die Antworten in die jeweils andere Sprache übertragen wurden.
„Was für ein Schiff war die ‚Lady Anne‘?“
„Eine Dreimastkaravelle.“
„Heimathafen?“
„Falmouth, Sir, wenn’s recht ist.“
„Zielhafen?“
„Havanna.“
„Das ist eine Lüge“, sagte de la Cuesta kalt. „Ich habe noch von keinem englischen Schiff gehört, das Kuba in friedfertiger Absicht angelaufen hat.“
„Es stimmt aber doch“, sagte O’Leary. „Unser Kapitän hatte einen besonderen Vertrag, äh, mit den Spaniern in Havanna.“
„Einen Vertrag welcher Art?“
„Keine Ahnung, das war sein Geheimnis.“
„Warum sank das Schiff?“
„Es geriet in einen Sturm“, erwiderte O’Leary.
„Wann?“ wollte de la Cuesta wissen.
„Ach, so im Juni. Nein, im Mai.“
„An welchem Tag im Mai?“
„Am – sechzehnten. Jawohl, jetzt kann ich mich wieder erinnern“, entgegnete O’Leary frech grinsend.
„An diesem Tag herrschte ruhiges Wetter“, sagte de la Cuesta. „Im übrigen sehen diese Schiffbrüchigen nicht so erbarmungswürdig aus, daß man alles glauben könnte. Sie sind Engländer, Señores, und Schnapphähne obendrein.“
„Stimmt nicht!“ schrie O’Leary. „Wir sind ehrliche Leute!“ Aber er begriff, daß er sich hoffnungslos verrannt hatte.
„Es ist alles erstunken und erlogen“, sagte de la Cuesta. „Aber immerhin – wir wollen uns zeigen lassen, auf welcher Insel diese Kerle gehaust haben. Denn bei mehreren Monaten Aufenthalt müssen sie selbstverständlich ziemliche Spuren hinterlassen haben.“
„Die Grand Cays sind ja nicht weit“, sagte der Erste Offizier.
„Die Boote an Bord hieven, auch die Jolle der Engländer!“ befahl Don Gregorio de la Cuesta. „Wir segeln sofort weiter und sehen nach, was es mit diesem Eiland auf sich hat.“ Noch einmal wandte er sich an O’Leary und fragte ihn, indem er die Fäuste in die Seiten stemmte: „Wart ihr wirklich auf einer Insel?“
„Ich schwöre es.“
„Ich rate dir dazu, die Wahrheit zu sagen. Woher habt ihr die Goldkisten?“
„Wir haben sie in der Jolle gefunden, die angetrieben ist“, erwiderte O’Leary.
De la Cuesta drehte sich um und enterte aufs Achterdeck. „Ich werde ausreichend Gelegenheit haben, das alles gründlich zu überprüfen“, sagte er. „Und gnade dir Gott, wenn du gelogen hast, Kerl.“
„Keiner findet zwei Kisten mit Goldbarren, einfach so“, sagte der Profos. „Das gibt es nicht. Soll ich noch mal zuschlagen, Señor?“
„Nein, jetzt nicht“, erwiderte de la Cuesta. „Die Gefangenen werden in das Kabelgatt gesperrt und bewacht. Wenn sie sich aufsässig benehmen, werden sie in Ketten gelegt.“
Sofort wurden die Befehle ausgeführt. Die Seeleute hievten die Boote hoch und schwenkten sie binnenbords, dann wurden sie auf dem Hauptdeck festgezurrt. Die Jolle der „Dragon“ wurde noch einmal einer genauen Prüfung unterzogen, aber mehr „verdächtiges, belastendes Material“ als die beiden Goldkisten entdeckten die Spanier nicht.
Die Seesoldaten unter der Leitung eines Teniente führten die Gefangenen ab. Dumpf polterten die Schritte auf dem unteren Deck des Schiffes, und mit einem Knall fiel das Schott des Kabelgatts hinter ihnen zu.
O’Leary stand mit etwas gesenktem Schädel da und musterte Thomas Lionel aus schmalen, bösartig funkelnden Augen. Thomas Lionel wich vor ihm zurück.
„Nein“, sagte er mit bebender Stimme. „Diesmal kannst du mir nicht die Schuld geben. Ich – du hast ja auch gequatscht, als dieser Bulle dich gepiesackt hat.“
„Ja. Aber nur, weil du dein Maul nicht halten konntest.“
„Es wäre auch so geschehen“, sagte einer der anderen Männer. „Unsere Tarnung wäre so und so aufgeflogen, O’Leary, sieh das doch ein. Wir hätten uns nicht lange einfach taubstumm stellen können.“
„Und jetzt sitzen wir in der Scheiße“, sagte der Bootsmann. „Und zwar bis zum Hals.“
„Laß deine Wut nicht an uns aus“, sagte Simon Llewellyn. Vorsichtshalber nahm er schon mal eine abwehrbereite Haltung ein.
Aber O’Leary winkte ab und ließ sich auf eine Taurolle sinken. „Ihr könnt mir den Buckel runterrutschen. Überlegen wir lieber, wie wir hier rauskommen.“ Er sprach jetzt leise, denn er befürchtete, daß Brandez, der Dolmetscher, am Schott lauschte.
Das war tatsächlich der Fall. Doch Brandez konnte nicht mehr verstehen, was sie jetzt beredeten. Sie schmiedeten Fluchtpläne, aber sie sahen selbst ein, daß es keinen Sinn mehr hatte. Wenn die Spanier sie nicht gnädigerweise wieder freiließen, hatten sie keine Chance mehr.
Sie waren hoffnungslos festgenagelt. Vom wilden, freien Leben der Freibeuter konnten sie vorläufig nur noch träumen.
Mit vollem Preß segelten die beiden spanischen Kriegsgaleonen, und schon kurz vor Mittag hatten sie die östlichsten Inseln der Grand Cays erreicht. De la Cuesta brauchte nicht lange zu suchen, bald hatte sein Ausguck das Eiland entdeckt, in dessen Nordbucht die Masten zweier versenkter Galeonen aus dem Wasser aufragten. Es waren die traurigen Überreste der „Orion“ und der „Dragon“.
De la Cuesta ließ die Segel ins Gei hängen und beidrehen, dann verständigte er sich kurz mit dem Kommandanten der zweiten Kriegsgaleone, um die nächsten Schritte, die es zu unternehmen galt, zu koordinieren. Die Schiffe lagen sehr nah beieinander, de la Cuesta konnte in normalem Tonfall mit dem anderen Kapitän sprechen.
„Haben Sie das gesehen?“ fragte er. „An Land befinden sich Menschen.“
„Eben sind sie verschwunden“, sagte der andere Kommandant.
„Sie haben die Flucht vor uns ergriffen“, sagte de la Cuesta. „Es sind Engländer. Ich bin ziemlich sicher, daß wir zwei der Kriegsgaleonen vor uns haben, die vor einer Woche St. Augustine passiert haben.“
„Ja, das bin ich auch.“
„Was hier gespielt wird, kriegen wir gleich heraus“, sagte de la Cuesta grimmig. „Ich versichere es Ihnen.“
„Was haben Sie vor?“
„Ich vernehme noch einmal die Gefangenen. Dann setzen wir mit einem Boot zum Ufer der Bucht über und verhandeln mit den Engländern.“
„Ein guter Gedanke, Don Gregorio.“ Der zweite Kommandant hatte weder Einwände noch bessere Vorschläge. Außerdem war de la Cuesta als der Dienstältere ohnehin der Mann, der die Entscheidungen traf.
De la Cuesta gab die Anweisung, die Gefangenen aus dem Kabelgatt zu holen. Sie wurden von den Seesoldaten auf das Hauptdeck geführt und mit Musketen bewacht.
O’Leary und seine Kerle hatten sehr wohl den Wortwechsel von Bord zu Bord der Schiffe vernommen, doch sie wußten nicht, um was es dabei gegangen war. Jetzt sahen sie, daß sie sich unmittelbar vor der Nordbucht der Insel befanden – und ihnen wurde blümerant zumute.
Am Ufer hatten unterdessen Tottenham, Corbett, Gretton, Bush, Ross und die anderen alles stehen und liegen lassen, denn rechtzeitig genug hatte ein Posten das Auftauchen der spanischen Galeonen gemeldet. Die Männer kauerten im Dickicht, hielten ihre Schußwaffen in den Händen und spähten zu den Schiffen hinüber.
„Dons“, sagte Gretton. „Ausgerechnet. Die haben uns zu unserem Glück noch gefehlt. Erst hat die Korsarin mit dem Zweidecker uns zusammengeschossen, jetzt tauchen diese Spanier auf und geben uns den Rest.“
„Warten wir erst mal ab, was sie wollen“, sagte Corbett. „Vielleicht können wir uns auf unsere Notlage berufen und sogar Unterstützung von ihnen erbitten.“
„Nach sittlichen und moralischen Prinzipien sollte bei Schiffbruch Hilfe geleistet werden“, sagte Tottenham, der stets auf Vorschriften bedachte Mann. „Aber leider gibt es keine Vereinbarungen darüber, und nirgends ist das schriftlich festgehalten. Es hängt von der Auffassung und vom Charakter eines Schiffsführers ab, wie er sich verhält. Und das dort, Gentlemen, sind spanische Kriegsgaleonen.“
„Sehr gut armierte sogar“, sagte Gretton. „Ich frage mich, woher die kommen.“
„Das ist jetzt unwichtig“, sagte Corbett. „Eins ist sicher: Sie haben uns mit Sicherheit als Engländer erkannt, denn die Flögel der gesunkenen Schiffe geben Auskunft über unsere Herkunft. Ich schätze, daß sie gleich in die Bucht eindringen und als erstes unsere Hütten zusammenschießen.“
„Sie glauben also auch nicht an, Nachsicht?“ fragte Gretton.
„Ehrlich gesagt, nein.“
Mit wachsender Besorgnis beobachteten sie weiterhin die Schiffe. Sie waren nur froh darüber, daß sie ihre Jollen noch rechtzeitig genug ins Landesinnere geschleppt hatten. Diesen Befehl hatte Tottenham gegeben, sobald der Ausguckposten die heransegelnden Schiffe gemeldet hatte.
Tottenham hatte sich in diesen letzten Sekunden geändert. Er war entschlußfreudiger und mutiger geworden. Seit ihm Männer wie Sir Henry, Monk und Stewart nicht mehr zusetzten, hatte er sich wieder auf seine Pflichten und sein Können als Kommandant eines Kriegsschiffes besonnen. Er war wieder Herr der Lage.
Stewart war immer noch gefesselt, war jedoch aus der Hütte, die als Gefängnis diente, geholt worden. Er hockte nicht weit von den Männern entfernt am Boden und wurde von zwei Seesoldaten mit Musketen bewacht.
Während die Männer der „Orion“ und der „Dragon“ sowie die letzten Mitglieder der Crew Sir John Killigrews im Uferdickicht abwarteten, was geschah, spitzte sich auf der spanischen Führungsgaleone die Lage zu, und zwar für O’Leary und dessen Kerle.
Don Gregorio de la Cuesta stand an der Schmuckbalustrade des Achterdecks und hatte wie immer die Hände aufgestützt. Kalt blickte er zu den Gefangenen. Brandez, der Dolmetscher, stand wieder bereit, um jedes Wort zu übersetzen.
„Señor O’Leary“, sagte der Kommandant. „Ich sehe die Masten von zwei englischen Kriegsgaleonen aus dem Wasser der Bucht aufragen. Es handelt sich also keineswegs um eine Dreimastkaravelle, und die könnte auch nicht hier liegen, wenn sie im Sturm gesunken wäre. Wollen Sie Ihre Aussage gefälligst revidieren und nunmehr die volle Wahrheit berichten?“
„Ich habe die Wahrheit gesagt“, erklärte O’Leary hartnäckig.
De la Cuesta deutete auf Thomas Lionel Killigrew. „Profos, Sie ziehen diesen Mann als ersten an der Nock der Großrah hoch und lassen ihn zappeln. Wir wollen doch mal sehen, ob die anderen sich dann endlich entschließen, die Dinge so zu erzählen, wie sie sich zugetragen haben.“
Thomas Lionel wurde kreidebleich im Gesicht und schien irgendwie Schwierigkeiten mit der Atmung zu haben. Er begann zu keuchen und zu röcheln. Es wirkte so, als würde er jeden Augenblick ohnmächtig zusammenbrechen und auf die Planken sinken.
Der Profos hatte plötzlich ein Tau in den Händen und schlug einen Knoten in das Ende, aus dem rasch eine Schlinge wurde. Er näherte sich Thomas Lionel, und der begann zu schlucken und zu würgen und Unverständliches zu stammeln.
„Ich lasse alle Gefangenen an die Rah hängen“, erklärte de la Cuesta mit scharfer, deutlicher Stimme. „Sie sterben, einer nach dem anderen, wenn sie sich nicht bequemen, auszupacken und die Wahrheit zu sagen.“
„Warum glauben Sie uns denn nicht?“ rief O’Leary. Es war der letzte verzweifelte Versuch, den Kommandanten doch noch zu täuschen.
De la Cuesta musterte ihn wieder eiskalt. „Für wie dumm halten Sie mich eigentlich, O’Leary? Mir ist klar, daß zwischen den Männern an Land und Ihnen und Ihren fünfzehn Kerlen eine Verbindung besteht. Also, überlegen Sie es sich. Der Feigling dort drüben ist als erster dran, als nächster Sie!“
Das Tau wurde über die Großrah geworfen, die Schlinge baumelte bedrohlich und unheilverkündend herunter. Thomas Lionel setzte sich mit einem gurgelnden Laut auf die Kuhlgräting. Simon Llewellyn begann auch bereits zu wanken. Den anderen war jetzt ebenfalls schlecht, sehr schlecht sogar, denn sie waren davon überzeugt, daß dieser de la Cuesta ein eisenharter Mann war, der seine Befehle rigoros zur Durchführung brachte.
O’Leary beschloß zu reden – nicht, um Thomas Lionel das Leben zu retten, sondern um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Warum sollte er die „Affen“ von der englischen Marine auch decken? Was hatte er letztlich mit denen zu schaffen? Er hatte Stewart ausgebootet, genauso scham- und skrupellos würde er jetzt die anderen in die Pfanne hauen.
„Also gut“, begann er. „Wir haben alle zu einem Verband von fünf Schiffen gehört, der von England in die Karibik gesegelt ist, um den Seewolf zu jagen.“ Er berichtete alles, was er wußte, und gab de la Cuesta schließlich sogar noch den Hinweis, wo der berüchtigte „El Lobo del Mar“ zu finden wäre.
Damit lieferte er seine Landsleute in der Karibik an den gemeinsamen Feind Spanien aus, doch dieser Verrat bereitete ihm nicht die geringsten Gewissensbisse, denn schließlich rettete er dadurch die eigene Haut, und die bedeutete ihm mehr als alles andere auf der Welt.
7.
Capitán Don Gregorio de la Cuesta war ein Mann mit Erfahrung. Er war sehr methodisch veranlagt und erledigte aus diesem Grund zuerst die eine, vordringliche Sache, dann die andere. Ruhig hörte er sich an, was O’Leary zu berichten hatte, dann wandte er sich an seinen Ersten Offizier.
„Wir nehmen zunächst die Engländer auf der Insel aufs Korn“, sagte er. „Ich hoffe für sie, daß sie sich ergeben.“
„Was geschieht danach mit ihnen?“ fragte der Erste.
„Sie werden – in bewährter Manier – ihr weiteres Leben in einem der spanischen Bergwerke verbringen.“
„Was tun wir, wenn sie nicht kapitulieren?“
„Wir eröffnen das Feuer, das ist doch logisch“, entgegnete de la Cuesta. „Sie werden noch heute ihr Leben auf diesem Eiland beenden. Anschließend widmen wir uns dem Seewolf.“
„Ist das der Mann, der seinerzeit auch in Fort St. Augustine war?“
„Ja.“
„Ein Teufelskerl, nicht wahr?“
„Soll das heißen, daß Sie Sympathien für ihn hegen?“ fragte de la Cuesta streng.
„Natürlich nicht, Señor Comandante.“
„Nach Aussage von O’Leary soll der Mann ziemlich stark verletzt sein.“
„Wäre das nicht eine gute Chance für uns, ihn zu stellen und zur Strecke zu bringen?“
„Allerdings“, sagte de la Cuesta. „Wir müssen sie entsprechend nutzen. Beeilen wir uns also. Wir brauchen einen Parlamentär.“
„Ich melde mich freiwillig für diese Aufgabe, Señor Comandante.“
„Sehr gut. Nehmen Sie Brandez mit.“
„Als Dolmetscher, jawohl, Señor“, sagte der Erste Offizier.
„Zwei Seeleute werden sie als Rudergasten begleiten“, fuhr de la Cuesta fort. „Hören Sie jetzt genau zu. Ich will, daß die Verhandlung kurz und mit aller Entschlossenheit durchgeführt wird. Wir geben den Engländern eine Gelegenheit zur Rettung und richten uns nach den Geboten der Fairneß, wie sie es nennen.“ Er sprach nur noch wenige Worte, dann entließ er den Ersten mit einem knappen Kopfnicken.
Kurze Zeit darauf wurde der Erste Offizier als Parlamentär von zwei Decksleuten in die Bucht gepullt. Ihm gegenüber saß Brandez auf der Ducht, blickte immer wieder über die Schulter zum Ufer und bereitete sich innerlich auf alles vor. Was geschah, wenn die Engländer die Gesetze der Neutralität mißachteten und den Ersten, die beiden Bootsgasten und ihn als Geiseln nahmen?
Dann hatten sie ein Faustpfand, mit dem sie de la Cuesta erpressen konnten. Freies Geleit würden sie fordern. Wie aber verhielt sich der Kommandant in diesem Fall? Ging er auf das Verlangen der Erpresser ein, oder opferte er seine vier Männer – im Interesse der Sache oder weil der Zweck die Mittel heiligte?
Alles das ging Brandez durch den Kopf, während sich die Jolle in die Bucht der Insel schob und an den aus dem Wasser aufragenden Masten der gesunkenen Galeonen vorbeiglitt. Eine leichte Brandung erfaßte das Boot, hob es ein wenig hoch und ließ es sanft auf dem Ufersand aufsetzen.
Der Erste hatte die weiße Flagge auseinandergerollt und schwenkte sie mit der rechten Hand hin und her. Als sich nichts regte, stieg er aus dem Boot auf den Strand und bewegte sich ein paar Schritte auf das dichte, verfilzt und undurchdringlich wirkende Gestrüpp zu.
„Sagen Sie Ihnen, daß wir Sie zur Übergabe auffordern, Brandez“, sagte der Erste.
Brandez rief: „Wir wissen, daß Sie sich im Urwald versteckt halten! Ergeben Sie sich! Dieses Angebot unterbreiten wir Ihnen nur einmal, dann eröffnen wir das Feuer! Wir wissen, daß Sie Engländer sind!“
Corbett wollte aus dem Dickicht treten, doch Tottenham hielt ihn am Arm zurück und verließ selbst den Schutz der Mangroven und Lianen. Er ging einige Schritte auf die beiden Spanier zu, dann blieb er stehen. Sein prüfender Blick wanderte zu den Männern im Boot. Sie schienen, soweit er erkennen konnte, unbewaffnet zu sein.
Sir Edward Tottenham sah den Ersten Offizier der spanischen Kriegsgaleone, dann den Dolmetscher an.
„Mein Name ist Tottenham“, sagte er. „Ich bin der Kapitän der ‚Orion‘ und Kommandant des Verbandes, der jetzt nicht mehr existiert. Wie sind die Bedingungen, unter denen unsere Kapitulation zu geschehen hätte?“
„Ihnen und Ihren Männern wird kein Haar gekrümmt“, erwiderte der Erste Offizier. „Sie haben unser Ehrenwort, Señor. Mein Kommandant, Capitán Don Gregorio de la Cuesta, wäre sogar bereit, Ihnen dies schriftlich zu bestätigen.“
„Was geschieht aber konkret, wenn wir uns kampflos ergeben?“
„Dann haben Sie sich als Gefangene zu betrachten.“
„Wie lange?“
„Über Ihr Schicksal beziehungsweise die Dauer der Gefangenschaft hat der Kronrat in Spanien zu entscheiden“, erwiderte der Erste Offizier. „Sie haben einen Aggressionsakt verübt, und zwar das Aufbringen und Versenken einer spanischen Galeone, der ‚Santa Cruz‘. Daher müssen Sie als Feinde der spanischen Krone betrachtet werden.“
Tottenham schwieg eine Weile. Es hatte keinen Zweck, darauf hinzuweisen, daß es schließlich Sir John Killigrew gewesen war, der die „Santa Cruz“ gekapert hatte. Immerhin hatte seine „Lady Anne“ zu dem Verband gehört, wenn er, Tottenham, inzwischen auch eingesehen hatte, daß es besser gewesen wäre, dieser unglückliche Verband hätte England niemals verlassen.
„Geben Sie mir ein paar Minuten Bedenkzeit“, sagte er zu den beiden wartenden Spaniern. „Ich muß mich kurz mit meinen Männern beraten.“
„Tun Sie das, Señor“, sagte der Erste Offizier. „Wir warten hier solange auf Sie.“
Tottenham kehrte ins Dickicht zu seinen Männern zurück.
„Das klingt alles nicht sehr gut“, sagte er. „Und alles wegen dieses verdammten Überfalls auf die ‚Santa Cruz‘, aus dem sich in der Folge diese unmögliche Situation, in der wir jetzt stecken, entwickelt hat. Gleichzeitig muß ich allerdings auch sagen, daß sich diese Spanier sehr korrekt verhalten.“
„Ja, Sir, in diesem Punkt pflichte ich Ihnen bei“, sagte Corbett. „Aber das heißt noch lange nicht, daß sie auch Nachsicht üben. Sie werden uns zur Zwangsarbeit verurteilen, und das ist noch das günstigste für uns. Im schlimmsten Fall werden wir erschossen oder erhängt.“
Daß sich die O’Leary-Bande an Bord der einen spanischen Galeone befand, hatten sie inzwischen durchs Spektiv erkennen können. Somit war alles klar. Die Spanier hatten die Goldkisten gefunden und daraus einige sehr klare Schlußfolgerungen gezogen. Außerdem hatten sie die Kerle mit Sicherheit zum Sprechen gebracht.
„Ja, damit müssen wir natürlich rechnen“, sagte Tottenham. „Andererseits können wir aber auch nicht gegen Schiffskanonen kämpfen.“
„Wir können es, Sir“, sagte Corbett. „Wir haben den Dschungel als Deckung. Wenn sie an Land kommen, greifen wir sie aus dem Hinterhalt an.“ Ganz kühl und sachlich erklärte er: „Ich bin für Widerstand. Wir haben genug Munition. Wir können uns halten. Aus dem Dschungelkrieg, den wir hier führen werden, ergibt sich vielleicht sogar eine Chance zum Gegenangriff und Entern der beiden Galeonen.“
„Ja, das könnte mit viel Glück klappen“, sagte Gretton. „Aber auch mit Einsatzbereitschaft. Daran mangelt es bei uns nicht, schätze ich.“
„Bestimmt nicht“, murmelten die Männer der „Orion“ und der „Dragon“. Die Kerle der „Lady Anne“ und der Adelsclique äußerten sich nicht dazu.
„Ich für meinen Teil ziehe den Kampf einer ungewissen Gefangenschaft vor“, sagte Corbett mit harter, entschlossener Miene. „Wir könnten auch auf einer Galeere landen – oder in einem Steinbruch oder in einer Silbermine. Dort geht ein Mensch innerhalb weniger Jahre elend zugrunde. Sir, ich ziehe es vor, hier zu sterben, im Kampf. Das entspricht eher der Würde eines englischen Seeoffiziers.“
„Im übrigen ist die Insel durchaus zu verteidigen“, sagte Gretton.
„Richtig. Sie können nur mit Booten landen“, fügte Corbett hinzu.
„Die müssen wir vorher durchlöchern.“
„Darauf kommt es an.“
„Damit hindern wir sie am Landen“, fuhr Gretton fort. „Wer dann noch ans Ufer schwimmt, der kann keine Schußwaffen mehr verwenden, sondern ist auf seine Blankwaffen angewiesen. Dann folgt der Dschungelkampf, wie Corbett gesagt hat.“
„Wir müssen unsere besten Schützen für das Feuer auf die Boote absetzen“, sagte Marc Corbett. „Wenn die Spanier keine Boote mehr haben, ist bereits ein Unentschieden erreicht.“
Tottenham sagte: „Da muß ich Ihnen recht geben. Auch ich lege keinen Wert darauf, mich in spanische Kriegsgefangenschaft zu begeben.“
Dem stimmten auch die übrigen Offiziere, die Seesoldaten und die Decksleute beider Schiffe zu.
„Wir haben durchaus eine gute Chance, die Spanier abzuwehren“, sagte Gretton. „Zumal durch die Crew der ‚Orion‘ und dank der Umsicht von Corbett ja tatsächlich Pulver und Schußwaffen in genügender Menge vor dem Untergang der Schiffe an Land gebracht worden sind.“
„Dann sind wir uns also einig?“ fragte Corbett.
„Natürlich“, erwiderte Tottenham. „Ich teile es jetzt dem Parlamentär mit, und der Dolmetscher wird es ihm übersetzen. Danach sollten wir uns schleunigst tiefer in Deckung zurückziehen.“
„Aus dem Kinken treten“, sagte Corbett. „Alle Mann in den Urwald – bis auf freiwillige Beobachter beziehungsweise die Scharfschützen an der unmittelbaren Front, das heißt, in jenem Bereich, den die Spanier unter Kanonenbeschuß nehmen werden.“
Er veranlaßte alles Erforderliche, während Tottenham das Gebüsch verließ und zu dem wartenden Ersten Offizier und dem Dolmetscher Brandez zurückkehrte. Er blieb ziemlich dicht vor ihnen stehen und sagte: „Leider können wir eine Übergabe nicht akzeptieren.“
„Also Kampf?“ fragte der Erste Offizier.
„Ja.“
„Sie wissen nicht, welchen Fehler Sie begehen.“
„Ich weiß genau, was ich tue“, sagte Tottenham ruhig. „Verlassen Sie sich darauf. Bestellen Sie Ihrem Capitán einen Gruß und richten Sie ihm aus, daß wir bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.“ Er grüßte militärisch knapp, dann sah er ihnen nach, wie sie sich umdrehten und zu ihrem Boot eilten. Sie pullten durch die Bucht zu den Schiffen zurück, die wie zwei graue Schatten unter dem greller werdenden Licht der Sonne wirkten.
Ich weiß auch, was ich zu tun habe, wenn ich als einziger übrigbleibe oder euch in die Hände falle, Señores, dachte Tottenham. Dann drehte er sich auf dem Absatz im weichen, weißen Sand um und gesellte sich zu seinen Männern.
Don Gregorio de la Cuesta reagierte genauso, wie Marc Corbett von ihm erwartet hatte. Die spanischen Kriegsgaleonen begannen zu manövrieren und legten sich in die Einfahrt der Bucht, wobei die Mündungen ihrer Kanonen durch die offenen Stückpforten drohend auf das Ufer gerichtet waren. Rufe waren zu vernehmen, gebrüllte Befehle, die bis zur Insel schallten.
Corbett, Gretton und die besten Männer der „Orion“ und „Dragon“ lagen zu diesem Zeitpunkt längst in ihren Stellungen, die sie sich als die strategisch besten ausgewählt hatten.
„Jetzt geht es los“, sagte Corbett zu Bush, dem Decksältesten der „Orion“, der links neben ihm platt auf dem Bauch lag. „Sie eröffnen ein hübsches Breitseitenfeuer auf die Hütten.“
„Der Teufel soll sie holen.“
„Es tut mir leid um die Hütten, Mister Bush.“
„Ach, mir eigentlich nur um die Arbeit, die wir darauf verwendet haben“, brummte Bush, dann spähte er über den Lauf seiner Muskete hinweg zu den Galeonen. Kommt bloß her, ihr Hunde, dachte er, dann werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt.
In diesem Moment begannen die Kartuschenladungen in den Rohren der Geschütze zu explodieren, ein heißer Gluthauch, begleitet von Rauch, schoß aus den Mündungen. Schwerer Donner grollte, wie ein Eisengewitter rasten die Siebzehnpfünder-Kugeln heran. Zwei volle Breitseiten – sie hagelten in die gesamte Strandregion und zerhackten als erstes die Hütten, die wie morsches Holz auseinanderbrachen. Trümmerteile wirbelten durch die Luft. Sandfontänen stoben hoch. Es dröhnte und prasselte, und eine fette schwarze Rauchwolke wälzte sich von den Schiffen zur offenen See davon.
Von den Hütten blieb nicht mehr viel übrig. Nur ein paar Balkenreste ragten noch wie anklagend aus dem Sand auf. Der Strand hatte Löcher, und hier und da war eine Kugel zu sehen, die dicht vor den Mangroven gelandet war. Das war alles.
Ross, der sich als Melder betätigte, kroch zu Corbett und Bush.
„Alles klar hier?“ fragte er. „Bei uns keine Verletzten. Wir können über die Dons nur lachen.“
„Wir sind auch in Ordnung“, erwiderte Corbett. „Aber ich hoffe, daß sie feuern, bis die Rohre glühen. Damit verpulvern sie ihre Munition und haben, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht mehr allzuviel.“
Die Masse der beiden englischen Schiffsmannschaften hatte sich auf Corbetts genaue Anweisungen hin aus dem gefährdeten Bereich zurückgezogen. Somit war sie nicht gefährdet. Die Beobachter und Scharfschützen hingegen lagen gut getarnt an der West- und Ostseite der Bucht. Auch die Boote waren gesichert, Corbett hatte sie noch tiefer in den Urwald schleppen und zurren lassen.
Im Dickicht der Südseite der Bucht hatten sich nur ein paar wenige Männer eingegraben und ließen den Kugelhagel stoisch über sich ergehen. Abwarten war Trumpf – und nicht die Beherrschung verlieren. Das hatten Tottenham, Corbett und Gretton ihnen so richtig eingehämmert.
Wieder dröhnten die Schiffskanonen, wieder schlugen die Kugeln in den Sand. Doch da gab es inzwischen schon nichts mehr, was zerstört werden konnte. Ein paar Kugeln lagen höher und flogen ins Dickicht, doch sie trafen keinen der Männer.
„Weiter so“, sagte Corbett grimmig. „Sie erzielen keinen einzigen Treffer. Die Dons schießen wirklich mit Kanonen nach Spatzen.“
„Die Holzhütten sind total zu Bruch gegangen“, sagte Bush.
„Später bauen wir eben wieder neue auf.“
„Wenn es nötig ist.“
„Eben“, sagte Corbett. „Vielleicht haben wir es aber gar nicht nötig. Wenn wir die Galeonen kapern, sind wir fein raus. Aber darauf mag ich noch nicht hoffen.“
Stewart war unterdessen noch ein wenig tiefer in den Inseldschungel geschleppt worden, genau wie die Boote. Starr blickte er vor sich hin. Ihm war es ziemlich egal, wer hier siegte. Für ihn war die Partie so oder so verloren, das hatte er endgültig eingesehen.
Jetzt erwies es sich fast als ein Segen, daß die „Orion“ und die „Dragon“ als Wracks gewissermaßen die Bucht versperrten oder einengten.
„Das ist ein echter Vorteil für uns“, murmelte Corbett, während die dritte Breitseite aus den Kanonenrohren röhrte. „Unsere Schiffe verhindern ein Einlaufen der beiden Kriegsgaleonen.“
„Und auch deren Manövrierbarkeit“, sagte Bush.
„Sollten wir uns dafür bei der Korsarin bedanken?“
„Bei dem Höllenweib?“ Bush mußte unwillkürlich grinsen. „Auf gar keinen Fall. Ich schätze, sie ahnt auch gar nicht, was hier gerade passiert.“
„Sie würde sich sehr wundern.“
Daß die Rote Korsarin unerwartet wieder auftauchen sollte, konnten hingegen die Männer der „Orion“ und der „Dragon“ nicht ahnen. Sie rechneten nicht damit, daß sie sich wieder mit dem Zweidecker zeigte, denn nach ihrer Ansicht hatte es genügt, daß Stewart, O’Leary und die Jollen-Meute auf der Insel der Pensacola Cays zurückgeschlagen worden waren. Damit gaben sich, so glaubten sie, Siri-Tong und der derzeitige Kapitän der „Isabella“ zufrieden.
Corbett betrachtete die Schäden am Ufer. Die Hütten waren völlig zerlegt, die Mangroven am Rande des Dickichts zerrupft und zersplittert. Jetzt schien aber auch dem Kommandanten der beiden Kriegsgaleonen aufzugehen, daß er auf diese Art nichts erreichte. Darum änderte er seine bisherige Taktik und ging zur zweiten Phase des Gefechts über, die Corbett auch wieder einkalkuliert hatte.
Je drei Boote wurden – so konnten Corbett, Gretton und die anderen mühelos durch ihre Kieker verfolgen – von jeder Galeone auf der Seeseite abgefiert und mit Landungstrupps besetzt. Corbett sah, wie die Boote ausgeschwenkt wurden und dann verschwanden. Er beobachtete die Männer, die auf den Hauptdecks zusammentraten und dann abenterten.
„Noch haben sie Schutz durch die Schiffe“, murmelte er. „Aber das wird gleich anders.“
„Vor allen Dingen müssen die Kanonen ihr Feuer einstellen“, sagte Francis Bush grinsend.
„Wenn sie jetzt feuern, gefährden sie ihre eigenen Männer“, sagte Corbett.
„Da – jetzt erscheinen die Boote!“
Die Jollen schoben sich hinter den Schiffen hervor, änderten den Kurs mit Richtung auf die Bucht und hielten unter zügigem Riemenschlag auf das Ufer zu.
Corbett lag auf der Westseite der Bucht. Er ließ Gretton und dessen Trupp, der sich an der gegenüberliegenden Seite aufhielt, durch Ross mitteilen, daß unbedingt mit dem Schießen gewartet werden sollte, bis sich die Jollen auf einer Höhe mit den Musketen und Tromblons befanden. Corbett gab seinen Leuten ein Zeichen, und sie rückten aus der Deckung etwa zehn Yards hinter Corbett und Bush vor.
„So, jetzt geht’s um die Wurst, Kerls“, sagte Bush. „Oder besser – um die Pulle. Wer die meisten Treffer erzielt, erhält eine Flasche Whisky aus der Geheimreserve von Sir Edward.“
„Ich schlage vor, wir hören mit dem Reden auf“, sagte Corbett.
„Aye, Sir“, brummten die Männer, legten sich flach auf die Bäuche, schoben ihre Musketen und Blunderbusses vor und zielten auf die anrückenden Boote.
„Noch etwas warten“, sagte Corbett. „Ich zähle rückwärts. Haltet auf die Wasserlinie.“
Jeder hatte mindestens zwei Waffen, die meisten drei, vorwiegend Musketen mit langen Läufen, die eine besonders starke Pulverladung hatten. Die Männer wußten, daß alles stimmte, Distanz und Ladung. Wenn nicht irgendein Unglück geschah, mußte es ihnen gelingen, zumindest einen Teil der Jollen zum Sinken zu bringen.
„Achtung“, flüsterte Corbett. „Drei, zwei, eins – Feuer!“
Gleichzeitig krachten die Musketen, und auch drüben, auf der Ostseite, blitzten jetzt im Dickicht die Mündungsfeuer auf. Ein Hagel von Kugeln prasselte im Knattern der Waffen auf die Boote ein, und die Insassen – Seeleute und Seesoldaten – begannen mörderisch zu schreien.
8.
Corbett vertauschte die erste Muskete, die er leergefeuert hatte, mit einer zweiten und gab, ohne lange zu zögern, den nächsten Schuß auf die Jolle ab, die er sich als Ziel ausgewählt hatte. Auch dieses Mal traf er, das Boot zog Wasser und begann zu sinken. Gleichzeitig nahm auch der Tiefgang der anderen Jollen zu. Einige der Seesoldaten und Seeleute warfen die Arme hoch und sanken zusammen, weil sie von den Ladungen der Tromblons getroffen worden waren.
Wieder knallten die Waffen. Corbett selbst hatte noch eine dritte Muskete, die er zum Einsatz brachte. Die Wirkung blieb nicht aus, und sie war besser, als man zu erwarten gehofft hatte: Alle sechs Boote sanken.
„Sie blubbern ab!“ rief Francis Bush und stieß dabei seinen Nebenmann mit dem Ellenbogen an. „Recht so! Aus der Traum!“
„Wer weiß, ob sie alle schwimmen können“, sagte der Nachbar.
„Ist mir egal. Weißt du, wie piepegal mir das ist?“
„Keine Zeit verlieren!“ zischte Corbett ihnen zu. „Los, weg!“
Sie krochen davon, sprangen – tiefer im Dickicht – auf und eilten davon. Der Spuk hatte nur wenige Minuten gedauert, doch jetzt gellten von Bord der Schiffe wieder Flüche und Schreie herüber. Don Gregorio de la Cuesta ging zur nächsten Aktion über, er zog alle Register, die er zur Verfügung hatte. Aber auch das hatten Corbett und Gretton in ihr Kalkül mit einbezogen. Sie nahmen einen fliegenden Stellungswechsel vor.
„Jetzt setzen sie die Drehbassen ein!“ rief Corbett.
Tatsächlich behielt er recht: Die Schwenkgeschütze der beiden spanischen Kriegsgaleonen krachten, und heulend flogen die Kugeln heran. Sie schlugen dort ins Dickicht, wo die Scharfschützen eben noch gelegen hatten.
Corbett und seine Männer warfen sich wieder in Deckung, und Gretton und der Ostseiten-Trupp verfuhren genauso.
„Teufel!“ sagte Gretton schwer atmend. „Sie beharken das Dickicht nicht schlecht. Trotzdem erwischen sie uns nicht.“
Corbett sah Bush an und grinste. „Immerhin, das eine steht fest. Dieses Landeunternehmen ist für die Spanier zu einer dicken Pleite geworden. Die Bootsinsassen dürfen jetzt zu ihren Schiffen zurückschwimmen. Sie wagen sich nicht ans Ufer. Wir könnten sie einen nach dem anderen abknallen, und das wissen sie.“
Sie schüttelten sich die Hände und nickten sich wie Verschwörer zu. Eins ist sicher, dachte Corbett, diese Männer sind mehr als Gold wert.
Wieder ließ de la Cuesta die Schiffskanonen sprechen. Der Donner dröhnte in den Ohren der Männer und wälzte sich davon. Die Kugeln schlugen wieder ohne jede Wirkung in das Ufer der Bucht.
Die Schiffbrüchigen im Wasser hatten Mühe, zu ihren Schiffen zurückzuschwimmen, in erster Linie die Seesoldaten. Die Brustpanzer und Helme behinderten sie schwer. Sie wirkten wie Gewichte, die sie in die Tiefe zogen. Manch einer entledigte sich seines Helmes, aber auch das nutzte nicht viel.
So versuchten einige denn doch – wegen der geringeren Entfernung – das Ufer zu erreichen. Aber hier lauerten wieder die Scharfschützen auf sie, die noch einige Blunderbusses zur Verfügung hatten. Schreiend fielen die Spanier im gezielten Beschuß, und keiner von ihnen richtete sich wieder auf.
„Hölle, Tod und Teufel“, sagte Barba mit seiner tiefen, grollenden Stimme. „Ja, da soll doch nun wirklich der Blitz dreinschlagen. Was in aller Welt hat das wieder zu bedeuten?“
Er stand am Ruder der „Caribian Queen“ und blickte verblüfft voraus. Siri-Tong stand direkt rechts neben ihm und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ich weiß genauso wenig wie du“, sagte sie.
„Aber in dieser verdammten Gegend scheint eine Menge Schiffsverkehr zu herrschen.“ Er lauschte dem Kanonendonner und fügte hinzu: „Das sind nicht nur Schiffsgeschütze, das sind auch Drehbassen.“
„Und Musketen“, sagte sie. „Wir sehen nach, was da los ist.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die „Caribian Queen“ der Insel von Südosten her genähert. Normalerweise hätte sie schon am Vormittag dort eintreffen müssen, doch sie war in einem Flautenloch hängengeblieben. So hatten Siri-Tong und ihre Crew wertvolle Zeit verloren, Zeit, in der wieder die Ungewißheit über Hasards Schicksal zunahm.
Jetzt aber wurden die Rote Korsarin und ihre Männer von dem Kanonendonner und den Geschehnissen auf der kleinen Insel der Grand Cays abgelenkt. Was ging dort vor? Noch befanden sie sich an der Grenze der Sichtweite, aber schon stellte Bill the Deadhead, der im Großmars Ausguck ging, fest, was sich dort abspielte.
„Backbord voraus!“ schrie er. „Bei der Nordbucht! Zwei spanische Kriegsgaleonen!“
„Sie sind damit beschäftigt, ihre Breitseiten auf die Bucht zu entladen?“ rief Siri-Tong.
„Ja! Als gelte es, die ganze Insel in Stücke zu schießen!“
Siri-Tong war darüber höchst verwundert. Seit sie auf diesen Verband von englischen Schiffen gestoßen waren, gerieten sie von einer Überraschung in die andere.
„Wer oder was hat die Spanier nur auf den Plan gerufen?“ fragte sie.
„Das weiß der Henker“, erwiderte Barba. „Aber welche Rolle spielt das schon? Sie sind da, und sie heizen den Engländern ein, die da festhocken und nicht wegkönnen.“
„Das geschieht denen recht“, sagte Juan.
„Gleichviel“, sagte die Rote Korsarin. „Wir müssen uns um unsere Freunde kümmern.“
„Welche?“ fragte Barba grinsend. „Die Dons oder die verdammten Engländer?“
„Ja, das ist die Frage“, erwiderte sie. „Eigentlich sind ja weder die einen noch die anderen Freunde, die Spanier aber natürlich noch weniger als die Engländer.“
„Warum halten wir uns nicht raus?“ fragte Barba grinsend. Er wußte aber sehr genau, daß er Siri-Tong dadurch nur provozierte.
„Hör auf“, sagte sie. „Ich bin jetzt zu Späßen nicht aufgelegt. Wägen wir die Dinge einmal ab. Bei den Engländern ist es im Grunde nur diese verdammte Adels-Clique, die wir zum Teufel wünschen, weil sie Hasard zur Strecke bringen wollte.“
„Ja, die hätten es verdient, daß man sie langsam erwürgt“, sagte Juan mit finsterer Miene.
„Aber die anderen, die sind gar nicht so schlecht, was?“ sagte Barba zur Roten Korsarin. „Oh, ich weiß schon, auf was du hinauswillst.“
„Es gehört ja auch kein Scharfsinn dazu.“
„Du willst ihnen helfen?“
„Die Engländer allgemein liegen ja mit den Spaniern in einer Art Dauerfehde“, sagte sie mit nachdenklicher Miene. „Ohne offiziell Krieg gegeneinander zu führen.“
„Und dort, auf der Insel, sind sie sich wieder mal in die Haare geraten“, sagte Juan. „Was haben wir damit zu tun? Sollen die sich doch gegenseitig umbringen.“
„Auf diesem Standpunkt könnte auch ich stehen“, sagte sie. „Aber ich tue es trotzdem nicht. Das ist eine ganz miese Art, die Dinge zu betrachten, Juan, laß dir das gesagt sein.“
„Und was ist die richtige Art?“
„Diese Engländer sind bis auf Sir Johns Lumpenkerle und die Adelsaffen sowie diesen wüsten Kapitän von der ‚Dragon‘ alles in allem recht prächtige Leute.“
„Ich komm da nicht mehr mit“, sagte Juan. „Sind sie nun unsere Feinde oder nicht? Liegt ihretwegen der Seewolf im Sterben oder nicht?“
„Er liegt nicht im Sterben“, sagte Barba.
„Seht den Dingen doch ins Auge!“ stieß Juan wütend hervor. „Warum gaukeln wir uns gegenseitig was vor? Was für Kerle sind wir eigentlich? Irgendwann erwischt es jeden von uns!“
„Ja“, entgegnete Siri-Tong. „Und ich weiß, was du sagen willst, Juan. Wir sollen uns schon mal auf das Schlimmste vorbereiten. Auch das ist richtig, ich widerspreche dir nicht. Aber denke bitte auch sachlich.“
„Das tue ich. Diese Engländer können mir gestohlen bleiben.“
„Sicher, mir auch. Aber die Fairneß?“
„Die gibt’s nicht mehr. Clifford hat Hasard in den Rücken geschossen“, sagte Juan aufgebracht.
„Kaum einer seiner Kameraden war damit einverstanden“, sagte die Rote Korsarin. „Und zwei Kapitäne hatten sich mit ihren beiden Schiffen ja bereits von dem Verband abgesondert und getrennt, weil sie mit der Jagd auf den Seewolf nicht einverstanden waren.“
„Das waren die klügsten Kerle von allen“, sagte Barba.
„Paradox ist das alles schon“, sagte sie. „Wir sind hierher zurückgesegelt, um den Engländern die Leviten wegen des nächtlichen Überfalls mit ihrer einen Jolle zu lesen – und jetzt stellt sich eine Situation dar, ihnen eventuell aus der Klemme zu helfen.“
„Das löse mal“, sagte Juan. „Das ist doch alles Mist.“
Sie lächelte plötzlich ein wenig. „Erst kümmern wir uns um unsere spanischen Freunde und dann um die englischen. Den Spaniern gebührt der Vorrang, die Engländer sind das kleinere Übel. Einverstanden?“
„Voll und ganz“, entgegnete Barba.
„Ich auch“, erklärte Juan. „Aber laß bloß deine Kuh nicht wieder fliegen, sonst platzt mir noch der Kragen.“
Gereizt waren sie alle. Sie hatten den Verband besiegt, aber sie hatten immer noch das Problem mit Hasard, dessen Fieber nicht mehr zu sinken schien. Wie sollte es weitergehen? Von Stunde zu Stunde nahm das, was Juan bereits prophezeit hatte, mehr und mehr Gestalt an. Der Seewolf war am Ende – so sah es jedenfalls aus.
So ließ diese Crew von Teufelskerlen einen Teil ihrer Wut an den „verfluchten Dons“ aus, die ja auch mit Schuld hatten, daß Hasard ein gehetzter Mann war, der von einer Legion von Gegnern verfolgt wurde. Im übrigen waren spanische Kriegsschiffe sowieso stets das „rote Tuch“ für den Bund der Korsaren.
„Na, dann mal los“, sagte Barba grinsend. „Da werden sich unsere lieben englischen Freunde aber gewaltig freuen, schätze ich.“
„Klarschiff zum Gefecht!“ sagte die Rote Korsarin.
„Aye, aye“, sagten die Männer und begaben sich auf ihre Posten. Gefechts- und Manöverstationen wurden besetzt, und bald öffneten sich die Stückpforten des Zweideckers wie gähnende Mäuler. Die schweren Geschütze wurden ausgerannt.
Gefechtsklar pirschte sich die „Caribian Queen“ von Südosten her an die beiden Galeonen des Don Gregorio de la Cuesta heran, die inzwischen hintereinander vor der Bucht der Insel ankerten. Hier, an Bord der Schiffe, war man völlig auf die Ereignisse in der Bucht konzentriert und vernachlässigte daher das Umfeld. Auch wurden eben noch die letzten Schiffbrüchigen des gescheiterten Landeunternehmens aus dem Wasser geborgen. So erfolgte der Angriff der Roten Korsarin wie aus heiterem Himmel.
Sie hatte das Überraschungsmoment voll auf ihrer Seite. Wie ein Raubtier, das in eine Herde von Kühen oder Schafen einfällt, war sie plötzlich heran und schlug zu. Die „Caribian Queen“ war ein Spukwesen, das sich lautlos näherte und dann in ein feuer- und eisenspuckendes Monstrum verwandelte.
Um den vollen Schußwinkel zu haben, lagen die beiden spanischen Galeonen genau in West-Ost-Richtung, den Bug nach Westen gerichtet. Achtern hatten Heckanker ausgebracht werden müssen, denn der Wind wehte nach wie vor aus Südwesten.
So kam nun der Teufel über die beiden Galeonen, deren Mannschaften mit den Backbordbreitseiten beschäftigt waren und die Steuerbordkanonen demzufolge nicht gefechtsbereit hatten. Als de la Cuesta und seine Offiziere bemerkten, was die Stunde geschlagen hatte, war es bereits zu spät. Sie konnten nur noch entsetzte Rufe ausstoßen und sich in Deckung werfen.
In einem Anlauf von achtern aufsegelnd, schob sich die „Caribian Queen“ heran, und ihre Geschützmündungen spien jäh die todbringenden Ladungen aus. Geifernde Dämonenmäuler, flammende Rachen – jede Art von Vergleich bot sich an. Das drohende Unheil gaukelte den schreienden Spaniern die furchtbarsten Bilder vor.
Sie war da, und der Hagel ihrer Kanonenkugeln fegte in einem einzigen Höllengewitter die Decks der östlich ankernden Galeone buchstäblich sauber. Auch die Drehbassen krachten und donnerten, und dann war der Spuk schon vorbei und zog weiter und wandte sich dem nächsten Gegner zu, auf dessen Decks ebenfalls schreiender Zustand herrschte. Die untere Batterie der „Caribian Queen“ dröhnte, und auch die westlich versetzt ankernde Galeone empfing schwere Treffer.
Von dieser Salve wurden die Ankertrossen zerschossen. Die Galeone trieb achteraus und verfing sich in der hinter ihr ankernden Galeone. Wieder gellten die Schreie der Männer.
Irgendwo zwischen den Trümmern erhob sich de la Cuesta mit ruß- und blutverschmiertem Gesicht, schüttelte die Faust gegen den Feind und brüllte: „An die Geschütze! Feuer! Gebt es diesen Hunden! Zahlt es ihnen heim!“
Am Strand der Bucht erschienen ein paar Gestalten – Ross und einige seiner Kameraden. Sie warfen ihre Mützen hoch, lachten und brüllten und forderten den spanischen Gegner gleichsam heraus. Doch dessen Backbordkanonen schwiegen.
„Die Dons haben Besseres zu tun!“ schrie Ross. „Sie müssen sich den Rücken freihalten!“
„Hurra!“ schrie einer seiner Kameraden. „Die Korsarin ist wieder da! Die schickt der Himmel!“
„Hurra!“ schrien auch die anderen.
Das Triumph- und Beifallsgebrüll dröhnte über die Bucht und mischte sich mit dem entsetzten Gebrüll der Spanier.
Corbett blickte dem Zweidecker nach, der jetzt nach Westen ablief.
„Sie läßt nachladen“, sagte er. „Aber es ist bestimmt nicht der Himmel, der sie schickt, mein lieber Bush.“
„Sondern? Der Seewolf?“
„Der auch nicht. Sie hat ihre eigenen Gründe, hier noch einmal aufzukreuzen.“
„Aber mit den Spaniern hat auch sie nicht gerechnet.“
„Sie räumt kurz mit ihnen auf“, sagte Corbett. „Sie hat wirklich den Teufel im Leib. Aber die Frage lautet, was sie anschließend unternimmt. Ich schätze, sie hat noch ein Hühnchen mit uns zu rupfen.“
„Mit uns? Wegen Stewarts eigenmächtigem Handeln?“
„Genau deswegen“, erwiderte Corbett. „Eigentlich haben wir keinen Grund zum Jubeln, finde ich …“
ENDE

1.
Man schrieb den 24. August im Jahre des Herrn 1594. Die Nachmittagssonne brannte heiß vom tiefblauen Himmel der Karibik. Den Männern, die sich mit ihren Waffen hinter zerklüfteten Felsen und dichtem Gestrüpp verschanzt hatten, rann der Schweiß in Strömen über die Gesichter.
„Verstehen Sie, was da vor sich geht, Sir?“ fragte nun Marc Corbett, der Erste Offizier der ehemaligen „Orion“, nachdem er seine Muskete nachgeladen hatte.
Sir Edward Tottenham, der Kommandant, schüttelte nachdenklich den Kopf, denn auch für ihn waren die Ereignisse vor dem Ufer der Nordbucht noch immer sehr verwirrend.
Fast schien es, als habe die Hölle ihre Pforten geöffnet, seit die beiden spanischen Kriegsgaleonen Kurs auf die einsam gelegene Insel genommen hatten, die zu den Grand Cays gehörte. Wie aufgeplusterte Schwäne, die zischend und fauchend Nesträuber vertreiben wollten, waren die Schiffe vor die Buchteinfahrt gesegelt, wo ihnen die Wracks der „Orion“ und der „Dragon“ den Weg versperrten.
Dann waren sie hintereinander – den Bug jeweils nach Westen gerichtet – vor Anker gegangen und hatten die Schiffbrüchigen zur Kapitulation aufgefordert. Da die Engländer jedoch abgelehnt hatten, sich in spanische Gefangenschaft zu begeben, hatte Capitán Don Gregorio de la Cuesta schließlich den Feuerbefehl gegeben.
In kurzer Zeit hatten die Backbordbreitseiten der beiden Kriegsschiffe die Hütten der Engländer zerschmettert. Die schweren Kanonenkugeln wirbelten riesige Sandfontänen hoch und zerfetzten zahlreiche Stämme von Palmen und Farnbäumen. Selbst das Mangrovendickicht, das stellenweise das Ufer überwucherte, war unter anhaltenden Beschuß genommen worden.
Die Dons hatten sich ziemlich wild gebärdet und fürwahr ein eindrucksvolles Feuerwerk geboten. Aber eben auch nur das, denn die Mannschaften und Offiziere der „Orion“ und der „Dragon“, denen dieser Angriff gegolten hatte, lagen außerhalb des Schußbereiches der spanischen Kanonen in Deckung.
Aber nicht der ungestüme Angriff hatte bei den Engländern Verwunderung ausgelöst, sondern das erneute Auftauchen jenes düsteren Zweideckers, der schon vor dem Angriff der beiden Kriegsgaleonen die „Orion“ und die „Dragon“ versenkt hatte.
Diesmal jedoch war das kampfstarke Schiff, das einer feuerspeienden Festung glich, wie ein düsterer Racheengel auf die spanischen Galeonen losgegangen und hatte den schiffbrüchigen Engländern damit unerwartete Schützenhilfe geleistet.
Was aber hatte das alles zu bedeuten? Was bezweckte man auf dem Zweidecker damit? Auf diese Fragen wußte noch niemand so recht eine Antwort – weder Sir Edward Tottenham und Marc Corbett noch Arthur Gretton, der Erste Offizier der „Dragon“.
Die Engländer hatten sich nach den ergebnislosen Verhandlungen mit den Spaniern an strategisch wichtige Punkte der Insel zurückgezogen, so zum Beispiel an gut getarnte Stellen der West- und Ostseite der Bucht. Dort waren die Scharfschützen in Stellung gegangen, nachdem man sich dazu entschlossen hatte, den Angreifern die Stirn zu bieten. Das war ihrer Meinung nach immer noch besser, als den Rest seines Lebens auf einer spanischen Galeere oder aber in irgendeinem Bergwerk zu verbringen.
Tottenham und Corbett hatten die Führung auf der Westseite übernommen, Gretton auf der Ostseite. Er führte das Kommando über die Mannschaft der „Dragon“, seit man ihren Kapitän, den grobschlächtigen und rücksichtslosen Charles Stewart, wegen seiner üblen Machenschaften gefangengesetzt hatte.
An der Südseite der Bucht hatten sich nur wenige Männer „eingegraben“ und das spanische Kanonenfeuer stoisch über sich ergehen lassen. Es war deshalb nicht verwunderlich, daß die Dons, die sich vorwiegend auf die Hütten und das Stranddickicht konzentriert hatten, in gewissem Sinne mit Kanonen nach Spatzen schossen. Daß die mühsam errichteten Hütten dabei zu Bruch gegangen waren, beeindruckte die beiden Schiffsmannschaften nicht sonderlich, denn die konnte man notfalls wieder aufbauen.
Charles Stewart, den gefangenen Kapitän der „Dragon“, hatte man unter Bewachung ins Inselinnere gebracht. Auch die Jollen, die man nach der Versenkung der beiden Schiffe hatte retten können, befanden sich außerhalb des direkten Gefahrenbereichs. Im Grunde genommen waren die Engländer jetzt froh, daß die „Orion“ und die „Dragon“ als Wracks die Buchteinfahrt versperrten oder doch zumindest stark einengten. Gewissermaßen war das ein Vorteil für sie, denn die gesunkenen Schiffe hatten den Spaniern das Manövrieren erschwert und ein Einlaufen in die Bucht verhindert.
Unter diesen Voraussetzungen hatten die Chancen der Engländer, „ihre“ Insel zu verteidigen, gar nicht so schlecht gestanden, und manch einem von ihnen war ein Grinsen über das Gesicht gehuscht, als das heftige Kanonen- und Drehbassenfeuer der Spanier das Uferdickicht zerrupft hatte. Ja, es war ihnen sogar gelungen, sechs Boote der Dons, die auf der Insel landen wollten, mit gezieltem Musketenfeuer zu durchlöchern. Die Soldaten hatten Mühe gehabt, zu ihren Schiffen zurückzuschwimmen.
Dann aber war plötzlich dieser Zweidecker aufgetaucht und hatte sich auf die beiden Kriegsgaleonen gestürzt – und das mit durchschlagendem Erfolg. Ja, das gut armierte Schiff war wie der Teufel über die Spanier gekommen, deren Aufmerksamkeit sich voll auf das Stranddickicht konzentriert hatte.
Innerhalb kurzer Zeit waren die Decks der östlich ankernden Galeone durch das Drehbassenfeuer des Zweideckers leergefegt worden. Dem davorliegenden Kriegsschiff war es noch schlechter ergangen, denn seine Ankertaue waren zerfetzt worden, so daß es achteraus trieb und sich mit schweren Treffern in der hinter ihm ankernden Galeone verfing.
Obwohl die Engländer für das Geschehen noch keine Erklärung gefunden hatten, waren sie in lautes Beifallsgebrüll ausgebrochen. Am liebsten hätten sie der schwarzhaarigen Frau und ihren Mannen an Bord des Zweideckers vor Begeisterung die Hände geschüttelt. Doch während das düstere Schiff nach seinem Überraschungsangriff nach Westen ablief, hatten sie die aus dem Wasser ragenden Masten der „Orion“ und der „Dragon“ daran erinnert, daß auch sie selber schon auf sehr unliebsame Weise Bekanntschaft mit diesem Schiff geschlossen hatten.
Marc Corbett, der hinter einem Felsbrocken kauerte, wandte sich an seinen Kapitän.
„Sir“, sagte er, „was immer diese bemerkenswerte Frau bewogen haben mag, die Spanier anzugreifen – sie hat uns damit zu einer einmaligen Chance verholfen. Ich finde, daß wir diese Chance schleunigst nutzen sollten.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Sir Edward Tottenham mit einem leichten Stirnrunzeln.
„Wenn wir jetzt schnell und entschlossen handeln, Sir“, erwiderte Corbett, der die Gunst der Stunde blitzartig erkannt hatte, „müßte es möglich sein, eine der beiden angeschlagenen Galeonen zu entern.“
„Zu entern?“ Sir Edward warf seinem ersten Offizier einen verwunderten Blick zu. „Wie kommen Sie auf diese Idee, Mister Corbett? Wir sind zwar eine stattliche Anzahl von Männern, aber wir dürfen dennoch nicht vergessen, daß wir es mit zwei gut ausgerüsteten Kriegsschiffen zu tun haben. Ich möchte auf jeden Fall ein Blutvergießen in unseren Reihen vermeiden.“
„Das ehrt Sie, Sir“, sagte Corbett. „Durch das Eingreifen des Zweideckers hat sich unsere Situation jedoch ganz entscheidend verbessert. Auch unser Musketenfeuer hat die Spanier sicherlich davon überzeugt, daß sie die Insel nicht so einfach überrennen können. Zur Zeit aber sind sie stark mit sich selber beschäftigt. Eine bessere Chance, eine der beiden Galeonen zu entern, wird sich uns nie wieder bieten …“
„Hm.“ Sir Edward nickte. „Genaugenommen haben Sie recht, Corbett.“ Die Blicke des Kommandanten der gesunkenen „Orion“ schweiften zu den beiden Kriegsgaleonen hinüber, um die es gegenwärtig schlecht bestellt war. Sie waren völlig ineinander verhakt. Die westliche Galeone hing regelrecht an der anderen. Der Zweidecker hatte die Bug- und Heckankertrosse zerschossen, so daß sie bei dem derzeit herrschenden Südwestwind gegen die hinter ihr ankernde Galeone getrieben war. Ihre Backbordseite hing längsseits der Steuerbordseite der anderen. Die Rahen waren ineinander verfangen.
Außerdem hatte die westliche Galeone bedenkliche Treffer in der Wasserlinie empfangen. Tottenham konnte sich gleich den anderen Männern lebhaft vorstellen, wie dort unter Deck fieberhaft gearbeitet wurde, um die gefährlichen Lecks abzudichten.
Marc Corbett, dem es unter den Nägeln brannte, riß den Kapitän aus seinen Gedanken.
„Was werden Sie unternehmen, Sir?“ fragte er voller Ungeduld. „Meiner Meinung nach sollten wir keine Zeit verlieren.“
Sir Edward Tottenham nickte abermals.
„In Ordnung, Mister Corbett. Unsere Lage sieht nicht gerade rosig aus, deshalb dürfen wir in der Tat nicht wählerisch sein. Ich denke ebenfalls, daß wir die Gunst der Stunde nutzen sollten. Bitte, veranlassen Sie, daß Mister Gretton die nötigen Instruktionen erhält.“
Das ließ sich Marc Corbett nicht zweimal sagen. Er beauftragte sofort einen Meldegänger, sich so rasch wie möglich zur Ostseite der Bucht durchzuschlagen, um Arthur Gretton, der sich dort mit einem Teil der „Dragon“-Mannschaft verschanzt hatte, die Entscheidung Tottenhams mitzuteilen.
Unter der Crew der „Orion“ stieß der Entschluß, eine Galeone zu entern, auf lebhafte Zustimmung. Die Männer wußten zwar, daß dies ein äußerst riskantes Unternehmen war, aber sie waren sich auch darüber im klaren, daß sie eine solche Chance so rasch nicht wieder erhalten würden.
„Die Boote“, sagte Corbett. „Wir müssen schleunigst die Boote holen und in Strandnähe bringen.“
„Veranlassen Sie das, Mister Corbett“, sagte Sir Edward. „Aber die Männer sollen vorsichtig sein und die Deckungen gut ausnutzen, damit die Spanier unsere Absicht nicht zu früh erkennen. Außerdem sind wir ohne die Boote aufgeworfen und sitzen bis zum Jüngsten Tag auf dieser Insel fest.“
Der Erste Offizier brachte die Männer sofort in Bewegung. Jeder hatte inzwischen begriffen, um was es ging, und jeder wußte auch, daß die Jollen das einzige „Kapital“ waren, über das sie verfügten. Sie waren in ihrer derzeitigen Situation mehr wert als zahlreiche Kisten mit Gold und Edelsteinen. Deshalb hatte man die insgesamt acht Boote noch vor dem Beschuß der Dons weiter ins Inselinnere gebracht und dort gut versteckt.
Das wiederum hatte sich in doppelter Hinsicht als klug erwiesen. Zum einen wären nach dem massiven Angriff höchstens noch Trümmerstücke davon übrig, zum anderen wären die Boote – im Falle einer Landung – den Spaniern in die Hände gefallen. So aber hatten sich die Engländer die Möglichkeit offengehalten, in der Nacht mit den Jollen zu einer anderen Insel überzusetzen.
Daß sich ihnen jetzt die Chance bot, zu einem weiteren wirksamen Gegenschlag auszuholen, nachdem sie die Landungsboote der Spanier leckgeschossen hatten, stimmte die Mannen zuversichtlich. Schließlich waren sie kein kleines, hilfloses Häuflein, sondern beide Schiffsmannschaften bildeten zusammen eine Kampftruppe von etwa 160 Mann. Und allesamt waren sie rauhe Kämpfer, die zudem noch von der Aussicht beseelt wurden, sich jetzt ein Schiff erobern zu können. Kein Wunder, daß sie kräftig in die Hände spuckten, als sie aufbrachen, um die Jollen aus ihren Verstecken zu holen. Marc Corbett führte die Männer an, während Sir Edward Tottenham vorerst mit einem Beobachtungstrupp hinter den Felsen der Westseite zurückblieb.
2.
„Klar zur Wende!“ Die Stimme der Roten Korsarin tönte hell wie eine Schiffsglocke über die Decks der „Caribian Queen“. Ihr langes, pechschwarzes Haar wehte im handigen Südwestwind und ergänzte hervorragend ihre übrige Erscheinung.
Die schlanke Eurasierin stand auf dem Achterdeck und stützte die Hände in die Hüften. Ihren Mund umspielte ein Lächeln: Sie war zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis ihres Überraschungsangriffes. Und sie lobte im stillen wieder einmal die Schlagkraft und Beweglichkeit ihres Schiffes.
Die Culverinen und Drehbassen, die Tromblons, Musketen und Pistolen waren nachgeladen worden, dafür hatte Henry Scrutton, der Stückmeister, bereits gesorgt. Alle an Bord wußten, was der Befehl zur Wende zu bedeuten hatte.
Barba, der finster dreinblickende Steuermann, warf Siri-Tong einen fragenden Blick zu.
„Du bist heute wieder einmal sehr gründlich, Madam“, sagte er. „Zuerst hast du den Dons unsere Backbordseite präsentiert, und jetzt gedenkst du ihnen wohl auch noch zu zeigen, wie ihnen unsere Steuerbordseite schmeckt, nicht wahr?“
„Du hast es erraten, Barba“, erwiderte die Rote Korsarin. „Ich bin nicht für halbe Sachen, und wenn ich mich für eine bestimmte Strategie entschieden habe, dann werden Nägel mit Köpfen gemacht. Das muß aber nicht unbedingt heißen, daß ich die Galeonen der Spanier um jeden Preis versenken will. Es gibt wahrhaftig auch noch andere Wege, den Señores zu zeigen, wohin der Hase läuft.“
Barba wurde hellhörig.
„Das Versenken wäre wohl nur noch ein Kinderspiel“, sagte er, denn auch er hatte beim Ablaufen gesehen, daß die westliche Galeone stark beschädigt und die andere getrieben war. „Wenn wir denen noch ein paar Löcher durch die Planken pusten, werden sie der ‚Orion‘ und der ‚Dragon‘ rasch Gesellschaft leisten.“
Henry Scrutton, dessen fingerlange Narbe über der rechten Augenbraue weithin sichtbar war, enterte zum Achterdeck auf.
„Die Männer an den Geschützen sind bereit, Madam“, meldete er. „Von uns aus kann das Tänzchen fortgesetzt werden. Ich finde sogar, daß die Gelegenheit sehr günstig ist. Daß die eine Galeone jetzt längsseits der anderen liegt und sie damit zur Seeseite hin abdeckt, dürfte die Dons während unseres Angriffs nicht gerade begeistern.“
Siri-Tong lächelte zufrieden.
„Wenn überhaupt, kann nur die an der Seeseite liegende Galeone feuern. Viel zu befürchten ist jedoch auch von ihr nicht – wie sich die beiden Schiffe ineinander verhakt haben. Sie krängt so stark nach Steuerbord, daß ihre Stücke auf dieser Seite höchstens noch ins Wasser schießen würden.“
Barba winkte ab. „Die können es sich überhaupt nicht leisten, eine Kanone zu zünden, sonst fallen die beiden lecken Särge schon durch die Erschütterung auseinander.“
Barba, der wie ein wüster Schlägertyp aussah, jedoch ein grundanständiger und aufrechter Mann war, rieb sich die riesigen Pranken. Vor dem ersten Angriff hatte er der Sache noch skeptischer gegenübergestanden, weil es ihm etwas schwergefallen war, sein Feindbild einer gewissen Rangordnung zu unterwerfen. Wenn sich schon die Engländer nicht unbedingt als Freunde erwiesen hatten, warum sollte man dann den Spaniern was aufs Haupt geben, nur weil sie sich ebenfalls um diese „Freunde“ kümmerten?
Barba hatte seine Ansichten etwas korrigiert, nachdem man sich an Bord der „Caribian Queen“ darauf geeinigt hatte, daß einem die Engländer wohl doch etwas näherstanden als die Spanier. Eigentlich trug bei den Engländern nur die hochnäsige Adelsclique die Schuld an den Streitereien.
Sonst gab es auch eine Menge prächtiger Kerle unter den Offizieren und Schiffsmannschaften, die es verdienten, gegen die angreifenden Spanier in Schutz genommen zu werden. Wenn man es recht überlegte, waren nur die „Adelsaffen“ sowie Sir John mitsamt seinem Anhang und Charles Stewart, der wüste Kapitän der „Dragon“, so richtige Lumpenkerle.
So hatte sich die „Caribian Queen“ nur um der anständigen Männer willen mit den Spaniern angelegt, deren Landsleute mit der Schlangen-Insel auch nicht gerade menschenfreundliche Ziele verfolgt und ihnen einen gnadenlosen Kampf geliefert hatten.
Von Zeit zu Zeit befand sich Barba jedoch immer noch in einem Zwiespalt der Gefühle, wenn es darum ging, den Engländern Schützenhilfe zu leisten. Nach dem ersten durchschlagenden Erfolg gegen die Dons waren diese Gefühle jedoch etwas in den Hintergrund getreten.
Siri-Tong strich sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn.
„Na schön“, sagte sie. „Unser zweiter Angriff wird den Dons wohl zeigen, daß sie sich hier ein wenig zuviel vorgenommen haben. Zwar können wir den Angriff nur auf die seeseits liegende Galeone unternehmen, aber das dürfte die Lage auch schon endgültig entscheiden.“
„Das meine ich auch, Madam“, sagte Henry Scrutton, während die übrige Crew bereits hart zupackte, um die „Caribian Queen“ auf Gegenkurs zu bringen.
Schon wenig später rauschte die „Caribian Queen“, den Südwestwind ausnutzend und über Backbordbug liegend, auf die Kriegsgaleonen zu. Alle Mann waren auf Stationen. Andy Fulham, der kleine, rundliche Koch aus Twickenham an der Themse, hatte abermals kleine, gußeiserne Becken mit glühenden Holzkohlen aus der Kombüse gebracht und an den Geschützen verteilen lassen. Die Mannen an den Steuerbord-Culverinen hielten bereits die Luntenstöcke in der Hand. Es sah nicht gerade gut aus für die Dons, und die Gesichter der rauhen Gesellen an Bord des Zweideckers verhießen alles andere als einen Freudentanz.
Barba hatte sich mit finsterem Gesicht an einer Heckdrehbasse postiert. Ray Chiswell, der Schiffszimmermann aus Brighton an der englischen Südküste, hatte das Ruder übernommen und bewegte kraftvoll den riesigen Kolderstock.
Siri-Tong hatte das Messingspektiv ans Auge gesetzt, um die Vorgänge an Deck der spanischen Kriegsschiffe zu beobachten. Die Wuhling, die sie sah, entlockte ihr ein Kopfschütteln.
Die Dons hatten das erneute Heransegeln des fremden Zweideckers ohne Zweifel bemerkt und wußten sehr wohl, was die Stunde geschlagen hatte.
Don Gregorio de la Cuesta, dem Capitán des Zweierverbandes, glänzte der Sehweiß auf der Stirn. Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich über das glatt zurückgekämmte Haar.
„Teufel auch!“ flüsterte er. „Dieses verdammte Schiff kehrt tatsächlich zurück. Mögen alle Heiligen uns beistehen.“
Der Erste Offizier, ein gedrungener Typ, der meist ein überlegenes Grinsen zur Schau trug, schluckte hart.
„Die scheinen in der Tat noch nicht genug zu haben, Señor Capitán!“ stieß er erregt hervor. Das Grinsen war längst aus seinem Gesicht verschwunden. „Wir werden alle Hände voll zu tun haben, um dieses hartnäckige Gesindel abzuwehren. Ich werde mich sofort darum kümmern, daß die Geschütze einsatzbereit sind.“
Don Gregorio schüttelte erbittert den Kopf.
„Tun Sie das vorsichtshalber“, sagte er. „Aber ich schätze, daß es uns nicht viel nutzen wird. Wir wühlen mit unseren Kanonenkugeln höchstens das Wasser auf. Um dem Zweidecker gefährlich werden zu können, fehlt uns der richtige Schußwinkel. Richten Sie Ihr Hauptaugenmerk lieber auf die Drehbassen, Musketen und Tromblons. Wir müssen in der Tat auf alles gefaßt sein.“
„Jawohl, Señor Capitán, ich werde sofort alle Männer zusammentrommeln.“
Der Kommandant nickte zustimmend.
„Nur die Männer an den Pumpen und die Zimmerleute müssen wohl oder übel auf ihren Posten bleiben“, bemerkte er.
Der Erste Offizier gab die Befehle Don Gregorios weiter. Die Wuhling auf den Decks der beiden Kriegsschiffe verstärkte sich noch. Einige Männer bekreuzigten sich, als sie den heransegelnden Zweidecker erblickten. Sie wußten sehr wohl, daß sie in ihrer gegenwärtigen Situation nur eine geringe Chance gegen jenes düstere Schiff hatten. In Windeseile wurde alles herbeigeschleppt, was die Waffenkammer aufzubieten hatte. Viele Männer zeigten unverhohlene Angst.
Auch dem Zweiten Offizier war deutlich anzusehen, daß er schon freudvollere Tage erlebt hatte. Der dickliche Mann mit dem feisten Gesicht war kreidebleich geworden.
„Es wäre sicherlich besser gewesen, wir hätten uns nicht mit dem Lumpenpack da drüben auf der Insel angelegt, Señor Capitán“, sagte er keuchend, nachdem er vom Quarterdeck zum Achterdeck aufgeentert war. „Offensichtlich haben wir damit dieses Teufelsschiff auf den Plan gerufen.“
Don Gregorio de la Cuesta legte die Stirn in Falten.
„Was soll das heißen?“ fragte er scharf. Nur mühsam gelang es ihm, die eigene Nervosität zu verbergen. „Wollen Sie etwa die Richtigkeit meiner bisherigen Entscheidungen anzweifeln?“
„Nein, nein, Señor Capitán!“ Der feiste Kerl geriet ins Stottern. „Na-natürlich nicht. Aber – aber unsere Lage ist nicht gerade die beste …“
„Das habe ich inzwischen selber bemerkt“, sagte Don Gregorio frostig. „Kümmern Sie sich lieber um Ihre eigentlichen Aufgaben, statt hier unsinnige Behauptungen aufzustellen, die dazu angetan sind, die Moral unserer Mannschaften zu schwächen. Haben Sie das verstanden?“
„Ver-verstanden, Señor Capitán“, tönte es mit brüchiger Stimme. Dann drehte sich der Zweite um und enterte eilig zum Quarterdeck ab.
Don Gregorio de la Cuesta setzte sich mit dem Kapitän der zweiten Galeone in Verbindung, um wenigstens noch die nötigsten Absprachen zu treffen. Doch es war unmöglich, eine bestimmte Abwehrtechnik zu entwickeln, zumal die beiden Schiffe nicht nur hart angeschlagen, sondern auch manövrierunfähig waren. So wurden die Soldaten und Mannschaftsmitglieder, die nicht unbedingt zum Lenzen gebraucht wurden, mit Tromblons und Musketen bewaffnet und hinter die Schanzkleider gescheucht.
Sobald sich der Zweidecker in der Reichweite der Musketenkugeln befand, gab Don Gregorio den Feuerbefehl. Er, der sonst stolz und aufrecht seinen Platz auf dem Achterdeck einzunehmen pflegte, kauerte sich ebenfalls auf die Planken, um sich vor dem hereinbrechenden Inferno zu schützen.
Weder die Musketenschüsse noch das Krachen der Drehbassen konnten die „Caribian Queen“ zurückhalten. Auch die wilden Flüche und Verwünschungen, die dem Zweidecker entgegengebrüllt wurden, hatten keine Wirkung bei Siri-Tong und ihrer harten Crew. Die Mannen wußten, daß sie den längeren Arm hatten und daß die Dons mit Imponiergehabe von ihrer aussichtslosen Lage ablenken wollten.
Barba, der bereits mit brennendem Luntenstock an einer Heckdrehbasse ausharrte, warf der Roten Korsarin einen ungeduldigen Blick zu.
„Wie steht’s, Madam?“ rief er. „Wenn ich noch ein bißchen warte, versenge ich mir die Fingerspitzen und fliege selber in die Luft.“ Dabei huschte ein breites Grinsen über sein wildes Gesicht.
Siri-Tong schenkte ihm ein kurzes Lächeln, und das war Öl auf sein Haupt. Ein Lächeln von Madam – so ähnlich mußte das Paradies einmal ausgesehen haben, in dem Adam und Eva einst lebten. Zumindest war Barba dieser Meinung. Und beileibe nicht nur er.
Die Rote Korsarin wartete den richtigen Zeitpunkt ab. Erst als die „Caribian Queen“ querab auf etwa fünfzig Yards Distanz an die spanischen Galeonen herangesegelt war, hob sie die rechte Hand.
„Feuer frei!“ tönte es Sekunden später über die Decks, und nahezu gleichzeitig senkten Henry Scrutton und die Männer an den Steuerbordgeschützen und Drehbassen ihre brennenden Luntenstöcke auf die Zündkanäle.
Augenblicke danach wurde das riesige Schiff wie von einer unsichtbaren Faust durchgeschüttelt. Die schweren Eisenkugeln der Steuerbordkanonen stoben mit einem unheimlichen Brüllen und Fauchen aus den gußeisernen Rohren und schlugen mit Urgewalt in die Steuerbordseite der seewärts liegenden Galeone.
Ein infernalisches Krachen und Bersten erfüllte die Luft. Holztrümmer, Segeltuchfetzen und Teile von Masten und Rahen wurden hochgewirbelt und klatschten schließlich ins Wasser, denn die Verhakung der Rahen löste sich plötzlich – teilweise sogar mit Gewalt, infolge der rapiden Krängung. Die Steuerbordseite der Galeone war von den Kugeln des Zweideckers regelrecht aufgebrochen worden.
Über die Decks der spanischen Schiffe dröhnte ein vielstimmiger Aufschrei. Das Wasser schoß durch die Lecks und Löcher in die Unterdecksräume.
Dichter Pulverqualm wölkte auf und brannte den Männern in den Augen. Dann wurden die Schwaden jedoch vom Wind in kleine, grauschwarze Fetzen zerrissen und seewärts getrieben. Die Scharen von Möwen, die die Schiffe umsegelt hatten, stoben kreischend auseinander.
Siri-Tong erblickte deutlich Don Gregorio de la Cuesta, der wild gestikulierend seine Befehle brüllte. Aber die nutzten nicht mehr viel. Bereits jetzt war abzusehen, daß das Schiff nicht mehr zu retten war. Deshalb dachten die Soldaten und Crewmitglieder auch nicht mehr an eine Verteidigung – wozu auch? Rette sich wer kann – so lautete jetzt die Devise, allen Kommandos, die Don Gregorio brüllte, zum Trotz. Die Wuhling war unbeschreiblich.
Etlichen Männern gelang es, auf die andere Galeone hinüberzuhangeln. Einige erreichten das Schiff durch einen gewagten Sprung. Weit mehr stürzten jedoch ins Wasser oder gelangten nicht mehr rechtzeitig genug an Deck, weil sie in den unteren Räumen mit dem Lenzen der eindringenden Wassermassen beschäftigt waren und schon seit einiger Zeit an den Pumpen Knochenarbeit geleistet hatten.
Die „Caribian Queen“ aber halste und drehte den Bug nach Norden hoch.
„Wann folgt der nächste Streich, Madam?“ wollte Barba wissen.
Siri-Tong zuckte mit den Schultern.
„Warten wir’s ab“, sagte sie lakonisch, denn durch den Kieker hatte sie gesehen, was sich drüben an Land abspielte, und womit sie eigentlich nicht gerechnet hatte. Im Gegensatz zu den Spaniern, die weder Zeit noch Gelegenheit hatten, die Strandregion der Insel im Auge zu behalten, hatte sie trotz des kurzen Gefechts nicht versäumt, nach den Engländern Ausschau zu halten. Und das mit Erfolg. Es war ihr nicht entgangen, daß sich dort einiges tat.
Henry Scrutton, der mit seinen Mannen hervorragende Arbeit an den Geschützen geleistet hatte, enterte abermals auf das Achterdeck, um zu hören, was es weiter zu tun gab, während in den beiden Kanonendecks eifrig die Kanonenrohre gewischt wurden, um die Stücke so schnell wie möglich nachzuladen.
„Du hältst Ausschau nach den Engländern, Madam?“ Der Stückmeister warf Siri-Tong einen fragenden Blick zu. „Meine lieben Landsleute sitzen wahrscheinlich da drüben im Gebüsch und wagen nicht, den kleinen Finger zu rühren. Offenbar haben Sie Schiß vor uns, Madam, was man ihnen kaum verdenken kann.“
„Du irrst dich, Henry“, erwiderte Siri-Tong. „Mir scheint eher, die Kerle haben die Gunst der Stunde genutzt.“ Sie reichte ihm den Kieker und Henry Scrutton setzte ihn sofort ans Auge.
„Du meine Güte!“ entfuhr es ihm Augenblicke später. „Die haben tatsächlich etwas vor. Weißt du was, Madam? Die Burschen werden mir langsam wieder etwas sympathischer.“
Siri-Tong nickte.
„Man braucht wohl nicht zu raten, warum sie so eilig ihre Jollen heranschleppen. Sie werden versuchen, die andere Galeone zu entern. Und diese Idee finde ich – von ihrer Warte aus gesehen – gar nicht schlecht. Die Chancen stehen sogar recht gut dafür, denn die Dons haben im Augenblick mit sich selber genug zu tun.“
Barbas Gesicht verdüsterte sich. Die alten Zweifel, ob es richtig war, den Engländern indirekt zu helfen, kehrten zurück.
„Ich nenne das verrückt, Madam“, sagte er, „einfach verrückt. Schließlich sind wir extra noch einmal von den Pensacola Cays hierher gesegelt, um mit den Engländern wegen des nächtlichen Überfalls auf die ‚Isabella‘ noch ein Hühnchen zu rupfen, und jetzt arbeiten wir diesen Burschen geradezu in die Hände. Es tut mir leid, Madam, aber ich finde das einfach bescheuert, jawohl!“
Barba war wütend geworden, und er wußte auch warum. Die Engländer wollten den Seewolf, den ihre eigene Königin, Elisabeth I., mit einem Kaperbrief ausgestattet und zum Ritter geschlagen hatte, zur Strecke bringen. Und er, Barba, war jetzt womöglich im Begriff, den Kerlen zu einem Schiff zu verhelfen. Zeitweise verstand er die Welt nicht mehr.
Die Rote Korsarin legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Du solltest Hasards Landsleute trotzdem nicht alle über einen Kamm scheren“, sagte sie beschwichtigend. „Bei allem Verständnis für deine Argumente – du weißt so gut wie ich, daß es unter diesen Engländern eine ganze Reihe von anständigen Kerlen gibt, die nicht verdient haben, den Dons in die Hände zu fallen. Den adeligen Rädelsführern haben wir das schmutzige Handwerk ja bereits gelegt, und gerade deshalb sollten unsere Rachegefühle gegen die Schiffsmannschaften der Vernunft weichen. Wir wollen uns schließlich nicht mit der Adelsclique auf eine Stufe stellen, nicht wahr?“
Siri-Tong spielte damit auf den hinterhältigen Haufen um Sir Andrew und Sir Henry an, von denen allerdings der erstere inzwischen tot und der letztere als Gefangener auf der „Caribian Queen“ weilte. Der dritte Schurke, nämlich der alte Killigrew, befand sich als Gefangener auf der „Isabella IX.“, dem Schiff der Seewölfe.
Barba stieß einen Knurrlaut aus.
„Wahrscheinlich hast du wieder einmal recht, Madam“, entgegnete er. „Vielleicht halte ich die Dinge wirklich nicht genau genug auseinander. Die Mannen, die unter dem Kommando dieser Adelsaffen fuhren, mußten wohl oder übel nach deren Musik tanzen, zumindest, was das einfache Decksvolk betrifft.“
„So sehe ich das auch, Barba“, sagte Henry Scrutton. „Und ich muß zugeben, daß mein Zorn auf meine Landsleute schon größer gewesen war als jetzt. Ich habe mich inzwischen auch daran gewöhnt, die Dinge etwas nüchterner zu betrachten.“
„Als Engländer fällt dir das wahrscheinlich leichter“, meinte Barba und setzte ein Grinsen auf. „Mein Dickschädel aber ist ein bißchen härter, und manche Dinge brauchen eben etwas länger, bis sie da durch sind.“
Siri-Tong lehnte sich gegen die Querbalustrade des Achterdecks. Die oberen Knöpfe ihrer roten Bluse hatte sie geöffnet, weil die Sonne heiß vom Himmel brannte.
„Ich glaube, daß es in dieser Angelegenheit noch einiges zu klären gibt“, fügte sie ergänzend hinzu.
„Wie meinst du das, Madam?“ fragte Barba.
„Nun, ich kann eigentlich nicht mehr so recht glauben, daß die Mannschaften und Offiziere der ‚Orion‘ und der ‚Dragon‘ immer noch darauf versessen sind, Hasard als Gefangenen nach England zu bringen.“
Barba blickte sie verwundert an.
„Warum sollten sie das denn nicht mehr sein? Schließlich war es doch von Anfang an das Ziel dieser Burschen gewesen, den Seewolf gefangen nach England zu schaffen, und zwar nur wegen der haltlosen Vorwürfe und Anschuldigungen dieser verdammten Adelsclique, die sich zudem noch persönlich daran bereichern wollte. Hat der versuchte Überfall in der vergangenen Nacht das nicht bestätigt?“
Siri-Tong schüttelte den Kopf.
„Nicht unbedingt“, erwiderte sie. „Ich denke sogar, daß es mit diesem Überfall eine andere Bewandtnis hat, zumal bis auf den Kapitän der ‚Dragon‘ und einen Adeligen nur Kerle aus der Horde des alten Killigrew in der Jolle hockten.“
„Hm“, meinte Barba nachdenklich. „Ein bißchen merkwürdig ist das schon. Vielleicht sollte man das bei Gelegenheit einmal klären, um endlich zu erfahren, was bei den Engländern eigentlich läuft. So langsam weiß man nämlich schon nicht mehr, wie man dran ist. Was man auch tut – es kann immer verkehrt sein.“
Siri-Tongs ebenmäßiges Gesicht wirkte entschlossen.
„Wir werden das schon noch herausfinden“, sagte sie. „Trotzdem meine ich, wir sollten nicht verhindern, daß die Engländer die spanische Galeone kapern – falls ihnen das überhaupt gelingt. Vielleicht sind sie dankbar, dann ein Schiff zu haben, mit dem sie aus der Karibik verschwinden können. Gute Erinnerungen werden sie an diese Reise ohnehin nicht knüpfen. Die meisten werden froh sein, wenn sie das alles hinter sich haben.“
Barba wiegte den Kopf hin und her.
„Gegen ihr Verschwinden hätte wohl niemand etwas einzuwenden, es wäre das Vernünftigste für sie und für uns. Wenn ihnen die spanische Galeone dabei hilft – meinetwegen, meinen Segen sollen sie haben. Zum Teufel, du hast mich wieder einmal überzeugt, Madam.“
„Das hat aber ziemlich lange gedauert“, bemerkte Henry Scrutton mit einem Augenzwinkern.
„Halt du dich da gefälligst raus, du Rohrkrepierer“, brummte Barba und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Allein dein englischer Vorname macht dich schon höchst verdächtig, den Kerlen in die Hand zu arbeiten. Großer Gott, wie kann man nur Henry heißen. Da fehlt nur noch der Sir, und wir hätten es schon wieder mit einem Sir Henry zu tun. Kann man das noch aushalten, Madam?“
Siri-Tongs Mandelaugen blitzten belustigt auf.
„Ich denke schon. Solange unser Sir Henry nicht damit anfängt, ständig daneben zu schießen, nehmen wir sogar diesen Vornamen in Kauf, oder?“
„Schon gut, schon gut.“ Barba seufzte. „Ihr wißt ja, daß ich hart im Nehmen bin.“
Henry Scrutton und Barba enterten zur Kuhl ab. Es gab noch eine Menge für sie zu tun, zumal sie wußten, daß die „Caribian Queen“ zunächst nur nach Norden ablief, um die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten und dann notfalls erneut einzugreifen.
3.
Bei den Spaniern herrschte das reine Chaos.
Die seewärts treibende Galeone lief voll Wasser und würde in kurzer Zeit sinken. Durch den erneuten Angriff des Zweideckers hatte es Tote und Verletzte gegeben. Selbst Don Gregorio de la Cuesta, der es samt seinen Offizieren noch geschafft hatte, auf die andere Galeone überzuwechseln, sah in mancher Hinsicht aus wie ein gerupftes Huhn.
Sein Uniformrock war durch umherfliegende Holztrümmer am linken Ärmel aufgerissen worden. Über seine Stirn zog sich eine blutige Schramme, der er jedoch kaum Beachtung schenkte. Den furchterregendsten Anblick bot der Zweite Offizier, dessen feistes Gesicht von Ruß und Pulver geschwärzt war.
Über die Decks der inselseits ankernden Galeone dröhnten laute Flüche. Dem davonsegelnden Zweidecker wurden wilde Drohungen und Verwünschungen nachgebrüllt. Manche Männer, die dem Tod nur um Haaresbreite entgangen waren, kniffen stumm die Lippen zusammen und schickten ein stilles Stoßgebet zum Himmel.
Ihre bleichen Gesichter wurden immer noch von der Angst geprägt, die sie durchgestanden hatten. Wußte der Himmel, was als Nächstes geschah. Die meisten waren davon überzeugt, daß der kampfstarke Zweidecker abermals wenden würde, um auch noch die eine verbliebene Galeone zu versenken.
Don Gregorio de la Cuesta war außer sich vor Wut.
„Die Bastarde haben ein regelrechtes Zielschießen auf uns veranstaltet!“ stieß er hervor. „Es sollte mich nicht wundern, wenn das üble Piratenweib, das den Zweidecker befehligt, auch noch versuchen würde, uns auszuplündern. Irgend etwas muß sie mit ihren Angriffen bezwecken.“
„Vielleicht steht sie mit den Engländern drüben auf der Insel im Bunde“, sagte der Zweite und wischte sich über sein kohlrabenschwarzes Gesicht.
„Unsinn!“ erwiderte Don Gregorio. „Die beiden Schiffe der Engländer wurden ebenfalls versenkt. Wahrscheinlich hatte auch da der Zweidecker die Hände im Spiel. Fast drängt sich der Eindruck auf, daß die Piraten Schätze auf dieser gottlosen Insel versteckt haben und deshalb jeden vertreiben wollen, der sich ihr nähert.“
„Diese Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen“, bemerkte der Kapitän der inselseits ankernden Galeone mit blassem Gesicht. „Die Frau auf dem Achterdeck des Piratenschiffes muß schon ein Teufelsweib sein.“
„Wem sagen Sie das!“ stieß Don Gregorio wütend hervor. „Es mag zwar ungewöhnlich sein, daß ein Schiff von einer Frau kommandiert wird, aber damit wird dieser Zweidecker nicht minder gefährlich für uns. Wenn man uns auch noch diese Galeone abschießt, die ohnehin beschädigt ist, werden wir selber zu dieser verdammten Insel hinüberschwimmen müssen. Nur fragt sich dann, ob uns die Engländer überhaupt an Land gehen lassen. Wir stecken in einer verteufelten Situation, Señores.“
Daran hegte niemand einen Zweifel, und alle Offiziere waren sich darüber im klaren, daß sie im Falle eines erneuten Angriffs mit dem ihnen verbliebenen Schiff alles auf eine Karte setzen mußten.
Der Kapitän der Galeone brüllte nach Absprache mit de la Cuesta den Befehl zum Ankerhieven über die Decks. Das Schiff mußte schleunigst Abstand zu der sinkenden Galeone gewinnen und manövrierfähig werden. Gleichzeitig wurde die totale Gefechtsbereitschaft angeordnet.
Doch die Señores auf dem Achterdeck sollten bei ihren Vorbereitungen empfindlich gestört werden, und zwar von ganz anderer Seite, als sie erwartet hatten.
Der Kapitän des Schiffes war es, der plötzlich mit ausgestrecktem Arm zur Insel hinüberdeutete.
„Verdammt!“ entfuhr es ihm mit heiserer Stimme. „Die Engländer scheinen uns angreifen zu wollen.“
Jetzt wandten auch die übrigen Offiziere ihre Aufmerksamkeit der Bucht zu und sahen die Bescherung – viel zu spät allerdings, um dem Enterangriff noch ausweichen zu können. Die Boote der schiffbrüchigen Engländer waren schon zu nahe heran.
„Wie es scheint, sind wir in eine klug aufgestellte Falle gestolpert“, sagte der Zweite Offizier Don Gregorios. „Der Zweidecker muß wohl doch etwas mit den englischen Bastarden zu tun haben. Kaum drehte er nach Norden hoch, da werden wir auch schon von der Insel her angegriffen. Ich fresse einen Besen, wenn das keine abgesprochene Sache war, Señor Capitán.“
Fast schien es, als habe der Zweite mit dem rußgeschwärzten Gesicht diesmal recht, auch wenn es da noch einige Ungereimtheiten gab, für die man noch keine Erklärung gefunden hatte.
„Wir haben jetzt keine Zeit, über diese Vorgänge lange zu diskutieren“, sagte Don Gregorio erregt. „Ob wir in eine Falle gestolpert sind oder nicht, ist in unserer gegenwärtigen Lage ohne Bedeutung. Wichtig ist nur, daß wir alles tun, um diese Sache zu überstehen. Was ist mit der Gefechtsbereitschaft?“
Der Kapitän des Kriegsschiffes vollführte eine hilflose Geste.
„Meine Männer sind noch vollauf damit beschäftigt, die Galeone wieder gefechtsklar zu machen“, erwiderte er. „Solange unsere Schiffe ineinander verhakt waren, war das nicht in vollem Ausmaße möglich gewesen.“
Don Gregorios Gesicht wurde rot vor Zorn.
„Dann bringen Sie Ihre Schlafmützen gefälligst auf Vordermann!“ brüllte er wenig vornehm. „Wenn wir weitere Zeit verplempern, haben wir keine Chance mehr!“
Die Wuhling auf der Kriegsgaleone Seiner Majestät, des Königs von Spanien, nahm kein Ende.
Die Engländer hatten den zweiten Angriff der „Caribian Queen“ auf die spanischen Kriegsgaleonen mit größter Genugtuung beobachtet, und nahezu alle waren abermals in lautes Freudengeheul ausgebrochen, als sie sahen, welch verheerende Folgen der Angriff gehabt hatte. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, wann die zerschossene Galeone sinken würde.
Noch während die Kanonen des Zweideckers krachten, waren die Männer von der „Orion“ und der „Dragon“ mit ihren acht Jollen aus dem Uferdickicht hervorgebrochen und hatten die Boote über blitzschnell untergelegte handige Baumstämme zum Wasser gerollt. Dann waren sie auf das Kommando Marc Corbetts hin hineingesprungen und auf Teufel komm raus losgepullt. Sir Edward Tottenham hatte sich den Mannen angeschlossen. Er war von der Westseite her noch rechtzeitig auf den Trupp Marc Corbetts gestoßen, der die Boote aus dem Versteck geholt hatte.
An die 120 Mann waren es, die sich auf die acht Boote verteilt hatten. Die restlichen nahezu vierzig Kämpfer waren auf der Insel zurückgeblieben, um mit ihren Musketen den Kameraden Feuerschutz zu geben.
„Die Galeone kann jeden Moment sinken“, sagte Marc Corbett. „Fast sieht es so aus, als habe der Zweidecker die andere absichtlich für uns übriggelassen.“ Er saß auf der achteren Ducht einer Jolle, über seinen Knien lag eine feuerbereite Muskete.
Sir Edward zog die Stirn kraus.
„Hoffentlich haben Sie recht, Mister Corbett. Wenn der Zweidecker allerdings zurückkehrt und erneut angreift, bevor es uns gelungen ist, die Galeone zu entern, werden wir viel Glück brauchen.“
Die Nachmittagssonne webte einen flirrenden Hitzeschleier über der Bucht. Den Rudergasten, die echte Knochenarbeit leisteten, floß der Schweiß in Strömen über den Körper. Hinzu kamen die lästigen Moskitos, die in Ufernähe manch einem der Männer ein Fluchen entlockten. Dennoch wußten sie, auf was es ankam. Sie trieben die Boote mit allen zur Verfügung stehenden Kräften durch das kabbelige Wasser.
Marc Corbett, der die Galeone scharf beobachtete, entging die plötzliche Wuhling an Bord nicht, als sich die Boote schon ziemlich dicht an sie herangeschoben hatten.
„Die Dons scheinen uns bemerkt zu haben“, sagte er zu Sir Edward. Über sein braungebranntes Gesicht huschte ein spöttisches Grinsen. Im stillen hatte er sich längst über die Schlafmützigkeit der Spanier gewundert.
„Schade“, sagte Sir Edward. „Ich dachte schon, sie merken es erst, nachdem wir sie ins Wasser geworfen haben.“ Auch auf dem Gesicht des sonst so ernsten Mannes lag ein Lächeln.
„Wir müssen von jetzt an mit ihrer Gegenwehr rechnen“, fuhr Marc Corbett fort. Danach gab er den Befehl an die Scharfschützen, bei der ersten Reaktion der Spanier das Feuer zu eröffnen. Mit dem Trupp, der an Land geblieben war und sich je zur Hälfte auf die West- und Ostseite der Bucht verteilt hatte, war vereinbart worden, daß beim ersten Schuß, der fiel, mit dem Deckungsfeuer begonnen werden sollte.
„Mit ihren Kanonen können die Dons jetzt schon nichts mehr anfangen“, sagte Marc Corbett triumphierend. „Wir liegen bereits unterhalb ihres Schußwinkels, sie können höchstens noch über unsere Köpfe schießen …“
Mitten in seine Worte hinein blitzten auf der Galeone die ersten Musketenschüsse auf. Für die Engländer war das das Zeichen, den beabsichtigten Enterkampf einzuleiten.
„Feuer!“ brüllte Marc Corbett.
Gleich darauf krachten auch die Musketen und Tromblons der eigenen Scharfschützen. Wie das der Erste Offizier der früheren „Orion“ mit seinen Mannen abgesprochen hatte, feuerten nicht alle auf einmal, sondern stufenweise – getrennt nach den einzelnen Jollen. Während die einen schossen, waren die anderen schon wieder dabei, ihre Musketen nachzuladen.
Auch am West- und Ostufer der Bucht krachten plötzlich die Musketen. Die Spanier befanden sich plötzlich in einem Kugelhagel, der von drei Seiten auf sie einprasselte.
Mitten in das Getöse hinein brüllte plötzlich eine Kanone an der Backbordseite der Galeone auf. Eine Feuerzunge stach aus dem Rohr und trieb die schwere Eisenkugel fauchend über die Köpfe der Engländer weg. Sie schlug viele Yards hinter ihnen ins Wasser der Bucht.
Offenbar hatten die Dons die Einsatzmöglichkeiten der Geschütze überschätzt. Die Wirkungslosigkeit der Kugel schien sie jetzt davon überzeugt zu haben, daß auf die kurze Distanz mit den Kanonen nichts mehr auszurichten war. Sie schwiegen deshalb, dafür aber begannen zwei Drehbassen zu wummern, die schwenkbar auf das Schanzkleid montiert waren und eine weit größere Gefahr darstellten.
Weder Marc Corbett noch Sir Edward oder Arthur Gretton konnten verhindern, daß einige Männer getroffen wurden. Zwei sanken tot, drei andere verletzt von den Duchten.
Die Scharfschützen nahmen die Seesoldaten an den Drehbassen sofort verstärkt unter Feuer, um sie in Deckung zu zwingen. Dabei trafen sie zwei mit ihren Musketenkugeln.
Niemand konnte die anrückenden Engländer aufhalten. Noch bevor die Spanier weiteres Unheil anrichten konnten, hatten die Engländer die Kriegsgaleone erreicht. Den Dons war nicht einmal die Zeit geblieben, die Anker zu lichten. Als sie die Angreifer gesichtet hatten, mußten sie sich zunächst auf die Gefechtsbereitschaft konzentrieren, aber nicht einmal dazu hatte die Zeit ausgereicht.
Jetzt kam ein neuer Umstand hinzu, der ebenfalls nicht geeignet war, die Kampfmoral zu stärken. Die von der „Caribian Queen“ zusammengeschossene Galeone begann zu sinken.
Das Schiff war ein Stück seewärts abgetrieben und lag stark nach Steuerbord gekrängt im Wasser. Zunächst wurde das Vorschiff überflutet, nur das Heck ragte noch aus dem Wasser und bot einen gespenstischen Anblick. Wohl jeder – ob Spanier oder Engländer – hatte das Sterben eines Schiffes schon miterlebt. Trotzdem kroch allen ein kalter Schauer über den Rücken, als auch das Heck mit einem lauten Zischen und Gurgeln versank. Wenig später ragten nur noch die Mastspitzen aus dem Wasser. Planken, Taue und leere Fässer wurden an die Oberfläche getrieben.
Die Engländer rissen sich schon nach wenigen Sekunden von diesem Anblick los. Sie hatten die ankernde Galeone erreicht und mußten jetzt alles auf eine Karte setzen. Ihr weiteres Schicksal hing vom Gelingen dieser Aktion ab, darüber war sich jeder von ihnen klar.
Trotz des Widerstandes der Spanier flogen die ersten Enterhaken an der Backbordseite hoch und verkrallten sich im Holz des Schanzkleides. Die Männer hangelten in Windeseile nach oben, um sich den Weg an Bord freizukämpfen. Der eigentliche Enterkampf begann.
Die Dons versuchten, sich mit einem letzten Aufbäumen zu verteidigen. Don Gregorio de la Cuesta und die anderen Señores von den Achterdecks beider Kriegsschiffe brüllten pausenlos Befehle. Wo es nötig war, feuerten sie die Seesoldaten und Mannschaftsmitglieder an oder drohten mit drakonischen Strafen für den Fall des Zurückweichens. Dennoch war die spanische Abwehr eine recht schwache Angelegenheit. Die eh schon genervten Männer waren dem Überraschungsangriff der Engländer nicht mehr gewachsen, ihre Kampfmoral hatte bereits zu stark gelitten.
Obwohl ein harter Kampf, Mann gegen Mann, tobte, obwohl Pistolenschüsse krachten und das Metall der Blankwaffen gegeneinanderklirrte, war es nur ein kurzer Kampf.
Auch die beiden Kommandanten und die Offiziere hatten sich mit ihren Degen ins Getümmel gestürzt. Die beiden Offiziere der gesunkenen Galeone waren zum Quarterdeck abgeentert, wo sie in Unterstützung des Kapitäns dieses verbliebenen Schiffes versuchten, die aufenternden Engländer zurückzudrängen. Aber es war ihnen kein großer Erfolg beschieden. Im Gegenteil – die Spanier wurden mehr und mehr über die Decks gedrängt, die Verteidigung galt immer mehr der eigenen Person als dem Schiff.
Auch Marc Corbett, Sir Edward und Arthur Gretton waren in heftige Degenduelle verwickelt, nachdem es ihnen gelungen war, die Decksplanken der Galeone zu betreten.
Marc Corbett, der tatkräftige Erste Offizier der „Orion“, stürmte den Backbordniedergang hinauf, der vom Quarterdeck zum Achterdeck führte. Er hatte sich nicht getäuscht, der Befehlshaber der Spanier befand sich dort und warf sich ihm sofort entgegen.
Don Gregorio de la Cuesta schwitzte heftig. Der Schweiß aber brannte höllisch in der blutverschmierten Schramme, die er an der Stirn empfangen hatte. Der aufgeschlitzte Ärmel seines Uniformrockes verlieh ihm ein recht ramponiertes Aussehen.
Ein harter Degenkampf entbrannte, in dessen Verlauf sich Don Gregorio als gewandter Kämpfer erwies.
„Stirb, Engländer!“ keuchte er und versuchte, Marc Corbett den Degen in die Brust zu stoßen.
Dieser parierte jedoch den Angriff geschickt.
„Ich denke nicht daran, Ihnen diesen Gefallen zu tun, Señor!“ rief er zurück. Dann drang er auf de la Cuesta ein und trieb ihn ein Stück zum Steuerbordschanzkleid hinüber.
Der Capitán wich zunächst zurück, doch dann fand er seinen Rhythmus wieder und riskierte erneut einige heftige Ausfälle. Marc Corbett mußte in der Tat höllisch aufpassen, aber er fing sich rasch wieder und bot dem Spanier die entsprechenden Paraden. Trotzdem konnte er nicht verhindern, daß ihm die Degenspitze Don Gregorios die linke Seite der Uniformjacke in Fetzen riß.
Dieser winzige Erfolg schien den Capitán zu beflügeln – zumindest für kurze Zeit. Er kämpfte mit verbissenem Gesicht, seine zusammengekniffenen Augen spiegelten Wut und Haß wider. Marc Corbett konnte es ihm nicht einmal verdenken, wenn er bedachte, welche Schlappen dieser Mann in den letzten Stunden schon hatte einstecken müssen.
Aber auch er selber war ein wendiger Kämpfer, der sich von einigen Stoffetzen nicht beeindrucken ließ. Seine Ausfälle wurden immer häufiger. Er trieb den Capitán vor sich her in Richtung Querbalustrade.
Dann geschah es plötzlich.
Marc Corbett, der soeben einen gefährlichen Degenstoß abgewehrt hatte, traf die rechte Hand Don Gregorios mit einem raschen Hieb. Der Spanier stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, dann polterte sein Degen auf die Planken.
Noch bevor er sich danach bücken konnte, setzte ihm Marc Corbett die Spitze seiner Waffe an den Hals.
„Halt, Señor!“ befahl er mit harter Stimme. Sein Gesicht strahlte äußerste Entschlossenheit aus. „Wenn Sie nicht aufgeben, muß ich Sie töten.“
Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, zumal Corbett die spanische Sprache einigermaßen gut beherrschte. Don Gregorio gab sein Vorhaben mit wütendem Gesicht auf.
„Zum Teufel mit Ihnen, Engländer!“
„Leider muß ich Ihnen auch diesen Gefallen verweigern“, sagte Corbett. „Aber ich weiß, daß Sie selber zu ihm gehen werden, wenn Sie sich meinen Anordnungen widersetzen oder aber irgendeinen Trick versuchen. Stellen Sie sich mit dem Rücken gegen die Balustrade!“ Mit der Degenspitze am Hals dirigierte er ihn an den gewünschten Ort.
„Was verlangen Sie?“ keuchte der Capitán. Seine Augen funkelten vor Zorn.
„Zunächst einmal, daß Sie sich mit Ihren Leuten ergeben, und zwar bald, wenn Sie ein größeres Blutvergießen vermeiden wollen. Streichen Sie die Flagge und geben Sie Ihren Soldaten, und Seeleuten den Befehl, die Waffen zu strecken!“
„Ich denke nicht daran!“ Die Wangenmuskeln des Spaniers zuckten.
„Dann sehen Sie sich um“, sagte Corbett. „Das Schiff ist bereits innerhalb der nächsten Minuten in unserer Hand. Sollen wegen Ihrer Dickschädeligkeit noch weitere Männer sterben? Na los, sehen Sie sich alles an. Ich erlaube Ihnen, sich langsam umzudrehen, damit Sie das Schiff überblicken können.“
De la Cuesta drehte sich um und vermied dabei jede hastige Bewegung, zumal er jetzt die Degenspitze des englischen Offiziers am Rücken spürte. Der Engländer hatte tatsächlich recht, sie hatten keine Chance mehr, das Schiff auf Dauer zu verteidigen. Die Angreifer waren zu überraschend und in zu großer Anzahl erschienen.
„Wie steht’s, Señor?“ fragte Marc Corbett. „Ich gebe Ihnen zehn Atemzüge lang Zeit, den Kampf zu beenden.“
Der Capitán schluckte hart.
„Na gut“, sagte er schließlich mit belegter Stimme. „Ich habe keine andere Wahl.“
Gleich darauf dröhnte seine Stimme über die Decks. Er forderte seine Landsleute auf, den Kampf sofort einzustellen und sich zu ergeben.
Zu spät wurde Don Gregorio klar, daß er in jüngster Vergangenheit einen gewaltigen Bock geschossen hatte. Statt die schiffbrüchigen Engländer, die sich bei seinem Eintreffen auf der Insel verschanzt hatten, anzugreifen, hätte er sich zuerst den beiden Schiffen widmen sollen, von denen dieser grobschlächtige Bootsmann O’Leary gesprochen hatte, den er zusammen mit noch fünfzehn anderen Kerlen in einer Jolle aufgegriffen und unter Druck ausgehorcht hatte.
Dem Bootsmann nach sollten sich zwei Schiffe – darunter sogar das Schiff Philip Hasard Killigrews, des legendären Seewolfs – in einer Bucht der Pensacola Cays befinden. Genau diese beiden Schiffe hätte er zuerst und überraschend angreifen und ausschalten müssen, so sagte er sich jetzt in später Erkenntnis, um zu verhindern, daß sie ihn – wie es jetzt geschehen war – bei dem Landeunternehmen überfielen. Denn jener düstere Zweidecker mußte eins jener beiden Schiffe sein, daran gab es für ihn keinen Zweifel mehr.
Zwar hatte der verdammte Bootsmann behauptet, die schiffbrüchigen Engländer auf der Insel hätten nichts mit den Mannschaften des Killigrew auf den beiden Schiffen zu tun – im Gegenteil, den Schiffbruch habe man gerade diesem Killigrew zu verdanken, ihm und einem blutrünstigen Piratenweib, das einen Zweidecker kommandiere. Aber in diesem Fall mußte der Bootsmann gelogen haben, meinte de la Cuesta und wußte nicht, daß gerade das ein Irrtum war.
Die Offiziere, Seesoldaten und Männer der Besatzung traf der Befehl Don Gregorios teils wie ein Schock, teils fühlten sie sich aber auch erleichtert, denn viele von ihnen hatten längst begriffen, daß sie das Schiff nicht auf Dauer verteidigen konnten.
Der Kampf wurde augenblicklich eingestellt. Die Blicke der Spanier waren auf das Achterdeck gerichtet, wo Don Gregorio an der Querbalustrade stand, hinter ihm ein englischer Offizier.
Auf die Anweisung Marc Corbetts hin wiederholte der Capitán seinen Befehl, die Waffen zu strecken.
Der eigentliche Kapitän der Galeone, der sich noch auf dem Quarterdeck befand, schien sich in seiner Rolle nicht sonderlich wohlzufühlen.
„Nehmen Sie mich als Geisel!“ rief er. „Ich bin der Kapitän dieses Schiffes!“
„Danke für Ihr freundliches Angebot, Señor“, erwiderte Marc Corbett, „aber ich denke, Ihr Verbandsführer befindet sich bei uns in besten Händen. Vorausgesetzt, man befolgt seine Anordnungen und kapituliert. Lassen Sie Ihre Waffen auf die Planken fallen!“
Die Spanier gaben sich endgültig geschlagen. Die Degen, Säbel, Cutlasse, Messer und Pistolen fielen polternd und klirrend auf die Decksplanken. Die Engländer überwachten den Vorgang. Viele stimmten laute Hochrufe an, denn ihr Enterkampf hatte den gewünschten Erfolg gehabt: das spanische Kriegsschiff war in ihrer Hand.
Doch die Begeisterung sollte nicht lange dauern, denn schon in den nächsten Augenblicken breitete sich schlagartig neue Verwirrung aus – Verwirrung an beiden Fronten.
4.
Don Gregorio de la Cuesta verstand plötzlich die Welt nicht mehr, als der düstere Zweidecker – noch während seine Soldaten die Waffen streckten – wie eine geisterhafte Erscheinung fast längsseits der Galeone auftauchte – drohend, mit ausgerannten Stücken und besetzten Drehbassen.
Marc Corbett, Sir Edward und die übrigen Mannen der englischen Crews waren nicht weniger verblüfft, denn auch sie hatten im Getümmel des Enterkampfes nicht mehr auf den Zweidecker geachtet, der in nördliche Richtung davongesegelt war.
O Lord, jetzt würde sich zeigen, welche Ziele dieses unheimliche Schiff verfolgte. Die Situation spitzte sich dramatisch und beängstigend zu. Warum war der Zweidecker zurückgekehrt? Wollte er auch noch dieses Schiff versenken oder gar entern? Oder wollte man verhindern, daß es die Engländer als Prise nahmen? Diese Fragen lagen ihnen schwer auf der Seele.
Don Gregorio de la Cuesta und seine Offiziere allerdings waren in diesem Augenblick fest davon überzeugt, doch in eine Falle geraten zu sein. Das alles sah zu sehr nach Absprache zwischen dem Zweidecker und den Engländern aus. Um so mehr überraschte sie kurze Zeit später das, was tatsächlich geschah.
Jetzt war sie deutlich zu sehen – jene schlanke, rassige Frau, bei der es sich wohl um das „blutrünstige Piratenweib“ handeln mußte, von dem der Bootsmann gesprochen hatte. Don Gregorios Augen hefteten sich wie gebannt auf den Körper dieser Frau, die auf dem Achterdeck stand.
Sir Edward hatte sich gerade zu Marc Corbett und dem gefangenen spanischen Capitán auf das Achterdeck begeben, als auch er wie angewurzelt stehenblieb und zu dem düsteren Schiff mit den beiden Kanonendecks hinüberstarrte.
Plötzlich geriet Bewegung in die Gestalt der Frau, die mit verschränkten Armen vor der Querbalustrade des Achterdecks verhielt. In ihrer Nähe stand ein wüst aussehender Mann, der an einen brutalen Schläger erinnerte.
„Streicht die Flagge, Engländer!“ rief die Frau mit schneidender Stimme. „Wenn ihr diese Aufforderung nicht befolgt, jagen wir eine volle Breitseite in die Galeone!“
Sir Edward und Marc Corbett erblaßten. Don Gregorio aber atmete erleichtert auf, denn nach den Worten des „Piratenweibes“ hatte es den Anschein, als wolle sie die Engländer zur Strecke bringen. Diese Illusion wurde jedoch gleich wieder zerstört.
„Das gleiche gilt natürlich auch für die Spanier“, fuhr die Frau fort, „für den Fall, daß sie Lust verspüren sollten, den Spieß noch einmal umzudrehen.“
Jetzt erschlaffte auch die Gestalt de la Cuestas.
„Verdammt!“ murmelte er erschüttert und wirkte ziemlich hilflos, denn jetzt hatte er überhaupt keinen Durchblick mehr. Wem wollte dieses rassige Weib denn nun an den Kragen – den Engländern oder den Spaniern? Oder gar allen beiden?
Auch die Mannen der „Orion“ und „Dragon“ standen samt ihren Offizieren ziemlich belemmert da und wußten im Augenblick nicht, wie sie sich verhalten sollten.
„Eine äußerst unangenehme Situation“, sagte Sir Edward mit einem raschen Seitenblick auf den spanischen Kommandanten und seine Leute. „Sind die Geschütze nicht wenigstens teilweise einsatzbereit?“
„Das schon, Sir“, erwiderte Marc Corbett, ohne die Frau auf dem Zweidecker aus den Augen zu lassen. „Womöglich könnten wir jetzt den Zweidecker mit einer Breitseite eindecken. Bei dieser Entfernung von knapp dreißig Yards wäre das wohl kaum ein Problem, aber ich fürchte, daß die Kerle da drüben auf jeden Fall schneller wären als wir. Im Gegensatz zu uns haben sie gewissermaßen die Hand am Drücker, und wer bei dieser kurzen Distanz zuerst schießt, hat gewonnen.“
„Hm, wirklich verdammt unangenehm“, murmelte Sir Edward. „Und daß die Kerle auf dem Zweidecker zu schießen verstehen, ist uns ja inzwischen allzu sattsam bekannt. Wir würden höchstwahrscheinlich den kürzeren ziehen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als die Befehle dieses Frauenzimmers zu befolgen, so sehr uns das auch widerstreben mag.“
Für weitere Erörterungen blieb den beiden Männern von der „Orion“ keine Zeit, denn die Stimme der Roten Korsarin tönte erneut zu ihnen herüber.
„Na, haben Sie sich meinen Befehl gründlich genug überlegt, Señores und Gentlemen? Wenn meiner Anordnung nicht sofort Folge geleistet wird, werde ich den Feuerbefehl geben, vielleicht beschleunigt das Ihre Entscheidungsfreudigkeit.“
„Was erwarten Sie von uns, Madam?“ ließ sich jetzt Marc Corbett vernehmen.
„Daß auch ihr Engländer sofort die Waffen fallen laßt!“ rief Siri-Tong zurück. „Danach werdet ihr zehn Engländer und zehn Spanier bestimmen, die die Waffen einsammeln und auf der Kuhl anhäufen.“
Marc Corbett wandte sich zu Sir Edward.
„Tut mir leid, Sir, aber diese Frau scheint es tatsächlich ernst zu meinen. Wenn wir nicht gehorchen, wird es noch größeren Ärger geben.“
„Veranlassen Sie das, was nötig ist“, sagte Sir Edward mit starrem Gesicht. „Wir kommen ohnehin nicht drum herum.“
Der Erste Offizier gab einige Befehle, und die Mannen, deren Enterkampf so hervorragend geglückt war, ließen verhalten fluchend und zähneknirschend die Waffen fallen – wie es zuvor schon die Dons getan hatten.
Marc Corbett bestimmte die Männer, die das Waffenarsenal einzusammeln hatten. Nachdem das geschehen war, wandte er sich an Siri-Tong.
„Ihr Befehl wurde ausgeführt, Madam!“ meldete er. „Es wird niemand Widerstand leisten. Doch alle an Bord dieser Galeone, ob Engländer oder Spanier, wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns erklären könnten, was Sie mit dieser Aktion bezwecken. Schätze gibt es auf diesem Schiff mit Sicherheit nicht, es handelt sich um eine spanische Kriegsgaleone. Wir, die Engländer, haben sie gekapert, weil wir als Schiffbrüchige eine Möglichkeit suchten, diese Insel zu verlassen. Zudem haben uns die Spanier massiv angegriffen, wie Sie wissen.“
„Noch ist es nicht an der Zeit, Rechtfertigungen vorzubringen“, sagte Siri-Tong kalt. „Was ich mit dieser Aktion bezwecke, wird Ihnen schon sehr bald klarwerden. Ich verlange nämlich, daß die beiden Kommandanten und die Offiziere der ‚Orion‘ und ‚Dragon‘ an Bord meines Schiffes kommen.“
Marc Corbett zeigte klar.
„Bedauerlicherweise kann der Kommandant der früheren ‚Dragon‘ diesen Befehl nicht befolgen, Madam!“ rief er dann. „Mister Stewart befindet sich nämlich als Gefangener an Land.“
Als Gefangener? Siri-Tong war überrascht, aber sie verbarg diese Überraschung.
„Dann lassen Sie ihn holen!“ befahl sie.
„In Ordnung, Madam!“ tönte es zurück. „Wir werden uns sofort darum kümmern.“
Marc Corbett beauftragte Arthur Gretton damit, den schurkischen Charles Stewart von der Insel zu holen und bei dieser Gelegenheit auch die Mannen, die dort verblieben waren, von der derzeitigen Lage zu unterrichten.
Wenig später wurde ein englisches Boot mit Arthur Gretton an Bord von sechs unbewaffneten Rudergasten zur Insel gepullt. Ein weiteres Boot nahm Sir Edward und die übrigen Offiziere an Bord, um sie zu dem Zweimaster hinüberzubringen.
Die Rote Korsarin musterte die Gentlemen mit eisigen Blicken. Die Männer konnten nicht verhindern, daß sie ein flaues Gefühl in der Magengegend verspürten. Alle hatten sich inzwischen auf der „Caribian Queen“ eingefunden, einschließlich des abgesetzten Kommandanten der „Dragon“, Charles Stewart, den man gefesselt an Bord gebracht hatte.
Während sich Siri-Tong an der Querbalustrade des Achterdecks aufhielt, hatten sich die Gentlemen unten auf der Kuhl in einer Reihe aufstellen müssen. So blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als zu der Frau hochzuschauen. In der Tat hatte sich das die Rote Korsarin – sehr zur Genugtuung Barbas – einfallen lassen, um die Offiziere bewußt zu brüskieren.
„Knien sollten sie, Madam“, hatte Barba geflüstert, „knien wie auf einer Kirchenbank.“
Das aber war ihr wohl doch etwas zu weit gegangen, denn es lag nicht in ihrer Absicht, die Männer zu demütigen. Vielmehr ging es ihr darum, die Lage endgültig zu klären und die Ränke und üblen Machenschaften, mit denen die Engländer in der letzten Zeit den Seewolf und seine Männer verfolgt hatten, zu beenden.
Nach kurzem Schweigen räusperte sich Siri-Tong und verschränkte dann abermals die Arme. Ihre mandelförmigen, etwas schräggestellten Augen musterten die Engländer ohne jegliche Scheu. Indem sie sich sämtliche Floskeln ersparte, kam sie ohne Umschweife zur Sache.
„Sie, Mister Corbett“, begann sie, „haben vorhin nach dem Zweck dieser Aktion gefragt. Ich habe Ihnen eine Antwort versprochen, doch dazu ist es allerdings nötig, daß ich etwas weiter aushole und auf Ereignisse der letzten Zeit zurückgreife. Vielleicht werden Sie und die anderen Gentlemen mich dann verstehen.“
„Wir werden uns die größte Mühe geben, Madam“, entgegnete Corbett und deutete sogar eine leichte Verbeugung an. Er, der draufgängerische und tatkräftige Mann, konnte nicht verhindern, daß ihm diese Frau eine ganze Menge Respekt einflößte. O ja, das mußte schon eine ganz besondere Frau sein, die es schaffte, einen solch imposanten Dreimaster mit zwei Kanonendecks zu befehligen und alle die rauhen Kerle, die bei ihr fuhren, im Zaum zu halten. Corbett konnte ihr im stillen die Bewunderung nicht versagen, auch wenn er jetzt – wie die anderen – mit bangem und erwartungsvollem Gesicht zum Achterdeck hochstarrte.
„Da sind also“, fuhr die Rote Korsarin fort, „vier englische Kriegsschiffe und eine Karavelle in die Karibik ausgelaufen, mit dem Auftrag, nach Philip Hasard Killigrew, den man den Seewolf nennt, zu fahnden, ihn zu fangen und nach England zu verbringen, um ihn dort – man höre und staune – wegen Betruges, Unterschlagung sowie Hoch- und Landesverrats vor ein Gericht zu stellen. Eigentlich sollte man annehmen, daß man in England Ehrenmänner mit diesem Auftrag betraut hat. Doch kaum hatten diese fünf Schiffe die Bahama-Inseln erreicht, fielen diese Ehrenmänner, die der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen sollten, über eine spanische Handelsgaleone her, welche, wohlbemerkt, bereits die Flagge gestrichen hatte, und schossen sie brutal zusammen. Mehr noch: Die Besatzung wurde massakriert, nachdem ein gewisser, an dem Unternehmen beteiligter John Killigrew und seine Mannschaft die Galeone geentert hatten …“
„Eben“, unterbrach sie der stiernackige und verschlagen aussehende Charles Stewart und hielt seine gefesselten Hände hoch. „Das war Killigrew, Madam, und wir sind nicht für ihn verantwortlich.“
„Schweigen Sie!“ fuhr ihn Siri-Tong mit harter Stimme an. „Ich habe Sie nicht nach Ihrer persönlichen Meinung gefragt. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, daß gerade Sie als letzter das Recht haben, den ersten Stein nach einem anderen zu werfen.“
Damit hatte die Rote Korsarin den Nagel auf den Kopf getroffen. Die anderen Männer nickten bestätigend zu ihren Worten, und Arthur Gretton, der Stewart abgesetzt hatte, warf ihm sogar einen zornigen Blick zu.
„Dieser Mann, John Killigrew“, fuhr Siri-Tong unbeirrt fort, „plünderte die spanische Galeone aus, zumal sich dort eine Ladung Goldbarren befand. Um diese Beute für sich behalten zu können, nahm er aus den Reihen seiner Verbündeten einen gewissen Sir Andrew Clifford als Geisel und setzte sich unbehelligt mit seiner Karavelle und der Goldbeute von dem Verband ab. Danach leierte man an Bord der Karavelle den grandiosen Coup – der selbstverständlich mit dem eigentlichen Auftrag nicht das geringste zu tun hatte –, indem man sich sinnlos betrank und außerdem den Entschluß faßte, nach Süden zu segeln, wo man auf den Inseln Frauen zu finden hoffte. Genauer gesagt: Man war entschlossen, irgendwo Indianerweiber aufzutreiben, über die man das Recht zu haben glaubte, sie nach Gutdünken vergewaltigen zu können. Sir Andrew Clifford hingegen konnte mit einer nachgeschleppten Jolle von der Karavelle fliehen und wurde schließlich von Philip Hasard Killigrew, dem Seewolf, aufgegriffen. Ins Verhör genommen, berichtete dieser ‚Ehrenmann‘, mit welchem Ziel die fünf Schiffe aus England ausgelaufen waren. So erfuhr Philip Hasard Killigrew, den vom Charakter her ganze Welten von seinem früheren Pflegevater, John Killigrew, trennen, von den ungeheuerlichen Beschuldigungen, die gegen ihn am königlichen Hof erhoben worden waren.“
Arthur Gretton unterbrach die Rote Korsarin.
„Wenn ich dazu etwas bemerken darf, Madam“, sagte er mit ausgesuchter Höflichkeit. „Es war nicht unsere Aufgabe und lag auch nicht in unserer Macht, den Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigungen, die Sie gerade angesprochen haben, zu überprüfen.“
Siri-Tong schüttelte zornig den Kopf.
„Wollen Sie damit sagen, daß Sie und auch diese anderen Männer sich einer Strafexpedition großen Ausmaßes angeschlossen haben, ohne von deren Richtigkeit und Notwendigkeit überzeugt zu sein?“
„Äh – nein, Madam, das wollte ich damit nicht sagen“, erwiderte Gretton sichtlich verlegen. „Man hat uns vielmehr deren Richtigkeit glaubhaft versichert.“
„Das kann ich mir lebhaft vorstellen“, sagte Siri-Tong. „Offensichtlich hat man deren Notwendigkeit sogar der englischen Königin glaubhaft versichert, sonst hätte sie wahrscheinlich niemals diesem Unternehmen zugestimmt. Fest steht auf jeden Fall, daß Sir Andrew Clifford und Sir Henry Battingham, zwei Männer von Adel, aber nicht mit adliger Gesinnung, die Anstifter dieser Intrige waren. Das gleiche trifft auf John Killigrew, den dritten im Bunde, zu. Drei Verbrecher haben es demnach fertiggebracht, einen anderen Mann in Abwesenheit zu verleumden, schmutzige Verdächtigungen auszusprechen und zu erreichen, daß ein Verband zu seiner Gefangennahme in Marsch gesetzt wurde.“
Siri-Tong schwieg hier einen Moment. Sie hatte ruhig und sachlich gesprochen. Jetzt aber wurde ihr Ton eine Nuance schärfer.
„John Killigrew und seine Mannschaft“, fügte sie hinzu, „wurden in der Bucht dieser Insel von Philip Hasard Killigrew und mir gestellt und überwältigt. Als Ehrenmann forderte der Seewolf, dessen Gradlinigkeit und Fairneß selbst den Spaniern ein Begriff ist, Genugtuung für die schändlichen Verleumdungen seiner Person. Ich habe ihm abgeraten mit der Begründung, Lumpen könnten einem Mann ohne Fehl und Tadel nicht die Ehre nehmen. Doch der Seewolf blieb bei seiner Entscheidung, und ich mußte sie akzeptieren, denn wer eines Mannes Ehre verletzt, muß auch bereit sein, dafür geradezustehen und zu kämpfen. Ich weiß nicht, inwieweit ich von Ihnen erwarten kann, mir in diesem Punkt beizupflichten …“
„Natürlich müssen wir Ihnen da beipflichten, Madam“, sagte Marc Corbett.
Sir Edward und Arthur Gretton nickten bestätigend, während Charles Stewart nur höhnisch grinste.
„Sehen Sie“, sagte Siri-Tong, „nicht mehr und nicht weniger als das forderte Philip Hasard Killigrew von diesen beiden Männern. Jetzt konnten sie ja zeigen, wie ernst ihre Absicht war, im Auftrag der Krone einen Betrüger, Hoch- und Landesverräter zu stellen und im Kampf Mann gegen Mann ihr Ziel durchzufechten. Philip Hasard Killigrew ließ ihnen sogar die Wahl der Waffen. Sir Andrew Clifford als erster wählte die Pistole, John Killigrew den Säbel. Das Pistolenduell fand dort drüben am Strand statt. Die Duellanten sollten sich Rücken an Rücken und mit geladener Pistole aufstellen, dann losmarschieren und durften sich erst umdrehen und schießen, wenn der Befehl ‚Feuer frei!‘ gegeben wurde. Aber was tat der Ehrenmann Andrew Clifford? Nach etwa vier Schritten drehte er sich um und schoß Philip Hasard Killigrew eine Kugel in den Rücken. Clifford büßte für diese feige Tat, denn er wurde von einem Pfeil durchbohrt, den ein Mann aus der Crew des Seewolfs abgeschossen hatte. Dieser Pfeilschuß ersparte uns, Clifford an die Rah zu hängen. Alles weitere wissen Sie, Gentlemen. Was ich jedoch noch nicht weiß, das möchte ich jetzt von Ihnen erfahren: Warum hat dieser Mann“, Siri-Tong deutete auf Charles Stewart, „zusammen mit Männern aus der Crew des John Killigrew in der letzten Nacht noch einmal versucht, das Schiff des Seewolfs zu überfallen? Hatte er dazu einen Auftrag?“
Es war abermals Marc Corbett, der einen Schritt vortrat und erregt den Kopf schüttelte.
„Nein, einen Auftrag hatte er nicht, Madam“, sagte er mit zorniger Stimme. „Mister Stewart hat auf eigene Faust gehandelt, nachdem wir uns zuvor von ihm getrennt hatten. Und nicht nur von ihm hatten wir uns getrennt, sondern auch von der Mannschaft des John Killigrew und von der Adelsgruppe um Sir Henry Battingham. Wir ließen Mister Stewart mit einer der Jollen abziehen. Wir wollten mit ihm nichts mehr zu tun haben, denn er hatte seine Besatzung im Stich gelassen, als die ‚Dragon‘ sank. Für uns war das Grund genug, uns von ihm zu trennen, zumal er vorher versucht hatte, die ‚Orion‘ zu entern, weil sein Schiff im Gefecht beschädigt worden war …“
„Lüge, alles Lüge!“ rief Charles Stewart dazwischen. „Die Kerle wollen sich Ihnen gegenüber nur herausreden, Madam!“
Barba, der mit verschränkten Armen einige Schritte hinter Siri-Tong stand und die Gesprächsszene mit unbewegtem Gesicht verfolgte, setzte sich in Bewegung.
„Soll ich diesen Kerl zur Ruhe bringen, Madam?“ fragte er.
Siri-Tong vollführte eine abwehrende Geste.
„Laß es, Barba“, erwiderte sie. „Wenn es nötig sein sollte, daß du dir die Hände an einem solchen Mann beschmutzt, sage ich es dir.“
Barba trat wieder zurück, nicht ohne dem grobschlächtigen Stewart einen finsteren und vielversprechenden Blick zuzuwerfen.
„Darf ich weiterreden, Madam?“ fragte Marc Corbett höflich.
„Fahren Sie fort.“ Siri-Tong nickte mit ernstem Gesicht.
Der Erste Offizier der „Orion“ räusperte sich.
„Heute morgen kehrte Mister Stewart allein zurück und forderte uns auf, mit den Jollen Ihre beiden Schiffe bei den Pensacola Cays zu überfallen. Wir lehnten das jedoch ab und setzten ihn gefangen.“
„Und was geschah mit der Jolle und den Kerlen von John Killigrew?“ fragte Siri-Tong.
Marc Corbett lächelte beinahe schadenfroh.
„Die Burschen warfen Stewart hier bei der Insel außenbords und segelten davon. Vermutlich, weil sie sich in den Besitz von zwei Goldkisten setzen wollten, die Stewart dem ‚ehrenwerten‘ Sir Henry Battingham mehr oder weniger entwendet hatte, bevor die ‚Dragon‘ unterging.“
„Interessant!“ entfuhr es der Roten Korsarin. Dann warf sie Charles Stewart, der sie mit haßerfüllten Augen anstarrte, einen verächtlichen Blick zu. Nach kurzem Überlegen gab sie den Befehl, den spanischen Verbandsführer auf die „Caribian Queen“ zu holen. „Mal sehen“, sagte sie, „was unsere spanischen Freunde zu berichten haben.“
Kurze Zeit danach hatte sich auch Don Gregorio de la Cuesta zu der Reihe derer gesellt, die nervös von der Kuhl zum Achterdeck hochblickten. Auch er tat es mit recht gemischten Gefühlen, denn im stillen rechnete er mit allem – selbst mit dem Schlimmsten. Was sollte er schon als spanischer Kapitän von den Engländern zu erwarten haben? Oder noch schlimmer: was würde sich dieses Piratenweib wohl einfallen lassen? O ja, Don Gregorio fühlte sich ganz und gar nicht wohl in seiner Haut, und als man ihn auf den Zweidecker gebracht hatte, waren seine Knie regelrecht weich geworden.
„Wie ist Ihr Name, Señor?“ fragte Siri-Tong, die die spanische Sprache sehr gut beherrschte.
„Don Gregorio de la Cuesta“, lautete die Antwort, „Kommandant der Kriegsgaleone …“
„Schon gut“, unterbrach ihn Siri-Tong, die von Adelstiteln und hochtrabenden Amtsbezeichnungen nicht sehr viel hielt. „Ich erwarte, daß Sie mir einige Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Vergessen Sie dabei nicht, daß Sie sich in meiner Gewalt befinden.“
Bei diesem Hinweis schluckte Don Gregorio, obwohl er diesen Umstand bisher noch keinen Augenblick vergessen hatte.
„Ich werde wahrheitsgemäß antworten, Señora.“
Siri-Tong konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn sie auf die Kuhl hinunterblickte. Da standen sie, die Befehlshaber und Kommandanten, die sonst so Großen und Mächtigen. Aufgereiht wie die Hühner auf der Stange, wirkten sie zerknirscht, nervös und verunsichert. Vor allem das hagere Gesicht des Spaniers zeigte eine auffallende Blässe.
„Nun, Señor“, fuhr sie fort, „ich möchte wissen, ob es ein Zufall war, daß Sie mit Ihren beiden Kriegsgaleonen hier auf die schiffbrüchigen Engländer gestoßen sind.“
Don Gregorio schüttelte den Kopf.
„Nein, das war kein Zufall, Señora“, erwiderte er. „Meine Schiffe befanden sich im Fort St. Augustine an der amerikanischen Ostküste. Als der englische Verband vorbeisegelte, erhielt ich den Auftrag, auszulaufen, um – nun ja, um die Absichten der Engländer zu überprüfen …“
„Aha“, sagte Siri-Tong. „Und was sollten Sie nach dieser Überprüfung, wie Sie das nennen, tun? Sollten Sie nach St. Augustine zurückkehren, um Bericht zu erstatten?“
„Nein, Señora, das heißt, später schon, aber …“
„Aber?“
„Zunächst hatte ich, wie bereits gesagt, den Auftrag, den Engländern nachzuspüren. Dann sollte ich Havanna anlaufen und den Gouverneur wegen dieses Verbandes warnen.“
„Und wie erfuhren Sie dann, daß es auf dieser Insel schiffbrüchige Engländer gab?“
Der Capitán zuckte hilflos mit den Schultern.
„Das ergab sich fast von allein, Señora“, berichtete er. „Wir sichteten am heutigen Vormittag eine mit Westkurs segelnde Jolle, die wir stoppten und durchsuchten. Dabei entdeckten wir zwei Kisten mit Goldbarren, die den Stempel der Münze von Potosi aufwiesen. Wir waren deshalb davon überzeugt, es mit Piraten zu tun zu haben und sahen uns genötigt, die Jollenbesatzung gefangenzunehmen. Dabei erfuhren wir durch das Verhör eines englischen Bootsmanns, der O’Leary heißt, daß es auf dieser Insel schiffbrüchige Engländer gäbe. Da die Grand Cays nicht weit entfernt waren, sind wir hierher gesegelt.“
Siri-Tongs Hände ballten sich zu Fäusten.
„War das alles, was Sie von diesem O’Leary erfahren haben?“
Der Spanier senkte einen Augenblick den Kopf, dann aber redete er weiter, wohl wissend, daß er keine andere Wahl hatte.
„Nein, das war nicht alles, Señora. Der Bootsmann berichtete auch über die Ziele und Aufgaben des englischen Verbandes, und – und er sagte auch, wo El Lobo del Mar, der Seewolf, zu finden sei. Daraufhin habe ich die Engländer drüben auf der Insel zur Kapitulation aufgefordert. Angegriffen habe ich sie erst, nachdem sie sich geweigert hatten, sich zu ergeben.“
Die Rote Korsarin nickte. Alle Mosaiksteinchen paßten überraschend gut zusammen, deshalb war sie auch davon überzeugt, daß Don Gregorio die Wahrheit gesagt hatte.
„Den Ausgang dieses Kampfes kenne ich“, fuhr sie fort. „Wie aber sah Ihr weiteres Vorhaben aus – im Hinblick auf das, was O’Leary ausgeplaudert hatte?“
„Danach“, erwiderte der Spanier, „wollte ich versuchen, den Seewolf zu finden und zu stellen, und zwar noch vor der Fahrt nach Havanna.“
„Gerade so hatte ich mir das gedacht“, sagte Siri-Tong. „Wie viele Kerle befanden sich bei O’Leary, und was geschah mit ihnen?“
„Es waren sechzehn, Señora. Ich nahm sie als Gefangene zunächst an Bord meines Schiffes, dann aber wurden sie von der Galeone da drüben wegen der besseren Platzverhältnisse übernommen. Dort befinden sie sich jetzt noch in der Vorpiek hinter Schloß und Riegel.“
Marc Corbett und die anderen Engländer, die dem in Spanisch geführten Gespräch folgen konnten, horchten auf. Siri-Tong aber traf ihre ersten Entscheidungen.
„Ich danke Ihnen, Señor, daß Sie meine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet haben“, sagte sie. „Und nun sollen Sie erfahren, was mit Ihnen und Ihren Landsleuten geschehen soll.“
Don Gregorios Gesicht verkrampfte sich in banger Erwartung. Was, um Himmels willen, hatte sich dieses Piratenweib ausgedacht? Eigentlich war diese Frau nicht nur hübsch und energisch, sondern machte auch einen anständigen Eindruck. Irgendwie wollte das landläufige Bild einer Piratin nicht zu ihr passen. Aber das konnte auch täuschen, das würde sich gleich herausstellen.
„Sie werden mit Ihren Männern die Galeone verlassen“, entschied sie. „Die englischen Gefangenen, die Sie in die Vorpiek gesperrt haben und bei denen es sich um Lumpenkerle des Mister John Killigrew handelt, werden Sie mitnehmen.“ Süffisant fügte sie hinzu: „Ich betrachte diese Kerle nach wie vor als Ihre Gefangenen.“
Don Gregorio sah sie verblüfft an. Hatte sie wirklich gesagt, er könne die Galeone verlassen? Bei Gott, und er hatte sich im Geiste schon an einer Rah baumeln sehen!
„Im übrigen“, führ die Rote Korsarin fort, „können Sie Ihre Jollen mit an Land nehmen, ebenso Hieb- und Stichwaffen. Die Mitnahme von Schußwaffen erlaube ich nicht. Andererseits habe ich nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie einige Werkzeuge mitnehmen wollen, um die Hütten wieder aufzubauen, die Sie selber zerschossen haben. Für immer werden Sie wohl nicht auf dieser Insel festsitzen, denn Sie haben ja die Möglichkeit, eine Jolle zur Küste von Florida hinübersegeln zu lassen, um von St. Augustine Hilfe anzufordern.“
Don Gregorio de la Cuesta atmete erleichtert auf. Tonnenschwere Lasten fielen ihm von der Seele, obwohl es nicht gerade erfreulich war, sein Schiff aufgeben zu müssen und auf einer Insel ausgesetzt zu werden. Aber er hatte Schlimmeres erwartet – für sich und seine Landsleute. Offenbar hatte er doch den richtigen Eindruck von dieser Frau gewonnen, die gemäß den Schilderungen des englischen Bootsmannes ein „blutrünstiges Piratenweib“ sein sollte. O’Leary hatte ohne Zweifel stark übertrieben. Er selbst war inzwischen fast schon geneigt, ein Prachtweib in ihr zu sehen.
Für einige Augenblicke floß Don Gregorio fast über vor Dankbarkeit, ja, er fühlte sich sogar genötigt, einen erlesenen Kratzfuß zu zelebrieren.
„Ich danke Ihnen zutiefst für Ihre Großzügigkeit, Señora“, sagte er, „und ich bin entzückt, Sie kennengelernt zu haben. Ich kann nur versichern, daß Sie mich und meine Landsleute fair behandelt haben.“
Darüber wunderten sich auch die Engländer, die ebenfalls weit Schlimmeres erwartet hatten.
Als erster räusperte sich Marc Corbett.
„Ich muß Sie darauf hinweisen, Madam“, sagte er, „daß sich drüben an Land noch etwa vierzig unserer Leute befinden, die zurückgeblieben sind, um uns Feuerschutz zu geben.“
„Nachdem sie sich ergeben haben, werden sie herübergeholt auf die spanische Galeone“, sagte Siri-Tong. „Ihre Waffen sind in einem gesonderten Boot unterzubringen.“
Mit dieser Entscheidung hatte Marc Corbett gerechnet, aber da war noch etwas, was geklärt werden mußte.
„Außerdem, Madam“, fuhr er fort, „befinden sich noch sieben Gentlemen aus dem Kreis des Sir Henry Battingham sowie zwölf Kerle des John Killigrew auf der Insel …“
„Dort werden sie auch bleiben“, unterbrach ihn Siri-Tong schroff. „Meinetwegen können sie den Spaniern Gesellschaft leisten.“
Don Gregorio de la Cuesta wurde von der Roten Korsarin entlassen, um das Übersetzen zur Insel zu organisieren. Einige Mannen von der „Caribian Queen“ wurden damit beauftragt, die Vorgänge zu überwachen.
5.
Siri-Tong wandte sich erneut den Engländern zu. Diesmal sprach sie direkt Charles Stewart an, der mit verbissenem Gesicht auf die Planken stierte.
„Was haben Sie mit Ihrem Überfall auf das Schiff des Seewolfs bezweckt, Mister Stewart?“
Stewart hob den Kopf und grinste spöttisch.
„Das ist – mit Verlaub gesagt – eine dämliche Frage, Madam“, erwiderte er geradezu provozierend. „Denn erstens einmal haben wir von Ihrer Majestät, der Königin, den Auftrag gehabt, einen Betrüger, Spion und Verräter namens Philip Hasard Killigrew zu fangen und nach England zu bringen. Zweitens hätte sich durch den Überfall für uns die Möglichkeit ergeben, uns in den Besitz von zwei Schiffen zu bringen, da die eigenen, die ‚Orion‘ und die ‚Dragon‘, ja bekanntlich von Ihnen versenkt wurden. Im übrigen, Madam, bin ich es als Offizier gewohnt, die Befehle Ihrer Majestät auszuführen. Ich sehe deshalb überhaupt nichts Verbrecherisches an meiner Handlungsweise, im Gegenteil – es wäre ein Akt des Ungehorsams gegen die Königin gewesen, wenn ich nicht so gehandelt hätte, wie ich es getan habe.“
Marc Corbett fuhr empört dazwischen.
„Was dieser Kerl hier behauptet, ist ungeheuerlich, Madam. Er dreht und wendet den Spieß, wie es ihm in den Kram paßt und findet sogar noch Entschuldigungen für seine niederträchtige Verhaltensweise. Außerdem stimmt es nicht, daß ein Befehl Ihrer Majestät, der Königin, vorliegt. Er kann keinen Beweis dafür erbringen, denn ein schriftlicher Befehl oder Auftrag der Königin für die Gefangennahme Sir Hasards existiert höchstwahrscheinlich nicht. Mein Kommandant, Sir Edward“, er deutete mit einer Kopfbewegung auf ihn, „hat jedenfalls weder von der Königin noch vom Lordadmiral einen solchen Befehl erhalten.“
„Das ist sehr interessant, Mister Corbett“, sagte Siri-Tong. „Auf welche Tatsachen stützen Sie Ihre Behauptungen?“
„Nun, ich sagte ja bereits, daß der ‚Orion‘ kein schriftlicher Befehl vorlag. Außerdem haben bereits die Kapitäne Rooke und Wavell, die Kommandanten der ‚Centurion‘ und der ‚Eagle‘, von Sir Henry Battingham verlangt, einen solchen Auftrag einsehen zu dürfen, aber Sir Henry hat das abgelehnt und sich damit herausgeredet, Sir Andrew Clifford sei im Besitz dieser königlichen Order.“
„Wurde das jemals überprüft?“
„Nein, Madam, denn Sir Andrew war zu diesem Zeitpunkt bereits Geisel des John Killigrew und konnte demzufolge nicht befragt werden. Deshalb nahmen wir zunächst an, daß Ihre Majestät Sir Henry oder Sir Andrew vielleicht nur eine mündliche Order erteilt hat und darauf vertraute, daß diese sich bei den Kommandanten der vier Kriegsgaleonen durchsetzen würden.“
„Das ist eine sehr schwache Vermutung“, bemerkte Siri-Tong, „wenn nicht sogar eine sehr haltlose, mit der man lediglich versucht hat, seine Handlungsweise moralisch zu rechtfertigen. Immerhin aber führen die Spuren immer wieder zu diesem Mister Clifford und Mister Battingham, die ich eingangs als die Urheber der ganzen Intrigen bezeichnet habe.“
„Das mag durchaus sein, Madam, aber uns fehlte eben immer der Beweis für unsere Vermutungen, und solange wir nicht das Gegenteil beweisen konnten, mußten wir uns dem vermeintlichen Willen der Königin unterordnen …“
Siri-Tong sah Marc Corbett scharf an.
„Mußten Sie das wirklich, Mister Corbett?“
Der Erste Offizier der früheren „Orion“ senkte für einen Augenblick den Kopf.
„Nun ja, Madam, einige haben auch anders gehandelt. Die Kapitäne Rooke und Wavell zum Beispiel zogen aus dem Fehlen einer schriftlichen Order die Konsequenzen und verließen den Verband – das sei um der Wahrheit willen gesagt.“
Die Rote Korsarin richtete jetzt ihren Blick auf Sir Edward Tottenham, den Kommandanten der „Orion“.
„Und welche Meinung vertreten Sie, Mister Tottenham?“ fragte sie mit etwas Spott in der Stimme. Sie hatte längst erkannt, daß dieser Mann nicht nur sehr zurückhaltend, sondern auch ein Zögerer war und froh sein konnte, einen so tüchtigen und geradlinigen Kerl wie seinen Ersten Offizier zur Seite zu haben.
Sir Edward gab sich einen Ruck und bemühte sich, der Frau auf dem Achterdeck in die Augen zu sehen.
„Ich muß meinem Ersten Offizier beipflichten, Madam. Es gibt höchstwahrscheinlich keine schriftliche Order Ihrer Majestät, der Königin. Infolgedessen hatte ich mich inzwischen entschlossen, auch eine mögliche mündliche Order zu ignorieren, da sie ja als solche für mich nicht verbindlich ist. Sollte ich je nach England zurückkehren, werde ich einen ausführlichen Bericht über den Verlauf des unseligen Unternehmens anfertigen und den Lordadmiral darauf hinweisen, daß es ein grober Fehler war, vier Kriegsgaleonen Ihrer Majestät ohne einen verantwortlichen Befehlshaber und ohne eine klare Order in See gehen zu lassen, noch dazu in der stillen Erwartung, die vier Kommandanten würden sich einer Gruppe von Höflingen unterordnen, die weder von der Seefahrt noch von der entsprechenden Kriegführung eine Ahnung haben.“
Marc Corbett bedachte seinen Kapitän mit einem überraschten Blick. Donnerwetter, sagte er sich, mir scheint, der Alte hat inzwischen einiges dazugelernt. Aber es sollte noch besser kommen, denn Sir Edward Tottenham redete weiter – mit knarrender, erbitterter Stimme.
„Leider habe ich viel zu spät erkannt, daß es den Höflingen bei einer Gefangennahme Philip Hasard Killigrews nur darum gegangen wäre, sich dessen angebliche Schatzbeute anzueignen. Seine eigentliche Person wäre für diese Männer nur das Mittel zum Zweck gewesen. So ungeheuerlich diese Behauptung auch klingen mag – sie entspricht der Wahrheit. Das Versprechen, diese Schatzbeute später der Königin abzuliefern, war nichts anderes als reine Heuchelei, denn diese ehrlosen Burschen hätten genau das Gegenteil davon getan. Das gleiche muß ich leider auch in bezug auf Mister Stewart sagen, der meines Erachtens vor ein Kriegsgericht gehört …“
Charles Stewart, der Sir Edward haßerfüllt ansah, begann augenblicklich zu toben.
„Das ist eine Unverschämtheit!“ brüllte er. „Dieser Mann lügt, ich werde ihm das Maul stopfen, jawohl!“ Dann versuchte er, sich trotz seiner Handfesseln auf Tottenham zu stürzen und ihm die Fäuste ins Gesicht zu schlagen.
Aber der hünenhafte Barba war bereits beim ersten Wort Stewarts den Niedergang hinuntergesprungen. Er hatte mit dieser unbeherrschten Reaktion des vierschrötigen Mannes gerechnet und kriegte ihn, noch bevor er sein Vorhaben ausführen konnte, am Kragen zu packen.
Sir Edward war einige Schritte zurückgewichen, sein Gesicht drückte Abscheu und Verachtung aus.
Der riesige Barba hielt Stewart mit beiden Pranken am Kragen fest und zog ihn ein Stück zu sich hoch.
„Geh schön artig auf deinen Platz zurück, du schmieriger Strolch“, sagte er mit gefährlich klingender Stimme. „Und achte ein wenig auf das, was du hier redest, sonst könnte es passieren, daß dir plötzlich ein paar Zähne fehlen.“
Mit Schwung stieß er den ehemaligen Kapitän der „Dragon“ auf seinen Platz zurück. Stewart wäre dabei beinahe gestrauchelt und gestürzt. Er stieß einen leisen Fluch hervor und preßte dann die Lippen zu schmalen Strichen zusammen. Barbas muskulöse Gestalt hatte ihn wohl doch davon überzeugt, daß es besser war, zunächst einmal etwas zurückhaltender zu sein. Außerdem verspürte er nicht die geringste Lust, sich vor den Augen der Offiziere und der Mannschaften eine Tracht Prügel einzuhandeln.
Auch Sir Edward nahm wieder seinen alten Platz ein.
„Ich danke Ihnen“, sagte er kurz zu Barba. Und zu Siri-Tong gewandt, fügte er hinzu: „Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe, Madam. Es handelt sich weder um Lügen noch um Verleumdungen. Ich verbürge mich dafür.“
Siri-Tong nickte.
„Die Ereignisse der letzten Tage bestätigen Ihre Worte nur zu deutlich. Ich habe deshalb allen Grund, Ihnen Glauben zu schenken.“
Nach dem Gespräch mit Sir Edward sorgte die Rote Korsarin für eine weitere Überraschung.
„Holt diesen O’Leary herüber!“ befahl sie. „Wir werden auch ihn noch hören, bevor er mit den Spaniern zur Insel übersetzt.“
Der Boston-Mann, ein großer, hagerer Engländer, der im linken Ohr einen goldenen Ring trug und zu den zuverlässigsten Leuten auf Siri-Tongs Schiff gehörte, übernahm die Aufgabe, den Bootsmann auf die „Caribian Queen“ zu holen.
Barba nahm wenig später den klotzigen Mann am Schanzkleid in Empfang und brachte ihn zu den anderen Männern auf der Kuhl.
O’Leary stutzte einen Moment, als er die ihm wohlbekannten Offiziere sah. Dann pendelten seine Blicke zwischen ihnen und der Frau auf dem Achterdeck hin und her. Plötzlich zog ein verächtliches Grinsen über sein Gesicht, und er spuckte laut und vernehmlich auf die Planken.
Das hätte er besser nicht tun sollen, denn schon eine Sekunde später fegte ihn eine gewaltige Maulschelle Barbas regelrecht von den Füßen. Er torkelte ein Stück über die Kuhl, dann krachte sein Körper auf die Planken. Aus seinen Mundwinkeln sickerte Blut.
Dennoch war O’Leary überraschend schnell wieder auf den Beinen.
„Das tust du kein zweites Mal mit mir, du Bastard!“ rief er keuchend und warf sich Barba mit geschwungenen Fäusten entgegen.
„Das wird sich gleich zeigen, du Großmaul!“ knurrte Barba. Dann zuckten seine Fäuste abermals blitzschnell vor.
O’Leary wurde mit elementarer Gewalt über die Kuhl gefegt, als habe eine Kanonenkugel seine Brust getroffen. Bevor er sich versah, lag er erneut auf den Planken. Diesmal stöhnte er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und brauchte etwas länger, um sich aufzurappeln.
Barba packte auch ihn am Kragen und beförderte ihn zu seinem ursprünglichen Platz zurück.
„Zunächst einmal wischst du säuberlich deine Spucke weg!“ befahl er mit drohendem Unterton. „Auf unserem Schiff herrscht nämlich Ordnung, Dreckschweine werden hier nicht geduldet.“
O’Leary starrte ihn entgeistert an, sein linkes Auge schwoll langsam zu. Sein Zögern wurde jedoch nicht geduldet.
„Was ist?“ fuhr Barba ihn an. „Soll ich dich als Putzlappen benutzen und die Planken mit dir aufwischen?“
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packte er O’Leary und zwang ihn kraftvoll in die Knie. Vor den Augen aller mußte er die Spucke wieder aufwischen. Viele Mannen aus der Crew und sogar die englischen Offiziere wandten sich angeekelt ab.
„So“, sagte Barba, nachdem die „Arbeit“ beendet war. „Jetzt kannst du dir überlegen, ob es sich auszahlt, hier herumzuspucken. Und eins merke dir noch: Leuten wie mir spuckt man nicht ungestraft vor die Füße.“
„Das hat nicht dir gegolten“, beteuerte O’Leary und deutete mit einem Kopfnicken auf seinen Nebenmann, „sondern diesem Hurensohn namens Stewart.“
In Stewarts Gesicht begann es zu zucken, aber er hielt sich eisern zurück, obwohl er sich jetzt am liebsten auf O’Leary gestürzt hätte. Doch er wollte es tunlichst vermeiden, sich schon wieder mit Barba anzulegen. Zumindest hatte er es als Genugtuung empfunden, daß O’Leary seine Spucke wieder aufwischen mußte. Deshalb schwieg er jetzt verbissen und behandelte den Bootsmann wie Luft.
Den anderen Männern entging das gespannte Verhältnis der beiden Engländer nicht. Sie konnten sich inzwischen auch zusammenreimen, was die Ursache dafür war.
Die scharfe Stimme Siri-Tongs glättete zunächst die Wogen.
„Ich hoffe, Sie haben begriffen, wie man sich an Bord unseres Schiffes zu benehmen hat, Mister O’Leary“, sagte sie. „Spucker mögen wir hier nämlich genausowenig wie Lügner. Demnach erwarte ich von Ihnen, daß Sie mir wahrheitsgemäß eine Frage beantworten. Was, zum Beispiel, bezweckte Ihr spezieller Freund, Charles Stewart, mit dem Überfall auf die ‚Isabella‘, das Schiff des Seewolfs?“
Jetzt wurde O’Leary erstaunlicherweise gesprächig – offenbar genauso gesprächig wie beim Verhör durch die Spanier. Jedenfalls dachte er nicht im geringsten daran, Charles Stewart in Schutz zu nehmen.
„Stewart?“ fragte er und begann spöttisch zu grinsen. „Der war nur scharf auf die Goldladung der ‚Lady Anne‘.“
„Und was hatte das mit dem Überfall zu tun?“
„Nun ja, er wollte den Seewolf als Geisel nehmen und dann mit der ‚Isabella‘ hinter der ‚Lady Anne‘ hersegeln“, berichtete O’Leary. „Dieses Schiff aber“, er deutete auf die Planken der „Caribian Queen“, „hätte er natürlich vorher versenkt und alle über die Klinge springen lassen, was denn sonst!“
„Verdammter Lügner!“ brüllte Stewart entgegen seinen bisherigen Vorsätzen. Sein Gesicht war rot vor Wut geworden. Wäre Barba nicht abermals dazwischengefahren, hätte er sich mit seinen gefesselten Händen auch auf O’Leary geworfen.
Barba warf Siri-Tong einen ungeduldigen Blick zu.
„Was tun wir mit diesen Rübenschweinen, Madam?“ fragte er. „Die beiden Halunken sind schwieriger zu hüten als ein Sack voll Flöhe.“
Siri-Tong traf ihre Entscheidung.
„Wir brauchen O’Leary nicht mehr“, erwiderte sie. „Ein Verräter wie er, der seine eigenen Landsleute bei den Dons in die Pfanne haut, gehört zwar an die Rah, aber das wäre für einen Kerl seiner Sorte wahrscheinlich zu milde. Er ist meiner Meinung nach in den Händen der Spanier besser aufgehoben. Also, bringt ihn zu den Dons zurück. Von mir aus kann er ihnen künftig die Stiefel polieren oder in einem Bergwerk nach Gold graben. Es ist nicht meine Sache, ihn abzuurteilen.“
„Das ist eine kluge Entscheidung, Madam“, entgegnete Barba grinsend. „Machen wir ihn also dem spanischen Capitán zum Abschiedsgeschenk. Er scheint sich ja bisher ganz prächtig mit ihm verstanden zu haben.“
Siri-Tongs Anordnungen wurden durchgeführt. O’Leary wurde auf die spanische Galeone zurückgebracht und sollte dort zusammen mit seinen Kumpanen und den Spaniern zur Insel verfrachtet werden.
„Meinetwegen soll sich de la Cuesta mit diesen Ratten herumärgern“, sagte sie. „Vermutlich werden sie in Zukunft wenigstens nützliche Arbeit verrichten. Ob sie der spanischen Gefangenschaft widerstehen, bleibt ihrer eigenen Härte überlassen.“
Die Entscheidung der Roten Korsarin war kompromißlos. Jeder wußte, daß die üble Bande kein anderes Schicksal verdient hatte, es sei denn ein schlimmeres.
Nur Charles Stewart war zunächst etwas anderes zugedacht. Er durfte Duke Henry of Battingham in der Vorpiek der „Caribian Queen“ Gesellschaft leisten.
Die englischen Offiziere verfolgten das konsequente „Großreinemachen“ der vermeintlichen Piratin mit Verblüffung und gaben ihr im stillen völlig recht. Dennoch hing immer noch die bange Frage, was mit ihnen selber geschehen wurde, wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen.
Wieder war es Barba, der die entscheidende Frage an die Rote Korsarin richtete.
„Was geschieht mit diesen Gentlemen, Madam?“
Siri-Tong ließ sich mit der Beantwortung einen Moment Zeit. Dann aber huschte ein Lächeln über ihre Züge.
„Wir hatten eine ziemlich offene Aussprache miteinander“, sagte sie dann. „Und ich habe das Gefühl, daß wir die Fronten klar abgesteckt und Licht in die Ereignisse gebracht haben.“ Zu Sir Edward gewandt, fügte sie hinzu: „Ich überlasse Ihnen die spanische Kriegsgaleone, Sir Edward – jedoch nur unter der Bedingung, daß Sie sich zunächst mir unterstellen, und zwar solange, bis Sir Hasard in der Lage sein wird, eine Entscheidung über das Schicksal John Killigrews, Henry Battinghams und Charles Stewarts zu treffen.“
Marc Corbetts Gesicht entspannte sich zusehends, und schon öffnete er den Mund, um der Roten Korsarin für diese Entscheidung zu danken.
Doch diesmal war Sir Edward entschlußfreudiger.
„Einverstanden, Madam“, sagte er knapp. Dann atmete er im Verein mit seinen Offizieren erleichtert auf.
6.
Inzwischen war es Abend geworden. Die Sonne schickte sich an, hinter der Kimm zu versinken. Ihr rotgoldenes Licht überschüttete die Wassermassen der Karibischen See mit silbrigem Glanz.
Die kleine Insel, die zu den Grand Cays gehört, bot nach dem spanischen Beschuß am Nachmittag einen friedlichen und beschaulichen Anblick. Die Zweige der Farnbäume und die Wipfel der Palmen bewegten sich in der leichten Brise, die nach der Hitze des Tages etwas Abkühlung brachte. Das Geschrei von Möwen und Reihern überlagerte die Bucht.
Der Schein trog jedoch, der Frieden war nur scheinbar vorhanden – zumindest, was die Spanier und ihre englischen Gefangenen betraf, die ihnen die Rote Korsarin großzügigerweise überlassen hatte.
Ja, das „blutrünstige Piratenweib“, das sich gar nicht als solches erwiesen hatte, war im Ansehen der Spanier gewaltig gestiegen. Die Frau war nicht nur äußerst fair zu ihnen gewesen, sondern hatte offenbar auch unter den Engländern für klare Verhältnisse gesorgt. Auch wenn es ihnen ganz und gar nicht paßte, daß sie ihre Schiffe verloren hatten, konnten sie ihr dennoch nicht die Anerkennung versagen.
Die Engländer hatten die spanische Kriegsgaleone in Besitz genommen. Die Spanier jedoch waren unter der Führung Don Gregorios und unter Aufsicht von Siri-Tongs Mannen zur Insel gepullt. Ihre Hieb- und Stichwaffen hatten sie mitgenommen, ebenso einige Werkzeuge und die Gefangenen.
Die Dons wußten sehr wohl, daß sie mit einem blauen Auge davongekommen waren, denn die vermeintliche „Piratin“ hatte ihnen sogar die Chance gelassen, nicht für immer auf diesem entlegenen Eiland festsitzen zu müssen. Don Gregorio entschied, daß gleich nach Anbruch des nächsten Tages eine Jolle nach St. Augustine segeln sollte, um Hilfe zu holen.
Das friedliche Bild, das die Insel in der Abenddämmerung bot, sollte sich jedoch ziemlich rasch verändern.
Kaum hatten die ausgesetzten Spanier ihre Gefangenen an Land gebracht, begann es unter diesen gewaltig zu brodeln und zu gären. Zuviel hatte sich da in der letzten Zeit an Wut, Haß und Rachegefühlen aufgestaut, als daß die Kerle hätten ruhigbleiben können.
Zudem schmeckte es ihnen nicht, daß sie als Gefangene der Spanier, von denen sie nichts Gutes erwarteten, auf dem Eiland gelandet waren. Sie konnten sich lebhaft vorstellen, was ihnen in Zukunft blühte. So schoben sie sich gegenseitig die Schuld für die Misere zu – mit den Fäusten, denn etwas anderes stand ihnen kaum zur Verfügung.
Im Handumdrehen war am Strand eine wüste Prügelei im Gange, und zwar mit den zwölf Kerlen aus der Mannschaft John Killigrews, die wegen Überladung der Jolle Stewarts auf dem Eiland hatten zurückbleiben müssen, als dieser mit O’Leary und den fünfzehn anderen sowie Sir Robert Monk und Joe Doherty „von der Fahne“ gegangen war.
Als die Kerle jetzt ihre sechzehn Kumpane entdeckten, fielen sie trotz der spanischen Bewachung über sie her – ungeachtet der Tatsache, daß sie jetzt alle „im selben Boot“ saßen.
Ganz besonders hatten es die zwölf schlagkräftigen Burschen auf den Bootsmann O’Leary und die beiden ferkelgesichtigen Killigrew-Söhne, Simon Llewellyn und Thomas Lionel, abgesehen. So geschah es, daß die achtundzwanzig Kerle wie wilde Stiere aufeinander losgingen.
O’Leary, der schon beim Verhör auf der „Caribian Queen“ erheblichen Ärger mit Barba gehabt hatte, schwang wie ein Wilder die Fäuste und stieß wütende Flüche aus. Aber das nutzte ihm nicht allzuviel, denn die drei Kerle, die gleichzeitig an ihm hingen, waren auch für einen harten Brocken wie ihn nicht leicht zu verdauen.
„Hört auf, ihr verdammten Idioten!“ brüllte er. „Sonst werden euch die Dons an die Rah hängen!“
„Hier gibt es keine Rah!“ brüllte einer zurück. „Nur prächtige Palmen, und daran hängt es sich besonders für goldgierige Bootsleute sehr angenehm!“
„Und du wirst der erste sein, der daran baumelt und die Kokosnüsse runterschüttelt“, fügte ein anderer hinzu. „So ein Scheißkerl wie du gehört schon wegen seiner hinterhältigen Visage aufgehängt!“
In der Tat mußte O’Leary viel einstecken – zumindest im Verhältnis zu dem, was er austeilte. Die Spanier hatten nicht einmal etwas gegen die wilde Keilerei einzuwenden. Sie kümmerten sich nicht um die ausgeschlagenen Zähne, die dichtgehämmerten Klüsen und schiefen Nasenbeine, solange sich die Raufbolde auf ihre eigenen Landsleute beschränkten.
Don Gregorio sah nicht den geringsten Grund, dagegen einzuschreiten – im Gegenteil, die meisten Dons schauten grinsend zu und gönnten den Engländern die Beulen und Schrammen von Herzen.
„Die Kerle sollen ihr Pulver ruhig verschießen“, meinte Don Gregorio, „um so besser lassen sie sich hinterher fesseln und in Gewahrsam nehmen.“
Ja, es ging hoch her in der Abenddämmerung. Sand und Geröll wurden aufgewirbelt, Steine flogen durch die Luft, und mitunter wurden Zweige und Knüppel aus dem Dickicht gefetzt. Dazwischen klatschte der eine oder andere Körper ins Wasser.
Auch die beiden ferkelgesichtigen Söhne des John Killigrew bezogen harte Dresche. Besonders der ältere, Simon Llewellyn, wurde von zwei Decksleuten kräftig verbleut. Er hieb zwar wie ein Besessener um sich, trat, biß und kratzte nach allen Seiten, aber eine wirkliche Chance hatte er dennoch nicht. Sein verkommenes Gesicht erinnerte an eine reife Tomate, das rötliche Haar stand wirr in alle Richtungen. Gerade jetzt erinnerte er mit seinen blaßblauen Augen, der Himmelfahrtsnase und den aufgeworfenen Lippen an eine Ferkelschnauze. Als ihm ein harter Faustschlag in die Magengrube fuhr und zu Boden schleuderte, sah er nicht nur aus wie ein Ferkel, sondern quiekte auch wie ein solches.
Sein jüngerer Bruder, Thomas Lionel, der noch etwas dümmlicher und plumper war, bezog ebenfalls harte Dresche. Ein bulliger Decksmann zahlte ihm einige Unverschämtheiten heim – mit Zinsen. Und als der Bursche mit einem gewaltigen Fußtritt ins Wasser der Bucht befördert wurde, schrie er, als hätte man ihn gevierteilt.
Überhaupt wurde die Prügelei immer wilder und unkontrollierter. Hatte sich zu Beginn jeder noch seinem „speziellen Freund“ zugewandt, von dem er glaubte, ihm einiges heimzahlen zu müssen, so prügelte sich am Schluß schon jeder mit jedem.
Als die Kräfte schließlich erlahmten, krochen einige auf allen vieren aus dem Wasser, darunter der jüngere Killigrew-Sproß. Etliche lagen besinnungslos am Boden, einige torkelten noch, bis ihnen jemand einen Stoß vor die Brust versetzte und sie ebenfalls umkippten. Am ärgsten hatte es die Adelsclique erwischt, die Gentlemen saßen mit ihren durchlauchten Hinterteilen im Dreck und jammerten laut über die „Unbill“, die man ihnen angetan hatte.
Die Spanier amüsierten sich köstlich und vergaßen sogar eine Zeitlang die eigene Misere. Vielen sah man deutlich an, daß sie am liebsten mitgemischt hätten, denn schließlich hatten auch sie den Engländern einige Unannehmlichkeiten zu verdanken.
Don Gregorio de la Cuesta hielt seine Leute jedoch zurück.
„Wenn sie sich selber windelweich prügeln, brauchen wir das nicht zu tun“, sagte er. „Außerdem werden sie bald lernen, ihre Kräfte für nützlichere Dinge einzusetzen. Bei harter Arbeit für die spanische Krone werden ihnen die Flausen schon vergehen.“
Daran zweifelte niemand, denn die Dons waren ohnehin dafür bekannt, daß sie nicht gerade zimperlich mit ihren Gefangenen umgingen und sie zumeist harte Fronarbeit leisten ließen.
Der nächste Zwischenfall ließ nicht lange auf sich warten.
Nachdem sich einige der Raufbolde mit blutigen Schrammen und zugeschwollenen Augen aufgerafft hatten, erhob sich auch Sir James Sandwich, einer der sieben adeligen Nichtstuer aus dem Kreis des Sir Henry, und klopfte sich den Dreck aus den Kleidern. Dann bog er ächzend das Kreuz gerade und betastete sein lädiertes Gesicht. Da dieses ziemlich verlebt war, wirkte der dünnem und sehr blasse Adelige, der höchstens fünfundzwanzig Lenze zählte, wesentlich älter, als er war. Trotz der Hiebe, die er empfangen hatte, schien er jedoch nichts von seiner grenzenlosen Arroganz eingebüßt zu haben.
Nachdem Sir James den spanischen Capitán entdeckt hatte, hinkte er auf ihn zu.
„Señor“, sagte er in einem herrischen Ton, „Sie haben Tadel verdient!“
Don Gregorio de la Cuesta warf dem ramponierten Burschen, der sich die ganze Zeit über zusammen mit sechs anderen Adeligen auf der Insel befunden hatte, einen verdutzten Blick zu.
„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“
Sir James hob die Nase und räusperte sich.
„Obwohl Sie gesehen haben, wie der niedrige Pöbel über mich und einige andere Ehrenmänner hergefallen ist, haben Sie nicht eingegriffen.“
„Warum hätte ich eingreifen sollen?“ fragte Don Gregorio und lächelte spöttisch. „Die Prügelei hat sich ausschließlich unter euch Engländern abgespielt. Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt. Außerdem gehört es zu meinen Prinzipien, mich sowenig wie möglich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen.“
„Sie haben eine merkwürdige Einstellung, Señor“, erklärte Sir James hochmütig. „Aber wie dem auch sei – ich erwarte von Ihnen, daß Sie sofort dafür sorgen, daß man mich und die sechs anderen Gentlemen auf die Galeone übersetzt, die von meinen Leuten erobert worden ist.“
Don Gregorio wurde stutzig.
„Wer sind Sie überhaupt?“ fragte er.
„Oh, das wissen Sie nicht?“ Das blasse Bürschchen tat regelrecht beleidigt. „Ich bin Sir James Sandwich, ein enger Vertrauter des Duke Henry of Battingham. Infolgedessen habe ich ein Anrecht darauf, als Gentleman behandelt zu werden. Mein Platz ist da drüben auf der Galeone und nicht hier auf dieser unangenehmen Insel. Meine Landsleute können nicht auf meinen Rat und Beistand verzichten. Also, Señor, kommen Sie Ihrer Verantwortung nach, und lassen Sie mich mit meinen Begleitern übersetzen.“
Don Gregorio wurde in der Tat wankelmütig. Kleidung und Benehmen des Engländers ließen durchaus darauf schließen, daß er einer der Adeligen war. Als Blaublütiger hatte er außerdem selber ein Gespür dafür. Doch – hatte der arrogante Bursche tatsächlich ein Anrecht darauf, zur Galeone hinübergepullt zu werden? Wenn ja, warum hatte er dann die Insel nicht zusammen mit den anderen Engländern verlassen? Oder gehörte er gar nicht zu ihnen?
Don Gregorio beschloß, bei der Señora auf dem Achterdeck nachfragen zu lassen. Er wollte in seiner gegenwärtigen Lage keinen Fehler begehen, den er hernach bereuen müßte. Also beauftragte er seinen Ersten Offizier, eine Jolle zu bemannen, sie zu dem Zweidecker pullen zu lassen und die Señora zu den Ansprüchen eines gewissen Sir James Sandwich zu befragen.
Sir James paßte das Ganze überhaupt nicht.
„Warum lassen Sie mich und meine Freunde nicht sofort zur Galeone bringen?“ fragte er, schnippisch. „Was soll das alles? Mißtrauen Sie mir etwa? Ist das der Dank für die Großzügigkeit, die man Ihnen und den anderen Spaniern erwiesen hat? Ich bestehe darauf, sofort diese Insel verlassen zu können!“
Don Gregorios Gesicht wurde abweisend.
„Sie werden sich gedulden müssen, Señor“, gab er zur Antwort. „Ich werde mich vergewissern, ob Ihre Angaben der Wahrheit entsprechen. In kurzer Zeit werden wir es wissen.“
Sir James Sandwich mußte warten, etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Er konnte es auch nicht riskieren, einen weiteren Streit vom Zaun zu brechen. Aber er verspürte ebenfalls keine Lust, mit den Spaniern auf dieser Insel zu bleiben. Wer wußte schon, ob es stimmte, daß man ihn und seine Leute den Dons überlassen hatte. Das konnte auch ein bösartiges Gerücht sein. Er jedenfalls würde alles Erdenkliche versuchen, um auf die Galeone zu gelangen – wenn es sein mußte, sogar als Gefangener. Hauptsache, man war den Händen der Spanier entronnen.
Bis zur Rückkehr der Jolle begab er sich mit beleidigtem Gesicht zu seinen Getreuen, die ihm an Arroganz nicht nachstanden, auch wenn sie in dieser Stunde absolut keinen Grund dazu hatten, die Nasen hoch zu tragen. Nach der Prügelei, in die man sie hineingezogen hatte, glichen sie eher einer Schar gerupfter Gockel als vornehmen Gentlemen.
Kaum hatte die Jolle am Ufer angelegt und war auf den Sand gezogen worden, erhob sich Sir James von dem Felsbrocken, auf dem er wie ein Pascha gethront hatte, und begab sich zu de la Cuesta.
„Warum läßt man das Boot nicht gleich im Wasser?“ begehrte er zu wissen. „Ich bin nicht geneigt, noch länger auf das Übersetzen zu warten. Meine Geduld ist bereits sehr strapaziert worden, Capitán!“
Don Gregorio blickte seinen Ersten fragend an. Doch der schüttelte grinsend den Kopf.
„Dieser Bursche und seine sechs Freunde gehören zwar zu einer Gruppe Adeliger“, berichtete er, „doch die Señora auf dem Zweidecker läßt ausrichten, daß die Kerle mit dem Ziel in die Karibik gesegelt seien, sich an den Spaniern zu bereichern. Daher sei es nur recht und billig, wenn sie auch bei uns bleiben würden. Des weiteren schlug die Señora vor, diese Herren, die bisher in Hofkreisen verkehrt hätten, doch der englischen Königin gegen ein Lösegeld zum Rückkauf anzubieten.“
Don Gregorio begriff die Ironie dieses Vorschlags sofort und begann schallend zu lachen.
Sir James Sandwich jedoch wurde noch blasser.
„Das ist unglaublich!“ stieß er hervor. „Einfach unerhört! Ich akzeptiere diese Antwort nicht – nein, auf keinen Fall! Wer garantiert mir, Capitán, daß Ihr Offizier nicht lügt?“
Jetzt aber legte der Erste die Stirn in düstere Falten und trat einen Schritt auf Sir James zu. Seine rechte Hand legte sich wie zufällig auf den Griff seines Degens.
„Wenn Sie mir noch ein einziges Mal unterstellen, ein Lügner zu sein, Engländer, dann war das Ihre letzte Unterstellung, die Sie in Ihrem jämmerlichen Leben ausgesprochen haben. Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Gefangener sind. Auf einen Bastard mehr oder weniger kommt es uns gewiß nicht an.“
Don Gregorio de la Cuesta nickte bestätigend.
„Mein Offizier hat recht, Engländer. Reißen Sie sich zusammen. Wir haben uns mit Ihnen bereits mehr Mühe gegeben, als wir das sonst zu tun pflegen. Wir haben uns über Sie erkundigt, und Sie haben die Antwort gehört.“
„Die Antwort dieses Piratenweibes!“ keifte Sir James wütend. „Warum haben Sie nicht bei Sir Edward nachgefragt? Er ist der Kommandant der ‚Orion‘ gewesen, und die ‚Orion‘ war mein Schiff!“
„Ihr Schiff?“ Don Gregorio lachte abermals. „Sie scheinen sehr von sich eingenommen zu sein, Señor. Doch davon abgesehen hat Ihr früherer Kommandant zur Zeit keine Befehlsgewalt. Er mußte sich der Señora auf dem Zweidecker unterstellen, auch wenn er unser Schiff behalten durfte. Die Señora hat die Entscheidungsgewalt, und sie hat – wie Sie gehört haben – in Ihrem Fall eine Entscheidung getroffen. Also, belästigen Sie mich nicht weiter. Meine Geduld mit Ihnen und Ihrem arroganten Benehmen ist jetzt ebenfalls zu Ende.“
„Das werden Sie bereuen, Capitán!“
„Wollen Sie mir etwa drohen?“
„Das nicht“, erwiderte der blasse Bursche. „Aber als Mann von Stand und Adel bin ich nicht irgendein hergelaufener Decksmann. Ich kann erwarten, von Ihnen als Ehrenmann behandelt zu werden.“
Don Gregorios Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.
„O ja, das können Sie“, sagte er. „Am besten, wir beginnen jetzt gleich mit der Behandlung, zumindest solange es noch einigermaßen hell ist. Morgen, nach Tagesanbruch, können wir dann damit weitersehen.“
„Was wollen Sie damit sagen?“ begehrte das Bürschchen auf.
„Damit will ich sagen, daß Sie jetzt zusammen mit Ihren ehrenwerten Freunden und Landsleuten hart zupacken werden, um die Hütten wieder aufzubauen. Schließlich möchten wir alle ein Dach über dem Kopf haben, solange wir mit dieser Insel vorlieb nehmen müssen.“
Sir James Sandwich war völlig entgeistert.
„Sie – sie meinen“, stotterte er, „daß – daß ich beim Aufbau der Hütten mitarbeiten soll? So wie der gewöhnliche Pöbel?“
„Genau das meine ich“, erwiderte Don Gregorio, „denn für mich gehören Sie zum gewöhnlichen Pöbel – Sie und Ihre blasierten Freunde. Und jetzt verschwinden Sie, und sehen Sie zu, daß Sie mit der Arbeit anfangen! Wenn Sie nicht ordentlich zupacken, wird Ihre Essensration gestrichen.“
Sir James, der allmählich begriff, daß von nun an ein anderer Wind wehte, wankte kreidebleich zu seinen Freunden hinüber, die ihm erwartungsvoll entgegenblickten. Die Mitteilung über die Art ihres gemeinsamen Schicksals entlockte den Gentlemen ein entsetztes Gejammer.
Den Spaniern vermittelte diese Reaktion Jedoch lediglich ein Gefühl der Genugtuung. Jetzt waren sie wieder am Zug, und sie würden den arroganten Nichtstuern schon zeigen, was es hieß, im Schweiße des Angesichts sein Brot zu verdienen.
Die Decksleute der „Orion“ und „Dragon“, die sich jetzt auf der spanischen Galeone befanden und beobachteten, was an Land vor sich ging, grinsten von einem Ohr zum anderen.
„In dieser buckligen Welt scheint es doch noch eine Art ausgleichende Gerechtigkeit zu geben, Sir“, sagte einer von ihnen zu Marc Corbett.
Der Erste Offizier wußte nur zu gut, was der Mann damit sagen wollte. Denn auch er selber war der Meinung, daß ihnen diese hochnäsigen Laffen lange genug auf der Nase herumgetanzt waren. Die Hauptbeschäftigung dieser Gentlemen war der Müßiggang gewesen. Fast täglich hatten sie sich bei zügellosen Freß- und Saufgelagen amüsiert, herumgegrölt, und den Züchtigungen der Decksmannen, die sie meist selber provoziert hatten, mit genüßlicher Freude zugesehen.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit verließen die „Caribian Queen“ und die erbeutete Kriegsgaleone die Insel, in deren Nordbucht soviel geschehen war, und segelten ostsüdostwärts zu den Pensacola Cays.
7.
Auch am 27. August brannte die Sonne so heiß wie an den Tagen zuvor. Flimmernde Hitzeschleier, die das Atmen erschwerten, hatten sich über die Pensacola Cays gelegt.
Die „Isabella IX.“, die ranke Dreimastgaleone der Seewölfe, lag noch immer in der stillen Südbucht der östlichsten Insel. Die „Caribian Queen“ und die spanische Beutegaleone, die jetzt unter Kapitän Edward Tottenham fuhr, waren schon vor knapp drei Tagen eingetroffen und in unmittelbarer Nähe vor Anker gegangen.
An der Leeseite der „Isabella“ balgte sich eine Schar von Möwen kreischend um die Küchenabfälle, die Mac Pellew über Bord geschüttet hatte. Vom nahen, dschungelbewachsenen Ufer her war außer dem Lärm der Vögel das monotone Konzert eines Millionenheeres von Zikaden zu hören.
Fast wirkte der schlanke Dreimaster, auf dem es sonst recht lebhaft zuging, wie ein Geisterschiff. Die Mannen der Crew verhielten sich sehr leise. Manche, darunter auch der bullige Profos Edwin Carberry, schlichen über die Decks, als müßten sie auf Eiern gehen.
Die Gesichter der Männer waren ernst – am meisten die der Zwillingssöhne des Seewolfs, die sonst immer zu einem Spaß aufgelegt waren. Es wurde allgemein nur das Nötigste geredet, jeder versuchte, sich – so gut es eben ging – zu beschäftigen. Die Freiwächter hockten zumeist auf der Kuhl oder auf der Back und dösten vor sich hin, weil es an Deck immer noch erträglicher war als in den stickigen Mannschaftsräumen.
Selbst Sir John, der karmesinrote Aracanga-Papagei, der beim letzten Glasen der Schiffsglocke von einem kurzen Landausflug zurückgekehrt war, hockte müde auf der Vormarsrah. Arwenack, der Schimpanse, und Plymmie, die Wolfshündin, hatten sich ein schattiges Plätzchen auf der Kuhl gesucht.
Alles Leben war wie gelähmt auf der „Isabella“. Die Atmosphäre war gedämpft, und die Mannen hatten auch ihren Grund, sich still und ruhig zu verhalten.
Dieser Grund war Philip Hasard Killigrew, der Seewolf. Der über sechs Fuß große und breitschultrige Mann mit dem schwarzen Haar und den eisblauen Augen hatte tagelang mit dem Tod gerungen, nachdem ihm Sir Andrew Clifford auf heimtückische Weise eine Pistolenkugel in den Rücken geschossen hatte.
Seit Tagen lag der Seewolf im Fieber. Der schmalbrüstige Kutscher hatte sich mit Hilfe Mac Pellews und der Zwillinge nahezu pausenlos um ihn bemüht. Seit Eintreffen der „Caribian Queen“ und der spanischen Galeone hatte sich auch der Schiffsarzt der gesunkenen „Orion“ mit eingeschaltet und ging dem Kutscher zur Hand.
Auch wenn in den letzten Tagen, in denen der Verwundete absolute Ruhe brauchte, kaum jemand die Krankenkammer betreten hatte, weilten die Gedanken der Männer doch ständig bei dem Mann, der mit blassem Gesicht in der Koje lag.
Dabei kochte es in ihnen, und manch einer hätte dem feigen und heimtückischen Sir Andrew Clifford noch jetzt den Hals umgedreht, wenn er eine Möglichkeit dazu gehabt hätte. So aber war der Earl of Cumberland durch, einen Pfeil Batutis getötet worden, und zwar unmittelbar im Anschluß an seine verbrecherische Tat.
„Wir hätten diesem blaukarierten Rübenschwein schon viel früher den durchlauchten Hals langziehen sollen“, bemerkte Edwin Carberry, der auf einer Taurolle hockte und das narbige Gesicht in die Hände gestützt hatte.
Al Conroy, der schwarzhaarige Stückmeister der „Isabella“, der sich ebenfalls auf der Kuhl niedergelassen hatte, nickte mit düsterem Gesicht.
„Batutis Pfeil war viel zu schade für diesen Kerl“, sagte er. „Man hätte ihn solange kielholen sollen, bis er freiwillig abgedankt hätte.“
Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten die Mannen immer wieder, solange die Ungewißheit über das Schicksal Philip Hasard Killigrews an ihnen fraß. Sie wußten, daß das Leben des Seewolfs immer noch auf der Kippe stand, obwohl der Kutscher die dicht vor dem Herzen sitzende Pistolenkugel herausgeholt hatte.
Die Gefahr, daß Hasard seine letzte große Reise antreten könnte, bestand nach wie vor, auch wenn es dem Kutscher zusammen mit dem Schiffsarzt der „Orion“ gelungen war, den Eiter von der Operationswunde abfließen zu lassen und die Wunde zu desinfizieren. Würde es jetzt vielleicht mit Hasard aufwärts gehen?
Die Mannen warteten ungeduldig auf eine Beantwortung dieser Frage, aber, der Kutscher weilte bereits seit mehr als zwei Stunden in der Krankenkammer. Hatte das Gutes oder Schlechtes zu bedeuten?
„Sie werden unseren Kapitän doch hoffentlich nicht mit der stinkenden schwarzen Salbe einschmieren, die der Kutscher zusammengebraut hat.“ Edwin Carberry zog ein mitleidiges Gesicht. Er selbst hatte vor dem Inhalt der zahlreichen Töpfe und Flaschen des Kutschers einen höllischen Respekt.
„Warum eigentlich nicht?“ fragte Al Conroy. „Hauptsache, das Zeug hilft. Wenn ich in so einer beschissenen Lage wäre, würde ich mich notfalls mit Kamelmist einreiben lassen – vorausgesetzt, es wäre gut für die Heilung.“
Ed warf ihm einen skeptischen Blick zu und schob sein amboßartiges Rammkinn vor. Allein schon der Gedanke, dem Kutscher sowie seinen Arzneien und Instrumenten über Tage hinweg ausgeliefert zu sein, war ihm unerträglich. Dabei war der blonde und schmalbrüstige Mann, dessen richtigen Namen niemand kannte, ein äußerst tüchtiger Feldscher. Auch der Arzt der „Orion“ schien einiges auf dem Kasten zu haben.
Trotzdem rieselte dem Profos ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er an all die geheimnisvollen Utensilien dachte, die die Schiffsärzte in ihren Kisten und Truhen aufbewahrten. Er litt deshalb ganz besonders mit dem verletzten Seewolf und stellte sich zuweilen die ausgefallensten Dinge vor, die die „Salbenmischer“ seiner Meinung nach mit ihm trieben.
Als der Kutscher nach dem nächsten Glasen der Schiffsglocke endlich auftauchte, blickten ihm die Mannen mit banger Erwartung entgegen. Vor allem Ed zog ein Gesicht, das an einen kranken Hund erinnerte.
Um die Lippen des Kutschers huschte ein Lächeln.
„Hasards Zustand hat sich leicht gebessert“, berichtete er. „Er hat zwar immer noch Fieber, aber die Wunde eitert nicht mehr. Ich denke, wir können zuversichtlich sein.“
Die Männer atmeten auf und fühlten sich plötzlich um tonnenschwere Lasten erleichtert. Sie hatten ja nicht erwartet, daß Hasard noch heute die Krankenkammer verlassen und zum Achterdeck auf entern würde, aber auf eine Besserung hatten sie schon sehnsüchtig gehofft.
Insofern hatte ihnen der Feldscher eine gute Nachricht übermittelt. Es ging dem Seewolf besser, und das stimmte die Arwenacks zuversichtlich und hob ihre Stimmung doch um einiges.
Auch Siri-Tong und ihre Crew atmeten fast hörbar auf, als Ben Brighton, Hasards Stellvertreter, ihnen die Nachricht des Kutschers übermittelte.
Drei Tage später, am 30. August 1594, waren die Arwenacks völlig aus dem Häuschen. Die beiden „Salbenmischer“, wie Edwin Carberry die Feldschere nannte, hatten sich nicht geirrt. Die Hoffnungen, welche die Männer in den letzten Tagen gehegt hatten, waren berechtigt gewesen. Es ging von Tag zu Tag aufwärts mit dem Seewolf. Das Fieber sank, die Wunde eiterte nicht mehr und begann zu heilen.
Die Mannen hatten gerade das morgendliche Backen und Banken hinter sich gebracht, und sich an den kräftigen Speckpfannkuchen gelabt, die Mac Pellew und die Zwillinge zubereitet hatten, als der Kutscher die Nachricht überbrachte, auf die sie alle schon lange gewartet hatten. Die Andeutungen, die er bereits am Vortag verkündet hatte, schienen sich zu bestätigen: Die Arwenacks durften heute ihren Kapitän endlich am Krankenbett besuchen.
Edwin Carberry grinste von einem Ohr zum anderen, wodurch sein zernarbtes Gesicht noch fürchterlicher aussah. Er hieb dem Kutscher begeistert die rechte Pranke auf die Schulter.
„Eins kann ich dir sagen, du Salbenschmierer!“ röhrte er. „So gern wie diesmal bin ich noch nie in die Krankenkammer gegangen, das kannst du mir glauben. Selbst wenn du sämtliche Planken dort mit deiner stinkenden schwarzen Salbe eingeschmiert hättest, könnte mich niemand zurückhalten. Noch etwas, Kutscher: Daß du unseren Kapitän wieder aufgemöbelt hast, das wird dir hier an Bord keiner vergessen, jawohl.“
Der Kutscher war sich darüber im klaren, daß diese Worte aus dem Mund des äußerlich so ruppigen, innerlich aber herzensguten Edwin Carberry ein großes Lob darstellten. Dennoch hob er abwehrend die Hände.
„Nur langsam, Mister Carberry. Das ist nicht allein mein Verdienst, sondern alle an Bord unserer Lady haben daran mitgearbeitet. Auch der Feldscher der ‚Orion‘ hat gute Arbeit geleistet und Mac, unser alter Griesgram, hat viele Stunden lang mitgeholfen. Außerdem hat er in der Kombüse doppelt soviel schuften müssen als sonst. Und nicht zuletzt habt ihr alle durch euer rücksichtsvolles Verhalten einen guten Teil dazu beigetragen.“
„Dem Großlord sei Dank, daß es jetzt mit dieser Rücksichtnahme vorbei ist“, sagte Ed. „So langsam spürt man nämlich Wespen unter dem Hintern, wenn man immer nur herumhockt und auf die nächsten Nachrichten wartet oder aber wie eine blonde Tanzmaid auf den Zehenspitzen schweben muß, wenn man mal von vorn nach achtern gehen muß.“
Die Männer grinsten.
„Du wärst mir schon die richtige Tanzmaid“, sagte der bullige Smoky. „Und auf Zehenspitzen möchte ich dich auch mal schweben sehen, Mister Carberry. Da würde ich schon eher auf einen Tanzbären tippen.“
Die Arwenacks lachten, ihre frühere gute Laune kehrte zurück. Die Aussicht, daß Hasard irgendwann wieder gesund in ihrer Mitte weilen würde, hob ihre Stimmung ganz gewaltig.
Der Kutscher vollführte eine beschwichtigende Geste.
„Nun mal langsam, Leute“, sagte er lächelnd. „Mit der Rücksichtnahme ist es beileibe noch nicht vorbei. Hasard braucht noch immer sehr viel Ruhe, und bis ihr ihm wieder mal so richtig auf die Schulter hauen könnt, kann es schon noch ein bißchen dauern. Ich erwähne das nur, damit keiner von euch auf die Idee verfällt, es zu tun, wenn ihr ihn nachher besucht.“
Edwin Carberry starrte prompt auf seine Pranken, die mittleren Schmiedehämmern glichen, und grinste dann verlegen, denn wenn er ehrlich gegen sich selber war, hatte er genau das vorgehabt. Verdammt, es würde ihm unheimlich guttun, dem Seewolf mal wieder in alter Freundschaft so richtig auf die Schulter klopfen zu können.
Aber er war natürlich auch so zufrieden, Hauptsache es ging aufwärts mit Hasard, damit auf der „Isabella“ bald wieder der „Normalzustand“ hergestellt werden konnte. Es war schon ein Kreuz, über Tage hinweg auf sämtliche deftigen Flüche zu verzichten. So was mußte die Gesundheit ruinieren, daran gab es gar keinen Zweifel.
Sir John, der zunächst müde von der Vormarsrah geäugt hatte, glaubte wohl, auf der Kuhl gäbe es was Besonderes, weil sich dort alle Mannen um den Kutscher geschart hatten. Er flatterte deshalb von seinem Stammplatz herunter und ließ sich auf der linken Schulter Edwin Carberrys nieder.
„Scheißwetter heute!“ krächzte er, und Carberry zuckte zusammen.
Als die anderen zu grinsen begannen, verscheuchte er den Vogel.
„Verschwinde, du Schnarcheule, und halte deinen vorlauten Schnabel!“
Doch Sir John stellte wieder einmal unter Beweis, daß er bei Carberry einiges gelernt hatte und lud diesen, noch während er zum Vormars hochflatterte, lauthals zum „Backbrassen“ ein.
Kurze Zeit später war es soweit, die Crew der „Isabella IX.“ durfte Philip Hasard Killigrew in der Krankenkammer besuchen. Natürlich hatte man auch Siri-Tong und die Mannen von der „Caribian Queen“ rechtzeitig benachrichtigt.
Sittsam wie Kavaliere, denen das erste Rendezvous mit einer hübschen Maid bevorstand, pilgerten die rauhen Männer zur Back, wo sich die Krankenkammer neben der Kombüse befand.
Dann sahen sie ihn, den Seewolf. Von Kissen gestützt saß er in der Koje, um die „Rübenschwein-Parade“, wie Ed das Ereignis kurzerhand bezeichnet hatte, abzunehmen – eine Parade von Männern, die vor Verlegenheit und Freude nicht wußten, ob sie grinsen oder heulen sollten.
Da war keiner, der nicht rote Augen hatte. Selbst jetzt bewegten sie sich vorsichtig, und jene, die sich sonst am härtesten gebärdeten, waren buchstäblich weich wie Butter, schneuzten sich, rieben sich über die Augen und hätten ihren Kapitän am liebsten umarmt oder ihm eben die Pranken auf die Schulter gedroschen.
Aber da paßte der Kutscher auf wie ein Luchs, wobei er besonders seinen Freund Carberry im Visier hatte. Doch dabei entdeckte er erst, was Ed mitgebracht hatte, und er glaubte im wahrsten Sinne des Wortes, seinen Augen nicht trauen zu können: Es waren Blumen. Jawohl, einen Strauß Blumen hatte der Profos der „Isabella“ mitgebracht. Und er hatte sie selbst an Land gepflückt, ohne sich um das Grinsen der übrigen „Affenärsche“ und „Rübenschweine“ zu kümmern.
Mit feuchten Augen legte der bullige Kerl mit dem Amboßkinn und Narbengesicht den Blumenstrauß seinem Kapitän vorsichtig auf die Bettdecke, als er endlich an der Reihe war. Danach rieb er sich verlegen die Pranken.
„Für dich, Sir“, murmelte er überflüssigerweise. „Freut mich, daß du wieder auf den Beinen – äh – wollte sagen, daß es dir wieder besser geht. Du weißt ja, Unkraut vergeht nicht, und außerdem, Sir, bist du ja noch viel zu jung zum – na ja, du weißt schon, nicht wahr? Am liebsten würde ich dir jetzt auf die Schulter hauen, aber da hat unser Knochenflicker leider was dagegen. Dafür werden wir aber das größte Faß Rum anstechen, sobald du wieder aus der Koje steigen kannst, das verspreche ich dir …“
Der Kutscher warf Ed einen grimmigen Blick zu und wedelte unmißverständlich mit der Hand.
„Danke, Ed“, sagte Hasard, und über sein bleiches, fast durchsichtiges Gesicht zog ein schwaches Lächeln. „Ich freue mich schon darauf.“
„Und ich erst, Sir!“ Carberry warf dem Kutscher einen vielsagenden Blick zu, der soviel hieß wie: „Na, siehst du!“ Dann verzog er sich. Daß der Kutscher hinterher was von einer Krankheit namens „Rederitis“ sagte, störte ihn nicht im geringsten. Er war sogar mächtig stolz darauf, Hasard einige nette Sachen gesagt zu haben. Außerdem war er glücklich, weil sein Kapitän ihn angelächelt hatte.
Trotzdem, so sagte sich Ed, war Hasard ziemlich schmal geworden. Da würden sich die Kombüsenhengste mächtig anstrengen müssen, um ihn wieder aufzupäppeln. Und noch etwas hatte Edwin Carberry entdeckt: graue Strähnen im schwarzen Schläfenhaar des Seewolfs.
Bei dem Gedanken daran fuhr er sich reflexartig über den eigenen wirren Haarschopf. Dennoch war Carberrys Freude ungetrübt, und das nächste „Rübenschwein“, das ihm über den Weg lief, nämlich Big Old Shane, kriegte einen kraftvollen Prankenhieb auf die Schulter.
„Du ziehst ein Gesicht, als hätten dir die Hühner die Körner weggefressen“, tadelte Carberry. „Bevor du die Krankenkammer betrittst, solltest du die Stirnfalten ruhig mal in die andere Richtung legen, damit unser Kapitän ein bißchen aufgeheitert wird. Was soll er denn denken, wenn wir alle schneuzend durch die Gegend laufen, was, wie? Der hält uns ja glatt für Heulsusen.“
Big Old Shane, der ehemalige Waffenschmied der Feste Arwenack, versprach, sich den weisen Rat zu Herzen zu nehmen.
Siri-Tong hatte sich bewußt als letzte in die lange Reihe der Besucher gestellt, denn sie hatte dringend etwas mit dem Seewolf zu besprechen. Sie wollte ihn beileibe nicht strapazieren, aber sie mußte wenigstens seine Entscheidung hören, damit all die unerfreulichen Ereignisse der letzten Zeit bereinigt werden konnten.
Auch sie sah die grauen Haare und das schmal gewordene Gesicht des Seewolfs, als sie endlich bei ihm war. Trotzdem war sie froh wie alle anderen, daß es aufwärts mit ihm ging.
„Du hast Neuigkeiten mitgebracht?“ fragte er mit leiser Stimme.
Siri-Tong nickte lächelnd.
„Das kann man wohl sagen“, erwiderte sie. Dann berichtete sie in kurzen Worten über die Geschehnisse bei den Grand Cays. Sie schilderte den Untergang der „Orion“ und der „Dragon“, den Verrat O’Learys und Charles Stewarts und den wütenden Angriff der beiden spanischen Kriegsgaleonen, von denen man eine versenkt und die andere als Prise genommen hatte.
Zum Abschluß sprach sie kurz über das Verhör der englischen Offiziere und über die Entscheidungen, die sie zunächst bezüglich der Engländer und Spanier getroffen hatte. Sie erinnerte den Seewolf daran, daß sich jetzt Sir Henry of Battingham, Charles Stewart und John Killigrew in der Hand des Bundes der Korsaren befanden.
Hasard überlegte eine Weile, nachdem er Siri-Tong aufmerksam zugehört hatte. Ja, er dachte sogar ziemlich lange nach. Sein Gesicht wirkte dabei ernst und verschlossen.
„Ich will nichts mehr mit diesen Leuten zu tun haben“, sagte er schließlich. „Übergebt sie Kapitän Tottenham.“
Siri-Tong wiegte den Kopf hin und her.
„Tottenham ist mitschuldig“, entgegnete sie dann. „Zumindest war er es bis zu dem Zeitpunkt, an dem er zuließ, daß die ‚Santa Cruz‘, die bereits die Flagge gestrichen hatte, zusammengeschossen wurde.“
Hasard schüttelte den Kopf.
„Trotzdem“, sagte er. „Wir sind nicht die Richter eines Duke of Battingham, eines John Killigrew oder eines Charles Stewart. England soll selber über sie urteilen oder zu Gericht sitzen. Wir tun es nicht. Es ist nicht unsere Sache.“
Siri-Tong, die eine besondere Zuneigung mit Hasard verband, verstand ihn nur zu gut.
„Ich glaube, du hast die richtige Entscheidung getroffen“, sagte sie. „Ich werde dafür sorgen, daß deinem Wunsch entsprochen wird.“
Bald darauf setzte die Rote Korsarin zu der spanischen Beutegaleone über und berichtete Kapitän Tottenham, was Philip Hasard Killigrew gesagt hatte.
Sir Edward hörte sich schweigend an, was sie ihm mitteilte. Siri-Tong konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser Mann sich sehr verändert hatte. Auch er überlegte lange und mit ernstem Gesicht. Dann aber ließ er Marc Corbett, seinen Ersten Offizier, rufen.
„Kraft meiner Funktion als Kommandant dieser Galeone“, sagte er, „ordne ich hiermit ein Kriegsgericht gegen den Duke Henry of Battingham, Sir John Killigrew und Charles Stewart an. Bitte, Mister Corbett, sorgen Sie dafür, daß dieses Gericht so rasch wie möglich zusammentritt.“
„Aye, aye, Sir“, erwiderte Corbett und verließ die Kapitänskammer.
8.
Der Himmel über den Pensacola Cays war etwas bedeckt. Die Hitze verwandelte sich nach und nach in drückende Schwüle. Zeitweise hatte es den Anschein, als bahne sich ein Regenguß oder aber ein Gewitter an.
Seit dem Besuch Siri-Tongs auf der spanischen Galeone, die jetzt den Engländern gehörte, war eine gute Stunde vergangen. Die drei Gefangenen, die von dem eingesetzten Kriegsgericht abgeurteilt werden sollten, befanden sich auf der Kuhl des Schiffes.
Das Kriegsgericht, das unter kurzem Trommelwirbel zusammengetreten war, bestand aus den Offizieren der beiden versenkten Galeonen „Orion“ und „Dragon“. Sir Edward führte den Vorsitz.
Die Angeklagten standen nebeneinander. Die Hände hatte man ihnen gefesselt. Ihre Reaktion auf die Tatsache, daß man sie vor Gericht gestellt hatte, war unterschiedlich. Sir Henry hatte ein arrogantes Lächeln aufgesetzt, weil er sich Tottenham haushoch überlegen glaubte. Charles Stewarts Blick war haßerfüllt, und auch John Killigrew konnte seine Wut nicht verbergen. Trotz seiner Handfesseln erweckte er den Eindruck, sich auf die Offiziere stürzen und eine Prügelei beginnen zu wollen.
Sir Edward verlas die Anklage. Die Männer der Crew hatten sich ausnahmslos an Deck versammelt, um Zeugen der Verhandlung zu sein.
„Die Anklage“, begann Sir Edward mit fester Stimme, „lautet in allen drei Fällen: Verletzung der Ehre Englands, Mißbrauch von Kriegsgaleonen Ihrer Majestät, der Königin, zum Zwecke der persönlichen Bereicherung sowie Verletzung der Ehre und Würde des Sir Philip Hasard Killigrew, eines von Ihrer Majestät zum Ritter geschlagenen Mannes. Mit der Verletzung seiner Ehre wurde auch die Ehre Ihrer Majestät in Frage gestellt und beleidigt.“
Sir Henry warf Tottenham einen hochnäsigen Blick zu.
„Ich muß Sie darauf hinweisen, Sir Edward“, sagte er, „daß diese Anklagen nicht stichhaltig sind. Besonders der letzte Anklagepunkt, Mister Stewart, Sir John und ich hätten die Ehre und Würde des Piraten Killigrew verletzt, ist geradezu lächerlich. Dieser Philip Hasard Killigrew ist kein Mann von Ehre, sondern ein Betrüger, Hoch- und Landesverräter …“
Sir Edward unterbrach den Duke of Battingham.
„Welche Beweise haben Sie für diese Anschuldigungen vorzubringen, Sir Henry?“
Der Angeklagte stieß ein kurzes Lachen aus.
„Ich denke, der Auftrag Ihrer Majestät, diesen Mann festzunehmen und nach England zu bringen, ist wohl Beweis genug für die Stichhaltigkeit meiner Vorwürfe. Oder wollen Sie etwa behaupten, die Königin habe uns aufgrund haltloser Verdächtigungen losgeschickt? O nein, Ihre Majestät wußte sehr wohl, was sie tat. Aus diesem Grund bin ich mir auch keiner Schuld bewußt. Ich habe nichts anderes getan, als den Auftrag Ihrer Majestät auszuführen. Wenn mir das bis zur Stunde noch nicht gelungen ist, dann nur deshalb, weil Leute wie Sie, die eigentlich denselben Auftrag verfolgen sollten, mich daran gehindert haben.“
„Sir Henry hat recht“, sagte Charles Stewart plötzlich. „Man hat uns daran gehindert, die königliche Order auszuführen. Wie wollen wir unser Ziel erreichen, wenn man uns wie Verbrecher fesselt und einsperrt! Ich verlange sofortige Freilassung.“
„Ich schließe mich dieser Forderung an!“ ließ sich Sir John Killigrew mit rauher Stimme vernehmen. „Es ist eine Schande, wie Abgesandte Ihrer Majestät behandelt werden.“
Sir Henry nickte eifrig.
„Sie sehen“, fügte er den Worten Killigrews hinzu, „daß diese Gentlemen genauso empört sind wie ich. Statt uns zu unterstützen, will man uns Straftaten unterschieben und pauschal aburteilen.“
„Hier wird niemand pauschal verurteilt“, entgegnete Sir Edward scharf, „auch wenn die Hauptanklagepunkte auf Sie alle zutreffen. Das Gericht wird sich sehr wohl noch mit den Vergehen jedes einzelnen beschäftigen. Dabei wird sich zeigen, ob Ihre Westen wirklich so weiß sind, wie Sie, Sir Henry, das hinzustellen versuchen. Außerdem frage ich Sie, Sir Henry: Welche Beweise können Sie für die Existenz der königlichen Order vorbringen? Sie wurden bereits wiederholt gebeten, das entsprechende Schriftstück Ihrer Majestät oder des Lordadmirals vorzuzeigen. Schon die Kapitäne Rooke und Wavell hatten Einsicht in diese Order verlangt, aber vergebens, und deshalb haben sich die Gentlemen vom Verband abgesetzt. Weder Sie noch Sir Andrew Clifford, der bereits einen anderen Richter gefunden hat, waren jemals in der Lage, Ihre Behauptungen durch das entsprechende Schriftstück zu belegen. Vielmehr haben Sie alle am Verband beteiligten Kommandanten durch Ihre Behauptungen getäuscht. Auch ich muß gestehen, daß ich lange Zeit, an das Vorhandensein einer königlichen Order geglaubt habe. Nur deshalb habe ich mich dazu bewegen lassen, mich an dem Unternehmen zu beteiligen. Jetzt aber bin ich dankbar, daß mir durch die Ereignisse der letzten Zeit und durch die Aussagen verschiedener Personen die Augen geöffnet würden. Sie aber, Sir Henry, waren es, der das Unternehmen zusammen mit Sir Andrew durch Verleumdungen und Intrigen in Gang gesetzt hat, nur um sich im Sinne der Anklage persönlich zu bereichern. Eine Order Ihrer Majestät haben Sie vorgeschoben, um Ihre wirklichen Ziele zu vertuschen. Diese Ziele aber sind hier in der Karibik sehr bald offenbar geworden.“
„Das ist ungeheuerlich!“ begehrte Sir Henry auf. „Es existiert nämlich wirklich eine schriftliche Order Ihrer Majestät …“
„Sind Sie in der Lage, diese dem Gericht vorzulegen?“ fragte Sir Edward.
„Nein. Sie war zuletzt in den Händen von Sir Andrew und muß im Wirbel der Ereignisse verlorengegangen sein.“
„Aha“, sagte Sir Edward. „Das wichtige Schriftstück ging ganz einfach verloren, ohne jemals vorgezeigt worden zu sein. Ich hoffe, Sie sind sich der Lächerlichkeit Ihrer Behauptungen bewußt, Sir Henry. Ich fahre nun damit fort, die Anklagepunkte im einzelnen vorzutragen – auch um den Vorwurf einer pauschalen Verurteilung zu widerlegen.“
„Ich bleibe dabei, im Auftrag Ihrer Majestät gehandelt zu haben“, beharrte Sir Henry. „Deshalb hat niemand das Recht, mir etwas vorzuwerfen.“
„Da Sie bis zur Stunde den Nachweis dafür schuldig geblieben sind, kann das Gericht diese Aussage nicht akzeptieren“, fuhr Sir Edward fort. „Dagegen aber haben Sie, Sir Henry, sich im einzelnen für Lüge, Betrug und Rechtsanmaßung zu verantworten. Sie haben Sir Hasard in England verleumdet, Sie haben die übrigen Kommandanten des Verbandes belogen und betrogen, indem Sie behaupteten, eine Order Ihrer Majestät zu besitzen, und Sie haben sich durch Ihre Eigenmächtigkeit auch der Rechtsanmaßung schuldig gemacht. Dabei haben Sie in allen Punkten aus niedrigen Beweggründen gehandelt, weil Sie ausschließlich Ihre persönliche Bereicherung im Auge hatten.“
„Unglaublich!“ stieß Sir Henry hervor. Aber er konnte nicht vermeiden, daß sein Gesicht eine Spur blasser wurde.
„Sir John Killigrew werden im einzelnen Raub, Entführung und Desertion vorgeworfen“, fuhr Sir Edward unbeirrt fort. „Er hat sich im Hinblick auf die spanische Handelsgaleone in räuberischer Weise bereichert, hat Sir Andrew Clifford entführt und als Geisel genommen und ist vom Verband desertiert, um seine privaten Ziele zu verfolgen. Um eine angeblich vorhandene Order Ihrer Majestät kümmerte er sich nicht, offenbar weil er wußte, daß eine solche gar nicht existierte.“
John Killigrew, dieser gewalttätige Mann mit dem verschlagenen Gesicht, das eine bläulich-rote Knollennase zierte, begann hämisch zu lachen.
„Welch ein Geschwätz!“ stieß er hervor. „Was soll das ganze Theater mit dieser Gerichtsverhandlung? Natürlich habe ich den verdammten Dons ein bißchen in die Taschen gegriffen, das weiß jeder. Da ich vermeiden wollte, daß mir die anderen Gentlemen das Zeug abjagten, habe ich mich eben vom Verband abgesetzt. Na und? Was soll das ganze Hin- und Hergerede – unser Unternehmen hat eine Menge Geld gekostet, das sollte schließlich wieder reinkommen. Jeder von uns hat doch im stillen gehofft, bei der Sache den Rahm abschöpfen zu können, oder?“ Seine Augen ruckten fragend von einem zum anderen, und als er nur ablehnende Gesichter sah, zog er eine wütende Grimasse.
„Sie sind im Vergleich zu Sir Henry bemerkenswert offen, Sir John“, stellte Tottenham fest. „Sie haben soeben selber bestätigt, daß Sie sich hauptsächlich deshalb an der Jagd nach Philip Hasard Killigrew beteiligt haben, weil Sie Ihre persönlichen Geschäfte im Auge hatten. Sicherlich hatte es Ihnen dabei auch die Schatzbeute angetan, die Sir Hasard legal, im königlichen Auftrag, verwahrt.“
„Der Bastard hat doch genug Reichtümer gehortet!“ brüllte Sir John wütend. „Den hätte es nicht erschüttert, wenn wir ihm einen Teil davon abgejagt hätten.“
„Schweigen Sie jetzt!“ fuhr ihn Tottenham an. „Sonst muß ich Sie abführen lassen.“ Sofort traten zwei Männer auf den alten Killigrew zu und legten ihm die Hände auf die Schultern. Als er noch einen wilden Fluch ausstieß, packten sie ihn an den Oberarmen.
„Mit diesen Worten“, sagte Sir Edward, „haben Sie sich im Sinne der Anklage für schuldig bekannt. Indem Sie Sir Hasard selbst die Schatzbeute abjagen wollten, die er als Korsar Ihrer Majestät bis zur Übergabe zu verwalten hat, haben Sie sogar räuberisches Interesse am Eigentum der Königin bekundet.“
Sir John Killigrew murmelte abermals einen Fluch vor sich hin und bedachte Tottenham mit einem wilden Blick.
Der aber wandte sich jetzt an Charles Stewart.
„Sie, Mister Stewart“, begann er, „haben sich wegen Raubes, Meuterei und Vernachlässigung Ihrer Pflichten als Kommandant der ‚Dragon‘ zu verantworten.“
Charles Stewart hörte sich die Anklage mit einem spöttischen Grinsen an, zumal er kaum etwas zur Entkräftung vortragen konnte. Offiziere und Besatzung der „Orion“ und „Dragon“ waren Zeuge seiner verbrecherischen Handlungen geworden, daran ließ sich im Nachhinein nichts mehr ändern.
Wohl oder übel mußten sich die drei Angeklagten die weiteren Ausführungen Tottenhams, der jetzt auf die Einzelheiten einging, anhören. Lediglich Stewart und Killigrew mußten noch einmal zur Ruhe ermahnt werden.
Nach mehr als zwei Stunden zog sich das Gericht zur Beratung in die Kapitänskammer zurück, während die Angeklagten unter strenger Bewachung auf der Kuhl blieben.
Die Beratung dauerte eine knappe halbe Stunde, dann erschien das Kriegsgericht zur Urteilsverkündung. Ein kurzer Trommelwirbel wies auf das Erscheinen der Offiziere hin.
Die Mitglieder des Kriegsgerichtes zogen ernste Gesichter, als sie ihre Plätze einnahmen. Sir Henry hingegen schien noch nicht so recht an den Ernst der Sache zu glauben. Er setzte nach wie vor ein hochnäsiges Lächeln auf und warf den Offizieren überhebliche Blicke zu.
Charles Stewart stieß ein leises Knurren aus, und John Killigrew versuchte, verächtlich auf die Planken zu spucken. Er handelte sich jedoch dafür einen Rippenstoß seines Bewachers ein.
Sir Edward räusperte sich.
„Das Kriegsgericht Ihrer Majestät, der Königin von England“, sagte er mit lauter Stimme, „ist einstimmig zu dem Entschluß gelangt, daß sich die Angeklagten, Sir Henry of Battingham, Sir John Killigrew und Mister Charles Stewart, in allen Punkten der Anklage schuldig gemacht haben. Sie werden deshalb – ebenso einstimmig – zum Tod durch Erschießen verurteilt. Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.“
Diese Worte schlugen ein wie eine Breitseite.
Besonders Sir Henry schien im Vertrauen auf seinen Adelsrang als Duke of Battingham nicht mit diesem Urteil gerechnet zu haben. Er hatte wohl geglaubt, daß es niemand wagen würde, Hand an ihn zu legen. Um so mehr schmetterte ihn jetzt dieses Urteil nieder.
Das hochnäsige Lächeln verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht. Er wurde aschfahl, seine Lippen begannen zu beben. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn.
„Das ist ungeheuerlich!“ schrie er. „Ich bin Duke Henry of Battingham, und wer es wagt, mir auch nur ein Haar zu krümmen, wird sich in England verantworten müssen. Ich erkenne dieses Urteil nicht an!“
Auch Charles Stewart begann zu brüllen und überhäufte die Mitglieder des Kriegsgerichtes mit wüsten Flüchen und unflätigen Beschimpfungen.
Aber das alles half den drei Halunken nicht. Niemand beachtete ihre Proteste. Die Crewmitglieder, die Zeugen der Verhandlung geworden waren, trugen unbeteiligte Mienen zur Schau. Im stillen aber empfanden sie Genugtuung.
Sir Henry, Sir John und Charles Stewart waren rechtsgültig zum Tode verurteilt worden und wurden auf Befehl des Gerichts sofort auf eine Jolle gebracht. Eine weitere Jolle wurde dem Erschießungskommando zur Verfügung gestellt. Schließlich wurden die beiden Boote zum Ufer gepullt.
Wenig später dröhnten die Salven der Exekution über die Bucht. Die drei Männer, die beutelüstern und mit hinterhältigen Plänen in die Karibik aufgebrochen waren, hauchten ihr Leben unter den Schüssen des Pelotons aus. Sir Henry starb als Feigling, nämlich jammernd. Sir John und Stewart hingegen brüllten wie wilde Stiere, bevor die Kugeln sie zum Verstummen brachten.
Kurz vor der Mittagszeit hatte sich der Wolkenhimmel über den Pensacola Cays weiter verdichtet, die Schwüle nahm ständig zu. Den Männern auf den drei Schiffen brach der Schweiß aus allen Poren.
Als die beiden Jollen vom Ufer zurückkehrten, stand Sir Edward mit unbewegtem Gesicht auf dem Achterdeck und stützte sich auf den Handlauf der Querbalustrade. Nachdem man ihm den Vollzug des Todesurteils gemeldet hatte, wandte er sich Marc Corbett zu.
„Damit wurde ein weiterer Beitrag zur Wiederherstellung der Ehre Ihrer Majestät und der Ehre Sir Hasards geleistet“, sagte er.
Der Erste Offizier nickte mit ernstem Gesicht.
„Sie haben ihre Strafe verdient“, entgegnete er. „Es bleibt nur zu hoffen, daß sie dies vor ihrem Tod noch eingesehen haben.“
Sir Edward wandte sich um.
„Übernehmen Sie vorerst das Kommando, Mister Corbett. Ich werde mich für eine Weile in meine Kammer zurückziehen.“
„Aye, Sir.“
Marc Corbett blickte seinem Kapitän nach, als dieser auf die Achterdecksräume zuschritt. Sir Edward wirkte müde und erschöpft. Die Kriegsgerichtsverhandlung schien ihn ziemlich strapaziert zu haben.
Der Erste nahm die Zügel in die Hand, um zunächst dafür zu sorgen, daß alles an Bord wieder in gewohnten Bahnen verlief. Noch standen überall kleine Gruppen von Männern herum und debattierten über das Urteil. Aber es war niemand unter ihnen, der es nicht gebilligt hätte. Die gesamte Crew war sich darüber im klaren, daß die Hingerichteten den Bogen weit überspannt hatten. Alle hatten miterlebt, daß es sich nicht auszahlte, wenn man bestimmte Grenzen überschritt – selbst dann nicht, wenn man einen Adelstitel trug.
Marc Corbett gab einige Befehle, die Männer kehrten zu ihrer Arbeit zurück. Auch der Koch verholte mit seinen Helfern wieder in die Kombüse, denn es war an der Zeit, an das mittägliche Backen und Banken zu denken.
Corbett enterte wieder zum Achterdeck auf, doch dabei stoppte er abrupt seine Schritte. Irgendwo unter Deck war plötzlich ein Schuß gefallen. Das Geräusch war zwar nur gedämpft zu hören gewesen, aber er hatte es deutlich vernommen. Wenn ihn nicht alles täuschte, hatte es sich um einen Pistolenschuß gehandelt. Wer, zum Teufel, hatte diesen Schuß abgefeuert? Und warum? Marc Corbett fand dafür keine Erklärung.
Arthur Gretton, der sich noch auf dem Achterdeck aufhielt, sah Corbett fragend an.
„War das nicht ein Schuß, Mister Corbett?“
Der Erste Offizier nickte.
„Er könnte in den Achterdecksräumen gefallen sein. Wir sollten die Angelegenheit sofort überprüfen und notfalls Sir Edward Meldung erstatten.“
Die beiden Männer betraten wenig später den Gang, der das Achterkastell in zwei Hälften teilte. Doch dort war alles still, niemand schien sich in der Nähe aufzuhalten, auch die einzelnen Kammern waren leer.
„Merkwürdig“, sagte Arthur Gretton. „Vielleicht haben wir uns getäuscht.“
„Nein.“ Corbett schüttelte entschieden den Kopf. „Das war ein Schuß, daran gibt es keinen Zweifel. Am besten, wir befragen Sir Edward. Er müßte ihn ebenfalls gehört haben.“
Wenig später klopfte er an das Schott der Kapitänskammer. Aber es erfolgte keine Antwort. Sollte sich Sir Edward hingelegt haben und sofort eingeschlafen sein?
Corbett klopfte abermals, diesmal etwas kräftiger. Aber es rührte sich auch jetzt nichts. Die beiden Offiziere blickten sich fragend an.
„Sir Edward!“ rief Corbett dann. „Mister Gretton und ich möchten Sie gern sprechen!“
Alles blieb still, beinahe schon gespenstisch still.
Der Erste öffnete kurzentschlossen das Schott – und blieb wie angewurzelt stehen. Über seinen Rücken kroch ein eiskalter Schauer. Für einen Moment war er wie gelähmt.
Arthur Gretton, der ihm über die Schulter blickte, erging es nicht anders.
„Großer Gott“, murmelte er, „Sir Edward!“
In der Mitte des Raumes stand ein schwerer Eichentisch, der fest im Boden verankert war. Auf dem Stuhl davor saß Sir Edward Tottenham. Sein Oberkörper war nach vorn auf die Tischplatte gesunken. Die rechte Hand umklammerte noch den Griff einer Steinschloßpistole, aus einer Schläfenwunde sickerte Blut. Über dem Raum hing der Geruch von Pulverdampf.
Sir Edward Tottenham war tot. Die beiden Offiziere begriffen rasch, was hier geschehen war. Aber warum hatte sich ihr Kapitän eine Kugel durch den Kopf gejagt?
Mit bleichen Gesichtern näherten sie sich dem Tisch. Vor dem Toten lag ein Schriftstück, das mit einem Tintenfaß beschwert worden war.
„Er hat einen Brief hinterlassen“, murmelte Marc Corbett. „Wahrscheinlich geht daraus hervor, warum er das getan hat.“
Mit spitzen Fingern griff er nach dem Schreiben und begann mit gedämpfter Stimme vorzulesen:
„Pensacola Cays, am 30. August 1594. Was Sir Henry of Battingham, Sir John Killigrew und Mister Charles Stewart aus niedrigsten Beweggründen getan haben, verabscheue ich zutiefst und bedaure sehr, daß es überhaupt geschehen konnte. Doch diese drei Männer haben dafür mit dem Leben bezahlt. Der Gerechtigkeit wurde in ihrem Falle Genüge getan. Aber ich, Edward Tottenham, kann mich selbst von Schuld nicht freisprechen. Auch ich habe anfangs den Verleumdungen und Intrigen gegen Sir Philip Hasard Killigrew geglaubt und bin leichtfertig davon ausgegangen, daß sich tatsächlich eine schriftliche Order Ihrer Majestät in den Händen Sir Henrys oder Sir Andrews befände. Zu spät habe ich erkannt, daß ich wie die Kapitäne Rooke und Wavell dem Verband hätte den Rücken kehren sollen. Statt dessen wurde ich aus Leichtgläubigkeit, Gedankenlosigkeit und wohl auch aus Unwissenheit mitschuldig an dem, was geschehen ist. Da ich als Vorsitzender des Kriegsgerichtes darauf bestanden habe, daß die Verantwortlichen der Gerechtigkeit zugeführt werden, muß auch ich selber der Gerechtigkeit die Ehre geben und mich im Sinne der Anklage für schuldig erklären.
Ich bedaure von ganzem Herzen, daß die Intrigen, die – Gott sei’s geklagt – von England ausgegangen sind, einem Ehrenmann wie Sir Philip Hasard Killigrew beinahe das Leben gekostet hätten. Ich bitte ihn hiermit in aller Form um Vergebung.
Das Kommando über die spanische Kriegsgaleone übergebe ich hiermit meinem treuen und sachkundigen Ersten Offizier, Mister Marc Corbett, und bitte für meine Person um eine Bestattung auf See. Ich möchte nicht an Land in der Nähe jener Männer beigesetzt werden, die Englands Ehre, die Ehre Ihrer Majestät und die Ehre Sir Hasards so sehr beschmutzt haben. Ich kann leider nicht anders handeln und übernehme mit meinem Freitod die Verantwortung für das, was geschehen ist. Gott sei uns allen gnädig – Edward Tottenham.“
Die beiden Offiziere schluckten hart und schwiegen einen Moment. Dem Brief Sir Edwards war nichts mehr hinzuzufügen. Er hatte sich als ein Mann von Ehre erwiesen und als einziger freiwillig die Verantwortung übernommen. Obwohl sie den Schritt, den er getan hatte, sehr bedauerten, empfanden sie in diesem Augenblick einen tiefen Respekt vor diesem Mann.
Einige hatten es als Vorzeichen betrachtet, daß an diesem Tag düstere Wolken am Himmel aufgezogen waren, und fühlten sich jetzt in ihren Ahnungen bestätigt.
Auf den Decks der ehemals spanischen Galeone herrschte eine bedrückende Stille. Die Männer sprachen nur mit gedämpfter Stimme. Sie alle waren erschüttert von der Nachricht, die Marc Corbett übermittelt hatte.
Auch auf der „Caribian Queen“ und der „Isabella IX.“ hatte man die Kunde mit Betroffenheit vernommen.
Der Seewolf, der gerade mit Siri-Tong und Ben Brighton einige Pläne für die nächste Zukunft besprochen hatte, lehnte sich erschöpft in die Kissen zurück.
„Sir Edward hat wie ein Ehrenmann gehandelt“, sagte er mit nachdenklichem Gesicht. „Schade, daß er nicht mehr am Leben ist. Es wäre ein Segen für England, wenn es noch mehr solche Männer gäbe.“
Bereits am nächsten Tag, dem 1. September im Jahre des Herrn 1594, herrschte in der stillen Bucht Aufbruchsstimmung. Während die Galeone der Engländer unter dem Kommando Marc Corbetts die Anker lichtete, um nach England zurückzusegeln und die sterblichen Überreste Sir Edwards auf See zu bestatten, nahmen die „Caribian Queen“ und die „Isabella“ Kurs auf die Schlangen-Insel …
ENDE

1.
Schlangen-Insel, 29. September 1594.
Es war ein Bilderbuchsonntag mit strahlendem Sonnenschein, wohliger Wärme und leisem Rauschen der See, die an die Felsen der Insel schlug.
Auf der Werft des alten Ramsgate wurde heute nicht gearbeitet. Die Männer hatten ihren freien Tag und vertrieben sich die Zeit mit Angeln in der Bucht, Streifzügen über die Insel oder Faulenzen. Ein paar, Unentwegte hockten oben in den Felsen in „Old Donegals Rutsche“, tranken kaltes Bier und palaverten.
Es gab kaum etwas zu tun.
Hasard war von der Schußwunde in den Rücken, die er von Sir Andrew Clifford heimtückischerweise erhalten hatte, wieder genesen und fühlte sich wohl.
Don Juan de Alcazar war mit seiner Crew und der Schebecke nach Spanien aufgebrochen. Dort wollte er über befreundete Mittelsmänner bei Hofe Anklage gegen den Gouverneur von Kuba, Don Antonio de Quintanilla, erheben und ihn auf diese Weise zur Strecke bringen.
Ein neues Schiff hatte der Bund der Korsaren ebenfalls dazugewonnen.
Es war die „Lady Anne“, die Karavelle des alten Schnapphahns Sir John Killigrew, der sein ruchloses Leben ebenso ausgehaucht hatte wie Sir Henry, Duke of Battingham, und Charles Stewart, der ehemalige Kommandant der „Dragon“. Ihr Leben hatte vor den Musketenläufen eines Pelotons englischer Seesoldaten ein Ende gefunden.
Auch die Goldladung der „Santa Cruz“, die sich Sir John unter den Nagel gerissen hatte, aber von Jean Ribault und seinen Mannen mit der „Lady Anne“ sicher zur Schlangen-Insel gebracht worden war, ruhte bereits in den unterirdischen Schatzhöhlen der Insel. So war alles wieder im Lot, und es herrschte prächtige Stimmung.
Auf der „Isabella“ hockten ein paar Seewölfe unter dem Sonnensegel auf der Kuhl und lauschten grinsend den Worten des Profos’ Edwin Carberry, der heute ganz besonders gute Laune hatte und groß an Deck herumtönte und haarsträubende Geschichten erzählte.
Der Kutscher blickte andächtig und mit starren Blicken pausenlos in den azurblauen Himmel, bis es dem Profos auffiel.
„Was stierst du so?“ fragte er. „Siehst du etwa quergestreifte Affenärsche am Himmel hängen?“
„Nein“, sagte der Kutscher ernst. „Ich sehe nur nach, ob der Himmel auch weiterhin so blau bleibt.“
„Klar bleibt er das. Warum auch nicht?“
„Nun, es gibt Leute, die lügen einfach das Blaue vom Himmel herunter, und dann wird er schwarz.“
„Du willst mir doch nicht den schönen Sonntag verderben, was, wie?“ fragte der Profos sanft. „Stell dir mal vor, wir müßten heute noch zur Beerdigung eines gewissen Kutschers. Das wäre doch ein recht betrüblicher Tag, vor allem für den gewissen Kutscher, der dann seinen letzten Knödel gebacken hätte.“
„Noch ist der Himmel ja blau“, sagte der Kutscher vorsichtig.
„Na, siehst du!“ entgegnete der Profos mit seiner durchschlagenden Logik. „Ein Zeichen, daß ich nichts als die Wahrheit sage und alles stimmt.“
„Auch, daß du Kakerlaken gejagt hast, die dreimal größer als Ratten waren?“
„Na klar!“
„Und die Art, wie du grüne Affen gefangen hast, stimmt auch?“
„Selbstverständlich. Ich habe mich in den Urwald gestellt und immer wieder die Stiefel an- und ausgezogen. Die Affen wurden schon ganz neugierig, und sie heißen ja auch deshalb Affen, weil sie alles nachäffen. Dann habe ich Kleister in die Stiefel gefüllt und sie einfach stehenlassen. Schwupp, war der erste Affe da, zog sich die Stiefel an und klebte fest. Ich brauchte ihn nur noch aus den Latschen zu pflücken.“
„Beachtlich“, murmelte der Kutscher, „sehr beachtlich. Und wie hast du den Kleister wieder aus den Stiefeln entfernt?“ fragte er hinterhältig.
„Ja, wie war das doch gleich? Ach ja, einer der Affen ist mit den Stiefeln einfach abgehauen. Wie er den Kleister wieder herausgekriegt hat, war ja nicht mein Problem, oder?“
„Ganz recht. Das war ein Affenproblem. Sicher latscht er heute noch in den Stiefeln herum.“
„Genau. Solltest du mal einem gestiefelten Affen begegnen, dann weißt du sofort, was los ist.“
Die anderen grinsten bis an die Ohren und lauerten darauf, daß der Profos-Kutscher-Dialog ernsthaftere Formen annahm. Doch der Dialog wurde plötzlich unterbrochen, denn Jean Ribault näherte sich der „Isabella“. Auch er schien ausnehmend gute Laune zu haben – wie all die anderen. Er trug eine zusammengedrehte Rolle unter dem Arm. In der Hand hatte er etwas, das im Sonnenlicht immer wieder grell aufblitzte. Es schien ziemlich schwer zu sein.
„Ist es gestattet und so weiter?“ fragte er grinsend.
„Aber gewiß doch, mein lieber Jean“, sagte der Profos ebenfalls grinsend. „Bringst du jetzt schon dein Zehrgeld mit, oder ist das etwa kein Goldbarren, den du uns großzügig als Geschenk anbietest, damit wir ihn umgehend versaufen können?“
Ribault setzte sich auf die Kuhlgräting und legte den Goldbarren auf die Planken.
„Ein schöner Barren! Oder nicht?“ fragte er.
„Doch“, bestätigte der Profos, „sehr schön. Was meint ihr?“
Die anderen fanden den Barren auch sehr schön, aber auch gleichzeitig etwas langweilig, denn sie hatten schon einige dieser Barren gesehen, gleich tonnenweise, wie sie versicherten.
Smoky nahm ihn schließlich der Höflichkeit halber in die Hand, drehte ihn um und legte ihn wieder hin.
„Richtig goldig“, sagte er grinsend. „Und schwer ist er auch.“
„Sonst fällt dir nichts auf?“ fragte der Franzose.
Keinem fiel etwas auf. Ein Goldbarren – na und? Die gab es in den unterirdischen Höhlen der Insel wie Sand am Meer.
„Doch – er glänzt so schön“, sagte Paddy Rogers. „Aber ein Pfannkuchen von diesem Gewicht wäre mir lieber.“
„Na, ihr glänzt heute nicht gerade“, sagte Jean seufzend. „Erzählt nur weiter euren Stuß. Ist euer Kapitän an Bord?“
Carberrys mächtiger Daumen wies nach achtern. Daraufhin setzte sich der Franzose in Bewegung.
„Käse“, sagte Ed, womit er den Goldbarren meinte. „Habe ich euch schon mal erzählt, wie mir damals die Großrah auf den Schädel fiel und glatt zersplitterte?“
„Nee, noch nicht“, sagte Jeff Bowie, „du hast nur erzählt, wie du den abgefeuerten Siebzehnpfünder mit den Händen gefangen hast. Und dabei sind dir nur die Flossen ein bißchen warm geworden.“
Inzwischen trat Ribault bei Hasard ein. Er fand den Seewolf bei bester Laune vor und begrüßte ihn freudig.
„Noch Beschwerden, Sir?“ fragte er, auf Hasards Rücken deutend.
„Nein, mir geht es wieder prächtig, Jean. Setz dich.“
Ribault nahm lächelnd Platz. Den Goldbarren legte er wie provozierend auf den schweren Tisch, die gerollte Karte direkt daneben.
„Aha“, sagte Hasard, auf den Goldbarren deutend, „soll das dein Sonntagsgeschenk sein?“
„Er stammt aus der Beute der ‚Santa Cruz‘. Sei bitte so gut und sieh ihn dir etwas genauer an. Deinen Arwenacks ist nichts aufgefallen, aber vielleicht fällt dir etwas auf.“
Hasard nahm den Barren verwundert zur Hand und betrachtete ihn. Er wußte zwar nicht, was an dem Barren dran sein sollte, aber er drehte ihn um und prüfte ihn.
Als er den Barren umgedreht hatte, fiel ihm ein Prägestempel auf. Jetzt blickte er mit zusammengekniffenen Augen genauer hin. Der Stempel war rund und um den Rand herum beschriftet.
Halblaut las er die Worte vor und übersetzte sie gleich aus dem Lateinischen: „Philipp der Zweite, König von Spanien und Westindien.“
„Richtig“, sagte Jean. „Quer über die Mitte ist aber noch ein anderes Wort eingeprägt.“
„Potosi steht da“, sagte Hasard. „Na und? Was ist das Besondere daran?“
Ribault verdrehte die Augen, blickte an die getäfelte Decke und ließ sich gleichzeitig ein wenig zurücksinken. Dann sah er wieder Hasard an, wobei er tief Luft holte.
„Weißt du nicht, wer oder was Potosi ist?“ fragte er verwundert. „Oder hast du heute deinen schlechten Tag, Sir?“
„Im Gegenteil“, versicherte Hasard freundlich. „Ich fühle mich ausgesprochen wohl. Das verpflichtet mich jedoch nicht, zu wissen, wer oder was Potosi ist. Ich habe es nie gehört.“
„Hm, wenn das so ist … Ich habe mich mit diesem Problem bereits beschäftigt, als ich mit Sir Johns ‚Lady Anne‘ zurückkehrte.“
„Demnach ist Potosi also ein Problem.“
„So kann man es sehen.“ Ribault hatte jetzt wieder sein verwegenes Grinsen drauf, ein Grinsen, das Hasard nur allzugut kannte. Der Kerl heckt wieder einmal etwas aus, dachte er.
„Ich habe mich sogar eingehend damit beschäftigt“, gab Ribault zu. „Dabei stieß ich auf etwas ganz Erstaunliches: Sobald die Spanier in der Neuen Welt irgendwo Gold- oder Silbervorkommen entdeckten, errichteten sie gleich an Ort und Stelle Münz- oder Scheideanstalten.“
„Ganz richtig, Jean, das ist mir bekannt.“
„Nun, da wurden also gleich Gold- und Silbermünzen geschlagen oder geprägt, aber es wurden auch die Barren gegossen und mit dem königlichen Stempel versehen, um auf diese Weise kundzutun, daß sie durch den Stempel Eigentum Seiner Allerkatholischsten Majestät seien.“
„Stimmt auch“, sagte Hasard lächelnd, „nur nehmen die ehrenwerten Señores in den Münzanstalten die Sache mit dem königlichen Eigentum nicht so genau. Sie stopfen sich gleich an der Quelle die Taschen voll.“
„Sehr richtig. Und weil wir gerade bei diesen ehrenwerten Señores sind – jene, die das edle Metall in dieser oder jener Form transportieren, langen auch noch einmal kräftig zu. Und auch die Kapitäne der nach Spanien zurücksegelnden Galeonen rupfen noch ein bißchen an dem Gold und Silber herum. Den letzten Aderlaß gibt es dann in Sevilla, wenn die kostbare Ladung endlich an Ort und Stelle ist. Die Beamten der Casa wollen natürlich auch nicht leer ausgehen, und so greifen auch sie noch einmal zu. Der Rest des Edelmetalls fällt dann, ziemlich gefleddert, Seiner Allerkatholischsten Majestät zu.“
Hasard lächelte, genau wie Ribault auch. Er goß seinem alten Kampfgefährten funkelnden Rotwein in ein Kristallglas und schob es zu ihm hinüber. Beide Männer tranken sich grinsend zu.
„Und wo liegt jetzt das Problem?“ fragte der Seewolf.
„In Potosi. Das ist nämlich jener Ort, wo die Dons das Gold in Barren gegossen haben, und genau diese Barren sollte die Galeone ‚Santa Cruz‘ nach Spanien bringen. Was da auf dem Tisch liegt, ist also ein Goldbarren aus Potosi. Die Ladung hatte sich Sir John unter den Nagel gerissen, und jetzt haben wir sie.“
„Also gut, wir haben Gold aus Potosi. Und weiter?“
Ribaults Grinsen wurde noch breiter und verwegener.
„Daraus folgert doch, daß an einem Ort, wo man Barren gießt und Münzen prägt, noch mehr von dem Zeug vorhanden sein muß. Oder sehe ich das falsch?“
Ribault griff scheinbar in die Luft, rieb die Finger gegeneinander und hielt eine Goldmünze in der Hand, die er Hasard von beiden Seiten zeigte.
„Hier, auf der einen Seite, zeigt die Prägung die Säulen des Herkules mit Atlantikwellen und der Aufschrift Potosi. Auf der anderen Seite befindet sich ein Kreuz, dazu die Türme von Kastilien und der Löwe von Léon, das königliche Wappen. Das ist doch eine Prachtmünze, mein lieber Sir. Und sie hat noch eine Unmenge Brüder, davon bin ich überzeugt.“
In Hasards Blick lag jetzt eine gespannte Aufmerksamkeit, als er Barren und Münze nochmals genauer betrachtete. Dann blickte er sehr nachdenklich Jean Ribault an.
„Wo liegt dieses Potosi? Tut mir leid, aber ich habe wirklich noch nie davon gehört.“
Ribault griff lächelnd zu der mitgebrachten Rolle, entfaltete sie und beschwerte sie demonstrativ mit dem Brocken aus Potosi. Auf den anderen Rand legte er die Goldmünze.
„Auch damit kann ich dienen“, sagte er eifrig, „die Sache hat mir nämlich keine Ruhe mehr gelassen. Das ist eine Karte von der Westküste Südamerikas bis hinauf nach Mittelamerika. Hier!“ Er tippte mit dem Finger auf einen kleinen Punkt. „Das ist die Hafenstadt Arica, und hier, etwas weiter in östlicher Richtung, liegt Potosi. Genau da, wo ich das Kreuz eingezeichnet habe. Potosi ist eine Stadt, die bereits vor zwanzig Jahren mehr als einhundertzwanzigtausend Einwohner hatte. Da staunst du, was?“
Hasard staunte wirklich, dann stieß er pfeifend die Luft aus und sah Ribault stirnrunzelnd an.
„Mein lieber, guter Jean“, sagte er, „hast du – gelinde gefragt – eigentlich noch alle Mucks im Schapp? Potosi – das sind, über den Daumen gepeilt, mindestens dreitausend Meilen von der Schlangen-Insel bis nach Arica. Weiter dürften es etwa dreihundert Meilen Landweg von Arica nach Potosi sein, und das im Hochland, ganz abgesehen von der Überquerung des Isthmus von Panama. Oder gedachtest du etwa, den riesigen Umweg um das Kap Hoorn zu nehmen, lieber Freund?“
„Aber, aber, Gevatter“, sagte Jean mit süffisantem Grinsen. „Natürlich habe ich solche Argumente erwartet, aber ich lasse sie in aller Ruhe an mich heran. Wir sind doch zwei weitblickende Männer, und der Weg um die Hoorn ist sicher ein bißchen zu weit.“
„Ein bißchen?“ schnaubte Hasard. „Ein bißchen ist gut.“
Ribault ließ sich wirklich nicht aus der Ruhe bringen. Dickfellig und impertinent grinsend saß er da. Seinem Gesicht war anzusehen, daß er sich regelrecht auf Potosi verbissen hatte. Er mußte nur noch den Seewolf überzeugen.
„Klammern wir die Hoorn aus“, sagte er. „Ich empfehle eine andere, wesentlich kürzere Route, und zwar südwestwärts über die Karibik nach Porto Bello oder Nombre de Dios, von dort über Land nach Panama und von dort wiederum längs der Küste immer südwärts über Callao nach Arica. Das ist eine kurze und handfeste Route. Der Rest ist auch nicht mehr als ein Klacks“, fügte er lässig hinzu.
„Natürlich, Gevatter Jean“, sagte Hasard höhnisch. „Und auf der Route Panama über Callao nach Arica immer lustig gegen den meist aus Süden wehenden Wind anknüppeln. Und ab Punta de Aguja auch noch kräftig gegen den Peru-Strom, nicht wahr?“
„Sehr richtig, Sir. Aber das hat auch seine guten Seiten“, sagte Jean grinsend, „denn auf der Rückfahrt werden wir dann wieder von Wind und Strom geschoben.“
„Wir?“ fragte Hasard mit hochgezogenen Brauen. „Was, mein lieber Gevatter, verstehst du bitte sehr unter wir?“
„Ach, das ist doch ganz einfach“, erklärte Jean seelenruhig. „Unter wir verstehe ich euch, die Arwenacks, selbstverständlich und dazu noch meine Schwefelbande. Das reicht doch wohl.“
Hasard lehnte sich ebenfalls zurück, blickte auf die Karte, auf den Goldbarren und auf Ribault, der genüßlich grinsend an dem Rotwein nippte und dabei auf Antwort wartete. Die erhielt er auch, aber anders, als er sich das gedacht hatte, denn der Seewolf schien längst nicht so begeistert von Potosi zu sein wie er selbst.
„Du bist verrückt, Jean, glatt verrückt.“
Ribault blieb kaltschnäuzig bis in die Knochen. Er nahm die Worte auch nicht übel, er grinste immer noch.
„Schade“, murmelte er, „wirklich bedauerlich. Da muß ich mit meinen Männern wohl allein lossegeln.“
„Bist du sicher?“ fragte Hasard ironisch.
„Klar, ich segle allein, wenn ihr nicht wollt.“
„Du kannst nicht einfach allein lossegeln, Jean. Denn da haben die anderen Kapitäne und Mannschaften wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden. Das entscheidet die Mehrheit im Bund der Korsaren.“
„Richtig, Sir. Aber diese Mehrheit wird mir schon zustimmen, denn ich habe gute Argumente zur Hand.“
„Den Goldbarren und die Münze?“
Ribault grinste immer noch unerschütterlich.
„Berufen wir ein Palaver für heute abend ein?“ fragte er.
„Genehmigt“, entschied der Seewolf. „Aber es wird nicht viel mehr als ein Plauderstündchen sein.“
„Warten wir’s ab. Ich habe noch ein paar Trümpfe in der Hand.“
2.
Der Einfachheit halber fand das Palaver in der Bucht am Strand statt. Ein paar Fackeln waren entzündet worden. Das restliche Licht spendete der Mond, der groß und gewaltig über der Karibik hing und aus narbigem Gesicht auf die Versammlung blickte.
Mannschaften und Kapitäne waren erschienen, auch Arkana, Araua und Karl von Hutten.
Ribault ließ ein paar Barren und Münzen zur allgemeinen Besichtigung verteilen und erklärte dann genau, wo Potosi zu finden sei und was man darunter zu verstehen habe.
„Wir alle kämpfen gegen die Dons“, sagte er, „und wir haben auch viele und gute Erfolge errungen. Aber das ist noch lange nicht genug. Wir müssen die Dons immer dort packen, wo sie sich selbst am sichersten fühlen und keinen Angriff erwarten. In Potosi fühlen sie sich völlig sicher. Und dort in den Minen und Bergwerken schuften Sklaven und unschuldige Farbige für sie, weil die Dons den Hals nie voll genug kriegen. Diese Leute wurden zusammengetrieben und in die Bergwerke gesteckt, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen schlimmste Sklavenarbeit leisten – so lange, bis sie elend verrecken und krepieren. Wenn wir ihnen diese Quellen zuschütten, erleiden sie eine empfindliche Schlappe, und wir retten dadurch Tausenden von armen geknechteten Menschen das Leben.“
Ein paar Männer murmelten Worte der Zustimmung, doch Potosi war für die meisten noch ein ferner Begriff, unter dem sie sich nicht viel vorstellen konnten.
„Diese Menschen sind für mich der eigentliche Grund, warum ich diesen Plan für einen Überfall auf die Minen gefaßt habe. Der zweite ist die Schwächung der Dons, die dadurch wiederum weniger Kriegsgüter herstellen können, um andere Länder zu unterjochen und das ganze grausame Spiel von vorn zu beginnen. Wir haben selbst erlebt, wie die Dons mit unschuldigen Menschen verfahren. Sie sind für sie nur billige Arbeitskräfte, Material, das gnadenlos verheizt wird. Menschenleben spielen ja keine Rolle.“
Das Murmeln wurde lauter. Der Wikinger Thorfin Njal nickte eifrig. Auch die anderen Kapitäne – Oliver O’Brien und Jerry Reeves – gaben Ribault recht. Selbst die Rote Korsarin nickte zustimmend.
„Wie hast du dir das vorgestellt, Jean?“ fragte der Wikinger mit seiner Donnerstimme dazwischen.
„Ich habe gründlich darüber nachgedacht“, erwiderte Jean, „und auch alles reiflich überlegt. Der Plan ist durchaus durchführbar, wenn er ernsthaft in Angriff genommen wird. Wir bilden zwei Mannschaften, die von einem unserer Schiffe auf der Ostseite des Isthmus von Panama abgesetzt werden, die Landbrücke überqueren und nach Panama einsickern. Dort müßten wir uns zwei gute Schiffe besorgen, entweder unter der Hand kaufen oder notfalls kapern; aber das Kaufen zweier Schiffe ziehe ich vor, weil man sie ja auch noch ausrüsten muß.“
„Bravo!“ brüllte Old O’Flynn begeistert. „Das nenne ich ein Wort, Jean! Das wird ein Feldzug ganz nach meinem Geschmack. Wir laufen Potosi an und kloppen den Dons kräftig eins auf die Finger.“
„Wie willst du denn Potosi anlaufen, wenn das über viertausend Yards hoch in den Bergen liegt?“ fragte Hasard den kampflustigen Alten.
Daraufhin schwieg Old O’Flynn erst einmal verdattert und hörte eine ganze Weile gespannt zu.
„Wir müßten dann südwärts bis in die Nähe von Arica segeln“, führte Ribault weiter aus. „Dort werden beide Schiffe gut versteckt. Für den Weg zu den Potosi-Minen brauchen wir dann allerdings einen Indio, den aufzutreiben kein Problem sein dürfte.“
„Und wie hast du dir das Vorgehen bei den Minen und die anschließende Rückkehr vorgestellt?“ fragte Hasard.
„Das muß die jeweilige Situation ergeben, das läßt sich vorerst noch nicht planen, weil wir nicht wissen, welche Verhältnisse wir dort vorfinden. Den Rückweg stelle ich mir so wie damals vor. Erinnere dich bitte an die Geschehnisse vor fünfzehn Jahren, Sir. Da sind wir von Baudo aus auf dem Landweg zum Rio Atrato marschiert und von dort flußabwärts mit Booten zum Golf von Uraba, der südlichsten Spitze des Golfes von Darién, vorgestoßen. Dort haben wir dann ein Schiff geentert. Das müßte jedem noch gut in Erinnerung sein.“
Es war ihnen auch noch in Erinnerung, besonders einem war es verflucht gut in Erinnerung und würde das auch bis an sein Lebensende bleiben.
Dieser Mann war Jeff Bowie, der jetzt gedankenvoll seinen linken Arm hob und den spitzen Eisenhaken betrachtete, der ihm Hand und Faust ersetzte.
Er sah die Szene wieder vor sich, überdeutlich, die sich ihm für alle Zeiten unauslöschlich eingebrannt hatte. Er war vom Floß gefallen und in den Fluß gestürzt, der von gefräßigen Piranhas verseucht war.
Smoky, Stenmark und Karl von Hutten hatten ihn zwar schnell wieder herausgezogen, doch es war schon zu spät. An seiner Hand zappelte noch einer der Raubfische, aber die Hand war zerrissen, Sehnen und Knochen lagen frei, und das Blut spritzte heraus.
Amputation, da half nichts anderes mehr. Sie flößten ihm scharfen Schnaps ein, bis er zu singen begann. Der Kutscher nahm die Axt, schlug zu und trennte ihm die Hand vom Unterarm. Dann schütteten sie ihm Schießpulver über die Wunde und zündeten es an.
Zum Glück hatte er nicht mehr viel davon verspürt, denn er war bewußtlos geworden. Drei Tage und drei Nächte hatte er danach im Fieber gelegen, aber die Wunde hatte nicht geeitert und war dank des Kutschers Kunst wieder verheilt. Seitdem trug Jeff Bowie diese Hakenprothese.
Wie zufällig wanderten die Blicke der Arwenacks zu Jeff Bowie, aber der grinste nur und hob stolz seinen Haken hoch.
Auch Ribault warf dem Hakenmann einen lächelnden Blick zu.
„Wir können auch bis in die Nähe von Panama segeln“, schlug er weiter vor, „und denselben Weg nehmen, auf dem wir nach Panama gelangt sind, also über den Isthmus nach Nombre de Dios oder Porto Bello, das können wir immer noch entscheiden. Wer nicht mitwill, der läßt es eben bleiben, aber von einem Mann weiß ich mit Sicherheit, daß er an dem Unternehmen teilhaben wird, nämlich Karl von Hutten. Und Karl ist bei einem derartigen Unternehmen von unschätzbarem Vorteil, weil er sich mit den Indios verständigen kann.“
Von Hutten nickte Ribault lächelnd zu.
„Ich bin dabei, Jean“, sagte er, „darauf kannst du dich verlassen.“
Hasard musterte die beiden grinsenden Kerle gespannt. Ein feiner Schachzug von Ribault, dachte er.
„Habt ihr das vorher untereinander abgesprochen?“ fragte er scharf.
„Nein“, sagte Karl von Hutten, „ganz sicher nicht. Ich hatte von dem Plan keine Ahnung und höre jetzt zum ersten Male davon.“
„Und du bist gleich hellauf begeistert?“
„Allerdings, die Sache gefällt mir, sie riecht nach Abenteuer und Abwechslung, und sie dürfte den Dons bei Gelingen eine gehörige Schlappe bescheren.“
Hasard beobachtete die Reaktion der anderen. Die waren alle ziemlich durcheinander, und einige hatten schon das begehrliche Funkeln in den Augen. Er nahm Thorfin Njal genauer aufs Korn. Der Wikinger war ganz kribbelig und befummelte schon wieder ständig seinen verdammten Kupferhelm, an dem er kratzte und rieb, als würde es ihn mächtig darunter jucken. Die meisten tuschelten erregt untereinander. Ribaults Äußerung, die Spanier dort zu packen, wo sie es am wenigsten erwarteten, war auf fruchtbaren Boden gefallen. Das war also einer der Trümpfe, die Ribault noch im Ärmel hatte.
Siri-Tong sah die beiden Männer an.
„Zwei Helden sind also wieder einmal zum Aufbruch ins Ungewisse bereit“, sagte sie spitz. „Wer außer euch sollte bei dem Unternehmen denn noch dabeisein?“
Die Männer hielten den Atem an und blickten zu Ribault, der gelassen die Arme über der Brust gekreuzt hielt und in die Runde sah.
„Ich dachte eigentlich an Hasard und seine Arwenacks – und dann natürlich an meine eigene Mannschaft.“
Mit der Ruhe war es schlagartig vorbei, denn nun setzte genau das Palaver ein, das Hasard vorausgesehen hatte. Alle brüllten lautstark durcheinander, und fast alle waren plötzlich Feuer und Flamme für den abenteuerlichen Plan. Das reizte die Kerle jetzt ganz gewaltig. Ihnen juckte wieder das Fell.
Der Seewolf schüttelte den Kopf und sah einen nach dem anderen an.
Der Profos war ständig am Grinsen und rieb sich die Pranken in der Vorfreude auf künftige Abenteuer. Pete Ballie und Stenmark nickten sich begeistert zu, während Matt Davies und Jeff Bowie ihre Eisenhaken hart zusammenknallten. Smoky hatte einen merkwürdigen Glanz in den Augen, und der alte O’Flynn reckte mal wieder den Hals vor, als entgehe ihm etwas.
Na schön, er verstand die Begeisterung ja auch, aber das war eine Reise von dreitausend Meilen, hin und zurück das Doppelte, und das würde Monate dauern, Monate voller Unwägbarkeiten, Entbehrungen und Strapazen, doch daran schien keiner der Kerle zu denken. Sie sahen sich nur unterwegs, alles andere störte sie vorerst nicht.
Er drehte etwas den Kopf nach links und blickte zu seinen beiden Söhnen hinüber.
„Auch das noch“, murmelte er betroffen.
Die Blicke der beiden Kerle hingen wie Kletten an ihm, ihre Augen leuchteten noch heller als die von Smoky, und ihre Gesichter waren so erwartungsvoll, wie er es schon lange nicht mehr gesehen hatte. Die Burschen barsten vor Tatendrang. Denen juckte das Fell noch mehr als den anderen. Aber noch war gar nichts entschieden.
„Ich bitte um Ruhe“, sagte Hasard, während er sich erhob.
Das Palaver verstummte sofort. Alle Blicke richteten sich auf Hasard. Sie wußten, daß er jetzt etwas vorbringen würde, was das geplante Unternehmen in einem anderen Licht zeigte, daß es auch Schattenseiten hatte und nicht nur strahlender Sonnenschein war. Hasard wog das Für und Wider immer sorgfältig ab und ließ sich auf keine Spekulationen ein.
„Noch haben wir Jeans Plan nicht in Erwägung gezogen“, sagte er, „es war nur ein Vorschlag von ihm. Aber bevor wir den Plan überhaupt erwägen, haben wir noch ein anderes Problem zu lösen. Jean hat von zwei Schiffsmannschaften gesprochen, die das Unternehmen durchführen sollen. Zwei Schiffsmannschaften sind aber immerhin fünf Dutzend bewährte Kämpfer, also etwa sechzig Mann. Die fallen zum ersten schon bei den ständigen Patrouillenfahrten um die Insel und nach Coral Island aus. Das ist das eine Problem. Das andere ist, daß diese Männer auch fehlen würden, falls die Spanier einen erneuten Versuch unternehmen, die Schlangen-Insel anzugreifen.“
„Das halte ich für ziemlich ausgeschlossen“, sagte der Wikinger.
„Das ist überhaupt nicht auszuschließen, Thorfin. Denn einem Mann ist die Position der Schlangen-Insel immerhin sehr genau bekannt, und das ist der Gouverneur von Kuba, der feiste Don Antonio de Quintanilla. Der Kerl ist nach wie vor gefährlich und wird bald wieder etwas unternehmen. Hast du das Problem schon erwogen, Jean, oder weißt du eine Lösung dafür?“
Ribault hustete unterdrückt. Nein, verdammt, er hatte keine Lösung, er hatte gar nicht daran gedacht. Er wollte gerade den Mund auftun, um das verlegen zuzugeben, als die Schlangen-Priesterin Arkana einen Schritt vortrat und Hasard gelassen ansah.
„Bereite dir darum keine Sorgen“, sagte sie mit ihrer samtig klingenden Stimme. „Auch in Abwesenheit von sechzig Kämpfern ist die Insel zu verteidigen, sollte es den Spaniern nochmals einfallen, anzugreifen. Die Schwachpunkte der Insel sind uns nach dem letzten Kampf bekannt. Wir werden die Insel entsprechend ausbauen und zusätzlich sichern und verstärken.“
Ihre Blicke brannten sich in Hasards Gesicht fest, rätselhaft und dunkel waren ihre Augen, geheimnisvoll wie die einer Sphinx. Sie sah ihn an wie damals auf der Insel Mocha, als sie sich zum ersten Male begegnet waren. Sechzehn Jahre war das schon her, und knapp ein Jahr jünger war Araua, ihre gemeinsame Tochter, die nur ein paar Schritte weg von ihrer Mutter stand.
Hasard wollte sich räuspern und etwas sagen, doch Arkana schüttelte energisch den Kopf.
„Es wird keinen Angriff auf die Insel geben, nicht in den nächsten Monden, ich weiß es, denn ich habe den Schlangen-Gott befragt. Laß Ribault und von Hutten segeln, Seewolf. Araua wird die beiden Männer begleiten.“
Ihr rätselhafter Blick kühlte bei den letzten Worten etwas ab. Dann sah sie an ihm vorbei auf Araua, die längst zu einer bildhübschen jungen Frau mit allen weiblichen Attributen herangereift war. Sie ähnelte ihrer Mutter, bis auf die Augen, denn die waren so eisblau wie die des Seewolfs.
Hasard stand unbeweglich da. Seine Augen wurden schmal, auch die Lippen verkniffen sich unmerklich.
So ist das also, dachte er. Araua sollte die beiden begleiten, sie sollte an dem Unternehmen teilhaben. Prächtig hatte sie das hingekriegt, mit echt fraulicher Raffinesse. Er wußte auch, was Arkana damit bezweckte: Offenbar glaubte sie, ihn auf diese Weise zwingen zu können, mit seinen Arwenacks an dem Unternehmen teilzunehmen. Und er, Hasard, fand sich dann in der Rolle des väterlichen Aufpassers wieder, einer Rolle, die ihm absolut nicht gefiel, schon gar nicht bei einem derart höllischen und risikoreichen Unternehmen.
Arkanas Blick wurde noch kühler, als er keine Antwort gab.
Nein, das paßte ihm ganz und gar nicht. Seine Arwenacks waren zwar disziplinierte Kerle, aber eben auch nur Männer, und Araua war ein blutvolles, temperamentvolles Ding, das ohnehin die Blicke der Männer magisch auf sich zog. Und das sollten sich seine Kerle dann tagtäglich ansehen und dabei noch zahm und gleichgültig bleiben. Das war einfach unmöglich.
Seine Stimme klang schroffer, als er es eigentlich beabsichtigte.
„Noch steht überhaupt nicht fest, wer wann und mit wem segelt. Erst muß darüber abgestimmt werden, welche Mannschaft Jean begleiten wird. Es sieht ganz danach aus, als wollten alle mit. Das ist das eine. Sollte es meine Mannschaft sein, die mitzieht, dann weigere ich mich ganz entschieden, Araua mitzunehmen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“
„So, du weigerst dich, Seewolf“, sagte sie kühl. „Aber du vergißt offenbar, daß Araua eine Schlangen-Kriegerin ist – und dort unten südlich von Arica geboren wurde. Für das geplante Unternehmen wäre das ein unschätzbarer Vorteil, denn sie spricht die Dialekte der indianischen Küstenstämme. Das solltest du bedenken.“
Hasard hatte nicht geglaubt, daß ihre Stimme noch kühler und unpersönlicher werden könnte, aber jetzt wurde sie es, beinahe verletzend sogar.
„Ich bedenke …“, sagte er, doch sie unterbrach ihn sofort.
„Keine Sorge, Seewolf. Ich unterstelle Araua dem persönlichen Schutz Karl von Huttens. Mehr habe ich dazu auch nicht zu sagen.“
Hasard preßte die Lippen noch fester zusammen. Sein Blick wurde ausgesprochen finster. Da hatte sie ihm prächtig eins ausgewischt und den Wind aus den Segeln genommen. Er wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, aber Arkana drehte sich um und ging zu der anderen Gruppe hinüber.
Zu allem Überfluß begann jetzt auch noch der Wikinger herumzubrüllen und aufgeregt seinen Helm zu befummeln.
„Hier braucht überhaupt nicht abgestimmt zu werden!“ schrie er. „Das ist doch völlig klar, daß ich mit meinen Kerlen Ribault und Karl von Hutten begleite! Da gibt’s nichts mehr abzustimmen, da ist alles schon im Lot.“
„Gar nichts ist im Lot!“ fauchte die Rote Korsarin den Nordmann an. „Ich protestiere dagegen. Du bestimmst nicht einfach, Thorfin.“
„Und ob ich bestimme!“ brüllte der Wikinger zurück. „Ich will nicht immer auf der Insel hocken und zurückbleiben. Ich und meine Männer gehen mit – und damit basta!“
„Dagegen erhebe ich Einspruch“, sagte Oliver O’Brien. „Das kannst du wirklich nicht allein bestimmen, Mister Njal.“
„Ganz recht“, pflichtete Jerry Reeves bei, „das sehe ich genauso. Ich protestiere ebenfalls dagegen, daß Thorfin das entscheidet.“
Der Wikinger war sauer. Er ließ sich zu etwas hinreißen, was er sonst nie tat. Er riß sich seinen Helm vom Schädel und knallte ihn wutentbrannt auf den Boden.
„He, du ermordest deine nordischen Riesenläuse!“ rief der Profos.
Thorfin gab eine unfeine Antwort, hob den Helm auf, stülpte ihn wieder auf den Schädel und brüllte lautstark herum, daß er von nun an ebenfalls gegen alles protestieren würde, egal was. Und seine nordischen Riesenläuse gingen den Profos einen Scheiß an, er solle lieber sein großes Maul halten, sonst würde ihm mal eine gewaltige Faust im Rachen steckenbleiben.
„Ha, das muß ich mir von diesem behelmten Nordpolaffen gerade noch sagen lassen, was, wie? Dem Weihnachtsmann stopfe ich seinen eigenen Bart zwischen die Zähne!“ rief Carberry ruppig.
Der Stör sprang auf und drohte dem Profos mit der Faust, weil der seinen verehrten Herrn und Meister beleidigt hatte. Es sah ganz nach einer wilden Prügelei aus.
Carberry schnappte nach Luft, als er die erhobene Faust sah. Er wollte schon losstürmen, doch da stand Hasard plötzlich vor ihm und sah ihn hart an.
„Seid ihr eigentlich alle verrückt geworden?“ fragte er sanft.
Carberry lächelte betont harmlos, aber sein narbiges Gesicht war immer noch zornig verzogen.
„Ich wollte nur nachsehen, was der Stör in der Faust versteckt hat, Sir. Vielleicht hat er ein Geschenk für mich.“
Danach kehrte etwas Ruhe ein, und weil Old O’Flynn die ganze Zeit nicht zu Wort gekommen war, meldete er sich jetzt mit etwas schriller, aufgeregter Stimme.
„Von mir redet keiner, was?“ zeterte er los. „Mein Schiff und meine Mannschaft zählen wohl nicht mehr? Aber ich hab’ auch noch ein Wörtchen mitzureden. Genausogut kann ich auch mit meiner Crew und Jean Ribault nach Potosi segeln.“
„Verdammt!“ brüllte der Profos. „Hasard hat dir schon einmal verklart, daß man mit einem Schiff nicht ins Gebirge segeln kann. Du hast wohl immer noch nicht begriffen, wo Potosi liegt, was, wie?“
„Ich will aber nach Potosi!“ brüllte Old O’Flynn.
„Aber doch nicht mit einem Schiff!“ schrie der Profos noch lauter.
„Dann eben mit einem Beiboot, verdammt! Weshalb kann man mit dem Schiff nicht nach Potosi?“
„Himmel, Arsch und Ziegenkäse! Ja, begreifst du das immer noch nicht, du alter Nachtwächter? Wir verklaren dir seit ein paar Stunden, daß Potosi keine Hafenstadt ist und hoch in den Bergen liegt. Aber du mit deiner verdammten Hartnäckigkeit und Sturheit wiederholst immer wieder, daß du nach Potosi segeln willst. Dann hau doch ab mit deinem verdammten ‚Empress‘-Sargdeckel! Du wirst schon sehen, wo du landest.“
„Hast du mein Schiff eben einen verdammten Sargdeckel genannt?“ schrie Old O’Flynn voller Empörung.
„Klar, weil du nicht mehr durchblickst. Aber vielleicht gelingt es dir ja, mit deinem Affenprahm durch die Lüfte zu segeln.“
Jetzt lagen sich die beiden wieder mal in den Haaren. Hasard sagte gar nichts, er schaute nur noch kopfschüttelnd zu. Da hatte Ribault ein Süppchen angerührt, an dem sich jetzt alle die Zungen verbrannten. Verrückt waren die Kerle, total bescheuert, und jetzt prügelten sie sich fast darum, wer mit nach Potosi durfte.
Es kam auch weiterhin keine Einigung zustande. Der einzige, der nicht unbedingt mitwollte, war der alte Hesekiel Ramsgate. Der hockte im Sand und grinste sich eins in seinen silbergrauen Bart.
Schließlich war es Jean Ribault, der die Hand hob und mit lauter Stimme um Ruhe bat.
„So geht das nicht“, sagte er. „Die Diskussionen bringen nichts weiter ein als Ärger. Wir sitzen in den nächsten Tagen noch hier und streiten uns. Ich schlage daher vor, daß wir es so halten, wie wir es immer gehalten haben, wenn es keine Einigung gab. Wir lassen das Los entscheiden, das ist eine gerechte Sache. Seid ihr wenigstens damit einverstanden?“
Den Losentscheid empfanden sie als gerecht, und so drehte sich der Franzose grinsend um und zog sein Entermesser aus dem Gürtel.
„Dann schnitze ich jetzt ein paar Hölzchen zurecht“, sagte er.
Beifälliges Gemurmel erklang von allen Seiten. Das Los würde entscheiden, und dann hatten sich alle zu fügen.
3.
„Hier habe ich fünf kleine Hölzchen“, sagte Jean. „Für jeden der Kapitäne eins, Eins dieser Hölzchen verkürze ich jetzt so weit, daß es sich deutlich unterscheidet. Wer das kurze Hölzchen zieht, wird mich mit seiner Mannschaft begleiten. Einverstanden?“
„Einverstanden“, sagten alle.
„Nicht einverstanden“, sagte Old O’Flynn bockig.
„Wieso nicht?“
„Bin ich vielleicht kein Kapitän, he? Schließlich habe ich ein Schiff, wenn es auch nicht sehr groß ist.“
Hasard seufzte tief. Der Alte ging ihnen heute mächtig auf den Geist mit seinem Potosi und ständigem Gemaule.
„Nun hör mal gut zu, Donegal“, sagte Hasard freundlich. „Du maulst schon den ganzen Tag lang herum, aber du wirst doch wohl hoffentlich endlich mal einsehen, daß du mit deiner kleinen Crew weiß Gott keine zweite Mannschaft darstellen kannst. Du hast drei Leute, aber wenn das Los auf mich fallen sollte, dann sind Nils Larsen und Sven Nyberg logischerweise wieder bei meiner Mannschaft. Oder siehst du das nicht ein?“
O’Flynn maulte zwar noch ein bißchen herum, gab aber schließlich nach, weil er das dann doch einsah. Er wollte zwar noch erzählen, was er früher alles ganz allein gemeistert hätte, aber die anderen vertrösteten ihn auf später.
„Wird sowieso ’ne mistige Scheißstadt sein“, grummelte er, „wenn der Hafen viertausend Yards hoch in den Bergen liegt.“
„Er hat das immer noch nicht kapiert“, sagte Hasard fassungslos, als Old O’Flynn gerade nicht zuhörte. „Mitunter ist es wirklich ein Kreuz mit ihm. Aber jetzt zur Sache.“
Jean Ribault, der die Hölzchen in der Hand hielt, bemühte sich um einen möglichst ehrlichen Gesichtsausdruck, was ihm auch hervorragend gelang. Niemand würde etwas merken, dachte er, sie würden es nicht einmal ahnen, daß er sie kaltblütig begaunerte. Der Zweck heiligte auch in diesem Fall die Mittel.
Er betrieb jetzt das, was die Franzosen mit „corriger la fortune“ bezeichneten, das Glück etwas korrigieren, ihm ein wenig nachhelfen.
Den lieben Gott hatte er schon zweimal um Verzeihung gebeten und sein Gewissen damit erheblich entlastet. Es diente ja alles nur einem guten Zweck, außerdem folgte er einem festen Vorsatz. Hasard und seine Arwenacks waren nun einmal die besten Männer und die besten Kämpfer, und die wollte er unbedingt dabeihaben, ganz besonders den Seewolf, seinen alten Kampfgefährten, denn Hasard war genau der richtige Mann dafür.
So hatte er jetzt noch ein sechstes Hölzchen in der Hand, das mit den vier anderen gleich lang war.
Das gekürzte Hölzchen verbarg er geschickt in der Innenhand, während er die fünf anderen reihum präsentierte.
„Ladies first“, sagte er galant und hielt der Roten Korsarin auffordernd die Hölzchen entgegen, von denen man nur die Spitze sah.
Siri-Tong griff nach einem Hölzchen in der Mitte. Es war ein langes, woraufhin sie enttäuscht das Gesicht verzog.
„Schade“, meinte sie bedauernd.
Der Wikinger griff mit seinen Pranken zu, als wollte er Jean gleich alle Hölzchen aus der Hand reißen. Als er auch ein langes zog, verfinsterte sich sein Gesicht. Er sagte nicht: „Schade“ wie Siri-Tong, er sagte grob: „Ein Scheißspiel ist das, ein verdammtes.“ Dann wollte er sich wieder den Helm vom Schädel reißen, doch Ribault schüttelte lächelnd den Kopf.
„Du hast schon eine Beule drin, Thorfin. Nachher mußt du wieder stundenlang klopfen.“
„Trotzdem ist das ein Scheiß“, grollte der Wikinger.
Jerry Reeves war an der Reihe und zog ebenfalls ein langes Holz.
„Hatte ich auch nicht anders erwartet“, murrte er. „Das Glück ist mir einfach nicht hold.“
Oliver O’Brien trat vor, neben ihm stand Hasard.
Jetzt muß ich ihn leimen, dachte Jean. Der Himmel möge mir zum dritten Male vergeben, aber ich will Hasard dabeihaben und seine Arwenacks.
„Mein lieber Oliver“, sagte er laut lachend, „in der Kürze liegt die Würze, das bewahrheitet sich jetzt und hier.“
Die anderen lachten ebenfalls. Klar, das Sprichwort paßt vortrefflich, dachten sie.
Jedenfalls waren sie für einen winzigen Augenblick abgelenkt und achteten daher nicht so genau auf seine rechte Hand. Als Oliver zog, wurde auch sein Gesicht ziemlich lang. Damit stand der Sieger eigentlich fest, und so schob Ribault blitzschnell geschickt und gekonnt das kurze Hölzchen hoch und ließ das andere in der Innenfläche der Hand verschwinden, als Hasard auch schon zugriff.
Philip Hasard Killigrew hielt das kurze Hölzchen in der Hand. Oliver O’Brien kratzte sich enttäuscht das Kinn.
Aber bei den Arwenacks war jetzt der Teufel los. Die röhrten plötzlich wie die Hirsche, brachen in wildes Hurrageschrei aus und konnten sich kaum noch beruhigen.
„Ab nach Potosi!“ brüllte Ferris Tucker.
„Nichts wie los!“ schrie Smoky. „Am besten gleich heute noch!“
Das Gebrüll wurde immer lauter. Etwas neidisch sahen die anderen zu, wie die Arwenacks sich in die Arme fielen, sich auf die Schultern klopften oder dastanden und einfach nur bis über beide Ohren grinsten.
Ribault sah lächelnd zu. Das überzählige Hölzchen hatte er längst unauffällig verschwinden lassen.
„Tut mir leid für die anderen“, sagte er, „aber so war es nun einmal vereinbart.“
Als das Jubelgeschrei allmählich verstummte, hob er die Hand.
„Hasard und seine Crew segeln also mit uns zusammen“, sagte er laut. „Aber eins möchte ich dabei gleich von Anfang an klar und deutlich hervorheben: Es ist für mich selbstverständlich, daß ich mich mit meiner Mannschaft dem Kommando des Seewolfs unterstelle. Der beste Kapitän soll das Unternehmen leiten und führen, und der beste Kapitän ist nun einmal Hasard, das wird niemand bestreiten wollen. Folglich hat er das Kommando über die Reise.“
Zustimmendes Gebrüll erfolgte von allen Seiten. Nur Hasard blieb ruhig stehen und sagte kein Wort.
Seltsam ist das, fand er. Er selbst maßte sich die dominierende Rolle im Bund der Korsaren nicht an, aber sie wurde immer wieder an ihn herangetragen, ob er wollte oder nicht. Ribault ordnete sich sofort freiwillig unter, die anderen ebenfalls, das bewies die allgemeine Zustimmung von allen Seiten. Sie ließen ihn auch noch hochleben und jubelten ihm zu.
Er blickte Jean an, der ihm zulächelte und vor Freude einen roten Kopf hatte. Aber auch die anderen Kapitäne gratulierten Hasard zu seinem Glück, das der Franzose „etwas“ korrigiert hatte. Aber auf diese Idee wäre niemand verfallen. Ribault hatte dabei allerdings immer noch ein schlechtes Gewissen, daher auch sein rot angelaufener Kopf. Aber das nahmen die anderen als Ausdruck der Freude, weil sie es nicht besser wußten.
„Was sagst du nun, Sir?“ fragte Ribault freudestrahlend den Seewolf. „Anfangs warst du ja sehr dagegen.“
„Ich war damit einverstanden, das Los entscheiden zu lassen, und ich akzeptiere das selbstverständlich. Ja, ich muß zugeben, daß ich mich jetzt auf die neue Aufgabe freue, und ich werde mich ihr auch voll und ganz zuwenden und an die genaue Planung gehen.“
Das war typisch Hasard. Zuerst hatte er fast kategorisch abgelehnt, was Jeans abenteuerlichen Plan betraf, aber jetzt begann es ihn zu reizen, und er würde sich der neuen Aufgabe sehr sorgfältig zuwenden. Vor sich selbst gab er zu, daß ihn der Reiz des Abenteuers doch wieder einmal gepackt hatte. Das war wie ein Fieber, das langsam begann und dann schnell anstieg.
Er sah es auch in den Gesichtern seiner Männer, sah das begehrliche Funkeln ihrer Augen und das erwartungsvolle Grinsen. Vor ihnen lag wieder eine Aufgabe, etwas Neues, eine weite Reise mit all ihren Unwägbarkeiten und Risiken.
„Dann sollten wir das in Donegals Rutsche auch gleich feiern“, schlug Shane mit lauter Stimme vor. „Wir haben uns durstig genug geredet.“
Auch der Vorschlag wurde sofort begeistert aufgenommen, nur der alte O’Flynn war noch etwas grämlich.
„Ich kann hier in meiner Kneipe hocken bleiben, wenn ihr in Potosi einlauft“, sagte er verbiestert. „Inzwischen wird mir das Bier sauer und der Wein trübe.“
Dem Profos klappte der Unterkiefer weg. Er beherrschte sich nur noch sehr mühsam, aber er wollte den Alten auch nicht weiter anranzen, sonst verfiel der noch auf die Idee, ihn mit Kneipenverbot zu belegen. Und das wäre gerade heute sehr schlimm.
„Hör mal zu, Alterchen“, sagte er. „Wir laufen doch gar nicht in Potosi ein, nie und nimmer, das verspreche ich dir. Weil wir nämlich da gar nicht einlaufen können, verstehst du?“
„Damit hast du mich schon mal getröstet.“
„Ein paarmal schon“, sagte der Profos, wobei er sich ernsthaft um einen ruhigen Tonfall bemühte. „Du mußt das mit deiner Kneipe vergleichen, die liegt auch oben in den Bergen, und da kann man nun einmal mit einem Schiffchen nicht hinauf.“
„Ha!“ rief Donegal entrüstet. „Du willst doch wohl diesen lausigen Hafen nicht mit meiner Rutsche vergleichen. Die Dons wenden sicher einen Trick an, ich kenne das.“
„Jaja, vielleicht hast du recht“, sagte der Profos erschlagen, „vielleicht haben sie da auch eine Rutsche und rutschen mit ihren Galeonen einfach den Berg rauf und runter!“
„Das ist alles möglich. Jedenfalls haben sie den Hafen mit Sicherheit gut getarnt.“
Dem Profos standen schon die Tränen in den Augen, und er schielte auf O’Flynns faltigen Hals, als wolle er den ein bißchen in die Länge ziehen. Der alte Bursche hatte sich nun einmal in die Idee verrannt, daß es da oben einen Hafen gab, und das war ihm nicht mehr auszutreiben. Er ging einfach davon aus – basta! Alles, was man ihm darüber sagte, plätscherte ungehört an seinen Ohren vorbei.
Der Profos gab es auf und seufzte tief und entsagungsvoll.
„Was seufzt du denn?“ fragte O’Flynn.
„Bier und Rum, und das nicht zu knapp“, versprach Carberry. „Wir kriegen deine Pinte schon ausgenuckelt.“
„Hä?“ fragte der Alte verdattert. „Bier und Rum? Ich meinte doch etwas ganz anderes.“
„Rum und Bier genügen mir“, reimte Ed bescheiden. „Ich hoffe, du hast noch genügend Vorrat, denn wenn ich mir den Wikinger so ansehen, dann glaube ich, daß der heute seinen Kummer qualvoll ersäufen wird, und dazu braucht er eine ganze Menge.“
Etwas später befand sich die ganze Meute in Donegals Rutsche, die wegen der vielen durstigen Kehlen aus allen Nähten zu platzen drohte.
Vorherrschendes Gesprächsthema war das neue Unternehmen, das in den schillerndsten Farben gemalt wurde. Ribault war der Mann des Tages, denn schließlich war der Gedanke ja auf seinem Mist gewachsen, wie der Profos laut sagte. Daß er das alles zuerst als „Käse“ abgetan hatte, wollte er jetzt nicht mehr wissen.
Es ging hoch her in Old Donegals Rutsche an diesem Abend, obwohl einige Männer enttäuscht und sauer waren, daß sie zurückbleiben mußten.
Ganz besonders traf das auf den Wikinger Thorfin Njal zu. Der saß beleidigt in einer Nische und soff sich den Kragen voll.
„Immer ich“, lallte er, „mein ‚Eiliger Drache über den Wassern‘ kann ja vergammeln und verfaulen, und eines Tages wachsen mir aus meinem Helm noch große Hörner.“
„Vielleicht setzt der Stör dir mal ein paar Hörner auf“, lästerte Smoky und spielte damit auf Thorfins unbegründete Eifersucht gegenüber dem Stör an, auf den der Wikinger stets ein wachsames Auge hatte, sobald Gotlinde in der Nähe war.
Jetzt war Thorfin schon ziemlich abgefüllt. Er schwankte leicht, in seinen Augen loderte der Zorn.
„Wer hat das gesagt?“ fragte er drohend.
„Ich“, sagte Smoky, „aber offenbar verstehst du heute nicht den geringsten Spaß.“
„Versteh’ ich auch nicht!“ brüllte der Wikinger. „Das werde ich dir gleich zeigen.“
Er schwankte hin und her und torkelte auf Smoky zu, der ganz schmale Augen kriegte, als das Monstrum von Wikinger heranwalzte und mit den Händen alles zur Seite fegte, was sich ihm auch nur annähernd in den Weg stellte. Der Poltermann sah rot, und er brauchte ein Ventil, um seine Enttäuschung abzulassen. Da kam ihm Smokys blöde Bemerkung gerade recht.
Erst wollte Hasard eingreifen, doch dann überlegte er es sich anders. Er konnte nicht immer die Glucke spielen, Smoky hätte sich die Bemerkung ja auch verkneifen können.
Der einzige, der nicht im geringsten besorgt schien und schon seit einer ganzen Weile hinterhältig grinste, war Old O’Flynn.
In der Rutsche – daher hatte sie ja auch ihren Namen – gab es eine verborgene Stelle, die unvermittelt ins Freie führte, allerdings über einen ziemlich unangenehmen Umweg. O’Flynn hatte diese Erfahrung seit jenem Tage hinter sich, als er die „Kneipe“ entdeckt hatte. Da war er auch in seiner Neugier zu hastig vorgedrungen, und dann hatte ihm plötzlich der Boden unter den Füßen gefehlt.
Ferris Tucker hatte diese Rutsche jedoch getarnt, und man konnte nicht mehr einfach hindurchfallen. Das ging nur, wenn es gewünscht oder einer zu stark wurde. Dann brauchte O’Flynn hinter der Theke nur auf ein Brett zu treten, das sich augenblicklich um die Achse verkantete und den Störenfried durch die Rutsche sausen ließ.
Als Donegal sah, daß es jetzt ernst wurde und der Wikinger wie ein Büffel in Richtung Steinwand lostobte, hatte er schon sein Holzbein auf dem Brett in Lauerstellung.
„Dir dreh’ ich den Hals um!“ brüllte Thorfin.
„Laß ihn in Ruhe!“ schrie Old O’Flynn.
Aber Thorfin hörte und sah nichts mehr, auch nicht das Grinsen der anderen, die größtenteils ebenfalls angeschickert waren.
Smoky wich dem heranrasenden Koloß blitzschnell aus, aber der Wikinger fuhr brüllend herum und riß noch einen Tisch mit sich. Dann landete er dicht vor der Wand.
Old O’Flynn trat grinsend zu. Zeit zum Abräumen, dachte er, sonst schlägt mir dieser Büffel noch alles zusammen.
Damit war die drohende Schlägerei schon beendet, noch ehe sie begonnen hatte.
Der Wikinger verschwand mit affenartigem Tempo in einem pechschwarzen Loch und sauste abwärts, der Ostbucht entgegen. Passieren konnte ihm nicht viel, denn Haie gab es da unten nicht mehr, seit die Bucht abgesperrt worden war.
Smoky, ebenfalls leicht beduselt, blickte sich verblüfft um. Er hatte gar nicht mitgekriegt, was soeben passiert war. Es war auch alles viel zu schnell gegangen.
Verdattert starrte er auf die Stelle, wo der Wikinger verschwunden war. Aber da war längst wieder glatter Boden, und nichts verriet mehr die hinterhältige Falle.
„Eben war er doch noch da“, murmelte er. „Und jetzt ist er weg, einfach so. Verdammt, kann der Kerl etwa zaubern? Wo isser denn?“
„Ja, wo isser denn?“ höhnten die anderen im Chor. „Vielleicht isser nach Hause gegangen.“
Smoky war so irritiert, daß er immer wieder nach dem Wikinger Ausschau hielt, doch der war und blieb fürs erste verschwunden. Für den verblüfften Smoky schien er sich in Luft aufgelöst zu haben. Er blickte auch nicht durch, als die anderen in brüllendes Gelächter ausbrachen und sich nicht mehr beruhigen konnten.
Thorfin Njal hingegen sah das alles wieder ganz anders.
Von einem Schlag zum anderen ist die Welt untergegangen, dachte er mühsam, weil ihm das Denken außerordentlich schwerfiel. Er hatte Smoky angestiert, und dann war alles ausgewesen, wie das so geht, schlagartig, urplötzlich.
Das also ist das Ende, dachte er benebelt. Jetzt zog er als echter Nordmann ins altnordische Valhöll ein, geleitet von den Walküren. Aber diese Walküren hatten einen sagenhaften Schlag drauf, einen so harten Schlag, als hätten sie ihm die Weltesche Yggdrasil, den die Welt tragenden Urbaum, um die Ohren geschlagen, denn immer noch rumpelte es überlaut an seinem Helm und polternde Geräusche waren ständig zu hören.
Bis zum Abend wird das aufhören, dachte er krampfhaft, denn dann war er bei Odin persönlich zu Gast und wurde von ihm bewirtet. So jedenfalls sagte die nordische Überlieferung, und warum sollte sich etwas daran geändert haben?
Aber mit dem Walhall klappte es auch nicht ganz so, wie sich das Thorfin in seinem benebelten Kopf vorgestellt hatte. Irgendwo war da ein mythologischer Fehler aufgetreten. Vielleicht gab es ja solche Pannen auf derartig unbekannten Routen. Jedenfalls unterzogen ihn die Götter vorher noch einer recht hinterhältigen und üblen Prüfung.
Sie ließen ihn wie einen großen Büffel in kaltes Wasser sausen, und da schlug er mit einer solchen Gewalt ein, daß er glaubte, ganz Walhall würde jetzt mit einem gewaltigen Bersten auseinanderfliegen. Das war vermutlich Thors Hammer, der ihm ins Kreuz gefahren war.
Meine Fresse, das sind vielleicht ein paar üble Grobiane, dachte Thorfin erschüttert, die walken mich erst einmal gehörig durch, bevor ich in die heiligen Hallen darf.
Ziemlich schmerzhaft war diese Prozedur, vor allem, weil sie ihn so lange unter Wasser festhielten. Wieder knallte er mit dem Helm an etwas, dann kriegte er Auftrieb und begann heftig zu paddeln.
Da war ein riesiger dunkler Felsen, sicher der Eingang ins Walhall, und als er ihn endlich erreicht hatte, stoben kreischend zwei schwarze Vögel auf und flogen davon.
Hugin und Munin, dachte er, die beiden Raben Odins, die verteufelt an große Möwen erinnerten. Der eine verkörperte den Gedanken, der andere, Munin, die Erinnerung. Jetzt waren Gedanken und Erinnerungen davongeflogen, und der Nordmann schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Es dauerte lange, bis Odins Raben zurückkehrten und der Wikinger etwas ernüchtert in die Wirklichkeit blickte. Er war jetzt eine ganze Weile gekraxelt – über Felsen und Riffe – und strebte mit der einem Betrunkenen eigenen Beharrlichkeit allmählich wieder nach oben. Das dauerte eine kleine Ewigkeit, aber er schaffte es.
So richtig paßt alles noch nicht zusammen, dachte er. Walhall hatte ihn wieder ausgespien, wahrscheinlich hatte er sich danebenbenommen. Und die Walküren, die an seinen Helm geklopft hatten, waren auch verschwunden.
Triefnaß und leise fluchend begab er sich weiter nach oben, bis er aus Donegals Rutsche Stimmen und lautes Lachen hörte.
Verdammt, was war nur genau vorgefallen? fragte er sich immer wieder. Das ging doch alles nicht mit rechten Dingen zu. Endlich erreichte er „Old Donegals Rutsche“ und riß das Schott auf. Dann torkelte er klatschnaß hinein und sah sich um.
Zunächst wurde es eigenartig still und ruhig. Jedes Gespräch verstummte, auch das Gelächter hörte auf. Sie alle starrten den Nordmann an wie einen Geist.
„Der ist schon wieder da“, sagte jemand in die Stille hinein. „Das gibt’s doch gar nicht.“
Daraufhin brüllten sie los, schrien und lachten wie die Gäule. Ein ganz übles Gewieher war das.
Als Thorfin zu Smoky blickte, der sich ebenfalls vor Lachen krümmte, kehrte ein kleiner Teil der Erinnerung zurück – wie er glaubte.
Er ging auf ihn zu und gab ihm die Hand. Dabei grinste er, denn jetzt glaubte er genau zu wissen, was vorgefallen war.
„Alle Achtung“, sagte er. „Respekt, Smoky, Respekt. Du hast ja einen furchtbaren Schlag drauf. Mann, war das ein Hammer! Der hat mich glatt über die Felsen bis nach unten getrieben. Aber nur, weil ich stockbesoffen war“, setzte er einschränkend hinzu.
„Hä?“ fragte Smoky. „Hammer, Felsen? Ich kapier’ das alles nicht mehr so richtig.“
Daraufhin brach wieder ein schauderhaftes Gelächter los, das sich weder Smoky noch der Wikinger richtig erklären konnten. Aber die Kerle waren ohnehin alle ziemlich aufgefüllt, das war jetzt auch nicht mehr so wichtig.
Erneut kreisten die Humpen, und unter dem allgemeinen Gelächter sang Old O’Flynn, zwar nicht schön, aber sehr laut: „Wir segeln nach Potosi, zur heißen Mary-Rosy.“
Aber damit war wiederum seine Snugglemouse nicht einverstanden, die rothaarige Mary O’Flynn. Die verklarte ihrem Alten mit ihrer Reibeisenstimme, daß ihm gleich wieder mal ein Bierhumpen auf dem verdwarsten Schädel zerplatzen würde, falls er weiterhin schmutzige Lieder sänge.
Trotz allem war es doch ein recht gemütlicher Abend, so fanden alle, und jeder hatte seinen Spaß. Selbst der Wikinger fand es urgemütlich, wenn es auch mit dem Einzug in Walhall noch nicht so ganz geklappt hatte.
Erst am frühen Morgen trollten sich die ersten an Bord. Ein paar andere zogen es vor, in Donegals Rutsche zu übernachten, denn sie trauten sich nicht mehr über die Felsen hinunter.
4.
In Hasards Kammer sah es am anderen Tag aus wie auf einem Schlachtfeld. Da der große Tisch das Kartenmaterial nicht mehr aufnehmen konnte, waren die Karten auf den Boden gelegt worden. Den größten Teil dieser Karten hatte Jean Ribault mit auf die „Isabella“ gebracht.
Sie hatten alles an verfügbaren Karten zusammengetragen, was sich nur auftreiben ließ. Es waren Karten Neugranadas, wie die Spanier ihren Kolonialbesitz nannten. Schon den halben Tag bis zum Nachmittag hatte sich der Seewolf damit beschäftigt und immer wieder Berechnungen angestellt.
Bei ihm waren Ben Brighton, Jean Ribault, Karl von Hutten und Dan O’Flynn, die auf die Karten und Aufzeichnungen blickten.
„Das wird keine Spazierfahrt“, sagte Hasard ernst, „auch wenn einige sich das so vorgestellt haben. Hier, bei der Überquerung des Isthmus, werden die ersten Schwierigkeiten und Probleme beginnen. Wir alle wissen, daß die Dons ihre Gold-, Silber- und Perlenbeute von Panama aus auf Maultierpfaden quer über den Isthmus nach Porto Bello oder Nombre de Dios bringen, nachdem die Schätze zuvor von der Tierra-Ferma-Flotte aus Valparaiso, Coquimbo, Antofagasta, Arica und Callao nach Panama transportiert wurden.“
„Auf diesen Maultierpfaden hat vor über zwanzig Jahren bereits Francis Drake auf der Lauer gelegen“, sagte Dan, „und die Transporte der Dons überfallen.“
„Nicht nur Drake“, sagte Ben Brighton, „auch Oxenham, der früher bei Drake fuhr, hat hier abstauben wollen, aber dabei hatte er Pech. Die Dons haben ihn erwischt und kurzerhand aufgeknüpft.“
Hasard nickte zustimmend, während er mit dem Finger über die Karte fuhr.
„Das ist richtig, deshalb wird die Überquerung des Isthmus wahrhaftig keine leichte Sache, obwohl wir darin bereits Erfahrung haben. Diesmal müssen wir jedoch damit rechnen, daß die Spanier ihre Sicherheitsmaßnahmen wesentlich verstärkt haben. So leicht lassen die sich nicht mehr überrumpeln.“
„Was die sogenannten Maultierpfade betrifft“, sagte von Hutten, „so verdienen sie diesen Namen keinesfalls. Ich kenne mich da ganz gut aus.“
„Warum verdienen sie diesen Namen nicht?“ wollte Dan wissen. „Es sind doch Maultierpfade.“
„Natürlich, so nennt man sie. Aber der Weg führt durch dichten tropischen Urwald bei mörderischer Hitze und schweißtreibender Feuchtigkeit. Wenn die Dons dort die Pfade schlagen, ist innerhalb kurzer Zeit nichts mehr davon zu sehen, weil der Dschungel sie schon nach einigen Tagen wieder überwuchert. Es ist schwierig, dort voranzukommen. Die Dons, so habe ich gehört, brauchen mit ihren Maultiertransporten mehr als drei Wochen, um die Landenge von Darién zu überqueren.“
„Also ein entbehrungsreicher Marsch“, sagte Hasard grimmig. „Da gehen die Schwierigkeiten auch bereits los. Man müßte einen zuverlässigen Bundesgenossen haben“, fügte er nachdenklich hinzu.
„Wie meinst du das, Sir?“
„Wenn wir es geschickt anstellen, können wir uns Bundesgenossen verschaffen, Feinde der Spanier selbstverständlich. Ich denke da an die Cimarrones, die entsprungenen und entwischten Negersklaven, die voller Haß auf die Spanier sind. Auch die Indianer dieses Gebietes könnte man vielleicht als Bundesgenossen gewinnen.“
„Sofern sie von den Spaniern nicht ausgerottet wurden“, sagte Karl von Hutten bitter. „Viele wird es nicht mehr geben, seit die Dons diese Gebiete unterjocht und versklavt haben.“
„Da hast du allerdings recht, Karl. Dennoch sollte es uns gelingen, einen guten Führer anzuheuern.“
„Das werden wir ganz sicher versuchen. Wo gedenkst du die Landenge zu überqueren?“ fragte Ribault.
„Ich schlage vor, daß wir sie an der schmalsten Stelle überqueren, und die befindet sich zwischen der Bucht von San Blas auf der karibischen Seite und der Mündung des Rio Bayano, der einige Meilen weiter östlich von Panama in den Golf von Panama fließt. Das wäre diese Stelle hier, die auf der Karte eingezeichnet ist. Ich habe sie heute morgen bereits markiert.“
Alle steckten die Köpfe zusammen und beugten sich über die Karte.
„Ja, genau“, sagte von Hutten. „Das hat außerdem noch den Vorteil, daß wir fast die Hälfte der gesamten Strecke zum Golf von Panama auf dem Bayano mit Flößen zurücklegen können.“
Hasard nickte. Genau das hatte er auch sagen wollen.
„Was haltet ihr von diesem Vorschlag?“
Ausnahmslos alle stimmten zu. Das war der kürzeste und vernünftigste Weg, obwohl auch er mit Schwierigkeiten verbunden war. Aber es gab keine bessere Strecke als jene, die Hasard vorgeschlagen hatte.
„Wie gelangen wir zur Bahia San Blas?“ erkundigte sich Dan.
„Ich habe mir gedacht, daß Siri-Tong unsere beiden Mannschaften mit der ‚Caribian Queen‘ zur Bahia bringt.“
„Sehr gut, auf dem Zweidecker haben wir genügend Platz.“
„Dann ist da noch etwas“, sagte Hasard. „Als wir damals im Kanal der Pharaonen die ‚Isabella‘ aufgeben mußten und vom Nil nach England zurückkehrten, trugen wir breite Ledergürtel mit Innentaschen, um von dem verlorenen Schatz wenigstens etwas als Betriebskapital mitzunehmen. In den Taschen hatten wir Perlen, Gold- und Silbermünzen. Das werden wir auch jetzt wieder tun, genau wie damals. Ich werde nachher mit Will Thorne reden, damit er genügend Gürtel anfertigen kann. Wir brauchen eine Menge Kapital, wenn wir Jeans Vorschlag, zwei Schiffe samt Ausrüstung zu kaufen, verwirklichen wollen. Die Gürtel behindern uns selbst auf schwierigen Pfaden nicht, sehen unauffällig aus und bergen doch einen unermeßlichen Wert. Auch Schnapphähne und Beutelschneider werden kaum auf die Idee verfallen, daß wir Reichtümer mit uns herumtragen. Da klimpern dann auch keine Münzen, die unnötige Aufmerksamkeit erregen könnten.“
„Auch das ist ein guter Vorschlag“, sagte Ribault. „Füllen wir uns also die Gürtel, so arm sind wir ja nicht.“
Die Männer lachten leise. Nein, so arm waren sie wahrhaftig nicht, die harten Kerle vom Bund der Korsaren.
Hasard ließ Rotwein auftischen, dann wurden weitere Einzelheiten geplant und besprochen. Da sie das alles sehr sorgfältig und überlegt taten, wurde es später Abend. Dann standen auch die letzten Details fest – bis auf die Unwägbarkeiten, die ein Unternehmen dieser Art barg und die sich nicht einmal abschätzen ließen.
5.
Am zweiten Oktober 1594 waren alle Vorbereitungen so gut wie abgeschlossen. Das „Unternehmen Potosi“ begann.
Es war Vormittag, über der Schlangen-Insel wölbte sich halbkreisförmig ein seidiger blauer Himmel.
Hasards Crew, die sich jetzt bereits an Bord des düsteren Zweideckers „Caribian Queen“ befand, bestand aus insgesamt neunundzwanzig Männern. Ribaults Crew rekrutierte sich aus einundzwanzig Männern und der Schlangen-Kriegerin Araua.
„Sollen wir nicht doch lieber einen Treffpunkt vereinbaren, an dem wir euch wieder abholen?“ fragte die Rote Korsarin. „Überlege es dir, Hasard, eins der Schiffe vom Bund der Korsaren kann euch zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder aufnehmen.“
„Nein“, sagte Hasard, der darüber auch schon nachgedacht hatte. „Es hat keinen Zweck, und zwar deshalb, weil sich der vereinbarte Termin zu einem Zeitdruck entwickeln könnte. Und den möchte ich auf jeden Fall vermeiden, wir sind dann eingeschränkt und können nicht so handeln, wie wir wollen. Ich habe für das Unternehmen einschließlich Hin- und Rückreise etwa sechs bis sieben Monate berechnet. Das ist nur über den Daumen gepeilt, Siri-Tong, eine ganz genaue Zeit kann ich der vielen Unwägbarkeiten wegen nicht angeben. Mit Zwischenfällen müssen wir immer rechnen. Wenn wir jetzt acht Monate brauchen, den Abholtermin aber auf sieben Monate ansetzen – das wäre also Anfang Mai nächsten Jahres –, dann wartet das Schiff wochenlang, das uns am Treffpunkt abholen soll, und es fehlt auf der Schlangen-Insel. Das ist einfach unmöglich.“
„Und wie habt ihr euch die Rückkehr vorgestellt?“
„Wir werden selbst sehen, wie wir von der karibischen Panamaküste wieder zur Schlangen-Insel zurückkehren. Vielleicht gelingt es uns nach altbewährter Manier über ein Enterunternehmen in Nombre de Dios oder Porto Bello. Das muß sich ganz aus der Situation heraus ergeben, das kann ich jetzt noch nicht sagen.“
„Dann laufen wir zunächst Tortuga an, danach bringe ich euch zur Bahia San Blas.“
„Ja, du kannst in Ruhe alles einkaufen, was gebraucht wird. Vor allem Holz für Ramsgate und anderes Zeug für die Werft. Holz wird Diego nicht vorrätig haben, jedenfalls nicht in so großer Menge, aber er hat gute Bezugsquellen auf Hispaniola, wo er das Holz bestellen kann.“
„Ich habe eine lange Liste dabei“, sagte Siri-Tong lächelnd. „Eigentlich beneide ich dich um das Unternehmen“, fügte sie dann hinzu.
„Mich reizt es selbst, mächtig sogar“, gab Hasard zu. „Es ist wie ein erwartungsvolles Prickeln in den Adern.“
Sie lächelten sich an und zwinkerten sich zu. Mindestens ein halbes Jahr lang würden sie sich nicht sehen. Siri-Tong dachte etwas wehmütig und traurig an die lange Zeit. Doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Oliver O’Brien kam, um sich zu verabschieden. Die meisten anderen hatten es bereits getan. Auch Old O’Flynn, der auf seiner „Empress“ hockte und den es mächtig juckte, daß er diesmal nicht mit von der Partie war. Er hatte noch behauptet, seiner Galionsfigur würde in der langen Zeit ein eisgrauer Bart wachsen, aber das hielt Hasard bei der Xanthippe für höchst unwahrscheinlich. Vielleicht kriegte sie in der Zeit noch ein paar Warzen dazu.
„Noch irgendwelche Anordnungen, Sir?“ fragte Oliver O’Brien.
„Nein, es ist alles geregelt. Du hast das Kommando über die ‚Isabella‘, wie besprochen. Sollte sie eingesetzt werden, stehen die Männer der Ramsgate-Werft und auch die Männer der anderen Besatzungen zur Verfügung. Gib schön auf unser Schiffchen acht, Oliver, wir lassen es zum erstenmal freiwillig zurück.“
„Und paß auf Arwenack und meinen Sir John gut auf!“ rief der Profos. „Die dürfen ja leider nicht mit, nur Plymmie.“
„Du weißt, warum ich das angeordnet habe, Ed. Wir steigen bei unserem Marsch nach Potosi in Schnee- und Eisregionen auf, und da können wir weder Papageien noch Affen gebrauchen. Dein Sir John würde einen kalten Hintern kriegen und Arwenack …“
„… einen kalten Affenarsch, Sir, ich weiß. Deshalb bleiben sie ja auch zurück“, sagte der Profos friedfertig. Er grinste sogar, als er sich umdrehte.
Der Abschied scheint ihm diesmal gar nicht sonderlich schwerzufallen, dachte Hasard erstaunt. Aber das bewirkte wohl die Aussicht auf das bevorstehende Abenteuer, sonst hätte sich der Profos sicher die Haare gerauft, daß er seinen Liebling zurücklassen mußte.
Die letzten kamen, um sich zu verabschieden, unter anderem auch der grummelnde Wikinger, der behauptete, vor ein paar Nächten sei ihm der Himmel auf den Kopf gefallen. Seinen Helm hatte er wieder ausgeklopft, keine Beule war mehr zu sehen, und schön poliert hatte er ihn auch.
Auf der „Caribian Queen“ wurden die Leinen gelöst. Sie war jetzt zur Genüge bemannt: Hasards Crew, dann die Crew Ribaults und die Männer der Roten Korsarin.
In den Felsen standen die bronzefarbenen Gestalten der Schlangen-Krieger und -Kriegerinnen, die den Männern nachwinkten. Arkana und viele andere säumten die Pier.
Am Ruder des Zweideckers stand Barba, das Monstrum von einem Bootsmann. Er grinste, aber es sah aus, als hätte er die Zähne gefletscht.
Langsam löste sich der Zweidecker und kam frei. Die Segel wurden gesetzt, und dann nahm er langsam Fahrt auf.
Old O’Flynn stierte ihnen wie ein kranker Hund nach. Sein Gesicht war so verrunzelt und von Falten durchzogen, wie sie es lange an ihm nicht mehr gesehen hatten. Sein Bootsmann Martin hockte neben ihm und reichte ihm zur Beruhigung eine Buddel, die O’Flynn jedoch nur griesgrämig anstarrte.
„Die segeln jetzt direkt nach Potosi“, maulte er, „und bringen es fertig, einen alten, kranken Mann einsam zurückzulassen. Eine Schande ist das, sage ich dir, Martin.“
„Jaja“, sagte Martin, „aber die segeln nicht nach Potosi, weil das hoch in den Bergen liegt, wie ich gehört habe. Die segeln nach Arica, weil es in Potosi …“
„Fängst du jetzt auch damit an?“ fauchte der Alte. „Das sind doch nur Ablenkungsmanöver, ich blicke da genau durch.“
„Jaja“, murmelte Martin, damit der Alte endlich Ruhe gab. Der begann ihn ebenfalls langsam mit seinem Potosi zu nerven.
„Sei froh, daß du dein eigenes Schiff hast. Hier bist du dein eigener Herr, auf dem Zweidecker hättest du doch nichts zu melden. Hier bist du Admiral und Kapitän zugleich, kannst auslaufen, wann du willst, und brauchst dich niemandem unterzuordnen.“
„Aber meine Crew besteht nur noch aus einem Mann. Das ist ein bißchen wenig für ein Schiff.“
„Das langt“, sagte Martin trocken. „Du ersetzt glatt drei Mann, damit sind wir wieder komplett.“
„Hm, da ist was dran. Dann gib doch mal die Buddel rüber, dann schluck’ ich für die drei anderen Kerle gleich einen mit.“
Er hob die Rumbuddel und schickte dem durch den Felsendom segelnden Zweidecker einen letzten Gruß nach.
Als die „Caribian Queen“ den Felsendom passiert hatte, griff der Wind und füllte die Segel des düsteren Schiffes, das vormals der Black Queen gehört hatte.
„Ziemliches Gewühl“, sagte Big Old Shane, „das ist man gar nicht mehr gewohnt, mit so vielen Kerlen zu segeln. Sonst fahren wir immer unterbemannt.“
Das fand auch Ferris Tucker, aber man würde sich ja nicht allzulange auf der Pelle sitzen, bis das Ziel erreicht war.
Sie waren jetzt etwa drei Stunden auf See. Die Schlangen-Insel lag weit achteraus und war nicht mehr zu sehen. Kurs Tortuga lag an.
Hasard sah ein paarmal scharf vom Achterdeck zum Vormars, dann schüttelte er den Kopf.
Nach einer Weile glaubte er wieder, etwas gesehen zu haben, doch als er genauer hinblickte, sah er wiederum nichts. Es war ihm, als hätte sich dort ein Mann hinter den Segeln versteckt, denn einmal glaubte er, eine haarige Hand gesehen zu haben.
Natürlich ist das Quatsch, dachte er, denn wer sollte sich da wohl verstecken?
Als er zum dritten Male eine huschende Bewegung sah, ließ es ihm keine Ruhe mehr. Er verließ das Achterdeck und ging zur Kuhl.
Jetzt sah er den „Mann“ ganz deutlich. Er hockte im Vormars, hielt sich mit einer Hand fest und hatte die Zähne zu einem fürchterlichen Grinsen gefletscht. Mit der anderen Hand kratzte er sich die haarige Brust.
Arwenack, der Schimpanse, hing in aller Unschuld da oben, und es hatte verteufelt den Anschein, als grinse er.
Zwischen Hasards Augenbrauen bildete sich eine scharfe Falte des Zorns und des Unmuts.
Das war ja wohl die Höhe! Jetzt befand sich dieses grinsende Affenvieh trotz ausdrücklichem Verbot doch an Bord, und natürlich würde kein Mensch wissen, wie er dahin gelangt war.
Er wollte gerade ein hartes Donnerwetter loslassen, als er zusammenzuckte.
„Fallen Anker! Affenärsche, hopp auf, ihr müden Säcke“, krakeelte eine krächzende Stimme, die ihm durch Mark und Bein ging. Es folgten noch weitere unflätige Worte und ein übles Gezeter.
„Scheißkahn“, kreischte es noch einmal grell. Unter der Persenning des Beibootes rumorte es.
Hasard war wie erstarrt. Jetzt war nicht nur Arwenack an Bord, was schon gereicht hätte, nein, dieser zeternde Geier hatte ebenfalls das Schiff geentert und steckte unter der Persenning im Beiboot.
Voller Zorn hob Hasard die Persenning an. Heraus flatterte Sir John, ließ etwas auf die Planken klatschen und entschwand mit wildem Flügelschlag kreischend und zeternd zur Großrah. Dort wiederholte er aufgebracht die Worte, die ihm der Profos in liebevoller Kleinarbeit vorgekaut hatte.
Dem Seewolf platzte der Kragen. Sein Gesicht lief rot an. Die Kerle, die eben noch über die Entdeckung gegrinst hatten, blickten jetzt ziemlich verstört drein.
„Was, zum Teufel, habe ich ausdrücklich angeordnet?“ schrie Hasard. „Ich habe gesagt, daß Arwenack und Sir John an Land zu bleiben hätten! Das habe ich ausdrücklich befohlen. Wie sind die Viecher an Bord gelangt, kann mir das vielleicht einer sagen?“
Keiner konnte es, wie er schon angenommen hatte. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, sie waren alle ja sooo unschuldig.
Hasards Zeigefinger deutete auf den Profos, dann auf Batuti, der mit den Augen rollte und sich total hilflos gab.
Arwenack war Batutis Liebling und Sir John der ausgesprochene Liebling des Profos’. Folglich steckten die beiden Kerle dahinter, und hatten ihre Viecher an Bord geschmuggelt.
„Tretet doch mal näher, ihr beiden Halunken!“ rief er. Dann wandte er sich zuerst an Batuti.
„Wie ist der Affe an Bord gelangt, Batuti? Kannst du mir das erklären?“
Batuti sah den Seewolf treuherzig an. Dann hob er hilflos die breiten Schultern und rollte erneut mit den Augen.
„Nix weiß, Sir, wirklich nicht. Ich habe Arwenack zuletzt in Old Donegals Rutsche gesehen, ganz bestimmt, Sir.“
„Beim Biersaufen, was?“ fragte Hasard gallig. „Da hat er wohl eine Runde ausgegeben.“
„Nein, Sir, Arwenack trinkt kein Bier. Missis Mary hat ihm eine Kokosnuß gekauft, und Arwenack hat Milch aus Kokosnuß genuckelt, ganz bestimmt, Sir.“
Hasard sah den Neger biestig an, doch der blickte immer noch so treuherzig, als könne er kein Wässerchen trüben.
„Verdammt noch mal! Profos!“ brüllte Hasard dann.
Edwin Carberry trat einen Schritt vor. Wenn Batuti treuherzig geguckt hatte, dann übertraf ihn dieser narbige Kerl von einem Profos um das Doppelte an schauspielerischem Talent. Der Profos sah wieder mal wie ein Unschuldsengel aus, dem man den Heiligenschein geklaut hat.
„Sir?“ fragte er unsagbar erstaunt und verwundert. „Edwin Carberry meldet sich zur Stelle, Sir.“
„Mister Carberry“, sagte Hasard fast heiser vor Wut. „Kannst du mir vielleicht verraten, wie dieser Geier an Bord gelangte und es fertigbrachte, sich im Beiboot unter einer Persenning zu verstecken? Für eine logische Erklärung wäre ich außerordentlich dankbar, Mister Carberry.“
„Welcher Geier, Sir?“ fragte der Profos harmlos.
Ein so eisiger Blick traf den Profos, daß er unwillkürlich zusammenzuckte.
„Ach, Sir John, Sir? Ja, der Geier, hol’s der Geier! Hm, weiß der Teufel, wie das Vieh an Bord gelangte. Ich war ja auch ganz erstaunt. Da krakeelt er plötzlich los und …“
„Halte keine Volksreden, Mister Carberry“, fauchte Hasard. „Ich will eine klare und schnelle Antwort.“
Inzwischen hatten sich wieder Schaulustige eingefunden, die jetzt ganz offen grinsten. Sogar Mac Pellew sperrte das Maul auf und starrte den Profos an, der sich immer wieder die Hände an den Hosen abwischte, als seien seine Flossen wer weiß wie schmierig. Aber das war bloße Verlegenheit von Ed.
„Ja, wenn ich das nur wüßte, Sir. Ich habe ihn auf der Schlangen-Insel beim Taubenschlag zurückgelassen.“
„Beim Taubenschlag – einen Papagei beim Taubenschlag?“
„Na ja, damit er nicht so einsam ist. Ich dachte, die könnten sich vielleicht etwas unterhalten, die Tauben und Sir John, meine ich.“
„Und jetzt ist er hier an Bord“, sagte Hasard.
„Ja, furchtbar ist das, Sir“, murmelte der Profos, wobei er wieder an der Hose herumwischte.
„Nun, dem werden wir Abhilfe verschaffen“, sagte Hasard kalt. „Das verzögert zwar unser geplantes Unternehmen, aber die Schuld daran werden jene Gentlemen tragen, die die Viecher an Bord geschmuggelt haben. Wir sind jetzt drei Stunden auf See, und drei Stunden brauchen wir für die Rückkehr zur Insel. Bis wir diesen Punkt wieder erreicht haben, ist fast ein Tag vergangen.“
Der Profos schluckte betroffen und sah seinen Kapitän fassungslos an.
„Umkehren, Sir?“
„Ja, umkehren, was sonst?“
„Oh, oh, oh!“ murmelte Mac Pellew. „Da sehe ich schwarz, pechschwarz. Das gibt ein Unglück, wir werden verloren sein.“
„Quatsch kein dummes Zeug, Mac!“ fuhr ihn Hasard an.
„Sir“, sagte Mac Pellew weinerlich. „Es gibt da eine alte Seemannsregel, und die gilt auch für uns. Ein Schiff, das sich bereits auf See befindet, darf nicht noch einmal umkehren – das bringt Unglück. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, Sir.“
Mac Pellew begann zu lamentieren und zu nörgeln. Schließlich rang er die Hände und zog ein Gesicht, als seien sie längst untergegangen und müßten um ihr Leben schwimmen. In den düstersten Farben malte er den anderen die Zukunft aus.
Ben Brighton hatte sich unter die Neugierigen gemischt und hörte belustigt zu. Für ihn stand fest, daß die beiden Kerle heimlich die Viecher an Bord gebracht hatten, und auch der Seewolf wußte das. Es ließ sich nur nicht beweisen, zumal beide auch so harmlos taten.
„Es gibt ja noch eine andere Lösung“, sagte Ben sachlich. „Wir können die beiden Tierchen an Bord lassen, wenn wir bei Arica den Landmarsch antreten. Die neuen Schiffe müssen ja sowieso bewacht werden. Dann können sich die Wachmannschaften um Arwenack und Sir John kümmern. Damit wäre der Fall bereinigt.“
„Bereinigt ist er dadurch noch nicht“, sagte Hasard etwas versöhnlicher, „aber dein Argument ist stichhaltig, Ben. Gut, dann lassen wir es dabei.“
Hasards Gesicht wurde ganz ausdruckslos, als er den Profos musterte.
„Sir John tut mir leid“, sagte er, „wir haben gar kein Futter für ihn an Bord, zu dumm, wie?“
Der Profos strahlte über das ganze Gesicht.
„Oh, ich habe zufällig Sonnenblumenkerne und etwas Mais dabei“, sagte er. Dann biß er sich auf die Lippen, als er merkte, daß er Hasard auf den Leim gegangen war.
„Rein zufällig natürlich“, murmelte er. „Wie das so geht. Ich dachte, in der Kiste sei Rum, aber da war Futter drin. Na ja, und so.“
„Was, wie“, sagte Hasard freundlich. „Man sollte dir mal wieder deine Visage etwas geradeklopfen, mein lieber Ed. Du siehst nämlich verdammt schief aus. Vielleicht hängt aber auch nur dein Heiligenschein etwas schief. Der Fall ist damit erledigt.“
Der Profos verdrehte die Augen und schielte nach oben. Hm, sein Heiligenschein hing nicht nur schief, der wackelte ganz beträchtlich. Vielleicht konnte ihm Big Old Shane einen neuen schmieden.
Hasard warf den beiden Sündern noch einen schrägen Blick zu, dann kehrte er aufs Achterdeck zurück.
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