Read the book: «Seewölfe Paket 21»
Impressum
© 1976/2018 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-780-8
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 401
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 402
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 403
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 404
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 405
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 406
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 407
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 408
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 409
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 410
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 411
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 412
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 413
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 414
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 415
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 416
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 417
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 418
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 419
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 420
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8

1.
Karl von Hutten wußte nicht, wie oft er den Ratsfelsen schon erklommen hatte. Hundertmal? Vielleicht, aber es spielte keine Rolle. Von Bedeutung war hingegen, daß ihn der Ausblick, der sich von hier oben, bot, immer wieder aufs neue faszinierte. So auch an diesem Vormittag des 19. Juli 1594: Das Bild war beeindruckend, er ließ es auf sich einwirken.
Einige Minutenlang stand er still und sah auf die Bucht mit den darin ankernden Schiffen, den Strand, die Hütten und den majestätischen Felsendom hinunter. Tiefblau war das Wasser, weiß der Sand. Die unterschiedlichen Farben der Felsen bildeten einen reizvollen Kontrast dazu. Diese Insel schien – wie er und die Freunde schon oft festgestellt hatten – das Paradies schlechthin zu sein, ein Hort der Ruhe und Unveränderlichkeit. Und doch täuschte der scheinbare Zustand des Friedens und der Sorglosigkeit über die wahren Tatsachen hinweg.
Aufgerüstet wurde auf der Schlangen-Insel, und das schon seit Tagen. Verdruß hatte sich angekündigt, der Bund der Korsaren rüstete zum Kampf. Das große Geheimnis existierte nicht mehr, der Schleier war gelüftet: Die Spanier wußten jetzt, wo die Schlangen-Insel lag, die Black Queen hatte ihnen die Position verraten.
Von Hutten verschränkte die Arme vor der Brust. Mußten sie den Gegner wirklich fürchten? War er so stark, wie sie annahmen? Die Nachrichten aus Havanna ließen keinen Zweifel und keine Fehldeutung zu. Die Insel war bedroht, ihre Bewohner schwebten in höchster Lebensgefahr – und das galt nicht nur für die Schlangen-Insel, sondern wahrscheinlich auch für Coral Island, wenn es dem Gegner einfiel, ein wenig die Umgebung abzusuchen, um weitere „Piraten“ aufzustöbern.
Von Huttens Blick wanderte nach Westen, weit über die See hinaus. Aber noch zeigten sich keine Mastspitzen an der Kimm, noch ließ sich der Feind nicht blicken. Die Späher und Ausguckposten waren auf der Hut, sie würden jede Bewegung auf dem Meer unverzüglich melden.
Prüfend schaute er zum Himmel auf – aber auch dort rührte sich nichts, nur ein paar weiße Wolkenfetzen glitten träge dahin. Keine Brieftaube erschien, neue Hinweise aus Havanna ließen auf sich warten.
Ein Geräusch hinter seinem Rücken ließ ihn herumfahren. Hesekiel Ramsgate trat zu ihm und lächelte.
„Was ist?“ fragte er. „Glaubst du, daß die Spanier sich irgendeinen Trick einfallen lassen, um heimlich zu landen?“
„Der Trick muß erst noch erfunden werden“, erwiderte Karl von Hutten. „Aber, unter uns gesagt, ein bißchen zappelig bin ich inzwischen doch.“
Ramsgate trat zwischen die Kanonen, die auf dem Ratsfelsen postiert worden waren, und fuhr mit der Hand über eins der Rohre. „Jede Art von Vorsorge ist getroffen worden, und es wird immer noch fieberhaft geschanzt und am Ausbau der Inselverteidigung gearbeitet.“
„Mit anderen Worten, wir haben nichts zu befürchten?“
„Die Kampfkraft der Spanier dürfte überragend sein.“
„Also müssen wir damit rechnen, daß sie es schaffen, unsere Abwehr zu durchbrechen und tatsächlich zu landen“, sagte von Hutten. „Herrgott, wir sprechen darüber, als handle es sich um eine ganz normale, alltägliche Angelegenheit. Sind wir nicht alle ein bißchen übergeschnappt?“
„Vielleicht. Aber du darfst nicht Vergessen, daß wir uns, was die Befestigung der Insel betrifft, gewissermaßen im Vorsprung befinden.“
„Weil Siri-Tong durch die Anlagen, die sie schon seinerzeit geschaffen hat, ein erhebliches Stück Arbeit geleistet hat, ich weiß“, sagte von Hutten. „Wir haben ihr viel zu verdanken, sie hat vorausschauend gehandelt. Aber glaubst du wirklich, daß wir an alles gedacht haben?“
„Die strategisch wichtigen Punkte sind mit Geschützen bestückt“, entgegnete der Alte. „An Munition mangelt es nirgends, und die Sperren sind ebenfalls eine harte Nuß, die der Gegner knacken muß, wenn er seine Invasionspläne in die Tat umsetzen will.“
„Die Schlangen-Insel ist also uneinnehmbar?“
„Wie denkst du darüber?“
„Wir können sie halten“, erwiderte von Hutten. „Wir kämpfen mit Zähnen und Krallen, bis zum Letzten, das ist klar. Aber ich denke auch an die Frauen und Kinder. Und dieses Warten und die Ungewißheit zehren an meinen Nerven.“
„Nun, wenn ich ehrlich bin – mir ist es auch lieber, wenn ich weiß, woran ich bin“, brummte der Alte. „Aber wir sind nun mal dazu verdammt, hier zu hocken und den Lauf der Dinge abzuwarten. Was meinst du, ob sich das Wetter noch ändert?“
„Donegal sagt, es bleibt so, wie es ist. Er muß es Wissen, denn vor einem Umschwung meldet sich stets sein Beinstumpf.“
„Am besten fragen wir ihn noch mal, wenn er zurückkommt. Vielleicht zieht doch ein Sturm herauf.“
„Malst du jetzt den Teufel an die Wand?“
„Nein, das liegt nicht in meiner Art“, erwiderte Ramsgate und grinste. „Ich denke immer nur an das Positive. Aber, übrigens – Donegal ist auch schon überfällig, nicht wahr?“
„Hoffen wir, daß er bald einläuft“, sagte von Hutten, dann ließ er wieder seinen Blick schweifen.
Die Aktivitäten auf der Schlangen-Insel brachen nicht mehr ab, ständig herrschte rege Betriebsamkeit. Zwischen den Schiffen und dem Ufer glitten die Jollen hin und her, die Schiffe wurden fix und fertig ausgerüstet. Es herrschte ständige Alarm- und Gefechtsbereitschaft – seit der Täuberich Dragan am 10. Juli Arnes Hiobsbotschaft aus Havanna gebracht hatte, daß die Position der Insel von der Black Queen an den Gouverneur Don Antonio de Quintanilla verraten worden wäre.
Ferner war am 13. Juli der Täuberich Omar mit Arnes Nachricht gefolgt, daß Don Juan flüchtig sei und von den Schergen des Gouverneurs wegen Mordes an einer Dame der Gesellschaft gesucht würde. Seitdem wartete der Bund der Korsaren auf neue Botschaften von Arne von Manteuffel, und die Spannung wuchs von Tag zu Tag.
Von Old Donegal Daniel O’Flynn, der noch am 10. Juni nach dem Eintreffen der Brieftaube Dragan mit der „Empress of Sea II.“ nach Westen zur Aufklärung in See gegangen war, hatte man in der Zwischenzeit nichts mehr gehört. Ramsgates Bedenken bezüglich der „Wettervorhersage“ des Alten mochten daher begründet sein, denn nunmehr waren immerhin neun Tage vergangen.
Am späten Vormittag gab es endlich aber doch wieder Neuigkeiten. Karl von Hutten sah die Brieftaube, die sich der Insel näherte, in dem Augenblick, in dem auch einer der Posten ihr Auftauchen meldete. Von Hutten hatte sich ein Spektiv besorgt und verfolgte den Anflug des Tieres.
Kurze Zeit darauf senkte sich der Täuberich Achmed in langgezogenen, kreisförmigen Bahnen auf die Insel und fiel in seinen Schlag ein. Das Glöckchen geriet in Bewegung, Achmeds „Gattin“ Fatima begann in dem Nebenschlag zu flattern und aufgeregt auf und ab zu hüpfen. Dann erschien Gotlinde und erleichterte Achmed um die neue Botschaft, die wie üblich von Jussuf in Havanna unter den Schwanzfedern befestigt worden war.
Am Strand der Bucht versammelten sich alle um Karl von Hutten, der die Nachricht auseinanderrollte und verlas: „6 Kriegsgaleonen, 4 Kriegskaravellen 18. 7. 17.00 Uhr Kurs Osten ausgelaufen. An Bord von Flaggschiff Gouverneur. Verfolge Verband mit Don Juan und Schebecke, um bereits zuzuschlagen – Arne.“
„Großartig“, sagte Hasard mit grimmigem Gesicht. „Jetzt wissen wir es endlich. Die Unsicherheit und das Warten sind vorbei. Kurs Osten – das bedeutet Ziel Schlangen-Insel. Freunde, der Bund der Korsaren tritt sofort zur Beratung zusammen.“
„Eins ist mir nicht ganz klar“, sagte der Wikinger, als er sich mit Hasard, Siri-Tong, Jean Ribault, Jerry Reeves und Arkana auf dem Ratsfelsen eingefunden hatte. „Was hat diese Bemerkung zu bedeuten, daß Arne mit Don Juan die Verfolgung aufgenommen hat, um schon mal zuzuschlagen?“
„Eben das, was sie aussagt“, erwiderte Hasard trocken. „Sie folgen dem Verband als Fühlungshalter.“
„Aber – wenn dem so ist, da muß es Arne ja gelungen sein, Don Juan auf die Seite des Bundes zu ziehen“, sagte Ribault. „Donnerwetter, das ist ein tolles Stück! Aber Arne hat schon lange geplant, den guten Don Juan auf unsere Seite zu bringen.“
„Es muß ihn einiges gekostet haben“, sagte der Seewolf. „Don Juan kann nicht leicht zu überreden gewesen sein. Aber es müssen die jüngsten Ereignisse in Havanna gewesen sein, die ihn davon überzeugt haben, daß er bislang auf der falschen Seite gekämpft hat.“
„Eine positive Nachricht“, meinte Siri-Tong. „Sie besagt aber nicht nur, daß Don Juan de Alcazar künftig nicht mehr als Gegner zu betrachten ist, sondern vor allen Dingen, daß er und Arne offenbar auch gewillt sind, dem Kampfverband der Dons von Anfang an Schaden zuzufügen.“
„Recht so!“ stieß Thorfin Njal hervor. „Und da Arne und Don Juan harte und erprobte Kämpfer sind und über die schnelle und kampfkräftige Schebecke verfügen, steht zu erwarten, daß sie dem Verband ziemlich zusetzen werden. Richtig?“
„Richtig“, erwiderte die Rote Korsarin lachend. „Oder besser – wir wollen es hoffen und den beiden die Daumen drücken.“
„Dennoch besteht bei uns kein Grund zum Frohlocken“, sagte Hasard. „Denn zehn Kriegsschiffe als Gegner sind ein ziemlich harter Brocken. Das wissen wir alle, und es ist auch klar, daß wir den Feind auf keinen Fall unterschätzen dürfen.“
„Es wird hart auf hart gehen, und wir werden viel Glück brauchen.“
Der Wikinger hob die geballte Rechte. „Wetzt die Messer! Schärft die Spitzen! Bei Odin, es wäre doch gelacht, wenn wir diesen Verband nicht zerschlagen und den Dons ein Höllenfeuerchen unter ihren Hintern entfachen würden! Wir laufen mit allen Schiffen aus und segeln ihnen mit voller Formation entgegen.“
Hasard schüttelte den Kopf. „Nein, ausgeschlossen“, sagte er.
Der Wikinger blickte ihn aus geweiteten Augen und mit geöffnetem Mund an. Langsam sank seine Faust nach unten. Er glaubte, nicht richtig gehört zu haben.
„Was? Wie – wie meinst du das?“ stammelte er verwirrt. „Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
Hasards Mund verzog sich zu einem halb spöttischen, halb amüsierten Grinsen. „Das hoffe ich nicht. Aber wir können auf keinen Fall mit allen Schiffen auslaufen, das muß auch dir einleuchten. Ein Schiff muß hierbleiben.“
„Aber – die Insel ist durch ihre Befestigungsanlagen und Kanonen ausreichend gesichert!“ begehrte der Nordmann mit dröhnender Stimme auf.
„Es gibt noch einen anderen wichtigen Grund, mindestens ein Schiff hier zurückzulassen“, sagte der Seewolf ruhig.
„Ja, das sehe auch ich ein“, sagte Siri-Tong.
„Ich aber nicht!“ stieß Thorfin Njal trotzig hervor. Mit beiden Händen griff er sich an den Kupferhelm, als wolle er ihn zurechtrücken. „Wir sind den Dons ohnehin zahlenmäßig unterlegen! In dieser Lage auch noch ein Schiff abzuziehen, das ist – das … Hölle und Donnerwetter, das will mir nicht in den Kopf!“
Die Rote Korsarin legte ihm mit einer beschwichtigenden Geste die Hand auf den Unterarm. „Denk doch mal genau nach, Thorfin. Hasard hat völlig recht. Nehmen wir einmal an, dem Gegner gelingt es, den Bund der Korsaren zu zerschlagen.“
„Niemals! Lieber versenke ich mein eigenes Schiff, als daß ich das zulasse!“
„Du sollst ja auch nur rein theoretisch daran denken“, sagte sie.
„Theo … was? Nein, ich will’s nicht wahrhaben“, brummte er störrisch.
„Das ist eben dein Fehler“, sagte Hasard beharrlich. „Man muß jeden Eventualfall in Betracht ziehen, um gerüstet zu sein. Hört gut zu: Wenn wir unterliegen, dann muß hier wenigstens ein Schiff zur Stelle sein, um die Überlebenden samt einem Teil der in den Höhlen gehorteten Schatzbeute evakuieren zu können.“ Er beugte sich etwas vor und fixierte den Wikinger. „Oder was soll deiner Meinung nach mit unseren Freunden geschehen, wenn die Dons landen?“
„Die Insel räumen“, murmelte Thorfin, „alles aufgeben? Nein. Das überleb’ ich nicht. Sleipnir soll mich zertrampeln, Geri und Freki sollen mich zerreißen und Hugin und Munin mir die Augen auspicken – nur das nicht!“
„Nun mach’s doch nicht so dramatisch“, sagte Siri-Tong. „Wir dürfen einfach nicht riskieren, daß die Schlangen-Insel im Sturm genommen wird und dabei alle drauf gehen. Das ist genau der Punkt. Folglich lassen wir ein Schiff hier zurück, Punktum und basta!“
Sie diskutierten noch eine Weile herum, aber schließlich mußte sich auch der Wikinger diesem Argument beugen. Die Zweckmäßigkeit einer solchen Maßnahme ließ sich nicht von der Hand weisen.
Er knirschte kräftig mit den Zähnen und stieß einen Fluch aus, dann sagte er: „Und welches Schiff soll zurückbleiben, wenn man fragen darf? Doch wohl nicht der Schwarze Segler? Das lasse ich nur über meine Leiche zu.“
Jean Ribault lachte. „Hasard hatte gehofft, du würdest dich freiwillig melden. Denk doch auch an Gotlinde und die Kinder.“
„Laß Thyra und Thurgil aus dem Spiel!“ brüllte der Wikinger. „Ich bin nicht der einzige, der hier Familie hat!“ Er konnte fuchsteufelswild werden, wenn er bei Beratungen an seine „privaten Pflichten“ erinnert wurde.
„Schon gut, Väterchen, reg dich nicht auf“, sagte Ribault.
„Warum bleibst du nicht mit deiner ‚Vengeur‘ hier?“ fragte der Wikinger plötzlich lauernd. „Nun? Das wär’ doch was, oder?“
„Ich kann nicht Däumchen drehen, während die Kameraden kämpfen.“
„Ich auch nicht.“
„Wenn die ‚Empress‘ rechtzeitig zurückkehrt, kann sie in der Bucht ankern, und wir laufen aus“, sagte Renke Eggens, der mit Oliver O’Brien zusammen etwas verspätet den Ratsfelsen betreten hatte. „Damit wäre das Problem gelöst.“
„Auch Donegal läßt sich darauf freiwillig nicht ein“, sagte Arkana. „Und die ‚Empress‘ dürfte wohl auch zu klein sein, um im Fall eines Falles alle Inselbewohner aufzunehmen.“
„Richtig“, sagte Hasard. „Im übrigen können wir mit Donegal und seiner Crew nicht rechnen, solange sie nicht tatsächlich wieder zurück sind. Wir werden die Angelegenheit anders regeln. Lassen wir das Los entscheiden.“
Damit erklärten sich alle einverstanden. Kurze Zeit darauf ließ der Seewolf jeden Schiffskapitän ein dünnes Stück Holz aus seiner geschlossenen Hand ziehen, von denen er eins vorher markiert hatte. Das Los fiel auf Renke Eggens, und somit stand es fest: Er würde mit der „Wappen von Kolberg“ in der Bucht der Schlangen-Insel bleiben.
Eggens hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Es läßt sich nicht ändern. Aber ihr könnt beruhigt sein, ich halte die ‚Wappen‘ gefechtsbereit und versehe meine Pflichten, wie es sich gehört. Wenn die Dons erscheinen, verwandeln wir die Insel in eine feuerspuckende Festung.“
„Daran zweifelt keiner von uns“, sagte Hasard. „Also, du behältst einen Teil von Arnes Crew, die anderen übernehmen unter dem Kommando von O’Brien die ‚Pommern‘, die mit uns ausläuft.“
Alle Einzelheiten des bevorstehenden Kampfes wurden noch einmal genau durchgesprochen. Jeder wußte, was er zu tun hatte, aber er mußte auch von den anderen wissen, wie sie eingesetzt werden sollten. Jedes Detail mußte festgelegt und durfte nicht dem Zufall überlassen werden, soweit sich das vermeiden ließ.
Arkana und ihre Krieger und Kriegerinnen würden die Insel verteidigen und gegebenenfalls bei einem Lande- und Besetzungsmanöver des Feindes versteckt von den Höhlen aus den Kampf fortsetzen, und zwar mit einem harten Kern des Stammes. Alle anderen sollten zunächst zu den Timucuas auf Coral Island evakuiert werden, wo sie sicher waren, solange sich der Angriff der Spanier auf die Schlangen-Insel konzentrierte.
Karl von Huttens Aufgabe stand ebenfalls fest. Er würde zusammen mit Arkana die Verteidigung der Insel leiten, zumal er sich seit Beginn der Verteidigungsbauten intensiv um alles gekümmert hatte.
Ihm zur Seite standen Hesekiel Ramsgate als Techniker und Baumeister sowie noch ein paar Männer der Werftbelegschaft. Alle waren ausreichend bewaffnet und verstanden, sowohl mit Musketen und Pistolen als auch mit Blankwaffen umzugehen.
Der Rat beendete seine Tagung, die Männer und Frauen schritten zur Tat. Da alle Schiffe seit den letzten Tagen auslaufklar waren, gab es jetzt keine Verzögerungen mehr. Kapitäne und Mannschaften begaben sich an Bord, und bald darauf wurden die Anker gelichtet.
Am frühen Nachmittag – der Mahlstrom war günstig – gingen die Schiffe in See und segelten auf westlichem Kurs davon: die „Isabella IX.“ mit Hasard und den Seewölfen, der Schwarze Segler des Wikingers, die „Caribian Queen“ mit Siri-Tong, die „Le Vengeur III.“ unter dem Kommando von Jean Ribault, die „Tortuga“ mit Jerry Reeves und die „Pommern“ unter dem Kommando von Oliver O’Brien.
Geeinigt hatte man sich auf folgende Taktik: Der Verband der spanischen Kriegsschiffe sollte gestellt und geschlossen angegriffen werden. Danach aber sollten Einzelkämpfe stattfinden, die darauf abgezielt waren, den Gegner daran zu hindern, zur Schlangen-Insel durchzubrechen.
Je weiter westlich entfernt man den Feind stellte, desto besser war es, darüber waren sich alle einig. Größere Distanz zur Schlangen-Insel bedeutete mehr Zeit und Raum für die Einzelgefechte.
An diese bevorstehenden Kämpfe dachten die Männer an Bord der Schiffe, an nichts anderes mehr. Die „Isabella“, „Eiliger Drache“, die „Caribian Queen“, die „Le Vengeur“, die „Tortuga“ und die „Pommern“ segelten unter Vollzeug und mit vollem Preß. Der Wind fiel aus Nordosten ein, also günstig für sie. Sie liefen gute Fahrt, und bald war die Schlangen-Insel an der östlichen Kimm verschwunden.
2.
Bei einem Etmal von nahezu einhundertvierzig Seemeilen pro Tag standen die sechs Schiffe am Nachmittag des 21. Juli, nach zwei vollen Tagen also, südlich der Columbus-Bank beim Cay Santo Domingo am östlichen Ausgang des Alten Bahama-Kanals und harkten in auseinandergezogener Dwarslinie nach Westen die See ab.
An Bord der „Isabella“ hatten zu diesem Zeitpunkt Gary Andrews und Sam Roskill die Ausguckposten inne. Gary, der Fockmastgast, war es, der als erster den kleinen Dreimaster sichtete, der sich aus westlicher Richtung näherte.
„Mastspitzen!“ meldete er, dann richtete er sein Spektiv auf die Erscheinung, die sich wie ein rumpfloses Gerüst aus den sanften Wogen hob. Er drehte am Okular und stellte die Schärfe richtig ein, dann stieß er einen Pfiff aus.
„Da brat mir doch einer einen Barsch“, sagte er. „Das ist ja – Donegal!“ Er ließ das Rohr sinken, beugte sich über die Segeltuchumrandung des Vormars und schrie: „Der Teufel soll mich holen – es ist die ‚Empress‘!“
Tatsächlich hatte er sich nicht getäuscht, es war wirklich die „Empress of Sea II.“ die in der breitgefächerten „Harken“-Formation der sechs Schiffe hängenblieb. Sie drehten bei, und die Mannschaften geiten die Segel auf. Kurze Zeit darauf hatte Old O’Flynn mit seiner „Empress“ zur „Isabella“ herangeschlossen, drehte ebenfalls bei und ging auf eine Distanz von knapp zwanzig Yards an sie heran.
„Holla!“ rief der Alte. „Das ist mal eine Überraschung! Was treibt ihr denn hier?“
„Dreimal darfst du raten!“ entgegnete Hasard, der ein Stück in den Lee-Besanwanten aufgeentert war und sich mit einer Hand in den Webeleinen festhielt. „Wir sind ganz auf Kampf eingestellt! Was bringst du für Neuigkeiten?“
Der Alte schien jetzt sehr erregt zu sein. „Du glaubst ja nicht, was wir erlebt haben! In der Nacht des 19. – im westlichen Bereich des Nicolas-Kanals!“
„Was?“ rief der Seewolf. „Spann mich nicht auf die Folter!“
„Wir sind auf die Schebecke von Don Juan gestoßen!“
„Und wer war an Bord?“ fragte Hasard. Seine Männer begannen bereits zu grinsen und sich untereinander mit den Ellenbogen anzustoßen. Die Zwillinge waren die ersten an Bord der „Empress“, die es bemerkten, aber sie hüteten sich, den Alten darauf aufmerksam zu machen.
„Na, halt dich mal schön fest!“ brüllte Old O’Flynn. „Du kommst nicht drauf, beim Henker nicht!“
„Laß mich raten!“ rief Hasard. „Don Juan de Alcazar natürlich – und Arne! Richtig?“ Er konnte sich sein Grinsen ebenfalls nicht mehr verkneifen.
„Stimmt’s oder stimmt’s nicht?“ brüllte Carberry. „Donegal, was ist los? Hat es dir die Sprache verschlagen?“
„Ihr Stinte!“ schrie der Alte mit hochrotem Kopf. „Ihr wißt ja schon alles! Hölle und Teufel, dann brauche ich ja gar nicht erst Aufklärung zu fahren und mir tage- und nächtelang die Augen aus dem Kopf zu starren! Genausogut kann ich in der Rutsche hängen und mir die Hucke voll saufen!“
„Beruhige dich!“ rief Hasard. „Es ist nicht unsere Schuld, daß wir bereits Bescheid wissen! Wir haben wieder eine Brieftauben-Botschaft aus Havanna empfangen, von dem guten alten Jussuf!“
Der Alte war immer noch wütend. „Zur Hölle mit ihm und seinen Nebelkrähen! Was stand in der Nachricht?“
„Arne hat sie noch selbst abgefaßt, bevor er an Bord der Schebecke in See gegangen ist!“ erklärte der Seewolf. „Er teilt uns darin lediglich mit, daß der Verband von zehn Schiffen ausgelaufen sei und daß die Schebecke ihm folge! Außerdem befindet sich der Gouverneur Don Antonio de Quintanilla an Bord des Flaggschiffes! Das ist alles, was wir wissen!“
„Das ist auch schon genug!“
„Wir haben Kriegsrat gehalten und sind mit den Schiffen ausgelaufen!“ fuhr Hasard unbeirrt fort. „Nur die ‚Wappen‘ unter dem Kommando von Renke Eggens liegt noch in der Bucht vor Anker!“
„Ein Fluchtmittel, wenn’s hart auf hart geht“, sagte der Alte brummig. „Eine gute Idee, obwohl wir alle nicht hoffen, daß es so weit kommt.“
„Donegal!“ rief Hasard. „Spaß beiseite – ich bin natürlich versessen darauf, nähere Einzelheiten zu erfahren! Ich muß unbedingt Genaueres über die Schebecke und Don Juans und Arnes Aktivitäten erfahren, verstehst du? Es könnte für unser weiteres Handeln von großer Bedeutung sein! Nur du kannst mir in allen Details berichten, wie es an Bord der Schebecke zugeht!“
„Du brauchst mir keinen Honig ums Maul zu schmieren!“ rief der Alte mit bitterböser Miene. Plötzlich hellte sie sich aber doch wieder auf. „Na ja, ich weiß natürlich genau Bescheid! Ein tolles Stück, diese Sache! Don Juan ist ja plötzlich wie umgewandelt!“
„Vielleicht ist es nur ein Trick von ihm!“ brüllte der Wikinger von Bord des Schwarzen Seglers herüber. „Sind wir sicher, daß er uns auf diese faule Art nicht reinlegen will?“
„Quark!“ schrie der Alte. Er war im Begriff, wieder fuchsteufelswild zu werden. „Wer hat dich überhaupt nach deiner Meinung gefragt, du Nordpol-Kannibale? Hölle, wenn ich einem Mann in die Augen sehe, weiß ich, was ich von ihm zu halten habe! Don Juan ist kein Schlitzohr! Der meint es ehrlich!“
„Wie hast du ihm mitten in der Nacht in die Augen sehen können?“ brüllte Thorfin Njal.
„Warum bist du nicht bei deiner Gotlinde geblieben?“ schrie der Alte. „Das wäre verdammt besser gewesen, für uns alle!“
„Auch Mary wartet auf dich!“
„Weißt du eigentlich, was du mich kannst?“
„Aufhören!“ rief der Seewolf. „Es hat wirklich keinen Sinn, daß ihr euch streitet! Donegal, du wolltest mir über Don Juans Gesinnungswandel erzählen!“
„Ich will es, aber ich werde dauernd unterbrochen!“ stieß der Alte hitzig hervor. Dann dachte er an die Begegnung mit der Schebecke zurück, und seine Züge glätteten sich wieder. „Also, wie gesagt, der Mann ist ganz anders, als wir ihn bisher gekannt haben, und ich wußte gar nicht, daß so ein guter Kern in ihm steckt. Ich meine – er könnte wirklich glatt einer von uns sein. Er paßt zu uns, kapiert?“ Er geriet jetzt fast ins Schwärmen. „Was für ein feiner Kerl das doch ist! Stellt euch vor – er hat, Bord an Bord, einen tüchtigen Schluck mit mir aus der Rumpulle getrunken! Ja, er kann mithalten, das schwöre ich euch!“
„Das hätte ich mir gleich denken können!“ rief Jean Ribault von Bord der „Le Vengeur III.“. „Kaum schickt man unseren Donegal mal allein los, nutzt er die Zeit, um Saufgelage abzuhalten! Sag mal, schämst du dich gar nicht, Donegal?“
„Hasard!“ schrie der Alte. „Warum schaffst du mir diese Bande nicht vom Hals?“
„Weil es sich um eine Flotte handelt!“
„Aber ich laß’ mich nicht anblöden!“
Der Seewolf wandte sich um und blickte zu den Schiffen. „Männer! Wir haben hier keine Zeit zu verlieren! Wer Donegal jetzt noch einmal unterbricht, der segelt zurück zur Schlangen-Insel, verstanden?“
Sie murmelten ihr „Aye, aye“ und steckten zurück, denn sie wußten, daß er es ernst meinte. Im übrigen war es ohnehin nicht ganz fair, Old O’Flynn ständig anzustänkern. Wie er Don Juan schilderte, war nämlich keineswegs eine Übertreibung. Er schätzte den Spanier völlig richtig ein, und er war stolz darauf, daß es Arne von Manteuffel gelungen war, einen solchen Kämpfer für den Bund der Korsaren gewonnen zu haben.
„Also, wo war ich stehengeblieben?“ fuhr er in seinem Bericht fort. „Richtig: Dieser Don Juan, das ist ein Kerl wie Samt und Seide, vom rechten Schrot und Korn! Den können wir brauchen! Und ich versichere euch, er ist voll auf die Seite des Bundes umgeschwenkt! Er hat jetzt keine Zweifel mehr! Er kämpft mit uns gegen den Verband – und das ist natürlich letztlich auf die Intrige des Gouverneurs zurückzuführen! Diese fette Qualle, dieser Don Antonio, hatte ihm einen Frauenmord anhängen wollen!“
„Und das ist ihm wohl auch gelungen, oder?“ rief Hasard.
„Ja! Don Juan ist jetzt ein Geächteter! So hat er den Weg zu Arne gefunden, und der hat ihm auch geholfen, die Crew der beschlagnahmten Schebecke aus der Gewalt der Schergen des Gouverneurs zu befreien und dann die Schebecke selbst im Hafen von Havanna zurückzuerobern!“
„Hochinteressant!“ feuerte Hasard den Alten an. „Weiter!“
„Nun, Arne hat Don Juan bei unserer Begegnung ja endgültig reinen Wein über alles eingeschenkt, was die Verwandtschaft mit dir betrifft und so. Auch die Zwillinge hat er ihm vorgestellt. Don Juan war ganz schön von den Socken.“
„Was ist weiter geschehen?“ wollte der Seewolf wissen.
„Wir haben uns wieder verabschiedet und sind noch in der Nacht ostwärts gesegelt, um euch den Anmarsch des Kampfverbandes zu melden“, erwiderte der Alte. „Hinter uns hat es ganz schön gekracht! Ein klares Zeichen dafür, daß Don Juan und Arne bereits voll eingestiegen sind!“ Plötzlich lachte er und rieb sich die Hände. „Fein, die Dons haben also die Schebecke am Hintern und werden sie nicht mehr los! Ich schätze, Don Juan und Arne spielen fleißig das bewährte Ruderanlagenzerschießen! Das wäre nämlich genau das, was ich an ihrer Stelle tun würde! Und Arne ist ja auch nicht auf den Kopf gefallen! Oder? Leute, es geht rund, und auch wir gehen jetzt in die vollen, nicht wahr?“
„Wie darf ich das auffassen?“ fragte Hasard.
„Daß ich mit euch segle, ist doch klar!“
„Irrtum! Du kehrst zur Schlangen-Insel zurück!“
„Nein!“ brüllte der Alte, und seine Schläfenadern schwollen bereits wieder bedrohlich an. „Das kommt gar nicht in Frage! Was soll ich da? Die ‚Wappen‘ ist doch dort!“
Seine Einwände nutzten ihm nichts, bei Hasard biß er auf Granit. „Du segelst zur Schlangen-Insel!“ rief Hasard noch einmal. „Das ist ein Befehl! Du wirst nach Westen hin Aufklärung fahren – für den Fall, daß es einzelnen Schiffen des Gegners gelingen sollte, nach Osten durchzubrechen und Kurs auf die Schlangen-Insel zu nehmen!“
„Das schaffen die Hunde nie!“ brüllte der Alte.
„Das hab’ ich auch gesagt!“ pflichtete der Wikinger ihm mit Stentorstimme bei.
„Ruhe!“ schrie Hasard. „Wir müssen mit jedem Eventualfall rechnen, das habe ich schon mal gesagt! Wenn der Feind durchbricht, gilt es, die Schlangen-Insel so schnell wie möglich zu alarmieren! Keiner kann diesen Dienst besser versehen als du, Donegal, das mußt du einsehen! Und wenn du es nicht einsiehst, ist es mir auch egal!“
„Aye, Sir!“ rief der Alte, aber man sah ihm an, wie schwer es ihm fiel.
„Ich sage es euch noch mal klipp und klar!“ rief der Seewolf seinen Männern zu. „Bei dem Verhältnis von sechs Schiffen des Bundes gegen zehn spanische Kriegsschiffe ist durchaus damit zu rechnen, daß nicht alles so verläuft, wie wir uns das erhoffen! Wie ich die Dinge sehe, steht uns der härteste Kampf bevor, den wir jemals ausgefochten haben!“
„Wir haben schon ganz andere Schlachten geschlagen!“ rief Carberry aufgebracht. „Hast du das vergessen?“
„Nein! Aber es stand seinerzeit weniger auf dem Spiel!“
„Wir hauen die Dons in Stücke!“ brüllte Smoky. „Hölle, es wäre doch gelacht, wenn wir ihnen mit Höllenflaschen und Pulverpfeilen nicht Feuer unter dem Hintern machen würden!“
„Allein darauf dürfen wir uns nicht verlassen!“ schrie Hasard. „Wir müssen voraussetzen, daß sie gut armiert sind und jede Menge Munition an Bord haben! Wir wünschen uns, daß Don Juan und Arne so viele Galeonen und Karavellen wie möglich außer Gefecht setzen, aber wir wissen nicht, ob sie es schaffen! Wir dürfen auf keinen Fall etwas voraussetzen, von dem wir keine Bestätigung haben! Und noch etwas! Der Gegner könnte leicht Verstärkung aus einem der Häfen an der Nordküste von Kuba erhalten! Habt ihr an diese Möglichkeit schon gedacht? Stellt euch vor, der Kriegsverband verdoppelt sich! Was dann?“
„Hör bloß auf mit der Unkerei!“ brüllte Old O’Flynn.
„Das tust du doch sonst immer!“ rief Hasard ihm zu. „Aber diesmal gilt es, besonders vorsichtig zu sein! Nur das will ich euch klarmachen, sonst nichts! Donegal, ist dir etwas über die Black Queen bekannt?“
„Ja! Daß sie die größte Hurentochter und das ausgekochteste Höllenweib aller Zeiten ist!“
„Wo steckt sie zur Zeit?“
„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte der Alte. „Aber ich drücke uns die Daumen, daß wir es rauskriegen! Und dann gnade Gott oder sonstwer diesem Satansbraten!“
Er wußte nicht, daß die Schebecke Don Juans den Zweimaster der Black Queen am Abend des 20. Juli zusammengeschossen und zum Sinken gebracht hatte – und auch nicht, daß die Schwarze mit ihrer Meute von Kerlen zuvor an dem Kampfverband der Spanier Fühlung gehalten hatte. Über diese Ereignisse war ihm nicht einmal in Ansätzen etwas bekannt – erst später sollte der Bund von dem Zweimaster und seinem Ende erfahren.
Der Seewolf hatte vorerst genug gehört, Old O’Flynn hatte nichts mehr zu berichten. Ernst verabschiedeten sich die Männer voneinander, und Hasard winkte noch zu seinen Söhnen hinüber. Dann ging die „Empress of Sea II.“ gemäß Hasards Order auf Ostkurs. Der Verband segelte weiter in Richtung Westen, einem Schwarm stolzer Schwäne gleich, deren Konturen im heraufziehenden Dämmerlicht verblaßten wie die Pinselstriche auf einem unfertigen Gemälde.
3.
Zur selben Zeit hockte ein gedemütigter, niedergeschlagener, ratloser Gouverneur Don Antonio de Quintanilla auf dem Rand der Koje in der Gästekammer des Achterkastells an Bord der „San José“. Das Flaggschiff des Kriegsverbandes war jetzt sein Gefängnis. Man hatte ihn unter Kammerarrest gestellt, und vor dem Schott stand ein bewaffneter Posten. Er war von seinen eigenen Landsleuten verdammt worden, war ihnen ausgeliefert und würde noch die Konsequenzen, einen Prozeß in Havanna oder anderswo, über sich ergehen lassen müssen.
Das Bordgericht der „San José“ hatte ihn unter Arrest gestellt, und Don Garcia Cubera, der Kapitän und Verbandsführer, hatte den Befehl sofort ausführen lassen. Nur zu gern, wie Don Antonio grimmig registrierte, und auch berechtigterweise mit Genugtuung, wenn man sachlich sein wollte, denn schließlich hatte man ihn töten wollen, und er war nur wie durch ein Wunder am Leben geblieben, weil zwei Männer der Kriegskaravelle „Gaviota“ ihn aus der See gefischt hatten.
Gomez Guevara – so hieß der verhinderte Meuchelmörder. Sein Messer hatte Cubera nur an der Schulter verletzt, und es war ihm letztlich zum Verhängnis geworden, denn der Erste Offizier der „San José“ hatte es nach der Tat auf den Planken des Achterdecks gefunden. Das Beweisstück hatte den Kerl überführt und zum Geständnis gezwungen. Er war gehängt, wieder von der Rah geschnitten und ohne Leichenrede in die See geworfen worden, wie es jedem Mörder oder versuchten Mörder gebührte.
Don Antonio erschauerte unwillkürlich, als er daran dachte. Immer wieder wurde er daran erinnert. Er konnte nicht mehr schlafen, und er wußte nicht, ob er sitzen oder stehen sollte. Er glaubte, seine eigene Angst zu riechen. Seine dicken, beringten Finger tasteten nach dem fetten Hals, und für einen winzigen Augenblick hatte er das Gefühl, auch um seine Kehle schnüre sich bereits die tödliche Schlinge zusammen.
Gewiß, seine Mittäterschaft hatte sich nicht nachweisen lassen. Dennoch: Guevara hatte ihn schwer belastet. Guevara war sein Kammerdiener gewesen, und es lag auf der Hand, daß er, Don Antonio, den Mordauftrag erteilt hatte.
Natürlich stritt er alles ab, und so stand Aussage gegen Aussage. Das Bordgericht konnte ihm also nichts anhängen. Aber Cubera würde ihn vor ein Gericht des Königs stellen, und der Prozeß würde keine Farce sein wie viele Verhandlungen, die in der Residenz von Havanna stattgefunden hatten, wenn es Don Antonio darum gegangen war, sich lästiger, aufmüpfiger oder unbequemer Zeitgenossen zu entledigen. Cubera war vorgewarnt und wußte, daß sich der dicke Mann wie ein Aal wand. Ein neutrales, unbestechliches Gericht mußte zusammentreten – und er würde dafür sorgen, daß es einen gerechten und unantastbaren Schuldspruch gab.
Don Antonio war davon überzeugt, daß ihm das gelang. Noch einmal hatte er das Verhängnis abwenden können, aber jeder Mann an Bord war davon überzeugt, daß er, der Gouverneur, dem Kommandanten nach dem Leben getrachtet hatte. Gründe für ein solches Handeln gab es genug, und auch die Tatsache, daß Guevara Cubera angegriffen und außenbords geworfen hatte, sprach für sich.
Was also tun? Fliehen? Don Antonio schauderte allein bei dem Gedanken daran zusammen. Schwimmen konnte er nicht. Ein Boot konnte er nicht entwenden, außerdem wußte er nicht, wie er es fortbewegen sollte, wenn es erst einmal im Wasser lag. Segel, Riemen – all das waren ihm widerwärtige Begriffe, er wollte mit der Seefahrt nichts zu tun haben. Und wie sollte er im übrigen auch den Wachtposten überwältigen?
Er saß in der Falle, es gab keinen Fluchtweg. Diese Erkenntnis machte ihn regelrecht krank, und auch der süße Portwein half ihm nicht über seinen Kummer weg. Die kandierten Früchte schmeckten ihm auch nicht mehr, aber er stopfte sie sich trotzdem ununterbrochen in den Mund. Irgend etwas mußte er tun, sonst wurde er noch wahnsinnig.
Dabei hatte alles so schön begonnen. Don Antonio war als sicherer Sieger an Bord des Flaggschiffes gegangen und hatte alle Privilegien für sich beansprucht, von der Kapitänskammer bis zum Waschzuber, der eigens für ihn hatte beschafft werden müssen. Nicht den geringsten Zweifel hatte er daran gehegt, daß alles nach seiner Pfeife tanzte, daß das Gefecht gegen die Engländer mit einem glorreichen Sieg für die spanische. Krone endete und daß er, Don Antonio, sämtliche Schätze der englischen Hundesöhne geflissentlich vereinnahmen würde. Das waren seine Pläne – und nur deshalb hatte er sich entschlossen, mitzusegeln.
Aber das Leben war voller Ecken und Kanten, und er bereute zutiefst seinen Entschluß, die Residenz verlassen zu haben. Jetzt konnte er nicht mehr zurück, und er hatte alle gegen sich.
Ausgerechnet auf einen Mann wie diesen Cubera hatte er stoßen müssen, der hart wie Eisen und unbeugsam war. Jeder Versuch Don Antonios, den Befehl über den Verband an sich zu reißen, war auf den erbitterten Widerstand dieses Kommandanten gestoßen, der sich nur seiner Obrigkeit, der Admiralität, verpflichtet fühlte und sonst niemand anderem Rechenschaft ablegte.
An einem gewissen Punkt des Kriegsmarsches auf die Schlangen-Insel angelangt, hatte Don Antonio den Verdacht zu hegen begonnen, die Black Queen habe ihn in eine Falle gelockt oder wolle ihm einen üblen Streich spielen. Denn was hatten die nächtlichen Angriffe auf den Verband zu bedeuten, bei dem nun schon mehrere Schiffe Schaden erlitten hatten?
Der Verdacht hatte Angst hervorgerufen, und Don Antonio hatte Don Garcia Cubera gedrängt, umzukehren und nach Havanna zurückzusegeln. Doch auch in diesem Punkt blieb der Kommandant stur: Er behielt seinen Kurs bei und war mehr denn je davon überzeugt und darauf bedacht, den Angriff auf die englischen Piraten durchzuführen.
Es war ein altes Prinzip von Don Antonio de Quintanilla, daß ein Mann so rasch wie möglich verschwinden mußte, wenn er unbequem zu werden begann. Viele Männer hatten im Laufe der Jahre, die er seinen Posten als Gouverneur versah, die Residenz von Havanna betreten und nie wieder verlassen, höchstens mit den Füßen zuerst. Im Kerker hatte er so manchen Gegner weichgeklopft, und unter den Qualen des peinlichen Verhörs waren auch die härtesten Kerle lammfromm geworden. Hatte ein Mann dann seine Geheimnisse preisgegeben – welcher Art sie auch immer sein mochten –, konnte er getrost den Weg ins Jenseits nehmen. Starb er nicht an den Folgen der Folter, half Don Antonio gern mit einer Prise Gift nach.
Aber nicht nur im Kerker, auch in den prunkvollen Sälen und Gemächern seines Allerheiligsten hatten schon Männer ihr Leben gelassen. Zuletzt Don Ruiz de Retortilla, der Stadtkommandant von Havanna.
Don Antonio verzog das Gesicht, wenn er an ihn zurückdachte. Dieser Narr, dachte er. Er hatte versucht, seinem Gouverneur zu drohen und ihn zu erpressen. Er hatte sich dadurch sein eigenes Grab geschaufelt.
Don Juan de Alcazar hatte einen ähnlichen Weg gehen sollen. Er war, so hatte Don Antonio es dargestellt, der Mörder der Señora Samanta de Azorin. Daß in Wirklichkeit ein gedungener Mörder des Don Antonio und Don Ruiz die Señora auf dem Gewissen hatten, wußte niemand.
Aber Don Juan war geflohen, und seitdem wußte kein Mensch mehr, wo er sich versteckt hielt. Don Antonio gab sich Mühe, nicht mehr an ihn zu denken, aber gerade durch Cubera wurde er immer wieder an diesen hartnäckigen und unbestechlichen Mann erinnert, der seine Prinzipien vor alles andere setzte. Auch Cubera war so ein Mensch, der Kühnheit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und den Kampf fürs Vaterland an die Stelle persönlicher Interessen stellte.
Zum Teufel, der ist imstande und läßt sich für die Krone töten, dachte Don Antonio. Unbegreiflich! In seinen Augen waren solche Männer Narren oder Idioten, denn sie brachten es im Leben zu nichts, höchstens zu einem Orden, den sie mit ins Grab nehmen konnten.
Doch man mußte das Leben genießen. Genuß war nur durch Reichtum gesichert, und reich wurde man weder durch Prinzipien noch durch Heldenmut. Spanien hatte Gold und Silber im Überfluß – warum also nicht wenigstens einen Teil davon für den Gouverneurspalast von Havanna beiseite schaffen?
Don Antonio hatte es getan. Er lebte im Luxus und verfuhr nach einem einfachen Grundsatz: Was dein ist, ist auch mein, und was mein ist, bleibt mein.
Reichtum und Besitz – und all das sollte durch einen fanatischen Capitán namens Cubera aufs Spiel gesetzt werden? Nein, auf gar keinen Fall durfte er sich geschlagen geben. Er mußte reagieren und sich zur Wehr setzen. Wenn er Cubera nicht beseitigen konnte, mußte es einen anderen Weg geben, sich zu befreien und für den nötigen Respekt seitens des Achterdecks zu sorgen. Er, Don Antonio, beging einen gewaltigen Fehler, wenn er sich jetzt von seiner Niedergeschlagenheit und seinem Selbstmitleid übermannen ließ.
Was sollte er unternehmen? Er verlieh sich einen innerlichen Ruck und zwang sich dazu, angestrengt nachzugrübeln. Wieder verschwanden drei, vier kandierte Früchte in seinem Mund, und er spülte kräftig mit Portwein nach.
Plötzlich fiel ihm etwas ein. Hatte er nicht eine Waffe in seinem Gepäck? Hatte er kurz vor dem Verlassen der Residenz nicht ausdrücklich befohlen, auch eine Pistole in seinen Sachen zu verstauen, damit er, der Hochwohlgeborene und Erlauchte, im Falle höchster Gefahr nicht ganz wehrlos dastand?
Er wollte bereits zu dem Glöckchen greifen, mit dem er seine Dienerschaft herbeizuklingeln pflegte, zog die Hand aber rechtzeitig genug wieder zurück. Guevara, sein Kammerdiener, war ja nicht mehr am Leben. Benachrichtigte er die übrigen Lakaien, schöpfte die Wache selbstverständlich Verdacht.
Es gab nur den einen Weg: Er mußte selbst suchen. Aber das war mit Arbeit verbunden. Mühsam erhob er sich, kippte auf den leicht schwankenden Planken fast um, hielt sich an der Koje fest und ließ sich auf die Knie sinken. Er begann, in seinen Gepäckstücken herumzukramen, aber die Suche brachte nicht den gewünschten Erfolg.
Mit einemmal war er nicht mehr sicher. Hatte er nun eine Pistole, oder hatte er sie nicht? Oder hatte Cubera heimlich seine Kammer durchsuchen lassen? Auch das war möglich. Überhaupt, auf diesem Teufelsschiff waren sie zu jeder Schandtat fähig.
Erschöpft ließ sich Don Antonio auf die Koje sinken. Er mußte Kräfte sammeln. Wenn er schon nicht schlafen konnte, dann wollte er doch wenigstens ein bißchen ruhen. Und mit der Zeit kam auch der erforderliche Rat. Vielleicht, dachte er und gähnte, suche ich nachher weiter. Vielleicht ist das Glück mir armem Teufel doch noch hold.
Der spanische Kampfverband lag in den Nachtstunden des neuen Tages, des 21. Juli also, nach dem Schebecken-Angriff wieder vor Treibanker im Nicolas-Kanal. Die beschädigte Ruderanlage der einen Kriegskaravelle mußte repariert werden, wie verrückt war das Schiff nach der Attacke in den Wind geschossen. Ebenso war es einer anderen Karavelle, der „Gaviota“, ergangen. Sie war sogar derart stark ramponiert, daß sie mit einem Notruder den nächsten Hafen anlaufen mußte.
Das war Remedios an der Nordküste von Kuba. Don Garcia Cubera hatte dem Kapitän der „Gaviota“ den offiziellen Befehl erteilt, den Hafen anzulaufen und dort ins Dock zu gehen. Die „Gaviota“ schied somit aus der Unternehmung aus, hatte jedoch den Auftrag, eventuelle in Remedios liegende spanische Kriegsschiffe über den Raid gegen die englischen Piraten zu informieren und um Unterstützung zu bitten.
Der Verband – so hatte Don Garcia Cubera dem Kapitän der „Gaviota“ mitgeteilt – würde den ganzen 21. Juli über noch vor Treibanker liegen und erst am Abend mit Kurs Osten zum Süden weiter an der Küste entlangsegeln, so daß man sich auf der Höhe von Remedios treffen konnte.
Aufgrund der bösen Erfahrungen der beiden letzten Nächte und der Gewißheit, daß zumindest zwei Gegner bereits gegen den Verband kämpften, ließ Cubera auch in dieser Nacht die Jollen der einzelnen Schiffe ausschwärmen, um den Verband nach allen Seiten hin gegen etwaige neue Angriffe abzuschirmen. Immerhin war sein Verband zur Zeit um zwei Schiffe vermindert: Eine Kriegskaravelle war aus bisher noch ungeklärten Gründen gesunken, und man hatte nur Trümmerteile westlich der Cay-Sal-Bank gefunden. Das zweite Schiff war die „Gaviota“, die jetzt mit schwerstem Ruderschaden nach Remedios verholen mußte.
Don Garcia Cubera stand auf dem Achterdeck der „San José“ und dachte erneut über die bisherigen Ereignisse nach. Vieles war ihm rätselhaft, aber folgende Punkte hatte er doch recherchieren können: Bei den beiden bisher festgestellten Gegnern handelte es sich – aus seiner Sicht – um einen Zweimaster, der laut Bericht der Jollenführer, die sich bereits mit der Besatzung dieses Schiffes herumgeschlagen hatten, von einer Negerin kommandiert wurde und mit dunkelhäutigen Männern besetzt sein sollte.
Ob das wirklich stimmte? Cubera sah keinen Grund, an den Darstellungen seiner Leute zu zweifeln. Gewiß, es gab einige unter ihnen, die vieles übertrieben und besonders farbig ausgeschmückt wiedergaben. Doch die Jollenführer waren nüchterne, salzgewässerte Männer, die aufmerksam zu beobachten verstanden und nicht unter Einbildungen litten. Sie hatten von einem „Negerweib“ gesprochen, und sie täuschten sich gewiß nicht.
Farbige also, die sich von einer Frau kommandieren ließen. Was für eine Bande war das? Nun, er würde es durch zähe Nachforschungen vielleicht doch noch herausfinden.
Bei dem anderen Gegner sollte es sich um die Schebecke des Don Juan de Alcazar handeln. Der Kapitän der „Gaviota“ hatte sie deutlich gesehen, und er hatte seinem Kommandanten gegenüber noch nie etwas behauptet, das er nicht belegen konnte. Bei ihrem nächtlichen Angriff hatte er sie zweifelsfrei identifiziert.
Cubera begriff die Zusammenhänge nicht. Die Schebecke war eine Prise des Don Juan de Alcazar, er hatte sie in den Hafen von Havanna überführt und dort vor Anker gehen lassen. Aber – sie war von den Soldaten des Gouverneurs unter Befehl des dann so plötzlich verstorbenen Stadtkommandanten Don Ruiz de Retortilla beschlagnahmt worden, soweit sich Cubera entsinnen konnte. Die kleine Mannschaft war ins Gefängnis geworfen worden, ganz abgesehen von der Ungeheuerlichkeit, daß ausgerechnet der Mann eine Frau ermordet haben sollte, der von der spanischen Krone beauftragt worden war, den englischen Kapitän Killigrew zur Strecke zu bringen. Don Juan ein Mörder – stimmte das denn wirklich?
Das alles war höchst verwirrend und stand nicht miteinander in Einklang. Don Garcia Cubera fuhr sich mit der Hand übers Kinn und dachte angestrengt nach. Er wägte dieses und jenes ab und stellte verschiedene Theorien auf. Wenn sich Don Juan de Alcazar wieder in den Besitz der Schebecke gebracht hatte, warum bekämpfte er dann die eigenen spanischen Schiffe, die jetzt gegen jenen Feind segelten, den er doch eigentlich vernichten sollte?
Cubera gelangte in dieser Nacht nicht zur Ruhe, denn natürlich beschäftigte ihn gleichzeitig auch der Gedanke an den Mordversuch, der an ihm vorgenommen worden war. Gomez Guevara, der Täter, war vom Bordgericht überführt worden. Und er hatte auch gestanden. Aber er hatte behauptet, von dem Gouverneur zu der Tat angestiftet worden zu sein. War es die Wahrheit?
Don Antonio de Quintanilla hatte jede Anschuldigung heftig abgestritten und den verhinderten Mörder einen Schurken und Lügner genannt. Dabei handelte es sich bei dem Mann um seinen eigenen Kammerdiener, um eine Vertrauensperson also, die niemals in seinen Diensten hätte stehen können, wenn sie wirklich so verschlagen und unehrlich gewesen wäre, wie Don Antonio sie hingestellt hatte.
Don Antonios Auftreten während der Verhandlung hatte Cubera eigentlich nur noch in seiner bisherigen Annahme bestätigt und bestärkt: daß nämlich der eigentliche Schuldige der Gouverneur war. Nur beweisen konnte er es nicht. Guevara hatte für sein Verbrechen mit dem Tod bezahlt. Don Antonio stand unter Kammerarrest, und daran würde sich auch nichts ändern. Später sollte er, seinem Rang als Gouverneur entsprechend, vor ein Gericht des Königs in Havanna gestellt werden.
Da war tatsächlich einiges zu klären und zu untersuchen – zum Beispiel der Versuch des Gouverneurs, ihm, dem Kapitän, die Kommandogewalt über den Verband zu entziehen. Oder sein plötzlicher Entschluß, das Unternehmen gegen die Engländer wieder abzublasen. Und wenn Cubera daran dachte, wie der Dicke sich an Bord der „San José“ aufgeführt hatte, stieg ihm sowieso nachträglich die Galle hoch.
Eine Kriegsgaleone war kein Lustfahrzeug zur Erbauung eines Gouverneurs der spanischen Krone. O nein! Hier wurde ein harter Dienst versehen, unter der permanenten Bedrohung eines unbekannten Gegners, der nachts tollkühn und mit offensichtlichem Erfolg angriff. Was sollten die Allüren eines Don Antonio, was bezweckte er mit seinem ganzen unhaltbaren Auftreten?
Don Garcia Cubera folgte einem plötzlichen Entschluß – oder sollte er ihn lieber eine Eingebung nennen? Irgendwie hatte er das Gefühl, er könne die wahren Hintergründe noch erfahren – jetzt. Alles würde sich aufklären, man mußte nur den entsprechenden Schlüssel in der Hand haben.
Er verließ das Achterdeck der „San José“. Der Erste Offizier übernahm solange das Kommando. Cubera begab sich ins Achterkastell und suchte Don Antonio de Quintanilla auf, vor dessen Kammer wie üblich ein Posten Wache stand. Er bedeutete dem Mann, zur Seite zu treten, und öffnete das Schott.
Mit grimmiger Genugtuung stellte Cubera fest, daß auch dem Gouverneur der Schlaf abging. Er hockte auf seiner Koje und hielt einen Kelch in der rechten Hand, der zur Hälfte mit schwerem Portwein gefüllt war. Mit der Linken schob er sich nahezu ununterbrochen die kandierten Früchte in den Mund, die Cuberas Widerwillen hervorriefen. Überhaupt, er verspürte fast Ekel, wenn er sah, wie Don Antonio aß und mit Portwein nachspülte. Nie zuvor hatte er einen Mann gesehen, der derart viele Süßigkeiten in, sich hineinzustopfen vermochte.
Don Antonio ähnelte zur Zeit einer in die Enge getriebenen, allerdings sehr fetten Ratte. Dieser Vergleich drängte sich Cubera auf, als er in die Kammer trat und das Schott hinter sich schloß.
Don Antonio sah zu ihm auf. Sofort schien er zu begreifen, daß der Capitán etwas von ihm wollte, und entsprechend fiel seine Reaktion aus. Sofort richtete er sich auf, und seine alte Überheblichkeit war wieder da.
„Capitán, was fällt Ihnen ein, mein Schlafgemach zu betreten, ohne vorher anzuklopfen?“ fragte er scharf.
„Sie befinden sich an Bord eines Kriegsschiffes.“
„Oh, das hatte ich noch nicht bemerkt.“
„Auf diesem Schiff führe ich den Befehl, und meine Befehlsgewalt ist uneingeschränkt“, fuhr Cubera unbeirrt fort. „Ich bitte Sie, das endlich zur Kenntnis zu nehmen, Señor.“
Don Antonios Gesicht nahm einen tückischen Ausdruck an. „Sie haben es mir deutlich genug zu verstehen gegeben, Capitán, auf jede erdenkliche Art.“ Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, seine Stimme hob sich etwas. „Aber das werden Sie noch schwer und bitter bereuen.“
„Das glaube ich allerdings nicht, Señor“, sagte Cubera kalt. „Und ich bin auch nicht gekommen, um darüber mit Ihnen zu diskutieren.“
„Sie werden es aber tun müssen!“ fuhr der Dicke ihn an. „Das ist der Gipfel all dessen, was Sie sich mir gegenüber erlaubt haben! Daß Sie es gewagt haben, mich, den Gouverneur, einen Vertreter der spanischen Krone, unter derart entwürdigenden Umständen vor ein Bordgericht zu zerren! Einen Gouverneur vor ein Bordgericht! Das muß man sich mal vorstellen!“
„Sie haben es sich selbst zuzuschreiben“, sagte Cubera. „Und Sie können noch froh sein, daß Sie einigermaßen glimpflich davongekommen sind.“
„So?“ Don Antonio lachte höhnisch auf. „Das alles ist so absurd, als erlaubten sich irgendwelche dahergelaufenen Bauerntrampel, über Seine Majestät, den König von Spanien, zu Gericht zu sitzen. Unvorstellbar! Wahnwitzig! Verrückt!“
„An Bord eines Kriegsschiffes ist der Kommandant König“, sagte Cubera scharf. „Wer das nicht weiß, sollte besser an Land bleiben und dort seinen Amtsgeschäften nachgehen, wie es sich gehört – statt auf einem Kriegsschiff Seiner Majestät Unheil zu stiften und es offenbar mit dem Gouverneursamt zu verwechseln.“
„Was nehmen Sie sich eigentlich noch alles heraus?“
„Señor, ich warne Sie“, sagte Cubera. „Lassen Sie es nicht an dem nötigen Respekt mangeln, sonst lernen Sie mich von einer Seite kennen, die ich Ihnen bisher noch vorenthalten habe. Es könnte leicht passieren, daß Sie Ihre bisherige Kammer mit dem Kabelgatt oder der Vorpiek vertauschen, wenn Sie wieder unverschämt werden.“
Don Antonio steckte zurück. Von der Seefahrt hatte er kaum Ahnung, doch was das Kabelgatt und die Vorpiek waren, wußte auch er. Er durfte Don Garcia Cubera nicht bis aufs Blut reizen, sonst war der tatsächlich imstande, ihn in ein feuchtes, rattenverseuchtes Schiffsverlies zu stecken.
In seinem aufgedunsenen Gesicht zuckte es heftig, aber er wagte nicht mehr aufzubegehren.
„Was führt Sie zu mir?“ fragte er.
„Ich wünsche eine klare Auskunft über die Mordgeschichte, in die Don Juan de Alcazar angeblich verwickelt ist.“
„Wie bitte? Was geht denn Sie das an?“
„Eine ganze Menge, und ich kann Ihnen nur raten, mir alles zu erzählen, was Ihnen über den Fall bekannt ist.“
„Soll das eine Drohung sein?“ fragte Don Antonio mit schriller Stimme. „Nötigung?“
Cubera zwang sich zur Ruhe. „Nein. Keineswegs. Ich trage nur Fakten und Daten zusammen, um mir ein Bild von der Gesamtlage zu verschaffen. Warum, das setze ich Ihnen gleich noch auseinander. Aber vorher bitte ich Sie um klare Antworten. Don Juan ist doch angeblich ein Frauenmörder, nicht wahr?“
Jetzt fuhr der Dicke von seiner Koje hoch. „Angeblich? Das wird ja immer schöner! Es gibt Augenzeugen für die Tat – Leute, die gesehen haben, wie der Kerl die Señora de Azorin ermordet hat!“
„Und seitdem ist er verschwunden?“
„Ja! Seine sofortige Flucht nach der Tat beweist seine Mordschuld sogar zusätzlich! Leuchtet Ihnen das ein?“
„Noch nicht ganz.“
„So? Das ist mir auch egal. Sie stehen ja sowieso nicht auf meiner Seite, sondern sind gegen mich.“
„Hören Sie mit der Polemik auf“, sagte Cubera. „Eine andere Frage: Warum hat man die Schebecke beschlagnahmt, die im Hafen von Havanna geankert hat? Und warum wurde die Besatzung ins Gefängnis gesperrt?“
„Sie unterziehen mich also einem Verhör?“
„Herrgott, nein. Es ist Ihnen freigestellt, ob Sie mir antworten oder nicht.“
Don Antonio schien angestrengt nachzudenken. Er ließ seinen Besucher stehen und bot ihm keinen Platz an, auch kein Glas Portwein oder kandierte Früchte – die Cubera ohnehin abgelehnt hätte. Die Atmosphäre hätte nicht frostiger sein können, und sie gaben sich keinerlei Mühe, ihre beiderseitige Abneigung zu verbergen.
„Gut“, sagte Don Antonio schließlich. „Ich will Sie zufriedenstellen. Ich habe nach Don Juans Flucht sofort die Möglichkeit einkalkuliert, daß er versuchen könne, mit der Schebecke zu fliehen, die ja eine Prise von ihm war. Weiterhin war damit zu rechnen, daß seine kleine Mannschaft zu ihm hielt. Also habe ich entsprechende Vorsorge getroffen. Oder was hätten Sie an meiner Stelle getan?“
„Lassen wir das einmal dahingestellt“, entgegnete Cubera. Trocken fuhr er fort: „Im übrigen scheint Don Juan wider Erwarten größten Erfolg gehabt zu haben.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Don Antonio, und jäh erwachte Mißtrauen in ihm. Was wollte der Capitán? Ihn zum Narren halten? Ihn auf die Probe stellen? Was wußte er über Don Juan? Mehr als er? „Wie soll ich das verstehen?“ stieß er hervor.
„Es ist eindeutig die Schebecke Don Juan de Alcazars gewesen, die um Mitternacht die Ruderanlagen der beiden letzten Schiffe des Verbandes zerschossen hat.“ Cubera wartete nach diesen Worten ab und beobachtete, welche Wirkung sie auf den Dicken hatten. Es entging ihm nicht, wie dieser kaum merklich zusammenzuckte.
Don Antonio griff nach seinem Glas, füllte es mit Portwein und führte es an die Lippen. Er trank einen Schluck, verschluckte sich und begann zu husten und zu röcheln. Er lief dunkelrot im Gesicht an und schien keine Luft mehr zu bekommen, aber Cubera dachte nicht daran, ihm hilfreich auf den Rücken zu klopfen.
Völlig ungerührt stand er da und betrachtete sein Gegenüber. Don Antonios Getue und Gehabe vermochte ihn nicht im geringsten zu beeindrucken.
Don Antonio ließ das Glas wieder sinken, und fast verschüttete er dabei den Rest des Inhalts. Er keuchte und schöpfte japsend Atem, dann ließ er sich wieder auf den Rand seiner Koje sinken.
„Was erregt Sie eigentlich so?“ fragte Cubera.
„Ach, es ist nichts.“
„Vielleicht ist es doch besser, wenn Sie endlich mit der Wahrheit herausrücken. Denn daß hier einiges faul ist, habe ich längst begriffen.“
„Faul? Ich verstehe Sie nicht.“
„Das ist nicht weiter schlimm“, sagte Cubera gelassen. „Ich bin aber sehr gespannt darauf, die volle Wahrheit über Don Juan zu erfahren.“
„Gut, die sollen Sie wissen“, sagte Don Antonio, und er keuchte immer noch. „Dieser Frauenmörder ist ein Verrückter, ein Lustmörder und Sittenstrolch, dem es offenbar gelungen ist, mit der Schebecke aus Havanna zu fliehen.“
„Ja, das ist offensichtlich.“
„Und jetzt?“ stieß Don Antonio mit schriller, kreischender Stimme hervor. „Jetzt fällt er in seiner Mordlust auch noch über die eigenen Schiffe her, über die Schiffe Seiner Majestät!“
„Eben“, sagte Cubera in aller Ruhe und verschränkte die Arme vor der Brust. „Genau das will mir nicht in den Kopf. Es leuchtet mir einfach nicht ein. Nie wäre ein Mann wie Don Juan zu so etwas fähig.“
„Kennen Sie ihn denn?“
„Nur flüchtig, aber …“
„Er zeigt jetzt sein wahres Gesicht“, unterbrach ihn der Dicke. „Oder er hat total den Verstand verloren. Eins von beiden.“
Cubera fixierte ihn kühl. „Das glaube ich Ihnen nicht, Señor Gouverneur.“
4.
„Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet“, sagte Don Antonio. Nur mühsam beherrschte er seine aufwallenden Haß- und Zorngefühle. „Warum reden wir überhaupt miteinander? Wenn Sie mich für einen Lügner halten, brauchen Sie mich ja gar nicht erst zu vernehmen, oder?“
Unbeirrt sagte Cubera: „Don Juan steht im Range eines Generalkapitäns, außerdem ist er Sonderagent der spanischen Krone. Wie können Sie im Ernst behaupten, daß ein solcher Mann ein Verbrecher oder Geistesgestörter ist?“
„Ich berufe mich nur auf die Tatsachen.“
„Es ist auch allgemein bekannt, daß sich Don Juan bravourös geschlagen hat, als die Horde eines gewissen Catalina über Havanna hergefallen ist.“ Fast süffisant fügte Cubera hinzu: „Einen solchen Mann kann ich mir schlecht als Frauenmörder vorstellen, als Lustmörder und Sittenstrolch schon gar nicht.“
Don Antonio blickte ihn an und wünschte sich, etwas Gift zur Verfügung zu haben, das er ihm heimlich in den Portwein streuen konnte. Aber dummerweise hatte er seine sämtlichen Vorräte in Havanna zurückgelassen. Außerdem trank der Capitán gewiß keinen Portwein, und er hätte bei einem so plötzlichen Ausbruch von Gastfreundschaft auch sofort Verdacht geschöpft.
„Mit der Mordlust, über die eigenen Schiffe herzufallen, scheint auch etwas nicht zu stimmen“, fuhr Cubera fort. „Denn es verwundert mich wirklich sehr, daß bei dieser Mordlust stets nur in die Ruderanlagen geschossen wird, wobei noch kein einziger Mann getötet worden ist.“
„Das sind alles nur Zufälle“, sagte der Dicke. „Beim nächstenmal schon kann es ein Massaker geben. Don Juan ist zu allem fähig. Aber, ach, Sie nehmen mir das ja doch nicht ab.“
Cubera musterte ihn verächtlich von oben bis unten. „Nach meiner Ansicht deuten diese Angriffe vielmehr darauf hin, daß mit allen Mitteln versucht wird, möglichst viele Schiffe des Verbandes außer Gefecht zu setzen und auf diese Weise zur Umkehr zu zwingen.“
„So?“ Don Antonio horchte auf. Was sagte der Mann da? Natürlich – Don Juan de Alcazar wollte, aus welchen Gründen auch immer, das Unternehmen sabotieren. War das für ihn, Don Antonio, nicht ein Vorteil? Er konnte seine Taktik darauf einstellen. Sofort nahm er die einmalige Chance wahr. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, erklärte er mit lauernder Miene. „Aber ich schätze, Sie haben wirklich recht, Señor. Ich meine – wenn ich so richtig darüber nachdenke, muß ich Ihre Theorie sogar unterstützen. Nur bin ich bislang nicht darauf gekommen.“
„So ein Pech“, sagte Cubera. „Sie hätten mich sonst schon eher auf die Absichten des Don Juan hinweisen können.“
„Ich wußte ja nicht, daß er uns folgt. Aber Sie entsinnen sich, daß auch ich genau das im Sinn gehabt habe – daß der Verband umkehrt. Sehen Sie, es scheint also gar nicht so falsch und abwegig zu sein, das, Unternehmen abzubrechen.“
„Ich kann mich sehr gut an jedes einzelne Ihrer Worte erinnern“, sagte Don Garcia Cubera sarkastisch. „Aber Sie kennen mich immer noch nicht richtig. Gerade das werde ich nicht tun. Wir segeln auf dem bisherigen Kurs weiter.“
„Vielleicht kostet das unser aller Leben.“ Don Antonio spürte bei dem Gedanken an die bevorstehende Schlacht wieder die Angst in sich aufflackern, die stärker war als die Gier nach Gold und Silber. Natürlich würde dieser Fanatiker Cubera mit seinem Flaggschiff auch in erster Linie kämpfen und sich nicht zurückhalten, wie Don Antonio es getan hätte, wenn der Verband seinem Kommando unterstanden hätte. Es wurde also höchst brenzlig, und das Risiko, nie mehr nach Havanna zurückzukehren, war hoch.
„Ich fühle mich herausgefordert“, sagte Cubera. „Und als spanischer Seeoffizier bin ich gewohnt, eine einmal angefangene Angriffsoperation auch durchzuschlagen. Letztlich geht es ja auch um einen Gegner, der Spanien seit Jahren unermeßlichen Schaden zugefügt hat. Eine Umkehr ist völlig undiskutabel.“
„Aber – versuchen Sie doch, vernünftig zu denken!“ stieß Don Antonio flehend hervor.
„Das tue ich. Sie haben das Unternehmen gewollt und in Gang gesetzt. Und jetzt werden Sie dabeisein, wenn wir es durchführen.“ Mit diesen Worten vollführte er eine kühle Verbeugung und verließ die Kammer, in der man die Angst riechen konnte. Voller Abscheu verzog er den Mund, als er draußen war und den Gang zum Querschott entlangschritt. Mehr denn je war er davon überzeugt, daß es richtig war, durchzuhalten und bis zur äußersten Konsequenz zu gehen. Für Don Antonio de Quintanilla würde es im übrigen die Lektion seines Lebens sein. Er hatte sie verdient.
Don Juan de Alcazar stand mit seiner Schebecke um diese Zeit bereits wieder auf der Luvseite des Verbandes, also nördlich von ihm und aufgrund der nächtlichen Lichtverhältnisse im dunklen Sektor, der das Schiff hervorragend tarnte.
Der Verband hingegen war klar zu erkennen. Schweigend beobachteten die Männer der Schebecke, was geschah. Es war ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß die eine von ihnen angegriffene Kriegskaravelle nach einer gewissen Zeit – offenbar unter Notruder – mit Kurs auf die Küste im Süden davongekrochen war, während das Achterschiff des anderen Opfers hell erleuchtet war.
„Sie arbeiten daran, den Ruderschaden zu beheben“, sagte Don Juan. „Gut so. Das gibt wieder eine Verzögerung.“
„Der ganze Verband liegt vor Treibanker“, sagte Arne von Manteuffel. „Aber natürlich trifft der Verbandsführer jetzt auch einige Sicherheitsvorkehrungen, um die Schiffe abzuschirmen.“
Ramón Vigil bestätigte dies durch ein Kopfnicken. Fast unausgesetzt hatte er durch sein Spektiv geblickt und zu verfolgen versucht, was sich an Bord der spanischen Schiffe tat.
„Sie haben die Jollen ausgesetzt und um den Verband verteilt“, sagte er.
„Also Wachboote, die auf und ab patrouillieren“, sagte José Buarcos. „Außerdem dürfte damit zu rechnen sein, daß sie auch an Bord der Schiffe auf der Hut sind.“
Don Juan lächelte. „Unzählige Augenpaare beobachten die See ringsum, und man lauert darauf, daß der Angreifer sich noch einmal heranwagt. Richtig, Arne?“
„Völlig richtig. Aber den Gefallen tun wir ihnen nicht.“
„Überlegen wir es uns“, sagte Don Juan. „Wir könnten auch auf Teufel komm raus noch einmal an sie herangehen, wobei der Einsatz natürlich relativ hoch sein könnte.“
„Die Spanier sind jetzt höllisch auf der Hut und haben aus ihren Fehlern gelernt“, sagte Arne. „Das Risiko ist für uns zu groß. Wir sollten uns lieber im Hintergrund halten, finde ich. Wenn wir sie jetzt attackieren, gibt es auf unserer Seite Todesopfer. Dann werden wir kampfunfähig, denn wir sind eine zu kleine Crew. Wir haben keinerlei Reserven, das dürfen wir nicht vergessen.“
„Ja, dem stimme ich zu“, sagte auch Don Juan. „Man soll es nicht übertreiben und den Bogen nicht überspannen.“
„Erfolg haben wir nur, wenn wir den Gegner überraschend angreifen“, sagte Arne. „Genau das ist jetzt nicht mehr der Fall.“
„Aber wir können sie auch nicht ungeschoren lassen“, sagte Vigil. „Was wir bis jetzt erreicht haben, genügt noch nicht.“
„Natürlich nicht“, pflichtete Arne ihm bei. „Aber es empfiehlt sich, die Taktik zu ändern. Überhaupt sollten wir den Gegner über unsere nächsten Züge im Ungewissen lassen. Ich meine das so: Versetzen wir uns mal in ihre Lage. Sie sind zweimal in der Nacht überfallen worden. Beide Male scheint es sich um denselben Gegner gehandelt zu haben, und die Methode des Angriffs war auch dieselbe. Daraus folgern sie mit Scharfsinn und Logik, daß es auch einen dritten und vierten Überfall geben könnte. Sie erwarten ihn – und werden nervös, weil er nicht erfolgt.“
„Ich könnte mir aber vorstellen, daß ein Mann wie Don Garcia Cubera etwas weiter blickt“, meinte Don Juan.
„Auch er kann sich der allgemein herrschenden Spannung nicht entziehen“, sagte Arne. „Und ich weiß, daß die zunehmende Ungewißheit stark an den Nerven zehrt. Folglich haben wir eine unsichtbare, aber dennoch gute Waffe in Händen, die wir nur richtig bedienen müssen.“
„Du meinst, wir klopfen die Spanier weich, und es kostet uns trotzdem nicht den geringsten Einsatz?“ fragte Jörgen Bruhn. „Ja, sicher, auch das ist ein Weg. Die ständige Gefechtsbereitschaft verlangt den Dons im übrigen auch einiges ab. Bis sie die Schlangen-Insel erreichen, haben sie die Hälfte ihrer Energien hoffentlich aufgebraucht.“
„Da würde ich mal nicht so sicher sein“, sagte Jorge Matteo. „So gering, wie du denkst, sind die vorhandenen Kraftreserven bei der guten Verpflegung an Bord der Schiffe nicht. Laß dir das von einem Don gesagt sein.“
„Schon gut“, sagte Jörgen und grinste. „Der ‚Don‘ ist übrigens kein Schimpfwort.“
„So habe ich es auch nicht aufgefaßt.“
„Und unsere Devise ist nach wie vor, daß wir eingreifen, um ein großes Blutvergießen zu verhindern“, sagte Don Juan. „Wir halten also Fühlung, folgen dem Verband, wenn er wieder die Segel setzt, und kitzeln den Grund der Seelen unserer Landsleute sozusagen mit spitzen Federn. Bald werden sie ziemlich gereizt sein, und daraus wiederum könnte sich ein schwacher Punkt ergeben, der uns die Möglichkeit eines neuen Angriffes bietet.“
Er grinste Arne anerkennend zu. Dieser neue Freund aus Deutschland, aus dem fernen Kolberg, bewies wieder einmal mehr, daß die englischen Teufelskerle um Philip Hasard Killigrew keinen besseren Mann nach Havanna hätten schicken können. Arne von Manteuffel war hervorragend geeignet für diese Aufgabe, und unter dem Tarnmantel eines biederen deutschen Kaufherrn hatte er es bisher verstanden, jeden Zweifel an der Authentizität seiner Rolle von sich fernzuhalten.
Geschickt und intelligent, wie er war, konnte er sich noch über Jahre in Havanna halten und mit Hilfe seiner Männer Jörgen Bruhn und Jussuf die besten und vielversprechendsten Raids für den Bund der Korsaren auskundschaften. Die Verständigung mit der Schlangen-Insel funktionierte dank der Brieftauben, und kein Außenstehender würde jemals erfahren, wie es geschehen konnte, daß Philip Hasard Killigrew rechtzeitig davon erfuhr, wenn spanische Schatzschiffe den Hafen von Havanna verließen.
Noch während er darüber nachdachte und zu den Galeonen und Karavellen des Kriegsverbandes blickte, fiel Don Juan plötzlich wieder etwas ein.
Er hatte Arne von Manteuffel bereits vorgeschlagen, die Position als deutscher Kaufherr in Havanna möglichst nicht aufzugeben – was aber der Fall sein würde, wenn Arne auf der Schebecke durch einen dummen Zufall vom Gegner erkannt wurde. Einen solchen Umstand sollte man nicht heraufbeschwören. Don Juan hielt es für angebracht, noch einmal mit Arne über dieses Thema zu sprechen, solange sie die Gelegenheit dazu hatten. Da der Verband immer noch vor Treibanker lag und darauf wartete, daß die Ruderanlage der einen Karavelle wieder in Ordnung gebracht wurde, herrschte für die Männer der Schebecke gewissermaßen Leerlauf.
„Überlegen Sie sich noch mal, wie es wäre, wenn wir Jörgen und Sie an Land setzen würden“, sagte Don Juan zu Arne.
„Ich habe mir Ihren Vorschlag auch schon durch den Kopf gehen lassen.“
„Und zu welcher Ansicht sind Sie gelangt?“
„Daß Sie recht haben.“
„Es freut mich wirklich, daß Sie das einsehen.“
„Ich darf den Posten in Havanna um keinen Preis aufgeben“, sagte Arne. „Für die Freunde auf der Schlangen-Insel ist er geradezu lebenswichtig und notwendig.“
„Warum reden wir noch lange herum?“ fragte Jörgen. „Treffen wir eine Entscheidung.“
„Du bist also auch meiner Meinung – oder besser, unserer Meinung?“ Arne sah ihn erwartungsvoll an.
„Natürlich. Es soll aber nicht so aussehen, als wollten wir vor weiteren Kampfaktionen kneifen“, entgegnete Jörgen.
„So seht ihr auch gerade aus“, sagte Vigil. „Nein, ich glaube, das denkt keiner von uns.“
Don Juan sagte: „Wir sind bereit, euch noch heute nacht an der Küste an Land zu setzen.“
„Einverstanden“, sagte Arne. „Aber wo?“
Vigil brachte eine Karte, deren Eintragungen und Zeichnungen jedoch nur schwach zu erkennen waren. Licht durften sie nicht entfachen, um dem Gegner ihre Position nicht zu verraten. Also beugten sie sich einer nach dem anderen über die Karte und versuchten, im bleichen Schimmer des Mondes soviel wie möglich zu sehen.
Arne tippte schließlich auf La Isabela. Unwillkürlich mußte er wegen des Namens lächeln. La Isabela war ein Hafenort nördlich von Sagua la Grande.
„Der erscheint mir gerade wegen der Lage zu unserer momentanen Position günstig“, sagte er. „Außerdem dürften dort hauptsächlich Fischer wohnen, die zumeist wortkarg sind und nicht viel fragen.“
„Ja, auch ich glaube, daß Sie Ihre Wahl gut getroffen haben, Arne“, sagte Don Juan. „Ich bin einverstanden.“ Er wandte sich an seine Mannschaft. „Setzt die Segel. Wir runden den Verband und gehen auf Kurs Süden. Wir laufen die Küste von Kuba an, unser Ziel ist La Isabela.“
„Und der Verband?“ fragte einer der Männer.
„Der bleibt uns sicher“, erwiderte Vigil grinsend. „So schnell bricht er noch nicht wieder auf. Aber unsere lieben Landsleute werden denken, daß wir auch weiterhin im Dunkeln auf der Lauer liegen. Ja, diese Art der Kriegführung ist wirklich nicht schlecht.“
Wenig später glitt die Schebecke davon, umsegelte den Verband und legte sich auf südlichen Kurs. Kein Mann an Bord der Kriegsschiffe registrierte ihr Ablaufen, auch die Jollenbesatzungen sahen es nicht. So blieben die Ungewißheit und die Spannung, und die Nervosität wuchs, wie Arne das vorhergesagt hatte. Mit Hast wurde an Bord der beschädigten Karavelle gearbeitet, keinem ging das Instandsetzen der Ruderanlage schnell genug.
Nur ein Mann betete darum, daß der Verband ewig vor Treibanker liegen möge: Don Antonio de Quintanilla. Der Geschmack an der Rolle des Eroberers war ihm gründlich vergangen. Er wußte jetzt, daß der Kampf nicht ohne Blutvergießen abgehen würde. Solange es das Blut der anderen war, kümmerte es ihn nicht. Doch auch sein Blut würde fließen – und allein die Vorstellung bereitete ihm Grauen.
Unterdessen steuerte die Schebecke Don Juans die Küste von Kuba an. Die Fahrt verlief ruhig. Es wurde kaum ein Wort gesprochen, aber immer wieder hielten die Männer aufmerksam Umschau.
Im Morgengrauen des 21. Juli erreichten sie die Küste in unmittelbarer Nähe von La Isabela. Nebliggraue Schleier krochen über die See zum Land, durchsetzt von rötlichem Zwielicht, dennoch fiel den Männern die Orientierung nicht schwer. Sie steuerten zwischen den Inseln hindurch, die der Küste vorgelagert waren, wichen jedem Riff und jeder Untiefe aus und segelten schließlich auf die Palmen und Mangroven zu, die sich mattgrün hinter den aufsteigenden Brandungswellen erhoben.
„Beidrehen!“ befahl Don Juan. „Geit auf die Segel! Fiert ab das Boot!“
„Das wäre dann also die Stunde des Abschieds“, sagte Arne. „Schade – aber nicht zu ändern.“ Er streckte Don Juan die Hand entgegen. „Adios – oder soll ich lieber sagen: Hasta la vista?“
„Das klingt besser“, entgegnete Don Juan. „Auf Wiedersehen und nicht ade. In Havanna treffen wir uns wieder.“
„Daran führt kein Weg vorbei.“ Jörgen mußte lachen. „Und die Fronten sind jetzt geklärt. Jeder weiß vom anderen, wer er wirklich ist. Geheimnisse gibt es nicht mehr.“
„Und unser Pakt, unsere Freundschaft?“ fragte Arne. „Wann werden wir die endlich gebührend feiern?“
„Die Gelegenheit kommt noch“, erwiderte Don Juan. „Nach dem Gefecht um die Schlangen-Insel. Ich schätze aber, daß wir bis dahin noch einiges auf uns nehmen müssen. Ganz reibungslos wird auch unsere Aktion letztlich nicht verlaufen.“
„Ich denke auch an Don Antonio“, sagte Arne. „Wir haben immer Ärger mit ihm gehabt, und er wird es uns auch in Zukunft nicht daran mangeln lassen.“
„Irgendwie habe ich aber doch das Gefühl, daß Don Garcia Cubera ihn früher oder später durchschaut“, sagte Don Juan. „Daraus ergeben sich Konsequenzen. Wenn ich doch mit diesem Cubera hätte sprechen können, wie ich es in Havanna vorgehabt hatte.“
„Aber Sie sehen doch ein, daß es glatter Selbstmord gewesen wäre, nicht wahr?“ fragte Arne. Schließlich war er es gewesen, der ihn davon abgehalten hatte.
„Selbstverständlich. Ehe ich wieder offiziell etwas unternehmen kann, muß ich von der Anklage des Mordes freigesprochen sein und meine Sondervollmachten wieder in meinen Besitz gebracht haben.“ Seine Züge verhärteten sich. „Aber Don Antonio wird für das, was er sich geleistet hat, noch teuer bezahlen. Die Stunde der Abrechnung kommt – und dann gnade ihm Gott.“ Er drückte Arnes Hand kurz und fest, dann sagte er noch: „Grüßen Sie Jussuf von mir – und den alten Amando, wenn Sie ihn sehen. Meines Wissens sind, sie derzeit die einzigen beiden Männer in Havanna, die wirklich etwas taugen.“
Auch Jörgen schüttelte Don Juan die Hand. Arne und er verabschiedeten sich ebenso von den anderen, dann kletterten sie in das Boot, das inzwischen ausgeschwenkt und abgefiert worden war.
José Buarcos und Jorge Matteo pullten sie an Land. Die Brandung hob das kleine Boot hoch und ließ es auf den Strand zuschießen, als solle es dort zerschmettert werden. Dann aber, einer unsichtbaren, unerklärlichen Macht folgend, verlangsamte sich die Geschwindigkeit wieder, und fast sanft schob sich das Boot mit seinem Bug auf den weichen, weißen Sand.
Arne und Jörgen stiegen aus und nahmen ihre Waffen und ihr weniges Gepäck an sich. Arne gab durch eine Gebärde zur Schebecke hin zu verstehen, daß alles in Ordnung sei. Jörgen schob das Boot ins Wasser zurück. Arne half ihm dabei.
„Señores“, sagte Matteo. „Wir wünschen euch alles Gute. Gott sei mit euch!“
„Danke, das wünschen wir euch auch!“ rief Arne ihm und Buarcos zu. „Und grüßt den Seewolf von uns, wenn ihr ihn seht!“
Die beiden Spanier lachten und pullten zur Schebecke zurück. Arne und Jörgen verfolgten vom Ufer aus, wie das Boot längsseits ging und binnenbords gehievt wurde. Dann nahm Don Juans kleine Crew die Segel aus dem Gei, und das Schiff ging wieder in See.
Arne und Jörgen winkten den Freunden kurz nach, dann beobachteten sie, wie die Schebecke verschwand. Verschwimmende Schleier im blassen Morgenlicht waren das letzte, was sie von ihr sahen.
„Also dann, mein Bester“, sagte Arne. „Packen wir’s. Erst mal sehen wir uns dieses La Isabela an, dann entscheiden wir, ob wir bis nach Havanna zurück marschieren oder ob jemand so gnädig ist, uns mitzunehmen.“
„Das hängt ganz von den Angeboten ab“, sagte Jörgen und grinste.
Don Juan indes hatte nicht den geringsten Zweifel, daß es seinem Freund Arne von Manteuffel in Kürze gelingen würde, ein Fahrzeug zu finden und nach Havanna zurückzukehren. Es war nur eine Frage der Zeit, relativ kurzer Zeit obendrein.
Die Schebecke segelte in Richtung Osten an der Küste von Kuba entlang. Der nächste Hafenort auf ihrem Kurs war Remedios – und Don Juan ahnte noch nicht, was ihn dort erwartete.
Arne und Jörgen schritten zügig aus und wanderten nach La Isabela. Ihr Plan lautete, so schnell wie möglich nach Havanna zu gelangen und von dort aus ihre Rückkehr per Brieftaube zur Schlangen-Insel zu melden, falls die Insel weiterhin der Stützpunkt des Bundes der Korsaren blieb.
Dies hofften alle, selbst Jussuf, der in Havanna in der Faktorei saß und grübelte. Es gab keinen besseren Stützpunkt als die Schlangen-Insel, und auch Coral Island und die Timucuas hingen von der Schlangen-Insel ab. Sie durfte nicht fallen, um keinen Preis der Welt.
5.
Am späten Nachmittag dieses Tages, des 21. Juli, erreichte Don Juan de Alcazar Remedios. Rechtzeitig genug meldete ihm Vigil, daß vor der Einfahrt zum Hafen Bewegung zu herrschen schien. Don Juan zog es daraufhin vor, in einer kleinen Nebenbucht vor Anker zu gehen.
Aus dieser Deckung heraus konnten seine Männer und er alles verfolgen, was im Hafen vor sich ging. Sie staunten nicht schlecht, als sie das Schiff erkannten, das sich in diesem Moment der Einfahrt zum Hafen näherte.
„Das ist ja die Karavelle mit dem Notruder“, sagte Vigil überrascht.
„Die ‚Gaviota‘“, sagte Don Juan. „Sehr richtig.“
„Himmel, wie langsam sie ist“, sagte Buarcos. „Sie schleppt sich dahin wie ein kranker Wal.“
„Ja, und sie wird auch gleich abgespeckt“, sagte Vigil. „Sehr schnell wird das Ganze nicht gehen. Ich schätze, es vergehen mindestens zwei Tage, bis sie ihr neues Ruder hat. Will Cubera, der Verbandsführer, etwa so lange auf sie warten?“
„Ich will es hoffen, aber ich glaube es nicht“, sagte Don Juan. „Einen derart großen Verlust, zeitlich gesehen, kann auch er nicht eingeben. Er hat ein Ziel, einen Auftrag und einen Termin. Er muß weiter.“
„Also wird er auf die ‚Gaviota‘ verzichten müssen“, sagte Vigil. „Das ist gut für uns, für unsere Sache, meine ich. Die Männer der ‚Gaviota‘ sind schon mal raus aus dem großen Schlachten, und auch anderen Besatzungen wird es so ergehen.“
„Nicht so voreilig“, sagte Don Juan. „Wir wissen nicht, ob Don Garcia Cubera irgendwelche Befehle für den Hafenkapitän von Remedios hat, die durch den Kapitän der ‚Gaviota‘ überbracht werden. Warten wir erst mal ab, was weiter geschieht.“
Die Schebecke verweilte also in der kleinen Bucht, und die Männer behielten unablässig den Hafen im Auge. Zwei Stunden später war es soweit, es trat das ein, was Don Juan insgeheim bereits befürchtet hatte.
Zwei Kriegsgaleonen liefen aus dem Hafen aus.
„Seht sie euch an“, sagte Vigil. „Das sind hübsche Brocken. Und sie nehmen in etwa den entgegengesetzten Kurs auf, auf dem die verdammte ‚Gaviota‘ herangesegelt ist. Der Teufel soll diese Kerle holen.“
„Verstärkung für den Verband also“, sagte Matteo. „So ein Mist. Und wir hatten schon gehofft, daß alles so klappt, wie wir uns das vorstellen. Man soll den Tag eben doch nicht vor dem Abend loben.“
„Im stillen hatte ich so etwas bereits geahnt“, sagte Don Juan de Alcazar. „Jetzt habe ich die Bestätigung. Capitán Cubera oder auch Don Antonio – oder beide – haben über die ‚Gaviota‘ Unterstützung in Remedios angefordert, und im Hafen hat man prompt reagiert.“
„Die beiden Galeonen wollen also zum Verband stoßen, um die Ausfälle der beiden Karavellen auszugleichen“, sagte Vigil. „Das müssen wir verhindern. Oder, Señor? Wollen Sie nichts unternehmen?“
„Wir warten noch eine Weile ab, dann folgen wir ihnen“, erwiderte Don Juan mit grimmiger Miene. „In der Dunkelheit bemerken sie uns nicht. Wir holen rasch wieder auf, schneller als sie sind wir ohnehin.“
Der Wind wehte nach wie vor aus Nordosten. Die Schebecke mit ihren ausgezeichneten Am-Wind-Eigenschaften konnte den beiden Kriegsschiffen ohne weiteres einen größeren Vorsprung gewähren, den sie dann mühelos wieder aufholte. So verharrten Don Juan und seine Männer noch, während sich die Hecklaternen der Galeonen im Dunkeln entfernten. Als sie nur noch als winzige Punkte zu erkennen waren, gab Don Juan das Zeichen zum Aufbruch.
Der Anker wurde gelichtet, und unter Vollzeug glitt der Dreimaster aus der kleinen Bucht. Don Juan hatte sich vergewissern wollen, ob keine weiteren Schiffe den beiden Galeonen von Remedios aus folgten. Leicht hätte er mit der Schebecke in eine Zange geraten können, deren Umklammerung im Fall eines Gefechts tödlich sein konnte.
So aber folgten sie den Kriegsgaleonen in ihrem Kielwasser, und kein Mensch an Bord der beiden Schiffe bemerkte sie in der Finsternis, die sich über der See ausgebreitet hatte. Die Schebecke lief an die sechs Knoten, und allmählich verringerte sich die Distanz zwischen den Schiffen. Die Schebecke schloß auf, wie Don Juan richtig berechnet hatte.
„Wir holen gut auf“, sagte Vigil leise. „Bald haben wir sie.“
„Und die Entfernung schrumpft schneller zusammen“, sagte Don Juan. „Ich glaube, sie haben die richtige Position jetzt erreicht und warten dort auf den Verband.“
In der Tat – an den Lichtern der Schiffe war zu erkennen, daß sie offenbar beidrehen wollten. Sie waren an der Marschroute des Kriegsverbandes angelangt, die sich ohne große Schwierigkeiten voraussehen und berechnen ließ, und sie würden der Order gemäß auf das Eintreffen der Schiffe des Don Garcia Cubera warten.
„Eine bessere Gelegenheit erhalten wir nicht“, sagte Don Juan de Alcazar. „Wir greifen an.“
„Nach dem bewährten Rezept?“ fragte Vigil und entblößte seine weißen Zahnreihen.
„Nach dem bewährten Rezept“, erwiderte Don Juan grimmig.
Längst war die Schebecke klar zum Gefecht, und die Männer brauchten nur noch ihre Posten an den Drehbassen und Vierpfündern einzunehmen. Vigil und sechs Männer kauerten sich auf Don Juans Geheiß zunächst hinter die Steuerbordgeschütze. Die vier anderen führten die Segelmanöver durch.
Die Schebecke fiel leicht vom Wind ab und ging auf Kurs Nordwesten. Über Backbordbug segelnd, glitt sie in einem rechten Winkel auf die Galeonen zu, so daß sie in Lee hinter deren Achterschiffe geriet. Nur wenige Augenblicke später war es soweit – und die spanischen Mannschaften waren völlig überrumpelt, zumal die Ausguckposten den schlanken Dreimaster nicht einmal andeutungsweise erspäht hatten.
Vigil und die anderen Geschützführer hatten die Holzkohlenglut in den Kupferbecken geschürt und die Lunten entfacht. Die glimmenden Enden senkten sich auf die Bodenstücke der Kanonen, das Zündkraut in den Zündkanälen fing Feuer.
Donnernd entluden sich die vorderen fünf Geschütze der Steuerbordseite, und die Mündungsblitze stachen wie die glühenden Zungen fauchender Drachenmäuler in die Nacht. Drüben, an Bord der am weitesten nach Süden versetzt liegenden Galeone, wurden Rufe und Flüche laut, aber jede Reaktion der Besatzung erfolgte zu spät.
Wie dröhnende Hammerschläge hieben die fünf Vierpfünderkugeln in das Heck des Schiffes. Es knackte, knirschte und prasselte, und das Schreien der Männer an Bord wurde lauter und griff auch auf die zweite, nördlich treibende Galeone über, wo ebenfalls Unruhe entstand.
Ehe dort aber jemand begriffen hatte, was gespielt wurde, hatte die Schebecke auch sie erreicht und feuerte auf ein Zeichen Don Juans hin die übrigen sechs Geschütze der Steuerbordseite ab. Nur eine Kugel ging fehl und landete gischtend im Wasser, die anderen lagen im Ziel und schienen – den Lauten nach zu urteilen – ein Loch in das Achterschiff der Galeone zu reißen.
Gebrüll dröhnte durch die Nacht, die Wuhling auf beiden Schiffen war jetzt perfekt. Natürlich schrien die Kapitäne ihren Leuten zu, sie sollten die Gefechtsstationen besetzen und nach dem Feind Ausschau halten – aber der war längst wieder in der Finsternis verschwunden. Lautlos, fast unheimlich leise stahl er sich davon und hinterließ Zustand und Ratlosigkeit.
Was war geschehen? Wer schlich durch die Nacht und feuerte wie ein Teufel auf die Ruderanlagen spanischer Galeonen? Die Kapitäne der Galeonen vermochten es sich nicht zu erklären, aber auch die Offiziere, die Seeleute und Seesoldaten waren völlig verwirrt. Zwar hatten sie von der Besatzung der „Gaviota“ einiges über die Angriffe vernommen, denen der Verband offenbar ausgeliefert gewesen war, aber sie schienen den Schilderungen nicht die rechte Bedeutung beigemessen zu haben. Zumindest hatten sie nicht damit gerechnet, daß der nächste Überfall ihnen gelten würde.
„Geschafft“, sagte Vigil zu seinem Kapitän. „Wir haben es wieder einmal geschafft, Señor.“
„Ja“, sagte Don Juan und beobachtete aus schmalen Augen, was weiter geschah. Tatsächlich war der Coup zu seiner vollen Zufriedenheit ausgefallen. Beide Galeonen hatten erhebliche Treffer in den Ruderanlagen zu verzeichnen. Doch was jetzt eintrat, überstieg alle seine Erwartungen.
Die in Lee befindliche Galeone drehte mit ihrem zerschossenen Ruder nach Luv hoch und rammte das Achterschiff der zweiten Galeone. Ihr Bugspriet bohrte sich durch eins der Fenster der Seitengalerie und verhakte sich dort – und im Nu war der Teufel los.
Die Bugsprietstenge der Galeone ging zu Bruch, und die Galionsfigur, ein Einhorn, erschien in der Kammer des Schiffsarztes, der fluchtartig und völlig schockiert aus der Kammer stürzte. Er stürmte aufs Achterdeck, sein Gesicht war von einigen Scherben, die durch die Kammer geflogen waren, zerkratzt.
„Madre de Dios!“ brüllte er so laut, daß es bis zur Schebecke tönte. „Wir sind alle des Todes!“
„Schweigen Sie!“ fuhr der Kapitän ihn an.
„Ein Geisterschiff!“ rief einer der Seeleute an Bord dieser Galeone. „Dämonen haben ihre Hand im Spiel!“
„Rette sich, wer kann!“ brüllte irgend jemand.
„Zurück!“ schrie der Kapitän. „Ich lasse jeden auspeitschen, der nicht meinen Befehlen gehorcht! Alle Mann zurück auf ihre Posten!“
Nur mit größter Härte und allem Durchsetzungsvermögen gelang es ihm, die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Ähnlich war die Lage an Bord der anderen Galeone: Die Männer liefen durcheinander und gerieten sich gegenseitig ins Gehege. Ein Mann wurde angerempelt, er flog gegen den Hauptmast und stieß sich den Kopf so unglücklich, daß der Schiffsarzt ihn behandeln mußte. Weitere Verletzte gab es jedoch nicht. Nur die Ruderanlagen beider Schiffe waren zerstört. Steuerlos trieben sie in der See, hilflosen Giganten gleich, die ihrem Schicksal ausgeliefert waren.
„Sehr gut“, sagte Ramón Vigil. „Das ist noch besser, als wir zu hoffen gewagt haben.“
„Sie sind ineinander verkeilt“, sagte Matteo. „Ein voller Erfolg. Jetzt darf ich den Tag wohl doch endlich loben.“
Ja – Don Juan und seine Männer hatten allen Grund, zu triumphieren. Eine einzige Breitseite hatte genügt, und schon waren die Galeonen manövrierunfähig.
„Sie werden nicht zum Einsatz gelangen“, sagte Don Juan. „Soviel ist sicher.“
Die Schebecke segelte hinauf nach Luv, zum nördlichen Bereich, wo sie sich aufgrund der herrschenden Lichtverhältnisse vor einem stockfinsteren Hintergrund befand. Von hier aus warteten Don Juan und seine Männer die weitere Entwicklung der Dinge ab.
Das Zerschießen der Ruderanlagen war – wie sich auch jetzt wieder gezeigt hatte – wirklich das beste und bewährteste Mittel, den Gegner manövrierunfähig zu machen und auf diese Weise daran zu hindern, weiterhin aktiv zu bleiben. Gleichzeitig bestand kaum die Gefahr, daß Männer dabei verletzt wurden. Allenfalls konnte es die Señores des Achterdecks eines Schiffes treffen, was in Don Juans Augen jedoch leichter zu vertreten und zu verantworten war als Blessuren in den Reihen der Decksleute und Seesoldaten – so hart es klang. Hier grenzte er klar ab und setzte Prioritäten.
Ein Schiff ohne Führung war gezwungen, umzukehren und das Unternehmen abzubrechen. Bislang war dieser Fall nicht eingetreten, aber Don Juan bezog die Möglichkeit rein theoretisch in seine Berechnungen ein. Im übrigen war alles, jede Aktion, die den Kriegsmarsch des Verbandes zur Schlangen-Insel verzögerte und aufhielt, von Vorteil.
Von Arne von Manteuffel wußte Don Juan, daß für den Bund der Korsaren in erster Linie die Zeit zählte, damit sie ihre Insel verteidigungsbereit rüsten und ihre Schiffe nach Westen hin aufmarschieren lassen konnten. Diese Zeit, so hatte er sich fest vorgenommen, wollte er ihnen verschaffen.
Arne hatte Don Juan auch auf der Seekarte gezeigt, wo die legendäre Schlangen-Insel lag. In der Gruppe der Caicos-Inseln also – wie Don Juan bei seinen früheren Nachforschungen bereits einmal richtig vermutet hatte. So fern war er der Lösung also gar nicht gewesen. Doch die Bestätigung erhielt er erst jetzt, und inzwischen waren die Positionen anders abgesteckt.
Letzte Zweifel darüber, ob Don Antonio de Quintanilla tatsächlich die Lage der Schlangen-Insel kannte, waren ausgeräumt worden. Man durfte sich keinen Illusionen hingeben. Die Black Queen hatte Don Antonio die Position verraten, und sie hatte sich in ihrem blinden Haß und in ihrer Rachsucht sicherlich keines faulen Tricks bedient. Sie hetzte die Spanier auf ihren Todfeind, den Seewolf, und es war ihr egal, daß ihr dadurch aller Wahrscheinlichkeit auch die Möglichkeit genommen wurde, jemals wieder an die Schätze des Bundes der Korsaren zu gelangen.
Denkbar war allerdings, daß sie bislang angenommen hatte, bei einem Gefecht als der lachende Dritte auf der Insel zu landen und sich zumindest einen Teil des Schatzes anzueignen. Doch dem hatte Don Juan inzwischen einen Riegel vorgeschoben. Der Zweimaster der Queen war versenkt, sie blieb mit ihren letzten Getreuen auf der Strecke und konnte dem Verband nicht mehr folgen.
Don Juan hielt es für richtig und zweckmäßig, wenn die Schiffe des Bundes der Korsaren den heranmarschierenden Gegner so weit wie möglich westlich der Caicos-Inseln zum Gefecht stellten. Dies wiederum bedingte, die Marschfahrt des Verbandes ständig zu unterbrechen. Don Juan sah dies als seine Aufgabe an, und er setzte alles daran, sie mit Erfolg zum Abschluß zu bringen.
Bisher war es ihm recht gut gelungen, die Fahrt des Verbandes zu verlangsamen – ganz abgesehen von der Verzögerung, die Don Antonio de Quintanilla durch sein Auftreten bewirkt hatte. Er hatte dreist und arrogant darauf bestanden, daß man ihm eine Wanne für sein tägliches heißes Bad besorgte – und Don Garcia Cubera hatte sich diesem Willen gebeugt. In Cardenas hatte der Verband Station eingelegt, es war eine Badebalje besorgt worden, die mit einigen Schwierigkeiten an Bord der „San José“ gehievt und entsprechend placiert worden war. Weitere Komplikationen hatten sich ergeben, als das Wasser für das Bad erhitzt und herbeigemannt werden mußte.
Don Juan hatte all diese Details von den beiden Männern erfahren, die als einzige Überlebende der Kriegskaravelle, die von Caligula in die Korallenriffe der Cay-Sal-Bank gelockt worden war, an Bord der Schebecke übernommen worden waren. Don Juan hatte sie von einer kleinen Insel der Cay-Sal-Bank abbergen lassen, und jetzt gehörten sie zu seiner kleinen, aber wehrhaften Crew.
Der Sargento José Buarcos und der Seemann Jorge Matteo: sie waren, wie sich herausgestellt hatte, zwei ehrliche, tüchtige Kameraden, die man gut brauchen konnte. Alles, was sie wußten, hatten sie Don Juan berichtet – angefangen vom Auslaufen des Verbandes aus dem Hafen von Havanna bis hin zu den einzelnen Episoden, von denen der Kampf gegen Caligula um ein Haar auch sie das Leben gekostet hätte.
Somit hatte Don Juan de Alcazar an Bord seiner Schebecke jetzt außer seinem Bootsmann Ramón Vigil eine zehnköpfige Crew, die für ihn durchs Feuer ging. Sie hatten sich ihm gleichsam mit Haut und Haaren verschrieben, und dafür gab es mehrere Gründe. Sie waren jedoch keine blindwütigen Fanatiker und auch keine Rebellen, die sich gegen ihre Landsleute und ihr Vaterland auflehnten. Es waren andere Erwägungen, die ihrer Entscheidung zugrunde lagen, Seite an Seite mit Don Juan de Alcazar für den Bund der Korsaren zu kämpfen.
Sie waren ausnahmslos Spanier, und sie waren auch alle mehr oder weniger Patrioten. Aber mehr denn je waren sie davon überzeugt, daß es richtig war, hier in der Karibik gegen ihre eigenen Landsleute zu kämpfen und eine Wahnsinnstat wie den Überfall auf die Schlangen-Insel zu verhindern.
Don Juan hatte jeden einzelnen von ihnen ausdrücklich befragt, bevor er als Fühlungshalter des Verbandes Havanna verlassen hatte. Waren sie sich dessen bewußt, was er von ihnen verlangte? Ja, sie waren es. Einstimmig stellten sie sich auf seine Seite, und keiner von ihnen hatte bereut, diesen Entschluß gefaßt zu haben.
Die Gründe dafür lagen auf der Hand. Don Juan war der geborene Führer, der für eine gerechte Sache kämpfte und jeden Mann, in dessen Brust ein ehrliches Herz schlug, auf seine Seite zog. Seine Persönlichkeit war überragend, und er hatte eine besondere Art von Ausstrahlung, die Männer wie Vigil von Anfang fasziniert hatte.
Weiter waren da die Erfahrungen, die diese Männer gesammelt hatten. Die Stamm-Crew hatte unter Don Juans Kommando dem Teufel bereits mehr als ein Ohr abgesegelt, und was sie erlebt hatte, war abenteuerlich und tief beeindruckend zugleich gewesen. Sie hatten Berührung mit dem ehemaligen Feind gehabt, und sie hatten ausreichend Gelegenheit zu der Feststellung gehabt, daß sich die Männer der „Isabella IX.“ jedem Gegner gegenüber absolut fair und korrekt verhielten. Das waren keine Piraten, Galgenstricke und Schlagetots – das waren richtige Männer, Korsaren von Format, die nach unumstößlichen Geboten und Prinzipien handelten. Die Geschehnisse auf Great Abaco hatten dies deutlich und nachhaltig bewiesen.
Die jüngsten Ereignisse in Havanna wären der Höhepunkt der üblen Erfahrungen, die Vigil und seine Kameraden mit ihren eigenen Landsleuten hatten sammeln müssen. Rigoros und brutal war die Schebecke, die sie unter dem Einsatz ihres Lebens gekapert hatten, von den Schergen des Stadtkommandanten beschlagnahmt worden. Sie selbst waren gefesselt und ins Stadtgefängnis gebracht worden. Von dort aus hatten sie mehr oder weniger als Gepreßte auf die Schiffe des Verbandes gebracht werden sollen – was ihr Kapitän, Arne von Manteuffel und Jörgen Bruhn jedoch verhindert hatten.
Auch dieser Vorfall hatte Vigil und die anderen Männer der Schebecke zutiefst beeindruckt. Sie waren sich einig gewesen, ehe Don Juan sie direkt darüber befragt hatte: Sie akzeptierten seine Ziele voll und ganz und würden nicht mehr davon abweichen.
Der Kampf gegen jene intriganten Verbrecher, die in der Neuen Welt durch ihre Machenschaften den Namen Spaniens entehrten und beschmutzten, war jetzt ihre Sache. Sie wußten, was die spanische Obrigkeit in diesem Land Amerika anrichtete, und es war ihnen auch aufgegangen, daß die ganzen Geschähe und Schiebereien früher oder später den Niedergang des Königshauses und der Nation zur Folge haben konnten.
Die Korruption zog die beginnende Dekadenz mit sich. Spaniens Weltreich zerbröckelte, wenn nicht etwas geschah. König Philipp II. war schon lange nicht mehr Herr der Lage, und die Zügel entglitten mehr und mehr seinen schlaffer werdenden Händen.
Mit ihrer Wahl distanzierten sich die Männer der Schebecke zwangsläufig von der offiziellen „Ordnung“, wie sie beispielsweise von einem Don Antonio de Quintanilla praktiziert wurde. Für den Dienst an Bord des Dreimasters unter Don Juan hatten sie sich freiwillig entschieden, und so wurden sie von ihm auch behandelt: als freie Männer.
Ihre Aufgabe erfüllte sie mit Stolz. Sie kämpften für höhere Werte als die Gier nach Macht und Besitz, die die meisten Spanier in der Neuen Welt verblendete. Sie hatten ihre Prinzipien – wie die Männer des Bundes der Korsaren. Sie fühlten sich ihnen zugehörig, und sie fanden, daß das eine großartige Sache war.
6.
Es wurde Mitternacht, ehe sich in diesem Seebereich wieder etwas tat. Don Juans Geduld und das zähe Ausharren seiner Männer wurden jedoch belohnt. Im Übergang vom 21. auf den 22. Juli schoben sich die Umrisse der Schiffe von Westen heran, drohenden Schemen gleich, die ihre Kraft und Stärke im Verband fanden.
An Bord der beiden havarierten Galeonen waren die Besatzungen unterdessen nicht untätig gewesen – nur hatten all ihre Aktivitäten nicht den gewünschten Erfolg gehabt.
Bei der gerammten Galeone waren Planken eingedrückt, die zwar über der Wasserlinie lagen, aber allen, vom Kapitän bis zum kleinsten Decksmann, dennoch einiges Kopfzerbrechen bereiteten. Die rammende Galeone hatte schwere Beschädigungen am Steven. Ihr Bugspriet samt dem laufenden und stehenden Gut wurde mit Äxten und Sägen abgetakelt, doch es gelang trotz nahezu verzweifelter Anstrengungen nicht, den Steven aus der Einbruchstelle im Achterschiff der anderen Galeone zu bringen.
„Aussichtslos!“ rief der Kommandant der gerammten Galeone seinem Landsmann auf dem Achterdeck des zweiten Schiffes zu. „Wir schaffen es nicht! Wir können die Schiffe nicht mehr halten!“
„Señor!“ rief der andere Kommandant. „Ich habe keinen Grund, Ihnen zu widersprechen! Wir müssen aufgeben!“
Sie hatten ja auch bereits alles versucht, was in ihren Kräften stand. Mittels aller Jollen, sechs an der Zahl hatten sie die Rammgaleone übers Heck aus der anderen Galeone ziehen wollen, doch alle Anstrengungen waren vergebens gewesen. Die Muskelkraft der Rudergasten reichte für ein solches Unternehmen nicht aus. Andere Möglichkeiten, die ineinander verkeilten Schiffe zu befreien, gab es nicht. Die Kommandanten fühlten sich ohnmächtig und hilflos, und sie wußten nicht, wie sie dem Verbandsführer ihr Mißgeschick erklären sollten.
Aber sie mußten sich etwas einfallen lassen. Der Verband näherte sich ihnen, die Formation rückte unaufhaltsam näher. Don Garcia Cubera stand an der Querbalustrade des Achterdecks der „San José“ und blickte zu den beleuchteten Schiffen. Noch drückte seine Miene Freude und Zuversicht aus, denn die Galeonen waren bereits als Spanier identifiziert worden und es lag nahe, daß es sich bei ihnen um die Verstärkung aus Remedios handelte.
Dann aber meldete ihm sein Erster Offizier: „Señor, der Ausguck sagt, daß die Schiffe sich gegenseitig gerammt haben. Ihre Ruderanlagen scheinen kaputt zu sein.“
„Sagen Sie das nicht noch mal“, sagte Cubera fassungslos. „Die Ruderanlagen? Das darf nicht wahr sein.“
Zu eindeutig war der Hinweis auf den unheimlichen Gegner. Sollte der wieder zugeschlagen haben? Seine Spezialität waren die Schüsse auf Ruderanlagen – aber ging denn das noch mit rechten Dingen zu? Woher sollte er von der Verstärkung gewußt haben? Und wie konnte es angehen, daß er jedesmal mit seinen Angriffen den gewünschten Erfolg hatte? Wer war dieser Teufelskapitän? Wirklich Don Juan de Alcazar? Es hatte den Anschein. Nur ein Mann seines Kalibers konnte so verwegen und gleichzeitig derart erfolgreich sein.
Fast gemächlich näherte sich der Verband den verunglückten Schiffen, dann drehte er bei, und die „San José“ glitt auf Rufweite an die Kriegsgaleonen heran. „Hier Capitán Cubera!“ schrie er. „Was ist geschehen?“
„Wir sind überfallen worden, Señor!“ rief einer der beiden Kommandanten zurück. „Man hat uns die Ruderanlagen zerschossen, und dann hat es zu allem Unheil auch noch die Ramming gegeben!“
„Haben Sie den Angreifer erkannt?“
„Einer meiner Männer hat ihn gesehen, Señor Capitán!“ erwiderte der zweite Galeonenkommandant. „Es hat sich um einen Dreimaster unter Lateinerbesegelung gehandelt!“
Cubera zerbiß einen Fluch. „Dieser verdammte Don Juan“, murmelte er.
„Wenn er es ist, Señor“, sagte der Erste Offizier.
„Er ist es, verlassen Sie sich drauf. Woher konnte er wissen, daß diese beiden Galeonen zu meinem Verband stoßen sollten?“
„Das ist auch mir ein Rätsel, Señor.“
„Gleichviel, es hat keinen Sinn, darüber herumzugrübeln“, sagte Cubera. „Die Situation verlangt nach Aktion, Señores.“
Er übersah die Lage und glaubte zu wissen, wie man sie wieder in den Griff kriegen konnte. Die Rammgaleone mußte vorn geleichtert werden. Die Besatzung hätte dies gleich tun können – aber sie hatte es versäumt. Der Kommandant des Schiffes begriff jetzt, daß er einen schweren Fehler begangen hatte, als er nicht sofort daran gedacht hatte.
Doch Vorwürfe nutzten jetzt nichts mehr. Es mußte sofort etwas geschehen, sie vergeudeten sonst nur weitere kostbare Zeit. Sofort begaben sich die Männer an Bord der Rammgaleone ans Werk und begannen mit dem Umstauen der Ladung in den Pulver- und Munitionsdepots, der Kombüseneinrichtung und alles anderen, was sich nach achtern schaffen ließ. Auch die Drehbassen der Back wurden aus ihren Gabellafetten gehoben und nach achtern getragen.
Es herrschte emsige Betriebsamkeit, die Zeit verstrich wie im Flug. Das Auftauchen des Verbandes vermittelte den Männern an Bord der beiden verunglückten Schiffe ein Gefühl des Auftriebs und der Stärke, gleichzeitig spürten sie die Solidarität der anderen Besatzungen, die ihnen gut nachempfinden konnten, wie ihnen zumute war.
Don Garcia Cubera, der entschlossen und umsichtig zu Werke ging, war überdies der richtige Führer. Verzweiflung und Resignation schienen ihm fremd zu sein. Unter seinem Kommando konnte man überzeugt sein, stets das Richtige zu tun. Natürlich konnten auch ihm Fehler unterlaufen – aber daran dachte keiner, wenigstens zu diesem Zeitpunkt nicht.
Der einzige, der gegen Don Garcia Cubera war und ihn von Herzen haßte, war Don Antonio de Quintanilla, der nach wie vor in seiner Kammer auf der Koje hockte und die finstersten Rachepläne ausbrütete. Er hatte wieder in seinem Gepäck zu kramen begonnen, doch wieder ohne jegliches Ergebnis. Hatte er nun eine Pistole oder nicht? Er wußte es immer noch nicht.
Draußen gingen die Arbeiten ununterbrochen weiter. Als sich der Schwerpunkt der Rammgaleone mehr nach achtern verlagert hatte, gelang es unter dem Einsatz weiterer Jollen des Verbandes, die Rammgaleone aus der anderen Galeone zu ziehen. Wieder wurde viel von den Jollenbesatzungen gefordert, doch ihre Kräfte reichten diesmal aus. Als sie merkten, daß ihr Pullen Erfolg hatte, verdoppelten sie ihre Anstrengungen und feuerten sich gegenseitig an.
Dieser kritische Moment verlangte den Besatzungen aller Kriegsschiffe ihre volle Aufmerksamkeit ab. Selbst die Ausguckposten waren durch das Manöver abgelenkt – und so registrierte keiner von ihnen rechtzeitig genug das Nahen des Gegners, der diesen Augenblick ausnutzte und sich als schmaler Schattenriß von Norden heranschob.
Ja, das Warten hatte sich für Don Juan de Alcazar gelohnt. Wieder bot sich ihm eine Lücke, eine Schwäche des Gegners – eine Chance. Er durfte sie nicht verspielen, er mußte sie wahrnehmen. In dem Moment, in dem die Jollenbesatzungen mit ihrem Manöver begonnen hatten, hatte er wieder die Segel setzen lassen, und die Schebecke glitt auf die Lichter des Verbandes zu.
Als Zielobjekt hatte sich Don Juan dieses Mal eine Kriegsgaleone ausgesucht, die in Luv des Verbandes vor Treibanker lag. Wuchtig ragte das Schiffsgebäude auf, erhellt durch eine Heck- und eine Ankerlaterne. Die scharfgezeichneten Konturen warfen bizarre Muster auf die Wasserfläche. Leicht hob und senkte sie sich in der Dünung, der lange, aufragende Bugspriet stach wie ein dürrer Finger in die Nacht. Sämtliche Besatzungsmitglieder hatten sich am Schanzkleid versammelt und spähten zu den beiden Galeonen hinüber, die soeben voneinander getrennt wurden. Keiner schien sich um das zu kümmern, was in Luv vor sich ging – aber das war eben nur der Anschein. Diesmal täuschten sich Don Juan und seine Crew: Ihr Nahen wurde doch bemerkt.
Der Ausguck der spanischen Kriegsgaleone war auf der Hut. Sein Kapitän hatte ihm wie auch den anderen Männern auf den verantwortlichen Posten angedroht, sie auspeitschen zu lassen, wenn sie ihre Pflichten vernachlässigten. Auch der Ausguck – er hockte im Großmars – war ständig versucht, seinen Blick auf die beiden verunglückten Schiffe zu richten, aber gleichzeitig zwang er sich, immer wieder prüfend in die Runde zu schauen.
„Guadalquivir“ hieß die Galeone. Ihr Kapitän war Don Pedro Alfonsin, und der Name des Ausgucks lautete Raúl Casaderes. Die Besatzung samt der Seesoldaten war an die zweihundert Mann stark und bestand fast ausnahmslos aus kampferprobten und erfahrenen Männern, auf die Don Pedro sich verlassen konnte. Sie hatten die bisherigen Angriffe auf den Verband in allen Phasen mitverfolgt und sich glücklich geschätzt, nicht selbst angeschossen worden zu sein. Doch jetzt war es soweit: Die Schebecke schob sich auf die „Guadalquivir“ zu.
Raúl Casaderes sah sie nahen, als sie sich noch etwa eine halbe Kabellänge von der Galeone entfernt befand. Er kniff die Augen zusammen und vergewisserte sich, daß er keiner Täuschung erlag, dann stieß er seinen Alarmruf aus.
Unter ihm wurde es lebendig. Der Capitán schrie seine Befehle, die Männer stürzten auf die Gefechtsstationen. Durch die offenen Stückpforten der Backbordseite und über die Rohre der feuerbereiten Geschütze hinweg erkannten auch sie nun den Schattenriß des kleinen, schnellen Schiffes. Flüche wurden laut, dann stob und knisterte die Glut in den Kupferbecken, und in aller Eile wurden die Zündschnüre entfacht.
Don Juan bemerkte, durch den Ruf des Ausgucks ebenfalls alarmiert, was an Bord der „Guadalquivir“ vorging. Trotzdem dachte er nicht daran, jetzt noch abzudrehen. Ein anderes Schiff als Angriffsziel konnte er sich ohnehin nicht mehr aussuchen. Auch die Mannschaft der anderen Schiffe waren jetzt unterrichtet, Rufe schallten von Bord zu Bord. Das Unternehmen abbrechen? Nein, darin war sich Don Juan mit seinen Männern wieder einmal einig. Sie wollten nicht umkehren.
Vigil und Buarcos zündeten die vorderen Drehbassen, und mit lautem Krachen flogen die Ladungen aus den Rohren. Sie schlugen ins Heck des Gegners, aber noch befand sich die Schebecke nicht auf der richtigen Schußposition, um die Ruderanlage der Galeone nachhaltig zu beschädigen. Beide Kugeln richteten kaum Schaden an.
Don Juan schickte sich an, vom Wind abzufallen und die „Guadalquivir“ mit den Backbord-Vierpfündern zu bepflastern, aber in diesem Moment donnerten die Culverinen der Galeone. Acht Blitze leckten aus den Stückpforten der Backbordseite, und die aufsteigenden Rauchwölkchen verbanden sich zu einem einzigen, träge dahinfließenden Vorhang aus schwarzem Qualm.
„Deckung!“ rief Don Juan noch – aber seine Männer lagen schon bäuchlings auf dem Deck. Die Kugeln der „Guadalquivir“ heulten heran und fegten über sie weg, einige lagen zu kurz und schlugen vor der Bordwand ins Wasser. Rauschende Fontänen stiegen auf und fielen wie zerbrechende Glaskronen wieder in sich zusammen.
Vigil, Buarcos, Matteo und die anderen sprangen wieder auf, stürzten zu den Vierpfündern und zündeten sie, ehe der Gegner nachladen und erneut schießen konnte.
Don Pedro Alfonsin hatte aber wohlweislich nur einen Teil der Geschütze abfeuern lassen. Jetzt wurden an Bord der „Guadalquivir“ die Segel gesetzt und der Treibanker gelichtet, und drohend wandte sich das schwere Schiff dem Angreifer zu. Über Stag drehend ging es an den Wind und nahm die Luvposition ein. Dann donnerten die restlichen fünf Siebzehnpfünder der Backbordbatterie, während die Schebecke auf Kurs Süden an ihrem Achterschiff vorbeizusegeln versuchte.
Vigil und die anderen Geschützführer feuerten in das Wummern der Culverinen hinein. Ein Höllenlärm entstand, aber das Dröhnen der Kanonen und das Geschrei der Männer zu beiden Seiten waren im Vergleich zu der Wirkung der Kugeln übertrieben. Viel Lärm um nichts – die Kugeln klatschten ins Wasser, keine saß im Ziel.
„Ab!“ sagte Don Juan. „Gleich haben wir den ganzen Verband am Hals!“ Er hatte recht, denn schon wurde auch an Bord der anderen Schiffe manövriert.
Aber die Schebecke verschwand wie ein Spuk in der Nacht. Auch ein guter Ausguck wie Raúl Casaderes vermochte nicht zu verfolgen, auf welchem Kurs sie sich absetzte – und es hatte nicht den geringsten Sinn, jetzt noch die Verfolgung aufzunehmen.
Dieser Ansicht war auch Don Garcia Cubera. Er gab den Befehl, weitere Aktionen zu unterlassen und erneut vor Treibanker zu gehen. An Bord der „Guadalquivir“, so wurde ihm durch Don Pedro Alfonsin mitgeteilt, hatte es weder Tote noch Verletzte gegeben, und dieses Mal hatte die Schebecke keinen Erfolg gehabt: Die Ruderanlage war noch intakt. Nur der Heckgalerie des Schiffes fehlten ein paar Holztraljen, und der Steven war leicht angekratzt durch die Drehbassenkugeln. Es waren jedoch keine Schäden, die die „Guadalquivir“ an einer Weiterfahrt hinderten.
Ob die Schebecke getroffen war oder nicht, hatte niemand beobachtet, auch Casaderes nicht. Dennoch waren die Spanier mit sich selbst zufrieden.
„Diesmal haben wir es den Hunden gegeben“, sagte Alfonsin grimmig. „So schnell tauchen die nicht wieder auf.“
„Wenn sie das nächstemal erscheinen, kriegen sie den Rest“, sagte auch Don Garcia Cubera zuversichtlich. Das Manöver an den beiden ineinandergeratenen Kriegsgaleonen konnte nun zum Abschluß gebracht werden.
Don Antonio de Quintanilla lag auf dem Boden seiner Kammer und traf Anstalten, in ein Schapp unter der Koje zu kriechen. Es war jedoch nicht die Angst vor dem unheimlichen Feind, die ihn dazu veranlaßte. Er wußte, daß der Angriff einem Schiff gegolten hatte, das am Ende, des Verbandes lag. Und er stellte auch keine großen Überlegungen darüber an, ob es sich tatsächlich um Don Juan de Alcazar mit der Schebecke gehandelt hatte oder nicht. Ihm ging es momentan um etwas anderes.
Ein Teil seines Gepäcks, so war ihm endlich eingefallen, war in dem Kojenschapp verstaut worden. Sein ganzes Bestreben war jetzt darauf ausgerichtet, die Pistole zu finden und an sich zu bringen – falls es sie wirklich gab. Er mußte unbedingt wissen, ob sie tatsächlich existierte oder ob er sich das nur einbildete.
Notruder wurden an Bord der beiden beschädigten Kriegsgaleonen gebaut – und wieder verstrich kostbare Zeit. Die Dunkelheit wich ersten heraufziehenden grauen Schleiern, die den Morgen ankündigten. Im einsetzenden Licht hielten die Toppgasten auf allen Galeonen und Karavellen des Kriegsverbandes noch einmal nach der Schebecke Ausschau, aber rundum war nichts mehr von ihr zu entdecken. Keine Mastspitzen zeigten sich an der Kimm, nichts geschah.
Don Garcia Cubera hatte sich ausführlich mit den Kapitänen der beiden verunglückten Galeonen unterhalten und bei dieser Gelegenheit erfahren, daß in Remedios noch eine Kriegskaravelle lag. Zum Zeitpunkt des Auslaufens der beiden Galeonen war sie nicht seeklar gewesen, doch inzwischen mußte auch sie fertig zum In-See-Gehen sein. Daher gab Cubera den Befehl, nunmehr Remedios anzusteuern – mit dem ganzen Verband.
Als die Sonne gelblichweiß aus der See stieg, lichteten die Schiffe die Treibanker und setzten die Segel. Die beiden beschädigten Galeonen vermochten nur langsame Fahrt zu laufen, folglich stellten sich die anderen darauf ein. Nur mit Besan und Fock schlichen sie dahin, und es sollte einige Zeit dauern, ehe sie den Hafen erreichten.
Die Kriegskaravelle von Remedios sollte dem Verband eingegliedert werden, da Don Garcia Cubera ohnehin auf die Verstärkung durch die beiden Galeonen verzichten mußte. Aber er hatte unterdessen auch noch einen anderen Plan gefaßt.
Schaluppen sollten dem Verband zugeordnet werden. Sie sollten als Avisos benutzt werden, als Aufklärer also, die einen doppelten Zweck erfüllen würden. Zum einen war Cubera der nächtlichen Überfälle überdrüssig. Er wollte dafür sorgen, daß es zu derartigen Überraschungen nicht mehr kam. Besser als die Jollen würden die Schaluppen den Verband nach allen Seiten abschirmen, so daß ein neuerliches Auftauchen der Schebecke sicherlich rechtzeitig genug gemeldet werden konnte. Zum anderen benötigte der Kommandant Landungsboote, um die Pirateninsel besetzen zu können, sobald die feindliche Abwehr durchbrochen war.
„Eine gute Idee, Señor“, sagte auch der Erste Offizier der „San José“, als Cubera mit ihm darüber sprach. „Die Gefährlichkeit der nächtlichen Überfälle kann gewiß verringert werden.“
„Wir werden die Schaluppen rings um den Verband postieren.“
„Als Jagd- und Wachhunde sozusagen?“
„Ja. Und ich kann nur hoffen, daß sie den Gegner irgendwann schnappen und tüchtig zubeißen.“
„Auch wenn es sich um Don Juan handelt?“
„Natürlich“, entgegnete Cubera mit ernster Miene. „Wer immer die Schebecke befehligt, er muß nach Möglichkeit gestellt, gefaßt und bestraft werden. Keiner darf wagen, einen spanischen Kriegsverband hinterhältig zu überfallen. Wenn es sich um einen Landsmann handelt, wiegt die Sache doppelt schwer.“
Undeutlich vernahm auch Don Antonio de Quintanilla diese Worte, die auf dem Achterdeck der „San José“ gesprochen wurden. Er hatte es aufgegeben, zu lauschen und zu versuchen, etwas von dem Gesagten zu verstehen. Es war unmöglich. Er konnte allenfalls raten, was Cubera und der Erste sich mitzuteilen hatten. Aber es interessierte ihn inzwischen auch nicht mehr.
Er hatte seine Suche abgeschlossen und war fündig geworden. Er war verschwitzt, sein Gesichtspuder war verwischt und verschmutzt, und auch die Perücke hatte er wieder einmal verloren. Aber all das kümmerte ihn nicht. Er saß auf dem Boden seiner Achterdeckskammer und hielt in den Händen, wonach er so verzweifelt geforscht hatte: eine doppelläufige Radschloßpistole.
Der Posten, der vor dem Schott der Kammer Posten bezogen hatte, ahnte davon nichts. Niemand wußte davon, und niemand würde es erfahren, ehe nicht der geeignete Moment gekommen war. Don Antonio hatte eine Pistole – und er würde sie zu benutzen verstehen.
Natürlich hatten seine Lakaien auch das Pulver und die Kugeln nicht vergessen, als sie die Sachen für die Überfahrt zu den Caicos-Inseln gepackt hatten. Don Antonio grinste, sein Gesicht war eine einzige verzerrte Fratze. Mit langsamen, umständlich wirkenden Bewegungen begann er, Pulver aus dem kleinen Horn in die Läufe der Pistole zu schütten und die Kugeln einzuführen.
Rache ist süß, dachte er, wartet nur, ihr werdet noch euer blaues Wunder erleben.
Die Gesichter von Don Garcia Cubera und dem Ersten Offizier der „San José“ tauchten im Geist vor ihm auf. Seine Augen weiteten sich, sie hatten einen fanatischen Glanz. In seinen Gedanken verwünschte er sie in die tiefsten Schlünde der Hölle.
Gegen neun Uhr langte der Verband im Hafen von Remedios an. Die „San José“ vertäute an der Pier, die anderen Schiffe ankerten auf der Reede. Die Ausguckposten waren besetzt, und der Verband blieb klar zum Gefecht.
Capitán Don Garcia Cubera begab sich sofort an Land, um dem Hafenkommandanten seine Wünsche auseinanderzusetzen. Die beiden beschädigten Kriegsgaleonen wurden unterdessen zur Werft bugsiert, wo ihre Ruderanlagen wieder instand gesetzt werden würden. Cubera warf ihnen noch einen Blick zu, ehe er die Hafenkommandantur betrat, und er dachte unwillkürlich: Herrgott, wie viele Schwierigkeiten wird es noch geben, bis wir die Insel der Engländer erreichen?
Er ahnte nicht, daß ihm die nächste üble Überraschung bereits unmittelbar bevorstand.
7.
Don Antonio de Quintanilla hatte sich – so gut es ging – in einen leidlich präsentablen Zustand zurückversetzt. Sein Gesicht war frisch gepudert, die Perücke hatte er gereinigt und sich übergestülpt. Jetzt zupfte er an seiner Kleidung herum, ordnete die Rüschen und Spitzen und schickte sich an, sich einen Umhang überzuwerfen.
Er witterte sozusagen Morgenluft. Daß man in einen Hafen eingelaufen war und an einer Pier lag, hatte auch er begriffen. Er war eine Landratte, doch mit gewissen Dingen der Seefahrt hatte er sich schon vertraut gemacht. Seekrank wurde er auch nicht mehr. Dennoch war er froh, endlich wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.
Ja, er wollte die „San José“ verlassen. Für immer. In Remedios fand er vielleicht keine Zuflucht, aber es würde sich eine Gelegenheit ergeben, auf dem Landweg nach Havanna zurückzukehren. Vielleicht mit einer Kutsche? Irgendwie würde es schon klappen, und wenn er erst wieder in seiner Residenz war, konnte er Cubera, den Verband und den angedrohten Prozeß vergessen. Nur dort, im Palast an der großen Plaza von Havanna, fühlte er sich richtig sicher. Dort wußte er, wie er sich zu verhalten hatte, wenn es neue Bedrohungen gab. Dort fürchtete er weder Tod noch Teufel.
Überhaupt – diese Frage stellte er sich in diesem Augenblick wieder –, warum hatte er Havanna jemals verlassen? Hätte er Cubera nicht beauftragen können, alle Schätze der Schlangen-Insel nach Havanna zu bringen? Cubera, der Pflichtbewußte, hätte es sicherlich getan. Aber er hatte ihm nicht getraut, und das war der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, daß er, Don Antonio, mit großem Aufwand an Bord dieses verdammten, elenden Flaggschiffs gegangen war.
Nun, er konnte es nicht mehr ändern, und es hatte auch keinen Sinn, sich jetzt noch mit Selbstvorwürfen herumzuquälen. Was geschehen war, war geschehen. Jetzt hing alles davon ab, die Lage klug zu nutzen – oder einfach den Spieß umzudrehen. Don Garcia Cubera bedrohte und demütigte ihn. Er, Don Antonio, konnte sich dafür revanchieren, wenn er es nur geschickt genug anstellte.
Don Antonio zog sich den fast knöchellangen Umhang über die Schultern. Von der Pistole, die er sich in den Gurt geschoben hatte, war nichts zu sehen. Nur ihm persönlich bereitete sie einige Schwierigkeiten, denn sie drückte gegen seinen dicken Bauch, und das war nicht sehr angenehm. Aber er ertrug es. Für die Rettung war ihm kein Opfer zu groß, kein Aufwand zu hoch.
Er trat an das Schott und hämmerte mit der rechten Faust dagegen. „Aufmachen! Sofort aufmachen!“
„Señor“, sagte draußen auf dem Gang der Posten, „Sie wissen genau, daß ich Ihnen nicht öffnen darf. Sie haben nach wie vor Kammerarrest.“
„Das weiß ich, du Narr! Aber ich verlange den Ersten Offizier zu sprechen. Sofort! Auf der Stelle!“
„Señor …“
„Das ist nicht gegen die Vorschriften! Ich befehle dir, den Ersten Offizier unverzüglich zu unterrichten!“
„Aus welchem Grund sollte ich es tun?“
„Ich will ihn sprechen!“
„Warum?“
„Du elender Hundesohn!“ zischte Don Antonio. „Mit dir rechne ich noch ab! Du entgehst deiner gerechten Strafe nicht! Was glaubst du wohl, wen du vor dir hast?“
„Den Gouverneur von Havanna, Señor.“
„Geh endlich und führ den Befehl aus!“
„Señor, ich bin nicht befugt, von Ihnen Befehle entgegenzunehmen“, sagte der Posten, ein biederer Sargento mit schütterem Haar. Er war sonst sehr friedlicher Natur. Aber im Falle Don Antonios konnte auch er sich dem Verlangen nicht entziehen, diesem dicken Kerl heimzuzahlen, was er ihnen an Unannehmlichkeiten schon bereitet hatte, seit er an Bord der „San José“ war.
Der heimtückische Mordanschlag auf das Leben von Don Garcia Cubera war der Gipfel, und kein Mann zweifelte daran, daß der Gouverneur dahintersteckte und Guevara von ihm zu der Tat angestiftet worden war, wobei er ihm einen Beutel voll Goldmünzen zugesteckt hatte. Don Antonio hatte zwar behauptet, Guevara habe ihm diesen Beutel gestohlen, aber das glaubte niemand.
Don Antonio hieb mit beiden Fäusten gegen das Schott und stieß einen Schwall von Flüchen aus. Er begann mit den Füßen zu trampeln und zu toben, doch all das nutzte ihm nichts. Der Sargento blieb unbeeindruckt. Er lehnte sich auf der dem Schott gegenüberliegenden Seite des Ganges mit dem Rücken gegen die Wand, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ den Dicken wettern und fluchen.
„Bastard!“ brüllte Don Antonio. „Hurersohn! Ich lasse dich vor ein Gericht stellen und erschießen!“
„Vielleicht sterben wir gemeinsam, wer weiß“, murmelte der Sargento. „Aber ich habe den Eindruck, du beißt noch vor mir ins Gras, du Fettsack.“
Das Schott des Achterkastells wurde von außen geöffnet, der Erste Offizier streckte seinen Kopf herein.
„Was ist los, Sargento?“ fragte er. „Was hat der Lärm zu bedeuten?“
„Don Antonio protestiert“, erwiderte der Mann gelassen. „Er will Sie sprechen, sagt er. Ich habe aber die Anweisung, meinen Posten nicht zu verlassen.“
„Richtig.“ Der Erste betrat den Gang und schritt auf Don Antonios Kammer zu. Innen wurde es wieder ruhiger. Don Antonio hörte auf zu poltern und zu trampeln. Nur seine heftigen, japsenden Atemzüge waren jetzt noch zu vernehmen.
„Señor Gouverneur“, sagte der Erste. „Hier bin ich. Sie haben nach mir verlangt, höre ich?“
„Ja“, ertönte es dumpf aus der Kammer. „Ich will an Deck. Fragen Sie den Capitán, ob ich nicht wenigstens ein bißchen frische Luft schnappen kann.“
„Don Garcia befindet sich nicht an Bord.“
Nicht? dachte Don Antonio. Nun, das ist vielleicht gar nicht so schlecht und erleichtert mir die Sache.
„Wer vertritt ihn?“
„Ich, Señor.“
„Dann entscheiden Sie.“ Don Antonio war darum bemüht, seiner Stimme einen freundlicheren Klang zu verleihen. „Ich – möchte nur ein bißchen frische Morgenluft einatmen, sonst nichts. Ich bitte Sie darum.“
„Das klingt schon besser“, sagte der Sargento. „So hat er mit mir aber nicht gesprochen. Er hat mich einen Bastard und Hurensohn genannt.“
„Vergessen Sie es“, sagte der Erste. Er überlegte kurz, dann traf er seine Entscheidung – und wußte nicht, wie fatal sie noch für ihn ausfallen sollte. „Ich bin einverstanden, Señor“, sagte er. „Sie können einen Spaziergang an Deck unternehmen und sich die Beine vertreten – unter Bewachung natürlich, das versteht sich von selbst.“
„Ja.“
„Sargento, öffnen Sie das Schott.“ Der Erste dachte darüber nach, ob er richtig handelte. Wie hätte Don Garcia Cubera sich verhalten? Einen Wunsch wie diesen konnte man einem Gefangenen nicht abschlagen. Laut dem Reglement der spanischen Marine hatten unter Kammerarrest stehende Offiziere Anspruch darauf, wenigstens zweimal am Tag an die frische Luft zu dürfen.
Der Dicke war zwar kein Offizier, aber was für einen Schiffsoffizier galt, stand logischerweise natürlich auch dem Gouverneur von Kuba zu. Somit handelte der Erste den Vorschriften entsprechend, und niemand konnte ihm deswegen etwas vorwerfen.
Der Sargento öffnete das Schott, und Don Antonio de Quintanilla taumelte auf den Gang. Er schien aschgrau zu sein, aber das war auch auf den vielen Gesichtspuder zurückzuführen. Mit einer Hand hielt er die Aufschläge seines Umhanges fest, mit der anderen tastete er nach einem Halt.
„Ich brauche – dringend frische Luft!“ stieß er hervor. „Madre de Dios, mir ist schlecht!“
„Warum haben Sie das nicht eher gesagt?“ fragte der Erste. „Sind Sie wieder seekrank?“
„Ich weiß es nicht.“
„Sieht mir aber ganz danach aus. Kommen Sie.“ Der Erste ging voraus, Don Antonio folgte ihm wankend, und hinter ihnen schritt der Sargento. Don Antonio tat den beiden nicht leid, im Gegenteil, sie gönnten ihm sogar, daß ihm übel war.
Den Seekranken zu mimen schien Don Antonio die richtige Taktik zu sein. Zwar blickte der Sargento mißtrauisch drein, aber auch er fiel darauf herein. Einem stöhnenden und torkelnden Mann, der sich augenscheinlich jeden Moment übergeben mußte, traute man gewiß nicht zu, daß er einen Fluchtversuch unternahm.
Außerdem war ja die ganze Mannschaft auf dem Oberdeck der „San José“ versammelt. Allein deswegen war undenkbar, daß Don Antonio de Quintanilla die Flucht ergriff. Jeder versuch war von vornherein zum Scheitern verurteilt. So dachten die Männer der Galeone – und sie hätten recht gehabt, wenn nicht die doppelläufige Pistole gewesen wäre.
Wenn man überhaupt von einem Fehler sprechen konnte, so hatte ihn Don Garcia Cubera begangen, der es versäumt hatte, das Gepäck des Gouverneurs durchsuchen zu lassen. Keiner ahnte etwas, keinem fiel ein, unter dem Vorhang des Gouverneurs nachzusehen oder ihn gar einer Leibesvisitation zu unterziehen.
Cubera, der Erste und auch die anderen Offiziere der „San José“ hätten sich einen Don Antonio allerdings auch schwerlich mit einer Waffe vorstellen können. War er überhaupt dazu in der Lage, mit einer Pistole oder einem Messer umzugehen? Sie bezweifelten es – und auch das war ein Fehler.
Ein Irrtum, der böse Folgen hatte. Don Antonio war gefährlicher als ein Sack voller Giftschlangen. Scheinheilig stolperte er über das Hauptdeck, und alle begannen bei seinem Anblick spöttisch zu grinsen. Plötzlich aber stand er hinter dem Ersten Offizier und richtete sich hoch auf.
Die leidende, heuchlerische Miene fiel von ihm ab, sein Gesicht wurde hart. Seine Augen blickten kalt und gnadenlos. Mit einem Ruck seiner Schultern schüttelte er den Umhang ab, und dieser landete auf den Planken. Er hielt die Doppelläufige jetzt in seiner rechten Hand, ihre Mündungen bohrten sich dem Ersten ins Kreuz.
„Keine Bewegung!“ zischte Don Antonio. „Und keine Dummheiten, du Narr! Die Pistole ist echt! Die Hähne sind gespannt! Wenn ich abdrücke, bist du ein toter Mann!“
„Sie sind wahnsinnig“, sagte der Erste.
„Interessiert mich nicht.“
„Sie schaffen es nicht, dieses Schiff zu verlassen, das schwöre ich Ihnen“, sagte der Erste so ruhig wie möglich, obwohl sein Herzschlag sich beschleunigte. Ein Mann, der versucht hatte, den Kommandanten umzubringen, schreckte auch vor einem Schuß in den Rücken eines Offiziers nicht zurück.
„Überlaß das mir“, sagte Don Antonio kalt. „Du bist meine Geisel.“ Sein Blick richtete sich auf die Umstehenden. „Sollte einer wagen, auch nur einen Finger gegen mich zu krümmen, dann stirbt dieser Mann!“
Alle standen wie erstarrt da, keiner wagte, sich zu rühren. Daß es Don Antonio mit seiner Drohung ernst meinte, daran gab es nicht den geringsten Zweifel! Plötzlich waren sie alle unfähig, etwas zu unternehmen, und mußten voll ohnmächtiger Wut verfolgen, wie Don Antonio den Ersten beim Arm packte und ihn zum Backbordniedergang des Achterdecks zurückzerrte.
Don Antonios Gesicht war eine graue, steinerne Wüste. Eine Fratze des Schreckens, die sich binnen weniger Augenblicke beängstigend gewandelt hatte. Jedem Mann war klar, daß Don Antonio schießen würde, falls ihm jemand an den Kragen wollte.
Die Mordlust in seinen Augen war unverkennbar. Er zwang den Ersten, rückwärts mit ihm die Stufen des Niederganges hochzusteigen. Gemeinsam langten sie auf dem Achterdeck an. Don Antonio hielt sich dicht hinter dem Rücken seines Gefangenen. Keinem – auch dem besten und sichersten Schützen nicht – wäre ein Musketenschuß auf den Dicken gelungen, der ihn von dem Ersten wegkatapultiert hätte.
Unmöglich und undenkbar – vorerst schien es für den Ersten keine Rettung zu geben. Aber er gab nicht auf. Er begann wieder zu sprechen und versuchte, den Dicken zu beeinflussen oder zumindest zu irritieren.
„Sie wissen nicht, was Sie tun“, sagte er. „Überlegen Sie es sich, Don Antonio.“
„Schweig! Halt den Mund!“
„Der Capitán ist an Land gegangen.“
„Sein Glück, sonst hätte ich ihn als Geisel genommen.“
„Señor, er kann jeden Moment wiederauftauchen“, sagte der Erste. „Und vielleicht befindet er sich dann in Begleitung des Hafenkommandanten von Remedios.“
„Ach, wir sind hier in Remedios?“
„Ja. Hatte ich das noch nicht gesagt?“
„Nein“, erwiderte Don Antonio. Wild blickte er um sich, seine Augen weiteten sich. Die Offiziere auf dem Achterdeck wichen vor ihm zurück. „Remedios also – ich werde von hier aus nach Havanna zurückkehren, und dann gnade Gott euch allen, denn ich werde mich furchtbar an euch rächen.“
„Sie sitzen hier in der Falle, keiner läßt Sie durch. Don Garcia hat den Hafenkommandanten sicherlich längst darüber unterrichtet, daß Sie unter Arrest stehen.“
„Nein! Und wenn, dann untersteht der Hafenkommandant trotzdem meinem Kommando!“
„Señor, seien Sie vernünftig!“
In einer blitzschnellen Bewegung riß Don Antonio die Doppelläufige hoch und knallte dem Mann den verzierten Knauf gegen den Hinterkopf. Der Erste duckte sich, er stöhnte und griff sich mit beiden Händen an den Schädel. Er taumelte und mußte sich am Handlauf des Backbordschanzkleides festhalten.
Die Offiziere standen sprungbereit, und auch die Männer des Hauptdecks waren drauf und dran, das Achterdeck zu stürmen und sich auf den verhaßten Dicken zu stürzen. Aber er fuhr herum und richtete die Pistole auf den Mann, der ihm am nächsten stand.
„Ich habe zwei Schüsse!“ schrie er grell. „Zwei von euch Hundesöhnen nehme ich mit, wenn ihr die Helden spielen wollt! Also – wer ist der erste?“
Er trat wieder hinter den Ersten Offizier und zischte ihm zu: „Noch ein Wort, und ich schlage noch einmal zu! Ich will nichts mehr hören, verstanden?“
„Verstanden.“
Don Antonios Gesicht spiegelte Genugtuung und Triumph wider. Er schien nur darauf zu warten, wieder etwas gegen diesen Mann zu unternehmen, den er von Beginn an nicht hatte leiden können. Und er war dann ja auch mit ihm aneinandergeraten – als er, Don Antonio, das Kommando über die „San José“ hatte übernehmen wollen, nachdem Don Garcia Cubera über Bord geflogen war. Der Erste hatte sich unnachgiebig gezeigt – und Don Antonio präsentierte ihm jetzt die Rechnung dafür.
„Meine Lakaien!“ fuhr er ihn an. „Wo sind sie?“
„Im Vorschiff.“
„Meine Lakaien zu mir!“ rief Don Antonio. „Sofort!“
„Profos“, sagte der Erste. „Führen Sie den Befehl aus.“
Wenig später erschienen die vier Lakaien an Deck. Sie blickten sich um und schienen zu überlegen, auf wessen Seite sie jetzt zu stehen hatten. Sie entschieden sich für Don Antonio. Er hatte ihnen immer Geld für ihre Dienste zugesteckt und es ihnen an nichts mangeln lassen, weil er sie brauchte. Gomez Guevara war tot, und so würde einer von ihnen aufrücken und bald den Posten des Kammerdieners übernehmen. Alle vier rechneten sie sich Chancen aus, und auch dieser Grund war mit ausschlaggebend für ihre Loyalität.
„Kommt zu mir!“ rief Don Antonio. „Hierher! Gebt ihnen Pistolen! Na los, wird’s bald!“
„Das können Sie nicht verlangen“, sagte der Zweite Offizier.
„Achtung!“ stieß Don Antonio hervor. „Ich zähle bis drei. Dann rückt ihr Dreckskerle mit den Pistolen raus, oder ich schieße euren Ersten zum Krüppel. Also – eins!“
„Profos“, sagte der Erste. „Befolgen Sie auch diesen Befehl.“
„Siehst du“, sagte Don Antonio mit hämisch verzerrtem Gesicht. „Jetzt hast du Angst. Und wie du dich fürchtest! Hast du die Hosen voll?“
„Nicht daß ich wüßte.“
„Sag mir, daß du die Hosen voll hast!“ zischte Don Antonio. Der Druck der Pistole verstärkte sich.
„Ich habe Angst, Señor“, sagte der Erste gepreßt. „Aber das kann sich schnell wieder ändern.“
Der Profos hatte den vier Lakaien Pistolen ausgehändigt. Sie nahmen sie grinsend in Empfang, ließen sich auch Pulver und Kugeln geben und enterten das Achterdeck.
Somit hatte sich Don Antonio de Quintanilla also eine Leibwache geschaffen.
„Sehr gut“, sagte er zu ihnen. „Ich werde euch für eure Treue reich belohnen. Hört zu. Wißt ihr, was ihr zu tun habt?“
„Wir beschützen Sie, Señor“, erwiderte einer von ihnen.
„Ihr schirmt mich gegen diese Halunken von der Marine ab“, sagte er. „Ihr achtet darauf, daß keiner von ihnen etwas gegen uns unternimmt. Wir verlassen jetzt dieses Schiff des Satans und gehen unserer Wege. Keiner wird uns daran hindern. Keiner behelligt uns, ich schwöre es euch.“
Er schickte sich an, das Achterdeck wieder zu verlassen und zur Kuhl hinunterzusteigen. Dort war eine Schanzkleidpforte offen, von der eine Stelling zur Pier führte. Der Weg in die Freiheit – und die Sonne leuchtete über Remedios. Es war ein freundlicher Tag, warm und feucht, und Don Antonio hatte mit einemmal das Gefühl, neu geboren worden zu sein.
Er dirigierte den Ersten Offizier der „San José“ vor sich her und benutzte ihn wie einen Schutzschild. Die Lakaien deckten ihn, zwei schritten voraus, die beiden anderen hielten sich hinter ihm. Keiner konnte gegen sie vorgehen, allen waren die Hände gebunden.
Don Garcia Cubera zeigte sich immer noch nicht. Er war in der Kommandantur verschwunden, und dort schien niemand auf das aufmerksam geworden zu sein, was an Bord des Flaggschiffes vor sich ging. Auch die Ausguckposten der auf der Reede ankernden Galeonen und Karavellen bemerkten nichts. Alles schien wie verhext zu sein.
Don Garcia Cubera hätte nur einen Blick aus dem Fenster der Kommandantur zu werfen brauchen, und er hätte den Dicken samt der Geisel und den vier Lakaien gesehen, die eben Anstalten trafen, das Schiff zu verlassen. Aber er tat es nicht, und so schien sich Don Antonios Vorhersage zu erfüllen: Die Flucht gelang, der korrupte Gouverneur ging von Bord.
8.
Der Erste Offizier ging gebückt. Er war durch die stechenden Schmerzen in seinem Hinterkopf benommen und behindert. Nie hätte er gedacht, daß ein Pistolenkolbenhieb derartige Qualen verursachte. Aber das hing eben davon ab, wohin jemand mit dem Knauf seiner Waffe schlug. Der Kopf war ein höchst empfindlicher Körperteil; man konnte sterben, wenn man einen Hieb gegen die Schläfe erhielt oder ein entsprechend harter Gegenstand den Schädel traf.
Aber sein Widerstand war noch nicht ganz gebrochen. Seine Gedanken überschlugen sich, während er vor Don Antonio de Quintanilla her ging und den Niedergang zur Kuhl hinunterstieg.
Wut kochte in ihm, heimlich ballte er seine Hände zu Fäusten. Es erschien ihm ungeheuerlich, er konnte noch immer nicht begreifen, daß er sich von dem Fettwanst Don Antonio hatte übertölpeln lassen. Die Szene war ein einziger Hohn, eine Farce, eine Klamotte – und doch wahr. Don Antonio verließ mit seinem Hofstaat die „San José“, und er, der Erste Offizier, würde sich dafür zu verantworten haben.
Don Antonios ganzes Verhalten, der Klang seiner Stimme und die Art, wie er mit der Pistole umging, ließen darauf schließen, daß er bereit war, bis zum Äußersten zu gehen. Er war in die Enge getrieben worden, Cubera hatte ihn praktisch des versuchten Mordes oder der Anstiftung dazu überführt. Der Prozeß, den man gegen ihn führen würde, stand Don Antonio drohend vor Augen. Deshalb befand er sich in der Situation eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. Entsprechend war sein Handeln: Vom Haß und von der Verzweiflung getrieben, war er in der Lage, seine Lakaien mitten zwischen die Besatzung feuern zu lassen.
Äußerste Vorsicht war geboten, und doch wußte der Erste, daß er unverzüglich handeln mußte, wenn er noch etwas erreichen wollte. Je mehr sie sich von der „San José“ entfernten, desto geringer wurden die Aussichten, noch etwas unternehmen zu können. Hier hatte er noch die Offiziere und die Mannschaft hinter sich, aber wenn Don Antonio ihn in die Gassen von Remedios entführte, war er ihm endgültig ausgeliefert.
Warum übernahm Don Antonio jetzt, da er die Macht dazu hatte, nicht das Kommando über das Flaggschiff? Er hatte das Achterdeck bereits erobert, und mit der Unterstützung durch seine Diener konnte er die komplette Mannschaft dazu zwingen, sofort auszulaufen und nach Havanna zurückzukehren.
Aber der Geschmack an der Seefahrt schien ihm gründlich vergangen zu sein. Außerdem mußte er damit rechnen, daß die Besatzung der „San José“ nach dem ersten Schock über seinen Ausbruch reagierte und sich gegen ihn auflehnte. Zu groß war der Zorn, den diese Männer gegen ihn hegten. Er wußte das Risiko, das er einging, sehr wohl abzuschätzen, und nach reiflicher Überlegung in seiner „Gefängniskammer“ war er zu dem Schluß gelangt, daß es besser war, von Bord zu gehen und den Landweg zu wählen.
Der Erste Offizier schritt, von Don Antonio vorangetrieben, über die Kuhl auf die offene Schanzkleidpforte zu. Die beiden vor ihm gehenden Lakaien verhielten jetzt und wandten sich zu Don Antonio um.
„Bleibt da stehen“, sagte er. „Wartet, bis wir vorbei sind, und behaltet diese Hundesöhne im Auge. Der erste, der sich rührt und etwas unternimmt, kriegt eine Kugel.“
Der Erste Offizier sagte: „Don Antonio, ich appelliere noch einmal an Ihr Gewissen.“
„Habe ich nicht gesagt, daß du das Maul halten sollst?“
„Ja.“ Die Gedanken des Ersten überschlugen sich. Sollte er handeln, wenn er auf der Stelling war? Konnte er sich nicht zur Seite und zwischen der Pier und dem Schiff ins Wasser werfen?
Eine riskante Sache, aber besser als gar nichts. Er mußte es versuchen. Don Antonio konnte auch dann noch auf ihn schießen, wenn er bereits im Wasser schwamm – aber war andererseits nicht auch das Wagnis groß, sich von ihm verschleppen zu lassen? Mußte er nicht damit rechnen, daß der Dicke ihn vor lauter Rach- und Vergeltungssucht umbrachte, sobald er ihn als Geisel nicht mehr brauchte?
„Ja“, sagte er noch einmal. „Aber – begreifen Sie denn nicht? Sie werden für diese Tat zur Verantwortung gezogen, sobald Sie wieder in Havanna sind. Sie finden keine ruhige Minute mehr, und …“
„Schweig!“ schrie Don Antonio mit schriller Stimme. „Ich will nichts mehr hören! Kein Wort mehr!“
Genau in diesem Moment betrat der Erste die Stelling. Er zögerte jetzt nicht mehr. Jäh warf er sich nach rechts und stürzte in das Hafenwasser hinunter. Im Fallen spürte er wieder einen unbändigen Schmerz im Hinterkopf, der ihm die Sinne zu rauben drohte. Ihm war übel. Das Wasser raste auf ihn zu, es schien plötzlich pechschwarz zu sein.
Aber als die Fluten ihn aufnahmen und über ihm zusammenschlugen, fühlte er sich wie erlöst. Die Kühle des Wassers erfrischte ihn und verlieh ihm neue Energien. Der Schmerz ließ nach. Alles schien sich zu ändern. Nur undeutlich, wie gedämpft, nahm er noch das Krachen des Pistolenschusses wahr, dann begann er, unter Wasser zu schwimmen, um sich in Sicherheit zu bringen.
Es sah aus, als sei der Erste Offizier, immer noch benommen durch den Hieb, den Don Antonio ihm auf dem Achterdeck verpaßt hatte, auf der Stelling ausgeglitten. Aber Don Antonio reagierte sofort, als er die Gestalt des Mannes nach rechts wegsinken sah. Er riß die Pistole hoch. Sein Finger krümmte sich um den vorderen der beiden Abzüge. Der Hahn schnappte nach vorn, das Rad drehte sich, die Funken sprühten, und donnernd brach der Schuß.
Ein langer Feuerblitz stach in die Morgenluft, und die Kugel raste dorthin, wo der Erste eben noch gestanden hatte. Unten, zwischen der Pier und der Bordwand, war ein Klatschen zu vernehmen. Die Kugel fuhr ins Leere, flog zu den Hafenanlagen und bohrte sich mit einem dumpfen Laut in die Wand eines Schuppens.
Bewegung geriet in die Mannschaft der „San José“. Die Lakaien hoben ihre Pistolen, aber sie schienen jetzt verunsichert zu sein.
„Schnell weg!“ zischte Don Antonio ihnen zu. Dann ergriff er die Flucht nach vorn. Er rannte über die Stelling, schien zu wanken, hielt sich jetzt aber doch sicher auf seinen kurzen Beinen. Die Stelling schwankte unter ihm, er schien darauf zu hüpfen. Mit wenigen Schritten erreichte er die Pier. Die Lakaien folgten ihm. Sie stürmten an Land und liefen hinter ihm her auf die Häuser zu.
„Hinterher!“ rief der Zweite Offizier der „San José“. Der Dritte Offizier lief unterdessen zum Schanzkleid des Achterdecks, beugte sich darüber und hielt nach dem Ersten Ausschau, der immer noch verschwunden war.
In diesem Augenblick prallte die Tür der Hafenkommandantur auf. Der Schuß war natürlich vernommen worden, und Don Garcia Cubera und der Hafenkommandant hatten sich über das Pult im Kontor hinweg verblüfft angesehen.
„Das war bei meinem Schiff!“ stieß Cubera entsetzt hervor, dann warf er sich herum und stürmte ins Freie.
Die Tür der Kommandantur knallte gegen die Außenwand. Cubera lief zur Pier und erfaßte mit einem einzigen Blick, was geschehen war. Don Antonio de Quintanilla war frei! Er eilte watschelnd von der Pier zum Kai, gefolgt von seinen vier Lakaien. Von Bord der „San José“ ertönten Flüche und Schreie, und die ersten Männer verließen mit Musketen und Pistolen in den Händen das Schiff.
Cubera stürmte genau auf den Dicken zu. Hinter Cubera stürzte auch der Hafenkommandant ins Freie und versuchte zu erkennen, was vorgefallen war.
Plötzlich war der Teufel los.
„Aus dem Weg!“ schrie Don Antonio Cubera zu. „Ich knalle dich ab, du Hurensohn!“
Cubera dachte nicht daran, ihn an sich vorbeizulassen. Mit wenigen Schritten überbrückte er die Distanz, die zwischen ihnen lag. Don Antonio zielte jedoch auf ihn und drückte ab. Der zweite Lauf der Pistole spuckte seine Ladung aus, aber Don Antonio hatte nicht mit der Geistesgegenwart des Capitáns gerechnet.
Cubera ließ sich fallen, blitzschnell. Er schlug hart auf und spürte das Katzenkopfpflaster von Remedios in allen Knochen. Aber er entging dem tödlichen Schuß. Die Kugel pfiff über ihn weg.
„Zur Hölle!“ brüllte Don Antonio, dann, zu seinen Lakaien gewandt: „Schießt den Weg frei!“
Cubera war ebenso schnell, wie er sich hingeworfen hatte, wieder auf den Beinen. Er jagte auf den Dicken los und warf sich auf ihn. Don Antonio riß die Pistole hoch, um damit zuzuschlagen. Einer der Lakaien sprang zwischen sie. Don Antonios Hieb traf ihn zwischen die Schulterblätter, und er stieß einen pfeifenden Ächzer aus.
Cubera packte den Lakaien, riß ihn zu sich heran und fällte ihn mit einem Schlag gegen das Kinn. Seine Pistole landete auf dem Pflaster.
Don Antonio versuchte zu entwischen. Aber Cubera war mit einem Satz bei ihm, packte seine rechte Schulter und holte ihn zu sich herum. Don Antonio taumelte und drohte das Gleichgewicht zu verlieren. Er stieß einen Schwall von Flüchen aus, sein Gesicht war gräßlich verzerrt.
Er versuchte, mit der Pistole zuzuschlagen, aber Cubera fegte sie ihm mit einer wilden, heftigen Bewegung seiner rechten Hand aus den Fingern. Sie segelte durch die Luft und fiel dem heranstürmenden Hafenkommandanten vor die Füße.
„Hau ab!“ kreischte Don Antonio. „Laß mich in Ruhe!“
„Das könnte dir so passen“, sagte Cubera grimmig und schmetterte dem Dicken die Faust unters Kinn. Sie schien sich in eine weiche, teigartige Masse zu graben, das Gefühl war abstoßend. Aber irgendwo war doch der harte Punkt – und Don Antonio verdrehte, von diesem Rammhieb getroffen, die Augen und torkelte rückwärts.
Er stieß noch einen Seufzer aus, dann fiel er in sich zusammen, einem breiigen Berg ähnlich, der sich wie durch ein Wunder noch für wenige Lidschläge hielt, dann aber jeglichen inneren Halt verlor. Er blieb auf dem Rücken liegen, die Arme ausgebreitet und die Beine abgespreizt. Sein Bauch ragte wie eine Kuppel auf. Er hatte die Perücke verloren – die rollte wiederum dem Hafenkommandanten vor die Füße, der jetzt bei ihm war.
Die drei Lakaien trafen Anstalten, mit erhobenen Pistolen an Cubera und dem Hafenkommandanten vorbeizustürmen, doch Cubera fuhr mit der Pistole zu ihnen herum.
Inzwischen waren auch die Männer der „San José“ heran.
„Gebt auf!“ schrie der Zweite Offizier. „Ihr habt keine Chance! Ihr sterbt, wenn ihr auch nur einen Schuß abgebt!“
Die drei blieben stehen. Cubera und der Hafenkommandant, der nun ebenfalls seine Pistole gezückt hatte, versperrten ihnen den Weg. Sie konnten den Durchbruch nicht mehr wagen – er endete zweifellos mit einem Blutbad.
Hinter ihnen standen die Männer der „San José“ mit Musketen und Pistolen, die unmißverständlich auf sie gerichtet waren. Es gab keine Rettung mehr. Die Fluchtwege waren versperrt, abgeriegelt. Sie saßen in der Falle.
„Laßt die Waffen fallen, und hebt die Hände“, sagte Cubera.
Die Lakaien schienen noch zu überlegen. Was blühte ihnen, wenn sie gehorchten? Wurden sie an der Rah aufgehängt wie Gomez Guevara? Oder übte der Capitán Nachsicht und begnadigte sie?
„Señor“, sagte einer von ihnen. „Was geschieht, wenn wir uns ergeben?“
„Das kann ich jetzt nicht sagen. Weg mit den Waffen!“
Seine Worte ließen keinen Widerspruch und keine Gegenwehr zu. Die Übermacht war zu groß. Kämpften sie, starben sie ohnehin. Aber sie wollten leben und ihr Schicksal nicht hier, in Remedios, besiegelt sehen.
Die Pistolen landeten auf den Katzenköpfen. Langsam hoben die drei die Hände. Der Profos der „San José“ gab seinen Männern einen Wink, und sie begannen sofort, die drei und auch den bewußtlosen Lakaien nach weiteren Waffen abzutasten.
Aber sie hatten keine Waffen mehr, bis auf ein Messer, das aus der Tasche des Bewußtlosen zutage gefördert wurde. Auch Don Antonio wurde nun einer Leibesvisitation unterzogen, und die Männer gingen dabei nicht zimperlich mit ihm um.
„Woher hatte er die Pistole?“ fragte Cubera.
„Er muß sie in seiner Kammer gehabt haben“, erwiderte der Zweite Offizier. „In seinem Gepäck. Anders können wir es uns nicht vorstellen, Señor.“
„Ich habe einen Fehler begangen“, sagte der Capitán. „Ich hätte sein Gepäck durchsuchen lassen sollen.“
„Wer hat daran schon gedacht?“ fragte der Dritte. „Keiner von uns, Señor.“
„Wo ist der Erste?“ fragte Don Garcia Cubera und blickte zum Schiff.
Dort wurde eine Jakobsleiter abgefiert, denn der Erste war bis zum Heck der „San José“ getaucht, um sich vor weiteren möglichen Schüssen in Sicherheit zu bringen. Jetzt schob er den Kopf aus dem Wasser und hielt sich am Ruderblatt fest.
„Der Gouverneur hatte ihn als Geisel genommen, Señor Capitán“, antwortete der Zweite. „Aber er ist jetzt in Sicherheit.“
„Unfaßbar“, murmelte Cubera. „Daß so etwas passieren konnte. Aber es ist meine Schuld.“
„Das dürfen Sie nicht sagen“, erklärte der Hafenkommandant, der in diesem Moment neben ihn trat. „Vielmehr ist es höchst verwunderlich und skandalös zugleich, daß sich der Gouverneur von Kuba zu einer derartigen Handlung hinreißen läßt.“
„Ich habe Ihnen berichtet, was an Bord der ‚San José‘ vorgefallen ist. Dieser Mann wird sich einem Prozeß stellen müssen, einer Verhandlung, die über sein weiteres Leben entscheidet. Davor hat er Angst.“
„Was haben Sie jetzt vor?“
Don Garcia Cubera blickte zu dem Ersten Offizier, der in diesem Augenblick an der Jakobsleiter aufenterte und ihnen zuwinkte.
Don Antonios Fluchtversuch war gescheitert, und sein Tun verschlechterte seine Lage noch mehr. Er gestand seine Mittäterschaft an dem Mordanschlag auf den Capitán dadurch praktisch ein, und, mehr noch, er hatte sich des direkten Mordversuchs schuldig gemacht, indem er auf Cubera geschossen hatte.
Cubera deutete auf Don Antonio und sagte zu seinen Männern: „Abführen, den Mann. Er wird wieder in seine Kammer gesperrt und scharf bewacht. Das Gepäck wird in eine Nebenkammer gebracht und gründlich durchsucht.“
„Ja, Señor“, sagte der Zweite Offizier. Dann teilte er die Männer ein, die den Dicken zurück an Bord des Flaggschiffes tragen sollten.
„Was geschieht mit den vier Lakaien, Señor?“ fragte der Dritte Offizier.
„Die wandern ab in die Vorpiek“, entgegnete Cubera mit ruhiger, kühler Stimme. „Auch die Vorpiek wird bewacht. Alle weiteren Befehle erhalten Sie von mir im Verlauf des Vormittags.“
Er steckte seine Pistole weg und wandte sich erneut an den Hafenkommandanten. „Bitte begleiten Sie mich an Bord der ‚San José‘. Wir haben noch einiges miteinander zu besprechen.“
Sie schritten zum Schiff und gingen über die Stelling an Bord. Cubera trat zu seinem Ersten Offizier, der klatschnaß auf dem Hauptdeck stand und noch zu überlegen schien, was er tun sollte.
„Alles in Ordnung?“ fragte er ihn.
Der Erste rieb sich verlegen den Hinterkopf. „Jetzt wieder, Señor Capitán. Aber Sie können mich wegen meines Verschuldens zur Verantwortung ziehen. Ich stehe voll dafür ein. Nur durch mein Versagen konnte Don Antonio diesen Handstreich durchführen.“
„Das stimmt nicht ganz“, sagte Cubera. „Ich habe mir auch einiges vorzuwerfen. Also vergessen wir das Ganze am besten. Die Hauptsache ist ja, daß ihm die Flucht nicht geglückt ist.“
„Danke, Señor Capitán.“
„Wie wäre es, wenn Sie sich jetzt trockene Sachen anziehen würden?“
Der Erste verschwand im Achterdeck. Don Garcia Cubera und der Hafenkommandant suchten die Kapitänskammer auf, um zu beraten.
Am Nachmittag dieses 22. Juli 1594 verließ der Kriegsverband Remedios und ging wieder auf Ostkurs. Eine Kriegskaravelle hatte sich hinzugesellt, so daß Don Garcia Cubera nunmehr über sechs Kriegsgaleonen und drei Kriegskaravellen verfügte.
Ferner begleiteten sechs Schaluppen, armiert mit Drehbassen und verstärkt mit Seesoldaten und Seeleuten der „Gaviota“ sowie der beiden zuletzt beschädigten Kriegsgaleonen, den Verband.
Weitere Zwischenfälle, so schwor sich Don Garcia Cubera, sollte es nun nicht mehr geben. Das Ziel, die Schlangen-Insel des Philip Hasard Killigrew und des Bundes der Korsaren, mußte ohne Verzögerungen so schnell wie möglich erreicht werden …
ENDE

1.
Die Umrisse der Kriegsschiffe waren in der Dunkelheit mehr zu ahnen, als wirklich zu erkennen. Mächtige, drohende Schatten waren es, die der Nordostwind über das Karibische Meer trieb – unaufhaltsam und wie von einem Eigenleben beseelt, das nur den einen unerschütterlichen Willen kannte: Kurs auf die Schlangen-Insel. Tod den blutrünstigen Piraten unter dem Engländer Philip Hasard Killigrew!
Ja, mit ihren schattenhaften Silhouetten wirkten jene Kriegsgaleonen und Kriegskaravellen wie urwelthafte Wesen, deren ruhiges Dahinrauschen ein trügerisches Bild vermittelte. Von den Schaluppen wie von bissigen Wachhunden abgeschirmt, würden sie sich in Minutenschnelle in Feuer und Eisen speiende Ungeheuer verwandeln. Eine geballte, tödliche Vernichtungskraft würde sich dabei entwickeln, gegen die nur ein fast übermenschliches Maß an Entschlossenheit und Tapferkeit zur Verteidigung ausreichen mochte.
Don Juan de Alcazar war kein Mann, der sich von düsteren Stimmungen in einen Gedankenwinkel treiben ließ, in dem es keine Klarheit mehr gab. Auch unter den widrigsten Umständen war er ein Mann der Tatkraft und der nüchternen Überlegtheit. Der Seewolf und seine Gefährten hatten dies erkannt, als er noch im feindlichen Lager gestanden hatte. Jetzt aber, da er sich auf die Seite des Bundes der Korsaren geschlagen hatte, war er bereit, die Ziele seiner neugewonnenen Freunde mit aller Kraft zu verfolgen.
An diesem Abend des 22. Juli Anno 1594 vermochte Don Juan indessen einen Hauch von Unbehagen nicht zu unterdrücken. Sicherlich lag das mehr an der Vorstellung dessen, was den Verteidigern der Schlangen-Insel bevorstand. Würde den Männern um Philip Hasard Killigrew überhaupt genügend Zeit bleiben, um sich auf den unvermeidlichen Großangriff vorzubereiten?
Und wie sah es mit ihren Chancen aus, im Kampf gegen Capitán Cubera zu bestehen? Don Juan kannte den Verbandsführer. Ein erfahrener Seeoffizier, an dem sich schon mancher Gegner die Zähne ausgebissen hatte. Cubera hatte das Seekriegshandwerk in jenen großen Kämpfen erlernt, die sicher noch in den Geschichtsbüchern späterer Jahrhunderte Erwähnung finden würden. Zweifellos war dieser Mann dem Seewolf ebenbürtig.
Die Überlegenheit des in Havanna zusammengestellten und später ergänzten Kampfverbandes beruhte jedoch neben seiner Feuerkraft auch auf der Zahl der an Bord befindlichen Seesoldaten und Seeleute. Insgesamt zweitausend Mann mußten es jetzt wieder sein, gegen die der Bund der Korsaren rein zahlenmäßig wie ein Zwerg wirkte. Nur durch Klugheit und geschickte Taktik konnten Killigrew und seine Freunde gegen diese Übermacht vielleicht bestehen.
Die Ungewißheit war es, die Don Juan in verschiedener Hinsicht plagte. Neben dem Schicksal des Bundes der Korsaren ging es vor allem um die Frage, ob er durch seine Störangriffe auf den Verband für genügend Aufschub gesorgt hatte.
Und jetzt, da er vom Achterdeck der Schebecke aus in die Dunkelheit spähte, stand im Vordergrund die Frage, ob der Verband den hartnäckigen Fühlungshalter gesichtet hatte. Mit seinem schwarzen Rumpf, dem roten Schanzkleid und den rotweiß gestreiften Lateinersegeln war der Dreimaster zweifellos nur auf geringe Entfernung zu erkennen. Dennoch konnte man nach den jüngsten Ereignissen nicht mehr ganz sicher sein. Cubera war gewarnt und hatte sich auf die Bedrohung aus dem Dunkel eingerichtet.
Erst in den Nachmittagsstunden dieses zur Neige gehenden Tages hatte Don Juan das Auslaufen des Kampfverbandes aus Remedios beobachtet. Zumindest zu jenem Zeitpunkt konnte er von den Ausgucks des spanischen Verbandes auf keinen Fall bemerkt worden sein. Ankerplatz der Schebecke war die Bucht einer dem Hafenort vorgelagerten Insel gewesen. Dieses Eiland, das zur Gruppe der Cayo-Fragoso-Inseln gehörte, hatte ausgezeichnete Versteckmöglichkeiten geboten.
Als unschätzbarer Vorteil hatten sich überdies die kurzen Pfahlmasten der Schebecke erwiesen. Unter den überhängenden Zweigen des Uferdickichts war der Dreimaster nahezu unsichtbar gewesen. Auch die Möglichkeit des Riemenantriebs erwies sich in solchen Situationen immer wieder als günstig, denn die Schebecke konnte dadurch in problematischen Gewässern rasch und mühelos verholen.
Nach den vorangegangenen Ereignissen hatten Don Juan, Ramón Vigil und die anderen voller Spannung darauf gewartet, welche Entscheidungen Cubera treffen würde.
Noch gemeinsam mit Arne von Manteuffel hatten Don Juan und seine Männer einen weiteren nächtlichen Angriff auf den Verband gefahren, wobei die Ruderanlagen der beiden in Schlußposition segelnden Karavellen beschädigt worden waren. Ausgerechnet hatte es dabei die „Gaviota“ ein zweites Mal getroffen. Dieses Mal allerdings so erheblich, daß die Karavelle – mit einem Notruder versehen – nach Remedios schleichen mußte. Die andere Karavelle hatte es weniger schlimm erwischt. Ihr Ruder war mit Bordmitteln repariert worden.
Wenn er sich vorstellte, wie Capitán Cubera und seine Offiziere angesichts der rätselhaften Angriffe in Wut geraten waren, konnte sich Don Juan auch jetzt noch eines Lächelns nicht erwehren.
Er hatte Arne von Manteuffel und Jörgen Bruhn in dem Hafenort La Isabela, nördlich von Sagua la Grande gelegen, abgesetzt. Der Vetter des Seewolfs mußte unbedingt seine Tarnrolle als deutscher Kaufherr in Havanna wieder aufnehmen. In diesem Punkt waren, sich Arne und Don Juan nach kurzer Besprechung einig gewesen.
Die Schebecke war anschließend der „Gaviota“ nach Remedios gefolgt. Zwei Galeonen, vom Kapitän der Karavelle als Unterstützung für den Kampfverband in Marsch gesetzt, hatten unliebsame Bekanntschaft mit der Feuerkraft und der Wendigkeit des algerischen Dreimasters schließen müssen.
Don Juan und seine Männer hatten ihnen die Ruderanlagen zerschossen, und die Galeonen hatten sich beim Rammstoß hoffnungslos ineinander verkeilt. Nachdem der herannahende Kampfverband Hilfe geleistet hatte, war Cubera kurze Zeit später offenbar in Remedios an Land gegangen, um seine weiteren Maßnahmen zu treffen.
Das Ergebnis hatte Don Juan in den Nachmittagsstunden aus sicherem Versteck heraus beobachtet. Nach dem Auslaufen aus Remedios hatte der Verband wieder seine alte Marschformation eingenommen. Vorn in der Mitte segelte das Flaggschiff „San José“, und ihm folgten zu beiden Seiten in Kiellinie je vier Kriegsschiffe. An den beiden Außenflanken der Galeonen und Karavellen segelten wiederum jeweils drei Schaluppen.
Die letztere Beobachtung gefiel Don Juan ganz und gar nicht. Der Verband war also in Remedios mit einer Karavelle und sechs Schaluppen aufgefüllt worden. Insbesondere die Schaluppen spielten dabei eine Rolle, die zu Don Juans Unbehagen beitrug. Eindeutig dienten sie als Aufklärer und würden überdies den Verband vor weiteren Überraschungsangriffen abschirmen.
Es war indessen zu erwarten gewesen, daß Cubera aus den nächtlichen Aktionen des geheimnisvollen Gegners seine Lehre ziehen würde. Das war nun geschehen. Zwar bestand der Verband letzten Endes – trotz der Ergänzung durch die Karavelle – nicht mehr aus zehn, sondern nur noch aus neun Schiffen. Doch diese Verringerung der Kampfkraft wurde durch die Schaluppen zweifellos ausgeglichen.
Bei Wind aus Nordost war der Verband auf die freie See hinausgekreuzt und dann außerhalb der Cayo-Fragoso-Inseln auf Südostkurs gegangen.
Mit ausreichendem Sicherheitsabstand hatte Don Juan die Verfolgung aufgenommen. Er hatte zunächst weit nach Luv ausgeholt und dann nach Einbruch der Dunkelheit die beabsichtigte Position eingenommen. Über Steuerbordbug segelnd, stand die Schebecke vorlich und in Luv des Verbandes auf Parallelkurs, rauschte also an seiner vorderen Backbordflanke dahin.
Ständig rechnete Don Juan damit, daß die drei Schaluppen an eben jener Flanke plötzlich wenden und nach Norden hochstoßen würden. Erst bei einer solchen Reaktion konnte er sicher sein, daß man den Fühlungshalter bemerkt hatte. So aber blieb er weiter im Ungewissen. Denn vor dem schwachen Schimmer der Schiffslaternen waren die schattenhaften Umrisse der Schaluppen zu erkennen, wie sie unbeirrbar den Kurs des Verbandes einhielten.
Nichtsdestoweniger war sich Don Juan darüber im klaren, daß er auf jeden Fall zuerst mit den Schaluppen aneinandergeraten würde.
Er wandte sich für einen Moment ab und ließ seinen Blick über die völlig verdunkelten Decks der Schebecke gleiten. Als bewegungslose Silhouetten harrten die elf Männer seiner Crew auf der Kuhl aus. Während des Nachmittags hatten sie die Geschütze und Handfeuerwaffen überprüft und gereinigt, und die Munitionsvorräte waren gesichtet und geordnet worden. Jetzt waren sämtliche Drehbassen geladen. Der Dreimaster war bereit, dem Verband erneut einen spürbaren Biß in die verwundbare Ferse zu verpassen.
Don Juan ging auf Ramón Vigil zu, der mit unerschütterlicher Ruhe am Ruder stand, und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Wir werden nicht mehr lange warten, Ramón. Aber diesmal wird es eine härtere Nuß, fürchte ich.“
Der Bootsmann wandte den Kopf und lachte verhalten. Seine Zähne blitzten in der Dunkelheit.
„Keine Sorge“, sagte er voller Zuversicht, „wenn dieser Fettsack von Gouverneur jemals die Schlangen-Insel erreichen sollte, wird er vorher tausend Tode gestorben sein.“
Don Juan mußte grinsen.
„Woher willst du wissen, daß er ein ängstlicher Mensch ist?“
„Ist doch klar.“ Ramón Vigil blies verächtlich die Luft durch die Nase. „Nach allem, was Sie mir von dem Kerl erzählt haben, kann er nur ein feiger Hund sein. Ich frage mich nur, warum er sich an Bord des Flaggschiffs begeben hat.“
„Du meinst, er sollte eigentlich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen lassen?“
„So ungefähr.“
„Nun“, entgegnete Don Juan lächelnd. „Dann würde er aber Gefahr laufen, daß diese anderen mit den heißen Kastanien verschwinden, bevor er sie überhaupt zu sehen kriegt.“ Er klopfte dem Bootsmann abermals auf die Schulter und trat wieder an das Steuerbordschanzkleid des Achterdecks.
Soviel war inzwischen sicher: Dem sehr ehrenwerten Don Antonio de Quintanilla ging es nur in zweiter Linie darum, den angeblich schlimmsten Feind der spanischen Krone, Philip Hasard Killigrew, zu besiegen. An erster Stelle der Überlegungen stand für den geldgierigen Gouverneur die Tatsache, daß auf der Schlangen-Insel offenbar immense Schatzvorräte lagerten. Mit seinen Wurstfingern wollte er tief hineingreifen und sich zu unermeßlichem Reichtum verhelfen.
Don Juan wandte seine Gedanken den vordergründigen Zielen zu, während er abermals zu den Schiffen des Kampfverbandes spähte. Fest stand, daß die Gefahr, um ein Vielfaches höher war, wenn er in dieser Nacht einen erneuten Angriff unternahm. Und die bisherigen Angriffe? Hatten sie trotz aller Erfolge ihren Zweck erfüllt?
Man mußte daran zweifeln.
Seine und die Absicht Arne von Manteuffels war es gewesen, den Verband durch eine hohe Zahl von Ausfällen und Schäden zur Umkehr zu zwingen und dadurch ein sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Don Juan mußte sich eingestehen, daß er mit seinen nächtlichen Aktionen diesem Ziel um nichts näher gerückt war. Statt dessen hielt dieser Schurke von einem Gouverneur mit verbissener Sturheit seinen Kurs, der ihn zur Schlangen-Insel und dem dort erhofften Reichtum führen sollte.
Von den wahren Gründen für diese vermeintliche Sturheit ahnte Don Juan allerdings nichts. So war es nicht etwa der Gouverneur, der die Befehle an Bord der „San José“ gab. Seit dem Mordversuch an Capitán Cubera und seit dem Fluchtversuch in Remedios befand sich Don Antonio de Quintanilla in verschärftem Arrest in einer der Achterdeckskammern; des Flaggschiffs. Bereits zuvor war es Cubera gewesen, der sich aus militärischen Erwägungen heraus entschlossen hatte, das Unternehmen auf jeden Fall durchzuführen.
Wären Don Juan de Alcazar die Zusammenhänge bekannt gewesen, hätte er eine völlig andere Entscheidung getroffen. Als Generalkapitän, ausgestattet mit Sondervollmachten der spanischen Krone, wäre er berechtigt gewesen, Cubera Befehle zu erteilen und ihn zurückzupfeifen. Während Don Juans Flucht in Havanna hatte sich zwar der Gouverneur die Sondervollmachten unter den Nagel gerissen, doch es wäre sicherlich auch ohne dieses Dokument möglich gewesen, die Weisungsbefugnisse durchzusetzen. Aber nach dem Stand der Dinge ließ sich der verhängnisvolle Lauf des Geschehens nicht mehr abwenden.
Das Gefühl, unter zunehmendem Zeitdruck zu stehen, hatte sich für Don Juan in den letzten Stunden immer mehr verstärkt. Noch gemeinsam mit Arne hatte er berechnet, wann die Schiffe des Bundes der Korsaren in See gehen konnten, um dem Feind entgegenzusegeln. Voraussetzung dafür war der Erhalt der Brieftaubennachricht gewesen, die den Seewolf und seine Gefährten über das Auslaufen des Verbandes aus Havanna unterrichtete. Wenn die Berechnungen stimmten, mußten die Schiffe des Bundes am Nachmittag des 19. Juli ankerauf gegangen sein und sich seither auf Westkurs befinden.
Der Wind aus Nordosten war günstig. Nach Don Juans. Berechnung der Marschgeschwindigkeit mußte sich der Verband des Seewolfs bereits dem Alten Bahama-Kanal genähert oder ihn erreicht haben. Im günstigsten Fall stand der Verband mittlerweile auf der Höhe von Lobos Cay, wo Don Juan seine erste Begegnung mit Philip Hasard Killigrew gehabt hatte.
Die Erinnerung daran drängte sich machtvoll in sein Bewußtsein und ließ sich nicht auf Anhieb wegwischen. Seinerzeit hatte er dem Mann Auge in Auge gegenübergestanden, der nach dem Willen der spanischen Krone eigentlich sein Todfeind sein sollte. Doch aus dem Duell heraus war er gemeinsam mit Killigrew in eine tödliche Bedrohung durch blutrünstige Marodeure geraten.
Kurz darauf hatte Don Juan erleben müssen, wie ihm der Engländer zum ersten Male das Leben rettete. Und es war nicht bei diesem einen Mal geblieben. Wie auch sein Vetter Arne von Manteuffel, hatte sich Philip Hasard Killigrew als ein fairer Gegner erwiesen – als das, was die Briten einen vollendeten Gentleman nannten.
Mehr und mehr hatte Don Juan erkennen müssen, daß er aus einem ähnlichen Holz geschnitzt war wie jener angebliche gefährliche Pirat. Und die jüngsten Ereignisse in Havanna hatten ihn dazu veranlaßt, sich nach der Offenbarung durch Arne auf die Seite des Bundes der Korsaren zu schlagen.
2.
Der hochgewachsene Spanier zwang sich, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Wenn er aus seinen Berechnungen die richtige Folgerung zog, dann würden der spanische Kampfverband und die Schiffe des Bundes der Korsaren aller Wahrscheinlichkeit nach am frühen Morgen oder in den Vormittagsstunden des nächsten Tages aufeinanderprallen.
Es blieben also nur noch die Stunden der Dunkelheit, um etwas zu unternehmen. Auf Biegen oder Brechen mußte etwas geschehen, wenn es doch noch einen Aufschub geben sollte. Mehr denn je war Don Juan de Alcazar entschlossen, seinen Beitrag zu leisten, damit ein Blutvergießen größten Ausmaßes vermieden würde. Er mußte es einfach wagen, auch wenn durch die Schaluppen das Risiko um ein Vielfaches erhöht wurde.
Er gab sich einen Ruck und stieß sich von der Verschanzung ab. In der Formation des spanischen Verbandes schien sich nichts geändert zu haben. Zumindest deutete nichts darauf hin, daß man die Schebecke bemerkt hatte. Der erneute Überraschungsangriff mußte gelingen.
„Ramón!“ rief Don Juan halblaut. „Männer!“
Die Gesichter, die zu ihm herumruckten, waren in der Dunkelheit als helle Flecken zu erkennen.
„Es geht los“, sagte Don Juan mit metallisch klingender Stimme. „Halse nach Steuerbord. Neuer Kurs Südwest.“
Ramón Vigil wiederholte den Befehl und legte Ruder. An den Schoten bewiesen die Männer, daß sie den Dreimaster aus dem fernen Algerien bereits bestens beherrschten. Der Bug der Schebecke schwang herum, und gleich darauf standen die rot-weißen Segel prall, als der schlanke Dreimaster platt vor dem Wind auf den Verband zujagte.
Gischtschwaden stiegen von der Bugwelle auf und wehten über die Decks. Die Männer standen unerschütterlich, geduckt und mit jeder Faser ihrer Nerven zum Angriff entschlossen.
Nach und nach zeichneten sich die Umrisse der Kriegsschiffe mit schärferen Linien in der Dunkelheit ab. Aus schmalen Augen taxierte Don Juan die zusammenschmelzende Distanz, gleichzeitig lauschte er angestrengt. Jeden Moment mußten die alarmierenden Rufe der Ausgucks auf den Kriegsschiffen zu hören sein. Noch bevor dies geschah, gab er das Kommando zur Kurskorrektur nach Westsüdwest. Wie ein zupackender Falke stieß die Schebecke auf die Flanke des Verbandes zu.
Sekunden später wurde die Stille zerrissen. Gellende Stimmen ertönten, gefolgt von wildem Befehlsgebrüll. Vom Schein der Hecklaternen immer deutlicher gezeichnet, wuchsen die mächtigen Umrisse der Kriegsschiffe buchstäblich auf den heranjagenden Dreimaster zu. Don Juans Männer duckten sich hinter den Drehbassen und harrten auf den Befehl, die schwenkbaren Hinterlader im entscheidenden Moment zu zünden.
Don Juan entschied sich für die zweite Galeone, die in der Backbordkolonne des Verbandes segelte. Diesmal würde er mitten in die Formation der schwimmenden Festungen hineinstoßen und eine weitere Ruderanlage in Trümmer schießen.
Im selben Moment, als er seine Entscheidung traf, durchzuckte es ihn siedendheiß. Die Schaluppen! An Steuerbord voraus schwärmten sie aus, die Wachhunde, die Cubera von der Leine gelassen hatte. Doch es waren keineswegs nur drei, wie er angenommen hatte.
Insgesamt fünf der wendigen Einmaster warfen sich dem Angreifer entgegen. Don Juan erstarrte sekundenlang. Er mußte begreifen, daß Cubera aus den bisherigen Nachtangriffen seine Lehre gezogen und zwei und zwei zusammengezählt hatte. Natürlich hatte er damit gerechnet, daß der Gegner wieder aus der Luvposition angreifen würde. Und so hatte er auf der Steuerbordseite des Verbandes lediglich eine Schaluppe belassen, während er die beiden anderen auf die Backbordseite beordert hatte. Insgesamt fünf Einmaster waren es also, die zum Gegenangriff übergingen.
Don Juan stieß einen Fluch aus. In der Dunkelheit hatte er die Umgruppierung der Schaluppen nicht bemerkt, und auch seinen Männern war dies entgangen. Doch jetzt war es zu spät, eine neue Taktik zu entwickeln. Unversehens hatte sich das Blatt gewendet. Die Männer auf der Schebecke gerieten von der Rolle des Angreifers in die des Verteidigers.
Zwei der Schaluppen lösten sich aus dem Pulk und stießen im Direktkurs auf den Dreimaster zu. Gleichzeitig schwärmten die drei anderen nach Ostnordost aus. Don Juan begriff sofort, während er in Gedanken blitzartig die möglichen Gegenmaßnahmen durchspielte. Ziel der beiden ersten Schaluppen war es, seinen Angriff zu verhindern. Von den drei übrigen Wachhunden sollte er inzwischen in die Zange genommen werden.
Währenddessen setzte sich das Gebrüll an Bord der großen Kriegsschiffe fort. Stückpforten wurden geöffnet, und die ersten Bronzemäuler der Geschütze lugten heraus. Gefechtsbereitschaft hatte wahrscheinlich ohnehin geherrscht. Diesmal wollte es Cubera wissen. Nur noch Minuten, schlimmstenfalls Sekunden konnten vergehen, bis die Galeonen und Karavellen ihre ersten Breitseiten abfeuerten.
Noch lag die Schebecke mit rauschender Fahrt auf Kurs Westsüdwest. Don Juan zog den Kopf tiefer zwischen die Schultern und preßte die Lippen fester zusammen. Konnte er es trotz allem schaffen, in die Backbordflanke des Verbandes vorzustoßen?
Die Schaluppen, die sich von Steuerbord näherten, waren schnell, viel zu schnell. Auf fast eine Kabellänge war die Distanz zusammengeschrumpft, als Don Juan einsehen mußte, daß sich seine Erfolgsaussichten wie eine Gischtfahne verflüchtigten.
Grellrotes Feuer zuckte an Steuerbord auf. Das unverkennbare trockene Krachen von Drehbassen begleitete die Mündungsblitze. Auf beiden Schaluppen feuerten sie ihre Hinterlader in gut abgestimmter Folge ab. Orgelnd rasten die Eisenkugeln heran und rissen weißschäumende Säulen aus dem Wasser.
„Ramón!“ brüllte Don Juan. „Vier Strich Steuerbord! Und dann Feuer frei! Heizt ihnen ein!“
Zustimmendes, fast begeistertes Gebrüll ertönte von der Kuhl der Schebecke. Die Männer hatten begriffen, in welche Lage sie geraten waren. Ihr Kapitän hatte nicht anders entscheiden können. Unmöglich, noch in die verwundbare Flanke des Verbandes vorzudringen und gewissermaßen im Vorbeigehen ein Ruder zu Klump zu schießen. Jetzt hieß es, sich schleunigst zu verdrücken. Das wiederum war nur möglich, indem man nach Nordwesten hin durch die beginnende Umklammerung der Schaluppen entwich.
Hart krängte der Dreimaster nach Backbord, als Ramón Vigil Ruder gelegt hatte. Bei halbem Wind über Backbord segelnd, gewann die Schebecke doch im Handumdrehen wieder beachtliche Fahrt. Wenn man in dieser Situation überhaupt bestehen konnte, dann nur dank der Wendigkeit dieses Schiffes.
Für einen Moment geriet das Drehbassenfeuer der beiden Schaluppen ins Stocken. Verwirrung breitete sich aus – offenkundig.
„Damit haben sie nicht gerechnet!“ schrie Ramón Vigil.
In der Tat mußte es den Besatzungen der Einmaster so erscheinen, als wolle sich ihnen der fremde Dreimaster in einer Art Verzweiflungstat frontal entgegenwerfen.
„Bugdrehbassen Feuer!“ brüllte Don Juan.
Eine Sekunde später wummerten die Hinterlader los und schickten den Schaluppen ihre Eisenladung entgegen. Ein schwaches Bersten verkündete einen Treffer, wenn auch sicherlich nicht nennenswert.
„Ramón, geh höher an den Wind!“
Der Bootsmann befolgte die Anordnung augenblicklich, und in diesem Moment war es auch mit der Verwirrung an Bord der Schaluppen vorbei. Die Spanier erkannten die Absicht des ihnen unbekannten Gegners. Hart am Wind wollte er sich an ihnen vorbeimogeln und dabei auf Gegenkurs auch die drei übrigen Schaluppen abhängen. Letztere waren eben erst im Begriff, ihren nun nutzlosen Umklammerungsversuch abzubrechen und sich auf eine Verfolgungsjagd einzustellen.
Noch einen Vorteil sah Don Juan in seinem Manöver: Solange er sich an der Luvseite der beiden Angreiferschaluppen befand, war er vor den schweren Geschützen der Kriegsschiffe halbwegs sicher. Denn sie würden nicht riskieren, ihre eigenen Leute durch ihre Breitseiten in Gefahr zu bringen.
Trotzdem blieb der tödliche Wirkungsbereich der Drehbassen, in den die Schebecke nun unweigerlich geriet.
„Backborddrehbassen Feuer!“ befahl Don Juan.
Noch während er die letzten Silben ausstieß, hastete er zur Backbordverschanzung des Achterdecks und packte den dort befindlichen Hinterlader. Mit einem Ruck schwenkte er das geladene Bronzerohr nach Backbord voraus.
Mit einem kurzen Seitenblick sah er, daß sich Ramón Vigil hinter dem Ruder duckte. Auf den Bootsmann war Verlaß. Mit eisernen Fäusten würde er sie aus dem Geschoßhagel herausbringen.
Am Schanzkleid der Kuhl brüllten die ersten Drehbassen los. José Buarcos und Jorge Matteo, die beiden Männer von der gesunkenen Karavelle, waren unter den Schützen. Es mußte ein seltsames Gefühl für sie sein, auf die eigenen Landsleute zu feuern. Aber sie hatten sich den Zielsetzungen ihres neuen Kapitäns verschrieben, und sie wußten, daß es nicht Don Juans Absicht war, Menschen sinnlos niederzumetzeln.
Auch auf den beiden Schaluppen blitzte es jetzt auf, spärlich noch. Die Männer auf der Schebecke zogen die Köpfe ein, während sie nachluden. Jaulend zischten die Geschosse über die Verschanzung hinweg, und nur eine der Eisenkugeln streifte das Steuerbordschanzkleid mit schmetterndem Klang.
Don Juan erkannte die Absicht der Schaluppenführer. Der Kollisionskurs war ihnen zu riskant. Vielmehr waren sie kaum merklich abgefallen. Mit dem Bug nach Südsüdost und in versetzter Position lauerten sie darauf, der vorbeirauschenden Schebecke die vollen Ladungen ihrer Backbordrohre zu verpassen.
Mit schmalen Augen taxierte Don Juan die Distanz. Nicht mehr als eine halbe Kabellänge würde er von den Schaluppen entfernt sein, wenn sie sich für einen Moment auf gleicher Höhe befanden. Und an Steuerbord achteraus formierten sich die ersten beiden Wachhunde zur Verfolgung.
Mit jedem Yard, den die Schebecke indessen auf Kurs Nordnordwest hinter sich brachte, vergrößerte sich die Entfernung zu den Galeonen und Karavellen des Verbandes.
Das Feuer auf den Schaluppen war jetzt eingestellt worden. Sekunden des Belauerns setzten ein. Denn nur noch Sekunden würde es dauern, bis der Dreimaster den gefährlichen Bereich erreichte. Innerlich von eiskalter Ruhe erfüllt, schätzte Don Juan die winzige Zeitspanne ab. Der Vorteil des ersten Schusses war in dieser Lage von größter Bedeutung – sinnvoll aber nur dann, wenn einem auf Anhieb ein Treffer gelang, der das Zielaufnehmen des Gegners durcheinanderbrachte. Letzteres war bei den beweglich gelagerten Drehbassen eben nur allzu leicht möglich.
„Feuer!“ rief Don Juan mit Donnerstimme und stieß im selben Moment die Lunte seines Hinterladers ins Zündloch.
Zehn weitere Drehbassen an der Backbordseite des Dreimasters ließen sprühende Funken ihres Zündkrauts aufsteigen.
Hart krängte die Schebecke nach Steuerbord, als die elf Geschützrohre fast im selben Sekundenbruchteil losbrüllten. Grelle Feuerzungen leckten nach außenbords. Im nächsten Augenblick mußten sich die Männer in Deckung werfen. Denn das Krachen ihrer eigenen Rohre wurde vom Feuer der Drehbassen des Gegners überlagert.
Ein Schwarm von Geschossen rauschte heran. Etliche lagen zu kurz und verwandelten das Wasser an Backbord der Schebecke in einen Fontänenwald. Weitere Kugeln rasten über Hauptdeck und Achterdeck. Berstende Einschläge gingen den Männern durch Mark und Bein. Ramón Vigil hing fast am Ruder, aber es gelang ihm dennoch, um keinen einzigen Strich vom Kurs abzuweichen.
Im verklingenden Nachhall der Schüsse begannen die Männer mit dem Nachladen. Don Juan richtete sich halb auf. Zufrieden stellte er fest, daß sie aus dem Gefahrenbereich der Schaluppen heraus waren. Doch einen Grund zum endgültigen Aufatmen gab es noch nicht. Denn jetzt jagten sie in das Schußfeld der beiden letzten Schiffe an der Backbordflanke des Kampfverbandes.
„Volle Deckung!“ befahl Don Juan mit Donnerstimme.
Ihnen blieb nur noch, ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken. Jegliches Nachladen der Drehbassen wirkte sinnlos angesichts der schweren Stücke, deren Mündungen jetzt auf sie gerichtet waren. Ein wenig Hoffnung gab ihnen indessen die hohe Geschwindigkeit des schlanken Dreimasters.
Die Breitseite des vorletzten Kriegsschiffs, einer Galeone, röhrte mit urgewaltigem Donner los. Die Mündungsblitze erhellten die Nacht mit blutrotem Schein. Das Krachen der Drehbassen, das den Männern noch in den Ohren lag, wirkte lächerlich dünn gegen den Feuerzauber, der jetzt über sie hereinbrach.
Don Juan und seine Gefährten hielten den Atem an, als die ersten zu kurz liegenden Geschosse ins Wasser rasten und an Backbord masthohe Wassersäulen aufsteigen ließen. Sollte es tatsächlich der Fall sein, daß sie schon genügend Distanz gewonnen hatten?
Noch während sie diesen Gedanken hegten, donnerte die Breitseite der in Backbord-Schlußposition segelnden Karavelle. Und wieder rauschten die Fontänen, wie von Gigantenkräften hochgerissen. Kein Bersten und kein Splittern jedoch, das den Schiffsrumpf hätte erbeben lassen.
Noch einen Atemzug lang harrten die Männer schweigend aus. Dann sprangen sie auf und brachen in wildes Freudengebrüll aus. Auch Ramón Vigil richtete sich am Ruder auf und stimmte mit ein.
Don Juan mußte ihre verständliche Freude dämpfen, indem er nach achteraus wies.
Zwei Schaluppen hatten sich auf Verfolgungskurs gesetzt. Und es war nur noch eine Frage von Minuten, wann auch die anderen die Jagd aufnehmen würden.
Auf Don Juans Anweisung hielt Ramón Vigil den Kurs, bis sie ausreichende Distanz von den beiden am Schluß des Verbandes segelnden Karavellen hatten. Dann gab er Order, die Schebecke nach Westen abfallen zu lassen. Bei raumem Wind nahm der Dreimaster sehr schnell höhere Fahrt auf. Kurz darauf hatten Don Juans Männer abermals Anlaß zu triumphierendem Gebrüll.
Die Schaluppenbesatzungen hatten das Nachsehen. Mit den hervorragenden Segeleigenschaften der Schebecke konnten sie es nicht mehr aufnehmen. Sehr bald hatte die Dunkelheit die rot-weißen Segel verschluckt. Eine dichte Wolkendecke sorgte für fast völlige Finsternis, und die Männer unter Don Juan konnten endgültig aufatmen.
„Das hätte ins Auge gehen können“, sagte der Bootsmann, und das Blitzen seiner Zähne zeigte an, daß er grinste.
Don Juan gab Order, die Schäden zu überprüfen. Er mußte erkennen, daß es mit der Zeit der tollkühnen Raids vorbei war. Der Verband hatte sich gegen böse Überraschungen gewappnet.
3.
Im Schutz der Finsternis ließ Don Juan die Segel wegnehmen. Er brauchte Zeit und Ruhe, um sich einen Überblick über die Gefechtsschäden zu verschaffen. Kurz nachdem die Schaluppen außer Sichtweite zurückgefallen waren, hatte er nach Nordwesten angeluvt und ein beträchtliches Stück an Distanz gewonnen.
Es bestand nur eine äußerst geringe Gefahr, daß sie von den Verfolgern doch noch aufgespürt wurden. Ohnehin hatten die Schaluppenführer sicherlich Order, sich nicht zu weit vom Verband zu entfernen. Das bittere Beispiel der von der Black Queen versenkten Karavelle mußte Cubera noch in hinlänglicher Erinnerung sein.
Dennoch verzichtete Don Juan darauf, die Bordlaternen anzünden zu lassen. Es war nicht abzuschätzen, wie weit der Lichtschein bei den herrschenden Sichtverhältnissen reichen würde. Die Luft war klar, trotz des wolkenverhangenen Himmels. Dunstschleier und Nebelschwaden würden sich zweifellos erst in den frühen Morgenstunden so weit verdichten, daß sie vom Wind nicht mehr fortgetrieben werden konnten.
Gemeinsam mit dem Bootsmann untersuchte Don Juan zunächst das Achterdeck. Hier hatte es keine Schäden gegeben. Anders jedoch auf der Kuhl.
„Im Steuerbordschanzkleid haben wir drei hübsche Löcher“, sagte José Buarcos.
„Und die Nagelbank beim Großmast gibt es nicht mehr“, fügte ein anderer hinzu.
„Besser, als wenn es den Mast erwischt hätte“, sagte ein dritter.
Aus dem weiteren Bericht der Männer entnahm Don Juan, daß die vordere Verzurrung des Beiboots zerfetzt worden war, und daß die Backbordverschanzung des Vordecks ebenfalls einen Treffer empfangen hatte. In keinem Fall hatte es jedoch Einschüsse unterhalb der Wasserlinie gegeben. Überdies würden sich sämtliche Schäden in relativ kurzer Zeit mit Bordmitteln beheben lassen. Die Einsatzfähigkeit der Schebecke war nicht beeinträchtigt.
Don Juan ließ erneut die Segel setzen, und mit einer Halse nach Backbord ging der Dreimaster aus Ostkurs.
„Anders habe ich es nicht erwartet“, sagte Ramón Vigil, als sein Kapitän auf das Achterdeck zurückkehrte. „Ich bin auch der Meinung, daß wir den Burschen noch einmal kräftig einheizen sollten.“
„Wir müssen es tun“, sagte Don Juan und nickte, „daran gibt es gar keinen Zweifel. Die Frage ist nur, welche Taktik wir anwenden. Einen direkten Vorstoß können wir praktisch nicht mehr riskieren.“
„Die Kerle beim Verband passen höllisch auf. Das muß man ihnen lassen. Bleibt uns also nur ein Trick, nehme ich an. Deshalb unser neuer Kurs, nicht wahr?“
Don Juan lachte leise. Ramón Vigil bewies immer wieder, daß er nicht nur ein hervorragender Seemann und ein harter Kämpfer war. Auch seine Fähigkeit, in schwierigen Situationen klare Überlegungen anzustellen, war außergewöhnlich.
„Mir scheint, du hast mich mal wieder durchschaut.“
„Da gibt es nicht viel zu durchschauen, Señor Capitán. Der Verbandsführer denkt doch bestimmt, wir würden es nicht noch einmal wagen, von Luv her anzugreifen. Also zieht er seine Aufpasser, die Schaluppen, auf der Leeseite zusammen. Und dorthin, nach Steuerbord, werden sie auch alle stieren, weil sie uns aus der Richtung erwarten.“
„Hoffen wir, daß diese Rechnung aufgeht“, sagte Don Juan und atmete tief durch. „Wenn Cubera so taktiert, wie wir annehmen, werden wir jetzt auf der Luvseite nur noch eine Schaluppe vorfinden. Folglich tun wir genau das, womit Cubera am allerwenigsten rechnet.“
„Daher der Ostkurs“, sagte Ramón Vigil. „Wir segeln außer Sichtweite auf und setzen uns in vorliche Position. Dann brauchen wir praktisch nur noch die Lage zu peilen und loszuschlagen.“
Don Juan brummte zustimmend. Alles hörte sich so einfach an. Ob es nach dem mißglückten ersten Angriff aber diesmal klappen würde, stand in den Sternen. Immerhin war genausogut möglich, daß Cubera die umgekehrte Überlegung anstellte und eben jenen beabsichtigten Trick einkalkulierte.
Über Steuerbordbug segelnd, lief die Schebecke unterdessen beachtliche Fahrt. Nicht mehr als ein huschender Schatten, jagte der schlanke Dreimaster durch die Dunkelheit. Der Nordost füllte die rot-weißen Segel und ließ sie von Deck aus wie modelliertes Holz erscheinen. Weiße Gischtfetzen schwebten beiderseits des Bugs auf und verflüchtigten sich in der Finsternis. Die Wolkendecke war schon seit geraumer Zeit nicht mehr aufgerissen. Es war also kaum damit zu rechnen, daß sich die Sichtverhältnisse während der Nachtstunden noch besserten.
Don Juan berechnete die eigene Fahrt und die des wesentlich langsameren Verbandes und gelangte zu dem Ergebnis, daß er etwa eine Stunde vor Mitternacht eine vorliche Position zu dem Flaggschiff „San José“ erreicht haben mußte.
Eine halbe Stunde vor diesem Zeitpunkt ließ er die Schebecke nach Südosten abfallen und sichtete bald darauf die Silhouetten der Kriegsschiffe, die sich verschwommen über der Wasseroberfläche abzeichneten. Cubera hatte auf die Hecklaternen nicht verzichtet. Er konnte nicht das Risiko eingehen, daß seine Galeonen und Karavellen in der Finsternis untereinander den Anschluß verloren. Und gegen mögliche Überraschungsangriffe fühlte er sich letzten Endes durch die Schaluppen abgesichert.
Don Juan beugte sich über die Achterdecksverschanzung und spähte scharf nach Steuerbord.
„Hatten wir recht?“ rief Ramón Vigil mit unterdrückter Stimme und voller Spannung.
Erst nach einigen Minuten hatte Don Juan Gewißheit.
„Tatsächlich“, sagte er erleichtert, „nur eine Schaluppe auf der Backbordseite des Verbandes.“
Die Männer auf dem Hauptdeck hörten es ebenfalls, und augenblicklich spannte sich ihre Haltung an. Sie wußten, daß die Aufgabe diesmal erfüllt werden mußte. Denn alle waren fest entschlossen, das Ziel zu erreichen, das sie sich gemeinsam mit ihrem Kapitän gesetzt hatten.
Eine Stunde vor Mitternacht gab Don Juan den Befehl zum Angriff. Von Nordosten her stieß die Schebecke platt vor dem Wind auf den Verband zu.
Noch war alles ruhig. Auch war die Entfernung noch so groß, daß man die rot-weißen Segel nur mit äußerster Anstrengung bemerkt hätte. Überdies schien es sich tatsächlich so zu verhalten, daß die Ausgucks der Kriegsschiffe ihre Aufmerksamkeit weisungsgemäß nach Steuerbord richteten. Von dort erwarteten sie den nächsten Angriff.
Sie sollten ihr blaues Wunder erleben. Dieser feste Wille beseelte jeden einzelnen Mann an Bord der Schebecke. Diesmal würde der überraschende Vorstoß gelingen, und Cuberas Leute würden sich mit einem neuen Ruderschaden herumplagen müssen, ehe sie überhaupt wußten, wie ihnen geschah.
Mit angespannten Muskeln standen Don Juan und seine Männer hinter den Drehbassen. Ihre Sinne konzentrierten sich ganz auf das, was vor ihnen lag.
So bemerkten sie nicht sofort die leisen, klatschenden Geräusche. Erst als die großen Regentropfen auf ihre Kleidung fielen, wurden sie aufmerksam. Sie hoben den Kopf, blinzelten unwillig zum tief schwarz verhangenen Himmel und fanden nicht einmal mehr Zeit, einen Fluch auszustoßen.
In Sekundenschnelle wurde das vereinzelte Klatschen der Regentropfen zu einem regelrechten Trommelfeuer. Dann, einen Atemzug später, öffnete der Himmel sämtliche Schleusen.
Wie aus Riesenkübeln rauschte es herab. Von einer Minute zur anderen war die Schebecke von einem undurchdringlichen Regenvorhang umgeben. Schlagartig schmolz die Sichtweite zusammen und verurteilte die Männer zur Blindheit.
Ihnen blieb nichts anderes übrig, als die Läufe der Drehbassen nach vorn abzukippen, damit das Wasser wenigstens nicht in die Rohre lief. Eilends wirbelten sie herum. Aber es war bereits zu spät, die Kohlebecken noch zu retten. Zischend erlosch die Glut der Holzkohle unter dem mit fingerdicken Strängen niederströmenden Regen. Es prasselte und rauschte, und auf den Decksplanken entstand ein Feld von kleinen weißen Fontänen.
Im Handumdrehen waren die Männer bis auf die Haut durchnäßt.
„Schafft das Pulver ins Trockene!“ brüllte Don Juan und packte selbst das Fäßchen, das unter seiner Drehbasse auf den Achterdecksplanken stand.
Auf dem Hauptdeck hatten die Männer bereits mit der so wichtigen Arbeit begonnen. Schwarzpulver war ein hochexplosives Zeug, solange es knochentrocken blieb. Aber schon das geringste bißchen Feuchtigkeit genügte, um es in eine nutzlose Masse zu verwandeln. Statt feuchten Pulvers hätte man ebensogut eine Handvoll Sand in die Drehbassenrohre füllen können. Der Effekt wäre der gleiche gewesen: absolut keine Wirkung.
Voller Eile hatten die Männer eine Kette gebildet, und von Hand zu Hand wanderten die Pulverfässer unter Deck. Zwar waren die kleinen Fässer mit ihren Holzdeckeln lose verschlossen gewesen, doch es bestand die Gefahr, daß der Platzregen stellenweise durchgedrungen war. Man würde sich später darum kümmern müssen, eine möglicherweise feuchte Pulverschicht aus jedem einzelnen Faß abzutragen.
Vorerst war es aus mit der Gefechtsbereitschaft. Keinen einzigen Schuß konnte man abfeuern, denn es schüttete und schüttete, als wollten sich Himmel und Meer zu einer alles ertränkenden Flut vereinen.
Fluchend hastete Don Juan zurück auf das Achterdeck. Daß ihm die Naturgewalten einen Strich durch die Rechnung zogen, war mehr als teuflisch. Eine abergläubische Seele konnte annehmen, daß die Schicksalskräfte auf der Seite des spanischen Kampfverbandes standen.
Triefend und vom Regenstrom eingehüllt, stand Ramón Vigil wie ein Baum hinter dem Ruder.
„Jetzt fehlt nur noch, daß uns so eine verdammte Galeone in den Grund rammt!“ rief der Bootsmann. „Wenn man wenigstens bis über den Bug hinaus sehen könnte, wäre mir wohler. Soll ich etwa den Kurs halten, Señor Capitán?“
Don Juan überlegte keine Sekunde lang. Alles war sinnlos geworden. Auf dem jetzigen Kurs zu bleiben, war gleichbedeutend mit Selbstmord.
Kurzerhand befahl er Südostkurs. Diese Entscheidung barg das geringste Risiko. Die Gefahr einer Kollision war ausgeschlossen, und gleichzeitig hielt man Fühlung mit dem Verband.
Ein ungutes Gefühl in der Magengegend konnte Don Juan dennoch nicht abschütteln, als der Dreimaster auf dem neuen Kurs lag. Der wolkenbruchartige Regen schien kein Ende nehmen zu wollen. Die Sichtweite blieb unverändert miserabel, und alles in allem war es, wie durch ein Meer von Watte zu segeln.
Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als der Regen so plötzlich aufhörte, wie er begonnen hatte.
Die Männer an Bord der Schebecke hatten das Gefühl, als würde der Vorhang ringsherum mit einem Ruck hochgezogen.
Vor ihnen tauchte ein mattgelber Lichtkreis aus der Dunkelheit auf.
Don Juan und seinen Gefährten gefror das Blut in den Adern.
Das Licht erhellte Teile des reichverzierten Achterkastells einer spanischen Kriegsgaleone. Und in erschreckender Deutlichkeit prangte dort oben der Schriftzug: „San José“.
„Hölle und Teufel!“ rief einer der Männer auf der Kuhl verhalten. „Wir sitzen mittendrin in dem verdammten Verband!“
Don Juan hatte seine Fassungslosigkeit überwunden und sah sich blitzschnell nach allen Seiten um.
In der Tat. Weniger als dreißig Yards vor ihnen segelte das Flaggschiff. Und an Backbord und Steuerbord befanden sich jeweils vier in Kiellinie segelnde Galeonen und Karavellen. Das Gefühl keimte auf, jeden Moment von dem Verband wie eine Laus zerquetscht zu werden.
Dem Schreck und der Überraschung folgte nüchterne Überlegtheit.
Himmel, dachte Don Juan grimmig, wenn man jetzt schießen könnte! Zum Greifen nahe sahen sie die Ruderanlage der „San José“ vor sich. Eine bessere Schußposition hätten sie sich niemals wünschen können. Doch es war ausgeschlossen, daran auch nur zu denken. In der Zeit, in der man trockenes Pulver an Deck geschafft und die Geschütze klariert hatte, würden die Geschütz-Crews auf den Kriegsschiffen ebenfalls Gefechtsbereitschaft hergestellt haben. Dabei war noch nicht einmal das Risiko einkalkuliert, daß man unter Umständen doch Pulver erwischte, das nicht völlig trocken war. Und dann, wenn es unter Umständen einen Versager nach dem anderen gab, war man dem Gegner praktisch wehrlos ausgeliefert.
Nein, der einzige Ausweg bestand darin, schleunigst den Schwanz einzuziehen und von der Bildfläche zu verschwinden.
Auch auf den Galeonen und Karavellen waren sie inzwischen wach geworden und hatten den Eindringling mit seinen rot-weiß gestreiften Segeln entdeckt. Wahrscheinlich war ihnen der Schreck genauso in die Knochen gefahren wie den Männern auf der Schebecke. Denn das Vorhandensein des Dreimasters zeugte immerhin von der Tatsache, wie wenig es auch den Besatzungen der Kriegsschiffe während des Regens möglich gewesen war, ihre unmittelbare Umgebung unter Kontrolle zu halten.
Gesichter tauchten über der Heckbalustrade der „San José“ auf. Auf den Galeonen und Karavellen entstand Wuhling. Gestikulierend und brüllend rannten Soldaten, Decksleute und Offiziere hin und her.
Auf Don Juans Befehl ließ Ramón Vigil die Schebecke abfallen. Dann, in der Halse, krängte der Dreimaster hart nach Backbord. Auf Gegenkurs liegend, gewann die Schebecke jedoch rasch wieder an Fahrt.
Die Kapitäne der am Schluß segelnden Karavellen hatten keine Chance mehr, den Fluchtweg zu versperren. Mit ihren vergleichsweise schwerfälligen Schiffen waren sie nicht in der Lage, ein solches Manöver noch rechtzeitig einzuleiten. Und die Schaluppenführer an der Leeseite hatten offenbar noch gar nicht begriffen, was sich abspielte.
Hinter den Verschanzungen der Kriegsschiffe tauchten Soldaten auf, die Musketen in Anschlag brachten.
Reflexartig gingen Don Juan und seine Gefährten in Deckung, während die Schebecke nur noch wenige Yards von der offenen See achteraus entfernt war.
Aber die Feuchtigkeit, die nach dem Wolkenbruch noch immer in der Luft hing, tat das ihre. Reihenweise schlugen die Flints auf den Reibstahl und verursachten nicht mehr als ein trockenes Klicken. Das empfindliche Zündkraut in den Pulverpfannen der Musketen reagierte nicht auf die schwachen Funken. Kein einziger Schuß fiel.
Augenblicke später war die Schebecke bereits achtern in der Dunkelheit verschwunden.
Schon nach einer halben Stunde setzte ein erneuter Platzregen ein, der wie mit verbissener Wut auf die Decksplanken prasselte. Der Dreimaster hatte nach Nordosten hin aufgekreuzt und lag nun wieder auf Südostkurs. Trotz der Blindheit, zu der sie alle verurteilt waren, hatte Don Juan immerhin die Hoffnung, den Anschluß an den Kampfverband nicht zu verlieren.
Die Zeit verstrich in quälender Monotonie. Der Regen schien nicht enden zu wollen. Das Gefühl, durch diese elende, strähnige Watte zu segeln, schlug sich auch auf die Stimmung der Männer nieder. Damit sie nicht vollends in Untätigkeit verharren mußten, gab Don Juan Order, die klatschnassen Drehbassenrohre aus den Lafetten zu nehmen und unter Deck zu schaffen. José Buarcos, Jorge Matteo und zwei weitere Männer aus der Stamm-Crew begannen damit, die Rohre zu entladen und dann gründlich zu trocknen. Wenn sie zügig arbeiteten, konnten sie die Gefechtsbereitschaft wieder herstellen, sobald der Regen aufgehört hatte.
Es erwies sich als ein Trugschluß. Der Regen legte nur eine kurze Atempause ein, und dann rauschte es von neuem wie aus Mordskübeln auf die Schebecke nieder. Als wollte die Natur ein boshaftes Spiel mit den einsamen Männern auf dem Dreimaster treiben, hielt der Schüttregen mit Unterbrechungen bis zum Morgen an.
Doch die frühen Stunden des 23. Juli bescherten Don Juan und seinen Gefährten keineswegs Besserung. Das erste Grau, das über der östlichen Kimm heraufzog, verhüllte sich sehr bald mit einem milchigen Schleier.
Wie zum Hohn versiegte zwar der Regen endgültig, doch statt dessen breiteten sich Nebelschwaden aus, die sich zunehmend verdichteten. Bald darauf rauschte die Schebecke durch eine hellere Art von Watte, die noch viel weniger Sicht erlaubte als der vorangegangene Wolkenbruch. Vom Achterdeck aus konnte Don Juan nicht einmal mehr den Bugspriet erkennen.
Er war geneigt, diese letzte Nacht zu verfluchen. Und ob der neue Tag eine Aussicht auf Erfolg brachte, war in noch höherem Maße zu bezweifeln. Alles schien sich gegen den Bund der Korsaren verschworen zu haben. Wie es aussah, hatte sich das Glück offenbar auf die Seite von Don Antonio de Quintanilla geschlagen.
Don Juan beschloß, den Südostkurs vorerst beizubehalten. Solange der undurchdringliche Nebel anhielt, hatte er kaum eine andere Wahl. Ein zweites Mal sollte es ihm nicht passieren, dem spanischen Kampfverband aus Mangel an Sicht zu nahe zu geraten.
Die Männer hatten während der Nachtstunden praktisch kein Auge zugetan. Anfangs war es die völlig durchnäßte Kleidung gewesen, die ihnen keinen Schlaf erlaubt hatte. Dann, nach dem Klarieren der Geschützrohre, hatten sie sich wieder in ständiger Gefechtsbereitschaft befunden. Ihr nasses Zeug hatten sie inzwischen gegen trockene Sachen ausgewechselt.
Aus dem Rauchrohr der kleinen Kombüse quollen schwarzgraue Wölkchen, die vom Nebel aufgesogen wurden. Zwei von Ramón Vigils Gefährten hatten das Kochfeuer angefacht und brutzelten getrockneten Speck mit Bohnen, Dörrfleischbrocken und scharfen Gewürzen. Das Ganze war bestens geeignet, die Männer im Handumdrehen wieder aufzumuntern.
Nach der frühmorgendlichen Mahlzeit begannen sie auf Don Juans Anweisung damit, die Gefechtsschäden auszubessern. Hammerschläge und das Kreischen der Sägen klangen dumpf im Nebel.
Stunden vergingen, bis sich die Nebelschwaden auflösten – allmählich, wie zögernd. Die Sonne stand bereits hoch im Südosten, als ihre ersten Strahlen bis auf die Wasseroberfläche durchbrachen. Und bald darauf schien die Natur wiedergutmachen zu wollen, was sie den Männern auf See in der vergangenen Nacht an Verdruß bereitet hatte.
Wolkenlos und azurblau dehnte sich der Himmel über der Karibik, als hätte es die Regengüsse der zurückliegenden Stunden nie gegeben. Nach wie vor wehte ein handiger Nordost und verlieh der Schebecke rauschende Fahrt bei halbem Wind.
In den späten Vormittagsstunden hatten die Männer ihre Reparaturarbeiten beendet. Die Drehbassenrohre wurden wieder in die Gabellafetten gehängt. Auch die Pulvervorräte waren untersucht worden. Vorsorglich hatte man jene Fäßchen ausgesondert, bei denen der Verdacht auf Feuchtigkeit bestand.
Don Juan konnte nicht von sich behaupten, in guter Stimmung zu sein. Nach allen Anstrengungen – zuerst gemeinsam mit Arne von Manteuffel und dann allein – hatte er nicht das Gefühl, etwas Wesentliches ausgerichtet zu haben. Zwar hatte es für den Kampfverband eine gewisse Verzögerung gegeben, aber das war nicht einmal alleiniges Verdienst der Störangriffe durch die Schebecke. Don Juan brauchte in diesem Zusammenhang nur an den Badewannen-Aufenthalt des Verbandes in Cardenas denken. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie Capitán Cubera diesem Zeitverlust nur zähneknirschend zugestimmt hatte.
Wie erwartet, gab es nirgendwo auch nur das geringste Anzeichen von Mastspitzen über der Kimm. Don Juan hatte zwei Männer als Ausgucks eingesetzt und mit Spektiven ausgerüstet. Ihre vordringliche Aufgabe bestand darin, den Voraussektor abzusuchen. Nach dem Mißerfolg der letzten Nacht sah Don Juan sein wichtigstes Ziel darin, nunmehr vorauszusegeln und die Schiffe des Bundes der Korsaren vor dem anrückenden Kampfverband aus Havanna zu warnen.
Daß achteraus kein Schiff zu erspähen war, erschien nur logisch. Mit ihrer wesentlich höheren Fahrt hatte die Schebecke den Verband schon in den frühen Morgenstunden hinter sich gelassen.
Doch Stunde um Stunde verrann, und die südöstliche Kimm blieb wie leergefegt.
Don Juan verspürte zunehmende Nervosität, irgend etwas stimmte nicht. Er begab sich in seine Kammer, um seine Berechnungen noch einmal zu überprüfen. Doch das Ergebnis blieb unverändert. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte – normalerweise mußten die Schiffe des Bundes längst in Sicht sein.
Nachdenklich begab er sich zurück auf das Achterdeck. Ramón Vigil wußte, woher der verschlossene Gesichtsausdruck seines Kapitäns rührte.
„Sieht so aus, als ob alles schiefgegangen sei“, sagte der Bootsmann. „Wenn Sie mich fragen, ist der verdammte Nebel schuld daran.“
Don Juan zog die Schultern hoch.
„Vielleicht haben Killigrews Schiffe eine Auffangposition bezogen, die weniger weit westlich der Schlangen-Insel liegt. Aber das würde allem widersprechen, was ich weiß. Die Taktik des Bundes der Korsaren müßte es sein, den Gegner möglichst weit von der Insel entfernt zu stellen. Nur dadurch könnte der Verband daran gehindert werden, sein Ziel zu erreichen.“
Ramón Vigil blickte Don Juan einen Moment schweigend an und schien zu zögern.
„Ich möchte mich nicht als Besserwisser aufspielen“, sagte er schließlich, „aber ich könnte mir vorstellen, daß der Verband und die Schiffe des Bundes im Frühnebel aneinander vorbeigesegelt sind.“
Don Juan sah den Bootsmann verblüfft an. Er mußte zugeben, daß er an diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht hatte. Hölle und Teufel, wenn Ramón recht hatte, ergaben sich völlig neue Konsequenzen!
Schlagartig wurde ihm klar, was das bedeutete.
Von Stunde zu Stunde entfernten sich die beiden Verbände immer mehr voneinander. Irgendwann würde dann ein Zeitpunkt erreicht sein, an dem es für die Schiffe des Bundes unmöglich war, den spanischen Verband noch einzuholen. Das wiederum bedeutete allergrößte Gefahr für die Schlangen-Insel, die den Angreifern in einem solchen Fall ohne den Schutz ihrer Flotte ausgeliefert war.
„Ich befürchte, du könntest recht haben“, sagte Don Juan gedehnt. Er zog die Augenbrauen zusammen. „Natürlich habe ich den Nebel in meine Berechnungen nicht einbezogen. In der Tat kann dadurch alles hinfällig geworden sein. Du brauchst also nicht zu denken, daß ich dich für einen Besserwisser halte.“
Ramón Vigil lächelte.
„Ich habe daran gedacht, als wir plötzlich mitten in den Verband geraten sind, ohne daß wir es wußten. Wenn allein schon der Schüttregen zu so einem Irrtum geführt hat, können doch die beiden Verbände im Nebel regelrecht aneinander vorbeigegeistert sein.“
Don Juan nickte und preßte die Lippen zusammen.
„Immer vorausgesetzt, daß du recht hast: Cuberas Verband dürfte bereits einen Vorsprung von einem Vormittag haben. Jetzt ist es Mittag, und der Vorsprung wird immer größer. Ist dir klar, daß wir in einer verteufelten Zwickmühle sitzen?“
„Allerdings“, erwiderte der Bootsmann. „Sollen wir weitersegeln oder umkehren? Ehrlich gesagt, ich beneide Sie nicht um die Entscheidung.“
Don Juan nickte abermals. Innerlich rang er mit sich selbst.
Wenn er jetzt weiter auf Südostkurs segelte, und die beiden Verbände hatten sich wirklich im Nebel verfehlt, dann arbeitete die Zeit für die Spanier und gegen den Bund der Korsaren. Das Ergebnis würde eine Katastrophe sein, ein mörderisches Gemetzel auf der Schlangen-Insel. Die Ausmaße, die dieses Blutvergießen annehmen würde, waren geradezu unvorstellbar.
Wenn er aber auf Gegenkurs ging, und die gegnerischen Verbände hatten sich im Nebel nicht verfehlt, dann mußten die Schiffe des Seewolfs und seiner Gefährten ohne jegliche Vorwarnung auf die Spanier stoßen.
Letzteres ist das kleinere Übel, sagte sich Don Juan nach gründlichem Nachdenken. Und eben dies erleichterte ihm die Entscheidung.
„Ramón“, sagte er entschlossen, „wir segeln zurück. Kurs Nordwest.“
4.
Eine Ruhe von fast unnatürlicher Art herrschte auf den Decks der „Isabella“. Kaum anders ging es auf den fünf übrigen Schiffen des Bundes der Korsaren zu. Seit den Nachtstunden hatten sich die Männer in ständiger Gefechtsbereitschaft befunden, und fortwährend hatten sie damit gerechnet, daß es mit der Anspannung endlich vorbei sein würde.
Aber buchstäblich nichts war geschehen. Als sich der Nebel nach einer quälenden Ewigkeit gelichtet hatte, hatte ihnen die Sonne zwar ein Bilderbuchwetter beschert. Aber von den Dons, mit denen man immer noch rechnete, zeigte sich nicht einmal das Tüpfelchen einer Mastspitze.
So blieb nicht aus, daß die Männer wortkarg wurden, um ihre wachsende Gereiztheit nicht zu zeigen. Gespräche wollten nicht mehr aufkeimen. Unablässig starrten die Männer über die Verschanzungen und erblickten doch nichts anderes als die endlose Weite mit ihrem leuchtenden karibischen Blau und den dünnen weißen Schaumkronen, die wie symmetrisch gezogene Linien eines unsichtbaren Malers erschienen.
Auf der „Isabella“ stapfte Edwin Carberry rastlos über die Planken der Kuhl. Entgegen seinen Gewohnheiten gab er in diesen Mittagsstunden des 23. Juli nichts Lautstarkes von sich. Statt dessen brummte er bisweilen ein gepreßtes „Himmel, Arsch …“ vor sich hin, fluchte halblaut auf die „elende Lausebande“, mit der nur die Spanier gemeint sein konnten, und blieb von Zeit zu Zeit stehen, reckte sein Rammkinn vor und starrte mit mißmutigem Narbengesicht über die öde Leere der See.
Aber selbst die inbrünstigsten Verwünschungen bewirkten keine Besserung. Es blieb wie verhext. Kein spanischer Kampfverband kam in Sicht.
Dan O’Flynn hatte sich auf seinem Posten als Ausguck im Vormars vorübergehend von Bill ablösen lassen. Von allen Arwenacks verfügte Dan noch immer über die schärfsten Augen, und angesichts des Ernstes der Lage hatte er Hasard am frühen Morgen gebeten, seine alte Funktion wieder aufnehmen zu dürfen. Der Seewolf hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Natürlich war auch auf die übrigen Ausgucks der „Isabella“ Verlaß, doch Dan vollbrachte mit seiner außergewöhnlichen Sehkraft überdurchschnittliche Leistungen.
Nach dem stundenlangen Ausharren im Vormars hielt es Dan O’Flynn nun nicht mehr aus. Er mußte einfach die Gedanken loswerden, die sich bei ihm aufgestaut hatten. Mit langen, federnden Schritten eilte er über die Kuhl, vorbei an den Männern, die angesichts der plötzlichen Hast in ihrer dumpfen Monotonie stutzten. Verblüfft schauten sie ihm nach, wie er mit einem Satz über den Steuerbord-Niedergang zum Achterdeck aufenterte.
„So geht das nicht weiter“, sagte er ohne Einleitung, indem er sich vor Hasard und Ben Brighton aufbaute. „Seit Stunden tut sich überhaupt nichts. Dabei müßten wir längst im schönsten Feuerzauber stecken.“
„Freu dich nur nicht zu früh“, entgegnete der Erste Offizier der „Isabella“ trocken, „den Schlamassel wirst du noch rechtzeitig genug erleben.“
Dans Kopf ruckte herum, und er sah Ben Brighton funkelnd an.
„Woher willst du wissen, daß ich das Gegenteil von dem gemeint habe, was ich sagte?“
„Kein Mensch kann sich im Ernst ein Seegefecht herbeiwünschen.“
„Das wollte ich damit auch nicht sagen“, erwiderte Dan. „Diese Tatenlosigkeit ist schlimmer, als endlich Gewißheit zu haben. Außerdem geht es ja wohl darum, daß wir die Schlangen-Insel wirksam abschirmen, nicht wahr?“
Ben Brighton nickte, scheinbar gelassen.
„Gut. Dann drück dich nächstes Mal bitte so aus, daß man nicht um drei Ecken denken muß, um es zu verstehen.“
Dan O’Flynn wollte aufbrausen, aber der Seewolf griff mit einer beschwichtigenden Handbewegung ein.
„Es reicht jetzt“, sagte er energisch. „Gegen ein bißchen Wortgeplänkel ist nichts einzuwenden. Wenn es hilft, der Nervosität Luft zu verschaffen, ist es gut. Aber wir sollten es nicht übertreiben.“ Er wandte sich Dan O’Flynn zu. „Was glaubst du, über was Ben und ich uns die ganze Zeit den Kopf zerbrechen?“
„Ist mir schon klar“, entgegnete Dan und preßte für einen Moment die Lippen aufeinander. Mit einer ausladenden Geste deutete er auf die übrigen Schiffe des Verbandes, die in fächerförmiger Formation segelten. „Auch da drüben gibt es kein anderes Thema.“
Hasard und Ben konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Besonders augenfällig war die Behandlung des „Themas“ auf dem Schwarzen Segler. Auf dem Achterdeck thronte Thorfin Njal in seinem Sesselchen, und in beinahe regelmäßigen Abständen durchbrach sein Gebrüll die Stille, wenn er vom Ausguck wissen wollte, ob nicht endlich etwas zu sehen sei.
Auf der „Le Vengeur“ war Jean Ribault sogar selbst in den Vormars gestiegen, um mit dem Spektiv nach Westen und Nordwesten die Lage zu peilen. Und nicht minder aufmerksam waren die Ausgucks der „Pommern“, der „Tortuga“ und der „Caribian Queen“.
„Also heraus damit“, forderte der Seewolf, „welche Lösung des Problems hast du oben im Mars ausgebrütet?“
Dan lächelte kaum merklich.
„Vielleicht ist es tatsächlich eine Lösung. Weiß der Teufel, aber dieser verdammte Nebel von heute morgen hat mir immer mehr zu denken gegeben. Was ist, wenn wir den spanischen Verband in der Milchsuppe einfach verpaßt haben?“
Hasard und Ben Brighton wechselten einen Blick. Diese Möglichkeit hatten auch sie schon erwogen. Aber sie hatten sich mit einem solchen Gedanken noch nicht abfinden können.
„Wenn es so wäre“, erwiderte Hasard gedehnt, „dann hätten die Spanier eine Menge Vorteile auf ihrer Seite.“
„Ja, die Dons wären verdammt fein raus“, sagte Dan grimmig, „und mit jeder Meile, die wir uns voneinander entfernen, könnten sie mehr frohlocken. Kurz gesagt: Die Dons hätten längst in Sicht sein müssen. Aber sie sind’s nicht. Also? Wenn wir nicht bis nach Havanna durchsegeln wollen, sollten wir schleunigst umkehren.“
Hasard nickte bedächtig, und auch Ben Brighton wurde nachdenklich. Wenn es sich tatsächlich so verhielt, wie Dan andeutete, dann waren sie im Begriff, einen verhängnisvollen Fehler zu begehen.
Wie Dan den Platz im Vormars hatte auch Pete Ballie schon vor Stunden den Posten des Gefechtsrudergängers übernommen – in Erwartung der Auseinandersetzung, die längst überfällig war. Mit Fäusten so groß wie Ankerklüsen legte Pete Ruder, als Hasard Order gab, zwei Strich abzufallen und zu der an Backbord segelnden „Caribian Queen“ aufzuschließen.
Dan O’Flynns klare, von Wenn und Aber ungetrübten Überlegungen hatten für den Seewolf den Ausschlag gegeben. Ihm selbst war die Angelegenheit schon seit geraumer Zeit nicht mehr geheuer. Es mußte eine Entscheidung getroffen werden. Auf der Stelle.
Auf dem Achterdeck der „Caribian Queen“ leuchtete die rote Bluse Siri-Tongs über der Verschanzung, als sich die „Isabella“ heranschob und in Rufweite auf Parallelkurs ging.
„Kann sein, daß wir die Spanier im Nebel verfehlt haben!“ rief der Seewolf. „Was hältst du davon, wenn wir auf Gegenkurs gehen?“
Die Rote Korsarin antwortete ohne Zögern.
„Am besten sofort, Hasard. Ich bin dafür.“
Er hob die Hand und signalisierte damit, daß er verstanden hatte. Siri-Tongs Ansicht kannte er ohnehin bereits. Nach ihren Berechnungen hätten sie schon gestern auf den Gegner stoßen müssen, wenn nicht sogar noch früher. Was sich abgespielt hatte, war in höchstem Maße rätselhaft. Für einen Kampfverband konnte es Verzögerungen unterschiedlicher Art geben, soviel war klar. Andererseits aber würde sich ein zu allem entschlossener Verbandsführer bestenfalls von einer Flaute aufhalten lassen. Und die hatte es bei den derzeitigen Wetterbedingungen nicht gegeben.
Hasard ließ wieder anluven und hatte sich bald darauf auch mit den übrigen Kapitänen verständigt.
Jean Ribault war ebenfalls sofort einverstanden, auf Gegenkurs zu gehen. Jerry Reeves stimmte nach kurzem Überlegen zu, und Oliver O’Brien gab zu verstehen, daß man seiner Meinung nach schon am frühen Morgen hätte umkehren sollen. Thorfin Njal fluchte über die „dämlichen Torfköppe aus Havanna, diese Blindfische, die wohl dicke Klüsen vom vielen Rotwein hatten, daß sie einen Verband von sechs ausgewachsenen Galeonen glatt übersahen“. Von der umgekehrten Rechnung erwähnte Thorfin nichts, aber Hasard wertete sein Gebrüll als eindeutiges Ja zum Gegenkurs.
Eine Viertelstunde später war die gemeinsame Entscheidung in die Tat umgesetzt. Jeder Fetzen Tuch war gesetzt worden, und die sechs Schiffe des Bundes der Korsaren lagen auf Südostkurs.
Der Seewolf und seine Gefährten hatten beschlossen, alles an Fahrt herauszuholen, was nur möglich war. Daraus folgerte naturgemäß, daß sich ihre, geschlossene Formation auflösen mußte. Eins stand jedoch fest: Derjenige, der als erster auf den spanischen Verband stieß, würde unverzüglich angreifen und die Dons beschäftigen, damit die Freunde aufschließen konnten.
Schon sehr bald war es die „Pommern“, die deutlich zurückfiel. Oliver O’Brien und die Mitglieder der Crew Arne von Manteuffels wußten, daß sie gegenüber den übrigen Schiffen des Bundes in puncto Geschwindigkeit benachteiligt waren. Denn bei der zum deutschen Handelssegler umgebauten „Pommern“ handelte es sich um die ehemalige spanische Perlen-Galeone „Santa Clara“. Und die Spanier mußten seit einigen Jahren neidvoll zusehen, wie sie von den Engländern im Schiffbau immer mehr übertrumpft wurden.
Der alte Ramsgate hatte dafür auf seiner Werft in Plymouth ein leuchtendes Beispiel gegeben. Die Schiffe, die nach seinen Konstruktionsplänen gebaut worden waren, suchten auf den Weltmeeren ihresgleichen. Indessen waren es die Mißachtung seiner Leistungen und die gegen ihn gesponnenen Intrigen gewesen, die Hesekiel Ramsgate veranlaßt hatten, sich dem Bund der Korsaren anzuschließen und England den Rücken zu kehren.
Einen augenfälligen Beweis für die Genialität des Schiffsbaumeisters aus Plymouth lieferten in diesen Mittagsstunden des 23. Juli denn auch die „Isabella“, die „Le Vengeur“ und die „Tortuga“. Mit schäumender Bugwelle setzten sie sich von den übrigen Schiffen des Verbandes ab und gewannen einen beträchtlichen Vorsprung. Fast Bord an Bord mit der „Isabella“ segelte die „Le Vengeur“, gefolgt von ihrem Schwesternschiff „Tortuga“ unter dem Kommando von Jerry Reeves.
Damals in Bristol hatten es sich Jerry und seine Freunde nicht träumen lassen, daß sie einmal als Gefährten des Seewolfs ein neues Leben in der Karibik führen würden. Doch Hasard hatte ihre gute Zusammenarbeit beim Einsatz in der Bretagne nicht vergessen. So war es nur logisch gewesen, Jerry Reeves und die übrigen Männer in Bristol aufzustöbern und als Besatzung für die „Tortuga“ zu verpflichten. Jean Ribault, der auf der Werft des alten Ramsgate den Bau der „Le Vengeur“ und ihres Schwesternschiffs überwacht hatte, war mit dieser Regelung sofort einverstanden gewesen.
Schon damals, als das neue Domizil in der Karibik zunächst nur in ihren Planungen bestanden hatte, waren sich Philip Hasard Killigrew und seine Gefährten über eines im klaren gewesen: Den künftigen Lebensraum im Bereich der Schlangen-Insel würden sie gegen die schlimmsten Anfeindungen verteidigen müssen. Denn zu groß waren die Machtbestrebungen von spanischer und teilweise auch von englischer Seite, die sich gegen ihre Auffassung von Freiheit und Brüderlichkeit richteten.
Manch einer der Männer dachte heute an jene Anfänge im nebelverhangenen England zurück. Und stets hatten sie mit tödlichen Bedrohungen gerechnet, seit sie sich auf der Schlangen-Insel niedergelassen hatten. Die schlimmste Gefahr jedoch, die ihrer neuen Heimat jemals gedroht hatte, bestand in Form des spanischen Kampfverbandes aus Havanna. Das Geheimnis um die Schlangen-Insel war von der Black Queen aus Haß und Rachsucht verraten worden. Und dem Bund der Korsaren stand die größte Bewährungsprobe seit seiner Gründung bevor.
Im Verlauf der frühen Nachmittagsstunden vergrößerte sich der Vorsprung der drei Ramsgate-Schiffe zum Schwarzen Segler Thorfin Njals und auch zu Siri-Tongs „Caribian Queen“ immer mehr. Schließlich waren von den beiden letzteren nur noch die Mastspitzen an der nordwestlichen Kimm zu sehen.
Dan O’Flynn hatte wieder seinen Platz im Vormars eingenommen, und jeder einzelne Mann an Bord der „Isabella“ fieberte dem Moment entgegen, in dem Dans vertraute Stimme endlich das „Feind in Sicht“ melden würde.
Es war gegen 16 Uhr, als der Ruf des Ausgucks die Arwenacks aus ihren Gedanken aufschrecken ließ. Etliche hasteten los und wollten sich reflexartig auf Gefechtsstation begeben. Doch im nächsten Moment begriffen sie, daß Dans Beobachtung nicht das geringste mit dem spanischen Kampfverband zu tun hatte.
„Deck! Backbord voraus rot-weiß gestreifte Segel!“ Den letzten Worten gab Dan eine besondere Betonung, und mehr brauchte er nicht hinzuzufügen.
Hasard und Ben Brighton eilten an die Achterdecksverschanzung und setzten die Spektive an die Augen. In der Tat zeichnete sich der dreimastige Segler bereits deutlich in der Optik ab. Über Backbordbug rauschte das schlanke Schiff mit hoher Fahrt heran, und es bestand kein Zweifel, daß man die „Isabella“ ebenfalls bereits gesichtet hatte.
Die Geschehnisse von Great Abaco waren allen Arwenacks noch in bester Erinnerung. Dort war der Algerier Mubarak mit seiner Schebecke aufgetaucht, und Ramón Vigil und seine Mannen hatten es nach haarsträubenden Verwirrungen schließlich geschafft, den Dreimaster zu erobern. Erst kurz zuvor war Don Juan de Alcazar an Bord der „Isabella“ gesundgepflegt worden. Es war eine von mehreren Gelegenheiten gewesen, bei denen Hasard dem Spanier durch sein Verhalten Rätsel aufgegeben hatte.
Die Zeit des beiderseitigen Rätselratens war nun aber endgültig vorbei. Erst vor wenigen Tagen war Old Donegal Daniel O’Flynn mit seiner „Empress“ der Schebecke begegnet. Arne, der sich zu jenem Zeitpunkt noch an Bord des Dreimasters befunden hatte, war gezwungen gewesen, Farbe zu bekennen. Und so hatten der alte O’Flynn und die anderen miterlebt, wie sich Don Juan vom Sonderbevollmächtigten der spanischen Krone zum Verbündeten des Bundes der Korsaren gewandelt hatte.
„Der scheint es aber mächtig eilig zu haben“, murmelte Ben Brighton, nachdem sie die heranjagende Schebecke eine Weile beobachtet hatten.
Deutlich waren mittlerweile die Männer an Bord des schlanken Dreimasters zu erkennen. Und auf dem Achterdeck sah Hasard den hochgewachsenen Spanier, wie er mit rudernden Armbewegungen winkte.
Trotz des Ernstes der allgemeinen Situation konnte sich der Seewolf eines Lächelns nicht erwehren. Wie grundlegend hatten sich die Dinge doch geändert! Die Begegnungen, die er mit Don Juan bereits gehabt hatte, waren letztlich stets von unverhohlener Feindschaft geprägt gewesen. Dennoch hatten sie sich bei diesen Anlässen zu achten gelernt. Die Ritterlichkeit, die sie gleichermaßen auszeichnete, und ihr Gedankengut, in dem es viele Parallelen gab, hatten schließlich dazu geführt, daß sie sich gegenseitig immer mehr respektierten. Den entscheidenden Einfluß auf Don Juans sich neu entwickelndes Bewußtsein mußten jedoch die Geschehnisse in Havanna und Arne von Manteuffels Mitwirkung gehabt haben.
Wenig später war die Schebecke heran. Geschickt wurde der Dreimaster auf die Backbordseite der „Isabella“ gesteuert, und Don Juan schwang sich an einem Fall behende herüber.
Die Arwenacks auf der Kuhl und auf dem Vordeck begrüßten den neuen Verbündeten mit begeistertem Beifallsgebrüll. Ed Carberry war es, der Don Juan auffing, als dieser das Fall losließ, und der Profos der „Isabella“ grinste dabei über die ganze Breite seines Narbengesichts.
Don Juan reagierte nicht etwa unwillig oder verlegen. Vielmehr erwiderte er das Grinsen und hieb dem narbengesichtigen Riesen anerkennend auf die Schulter. Erneutes Beifallsgebrüll begleitete den Spanier, als er mit eiligen Schritten auf das Achterdeck zustrebte.
Hasard empfing ihn beim Backbord-Niedergang. Don Juan war ernst geworden. Schweigend drückte er dem Mann die Hand, der eigentlich sein Todfeind sein sollte – wenn es nach dem Willen der spanischen Hofbeamten in Madrid ging. Hasard sagte ebenfalls nichts. Er erwiderte den Blick seines einstigen Gegners, und der Händedruck der beiden Männer währte lange.
Dann aber gab es keinen Grund mehr, Zeit zu verschwenden. Auch Ben Brighton begrüßte den Spanier per Handschlag, und zu dritt begaben sie sich zur Heckgalerie. Don Juan warf einen kurzen Blick zur „Le Vengeur“ und zur „Tortuga“.
„Ich bin froh, daß Sie bereits auf Gegenkurs gegangen sind“, sagte er, „aber seit ich Sie gesichtet habe, wundere ich mich, wo die anderen Schiffe geblieben sind. Wollen Sie etwa riskieren, mit nur drei Galeonen auf den spanischen Verband zu stoßen?“
„Wir haben das Gefühl, daß höchste Eile geboten ist“, entgegnete der Seewolf, „deshalb haben wir jeden verfügbaren Fetzen Tuch gesetzt. Unsere Formation mußte sich dabei zwangsläufig auflösen.“ Mit knappen Worten berichtete er darüber, warum sie sich zur Umkehr entschlossen hatten. Und lächelnd fügte er hinzu: „Im übrigen sollten wir das ‚Sie‘ weglassen. Im Bund der Korsaren gibt es solche Förmlichkeit nicht.“
Don Juan nickte.
„Einverstanden, Hasard. Es tut gut, keine Vorbehalte zu spüren. Obwohl ich es dir nicht einmal verdenken könnte.“
Der Seewolf schüttelte den Kopf.
„Ich meine, wir kennen uns lange genug.“
„Allerdings.“ Don Juan gab sich einen Ruck. „Dann halten wir uns mit diesem Teil der Vergangenheit nicht länger auf. Es gibt im Augenblick Dinge von größerer Wichtigkeit.“ Kurz und bündig, wie es auch die Art des Seewolfs war, berichtete er über die Ereignisse im Zuge der Verfolgung des Kampfverbandes.
Während Don Juan sprach, wurde dem Seewolf und seinem Ersten Offizier einiges klar, was ihnen in den zurückliegenden Stunden und Tagen noch Rätsel aufgegeben hatte. Wenn sie davon erfuhr, würde auch Siri-Tong wissen, daß ihre Berechnungen im Grunde richtig gewesen waren. Normalerweise hätte man dem spanischen Kampfverband schon viel früher begegnen müssen.
Hasard und Ben mußten grinsen, als sie davon hörten, daß der Verbandsführer Cubera gezwungen gewesen war, vor Cardenas zu ankern, damit der sehr ehrenwerte Gouverneur nicht länger auf sein gewohntes Bad verzichten mußte. Die Schilderung der nächtlichen Störangriffe veranlaßte die Männer indessen zu einem anerkennenden Nicken.
Don Juan berichtete auch von José Buarcos und Jorge Matteo, den beiden Überlebenden jener Karavelle, die die Black Queen in den Korallenriffs der Cay-Sal-Bank versenkt hatte.
„Beide sind Landsleute von mir“, sagte Don Juan, „Buarcos war Sargento, Matteo einfacher Decksmann. Aber sie standen im Dienst der Admiralität, und ich hätte es ihnen nicht verdenken können, wenn sie auf die Rettung durch uns verzichtet hätten – oder darauf bestanden hätten, im nächsten Hafen abgesetzt zu werden.“
„Sind sie Mitläufer?“ fragte Hasard. „Oder hast du sie von euren Zielen überzeugt?“
Don Juan schüttelte den Kopf.
„Weder das eine noch das andere. Die beiden sind anständige Burschen, die auch genügend Grips haben, um sich ihre eigene Meinung zu bilden. Ich habe nicht etwa auf sie eingeredet. Ich habe ihnen lediglich erklärt, wer ich bin und was dazu geführt hat, daß ich mich dem Bund der Korsaren anschloß. Das genügte. Buarcos und Matteo waren sofort bereit, sich meinem Kommando zu unterstellen.“
Hasard wechselte einen Blick mit Ben Brighton. Es war frappierend, mit welcher Offenheit und Ehrlichkeit Don Juan seine Absichten verfolgte. Aus seinen neugewonnenen Erkenntnissen machte er keinen Hehl. Und wenn andere hörten, auf welche Weise er sich zu besserem Wissen durchgerungen hatte, dann verfehlte das seine Wirkung nicht. Das Beispiel Buarcos und Matteo bewies es.
„Und die Black Queen?“ fragte Ben Brighton gespannt. „Ist sie von den Schaluppen des Verbandes noch aufgespürt worden?“
„Nicht von den Schaluppen“, entgegnete Don Juan mit hintergründigem Lächeln, „sondern von uns.“ Er schilderte den Überraschungsangriff in der Dunkelheit, den er und seine Männer mit der Schebecke gefahren hatten. Noch vor Anker liegend, war der Zweimaster in seinem Versteck in einer Inselbucht der Cay-Sal-Bank versenkt worden.
Hasard und Ben konnten ihn sekundenlang nur ungläubig ansehen.
„Hat es Überlebende gegeben?“ fragte der Seewolf schließlich.
Don Juan zog die Schultern hoch.
„Es sah nicht danach aus. Ich kann es aber nicht mit Bestimmtheit sagen. Wir haben uns nicht vergewissert. Wichtig waren für uns vor allem die nächsten Störangriffe auf den Kampfverband. Ein paar Überlebende von einem versenkten Zweimaster können der Schlangen-Insel wohl nicht so gefährlich werden wie ein vollständiger spanischer Flottenverband.“
„Allerdings“, sagte Hasard. „Auf jeden Fall ist die Black Queen erst einmal außer Gefecht gesetzt, und dafür sind wir dir zu großem Dank verpflichtet. Genauso wie für die übrigen Aktivitäten gegen den Verband des Gouverneurs.“
Don Juan grinste.
„Ich meine, auf Dankesfloskeln kann man im Bund der Korsaren auch verzichten, wie?“
Der Seewolf mußte zustimmen. Ihm erging es nicht anders als Ben Brighton: Trotz der gefährlichen Lage, in der sie sich alle befanden, erfüllte sie der Bericht ihres neuen Gefährten mit einer Stimmung von fast beschwingter Heiterkeit. Sicherlich lag es an dem wohltuenden Gefühl, mitzuerleben, wie sehr dieser aufrechte Mann ihre eigenen Idealvorstellungen zu schätzen gelernt hatte.
„Und anschließend hat auch euch der Nebel einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagte Ben Brighton nachdenklich. „War es nicht so?“
Don Juan nickte.
„Erst dieser Wolkenbruch in den Nachtstunden und dann der Nebel. Es war zum Verrücktwerden.“ Kurz und bündig schilderte er das Geschehen, das schließlich zu seinem Entschluß geführt hatte, auf Gegenkurs zu gehen.
Zur augenblicklichen Situation brauchten die Männer nicht viele Worte zu verlieren. Die „Isabella“ und die „Le Vengeur“ mußten jetzt alles daran setzen, den Kampfverband zu erreichen und in Gefechte zu verwickeln. Aufgabe der „Tortuga“ würde es zunächst sein, zurückzufallen und die Verbindung zu den langsameren Schiffen des Bundes der Korsaren aufrechtzuerhalten.
„Es ist die einzig denkbare Taktik“, sagte Don Juan zustimmend. „Wenn ihr einverstanden seid, werde ich meinen bisherigen Kurs wieder aufnehmen und eure nachfolgenden Schiffe verständigen.“
„Sehr gut“, sagte Hasard und nickte, „für Siri-Tong, Thorfin und die anderen ist es ebenfalls wichtig, auf dem laufenden zu sein. Das gilt vor allem für die neue Zusammensetzung des Kampfverbandes. Von den sechs Schaluppen hätten wir natürlich nichts geahnt.“
„Laß dir von unserem Nordmann keinen Schreck einjagen“, sagte Ben Brighton lächelnd. „Thorfin sieht schlimmer aus, als er ist. Und wenn er herumbrüllt, ist das nur die rauhe Schale über dem weichen Kern.“
„Ich werde es mir merken“, versprach Don Juan. „Sobald alle Kapitäne informiert sind, gehen wir mit der Schebecke wieder auf Gegenkurs und versuchen, so schnell wie möglich aufzuschließen, damit wir aktiv eingreifen können.“
„Bei den guten Segeleigenschaften eures Dreimasters dürftet ihr das spielend schaffen“, sagte Hasard.
Don Juan winkte ab. „Deine ‚Isabella‘ und die beiden Schwesterschiffe sind auch nicht zu verachten.“
Sie verloren keine weiteren Worte. Don Juan verabschiedete sich, setzte wieder über und jagte kurz darauf mit der Schebecke weiter nach Nordwesten. Hasard übernahm es, Jean Ribault anzupreien und ihn über die Neuigkeiten zu informieren.
Mit nur zwei Schiffen würden sie gegen neun ebenbürtige Gegner zu kämpfen haben. Allen Männern auf der „Isabella“ und der „Le Vengeur“ war klar, was ihnen damit bevorstand.
Es entsprach ihrem eisernen Willen, die Schlangen-Insel zu verteidigen, daß sie dem Augenblick der Konfrontation um so mehr entgegenfieberten.
5.
Fast genau vierundzwanzig Stunden später, am Nachmittag des 24. Juni, war es für die Crews der „Isabella“ und der „Le Vengeur“ mit der Anspannung vorbei.
Klar und durchdringend erklang Dan O’Flynns Stimme aus dem Vormars. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, erneut als Ausguck zu fungieren.
„Feind in Sicht! Mastspitzen voraus!“
Die Männer an Deck gerieten in Bewegung, als hätte der Blitz aus wolkenlos blauem Himmel eingeschlagen. In Sekundenschnelle befanden sie sich allesamt auf Gefechtsstation, ohne daß auch nur ein entsprechendes Kommando des Seewolfs erfolgt war. Jeder einzelne wußte nur zu gut, daß noch geraume Zeit vergehen würde, bis man dem Feind auf den Pelz gerückt war. Aber es tat gut, nicht mehr tatenlos herumlungern zu müssen. Den Arwenacks juckte es mächtig in den Fäusten. Welches Höllenfeuer sie entfachen konnten, das sollten die Dons sehr schnell erleben.
Auch die Männer auf der „Le Vengeur“ waren aufmerksam geworden, und ebenso wie Hasard und Ben Brighton beobachtete auch Jean Ribault die südöstliche Kimm mit dem Spektiv.
In der Tat gab es dort Mastspitzen – selbst mit dem Spektiv jedoch nur hauchdünn zu erkennen.
Die „Isabella“ und die „Le Vengeur“ standen inzwischen nördlich querab der Bahia de Nipe, der letzten größeren Bucht im östlichen Teil Kubas. Nach der zeitlichen Berechnung war es durchaus möglich, daß Dan den spanischen Kampfverband gesichtet hatte.
Dennoch blieb Hasard skeptisch.
„Ich weiß nicht recht“, sagte er und ließ das Spektiv sinken, „für einen Verband sieht mir das ziemlich dünn aus.“
Ben Brighton furchte die Stirn.
„Könnte sein, daß es die Schaluppen sind, von denen Don Juan gesprochen hat. Eine Art Nachhut vielleicht. Wenn Cubera ähnliche Überlegungen angestellt hat wie wir, könnte er doch damit rechnen, daß wir ihm jetzt im Nacken sitzen.“
Der Seewolf antwortete nicht. Statt dessen spähte er erneut durch das Spektiv.
Bereits eine halbe Stunde später zeigte sich, daß er recht gehabt hatte.
Abermals ertönte Dan O’Flynns Stimme aus dem Vormars, merklich dumpfer diesmal.
„Deck! Es ist nicht der Feind! Es sind – Fischerboote!“
Ein paar Atemzüge lang standen die Männer auf der Kuhl und auf der Back wie erstarrt. Kein Laut war zu hören, nur das Singen des Windes in Wanten und Pardunen.
Dann war es Ed Carberrys Stimme, die mit einem tiefen Grollen einsetzte und sich langsam zu einem Donnergebrüll steigerte.
„O Himmel, Arsch und Hagelwetter! Das ist denn doch zum Mäusemelken! Man könnte sich selbst in den Hintern beißen! Was für einen Affenarsch von Ausguck haben wir bloß? Einen mit Plattfischen auf den Augen, was, wie?“
„Reg dich ab, Mister Carberry!“ brüllte Dan aus dem Mars zurück. „Auf die Entfernung hättest du mit deinen Matschklüsen nicht mal einen Pottwal erkannt.“
Ed Carberry schluckte trocken hinunter, und sein Rammkinn geriet in mahlende Bewegungen. Er warf den Kopf in den Nacken und stemmte die Fäuste in die Hüften. Seine Donnerstimme hallte in der steif gebauchten Fläche des Focksegels und erreichte den Ausguck mit voller Lautstärke.
„Ho, ho, du vorwitzige Hanflaus! Paß auf, daß ich dich nicht aus dem Mars pflückte, Mister O’Flynn! Könnte sein, daß deine schönen Kulleraugen dick und blau werden!“
Dan kam zu keiner Antwort mehr. Denn in diesem Moment waren es die anderen, die ebenfalls ihrem Unmut Luft verschafften.
„Runter mit dir, Dan O’Flynn! Dann merkst du, was wir von deinen lausigen Fischerbooten halten!“
„Bei der Gelegenheit können wir dich gleich ein bißchen kielholen!“
„Aber vorher teeren und federn!“
„Oder unangespitzt zwischen die Planken rammen!“
Das Gebrüll schwoll zu einem wirren Durcheinander an. Alles, was sich in den vergangenen Stunden in den Männern aufgestaut hatte, platzte jetzt lautstark heraus. Und der Zufall wollte es eben, daß ausgerechnet der bedauernswerte Dan O’Flynn wegen seiner Sichtmeldung zum Prügelknaben wurde. Viel hätte nicht gefehlt, und ein paar von den Arwenacks wären in den Fockwanten aufgeentert, um ihn tatsächlich aus dem Mars zu zupfen.
Hasard hatte es sich eine Weile angehört. Gemeinsam mit Ben Brighton verfolgte er das Geschehen von der Querbalustrade des Achterdecks aus.
„Die kriegen sich nicht mehr ein“, sagte Ben trocken.
Der Seewolf nickte. Er packte die Balustrade und beugte sich vor. Mit metallischem Klang hieb seine Stimme in das Gebrüll.
„Ruhe, verdammt noch mal! Ihr verwandelt euch von ausgewachsenen Arwenacks in keifende Waschweiber! Also Schluß mit dem Geschwafel. Wir haben wichtigere Dinge zu tun.“
Innerhalb von Sekunden war es ruhig geworden. Die Männer senkten verlegen den Kopf, und Dan O’Flynn wandte sich im Mars nach vorn, um sein Grinsen nicht zu zeigen. Nur Ed Carberry drehte sich zum Achterdeck um und riskierte ein Widerwort.
„Wenn’s erlaubt ist, Sir, warum stauchst du uns zusammen? Haben wir etwa ‚Feind in Sicht‘ gemeldet, oder was?“
„Das nicht, Mister Carberry“, entgegnete Hasard schneidend, „aber so verkehrt war Dans Meldung keineswegs. Es hätte sich durchaus um die Schaluppen handeln können, die den Kampfverband als Aufklärer begleiten. Und jetzt Schluß der Debatte.“
„Aye, aye, Sir“, erwiderte der Profos willig. Er spürte, daß es nicht der richtige Zeitpunkt war, gegen den Seewolf anzustinken. Wenn Hasard diesen bestimmten Ton und dieses bestimmte Blitzen in den Augen hatte, dann sagte man besser kein Wort zuviel.
„Außerdem“, fügte Hasard grimmig hinzu, „sind die Fischerboote vielleicht doch nicht so unnütz. Wenn sie sich in diesen Gewässern zum Fang aufgehalten haben, werden die Leute unter Umständen etwas beobachtet haben, was uns interessiert.“
Das leuchtete den Arwenacks ein. Ihr Groll auf Dan O’Flynn verrauchte so schnell, wie er aufgewallt war, und sie konzentrierten nun ihre ganze Aufmerksamkeit auf die herannahenden Boote. Kleine Einmaster waren es, tief im Wasser liegend, die Segel an vielen Stellen geflickt.
Die Männer an Bord waren größtenteils Farbige, ärmlich gekleidet, doch mit ehrlichen Gesichtern. Reichtümer verdienten sie mit dem Fischfang zweifellos nicht. Da sie aber mit dieser Form des Lebensunterhalts zufrieden waren, gehörten sie nicht zur Kategorie der Schnapphähne und Küstenhaie. Auch zeigten sie keine Anstalten, auf Ausweichkurs zu gehen. Vielleicht hofften sie sogar auf einen kleinen Handel mit den Besatzungen der großen Schiffe.
Hasard ließ indessen keinen einzigen Fetzen Tuch wegnehmen. Auch Jean Ribault dachte nicht daran, die Fahrt zu verringern. Sie konnten sich nicht einmal den winzigsten Zeitverlust leisten.
Rechtzeitig preite der Seewolf den ersten Bootsführer in spanischer Sprache an.
„Hola, Señores! Vom Fang zurück? Wart ihr erfolgreich?“
„Das kann man sagen, Capitán“, erwiderte der Bootsführer mit vernehmlicher Stimme. „Aber Zeit, die Proviantvorräte ein wenig aufzufrischen habt ihr nicht, wie?“
„Leider nein“, entgegnete der Seewolf unumwunden. Das erste Fischerboot befand sich bereits auf gleicher Höhe. „Wir sind auf der Suche nach einem Verband von neun Kriegsschiffen und sechs Schaluppen.“
„Oho, damit können wir dienen!“ rief der Bootsführer, dessen Einmaster sich nun bereits nach achteraus entfernte. „Vor ungefähr einer Stunde sind wir so einem Verband begegnet. Neun Kriegsschiffe und sechs Schaluppen, jawohl. Kurs Südosten, wie ihr. Wollt ihr euch etwa mit denen anlegen?“
Hasard mußte seine Stimmkraft verdoppeln, damit der Bootsführer ihn noch verstehen konnte.
„Sehen wir so aus? Wir wollen unseren spanischen Freunden nur kurz guten Tag sagen!“
Gelächter ertönte auf der Kuhl der „Isabella“. Es klang erleichtert, beinahe erlöst. Vergessen war Dan O’Flynns Meldung, und vergessen war alle Nervosität der vergangenen Stunden. Eine Stunde Vorsprung! Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis man sich endlich gegenüberstand. Auge in Auge. Wobei die Augen eher mit den Mündungen der Geschützrohre zu vergleichen waren.
Während die „Isabella“ und die „Le Vengeur“ weiter nach Südosten jagten, blieben die Fischerboote mit kopfschüttelnden Männern an Bord zurück. So viele Schiffe hatten sie in so kurzer Zeit noch nie zu sehen gekriegt. Der Teufel mochte wissen, was das zu bedeuten hatte. Doch eins stand für die ahnungslosen Küstenfischer fest: Sicher würde sehr bald Geschützdonner über die See rollen.
An Bord der „Isabella“ überprüften die Männer noch einmal alle Maßnahmen zur Gefechtsbereitschaft. Erreichbar in der Nähe der Culverinen standen die Kohlebecken mit der schwelenden Glut, die wieder neu angefacht wurde. Sand war auf den Decksplanken ausgestreut worden, und die üblichen Pützen mit Wasser standen überall bereit, damit etwaige Brandherde im Keim erstickt werden konnten.
Al Conroy, der schwarzhaarige Stückmeister, hatte seine Geschütz-Crews eingeteilt, und Ferris Tucker überprüfte auf der Back ein letztes Mal seine Höllenflaschenabschußkanone. Big Old Shane und Batuti hatten ihre englischen Langbogen klariert, und in ihren Lederköchern steckte ein reichhaltiges Reservoir an Brandpfeilen.
Der Seewolf und seine Arwenacks waren bereit, mitten ins Höllenfeuer zu segeln. Wie oft hatte es in der Vergangenheit solche Momente gegeben, in denen sie gewußt hatten, daß sie ihr Leben tödlicher Bedrohung aussetzten! Doch immer waren sie entweder als Sieger aus mörderischen Gefechten hervorgegangen oder zumindest doch mit einem blauen Auge davongekommen.
Diesmal indessen waren die Chancen für einen Sieg so gering, daß etliche der Männer an Bord der „Isabella“ kaum eine Hoffnung hegten. Nur ihre Entschlossenheit war eisern und ungebrochen. Es war der feste Wille, das freiheitliche Leben des Bundes der Korsaren ohne Rücksicht auf das eigene Leben zu verteidigen.
Lediglich Mac Pellew hatte im Augenblick andere Sorgen. Vom Backbord-Schanzkleid aus blickte er den Fischerbooten sehnsüchtig nach. Dann, als die tiefliegenden kleinen Einmaster fast außer Sicht waren, stieß er einen Fluch aus und wandte sich abrupt um. Ohne die grinsenden Männer an Deck zu beachten, stürmte er in die Kombüse, wo der Kutscher damit beschäftigt war, weitere Holzkohle für Reserve-Kohlebecken vorzubereiten.
„Dich interessiert das wohl alles nicht?“ fauchte Mac und blieb beim offenen Schott stehen.
Der Kutscher blies in die entstehende Kohlenglut und erwiderte, ohne den Kopf zu heben: „Wie groß mein Interesse an den für uns schicksalhaften Geschehnissen ist, kannst du wohl kaum ermessen, Mac. Denn dann müßtest du schon in meine Seele hineinschauen. Laß dir aber gesagt sein, daß ich mit jeder Faser meiner Sinne um unsere Zukunft bange. Und daß ich meinen bescheidenen kleinen Beitrag leisten werde, damit wir alle die bevorstehende Bewährungsprobe bewältigen.“
„O Himmel!“ stöhnte Mac und griff sich an den Kopf. „Wir kennen uns doch nun lange genug. Mußt du wieder so geschraubt mit mir reden?“
„Du verwechselst Geschraubtheit mit Ernsthaftigkeit. Im Moment gibt es wirklich nichts zu lachen, mein Lieber.“
„Aber einen anständigen Happen zu beißen braucht der Mensch in jeder Lebenslage“, entgegnete Mac knurrend. „Ich verstehe nicht, warum wir diesen Leuten nicht ein paar schöne frische Fische abgekauft haben. Das hätte endlich mal Abwechslung in den Speiseplan gebracht.“
„Hasard und Jean Ribault werden ihre Gründe haben, keine Zeit zu verlieren.“
„Unsinn! Wahrscheinlich hat Hasard andere Sachen im Kopf, und deshalb hat er an den Fisch gar nicht gedacht. Deine Aufgabe wäre es gewesen, ihn darauf hinzuweisen.“
Der Kutscher blickte nun doch auf.
„Meine Aufgabe?“ wiederholte er ärgerlich. „Ich habe dir schon gesagt, was meine Aufgabe ist. Und du tätest besser daran, nicht immer an die verdammte Fresserei zu denken. Ist das klar und deutlich genug? Oder immer noch zu geschraubt?“
Mac Pellews Kinnlade klappte herunter.
„Kümmere dich lieber um die Krankenkammer“, fuhr der Kutscher bissig fort. „Sorge gefälligst dafür, daß alles klar ist, wenn es losgeht. Dazu gehört zum Beispiel auch die Säge zum Amputieren von Armen und Beinen. Los, verschwinde.“
Mac Pellew erbleichte. Entsetzt blinzelnd schüttelte er den Kopf.
„Ich muß unter Verrückte geraten sein“, knurrte er. „Hölle und Teufel, bin ich denn nur von Irren umgeben? Ich sage dir, im nächsten Hafen steige ich aus. Ich habe die Nase voll. Endgültig.“
„Dann tu’s“, sagte der Kutscher gelassen. „Tu es, falls es noch einen nächsten Hafen für uns gibt. Aber vorher klarierst du die Krankenkammer.“
Mac Pellews Kinn klappte wieder hoch. Es gab einen trockenen Laut, als seine Zähne aufeinanderschlugen. Er starrte den Kutscher an, brachte aber keinen Laut mehr hervor. Dann wandte er sich ruckartig ab und stapfte los. Der Kutscher verstand nicht, was Mac vor sich hinbrummelte. Es klang wie „hat ja doch alles keinen Zweck“ oder ähnlich.
Zwei Stunden nach der Begegnung mit den Fischerbooten brüllte Dan O’Flynn erneut sein „Feind in Sicht!“
Diesmal handelte es sich nicht um eine Falschmeldung. Für Dan war es an der Zeit, seinen Platz im Vormars zu verlassen und sich auf das Achterdeck zu begeben. An seiner Stelle enterte Batuti auf, während sich Big Old Shane mit seinem Bogen in den Großmars begab.
6.
In der Sonne des späten Nachmittags zeichneten die Spektive ein klares Bild.
Der spanische Kampfverband segelte in jener Marschformation, die bereits Don Juan de Alcazar beschrieben hatte – an der Spitze das Flaggschiff „San José“, ihm folgend jeweils vier Kriegsschiffe beiderseits in Kiellinie. Lediglich die Schaluppen waren nicht zu sehen. Aber das mochte daran liegen, daß sie ihre Aufklärer-Funktion wahrnahmen.
An Bord der „Isabella“ und der „Le Vengeur“ harrten die Männer in gebannter Ruhe aus. Auch ihre persönliche Bewaffnung war inzwischen vollständig. Jeder, der sich auf Gefechtsposten befand, trug neben seinem Entersäbel eine sorgfältig geladene Pistole. Überdies standen geladene Musketen in ausreichender Zahl bereit.
Edwin Carberry hatte ein wachsames Auge darauf geworfen, daß das „Viehzeug“ in gesonderten Unterdecksräumen sicher unter Verschluß war. Arwenack, der Schimpanse, und Sir John, der Papagei, hatten in Gefechtssituationen an Deck nichts zu suchen.
Der Seewolf hatte seinen sechsschüssigen Radschloß-Drehling bereit, und Ben Brighton war mit einer doppelläufigen Pistole ausgerüstet. Wie auch Jean Ribault auf dem Achterdeck der an Steuerbord segelnden „Le Vengeur“ setzten Hasard und Ben die Spektive keinen Moment ab.
„Da tut sich etwas“, sagte der Erste Offizier der „Isabella“ unvermittelt. Ein kaum merklicher rauher Klang lag in seiner Stimme – das einzige Anzeichen, das seine innere Anspannung verriet.
Hasard hatte es im selben Augenblick bemerkt. Er antwortete nicht sofort. Seine Lippen bildeten einen Strich.
Vier Schiffe scherten aus dem spanischen Verband aus.
Also hatten sie die Verfolger gesichtet.
Drei Galeonen und eine Karavelle waren es, die auf Gegenkurs gingen. Währenddessen segelte der restliche Verband auf seinem ursprünglichen Kurs weiter.
„Klug gehandelt“, sagte der Seewolf, ohne das Spektiv sinken zu lassen. „Die sollen uns aufhalten.“
„Und die anderen halten weiter Kurs auf die Schlangen-Insel“, entgegnete Ben Brighton grimmig.
„Hättest du als Verbandsführer nicht genauso gehandelt? Ich hätte jedenfalls nicht anders entschieden. Für die Spanier ist es die zwingend logische Lösung.“
Ben konnte nicht widersprechen.
Hasard traf seinerseits die Entscheidung, die als Gegenmaßnahme nicht minder logisch war. Er trat an die Steuerbordverschanzung des Achterdecks und verständigte sich mit Jean Ribault.
„Jean, wir werden nach Norden und Süden ausweichen! Dadurch umgehen wir die vier Gegner, lassen sie leerlaufen und stoßen wieder auf den Restverband zu.“
„Und schlagen zu, daß ihnen die Kürbishosen flattern!“ brüllte der Franzose zurück. Mit einer Handbewegung zeigte er klar. Es gab keine Worte mehr zu verlieren.
Hasard wandte sich dem Gefechtsrudergänger zu. Der Nordost erwies sich als ein stetiger Geselle, denn er wehte mit unverminderter Kraft.
„Pete, du hast es gehört. Geh so hoch wie möglich an den Wind.“
„Aye, aye, Sir!“ rief Pete Ballie und legte Ruder. Dabei wandte er nur kurz den Kopf. Seine Augen leuchteten voller Tatendrang.
Ben Brighton befand sich bereits an der vorderen Querbalustrade des Achterdecks. Seine Befehlsstimme dröhnte über die Kuhl, und die Männer nahmen in Windeseile ihre Arbeit an Schoten und Brassen auf. Hart nach Backbord krängend, legte sich die „Isabella“ auf den Beim-Wind-Kurs.
Unterdessen war die „Le Vengeur“ aus der Leeposition heraus nach Süden abgefallen. Sehr rasch gewannen beide Schiffe voneinander Distanz.
Doch die Spanier reagierten prompter, als der Seewolf erwartet hatte. Er mußte erkennen, daß er es mit Gegnern zu tun hatte, die keineswegs auf eine starre Taktik festgelegt waren. Der Verbandsführer war offenbar ein Mann, der seine Kapitäne zur Beweglichkeit des Denkens veranlaßte und sie nicht als gut funktionierende Befehlsempfänger betrachtete.
Die Gegenmaßnahmen waren frappierend einfach.
Zwei Kriegsgaleonen, in Kiellinie segelnd, luvten an. Ihr eindeutiges Ziel war es, die „Isabella“ zu packen, bevor sie nach Norden entwischen konnte.
Inzwischen fielen die andere Galeone und die Karavelle ab, und naturgemäß würde es ihnen bei rauhem Wind sehr rasch gelingen, den Kurs der „Le Vengeur“ zu kreuzen.
„Verdammter Mist“, sagte Ben Brighton gepreßt.
Gemeinsam mit Hasard beobachtete er das Geschehen, in das Jean Ribault und seine Männer verwickelt wurden. Die beiden Verfolgergaleonen, die die „Isabella“ zu erwischen versuchten, waren noch nicht nahe genug heran, um gefährlich zu werden.
„Aus dem Leerlaufenlassen wird also nichts“, sagte der Seewolf. „Wie es aussieht, werden wir uns mit den Kerlen erst herumschlagen müssen.“
In der Tat dachten die Dons nicht daran, sich auf den Leim führen zu lassen.
Minuten später zeigte Jean Ribault jedoch, wie geschickt er und seine Männer es verstanden, die Vorzüge der „Le Vengeur“ auszunutzen. Urplötzlich luvte der schnittige Dreimaster hoch und entwischte dem Kollisionskurs der beiden Gegner. Gleich darauf brach er hinter ihnen auf den alten Kurs durch.
Mit einem donnernden „Ar – we – nack“ brüllten die Männer auf der „Isabella“ ihren Beifall.
Zwar drehten die beiden Spanier mit einer eilends eingeleiteten Halse nach und nahmen die Verfolgung auf, doch die „Le Vengeur“ hatte bereits einen beträchtlichen Vorsprung herausgeschunden. Vorerst gerieten die Dons ins Hintertreffen.
Hasard und Ben Brighton konzentrierten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die eigenen Verfolger. Außer den Schwanz einzuziehen und nach Westen davonzulaufen, gab es nur eine einzige Möglichkeit, ihnen zu entwischen und dem Verband nachzusetzen.
Ohne lange zu fackeln, ließ der Seewolf die „Isabella“ kurzerhand nach Osten abfallen. Seine Hoffnung, auf diese Weise am Gegner vorbeistoßen zu können, schien berechtigt.
Es mußte sich wohl um einen Zufall handeln, daß die beiden Galeonen fast zum selben Zeitpunkt ebenfalls abfielen.
Ben Brighton reagierte mit der gewohnten Schnelligkeit.
„Steuerbordgeschütze klar zum Gefecht!“
Al Conroy stand bereits auf dem Sprung, um das Ausrichten der Siebzehnpfünder und Fünfundzwanzigpfünder zu überwachen. Die mächtigen Holzlafetten rumpelten unter der Tonnenlast, als die Geschützrohre durch die bereits geöffneten Stückpforten ausgerannt wurden.
Hasard veranlaßte Pete Ballie, den Kurs zu halten. Schon jetzt ließ sich abschätzen, daß sie die beiden spanischen Galeonen auf einer Distanz von etwa hundert Yards passieren würden. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte der Seewolf, daß auch Al Conroy eben dies sehr genau taxierte.
Bei halbem Wind segelnd, hatte die „Isabella“ eine nur leichte Schräglage nach Steuerbord. Für den Stückmeister erwies sich auch die Stetigkeit von Wind und Wellengang als ein positiver Faktor beim Richten der Geschütze.
Durch die Spektive beobachteten der Seewolf und sein Erster Offizier die heranrauschenden Spanier. Nach wie vor segelten beide Galeonen in Kiellinie. Zweifellos bauten sie darauf, daß bereits die erste Breitseite für Kleinholz sorgte. Die zweite Galeone würde dem „Piratenschiff“ dann den Fangschuß verpassen. Hasard war fest entschlossen, ihnen einen Strich durch diese Rechnung zu ziehen. Ihr Kalkulationsfehler würde auf der immensen Feuerkraft der „Isabella“ beruhen.
Mit einsatzbereiten Luntenstöcken standen Al Conroys Männer auf dem Sprung.
Von Sekunde zu Sekunde schmolz der Abstand zwischen der „Isabella“ und der ersten spanischen Galeone zusammen.
Hasard konnte sich indessen eines leichten Unbehagens nicht erwehren, als er die Bewegungen an Bord der Kriegsgaleonen beobachtete. Da schimmerten Helme und Brustpanzer in fast unübersehbarer Zahl. Decksleute und Geschützmannschaften hasteten hin und her, und auf dem Achterdeck standen die Señores Offiziere in scheinbar stoischer Ruhe.
Hasard schätzte, daß beide Galeonen mit etwa zweihundert Soldaten und Decksleuten bemannt waren. Auf einen Enterkampf durfte er sich also unter keinen Umständen einlassen. Denn das würde das sichere Ende der Arwenacks bedeuten. Bei allem Kampfeswillen waren sie doch zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen.
Noch fünfzig Yards. Vierzig Yards. Die Männer auf der „Isabella“ hielten den Atem an.
Hasard ließ das Spektiv sinken und ruckte herum. Seine Entscheidung war gefallen. Per Handzeichen verständigte er sich mit Al Conroy. Der Stückmeister, der erwartungsvoll zum Achterdeck gespäht hatte, zeigte klar. Ein wildes Lächeln lag in Conroys Gesicht. Es war diese Entscheidung, die er erwartet hatte. Und blitzschnell gab er seinen Geschütz-Crews entsprechende Order.
Noch zwanzig Yards.
Der Seewolf gab das Zeichen „Feuer frei“. Lautstark gebrüllte Befehle waren wegen der geringen Distanz zum Gegner nicht angebracht. Ohnedies waren die Männer an Bord der „Isabella“ so gut aufeinander eingespielt, daß sie sich in jeder Situation ohne Worte verständigen konnten. Bisweilen genügten sogar Blicke, wenn sie sich gegenseitig verklaren wollten, was gemeint war.
Al Conroys Aufgabe war es, den entscheidenden Moment abzupassen. Und jeder an Bord wußte, daß es für dieses Handwerk keinen besseren Mann gab.
Die letzten Yards Distanz wurden vom Gegenkurs der beiden Schiffe regelrecht aufgesogen. Der Moment, auf den sie so lange gewartet hatten, war da. Jetzt konnten sie dem Gegner tatsächlich fast ins Auge sehen.
Sekunden später gellte Al Conroys Befehl.
„Feuer!“
Ruckartig senkten sich die Luntenstöcke auf die Zündlöcher. Funken sprühten. Doch die Männer auf dem Quarterdeck und auf dem darunterliegenden Deck reagierten nicht auf Conroys Befehl. Nur die drei Siebzehnpfünder unter der Back und die vier Fünfundzwanzigpfünder auf der Kuhl wurden gezündet.
Erst in diesem Moment reagierten die Spanier – als sich der Bug der beiden Schiffe etwa auf Mittschiffshöhe des Gegners befand. Doch der Feuerbefehl ihres Kapitäns, der sich auf eine volle Breitseite versteift hatte, erfolgte zu spät.
Mit urgewaltigem Wummern entluden sich die sieben Geschütze der „Isabella“. Mächtige Flammenzungen leckten nach außenbords und trieben die Eisenkugeln mit mörderischer Gewalt auf das Vorschiff des Gegners zu. Pulverrauch wölkte fettig-schwarz auf und verwehrte den Arwenacks sekundenlang die Sicht, während die „Isabella“ unter dem Rückstoß noch nach Backbord krängte. Die polternden Geschützlafetten wurden von den armdicken Brooktauen aufgefangen.
Dann klang es den Arwenacks wie Musik in den Ohren – das Schmettern und Bersten der Einschläge übertönte den Nachhall des Geschützdonners. Schreie gellten vom Gegner herüber.
Erst jetzt, entscheidende Sekunden zu spät, brüllte die Breitseite der spanischen Galeone auf. Vorsorglich gingen die Männer an Bord der „Isabella“ in Deckung. Doch Al Conroys sorgfältig gerichtete Geschütze hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Durch die Wucht der Einschüsse war das Visieren des Gegners gestört worden. Wassersäulen gischteten bedrohlich nahe vor der Steuerbordwand der „Isabella“ auf, aber es gab keinen einzigen Treffer.
Aufatmend richteten sich die Männer auf. Was sie jetzt im verfliegenden Pulverrauch erblicken konnten, veranlaßte sie zu einem dröhnenden „Ar – we – nack!“ Der alte Kampfruf aus Cornwall hallte wie Donner über das Wasser. Mindestens fünf Treffer im Vorschiff hatten die spanische Galeone arg gerupft. Die Galion bestand nur noch aus einem häßlichen splittrigen Stumpf. Bugspriet und Blinde hingen abgeknickt vor dem Steuerbordbug und beeinträchtigten das Schiff in seiner Manövrierbarkeit. Zwei weitere Treffer hatten Löcher von der Größe eines Steuerruders in die vordere Bordwand gerissen, knapp über der Wasserlinie.
Aber der Seewolf und seine Männer wußten, daß es keinen Anlaß zu vorschnellem Triumph gab. Denn der zweite Gegner nahte unaufhaltsam, und der Kapitän dieser Galeone würde zweifellos aus dem eben Erlebten seine Konsequenzen ziehen.
Mit angespannten Muskeln harrten die Männer an den restlichen sechs Geschützen der „Isabella“ auf den Feuerbefehl. In fliegender Hast überprüfte Al Conroy ein letztes Mal die Zieleinstellung. Diesmal kam es allein auf die Präzision an, denn den Vorteil des ersten Schusses würde es nicht wieder geben.
Rasend schnell verrannen die Sekunden, und als schwimmende Festungen schoben sich die beiden Gegner auf gleiche Höhe.
Nahezu gleichzeitig donnerten die Breitseite des Spaniers und die sechs Geschütze der „Isabella“. Die drei Fünfundzwanzigpfünder auf dem Quarterdeck und die drei Siebzehnpfünder auf dem darunterliegenden Deck jagten ihre Eisenladung mit Feuer und Rauch auf den Gegner zu. Doch dessen Antwort in gleicher mörderischer Sprache verfehlte ihre Wirkung nicht.
Den Männern an Bord der „Isabella“ blieb keine Zeit, dem berstenden Klang ihrer Treffer zu lauschen. Das Krachen, das den Rumpf ihres Schiffes mit allen Planken vibrieren ließ, ging ihnen durch Mark und Bein. Fluchend hatten sie sich in Deckung geworfen, und noch fast blind durch den beißenden Pulverqualm spürten sie, wie Treffer um Treffer auf die „Isabella“ einhieb.
Teile von Verschanzungen, Balustraden und Nagelbänken wirbelten hoch. Splitter sirrten durch die Luft, und die rauhen Stimmen der Männer brüllten durcheinander. Das Bersten und Krachen der Einschläge schien nicht enden zu wollen, und es schien, als würde nun unverhofft und doch endgültig die Hölle losbrechen.
Ein gellender Schmerzensschrei durchstach die übrigen Stimmen auf der Kuhl.
Auf dem Achterdeck schnellte Hasard hoch. Jähe Sorge packte ihn. Er brauchte den Überblick. Was war mit seinen Männern geschehen? Wen hatte es erwischt? Erleichterung befiel ihn, als er aus den Augenwinkeln heraus sah, wie Ben Brighton geduckt auf die Querbalustrade zuhastete. Und Pete Ballie harrte unerschütterlich am Ruder aus.
Immer noch orgelten die Geschosse heran, jaulend und mit häßlichem Ton. Der spanische Kapitän hatte seine Steuerbordgeschütze mit geringer zeitlicher Verzögerung abfeuern lassen. Eine Erkenntnis, die den Seewölfen nichts mehr nutzte.
Ein urgewaltiges Bersten traf den Seewolf auf halbem Weg. Er erstarrte in der Bewegung. Der winzige Sekundenbruchteil, in dem er das Geschehen wahrnahm, reichte nicht, um noch Deckung zu finden. In grenzenlosem Erstaunen weiteren sich seine Augen, als die Besanrute buchstäblich weggefetzt wurde. Seine Sinne schrillten Alarm.
Doch ihm blieb keine Chance, dem mit Drall nach Backbord wirbelnden Holz auszuweichen.
Ein furchtbarer Schlag traf seinen Brustkorb. Schmerz durchzuckte ihn und löschte seine Wahrnehmung jäh aus.
Er spürte nicht mehr, wie er von der Besanrute wie ein Geschoß über das Achterdeck gefegt und nach außenbords katapultiert wurde.
Hasard sah nicht mehr, wie auch Ben Brighton auf dem Achterdeck zusammenbrach, von einem durch die Luft wirbelnden Stück des Steuerbordschanzkleids getroffen.
Und im versiegenden Geschoßdonner konnte der Seewolf auch nicht mehr hören, wie Ed Carberry nach dem Kutscher brüllte. Denn den gellenden Schmerzensschrei hatte Sam Roskill ausgestoßen. Bewußtlos lag er jetzt auf dem Bauch. Den halben Rücken hatte ihm ein riesiger Holzsplitter aus der Steuerbordverschanzung aufgerissen.
Nur nach und nach verebbte das Stimmengewirr an Bord der „Isabella“. Gewiß, sie hatten die Galeone passiert. Doch der Schreck saß ihnen in allen Knochen. Die Treffer waren schlimmer als befürchtet. Sie spürten es, obwohl sie sich in diesen Minuten unmittelbar danach noch nicht einmal einen Überblick verschaffen konnten.
Mit grimmiger Wut legte Pete Ballie die „Isabella“ auf Kurs Südost – jenen Kurs, den der Seewolf angeordnet hatte, um die weitere Verfolgung des Verbandes aufzunehmen.
7.
Durch das Gewirr von Trümmern und Splittern hasteten Mac Pellew und der Kutscher mit einer Trage heran. Der schwerverwundete Sam Roskill mußte so behutsam wie möglich in die Krankenkammer gebracht werden.
Mit einem raschen Blick nach achteraus vergewisserte sich Ed Carberry, daß vorläufig keine Gefahr mehr drohte. Die beiden spanischen Galeonen waren noch nicht auf Gegenkurs gegangen. Keine Frage, daß auch die Dons mit ihren Schäden alle Hände voll zu tun hatten.
Hilfreiche Hände waren für die beiden Feldschere der „Isabella“ zur Stelle, als sie Sam Roskill auf die Trage betteten. Ed Carberry packte selbst mit zu, und diesmal ließ er keinen seiner derben Sprüche hören. Nichts dergleichen war jetzt angebracht. Er brauchte nur in die pulvergeschwärzten und blutverschmierten Gesichter zu blicken, um ein Würgen in der Kehle zu spüren. Diesmal hatte es sie teuflisch erwischt.
Mac Pellew und der Kutscher entfernten sich mit der Trage. Dan O’Flynn eilte an ihnen vorbei in Richtung Achterdeck. Sein Hemd war zerfetzt, blutige Striemen verliefen über seinen rechten Arm. Die meisten, so stellte Ed Carberry fest, hatten nur Kratzer empfangen. Sie würden verarztet werden, sobald Sam Roskill in der Krankenkammer versorgt worden war. Luke Morgan rappelte sich vor den Beibooten auf. Fluchend zog er einen fingerlangen Holzsplitter aus seiner rechten Schulter und schleuderte ihn von sich. Al Conroy und die Mehrzahl der Geschützmannschaften, schwarzgesichtig wie verbissen arbeitende Teufel, waren bereits mit dem Nachladen beschäftigt.
Ein durchdringendes Knarren ließ den Profos zusammenzucken, als er sich aufrichtete. Er warf den Kopf in den Nacken – und erstarrte.
„Die Großrah!“ brüllte er im nächsten Atemzug. „Weg vom Großmast! Deckung!“
Das Knarren verstärkte sich, noch während er die letzten Silben ausstieß. Die Männer spritzten auseinander und flohen in Richtung Back und Achterdeck. Sie brauchten nicht hinzusehen, um die Gefahr zu erkennen, die Ed Carberry bemerkt hatte.
Die Großrah hing nur noch am Backbordtoppnanten. Eine Kettenkugel der Spanier mußte sowohl das Rack als auch den Toppnanten der Großrah zerfetzt haben. Buchstäblich im letzten Moment schafften es die Arwenacks, sich in Sicherheit zu bringen. Mit Getöse rauschte die Großrah samt Segel und Takelwerk abwärts, krachte auf die Kuhl und sorgte für weiteres Kleinholz.
Sofort rappelten sich die Männer auf und begannen, das Großsegel zu bergen, das sich in wirrem Faltenwurf über die Jollen und die vorderen Grätingsluken gelegt hatte. Die Großrah selbst war durch den Aufprall in zwei Teile gebrochen. Das kürzere Ende hing an Backbord nach außenbords und wurde nur noch vom Segel gehalten.
Bob Grey, Matt Davies und weitere Männer, die sich in unmittelbarer Nähe befanden, zogen ihre Entersäbel und hieben auf Anschlagbändsel und Segeltuch ein, um den zersplitterten Teil der Rah abgehen zu lassen.
Dan O’Flynn tauchte an der Querbalustrade des Achterdecks auf.
„Feldscher!“ rief er mit schneidender Stimme. „Feldscher zum Achterdeck!“
Ed Carberry fuhr auf der Kuhl herum.
„Sind beide beschäftigt!“ brüllte er zurück. „Hast du nicht gesehen, daß es Sam Roskill fast zerrissen hat? Was, zum Teufel, ist los?“
„Ben Brighton“, erwiderte Dan atemlos, „er ist ohne Bewußtsein. Irgendwas hat ihn am Kopf erwischt.“
Ed Carberry zögerte nicht lange. Er rannte los und winkte Smoky und Stenmark mit sich, die in seiner Nähe mit einem Geschütz beschäftigt waren. Behutsam hoben sie den bewußtlosen Ersten Offizier auf, bugsierten ihn über den Backbordniedergang zur Kuhl und trugen ihn in Richtung Krankenkammer.
Dan O’Flynn wandte sich zu Pete Ballie um. Die zerfetzten Reste des Besansegels flatterten und klatschten im Wind.
„Wo steckt Hasard, verdammt noch mal?“ Der kratzende Klang der Besorgnis war in Dans Stimme nicht mehr zu überhören.
Pete zog die Schultern hoch. Seine großen Fäuste hielten das Ruder dennoch eisern fest.
„Bei dem Teufelstanz habe ich nicht viel mitgekriegt. Kann sein, daß er mit Ben zusammen zur Kuhl hinunterwollte. Dabei hat Ben dann einen Brocken an den Kopf gekriegt.“
Einen Augenblick starrte Dan den Rudergänger durchdringend an. Dans Blick wanderte zum zerfetzten Besan. Mit einem wilden Ruck wirbelte er herum. Zwei lange Sätze genügten, und er war an der Balustrade. Seine Stimme schmetterte über die Decks.
„Hasard!“
Schlagartig wurde es still. Die Männer standen starr, blickten zu Dan O’Flynn auf und wollten nicht begreifen, was sich als furchtbare Ahnung in ihr Bewußtsein drängte.
Nichts rührte sich. Keine Antwort. Hölle und Teufel, der Seewolf verkroch sich nicht mitten im Gefecht in einem der Unterdecksräume!
„Sucht das Schiff ab!“ brüllte Dan. Während die Männer in Bewegung gerieten, warf er sich herum und hastete zur Heckbalustrade. Das breite Band der Hecksee schimmerte silbrig im Licht der sinkenden Sonne.
Erst jetzt wurde es Dan bewußt, daß die Dämmerung unmittelbar bevorstand. Und es zeigte sich auch, daß die Hecksee keineswegs mehr schnurgerade verlief, wie man es von einem Rudergänger wie Pete Ballie gewohnt war. Das Fehlen von Besan und Großsegel machte sich bereits bemerkbar. Die „Isabella“ lief geringere Fahrt und driftete überdies nach Lee ab. Dan schüttelte den Kopf, um die nebensächlichen Gedanken loszuwerden. Er schalt sich einen Narren, daß sich diese Einzelheiten in seinem Kopf ausbreiteten, da es doch um Hasard gehen mußte. Nur um Hasard und um nichts anderes.
Aber die See achteraus war wie leergefegt.
Wie aus einer Laune heraus gab es nicht einmal Trümmerteile, die auf der Wasseroberfläche trieben.
Minutenlang spähte Dan nach achteraus. Dann wandte er sich ab. Die Resignation erfüllte sein Inneres wie mit einer tonnenschweren Last. Er kehrte zur vorderen Balustrade zurück, sah die Männer mit hängenden Schultern und wußte Bescheid. Noch einmal wandte er sich zu Pete Ballie um.
„Was war mit dem Besan, Pete?“
„Die Rute ist abgegangen wie ein Geschoß“, erwiderte der Rudergänger, „nach Backbord, wenn ich’s richtig mitgekriegt habe.“
Dan nickte nur, langsam und wie in grenzenloser Müdigkeit.
„Keine Spur von ihm!“ rief Ed Carberry, und seine Stimme klang wie die eines Fremden. Keiner hatte ihn je zuvor so erlebt, so niedergeschlagen und so fassungslos.
„Dann wird weitergesucht!“ brüllte Dan beinahe verzweifelt. „Wir brauchen Gewißheit, verdammt noch mal!“
Keiner der Männer widersprach.
Dann, mit der hereinbrechenden Dämmerung, gab es eben jene Gewißheit, die jeden einzelnen von ihnen wie ein Stich tief ins Innere traf.
Der Seewolf befand sich nicht mehr an Bord der „Isabella“.
Die „Isabella“ segelte ohne Philip Hasard Killigrew.
Ben Brighton war noch immer ohne Bewußtsein.
So ergab es sich als Selbstverständlichkeit, daß Dan O’Flynn das Kommando übernahm. Viel Zeit zum Nachdenken gab es ohnehin nicht. Denn mit der heraufziehenden Dämmerung näherte sich der angeschlagenen „Isabella“ neue Gefahr.
Die beiden spanischen Galeonen, selbst beträchtlich lädiert, schoben sich von Steuerbord achteraus heran. Sie wollten es jetzt wissen und glaubten an ein leichtes Spiel.
Aber darin sollten sie sich täuschen. Die ohnmächtige Wut entflammte in den Arwenacks wie ein einziger, vielstimmiger Aufschrei. Und der Anblick der Dons heizte ihren Zorn zum berserkerhaften Toben an. Sie hatten ihren Kapitän verloren. Die Spanier waren schuld, und mit ihrem Anrücken lieferten sie die Gelegenheit zur Rache frei Haus. Ja, so einfach sahen es die Arwenacks, und nichts konnte sie daran hindern, ihre Rache in blindwütig entfachter Raserei auszutoben.
Keins der Steuerbordgeschütze war ausgefallen. Eiskalt ließ Dan O’Flynn die Spanier nahe genug heran. Auf sein Kommando ließ Pete Ballie die „Isabella“ abfallen. Sekunden später stachen die Mündungslanzen aller dreizehn Geschütze auf die Dons zu, noch bevor sie selbst zum Schuß gelangten. Auf Anhieb kassierten beide Galeonen gleichzeitig mörderische Treffer.
Doch in diesem Augenblick setzte das von den Arwenacks entfesselte Inferno erst richtig ein.
In fliegender Hast luden Al Conroy und die anderen die Steuerbordgeschütze nach. Unterdessen ließ Dan O’Flynn die „Isabella“ weiter abfallen, kreuzte den Kurs der Spanier und ging dann auf Gegenkurs. Zischend rasten die ersten Brandpfeile aus den Marsen zum Gegner hinüber. Batuti und Big Old Shane feuerten ihre weiteren glühenden Geschosse in blitzschneller Folge ab.
Auf der Back harrte Ferris Tucker aus, bis der erste Spanier nahe genug heran war. In hohem Bogen flog die erste Höllenflasche los, geladen mit gehacktem Blei und rostigen Nägeln.
„Steuerbordgeschütze klar!“ brüllte Al Conroy.
Flammen loderten aus den Segeln beider Spanier. Die erste Höllenflasche detonierte mit dumpfem Krachen, und markerschütternde Schreie waren die Folge. Grimmig lachend schickte Ferris Tucker die nächsten Flaschenbomben auf die Reise. Detonation folgte auf Detonation. Auf den Decks beider Galeonen schrien Verwundete und Sterbende. Die anderen versuchten in panischer Eile, die vielen Brandherde an Deck zu löschen. Doch gegen die in den Segeln hochleckenden Flammen waren sie machtlos. Schon lief die erste Galeone aus dem Ruder.
„Volle Breitseite – Feuer!“ gellte Dan O’Flynns Stimme.
Wieder donnerten die Geschütze der „Isabella“, und die Serie der Treffer hämmerte mit furchtbarer Gewalt in den Leib der aus dem Ruder laufenden Galeone.
Auch der zweite Spanier brannte bereits lichterloh. Im Passieren wurde er mit einer weiteren Folge von Brandpfeilen und Höllenflaschen eingedeckt. Die Wuhling an Bord gestattete es den Dons nicht, auch nur an ihre Geschütze zu denken.
Seelenruhig ging Dan O’Flynn auf Gegenkurs, und gleich darauf krachte die Backbordbreitseite in die soeben passierte zweite Galeone. Unablässig gellten die Schreie. Immer noch sirrten die Brandpfeile, und Ferris Tucker fuhr erbarmungslos fort, die Flaschenbomben zu katapultieren.
Wieder und wieder hämmerten die Breitseiten der „Isabella“ in die waidwund geschossenen Gegner. Viel zu sehr waren die Spanier mit den Bränden beschäftigt, um auch nur ein einziges Geschütz im Gegenzug abzufeuern. Das Grauen hatte sie gepackt. Dieser Gegner war übermächtig. Eine unvorstellbare, ja teuflische Kraft mußte ihn beseelen.
Kommandos ertönten, schrill, von sich überschlagenden Stimmen. Boote, die noch intakt waren, wurden gefiert. Aus dem Flammenmeer heraus sprangen Männer über Bord. Bei einigen hatte die Kleidung Feuer gefangen, und das Wasser rettete sie. Die vordere Galeone hatte bereits beträchtliche Schlagseite. Doch die Frage, ob sie erst sinken oder zuvor durch die Explosion der Pulverkammer auseinanderfliegen würde, beschäftigte niemanden. Nur das nackte Leben zählte noch.
Dan O’Flynn erteilte Order, wieder auf Südostkurs zu gehen. Fast schwerfällig entfernte sich die „Isabella“ von dem blutrot erhellten Kreis, der die brennenden Galeonen umgab.
Vier Boote, überfüllt mit Spaniern, flüchteten nach Süden – dorthin, wo sie die kubanische Küste wußten.
Kurz darauf geschah es. Himmelhoch und grellrot stach das Explosionsfeuer nahezu gleichzeitig aus den beiden Galeonen. Ausläufer der Druckwelle waren selbst noch auf der „Isabella“ spürbar. Trümmer wirbelten hoch und senkten sich wie prasselnder Regen zurück auf das Wasser. Zischend und fauchend sanken die beiden Flammenherde in sich zusammen und wurden von der See verschlungen.
Erst nach und nach wurde es still. Mit dem Versiegen der blutroten Helligkeit kehrte die Dämmerung zurück.
Die Gesichter der Arwenacks waren so grau wie das letzte fahle Licht des zu Ende gehenden Tages.
Sie erwachten aus ihrer Raserei, versammelten sich stumm auf der Kuhl und blickten zu Dan O’Flynn auf, der regungslos auf dem Achterdeck stand. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt.
Der Kutscher war aus der Krankenkammer aufgetaucht und schob sich jetzt nach vorn.
„Sam ist versorgt“, sagte er leise. „Wir können nur noch hoffen, daß er es übersteht.“
„Und Ben?“ fragte Dan tonlos.
„Immer noch ohne Bewußtsein. Wir können jetzt mit der Versorgung der Leichtverletzten anfangen. Es nutzt schließlich alles nichts, irgend etwas müssen wir ja tun.“ In unendlicher Ratlosigkeit zog der Kutscher die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen.
Dan blickte in die Gesichter der Männer. In ihren weit offenen Augen las er, wie sehr sie seine Gedanken nachempfanden. Er hatte das Kommando über die „Isabella“ übernommen, hatte es übernehmen müssen, und alle waren damit einverstanden. Und eben darum wußten sie, vor welcher schweren Entscheidung er stand.
Für Dan O’Flynn war es die schwerste Entscheidung seines Lebens.
Was, um Himmels willen, sollte er tun?
Die Frage schrie in seinem Inneren, bohrte und drängte und trieb ihn fast zur Verzweiflung.
Die See nach dem Seewolf absuchen? In der Dunkelheit, die jetzt sehr schnell hereinbrechen würde?
Oder dem Verband folgen? Die Zeit nutzen, um Großrah und Besanrute zu erneuern und neue Segel anzuschlagen?
Dan gab sich einen Ruck.
„Hört her“, sagte er gepreßt, „ich brauche nicht viel zu erklären. Ihr wißt, wie die Dinge stehen. Wir haben die Pflicht, nach unserem Kapitän zu suchen. Wir haben aber auch die Pflicht, für unsere Freunde und für die Schlangen-Insel zu kämpfen. Dabei geht es für uns alle um Sein oder Nichtsein, um unsere Existenz überhaupt. Und auch um das, was Hasard maßgeblich mit aufgebaut hat Versuchen wir, uns zu fragen, wie er an unserer Stelle entscheiden würde.“
Keiner der Männer brachte auf Anhieb eine Antwort hervor.
Dann, nach endlos scheinenden Minuten, war es Big Old Shane, der einen grausamen inneren Widerstreit bezwang. Tränen zogen ihre deutliche Bahn über sein Gesicht, das vom Ruß der Brandpfeile geschwärzt war.
„Vielleicht muß ich es sein, der die Antwort gibt“, sagte er mit heiserer Stimme. „Ich habe Hasard aufwachsen sehen, damals auf Arwenack in Cornwall. Ich kenne ihn, wie ein Vater seinen Sohn kennt. Ich weiß, wie er denkt, und ich weiß, wie er an unserer Stelle handeln würde.“ Shane holte tief Luft, wie in einer übermenschlichen Anstrengung. „Dan, du mußt Befehl geben, den Gegner weiter zu verfolgen.“
Dan O’Flynn nickte – langsam und fast widerwillig, als müsse er jedes einzelne Wort Silbe für Silbe in sich aufnehmen, um den grausamen Sinn zu begreifen.
„Gibt es Gegenstimmen?“ fragte er dann. Schwer wie Blei fielen die drei Worte in die Stille.
Niemand hob die Hand, keiner der Arwenacks sagte ein Wort. Und es gab keinen unter ihnen, den es nicht innerlich fast zerriß wie Big Old Shane. Mit gesenktem Kopf starrten sie auf die Planken.
In den Fäusten Ed Carberrys zerbrach ein Ladestock wie ein morscher Ast. Sein Gesicht zuckte, und seine Schultern bebten, als er sich abwandte.
Dan O’Flynns Stimme klang plötzlich hart und metallisch. „Klart auf und repariert die Gefechtsschäden!“ Er drehte sich um und gab Pete Ballie Order, Kurs Südost zu halten.
8.
Der Abendhimmel war sternenklar, und der Mond goß sein silbrigbleiches Licht über dem Karibischen Meer aus.
Jean Ribault und die Männer auf der „Le Vengeur“ hatten sich an die Situation gewöhnt. Die Kriegsgaleone und die Kriegskaravelle aus dem Havanna-Verband saßen ihnen ständig mit gleichbleibendem Abstand im Nacken. Von Zeit zu Zeit vergewisserte sich Ribault mit einem Blick nach achteraus, daß es den Dons nicht gelang, ihnen näher auf den Pelz zu rücken.
Es war eine Stunde vor Mitternacht, als Jonny seine Meldung aus dem Vormars brüllte.
„Feind in Sicht! Spanischer Verband voraus! Drei Galeonen und zwei Karavellen!“
Augenblicklich wurden die Männer an Deck hellwach. Ohnehin war es nur eine scheinbare Ruhe gewesen, in der sie vor sich hingebrütet hatten. Der Kanonendonner aus nordöstlicher Richtung war nicht zu überhören gewesen, sie hatten die beiden Verfolgerschiffe ständig vor Augen, und sie wußten, daß sich in dieser Nacht noch Entscheidendes abspielen würde. Gefechtsbereitschaft bestand seit der ersten Begegnung mit den Spaniern ohnehin. Die Stückpforten waren geöffnet, sämtliche Geschützrohre ausgerannt.
„Lausige Dons“, knurrte Piet Straaten, der am Ruder stand, „jetzt kriegt ihr Dampf unter dem Hintern, verlaßt euch drauf!“
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, sagte Jan Ranse tadelnd. Er folgte Jean Ribault, der bereits an die Backbordverschanzung des Achterdecks getreten war, um die See voraus mit dem Spektiv zu beobachten. Auch Jan zückte sein Spektiv. Das Licht von Mond und Sternen reichte aus, um ein passables Bild zu liefern.
Die Dons segelten unter Vollzeug. Ihre Hecklaternen waren kleine flackernde Punkte vor den verschwommenen Umrissen der gebauchten Segel. Offenbar hatten sie noch nicht erkannt, daß es achteraus von ihnen einen bissigen Floh gab, der im Begriff war, ihnen in den Pelz zu springen und sie kräftig zu zwacken.
„Die haben Matsch auf den Augen und Bohnen auf den Ohren“, sagte Jan Ranse überzeugt. „Kriegen die denn überhaupt nichts mit?“
„Man soll sich selbst nicht zu wichtig nehmen“, entgegnete der schlanke Franzose lächelnd. „Wahrscheinlich denken sie, daß sie es gar nicht nötig haben, uns zu beachten.“
Augenblicke später änderte sich die Lage – schneller als erwartet.
Achteraus krachte es dumpf, dreimal kurz hintereinander.
Jean Ribault und Jan Ranse wirbelten herum. Über der Verfolgergaleone stiegen drei hellgraue Rauchbälle auf und verflüchtigten sich im Abendhimmel.
„Böller“, sagte Ribault dumpf. „Gar nicht so dumm. Der Bursche hat seinen Verbandsführer gewarnt.“
Das Ergebnis sahen sie wenig später. Spektive waren nicht mehr nötig, denn aufgrund der hohen Fahrt der „Le Vengeur“ verringerte sich die Distanz sehr rasch.
Capitán Cubera ließ seine fünf Schiffe in Dwarslinie aufmarschieren. Gleich darauf bildeten sie einen Halbbogen nach Osten, wobei die beiden Flankenschiffe zurückhingen.
„Eine teuflische Falle“, sagte Jan Ranse grimmig.
Jean Ribault nickte. Diese Falle würde sich allerdings nur dann schließen, wenn man den Fehler beging, in den Halbbogen hineinzusegeln. Außerdem gab es da noch die beiden Verfolgerschiffe, die man in die Rechnung einbeziehen mußte.
Ribault lächelte hart. Nein, er würde ihnen nicht den Gefallen tun, in die tödliche Sichel hineinzustoßen. Denn zur Zeit war es mehr als ungewiß, ob und wann mit Verstärkung durch die „Isabella“ und die „Tortuga“ zu rechnen war.
Ohne zu zögern, gab Ribault seine Befehle. Die Männer an Deck gerieten in Aktion, und Piet Straaten legte Ruder. Hart luvte die „Le Vengeur“ an, und die beiden Verfolger gerieten ins Hintertreffen. Zwar zogen sie mit, liefen jedoch nicht die Höhe, die der schlanke Dreimaster schaffte. Schon jetzt mußte den Verfolgern klar sein, daß die Männer auf der „Le Vengeur“ vorhatten, sich die Galeone an der Luvflanke des Verbandes vorzunehmen.
Deutliche Anzeichen von Nervosität wurden auf eben jener Galeone erkennbar. Befehlsgebrüll wehte herüber, Wuhling entstand auf der Kuhl. Dann schien der Kommandant der Galeone zu glauben, ein Kunststück fertigbringen zu können. Mündungsblitze zuckten an Steuerbord auf, und der Geschützdonner rollte grollend über die Wasseroberfläche. Aber der Versuch der Dons, ihre Stücke schräg nach Steuerbord achteraus auszurichten, mißlang kläglich, denn die Geschütze waren nur für einen Beschuß nach querab praktikabel eingerichtet.
So gab es lediglich imposante Fontänen, die weit vor der „Le Vengeur“ emporrauschten. Die Crew des Franzosen quittierte es mit höhnischem Gelächter.
„Klar bei Steuerbordgeschützen!“ brüllte Jean Ribault.
Minuten später folgte der entscheidende Moment. Die „Le Vengeur“ kreuzte das Kielwasser der Galeone in knapp hundert Yards Entfernung. Wummernd entluden sich die Culverinen und jagten ihren Eisenhagel auf das Achterschiff des Gegners zu. Triumphgebrüll der „Vengeurs“ brandete im nächsten Augenblick auf.
„Volltreffer!“ schrie Pierre Puchan begeistert, riß sich seine Perücke vom Kopf und schlug sich damit auf die Oberschenkel, während er über die Decksplanken hüpfte.
Die Galeone hatte mehrere Treffer in die Ruderanlage empfangen und drehte sofort in den Wind.
Jean Ribault dachte nicht daran, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Reaktionsschnell änderte er seine ursprüngliche Absicht, verzichtete auf die Luvposition und ließ die „Le Vengeur“ abfallen. An Backbord waren die Geschützmannschaften einsatzbereit.
Die Galeone lag mit schlagenden Segeln im Wind, und hilflos sahen die Spanier das Verderben herannahen, denn ihre Steuerbordstücke hatten sie noch nicht nachgeladen. In blankem Entsetzen mußten sie erleben, wie der Gegner seinen blitzschnellen Gegenzug verwirklichte und ihnen im Vorbeisegeln die Backbordbreitseite in den Rumpf schmetterte.
Das Krachen der Einschläge veranlaßte die Männer der „Le Vengeur“ zu abermaligem Triumphgebrüll. Ein Treffer rasierte den Bugspriet glatt weg. Die Blinde hatten die Dons nicht gesetzt. Zwei mächtige Löcher klafften in der Steuerbordwasserlinie. Und dann gab es einen geradezu teuflischen Zufall, als eine Kugel das Schanzkleid durchschlug und in einen Stapel bereitgelegter Kartuschen raste.
Eine fast masthohe Stichflamme zischte aus dem Kartuschenstapel hoch. Entsetzensschreie gellten. Rasend schnell breiteten sich die Flammen aus und fraßen sich gierig ins Segeltuch. Als brennendes Wrack sackte die Galeone achteraus.
Doch mit dem Triumphgefühl der „Vengeurs“ war es im selben Atemzug vorbei, als der warnende Schrei des Ausgucks gellte.
„Schaluppen voraus!“
Jean Ribault zuckte zusammen. An die Einmaster hatte er nicht mehr gedacht. Und schlagartig wurde ihm klar, warum er sie zuvor nicht hatte sehen können. Cubera hatte sie dem Verband als Vorpostenstreifen vorausgeschickt, und jetzt waren sie umgekehrt – sechs Schaluppen, die sich wie ein Rudel blutrünstiger Wachhunde auf die „Le Vengeur“ stürzten.
Die ersten Drehbassenschüsse bellten schon aus hundert Yards Entfernung. Jean Ribaults Männern blieb keine Zeit, die Geschütze nachzuladen. Ein mörderischer Eisenhagel schwirrte über die Verschanzungen.
„Volle Deckung!“ brüllte Ribault, und es schmerzte ihn auf grausame Weise, keinen anderen Befehl geben zu können.
Im nächsten Moment waren sie schon heran. Die Schaluppen halsten oder wendeten und fielen über die „Le Vengeur“ her, als wollten sie sich buchstäblich in ihre Beute verbeißen. Die Drehbassen hämmerten in rasender Folge, Musketenschüsse stimmten blaffend mit ein.
Gehacktes Blei und großkalibrige Kugeln prasselten in die Verschanzungen und sirrten haarscharf über die Decks und durch Balustraden. Jean Ribault und seine Gefährten konnten es nicht einmal riskieren; auch nur das Gesicht von den Planken zu heben. In letzter Sekunde war Jonny aus dem Mars abgeentert. Ribault atmete auf, als er ihn bei den anderen auf der Kuhl sah.
Unvermittelt wurde das Feuer der Schaluppen stockend. Den Grund konnten die Männer an Bord der „Le Vengeur“ nicht erkennen.
„An die Drehbassen!“ brüllte Jean Ribault und sprang als erster auf. Geduckt hastete er auf den Steuerbord-Hinterlader des Achterdecks zu. Auf der Back waren Grand Couteau und Dave Trooper im selben Moment im Einsatz, und Jan Ranse übernahm die andere Drehbasse auf dem Achterdeck.
Es gelang ihnen, die Schaluppen auf Distanz zu treiben, doch der Verdacht keimte in ihnen auf, daß die Einmaster dies ein wenig zu bereitwillig mit sich geschehen ließen. Im nächsten Augenblick, als ihnen die Ursache klar wurde, sträubten sich den Männern auf der „Le Vengeur“ die Nackenhaare.
Die Verfolgerschiffe waren heran!
Wohlgeplant und beinahe in aller Ruhe hatten die Galeone und die Karavelle während des wütenden Überfalls der Schaluppen ihre Umklammerung vorbereiten können. Von Backbord und von Steuerbord achteraus rauschten sie jetzt heran, um den Gegner in den Würgegriff nehmen zu können.
Verzweifelt versuchten die „Vengeurs“ noch, ihre Geschütze nachzuladen. Aber ihre Hoffnung wurde im Ansatz erstickt. Noch einmal hämmerten die Drehbassen der Schaluppen, dann fielen die Einmaster ab, als die beiden großen Kriegsschiffe zur Stelle waren.
Grellrot blühten die Feuerblumen beiderseits der „Le Vengeur“ auf. Der Donner der Breitseiten packte den Dreimaster mit infernalischem Getöse, der Eisenhagel ließ den Rumpf des schlanken Schiffes erzittern, und gellende Schreie stachen durch das Inferno. Erste Flammen züngelten auf der Kuhl hoch. Jean Ribault robbte über die Planken des Achterdecks nach vorn. Und wenn es ihm gelang, auch nur ein einziges Geschütz abzufeuern – die Dons sollten wissen, daß sie es nicht mit einem hilflosen Gegner zu tun hatten!
Im Flammenschein sah er die Schatten seiner Männer. Verzweifelt versuchten sie, die Brandherde zu löschen. Es trieb Ribault einen furchtbaren Schmerz ins Innerste, als er sah, wie kurz nacheinander zwei Männer von Musketenkugeln niedergestreckt wurden.
Die Flammen breiteten sich weiter aus. Und in teuflischer Schnelligkeit schienen die Minuten verronnen zu sein. Denn noch bevor Ribault den Backbordniedergang erreicht hatte, krachten die nächsten Breitseiten der Spanier. Feuer und Rauch brandeten auf die „Le Vengeur“ zu, und diesmal war es, als würde der Schiffsleib von den Einschlägen regelrecht durchgeschüttelt. Splitter und Holzteile krachten auf die Decks. Schmerzensschreie von Verwundeten gellten, und die tödlich Getroffenen sanken in sich zusammen, ohne noch einen Laut von sich zu geben.
Ein Stück aus der Verschanzung schrammte über Jean Ribault hinweg, und Schmerz durchzuckte sein rechtes Bein. Fluchend zog er den Splitter heraus, der sich in seinen Oberschenkel gebohrt hatte.
Flammen waren jetzt überall. Es gab kein Segel mehr, das nicht vom Feuer erfaßt war, und auch auf den Decks breiteten sich die Brandherde immer weiter aus. Der Entschluß, den er fassen mußte, brachte Jean Ribault fast um den Verstand. Aber er hatte keine andere Wahl, wollte er das Leben der Männer retten, die noch halbwegs unversehrt waren.
„Fiert die Jolle ab!“ brüllte er gegen das Inferno an. „Alle Mann ins Beiboot!“
Sie alle empfanden den gleichen Schmerz wie ihr Kapitän. Aber sie wußten, daß es keine andere Möglichkeit gab. Eilends wurde die noch intakte große Jolle zu Wasser gelassen, während ein Teil der Crew die Decks nach Überlebenden absuchte. Jean Ribault und die meisten anderen retteten sich durch einen Sprung über Bord. Mit kraftvollen Zügen schwammen sie auf das Boot zu und wurden von den anderen hineingezogen. Erst jetzt bemerkten sie, daß die Dons von ihnen abgelassen hatten und ihrem Verband nachsegelten. Es war keine Erleichterung.
Mit aller Kraft pullten die Männer von ihrem brennenden Schiff weg. Und es trieb ihnen die Tränen in die Augen, als sie aus hundert Yards Entfernung miterleben mußten, wie eine riesige Stichflamme aus der „Le Vengeur“ zuckte. Im nächsten Moment wurde der Dreimaster von der Explosion der Pulverkammer in Stücke gerissen.
Die „Le Vengeur“ existierte nicht mehr.
Schweigend und mit einem Würgen in der Kehle sahen die Männer im Boot zu, wie der Feuerball der Detonation in sich zusammensank, wie die Trümmer herabregneten und es bald darauf völlig still wurde.
Jean Ribault blieb es nur noch, festzustellen, daß zwanzig seiner Männer überlebt hatten. All jene, mit denen er seit Jahren gemeinsam über die Weltmeere gesegelt war, befanden sich bei ihm in der Jolle. Aber zehn Männer hatten den Tod gefunden und ihr Leben für den Bund der Korsaren und für die Schlangen-Insel gelassen.
Dies wog ungleich schwerer als der Verlust der „Le Vengeur“. Denn ein Schiff ließ sich ersetzen.
Sie blieben, wo sie waren.
In den frühen Morgenstunden des 25. Juli rauschten die „Tortuga“ und die Schebecke mit ihren unverkennbaren rot-weißen Segeln heran.
Jean Ribault und seine Gefährten atmeten auf. Doch eine überschwengliche Begrüßung gab es nicht. Angesichts der niederschmetternden Geschehnisse der vergangenen Stunden hatten auch die Männer an Bord der beiden Dreimaster andere Dinge im Kopf, als in Wiedersehensfreude auszubrechen.
In aller Eile wurden die zwanzig Männer von der „Le Vengeur“ an Bord der „Tortuga“ übernommen, nachdem Ribault sich an Bord der Schebecke begeben hatte. Sofort nachdem Jerry Reeves auch die Jolle an Deck seiner Galeone hatte hieven lassen, wurde die Jagd auf den Verband fortgesetzt.
Don Juan berichtete, daß die Galeone, die die „Le Vengeur“ an der Backbordflanke des Verbandes erwischt hatte, gesunken war. Die Besatzung, so hatte man von der Schebecke und von der „Tortuga“ aus beobachtet, hatte sich in Booten abgesetzt.
Jean Ribault nickte gedankenverloren. Harte Furchen kerbten sein Gesicht, während er vorausblickte. Deutlich zeichneten sich die Schiffe des spanischen Verbandes vor der Kimm ab. Ribault dachte nicht einmal an die Kratzer, die er davongetragen hatte. Es war alles nebensächlich. Den Verlust der zehn Männer und den Verlust seines Schiffes würde er so schnell nicht verkraften. Nur die Rache konnte ihm vielleicht darüber hinweghelfen.
„Ich kann auch die schlechtere Nachricht nicht unerwähnt lassen“, sagte Don Juan nach einer kurzen Pause.
Jean Ribault wandte den Kopf ruckartig und blickte ihn erstaunt an. Jähe Besorgnis wallte brennend in ihm auf.
„Es hat mit der ‚Isabella‘ zu tun“, stieß er hervor, „so ist es doch, nicht wahr? Nun rede schon!“
Don Juan preßte die Lippen aufeinander und nickte. In kurzen Zügen berichtete er, daß er gemeinsam mit Jerry Reeves die „Isabella“ überholt hatte. Dabei hatten sie erfahren, was sich abgespielt hatte.
„Hasard wird vermißt“, schloß Don Juan seinen Bericht tonlos.
Jean Ribault starrte ihn an und brachte kein Wort hervor. Es traf ihn wie ein Stich ins Herz.
Der Seewolf vermißt! Die Konsequenzen waren nicht auszudenken. Diese Nacht zum 25. Juli Anno 1594 schien sich für den Bund der Korsaren mehr und mehr als schicksalhaft zu erweisen. Was, in aller Welt, würde noch alles geschehen? Hatte sich denn tatsächlich das Glück gegen sie gewendet?
In den Mittagsstunden änderte sich die Lage auf unerwartete Weise. Der Nordost, der sich bis zu diesem Zeitpunkt als ein so stetiger und verläßlicher Geselle erwiesen hatte, ließ plötzlich nach. Einige Minuten lang klatschten und schlugen die Segel noch, dann war es vollends still. Schlaff hing das Tuch von den Rahen herab.
„Ein Flautenloch!“ brüllte Jerry Reeves von der „Tortuga“ herüber. „Der Verband segelt weiter!“
In der Tat war deutlich zu erkennen, wie sich die Formation der Kriegsschiffe zur Kimm hin verkleinerte.
Don Juan und Jean Ribault beratschlagten nur kurz. Dann, nachdem sie sich auch mit Jerry Reeves abgesprochen hatten, wurde nicht lange gefackelt. Zehn Männer aus Ribaults Crew wurden von der Schebecke übernommen, und mittels Riemenantrieb pullten sie die Schebecke weiter nach Südosten.
Die Fahrt, die der schlanke Dreimaster dabei lief, war nur gering. Aber es war besser als nichts.
Erst am späten Nachmittag zeigte sich der Erfolg der schweißtreibenden Arbeit. Sie hatten das Flautenloch hinter sich gebracht. Unvermittelt füllte der Nordost wieder die rot-weißen Segel. Eilends holten die Männer die Riemen ein und schlossen die Ruderpforten. Gleich darauf lief die Schebecke erneut rauschende Fahrt auf Kurs Ost.
Ebenso wie der Kampfverband voraus, war auch die „Tortuga“ achteraus nicht mehr in Sicht.
9.
Der Morgen des 26. Juli versprach einen Tag mit abermals klaren Sichtverhältnissen.
Old Donegal Daniel O’Flynn hatte soeben seinen Platz auf dem Achterdeck der „Empress of Sea“ bezogen und Martin Correa, der am Ruder stand, mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen begrüßt. Es war fünf Uhr morgens. Sven Nyberg, die Zwillinge und Plymmie befanden sich noch unter Deck. Old Donegal kam nicht mehr dazu, Nils Larsen, dem Ausguck auf dem Vorschiff, ebenfalls einen Morgengruß zuzurufen.
Der alarmierende Ruf des Dänen löschte jäh alle anderen Gedanken aus.
„Kriegsschiffe Steuerbord voraus!“
Old Donegal knurrte einen Fluch, ruckte herum und riß das Spektiv an sich. Sekunden später hatte er das Bild, mit dem sie nun schon seit Tagen ständig gerechnet hatten.
Klar und deutlich zeichneten sich die Segel über der nordwestlichen Kimm ab.
„Sechs Schiffe!“ rief Nils Larsen. „Richtig?“
„Richtig“, erwiderte der alte O’Flynn knarrend, indem er weiter durch das Spektiv äugte. „Drei verdammte Galeonen, drei Karavellen und ein Haufen Kleinzeug.“ Er ließ das Spektiv sinken. „Denen zeigen wir schleunigst die Hacken, Martin. Los, los, Kurs auf die Schlangen-Insel!“
Correa ließ den kleinen Dreimaster abfallen, und dank seiner hohen Fahrt wurden die Segel über der Kimm sehr schnell kleiner.
Knapp vier Stunden später, gegen neun Uhr, erreichte die „Empress“ die Schlangen-Insel.
Am Strand der Innenbucht wurde Old Donegal von Hesekiel Ramsgate, Karl von Hutten und Pater David empfangen.
„Es ist soweit!“ brüllte der alte O’Flynn, noch während er aus dem von Martin Correa gepullten Boot kletterte und auf die Männer zustelzte. „Jetzt kriegen wir den schönsten Teufelstanz, Freunde.“ Atemlos blieb er vor den Wartenden stehen, die ihn anstarrten.
„Der spanische Verband?“ fragte Pater David grollend.
„So ist es“, entgegnete Old Donegal und nickte. „Allerdings fehlen drei Galeonen. Die Freunde werden wohl zugeschlagen haben.“
„Aber es ist ihnen nicht gelungen, den gesamten Verband aufzuhalten“, folgerte Hesekiel Ramsgate düster.
Old Donegal zog die Schultern hoch.
„Es bleibt nur eins“, sagte Karl von Hutten, „sofortige Evakuierung. Wie besprochen.“
Es gab keine andere Möglichkeit. Zügig wurden die Maßnahmen in die Wege geleitet, die während der letzten Besprechung des Bundes der Korsaren bis ins kleinste geplant worden waren.
Arkana und ihre Kriegerinnen und Krieger bezogen die vorgesehenen Verteidigungsstellungen rings um die Insel. Alle anderen, die sich nicht an den Kämpfen beteiligen würden, begaben sich an Bord der „Wappen von Kolberg“, die von Renke Eggens und einem Teil der Crew Arne von Manteuffels geführt wurde. Zu den Evakuierten gehörten Gotlinde, Gunhild, Mary O’Flynn und die Kinder.
Da alle Vorbereitungen rechtzeitig getroffen worden waren, lief die Evakuierung zügig ab. Bereits um zehn Uhr verließen die „Empress“ und die „Wappen“ die Schlangen-Insel und nahmen Kurs auf Coral Island.
Den Vereinbarungen entsprechend, wurde unterdessen auf der Schlangen-Insel der Gefechtsstand bezogen. Hesekiel Ramsgate, Pater David, Karl von Hutten und mehrere Männer aus der Werft-Crew erstiegen zu diesem Zweck das westliche Felsmassiv, das sich in langgezogener Formation von Norden nach Süden erstreckte. Bei dem Gefechtsstand handelte es sich um den höchsten Punkt der Insel, der einen freien Überblick nach allen Himmelsrichtungen ermöglichte. Gleichzeitig waren die Männer durch Felsblöcke und Barrieren, hinter denen sie sich verbergen konnten, vor Blicken von außerhalb der Insel geschützt.
Auch die einzelnen Positionen, die Arkana und ihre Kriegerinnen und Krieger bezogen hatten, waren ähnlich gut vor unerwünschten Blicken abgeschirmt. Wenn sich die Angreifer der Schlangen-Insel näherten, würden sie praktisch keine Menschenseele erblicken.
Stunden verrannen, ohne daß sich etwas tat.
Das änderte sich erst, als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte. Karl von Hutten, der zu dieser Zeit die Beobachtung übernommen hatte, straffte plötzlich seine Haltung.
„Sie kommen!“ rief er. „Von Westen. Kein Zweifel, es ist der Verband.“
Geduckt pirschten sich die übrigen Männer an die Felsbarrieren heran und riskierten einen vorsichtigen Blick.
„In der Tat“, flüsterte Pater David, „sie erdreisten sich in der Tat, ein Gottesurteil heraufzubeschwören. Denn der Allmächtige wird diese himmelschreiende Ungerechtigkeit nicht zulassen.“
Die übrigen Männer schwiegen. Zu sehr nahm sie das Geschehen in seinen Bann.
Nur die Mastspitzen des Verbandes waren zunächst über der westlichen Kimm zu erkennen. Noch segelten die Kriegsschiffe aus Havanna in Kiellinie.
Kurz darauf fächerten die Galeonen und Karavellen auseinander.
„Jetzt haben sie ihr Ziel erfaßt“, sagte Hesekiel Ramsgate gepreßt.
„Aber sie sollen ihr blaues Wunder erleben“, knurrte Pater David, „so wahr uns Gott helfe.“
In diesem Moment lösten sich die sechs Schaluppen von dem Verband und nahmen Direktkurs auf die Schlangen-Insel. Offenbar waren die Einmaster vorausgeschickt worden.
Durch Zuruf gab Karl von Hutten die Meldung vom Herannahen des Feindes an die nächste Verteidigungsstellung der Schlangenkriegerinnen weiter. Sehr rasch wurde auf diese Weise die alarmierende Nachricht weiterverbreitet, bis auch jene Verteidigungsposten informiert waren, die den anrückenden Verband nicht selbst sehen konnten.
Äußerst vorsichtig verhielten sich die Verteidiger der Schlangen-Insel jetzt. Sie riskierten bestenfalls, ihren Haarschopf über die Deckung hinauszuschieben. Die Hauptaufgabe der Beobachtung oblag ohnehin den Männern im Gefechtsstand.
Mittlerweile schwärmten die sechs Schaluppen aus. Offensichtlich hatten sie Order, die Insel von allen Seiten in Augenschein zu nehmen. Die sechs Kriegsschiffe hatten sich unterdessen halbkreisförmig von Westen nach Süden verteilt und waren mit auf gegeiten Segeln in Warteposition gegangen.
Regungslos verharrten die Männer in sicherer Deckung. Behutsam spähte Karl von Hutten über den zerklüfteten Felsbrocken, den er als Deckung benutzte. Flüsternd teilte er den Freunden mit, was sich außerhalb der Insel tat.
In der Tat umkreisten die Schaluppen das felsige Eiland. Dabei hielten sie ausreichenden Sicherheitsabstand und tasteten sich mit mäßiger Fahrt voran. Etwa eine halbe Stunde dauerte es, bis sich die in vorderster Position segelnde Schaluppe von der Westseite her nach Norden vorgearbeitet hatte.
Dann entdeckten die Spanier an Bord des Einmasters den Felsendom.
Die Schaluppe drehte bei.
Während Karl von Hutten dies schilderte, konnten sich die Männer in ihrem felsigen Versteck ein Grinsen nicht verkneifen – trotz der immer bedrohlicheren Situation, in die sie nun gerieten.
An Bord des Einmasters kriegten die Dons samt und sonders lange Hälse und stierten sich die Augen aus dem Kopf. Zwei von ihnen, die durch Spektive spähten, fingerten aufgeregt herum, offenbar, um die Scharfeinstellung zu verbessern.
Kein Zweifel, daß das, was sie erblickten, ausreichte, um sie buchstäblich aus dem Häuschen zu bringen. Sie konnten den größten Teil der Innenbucht mit ihren Stegen von Norden nach Süden überblicken. Und da war die einladende Passage durch den Felsendom. Offenbar kribbelte es ihnen mächtig in den Fingern, jetzt und auf der Stelle nach dem Rechten zu sehen.
„Wagt es nur“, flüsterte Pater David, „wagt es, und wir werden euch einen glühendheißen Empfang bereiten.“
Aber die Spanier überlegten es sich anders. Unvermittelt drehten sie ab und segelten nach Westen zurück, auf das Flaggschiff zu.
Voller Ungeduld wartete Capitán Don Garcia Cubera, bis der Schaluppenführer über die Jakobsleiter aufgeentert war. Und heftig winkte Cubera ab, als sich der Mann in militärisch strammer Haltung auf dem Achterdeck der „San José“ aufbaute und ebenso stramm salutieren wollte.
„Stehen Sie bequem, Mann“, sagte Cubera. „Reden Sie. Schnell, schnell.“
„Jawohl, Señor Capitán“, sagte der Schaluppenführer ehrerbietig. „Die Insel besteht größtenteils aus Felsen, die von See her nur schwer zugänglich sind. Es gibt aber eine große Innenbucht, die lediglich von der Nordseite her durch einen Felsendom zu erreichen ist. In der Bucht haben wir mehrere Stege und einen Strand gesehen. Ausreichende Liegeplätze für mehrere große Schiffe.“
„Und?“ bellte Cubera. „Was heißt das? Liegen in dieser verdammten Bucht Schiffe oder nicht?“
„Kein einziges, Señor Capitán. Es waren weder Schiffe zu sehen noch irgendeine Menschenseele. Die ganze Insel wirkt wie ausgestorben.“
Eben dies bestätigten kurz darauf auch die übrigen Schaluppenführer, die sich an Bord der „San José“ zur Meldung einfanden. Cubera entließ sie und dachte über das Gehörte nach. Er brauchte nichts zu überstürzen und hatte Zeit, den Angriff in aller Ruhe und wohlüberlegt durchzuführen.
Die Lage war mehr als rätselhaft. Kein einziges Schiff in der Inselbucht – nun, das konnte bedeuten, daß die Piraten ihren Schlupfwinkel aus einer Vorahnung heraus geräumt hatten. Die Stege deuteten letztlich darauf hin, daß es eine Ansiedlung geben mußte, wenn auch nichts Lebendes auf der Insel zu erkennen war.
Die Schaluppenführer hatten auch gemeldet, daß die Innenbucht durch den Felsendom von größeren Schiffen zu erreichen wäre.
Capitán Cubera gab sich einen innerlichen Ruck. Er mußte herausfinden, was diese überaus seltsame Lage zu bedeuten hatte. Kurz entschlossen preite er den Kapitän der Kriegsgaleone „San Gabriel“ an und befahl ihm, durch den Felsendom in die Bucht zu segeln und die Insel aus unmittelbarer Nähe in Augenschein zu nehmen.
Die Galeone setzte Segel, löste sich aus der Warteposition des Verbandes und ging auf Nordkurs.
Karl von Hutten ahnte, was jetzt folgen würde. Wenige Worte genügten zur Absprache mit den Gefährten. Dann huschte der Mann mit dem blonden Haar und dem indianischen Gesichtsschnitt davon. Von See her war er nicht zu sehen, als er nach Osten hin von der felsigen Höhe abstieg.
Etwa eine Viertelstunde brauchte er, um jenen schmalen Felsengrat zu erreichen, der dem Höllenriff nordwestlich vorgelagert war. Geduckt pirschte er sich voran. Nur kurz verharrte er, um sich von der Position der herannahenden Galeone zu überzeugen. Der Dreimaster befand sich jetzt westlich des Gefechtsstandes, in dem die Gefährten ausharrten.
Karl von Hutten setzte seinen Weg mit raubtierhafter Behendigkeit fort. An der nordwestlichen Innenseite des Felsendoms erklomm er das kegelförmige Massiv. Ein gefährlicher und schweißtreibender Aufstieg, den er jedoch zügig bewältigte.
Nach knapp zwanzig Minuten erreichte er jene kleine Plattform auf der östlichen Innenseite des Felsendoms, wo er seine Vorbereitungen getroffen hatte.
Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Schiff des Verbandes die Innenbucht zu erkunden versuchen würde, war leicht vorherzusehen gewesen.
In sicherer Deckung wartete Karl von Hutten, bis die Galeone das Kegelmassiv nordwestlich umrundet hatte und von Norden her auf den Felsendom zusteuerte. Noch eine Weile beobachtete er die Strömungsgeschwindigkeit des ablaufenden Wassers.
Dann, als er sicher war, den richtigen Zeitpunkt abgeschätzt zu haben, schickte er die Pulverfässer nacheinander auf die Reise.
Insgesamt acht Fässer waren es, die er sanft ins Wasser gleiten ließ. Die Fässer waren absolut wasserdicht, da man sie von oben bis unten verpecht hatte. Außerdem waren sie so sorgfältig getrimmt, daß sie kaum aus dem Wasser lugten. Nur die glimmenden Lunten ragten oben heraus. Doch das spielte keine sonderliche Rolle.
Karl von Hutten lächelte grimmig, als er das letzte Faß über die Felsenkante gleiten ließ. Es war bereits etwa zwei Uhr nachmittags. Die Sonne leuchtete also nicht mehr in den Felsendom. Dort, im Schatten, würden die Lunten kaum zu sehen sein.
Zweihundert Yards von der Einfahrt in den Felsendom entfernt, beschloß der Kapitän der „San Gabriel“, die vorgesehene Taktik geringfügig zu ändern. Er verfügte über eine ausreichende Mannschaftsstärke, um sich für alle Eventualitäten zu wappnen.
So ließ er eine große Jolle abfieren, die mit zwanzig Männern besetzt wurde. Ihre Aufgabe war es, der Galeone zu folgen und sofort nach Erreichen der Innenbucht zu landen, um gewissermaßen in einem Sofortschlag die etwa vorhandenen Ansiedlungen aufzurollen. Wenn es Verteidiger gab, würden sie in erster Linie damit beschäftigt sein, sich gegen die herannahende Galeone zu rüsten.
Dann segelte die „San Gabriel“ weiter auf den Felsendom zu, der sich für sie und ihre Besatzung als Tor zur Hölle erweisen sollte.
Der Mahlstrom hatte bereits beträchtlich an Kraft gewonnen. Doch es war der handige Nordost, der dem Rudergänger der Galeone half, auf Kurs zu bleiben und den Felsendom sicher anzusteuern. Indessen ahnten die Männer an Bord, daß es bei stärkerer Strömung unmöglich war, die Innenbucht zu erreichen. Eine höchst wirksame Abschirmung für die Piraten, die sich hier verborgen hielten.
Im Eingang des düsteren Felsendoms stieß ein Faß gegen den Vordersteven der Galeone. Gleich darauf trieben die übrigen Fässer heran und verteilten sich beidseits der Bordwände.
Die überwiegende Zahl der Decksleute, Seesoldaten und Offiziere spähte nach oben, in das feuchte Gewölbe, das sich über ihnen dehnte. Nur wenige warfen einen Blick über die Verschanzung nach unten. Die Funken, die dort auf der Wasseroberfläche sprühten, hielten sie für Reflexe verirrter Sonnenstrahlen.
Keiner der Männer ahnte, daß sie dem Tod ins Auge schauten, ohne ihn wahrzunehmen.
Dann, als sie etwa die Mitte des Felsendoms erreicht hatten, galt ihre ganze Aufmerksamkeit ohnehin der Bucht, die nun so greifbar nahe vor ihnen lag.
Es geschah in diesem Moment, in dem sie sich dem Ziel schon nahe glaubten.
Nahezu gleichzeitig explodierten die acht Pulverfässer – eins genau in Höhe der Pulverkammer.
Ein urgewaltiges Brüllen erfüllte den Felsendom. Grellrot stach der Feuerschein der Detonation seewärts und zur Bucht hin aus dem Dunkel.
Die Todesschreie der Besatzung gingen in dem alles verschlingenden Donner unter. Die „San Gabriel“ wurde buchstäblich in Stücke zerfetzt. Innerhalb von Sekunden tat sich der Höllenschlund auf, der das Schiff mit Mann und Maus hinabriß.
Über dem Felsendom erbebte das Gesteinsmassiv.
Karl von Hutten hatte seine Plattform bereits verlassen. Es grenzte an ein Wunder, daß der Felsendom nicht in sich zusammenkrachte.
Nur nach und nach versiegte das Grollen der Detonation. In der Strömung des ablaufenden Wassers trieben die Wrackteile auf die See hinaus. Niemand an Bord der „San Gabriel“ hatte die Fahrt in das Tor zur Hölle überlebt.
In panischer Hast, wie mit tausend Teufeln im Nacken, pullten die Männer in der Jolle nach Westen davon, zurück zum Verband, der ihnen Schutz vor dem Verderben gewähren würde …
ENDE

1.
Karl von Huttens Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. In Momenten wie diesem wurde deutlich, daß indianisches Blut in seinen Adern floß. Verwegenheit, Wildheit und ein Ausdruck grimmiger Genugtuung mischten sich in seinen Zügen. Er empfand kaum Mitleid, höchstens mit den Decksleuten und Seesoldaten der Dreimastgaleone, die eben im Felsendom der Schlangen-Insel explodiert war.
Die Spanier waren die Herausforderer, sie hatten den Kampf gewollt. Seit Tagen befand sich der große Verband von Kriegsschiffen auf dem Marsch. Er hatte – auch wegen der vielen Verzögerungen, die es unterwegs gegeben hatte – über eine Woche gebraucht, um von Kuba aus sein Ziel zu erreichen. Jetzt, am Mittag des 26. Juli 1594, war die große Stunde des Gefechts gekommen. Als erstes Schiff war die „San Gabriel“ in den Felsendom gesegelt, um die große Bucht mit den Stegen zu untersuchen, wo alles menschenleer und verlassen zu sein schien.
Doch die Spanier waren einem Irrtum erlegen: Wohlweislich hatten die Männer und Frauen des Bundes der Korsaren die Insel geräumt, aber die Verteidiger waren in ihren Stellungen zurückgeblieben, um das Eintreffen des Gegners abzuwarten.
Umsicht und gründliche Vorbereitungen hatten zu dem gewünschten Ergebnis geführt: Der Seewolf hatte zwar mit seinem Verband das Geschwader der Spanier verfehlt, denn im Morgennebel war man aneinander vorbeigesegelt. Doch rechtzeitig genug war Old O’Flynn mit der „Empress of Sea II.“ zur Schlangen-Insel zurückgekehrt und hatte das Nahen des Verbandes gemeldet. Daraufhin waren die Frauen und Kinder sofort an Bord der „Wappen von Kolberg“ und der „Empress“ eingeschifft worden.
Alle Nichtkämpfer, darunter Gotlinde, Gunhild, Mary O’Flynn und die Kinder, waren somit evakuiert worden und jetzt unterwegs nach Coral Island. Um zehn Uhr hatten beide Schiffe die Schlangen-Insel verlassen. Die Krieger und Kriegerinnen Arkanas bezogen rings um die Insel ihre Verteidigungsposten.
Hesekiel Ramsgate, Pater David und Karl von Hutten sowie ein paar Männer der Werft-Crew Ramsgates hatten eine Einsatzreserve gebildet und eine Warteposition zwischen den nördlichen, hohen Felsen der Insel bezogen, wo man auf dem höchsten Punkt eine Art Gefechtsstand eingerichtet hatte. Von hier aus hatten sie das Auftauchen des spanischen Verbandes auch rechtzeitig genug bemerkt …
Karl von Hutten spähte noch für wenige Lidschläge vom Felsendom aus in die Tiefe, dann wandte er sich ab und begann den Abstieg zur westlichen Seite, der ihn zunächst auf die schmale Verbindung zwischen Dom und Gebirgsregion und dann zurück zum Gefechtsstand führte. Wider Erwarten war der Dom bei der gewaltigen Explosion nicht in sich zusammengestürzt. Er hatte gehalten. Von seiner Innenseite hatten sich nur ein paar Deckenbrocken gelöst. Ungehindert gelangte von Hutten also auf dem Weg, den er vorher in der umgekehrten Richtung genommen hatte, zurück zum Gefechtsstand. Anderenfalls hätte er die südliche Richtung einschlagen und die gesamte Insel umrunden müssen, was jedoch einen erheblichen Zeitverlust bedeutet hätte.
Das Tor zur Hölle hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes geöffnet. Von den Schiffen des Gegners ertönte wildes Geschrei, mit dem die Spanier den Verlust der „San Gabriel“ und ihrer Kameraden quittierten. Würden sie aufgeben? Nein – sie bereiteten sich auf den nächsten Angriff vor. Sie hatten sich in den Kopf gesetzt, die Schlangen-Insel zu erobern und diesen „Schlupfwinkel englischer Piraten“ ein für allemal zu vernichten, damit die Karibik ein einigermaßen sicheres Gewässer für ihre Konvois wurde.
Ob es nun Don Antonio de Quintanilla oder der Verbandsführer Capitán Garcia Cubera war, der als treibende Kraft hinter dem Unternehmen stand, war unerheblich. Für von Hutten, Ramsgate, Pater David, Arkana und die anderen Verteidiger der Insel zählte nur eins: Sie mußten sich in einem zähen Kampf gegen eine Übermacht von Angreifern behaupten. Daran änderte auch die Aussicht nichts, daß die Schiffe des Bundes früher oder später zurückkehren mußten, um sie zu unterstützen.
Von Hutten kletterte die Felsen hinunter, lief, jede Deckung geschickt ausnutzend, über die Landzunge zur Westseite der Insel und begann, so schnell wie möglich wieder in den Felsen aufzusteigen. Jeden Moment erwartete er die ersten Kanonenschüsse des Gegners, die nicht auf sich warten lassen würden.
Die ersten Gefechte mit dem spanischen Kriegsverband, die das Inferno einleiteten, hatte bereits stattgefunden. Die „Isabella IX.“ hatte, als sie den Verband wieder eingeholt hatte, zwei Kriegsgaleonen versenkt. Bei ihr selbst waren Besanrute und Großrah zerschossen worden. Seitdem wurde der Seewolf vermißt. Er war spurlos verschwunden, und seine Männer hatten allen Grund, das Schlimmste zu befürchten. Dieses Ereignis überschattete alles weitere Geschehen und traf die Seewölfe tief im Grund ihrer Herzen, obwohl sie sich Mühe gaben, sich nichts anmerken zu lassen.
Eine weitere Kriegsgaleone war von der „Le Vengeur III.“ versenkt worden, doch Jean Ribaults Triumph war nicht von langer Dauer. Die „Le Vengeur“ wurde selbst ein Opfer der angreifenden Spanier und sank in Gottes tiefen Keller, wie die Seeleute den Grund des Meeres manchmal zu nennen pflegten.
Ribault und zwanzig Überlebende der Crew waren von Don Juan de Alcazars Schebecke und Jerry Reeves’ „Tortuga“ an Bord genommen worden. Auf diese Weise verstärkten sie jetzt die beiden Besatzungen und griffen auch weiterhin in das Kampfgeschehen ein. Ribault befand sich an Bord der Schebecke und stand somit Don Juan, Ramón Vigil und den anderen tapferen Männern zur Seite, die in einem beispielhaften Einsatz den Kriegsverband bereits bei seinem Anmarsch verfolgt und beschossen hatten.
Der Verlust der „San Gabriel“ verminderte den spanischen Verband auf das Flaggschiff „San José“, eine zweite Galeone, drei Kriegskaravellen und sechs armierte Schaluppen gegenüber den vorherigen fünfzehn Schiffen.
Aber zur Zeit waren die Verteidiger der Schlangen-Insel auf sich allein gestellt, weil die Schebecke Don Juans, die „Tortuga“, die „Isabella“ unter Dan O’Flynns Kommando, der Schwarze Segler, die „Caribian Queen“ und die „Pommern“ noch nicht wieder heran waren, nachdem sie im Nebel des 23. Juli frühmorgens an dem spanischen Verband auf der Höhe der Insel Gayo Coco vorbeigesegelt waren, ohne einander zu sehen.
Die „Wappen von Kolberg“ und die „Empress of Sea II.“ indes waren noch unterwegs zur Koralleninsel der Timucuas, so daß auch mit ihrer Rückkehr bis zum Abend nicht zu rechnen war.
Kämpfen, dachte Karl von Hutten, wir müssen kämpfen, kämpfen …
Er wußte, daß sie es – trotz des ersten Erfolges – nicht leicht haben würden.
Alles Unheil der Welt schien wieder einmal über Don Antonio de Quintanilla hereinzubrechen. In seinem grenzenlosen Selbstmitleid glaubte er, der einzige wirklich Betroffene und Leidtragende in diesem Unternehmen zu sein, das Opfer eines hinterhältigen Komplotts und menschlichen Wahnwitzes.
Er wünschte sich, nie geboren worden zu sein, und er barg sein Gesicht verzweifelt in beiden Händen. Sein Puder war verschmiert, die Perücke verrutscht, seiner Kleidung mangelte es längst an der üblichen Pflege.
Seit Gomez Guevara, sein Kammerdiener, tot war und die Lakaien in die Vorpiek gesperrt worden waren, kümmerte sich niemand mehr um sein Wohlergehen. Er bot ein Bild des Jammers, und doch wollte ihn keiner an Bord der „San José“ so recht bedauern.
Aus gutem Grund: Don Antonio hatte seit dem Auslaufen des Verbandes aus dem Hafen von Havanna nur für Unruhe und Aufruhr an Bord des Flaggschiffes gesorgt. Das Badebaljen-Manöver war noch das geringste aller Übel gewesen. Dann aber hatte der dicke Gouverneur durch Guevara versucht, den Kommandanten ins Jenseits zu befördern, und zuletzt, in Remedios, war er seinem Kammerarrest entwichen, hatte mittels einer Pistole den Ersten Offizier der „San José“ als Geisel genommen und gemeinsam mit den Lakaien zu fliehen versucht, was jedoch vereitelt worden war.
Harte Konsequenzen ergaben sich aus diesen Taten. Don Garcia Cubera war fest entschlossen, den Dicken in Havanna einem Gericht der spanischen Krone zu überantworten. Es würde einen regulären Prozeß geben, bei dem der Staat als Ankläger und Don Garcia Cubera als Kronzeuge auftreten würden. Dann hatte Don Antonio keine Chance mehr, sich zu retten, dann brach das Gebäude aus Intrigen, Korruption und Vetternwirtschaft, das er in vielen Jahren intensiver Bestrebungen errichtet hatte, wie ein Kartenhaus zusammen.
Doch es war noch die Frage, ob dieser Prozeß jemals stattfinden würde. Eine andere Möglichkeit begann sich abzuzeichnen – die, daß man gar nicht erst nach Havanna zurückkehrte. Die Schlacht um die Schlangen-Insel drohte sich zu einem Kampf ohne Erbarmen, bis zum letzten Blutstropfen, auszuweiten, ganz anders, als er, Don Antonio, sich das anfangs ausgemalt hatte.
Er hatte ursprünglich vorgehabt sich zum „obersten Befehlshaber“ zu ernennen und von seinem „Feldherrnhügel“, der „San José“, aus gelassen die Ereignisse zu verfolgen, die sich natürlich in entsprechender Entfernung abgespielt hätten. Anderenfalls wäre es ihm nie eingefallen, sich persönlich an Bord dieses Schiffes zu begeben.
Doch es war alles ganz anders gekommen. Don Garcia Cubera, dieser Narr, hatte sich in den Kopf gesetzt, seinen Kapitänen als gutes Beispiel voranzugehen. Er kämpfte in der vordersten Linie, und er scheute weder Einsatz noch Verlust.
Don Antonio hatte diese Entwicklung während der Überfahrt geahnt und versucht, den Verband zur Umkehr zu zwingen. Aber da war es schon zu spät gewesen. Cubera ließ sich nicht mehr beeinflussen, weder durch gute Worte noch durch Streit oder Drohungen. Er plante, den englischen Freibeutern den Garaus zu bereiten, und daran hielt er stur fest. Schließlich ging es um die Ehre und das Vaterland.
Don Antonio war den Tränen nahe. Es knallte wieder, und eben hatte es diese dröhnende Explosion gegeben, bei deren Klang er sich unwillkürlich die Ohren zugehalten hatte. Was war geschehen?
Er erfuhr es von dem Posten vor dem Schott der Achterdeckskammer. Eine Galeone die „San Gabriel“, hatte durch eine Felsenöffnung, offensichtlich die einzige Zufahrt zur Insel, ins Innere zur Erkundung vorstoßen sollen. Dabei hatte es sie zerfetzt. Offenbar waren es treibende Pulverfässer gewesen, die dazu geführt hatten, oder aber der Gegner verfügte über andere Geheimwaffen.
Er arbeitete mit allen Tricks, dieser Feind. Don Antonio spürte, wie seine Knie weich wurden. Seine Hände zitterten. Er vermochte es nicht zu verhindern. Die Angst in ihm war übermächtig, sie siegte über seinen Haß auf Cubera und die Engländer, gegen seine Raffsucht und die Aussicht, doch noch den Schatz der Schlangen-Insel zu erbeuten.
Überhaupt, Angst war das schlimmste Gefühl, das es gab. Sie fuhr in die Knochen und ließ einen nicht mehr los, sie saß würgend in der Kehle und trieb den kalten Schweiß aus allen Poren. Don Antonio gab eine Art erschüttertes Schluchzen von sich. Er malte sich aus, wie es gewesen wäre, wenn statt dieser „San Gabriel“ die „San José“ durch das Felsenloch in die Bucht der Teufelsinsel gesegelt wäre. Gräßlich – aber Cubera war zu jedem Wahnsinn fähig. Auch dazu. Würde die „San José“ das nächste Opfer dieser englischen Teufel sein? Ja, es war damit zu rechnen. Oben, auf den Decks, polterten die Schritte durcheinander, die Männer fluchten in allen Tonlagen. Sie schienen sich auf einen Vergeltungsschlag vorzubereiten. Vielleicht hatte sich dieser verrückte Kommandant sogar vorgenommen, auf der Insel zu landen.
Don Antonio stöhnte auf. Er sah schon, wie sich die Piraten mit verzerrten Gesichtern über das Schanzkleid schwangen und die „San José“ enterten. Gräßliche Fratzen tauchten vor seinem geistigen Auge auf, und er glaubte zu sehen, wie sie reihenweise die Seesoldaten niedermetzelten.
Dann rückten sie auch auf ihn zu, und einer von ihnen brüllte: „Du Fettsack, jetzt bist du dran! Wir schneiden dich in Stücke!“
Don Antonio hob den Kopf und blickte aus weit aufgerissenen Augen auf die gegenüberliegende Kammerwand. Der Tod war ein Ungeheuer, das jetzt in allen Ecken und Winkeln des Schiffes zu nisten schien. Der Tod hatte lange, kalte Krallen, die sich durch die Ritzen des Schotts und der Planken zu schieben schienen.
Tod – aber Don Antonio wollte nicht sterben. Nicht für den König, nicht für Cubera und nicht für die Nation. Eine Mannesehre hatte er ohnehin nicht, und das Vaterland konnte ihm gestohlen bleiben. Nur eins zählte für ihn: sein persönlicher Vorteil.
Doch er war seinem Schicksal jetzt ausgeliefert. Er hatte keine Möglichkeit mehr, es in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Zweimal hatte er es versucht, einmal durch einen Mordanschlag, einmal durch Geiselnahme und Erpressung. Beide Male war er kläglich gescheitert.
Wieder bereute er, kein Gift mitgenommen zu haben. Mit einer winzigen Dosis eines weißen Pülverchens hatte er schon oft Probleme beseitigt, die sich anders nicht lösen ließen. Zuletzt hatte Don Ruiz de Retortilla, der Stadtkommandant von Havanna, dran glauben müssen, der ihm auf höchst bedenkliche Weise gefährlich geworden war.
Doch er hatte kein Gift, und auch die doppelläufige Pistole, mit der er seinen Fluchtversuch unternommen hatte, war natürlich nicht mehr vorhanden. Er war machtlos und konnte nur noch abwarten, was weiter geschah.
Gerade das stimmte ihn so verzweifelt. Cubera hatte ihn in der Hand: Wenn er wollte, konnte er dafür sorgen, daß Don Antonio de Quintanilla ums Leben kam. Auf diese Weise würde er sich rächen und gleichzeitig einen unbequemen Zeitgenossen aus dem Weg schaffen.
Daß Cubera nicht der Mann war, der so üble Taten vollbrachte, vergaß Don Antonio in seiner panischen Angst. Cubera war es gewesen, der ihm zu dem Kammerarrest verholfen hatte, sonst wäre es längst um ihn geschehen gewesen, weil das Bordgericht, das Gomez Guevara zum Tod verurteilt hatte, mit Leichtigkeit auch ihn hätte hängen lassen können. Doch das vergaß Don Antonio völlig, und er empfand nicht die Spur von Dankbarkeit gegenüber dem Capitán Cubera, sondern nur tiefen Haß.
Don Antonio fluchte und stöhnte. Wenig später, als die Kanonen zu donnern begannen, preßte er wieder die Hände gegen die Ohren und jammerte um sein erbärmliches Leben.
Don Garcia Cubera hatte alles viel zu genau verfolgen können – das Eindringen der „San Gabriel“ in den Felsendom, dann die Explosion, bei der es die Pulverkammer des Schiffes mit einem enormen Getöse zersprengt hatte. In ohnmächtigem Entsetzen schloß Cubera die Augen, als es geschah, und für kurze Zeit wünschte er sich, dem Kapitän der „San Gabriel“ nicht den Befehl zu diesem Himmelfahrtskommando in die Bucht der Schlangen-Insel gegeben zu haben.
Aber es war falsch, sich jetzt etwas vorzuwerfen. Ein Befehl war ein Befehl, und die Seefahrt brachte stets Gefahren mit sich. Ein Soldat der Marine hatte den Tod immer vor Augen und wußte, daß er ihn eines Tages holen würde, unerwartet und brutal. Nur – Cubera hatte nicht angenommen, daß sich noch Menschen auf der Insel befanden und sie verbissen verteidigten.
Die vorherigen Rundumerkundungen der Schaluppen schienen eindeutig ergeben zu haben, daß die Insel geräumt worden war. Cubera hatte sich darauf verlassen und nicht mit Widerstand gerechnet. Somit konnte er sich doch nicht den stillen Vorwurf ersparen, einen Fehler begangen oder zumindest in diesem Punkt voreilig gehandelt zu haben.
Für Augenblicke stand er wie gelähmt auf dem Achterdeck der, „San José“. Die „San Gabriel“ war ein Totalverlust, es gab keinen einzigen Überlebenden, wie die Ausguckposten mühelos durch ihre Spektive erkennen konnten.
„Aus“, murmelte er. „Gott sei ihren armen Seelen gnädig.“
Aber noch im Schock des Erlebten brach die Wut in ihm durch. Er gab sich einen innerlichen Ruck, blickte zu seinen Offizieren und rief dem Ersten zu: „Signalisieren Sie den Kapitänen den Befehl, auszuschwärmen!“
„Ja, Señor!“
„Sie sollen das Feuer ringsum auf die Insel eröffnen, sobald wir unsere Kanonen zünden!“
„Ja. Aber wir haben dort immer noch keinen Gegner gesichtet.“
„Das spielt keine Rolle“, sagte Cubera schroff, dann ließ er seine Order durch Zuruf an die Achterdecks der anderen Galeone und der drei Karavellen weiterleiten.
Die sechs Schaluppenführer erhielten die Anweisung, zurückzubleiben und sich an der Kanonade nicht zu beteiligen. Sie bildeten die Reserve und die Nachhut, gleichzeitig aber auch die Patrouille, die darauf zu achten hatte, ob sich Schiffe der Insel näherten.
Die fünf Kriegsschiffe schwärmten aus und segelten auf eine Schußweite von etwa siebzig Yards von allen Seiten an die Insel heran. Die „San José“ hielt dabei die am weitesten nach Norden versetzte Position, während sich die zweite Galeone von Nordwesten auf das Zielobjekt zubewegte. Die Karavellen griffen die Südwest-, die Nordost- und die Südostseite an. In sternförmiger Formation schoben sie sich auf ein imaginäres Zentrum zu, an dem sich ihre Kurse kreuzten. Dieser Punkt lag – theoretisch – im Mittelpunkt der Bucht.
Cuberas Zorn hatte sich immer noch nicht gelegt. Don Antonio fiel ihm ein, und er sagte sich, daß es durchaus richtig sei, wenn auch der Dicke an dem Geschehen teilhatte, das jetzt seinen Anfang nehmen würde.
„Lassen Sie Don Antonio de Quintanilla holen“, sagte er zu seinem Ersten Offizier. „Ich will, daß er bei mir ist, hier, auf dem Achterdeck.“
„Señor“, sagte der Erste, der ahnte, welche Absicht hinter dem Befehl des Kommandanten steckte. „Ist das nicht zu riskant?“
„Glauben Sie, er springt ins Wasser?“
„Es wäre durchaus möglich.“
Cubera schüttelte den Kopf. „Sie vergessen, daß er ein miserabler Schwimmer ist. Oder vielmehr – er kann überhaupt nicht schwimmen. Also wird er sich hüten, außenbords zu springen, zumal er annehmen muß, daß es dort von Haien wimmelt.“ Er deutete zur Insel. „Selbst wenn er es schaffen sollte, sich in einem unbewachten Moment an Land zu retten, was hätte er damit erreicht? Die würden ihm einen heißen Empfang bereiten.“
„Die, Señor?“ fragte der Erste erstaunt.
„Die Verteidiger der Insel natürlich. Oder zweifeln Sie etwa daran, daß sie existieren?“
„Ich frage mich nur, wo sie sich verkrochen haben“, erwiderte der Erste.
„Zwischen den Felsen“, sagte Cubera. „Es gibt genug Löcher und Spalten und wahrscheinlich auch Höhlen. Dort finden sie ausreichenden Unterschlupf, und natürlich kennen sie sich bestens aus. Aber wir werden sie ausräuchern, das schwöre ich Ihnen.“
Wenig später erschien Don Antonio, von seinem derzeitigen Wachtposten vorwärts dirigiert, über den Backbordniedergang auf dem Achterdeck. Er sah verstört aus. Sein äußerer Zustand war nahezu verwahrlost, er schien sich selbst bereits aufgegeben zu haben.
„Señor“, sagte Cubera, „ich nehme an, die kandierten Früchte und der Portwein schmecken Ihnen nicht mehr. Sie haben inzwischen begriffen, daß wir es mit einem harten Gegner zu tun haben.“
„Ja. Und Sie brauchen mich nicht zu verhöhnen.“
„Das tue ich nicht.“
„Was wollen Sie von mir?“
„Daß Sie am Kampfgeschehen teilnehmen.“
„Ich soll … Aber ich kann mit Kanonen nicht umgehen und hasse Pulverrauch!“ protestierte Don Antonio.
„Mit Pistolen können Sie aber umgehen“, sagte Cubera scharf. „Hiermit ordne ich an, daß Sie auf dem Achterdeck bleiben und dem jetzt erfolgenden Angriff auf die Insel der Engländer beiwohnen.“
„Nein! Das können Sie von mir nicht verlangen!“
„Das ist ein Befehl“, sagte Cubera nur noch schroff. Dann wandte er ihm den Rücken zu.
Die Schiffe hatten die Insel bis auf eine Distanz von siebzig Yards angelaufen und drehten bei, um ihre Batterien in Schußposition zu bringen. Die Kapitäne und Besatzungen warteten auf den ersten Schuß der „San José“ – und dort standen die Geschützführer mit glimmenden Lunten neben ihren Stücken.
Don Antonio stand mit weichen Knien da und verfolgte die Vorbereitungen wie in Trance. Er konnte nicht recht begreifen, was um ihn herum vorging, es schien sich um einen gräßlichen Alptraum zu handeln. Er hatte das Gefühl, in den Knien zusammenbrechen zu müssen, und doch trat es nicht ein. Weiterhin aufrecht stehend, erlebte er nun, wie es war, wenn die Kugeln pfiffen und heulten.
Was folgte, schien an Weltuntergang zu grenzen. Don Garcia hob die Hand zum Zeichen und schrie: „Feuer!“
Dann wurden die Backbordgeschütze der „San José“, die auf die Schlangen-Insel gerichtet waren, gezündet, und mit grollendem Donner rasten die Kugeln, von flammenden Zungen gestoßen, aus den Rohren. Sie flogen auf das Ufer zu, und noch ehe sie ihr Ziel erreichten, ertönte auch von Bord der anderen Schiffe das Wummern der Geschütze. Die Geräusche prallten auf die Felsen der Insel und schienen in hundertfachem Echo zurückzukehren. Es zuckte und blitzte, und im explosionsartigen Donnern der Stücke stiegen fette Qualmwolken in den Himmel auf.
Genau dies war der Moment, in dem sich Don Antonio die Hände gegen die Ohren preßte. Er hätte dies lieber unten in der Kammer getan, wo ihn keiner sehen konnte, aber auch hier konnte er sich dem übermächtigen Drang, es zu tun, nicht widersetzen. Er stöhnte und jammerte, und er ertrug die Verachtung in den Mienen der umstehenden Männer, die nicht so schlimm war wie seine nackte, gräßliche Angst.
Die fünf Schiffe hämmerten ihre Breitseiten in die Felsen der Schlangen-Insel, aber nach wie vor rührte sich dort nichts. Don Garcia Cubera selbst ließ sich ein Spektiv reichen und beobachtete unausgesetzt, ob sich drüben etwas tat. Aber er wurde enttäuscht. Kein Lebewesen zeigte sich, und wieder wirkte die Insel verlassen und menschenleer.
2.
Karl von Hutten kauerte zu diesem Zeitpunkt bereits wieder neben den Freunden. Außer ihm befanden sich Arkana, Hesekiel Ramsgate, Pater David sowie ein paar Männer der Werft-Crew im Gefechtsstand. Sie spähten aus sicherer Deckung zu den Schiffen des Gegners und verfolgten, wie der Verband auseinanderfächerte.
„Aha, sie belegen uns jetzt von allen Seiten mit Beschuß“, sagte Karl von Hutten. „Sie kochen vor Wut, aber sie wissen noch nicht genau, wie groß und welcher Art der Widerstand ist, der sie auf der Insel erwartet.“
„Das mit den Pulverfässern war eine gute. Idee“, sagte Ramsgate. „Daran haben sie erst mal schwer zu schlucken. Ich glaube nicht, daß sie so leicht darüber hinwegkommen. Habt ihr die Schreie und Flüche an Bord der Schiffe gehört?“
„Ja“, antwortete Pater David. „Und ich habe für die armen Teufel von der versenkten Galeone gebetet.“
„Wie geht es weiter?“ fragte Arkana. „Die Schaluppen scheinen an dem Kanonenzauber nicht teilzunehmen. Sie rühren sich nicht vom Fleck.“
„Das macht nichts“, sagte Ramsgate. „Uns soll es nicht stören. Es geht gleich los. Sie umzingeln uns.“
Mit den Kiekern hielten sie nach allen Seiten Ausschau und verfolgten, wie sich die beiden Galeonen und die drei Karavellen in Schußposition brachten. Nur wenige Atemzüge später brach der Donner los, und fast meinten sie, die Schlangen-Insel müsse unter den Treffern erbeben.
Aber sie wackelte nicht – sie ließ nicht das geringste Zittern verspüren. Sie war aus hartem, solidem Gestein gewachsen, diese Insel, das hatte ja auch der Felsendom bewiesen, der bei der Explosion nicht eingestürzt war.
Die Kanonen der Insel schwiegen. Die Batterieführer in den einzelnen getarnten Geschützstellungen rings um die Insel hatten den strikten Befehl, erst zu feuern, wenn sie sicher waren, Treffer zu erzielen.
„Das bedeutet, der Gegner muß sich bis auf Kernschußweite genähert haben, ehe wir was unternehmen“, erläuterte Karl von Hutten Pater David, als sie sich auch im Donnern der Schiffsgeschütze hoch unterhielten.
„Warum ist das so wichtig?“
„Diese Kernschußweite soll den direkten horizontalen Schuß ermöglichen“, entgegnete von Hutten. „Ohne daß die Höhe berücksichtigt zu werden braucht. Das ist einfacher.“
„Die Geschoßflugbahn bildet keine Parabel, sondern nahezu eine direkte Gerade“, erläuterte Hesekiel Ramsgate. „Das dürfte bei etwa fünfzig Yards gewährleistet sein.“
„Ja, das glaube ich auch“, sagte Karl von Hutten. „Die Schiffe müßten sich also noch etwas nähern.“
„Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß sich die Geschützstellungen in den Felsen über Meereshöhe und somit auch höher als die Stücke auf den Schiffen befinden“, sagte Arkana.
„Und deine Leute können inzwischen auch gut genug mit den Dingern umgehen“, sagte der alte Ramsgate und grinste. „Ja, sie haben eine harte Schule über sich ergehen lassen müssen, aber es hat sich gelohnt.“
Die Schlangen-Krieger waren von Karl von Hutten und Jean Ribault in der Bedienung der Geschütze ausgebildet und unterrichtet worden, und zwar gründlich. In dieser Beziehung waren sie also keine Neulinge mehr. Schon seit geraumer Zeit waren auf der Schlangen-Insel Übungsschießen veranstaltet worden. Dabei wurde von der jetzigen Gefechtsstation oder von den Felsen im Südwesten aus auf Seeziele gefeuert, und zwar auf Scheiben, die von Jollen geschleppt wurden. Allmählich war es den Kriegern gelungen, dabei hervorragende Trefferquoten zu erzielen.
Demzufolge lauerten die Schlangen-Krieger jetzt gelassen darauf, daß sich der Gegner noch weiter herantraute. Alle waren feuerbereit. Die Kanonen waren fertig geladen, und die Luntenstöcke lagen griffbereit neben den Kupferbecken, in denen die Holzkohlenglut brannte. Sie alle warteten nur noch auf das Zeichen, das Arkana ihnen geben würde, sobald die Entfernung zwischen Insel und Feind noch ein wenig mehr zusammengeschrumpft war.
Der Beschuß durch den Feind erschöpfte sich in einem infernalischen Getöse, das kurze Zeit andauerte und dann wie auf einen Schlag wieder aussetzte. Das Donnergrollen rollte mit dem Wind über die See davon, der Rauch kroch träge und schwerfällig in dieselbe Richtung, also nach Südwesten.
„Das war’s“, sagte Karl von Hutten. „Natürlich wenden sie auf den anderen Bug und feuern auch die Batterien der anderen Seite ab, aber ich glaube nicht, daß noch viel passiert.“
In der Tat vollzog der Feind das von Karl von Hutten angekündigte Manöver, und wenig später dröhnte und wummerte es wieder, als erschüttere ein gewaltiges Seebeben das Meer und die Insel. Auch diese Breitseiten lagen voll im Ziel und krachten in die Felsen, aber das Ergebnis war das gleiche wie zuvor: Die Kugeln richteten keinerlei Schaden an.
Nur Gestein wurde zertrümmert. Brocken flogen durch die Luft und rollten an den Hängen hinunter. Sie klatschten in die Brandung, als der Donner der Breitseiten bereits wieder verklang.
Ruhe trat ein. Die Schiffe bewegten sich wie verirrte Schwäne scheinbar ziellos durchs Wasser. Rufe ertönten, doch Karl von Hutten und seine Freunde konnten nicht verstehen, wie die nächsten Befehle des spanischen Kommandanten lauteten.
„Also schön“, sagte Karl von Hutten mit geringschätzigem Lächeln. „Bislang haben sie sich aufs Steineklopfen beschränkt, aber sie werden inzwischen eingesehen haben, daß es sie nicht weiterbringt.“
„Sie müssen sich eine neue Taktik einfallen lassen“, sagte Ramsgate.
„Viele Möglichkeiten haben sie nicht“, meinte Arkana. „Aber sie könnten beispielsweise die Schaluppen mit hinzuziehen.“
Karl von Hutten blickte durch sein Spektiv zur „San José“ und erkannte, daß sich auf dem Achterdeck ein ziemlich beleibter Mensch befand, den er dort vorher nicht bemerkt hatte. Dieser Mann beschrieb eine eigenartige Geste. Er hatte sich die Ohren zugehalten und ließ jetzt die Arme baumeln wie jemand, der den Glauben an Gott und das Vaterland aufgegeben hat.
„Der Dicke da“, sagte von Hutten, „das muß Don Antonio de Quintanilla sein, der Gouverneur von Havanna. Wie eine überragende Führerpersönlichkeit sieht er aber nicht aus.“
Pater David spähte ebenfalls durch eins der Rohre und sagte: „Er scheint mächtige Angst zu haben. Am liebsten würde er über Bord springen, nicht wahr?“
„Den Eindruck habe ich auch“, erwiderte von Hutten. „Die Zügel scheint hingegen der Kommandant des Verbandes in der Hand zu haben.“
Aufmerksam beobachteten sie jetzt den hageren, in seiner Haltung straff und energisch wirkenden Mann mit den eisgrauen Haaren, der sich auf dem Achterdeck des Flaggschiffes bewegte und Befehle zu erteilen schien. Er war der Kommandant, daran bestand kein Zweifel. Auch Arkana richtete jetzt ihren Kieker auf ihn und betrachtete ihn mit ernster, nachdenklicher Miene.
„Das ist kein Mann, der aufgibt“, sagte sie. „Er wird kämpfen, bis entweder nichts mehr von seinen Schiffen übrig ist oder unsere Abwehr zusammenbricht. Eins von beiden. Er weicht nicht zurück. Er ist stolz, klug und unbeugsam.“
„Mal sehen, wer der Schlauere ist“, sagte Ramsgate grimmig. „So leicht sind wir nicht zu überrumpeln, das haben wir ihm bereits bewiesen. Ich bin gespannt, wie’s weitergeht.“
„Wir sollten nicht zu optimistisch sein“, warnte Pater David und ließ das Spektiv wieder sinken. „Sie haben noch alle Trümpfe in der Hand, obwohl es im Augenblick vielleicht nicht so aussehen mag.“
„Vergessen wir auch nicht, daß unsere Krieger ihre bisherige Tarnung preisgeben, sobald sie ihr Abwehrfeuer eröffnet haben“, gab Arkana zu bedenken.
„Das ist nicht zu ändern“, sagte Karl von Hutten. „Wir sind aber immer noch geschützter als die Gegner, die nur hinter den Schanzkleidern Deckung suchen können.“
„Wenn überhaupt“, sagte der Alte. „Wir werden ihnen schon einheizen. Und – Hölle und Teufel – wir halten die Stellung, darauf könnt ihr euch verlassen.“ Seine Zuversicht schien keine Grenzen zu kennen, aber von Hutten, Pater David und Arkana teilten seine Meinung nicht unbedingt.
Die Batterien auf der Schlangen-Insel befanden sich hinter Sandsackbarrieren, die Kugeln jeden Kalibers abfingen oder verschluckten. Es konnte allenfalls passieren, daß Sand aus den Löchern der Säcke rieselte. In diesem Punkt hatte Hesekiel Ramsgate durchaus allen Grund, optimistisch gestimmt zu sein, was den Ausgang des Kampfes betraf. Aber es gab auch noch andere Aspekte, die berücksichtigt werden mußten.
Karl von Huttens Erfolg im Einsatz gegen die „San Gabriel“ war ein vielversprechender Anfang, aber es gab noch keinen Grund zum Jubeln. Die Lage war nach wie vor ernst genug: Denn veranschlagte man auf jedem der fünf spanischen Kriegsschiffe etwa zweihundert Mann Besatzung einschließlich der Seesoldaten, dann standen etwa achtzig Verteidiger der Schlangen-Insel einer Streitmacht von etwa tausend Mann gegenüber, wobei die Besatzungen und Seesoldaten der sechs Schaluppen noch nicht mitgerechnet waren.
Somit verfügten die Spanier über eine mehr als zwölffache Übermacht. Die Verteidiger waren nach wie vor auf sich allein gestellt und durften nicht mit Hilfe, rechnen. Kein Schiff des Bundes der Korsaren stand zur Zeit zur Verfügung, es wäre illusorisch gewesen, darauf zu hoffen.
Die „Empress of Sea II.“ und die „Wappen von Kolberg“ konnten bei einer Hin- und Rückfahrt zwischen der Schlangen-Insel und Coral Island, die für jeden Törn etwa fünf Stunden beanspruchte, allenfalls gegen Abend oder in der ersten Nachthälfte wieder eintreffen und von See her in das Geschehen eingreifen.
„Aber wo bleiben die sechs Schiffe unserer Freunde?“ fragte Pater David, als sie sich über diesen Punkt unterhielten. „Wir wissen ja immer noch nicht genau, was vorgefallen ist.“
„Sie sind dem Gegner entgegengesegelt und haben ihn wohl auch stellen können“, sagte von Hutten. „Aber die Frage ist, ob eine Schlacht stattgefunden hat.“
„Natürlich“, sagte Ramsgate. „Das beweist doch die Tatsache, daß statt des durch die Brieftaube angekündigten Zehnerverbandes nur sechs Kriegsschiffe bei uns eingetroffen sind.“
„Also ein Gefecht, bei dem unsere Schiffe vier der Dons versenken konnten“, sagte Arkana. „Aber wie ist es ihnen dabei ergangen?“
„Wir müssen das Schlimmste befürchten“, erwiderte von Hutten gepreßt. „Anderenfalls wären unsere Schiffe auch längst hier gewesen. Sie hätten die Spanier ja verfolgt.“
„Vorläufig sind wir auf reine Vermutungen angewiesen“, sagte Pater David. „Wir kennen den wahren Sachverhalt nicht und sollten uns deswegen jetzt nicht die Köpfe zerbrechen, es hat keinen Sinn. Wir machen uns nur unnötig verrückt.“
„Ja“, pflichtete von Hutten ihm bei. „Zumal der Untergang unserer Schiffe für uns bedeuten würde, daß wir lediglich noch von der ‚Empress‘ und der ‚Wappen‘ unterstützt werden können. Dann haben auch wir verspielt, denn wir können uns auf die Dauer nicht gegen die Übermacht der Angreifer halten.“
Trotzdem war die kleine Gruppe der Verteidiger eisern entschlossen, dem Gegner die Zähne zu zeigen, auszuhalten und zu kämpfen, und sei es schließlich Mann gegen Mann.
Was Karl von Hutten, Arkana, Ramsgate, Pater David und die anderen einkalkuliert hatten, trat jetzt ein. Der Gegner, der durch keinerlei Gegenreaktion oder Abwehr mehr gewarnt war, wurde weniger vorsichtig. Die fünf Kriegsschiffe rückten näher an die Insel heran und erreichten die Fünfzig-Yards-Grenze.
Leicht konnten Arkana und die Männer die Distanz abschätzen. Als Arkana sicher war, daß sich die Schiffe im Schußbereich der Kanonen befanden, gab sie ihren Kriegern den Feuerbefehl.
Plötzlich spuckten die Felsen der Schlangen-Insel, die eben noch so öde und verlassen gewirkt hatten, Feuer, Rauch und Eisen. Ein wahrer Höllensturm brach gegen die Angreifer los und belegte sie mit stakkatohaftem Beschuß.
Von einem Moment zum anderen hatte sich die Insel in eine feuerspeiende Festung verwandelt, und bei dem Donnern der Kanonen allein blieb es nicht. Schon huschten die ersten Pfeile zu den Schiffen hinüber. Arkanas Krieger und Kriegerinnen, die nicht an den Geschützen eingesetzt waren, richteten sich aus ihren Deckungen auf, sandten sie von den Sehnen ihrer Langbogen und duckten sich wieder hinter die Felsen.
Sie hatten Brandpfeile und Pfeile mit pulvergefüllten Schäften zur Verfügung – nach dem Muster und Vorbild Big Old Shanes und Batutis, des Gambia-Mannes, an Bord der „Isabella“. Mit züngelnden Spitzen, flackernden Fanalen gleich, surrten sie in den Himmel und senkten sich auf die Takelagen und Decks des Feindes.
Die Kanonen wurden inzwischen in Windeseile nachgeladen. Dann donnerten sie wieder, und der Beschuß hielt weiterhin an. Die Schiffe schossen aus allen Rohren zurück, aber ihre Geschützführer hatten keine sichtbaren Ziele, auf die sie halten konnten, weil die Kanonen der Schlangen-Insel meisterhaft getarnt und verborgen waren und die Krieger und Kriegerinnen immer nur wie geisterhafte Schemen zwischen dem Gestein und dem Buschwerk auftauchten und sogleich wieder verschwanden.
Siebzehnpfünderkugeln und Pfeile prasselten auf die Schiffe ein, die ersten Detonationen rollten grollend über sie, als sei ein Gewitter im Anzug. In das Wummern und Dröhnen der Kanonenschüsse und Explosionen mischte sich das Fluchen und Brüllen der Besatzungen – und im Nu herrschte auf allen Schiffen Wuhling und Zustand.
Dieser erste Feuerschlag der Verteidiger der Insel war mit strategischem Geschick geplant und generalstabsmäßig durchgeführt. Es gab keinen Punkt der Insel, der nicht von Kanonen oder Pfeilschützen besetzt war, keine schwache Stelle also, an der der Feind den Durchbruch wagen und landen konnte. Die Spanier sahen sich einer flammenden und tosenden Barriere gegenüber – und weder die beiden Galeonen noch die drei Karavellen blieben von dem Beschuß verschont.
Das taktische Konzept, das Karl von Hutten, Arkana, Pater David und Ramsgate ausgearbeitet hatten, forderte, daß dem Gegner von Beginn an, auf Anhieb, die schwersten Verluste zugefügt werden sollten. Er mußte dazu gezwungen werden, sich zurückzuziehen, denn nicht zuletzt ging es ja auch darum, Zeit zu gewinnen.
Das Konzept stimmte, die Rechnung ging auf: Auf allen fünf Schiffen gab es schwere Brände und Schäden – ganz abgesehen von den Toten und Verletzten. Riggs wurden zerschossen, Segel samt Rahen krachten auf die Decks, und die Schreie der Sterbenden und Verwundeten hallten über die See.
Immer noch grollten die Kanonen, und nach wie vor hagelte es Pfeile, die wiederum die Brandherde an Bord der Schiffe vermehrten. Die See zwischen den Seglern und der Insel schien zu brodeln und zu kochen. Fontänen stiegen mit gischtenden Kronen auf und fielen wieder in sich zusammen. Das heulende, tosende Inferno hielt an, und es schien kein Ende abzusehen zu sein.
Besonders schlimm traf es eine der drei Karavellen. Die Flammen stiegen lodernd aus ihrem Rigg auf – wie das Feuer in einem Kamin. Es prasselte, knisterte und knackte, und die brennenden, qualmenden Rahen lösten sich und donnerten auf die Decks. Wild schrien die Männer, zwei oder drei waren unter der Großrah begraben, Verwundete wälzten sich auf allen Decks.
Zwei Decksleute versuchten, einen der Schwerverwundeten zu bergen, doch jetzt ertönte der Befehl des Kapitäns: „Alle Mann von Bord!“ Es hatte keinen Sinn mehr, das Schiff zu halten. Das Feuer schickte sich an, das Vordeck einzuhüllen, und die Pulverkammer konnte jeden Augenblick in die Luft fliegen. Es galt zu retten, was noch zu retten war, sonst traf auch diese Mannschaft das Schicksal der Männer der „San Gabriel“.
Die Männer sprangen außenbords, landeten im Wasser, tauchten wieder auf und schwammen, so schnell sie konnten, zu den Schaluppen, die herandrehten und Kurs auf sie nahmen. Zwei Männer der Karavelle trachteten noch danach, das Beiboot auszuschwenken und abzufieren. Sie hatten Angst vor den Haien.
„Vorwärts!“ brüllte der Kommandant ihnen zu. „Weg! Haut ab! Ihr schafft es nicht mehr! Das Schiff fliegt euch um die Ohren!“
Einer der beiden sprang daraufhin in die See. Der andere stolperte, kippte über den Handlauf des Schanzkleides, hielt sich noch am Dollbord des bereits ausgeschwenkten Bootes fest und strampelte mit den Beinen – dann löste sich das Boot aus den vom Feuer aufgezehrten Tauen und fiel ins Wasser. Der Mann ließ es los, klatschte in die Fluten, entging der Jolle mit knapper Not und schwamm seinen Kameraden nach.
Jetzt verließ auch der Kommandant das lodernde Schiff. Er spürte die Hitze des Feuers hinter seinem Rücken und wußte, daß schon in diesem Augenblick die Pulverkammer in die Luft fliegen konnte.
„Adios“, sagte er, dann schwang er sich über das Schanzkleid und stürzte dem Wasser entgegen. Er tauchte unter, bewegte die Arme und Beine und versuchte verzweifelt, den Abstand zwischen sich und dem Schiff zu vergrößern.
Dann aber vernahm er das Dröhnen der Explosion, das ihm die Trommelfelle zu sprengen drohte. Eine Druckwelle stieß durchs Wasser und nahm ihn mit. Er fühlte sich wie von einem Katapult geschnellt, aber er blieb unter Wasser, solange die Atemluft ausreichte, und entging auf diese Weise den wirbelnden Trümmerteilen, die in diesem Moment in die See fielen.
Wenig später tauchte auch er auf und erkannte, daß die Schaluppen nicht mehr weit entfernt waren. Er Warf einen Blick zurück zu seinem Schiff. Es war verschwunden. Es hatte sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Nur die schwimmenden Trümmer zeugten noch davon, daß es existiert hatte.
Don Garcia Cubera hatte auch diese Explosion vom Achterdeck der „San José“ aus beobachtet. Er schloß unwillkürlich die Augen und biß die Zähne so heftig zusammen, daß sie knirschten. Dann fällte er seinen Entschluß. Es hatte keinen Sinn, weiterhin die Inselfestung mit Kugeln zu beschießen. Wie die Dinge im Moment standen, vergeudete er dabei lediglich Munition, und er setzte seine Männer einem zu hohen Risiko aus.
„Rückzug!“ befahl er. „Wir gehen auf Distanz!“
Eine derart massive und treffsichere Abwehr hatte er nicht erwartet. Er mußte seine Taktik überdenken und sich etwas Neues einfallen lassen. Die Insel schien eine uneinnehmbare Festung zu sein, sie hatte ihn schon zwei Schiffe gekostet.
Herrgott, dachte er, ist denn hier alles verhext? Stehen die Hunde mit dem Teufel im Bunde?
Mit dem Teufel nicht, hätte ihm Arkana geantwortet, wohl aber mit dem Schlangengott.
3.
Don Antonio de Quintanilla war bereits übel, als die Schiffe das Feuer auf die Insel eröffneten. Als aber zurückgeschossen wurde, als die Kugeln heranheulten und sich zischende, sausende Pfeile wie todbringende Rieseninsekten auf die Schiffe senkten, war es endgültig um seine Beherrschung geschehen. Er begann vor Angst zu schreien.
Ein Pfeil bohrte sich nicht weit von ihm entfernt in die Planken. Es war ein Brandpfeil. Er starrte ihn an, würgte ohne Erfolg an einem dicken Kloß, der in seiner Kehle zu stecken schien, und brach dann in den Knien zusammen. Er knallte auf die Planken – und das tat weh. Er hatte die Hände von den Ohren genommen und stützte sich an der Nagelbank des Besanmastes ab. Er stöhnte und wimmerte und glaubte, jeden Moment sterben zu müssen.
Der Dritte Offizier war bei dem Pfeil, packte ihn mit beiden Händen und riß ihn aus dem Holz. Er schleuderte ihn außenbords und verbrannte sich dabei die Finger. Er stieß einen Fluch aus, dann tauchte er die Hände in einen der Kübel mit Seewasser, die zum Anfeuchten der Wischer bei den Kanonen bereitstand den.
Don Antonio sah einen Mann, der von einem heranfliegenden Pfeil durchbohrt wurde, dann verfolgte er, wie auf dem Hauptdeck ein Pulverpfeil auseinanderflog. Die rußgeschwärzten Gesichter der Umstehenden färbten sich rot. Gräßlich sahen sie aus, und noch schlimmer waren die Laute, mit denen die Schwerverletzten zusammensanken.
Don Antonio keuchte und schrie, und mit einer Hand griff er nach dem Herzen. War dies das Ende? Ja – so war es, wenn man starb. Er war verloren, verraten und verkauft, für ihn gab es keine Rettung mehr. Auch ein Sprung ins Wasser nutzte ihm nichts, denn er konnte nur zur Insel schwimmen, und dort würden sie ihn greifen und köpfen oder pfählen oder bei lebendigem Leibe in Stücke reißen. So grausam waren diese Piraten, so sprangen sie mit den Gegnern um, die ihnen in die Hände fielen.
Es gab nur die eine Möglichkeit – er mußte an Bord der „San José“ bleiben und auf das Ende warten. Aber wenigstens wollte er sich in seine Kammer zurückziehen, um nicht mehr das Entsetzliche miterleben zu müssen, das hier, an Oberdeck, seinen Lauf nahm.
Er wollte sich aufrappeln, fiel aber hin und wälzte sich auf den Planken. Ein Schuß donnerte, die Kugel heulte heran, und er kreischte vor Panik, drehte sich auf den Bauch und schirmte mit beiden Händen seinen Kopf ab. Die Perücke hatte er längst verloren.
Krachend ging das achtere Schanzkleid der „San José“ in die Brüche. Die Splitter wirbelten durch die Luft, und alle Männer – von Don Garcia Cubera bis zum Rudergänger – warfen sich sofort in Deckung, um nicht getroffen zu werden.
Den dicken Gouverneur aber erwischte es. Ein Splitter bohrte sich in seinen Allerwertesten, und er kreischte und quietschte wie ein Schwein, das geschlachtet werden soll. Er sprang auf, taumelte, prallte gegen die Nagelbank des Besanmastes, griff mit beiden Händen nach dem Gesäß und brüllte vor Schmerz. Dann führte er eine Art Veitstanz auf, und es war ein Wunder, daß er dabei nicht durch die im Schanzkleid entstandene Bresche außenbords stürzte.
Manch einer wünschte es ihm im stillen – auch der Erste Offizier, der in diesem Augenblick wieder den Kopf hob und zu ihm blickte. Es war kein Haß, der sie dazu trieb, eher die Verachtung, die sie für ihn empfanden. Kein Mensch konnte ihn leiden, weder an Bord der „San José“ noch auf den anderen Schiffen des Verbandes. Aber das hatte er, Don Antonio, sich selbst zuzuschreiben. Fast hatte es den Anschein, als habe er von Anfang an darauf hingearbeitet, sich sämtliche Sympathien zu verderben.
Don Antonio wankte zum Backbordniedergang, der das Achterdeck mit dem Hauptdeck verband, breitete die Arme aus, begann zu fuchteln und schrie mit verzerrtem Gesicht: „Hilfe! Capitán! Ich bin verletzt! Ich blute! Ich sterbe! Einen Arzt – rasch!“
Don Garcia Cubera richtete sich hinter ihm auf. „Señor! Ich bin hier!“
Don Antonio fuhr zu ihm herum. Er ruderte mit den Armen und hatte wieder Mühe, das Gleichgewicht zu halten.
„Ich bin getroffen!“ kreischte er mit hoher, seltsam gequetscht klingender Stimme. „Zu Hilfe! Ich verblute!“
Er verlor auf dem leicht schwankenden Deck die Balance und stürzte den Niedergang hinunter. Seiner Körperfülle hatte er zu verdanken, daß er sich nicht ernstlich verletzte oder sich die Knochen brach. Wie eine große Kugel rollte er auf die Kuhl hinunter, dann streckte er die Arme und Beine weit von sich und pumpte wie ein zu Tode erschrockener Mondfisch, den es an Land verschlagen hat, Atemluft.
Kurz darauf fiel es ihm wieder ein: Er war verletzt, schwer verletzt. Die Blessur konnte ihn das Leben kosten, wenn nicht sofort etwas geschah. Warum rührte sich niemand? Warum rannten die Kerle nicht, um sein edles Leben zu retten?
„Au!“ brüllte er. „Capitán, um Himmels willen!“ Erst jetzt schien er richtig zu registrieren, daß er diesmal auf dem Rücken lag. Der feine Splitter, so schien es, hatte sich bei dem Aufprall auf die Planken der Kuhl noch ein wenig tiefer ins Fleisch gebohrt. Don Antonio japste und keuchte, verschluckte sich, hustete und schien irgend etwas, vielleicht grünes Gift, auszuspucken.
„Er spuckt sich die Galle aus dem Leib“, sagte der Zweite Offizier.
„Nur zu“, sagte der Dritte. „Recht so. Weiter so. Er hat es verdient. Seht ihn euch an. Ist er nicht ein Jammerlappen?“
Sie alle gönnten dem Dicken von Herzen, was ihm widerfahren war. Und keiner rührte sich, keiner zeigte Einsatz.
„Stehenbleiben“, sagte der Profos mit dunkler Stimme. „Wir haben keinen Befehl vom Comandante. Ohne Befehl läuft nichts.“
„Ein Ding steckt in seinem Achtersteven“, sagte der Schiffszimmermann. „Aber es wäre besser gewesen, wenn er eine Kugel abgekriegt hätte, und zwar mitten hinein in den fetten Hintern. Ja, das hätte mir weitaus besser gefallen.“
„Daß es ihm den Arsch aufreißt?“ fragte der Profos unverblümt. „Stimmt. Er hätte es verdient.“
„Señor!“ rief Don Garcia Cubera noch einmal, nachdem er bereits den Befehl zum Anluven und zum Rückzug gegeben hatte. „Was ist los? Was ist geschehen?“
„Ich sterbe!“
„Es hat nicht den Anschein, Señor!“
„Sie wollen mich verrecken sehen!“ kreischte der Dicke. „Darauf haben Sie’s angelegt? Ja, das könnte Ihnen so passen!“
„Reden Sie keinen Unsinn“, sagte Cubera scharf, indem er sich der Schmuckbalustrade am vorderen Querabschluß des Achterdecks näherte. „Versuchen Sie doch, sachlich zu bleiben.“
„Sachlich? In dieser Hölle?“
„Es ist ein Gefecht“, sagte Cubera so ruhig wie möglich. „Wir haben gewußt, daß wir keine Spazier- oder Lustfahrt unternehmen.“
„Sie mit Ihren Reden!“ stieß Don Antonio keuchend hervor und versuchte, sich erneut aufzurappeln. Diesmal wollte es einfach nicht gelingen. Mit einem Schrei plumpste er auf die Planken zurück – wieder auf die „schwere Blessur“. Er stöhnte und wimmerte und wand sich vor Schmerz und Qual.
Einige der Seeleute und Seesoldaten wandten sich angewidert ab. Andere lachten trotz der bedrohlichen Situation, in der sie sich befanden. Auch die „San José“ hatte einige Treffer zu verzeichnen, von denen zwei bedenklich stimmten, weil sie unmittelbar über der Wasserlinie lagen.
Hinzu kam das Unheil, das die Pfeile angerichtet hatten: Zwei Tote mußten geborgen und beigesetzt, sechs Verletzte so schnell wie möglich verarztet werden. Außerdem galt es, die Feuer zu löschen, die nach wie vorauf den Decks und in der Takelage flackerten. Die Männer waren mit Pützen und Kübeln unterwegs und gossen Seewasser auf die Brände.
„Helfen Sie mir!“ stieß Don Antonio flehend und händeringend hervor.
Cubera betrachtete ihn ohne die geringste Spur von Mitleid. „Señor, für Blessuren bin nicht ich zuständig. Darum kümmert sich der Schiffsarzt.“
„Wo ist er?“
„Er ist jetzt schwer beschäftigt.“
„Was?“ Don Antonio stieß pfeifend die Luft aus. Er war hochrot im Gesicht angelaufen, und ein jäher Schlaganfall schien jeden Moment seinem Dasein ein Ende bereiten zu wollen – was dann aber doch nicht der Fall war. „Der Kerl hat gefälligst mich, den Gouverneur, als ersten zu versorgen!“
Cubera tat drei Schritte nach links und stand am Niedergang.
„Welchen Kerl meinen Sie?“ fragte er kalt.
Das Donnern der Kanonen hatte aufgehört, es flogen auch keine Brand- und Pulverpfeile mehr. Zu hören waren nur noch das Stöhnen der Verwundeten, das Knarren der Rahen und Blöcke und das Plätschern des Seewassers an den Bordwänden. In aller Deutlichkeit waren Cuberas Worte nun zu vernehmen, und die eisige Kälte, mit der er sprach, traf Don Antonio wie eine Reihe von Peitschenhieben.
„Sie wissen, daß ich von dem Arzt spreche“, sagte er etwas leiser. „Wo, zum Teufel, steckt er?“
„Wahrscheinlich im Schiffslazarett, das Gott sei Dank unbeschädigt geblieben ist. Und danken wir auch dem Herrn, daß unser Arzt am Leben ist“, entgegnete Cubera.
„Señor“, sagte der Dicke. „Ich wiederhole es: Ich bin verwundet und habe Anspruch auf Behandlung.“
„Wo hat es Sie getroffen?“
„An einer – empfindlichen Körperstelle.“
„Am Kopf?“
„Sie wissen genau, wo!“ stieß Don Antonio hervor.
„Nein, Señor! Wenn Sie sich nicht dazu bequemen, es mir zu erklären, kann ich dem Arzt auch nicht die Order erteilen, Sie zu versorgen! In dem Fall müssen Sie so in Ihre Kammer zurückkehren!“
„Nein“, stöhnte Don Antonio. „Nur das nicht. Ich brauche – Hilfe.“
„Dann beantworten Sie meine Frage!“ rief Cubera.
Langsam richtete sich der Dicke an der Nagelbank des Hauptmastes auf, dann drehte er sich um und deutete mit dem Finger der rechten Hand wehleidig und mitleidheischend auf sein Hinterteil.
„Ich sehe nichts!“ rief Cubera. „Es kann sich höchstens um eine Lappalie handeln!“
„Nein! Ich leide große Schmerzen!“
„An welcher Seite?“
„Links!“ schrie Don Antonio.
„Linke Backe!“ brüllte der Profos. „Backbord! Wißt ihr jetzt, warum man Backbord sagt, ihr Himmelhunde?“
„Ja!“ schrien die Männer, und für einen Moment war es, als sei nichts geschehen und als gelte es nicht mehr, einen zähen, bis zum äußerten kämpfenden Gegner zu bezwingen.
„Wollen Sie sagen, daß Sie einen Splitter empfangen haben, Señor?“ fragte Cubera laut – beinahe so laut, daß es auch an Bord der Schaluppen zu verstehen war, auf die sie jetzt zuhielten.
„Ja!“ stieß Don Antonio mit spitzer Stimme hervor. „Und hören Sie auf, mich vor Ihren Leuten zu erniedrigen!“
„Ich erniedrige Sie nicht, ich stelle nur den Sachverhalt fest“, sagte Don Garcia Cubera, „das ist alles. Profos!“
„Señor?“
„Don Antonio de Quintanilla verlangt, von unserem Arzt behandelt zu werden. Wie ist zur Zeit die Lage?“
„Es sind noch vier andere vor dem Di… dem Señor Gouverneur an der Reihe!“ rief der Profos. „Er kann sich auf die Warteliste setzen lassen, wenn er will!“
„Das ist eine Unverschämtheit!“ schrie Don Antonio.
Cubera beugte sich etwas vor. „Eine was? Habe ich Sie richtig verstanden?“
„Will sagen – daß ich natürlich so lange warte, bis ich an der Reihe bin“, murmelte der Dicke mit kläglicher Miene. Sein innerer Widerstand war zusammengebrochen, er war nur noch ein Häufchen Elend – und der Splitter steckte nach wie vor Vierkant in seinem Allerwertesten.
Was tun? Es hatte keinen Zweck, aufzubegehren und herumzuschreien, dadurch wurde alles nur noch schlimmer. Ein Mann wie Cubera war auch durchaus imstande, ihn einfach wieder unter Kammerarrest zu stellen.
Deshalb stand Don Antonio de Quintanilla da, klammerte sich fest und wartete darauf, endlich in das Schiffslazarett geführt zu werden, das im Vordeck der Galeone eingerichtet war.
Der Schiffsarzt der „San José“ war nicht der derbe und grobschlächtige Zeitgenosse, als den man sich den Wundarzt und Feldscher einer Kriegsgaleone im allgemeinen vorstellte. Er war ein schlanker Mann mit feinsinnigen Zügen und einer gehörigen Portion Humor – die er auch brauchte, um in seinem Metier bestehen zu können.
Er hieß Almenara und stammte aus Fornovalasco. Kein Mensch außer ihm hatte jemals von diesem Ort gehört, der nicht in Spanien, sondern in Italien lag und wohl nicht einmal mehr als hundert Seelen zählte. Früh, im Alter von drei Jahren, hatte es Almenara nach Spanien verschlagen, wo sein Vater als Arzneimittelhändler reichlich Arbeit und ein bescheidenes, aber hübsches Heim im tiefsten Andalusien gefunden hatte.
Almenara war als die Verschmitztheit des reinblütigen Italieners zu eigen, wenn er sonst auch wie ein typischer Spanier empfand. Diese Charaktereigenschaft hatte er sich bewahrt, und sie half ihm über viele Situationen hinweg, in der manch anderer an seiner Stelle zumindest die Nerven verloren hätte.
Zum Beispiel der Seemann, den er gerade auf dem Behandlungstisch des Lazarettraumes unter sich hatte: Diesen armen Teufel hatte es mitten ins Gesicht getroffen, als ein Pulverpfeil auf dem Hauptdeck explodiert war. Er hatte das linke Auge eingebüßt, es war nicht mehr zu retten. Sein Mund war verunstaltet, seine Wangen bluteten, seine Stirn war durch eine ebenfalls heftig blutende Platzwunde böse gezeichnet. Am schlimmsten aber waren die Laute des Mannes. Er stöhnte und schrie zum Gotterbarmen, und die beiden Sanitätsgasten, die Almenara zur Hand gingen, wußten nicht, wie sie ihn zum Schweigen bringen sollten.
„Warum wirst du nicht ohnmächtig?“ fragte ihn der eine. „Hölle, es wäre besser für dich, Kamerad. Wenn du nachher wieder zu dir kommst, ist alles vorbei.“
„Mein Auge!“ schrie der Mann. „Ich seh’ nichts mehr!“
„Holt mal die eiserne Reserve aus dem Schapp“, sagte Almenara. „Her damit. Beeilt euch!“
Ein Sanitätsgast eilte zum Schapp, riß die Tür auf und holte die bauchige Flasche, die gemeint war. Almenara ließ sie sich aushändigen.
Er entkorkte sie, setzte sie dem Patienten an die Lippen, nickte ihm aufmunternd zu und brummte: „Trink. Das ist ein feiner Tropfen, den du richtig kosten solltest.“
Der Seemann saugte an der Flasche wie ein Kind. Das scharfe Getränk brannte in seiner Kehle, in seinem Hals und tief in seinem Inneren, und es schien ihm die Sinne rauben zu wollen. Gleichzeitig ließen aber auch die gräßlichen Schmerzen etwas nach.
„Das ist echter Grappa“, sagte Almenara. „Aus meiner Heimat Italien. Das Zeug wird aus dem Trester, den Rückständen bei der Weinherstellung, gewonnen.“ Sorgfältig tupfte er das gesunde Auge des Mannes mit einem sauberen, weißen Tuch ab, das er mit einer seiner geheimnisvollen Substanzen getränkt hatte. „So, und jetzt versuche mal, das rechte Auge zu öffnen.“
„Ich trau’ mich nicht.“
„Du bist ein dummer Tropf“, sagte Almenara. „Weil du dich im Moment nur selbst bemitleidest. Das zählt bei mir nicht. Stell dir vor, ich hätte dir ein Bein oder einen Arm abnehmen müssen. Oder den Kopf. Das wäre viel schlimmer gewesen.“
Der Seemann mußte trotz seiner Lage grinsen – und er versuchte es. Das Augenlid öffnete sich, er konnte alles erkennen: Almenara, die Sanitätsgasten und alle Einzelheiten des Raumes, die ihn umgaben.
„Ich bin ja doch nicht ganz blind“, murmelte er erstaunt.
Almenara verabreichte ihm noch rasch einen Schluck Grappa, dann sagte er: „Und du solltest froh sein. Du hättest sterben können.“
„Ja, ich weiß.“
„Bei mir zu Hause sagt man: Ein Auge reicht zum Sehen, zwei sind überflüssig. Ein reiner Luxus. Ist dir das klar?“
„Ja“, erwiderte der Seemann und grinste weiterhin. „Und du bist ein verfluchter Satansbraten, Señor Doktor. Ich danke dir für das, was du für mich tust.“
„Das ist meine verdammte Pflicht“, sagte Almenara, dann säuberte und verband er das Gesicht des Mannes. „Steh mal auf“, sagte er anschließend. „Du kannst nämlich auf deinen beiden Beinen stehen und bestens laufen, wette ich.“
Auch das gelang. Der Seemann verließ allein und aus eigenen Kräften das Lazarett, obwohl er natürlich noch entsetzliche Schmerzen litt. Aber der scharfe Grappa hatte sie tatsächlich etwas gedämpft.
„So“, sagte Almenara. „Das war der letzte, nicht wahr?“
„Nein“, entgegnete einer seiner Helfer – jener, der die Grappaflasche aus dem Schapp geholt hatte. „Da wäre noch einer: Don Antonio.“
„Don was? Nein, tut mir das nicht an.“
„Haben Sie ihn nicht schreien hören?“ fragte der zweite Sanitäter.
„Schon, aber der schreit ja, seit das Gefecht begonnen hat. Er dürfte wohl die Beinkleider gestrichen voll haben.“
„Auch das“, erklärte der erste Helfer. „Aber inzwischen ist er von einem Splitter getroffen worden.“
„Wo?“
„In seinem dicken Hintern.“
„Das geschieht ihm recht.“
„So denken wir auch, Señor“, sagte der zweite Mann. „Aber der Kommandant hat soeben den Befehl gegeben, Don Antonio ins Lazarett zu schaffen, sobald die Decksleute und Soldaten versorgt sind.“
„Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dem Kerl zu helfen“, sagte Almenara grimmig. „Aber verdient hat er’s nicht, beim Henker nicht.“
Wenig später schleppten die Sanitätsgasten den Dicken an. Er jammerte und schien sich kaum noch auf den Beinen halten zu können. Almenara stemmte die Fäuste in die Seiten und blickte ihn an, als sie sich gegenüberstanden.
„Nun? Wo zwickt es denn?“ fragte er.
„Das wissen Sie bereits“, versetzte der Gouverneur gepreßt.
„Das weiß ich nicht.“
„Der Kapitän …“
„Ich bin der Schiffsarzt, Señor“, sagte Almenara höflich, aber bestimmt. Ungeniert musterte er ihn von oben bis unten. „Und in dieser Eigenschaft muß ich Ihnen eine solche Frage schon stellen und habe auch Anspruch auf eine präzise Antwort.“
„Hinten“, sagte Don Antonio gequält. „So beeilen Sie sich doch, Mann.“
„Links oder rechts?“
„Links.“
„Er riecht auch unangenehm“, sagte der erste Sanitätsgast.
„Wie ich richtig vermutet habe“, sagte Almenara mit feinem Lächeln. „Also säubert ihr ihn, bevor wir ihn der erforderlichen Operation unterziehen.“
„Operation?“ wiederholte Don Antonio ersetzt. „Aber das … So schlimm kann es doch gar nicht sein.“
„Ihrem Geschrei nach zu urteilen, Señor, könnten durchaus noch andere, wichtige und empfindliche Körperpartien verletzt sein“, sagte Almenara. „Verzeihen Sie, aber Sie können das nicht beurteilen. Überlassen Sie das ruhig mir. Es ist meine Pflicht und Aufgabe, Sie gründlich zu untersuchen.“
„Aber ich flehe Sie an, beeilen Sie sich!“
„Waschen“, befahl Almenara. „Schnell und gründlich. Holt heißes Wasser aus der Kombüse, rasch!“
Während des Beschusses der Insel waren die Kombüsenfeuer gelöscht worden, aber inzwischen hatte der Koch sie auf Befehl des Profos’ hin wieder angeheizt, weil Don Garcia Cubera angeordnet hatte, daß der Mannschaft und den Soldaten eine Extraration Branntwein mit heißem Wasser verabreicht werden sollte.
So ergab es sich, daß auch Don Antonio in den Genuß eines heißen Bades kam – aber so ganz anders, als es beim erstenmal auf der „San José“ der Fall gewesen war.
Schreiend ließ er die Prozedur über sich ergehen, aber er war völlig am Ende und wünschte sich in diesem Augenblick wirklich, so schnell wie möglich zu sterben.
4.
Auf dem Achterdeck der „San José“ fand unterdessen eine Kommandantenbesprechung statt. Don Garcia Cubera hatte alle Schiffsführer zu sich gerufen, auch die Schaluppenführer und die Hauptleute der Seesoldaten. Die Männer umringten ihren Capitán und blickten mit großem Interesse auf die Skizze, die Cubera in der Zwischenzeit hatte anfertigen lassen.
Es war der Zweite Offizier der „San José“ gewesen, der sie gezeichnet hatte. Er bewies stets ein großes Geschick in diesen Dingen, und er war es auch, der die für das Logbuch erforderlichen Skizzen entwarf, auf die Cubera den größten Wert legte.
Die Karte stellte eine perspektivische Draufsicht der Insel dar, mit Buchten und Erhebungen – ein kleines Meisterwerk, auf das der Zweite mit Recht stolz sein durfte, zumal er sie in der Hektik der auf den kurzen Kampf folgenden Phase des Rückzugs in größter Eile gezeichnet hatte.
Im Norden erhob sich, einem verschrumpelten Kegel gleich, der Felsendom mit der Einfahrt zur großen, geräumigen Bucht. Die Erinnerung an das furchtbare Ende der „San Gabriel“ wurde in den Männern sofort wieder wach, als sie drauf blickten.
Einer von ihnen räusperte sich, es war der Erste Offizier. Sein Zeigefinger richtete sich auf die Berge im Westen.
„Die höchste Erhebung, nicht wahr?“ sagte er. „Dort scheinen sich die meisten von ihnen eingenistet zu haben.“
„Um wie viele Engländer handelt es sich Ihrer Ansicht nach?“ fragte Cubera.
„Das ist schwer zu sagen.“
„Zweihundert bis dreihundert Mann“, sagte einer der Schaluppenführer.
„Weniger“, sagte Cubera. „Ich bin ziemlich sicher, daß es unter hundert Mann sind, die uns da in Atem halten und uns schwer zusetzen.“
„Ungeheuerlich“, sagte einer der Karavellenkapitäne. „Ich kann es kaum fassen, daß wir mit ihnen nicht fertig werden. Sie haben nicht einmal Schiffe – und doch haben sie bereits zwei unserer Schiffe versenkt.“
Cubera schürzte leicht die Unterlippe. „Es hat wenig Sinn, das jetzt noch groß zu erörtern. Ich bitte Sie vielmehr darum, jetzt all das auf der Skizze einzuzeichnen oder durch Punkte und Kreuze zu markieren, was sie bei dem Feuerüberfall der englischen Freibeuter entdeckt haben – also mit anderen Worten die Geschützstellungen.“
„Ja, Señor“, murmelten die Männer. Dann griffen sie nach der Karte und reichten sie von einem zum anderen weiter.
Auch der Kapitän der explodierten Karavelle, jetzt ein Capitán ohne Schiff, war mit zur Stelle. Er betrachtete die Karte besonders genau und tippte schließlich ebenfalls mit grimmiger Miene auf die Bergregion im Westen der Insel, wie es der Erste der „San José“ getan hatte.
„Es stimmt“, sagte er. „Hier ist die Abwehr besonders massiv. Wir, meine Männer und ich, haben es ja am eigenen Leib zu spüren bekommen, denn wir befanden uns an dieser Uferseite, als sie unser Schiff in Brand setzten. Aber das werden sie noch bereuen, ich schwöre es.“
„Da scheinen mehr Kanonen zu sein als an anderen Stellen der Insel“, bestätigte nun auch einer der Schaluppenführer, und die anderen pflichteten ihm durch Kopfnicken bei. „Da ist der Widerstand so stark, daß man sich unweigerlich versengt, wenn man auf kurze Entfernung herangeht.“
„Also“, sagte Cubera. „Darüber sind wir alle uns einig. Ich ziehe aus Ihrer Aussage, Señores, den Schluß, daß wir dort, vor allem am Nordwestpunkt, keinesfalls landen dürfen.“
„Sie wollen landen?“ fragte der Erste Offizier halb erstaunt, halb betroffen.
„Ja, das ist mein nächstes Vorhaben“, entgegnete Cubera. „Ein Landeunternehmen im Feuerschutz unserer vier verbliebenen Schiffe. Darüber, Señores, will ich mit Ihnen sprechen. Deswegen habe ich Sie an Bord der ‚San José‘ gerufen.“
„Sie denken also nicht daran, aufzugeben?“ fragte der Kapitän der explodierten Karavelle.
„Ich denke nicht daran. Sie vielleicht?“
„Nein, Señor, das habe ich ja bereits hervorgehoben.“
Cubera blickte in die Gesichter der anderen Kommandanten und der Offiziere. „Ich will nichts beschönigen und habe auch nicht die Absicht, unsere eigenen Verluste herunterzuspielen. Diejenigen unter Ihnen, die mich schon länger kennen und unter meinem Kommando gefahren sind, werden es bestätigen: Es liegt nicht in meiner Art und paßt nicht zu meinem Charakter. Von ursprünglich zehn Kriegsschiffen, Señores, sind nur noch vier übriggeblieben. Man muß sich das einmal vorstellen! Ich betone ausdrücklich: Der Gegner darf von nun an keinesfalls unterschätzt werden. Ich selbst habe mir die Eroberung der Insel wohl leichter vorgestellt, als sie in Wirklichkeit ist.“
„Das glaube ich nicht, Señor Comandante“, sagte der Kapitän der zweiten Galeone. „Keiner von uns hat sich denken können, daß noch Menschen auf der Insel sind, die uns derart die Zähne zeigen.“
„Was folgern Sie daraus?“
„Daß die Engländer verdammte Hundesöhne sind!“ stieß der Mann erbost hervor. „Und daß es unsere verfluchte Pflicht ist, sie zu erledigen!“
„Sie haben mir mit Ihren Worten aus dem Herzen gesprochen“, sagte Cubera. „Unsere Verluste sind ein Beweis für die Härte des Gegners, für seine Kampfstärke und Gefährlichkeit, die es jedoch auszuschalten gilt, um weiteren Schaden für Spanien und seine Besitzungen in der Neuen Welt abzuwehren – schweren Schaden, der sich ins Unermeßliche steigern könnte, wenn die Engländer beispielsweise in der Karibik weitere Expansionsversuche unternehmen. Das Ganze könnte die Ausmaße eines Krieges annehmen.“
„Und wir dürfen die Armada nicht vergessen“, sagte ein Schaluppenführer. Er verstummte aber sogleich wieder, denn die anderen sahen ihn ärgerlich und zurechtweisend an. Keiner wollte an die Niederlage von 1588 erinnert werden.
„Wir müssen vor allem daran denken, daß die Nation auf uns blickt“, fuhr Cubera fort. „Von dem Erfolg unseres Unternehmens hängt einiges ab. Scheitern wir, so legen die Engländer es wiederum als Schwäche aus, und bald werden neue Überfälle auf unsere Geleitzüge die Folge sein. Die Karibik wird zu einem unsicheren Gewässer, wir können uns dann bald nicht mehr halten.“
„Nein!“ stieß der Kapitän der explodierten Karavelle wütend hervor. „So weit darf es nicht kommen!“
„Wir sind uns also alle darüber einig, Señores, daß es kein Zurück gibt?“ fragte Cubera.
„Einig, Señor“, erwiderte der Kapitän der zweiten Galeone. „Aber es würde ohnehin keiner von uns wagen, etwas gegen Ihre Befehle einzuwenden oder gar dagegen aufzubegehren. Das wäre Meuterei.“
„Ja, natürlich“, sagte Cubera. „Aber mir war es in diesem besonders heiklen Moment wichtig, Ihnen noch einmal den Sachverhalt darzulegen.“ Er war kein sturer Militarist, sondern er legte Wert auf den menschlichen Kontakt zu seinen Männern, was sich immer als Vorteil erwiesen hatte. Sie mochten und achteten ihn, und der überwiegende Teil von ihnen wäre bereit gewesen, für ihn über glühende Kohlen zu gehen, falls die Lage es erfordert hätte.
„Kurzum, die Insel muß erobert und zerstört werden“, sagte Don Garcia Cubera. „Nie wieder darf sie Piraten als Schlupfwinkel dienen. Ich bitte Sie, noch einmal die Karte anzuschauen.“ Er hielt sie inzwischen wieder in den Händen und warf einen Blick auf die Eintragungen. „Wie ich sehe, scheint es insgesamt elf oder zwölf Geschützstellungen zu geben.“
Sie beugten sich wieder über die Karte, und der Kapitän der zweiten Galeone sagte: „Sollten wir nicht besser von zwei Seiten landen? Beispielsweise von Norden und Süden gleichzeitig – um die Abwehr der Kerle zu zersplittern.“ Er wies dabei auf die große Bucht im Norden, die sich zwischen dem Felsendom und der höchsten Erhebung der Insel befand, und auf die beiden südlichen Buchten, von denen die östliche wiederum eigentlich aus zwei kleinen Buchten bestand.
Cubera zeigte sich skeptisch. „Ich verspreche mir mehr von einem massiven Landeangriff an nur einer Stelle“, sagte er, „weil wir dabei die volle Feuerkraft unserer vier Schiffe einsetzen können, um den Gegner niederzuhalten und die Landungsboote durchbrechen zu lassen. Eine Aufsplitterung der Abwehr, bedeutet gleichzeitig auch eine Aufsplitterung der eigenen Kräfte, zumal wir keinerlei Information über die tatsächliche Stärke des Gegners haben. Nach wie vor stützen wir uns lediglich auf Vermutungen, und ich bitte Sie, daran zu denken, daß diese Einschätzung des Feindes sehr vage ist und erhebliche Risiken mit sich bringt.“
Er wandte plötzlich den Kopf und blickte zum Vordeck. Von dort ertönte eine seltsame, absonderliche Mischung von Lauten. Jemand schien zu kreischen und zu quieken, aber gleichzeitig waren auch keuchende, schnaufende und grunzende Laute zu vernehmen. Alles in allem klang es so, als würde jemand einem peinlichen Verhör unterzogen.
„Was ist da los?“ fragte er verblüfft.
„Das ist Don Antonio“, erwiderte der Erste Offizier. „Er wird gerade im Lazarettraum behandelt, scheint mir.“
„Sorgen Sie dafür, daß das abgestellt wird“, sagte Cubera schroff. „Das ist ja eine Schande. Für uns alle. Selbst der Gegner kann das hören, und ich will nicht, daß er sich auch noch über uns lustig macht.“
Der Erste Offizier ging zur Querbalustrade des Achterdecks, winkte den Profos zu sich heran und sagte: „Veranlassen Sie, daß das Gebrüll aufhört, Profos.“
„Jawohl, Señor“, sagte der Mann. „Mit Vergnügen.“ Er drehte sich um und schritt entschlossen auf das Steuerbordschott des Vordecks zu.
Almenara, der Schiffsarzt, versah sein Werk sehr gewissenhaft. Don Antonio war gründlich gesäubert worden und bildete alles in allem einen rosigen, jedoch keineswegs appetitlichen Anblick. Es stimmte – er hatte einen Splitter empfangen, und dieses „Ding“ galt es jetzt zu „fischen“. Almenara hatte sich mit seinen Gerätschaften bewaffnet und führte die „Operation“ durch, die er dem Dicken bereits angekündigt hatte.
Don Antonio lag auf dem Bauch. Nur mit Widerwillen und Ekel hatte er sich darauf eingelassen, sich auf dem Behandlungstisch auszustrecken, auf dem vor ihm bereits das „gemeine Decksvolk“ verarztet worden war. Er jammerte und zitterte, und sein Klagen steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Kreischen und Brüllen, als Almenara ihn zu berühren begann.
Die beiden Sanitätsgasten hielten ihn an den Armen und Beinen fest und grinsten begeistert. Nie hatten sie sich besser amüsiert. Der Dicke hatte eine Abreibung verdient – und die erhielt er jetzt, ohne daß man Almenara vorwerfen konnte, er quäle den Mann absichtlich.
„Ruhig bleiben und nicht wackeln, Señor“, sagte Almenara. „Je mehr Sie sich bewegen, desto schlimmer wird es für Sie.“
„Aufhören!“
„Wir haben gerade erst angefangen“, sagte Almenara, ohne eine Miene zu verziehen. „Sie haben aber gar keine Geduld.“
„Du Satan!“
„Señor, es ist sehr ungerecht von Ihnen, mich so zu beschimpfen. Ich helfe Ihnen, und Sie revanchieren sich mit derartigen Kraftausdrücken.“ Mit einer langen Pinzette versuchte er, die Spitze des Splitters in der zuckenden Masse zu fassen.
„Ich lasse dich hängen!“ brüllte Don Antonio, und sein Gesicht war unter den letzten Puderresten wieder so rot, als sei er einem Schlaganfall bedenklich nahe.
„Leider haben Sie dazu weder das Recht noch die Befugnis“, sagte Almenara und trachtete wieder mit Konzentration danach, das „Ding“ zu packen.
„Mörder!“
„Eigentlich können Sie noch zufrieden sein, Señor“, sagte Almenara. „Die Untersuchung hat ergeben, daß weitere hochempfindliche Körperteile unversehrt geblieben sind. Darüber sollten Sie dankbar sein. Es geht nicht immer so glimpflich ab, wie Sie denken. Ich habe da beispielsweise mal einen unter dem Messer gehabt, der seiner Mannesehre beraubt worden war. Soll ich Ihnen mal genau schildern, wie …“
„Aufhören!“ kreischte der Dicke.
„Womit? Mit dem Erzählen oder mit der Behandlung?“ fragte Almenara so freundlich wie möglich. Die Sanitätsgasten mußten dabei an sich halten, um nicht laut herauszuplatzen.
„Mit beidem!“ stieß Don Antonio entnervt und gequält hervor. „Du willst mich foltern, du Drecksack!“
„Ach, es ist wirklich traurig, daß Sie so etwas sagen“, brummte Almenara und setzte sein Werk ungerührt fort. „Aber so ist die Welt. Undankbar und grausam. Wer was Gutes tut, kriegt auch noch einen Tritt.“
„Gnade!“ jammerte Don Antonio. „Erbarmen!“ Er versuchte, zu zappeln und mit den Beinen zu strampeln, aber die Sanitätsgasten waren kräftige, große Kerle, die es verstanden, zuzupacken. Sie hielten ihn fest und blickten grinsend zu dem Profos, der soeben das Schiffslazarett betrat.
Almenara wandte nicht den Kopf, er war zu beschäftigt. Wieder schnappte er mit der Pinzette zu – und im selben Augenblick entfuhr Don Antonio de Quintanillas Kehle ein gurgelnder Schrei, der mit einem pfeifenden Keuchen endete. Dann trat Ruhe ein, und der Fettberg schien wie zusammenfallende Hefe zu erschlaffen.
„Was ist los?“ fragte Almenara, ohne aufzusehen.
„Er ist ohnmächtig“, erwiderte ein Sanitätsgast.
„Schade“, brummte der Profos. „Ich wollte ihm gerade das Maul stopfen.“
„Der Ärmste ist keine Schmerzen gewohnt“, sagte Almenara mit einem Seufzer. Er kniff erneut zu, konnte den Splitter fassen und zog ihn mit einem energischen Ruck heraus. „Hier, da haben wir ihn. Na, wie haben wir das gemacht?“
„Großartig“, sagte der Profos. „Aber es ging viel zu schnell.“
„Er ist ja sowieso bewußtlos.“
„Ich habe noch nie eine größere Memme gesehen“, sagte der Profos und blickte in einer Mischung aus Ekel und Verachtung auf den reglos daliegenden Gouverneur. „Und so was hat in Havanna den Befehl? Männer, ich kann das einfach nicht begreifen.“
„Es gibt viele Dinge im Himmel und auf Erden, die für uns unergründlich sind“, sagte Almenara und richtete sich lächelnd auf. „Aber es ist auch nicht unsere Aufgabe, darüber nachzusinnen. Es bringt uns wenig ein, glaube es mir.“
„Ja, du mit deinen klugen Sprüchen“, sagte der Profos. „Ich weiß, du hast uns einiges voraus. Aber das eine versichere ich dir: Keiner würde dem Schwein eine Träne nachweinen, wenn es verschwinden würde.“
„Verschwinden?“ Almenara blickte sich nach allen Seiten um, als schmiedeten sie gerade ein Komplott und er habe Angst, belauscht zu werden. „Oh, sag so was nicht. Wir sind nicht seine Richter.“
„Leider. Aber ich hätte ihn gern neben diesem Gomez Guevara baumeln sehen.“
„Wir auch“, sagten die Sanitätsgasten wie aus einem Mund.
„Der Kerl muß als Gouverneur abgesetzt werden“, sagte der Profos. „Sonst bringt er uns alle noch in Teufels Küche.“
„Falls wir jemals nach Havanna zurückkehren“, sagte Almenara. Er war jetzt sehr ernst. „Aber darauf würde ich nicht unbedingt bauen.“ Er gab seinen Helfern einen Wink. „Bringt den Señor jetzt weg. Wir haben schon viel zuviel Zeit für ihn verwendet. Ich will jetzt wieder die Verletzten untersuchen. Wie geht es dem Compadre, der das Auge verloren hat?“
„Ich habe ihn weinen sehen“, entgegnete der Profos mit gedämpfter Stimme. „Aber es hat nur kurze Zeit gedauert. Jetzt ist er schon wieder auf seinem Posten und klart mit den anderen die Back auf. Solche Männer sind für mich tausendmal mehr wert als dieses feige Schwein Don Antonio.“
„Für mich auch“, sagte Almenara. „Und je mehr von ihnen ich vor dem Tod bewahren kann, desto stolzer bin ich auf meine Arbeit.“ Er griff nach der Flasche Grappa. Eine Stärkung konnten sie jetzt gebrauchen.
Die Unterredung auf dem Achterdeck der „San José“ fand unterdessen ihren Abschluß. Don Garcia Cubera hatte sich wieder seinen Kapitänen, den Schaluppenführern und den Offizieren zugewandt, und letzte Details des geplanten Landemanövers auf der Schlangen-Insel wurden durchgesprochen.
5.
Schnell hatte man sich über Don Garcia Cuberas Vorschlag geeinigt, zumal keiner der Männer an der Richtigkeit dessen zweifelte, was der Verbandsführer plante. Auch nach den erlittenen Niederlagen war seine Position nach wie vor fest und unverrückbar. Die Disziplin der Männer hatte nicht nachgelassen, sie hatten sich voll in der Gewalt. Was geschehen war, konnte nur durch neue Aktion ins rechte Lot gebracht werden.
Cubera sagte: „Wir segeln also an die beiden südlichen Buchten heran, sobald es dunkel geworden ist, und landen mit den Schaluppen und allen verfügbaren Jollen. Bis dahin lassen wir den Gegner über unsere Absichten natürlich im Ungewissen.“
„Ja, Señor“, sagten die Männer.
„Gott stehe uns allen bei, daß unser Unternehmen glückt.“
„Darauf hoffen wir alle“, sagte der Kapitän der zweiten Galeone. „Und daß es keine größeren Verluste mehr in unseren Reihen gibt.“
Wenig später kehrten sie an Bord ihrer Schiffe zurück, und bald darauf wurden die Vorbereitungen für das Landemanöver getroffen. Zur Tarnung der eigenen Absichten verteilten sich die vier Kriegsschiffe außer Schußweite um die Schlangen-Insel. Die Schaluppen umrundeten derweil pausenlos den Schlupfwinkel der „Piraten“, als gelte es, eventuelle „Ausreißer“ abzufangen, welche die Insel verlassen wollten und es für besser hielten, jetzt, bevor es zu spät war, die Flucht zu ergreifen.
An Bord der vier Kriegsschiffe wurden unterdessen auch die Reparaturen durchgeführt. Die größten Schäden konnten mit Bordmitteln behoben werden, und am Ende waren die beiden Galeonen und die beiden Karavellen wieder voll seetüchtig, manövrierfähig und gefechtsbereit. Drohend richteten sich die Mündungen der Rohre auf die Schlangen-Insel. Aber kein Schuß fiel. Die Totenstille, die jetzt über der Insel und dem spanischen Verband lastete, war unheimlich und bedrückend.
Die „San José“ bezog ihre Stellung querab des südlichen Ufers der Insel. Von hier behielten die Toppgasten unausgesetzt das Ufer im Auge, und jede Bewegung, jede noch so kleine Einzelheit, wurde Don Garcia Cubera unverzüglich gemeldet.
Er hatte seine Kammer aufgesucht, befaßte sich wieder mit der Karte und wägte noch einmal alles genau ab. Wieder gelangte er zu dem Schluß, daß ein Angriff im Dunkeln auf die offenbar weniger schwer bewachte und verteidigte Südküste nach allem Dafürhalten das klügste und ratsamste war.
Karl von Hutten hatte sich mit dem Rücken gegen die Felswand gelehnt und die Knie an den Leib gezogen. Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht und grinste Arkana zu, die sich gerade zu ihm umdrehte. Pater David und Hesekiel Ramsgate versorgten einen leicht verletzten Mann der Werft-Crew, der von einem der umherfliegenden Gesteinsbrocken am Kopf getroffen worden war. Sonst war jedoch niemand verwundet – auch die Schlangen-Krieger hatten Glück gehabt und waren wohlauf.
„Eins haben wir erreicht“, sagte Karl von Hutten. „Wir haben Zeit gewonnen.“
„Nur das?“ fragte sie mit leicht verschmitztem Lächeln. „Das ist ein bißchen wenig, finde ich – bei dem Einsatz, den wir gewagt haben.“
„Zweifellos haben wir auch einen beachtlichen Anfangserfolg erzielt“, sagte er. „Der Gegner hat die eine Karavelle verloren, und kein Schiff ist ungerupft geblieben. Aber bilde dir nicht ein, daß der Comandante deswegen aufgibt.“
„Ich glaube, ihn selbst richtig eingeschätzt zu haben“, sagte sie. „Aber wir haben uns ja ohnehin auf eine längere Belagerung eingerichtet. Die Munition reicht noch für Wochen, und auch um die allgemeine Moral in unseren Reihen ist es nicht schlecht bestellt.“
„Sehr richtig“, pflichtete Pater David ihr bei, dann warf er einen Blick durchs Spektiv. „Aber was haben die Spanier jetzt vor? Sie sinnen bestimmt auf Rache und halten Kriegsrat.“
Natürlich hatten sie verfolgen können, wie die Schiffskommandanten zum Flaggschiff gepullt würden, wie sie an Bord gingen und sich auf dem Achterdeck um den hageren Mann mit den grauen Haaren versammelten. Alles ließ sich genau beobachten, keine Einzelheit entging ihnen.
„Es ist schon ganz schön viel Zeit vergangen“, sagte der alte Ramsgate. „Und sie reden immer noch. Herrgott, was gibt es denn da so viel zu quatschen? Sie fahren ganz einfach noch einen Angriff, und wir geben ihnen den Rest.“
„Den Gefallen tun sie uns nicht“, sagte von Hutten und richtete sich wieder auf. „Der Verbandsführer ist kein Dummkopf. Er hat eingesehen, daß er sich bisher der falschen Taktik bedient hat. Jetzt muß er etwas anderes versuchen.“
„Aber was?“ fragte Arkana.
„Ein Landeunternehmen.“
„Das schafft er nicht. Nicht bei Tageslicht.“
Karl von Hutten nickte ihr zu. „Jetzt hast du es selbst gesagt. Nicht bei Tageslicht. Sie warten die Nacht ab, dann erscheinen sie mit den Schaluppen und Jollen und laufen einen unserer Schwachpunkte an.“
„Und wo liegt dieser Schwachpunkt?“ fragte sie fast rebellisch und stemmte die Fäuste in die Seiten.
„Vielleicht an der Ostseite“, erwiderte er.
„Meine Leute haben gute Augen.“
„Das bezweifle ich nicht.“
„Wir lassen uns nicht überrumpeln“, sagte Arkana mit entschlossenem, grimmigem Gesicht. „Wir kontrollieren jeden Punkt der Insel, dafür übernehme ich jede Garantie.“
„Daran zweifelt auch keiner“, sagte Ramsgate. „Ich glaube, Karl meint etwas anderes. Die Dons könnten versuchen, uns irgendwie abzulenken und gleichzeitig einen Landetrupp ans Ufer zu schicken. Das könnte uns leicht zum Verhängnis werden.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir werden ja sehen, was passiert. Zwei ihrer Schiffe haben wir versenkt, und die anderen Schiffe sind ramponiert. Sie sind nicht mehr so schlagkräftig wie zuvor. Ich schätze auch, daß sie einigermaßen verunsichert sind. Sie haben weder damit gerechnet, daß sich noch Menschen auf der Insel befinden, noch damit, daß wir Kanonen und Pulverpfeile haben, um uns zu verteidigen.“
„Da stimme ich dir zu“, sagte von Hutten. „Und auch in den anderen Punkten sind wir uns einig. Ich zweifle nicht an der Aufmerksamkeit deiner Krieger. Ich meine nur: Die Dons könnten es mit einer List versuchen, und wir müssen mehr auf der Hut sein als zuvor.“
„Gut. Vergiß nicht, daß wir auch noch andere Wunderwaffen haben.“
„Ob der Gegner davon etwas ahnt?“
„Nein“, erwiderte sie. „Deswegen wird er sich noch gehörig wundern.“ Sie wandte sich wieder der Beobachtung der Schiffe zu. Sie alle standen an dem Gesteinssims, den ihre „Gefechtsstation“ zur See hin bildete, und spähten durch die Kieker zu den Decks des Feindes. Daß auf der „San José“ immer noch eingehend beratschlagt wurde, entging ihnen ebensowenig wie das schrille Geschrei des Don Antonio, der – seinen Lauten nach zu urteilen – offenbar bei lebendigem Leibe gevierteilt wurde.
Etwa anderthalb Stunden waren verstrichen. Jetzt kehrten die Kommandanten wieder an Bord ihrer Schiffe zurück. Wenig später setzten sich die Schiffe in Bewegung und verteilten sich rund um die Insel, wobei die Distanz gewahrt wurde, auf die die Kanonen der Verteidiger nichts auszurichten vermochten.
„Seht mal“, brummte Ramsgate. „Auf den Schiffen wird schwer gearbeitet. Sie geben sich wirklich Mühe, das muß man ihnen lassen. Sie takeln die Rahen neu und flicken die zerhackten Schanzkleider.“
„Dann haben sie sicherlich für einige Zeit genug zu tun“, meinte Pater David. Er deutete nach Süden. „Und das Flaggschiff liegt jetzt dort – an der Leeseite der Insel, nicht wahr?“
„Ja“, entgegnete Arkana. „Ob das wohl was zu sagen hat?“
Karl von Hutten beobachtete durch das Spektiv den schlanken, straffen Mann auf dem Achterdeck der Galeone. „Er hat was vor, scheint mir. Er läßt sich den Kieker reichen und betrachtet lange und ausgiebig einen bestimmten Punkt.“
„Welchen?“ wollte Pater David wissen.
„Na, die beiden südlichen Buchten, schätze ich“, entgegnete von Hutten.
„Richtig“, sagte auch der alte Ramsgate. „Na, nun ratet mal. So schwierig ist es doch nicht.“
„Er will landen“, sagte Arkana. „Aber wir werden das zu vereiteln wissen.“ Plötzlich schien sie sich in einem stummen Zwiegespräch mit dem Schlangengott zu befinden, ihre Miene nahm einen entrückten, konzentrierten Ausdruck an. Dieser Zustand hielt nur kurze Zeit an, dann erklärte sie: „Ja. Sie werden bei Dunkelheit dort, bei den beiden südlichen Buchten, angreifen und landen.“ Ihre Stimme klang fest, sie schien jetzt unbeirrbar zu sein.
Karl von Hutten wollte sie fragen, ob sie dafür Hinweise vom Schlangengott habe, aber er unterließ es dann doch. Er war selbst davon überzeugt, daß der Gegner einen Ausfall dieser Art unternehmen würde.
„Die beiden Buchten bieten sich wirklich dafür an“, sagte auch Ramsgate. „Also, auf was warten wir noch? Tun wir was. Wir treffen Maßnahmen für die Abwehr, damit es keine böse Überraschung gibt.“
Arkana sprach mit ihren Kriegern, und wenig später setzte Bewegung ein. Gestalten huschten zwischen den Felsen auf und ab, unsichtbar für den Gegner, der seinerseits die Schlangen-Insel pausenlos beobachtete. Eine neue Aktion bahnte sich an, die kurze Zeit der Ungewißheit und des beiderseitigen Abwartens schien vorbei zu sein. Die Zeit verstrich jetzt schneller. Schon bald ließ das Licht des Tages nach und wich den rötlichen Schleiern der Abenddämmerung.
Die Sonne senkte sich als Feuerball auf die westliche Kimm und schickte sich an, in die See zu tauchen. Von Osten krochen dunkle Schatten heran. Die Nacht kündigte sich mit großen Schritten an, und ein dunkler, drohender Gigant schien seine Klauen nach der Insel auszustrecken, die sich nach wie vor in der Umklammerung des Feindes befand.
Noch bestand die Patt-Situation, und Don Garcia Cubera und seine Männer bissen bei den Verteidigern auf Granit. Doch auch Arkana, von Hutten, Pater David, Ramsgate und ihre Kameraden befanden sich in einer Falle. Sie konnten die Insel nicht verlassen. Sie waren dazu verdammt, hier zu verweilen, ganz gleich, wie sich die Situation entwickelte.
Um sechs Uhr abends versank die Sonne im Westen, die Dämmerung war nur von kurzer Dauer gewesen. Don Garcia Cubera stand am Steuerbordschanzkleid der „San José“ und blickte, die Hände aufgestützt, fortwährend zur Insel, die sich jetzt nur noch als Schemen vor ihm abhob. Engländer, dachte er zornig, wir kriegen euch doch noch. Wir schlagen euch ein Schnippchen, auf Teufel komm raus und koste es, was es wolle.
Dennoch bewahrte er die Ruhe und bezwang seine immer wieder aufwallenden Haßgefühle. Es galt, jedes Gefühl aus dem Spiel zu lassen und so kühl und gelassen wie möglich zu bleiben. Umsicht und Disziplin waren die Grundvoraussetzungen für eine genau kalkulierte, bis in die letzten Einzelheiten durchdachte Aktion.
Sein Blick fiel auf die leise herangleitende Schaluppe. Bislang, hatten die Schaluppen die Insel umkreist wie hungrige Haie auf der Suche nach Beute. Das Manöver hatte möglicherweise tatsächlich dazu gedient, den Feind abzulenken und die Absichten der Verbandsführung zu verschleiern. Cubera aber setzte voraus, daß der Gegner, der im Dunkeln zwischen den Felsen lauerte, sich nicht im geringsten beirren ließ. Er hatte bewiesen, daß er gerissen war, und es hatte nicht den geringsten Sinn, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.
Folglich war größte Vorsicht geboten. Der Feind durfte nicht einmal ahnen, was jetzt an Bord der Schiffe vor sich ging.
Die Schaluppe legte mit einem feinen Geräusch an und schor längsseits bis zu der Jakobsleiter, die Cubera hatte ausbringen lassen. Die anderen Schaluppen waren zu den übrigen Schiffen unterwegs und legten dort ebenfalls in diesem Moment an.
Leise Anweisungen wurden gesprochen, jeder bemühte sich, keine zu lauten Geräusche zu verursachen. Cubera verfolgte das Auf und Ab der Gestalten auf den Decks seiner Schiffe. Die Seesoldaten begaben sich auf das Hauptdeck, kletterten über das Schanzkleid und enterten an der Jakobsleiter ab, dann nahmen sie auf den Duchten der Schaluppe Platz. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet mit Musketen, Pistolen, Säbeln und Messern, Pulverhörnern und Kugeltaschen. Dichtes Gedränge herrschte nun an Bord der Schaluppe, aber das Durcheinander hatte geordneten, disziplinierten Charakter. Alles spielte sich in äußerster Ruhe ab, ohne daß ein Wort gesprochen wurde.
Die gleiche Szene fand an Bord der fünf anderen Schaluppen statt, die bei der zweiten Galeone und den beiden Schaluppen längsseits gegangen waren. Die Seesoldaten gesellten sich zu den regulären Besatzungen der Schaluppen und bereiteten sich auf das Landemanöver vor. Alles war genau abgesprochen, es bedurfte keiner einzigen Äußerung mehr.
Alle Schiffe waren abgeblendet, nur in den Kohlenbecken glomm die Holzkohle zum Entfachen der Lunten, die hier und da einen gespenstischen Schein auf das Gesicht eines Mannes warf.
Schatten senkten sich von den Schiffen auf die See – die Jollen wurden abgefiert und ebenfalls bemannt. Wenig später lösten sie sich zusammen mit den Schaluppen von den Bordwänden der Schiffe, und das Unternehmen konnte beginnen.
An Bord der Schiffe wurden Segel gesetzt – Fock, Großsegel, Besan und Blinde. In gezügeltem Tempo nahmen sie Fahrt auf und segelten in Lee an die beiden südlichen Buchten heran. In ihrem Gefolge befanden sich die Jollen und Schaluppen mit den Landetruppen.
Ruhig vollzog sich das Manöver, und nichts schien die Besatzungen jetzt stören zu können. Unbehelligt arbeiteten sie auf ihren Posten. Die Schiffe schwenkten auf den von Cubera festgelegten Kurs ein. Bald war es soweit: Die vier Schiffe lagen in Kiellinie und wandten ihre Steuerbordseite den Buchten zu. Die Segel wurden ins Gei gehängt, sie gelangten zum Stillstand.
Die Landungsboote brachen zu den Buchten vor – und plötzlich zerriß der scharfe, schmetternde Klang eines Kornetts die bisherige Totenstille. Das war das Zeichen, das Don Garcia Cubera von Bord der „San José“ aus geben ließ. Von einem Augenblick zum anderen verwandelte sich die Ruhe in ein donnerndes, tönendes Inferno, in dem die Schiffsgeschütze die Melodie vorgaben.
Dick leckten die Mündungsfeuer aus den Rohren, fett stieg der Rauch im Aufblitzen hoch. Die Kugeln rasten über die Bootsinsassen weg, vier Breitseiten orgelten auf die Landzungen zu, von denen die Südbuchten begrenzt waren.
Aber der Gegner schlief nicht, er war auf dem Posten. Nichts schien sich an Land zu regen, verlassen wirkte die Uferregion – und doch war sie plötzlich von schnellem, huschendem Leben erfüllt. Don Garcia Cuberas Feind antwortete dieses Mal fast sofort.
Nahezu von der gesamten Südküste stiegen zuckende Fanale durch die Nacht auf, beschrieben eine zitternde Bahn und senkten sich auf die Schiffe.
„Brandpfeile!“ schrie einer der Toppgasten auf der „San José“. „Aufpassen!“
„Alle Mann in Deckung!“ brüllte der Kapitän der zweiten Galeone.
Dutzende von Brand- und Pulverpfeilen rasten auf die Schiffe zu – und auch auf die Jollen und Schaluppen. Im Nu waren alle dem Feuerhagel ausgesetzt, und erste Schreie gellten von den Jollen und Schaluppen zu den Schiffen herüber. Dann wurde es auch auf den Galeonen und Karavellen laut.
Eine Karavelle wurde in der Kuhl von zwei Pulver- und vier Brandpfeilen getroffen, und im Krachen der Explosionen setzte dort sogleich Wuhling ein, die der Kommandant und die Offiziere nur schwer wieder unter Kontrolle brachten.
„Feuer!“ schrie Cubera, als die Geschütze der Steuerbordbatterie wieder nachgeladen waren. „Gebt euch keine Blöße! Laßt euch nicht beirren! Feuer!“
Aber jetzt donnerten auch an Land die Kanonen – und grellrote Schlitze wurden in die Nacht gestanzt. Allmächtiger, dachte Cubera, sie haben auch hier ihre Siebzehnpfünder – und Drehbassen. Der Teufel soll sie holen.
Doch sein Wunsch wurde nicht erfüllt. Es hagelte weiterhin Kugeln und Pfeile, trotz des massiven Beschusses durch die Schiffe. Die Schaluppen- und Jollenbesatzungen gerieten mächtig in Bedrängnis. Cubera konnte Gestalten sehen, die sich in einem Boot aufrichteten und dann ins Wasser kippten. Das Geschrei schwoll an und schien nicht mehr enden zu wollen.
Dies war die Insel des Teufels, auf die offenbar kein Spanier seinen Fuß setzen sollte, ohne daß er sich verbrannte.
Das Gefecht brandete hin und her, und alles schien in einem glutigen Teppich zu versinken, der sich über die See senkte. Es krachte, dröhnte und donnerte, als stehe das Ende der Welt bevor. Doch der Gegner hatte seine letzten Trümpfe noch nicht ausgespielt. Er hielt noch mehr Überraschungen bereit.
6.
Karl von Hutten hatte in der Dunkelheit einige Aktivitäten entwickelt, von denen der Feind nichts ahnte. Er hatte fast alle Kämpfer zur Südküste zusammengezogen, dann waren die Ketten vor den Einfahrten zu den beiden Buchten straff durchgehievt worden, um den Landungsbooten eine Falle zu stellen.
Diese Vorrichtung, die auch vor den Eingängen anderer Buchten der Insel angebracht war, war von Hesekiel Ramsgate zusammen mit Ferris Tucker entworfen und gebaut worden. Die Ketten wurden mittels Strecktauen und einer Seilwinde straff durchgesetzt, so daß sie sich jetzt etwa anderthalb Handbreit unter Wasser von einer Seite zur anderen spannten. Sie waren unsichtbar – nicht nur für den Gegner, sondern auch für die Männer der Insel, die in ihren Deckungen kauerten und mit wildem Ausdruck auf das Nahen der Spanier warteten.
Immer wieder huschten die verheerenden Brand- und Pulverpfeile von den Bogensehnen der Schlangen-Krieger und schwirrten durch die Nacht. Der Hagel riß nicht ab – und er richtete Fürchterliches bei dem Gegner an.
Der Erfolg dieses Beschusses lag in der Vielzahl der Pfeile, die pausenlos angezündet, angelegt und abgesandt wurden. Die Indianer bewiesen Schnelligkeit und Geschick, und nur wenige Pfeile waren schlecht gezielt und verpufften wirkungslos im Wasser.
An Bord der Schiffe waren die Spanier gezwungen, Männer zur Feuerbekämpfung abzustellen. Sie fluchten und tobten, aber es nutzte ihnen alles nichts, die Pfeile bohrten sich wie glühende Nägel in die Planken und in die Takelagen.
Für kurze Zeit schien der Angriff ins Stocken zu geraten, und fast wirkte es, als zögen die Schaluppen- und Jollenführer ernstlich in Erwägung, umzukehren und den Rückzug anzutreten. Dann aber hallten ihnen von Bord des Flaggschiffes neue Befehle und Anfeuerungen nach, und sie pullten weiter und trachteten danach, die Barriere des Widerstandes zu durchbrechen.
Drehbassen und Kanonen hatten auf der Schlangen-Insel massiv in die Abwehr eingegriffen, aber das war noch nicht alles. Von Hutten, Ramsgate und die Männer der Werft hatten in den Tagen vor der Schlacht für eine weitere „Wunderwaffe“ gesorgt, die jetzt zum Einsatz gebracht wurde: Wurfbomben.
Ferris Tucker war der eigentliche Erfinder dieser Flaschenbomben, die auch Höllenflaschen genannt wurden. Er erhob aber keineswegs den Anspruch auf ein Monopol, sondern zeigte bereitwillig jedem, der es lernen wollte, wie man eine solche Bombe herstellte: Pulver, Blei, Eisen und gehacktes Glas wurden in eine Flasche gefüllt, die fest mit einem Korken verschlossen wurde. Durch den Korken lief eine Zündschnur, die nach dem Entfachen bis ins Innere weiterglomm und auf diese Weise die Ladung auch dann zum Detonieren brachte, wenn die Flasche im Wasser landete und unterging.
Karl von Hutten, Ramsgate und Pater David kauerten zwischen den Felsen und reichten die Höllenflaschen an die Schlangen-Krieger weiter. Die Lunten wurden entfacht und begannen knisternd abzubrennen, ihre Funken waren wie ein flimmernder Sprühregen.
Arkanas Krieger jonglierten mit den Flaschen wie Zauberkünstler, sie warfen sie sich untereinander zu. Der jeweils am weitesten vorn stehende Mann vollführte einen tollkühnen Satz und schleuderte das Wurfgeschoß im Hochspringen auf die heranpullenden Jollen und Schaluppen. Sie riskierten dabei, selbst getroffen zu werden, aber wie durch Hexerei gelang es ihnen immer wieder, sich vor den Schüssen des Gegners gerade noch rechtzeitig in Deckung zu werfen.
Von den Jollen und Schaluppen aus, die am weitesten vorn lagen, also das Ufer der Insel nahezu erreicht hatten, wurden inzwischen Musketenschüsse auf den Gegner abgefeuert. Die Seesoldaten richteten sich von ihren Duchten auf und zielten auf die hochspringenden Gestalten, so gut ihnen das in der Dunkelheit möglich war. Die Mündungsfeuer der Kanonen und Drehbassen, die immer wieder zwischen den Felsen aufzuckten, erleichterten es ihnen ein wenig – und so erkannten sie auch, daß es sich bei den Verteidigern um halbnackte, braunhäutige Männer handelte.
„Indianer!“ brüllte ein Sargento und betätigte den Abzug seiner Muskete. Es krachte, aber die Kugel verirrte sich wirkungslos zwischen den Felsen.
Der Krieger, auf den der Sargento gezielt hatte, war wie ein Spuk wieder verschwunden, aber die von ihm geschleuderte Flaschenbombe taumelte mit zischender Lunte durch die Luft, auf die Jolle zu, in der der Sargento mit seinem Trupp saß.
Dieser Sargento glaubte bereits, es geschafft zu haben und als erster auf der Insel des Feindes zu landen. Gedanken nahmen in seinem Geist Gestalt an, die ihn als todesmutigen Kämpfer mitten zwischen den Reihen der Gegner zeigten. Er siegte – und die Beförderung zum Teniente war ihm gewiß.
Aber die Vorstellung blieb ein Traum.
Die Flaschenbombe senkte sich auf das Boot und landete zwischen den Duchten. Die Spanier brüllten auf und versuchten, dem rollenden Ding auszuweichen, gerieten sich dabei jedoch gegenseitig ins Gehege. Sie rempelten sich an, fluchten, schrien und stolperten. Zwei Soldaten verloren das Gleichgewicht und stürzten ins Wasser.
Der Sargento bückte sich gedankenschnell nach der Flasche und hob sie auf. Er wollte sie weit von sich schleudern, zurück zum Gegner, aber er gelangte nicht mehr dazu. Sie explodierte in seiner Hand.
Cubera verfolgte mit versteinerter Miene vom Achterdeck der „San José“, wie es die Jolle auseinanderriß. Nur wenige Augenblicke darauf sank auch eine Schaluppe unter dem Beschuß von Kanonenkugeln, Pfeilen und Wurfbomben. Das Höllenfeuer brandete von Boot zu Boot, und auch die neuerlichen Breitseiten, die die Schiffe auf das Ufer abfeuerten, vermochten die Landungsfahrzeuge nicht ausreichend zu decken.
„Indianer!“ gellte es wieder.
Einer der Schaluppenführer hatte es gerufen. In das Wort hinein fiel der Donner einer detonierenden Flasche, und wieder wirbelten Holztrümmer durch die Nacht.
Indianer, dachte Cubera bestürzt und verwirrt. Er war jetzt völlig fassungslos. Was hatten die Eingeborenen auf der Insel zu suchen? Englische Piraten hatte er anzutreffen gemeint, statt dessen entpuppten sich die Verteidiger der Insel als Wilde. Wer hatte sie hergeholt? Die Engländer? Cubera konnte es sich nicht vorstellen.
Ein Pakt zwischen Weißen und Rothäuten war gleichsam absurd, Welten trennten die beiden Rassen. Gleichwohl mochten die Indianer die Ureinwohner der Insel sein oder aber Kariben oder Aruaks, die durch einen Zufall hierher verschlagen worden waren.
Egal – allein die Tatsache zählte. Sie waren da und schienen obendrein hervorragend mit Schußwaffen umgehen zu können. Auch das war ungewöhnlich, ja fast als unwahrscheinlich zu bezeichnen. Doch immer wieder lieferten sie Beweise ihrer Geschicklichkeit, auch in diesem Moment. Mindestens ein Dutzend Pfeile rasten durch die Luft, und zwei Wurfbomben bewegten sich torkelnd auf die Landungsboote zu. Eine klatschte ins Wasser, ging dann aber doch noch hoch und erzeugte starke Wellen, die eine Jolle beinah zum Kentern brachten. Die andere landete im Bug einer Schaluppe und flog mit einem Donnerhall auseinander.
Cubera hatte die Hände zu Fäusten geballt und fluchte im Schreien der Sterbenden und Verletzten. Das Unheil war nicht mehr aufzuhalten, er selbst hatte keinen Einfluß mehr auf die Geschehnisse. Die eigenen Batterien vermochten den geforderten Feuerschutz für die angreifenden Boote nicht mehr zu geben, alles brach zusammen. Die Brandbekämpfung auf dem eigenen Deck war zum entscheidenden Problem geworden.
Flammen schossen von den Decks der Schiffe hoch und griffen gierig nach Tauwerk und Segeln. Befehle schallten durch die Dunkelheit, die Besatzungen rannten mit Pützen und Kübeln auf und ab, die mit Wasser und Sand gefüllt waren. Mutige Männer enterten in den Wanten auf und entleerten die Pützen in das Feuer, aber es zeigte sich trotzig und widerspenstig und wollte nur schwer wieder verlöschen.
So war es auch an Bord der „San José“: Die Männer liefen durcheinander, holten das Wasser, das in Kübeln bei den Geschützen bereitstand, kippten es aus und fierten die Kübel und die Pützen an Tauen außenbords ab, um neues Seewasser zu schöpfen.
Schwallweise klatschte das Wasser auf die Planken, und die Kuhl verwandelte sich in ein einziges Schlammfeld wegen des Sandes, der wie üblich bei Gefechtsbereitschaft ausgestreut worden war, um den Männern einen sicheren Stand zu gewährleisten.
Aber das Feuer flackerte in der Takelage weiter und verlangte den Männern den größten Einsatz ab. Sie mußten schnell sein, sonst war es um die Segel der Galeone geschehen. Schon fraßen die Flammen hier und da Löcher ins Rigg, und Fallen und Brassen bewegten sich züngelnd wie Feuerschlangen.
Jeder Mann kämpfte gegen das Feuer, alle waren beschäftigt – und es war niemand mehr da, der die Kanonen zünden konnte. Die Geschütze der Schiffe schwiegen, nur am Ufer krachte und donnerte es noch, und die Landetrupps waren dem verheerenden Beschuß des Feindes ausgeliefert.
In ohnmächtiger Wut schloß Don Garcia Cubera die Augen. Dann griff auch er nach einem wassergefüllten Kübel, denn ein Brandpfeil hatte die Luvbesanwanten in Brand gesetzt. Fluchend leerte er den Kübel. Es zischte, und die Flammen erstarben. Aber es war noch nicht vorbei. Brand- und Pulverpfeile rasten auf die „San José“ zu und deckten sie erneut ein.
Wahnsinn, dachte Cubera, eine Handvoll Wilder ist unser Verhängnis. Es war verrückt – und doch war es die Wahrheit. Auch der Plan, die Bewohner der Insel bei Dunkelheit vernichtend zu schlagen, erwies sich als reine Illusion. Cubera wußte, daß er am Ende war, wenn den letzten Schaluppen und Jollen, die noch blieben, nicht der Durchbruch zum Südufer gelang.
Don Antonio de Quintanilla hatte das Bewußtsein wiedererlangt, als der Trompeter das Signal zum Angriff geblasen hatte. Sofort richtete er sich von seiner Koje auf, stöhnte aber und krümmte sich, als er den stechenden Schmerz in seinem verlängerten Rückgrat verspürte.
Das Donnern der Kanonen ließ die „San José“ erzittern. Wieder ein Angriff, dachte Don Antonio, Santa Madre de Dios! Er unternahm einen zweiten Versuch, erhob sich unter Qualen und stolperte zum Schott.
Als das Dröhnen und Krachen zunahm und die Schüsse vom Ufer der Insel erwidert wurden, hieb er mit den Fäusten gegen die Bohlen und schrie: „Aufmachen! Laßt mich hier raus!“
Wohin er wollte, wußte er eigentlich selbst nicht so recht. Auf das Achterdeck auf keinen Fall – dort war alles noch viel schlimmer, wie er am eigenen Leib erfahren hatte. Wohin also? Er wollte sich verkriechen, irgendwo. Eine böse Ahnung sagte ihm, daß eine Kugel ausgerechnet seine Kammer treffen würde. Bei dem Pech, das er in der letzten Zeit gehabt hatte, war es durchaus möglich.
Wieder trommelten seine Fäuste gegen das Schott. „Aufmachen!“
Aber niemand antwortete ihm. Jetzt begriff er endlich – der Wachtposten war für die Dauer des Gefechts abgezogen worden. Kein Bewacher war zur Stelle, niemand, der ihn erhörte, aber auch niemand, der ihn kontrollierte.
In seiner Verzweiflung und Panik faßte er einen tollkühnen, wilden Entschluß. Er wollte versuchen, das Schott zu sprengen. Er wich ein Stück zurück und nahm Anlauf. In diesem Moment dröhnten wieder die Schiffskanonen, und die Decks erzitterten wie unter heftigen Hammerschlägen. Don Antonio verlor die Balance, ruderte noch mit den Armen, vermochte sich aber nicht zu halten. Mit einem hörbaren Krach landete er auf den Planken. Sein spitzer Schrei schien noch das Orgeln der Geschütze zu übertönen. Er hatte sich genau auf sein Hinterteil gesetzt.
Schwerfällig erhob er sich wieder, fluchte und nahm Anlauf auf das Schott. Er warf sich mit der Schulter dagegen. Das Schott bebte nur ein bißchen, rührte sich aber um keinen Zoll vom Fleck. Don Antonio hingegen schrie wieder, denn seine Schulter schmerzte, als sei ein Knochen gebrochen.
Er war eben zartbesaitet und hatte sich sein Leben lang nur geschont. Keine körperliche Ertüchtigung – das hatte jetzt seine Folgen. Er war weder an Schmerzen noch an das harte Leben auf einem Kriegsschiff gewöhnt. Es war der größte Fehler seines Lebens gewesen, sich an Bord der „San José“ zu begeben, und er mußte teuer dafür bezahlen.
Er ließ sich auf seine Koje sinken und barg das Gesicht in den Händen. Draußen krachte es immer noch, aber die Schiffskanonen waren jetzt verstummt. Dafür trappelten über ihm die Schritte der Männer auf und ab, und heisere Rufe wurden ausgestoßen.
„Feuer im Schiff!“ Soviel vermochte er herauszuhören. Wieder war er entsetzt und von panischem Schrecken ergriffen. Feuer? War dies das Ende? In seiner Kammer saß er in der Falle, in einem tödlichen Gefängnis. Was war, wenn die Flammen von dem Schiff Besitz ergriffen und das Achterkastell umzingelten? War es dann endgültig um ihn geschehen?
Er brüllte und tobte, jammerte und weinte, aber es nutzte alles nichts: Keiner hörte ihn. Oder es wollte ihn keiner hören. Er, Don Antonio, sollte von ihnen aus ruhig bei lebendigem Leibe verbrennen, sie gönnten es ihm sogar, denn sie haßten ihn.
Sein grenzenloses Selbstmitleid und die Angst drohten ihn zu ersticken. Er war nicht mehr in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Wurde es nicht schon heiß um ihn herum? War da nicht das Knistern und Knacken des Feuers – im Gang, vor dem Schott?
Er stand wieder auf und torkelte zum Schott. Er schien sich getäuscht zu haben, doch Brandgeruch stieg ihm tatsächlich in die Nase. Also war das Feuer nicht fern – und die Aufregung der Männer an Oberdeck schien zu beweisen, daß sie es immer noch nicht in der Gewalt hatten.
„Feuer!“ schrie Don Antonio. „Gerechter Himmel, steh mir bei!“
Er hatte sonst nie gebetet, zumal er sich in Havanna in seiner maßlosen Selbstüberschätzung und Arroganz als gottähnlich eingestuft hatte. Jetzt aber war sein Selbstbewußtsein zerstört, und er klammerte sich in seiner Angst und Not an den letzten Halt, den es für ihn gab. Er rang die Hände und stieß jammernde, flehende Laute aus.
Etwas bohrte sich mit pochendem Laut in die Außenhaut des Flaggschiffes. Ein Pfeil, dachte Don Antonio noch in jähem Entsetzen – dann zerriß eine Explosion die Planken, denn es hatte sich um einen Pulverpfeil gehandelt.
Don Antonio stieß einen schrillen, kreischenden Laut aus und warf sich zu Boden. Er kroch zitternd unter den Tisch und war sicher, jetzt sterben zu müssen.
Aber die Explosion hatte die Planken der „San José“ nicht aufreißen können, dafür war die Ladung denn doch zu gering. Kein Loch klaffte in der Außenhaut, nur Don Antonio bildete es sich ein. Er glaubte, das Wasser rauschen zu hören, das hereinströmte, dann sah er die „San José“ als brennendes Wrack sinken und sich selbst wie eine hilflose Ratte ertrinken und verbrennen.
Die Vorstellung genügte – er wurde wieder einmal ohnmächtig. Wie ein dickes Bündel Lumpen lag er unter dem Tisch, während draußen der Kampf weitertobte.
Feuer im Schiff – das war ein Feind, vor dem jedem Seemann die Haare zu Berge standen. Die Furcht griff um sich und breitete sich unter den Männern der Besatzungen aus, und jeder hatte noch die Karavelle vor Augen, deren Brand an Bord die Pulverkammer entzündet und in die Luft gejagt hatte. Ein Schicksal, vor dem es jedem graute.
Sie verdoppelten ihre Anstrengungen und irrten wie die Besessenen hin und her, vom Schanzkleid, wo die frisch gefüllten Pützen und Kübel hochgehievt wurden, zu den Brandherden, die immer wieder neu aufflackerten.
Cubera war es gelungen, die Disziplin auf seinem Schiff wiederherzustellen. Eine lange Kette von Männern wurde auf dem Hauptdeck gebildet, sie reichten die Pützen und Kübel von einem zum anderen weiter und erhöhten auf diese Weise die Geschwindigkeit, mit der die Behälter entleert und wieder gefüllt wurden.
Die Maßnahme zeigte einen ersten Erfolg, das Feuer war jetzt unter Kontrolle.
„Weiter so!“ rief Cubera seinen Männern zu, und die Offiziere trieben die Decksleute zu Höchstleistungen an. Cubera hatte unterdessen wieder so viel Luft, daß er seinen Blick auf das Ufer der Insel richten konnte.
Er wurde Zeuge, wie zwei Schaluppen mit Höchstfahrt auf die westliche, größere der beiden Buchten zuliefen. Ihnen schien der Durchbruch offenbar zu gelingen, obgleich der Gegner nach wie vor alle Register zog und mit Kanonen, Drehbassen, Pfeil und Bogen und Wurfgranaten die drohend bevorstehende Landung zu verhindern trachtete.
Plötzlich aber wurden die beiden Schaluppen wie durch eine unsichtbare Riesenfaust gestoppt. Ja – sie prallten regelrecht zurück. Ihre Insassen, die Soldaten und die Rudergasten, taumelten und stürzten durcheinander, einige kippten ins Wasser.
Und wieder waren da die Indianer am Ufer, die hochschnellten und ihre Flaschenbomben schleuderten. Mit zischenden Lunten wirbelten sie durch die Luft, und die Schaluppen brachen wie lächerliche Spielzeugboote auseinander.
Ketten, dachte Cubera entsetzt, Herrgott, sie haben Ketten gespannt. Oder Taue. Sie stehen wirklich mit dem Teufel im Bunde.
Eine Jolle erreichte aber doch die westliche Landzunge. Ihr Führer war ein Teniente mit großer Kampferfahrung. Er hatte die Situation richtig eingeschätzt und sich entsprechend darauf eingestellt. Statt direkt in eine der Buchten zu pullen, ließ er die Landzunge ansteuern, weil der Widerstand dort offenbar nicht ganz so groß war. Daß sein Handeln richtig war, erwies sich, als die schnelle Fahrt der beiden Schaluppen überraschend gestoppt wurde.
Er, der Teniente, witterte jetzt seine große Chance. Ungehindert erreichte er das Land, ließ anlegen und sofort das Ufer erstürmen. Noch schien der Gegner ihn und seinen Trupp nicht bemerkt zu haben, noch regte sich an dieser Stelle des Ufers nichts.
Die Seesoldaten sprangen auf das überhöhte Ufer und rannten geduckt landeinwärts. Sie hielten ihre Musketen schußbereit an den Hüften. Die Säbel und die Wehrgehänge klirrten leise, aber der Teniente war sicher, daß diese Geräusche von dem Dröhnen der Kanonen und dem Wummern der detonierenden Flaschenbomben überdeckt wurden. Entschlossen führte er seinen kleinen, aber wehrhaften und voll einsatzbereiten Trupp an und rechnete sich bereits aus, daß er eins der Kanonennester im Sturm nehmen würde.
Die Jolle hatte viel Glück gehabt. Sie war nur von wenigen Pfeilen getroffen worden, die alle keinen nennenswerten Schaden angerichtet hatten. Es hatte keine Toten und Verletzten gegeben. Der Teniente hatte allen Grund zu berechtigten Hoffnungen.
Aber weit gelangte er nicht. Nur wenige Schritte hatte er mit seinen Männern zurückgelegt, da standen sie ihnen plötzlich wie aus dem Boden gewachsen gegenüber – Indianer!
„Feuer!“ brüllte der Teniente. Jetzt, da sie entdeckt waren, brauchte er sich wegen des Krachens der Schüsse nicht mehr vorzusehen. Sie würden zwar noch mehr Gegner herbeilocken, aber die ließen sich ohnehin nicht mehr zurückhalten oder täuschen.
Die ersten Musketen krachten. Zwei der halbnackten Gestalten sanken zusammen und wälzten sich auf dem Untergrund. Aber dann gingen die Schlangen-Krieger zum Gegenangriff über. Sie fielen wie die Wildkatzen über den Trupp her – mit Keulen, Pistolen, Hieb- und Stichwaffen. Im Nu war ein erbittertes Handgemenge entbrannt.
Der Teniente glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Und doch täuschte er sich nicht: Einige der Indianer, die besonders knabenhaft wirkten, hatten Brüste! Frauen! Sie kämpften wie die Teufel, verstanden, mit jeder Art von Handwaffe umzugehen und schienen keine Angst zu kennen.
„Nieder!“ schrie der Teniente. „Tötet sie! Durchbrechen!“
Er feuerte seine Muskete ab, riß die Pistole aus dem Gurt, spannte den Hahn und druckte auf einen keulenschwingenden Krieger ab, der sich auf ihn stürzte. Er traf, der Mann sank zu Boden. Der Teniente riß den Säbel aus der Scheide und drang mit einem Schrei weiter vor, hatte aber plötzlich zwei Männer und eine Frau gegen sich.
Einem der Indianer brachte er einen Streich bei, unter dem dieser mit einem entsetzten Keuchen zusammensank. Aber die beiden anderen vermochte er nicht abzuwehren. Die Frau klammerte sich an ihm fest und zerrte ihn zu Boden. Sie war wie eine Raubkatze, die nicht mehr von ihrer Beute abläßt. Der Teniente versuchte zwar, sie von sich zu stoßen, aber er schaffte es nicht mehr. Auch der Krieger war über ihm, und ein Messer blitzte wie weißes Licht auf.
Der Stich traf die Brust des Teniente, und er hatte das Gefühl, von glühendem Stahl durchbohrt zu werden. Erlösende Finsternis nahm ihn gefangen, und er hatte, ehe seine Sicht erlosch, keine Gedanken mehr. Er sah im Aufblitzen eines Mündungsfeuers nur noch die Gesichter der Indianer über sich. Dann war jede Wahrnehmung vorbei, und er sank leblos in sich zusammen.
Die Soldaten kämpften verzweifelt und versuchten, ihre Stellung auf dem eben erst eroberten Stück Ufer zu halten. Doch es gelang ihnen nicht. Die Musketen und Pistolen waren leer gefeuert, und jetzt waren sie auf ihre Blankwaffen angewiesen.
Aber sie sahen den Teniente neben sich zusammenbrechen und sterben und wußten, daß sie keine Chance mehr hatten. Wütend hieben sie auf die Gegner ein, deren Zahl immer größer zu werden schien. Sie kämpften auf verlorenem Posten – und sie wußten es.
Binnen weniger Augenblicke waren auch die letzten Soldaten niedergestreckt. Drei Schlangen-Krieger liefen auf die Jolle zu und schleuderten ihre Wurfbomben. Das Boot flog mit einem Donnerhall in die Luft. Es war aus, keiner anderen Jolle oder Schaluppe gelang die Landung.
Don Garcia Cubera fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und stöhnte auf. Vom Achterdeck der „San José“ hatte er auch den erfolglosen Kampf der Seesoldaten und die Explosion der Jolle verfolgen können. Es ist alles umsonst gewesen, dachte er erschüttert.
Dann zerknüllte er die Skizze der Schlangen-Insel zwischen seinen Fingern und gab dem Trompeter ein Zeichen. Dieser blies das Signal zum Rückzug, und die Aktion war beendet.
Ruhe trat ein, die Kanonen auf beiden Seiten schwiegen jetzt. Verhalten plätscherte das Seewasser an den Bordwänden der Schiffe, und immer noch knisterten die Flammen. Nach einiger Zeit waren aber auch die letzten Schwelbrände erstickt, der herbe Geruch kalter Asche und angesengten Holzes wurde vom Wind davongetragen.
7.
Zwei Schatten glitten durch die Nacht – die „Empress of Sea II.“ und die „Wappen von Kolberg“. Schon seit gut einer halben Stunde konnten die Männer, die von den Decks aus scharf Ausschau nach voraus hielten, das Zucken der Feuerblitze und das Krachen der Schüsse und Detonationen vernehmen. Bald tönte auch das Geschrei zu ihnen herüber, mit denen die Spanier quittierten, daß die Verteidiger der Schlangen-Insel ihnen wieder eine Falle gestellt hatten.
„Das kommt vom Südufer“, sagte der alte O’Flynn. „Verdammt, kann der elende Wind denn nicht auffrischen? Zur Hölle, warum muß das so lange dauern?“
Plymmie, die Wolfshündin, hockte neben ihm auf dem Achterdeck, hatte die Zähne gebleckt und knurrte erbost. Martin Correa, Nils Larsen, Sven Nyberg und Hasard junior sprachen kein Wort.
Nur Philip junior meinte: „Wir müssen gleich da sein. Es kann sich höchstens noch um zwei Meilen Distanz handeln.“
„Aber dann müssen wir sie noch runden, unsere feine Insel“, sagte der Alte grimmig. „Und auch das nimmt noch einige Zeit in Anspruch. Bis dahin haben die Dons drüben alles zusammengeschossen. Teufel, warum hat dieser verfluchte Abstecher nach Coral Island auch so lange dauern müssen?“
„Die Frage brauchen wir uns jetzt nicht zu stellen, Donegal“, sagte Nils. „Ich sehe die Lage im übrigen nicht so schwarz wie du. Meiner Ansicht nach sind es die Dons, die da was auf die Jacke kriegen, nicht unsere Leute.“
„Hoffentlich behältst du recht“, brummte der Alte, dann vertiefte er sich wieder in seine Beobachtungen. Voraus, im Süden, knallte, blitzte und donnerte es fast unausgesetzt, und es war nicht zu überhören, daß große Schiffsgeschütze mit im Spiel waren. Aber die Schreie – da mochte Nils recht haben – schienen nicht von den Verteidigern der Insel ausgestoßen zu werden.
Dennoch blieb die Ungewißheit. Was ging auf der Insel vor, wie war das Kräfteverhältnis verteilt, was taten die Spanier? Konnten Karl von Hutten, Arkana, Ramsgate, Pater David, die Leute der Werft und die Schlangen-Krieger sich halten?
Ähnliche Überlegungen wurden an Bord der „Wappen von Kolberg“ angestellt, die unter dem Kommando von Renke Eggens stand. Niemand wagte, seine Meinung vorbehaltlos zu äußern. Alle hatten Angst, der Gegner könne bereits auf der Insel gelandet sein.
„Elende Hunde“, sagte Old O’Flynn kurze Zeit darauf, als beide Schiffe sich anschickten, die Schlangen-Insel an der Ostseite zu umrunden. „Wer weiß, wie lange sie schon da sind und unsere Freunde mit ihren Kugeln bepflastern.“
„Da scheinen aber auch Höllenflaschen zu fliegen“, sagte Hasard junior. „Ich hab’s ganz deutlich gehört.“
Der Alte kratzte sich am Kinn und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er konnte es einfach nicht mehr erwarten, direkt mit dem Feind konfrontiert zu werden. Unklare Verhältnisse und die Unfähigkeit, einzugreifen und auf eine Situation einzuwirken, waren für ihn mit das Schlimmste, was es gab.
Etwas später änderte sich die Lage jedoch. Die „Empress“ und die „Wappen“, umrundeten die Insel im Südosten und hatten den Verband der Spanier plötzlich vor sich. Die „Empress“ führte – die „Wappen“ lief in ihrem Kielwasser. Die Zwillinge hatten sich unterdessen auf das Vordeck der „Empress“ begeben und hielten erneut Ausguck.
„Es sind vier Schiffe“, meldete Philip junior dann plötzlich leise.
„Was?“ murmelte der Alte. „Nur vier? Wo, zur Hölle, sind die anderen?“
„Boote bewegen sich auf die Schiffe zu“, raunte Philip, der sich umgedreht hatte und wieder nach achtern ging. „Da scheint ein Landemanöver stattgefunden zu haben, aber es ist mißglückt.“
„Woher willst du das so genau wissen, du Schlauberger?“ zischte Old O’Flynn.
„Die Schiffe – zwei Galeonen und zwei Karavellen – sind angeknackst, da scheinen eben die letzten Feuer gelöscht zu werden. Auch die Boote sind ramponiert.“
„Dann los“, sagte der Alte grimmig. „Mal sehen, ob wir sie noch ein bißchen mehr knacken und schütteln können.“
Längst waren der Dreimaster und die Galeone klar zum Gefecht. Die Männer begaben sich auf ihre Kampfstationen und warteten gespannt das Zeichen zum Einsatz ab. Rasch schrumpfte der Abstand zu den vier spanischen Schiffen jetzt zusammen.
Die „Empress“ und die „Wappen“ luvten an und gingen auf westlichen Kurs, der Wind fiel raumschots ein. Dann hatten sie den Feind unmittelbar vor sich, und Old O’Flynn rief: „Drauf! Ich will die Fetzen fliegen sehen!“
„Klar bei Lunten“, sagte Renke Eggens an Bord der „Wappen“. „Es geht los.“
Nur eine Schaluppe und zwei Jollen hatten das Inferno der Abwehr überstanden. Sie glitten auf die „San José“ und die drei anderen Schiffe des Kriegsverbandes zu. Schon trafen die Besatzungen Anstalten, längsseits zu gehen und festzumachen, da tauchten die beiden unheimlichen Angreifer unversehens aus der Dunkelheit auf und waren heran.
Die Nacht der Schrecken war noch nicht vorbei. Ein Alarmruf erklang an Bord der „San José“, aber die Männer, die mit dem Löschen der letzten Schwelbrände und dem Aufklaren an Deck beschäftigt waren, gelangten nicht mehr schnell genug an die Geschütze. Völlig unerwartet erfolgte dieser neue Angriff. Wie gespenstische Schatten schoben sich die „Empress“ und die „Wappen von Kolberg“ neben den Feind, und schon eröffneten sie das Feuer.
Sie strichen an den vier Schiffen entlang, und ihre Kanonen, spuckten Feuer und Eisen. Breitseiten – und nichts war auf den Backbordseiten der vier Spanier auf Abwehr eingestellt. Der Eisenhagel raste über die Decks, schlug in die Seiten und sorgte für Tod und Verderben. Wieder war die Nacht vom Grollen und Donnern der Geschütze erfüllt, vom Schreien der Getroffenen und von den Flüchen derer, die sich hinter den Schanzkleidern in Deckung warfen und im letzten Augenblick den Kugeln entgingen.
Don Garcia Cubera gehörte zu diesen Männern, aber er wünschte sich in diesem Moment, zu sterben. Er war machtlos gegen das, was hier geschah, es gab kein Mittel gegen den neuen, unheimlichen Feind. Und trotz der ursprünglichen Überlegenheit und Stärke des Verbandes hatte es jetzt den Anschein, als sei er dem Gegner regelrecht ausgeliefert. Nie zuvor in seiner Laufbahn als Kommandant und Verbandsführer hatte Cubera etwas Vergleichbares erlebt. Es war das erste Mal, daß er von einem Gegner, der ihm zahlenmäßig und von der Größe her klar unterlegen war, geschlagen wurde.
Ein kleiner Dreimaster und eine Galeone segelten an dem Verband vorbei und entließen ihr Höllenfeuer. Er sah sie, als er kurz den Kopf hob, aber dann mußte er sich erneut in Sicherheit bringen, denn auch die Drehbassen der Schiffe sorgten für erheblichen Schaden.
Dann hörte das Donnern der Kanonen auf, und wie ein Spuk verschwanden die beiden Schiffe wieder in der Dunkelheit. Erst jetzt konnte Cubera sich wieder aufrichten – und er sah die Bescherung in ihrem vollen Ausmaß.
Eine der beiden Karavellen war so schwer getroffen, daß sie zu sinken begann. Ihre Backbordseite war mittschiffs in der Wasserlinie fast in Jollenlänge regelrecht aufgeschlitzt. Drei Kugeln von Siebzehnpfündern waren dort hineingerast, wie mit dem Lineal gezogen. Nicht nur Old O’Flynn und seine kleine Crew, auch die Kolberger, Arne von Manteuffels Stammcrew, verstanden es, zu zielen und zu treffen.
Doch keiner der Spanier erkannte in dieser unheilvollen Nacht in der Galeone die „Wappen von Kolberg“ wieder, das Schiff des deutschen Kaufherrn Arne von Manteuffel. Wäre Don Antonio de Quintanilla an Deck gewesen, dann wäre es vielleicht ihm aufgefallen, daß die Galeone kein Fremder für sie war. Der aber lag nach wie vor in seiner Kammer. Er war inzwischen wieder zu sich gekommen und hatte sich auf der Koje unter einer Decke versteckt. Er glaubte, der Weltuntergang sei nahe, und sein mächtiger Leib wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt.
Don Garcia Cubera war wie vor den Kopf geschlagen. Er wankte zur Querbalustrade des Achterdecks und blickte auf die Wuhling hinunter, die wieder auf dem Hauptdeck eingesetzt hatte. Neben ihm waren seine Offiziere, aber der Zweite humpelte. Er hatte eine Schramme am rechten Bein und mußte sich auf den Dritten stützen.
„Profos!“ rief Cubera. „Hat es Tote gegeben?“
„Zwei, Señor!“
„Wie viele Verletzte?“
„Vier!“
„Sofort verarzten! Feuer löschen, die schlimmsten Schäden beheben und Männer an die Geschütze abkommandieren! Wir müssen mit einer Rückkehr des Gegners rechnen!“
„Wer, zum Teufel, war das bloß?“ fragte der Erste. „Ist denn hier alles verhext?“
„Ich glaube langsam auch, daß nicht alles mit rechten Dingen zugeht“, sagte Cubera gepreßt. Er fühlte sich benommen und mußte sich festhalten. Zum erstenmal seit dem Beginn des Unternehmens fühlte er Müdigkeit in sich aufsteigen. In aller Deutlichkeit wurde ihm bewußt, daß er am Ende war – und die Bedrohung durch den Feind wuchs, weil der jetzt zwei Schiffe zu seiner Verfügung hatte, die jederzeit wieder aus der Nacht heraus angreifen konnten.
Doch in diesem Punkt täuschte er sich. Die „Empress“ und die „Wappen“ verholten unter Land. Old O’Flynn und Renke Eggens warteten ab, was weiter geschah. Sie hielten es beide nicht für ratsam, jetzt einen neuen Ausfall zu unternehmen. Lieber ließen sie die Spanier zappeln.
Die Ungewißheit zehrte an den Nerven von Cubera und seinen Männern. Sie waren gründlich verunsichert – und sie mußten die Überlebenden der gesunkenen Karavelle aus dem Wasser bergen. Eben war das Schiff endgültig in den Fluten untergegangen, und jetzt riefen die Männer, die zwischen der Unglücksstelle und den Schiffen und Booten schwammen, um Hilfe.
„Ein Hai!“ schrie einer von ihnen.
„Lampen setzen!“ befahl Cubera. „Rasch!“
Öllampen wurden an Peekhaken befestigt und von Bord der Schiffe aus über das Wasser gesenkt. In den Lichthöfen erschienen die Köpfe der Schiffbrüchigen, und alle sahen jetzt, wer den Schrei ausgestoßen hatte.
Es war der Bootsmann der Karavelle. Er brüllte, als habe der Hai ihn bereits gepackt, und schlug im Wasser um sich. Plötzlich ging er unter.
Zwei seiner Kameraden tauchten beherzt nach ihm und holten ihn wieder an die Oberfläche zurück. Der Mann schlug mit den Fäusten nach ihnen und gebärdete sich wie ein Besessener. Aber ein Hieb gegen seine Schläfe, den ihm einer der beiden Helfer verpaßte, nahm ihm das Bewußtsein. Sie drehten ihn auf den Rücken und schleppten ihn zur „San José“ ab.
Cubera bereitete sich auf einen grausigen Anblick vor. Sein Gesicht verhärtete sich. Er stellte sich vor, daß der Hai dem Bootsmann die Beine abgebissen hatte.
Als der Mann an Bord gehievt wurde, atmete Cubera dann aber doch unwillkürlich auf. Er war unversehrt – nichts war geschehen. Kein Hai hatte angegriffen, es war reine Einbildung gewesen. Die Nerven waren mit dem Bootsmann durchgegangen. Er hatte, wie sich wenig später herausstellte, einen treibenden Trümmerteil für die Rückenflosse eines der grauen Mörder gehalten. Die Strapazen der letzten Stunden, das erbitterte Gefecht und die Niederlage – all das hatte mit dazu beigetragen.
Aber der Bootsmann war nicht der einzige, der völlig erschöpft und demoralisiert war. Vielen ging es wie ihm, und nur ein letzter Rest Selbstbeherrschung bewahrte sie davor, laut loszuschreien.
Die meisten Schiffbrüchigen waren inzwischen aus dem Wasser geborgen, und die Schaluppe und die beiden Jollen brachten sie zu den Schiffen. Cubera verfolgte, wie auch die letzten aus der See gezogen wurden, und er sah zu, wie der Kapitän der Karavelle mit grimmiger Miene an Bord der zweiten Galeone auf enterte.
Was sollte jetzt geschehen? Cubera verdoppelte die Ausguckposten, sie hielten nach allen Seiten Ausschau. Aber die beiden unheimlichen Angreifer kehrten nicht zurück. Etwas Zeit war verstrichen, das Stundenglas wurde gerade umgedreht.
Cubera fuhr sich mit der Hand über das Kinn und stellte fest, daß er nicht nur deprimiert, sondern auch gleichsam verlegen war – sich selbst und seihen Männern gegenüber, die allmählich den Glauben an ihn als Verbandsführer verlieren mußten.
Was sollte er als nächstes tun? Jeder Versuch, auf dieser Teufelsinsel zu landen, war fehlgeschlagen. Ein weiterer Anlauf konnte nicht unternommen werden – die Verluste waren bereits zu hoch. Cubera biß sich auf die Unterlippe.
„Wir schaffen es nicht“, sagte er zu seinem Ersten Offizier. „Es hat keinen Sinn, noch einmal anzugreifen!“
„Was haben Sie vor, Señor?“
„Das weiß ich selbst noch nicht“, erwiderte Cubera offen. „Aber geben Sie mir die Seekarte.“
Der Erste reichte ihm die zusammengerollte Karte. Cubera öffnete sie und blickte im Licht der Hecklaterne darauf. Fast verzweifelt suchte er nach einer Lösung für seine Probleme. Aber wo lag sie? Er war nicht nur gescheitert, er war jetzt auch einer permanenten Bedrohung ausgesetzt, denn jeden Augenblick konnten der kleine Dreimaster und die Galeone wieder erscheinen, um einen weiteren Blitzangriff zu fahren. Und die Schäden an den eigenen Schiffen? Wo und wann sollten sie gründlich behoben werden?
„Wir setzen Segel und laufen ab“, sagte er schweren Herzens. „Wir haben zur Zeit keine andere Wahl.“
„Welchen Kurs? Wohin?“
„Grand Turk, die größte der Turks-Inseln. Dort reparieren wir die Schäden und fassen neue Entschlüsse.“
„Jawohl, Señor Capitán.“
„Es gibt jetzt keinen anderen Weg. Informieren Sie die Kapitäne, und geben Sie meine Befehle weiter.“
„Señor Capitán“, sagte der Erste. „Es ist nicht leicht, diese Inselfestung zu erobern. Keinem anderen an Ihrer Stelle wäre das gelungen. Der Gegner kämpft mit allen Tricks und hat Waffen, mit denen wir nicht rechnen konnten.“
„Ich danke Ihnen für Ihre Worte. Aber ich hätte voraussehen müssen, daß sie mit Zähnen und Krallen kämpfen.“ Cubera ersparte sich keinen Vorwurf, und er dachte nicht daran, sich zu rechtfertigen und die Verantwortung für das, was geschehen war, von sich zu schieben.
„Wie erklären Sie sich die Anwesenheit von Indianern auf der Insel?“ fragte der Erste Offizier.
„Möglicherweise sind es Inselkariben, die sich mit den Engländern verbündet haben. Eine merkwürdige Partnerschaft – und doch denkbar. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, daß die Freibeuter sie absichtlich hergeholt haben.“
„Seltsam, wirklich seltsam.“
„Von dem Führer der Engländer, diesem Philip Hasard Killigrew, heißt es, daß er ein großer Freund der Eingeborenen sei.“
„Er hat wahrscheinlich seine Gründe dafür“, sagte der Erste. „Vielleicht haben ihm diese Wilden mal das Leben gerettet. Aber es bringt uns wenig ein, das zu erörtern, nicht wahr?“
„Eben. Ich frage mich nur, ob er auf der Insel ist.“
„Killigrew? Die Landetrupps haben keinen einzigen weißen Mann gesehen.“
„Und doch sind Weiße auf der Insel“, sagte Cubera. „Es ist nur eine Vermutung von mir, aber ich glaube nicht, daß ich damit falsch liege.“ Er grübelte weiter nach. Welchen Sinn hatte es aber, noch über die Bewohner der Insel nachzudenken? Seine Wut zwang ihn dazu, und irgendwie suchte er immer noch nach schwachen Stellen in der Verteidigung. Aber es gab sie nicht, er fand jedenfalls keine.
Durch Zuruf von Bord zu Bord wurde die Order weitergegeben. Das neue Ziel hieß Turks Islands, und Don Garcia Cubera befahl sofortigen Aufbruch.
Fast schwerfällig setzten sich die drei Schiffe nach der Bergungsaktion ostwärts ab. Karl von Hutten, Arkana, Pater David und Hesekiel Ramsgate verfolgten ihr Ablaufen von einem Versteck an der westlichen Südbucht.
„Jetzt haben sie die Nase voll“, sagte Ramsgate grimmig. „Und Old Donegal und Renke Eggens sind endlich wieder da. Das Blättchen hat sich gewendet. Und wir haben keinen einzigen Verlust.“
In der Tat gab es unter den Schlangen-Kriegern nur Verwundete. Einer von ihnen war bei der Landung und dem Angriff der Jollenbesatzung zwar ziemlich schwer getroffen worden und hatte viel Blut verloren, aber die Kriegerinnen hatten ihn sofort versorgt, und Arkana hatte inzwischen melden können, daß auch für ihn keine Lebensgefahr bestand.
„Fast tun mir die Spanier leid“, sagte Pater David. „Ihr dürft nicht vergessen, daß sie meine Landsleute sind. Aber ich will ihr Tun nicht entschuldigen. Hätten wir nicht eisern gekämpft, hätten sie uns alle getötet.“
„Darauf kannst du Gift nehmen, Pater“, sagte von Hutten. „Der Kommandant mag ein guter Mensch sein, aber die Fairneß geht bei ihm bestimmt nicht so weit, daß er uns verschont, wenn er siegt.“
„Aber jetzt siegt er nicht mehr“, sagte Ramsgate. „Jetzt hat er nur noch drei Schiffe.“
Arkana legte ihm die Hand auf den Unterarm.
„Da!“ zischte sie. „Hört ihr das?“
Der leise, klagende Ruf eines Nachtvogels war zu vernehmen, er kam von der Wasserseite.
„Das ist einer der Zwillinge“, sagte Arkana. „Old Donegal gibt uns das Zeichen, daß er die Verfolgung aufgenommen hat.“
Sie täuschte sich nicht. Wenig später glitten die Schatten der beiden Schiffe wieder an ihnen vorbei. Arkana glaubte zu sehen, daß die Männer ihnen zuwinkten, aber dann waren die „Empress of Sea II.“ und die „Wappen von Kolberg“ auch schon wieder in der Dunkelheit untergetaucht.
„So“, sagte Karl von Hutten. „Sie lassen die Dons bestimmt nicht mehr aus den Augen. Ich nehme an, daß der Verband die Turks anläuft. Dort reparieren sie die Schäden und lecken ihre Wunden. Das haben sie jetzt dringend nötig.“
Sie erhoben sich und gingen zu dem Platz, an dem jetzt die toten Spanier bestattet wurden. Pater David sprach ein Gebet für sie, und er wünschte sich aus tiefstem Herzen, daß künftige Opfer auf beiden Seiten vermieden wurden.
8.
Plymmie knurrte nicht mehr. Sie hatte sich auf der Kuhl der „Empress“ niedergelassen und den Kopf zwischen die Vorderpfoten gelegt. Unterschwellig begriff auch sie mit ihrem Hundehirn, daß der Überfall auf die Spanier zugunsten „ihrer“ Zweibeiner ausgefallen war. Es ließ sich ja auch leicht aus der Stimmung schließen, die an Bord der „Empress“ und der „Wappen“ herrschte.
„Das war mal ein feiner Raid“, sagte Old O’Flynn und rieb sich die Hände. „Hoffen wir, daß es so weitergeht. He, ihr beiden, paßt ihr auch wirklich auf, wie es sich gehört?“
Gemeint waren die Zwillinge. Hasard junior befand sich vorn, am Bug, Philip junior kehrte eben zum Achterdeck zurück.
„Wir haben sie vor uns, Sir“, meldete er. „Und wir lassen sie nicht aus den Augen. Sie haben keine Chance, uns zu entwischen. Dazu sind sie nicht schnell genug.“
„Ich will an ihrem Achtersteven hängen wie der Pilotfisch am Arsch des Haies“, sagte der Alte. „Kapiert? Wenn ihr sie verliert, fliegt ihr ins Wasser.“
„Aye, Sir“, erwiderte der Junge trocken. „Aber Pilotfische haften eher an Walen als an Haien.“
„Das ist mir egal“, sagte der Alte. „Die Hauptsache ist, sie kleben, so wie wir. Hölle, wir lassen die Dons nicht mehr in Ruhe, und sie werden notfalls noch nach Havanna zurückschwimmen, das schwöre ich euch.“
„Nun übertreibe doch nicht so“, sagte Nils Larsen. „Das Kräfteverhältnis beträgt immer noch drei zu zwei, nicht zu vergessen die Schaluppe.“
„Na und? Sie sind stark angekratzt, und ihre Kampfmoral ist weg. Hast du nicht gehört, wie sie geschrien haben?“
„Natürlich“, erwiderte Nils. „Aber sie erholen sich auch schnell wieder.“
Der Alte grinste jetzt wie der Teufel in Person. „Eben. Das sage ich ja auch. Und deshalb suchen wir sie wieder heim, ehe sie richtig Luft geschnappt haben. Vor allen Dingen schlagen wir zu, wenn sie absolut nicht damit rechnen.“
„Wohin segeln sie deiner Ansicht nach?“ fragte Martin Correa.
„Na, nach Grand Turk natürlich“, erwiderte der Alte. „Wohin denn sonst? Nach Kuba bestimmt nicht, das liegt im Westen.“
„Ja?“ sagte Philip junior. „Oh, das haben wir gar nicht gewußt.“
„Ich schätze, du kriegst heute nacht noch was hinter die Löffel“, brummte der Alte. „Du bist mal wieder unverschämt frech – wie dein Bruder.“
„Was tun wir, wenn die Dons uns sichten?“ fragte Sven Nyberg.
„Sie sichten uns nicht“, entgegnete Old O’Flynn mit tiefster Überzeugung. „Sie haben genug mit sich selbst zu tun.“
Auch in diesem Punkt sollte er recht behalten: Don Garcia Cubera und seine Leute waren mit dem Aufklaren und den dringendsten Reparaturarbeiten vollauf beschäftigt, und so wurden die Beschatter, die an ihnen Fühlung hielten, von Bord der drei schwer angeschlagenen Kriegsschiffe nicht gesichtet. Überdies hatten die Toppgasten der Spanier nicht so scharfe Augen wie die Zwillinge. Die Distanz zwischen dem letzten Schiff im Verband und der „Empress“ war zu groß für sie. Sie sahen sie einfach nicht.
Philip und Hasard hingegen bewiesen wieder einmal, wie scharf ihre Augen waren. Die Spanier segelten jetzt ohne Licht – eine Vorsichtsmaßnahme, die Cubera angeordnet hatte, um etwaige Verfolger abzuschütteln.
„Hölle“, sagte Martin Correa und beugte sich unwillkürlich vor. „Ich sehe sie nicht mehr.“
„Wir aber“, sagte Philip junior. „Sie haben den Kurs nicht geändert. Wir segeln immer noch im Kielwasser der Karavelle, die den Abschluß des Verbandes bildet.“
„Donnerwetter“, sagte Martin anerkennend. „Toll, daß ihr das seht, wirklich.“
„Dabei bist du der Lotse“, sagte Old O’Flynn mit hämischem Grinsen.
„Ich habe aber nie behauptet, Augen wie ein Adler zu haben.“
„Die haben nur wir O’Flynns“, erklärte der Alte großspurig. „Und bei den Jungen ist es natürlich das Erbteil der O’Flynns, das sich positiv durchgesetzt hat.“
Martin beschloß, nichts mehr dazu zu äußern, es führte zu nichts. Nils und Sven grinsten sich zu. Selten hatte der Alte so gute Laune gehabt wie in dieser Nacht. Kein Wunder: Er hatte die Schlangen-Insel schon unter dem dröhnenden Beschuß des Gegners fallen sehen, und im voraus hatte er nicht nur um die Freunde getrauert, sondern auch um die „Rutsche“, seine Kneipe, die er vor nicht allzu langer Zeit eröffnet hatte.
Dank der Aufmerksamkeit der Zwillinge vermochten sie auf weiteste Nachtsicht die Fühlung mit dem Verband zu halten. Zügig verlief die Fahrt, die Schiffe lagen hoch am Wind und hielten den östlichen Kurs. Old O’Flynn und Renke Eggens stellten kurze Berechnungen an und gelangten zu dem Schluß, daß sie in den ersten Morgenstunden die Turks-Inseln erreichen mußten.
Nach Mitternacht, es war jetzt der 27. Juli, war das Ziel tatsächlich erreicht. Der Verband rundete Grand Turk, drehte bei und ging in einer Bucht der Ostseite vor Anker. Die Besatzungen der „Empress“ und der „Wappen“ beobachteten es aus angemessener Entfernung.
„So“, sagte Old O’Flynn und kratzte sich am Kinn. „Da liegen sie und lecken sich. Damit sind sie eine Weile beschäftigt, vielleicht den ganzen Tag über.“
„Greifen wir an?“ fragte Martin Correa.
„Nein, mir ist inzwischen etwas Besseres eingefallen. Wir segeln zurück zur Schlangen-Insel.“
„Aber – warum haben wir sie dann bis hierher verfolgt?“
„Um ihren Ankerplatz zu orten, du Barsch“, erwiderte der Alte ungehalten. „Ist das nicht klar? Meinst du, ich will sie bei Tageslicht überall suchen?“
„Nein“, sagte Martin. „Und ich bin ja auch nicht blöd. Ich meine nur: Wir sollten nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen.“
„Tun wir auch nicht. Wir klüsen zur Schlangen-Insel und sehen nach, ob unsere Freunde inzwischen mit den Schiffen eingetroffen sind. Daß sie längst da sein müssen, ist dir auch noch nicht aufgegangen, was?“
Martin seufzte und zuckte mit den Schultern. „Ich bin als Junge mal hingefallen, deswegen bin ich wohl ein bißchen zurückgeblieben.“
„Ich an eurer Stelle würde noch ein bißchen lauter brüllen“, sagte Nils. „Damit die Dons uns hören und Bescheid wissen, daß wir hier sind.“
„Los jetzt“, sagte der Alte drängend. „Keine Zeit mit Quatschen verlieren. Wir hauen ab.“
Kurze Zeit darauf lagen sie wieder auf Gegenkurs und segelten zurück. Der Wind wehte nach wie vor aus Nordosten, und sie brauchten für die Rückkehr etwas weniger Zeit als für die Fahrt nach Grand Turk.
In den ersten trüben Schleiern der Morgendämmerung trafen sie ein, liefen durch den Felsendom in die große Bucht ein und gingen vor Anker. Wieder hatte der Alte sich nicht geirrt: Die „Tortuga“ von Jerry Reeves und die Schebecke Don Juan de Alcazars waren inzwischen eingetroffen. An Land gab es einen kleinen Menschenauflauf, alle waren zur Stelle: Arkana, Karl von Hutten, Ramsgate, Pater David und die meisten der Krieger und Kriegerinnen sowie der Werftarbeiter. Nur die Männer, die gerade Wachdienst hatten, waren auf ihren Ausguckposten geblieben.
Die Besatzungen der „Tortuga“ und der Schebecke waren komplett an Land gegangen. Old O’Flynn und Renke Eggens ließen ebenfalls die Beiboote ausschwenken und abfieren, dann pullten sie mit ihren Leuten an Land.
Aber es gab keinen Jubel und keine Begeisterung. Die an Land wartenden Kameraden zeigten betretene Mienen. Irgend etwas schien der Freude über den ersten Erfolg gegen die Spanier einen Dämpfer aufgesetzt zu haben.
„Lange Gesichter?“ sagte Old O’Flynn betroffen. „Hölle, was ist denn jetzt passiert?“
Als die Boote landeten, stieg er als erster aus und marschierte auf die Wartenden zu. Seine Männer und die Zwillinge folgten ihm, auch Plymmie tobte über den Strand. Renkes Crew erschien komplett, und alle vernahmen, wie Jerry Reeves gerade sagte: „Es hat keinen Zweck gehabt, nach ihm zu suchen. Alles sinnlos.“
„Von wem ist die Rede?“ fragte Old O’Flynn.
Arkana wandte sich langsam zu ihm um. Ihr Blick fiel auf die Zwillinge, dann sah sie wieder dem Alten in das verkniffene, runzlige Gesicht. „Das erklären wir dir gleich noch. Sonst scheint alles gut verlaufen zu sein. Welche Meldungen habt ihr?“
„Die Dons haben den Schwanz eingekniffen und sich in eine Bucht am Ostufer von Grand Turk zurückgezogen“, erwiderte der Alte. „Aber jetzt mal raus mit der Sprache. Was wollt ihr uns verheimlichen?“
Die Zwillinge waren rechts und links neben ihm, und Philip junior sagte: „Arkana, es ist deine Pflicht, uns zu informieren. Was ist los? Hat es – Tote gegeben?“
„Nein. Nur Ben Brighton hat eine Kopfverletzung.“
„Und unser Vater?“ fragte Hasard junior. „Ist er wohlauf?“
Sie biß sich auf die Unterlippe, aber dann sah sie ihn doch voll an und antwortete: „Er ist im Gefecht außenbords geflogen und wird vermißt.“
„Vermißt?“ murmelte Philip entsetzt.
Sein Bruder sprach kein Wort ehr. Beide waren sie wie versteinert und blickten starr geradeaus. Sie bissen die Zähne zusammen. Die Nachricht traf sie wie ein Hieb, aber sie versuchten, sie zu verarbeiten. Der Seewolf vermißt – das bedeutete Schlimmes. Tot – sonst wäre er längst wieder aufgetaucht. War er ertrunken? Allein die Vorstellung war entsetzlich. Aber Philip und Hasard zeigte keine Tränen.
Arkana trat auf sie zu. „Ihr wißt ja nicht, wie leid mir das tut“, sagte sie. „Aber ihr werdet sehen, es wird alles wieder gut. Er hat sich irgendwo festklammern können, hat sich gerettet und befindet sich jetzt vielleicht schon auf dem Weg zu uns.“
Sie wollte nach Hasards Arm greifen, aber der Junge wandte sich fast kalt von ihr ab.
Philip sah sie an und erklärte: „Du brauchst so was nicht zu sagen, Arkana. Wir werden auch so damit fertig. Wir sind keine Kinder mehr. Und wir wollen keinen Trost, verstehst du?“
„Ja. In Ordnung.“
„Das sehen wir ein“, sagte Reeves. „Aber ihr sollt wissen, daß wir genauso empfinden wie ihr. Euer Schmerz ist auch unser Schmerz.“
„Das brauchst du nicht hervorzuheben“, sagte Hasard leise, aber klar und deutlich. „Das wissen wir selber. Aber wo ist die ‚Isabella‘?“
„Sie muß bald eintreffen“, erwiderte Reeves. „Sie segelt jetzt unter dem Kommando von Dan, weil Ben im Moment nicht einsatzfähig ist.“
„Und die anderen?“ fragte Philip. „Das Schwarze Schiff, die ‚Queen‘ und die ‚Pommern‘? Was ist mit ihnen?“
„Sie kehren ebenfalls zurück“, entgegnete Reeves, dann berichtete er hoch einmal, was er bereits den Verteidigern der Insel geschildert hatte: wie sich der erste Kampf gegen den Kriegsverband abgespielt hatte, was sich an Bord der einzelnen Schiffe ereignet hatte und wieso die Schiffe der Schlangen-Insel den Verband im Nebel zunächst nicht gesichtet hatten, wie sie dann aber umgekehrt waren und ihn verfolgt hatten.
„Und wo sind Arne und Jörgen?“ wollte Hasard junior mit einem Blick zu Don Juan wissen. Absichtlich stellte er die Frage auf spanisch.
„Sie sind nach Havanna zurückgekehrt“, erwiderte der Spanier ernst. „Das erschien uns klüger, weil Arne dort um jeden Preis die Stellung des Handelshauses halten soll. Es ist eine Strategisch wichtige Position, und viel zu leicht hätte es passieren können, daß die Männer an Bord der Kriegsschiffe Arne und Jörgen erkannt hätten. Wir dürfen ja auch nicht vergessen, daß sich Don Antonio an Bord der ‚San José‘ befindet.“
„Der Teufel soll ihn holen“, sagte Old O’Flynn. „Hoffentlich ist er schon verreckt, von einem Pfeil oder einem Splitter getroffen. Verdammt und zugenäht, was tun wir jetzt? Wo sollen wir nach Hasard suchen?“
Philip hörte schon nicht mehr hin, er wandte sich ab und trat mit Hasard an den Rand des Ufers. Alle sahen ihnen nach, und Arkana wollte ihnen nacheilen, wurde aber von dem alten O’Flynn zurückgehalten.
„Laß sie in Ruhe“, sagte er leise. „Sie wollen jetzt allein sein. Sie müssen das schlucken, aber sie schaffen es, das schwöre ich dir.“
„Aber sie tun mir trotzdem leid“, sagte Arkana traurig.
„Klar. Aber vergiß eins nicht.“
„Daß sie keine Kinder mehr sind?“
„Ja. Sie sind im November 1580 geboren.“
„Sie sind jetzt fast vierzehn“, sagte Karl von Hutten, der zu ihnen trat. „Das sollte man wirklich nicht vergessen. Ich weiß, was du sagen willst, Arkana. Daß sie trotzdem noch schutzbedürftig sind. Aber du irrst dich.“
„Ja, sie sind den Kinderschuhen längst entwachsen“, pflichtete der Alte ihm bei. „Sie sind viel erwachsener, als du denkst.“
Philip und Hasard blickten stumm auf das Wasser der Bucht und die vor Anker liegenden Schiffe. Das Bild ihres Vaters tauchte vor ihrem geistigen Auge auf, und noch einmal schienen sie all das nachzuvollziehen, was sie an Bord der „Isabella VIII.“ und der „Isabella IX.“ erlebt hatten.
Diese Erfahrungen und Abenteuer, Entbehrungen und Strapazen hatten sie vieles gelehrt, sie waren die beste Schule des Lebens für sie gewesen. Sie waren reifer und vielleicht sogar auch schon männlicher als andere Jungen ihres Alters. Sie konnten kämpfen, kannten sich hervorragend in der Seemannschaft aus und hatten beide einen bereits fest und vollendet geformten Charakter. Sie wußten, daß es im Leben nicht nur Erfolge und Höhepunkte gab. Sie hatten es gelernt, Nackenhiebe und Tiefschläge einzustecken. Mit allem mußte man fertig werden, es gab keinen anderen Weg.
„Himmel, warum mußte das passieren?“ fragte Hasard leise.
„Er hat immer Glück gehabt, aber einmal im Leben muß der Mensch auch Pech haben“, flüsterte Philip. „Das ist ein Gesetz der Natur, oder? Ich meine, es ist noch gut, daß kein anderer getroffen worden ist, tödlich. Stell dir mal vor, Ben wäre tot.“
„Ich mag nicht daran denken.“
„Oder Dan.“
„Hör auf“, sagte Hasard und schluckte einen imaginären Kloß hinunter, der ihm in der Kehle steckte. „Mach es nicht noch schlimmer. Aber der Kampf ist noch nicht zu Ende.“
„Ja, die Spanier müssen noch besiegt werden“, sagte Philip. „Sie haben an allem schuld.“
„Vor allem Don Antonio de Quintanilla.“
„Wenn ich den jetzt vor mir hätte“, flüsterte Philip. „Weißt du, was ich mit ihm tun würde?“
„Das gleiche wie ich.“ Hasard holte tief Luft. „Schluß jetzt mit dem Trübsalblasen. Das führt zu nichts. Gehen wir zu den anderen zurück.“
Sie drehten sich um und gesellten sich wieder zu der Gruppe. Karl von Hutten erzählte gerade, wie sich der Angriff der Spanier auf die Insel abgespielt hatte. Sein Bericht wurde mit einigen Äußerungen der Zuhörer quittiert, und der alte O’Flynn sprach Arkana, Ramsgate, Pater David und ihm sogar ein dickes Lob für die erzielten Erfolge aus.
Stunden später, am hellen Morgen dieses neuen Tages, sichteten die Ausgucks der Schlangen-Insel Mastspitzen an der westlichen Kimm. Für kurze Zeit bestand die Befürchtung, es könne sich um eine Nachhut der Spanier handeln, dann aber erkannten die Späher, daß es sich um die Schiffe der Insel handelte – um die „Isabella IX.“, den Schwarzen Segler, die „Caribian Queen“ und – als letztes Schiff – die „Pommern“. Sie segelten am Wind und steuerten auf den Felsendom und das Tor zur Hölle zu, dann liefen sie ein und gingen vor Anker.
Ernst blickten die am Ufer stehenden Frauen und Männer zu ihnen, und Hasard junior sagte: „Eins ist sicher: das letzte Wort mit den Dons ist noch nicht gesprochen …“
ENDE

1.
Der Sonnenaufgang war wie eine lautlose Explosion von gigantischen Ausmaßen.
In der östlichen Bucht von Grand Turk erlebten Seesoldaten und Seeleute das grandiose Naturschauspiel mit weit aufgerissenen Augen. Doch es war alles andere als Faszination, die sie gepackt hatte. Eher Beklommenheit und fast Entsetzen wurden in ihnen wach, von der Erinnerung geschürt.
Anfänglich nur als glühender Punkt erkennbar, brach der Feuerball der aufgehenden Sonne sehr rasch aus der Kimm hervor. Eine blutrote Urgewalt, die sich mit alles verzehrender Gewalt aus den Fesseln der Nacht befreite und ihr flammendes Licht rasend schnell über die See ausgoß. Die Glut breitete sich mehr und mehr auf der so friedlich scheinenden Weite der Karibischen See aus und erfaßte gleich darauf auch die Bucht, in der die drei Kriegsschiffe vor Anker lagen.
Jene Männer, die auf den oberen Decks genächtigt hatten, waren schon bei der ersten Helligkeit des 27. Juli Anno 1594 wach geworden. Als müßten sie sich erneut vor einem Feuersturm schützen, hoben etliche von ihnen die Hände – abwehrend gegen die grelle Sonnenglut.
Unruhig war ihr Schlaf gewesen, und jähe Angstgefühle packten sie beim Anblick der feurigen Morgenröte. Erst nach und nach, mit zunehmender Wachheit, vermochten sie das Grauen abzuschütteln, das sich wie eine peinigende Tortur in ihrem Unterbewußtsein festgekrallt hatte. Jenes Grauen, das aus dem Feuersturm herrührte, den sie nur mit knapper Not überlebt hatten.
Und wie zum Hohn lastete beißender Brandgeruch in der Bucht, haftete an den Schiffen wie der Gestank von Wundfäule und ließ sich selbst durch den auflandigen Wind nicht fortwischen. Lediglich die Schaluppe – als einzige von ursprünglich sechs einmastigen Aufklärern übriggeblieben – trug geringere Spuren des Infernos, in das Capitán Cuberas Kampfverband geraten war.
Ja, die so unbedeutend und menschenleer scheinende Schlangen-Insel hatte sich als feuerspeiende Festung entpuppt, an der sie sich samt und sonders die Zähne ausgebissen hatten. Schon beim ersten Erkundungsversuch war das Unheil über den Verband hereingebrochen.
In jenem Felsendom, der die natürliche Einfahrt zur Inselbucht bildete, war die Kriegsgaleone „San Gabriel“ in Stücke gerissen worden. Heimtückische Pulverladungen hatten das bewirkt, und der Schreck war ihnen allen in die Knochen gefahren.
Dann, als sie mit allen Rohren auf die Insel gefeuert hatten, war doch kein nennenswerter Erfolg zu erkennen gewesen. Statt dessen waren die getarnten Batterien des Felseneilands plötzlich in Aktion getreten, als sich der Verband zu nahe herangewagt hatte. Brand- und Pulverpfeile der Verteidiger hatten ein übriges getan, und so war es ihnen gelungen, eine weitere Kriegskaravelle zu versenken.
Und schließlich das mißglückte Landeunternehmen in den beiden südlichen Buchten – die schlimmste und schmerzlichste Erinnerung für die Überlebenden auf den drei Kriegsschiffen. Fassungslos hatten sie erkennen müssen, daß sie gegen Indianer kämpften, die mit geradezu teuflischem Geschick die Waffen des weißen Mannes beherrschten.
Unter Wasser gespannte Ketten hatten die als Landungsboote eingesetzten Jollen und Schaluppen aufgehalten. Die Verteidiger hatten Wurfbomben eingesetzt, die dem Verband schwere Verluste zugefügt hatten. Schließlich waren von der nächtlichen See her zwei unbekannte Schiffe aufgetaucht, die eine weitere Kriegskaravelle versenkt hatten.
Angesichts der hohen Verluste und der schweren Schäden, die auf den verbliebenen Schiffen des Verbandes entstanden waren, hatte Capitán Cubera den Befehl zum Rückzug gegeben. Wie getretene Hunde hatten sie sich hierher, in die östliche Bucht von Grand Turk verkrochen, um ihre Wunden zu lecken.
Welche nächste Entscheidung würde der Capitán treffen? Es gab nur wenige Männer, die nicht darauf hofften, daß er sich für den endgültigen Rückzug entschied. Während sich das morgendliche Sonnenlicht nach und nach vom feurigen Rot in strahlende Helligkeit wandelte, waren die meisten Männer von der Sehnsucht nach Havanna erfüllt.
Dort, in der großen Hafenstadt, die ihr Zuhause in der Neuen Welt war, konnten sie sich von dem Grauen erholen. Dort gab es alles, wonach ihr Sinn stand – die Behaglichkeit der kleinen Tabernas, den funkelnden Wein aus der fernen Heimat und die vielen Mädchen mit ihrer freundlichen Bereitwilligkeit.
Von einer Kampfmoral konnte nicht mehr die Rede sein.
Der Morgen begann indessen nach einer kräftigen Mahlzeit mit neuer, harter Arbeit, die für schwermütige Gedanken keinen Platz mehr ließ. Alle unverwundeten Männer wurden eingespannt, während die Feldschere und deren Helfer in den Schiffslazaretten ihre deprimierende Tätigkeit fortsetzten.
Nur die Schwerverwundeten hatten in den Nachtstunden notdürftig versorgt werden können. Bis zum Umfallen hatten die Feldschere gearbeitet. Jetzt, nach einer Mütze voll Schlaf, ging es weiter mit der immer noch unüberschaubaren Zahl jener, die mit durchgebluteten Notverbänden stöhnend in den Unterdecksräumen hockten.
Unter der Aufsicht der Offiziere teilten währenddessen die Schiffszimmerleute ihre Arbeitsgruppen ein. Sowohl auf dem Flaggschiff „San José“ als auch auf der zweiten Kriegsgaleone und der verbliebenen Karavelle waren schwerste Schäden zu beheben. Teile der Außenbeplankungen waren zu erneuern, zersplitterte Stengen, zerfetztes und verbranntes Takelwerk mußten ersetzt und mächtige Lücken, die in den Verschanzungen klafften, geschlossen werden.
Nicht minder schwerwiegend waren die vielen Brandschäden, die den nicht auszulöschenden beißenden Geruch in der Bucht hervorriefen. Bagatellschäden waren in ihrer Zahl noch nicht einmal abzuschätzen.
Sehr bald wurde es in der Bucht lebendig. Mit den wenigen noch intakten Beibooten wurde ein Pendelverkehr von Schiff zu Schiff eingerichtet, damit Werkzeuge und Materialien dort verfügbar waren, wo sie gebraucht wurden. Gebrüllte Befehle übertönten den Lärm von Hammerschlägen und kreischenden Sägen. Von Zeit zu Zeit stachen Schreie aus den Behandlungskammern der Feldschere, wenn den Männern die Schmerzen der Wundbehandlung nicht erspart bleiben konnten.
In der Offiziersmesse der „San José“ trafen sich zur selben Stunde die Kapitäne, ein Teil der Offiziere und die Schaluppen- und Jollenführer, die den Nachtangriff zur Landung auf der Piraten-Insel überstanden hatten.
Don Garcia Cubera empfing die Männer mit ernster Miene. Seine Züge waren wie gemeißelt, als er jedem einzelnen stumm die Hand reichte. Dann forderte er sie auf, an dem langen Tisch Platz zu nehmen. Er selbst ließ sich am Kopfende nieder. Vor ihm lag das aufgeschlagene Logbuch der „San José“, das er schon im Morgengrauen mit den niederschmetternden Eintragungen versehen hatte.
Cubera öffnete einen mit handtellergroßem Kork verschlossenen Steinkrug und griff nach einer der Tonpfeifen, die auf dem Tisch verteilt waren. Sorgfältig stopfte er die Pfeife mit dem gekrüllten Tabak aus dem Krug. Der würzige Duft erinnerte ein wenig an das Aroma von karibischem Rum.
Auf eine Handbewegung des Verbandsführers folgten die Kapitäne und Offiziere seinem Beispiel. Cubera zündete den Tabak in seiner Pfeife mittels der kleinen Flamme einer Öllampe an, und gleich darauf verstärkte sich der aromatische Geruch durch die kleinen weißen Wolken, die der Capitán ausstieß.
„Die Eingeborenen behaupten, der Tabakrauch habe eine beruhigende Wirkung und verhelfe überdies zu einem klaren Kopf“, sagte Cubera mit einem kaum merklichen Lächeln. „Zumindest letzteres sollte uns dabei helfen, unsere Überlegungen anzustellen, Señores.“ Er gab dem Ersten Offizier der „San José“ einen Wink. „Fangen Sie an mit Ihrem Bericht.“
Der Erste nickte bereitwillig, räusperte sich und wartete noch einen Moment, bis auch alle anderen ihre Tabakspfeifen entfacht hatten.
„Beginnen wir mit der derzeitigen Kampfstärke unseres Verbandes“, sagte er dann, „Capitán Cubera hatte mich beauftragt …“
Der Kapitän der zweiten Galeone unterbrach ihn mit rauhem Lachen.
„Verband? Das klingt wie ein makabrer Scherz. Wir sind ein armseliges Häufchen Elend, nichts weiter. Was nutzen uns noch so viele Kämpfer, wenn wir nur drei erbärmliche Schiffe zur Verfügung haben?“
„Mit Empfindungen und Folgerungen befassen wir uns später“, sagte Cubera energisch. „Zur Zeit geht es einzig und allein um die Fakten. Bitte!“ Er gab dem Ersten Offizier der „San José“ erneut einen auffordernden Wink.
Der Galeonen-Kapitän rammte sich das Pfeifen-Mundstück zwischen die Zähne und atmete schnaufend durch.
„Capitán Cubera hatte mich beauftragt“, fuhr der Erste fort, „die augenblickliche Zahl der einsatzbereiten Männer festzustellen. Ich habe die entsprechenden Zählungen an Bord der beiden Galeonen und der Karavelle durchführen lassen. Aber ich will Sie nicht mit übertriebenen Details langweilen, Señores.“ Er hob ein Blatt Papier von der Tischplatte auf, warf einen kurzen Blick auf die hastig hingeworfenen Zahlenkolonnen und blickte dann wieder in die Runde. „Die Leichtverletzten mitgerechnet, verfügen wir über insgesamt knapp tausend kampfbereite Männer.“
Der Schaluppenführer, ein Sub-Teniente namens Vicente de Pinzón, stieß einen Zischlaut aus und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Tausend! Das bedeutet, daß unsere Verlustliste auch mindest tausend Namen umfaßt. Wenn Sie mich fragen, Señores – ein zu hoher Preis für die Einnahme einer lächerlichen Felsen-Insel.“
Die Mienen der anderen blieben unbewegt, als hätten sie nichts gehört. Nur Cubera reagierte. Seine Augen wurden schmal, und seine Stimme klang frostig.
„Es hat Sie aber niemand gefragt, de Pinzón. Ich weise nochmals darauf hin, daß wir uns zur Zeit ausschließlich mit den Tatsachen beschäftigen.“
Der Schaluppenführer, ein hagerer Mann mit eng zusammenstehenden Augen, senkte den Kopf, um dem Blick des Verbandsführers auszuweichen.
„Die Ist-Stärke umfaßt natürlich Mannschaften und Seesoldaten zusammen“, sagte der Erste Offizier der „San José“, „Stammbesatzungen und Gerettete, versteht sich. Die Männer sind auf die drei Schiffe verteilt, wobei wir auf den beiden Galeonen jeweils etwa dreihundertfünfzig und auf der Karavelle dreihundert Mann haben.“ Er räusperte sich abermals, legte seine Tabakspfeife beiseite und hob einen anderen Zettel auf. „Ich komme nun zu den Schäden, Señores. Nach den Feststellungen der Schiffszimmerleute sind sämtliche Schäden glücklicherweise mit Bordmitteln zu beheben. Bis zum Abschluß aller Reparaturarbeiten werden aber etwa drei Tage vergehen.“
„Höchstens?“ fragte Cubera.
Der Erste sah ihn an.
„Es ist knapp gerechnet, Señor Capitán. Die Schiffszimmerleute sind davon ausgegangen, daß auch nachts gearbeitet wird, vierundzwanzig Stunden am Tag also.“
„Das versteht sich“, entgegnete Cubera. „Bitte weiter.“
„Viel mehr ist nicht zu berichten, Señor Capitán. Auf Ihre Weisung hin sind Ausguckposten auf der höchsten Erhebung landeinwärts in Stellung gegangen. Es wurde vereinbart, daß Meldungen durch Läufer übermittelt werden – oder durch Böller bei Gefahr im Verzug.“
„Danke.“ Don Garcia Cubera nahm einen letzten Zug aus der Pfeife und lehnte sich zurück. „Um es gleich vorwegzunehmen, Señores: Ich bin nach wie vor der Meinung, daß wir diese Pirateninsel erobern werden – mit den restlichen drei Schiffen unseres Verbandes.“
Betroffene Blicke richteten sich auf ihn, doch keiner der Männer erhob ein Widerwort.
„Wir wissen inzwischen, womit wir zu rechnen haben“, fuhr Cubera fort. „Das heißt, wir werden unsere Taktik auf die Gegebenheiten einrichten müssen. Dabei handelt es sich zum einen um die Geschützstellungen in den Felsen und zum anderen um die Tatsache, daß uns erhebliche Schäden durch Brand- und Pulverpfeile und durch Wurfbomben zugefügt wurden. Nicht zu vergessen allerdings der Angriff der beiden unbekannten Schiffe von See her.“
„Was uns eine weitere Karavelle gekostet hat“, sagte der Kapitän der zweiten Galeone grimmig. „Wir müssen damit rechnen, daß die Verteidiger der Insel Verstärkung erhalten haben.“
„Wenn es sich so verhält“, entgegnete Cubera, „dann wird es keine nennenswerte Verstärkung sein. Es ist uns gelungen, den Piraten ebenfalls beträchtlichen Schaden zuzufügen. Vergessen Sie nicht, daß wir immerhin auch eins ihrer Schiffe versenkt haben. Ein weiteres wurde schwer beschädigt. Mehr haben wir auf dem Marsch zur Schlangen-Insel nicht gesichtet. Dieser Punkt sollte uns kein Kopfzerbrechen bereiten.“
Er ahnte nicht, wie sehr er sich irrte. Denn sämtliche Schiffe des Bundes der Korsaren waren mittlerweile bei der Schlangen-Insel eingetroffen. Lediglich die „Le Vengeur“ fehlte. Beim Versuch, den Kampfverband in seinem Anmarsch aufzuhalten, war Jean Ribaults Schiff unter dem massierten Feuer der Spanier gesunken.
„Lassen Sie mich noch einiges hinzufügen, was für unsere künftigen Entscheidungen wichtig sein könnte“, sagte Cubera nachdenklich. „Für mich persönlich war es eine äußerst bestürzende Überraschung, daß die Insel von indianischen Kriegerinnen und Kriegern verteidigt wurde. Wir hatten erwartet, ausnahmslos auf englische Piraten zu stoßen. Das ist das eine. Der entscheidende Punkt ist aber die Kampfesweise dieser Indianer.“
„Wie sie mit ihren Geschützen umgehen können!“ rief einer der Offiziere. „Das können sie nur von Europäern gelernt haben.“
„Von englischen Piraten“, fügte ein anderer erbittert hinzu.
„Eben drum“, sagte Cubera und nickte. „Für uns ergibt sich die Schlußfolgerung, daß sich die englischen Piraten möglicherweise mit den Eingeborenen der Karibik verbündet haben. Die Konsequenzen für den spanischen Besitz in diesen Breiten können mörderisch sein. Die Gefahren, die dadurch heraufbeschworen werden, sind nicht auszudenken. Noch mehr Übergriffe auf die Geleitzüge, Überfälle auf Besitzungen der spanischen Krone und schlimmstenfalls sogar regelrechte Volksaufstände. Andererseits“, Cubera zögerte einen Moment, doch dann sprach er weiter, „muß man aber auch realistisch denken und die Hintergründe nicht verhehlen. Unsereins hat sich in der Neuen Welt nicht gerade beliebt gemacht.“
„Unsereins?“ Der Kapitän der zweiten Galeone beugte sich vor. Deutliche Empörung stand in seiner Miene. „Ich weiß, auf was Sie hinauswollen, Don Garcia. Aber ich bitte Sie, eine gewisse Sorte von Landsleuten nicht mit uns in einen Topf zu werfen. Wir sind Seeoffiziere, und wir tun unsere Pflicht. Aber niemand kann uns vorwerfen, daß wir als Unterdrücker auftreten oder uns zu sonstigen Ungerechtigkeiten verleiten lassen. Wie gesagt, das besorgen andere an unserer Stelle.“
Cubera bewegte beschwichtigend die Hände auf und ab.
„Der Ruf einer Nation wird meist von ihren negativen Erscheinungsformen geprägt. So verhält es sich zumindest hier, in den Breiten, die der große Columbus entdeckt hat. Halten wir uns doch einmal nur die Tatsachen vor Augen.“ Cuberas Stimme wurde beschwörend, und er straffte seine Haltung. „Wie ist man mit den Karibik-Indianern umgesprungen? Man hat sie entweder ausgerottet oder in die spanischen Minen verschleppt. Wenn man nun andererseits berücksichtigt, was über diesen sogenannten Seewolf berichtet wird – ja, dann muß dieser Mann eine ausgesprochene Führernatur sein. Ihm ist es durchaus zuzutrauen, daß er die Eingeborenen auf seine Seite gezogen hat.“
„In der Tat!“ rief der Kapitän der Karavelle. „Das erscheint mir einleuchtend. Denken wir daran, auf welche Weise diese doch ziemlich kleine Insel verwandelt wurde. Erstens die perfekte Tarnung, der wir alle auf den Leim gegangen sind. Wenn wir von den Geschützstellungen auch nur etwas geahnt hätten, wären wir niemals so nahe an das Felsenufer herangesegelt. Zweitens die verborgenen Fallen in den Buchten! Drittens die Sprengladungen, von denen die ‚San Gabriel‘ zerrissen wurde!“
„Richtig“, sagte Capitán Cubera und nickte. „Auf dieser verfluchten Insel müssen geschickte Festungsbaumeister am Werk gewesen sein. Damit aber nicht genug. Die Indianer haben Pulverpfeile verschossen, und sie haben Wurfgranaten in Form von explodierenden Flaschen eingesetzt. Das deutet zweifelsfrei auf ihre Verbindung zu den englischen Piraten hin. Denn genau diese Waffen haben die Kerle auch bei den Seegefechten verwendet.“
„Alles in allem wenig erfreulich“, sagte der Kapitän, der ihm gegenübersaß.
„Ich weiß“, entgegnete Cubera. Er schob die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. „Deshalb komme ich auf meine einleitenden Worte zurück. Wir dürfen nicht klein beigeben. Wir müssen kämpfen, denn wir haben es hier mit einem Gegner zu tun, der der spanischen Krone ernst zu nehmende Schwierigkeiten bereiten kann. Wenn sich die englischen Piraten weiter mit den Indianern verbünden und in diesem östlichen Bereich der Karibik festsetzen, dann entsteht dadurch eine ständige Gefahr für Spanien.“ Er lehnte sich wieder zurück. „Meine Order lautet also: Schnellstmögliche Behebung der Gefechtsschäden und anschließend erneuter Angriff auf die Pirateninsel. Wir haben drei Tage Zeit, unsere taktische Planung dafür zu entwickeln.“
Die Männer nickten zustimmend.
„Gibt es noch Fragen?“ Cubera blickte in die Runde.
Es blieb still. Die Kapitäne und Offiziere kannten ihren Verbandsführer. Er hatte an vielen Gefechten und Schlachten teilgenommen und dabei gewiß mehr Erfahrung gesammelt als alle Teilnehmer dieser morgendlichen Lagebesprechung zusammen. Don Garcia Cubera, das wußten sie, war alles andere als ein Eisenfresser, der über Leichen ging und Menschenleben opferte, ohne mit der Wimper zu zucken.
Aber Cubera war zäh. Er gab so schnell nicht auf.
Eben dies wußten sie auch. Man stand nicht auf verlorenem Posten, wenn man sich seinen Anordnungen beugte. Cubera entzog sich niemals der Verantwortung, die er als Führerpersönlichkeit übernommen hatte. Er war nicht der Mann, der andere vorschickte, damit sie für ihn die Kastanien aus dem Feuer holten.
2.
Auf der „San José“ verhielt es sich nicht anders als auf den übrigen Schiffen des zusammengeschmolzenen Verbandes.
Jede Hand wurde für die dringend notwendigen Arbeiten an Deck gebraucht.
So ergab es sich zwangsläufig, daß sich Capitán Cubera an die vier Lakaien des Gouverneurs erinnerte, die seit dem fehlgeschlagenen Fluchtversuch in Remedios in der Vorpiek hockten und über ihre niederträchtigen Charaktereigenschaften nachdenken durften. Keine Frage, daß sie sich während des Feuersturms vor der Pirateninsel nicht besonders wohl gefühlt hatten.
Wenn Cubera aber geglaubt hatte, vier zerknirschte und um Gnade flehende Jammerlappen vor sich zu sehen, dann hatte er sich gründlich getäuscht.
Der Erste Offizier hatte die Gefangenen aus der Vorpiek holen lassen. Sie trugen noch ihre Handfesseln, als sie – von zwei bewaffneten Seesoldaten bewacht – zum Steuerbordniedergang des Achterdecks geführt wurden.
Cubera hatte sich zum Niedergang begeben und blickte auf die Kerle hinunter.
Rein äußerlich boten sie ein Bild des Elends. Ihre einstmals prächtige Lakaienkluft war dreckig, speckig und stellenweise zerrissen. Die Silber- und goldfarbenen Tressen und Pailletten funkelten nicht mehr im Sonnenlicht, sondern waren stumpf geworden und an vielen Stellen abgeschabt. Die Gesichter der vier Gouverneursdiener waren bleich und eingefallen und von sprießenden Bartstoppeln verunziert.
Doch ihre innere Einstellung stand in krassem Widerspruch zu ihrem abgewrackten Äußeren.
Jener, der vorn stand, pumpte sich auf und riß den Mund auf, kaum daß sie vor dem Niedergang stehengeblieben waren. Er war ein schwammiger Bursche mit fettig-strähnigem Haar. In wenigen Jahren würde er seinem Dienstherrn, dem sehr ehrenwerten Don Antonio de Quintanilla, zweifellos sehr ähnlich sein, was den Körperumfang betraf.
„Ich protestiere gegen …“
Der Erste Offizier wirbelte herum und schnitt ihm mit einer energischen Handbewegung das Wort ab.
„Niemand hat dir Redeerlaubnis erteilt!“ fuhr er ihn an. „Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst. Verstanden?“
Der Schwammige zuckte zusammen und duckte sich unwillkürlich, als erwarte er, geschlagen zu werden.
Der Erste wandte sich seinem Capitán zu und salutierte.
„Gefangene wie befohlen zur Stelle, Señor Capitán.“
Cubera nickte und bedankte sich mit einem Lächeln. Nur kurz wanderte sein Blick über die eifrige Betriebsamkeit, die überall an Bord herrschte. Da wurde gehämmert und gesägt, daß es ein Vergnügen war, es anzusehen. Die Männer waren von neuer Einsatzfreude erfaßt. Es tat Cubera gut, dies zu spüren. Er wandte sich den vier Lakaien zu.
„Ich höre, Sie haben einen Protest vorzubringen“, sagte er ruhig. Dabei zogen sich seine Mundwinkel unwillig nach unten. „Gegen was, wenn man fragen darf? Die Redeerlaubnis ist hiermit erteilt.“
Der Schwammige pumpte sich abermals auf, und ein wahrer Wortschwall sprudelte über seine wulstigen Lippen.
„Gegen die menschenunwürdige Behandlung, Señor Capitán. Wir sind in der Vorpiek eingepfercht worden wie Tiere. Kein Lichtstrahl hat uns erreicht. Das Essen hat man uns hingeschoben, wie man Tieren ihren Fraß vorwirft. Wir durften uns nicht waschen und hatten nicht die geringste Möglichkeit zur Körperpflege. Selbst die Sträflinge in Havanna werden nicht so schlecht behandelt. Es ist dies der erste Moment seit – seit Tagen, daß wir wieder das Sonnenlicht erblicken.“ Der Lakai holte tief Luft und setzte zu einem neuen Redeschwall an.
Capitán Cubera unterbrach ihn rechtzeitig.
„Was das Sonnenlicht betrifft, da werden Sie Ihren Nachholbedarf ausgiebig befriedigen können. Im übrigen habe ich Ihren sogenannten Protest zur Kenntnis genommen. Ich will kein Wort mehr davon hören, sonst müßte ich Ihre Arrestbedingungen wegen ungebührlichen Benehmens verschärfen.“
Der Schwammige wurde kalkweiß.
„Aber“, stammelte er, „Sie – Sie können doch nicht …“
„Ich kann sehr wohl“, entgegnete Cubera schneidend. „Kerle Ihres Schlages haben keinen Grund, das Maul aufzureißen. Erstens befinden wir uns auf einem Kriegsschiff und nicht in einem pompösen Gouverneurspalast. Und zweitens: Warum wurden Sie unter Arrest gestellt?“
Augenblicklich starrten alle vier auf die Kuhlplanken, als gäbe es dort etwas höchst Interessantes zu suchen. Der Schwammige trat verlegen von einem Bein auf das andere, da er dem Blick Cuberas unmittelbar ausgesetzt war.
„Dann rufe ich es Ihnen noch einmal ins Gedächtnis“, sagte der Capitán mit metallisch klingender Stimme. „In Remedios haben Sie den Gouverneur bei einem Fluchtversuch, der fast mit einem Mord geendet hätte, unterstützt. Sie können froh sein, daß Sie nicht standrechtlich abgeurteilt wurden, wie es zuvor mit dem Kammerdiener geschah. Damit das unmißverständlich klar ist: Sie haben kein Recht, anders behandelt zu werden als gemeine Verbrecher. Als einziger Vorzug wird Ihnen ein ordentliches Gerichtsverfahren gewährt werden.“
Die vier Elendsgestalten duckten sich wie unter Peitschenhieben. Weder der Schwammige noch einer der anderen wagte, auch nur noch einen Ton von sich zu geben.
Cubera hob den Kopf und suchte mit seinem Blick die Kuhl ab.
„Señor Rodrigo?“ rief er dann.
Rodrigo, einer der Schiffszimmerleute, eilte mit langen Sätzen herbei, baute sich neben den Gefangenen auf und nahm Haltung an.
„Señor Capitán?“
„Sie werden vier zusätzliche Hilfskräfte brauchen können, nehme ich an.“
„Aber ja, Señor Capitán. Jeder gesunde Mann ist zur Zeit Gold wert.“
„Gut.“ Ein Lächeln huschte über Cuberas Lippen. Er deutete mit einer knappen Handbewegung auf die Gefangenen. „Hier haben Sie vier gesunde Kerle. Geben Sie ihnen ein bißchen Arbeit. Achten Sie aber darauf, daß sie auf einem der oberen Decks eingesetzt werden. Die Señores beklagen sich über Mangel an frischer Luft und Tageslicht.“
„Dem kann abgeholfen werden, Señor Capitán“, sagte der Schiffszimmermann breit grinsend. „Auch an Bewegung wird es den Señores nicht mangeln.“
„Ausgezeichnet.“ Cubera nickte scheinbar erleichtert und zufrieden. „Ich möchte mir nicht vorwerfen lassen, dem Gericht Gefangene in schlechtem Gesundheitszustand zu übergeben.“ Er gab dem Ersten Offizier und den beiden Seesoldaten einen Wink, sich um den Arbeitseinsatz der Lakaien zu kümmern.
Mit hängenden Schultern schlurften sie los, geführt von dem immer noch grinsenden Schiffszimmermann.
Vor dem Großmast war ein halbes Dutzend Sägeböcke aufgebaut worden. Decksleute mühten sich mit breitblättrigen Handsägen ab, vorgezeichnete Planken präzise auf das richtige Maß zurechtzuschneiden.
Rodrigo blieb stehen und sah den Ersten fragend an.
„Meinen Sie, das wäre etwas für unsere Amigos aus dem Gouverneurspalast?“
„Eine leichte Arbeit“, sagte der Offizier. „Für den Anfang dürfte es genau das Richtige sein. Später können Sie ihnen dann handfestere Aufgaben geben.“
„Si, Señor.“ Rodrigo forderte vier der Decksleute an den Sägeböcken auf, ihre Arbeit einzustellen. „Meldet euch bei Anselmo und helft ihm beim Pechkochen.“
Die Männer strahlten und liefen los. Die Vorbereitung des Kalfaterpechs war ein amüsanter Zeitvertreib, verglichen mit der knochenschindenden Sägerei.
Währenddessen ließ der Erste den vier Gefangenen die Handfesseln abnehmen. Mißmutig rieben sich der Schwammige und seine drei Kollegen die schmerzenden Handgelenke.
„Ihr übernehmt die Aufsicht“, sagte der Erste zu den beiden Seesoldaten, „und seid mir persönlich für die Kerle verantwortlich. In zwei Stunden werdet ihr abgelöst.“
Die Soldaten salutierten. Dann trieben sie die Gouverneursdiener auf die Sägeböcke zu, wo Rodrigo bereits darauf wartete, ihnen die Handhabung des Werkzeugs zu erklären.
„Ich weise darauf hin“, sagte der Schwammige gepreßt, „daß wir gemäß Dienstvertrag nicht verpflichtet sind, derartig niedere Arbeiten …“
„Das hast du fein gesagt“, unterbrach ihn Rodrigo grinsend. „Aber ihr werdet gleich merken, wieviel Spaß es macht, so eine Planke abzuschnippeln. Schön paßgenau muß alles sein, und ihr werdet euch mit uns freuen, wenn unsere ‚San José‘ in ein paar Tagen aussieht wie nach dem Stapellauf. Übrigens – wenn mich nicht alles täuscht, habt ihr als Arrestanten keinen Dienstvertrag, oder? Seid also froh, daß es auf einem Schiff keinen Steinbruch gibt.“
Die beiden Soldaten lachten leise. Naserümpfend wechselten die Lakaien Blicke. Doch es gab keine Möglichkeit mehr, der entwürdigenden handwerklichen Arbeit zu entrinnen. Rodrigo zeigte ihnen, wie sie die Säge ansetzen mußten, und dann gab es keinen Zeitverlust mehr.
Schnaufend vor Selbstmitleid wuchtete der Schwammige die erste Planke in den Sägebock, rückte das eingeritzte Ende zurecht und setzte das doppelt handtellerbreite Sägeblatt an. Immer wieder rutschte er ab, und schon nach wenigen Minuten rann ihm der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Seinen Lakaienkollegen erging es kaum besser, und als sie die ersten vernünftigen Schnitte zustande brachten, zeichneten sich bereits große Schweißflecken auf ihrer verschmutzten Nobelkluft ab.
Und jedesmal, wenn sie keuchend innehielten, erinnerten sie die beiden Posten mit freundschaftlichen Stößen ihrer Musketenkolben daran, daß es noch lange nicht an der Zeit war, eine Pause einzulegen.
Den sehr ehrenwerten Lakaien verging jegliche Lust, weiteren Protest zu äußern.
Etwa eine halbe Stunde war seit dem Arbeitsbeginn der vier Gefangenen verstrichen.
Völlig unerwartet meldete sich der Schiffsarzt bei Capitán Cubera auf dem Achterdeck.
„Ich hoffe, Sie haben keine weiteren Verluste zu verzeichnen“, sagte Cubera mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Gottlob nicht“, entgegnete der Arzt. „Alle Verwundeten sind bestens versorgt und auf dem Weg der Besserung. Ich will nichts prophezeien, aber wir können guter Hoffnung sein, daß alle durchkommen werden. Meine Helfer und ich sind derzeit dabei, die Verbände der zuerst versorgten Schwerverwundeten zu erneuern.“
Cubera musterte ihn forschend.
„Sie haben etwas anderes auf dem Herzen, Doktor. Das sehe ich Ihnen an der Nasenspitze an.“
Der Schiffsarzt faltete die Hände vor dem Bauch.
„Ihre Fähigkeit, einen anderen bis auf die Knochen zu durchschauen, ist bemerkenswert, Capitán. Aber Sie haben recht. Ich habe mich breitschlagen lassen, für Don Antonio de Quintanilla den Vermittler zu spielen.“
Cubera stieß einen leisen Pfiff aus.
„Sieh einer an! Was führt der Dicke jetzt im Schilde? Will er etwa auch wegen menschenunwürdiger Behandlung protestieren wie seine Speichellecker?“
„Nichts dergleichen.“ Der Arzt schüttelte lächelnd den Kopf. „Im Gegenteil. Er zeigt sich äußerst reumütig und hat mich bedrängt, mit Ihnen zu reden.“
„Ich bin äußerst gespannt“, gab Cubera zu.
„Um mich kurz zu fassen: Don Antonio bietet seine Mitarbeit an. Er möchte seinen Beitrag leisten, damit der Verband möglichst bald wieder einsatzbereit ist.“
Capitán Cubera glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen.
„Das ist wieder eine Hinterlist“, sagte er spontan. „So etwas sagt de Quintanilla nicht, ohne etwas im Schilde zu führen.“
Der Arzt wiegte den Kopf.
„Mit Verlaub, ich bin sicher, daß Sie ihm unrecht tun, Capitán. Wegen seines Holzsplitters im Hintern hat er zwar anfangs sehr viel herumgejammert und gestöhnt. Aber seit einigen Stunden hilft er im Lazarett nach Kräften mit.“
„Seit er weiß, daß das Gefecht vorbei ist.“
„Kann man ihm das verdenken?“
„Vielleicht nicht. Also, wie ist Ihr Eindruck? Meint er es ehrlich?“
Der Arzt zögerte nur einen Atemzug lang.
„Ich will meine Hand nicht für ihn ins Feuer legen. Aber ich glaube, daß er wirklich meint, was er sagt. Ich könnte mir vorstellen, daß er so eine Art von Wiedergutmachung anstrebt.“
Cubera rieb sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand.
„Also gut“, sagte er nach einer Weile. „Ich traue dem Dicken zwar noch immer nicht, aber er soll seine Bewährungsprobe haben. Schicken Sie ihn herauf.“
„In Ordnung, Capitán“, sagte der Arzt, lächelte, vollführte eine Kehrtwendung und marschierte los.
Bereits fünf Minuten später erschien der schwergewichtige Gouverneur watschelnd auf der Kuhl und manövrierte seine Leibesfülle durch das Gewühl der Arbeitenden in Richtung Achterdeck. Dabei war es unvermeidlich, daß er in die Nähe seiner schweißgebadeten Lakaien geriet.
Der Schwammige erblickte ihn als erster und richtete sich in jäh erwachender Hoffnung auf. Auch die anderen hielten mit ihrer Arbeit inne.
„Señor Gouverneur!“ rief ihr Wortführer weinerlich. „Sehen Sie nur, welche Schande man uns antut. Bitte sorgen Sie dafür, daß mit dieser Erniedrigung Schluß ist. Ihr Wort hat doch immer noch Gewicht.“
Don Antonio verharrte schnaufend und bedachte seine Diener mit einem verächtlichen Blick aus kleinen, hinter Fettpolstern fast verschwindenden Augen.
„Memmen“, sagte er herablassend und ließ seine Stimme dabei laut und vernehmlich klingen. „Da jammert ihr wie Waschweiber, nur weil ihr ausnahmsweise ein bißchen arbeiten müßt! Schämen solltet ihr euch. Seid lieber froh, daß ihr euren Beitrag leisten dürft, die Kampfkraft unseres Verbandes wiederherzustellen.“
Die Lakaien starrten ihn an und verstanden die Welt nicht mehr. Dem Schwammigen sackte das Kinn herab. Sein Mund stand immer noch offen, als sich Don Antonio längst abgewandt hatte, ohne ihn und die anderen noch eines Blickes zu würdigen.
Mühsam bewältigte der Gouverneur den beschwerlichen Weg über den Niedergang auf das Achterdeck. Die Männer auf der Kuhl hatten dabei Gelegenheit, einen Blick auf seinen ausladenden Achtersteven zu werfen. Deutlich zeichnete sich unter seiner Hose das Polster ab, hervorgerufen durch den Wundverband, mit dem seine Splitterverletzung versorgt worden war.
Mit freudestrahlender Miene walzte er auf den Capitán zu. Die Offiziere hatten sich diskret zur Heckbalustrade zurückgezogen.
„Ihr Verständnis weiß ich sehr zu schätzen“, sagte er breit, „das müssen Sie mir glauben, Capitán. Zuallererst muß ich mich jedoch für das Verhalten meiner Dienerschaft entschuldigen. Dieses nichtsnutzige Pack ist es nicht wert, daß man einen überflüssigen Gedanken an die Kerle verschwendet. Lassen Sie sie ruhig schuften bis zum Umfallen. Das bringt sie vielleicht zur Vernunft.“
„Vielen Dank für den Ratschlag“, sagte Cubera. Das Stirnrunzeln wollte aus seinem Gesicht nicht weichen. Was, in aller Welt, führte der salbadernde Fettsack jetzt wieder im Schilde? Cubera gab sich einen inneren Ruck. Nun gut, sollte er seine Mitarbeit leisten. Man mußte ihn eben unter Kontrolle halten. „Ich habe gehört, Sie wollen uns unterstützen?“
Don Antonio de Quintanilla schob den mächtigen Bauch vor und legte die Hände mit gefalteten Wurstfingern darüber.
„Es ist ganz einfach meine Pflicht, Señor Cubera. Wenn ich auch nicht mit der Waffe in der Hand an den Kämpfen teilnehmen konnte – meine Verwundung, Sie wissen –, so möchte ich doch wenigstens auf andere Art und Weise aktiv werden. Je mehr Hände zupacken, desto schneller wird der Verband wieder einsatzbereit sein. Habe ich recht?“
„Allerdings“, antwortete Cubera und konnte sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen. Nun gut, sicherlich schadete es dem hochwohlgeborenen Gouverneur in der Tat nicht, seine Aktivität unter Beweis zu stellen. Cubera faßte einen schnellen Entschluß. „In Ordnung. Melden Sie sich beim Zahlmeister. Zusammen mit den übrigen Zahlmeistern und Proviantmeistern unserer Schiffe werden Sie die erforderlichen Listen über Materialverluste und derzeitige Ist-Stärke aufstellen. Dazu gehört auch der Verbrauch an Rationen. Vor allem darüber müssen meine Kommandanten und ich genau im Bilde sein, damit wir wissen, wie lange die Vorräte an Lebensmitteln und Trinkwasser noch reichen. Das ist besonders deshalb wichtig, weil die ‚San José‘ und die beiden anderen Schiffe durch die Geretteten überbelegt sind. Entsprechend mehr Tagesrationen werden verbraucht, und wir müssen uns ständig vor Augen halten, daß in diesem Teil der Karibik an eine Ergänzung der Vorräte nicht zu denken ist.“
Don Antonio deutete eine Verbeugung an, was ihm wegen seines Körperumfangs sehr schwerfiel.
„Ich bin mir der Bedeutung der Aufgabe bewußt“, sagte er eilfertig, „und ich danke Ihnen, daß Sie mich damit beauftragen. Ich versichere Ihnen, daß ich Sie mit meinem Arbeitseinsatz nicht enttäuschen werde.“ Er hob die Rechte zu einer Art Ehrenbezeugung, vollführte eine Kehrtwendung mit der Eleganz einer Seekuh und watschelte von dannen.
Capitán Cubera blickte ihm mit gefurchter Stirn nach und hatte trotz allem noch ein ungutes Gefühl.
3.
Für Plymmie, die Bordhündin der „Isabella“, brachte dieser sonnige Morgen den lang ersehnten Landgang. Nach der ungewohnten Enge auf der „Empress of Sea“ genoß sie es sichtlich, über den Strand der Innenbucht zu hetzen – unermüdlich, mit plötzlichen Kehrtwendungen, hakenschlagend und zeitweiligen wilden Sprüngen.
Während nach und nach die Jollen von den einzelnen Schiffen eintrafen, standen die Söhne des Seewolf abseits und hielten ein waches Auge auf ihren vierbeinigen Schützling. Die Wolfshündin, die sie aus dem fernen Finnland mitgebracht hatten, war ihnen ans Herz gewachsen – vielleicht sogar noch mehr als zuvor, seit sie von dem Verlust ihres Vaters erfahren hatten.
Plymmie bedeutete eine gemeinsame Erinnerung, die Philip und Hasard mit ihrem Vater verband. Eine von vielen Erinnerungen, die nun aber, in dieser schmerzlichen Lage, ihr besonders Gewicht gewann.
Die Wolfshündin war eine getretene und mißhandelte Kreatur gewesen, als die beiden Jungen damals in Finnland auf sie aufmerksam geworden waren. Sie hatten das gepeinigte Tier gerettet, hatten es aufgepäppelt und gepflegt und schließlich mit ihrer Überzeugungskraft durchgesetzt, daß die Hündin an Bord der „Isabella“ bleiben durfte. Ohne daß sie es in jenem Moment selbst wußten, hatten Philip und Hasard so gehandelt, wie es der Wesensart ihres Vaters entsprach.
Denn auch für den Seewolf standen an erster Stelle aller Überlegungen stets Gerechtigkeit und Fairneß, Ritterlichkeit selbst dem hinterlistigsten Feind gegenüber.
Ein neuer, harter Zug hatte sich in die Gesichter der beiden Jungen gegraben, seit sie wußten, daß ihr Vater vermißt wurde. Aber sie waren darüber nicht in Wehklagen ausgebrochen. Sie hatten die Trauer und den Schmerz erduldet, wie es auch ein erwachsener Mann an ihrer Stelle getan hätte. Ja, mit ihren dreizehn Jahren waren sie ernster und reifer geworden, und vieles von ihrem kindlichen Wesen war längst verblaßt.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als die beiden Jollen der „Isabella“ den Strand erreichten. Während die Männer ins seichte Uferwasser sprangen und die Boote höher an Land zogen, gab es für Plymmie eine kleine Wiedersehensfeier.
Arwenack, der Schimpanse, war als erster an Land gesprungen und hüpfte mit hellem Keckern auf die Hündin zu. Plymmie verharrte, blickte ihm schwanzwedelnd entgegen und nahm dann blitzartig Reißaus, als er zähnefletschend den wilden Mann markierte und sie mit seinen langen Armen umfangen wollte.
Eine rasante Verfolgungsjagd begann, bei der Plymmie endlich einmal im Vorteil war, da es auf dem Strand keine Masten und keine Takelage gab, in die sich ein geschickter Kletterer wie Arwenack flüchten konnte.
Sir John, der Papagei, stieg zeternd von der Schulter des Profos auf und begleitete die Tollerei der beiden Gefährten mit schrillen Rufen.
„Affenärsche! Bilgenratten – Haut in Streifen abziehen – Kakerlaken – teeren und federn!“
Edwin Carberry und die anderen blieben einen Moment vor den Booten stehen, um das Schauspiel zu beobachten.
„Ho, nun seht euch das Viehzeug an!“ rief der Profos der „Isabella“ dröhnend. „Wenigstens die haben was, worüber sie sich freuen können.“
Die Männer lächelten. Rechte Heiterkeit wollte nicht aufkommen. Zu sehr steckte ihnen in den Knochen, was geschehen war. Am schlimmsten von allem war die Tatsache, den Seewolf nicht mehr in der Mitte des Bundes der Korsaren zu wissen. Gewiß, ihr Leben mußte weitergehen. Sie mußten ihren Feinden die Zähne zeigen, um sich zu behaupten.
Aber Philip Hasard Killigrew würde niemals vergessen werden.
Während Plymmie, Arwenack und Sir John weiter ihr lautstarkes Spiel trieben, versammelten sich die Schiffsbesatzungen und die Verteidiger der Schlangen-Insel am Strand. Diesmal nahmen alle teil, die Lagebesprechung war nicht den Repräsentanten des Bundes der Korsaren vorbehalten.
Als erste hatten die „Wappen von Kolberg“ und die „Empress of Sea“ in der Bucht festgemacht. Bald darauf waren auch die weiteren Schiffe des Bundes eingetroffen und hatten ihre angestammten Liegeplätze eingenommen – die „Tortuga“, die „Pommern“, die „Caribian Queen“, der Schwarze Segler und die „Isabella“. Dort indessen, wo sonst die „Le Vengeur“ vertäut gewesen war, lag jetzt die dreimastige Schebecke, die einst dem Algerier Mubarak gehört hatte.
Don Juan de Alcazar und seine Männer traten zum ersten Male in den großen Kreis der Männer und Frauen. Von diesem Tag an waren sie vollwertige Mitglieder des Bundes der Korsaren, und da gab es nicht einen einzigen mißtrauischen Blick, der sich etwa auf sie gerichtet hätte.
Arkana, die Schlangenpriesterin, ergriff als erste das Wort und schilderte die Verluste, die man bei der Verteidigung der Insel hatte hinnehmen müssen. Mehrere ihrer Kriegerinnen und Krieger waren bei der Abwehr des Landeunternehmens gefallen.
„Ich will dies aber nicht in den Vordergrund stellen“, sagte Arkana. „Wir alle wußten, daß mit einem Blutzoll zu rechnen sein würde. Was jedoch am schwersten wiegt, ist der Verlust Hasards. Bis an unser eigenes Ende werden wir nicht aufhören, seiner zu gedenken. Das gilt auch für jene Männer, die auf der ‚Le Vengeur‘ gestorben sind. Ich denke, jeder von uns kann nachempfinden, wie sich Jean Ribault jetzt fühlt.“
Der schlanke Franzose winkte ab und schüttelte den Kopf.
„Trübsal zu blasen hat keinen Zweck“, sagte er energisch. „Der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Old Donegal hat gemeldet, daß der spanische Verband in der östlichen Bucht von Grand Turk vor Anker gegangen ist. Also haben die Dons noch nicht aufgegeben. Denn sonst wären sie schleunigst westwärts gesegelt. Das ist der Punkt …“ Jean Ribault brach ab, denn die Aufmerksamkeit galt plötzlich nicht mehr ihm.
Es war Araua, die aus der Mitte der Kriegerinnen und Krieger nach vorn trat. Die Tochter der Schlangenpriesterin bewegte sich mit seltsam gemessenen Schritten, fast wie eine Schlafwandlerin. Auch ihr Gesichtsausdruck bestärkte dies. Wie geistesabwesend, den Blick in eine unendliche Ferne gerichtet, verharrte sie in der Mitte der Versammlungsrunde.
„Sie befindet sich in Trance“, flüsterte Jean Ribault seinem Nebenmann, Don Juan de Alcazar, zu. „Sie hat ähnliche Fähigkeiten wie ihre Mutter.“
Don Juan wandte den Kopf und sah den Franzosen fragend an. Aber es gab keine Gelegenheit, sich weiter mit übersinnlichen Erscheinungen zu beschäftigen.
Denn Araua hob jetzt wie beschwörend die Arme. Ihre Stimme klang wie aus einem hohlen Raum.
„Ich spüre es, ja ich spüre es sehr deutlich – die Willenskraft des Seewolfs, die Botschaft seiner Seele. Ich fühle, daß er mir etwas mitteilen möchte, es uns allen mitteilen möchte – er ist nicht tot! Nein, er ist nicht tot! Philip Hasard Killigrew lebt!“
Die letzten Worte hatte sie wie einen Schrei ausgestoßen.
Im nächsten Moment schien alle Kraft aus Araua zu weichen wie nach einer unendlichen Anstrengung. Arkana lief auf sie zu und schloß sie in die Arme, bevor sie in sich zusammensinken konnte. Dann führte die Schlangenpriesterin ihre Tochter in den Kreis der anderen zurück.
Noch minutenlang herrschte völlige Stille. Ergriffen blickten die Männer auf das schlanke junge Mädchen, dessen Prophezeiung neue Hoffnung in ihnen geweckt hatte. Aber sie wußten auch, daß sie sich an diese Hoffnung nicht klammern durften.
„Es ist wahr“, flüsterte Old Donegal Daniel O’Flynn. „Araua kennt die Wahrheit.“ Keiner der anderen sah ihn in diesem Augenblick spöttisch an, wenn er auch vielleicht der einzige war, der fest und unerschütterlich an die übersinnlichen Fähigkeiten des Mädchens glaubte, das die Tochter des Seewolfs war.
Jean Ribault war es, der die Aufmerksamkeit schließlich wieder auf das Vordringliche lenkte.
„Wir können trotz allem die Hände nicht in den Schoß legen“, sagte er heiser. „Ich wiederhole: Der entscheidende Punkt ist, daß die Spanier bei Grand Turk vor Anker liegen. Wir sollten als nächstes erörtern, was wir unternehmen wollen. Bevor wir das tun, so meine ich, sollten wir aber die neuen Mitglieder willkommen heißen.“
Beifall wurde laut.
Jean Ribault nickte Don Juan aufmunternd zu.
Der hochgewachsene Spanier lächelte und forderte seine Männer auf, gemeinsam mit ihm vorzutreten. Nacheinander stellte er Ramón Vigil und die Decksleute der Schebecke vor. Zum Schluß schilderte er mit knappen Worten seine eigene Geschichte und begründete seinen Entschluß, auf die Seite des Mannes überzuwechseln, den er eigentlich hatte jagen und zur Strecke bringen sollen.
„Ich habe erkennen müssen, wieviel Unrecht im Namen der spanischen Krone geschieht“, schloß Don Juan. „Der Seewolf hat mir die Augen geöffnet. Um so mehr bedaure ich, daß er nicht mehr in unserer Mitte weilt.“
Abermals erhielt er Beifall von den Zuhörern.
Thorfin Njal, dessen Kupferhelm im Sonnenlicht funkelte, trat wortlos auf den Spanier zu, hieb ihm die Riesenpranken auf die Schultern und schüttelte ihm dann die Hand. Auch die übrigen Kapitäne, Siri-Tong und die Schlangenpriesterin folgten dem Beispiel des Wikingers. Dann wandte sich Thorfin mit dröhnender Reibeisenstimme an die Versammlungsrunde.
„So. Und jetzt sollten wir nicht länger Löcher in den Sand stehen. Das Beste ist, wir laufen mit allen Schiffen aus. Und dann schießen wir die spanischen Torfköppe in ihrer Bucht zu Klump, bevor sie ihre lausigen Kähne repariert haben und die Schlangen-Insel noch mal angreifen können. Dagegen hat wohl keiner was einzuwenden, oder?“ Er verschränkte die Arme über dem Brustkasten und blickte in die Runde.
„Kein schlechter Vorschlag“, sagte Dan O’Flynn nach kurzem Nachdenken. „Eigentlich ist nichts daran auszusetzen. Wenn wir so handeln, befolgen wir die taktische Regel, einem bereits angeschlagenen Gegner nicht die Zeit zu lassen, sich zu erholen.“
Zustimmendes Gemurmel wurde laut.
„Endlich mal ein vernünftiges Wort!“ rief der Wikinger und nickte grimmig. „Ich sage euch, das ist noch immer die beste Methode: drauf und den ganzen Verband zusammenhauen, bevor sie überhaupt kapieren, was passiert.“
„Ein überfallartiger Angriff“, sagte Siri-Tong beipflichtend. „Ausnahmsweise teile ich deine Meinung, Thorfin. Wir hätten das Überraschungsmoment auf unserer Seite – und damit den entscheidenden Vorteil.“
„Haargenau!“ rief Matt Davies. „Denen machen wir Feuer unter dem Hintern, wie sie es verdient haben.“
„Rache für den Seewolf!“ brüllte Luke Morgan, und sein Gesicht rötete sich dabei vor Zorn.
Augenblicklich stimmten die anderen mit ein, und der Ruf aus den vielen heiseren Kehlen hallte wie Donner von den Felswänden der Schlangen-Insel zurück.
„Rache für den Seewolf!“
Es folgte der alte Kampfruf aus Cornwall, jenes schmetternde „Ar – we – nack!“, das Philip Hasard Killigrew so oft in den Ohren geklungen hatte, wenn er mit seiner Crew mitten durch die schlimmsten Höllenfeuer und Eisengewitter gesegelt war.
Pater David war einer der wenigen, die sich nicht an dem Gebrüll beteiligten. Er sah die verhärteten Gesichter der Arwenacks, und er konnte sich sehr wohl vorstellen, wie Wut und Schmerz in ihnen brodelten und kochten. Ihr Verlangen nach Rache war nur allzu verständlich. Der Tod des Seewolfs war ihnen unter die Haut gegangen, und der nach Vergeltung schreiende Stachel steckte tief in jedem einzelnen von ihnen.
Der riesenhafte Gottesmann schüttelte den Kopf. Nein, so ging es nicht. Er fühlte sich verpflichtet, ihnen den rechten Weg zu weisen, er durfte sie in ihrem gerechten Zorn nicht alleinlassen. Mit erhobenen Armen trat er auf die freie Fläche in der Mitte der Versammlungsrunde und wandte sich nach allen Seiten.
Nach und nach wurde es ruhiger, doch ein wütendes Gemurmel wollte nicht ganz verstummen.
„Hört mich an!“ rief Pater David und bemühte sich, seiner Stimme einen milden Klang zu verleihen. Er konnte aber nicht verhindern, daß es dennoch wie ein Donnergrollen dröhnte. „Ihr seid erfüllt von dem Wunsch nach Rache, wollt Blut mit Blut vergelten. Seid gewiß, ich kann verstehen, wie euch zumute ist. Ich habe den Seewolf kennen- und schätzengelernt, und mir ergeht es kaum anders als euch. Aber, so glaubt mir, man darf seine Gedanken nicht von ungestümen Gefühlen überrumpeln lassen. Es ist nicht gut, Entschlüsse zu fassen, wenn der Kopf und das Herz von Rachegedanken erfüllt sind. Ich bitte euch dringend, laßt euch nicht allein von der Wut leiten!“
Es war still geworden, als Pater David seine kurze Ansprache beendete. Betroffene Blicke folgten ihm, als er an seinen Platz zurückging.
„Was gibt es da viel zu überlegen?“ brüllte Thorfin Njal kurz darauf. „Wir sind sowieso in der Übermacht, und wir schießen ihre lausigen Torfkähne ruckzuck in Stücke. Schiefgehen kann dabei überhaupt nichts.“
Don Juan de Alcazar meldete sich zu Wort, indem er die Rechte hob.
„Ich denke, ich sollte auf einige Punkte hinweisen“, sagte er gelassen. „Eins erscheint mir vor allem wichtig: Bei einem Mann wie Capitán Cubera muß man davon ausgehen, daß er sich nicht überraschen lassen wird. Zumindest wird er Ausguckposten aufgestellt haben. Er kann also rechtzeitig Abwehrmaßnahmen ergreifen, wenn sich nähernde Schiffe gemeldet werden. Hier auf der Schlangen-Insel wird letzten Endes nicht anders verfahren.“ Er hielt inne und sah sich um.
Seine Worte und zweifellos auch die Ermahnung durch Pater David hatten für einige nachdenkliche Mienen gesorgt.
„Und noch etwas ist zu beachten“, fuhr Don Juan fort. „Der Bund der Korsaren verfügt zwar zur Zeit über wesentlich mehr Schiffe als Cubera, aber dieser hat noch immer die größere Streitmacht. Ich vermute, daß er bestimmt noch an die tausend Mann einsetzen kann.“
„Das ist gut möglich“, sagte Dan O’Flynn, „aber ich halte es nicht für einen Vorteil der Spanier. Tausend Mann auf drei Schiffen nutzen ihnen herzlich wenig, wenn man die Schiffe zusammenschießt.“
Don Juan nickte.
„Dem kann ich nicht widersprechen. Doch vielleicht sollte man andererseits berücksichtigen, daß Cubera jeden von See her angreifenden Gegner von einem festen Punkt aus unter Feuer nehmen kann. Er befindet sich praktisch auf Grand Turk in einer ähnlichen Lage wie zuvor unsere Freunde hier auf der Schlangen-Insel. Cubera kann Grand Turk mit seinen tausend Mann an jeder beliebigen Stelle verteidigen und außerdem die drei Schiffe in der Bucht in schwimmende Batterien verwandeln. Ich befürchte, daß ein überfallartiger Angriff für uns zu einem Fiasko werden könnte.“
„Keine Sorge“, entgegnete der Wikinger knurrend, „wir haben schon ganz anderen Strolchen die Hammelbeine langgezogen.“
„Das glaube ich gern“, sagte Don Juan, „aber warum muß man ein unnötiges Risiko eingehen? Können wir es uns denn leisten, noch mehr Verluste hinzunehmen?“ Seine Gesichtszüge hatten sich verhärtet, als er nach einer kurzen Pause hinzufügte: „Allein der Verlust des Seewolfs ist ein zu hoher Preis.“
Diesmal gab es beipflichtendes Gemurmel.
„Und was wäre dein Gegenvorschlag?“ fragte Dan O’Flynn gespannt.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über die Mundwinkel des hochgewachsenen Spaniers.
„Wenden wir die umgekehrte Taktik an“, sagte er kurzerhand, „verteidigen, statt angreifen. Das halte ich für die bessere Methode, und dabei hätte man noch verschiedene Variationsmöglichkeiten.“
„Wie stellst du dir denn so was vor?“ fragte der Wikinger. Seine Stirn war gefurcht, seine Augen zusammengekniffen.
„Zum Beispiel könnten wir unsere Schiffe auf See verteilen“, erwiderte Don Juan, „und zwar zunächst außer Sichtweite für Cubera und seinen heranrückenden Verband.“
„Verband nennst du das?“ entgegnete Thorfin Njal kopfschüttelnd. „Diese lächerlichen drei Schlorren?“
Don Juan zog die Schultern hoch.
„Wie dem auch sei, wir könnten ihn völlig überraschend in die Zange nehmen, sobald er mit seinen drei Schlorren die Schlangen-Insel angreift.“ Bei den letzten Worten grinste er.
Jean Ribault pfiff anerkennend durch die Zähne.
„Hört sich gut an“, sagte er. „Auf die Weise entblößen wir die Schlangen-Insel nicht schon wieder. Im übrigen werden wir trotzdem das Überraschungsmoment auf unserer Seite haben. Wirklich, eine ausgezeichnete Idee.“
Auch Dan O’Flynn und die anderen nickten beipflichtend. Der Gesichtsausdruck des Wikingers war nachdenklich geworden. Immerhin, und das bemerkten seine Gefährten mit Erstaunen, brach er nicht sofort in polternden Protest aus.
„Auch ich halte den Vorschlag unseres neuen Freundes für hervorragend“, sagte Arkana, „und zwar aus einem anderen Grund: Zwar verfügen die Gegner nur noch über drei Schiffe. Wenn es ihnen aber wider Erwarten doch gelingen sollte, einen neuen Angriff auf unsere Insel zu unternehmen, dann werden sie besser gerüstet sein. Sie kennen die Art unserer Verteidigung, sie kennen unsere Kampfmethoden, und sie wissen, wie sie sich auf einen neuen Landeversuch vorzubereiten haben. Das heißt, wir hätten einen wesentlich schwereren Stand, wenn wir die Insel ein zweites Mal allein verteidigen müßten.“
„Das ist wohl ziemlich unwahrscheinlich“, sagte Dan O’Flynn, „aber vor Überraschungen ist man ja nie ganz sicher.“
„Was ich nur bestätigen kann“, sagte Jean Ribault bekräftigend. „Cubera ist ein gewiefter Bursche. Vielleicht hat er sich längst eine Möglichkeit ausgedacht, uns doch zu entwischen, wenn wir ihn bei Grand Turk angreifen sollten. Nein, ich meine, wir sollten unbedingt so taktieren, wie Don Juan angeregt hat.“
„Und was hältst du davon?“ fragte Dan, indem er sich an den Wikinger wandte.
Thorfin fuhr sich mit dem Handrücken durch das raschelnde Bartgestrüpp. Nach kurzem Überlegen gab er sich einen Ruck und sah Don Juan grinsend an.
„Ist nicht verkehrt, deine Taktik. In Stücke schießen werden wir die Halunken sowieso.“
„Stimmen wir also ab“, sagte Dan O’Flynn. „Der Einfachheit halber: Wer ist gegen den Vorschlag Don Juans?“
Keine einzige Hand erhob sich.
„Damit sind wir uns einig“, sagte Dan zufrieden, „jetzt brauchen wir nur noch ein paar Vorkehrungen zu treffen.“
Über diesen Punkt gab es nicht viel zu beschließen. Alle waren sich darüber im klaren, daß man nicht die Hände in den Schoß legen und einfach abwarten konnte, bis der spanische Verband irgendwann einmal aufkreuzte. Vielmehr war es wichtig, den Gegner ständig unter Kontrolle zu haben – eine unabdingbare Voraussetzung dafür, daß Don Juans Taktik funktionierte.
In dieser Beziehung sollte es sich nun auszahlen, daß die Männer des Bundes der Korsaren den Bereich ihrer karibischen Heimat rings um die Caicos- und Turks-Inseln genau kannten. So war auch kein langes Überlegen erforderlich, was die „Kontrolle“ des Gegners betraf.
Der Bucht auf der Ostseite von Grand Turk, das wußten die Mitglieder des Bundes, lag eine noch kleinere Insel fast genau gegenüber. Jene Insel war nur knapp 600 Yards von Grand Turk entfernt und bot die günstigsten Voraussetzungen für die Einrichtung eines Beobachtungspostens.
An der Ostseite dieser kleineren Insel würde man mit der „Empress“ ungesehen ankern können. Und von einer Anhöhe aus würde man Cuberas Bucht überblicken können, ja, mit dem Spektiv mußte es sogar möglich sein, Einzelheiten in aller Deutlichkeit zu erspähen.
So fiel erneut der „Empress of Sea“ die Aufgabe zu, die Aufklärung zu übernehmen. Dank seiner geringen Abmessungen und seiner Schnelligkeit war der Dreimaster des alten O’Flynn das geeignetste Schiff für dieses Unternehmen.
Don Juans Schebecke schied wegen ihrer Auffälligkeit aus, obwohl sie von ihren Segeleigenschaften her ebenfalls geeignet gewesen wäre. Überdies mußte auch berücksichtigt werden, daß Cubera und seine Männer den algerischen Dreimaster mit den rot-weiß gestreiften Segeln bereits hinlänglich kannten.
Als Besatzung für die „Empress“ wurden neben Old Donegal und seiner Stammcrew mit Martin Correa, Nils Larsen, Sven Nyberg und den Zwillingen, Jean Ribault, Don Juan, Dan O’Flynn und Matt Davies ausgewählt.
4.
Die beiden Holzräder des Handkarrens gruben sich tief in den Sand, als Philip und Hasard keuchend den Strand erreichten. Der Karren war mit Pulverfässern beladen, vorgesehen für die Nachmunitionierung der „Empress“.
„Kurze Pause“, sagte Philip mit pfeifendem Atem.
Die beiden Jungen verharrten und wischten sich den Schweiß von der Stirn.
„Nun sieh sich einer das Viehzeug an!“ rief Hasard im nächsten Moment.
„Mußt du unbedingt Mister Carberry nachäffen?“ entgegnete sein Bruder unwirsch. Dann aber, als er aufblickte, blinzelte er ungläubig und schüttelte den Kopf.
Hundert Yards von ihnen entfernt lag das Beiboot, das mit den Pulverfässern beladen werden sollte. Auf der Achterducht thronte eine fast mannsgroße haarig-schwarze Gestalt. Im Bugraum stand eine schwanzwedelnde Plymmie, die sehnsüchtig zur „Empress“ hinüberblickte. Nach dem ausgiebigen Landgang schien ihr der Sinn nun bereits wieder nach einer Seereise zu stehen. Sie war eben eine echte Bordhündin geworden, wenn sie auch die Planken der „Isabella“ vorübergehend mit denen der „Empress“ tauschen mußte.
Das Problem bestand aber in der schwarzen Gestalt auf der Achterducht. Arwenack hockte dort bewegungslos und unerschütterlich wie ein Klotz. Zu allem Überfluß hielt er die Ruderpinne mit der rechten Pranke und gab sich ganz wie „seine“ Menschen, denen er diese Haltung abgeguckt hatte.
„Der ist total verrückt“, sagte Philip im Brustton der Überzeugung. „Dem muß die Sonne zu lange auf den Schädel gebrannt haben.“
„Reine Schikane“, fügte Hasard hinzu und deutete zur „Isabella“. Dort waren die Männer am Schanzkleid der Kuhl zu erkennen, wie sie interessiert herüberlinsten. Mitten unter ihnen Edwin Carberry, auf dessen Schulter Sir John als folgsames Federvieh thronte.
„Paß auf“, knurrte Hasard, „jetzt tut er so, als ob er der einzige ist, der mit seinem Viehzeug umgehen kann. Dabei ist es mit Sir John nun wirklich nicht schwierig.“
„Und Arwenack gehört zur ‚Isabella‘“, sagte Philip. „Das ist doch Absicht, daß sie ihn nicht an Bord geholt haben.“
„Wem sagst du das“, seufzte sein Bruder. „Los, weiter. Notfalls schmeißen wir den Affen über Bord.“
Sie packten den Deichselgriff des Handkarrens und zogen auf ein „Hau ruck“ von Hasard weiter. Die Szenerie am Strand blieb unverändert. Mit unendlicher Geduld harrte Arwenack auf seinem Platz aus, Plymmie wedelte nur noch heftiger mit dem Schwanz, als sie die Zwillinge sah. Der Schimpanse tat indessen so, als bemerkte er von allem nichts.
„Dieses Luder weiß ganz genau, daß er auf der ‚Empress‘ nichts verloren hat“, sagte Philip schnaufend. „Tut so, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Und überhaupt – diese plötzliche Freundschaft mit Plymmie ist doch sehr merkwürdig.“
„Überhaupt nicht“, entgegnete Hasard, „das ist doch richtig menschlich. Der gute Arwenack möchte ein bißchen Abwechslung. Also will er ausnahmsweise mal mit uns auf die Reise.“
Zwei weitere Boote lagen bereits bei der „Empress“ längsseits. Die Männer, die dort mit dem Stauen von Proviant und Frischwasservorräten beschäftigt waren, blickten nun ebenfalls herüber.
„Jetzt stehen wir richtig im Mittelpunkt“, sagte Philip, nachdem sie den Karren nahe an das Boot heranbugsiert hatten.
Hasard marschierte entschlossen auf den Schimpansen zu und baute sich breitbeinig neben ihm auf.
„Arwenack“, sagte er energisch, „los, raus aus dem Boot!“
Der Schimpanse schien taub zu sein. Mit der freien Linken kratzte er sich auf dem runden Schädel und blickte scheinbar interessiert in die entgegengesetzte Richtung.
Hasard packte ihn kurzerhand am rechten Oberarm und wollte ihn von der Ducht stoßen. Doch im selben Atemzug zuckte er zurück. Denn jäh ruckte der Schimpanse herum, fletschte die Zähne und stieß ein wütendes Keckern aus.
„Himmel“, sagte Hasard erschrocken, „der ist ja richtig giftig.“
Von den Schiffen hallte Gelächter über die Wasserfläche der Bucht.
„So geht das auch nicht“, sagte Philip, der neben seinen Bruder trat. „Jetzt schaltet er erst recht auf stur. Und Plymmie tut so, als ob sie das Ganze nichts anginge.“
In der Tat blickte die Wolfshündin unverwandt zur „Empress“, als spiele sich dort das wesentliche Geschehen ab und nicht hier, am Strand.
„Plymmie!“ rief Hasard schneidend. Dann, als sie den Kopf wandte, zeigte er auf den Schimpansen und fügte mit erhöhter Lautstärke hinzu: „Faß! Los, pack ihn! Scheuch ihn weg!“
Plymmie reagierte nicht. Ihre Augen waren groß und treuherzig, und ihr Schwanz wedelte nur noch ein bißchen schneller, als hätte der junge Hasard sie soeben eine liebe, gute Hündin genannt.
„Hat alles keinen Zweck“, sagte Philip seufzend. „Mannen wir erstmal die Fässer an Bord. Wenn’s nicht anders geht, nehmen wir Arwenack eben mit. Glaubst du, ich will vom Affen gebissen werden?“
„Dafür reißt dir Old Donegal den Kopf ab“, versicherte Hasard. „Aber vielleicht fällt uns ja noch was ein.“
Notgedrungen begannen sie also, die Pulverfässer zwischen den Duchten der Jolle zu verstauen: Auch während des Gerumpels und Gepolters dachte Arwenack nicht im Traum daran, seine Achterducht zu verlassen. Nur noch fester packte er die Ruderpinne.
„Einfache Sache“, sagte Philip unvermittelt, als sie das letzte Faß ins Boot wuchteten. „Wir schaffen es sowieso nicht allein, den Kahn rüberzupullen.“
„Wem willst du das erzählen?“ entgegnete Hasard.
Sein Bruder zog die Schultern hoch.
„Wir sind eben fix und fertig von der Arbeit. Wer will uns denn das Gegenteil beweisen? Da müssen eben die Männer pullen, und schon sind wir die Verantwortung für den verdammten Arwenack los.“
Beim Klang seines Namens stieß der Schimpanse ein triumphierendes Keckern aus. Die Jungen bedachten ihn mit einem wilden Blick, verzichteten aber darauf, ihn weiter herauszufordern.
Hasard überlegte einen Moment.
„Blödsinn“, sagte er dann, „ich weiß was besseres.“ Flüsternd erklärte er dem Bruder seinen Plan, als könnte Arwenack menschliche Worte verstehen und vorzeitig gewarnt werden.
Philips Gesicht erhellte sich.
„Dann mal los“, sagte er knapp, „das haut hin.“
Kurzentschlossen lösten sie zwei Holzstücke vom wackligen Aufbau des Handkarrens und blockierten das Ruder damit in Geradeausstellung. Da Arwenack mit seiner Taktik fortfuhr, von allem nichts mitzukriegen, begriff er auch den Sinn der Verkeilung nicht. Dann schoben die Jungen das Boot eilends ins Wasser, schwangen sich auf die mittlere Ducht und begannen zu pullen.
Erst Minuten später wurde dem Schimpansen klar, daß nicht der Kurs zur „Empress“ anlag, sondern zur „Isabella“. Sein Protest gellte über die Wasserfläche. Doch es half ihm nichts. Und von den Schiffen war nun auch kein Gelächter mehr zu hören.
Kurz darauf bugsierten Philip und Hasard das Heck des Bootes an die Jakobsleiter der „Isabella“.
Die Gesichter, die über das Schanzkleid lugten, waren verblüfft.
„Mister Carberry!“ rief Philip militärisch. „Melde: Bord-Schimpanse vom Landgang zurück!“
Hasard hielt währenddessen Plymmie unter Kontrolle, damit sie nicht etwa ihren Platz im Bugraum verließ. Arwenack hatte sein Keckern eingestellt und zog ein langes Gesicht.
Einen Augenblick sah es aus, als würde der Profos lospoltern. Doch dann schluckte er nur, und sein Rammkinn ruckte zweimal vor und zurück.
„Arwenack!“ brüllte er dann. „An Bord mit dir, du Affenarsch! Beweg dich, oder ich ziehe dir dein verdammtes Fell über die Ohren!“
Diese Sprache war dem Schimpansen geläufig. Er zuckte zusammen und hatte es im nächsten Moment höllisch eilig, die Jakobsleiter hinaufzuhangeln.
Erleichtert pullten die Jungen von der „Isabella“ weg, verkniffen sich aber jeglichen Kommentar. Sie wußten, wie grantig Ed Carberry in solchen Situationen werden konnte. Immerhin hatten sie ihn elegant ausgetrickst. Aus dem Spaß auf ihre Kosten war nichts geworden.
Am Nachmittag, als die Tide günstig stand, glitt die „Empress“ auf den Felsendom zu. Abschiedsrufe und gute Wünsche von den Männern auf den großen Schiffen begleiteten die kleine dreimastige Karavelle mit dem Lateinerrigg.
Old O’Flynn und die übrigen Männer winkten den Gefährten noch einmal zu. Dann erreichte die „Empress“, von Martin Correa mit sicherer Hand gesteuert, bereits die felsüberspannte Passage, in der kein Sonnenstrahl das Halbdunkel zu stören vermochte.
Nichts erinnerte mehr an den Untergang der Kriegsgaleone „San Gabriel“, die hier von jenen acht Pulverfässern zerrissen worden war, die Karl von Hutten heimlich mit dem Mahlstrom hatte treiben lassen. Wohl waren bei der Detonation einige Gesteinsbrocken aus dem Dom gerissen worden. Doch die entsprechenden Stellen waren im Halbdunkel nicht zu erkennen.
Gleich darauf öffnete sich die Weite der Karibischen See vor den Männern auf der „Empress“. Als glitzerndes Muster vieler unzähliger Linien verliefen die Wellen über die See und reflektierten funkelnd das strahlende Sonnenlicht. Der azurblaue Himmel war wolkenlos, ein handiger Wind wehte aus Nordnordost. Überhaupt erwies sich das Wetter in diesen Tagen als beständig, den Wind aus nordöstlichen Richtungen konnte, man fast schon als festen Faktor einkalkulieren. Aber jetzt begann auch die Zeit der Wirbelstürme.
Außerhalb des Felsendoms legte Martin Correa die „Empress“ auf Kurs Südost. Über Steuerbordbug segelnd, gewann der schlanke Dreimaster sehr rasch an Fahrt.
Nach etwa zwei Seemeilen beschloß Old O’Flynn im Einvernehmen mit Jean Ribault, Don Juan und seinem Sohn Dan, nach Norden hin aufzukreuzen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatten sie ohnehin genügend Zeit, und es war wichtig, bei Tageslicht nicht in die Sichtweite der Spanier auf Grand Turk zu gelangen.
Dan O’Flynn ließ es sich wiederum nicht nehmen, Ausguck zu gehen. Vom Vorschiff aus behielt er die Kimm nach allen Richtungen im Auge. Doch während der gesamten Dauer der Kreuzschläge zeigte sich nirgendwo auch nur das Tüpfelchen einer Mastspitze.
Als sie sich etwa fünf Seemeilen nordwestlich von Grand Turk befanden, gab Old Donegal erneut Order zum Kurswechsel, diesmal nach Osten. Eine halbe Stunde später war es an der Zeit, die Segel zu bergen und den Treibanker auszubringen. Zwar sank die Sonne im Westen bereits der Kimm entgegen, doch bis zum Beginn der Dämmerung würde noch eine Stunde vergehen.
Gemeinsam mit dem alten O’Flynn lehnten Jean Ribault und Don Juan an der Heckverschanzung. Matt Davies, Nils Larsen und Sven Nyberg waren auf dem Hauptdeck damit beschäftigt, Taue aufzuschießen und Nagelbänke zu klarieren. Die Zwillinge unterstützten Martin Correa dabei, in der kleinen Kombüse einen schmackhaften Happen für das Abendessen zuzubereiten. Plymmie hatte sich zu Dan O’Flynn auf das Vorschiff gesellt.
Dan war froh, den Ausguck übernommen zu haben, denn als er die krächzende Stimme seines Vaters vernahm, wußte er bereits, in welche Richtung das Gespräch gehen würde.
Übernatürliches stand mal wieder auf der Tagesordnung.
„Ehrlich gesagt“, begann Old Donegal gedehnt, „mir hat Arauas Verhalten sehr zu denken gegeben.“
„Das junge Mädchen?“ fragte Don Juan interessiert.
Zu spät warf ihm Jean Ribault einen warnenden Blick zu. Aber Don Juan verstand ohnehin nicht, denn schließlich konnte er nicht wissen, daß man bei dem alten O’Flynn nur ein Fünkchen von Interesse zu zeigen brauchte, um gleich darauf in ein stundenlanges Gespräch über die Rätselhaftigkeiten dieser Welt verstrickt zu werden.
„Die Tochter der Schlangenpriesterin Arkana“, sagte Old Donegal eifrig. „Und die Tochter des Seewolfs.“
Der Spanier zog überrascht die Augenbrauen hoch.
„Ja, allerdings“, bekräftigte der alte O’Flynn. „Im Grunde ist das kein großes Geheimnis. Aber das Wesentliche sind die übersinnlichen Kräfte von Mutter und Tochter.“
„Ja, zwischen Himmel und Erde gibt es eben unerklärliche Dinge, von denen wir armseligen Menschenkreaturen nicht die geringste Ahnung haben.“ Jean Ribault sagte es mit einer theatralischen Gebärde und einem langgezogenen Seufzer.
Old Donegal fauchte ihn an.
„Spotte nur. Damit beweist du nichts anderes als deine Einfältigkeit. Ein Mensch sollte begreifen, daß sein Grips nicht ausreicht, um gewisse Sachen zu erfassen.“
Jean Ribault verdrehte die Augen.
„Im Grunde teile ich diese Ansicht“, sagte Don Juan nachdenklich. „Wenn ich mir vorstelle, wie unendlich vieles auf dieser Welt noch nicht erforscht ist …“
„O Himmel!“ rief Ribault mit einem Stöhnen. „Jetzt gibst du ihm auch noch Wasser auf die Mühle.“ Entnervt wandte er sich ab, lehnte sich über das Schanzkleid und starrte außenbords.
Old Donegal grinste den Spanier an. Mit dem Daumen deutete er auf den Franzosen.
„Einer von denen, die immer denken, sie müßten mir die Galle überlaufen lassen. Diese Burschen wissen nämlich genau, daß ich fuchsteufelswild werden kann, wenn sie mich einen alten Spinner nennen.“
„Das würde ich mir nicht im Traum einfallen lassen“, sagte Don Juan und ahnte nicht, was er damit heraufbeschwor.
„Wirklich nicht?“
„Nein, warum? Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie das Mädchen in Trance geriet. Das war keine Schauspielerei, das war absolut echt.“
„Sag ich ja.“ Die Augen Old Donegals begannen zu leuchten. „Paß mal auf, Don Juan …“ Er senkte die Stimme zu verschwörerischem Ton. „Was die kleine Araua da von sich gegeben hat, ist die Wahrheit. Sie hat nämlich eine Botschaft erhalten. Ebensogut hätte die Botschaft auch an Arkana gerichtet sein können. Aber Hasard hat sich eben Araua als Empfängerin ausgesucht.“
Don Juan blinzelte verblüfft.
„Eine Botschaft? Ich hätte eher angenommen, daß es überaus starke Gedankenströme waren. Dabei bleibt nur die Frage offen, was die Ursache war. Es könnte zum Beispiel sein, daß Araua mit übermenschlicher Willenskraft von dem Wunsch beseelt war, Hasard möge noch am Leben sein. Daraus hat sich dann ihr Trancezustand entwickelt, auf den sie selbst keinen Einfluß hatte.“
„Nein, ausgeschlossen“, widersprach der alte O’Flynn energisch. „Hasard hat eine Gedankenbotschaft abgeschickt. So was funktioniert, das kannst du mir glauben. Ich habe da mal eine Geschichte miterlebt, die sich auf den Hebriden abgespielt hat. Also, das war so – da gab es eine Fischersfrau, die hatte ihren Mann auf See verloren. Und ihr einziger Sohn ließ sich beim besten Willen nicht davon abbringen, ebenfalls Fischer zu werden. Ständig hat die arme Frau auf den Jungen eingewirkt, er möge doch um Himmels willen an Land bleiben und bei einem Bauern arbeiten. Aber der Junge wollte nicht hören, obwohl die Mutter ihn regelrecht anflehte. Sie hatte nämlich das zweite Gesicht, weißt du? Hat ihm auf den Kopf zugesagt, daß er auch auf See bleiben würde – wie sein Vater. Aber der Junge hat sie natürlich nur ausgelacht. Und dann …“
Langatmig schilderte Old Donegal seine angeblich selbst miterlebte Geschichte von den Hebriden. Natürlich hatte die arme Fischersfrau schließlich einen Hilferuf als gedankliche Botschaft von ihrem Sohn erhalten, als dieser sich in höchster Seenot befand.
Nachbarn hatten die Frau am nächsten Morgen tot aufgefunden. Danach hatte sich dann herausgestellt, daß sie haargenau zum selben Zeitpunkt gestorben war, in dem ihr Sohn weit entfernt auf See den nassen Tod gefunden hatte. Und kein Arzt hatte ihre Todesursache feststellen können.
Don Juan begriff jetzt, warum Jean Ribault ihm den warnenden Blick zugeworfen hatte. Und er schwor sich in diesem Moment, den alten O’Flynn auf das Thema Übersinnliches nie wieder anzusprechen.
„Der beklagenswerten Frau brach das Herz“, schloß Old Donegal endlich seine Litanei, „und zwar bewirkte das die Botschaft, die ihr Sohn geschickt hatte – dieser verzweifelte Hilferuf.“
Jean Ribault hatte sich umgedreht. Mit gespielter Fröhlichkeit schlug er die Handflächen gegeneinander.
„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Eins hast du vergessen, Großvater: Als sich das tragische Unglück ereignete, warst du zufällig gerade als Fischer auf den Hebriden tätig.“
„Nenn mich nicht Großvater“, entgegnete der alte O’Flynn bissig. „Du kannst so was überhaupt nicht beurteilen. Erstens war ich wirklich auf den Hebriden, und zweitens geht es dich einen feuchten Käse an, was ich da zu tun hatte.“
Jean Ribault verkniff sich eine Antwort und grinste nur.
„Wir sollten jedenfalls hoffen“, sagte Don Juan diplomatisch, „daß Hasard trotz allem noch am Leben ist. Und jetzt meine ich, wir könnten langsam Kurs auf die Nebeninsel von Grand Turk nehmen.“ Er zwinkerte dem Franzosen zu und deutete nach Westen.
Dort versank die Sonne hinter der Kimm, und innerhalb von Minuten trübte sich das Licht über der weiten Wasserfläche ein.
„Muß wohl sein“, sagte Old O’Flynn knurrend, „sonst gibt’s bloß noch Streit. Diese Spottdrossel von einem Franzmann hat auch kein bißchen Feingefühl. Ich muß wirklich aufpassen, daß ich mich nicht zu sehr aufrege. Also kümmern wir uns lieber um die lausigen Dons.“
Don Juan de Alcazar hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, daß seine Landsleute auf diese wenig respektvolle Weise tituliert wurden. Er hatte bei den Gefährten des Seewolfes nicht das Gefühl, daß sie es geringschätzig meinten.
5.
Erst nach Einbruch der Dämmerung steuerten Old O’Flynn und seine Gefährten von Osten her jene kleine Insel an, die Grand Turk auf der Atlantikseite vorgelagert war.
Für die Ausguckposten, die die Männer auf Grand Turk vermuteten, war die „Empress“ auf diese Weise keinesfalls zu sehen. Auf Anhieb erspähte Dan O’Flynn eine geschützte Bucht, die sich gleichfalls nach Osten öffnete – wie es auch drüben, beim Ankerplatz der Spanier, der Fall war.
Als Kapitän der „Empress“ hatte Old Donegal die Befugnis, die ersten Beobachter einzuteilen. Gleich nachdem die Karavelle in der Bucht vor Anker gegangen war, schickte er Dan, Don Juan und Matt Davies mit dem Beiboot los.
Die Vegetation auf der kleinen Insel war recht üppig. Dichter hüfthoher Strauchbestand reichte bis unmittelbar an den schmalen Strand und erstreckte sich auch bis hinauf zu einer flach ansteigenden Anhöhe.
Die drei Männer zogen das Boot an Land und verbargen es zwischen dem Gebüsch – eine Sicherheitsmaßnahme für alle Fälle. Man konnte nie wissen, ob Old Donegal nicht durch einen unvorhersehbaren Umstand gezwungen sein würde, das Weite zu suchen. In einem solchen Fall war es gut, wenn etwaige Beobachter von See her in der Bucht kein Zeichen entdeckten, das auf die Anwesenheit von Menschen hindeutete.
Zügig erklommen die Männer die Anhöhe. Rechtzeitig bevor sie den höchsten Punkt erreichten, duckten sie sich. Schließlich legten sie die letzten Yards kriechend zurück.
Dann, als sie vorsichtig die Zweige teilten, wechselten sie zufriedene Blicke. Die Anhöhe war zur Beobachtung der gegenüberliegenden Bucht geradezu ideal. Da das Strauchwerk eine hervorragende Deckung bot, konnten die Ausguckposten drüben auf Grand Turk unmöglich Verdacht schöpfen. Überdies war die Dunkelheit mittlerweile hereingebrochen. Die Männer vom Bund der Korsaren konnten sich völlig sicher fühlen.
Sie zogen ihre Spektive aus und widmeten sich den Einzelheiten, die sie so deutlich wie auf einem Präsentierteller erspähten.
Die Bucht der Spanier erstrahlte regelrecht im Lichterglanz. Capitán Cubera hatte alle verfügbaren Lampen setzen lassen, damit die Arbeiten an Bord der Schiffe offenbar möglichst lange andauern konnten. Wie es schien, hatte er sogar vor, die Schiffszimmerleute und ihre Helfer die ganze Nacht hindurch arbeiten zu lassen.
Gegen zehn Uhr änderte sich die Szenerie jedoch. Einige der Lampen hatten zu blaken begonnen und waren schließlich ganz erloschen. An Bord des Flaggschiffs „San José“ hatte ein Palaver zwischen Offizieren und Decksleuten eingesetzt. Die Entscheidung wurde schließlich von einem Mann getroffen, bei dem es sich dem Auftreten und dem Erscheinungsbild nach nur um Cubera handeln konnte.
Die Reparaturarbeiten wurden eingestellt.
„Die haben nicht genug Öl für die Lampen“, sagte Matt Davies halblaut. Das Blitzen seiner Zähne in der Dunkelheit zeigte an, daß er grinste.
Es zeigte sich, daß er recht hatte. Bis auf die Heck- und die Kuhllaternen wurden auf den großen Schiffen der Spanier alle Lampen gelöscht. Auf der Schaluppe brannte ohnehin nur ein einsame Funzel.
Dann, gegen Mitternacht, wurden die Männer von der „Empress“ Zeugen eines Geschehens, das ihnen zunächst in höchstem Maße rätselhaft erschien.
Folgsam hatte sich Don Antonio de Quintanilla gleich nach Abbruch der Reparaturarbeiten in seine Kammer begeben. Ächzend hatte er sich auf die Koje fallen lassen und alle viere von sich gestreckt.
Noch immer lag er regungslos und betrachtete seinen Bauch, der sich bei jedem Atemzug hob und senkte. Don Antonio fühlte sich so erschöpft wie selten zuvor. Wirklich harte Arbeit hatte er geleistet, und er war überzeugt, daß das auch anerkannt wurde. Den ganzen Tag über war er auf den Beinen gewesen, um die Listen zusammenzustellen, die Cubera brauchte.
Ein Grinsen huschte über die Wulstlippen de Quintanillas.
Cubera, dieser Einfaltspinsel, hatte sich tatsächlich beeindrucken lassen. Das folgerte nicht zuletzt aus der Tatsache, daß er den Posten vor der Kammer abgezogen hatte. Seit er sich hierher zurückgezogen hatte, lauschte Don Antonio immer wieder angespannt.
Aber da waren keine Schritte zu hören, die sich dem Schott seiner Achterdeckskammer näherten. Nun gut, es entband ihn von der lästigen Notwendigkeit, einen Aufpasser mit unauffälligen Mitteln aus dem Weg zu räumen.
Don Antonio verspürte einen unbändigen Appetit auf kandierte Früchte. Aber er mußte sich zwingen, seine Gedanken auf die wichtigeren Dinge zu konzentrieren. Sein Vorrat an Süßigkeiten war längst aufgebraucht. Zwar litt er keinen Hunger, denn die Verpflegung war hervorragend gewesen. Doch der Verzicht auf die Naschgewohnheiten gab ihm trotzdem das Gefühl, ein schmerzendes Loch im Bauch zu haben.
Mit aller Willenskraft konzentrierte er sich auf die Fäden, die er während der vergangenen Stunden gesponnen hatte. Er wußte, wie wichtig es war, noch einmal alles zu überdenken. Denn einen Fehler konnte er sich nicht leisten.
Der geringste Fehler bedeutete den sicheren Tod.
Nach dem Mordversuch würde Cubera nicht mehr mit sich spaßen lassen. Dann würde ihn auch der Gouverneursrang nicht mehr davon abbringen, ein Standgericht abzuhalten. Daher mußte alles reibungslos und ohne Zwischenfall ablaufen.
Die wichtigste Voraussetzung hatte Don Antonio durch seinen Arbeitseinsatz geschaffen. Cubera glaubte an seinen ehrlichen Einsatzwillen. Gut so.
In seiner Eigenschaft als „Listenführer“ hatte Don Antonio bereits in den Nachmittagsstunden seine Netze ausgeworfen – unauffällig, vorsichtig und doch wirkungsvoll. Für ihn gab es nur ein einziges Ziel:
Flucht!
Der einstmals stolze Kampfverband war dem Untergang geweiht. Daran gab es für den Gouverneur nicht den leisesten Zweifel. Der klägliche Rest an Schiffen hatte praktisch keine Chance gegen die Piraten. Nein, Don Antonio de Quintanilla wollte nicht sterben. Unvorstellbar der Gedanke, noch einmal an einem Kampfgeschehen teilnehmen zu müssen. Jegliches eigene Risiko für Leib und Leben mußte vermieden werden.
Tapferkeit vermochte Don Antonio nur dann vorzutäuschen, wenn er sich in den hintersten Linien einer Streitmacht wußte, die dem Feind mit absoluter. Sicherheit überlegen war.
Auch die Reichtümer der Piraten hatten jeglichen Reiz für ihn verloren. Jetzt ging es nur noch um das nackte Leben, und da mußte man alle anderen Überlegungen ausklammern. Das Totenhemd hatte eben keine Taschen.
Die geeignete Person für die Verwirklichung seines Vorhabens hatte Don Antonio mit untrüglichem Instinkt gefunden.
Der Schaluppenführer, ein Sub-Teniente namens Vicente de Pinzón, war haargenau der richtige Mann für das Unternehmen. Natürlich hatte Don Antonio es nicht als Fahnenflucht bezeichnet, was es im Grunde war. Seine vornehme Ausdrucksweise erlaubte den Gebrauch solcher Worte nicht. Und de Pinzón hatte denn auch offenbar genügend Bildung, um die Dinge nicht auf vulgäre Weise offen auszusprechen.
Don Antonio war beim Zusammenstellen der Listen aufgefallen, daß der Schaluppenführer beim Landungsangriff auf die Schlangen-Insel offenbar jene vornehme Zurückhaltung geübt hatte, die unter Umständen solcher Art nun einmal geboten war, wenn man ein Minimum an Wertschätzung für die eigene Person hatte. De Pinzón hatte sich beim Angriff jedenfalls nicht in den Vordergrund gedrängt und auf diese Weise die Schaluppe vor der Versenkung bewahrt. Sein Leben war ihm also erhalten geblieben.
Vicente de Pinzón war ein hagerer Mann mit verkniffenem Gesicht und eng zusammenstehenden Augen, die stechend und unruhig wirkten. Don Antonio ließ sich zum Teil auch von solchen äußeren Eindrücken leiten. Ein Mann von dieser Sorte war in der Lage, jeweils schnell und folgerichtig die für den eigenen Vorteil wichtigen Entscheidungen zu treffen.
Auch de Pinzón hatte den Ist-Bestand seines Proviants und seiner Munition melden müssen. Dabei war Don Antonio aufgefallen, daß der Schaluppenführer merkwürdig wenig Schwarzpulver und Kugeln verbraucht hatte. Ein unmißverständliches Zeichen also, daß sich dieser Mann gewiß nicht ins dickste Kampfgetümmel gestürzt hatte.
Es war Don Antonio gelungen, de Pinzón unbemerkt beiseite zu nehmen und ein paar vertrauensvolle Worte mit ihm zu wechseln. Auf Anhieb hatte sich gezeigt, daß der Instinkt richtig gewesen war. Vicente de Pinzón war sofort Feuer und Flamme gewesen.
Die Andeutung des Gouverneurs, man müsse sich von diesem Wahnsinnsunternehmen absetzen, bevor es zu spät sei, hatte ihn wahrhaftig begeistert. Dann war die Begeisterung des Schaluppenführers kaum noch zu zügeln gewesen, als er ein Säckchen mit Goldtalern aus den Wurstfingern des Gouverneurs empfangen hatte.
De Pinzón, soviel stand fest, war ab sofort ein durch und durch zuverlässiger Gefolgsmann.
Letzteres hatte sich auch dadurch gefestigt, daß Don Antonio es an weiteren goldenen Versprechungen nicht hatte mangeln lassen. Großherzig hatte er zugesagt, daß der Sub-Teniente nach Havanna versetzt und dort sofort zum Teniente befördert werden würde – nach geglückter Mission, versteht sich. Weiteren Beförderungen in zügiger Folge solle dann ebenfalls nichts mehr im Wege stehen.
Solche Glockenklänge hörte Vicente de Pinzón überaus gern.
Denn bisher hatte er mit seiner Schaluppe eintönigen Küstenwachdienst vor Remedios versehen – eine Aufgabe, bei der auch die Aufstiegsmöglichkeiten gleich Null waren.
Was die Zuverlässigkeit der Schaluppen-Crew betraf, hatte de Pinzón Don Antonio sofort zu beruhigen verstanden. Seine Männer waren samt und sonders aus ähnlichem Holz geschnitzt wie er. Wenn es schon sein mußte, ließ sich das Kämpfen nicht immer vermeiden, aber sterben – nein, sterben mußte man deshalb wirklich nicht gleich.
„Wie der Herr, so’s Gescherr“, hatte Don Antonio grinsend bemerkt. Und Vicente de Pinzón hatte zurückgegrinst. Ja, seine Männer hätten die Schnauze gestrichen voll nach allem, was sie mit diesem verteufelt harten Gegner bislang erlebt hatten.
Gegen Mitternacht rappelte sich Don Antonio aus seiner Koje hoch. Es war an der Zeit, aktiv zu werden – wie vereinbart. An Bord war es mittlerweile endgültig still geworden. Wenn alle Vorbereitungen reibungslos abgelaufen waren, dann konnte beim besten Willen nichts mehr schiefgehen.
Zu diesen Vorbereitungen gehörte eine weitere Person, die Don Antonio auf seine Seite gezogen hatte:
Alonzo Coloma, seines Zeichens Proviantmeister des Flaggschiffs „San José“. Ein vollgefressener, bestechlicher Bursche, dem der eigene Wanst mehr wert war als alles andere.
Dies hatte Don Antonio unumwunden festgestellt, ohne dabei einen Vergleich mit seiner eigenen Person zu ziehen. Was ein Mann niederen Standes an Fressalien in sich hineinstopfte, war eben nicht gleichzusetzen mit den erlesenen lukullischen Genüssen, denen ein Gouverneur zu frönen vermochte. Folglich konnte man auch das Ergebnis an Leibesfülle bei zwei so völlig unterschiedlichen Menschen nicht auf eine Ebene stellen.
Coloma hatte indessen Vorzüge, die für Don Antonio von unschätzbarem Wert waren. Zum einen handelte es sich dabei um den hellwachen Verstand des Proviantmeisters. Ein Verstand, der stets dann blitzschnell und präzise funktionierte, wenn aus einer Sache Vorteile in klingender Münze herauszuschlagen waren.
Zum anderen hatte Coloma dank dieses Verstandes aber auch begriffen, daß es an der Zeit war, auf seine Pfründe zu verzichten. Lebensmittel und Wein, an Bord unterschlagen und an Land verschachert, waren nichts im Vergleich zu dem kostbaren eigenen Leben, das man womöglich auf dem Altar des Vaterlandes opfern sollte.
Don Antonio öffnete das Schott seiner Kammer, ohne dabei auch nur das leiseste Geräusch hervorzurufen. Langsam, um keine unbedachte Bewegung zu verursachen, beugte er sich vor und horchte angespannt.
Kein Laut war im Achterschiff zu hören.
Don Antonio grinste. Capitán Cubera und seine Offiziere waren eben pflichtbewußte Männer. Sie gehörten zur Sorte der Frühaufsteher, und da geziemte es sich, rechtzeitig in die Koje zu kriechen. Sollten sie. Auf diese Weise richteten sie wenigstens zu später Stunde keinen Schaden an.
Vorsichtig schob Don Antonio seine Leibesfülle aus der Kammer in den finsteren Gang. Matte Helligkeit fiel lediglich von links herein. Aufatmend stellte er fest, daß das Schott zur Kuhl offenstand. Die Helligkeit rührte von der Laterne her. Letztere war allerdings noch nicht zu sehen.
Mit größter Sorgfalt setzte Don Antonio einen Fuß vor den anderen. Schlafende sollte man nicht stören. Ein Leitsatz, der besonders in dieser Situation galt. Aus einem völlig unangebrachten Drang heraus reizte ihn dieser Gedanke, zu kichern. Er konnte es sich gerade noch verkneifen.
Nach einigen Schritten verharrte er und lauschte abermals.
Von Deck waren jetzt gedämpfte Stimmen zu hören.
Don Antonio atmete auf und setzte seinen lautlosen Weg fort. Es konnte sich nur um Coloma handeln, der zur vereinbarten Zeit zur Stelle war und ordnungsgemäß die Vorbereitungen getroffen hatte.
Der Proviantmeister hatte nach heimlicher Absprache mit dem Gouverneur vom Bootsmann der „San José“ ein Beiboot requiriert. Als Grund hatte er angeführt, man müsse die Proviantmeister der beiden anderen Schiffe aufsuchen. Es gelte, mit ihnen das Problem der Verproviantierung zu lösen. Denn wahrscheinlich sei man gezwungen, die Rationen zu kürzen. Das Gespräch der Proviantmeister sei aber nicht vor Mitternacht möglich, da erst dann eine endgültige Auswertung der Bestandslisten abgeschlossen sein könne.
Natürlich war dies ein lebenswichtiger Grund, dem Proviantmeister der „San José“ das Beiboot auch wirklich zur Verfügung zu stellen. Coloma war überdies so freundlich gewesen, auf Rudergasten zu verzichten und wollte selbst zu den anderen Schiffen pullen, sobald er mit der Zusammenstellung seiner Listen fertig war.
Don Antonio näherte sich dem offenen Schott zur Kuhl, und im nächsten Moment vollführte sein Herz einen Freudenhüpfer.
Am Steuerbordschanzkleid stand Alonzo Coloma vor den beiden Wachsoldaten und redete auf sie ein. Folglich war der Plan geglückt. Der Bootsmann hatte keinen Argwohn gehegt und das Beiboot tatsächlich zur Verfügung gestellt.
Don Antonio beschleunigte seine Schritte und gab sich nun weniger Mühe mit einer leisen Fortbewegungsart.
Bereits nach wenigen Sekunden wurden die Wachen auf das Geräusch seines Watschelgangs aufmerksam und wandten sich um.
Don Antonio beachtete sie nicht. Er ging schnurstracks zum Schanzkleid und spähte abwärts. Dort unten über dem Wasser war es fast völlig dunkel. Doch mit ein bißchen Anstrengung konnte er die Umrisse des Beiboots erkennen, das längsseits an der Jakobsleiter lag.
Der Gouverneur stieß sich vom Schanzkleid ab und watschelte auf den Proviantmeister zu. Die Wachsoldaten, die ihm mißtrauisch entgegenblickten, beachtete er nicht.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte der Ranghöhere der beiden Soldaten, ein Sargento. „Haben Sie Erlaubnis, sich unbewacht an Deck zu bewegen, Señor Gouverneur?“
Don Antonio musterte ihn mit der Miene einer verblüfften Katze, die mit einer furchtlosen Maus konfrontiert wird. Dann wandte er sich an den Proviantmeister.
„Erklären Sie es ihm, Coloma. Ich habe weder Zeit noch Lust, mich mit unnötigem Geschwätz aufzuhalten.“
Coloma deutete eine Verbeugung an.
„Selbstverständlich, Señor Gouverneur“, sagte er unterwürfig. Dann, als er sich wieder der Wache zuwandte, wurde sein Ton schroff und herrisch. „Der Capitán hat mir alle Vollmachten erteilt, das wißt ihr, verdammt noch mal. Das Proviantproblem muß vordringlich gelöst werden, alles andere ist vergleichweise unwichtig. Klar?“
„Allerdings“, erwiderte der Sargento gepreßt.
„Na also. Und ich brauche den Señor Gouverneur bei der Besprechung mit den anderen Proviantmeistern. Don Antonio hat ein hohes Amt inne, wie ihr wohl wißt. Deshalb verfügt er über einen reichen Erfahrungsschatz. Außerdem habe ich sein organisatorisches Talent kennengelernt. Mit seiner Hilfe wird es uns also gelingen, auch die schwierigsten Proviantprobleme zu meistern. Wollt ihr den Señor Gouverneur und mich bei dieser Aufgabe etwa behindern?“
Er hatte die Worte beinahe drohend ausgestoßen, und die Mienen der beiden Wachsoldaten spiegelten echtes Erschrecken. Zweifellos malten sie sich in ihren Gedanken aus, welche schlimmen Konsequenzen es geben konnte, wenn sie die so überaus wichtige Besprechung der Proviantmeister und des Gouverneurs vereitelten.
„Selbstverständlich dürfen, Sie passieren, Señores“, sagte der Sargento schnell.
Don Antonio und der Proviantmeister nickten gnädig und bewegten sich auf die Pforte im Schanzkleid zu.
Coloma enterte als erster ab. Zwar hatte er wegen seines Körperumfangs beträchtliche Schwierigkeiten, das Beiboot sicher zu erreichen, doch war er häufiger als Don Antonio gezwungen, die gewöhnlichen Arten der Fortbewegung zu praktizieren. So gelang es ihm vergleichsweise zügig, auf der mittleren Ducht des Bootes Platz zu nehmen. Für den Gouverneur wurde es indessen ein lebensgefährlich aussehendes Unternehmen, auf der schwankenden Jakobsleiter abzuentern.
Coloma zog unwillkürlich den Kopf ein, als er aufblickte und den Koloß hoch über sich schweben sah. Der Gedanke, von diesen Zentnerlasten womöglich erschlagen zu werden, war alles andere als erheiternd.
Ausgerechnet in diesem Moment stieß der Dicke auch noch einen quiekenden Laut aus.
Alonzo Coloma erschrak. Er war versucht, in aller Eile die Leine zu lösen und das Boot von der Bordwand abzustoßen. Aber er begriff, daß er dies im Ernstfall sowieso nicht mehr schaffen konnte. Wenn der Gouverneur fiel, dann fiel er – und zwar so schnell, daß jeder Rettungsversuch aussichtslos war.
Wieder dieses Quieken hoch oben auf der Jakobsleiter.
Coloma schloß entnervt die Augen. Seine Hände umkrampften das Dollbord. Ein Planungsfehler, natürlich. Man hätte den Koloß in einem Bootsmannsstuhl abfieren müssen, um alle Schwierigkeiten zu vermeiden. Aber das wiederum hätte zuviel Aufsehen erregt.
Andererseits war der Señor Gouverneur imstande, mit seinem Gejammer die ganze Schiffsbesatzung zu alarmieren.
Alonzo Coloma wußte keinen Rat mehr. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Er verspürte etwas, was ihm sonst völlig fremd war: Nervosität.
„Coloma, um Himmels willen!“ rief der Gouverneur wimmernd. „So helfen Sie mir doch, Sie Narr! Ich hänge fest! Ich finde die nächste Sprosse nicht! Ich stürze ab!“ Es folgte ein abermaliges Quieken, schriller noch als zuvor.
Colomas Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt. Voller Bestürzung mußte er erkennen, daß der linke Fuß des Gouverneurs tatsächlich suchend in der Luft kreiste. Und der Radius, den sein Leibesumfang erlaubte, reichte nicht aus, um die vorstehende Sprosse zu erreichen.
Das Quieken und das Wimmern nahmen zu.
Zu allem Überfluß wurden auch noch die Wachen aufmerksam. Ihre neugierigen Gesichter erschienen über dem Schanzkleid.
„Können wir helfen?“ rief der Sargento.
Coloma überlegte nicht lange. Allein konnte er es unmöglich schaffen, den Fettsack sicher ins Boot zu bringen.
„Das wäre sehr freundlich“, erwiderte der Proviantmeister. „Werfen Sie ein Seil herab, wenn es recht ist.“
„Sofort.“ Der Sargento erteilte seinem Untergebenen einen Befehl.
Coloma richtete sich im Boot auf und begann, die Jakobsleiter zu erklimmen.
„Halten Sie aus, Señor Gouverneur!“ rief er. „Nicht loslassen, um Himmels willen nicht loslassen. Ich bin sofort bei Ihnen. Dann kann nichts mehr passieren.“
Don Antonios Stimme klang wie ein Greinen.
„So beeilen Sie sich doch, Coloma! Schnell, schnell!“
„Sie schaffen es“, versicherte der Proviantmeister, der auf der Jakobsleiter selbst erhebliche Mühe hatte. Doch es war die Furcht vor dem Mißlingen der Aktion, die ihn beflügelte. Wenn der fette Gouverneur ins Wasser fiel, dann fiel buchstäblich alles ins Wasser. Dann konnte man nur noch dem Untergang ins Auge sehen. Denn auch Alonzo Coloma war überzeugt davon, daß Cuberas Restverband dem Verderben geweiht war.
Ein Tampen klatschte gegen die Bordwand, als Coloma den hilflosen Gouverneur fast erreicht hatte.
„Zufassen!“ rief der Sargento. Er fierte das Seil weiter ab und hielt es dann gemeinsam mit dem anderen Soldaten.
Coloma schaffte es, sich den Tampen zu schnappen. Doch der schwierigste Teil der Arbeit begann erst. Im ersten Moment erschien es fast unmöglich, den wimmernden und zitternden Koloß zu sichern, geschweige denn, überhaupt an ihn heranzukommen. Erneut mußte der Proviantmeister erkennen, daß ihm in der eigenen Beweglichkeit ebenfalls Grenzen gesetzt waren.
Kurzerhand schlang er dem Gouverneur das Seil in Form einer Acht zweimal um die dicken Oberschenkel. Das Ende schob er hoch, so weit es ging.
„Nehmen Sie schon!“ rief Coloma. Der Schweiß rann ihm bereits in Strömen über das Gesicht. „Und dann halten Sie den Tampen mit dem Seil zusammen gut fest. Um die Jakobsleiter brauchen Sie sich nicht mehr zu kümmern. Unsere hilfreichen Wachsoldaten werden Sie sicher abseilen.“
Don Antonio wimmerte von neuem los.
„Aber ich kann doch nicht – das geht doch nicht …“
„Sie haben keine andere Chance“, entgegnete der Proviantmeister keuchend. Langsam hatte er die Nase voll von dieser Schinderei. Das angebliche Organisationstalent des Gouverneurs war ein Witz. Er hätte selbst daran denken müssen, wie beschwerlich es für ihn war, in ein Beiboot abzuentern. „Oder wollen Sie lieber wieder an Bord?“
Der Gedanke behagte Don Antonio noch viel weniger, und er gewann neue Kraft. Ächzend und prustend gelang es ihm schließlich, das Seil festzuhalten. Coloma hatte sich eilends wieder ins Boot begeben. Frei pendelnd sackte der Gouverneur langsam abwärts. Die Soldaten bemühten sich, das Abseilen möglichst ruckfrei zu gestalten.
Coloma gab ihnen ein Zeichen, als der Dicke knapp über dem Boot schwebte. Rasch drehte der Proviantmeister ihn in der Luft, und auf ein erneutes Zeichen ließen die Soldaten ihn präzise auf die Achterducht sinken.
Augenblicklich stieg der Bug des Bootes in die Höhe.
Coloma befreite den Gouverneur von den Seilwindungen und bedankte sich mit einem Winken bei den Wachen, die das Seil sofort wieder einholten.
Der Proviantmeister löste die Leine, stieß das Boot ab und wuchtete die Riemen in die Dollen. Unverzüglich begann er zu pullen.
Don Antonio betastete seine Oberschenkel und stöhnte leise.
„Dieses verfluchte Seil hat mir tief ins Fleisch geschnitten“, klagte er. „Hoffentlich gibt es an Bord der Schaluppe einen brauchbaren Feldscher.“
Coloma schüttelte verständnislos den Kopf und grinste. Im Dunkeln konnte es der Gouverneur sowieso nicht sehen.
„Sicherlich sind Sie schwer verletzt, Señor Gouverneur. Aber ist es nicht besser, als dem sicheren Untergang ins Auge sehen zu müssen?“
Don Antonio überhörte den Spott in der Stimme seines Verbündeten.
„Wie wahr, wie wahr“, sagte er seufzend. „Was nimmt man nicht alles auf sich, um den Ungerechtigkeiten dieses Lebens zu entgehen.“
„Und wir sind auf dem besten Weg, es zu schaffen“, erwiderte Coloma mit leisem Lachen. „Sehen Sie sich einmal um, Señor Gouverneur. Die Wachen kümmern sich nicht mehr um uns, und auf allen Schiffen herrscht selige Nachtruhe.“
Don Antonio folgte der Aufforderung und nickte zufrieden. Er kicherte, als er sich wieder nach vorn wandte. Es klang wie ein Glucksen, und es ließ die Fettmassen seines Oberkörpers wogen.
„Wer schläft, der sündigt nicht, mein lieber Coloma. Das gilt zur Zeit in besonderem Maße für unseren verehrten Capitán Cubera.“
„Man soll den Tag aber auch nicht vor dem Abend loben“, entgegnete Coloma.
Don Antonio faltete die Wurstfinger über dem Bauch und betrachtete den Proviantmeister, der sich beim Pullen nach Kräften abmühte. Ein wohlwollender Ausdruck zeigte sich in der Miene des Gouverneurs.
„Ich sehe, mein lieber Coloma, wir beide liegen auf einer Ebene. Wenn wir uns weiter so gut verstehen, haben Sie noch eine glänzende Karriere vor sich. Das kann ich Ihnen heute schon versprechen.“
„Vielen Dank, Señor Gouverneur.“ Coloma verbeugte sich beim Pullen. „Ich darf sagen, daß es mir ein besonderes Vergnügen ist, Ihnen zu dienen. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber wenn man das Gefühl hat, daß sich etwas lohnt, dann – dann …“
„Dann ist die Einsatzfreude besonders groß“, ergänzte Don Antonio wohlwollend. Schnaufend holte er Luft. „Sehen wir also erst einmal zu, daß wir diese Episode hinter uns bringen.“
Von den Kriegsschiffen aus war das Beiboot in der Dunkelheit der Bucht mittlerweile kaum noch zu erkennen. Auch hatte niemand darauf geachtet, daß die Schaluppe des Vicente de Pinzón bereits kurz zuvor an den Ausgang der Bucht verholt worden war.
Auf dem Flaggschiff „San José“ war bekannt, daß die Proviantmeister eine nächtliche Besprechung beabsichtigten und zu diesem Zweck zuvor ihre Bestandslisten auswerten mußten. Dem Beiboot mit Coloma und dem Gouverneur, so sagten sich die Wachen, brauchte man folglich keine weitere Aufmerksamkeit zu widmen. Eben dies galt auch für die Schaluppe, die man offenbar als Besprechungsort ausgewählt hatte.
Bald darauf erreichte das Boot den Einmaster. Schweißgebadet manövrierte Coloma die hecklastige Nußschale längsseits und holte die Riemen ein.
De Pinzón erschien höchstpersönlich an Deck, um dem Gouverneur beim Aufentern zu helfen. Den Männern der Besatzung gab er einen Wink, sich um Coloma und das Beiboot zu kümmern. Eine zusätzliche kleine Jolle konnte man immer brauchen.
Eilends wurden die Segel gesetzt. Fünf Minuten später war die Schaluppe bereits westwärts in der Dunkelheit verschwunden.
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