Read the book: «Seewölfe Paket 12»
Impressum
© 1976/2016 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-501-9
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 221
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 222
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 223
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 224
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 225
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 226
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 227
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Nr. 228
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 229
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Fußnoten
Nr. 230
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Fußnoten
Nr. 231
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Nr. 232
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 233
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 234
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 235
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 236
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 237
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 238
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 239
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 240
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9

1.
Noch vor wenigen Augenblicken hatten die Strahlen der Sonne das Wasser versilbert. Doch jetzt zog plötzlich finsteres Gewölk auf, das dunkle Schatten auf die Wasserfläche warf.
Und dann brach das Tropengewitter in all seiner Gewalt los.
Wo gerade noch die Sonne erbarmungslos gebrannt und feuchte, dampfende Hitze das Atmen erschwert hatte, da tobten nun die entfesselten Elemente. Das Grollen des Donners erinnerte an die trommelnden Hufschläge eines riesigen Reiterheeres und das Krachen und Bersten der Einschläge an das Gebrüll der Culverinen bei einem gewaltigen Seegefecht.
Zuckende Blitze vergossen grelle Lichtströme und schienen das schwarze Himmelsgewölbe in tausend Fetzen zerreißen zu wollen. Eine prasselnde, wolkenbruchartige Regenflut folgte und hüllte das Inferno in einen grauen, nassen Schleier.
Die „Isabella VIII.“, eine schlanke, dreimastige Galeone von etwa zweihundertfünfzig Tonnen Größe, wirkte im Toben der Elemente wie ein Gespensterschiff – groß, dunkel und geheimnisvoll.
Erst als das heftige Tropengewitter mit der gleichen Schnelligkeit, mit der es heraufgezogen war, aufhörte, schälte sich der schnelle Rahsegler, der vom besten Schiffsbauer Englands erbaut worden war, aus der düsteren und dampfenden Atmosphäre. Er glitt hinein in das gleißende Licht der Sonne, das die Gewitterwolken rasch wieder auflöste, so, als sei überhaupt nichts geschehen.
Man schrieb den 8. März im Jahre des Herrn 1591. Die „Isabella“ segelte mit Backstagsbrise auf Nordwestkurs dem Äquator entgegen. Seit sie Parnaiba an der Atlantikküste des südamerikanischen Kontinents verlassen hatte, lief sie ihren Kurs stets in Sichtweite der Küste.
Der Himmel strahlte bereits wieder im gewohnten Blau, und nur die mächtigen Wolken, die drüben an der Küste über den endlosen Urwäldern dampften, erinnerten an den Ausbruch der Naturgewalten.
An Bord der „Isabella“ war es drückend heiß und schwül. Auch der Gewitterregen hatte keine Abkühlung gebracht. Die Hitze flimmerte und veranlaßte einen Teil der Crew, still und untätig vor sich hin zu dösen. Nur vereinzelt wurde das gleichförmige Rauschen des Wassers unterbrochen durch das Geschrei der Aluates, der Brüllaffen, das aus dem Dschungel herübertönte.
Das feuchte, schweißtreibende Klima erzeugte eine gedrückte Stimmung unter den Seewölfen. Auch Philip Hasard Killigrew, dem Kapitän der „Isabella“, standen kleine Schweißperlen auf der Stirn, als er neben Ben Brighton an der Schmuckbalustrade des Achterkastells stand und seine eisblauen Augen prüfend über die Decks wandern ließ.
Das kurze, heftige Tropengewitter war für ihn und seine Mannschaft nichts Neues gewesen. Sie hatten den südamerikanischen Dschungel und seine Launen und Tücken bereits kennengelernt und wußten im großen und ganzen, wie sie sich in dieser kochenden und brodelnden Hölle zu verhalten hatten.
Einigen schien jedoch die Hitze nur wenig zuzusetzen. Unermüdlich waren sie in Bewegung, um wenigstens die notwendigsten Handgriffe zu erledigen. So auch Philip und Hasard, die beiden zehnjährigen Zwillingssöhne des Seewolfs, die beide damit beschäftigt waren, eine Schlagpütz Seewasser nach der anderen übers Schanzkleid zu hieven, um die Decksplanken zu schrubben. Die vorausgegangene kurze Regenflut konnte die regelmäßige, gründliche Reinigung natürlich nicht ersetzen.
Den beiden schien die Arbeit Spaß zu bereiten, und sie schwitzten auch nicht so sehr wie Bob Grey, Matt Davies, Jeff Bowie und Luke Morgan, die noch auf der Kuhl beschäftigt waren und von Zeit zu Zeit nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen über die brütende Hitze von sich gaben. Der Kutscher werkte noch in der Kombüse herum und Bill, der Moses, hockte als Ausguck im Großmars und ließ seine flinken Augen tastend über die Wasserfläche bis zur Küste hinüberwandern.
Ferris Tucker, der rothaarige Riese mit dem Kreuz, so breit wie ein Rahsegel, der Schiffszimmermann der „Isabella“, hatte sich auf dem Backbordniedergang zur Kuhl niedergelassen und war damit beschäftigt, seine gefürchtete Axt zu schärfen, die nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Waffe berüchtigt war.
Batuti, der schwarze Mann aus Gambia, hockte daneben und sah ihm interessiert zu.
Die übrigen Männer der Crew, darunter Smoky, Blacky, Gary Andrews und Old Donegal Daniel O’Flynn, hielten sich mit Ausnahme von Pete Ballie, der am Ruder stand, an der vorderen Schmuckbalustrade der Back auf.
„Die Stille trügt, ich spüre es“, sagte Old Donegal Daniel O’Flynn und setzte mit Nachdruck seine Beinprothese auf die Planken. „Der Tag wird nicht so ruhig weiterverlaufen.“
„Was heißt hier Stille?“ brummte Smoky, ein Rauhbein, das noch unter Francis Drake als Decksältester gefahren war. „Reicht dir das ständige Gebrüll der Affen nicht? Oder“, setzte er mit einem Grinsen hinzu, „hast du vielleicht während des Gewitters eine Windbraut oder gar einen Wassermann gesehen?“
Die Männer sahen sich an, und der eine oder andere konnte sich ein Augenzwinkern nicht verkneifen. Sie kannten schließlich die Ahnungen von Old O’Flynn, aber sie wußten auch, daß er manchmal recht behielt.
Old O’Flynn wurde ärgerlich und legte das von vielen Stürmen gezeichnete Gesicht in Falten.
„Spottet nur“, sagte er. „Eines Tages werdet ihr es schon noch selber merken, daß es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, von denen sich der Mensch nichts träumen läßt …“
„Amen!“ unterbrach Dan O’Flynn und erntete dafür einen mißbilligenden Blick seines Vaters.
Doch auch dem alten O’Flynn schien bei dieser Wahnsinnshitze der Sinn nicht unbedingt nach einem handfesten Streit zu stehen. Er stützte seine Hände auf die Balustrade und blickte mit kritischen Augen zur Küste hinüber.
Ed Carberry, der Profos der „Isabella“, ein bulliger Riese mit einem gewaltigen Rammkinn und zernarbtem Gesicht, hatte sich gerade eine Muck Wasser geholt und ließ sich damit auf einer Taurolle nieder, die auf der Kuhl lag. Bäche von Schweiß liefen über sein kantiges Gesicht, als er die Muck neben sich abstellte und zunächst einmal – ziemlich erfolglos – versuchte, sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen.
„In der Hölle kann’s nicht heißer sein“, murmelte er. „Und des Teufels Großmutter scheint heute eine besonders heiße und dampfende Suppe zu kochen.“
Der Profos gab es bald auf, den Schweiß loszuwerden, und wollte nach der Muck mit dem brühwarmen Wasser greifen, das bei dieser Affenhitze mehr und mehr zum lebenserhaltenden Element wurde.
Aber die Muck war weg.
Verdutzt wischte sich Ed Carberry über die Augen. Verdammt, gerade eben hatte er die Muck doch hier rechts neben sich gestellt. Sie konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Oder sollte ihm die Hitze schon ans Hirn gegangen sein? Verflixt und zugenäht, bis jetzt hatte er noch immer seine sieben Sinne beisammen gehabt. Hier und sonst nirgends hatte er die Muck mit dem Wasser hingestellt.
Ed Carberry schickte einen mißtrauischen Blick zu den Zwillingen hinüber. Die beiden „Rübenschweinchen“, wie er sie oft zu nennen pflegte, holten jedoch eifrig die Leinen ein, die am jeweiligen Bügel ihrer Schlagpütz angespleißt waren, und schienen im Moment am Profos der „Isabella“ keinerlei Interesse zu haben. Außerdem waren sie auch zu weit von ihm entfernt, um ihm einen Schabernack spielen zu können.
Aber wo war die Muck?
Ha – endlich merkte Ed Carberry, wer ihn auf den Arm nehmen wollte. Es konnte nur Luke Morgan gewesen sein, der kleine, dunkelblonde Kerl mit der Messernarbe über der Stirn, der als „Hitzkopf“ der Mannschaft galt. Luke Morgan befand sich im Moment keine drei Yards von ihm entfernt.
Ed Carberry blieb auf seiner Taurolle sitzen und streckte Luke Morgan fordernd die Hand entgegen.
„Ich habe, verdammt noch mal, einen gewaltigen Brand in der Kehle“, sagte er.
„Na und?“ gab Luke Morgan zurück. „Glaubst du vielleicht, uns geht es anders, Ed? Es soll verschiedene Flüssigkeiten geben, die da Abhilfe schaffen.“
Hinter der Stirn des Profos braute sich ein Gewitter zusammen. Sein Blick verfinsterte sich und seine rechte Hand war noch immer Luke Morgan entgegengestreckt.
„Eben deshalb“, sagte Ed Carberry mit Donnerstimme, „möchte ich sofort meine Muck Wasser wiederhaben. Oder glaubst du schwindsüchtige Kakerlake vielleicht, daß du mich leimen kannst? Und wehe dir, es fehlt auch nur ein einziger Schluck.“
Luke Morgan hatte runde Augen.
„Jetzt ist es soweit“, stieß er hervor. „Ich meine, es ist die Hitze, Mister Carberry“, fügte er noch hinzu und begann zu grinsen. „Ich habe die letzte Stunde noch keine Muck mit Wasser gesehen. Sicher hast du zu große Schlucke genommen und dabei die Muck ganz einfach mit runtergeschluckt.“
„Jetzt hört euch diese neunschwänzige Bilgenratte an!“ brüllte der Profos und erhob sich. Seine wütenden Augen kündigten Luke Morgan nicht gerade einen Feiertag an. „Ich werde jetzt bis drei zählen“, sagte er mit einem gefährlichen Knurren in der Stimme. „Hörst du? Genau bis drei, und wenn dann meine Muck nicht hier ist, werde ich dir die Haut in Streifen von deinem karierten Affenarsch ziehen. Aber schön langsam und mit …“
Weiter gelangte der Profos nicht.
Er bemerkte einen dunklen Schatten, der von oben sauste, dicht an ihm vorbeiflog und mit einem lauten Scheppern auf die Planken knallte.
Es war seine Muck. Und sie war leer.
Während die Männer, die mit Luke Morgan auf der Kuhl beschäftigt waren, in lautes Gelächter ausbrachen, fuhr Ed Carberry herum und richtete für einen Moment sprachlos den Blick nach oben. Dort sah er gerade noch Arwenack, den Schimpansen, der laut keckernd die Wanten hochturnte. Und schlagartig wurde ihm klar, was mit seiner Muck geschehen war.
„Lausiges Affenvieh!“ brüllte der Profos und schwang drohend die Fäuste. „Wenn du dich noch einmal hier unten blicken läßt, werde ich die größte Muck aus der Kombüse holen und dich, verdammt noch eins, darin ersäufen, und danach werde ich dir ein dickes Ende über deinen Affenarsch ziehen, daß dir Hören und Sehen vergeht!“
„Du hast dich in der Reihenfolge vertan, Mister Carberry!“ rief Hasard junior, der wie sein Zwillingsbruder die Schlagpütz auf die Planken gestellt hatte und interessiert dem sich anbahnenden Schauspiel gefolgt war.
„Jawohl, Mister Carberry, Sir“, ließ sich nun Philip junior vernehmen und nickte grinsend. „Zuerst das Ende und dann die Muck, anders herum geht es nicht.“
Der Profos, dem die Hitze erneut Schweißbäche übers Gesicht rinnen ließ, fuhr wie von einer Tarantel gestochen herum.
„Was? Wie?“ brüllte er. „Natürlich wird die Reihenfolge geändert. Und als erstes werde ich das Ende euch Rübenschweinchen über den Achtersteven ziehen, und zwar so, daß ihr sämtliche Engelschöre auf einmal singen hört!“
Noch während die beiden Bürschchen sich anschickten, den günstigsten Kurs für eine rasche Flucht festzulegen und der Profos drohend wie ein Racheengel auf sie zurückte, folgte die Erlösung. Zwar nicht vom Himmel, aber doch von oben.
„Deck!“ rief Bill, der Moses, aus dem Großmars. „Ich sehe ein Wrack an Backbord!“
„Wo siehst du ein Wrack?“ fragte Ben Brighton zurück, der zusammen mit dem Seewolf die Vorgänge auf der Kuhl beobachtet hatte.
„Drüben, weit in der Bucht, die wie ein riesiger Fluß aussieht. Direkt vor dem Dschungel!“
Bills Stimme klang aufgeregt. Und auch jene Männer, die bisher an der Schmuckbalustrade der Back gedöst hatten, schienen plötzlich aus ihrer Lethargie zu erwachen. Selbst der Profos vergaß für einen Augenblick sein erzieherisches Vorhaben an den beiden „Rübenschweinchen“ und dem Schimpansen Arwenack. Auch er trat ans Backbordschanzkleid und schaute angestrengt zur Bucht hinüber.
Über das faltige Gesicht des alten O’Flynn zog ein selbstzufriedenes Grinsen.
„Ein Wrack“, murmelte er zu sich selbst. „Habe ich nicht gleich gesagt, daß etwas in der Luft liegt? Ein Wrack hat selten etwas Gutes zu bedeuten.“
2.
Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, stand nach wie vor an seinem Platz. Er hatte das Spektiv ans Auge gesetzt und suchte auf die Meldung Bills hin konzentriert die Küste ab.
„Kannst du etwas sehen?“ fragte Ben Brighton, sein Stellvertreter und der erste Offizier der „Isabella“.
„Hm“, sagte der Seewolf, und sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. „Es scheint eine Galeone zu sein oder vielmehr das, was von ihr übrig ist. Ich kann nur ein Gerippe erkennen. Es scheint dicht vor dem Dschungel auf dem Trockenen zu liegen. Unmittelbar daneben kann ich die Mündung eines kleinen Flusses erkennen.“
„Das Gerippe einer Galeone?“ sinnierte Ben Brighton. „Was hat das nun wieder zu bedeuten?“
„Wir werden versuchen, es festzustellen“, erwiderte Hasard und nahm das Spektiv von den Augen. „Ja, wir werden uns dieses merkwürdige Wrack einmal ansehen.“
Gleich darauf gab er dem Rudergänger Pete Ballie den Befehl, nach Backbord abzufallen und ein Stück tiefer in die Baja de Marajo, in der mehrere größere und kleinere Urwaldflüsse zusammenströmten, zu steuern.
Je weiter sie sich der Küste näherten, desto lauter drangen die Geräusche des Dschungels zu ihnen herüber. Zwischen das anhaltende Geschrei der Brüllaffen, die gewöhnlich zu dieser Jahreszeit durch die Früchte der ChontaPalme fett und träge geworden waren, mischte sich das laute Kreischen von Vögeln.
Die Männer an Bord der „Isabella“ schirmten die Augen mit der flachen Hand ab und versuchten, die Konturen der wracken Galeone zu erkennen.
Selbst Sir John, der karmesinrote Aracanga-Papagei, der einst dem Profos, Ed Carberry, am Amazons zugeflogen war und seitdem die „Isabella“ auf ihren Fahrten durch die Weltmeere begleitete, lief aufgeregt auf seinem Lieblingsplatz, der Vormarsrah, hin und her. Wahrscheinlich hatte das vielstimmige Urwaldkonzert, das pausenlos zum Schiff herüberdröhnte, heimatliche Gefühle in ihm geweckt, was ihn jedoch nicht daran hinderte, einige saftige Flüche vom Stapel zu lassen, die er von seinem Herrn und Meister gelernt hatte.
Endlich war es soweit.
Die „Isabella“ hatte sich dem Wrack bis auf zwei Kabellängen genähert. Nachdem Smoky, der Decksälteste, bereits zweimal Tiefe gelotet hatte, gab der Seewolf den Befehl, die Segel aufzugeien und zu ankern.
Der Anker faßte sofort Grund, denn die „Isabella“ lag in relativ flachem Wasser. Sie befand sich in Sichtweite der wracken Galeone, die direkt auf einer Sandbank lag. Diese zog sich von der Bucht her ein Stück in das Mündungsgebiet eines kleineren Flusses hinein und ging dann in den Dschungel über.
„Sieht nicht gerade aus, als ob da noch was zu reparieren wäre“, stellte Ferris Tucker, der Schiffszimmermann, mit sachkundiger Miene fest. „Weiß der Teufel, wie lange das Wrack schon dort drüben liegt und was mit seiner Besatzung geschehen ist.“
„Ja, weiß der Teufel“, wiederholte der alte O’Flynn, der den Platz neben Ferris Tucker eingenommen hatte. „Und das mitten in der grünen Hölle, wo hinter jedem Baumstamm eine Bestie lauert. Ob das wohl Spanier waren? Oder vielleicht Portugiesen?“
Dan O’Flynn, der die schärfsten Augen an Bord hatte, war zu Bill in den Ausguck aufgeentert. Seine erregte Stimme unterbrach plötzlich die Mutmaßungen der Männer an Deck.
„Skelette!“ rief er. „Ich bin mir zwar nicht absolut sicher, aber ich glaube, es sind Skelette an Bord. Und nicht gerade wenige. Ja doch, ich sehe es jetzt deutlicher. Es sind Skelette!“
Mit einem Blick, in dem die Zukunft der nächsten tausend Jahre verborgen lag, sah der alte O’Flynn den Profos an, der neben ihn getreten war.
„Skelette“, murmelte er mit ungläubigem Gesicht. „Was denn für Skelette?“
„Von Toten natürlich, du Stint“, sagte Ed Carberry. „Oder hast du schon einmal lebendige Skelette gesehen, was, wie?“
Old O’Flynn winkte beleidigt ab. „Du willst mich wohl für dumm verkaufen, was? Ich meine natürlich, ob die Skelette vielleicht von den Dons sind, wenn das in deinen Ochsenschädel hineingehen sollte, den du rein aus Versehen auf deinen Schultern trägst.“ Wie zur Bekräftigung seiner Worte stieß er mit dem Holzbein gegen das Schanzkleid.
Bevor der Profos zu einer passenden Erwiderung Luft holen konnt, wurde er vom Seewolf unterbrochen.
„Ein Wrack mit vielen Skeletten, das ergibt auf Anhieb keinen rechten Sinn“, stellte Hasard fest. „Wir sehen uns das Ganze mal aus der Nähe an. Fiert das Beiboot ab, wir pullen rüber.“
Erwartungsvoll sahen ihn die Männer an, jeder in der Hoffnung, daß er mit von der Partie sein würde. Doch da räumte der Kapitän der „Isabella“ schon mit der Ungewißheit auf und nannte die Namen.
„Du, Ed“, sagte er zu dem bulligen Profos, „und ihr, Dan und Ferris, ihr begleitet mich. Al, gib die Waffen aus.“
„Aye, Sir“, sagte Al Conroy, der stämmige, schwarzhaarige Stückmeister der „Isabella“.
Wenig später erschien er mit den Waffen. Ed Carberry erhielt eine Muskete, Dan O’Flynn und Ferris Tucker wurden mit je einer Pistole bewaffnet, und Hasard nahm seine Radschloßpistole mit. Ferris Tucker hatte zusätzlich seine frisch geschärfte Zimmermannsaxt in den breiten Ledergürtel geschoben.
Das Beiboot war inzwischen abgefiert worden, und die vier Seewölfe pullten los – auf das geheimnisvolle Wrack zu, auf dem der Tod zu hausen schien. Die Sandbank, auf der es lag, mündete direkt in dem Mangrovendickicht, hinter dem tausend tödliche Gefahren lauern konnten. Hasard und seine Männer kannten die grüne Hölle und wußten, daß man ständig auf der Hut sein mußte, wenn man nicht irgendwelche böse Überraschungen erleben wollte.
Ungehindert erreichten sie die Sandbank. Hasard, Ed Carberry und Ferris Tucker sprangen in das flache, blaugrüne Wasser, um das Boot auf den Sand zu ziehen.
Nur Dan saß noch auf der achteren Ducht und versuchte fluchend seine Pistole hochzuzerren, die sich in der Gräting verklemmt hatte. Endlich gelang es ihm. Er wollte gerade aufstehen, um den anderen zu folgen, da ließ ihn ein lauter Warnschrei heftig zusammenfahren.
Für einen Moment saß Dan O’Flynn wie erstarrt im Boot. Was er sah, ließ ihm trotz der brütenden Hitze fast das Blut in den Adern gefrieren. Sein Blick heftete sich auf das dichte Mangrovengestrüpp, das sich weiter hinten zu einem immergrünen, verfilzten Wald verdichtete. Die Mangroven wucherten wie Unkraut, weil ihre zahlreichen Luftwurzeln die Feuchtigkeit aus der ohnehin dampfenden Luft sogen und somit für ein ständiges Wachstum sorgten.
Aus dem Dickicht, das bis in das seichte Brackwasser der Flußmündung wucherte, schoß ein dunkler Schatten hervor und bewegte sich unheimlich schnell über den schmalen Streifen der Sandbank.
Es war ein riesiger Mohrenkaiman.
Dieses gefährliche Raubtier, das es sogar versteht, die blaugrüne Farbe des Wassers anzunehmen, das es durchschwimmt, gehört zu den größten Alligatoren des Amazonasgebietes und greift in seiner Gefräßigkeit alles an, was sich bewegt.
Hasard hatte den dunklen Schatten, der sich aus dem Mangrovengestrüpp gelöst hatte, als erster bemerkt und den Warnruf ausgestoßen. Aber noch bevor die Männer recht begriffen, was geschah, war der Kaiman schon heran und griff sofort Ed Carberry an.
Mit einem häßlichen Geräusch riß das gewaltige Tier, das aussah wie ein Koloß aus grauer Vorzeit, den Rachen auf und ließ eine Unzahl langer und scharfer Zähne erkennen.
Der Profos der „Isabella“, dem absolut keine Zeit mehr verblieb, einen seiner von Herzen kommenden Flüche vom Stapel zu lassen, sprang geistesgegenwärtig zur Seite. Und das war sein Glück. Nur so gelang es ihm buchstäblich im letzten Moment, dem tödlichen Angriff auszuweichen. Die mächtigen Kiefer des Mohrenkaimans schnappten ins Leere.
Doch das Ausweichmanöver Ed Carberrys war nur eine Momentlösung. Der Körper der Panzerechse schwang blitzartig herum und konzentrierte sich erneut auf sein Angriffsziel. Für einen Augenblick war selbst das kantige Gesicht des Profos aschgrau geworden, denn die Bestie hatte einen regelrechten Überraschungsangriff gestartet.
Philip Hasard Killigrew erlangte als erster seine Fassung zurück. Blitzschnell riß er seine Radschloßpistole hoch und feuerte einen Schuß auf das Reptil ab. Doch das Tier bewegte sich im selben Moment, und so ging der Schuß daneben. Die Kugel fuhr, eine kleine Fontäne hochwirbelnd, in den Sand.
Hasard gab nicht auf. Sofort krachte ein zweiter Schuß aus dem Lauf der Radschloßpistole – und diesmal traf die Kugel. Irgendwo bohrte sie sich in den mächtigen Schuppenpanzer des Kaimans.
Aber die erwartete Wirkung blieb aus. Im Gegenteil, die Echse wurde nur noch rasender, und keine Macht der Welt schien sie in diesem Zustand noch an ihrem tödlichen Vorhaben hindern zu können.
Ed Carberry war bis jetzt keine Zeit verblieben, die Muskete in Anschlag zu bringen. Er war voll damit beschäftigt, dem abermals zuschnappenden Rachen des Tieres auszuweichen.
Auch Dan O’Flynn, der mittlerweile das Boot verlassen hatte, riß nun die Pistole hoch und visierte den Kopf des Kaimans an.
Aber die Waffe funktionierte nicht.
Ein eisiger Schreck fuhr ihm durch sämtliche Glieder. Das Pulver mußte feucht geworden sein, als sich die Pistole in der Gräting verklemmt hatte. So war sie zu einem nutzlosen Instrument geworden, unbrauchbarer als ein Stein. Zähneknirschend warf er die Pistole mit einem Schwung ins Boot hinüber und riß gleichzeitig sein Entermesser aus dem Gürtel.
Ed Carberry hatte gerade einen weiteren Haken geschlagen, der selbst einem Akrobaten zur Ehre gereicht hätte.
Aber da geschah es.
Der rechte Fuß rutschte ihm in dem lockeren Sand unter dem Körper weg, und der Profos stürzte der Länge nach auf die Sandbank. Die Muskete löste sich bei dem Sturz aus seiner Hand und flog in den Dreck.
Jetzt brauchte der Profos der „Isabella“ einen guten Schutzengel.
Natürlich hatten die Männer, die auf der „Isabella“ zurückgeblieben waren, bemerkt, daß irgend etwas dort drüben auf der Sandbank nicht stimmte.
Angespannt standen sie am Backbordschanzkleid der Galeone, die zwei Kabellängen von der Sandbank entfernt, im flachen Wasser vor Anker gegangen war. Die Schüsse aus Hasards Radschloßpistole hatten sie sofort aufgeschreckt.
„Ein Krokodil“, sagte Ben Brighton, der mit flinken Fingern an der Optik des Spektivs hantierte. „Ein Krokodil scheint überraschend unseren Profos angegriffen zu haben.“
„Ist es nur eins?“ fragte Al Conroy, der Stückmeister, zurück.
„Scheint so. Ich kann nur eins erkennen. Aber hoffentlich tauchen nicht noch mehr dieser Biester aus dem Mangrovendickicht auf. Es ist sicherlich nicht das einzige, das sich dort aufhält.“
Auch Philip und Hasard, die beiden Sprößlinge des Seewolfs, blickten gespannt zum Ufer hinüber, und man merkte ihnen an, daß ihnen die Abenteuerlust unter der Haut prikkelte.
„Mister Brighton, Sir“, ließ sich Hasard junior vernehmen. „Können wir nicht ein Boot klarmachen – ich meine, können wir nicht …“
„Das ist gut von dir gemeint, Hasard.“ Ben Brighton lächelte. Er hatte während der Abwesenheit des Seewolfs das Kommando an Bord und setzte den Kieker ab. „Aber es würde unseren Leuten dort drüben nichts bringen. Mit einem Krokodil kann man nicht lange kämpfen. Bis wir ein Boot abgefiert haben und dort drüben sind, ist der Kampf längst entschieden, auch wenn wir uns noch so sehr in die Riemen legen.“
„Aber – aber Krokodile sind doch sehr gefährlich, nicht wahr?“
„Natürlich. Hoffen wir, daß es deinem Vater und den anderen Männern gelingt, mit diesem Biest fertig zu werden. Sie haben schon ganz andere Situationen gemeistert, meinst du nicht auch?“
„Natürlich, Sir. Gibt es hier nicht auch die gefürchtete Anaconda? Ich meine diese riesige Würgeschlange?“
Ben Brighton nickte und lächelte über die Wißbegierde der Zwillinge.
„Ja“, sagte er dann. „Die gibt es hier auch, dazu noch die gefräßigen Piranhas, Zitteraale, Lamantine und natürlich auch Ameisenbären, Tapire, Wasserschweine, Affen und Faultiere. Aber die riesigen Mohrenkaimane sind wohl noch mit die gefährlichsten aller Tiere, die es hier gibt.“
Wieder setzte Ben Brighton das Spektiv ans Auge und blickte zur Sandbank hinüber. Und im selben Augenblick stieß er einen erschreckten Laut aus.
„Ed Carberry“, sagte er, und sein Gesicht wurde sehr ernst. „Mein Gott, wenn das nur gutgeht …“
Noch während der Kapitän der „Isabella“ geschickt reagierte und auf die Muskete zuhechtete, die dem Profos entfallen war, schnellte Ferris Tucker vor. Er hatte inzwischen seine riesige Zimmermannsaxt aus dem Gürtel gerissen und sprang den Kaiman von der Seite her an.
Blitzartig schoß das Tier herum und war somit für einen Moment von Ed Carberry abgelenkt, der sich gerade vom Boden hochstemmen wollte. Im selben Augenblick blitzte die stählerne Axt im grellen Licht der Sonne und traf wuchtig den Schädel der Echse.
Das Tier stieß einen brüllenden Laut aus und begann wie verrückt zu toben.
Sein neuer Feind hieß jetzt Ferris Tucker.
Bevor der breitschultrige Schiffszimmermann der „Isabella“ noch einmal die Axt einsetzen konnte, erwischte ihn ein gewaltiger Schwanzschlag des Reptils und schleuderte ihn mehrere Yards über die Sandbank weg. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, als wären ihm sämtliche Knochen im Leib zerschmettert worden. Doch Ferris Tucker war ein harter Brocken. So schnell brachte man ihn nicht aus dem Gefecht.
Sofort raffte er sich wieder auf – und das keinen Atemzug zu spät, denn der Mohrenkaiman, der sich wohl seiner bereits angeschlagenen Beute sicher fühlte, folgte ihm sandaufwirbelnd. In dem Moment, in dem Ferris Tucker die Axt hochreißen wollte, riß die Bestie den Rachen auf. So verblieb dem rothaarigen Mann nicht mehr die Zeit, die Axt wie geplant einzusetzen.
Bevor er zurückwich, warf er dem Kaiman in letzter Verzweiflung die große Axt in das aufgesperrte Maul.
Sofort klappten die Kiefer zusammen, ein Krachen und Knirschen ertönte, und der kräftige Stiel der Axt bestand nur noch aus zertrümmerten Holzresten.
„Das gibt es doch nicht!“ entfuhr es den Lippen Ferris Tuckers. Ungläubig starrte er auf das wütende Krokodil.
Inzwischen hatte der Seewolf das Tier anvisiert, und die Muskete krachte, bevor es wieder auf sein jetzt wehrloses Opfer losgehen konnte. Die Kugel fuhr in den Schädel des Kaimans, durch dessen Körper plötzlich ein kurzes Zucken ging. Er klappte die mächtigen Kiefer auf und wieder zu. Für einen weiteren Augenblick rührte er sich nicht, dann fuhr er herum und kroch in das nahe Brackwasser der Flußmündung zurück.
Die Seewölfe atmeten auf. Die Situation war verdammt gefährlich gewesen, aber sie hatten gemeinsam den Kampf auf Leben und Tod gewonnen.
Deutlich sahen sie eine Blutspur im Sand, als das verwundete Tier in das blaugrüne Wasser eintauchte.
„Das war knapp, Leute“, sagte Hasard, „verdammt knapp sogar.“
Auch dem Profos stand noch der Schrecken in seinem zernarbten Gesicht.
„Und ich habe mich schon im Rachen dieses Krokodils gesehen“, sagte er, und fast konnte man einen ehrfürchtigen Gesichtsausdruck bei ihm erkennen.
Dan O’Flynn, der sich nach wie vor darüber ärgerte, daß seine Pistole im entscheidenden Augenblick versagt hatte, konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen. „Da hätte sich das Vieh aber schön den Magen an dir verdorben, sicherlich wäre es hinterher jämmerlich eingegangen.“
Noch bevor der Profos antworten konnte, ließ ihn, wie auch die drei anderen Männer, ein plötzliches Rauschen im Wasser herumfahren.
Ganz in der Nähe der Stelle, an der der Kaiman ins Wasser geglitten war, brodelte und kochte es plötzlich. Augenblicklich wurde den Seewölfen klar, was sich dort abspielte. Es erfüllte sich das Gesetz des Regenwaldes: fressen und gefressen werden.
Piranhas, jene kleinen stumpfgesichtigen Fische mit den rasiermesserscharfen Zähnen, hatten Blut gewittert. Ganz plötzlich waren sie da, wie aus dem Nichts herbeigezaubert. Das Wasser wurde aufgewühlt und färbte sich stellenweise rot vom Blut des Kaimans, von dem nach Minuten nicht mehr als das Skelett übrigbleiben würde.
Das Reptil schlug wild um sich, als der riesige Schwarm der kleinen silbrigen Fische mit ihren scherenartigen Gebissen Stücke aus seinem Fleisch heraussägte. Aber die Kraft des Mohrenkaimans erlahmte schnell. Bald war das grausige Schauspiel vorbei, das die vier Männer auf der Sandbank wie gebannt beobachtet hatten.
Jetzt konnten sie sich wieder lebhaft vorstellen, wie Jeff Bowie, der zur Besatzung der „Isabella“ gehörte, zu seiner Hakenprothese an der linken Hand gekommen war. Piranhas hatten ihm die Hand vor Jahren zerfleischt. Der gute Jeff konnte noch von Glück sagen, daß es bei der Hand geblieben war.
Nachdem die Seewölfe ihre Schußwaffen nachgeladen hatten, konnten sie sich nun endlich dem Wrack der Galeone zuwenden, das hinter ihnen auf der Sandbank lag, und zwar dort, wo der Landstreifen fast nahtlos in den Mangrovendschungel überging.
3.
Der Anblick, der sich ihren Augen bot, war grausig und ließ selbst hartgesottenen Männern wie Philip Hasard Killigrew, Ed Carberry, Ferris Tucker und Dan O’Flynn eine Gänsehaut über den Nacken kriechen. Der Kampf mit dem Mohrenkaiman hatte ihre Aufmerksamkeit so sehr beansprucht, daß ihnen erst jetzt die Unheimlichkeit und Rätselhaftigkeit des Wracks bewußt wurde.
Was von der Galeone übriggeblieben war, war nur ein Gerippe. Die Beplankung fehlte ganz, und nur die Querspanten ragten nach allen Seiten hervor, so daß man rundum durch das Wrack blicken konnte.
Aber nicht das war es, was die vier Männer von der „Isabella“ für einen Augenblick verstummen ließ, sondern der Hauch des Todes, der über dieser Stätte lag.
Auf dem Kielschwein des Wracks und an den Querspanten hockten ausgebleichte, menschliche Gerippe, als warteten sie darauf, von jemandem abgeholt zu werden. Es waren mehr als ein Dutzend Skelette, die in der Sonne bleichten und dieser Stätte des Todes eine unheimliche Ausstrahlung verliehen – trotz des Lebens im Hintergrund, trotz der vielfältigen Stimmen, die aus dem Dschungeldickicht herüberdrangen. Stumm und aus leeren Augenhöhlen schienen die Toten den Männern entgegenzublicken – eine starre, unbewegliche Gesellschaft, die wie zu einer Versammlung oder einem Palaver in der wracken Galeone beisammenhockte.
Hasard löste sich als erster aus dem Bann, der von dieser Stätte ausging.
„Eine recht merkwürdige Besatzung“, sagte er mit nachdenklichem Gesicht. „Eigentlich ist es unmöglich, daß es sich bei diesen Skeletten um die Besatzung der Galeone handelt. Wie das Wrack aussieht, ist es uralt und muß demnach schon recht lange hier liegen. Ob es ein Sturm hierhergeworfen hat, oder ob es hier angetrieben worden ist – es kann sich unmöglich um die Besatzung handeln, denn die Männer hätten sich bestimmt nicht in dieser versammlungsmäßigen Ordnung zum Sterben auf das Kielschwein gesetzt.“
„Wahrscheinlich nicht“, sagte Dan O’Flynn und legte die Stirn in Falten. „Aber könnte sie nicht eine Seuche hingerafft haben? Ich meine natürlich, nachdem das Schiff hier angetrieben wurde. Es gibt doch genug Krankheiten, die schon ganze Schiffsbesatzungen ausgelöscht haben.“
Hasard schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht, Dan. Wir haben zwar schon miterlebt, was Krankheiten wie Skorbut oder das berüchtigte Wechselfieber alles anrichten können, aber in diesem Fall glaube ich nicht an so etwas. Wie die Männer hier sitzen, müßten sie im Fall einer Seuche alle auf einmal gestorben sein. Und das ist sehr unwahrscheinlich.“
„So ist es“, ließ sich nun Ed Carberry vernehmen. „Das würde bedeuten, daß sich immer der Nächste, der mit dem Sterben an der Reihe war, zu den bereits Toten auf das Kielschwein gesetzt hätte, um die Schar zu vergrößern. Nein, Sir, so was gibt es nicht.“
„Warum eigentlich nicht?“ bohrte Dan O’Flynn weiter. „Wenn einer gestorben ist, kann er doch von den noch Lebenden einfach zu den Toten gesetzt worden sein.“
„Theoretisch schon“, sagte Hasard. „Aber praktisch wohl kaum. Die Überlebenden hätten mit Sicherheit die Toten begraben oder der See übergeben, statt sie in das Wrack zu setzen. Wenn man bedenkt, wie schnell in diesen feuchten und heißen Gegenden der Zerfall einer Leiche eintritt, hätten sie sich damit erst recht Seuchen auf den Hals geladen. Der Gedanke dürfte also nicht haltbar sein, Dan.“
Der junge O’Flynn wußte darauf im Moment keine Antwort. Was Hasard da sagte, klang logisch und war nicht von der Hand zu weisen.
Ferris Tucker, der bis jetzt schweigsam und mit fachmännischem Blick die kläglichen Überreste der Galeone gemustert hatte, räusperte sich und fuhr sich nachdenklich durch den dichten roten Haarschopf.
„Eure Überlegungen mögen ja alle mehr oder weniger richtig sein“, sagte er. „Aber es gibt noch eine weitere Version. Nehmen wir einmal an, es handelt sich bei diesen Gerippen um Schiffbrüchige. Könnten sie hier nicht von irgendwelchen Buschmännern oder Indianern überfallen worden sein? Vielleicht hat man sie mit den berüchtigten Giftpfeilen aus dem Hinterhalt getötet und dann die Leichen einfach in das Schiff gesetzt. Das wäre doch auch eine Möglichkeit.“
„Ho!“ rief der Profos. „Unser Holzwurm ist ganz schön schlau. Und ich fresse die dickste Taurolle, wenn es nicht so ist, wie er eben gesagt hat.“
„Na, dann guten Appetit, Ed“, erwiderte Hasard lächelnd. „Meiner Meinung nach kannst du gleich damit beginnen. Schau dir doch mal die Gerippe etwas näher an. Fällt dir da nichts auf?“
Verdutzt trat der Profos näher und tastete die Skelette mit den Augen ab.
„Nun ja“, sagte er dann mit wesentlich leiserer Stimme. „Die Kerle scheinen alle ein wenig klein geraten. Zumindest kleiner als wir. Aber wenn es Dons waren, dann ist es ja kein Wunder. Habe ich nicht schon immer gesagt, daß es Zwerge sind?“
„Nun bleib aber sachlich, Ed“, sagte Hasard. „Es gibt in jedem Volk kleine und große Menschen oder doch zumindest solche, die kleiner und solche, die etwas größer geraten sind. Aber sehen die hier nicht fast alle gleich groß aus?“
„Genaugenommen schon“, erwiderte Ed Carberry unbehaglich und schnitt ein Gesicht, als habe er sich soeben vorgestellt, wie der Kutscher in seiner Kombüse die größte Taurolle für ihn garkochte. „Meinst du …“
Der Kapitän der „Isabella“ nickte. „Ja, es sieht ganz danach aus, als handele es sich um die Gerippe einer kleineren Rasse. Vielleicht um Buschmänner oder Indianer. Nur fragt mich nicht, wie die in das Wrack gelangt sind. Einen tieferen Sinn kann ich auch in dieser Theorie nicht erkennen.“
Die Männer blickten sich an, und ihren braungebrannten, wettergegerbten Gesichtern war deutlich anzusehen, wie es hinter ihren Stirnen arbeitete. Aber niemand schien zur Zeit eine Patentlösung für das Rätsel zu finden, vor dem sie standen. So gingen sie daran, die nähere Umgebung des Wracks abzusuchen.
„Was mag nur mit der Beplankung geschehen sein?“ fragte Dan O’Flynn den Schiffszimmermann.
Doch auch Ferris Tucker zuckte mit den Schultern.
„Wir wissen nicht, in welchem Zustand das Wrack hier angetrieben worden ist“, sagte er. „Was noch übriggeblieben war, kann nach langer Zeit verrottet sein. Aber natürlich kann es auch von Indianern weggetragen worden sein. Eigentlich sieht es mir mehr nach dieser Möglichkeit aus.“
„Du meinst, es gibt hier in der Nähe Indianer oder Buschmänner?“ Dan hatte sich plötzlich kerzengerade aufgerichtet, als erwarte er jeden Moment einen Angriff aus dem Hinterhalt.
„Weiter landeinwärts mit Sicherheit“, erwiderte Ferris Tucker. „Hasard kann schon recht haben mit seinen Überlegungen, auch wenn wir im Moment noch keinen Sinn darin sehen.“
Noch während die Männer von der „Isabella“ die Schiffsreste untersuchten, stieg die Flut und setzte die Sandbank allmählich unter Wasser. Der Wasserspiegel erhöhte sich jedoch nur um zwei Handbreit, so daß das Wrack der Galeone an seinem Platz liegenblieb.
Gleichzeitig waren einige dunkle Wolken aufgezogen, die sich plötzlich schleusenartig öffneten. Ein kurzer, aber warmer Regenschauer prasselte nieder und hüllte die Umgebung in einen trüben, grauen Schleier. Die Männer konnten kaum noch die Konturen der „Isabella“ erkennen. Kaum hatte der Regen mit der in den Tropen üblichen Plötzlichkeit wieder aufgehört, begann bereits die Dämmerung hereinzubrechen.
„Schluß für heute!“ rief Hasard und winkte seinen Männern zu. „Es wird bald dunkel sein. Ich denke, es ist besser, wenn wir jetzt zurückpullen. Es dürfte keinen großen Spaß bereiten, in der Dunkelheit von Kaimanen angegriffen zu werden. Wir können uns morgen früh die Umgebung des Wracks noch einmal näher ansehen. Vielleicht finden wir dann des Rätsels Lösung.“
Wenig später saßen die vier Männer im Beiboot und pullten zur „Isabella“ zurück, begleitet von den Geräuschen und Stimmen, die unablässig aus dem dichten Dschungel drangen.
Dan O’Flynn drehte sich noch einmal um und warf einen Blick auf das Wrack, als habe er erwartet, daß sich die stumme Gesellschaft der Toten von ihren Plätzen erhebe.
Die dickbauchige Galeone, deren Name „Esmeralda“ kaum noch zu erkennen war, steuerte eine kleine, versteckte Bucht an. Ihr Kapitän, Alfredo Fernandez, hatte auch allen Grund, vorsichtig zu sein, denn seit zwei Jahren wurde er wegen blutiger Überfälle auf spanische Handelsfahrer von den eigenen Landsleuten gejagt.
Die „Esmeralda“, die auf Nordwestkurs an der südamerikanischen Atlantikküste entlanggesegelt war, fiel auf Befehl ihres Kapitäns nach Backbord ab und lief in die Bucht ein. Die Segel wurden aufgegeit. Mit der restlichen Fahrt trieb die Galeone nahe an eine langgestreckte Sandbank heran, hinter der der Dschungel wie eine grüne Mauer emporwucherte.
„Fallen Anker!“ brüllte Alfredo Fernandez.
Gleich darauf klatschte der Buganker in das blaugrüne Wasser der Bucht.
Fernandez sah man seinen Beruf nicht auf den ersten Blick an, zumindest im Gegensatz zu seinen Männern. Er liebte es, sich wie ein reicher spanischer Kaufmann zu kleiden. Sein hageres Gesicht mit der scharfkantigen Nase und das glatte, zurückgekämmte Haar verliehen ihm tatsächlich das Aussehen eines Edelmanns.
Aber der bunt zusammengewürfelte Haufen, der an Bord der „Esmeralda“ fuhr, kennzeichnete die Galeone als das, was sie tatsächlich war: ein Piratenschiff.
Seit mehr als zwei Jahren war Fernandez mit der „Esmeralda“ unterwegs, um Beute zu schlagen, wo er sie traf. Seit dieser Zeit war er der Kapitän des Schiffes, das vorher seine Aufgabe als Handelsfahrer erfüllt hatte.
Fernandez hatte damals unter Kapitän Pedro Morena als erster Offizier gedient. Morena war ein beispielloser Geizkragen gewesen, dessen Tun und Denken nur von dem Gedanken an einen möglichst hohen Profit beherrscht worden war. Die Besatzung seines Schiffes hatte er wie Tiere behandelt – wie rechtlose, unnütze Sklaven, die kaum zu essen, aber viel zu arbeiten hatten.
Aber nicht nur das war es gewesen, was Alfredo Fernandez dazu veranlaßt hatte, eine Meuterei anzuzetteln. Ihm war schließlich gleichgültig, ob die Besatzung satt zu essen hatte oder nicht. Als Offizier war er von diesem Problem ohnehin nicht berührt worden.
Was ihn dazu getrieben hatte, Pedro Morena ein Messer in die Brust zu stoßen, war die Gier nach Macht, Ansehen und Reichtum gewesen. Deshalb hatte er zugestoßen, als sich die Gelegenheit geboten hatte und er sich der Unterstützung einiger Getreuer sicher gewesen war.
Innerhalb kürzester Zeit war aus der „Esmeralda“ ein Piratenschiff geworden, das hinterhältig auf fette Beute lauerte.
In letzter Zeit hatte er vorwiegend in der Karibischen See unter den Eingeborenen geraubt, gemordet und geplündert. Dazwischen hatte er sich mit spanischen oder portugiesischen Kauffahrern angelegt. Zuweilen sogar mit kleineren spanischen Schiffen, die im Auftrage Seiner Allerkatholischsten Majestät, König Philip II., unterwegs waren, um das, was sie bei den Eingeborenen des südamerikanischen Kontinents geplündert hatten, in die Heimathäfen zu bringen.
Natürlich war das alles nicht spurlos an der „Esmeralda“ vorübergegangen. Einige Schäden waren jetzt noch deutlich am Rumpf und an den Aufbauten zu erkennen, zumal sie nur flüchtig ausgebessert worden waren.
Aber auch die Besatzung des Piratenschiffes sah teilweise aus, als würde sie nur noch durch Flicken zusammengehalten. Dieser Schein trog jedoch, auch wenn es sich überwiegend um verwahrlost aussehende Gestalten der verschiedensten Nationalitäten handelte. Diese Männer waren zäh wie Piranhas, und man konnte ihnen auf eine Seemeile Entfernung ansehen, daß ihnen das Messer locker im Gürtel saß.
Nur drei Männer der Mannschaft stammten noch aus der Zeit, in der die „Esmeralda“ ein Handelsschiff gewesen war und unter dem Befehl des geizigen Pedro Morena gestanden hatte. Die sechs übrigen waren nicht mehr am Leben. Vier davon hatten bei blutigen Enterkämpfen das Zeitliche gesegnet, und zwei hatte Alfredo Fernandez, der die Galeone mit eiserner Hand regierte, kurzerhand an der Großmarsrah aufknüpfen lassen, als der leise Verdacht entstanden war, daß sie auf eigene Faust agieren wollten, und zwar auf die gleiche Art und Weise, wie dies ihr Kapitän einst getan hatte.
Einer der Männer, die mit Alfredo Fernandez noch unter Pedro Morena gefahren waren, war Alfonso Casal, damals Steuermann der „Esmeralda“.
Der kleine, aber sehr kräftige und gefährlich aussehende Mann, war Fernandez sklavisch ergeben. Es war schwer zu erkennen, ob aus Bewunderung oder ganz einfach aus dem Druck heraus, unter dem er sich befand. Ihm gegenüber vermochte sich Fernandez mitunter als sehr großzügig zu erweisen, wahrscheinlich in dem berechnenden Bestreben, sich wenigstens die absolute Loyalität einiger weniger Männer zu erkaufen.
Alfredo Fernandez winkte Alfonso, der jetzt die Position des Zuchtmeisters innehatte und zeitweilig auch als Steuermann fungierte, zu sich aufs Achterdeck.
„Du weißt, um was es geht, Alfonso“, sagte er kurz. „Wir müssen unsere Lebensmittelvorräte ergänzen, und zwar möglichst um Früchte und Frischfleisch. Wir können nicht riskieren, die halbe Besatzung durch Skorbut zu verlieren. Das würde die Kampfkraft unseres Schiffes zu sehr schwächen.“
„Natürlich, Señor Capitán“, sagte Alfonso. „Das ist völlig klar. Ich dachte mir das schon, als Sie Befehl gaben, diese Bucht anzulaufen. Wie viele Männer soll ich an Land schikken?“
„Ich denke, es genügen sechs. Wir lassen ihnen einen ganzen Tag Zeit. Es ist noch kurz nach Tagesbeginn. Bis zum Einbruch der Dunkelheit können Sie einiges heranschaffen und im Boot lagern. Dort drüben im Dschungel und etwas weiter landeinwärts gibt es genug Früchte und auch jagdbares Wild. Sie sollen zusehen, daß sie auch einen oder zwei Tapire erwischen, die sind im Fleisch besonders ergiebig.“
„Selbstverständlich, Señor Capitán“, erwiderte Alfonso Casal. Aus seinem Verhalten Alfredo Fernandez gegenüber hätte man schließen können, daß es sich bei diesem nicht um einen Piratenkapitän, sondern um einen echten spanischen Grande handele.
„Die Kerle sollen sich gut bewaffnen“, fuhr Fernandez fort. „Wir werden sie bei Einbruch der Dunkelheit wieder an Bord nehmen. Inzwischen werden wir hier die Zeit nicht nutzlos vertrödeln, sondern einige Meilen weiter nordwestlich die große Bucht anlaufen, die Baja de Marajo genannt wird. Dort sind mehrere große und kleine Flußmündungen, und wir können einige Fässer Süßwasser aufnehmen. Vielleicht schließen wir sogar die Bekanntschaft anderer Reisender, wer weiß!“
Alfonso Casal, der Profos der „Esmeralda“ grinste unverschämt. Er wußte, was sein Kapitän damit meinte. Die Besatzung mußte schließlich auf Trab gehalten werden, denn in den letzten sieben Tagen hatten die Männer genug gefaulenzt. Es wurde Zeit, daß sie mal wieder auf Vordermann gebracht wurden. Und an Spaniern und Portugiesen gab es in dieser Gegend keinen allzugroßen Mangel.
Augenblicke später war die Stimme Alfonsos bis in den letzten Winkel der „Esmeralda“ zu vernehmen.
„Los, hopp, hopp, ihr faulen Säcke! In den letzten Tagen habt ihr euch lange genug als nutzlose Fresser amüsiert. Jetzt geht’s mal wieder an die Arbeit. Fiert das Beiboot ab, nehmt genügend Waffen mit und seht zu, daß ihr was Brauchbares auftreibt. Bei Einbruch der Dunkelheit werdet ihr wieder an Bord genommen. Miguel, du hast die Verantwortung. Entfach den fünf anderen mal ein wenig Feuer unter das verlängerte Rückgrat.“
Die fünf dafür vorgesehenen Männer unter der Führung von Miguel Camaro, einem vierschrötigen, brutalen Typ, der bereits sein halbes Leben auf Piratenschiffen verbracht hatte, verließen wenig später die „Esmeralda“ und pullten zur Sandbank hinüber.
Sie waren bis an die Zähne bewaffnet mit Musketen, Pistolen, Buschmessern und Säbeln. Und sie verstanden auch, mit diesen Waffen umzugehen, denn sie gingen nicht das erste Mal an Land, um im Dschungel die Lebensmittelvorräte ihres Schiffes zu ergänzen.
Zuweilen war es ihnen sogar gelungen, andere die Hauptarbeit für sich tun zu lassen, indem sie kleinere Ansiedlungen von Indianern und Buschmännern überfallen und das mitgenommen hatten, was die Eingeborenen gesammelt und erjagt hatten.
Kaum hatte der Landtrupp das Beiboot auf die Sandbank gezogen, da hörten sie wieder das Gebrüll Alfonso Casals, der den Rest der Mannschaft auf Trab brachte.
Sie kannten ihren Kapitän und auch seinen Profos. Sie wußten und hatten auch schon am eigenen Leibe erfahren, daß es für gewöhnlich besser war, sich nach diesen Männern zu richten, zumal es im Endeffekt immer wieder genug Beute für alle gab. Aber auch die neunschwänzige Katze an Bord der „Esmeralda“ hatte bisher wahrhaftig nicht als Zierstück gedient.
Es dauerte nicht lange, und die „Esmeralda“ hatte die kleine, verschwiegene Bucht wieder verlassen und ihren ursprünglichen Kurs aufgenommen. Eine leichte Brise aus Südost trieb sie auf die breite Baja de Marajo zu, in die sie bald darauf hineinsegelte.
Alfredo Fernandez, der gerade über eine alte, zerknitterte Seekarte gebeugt war, fuhr hoch, als der Mann im Ausguck plötzlich losbrüllte.
„Deck!“ schrie er. „Señor Capitán! Ich sehe ein Schiff Backbord voraus.“
„Was ist es für ein Schiff?“ rief der Kapitän zurück. „Los, verdammt, du Dreckskerl, reiß deine Augen auf!“ Gleichzeitig griff er nach dem Spektiv, um die Optik entsprechend einzustellen.
„Noch schlecht zu erkennen“, antwortete der Mann im Großmars, „scheint aber eine Galeone zu sein.“
„Halte die Augen weiterhin offen“, befahl Alfredo Fernandez und rief augenblicklich seinen Profos, Alfonso Casal, zu sich aufs Achterdeck.
Eigentlich war Casal viel mehr als nur der Profos und zeitweilige Steuermann. Er war für Fernandez das Mädchen für alles. Nicht zuletzt deshalb, weil der Kapitän diesem Mann wenigstens halbwegs trauen konnte.
Fernandez hatte gerade den Kieker ans Auge gesetzt, als Alfonso das Achterdeck betrat.
„Es ist eine Galeone“, sagte er. „Ein Dreimaster, sehr groß und schlank gebaut. Die Nationalität ist noch nicht zu erkennen. Wahrscheinlich ein Spanier, vermute ich wenigstens. Wenn ich das richtig sehe, ankert das Schiff in der Nähe eines merkwürdigen Wracks, das am Ufer liegt. Entweder hat den Kapitän die Neugier dorthin getrieben, oder aber sie sind ebenfalls scharf auf Vorräte und Trinkwasser.“
„Sehr schön, Señor Capitán“, sagte Alfonso Casal, und in seine kleinen, schwarzen Schweinsäuglein trat ein gefährliches Glitzern. „Wollen wir wieder ein bißchen Abwechslung in die Mannschaft bringen?“
Alfredo Fernandez nahm das Spektiv vom Bug und grinste Alfonso an.
„Warum nicht?“ sagte er. „Bestimmt hat diese Galeone einiges in ihren Frachträumen, für das wir gute Verwendung haben. Also, gehen wir ans Werk. Schließlich wollen wir nicht dem lieben Gott den Tag stehlen. Sollte uns das Schiff einigermaßen unversehrt ins Netz gehen, könnten wir – wer weiß – vielleicht noch etwas damit anfangen. Es ist ein stolzes Schiff und gut gebaut. Scheint ein schneller Segler zu sein.“
„Das will nichts heißen, Señor Capitán.“ Alfonso dienerte. „Wir haben schon andere Brocken geschafft. Ich muß gestehen, es juckt mir schon in den Händen.“
„Mir auch, Alfonso“, sagte Alfredo Fernandez mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. „Außerdem sind wir in der besseren Ausgangsposition und haben das Überraschungsmoment auf unserer Seite. Das Schiff scheint im flachen Wasser vor Anker zu liegen und dürfte damit weit weniger manövrierfähig sein als wir. Auf was warten wir noch?“
Fernandez, der Piratenkapitän, rollte die Seekarte zusammen. Gleich darauf brachte er mit Unterstützung seines Profos hektisches Leben in seine Mannschaft, die sich lebhaft ausmalen konnte, was die plötzlichen Aktivitäten zu bedeuten hatten.
Wenig später klirrten Waffen, und nackte Fußsohlen trampelten über das Deck. Jeder Handgriff, den die verwegenen Gestalten taten, saß am richtigen Platz. Sie waren Piraten und verstanden schließlich ihr Handwerk.
In kurzer Zeit war die dickbauchige, aber immer wieder überraschend wendige „Esmeralda“ klar zum Angriff.
4.
Die Nacht hatte wenigstens einen Hauch von Abkühlung gebracht, und der neue Tag war mit einer leichten, wohltuenden Brise heraufgezogen. Wie ein glutroter Ball war die Sonne hinter der Kimm aufgetaucht. Schon wenig später hatte sie wieder damit begonnen, die Luft über der Baja de Marajo aufzuheizen.
Die „Isabella VIII.“ schwoite noch immer gemächlich an der Ankertrosse – zwei Kabellängen von der Flußmündung entfernt, an der das Wrack, mit dem sie gestern auf höchst ungemütliche Art Bekanntschaft geschlossen hatten, auf einer Sandbank lag.
In den Nachtstunden hatte sich manch einer der Männer an Bord, wenn er sich nicht gerade mit den lästigen Moskitos herumgeschlagen hatte, den Kopf über die Bedeutung der menschlichen Skelette zerbrochen, die dort drüben in den traurigen Schiffsresten auf dem Kielschwein hockten. Aber auch die Nacht hatte dieses Geheimnis nicht entwirren können, und so beschäftigte das ungelöste Rätsel nach wie vor die Mannschaft der „Isabella“.
Noch während des kräftigen Frühstücks, das der Kutscher zubereitet hatte, war das Wrack Mittelpunkt der Gespräche.
„Ein Wrack bedeutet nichts Gutes, Skelette schon gar nicht“, murmelte der alte O’Flynn. „Habe ich nicht gestern erst gesagt, daß es zwischen Himmel und Erde …“
„… Dinge gibt, die uns ganz fürchterlich auf den Magen schlagen, wenn man darauf wie auf zähem Stiefelleder herumkauen muß“, unterbrach ihn der Profos und warf dem Kutscher einen schrägen Blick zu, als könnte der etwas dafür, daß das Brot infolge des feuchten Klimas etwas zäh geworden war. Im selben Atemzug vollzog er mit einem klatschenden Geräusch die Hinrichtung zweier Moskitos, weil sie es gewagt hatten, sich auf seinem linken Unterarm niederzulassen.
Während der Kutscher vorzog, die Bemerkung des Profosses mit Mißachtung zu strafen, konnten sich einige ein Grinsen nicht verkneifen. Stenmark, der Schwede, mußte dabei den Mund wohl um einige Zoll zu weit verzogen haben. Jedenfalls verschluckte er sich und begann heftig zu husten.
„Ho, jetzt grassiert auch noch die Schwindsucht an Bord“, kommentierte der Profos und hieb dem blonden Stenmark seine Pranke in gutgemeinter Weise so kräftig auf den Rücken, daß dieser beinahe mit der Nase in die Muck getaucht wäre, die er krampfhaft in der linken Hand hielt. Auf jeden Fall war der Hustenanfall sofort vorüber, und die Männer begannen schallend zu lachen.
Old O’Flynn, dessen Rede so jäh unterbrochen worden war, wollte gerade wieder die Stimme erheben, aber da sorgte sein Sohn Dan, der den Moses Bill im Ausguck abgelöst hatte, dafür, daß er eine weitere tiefsinnige Bemerkung verschlucken mußte.
„Deck!“ rief Dan aus dem Großmars. „Eine Galeone, dick wie eine Seekuh, segelt in die Bucht!“
Die Männer horchten auf, und der Seewolf griff sofort zum Spektiv.
„Ist es ein Don?“ fragte Ben Brighton.
„Ich weiß nicht“, erwiderte Hasard. „Das Schiff ist noch etwas zu weit weg. Ein Name oder eine Flagge ist noch nicht zu sehen. Aber es hält direkt auf uns zu. Man muß uns natürlich ebenfalls gesehen haben.“
Auch Ben Brighton hatte inzwischen zum Kieker gegriffen.
„Die Galeone sieht zwar nicht unbedingt nach einem Piratenschiff aus, aber das muß nichts heißen“, stellte er dann fest. „Allerdings rechne ich eher damit, daß es ein Spanier ist.“
Hasard nickte. „Wir stellen uns auf jeden Fall auf eine Begegnung ein, um keine unliebsame Überraschung zu erleben. Hievt den Anker ein und setzt die Segel!“ brüllte er dann von Achterdeck. „Und klar Schiff zum Gefecht!“
Hasard wollte so rasch wie möglich aus dem flachen Wasser heraus, in dem die „Isabella“ vor Anker gegangen war, denn hier wäre das Schiff im Ernstfall wenig manövrierfähig.
Augenblicklich geriet Leben unter die Männer an Bord. Aber kein Handgriff und kein Schritt, die getan wurden, waren unnütz. Jeder wußte, was er zu tun hatte. Alles, was die Männer bis zum Augenblick noch bewegt hatte, war in diesem Moment zur Nebensache geworden. Niemand interessierte sich noch für das Wrack, das dort drüben auf der Sandbank lag, und niemand dachte noch über die rätselhaften Skelette nach.
Was im Moment zählte, war die Galeone, die hinter ihnen aufgetaucht war und von der man zunächst annahm, daß es sich um ein spanisches oder portugiesisches Schiff handele. Diese beiden Nationalitäten waren in dieser Gegend jedenfalls am häufigsten anzutreffen.
Pete Ballie, der Rudergänger, stand bereits im Ruderhaus, um die „Isabella“ so schnell wie möglich aus den flachen Gewässern herauszusteuern.
Der Waffen- und Stückmeister, Al Conroy, gab gerade den Befehl, die Stückpforten zu öffnen. Bill, der Moses, half dem Kutscher, die Kupferbecken mit den glühenden Holzkohlen aus der Kombüse zu holen und verteilte sie sofort auf die Geschütze.
Die beiden „Rübenschweinchen“, die Söhne des Seewolfs, die sich längst zu brauchbaren Schiffsjungen entwickelt hatten, waren eifrig damit beschäftigt, Sand auf der Kuhl auszustreuen, um den Füßen der Männer festen Halt auf den Decksplanken zu geben.
Während sich der Seewolf mit seinem Radschloß-Drehling und dem Schnapphahn-Revolverstutzen bewaffnete, um notfalls zahlreiche Schüsse zur Verfügung zu haben, besetzten Ben Brighton, Ed Carberry, der Kutscher und Old O’Flynn die Drehbassen.
Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann, wandte sich der von ihm erfundenen Schleudervorrichtung zu, die dem Abfeuern der verheerenden Flaschenbomben diente, und Batuti und Big Old Shane, der ehemalige Schmied der Feste Arwenack, spannten ihre Bogen, um damit notfalls ihre gefürchteten Brand- und Pulverpfeile auf den Gegner abzuschießen.
Auch die übrigen Männer waren auf Stationen: Smoky, Blacky, Gary Andrews, Matt Davies, Dan O’Flynn, Jeff Bowie, Sam Roskill, Bob Grey, Luke Morgan, Will Thorne und Stenmark.
Die Siebzehnpfünderculverinen waren längst ausgerannt, als die „Isabella“, die den letzten Fetzen Tuch gesetzt hatte, auf die dickbauchige Galeone zurauschte.
Ben Brighton setzte für einen Augenblick das Spektiv ab.
„Sie sind ebenfalls klar zum Gefecht!“ rief er. „Ihre Stückpforten sind hochgezogen, aber sie geben sich nicht zu erkennen.“
„Ist auch nicht mehr nötig“, erwiderte der Seewolf. „Schau dir mal die Kerle an Bord etwas genauer an. Ich fresse ein Pulverfaß, wenn das keine Piraten sind! Ed“, setzte er dann mit lauter Stimme hinzu, „begrüße die Schnapphähne mit einem Warnschuß!“
„Aye, aye, Sir!“ brüllte der Profos zurück. „Wir werden ihnen die Haut in Streifen von ihren karierten Affenärschen ziehen!“
Aber bevor er den Befehl des Seewolfs ausführen konnte, begann die Geschütze des Piratenschiffes Feuer und Eisen zu spucken.
Die Sonne stand hoch am Himmel und hatte den Dschungel rasch in einen kochenden, dampfenden Kessel verwandelt. Das Atmen wurde den sechs Männern, die von der „Esmeralda“ an Land gesetzt worden waren, um die Lebensmittelvorräte zu ergänzen, zur Qual. Aber sie waren rauhe Burschen, die bereits einiges gewohnt waren. Die meisten von ihnen hielten sich nicht das erste Mal im Dschungel auf und wußten, wie man sich hier zu verhalten und vor was man sich in acht zu nehmen hatte.
Schon seit einigen Stunden war der kleine, schwer bewaffnete Trupp unter der Führung des breitschultrigen Miguel Camaro unterwegs. Die verwegen aussehenden Männer hatten auch schon Erfolg gehabt. Sie hatten bereits ein kleines Wasserschwein erbeutet und es zusammen mit Maniok, Bananen und anderen Früchten zum Beiboot gebracht und dort mit einem Stück Segeltuch abgedeckt. Dann waren sie wieder in den Dschungel marschiert.
War zwischen ihrem Kapitän, Alfredo Fernandez, und dem Profos nicht von einem oder zwei Tapiren die Rede gewesen? Sie wollten jedenfalls, soweit das möglich war, die Wünsche des Kapitäns befolgen, denn manchmal war er unberechenbar und brutal. Aber sie wußten auch seine Großzügigkeit zu schätzen, wenn fette Beute erworben worden war.
Schwitzend bahnten sich die Männer einen Weg durch den stellenweise sehr dichten Dschungel. Oft mußten sie mit den großen Buschmessern einen Pfad durch das dichte Gestrüpp hauen, um voranzugelangen.
Die Schläge ihrer Buschmesser gingen zumeist in dem Geschrei der Affen und Vögel unter. Schon mehrmals waren sie erschreckt zusammengefahren, als sich plötzlich ein Schwarm bunter Papageien über ihnen aus dem Geäst eines Baumes erhoben und laut kreischend davongeflattert war.
Man mußte schon auf der Hut sein, in dieser tiefen, unerforschten Wildnis, in der tödliche Gefahren hinter jedem Baum und jedem Strauch lauern konnten. Tausend Stimmen aus den verschiedensten Richtungen übertönten ein rechtzeitiges Wahrnehmen etwaiger Gefahren.
„Können wir nicht mal eine Pause einlegen, Miguel?“ fragte José, ein kleiner, drahtiger Mann mit schwarzem Bart und einer breiten Narbe über dem linken Auge. „Verdammt, wir sind doch keine Sklaven! In dieser ekelhaften Hitze löst man sich ja fast auf. Dazu noch diese elenden Stechmücken.“
„Wir haben unseren Auftrag noch nicht erfüllt“, erwiderte Miguel Camaro. „Wir brauchen noch wenigstens ein bis zwei Tapire, sonst wird der Alte wild. Ausruhen könnt ihr hinterher an Bord, wenn’s dort gerade nichts Besseres zu tun gibt.“
„Aber wir haben doch noch mehr als einen halben Tag vor uns.“
„Mag sein“, sagte Miguel unnachgiebig. „Aber die Beute dürfte nicht gerade leicht zu transportieren sein. Sie bis zu unserem Boot zu schaffen, wird wesentlich länger dauern, als nur ein Fußmarsch durch den Busch. Ganz davon abgesehen, daß wir bis jetzt noch gar nichts erbeutet haben. Auch das kann noch eine Weile dauern. Sollten wir vorzeitig bei unserem Boot sein, ich meine, noch vor der ‚Esmeralda‘, dann können wir uns immer noch auf die faule Haut legen. Aber erst ist die Arbeit dran!“
Die Männer schnitten mürrische Gesichter und zogen es vor, den Mund zu halten.
Nach einer Weile ließ sich Miguel Camaro wieder vernehmen. „Wenn wir nicht auf Indianer stoßen, müssen wir die Arbeit selber erledigen. Hier in der Nähe haben wir das Wasserschwein erwischt. Also muß sich irgendwo in dieser Gegend auch Wasser befinden. Dort werden wir auch auf Tapire stoßen, denn die halten sich ja meist in Wassernähe auf. Am besten, wir teilen uns hier in zwei kleine Gruppen. Wer zuerst auf Wasser stößt, gibt zwei Musketenschüsse ab.“
Doch die Männer kamen nicht mehr dazu, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ein lautes Rascheln und Knacken im Gehölz, ein Trampeln und Rumoren ließ sie plötzlich zusammenfahren.
Die Geräusche mußten ganz aus der Nähe stammen.
Sofort verstummte das Gespräch der Piraten. Mit hastigen Griffen brachten sie ihre Musketen in Anschlag.
„Kein Wort mehr“, sagte Miguel mit leiser Stimme. „Mir nach!“
Rasch folgten die Männer ihrem Anführer durch das Unterholz, bis sich nach wenigen Schritten eine große, nur mit niedrigen Büschen und Sträuchern bewachsene Lichtung vor ihnen auftat. Nur vereinzelt ragte der Stamm einer Chonta-Palme in den Himmel. Zu ihrer Rechten fiel die Lichtung etwas ab, bis hin zu einem breiten Urwaldbach, der sich weiter hinten, irgendwo im Dickicht, verlor.
Aber nicht das war es, was die sechs Piraten von der „Esmeralda“ wie angewurzelt stehenbleiben ließ. Es war vielmehr das Geschehen, das sich vor ihren Augen auf der Lichtung abspielte.
Zwei merkwürdige Tiere liefen durch das Gestrüpp. Die Körper waren plump und außerdem hatten die Tiere lange und bewegliche Schnauzen und zierliche Füße an dünnen Beinen. Sie waren nicht viel größer als Schweine und rannten in panischer Angst durch das Gestrüpp.
Es waren unverkennbar Tapire, jene Dschungelbewohner, hinter denen die Männer der „Esmeralda“ her waren. Die beiden Tapire hatten die Richtung auf den breiten Urwaldbach eingeschlagen, weil sie meist, wenn sie eine drohende Gefahr bemerkten, dem Wasser zustrebten.
Und jetzt sahen die Piraten auch, was die beiden Tapire so in Panik versetzt hatte. Es waren fünf kleine, braune Gestalten mit langen blauschwarzen Haaren, die außer einer dünnen Schnur um den Leib nackt waren und von zwei Seiten auf die fliehenden Tiere zustürmten. In ihren Händen trugen sie lange Bambusrohre.
„Halt!“ zischte Miguel Camaro. „Das sind Indianer, und die kleinen, braunen Kerle sind hinter den Tapiren her. Seid vorsichtig! Die langen Bambusdinger, die sie in den Händen haben, sind nicht so harmlos, wie sie aussehen. Es sind Blasrohre, mit denen sie ihre vergifteten Pfeile abschießen. Wenn ein solcher Pfeil auch nur die Haut ritzt, muß das Opfer qualvoll sterben.“
„Warum erzählst du das, Miguel?“ flüsterte der kleine José. „Hältst du uns für blöd? Wir sind doch nicht das erste Mal im Dschungel, und mit Indianern hatten wir schon einige Male zu tun. Meinst du, wir wissen nicht, wie gefährlich diese Waffe ist?“
„Sei still jetzt!“ erwiderte Miguel mit zornigem Gesicht. „Sancho und Ibrahim, der Türke, sind das erste Mal mit uns auf Jagd. Es schadet nicht, wenn sie rechtzeitig erfahren, daß sie vorsichtig sein müssen.“
Die beiden Tapire begannen Haken zu schlagen. Aber auch die fünf braunhäutigen Indianer waren flink wie Katzen. Sie verstanden es, die Tapire einzukreisen und rückten so immer näher an sie heran. Der erste stoppte bereits seine Schritte und hob das gefährliche Blasrohr an den Mund. Es war bestimmt länger als zwei Yards.
Da zerschnitt die Stimme Miguels die Stille. „Los, José, leg die Muskete an! Du zielst auf das erste Tier und ich auf das zweite. Die kaufen wir uns rechtzeitig. Ihr anderen behaltet die Indianer im Auge. Schießt nicht auf die Tiere, sondern spart euch die Kugeln für die kleinen, braunen Teufel auf. Feuer, José!“
Zwei Schüsse krachten. Das Tier, das sich Miguel Camaro vorgenommen hatte, bäumte sich kurz auf und ging zu Boden. Der andere Tapir jedoch rannte unbeirrt weiter und hatte schon fast das Wasser erreicht.
„Verdammt!“ zischte Miguel Camaro. „Warum hast du nicht besser gezielt? Hast du keine Augen im Kopf? Oder hast du vielleicht Schiß vor den Indianern?“
José sagte nichts, warf aber Miguel einen bösen Blick zu. Für einen Streit oder auch nur einen kurzen Wortwechsel wäre jetzt auch keine Zeit gewesen.
Als die beiden Schüsse über die Lichtung gepeitscht waren, suchte eine Schar Wollaffen mit lautem Geschrei das Weite. Die kleinen, braunen Männer mit den langen, schwarzen Haaren blieben plötzlich wie angewurzelt stehen. Für einen Moment waren sie starr vor Schreck, denn sie hatten während der Tapirjagd nicht auf ihre Umgebung geachtet.
Aber der Schreckmoment war nur sehr kurz. Dann geriet plötzlich wieder Leben in die nackten Gestalten. Wie auf Kommando drehten sie sich um und hetzten auf das Uferdickicht des breiten Urwaldbaches zu.
„Los, Leute, nur nicht einschlafen!“ brüllte Miguel Camaro. „Kauft euch die Burschen, bevor sie dort irgendein Boot erreichen und verschwinden. Sie können uns das Fleisch des Tapirs zur Bucht tragen. Darüber wird sich mancher von euch bestimmt freuen. Auf, ihnen nach!“
Mit lauten Flüchen nahmen die sechs Piraten die Verfolgung der Indianer auf.
José, der wohl meinte, die vorausgegangene Schlappe wieder ausgleichen zu müssen, stoppte plötzlich seine Schritte, ging in die Knie, legte erneut an und schoß.
Ein Feuerstrahl fuhr aus dem Lauf der Muskete, und Pulverdampf wolkte hinterher.
Im selben Augenblick begann einer der Indianer zu taumeln, stürzte zu Boden und wollte sich wieder aufrappeln, blieb dann aber still liegen.
José hatte ihn erwischt.
Der Pirat ging aus der Hocke und lief weiter. Einem seiner Kameraden drückte er noch während des Laufens die leergeschossene Muskete in die Hand.
„Lade sie nach!“ rief er. „Und gib deine her!“
Er wartete gar nicht erst ab, sondern riß Ibrahim, dem Türken, die Waffe aus der Hand. „Ich werde mir den nächsten kaufen. Paß mal auf, wie man das erledigt!“
Wieder stoppte er und riß die Muskete hoch, um zu zielen. Da trat eine unerwartete Wende ein.
Die braunen Männer hatten das Ufer des Baches erreicht und zogen blitzschnell ein langes, schmales Boot aus dem Dickicht. Drei davon drehten sich plötzlich um, hoben die langen Blasrohre, und dann zischten drei tödliche Pfeile den Verfolgern entgegen – völlig still und lautlos, ohne Krachen und Pulverdampf.
Zwei der kleinen Pfeile, deren Spitzen man in irgendein hochgiftiges Gebräu getaucht hatte, verfehlten ihr Ziel. Sie verloren sich irgendwo im Gebüsch.
Aber einer der Pfeile traf, und zwar José, der gerade den Hahn der Muskete durchziehen wollte. Er stieß einen kurzen Schrei aus, verdrehte die Augen und ließ die Waffe fallen. Dann kippte er langsam zur Seite. Für einen Augenblick lag er still, dann begann sich sein Körper in Krämpfen zu winden.
Es war gut für die anderen, daß sie sich im Moment ganz auf die flüchtenden Indianer konzentrieren mußten, sonst wäre ihnen das Blut in den Adern erstarrt, wenn sie den Todeskampf Josés miterlebt hätten.
Die Indianer hatten es inzwischen geschafft, ihr langes, aber sehr leichtes Boot in das flache Wasser zu bringen. In Windeseile tauchten sie die Riemen ein und pullten los. Gleich darauf verschwanden sie in der Dunkelheit des dichten Blätterdaches, das über dem Bach zusammenwuchs. Die Kugeln, die die Piraten noch hinterherschickten, verfehlten ihr Ziel.
Miguel Camaro war wütend und ließ eine Serie der lästerlichsten Flüche vom Stapel, als sie zu jener Stelle zurückgekehrt waren, an der José lag. Er war inzwischen tot. Mit weit aufgerissenen Augen lag er auf dem Rücken und blickte ins Leere.
Betroffen sahen sich die Männer an. Hatten sie nicht noch vor wenigen Augenblicken über die Gefährlichkeit der Giftpfeile gesprochen? Und hatte nicht gerade José seinen Unmut darüber geäußert? Jetzt lag er da – mit gebrochenen Augen, deren Blick sich in der endlosen Weite des blauen Himmels verlor.
„Fernandez wird toben“, sagte Miguel, „denn José war ein vielseitig verwendbarer Mann. Aber wir können es nicht mehr ändern. Da hätte er eben besser aufpassen müssen. Los, sehen wir zu, daß wir ihn notdürftig begraben. Und dann wird der Tapir ausgenommen und zum Beiboot getragen, verstanden? Und beeilt euch gefälligst, sonst kann es passieren, daß wir noch die ganze Meute auf den Hals kriegen.“
Sofort gingen die vier übrigen Männer an die Arbeit, nicht ohne von Zeit zu Zeit innezuhalten und verstohlene Blicke zum Waldrand hinüberzuwerfen.
Die schweren Eisenkugeln, die das Piratenschiff abgefeuert hatte, verfehlten ihr Ziel nur um Haaresbreite. Zwei der Kugeln klatschten unmittelbar vor der Steuerbordseite der „Isabella“ ins Wasser und rissen hohe, gischtende Fontänen auf.
„Laßt uns die passende Antwort geben!“ brüllte Philip Hasard Killigrew vom Achterdeck. „Feuer!“
Augenblicklich war in der stillen und scheinbar so friedlichen Baja de Marajo, in der einige Urwaldflüsse zusammenströmten und ihre ungeheuren Wassermassen in den Atlantik ergossen, die Hölle los.
Kaum hatte der Seewolf den Schießbefehl erteilt, dröhnte der vielstimmige Schlachtruf seiner Crew zu dem angreifenden Piratenschiff hinüber.
„Ar-we-nack – Ar-we-nack!“ tönte es aus rauhen Männerkehlen. Und im selben Atemzug sollten die Angreifer zu spüren kriegen, was dieser Schlachtruf zu bedeuten hatte.
Die acht Siebzehnpfünderculverinen auf der Steuerbordseite der „Isabella“ brüllten los und stießen mit ungeheurer Wucht ihre Ladungen aus den Rohren. Die Culverinen rollten zurück, und grauschwarze Wolken von Pulverdampf zogen über die Kuhl.
Während eine Kugel die Schmuckbalustrade auf dem Achterdeck des Piratenschiffes wegfegte und einen Trümmerregen auf das Wasser der Bucht niedergehen ließ, zerfetzte eine weitere Kugel den Besanmast und ließ den Angreifern die Holzsplitter um die Ohren fliegen. Ein drittes Geschoß schlug der Galeone, deren Name „Esmeralda“ nur mit Mühe zu entziffern war, ein Loch in die Bordwand, und zwar direkt unterhalb eines Geschützes.
Laute Flüche und Wutgeschrei drang zu den Seewölfen herüber. Dazwischen ertönte ein erschreckter Ausruf, der an Bord der „Isabella“ deutlich zu verstehen war.
„El Lobo del Mar! Das ist El Lobo de Mar, Señor Capitán“, brüllte eine Stimme auf Spanisch. Die Piraten mußten also begriffen haben, mit wem sie sich da angelegt hatten.
Aber es blieb ihnen nur wenig Zeit, darüber weiter nachzudenken, denn Ed Carberry und der Kutscher hatten inzwischen die Lunten in die Zündlöcher je einer der beiden vorderen und achteren Drehbassen gestoßen. Unmittelbar darauf prasselte ein verheerender Regen aus Eisenstücken zu der dickbauchigen Galeone hinüber.
Als Folge wies das Focksegel der „Esmeralda“ ein wüstes Lochmuster auf, und zwei Gestalten mit Stirnbinde und zerlumpten Leinenhosen schrien auf und gingen hinter dem Schanzkleid auf die Planken.
Aber auch die Piraten waren inzwischen nicht untätig gewesen. Offensichtlich hatten sie ihre Geschütze inzwischen nachgeladen.
Seit der überraschte Ausruf „El Lobo del Mar!“ die Besatzung des Piratenschiffes aufgeschreckt hatte, erreichten die Aktivitäten an Bord der „Esmeralda“ einen Zustand der Hektik. Dazu trugen sicherlich auch die geballten Ladungen bei, die ihnen die Seewölfe bis jetzt verpaßt hatten.
Eine solch rasche und verheerende Reaktion hatten sie von der „Isabella“, die sie wahrscheinlich für ein spanisches Handelsschiff gehalten hatten, nicht erwartet. Trotzdem schienen sie nach wie vor entschlossen zu sein, den Kampf für sich zu entscheiden.
Zum zweiten Male krachten die Geschütze des Piratenschiffes und schickten ihre Ladung zur „Isabella“ herüber.
Diesmal zerfetzte eine Kugel teilweise die Balustrade, die die Back zum Galionsdeck hin abgrenzte.
Eine weitere Kugel ließ den Profos der „Isabella“, der an einer achteren Drehbasse auf Station war, rasch den Kopf einziehen. Und diese Reflexbewegung war es wohl auch, die ihn vor ernsterem Schaden bewahrte. Die übrigen Geschosse waren zu kurz gesetzt und peitschten das Wasser in unmittelbarer Nähe der „Isabella“ auf.
Noch während die Culverinen der „Isabella“ ausgewischt und nachgeladen wurden, begannen wieder die Drehbassen auf dem Vorder- und Achterdeck, die außer von Ed Carberry und dem Kutscher noch von Old O’Flynn und Ben Brighton bedient wurden, Feuerstöße zur „Esmeralda“ hinüberzuschicken.
„Jawohl, zeigt es ihnen!“ schrie der Profos, der um Haaresbreite dem Verhängnis entgangen war. „Zeigt diesen Bilgengespenstern, was passiert, wenn man mit Eisenbröckchen nach uns wirft. Ho, Leute, drauf auf diese Kanalratten!“
Wenig später entlud sich auch seine Drehbasse wieder mit heftigem Krachen und einer Wolke von Pulverdampf.
Schreie, die von dem Piratenschiff herüberdrangen, zeigten, daß der Feuerregen nicht ohne Folgen geblieben war. Die Löcher im Focksegel hatten sich inzwischen reichlich vermehrt.
Ein wüstes Gebrüll in mehreren Sprachen war die Antwort. Gleich darauf gingen die Seewölfe in Dekkung, um dem Metallsegen der beiden PiratenDrehbassen zu entgehen. Die Geschosse richteten jedoch außer einigen geringfügigen Schäden am Besansegel nicht viel an.
Der wilde Haufen an Bord der „Esmeralda“ mußte inzwischen nervös und hektisch geworden sein. Man nahm sich kaum noch die Zeit, ein Ziel anzuvisieren und brachte sich damit in eine Gefechtssituation, die den Seewölfen absolut fremd war.
Die Männer an Bord der „Isabella“ kannten keine Kopflosigkeit. Jeder Handgriff, den sie taten, war überlegt, erprobt und sorgfältig abgewogen. Das war es, was sie ihren Gegnern voraushatten.
Auch Big Old Shane und Batuti, der schwarze Mann aus Gambia, hatten nur auf ein Zeichen des Seewolfs gewartet. Sofort schnellten die ersten beiden Pulverpfeile von den Sehnen ihrer Bogen und zogen eine Rauchspur hinter sich her.
Die Wirkung blieb nicht aus. Augenblicke später bereits waren die Detonationen zu hören, gleich darauf züngelten an vielen Stellen der „Esmeralda“ kleine Flammen hoch.
Aus der Hektik an Bord des Piratenschiffes entstand Wuhling. Erstaunte Rufe tönten über das Deck, und eine hohe Stimme brüllte nach Wasser. Gleich darauf konnte man beobachten, wie einige Männer über die Kuhl rannten und eine Pütz Wasser nach der anderen anschleppten, um das auflodernde Feuer zu löschen.
Eine Entscheidung stand dicht bevor.
Philip Hasard Killigrew rechnete damit, daß die Piraten, sobald sie das Feuer unter Kontrolle hätten, gewissermaßen in einem letzten Aufbäumen versuchen würden, die Isabella zu entern. Aber dem wollte er rechtzeitig einen Riegel vorschieben.
„Feuer!“ tönte wieder die Stimme des Seewolfs über die Decks der „Isabella“.
Der schwarzhaarige, fast sechs Fuß große Mann stand wuchtig wie ein Denkmal auf seinem Platz und beherrschte souverän die Lage. Nicht zuletzt diese eiserne Ruhe und Besonnenheit waren es, die immer wieder auf seine Männer übergriffen und sie selbst in den kniffligsten Situationen veranlaßten, Ruhe zu bewahren und mit Verstand vorzugehen. Seine sachkundige Führung und die Ergebenheit seiner Leute war es, was die Crew der „Isabella“ zu einer Mannschaft zusammengeschweißt hatte, die weder Tod noch Teufel fürchtete.
Es war nicht von ungefähr, daß die englische Königin Elisabeth I. diesen Mann, der über einen Kaperbrief verfügte, zum Ritter geschlagen hatte. Philip Hasard Killigrew wußte diese Geste zwar zu schätzen, legte aber keinerlei Wert darauf, Sir Hasard genannt zu werden. Was er von seinen Männern erwartete, war keine kriecherische Ergebenheit, sondern eine aufrichtige Partnerschaft. Und die war stets auf der „Isabella“ zu finden, bis hin zum letzten Mannschaftsglied.
Noch während eine Breitseite der „Isabella“ zu dem Piratenschiff hinüberbrüllte und verheerende Schäden anrichtete, gab der Seewolf den Befehl, hart nach Steuerbord abzulaufen, bis nur noch das Heck der „Isabella“ den Angreifern zugewandt war.
Dann traten auf sein Zeichen hin noch einmal die achteren Drehbassen in Aktion, und das schien die Piraten wohl endgültig davon zu überzeugen, daß sie sich etwas zu viel vorgenommen hatten, als sie den schlanken Rahsegler in der Bucht von Marajo erblickt hatten.
Weitere Schlappen konnten sie sich jedenfalls nicht mehr leisten. Gegen dieses englische Schiff, das – wie sie wohl erkannt hatten – unter dem Befehl des legendären „Lobo del Mar“, des Seewolfs, stand, konnten sie sich im Moment keinerlei Chancen mehr ausrechnen. Deshalb zögerten die verwegenen Gestalten an Bord der „Esmeralda“ auch keinen Augenblick, die Befehle ihres Kapitäns zu befolgen.
„Heißt Blinde und Marssegel!“ brüllte eine Stimme so laut, daß sie auf der „Isabella“ zu hören war.
Und die Seewölfe wußten sehr wohl, was dieser Befehl zu bedeuten hatte: Die Piraten gaben auf und suchten jetzt schleunigst ihr Heil in der Flucht. Wahrscheinlich befürchteten sie für ihr schwer angeschlagenes Schiff das Schlimmste.
Ein zufriedenes Grinsen zog über die verschwitzten Gesichter der Männer an Bord der „Isabella“. Bis jetzt hatten sie im Eifer des Gefechtes die brütende Hitze, die über der Bucht und dem Dschungel lag, kaum wahrgenommen. Erst jetzt, da die Piratengaleone die Flucht ergriff und sie sich wieder etwas mehr auf sich selbst konzentrieren konnten, merkten sie, daß der Schweiß nicht nur in Rinnsalen und Bächen über ihre Körper lief, sondern in Strömen. Trotzdem hielten sie sich nicht zurück, dem fliehenden Seeräuberschiff noch ein lautes „Ar-we-nack“ hinterherzubrüllen. Nur hörte sich dieser Schlachtruf diesmal wie eine Trompete des Sieges an.
Auch Ed Carberry, der bullige Profos der „Isabella“, zog ein zufriedenes Gesicht.
„Ho, war das etwa nichts, Männer?“ rief er. „Der fetten ‚Esmeralda‘ haben wir doch anständig was auf den Achtersteven gegeben. Diese verlausten Kakerlaken werden sich bestimmt nicht mehr in unserer Nähe blicken lassen. Wenn sie es trotzdem tun, dann werde ich jedem einzelnen von ihnen eigenhändig die Haut in ganz schmalen Streifen …“
Der Rest der vom Profos angekündigten Zeremonie ging im Lachen der Seewölfe unter, die sofort damit begannen, auf der „Isabella“ die Spuren des kurzen Kampfes zu beseitigen.
5.
Die Mittagszeit war nicht mehr fern, und die Sonne würde bald ihren höchsten Stand erreichen. Unbarmherzig verwandelte sie das Land, das nur achtzig Seemeilen südlich des Äquators liegt, in eine schwüle Dunstglocke.
Auf der „Isabella“, der ranken Galeone der Seewölfe, war bereits kurze Zeit nach dem Gefecht mit den Piraten wieder Ruhe eingekehrt.
Die meisten Schäden waren belanglos und würden sich rasch beseitigen lassen. Die Männer hatten sofort damit begonnen, nachdem die „Esmeralda“ schwer angeschlagen aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden war.
Es wäre ein Leichtes für den Seewolf gewesen, das fliehende Seeräuberschiff zu verfolgen und auf Grund zu schicken, aber gemäß seiner Auffassung hätte ein solches Verhalten, wenn kein zwingender Grund vorlag, den Regeln der Fairneß widersprochen. Die Piranhas hatten angegriffen, und ihr Angriff war kräftig zurückgeschlagen worden. Allein die panische Flucht der dickbauchigen Galeone war ein Beweis dafür, daß den Schnapphähnen vorerst jegliche Angriffslust vergangen war.
Sofort nach dem Verschwinden der „Esmeralda“ hatte Hasard Befehl gegeben, zum ursprünglichen Ankerplatz zurückzukehren. Die Mannschaft der „Isabella“ wollte schließlich noch ein Rätsel lösen, das die Männer, nachdem das kurze Gefecht vorbei war, erneut zu beschäftigen begann – das Rätsel um die menschlichen Skelette in der wrakken Galeone. Mittlerweile sahen sie eine Aufgabe darin, dieses Geheimnis zu lüften. Und davon wollten sie sich auch von der sengenden Hitze nicht abhalten lassen.
Hasard ließ das Beiboot abfieren.
Als Sir John, der Aracanga-Papagei, das sah, verließ er sofort die Vormarsrah und schwang sich zur Kuhl hinunter. Sein Ziel war die linke Schulter Ed Carberrys, mit dem ihn eine besonders enge, wenn auch manchmal rauhe Freundschaft verband.
„An die Brassen!“ krächzte der Vogel. „Hopp, hopp, ihr lahmen Säcke!“ Dabei äugte er neugierig zu den Männern hinüber, die das Beiboot ins Wasser brachten. Da ihm die Arbeit offensichtlich zu langsam vonstatten ging, setzte er noch ein wütendes „Affenärsche! Rübeschweine!“ hinzu, bis ihn Ed Carberry von seinem Landeplatz vertrieb.
Aber auch Sir John war von der harten Sorte, und der Profos mußte sich von der Großrah herunter klipp und klar sagen lassen, daß er „backbrassen“ solle.
Als Ed Carberry drohend die Fäuste nach oben schwang, zog es der karmesinrote Papagei vor, auf seinen Lieblingsplatz, hoch oben auf der Vormarsrah, zurückzukehren.
Hasard benannte inzwischen den kleinen Landtrupp, der unter seiner Führung zur Sandbank hinüberpullen sollte.
Außer Ed Carberry waren diesmal Stenmark, Matt Davies und der schwarze Herkules Batuti mit dabei.
Ferris Tucker, der sich während des gestrigen Landausfluges ebenfalls mit dem gefährlichen Mohrenkaiman herumgeschlagen hatte, wurde noch an Bord der „Isabella“ gebraucht, um die Holzschäden auszubessern, die während des Piratenangriffs an der Balustrade zwischen Back und Galionsdeck entstanden waren.
Philip und Hasard, die Zwillinge, hatten sich inzwischen an ihren Vater herangepirscht.
„Dad“, sagte Philip junior mit hoffnungsvollem Blick, „hast du nicht einmal gesagt, daß es nicht genügt, seinen Kopf nur mit vielen Theorien vollzustopfen, sondern daß man vor allem auch die Praxis kennenlernen muß?“
Für einen Moment sah der Seewolf seinen Sprößling irritiert an. „Ja – ja, natürlich, du hast recht. Aber was bezweckst du mit dieser Frage?“
„Nun ja“, erklärte Philip junior, „Mister Brighton hat uns gestern erzählt, daß es hier viele Tiere gibt. Ich meine, außer dem riesigen Krokodil, mit dem ihr gekämpft habt. Und da dachten wir, daß wir – nun ja, wir könnten uns natürlich entsprechend bewaffnen …“
„Aha!“ sagte Hasard. „Daher also weht der Wind, von wegen Theorie und Praxis. Tut mir leid, ihr beiden, auf die Praxis werdet ihr heute noch mal verzichten müssen. Die werdet ihr noch früh genug kennenlernen. Wenn wir da rüberpullen, dann ist das eine Fahrt ins Ungewisse. Wir haben keine Ahnung, was dort drüben geschehen ist und was uns dort erwartet. Vorerst brauchen wir zwei starke Männer wie euch noch dringend hier an Bord. Was ist, wenn noch einmal ein Piratenschiff hier auftaucht? Mister Brighton ist dann auf jeden Mann an Bord angewiesen, auch auf euch, zumal er euch schon einmal an den Drehbassen eingesetzt hat.“
Im ersten Augenblick zeigten die beiden Zehnjährigen ein enttäuschtes Gesicht. Aber dann, als sie die Worte ihres Vaters, der von starken Männern und von Drehbassen sprach, verdaut hatten, blickten sie plötzlich stolz in die Runde. Daß sie auch nicht eher darauf gekommen waren! Klar, daß sie an Bord der „Isabella“ gebraucht wurden. Völlig logisch, was sollte sonst Mister Brighton ohne sie nur anfangen?
„Aye, aye, Sir!“ sagten die beiden wie aus einem Munde, und damit war der Fall vorerst erledigt.
Philip Hasard Killigrew nahm als Bootsführer auf der achteren Ducht des Beibootes Platz, nachdem der kleine Trupp von der „Isabella“ abgeentert war. Die übrigen Männer legten sich kräftig in die Riemen.
„Ob wir heute wohl mehr Glück haben als gestern?“ fragte Ed Carberry. Seine Augen glitten dabei über die glitzernde Wasserfläche.
„Auf den ersten Anhieb wohl kaum“, meinte Hasard. „Aber heute steht uns wesentlich mehr Zeit zur Verfügung, in der wir uns auch die weitere Umgebung des Wracks etwas näher ansehen können.“
Auch der blonde Stenmark und Matt Davies, ein kräftiger Mann, dessen Haare durch ein schreckliches Erlebnis mit Haien vorzeitig ergraut waren, brannten darauf, die mysteriöse Stätte dort drüben auf der Sandbank kennenzulernen.
Gleich ihrem Kapitän und dem Profos waren auch sie schwer bewaffnet. Der gestrige Angriff des Mohrenkaimans war für alle ein Warnsignal gewesen, das in höchst gefährlicher Weise daran erinnert hatte, wie ernst die vielfältigen Überraschungen und Gefahren des Dschungels genommen werden mußten.
Matt Davies, dessen fehlende rechte Hand durch eine von Ferris Tukker angefertigte Spezialmanschette ersetzt worden war, die unten in einem Metallring mit spitzgeschliffenem Haken auslief, sah dadurch furchterregend aus. Und gar mancher, der im Nahkampf mit dieser recht vielseitig verwendbaren Prothese Bekanntschaft geschlossen hatte, konnte bestätigen, daß dieser Eindruck nicht fehl am Platze war.
In gleichmäßigem Rhythmus tauchten die Riemen ins Wasser und brachten das Beiboot der „Isabella“ immer näher an die Sandbank heran. Deutlich war bereits das Mangrovendickicht zu erkennen, das sich im Hintergrund fast bis an das Wrack heranschob.
In unmittelbarer Nähe des Wracks mündete ein kleiner Fluß, der höchstens eine Kabellänge, also zweihundert Yards, breit war. Das war nicht viel im Vergleich zu den gewaltigen Strömen, die sich, wie beispielsweise der noch etliche Seemeilen entfernte Rio Tocantins, in die Baja de Marajo ergossen.
Hasard blickte als erster wie erstarrt zu der Galeone hinüber, von der nur noch das Spantengerippe übriggeblieben war.
Ed Carberry, Batuti, Matt Davies und Stenmark folgten seinem Blick, dann huschte ein erstaunter Ausdruck über ihre Gesichter. Vergeblich versuchten sie, die Skelette durch das Gerippe des Wracks, dessen Beplankung vollständig fehlte, zu entdecken. Sie waren verschwunden, ganz einfach weg, als wären sie nie dagewesen.
Der Profos fand als erster die Sprache wieder.
„Ich weiß genau“, sagte er, „daß ich heute noch keinen einzigen Schluck Rum getrunken habe. Und ich werde auf der Stelle des Teufels Großmutter heiraten, wenn dort drüben auch nur noch ein einziger Knochenmann auf dem Kielschwein hockt.“
Nachdem die erste Verblüffung vorbei war, sagte der blonde Stenmark: „Schade, Ed, daß aus dieser Hochzeit nichts wird. Ich hätte zu gern als Brautjungfer teilgenommen. Aber dort drüben ist wirklich kein einziges Skelett zu sehen.“
Das Boot war inzwischen an der flachen Sandbank angelangt. Nachdem sich die Männer vergewissert hatten, daß im Moment zumindest keiner der gefährlichen Mohrenkaimane zu sehen war, sprangen sie in das niedrige Wasser und zogen das Boot ein Stück auf den Sand.
Wenig später standen sie, Musketen in der Hand und Pistolen und Entermesser im Gürtel, vor dem Gerippe, das einmal eine Galeone zusammengehalten hatte.
Es war tatsächlich kein einziger Knochen mehr zu sehen. Dort, wo am Vortag noch ein gutes Dutzend Skelette, die alle ziemlich klein gewesen waren, auf dem Kielschwein gesessen hatte, herrschte jetzt gähnende Leere.
„Die können doch nicht von selber weggelaufen sein“, ließ sich der grauhaarige Matt Davis vernehmen. „Vielleicht hat sie das Wasser fortgespült?“
Hasard schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich, dazu ist es viel zu flach. Selbst die Flut hat gestern das Wrack nur zwei Handbreiten unter Wasser gesetzt. Das reicht natürlich nicht aus, um die Skelette oder gar das Wrack wegzutragen. Die Reste der Galeone müssen deshalb schon sehr lange am selben Platz liegen, und auch die Skelette waren sicherlich schon längere Zeit hier.“
„Also müssen die Skelette geholt worden sein“, stellte der Profos fest. „Aber von wem?“
„Es bleibt nur die Schlußfolgerung, daß sie in der Nacht von Indianern oder Buschmännern abgeholt worden sind“, sagte Hasard und legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Es müssen Skelette von Eingeborenen gewesen sein“, setzte er noch hinzu, „zumindest wenn man die Größe in Betracht zieht. Vielleicht hat man uns gestern beobachtet und befürchtet, daß wir die Ruhe der Toten stören könnten, wer weiß.“
Stenmark blickte sich unwillkürlich um. „Das heißt also, daß wir hier mit Indianern oder Buschmännern rechnen müssen.“
Hasard nickte. „Ich nehme es an. Übrigens, Sten und Matt, ihr beide habt doch in der vergangenen Nacht Wache gehabt. Ist euch da nichts aufgefallen?“
Die beiden Männer blickten sich einen Moment fragend an und schüttelten dann die Köpfe.
„Nein“, sagte Stenmark, „mir ist absolut nichts aufgefallen. Es war zwar nicht gerade stockfinster, aber trotzdem habe ich bei der Entfernung keine einzige Bewegung hier auf der Sandbank bemerkt.“
„Ja, und hören konnte man natürlich auch nichts“, pflichtete ihm Matt Davies bei. „Denn gerade nachts ist der ganze Klamauk, der vom Urwald bis zum Schiff herüberdringt, ohrenbetäubend.“
Gesehen hatte auch er nichts.
„Wie dem auch sei“, sagte Hasard, „die Kerle müssen es fertiggebracht haben, während der Nacht die Skelette abzutransportieren, ohne daß etwas aufgefallen ist.“
Irgendwie gefiel ihm die ganze Sache nicht, und manchmal hatte er das Gefühl, als würden sie von tausend unsichtbaren Augen belauert.
Er kannte schließlich die Indianer und deren Einstellung zu den Weißen, die immer wieder versuchten, ihnen das aufzudrängen, was sie unter „Zivilisation“ verstanden.
Besonders die Spanier und Konquistadoren hatten daran den Hauptanteil. Die „Zivilisation“, die sie den Eingeborenen bis jetzt gebracht hatten, bestand größtenteils aus Bekehrungen und üblen Krankheiten, an denen zum Teil ganze Volksstämme zugrunde gingen. Kein Wunder also, daß die meisten Indianer immer wieder Weiße mordlustig angriffen und dabei ihren aufgestauten Haß ins Spiel brachten.
„Wenn es hier Eingeborene gibt“, unterbrach Ed Carberry die Überlegungen Hasards, „dann haben die uns natürlich längst bemerkt. Die verschwundenen Skelette beweisen das ja. Aber das bedeutet für uns auch, daß wir unsere Augen verdammt offenhalten müssen, wenn unsere Schädel nicht als Schrumpfköpfe an irgendeinem Hütteneingang baumeln sollen. Die kleinen, braunen Kerle verstehen sich darauf.“
Die rauhen Männer konnten nicht verhindern, daß ihnen bei dieser Bemerkung des Profosses ein kalter Schauer über den Rücken lief. Sie waren bereits früher den Tsantas, den oft nur faustgroßen Schrumpfköpfen, begegnet, die die Indianer durch ein besonderes Verfahren aus den Köpfen besiegter Feinde herstellten.
Selbst jene Eingeborenen, die durch die verschiedenen Ansiedlungen häufigen Kontakt zu Weißen hatten, waren nach wie vor auf Tsantas mindestens genauso verrückt wie auf den Schnaps und die Waffen der weißen Siedler und Abenteurer.
„Bis jetzt haben wir unsere Köpfe noch“, unterbrach Hasard das betretene Schweigen, „und zwar in altgewohnter Größe. Nur sollten wir tatsächlich darauf achten, daß wir sie auch behalten.“
Unwillkürlich schlossen sich die Hände der Männer fester um die Waffen, die sie bei sich trugen.
Batuti hatte während des Gespräches damit begonnen, das Gerippe der Galeone zu umrunden. Er versuchte, Fußspuren im Sand zu entdecken. Seinen scharfen Augen entging kein Zoll der Sandbank, vom Wasser bis hinüber zum beginnenden Mangrovendickicht.
Aber die Mühe war vergebens, es war kein Anzeichen einer Spur zu finden. So blieb nur der Schluß, daß die Flut inzwischen alle Spuren verwischt haben mußte.
Schulterzuckend kehrte der schwarze Herkules, der vor Jahren in einer Mission gebrochen Englisch gelernt und bis zu seiner Befreiung durch den Seewolf als Sklave unter Spaniern gelebt hatte, zu den übrigen Männern zurück.
„Keine Spuren“, sagte er. „Batuti nichts finden. Buschmänner müssen Flügel haben wie Sir John.“ Mit beiden Armen ahmte er die Flugbewegungen des Aracanga-Papageis nach und verzog sein knochiges Gesicht zu einem breiten Grinsen.
Doch seine Gesichtszüge wurden jäh wieder ernst. „Da!“ sagte er und deutete zum Dschungelrand hinüber. „Batuti hat etwas gesehen.“
Seine muskulöse Gestalt straffte sich, und in diesem Moment glich er einem sprungbereiten Löwen, der seine Beute ins Auge gefaßt hat.
„Was hast du gesehen?“ knurrte Ed Carberry. „Ein Bilgengespenst vielleicht?“
„Nix Gespenst“, sagte Batuti, der unverwandt zu der scheinbar undruchdringlichen grünen Mauer hinüberstarrte. „Es war kleines, braunes Mann. Es hat uns gesehen, dann schnell wieder weg. Batuti hat gute Augen. Sieht nix Gespenster. Da – wieder braunes Gestalt“, setzte er hinzu.
Noch während die übrigen Männer angestrengt zum Waldrand hinübersahen, ohne etwas Auffälliges wahrzunehmen, geriet Leben in die schwarze Gestalt Batutis.
Ohne noch ein Wort zu sagen, schnellte der Mann aus Gambia wie ein Pfeil von der Sehne los und jagte mit langen Sprüngen auf das Mangrovendickicht zu.
Der kleine Piratentrupp unter der Führung Miguel Camaros hatte den Tapir, den sie den Indianern abgejagt hatten, fachgerecht ausgenommen.
Nun banden sie dem Tier die Füße zusammen und hängten es an ein langes, kräftiges Aststück. Ibrahim, der Türke, und ein Araber namens Abdullah packten die Last und legten sich die Stangen über die Schultern. Die übrigen Männer sicherten mit ihren Waffen den Transport, der sich rasch in Bewegung setzte, und zwar in Richtung Küste, wo in ihrem Beiboot bereits ein erlegtes Wasserschwein und verschiedene Früchte auf sie warteten.
Obwohl der Weg beschwerlich war und den Piraten der Schweiß in Strömen über den Körper rann, versuchten sie, so rasch wie möglich ihr Ziel zu erreichen. Sie achteten kaum auf die Scharen von lästigen Insekten, die ihnen brennende und jukkende Bißwunden beibrachten und auch nicht auf die Zweige, die ihnen blutige Striemen ins Gesicht schlugen.
Der Grund für ihre Eile war nicht schwer zu erraten. Er lag bei den kleinen, nackten Gestalten, denen sie den Tapir abgejagt hatten. Und José, einer der brauchbarsten Männer an Bord der „Esmeralda“, hatte dafür mit dem Leben bezahlt. Er war einen harten, grausamen Tod gestorben, verursacht durch einen vergifteten Pfeil, der ihm in die rechte Schulter gefahren war.
Obwohl auch José einen Indianer durch einen Musketenschuß getötet hatte, war Miguel Camaro davon überzeugt, einen schlechten Tausch abgewickelt zu haben. Sie hatten zwar weisungsgemäß einen Tapir erbeutet, aber dafür war ein Mann auf der Strecke geblieben.
Was würde wohl ihr Kapitän, Alfredo Fernandez, dazu sagen? Diese Frage schwebte, wenn auch unausgesprochen, über ihm. Nicht etwa, daß der Señor Capitán am Kummer und Gram über den Tod Josés zerbrechen würde, o nein, aber an Bord der „Esmeralda“ zählte nach wie vor jeder Mann, der mit seinen Waffen umzugehen verstand. Und so marschierte der kleine Trupp von fünf Männern mit gemischten Gefühlen seinem Ziel entgegen.
Miguel Camaro führte die Gruppe an. Fernando und Manuel, zwei Landsleute bildeten die Nachhut. Dazwischen marschierten Ibrahim und Abdullah mit dem erlegten Tapir.
Miguel Camaro schätzte, daß sie bereits die Hälfte ihres Weges zurückgelegt hatten, als ihn plötzlich ein markerschütternder Schrei herumfahren ließ.
Es war Fernando, der diesen Schrei ausgestoßen hatte, und die Ursache war ganz offensichtlich.
Der große, breitschultrige Mann taumelte, versuchte dann, sich an einem Ast festzuhalten, aber seine Hände griffen vorbei. Dann sank er langsam, mit einem erstaunten Gesichtsausdruck, zu Boden und rührte sich nicht mehr. Aus seinem Rücken ragte der Schaft eines Pfeils. Nicht eines kleinen Giftpfeils, sondern eines Pfeils, der mit einem Bogen abgeschossen worden war.
„Bei Allah, das waren Indianer!“ stieß Abdullah, der Araber, hervor.
Wie auf Kommando ließen die beiden Träger den ausgenommenen Tapir auf den Boden fallen. In Windeseile drückten sich die Männer ins Dickicht, die Musketen schußbereit in den Händen.
Aber sie sahen und hörten nichts, außer den Geräuschen des Dschungels, an die sich ihre Ohren bereits gewöhnt hatten. Trotzdem wußten sie, daß irgendwo hinter ihnen im dichten Gestrüpp kleine, aber muskulöse Gestalten lauerten – jederzeit bereit, den lautlosen Tod zu ihnen zu schicken.
„Verdammt, die Buschmänner werden immer angriffslustiger“, zischte Miguel Camaro den anderen Piraten zu. „Vor einiger Zeit sind sie über einen einzigen Musketenschuß noch so erschrocken, daß sie sich nie mehr blicken ließen. Jetzt wollen sie wohl den offenen Kampf. Sie haben anscheinend Verstärkung geholt und sind uns gefolgt.“
„Allah sei uns gnädig“, flüsterte Abdullah, der Araber, und die Züge seines Gesichtes verrieten nackte Angst. „Ein Seegefecht wäre mir zehnmal lieber. Da sieht man wenigstens seinen Feind vor sich. Aber hier – hier lauert ein unsichtbarer Tod in unserem Rücken.“
„Nun laß nicht gleich deine Hosen flattern, du Ratte“, gab Miguel Camaro mit leiser Stimme zurück. „Sieh lieber zu, daß du deinen Eierkopf auf den Schultern behältst, statt hier vor Angst zu schlottern.“
Im selben Augenblick sah Camaro ungefähr dreißig Yards entfernt eine kleine, nackte Gestalt hinter dem Stamm einer Chonta-Palme verschwinden. Sofort riß er seine Muskete hoch, und gleich darauf krachte der Schuß. Aber zu spät, von dem Indianer war nichts mehr zu sehen. Die Kugel mußte den Stamm der Palme gestreift haben, denn man konnte sehen, wie einige Holzsplitter zur Erde geschleudert wurden.
Ein Papageienschwarm war durch den Schuß aufgescheucht worden. Laut schnatternd und kreischend stoben die Vögel aus dem Geäst über den Piraten und hoben sich in den Himmel. Auch das Gebrüll der Affen klang plötzlich lauter und aufgeregter.
Aber sonst rührte sich nichts. Trotzdem waren die Indianer da. Niemand zweifelte daran, und es war ein nervenzerfressendes Gefühl, sich aus vielen Augen beobachtet zu fühlen, ohne selbst jemanden zu sehen.
„Los!“ sagte Miguel, der Anführer. „Pirschen wir uns vorsichtig etwas näher an sie heran. Wir müssen sie erwischen oder in die Flucht schlagen, sonst werden wir sie nicht mehr los. Sie folgen uns unter Umständen wie unsichtbare Schatten bis zur Küste. Bevor wir uns versehen, haben wir wie Fernando einen Pfeil im Rücken oder, was noch schlimmer ist, einen dieser kleinen Giftpfeile irgendwo im Fleisch.“
Abdullah murmelte irgend etwas in einer Sprache, von der Miguel Camaro kein Wort verstand. Es mußte wohl Arabisch sein, und mit ziemlicher Sicherheit mußte er wiederum Allah beschworen haben, sich seiner doch endlich zu erbarmen.
Aber die für himmlisches Erbarmen zuständige Stelle mußte bei dieser Affenhitze wohl auch geschlossen haben, denn nichts ließ darauf schließen, daß sich an der bestehenden Lage etwas veränderte.
Vorsichtig krochen die vier übriggebliebenen Piraten durch das Dikkicht. Dann verhielten sie wieder einen Moment lauschend.
Da plötzlich schnellte sich die braune Gestalt wieder hinter dem Stamm der Palme hervor und schoß flink wie eine Katze auf das dichte Gestrüpp zu seiner Linken zu.
Ibrahim, der Türke, der die ganze Zeit über recht schweigsam gewesen war, reagierte als erster. Ein Schuß aus seiner Muskete krachte, und die Kugel traf.
Die braune Gestalt stürzte zu Boden, raffte sich aber sofort wieder auf und verschwand hinkend im Gebüsch.
Miguel Camaro stieß einen langen Fluch aus. „Warum hast du nicht besser gezielt? Der Kerl ist nur angeschossen. Selbst in diesem Zustand sind die Burschen noch gefährlich.“
Doch Ibrahim konnte ihm auf diesen Vorwurf nicht mehr antworten. Irgend etwas zischte durch die Luft, unheimlich und fast lautlos, und der Türke brach mit einem Aufstöhnen zusammen. Seine Augen starrten Miguel Camaro an, aber es war ein Blick, der alles und nichts zu sehen schien. Ibrahim war tot.
Ein ellenlanger spanischer Fluch tönte durch das Dickicht. Die drei übrigen Piraten schienen die Nerven zu verlieren. Miguel Camaro, Manuel und Abdullah schossen blindlings ihre Musketen ab, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Dann rissen sie noch die Pistolen aus den Gürteln und feuerten blindwütig in die Richtung, aus der man den Pfeil wahrscheinlich abgefeuert hatte.
Aber kein Laut, kein Aufschrei verriet, daß eine ihrer Kugeln ein lebendes Ziel gefunden hatte.
Die Piraten waren sich darüber im klaren, daß sie zu dritt keinen Kampf mehr gewinnen konnten. Deshalb begannen sie sofort, sich zurückzuziehen, und zwar so schnell sie konnten. Sie dachten nicht mehr an den Tapir, der auf der Erde lag. Nachdem sie sich ins Dickicht zurückgezogen hatten, begannen sie zu laufen, so rasch ihre Beine sie zu tragen vermochten.
Doch sie konnten keinen Verfolger wahrnehmen. Die Indianer schienen mit ihrer Rache zufrieden zu sein und mit ihrer „Beute“ ebenfalls.
Die drei fliehenden Piraten wußten sehr wohl, was mit ihren beiden Kameraden, Fernando und Ibrahim, die sie nicht einmal hatten begraben können, geschehen würde.
Tsantas – das war das Wort, das ihnen trotz der Hitze eiskalte Schauer über die Rücken jagte.
Allein der Gedanke daran ließ sie ihre Schritte immer wieder beschleunigen. Sie achteten nicht mehr auf Zweige, die ihnen das Gesicht zerkratzten und auf Lianen, deren Geschling sie schon mehrmals zu Fall gebracht hatte.
Immer wieder rafften sie sich auf, um so rasch wie möglich die Küste zu erreichen. Dabei hofften sie inbrünstig, daß die „Esmeralda“ schon auf sie warten würde. Anderenfalls würden sie mit dem Beiboot ein Stück in die Bucht hinauspullen, um aus der Reichweite der tödlichen Pfeile der Indianer zu gelangen.
Endlich war es so weit.
In der feuchten Luft lag bereits der salzige Geruch des Wassers. Jeden Moment mußte die Bucht vor den Augen der Piraten auftauchen. Schon wenige Augenblicke später betraten sie den Sand, der leicht abschüssig ins Wasser mündete.
Dann sahen sie ihr Schiff, die „Esmeralda“. Aber was war mit der Galeone geschehen? War das noch dieselbe „Esmeralda“, auf der sie seit Monaten durch die See gefahren waren? Oder war es ein Geisterschiff, das da als halbes Wrack eine Kabellänge vom Ufer entfernt vor Anker gegangen war?
Der Schreck fuhr ihnen durch alle Glieder, als sie die schwer angeschlagene Galeone mit den Augen abtasteten. Sie schien im Kampf mit irgendeinem Gegner eine kräftige Abfuhr erhalten zu haben. Allein der zerfetzte Besanmast war dafür ein trauriger Beweis.
Einige Männer an Bord begannen zu winken. Da schoben die drei Schnapphähne in Windeseile das Beiboot ins seichte Wasser und pullten wie die Besessenen zu ihrem Schiff hinüber.
Wie ein Wirbelwind raste Batuti in das hoch aufspritzende Wasser. Wenn er den Waldrand, der dicht an der nahen Flußmündung begann, erreichen wollte, mußte er ein Stück durch das von Mangroven durchwucherte Wasser waten.
„Nix Bilgengespenst!“ rief er mit grimmigem Gesicht. „Batuti hat echtes Buschmann gesehen. Dort drüben am Flußufer, wo Wald beginnt.“
Noch bevor jemand den schwarzen Herkules zurückrufen konnte, arbeitete er sich bereits durch das flache Wasser, das die Wurzeln des Dikkichts umspülte. Die Muskete hielt er fest in der Hand, immer darauf bedacht, die Waffe nicht feucht werden zu lassen.
Batuti wollte beweisen, daß er sich nicht irrte. Schließlich hatte er sich stets auf seine Augen verlassen können. Es waren zwei nackte, muskulöse Gestalten mit gedrungenen Oberkörpern, die dort drüben hinter der grünen Mauer des Urwaldes verschwunden waren.
Er selbst war ein Mann des Dschungels. Kaum jemand kannte wie er die Gefahren und Tücken der grünen Hölle, und kaum jemand verstand es wie er, Spuren, Bewegungen und Geräusche wahrzunehmen und zu deuten.
Er war im Dschungel Gambias, an der Westküste des schwarzen Kontinents, aufgewachsen und schon als Kind stolz gewesen auf sein ausgeprägtes Wahrnehmungsvermögen. So war es nichts Außergewöhnliches, daß er dort etwas sah, wo andere nur das Wogen des Blätterdaches oder das leichte Schwingen der Lianen registrierten.
Batuti, der wie die anderen Mannschaftsmitglieder der „Isabella“ dem Seewolf als zuverlässiger Partner zur Seite stand, war schnell und wendig wie eine Katze. Und er war ein Kämpfer, dem man besser nicht unter die kräftigen Fäuste geriet. Schon in vielen brenzligen Situationen hatte er unter Beweis gestellt, daß er absolut in Form war und es verstand, wie ein Löwe zu kämpfen.
So rasch es ging, durchwatete der schwarze Mann das tiefer werdende Wasser, in dem sich das grelle Sonnenlicht spiegelte.
Wurzeln und Zweige des dichten Gestrüpps peitschten dabei an seinen Körper und zerkratzten ihm stellenweise die Haut. Aber Batuti maß dem nicht mehr Bedeutung bei als einem lästigen Moskitostich. Er sah ein Ziel vor Augen, und um das zu erreichen, gab es nur diesen unbequemen und gefährlichen Weg. Er mußte ihn gehen, wenn er jenseits der Mangroven in die Nähe des Flußufers den Wald erreichen wollte, in dem die beiden Gestalten verschwunden waren.
Batuti war davon überzeugt, daß sich die Indianer noch dort drüben aufhielten – versteckt und lauernd im dichtwuchernden Gebüsch. Er mußte deshalb vorsichtig sein, um nicht in eine Falle zu tappen oder von einem der gefürchteten Giftpfeile erwischt zu werden, die die Eingeborenen dieses riesigen Kontinents so geschickt aus ihren Blasrohren abzuschießen verstanden.
Der schwarze Mann aus Gambia vermutete, daß die Eingeborenen, die er für einen winzigen Augenblick gesehen hatte, eng mit dem Geheimnis verknüpft waren, das das Wrack hinter ihm auf der Sandbank umgab.
Nichts tat er lieber, als zur Lösung dieses Rätsels beizutragen. Die Indianer dort drüben im Wald durften deshalb nicht entwischen. Sonst wäre es unmöglich, sie in der Tiefe der Urwälder aufzuspüren.
Das sumpfige Wasser reichte Batuti jetzt fast bis zur Brust. Vorsichtig hob er die Muskete hoch über den Kopf. In unmittelbarer Nähe bemerkte er plötzlich einen Schwarm winziger Fische, die er wohl durch seine raschen Bewegungen aufgeschreckt hatte. Sie stoben für einen Moment scheinbar in alle Richtungen auseinander und verschwanden dann blitzschnell im tieferen Wasser.
Batutis Augen waren hellwach. Seine Blicke tasteten nicht nur den Waldrand ab, sondern auch die nähere Umgebung. Er war nicht scharf darauf, plötzlich auf einen Kaiman zu stoßen. Es war höchst gefährlich, sich im Wasser auf einen Kampf mit diesen gefräßigen Räubern einzulassen.
Der Gambia-Neger hatte gerade die tiefste Stelle im sumpfigen Brackwasser hinter sich gebracht, da ließ ihn plötzlich ein dunkler Schatten im Wasser heftig zusammenzukken.
Es war jedoch kein Kaiman, was da blitzschnell, keine zwei Yards von ihm entfernt, hinter einigen Mangrovenwurzeln hervorschoß. Es war vielmehr ein mindestens eineinhalb Yards langer, schlangenähnlicher Fisch, der wohl von ihm in seinem Versteck aufgeschreckt worden war.
Die rechte Hand Batutis zuckte zum Gürtel, um das Entermesser hervorzuholen.
Aber er schaffte es nicht mehr.
Der merkwürdige Fisch erreichte ihn in diesem Moment. Noch bevor der schwarze Mann einen weiteren Schritt tun oder seine Waffe zum Einsatz bringen konnte, erhielt er einen gewaltigen Schlag gegen die Beine.
Batuti, der bis zur Brust im Wasser stand, war plötzlich unfähig, sich zu bewegen. Der Schlag, der eine geheimnisvolle Kraft auf seinen Körper übertrug, durchzuckte ihn wie ein Blitz.
Ein furchtbarer Schmerz durchraste ihn, ein heftiges Stechen und Brennen tobte durch seine Glieder. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden, als hätte er eine ganze Ladung Pulver verschluckt und gezündet.
Ein Schütteln wogte durch seinen Körper und entrang seinen Lippen ein langgezogenes Stöhnen. Er konnte sich nicht mehr bewegen, sein ganzer Körper schien steif wie eine Decksplanke zu werden. Vor seinen Augen wurde es für kurze Augenblicke dunkel. Dann wurde die schwarze Wand, die sich vor ihm aufgetan hatte, wieder zerrissen, wich aber gleich darauf neuen schwarzen Wolken.
Es war eine Ohnmacht, die den riesigen Neger zu überwältigen drohte. Doch der Mann aus Gambia bäumte sich mit aller Kraft, die seinem Körper verblieben war, gegen diese Ohnmacht auf. Er wußte, daß sie hier im brusthohen Wasser den Tod bedeutete. Er würde unweigerlich hilflos ertrinken.
Die Muskete, die er hoch über dem Kopf gehalten hatte, war seiner Hand längst entglitten und mit einem Klatschen, das er kaum noch wahrgenommen hatte, im Wasser versunken.
Wieder brauste eine schwarze Woge über ihn weg. Batuti versuchte, die Augen weit aufzureißen, um wenigstens noch einen Fetzen Licht zu erhaschen, aber es sollte ihm nicht mehr gelingen. Vor seinen Augen wurde es dunkler und dunkler, und er hatte plötzlich das Gefühl, als ziehe ihn eine ungeheure Kraft in die dunkelsten Tiefen des Wassers.
Kaum war der Gambia-Neger zwischen den Mangroven verschwunden, setzte Philip Hasard Killigrew mit langen Sätzen hinterher. Das war auch für Stenmark, Ed Carberry und Matt Davies ein Zeichen.
Nach wenigen Augenblicken wateten auch sie durch das sumpfige Wasser, das hoch hinter Batuti und dem Kapitän der „Isabella“ aufgespritzt war.
„Ob Batuti nun was gesehen hat oder nicht!“ rief der Profos. „Wir können ihn schließlich nicht allein dort rüberlassen. Wenn tatsächlich Indianer in der Nähe sind, ist es für einen viel zu gefährlich.“
Das Wasser schäumte auf unter ihren raschen Schritten, die sich jedoch durch den Widerstand des nassen Elements zwangsläufig verlangsamten.
Ed Carberry wollte gerade eine Bemerkung über das brühwarme, supfige Wasser von sich geben, da ließ sie ein plötzlicher Ruf Hasards, der ihnen vorausgeeilt war, aufhorchen.
Sie sahen ihn im brusthohen Wasser stehen und winken, sobald sie einen dichten, fast mannshohen Mangrovenbusch umrundet hatten.
Und sie sahen Batuti.
Hasard hatte ihn gerade erreicht, und Batuti schien hilflos, ja besinnungslos im Wasser zu hängen.
Allmächtiger, hoffentlich hat er noch nicht zuviel Wasser geschluckt“, sagte Stenmark mit ernstem Gesicht. „Was ist nur passiert? Batuti ist doch sonst nicht so leicht unterzukriegen.“
So schnell es nur ging, wateten sie auf Hasard zu, der Batuti bereits unterfangen und auf die Beine gestellt hatte. Sein rechter Arm war um die Schultern des Gambia-Negers geklammert, um seinen Kopf über Wasser zu halten.
„Hier Ed, nimm meine Muskete!“ rief Hasard, sobald die Männer bei ihm angelangt waren.
Wortlos griff der Profos nach der Waffe, damit Hasard die Hände frei hatte. Der Kapitän der „Isabella“ versetzte Batuti sofort zwei schallende Ohrfeigen und klopfte dann mit seiner rechten Hand kräftig auf dessen Rücken. Das Wasser spritzte dabei in alle Richtungen, aber die gewünschte Wirkung blieb nicht aus.
Batuti blinzelte und verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße darin zu sehen war. Dann straffte sich sein Körper urplötzlich, und er schien wieder auf eigenen Beinen stehen zu können.
Sprachlos sah er die Männer an, die rund um ihn im Wasser standen.
„Was war los, Batuti?“ fragte der Seewolf.
Aber Batuti konnte noch nicht antworten. Ein starker Husten begann seinen Körper zu schütteln, denn er mußte, wie der Profos sofort mit Kennermiene feststellte, wenigstens fünf Mucks Wasser geschluckt haben.
Aber der schwarze Herkules war hart im Nehmen. Es dauerte nur Augenblicke, und er war wieder der alte. Er schüttelte sich und wischte sich über die Augen, als könne er sie mit seinen nassen Händen trocken reiben.
„Nun, was war, Batuti?“ wiederholte Hasard seine Fragen.
„Ja, was war los?“ fügte Ed Carberry hinzu. „Hat dich vielleicht die Sonne niedergeknüppelt oder dich ein Wassermann an den Beinen gezogen, oder hast du gar des Teufels Großmutter gesehen und bist vor Schreck ohnmächtig geworden?“
Batuti grinste und schüttelte den Kopf. „Nix Großmutter, nix Sonne und nix Wassermann“, berichtete er, „sondern sehr langes, magisches Fisch. Sieht aus wie eine Schlange.“
Er beschrieb mit entsprechenden Armbewegungen die ungefähre Länge und den Umfang des „magischen“ Fisches.
Die Männer sahen sich für einen Moment ungläubig an.
„Und was hat der Fisch mit dir getan?“ fragte Hasard. „Bist du verletzt? Los, sag schon, ob du verwundet bist, sonst müssen wir jeden Moment mit den Piranhas rechnen. Wenn die Biester Blut wittern, ist hier gleich der Teufel los. Denkt an den Kaiman, mit dem wir gestern die Ehre hatten.“
„Batuti nicht verletzt“, erwiderte der schwarze Mann. „Der Fisch hat nur geschlagen.“
„Geschlagen?“ fragte der Profos mit entgeistertem Gesicht. „Du willst uns wohl auf den Arm nehmen, du Stint. Nun erzähl bloß noch, daß er einen Belegnagel dabei hatte und dich damit verprügelt hat …“
„Nix Belegnagel, Mister Carberry“, sagte Batuti. „Ganzes Fisch hat geschlagen. Viel schlimmer als Belegnagel. Ganzes Körper steif, nix mehr bewegen und dann alles dunkel. Wie ein Zauber. Es war magischer Fisch. Hat viel Kraft in Körper wie großes Feuer.“
Die Männer sahen sich mit skeptischen Blicken an. Das war ihnen doch nicht ganz geheuer, was Batuti da von einem Zauber und von einem magischen Fisch erzählte. Sollte vielleicht doch die Hitze schuld sein? Aber sie kannten Batuti schließlich. Er war so schnell nicht kleinzukriegen.
Sie konnten sich andererseits auch nicht vorstellen, daß er sich plötzlich einen so gefährlichen Ort, wie hier in den Mangroven, aussuchen würde, um Seemannsgarn zu spinnen. Schließlich konnten hier jeden Moment die gefährlichen Mohrenkaimane auftauchen.
„Laßt uns später darüber reden“, unterbrach Hasard die Stille. „Wenn dort drüben Indianer waren, dann sind sie wahrscheinlich längst untergetaucht, und es wäre jetzt sinnlos, dort im Wald nach ihnen zu suchen. Kehren wir zunächst um, es ist nicht ratsam, zu lange in diesem Wasser zu bleiben.“
Sofort watete der kleine Trupp durch das Brackwasser zurück zur Sandbank.
Den Profos schien die ganze Sache noch sehr zu beschäftigen.
„Also so was“, knurrte er. „Fische, die hexen können und dabei noch ausgewachsene Männer bewußtlos prügeln, das habe ich auch noch nicht erlebt. Wehe, du Hering hast uns einen Bären aufgebunden, dann werde ich dir nämlich eigenhändig …“
„… nein, Profos“, unterbrach Batuti. „Haut bleibt dran an Affenarsch. Batuti hat keinen Bären aufgebunden. Es war ein magischer Fisch. Schade, daß nun Indianer fort sind. Batuti hat sie deutlich gesehen.“
Er schnitt ein ärgerliches Gesicht.
„Wir werden uns später noch darum kümmern“, sagte Hasard. „Ich zweifle nicht daran, daß du Eingeborene gesehen hast, Batuti. Alles deutet darauf hin, daß sie auf irgendeine Weise auch an uns interessiert sind. Wir werden bestimmt noch Kontakt zu ihnen kriegen. Dann wird sicherlich auch das Geheimnis um die verschwundenen Skelette gelüftet werden.“
Kurz danach bestiegen die Seewölfe ihr Boot und pullten zur „Isabella“ zurück. Obwohl sie auch dabei die Augen offenhielten, war kein Eingeborener mehr zu entdecken. Wahrscheinlich hatten sich die mysteriösen Gestalten vorerst zurückgezogen.
Trotzdem konnten sich die Männer des Gefühls nicht erwehren, von vielen Augen beobachtet zu werden, als sie, begleitet von einem vielstimmigen Urwaldkonzert, an Bord ihres Schiffes zurückkehrten.
6.
Es war bereits Nachmittag. Die feuchte Hitze überlagerte nach wie vor den Dschungel und die silbrig schimmernde Wasserfläche der Baja de Marajo.
Es war nur natürlich, daß der Trinkwasserverbrauch bei dieser drückenden Schwüle enorm stieg. Hasard ließ deshalb die „Isabella“ ein Stück in den Fluß hineinsegeln, um dort die Wasservorräte zu ergänzen.
Nachdem Smoky, der Decksälteste, mehrmals Tiefe gelotet hatte, ging die Galeone in der Nähe des linken Flußufers vor Anker.
Der einzige an Bord, der in den Genuß eines Landurlaubs gelangte, war Sir John, der karmesinrote Aracanga. Natürlich dachte er nicht im entferntesten daran, den Kapitän um Erlaubnis zu bitten.
„Eine Muck Rum! Land ho!“ schrie er zusammenhanglos, nachdem er auf der Schmuckbalustrade des Achterkastells eine Zwischenlandung vorgenommen hatte. Dann hob er sich in die Luft und flog in einer kunstvollen Schleife zum Waldrand hinüber. In wenigen Augenblicken war er im dichten Blätterdach verschwunden.
„Sir John wurde wohl vom großen Heimweh gepackt.“ Hasard lachte.
„Mag sein“, knurrte der Profos, „endlich sind wir diese rotzfreche Nebelkrähe los. Soll sie nur drüben im Dschungel bleiben, wo sie hingehört.“
Die Männer, die die Worte Edwin Carberrys gehört hatten, begannen zu grinsen, denn sie wußten nur zu genau, daß dieser rauhe Mann mit dem gewaltigen Rammkinn und dem zernarbten Gesicht im stillen inbrünstig auf die Rückkehr Sir Johns hoffte.
Gerade er war es, der sich auf seine Weise besonders gut mit dem bunten Vogel verstand. Aber natürlich hätte Ed Carberry, der im Grunde genommen einen recht weichen Kern hatte, das niemals zugegeben.
Lediglich Batuti fühlte sich veranlaßt, dem Profos einige tröstende Worte zu spenden.
„Schlimmes Vogel kehrt bestimmt zurück, Profos“, sagte er. „Wird bestimmt von anderen Vögeln verjagt, weil es so frech ist.“
Ed Carberrys Gesicht verzog sich zu einem breiten Lachen.
„Da kannst du recht haben“, sagte er, „spätestens, wenn das freche Stück beginnt, mit seinem Wortschatz anzugeben, werden sie es jagen, daß die Federn fliegen.“
Batuti stimmte in das Lachen des Profos’ ein. Der Gambia-Mann war wieder bester Laune, seit die anderen damit aufgehört hatten, ihn wegen der „Prügel“, die er von dem „magischen Fisch“ bezogen hatte, auf die Schippe zu nehmen. Einige sehr gelehrt klingende Sätze des Kutschers, der seinerzeit bei Sir Freemont, dem Arzt in Plymouth, vieles aufgeschnappt hatte, waren schließlich auch den Spöttern – wie der Profos es ausdrückte – „ins Hirn gedrungen“.
Der Kutscher wußte sogar, wie jene merkwürdigen, schlangenartigen Fische genannt wurden. Er hatte von Zitteraalen gesprochen, die eine geheimnisvolle, unbekannte Kraft auszustrahlen vermochten, die Mensch und Tier die Besinnung rauben konnte.
Noch nie hatte der schwarze Herkules den Kutscher mit so dankbaren Augen angesehen wie in diesem Augenblick.
Jetzt ging die Crew an die Arbeit, und es dauerte nicht lange, bis sämtliche Wasserfässer gut gefüllt an Bord gehievt und auf ihrem Platz verstaut waren.
Da ließ plötzlich Hasards Stimme die Männer aufhorchen.
„Das gibt’s doch wohl nicht!“ sagte er und blickte prüfend auf den Fluß, der sich, ungefähr zehn Kabellängen entfernt, durch eine Rechtsbiegung im Dschungel verlor. „Wir balgen uns mit ‚magischen‘ Fischen im Wasser herum, um den Indianern nachzulaufen, und jetzt sieht es ganz so aus, als erhielten wir Besuch von ihnen.“
Auch die Mannschaft hatte inzwischen das lange, schmale Boot bemerkt, das in rascher Fahrt den Fluß hinunterglitt und auf die „Isabella“ zuhielt.
Die beiden nackten Gestalten, die bereits deutlich zu erkennen waren, brauchten sich nicht besonders mit dem Paddeln anzustrengen, weil das leichte Boot durch die Strömung vorangetragen wurde.
„Da tanzen doch gleich die Kakerlaken im Reigen“, entfuhr es dem Profos. „Da kreuzen doch tatsächlich Indianer bei uns auf, gerade so, als ob wir sie zu einer Muck Rum eingeladen hätten.“
Mit diesen Worten traf Ed Carberry den Nagel auf den Kopf, denn die beiden Indianer mit ihren bemalten Gesichtern steuerten unbekümmert auf die „Isabella“ zu, ohne das geringste Anzeichen von Scheu oder Furcht. Sie wirkten tatsächlich so, als erwarte man sie mit aller Selbstverständlichkeit.
„Ob das nicht ein Trick ist?“ fragte der alte O’Flynn. „Vielleicht wollen die beiden nur einen harmlosen Eindruck schinden, und wenn ihnen das gelungen ist, tauchen plötzlich Scharen von Booten auf. Dann sieht die Sache schon gleich nicht mehr so einfach aus.“
Damit hatte Old Donegal Daniel O’Flynn das ausgesprochen, was die Mehrheit er Männer an Bord, einschließlich Hasards, dachte. Es war schließlich nicht das erste Mal, daß man mit raffinierten Tricks versuchte, die „Isabella“ zu überrumpeln.
„Wir werden die Augen offenhalten“, sagte Hasard. „Im Moment sieht das Ganze zwar eher komisch als gefährlich aus, aber du kannst durchaus recht haben, Donegal. Sorgt auf alle Fälle dafür, daß die Drehbassen einsatzbereit sind und holt einige Musketen und Pistolen. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit.“
Dieser Anweisung wurde sofort Folge geleistet, und es dauerte nur sehr kurze Zeit, bis die „Isabella“ zumindest gegen einen ersten Ansturm gewappnet war.
Aber es geschah nichts, außer daß das schmale Boot jetzt die „Isabella“ erreichte und an der Steuerbordseite längschor.
Die beiden kleinen Männer mit den gedrungenen, muskulösen Oberkörpern waren nur mit einem winzigen Lendenschurz bekleidet, was darauf schließen ließ, daß sie nicht das erste Mal mit Weißen Kontakte aufnahmen.
Die meisten Völker dieses Kontinents hatten in unbekümmerter Nacktheit gelebt, bis die Missionare der Weißen erschienen waren, um sie auf ihren „unschicklichen Wandel“ hinzuweisen.
Die Mannschaft der „Isabella“ sollte sich darin nicht getäuscht haben. Die beiden Indianer legten mit aller Selbstverständlichkeit die Paddel binnenbords und erhoben sich in ihrem Boot. Jedoch nicht, ohne vorher nach ihren langen Blasrohren gegriffen zu haben.
Einer der beiden vollführte eine unmißverständliche Geste.
„Wir auf Schiff steigen!“ rief er in einem schauderhaften Spanisch, das er wohl in irgendeiner Hafenkneipe zwischen dem dritten und vierten Schnaps gelernt hatte. Er sah dabei die Männer, die sich über das Schanzkleid gebeugt hatten, herausfordernd an.
„Was wollt ihr, und woher seid ihr?“ rief Hasard zurück.
„Wir Icoraci“, sagte der Wortführer der beiden und deutete in die Richtung, aus der sie herangepaddelt waren.
„Icoraci?“ fragte der Seewolf zurück.
„Si, Señor“, erwiderte der Indianer und nickte. „Icoraci“.
„Hm“, sagte der Seewolf und zuckte mit den Schultern. „Entweder meint er mit ‚Icoraci‘ seinen Stamm oder aber irgendein kleines Nest, in dem sich Weiße angesiedelt haben.“
Zu den Indianern gewandt, wiederholte er seine Frage: „Und was wollt ihr?“
„Auf Schiff“, lautete die Antwort. „Mit Capitán sprechen.“
„Die gehen aber ran an den Speck“, sagte der Profos. „Außerdem sind die kleinen Kerle ziemlich leichtsinnig. Wir könnten ja auch Schnapphähne sein und sie …“
„Klettert an Bord!“ rief Hasard und unterbrach damit die Überlegungen Ed Carberrys.
Gleich darauf wurde die Jakobsleiter hinuntergelassen, und die beiden braunen Kerle turnten flink daran hoch. Wenig später standen sie auf der Kuhl und sahen auch jetzt nicht im entferntesten scheu oder ängstlich aus. Ganz im Gegenteil. Sie schienen sich als diejenigen zu betrachten, die hier Forderungen zu stellen hatten. Und mit diesen Forderungen rückten sie auch ohne Umschweife heraus.
„Wir wollen Pulver haben“, sagte der Wortführer in seinem holprigen Spanisch. „Einige Fässer voll, por favor!“
Die Männer der „Isabella“, die halb gespannt und halb belustigt einen Halbkreis um die beiden Indianer gebildet hatten, sahen sich verblüfft an.
„Einige Fässer Pulver?“ fragte Hasard mit ungläubigem Gesicht. „Was wollt ihr denn mit dem Pulver?“
„Schießen“, wurde prompt erwidert. „Wir haben Waffen von weißen Männern. Españoles sagen dazu ‚Musketen‘ und ‚Pistolen‘. Aber wir brauchen Pulver, sonst Waffen still, sagen keinen Ton.“
Ed Carberry atmete rasselnd durch.
„Jetzt hört euch diese Kerlchen an“, sagte er und verzog dabei sein Gesicht zu einem fürchterlichen Grinsen. „Klettern an Bord und wollen Pulver, als wären wir hier ein Krämerladen, der das Zeug faßweise zu verkaufen hätte. Heiliges Kanonenrohr, was man hier doch so alles erleben kann! Wollen die Gentlemen sonst noch was? Vielleicht ein Culverinchen, um damit die Bananen von den Bäumen zu schießen, was, wie?“
„Nun mal langsam, Ed“, sagte der Seewolf. „Wir wollen ihren Forderungen nicht gleich gezielte Schüsse vor den Bug setzen. Unterhalten wir uns doch erst einmal mit ihnen, vielleicht können sie uns so manche Frage beantworten, die uns seit kurzem Kopfzerbrechen bereitet.“
„Du meinst wegen des Wracks?“ fragte der Profos.
„Genau, Ed. Es würde mich wundern, wenn unsere Besucher darüber nichts wüßten.“
„Da kannst du auch wieder recht haben“, brummte der Profos und versuchte, die Narben in seinem Gesicht wieder zu glätten.
Hasard wandte sich den beiden Indianern zu Ohne zunächst auf ihre Forderungen einzugehen, sagte er: „Da unten an der Flußmündung liegt ein Wrack, die Überreste eines Schiffes. Darin befanden sich noch gestern viele menschliche Skelette. Ich nehme an, daß es sich dabei um Indianer handelte. Heute waren sie weg, verschwunden. Was ist damit geschehen?“
Für einen Augenblick sahen sich die beiden Indianer an und wechselten schnell einige Worte in einer kehlig klingenden Sprache. Dann blickte der Wortführer Hasard wieder an, und seine dunklen Augen blitzten dabei.
„Pulver“, sagte er, ohne auf die Frage des Seewolfs einzugehen. „Einige Fässer.“ Er beschrieb dabei mit ausladenden Gesten, wie groß die Fässer zu sein hätten.
„Ich habe euch etwas gefragt“, erklärte Hasard, und seine Stimme war um einen Ton schärfer geworden. „Was ist das für ein Wrack, und was ist mit den Skeletten geschehen? Wenn ihr mir nicht antworten wollt, dann verlaßt bitte sofort das Schiff!“ Er unterstrich seine Worte mit einer unmißverständlichen Handbewegung.
Wieder wechselten die beiden Indianer einige rasche Worte, dann sagte der Sprecher in seinem gebrochenen Spanisch: „Reste von Schiff liegen schon lange da. Wasser hat sie gebracht. Schiff ganz kaputt. Zwei weiße Männer, Españoles, lebten noch. Sie haben geschossen.“
„Er meint wohl, daß das Wrack vor langer Zeit hier gestrandet ist“, sagte Hasard. „Und an Bord waren noch zwei überlebende Spanier, die sich offenbar mit den Indianern angelegt haben.“
Zu den beiden Besuchern sagte er dann: „Die weißen Männer haben auf euch geschossen. Was ist mit ihnen geschehen?“
„Tsantas“, erwiderte der Indianer und legte dabei die Kante seiner flachen Hand gegen die Kehle. Er sagte das, als hätte er soeben eine Frage nach dem Wetter beantwortet.
Die Männer der „Isabella“, die dem Gespräch interessiert folgten, blickten sich betroffen an. Bill, der Moses, faßte sich unwillkürlich an den Kopf, als wolle er prüfen, ob sich der noch an seinem Platz befand.
Hasard ging jedoch nicht näher auf die Antwort der Indianer ein, sondern setzte seine Befragung fort.
„Was waren das für Skelette, die sich in dem Wrack befanden, und wo sind sie jetzt?“
Wenn nicht unablässig die Stimmen des Dschungels von den nahen Flußufern die Umgebung mit schrillem Kreischen, mit Brüllen, Pfeifen und Zirpen erfüllt hätten, dann hätte man jetzt, bei dieser Frage des Seewolfs, die berühmten zu Boden fallenden Stecknadeln hören können. Hasard hatte damit gewissermaßen die Rätselfrage gestellt, die sie alle seit Tagen beschäftigte.
Und sie brauchten nicht lange auf die Lösung zu warten.
„Skelette Tote unseres Stammes“, berichtete der Indianer. „Wir schon lange die Reste von Schiff benutzen für unsere Ahnen. Wir legen Tote in Schiff ab, mit Gesicht zu Sonne und Wasser. Wenn Gebeine gebleicht, wir holen sie. Auch in der Nacht wir haben Gebeine geholt, als wir dieses Schiff gesehen haben. Es war noch nicht Zeit, aber Ahnen sollen in Sicherheit sein.“
„Was tut ihr mit den Gebeinen, wenn sie in der Sonne gebleicht worden sind?“
„Wenn ganz gebleicht, werden zu Staub zerrieben wie Pulver“, erklärte der Indio und beschrieb dabei mit zahlreichen Armbewegungen, wie die Gerippe im Mörser zerstampft wurden. „Wenn Staub, dann mit Bananenbrei vermischt. Götter wollen, daß Ahnen so gegessen werden. Sind dann eins mit uns.“
Für einen Moment herrschte Totenstille. Die Männer sahen sich mit starren Gesichtern an, und Bill, der Moses, verfärbte sich allmählich grün im Gesicht. Auch den anderen konnte man ansehen, daß sie auf die Kochkünste des Kutschers am heutigen Tag wohl keinen großen Wert mehr legen würden.
Dan O’Flynn preßte sich die rechte Hand auf die Magengegend und kniff die Lippen zusammen.
Die Stirn Ed Carberrys legte sich in Falten, und sein zernarbtes Gesicht verwandelte sich augenblicklich in eine furchterregende Grimasse.
„Was? Wie?“ fragte er. „Die beiden Stinte wollen hier wohl Witze erzählen? Leider kann ich darüber gar nicht lachen. Man sollte ihnen ein Stück Tau über den Achtersteven ziehen, wenn sie sich einbilden, daß wir ihnen solchen Unsinn abkaufen. Oder soll ich ihnen vielleicht eigenhändig die Haut in ganz schmalen Streifen von ihren karierten …“
„Schon gut, Ed“, stoppte Hasard die unchristlichen Pläne seines grimmig dreinblickenden Profos’. „Was die beiden Burschen eben erzählt haben, ist kein Witz, auch wenn es sich im ersten Moment so anhört. Ich habe schon einige Male davon gehört, daß es Volksstämme gibt, zu deren Religion es gehört, ihre Ahnen in pulverisierter Form zu verspeisen. Ich habe es zunächst auch für Unsinn gehalten, aber jetzt, da unsere beiden Besucher in aller Selbstverständlichkeit darüber berichten, zweifle ich nicht mehr daran. Außerdem wissen wir nun auch, zu welchem Zweck man die vielen Gerippe in das Wrack gebracht hat.“
Ed Carberry blickte Hasard entgeistert an. „Es ist wirklich kein Witz?“
„Nein, Ed.“
„Na, wenn du es sagst, will ich es glauben. Aber – pfui Teufel – ich rühre in meinem ganzen Leben keine Banane mehr an. Und wehe, wenn ich den Kutscher einmal dabei erwische, daß er irgend etwas in seine Bratpfannen streut, was wie Pulver aussieht, dann …“
Die weiteren Worte des Profos’ gingen im Gelächter der Männer unter, die sich inzwischen von ihrem Schock erholt hatten.
Das also war das Geheimnis der wracken Galeone! Mit Sicherheit würden ihnen das Schiffsgerippe und der Ahnenkult der Eingeborenen noch lange Zeit Gesprächsstoff während einsamer Deckswachen bieten.
Doch die beiden braunen Männer fanden hier absolut nichts zum Lachen. Ihre Forderung lautete nach wie vor: „Pulver!“
Aber Hasard schüttelte energisch den Kopf.
„Nein!“ sagte er. „Das Pulver ist für euch zu gefährlich. Wenn ihr tatsächlich über Schußwaffen verfügt, dann würdet ihr euch damit gegenseitig ausrotten. Ich bin gern bereit, euch einige nützliche Werkzeuge wie Äxte und Messer zu überlassen, das ist sinnvoller.“
Hasard vertrat seinen Entschluß mit absoluter Bestimmtheit, und allein seine Stimme ließ erkennen, daß es daran nichts, aber auch gar nichts zu ändern gab.
Das schien jedoch die beiden Indianer aus der Ruhe zu bringen. Sie begannen augenblicklich in ihrer kehligen Sprache zu brüllen und zu toben, schwangen drohend die Fäuste und fuchtelten mit ihren langen Blasrohren herum.
Unwillkürlich schlossen die Seewölfe einen Kreis um die beiden, um eingreifen zu können, falls einer auf dumme Gedanken verfallen sollte. Schließlich war die verheerende Wirkung der Blasrohre mit ihrem todbringenden Inhalt nicht zu unterschätzen.
Immer wieder fiel das spanische Wort für Pulver, und schließlich erklärte der Wortführer der beiden frank und frei, daß man sich viele Tsantas holen würde, falls sie kein Pulver erhielten. Er unterstrich diese Drohung mit eindeutigen Handbewegungen.
Das wurde nun dem Profos endgültig zu viel.
„So eine Frechheit!“ brüllte er. „Was glaubt ihr beiden Sumpfhühner wohl, was ihr euch bei uns an Bord alles erlauben könnt, was, wie?“
Ehe sich die beiden versahen, hatte sie der bullige Profos gepackt und hievte sie wie zappelnde Puppen über das Schanzkleid. Augenblicklich landeten beide in ihrem schaukelnden Boot.
„So, ihr Knochenfresser“, setzte der Profos noch hinzu, „wenn ihr euch noch einmal hier blicken laßt, werde ich aus euch beiden Pulver herstellen, und zwar so viel, daß ihr damit gegenseitig eure Affenärsche wegschießen könnt.“
Die beiden Indianer bedachten die Männer an Bord der „Isabella“ mit haßvollen Blicken und wüsten Drohungen, als sie mit ihrem Boot davonpaddelten. Doch sie fuhren nicht in die Richtung, aus der sie erschienen waren, sondern hielten direkt auf das nahe Ufer zu. Dort verschwanden sie für kurze Zeit im Gebüsch, schleppten eine Unmenge große Steine in ihr Boot und paddelten wieder den verwundert dreinblickenden Seewölfen entgegen.
„Jetzt wollen die uns wohl mit Steinen bewerfen“, bemerkte Ben Brighton und setzte den Kieker ab. „Das ist doch wohl der Gipfel der Dreistigkeit!“
„Ha! Dann werfe ich mit Kanonenkugeln zurück“, prophezeite der Profos.
Doch es sollte nicht zu diesem wunderlichen Kampf kommen, denn wie die plötzlichen Aktivitäten der beiden Eingeborenen bewiesen, sollten die Steine ganz anderen Zwecken dienen, Zwecken, die der Crew der „Isabella“ vorerst noch völlig rätselhaft und unerklärlich blieben.
Die beiden braunen Burschen schleuderten zwar einige Steine zur „Isabella“ hinüber, warfen sie dann jedoch lediglich ins flache Wasser und steuerten dabei ihr Boot zum Ufer zurück.
Niemand konnte sich erklären, was das zu bedeuten hatte. Manche hielten die beiden Eingeborenen für verrückt, weil sie Steine ins Wasser fallen ließen, bis sie am Ufer angelangt waren. Wenig später paddelten sie flußaufwärts und verschwanden bald aus den Augen der Seewölfe.
„Hoffentlich haben sie sich jetzt durch die Steinwerferei abreagiert“, bemerkte Ferris Tucker.
Hasard beschloß, jetzt, da die Dunkelheit mit tropischer Geschwindigkeit hereinzubrechen begann, die Nacht hier zu verbringen. Am nächsten Morgen sollte das Schiff den Fluß verlassen, um über die Baja de Marajo ins offene Meer zu segeln.
Noch ahnten die Männer an Bord der „Isabella“ nicht, daß sich ihre Abreise verzögern würde.
7.
Auch in der Nacht ließ die feuchte, schwüle Luft, die auf dem Fluß und dem Dschungel lastete, das Atmen zur Qual werden. Die meisten Männer der „Isabella“-Crew verfielen in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie in kurzen Abständen immer wieder schweißgebadet erwachten.
An das Geschrei der Brüllaffen und die unzähligen anderen Geräusche, die aus dem nahen Dschungel herüberdrangen, hatten sie sich längst gewöhnt. Nur die dicke, schwüle Luft, die man fast in Scheiben schneiden konnte, und die wie eine Decke aus Blei über dem Regenwald lag, setzte ihnen zu.
Erst ein kurzes, aber heftiges Tropengewitter, das plötzlich heraufgezogen war, brachte durch seine Regenschauer einen Hauch von Abkühlung, der aber so schnell wieder verschwand wie der grollende Donner und die zuckenden Blitze, die zeitweise die „Isabella“ und ihre nähere Umgebung in grelles, gespenstisches Licht tauchten.
Mitternacht war vorüber, und das Tropengewitter hatte sich wieder verzogen. Nur noch vereinzelt war ein kraftloses Donnern aus der Ferne zu hören.
Bald war wieder Ruhe eingekehrt. Die Nacht, die über dem Fluß und den riesigen Urwäldern des südamerikanischen Kontinents lag, nahm ihren Verlauf wie wohl seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden.
Es gab keine besonderen Vorkommnisse. Obwohl die Wachen wegen des Vorfalls mit den Indianern ihre Aufgaben sehr genau nahmen, gab es nichts Auffallendes zu entdekken. Auf dem Fluß blieb alles still. Auch an den nahen Waldrändern, die sich bis zu den Ufern des Flusses hinzogen, ereignete sich nichts. Alles schien völlig normal zu sein.
Lange Zeit nach Mitternacht glaubten jedoch einige Männer, die sich unruhig im Schlaf hin und her wälzten, ein Knistern und Knacken zu hören. Es schien aus allen Richtungen zu ertönen, als lebe das Schiff. Es hörte sich nicht an wie das Knacken im Rumpf, an das wohl jedes Seemannsohr gewohnt war, sondern ganz anders, viel merkwürdiger.
Doch die Männer, die die Nacht im Mannschaftslogis verbrachten, schenkten diesen Geräuschen im Schlaf oder Halbschlaf keine besondere Aufmerksamkeit, zumal es zeitweise kaum noch zu hören war, weil es vom Gebrüll der Aluates übertönt wurde.
Sam Roskill, Bob Grey und Dan O’Flynn, die Deckswachen, die es zeitweilig hören konnten und das Schiff und seine Umgebung im Auge behielten, vermochten jedoch nichts zu entdecken.
„Ich glaube, unter dieser Höllenhitze leidet sogar unsere Lady“, sagte Bob Gray flüsternd zu Sam Roskill. „Ich bin froh, wenn wir morgen wieder hinaussegeln. Da gibt es wenigstens ab und zu eine frische Brise.“
An das merkwürdige Knistern und Knacken, das die „Isabella“ umgab, hatten sich die Wachen bereits gewöhnt, als der erste graue Schimmer den neuen Tag ankündigte. Man gewöhnte sich an alles, an die lästigen Moskitos, an die Geräusche des Regenwaldes und selbst an die fürchterliche, drückende Hitze. Was war dagegen schon ein leises Knistern und Raunen!
Erst am nächsten Morgen sollten die Männer an Bord der „Isabella“ bemerken, daß man sich niemals voreilig an etwas gewöhnen durfte.
„Heiliger Bimbam“, stöhnte der Kutscher und schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. „Das darf doch nicht wahr sein, nein, o nein …“
Das Gesicht des Kochs und Feldschers der „Isabella“ wurde augenblicklich blaß. Dann fuhr der dunkelblonde, etwas schmalbrüstige Mann herum und jagte an Deck, als seien tausend Taufel hinter ihm her.
„Sir!“ schrie er verstört. „Sir! Schnell, hierher! In der Kombüse und im Vorratsraum ist der Teufel los.“
Hasard sah den Kutscher verwundert an. Was war los mit ihm? Was hatte ihn so aus der Fassung gebracht? Er war doch sonst ein so ruhiger, eher zurückhaltender Mann. Jetzt schien er total aufgelöst zu sein, und das wollte bei dem Kutscher schon etwas heißen.
Mit raschen Schritten folgte er ihm. Dann blieb auch er wie angewurzelt stehen, als er die Bescherung sah. Im ersten Moment glaubte Hasard, ihm sträubten sich die Haare, als er einen Blick in die Kombüse und den Vorratsraum warf, deren Schotten offen waren.
Was er dort erblickte, schien die Armee des Teufels zu sein!
Augenblicklich fiel ihm das merkwürdige Knistern und Knacken ein, das ihnen während der vergangenen Nacht Rätsel aufgegeben hatte. Jetzt sah er die Ursache jener mysteriösen Geräusche vor Augen.
Riesige rote Feuerameisen waren in Millionenscharen über die Vorräte der „Isabella“ hergefallen. Die gesamte Kombüseneinrichtung sowie die Vorräte waren kaum noch zu sehen unter den Myriaden von krabbelnden und nagenden Insektenleibern, die einen wogenden Teppich bildeten, der alles überlagerte.
„Großer Gott, unsere Vorräte“, murmelte Hasard. „Die lassen keinen Krümel mehr übrig, und haben sie erst alles aufgefressen, werden sie auch noch das Schiff zerkleinern! Wie mögen diese Biester nur plötzlich an Bord gelangt sein?“
Der Kutscher zuckte hilflos mit den Schultern und versuchte mit einer raschen Bewegung einen Teil dieser knisternden und fressenden Insekten von einem Kombüsenregal zu streifen.
Blitzschnell zog er jedoch seine Hand zurück. Die Ameisen hatten ihn sofort angegriffen und äußerst schmerzhaft in die Haut gezwackt.
Der Kutscher begann seine rechte Hand wie irr zu schütteln. Die Bisse brannten teuflisch, und das Jucken, das darauf folgte, war auch nicht gerade angenehmer. Völlig am Boden zerstört sah er Hasard an, während diese Bordplage unermüdlich weiterfraß.
Beiden Männern war längst klargeworden, daß damit nicht nur sämtlicher Proviant ungenießbar geworden war, sondern daß nichts, aber auch gar nichts, übrigbleiben würde.
Im Nu hatte sich die ganze Crew der „Isabella“ versammelt, um die Plagegeister in Augenschein zu nehmen. Und immer wieder tauchte die Frage auf, wie die Ameisen wohl an Bord gelangt sein könnten. Während der alte O’Flynn seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, daß das alles nicht mit rechten Dingen zugehen könne, erwog der Profos die Möglichkeit, daß diese „elenden und gefräßigen Krabbeldinger wohl auf Kakerlaken durch die Luft geritten“ sein mußten, um an Bord zu kommen.
Es dauerte jedoch nicht lange, und die Männer hatten entdeckt, daß die roten Feuerameisen auf einem durchaus erklärbaren Weg auf ihr Schiff gelangt waren. In diesem Zusammenhang wurde ihnen auch plötzlich klar, warum die Indianer, die gestern auf sehr nachdrückliche Weise Pulver von ihnen hatten haben wollen, bei ihrem Rückzug Steine ins Wasser geworfen hatten. Was man gestern noch für eine Verrücktheit der Eingeborenen gehalten hatte, erhielt jetzt einen – wenn auch makaberen – Sinn.
Die Männer starrten immer wieder entgeistert auf das Bild, das sich ihnen an der Bordwand der „Isabella“ und auch außerhalb im Wasser bot.
Die Indios hatten durch die Steine, die sie ins flache Wasser geworfen hatten, Überbrückungspunkte für die Ameisen geschaffen, die noch jetzt für weitere Myriaden dieser emsigen Tierchen die Möglichkeit boten, die „Isabella“ zu entern.
Wo die Steine nicht ausreichten, bildeten die Tiere durch Hunderttausende von Leibern Brücken, über die ihre Artgenossen schwimmend und krabbelnd ihr Ziel erreichen konnten. Vermutlich hatten die Indianer auch Köder ausgelegt, um dieses teuflische Heer anzulocken.
Jetzt wurde die Mannschaft lebendig. Hasard gab sofort Befehl, den Anker zu hieven und die „Isabella“ ein Stück weiter in den Fluß zu segeln, um zumindest den noch weiter anrückenden Ameisenscharen die Möglichkeit zu nehmen, noch an Bord zu gelangen.
Sobald einige Kabellängen weiter flußaufwärts der Anker wieder geworfen worden war, überlegten die Männer fieberhaft, wie sie diese ungebetenen Gäste wieder loswerden könnten. Aber es wollte ihnen absolut nichts Brauchbares einfallen.
Einige Männer hatten sich breitflächige Holzstücke aus der Werkstatt Ferris Tuckers geholt und begannen, damit auf die Insekten einzuschlagen, aber sie gaben das bald wieder auf. Auf diese Weise würden sie es nie schaffen, das wurde ihnen rasch klar. Die Biester waren nicht nur sehr verfressen, sondern auch angriffslustig. Etliche rieben sich schon die schmerzende Haut, die dann durch die Bisse höllisch zu jukken begann. Das Jagdergebnis, das sie mit den Plankenstücken erzielt hatten, stand dazu in keinem Verhältnis.
Trotzdem überlegten sie fieberhaft weiter, wie sie dieser Plage Herr werden konnten, während die Ameisen längst auch über den Notproviant, den harten Zwieback, herfielen.
„Wenn diese Teufelsflöhe so weiterfressen“, stellte der Profos mit grimmigem Gesicht fest, „dann wird die ‚Isabella‘ bald so ähnlich aussehen wie das Wrack da unten an der Flußmündung.“
Noch während die verschiedensten Vorschläge von den Männern vorgebracht wurden, stellte Hasard fest, daß eine Gruppe an Land gehen mußte, um neue Vorräte zu beschaffen. Denn bereits jetzt schon gab es an Bord der „Isabella“ nichts mehr, was genießbar war.
Während der Kutscher und einige weitere Männer sich anschickten, ihr Glück mit Ausräuchern zu versuchen, ließ Hasard ein Boot abfieren, um zusammen mit Ed Carberry, Dan O’Flynn, Batuti, Jeff Bowie, Ferris Tucker und Stenmark im nahen Dschungel neue Vorräte zu holen.
Der Rest der Mannschaft würde inzwischen nichts unversucht lassen, um das Millionenheer der roten Feuerameisen wieder loszuwerden.
8.
Die Sonne war längst wie ein glutroter Ball am Horizont aufgetaucht und überschüttete den Fluß mit gleißendem Licht.
Hasard und seine sechs Begleiter pullten ihre Jolle ein Stück flußaufwärts.
Später, nachdem sie sich vergewissert hatten, daß sich keine Kaimane in der Nähe aufhielten, gingen sie an Land und vertäuten das Boot an einer kräftigen Astgabel, die bis dicht ans Ufer reichte.
Dann begannen die Seewölfe, sich einen Weg durch das Uferdickicht zu bahnen, das sich bis zur Wasserfläche hinzog. Dahinter erhob sich wie eine lebendige Mauer der tropische Urwald. Riesige Bäume, deren oberste Spitzen farbenprächtige Blumen trugen, sowie Zedern und Mahagonistämme mit seltsam geformten Blüten lösten das Gestrüpp ab, das etwas weiter landeinwärts von riesigen Chonta-Palmen überragt wurde.
Ein Gewirr von Lianen umrankte die Baumstämme. Stellenweise wirkten sie wie Schiffstaue, die herniederhingen. Das dichte, oft mannshohe Gestrüpp trotz der bereits aufgegangenen Sonne den Urwald noch etwas dunkel erscheinen. Bis jetzt waren nur wenige Sonnenstrahlen durch das Gewirr von riesigen Farnen und stachligen Sträuchern und durch das Netz von Wurzeln und Streben gedrungen.
Unermüdlich schlugen sich die Männer mit ihren Busch- und Entermessern einen Weg durch die üppig wuchernde Wildnis. Immer wieder schreckten sie Scharen von Dschungelbewohnern aus ihren Verstecken. Ganze Sippen von Brüllaffen und den etwas kleineren, dickfelligen Wollaffen schwangen sich laut kekkernd durch das Geäst.
Bunte Papageien und Schwärme kleinerer tropischer Vögel stoben kreischend in die Luft. Auch die Tukane mit ihren riesigen Schnäbeln stießen hoch oben im dichten Blätterdach des Urwaldes Warnrufe aus, als sie die ungewohnten Eindringlinge bemerkten.
Etliche Male ließ ein gefährlich klingendes Rascheln im Gebüsch die Männer anhalten und zu den Waffen greifen. Aber es handelte sich lediglich um einige Steißhühner, die am Urwaldboden nach Nahrung suchten, oder um einige Schnurrvögel, die sich gern in Bodennähe aufhielten, um ihre akrobatisch anmutenden Hochzeitstänze aufzuführen.
Entschlossen kämpften sich die Männer durch den Dschungel, während ihnen der Schweiß in Strömen über den Körper rann und ihnen stachlige Zweige die Haut aufritzten.
„Am besten, wir achten auf Wasserschweine, Tapire und Früchte“, sagte Hasard. „Besonders brauchbar sind Maniok und natürlich auch Bananen. Auf dem Rückweg können wir im Fluß vielleicht noch einige Fische erbeuten, vielleicht sogar einen riesigen Arapaima.“
Der Profos warf ihm einen schrägen Blick zu, als er etwas von Bananen hörte, die – wie sie gestern erfahren hatten – eine nicht unbedeutende Rolle im Ahnenkult der Eingeborenen spielten.
Dem Stand der Sonne nach mußte bereits die Mittagszeit herangerückt sein. Es war inzwischen heißer geworden, trotz des dichten Blätterdaches, das die Wirkung der sengenden Sonnenstrahlen etwas abbremste.
Plötzlich tat sich unmittelbar vor den Männern eine Lichtung auf.
Abrupt blieb Hasard, der die Gruppe anführte, stehen und hob die Hand. Niemand ging mehr einen Schritt weiter.
Die Männer hatten mit allem gerechnet. Sie hatten sich innerlich auf den Kampf mit Kaimanen, riesigen Würgeschlangen und auf einen Indianerüberfall eingestellt – nicht aber auf das Bild, das sich ihnen jetzt auf der Lichtung ganz unvermittelt bot.
Sie waren auf ein Indianerdorf gestoßen, vielleicht sogar auf jenes Dorf, aus dem die beiden Indios gestern erschienen waren, um Pulver zu fordern.
Die Seewölfe sahen ein gutes Dutzend Hütten, die aus Zweigen und Blättern bestanden. In der Mitte des Dorfes stand die Malóca, die Gemeinschaftshütte, die im Vergleich zu den übrigen Behausungen ungeheuer groß war. Die Männer schätzten das ovale Gebilde auf einen Durchmesser von fast hundert Yards und die Höhe auf mehr als zwanzig Yards. Die Malóca bestand aus Palmfasern und trockenen Blättern, mit denen ein gewaltiges Gerüst aus Pfosten abgedichtet worden war, und endete in einer gewaltigen Kuppel.
Die Seewölfe staunten, denn ein solches Bauwerk mitten auf einer Dschungellichtung stellte eine ungeheuerliche Leistung dar, besonders wenn man in Betracht zog, welch kümmerliche Werkzeuge den Eingeborenen zur Verfügung standen.
Natürlich war der Landtrupp, der die „Isabella“ mit frischen Vorräten versorgen sollte, längst von den Indianern bemerkt worden. Kaum hatten sich die Männer von ihrem ersten Erstaunen erholt, waren sie bereits von einer großen Schar brauner, nackter Gestalten mit grell bemalten Gesichtern umzingelt.
Reflexartig wollten sie zu den Waffen greifen, aber der Seewolf gebot ihnen sofort Einhalt, als er die zahlreichen Blasrohre sah, die auf sie gerichtet waren.
Die Situation war, wie wohl alle empfanden, nicht gerade begeisternd, denn wohin die Männer auch blickten – sie sahen in finstere, haßerfüllte Gesichter. Die Indianer, die sich um die sieben Männer der „Isabella“ geschart hatten, standen starr wie Marionetten. Im Hintergrund befanden sich zahlreiche Frauen und Kinder, die aber eilig zwischen den Hütten verschwanden. Wahrscheinlich hatten sie Angst vor den fremden weißen Männern, die plötzlich aus dem Urwalddickicht aufgetaucht waren.
Für die Seewölfe gab es im Moment weder ein Vor noch ein Zurück. Es bedurfte nur eines geringen Luftstoßes, um die kleinen und wahrscheinlich auch absolut tödlichen Pfeile aus den langen Blasrohren zu pusten. Die Folge wäre ein grausamer Tod. Die Männer hüteten sich deshalb, mit einer raschen, unbedachten Bewegung zu den Waffen zu greifen. Sie waren sich sehr wohl im klaren darüber, daß sie im Augenblick keine großen Chancen hatten.
Nichts lag Hasard – selbst in diesem Moment – ferner als der Wunsch, ein Blutbad anzurichten, weder auf der einen noch auf der anderen Seite.
Er konnte den Haß der Indianer auf die Weißen sogar verstehen, denn zumeist war es bisher alles andere als Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, was man ihnen von dieser Seite entgegengebracht hatte.
Er entschloß sich deshalb zu einem Kompromiß, um den bewegungslos lauernden Gestalten zu beweisen, daß es auch Vertreter der weißen Rasse gab, mit denen man sich auf friedliche Weise einigen konnte.
Hasard trat einen Schritt vor, um eine Geste zu vollführen, die seine Absicht zum Ausdruck bringen sollte.
Aber zu dieser gutgemeinten Geste sollte es nicht mehr kommen!
Kaum hatte der Fuß Hasards den Boden berührt, da erfüllte ein leises, fast lautloses Zischen die Luft, und der Kapitän der „Isabella“ preßte mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hand gegen die linke Schulter.
Ein kleiner Pfeil ragte aus dem Hemd, das sich rasch blutrot verfärbte.
Die Seewölfe standen einen Moment wie erstarrt. Das Blut drohte den sechs Männern in den Adern zu gefrieren. Man hatte einen jener gefährlichen Pfeile, die – wie man annahm – mit tödlichem Gift getränkt worden waren, auf ihren Kapitän abgeschossen – und man hatte ihn getroffen!
Die Gesichter der Männer verfärbten sich augenblicklich kalkweiß. Es schien ihnen unfaßbar, was da geschehen war. Der Mann, für den sie durchs Feuer gehen würden, stand da, die Hand auf die Schulterwunde gepreßt und erwartete seinen Tod. Und sie waren hilflos und konnten nicht mehr für ihn tun.
Niemand von den Männern der „Isabella“ dachte jetzt noch an die eigene Sicherheit. Niemand dachte mehr an den Unterschied zwischen Leben und Tod. Die Männer drehten ganz einfach durch.
Ein wildes, ohrenbetäubendes „Ar-we-nack!“ dröhnte wie auf Kommando über die Dschungellichtung, die mittlerweile wie ausgestorben wirkte. Noch bevor die Indianer weitere Pfeile abschießen konnten, verwandelten sich die feindlichen Fronten, die sich bis jetzt lautlos gegenübergestanden hatten, in eine tobende Hölle.
Die Seewölfe nahmen sich nicht einmal die Zeit, ihre Waffen in Anschlag zu bringen. In einem wilden, letzten Aufbäumen warfen sie sich den nackten Gestalten entgegen und schlugen zu. Wenn schon Hasard, ihr Kapitän, sein Leben lassen sollte und sie wahrscheinlich auch, dann wollten sie es wenigstens so teuer wie möglich verkaufen.
Schreie tönten über die Lichtung, Blasrohre wirbelten durch die Luft und landeten irgendwo auf der Erde. Dazwischen klatschten harte Fäuste auf nackte Körper.
Es war das reinste Inferno, was da plötzlich über die Lichtung tobte.
Auch die Indianer stimmten ein lautes Wutgeheul an und setzten sich augenblicklich mit einer ungeheuren Geschwindigkeit und Geschmeidigkeit zur Wehr.
Worte in einer lauten, kehligen Sprache drangen an die Ohren der Seewölfe, vermischt mit den kräftigen Flüchen Ed Carberrys, der sich gerade mit drei braunen Gestalten am Boden wälzte.
Aber auch die anderen Mannschaftsmitglieder der „Isabella“ klotzten mächtig ran, denn ihrer Meinung nach ging es hier um das nackte Überleben. Und sie wollten leben, sie dachten nicht daran, sich hier, mitten im Dschungel, kaltblütig das Lebenslicht auspusten zu lassen. Allein der Gedanke an Hasard ließ die harten Männer rasend werden.
Batuti, der schwarze Mann aus Gambia, ließ die mächtigen Fäuste kreisen, und wo sie trafen, rührte sich nichts mehr.
Auch Ferris Tucker, der Schiffszimmermann, der die Gestalt eines Kleiderschrankes hatte, hieb rein, daß fast die Funken stoben.
Dan O’Flynn und Stenmark, der Schwede, beide flink und geschmeidig wie Raubkatzen, wichen geschickt ihren Gegnern aus und schossen die Fäuste wie Siebzehnpfünder in die quirlende, tobende und schreiende Menge.
Jeff Bowie, der stämmige Liverpooler mit den grauen Augen und der Hakenprothese an der linken Hand, wütete furchtbar mit diesem künstlichen Körperteil.
Die Indianer waren ohne Zweifel in der Überzahl, zumal weitere Bewohner des Urwalddorfes heranstürmten, um sich ins Kampfgetümmel zu stürzen.
Die letzten Frauen und Kinder der Eingeborenen, die sich noch an den Feuerstellen des Dorfes aufgehalten hatten, waren längst kreischend und schreiend in den Hütten oder im nahen Dschungel verschwunden. Aber fast zwei Dutzend braune Männer, die ihre Kampfkraft unter Beweis stellen wollten, waren eine harte Nuß, die auch die Seewölfe nicht so ohne weiteres knacken konnten.
Trotzdem legten die Männer ihre ganze Schlagkraft in diesen Kampf. Sie konnten sich lebhaft vorstellen, was mit ihnen geschehen würde, wenn sie als Besiegte aus dieser fürchterlichen Prügelei hervorgehen würden.
Wiederholt dröhnte der Schlachtruf der Seewölfe über die Dschungellichtung. Dazwischen erklangen laute Schmerzensschreie, obwohl der Kampf waffenlos über die Bühne ging.
Weder die Seewölfe noch die Eingeborenen hatten bisher Zeit und Gelegenheit gehabt, zu den Waffen zu greifen, was den Männern der „Isabella“ auch gar nicht eingefallen wäre.
Niemals hätten sie auf einen waffenlosen Gegner geschossen, und sie wußten, daß auch ihr Kapitän, Philip Hasard Killigrew, das niemals getan hätte.
Aber ihre Fäuste waren auch nicht zu verachten, und wer diese fürchterlichen harten Pranken erst einmal kennengelernt hatte, würde es in Zukunft unbedingt vermeiden, nochmals damit Bekanntschaft zu schließen.
Während sich Stenmark und Batuti mit einem ganzen Knäuel brauner, nackter Leiber auf dem von vielen Füßen zerstampften Boden der Lichtung wälzten, war Ed Carberry dabei, die Lichtung von Indianern zu säubern. Erstaunlicherweise wurden die Indios immer weniger, zumindest dort, wo die riesigen Pranken des Profos’ am Werk waren.
Blitzschnell flogen die braunen Gestalten kreuz und quer durch die Gegend. Einige landeten laut schreiend im nahen Dickicht, andere fanden sich einige Yards weiter oben auf dicken Astgabeln wieder, und weitere krachten wie Kanonenkugeln durch die Blätterwände der nächstgelegenen Hütten. Niemand fand die Gelegenheit, nach Waffen zu greifen. Indianer wie Seewölfe hatten „alle Hände voll zu tun“.
„Hopp, hopp, ihr Bilgenratten!“ röhrte der Profos. „Ich werde euch mal handfest die kleinen, braunen Affenärsche verdreschen. Und noch in den nächsten Jahrzehnten sollen eure Enkel und Urenkel von der Handschrift Edwin Carberrys erzählen. Hoho, ihr triefäugigen Waldameisen!“
Die Lichtung begann sich zu leeren. Diejenigen der Eingeborenen, die nicht durch die Fäuste der Seewölfe vertrieben worden waren, begannen von sich aus das Weite zu suchen. Wahrscheinlich sahen sie ein, daß diese Gegner eine Nummer zu groß für sie waren.
Selbst Hasard, dessen Verletzung die Ursache der wilden Prügelei war, hatte inzwischen den kleinen Pfeil aus der Wunde gezogen und sich, so gut es ging, am Kampf beteiligt.
Um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, griff er mit dem gesunden Arm zum Gürtel und zog die Pistole. Dann krachte ein Schuß in die Luft, und ein lautes, ohrenbetäubendes Krachen dröhnte über die Lichtung und verlor sich in den Baumwipfeln.
Augenblicklich kehrte Stille ein.
Die Seewölfe, deren Brustkästen sich schwer atmend hoben und senkten, hielten plötzlich inne und starrten mit Verwunderung auf ihren Kapitän, der bei einer Verletzung durch Pfeilgift eigentlich schon hätte tot sein müssen.
Auch die Indianer stoppten plötzlich das laute Geschrei und Wutgeheul, mit dem sie die Gegner angesprungen hatten.
Ein muskulöser Mann mit bunt bemaltem Gesicht, den die Seewölfe sofort als jenen erkannten, der gestern auf der „Isabella“ kaltschnäuzig und frech einige Fässer Pulver verlangt hatte und dem sie wahrscheinlich auch die Invasion der roten Feuerameisen zu verdanken hatten, rappelte sich vom Boden hoch. Sein Gesicht war verschwollen und um einige Farben reicher geworden. Die ersten Schritte legte er hinkend zurück. Und plötzlich lag eine gewisse Scheu und Furcht in der Art, wie er sich den Männern der „Isabella“ näherte.
„Wir Frieden mit weißen Männern“, erklärte er in seinem verdrehten Spanisch. Offensichtlich hatte er, gleich seinen Stammesgenossen, begriffen, daß sie keine Chance mehr gegen diese rauhen Kerle hatten, daß sie sang- und klanglos untergehen mußten, wenn sie nicht klein beigeben würden.
„Bitte, aufhören mit Prügel“, setzte er noch hinzu. „Wollen Frieden. Weißer Mann wird nicht sterben.“ Er deutete bei diesen Worten auf Hasard, dessen Hemd an der linken Schulter blutdurchtränkt war. „Pfeil war nicht giftig!“
Als Hasard dazu nickte und feststellte, daß es sich wohl nur um eine kleinere Fleischwunde handeln könne und er keinerlei Anzeichen einer Vergiftung verspüre, da ging ein Aufatmen durch die Reihe der Seewölfe. Wo Gesichter eben noch grimmig und wild entschlossen dreingeblickt hatten, zeigte sich plötzlich wieder ein Grinsen. Die Männer fühlten sich sichtlich erleichtert darüber, daß ihrem Kapitän, dessen Schritt nach vorn von den Eingeborenen wohl falsch verstanden worden war, nichts Ernsthaftes geschehen war.
Verschreckte und lädierte Indianer krabbelten wieder auf die Beine und warfen ängstliche Blicke auf die sieben Männer, die vor ihnen standen. Sie hielten sich in respektvoller Entfernung. Keiner wagte sich mehr in die unmittelbare Nähe dieser weißen Teufel. Zwei braune Männer ließen sich gerade mit verstörten Gesichtern an einem Baum hinunter, in dessen Geäst sie der Profos katapultartig hinaufgeschleudert hatte. Samt und sonders schienen sie die Nase endgültig voll zu haben und einzusehen, daß hier keine Tsantas zu holen waren.
Aufgeregt und mit gedämpften Stimmen begannen die Indios aufeinander einzureden, während die ersten Frauen und Kinder scheu und ängstlich aus den Hütteneingängen lugten.
„Wir haben friedliche Absichten“, sagte der Seewolf auf Spanisch. „Nur der Zufall hat uns in euer Dorf geführt.“
Inzwischen waren zwei weitere Männer zu jenem braunen Burschen getreten, der wenigstens etwas Spanisch sprach. Rasch wurden einige Worte gewechselt.
Dann sagte der Dolmetscher: „Auch wir wollen Frieden. Wir sind keine bösen Menschen, aber vorsichtig. Viele weißen Männer haben schon Tod zu uns gebracht. Haben alles weggenommen, unsere Hütten zerstört Aber ihr habt nicht mit Feuerwaffen auf uns geschossen, habt niemand von uns getötet.“
Wieder betonte Hasard, daß sie nicht erschienen seien, um zu töten. Sie seien lediglich auf der Suche nach neuen Lebensmittelvorräten, weil viele große Ameisen auf ihrem Schiff alle Vorräte auffressen würden.
Betroffen blickten sich bei diesen Worten der Dolmetscher und die beiden anderen Indianer an, die wohl zu den führenden Häuptern des Dorfes zählten. Irgend etwas, das auf ein schlechtes Gewissen hindeutete, ließ sie für einen Moment die Augen zu Boden senken.
9.
Auch die übrigen Bewohner des Indianerdorfes, die Frauen, die Kinder und die Alten, schienen inzwischen begriffen zu haben, daß man im Interesse des allgemeinen Friedens bestrebt war, eine Einigung zu erzielen.
Neugierig rückten sie näher, um die weißen Männer mit den feuerspeienden Waffen zu bestaunen. Eine gewisse Furcht und Zurückhaltung war jedoch unverkennbar. Die Seewölfe mußten den Eingeborenen auf alle Fälle einen gehörigen Schrecken eingejagt haben.
Wenig später wurde Hasard, den man als Anführer der Weißen betrachtete, verarztet und zu der großen Feuerstelle vor der Malóca, dem großen Gemeinschaftshaus, geleitet.
Während einige Frauen sofort an die Arbeit gingen, um ein Essen zuzubereiten, begann das Palaver, an dem die Dorfältesten und der, Dolmetscher teilnahmen. Von der „Isabella“-Crew waren es Hasard und Ed Carberry, die sich mit verschränkten Beinen niedergelassen hatten, um einen Kompromiß mit den Indianern auszuhandeln.
Die übrigen Seewölfe waren ein Stück abseits mit Händen und Füßen ins Gespräch mit den Eingeborenen vertieft, jedoch nicht, ohne dabei die Augen offenzuhalten, denn ein gewisses Mißtrauen existierte nach wie vor auf beiden Seiten. Besonders Batuti, dessen Hautfarbe sich von jener der weißen Männer so sehr unterschied, schien ihr Interesse zu gelten.
„Ihr habt gestern Pulver von uns verlangt“, eröffnete Hasard die Unterredung. „Weil wir nicht verantworten konnten, euch diesen Wunsch zu erfüllen, habt ihr uns die roten Feuerameisen geschickt. Ihr habt Köder ausgelegt, damit sie auf unser Schiff gelangen konnten, um alle Vorräte zu fressen. Kennt ihr ein Mittel, um diese Ameisen zu vertreiben oder zu vernichten?“
Die braunen Männer nickten eifrig, und nach einem kurzen Wortaustausch in der kehligen Eingeborenensprache sagte der Dolmetscher mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit: „Pulver!“
Hasard stieß hörbar die Luft durch die Nase.
„Mein Gott, diesen Burschen muß aber wirklich viel an dem Zeug liegen“, sagte er auf Englisch zu Ed Carberry. Dann nickte er den Indianern zu. „Gut“, fuhr er auf Spanisch fort. „Ich werde euch ein Faß Pulver geben, wenn ihr dafür sorgt, daß die Ameisen von unserem Schiff verschwinden.“
Diese Worte mußten für die Indianer wohl eine gute Botschaft bedeuten, denn sofort begannen sie mit einem lebhaften Geschnatter, das sie mit freundlichem Kopfnicken unterstrichen. Trotz allem behagte die Sache Hasard gar nicht. Wenn die Kerle wirklich Schußwaffen hatten, dann würden sie damit nur Unheil anrichten.
Fast bereute Hasard schon dieses Versprechen, da schaltete sich Dan O’Flynn ein, der hinzugetreten war und die letzten Sätze der Unterredung gehört hatte.
„Du kannst den Burschen ruhig auch zwei Fässer Pulver versprechen, Sir“, sagte er und grinste. „Ich habe gerade die Musketen und Pistolen gesehen, die im Gemeinschaftshaus aufbewahrt werden. Damit kann niemand mehr einen Krieg gewinnen. Die Dinger funktionieren ganz gewiß nicht mehr, denn die Schlösser und Hähne sind total eingerostet und durch die feuchte Dschungelluft völlig verdorben.“
„Gut, Dan“, sagte Hasard und atmete innerlich auf, ohne das jedoch die Eingeborenen merken zu lassen.
Jetzt meldete sich der Dolmetscher, der offensichtlich recht stolz auf seine spanischen Sprachkenntnisse war, zu Wort.
„Wir sind einverstanden“, erklärte er. „Ein Faß Pulver, und wir sagen, wie Ameisen tot.“
Hasard vollführte eine erfreute Geste. Dann erwiderte er: „Noch ein Faß Pulver, wenn ihr uns helft, die Vorräte zu ersetzen, die durch die Ameisen zerstört worden sind.“
Die Mitteilung Dan O’Flynns hatte ihn großzügig werden lassen, obwohl er sich bewußt war, daß dieses Angebot im Hinblick auf die unbrauchbar gewordenen Waffen der Indianer nicht unbedingt seriösen kaufmännischen Gepflogenheiten entsprach. Gleichzeitig sagte er sich jedoch, daß die Burschen mit funktionsfähigen Waffen und dem dazugehörigen Pulver doch nur Probleme heraufbeschworen hätten. Er bereitete sich deshalb auch keine Gewissensbisse über sein Angebot und versprach gleichzeitig noch einige Werkzeuge sowie ein paar Beile und Messer.
Die Indianer brachen in ein wildes Freudengeheul aus. Wie der Dolmetscher sogleich übersetzte, war man mit diesem Angebot auch vollauf zufrieden. Die gute Stimmung war augenblicklich wiederhergestellt. Einer der Dorfältesten rief sofort den Frauen an der Feuerstelle einige Worte im Befehlston zu. Wahrscheinlich hatte er sie aufgefordert, sich mit dem Braten des Wasserschweins zu beeilen.
Trotz der erfreulichen Entwicklung der Verhandlungen vergaß der Profos der „Isabella“ nicht, ab und zu einen schrägen Blick zu den Frauen hinüberzuwerfen, die am Feuer hantierten.
„Und wenn ich auf einem wilden Wasserschwein zur ‚Isabella‘ zurückreiten muß“, bemerkte er entschlossen, „ich werde auf jeden Fall keinen Bananenbrei anrühren. Lieber lasse ich mich von des Teufels Großmutter zum Abendessen einladen.“
Derselbe Mann, der die Frauen zu größerer Eile aufgefordert hatte, wandte sich an einige seiner Stammesgenossen, die sich vorsichtig genähert hatten.
Offensichtlich erteilte er irgendwelche Befehle, denn unmittelbar danach sagte der Dolmetscher: „Wir werden euer Boot beladen. Es gibt viele Früchte und auch viel Fleisch. Wir haben getrockneten Fisch, Wasserschweine, entgiftete Maniokwurzeln und Bananen.“
Der Seewolf nickte zufrieden, und die Eingeborenen, die soeben ihre Anweisungen erhalten hatten, stoben in Windeseile auseinander, um die Nahrungsmittel herbeizuschaffen.
Hasard wies auf sein Hauptanliegen. „Wann werdet ihr uns zeigen, wie wir die Ameisen vernichten können?“
Der Wortführer wandte sich sofort an den Häuptling, einen alten Mann mit faltigem Körper und langem, ergrautem Haar.
Einige Sätze wurden ausgetauscht, dann sagte er: „Die Nacht ist nicht mehr weit. Wenn sie vorbei ist und die Sonne über dem Fluß steht, bringen wir Pflanzen, und Ameisen sind bald tot. Diese Worte sind Wahrheit. Wenn ihr wollt, werden zwei Männer von uns euch zum Schiff begleiten.“
Hasard begriff sofort. Man wollte zwei Männer als Pfand mitschicken, um zu zeigen, daß man seine Versprechungen auch einhalten würde.
Der Seewolf schüttelte den Kopf.
„Nicht nötig“, sagte er. „Ich glaube euch. Ich halte euch für Männer, die ihr Wort halten – wie auch ich mein Versprechen halten werde. Wenn ihr morgen in der Frühe erscheint und uns helft, die Ameisen zu vertreiben, dann werden wir euch das Pulver und die anderen Sachen übergeben.“
Diese Worte lösten abermals ein erregtes, aber sichtlich zufriedenes Gespräch unter den Eingeborenen aus. Sie nickten immer wieder eifrig, um ihr Einverständnis zu zeigen. Ein wenig schienen sie auch über das ungewohnte Vertrauen erstaunt zu sein, daß die fremden weißen Männer ihren Versprechungen entgegenbrachten.
Gleich darauf begann das Mahl. Große Stücke des gebratenen Wasserschweins wurden auf Pflanzenblätter gelegt und den Seewölfen gereicht. Bananenbrei war zur allergrößten Zufriedenheit des Profos’ nicht dabei. Somit hielten sich die Männer auch nicht zurück, ordentlich zuzugreifen.
Die Atmosphäre wirkte entspannt, und beide Seiten – die Indianer wie auch die Seewölfe – sammelten erneut die Erfahrung, daß Mißverständnisse nicht unbedingt mit Waffengewalt bereinigt werden müssen, sondern sich auch durch Gespräche beseitigen lassen – auch wenn es Gespräche mit „Händen und Füßen“ sind.
Noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit verließen die Seewölfe die Indianer, die zum Stamm der Tupinambá gehörten. Das Dorf, das die Eingeborenen „Icoraci“ nannten, lag nicht sehr weit vom Fluß entfernt, und die Männer stiegen schon bald in ihr vollbeladenes Boot.
Als sie die „Isabella“ erreicht hatten, vertäuten sie es so, daß die gefräßigen Insekten, die sich noch immer an Bord ihres Schiffes aufhielten, nicht an den neuen Proviant herankonnten.
10.
Als der neue Tag anbrach, atmeten die Seewölfe auf, denn eine lange, qualvolle Nacht lag hinter ihnen. Sie würden das unaufhörliche Knistern und Knakken an Bord der „Isabella“ wohl bis zum Ende ihrer Tage nicht mehr vergessen.
Wie ihnen eine kurze Inspektion bewies, hatten sich die Feuerameisen in den Nachtstunden bemüht, auch noch die allerletzten Lebensmittelreste zu fressen. Nichts, was die Männer an Bord bisher versucht hatten, war geeignet gewesen, diese gefräßigen Biester zu vertreiben.
Hasard ertappte sich immer wieder dabei, daß er den Flußlauf hinaufblickte. Noch nie hatte er Indianer so sehnlich erwartet wie an diesem Tag. Obwohl sich von Zeit zu Zeit geringe Zweifel einstellten, war er dennoch davon überzeugt, daß die Eingeborenen, mit denen sie sich nach einer wilden Prügelei am gestrigen Spätnachmittag geeinigt hatten, ihr Wort halten würden.
Er hatte bisher nie den Fehler begangen, fremde Völker mit anderen Sitten und Gebräuchen als unzivilisierte Wilde anzusehen. Er behandelte sie, wo es ging, als Partner, und die Resultate gaben ihm immer wieder recht.
Die Seewölfe wurden auch diesmal nicht enttäuscht.
Die Sonne stand noch keine Stunde am Himmel, da tauchten zwei der langen, schmalen Boote der Indianer an der Flußbiegung auf und hielten auf die „Isabella“ zu.
„Na endlich“, sagte Ben Brighton, der neben Hasard auf dem Achterdeck stand, und seine Stimme klang erleichtert.
Der Profos, der gerade mit dem längst von seinem Landausflug zurückgekehrten Sir John auf der linken Schulter von der Kuhl zum Achterdeck aufenterte, blickte ebenfalls erwartungsvoll den Booten entgegen.
„Hoffentlich hilft das versprochene Zeug auch“, sagte er, „sonst fallen die Biester noch über uns her oder fressen gar noch unsere Lady.“
„Ich bin zuversichtlich“, erwiderte Hasard. „Wenn die Indianer es verstehen, diese Insekten auf eine so raffinierte Art und Weise auf unser Schiff zu locken, dann sollte es mich sehr wundern, wenn sie nicht auch ein wirksames Gegenmittel kennen. Lassen wir uns überraschen, Ed. Gleich werden sie hier sein.“
Wenig später hatten die beiden Boote, die mit je drei Indios besetzt waren, die „Isabella“ erreicht.
Nachdem die Eingeborenen an Bord geklettert waren, zeigte ihnen Hasard die beiden versprochenen Pulverfässer sowie einige Beile, Messer und andere Werkzeuge, die sie bereits auf der Kuhl bereitgelegt hatten.
Die braunen Männer nickten sehr zufrieden.
„Gut!“ sagte der Dolmetscher. Er umrundete neugierig die Fässer und wiederholte dabei immer wieder das spanische Wort für „gut“.
„Nun zu den Ameisen“, sagte Hasard und sah die Indianer erwartungsvoll an.
Der Wortführer nickte und winkte einen seiner Begleiter heran. Sofort begann dieser, aus zwei kleinen Körben, die sie mitgebracht hatten, halbgetrocknete Lianen auszupacken.
„Feuer“, sagte der Dolmetscher. „Viel Rauch, und Ameisen sind schnell tot.“ Die Seewölfe staunten über diese simple Methode. Ein ganz klein wenig Skepsis ließ sich aber nicht von der Hand weisen.
Ferris Tucker und der Kutscher holten sofort einige Messingbecken mit glühender Holzkohle, die sie bereits vorbereitet hatten, und augenblicklich begann man mit der Ausräucherung der gefährlichen Insekten.
Ed Carberry, der die ganze Zeremonie mit zweifelndem Gesichtsausdruck verfolgte, rümpfte bald die Nase.
„Jetzt ist unsere Lady nur noch ein verräucherter und stinkender Kasten“, stellte er fest. „Nicht einmal in der Hölle kann es so fürchterlich stinken und qualmen.“
Die übrigen Männer waren ganz seiner Meinung, aber gleichzeitig registrierten sie, daß wohl auch die lästigen und gefräßigen Ameisen nicht sonderlich von den dicken, schwarzen Rauchschwaden erbaut waren. Schon bald begannen sie nämlich, ihren Geist aufzugeben. Das Knistern wurde immer leiser, und es dauerte nicht lange, und auch die letzte Ameise rührte sich nicht mehr. Sie waren ausgerottet, und zwar absolut gründlich, wie die Crew mit Erstaunen und Erleichterung feststellte.
Als die Prozedur zu Ende war und Hasard sich davon überzeugt hatte, daß sie nur noch die toten Ameisen wegzufegen brauchten, erhielten die Indianer das versprochene Schießpulver sowie die Werkzeuge samt Beilen und Messern. Weil sie Wort gehalten hatten, brachte der Kutscher auf Geheiß Hasards noch einige Blöcke Steinsalz herbei, über das die kleinen Kerle mit den langen, blauschwarzen Haaren sofort gierig herfielen. Es schien ihnen noch wertvoller als das Pulver zu sein.
Die Männer konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie die Gesichter von Philip und Hasard, den Zwillingssöhnen des Seewolfs, sahen, die mit essigsaurer Miene und Augen, rund wie Ankerklüsen, den Heißhunger der Indianer auf Salz miterlebten.
Als dann noch Sir John über die Kuhl flatterte und etwas von „hinkenden Kanalratten“ und „triefäugigen Heringen“ krächzte, fühlten sie, daß „ihre“ Welt wieder in Ordnung war.
Wie es schien, hatten die Seewölfe neue Freunde gefunden.
Als die beiden Boote mit den winkenden Indianern hinter der Flußbiegung verschwunden waren, gab Philip Hasard Killigrew Befehl, den Anker zu hieven und die Segel zu setzen.
Dann nahm die „Isabella VIII.“ Fahrt auf, damit „der stinkende Kahn“, wie der Profos sich ausdrückte, „endlich mal wieder frische Luft holen“ konnte.
Bald lag der Urwaldfluß weit hinter ihnen. Nachdem der schlanke Rahsegler die Baja de Marajo verlassen und das offene Meer erreicht hatte, fiel er nach Backbord ab und ging, wie ursprünglich geplant, auf Nordwestkurs – dem nahen Äquator entgegen …

1.
Jetzt, zu Beginn des Monats März 1591, befand sich die „Isabella VIII.“ wieder in den Gewässern der nördlichen Erdhalbkugel und lief in einer warmen Tropennacht unweit des Äquators und des gewaltigen Deltas der Amazonas-Mündungen eine stille, geschützt liegende Inselbucht an.
Die Insel hieß „Ilha de Maracá“ und gehörte zu einem kleinen Archipel nahe der Ostküste der „Tierra Firme“, wie die Spanier und die Portugiesen den südlichen Teil der Neuen Welt zu nennen pflegten.
Es gab eine kleinere Insel weiter im Norden, die offenbar noch keinen Namen hatte, und vier bis fünf Meilen im Südosten der „Ilha de Maracá“ lag ein Eiland namens „Ilha Jipioca“, das allerdings nicht einmal halb so groß wie die Nordinsel war. Wieder etwas weiter südlich schließlich lag das „Cabo Norte“, das Nordkap, das in den Atlantik hinausragte.
Der Seewolf bezog alle diese Daten aus seinem umfangreichen Kartenmaterial. Er hatte am Vortag mit Dan O’Flynn zusammen Berechnungen angestellt, und dank ihres navigatorischen Geschicks war es ihnen gelungen, die Insel in der Dunkelheit zu finden, indem sie sich am Mond und an den Sternbildern orientierten.
Hier, wo der zweite nördliche Breitenkreis die „Ilha de Maracá“ in ihrer Mitte durchschnitt, wollte sich Philip Hasard Killigrew auf die Suche nach Frischfleisch und Trinkwasser begeben – nach jagbarem Wild und einer Quelle also, die seiner Meinung nach auf der Insel anzutreffen sein mußten.
Die erbarmungslose Hitze und die große Feuchtigkeit des Amazonasgebietes hatten die Vorräte an Bord der Galeone stark reduziert. Fleisch und Speckseiten waren verdorben, vom Frischgemüse und vom Obst ganz zu schweigen. Das Brot war zum größten Teil so stark angeschimmelt, daß es nicht mehr genießbar war, im Mehl krochen die Würmer, in der Fässern faulte das Süßwasser, und das Salz war zerflossen wie ein gärender Brei.
Da sich auch keine lebenden Tiere mehr an Bord befanden, die man hätte schlachten können, sah sich der Seewolf vor die dringende Notwendigkeit gestellt, größere Mengen Nachschub für die Kombüse und die Vorratslasten der „Isabella“ zu beschaffen. Das Festland wollte er jedoch nicht mehr anlaufen, um nicht zuviel Zeit zu verlieren, und so schien ihm die „Ilha de Maracá“ für seine Zwecke genau der richtige Platz zu sein.
Vor Morgengrauen wählte er die Männer aus, die ihn als Landtrupp bei der Erkundung der Insel begleiten sollten. Es waren Ben Brighton, Big Old Shane, Ed Carberry, Ferris Tucker, Blacky, Dan O’Flynn und Smoky. Old Donegal Daniel O’Flynn übernahm auf Hasards Anweisung hin für die Zeit seiner Abwesenheit das Kommando an Bord der „Isabella“.
Im Hereinbrechen des neuen Tages schickte Old O’Flynn einen argwöhnischen Blick zum Strand der Bucht hinüber. Er stand an der Backbordseite des Quarterdecks, hatte die Hände auf das Schanzkleid gelegt und schien angestrengt nachzudenken. Keiner der Männer, die in seiner Nähe waren, bezweifelte im geringsten, daß es wieder die üblichen düsteren Vorstellungen waren, die seinen Geist beschäftigten.
Shane wollte den Alten ansprechen, aber Ferris Tucker hielt ihn zurück und gab ihm durch eine Geste zu verstehen, daß es besser wäre, Old Donegal in Ruhe zu lassen. In der Tat gerieten Old O’Flynn und der graubärtige Riese schon oft genug aneinander, besonders dann, wenn es um die „Gesichter“ und die üblen Ahnungen des Alten ging.
Der Seewolf trat nun allerdings neben Old O’Flynn und sagte: „Nun rück schon heraus mit der Sprache, Donegal. Du kannst uns ruhig verraten, was uns erwartet, wenn wir die Insel betreten. Wir sind auf alles vorbereitet.“
Der Alte wandte den Kopf, und plötzlich hellten sich seine Züge auf. „Wie, du meinst, ich würde euch euren Untergang prophezeien und alle möglichen Fallen wittern? Nein, nein, diesmal täuschst du dich.“ Er lachte kurz auf. „Wenn du mich schon fragst, also, ich glaube, daß wir diesmal eine richtig schön gelegene Insel und eine nette freundliche Bucht erwischt haben.“
Hasard hob verblüfft die Augenbrauen. „Ist das dein Ernst?“
„Mein voller Ernst.“
„Und wir werden auch Wild und eine Quelle entdecken?“
„Bin ich ein Hellseher?“ fragte der Alte mit verschmitzter Miene zurück. „Bei der Vegetation, die ich von hier aus sehe, könnte das gut der Fall sein, aber es bleibt eben nur eine Vermutung.“
Big Old Shane trat einen Schritt näher und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Sag mal, willst du uns auf den Arm nehmen, Donegal?“ fragte er drohend. „Du bist doch sonst nicht so zimperlich mit deinen verdammten Voraussagen.“
Old O’Flynn musterte ihn angriffslustig. „Shane, paß auf, daß du an Land nicht hinfällst und dir die Ohren brichst. Ich sehe ein paar knorrige Wurzeln auf deinem Weg und eine giftige Schlange, die dir in den Hintern beißt, wenn du der Länge nach am Boden liegst. Genügt das?“
„Ja, mir reicht’s“, entgegnete der ehemalige Schmied von Arwenack. „Dir bringe ich einen Skorpion mit, du Witzbold, und den stecke ich dir heute abend in die Hosentasche. Mal sehen, was dann passiert.“
Höhnisch verzog Old O’Flynn seinen Mund. „Du findest ja doch keinen, du krummbeiniger Eisenbieger. Ich in meinem Alter sehe noch so gut wie ein Seeadler, aber du kannst auf eine Kabellänge Entfernung ja nicht mal einen Felsen von einer Jungfrau unterscheiden.“
Shane wollte ihm eine geharnischte Antwort geben, doch Hasard unterband den beginnenden Streit in seinem Ansatz.
„Abentern an Bord der Jolle“, befahl er. „Wir setzen jetzt über und fangen mit der Erforschung der Insel an. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Das Boot war bereits abgefiert worden und dümpelte an der Bordwand des Schiffes. Hasard stieg aufs Hauptdeck hinunter, kletterte über das Schanzkleid und hangelte an der Jakobsleiter nach unten.
Die sieben Männer folgten ihm. Wenig später hatte sich die Jolle von der „Isabella“ gelöst und glitt unter gleichmäßigem Riemenschlag zum Strand der Bucht hinüber.
Grau kroch das erste Licht des Tages von Osten her über die Insel und löste die milchigen Schleier auf, die sich vom Wasser der Bucht bis zu den flachen Kuppen der Hügel im Inneren der Insel emporzogen.
Hasard, der die Ruderpinne der Jolle hielt, blickte zu den Hügeln auf und fragte sich im stillen, ob sich Old O’Flynn in seiner ausgesprochen optimistischen Äußerung über das, was sie auf der „Ilha de Maracá“ erwartete, diesmal nicht ein wenig geirrt hatte.
Keiner konnte auch nur ahnen, was sich wirklich ereignen würde.
Die Ankerbucht der „Isabella“ befand sich am Ostufer der Insel, und von dort aus war es unmöglich, alles zu überblicken. So erhoben sich zwischen dem Ostufer und den sandigen kleinen Buchten der Südseite die Hügel, die auch Bill, dem Ausguck im Großmars, die Sicht bis dorthin versperrten.
Folglich vermochten weder die an Bord der „Isabella“ zurückgebliebenen Männer noch Hasard und seine sieben Begleiter zu verfolgen, was sich um diese Zeit an einer der halbkreisförmigen, mit weißem Sand ausgefüllten Buchten im Süden tat.
Als der Seewolf mit seinem kleinen Trupp gerade landete und das Boot verließ, stiegen fünf Mädchen von einem der mit Buschwerk und niedrigen Bäumen bewachsenen Hänge ab und liefen auf den Strand. Sie stießen kurze, entzückte Rufe aus, lachten und benahmen sich völlig unbeschwert.
Sie hießen Ilana, Mileva, Ziora, Saila und Oruet, und sie gehörten dem kleinen Stamm von Indios an, der auf dieser Insel ein ziemlich sorgenfreies Leben führte.
Ilana blieb stehen und streifte als erste ihren engen Rock ab. Danach öffnete sie ihr kunstvoll besticktes Hemd, das in seinen bunten Mustern an eine der Molas im Dorf erinnerte, Applikationsnähereien, wie sie vor allen Hütten hingen.
Sie ließ das Hemd wie achtlos sinken und schritt auf die Brandung zu, mit anmutigen Bewegungen und leicht schwingenden Hüften, ihrer vollendeten Schönheit bewußt. Die anderen folgten ihrem Beispiel und gingen ihr nach. Sie waren unbekümmert in ihrer Nacktheit und benahmen sich so ausgelassen wie Kinder, als sie das Wasser erreichten.
Sie liefen lachend durch die Brandung. Oruet geriet ins Stolpern und fiel, aber Ilana drehte sich sofort um und half ihr wieder auf.
Die drei anderen kicherten. Mileva wollte Ilana und Oruet mit Wasser bespritzen, doch der zurechtweisende Blick Ilanas hielt sie zurück.
Ilana und Oruet waren die besten Freundinnen, sie benahmen sich wie Schwestern, und stets war Ilana hilfreich um das etwas schwerfälligere Mädchen bemüht, als habe ihr das jemand besonders ans Herz gelegt.
Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte Ilana, die Kessere und Mutigere von beiden, bei einer ihrer Eskapaden nur hundert Schritte vom Dorf entfernt einmal eine höchst unliebsame Begegnung mit einer giftigen Schlange gehabt. Das Reptil hatte sich vor ihr aufgerichtet, um zuzustoßen, und Ilana war vor Schreck wie gelähmt gewesen. Oruet jedoch, die alles beobachtet hatte, hatte überraschend geistesgegenwärtig gehandelt und einen Stein aufgehoben, der so groß war, daß sie ihn kaum halten konnte. Diesen Stein hatte sie auf die Schlange geworfen – und Ilana hatte ihr dies nie vergessen.
Oruet prustete und sagte: „Danke, Ilana. Ich bin aber auch zu ungeschickt. Ich glaube, ich bin ein richtiger Tolpatsch.“
„Unsinn. Komm, ich will, daß du jetzt endlich richtig schwimmen lernst.“
„Das lerne ich nie.“
„Du mußt dich dazu zwingen“, sagte Ilana. „Eines Tages könnte es lebenswichtig für uns alle sein, uns im Wasser fortzubewegen.“
„Du meinst, weil Surkuts Männer kommen könnten?“
„Ja.“
„Tubuago, dein Vater, sagt, daß Surkut es niemals wagen würde, uns zu überfallen. Surkut hält große Reden, aber im Grunde seines Herzens ist er ein Hasenfuß.“
„Das mag sein“, sagte Ilana. „Aber er versteht es, seine Männer gegen uns aufzuwiegeln. Bald wird ihr Haß gegen uns so groß sein, daß sie sich nur noch wünschen, uns alle totzuschlagen.“
Entsetzt riß Oruet die Augen auf. „Rede doch nicht so, Ilana. Ich kann es nicht ertragen, wenn du so etwas sagst.“
Ilanas Miene veränderte sich, sie lächelte plötzlich wieder. „Du hast wirklich recht. Wir sollten uns unser Morgenbad nicht verderben. Laß uns ins tiefere Wasser waten.“
„Ilana“, sagte Oruet. „Wenn Kewridi dich jetzt so sehen könnte – wenn er wüßte, daß du hier bist, würde er bestimmt dort drüben zwischen den Büschen hocken und dich beobachten.“
„Er weiß es aber nicht. Keiner von den jungen Burschen aus dem Dorf weiß, daß wir hier sind, und das ist auch gut so, denn sie sind alle viel zu stürmisch und können sich nicht zurückhalten.“ Ilana lachte, griff nach Oruets Arm und zog sie mit sich zu den anderen, die inzwischen schon bis zur Brust im Wasser standen und ihnen zuwinkten.
Kewridi war ein junger Jäger und Fallensteller, der Ilana seit einiger Zeit den Hof machte, jedoch von Tubuago, dem Häuptling der Maracá-Indios, immer wieder energisch zurückgewiesen wurde. Ilana stand seinem Werben halb angetan, halb reserviert gegenüber, denn sie wußte selbst nicht genau, wie sie sich verhalten sollte.
Die fünf Mädchen bewegten sich im klaren, türkisfarbenen Wasser und blickten zum Himmel auf, der sich über ihnen allmählich blau zu färben begann. Die Brise aus Südosten, die den herben Duft der See landeinwärts trug, spielte mit ihren schwarzen Haaren, und das Licht der Sonne setzte ihren Körpern einen bronzefarbenen Schimmer auf.
Ilana bemühte sich darum, Oruet das Schwimmen in Rückenlage beizubringen. Sie tat das nicht zum erstenmal, aber ihre Geduld schien unerschütterlich zu sein. Immer wieder erklärte sie ihrer Freundin, daß man den Rücken durchdrücken und die Beine so ausgestreckt wie möglich halten müsse – und immer wieder ging Oruet unter.
Die Vertrautheit mit dem nassen Element war bei den Inseln-Indios eine Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit, die meisten von ihnen waren gute Schwimmer und Bootsfahrer. Jede Mutter pflegte mit ihrem Neugeborenen zuallererst ein kaltes Bad zu nehmen, um es abzuhärten und an das Wasser zu gewöhnen. Auch den Mädchen brachte man das Schwimmen bei, und die größte Zahl von ihnen waren überdies hervorragende Taucherinnen, die Muscheln und Korallen aus der Tiefe holten.
Nur bei Oruet waren bislang alle Versuche fehlgeschlagen, sie diese Fertigkeiten zu lehren. Ihre Eltern, ihre Brüder und alle anderen Verwandten hatten es schon aufgegeben, sie entsprechend zu unterrichten. Nur Ilana hielt nach wie vor fast starrsinnig an ihrem Vorhaben fest.
Oruet tauchte wieder auf. Sie spuckte etwas Wasser aus und rieb sich die Augen.
„Hör jetzt mal gut zu“, sagte Ilana. „Das Wasser trägt dich, du darfst nur keine Angst davor haben. Das Wasser ist dein Freund, wenn du die Furcht verlierst. Du kannst dich darauf ausruhen wie auf deiner Schlafmatte, du brauchst es nur zu wollen. Oruet – du bist ja schon wieder mit den Gedanken woanders!“
„Sieh doch“, sagte Oruet. Sie blickte an Ilanas Schulter vorbei, und ihre Stimme hatte einen seltsam belegten Klang.
Ilana wandte sich um.
Jetzt sah sie die kleinen Wasserfahrzeuge, die das Südkap der Insel von Westen her gerundet haben mußten. Es waren Kanus und Piraguas, mehr als ein halbes Dutzend an der Zahl. Sie waren voll besetzt mit braunhäutigen Männern, die die Paddel wie große Messer ins Wasser stachen.
„Da!“ rief jetzt auch Ziora. „Das sind bestimmt Surkuts Männer!“
„Ilana“, sagte Oruet. „Du hattest recht mit deinen Befürchtungen. Oh, wie recht du hattest.“
Ilana fuhr im Wasser zu ihr herum. „Fort!“ stieß sie aus. „Ans Ufer, ehe es zu spät ist. Ich gehe mit dir, Oruet.“ Sie beschrieb eine hastige Gebärde zu Mileva, Ziora und Saila hin und rief: „Ihr schwimmt dort hinüber – so schnell ihr könnt!“ Sie wies zum nordöstlichen Bereich des Strandes und fügte hinzu: „Sie dürfen uns nicht erwischen!“
Sie wagte nicht, sich auszumalen, was geschah, wenn die Flucht vor den Männern mißlang. Sie zerrte Oruet mit sich fort, gelangte in etwas flacheres Wasser und kam schneller voran. Bald hatten sie sich beide der Brandung so weit genähert, daß sie laufen konnten. Hoch spritzte das Naß auf. Hinter ihrem Rücken ertönten das Lachen und Grölen der Männer, die jetzt sehen konnten, daß die Mädchen völlig unbekleidet waren.
Mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit schoben sich die Kanus und Piraguas auf den weißen Sandstrand zu. Die Distanz schrumpfte, und schon richteten sich einige der Indios in den Booten auf, um über die Bordwand zu springen und den Mädchen nachzuhetzen.
Sie betrachteten die fünf Mädchen als ihre Beute, eine Beute, die es zu nehmen und zu unterwerfen galt.
2.
Ilana hatte Oruets Arm losgelassen. Nebeneinander verließen sie das flache Wasser. Ilana wagte nicht, sich umzudrehen. Leicht geduckt lief sie über den Sand und hoffte, daß ihre Freundin mithalten würde, doch Oruet fiel zurück.
Ilana drehte sich zu ihr um. Voll Panik gewahrte sie, daß die ersten Kanus die Brandung erreicht hatten. Vier, fünf, sechs und noch mehr Gestalten ließen sich ins Wasser fallen, richteten sich blitzschnell wieder auf und stürmten lachend ans Ufer.
„Beeil dich!“ schrie Ilana. „Mach doch jetzt nicht schlapp!“
„Ich komme“, stieß Oruet hervor. „Lauf weiter. Kümmre dich nicht um mich!“
Mit einem Satz war Ilana bei ihr, griff ihre Hand und zog sie hinter sich her.
Surkuts Männer waren jetzt ebenfalls auf dem Strand und nahmen die Verfolgung der Mädchen auf. Einer wollte eine Lanze schleudern, doch ein anderer hielt ihn zurück.
„Nicht!“ brüllte er. „Wir wollen sie doch nicht verletzen! Für uns taugen sie nur, wenn sie gesund und kräftig sind!“
Die anderen lachten wieder.
Mileva, Ziora und Saila versuchten, schwimmend und tauchend zur anderen Seite des Strandes zu fliehen, doch auch ihnen waren die Männer dicht auf den Fersen. Zwei Kanus und zwei Piraguas glitten ihnen nach, und schon forderten einige der Männer sie durch Zurufe auf, sich zu ergeben.
Die Männer stammten von der Nordinsel. Surkut, ihr Anführer, hatte sie geschickt, und sie waren fast die ganze Nacht über unterwegs gewesen, um die Entfernung zwischen der Nordinsel und der Insel Maracá zu überbrücken und anschließend am Westufer der „Ilha de Maracá“ entlangzupaddeln.
Sie sollten eigentlich nur auskundschaften, wie es um die Bewachung der Insel Tubuagos bestellt war, damit Surkut seinen Überfall auf die Insel Maracá – den er schon seit langer Zeit durchführen wollte – entsprechend planen konnte. Jetzt aber hatten die Späher die fünf Mädchen ganz überraschend entdeckt und wollten sich ihr brutales Vergnügen nicht nehmen lassen.
Oruet strauchelte und fiel. Sie wollte sich von Ilana losreißen, doch Ilana stürzte mit ihr, und ehe sie sich wieder aufrappeln konnten, waren die wild grölenden Kerle über ihnen.
Die Mädchen wehrten sich mit Händen und Füßen, sie schlugen um sich, kratzten und bissen, doch die Übermacht war zu groß.
Drei Angreifer packten Ilana, zwei andere hielten Oruet an den Armen und an den Beinen fest, ein sechster beugte sich über die Mädchen und betrachtete sie, als seine Kumpane sie derart fest im Griff hatten, daß sie sich nicht mehr regen konnten.
„Borago!“ rief einer von den beiden, die die stöhnende Oruet auf den Boden preßten. „Auf was wartest du? Fällt dir die Auswahl so schwer? Ich an deiner Stelle würde die Schlanke, Langbeinige nehmen. Überlaß uns die Kleine hier mit den großen Brüsten, wir werden sie schon zähmen.“
Borago war ein großer Mann mit dichtem, schwarzem Haar, breiten Schultern und einem muskulösen Körper. Er zählte zu den besten Kriegern des Stammes der Nordinsel, und Surkut hatte ihn zum Führer der Bootspatrouille ernannt, die die Ufer der „Ilha de Maracá“ erkunden sollte.
Er beugte sich über Ilana und las in ihren Zügen. Doch in ihren Augen war keine Angst, an der er sich weiden konnte.
Zornig rief sie: „Laßt mich los! Ihr werdet es sonst schwer bereuen, was ihr tut!“
„Was tun wir denn?“ fragte Borago mit unverhohlenem Spott in der Stimme. „Bislang ist dir doch noch gar nichts geschehen, mein Täubchen. Vielleicht will ich dich nur beschützen, wer weiß?“
„Sag deinen Kerlen, daß sie mich freigeben sollen!“
„Ich gebe ihnen nur dann den Befehl dazu, wenn du mir versprichst, dich nicht vom Fleck zu rühren.“
„Ihr habt kein Recht, uns festzuhalten!“ stieß Ilana aus. „Ich bin die Tochter des Häuptlings Tubuago, und wenn ihr mir und meinen Freundinnen auch nur ein Haar krümmt, geschieht ein großen Unheil. Dann erklärt mein Vater euch den Krieg!“
Die Kerle lachten, und Borago erklärte mit hämischer Miene: „Es wird mir eine besondere Ehre sein, die Tochter des Feiglings und Tagediebes Tubuago ein Stück über diesen schönen weißen Sand zu schieben.“
Wieder brüllten die Kerle vor Vergnügen.
Ilana biß sich auf die Unterlippe. Sie wußte jetzt, daß sie einen Fehler begangen hatte. Der Hinweis auf ihren Vater und darauf, wer sie war, hatte die Strolche nicht im geringsten beeindruckt – im Gegenteil. Es würde ihnen jetzt eine doppelte Freude bereiten, sie zu entehren und zu erniedrigen.
Sie begriff, daß sie wohl besser den Mund gehalten hätte, doch die Einsicht erfolgte zu spät.
Im Wasser schrie eins der drei anderen Mädchen auf. Es war Mileva, die jetzt von einem der Kerle, die inzwischen von den Kanus und Piraguas in die Fluten gesprungen waren, gefaßt worden war. Er zog sie unter die Oberfläche, tauchte wieder mit ihr auf und lachte, als sie ihm die Faust ins Gesicht hieb.
Ein paar andere stellten Ziora und Saila nach und holten sie ein, noch ehe sie durch die Brandung auf den Strand gelangen konnten. Auch sie setzten sich zur Wehr und schrien, doch jeder Widerstand, alle Schläge und Tritte, die sie austeilten, nutzten ihnen nichts.
Borago kniete sich hin und streckte die Hände aus, um Ilanas Körper zu betasten.
„Schrei, soviel du willst“, sagte er. „Ich glaube nicht, daß jemand aus eurem verfluchten Dorf euch hört, denn meines Wissens liegt es ziemlich weit im Inneren der Insel.“
Ilana preßte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Sie war bleich unter ihrer braunen Gesichtsfarbe, und plötzlich verspürte sie Angst, doch sie zwang sich dazu, die Angst nicht zu zeigen.
Oruet jedoch schrie auf, so verzweifelt und gellend, daß einer der Männer ihr fluchend den Mund zuhielt. Sein Kumpan richtete sich halb auf und traf Anstalten, sich seines Lendenschurzes zu entledigen.
Hinter den ersten Hügeln begann die eigentliche tropische Vegetation der Insel: ein dichter Regenwald, wie ihn die Seewölfe zur Genüge kannten. Eine Laune der Natur hatte verhindert, daß die Mangroven und Lianen und all die anderen üppig wuchernden Pflanzen der „Selvas“ bis über die östlichen Hänge der Insel hinaus zum Ufer krochen. Hasard nahm an, daß dies mit der Beschaffenheit des Untergrundes zusammenhing, der ihm in Küstennähe härter und lehmiger erschien als hier, am Saum des Dschungels.
Im Busch erwachte das Leben. Bunte Vögel flatterten zwischen den Baumriesen auf und ab und stießen empörte und warnende Schreie aus. Äffchen keckerten, Insekten tanzten im ersten Morgenlicht, und irgendwo verschwand ein scheues Reptil lautlos im verfilzten Unterholz. Neugierige Augen schienen die Männer zu beobachten.
Sir John, der karmesinrote Aracanga, der mit Carberry die „Isabella“ verlassen hatte und bisher zahm und sittsam auf der Profos-Schulter gehockt hatte, erhob sich mit einem krächzenden Laut in die Luft und flog zu seinen Artgenossen. Hier fühlte er sich in seinem Element, hier war er ja praktisch zu Hause, denn Carberry hatte ihn seinerzeit bei einer Fahrt auf dem Amazonas aufgelesen.
Der Seewolf beschloß, den Waldrand in südlicher Richtung abzuschreiten. Vorerst wollte er nicht in das Dickicht eindringen.
Er hatte Glück mit seiner Strategie: Nicht sehr viel später trafen sie hart am Saum des Dschungels auf eine Quelle, die aus einem kleinen Gesträuch hervorsprudelte.
Hasard bückte sich und untersuchte zunächst, ob sich in dem Gebüsch etwa Schlangen verborgen hielten. Aus Erfahrung wußte er, daß besonders die giftigen Exemplare mit Vorliebe in den frühen Morgen- und während der späten Nachmittagsstunden die Nähe des Wassers anstrebten, um ihren Durst zu löschen.
Big Old Shane und Ben Brighton standen schon mit ihren Entermessern bereit, um nötigenfalls auf die Reptile einzuschlagen, aber ihre Vorsicht erwies sich in diesem Fall als übertrieben.
„Die Quelle ist sauber“, sagte Hasard. „Um so besser, das erspart uns eine längere Säuberung und unliebsame Überraschungen. Mal sehen, wie das Wasser schmeckt.“
Er wollte beide Hände zu einer Art Schale formen, um etwas von dem Naß zu schöpfen, doch plötzlich hielt er inne und hob lauschend den Kopf.
„Hört ihr das?“ fragte er.
„Sicher, Sir“, erwiderte Ferris Tukker. „Der Dschungel ist voller merkwürdiger Geräusche, und man muß sich wundern, daß man bei dem Lärm überhaupt noch sein eigenes Wort versteht.“
„Unsinn, Ferris, das meine ich nicht. Ich habe ganz deutlich einen Schrei gehört.“
„Du meinst – den Schrei eines Raubtiers?“ fragte Smoky, der Decksälteste.
Der Seewolf schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Nein. Das war der Ruf eines Menschen, und wenn mich nicht alles täuscht, befindet er sich in höchster Gefahr. Vorwärts, sehen wir mal nach, was da los ist. Der Laut kam von Süden.“
Er lief los und steuerte am Busch vorbei auf die sanften, nur mit Strauchwerk und niedrigen Bäumen bewachsenen Kuppen zu, die im Süden jetzt zu erkennen waren. Ben, Shane, der Profos, Ferris, Blacky, Dan und Smoky schlossen sich ihm an und hatten Mühe, nicht hinter ihm zurückzubleiben. Wieder einmal bewies der Seewolf, daß er nicht nur ausgezeichnete Seebeine hatte. Er lief sehr schnell, mit langen Sätzen, und wich geschickt Unebenheiten und anderen Hindernissen im Gelände aus.
Big Old Shane, der neben Ben Brighton lief, entsann sich der Worte Old O’Flynns. Er hatte den Mahnungen und Prophezeiungen des Alten nie Glauben geschenkt, aber jetzt mußte er doch daran denken.
Plötzlich hakte er mit dem rechten Fuß hinter eine Buschwurzel und geriet ins Taumeln. Um ein Haar wäre er hingefallen, nur durch rasche Beinarbeit und wildes Rudern mit den Armen konnte er sein Gleichgewicht halten. Fluchend lief er weiter.
„Siehst du, Shane“, sagte Dan O’Flynn hinter ihm. „Mein Alter hat mal wieder recht gehabt. Paß bloß auf, daß du nicht noch hinfliegst und dir die Ohren brichst.“
„Der Teufel soll den Alten holen!“ rief Shane. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber der Seewolf drehte sich zu ihm um und gab ihm durch seinen Blick zu verstehen, daß er still sein sollte.
Hasard hatte die letzte Kuppe fast erreicht, die ihn und seine Männer noch vom südlichen Ufer der Insel trennen mußte, und wieder vernahm er jetzt einen Schrei, diesmal erstickt, aber nicht minder verzweifelt als der vorherige.
Er duckte sich zwischen die Büsche, verlangsamte seine Schritte und hielt nach dem Ausschau, was sich offenbar direkt am Ufer abspielte. Von dort war jetzt das rauhe Lachen von Männern zu hören, dann ein paar Worte, die Hasard nicht verstand.
Als er seinen Kopf wieder etwas anhob, konnte er den halbkreisförmigen Streifen weißen Strandes erkennen, auf dem sich mehrere Gestalten bewegten – Männer und Frauen, man brauchte kein Spektiv, um sie unterscheiden zu können.
Ben, Shane und der Profos waren neben ihrem Kapitän, und auch Ferris, Blacky, Smoky und Dan trafen in diesem Moment ein.
Der Seewolf drehte sich zu ihnen um.
„Wir müssen den Mädchen aus der Klemme helfen“, sagte er leise. „Es ist unsere verdammte Pflicht. Versuchen wir also, diese Kerle zu verjagen. Geschossen wird nur im äußersten Notfall, und auch mit den Blankwaffen haltet ihr euch zurück, verstanden? Ich will kein unnötiges Blutvergießen.“
„Aye, aye, Sir“, murmelten die sieben.
Borago blickte plötzlich auf, weil einer seiner Männer einen warnenden Laut ausgestoßen hatte. Borago kniff die Augen etwas zusammen, und seine Miene veränderte sich. Sie wurde hart und undurchdringlich, denn er sah jetzt die acht weißen Männer, die den Hang hinunterstürmten. Keinen Moment gab er sich Illusionen darüber hin, was ihre Absichten sein mochten.
Er sprang auf und griff nach seiner Lanze, die einer der Kumpanen ihm sofort zuwarf.
Er lief los, zwischen Ilana und Oruet hindurch, hielt auf die Fremden zu und rief dabei seinen Leuten zu: „Los, schlagen wir diese Hunde zurück, sie wollen uns nur den Spaß verderben!“
Im Voranstürmen ließ Borago die Fremden nicht aus den Augen und prägte sich ihre Physiognomien genau ein. Der Mann an der Spitze des kleinen Trupps hatte schwarze Haare, eisblaue Augen und ein verwegenes, von tausend Wettern geprägtes Gesicht, das zusätzlich durch eine Narbe gekennzeichnet war, die über seine Stirn und seine eine Wange verlief.
Hinter diesem großen Mann liefen drei Riesen, von denen der eine durch seinen gewaltigen grauen Vollbart auffiel, der zweite durch seinen roten Haarschopf und der dritte durch sein narbiges Gesicht mit dem mächtigen Kinn. Die vier übrigen registrierte Borago als einen etwas untersetzten Mann mit lichtem Haar, einen ziemlich düster wirkenden Dunkelhaarigen, einen jungen Mann mit dunkelblondem Haar und einen Braunhaarigen, der der älteste von allen zu sein schien.
Borago hatten von der „Viracocha“ gehört, von den bärtigen weißen Männern, die mit ihren Schiffen fast überall an der Festlandküste gelandet sein sollten und dort jetzt ihre Herrschaft immer mehr ausweiteten. Einmal hatten er und seine Stammesbrüder von der Nordinsel aus auch einen der großen, stolzen Segler gesichtet, mit denen die Eroberer über die See fuhren.
Die Maracá-Inseln jedoch waren bislang von diesen Männern, die von allen Indios gefürchtet wurden, nicht beachtet worden, und so wußte man hier wenig über ihre Bräuche, über ihre Religion, ihre Waffen und ihre Art.
Vielleicht aber, so dachte Borage, sind sie heute erschienen, um auch uns zu unterwerfen, sowohl Tubuagos Stamm als auch den unseren, und es ist gut, ihnen gleich zu zeigen, mit wem sie es hier zu tun haben.
Er hatte keine Furcht vor diesen seltsamen Männern. Außerdem waren er und seine Kumpane in der Überzahl, so daß er sich leichtes Spiel von einer Auseinandersetzung mit diesen acht Fremden versprach.
Der Schwarzhaarige rief ihm etwas zu, das er nicht verstand. Borago wußte nicht, daß es die spanische Sprache war, und er kannte auch nicht den Indio-Dialekt, dessen der Seewolf sich gleich darauf bediente. Das Sprachengewirr in der Neuen Welt war groß, kein Indio verstand einen anderen Ureinwohner des Kontinents, wenn dieser auch nur hundert Meilen von ihm entfernt wohnte.
„Laßt die Mädchen in Ruhe!“ rief Hasard noch einmal, diesmal wieder auf spanisch. „Haut ab! Verschwindet!“
Er hatte keine Hoffnung, daß die Indios auch nur eins seiner Worte begriffen. Mit seinen Kenntnissen der indianischen Sprachen haperte es, und im übrigen hatte er schon mehrfach einen Eindruck davon erhalten, wie vielfältig das Ketschua, Guarani, Araukanisch und die anderen Dialekt-Formen Südamerikas waren.
Jede andere Form der Verständigung wurde durch Borago selbst verhindert. Er blieb abrupt stehen, hob seinen Speer und schleuderte ihn den Männern der „Isabella“ entgegen.
„Zur Seite!“ rief der Seewolf.
Sie wichen aus, und die Lanze flog mit surrendem Geräusch an ihnen vorbei. Sie blieb nicht weit vom Fuß des Hanges entfernt im Sand stekken.
Hasard und seine Männer hoben die Waffen. Der Seewolf hatte seinen Radschloß-Drehling von Bord der „Isabella“ mitgenommen, Ben Brighton hielt den Schnapphahn-Revolverstutzen, in dessen Schloß er die Trommel mit acht Kammern eingesetzt hatte. Die anderen hatten Musketen und Tromblons.
„Auf was warten wir?“ sagte Carberry. „Daß sie uns abstechen?“
Hasard blickte zu Borago und sprach kein Wort. Borago stieß einen wilden Schrei aus, nahm seinen Bogen zur Hand, riß einen Pfeil aus dem Köcher und legte dessen Schaftende an die Sehne.
„Schießt!“ schrie Borago seinen Begleitern zu, die jetzt ebenfalls vorgerückt waren und die langsamer vorrückenden Fremden lauernd betrachteten. „Tötet sie!“
Drohend hoben sich die Lanzen, die Spitze von Boragos Pfeil wies auf Hasards Brust.
Hasard legte mit dem Radschloß-Drehling an und gab einen Schuß in die Luft ab. Donnernd raste die Ladung hoch über die Köpfe der Indios weg, und eine weißliche Wolke Pulverqualm stieg in den Morgenhimmel auf.
Die Indios zuckten unwillkürlich zusammen und blieben stehen. Sie hatten von Fischern, die einmal vom Festland aus zu ihnen herübergepaddelt waren, zwar vernommen, daß die „Viracocha“ über lärmende Feuerrohre verfügten, unter deren Gluthauch die Gegner reihenweise umfielen, doch hatten sie bisher keinen allzu genauen Begriff davon gehabt, wie diese Waffen wirklich aussahen und benutzt wurden.
Wütend wandte sich Borago zu seiner Meute um. In den Gesichtern der Kerle spiegelten sich Verwirrung und Bestürzung, sie wußten nicht mehr, wie sie sich verhalten sollten.
„Laßt euch nicht beirren!“ rief Borago ihnen zu. „Seht ihr, wir leben alle noch! Die Feuerrohre können keine Wunderdinge vollbringen, sie töten nicht! Ihr Krachen und Qualmen ist nur ein billiger Zauber!“
Ruckartig drehte er den Kopf, zielte wieder auf Hasard und ließ den Pfeil von der Bogensehne schwirren. Der Seewolf ließ sich auf den Strand fallen und entging auf diese Weise dem sicheren Tod. Ben, Shane, Carberry und die anderen fluchten, aber sie schossen immer noch nicht, weil sie nicht den Befehl dazu erhalten hatten.
Die Indios stießen Schreie aus, die wie Siegesgeheul klangen. Sie schleuderten ihre Lanzen und schossen ihre Pfeile auf die Fremden ab, und einige von ihnen zückten die langen Hartholzmesser, die sie im Lendenschurz stecken hatten, um auch diese nach den weißen Männern zu schleudern.
Hasards Gruppe löste sich auf. Die Männer ließen sich zu Boden gleiten oder wichen nach den Seiten aus. Blacky stöhnte jedoch plötzlich auf. Entsetzt blickten sich Hasard und die anderen nach ihm um. Sie sahen, daß Blacky einen Pfeil in der linken Schulter stecken hatte. Blut sickerte aus der Wunde.
„Hölle und Teufel!“ begann Carberry zu fluchen. „Sir, diese Bande von braunen Bastarden will uns wirklich erledigen. He, sie wollen uns fertigmachen, diese Satansbraten, diese triefäugigen, verlausten Saftärsche – und das sollen wir uns gefallen lassen?“
„Feuer!“ schrie der Seewolf.
Er drückte als erster ab, und der Drehling spuckte seine Kugel mit einer rotgelben Feuerzunge aus. Sofort darauf krachten die Musketen von Shane und von Smoky, dann donnerte Bens Stutzen los, und im Anschluß daran feuerten auch Carberry, Ferris Tucker und Dan O’Flynn. Blacky hatte sein Tromblon losgelassen. Er kniete auf dem Sand und hielt sich mit beiden Händen die Schulter.
„Dan!“ rief der Seewolf. „Kümmre dich um Blacky!“
„Aye, Sir!“
Borago und seine Kumpane gerieten unter der Salve, die jetzt geballt über ihre Köpfe strich, wieder ins Stocken. Borago stand dem Seewolf inzwischen jedoch so nahe, daß er nur noch sein Messer zu ziehen brauchte und sich auf ihn werfen konnte, um ihn zu töten.
Hasard ließ den Drehling sinken und sprang vom Boden auf, ehe Borago das Messer zur Hand nehmen oder einen neuen Pfeil anlegen konnte. Mit einem großen Satz flog er auf den Kerl zu, packte seine Schultern und riß ihn mit sich auf den Strand. Borago verlor seinen Bogen aus der Hand. Während sie sich zweimal überrollten, tastete er verzweifelt nach seinem Messer, doch in seiner Hast konnte er es nicht schnell genug finden.
Dan hatte sich umgedreht, war jetzt neben Blacky und drückte ihn vorsichtig nach unten, bis er mit dem Rücken auf dem Sand lag.
„Ganz ruhig, alter Junge“, sagte Dan. „Wenn du denkst, du kannst jetzt schon den Hintern zukneifen und der Welt einfach Lebewohl sagen, hast du dich getäuscht. So einfach ist das nun mal nicht.“
„Hab ich das vielleicht gesagt?“ zischte Blacky. „Mann, red nicht so viel. Zieh mir lieber den Pfeil ’raus.“
„Blacky, das Ding hat Widerhaken.“
„Und wenn schon …“
„Ich würde das lieber dem Kutscher überlassen“, sagte Dan.
„Herrgott, ich wußte gar nicht, daß du so ein elender Jammerlappen bist, Mister O’Flynn“, brummte Blacky. „Laß mal, ich erledige das schon selbst.“
Er legte die Hand an den Pfeilschaft und versuchte, die Spitze mit einem Ruck aus seiner Schulter zu reißen. Aber schon beim ersten Ansetzen war der Schmerz, der ihn durchzuckte, so stark, daß er wieder aufstöhnte und die Augen verdrehte.
Ben, Big Old Shane, der Profos, Ferris Tucker und Smoky feuerten noch einmal über die Köpfe der Eingeborenen, dann erhoben auch sie sich vom Strand und stürmten auf die Meute zu. Sie nutzten die kurze Verwirrung aus, schlugen und rissen den Indios die Waffen aus den Händen und drangen dann mit den Fäusten auf sie ein. Im Nu war ein wildes Handgemenge entbrannt.
Auch Ilana, Oruet und die drei anderen Mädchen, die sich inzwischen von ihrem schlimmsten Schrecken halbwegs erholt hatten, nahmen nun an dem Kampf teil, indem sie verlorengegangene Waffen einsammelten und damit gegen die Feinde von der Nordinsel vorgingen.
Hasard wälzte sich immer noch mit Borago auf dem Boden. Rechtzeitig bemerkte er, daß der Indio jetzt doch das Hartholzmesser gezogen hatte und sofort nahm er Boragos Handgelenk mit beiden Fäusten in einen Klammergriff.
Schon einmal hatte Hasard Bekanntschaft mit solch einem Hartholzmesser geschlossen, und zwar auf höchst unliebsame Art. Der Vorfall lag zwar schon Jahre zurück, aber er konnte sich immer noch so gut daran erinnern, als wäre das vor einer Woche geschehen.
Mit einem Ruck drehte er Boragos Gelenk um. Der Indio gab nicht nach. Sein Gesicht war verzerrt, und der Seewolf glaubte, seine Zähne knirschen zu hören.
Hasard lockerte seinen Griff, um es sofort darauf noch einmal zu versuchen. Borago nahm an, er habe jetzt die Oberhand gewonnen. Sie lagen nebeneinander, und er versuchte, sich über den Seewolf zu bringen, den Arm ganz freizukriegen und mit der Klinge zuzustoßen.
Aber Hasard stoppte sein Vorhaben im Ansatz. Wieder packte er fest zu und bog das Handgelenk herum, und diesmal schmolz Boragos Widerstand. Mit einem Schmerzenslaut ließ er das Messer los. Hasard ließ ihm nicht die Chance, sich von der erlittenen Schlappe zu erholen und eine neue Attacke zu starten. Er nahm eine Hand von dem Arm des Mannes, ballte sie und hieb sie ihm gegen die Kinnlade. Er schlug noch einmal zu und sah mit grimmiger Genugtuung, wie die Gestalt des Indios erschlaffte und von ihm wegsackte.
Hasard sprang auf und eilte Ben zu Hilfe, der es gleich mit drei Gegnern zu tun hatte.
Carberry hatte einen der Indios so kräftig verhauen, daß dieser entsetzt die Flucht vor ihm ergriff. Jetzt packte sich der Profos einen drohend anmarschierenden gedrungenen Kerl, der ihm mit dem Messer zu Leibe rücken wollte. Erstaunlich schnell schlug er ihm die Waffe aus der Hand. Während der Eingeborene noch verwundert auf seine leeren Finger blickte, griff Carberry ihn bei den Schultern, stieß ihn vor sich her und beförderte ihn mit Schwung auf die Brandung zu. Erst kurz davor ließ er ihn wieder los. Der Indio taumelte – von seiner eigenen Körperbewegung vorangetrieben – ins Wasser, stolperte und fiel der Länge nach hin.
Borago erwachte aus seiner kurzen Bewußtlosigkeit, schlug die Augen auf und sah den Seewolf, Ben Brighton, Shane und Ferris Tucker ganz in seiner Nähe mit den Fäusten gegen die Indios kämpfen. Vorsichtig richtete er sich auf. Er entdeckte sein Messer auf dem Sand und wollte sich danach bücken. Sein Ziel war es, dem großen Schwarzhaarigen, den er am meisten von diesen acht Fremden haßte, die Klinge in den Rücken zu stoßen.
Doch eine Stimme hinter ihm sagte plötzlich: „Halt! Hebe nicht das Messer auf, Borago! Ich töte dich, wenn du auch nur einen Schritt tust!“
Betroffen wandte er den Kopf.
Hinter ihm stand Ilana. Sie hatte seinen Bogen aufgehoben und auch einen Pfeil gefunden, mit dem sie jetzt auf seinen Bauch zielte. Die Sehne hatte sie so stark gespannt, daß sie jeden Augenblick zu zerreißen schien. Es war erstaunlich, daß Ilana überhaupt die Kraft aufbrachte, den großen Bogen zu handhaben.
„Sag deinen Männern, sie sollen aufgeben und verschwinden!“ rief Ilana.
Borago wollte aufbegehren, doch es war etwas in Ilanas Augen, das ihn warnte und ihm verriet, daß sie tatsächlich den Pfeil loslassen würde, wenn er nicht sofort gehorchte. Er hatte in seiner momentanen Lage keine Chance gegen sie.
Er wandte sich dem Wasser zu und schritt darauf zu. Plötzlich hob er die Hand und schrie: „Fort! Wir verlassen die Insel! In die Kanus, in die Piraguas! Wir kehren zurück zu Surkut, unserem großen Führer. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!“
Sein Kommando galt: Die Indios ließen von den Männern der „Isabella“ ab und liefen ins flache Wasser. Sehr schnell hatten sie ihre Boote erreicht, kletterten hinein und griffen zu den Paddeln. Ein paar Nachzügler hasteten gestikulierend hinter ihnen her und schienen Angst zu haben, nicht mitgenommen zu werden.
Carberry und Shane wollten ihnen nachlaufen, doch der Seewolf hielt sie zurück.
„Laßt sie“, sagte er. „Es wäre nicht fair von uns, sie jetzt noch aufhalten zu wollen.“
„Sie haben Blacky angeschossen!“ stieß der Profos wutentbrannt aus. „Und überhaupt, warum hauen sie jetzt so plötzlich ab?“
Der Seewolf deutete auf das nackte Mädchen, das nur drei Schritte von ihm entfernt stand und immer noch mit Pfeil und Bogen auf Borago zielte.
„Ich glaube, sie hat es diesem muskelbepackten Kerl befohlen“, sagte er. „Und wenn er nicht gehorcht hätte, hätte sie ihn bestimmt getötet, ohne mit der Wimper zu zucken.“
Carberry stand plötzlich da wie vom Donner gerührt. Erst jetzt wurde ihm richtig bewußt, daß das Mädchen splitterfasernackt war – eine echte Schönheit der Natur mit langen und geraden Beinen, einem prächtig gerundeten Gesäß, festen, prallen Brüsten und einem ebenmäßig geschnittenen Gesicht, das von schwarzen Haaren umrahmt war.
Mileva, Ziora, Saila und Oruet liefen zu Ilana, umringten sie und sprachen aufgeregt auf sie ein.
„Hol’s der Henker!“ ächzte der Profos. „Die sind ja auch nackt wie die – wie die Seehunde!“
„Mann, Mann“, sagte Big Old Shane. „Merkst du das jetzt erst?“
„Ich glaube, er hat Schlick auf den Augen“, sagte Ferris Tucker. Er rechnete fest damit, daß der Profos ihm dafür einen wilden Fluch an den Kopf schleudern würde, doch er hatte sich getäuscht. Carberry sah nach wie vor zu den fünf Mädchen und schien total vernagelt zu sein.
3.
Sir John schwebte schon seit einiger Zeit über dem Strand, aber erst jetzt, als der Kampf vorbei war, ließ er sich kreisend sinken und landete auf der linken Schulter Carberrys.
„Schockschwerenot“, sagte der Profos. „Kannst du mich nicht in Ruhe lassen, du alter Krakeeler?“ Er wandte den Kopf, gewahrte dabei die amüsierten Blicke, die die anderen ihm zuwarfen, und ließ ein etwas übertriebenes Räuspern vernehmen. „Also“, brummte er. „Das wäre geschafft. Ho, seht doch, wie sich diese Hundesöhne verholen.“ Er deutete mit dem Zeigefinger zum Wasser.
Sehr rasch hatten sich die Kanus und Piraguas – insgesamt waren es acht – zu einem kleinen Verband formiert und traten die Flucht an. Als sie sich außerhalb der Reichweite aller Schußwaffen, Speere und Pfeile befanden, richtete sich Borago in seinem Kanu auf, drehte sich noch einmal zu den Gegnern um und schüttelte die Faust gegen sie. Er rief mit hoher Stimme gut ein Dutzend Worte, von denen die Seewölfe kein einziges verstanden.
Ilana trat zu Carberry, Ben, Shane und den anderen und sagte: „Ich weiß nicht, wie wir euch danken sollen. Wer seid ihr?“
Ben Brighton zwang sich, nur in ihr Gesicht zu sehen und seinen Blick nicht an ihrem wunderbaren Körper hinabwandern zu lassen.
„Ich verstehe dich nicht“, antwortete er. „Sprichst du Spanisch oder Portugiesisch?“
Ilana schaute ihre Freundinnen an. „Begreift ihr, was sie sagen?“
„Nein“, erwiderte Mileva. „Sie müssen von weit her sein. Sie sind über das große Wasser gesegelt.“
„Vielleicht sind sie Götter“, sagte Ziora. „Sie haben uns vor der größten Schande bewahrt, die uns widerfahren konnte.“
Saila schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, daß sie Götter sind. Aber sie sind gute, starke Männer, die es verdient haben, daß Tubuago, dein Vater, Ilana, sie reich beschenkt für das, was sie getan haben.“
Carberry kratzte sich am Kinn. „Verflucht noch mal – wo ist eigentlich Hasard?“ Er blickte sich um und sah seinen Kapitän bei Blacky knien. Blacky lag völlig reglos auf dem Rücken und hatte die Arme und Beine weit von sich gestreckt.
„Heiliger Strohsack“, sagte der Profos, dann setzte er sich in Bewegung und eilte zu Hasard, Blacky und Dan hinüber, froh darüber, nicht mit den unbekleideten Inselschönen radebrechen zu müssen, entsetzt jedoch über Blackys Zustand.
Auch Ben und die anderen drehten sich jetzt um und verfolgten mit sorgenvollen Mienen, wie sich der Seewolf und Dan O’Flynn um Blacky bemühten.
Carberry langte bei den dreien an.
„Hölle, Sir“, sagte er. „Dieser Himmelhund Blacky wird uns doch wohl keinen Streich spielen, was, wie?“
Hasard schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist nur ohnmächtig. Er hat versucht, sich selbst den Pfeil aus der Schulter zu ziehen. Der Schmerz hat ihn übermannt.“
„Der Pfeil ist doch wohl nicht giftig, oder?“
„Ich will es nicht hoffen.“ Hasard sah auf und fixierte den Profos. „Wir müssen versuchen, aus den Mädchen herauszukriegen, ob es hierzulande üblich ist, die Waffenspitzen mit Gift zu präparieren.“
Ben Brighton war hinter Carberry getreten und sagte: „Ich übernehme das.“ Er wandte sich wieder um und kehrte zu den fünf Mädchen zurück, die jetzt ihre Kleidungsstücke vom Sand aufhoben und ihre Blößen damit bedeckten.
Smoky hatte den davoneilenden Piraguas und Kanus der Indios noch einen Blick nachgeworfen. Als Ben in seiner unmittelbaren Nähe war, sagte er: „Die Kerle runden die Insel im Osten. Vielleicht fahren sie bis zu unserer Ankerbucht hinauf. Da kann man nur hoffen, daß Donegal und die anderen auf der Hut sind.“
„Ich schätze, sie sind es, denn sie haben ja unsere Schüsse gehört“, erwiderte Hasards Erster Offizier und Bootsmann. „Im übrigen nehme ich nicht an, daß den Indios nach einer neuen Auseinandersetzung zumute ist.“
Er trat zu Ilana, nickte ihr lächelnd zu und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Ich – Ben.“
Sie lachte und sagte: „Ilana.“ Dabei legte sie sich die Hand auf den Oberkörper.
„Gut, Ilana.“ Ben deutete zu dem Platz, an dem sich inzwischen alle anderen Männer um den besinnungslosen Blacky versammelt hatten. „Mann verwundet. Pfeil in der Schulter. Verstehst du?“ Er bohrte sich den Finger in die linke Schulter.
Ilana hob den Kopf, spähte zu Blacky und den anderen hinüber, sprach aufgeregt mit ihren Freundinnen und wandte sich dann wieder an Ben. „Wir können ihn in unser Dorf bringen. Dorf. Schamane. Du verstehst?“
Ben schüttelte den Kopf, und deshalb bückte das Mädchen sich jetzt und zeichnete mit der Spitze des Pfeiles, den sie vorher auf Borago gerichtet hatte, kleine, bucklige Hütten in den Sand.
Ben kauerte sich neben sie hin und fragte: „Wo ist das Dorf? Dort? Oder dort?“ Er wies mit der Hand in verschiedene Richtungen.
„Es steht gut dreitausend Schritte entfernt ganz in der Mitte unsere Insel“, sagte Ilana in ihrer Sprache, die ein wenig guttural und doch melodisch klang.
„Zu weit“, meinte Ben. „Dann lieber auf unser Schiff.“ Er ließ sich von ihr den Pfeil aushändigen, kritzelte die Umrisse einer Bucht in den feinkörnigen Sand und malte ein Schiff mit drei Masten hinein. Er wies mit dem Finger darauf und sagte: „Dort ankern wir. Am Ostufer.“
„Seht ihr!“ rief Mileva, die den beiden über die Schultern geblickt hatte. „Sie haben also wirklich ein Schiff und sind über das große Wasser gesegelt!“
Ben fragte: „Der Pfeil – könnte er giftig sein?“
Die Mädchen verstanden ihn wieder nicht, und deshalb hob er den Pfeil an, den Ilana ihm gegeben hatte, faßte mit zwei Fingern die Spitze an und versuchte, den Mädchen durch Gesten zu erklären, was er wissen wollte.
Blacky hatte unterdessen die Augen aufgeschlagen. Er blickte zum Profos auf, der ihn aus großen, besorgten Augen ansah, und mußte trotz seiner Schmerzen unwillkürlich grinsen.
„Tja, Mister Carberry“, sagte er heiser. „Da hast du dich zu früh gefreut. Ich bin noch nicht abgesegelt, und ich werd’s vorläufig wohl auch nicht tun.“
„Halt doch die Luke, du Barsch!“ fuhr der Profos ihn an. „Wenn der Scheißpfeil vergiftet war, kratzt du doch ab, und wir armen Irren können dann zusehen, wo wir mit deiner verdammten Leiche abbleiben.“
Blacky erblaßte. „Hölle, daran hab ich noch gar nicht gedacht. Mann, wenn das wahr ist! Wenn da wirklich Gift dran war, dann …“
Hasard legte ihm die Hand auf den Arm. „Nun halt mal die Luft an, Blacky. Pfeilgifte und alle anderen tödlichen Mittel, die wir bislang bei den Indianern kennengelernt haben, wirken unmittelbar und so schnell wie Schlangengift. Daß du noch am Leben bist und keine Lähmungen hast, ist das sicherste Zeichen dafür, daß die Pfeilspitze nicht irgendwie behandelt war.“ Er sah zu Carberry auf. „Und du, Ed, solltest dir manchmal besser überlegen, was du sagst. Das mit dem Gift hättest du Blacky gar nicht erst auf die Nase zu binden brauchen.“
„Aye, Sir“, sagte der Profos zerknirscht.
Ben Brighton gesellte sich mit den fünf Mädchen zu ihnen und erklärte: „Nach allem, was ich aus den Gesten der Mädchen schließen konnte, verwenden die Indio-Krieger auf Maracá kein Pfeilgift. Die Kerle, die die fünf überfallen haben und sie vergewaltigen wollten, stammen offenbar von der Nordinsel. Zwischen ihnen und den Bewohnern dieser Insel herrscht Streit.“
„Wie das alles zusammenhängt, werden wir später noch klären“, sagte der Seewolf. „Jetzt bringen wir erst mal Blacky zurück an Bord der ‚Isabella‘. Danach sehen wir weiter.“
„Achtung“, sagte Dan O’Flynn plötzlich. Er hatte die ganze Zeit über den Hang beobachtet, und diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich jetzt als richtig, denn zwischen den Büschen waren Gestalten aufgetaucht.
Die Männer hoben ihre Waffen und hielten bereits nach Deckungsmöglichkeiten Ausschau, aber von oben her erklang jetzt der Ruf einer ihnen nur allzu bekannten Stimme:
„Sir! Freunde! Ich bin’s – Jeff Bowie! Bob Grey ist bei mir!“
„Kommt ’runter“, sagte Hasard. „Was gibt’s? Hat Old O’Flynn euch geschickt?“
Jeff und Bob richteten sich hinter den Sträuchern auf und stiegen zum Strand hinunter.
„Wir haben die Schüsse gehört“, sagte Bob Grey. „Aus der Art, wie sie abgegeben wurden, ließ sich schließen, daß ihr aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf Wild gefeuert hattet. Das war ja ein richtiges Stakkato von Schüssen, und sie gingen ihrem Klang nach alle in die Luft.“
„Richtig, du Hering!“ rief Ferris Tucker. „Aber ihr beiden könnt froh sein, daß ihr euch rechtzeitig genug zu erkennen gegeben habt. Sonst hätten wir euch nämlich abgeknallt wie die Hasen.“
Jeff und Bob waren auf dem Strand angelangt und blickten betroffen zu Blacky.
„Was ist passiert?“ fragte Jeff.
„Ich erzähle euch alles, während wir zu unsrer alten Lady marschieren“, erwiderte Blacky, der sich jetzt mit Hasards Hilfe aufrichtete. „Jeff, es wäre ganz gut, wenn du neben mir bleiben könntest. Ich kann allein gehen, aber falls ich doch wieder umkippe, kannst du mich stützen.“
„Bob“, sagte der Seewolf. „Du läufst schon mal vor und unterrichtest Donegal, daß hier kriegerische Indios mit Kanus unterwegs sind, die uns auch in der Ankerbucht angreifen könnten.“
„Aye, Sir.“
„Und wir, Sir?“ fragte Big Old Shane. „Was tun wir? Bringen wir die Mädchen in ihr Dorf?“
„Ich glaube, das brauchen wir nicht mehr“, entgegnete Hasard. „Auch dort sind die Schüsse gehört worden, und natürlich ist man sofort aufgebrochen, um nach dem Rechten zu sehen.“ Er streckte die Hand aus und deutete auf die Gestalten der Männer, die sich an der westlichen Seite des Hanges erhoben hatten.
Es waren nahezu zwei Dutzend braunhäutiger Männer, die alle nur mit Tüchern um die Lenden bekleidet waren und als Waffen Speere, Pfeil und Bogen und lange Messer trugen.
Ihre Mienen waren so grimmig, als wollten sie sich jeden Augenblick auf die Männer der „Isabella“ stürzen.
4.
„Deck!“ rief Bill, der Moses, aus dem Großmars. Er lehnte sich weit über die Segeltuchumrandung und legte die Hände als Schalltrichter an den Mund. „Boote in Sicht, wir erhalten Besuch! Es sind acht Kanus – Steuerbord achteraus!“
Die „Isabella“ lag mit dem Vorschiff nach Norden und mit dem Heck nach Süden in der Bucht. Ihre Backbordseite war also dem Ufer der Bucht zugewandt, die Steuerbordseite hingegen der Ausfahrt.
Old O’Flynn hatte am Backbordschanzkleid des Achterdecks gestanden und Ausschau nach Jeff Bowie und Bob Grey gehalten, die seiner Schätzung nach bald mit Meldungen zurückkehren mußten. Sie waren mit der zweiten Jolle an Land gepullt, und das Boot lag jetzt neben dem ersten, das von Hasard und dessen Trupp benutzt worden war.
Auf Bills Ruf hin wandte sich der Alte ruckartig um, überquerte das Achterdeck und spähte über das Steuerbordschanzkleid zur Öffnung der Bucht. Mit bloßem Auge waren die Kanus und Piraguas zu erkennen, die sich aus Südosten näherten. Augenscheinlich hielten sie auf die Einfahrt der Bucht zu, eine Tatsache, die Old O’Flynn alarmierte.
„Pete, Gary, Matt, Al, Sam, Stenmark und ihr anderen Tränentiere mal herhören!“ rief er. „Alle Mann auf Gefechtsstation und ’raus mit den Kanonen! Wenn die Kerle es wagen, in die Bucht einzudringen, lichten wir vorsichtshalber den Anker, um manövrierfähig zu sein!“
„Donegal“, sagte Pete Ballie, der Rudergänger, vom Quarterdeck her. „Glaubst du wirklich, daß die sich mit uns anlegen wollen?“
„Was ich glaube, spielt im Moment keine Rolle“, erwiderte der Alte schroff. Er hatte sein Spektiv zur Hand genommen, zog es auseinander und blickte hindurch. Was er sah, löste alles andere als Begeisterung bei ihm aus: Die Mienen der Indios in den Booten waren grimmig, ja, geradezu bösartig. Haßerfüllt sahen sie zur „Isabella“.
„Die blicken so wild drein, als wollten sie uns fressen!“ rief Bill hoch über den Köpfen der Männer. „Haben wir denen etwas getan?“
„Blödsinn“, sagte Old O’Flynn. „Aber einige von ihnen haben blaue und rote Flecken im Gesicht und auf dem Leib. Was das zu bedeuten hat, können wir uns ja wohl an unseren zehn Fingern abzählen.“
Al Conroy enterte das Achterdeck, um die beiden hinteren Drehbassen auf Ladung und Feuerbereitschaft zu prüfen, und meinte: „Na, dann hätten wir wohl die Erklärung dafür, warum Hasard und die anderen geschossen haben. Und so friedlich, wie sie dir erschien, Donegal, ist diese Insel wohl doch nicht.“
Der Alte murmelte nur etwas Unverständliches vor sich hin und fuhr fort, die Eingeborenen durch sein Fernrohr zu beobachten.
Anfangs schien es so, als wollten sie tatsächlich in die Bucht paddeln. Sie konnten sich ausmalen, daß das große Segelschiff mit den hohen Masten jenen Männern gehörte, mit denen sie am Strand des Südufers eine harte Auseinandersetzung gehabt hatten. Borago hatte Rache geschworen, und in diesem Augenblick überlegte er sich wirklich, ob er das Schiff nicht angreifen und zu kapern versuchen sollte.
Doch seine Kumpane rieten ihm davon ab. Sie konnten die Stückpforten der „Isabella“ sehen, die sich jetzt geöffnet hatten, und ebenso deutlich waren die Geschützmündungen zu erkennen, die sich ihnen drohend entgegenreckten. Die Indios hatten keinen Zweifel daran, daß es sich bei diesen eisernen Giganten um Feuerrohre handelte, und sie glaubten ihrem Führer Borago nicht, daß die Flammen und Rauch spuckenden Ungetüme verhältnismäßig ungefährlich wären.
So zogen die Kanus und Piraguas an der Buchteinfahrt vorbei und verschwanden hinter einer Landzunge.
Old O’Flynn wagte es jedoch nicht, schon aufzuatmen. Er drehte sich um und blickte zu Al Conroy und Pete Ballie.
„Das kann auch ein Trick sein“, sagte er. „Vielleicht gehen sie irgendwo an Land und versuchen, sich anzuschleichen, um dann vom Ufer aus gegen uns vorzudringen.“
Pete setzte eine zweifelnde Miene auf. „Ich halte es nicht für möglich, daß die braunhäutigen Burschen uns angreifen. Sie müssen sich doch ausrechnen, daß sie dabei den kürzeren ziehen, allein schon aus dem Grund, weil wir Feuerwaffen haben und sie nicht.“
Old Donegal Daniel O’Flynn hob die rechte Hand. „Augenblick mal. Wenn wir schon vom Rechnen sprechen, dann wollen wir uns eins vor Augen halten. In jedem dieser kleinen Kähne saßen acht oder neun Eingeborene. Acht Boote waren es, das haben wir ja alle gesehen. Also, Pete, Ballie, mit wie vielen Kerlen hätten wir es dann im Fall eines Angriffs zu tun?“
„Mit mehr als fünf Dutzend!“
„Das ist mir zu ungenau“, sagte der Alte grantig. „Bist du wirklich so schlecht im Kopfrechnen, Mann, oder tust du nur so?“
„Vierundsechzig bis zweiundsiebzig Eingeborene“, sagte jetzt Al Conroy. „Vielleicht holen sie von irgendwoher noch Verstärkung. Wir können ihre Kanus versenken und über die Hälfte von ihnen töten, wenn sie die ‚Isabella‘ zu entern versuchen, aber dann sind sie immer noch in der Übermacht – was ihre Zahl betrifft.“
„Genau das meine ich“, brummte Old O’Flynn. „Und was die Schußwaffen betrifft, so scheinen sie ja nicht gerade großen Respekt davor zu haben. Obwohl Hasard und sein Trupp gefeuert haben, haben sich die Burschen trotzdem mit ihnen herumgeschlagen, das sieht man ihnen ja im wahrsten Sinne des Wortes an.“
„Na schön“, sagte Pete. „Wir dürfen sie also nicht unterschätzen, das sehe ich ein. Himmel, ob Hasard und die anderen etwa verletzt worden sind? Wo bleiben bloß Jeff und Bob?“
Old O’Flynn schickte einen Blick zum Ufer hinüber, aber Jeff Bowie und Bob Grey waren dort immer noch nicht aufgetaucht. Er ging bis zur Schmuckbalustrade, die den Querabschluß zum Hauptdeck hin bildete, stützte die Hände auf und rief: „Gary Andrews, du enterst in den Vormars auf und hältst mit Bill zusammen deine verdammten Augen auf, verstanden? Wir müssen von jetzt an höllisch auf der Hut sein!“
„Aye, aye, Sir“, sagte Gary. Er stand mit dem Kutscher an der Nagelbank vor dem Großmars, wandte sich jetzt aber sofort den Fockwanten zu und enterte darin auf.
Als er den Vormars erreichte, fand er darin Arwenack, den Schimpansen, vor, der gerade genüßlich an einer geöffneten Kokosnuß knabberte.
„Mach mal ein bißchen Platz, Kamerad“, sagte Gary. „Wir zwei werden uns von jetzt an Gesellschaft leisten.“
Er hatte kaum seinen Kieker auseinandergezogen, da ertönte aus dem Großmars wieder Bills Stimme. „Deck! Jeff und Bob treffen ein – und sie haben Blacky dabei!“
Auf Deck ruckten die Köpfe der Männer herum.
Bob Grey lief über den Strand und erreichte als erster die Boote. Jeff und Blacky stiegen gerade die Anhöhe hinunter, und Jeff rief: „Bob, warte auf uns, sonst mußt du noch mal wieder an Land zurückpullen!“
„Verflixt“, sagte der Kutscher. „Blacky hat einen Pfeil in der Schulter stekken.“
Old O’Flynn war jetzt am Backbordschanzkleid und schrie: „He, Bob, was ist los? Braucht ihr Hilfe da drüben? Stecken Hasard und die anderen in der Klemme? Sind noch mehr Männer verwundet?“
„Das nicht, Sir“, gab Bob zurück. „Aber ich soll dir schleunigst Meldung erstatten, was vorgefallen ist. Eine Horde Indios hat am Südufer der Insel unsere Leute angegriffen und …“
„Das wissen wir schon!“ rief der Alte. „Los, steigt in die Jolle und pullt her, damit wir Blacky verarzten können. Kutscher, he, Kutscher?“
„Sir?“
„Halte deine Mordinstrumente bereit, damit du Blacky den Pfeil aus der Schulter holen kannst.“
„Bin schon auf alles vorbereitet“, sagte der Kutscher und wies auf Philip junior und Hasard junior, die Söhne des Seewolfs, die ihm die Tasche mit seinen Feldschergeräten und den kleinen Koffer mit den Arzneien aus der Kombüse geholt hatten.
Bob Grey drehte sich mit verblüffter Miene zu Jeff und Blacky um, die jetzt bei ihm eintrafen.
„Wißt ihr was?“ sagte er. „Irgendwie muß Donegal doch so was wie hellseherische Fähigkeiten haben.“
„Quatsch“, sagte Blacky, der sich doch auf Jeff Bowie stützen mußte. „Er hat die Kanus der Indios gesehen, sie sind hier vorbeigezogen. Den Rest hat er sich leicht zusammenreimen können.“
Bob schob die Jolle vom Sand ins seichte Wasser und gab einen Seufzer von sich. „Mann, o Mann, ich glaube, ich hab heute meinen schlechten Tag. Ich blicke einfach nicht ganz durch. Und diese Scheißinsel mit ihren braunen Teufeln stinkt mir gewaltig. Hölle, hier stinkt’s so sehr, daß ich am liebsten gleich wieder abhauen möchte.“
Ilana und Oruet hatten das Mißverständnis zwischen ihren Stammesbrüdern und den Seewölfen sehr schnell beseitigt. Die jungen Krieger, die von Tubuago zum Südufer geschickt worden waren, damit sie nach der Ursache der Schüsse forschten, hatten Hasard und dessen Begleiter anfangs für Feinde gehalten. Jetzt aber, nach den Erklärungen der Mädchen, hatten sich ihre Mienen aufgehellt, und sie bezeugten durch Gesten ihren Dank dafür, daß die Seewölfe Ilana, Oruet, Saila, Mileva und Ziora vor dem Zugriff von Surkuts Männern gerettet hatten.
Die Verständigung durch Gebärden und Zeichnungen im weißen Sand des Strandes funktionierte jetzt etwas besser. Die Eingeborenen setzten Hasard und seinen sechs Männern auseinander, daß Tubuago sie sicherlich in seinem Dorf willkommen heißen würde. Der Seewolf nahm das Angebot lächelnd an, und so schritten sie hinter den Indios her zu den Hügeln hoch und anschließend durch einen Pfad im Urwald zu der Siedlung, die aus etwa dreißig Holzhütten bestand.
„Ich glaube, die Indios werden uns bei der Proviantbeschaffung behilflich sein“, sagte Hasard. „Uns käme das sehr gelegen, denn ich will nach Möglichkeit noch heute nachmittag wieder auslaufen.“
„Und das Trinkwasser?“ fragte Ben Brighton, der neben ihm ging.
„Blacky wird Donegal und den anderen an Bord der ‚Isabella‘ erklären, wo sich die Quelle befindet“, erwiderte der Seewolf. „Ich nehme an, Donegal wird vorsorglich schon Fässer an Land mannen und füllen lassen, zumindest erwarte ich das von ihm, wenn ich auch nicht den ausdrücklichen Befehl dazu gegeben habe.“
„Hoffen wir, daß dieser Muskelprotz und seine Bande uns dabei nicht wieder in die Quere geraten“, sagte Big Old Shane.
„Das sollen sie mal versuchen“, sagte Carberry grimmig. „Dann können sie was erleben. Dann kriegen sie die Hucke so voll, daß sie nicht mal mehr nach Hause paddeln können.“
Weder er noch die anderen ahnten, daß es anders kommen sollte – ganz anders.
Ilana und Oruet schritten neben Kewridi her, dem jungen Jäger und Fallensteller. Er stellte ihnen Fragen über Fragen, und sie mußten ihm genau berichten, wie sich die unerfreuliche Begebenheit am Strand zugetragen hatte.
„Das war unverantwortlich von euch“, sagte er schließlich. „Ihr hättet euch ohne Schutz niemals vom Dorf entfernen dürfen, schon gar nicht so früh am Morgen.“
„Es war meine Idee“, sagte Ilana, und ihre Stimme nahm einen beinah trotzigen Klang an. „Aber mein Vater und meine Mutter wußten davon. Dies war nicht das erste Bad, das ich mit meinen Freundinnen genommen habe.“
„Du kennst die Gefahr, die von Surkut ausgeht, und jetzt hast du am eigenen Leib erfahren, wie grausam seine Männer sind.“
„Es wäre besser, überall auf der Insel Späher aufzustellen“, sagte Ilana. „Ich werde meinem Vater dazu raten.“
„Das brauchst du nicht, das übernehme ich“, sagte Kewridi. Während er sprach, warf er immer wieder Blicke zu den weißen Männern hinüber und hielt besonders den großen schwarzhaarigen Mann mit den eisblauen Augen unter Beobachtung.
„Was hast du an diesen Fremden auszusetzen?“ fragte Ilana ihn plötzlich.
Kewridi schien erstaunt zu sein. „Ich? Nichts. Gar nichts.“
„Doch. Du mißtraust ihnen.“
„Haben sie euch – nackt gesehen?“
„Ja“, erwiderte Oruet. „Und wenn schon.“
„Es gefällt mir nicht.“
„Sie sind anständig“, sagte Ilana. „Sie sind gute, aufrichtige Männer mit einem großen Herz.“
Kewridi verzog den Mund. „Gib es nur zu, du magst sie leiden.“
Ilana lachte so laut auf, daß sich die anderen erstaunt zu ihr umblickten.
„Aber, aber!“ rief sie. „Du bist ja richtig eifersüchtig! Sei doch nicht kindisch, Kewridi.“
„Sei still“, stieß er gepreßt hervor. „Du weißt ja gar nicht, wie töricht es klingt, wenn du so sprichst.“
„Töricht?“ Sie sah ihn tadelnd von der Seite an. „Jetzt beleidigst du mich. Und außerdem – von dir lasse ich mir nichts befehlen. Du kannst mir den Mund nicht verbieten.“
„So keck bist du nur, weil du als Tochter des Häuptlings glaubst, dir besonders viel herausnehmen zu können.“
Ilana wollte ihm eine Antwort darauf geben, doch Oruet trat jetzt zwischen sie und den jungen Mann und sagte leise: „Hört doch auf, ihr beiden. Was sollen die anderen von uns denken?“
Dan O’Flynn stieß Ferris Tucker mit dem Ellenbogen an und sagte: „Weißt du was? Der Bursche da vorn hat einen Zorn auf uns, weil er in die hübsche Ilana verknallt ist und wir ihr aus der Patsche geholfen haben. Viel lieber hätte er sich als rettender Held aufgespielt.“
„Na ja“, meinte der rothaarige Riese. „Ich kann ihn verstehen. Das Mädchen guckt dauernd zu Hasard, und ihre Blicke sprechen Bände.“
„Hör bloß auf“, sagte Smoky, der hinter ihnen schritt. „Das fehlte uns noch, daß sich da irgendwas anbahnt.“
„Unsinn“, sagte Dan. „Hasard ist viel zu reserviert und auf die allgemeine Disziplin bedacht. Er kann sich zurückhalten – und das gleiche erwartet er von uns.“
„Bleibt hart, Leute“, sagte Ferris Tucker. „Haltet durch und seid sittsame Menschen, wenn’s auch schwerfällt.“
Der Dschungel öffnete sich zu einer geräumigen Lichtung, in deren Zentrum die Hütten ringförmig zueinander geordnet waren. Zwei Krieger der Indios, die am Eingang Wache hielten, drehten sich beim Anblick der Ankömmlinge um und stießen Rufe aus. Daraufhin lief im Dorf alles zusammen, was Beine hatte: Männer, Frauen und Kinder, die miteinander zu schwatzen und zu tuscheln begannen und ungeniert auf die Fremden deuteten.
Hasard fiel sofort ein drahtiger Mann auf, der jetzt mitten zwischen die Versammlung trat und beide Hände hob, um für Ruhe zu sorgen. Dieser Mann mochte fünfzig Jahre alt sein, vielleicht auch ein wenig älter, es ließ sich schwer schätzen. Er war mittelgroß und keine sonderlich imposante Erscheinung, doch von seinem ganzen Gebaren ging so viel Autorität aus, daß kein Zweifel daran bestehen konnte: Er war Tubuago, der Häuptling der Ilha de Maracá.
5.
Borago und seine Männer begegneten dem großen Boot des Häuptlings Surkut ungefähr auf halber Strecke zwischen der Ilha de Maracá und der Nordinsel. Vier Kanus begleiteten die große Piragua, in deren Bugpartie Surkut mit erhobenem Haupt und vor der Brust verschränkten Armen stand.
„Ich habe auf euch gewartet!“ rief Surkut seiner Patrouille zu. „Ich habe mir Sorgen um euch gemacht, weil ihr nicht so schnell zurückgekehrt seid, wie ich es mir gedacht hatte! Was ist geschehen?“ Er war ein verhältnismäßig großer Mann, zwar nicht so wuchtig gebaut wie Borago, jedoch gleichfalls kräftig, mit breiten Schultern und grobknochigen Hüften.
Surkut trug einen Federschmuck auf dem Kopf und hatte sich einen blaßroten Umhang um die Schultern geschlungen, den er bei „besonderen Anlässen“ anzulegen pflegte. Die Stunde verlangte nach einem eindrucksvollen Auftritt, denn er rüstete zum Kampf gegen Tubuago und dessen Stamm, wollte die große Insel besetzen und alle Macht an sich reißen.
Das Mienenspiel Surkuts war faszinierend und beunruhigend zugleich. Sein breiter Mund schien fast ständig in Bewegung zu sein. In seinen großen dunklen Augen glomm ein gefährliches Feuer. Von einen Moment auf den anderen konnte der Ausdruck seines Gesichts von Übellaunigkeit in Arroganz umschlagen, von Haß in vorgetäuschte Güte, von Feindseligkeit in Jovialität.
Surkut empfand sich als charismatischer Führer seines kleinen Volkes. Er hatte die Schamanen, die dereinst auf der Nordinsel geherrscht hatten, verbannt und sich eine eigene Religion geschaffen. Seine geräumige Wohnhütte und den Dorfplatz hatte er mit grell bemalten Puppen und holzgeschnitzten Standbildern ausstaffiert. Überall hatte er geheimnisvolle Zeichen auf den Boden gemalt, die seinen Darstellungen zufolge den Hekura, den Geistern, den Weg wiesen, wenn sie das Dorf besuchten.
Auf der Nordinsel gab es genau wie auf der Ilha de Maracá nur jeweils eine Siedlung, in der sich alles Leben konzentrierte, denn ein einziges Dorf war im Falle eines Angriffs von außen leichter zu verteidigen als viele Dörfer. Das Regime, das Surkut führte, war jedoch nicht von Menschlichkeit und Rücksichtnahme bestimmt wie das des Häuptlings Tubuago. Es beruhte vielmehr auf einem diktatorischen Prinzip, das eine ganze Reihe von schweren Strafen für die geringsten Vergehen bereithielt.
Der Mythos, den Surkut mit sich selbst als der zentralen Figur geschaffen hatte, besagte, daß sich dereinst das Blut des Mondes auf die Erde ergossen hatte, um ein Volk von Männern zu gebären – Männer, die als das „grimmige Volk“ ewig Krieg führen sollten gegen alle anderen, irrgläubigen Menschen, ganz gleich, ob sie nun braunhäutig oder weiß waren.
Seit Surkut sein totalitäres Reich errichtet hatte, gab es auf der Nordinsel immer weniger Frauen und Mädchen, denn die Neugeborenen wurden getötet, wenn sie weiblichen Geschlechts waren. Surkut wollte sein Volk von Männern zahlenmäßig stärken – und schien sich nicht der Tatsache bewußt zu sein, wie fatal sein Handeln war.
Borago brachte sein Boot neben die Piragua des Häuptlings. Surkut blickte ihn an und nickte.
„Gut. Ich sehe, ihr tragt Wunden. Ihr habt gekämpft, und ich hoffe, ihr habt möglichst viele der räudigen Hunde, die dem Gekläff des närrischen Tubuago folgen, umgebracht.“
Borago schüttelte den Kopf. „Es war anders.“
Surkuts Augen weiteten sich, sein Mund verzerrte sich, seine Miene wurde zu einer Grimasse der Wut und Bestürzung. „Wie? Ihr habt verloren? Ihr habt Prügel bezogen und habt euch fortjagen lassen? Ist es so?“
Borago sah betreten ins Wasser, doch Surkut schrie ihn an: „Berichte, oder ich steche dich mit dem Kaoba, dem Häuptlingsmesser!“
Borago begann zu sprechen. Wohl oder übel mußte er die Geschehnisse auf der Ilha de Maracá schildern. Aber er verschweig, daß sie wegen der fünf Mädchen am Südstrand gelandet waren, und seine Kumpane hüteten sich, auf die wahre Ursache, die schließlich zum Kampf mit den „Viracocha“ geführt hatte, hinzuweisen.
Surkut hätte Borago getötet, wenn er dies erfahren hätte.
So aber beruhigte er sich allmählich und sagte, als Borago geendet hatte: „Sie haben also ein großes Schiff, und ihr wolltet es ihnen wegnehmen. Aber sie haben auch die Feuerrohre, deren Brüllen selbst wir ganz schwach vernehmen konnten. Ihr habt euch tapfer verhalten, und es ehrt dich, Borago, daß du mir das Schiff holen wolltest.“
„Ich weiß, daß es schon lange dein Wunsch ist, ein solches Schiff zu besitzen“, sagte Borago.
Surkut lächelte kalt. „Ja, denn damit werden wir zum Festland hinüberfahren und tun, was wir mit unseren Kanus und Piraguas nie und nimmer vermögen. Wir rotten die weiße Brut aus, die sich dort niedergelassen hat, wir töten sie alle und werfen sie ins Wasser. Dann ebnen wir den Weg für die Hekura, die Geister, und bauen ihnen ein riesengroßes Schabono, ein Dorf.“
„Ja!“ riefen die Männer in den anderen Booten. „Ein Schabono für die Hekura!“
Surkut hob in einem Gefühl grenzenloser Überlegenheit den Kopf. Er blickte zu Borago und sah, wie dieser ihm langsam zunickte.
Die Zeit war reif für Surkuts Plan. Es war ratsam, auf der Ilha de Maracá zu landen, ehe Tubuago und die weißen Männer überall Wachen aufstellten und sich auf eine Nacht voller Gefahren vorbereiten. Der Angriff mußte zu einer Zeit stattfinden, in der die Gegenseite am wenigsten damit rechnete – bei Tag, möglichst noch um die Mittagsstunde.
„Ein Kanu kehrt zur Nordinsel zurück und holt Verstärkung!“ gab Surkut nun seine Befehle. „Wir anderen warten hier. Dann sammeln wir uns, nehmen Kurs auf die Insel Maracá und erobern sie im Sturm. Unser wird auch das Schiff der ‚Viracocha‘ sein, unser Sieg ist nicht mehr aufzuhalten. Wir sind die Grimmigen, die Starken, die Unüberwindlichen!“
Die braunhäutigen Kerle jubelten ihm zu. Ein Kanu löste sich von dem Verband und glitt in nördlicher Richtung davon, zurück zur Nordinsel.
Surkut bedeutete seinen Männern, sie sollten jetzt die Kriegsbemalung anlegen. Er selbst bückte sich und griff nach den Blätterbündel, die er im Bug der Piragua angehäuft hatte. Er begann, sie von Boot zu Boot zu verteilen, damit die Krieger sie sich in den Mund schieben und sie zerkauen konnten.
Es handelte sich um Blätter des Kokastrauches und um Ebena, ein Mittel, das aus der Rinde und den Trieben des Nakona-Baumes gewonnen wurde – um Drogen, mit denen Surkut seine Krieger in regelmäßigen Zeitabständen zu versorgen pflegte. Der Gebrauch des Rauschgiftes machte die Männer ihm, Surkut, gegenüber gefügig und anderen Menschen gegenüber ungemein aggressiv. Mit Koka und Ebena hatte er seine Macht auf der Nordinsel gefestigt. Ohne sie wäre er vielleicht schon längst nicht mehr der Schoabe, der Häuptling und Dorfvater, gewesen. Die Drogen verblendeten den Geist, wer Koka kaute und sich Ebena in die Nase rieb, stellte kaum Fragen und zweifelte nicht an seiner Obrigkeit.
Die Begrüßung war ein langwieriges Zeremoniell. Hasard, Ben, Shane, der Profos, Ferris, Dan und Smoky mußten sich zwischen den Hütten unter ein offenes Schutzdach kauern. Als erstes wurde ihnen ein kühles Palmfruchtgetränk gereicht, das ihnen ganz gegen ihre Erwartung ausgezeichnet mundete.
Im Anschluß daran hielt Tubuago – dem mittlerweile von Kewridi und den übrigen jungen Kriegern alles ausführlich berichtet worden war – eine Ansprache an seinen Stamm, wobei er immer wieder auf die Männer der „Isabella“ wies.
Hasard und seine Männer verstanden kein Wort, aber selbstverständlich konnten sie sich ausmalen, welches der Inhalt von Tubuagos Rede war.
Ilanas gestenreichen Erklärungen war es zu verdanken, daß sie inzwischen wenigstens die wichtigsten Namen kannten und wußten, wie sie den Häuptling, einige Krieger sowie die Mädchen, die sie vor einem häßlichen Schicksal bewahrt hatten, anreden konnten.
Tubuago verstummte, und die Dorfbewohner bekundeten durch Ausrufe, die wie „Kaba ischu tao“ klangen, ihren Beifall.
Jetzt trugen die Mädchen dampfende Bananensuppe in Kalebassen auf, brachten Kürbisse, Melonen und wilden Truthahn und breiteten das gesamte Mahl auf geflochtenen Matten vor den Gästen aus.
Carberry versuchte zu grinsen, aber es gelang ihm nicht recht.
„Na schön, der Trank war nicht schlecht“, erklärte er. „Aber wer sagt uns, wie dieses Zeug hier schmeckt?“
„Überwinde dich und greif zu“, entgegnete der Seewolf. „Wenn wir nicht essen, beleidigen wir diese Menschen, das weißt du genauso gut wie ich.“
„Aye, Sir.“
„Und anschließend sollten wir durch kräftiges Schmatzen zeigen, daß es uns geschmeckt hat“, meinte Ben Brighton. „Ich glaube, auch das gehört dazu.“
„Na, dann mal los“, sagte Big Old Shane. Er streckte die Hand aus und nahm sich einen Truthahnschenkel, den der Profos soeben hatte erhaschen wollen.
Carberry murmelte einen Fluch, nahm sich ein anderes Stück und begann, darauf herumzukauen. Bald wurde seine Miene freundlicher, ja, am Ende grinste er sogar.
„Donnerkeil!“ rief er. „Das ist ja wirklich gut! Hätte ich gar nicht gedacht, Sir!“
Sir John, der auf seiner linken Schulter saß, nickte aufgeregt, schlug ein paarmal mit den Flügeln und krächzte: „Backbrassen, ihr Rübenschweine, wir laufen auf Grund!“
Die Indios lachten, als sie den Papagei sprechen hörten. Tubuago klatschte in die Hände, und nun erschienen auf dem Dorfplatz drei Schamanen, die eine Art Tanz aufführten und dabei merkwürdige Gesänge anstimmten.
Als sie aufhörten und fortgingen, um sich zu den anderen Männern zu gesellen, gab Tubuago ein Handzeichen, und nun ließ sich der gesamte Stamm auf Matten nieder, um an dem Festmahl teilzunehmen.
Hasard fiel es auf, daß Ilana und Kewridi immer wieder zu ihm blickten – aus recht unterschiedlichen Anlässen, wie ihm schien. Er mußte lächeln.
Er wartete, bis das Mahl vorbei war, dann wandte er sich an den Häuptling und dessen Tochter und versuchte, ihnen zu erklären, was er an Bord der „Isabella“ dringend brauchte.
Tubuago begann aufgeregt zu gestikulieren. Ilana lächelte. Der Seewolf hatte den Eindruck, daß sie ihn verstanden hatten. Tubuago klatschte wieder in die Hände, und sofort eilte ein halbes Dutzend Frauen herbei, lauschte seinen Anweisungen, ging wieder fort und verschwand in den Hütten.
Wenig später tauchten die Frauen wieder auf. Sie trugen Kalebassen und Bananenbüschel, gerupfte Truthähne und ganze Bündel Urwaldgemüse.
Hasard sah Ilana entsetzt an.
„Nein, nein“, sagte er. „Das habe ich nicht gemeint. Ihr sollt uns zeigen, wo man am besten jagen kann, wo man Früchte und Gemüse pflücken und sammeln kann.“
Sie schüttelte lachend den Kopf. „No comprendo, nicht verstehen“, sagte sie. Diese Worte hatte sie von Ben Brighton gelernt.
„Doch, du verstehst mich.“ Der Seewolf wies auf die Frauen. „Das – nicht gut.“ Er deutete auf Tubuago, auf das Mädchen, auf die umstehenden Krieger. „Es ist eure Nahrung.“
Tubuago legte ihm in einer freundlichen Geste die Hand auf die Schulter.
„Waiterimou no modahawa“, sagte er. Erst später sollte Hasard erfahren, was dieser Satz bedeutete: „Dieses Geschenk dürft ihr nicht zurückweisen.“
Alle Bemühungen des Seewolfs, die Eingeborenen am Zusammentragen von Wild und Früchten, Pökelfleisch und Gemüse zu hindern, fruchteten nichts. Ilana gab ihm durch ihre Zeichen zu verstehen, daß die Vorräte an Bord der „Isabella VIII.“ gebracht werden sollten.
„Also gut“, sagte er schließlich. „Ich nehme an.“ Er wandte sich wieder an den Häuptling und versuchte ihm zu erklären, daß er auf jeden Fall Doppelposten an verschiedenen strategischen Punkten der Insel aufstellen sollte, denn es war denkbar, daß die Indios von der Nordinsel bei Anbruch der Dunkelheit noch einmal auf der Ilha de Maracá landeten, um eine Racheaktion wegen der erlittenen Niederlage durchzuführen.
Tubuago schien jedoch nicht zu begreifen, was der Seewolf meinte, und auch Ilana schüttelte immer nur den Kopf. Schließlich gesellte sich Kewridi zu ihnen.
„Ich weiß, was der weiße Mann will“, sagte er zu Tubuago. „Wir sollen Wachen an die Ufer unserer Insel schicken. Surkut wird sich rächen, und wir müssen darauf vorbereitet sein.“
Tubuago blickte den jungen Mann lange an, dann endlich versetzte er: „Du bist stark und klug, Kewridi, und alle wissen, daß du auch ein guter Jäger bist. Aber dein Gemüt ist noch zu hitzig und unbeherrscht. Surkut hatte seine Krieger geschickt, um zu sehen, ob wir so schwach und so dumm sind, daß wir uns gegen seinen Überfall nicht wehren. Jetzt aber weiß er, daß er hier scheitern wird.“
„Aber – aber wir haben es doch nur den ‚Viracocha‘ zu verdanken, daß unseren Mädchen kein Leid zugefügt wurde und daß man sie nicht verschleppt hatte!“ rief Kewridi. „Wollen wir uns etwa hinter dem Mut dieser Männer verstecken?“
„Zügle deine Zunge“, sagte Tubuago scharf.
Ilana schob sich zwischen ihren Vater und den jungen Mann.
„Bitte, Vater“, sagte sie. „Nimm es Kewridi nicht übel, daß er so spricht. Er meint es doch nur gut.“
Der Häuptling seufzte, hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Also gut, dann teile ich die Wachtposten ein und schicke sie los. Aber ich sage euch, es ist überflüssig. Surkuts Bande von Buschteufeln wird es nicht wagen, zu uns zurückzukehren.“
Der Seewolf glaubte, in etwa verstanden zu haben, über was sie debattiert hatten. Er blickte zu Kewridi und las Erstaunen in dessen Miene. Kewridi hatte nicht damit gerechnet, daß Ilana nach dem Disput von vorhin Partei für ihn ergreifen würde.
Tubuago erhob sich und begann die Männer einzuteilen, die ab sofort von verschiedenen Plätzen der Inselküste aus das Meer beobachten sollten. Kewridi und einige seiner Freunde hatten sich für diese Aufgabe freiwillig gemeldet. Sie eilten davon, um so schnell wie möglich ihre Posten zu beziehen.
Auch Hasard stand auf und ging zu seinen Männern hinüber.
„Es wird Zeit, daß wir zu ‚Isabella‘ zurückkehren und nach Blacky sehen“, sagte er. „Außerdem muß ich wissen, ob Donegal bereits damit angefangen hat, das Trinkwasser an Bord zu mannen.“
„Ja, Sir“, sagte Ben Brighton. Er wies auf die Männer und Frauen, die eben auf Tubuagos Befehl hin die großen Packen und Bündel Proviant vom Boden des Dorfplatzes aufhoben und schulterten. „Aber was hat das zu bedeuten?“
„Die Leute begleiten uns. Das Wild, Obst und Gemüse sind ein Geschenk des Häuptlings an uns.“
„Das können wir doch nicht annehmen!“ rief Shane.
„Wir müssen es tun“, sagte der Seewolf. „Und – um ganz ehrlich zu sein – ich bin auch sehr froh darüber, daß wir so schnell zu frischen Nahrungsmitteln gekommen sind.“
6.
Die Verstärkung von der Nordinsel war eingetroffen – Surkuts Verband aus Piraguas und Kanus war jetzt komplett. Zwanzig unterschiedlich große Boote bewegten sich auf die Ilha de Maracá zu, während sich die Sonne dem Zenit näherte.
Die Indios hatten ihre Gesichter und Körper mit dem purpurnen Farbstoff bemalt, den sie „Nara“ nannten. Sie hatten Federhauben übergestülpt und sich zusätzlich zu den Lanzen, Pfeilen und Bogen, die sie bei sich führten, viele Hartholzmesser in die Lendenschurze gesteckt.
Ihre Blicke waren starr und ihre Mienen fast ausdruckslos, denn sie hatten sich heftig am Koka und Ebena berauscht. In diesem Zustand waren sie zu allem bereit. Die innere Barriere, die einen Menschen im Normalzustand daran hindert, übergroße Risiken auf sich zu nehmen, war gefallen. Sie alle würden sich für ihren Anführer töten lassen, ohne auch nur einen Schritt vor dem erklärten Todfeind zurückzuweichen.
Als die große Insel so nah war, daß man das Tiefgrün des Busches von dem hellen Strand unterscheiden konnte, gab Surkut ein Handzeichen. Der Verband löste sich in zwei Gruppen auf. Zehn Boote glitten nach Südwesten, die anderen nach Südosten. Diese letztere Einheit wurde von Surkut befehligt, während Borago das Kommando über die erste hatte.
Borago hatte seine genauen Anweisungen, nach denen er rigoros verfahren würde.
Die Stunde des Wahnwitzes hatte begonnen. Der Friede, der jetzt noch über der Ilha de Maracá lag, sollte bald der rohen Gewalt weichen.
Hasard, Ben Brighton, Shane, der Profos, Ferris Tucker, Dan O’Flynn und Smoky befanden sich wieder an Bord der „Isabella“. Die beiden Jollen pendelten zwischen der Galeone und dem Ufer der Ankerbucht hin und her. Sie wurden von Luke Morgan, Bob Grey, Stenmark und Batuti gepullt, die die Vorräte mit Hilfe der Eingeborenen einluden und dann an Bord schafften.
„Blacky hat mir von der Quelle erzählt“, sagte Old O’Flynn, als der Seewolf ihm auf der Kuhl gegenübertrat. „Aber ich habe es für zu gefährlich gehalten, jetzt einen Trupp an Land zu schicken, der die Fässer füllt.“
„Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß du dich anders entscheiden würdest, Donegal.“
„Tut mir leid, aber irgendwie war mir die ganze Sache nicht geheuer. Wir haben uns auch um euch ziemlich viel Sorgen gemacht“, sagte der Alte.
Hasard lächelte. „Dabei haben wir nur mit Tubuago und dessen Leuten gefeiert, mein Bester. Ben wird dir erzählen, wie es im Dorf zugegangen ist und was wir erfahren haben. Sag mir jetzt, wie es Blacky geht.“
„Dem? Der ist doch nicht kleinzukriegen. Ich habe ihm befohlen, das Logis nicht zu verlassen, aber er stöhnt dem Kutscher die Ohren voll, daß er’s da unten nicht aushält.“
Der Seewolf stieg ins Logis hinunter und sah Blacky im Halbdunkel des Raumes mit baumelnden Beinen in seiner Hängematte sitzen. Der Kutscher wollte gerade das Vorschiff verlassen, wartete aber ab, als er seinen Kapitän erkannte.
„Melde mich zurück zum Dienst, Sir“, sagte Blacky. „Wie du siehst, bin ich weder krepiert, noch habe ich irgendwelche Lähmungen. Der Kutscher hat mir den Pfeil aus der Schulter gepult wie einen Nagel aus einem Stück Speck, ich hab’s kaum gemerkt.“
„Und du fühlst dich schon wieder obenauf, was?“
„Richtig, Sir.“
„Am liebsten würdest du gleich wieder an Deck herumspringen, oder?“
„Genau das. Hölle, es ist hier unten so verflucht heiß – nicht zum Aushalten.“
„Er hat eine Menge Blut verloren“, sagte der Kutscher.
„Und er ist kreideweiß im Gesicht“, sagte der Seewolf. „Wieviel Rum oder Whisky hast du ihm gegeben, damit er dir bei der Operation nicht an den Hals sprang?“
Der Kutscher lachte. „Nur zwei Schlucke, Sir, wirklich nicht mehr.“
„Es waren große Schlucke, zugegeben“, sagte Blacky. „Aber die werfen mich nicht aus dem Gleichgewicht.“
Hasard nickte. „Das glaube ich dir gern. Und ich weiß auch, daß du eine Menge einstecken kannst. Aber das ist für mich noch lange kein Grund, dich jetzt gleich wieder zum Decksdienst einzuteilen.“
Blacky riß verdattert die Augen auf. „He – soll das heißen, daß ich hier unten in der Hitze schmachten soll?“
„Nein. Du darfst ’raus, aber ich befehle dir, dich auf die Back zu setzen und dich von dort nicht wegzurühren.“
„Aye, Sir.“
„Jede Zuwiderhandlung wird von mir als Versuch der Meuterei bestraft“, sagte Hasard, dann drehte er sich um und verließ das Logis, gefolgt vom Kutscher. Auf dem Niedergang zur Kuhl blieb der Seewolf noch einmal kurz stehen und fragte seinen Koch und Feldscher halblaut: „Wie stehen die Dinge wirklich?“
„So, wie ich sie dir erklärt habe“, erwiderte der Kutscher leise. „Nur könnte es eben sein, daß Blacky noch Fieber kriegt. Er darf sich jetzt nicht überanstrengen.“
„Wenn er das auch nur versucht, kann er was erleben“, sagte Hasard. Er trat aufs Hauptdeck, ging zum Schanzkleid und blickte zu den Jollen. Der Ladevorgang war fast abgeschlossen, die letzte Fuhre kam gerade herüber.
Er konnte jetzt die Männer einteilen, die die Wasserfässer an Land mannen, bis zur Quelle tragen und dort füllen sollten.
Leichtfüßig bewegten sich Kewridi und einer seiner Freunde, dessen Name Bisaasi lautete, durch den Inseldschungel. Es gab ein Netz von schmalen Pfaden, das nur die Indios kannten und das immer wieder, in Zeitabständen von rund zwei Wochen, dem Regenwald neu abgerungen werden mußte, da es sonst sehr schnell wieder zugewuchert wäre. Die geheimen Wege erlaubten es den Eingeborenen, sich relativ schnell von einem Ufer der Insel zum anderen zu bewegen. Alle Pfade trafen sich im Schabono, dem Dorf.
Kewridi und Bisaasi sollten die nördliche Küste von einem Aussichtspunkt aus kontrollieren, der von den Maracá-Indios sonst als Kultstätte benutzt wurde. Hier opferten sie gegen Ende der Hitzeperiode ihren Göttern und beteten, daß die Regenzeit bald mit viel Wasser beginnen möge. Sie waren nicht nur Jäger und Fischer, sie bestellten auch Felder am Rande ihres Dorfes, deren Ertrag wesentlich vom pünktlichen Einsetzen des Regens abhing.
Der Platz lag gut zehn Yards über dem dichten Mantel der Mangroven, die an dieser Seite der Insel mit ihren Wurzeln bis ins Wasser der See griffen.
Kewridi und Bisaasi erreichten ihr Ziel und erblickten sofort die Kanus und Piraguas, die wie abwartend draußen in der Meeresstraße zwischen den beiden Inseln lagen.
„Nun?“ knurrte Kewridi. „Was habe ich gesagt? Sie sind bereits da. Wahrscheinlich belauern sie uns bis zum Abend, und dann, im Schutz der Dunkelheit, tauchen sie wie die Schlangen auf, die ein großes Tier würgen und beißen wollen.“
„Wir müssen sofort Tubuago benachrichtigen“, sagte Bisaasi. „Er wird sämtliche Waffen verteilen und zum Kampf rüsten.“
„Lauf los.“
„Ja. Du behältst Surkuts Männer weiterhin im Auge?“
„Ich verfolge jede Bewegung, die sie unternehmen. Es sind acht Kanus und Piraguas.“
„Also immer noch Borago und die Meute, die über unsere Mädchen herfiel?“ fragte Bisaasi.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Kewridi. „Aber hat denn das jetzt noch Wichtigkeit?“
„Nein.“ Bisaasi wandte sich ab und ging. Er folgte dem Verlauf des Pfades, der von der kleinen Lichtung des Opferplatzes hinunter in den Busch führte, und wollte wie vorher am Ufer eines schmalen Flusses entlanggehen, um ins Innere der Insel zu gelangen.
Plötzlich aber gewahrte er zwei Kanus, die mit Laubwerk und Lianen getarnt unter den Stelz- und Atemwurzeln der Mangroven verborgen lagen. Man mußte schon sehr genau hinsehen, um sie zu finden, und eigentlich war es eher ein Glücksfall, daß Bisaasi sie entdeckt hatte.
Vorsichtig bewegte er sich auf die Kanus zu. Sie lagen am diesseitigen Ufer, also würde er keine Schwierigkeiten haben, sie einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.
Er fragte sich unwillkürlich, warum Kewridi und er die Boote nicht vorher schon erblickt hatten. Vier Augen sehen mehr als zwei, sagte er sich im stillen, seltsam.
Dann aber begriff er, was die Ursache für diesen Umstand war. Erst, als sein Freund und er zum Aussichtspunkt hinaufgestiegen waren, hatten sich die Kanus von der See her nähernd in die Flußmündung geschoben. So hatten Kewridi und er sie von oben aus nicht mehr sehen können, und erst eben, vor wenigen Augenblicken, mußten die Insassen die Fahrzeuge vertäut, getarnt und verlassen haben.
Demnach befanden sie sich noch in der Nähe! Bisaasi blieb geduckt stehen. War es nicht besser, Kewridi unverzüglich zu unterrichten und ihn zu Hilfe zu holen? Was war, wenn der Feind ihn aus einem Gebüsch beobachtete und bereits mit der Waffe auf ihn zielte?
Bisaasi spürte, wie es ihm trotz der Hitze kalt über den Rücken rann. Er gab sein Vorhaben auf, die Kanus eingehend zu untersuchen. Daß sie den Männern der Nordinsel gehörten, stand ohnehin außer Frage.
Er drehte sich um – und sah sich einer braunen, bemalten Gestalt mit haßverzerrtem Gesicht gegenüber.
„Borago“, flüsterte er entsetzt.
Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte er auch die anderen. Vier oder fünf Krieger waren es, die sich mit Borago zusammen an ihn herangepirscht hatten und sich jetzt hinter dessen Rücken befanden; gebückt, mit den Lanzen und Messern in den Fäusten, zum sofortigen Angriff bereit.
Bisaasi wollte das Messer zücken und sich auf Borago werfen, wollte schreien, um Kewridi zu alarmieren, doch der andere war schneller.
Borago schnellte katzengewandt vor, packte Bisaasi und riß ihn mit sich zu Boden. Sie wälzten sich im Uferschlamm. Bisaasi versuchte, dem Gegner das Messer in die Brust zu rammen, doch Borago entwand ihm die Waffe mit solcher Kraft, daß Bisaasi zu glauben begann, er sei von bösen Geistern besessen.
Borago erkannte, daß sein Gegner schreien wollte, und preßte ihm die Hand auf den Mund. Die anderen Männer Surkuts waren jetzt auch heran und hielten Bisaasi an den Armen und den Beinen fest.
Borago richtete sich halb auf, ließ Bisaasis Mund aber nicht los. Er drückte ihm die Spitze seines Hartholzmessers gegen die Gurgel und zischte: „Sprich! Sind noch mehr Wachen hier am Nordufer?“
Bisaasi schüttelte den Kopf.
„Du lügst“, flüsterte Borago. „Sag mir die Wahrheit!“
Bisaasi gab einen würgenden Laut von sich.
„Also gut“, sagte Borago. „Ich gebe deinen Mund frei. Aber wenn du deine Freunde rufst, steche ich dich tot.“ Er hob die Hand, die Bisaasis Lippen bedeckte.
„Ich bin allein“, sagte Bisaasi. „Du kannst mich töten, aber du wirst nichts anderes von mir erfahren.“
Borago lächelte grausam. „Doch. Ich will die Wahrheit erfahren. Du wirst sie mir sagen. Ich kenne alle Mittel, um dich dazu zu bringen.“ Er verstärkte den Druck seines Messers, und die Spitze der Klinge bohrte sich langsam in Bisaasis Hals.
Kewridi nahm den Blick von den acht Booten, die nach wie vor draußen in der ruhigen See lagen. Er glaubte, einen schwachen Laut vernommen zu haben, ein Geräusch, das nicht von den Tieren des Urwaldes herrühren konnte. Mißtrauisch drehte er sich um und musterte seine Umgebung.
Ein paar bunte Vögel schwirrten in den Baumkronen hin und her, aber sonst tat sich nichts. Heiß und feucht dehnte sich der Dschungel vor Kewridi aus. Die Hitze schien jegliche Form des Lebens ersticken zu wollen.
Der junge Mann schritt zum Rand des Opferplatzes, drang ein Stück ins Dickicht vor und sagte: „Bisaasi? Bist du noch da?“
Er erhielt keine Antwort, deswegen versuchte er es noch einmal: „Bisaasi?“
„Hier“, tönte es jetzt schwach zurück. „Komm her. Ich habe Boote entdeckt.“
Kewridi hastete den Pfad hinunter, der in den Dschungel führte. Er entdeckte die beiden Kanus, wie Bisaasi sie vor ihm gesehen hatte, wußte aber nicht, wo Bisaasi war. Noch einmal rief er seinen Namen, erhielt aber wieder keine Antwort.
Jetzt wußte Kewridi, daß es nur eine Falle sein konnte. Er begriff, welchen unverzeihlichen Fehler er begangen hatte. Nur die Flucht konnte ihn vor Schlimmerem bewahren. Er mußte zum Dorf laufen und die anderen warnen.
Im Unterholz raschelte es plötzlich. Kewridi fuhr herum. Er sah Bisaasi, der Anstalten zu treffen schien, auf ihn zuzumarschieren. Doch Bisaasis Körper neigte sich nach vorn und kippte ans Ufer des Flußlaufes. Dort blieb er reglos liegen. Kewridi sah das Messer, das aus seinem Hals aufragte.
Sie haben ihn gezwungen, mich anzulocken, dann haben sie ihn umgebracht, dachte Kewridi. In einem jäh aufwallenden Gefühl unbändigen Zorns und Hasses riß er seinen Bogen von der Schulter, zog einen Pfeil aus dem Köcher und schoß ihn in das Gebüsch ab, wo der Feind lauern mußte, der den armen Bisaasi aufgerichtet und vorangestoßen hatte.
Der Pfeil verschwand im dichten Gesträuch, aber kein Schmerzenslaut verkündete, daß Kewridi einen seiner Widersacher getroffen hatte. Statt dessen erklang rechts hinter seinem Rücken ein leises, verächtliches Lachen.
Er fuhr herum und zückte einen zweiten Pfeil, doch Boragos Stimme warnte ihn: „Keine Bewegung mehr, oder du bist ein toter Mann! Wir haben dich eingekreist!“
Kewridi sah den großen, muskulösen Mann mit erhobener Lanze auf sich zusteuern, und er sah jetzt auch die anderen, die von allen Seiten aus dem Dickicht auftauchten. Der Weg zum Dorf war versperrt, es schien keine Möglichkeit mehr zu geben, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
„Geht fort!“ stieß Kewridi mit vor Zorn fast überkippender Stimme aus. „Verschwindet, ehe es für euch zu spät ist. Meine Stammesbrüder werden euch von allen Seiten angreifen und euch vernichten.“
„Wo sind sie denn, deine lieben Brüder?“ erkundigte sich Borago höhnisch. „Hier, in der Nähe? Nein. Die Ratte, die dort tot am Boden liegt, hat es uns verraten: Am Nordufer halten sich keine weiteren Wachen auf. Du bist uns rettungslos ausgeliefert, und wir können hier mit unseren Booten landen, ohne daß Tubuago, dieser Narr und Schwächling, es überhaupt bemerkt.“
Kewridi bemerkte Boragos starren Blick und die leicht geröteten Augen. Er wußte jetzt, daß Borago unter dem Einfluß von Rauschmitteln stand. Kewridi nahm an, daß die Reaktionsschnelligkeit des anderen dadurch beeinträchtig war, und so unternahm er einen jähen Ausfall.
Er wollte sich auf Borago werfen, doch dieser wich zwei Schritte zur Seite aus und schleuderte seine Lanze. Die Lanze ritzte Kewridis Körperseite, Kewridi wurde halb herumgerissen. Er taumelte, aber er hatte immer noch die Kraft, seinen Bogen hochzureißen, den zweiten Pfeil anzulegen und ihn auf Borago abzuschießen.
Borago ließ sich fallen, und seine Kumpane fluchten und sandten nun ihrerseits ihre Pfeile auf den jungen Maracá-Indio ab. Kewridi versuchte, sich in Deckung zu bringen, aber es war sinnlos. Ein Pfeil bohrte sich in seinen rechten Arm, ein nächster in seinen linken Oberschenkel. Er wankte und drohte zu stürzen, und die Männer Surkuts lachten hämisch und sahen dabei zu, wie er gegen die Schmerzen und die drohende Ohnmacht ankämpfte.
Kewridi stolperte zum Ufer des Flusses. Er erhoffte sich seine letzte Chance davon, das flache Gewässer zu durchqueren und sich im Busch, den er besser kannte als die Feinde, vor ihnen zu verstecken. Er glaubte, sich noch bis zum Dorf schleppen zu können, und so mobilisierte er seine letzten Kräfte für diesen Versuch.
Doch er strauchelte und stürzte ins Wasser, daß es hoch aufspritzte. Er blieb mit dem Gesicht nach unten in der bräunlichen Flüssigkeit liegen und regte sich nicht mehr.
Borago richtete sich vom Untergrund auf. Kewridis Pfeil hatte ihn nicht getroffen. Er lachte und deutete auf die Gestalt des jungen Mannes im Wasser. „Der wäre auch erledigt. Sehr gut. Los, einer von euch läuft den Weg hinauf, den diese beiden Hunde benutzt haben. Ich nehme an, daß es weiter oben einen Platz gibt, von dem man auf das Meer blicken kann. Wir müssen unseren Brüdern ein Zeichen geben, daß sie jetzt landen können. Wir warten auf sie und stoßen mit ihnen ins Innere der Insel vor, wie es geplant ist.“
Er schloß unwillkürlich die Augen und dachte daran, wie reich Surkut ihn belohnen würde, wenn die Landung und der Überfall auf Tubuagos Stamm klappten.
7.
Die Wasserfässer die Hügel hinaufzuschaffen, war nicht gerade eine leichte Arbeit. Es waren insgesamt sechs, zwei kleinere aus Edelkastanie und vier große aus Eiche, und die großen Fässer konnte man nur rollen, nicht tragen. Jetzt, in der größten Mittagshitze, war es für die acht Männer, die der Seewolf für das Wasserholen eingeteilt hatte, eine unangenehme, schweißtreibende Aufgabe, und sie fluchten dementsprechend.
Big Old Shane und Batuti wuchteten die zwei kleinen Kastanienholzfässer auf den Schultern den Hang hoch. Luke Morgan, Bob Grey, Stenmark, Will Thorne, Matt Davies und Sam Roskill hatten alle Hände voll damit zu tun, die vier anderen Fässer voranzubringen.
Als die Sonne auf ihren höchsten Punkt gestiegen war, erreichten die Männer die Quelle am Saum des Urwalds und begannen, das frische Naß mit den mitgebrachten Kellen in die Fässer zu schöpfen.
„Verdammt noch mal“, sagte Luke Morgan. „Ich will ja nicht meutern, aber für diese Scheißarbeit hätte sich Hasard auch eine bessere Zeit aussuchen können.“
„Wann denn wohl?“ fragte Will Thorne. „Mir stinkt die Sache genauso wie dir, aber vergiß nicht, daß wir heute nachmittag auslaufen wollen. Je schneller und je weiter wir nach Norden kommen, desto besser ist es doch, oder?“
„Ja, das stimmt“, meinte Luke einlenkend. „Also los, sehen wir zu, daß wir es so rasch wie möglich hinter uns bringen.“
„Mir stinkt die ganze Insel“, sagte Bob Grey. „Hölle, ich fühl mich hier nicht wohl.“
„Das hast du heute schon mal gesagt. Jedenfalls hat Jeff das behauptet“, meinte Sam Roskill. „Hör lieber ganz auf mit dem Reden, es strengt ja doch viel zu sehr an.“
Matt Davies blickte sich immer wieder mißtrauisch um. „Es liegt was in der Luft. Wir kriegen hier noch ganz dicken Ärger, das schwöre ich euch.“
Shane, der den Trupp anführte, lachte. „Hört, hört! Wir haben schon einen Nachfolger für den alten Donegal, falls der mal abdankt. Matt, Kopf hoch, wir sind ja gleich fertig, und diesmal geht es mit den Fässern bergab.“
„Gott sei Dank“, brummte der Mann mit der Eisenhakenprothese. Er bückte sich mit seiner Kelle, ließ sie mit Wasser vollaufen, richtete sich wieder auf und entleerte sie in die obere Öffnung des einen Fasses.
„He“, sagte er plötzlich. „Was ist eigentlich aus den Indios geworden? Sie waren verschwunden wie der Blitz. Die führen doch wohl nichts gegen uns im Schilde?“
„Sie sind ins Dorf zurückgekehrt“, entgegnete Shane. „Sie wollen sich auf jeden Fall auf einen Angriff dieses verrückten Surkut vorbereiten. Hast du nicht gehört, was Tubuago, Ilana und dieser Kewridi Hasard erklärt haben, ehe wir das Dorf verließen?“
„Wie konnte ich?“ sagte Matt. „Ich war doch nicht mit dabei.“
„Oh, verflixt“, sagte der graubärtige Riese. „Jetzt gerate ich langsam auch schon ins Schleudern. Muß an der Hitze liegen. Also: Surkut ist der Häuptling der Nordinsel – ein fanatischer Kriegshetzer, der die Maracá-Indios allesamt unterwerfen und dann auch noch einen Zug zum Festland unternehmen will.“
„Das alles haben die Leute aus dem Dorf Hasard erzählt?“ fragte Stenmark verblüfft. „Ja, wie denn bloß?“
„Durch Gesten und Zeichnungen“, erwiderte Big Old Shane. „Tubuago, der Häuptling, der uns den ganzen Proviant geschenkt hat, scheint aber nicht ganz von der Angriffswut dieses Surkut überzeugt zu sein. In seinen Augen ist der Kerl wohl eher ein aufgeblasener Sack, den man bloß anzustechen braucht, damit er in sich zusammenfällt.“
„Achtung“, sagte Matt Davies plötzlich. „Da ist was – da, im Gebüsch!“
Sie fuhren herum und blickten in die Richtung, in die Matt mit dem Finger wies. Doch im nächsten Moment atmeten sie erleichtert auf, denn es war nur ein großer, fasanenähnlicher Vogel, der schwerfällig aus dem Dickicht aufstieg und sich zu einer der ausladenden Baumkronen emporarbeitete.
„Mann“, sagte Batuti. „Matt, du machst mir ganz verrückt mit dein komisches Gerede.“
Matt seufzte. „Es heißt ‚mich‘, und auch der Rest war nicht ganz richtig, aber du lernst es wohl nie, was?“
„Mister Davies“, sagte Shane betont scharf. „Ich muß feststellen, daß du heute ausgesprochen schlechte Laune hast. Halt mal ein bißchen die Luft an und mach die Schotten dicht, klar?“
„Aye, Sir“, gab Matt mit griesgrämiger Miene zurück.
Schweigend setzten sie ihr Werk fort. Erst Luke Morgan begann wieder zu sprechen, und zwar, als ein paar Minuten später wieder ein knackender Laut hinter ihnen im Unterholz des Urwald zu vernehmen war.
„Du brauchst dich nicht aufzuregen, Matt“, sagte er. „Das ist wieder so ein merkwürdiger Vogel – oder eine Riesenschlange, weiter nichts.“
„Ihr Himmelhunde wollt euch wohl alle mit mir anlegen, wie?“ Matt grinste verkniffen. „Na, wartet, an mir beißt ihr euch die Zähne aus. Ich bin nicht so hitzig und jähzornig wie andere Leute.“
Luke wollte sofort etwas darauf erwidern, weil die Bemerkung natürlich ihn betraf, aber jetzt geschah etwas Unerwartetes, Ungeheuerliches, so schnell, daß er nicht einmal ansatzweise zu einer Raktion gelangte.
Hinter seinem Rücken war plötzlich ein verdächtiges Surren, etwa so, als steure ein großes Insekt auf ihn zu. Ein Schlag traf Luke zwischen die Schulterblätter, und ein heißer Dorn schien sich durch seine Haut in sein Fleisch zu bohren.
Der Schmerz war eine tosende Woge, die in rasender Schnelligkeit durch seinen Körper raste und sein Bewußtsein ausschaltete.
„Luke, verdammt!“ schrie Matt Davies. Er sah den Mann neben sich zusammenbrechen, ließ die Schöpfkelle los, griff nach seiner Muskete, die im Gras lag, und wirbelte gleichzeitig herum.
Auch die sechs anderen Männer der „Isabella“ fuhren zum Busch herum und sahen die braunhäutigen Gestalten, die sich aus dem Dickicht aufrichteten und ihre Lanzen und Pfeile auf sie richteten.
Boragos kompletter Trupp war am Nordufer gelandet, und auf dem Marsch zum Dorf des Häuptlings Tubuago hatten sie die Stimmen der Weißen vernommen. Daraufhin hatte Borago beschlossen, zuerst an den verhaßten „Viracocha“ Rache zu üben. Diesmal hatte er mehr Männer hinter sich, diesmal würde er nicht zurückweichen. Er hatte sich vorgenommen, lieber zu sterben, als noch einmal eine Niederlage hinzunehmen.
„In Deckung!“ brüllte Big Old Shane, als jetzt ein ganzer Hagel von Pfeilen heranschwirrte.
Die Männer duckten sich hinter die Wasserfässer. Stenmark entging um Haaresbreite einem der Pfeile, der auf seine Brust gezielt gewesen war. Wütend hob auch er seine Muskete – und er hätte wie Matt Davies und die anderen mitten in die Horde der Indios hineingehalten, wenn Shane nicht geschrien hätte: „Über ihre Köpfe zielen – gebt Warnschüsse ab!“
Die Musketen krachten, aber die Eingeborenen zogen sich nicht zurück. Mit schrillen Rufen stürmten sie aus dem Dickicht. Ein paar Lanzen bohrten sich mit pochenden Lauten in die Wasserfässer, aus den entstandenen Löchern spritzte zischend das Naß.
„Feuer frei auf die Kerle!“ rief Big Old Shane.
Nur Sam Roskill und Will Thorne hatten ihre Flinten noch nicht benutzt. Jetzt drückten sie mit grimmigen Mienen ab – Sam mit einer Muskete, Will mit einem Tromblon, das auf diese kurze Entfernung die ideale Waffe gegen eine Übermacht von Feinden darstellte.
Sams Kugel traf nur einen Indio, der auch sofort mit einem gurgelnden Laut zusammenbrach. Wills Ladung aus dem Tromblon mit der trichterförmig erweiterten Mündung jedoch – sie bestand aus gehacktem Eisen, Blei und Glas – brachte vier oder fünf der braunen, grell bemalten Kerle zu Fall. Blutüberströmt blieben sie liegen.
„Pistolen ’raus!“ schrie Shane.
Sehr schnell hatten die Seewölfe ihre Steinschloß-, Radschloß- und Schnapphahnschloßpistolen gezückt und die Hähne gespannt, und genauso flink drückten sie wieder auf die Krieger Surkuts ab, die sich offensichtlich in keiner Weise einschüchtern ließen.
Wieder blieben einige Eingeborene auf der Strecke, aber die anderen stürmten weiter, schrien wie wahnsinnig und warfen sich auf die Männer der „Isabella“.
Unter normalen Bedingungen hätten die Indios jetzt doch die „Feuerrohre“ der weißen Männer respektiert. Aber Koka und Ebena taten ihre Wirkung und ließen nicht einmal einen Anflug von Furcht in ihnen entstehen.
Shane schätzte die Zahl derer, die jetzt noch auf seinen kleinen Trupp zusprangen, auf mindestens fünfzig. Dem ersten, der ihm zu Leibe rücken wollte, hieb er mit aller Kraft den Kolben seiner Radschloßpistole über den Kopf, den nächsten schickte er mit einem Fausthieb zu Boden. Aber die anderen drängten nach und schwangen ihre Speere und Messer gegen ihn, immer mehr, die Flut der Leiber schien nicht mehr abreißen zu wollen.
Da blieb keine Zeit, die Feuerwaffen nachzuladen und wieder damit auf die Angreifer abzudrücken. Im Nu tobte ein Handgemenge, das von den Indios derart wild und verwegen geführt wurde, daß die kleine Schar der Seewölfe unterzugehen drohte.
Matt Davies schützte den verletzten Luke Morgan mit seinem Körper. Er stand breitbeinig und leicht geduckt da und schwang sein Entermesser mit der gesunden Linken, während er mit seinem Eisenhaken, einer ebenfalls gefährliche Waffe, immer wieder nach den heulenden Kerlen schlug.
Batuti hatte zunächst seinen Bogen von der Schulter nehmen wollen, aber im Nahkampf konnte er damit doch nicht mehr viel ausrichten. Also zückte er seinen Morgenstern, sprang ein Stück zur Seite und schwang ihn hin und her, so, daß er der Meute der Gegner damit in die Flanke fiel, seine eigenen Kameraden jedoch nicht gefährden konnte.
Bob Grey, Stenmark, Will Thorne und Sam Roskill hatten jetzt auch ihre schweren Schiffshauer aus den Gurten gezogen und kämpften erbittert. Sie zogen alle Register, die ihnen zur Verfügung standen, doch sie mußten schnell erkennen, daß sie gegen die wie wahnsinnig um sich stechenden und schlagenden Indios auf verlorenem Posten standen.
Big Old Shane brachte sich mit ein paar heftigen Säbelhieben neben Matt Davies und schrie: „Rückzug zum Schiff! Matt, du läufst vor und alarmierst Hasard! Ich nehme Luke mit! Los, räumen wir das Feld, bevor es zu spät ist!“
Matt brachte sich mit einem Satz nach rechts.
„Arwenack!“ brüllte er, dann versuchte er, eine Bresche in die Traube der Leiber zu treiben, die sie niederzuwalzen drohte. Er sah dicht vor sich das verzerrte Gesicht eines bulligen Indios auftauchen, riß den Eisenhaken hoch und setzte sich zur Wehr, aber obwohl er den Kerl traf, konnte er dessen vorschnellendem Hartholzmesser doch nicht mehr ganz ausweichen. Siedendheiß lief es ihm über den linken Arm. Er fluchte, spürte, wie die Kraft aus seinem Arm wich, ließ das Entermesser aber doch noch auf seine Widersacher niedersausen. Dann hielt er sich zwei Krieger vom Leib, die von rechts auf ihn zurückten, indem er mit dem spitzgeschliffenen Haken nach ihnen hackte. Er hörte sie aufschreien, sah sie zurückprallen und hatte den Weg frei.
Er stürmte in Richtung Ankerbucht. Shane hatte unterdessen Luke Morgan vom Boden aufgehoben und ihn sich über die Schulter gelegt. Batuti hielt ihm den Rücken frei. Bob und der Schwede waren links und rechts neben ihm, um ihn ebenfalls zu schützen, während er Matt nacheilte. Will Thorne und Sam Roskill bildeten die Nachhut. Sie ließen die Wasserfässer und ihre leergeschossenen Musketen, die am Boden lagen, im Stich und trachteten, Abstand zwischen sich und die Indios zu bringen, doch diese gaben immer noch um keinen Deut nach – im Gegenteil, sie schienen jetzt noch mehr Energie darauf zu verwenden, die weißen Männer zu stoppen und niederzuschlagen.
Sam Roskill fühlte sich plötzlich zurückgerissen: Ein Indio klammerte sich an seinem Arm fest und versuchte, ihm den Schiffshauer zu entwinden. Ein anderer sprang vor, hob seinen Speer und schickte sich an, die Spitze in Sams Brust zu jagen.
8.
Einige der Männer an Bord der „Isabella“ zuckten wie von Peitschenhieben getroffen zusammen, als an Land die Schüsse und Schreie erklangen.
„Verflucht und zugenäht!“ schrie Old O’Flynn. „Shane und die anderen sind in eine Falle geraten! Der Teufel soll diese Scheiß-Maracá-Insel holen!“
Hasard blickte zu Bill und zu Gary Andrews auf, die nach wie vor im Groß- und Vormars hockten.
„Könnt ihr etwas sehen?“ rief er. „Gibt Shane uns vielleicht ein Zeichen?“
„Nein, Sir!“ schrie Gary Andrews.
„Zwischen den Hügeln steigt nur Pulverrauch auf!“ rief Bill.
Der Seewolf zögerte nicht. Eine der Jollen lag drüben am Strand, die zweite jedoch dümpelte an der Bordwand der „Isabella“. Er drehte sich um und sagte: „Los, Ferris, Smoky, Pete und Dan mit mir! Ferris, nimm so viele Höllenflaschen mit, wie du kannst!“
„Aye, Sir!“ schrien die vier.
Hasard schwang sich über das Schanzkleid der Kuhl, enterte an der Jakobsleiter in die Jolle ab und nahm auf der Heckducht Platz. Den Radschloß-Drehling legte er vor sich auf den Bootsboden. Ungeduldig wartete er auf seine Begleiter, die jetzt ebenfalls auf den Sprossen der Leiter erschienen und in Windeseile nach unten sausten.
Kaum hatten sie auf den Duchten Platz genommen, drückte Hasard die Jolle mit einem Bootshaken von der „Isabella“ ab. Er verstaute den Haken, griff nach der Ruderpinne und rief: „Ruder an! Pullt, was das Zeug hält, die Männer brauchen dringend unsere Hilfe! Hört euch das an!“
Das Gebrüll, das aus den Hügeln herüberdrang, sprach für sich. Hin und wieder waren die Stimmen der Seewölfe zu vernehmen, aber sie gingen in dem Geheul der Indios unter, die in großer Überzahl aufgetaucht sein mußten.
Hasard hatte es geahnt: Die braunhäutigen Teufel von der Nordinsel hatten nicht geruht, sie waren auf Rache aus und wollten jetzt, in einem kühnen Handstreich, hier alles an sich reißen.
Ferris, Smoky, Dan und Pete pullten, als säßen ihnen tausend Dämonen der Hölle im Nacken. Die Jolle glitt immer schneller voran. Hasard lenkte sie so, daß sie direkt neben dem anderen Beiboot auf dem Strand landen mußte.
„Sir!“ schrie Bill plötzlich zu ihnen herüber. „Achtung! Jemand läuft den Hang hinunter – es ist Matt Davies!“
Der Seewolf hob den Kopf und entdeckte Matt, der wie von Furien gehetzt die Anhöhe hinunterstürmte. Sein linker Arm baumelte schlaff nach unten. Hasard konnte mit bloßem Auge die rote Blutspur erkennen, die sich daran entlangzog. Matt hielt zwar noch seinen Schiffshauer, drohte ihn aber jeden Moment zu verlieren.
„Sir!“ brüllte er. „Es gibt Zunder! Diese Bastarde sind wieder gelandet! Luke hat einen Pfeil abgekriegt, und die anderen sind auch übel dran, wenn nicht …“
„Wir kommen!“ unterbrach Hasard. „Wir haben Flaschenbomben!“
„Verfluchte Scheiße!“ stieß der rothaarige Schiffszimmermann wutentbrannt aus. „Wie haben die Hunde bloß ungesehen auf der Insel landen können? Ich denke, Tubuago hat überall Wachtposten aufstellen lassen!“
„Dafür gibt es nur eine Erklärung“, sagte Hasard, während er sich bereits halb aufrichtete, um ins Wasser zu springen. „Surkuts Männer waren schneller als Tubuagos Krieger. Sie haben uns alle überrumpelt.“
„Wer hätte denn auch damit gerechnet, daß sie am hellichten Tag angreifen?“ fragte Pete Ballie.
„Keiner, das ist es ja“, sagte Dan. „Mann, wir hätten noch viel vorsichtiger sein müssen.“
Hasard hatte keine Zeit, sich mit Selbstvorwürfen zu plagen, sonst hätte er sich jetzt gesagt, daß es leichtsinnig von ihm gewesen war, die acht Männer zum Wasserfassen an Land zu schicken. Doch hatte er diese Entwicklung voraussehen können?
Er sprang in die Brandung, hetzte mit langen Sätzen zu Matt und schrie: „Was ist mit deinem Arm? Ist die Wunde tief?“
„Nein, Sir“, gab Matt zurück. „Nicht der Rede wert. Nur ein alberner Schnitt.“
Der Seewolf lief an ihm vorbei und hastete zu den Hügeln. Ferris, Dan, Pete und Smoky waren ebenfalls aus der Jolle heraus, zogen sie nur ein Stück auf den weißen Sand und stürmten dann ihrem Kapitän nach.
Matt Davies drehte sich um und schloß sich ihnen an. Er brachte sich neben Ferris und wollte ihm etwas zurufen, doch der Schiffszimmermann schrie bereits: „Teufel, Matt, du bleibst besser hier!“
„Wegen des Arms? Du hast sie wohl nicht mehr alle!“
„Achtung!“ brüllte Gary Andrews vom Vormars der „Isabella“. „Da ist Shane!“
Die wuchtige Gestalt des grauhaarigen Schmieds von Arwenack erschien auf der Kuppe der Anhöhe. Er trug Luke und hielt ihn mit der linken Hand fest, mit rechts hob er den Säbel und winkte Hasard und dessen Gefolge zu.
„Sie sind hinter uns!“ rief er. „Verflucht, sie sitzen uns auf den Fersen! Sie sind wie von Sinnen!“
„Flaschenbomben fertigmachen!“ schrie der Seewolf.
„Gebt mir eine Pistole!“ stieß Matt Davies aus.
Dan warf ihm eine Miqueletschloßpistole zu. Matt ließ den Schiffshauer fallen, fing die Waffe trotz seiner Verwundung mit der Linken aus der Luft auf und spannte den Hahn mit seiner Prothese. Er biß die Zähne zusammen und sagte: „Wenigstens einen Schuß will ich diesen Hunden noch verpassen.“
Ferris Tucker hatte die erste Höllenflasche zum Vorschein gebracht und versuchte, die Lunte mit Feuerstein und Feuerstahl zu zünden, was aber im Laufen nahezu unmöglich war.
Pete war mit zwei Sätzen neben ihm und rief: „Gib her, ich helfe dir!“
Sie langten auf der Kuppe an und konnten über die daran anschließende Senke hinweg sehen, wie die Indios auf dem gegenüberliegenden Hügel Batuti, Bob, Stenmark und Will verfolgten.
„Shane, bring Luke zur ‚Isabella‘!“ schrie der Seewolf. „Ihr anderen, mir nach!“ Er blieb stehen, legte mit dem Radschloß-Drehling auf die Gegner an und gab den ersten Schuß ab. Er zielte weit nach rechts und holte einen der Indios aus der Flanke der Meute heraus, so daß er seine eigenen Leute nicht in Gefahr brachte.
„So ein Dreck!“ rief Ferris Tucker. „Wohin soll ich die Flaschen werfen? Wenn ich nicht aufpasse, gehen unsere Kerls mit dabei drauf!“
„Warte noch!“ erwiderte der Seewolf, dann lief er in die Senke hinunter.
Er hielt immer wieder nach Sam Roskill Ausschau, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Eine eisige Hand schien nach seinem Herzen zu greifen. Was war mit Sam geschehen?
Diesmal geht es nicht gut aus, dachte er entsetzt, diesmal gehen ein paar von uns über die Klinge – o Hölle, wie konnte das nur passieren?
Von Bord der „Isabella“ ertönte wieder ein Ruf. Diesmal wurde er von Bill ausgestoßen. „Deck, Boote in Sicht! Sie laufen in die Bucht ein! Sie greifen uns an!“
Ben Brighton, der jetzt das Kommando über das Schiff hatte, sah nach Steuerbord und stieß eine üble Verwünschung aus. Wie ein Spuk hatten sich die Kanus und Piraguas hinter der nördlichen Landzunge hervorgeschoben und Kurs auf die Einfahrt der Ankerbucht genommen, während sich alles auf die Vorgänge an Land konzentriert hatte. So waren die Gegner jetzt schon bedrohlich nah heran, so nah, daß das Zusammentreffen mit ihnen unvermeidlich war.
Der Verband bestand aus zehn Kanus und Piraguas. Ganz vorn, in der größten Piragua, stand aufrecht und mit verschränkten Armen ein breitschultriger Indio, der einen mächtigen Federschmuck auf dem Haupt trug. Ben glaubte sein triumphierendes Grinsen sehen zu können.
„Das ist Surkut mit dem zweiten Teil seiner Bande!“ rief Ben. „Los, schnappt euch die Spaken und dann ’ran an das Spill! Wir lichten den Anker, damit wir beweglicher sind! Die anderen – auf Gefechtsstation! Hölle, wir wollen den Hurensöhnen einen gebührenden Empfang bereiten! Gary, sofort abentern, jetzt wird jeder Mann an Deck gebraucht!“
Gary schwang sich über die Umrandung des Vormarses, als wolle er aus luftiger Höhe auf die Kuhl springen. Für einen Augenblick wirkte es tatsächlich so, als würde er abrutschen und stürzen, doch dann sah Bill, der ihn beobachtete, wie der Fockmastgast geschickt in den Wanten nach unten hangelte.
Gary war sich der prekären Lage, in der sie sich befanden, genauso bewußt wie die anderen, und er tat das Menschenmögliche, um so schnell wie möglich an die Geschützbatterie zu gelangen.
Die „Isabella“ war hoffnungslos unterbemannt. An Bord befanden sich jetzt nur noch Ben, der Profos, der Kutscher, Blacky, Gary, Al Conroy, Old O’Flynn, Jeff Bowie, Bill und die Zwillinge, also nur neun Männer – von denen der eine an der Schulter verletzt war – und zwei Kinder.
Der einzige Vorteil, den sie in dieser Situation hatten, bestand darin, daß die „Isabella“ nach wie vor gefechtsbereit war, daß sie also die Kanonen nur noch zu zünden brauchten.
Doch wie viele Schüsse konnten sie überhaupt abgeben? Mit beängstigender Geschwindigkeit schoben sich die Eingeborenen-Kanus heran. In jedem Boot saßen zehn vom Gesicht bis zu den Beinen bemalte Krieger – hundert Indios also gegen die winzige Besatzung der Galeone!
Jesus, schoß es Sam Roskill noch durch den Kopf, gütiger Herr im Himmel, einmal muß es ja aus sein! Allmächtiger, hast du denn wirklich geglaubt, du könntest deinen Hintern noch bis zur Schlangen-Insel tragen und eines Tages vielleicht sogar noch bis nach Old England? Mann, wie überheblich bist du eigentlich?
Für einen Mann, der den Tod so dicht vor Augen hatte, waren das eine ganze Menge Überlegungen und im Grunde auch erstaunlich sachliche Erwägungen. Aber wie denn – hätte er vielleicht schreien und um sein Leben betteln sollen? Nein, diese Blöße gab sich ein Sam Roskill nicht. Sollte er denn tatsächlich auf dieser Insel verrecken, so wollte er seinen Mördern dabei allenfalls noch höhnisch ins Gesicht grinsen.
Er versuchte zwar noch, den Kerl abzuschütteln, der ihm am Arm hing, aber der klammerte sich derart hartnäckig fest, daß es von vornherein aussichtslos war. Sam drohte zu Boden zu gehen, konnte seine Waffen nicht mehr einsetzen und sah die Spitze des Speeres in diesem Augenblick auf sich zuzucken.
Er ließ sich fallen und hoffte, dadurch dem tödlichen Speer zu entgehen. Aber auch das war eine Illusion, wie er wußte. Nein, es ließ sich nicht mehr vermeiden.
Dann aber geschah etwas wirklich merkwürdiges – nein, fast grotesk wirkte das schon, wie der Kerl mit dem Speer jetzt doch wie angenagelt stehenblieb und zu schwanken begann, als habe er eine halbe Gallone Whisky im Leib.
Der Speer fiel zu Boden. Der Indio brach in den Knien zusammen und fiel aufs Gesicht, und Sam konnte gerade noch den Pfeilschaft sehen, der mitten im Rücken des Mannes steckte, ehe er sich mit seinem anderen Gegner auf dem Untergrund überrollte und ihm dabei die linke Faust gegen die Schläfe knallte.
Der Indio wollte ihn immer noch nicht loslassen, aber Sam brachte sich in eine günstige Lage, hob seinen Rücken, kniete sich auf die Ellbogen des Eingeborenen und hieb noch einmal zu, auf dieselbe Stelle wie vorher und diesmal noch ein bißchen kräftiger.
Der Indio stöhnte nur noch ein bißchen, dann lag er still. Sam erhob sich, packte seinen Schiffshauer und blickte sich um.
Jetzt hatte er die Erklärung für die unverhoffte Hilfe: Aus dem Dschungel stürzten wieder braunhäutige Gestalten hervor, aber diesmal waren es nicht die Krieger Surkuts, sondern die Männer aus dem Dorf des Häuptlings Tubuago. Natürlich – auch sie hatten die Schüsse vernommen und waren aufgebrochen, um ihren weißen Freunden zu Hilfe zu eilen.
Im Eifer des Gefechts hatten weder Shane oder Sam noch die anderen Männer des Landtrupps an diese Möglichkeit gedacht. Der Einsatz der Insulaner erfolgte spät, aber vielleicht doch immer noch rechtzeitig genug.
Sam hetzte los und reihte sich in die vorderste Gruppe der Krieger ein.
„Dort entlang!“ schrie er und wies mit der Hand den Weg zur Ankerbucht. „Wir müssen sie erwischen, diese Schweinebande!“
Obwohl er wußte, daß die Indios ihn nicht verstehen konnten, stieß er Verwünschungen gegen die Krieger Surkuts aus und wünschte sie alle zum Teufel, denn er mußte sich irgendwie Luft verschaffen.
An der Spitze der Indios lief er durch eine Senke zur nächsten Hügelkuppe hinauf und traf gerade rechtzeitig genug ein, um Will Thorne, der in schwere Bedrängnis geraten war, Hilfe zu leisten.
Drei Eingeborene hatten Will festgesetzt. Er schlug sich, so gut er konnte, aber er konnte sich nicht mehr lange halten.
Sam ging mit einem Fluch dazwischen und schickte einen Gegner durch einen Entermesserhieb zu Boden. Er wollte sich den nächsten vornehmen, doch der fiel wie von selbst, weil ihn ein Pfeil getroffen hatte.
Will tötete den dritten durch einen blitzschnellen Ausfall, dann sahen Sam und er, wer den Pfeil abgeschossen hatte. Es war Tubuago höchstpersönlich. Er stand inmitten seiner Krieger und schrie Befehle, legte einen neuen Pfeil an die Bogensehne und zielte auf Borago, den er in der Meute der Widersacher entdeckt hatte.
„Gut so!“ schrie Sam Roskill. „Weiter so! Wir schaffen es, jetzt wendet sich das Blättchen!“
Borago wollte sich auf Stenmark stürzen, doch ein Schuß, vom Seewolf abgeben, traf seine Schulter. Borago vollführte eine heftige Drehung und ging in die Knie, um ihn herum schien alles zu verschwimmen.
Im nächsten Moment ging auf dem Hügel die Flaschenbombe Ferris Tuckers hoch, dort, wo sich nur die Indios der Nordinsel befanden, die versuchten, einen Bogen zu schlagen und den Seewölfen den Fluchtweg zur Ankerbucht abzuschneiden.
Ein greller Blitz stach himmelan, Leiber wirbelten durch die Luft, und unter dem fetten schwarzen Rauch, der sich nach allen Seiten ausbreitete, schrien Surkuts Männer auf. Die Meute geriet ins Stocken. Tatsächlich schien sich eine Wende abzuzeichnen, denn die Seewölfe und die Krieger Tubuagos nahmen den Feind jetzt in die Zange.
Doch in der Bucht dröhnten die Kanonen der „Isabella“. Schwer rollte der Donner über das Wasser gegen die Hänge der Insel Maracá an. Ein neues Drama nahm seinen Lauf.
9.
Der Anker war gelichtet, die „Isabella“ schwamm frei im Wasser der Bucht, aber die Kanus und Piraguas der Eingeborenen wimmelten bereits um sie herum wie Ameisen um den Leib einer großen Raupe. Al Conroy und Jeff Bowie zündeten die ersten beiden Geschütze der Steuerbordbatterie. Blacky verließ die Back und eilte ihnen – entgegen der Order des Seewolfs – zu Hilfe.
Die Culverinen spien Feuer, Rauch und Eisen aus und rollten zurück. Al, Jeff und Blacky brüllten „Arwenack“, denn sie sahen die beiden am weitesten zurückliegenden Kanus der Gegner durch die Luft fliegen und in tausend Trümmer auseinanderfetzen. Doch es war eher eine Selbsttäuschung, an einen Sieg zu glauben. Die anderen Boote waren dicht neben der Bordwand, unerreichbar für die Schüsse der 17-Pfünder.
„Al!“ schrie Ben Brighton. „An die vorderen Drehbassen! Die anderen – Musketenfeuer eröffnen!“
„Aye, Sir!“ brüllte Al Conroy, und bei diesen Worten befand er sich schon auf dem Weg zum Vordeck, um es zu entern und die Hinterlader zu zünden.
Ben hatte die Kampanje betreten und schwenkte eine der beiden achteren Drehbassen herum. Die Gabellafette erlaubte es, das kleine Geschütz in einen Schußwinkel zu bringen, in die man die Culverinen der „Isabella“ niemals hätte hieven können.
„Bewegt euch, ihr müden Säcke!“ schrie Carberry auf der Kuhl. „Die Hunde dürfen den Kahn nicht entern, ich will keine dieser Kanaillen hier auf unserem feinen sauberen Deck sehen, verdammt noch mal! He, Kutscher, schmeiß mir einen Blunderbuss ’rüber, damit ich ihnen selbst eine Ladung Blei in ihre hohlen Schädel pusten kann!“
Mit schrillen Lauten kletterten die Indios bereits an den Bordwänden hoch. Sie benutzten dazu keine Taue. Sie sprangen von ihren Booten aus bis zu den Stückpforten und zu den Rüsten hoch, klammerten sich wie die Affen daran fest und versuchten, sich durch die Pforten zu zwängen oder über das Schanzkleid zu klettern.
Al Conroy hatte die vordere linke Drehbasse so weit herumgedreht und gesenkt, daß sie auf ein Kanu zielte, dessen Insassen gerade die letzten Yards Distanz zum Schiff zurücklegten. Bevor sie sich unter der Galion und dem Vorsteven verstekken konnten, senkte Al die glimmende Lunte auf das Bodenstück der Basse. Es krachte und fauchte, und das Geschütz ruckte in seiner Lafette, als wolle es sich losreißen.
Gellendes Geschrei aus dem Kanu verkündete Al, daß er getroffen hatte. Er wechselte zu der anderen Drehbasse hinüber und wollte sie ebenfalls abfeuern, fand aber kein Ziel für die Kugel. Deshalb bückte er sich, griff sich eine Muskete und eilte zum Steuerbordschanzkleid der Back. Er beugte sich darüber, streckte die Waffe nach unten und drückte auf einen Indio ab, der sich das Hartholzmesser zwischen die Zähne geklemmt hatte und eben Anstalten traf, sich auf die Kuhl zu schwingen.
Im Krachen der Muskete ließ er seinen Halt los und stürzte in eine der Piraguas zurück.
Carberry, der Kutscher, Gary, Old O’Flynn und Jeff waren neben Al an der rechten Schiffsseite, um mit Musketen und Tromblons die Flut der braunen Leiber zurückzuhalten.
Blacky, Bill und die Zwillinge verteidigten das Backbordschanzkleid. Im Stakkato hallten jetzt die Schüsse, ihr Echo wurde von den Inselhügeln zurückgeworfen.
Ben Brighton hatte die Bodenstükke der beiden achteren Drehbassen ganz hochgedrückt und visierte über die Läufe die Piragua des Häuptlings Surkut an. Sie lag unter der Heckgalerie, und einige der Eingeborenen befanden sich noch an Bord, während der Rest der Besatzung – allen voran Surkut – über das Ruder zum Hennegat hinaufhangelten.
Eigentlich hätte Ben durch den Boden der Heckgalerie feuern müssen, um die Piragua zu treffen, aber er zögerte, es zu tun, denn er wollte nicht das eigene Schiff beschädigen.
Dann half ihm ein Umstand, mit dem er nicht gerechnet hatte. Die Piragua war nicht am Heck der „Isabella“ vertäut worden, sie dümpelte auf den flachen Wellen der Bucht und trieb wieder ein Stück ab. Kaum war sie auch nur zur Hälfte in Sicht, zündete Ben die beiden Hinterlader kurz nacheinander.
Sie donnerten und jagten ihre Ladung mitten in die Piragua. Die Todeslaute der Indios drangen zu Ben hoch, und er sah die Gestalten ins Wasser kippen. Er verfolgte auch noch, wie einer der Krieger das Ruder losließ und ebenfalls in die Fluten stürzte. Der heiße Feuerschweif, den die Bassen ausgespuckt hatten, mußte ihn erfaßt und von seinem Halt weggerissen haben.
Ben bückte sich und nahm ein Tromblon – auch Blunderbuss genannt – zur Hand. Er richtete sich auf, beugte sich wieder über die Heckreling und sah Surkut und zwei andere, die soeben die Galerie erklettert hatten.
Ben richtete das Tromblon auf sie und zog den Stecher, doch es war schon zu spät. Sie verschwanden in der Kapitänskammer, deren äußere Tür leider nicht verriegelt war.
Die Ladung des Tromblons erwischte nur einen vierten Indio, der gerade in diesem Augenblick seinen bemalten Kopf über die Galerie steckte. Das gehackte Blei und Eisen trafen ihn voll. Schreiend glitt er von der Galerie ab, prallte auf seinen nachfolgenden Kumpanen und riß diesen mit in die Tiefe.
Ben drehte sich um und stürmte von der Kampanje aufs Achterdeck. In größter Hast enterte er aufs Hauptdeck ab und rief: „Aufpassen! Sie sind in der Hütte – drei Mann!“
Er hatte kaum ausgesprochen, da flog das Schott des Achterkastells auf, und die Öffnung spuckte die drei dunklen Leiber aus, die speerschwingend auf die Kuhl stürzten.
Carberry fuhr vom Steuerbordschanzkleid herum, tat zwei lange Schritte und riß seine Pistole aus dem Gurt. Eine Lanze, von Surkut geschleudert, raste auf ihn zu, aber er ließ sich so geistesgegenwärtig und behende fallen und rollte sich auf den Planken ab, wie Surkut es von einem Gegner dieser Größe nicht erwartet hatte.
Der Speer flog über Carberry weg und blieb im Großmast stecken. Carberry richtete sich neben der Kuhlgrätin halb auf, hielt die Pistole mit beiden Händen vorgestreckt und drückte ab. Die Kugel traf, aber sie schickte nicht Surkut, sondern einen von dessen Untertanen zu Boden.
Ben Brighton wollte auch mit der Pistole auf Surkut und den anderen Indio schießen, aber er mußte sie jetzt gegen die Wilden einsetzen, die scharenweise über das Steuerbordschanzkleid kletterten. Der Schuß raffte einen Kerl weg und beförderte ihn zurück ins Wasser, doch die anderen rückten unbeirrt nach und enterten die „Isabella“. Das Unheil war nicht mehr aufzuhalten. Die Seewölfe wichen zurück, zum Großmast und zur Kuhlgräting, wo der Profos mit seinem Säbel gegen Surkut zu kämpfen begonnen hatte.
Al Conroy hielt wutentbrannt den Luntenstock an eine der geladenen Steuerbord-Culverinen, denn zwei Indios klammerten sich von außen an deren Rohr fest und versuchten gleichzeitig, durch die Stückpforte aufs Hauptdeck vorzudringen. Sie gerieten sich dabei ins Gehege, und mitten in ihr Gezeter hinein donnerte der Schuß des Siebzehnpfünders.
Al sah kaum noch, wie der eine in die Bucht hinauskatapultiert wurde und der andere schreiend das heiße Eisenrohr losließ. Er wandte sich um, zog sein Entermesser und stürmte zur Mitte der Kuhl, denn dort tobte jetzt ein furchtbarer Kampf.
Philip junior und Hasard junior hatten noch zwei Musketen nachladen können. Sie feuerten sie auf die Indios ab, die ihnen am nächsten standen. Dann aber waren auch die letzten Schüsse verhallt, und jetzt galt es, sich mit allen Mitteln im Nahkampf zu behaupten.
Auch Blacky schlug sich, so gut er konnte, und er dankte in diesem Moment dem Himmel, daß seine linke, nicht die rechte Schulter verwundet war, so daß er mit rechts immer noch einen Säbel führen konnte.
Surkut hatte sein Kaoba, das lange Häuptlingsmesser, gezogen und hieb damit wild auf den Profos ein. Carberry hätte sich den Kerl ohne viel Mühe vom Leib halten können, wenn nicht die anderen Gegner gewesen wären, die von allen Seiten auf ihn und seine Kameraden eindrangen.
Die Masse der braunen Leiber drohte die wenigen Seewölfe zu erdrücken. Immer dichter rückten sie zusammen, und bald war die Kuhlgräting die letzte rettende Insel im Meer des Grauens.
Da nutzte es auch nichts mehr, daß Arwenack von den Fockwanten aus Kokosnußschalen auf die Köpfe der Feinde schleuderte. Jeder Versuch eines hilfreichen Einsatzes von außen schien von vornherein zum Scheitern verurteilt zu sein, und es war nur noch eine Frage weniger Augenblicke, bis der Widerstand der elf von der „Isabella“ kläglich zusammenbrach.
War das das Ende?
Ferris Tucker schleuderte noch zwei Flaschenbomben mitten zwischen die Krieger der Nordinsel, die jetzt verwirrt und unschlüssig geworden waren, und damit war der Kampf auf den Hügeln im wesentlichen entschieden. Der Boden bebte, die Explosionen rissen kleine Krater und hoben die Leiber der Gegner wie Strohpuppen in den Mittagshimmel – Boragos Männer glaubten, daß böse Geister eingegriffen und sich gegen sie gewendet hätten.
Borago wollte versuchen, zur Bucht zu gelangen, um zu dem großen Schiff zu schwimmen, das augenscheinlich von Surkut und dessen Männern gekapert worden war. Siegesgeheul tönte von der Bucht zu den Anhöhen hoch.
Aber die weißen Männer unter der Leitung des großen Schwarzhaarigen und die Krieger des Häuptlings Tubuago versperrten ihm den Weg. Kurz zuvor war Borago wie durch ein Wunder dem Pfeil entgangen, den Tubuago auf ihn abgeschossen hatte. Seine rechte Schulter brannte wie Feuer, ihm war elend zumute, seine Verwegenheit wich einem eher jämmerlichen Gefühl. Die Wirkung der Drogen ließ nach, und in Boragos Geist nahm die Gewißheit Gestalt an, daß er die Feuerrohre der „Viracocha“ unterschätzt hatte – und nicht nur die. Er hatte sich auch nicht ausgemalt, daß die Weißen und die Indios der Ilha de Maracá bei einem derart massiven Angriff so erbitterten Widerstand leisten würden.
Ja, das Blatt hatte sich gewendet, und jetzt sah es bedrohlich aus für Borago und seine letzten zehn, fünfzehn Gefährten. Wenn sie nicht sterben wollten, dann gab es nur noch eine Möglichkeit: Sie mußten sich im Busch verstecken und trachten, ihre Kanus und Piraguas an der nördlichen Flußmündung zu erreichen.
Borago wandte sich nach Westen und lief davon. Als seine Krieger bemerkten, daß er aufgab, ließen auch sie von ihren Gegnern ab und schlossen sich ihm an.
„Sie hauen ab!“ schrie Smoky. „Ho, wir haben gewonnen, Freunde!“
„Sir!“ rief Ferris Tucker. „Soll ich ihnen noch eine Höllenflasche als Abschiedsgruß nachschicken?“
Der Seewolf schüttelte den Kopf. „Nein. Spar sie dir für das auf, was jetzt folgt. Los, wir müssen schleunigst zurück zur ‚Isabella‘ pullen. Verdammt, hört ihr, wie diese Teufel johlen?“
Ja, sie alle vernahmen es jetzt, und der Triumph über den Erfolg auf den Hügeln wich der Besorgnis um das Schicksal der Kameraden an Bord der Galeone.
Tubuago sah die Bestürzung in den Mienen seiner weißen Freunde, und er faßte sehr schnell seinen Entschluß.
„Zwanzig Männer folgen Boragos Bande!“ schrie er. „Paßt auf, daß sie nicht ins Schabono gelangen! Ihr anderen – mir nach!“
Er lief hinter Hasard, Ferris, Smoky, Pete, Dan und den anderen her, die jetzt schon unten in der Senke waren und gerade den nächsten Hang hinaufstürmten.
Der Seewolf langte als erster bei den Jollen an und sah Big Old Shane, der beide Boote zu Wasser gebracht hatte und neben Luke Morgan auf der einen Ducht kauerte. Luke lag reglos in seinen Armen. Wieder spürte der Seewolf die eiskalte Hand, die nach seinem Herzen griff, und in seinem Hals war ein dicker, pelziger Klumpen.
Er kletterte zu Shane ins Boot und sagte: „Was ist, Shane? Ist er – tot?“
Shane schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe ihm den Pfeil ’rausziehen können, sehr tief steckte er nicht. Irgendwie hat unser alter Morgan, dieser Hitzkopf, mächtiges Glück gehabt, denn eine seiner Rippen scheint die Pfeilspitze aufgehalten zu haben. Das weiß ich aber noch nicht genau, Sir, das kann uns bloß der Kutscher bestätigen.“
„Los!“ rief Hasard. „Leg Luke hierher, zu mir, vor die Heckducht. Wenn wir uns nicht höllisch beeilen, sehen wir weden den Kutscher noch die anderen lebend wieder!“
Ferris, Smoky, Pete, Dan, Batuti, Bob, Stenmark, Will, Matt und Sam waren jetzt auch eingetroffen, warteten ins seichte Wasser und schwangen sich in die Jollen. Sofort packten sie die Riemen und pullten an.
Tubuago und seine Krieger waren ebenfalls heran. In Ermangelung ihrer Kanus, die an einem ganz anderen Platz der Insel lagen, gingen sie ins Wasser, klemmten sich ihre Messer zwischen die Zähne und begannen zu schwimmen, erstaunlich gewandt und schnell und ohne größeren Kraftaufwand. Wie Fische glitten sie durchs Wasser und folgten den Jollen, die Kurs auf die „Isabella“ nahmen.
„Ferris“, sagte der Seewolf. „Halte dich mit den Flaschen bereit. Lieber jage ich unser eigenes Schiff in die Luft, als daß ich es mir von diesen Hunden wegnehmen lasse. Lieber versenke ich den verdammten Kahn, als daß ich unsere Leute abschlachten lasse.“
10.
Ben Brighton, Carberry, der Kutscher, Blacky, Gary, Al, Old O’Flynn, Jeff, Bill und die Zwillinge verteidigten die Kuhlgräting wie eine Festung. Ringsum waren die braunen Leiber, waren quirlige Bewegung und ohrenbetäubendes Geschrei, und wie Zähne hackten die Messer der Indios nach den Körpern der Gegner.
„Wir können uns nicht mehr halten!“ brüllte Carberry. „Es gibt nur noch eine Möglichkeit, Ben!“
„Ja!“ schrie Ben zurück. „Einer von uns muß versuchen, sich bis zur Pulverkammer durchzukämpfen. Wir sprengen uns mit dem Schiff in die Luft. Wir gehen alle vor die Hunde, aber wenigstens nehmen wir diese Dreckskerle mit auf die Höllenreise!“
Old O’Flynn brach plötzlich mit einem Wehlaut zusammen. Ein Messerstich hatte ihn getroffen. Er preßte die Hand gegen die blutende Brust.
Philip und Hasard packten seine Arme und zogen ihn ein Stück weiter zur Mitte der Grätin. Besorgt beugten sie sich über ihn, aber er grinste sie schief an und sagte: „Na, ihr Rübenschweinchen? Habt ihr noch nie einen alten Mann bluten sehen?“
„Ihr gesengten Säue, ihr Teufelsbraten, ihr Hurensöhne!“ schrie der Profos die Indios an. „Euch haue ich reihenweise die Schädel ein, wenn ihr nicht das Deck räumt!“
Aber selbst er, der wie ein Berserker kämpfte, mußte vor dem Ansturm der Leiber immer weiter zurückweichen.
„Sorgt für Deckung!“ rief Ben. „Ich sehe jetzt zu, daß ich die Pulverkammer erreiche!“ Er wartete nicht länger, stieß sich von der Gräting ab, jumpte über die Köpfe und Rücken der Wilden und landete auf der Nagelbank. Hier ergriff er ein Fall, hangelte daran hoch und versuchte, die Fockwanten der Backbordseite zu erreichen, ehe Surkut und seine Kerle, die überall auf dem Hauptdeck zu sein schienen, ihn mit ihren Pfeilen herunterschießen konnten.
Carberry, Blacky, Gary, Al und die anderen mit Ausnahme von Old O’Flynn brüllten wie verrückt und starteten eine heftige, verzweifelte Attacke auf die Indios, die sie wenigstens so lange ablenkte, wie Ben brauchte, um in die Webeleinen der Fockwanten zu gelangen. Er kletterte weiter nach oben. Ein paar Pfeile sirrten ihm nach, doch sie trafen ihn nicht.
Er war jetzt beim Vormars und packte das Vormarsstag mit beiden Händen. Schon glitt er daran hinunter, in gezügelter Eile, nicht zu schnell, um sich nicht die Hände zu versengen. Die Indios quittierten es mit einem zornigen Geschrei, als er die Back erreichte.
Von hier aus wollte Ben das Vordecksschott erreichen, nach unten in den Schiffsbauch steigen und in der Pulverkammer die Lunte entfachen, die ihrer aller Ende herbeiführen würde.
Doch die Indios drohten ihm den Weg zum Schott abzuschneiden. Sie waren bereits auf beiden Niedergängen, die die Back mit der Kuhl verbanden und schoben sich mit gezückten Messern auf ihn zu.
Ben schwenkte die eine Drehbasse herum, die Al Conroy vorher nicht mehr gezündet hatte. Er beugte sich zu dem Kupferbecken, in dem nach wie vor schwach die Holzkohle glomm, steckte das Luntenende hinein, richtete sich wieder auf und setzte das Zündkraut im Bodenstück des Geschützes in Brand. Er sprang zur Seite und wich so weit zurück, bis er an der vorderen Querbalustrade der Back war.
Die Drehbasse wummerte, der Schuß fegte flach über die Back weg, lag aber immer noch so hoch über der Kuhl, daß er die Männer auf der Gräting nicht gefährden konnte. Ben hatte keine Zeit gehabt, die Basse sorgfältig zu justieren, aber der Schuß nahm immerhin zwei oder drei Gegner mit, und plötzlich war der Backbordniedergang wieder frei. Ben konnte, wenn er sehr schnell war, bis in die Kombüse gelangen und von dort aus zu der Pulverkammer der „Isabella“ gelangen.
Hasard und seine Begleiter enterten bereits an der Backbordseite der „Isabella“ auf – unbemerkt von Surkut und seinen Indios, die sich alle an Bord der Galeone befanden –, als der Drehbassenschuß krachte.
„Das können nur unsere Leute gewesen sein“, zischte Hasard Ferris Tucker zu, der gleich unter ihm an der Jakobsleiter hing. „Die Indios können unsere Geschütze nicht zünden, sie sind mit ihrem Umgang nicht vertraut.“
„Also gibt es doch noch eine Hoffnung?“
„Vielleicht. Warte mit den Höllenflaschen, bis ich dir den Befehl dazu gebe, sie einzusetzen.“
Vorsichtig schob er sich weiter hoch, verhielt über den Rüsten und spähte durch eine der Stückpforten. Zwischen dem Süll und dem bauchigen Rohr der Culverine konnte er gerade die Köpfe seiner Männer sehen, die auf der Gräting standen und sich erbittert gegen die Indios zur Wehr setzten. Surkuts Krieger tobten vor Wut, sie schienen zum entscheidenden Schlag auszuholen.
Hasard kletterte höher und glitt über das Schanzkleid. Noch hatten die Indios ihn nicht bemerkt – weder ihn noch die anderen Männer, die jetzt behutsam auf das Hauptdeck stiegen.
Auch Tubuago und dessen Leute hatten schwimmend das Schiff erreicht. Sie enterten von allen Seiten, schienen mit ihren Leibern an den Bordwänden zu kleben.
Hasard sah einen besonders großen Federbusch aus der Masse der braunen Leiber hervorragen, und er folgerte richtig, daß es sich bei dem Träger dieses Kopfputzes um den Häuptling der Nordinsel handeln mußte. Diesen Mann beschloß er, sich herauszugreifen.
Plötzlich stürmte der Seewolf mit erhobenem Degen vor und warf sich in das Meer der Leiber. Sein Angriff erfolgte so überraschend für die Indios, daß sie nicht sofort auf die neue Gefahr reagierten, und diese wenigen Atemzüge genügten Hasard, bis zu Surkut zu gelangen.
Er zog ihm die Spitze des Degens schräg von links nach rechts über die nackte Brust, und zu der roten Bemalung des Mannes fügte sich eine neue rote Spur, die nicht im Einklang mit den übrigen Kriegszeichnungen stand.
Ungeachtet der tödlichen Gefahr, die neben und hinter ihm war, trieb der Seewolf den entsetzten Kerl vor sich her bis zum Steuerbordschanzkleid. Jetzt endlich erlangte Surkut die Fassung wieder. Heftig wechselte sein Mienenspiel, sein Mund zuckte, in seinen Augen glomm das Feuer des Wahnsinns. Er brüllte, hob das Kaoba und wollte damit auf Hasards Gesicht einstechen.
Doch der Seewolf war auf der Hut. Er sprang ein Stück zurück. Der heimtückische Stoß mit dem Messer ging ins Leere. Hasard unternahm einen neuen Ausfall und drängte Surkut bis an eine der Culverinen zurück, so daß der Kerl jetzt in die Enge getrieben war und keinen Ausweg mehr hatte.
„Arwenack!“ schrien die Männer auf der Gräting. „Arwenack – der Seewolf ist da!“
Ferris, Smoky, Shane und all die anderen fuhren jetzt ebenfalls zwischen die Eingeborenen der Nordinsel und holten sie mit Säbel- und Entermesserhieben von der Kuhlgräting fort. Tubuago und seine Krieger landeten an Deck und mischten sich in den erneut heftig entbrennenden Kampf ein, und jetzt war das Kräfteverhältnis zwischen beiden Parteien hergestellt.
Das Gefecht hätte noch einige Zeit hin und her branden können, wenn Hasard nicht die Entscheidung herbeigeführt hätte. Er fintierte und täuschte Surkut Schwäche vor, um diesen aus der Reserve zu locken. Surkut ging darauf ein und versuchte, sich blitzschnell zu ducken, vorzuschnellen und dem Seewolf das Häuptlingsmesser in den Leib zu stoßen.
Hasard jedoch ließ die Degenklinge durch die Luft pfeifen – und plötzlich segelte das Kaoba quer über die Kuhl. Surkut hielt sich die blutende rechte Hand. Seine Mundwinkel begannen zu flattern, seine Augen huschten in panischer Angst hin und her.
„Spring!“ schrie Hasard ihn an. Er deutete auf das Wasser der Bucht. „Dort hinein, rasch – ehe ich mich vergesse!“
Surkut begriff, kletterte über das Schanzkleid, blieb jedoch auf den Rüsten der Hauptwanten stehen und blickte sich zögernd zu Hasard um.
Der Seewolf vollführte eine heftige Bewegung mit dem Degen. Wieder pfiff die Klinge durch die Luft, diesmal im Zickzack und dicht vor Surkuts angstverzerrtem Gesicht. Da ließ sich der glorreiche Häuptling des „grimmigen Volkes“ ins Wasserfallen.
„Surkut flieht!“ schrie Tubuago. „Seht doch, er ist genau der Hasenfuß, als den ich ihn immer eingeschätzt habe!“
Das verstanden natürlich alle Eingeborenen, auch die von der Nordinsel. Ihres Oberhauptes beraubt, begannen sie zu zaudern und sich vor dem Gegner zurückzuziehen.
Eine Piragua war von der Bordwand der „Isabella“ abgetrieben, sie dümpelte nicht weit von Surkut entfernt. Er versuchte, sie zu erreichen, doch plötzlich wirbelte etwas durch die Luft und landete mit einem polternden Laut in dem Boot. Eine von Ferris Tuckers Höllenflaschen! Hasard hatte den Befehl gegeben, so viele Kanus und Piraguas wie möglich zu versenken, damit der Gegner nur mit Mühe zur Nordinsel zurückgelangen konnte, denn so einfach sollte Surkut nicht davonkommen.
Eine Feuerfaust zerschlug das Boot in hundert Trümmer, das Grollen der Explosion zog über die Bucht. Surkut tauchte entsetzt unter, seine Männer an Bord der „Isabella“ schrien auf. Ihre Panik wuchs. Sie gingen von Bord und folgten ihrem Anführer, dem jetzt weder Koka noch Ebena noch aufwieglerische Reden halfen, die Ordnung wiederherzustellen und eine Wende herbeizuführen.
„Wir haben es geschafft“, sagte Hasard. Er drehte sich um und wollte schon aufatmen, weil offenbar keiner seiner Männer verwundet worden war. Auch Ben Brighton stieg mit erleichterter Miene von der Back. Die „Isabella“ hatte nicht geopfert zu werden brauchen, der Tod war um Haaresbreite an ihrer Besatzung vorbeigegangen.
Dann aber sah Hasard O’Flynn verkrümmt auf der Kuhlgräting liegen, und er erstarrte vor Entsetzen.
Borago hatten den Pfad wiedergefunden, der zu den Kanus führte, und diesen Weg durch den heißen, stickigen Dschungel, in dem Gefahren lauerten und Krankheiten brüteten, schleppte er sich jetzt entlang.
Seine Kumpane hatte er aus den Augen verloren. Er hatte die Laute vernommen, die hinter ihm im Dikkicht ertönt waren. Sie gaben ihm Auskunft darüber, daß Tubuagos Männer ihnen folgten, daß sie Gegner um Gegner überwältigten – daß er, Borago, wahrscheinlich der einzige war, dem die Flucht glückte.
Das Rufen seiner Feinde blieb hinter ihm zurück. Er traf auf den schmalen Flußlauf, der zwischen den Mangroven hindurch auf die See hinausführte, sah die versteckten Kanus friedlich daliegen und erkannte auch die Gestalt Bisaasis am Boden, den er mit seinem Messer ermordet hatte.
Nach Kewridis Gestalt forschte Borago vergebens. Sie trieb nicht im Wasser. Er dachte nicht weiter darüber nach. Ein Krokodil oder eine Schlange hat seinen Leichnam fortgeschleppt, sagte er sich.
Seine Schmerzen und die Übelkeit und Ohnmachtsgefühle, die ihn zu übermannen drohten, trieben ihn zur Eile. Er kletterte in eins der Kanus, griff nach einem Paddel und versuchte mit zusammengebissenen Zähnen, das Boot von den Wurzeln der Mangroven zu befreien, die wie Gespensterfinger nach ihm zu greifen schienen.
Er bemerkte nicht die blutüberströmte Gestalt, die sich hinter ihm aus dem neben seinem Boot liegenden Kanu erhob und ein Hartholzmesser über dem Kopf schwang.
„Borago!“ stieß die Gestalt kaum verständlich hervor. „Hier – bin ich – und dies – ist die Rache für Bisaasis – Tod …“
Borago drehte sich um. „Kewridi! Du – nein, nicht!“
Kewridi beugte sich vor und fiel in das Nachbarkanu hinüber. Im Fallen rammte er Borago den Dolch in die Brust, ehe dieser eine Geste der Abwehr unternehmen konnte. Borago versuchte noch, nach Kewridis Hals zu greifen und ihn zu würgen, doch seine Kräfte ließen schnell nach, und er spürte, wie das Leben aus seinem Körper entwich, und zu den Hekura, den Geistern, floh, die den Kriegern der Nordinsel den Sieg hatten bringen sollen und sie doch so schmählich im Stich gelassen hatten.
Kewridi verlor das Bewußtsein und blieb reglos über Boragos Leichnam liegen.
Luke Morgan kam zu sich und sah über sich das freundliche Gesicht eines ausgesprochen schönen Mädchens.
„He, Moment“, sagte er heiser. „Wenn das hier die Hölle ist, dann bin ich aber verdammt gut aufgehoben. Wie heißt du, Täubchen?“
Das Mädchen kicherte und zog sich zurück. Ein anderes Gesicht erschien im diffusen Licht des zur Neige gehenden Tages über Luke. „Oh“, sagte Luke. „Verzeihung, Sir – ich, äh, nein, das hätte ich wirklich nicht gedacht – daß ich noch lebe, meine ich. Oder bist du auch tot und leistest mir hier Gesellschaft?“
„Sir“, sagte von rechts eine andere Stimme. „Ich bitte darum, an Bord unseres Schiffes zurückkehren zu dürfen, denn ich halte das dämliche Gefasel von Mister Morgan nicht mehr aus. Kaum hat er die Klüsen auf, der Stint, redet er nichts als Quark.“
„Du sollst dich nicht aufregen, Donegal“, warnte der Seewolf. „Das hält nur den Heilungsprozeß auf, hat der Kutscher gesagt.“
„Also gut. Aber dann legt mich wenigstens ein Stück weiter weg von diesem Strohkopf, möglichst so, daß ich Ilana, Oruet, Saila, Mileva und Ziora im Auge behalte – diese entzückenden Geschöpfe.“
„Das könnte dir so passen“, sagte Blacky, der jetzt zu ihnen trat. „Wir legen dir am besten ein Stück Segeltuch über die Augen, Donegal, sonst kriegst du beim Anblick der kleinen Ladys bloß einen Herzschlag.“
„Darf ich mal was fragen, Sir?“ sagte Luke.
„Bitte.“
„Wo sind wir hier?“
„Im Schabono, dem Dorf der Maracá-Indios.“
„Und wir sind alle Gefangene der Wilden, die uns überfallen haben?“
„Nein. Wir haben gesiegt“, sagte der Seewolf. „Und du hast mächtig Glück gehabt, wie Shane es richtig ausdrückte. Der Pfeil, den man dir in den Rücken gejagt hat, ist an einer Rippe abgeprallt. Bald geht’s dir wieder besser, und auch Donegal wird am Leben bleiben, denn der Messerstich, den er abgekriegt hat, hat nur eine Fleischwunde hervorgerufen.“
„Mister O’Flynn“, sagte Luke. „Darüber bin ich nicht unbedingt erfreut.“
„Ganz meinerseits“, gab der Alte zurück. „Eines Tages müssen wir ja wirklich in der Hölle braten, aber dann hoffe ich, daß wir zusammen bleiben, denn ich will dein krebsrotes Gesicht sehen, wenn du im Kessel hockst.“
Blacky und Matt Davies, der sich inzwischen ebenfalls zu ihnen gesellt hatte, grinsten. Matt trug den Arm in einer Schlinge, die der Kutscher ihm angelegt hatte.
Hasard lächelte. „Ihr könnt nachher weiterstreiten, ihr beiden. Wir sind alle mit einem blauen Auge davongekommen, und jetzt bleiben wir doch noch ein paar Tage hier, damit die Verwundeten ihre Blessuren an der Sonne vernarben lassen können. Tubuago hat uns angeboten, die Verletzten von den Mädchen versorgen zu lassen, und das haben wir natürlich angenommen. Wir werden jetzt die Wasserfässer endlich an Bord der ‚Isabella‘ schaffen, die Gefechtsschäden reparieren und dann Pläne für unsere Weiterreise schmieden.“
„Sir“, sagte Matt Davies. „Was ist eigentlich aus diesem Kewridi geworden, der – wenn ich richtig verstanden habe – Borago getötet hat?“
„Der Kutscher hat ihn in seiner Hütte untersucht“, erwiderte Hasard. „Kewridi hat viel Blut verloren, und er wird sehr lange liegen müssen, aber er wird es überstehen, das hat der Kutscher mir versichert. Ilana wird ihm eine gute Krankenschwester sein.“
„Ilana – war das die Schönheit, die eben bei mir war?“ fragte Luke.
„Ja.“
Luke seufzte. „Von der träume ich heute nacht. Ganz bestimmt. Sir, du kannst mich auch hier zurücklassen, wenn du auf mich verzichten kannst, meine ich.“
„Ilana ist schon in festen Händen“, erklärte der Seewolf. „Tubuago hat gesagt, daß er sie Kewridi zur Frau geben wird, und Ilana ist einverstanden.“
Luke seufzte noch einmal. „Sir, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als meine Wunden zu lecken und nach meiner Genesung auch weiterhin Menschen wie Mister O’Flynn zu ertragen.“
„Es sei denn, du willst abmustern“, sagte Hasard. „Willst du es tun? Es steht dir frei, Luke.“
Entsetzt blickte Luke Morgan zu seinem Kapitän auf. „Mann, Sir, ich hab doch bloß ein bißchen geunkt. Abmustern? Davor soll mich der Henker bewahren.“
„Dann ist es ja gut“, sagte Hasard und lächelte …

1.
Mit hellem Eisenklang hallten Hammerschläge zwischen hohen Palisadenzäunen und übertönten die nie endenden Geräusche aus dem nahen Tropenwald. Nur wenn der Schmied und sein Gehilfe eine Pause einlegten, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, waren sie da, jene Stimmen des Dschungels: schrilles Kreischen und dumpfes Röhren, bösartiges Fauchen und meckerndes Lachen.
Es klang wie der blanke Hohn für die Männer, die in Reihe angetreten waren, um sich der demütigenden Behandlung zu unterziehen.
Auf dem Appellplatz der Festung Macuro lastete erbarmungslos die Glut der Sonne. Sehnsüchtig blickten die Gefangenen zu den Holzbaracken, die sich an die Innenseiten der Palisaden duckten. Dort befanden sich die Quartiere der spanischen Soldaten, und dort gab es ein wenig Schatten, vielleicht sogar die modrig-kühle Feuchtigkeit eines Erdkellers.
Jeder von ihnen hätte ein Königreich dafür gegeben, wenn man ihm erlaubt hätte, sich jetzt und auf der Stelle in ein solches Erdloch fallen lassen zu dürfen. Aber derartige Hoffnung war weiter entfernt als das heimische Land im kalten Europa. Vielleicht sahen sie es nie wieder. Die Ketten, die ihnen angelegt wurden, zerstörten jeglichen Gedanken an die Zukunft.
Der Festungskommandant hatte es sich bequem eingerichtet. Ein großes Sonnendach aus Segeltuch schützte ihn und seine Offiziere und den Schmied und dessen Gehilfen. Für den Moment, in dem sie an den Amboß traten, genossen auch die Gefangenen den Vorzug des Schattens. Dann stolperten sie wieder hinaus in die Gluthitze, klirrende Ketten hinter sich herschleifend, getrieben von derben Fußtritten und Musketenkolben.
Die Soldaten, die zur Überwachung des Vorgangs aufmarschiert waren, bildeten eine undurchdringliche Mauer aus schimmernden Helmen, Brustpanzern, Säbeln und Musketen und blankgeputzten Lederstiefeln.
Die Ausweglosigkeit der Gefangenen unterstrich dagegen auch ihr Äußeres. Nur die Beinkleider hatte man ihnen gelassen, abgeschnitten jedoch bis zu den Knien; denn ihre Fußgelenke wurden gebraucht für roh geschmiedetes Eisen, ebenso wie die Handgelenke. Schutzlos waren ihre nackten Oberkörper den sengenden Sonnenstrahlen ausgesetzt.
Gerhard von Echten war der letzte in der Reihe der zwanzig Männer, die vor den Amboß hinzutreten hatten. Das Haupt hoch erhoben, streckte er dem Schmied seine Handgelenke entgegen. Der Gehilfe, der eine dunkle Lederschürze trug wie sein Meister, stieß dem Deutschen zwei noch offene Eisenreifen über die Hände bis zu den Gelenken. Von Echten verzog keine Miene, als der schartige Stahl blutige Furchen in seine Haut riß. An jede Handschelle war eine schwere Kette geschmiedet.
„Venga, venga!“ knurrte der Schmied, ein graugesichtiger alter Mann mit gebeugtem Rücken. „Komm, komm!“ Mit einer ungeduldigen Geste bedeutete er dem Gefangenen, die eiserne Manschette auf die Kante des Ambosses zu legen.
Der Gehilfe steckte die Nietbolzen durch die Löcher in den Enden der Eisenreifen, und der Schmied ließ den schweren Hammer niedersausen. Auf den Punkt genau traf er die Bolzen, deren Enden unter der Wucht der Schläge platt gedrückt wurden und die Handschellen wie für alle Ewigkeit verschlossen. Als die gleiche Prozedur mit den Fußgelenken wiederholt wurde, erhielt von Echten die gnädige Erlaubnis, sich auf einen in den Boden gerammten Pfahl zu stützen.
Der hochgewachsene Deutsche wollte dem nun fälligen Fußtritt des Schmiedegehilfen ausweichen und sich freiwillig zu seinen Leidensgenossen begeben. Eine barsche Stimme stoppte ihn.
„Einen Moment noch, Señor! Wenn Sie die Güte haben wollen, mir Ihr Gehör zu schenken …“ Hohn klang aus den Worten.
Langsam drehte sich Gerhard von Echten um. Er war ein großer blonder Mann mit breiten Schultern. Ein heller Vollbart umrahmte sein gebräuntes Gesicht, die Muskeln seines Oberkörpers zeichneten sich auch in entspanntem Zustand wie stahlharte Stränge ab.
„Treten Sie ein wenig näher, Señor“, sagte der Kommandant der provisorischen Festungsanlage von Macuro mit falschem Lächeln.
Von Echtens Ketten schleiften klirrend über die Erde, während er der Aufforderung Folge leistete. Indiosklaven hatten mörderische Fronarbeit verrichtet, als der trockene Sandboden für die Festung herangeschafft worden war. Gerhard von Echten war nicht zum ersten Male in Venezuela. Er kannte die Bedingungen, unter denen die Spanier hier ihren Willen durchsetzten. Hatten sie es sich in den Kopf gesetzt, an der unwegsamen und sumpfigen Mangrovenküste ein Fort zu errichten, dann geschah es – und wenn sich die Eingeborenen dabei zu Tode schufteten.
Capitán Ramón Marcelo Gutiérrez musterte den Gefangenen mit scheinbar freundlichem Interesse, wobei er die Augenbrauen hochzog.
„Ich hoffe, ihr werdet eurem Ruf alle Ehre machen“, sagte er nach einer Weile.
„Ich verstehe nicht“, erwiderte von Echten.
„Nun, euch Deutschen sagt man nach, daß ihr besonders schlau und geschickt seid. Alles, was ihr anpackt, wird perfekt, heißt es.“ Gutiérrez grinste und zupfte an den Enden seines schwarzen Spitzbarts. Der Festungskommandant war untersetzt, der breite Ledergurt unter seinem silberbeschlagenen Wams umspannte einen unübersehbaren Bauchansatz. Er hatte sich auf einem Schemel niedergelassen. Die drei Offiziere, die hinter ihm standen, waren von schlanker Statur. Gutiérrez schien der einzige in Macuro zu sein, der sich ungehemmter Freßlust hingeben durfte.
Gerhard von Echten erwiderte nichts auf die Bemerkung des Spaniers. Er wußte, daß hinterhältige Gedanken im Spiel waren.
„Es wird sich zeigen“, fuhr der Capitán gedehnt fort, „ob ihr euch auch in meinen Diensten bewähren werdet. Gute Ruderer sind hierzulande leider Gottes eine Seltenheit. Das verdammte Indiopack braucht Ewigkeiten, bis es etwas kapiert. Da helfen nur kräftige Schläge, um die Hirntätigkeit etwas zu beschleunigen.“ Gutiérrez lachte glucksend, wobei sein Bauch in hüpfende Bewegung geriet. Die drei Offiziere lachten pflichtschuldig mit. Es folgte eine herrische Handbewegung ihres Vorgesetzten, und Ruhe kehrte ein. Der Capitán beugte sich vor, streckte den Arm aus und zeigte mit dem Finger auf den Deutschen. „Sie sind der Anführer Ihrer Truppe von Eindringlingen, Señor. Folglich werden Sie dafür verantwortlich sein, wenn es einen Fall von Ungehorsam oder gar Rebellion geben sollte. Erledigen Sie Ihren Dienst zur Zufriedenheit, und wir werden gut miteinander auskommen. Ich bin großherzig und werde sogar vergessen, daß einer von euch entwischt ist. Das will ich euch nicht anlasten. Also seid gefälligst dankbar und reizt mich nicht!“
„Mi Capitán“, sagte von Echten beherrscht, „ich weise darauf hin, daß meine Männer und ich aufgrund eines geltenden Vertrages an der Küste von Venezuela gelandet sind. Dieser Vertrag berechtigt meine Auftraggeber, in diesem Land nach Edelmetall forschen zu lassen. Wir sind also keineswegs Eindringlinge, wie Sie es darstellen.“ Von Echtens Spanischkenntnisse stammten aus der Zeit, in der er für hansische Kaufleute zur See gefahren war, bevor er in die Dienste des Augsburger Bankhauses getreten war.
Gutiérrez hatte geduldig zugehört, mehrmals verständnisvoll genickt und sah den Deutschen nun mit bedauernder Miene an.
„Ich weiß, Señor, daß Sie in gutem Glauben gehandelt haben, und es tut mir aufrichtig leid, daß Sie Ihre Reise in die Neue Welt unter völlig falschen Voraussetzungen angetreten haben. Dieser Vertrag, von dem Sie reden – wissen Sie, wann der abgeschlossen wurde?“
Von Echten preßte die Lippen aufeinander. Natürlich wußte er es. Im Jahr 1528 hatte Kaiser Karl V. dem Augsburger Bankhaus Welser das Land Venezuela zur Ausbeutung von Edelmetallvorkommen überlassen. Karl V. hatte damit einen Teil eines Darlehens beglichen, das er von den Bankiers erhalten hatte. Mehr als sechs Jahrzehnte waren seitdem vergangen.
Die Spanier, die ihren Einfluß in Venezuela durch immer neue Ansiedlungen ausdehnten, zogen es jetzt vor, jenen Vertrag für Geschichte zu halten. Für sie war es nicht länger ein gültiges Fundament, an das sie sich bei ihren Begegnungen mit deutschen Expeditionen zu halten hatten. Noch bei seiner letzten Venezuela-Reise vor fünf Jahren hatte Gerhard von Echten keine Zusammenstöße mit spanischen Truppen erlebt.
Wie entschlossen die Dons jetzt aber versuchten, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen, war von Echten und seinen Gefährten klargeworden, als sie nach zwei Tagesmärschen auf venezolanischem Boden den Schergen des Capitán Gutiérrez in die Hände gefallen waren.
Gutiérrez preßte die Fingerspitzen gegeneinander und blickte den hochgewachsenen Deutschen mitleidig an.
„Die Zeiten haben sich geändert, Señor von Echten. Und ein Vertrag ist nur so lange gut, wie die Voraussetzungen dafür gelten. Aber in diesem Land vollzieht sich mittlerweile ein gewaltiger Umbruch. Wir, die wir im Dienst der spanischen Krone stehen, sorgen hier für einen Aufschwung, wie es ihn nie zuvor gegeben hat. Sollen wir bei dieser aufopfernden Tätigkeit etwa Verständnis dafür aufbringen, daß andere auftauchen, die nichts weiter im Sinn haben, als die Bodenschätze Venezuelas zu plündern und für die Menschen, die hier leben, eine Wüste zurückzulassen? Nein, mein Lieber, da spielen wir nicht länger mit. Denn wir tragen letzten Endes die Verantwortung.“ Gutiérrez räusperte sich. „Falls Sie noch irgendwelche Fragen haben, bin ich gern bereit, sie jetzt zu beantworten. Später wird es keine Gespräche mehr zwischen uns geben.“
Von Echten schüttelte stumm den Kopf. Jeder Wortwechsel mit diesem aufgeschwemmten Schinder war sinnlos. Die Art und Weise, wie er das Sinnen und Trachten der spanischen Krone darzustellen versuchte, war sowieso eine Unverschämtheit.
Capitán Ramón Marcelo Gutiérrez nickte, schnaufte und gab seinen Soldaten einen Wink. Zwei Männer sprangen vor. Einer packte den Deutschen, und der andere versetzte ihm einen Stoß mit dem Musketenkolben. Von Echten stolperte. Wegen der hinderlichen Ketten hatte er Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren. Aber er tat den Spaniern nicht den Gefallen, vor ihnen den Dreck zu küssen.
Auch die übrigen Gefangenen wurden jetzt vorangetrieben. Barsche Befehle klangen wie Peitschenhiebe in der heißen Luft, und zu jedem Schritt klirrten die Ketten im Takt. Gerhard von Echten biß die Zähne zusammen. Welche Torturen ihm und seinen Männern bevorstanden, konnte er sich leicht ausmalen.
Den Hafen der Festung hatten sie bereits gesehen, als sie hierher verschleppt worden waren. Es gab dort eine kleine, aber prunkvolle Flotte von Galeeren, die unter dem Kommando des Capitán Ramón Marcelo Gutiérrez standen.
Die Luftfeuchtigkeit lag wie mit Zentnerlasten auf seiner Brust und ließ jeden Atemzug zur Mühsal werden. Aus dem Dickicht stieg der Geruch faulender Pflanzenreste auf. Die schrillen Stimmen zeternder Urwaldvögel begleiteten den einsamen Mann.
Das Haumesser war sein kostbarster Besitz, denn es allein ermöglichte ihm die Flucht durch den Dschungel. Die rasiermesserscharf geschliffene Klinge, fast so lang wie ein Männerarm, stammte aus der Werkstatt eines Augsburger Waffenschmieds. Schlingpflanzen, die wie undurchdringliche Vorhänge waren, zertrennte diese Klinge, als handele es sich um Bindfäden.
Das Dickicht lichtete sich. Keuchend hielt der Mann inne, unvermittelt schien das Haumesser dreifaches Gewicht anzunehmen. Erst die unverhoffte Pause ließ ihn spüren, welche Knochenarbeit er bis jetzt geleistet hatte. Jähe Müdigkeit ergriff Besitz von ihm.
Zwei umgestürzte Baumriesen hatten die Lichtung entstehen lassen. Die mittlerweile moosbewachsenen Stämme lagen kreuzweise übereinander. Der obere ragte schräg empor und schien zum Himmel deuten zu wollen, der durch das tiefgrüne Blätterdach des tropischen Regenwaldes doch nicht zu erkennen war. Unterhalb der abgestorbenen Baumstämme kroch die üppige Vegetation bereits wieder herauf. Vielleicht schon in einem Jahr würde auch diese Lichtung verschwunden sein.
Johannes Lederer wankte vorwärts und ließ sich bäuchlings auf den unteren Baumstamm sinken. Seine Knochen waren wie mit Blei ausgegossen. Er schalt sich einen Narren, daß er seinen Weg nicht augenblicklich fortgesetzt hatte. Wenn er in Bewegung blieb, spürte er die Erschöpfung weniger. Jetzt aber konnte es leicht geschehen, daß ihn die Müdigkeit übermannte.
Er legte den Kopf auf die Seite, damit der Modergeruch des Mooses weniger intensiv in seine Nase drang. Er war überzeugt davon, daß er genug Willenskraft hatte, um nicht einzuschlafen. Nur ein wenig Ruhe brauchte er, mehr nicht. Das Geschrei der Tropenvögel stach zunehmend schriller in sein Gehör und klang wie in einem Schacht, der sich enger um ihn schloß. Seine Gedanken begannen zu versiegen. Der Schlaf überschattete sein Bewußtsein. Die Strapazen, die hinter ihm lagen, forderten ihren Tribut.
Johannes Lederer war ein mittelgroßer und schlanker Mann, nicht älter als fünfundzwanzig Jahre. Das dunkelblonde Haar bedeckte seinen Kopf in zerzausten Strähnen. Auf dem Leib trug er nur noch die Hose mit dem breiten Ledergurt, das zerrissene Hemd und die Stulpenstiefel. Über seine rechte Schulter zog sich eine blutverkrustete Furche – eine Erinnerung an die Begegnung mit den Spaniern, die sich ihm und seinen Gefährten plötzlich in den Weg gestellt hatten. Lederer hatte als einziger fliehen können. Der Streifschuß, den er sich dabei eingehandelt hatte, war für ihn nicht der Rede wert.
Seine Sinne schlugen jäh Alarm.
Er schrak hoch, riß die Augen auf und unterdrückte einen Fluch, weil er sich selbst nicht unter Kontrolle gehalten hatte. Aber er hatte noch immer dieses besondere Gespür für drohende Gefahr, das ihn auch im Schlaf nicht verließ. Ein Instinkt, der in den zurückliegenden Jahren ein Teil seiner Natur geworden war.
Atemzüge lang lauschte er aufmerksam.
Längst waren ihm die Geräusche des Dschungels vertraut geworden. Auf Anhieb erkannte er jene, die fremd waren und nicht zur gewohnten Kulisse gehörten.
Die Verfolger hatten aufgeholt!
Lederer wirbelte herum. Behende schwang er sich über den unteren Baumstamm und fand auf der anderen Seite Deckung. Regungslos verharrte er. Deutlich hörte er jetzt das leise Rascheln und Scharren heraus, wie es Männer verursachten, die sich möglichst unbemerkt vorwärts zu bewegen versuchten.
Über die Richtung, aus der sie vordrangen, bestand kein Zweifel. Sie hatten es einfach gehabt, ihm auf den Fersen zu bleiben, denn den Pfad hatte er vorgezeichnet. Sie brauchten sich nicht einmal mit ihren Haumessern abzumühen. Wenn sie ihn bislang noch nicht erwischt hatten, so vielleicht nur deshalb, weil sie mit ihren schweren Brustpanzern, den Stiefeln und der Ausrüstung weniger beweglich waren als er selbst.
Die Geräusche näherten sich rasch.
Deutlich vernahm Johannes Lederer bereits die Schritte. Er runzelte die Stirn. Täuschte er sich, oder handelte es sich tatsächlich nur um zwei Verfolger? Ursprünglich waren es ein Dutzend Soldaten gewesen, die sich an seine Fersen geheftet hatten. Jetzt aber vermochte er aus den Geräuschen zumindest herauszuhören, daß ihre Zahl beträchtlich geschrumpft war. Möglich aber auch, daß sie eine Vorhut geschickt hatten.
Einen Moment dachte er an die doppelläufige Radschloßpistole, die er noch am Gürtel trug. Zwei Kugeln befanden sich in den Läufen, vielleicht genug. Aber er verwarf den Gedanken wieder. Das Risiko war zu groß. Zum einen war das Pulver höchstwahrscheinlich feucht geworden, zum anderen würde er durch Schüsse eine etwaige zweite Verfolgergruppe alarmieren.
Während er über den Moosbewuchs des Baumstamms spähte, packte er das Haumesser fester. Es war in seiner Wirkung einem Schiffshauer absolut vergleichbar.
Die Müdigkeit des einsamen Mannes war wie weggeblasen. Der Wille zu überleben hatte seine Kraft von einem Herzschlag zum anderen wieder geweckt.
Sie tauchten so plötzlich auf, daß er erschrak.
Ihre Helme und Brustpanzer waren grelle Fremdkörper in der grünen Hölle. Sie bewegten sich langsam in der Schneise, die er geschlagen hatte, nach allen Seiten sichernd.
Zwei Soldaten waren es. Junge Männer noch. Ihre Gesichter wirkten bleich und schmal unter den großen Helmen. Der Tropensonne setzten sich diese Nachfahren der Conquistadores nur selten aus. Lederer kannte das Leben in den spanischen Garnisonen der Neuen Welt. Wo immer es der Dienst erlaubte, zog man sich in die Schatten der Unterkünfte zurück und träumte von der Heimat, vom goldenen Spanien, das noch immer der Nabel der Welt war.
Er dachte daran, ob sie wirklich bereit waren, für ihre Heimat zu sterben. So jung und ahnungslos, wie sie aussahen, war der Tod in ihrem Bewußtsein sicherlich nicht allgegenwärtig. Vielleicht stellten sie ihn sich als heldenhaftes Geschick auf dem Schlachtfeld oder im Gefecht zur See vor. Der Dampfkessel des venezolanischen Dschungels bot solche Ehre nicht. Hier war der Tod lautlos.
Johannes Lederer ließ sie bis auf zwei Schritte heran.
Sie zögerten angesichts der umgestürzten Baumriesen und schienen von einer Ahnung befallen zu sein. Die Musketen, die sie der Dienstvorschrift entsprechend in den Händen hielten, waren wenig nütze für einen Kampf im Dickicht.
Jäh schnellte Lederer hoch. Das Haumesser wirbelte aus seiner Rechten mit flirrendem Reflex.
Noch vor dem dumpfen Aufprall flankte der Deutsche mit einem federnden Satz über den Baumstamm.
Der vorderste der beiden Soldaten sank in sich zusammen.
Vergeblich versuchte der andere, die Muskete in Anschlag zu bringen. Angesichts der geringen Entfernung war es ein lächerlich wirkender Versuch. Lederer war bei ihm, bevor er die Waffe auch nur hochreißen konnte. Er schlug ihn mit dem Knauf der Radschloßpistole nieder.
Einen Moment verharrte er regungslos. Dann war er sicher, daß weitere Verfolger noch nicht in unmittelbarer Nähe waren. Eilends nahm er das Haumesser wieder auf. Für den Soldaten, den es getroffen hatte, gab es keine Rettung mehr. Den anderen, der nur bewußtlos war, konnte er nicht umbringen. Er war kein Mann, der um des Tötens willen tötete. Stets hatte er sorgfältig abgewogen, welches Gegengewicht er für sein eigenes Leben in die Waagschale werfen durfte, ohne sein Gewissen belasten zu müssen.
Johannes Lederer ließ die Lichtung hinter sich zurück und setzte seinen beschwerlichen Weg durch das Gewirr der Schlingpflanzen fort. Er wußte, daß ihm die Verfolger sehr bald dichter auf den Fersen sein würden. Der kurze Schlaf hatte ihn wertvolle Zeit gekostet. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie die beiden Männer fanden, die er überwältigt hatte.
Keuchend arbeitete er sich voran. Jetzt war es wieder das vielstimmige Geschrei der Tropenvögel, das ihn begleitete. Hoch oben unter dem Laubdach der Baumriesen bewegten sie sich majestätisch gelassen mit buntgefiederten Schwingen. Der Mensch, der dazu verdammt war, sich beschwerlich wie ein Kriechtier auf dem Erdboden zu bewegen, mußte in ihren Augen klein und erbarmenswürdig erscheinen.
Lederer war nicht mehr sicher, ob es ihm noch gelang, seine ursprüngliche südwestliche Fluchtrichtung beizubehalten. Er wußte, wie leicht man die Orientierung verlor und sich im Kreis bewegte. Aber er verfügte auch über eine gewisse Erfahrung, was den tropischen Regenwald betraf, denn es war seine dritte Reise nach Venezuela. Er kannte dieses Land, dessen ungebändigte Natur für den Menschen lebensfeindlich sein konnte. Wenn seine Rechnung aufging, mußte er irgendwann auf die Küste im Norden des Golfes von Paria stoßen.
Schaffte er das, so bedeutete es keineswegs schon große Hoffnung. Sein weiteres Schicksal war immer noch in höchstem Maße ungewiß. Sicher konnte er sich eine Weile bei jenen Indios aufhalten, die den Weißen gegenüber keine Feindseligkeiten hegten. Aber ebensogut konnte er auch einem der blutrünstigen Kannibalenstämme in die Hände fallen, die in der Gegend der Orinoco-Mündung beheimatet sein sollten.
Hilfe, vor allem für seine Gefährten, konnte er nur dann erwarten, wenn er eine der deutschen Niederlassungen im Landesinneren erreichte.
Gewissensbisse wegen seiner Flucht hatte Johannes Lederer nicht. Auch kannte er Gerhard von Echten und die anderen gut genug, um zu wissen, wie sie die Dinge betrachteten. Nur dadurch, daß er den Spaniern entronnen war, konnten die anderen auf Befreiung hoffen. Sie wußten, wie sie ihn einzuschätzen hatten. Er war nicht der Mann, der nur um seiner selbst willen das Weite suchte.
In welcher Form er seinen Gefährten Hilfe bringen konnte, war allerdings noch sehr zweifelhaft. Zwar gab es Niederlassungen seiner Landsleute in Venezuela, doch waren diese Stützpunkte mehr für Handels- und Forschungszwecke eingerichtet. Über eine nennenswerte bewaffnete Truppe verfügte man hier nicht – nichts jedenfalls, was man einer spanischen Festung entgegensetzen konnte. Die Befreiung der Gefangenen konnte folglich nur durch einen raffiniert geplanten Handstreich gelingen.
Ein Sinnesimpuls ließ Johannes Lederer in seinem schweißtreibenden Vordringen innehalten.
Er blinzelte, schloß die Augen und öffnete sie wieder. Aber es gab keinen Zweifel. Helligkeit drang durch das sich lichtende Grün.
Wieder hob er das Haumesser und zertrennte die Stränge der Schlingpflanzen mit heftigeren, wild entschlossenen Schlägen. Die Helligkeit nahm zu, und plötzlich stach Sonnenlicht in seine Augen. Im Schutz einer Mangrovenwurzel verharrte er, ungläubig staunend.
So weit sein Blick reichte, dehnte sich die Wasserfläche. Im schwachen Wellengang funkelten Millionen von Lichtreflexen der Sonne. Geblendet schloß Johannes Lederer abermals die Augen. Er hätte einen Triumphschrei ausstoßen mögen. Es mußte der Golf von Paria sein, den er erreicht hatte, nichts anderes, keine Sinnestäuschung. Deutlich spürte er jetzt auch den klareren Luftzug, der die stickige Feuchtigkeit des Dschungels überlagerte.
Als er wieder hinsah, hatten sich seine Pupillen genügend an die gleißende Helligkeit gewöhnt, um Einzelheiten zu erkennen. Bis zum seichten Uferwasser erstreckte sich blaßgelber Strand auf etwa hundert Yards. Und …
Unwillkürlich zog er den Kopf tiefer zwischen die Schultern.
Da waren die Umrisse eines Schiffes. Jetzt sah er es deutlich, woran ihn die Blendwirkung der Sonne zuvor noch gehindert hatte.
Fassungslosigkeit packte ihn. Noch wußte er nicht, ob er in Freudengeheul ausbrechen oder sich in Niedergeschlagenheit ergeben sollte.
Aber der Silhouette nach war dieses kein spanisches Schiff. Es war schlanker und flacher gebaut als die plumpen Galeonen der Dons, die so sehr an behäbige Seekühe erinnerten, wenn sie sich den Bauch mit Gold und Silber vollgeschlagen hatten.
Nein, dieser Dreimaster war mit Gewißheit kein Spanier. Er zeigte keine Flagge, und es war unter den gegebenen Umständen wohl auch besser, daß er seine Nationalität nicht prahlerisch demonstrierte. Immerhin hatten die Dons absolute Vorherrschaft im gesamten Gebiet des Golfes von Paria. Der Kapitän dieses Schiffes mußte entweder ein eiskalter Draufgänger oder ein ahnungsloser Engel sein, wenn er sich bis hierher vorgewagt hatte.
Der Bauweise nach war das Schiff eine Galeone. Lederer schätzte ihre Kapazität auf dreihundert Tonnen. Die Masten hatten Überhöhe, wodurch eine wesentlich größere Segelfläche als bei den traditionellen spanischen Galeonen erreicht wurde. Durch die flache Bauweise hatte auch das Achterdeck nur eine geringe Neigung. An den jetzt geschlossenen Stückpforten ließ sich abzählen, daß der Dreimaster über je acht Kanonen auf Backbord und Steuerbord verfügte.
Das schlanke Schiff lag vor Anker und schwojte sacht um die Trosse. Bei angestrengtem Hinsehen erkannte Johannes Lederer die Umrisse der Männer an Deck wie scharf gezeichnete Schatten.
Sie fierten ein Beiboot ab.
Was veranlaßte sie, an diesem menschenleeren Küstenstreifen an Land zu gehen? Sofern es darum ging, Vorräte zu ergänzen, hatten sie einen beschwerlichen Weg vor sich, bis sie landeinwärts auf eine Wasserstelle stoßen würden. Freunde der Spanier hatten solche Mühe nicht nötig. Sie konnten vor jeder beliebigen Ansiedlung ankern und ihre Laderäume auffüllen.
Der einsame Mann spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, als die Rudergasten im Beiboot zu pullen begannen. Als ahnten sie von seiner Anwesenheit, steuerten sie ziemlich genau in seine Richtung. Konnte er aber so vermessen sein, von ihnen Hilfe zu erwarten?
Er erschrak, als er plötzlich wieder Geräusche aus dem Dickicht hörte. Seine Rechte tastete zum Knauf der Pistole. Vielleicht war es sinnvoll, die Waffe jetzt zu benutzen. Die Fremden wurden dann schneller auf ihn aufmerksam.
2.
Philip Hasard Killigrew, der auf der Achterducht saß, zog die Ruderpinne zu sich heran. Seine Männer pullten kraftvoll im Takt, das Boot schwenkte von der Bordwand der „Isabella VIII.“ weg und gewann rasch an Fahrt.
Edwin Carberry, der bullige Profos, deutete mit einer Kopfbewegung zum Schanzkleid der Galeone, wobei er sein mächtiges Rammkinn vorreckte.
„Nun sieh sich einer die beiden kleinen Stinte an! Die würden glatt hinterherspringen, wenn sie sicher wären, daß es hier keine Haie gibt.“
„Ein bißchen Respekt haben sie eben doch noch“, bemerkte Ferris Tucker grinsend. Er, der riesenhafte Schiffszimmermann mit den leuchtend roten Haaren, wußte ebenso wie die anderen, daß der Seewolf solche Bemerkungen nicht krummnahm.
„Das besagt gar nichts“, widersprach Ed Carberry. „Vor Haien hat sogar der hirnloseste Affenarsch Respekt. Das ist nichts weiter als Selbsterhaltungstrieb oder so was.“
Hasard drehte sich lächelnd um, während das Boot nun mit Direktkurs dem Ufer entgegenrauschte. Seine Söhne platzten fast vor Wut. Das las er trotz der Entfernung noch in den Gesichtern der Zwillinge. Mit zornfunkelnden Blicken starrten sie über das Schanzkleid. Daß sie nicht mit an Land durften, würden sie ihm mal wieder nicht verzeihen. Mit ihren zehn Jahren hatten sie eine verteufelte Portion Temperament und bisweilen ebensolchen Starrsinn. Welche Scherereien sie der Crew der „Isabella VIII.“ schon bereitet hatten, nun, daran mochten sie nicht gern erinnert werden. Aber der Seewolf blieb in solchen Fällen hart. Zu oft hatten seine Herren Söhne schon Kopf und Kragen riskiert, indem sie an Land auf eigene Faust die unsinnigsten Erkundungsgänge unternahmen. Jedesmal hatten die Männer der Crew sie dann wieder herauspauken müssen.
Äußerlich ähnelten sich die beiden wie ein Ei dem anderen. Schlank und schwarzhaarig, hatten sie den unverwechselbar gleichen Gesichtsschnitt wie der Seewolf. In ihren Bewegungen waren sie geschmeidig wie Katzen, und schon jetzt, mit ihren zehn Lebensjahren, standen sie ihren Mann bei den kleinen Arbeiten, die sie an Bord zu verrichten hatten.
„Sie werden sich schnell beruhigen“, sagte Hasard und wandte sich nach vorn, „und wenn es gar nicht anders geht, muß ich ihnen eben mal wieder den Hosenboden strammziehen.“
„Das ist ein Wort“, knurrte Ed Carberry, „die Sprache, die sie am besten verstehen.“ Er pullte als Schlagmann, und trotz des Gesprächs trieb er die übrigen fünf Rudergasten zügig zu höherer Schlagzahl an.
„Unser Profos redet so, als ob er eine Menge von Kindererziehung versteht“, bemerkte Dan O’Flynn feixend. Der schlanke junge Mann zog den Kopf ein wenig tiefer, denn Carberry saß auf der Ducht vor ihm und brauchte nur kurz hinzulangen, wenn er wollte.
Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia, bedachte seinen Freund Dan mit einem Seitenblick und entblößte die makellosen Reihen seiner perlweißen Zähne.
„Woher willst du wissen?“ fragte Batuti. „‚Isabella‘ hat schon viele Häfen angelaufen, und wo viele Häfen sind …“
„… sind auch eine Menge hirnrissige Bilgenratten“, fiel ihm der Profos schnaubend ins Wort, „solche, die den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun haben, als dummes Zeug zu quatschen. Das färbt dann auf die ehrenwerten Sealords ab, und zurück auf ihrem Kahn, plappern sie das ganze dumme Zeug nach. Als ob sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten!“
„Oho, unser Profos hat es wieder erfaßt!“ rief Sam Roskill, der ehemalige Karibik-Pirat.
„Reines Ablenkungsmanöver“, sagte Bob Grey grinsend, „wer weiß, wie viele kleine Carberrys es gibt, denen er rund um die Erde öfter mal den Hintern versohlen muß.“
Der Profos lief rot an. Jetzt hatte er Mühe, mit seiner Schlagzahl nicht aus dem Takt zu geraten.
Hasard mußte sich anstrengen, um ein Lächeln zu unterdrücken.
„Wenn ihr nicht gleich die Luke haltet“, brüllte Ed Carberry los, „dann ziehe ich euch …“
„… die Haut in Streifen von euren Affenärschen“, fielen die anderen im Chor ein und mußten an sich halten, um nicht in Gelächter auszubrechen. Jeden einzelnen der Carberry-Sprüche kannten sie auswendig, und es gab Situationen, in denen sie es riskieren konnten, ihn ein bißchen auf den Arm zu nehmen.
Ed Carberry schluckte trocken hinunter. Seine Schläfenadern schwollen an, und sein Groll führte zunächst dazu, daß er die Schlagzahl noch mehr steigerte. Die anderen mußten sich anstrengen, um mitzuhalten. Das Boot jagte mit rauschender Fahrt dem Ufer entgegen, als gelte es, dem Leibhaftigen persönlich zu entrinnen.
Jeder andere Kapitän hätte nun eingreifen müssen, um die Autorität seines Profos’ nicht untergraben zu lassen. Der Seewolf wußte indessen, daß er diesem Wortgeplänkel keine Bedeutung beizumessen brauchte. Wenn, dann nur so viel, daß seine gesamte Crew in der Tat wie Pech und Schwefel zusammenhielt. Und zwischen dem Profos und dem Rest der Mannschaft gab es ein besonderes Vertrauensverhältnis, das durch die kleinen Freundlichkeiten eher noch gefestigt wurde.
Wellengang und hohe Fahrt ließen die beiden leeren Fässer auf den Bodenplanken der Jolle rumpeln. Wegen eines Sturmes südlich von Trinidad und Tobago hatte Hasard seinen ursprünglichen Plan aufgegeben, die beiden Inseln östlich zu umrunden und direkten Kurs auf die Kleinen Antillen zu nehmen. Durch den Serpents Mouth hatten sie daher Zuflucht im Golf von Paria gesucht. Günstigere Wetterbedingungen hatten es ihnen hier ermöglicht, ohne wesentlichen Zeitverlust weiter nach Norden zu segeln. Durch den Drachensund konnten sie voraussichtlich in drei Tagen das Karibische Meer erreichen.
Da sie nicht wußten, wie weit sie landeinwärts vordringen mußten, um geeignetes Frischwasser zu finden, hatte der Seewolf vorsorglich ausreichende Bewaffnung angeordnet. Jeder der Männer trug neben dem Entermesser eine Pistole, sechs geladene Musketen lagen quer über den mittleren Duchten des Beiboots.
Sehr rasch näherten sie sich dem schmutziggelben Strand, der von der dunkelgrünen Wand des tropischen Regenwalds begrenzt wurde. Hasard gab dem Profos ein Handzeichen, und die Männer zogen die Riemen in dem Moment ein, als der Bootskiel auf den weichen Sand knirschte.
Während der Seewolf seinen Blick prüfend über das undurchdringlich scheinende Dickicht gleiten ließ, sprangen Dan O’Flynn und Batuti als erste ins seichte Uferwasser, um das Boot höher an Land zu ziehen.
Die Gestalt wankte plötzlich auf den Strand und hob den Arm, um die Augen vor dem jähen grellen Sonnenlicht zu schützen.
In seiner Verblüffung vermochte Hasard nicht festzustellen, wo sich der Mann verborgen gehalten hatte.
Bevor der Seewolf einen Befehl geben konnte, geschah es.
Schüsse krachten in rascher Folge. Während Wolken von Pulverdampf aus dem Unterholz quollen, hetzte der Mann auf dem Strand los und schlug wilde Haken.
Die Männer aus dem Beiboot der „Isabella“ überwanden ihre Überraschung von einem Atemzug zum anderen. Worte waren überflüssig. Sie waren aufeinander eingespielt wie das Räderwerk in einem dieser neumodischen Uhrwerke.
Der Mann, der den Kugeln seiner Verfolger zu entkommen versuchte, zerrte eine Pistole unter seinem Gurt hervor.
Batuti und Dan O’Flynn stürmten bereits auf den Dschungel zu, etwa fünfzig Yards seitlich von der Stelle, an der die Schießer im Dickicht hockten. Ihr Feuer geriet jetzt ins Stocken. Sie schienen zu begreifen, daß ihre Lage schwierig wurde.
Ed Carberry und Ferris Tucker hatten sich blitzschnell Musketen gegriffen und lagen flach, die Stiefel noch im seichten Wasser. Hasard schwang sich mit einem Satz nach außenbords und landete im kniehohen Wasser, mit Deckung hinter dem Spiegel des Bootes. Bob Grey und Sam Roskill lagen auf den Bodenplanken der Jolle und brachten ihre Musketen in Anschlag.
Hasard zog seinen Radschloßdrehling. Die schwere Waffe war mit einem Bündel von sechs Läufen ausgestattet, auf einer Achse drehbar gelagert.
Der Fliehende warf sich jetzt herum und brachte seine Pistole in Anschlag.
„Feuerschutz!“ rief der Seewolf. Noch während er die letzte Silbe hervorstieß, schnellte er los.
Die Musketen seiner Männer krachten ohrenbetäubend.
Batuti und Dan O’Flynn hatten das schützende Dickicht erreicht.
Der Mann auf dem Strand drückte ab, doch seine Pistole gab nicht mehr als ein Klicken von sich.
Das Feuer der Verfolger war verstummt.
Wieder krachten zwei Schüsse vom Beiboot her. Die Musketen waren jetzt abgefeuert. Blieben noch die Pistolen von Ed Carberry, Ferris Tukker, Bob Grey und Sam Roskill.
Hasard stürmte an dem Mann vorbei, der in fliegender Hast den zweiten Hahn seiner doppelläufigen Kurzwaffe spannte.
„In Deckung!“ brüllte der Seewolf. „Hinter das Boot!“
Aus den Augenwinkeln heraus sah er noch, wie ihn der Mann entgeistert anstarrte.
Dann krachten die Pistolen. Hasard konnte sich nicht mehr um den Verfolgten kümmern. Ihm blieben nur noch Sekunden, um das Dickicht zu erreichen. So lange, wie seine Männer den Feuerschutz aufrechterhalten konnten. Mit den kurzläufigen Waffen brachten sie auf die Entfernung zwar keine gezielten Schüsse zustande, aber es genügte immerhin, um die Gegner in Dekkung zu halten.
Nur noch fünf oder sechs Schritte trennten den Seewolf vom Unterholz, rechter Hand von der Stelle, an der die Pulverwolken hervorgequollen waren. Das Feuer seiner Männer verstummte.
Im Dickicht entstand Bewegung. Die Kerle, die dort lauerten, wußten sehr gut, wieviel Zeit man zum Nachladen einer einschüssigen Vorderladerwaffe brauchte.
Ed Carberry, Ferris Tucker und die beiden anderen nahmen sich diese Zeit nicht. Mit Gebrüll stürmten sie los, den Strand herauf.
Mit einem letzten Satz erreichte Hasard eine mehr als mannshohe Mangrovenwurzel. Zehn Schritte entfernt, zur Linken, blinkte heller Stahl im Sonnenlicht. Hasard wirbelte herum und riß den Drehling zum Beidhandanschlag hoch. Aus der Bewegung heraus spannte er den Hahn, zog durch, und der Flint sprühte Funken auf dem Reibrad.
Er war um die Zeitspanne schneller, die die Funken brauchten, um das Zündkraut zu erreichen. Während die Pulverfahne mit hellem Zischen emporstieg, sah Hasard den Helm und den Brustpanzer. Das Laufbündel lag in der Visierlinie, und einen Sekundenbruchteil nach dem Fauchen des Zündkrauts wummerte der Schuß.
Der Spanier hatte es noch geschafft, seine Pistole in Anschlag zu bringen. Aber die Kugel, die sich löste, zirpte in den azurblauen Himmel. Der Mann kippte zur Seite weg und rollte auf den Strand hinaus, wo er reglos liegenblieb.
Schüsse krachten jetzt aus dem Inneren des Dschungels.
Batuti und Dan O’Flynn!
Ein grimmiges Lächeln spielte um die Lippen des Seewolfs. Er verließ seine Deckung.
Edwin Carberry und die anderen waren fast heran. Der Fremde hatte sich ihnen angeschlossen und hielt ein furchterregend großes Haumesser in der Rechten.
Im Unterholz wurde es lebendig. Batuti und der junge O’Flynn scheuchten die Dons erbarmungslos aus ihrem Hinterhalt. Welche Motive die Spanier auch immer bewegten, für Philip Hasard Killigrew lag die Schlußfolgerung auf der Hand. Wer eine halbe Armee losschickte, um einen einzelnen Mann zu verfolgen, der hatte keine lauteren Absichten.
Sie hatten noch ihre Pistolen.
Drei Mann lösten sich gleichzeitig aus dem Dickicht.
„Achtung!“ brüllte der Seewolf und hatte den Drehling schon im Anschlag.
Augenblicklich lagen Carberry und die anderen flach.
Das Wummern des Drehlings vermischte sich mit den helleren Pistolenschüssen der Spanier. Ihre Kugeln fauchten bedrohlich nahe über die am Boden Liegenden weg und rissen kurz vor dem Uferwasser Sandfontänen hoch. Doch die Schüsse des Seewolfs trafen mit erbarmungsloser Präzision. Die drei Spanier schafften es nicht mehr, ihre Säbel herauszureißen und den Kampf fortzusetzen. Aus dem Dickicht ertönten jetzt wildes Gebrüll, Kampfeslärm, Kommandos auf spanisch und das helle Klirren von Stahl, der auf Stahl prallte.
Hasard brauchte seinen Männern keine Zeichen zu geben. Sie waren bereits auf den Beinen. Gemeinsam mit ihm drangen sie in das Unterholz vor. Der Seewolf schob seinen Drehling unter den Gurt und zog den Cutlass. Hier, wo es kein übersichtliches Schußfeld gab, waren Pulver und Blei nicht viel wert.
Im Handumdrehen erfaßten sie die Lage.
Fünf Spanier waren es noch, die auf einer winzigen Lichtung auf Batuti und Dan O’Flynn eindrangen. Angesichts der drohend blitzenden Säbelklingen war deutlich, daß die beiden sich ihrer Haut nicht mehr lange erwehren konnten.
Hasard war als erster auf der Lichtung, sprang über zwei Spanier weg, die reglos am Boden lagen, und stieß den Cutlass hoch.
„Ar – we – nack!“ brüllte er mit Donnerstimme, und die anderen fielen mit ein.
„Ar – we – nack!“ Der alte Kampfruf derer von der Feste Arwenack in Cornwall hallte grollend durch den Dschungel und übertönte die kreischenden und zeternden Tierstimmen.
Die Spanier wirbelten herum, und ihre rasch aufgebaute Kampfformation, auf nur zwei Gegner abgestimmt, geriet in Unordnung. Einer von ihnen, ein Riese von Kerl, der die Rangabzeichen eines Teniente trug, stürmte mit heiserem Angriffsschrei auf den Seewolf los.
Hasard ließ ihn heran, parierte mit eiskalter Ruhe, und dann prallten die Klingen hell klirrend aufeinander. Aus den Augenwinkeln heraus sah Hasard, wie der Fremde sein Haumesser schleuderte. Einer der Spanier, der sich zu weit von den anderen weggewagt hatte, sank mit gurgelndem Laut zu Boden.
Nur noch Minuten währte der verbissene Kampf. Ein unsicherer Schritt seines Gegners gab dem Seewolf die Gelegenheit, blitzschnell zu reagieren. Er unterlief den neuerlichen Angriff, und die Klinge seines Cutlass flirrte schräg von oben nieder.
Jähe Stille kehrte ein, und für den Moment war auch die Lärmkulisse des Dschungels verstummt.
Hasard schob seinen Säbel zurück in die Scheide. Die Bewegung, mit der er es tat, hatte etwas Endgültiges. Es gab hier nichts mehr zu tun. Der Kampf war hart und grausam gewesen, doch sie hatten keine andere Wahl gehabt. Sie wußten, was ihnen geblüht hätte, wenn nur einer von ihnen den Spaniern in die Hände gefallen wäre.
Die Seewölfe wandten sich ab und nahmen den Mann in ihre Mitte, der ihnen sein Leben verdankte.
3.
Der Hafen der Festung Macuro bestand aus Pfählen. Hunderte von ihnen, vielleicht mehr als tausend, waren in den weichen Grund gerammt worden, damit sie die Bretter trugen, aus denen Stege, Anleger und Plattformen zusammengezimmert worden waren.
Bereitwillig hatten die Spanier das Verfahren der Eingeborenen übernommen, die ihre Hütten vor der Mangrovenküste bauten. Eine solche Pfahlbausiedlung grenzte unmittelbar westlich an den Hafen von Macuro. Zwischen dem Gewirr der algenbewachsenen Pfähle lagen flache Einbäume, und aus den Eingängen der Hütten starrten braunhäutige Menschen herüber, die das Geschehen in stumpfer Apathie verfolgten.
Jene Pfahlbausiedlungen hatten dem Land seinen Namen gegeben. Genau zweiundneunzig Jahre waren vergangen, seit die Entdecker Alonso de Ojeda und Amerigo Vespucci 1499 an der Küste entlang bis zum Maracaibosee gesegelt waren. Auf dieser Reise hatten sie zum ersten Mal die Pfahlbauten der Indios gesehen, und dabei waren Erinnerungen an Venedig wach geworden. Vespucci und de Ojeda hatten diese Land „Venezuela“ getauft, was nichts anderes als „Klein-Venedig“ bedeutete.
Ein hartes Lächeln kerbte sich in die Mundwinkel Gerhard von Echtens, während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen. Knapp drei Jahrzehnte nach jener ersten Erforschung Venezuelas war der Vertrag mit dem Augsburger Bankhaus geschlossen worden, der sich nun für die zwanzig Männer unter von Echtens Kommando als äußerst verhängnisvoll erwiesen hatte. Ob und wann die Auftraggeber in Deutschland jemals von diesem Zwischenfall erfahren würden, stand in den Sternen. Vorerst gab es für die Männer, die schwer an ihren Ketten zu schleppen hatten, jedenfalls nicht die geringste Hoffnung.
In Reihe wurden sie durch das Tor der Palisadenbefestigung getrieben. Jetzt erstreckte sich der gerodete Küstenabschnitt in voller Breite in ihrem Blickfeld. Barsche Befehle der spanischen Soldaten trieben sie voran und hinderten sie, sich Einzelheiten genauer einzuprägen.
Gerhard von Echten wandte kaum merklich den Kopf. Die Festungsanlage war mit hölzernen Ecktürmen ausgestattet. Auch das große Tor wurde beiderseits von solchen Türmen begrenzt. Ihre quadratischen Plattformen waren mit Dächern geschützt, und es bestand kein Zweifel, daß dort oben schwere Geschütze in stationären Lafetten ruhten. Eine wirksame Sicherung für den Hafen, die sicherlich auch landeinwärts auf ähnliche Weise bestand.
Die Gefangenen wurden auf einen der beiden breiten Stege getrieben, die vom Strand zu den einfachen hölzernen Piers hinausführten. Es wehte eine schwache Brise, die die Gluthitze nicht zu mildern vermochte.
Gerhard von Echten erreichte den Steg als letzter. Die schweren Fußketten, die er und seine Männer hinter sich herzogen, hatten ein Rillenmuster im Sand zurückgelassen. Zwei Soldaten, die ihn flankierten, bildeten die Nachhut des Bewachungskommandos. Von Echten ließ seinen Blick über die Piers gleiten. Er zählte sieben Galeeren, die dort vertäut lagen. Zur Rechten befand sich eine Werftanlage, auf deren Helling eine weitere Galeere lag. Hammerschläge und das Kreischen von Sägeblättern klangen herüber. Unter einem provisorischen Dach aus Segeltuch waren die Arbeiter vor der sengenden Sonne geschützt.
Sigmund Haberding, der vor von Echten ging, verfing sich plötzlich in den Fußketten seines Vordermannes, stolperte und konnte sein Gleichgewicht nicht halten. Als er sich mit den Händen abstützte, war einer der Soldaten blitzschnell zur Stelle und hieb ihm die Stiefelspitze in die Seite. Haberding unterdrückte einen Schmerzenslaut und schlug endgültig hin.
„Aufstehen, du Hund!“ brüllte der Soldat und trat abermals zu. „Willst du wohl parieren, du Dreckskerl!“
Sigmund Haberding krümmte sich. Keuchend begann er sich aufzurappeln.
Gerhard von Echten konnte seine Wut nicht unterdrücken. Doch er versuchte vergeblich, sich auf den Spanier zu werfen. Noch im Ansatz seiner Bewegung wurde er an den Oberarmen gepackt, und ein Knie stieß schmerzhaft in seinen Rücken. Der Atem des anderen Soldaten umwehte ihn von hinten.
„Schön ruhig bleiben, Amigo! Oder willst du einen Vorgeschmack auf die Hölle, die dich da draußen erwartet?“
Gerhard von Echten ließ seine Muskeln erschlaffen. Er schwor sich, daß dies seine erste und letzte unüberlegte Handlung gewesen war. Durch so etwas konnte er die Lage für seine Männer nur verschlechtern. Für eine sorgsam geplante Aktion gegen die Spanier war die Zeit noch nicht reif. Dazu mußten sie erst mit den Verhältnissen vertraut sein, mit dem Tagesablauf und mit allen Einzelheiten.
Nach einem dritten Fußtritt des Soldaten gelangte Sigmund Haberding wieder auf die Beine. Der andere lockerte seinen Griff und ließ von Echten schließlich los. Einen Moment war der träge Marschtritt der Gefangenen ins Stocken geraten. Sofort setzte wütendes Gebrüll der Bewacher ein, und unter Hieben und Stößen bewegten sich die gepeinigten Männer weiter voran.
Gerhard von Echten spürte, daß die Spanier jetzt geradezu auf einen weiteren Zwischenfall lauerten. Sie hatten Blut geleckt und würden beim nächstenmal nur noch härter und gemeiner zuschlagen. Bevor Haberding sich wieder nach vorn wandte, wechselte von Echten einen raschen Blick mit ihm. Sie verstanden sich ohne Worte. Sei vorsichtig, bedeutete der Blick, gib ihnen keinen Anlaß mehr, ihr Mütchen an dir zu kühlen!
Der Steg führte etwa fünfzig Yards weit hinaus und knickte dann rechtwinklig nach links ab. Der andere Steg, mehr als hundert Yards entfernt, war ebenfalls rechtwinklig gebaut, jedoch in entgegengesetzter Richtung. In dem Bekken, das dadurch gebildet wurde, lagen vier einmastige Schaluppen, die offenbar nur einen äußerst geringen Tiefgang hatten. Zum Meer hin ließen die Kopfseiten der Stege einen Durchlaß von zehn Yards Breite. Den Flanken der Stege vorgelagert waren jene kurzen Piers, an denen die Galeeren mit dem Heck vertäut lagen. Die Galionssporne zeigten auf die offene Wasserfläche hinaus.
Über das, was sie auf einem solchen Schiff erwartete, gab sich keiner der zwanzig Deutschen irgendwelchen Illusionen hin. In allen Häfen dieser Welt kursierten Geschichten darüber, welche Erniedrigungen und Torturen Galeerensklaven erdulden mußten. Diese Schauergeschichten hatten vergessen lassen, daß Galeeren und Galeassen früher eigentlich nur von berufsmäßigen Ruderern bemannt gewesen waren – wie etwa in den ruhmreichen Zeiten Venedigs. Aber seit es üblich geworden war, Menschen auf den Ruderbänken anzuketten, stand allein das Wort „Galeere“ für den Inbegriff der Hölle.
Während sie weitergetrieben wurden, hatte Gerhard von Echten nur flüchtig Gelegenheit, die flachen Schiffe zu betrachten. Zweifellos waren sie für den Einsatz in den flachen Küstengewässern des Golfes von Paria besser geeignet als zwei- oder dreimastige Segelschiffe, die ausschließlich die Windkraft nutzten. Sechs der an den Piers vertäuten Galeeren waren von einheitlicher und schmuckloser Bauart, etwa dreißig bis fünfunddreißig Yards lang, mit nur einem Mast, an dem ein Lateinersegel geführt wurde.
Eine Galeere hob sich jedoch durch ihr Äußeres von den anderen ab, und es verwunderte Gerhard von Echten nicht, daß sie geradewegs auf dieses Prunkschiff zugeführt wurden.
Es war gut fünfzig Yards lang und hatte ein reich verziertes Heck. Wappenschilde und Medaillons waren mit kunstvoll geschwungenen Linien verbunden. Die Einlegearbeiten leuchteten in verschiedenen Farben, der Schriftzug „Virgen de Murcia“ war mit Blattgold unterlegt. Über dem ausladenden Heckaufbau dehnte sich ein Sonnendach aus schwerem, rot gefärbtem Segeltuch, das an den Kanten mit Fransen besetzt war. Wie bei allen Galeeren üblich, gab es an den beiden Außenseiten der Plattform je eine herabhängende Treppe, über die man an Bord gelangte. Das massive Stufenholz war fest eingebaut, wurde also während der Fahrt nicht eingeholt.
Ein untersetzter Sargento, der die Gruppe der Soldaten befehligte, baute sich neben der Steuerbord-Hecktreppe auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. Auf seinen barschen Befehl hasteten vier Soldaten an Bord. Die übrigen stellten sich in Reihe auf, um die Gefangenen auf der Pier zu flankieren.
Gerhard von Echten sah, wie der Unterführer höhnisch grinsend eine Verbeugung und eine einladende Handbewegung andeutete.
„Vorwärts, Amigos, für euch haben wir die besten Plätze reserviert!“
Die Vordersten in der Formation der Gefangenen setzten sich in Bewegung und erklommen die Stufen, die zur Heckplattform hinaufführten. Nach und nach folgten ihnen die anderen. Das Klirren ihrer Ketten vereinte sich zu einem alles bestimmenden Geräusch. Nur für wenige Schritte genossen sie den wohltuenden Schatten unter dem Sonnendach, dann wurden sie von der Gluthitze empfangen, die mittschiffs über den Plankengängen und den Ruderbänken lastete. Die Brise war nicht stark genug, um den Geruch von Menschenschweiß und Kalfaterpech zu verwehen.
Atemlose Stille herrschte an Bord, nur unterbrochen vom Klang der Ketten. Einhundertdreißig Augenpaare waren groß und starr auf die Neuankömmlinge gerichtet. Ausnahmslos Indios hockten auf den Ruderbänken. Ihre Gesichter waren ausdruckslos, nur ihre Augen schienen einen Rest von Leben bewahrt zu haben, der das Ungeheuerliche des Geschehens zu erfassen vermochte.
Gerhard von Echten sah mit einem Blick, daß genau zwanzig Plätze frei waren, gleich achtern, vor der schattigen Heckplattform, die der Schiffsführung vorbehalten blieb. Es gab insgesamt fünfzig Ruderbänke, auf jeder Seite fünfundzwanzig. Jeweils drei Ruderer saßen auf einer Bank, und jeder hatte einen Riemen von gut zwölf Yards Länge zu bewegen.
Jetzt ertönten wieder die barschen Befehle der Soldaten, als sie die Gefangenen auf die freien Ruderbänke scheuchten. Von der sehr flach gebauten Back löste sich eine Gestalt, bei deren Anblick die Indios sofort die Köpfe tiefer zogen.
Ein Schauer lief Gerhard von Echten über den Rücken, als er den Kerl sah. Ein Riese von Statur, sowohl in seiner Körpergröße als auch in seiner Breite. Mindestens zwei Zentner Lebendgewicht schleppte der Bursche mit sich herum. Außer einer Leinenhose mit breitem Gurt über dem mächtigen Bauch war er unbekleidet. Kleine tückische Augen funkelten in seinem feisten Gesicht. Sein Kahlkopf leuchtete in der Sonne. Da er eine schwere Lederpeitsche in der Rechten trug, bestand kein Zweifel über die Aufgabe, die dieser Koloß an Bord der „Virgen de Murcia“ zu erfüllen hatte.
Er watschelte mit beträchtlicher Geschwindigkeit über den Plankengang heran, der sich von der Back bis zum Achterdeck in erhöhter Position zwischen den Ruderbänken entlangzog.
Einige der Gefangenen verhedderten sich in ihren Ketten, als sie von den Soldaten auf die Bänke gestoßen wurden.
Gerhard von Echten hielt den Atem an. Er wußte, was jetzt folgte.
Der kahlköpfige Stockmeister stieß einen heiseren Wutschrei aus. Mit einem letzten Satz, der seine Körpermassen erbeben ließ, war er zur Stelle. Die geflochtene Lederschnur der Peitsche zischte nieder. Ein scharfer, klatschender Laut folgte.
Der Getroffene, der zwischen den Bänken gestrauchelt war, schrie schmerzerfüllt auf. Er stürzte gegen die Indios auf der Bank davor, doch die braunhäutigen Männer rührten sich nicht und wagten nicht, ihm aufzuhelfen.
Noch zweimal schlug der Stockmeister zu. Abermals gellten Schrei, als zwei weitere Männer getroffen wurden, die nicht sofort den rechten Platz auf ihrer Bank gefunden hatten.
Gerhard von Echten empfand ohnmächtige Wut, die wie eine brennende Woge in ihm aufstieg. Der Anblick des kahlköpfigen Fettwanstes, der breitbeinig auf dem Plankengang lauerte, brachte seinen Zorn fast zum Überkochen. Von Echten mußte alle Willenskraft aufwenden, um sich zu beherrschen. Er folgte Sigmund Haberding und den anderen, die sich wieder in Bewegung setzten.
Der Zufall wollte es, daß Haberding und von Echten ihren Platz nebeneinander auf der letzten Bank an Steuerbord zugewiesen erhielten. Sie mußten den Kopf weit in den Nacken legen, wenn sie zu der Schmuckbalustrade aufblicken wollten, die die Plattform unter dem Sonnendach begrenzte. Gerhard von Echten war Vormann auf seiner Bank, saß also direkt am Plankengang und würde später den Takt vorzugeben haben, wenn die Schinderei begann.
Die Spanier ahnten offenbar nicht, daß Sigmund Haberding sein Stellvertreter war. Äußerlich war Haberding nicht das, was man einen auffälligen Menschen nennen konnte. Dunkelblond, mittelgroß und von schmaler Statur, schien er alles andere als ein harter Kämpfer zu sein. Doch dieser Eindruck trog.
Gerhard von Echten hatte in seinem Leben nur wenige Leute kennengelernt, die Intelligenz und körperliche Kraft und Gewandtheit gleichermaßen hatten. Sigmund Haberding, Baumeister und Landvermesser von Beruf, gehörte zu dieser seltenen Spezies. Bei der Planung der Venezuela-Expedition hatte er keine Eventualitäten außer acht gelassen. Die Gruppe unter Gerhard von Echten war dank der Leistung seines Stellvertreters exzellent ausgerüstet gewesen und hätte monatelang ohne fremde Hilfe im unwegsamsten Dschungel aushalten können. Nur eins hatte niemand einplanen können: jene unliebsame Konfrontation mit den Spaniern, die sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte.
Der Sargento und sein Bewachungskommando blieben unter dem Sonnendach des Achterdecks. Eine andere Gruppe von Soldaten, die offenbar zur Schiffsbesatzung gehörten, eilte von der Back her auf die neuen Ruderknechte zu. Sie schleppten Ringe und Eisenstangen heran, mittels derer die Fußketten der Gefangenen an den Stützleisten vor den Bänken befestigt wurden. Die Handketten wurden unlösbar mit den Griffstücken der schweren Riemen verbunden. Unlösbar jedenfalls für die Gefangenen, weil die Augbolzen mit dem Hammer festgeschlagen wurden und später nur mit einer Zange herausgezogen werden konnten.
Der Stockmeister wartete geduldig, bis die Soldaten ihre Arbeit verrichtet hatten und sich wieder auf die Back begaben. Sie verfügten dort ebenfalls über ein Sonnendach aus Segeltuch, das auf einer Firststange ruhte. Letztere lag in einer Halterung am Fockmast und auf einer Traverse vor dem Galionssporn.
Im Gegensatz zu den kleineren Galeeren hatte die „Virgen de Murcia“ zwei Masten, an denen Rahsegel gefahren wurden. Dieses war unüblich, denn die Galeeren, die Gerhard von Echten aus dem Mittelmeerraum kannte, verwendeten ausnahmslos Lateinersegel. Möglicherweise hatten sich die Baumeister dieser Prunkgaleere aber für die Rahbesegelung entschieden, weil sie für die bisweilen auftretenden tückischen Stürme im Golf von Paria besser geeignet waren.
Überhaupt mußten die hier stationierten Galeeren in Venezuela gebaut worden sein, denn eine Überquerung des Atlantiks war mit Schiffen dieser Art ein allzu waghalsiges Unterfangen. Das Armierungssystem der Galeere war so überholt wie der Schiffstyp selbst. Auf einer Plattform am Bug ruhte ein überschwerer Mörser. Außerdem gab es vier Drehbassen, je zwei vorn und achtern an Backbord und Steuerbord. Den Rest an Feuerkraft hatte die Schiffsbesatzung mit Musketen und Armbrüsten zu bewerkstelligen.
Nach Meinung der Spanier waren Galeeren aber wegen ihrer Wendigkeit und ihres geringen Tiefgangs für Einsätze in Küstennähe noch immer am besten geeignet. Gegner dieser Ansicht behaupteten indessen, daß Galeeren heutzutage bestenfalls noch gut dafür waren, größere Segelschiffe bei ungünstigem Wind in den Hafen zu schleppen. Dieselben Gegner wiesen auch darauf hin, daß eine Galeere gegen ein Kriegsschiff unter Segeln nur dann eine Chance hatte, wenn es ihr gelang, vier Strich von achtern heranzurudern. Nur dadurch gelangte sie in den toten Winkel der feindlichen Bordgeschütze, und das wiederum war meist nur bei einer Flaute möglich.
Das heisere Organ des Stockmeisters störte Gerhard von Echten in seinen Gedanken.
„Herhören, ihr verdammten Hunde! Ihr habt ab sofort die Ehre, eins der prächtigsten Schiffe im Golf von Paria rudern zu dürfen. Wer sich dieser Ehre unwürdig erweisen sollte, kriegt die Peitsche zu schmecken. Ist das klar?“ Der feiste Kahlkopf blickte mit seinen schmalen kleinen Augen in die Runde. Er nickte zufrieden, als niemand es wagte, einen Laut von sich zu geben. Dann fuhr er fort: „Ich werde euch jetzt zeigen, was ihr zu tun habt. Und gnade euch Gott, wenn das nachher nicht klappt! Wir haben nämlich Order für eine Inspektionsfahrt nach Punta Peñas. He, du!“ Er wandte sich zur Seite und stieß einem der Indios mit dem Peitschenstiel gegen die Schulter. „Hoch mit dir! Zeig den Neuen, wie man pullt!“
Der Eingeborene sprang von seiner Ruderbank auf und packte den Riemen, der wie alle anderen in Ruhestellung arretiert war. Seine beiden Nebenmänner mußten dem Beispiel folgen, denn die drei Riemen einer Bank ließen sich nur gleichzeitig bewegen.
„Aufpassen jetzt!“ brüllte der Stockmeister. „Seht genau her, ihr Mistkerle! Wir fangen an mit dem ersten Takt. Der Vormann steht als erster auf, und die beiden anderen folgen ihm jeweils einen Moment später. Den richtigen Zeitabstand kriegt ihr von selbst raus, wenn ihr erst mal angefangen habt. So! Und jetzt …“ Er deutete auf den Indio, der nach seinen Worten die entsprechenden Bewegungen vollführte. „… einen Schritt vor, rechten Fuß auf die Fußraste und – fallen lassen!“
Der Indio sackte zurück auf seine Bank.
„Damit ihr’s kapiert“, blaffte der Kahlkopf, „durch diesen Bewegungsablauf taucht das Riemenblatt mit einer kurvenförmigen Linie ins Wasser. Weshalb das wichtig ist, braucht ihr nicht zu wissen.“
„Bestmögliche Ausnutzung der Hebelwirkung“, flüsterte Sigmund Haberding.
Gerhard von Echten nickte kaum merklich.
„Sei still!“ zischte er, ohne den Stockmeister aus den Augen zu lassen. Dieser hatte zum Glück nichts bemerkt. Es war sinnlos, wenn sie sich von Peitschenhieben traktieren und dadurch ihre Kraftreserven schmälern ließen. Denn ihre Energie würde rasch dahingeschmolzen sein. Wenn es aber irgendwann eine Chance für sie geben sollte, dann brauchten sie wenigstens ein Mindestmaß an Stehvermögen.
„Jetzt haben wir nur noch den dritten Takt“, fuhr der Kahlkopf mit dröhnender Stimme fort. „Und dieser dritte Takt leitet zugleich wieder den ersten Takt ein. Folgendermaßen: Riemen aus dem Wasser und – aufstehen!“
Der Indio-Vormann und seine Banknachbarn demonstrierten auch diese Bewegung.
„Seht ihr, so einfach ist das. Eigentlich ein Kinderspiel. Ihr könnt froh sein, daß ihr rudern dürft, statt in einem Kerker ohne Licht und Sonne hocken zu müssen.“ Er lachte scheppernd, und dabei sah es aus, als wollten sich die Fettwülste an seinem Oberkörper selbständig machen. „Gut. Die Neuen werden das jetzt mal bankweise und dann alle zusammen üben.“ Er watschelte zwei Schritte in Richtung Achterdeck und zeigte mit der Peitsche auf Gerhard von Echten. „Du bist Vormann, Amigo, und deine Nebenmänner richten sich nach dir! Also los!“
Von Echten gehorchte. Er stellte sich unbeholfener an, als er war, bemühte sich aber, keine schwerwiegenden Fehler zu begehen. Jeder unnötige Peitschenhieb, den er kassierte, konnte sich später als Nachteil erweisen. Nach den ersten vier, fünf Versuchen klappte es zur Zufriedenheit des Stockmeisters.
Die nächsten Bankmannschaften folgten, und sie alle hatten inzwischen begriffen, daß sie sich nach Gerhard von Echtens Beispiel richten und die Peitsche vermeiden mußten. Nach dem abschließenden gemeinsamen Üben stieß der kahlköpfige Koloß einen besänftigten Knurrlaut aus.
„Na fein! Seht zu, daß es genausogut funktioniert, wenn der Capitán nachher an Bord ist. Immerhin“, er setzte ein hinterhältiges Grinsen auf, „müßt ihr euch die Essensrationen erst verdienen. Vergeßt das nicht.“ Er wandte sich abrupt ab und begab sich mit kurzen, schnellen Schritten zurück zur Back, wo er über einen schattigen Stammplatz zum Ausruhen verfügte.
Die Soldaten, die unter dem Kommando des Sargento standen, postierten sich auf dem Plankengang. Offenbar mißtrauten sie den neuen Ruderknechten noch. Erst wenn sie genügend geschunden waren, brauchte man mit etwaiger Aufmüpfigkeit von ihnen nicht mehr zu rechnen.
Die nächste halbe Stunde verrann, ohne daß etwas geschah. Weder die Indios noch die neuen Galeerensträflinge wagten es, ein Wort zu wechseln. Unter der sengenden Sonne rann ihnen allen trotz der Tatenlosigkeit der Schweiß in Strömen über die Haut. Auch den Soldaten war keineswegs behaglich zumute. Sie schwitzten unter ihren Panzern und Helmen und bedachten die Gefangenen, denen sie diesen Einsatz zu verdanken hatten, mit mißbilligenden und teilweise sogar haßerfüllten Blicken.
Unvermittelt wurde die lähmende Stille an Bord durchbrochen.
Schläge einer einzelnen Trommel ertönten im Marschtritt, näherten sich rasch, und es bestand kein Zweifel, daß die „Virgen de Murcia“ das Ziel war. Schon strafften die Soldaten auf dem Plankengang und unter dem Sonnendach ihre Haltung. Der Sargento verharrte zwei Schritte abseits von seinen Männern in Habtachtstellung.
Die Trommelschläge dröhnten jetzt. Schritte polterten auf Holzplanken, und die Männer auf den Ruderbänken spürten, wie das Schiff durch die zusätzliche menschliche Last in kaum merkliche Bewegung geriet.
„Atención!“ brüllte der Sargento. „Achtung!“
Die Soldaten standen schlagartig stocksteif, als hätte man ihnen anstelle des Rückgrats einen Besenstiel in den Rücken geschlagen. Der Unterführer schnarrte seine Meldung herunter.
„Gracias, Sargento“, sagte Capitán Gutiérrez, „danke, danke. Begeben Sie sich mit Ihren Leuten auf die Back. Wir werden ein wenig Verstärkung nötig haben.“
Gerhard von Echten las die Enttäuschung in den Gesichtern der Soldaten. Sie hatten geglaubt, ihre Order wäre mit dem Anketten der Gefangenen beendet gewesen. Aber Gutiérrez dachte nicht daran, sie jetzt schon in das süße Nichtstun der Garnison zu entlassen.
Nachdem die Soldaten der Anordnung gefolgt waren, trat der Capitán mit seinen drei Begleitoffizieren an die Schmuckbalustrade. Gutiérrez hatte seine vermutlich beste Uniform angelegt. Das Wams war mit verschnörkelten goldenen Stickereien besetzt, der schwarze Hut trug Verzierungen im gleichen Muster. Am Gurt aus weichem Schweinsleder hingen Gutiérrez’ Prunkwaffen – links ein Offiziersdolch und rechts eine einschüssige Pistole. Die Griffstücke beider Waffen waren mit Einlegearbeiten und Gravuren in feinstem Silber versehen. Die rote Kniehose des Kommandanten von Macuro endete in mattschimmernden Stulpenstiefeln.
Wohlgefällig ließ Ramón Marcelo Gutiérrez seinen Blick über die neuen Ruderknechte gleiten.
„Wie ich sehe“, stellte er mit falschem Lächeln fest, „habt ihr euch schon recht gut eingelebt, meine lieben deutschen Freunde. Richtet euch nur immer nach allen Vorschriften, und ihr werdet ein feines Leben an Bord meines Schiffes führen. Viel besser, als ihr es eigentlich verdient hättet.“ Er räusperte sich und verschränkte die Arme vor dem fülligen Oberkörper. „Wir unternehmen jetzt eine Inspektionsfahrt nach Punta Peñas, etwa sieben Seemeilen nordöstlich von hier. Achtet mir darauf, daß ihr eure Arbeit ordentlich tut. Ich habe es nicht gern, wenn ich in meiner Ruhe gestört werde, weil das Schiff zu schlingern anfängt.“
Gutiérrez gab ein Handzeichen zum Vorschiff und wandte sich ab. Auf welche Tücken sich die Warnung des Capitán gründete, sollten Gerhard von Echten und seine Männer erst später begreifen. Denn die Schwierigkeiten, mit denen ein Ruderknecht auf einer Galeere bisweilen zu kämpfen hatte, kannten sie alle nicht.
Mittschiffs und auf der Back entstand Wuhling. Die Decksmannschaft, die sich bislang im Logis aufgehalten hatte, löste die Leinen und holte den Buganker ein. Segel wurden nicht gesetzt. Die Gefangenen wagten nicht, sich umzudrehen, denn der Stockmeister war mittlerweile wieder zur Stelle und schritt gemächlich auf dem Plankengang auf und ab, die Hände mit der Peitsche auf den Rücken gelegt.
Während Capitán Gutiérrez und seine Offiziere aus dem Blickfeld der Ruderknechte verschwanden, trat der Trommler an die Schmuckbalustrade und verharrte abwartend.
„Klar zum Ablegen!“ ertönte eine Stimme vom Vorschiff.
Der Stockmeister hob die Peitsche zur Bestätigung und begab sich zum vorderen Ende des Plankengangs, in die Nähe des Trommlers.
„Klar bei Riemen!“ schrie der Kahlköpfige.
Es war wie ein jäher Ruck, der durch die Masse der einhundertfünfzig menschlichen Leiber lief. Der einheitliche Bewegungsablauf funktionierte so präzise, daß der Stockmeister einen mißtrauischen Blick zu den Deutschen warf, als hielte er ihr frühzeitiges Können für Hexerei.
Der erste Trommelschlag erfolgte mit dem zweiten Rudertakt und dann in gleichbleibendem Rhythmus zu jedem weiteren Takt. Rasch nahm die Galeere Fahrt auf. Das Knarren der Riemen auf den Dollen vereinte sich zu einem einförmigen Klang.
Etwa vier Kabellängen von den Piers entfernt ging die „Virgen de Murcia“ auf nordöstlichen Kurs. Auch die Riementechnik, die bei einem solchen Kurswechsel den Mann an der Ruderpinne unterstützte, meisterten die neuen Galeerensträflinge auf Anhieb. An Backbord wurde zweimal drei Takte lang ausgesetzt, während sie an Steuerbord unablässig weiterpullten. Die Kommandos gab der Stockmeister, auf sein Zeichen hin fielen die Backbordruderer wieder in den ursprünglichen Takt ein.
Jemand brüllte einen Befehl vom Achterdeck. Augenblicke später war das Klatschen nackter Fußsohlen auf den Planken zu hören. Die Decksmannschaft enterte in den Wanten auf. Großsegel und Focksegel wurden gesetzt, denn der Wind stand günstig aus Südsüdwest. Das Tuch blähte sich unter der handigen Brise. Die Männer unter Gerhard von Echten wagten nur für einen Moment, sich umzudrehen. Sie sahen, daß die Segel riesige Dämonenfratzen in schillernden Farben trugen. Der Grund für eine solchermaßen grausliche Bemalung mochte darin liegen, daß man auf diese Weise bei den abergläubischen Eingeborenen einen Vorschuß an Respekt erlangte.
Deutlich spürten die Männer auf den Ruderbänken, wie durch die plötzliche Windkraft ein Beben durch den Schiffsrumpf ging und die Fahrt sich abermals steigerte. Dennoch gab es für die Ruderknechte keine Pause. Offenbar, so folgerte Gerhard von Echten, liebte es Capitán Gutiérrez, die Schnelligkeit seines Prunkschiffes bis zur Neige auszukosten.
Noch bewältigten von Echten und seine Gefährten die Arbeit an den Riemen, ohne daß ihnen die Zunge aus dem Hals hing. Lediglich der Schweiß lief ihnen aus allen Poren. Aber sie wußten auch, daß dies nur der Anfang war. Keiner von ihnen mochte daran denken, wie es aussehen würde, wenn das Pullen zu mörderischer Schinderei ausgeartet war. Überdies war die Schlagzahl, die der Trommler vorgab, zur Zeit noch mäßig. Das würde sich schon dann ändern, wenn sie ohne Segel gegen Wind und Seegang zu rudern hatten.
Doch die Schwierigkeiten sollten ihnen schon bald aus einer völlig anderen Richtung drohen. Nachdem sie geraume Zeit ihre Riemenarbeit in unverändertem Gleichklang geleistet hatten, setzten unvermittelt Böen ein. Anfangs vereinzelt, doch dann zunehmend häufiger begann das Segeltuch zu schlagen. Noch trübte kein Wolkenfetzen den Himmel, aber der Golf von Paria kündigte seine Tücken an. Die Decksleute wurden an die Brassen gescheucht. Es half jedoch wenig. Zu oft änderte der Wind jetzt seine Richtung.
Die See wurde kabbelig. Schatten schienen mit den Böen über die Wasseroberfläche zu huschen. Noch lag die mächtige Galeere ruhig im Wellengang, doch häufig schnitten die Riemenblätter jetzt durch die Luft, statt ins Wasser zu tauchen.
Gerhard von Echten und seine Männer hatten Mühe, nicht aus dem Takt zu geraten. Es zeigte sich, daß die Indios über mehr Erfahrung verfügten. Sie verstanden es, sofort auf den etwa fehlenden Gegendruck zu reagieren und ihre Muskelkraft entsprechend zu bremsen.
Das Unvermeidliche geschah auf einer der Backbordbänke.
Der Vormann und sein Nachbar verloren das Gleichgewicht, als ihre Riemen durch leeren Raum wischten. Vergeblich versuchten sie, sich rechtzeitig abzustützen. Eine Kettenreaktion war die Folge. Mit schmetternden Geräuschen verhedderten sich die Riemen der achteren Bänke an Backbord zu einem hölzernen Salat.
Die Decksleute stießen wütende Schreie aus. Unter dem Sonnendach der Heckplattform wurden barsche Befehle laut. Der Stockmeister war eilends zur Stelle und ließ seine Peitsche auf die unglückseligen Ruderknechte niedersausen. Doch es half alles nichts.
Die „Virgen de Murcia“ lief aus dem Ruder und begann zu stampfen.
„Verfluchte Hundesöhne!“ schrie der Stockmeister mit sich überschlagender Stimme. „Hoch die Riemen!“
Das Kommando war wie eine Erlösung. Außenbords flogen die Riemen empor, von den Ruderknechten in Ruhestellung gekantet. Von weitem sah die Galeere jetzt aus wie ein großes Insekt mit feingliedrigen, rechteckigen Flügeln. Die Decksleute arbeiteten fieberhaft an den Brassen, und im nächsten Moment standen die Segel wieder prall vor dem Wind.
Capitán Gutiérrez schob sich mit zornrotem Gesicht an die Schmuckbalustrade. Er stützte sich mit den Händen auf, um sein Gleichgewicht zu halten.
„Stockmeister!“ brüllte er.
Der Kahlköpfige verneigte sich eilfertig.
„Si, mi capitán?“
„Wer waren die Bastarde?“
Wortlos deutete der Stockmeister auf die Bänke der Deutschen an Backbord.
„Ich habe den Verdacht“, sagte Gutiérrez gefährlich leise, „daß sie es absichtlich getan haben, um mich zu ärgern. Jeder von ihnen soll fünf Peitschenhiebe erhalten, damit sie sich solche Dreistigkeiten in Zukunft nicht mehr erlauben!“
„Si, mi capitán!“ schnarrte der kahlköpfige Koloß, und mit fettem Grinsen wandte er sich zur Seite.
Gerhard von Echten schloß die Augen, als die Peitschenschnur zischend herabsauste und auf die ungeschützten Rücken der Männer klatschte. Bei den ersten Hieben bissen sie noch die Zähne zusammen, doch dann konnten sie ihre Schreie nicht mehr unterdrücken.
Gerhard von Echten mochte die Demütigung seiner Männer nicht mit ansehen. Dabei hatte er die vage Ahnung, daß dies nur ein Anfang der Qualen war, die ihnen noch bevorstanden.
4.
„Profos!“
„Sir?“ Edwin Carberry ließ die Männer allein, die damit beschäftigt waren, die gefüllten Wasserfässer in den Laderaum abzufieren. Nach dem Zwischenfall am Strand hatten sie nicht lange suchen müssen, um eine geeignete Wasserstelle zu finden.
„Nimm zehn Mann mit, Ed, und begrabt die Toten. Vergeßt die Musketen nicht.“
„Denkst du etwa, da laufen noch mehr von diesen verfluchten spanischen Affenärschen herum?“ Carberry reckte sein Rammkinn vor.
Der Seewolf zog die Schultern hoch.
„Unser deutscher Freund ist überzeugt, daß es keine weiteren Verfolger gibt. Aber man soll seiner Sache nie zu sicher sein.“
„Aye, aye, Sir. Wenn noch so eine Horde von lausigen Philipps aufkreuzt, werden wir ihnen ein Feuerchen unter dem Hintern entfachen. Und zwar gewaltig! Ho, die werden denken, sie seien mitten im Kombüsenfeuer des Gehörnten gelandet!“ Der Profos bekräftigte seine Prophezeiung mit einem grimmigen Nicken und stapfte zu den Männern zurück.
Hasard drehte sich um. Vor dem Niedergang zum Achterdeck hatte der Kutscher einen provisorischen Behandlungstisch aufgebaut. Seine Instrumente lagen auf einem weißen Tuch. Die Zwillinge hatten heißes Wasser in einer Pütz herangeschleppt, die auf einem Schemel stand. Voller Eifer besorgten die Söhne des Seewolfs alle kleinen Handreichungen für den schmalbrüstigen, dunkelblonden Mann. Dabei fühlten sie sich allem Anschein nach wie die Gehilfen eines großen Doktors.
Johannes Lederer hockte mit schmerzverzerrtem Gesicht inmitten dieser Hilfsbereitschaft. Er hatte die Streifschußwunde an der rechten Schulter mit einer Handbewegung abtun wollen. Aber damit hatte er bei dem Kutscher auf Granit gebissen.
Ben Brighton, Hasards breitschultriger Stellvertreter, lehnte an der Schmuckbalustrade des Achterkastells und blickte schmunzelnd auf die Prozedur hinunter.
„Einen Moment müssen Sie noch aushalten, Sir“, sagte der Kutscher, dessen richtigen Namen niemand kannte. Bei Sir Anthony Freemont, einem Arzt in Plymouth, war er Kutscher gewesen, und fortan hatte er sich so nennen lassen. An Bord der „Isabella“ versah er die Aufgaben des Kochs und des Feldschers.
„Lieber noch zwei Streifschüsse als eine solche Behandlung!“ stöhnte Lederer, der leidliches Englisch sprach. Letztere Kenntnisse rührten aus jener kurzen Zeit her, die er während der Venezuela-Expeditionen an Bord von Segelschiffen verbracht hatte. Decksleute aus angelsächsischen Breiten fuhren auf allen Schiffen dieser Welt.
„Bitte, Sir, Sie müssen schon stillhalten“, forderte der Kutscher eindringlich. Mit leichter Hand bewegte er die Holzstäbchen mit den Wolltupfern, die zuvor im kochenden Wasser gereinigt worden waren.
Lederer verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse, als der Feldscher der „Isabella“ die letzten festgetrockneten Stoffasern des zerrissenen Hemds aus der offenen Wunde entfernte.
„Wenn es nach unserem Kutscher ginge“, meinte Ben Brighton grinsend, „müßten wir jeden Tag mindestens ein halbes Dutzend Verletzte an Bord haben. Er ist mal wieder ganz in seinem Element.“
„Ich hoffe, Sie fühlen sich nicht als eine Art Versuchskaninchen, Mister Lederer“, wandte sich der Seewolf an den Deutschen.
Der Kutscher hob empört den Kopf.
„Ich muß doch sehr bitten, Sir. Ich habe niemals behauptet, daß mein medizinisches Wissen allumfassend ist. Aber für eine einfache Wundbehandlung reicht es wahrhaftig aus. Was Mister Brightons Bemerkung betrifft, so möchte ich dem entgegenhalten, daß ich meine Arbeit nicht aus Leidenschaft, sondern allein aus der Notwendigkeit heraus verrichte. Ich denke, es ist nicht angebracht, mich mit einem Quacksalber auf eine Stufe zu stellen.“
Ben Brighton hob die Hände und ließ sie wieder fallen.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Mister Feldscher. Auf die Füße treten wollte ich dir nun wirklich nicht.“
Der Kutscher brummte Unverständliches und fuhr mit seiner Behandlung fort.
Hasard warf einen Blick zu seinem Ersten Offizier und nickte beschwichtigend. Ben war ein Mann, der meist nicht viele Worte verlor. Ließ er sich doch einmal zu einer lässigen Bemerkung hinreißen, wie jetzt, dann trat er auch noch ins Fettnäpfchen. Der Seewolf klopfte dem Kutscher auf die Schulter.
„Niemand will deine Arbeit in den Dreck ziehen. Ist dir eine Laus über die Leber gekrochen, oder kannst du keinen Spaß mehr verstehen?“
„Es handelt sich nur darum, Sir, daß man die Autorität eines Erwachsenen in Gegenwart von Kindern nicht untergraben sollte.“
Hasard zog die Augenbrauen hoch. Die distinguierte Redeweise des Kutschers war allen geläufig. In diesem Fall hatte er sich wohl besonders gewählt ausgedrückt, damit die Zwillinge es nicht begriffen.
„Ich verstehe“, sagte der Seewolf ernst und nickte. „Diesen Aspekt hat Mister Brighton offenkundig nicht in seine Überlegungen einbezogen.“
„Genau das wollte ich zum Ausdruck bringen, Sir.“
Die beiden Jungen starrten abwechselnd ihren Vater und den Kutscher an. Ihre Mienen waren so entgeistert, als redeten die beiden Männer in einer Fremdsprache. Auch Johannes Lederer hatte Mühe, dem Gespräch zu folgen, denn seine Englischkenntnisse reichten nur für eine Unterhaltung auf durchschnittlichem Niveau.
„Haben wir irgendwie Mist gebaut, Dad?“ fragte Philip junior.
„Oder sollen wir irgendwas nicht wissen?“ fügte Hasard junior hinzu.
„Weder — noch“, versicherte der Seewolf. „Es ist alles in Ordnung. Manchmal braucht ihr eben nicht hinzuhören, wenn Erwachsene sich unterhalten.“
Die Zwillinge wechselten einen vielsagenden Blick. Aber sie verkniffen sich die Bemerkung, daß eben jene Erwachsenen es sich manchmal zu einfach machten. Sollten sie etwas Bestimmtes nicht mitkriegen, dann wurden sie wie Kinder behandelt. Sollten sie jedoch Handreichungen erledigen, dann erwartete man von ihnen, daß sie es genauso zuverlässig taten wie ein Erwachsener. Weil sie aber den Kutscher besonders in ihr Herz geschlossen hatten, verzichteten sie darauf, die Sache breitzutreten.
„Nur eine Frage“, sagte der Seewolf gedehnt, „wie lange wird es noch dauern? Es dreht sich darum, daß ich mit unserem Gast ein paar Worte wechseln möchte.“
Der Kutscher lächelte zum ersten Mal wieder.
„Ich bin gleich fertig, Sir. Die Behandlung war unbedingt notwendig. Unser Freund hätte sich sonst den schönsten Wundbrand zugezogen.“
„Ich weiß das durchaus zu schätzen“, sagte Johannes Lederer, „denken Sie bloß nicht, ich wäre ein undankbarer Hund, auch wenn es sich so angehört hat.“
Der Kutscher lächelte abermals, sagte aber nichts.
„Wir sehen uns auf dem Achterdeck“, entschied Hasard und stieg den Niedergang hinauf.
Auf der Kuhl waren Edwin Carberry und die Männer damit beschäftigt, das Beiboot abzufieren. Außer den Schaufeln lagen Waffen auf den Bodenplanken der Jolle.
„Hopp, hopp, bewegt die müden Knochen, ihr Stinte!“ brüllte der Profos. „Wollt ihr im Stehen einschlafen? Reißt euch gefälligst zusammen, oder ich wickle euch ums Ankerspill, daß ihr später nicht mehr wißt, ob ihr Männer oder Kabelgarn seid!“
Für die Männer war es so etwas wie Begleitmusik. Jeder Handgriff, der an Bord der „Isabella“ zu erledigen war, klappte schnell und reibungslos. Selten hatte es auf den sieben Weltmeeren eine Crew gegeben, die so gut aufeinander eingespielt war wie die Männer des Seewolfs. Trotzdem waren Edwin Carberry und seine Sprüche etwas, das keiner von ihnen missen mochte. Ohne den Hintergrund seiner Stimmgewalt fehlte ihnen etwas bei der harten Arbeit an Bord. Und jeder wußte natürlich auch, daß unter der rauhen Schale des Profos’ ein sehr menschlicher Kern steckte.
„Wollt ihr wohl pullen, ihr Bilgenratten!“ grollte Carberry, als das Boot zu Wasser gelassen war. „Himmel, Arsch und Hafergrütze, soll das eine Tagesreise werden bis zum Strand?“
Immerhin lief das Beiboot schon mit rauschender Fahrt dem Küstenstreifen entgegen. Es hinderte den Profos aber nicht, sein Gebrüll fortzusetzen.
Hasard wandte sich mit versonnenem Lächeln seinem Stellvertreter zu. Auf der Kuhl flitzten die Söhne des Seewolfs in Richtung Kombüse, um irgendwelche Gerätschaften oder Instrumente zu holen, die der Kutscher brauchte. Sonst herrschte ausnahmsweise eine geradezu idyllische Ruhe an Bord der Galeone.
Arwenack, der Schimpanse, hockte auf einer Taurolle auf der Back und hatte beide Arme über den Kopf gelegt. Ob er schlief oder sich nur vor der Sonne schützte, war nicht festzustellen. Sir John, der karmesinrote Papagei, saß wohlgefällig und aufgeplustert auf Moses Bills Schulter im Großmars. Will Thorne, der grauhaarige Segelmacher, hatte den Rest der Crew in der Nähe der Kuhlgräting um sich geschart. Sie hatten all das Tuch aus der Segellast geholt, das noch ausgebessert werden mußte. Die Ruhe, die sie nach dem Zwischenfall mit den Spaniern hatten, mußte genutzt werden.
War es nur eine Ruhe vor dem Sturm?
„Ich werde das Gefühl nicht los“, sagte Ben Brighton gedehnt, „daß wir mit den Dons noch eine Menge Ärger kriegen werden.“
„Gefühle müssen sich nicht immer bestätigen.“ Hasard nahm das Spektiv und spähte zum Strand. Ed Carberry und seine Männer hatten mit der Arbeit begonnen. Bob Grey und Al Conroy standen mit schußbereiten Musketen abseits. Das Dickicht war wie eine feindselige Wand, die jeden Moment neues Unheil ausspucken konnte.
„Du weißt genau, wovon ich rede, Sir.“
Der Seewolf ließ den Kieker sinken.
„Ich weiß. Aber das Risiko wäre das gleiche gewesen, wenn wir Trinidad und Tobago nordöstlich umsegelt hätten. Mit den Spaniern müssen wir überall rechnen.“
„Sicher. Hier im Golf von Paria lassen sie uns vielleicht noch in Ruhe. Aber vor uns liegt der Drachensund. Da können sie uns höllisch in die Zwickmühle nehmen, wenn sie es darauf anlegen.“
„Ich kenne deine Theorie, Ben. Gerade das ist es, worüber ich mir von dem Deutschen Aufschluß erhoffe.“
„Ich glaube, es ist mehr als eine Theorie. Es ist verdammt lange her, seit wir zuletzt in der Karibik waren. Die Spanier haben in der Zwischenzeit nicht geschlafen. Wenn sie in der Neuen Welt nicht an Boden verlieren wollen, dann müssen sie ganz einfach etwas tun.“
„Gut. Das leuchtet ein. Aber ebensoviel deutet darauf hin, daß König Philipp sich verzetteln könnte. Die neuen Seewege nach Ostindien gewinnen immer mehr an Bedeutung. Wenn er da den Anschluß verliert, kann es sein, daß andere den Rahm abschöpfen.“
„Trotzdem sollte man die Spanier nicht unterschätzen. Besonders Venezuela dürfte ihnen am Herzen liegen. Silber und andere Edelmetalle soll es hier in unvorstellbaren Mengen geben.“
Hasard nickte. Er wußte, daß Ben Brightons mahnende Worte keineswegs unbegründet waren. Überhaupt hatte der Erste Offizier der „Isabella“ eine gute Nase dafür, wo und wann sich etwaige Schwierigkeiten abzeichnen konnten. Hasard hatte Ben stets ernst genommen. Andererseits war es nicht die Art des Seewolfs, in allen Dingen übervorsichtig zu sein. In diesem Wechselspiel hatten Ben und er sich immer prächtig ergänzt.
Schon als sie vor dem Sturm in den Golf von Paria ausgewichen waren, hatte Ben Brighton seine Bedenken angemeldet. Ben vermutete, daß die Spanier neuerdings verstärkte Aktivitäten an der venezolanischen Küste entfalteten. Nicht unbegründet, denn wenn sie systematisch das Landesinnere zu erforschen gedachten, brauchten sie Ansiedlungen, die ihnen als Stützpunkte dienen konnten.
Bekannt war dem Seewolf auch, welche Rolle Männer wie Johannes Lederer in diesem Zusammenhang spielten. Die Deutschen, die hierzulande ihre vertragsmäßigen Rechte ausschöpfen wollten, wurden den Spaniern einfach zu schlau. Und es war eine verdammt einfache Sache, einen Vertrag für null und nichtig zu erklären. Passende Argumente konnte man sich dafür leicht zurechtlegen.
Johannes Lederer erklomm den Niedergang mit einem weiß leuchtenden Schulterverband. Er verzog verlegen das Gesicht.
„Es sieht aus, als hätte ich eine lebensgefährliche Wunde. Glauben Sie mir, Gentlemen, ich nehme so etwas nicht so ernst.“
„Aber der Kutscher nimmt sein Handwerk ernst“, sagte Ben Brighton lächelnd. „Und dabei läßt er sich von keinem dreinreden.“
„Das habe ich gemerkt.“ Lederer nickte. „Ich möchte Ihnen noch einmal für alles danken, Sir Hasard.“
Der Seewolf zog die Augenbrauen hoch.
„Woher …“
„Überflüssig zu fragen“, fiel ihm Ben Brighton ins Wort. „Das waren deine Herren Söhne. Stimmt’s, Mister Lederer?“
„Nun ja“, antwortete der Deutsche. „Die beiden Jungen haben mir voller Stolz erzählt, daß ihr Vater von Königin Elisabeth zum Ritter geschlagen wurde. Darauf können sie in der Tat stolz sein.“
Hasard winkte ab.
„Hier an Bord sind wir nicht so förmlich. Reden Sie mich an, wie alle anderen es auch tun. Ich heiße Hasard.“
Lederer reichte ihm die Hand.
„Bescheidenheit ist eine Zier, sagt man bei uns.“
„Ein wahres Wort“, meinte Ben Brighton. „Wir sind gespannt auf Ihren Bericht, Johannes.“
Der Deutsche lehnte sich an die Schmuckbalustrade. Einen Moment blickte er gedankenverloren zum Strand hinüber, wo der Profos und die anderen ihre traurige Arbeit verrichteten. Dann wandte er sich wieder den beiden Männern zu.
„Ich kann es noch immer nicht ganz begreifen, daß ich es überlebt habe. Dabei habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir vorstelle, wie es meinen Freunden ergeht.“
Der Seewolf schüttelte energisch den Kopf.
„Die Sache sieht etwas anders aus. Ihre Freunde müssen froh sein, daß Sie fliehen konnten. Andernfalls könnten sie im Kerker verrecken, und kein Mensch würde es jemals erfahren.“
„Sicher, das sage ich mir auch. Von der Vernunft her ist das unbedingt richtig. Aber manchmal sind die Gefühle stärker, und dann denke ich, ich würde mich wohler fühlen, wenn ich alle Schwierigkeiten gemeinsam mit meinen Kameraden durchstehen würde.“
Hasard nickte bedächtig. Schon in der Miene dieses aufrechten Mannes las er, daß dieser jedes Wort so meinte, wie er es sagte. Es gab nicht einen Hauch von Unehrlichkeit an Johannes Lederer. Hasard dachte an seinen eigenen Vater, der gleichfalls Deutscher gewesen war. Nach allem, was er gehört hatte, mußte sein Vater ein Mann von ebenso ehrenhaftem Schlag gewesen sein wie der Gast an Bord der „Isabella“. Vielleicht waren derartige Wesenszüge eine Tugend, die die Deutschen ganz allgemein auszeichnete.
„Wie war das?“ fragte der Seewolf. „Befanden Sie sich mit Ihren Gefährten bereits auf dem Weg ins Landesinnere, als Sie von den Spaniern überrascht wurden?“
„So war es. Wir hatten unseren Stützpunkt nordwestlich von Punta Peñas verlassen, und nach einem knappen Tagesmarsch wurden wir von einem Trupp spanischer Soldaten gestellt. Wir haben natürlich keinen Widerstand geleistet, denn wir glaubten, daß es sich um einen Irrtum handele, der sich rasch aufklären würde, zumal unser Stützpunkt noch nie offen angegriffen wurde. Dabei wäre es den Spaniern ein leichtes, ihn dem Erdboden gleichzumachen. Sie haben aber offiziell nicht erklärt, daß sie den Vertrag von fünfzehnhundertachtundzwanzig für ungültig halten.“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, sagte Hasard lächelnd, „denn damit würden sie ernsthafte Probleme heraufbeschwören. Heimlich still und leise geht es besser. Es dürften Jahre vergehen, bis Berichte von Überfällen auf deutsche Expeditionen bis nach Europa gelangen.“
„Allerdings“, sagte Johannes Lederer grimmig. „Nur in diesem Fall werde ich ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Sie haben sich unsere gesamte Ausrüstung unter den Nagel gerissen, ganz zu schweigen davon, daß sie uns an der Ausübung unseres vertragsmäßigen Rechts hinderten. Unser Protest hat nämlich nicht das geringste genutzt. Sie haben meine Freunde in die Festung Macuro verschleppt. Das ist eine neue Ansiedlung direkt am Drachensund.“
Ben Brighton wechselte einen Blick mit dem Seewolf, und Hasard wußte genau, was sein Erster dachte.
„Keine Sorge, Ben“, sagte er deshalb, „wir werden nichts riskieren, was wir nicht im voraus kalkulieren können.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Lederer. „Wollen Sie damit etwa andeuten …“
„Genau das“, knurrte Ben Brighton, „Philip Hasard Killigrew wäre nicht der Seewolf, wenn er die Gelegenheit nicht nutzen würde, um den Dons ein wenig Feuer unter dem Hintern zu machen.“
„Nur, wenn es gute Gründe gibt“, sagte Hasard gedehnt, „und danach sieht es fast aus.“
Johannes Lederers Augen begannen zu leuchten.
„Vielleicht kann ich Ihnen noch einen zusätzlichen Grund liefern. Nach unserer Ankunft in Venezuela haben wir gehört, daß in letzter Zeit etliche Silbertransporte in Macuro eingetroffen sein sollen. Wir haben unsere Informanten unter den Eingeborenen, müssen Sie wissen. Es ist damit zu rechnen, daß die Silbervorräte von Macuro in Kürze nach Spanien verschifft werden sollen.“
„Ich kann deine Gedanken regelrecht lesen“, sagte Ben Brighton, wobei er den Seewolf forschend musterte.
Hasard gab sich einen Ruck.
„Wir haben mehrere Gründe für einen Angriff auf Macuro. Erstens könnten wir den Drachensund vermutlich sowieso nicht passieren, ohne mit den Dons aneinanderzugeraten. Zweitens handelt es sich um die Deutschen, die dort unrechtmäßig festgehalten werden. Und drittens wäre es in unser aller Interesse, ihnen die Silbervorräte abzuknöpfen – falls vorhanden.“
„Phantastisch!“ rief Johannes Lederer begeistert. „Nicht im Traum hätte ich damit gerechnet, daß sich die Dinge so wenden würden!“
Der Seewolf blickte ihn ernst an.
„Es wird alles andere als ein Vergnügen, Johannes. Was ich von Ihnen brauche, sind alle Informationen, die Sie über die Festung Macuro haben.“
5.
Mit langen Schatten begleitete die tiefstehende Sonne den mühevollen Weg der Galeerensklaven von Macuro. Gebeugt von mörderischer Arbeit, schlurften sie über die Holzplanken der Anleger, und die Ketten erschienen ihnen wie eine kaum noch zu bewältigende Last.
Die uniformierten Bewacher gaben sich nicht mehr die Mühe, sie noch mit Hieben und Stößen voranzutreiben. Jeder der Soldaten wußte, daß es keinen Sinn gehabt hätte. Ein nur mäßiger Schlag hätte schon genügt, um diese geschundenen Männer von den Beinen zu fegen.
Auch Gerhard von Echten spürte jeden einzelnen Knochen im Leib. Äußerlich unterschied er sich durch nichts von den anderen. Krumm und schleppend bewegte er sich vorwärts, diesmal an der Spitze der Gefangenenformation, da sie das Schiff in umgekehrter Reihenfolge verlassen hatten.
Sie erreichten den schmutziggelben Strand, und jeder einzelne Schritt wurde ihnen nun eine noch größere Last. Lediglich Gerhard von Echten verfügte noch über eine letzte Reserve. Vielleicht lag es an seiner Zähigkeit, daß es ihm gelungen war, seine Kräfte einzuteilen. Möglicherweise war es auch seine unbändige Willenskraft gewesen, die ihm dabei geholfen hatte. Die stundenlange Riemenarbeit an Bord der „Virgen de Murcia“ hatte er überstanden, ohne vollends zu zerbrechen.
Seine Gefährten waren dagegen ebenso ausgelaugt wie die Indios. Auch Sigmund Haberdings Atem ging rasselnd und schwer, und es schmerzte von Echten, den Freund so ausgepumpt zu sehen.
Die Palisaden mit den Batterietürmen erhoben sich drohend vor ihnen und warfen schwarze Schatten auf den Sand. In der Werft abseits des Hafens war Stille eingekehrt, auch von der Pfahlbausiedlung der Eingeborenen drangen keine Geräusche mehr herüber. Capitán Gutiérrez und seine Begleiter befanden sich jetzt vermutlich schon in einem ihrer gemütlichen Salons oder daheim bei ihren Familien. Bei der Ankunft in Macuro hatte Gerhard von Echten gesehen, daß es eine Reihe von einzelnen Wohnhäusern für die Offiziere und ihre Angehörigen gab.
Soldaten öffneten das Tor zwischen den beiden vorderen Batterietürmen. Es bewegte sich knarrend in seinen großen Angeln.
Das weite Areal der Festungsanlage dehnte sich im Blickfeld der Ruderknechte. Von Echten erschien der Appellplatz größer, als er ihn in Erinnerung hatte. Die Baracken, in denen die einfachen Soldaten hausten, erstreckten sich unüberschaubar weit, bis in die Schlagschatten am jenseitigen Ende der Festung. Irgendwo dort befanden sich die Nebengebäude – Waffenkammer, Vorratsräume, Küche, Speisesaal, Zahlmeisterei, Kommandantur.
Bis zum Dunkelwerden konnte es höchstens noch eine halbe Stunde dauern.
Anfangs hatte sich Gerhard von Echten gefragt, warum sie nicht ständig an Bord der Galeere angekettet blieben. So war es in den Mittelmeerhäfen üblich. Nur ein Behelfsdach aus Segeltuch wurde für die Nachtruhe über das Galeerendeck gespannt, und es gab Rudersklaven, die für den Rest ihres Lebens keinen anderen Platz mehr sahen als die Bank, an der ihre Ketten festgeschmiedet waren.
Daß Capitán Gutiérrez eine andere Methode gewählt hatte, war keineswegs aus Menschlichkeit geschehen. Nach kurzer Überlegung hatte Gerhard von Echten sich die Gründe zusammengereimt. Vermutlich war die Zahl der Soldaten, über die der Capitán in Macuro verfügte, zu gering, um einen Bewachungsdienst an Bord der Galeeren im Hafen aufrechtzuerhalten. Da erforderte es wesentlich weniger Männer, um die Gefangenen nach verrichtetem Dienst zusammenzutreiben und beaufsichtigen zu lassen.
Die träge Marschformation der Ruderknechte schwenkte über den staubigen Appellplatz nach links, von knappen Kommandos der Soldaten dirigiert. Wenig später erblickten Gerhard von Echten und seine Gefährten zum ersten Mal den Ort, an dem sie von nun an ihre meiste Zeit verbringen sollten. Nach ihrer Festnahme waren sie vorübergehend in einer leerstehenden Baracke untergebracht worden.
Das Gelände war eingezäunt. Erstaunlicherweise ragten die Zaunpfähle nicht mehr als mannshoch auf. In der Länge erstreckte sich die Einzäunung auf mehr als dreihundert Yards. Die Breite, bis an die nördlichen Palisaden der Festung, vermochte Gerhard von Echten nicht abzuschätzen.
Zwei Soldaten sprangen vor und öffneten ein Gatter. Wie Vieh wurden die Männer hineingetrieben.
Und dann überfiel die Neuen unter ihnen ein Erschauern, gegen das sie sich nicht wehren konnten. Den Gefangenen stockte das Blut in den Adern. Unwillkürlich verharrten sie, und die Soldaten hinderten sie nicht daran.
„Seht es euch nur gut an!“ rief einer der Spanier höhnisch. „Dann wißt ihr gleich, was euch blüht, wenn ihr auf dumme Gedanken verfallt!“
Unmittelbar an der Innenseite der Einzäunung zog sich ein tiefer Graben um das gesamte Lager herum. Fauliger, ekelerregender Geruch stieg zu der Bohlenbrücke herauf, die vom Gatter aus über den Graben führte. Die Breite betrug an der Oberkante gut fünf Yards, die etwas schmalere Sohle mochte zehn Fuß tiefer liegen.
Stillstehendes, trübes Wasser bedeckte die Grabensohle. Auf den ersten Blick schien es, als lägen Baumstämme wahllos verstreut in der schlammigen Brühe. Doch man brauchte nicht sehr genau hinzusehen, um zu erkennen, um was es sich wirklich handelte. Die Männer unter Gerhard von Echten hatten genügend Tropenerfahrung.
Krokodile!
Alligatoren und Kaimane waren es. Eine unüberschaubare Zahl der Riesenechsen fristete auf dem Boden des Grabens ihr träges Dasein. Knochen und Skelettreste von Tieren lagen am Rand der steil abfallenden Böschung. Die Kadaverreste strömten jenen Verwesungsgeruch aus, der in den Männern Übelkeit hervorrief.
Gerhard von Echten preßte die Zähne aufeinander, daß es schmerzte. Es mochte eine Sinnestäuschung sein, ein Eindruck, der sich aufdrängte, aber ihm war, als befänden sich unter den Skelettresten auch menschliche Knochen. Von Echten schüttelte sich vor Grauen.
„Weiter jetzt!“ brüllte einer der Soldaten. „Ihr könnt die niedlichen Tierchen noch oft genug begaffen.“ Die übrigen Spanier stimmten grölendes Gelächter an.
Für den Moment hatten die Männer ihre Müdigkeit und ihre Erschöpfung vergessen, als sie sich wieder in Bewegung setzten. Abscheu und Entsetzen waren stärker als alle anderen Empfindungen.
Dies konnte nicht einmal durch das Menschenunwürdige des Lagers überdeckt werden. Da gab es weder Baracken noch Schutzdächer aus Segeltuch. Nur eine freie Fläche von etwa dreitausend Quadratmeter innerhalb des Grabens, in dem die blutrünstigen Raubtiere hausten. Dicht gedrängt kauerten die Menschen auf diesem Areal. Außer schmutzigen Decken hatten sie nichts, womit sie sich vor den Witterungseinflüssen schützen konnten. Es mochten an die tausend Gefangene sein, die hier zusammengepfercht waren – einschließlich jener von der „Virgen de Murcia“.
Am Rand der Innenseite des Grabens gab es außerdem einen Wachgang, der auf acht Fuß hohen Pfählen ruhte und mit einem Geländer aus einfachen Planken abgesichert war. Von diesem erhöhten Bohlenweg aus konnten die Bewacher jeden Punkt des Lagers überblicken.
Ein offenbar perfektes System.
Die Ruderknechte von der Prunkgaleere des Capitán Gutiérrez erhielten einen Platz in der Nähe der Brücke zum Gatter zugewiesen. Stumm und regungslos sahen sie zu, wie die Brücke an Ketten hochgezogen wurde, nachdem die Soldaten auf die andere Seite zurückgekehrt waren.
„Tiere in einem Stall haben ein besseres Leben“, flüsterte Sigmund Haberding nach minutenlangem Schweigen.
Gerhard von Echten legte ihm die kettenbewehrte Hand auf die Schulter.
„Wir müssen hier raus, Sigmund. Koste es, was es wolle.“
Haberding blickte den Freund erschrocken an.
„Bist du wahnsinnig? Eine Flucht ist unmöglich. Ich habe nichts gegen einen ehrlichen und offenen Kampf, Aber hier …“ Er schüttelte resignierend den Kopf.
„Warte ab“, raunte von Echten, „wir brauchen ein bißchen Zeit. Es muß einen Weg geben. Davon bin ich überzeugt.“
Sie waren gezwungen, ihr leise geführtes Gespräch abzubrechen, denn auf dem erhöhten Bohlenweg näherten sich Schritte. Vier Soldaten waren es, die sich breitbeinig vor den Rudersklaven von der „Virgen de Murcia“ aufbauten und geringschätzig zu ihnen hinunterblickten.
Gerhard von Echten drehte sich nur kurz um und sah, daß es noch zwei weitere Soldaten gab, die an der jenseitigen anderen Seite des Lagers postiert waren. Also sechs Mann insgesamt, und für sie war der Wachdienst kaum bequemer als die bevorstehende Nachtruhe für die Gefangenen.
„Ein paar Worte an die Neuen“, sagte einer der vier Spanier, ein untersetzter Mann mit dichtem schwarzen Vollbart. An seinem Helm brachen sich funkelnd die Strahlen der untergehenden Sonne. „Ich bin der Wachhabende. Meine Verantwortung ist es, daß hier absolute Ruhe herrscht. Damit ihr gleich Bescheid wißt: Wenn ihr anfangt, Krach zu schlagen, oder irgendeinen idiotischen Versuch zur Rebellion unternehmen solltet, wird sofort geschossen. Für uns spielt es dabei keine Rolle, wen wir treffen. Aber wir sorgen für Ruhe, darauf könnt ihr euch verlassen. Also denkt daran, daß es immer einen Unschuldigen treffen könnte!“ Er stieß einen grimmigen Knurrlaut aus, wie um seine Worte zu bekräftigen. „Was die Verpflegung betrifft, folgendes: Die nächste Mahlzeit kriegt ihr morgen früh nach Sonnenaufgang. Nicht daß ihr auf die Idee verfallt, es gäbe heute abend noch was. Der Verpflegungsplan sieht so aus: einmal morgens im Lager, dann mittags und nachmittags auf der Galeere. Das wär’s, Amigos. Nun schnappt euch eure Decken, und legt euch auch lang. Ihr braucht den Schlaf für morgen, darauf könnt ihr Gift nehmen.“
Wortlos begannen die Indios, die Decken von dem bereitliegenden Stapel zu verteilen. Es gab kein Gedränge und keine Auseinandersetzungen darum. Jeder wußte, daß es sinnlos war, Kräfte zu vergeuden.
Unter den Augen der Soldaten auf dem Wachgang betteten sie sich zur Ruhe. Noch eine Weile klirrten die Ketten, bis sie diese so geordnet hatten, daß sie halbwegs entspannt liegen konnten. Der weiche Sandboden war noch warm von der Sonne, die tagsüber heruntergebrannt hatte. Doch mit einem kühlen Hauch kündigte sich schon jetzt die bevorstehende Kälte der Nacht an.
Die Wachtposten nahmen ihren Rundgang auf dem erhöhten Bohlenweg auf.
Übergangslos brach die Dunkelheit herein.
Im Lager der Galeerensklaven herrschte Stille. Wenn Worte gewechselt wurden, so nur unhörbar für die Posten. Deren Schritte klangen hart und rhythmisch auf den Holzbohlen. Auch aus dem Graben der Alligatoren und Kaimane drang kein Laut herauf. Eine trügerische Ruhe jedoch, das wußten die Männer in Ketten.
In der Festung hatte indessen das abendliche Leben begonnen. Vereinzelt ertönten laute Stimmen, grölendes Gelächter überwiegend. Dann waren auch die Klänge einer Laute zu hören. Jemand sang ein melancholisches Lied, und heisere Männerstimmen fielen in den Refrain mit ein.
Gerhard von Echten wandte den Kopf zu Sigmund Haberding, der neben ihm lag.
„Wir müssen es versuchen“, flüsterte er, „noch in dieser Nacht, Sigmund.“
„Ich sage dir noch einmal, es ist Wahnsinn“, gab Haberding ebenso leise zurück, doch ein Hauch von Hoffnung schwang in seiner Stimme mit. „Hast du einen Plan?“
„Ja. Ich werde den Wachhabenden in meine Gewalt bringen. Dann benutzen wir ihn als Druckmittel gegen die anderen. Alles muß blitzschnell gehen. Wir werden aus der Festung verschwinden und im Dschungel untertauchen, ehe sie zum Großalarm blasen können.“
„Wie du es sagst, hört sich das sehr einfach an. Aber wir könnten uns ebensogut selbst aufknüpfen. Erstens schaffen wir es nicht, das Lager zu verlassen, und zweitens müßten wir dann noch die Posten am Palisadentor überrumpeln. Nein, es ist unmöglich. Ganz zu schweigen davon, daß wir mit den verdammten Ketten sowieso nicht viel ausrichten können.“
„Warte ab“, zischte von Echten, „wir haben Zeit. Die ganze Nacht.“
Sigmund Haberding sagte nichts mehr. Sie kannten sich nun schon seit vielen Jahren. Wenn Gerhard von Echten sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann führte er es auch aus. Das Verrückte daran war, daß ihm selbst die verwegensten Pläne bislang immer geglückt waren.
Diesmal, dachte Sigmund Haberding, ist er ein wenig zu waghalsig. Oder ich bin einfach zu müde, um noch genügend Mut aufzubringen.
Gerhard von Echten tat unterdessen kein Auge zu. Lange lag er regungslos und beobachtete die Wachtposten, die sich vor dem tiefen Blau des Nachthimmels als deutliche Schattenrisse abzeichneten. Der abnehmende Mond war eine schmale Sichel, die Sterne funkelten wie Edelsteine auf einem samtenen Tuch.
Die Posten zogen mit gemächlichen Schritten ihre Runde und blieben manchmal stehen, wenn sie einander begegneten. Ihre Gespräche waren gedämpft und unten im Lager nicht zu verstehen. Die Statur des Wachhabenden hatte Gerhard von Echten sich genau eingeprägt. Er war imstande, ihn zweifelsfrei von den anderen zu unterscheiden.
Zwei Stunden mochten nach dem Hereinbrechen der Dunkelheit vergangen sein, als von Echten beschloß, nicht länger auszuharren. In seiner Umgebung waren bereits seit geraumer Zeit tiefe und regelmäßige Atemzüge zu hören.
Vorsichtig schälte er sich aus seiner Decke. Ohne sich aufzurichten, begann er mit einer langwierigen Arbeit. Auf der Seite liegend und zusammengekrümmt, gelang es ihm ohne sonderliche Mühe, die unteren Ketten um die Fußgelenke zu wikkeln und das Ende so in die Windungen zu schieben, daß sie unverrückbar festsaßen. Ebenso verfuhr er mit den Ketten an den Handgelenken. Der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht, als er es geschafft hatte. Schwer atmend streckte er sich auf dem Boden aus und spähte zum Wachgang hinauf.
Die Posten hatten nichts bemerkt. Er war vorsichtig genug zu Werke gegangen. Die nervliche Anstrengung war größer gewesen als die körperliche.
Abermals berührte er seinen Freund an der Schulter. Haberding erwachte sofort. Von Echten sah das Weiße in seinen Augen.
„Halte dich bereit“, flüsterte er. „Ich versuche herauszufinden, wann Wachwechsel ist. Dann werde ich den richtigen Moment abpassen. Weck die anderen rechtzeitig. Ihr müßt eure Ketten um die Gelenke wickeln und sichern. Sobald ich den Wachhabenden überrumpelt habe, nehmt ihr euch die anderen Posten vor. Und dann brauchen wir nur noch zu warten, bis die Ablösung die Brücke hinuntergelassen hat.“
Sigmund Haberding atmete tief durch.
„Also gut“, sagte er kaum hörbar. „Ich weiß, daß du es schaffen kannst. Aber ich meine, sie sollten erst die Brücke hinunterlassen, und dann schlagen wir los. Sonst könnte es uns passieren, daß sie uns vom Gatter her zusammenschießen, ohne daß wir eine Chance haben, über den Graben zu gelangen.“
„Einverstanden. Paß gut auf, daß die anderen so leise wie möglich sind. Ein falsches Geräusch kann alles verderben.“
Gerhard von Echten kroch los. Flach auf dem Boden bewegte er sich so langsam, unendlich langsam, daß ihm die wenigen Minuten wie eine Ewigkeit erschienen.
Neben einem der Indios verharrte er. Erst nachdem er nochmals zum Wachgang hinaufgespäht und sich vergewissert hatte, daß keine Gefahr drohte, stieß er dem Mann behutsam mit den Fingerspitzen gegen die Schulter.
Obwohl er tief geschlafen hatte, blieb der Indio ruhig, erschrak nicht und wußte offenbar sofort, daß er nur von seinesgleichen geweckt worden sein konnte.
„Hablas español?“ fragte Gerhard von Echten kaum hörbar. „Sprichst du Spanisch?“
„Si, Señor“, flüsterte der Mann, „ein bißchen.“
„Hör mir zu“, fuhr von Echten auf spanisch fort, „meine Männer und ich wollen einen Befreiungsversuch wagen. Kann ich auf eure Hilfe rechnen?“
„Natürlich, Señor. Aber es ist unmöglich. Sie werden es niemals schaffen.“
„Warte nur ab. Sag mir, wann sie die Wachen wechseln.“
Der Indio drehte den Kopf und blickte zum Himmel.
„Sehr bald, wenn der Mond um die Breite eines Daumens gewandert ist.“
„Ich danke dir, Amigo. Seid bereit, wenn es geschieht. Wenn es gelingt, werden wir alle gemeinsam aus der Festung stürmen.“
„Ebensogut können wir alle sterben“, erwiderte der Indio tonlos. „Aber es ist kein Unterschied, Señor. Der Tod ist nicht schlimmer als die Gefangenschaft.“
Gerhard von Echten ließ ihn allein und kroch geräuschlos weiter, auf den Graben zu. Wie ein schwarzes Skelett ragten die Pfähle des Wachganges empor. Die Schritte der Posten klangen hohl auf den Bohlen. Von Echten wußte, daß er einen unschätzbaren Vorteil auf seiner Seite hatte: Die Dunkelheit, die dicht über dem Erdboden lastete, ließ ihn mit der Masse der Gefangenen verschmelzen. Und er kroch so langsam, daß seine Bewegungen den Bewachern nicht auffallen konnten.
Während seines langwierigen Weges war es vor allem Ungewißheit, die an seinen Nerven zerrte. Was, wenn er den Bohlenweg nicht rechtzeitig erreichte, wenn die Wachablösung das Gatter öffnete, bevor er eingreifen konnte? Trotz dieser inneren Anspannung blieb seine Willenskraft ungebrochen.
Beinahe erstaunt hielt er inne, als er einen der Pfähle erreichte, auf denen die Bohlen des Wachganges ruhten. Nichts war geschehen, niemand hatte ihn bemerkt. Sollte es tatsächlich leichter sein, als er es sich vorgestellt hatte? Nein, er durfte sich nicht dazu verleiten lassen, solche Gedanken zu hegen. Das führte zu Unvorsichtigkeit.
Die Schritte der Posten klangen langsam und träge wie eh und je. Gerhard von Echten drehte sich auf die Seite, um die Lage erfassen zu können. Seine Augen hatten sich längst an die Dunkelheit gewöhnt. Das Gatter mit der hochgezogenen Brücke befand sich etwa zehn Schritte rechts von ihm. Er spähte zum Bohlenweg hinauf und suchte die Schattenrisse der Soldaten.
Da!
Der Wachhabende näherte sich von links. Seine Statur war unverwechselbar. Von Echten schätzte die Entfernung auf höchstens zwanzig Schritte. Er hielt den Atem an und spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Ein anderer Posten schlurfte von rechts heran, weiter entfernt noch.
Gerhard von Echten spannte die Muskeln. Die Ketten wogen schwer an seinen Hand- und Fußgelenken. Aber er hatte genügend Kraftreserven, um diesen Nachteil auszugleichen. Daran hatte die Schinderei auf der Galeere nur wenig geändert.
Er sah jetzt, daß er seine Position nicht zu ändern brauchte. Der Wachhabende würde diese Stelle eher erreicht haben als der Posten, der von der anderen Seite herannahte.
„Hola, Sargento!“ ertönte eine gedämpfte Stimme. „Ich denke, die Burschen sind langsam überfällig.“
Das mußte der Mann sein, der sich von rechts näherte, folgerte Gerhard von Echten.
„Halt den Mund, Kerl“, antwortete der Wachhabende knurrend. „Im Zweifelsfall wirst du dann abgelöst, wenn es dem Capitán paßt. Und wenn es ihm gefällt, kann das noch ein paar Stunden dauern.“
Ein unterdrückter Fluch war die Reaktion.
Von Echten spähte schräg nach oben. Der Schatten des Wachhabenden schob sich breit und wuchtig heran. Zehn Schritte trennten ihn noch von der Stelle, an der der Deutsche lauerte.
Behutsam richtete sich Gerhard von Echten auf. Die nervliche Anspannung fiel von ihm ab. Jetzt, da der entscheidende Moment bevorstand, kehrte jene eiskalte Ruhe ein, die ihm in Augenblicken größter Gefahr stets geholfen hatte.
Plötzlich ein Scharren. Stimmengemurmel folgte, dann das Knarren eines Riegels, der herausgezogen wurde.
Die Wachablösung. Es gab keinen Zweifel. Sie öffneten das Gatter. Jeden Moment mußten sie die Brücke hinunterlassen.
Gerhard von Echten wartete regungslos.
Der Schatten des Wachhabenden wurde riesengroß über ihm.
„Na endlich!“ brummte der Posten, der ebenfalls nicht mehr weit entfernt war. Das Gatter schwang jetzt weit auf, und die Silhouetten des ablösenden Kommandos wurden erkennbar.
Von Echten konzentrierte sich auf den Untersetzten.
Noch zwei Schritte, einen Schritt.
Jäh ließ der hochgewachsene Deutsche seine Muskeln explodieren. Er schnellte an dem Pfahl hoch und packte mit beiden Händen zu. Unter Aufbietung aller Kraft überwand er die letzte Distanz von zwei Fuß, die ihn von dem Wachgang trennte.
Seine linke Faust zuckte hoch, fand den Halt, den sie suchte.
Der Wachhabende stieß einen erschrockenen Laut aus. Für einen Augenblick hatte er sich von den Männern ablenken lassen, die am Gatter hantierten.
Gerhard von Echten lockerte seinen stahlharten Griff nicht für den Bruchteil einer Sekunde. Er zog mit einem Ruck, ließ sich fallen und setzte sein ganzes Körpergewicht ein.
Der untersetzte Sargento versuchte vergeblich, sein Gleichgewicht zu halten. Die Füße wurden ihm buchstäblich unter dem Leib weggerissen. Bevor er am Geländer Halt finden konnte, schlug er hart auf, rutschte über die Bohlen und segelte abwärts.
Blitzschnell war der Deutsche über ihm und ließ die Rechte mit der zusammengerollten Kette niedersausen.
Der Schlag ließ dem Sargento keine Chance. Er sank in sich zusammen, ohne noch einen Schmerzenslaut von sich zu geben.
Eilige Schritte dröhnten auf dem Bohlenweg.
„He, was ist da los?“ brüllte jemand.
Beim Gatter senkte sich die hochgezogene Brücke quietschend nach unten.
„Bleibt, wo ihr seid!“ rief Gerhard von Echten mit schneidender Stimme den Posten zu. „Ich habe euren Wachhabenden! Eine falsche Bewegung von euch kostet ihn das Leben!“
Im Lager der Gefangenen schnellten Schatten hoch.
Für einen Moment waren die Schritte der Posten wie abgeschnitten.
Die Brücke fiel rumpelnd auf ihr Widerlager. Harte Stiefel polterten über die Planken. Im Lager der Galeerensklaven entstand zunehmend mehr Bewegung.
„Soldaten!“ brüllte Gerhard von Echten abermals. „Zurück! Oder der Sargento stirbt!“ Er hatte mittlerweile den Säbel des Bewußtlosen aus der Scheide gerissen, und die blanke Klinge funkelte im fahlen Licht des Mondes und der Sterne.
Auf der Brücke brachen endlich die Schritte ab.
Schatten huschten dem Bohlenweg entgegen.
„Werft eure Waffen weg, Spanier!“
Sigmund Haberdings Stimme.
Plötzlich geschah etwas, was Gerhard von Echten niemals in seinen Plan einbezogen hatte. Denn es beruhte auf grausamer Unmenschlichkeit, zu der er selbst nicht fähig war.
„Schießt sie zusammen, die Hunde!“ gellte eine Stimme von der Brücke her.
Die letzte Silbe war noch nicht verklungen, als ein Musketenschuß donnerte.
Ein vielstimmiger Entsetzensschrei ertönte aus den Reihen der Indios. Die Schatten, die den Bohlenweg noch nicht erreicht hatten, schienen gegen unsichtbare Mauern zu prallen.
Zwei weitere Schüsse krachten. Auch diesmal sirrten die Kugeln über die Gefangenen weg. Bedrohlich nahe jedoch.
„Treibt sie zurück!“ gellte wieder die Stimme von der Brücke. „Wenn euer Wachhabender krepiert, ist es seine eigene Schuld. Auf was wartet ihr noch!“
Gerhard von Echten erstarrte vor Entsetzen. Er konnte es nicht glauben. Sie waren bereit, ein Menschenleben ohne viel Federlesens zu opfern!
Bevor er sich von seiner Fassungslosigkeit erholen konnte, schwang sich eine Silhouette unmittelbar vor ihm herab. Mit dumpfem Aufprall landete der Soldat auf dem Erdboden. Auch die anderen folgten ihm und gingen mit blankgezogenen Säbeln auf die Gefangenen los. Ihre Musketen hatten sie wohlweislich zurückgelassen. Die Langwaffen taugten nicht für den möglichen Nahkampf im Gedränge.
Der Soldat, der Gerhard von Echten am nächsten war, stürmte mit erhobenem Säbel auf ihn zu.
Der hochgewachsene Deutsche wich einen Schritt beiseite und parierte reaktionsschnell. Er wußte, daß es keine Hoffnung mehr gab. Doch eher wollte er im offenen Kampf sterben, als daß er sich wie ein Tier niedermetzeln ließ.
Hell prallten die Klingen aufeinander. Der Spanier drängte mit der ganzen Wucht seines Körpergewichts nach. Gerhard von Echten stemmte sich wild entschlossen dagegen. Der keuchende Atem des Soldaten schlug ihm ins Gesicht.
Jäh wich von Echten zur Seite. Der Spanier stolperte und wurde vom eigenen Schwung mitgerissen. Doch er fing sich, wirbelte herum, jetzt in der Dunkelheit unter dem Bohlenweg. Von Echten sah den matten Reflex, als sein Gegner den Säbel wieder hochriß. Er ging zum Gegenangriff über, bevor der Spanier den ersten Schritt geschafft hatte.
Die Klingen klirrten in rasender Folge. Gerhard von Echten hatte keine Zeit, sich um das zu kümmern, was um ihn herum geschah. Mit Vehemenz fuhr er dem Spanier in die Parade, durchbrach dessen Kontern mit zwei, drei unbarmherzigen Hieben und gewann an Boden.
Der Spanier wich zurück. Verzweifelt versuchte er, das Blatt zu wenden. Doch dem wirbelnden Säbel des Deutschen vermochte er nichts mehr entgegenzusetzen.
Gerhard von Echten stieß plötzlich ins Leere. Ruckartig hielt er inne.
Die Dunkelheit hatte den Spanier verschluckt.
Unvermittelt gab es einen klatschenden Aufprall. Von Echten erstarrte. Ein eisiger Schauer kroch seinen Rücken herauf.
Der Graben!
Die Geräusche, die folgten, gingen ihm durch Mark und Bein. Mächtige Kieferknochen schlugen schmetternd aufeinander. Die Schwänze der Riesenechsen peitschten das schlammige Wasser. Der gellende Todesschrei des Spaniers brach nach wenigen Augenblicken ab. Und immer noch brodelte die Hölle der Alligatoren und Kaimane in der schwarzen Tiefe des Grabens.
Harte Fäuste packten Gerhard von Echten an den Oberarmen und rissen ihn zurück. Der Säbel entfiel seiner Rechten. Widerstand war sinnlos geworden.
„Werft das Schwein hinterher!“ schrie einer der Spanier.
Was dann folgte, hörte Gerhard von Echten nicht mehr. Ein Hieb, der seinen Schädel traf, löschte sein Bewußtsein aus.
Als er wieder erwachte, loderten ein Dutzend Fackeln auf der freien Fläche vor der Brücke. Die Helligkeit blendete ihn. Er schloß die Augen und spürte erst jetzt, daß sie ihn gefesselt hatten. Er stand aufrecht an einem Pfahl, den sie in den Boden gerammt hatten. Abermals öffnete er die Augen.
Sein Blick fiel auf Capitán Gutiérrez. Der Festungskommandant stand drei Schritte von ihm entfernt, flankiert von einer waffenstarrenden Front von Soldaten. Sie hatten die Lage unter Kontrolle, und es gab niemanden im Lager der Galeerensklaven, der sich dieser Übermacht noch entgegenzustellen gewagt hätte.
Gutiérrez war nur unvollständig angekleidet. Er trug kein Wams, das offenstehende Hemd ließ den dichten Haarfilz seiner Brust hervorquellen. Er fixierte den hochgewachsenen Deutschen aus schmalen, haßerfüllten Augen.
„Hiermit verurteile ich dich zum Tode, Alemán!“ sagte Gutiérrez zornbebend. „Die Exekution wird bei Sonnenaufgang stattfinden. Die Nacht wirst du in dieser etwas unbequemen Stellung verbringen. Ich werde mir inzwischen überlegen, ob ich dich den Krokodilen zum Fraß vorwerfe oder ob ich dir eigenhändig den Kopf abschlage.“
Gerhard von Echten dachte nicht daran, die Augen zu schließen. Er hielt dem Blick des Capitán stand, bis dieser sich mit einem Ruck abwandte und davonstapfte.
Die Fackeln brannten weiter, und auch das verstärkte Wachkommando blieb.
6.
Der Dschungel erwachte zu schrillem Leben, während die Morgendämmerung heraufkroch. In dichten Schwaden hing der Nebel scheinbar unauflöslich im Dickicht. Überall hatten sich Tropfen auf Blättern und Schlingpflanzen gebildet. Das Wasser rann herab wie Regen. Noch herrschte trübgraues Halbdunkel unter den mächtigen Baumkronen des Tropenwaldes.
Die Luftfeuchtigkeit erschwerte den Männern jeden Atemzug. Ihre Kleidung klebte ihnen wie zähes Leder auf dem Leib.
Johannes Lederer hatte sie mit untrüglicher Zielstrebigkeit durch das Dikkicht geführt. Neidlos mußte der Seewolf anerkennen, daß dieser Mann über eine bemerkenswerte Dschungelerfahrung verfügte. Lederer ging an der Spitze der kleinen Formation. Ihm folgten der Seewolf und Edwin Carberry, dann Ferris Tucker, der riesenhafte Schiffszimmermann mit dem leuchtend roten Haar, Dan O’Flynn, der schlanke junge Mann mit den schärfsten Augen an Bord der „Isabella“, Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia, und Smoky, der bullige Decksälteste.
Alle waren mit Musketen, Pistolen und Entermessern bewaffnet. Batuti trug außerdem seinen Bogen über dem Rücken und einen Lederköcher mit Pfeilen an der Hüfte. Dan O’Flynn und Smoky schleppten gemeinsam eine längliche Kiste, deren Inhalt wohlweislich mit wasserdichtem Ölpapier ausgeschlagen war.
Johannes Lederer hob die Hand, ging langsamer und blieb dann stehen. Sofort stoppten auch die anderen ihre Schritte. Hasard trat neben den Deutschen, als dieser ihn zu sich heranwinkte.
„Sehen Sie das?“ fragte Lederer halblaut. Er deutete mit ausgestrecktem Arm nach vorn. „Der verdammte Nebel läßt die Dinge verschwimmen, aber wenn mich nicht alles täuscht, sind wir am Ziel.“
„Ohne den Nebel“, entgegnete der Seewolf lächelnd, „könnte unser Plan von vornherein nicht gelingen.“ Er kniff die Augen zusammen und spähte angestrengt in die milchiggrauen Schwaden.
„Ich weiß“, murmelte Johannes Lederer, „ich hoffe nur, daß es nicht zum Nachteil für uns umschlägt.“ Er gab sich einen Ruck. „Es sieht so aus, als ob wir den Außenbezirk der Festung erreicht haben.“
Hasard nickte. Schemenhaft waren kantige Umrisse zu erkennen. Gebäude, deren klare Linien sich bei längerem Hinsehen deutlich von der wild wuchernden Vegetation des Dickichts abhoben. Geräusche waren indessen nicht zu hören. Die Nachtruhe war in Macuro noch nicht beendet. Auch das gehörte zum Plan der Männer von der „Isabella“.
„In Ordnung“, sagte der Seewolf, „wir werden uns das aus der Nähe anschauen.“ Er wandte sich zu seinen Männern um und klärte sie mit knappen Worten über die Lage auf.
„Endlich“, entgegnete Edwin Carberry. Er versuchte zu flüstern, was bei seinem Reibeisenorgan allerdings nur ein Versuch blieb. Es klang noch immer wie ein Grollen, tief aus seinem mächtigen Brustkorb. „Es muß doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Dons nicht noch vor dem Frühstück in die Suppe spukken.“ Er rieb sich die Hände, die das Format von Ankerklüsen hatten.
„Dazu müssen sie uns erst mal spucken lassen“, bemerkte Smoky mit breitem Grinsen. „Man soll das Maul nicht zu voll nehmen, bevor der Tag angefangen hat.“
Der Profos wirbelte herum.
„Ho, du Molch, woher willst du denn wissen …“
„Schluß damit!“ fuhr der Seewolf energisch dazwischen. „Eure Sprüche könnt ihr an Bord weiterklopfen.“
Ed Carberry klappte den Unterkiefer hoch und schob beleidigt sein Rammkinn vor. Gegen Philip Hasard Killigrew hatte er noch nie ein Widerwort gefunden.
Der Seewolf gab das Zeichen. Langsam und nach allen Seiten sichernd, setzte sich die kleine Kolonne wieder in Bewegung. Das Geschrei der Tropenvögel, das in voller Lautstärke eingesetzt hatte, schützte sie. Denn wegen der umfangreichen Ausrüstung, die sie mitschleppten, konnten sie nicht völlig geräuschlos vordringen.
Allmählich zeichneten sich die Gebäude deutlicher ab. Johannes Lederer verharrte abermals.
„Das muß die Werft sein“, flüsterte er dem Seewolf zu. „Rechts von uns befindet sich dann irgendwo die Pfahlbausiedlung. Wir müssen aufpassen, daß die Indios nichts von uns hören.“
Hasard nickte nur. Sie pirschten sich weiter voran, verschmolzen zur Schemenhaftigkeit mit dem Nebel – auch dann noch, als das Dickicht zurückwich und den Weg auf das Werftgelände freigab.
Mit einer knappen Handbewegung ließ Hasard seine Männer ausschwärmen. Es mußte im Schnekkentempo geschehen, denn jeder unbedachte Schritt konnte ein Geräusch verursachen und eine Katastrophe auslösen. Überall konnte es herumliegende Gerätschaften geben.
Groß und dunkel erhob sich das Schutzdach der Helling vor ihnen aus dem Nebel. Im nächsten Moment sahen sie die schlanke Silhouette der Galeere, die hier zur Reparatur lag.
Hasard zog sein Entermesser, und die anderen taten es ihm nach. Möglicherweise gab es auch hier draußen einen Posten. Wenn es so war, dann konnten sie ihn nur lautlos überwältigen.
Doch ihre Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Unbehelligt erreichten sie die Bordwand des flachen Schiffes, dessen Außenbeplankung an mehreren Stellen Lücken aufwies. Der Bohrwurm verrichtete auch hierzulande sein zerstörerisches Werk, gegen das noch immer kein Kraut gewachsen war. Immerhin schien es aber in Macuro genügend Arbeitskräfte zu geben, die solche Schäden rechtzeitig behoben.
Gemeinsam mit Johannes Lederer schlich Hasard bis zum Bug der Galeere. Von dort aus konnten sie verschwommen den Palisadenzaun der Festungsanlage erkennen. Auch einer der Batterietürme lag weiter rechts in ihrem Blickfeld. Die Entfernung betrug kaum mehr als fünfzig Yards. Dementsprechend war die Sichtweite, die draußen auf See herrschte.
Für Ben Brighton ein höllisch schwieriges Unterfangen!
Johannes Lederer deutete mit einer Kopfbewegung zu den Palisaden.
„Wenn wir Glück haben, liegt das Gefangenenlager auf dieser Seite.“
Der Seewolf antwortete nicht. Lederer hatte die Festung nur aus einiger Entfernung gesehen, als es ihm gelungen war, die Flucht zu ergreifen. Deshalb hatte er keine absolut präzise Beschreibung von Macuro liefern können. Aber sie würden sich auch ohnedem schnell zurechtfinden, wenn sie den Palisadenzaun erst einmal überwunden hatten. Ed Carberry und Ferris Tucker trugen aufgerollte Tampen über der Schulter. An den Enden der Taue waren Enterhaken befestigt. Für alle Voraussetzungen, in die Festung einzudringen, hatten sie gesorgt.
Sie brauchten nur noch auf das Zeichen zu warten.
Sigmund Haberding hob vorsichtig den Kopf, nur um Handbreite. Er hatte kein Auge mehr zugetan, seit das Unvorstellbare geschehen war. Zweifellos war es auch den übrigen Männern nicht anders ergangen. Hilflos ausharren und dem Unabwendbaren entgegensehen zu müssen, das war schlimmer als körperliche Qualen.
Da entstand eine Bewegung, die Haberding anfangs nur im Unterbewußtsein wahrgenommen hatte. Jetzt sah er es deutlich.
Einer der Indios richtete sich langsam auf. Dabei spähte er fortwährend zu den Posten. Sie waren im Laufe der Nacht zweimal abgelöst worden. Als sie jetzt nicht reagierten, erhob sich der Indio vollends. Er war ein älterer Mann und hatte einen sehnigen Körper mit Muskelsträngen, die von langer Fronarbeit verhärtet waren.
Gerhard von Echten hing kraftlos in den Fesseln, die ihn am Pfahl hielten. Irgendwann hatte er nicht mehr standhalten können. Auch für ihn gab es eine Grenze der Belastbarkeit, wie für jeden Mann.
Sigmund Haberding schmerzte der Anblick des Freundes, noch mehr jedoch die Gewißheit über das furchtbare Schicksal, das ihm drohte.
Der Indio hob etwas vom Erdboden auf. Er tat es behutsam. Ein Gefühl der Rührung ergriff Sigmund Haberding, als er erkannte, was es war. In einer Lederkappe, die er vermutlich tagsüber auf dem Kopf trug, hatte der dunkelhäutige Mann die Feuchtigkeit während der Nachtstunden aufgefangen. Vielleicht waren es nur ein oder zwei Schlucke Wasser, die sich gesammelt hatten. Trotzdem eine köstliche Erfrischung für einen Mann, der unmenschliche Qualen erdulden mußte.
Der Indio hielt die Lederkappe wie ein Kleinod in beiden Händen und schritt vorsichtig durch die Reihen der am Boden Liegenden.
Auf dem Bohlengang, der sich in den Nebelschwaden nur grau und undeutlich abzeichnete, patrouillierten ebenfalls Soldaten. Die Männer, die den am Pfahl Gefesselten bewachten, waren von Gutiérrez zusätzlich abgestellt worden.
Natürlich waren sie längst auf den Indio aufmerksam geworden. Haberding sah es an ihren Blicken, mit denen sie ihn verfolgten. Er glaubte, ein hämisches Grinsen bei einigen der Soldaten zu bemerken. Weshalb, in aller Welt, scheuchten sie ihn nicht auf seinen Platz zurück?
Der hagere Venezolaner erreichte jetzt den Pfahl, an dem Gerhard von Echten in seinen Fesseln hing. Von der Seite näherte er sich dem hochgewachsenen Deutschen, der nichts von alledem mitkriegte.
Die Soldaten begannen zu tuscheln und stießen sich mit den Ellenbogen an. Einer von ihnen nickte, dann waren sie wieder still und beobachteten den Indio mit scheinbar wohlwollendem Interesse.
Dieser trat bis dicht vor den Gefesselten und hob die Lederkappe an dessen Lippen.
„Bitte, Señor“, sagte der Indio halblaut, „bitte, trinken Sie, es wird Ihnen guttun.“
Bevor Gerhard von Echten vollends erwachte, schnellte jener Soldat los, der so entschlossen genickt hatte.
Es geschah so blitzartig, daß Sigmund Haberding das Gefühl hatte, sein Herzschlag setze aus.
Der Spanier packte den Indio an der Schulter und riß ihn herum. In hohem Bogen flog die Lederkappe durch die Luft. Die wenigen Wassertropfen blitzten auf und schienen versiegt zu sein, noch bevor sie den Boden erreichten. Der Indio stieß einen erschrockenen Laut aus, stolperte, blieb aber auf den Beinen. Abwehrend hob er die Hände und wich einen unsicheren Schritt zurück.
„Hijo de puta!“ brüllte der Spanier. „Hurensohn, verdammter! Wer hat dir das erlaubt?“
„Niemand, Señor. Ich wollte doch nur …“
„Nichts hast du zu wollen!“ überschrie ihn der Soldat. Jäh riß er den Säbel hoch.
Die Klinge verursachte einen flirrenden Reflex.
Der Indio stieß einen gellenden Schrei aus, doch nur einen Atemzug lang. Ein Gurgeln war das letzte, was er hervorbrachte.
Etwas zerriß in Sigmund Haberding. Etwas, das stärker war als Besonnenheit und Vernunft. Mit einem Satz war er auf den Beinen. Die Ketten, noch um Hand- und Fußgelenke gewickelt, behinderten ihn nicht. Ein Laut des Entsetzens ging durch das Lager. Fast alle waren inzwischen wach geworden.
Unendlich langsam sank der Indio in sich zusammen. Sein Leben erlosch, bevor er den Boden erreichte. Das Gesicht des Spaniers war verzerrt. Er stieß die blutige Klinge in den Sand und bewegte sie hin und her, um sie zu reinigen.
Den Deutschen, der in blindem Zorn auf ihn losschnellte, bemerkte er einen Atemzug zu spät. Auch der Warnruf der übrigen Soldaten half nichts mehr.
„Sigmund!“ schrie Gerhard von Echten. „Bist du verrückt ge …“
Zu spät.
Mit einem wilden Satz überbrückte Haberding die letzten zwei Yards. Vergeblich versuchte der Spanier, den Säbel hochzureißen. Die Ketten an den Handgelenken des Deutschen trafen seinen Kopf und seine Schulter. Wie vom Blitz gefällt, stürzte er zu Boden.
Haberding stolperte, vom eigenen Schwung getrieben. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, waren die Soldaten zur Stelle, packten ihn, rissen ihn hoch, hieben mit den Fäusten auf ihn ein und traten ihn. Sein Widerstandswille wurde buchstäblich zerschlagen. Den Kopf schützend unter den Armen geborgen, krümmte er sich zusammen und rührte sich nicht mehr.
Einer der Spanier hob seinen Säbel.
„Laß ihn“, knurrte ein anderer und riß ihn zurück. „Den Alemán wird der Capitán für sich selbst aufheben wollen. Das ist was anderes als mit den lausigen Indios.“
Gerhard von Echten schloß die Augen. Ohnmächtige Wut und Hilflosigkeit loderten wie eine alles verzehrende Flamme in ihm. Das grausame Geschehen war wie ein körperlich spürbarer Schmerz in sein gerade erwachtes Bewußtsein gefahren. Es brachte ihn fast um den Verstand, daß nun auch sein Freund von dem gleichen Schicksal ereilt werden sollte wie er selbst. Denn daran gab es für Gerhard von Echten kaum noch einen Zweifel.
Als er die Augen wieder öffnete, hatten sie Sigmund Haberding gefesselt und am Boden liegenlassen. Auch um den toten Indio kümmerten sie sich nicht. Statt dessen hielten sie ihre Musketen schußbereit, denn offenbar rechneten sie mit einem weiteren Aufruhr im Lager. Auch die Posten auf dem erhöhten Bohlengang waren stehengeblieben und hatten ihre Waffen auf dem Geländer in Anschlag gebracht.
Doch weder die deutschen noch die indianischen Galeerensklaven wagten auch nur eine verstohlene Bewegung. Es gab nichts, was sie der brutalen Gewalt der Bezwinger hätten entgegensetzen können.
Die Stille hielt nicht lange an.
Wenige Minuten nach dem blutigen Zwischenfall wurde das Gatter der Lagereinzäunung geöffnet.
Capitán Gutiérrez eilte mit kurzen, energischen Schritten über die Bohlenbrücke. Ihm folgten die drei ranghöchsten Offiziere seines Stabes und eine Gruppe von sechs Soldaten, die lediglich mit Pistolen und Säbeln bewaffnet waren.
Gutiérrez stoppte seine Schritte jäh, als er die am Boden liegenden reglosen Körper sah. Der füllige Leib des Capitán erbebte.
„Zum Teufel!“ rief er schnaubend. „Was ist hier los?“
Der Dienstälteste des Bewachungskommandos eilte herbei und salutierte vor ihm.
„Ein kleiner Zwischenfall, Capitán“, meldete er schnarrend. „Der Indio und dieser Deutsche haben versucht, einen Aufruhr anzustiften. Dabei haben sie einen unserer Kameraden fast erschlagen.“ Er deutete auf den, der von Sigmund Haberdings Ketten getroffen worden war und jetzt benommen am Boden hockte und sich den Kopf hielt.
„Das ist eine Lüge!“ brüllte Gerhard von Echten. „Der Indio wollte …“
Was er noch hinausschreien wollte, blieb ihm im Hals stecken. Zwei Soldaten sprangen auf ihn zu. Drohend richteten sie die Säbelklingen auf seinen Brustkorb.
Capitán Gutiérrez scheuchte den Dienstältesten mit einer Handbewegung zur Seite und stapfte auf von Echten zu. Haberding, der neben dem Pfahl lag, streifte er nur mit einem Blick. Den toten Indio beachtete er nicht.
„Soso“, sagte Gutiérrez mit hohntriefender Stimme. „Du Schweinehund meinst also, hier ginge es nicht gerecht zu?“
„Das ist eine verdammte Untertreibung“, entgegnete von Echten gepreßt.
Sein Gegenüber stieß ein glucksendes Lachen aus. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigte.
„Glaubst du im Ernst, daß mich deine Meinung interessiert, Alemán? Von mir aus kannst du den Krokodilen vorjammern, wie schlecht du hier behandelt wurdest. Vielleicht hören sie dir sogar eine Weile zu, ehe ihr Appetit stärker wird als ihr Interesse an deinem Lamento!“ Gutiérrez lachte abermals, und pflichtgemäß stimmten auch seine Offiziere mit ein.
„Perdón, Capitán“, meldete sich der Dienstälteste des Bewachungskommandos noch einmal zu Wort. „Was fangen wir mit diesem Mistkerl an?“ Er stieß mit der Stiefelspitze in Sigmund Haberdings Seite.
Ramón Marcelo Gutiérrez zog die Augenbrauen hoch.
„Oh, daß ich daran nicht sofort gedacht habe! Aber natürlich – sicher wird es unseren beiden deutschen Amigos leichterfallen, wenn sie gemeinsam den Krokodilen ins Maul schauen dürfen. Es ist zwar ein unverdienter Vorzug für die Alemanes, aber wir wollen gnädig mit ihnen sein.“ Er drehte sich zu den Männern um, deren Brustpanzer und Helme in der frühen Morgenstunde noch blank geputzt und ohne ein Staubkorn waren. „Packt sie jetzt! Ich will nicht zuviel Zeit mit ihnen verschwenden, bevor ich mich an den Frühstückstisch setze. Es wäre wahrhaft unverzeihlich, sich deswegen einen knurrenden Magen einzuhandeln.“
Die Soldaten beeilten sich, den Befehl ihres Capitán auszuführen. Vier Mann lösten die Fesseln, mit denen Gerhard von Echten an dem Pfahl festgebunden war. Dann schleiften sie ihn hinüber auf die Bohlenbrücke, wo inzwischen die restlichen Soldaten sowie die Offiziere und Capitán Gutiérrez Aufstellung genommen hatten. Nur zwei Mann waren nötig, um den noch halb bewußtlosen Sigmund Haberding herbeizuschleifen.
Sie lehnten die beiden Deutschen mit den Rücken gegen das Brückengeländer, so daß von Echten und Haberding den Capitán ansehen mußten. Die stoßbereiten Säbel der Soldaten zerstörten jede Hoffnung auf eine Rettung in letzter Minute.
Gutiérrez trat zwei Schritte vor, blieb breitbeinig stehen und legte die Hände auf den Rücken. Aus kalten kleinen Augen fixierte er die beiden Todgeweihten.
„Sehr schön“, sagte er zischend, „wir wollen kein langes Theater veranstalten. Aufgrund des hier geltenden Kriegsrechts verurteile ich euch beide zum Tode. Das Urteil wird sofort vollstreckt. Und zwar von mir. Ihr könnt beten, wenn ihr wollt.“
„Fahr zur Hölle, Spanier“, sagte Gerhard von Echten kalt.
Ein Grinsen kerbte sich in die Mundwinkel des Festungskommandanten.
„Das ist alles?“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst. Und du?“ Er blickte Haberding an.
Dieser spie dem Capitán vor die Füße. „Das war ebenfalls alles, du Kröte!“
Gutiérrez’ Augen wurden schmal. Deutlich war zu erkennen, wie sich seine Muskeln anspannten.
„Zur Seite!“ herrschte er die Soldaten an, die die Delinquenten in Schach hielten.
Gutiérrez setzte sich ruckartig in Bewegung, hob die Arme und ballte die Hände zu Fäusten. Nur ein kurzer Stoß war erforderlich, um die beiden Wehrlosen in die Tiefe zu den Alligatoren und Kaimans zu befördern.
Der Capitán schaffte nur einen halben Schritt.
Brüllender Donner zerriß die morgendliche Stille. Der rollende Nachhall schien nicht enden zu wollen.
Ramón Marcelo Gutiérrez erstarrte mitten in der Bewegung. Einen Atemzug lang stand er wie gelähmt.
7.
Der Wind wehte mäßig aus Westnordwest, doch er reichte der „Isabella“ für die geringe Fahrt, die dem dichten Nebel angemessen war. Sie waren an der Pfahlbausiedlung vorbeigeschlichen und hätten den Indios buchstäblich in die Kochtöpfe spukken können.
Als sich die erste Galeere aus den milchiggrauen Schwaden herausschälte, ließ Ben Brighton beidrehen. Das Steuerruder wirbelte unter Pete Ballies mächtigen Fäusten, und das Heck der schlanken Galeone schwenkte durch den Wind. Ben Brightons Feuerbefehl folgte zwei Sekunden später.
Alle Mann waren an den Culverinen an Backbord eingesetzt. Al Conroy, der schwarzhaarige Stückmeister, führte das Kommando. Ruhig wartete er den richtigen Augenblick ab, bis die momentane Krängung der Galeone nachließ.
Auch die zweite der an den Piers liegenden Galeeren wurde nun erkennbar. Keine Menschenseele befand sich an Bord der schlanken, flach gebauten Schiffe.
„Feuer!“ gellte der Befehl des Stückmeisters.
Acht Lunten senkten sich gleichzeitig auf die Zündlöcher der schweren Geschütze. Das zischend entflammende Zündkraut ließ dünne Säulen von Pulverrauch emporsteigen. Die Männer sprangen zurück.
Wie mit einem einzigen urgewaltigen Donnerschlag entluden sich die acht Siebzehnpfünder. Grellrot zuckte das Mündungsfeuer aus den geöffneten Stückpforten. Der Rückstoß warf die Culverinen rumpelnd in die Brooktaue.
Durch die mächtige Wolke aufwallenden Pulverrauches war das Krachen und Bersten von Holz zu hören. Teile von Masten und Planken wirbelten in hohem Bogen durch die Luft.
Die Männer unter Ben Brightons und Al Conroys Kommandos stießen frenetisches Jubelgeschrei aus. Doch sofort gingen sie wieder an die Arbeit. Der Stückmeister konnte sich den Befehl zum Nachladen schenken.
Big Old Shane, der Schmied von Arwenack, hatte auf der Back Stellung bezogen. Seelenruhig griff der riesenhafte Mann mit dem wilden grauen Bart nach dem ersten Brandpfeil und legte ihn auf die Sehne seines Bogens.
Der Pfeil zog seine glühende Bahn und traf die vorderste Galeere mittschiffs. Sie bestand nur noch aus einem Chaos hellfaseriger Splitter. Die Breitseite der „Isabella“ hatte das Schanzkleid zerschmettert und das Deck einschließlich Ruderbänken und Masten kahlrasiert.
Während die Geschützbedienungen die Pulverschaufeln in die überlangen Rohre der Culverinen kippten, schoß Big Old Shane Pfeil um Pfeil ab. Die ersten Flammen züngelten auf dem Wrack und auch auf der zweiten Galeere.
In der Festung, die noch unter den Nebelschwaden verborgen lag, wurde es jetzt erst lebendig. Langgezogene Alarmschreie und heisere Befehle waren zu hören.
Ein grimmiges Lächeln spielte um die Mundwinkel Ben Brightons.
„Zwei Strich Backbord, Pete“, sagte er knapp.
„Aye, aye, Sir, zwei Strich Backbord“, wiederholte Pete Ballie und legte Ruder.
Abermals schwang das Heck der schlanken Galeone durch den Wind. Nur Großsegel und Focksegel waren gesetzt, zum Anbrassen blieb den Männern keine Zeit. Sekundenlang schlug das Tuch, doch dann stand es wieder steif unter dem eben ausreichenden Westnordwest. Auf Ostkurs, wie urspünglich, segelte die „Isabella“ in nur fünfzig Yards Entfernung vor den Galionsspornen der vertäut liegenden Galeeren entlang. Fast lautlos glitt das schlanke Schiff der Seewölfe durch den wallenden Nebel, durch den es sich unbemerkt der Festung hatte nähern können.
An Land verdichtete sich das Stimmengewirr.
Al Conroy meldete die Backbordgeschütze feuerbereit.
Aus den Galeeren schlugen jetzt höhere Flammen. Keiner von Big Old Shanes Brandpfeilen war fehlgegangen.
Ben Brighton gab das Kommando für die zweite Breitseite.
Abermals brüllten die mächtigen Geschütze der „Isabella“. Die Rohre spien Feuer und Eisen durch die Stückpforten, und diesmal legten die Siebzehnpfünderkugeln drei Galeeren in Trümmer. Wieder wirbelten Splitter und zerfetzte Planken hoch durch die Luft und erreichten in dichtem Regen auch die „Isabella“. Die Männer zogen die Köpfe ein, suchten Deckung, und dann stimmten sie von neuem heiseres Gebrüll an.
„Ar – we – nack! Ar – we – nack!“ Ihr Schlachtruf hallte über den Hafen zur Festung hin.
Im nächsten Moment schnitt ein urwelthafter Schlag ihre Stimmen ab. Aus der ersten Galeere stieß eine Stichflamme hoch in den Himmel. Unter der Wucht der Explosion wurden die Nebelschwaden zerrissen und gaben einer schwarzgrauen Wolke von Pulverrauch Platz. Die Druckwelle erreichte auch die Galeone der Seewölfe. Hätten sie nicht ohnehin noch in Deckung gelegen, wären sie umgefegt worden.
Die Explosion der Pulverkammer hatte die Galeere in zwei Teile gerissen. Bug und Heck ragten schräg aus dem flachen Hafenwasser. Im zerborstenen Holz fanden die Flammen rasche Nahrung.
„Nachladen, Sir?“ rief Al Conroy von der Kuhl.
Ben Brighton traf eine schnelle Entscheidung.
„Nein“, entgegnete er energisch. „Alle Segel setzen!“
„Aye, aye, Sir!“ Auf dem Hauptdeck flitzten die Männer los und enterten behende in den Wanten auf.
„Pete!“
„Sir?“
„Geh auf Kurs Südost.“
„Aye, aye, Sir, Kurs Südost.“
Kurz darauf lief die Galeone unter Vollzeug vor dem Wind, und das Tuch blähte sich steif und prall. Rasch gewann die „Isabella“ an Fahrt.
Keine Sekunde zu spät, wie sich im nächsten Moment zeigte. Ben Brighton hatte den richtigen Riecher gehabt.
Feuerblitze zuckten an Land auf – aus den Nebelschwaden heraus. Einen Sekundenbruchteil danach rollte der Geschützdonner der Festungsbatterien über die See.
Doch die Kugeln orgelten weit hinaus und klatschten unsichtbar im Nebel in die Fluten.
Unsichtbar war längst auch die „Isabella“ für die Geschützmannschaften auf den Palisadentürmen von Macuro. Für diesen Teil des Planes hatte der Nebel den Zweck erfüllt, den der Seewolf ihm zugedacht hatte.
Noch bevor der Donner der ersten Breitseite von der „Isabella“ verklang, stürmten der Seewolf und seine Männer los. In Minutenschnelle erreichten sie die Palisadenwand an der zum Dschungel gelegenen Seite der Festung. Zwanzig Yards rechts von ihnen befand sich einer der Batterietürme. Auf der anderen Seite, nach links, verschwammen die Palisaden im Nebel.
Noch aus dem Ansturm heraus schleuderten Ferris Tucker und Edwin Carberry die Enterhaken, die hinter den Spitzen der Palisaden sofort faßten. Dan O’Flynn, Smoky und Batuti brachten ihre Musketen in Anschlag und richteten die Mündungen auf den Batterieturm, wo die Silhouetten von Soldaten zu erkennen waren.
Hektisches Geschrei gellte mittlerweile in der Festung. Befehlsstimmen überbrüllten sich gegenseitig. Das Chaos schien perfekt.
Hasard und Johannes Lederer enterten als erste an den Tampen auf. Noch hatten die Soldaten auf dem Turm nichts bemerkt, viel zu sehr hielt sie der Geschützdonner von See her in Atem. Mit kraftvollen Klimmzügen hangelten der Seewolf und der Deutsche hoch und stützten sich dabei mit den Stiefeln am glitschigen Holz der Palisaden ab. Ihre Musketen hatten sie geschultert.
Noch bevor die beiden Männer die Spitze des Zaunes erreichten, hatten Ed Carberry und Ferris Tucker die Trickkiste aus Al Conroys Pulverkammer geschnappt und liefen damit zurück. Zwanzig Yards abseits der Palisaden öffneten sie die Kiste im Schutz eines der Werftschuppen. Eilends trafen Carberry und Tucker ihre Vorbereitungen.
Inzwischen schwangen sich der Seewolf und sein deutscher Begleiter mit einem entschlossenen Ruck über die Spitze der Palisaden.
Von außerhalb des Zaunes bellte ein Musketenschuß. Zwei weitere Schüsse folgten.
Federnd landete Hasard auf dem Boden. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie auf dem Batterieturm einer der Soldaten die Arme hochwarf, vornüberkippte und lautlos hinunterstürzte. Ein zweiter Soldat sank hinter der Brüstung des Turms in sich zusammen.
Sofort riß Hasard die eigene Muskete vom Rücken. Johannes Lederer, der neben ihm glücklich gelandet war, tat es ihm nach. Ihnen blieb vorerst keine Zeit, sich um das Geschehen in der Festung zu kümmern. Nur so viel konnten sie feststellen, daß alles wild durcheinanderhastete. Und weiter rollte der Kanonendonner von See her.
Die Geschützmannschaft auf dem Batterieturm hatte spätestens jetzt begriffen, was sich am Palisadenzaun abspielte. Silhouetten tauchten über der Brüstung auf. Zwei, nein drei Männer. Hasard und Johannes Lederer gingen in die Knie, visierten an. Oben schimmerte Waffenstahl im trüben Licht des beginnenden Tages.
Die beiden Männer feuerten fast gleichzeitig. Schreie gellten. Die Silhouetten waren hinter der Brüstung verschwunden. Hasard und Johannes Lederer warteten keine Sekunde, warfen sich herum, orientierten sich blitzschnell und stürmten los. Hinter ihnen schwangen sich Batuti und Dan O’Flynn über den Zaun und landeten mit federnden Sätzen auf dem weichen Erdboden.
Hinter einer Reihe von Maultierkarren fanden der Seewolf und der Deutsche Deckung. Batuti und Dan O’Flynn folgten ihnen. Im selben Moment, als sich auch Smoky über die Palisaden schwang, begann der Feuerzauber.
Für die Spanier mußte es den Anschein haben, als breche die Hölle los.
Zischend stachen rotglühende Linien aus der milchigen Unergründlichkeit des Nebels heraus, und grelle Kugeln schwebten in weitem Bogen auf die Festungsanlagen innerhalb der Palisaden nieder. Die Soldaten, die unter den barschen Befehlen ihrer Offiziere und Unteroffiziere wie aufgescheuchtes Wild über den Appellplatz hasteten, begriffen nicht sofort.
Im nächsten Moment erfolgten die Detonationen dicht über ihren Köpfen. Es krachte wie von Kanonenschüssen in rascher Folge. Funkenregen ergoß sich über die Männer, die vor Schreck ins Stolpern gerieten, sich zu Boden warfen und verzweifelt Deckung suchten, wo es keine gab. Auch das Gebrüll ihrer Vorgesetzten verstummte schlagartig, denn ihnen war der Schreck nicht minder heftig in die Knochen gefahren.
Unablässig fauchten die Lichtspuren, die wie glühende Ketten aussahen, aus den Nebelschwaden von außerhalb der Palisaden. Die niederschwebenden, grell leuchtenden Kugeln, die mit wummernden Schlägen explodierten, verfehlten nicht ihre demoralisierende Wirkung. Es sollte noch geraume Zeit dauern, bis die Spanier begriffen, daß dieser Feuerzauber zwar einen Höllenlärm bescherte, sonst aber keinen Schaden anrichtete.
Keiner von diesen Männern hatte jemals das Reich der Mitte gesehen, und so konnten sie nicht ahnen, daß es nichts weiter als ein harmloses „chinesisches Feuer“ war, das über ihren Köpfen mit Donnergetöse krepierte.
Die Seewölfe hatten es auf einer ihrer Reisen in den Fernen Osten kennengelernt, und Al Conroy war ein gelehriger Schüler jener Chinamänner gewesen, die auf so unglaublich kunstvolle Weise mit dem Schwarzpulver umgehen konnten.
Der Nebel hatte sich kaum merklich gelichtet. Immer noch undeutlich waren jetzt schon die Umrisse der Batterietürme und der einzelnen Gebäude innerhalb der Palisaden zu erkennen.
Eins der Geschütze beim Haupttor begann zu feuern, nachdem eine ohrenbetäubende Explosion jeglichen anderen Lärm übertönt hatte. Hasard und seine Männer meinten auch, das Triumphgebrüll von Bord der „Isabella“ gehört zu haben. Die Pulverkammer einer der Galeeren mußte in die Luft geflogen sein.
Alles hing jetzt davon ab, ob es den Spaniern gelang, die Galeeren zu bemannen. Zwar hieß es allgemein, eine gut armierte Galeone könne sich mühelos gegen ein ganzes Rudel von Galeeren durchsetzen, aber die „Isabella“ segelte mit verringerter Crew und war folglich in ihrer Beweglichkeit geschwächt. Denn sie konnten nicht gleichzeitig die Geschütze bedienen und Segelmanöver ausführen.
Nicht mehr als zwei oder drei Minuten waren vergangen, seit Hasard und seine Gefährten in die Festung eingedrungen waren. Noch immer herrschte Verwirrung bei den Spaniern. In unverminderter Folge ließen Edwin Carberry und Ferris Tukker das chinesische Feuer niederregnen. Zwar versuchten die Offiziere mit erneutem Gebrüll, für Ordnung zu sorgen, aber nach wie vor schienen die meisten der Soldaten das Gefühl zu haben, ihnen säße der Gehörnte persönlich im Nacken.
Hasard hatte sich einen raschen Überblick verschafft. Die Muskete lehnte er an einen der Karren, er brauchte sie nicht mehr. Statt dessen zog er seinen Radschloßdrehling und überprüfte mit einem raschen Blick die Ladung der sechs Läufe.
„Da drüben!“ rief er gegen den Höllenlärm an. „Das muß das Gefangenenlager sein.“
Johannes Lederer und die anderen spähten nach links in die angegebene Richtung.
Aus dem offenen Gatter eines eingezäunten Areals stürmte eine Gruppe von Offizieren, denen Mannschaften in wirrer Formation folgten. An der Spitze der Offiziere hastete ein fülliger Mensch, der an seinem Körpergewicht erheblich zu tragen hatte. Der Uniform nach mußte es sich um einen Capitán handeln, wie Hasard feststellte.
Im offenen Gatter tauchte eine weitere Gruppe von Soldaten auf. Sie waren im Begriff, das Gatter zu schließen.
„Los jetzt!“ rief der Seewolf und schnellte als erster hoch.
Johannes Lederer und die übrigen Männer der „Isabella“ folgten ihm. Im selben Augenblick erschienen auch Ed Carberry und Ferris Tucker auf der Bildfläche. Sie hatten ihren Höllenspektakel eingestellt und schwangen sich unbehelligt über die Palisaden. Die Geschützmannschaften auf den Batterietürmen waren vollauf damit beschäftigt, sinnlose Kugeln einem unsichtbaren Gegner nachzujagen.
Die Soldaten beim Gatter vergaßen ihre Aufgabe. Erschrocken wirbelten sie herum, als sie die Angreifer heranstürmen sahen. Zwei oder drei der Spanier versuchten noch, die Musketen in Anschlag zu bringen. Die anderen sahen ein, daß es dafür zu spät war.
Hasard und seine Männer drangen aus dem Schatten einer Wagenremise vor, die sich den aufgereihten Maultierkarren anschloß. Der Seewolf feuerte im Laufen. Wummernd entlud sich der Drehling in seiner Faust. Die großkalibrige Kugel fegte einen der Musketenschützen von den Füßen. Auch die beiden anderen schafften es nicht mehr, ihre Langwaffen abzufeuern. Fassungslos starrten die anderen, die mit ihren Säbeln in Abwehrposition gegangen waren, auf den schwarzhaarigen Riesen, der da wie ein Ungewitter gegen sie vordrang und eine Waffe hatte, mit der er mehrmals hintereinander feuern konnte, ohne nachladen zu müssen.
„Ar – we – nack!“ brüllte Edwin Carberry, der gemeinsam mit Ferris Tucker aufschloß, und die anderen stimmten mit ein.
„Ar – we – nack!“ schmetterte es dem kleinen Haufen der Spanier beim Gatter donnernd entgegen, und ehe die anderen bei den Baracken und auf dem Appellplatz auch nur erfassen konnten, was sich abspielte, war es bereits zu spät.
Mit der entfesselten Gewalt eines Wirbelsturms brachen die Seewölfe über die Spanier herein. Letztere hatten es weder geschafft, die Brükke hochzuziehen noch das Gatter zu schließen. Verzweifelt setzten sie sich zur Wehr.
Hasard drang als erster auf sie ein. Unbarmherzig zerschlug er die Gegenwehr eines der Männer, der sich ihm in den Weg zu stellen versuchte. Ein zweiter sank unter seinem herabsausenden Säbel zusammen, während er in der Linken den Drehling am Laufbündel gepackt hielt und Hiebe mit dem schweren Knauf der Waffe austeilte, um sich die Seite freizuhalten.
Der Seewolf erreichte die Bohlenbrücke. Hinter ihm klirrten die Säbelklingen. Doch nur noch für einen Moment.
Jäh stoppte Hasard seine Schritte, als er die beiden gefesselten Gestalten am jenseitigen Ende der Brücke erblickte. Ein Blick zur Seite ließ seinen Atem stocken. Tief unten, in schlammiger Brühe, wälzten sich die häßlichen Körper von Alligatoren und Kaimanen, und ihre schuppigen Schwänze peitschten das Wasser.
Die unüberschaubare Menge der Galeerensklaven verharrte in stummer Furcht – hilflos dem Geschehen ausgeliefert. Doch dabei sollte es nicht mehr lange bleiben, das schwor sich der Seewolf in diesem Moment voller Ingrimm.
Johannes Lederer stürmte plötzlich an ihm vorbei.
„Gerhard!“ rief er. „Sigmund! Um Himmels willen!“
Hasard drehte sich zu den anderen um.
„Bewacht das Gatter!“ Er deutete auf die reglosen Körper der Spanier. „Nehmt ihnen die Waffen ab! Wir brauchen jeden Säbel, jede Muskete und jede Pulverflasche!“
„Aye, aye, Sir!“ brüllte Edwin Carberry begeistert. „Wir ziehen den lausigen Dons die Haut in Streifen von ihren Affenärschen! Die kriegen jetzt Zunder unter dem Hintern, daß ihnen heißer wird als den Kakerlaken im Kombüsenfeuer!“
Eilends führten die Männer den Befehl des Seewolfs aus, während Ferris Tucker und Smoky seitlich am Gatter mit ihren Musketen in Stellung gingen, um für Feuerschutz zu sorgen.
Johannes Lederer kniete vor den beiden Gefesselten nieder und befreite sie mit seinem Dolch von den Stricken. Nur die Ketten konnte er ihnen nicht abnehmen, ebensowenig wie den anderen, die sich in fassungsloser Freude vor ihm gruppiert hatten.
„Meine Kameraden!“ rief Lederer dem Seewolf zu. „Gerhard von Echten und Sigmund Haberding! Und all die anderen!“
Der Geschützdonner war mittlerweile versiegt. Doch die Ruhe sollte sich als trügerisch erweisen.
Von Echten und Haberding rappelten sich auf.
„Das ist der Mann, dem wir alle unsere Rettung verdanken“, sagte Johannes Lederer mit einer Handbewegung. „Sir Hasard, den sie den Seewolf nennen. Philip Hasard Killigrew.“
Gerhard von Echten, der hochgewachsene Deutsche, trat auf Hasard zu und reichte ihm die Hand.
„Sie waren in letzter Minute zur Stelle“, sagte er in fließendem Englisch. „Ohne Ihr Eingreifen wären mein Freund und ich nicht mehr am Leben. Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet, Sir Hasard.“ Mit knappen Worten schilderte von Echten, wie Capitán Gutiérrez nach dem plötzlichen Geschützdonner in einem Anflug von Panik auf die Hinrichtung verzichtet hatte.
„Später mehr darüber“, entgegnete der Seewolf knapp. „Ich denke, uns bleibt nicht viel Zeit. Wie weit sind Ihre Männer einsatzfähig, trotz der Ketten?“
Gerhard von Echten hob mit einem entschlossenen Lachen die Handgelenke, um die noch die Ketten gewikkelt waren.
„Sehen Sie sich das an! Das ist sogar eine recht wirksame Waffe!“
Johannes Lederer war zu den übrigen Deutschen gelaufen, begrüßte sie freudestrahlend, schüttelte Hände, klopfte auf Schultern. Für die Wiedersehensstimmung blieben jedoch nur wenige Minuten. Hasard mahnte zur Eile, ließ die Waffen verteilen, die sie den getöteten Spaniern abgenommen hatten.
Eine Gruppe von Indios lief auf den Seewolf zu, und einer von ihnen, stämmig gebaut, war der Wortführer. Auch er hatte sich die Ketten um die Gelenke gewickelt.
„Gracias, Señor“, sagte er in kehligem Spanisch, „wir danken Ihnen für unser Leben. Und wir werden ohne Angst um unser Leben an Ihrer Seite kämpfen.“
Hasard nickte und lächelte kaum merklich.
„Noch habt ihr nur eure Fäuste und eure Ketten!“ rief er. „Aber das soll sich schnell ändern. Als erstes werden wir die Waffenkammer stürmen.“
Für einen weiteren Wortwechsel blieb keine Zeit. Hasards Vermutung, daß sie sehr bald in Bedrängnis geraten würden, bestätigte sich. Vom Gatter her ertönten die Warnrufe der Männer von der „Isabella“. Inzwischen waren dort auch jene Deutschen in Stellung gegangen, die die Waffen der toten Spanier übernommen hatten.
Mit einem energischen Handzeichen beorderte der Seewolf die Indios zurück, die sich ebenfalls zur Verteidigung an die Brücke begeben wollten. Es wäre Selbstmord gewesen. Widerstrebend gehorchten sie.
Hasard folgte Johannes Lederer und den anderen, die über die Bohlenbrükke hasteten. Die Seewölfe hatten das Gatter geschlossen und Musketen und Pistolen in Anschlag gebracht. Im Schutz der Einzäunung waren die Deutschen noch damit beschäftigt, die Beutewaffen zu laden. Hasard schob sich zwischen seine Männer und lud die leergeschossenen Läufe seines Drehlings mit geschickten Handgriffen nach.
„Seht sie euch an, die Kanalratten!“ grollte Edwin Carberry. „Glauben diese Stinte etwa, sie könnten hier ein Scheibenschießen veranstalten, was, wie?“
„Zieh bloß den Kopf ein“, sagte Ferris Tucker grinsend, „mit deiner großen Klappe bist du sonst die beste Zielscheibe.“
Der Profos ruckte herum.
„Was soll denn das schon wieder heißen? Mister Tucker, ich warne dich. Wenn du mich verscheißern willst, werde ich dir eigenhändig …“
„… die Haut in Streifen von deinem Affenarsch ziehen!“ fielen die anderen im Chor ein.
Gerhard von Echten und seine Männer wechselten erstaunte Blikke. Doch sie verstanden sehr wohl, mit welch einer hartgesottenen Sorte von Rauhbeinen sie es hier zu tun hatten. Und ebenso erklärte dies, weshalb es den Seewölfen überhaupt gelungen war, in die Festung einzudringen. Das waren Kerle, die Tod und Teufel nicht fürchteten und garantiert schon manches Mal mitten in die Hölle gesegelt waren, um den Leibhaftigen am Schwanz zu ziehen.
Auf dem Appellplatz, außer Schußweite noch, hatten sich inzwischen etwa fünfzig Spanier formiert. Ein Teniente stand wenige Schritte abseits und schrie seine Ordnung in die Dreierreihe. Weiter entfernt war ein Trupp von noch einmal fünfzig Soldaten auf dem Marsch in Richtung Festungstor.
„Vorwärts, marsch!“ ertönte der schneidende Befehl des Teniente.
Regungslos, die Waffen schußbereit, verfolgten die Seewölfe und ihre deutschen Kampfgefährten das Schauspiel.
Im Gleichschritt setzte sich die Dreierreihe der Spanier in Bewegung, auf die Einzäunung des Gefangenenlagers zu. Rasch schmolz die Entfernung zusammen. Sechzig Yards, dann nur noch fünfzig Yards …
„Ferris, auf was wartest du noch!“ zischte der Seewolf.
Der rothaarige Schiffszimmermann sah Hasard zweifelnd an.
„Soll ich wirklich? Ich meine, sie haben doch keine Chance, wenn ich …“
„Und wir haben keine andere Wahl“, fiel ihm Hasard ins Wort. „Wenn wir uns nicht augenblicklich die Waffenkammer unter den Nagel reißen, können wir einpacken.“
Ferris Tucker nickte, sagte nichts mehr. Er lehnte seine Muskete an das Gatter und griff in einen großen Segeltuchbeutel, den er am Gürtel trug. Zum Vorschein brachte er eine Flasche, die mit Pulver, Nägeln und gehacktem Blei gefüllt war. Aus dem Korken, der die Flasche hermetisch verschloß, ragte eine Lunte.
In vierzig Yards Entfernung stoppte ein schneidender Befehl das Teniente die Reihenformation der Spanier.
Ferris Tucker biß die Lunte der Höllenflasche ab, so daß sie nur noch um Fingernagelbreite über den Korken hinausragte. Mit zwei Flinten schlug er geschickt Funken und schaffte es im Handumdrehen, die Lunte zu entfachen.
Die vorderste Reihe der Spanier kniete nieder. Mit einer gutgeübten Synchronbewegung brachten sie die Musketen in Anschlag.
„Erste Reihe, Feuer!“ schrie der Teniente.
„Deckung!“ brüllte der Seewolf. Augenblicklich lagen er und seine Männer flach.
Auf einen Schlag zuckten die Mündungsblitze aus den Musketenläufen der Spanier. Die Schüsse vereinten sich zu einem einzigen weithallenden Krachen. Gefährlich nahe orgelten Kugeln über die Verteidiger hinter dem Gatter weg. Berstend und splitternd hackte Blei auch in die Einzäunung links und rechts vom Gatter.
Besorgt drehte Hasard sich um. Aber zum Glück hatten die Indios reagiert und sich ebenfalls zu Boden geworfen.
Blitzartig sprang Ferris Tucker auf. Mit aller Kraft schleuderte er die Höllenflasche.
„Zweite Reihe …“ schrie der Teniente.
Weiter gelangte er nicht.
Der Seewolf feuerte als erster, und sofort bellten auch die Musketen seiner Gefährten. Für die Distanz von vierzig Yards reichte die überdosierte Pulverladung seines Drehlings mühelos.
Schreie gellten bei den Spaniern, und ihre Reihen lichteten sich.
„Zweite Reihe, Feuer!“ schrie der Teniente mit sich überschlagender Stimme, während er sich verzweifelt zu Boden warf. Keiner von ihnen achtete auf die Flasche, die ihnen mit glimmender Lunte und dünner kleiner Rauchfahne entgegenrollte.
Immer noch feuerten die Seewölfe und die Deutschen. Nur vereinzelt schafften es die Spanier, mit Musketenschüssen zu antworten.
Der Feuerblitz der Detonation löschte alles aus. Schreie gellten markerschütternd, menschliche Körper wirbelten durcheinander. Diejenigen, die es überstanden hatten, warfen sich herum und ergriffen panikartig die Flucht. Kugeln folgten ihnen vom Gatter her, streckten drei, vier von ihnen nieder. Der Teniente brüllte nicht mehr. Reglos lag er dort, wo er sich zu Boden geworfen hatte.
Hasard schnellte hoch, stieß die Rechte mit dem Drehling in die Luft. Halb wandte er sich dabei auch zu den Indios um.
„Vorwärts!“
Die Männer stießen das Gatter auf und stürmten in weit auseinandergezogener Front los. Auch die Indios setzten sich in Bewegung. Alle hatten sich die Ketten um die Gelenke gewickelt, und zu Hunderten quollen sie über die Brükke. Ihr Freudengeschrei tönte weit über die Festung hinaus.
Der Seewolf und seine Gefährten orientierten sich rasch. In einem der Stabsgebäude am Ende des großen Platzes mußten sich die Waffenkammer und auch die Pulverkammer befinden. Da war niemand mehr, der sich ihnen jetzt noch in den Weg stellte. Es gab nur eine denkbare Erklärung dafür. Die restlichen Soldaten waren abgezogen worden, um die Galeeren zu bemannen – oder zumindest eine. Offenbar rechnete der Festungskommandant mit der größeren Gefahr von See her.
Es gab einen weiteren Grund, den weder Hasard noch die anderen einkalkuliert hatten. Capitán Gutiérrez hatte alle sonstigen noch verfügbaren Kräfte auf die Batterietürme gescheucht.
Das wurde den Seewölfen und den befreiten Ruderknechten jäh deutlich, als von der Landseite der Festung Geschützdonner herüberhallte. Das Orgeln der Kugel war zu hören, und der darauffolgende Einschlag ließ das Freudengeschrei der Indios in blankes Entsetzensgeheul übergehen.
Die Kugel war in den Graben vor dem Gefangenenlager gerast. Dreck und Schlamm spritzten hoch, vermischt mit den zerfetzten Leibern von Alligatoren und Kaimanen.
Hasard wich zur Seite und verlangsamte seine Schritte. Die ersten seiner Männer hatten bereits den Schutz der Gebäude erreicht.
„Schneller!“ brüllte er den Indios zu. „Dort hinüber!“ Er deutete auf die Baracken, hinter deren Bohlenwänden sie wenigstens fürs erste einigermaßen sicher sein würden.
Die Indios flohen panikartig, als die nächste Kanonenkugel heranheulte. Die Brücke erwies sich als Nadelöhr. Diesmal lag der Einschlag im Gefangenenlager. Hasard schloß die Augen, als er die markerschütternden Schreie hörte. Er wußte nicht, wie viele der Indios sich noch dort hinter der Einzäunung befanden.
Aber die übrigen schafften es, sich rechtzeitig vor dem nächsten Schuß in Sicherheit zu bringen.
Hasard winkte Gerhard von Echten und die Männer von der „Isabella“ zu sich heran.
„Übernehmen Sie die Waffenkammer“, forderte er den Deutschen auf. „Verteilen Sie alles, was Sie finden, an die Männer.“
Von Echten nickte nur, wirbelte herum und war in der nächsten Sekunde in der Riesenschar der Gefangenen untergetaucht.
Abermals orgelte eine Kanonenkugel über die Köpfe der Männer weg. Reaktionsschnell warfen sie sich zu Boden.
Der Einschlag riß einen Krater in die Mitte des Appellplatzes.
„Batuti!“ rief der Seewolf. „Schieß das Signal!“
Während sie sich wieder aufrappelten, zog der schwarze Herkules einen besonders präparierten Pfeil aus dem Lederköcher. Eine Lunte hing von der verdickten Spitze herab. Mit seinen Flinten setzte Ferris Tucker sie in Brand, und dann legte Batuti den Pfeil auf die Bogensehne und schoß ihn steil in die Luft, zum Meer hin.
Hasard war sich indessen darüber im klaren, daß sie keine Zeit mehr zu verlieren hatten. Die Batterietürme, deren Geschütze auf das Innere der Festung gerichtet worden waren, bildeten jetzt die größte Gefahr für sie.
„Ferris!“ rief er. „Wie viele Höllenflaschen hast du noch?“
„Fünf, Sir.“
„Dann los!“
Geduckt hasteten sie auf die Unterkunftsbaracken zu und drangen in deren Schutz vor.
8.
Gleich nachdem sie im Nebel verschwunden waren, hatte Ben Brighton den Kurs ändern und die „Isabella“ in langen Schlägen gegen den Wind kreuzen lassen. Dann waren sie erneut auf Ostkurs gegangen und näherten sich nun abermals dem Hafen von Macuro aus der ursprünglichen Richtung.
„Deck!“ schrie Bill, der Moses, aus dem Großmars. „Leuchtkugel an Backbord!“
Die Köpfe der Männer ruckten herum. Deutlich sahen sie den hellroten Feuerball, der hoch am Himmel zerplatzte und einen Funkenregen niederschweben ließ. Es war das vereinbarte Zeichen.
Längst war die Galeone klar zum Gefecht. Murrend zwar, doch letztlich folgsam, hatten sich die Zwillinge ins Mannschaftslogis verzogen, nachdem sie Sand ausgestreut sowie Kohlenbecken und Pützen mit Wasser aufgestellt hatten. Und wieder standen die Geschützmannschaften unter Al Conroys Kommando an Backbord bereit.
Unvermittelt tauchten die zerschossenen Galeeren aus dem Dunst auf. Nach dem ersten Angriff war die Sicht merklich besser geworden. In der Pfahlbausiedlung regte sich keine Menschenseele. Die Indios mußten die Flucht in den Dschungel ergriffen haben. Unter dem leicht zunehmenden Wind begann der Nebel sich mehr und mehr zu verflüchtigen.
Auch die Festungspalisaden von Macuro wurden jetzt sichtbar.
„Drei Strich Steuerbord!“ befahl Ben Brighton reaktionsschnell. „Backbordgeschütze klar zum Feuern!“
Pete Ballie ließ das Steuerruder wirbeln, und der Bug der „Isabella“ schwenkte nach Südosten.
Bevor die Festungsbatterien auch nur eine Chance hatten, das Ziel zu erfassen und sich darauf einzurichten, gab der Erste Offizier der „Isabella“ den Feuerbefehl. Jetzt zeigte sich der unschätzbare Vorteil, den die überlangen Rohre der Culverinen an Bord der Galeone boten. Gegen die Reichweite dieser Geschütze war kein Kraut gewachsen.
Yardlange Feuerblitze zuckten aus den Stückpforten, hart krängte die „Isabella“ unter dem Rückstoß nach Steuerbord. Der Donner der Culverinen rollte gegen die Festung an, mit verheerender Gewalt raste die volle Backbord-Breitseite auf die Palisaden zu.
Schreie gellten, noch bevor die Siebzehnpfünderkugeln das Palisadenholz in Trümmer legten. Berstend und krachend flogen die Palisaden unter den Einschlägen auseinander. Die Batterietürme sanken mit ihrer schweren Geschützlast in sich zusammen wie unter wegknickenden Getreidehalmen. Planken und Bohlen wirbelten durch die Luft und begruben die Soldaten unter sich. Innerhalb von Sekunden bestand die vordere Festungsmauer nur noch aus zerfetzten Fragmenten.
Während der Pulverrauch sich lichtete, stimmten die Männer auf der „Isabella“ ihr Triumphgebrüll an.
„Ar – we – nack!“ hallte abermals der Schlachtruf, dessen rollender Takt an den Marschtritt eines herannahenden Heeres erinnerte.
„Deck!“ gellte von neuem Bills Stimme aus dem Großmars. „Galeere Backbord voraus!“
Noch während er die letzte Silbe hervorstieß, erfolgte ein dumpfer Schlag, dann das unverkennbare Orgeln eines herannahenden Geschosses. Klatschend fuhr es durch das Vormarssegel der Galeone und riß an Steuerbord eine hohe Fontäne aus den Fluten.
Al Conroy reagierte blitzschnell. Mit wenigen Sätzen war er auf der Back. Die Drehbasse an Backbord war bereits geladen, wie alle anderen der Hinterladergeschütze in den schwenkbaren Gabellafetten.
Wie Ben Brighton, der auf dem Achterkastell nach Backbord geeilt war, erfaßte auch der Stückmeister die Situation blitzschnell.
Die Prunkgaleere des Festungskommandanten war mit Soldaten als Ruderern bemannt worden und löste sich von der Pier. Auf der Plattform am Bug war die Geschützmannschaft im Begriff, den schweren Mörser für den zweiten Schuß zu laden. Da nicht einmal die Hälfte der Ruderbänke besetzt war, lief die Galeere nur langsame Fahrt.
Al Conroy schätzte die Entfernung auf neunzig bis hundert Yards. Ruhig visierte er an, nachdem er die Lunte ins Zündloch der Drehbasse geschoben hatte.
Im selben Moment ging Ben Brighton aufs Ganze.
„Geh auf Ostkurs, Pete!“
„Aye, aye, Sir.“ Der Rudergänger begriff sofort. Trotz des zerrissenen Vormarssegels hatte sich die Fahrt der schlanken Galeone noch nicht verringert.
Al Conroy glich den beginnenden Kurswechsel aus. Brüllend entlud sich die Drehbasse und spie ihren tödlichen Hagel aus gehacktem Blei aus.
Als der Pulverrauch verflog, war die Plattform am Bug der Galeere wie leergefegt. Nur der Mörser stand einsam und verlassen da. Schreie gellten im nächsten Moment, doch das Entsetzen, das aus ihnen klang, galt nicht dem Meisterschuß Al Conroys.
Groß und drohend rauschte der Bug der „Isabella“ auf das Vorschiff der Prunkgaleere zu. Viel zu spät erhielt die zahlenschwache Rudermannschaft den Befehl zum Streichen. Panikartig sprangen die ersten Ruderer auf, als der Schatten der heranrauschenden Galeone auf sie fiel. Befehle, die unter dem Sonnendach hervorgellten, wurden nicht mehr befolgt.
Rasend schnell verringerte sich die Distanz.
Mit ohrenbetäubendem Krachen bohrte sich der Bug der „Isabella“ in das prachtvoll verzierte Vorschiff der Galeere. Für einen Moment hob sich der Bug der Galeone. In einem Meer von Trümmern versank auch der schwere Mörser.
Die Soldaten, einschließlich der Offiziere, sprangen in wilder Flucht über Bord und retteten sich schwimmend an Land.
Ben Brighton ließ beidrehen. Zurück blieb das Wrack der „Virgen de Murcia“, deren reichgeschmücktes Heck jetzt schräg emporragte.
Aus der Festung wehten noch immer Schüsse und Detonationen herüber. Besorgnis überschattete die Gesichtszüge Ben Brightons. Er durfte den Männern an Land nicht zu Hilfe eilen, denn noch war die Lage zu unklar, um die „Isabella“ schutzlos vor Anker zu legen.
Insgesamt drei Batterietürme gab es an der landeinwärts gelegenen Palisadenwand der Festung. Bevor die Mannschaften die Geschütze zum nächsten Schuß klarieren konnten, waren Hasard und seine Männer heran. Smoky und Ferris Tucker gaben Feuerschutz mit ihren Musketen. Mit Höllenflaschen, deren Lunten bereits glimmten, jagten der Seewolf, Ed Carberry und Dan O’Flynn auf die Türme zu. Batuti stand seelenruhig an der Ecke einer Barakke und feuerte seine Pfeile auf die Türme ab. Die Mannschaften waren gezwungen, in Deckung zu gehen.
Alles Weitere spielte sich in Minutenschnelle ab. Hasard und die beiden anderen schleuderten ihre Höllenflaschen aus geringer Entfernung nach oben. Dann warfen sie sich herum und hasteten zurück.
Beinahe gleichzeitig erfolgten die Detonationen. Trümmer wirbelten durch die Luft, und die mächtigen Kanonen schlugen hart auf dem Boden auf.
Stille kehrte ein.
Der Seewolf und seine Männer vergewisserten sich rasch, daß die Festungstürme an den Längsseiten der Palisaden nicht besetzt waren. Dann eilten sie zurück über den Appellplatz, wo die meisten Indios schon bewaffnet waren und unter dem Kommando der Deutschen auszuschwärmen begannen. Gerhard von Echten und seine Freunde waren noch in den Gebäuden beschäftigt.
Durch die zerfetzte Palisadenfront der Festung eilten die Männer von der „Isabella“ zum Hafen hinunter. Grenzenlose Erleichterung befiel sie, als sie die Szenerie vor sich sahen. Hier gab es keine Probleme mehr. Ben Brighton und die anderen hatten ganze Arbeit geleistet.
Erst beim zweiten Hinsehen erblickten Hasard und seine Männer die Gestalten, die aus dem seichten Uferwasser an Land krochen. Und die Seewölfe waren rechtzeitig genug zur Stelle, um die Spanier in Empfang zu nehmen. Die triefendnassen Männer unter Capitán Ramón Marcelo Gutiérrez leisteten keinen Widerstand mehr. Es gab keinen Gedanken daran angesichts der drohenden Waffen, die sich ihnen entgegenrichteten. Überdies saß ihnen der Schock der gerade erlittenen Niederlage noch in den Knochen.
Den beleibten Festungskommandanten übernahm der Seewolf persönlich. Gutiérrez war ein schlotterndes Abbild seiner selbst. Er konnte den hünenhaften Engländer nur anstieren und brachte kein Wort des Protestes hervor, als Hasard ihn mit einem Schwenker seines Drehlings aufforderte, loszutraben.
Frenetischer Jubel der Indios empfing ihn und die anderen, als sie die Spanier über die heruntergelassene Bohlenbrücke in das ehemalige Gefangenenlager trieben. Von allen Seiten erschienen jetzt Gruppen bewaffneter Indios, die versprengte Spanier aufgegriffen hatten und dem Beispiel der Seewölfe folgten. Im Handumdrehen befand sich die überlebende Schar der Soldaten unter Capitán Gutiérrez in jenem Lager, in dem sie zuvor die Rudersklaven wie Tiere hatten vegetieren lassen.
„Ihr werdet eine Weile hier ausharren müssen“, erklärte Hasard, „und denkt daran, daß in eurem schönen Graben noch genügend Alligatoren am Leben geblieben sind.“
Er wandte sich ab. Sie zogen die Brücke hoch und schlossen das Gatter. Irgendwann würden die spanischen Galeonen erscheinen, die den Silbervorrat abzutransportieren hatten. Bis dahin mußten sich Gutiérrez und seine Leute gedulden. Schon jetzt stand fest, daß es härter für sie werden würde als eine gnädige Kugel.
Als Hasard und seine Männer auf den Appellplatz zurückkehrten, waren die Deutschen unter Gerhard von Echtens Kommando damit beschäftigt, metallbeschlagene Kisten aus einer der Baracken ins Freie zu transportieren.
Von Echten erblickte den Seewolf und trat auf ihn zu. Mit einer ausladenden Handbewegung deutete der hochgewachsene Deutsche auf die inzwischen gestapelten Kisten.
„Ich hoffe, Sie haben einen ausreichend großen Laderaum, Sir Hasard.“ Er warf einen Blick über die zerborstene Festungsfront. Vor dem Hafen ankerte die „Isabella“. „Wir sollten keine Zeit verlieren und das Silber gleich an Bord mannen lassen. Es steht Ihnen zu.“
Hasard schüttelte energisch den Kopf.
„Abgelehnt. Das Silber gehört Ihnen, denn Sie wurden von den Spaniern um die Ausübung Ihres Rechts betrogen. Ich werde die Kisten zwar an Bord nehmen, aber nur bis zu Ihrem Stützpunkt, wo ich Sie und Ihre Männer absetzen werde.“
„Ich sehe schon“, Gerhard von Echten seufzte, „das wird eine schwierige Verhandlung. Versuchen wir es so: Ich nehme Ihren Vorschlag teilweise an. Allerdings nur unter einer Bedingung. Wir schließen einen Vertrag, den ich als Bevollmächtigter des Augsburger Bankhauses unterzeichne. Darin wird der britischen Krone die Hälfte des erbeuteten Silbers überschrieben. Die Auslieferung erfolgt in London, und zwar bei der Rückreise unseres nächsten Schiffes nach Europa.“
Hasard willigte ein, denn er begriff, daß von Echten niemals die gesamte Beute für sich allein akzeptieren würde.
Mit Hilfe der Indios brauchten sie nur wenig mehr als eine Stunde, um die insgesamt achtzig Kisten an Bord zu mannen. Während dieser Arbeit waren Ferris Tucker und mehrere Helfer unablässig damit beschäftigt, alle ehemaligen Galeerensklaven mit kräftigen Hammerschlägen von ihren Ketten zu befreien.
Und die Freiheit war das Geschenk für die Indios, die zu Hunderten am Strand ausharrten und mit leuchtenden Augen die Galeone verfolgten, bis ihre Segel über der östlichen Kimm verschwunden waren …

1.
Die „Novara“ begann am späten Nachmittag eines Donnerstags im April 1591 aus dem Ruder zu laufen und zu sinken, etwa so, als griffen die Klauen von Tiefseeungeheuern nach ihrem Rumpf, um sie mit Mann und Maus in die Schwärze und Erbarmungslosigkeit gähnender, alles zermalmender Schlünde zu zerren.
Der Beginn des Unglücks fiel zeitlich fast haargenau mit der Entdekkung einer ebenso rätselhaften wie unheimlichen Erscheinung zusammen. Dabei handelte es sich jedoch keineswegs – wie es anfangs den Anschein haben mochte – um einen Zufall.
Der Ausguck im Großmars der wuchtig gebauten, etwas schwer zu manövrierenden Dreimast-Galeone aus Genua hatte im Westen, dort, wo die Korallenriffe der Insel Martinique liegen mußten, im Wasser einen Trichter von beängstigenden Ausmaßen gesichtet, einen Strudel, der nach Meinung von Kapitän Fosco Sampiero nur durch das Aufeinandertreffen widriger Meeresströmungen entstanden sein konnte.
Die „Novara“ segelte mit Backstagsbrise aus Nordosten auf westlichem Kurs, über Backbordbug liegend also, auf den Dominica-Kanal zu, der Martinique von der weiter nördlich liegenden Insel Dominica trennte. Das Ziel des Schiffs war Neuspanien, wo der größte Teil der Besatzung abmustern und an Land gehen würde, um eine neue, vielverheißende Existenz aufzubauen und auf die Suche nach Bodenschätzen zu gehen.
Weder Sampiero noch seine Offiziere teilten die allzu optimistischen Vorstellungen und Zukunftspläne dieser Menschen, doch es lag ihnen fern, die Emigranten ihrer Träume zu berauben.
Die „Novara“ war ein Auswanderschiff mit einer Art „Zufallsbesatzung“, einem bunt zusammengewürfelten Haufen von Männern, die die Bezahlung für die Überfahrt dadurch ableisteten, daß sie den schweren Decksdienst versahen. Sampiero hatte vor dem Auslaufen aus Genua ein ganz klares Abkommen mit ihnen getroffen, doch nicht in allen Punkten war diese Vereinbarung von der Mannschaft respektiert worden.
Es gärte an Bord der „Novara“, doch wie stark, wurde Sampiero und den anderen Achterdecksleuten erst vollends bewußt, als es bereits zu spät für entsprechende Gegenmaßnahmen war.
Sampiero und der Steuermann richteten zu diesem Zeitpunkt ihr Augenmerk zum einen auf die vor ihnen liegende Passage und zum anderen auf den Sog, den sie auf jeden Fall in einem weiten Bogen zu umsteuern gedachten. Sampiero, ein großer und kräftiger Mann mit schütterem dunkelblondem Haar, dachte voll Unbehagen daran, was geschehen mochte, wenn ein Segelschiff in solch einen Strudel geriet.
Erst der Ruf des Rudergängers alarmierte den Kapitän und den Steuermann und dann auch den Ersten und den Zweiten Offizier sowie den Bootsmann.
„Signor Capitano!“ schrie der Mann. „Das Ruder gehorcht nicht mehr! Hier – sehen Sie doch!“ Heftig bewegte er den Kolderstock hin und her, der zu einem nutzlosen Knüppel in seinen derben Händen geworden zu sein schien.
Fosco Sampiero und die Offiziere fuhren entsetzt zu ihm herum.
Der Profos an Bord eines Schiffes ist nicht nur der Zuchtmeister, der die Mannschaft notfalls mit dem Stock oder mit der Neunschwänzigen zur Ordnung ruft. Er ist auch der Vertrauensmann des Kapitäns und aller Achterdecksleute, der die Bordgesetze strengstens zu wahren hat, und der Crew die Einhaltung der Disziplin vorbildlich vorexerzieren sollte.
Roi Lodovisi, der Profos der „Novara“, hatte auf der Überfahrt von Genua zur Karibik all dies nur vorgetäuscht, in Wirklichkeit war er ein geborener Intrigant und Aufwiegler, der nur den einen Zweck verfolgte: die „Novara“ an sich zu reißen.
Kapitän Sampiero hatte Lodovisi jedoch eines Nachts dabei ertappt, wie dieser zu den Männern des Vordecks gesprochen hatte. Ganz überraschend war der Kapitän vorm Großmast aufgetaucht, und das wichtigste von dem, was der Profos gesagt hatte, hatte er mitgehört, obwohl Lodovisi das Gespräch sofort auf ein anderes Thema gebracht hatte.
Seitdem hatte Sampiero, der kaum ein Wort über die Angelegenheit verloren hatte, stets ein waches Auge auf seinen Profos gehabt – und Lodovisi hatte gewußt, daß er die Galeone auch durch einen kühnen Handstreich nicht in seinen Besitz bringen würde. Sampiero war gewarnt.
Da Lodovisi überdies sicher war, daß ihn der Kapitän in Nombre de Dios, ihrem Zielhafen, ohne Heuer davonjagen würde, hatte er beschlossen, sich für die Enthüllung seiner geheimen Pläne zu rächen und die „Novara“ zu versenken.
Acht Kerle hatte er auf seine Seite ziehen können, nicht genug für eine Meuterei, aber immerhin eine ausreichende Zahl für das Unternehmen, das jetzt seinen Lauf nahm.
Corrado Prevost und Mario Zorzo waren die übelsten Galgenstricke aus dieser Gruppe, und auch sie hatten wie der Profos allergrößtes Interesse daran, zum einen niemals in Nombre de Dios anzukommen und zum anderen dem Kapitän und seinen Getreuen einen mörderischen Streich zu spielen.
Emilio Venturi, der Erste Offizier, hatte Prevost und Zorzo vor einer Woche in einer lauen, scheinbar friedlichen Nacht dabei erwischt, wie sie ins Achterkastell eingedrungen waren. Allein das war für alle Decksleute ein strafbares Vergehen. Aber mehr noch, Prevost und Zorzo hatten sich bereits vor der Tür zur Kammer der Offiziersfrauen Tosca Venturi und Ivana Gori – der Frau des Zweiten – befunden. Zweifellos hatten sie in die Kammer eindringen wollen. Obwohl sie es anschließend mit einer Menge Ausreden bestritten hatten, war es auch Sampiero klar, daß der Sachverhalt nur eine Deutung zuließ.
Er hatte Bordgericht über die beiden gehalten und beschlossen, sie auspeitschen zu lassen. Diese Strafe wurde jedoch bis Nombre de Dios aufgespart, wo das zwischenzeitliche Verhalten von Prevost und Zorzo an Bord der „Novara“ endgültig entscheiden sollte, wie viele Hiebe sie erhielten. Danach sollten sie den spanischen Befehlshabern mit dem Hinweis, es handle sich um „gefährliche Individuen“, übergeben werden, und die Spanier würden sicherlich nicht zögern, sie gleich wieder mit dem nächsten Schiff zurück nach Europa zu schicken.
So gesehen, hatte Kapitän Fosco Sampiero noch ein sehr menschliches Urteil gefällt. Doch Prevost und Zorzo hatten es ihm auf schlechte Weise gedankt: Corrado Prevost hatte sich mit zwei anderen Verschwörern hinunter in den Frachtraum begeben, wo Fässer mit weißem Pinot aus Ligurien und rotem Chianti aus der Toskana, Kisten mit Werkzeug und anderes Ladegut für Neuspanien festgezurrt waren. Hier hatten sie mit Brustleier, Handsäge, Dechsel, Schlegel und Kalfateisen mehrere Lecks in die Bordwände getrieben, ohne dabei allzuviel Geräusch zu verursachen.
Zorzo war unterdessen mit zwei Helfern in die unteren Decks des Achterschiffs vorgedrungen. Sie hatten die Ruderanlage beschädigt, indem sie den großen Balken, der die Pinne mit dem Kolderstock verband, durchgesägt hatten.
Lodovisi und die übrigen zwei Mitglieder der Bande hatten derweil an Oberdeck ihren Dienst versehen und aufgepaßt, daß niemand ihre Kumpane bei der Sabotage störte. Lodovisi hatte sich eine Reihe von Ablenkungsmanövern einfallen lassen, die er bei drohender Gefahr vom Achterdeck anwenden wollte, doch keins davon brauchte er zum Einsatz zu bringen. Sampiero und seine Offiziere waren viel zu sehr mit der Beobachtung der Passage und des Strudels beschäftigt. Erst der Ruf des Rudergängers schreckte sie auf.
Lodovisi verkniff sich ein schadenfrohes Grinsen. Er tat vielmehr auch so, als sei er erschrocken. Deutlich genug schallten die Worte des Rudergängers über das Hauptdeck.
Die „Novara“ lief aus dem Ruder und trieb vor dem Nordostwind genau auf den Sog und die Korallenriffe vor Martinique zu. So hatte Roi Lodovisi es gewollt, so hatte er es berechnet, und aus diesem Grund hatte er seine Kerle in den Schiffsbauch hinuntergeschickt, als der Ausguck zuerst die Insel und dann den Trichter entdeckt hatte.
Es funktioniert hervorragend, dachte Lodovisi, während alles auf dem Hauptdeck zusammenlief, aber für uns wird es jetzt höchste Zeit, den elenden Kahn zu verlassen.
Er blickte zu Sampiero und sah, wie dieser den Steuermann, den Bootsmann und den Zimmermann losschickte, damit sie nach dem Rechten sahen.
Hoffentlich halten sich Prevost, Zorzo und die anderen genau an die Anweisungen, dachte Lodovisi. Sie dürfen auf keinen Fall den Kopf verlieren und zu früh abhauen, sonst werden die Lecks vorzeitig entdeckt und vielleicht noch gestopft.
Er betete zur Hölle, daß dies nicht geschehen möge.
Ihre Schritte trommelten die Stufen der Niedergänge hinunter. Sie erreichten das Schott, das den Weg zum Gebälk der Ruderanlage versperrte, und Vittorio Medola, der Bootsmann, riß es auf.
In diesem Augenblick, in dem sie vor dem Schott verharrten, glaubte Raoul Cavenago, der Steuermann, merkwürdige Geräusche hinter seinem Rücken zu vernehmen.
„Mein Gott“, sagte er. „Hört ihr das nicht? Da ist etwas – im Frachtraum. Das …“
„Wasser“, unterbrach ihn Alfredo Teson, der Zimmermann. „Ja, ich höre es auch. Jesus, das rauscht ja gewaltig. Wir müssen sofort nachsehen, was da los ist und wo das Leck … Hölle, wie kann denn da bloß ein Leck entstehen, zumal ich heute früh auf meiner üblichen Kontrollrunde alles überprüft habe?“
„Jetzt keine unnötigen Fragen stellen, Alfredo“, sagte Medola gepreßt. „Lauf in den Laderaum, es ist keine Zeit zu verlieren. Raoul, du kehrst sofort zu unserem Kapitän zurück und meldest ihm, daß wir ein Leck haben, dann kehrst du mit vier, fünf Mann wieder zurück, damit wir die Schäden beheben können.“
Teson war bereits verschwunden, seine Schritte pochten durch den Schiffsgang davon und auf dem nächsten Niedergang noch tiefer in den Schiffsleib hinunter.
Cavenago zögerte noch. Er sagte: „Wollen wir nicht erst feststellen, was an dem Ruder kaputt ist?“
„Ja, das ist vielleicht besser“, entgegnete Medola und tastete sich im Dunkeln voran. Er wollte eine Öllampe anzünden, die er sich an den Gürtel gehängt hatte, aber noch in der Finsternis fanden seine Hände den großen Balken, der zum unteren Ende des Kolderstocks führte. Betroffen registrierte er, daß dieser Balken sauber durchgesägt worden war.
Er bemerkte eine Gestalt hinter sich und nahm an, daß es sich um den Steuermann handelte. Er wollte etwas zu Cavenago sagen, doch plötzlich packte eine Hand seinen Mund und hielt ihn zu. Etwas fuhr ihm erstaunlich weich, jedoch heiß wie Feuer von hinten zwischen die Rippen.
Verrat, dachte er, Meuterei, und dann sagte er sich: Sie haben dich gestochen, verflucht, sie haben dir meuchlings ein Messer in den Leib gejagt, und jetzt greifen sie sich auch Cavenago, das arme Schwein, und er ist viel zu überrascht, um schreien zu können. Danach ist Teson dran, der nichts ahnt, und keiner kann mehr ’rauf zum Kapitän und ihm Meldung erstatten von dieser Verschwörung, dieser hundsgemeinen Sauerei …
Er sank in den Knien zusammen und wollte sich am zerstörten Balken festhalten. Doch seine Hände glitten ab. Er fühlte alle Kraft aus seinem Körper entweichen. Das Feuer tobte wie ein Sturm durch seinen Leib und fraß sich in seinen Geist. Wie aus weiter Ferne hörte er noch den keuchenden Laut des Entsetzens, den Raoul Cavenago ausstieß, als Zorzo und dessen beide Kumpane aus dem Dunkel des Schiffsraums auf ihn zusprangen.
Zorzo stach mit dem Messer zu, wie er es bei Medola getan hatte, dann ließ er rasch von dem Steuermann ab und eilte auf leisen Sohlen Alfredo Teson nach, der mittlerweile den Frachtraum erreicht hatte und erschüttert feststellte, daß ihm das eintretende Seewasser bereits bis zu den Fußknöcheln stand.
Die Bucht hatte gewaltige Ausmaße. Sie grub sich tief in die westliche Küste der Insel Martinique. Im Süden der Bai befand sich ein winziges Eiland, etwa gerade so groß wie alle Decks der „Isabella VIII.“ zusammen. Nicht weit davon entfernt ankerte knapp zwei Kabellängen vorm Ufer die Galeone der Seewölfe. Ganz sanft fiel der weiße Sandstrand, über den spielerisch die Meeresbrandung leckte, ins Wasser ab. Philip Hasard Killigrew hatte sich mit dem Schiff nicht näher ans Land heranwagen können, ohne Gefahr zu laufen, mit dem Kiel auf Grund zu geraten.
Die Bucht, der Strand und die Palmen, das Eiland und das ankernde Schiff formten ein Bild der Harmonie und Beschaulichkeit, das von der kleinen Jolle, die sich jetzt auf das Ufer zubewegte, nicht gestört werden konnte, im Gegenteil, sie trug zur Vollkommenheit des Gemäldes bei.
Das Boot stoppte im weichen, weißen Sand und entließ acht Gestalten, die sich wie bunte Flecke auf den Grüngürtel zubewegten. Angeführt wurde der Trupp von Hasard. Er hatte diesmal Old O’Flynn, dessen Sohn, Shane, Carberry, Sam Roskill, Luke Morgan und Bill, den Moses, mitgenommen, um das Land zu erkunden.
Old Donegal Daniel O’Flynn blickte sich immer wieder mißtrauisch nach allen Seiten um, schien aber nichts zu entdecken, was seinen Argwohn nährte. Hier gab es keinen tükkischen Treibsand, keine Kannibalen und Kopfjäger, keine Raubtiere und keine Moskitos oder ähnliche Plagegeister. So gesehen, konnte man die Insel als das Paradies schlechthin betrachten.
Old O’Flynn trat zu seinem Kapitän und sagte: „Bist du sicher, daß es stimmt, was aus seinen Aufzeichnungen und den Karten hervorgeht?“
„Natürlich“, erwiderte der Seewolf. „Ich weiß, daß ich mich darauf verlassen kann. Außerdem ist dies ja nicht die erste Insel der Kleinen Antillen, die wir betreten.“
„Also, was den vulkanischen Ursprung betrifft, hast du ganz bestimmt recht“, meinte Big Old Shane. „Als wir die Insel anliefen, haben wir im Süden deutlich genug die schwarze Erde gesehen. Und schaut euch die Berge im Norden an! Die haben tatsächlich alle Ähnlichkeit mit feuerspeienden Kratern. He, Donegal, es könnte jeden Moment losgehen mit dem Zauber, was denkst du?“
„Ich denke, daß keiner von uns den Teufel an die Wand malen sollte“, antwortete der Alte. „Dazu haben wir nämlich keinen Grund – bei all dem Verdruß, den wir in der letzten Zeit wieder erlebt haben.“
„Verdruß, Verdruß“, sagte sein Sohn. „Wir haben jetzt aber auch ein paar hübsche Kisten voll Silber an Bord.“
„Das wiegt die Entbehrungen nicht auf.“
„Na, na“, sagte Carberry. „Nun übertreib aber nicht, Donegal. Wir sind auf dem ganzen verdammten Weg um Afrika rum und an der Küste der Neuen Welt hoch bis hierher nicht abgesoffen, sind nicht am Skorbut oder an der Lustseuche oder an was weiß ich sonst noch krepiert und können deswegen froh sein. Wir haben dich wegen deiner dunklen Sprüche auch nicht über Bord geworfen, und darum solltest du ebenfalls glücklich sein, du Stint, denn irgendwann landen wir jetzt auf der Schlangen-Insel, die nicht mehr fern ist, und ruhen dort ein wenig unsere müden Knochen aus.“
„Soll ich vor Begeisterung in die Luft hopsen?“ fragte der Alte grantig. „Mann, ich kann keine Inseln mehr sehen, ob sie nun Martinique oder sonstwie heißen. Eine sieht wie die andere aus, und überall gibt’s Ärger.“
„Hier lebt kein Mensch“, sagte Shane. „Hasard hat es uns doch erklärt: Weil es hier so viele Vulkanausbrüche gibt, haben auch die Spanier und Portugiesen davon abgesehen, die Insel zu besiedeln und hier nach Gold und Silber zu suchen.“
Old O’Flynn warf ihm einen schiefen Blick zu. „Wenn dieser verfluchte Flekken Erde wirklich unbewohnt ist, will ich den ganzen Sand fressen, der auf dem Strand hier rumliegt.“
Shane grinste. „Darauf komme ich noch zurück, mein guter, verlaß dich drauf.“
„Wir können nicht die ganze Insel auskundschaften“, sagte Hasard. „Deshalb wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Frage ungeklärt bleiben, ob hier Eingeborene leben oder nicht. Uns soll es egal sein, solange sie uns nicht behelligen. Wir suchen eine Süßwasserquelle, weil ein Wasserfaß mal wieder faulig geworden ist und der Kutscher ein zweites entdeckt hat, das leider ausgelaufen ist – und wir schießen ein wenig Wild, falls sich die Möglichkeit dazu bietet. Dann verschwinden wir wieder, und zwar spätestens morgen früh.“
„Aye, Sir“, sagte Carberry. „Übrigens scheint es mit dem einen Punkt, den du an Bord erwähntest, seine Richtigkeit zu haben: Die Westseite aller Inseln über dem Winde ist die beste zum Landen, denn im Osten lauern die tückischen Korallenriffe, und dort ist auch die Küste steiler und zerklüfteter. Das dürfte hier ja wohl nicht anders sein als weiter im Norden und weiter im Süden.“
Der Seewolf blieb neben dem mannsdicken Stamm einer Kokospalme stehen. „Genau, und aus diesem Grund habe ich ja auch gegen den Wind kreuzen wollen, um von dieser Seite her die Insel anzugehen. Im übrigen ist hier die Vegetation weniger üppig, es gibt keinen richtigen Dschungel wie im Osten, wo mit dem Nordost-Passat der meiste Niederschlag fällt.“
„Na, dem Himmel sei Dank“, sagte Old O’Flynn. „Wenigstens ein Lichtblick. Wir brauchen uns nicht durch Lianen und Mangroven zu hauen. Das haben wir ja auch wirklich oft genug geübt.“
„Luke“, sagte Sam Roskill. „Wenn du hier eine Festung bauen solltest, wo würdest du sie errichten?“
„Dämliche Frage“, brummte Luke Morgan. „Aber, na ja, mal sehen.“ Er hob den Kopf und rieb sich das Kinn. Nach einigem Überlegen wies er zu den Bergen, die sich hinter dem nördlichen Ufer der Bucht erhoben. „Da oben würde ich sie errichten. Von dort aus hat man bestimmt einen großartigen Überblick über die ganze Insel.“
„Ja, das glaube ich auch“, pflichtete der Seewolf ihm bei. „Aber ich schätze, dort wird nie etwas Derartiges entstehen. Seit Kolumbus die Insel im Jahre 1502 entdeckt hat, haben Seefahrer nur selten und höchst unwillig ihren Fuß auf diese Strände gesetzt. Um jetzt jedoch auf meine Unterlagen zurückzukommen: Sicher scheint zu sein, daß es hier ausgezeichnete Quellen gibt, Wasser in Hülle und Fülle.“
Der Profos grinste. „Also los, auf was warten wir noch? Bringen wir’s hinter uns. Ich glaube, ich höre die Quellen schon gluckern, Sir.“
„Ich höre was anderes“, sagte jetzt Bill. „Sir, ich bitte um Entschuldigung, aber – aber ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, da war so etwas wie – menschliche Schreie.“
„Bin mir nicht sicher, ich glaube“, äffte Carberry ihn nach. „Bill, du triefäugige Seegurke, wie oft soll ich dir noch sagen – drück dich gefälligst klar und deutlich aus!“
Hasard ging nicht auf die Worte seines Profos’ ein, er sah vielmehr Bill eindringlich an. Bill verfügte über ein wirklich ausgezeichnetes Gehör, das war jedem Mann an Bord der „Isabella“ bekannt.
„Aus welcher Richtung hörtest du die Schreie?“ fragte Hasard.
Bill deutete zum Inneren der Insel. „Aus Osten – nein, aus Nordosten, glaube ich.“
Carberry blickte immer grimmiger drein. „Glaube ich! Nun hör sich das einer an!“
„Der Wind trägt die Laute zu uns herüber“, sagte der Seewolf. Er lauschte selbst danach, vermochte jedoch außer einigen Geräuschen, die aus dem Dschungel im Zentrum der Insel herüberwehten und bestimmt von Tieren stammten, nichts herauszuhören.
„Suchen wir zuerst die Quelle“, sagte er deshalb. „Anschließend steigen wir auf einen der Berge und halten Umschau. Vielleicht sehen wir dann ja, was die Ursache für die Schreie war. Können das keine Affen oder Vögel gewesen sein, Bill?“
„Durchaus. Ich bin wirklich nicht sicher. Tut mir leid, Sir.“
„Schon gut, Bill.“
„Das nächste Mal hältst du am besten gleich deine Luke, du Dorsch“, sagte der Profos.
Old O’Flynn warf Big Old Shane einen Seitenblick zu und sagte leise: „Ich ahne es nicht nur, ich weiß jetzt, daß ich den Sand nicht fressen werde.“
Hasard drang als erster in das Gebüsch unter den Palmen ein, und seine sieben Begleiter folgten ihm rasch, um den Anschluß nicht zu verlieren.
Ben Brighton, der Erste Offizier und Bootsmann der „Isabella“, und die anderen Männer, die an Bord der Galeone zurückgeblieben waren, sahen ihren Kameraden mit gemischten Gefühlen nach. War der Friede dieser Insel nicht trügerisch und unheilverkündend?
Keiner von ihnen vermochte sich auch nur auszumalen, was sich zu dieser Zeit vor dem Ostufer von Martinique bei den Korallenriffen abspielte.
Einen genauen Überblick über die Geschehnisse zu beiden Seiten der Insel hatte in diesem Moment praktisch nur ein Mann.
Dieser Mann hieß Regis La Menthe.
Weder der Seewolf noch sonst jemand von der „Isabella“ war diesem La Menthe je zuvor begegnet, und auch umgekehrt hatte La Menthe nicht die geringste Ahnung, wer die Männer sein mochten, die vom Strand der Westbucht her ins Innere der Insel vordrangen.
Dennoch sollte es zwischen ihnen zu einer Begegnung kommen, zu einem sehr unerfreulichen Treffen allerdings.
2.
Regis La Menthe saß hoch oben auf einem kleinen Plateau in den Bergen, an deren Hängen Sam Roskill und Luke Morgan sich ein Kastell hätten vorstellen können. Oder, besser gesagt, er thronte auf einem hölzernen Gestühl, das einer seiner schwarzen Diener ihm hatte nachtragen müssen, als sie zusammen hier heraufgestiegen waren.
Einer der Neger hielt jetzt einen aus Schilfmatten geflochtenen Sonnenschirm über La Menthes kahles Haupt, während der andere seinem Gebieter mit einem großen Federbusch Kühlung zufächelte.
Der vierte Mann in der seltsamen Versammlung war wiederum ein Weißer, und zwar ein gedrungener, bullig wirkender Mann mit groben Zügen und einem verkniffenen Gesichtsausdruck. Er stand nicht weit abseits und hielt eine geladene Muskete in den Fäusten, mit der er sofort auf die Sklaven schießen würde, falls diese auch nur ansatzweise etwas wie einen Fluchtversuch oder eine Rebellion wagten. Zusätzlich hatte er zwei Pistolen und ein Entermesser in seinem breiten Leibgurt stecken.
La Menthe, der aus der französischen Hafenstadt Dieppe stammte, beobachtete interessiert durch sein mit Messing und Perlmutt besetztes und mit Gravuren verziertes Spektiv, was draußen auf See und am Strand der Westbucht geschah.
Als an Bord der „Novara“ die Schreie ertönten und mit dem Nordost-Passat bis zu den Inselbergen getragen wurden, hob auch der vierte Mann wie witternd seinen wuchtigen Kopf.
„Ja, Duplessis“, sagte La Menthe. „Es sind Menschen, die da um Hilfe rufen und sich womöglich gegenseitig über den Haufen rennen, denn sie sind in Gefahr. Sie treiben geradewegs auf den Strudel zu, der sich wieder einmal vor dem großen Riff gebildet hat. Ich sage dir, es sind Narren. Aber sie sind auch Störenfriede, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, und daher ist es gut, wenn sie wie die Ratten ertrinken.“
„Gut“, wiederholte Duplessis und nickte dazu. „Ein großes Schiff?“
„Zwei Schiffe, mein Freund“, erwiderte La Menthe. Er lächelte ein wenig. „Zwei Galeonen, jede mit drei Masten, und beide fast gleich groß – und doch scheint das eine Schiff mit dem anderen nichts zu tun zu haben. Das zweite, Duplessis, liegt bereits in unserer schönen Westbucht vor Anker. Es hat acht Gestalten ausgespuckt, die jetzt im Gebüsch herumkriechen und irgend etwas zu suchen scheinen.“
„Wasser“, sagte Duplessis. „Und Nahrung. Was sonst? Der Teufel soll sie holen.“
„Er wird sie holen, wenn sie zu neugierig sind“, sagte La Menthe. Er war ein sehniger, kräftiger Mann, aus dessen harten Zügen die Mentalität eines unerbittlichen Herrschers sprach. „Wie gut, daß ich auf meinen gewohnten Spaziergang nicht verzichtet habe. Es tut sich heute viel. Viel zuviel für meine Begriffe. Es wird noch Ärger geben.“
Duplessis blickte aus schmalen Augen mal nach Osten, mal nach Westen, aber ohne die Zuhilfenahme des Spektivs konnte er die fremden Schiffe nicht erkennen.
La Menthe reichte ihm in einer gönnerhaften Geste das Rohr. „Hier, wirf selbst mal einen Blick hindurch. Gib mir solange die Muskete.“ Er lehnte sich in seinem Gestühl zurück und streckte die Beine weit von sich, nahm die Muskete aus der Hand seines Landsmannes entgegen und verfolgte fast amüsiert, wie dieser angestrengt hindurchspähte.
„Der Henker mag wissen, warum dieses eine Schiff auf den Sog zuläuft“, brummte Duplessis. „Ist der Kapitän des Wahnsinns, daß er die Gefahr nicht erkennt?“
„Das ist auch mir ein Rätsel“, erklärte La Menthe. „Aber ich habe das untrügliche Gefühl, wir erfahren noch, was der Grund dafür ist, daß er geradewegs in sein Verderben segelt.“
„Und was tun wir?“ wollte Duplessis wissen.
„Wir warten ganz einfach ab.“
„Sie werden alle ertrinken.“
„Und wir rühren keinen Finger für sie“, sagte Regis La Menthe.
„Und die anderen Kerle?“
„Das Schicksal spielt sie uns in die Hände“, antwortete La Menthe. „Ich denke, wir könnten ihre Galeone gut gebrauchen. Es scheint ein prächtiges Schiff zu sein, groß, robust und gut armiert.“
Panik war an Bord der „Novara“ ausgebrochen, denn alle, vom Kapitän bis zum letzten Decksmann, wußten jetzt, was die Stunde geschlagen hatte. Steuerlos trieb die Galeone vor dem Wind, dazu verdammt, in dem tückischen Strudel zu enden.
„Geit auf die Segel!“ schrie Fosco Sampiero vom Achterdeck aus. „Weg mit dem Zeug, verdammt noch mal!“
Die Männer auf dem Hauptdeck hasteten eher ziellos auf und ab und gerieten sich gegenseitig ins Gehege. Roi Lodovisi tat so, als habe er selbst den Kopf verloren. Er brüllte unsinnige Befehle und schlug und trat nach den Männern, die sich in seiner unmittelbaren Nähe befanden.
So vergrößerte er das Durcheinander noch, statt es einzudämmen und für Disziplin zu sorgen – wie es seine Pflicht gewesen wäre.
Sampiero stieg selbst auf die Kuhl hinunter. Er wollte hart durchgreifen und notfalls mit der neunschwänzigen Katze für Ordnung sorgen. Doch ein gellender Schrei, der jetzt aus dem Achterkastell drang und sich in die Rufe der entsetzten Männer mischte, hielt ihn zurück.
Er hatte die Stimme erkannt, sie gehörte seiner Frau Bianca!
Fosco Sampiero fuhr auf dem Absatz herum, riß die Tür zum Achterkastell auf und stürmte in den Gang. Er prallte fast mit Tosca Venturi und Ivana Gori zusammen, die ihre Kammern verlassen hatten und verstört um sich blickten. Der Lärm an Deck hatte sie aus ihrer Nachmittagsruhe gerissen, aus dem Schlummer, mit dem sie die Zeit totzuschlagen suchten, da sie die meiste Zeit des Tages auf Sampieros Anordnung hin unter Deck zu verbringen hatten.
Bianca Sampiero stand am Ende des Ganges vor der offenen Kapitänskammer und schrie erneut auf. Ihr Mann schob sich an den anderen beiden Frauen vorbei und lief zu ihr.
Verdammt, dachte er, du hast dich breitschlagen lassen, die Frauen mitzunehmen, nur für diese eine Reise, gewiß, aber es war doch ein Fehler, und der Teufel hat dich geritten, als du ihren Bitten nachgegeben hast.
„Mein Gott, Bianca!“ rief er. „Was ist? So beruhige dich doch. Wir …“
Er unterbrach sich, denn jetzt sah er endlich die Gestalt, die auf der rechten Seite des Ganges kauerte und sich an der Wand aufzurichten versuchte.
„Medola!“ schrie der Kapitän. „Gerechter Himmel! Sind Sie verletzt?“
„Nicht der Rede – wert, Signor Capitano“, sagte der Bootsmann mühsam. „Er hat mich gestochen, der Hund – aber – aber ich weiß, wer’s war. Zorzo – Mario Zorzo – der Satansbraten. Möge der Herr mir verzeihen, daß ich – in die Falle gegangen bin. Das Ruder – es ist zersägt, Capitano.“
„Wo sind Cavenago und Teson?“
„Noch – unten.“
„Ihr Frauen kümmert euch um ihn!“ rief Sampiero. Dann hatte er auch schon seine Radschloßpistole gezückt und lief zum nächten Niedergang.
„Aufpassen“, flüsterte Vittorio Medola noch. „Das Wasser – im Frachtraum ist ein Leck. Oder – mehrere Lecks. Ich …“
„Was sagt er?“ fragte Tosca Venturi, die nähergetreten war und angestrengt versuchte, etwas von den Zusammenhängen zu begreifen.
„Ich verstehe ihn nicht mehr“, entgegnete die Frau des Kapitäns. Sie beugte sich über den Bootsmann, um ihn anzusprechen, sah aber, daß dieser inzwischen ohnmächtig geworden war.
„Helft mir“, sagte sie zu den Frauen der Offiziere. „Wir tragen ihn in meine Kammer und verbinden seine Wunde.“
Tosca Venturi stöhnte entsetzt auf, als sie sich bückte und die große Blutlache bemerkte, die sich unter Medolas Körper gebildet hatte.
Sampiero hatte den Ruderraum erreicht und fiel fast über die verkrümmte, reglose Gestalt Raoul Cavenagos. Er prallte mit der Schulter gegen das offene Schott, fing sich, kniete sich hin und untersuchte seinen Steuermann. Er tastete nach dem Pulsschlag und beugte sich tief über ihn, um nach dem Pochen des Herzens zu horchen, doch Cavenago gab keine Lebenszeichen mehr von sich.
Erschüttert richtete der Kapitän sich wieder auf. Medola hatte die fast unglaubliche Leistung vollbracht, noch bis zur Kapitänskammer zu kriechen, aber vielleicht lag auch er schon im Sterben. Cavenago war tot. Und Teson, der Schiffszimmermann?
Er wandte sich um und eilte weiter. Mit der Sicherheit eines Mannes, der sein Schiff bis in den letzten Winkel hinein besser kannte als sein eigenes Zuhause, fand er den Niedergang zum Frachtraum und hastete die Stufen hinunter.
Das Rauschen des Wassers empfing ihn. Trotz der Dunkelheit, die hier unten herrschte, sah er die sprudelnde Bewegung, die etwa in der Mitte des Raumes auf beiden Schiffsseiten war. Wasser schoß herein, flutendes Seewasser, das Sampiero fast bis zu den Knien reichte. Die Fässer voll Wein und die Kisten mit dem Werkzeug begannen zu schwimmen und an ihren Brooktauen zu zerren.
Sampiero war sich jetzt des vollen Ausmaßes der Tragödie bewußt. Er war wie vor den Kopf geschlagen, aber er wußte jetzt, wie er sich zu verhalten hatte, Zweifel waren nicht mehr vorhanden.
Alfredo Tesons Körper lag im Wasser, mit dem Bauch und dem Gesicht nach unten, und um ihn herum hatte sich ein dunkler Fleck ausgebreitet. Sampiero brauchte seinen Zimmermann nicht mehr zu berühren, um dessen Tod festzustellen.
Sampiero lief mit der gezückten Pistole nach vorn – nur dorthin konnten Zorzo und dessen Spießgesellen entwischt sein. Sampiero wußte genau, was jetzt zwangsläufig kam. Er ahnte auch, daß Zorzo mit Prevost und diese beiden wiederum mit Lodovisi unter einer Decke steckten. Sein ganzes Bestreben gipfelte im Augenblick darin, die Pistole nicht naß werden zu lassen.
Er konnte nicht versuchen, die Lecks abzudichten und die Ruderanlage notdürftig instand setzen zu lassen. Die Zeit dazu reichte nicht mehr aus. Nur ein Phantast hätte daran geglaubt, das Unabwendbare noch verhindern zu können.
Nur eine Möglichkeit gab es noch: Die „Novara“ mußte auf die Riffe gelenkt werden, ehe sie vom Strudel erfaßt wurde.
Sampiero verließ den Laderaum, hetzte zum Vordeck hinauf. Er hörte hinter sich das Rauschen und Gurgeln des Seewassers und über sich das Schreien der Männer – und vor sich erkannte er plötzlich die Umrisse einer menschlichen Gestalt.
Die Gestalt eilte vor ihm den Niedergang hinauf, der zum Logis führte. Ob es sich nun um Zorzo, um Prevost oder um einen der anderen Kerle handelte, die mit zu dem Komplott gehörten, das hier geschmiedet worden war, konnte Sampiero nicht feststellen.
Er blieb aber stehen, hob die Pistole mit beiden Händen und schrie: „Halt! Stehenbleiben!“
Der Mann rannte weiter, obwohl er die Stimme seines Kapitäns erkannt haben mußte und es auf jeden Fall ratsam gewesen wäre, die Order zu befolgen. Er rannte und hoffte, seine Flucht würde gelingen, doch Sampiero drückte ohne jede weitere Warnung ab.
Der Schuß brach donnernd. Im Aufblitzen des Mündungsfeuers sah der Kapitän den Mann zusammenbrechen. Er lief zu ihm, beugte sich über ihn und stellte fest, daß es sich tatsächlich um einen von Zorzos Kumpanen handelte. Er sah auch, daß er einen Sterbenden vor sich hatte.
„Erleichtere dein Gewissen“, sagte Sampiero eindringlich, während er seine Radschloßpistole wegsteckte und dem Mann die geladene Waffe aus dem Gürtel zog. „Sag mir, wer Medola, Cavenago und Teson niedergestochen hat. Es war Zorzo, nicht wahr?“
„Fahr – zur Hölle“, keuchte der Mann.
„Du hast dich mit Meuchelmördern eingelassen“, sagte der Kapitän.
„Und dieser Kahn säuft ab – endlich.“
„Aber auch für dich ist es das Ende.“
„Egal – die anderen werden meinen Tod rächen.“
„Das sehe ich“, zischte Sampiero. „Du warst der letzte, der die Flucht ergriff. Sie haben dich einfach zurückgelassen, statt dich mitzuschleppen. Es kümmert sie einen Dreck, was mit dir wird.“
Der Mann riß die Augen weit auf. „Ist das – die Wahrheit?“
„Sie springen von Bord, und keiner kann sie mehr aufhalten. Dein Tod hat keinen Sinn, du Narr“, sagte der Kapitän.
„Zorzo“, wisperte der Sterbende. „Er hat Medola und Cavenago mit dem Messer niedergestochen. Aber Teson – das war Prevost. Und jetzt – sind sie auf der Galionsplattform, weil – Lodovisi – es so befohlen hat …“
Der Mann sprach nicht mehr weiter, er verdrehte die Augen und sank auf die Stufen des Niederganges zurück. Sampiero erhob sich, war mit wenigen Sätzen oben beim Mannschaftslogis und stürmte auf das Schott zu, das nach vorn auf die Galionsplattform führte.
Er stieß es auf und sah gerade noch Roi Lodovisi, der ihm sein höhnisch grinsendes Gesicht halb zugewandt hielt. Sampiero riß die Waffe hoch und zielte auf ihn.
Er schrie: „Zurück, Profos, oder du bist des Todes!“
Aber im selben Augenblick stieß sich Lodovisi bereits vom Rand der Plattform ab.
Sampiero schoß, ohne zu zögern. Die Kugel raste im Krachen der Pistole auf den Leib des Profos’ zu, doch durch seine rasche Vorwärtsbewegung entzog sich Lodovisi dem Tod, und das Geschoß strich um gut eine Handspanne an seinem Rücken vorbei.
Mit einem Fluch schleuderte der Kapitän die Pistole fort. Er sprang vor, beugte sich über die Umrandung und sah die Kerle neben der Bordwand der „Novara“: Lodovisi, der jetzt eingetaucht war und gerade wieder hochschoß, Zorzo, Prevost und fünf andere, die alle mit zu jener Bande gehörten, die in der bewußten Nacht mit Lodovisi zusammengehockt und dunkle Pläne gewälzt hatte.
Narr, schimpfte Sampiero sich selbst, wie einfältig und nachgiebig bist du doch gewesen! Du hättest Lodovisi hinrichten und die anderen Hunde sofort auspeitschen lassen sollen!
„Signor Capitano!“ schrie über ihm Domenico Gori, der Zweite Offizier. „Signor Venturi ist mit ein paar Helfern ins Achterdeck hinunter, um das Ruder zu richten!“
Sampiero fuhr zu ihm herum. Gori hatte die Kuhl überquert und die Back geentert, um nach dem Strudel Ausschau zu halten. Dabei hatte er überraschend seinen Kapitän entdeckt, den er überall, nur nicht auf der Galionsplattform vermutet hätte. Er stand an der Balustrade und blickte fragend und fast hilflos zu Fosco Sampiero. Er war ein noch sehr junger Offizier mit relativ wenig See-Erfahrung.
„Venturi soll versuchen, das Ruder hart Backbord zu legen!“ rief Sampiero zurück. „Lieber brumme ich mit dem Höllenkahn auf das Korallenriff, als daß ich wie ein Narr mitten in den Trichter fahre! Gori, wir sind einer Verschwörung und Meuterei anheimgefallen! Hölle, wirf mir eine Muskete zu, damit ich auf diese Dreckskerle feuern kann!“
Gori wies entsetzt voraus. „Signor Capitano, sehen Sie doch!“
Sampiero richtete seinen Blick über den Bugspriet und die Blinde der „Novara“ hinweg und konnte sich nur mit Mühe eines erschrockenen Ausrufes enthalten.
Zum Greifen nah schien der mörderisch kreisende Sog der Galeone jetzt zu sein. Keine drei Kabellängen trennten ihn von dem Schiff. Obwohl Sampiero das Tuch hatte wegnehmen lassen, lief die Galeone immer noch Fahrt, genug, um in die zupakkende Strömung des Strudels zu geraten.
„Das Ruder hart Backbord legen!“ schrie Sampiero. Dann lief er zurück ins Vorschiff und von dort aus hinaus auf die Kuhl. Vergessen war sein Vorhaben, wenigstens Lodovisi, Zorzo oder Prevost noch auf die Höllenreise zu schicken, verdrängt der Haß, den er gegen die Übeltäter verspürte. Jetzt galt es nur noch, die nackte Haut zu retten.
Sampiero bahnte sich einen Weg zwischen den aufgeregt durcheinanderrufenden Männern hindurch. Er wollte zu Emilio Venturi und den anderen stoßen und ihnen beim Herumdrücken der Ruderpinne helfen. Er spürte, wie die Panik auch ihn mit eisigkalten Klauen packte und nicht mehr losließ.
3.
Hinter den Palmen der Westbucht erstreckte sich im Inselinneren ein breiter Streifen Savanne, der mit Dornengebüschen und niedrigen Kakteen durchsetzt war. Hasard und seine sieben Männer mußten diese Landschaft erst durchqueren und in die üppiger bewachsenen Hügel aufsteigen, um auf Wasser zu stoßen.
Ihr Marsch nahm jedoch nicht sehr viel Zeit in Anspruch, da sie gut vorangelangten, und so entdeckten sie, noch ehe die Dämmerung einsetzte, eine Quelle, die zwischen flachen Steinen hervorsprudelte und sich zu einem Rinnsal entwickelte.
Der Fund der Quelle fiel mit einem Geräusch zusammen, das von Nordosten zu ihnen herüberdrang und wie ein gedämpfter Peitschenschlag klang.
„Ein Schuß, Sir“, sagte Bill. „Und wieder diese Schreie. Diesmal habe ich mich ganz bestimmt nicht getäuscht. Ich wäre bereit, meinen Kopf dafür hinzuhalten, daß es ein Pistolenschuß war.“
„Schon gut, Bill“, sagte der Seewolf. „Ich habe ihn auch gehört, und jetzt höre ich auch die Schreie. Verdammt, da scheint sich jemand in der Klemme zu befinden.“
„Im Busch schlagen sich die Wilden gegenseitig die Köpfe ein“, brummte Old O’Flynn. „Und ich werde keinen Sand essen.“
„Du wiederholst dich“, sagte Shane. „Aber erstens ist es fraglich, ob die Eingeborenen – wenn es welche gibt – Schußwaffen besitzen, und zweitens könnten das Geschrei und das Schießen auch von See her kommen. Womit also noch lange nicht bewiesen wäre, daß die Insel bewohnt ist.“
„Du weißt immer alles besser, wie?“
„Ich glaube schon.“
„Aufhören, ihr beiden“, sagte der Seewolf. „Hört zu. Ich will jetzt endlich wissen, was hier gespielt wird. Wir trennen uns. Shane, Ed und Dan gehen mit mir. Wir steigen in die Berge nördlich der Bucht auf und halten mit dem Kieker Ausschau nach Nordosten, dann werden wir ja rauskriegen, was los ist. Ihr anderen bleibt hier. Wenn wir bei Dunkelwerden nicht zurück sind, gehen zwei von euch zur Bucht und alarmieren Ben Brighton. Die beiden anderen bleiben hier und behalten die Quelle als Orientierungsmarke im Auge. Wenn wir nicht pünktlich zurückkehren, soll Ben gefechtsklar machen und einen Trupp von sechs bis acht Männern an Land schicken, der nach uns sucht. Klar?“
„Klar, Sir“, antwortete Old O’Flynn stellvertretend für alle anderen. „Ihr solltet aber zusätzlich zu euren Waffen auf jeden Fall noch ein paar Höllenflaschen mitnehmen, ehe ihr euch in die verfluchten Berge raufwagt.“
„Hast du denn welche, Donegal?“
„Sicher.“ Der Alte grinste und griff in den Wams. „Ich hab mir gleich vier von den Dingern geben lassen, als wir von Bord unserer alten Lady gingen. Ferris hat ja wieder einen ganzen Vorrat gebastelt, und auch er fand, es wäre eine gute Idee, die Flaschen nicht so nutzlos rumliegen zu lassen. Wer weiß, vielleicht können wir sie noch gut gebrauchen.“
Hasard mußte lachen. „Ihr Himmelhunde, euch juckt es wohl in den Fingern, was? Na los, gib schon her, Donegal, zwei davon nehme ich mit.“
Der Alte war plötzlich ernst geworden. „Nimm sie lieber alle vier. Im übrigen wäre ich froh, wenn’s beim Jucken in den Fingern bleibt. Du verstehst schon, was ich meine, Sir.“
„Gewiß. Aber du solltest dir keine übermäßigen Sorgen bereiten. Vereinbaren wir ein Zeichen: Wenn wir beim Anbruch der Dunkelheit einen Schuß abfeuern, bedeutet das, wir sind wohlauf und befinden uns auf dem Rückweg, so daß ihr uns nicht zu suchen braucht. Geben wir zwei Schüsse ab, heißt es, daß wir Hilfe brauchen.“
„Aye, Sir“, sagte Sam Roskill. „Und was immer auch geschieht, wir hauen euch heraus, verlaß dich drauf.“
Sie wechselten noch ein paar eher belanglose Worte, dann gingen Hasard, der Profos, Big Old Shane und Dan O’Flynn davon. Sie achteten darauf, nicht in den tiefgrünen, undurchdringlich wirkenden Busch zu geraten, der sich über den Hügelkuppen erhob, und setzten sich als Ziel den größten Berg im Norden, der bald schon sehr nah vor ihnen lag.
Das Geschrei drang immer noch mit dem Wind aus Nordosten an ihre Ohren, und es drängte sie zur Eile. Sie begannen zu laufen und hasteten einen langgezogenen Hang hinauf, an dessen oberem Ende Hasard den Rand eines Plateaus zu erkennen meinte.
Der Sog griff nach Roi Lodovisis Beinen. Mächte der Finsternis schienen ihn zu regieren und hatten offenbar entschieden, daß der Profos seiner Strafe für das, was er getan hatte, nicht entging.
Das Wasser war angenehm kühl, doch Lodovisi spürte, wie er am ganzen Leib zu schwitzen begann. Er schwamm mit energischen, weit ausholenden Zügen und kämpfte gegen die Strömung an, die ihn in ihr gierig schlürfendes, beängstigend kreisendes Zentrum reißen wollte. Er rang mit ihr um sein Leben und war kurz davor, zu schreien, denn er sah Zorzo, Prevost und die anderen mehr und mehr Abstand gewinnen.
Sie waren schon mehr als eine halbe Kabellänge von der Bordwand der „Novara“ entfernt und flohen zum Riff, ohne sich auch nur noch einmal umzusehen.
Lodovisi war nicht sicher, ob sie wirklich nicht bemerkt hatten, in welchen Schwierigkeiten er sich befand – oder ob sie nur so taten, als sei es ihnen nicht aufgefallen. Er verfluchte sie, er biß sich vor Wut auf die Unterlippe, und er kämpfte verzweifelt weiter.
Jeder ist sich selbst der Nächste – hatte er ihnen diesen Leitsatz bei ihren geheimen Zusammenkünften an Bord der Galeone nicht immer wieder vorgebetet?
Er hatte es geschafft und die „Novara“ der Verrichtung preisgegeben, weil er sie niemals mehr in seinen Besitz bringen konnte. Aber: Wenn er jetzt selbst ein Opfer seiner Meuterei wurde, welchen Wert hatte das dann gehabt?
Er hatte das deutliche Gefühl, auf der Stelle zu schwimmen. Nicht mehr lange, denn bald ließen seine Kräfte nach. Dann siegte der Strudel, der die „Novara“ bereits in seinen Bannkreis gezogen hatte.
Lodovisi blickte sich nach der Galeone um. Er hatte sich nach seinem Sprung von der Galionsplattform an Steuerbord befunden, aber jetzt schwenkte das Schiff herum und richtete den Bugspriet nach Süden, so daß sich das Heck mehr und mehr ihm, dem Profos, näherte.
Sampiero, Venturi und den anderen unten im Achterdeck war es gelungen, tatsächlich das ramponierte Ruder herumzudrücken, und der Kapitän versuchte nun, an Backbord des Trichters vorbeizugehen, weil er auf dieser Seite mehr Chancen hatte, gleichzeitig auch der Falle des Riffs zu entgehen und vorsichtig nach Süden abzulaufen. An Steuerbord des Soges, also näher zur Küste der Insel hin, standen die Chancen, nicht auf die nahen Korallenbarrieren zu laufen, eins zu hundert.
Lodovisi rechnete damit, daß die Männer, die er verraten und im Stich gelassen hatte, auf ihn schießen würden, vielleicht sogar mit einem der Bordgeschütze, doch dies trat nicht ein. Man schenkte ihm nicht mehr die geringste Beachtung, alle Aufmerksamkeit, alles Schreien, Fluchen und Beten bezog sich auf den Todesstrudel.
Plötzlich schwang die „Novara“ ganz mit dem Heck herum und vollführte eine gleichsam groteske Bewegung im Wasser – viel zu schnell für ein so schwerfälliges Schiff. Lodovisi, der jetzt angestrengt mit den Beinen strampelte, sah als erster, was geschah: Die Strömung zog die Galeone in die mörderische Umlaufbahn. Das Manöver mit der Ruderpinne hätte vielleicht noch etwas genutzt, wenn der Dreimaster nicht auch in seinem Frachtraum beschädigt worden wäre, so aber hatte die „Novara“ bereits derart viel Wasser gezogen und lag so tief in den Fluten, daß auch die kühnste Aktion des besten Kapitäns ihr nicht mehr aus dem Wirbel herausgeholfen hätte.
Während sie sich drehte und etwas nach Steuerbord krängte, schienen sich die Wassermassen im Inneren des Rumpfes nach vorn zu verlagern. Jedenfalls wurde sie kopfplastig und tauchte tief mit dem Bug nach unten, während das Heck sich so weit aus der See hob, daß schon fast die Unterkante des Ruderblattes zu sehen war.
Ein einziger Schrei, von vielen Kehlen ausgestoßen, gellte zu Lodovisi herüber.
Die „Novara“ befand sich jetzt zwischen ihm und dem „Auge“ des Riesenstrudels. Ganz unvermittelt geschah etwas, mit dem er niemals gerechnet hätte.
Er gewann mehr Vortrieb, gelangte jetzt besser voran und konnte mehr Distanz zwischen sich und das Schiff legen. Er begriff, daß die „Novara“ dem Sog etwas von seiner äußeren Kraft genommen hatte, zumindest in diesem Moment. Und so verhalf sie dem Mann, der ihren drohenden Untergang bewirkt hatte, zur Rettung. Dies war der größte Aberwitz des schrecklichen Ereignisses.
Roi Lodovisi fühlte ungeheuren Triumph in sich aufsteigen. Er beruhigte sich, schwamm wieder mit langen und kräftigen Zügen und dachte: Verreckt, ihr Ratten, ersauft, ihr habt es nicht besser verdient!
Hasard, Carberry, Shane und Dan O’Flynn standen auf dem Plateau und blickten abwechselnd durch die beiden Spektive, die sie bei sich trugen. Der Berg war wirklich der ideale Aussichtsplatz, als den sie ihn eingeschätzt hatten. Von hier oben konnte man nahezu die ganze Insel überschauen.
Am östlichen Ufer ragte eine Landzunge ins Meer, die große Ähnlichkeit mit einer zum Zupacken bereiten Hand hatte. Jenseits dieses bizarren Auswuchses, den eine Laune der Natur geschaffen zu haben schien, war durch die Optik klar die dreimastige Galeone zu erkennen, die sich im Kreis bewegte und ihr Vorschiff mehr und mehr in die Fluten senkte.
„Allmächtiger“, sagte Hasard. „Das kann doch nicht wahr sein. Wie konnte das geschehen? Es erscheint mir unwahrscheinlich, daß der Kapitän und seine Mannschaft den Strudel nicht rechtzeitig genug bemerkt haben.“
Shane, der gerade durch das zweite Rohr spähte, meinte: „Das Schiff ist leck, und vielleicht hat es Ruderbruch erlitten. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.“
„Bei der ruhigen See?“ fragte Dan. „Mann, das gibt’s doch nicht.“
„Da stimmt was nicht“, sagte Carberry. „Die Sache stinkt, und zwar ganz gewaltig. Ich wette, da ist irgendeine Riesensauerei mit im Spiel.“
„Egal“, sagte der Seewolf. „Wir müssen sofort etwas unternehmen. Zu retten ist das Schiff nicht mehr, aber ich sehe, daß einige Männer bereits ins Wasser gesprungen sind und auf die Landzunge zuschwimmen. Gleich verlassen auch die anderen das Schiff, eine andere Möglichkeit haben sie nicht mehr. Wir müssen Ben Bescheid geben, daß er mit der ‚Isabella‘ um das Südkap herumsegelt und versucht, die Schiffbrüchigen aufzufischen. Vielleicht sind Leute dabei, die kaum schwimmen können und es bis zum Ufer nicht schaffen.“
„Ob das wohl ein Spanier ist?“ murmelte Carberry, der eben von Shane das Spektiv übernommen hatte. „Oder ein Portugiese?“
„Das erfahren wir schon noch“, sagte Hasard. „Ganz gleich, woher das Schiff stammt, es ist unsere verdammte Pflicht, der Besatzung zu helfen, wo wir noch helfen können. Los, Dan, du läufst zu deinem Vater, zu Sam, Luke und zu Bill und gibst ihnen einen kurzen Bericht von dem, was wir gesehen haben. Dann läufst du weiter zur Ankerbucht der ‚Isabella‘, meinetwegen mit Bill zusammen, und sagst Ben Bescheid, daß er und die anderen sofort auslaufen sollen. Haltet euch nicht damit auf, erst zum Schiff hinüberzupullen. Wir acht begeben uns auf dem Landweg zu der östlichen Landzunge und sehen, ob wir von dort aus etwas tun können.“
„Aye, Sir, bin schon unterwegs“, sagte Dan. Er drehte sich um und verließ das Plateau.
Er lief zu den Buschgruppen hinunter, die sie beim Aufstieg passiert hatten, stolperte in seiner Hast ein wenig, hatte aber keine Mühe, das Gleichgewicht zu halten und ohne Aufenthalt weiterzuhetzen.
Plötzlich registrierte er jedoch rechts von sich, hinter einem dichten Dornengerank, eine Bewegung. Er lief zu schnell, um noch rechtzeitig abstoppen zu können, hetzte an dem Gestrüpp vorbei, griff dabei jedoch instinktiv zur Pistole.
Etwas schoß hinter dem Busch hervor und entpuppte sich als menschliche Gestalt. Der Fremde packte mit zwei sehr großen Händen Dans rechten Fußknöchel. Dan ging zu Boden und glaubte das Knacken in seinem sich verdrehenden Bein zu hören, das sofort heftigen Schmerz auslöste.
Er überrollte sich zweimal zwischen den Büschen, blieb stöhnend auf dem Rücken liegen und wollte nun endlich seine Pistole zücken, doch der Fremde war über ihm und rammte ihm die Faust gegen die Kinnlade – gleich zweimal, so daß Dan nicht mehr die geringste Chance gegen ihn hatte.
Bevor ihm die Sinne schwanden, sah Dan noch das Gesicht des Angreifers über sich. Es war breit und hatte derbe Züge, die zu keinerlei Ausdruck fähig zu sein schienen und weder Haß noch Schadenfreude noch Genugtuung spiegelten. Nur in den kleinen, tiefliegenden grauen Augen schien ein mordlustiges Funkeln zu sein.
In Dans Kopf dröhnte und wirbelte es so stark, daß er für einen Augenblick glaubte, draußen in dem tödlichen Strudel zu treiben.
Dann deckte tiefe Finsternis jede Wahrnehmung zu.
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