Read the book: «Seewölfe Paket 11»
Impressum
© 1976/2016 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-500-2
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 201
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 202
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 203
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 204
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 205
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 206
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 207
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 208
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 209
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 210
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 211
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 212
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 213
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 214
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 215
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Nr. 216
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Nr. 217
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 218
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 219
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 220
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10

1.
Noch niemals, solange die Eingeborenen denken konnten, war auf Bali das Kecakfest des heiligen Affenkönigs verschoben worden. Der Affenkönig Hanuman wäre tödlich beleidigt gewesen, aber selbst er mußte diesmal ein Einsehen haben.
Die Vorbereitungen hatten begonnen, und die jungen Mädchen tanzten den anmutigen Legong-Tanz.
Der Balian, der Medizinmann, hob gerade beschwörend die Hände und rief den heiligen Gott Shiwa an – da begann ein zartes Rumoren.
Anfangs klang es, als würde ganz zart eine große Trommel gerührt, deren Schall sich durch den Boden fortpflanzte. Gleich darauf folgte jedoch ein Vibrieren.
Die Legong-Tänzerinnen mit den Mandelaugen ließen die Arme sinken. Der anmutige Tanz wurde unterbrochen, in die Gestalten kam ruckartige Bewegung, dann blieben sie entsetzt stehen.
Durch den Boden lief nun ein hartes Grollen, und jenseits der sanft ansteigenden Berge kräuselte sich hellgrauer Rauch ganz zart in die Luft.
Die Augen des Balian wurden groß und rund, auch er erstarrte vor Schreck.
Doch dann ließ er sich auf den Boden fallen, kniete nieder und reckte flehend die Arme hoch.
„Shiwa!“ rief er laut und flehend. „Herr über Leben und Zerstörung! Was haben wir getan, um uns deinen Zorn zuzuziehen? Sei gnädig, Herr, wir fürchten deinen Zorn. Verschone uns Demütige!“
Auch die anderen, Tänzerinnen und Tänzer, Junge und Alte, fielen auf die Knie und baten mit zitternder Stimme um Verschonung.
Die Rauchfahne des kegelförmigen Berges Gunung Agung wurde größer und dichter. Aus dem zarten Hellgrau wurde tiefes Dunkel, dann begann es tief unter der Erde donnernd zu hallen, schrecklich laut wurde das Getöse.
Die Insulaner hörten es mit steigendem Entsetzen, sahen den schwärzlichen Rauch, vernahmen das Rumoren und versuchten verzweifelt, den wilden Gott zu besänftigen, indem sie noch lauter beteten und ihn anflehten.
Lange Jahre hatte Shiwa geschwiegen, bis auf ein gelegentliches leises Knurren und den leichten Rauch, den er aus seinem Thron blies.
Jetzt, gerade beim Beginn des Kecakfestes, mußte etwas seinen Zorn geweckt haben. Würde er auch diesmal wieder mit brüllenden Lavaausbrüchen Tod und Verwüstung schikken?
Der Balian überlegte angstvoll und sah sich nach irgendwelchen Zeichen um, aber er fand keine.
Es gab nichts, was gerechtfertigt war, Shiwas Zorn zu beschwören. Und doch war der Gott ergrimmt!
Jetzt blies er vom Gunung Agung wieder eine schwarze Rauchwolke in die Luft, noch größer und gräßlicher als die erste, und begleitete den Rauch mit tiefem, lang anhaltendem Grollen.
Da hielt auch den Balian nichts mehr, als ein schwerer Stoß den Boden erschütterte und die Palmen schwanken ließ. Die Teilnehmer des Festes rannten davon und verstreuten sich in alle Richtungen, wobei sie sich immer wieder zu Boden warfen und laut flehten.
Der Medizinmann lief zum Berg und blieb am Fuße des Gunung Agung mit ausgebreiteten Armen stehen. Seine Lippen verzogen sich, er murmelte vor sich hin, beschwörend, beschwichtigend.
Noch ein anderer war ihm gefolgt: Atun, der Priester, der jetzt ebenfalls versuchte, den zürnenden Gott zu besänftigen.
„Sag, Herr, was haben wir getan?“ fragte der Priester. „Gib uns ein Zeichen, Herr!“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der Berg schwieg, doch aus seinem Kegel drang ein Zischen, das immer mehr anschwoll.
Shiwa schleuderte eine Handvoll roter und schwarzer Brocken aus dem dampfenden Schlund, die rollend und polternd den Hang hinabkullerten. Weder der Balian noch der blinde Priester rührten sich. Der Balian sah das Unheil, Atun hörte es, aber er lief nicht weg.
Das Poltern der Steine wurde lauter und schwoll zu einem Getöse an, als die großen Steine sich ihren Weg suchten. Sie sprangen hoch, hüpften in langen Sätzen, kullerten oder rollten und sprangen erneut hoch in die Luft.
„Der Herr schickt die Dämonen“, sagte der Priester, aber der Balian verstand die Worte nicht, die im Rollen der Steine untergingen. Er wußte nur, daß der Berg ein Opfer wollte – ihn oder den Priester.
Und so geschah es auch.
Einer der polternden Steine traf Atun, und der Priester starb, ohne zu klagen, ohne ein Wort auf den Lippen.
Danach war alles vorbei. Der blinde Atun war tot, er lag still und friedlich auf dem Boden, dicht neben dem Stein, der ihn erschlagen hatte.
Der Gunung Agung wurde ruhig, bis auf eine kleine weißgraue Rauchfahne, die immer noch seinem Kegel entströmte. Das Rumpeln und Dröhnen, Poltern und Zittern hörte auf.
Dafür aber sah der Balian etwas anderes, als er aufs Meer blickte.
Es schien am Horizont zu kochen und zu brodeln, und es wurde immer unruhiger.
Lange, schäumende Wellen liefen auf den Strand.
Etwas später bewegte sich eine Prozession zum Strand hinunter, die von dem Balian angeführt wurde.
Die Leute drehten sich immer wieder scheu um und warfen heimliche Blikke zu dem Berg, von dem Shiwa gesprochen hatte. Shiwa, der Herr, hatte dem eigentlichen Vulkangott Basaki den Ausbruch befohlen, aber Shiwa war mächtiger, und der Balian hielt sich in seinen Gebeten immer an ihn.
Es schien, als seien alle beide besänftigt, denn noch immer drang nur eine schwache Rauchfahne aus dem Krater.
Dafür war das Meer um so wilder und aufgepeitschter, obwohl nicht viel Wind wehte.
Die Prozession schritt zum Wasser, wo sich der große Seetempel befand, der den Seefahrern Schutz vor Dämonen bot.
Obwohl Ebbe herrschte und der Seetempel sich dann auf Land befand, stand er diesmal tief im Wasser. Eine langgezogene Dünung rannte gegen ihn an, und weiße Schaumkronen brachen sich an ihm. Gischt stäubte auf, in langen dünnen Schleiern, die wie Spinnweben pausenlos in der Luft hingen.
Vor dem heiligen Seetempel verharrte die Menge, jung und alt blieben stehen und sahen auf den Balian, der geistesabwesend einen vierfachen magischen Kreis andeutete und erst dann mit hoch erhobenen Armen den Seetempel betrat.
Er wirkte wie in Trance, sein Blick war veschleiert, seine Bewegungen waren marionettenhaft.
Dann verschwand er in dem Merus, dem Seetempel, der aus sieben übereinandergestellten Dächern bestand.
Auch dieser Tempel war Shiwa geweiht, bis auf den kleinen Ahnentempel, der zu Ehren von Shiwas elfköpfigem Sohn Ganesha errichtet worden war.
Länger als eine Stunde blieb der Medizinmann in dem Seetempel und befragte die Götter, ob ein Unglück die Insel heimsuchen würde.
Als er zu der schweigenden Menge zurückkehrte, kündete der Blick seiner Augen von Unheil, und sein Gesicht war düster. Er blickte zum Gipfel des Gunung Agung auf und sprach mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
„Ein Unglück wird geschehen. Das Meer wird sieden und brodeln, und es wird fremde Seefahrer zur Insel schleudern. Nehmt euch in acht vor ihnen, es wird schon bald passieren.“
Ein Mann der untersten Kaste, der der Jabe angehörte, richtete sich aus seiner kauernden Stellung auf.
„Was können wir tun, Balian?“
„Nichts“, murmelte der Medizinmann. „Wir müssen es erwarten, und es soll so geschehen, wie der Herr über Leben und Zerstörung gesagt hat. Geht jetzt und holt Atun. Bringt ihn zum Friedhof.“
„Und was ist mit dem Fest, Balian?“ fragte ein Brahmane, ein dürrer ausgemergelter Mann, der der höchsten balinesischen Kaste angehörte. „Hanuman, der König der Affen, wird uns grollen, auch der Dämon Barong!“
„Wir werden es für ein paar Sonnenaufgänge verschieben“, lautete die Antwort des Medizinmannes.
Die Menge wandte sich schweigend vom Strand ab und kehrte zurück.
Zwei junge Balinesen holten den toten Atun und brachten ihn zum Friedhof.
Dort wurde der Priester aber nicht beigesetzt, denn ihm stand eine aufwendige Verbrennung bevor. Er wurde vorerst auf dem Friedhof unter schützenden Matten zur vorläufigen Verwesung ausgelegt.
Die festliche Stimmung war vorbei, die Insulaner warfen immer wieder besorgte Blicke auf das Meer, das sich wie wild gebärdete. Schon lange hatte man dieses merkwürdige Naturereignis nicht mehr gesehen, lediglich die alten Brahmanen wußten noch darüber zu berichten.
Immer wenn sich das Meer so wild benahm, obwohl kein Wind es aufwühlte, geschah ein Unglück, und über die Insel kamen Unheil und Verderben wie jene riesige Flutwelle, die über den Norden der Insel gebraust war und fast alles Leben vernichtet hatte.
Ein ähnlicher Vorgang würde sich wiederholen, das stand für alle fest, und niemand vermochte es zu ändern.
In den Gesichtern der fröhlichen Menschen standen Schatten der Angst und der Trauer. Einige von ihnen ahnten, daß das Brodeln der See mit dem Vulkanausbruch zusammenhing, denn so war es schon einmal vor langer Zeit gewesen. Auch damals hatte sich der Vulkangott Basaki wieder beruhigt, aber dafür hatte er die See aufgewühlt, und eins war so schlimm wie das andere.
Mit Bangen wurde die Nacht erwartet, doch das Meer beruhigte sich nicht, es wurde nur noch wilder, und damit würde sich die Voraussage des Medizinmannes genauso bewahrheiten, wie sie verkündet worden war.
Das fremde Schiff war es nicht, was ihnen Angst einflößte, und auch die Männer schreckten sie nicht, vor denen sie sich in acht nehmen sollten, wie der Balian gesagt hatte.
Es war nackte Existenzangst, die Urangst, das Leben durch die tobende See zu verlieren. Man wurde zwar nur geboren, um zu sterben, aber selbst auf der Insel starb man nicht gern.
Noch einmal zogen sie in dieser Nacht ans Meer und beteten zu den Göttern, die sich nicht besänftigen ließen.
Die Nacht war pechschwarz, dunkle Wolken jagten über den Himmel. Der Mond hatte sich hinter finsteren Wolkenbänken versteckt, und jetzt heulte auch auflandiger Wind von der See her und trieb lange weiße Schaumkronen an den Strand.
Die einzige Stelle, die man erkennen konnte, war das Riff, das sich zwei Meilen vor der Küste befand. Es war ein Korallenriff, an dem sich donnernd die Wassermassen brachen und aufgischteten.
In den Palmenwedeln rauschte es, der Wind peitschte ihre Kronen und schüttelte die Kokosnüsse herab. Immer wilder wurde die See.
Und dann – gegen Morgen – riefen sie alle wild durcheinander, als das erste Grau über das Meer zog.
„Da ist das Schiff, das der Balian verkündet hat!“
Tatsächlich war im dunstigen Grau über dem aufgewühlten Meer ein großer Schatten mit nur einem Mast zu sehen. Der andere war vom Sturm oder von überkommender See geknickt worden.
Das Schiff der Fremden fuhr keinen Fetzen Tuch mehr an den Masten, es torkelte und schlingerte durch die See. Es lag mit Kurs auf die Insel, und der Wind, der es vor sich hertrieb, würde es mit Sicherheit auf das Korallenriff werfen, wenn nicht noch ein Wunder geschah.
Wie ein dunkelgraues Gespenst jagte es heran, taumelnd und rollend, ein hilfloser Spielball des erregten Meeres.
Erst einmal hatten die Menschen von Bali ein derart großes Schiff gesehen, aber das war schon lange her, und die Fremden waren ganz dicht an der Insel vorbeigesegelt, ohne hier anzulegen.
Aufregung bemächtigte sich der Leute, und der Brahmane fragte den Balian, ob sie den Fremden helfen sollten.
„Nein“, entschied der Medizinmann. „Mit unseren Booten schaffen wir die Brandung nicht, ohne zu ertrinken. Außerdem sind die Fremden Dämonen, die Unheil über uns alle bringen werden.“
„Können Dämonen denn in Not geraten?“ fragte ein junger Mann, der aufgeregt über das Wasser blickte, wo das fremde Schiff jetzt heranritt wie ein großer schwarzer Teufel.
„Sie können“, beschied der Balian. Mißtrauen lag in seinen dunklen Augen und Furcht vor dem hölzernen großen Ungetüm, das sich immer weiter dem Riff näherte.
Dann schwieg er und richtete den Blick wieder starr auf das fremde Schiff, das sich hilflos in den Wellen um seine eigene Achse drehte.
Immer dichter trieb der Wind es auf die Nordküste zu. An Bord des Fremden waren nun auch vereinzelte Gestalten zu erkennen, hilflose Männer, die nicht mehr in der Lage waren, ihr Schiff zu steuern.
Und sie sahen auch das Riff nicht, das jetzt vor ihnen aufwuchs, sich aber nur durch die langen Gischtfahnen und aufbrandende Wellen verriet.
In dem wilden Auf und Ab hantierten sie an einem Boot, und sie hatten es auch schon auf halbe Höhe hochgezogen, doch da donnerte eine harte Welle gegen die Seite und warf das Schiff fast um.
Das Boot sauste an Deck zurück, ein paar Männer verloren den Halt und wurden von wirbelnden Wassermassen begraben.
Stumm standen die Insulaner da, ohne ein Wort auf den Lippen. Selbst der Balian blieb stumm und in sich gekehrt. Nur sein mißtrauischer Blick änderte sich nicht.
Ebenso reglos sahen sie zu, wie die See einen Mann über Bord wusch. Mit weit ausgebreiteten Armen verschwand er in der See und tauchte auch nicht mehr auf. Das Meer verschlang ihn gierig.
Der Medizinmann drehte sich um.
„Die Wassergötter werden noch viele Opfer fordern“, sagte er. Dann schwieg er wieder.
Es war ein grausames Schicksal, das die Fremden dort draußen vor dem Riff erlebten. Sie kämpften hart um ihr Leben, jetzt, da sie ganz dicht vor dem Riff waren.
Das Schiff tanzte und hüpfte in wilden Sprüngen, wälzte sich hart durch das Wasser und richtete das Heck mitunter steil zum Himmel.
Es war jetzt heller geworden. Über der Kimm ließ sich ganz zaghaft ein feiner Strahlenkranz sehen, der aber alle Augenblicke von Wolken verdunkelt wurde.
Dann ging ein Aufschrei durch die reglos am Strand stehende Menge.
„Das Riff!“
Es ging alles ganz schnell. Eine große wild anrollende Woge hob das Schiff der Fremden hoch empor, schleuderte es mit gewaltigem Schwung gleichzeitig nach vorn und warf es mit unvorstellbarer Kraft auf das Korallenriff.
Die Götter der See schlugen unbarmherzig zu. Sie kannten keine Gnade, kein Erbarmen und erst recht kein Mitleid. Sie zerstörten das, was ihnen nicht gefiel, und dieses Schiff gefiel ihnen nicht.
Das Krachen war laut und schrecklich klar bis an den Strand zu hören, obwohl das Riff zwei Meilen entfernt war. Es war ein harter berstender und laut schmetternder Schlag, der mühelos das Rauschen des Windes und das Fauchen der See übertönte.
Der einzige noch stehende Mast zersplitterte, als habe ihn eine Riesenfaust zerbrochen. Eine Rah flog wie ein Geschoß durch die Luft und wirbelte ins Wasser.
Das Vorschiff brach ab, Planken stoben nach allen Seiten und zersplitterten, anschließend löste sich ein ganzer Teil der Seite und schwamm in der See.
Doch damit hatte es noch kein Ende.
Eine zweite Welle hob das Wrack an und warf es noch einmal mit aller Kraft auf die Korallenbank.
Diesmal löste sich das Achterschiff auf. Es fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen, rutschte in die See und wurde hin und her geschleudert, bis auch die letzten noch zusammengefügten Teile auseinanderbrachen.
Die Leute am Strand hörten Männer schreien, die in der See um ihr Leben schwammen. Ihre Köpfe waren kleine dunkle Punkte auf einer wild bewegten Obefläche zwischen treibenden Planken, Balken, Spieren und Trümmern.
Das Schiff selbst ähnelte jetzt einem Gerippe, aus dem nach allen Seiten zersplitterte Knochen herausstanden. Und dennoch hatten die gestrandeten Fremden unwahrscheinliches Glück, denn ihr Beiboot tanzte plötzlich auf dem Wasser, ohne zu kentern. Trotz der hohen stürmischen See gelang es einigen, in das Boot zu klettern.
Der Balian sah mit fast unbewegtem Gesicht zu. Reglos stand er da, sein Körper war leicht nach vorn geneigt. Er rührte sich nicht, und er dachte immer noch nicht daran, diesen Fremden zu helfen, deren halbvoll besetztes Boot nun auf den Strand zutrieb.
In der Brandung kippte es mit Donnergetöse um und spie die Männer ins Wasser.
Die Fremden schrien etwas in einer Sprache, die niemand verstand. Einige hatten lange Haare im Gesicht und rollten wild mit den Augen.
Unter lauten Verwünschungen schwammen oder paddelten sie an Land, und erst da geriet Bewegung in die Insulaner.
Einige von ihnen gingen ins Wasser und reichten den Fremden die Hände, aber die Fremden schüttelten sie mißmutig ab, wiesen die hilfreichen Arme zurück oder schlugen nach den Insulanern.
Sie halfen sich gegenseitig, als sie den Strand erreichten, spien Wasser aus, und laute harte Worte erklangen.
Ein großer schwarzhaariger Mann, nur mit einer Leinenhose bekleidet, stapfte auf den Strand und schüttelte sich. Eine Weile blieb er stehen, dann ging er zurück ins Wasser, um den anderen zu helfen und einen nach dem anderen an Land zu ziehen.
Immer noch stand der Balian da und musterte aus den Augenwinkeln die fremden Männer. Es waren seltsame Männer mit furchtbaren Gesichtern, mit haarigen Gesichtern und solchen, auf denen nur Stoppeln wuchsen. Zwei waren dabei, die von einer der anderen Inseln stammen konnten, denn ihre Züge verrieten die Eingeborenen der Inselwelten. Wieder andere waren gänzlich fremd.
Unter lautem Gebrüll zogen sie das umgeschlagene Boot an Land. Danach wurde es mit vereinten Kräften bis hoch auf den Strand gezogen.
Der Balian wich zurück, als einer der Männer auf ihn zuging. Sein Haar war klatschnaß, Salzwasser lief über sein Gesicht.
„Verstehst du mich?“ herrschte er den Balian an.
Der Medizinmann verstand ihn, denn der Mann sprach eine ähnliche Sprache, wie sie auch auf den Nachbarinseln gesprochen wurde.
„Ja, ich verstehe dich“, sagte er widerwillig. Er verspürte tiefe Abneigung gegen diesen Mann, gegen alle Schiffbrüchigen, und er wußte mit Sicherheit, daß es noch sehr viele Schwierigkeiten mit diesen Fremden geben würde.
„Das ist gut“, sagte der Fremde. „Ihr verlausten Halunken steht hier herum, ohne eine Hand zu rühren. Aber das wird sich gleich ändern. Bist du hier der Medizinmann?“
„Ja, ich bin der Balian!“
„Dann hör mir gut zu, du Sohn einer Ente: Du wirst jetzt dafür sorgen, daß die angeschwemmten Kisten und Fässer alle an Land gebracht werden. Auch das Holz wird alles in Sicherheit gebracht. Hast du das verstanden?“
Als der Balian nicht gleich antwortete, erhielt er einen harten Stoß vor die Brust. Die anderen Insulaner sahen es mit Entsetzen und wollten eingreifen, aber zwei der Fremden hatten plötzlich lange Messer in den Händen und warteten mit tückisch funkelnden Augen und grinsenden Gesichtern darauf, daß sie angriffen.
Von den Balinesen hatte nur einer einen Kris, die anderen waren nicht bewaffnet.
Der Balian erhob sich, Zorn funkelte in seinen Augen.
„Ob du das verstanden hast, du Wanze!“ wiederholte der Mann.
Einer der anderen hatte sich dem Balian ebenfalls genähert. Er nahm das Entermesser und drückte es dem Medizinmann an den Hals. Dazu fluchte er laut und drohend in einer dem Balian unbekannten Sprache.
„Los, fangt an!“ schrie der andere. „Das Zeug treibt schon auf den Strand zu! Oder sollen wir dir erst den Hals durchschneiden?“
Der Balian stand hoch aufgerichtet da. Unendliche Verachtung lag in seinen Zügen, aber er fügte sich und sagte ein paar Worte zu den anderen Insulanern.
Die wateten ins Wasser und begannen unverzüglich, die angeschwemmten Holz- und Wrackteile zu bergen und auf den Sand zu legen.
Mittlerweile trieb auch ein Toter an den Strand, es war der erste von etlichen anderen, die noch folgen sollten.
Die Fremden halfen zwar anfangs mit, doch als sie sahen, daß die Insulaner schufteten, standen sie faul herum, befahlen nur noch oder bedachten die Balinesen mit Tritten, wenn es nicht schnell genug ging.
Schließlich rührte von den Fremden keiner mehr eine Hand. Ungeniert zogen sie ihre nasse Kleidung aus, wrangen sie aus und zogen sie wieder an.
Einen Mann, der noch lebte, holten sie selbst aus dem Wasser, und auch lange schwarze Rohre durfte keiner der Insulaner anfassen.
Dafür durften sie schuften und alles an Holz bergen, was es zu bergen gab, und das war nicht gerade wenig.
Gegen Mittag lag ein ansehnlicher Berg so hoch am Strand, daß ihn das Wasser nicht mehr erreichen konnte.
Zu der Zeit beruhigte sich auch wieder der Wind. Die Wellen mäßigten sich und wurden kleiner. Nochmals eine knappe Stunde später lag die See fast spiegelglatt und ruhig da. Von einem blauen Himmel schien heiß die Sonne.
Fast zwanzig Fremde zählte der Balian. So viele hatten überlebt. Am Strand lagen weitere sieben Männer, reglos, mit weit offenen Augen, die ertrunken und von der See angespült worden waren.
Einige weitere wurden offenbar noch vermißt, denn immer wieder suchten die Fremden die See ab.
Das zersplitterte Wrack hockte jetzt reglos und immer noch massig auf der vorgelagerten Korallenbank. Der Balian hörte, wie sich die Fremden unterhielten und immer wieder aufs Wasser deuteten.
Der Mann, der seine Sprache sprach, trat näher.
„Ihr könnt jetzt verschwinden“, befahl er herrisch. „Bis zum Abend werdet ihr uns eine Hütte bauen. Wenn die bis zum Sonnenuntergang nicht fertig ist, nehmen wir eure Hütten.“
„Was haben wir euch getan?“ fragte der Balian. „Wir sind nicht am Untergang des Schiffes schuld, und wir haben euch nicht gerufen. Ihr bringt Unfrieden über unser Land.“
Der Mann tat so, als habe er nichts gehört. Während er weitersprach, blickte er zu dem Wrack hinüber.
„Ihr werdet uns selbstverständlich verpflegen“, sagte er. „Wir brauchen zwei gebackene Schweine und viele Früchte. Jetzt verzieh dich und wehe, es geschieht nicht alles das, was ich befohlen habe. Wenn ihr gehorcht, geschieht euch nichts. Aber im anderen Fall werden wir euch mit den Donnerrohren jagen, bis euch die Haare ausgehen.“
Der Balian wußte zwar nicht, was ein Donnerrohr war, aber die Drohung wirkte trotzdem.
Allerdings sann er darüber nach, wie sie diese aufsässigen und größenwahnsinnigen Fremden wieder verjagen konnten. Vielleicht gelang das mit dem vierfachen magischen Kreis oder mit Hilfe des Sanghyan-Djaran-Zeremoniells. Er war jedenfalls nicht gewillt, sich von diesen Fremden unterdrücken und knechten zu lassen. Auf dieser Insel bestimmten die Eingeborenen und sonst niemand.
Ohne Antwort zu geben, drehte er sich um. Seine Leute folgten ihm. Sie verschwanden in Richtung der Hütten.
Dort berieten sie, was zu tun sei, seit über der Insel der Schatten der unheimlichen Fremden lag.
Noch wußte es niemand.
2.
Länger als eine. Woche war die „Isabella VIII.“ fast Nordkurs an der Westküste Australiens entlanggesegelt.
Dann beschrieb die Küste einen scharfen Knick, und jeder nahm an, daß der Seewolf nun wieder Ostkurs segeln würde, um auch noch den Rest des sagenhaften „Südlandes“ zu erkunden.
Aber das Fazit dieser Reise hatte Philip Hasard Killigrew längst gezogen.
Es gab kein Südland, jedenfalls nicht in dem Sinne der Mären und Legenden, die von einem riesigen Land im Süden sprachen, einem Kontinent, ähnlich dem europäischen oder amerikanischen.
Sie hatten eine Insel gefunden, das stand mit absoluter Gewißheit fest, und das bewies auch dieser Küstenstrich in östlicher Richtung.
Hasard hatte die letzten Eintragungen abgeschlossen und in die Seekarte übertragen. Ein letzter Rest Ungewißheit in östlicher Richtung blieb noch, und dieser Teil war auf der Karte mit einem Fragezeichen versehen. Aber die reine Logik sagte ihm, daß der Verlauf dieser Küste später wieder einen Knick beschrieb und sie auf diese Art und Weise früher oder später wieder zu jenem riesigen Riff gelangen würden, das man fraglos als das größte und längste der gesamten Welt bezeichnen konnte.
Der Seewolf verließ seinen Platz auf dem Achterdeck und versammelte die Crew um sich.
Ein neuer Kurs wurde festgelegt und besprochen. Da ihr weiteres Schicksal davon abhing und ihnen die „Isabella“ außerdem gemeinsam gehörte, wurde ganz einfach abgestimmt.
Bei dieser Methode gab es kein Murren, kein Meckern und Motzen und keinen Streit. Jeder bestimmte also sein Schicksal selbst mit.
„Von nun an“, begann Hasard, „verläuft der Küstenstrich vorerst in nordöstlicher Richtung. Später wird er wieder so nach Süden verlaufen, daß wir auf das riesige Riff treffen. Segeln wir also in dieser Richtung weiter, wird uns das keine neuen Erkenntnisse bringen. Dieses Land ist eine Insel, das steht fest. Wenn wir nach Norden segeln, gelangen wir meiner Ansicht nach wieder in die langgestreckte Inselkette des Pazifischen Ozeans.“
„Und wenn wir nach Westen drehen, Sir?“ fragte der Schiffszimmermann Ferris Tucker. „Wo gelangen wir dann hin?“
„Mit Sicherheit sind wir dann gleich im Indischen Ozean und würden uns auf die ostafrikanische Küste zubewegen“, entgegnete der Seewolf. „So weit haben wir die Eintragungen auf der Karte. Da ist natürlich noch sehr viel offen, aber wir wissen, daß die Erde rund ist, und sehen unsere Route diesmal nur aus einer weit südlicheren Perspektive.“
„So ist das also“, sagte Ferris Tukker andächtig. „Pazifischer Ozean, Indischer Ozean und dann wieder Atlantik. Habe ich recht?“
„In westlicher Richtung, ja, Ferris.“
Der alte O’Flynn, der neben dem schweigenden Profos Edwin Carberry stand, grämte sich wieder einmal. Er hatte nicht den geringsten Durchblick in der Navigation, obwohl er ein mit allen Meeren getränktes Rauhbein war. Aber diese Ortsbestimmungen gingen ihm gegen den Strich.
Verdammt, das kapierte er nie, obwohl sie es ihm schon oft erläutert hatten. Wasser war Wasser, bei allen lausigen Meermännern. Und da konnte sich nicht einer mitten auf den Ozean stellen und einfach behaupten: So, wir sind genau da und da!
No, Sir, das konnte man nicht wissen, wenn man nicht mit dunklen Mächten im Bund stand, die einem das zuraunten.
Sein Gesicht wurde mißtrauisch und seine Augen schmal.
„Wie, beim dreimal geschwänzten altisländischen Troll, wollt ihr Kerle das eigentlich immer wissen?“ fragte er lauernd.
„Sind wir etwa nicht immer da gelandet, wo wir wollten?“ fragte der Profos. „Oder hast du alter Salzhering das immer noch nicht begriffen, was, wie?“
„Nicht immer“, sagte O’Flynn mit mahnend erhobenem Zeigefinger. „Nicht immer, du aufgeblasener Kugelfisch! Und wenn wir jetzt zur Schlangen-Insel segeln wollen, wie segeln wir dann, he?“
„Genau, wie du es eben schon gehört hast“, sagte der Profos gemütlich. „Nämlich durch den Indischen Ozean, den Atlantischen Ozean und wieder nach Norden. Es gibt aber auch einen umgekehrten Weg durch den Pazifischen Ozean um das Kap der Stürme herum. Dann landen wir wieder im Atlantischen Ozean.“
Hasard stand lächelnd dabei und amüsierte sich, wie Old O’Flynn sich vergeblich um einen klaren Blick bemühte.
Immer noch sah er den Profos mißtrauisch an, der jetzt endlich begriffen hatte, wie das alles zusammenhing.
Aber der Alte winkte ab.
„Segelt, wohin ihr wollt, ich kapiere das nie mehr in meinem Leben. Ein Ozean Steuerbord, der andere Backbord und mittendrin noch so eine lausige Pfütze. Oben und unten Wasser. Ja, zum Teufel“, ereiferte er sich, „nimmt mich wunder, daß man bei dem vielen Wasser überhaupt noch mal Land sieht.“
Da half alles nichts, daß O’Flynn ein vorzüglicher Seemann war, das Auffinden von Orten, die mehr als tausend Meilen entfernt waren, hatte für ihn etwas Unheimliches an sich.
„Ja, das wundert uns auch“, sagte Carberry grinsend. „Da muß wohl der Zufall seine Hand im Spiel haben.“
Hasard blickte in den blauen Himmel und stellte fest, daß sich der Wind zu drehen begann. Der rauhe Geselle, der sie über die Meere der Welt trieb, drehte unmerklich und blies dann fast aus Ost. Vermutlich hing das mit der riesigen Landmasse und dem freien Meer zusammen, das nun wieder vor ihnen lag.
„Wer ist dafür, daß wir nach Osten segeln?“ fragte er laut. „Und wer hebt die Hand dafür, daß wir auf Nordkurs bleiben?“
„Und da gelangen wir ganz sicher wieder in die Südsee?“ fragte Blacky.
„In einen Teil davon“, sagte Hasard. „Meinen Berechnungen nach werden wir uns dann westlich der Insel befinden, wo es die Papuas gab.“
Der junge Bill hob zaghaft die Hand.
„Noch weiter nach Norden gelangen wir in das Land des Großen Chan, Sir, stimmt das?“
„Ha, jetzt weiß ich, wo wir sind“, schrie der alte O’Flynn dazwischen. „Jetzt hab ich alles begriffen.“
„Auch das stimmt, Bill“, sagte der Seewolf. „Aber so hoch hinauf werden wir diesmal nicht segeln.“
Bill dachte an ein Mädchen, ein mandeläugiges Chinesenmädchen von knabenhafter zarter Figur, und er wußte auch noch ihren Namen. Sie hieß Ch’ingchao Li-Hsia, und dieser Name bedeutete soviel wie „Flüssiges Licht im beginnenden Sommer“. Da war er zum erstenmal in seinem Leben so richtig verknallt gewesen und hatte sich aufgeblasen und ständig groß angegeben, sobald er sie nur erblickte.
Aber das lag schon lange zurück und erschien ihm wie eine Ewigkeit, als sie damals die Flußbraut, die auf einem Floß im Meer schwamm, halb tot aus dem Wasser gezogen hatten.
„Nach Norden!“ rief der Decksälteste Smoky spontan, und auch Bill entschied sich für den Nordkurs.
Eine Hand nach der anderen hob sich. Stenmark und Luke Morgan zögerten noch unentschlossen, doch als der Profos, Tucker, Big Old Shane, Jeff Bowie und der Kutscher die Hand hoben, da streckten sie ihre Flossen auch hoch in die Luft und entschieden sich für den Kurs nach Norden.
„Weshalb sollen wir diese lausige Insel noch einmal runden?“ fragte Old O’Flynn. „Die kennen wir doch längst. Am besten segeln wir direkt nach Irland weiter.“
Carberry sah den Alten fassungslos an und stöhnte leise.
„Er hat es immer noch nicht kapiert“, sagte er klagend. „Das ist ja ein Kreuz mit diesem Burschen.“
Hasard setzte dem gleich folgenden Gezeter rechtzeitig ein Ende.
„Wir segeln also Nordkurs“, sagte er, „damit ist es entschieden. Vielleicht hat einer der ehrenwerten Gentlemen schon gemerkt, daß der Wind leicht drehte.“
Das hatten die meisten nur halb mitgekriegt, und selbst der Profos bildete da keine Ausnahme. Aber das lag nur an der Diskussion, und es war auch nicht weiter schlimm.
„Was steht ihr noch herum und gafft euch die Klüsen aus dem Kopf?“ grollte Carberry. „Das Raumschotsegeln ist vorbei. Wir gehen auf Backbordbug! Und wenn ihr triefäugigen Bilgengespenster nicht gleich auf Stationen seid, dann wird euch der alte Carberry die …“
Jeder wartete jetzt auf Carberrys Lieblingsspruch, und die ersten Männer unternahmen Anstalten, ihn nachzuäffen.
„… Rahen vom Hals bis in den Achtersteven schieben und euch am Spieß grillen!“ sagte er ungerührt.
„Das ist ja ein starkes Stück“, empörte sich Smoky. „Das mit dem Affenarsch lasse ich mir ja noch gefallen, aber wie sehen wir denn mit den Rahen im Hals aus?“
Etwas später segelte die „Isabella“ mit Steuerbordhalsen auf Backbordbug bei Wind aus Ost.
An Steuerbord wurde das Land unmerklich kleiner, aber weiter nach Nordosten zu war noch sehr lange der Küstenstrich zu sehen, bis auch der unmerklich Steuerbord achteraus verschwand.
Wieder einmal war die „Isabella“ auf hoher See und bewegte sich durch eine langrollende Dünung.
So ging es den ersten, den zweiten und auch den dritten Tag. Es gab nur See und Himmel zu sehen, und nur einmal sahen sie dicht unter der Kimm die Masten eines Schiffes. Doch das Schiff verschwand innerhalb einer knappen Stunde und wurde nicht mehr gesichtet.
Ab und zu ließ der Seewolf mit Hilfe des Logs die Geschwindigkeit des Schiffes messen und trug die zurückgelegte Strecke in die Seekarte ein, die sein ganzer Stolz war. Er schätzte, daß sie in einer Woche wieder Land sehen würden. Bis dahin gab es nichts als Wasser und Sonne, Wind und blauen Himmel. Im fernen England schrieb man den vierundzwanzigsten Juni fünfzehnhundertneunzig.
„Richtig stinklangweilig ist es“, sagte Hasard junior zu seinem Zwillingsbruder Philip am vierten Tag auf See. „Es passiert aber auch rein gar nichts.“
„Dann müssen wir was passieren lassen“, erwiderte Philip trocken.
„Aber was?“
„Weiß ich auch noch nicht. Aber etwas, das alle aufregt.“
„Dann gibt’s wieder Senge.“
„Ach was“, sagte Philip. „Soll ja keiner einen Schaden dabei erleiden. Nur so ’n bißchen was zum Lachen.“
„Du meinst, die Erwachsenen verulken?“
„Klar, das meine ich. Paß mal auf.“
Die beiden Helden entwickelten einen Plan, um das Bordleben wieder etwas aufzubrassen, wie Hasard sagte.
Nochmals einen Tag später fiel dem Profos auf, daß sein Lieblingsvieh, der Aracanga-Papagei Sir John, immer einen ganz bestimmten Platz auf dem Vordeck anflog, dort eine Zeitlang buchstäblich verschwand und erst viel später auf die Rah zurückkehrte. Dann blieb er oben hocken, krächzte obszöne Flüche an Deck und suchte nach einer Weile wieder das Vordeck auf.
Carberry stand sinnend am Schanzkleid und sah dem bunten Vogel nach.
„Merkwürdig“, sagte er zu Tucker. „Das tut Sir John nur sehr selten, daß er zum Vordeck fliegt. Was tut er da?“
„Sieh doch mal nach“, schlug der rothaarige Schiffszimmermann vor. „Aber wahrscheinlich hat der Vogel nur Langeweile.“
„So wichtig ist es nun auch wieder nicht“, meinte Ed, aber nach einer Weile ließ es ihm doch keine Ruhe mehr, denn Sir John startete immer in ganz bestimmten Abständen zum Vordeck.
Der Profos nahm die Stelle in Augenschein und ging nach vorn. Aber den Aracanga sah er zu seiner Verblüffung nicht.
„He, Smoky“, sagte Ed zu dem Decksältesten. „Hast du Sir John gesehen?“
„Vorhin flog er noch hier herum. Ich glaube, er ist in einen der alten Verschläge gesaust, da, hinter dem Schott.“
„Was für ein Verschlag?“
„Wo früher immer die Hühner drin waren.“
„Ach ja, richtig.“
Carberry entsann sich wieder. Ferris Tucker hatte die Hühnerkäfige einmal in England gebaut, und sie waren auf dem Vordeck verkeilt worden, aber seit langem unbeachtet, denn zur Zeit gab es an Bord keine Hühner mehr.
Hinter dem Schott standen die Käfige sicher, und Ferris hatte sie von den Seiten zusätzlich mit Brettern vernagelt.
Der Profos ging hinter das Schott und fand, daß einer der Käfige offen war.
Er hatte sich dem Käfig noch nicht ganz genähert, als zeternd und kreischend der Papagei herausstolzierte, sich aufplusterte und mit weit ausgebreiteten Schwingen in die Höhe strebte, dem Großmars entgegen.
Carberry schüttelte den Kopf, ließ sich auf alle viere nieder und streckte sein narbiges Gesicht mit dem ungeheuren Rammkinn in den Käfig, um herauszufinden, was Sir John so daran interessierte.
Inzwischen waren auch Smoky, Gary Andrews und Matt Davies auf dem Vorschiff erschienen, angelockt durch Carberrys merkwürdiges Benehmen.
Sie sahen von ihrem Profos allerdings nur den Achtersteven, denn der hockte immer noch auf den Planken und glotzte sich in dem Käfig die Augen aus.
Was er da allerdings sah, ließ ihn an seinem eigenen Verstand fast zweifeln. Er schloß ein paarmal krampfhaft die Augen, öffnete sie wieder, zwinkerte und konnte nicht glauben, was er sah.
Auf dem Boden des Käfigs befand sich ein großes Nest, schön hergerichtet aus Sägespänen, alten Stoffresten, größeren Holzsplittern und Unmengen von Sonnenblumenkernen. Das alles war kunstvoll drapiert, gezogen, gebogen und in Form gebracht.
Der Profos kriegte richtige Stielaugen, denn nicht nur das Nest war es, was ihn irritierte und hilflos vor sich hin blicken ließ.
„Nein, das allein war es nicht, denn in dem kunstvoll und liebevoll gebauten Nest lagen drei Eier, drei richtige Eier von leicht hellbrauner Farbe mit einigen grünlichen Tupfern darauf.
Dem Profos kamen vor Rührung fast die Tränen. Er schluckte andächtig und verstand die Welt nicht mehr.
Sir John, sein Sir John, hatte Eier gelegt! Ein Unding, seit die Welt bestand!
Er zog sich vorsichtig zurück. Seine ganze Welt stand kopf.
Als er endlich fassungslos und mit knallrotem Schädel vor den anderen stand, verging denen ihr Grinsen. Sie sahen ihren Profos entgeistert an.
„Fehlt dir was, Ed?“ fragte Smoky besorgt.
Carberry starrte fast verzückt in unbekannte Fernen, und auf seinem Narbengesicht lag ein andächtiges Leuchten, als er sagte: „Ich glaube, mich knutscht eine Seekuh!“
„Hä?“ fragte Matt Davies. „Sollen wir den Kutscher holen, Ed? Vielleicht hast du auch das Dingsbums, das Smoky damals hatte, diesen, äh – na ja, dies Dings im Kopf!“
Carberry hörte gar nicht zu. Er stand da, schüttelte den Kopf und merkte gar nicht, daß die anderen sich fragten, weshalb den guten Ed ausgerechnet eine Seekuh geknutscht hatte.
Endlich brach es aus ihm hervor.
„Sir John hat drei Eier gelegt“, sagte er, und jeder war sich absolut sicher, daß es verdammt feierlich klang.
Ed sah in entgeisterte Gesichter, Augen starrten ihn so ungläubig an, als zweifle jeder an seinem Verstand.
„Spinnst du etwa?“ fragte Smoky grob. „Oder willst du uns nur verschaukeln?“
„Mann, Profos“, sagte Matt Davies eindringlich. „Überlege dir doch mal, was du da eben verkündet hast! Sir John ist schließlich ein ausgewachsener Mann, äh – männlicher Vogel, meine ich, und die legen bekanntlich nur krumme Eier.“
„Dann ist es jetzt eben eine Sir Johnin“, sagte Ed. „Und wenn ihr grünen Stinte das nicht glaubt, dann glotzt euch das Gehege doch selbst an. Aber wehe, einer berührt auch nur ein Ei! Dem ziehe ich persönlich die Ärsche von seinen Streifen – äh, verdammt, ich bin ganz aufgeregt. Seht selbst nach, aber ganz vorsichtig!“
Smoky kroch als erster hinein, und als er das Gelege erblickte und wieder zurückkroch, da glänzten auch seine Augen, und er schüttelte fassungslos den Kopf.
„Das – das ist ja ein – ein Unding“, sagte er krächzend.
Einer nach dem anderen kroch hinein und kehrte ebenso verdattert wieder zurück.
Sie alle blickten zur Großrah, wo Sir John sich aufplusterte und krächzende Laute von sich gab.
„Mann, wie war das nur möglich?“ stammelte Matt Davies, der es immer noch nicht glauben konnte, aber er hatte die Eier selbst gesehen, das war keine Täuschung gewesen.
„Ich entsinne mich jetzt, daß Sir John ein paarmal an Land flog“, sagte Gary Andrews nachdenklich. „Da gab es ja immerhin genügend Papageien. Und die werden schon gemerkt haben, daß er kein Männchen, sondern ein Weibchen ist.“
„Richtig, da waren auch weiße Papageien mit gelben Hauben dabei“, sagte Smoky. „Das gibt bestimmt so eine Mischung wie zwischen Negern und Weißen. Na, auf die Jungen bin ich gespannt.“
„Geht weg, er will in sein Nest!“ rief der Profos. „Mich wundert, daß er die Eier nicht ständig bebrütet.“
„Vielleicht will er sich nur den Hintern kühlen“, meinte Blacky.
„Sie – meinst du wohl“, korrigierte Carberry.
„Ja, da muß man total umdenken“, murmelte Blacky verstört.
Sir John stürzte sich aufs Vordeck, landete auf den Planken und stolzierte zu „seinem“ Käfig. Wie eine bunte Ente watschelte er hinein und verschwand in dem dämmerigen Kasten.
Draußen erhitzten sich unterdessen die Gemüter. Die Seewölfe liefen zusammen, staunten und konnten es nicht fassen.
Und der alte O’Flynn sagte: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht kapieren. Mir kam das Vieh schon immer so seltsam vor. Er, sie, meine ich, benahm sich nämlich direkt weiblich.“
„Du hast natürlich wieder den totalen Durchblick“, sagte Ed. „Hinterher weißt du immer alles besser als die anderen, du Seegurke!“
Auch die Zwillinge erschienen mit großen erstaunten Augen, aber der Profos scheuchte sie weg.
„Laßt euch ja nicht in seiner Nähe blicken“, warnte er. „In ihrer Nähe, meine ich. Und stellt mir nichts mit den Eiern an, habt ihr das verstanden?“
„Stimmt das denn wirklich?“ fragte Hasard junior skeptisch.
„Klar stimmt das, wir alle haben es gesehen. Später, wenn sie wieder auf der Rah hockt, um sich den Achtersteven zu kühlen, dürft ihr mal einen Blick in das Nest werfen.“
Mit hochroten Köpfen blieben die Zwillinge erwartungsvoll stehen. Aber Sir John blieb noch eine ganze Weile in dem Käfig. Erst nach einer halben Stunde flatterte er wieder heraus und schwang sich auf die Rah.
Das seltsame Gebaren des Vogels kapierte zwar niemand so richtig, denn von einem Vogel wußte man allgemein, daß er tagelang ohne Pause auf seinen Eiern hockte. Aber Papageien bildeten da vielleicht eine Ausnahme. Schließlich mußte Sir John das ja besser wissen als die Seewölfe, und sie konnten ihm da keine Vorschriften machen.
Schließlich erfuhren auch der Seewolf und Ben Brighton davon.
Sie ließen es sich von Carberry berichten, und der Profos sprach dabei in rührenden Tönen von einer liebevoll besorgten Mutter und daß es nicht mehr lange dauern würde, dann hätten sie drei weitere Papageien an Bord.
Selbst der Seewolf war fassungslos.
Carberry ordnete an, daß für die brütende Mutter ab sofort Trinkwasser in einer Muck dicht beim Käfig aufgestellt wurde. Dann befahl er den Zwillingen, sich immer rechtzeitig um Früchte und Leckerbissen bei dem Kutscher zu bemühen, damit es Sir John ja auch an nichts fehle.
Hasard und Philip versprachen das, und später durften sie auch einen Blick auf das kunstvoll gebaute Nest werfen.
„Donnerwetter“, sagten beide wie aus einem Mund. „Das hätte ich niemals gedacht.“
Der eierlegende Sir John war und blieb die Hauptattraktion, und an Bord wurden lange Debatten darüber geführt, ob man den Namen nicht ändern solle, denn einen brütenden Sir gab es nicht, daher schlug der Moses Bill vor, man solle den Vogel doch von nun an einfach Lady John nennen.
„Du spinnst wohl“, sagte Carberry. „Lady John war doch die Stiefmutter des Seewolfs. Das geht nicht.“
„Vielleicht Ladybird“, schlug Matt Davies vor, aber auch da winkte der Profos ab.
„Daran kann ich mich nicht gewöhnen“, erklärte er.
Die Gemüter erhitzten sich weiter, denn die Sache mit Sir John war tatsächlich die größte und einzige Abwechslung auf dieser Reise gen Norden.
Immer wieder schlich der Profos zu seinem Liebling, hockte auf allen vieren auf den Planken, kontrollierte, ob der Vogel auch genug zu fressen hatte und seine Leckerbissen regelmäßig erhielt, und fand alles in bester Ordnung.
Bis auf eine Kleinigkeit allerdings, und die berührte den stumm dasitzenden Carberry fast peinlich.
Sir John nämlich fraß sich dick und voll, zernagte die Leckerbissen und schielte nur ab und zu mal neugierig nach den Eiern. Meist rollte er sie mit dem großen Schnabel im Nest herum, beglotzte sie andächtig und widmete sich dann seinen Körnern, dem Mais und den Sonnenblumenkernen.
„Wie du das schaffst, ist mir egal“, knurrte Ed. „Aber wenn du die Eier nicht richtig ausbrütest, drehe ich dir den Kragen rum! Ich kann nur für dich hoffen, daß du eine gute Mutter bist!“
Daraufhin stieß der Aracanga wieder einen seiner lästerlichen Flüche aus, spazierte O-beinig aus dem Käfig und schwang sich auf die Großrah, verfolgt von Carberrys äußerst besorgten und auch leicht mißtrauischen Blicken.
Der Profos, besorgt über seinen Liebling, ging zum Kutscher, dem Feldscher an Bord, der lange Jahre bei Sir Freemont gedient hatte und sich selbst nur der Kutscher nannte. Angeblich hatte er keinen anderen Namen.
„Hör mal, Kutscher“, sagte Ed und lehnte sich ans Kombüsenschott. „Wie lange brütet ein Papagei eigentlich? Du bist doch ein gelehrter Mann, oder du tust jedenfalls immer so!“
„Bist du etwa hergeschlichen, um mich zu beleidigen?“ fragte der Kutscher sauer.
„Nein, nein, so darfst du das nicht auffassen. Wie lange also?“
„Hm, schwer zu sagen.“ Der Kutscher zog unbehaglich die Schultern hoch.
„Wenn ich von einem Huhn ausgehe …“
„Verdammt, Sir John ist kein Huhn“, unterbrach Ed.
„Na, ich schätze, so ungefähr gut zwei Wochen.“
„Genau weißt du es aber nicht, wie?“
„Nein, ich habe noch keinen brütenden Papagei beobachtet, und ich hocke auch nicht ständig mit dem Hintern auf den Planken, um das zu begaffen. Du wirst es schon selbst merken, wenn eines Tages drei häßliche nackte Viecher in dem Nest liegen.“
„Du tust doch immer so, als hättest du die Weisheit mit Löffeln gefressen“, sagte Ed. „Dabei weißt du nicht einmal, wie lange ein Papagei brütet.“
„Das hat doch mit Intelligenz nichts zu tun!“ schrie der Kutscher und reckte kampfeslustig die magere Brust vor.
„Klar hat es das“, versicherte der Profos. „Aber einwandfrei. Wer so was nicht weiß, ist einfach bescheuert!“
Damit ließ er den verblüfften Kutscher stehen, der ihm erbittert nachfluchte, und ging wieder nach vorn.
Dort belauerte er Sir John, der sich um seine drei gelegten Eier kaum kümmerte, aber desto mehr den Lekkerbissen zusprach und sich seinen gefiederten Ranzen erbarmungslos vollstopfte.
Irgend etwas stimmte mit dem Vogel nicht, fand Ed, aber das würde er noch herausfinden.
Die „Isabella“ segelte weiter nach Norden bei gutem Ostwind und einem azurblauen Himmel.
3.
Die Eingeborenen hatten sich schlicht und einfach geweigert, den Fremden, die sich so arrogant benahmen, Hütten zu bauen. Auch die gebackenen Schweine brachten sie nicht.
„Wir wollen diese Leute nicht“, sagte der Balian. „Sie sind schlecht und böse, und sie bringen Unheil. Wir lassen uns nicht von ihnen unterdrücken. Die Insel gehört uns, hier lebten schon unsere Urväter.“
Das Wort des Balian galt, und alle stimmten zu.
An diesem Tag geschah auch nichts. Keiner der Fremden kümmerte sich um sie, niemand belästigte sie. Die Fremden waren damit beschäftigt, Fässer im nahen Palmenwald zu verstauen. Sie brachten das Boot noch höher aufs Land und schichteten die Wrackteile zu großen Haufen dicht am Strand auf. Vermutlich wollten sie das kostbare Holz einfach verbrennen.
Aber noch war es naß und würde nicht brennen. Holz stand auf der Insel hoch im Kurs und wurde teuer gehandelt, und so überlegte der Balian, ob er nicht doch einen Kompromiß mit den Fremden schließen sollte.
Dann konnten sie auch den toten Priester Atun feierlich verbrennen, der noch zur Verwesung auf dem Friedhof lag.
Nach reiflicher Überlegung ließ er es dann doch bleiben. Mit den fremden Kerlen war nicht zu reden, die würden sich auf keinen Tausch oder Handel einlassen. Sie würden nur fordern, und er wollte sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben.
Der Balian und der Brahmane zögerten immer noch, das Kecakfest hinauszuschieben, sie wollten die Götter nicht noch mehr erzürnen.
Aber unter diesen Umständen würde das Fest mit Sicherheit nicht reibungslos ablaufen, die Fremden würden es stören, und damit war es entweiht.
Nein, sie wollten noch ein paar Tage warten, bis dahin gaben die Götter ihnen vielleicht einen Wink, oder es trat eine andere Änderung ein, und das Problem löste sich von selbst.
Am anderen Morgen, es war eine Stunde nach Sonnenaufgang, erschien der Mann von den Inseln, wie sie den Fremden nannten, der so ähnlich aussah wie die Eingeborenen.
In seiner Begleitung war ein anderer Mann mit langen Haaren im Gesicht und verschlagen blickenden Augen. Alle beide trugen lange Rohre über der Schulter. Der Mann mit den Gesichtshaaren hatte in seiner Faust ein ähnliches Instrument, nur kleiner.
Auf der Lichtung zwischen den Hütten war eine lange Tafel aufgebaut – wie immer am frühen Morgen. Etwa zwanzig Eingeborene saßen auf Matten um die niedrige Tafel herum und schwatzten. Es gab gebackenen Maniok, Melonen, Kokosnüsse und Marau.
Als die beiden Fremden erschienen, verstummten schlagartig die Gespräche.
Der Balian erhob sich und stellte sich vor die Tafel. Er ahnte, daß es jetzt Ärger gab, aber der ließ sich nicht vermeiden.
„Ist unsere Hütte immer noch nicht fertig?“ fragte der Mann sanft.
„Nein“, erwiderte der Medizinmann fest. „Sie ist nicht fertig, und sie wird auch nicht fertig werden. Die Leute sind nicht bereit, eine Hütte zu bauen, wenn sie dazu gezwungen werden.“
Der Fremde lachte abfällig. Er wandte sich zu dem anderen und sagte etwas in der fremden Sprache. Als er geendet hatte, verfinsterte sich das Gesicht des Bärtigen noch mehr, seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.
„Soso“, sagte der Mann hämisch. „Und mit den gebackenen Schweinen verhält es sich ebenso, wie?“
„Ihr findet auf der Insel genügend Nahrung, auch wilde Schweine“, sagte der Balian fest. „Ihr seid Strandräuber oder Piraten wie jene, die mit ihren Prahos die Inseln ansegeln, die Leute morden und alles plündern.“
„Klar, wir sind Piraten, und wir haben Pech gehabt. Ihr wünscht also, daß wir uns auf einen unbewohnten Teil der Insel zurückziehen. Euch paßt unsere Gesellschaft nicht!“
„Wir wollen keinen Ärger, Mann der Inseln. Wir wollen friedlich so weiterleben wie bisher.“
Die Stimme des Balian zitterte leicht, aber er blieb fest und gab nicht nach.
„Wir haben immer ein ruhiges Leben geführt, und so soll es auch künftig bleiben. Ihr aber bringt Unfrieden und unterdrückt unsere Leute. Geht in Frieden, die Insel bietet Platz für alle. Wir möchten in Ruhe das Fest der Dämonen feiern.“
„Pah, eure Dämonen können mich mal!“
Der Mann drehte sich um und übersetzte in die Sprache des anderen. Der sagte wütend ein paar schnelle Worte, nahm das lange Rohr von der Schulter und überprüfte es.
„Es bleibt also bei deinem Entschluß, Medizinmann?“
„Ja, es bleibt dabei. Es sei denn, ihr benehmt euch friedlich und wendet keine Gewalt an. Auch keine Drohungen“, setzte der Balian noch hinzu.
Wieder lachte der Kerl laut und abfällig, und seine Stimme triefte vor Hohn.
„Nur ein dummer Vogel beschmutzt sein Nest. Ihr wollt es also nicht anders. In Ordnung!“
Seine Faust schoß vor und traf den Balian, der zurücktaumelte und der Länge nach über die Tafel kippte.
Mit einem Schrei des Entsetzens sprangen die anderen von ihren Matten auf. Zwei junge Männer griffen nach ihrem Kris und wollten sich auf den indonesischen Piraten stürzen.
Da packte der Bärtige das lange Rohr, drehte es herum und richtete es auf einen der jungen Krieger.
Ein unwahrscheinlich lauter Knall ertönte. Aus dem Rohr leckte eine rote Feuerzunge, ihr folgte eine dunkle Rauchwolke, die den Bärtigen einhüllte.
Auf Bali hatte man schon einmal rollenden Donner gehört, der von Schiffen herrührte, die sich gegenseitig versenkten, aber aus der unmittelbaren Nähe hatte man diese Donnerrohre noch nie erlebt.
So war alles vor Entsetzen wie gelähmt, und niemand begriff so richtig, warum sich der junge Mann plötzlich an die Brust griff, einen lauten Schrei ausstieß und zu Boden sank. Noch während er fiel, färbte sich seine Brust rot. Dann rührte er sich nicht mehr.
Keiner begriff das so richtig, und die Angst vor den Fremden begann ins Unermeßliche zu wachsen.
Der Bärtige drehte das feuerspukkende Rohr jetzt um und schlug es dem anderen Insulaner an den Schädel, noch bevor der reagieren konnte.
Dann kippten sie die Tafel um, traten in die Früchte, warfen mit den Kokosnüssen und verwüsteten innerhalb kurzer Zeit die ganze Lichtung.
Die Insulaner flüchteten, als noch mehr der Fremden erschienen.
Acht oder neun Leute waren es. Einer trug eine Fackel und warf sie in die nächste Hütte, die sofort in Flammen aufging.
Zwei andere verprügelten erbarmungslos den Balian, der die höchste Achtung und das größte Ansehen genoß. Sie schlugen ihn so lange, bis er auf dem Boden zwischen den Früchten lag und sich nicht mehr bewegte.
Dann war der Brahmane an der Reihe. Schließlich schnappten sie sich zwei kreischende junge Mädchen und schleppten sie unter lautem Gegröle und Geschrei fort.
Was an Früchten noch nicht zermatscht und zertreten war, nahmen sie ebenfalls mit. Dann setzten sie noch eine weitere Hütte in Brand und zogen brüllend zum Wassertempel hinunter.
Dort drangen sie ein und begannen ihn zu verwüsten.
Sie benahmen sich schlimmer als Barbaren, schlugen alles kurz und klein und jagten die Eingeborenen, die sich angstvoll verbargen oder in den nahen Tempelwald flüchteten.
Das Unheil braute sich immer mehr zusammen, ein schwarzer Tag begann für Bali, seit die fremden Teufel hier gelandet waren.
Erst als die Horde weiter im heiligen Wassertempel wütete, wagten sich die ersten wieder aus ihren Verstecken hervor.
Sie kümmerten sich um den Balian und den Brahmanen, die beide schwer verletzt waren, und sie löschten auch ihre immer noch qualmenden Hütten, obwohl es da nichts mehr zu retten gab, denn sie waren fast bis auf den Grund niedergebrannt.
Zwei der jungen Männer waren tot, von den Donnerrohren getötet, die so unheimlich anmuteten.
Die Toten wurden weggeschafft, der Medizinmann und der Brahmane wurden behandelt, und man bemühte sich, sie wieder ins Leben zurückzurufen. Ihre Körper waren mit Beulen, Blutergüssen und vielen Wunden übersät, und sie waren noch nicht bei Bewußtsein.
Zwei junge Mädchen, Legong-Tänzerinnen, befanden sich in den Händen der üblen Kerle.
Wäre es nicht doch besser gewesen, den Fremden das zu geben, was sie verlangt hatten?
So mancher fragte sich das, aber jeder liebte auch seine Freiheit, und die war ihm ein Opfer wert.
4.
Auf der „Isabella“ drehte sich immer noch alles um den brütenden Aracanga-Papagei. Er blieb Gesprächsthema eins, und daran erhitzten sich die Gemüter.
Carberry selbst mußte sich von Smoky sagen lassen, daß er wie eine liebevoll besorgte Mutter über Deck schleiche und direkt rührend wirke.
Aber dem Profos war selbst diese Motzerei gleichgültig, und so maß er den Decksältesten nur mit einem schiefen verächtlichen Blick, bis Smoky rote Ohren kriegte und davonschlich.
Am späten Nachmittag stürmten die Zwillinge zu Carberry, der sich gerade auf dem Quarterdeck aufhielt. Beide waren aufgeregt.
„Ist etwas mit dem Vogel passiert?“ fragte Ed besorgt.
„Ja, Mister Carberry, Sir John hat noch ein Ei gelegt“, berichtete Philip aufgeregt.
„Teufel auch! Das muß ich mir ansehen“, sagte Ed und begab sich mit langen Schritten zum Vordeck.
Dort hockte er sich wieder auf die Planken, schob sein narbiges Gesicht durch die Käfigtür und bestaunte das vierte Ei, das der Papagei gelegt hatte. Allerdings erschien es ihm ein wenig kleiner als die anderen.
„Merkwürdig“, sagte er zu den beiden Jungen, „ich dachte immer, die Eier haben alle die gleiche Größe.“
„Vielleicht wird das nur ein kleinerer Papagei“, sagte Hasard junior.
„Ja, das kann sein. Aber warum hockt das Biest denn nicht ständig auf den Eiern?“
„Vielleicht legt er noch mehr und fängt erst danach richtig mit dem Brüten an, Mister Carberry.“
Der Profos nickte und kroch noch einmal hinein. Ja, das eine Ei war etwas kleiner, aber es wollte nicht in seinen Schädel, daß es deshalb ein kleinerer Vogel werden sollte.
Hinter ihm standen die Zwillinge mit todernsten Gesichtern. Sie sahen sich an, zuckten aber mit keiner Miene, als der Profos wieder zum Vorschein kam.
Sir John hockte in dem Käfig, vollgefressen und satt, und warf seinem Gelege nur einen müden, uninteressierten Blick zu, und als Ed aufstand, hörte er klar und deutlich: „Affenarsch!“
„Brüte du nur deine Eier aus“, sagte er grollend, „sonst ziehe ich dir jede Feder einzeln von deinem Affenarsch!“
Es war schon ein seltsames Ding mit dem Papagei, fand er. Und an Bord geschahen noch mehr so seltsame Dinge, aber weil sie so unerheblich waren, ging ihnen auch niemand auf den Grund.
Der Schiffszimmermann vermißte seine Feile, dann wieder den Schmirgelsand, und später war alles wieder am Platz.
Dem Kutscher fehlten große Brokken Kandiszucker, und er hatte die Zwillinge im Verdacht, den Kandis aus dem großen Sack geklaut zu haben. Aber er schwieg, weil das einfache Lausbübereien waren, die nicht ausarteten.
Gegen Abend brüllte die Stimme des Ausgucks über Deck.
„Masten an der Kimm! Genau voraus!“
Damit war Sir John für eine Weile vergessen, und die Blicke wandten sich den gesichteten Masten an der Kimm zu.
Die Dämmerung legte ihre ersten zarten Schleier über das Meer. Die Masten blieben wie festgeleimt am Horizont und rückten auch nicht näher.
Aber es stand fest, daß das andere Schiff haargenau auf dem gleichen Kurs segelte wie die „Isabella“.
Als nachts heller Mondschein das Meer glänzen ließ, konnte der Seewolf das andere Schiff bereits im Spektiv erkennen. Die „Isabella“ holte langsam auf, aber der Fremde unternahm keine Anstalten, auszuweichen oder zu flüchten. Dabei stand es außer Frage, daß er den schlanken Rahsegler längst ebenfalls gesehen hatte.
„Könnte eine spanische Galeone sein“, sagte Ben Brighton, der ebenfalls lange durch das Spektiv blickte.
„Das vermute ich auch“, sagte Hasard.
„Wie verhalten wir uns, wenn wir aufgesegelt sind?“ wollte Hasards Stellvertreter und Bootsmann wissen.
„Wie es die Situation erfordert. Falls er keine feindlichen Absichten hegt, lassen wir ihn ziehen.“
Die fremde Galeone segelte ebenfalls sehr schnell, doch der „Isabella“ mit ihren überlangen Masten, an denen jeder Fetzen Tuch hing und die unter vollem Preß segelte, war sie unterlegen.
„Und wenn er Gold oder Silber im Bauch hat?“ fragte Ben. „Oder hast du deinen Kaperbrief vergessen, Sir?“
„Ganz bestimmt nicht. Aber woher soll er es haben? Von dem armseligen Kontinent? Die Galeone scheint auch nicht tief im Wasser zu liegen, also hat sie auch nicht viel geladen. Außerdem müssen wir ja nicht jeden Spanier ausmisten. Der vor uns ist vermutlich ein friedlicher Handelsfahrer, aber das werden wir früher oder später ja sehen.“
Unbeirrbar behielt der Fremde seinen Kurs bei. Am Morgen, als sich blutrote Sonnenstrahlen über das Wasser ergossen, begann sich der Wind langsam zu legen. Er blies zwar noch immer aus Ost, aber seine Kraft ließ spürbar nach, und das übertrug sich auch auf das Meer.
Die Dünung wurde schwächer, es gab keine langgezogenen Wellentäler mehr, und die Fahrt der Galeone ging zurück.
Das gleiche galt für den Fremden, auch er wurde merklich langsamer. Die Entfernung bis zu ihm betrug höchstens noch drei Meilen.
Hasard hatte für die „Isabella“ Gefechtsbereitschaft angeordnet, denn eine Begegnung auf See zwischen zwei fremden Schiffen verlief nicht immer unbedingt harmonisch, und so wollte er allen Eventualitäten rechtzeitig vorbeugen.
Al Conroy ließ die Culverinen und Drehbassen überprüfen. Die Stückpforten wurden noch nicht hochgezogen.
Der alte O’Flynn sah den Stückmeister unbehaglich an, zog das Genick ein und kratzte sich.
„Fehlt dir was, Donegal?“ fragte Al. „Du ziehst ein Gesicht, als ob es gleich hageln würde.“
„Mir ist auch so unbehaglich“, sagte der Alte.
„Doch nicht etwa wegen der Galeone? Ich glaube nicht, daß sie was von uns wollen.“
„Deswegen ist es nicht. Verdammt, ich weiß auch nicht, wie ich das ausdrükken soll. Mir ist eben verdammt mulmig.“
Al Conroy sah dem Mann mit dem Holzbein sinnend nach. Meistens war an O’Flynns „mulmigen Gefühlen“ etwas dran, hin und wieder hatte es sich jedoch als harmlos erwiesen. Conroy wußte nicht, was den Alten diesmal bewegte, wenn es nicht die fremde Galeone war.
Smoky, der mit einem Bündel Lunten in der Hand zur Kuhl ging, blieb ebenfalls bei Al Conroy stehen.
„Wie lange, glaubst du, brauchen wir noch, um mit ihm auf gleicher Höhe zu sein?“ fragte er.
„In etwa vier Stunden, denke ich, sind wir aufgesegelt, so daß wir auf Parallelkurs liegen.“
Smoky wollte wetten und behauptete, es würde mindestens noch fünf Stunden dauern, aber keiner von beiden hatte recht, denn sie sollten der fremden Galeone nie aufsegeln und würden sie auch niemals erreichen, denn etwas später geschah etwas, was die Seewölfe noch nie erlebt hatten.
Hasard entdeckte es vom Achterdeck zur selben Zeit wie der Ausguck Stenmark im Großmars der „Isabella“.
Weit vor der anderen Galeone bildete sich aus dem Nichts ganz dicht über dem Wasser ein zartgrauer Nebel. Er sah aus wie der Flaschengeist aus einem orientalischen Märchen, wie die Zwillinge treffend bemerkten. An der Stelle brodelte auch leicht das Meer, und eine große schillernde Blase wölbte sich nach oben.
Dann verschwand sie wieder unter dichtem Rauch oder Nebel, der nun, einer Säule gleich, zum Himmel strebte.
„Eine Wasserhose!“ rief der Moses Bill.
„Quatsch“, sagte Carberry. „Das ist keine Wasserhose. Eine Trombe sieht ganz anders aus, das haben wir schon beobachtet.“
„Was ist es denn, Profos?“
Carberry hob ratlos die Schultern.
„Keine Ahnung“, sagte er ehrlich.
Der einzige, der es wieder mal wußte, war O’Flynn.
„Da taucht ein Riesenkrake aus dem Meer auf“, behauptete er steif und fest. „Und der ist so groß, daß er die andere Galeone schlagartig in die Tiefe zieht.“
Selbst der Seewolf konnte sich das Naturschauspiel nicht erklären. Aber seine Vermutung stimmte fast, wie sich später herausstellte.
„Das sieht nach einem Seebeben aus“, sagte er ruhig. „Es ist möglich, daß dem Beben eine riesige Flutwelle folgen wird.“
„Der Don segelt genau darauf zu, er hat es noch gar nicht bemerkt“, sagte Ben.
Die Nebelbank an jener Stelle wurde dichter und kompakter. Jetzt sah es nach einem riesigen qualmenden Feuer aus, gleich darauf stieg eine dunkle Rauchwolke in den Himmel.
„Wir müssen den Don warnen“, sagte Hasard. „Der segelt blindlings in sein Verderben. Was sind denn das für Schlafmützen an Bord?“
Unbekümmert segelte die Galeone auch weiterhin darauf zu.
„Die beiden vorderen Drehbassen klar zum Feuern, Al!“ rief Hasard. „Jagt dem Don eine Ladung nach, den Knall wird er ganz sicher hören. Profos! Die anderen Männer an die Brassen, auf Stationen. Sobald wir gefeuert haben, drehen wir ab auf Westkurs. Wir müssen jedes bißchen Wind ausnutzen.“
„Aye, aye, Sir!“ rief Ed.
„Feuer frei, Al!“ schrie Hasard.
Gary Andrews und Al Conroy bedienten die vorderen Drehbassen. Smoky reichte ihnen die Lunten, die auf das Zündloch gedrückt wurden.
Funken fraßen sich schnell und gierig durch das Zündkraut, gleich darauf wummerten die beiden schwenkbaren Geschütze los.
Lautes Getöse herrschte auf dem Vordeck, eine dunkle Qualmwand zog über Backbord ab.
Auf der voraussegelnden Galeone ging zu Hasards Verblüffung gleich darauf die spanische Flagge hoch.
„Ja, ist der Kerl denn wahnsinnig!“ schrie Ed. „Wir wollen ihn doch nur warnen. Segelt dieses Rübenschwein doch ganz belemmert weiter, was, wie!“
Aus dem Meer waren vor irgendwoher bedrohliches Zischen und Brodeln zu vernehmen. Vermutlich kam es aus der jetzt immer schärzer werdenden Nebelbank. Dort liefen große Wellen kreisförmig nach allen Seiten. Es sah so aus, als seien riesige Felsen ins Wasser geschleudert worden.
„Brassen“, ertönte Carberrys mächtige Stimme. „Rum mit den Zahnstochern, ihr eingelegten Seewanzen! Batuti, du sollst nicht den Mast aus dem Kielschwein rupfen, sonst …“
„Ha, Batuti haben schwarzes Affenarsch und nix kariertes“, sagte der Gambianeger vom Stamme der Mandingo lachend.
Die Rahen wurden vierkant gebraßt, so daß sie nun in Querrichtung standen. Gleichzeitig drehte die „Isabella“ hart nach Backbord ab, bis Westkurs anlag.
Jetzt lief sie platt vor dem Wind und unter vollem Preß davon. Aber der Wind blies nur noch ganz schwach.
Hasard blickte zu dem Spanier, der immer noch stolz Flagge zeigte und unbeirrbar seinen Kurs weitersegelte.
Auf der „Isabella“ ließ Ben Brighton mit roten Tüchern winken, um die Dons doch noch zu bekehren. Doch sie blieben stur und ignorierten die deutlichen Vorboten des Grauens, die da aus dem Meer krochen.
Der schwarze Nebel legte sich platt über das Wasser, eine unansehnliche Rauchfahne, die der leichte Wind vor sich hertrieb.
Dann geschah es übergangslos und mit grenzenloser Heftigkeit:
Eine pechschwarze Eruption stieg aus dem Meer. Urweltliche Gewalten brüllten und fauchten los, als hätten sich die Schlünde der Hölle schlagartig geöffnet.
Brausen und Grollen lagen in der Luft, Zischen und Brodeln übertönten es, gleich darauf erfolgten zwei knallende harte Schläge.
Eine schwarze Säule nach der anderen stieg an jener Stelle aus dem Wasser. Begleitet wurden sie von brodelndem, zähem Rauch und teuflischen Geräuschen.
Immer neue Säulen stiegen aus dem Wasser und wurden mit gewaltiger Kraft nach oben geschleudert. Schlamm, Dreck und Wasser erhoben sich, und die Kette der unheimlichen Säulen und Rauchwolken pflanzte sich rasend schnell fort, als würden Tausende Zentner Schießpulver explodieren. Die Säulen wurden immer höher, hundert, zweihundert, schließlich dreihundert Yards stiegen sie hoch und fielen auf ihrem Gipfelpunkt infernalisch donnernd in sich zusammen. Sie hatten das Wasser noch nicht ganz erreicht, als schon wieder neue folgten und die tobenden Wassermassen wieder noch oben jagten.
Erst jetzt änderte der Don den Kurs, jetzt, als die brüllenden und schnell aus dem Meer steigenden Eruptionen direkt auf das Schiff zuliefen. Gleich darauf war die Galeone in dichte Rauchschwaden gehüllt. Dicht vor ihr stieg es brüllend, einem Höllenreigen gleich, kaskadenartig aus dem Meer.
Danach folgten unterseeisches Grummeln, Rollen und Stampfen. Obwohl die „Isabella“ schon eine ganz beachtliche Strecke davon entfernt war, erzitterte sie plötzlich in allen Verbänden und begann wild zu schlingern.
„Deshalb war mir so mulmig“, stammelte Old O’Flynn. „Ich wußte doch, daß etwas bevorstand. Himmel, hoffentlich wird der Don noch verschont und wir ebenfalls.“
Vergessen war der brütende Aracanga, denn jetzt ging es ums nackte Überleben.
Hier, ganz in ihrer Nähe, wurde eine Insel geboren, und sie waren Zeugen bei diesem grandiosen und gefährlichen Naturschauspiel.
Das, was sich mit Fauchen und Donnern angekündigt hatte, wurde jetzt gleich darauf zu einem Höllenspektakel. Das Meer brüllte an jener Stelle wild auf, schäumte hoch, warf gigantische Blasen und brodelte. Unaufhörlich stieg heißer Dampf nach oben, eine Eruption folgte der anderen, das Brüllen wurde immer lauter.
Carberry lehnte mit bleichem Gesicht am Schanzkleid. Auch in den Gesichtern der anderen stand blankes Entsetzen, denn jeder ahnte, daß es gleich ein Höllentänzchen geben würde, wie der Profos sagte.
Vermutlich würde ein starkes Seebeben mit haushohen Wogen folgen.
Dann kehrten ihre Blicke wieder zu der spanischen Galeone zurück.
Niemand konnte ihr helfen, menschliche Hilfe war in diesem Fall unmöglich, denn kein Mensch war in der Lage, sich den Naturgewalten zu widersetzen.
In dichte Rauchwolken gehüllt, trieb sie dahin. Von der „Isabella“ aus wirkte der Don, als sei er in ein schweres Seegefecht geraten und stünde jetzt in Flammen, über die sich schwarzer Rauch gebreitet hatte.
Gewaltige Eruptionen hoben das Schiff wie einen Spielball in die Höhe und ließen es wild tanzen. Einmal krängte es hart nach Steuerbord, dann richtete es sich schwerfällig wieder auf und hob plötzlich den Bug steil in die Höhe.
„Das schafft er nicht mehr“, sagte Ferris Tucker, der jetzt ebenfalls auf der Kuhl stand. „Diesem schlafmützigen Kapitän gehört eine Tracht Prügel, daß er die Zeichen nicht erkannt hat.“
„Vielleicht hielt er es anfangs für Nebel, oder er lag in seiner Koje, als es losging“, meinte Blacky.
Die Eruptionen näherten sich rasend schnell dem Schiff, während die „Isabella“ immer weiter ablief. Schon jetzt konnte man sich an den Fingern einer Hand abzählen, wann eine der gewaltigen Säulen das Schiff erreichen würde.
Wie Ferris Tuckers Höllenflaschen, die unter Wasser krepierten, sah es aus. Nur war alles riesenhaft groß und gewaltig, entfesselten Kräften gleich, die niemand mehr aufzuhalten vermochte.
Sie alle wünschten dem Don, daß er noch einmal davonkam, aber die Aussichten wurden immer geringer, und das hatten sie auf der Galeone längst mit Entsetzen registriert.
Ein gewaltiger Knall ließ die Seewölfe zusammenzucken. Tausend Arme, in Rauch und Feuer gehüllt, griffen aus dem Meer, jagten wie gigantische Fackeln über das Wasser und brachten Schwefel und starken dichten Qualm an die Oberfläche.
Das Blubbern der Riesenblasen war meilenweit zu hören, auch das Brodeln, Fauchen und Zischen.
Die Eruptionen rückten näher und liefen dem Spanier nach, der sein einziges Heil in einem erneuten Kurswechsel sah. Aber auch das vermochte ihn nicht mehr zu retten, es zögerte seine Vernichtung nur um ein paar Minuten hinaus.
„O Gott!“ stöhnte Big Old Shane. „Da hilft nichts mehr. Gott sei ihren armen Seelen gnädig.“
Gequält schloß der graubärtige Schmied von Arwenack Castle die Augen, um das Drama nicht mit ansehen zu müssen, wie eine Handvoll Spanier sich abmühte, den tobenden Elementen zu entrinnen.
Hasard ordnete mit zusammengebissenen Zähnen einen neuen Kurswechsel an, denn er hatte beobachtet, daß sich die Eruptionen fast gradlinig über die See fortpflanzten und sie früher oder später noch einmal in die Ausläufer geraten würden, wenn nicht noch ein Wunder geschah.
Die „Isabella“ ging in den Wind und luvte an. Die Seewölfe hingen an den Brassen und holten die Rahen herum. Es geschah lautlos, ohne daß der Profos fluchte. Jeder gab sein Bestes, denn davon hing das Leben jedes einzelnen ab.
Unwahrscheinlich schnell waren die Handgriffe ausgeführt, und nun segelte die „Isabella“ auf Gegenkurs nach Süden.
Damit wurde auch das Ende der spanischen Galeone eingeleitet, von der niemand den Namen oder den Heimathafen wußte.
Als die Seewölfe sich noch darüber wunderten, daß in ihrer unmittelbaren Nähe das Meer immer noch relativ ruhig blieb, stieg ein paar Meilen weiter der Schmiedehammer des Teufels aus dem Meer.
Er schlug in der Form einer ohrenbetäubenden Eruption erbarmungslos und unbarmherzig zu.
Die Galeone schwebte plötzlich in der Luft, spielerisch emporgetragen von den ausgeschleuderten Massen von Magma, Dreck, Schlamm und Wasser.
Fast gleichmäßig wurde sie angehoben, dann sahen die Seewölfe etwas, das ihnen die Haare zu Berge stehen ließ.
Gewaltige Urkräfte wirbelten das schwere Schiff noch höher hinauf. Eine neu aufsteigende Gas- und Wassersäule donnerte mit ungeheurer Wucht von unten gegen den Kiel der Galeone. Sekundenlang war klar und deutlich die gewaltige Masse an Bewuchs – Tang und Muscheln – an dem Schiff zu sehen. Dann drehte es sich in der Luft um und fiel aus einer Höhe von fast dreißig Yards schwerfällig aufs Wasser zurück.
Noch in der Luft flog alles von Bord, was nicht festgezurrt war.
Ein Mast machte sich selbständig und wirbelte davon, Segelfetzen mit sich reißend.
Der Anblick ging den Seewölfen durch Mark und Bein.
5.
Der Aufprall auf das Wasser zerschmetterte die Galeone mit einem gewaltigen Donnerschlag.
Neu aufsteigende Säulen von gewaltiger Kraft zerstörten das Schiff innerhalb weniger Sekunden und verwandelten es in einen Trümmerhaufen aus treibenden Planken, gebrochenen Masten und Verbänden.
Wie ein Spielzeug in der Hand eines Riesen wurde alles zerquetscht, zermalmt und zertrümmert.
Die Trümmer wurden emporgewirbelt und verschwanden in dem schwarzen Schleier aus Qualm und Rauch. Dann war selbst mit dem Spektiv nur noch hier und da eine Planke zu sehen oder ein treibendes Faß, das durch das Meer hüpfte und zum Spielball der Naturgewalten wurde.
„Glaubst du, den Aufprall hat einer überlebt?“ fragte Smoky den Profos schaudernd.
„Nein, bestimmt nicht. Ich glaube es jedenfalls nicht. Aber ich bin sicher, daß Hasard später noch alles absuchen lassen wird, wenn der Ausbruch sich gemäßigt hat.“
Weitere Erschütterungen kündigten sich an. Wellen liefen auf die „Isabella“ zu und rüttelten sie hart. Die achtern ringförmig auflaufenden Wogen wurden immer größer, und der Rahsegler reckte seinen Achtersteven mal steil nach oben, wenn er unterlaufen wurde, und fiel dann wieder hart aufklatschend in die See zurück. Dann rollte schon die nächste Woge brausend heran, und das Meer begann sich wie toll zu gebärden.
Jetzt fehlte der Wind, der sie schneller von der Stätte des Unheils fortgetragen hätte, denn was da wehte, war nicht viel mehr als eine laue Brise.
Wieder lief achtern eine große Welle auf. Sie war abrupt aus der See entstanden und suchte sich nun mit Donnergetöse ihren Weg durch das Meer.
Selbst der Profos schluckte, als er das Ungetüm anrollen sah. Die Welle hatte keine Schaumkrone, die begann sich erst zu bilden, als sie sich immer höher aufrichtete. Aus dem anfänglichen Brausen wurde ein Donnern und Grollen.
Jeder der Seewölfe klammerte sich dort fest, wo er gerade stand, und erwartete den starken Anprall.
Doch der erfolgte nicht, denn vor der großen Welle hatte sich eine kleine, walzenförmige gebildet, und die nahm die „Isabella“ erst einmal auf ihren Buckel und eilte mit ihr davon. Die Riesenwelle lief hinterher mit gierig ausgestreckten Wasserarmen, blieb aber mehr als fünfzig Yards zurück.
Der Profos sah erleichtert nach achtern und spie grinsend über das Schanzkleid. Himmel, dachte er, jetzt hatten sie die richtige Musik drauf. Die „Isabella“ segelte so beängstigend rasch, als würde der Teufel sie schieben.
Aber immer noch stand als drohendes Gespenst dicht hinter ihnen der grollende Wasserberg, der vorerst vergeblich versuchte, sie einzuholen.
Minutenlang ging das so, und es war ein unbeschreibliches Gefühl, so dahinzusegeln, bedroht von einer gewaltigen Wassermenge, die nun wild aufzuschäumen begann.
Vom Achterkastell aus sah es noch bedrohlicher aus, und der Seewolf hatte das Gefühl, als würde die Welle jeden Augenblick donnernd und brüllend über das Schiff rennen.
Immer weiter entfernten sie sich von der Unglücksstelle und liefen auf ihren alten Kurs zurück. Hinter ihnen blieben die spärlichen Trümmer der spanischen Galeone in der See liegen, und diese Reste verschwanden gleich darauf in einem Trichter aus brodelndem Wasser, der sie mit kräftigem Sog in die Tiefe zog.
Hasard drehte sich um. Er hatte sich an der Nagelbank festgeklammert, jetzt aber losgelassen, denn es drohte keine unmittelbare Gefahr. Er konnte nichts anderes tun, als abzuwarten, was geschah, denn das Schiff ließ sich nicht steuern, es gehorchte dem Gesetz der großen Welle, die es vor sich her schob.
Eine Unterhaltung auf dem Achterdeck war so gut wie unmöglich.
In der Luft lagen orkanartiges Pfeifen und Heulen, untermalt von einem dumpfen Brausen, das immer noch anschwoll.
Ben Brighton grinste schwach zurück. Seine Gesichtsfarbe hatte gewechselt, aber in seinen Augen erkannte der Seewolf auch die grenzenlose Erleichterung, daß bisher alles noch ganz gut verlaufen war.
Etwas später staunten sie über ein neues Phänomen. Das hohle Pfeifen und Brausen mäßigte sich etwas. Die urweltlichen Geräusche verklangen spürbar, und die Kraft der Riesenwelle ließ nach.
Immer mehr sank der gewaltige Wasserberg in sich zusammen, wurde kleiner, nahm ab und rollte schließlich nur noch als hohe, langgezogene Dünung weiter.
Gleichzeitig ging auch die Fahrt aus dem Schiff. Die „Isabella“ bewegte sich ruckartig wie ein großer Schwan durch das Meer. Noch eine knappe Meile wurde sie weitergetragen, dann blieb sie fast im Wasser stehen. Ein letzter Stoß, und die Reste der Welle unterliefen sie sanft.
Damit war alles vorbei oder fast vorbei, denn ein paar Meilen weiter lag immer noch Rauch über dem Wasser, dampfte und kochte es und gab es eine unnatürlich wirkende Erhebung im Meer.
Aber die Flutwellen waren vorüber, das Grollen hatte aufgehört, und auch das unterseeische Beben ließ nach.
Die Weite des Meeres hatte die Kraft der riesenhaften Welle mühelos gebrochen und die Ausläufer in sich aufgenommen.
Alle atmeten erleichtert auf, denn in Gedanken hatte jeder das Schiff ähnlich wie die spanische Galeone gesehen, die genau in ihr Verderben gesegelt war.
Der alte O’Flynn bekreuzigte sich.
„Das war mehr Glück als Verstand“, murmelte er mit heiserer Stimme. „Ich sah uns schon zerschmettert auf dem Grund liegen. Diesmal hat wirklich der liebe Gott seinen Daumen dazwischengehalten.“
„Ja, das hat er“, sagte auch Smoky.
Ferris Tucker und der Profos unternahmen einen Rundgang und kontrollierten, ob alles in Ordnung war. Aber es gab keinen Schaden an dem Schiff, das harte Aufsetzen hatte der Rahsegler mühelos verkraftet.
Carberry ging nach achtern und meldete, daß alles in Ordnung sei.
„Gehen wir wieder auf den alten Kurs zurück“, fragte er den Seewolf, „oder segeln wir nach Westen?“
„Wir segeln Nordkurs weiter, Ed. Und wir sehen uns die Unglücksstelle noch einmal aus der Nähe an. Es besteht trotz allem die Möglichkeit, daß es jemand überlebt hat. Ich selbst glaube es nicht, aber es ist unsere Pflicht, dort noch einmal nachzusehen.“
„Aye, Sir. Ich glaube auch nicht, daß es jemand überlebt hat. Das Wasser an der Ausbruchsstelle war sicher kochend heiß.“
Der Seewolf nickte nachdenklich. Ja, das Wasser hatte mit Sicherheit gekocht, und wenn es wirklich noch einen Überlebenden gegeben hatte, dann war er elend umgekommen.
Das Wagnis konnten sie eingehen, obwohl natürlich die Möglichkeit bestand, daß sich die Katastrophe wiederholte. Zumindest konnte ein plötzlicher Ausbruch erfolgen, und dann gab es keine Rettung mehr.
Egal, dachte Hasard, sie würden die See absuchen, denn mitunter geschah auch ein Wunder, so wie eben, und vielleicht hatte sich jemand auf einem Trümmerstück retten können.
Die „Isabella“ ging auf ihren alten Kurs zurück und segelte bald darauf in einem schwachen Wind wieder Kurs Nord.
Das Grollen aus dem Meer hatte aufgehört. Nur der dunkle Rauch hing noch träge über dem Wasser, und die Luft war brühwarm, die der leichte Wind heranführte.
Dan O’Flynn suchte vom Großmars aus mit seinen scharfen Augen pausenlos die See ab, und immer wenn der Seewolf zu ihm hochblickte, schüttelte Dan den Kopf.
„Eine Planke“, sagte Ben. „Mehr scheint von dem Schiff nicht übriggeblieben zu sein. Und da vorn schwimmt noch ein leeres Faß.“
Vorerst war das alles, was sie entdeckten, als sie sich der trägen Rauchwolke näherten. Dann wurden ein weiteres leeres Faß und eine treibende Handspake gesichtet.
Aber aus dem Dunst schälte sich ein kegelförmiger Berg heraus, der etwa zwanzig Yards in die Höhe ragte. Pechscharzes Gestein war zu bizarren Formen erstarrt und hatte eine kleine Insel mitten im Meer gebildet.
Wenn sie weiterhin bestand, würde es eines fernen Tages ganz sicher hier einmal Pflanzen geben, falls Vögel Samenkörner hierher verschleppten oder Kokosnüsse antrieben. Vielleicht half auch der Wind ein wenig mit. Andererseits konnte das kleine Eiland auch schon morgen wieder in den Fluten versunken sein.
Dichter Rauch lag über der erstarrten Landschaft. Die Insel hatte etwa die achtfache Größe der „Isabella“.
Hasard ließ Tiefe loten.
Da, wo das Schiff sich jetzt befand, war die Meerestiefe nicht meßbar, sie mußte einige tausend Yards betragen. Aber je mehr sie sich dem Vulkanland näherten, desto rapider senkte sich der neuentstandene Felsen ins Wasser.
Als die Wassertiefe nur noch zwanzig Yards betrug, ließ der Seewolf abdrehen.
„Ein Pestgeruch ist das“, sagte Smoky zum Kutscher. „Da kann einem ja übel werden, wenn man die Luft einatmet.“
Schwefel“, sagte der Kutscher lakonisch. „Das ist das Zeug, das direkt aus der Hölle stammt. Gewöhne dich nur daran, denn später wirst du mit dem Zeug leben müssen.“
„Wieso?“ fragte Smoky verständnislos.
„Weil du dann in der Hölle schmorst, du Stint“, sagte der Kutscher mit Grabesstimme.
„Da landen zuerst die Knochenbrecher und Medizinmänner, die Quacksalber und Feldschere, die Wald- und Wiesenärzte.“
Der Kutscher ging nicht darauf ein. Er suchte die See ab, und nach einer Weile schüttelte auch er den Kopf.
„Nein, das Schiff ist verschwunden und mit ihm die gesamte Mannschaft, das kann keiner überlebt haben, das gibt es nicht.“
Der Kutscher behielt mit seiner Vermutung recht. Es traf das ein, was auch die anderen schon gesagt und vermutet hatten.
Außer zwei leeren Fässern, ein paar kleineren Holztrümmern und zwei Spaken wurde nichts gefunden. Es gab keinen Überlebenden, sie fanden in der See nicht einmal eine treibende Leiche.
Alles, bis auf die paar Teile, war von dem wirbelnden Trichter im Meer verschlungen worden.
„Wir segeln weiter“, sagte Hasard. „Setzt wieder jeden Fetzen Tuch, damit wir nicht doch noch von einem neuerlichen Ausbruch überrascht werden.“
Der Profos war froh, diesen Befehl gleich weitergeben zu können, denn die neuentstandene Lavainsel wirkte unheimlich und bedrückend. Außerdem war der Schwefelgeruch so stark, daß es die meisten Männer würgte, sobald sie tief Luft holten.
Als sie wieder auf Nordkurs lagen, hatten sie die Insel gerade einmal gerundet, und jetzt waren sie froh, als sie achteraus langsam kleiner wurde.
Die Rauchfahne, die wie die schwarze Pest über der Insel hing, war noch stundenlang zu sehen.
Erst jetzt fand der Profos Zeit, sich um den Papagei Sir John zu kümmern.
„Hoffentlich sind seine Eier nicht aus dem Nest gefallen und zerbrochen“, sorgte er sich. „Das wäre wirklich ein Jammer.“
„Ja, wir hätten sie festzurren sollen“, sagte Ferris Tucker und grinste dabei, aber der Spott traf den Profos nicht.
„Was verstehst du rothaariger Decksaffe schon von der Liebe eines Papageis zu seinen Kindern!“ schnaubte er.
„Noch sind ja keine da“, sagte Ferris.
„Aber es wird nicht mehr lange dauern, darauf kannst du dich verlassen!“
Carberry ging besorgt nach vorn, und wieder folgte ihm eine ganze Meute, denn die meisten amüsierten sich über ihren Profos mehr als über die Eier, die Sir John gelegt hatte.
Der Aracanga allerdings hockte oben auf der Rah und putzte ausgiebig sein Gefieder, zog seinen langen Schnabel durch sein Federkleid und war so emsig beschäftigt, daß ihn nichts störte, schon gar nicht sein Gelege.
Wieder kroch Carberry halb in den Stall hinein.
„Du mußt da oben noch ein Brett rausnehmen, Ferris“, murmelte er dumpf. „Dann kann man später die Jungen besser sehen.“
Ferris verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.
„Soll ich ihm auch noch eine Koje zimmern und ein Schapp, wo er die Federn für seine lieben Kleinen immer aufheben kann?“ fragte er ironisch. „Oder soll ich einen Kieker einbauen lassen, damit du sie immer unter Kontrolle hast?“
Statt einer Antwort hörten sie zu ihrer großen Verwunderung den Profos jammern.
„Auch das noch“, sagte er, „jetzt ist doch tatsächlich ein Ei aus dem Nest gefallen.“
„Dann leg es doch wieder rein!“ riet Tucker. „Mann, du kannst einem ja den letzten Nerv rauben mit deiner Affenliebe zu dem Federvieh.“
„Hoffentlich zerbricht das zarte Gebilde nicht“, klagte Ed. „Ich habe so grobe Finger und traue mich nicht, es anzufassen.“
Vor dem Käfig bogen sich die ersten Männer vor Lachen. Vom Profos war nur der mit einer Leinenhose bespannte Achtersteven zu sehen, so tief steckte er in dem Käfig.
Der Profos streckte den Finger vor und berührte das Ei ganz zart.
Dann zog er seine Hand jedoch blitzschnell zurück, denn das Ei schien ein besonderes Ei zu sein. Sehr klebrig und sehr ekelhaft fühlte es sich an seinem Finger an.
„Pfui Deibel“, sagte der Profos. „Ein Ei muß sich doch kühl und frisch anfühlen und nicht so klebrig. Das ist ja die reinste Sauerei.“
Aber wohl oder übel mußte er das klebrige Ding zurück ins Nest legen, und zum erstenmal verstand er auch den Papagei, daß der nicht gern mit seinen Federn auf solch klebrigen Dingern hockte und das Brutgeschäft noch ein wenig hinauszögerte.
Richtig eklig wurde dem Profos, als er das Ei zurücklegte. Seine Haare an den Händen berührten dabei die anderen Eier im Nest, und prompt blieb eines daran kleben.
Carberry stieß einen erbitterten Fluch aus. Vorsichtig packte er zu und staunte, wie schwer so ein kleines Ei war. Das wiegt ja gut und gern soviel wie ein Hühnerei, dachte er verblüfft.
Dann passierte ihm ein Mißgeschick. Das Ei, das immer noch an den Haaren seines Handrückens klebte, fiel hinunter und platschte auf den Käfigboden.
Carberry schloß entsetzt die Augen.
Als er sie wieder öffnete und schon im Geist den vermatschten Dotter vor sich sah, starrte er verblüfft auf den Boden.
Das Ei war immer noch heil, und das erstaunte ihn jetzt doch mächtig, das ging einfach über seine Vorstellungskraft.
Ein Ei, das aus dieser Höhe zu Boden fiel, zerplatzte nicht?
Das war mehr als merkwürdig, befremdend war das, eigentümlich!
Der Profos hob es auf, erleichtert darüber, daß nichts passiert war, und dann traf er eine zweite, noch merkwürdigere Entdeckung.
Die zarten Punkte auf den Eiern waren verschwunden. Zusammen mit dem braunen Klebezeug waren die grünlichen Tupfer und Sprenkel verlaufen und hatten sich aufgelöst.
Noch erwachte Carberrys gesundes Mißtrauen nicht, er fand das alles verdammt merkwürdig. Eier, die klebten und deren Farbtupfer verliefen, waren nun wirklich eine Rarität, und die außerdem nicht zerbrachen, wenn sie hinfielen, und die sich auch noch in der Größe unterschieden, das ging entschieden zu weit. Das, verdammt, das wollte er sich doch gern einmal bei Tageslicht ansehen.
Sehr vorsichtig nahm er das Ei wieder auf, überwand seinen Ekel vor dem klebrigen Ding und zwängte sich an Deck, wo die anderen erwartungsvoll mit ernsten Gesichtern herumstanden.
Dieser verdammte Sir John hat das ganze Schiff einschließlich der Crew verunsichert, dachte Ed. Alle waren irgendwie aus dem Häuschen, seit das passiert war.
Er hielt das Ei in der Hand und zeigte es herum.
Alle starrten auf das bräunliche, teilweise fast durchsichtige Ding und dann auf die Soße, die sich langsam auf Carberrys Hand ausbreitete und wie Kleister klebte.
Den Profos ekelte es so sehr, daß er das Ei Smoky in die Hand drückte, der es prompt fallen ließ, als er die klebrige, zerfließende Masse in seinen Pranken spürte.
Das Ei zerbrach nicht, es begann zu kullern, und ehe es jemand aufheben konnte, rollte es zum Niedergang, sprang eine Stufe nach der anderen hinunter und landete auf der Kuhl.
Dort zerbrach es in drei Teile.
Am Niedergang standen die Seewölfe und wußten nicht, wie ihnen geschah, denn das zersprungene Ei sah innen genauso aus wie außen.
Da war von einem Dotter keine Spur, da floß kein Eiweiß, da war rein gar nichts.
Jeder starrte belemmert jeden an, nur der Profos ging auf die Kuhl und hob die klebrigen Überreste auf.
Stumm und fassungslos blickte er auf die Trümmer und fand, daß von dem kaputten Ei ein lieblicher süßer Duft ausging. Er hätte darauf gewettet, daß es verteufelt nach Kandiszucker roch.
Das Ei hatte auch keine Schale, und sekundenlang keimte in dem Profos ein fürchterlicher Verdacht auf.
Mit einem lauten Fluch knallte er die Eierreste auf die Planken, daß sie splitternd nach allen Seiten davonflogen.
Dann lief sein Gesicht knallrot an, sein Rammkinn wurde noch größer und so hart, daß man Nägel darauf schmieden konnte.
Mit verbissenem Gesicht und wuchtigen Schritten stapfte er den Niedergang wieder hoch und blieb stehen.
Dann sah er die Männer der Reihe nach grimmig an, stemmte die Arme in die Seiten und brüllte so laut los, als sei ein neues Seebeben ausgebrochen.
„Ich warte!“ schrie er. „Ich warte auf eine Erklärung!“
„Was für ’ne Erklärung denn?“ fragte Jeff Bowie, der überhaupt nichts begriff.
„Was meinst du denn, Profos?“ fragte auch Gary Andrews, und selbst Big Old Shane sah den Profos verwundert an und fand keine Erklärung dafür.
Als Carberry einen nach dem anderen gründlich gemustert hatte und in seiner drohenden Lieblingspose stumm verharrte, blickten ihn nur unschuldige Augen an.
Ed wischte seine klebrigen Finger demonstrativ an seiner groben Leinenhose ab, bückte sich, griff in den Käfig und holte vorsichtig das nächste Ei heraus.
Es klebte fast noch entsetzlicher als das andere. Als er sacht darüberstrich, verschwanden auch hier die grünlichen Tupfer.
Und, verdammt wollte er sein, dieses Ei war gar nicht oval, es war eher rund und hatte noch einen kleinen Buckel. Mit leicht geröteten Augen starrte er es an.
Da erschien der Kutscher aus der Kombüse, der sich über den Lärm auf dem Vordeck wunderte.
Er sah den Profos mit dem Ei in der Hand und grinste. Aber Ed legte dieses Grinsen falsch aus und hielt dem Kutscher das klebrige Ding dicht unter die Nase.
„Was ist das?“ rief er wild. „Etwa ein Papageienei?“
Der Kutscher blieb die Ruhe selbst. Auch als Carberry ihm das klebrige Etwas in die Hand drückte, geriet er nicht aus der Fassung, sondern nahm es gelassen entgegen.
„Ganz bestimmt nicht“, sagte der Kutscher ruhig. „Das ist eher ein Ei aus Kandiszucker, schön zurechtgeschliffen und poliert und auch noch mit Tupfern bemalt. Das kannst du in aller Ruhe verzehren!“
„Verzehren!“ schrie der Profos. „Das kannst du selbst fressen, du lausiger Pfannenschwenker! Also du steckst dahinter!“
„Spinnst du? Was soll das alles?“
Der Kutscher gab das Ei zurück. Carberry ergriff es, nahm es voller Wut und knallte es an den Mast, so daß es in tausend Splitter zersprang.
„Oh, ich könnte mich ohrfeigen!“ brüllte er. „Die anderen Eier sind natürlich auch nicht echt. Los, Smoky, steh nicht rum und glotz die Welt voll, hole die beiden anderen Eier, aber ein bißchen dalli, sonst spiele ich euch lausigen Kanalratten mal zum Tanz auf!“
Smoky flitzte los. Wenn der Profos in diesem Ton rumbrüllte, dann war ihm etwas an die Nieren gegangen, und diesmal qualmte er fast vor Zorn und Wut.
Smoky kehrte mit dem Rest des Geleges zurück, und die Seewölfe rückten neugierig zusammen. Aber es gab nicht den geringsten Zweifel, denn auch diese beiden vermeintlichen Eier waren aus hellbraunem Kandiszucker und sahen täuschend echt aus.
Der Kutscher stellte sich so hin, daß er notfalls sogleich die Flucht ergreifen konnte, falls der Profos auf ihn losging.
Dann grinste er ihn an und schlug sich auf die Schenkel.
„Mann, Ed“, sagte er und lachte von einem Ohr zum anderen. „Dir sollte doch wohl klar sein, daß Papageien in Baumhöhlen brüten und nicht in Nestern auf dem Boden. Ich habe mir gleich gedacht, daß da etwas nicht stimmt, aber da du ja immer alles besser weißt, wollte ich nichts sagen.“
Der Profos der sich mächtig verschaukelt fühlte, war mit einem wilden Satz bei dem Kutscher.
„Dir wird dein dämliches Grinsen gleich vergehen“, kündigte er lautstark an.
Diesmal war der Kutscher, dessen Fluchtplan längst feststand, jedoch schneller.
Er schaffte es, die Kombüse zu erreichen, flitzte hinein, schlug das Schott hinter sich zu und verriegelte es.
Aber sein Gelächter klang nach draußen, und das versetzte den Profos in helle Weißglut. Er rannte zur Nagelbank und suchte Tuckers Axt, aber die war zum Glück nicht da, sonst hätte er in seinem Zorn das Schott zertrümmert. Immer noch war er der Ansicht, der Kutscher hätte ihm diesen dicken Hund unter die Weste geschoben.
„Verflucht, wo ist die lausige Axt?“ brüllte er, außer sich vor Wut. „Ferris, du rothaarige Kanalratte! Ich will augenblicklich die verdammte Axt haben! Den Kutscher nehm ich auseinander, das Rübenschwein wird den Tag seiner Geburt noch lauthals verfluchen, so wahr ich der Profos bin!“
Langsam wichen selbst die Hartgesottensten vor Carberry zurück, denn so wie jetzt hatten sie ihn höchstens mal beim alten Plymson in der Kneipe gesehen, als der Streit mit den Fischern losgegangen war und Ed herzhaft aufgeräumt hatte.
Jetzt sah er genauso gefährlich aus und wütete herum.
Keiner der Seewölfe hatte ein schlechtes Gewissen, auch der Kutscher nicht, der sich über den Spaß lediglich köstlich amüsierte. Das aber stachelte Carberrys Ärger nur weiter an.
Immer noch suchte er fluchend die Axt, um es „dem Rübenschwein von Kutscher“ ordentlich zu zeigen.
Da erklang eine sanfte Stimme hinter ihm.
Ed fuhr zornig herum und starrte den Seewolf an, der seinen Platz auf dem Achterdeck verlassen hatte und nun auf der Kuhl stand.
„Was ist denn mit dir los, Mister Carberry?“
Dieses „Mister Carberry“ und der sanfte Ton ließen Ed sofort hellhörig werden. Sprach der Seewolf in diesem sanften, fast singenden Tonfall, dann war das schlimmer, als wenn man die Pest erwischte.
„Ich suchte die Axt“, sagte Ed erbost. „Und damit du es weißt, Sir, ich will das Kombüsenschott einschlagen und dem Kutscher den Hals umdrehen.“
Hasard hatte zwar Gelächter und Gebrüll gehört, wußte aber nicht, um was es ging. Ihm war lediglich aufgefallen, daß die Zwillinge Hasard und Philip in auffallender Eile nach achtern verschwunden waren, als hätten sie ein schlechtes Gewissen.
„Und warum?“ fragte der Seewolf.
„Nun, diese verwanzte Hafenratte hat Eier in das Nest gelegt. Äh – ich meine, er hat mich angeschissen, jawohl, Sir, das hat er. Die Eier von Sir John waren nämlich gar nicht echt. Die sind aus Kandiszucker, und das Nest hat auch der Kutscher gebaut. Dieser Halunke untergräbt meine Autorität. Wie stehe ich jetzt da, wenn alle über mich lachen?“
Hasard schüttelte den Kopf, dann ging er zum Kombüsenschott und klopfte dagegen.
„Öffnen, Kutscher!“ befahl er.
Das Schott öffnete sich, und Carberry wollte sich mit einem wilden Schrei auf den Kutscher stürzen, aber Hasards Hand hielt ihn gerade noch zurück.
„Hier wird keinem der Hals umgedreht. Ich will jetzt wissen, was passiert ist.“
„Ich habe damit nichts zu tun, Sir, mein Ehrenwort“, sagte der Kutscher. „Ich habe lediglich über Ed gelacht, weil ihn jemand damit reingelegt hat. Herrgott, seit dieses Federvieh angeblich Eier legte, ist an Bord der Teufel los, und am schlimmsten benimmt sich der Profos. Da hat ihm jemand einen Steich gespielt, weiter steckt nichts dahinter, Sir.“
„Wer war es?“ fragte Ed drohend.
Niemand meldete sich. Sie grinsten nur versteckt, mehr oder minder stark, und einige verbissen sich das Lachen nur mühsam.
„Das hat mit der Untergrabung deiner Autorität nichts zu tun“, sagte Hasard schließlich zum Profos. „Hier hat jemand die gesamte Mannschaft kräftig auf den Arm genommen, und ein Schaden ist dabei auf keinen Fall entstanden. Ich kann mir auch schon denken, wer das war und sich das ausgeheckt hat.“
„Hasard und Philip, Sir?“ fragte der Profos zweifelnd.
„Viel Geschrei um nichts“, sagte Hasard. Er wandte sich an den grinsenden Moses Bill.
„Geh nach achtern, Bill, und bringe die beiden Kerle her.“
„Aye, aye, Sir!“
Bill rannte grinsend nach achtern und holte die Zwillinge, die ziemlich belemmert aussahen.
Niedergeschlagen wie zwei ertappte Sünder standen sie gleich darauf auf dem Vordeck vor der fast vollzählig versammelten Crew.
Hasard sah die beiden Racker lange an, die die Köpfe gesenkt hatten und auf die Planken starrten.
„Ich würde gern eine Geschichte hören“, sagte er, „aber sie muß gut sein. Ihr habt doch im Orient immer von den Märchenerzählern geschwärmt. Jetzt möchten wir alle auch mal so ein schönes Märchen von euch hören.“
Die Zwillinge hatten längst spitzgekriegt, um was es ging und daß alles wie eine Seifenblase geplatzt war. Sie hatten nur einen Spaß im Sinn gehabt, aber daß der Profos so sauer darauf reagierte, ahnte keiner der beiden.
„Es war so eintönig“, sagte Hasard junior schließlich stockend. „Und da wollten wir ein bißchen Abwechslung bringen.“
„Weiter, weiter, wir alle hören zu.“
„Da dachten wir, wenn Sir John plötzlich Eier legt, dann ist mal ordentlich was los an Bord, und das war es ja schließlich auch, Dad, Sir.“
„Ja, da war allerdings eine Menge los“, sagte Hasard und konnte sich das Lachen nicht verbeißen. „Und wie habt ihr das angestellt?“
Die beiden Knirpse wurden etwas mutiger, als sie die grinsenden Gesichter sahen. Hasard junior reckte leicht die Brust raus.
„Wir bauten ein Nest und brachten es in den Hühnerkäfig. Dann legten wir für Sir John Futter im Käfig aus, und der Ara hat sich auch gleich daran gewöhnt. Dann klau … äh – borgten wir uns ein paar Brocken Kandiszucker vom Kutscher und haben sie mit der Feile zurechtgeschliffen, bis sie wie Eier aussahen.“
Smoky prustete los und hielt sich die Hand vor den Mund. Neben ihm stand der ehemalige Schmied von Arwenack. Sein Riesenkörper bebte, und er lächelte verschmitzt.
Nur auf Carberrys Gesicht lag immer noch ein drohender, unheilverkündender Schatten. Seine Züge blieben finster, aber sein gewaltiges Kinn war nicht mehr so hart vorgeschoben.
„Dann malten wir ein paar grüne Farbtupfer auf die Eier und versteckten sie im Nest. Sir John hat sich auch ein paarmal drauf gesetzt, aber dann ließ er es bleiben, weil der Kandis so klebte.“
„Sir John war sehr verwundert, Dad“, sagte Philip. „Immer hat er die Eier mit dem Schnabel rumgerollt. Wir wollten sie später wegnehmen, aber dann hat sich Mister Carberry so sehr darum gekümmert, und wir wollten ihm die Freude doch nicht verderben. Nicht wahr, Hasard?“
„Ja, genauso war es. Wir dachten, alle würden es gleich merken, weil Papageien doch keine Nester bauen, aber es hat keiner gemerkt, und so ließen wir das Nest eben im Käfig.“
In Shanes Augen begann es zu blinken. Der graubärtige Riese schlug sich lachend auf die mächtigen Schenkel. Dann lehnte er sich mit beiden Armen an den Fockmast und lachte noch lauter.
Die Zwillinge belauerten den Profos, in dessen Gesicht eine eigenartige Verwandlung vor sich ging.
Eben sah es noch düster und drohend aus, doch langsam begann es sich aufzuhellen, und sein rechter Mundwinkel verzog sich etwas widerwillig. Der Profos sah so aus, als hätte er Essig getrunken.
Dann schüttelte er fast vorwurfsvoll den Kopf, kratzte sich den Kopf und verzog das Gesicht noch mehr.
„Ihr wolltet mich also nicht verarschen?“ fragte er, schon fast halb versöhnt.
Zwei unschuldige, von der Sonne stark gebräunte Gesichter sahen ihn an. Die Miniaturausgaben des Seewolfs zeigten ihre prächtigen weißen Zähne und grinsten entschuldigend.
„Nein, Mister Carberry, das hätten wir dir nie angetan“, versicherten sie. „Wir wollten nur mal sehen, wie alle reagieren, denn jeder weiß doch, daß Sir John ein Männchen ist und keine Eier legen kann.“
„Jaja“, sagte Ed. „Klar, das weiß jeder, und ich habe es ja auch selbst nicht so richtig glauben können, schon aus dem Grund, weil Papageien nur in Baumhöhlen brüten. Aber ich dachte, wenn Sir John jetzt tatsächlich ein Weibchen gewesen wäre, dann mußte man sich um ihn ja kümmern. Hätte ja alles sein können.“
„Ja, Mister Carberry“, sagte Hasard, der ältere der beiden. „Bei dir wäre ein brütender Papagei in den besten Händen, das meine ich ganz ehrlich. Niemand hat sich so darum gekümmert wie du, Mister Carberry, Sir.“
Der Profos räusperte sich und blickte zu dem Aracanga, der immer noch auf der Rahnock hockte und mit einem Auge an Deck schielte.
Hasard lachte leise.
„Jetzt braucht sich ja keiner mehr um die Namensänderung zu sorgen“, sagte er. „Sir John ist und bleibt Sir John, und wenn ihr beiden Helden dem Kutscher noch einmal Kandiszucker klaut, dann gibt’s was mit dem Tauende.“
„Und zwar so lange, bis ihr auch Eier legt“, setzte Ed hinzu, „und nicht mehr wißt, ob ihr Männchen oder Weibchen seid. Und jetzt feuert endlich das verdammte Nest über Bord. Sir John muß sich ja direkt dämlich fühlen, wenn er das sieht.“
Die Zwillinge waren erleichtert, denn diesmal waren sie sogar ohne ein blaues Auge davongekommen und ihr kleines Späßchen hatte niemand verübelt.
Sie hatten jedenfalls erreicht, was sie wollten. Für kurze Zeit hatte es an Bord einmal Abwechslung gegeben, und jeder hatte seinen Spaß daran gehabt.
Sie holten das verschmierte Nest und warfen es feierlich über Bord. Danach säuberten sie den Käfig und taten willig alles das, was der Profos anordnete oder befahl. Und sie hielten sich auch den ganzen Tag lang ständig in der Nähe auf, um ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen.
Denn so ein harter Kerl der Profos auch war, dachten sie, ein wenig genasführt würde er sich ganz sicher fühlen, und diesen Eindruck wollten sie so schnell wie möglich verwischen.
Zwei Tage später wurde Land gesichtet, und da war die Sache mit Sir John längst wieder vergessen.
6.
Auf der Nordseite der Insel Bali ging das Schreckgespenst in Gestalt der Gestrandeten immer übler um.
Die Kerle hatten sich noch mehr junge Mädchen geholt, und sie benahmen sich, als gehöre ihnen die Insel. Ihre Toten hatten sie in einer großen Mulde in der Nähe des Pagodenwaldes in der Erde begraben. Die jungen Männer mußten unter Androhung von Prügel diese Grube ausheben und die Leichen hineinlegen.
Die Fremden verwüsteten die Insel, hatten etliche Hütten in Besitz genommen und verscheuchten die Insulaner, klauten ihnen die Früchte und nahmen ihnen die Schweine weg.
Immer wieder röhrten ihre Donnerrohre über die Insel, hielten sie Strandfeste ab und randalierten betrunken herum, berauscht von dem Inhalt der angeschwemmten Fässer.
An diesem Morgen erschienen sie wieder, um sich junge Mädchen zu holen und ihren Tribut zu fordern, und als die Insulaner sich zur Wehr setzten, kam es zu einer Schlägerei.
Doch die wurde ganz schnell unterbrochen, denn ein bärtiger Mann erschien und deutete brüllend zum fernen Horizont, wo sich die Umrisse eines größeren Schiffes abzeichneten.
Die Schlägerei war vergessen, die ganze Horde rannte brüllend zum Strand, stellte sich ans Wasser und begann zu winken und laut zu schreien.
Aber das fremde Schiff zog weiter. Es näherte sich nur so weit der Küste, daß man gerade noch die Segel erkennen konnte.
Als das Winken und Schreien nicht half, entzündeten die üblen Kerle einen der großen Holzstöße, und gleich darauf auch den zweiten.
Etwas später schlugen helle Flammen zum Himmel, von dem anderen Holzstoß stieg eine dichte Rauchwolke auf, als sie Gras und grüne Blätter hineinwarfen.
Hoffentlich, dachte der noch immer nicht gesunde Balian, hoffentlich legt dieses Schiff hier an und nimmt die Horde mit.
Dann würde endlich wieder Ruhe einkehren, und sie konnten mit dem Kecakfest beginnen.
Die „Isabella“ segelte nordwärts durch die Passage zweier unbekannter Inseln.
Wenn Hasards Berechnungen stimmten, und er zweifelte nach seinen Karten und den spanischen Roteiros nicht daran, dann mußten sie, vorausgesetzt, sie gingen nördlich der Inselgruppe wieder auf Westkurs, in der Straße von Malakka herauskommen. Die Strecke waren sie schon früher einmal gesegelt. Nur hatten sie damals von Kalimantan aus Kurs auf die Straße von Malakka genommen.
Ein winziger Rest Unsicherheit blieb noch, aber den hoffte der Seewolf zu beseitigen, wenn er später auf Westkurs ging. Diese Inseln, an denen sie jetzt vorbeisegelten, hatten sie jedenfalls noch nie zuvor passiert.
Ergänzend trug er sie daher in die polynesische Karte ein, denn da waren sie nur – bis auf Java – ganz vage ohne Bezeichnung angegeben.
„In ein, zwei Tagen werden wir irgendwo an einer der Inseln anlegen“, sagte er zu Ben, „und Frischwasser nehmen. Mit unseren Früchten ist es auch nicht mehr weit her. Der Kutscher hat schon ganz zaghaft angeklopft und diskret darauf hingewiesen.“
Sie rundeten ein paar Stunden später eine Landzunge und gingen dann auf Westkurs. Der Abstand zum Land mochte etwa fünf bis sechs Meilen betragen.
Jetzt liefen sie wieder raumschots, und der Wind briste ein wenig auf.
Von der Insel war nur ein schmaler Strich zu erkennen. Lange weiße Strände wechselten mit bewaldeten Hügeln dicht am Meer. Dann folgten wieder ganze Kolonien von Palmenwäldern, und einmal sahen sie wie hingeduckt eine Gruppe Hütten.
Die Insel war also bewohnt.
„Feuer an Land!“ rief in diesem Augenblick der Ausguck.
Ganz deutlich war es zu sehen. Am fernen Strand loderte ein Feuer auf, dicht daneben wurde ein zweites entzündet, und gleich darauf quoll eine dunkle Rauchwolke zum Himmel.
„Das ist ein Notzeichen“, sagte Ben. „Vielleicht sind es Schiffbrüchige, die auf der Insel gestrandet sind.“
„Und den Wilden in die Hände gefallen“, ergänzte Dan O’Flynn.
Daß es genau umgekehrt war, ahnte niemand.
Hasard fand das merkwürdig, denn wenn wirklich Schiffbrüchige den Wilden in die Hände gefallen waren, dann konnten sie schlecht in aller Ruhe hingehen und ein Feuer entzünden.
„Da steckt noch etwas anderes dahinter“, meinte er. „Aber das werden wir herausfinden. Wir laufen die Insel an!“
Gleich darauf gingen alle Mann auf Stationen, und die „Isabella“ drehte ihren Bug dem Land zu.
Immer noch flackerte das Feuer, der Schein wurde immer heller. Der andere Holzstoß qualmte und stieß dichte Rauchwolken aus, die einen Teil des Strandes einnebelten. Ein fremdes Schiff war nicht zu sehen, wie Hasard durch das Spektiv feststellte. Auch in der kleinen Bucht hatte sich keins versteckt.
„Mann, da sind Tempel“, sagte Bill zu Blacky. „Im Wald stehen sie, und da vorn sind auch Kerle, eine ganze Schiffsbesatzung.“
Immer deutlicher traten die Einzelheiten hervor.
Ja, am Strand stand eine winkende Horde. Männer rannten hin und her, rissen die Arme hoch und brüllten auch ganz sicher etwas, doch das verstand noch niemand.
Hasard musterte die Burschen durch das Spektiv. Es waren wilde Gesellen, nicht unbedingt vertrauenswürdig, fand er, vielleicht waren es sogar Piraten, die es hierherverschlagen hatte.
„Merkwürdig, daß sich kein Eingeborener sehen läßt“, sagte er zu Ben. „Es scheint, als hätten sie Angst. Dabei stehen ganz in der Nähe Hütten und kleine Tempel.“
Auch Ben Brighton blickte durch das Spektiv.
„Die Kerle sehen wirklich übel aus“, sagte er. „Denen sollten wir nicht über den Weg trauen.“
„Das tun wir auch nicht. Es scheinen Malaien zu sein – oder Indonesier von den Inseln. Ein paar Kerle, die wie Europäer aussehen, sind auch dabei.“
Auch der Profos blieb äußerst mißtrauisch, als er die wild durcheinanderrennenden Burschen sah. Einige hatten Musketen in den Fäusten und gebärdeten sich wie toll. Schüsse wurden abgefeuert, Pistolen krachten, und immer noch ließ sich keiner der Insulaner blicken.
Das gab Hasard immer mehr zu denken.
Zwei Meilen vor dem Strand sahen sie noch die Ausläufer eines Riffs, aber das wurde von Pete Ballie in einem kleinen Bogen umsegelt, bis sich die „Isabella“ dem Strand näherte.
„Fallen Anker!“ rief Hasard.
Der Anker rauschte aus, und sie mußten Trosse nachfieren, denn der Grund bestand aus Korallensand und der Anker slippte nach. Aber nach einer Weile schwojte die „Isabella“ doch ruhig im Wasser um die Trosse. Die Segel waren aufgegeit worden, die Seewölfe warteten.
Vom Strand trennte sie jetzt noch knapp eine Kabellänge.
Al Conroy verteilte Faustfeuerwaffen und vergaß auch nicht, die Drehbassen auszurichten, als einige der unrasierten Kerle ins Wasser sprangen und schwimmend die „Isabella“ zu erreichen versuchten.
„Schickt ein Boot!“ schrie jemand. „Nehmt uns an Bord!“
Es klang halb spanisch, halb portugiesisch, aber der Profos, der am Schanzkleid lehnte, tippte sich mit dem Finger an die Stirn.
„Das könnte euch Rübenschweinen so passen“, sagte er. „Ihr habt doch selbst ein Boot am Strand liegen.“
Hasard sah nur Rattengesichter, Visagen von ausgesprochenen Galgenvögeln, verschlagene, hinterhältige und schmierige Typen, die man nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde. Den Kerlen sah man ihre Tätigkeit zehn Meilen gegen den Südwind an. Das waren einwandfrei Piraten, Schnapphähne zur See, Halsabschneider, Gauner und Deserteure, ein buntes Gemisch aus vielen Nationen.
Die Kerle, die das hörten, drehten wieder ab und schwammen zum Strand zurück. Dann schoben sie das Boot ins Wasser, bemannten es und gingen erneut auf die Reise.
Sechzehn Männer zählten die Seewölfe, sechzehn mit allen Hunden gehetzte Marodeure, Seeräuber der übelsten Garnitur.
Sie pullten wie die Wilden zur „Isabella“. Wie sie sich das vorstellten, einfach an Bord zu gelangen, war dem Seewolf ein Rätsel.
Sie nahmen wohl an, es würde ihnen ungehindert gelingen. Wenn diese Brut erst einmal an Bord war, würde Zustand auf dem Rahsegler herrschen, soviel war sicher.
„Halt!“ rief Hasard mit donnernder Stimme, als die Entfernung nur noch zwanzig Yards betrug und die Kerle weiterpullten. „Kein Yard weiter, oder wir feuern mit der Drehbasse!“
Einige hörten auf zu pullen, doch ein bärenstarker Kerl mit rotem Gesicht und Stiernacken stand im Boot auf und blickte den Seewolf aus verschlagenen Augen an.
Auch er sprach das spanisch-portugiesische Gemisch, das die Seewölfe gut verstanden.
„Ah, Capitano, wir sind ehrliche Handelsfahrer!“ rief er. „Gute, ehrliche Kaufleute, die Pech hatten. Nehmt uns an Bord, wir wollen weg von dieser Insel. Pullt weiter, Leute!“ rief er im selben Atemzug und grinste herausfordernd.
Der Seewolf nickte Al Conroy zu, der eine Flaschenbombe in der Hand hielt. Er zündete die Lunte an, maß die Entfernung und schleuderte die Flasche ins Meer.
Dicht vor dem Boot krepierte sie noch halb unter Wasser und überschüttete die Kerle mit einem Hagel Seewasser, das wie eine Fontäne über sie rauschte.
Erst da hörten sie auf zu pullen, ließen das Boot aber weiter zur „Isabella“ treiben.
„He, was soll das?“ schrie der Anführer erbost. „Behandelt man so ehrliche, in Not geratene Seeleute? Wir sind in friedlicher Absicht erschienen, unser Schiff haben wir verloren.“
„So ehrlich seht ihr auch gerade aus, ihr Schnapphähne“, sagte der Seewolf laut. „Auf meinem Schiff habt ihr nichts zu suchen. Verschwindet!“
Ein Wutgeheul war die Antwort. Einer der Kerle zog eine Pistole unter der Ducht hervor. Ohne lange zu zielen, drückte er ab und schoß. Die Kugel sauste dicht an Carberrys Schädel vorbei und blieb im Mast stecken.
Da richtete sich schon ein anderer auf und griff nach einer geladenen Muskete.
„Wenn ihr uns nicht freiwillig aufnehmt, dann geht es eben anders“, sagte der stiernackige Riesenlümmel hämisch.
Die Kerle wollten es nicht anders, und es sah ganz danach aus, als wollten sie mit dem Mut der Verzweiflung die „Isabella“ entern.
Sie waren jedenfalls zu allem entschlossen, das zeigten sie deutlich genug.
Noch bevor der Musketenschütze feuern konnte, traf ihn ein Pfeil von Batutis Langbogen. Der Mandingo traf immer sein Ziel, und diesmal rettete er wahrscheinlich einem Seewolf damit das Leben.
Der Schütze ließ die Muskete fallen, riß die Arme hoch und kippte mit einer seitlichen Drehung außenbords. Er versank sofort im Meer.
Wieder ertönte ein Wutgeheul von den Piraten. Der Stiernackige schleuderte ein Entermesser, aber jetzt hatte der Seewolf genug.
Er ließ die Drehbasse aus kürzester Distanz abfeuern.
Sie war mit einer Kettenkugel geladen, und Al Conroy nahm genau Maß.
Die Kugel eierte blitzschnell heraus, knallte in den Bug des Bootes und zerfetzte ein paar Planken.
„Die nächste ist mit grobem Blei geladen“, warnte Hasard. „Wenn ihr jetzt nicht augenblicklich verschwindet, schicken wir euch auf den Grund!“
Der Stiernackige fluchte laut und ordinär und hob drohend die Faust.
„Ihr Hunde!“ schrie er. „Ihr dreckigen Halunken! Wenn ihr nicht zu feige seid, dann kommt an Land. Dort werden wir es austragen, und ich werde euch schon zeigen, wie man euch kleinkriegt!“
„Das war meine letzte Warnung an euch Lumpengesindel“, sagte Hasard ruhig. Er gab Al den Befehl, die mit Grobschrot geladene Drehbasse ebenfalls auf das Boot zu richten.
Die Piraten kannten die Wirkung von gehacktem Blei. Auf kurze Distanz abgefeuert, wirkte sie besonders verheerend, und jetzt begannen sie zu kuschen, als sie in die dunkle Mündung der Drehbasse blickten.
„Noch etwas“, sagte Hasard. „Werft eure Waffen ins Meer, augenblicklich, sonst feuern wir! Ihr seid genau im besten Bereich der Drehbassen.“
Stumm glotzten sie sich an. Damit hatte selbst der Stiernackige nicht gerechnet. Er zögerte noch unentschlossen, aber als er jetzt überall hinter dem Schanzkleid Waffen auftauchen sah und in die Gesichter dieser hartgesottenen Burschen blickte, da wußte er, daß seine letzte Stunde geschlagen hatte, wenn er die Aufforderung nicht befolgte.
In ohnmächtiger Wut warfen sie eine Muskete nach der anderen ins Wasser, bis auch die letzte verschwunden war.
„Und jetzt die Pistolen!“ forderte Hasard. „Auch die du noch im Gürtel stecken hast!“
„Verdammt!“ brüllte der Stiernakkige.
Da ruckte die schwenkbare Drehbasse noch etwas weiter herum und senkte sich leicht.
„Das werdet ihr noch bereuen, ihr Hurenböcke!“ schrie er. Dann warf er voller Wut auch die Pistolen über Bord.
„Sehr schön“, höhnte der Profos. „Und jetzt verzieht euch, sonst ziehe ich euch die Haut in Streifen von euren Piratenärschen!“
Das narbige Gesicht und Carberrys entschlossene kalte Wut verfehlten ihren Eindruck nicht auf das Piratengesindel.
Sie drehten unter lautstarken Verwünschungen ab und pullten wieder zurück, dem Strand entgegen.
„Möchte wissen, was die mit den Insulanern angestellt haben“, sagte der Seewolf nachdenklich. „Das ist ja die reinste Satansbrut, diese ehrlichen Handelsfahrer.“
„Wir sollten uns die Burschen mal an Land ansehen, Sir“, meinte Carberry. „Die Kerle gehen mir mächtig auf die Nerven, und den großkotzigen Anführer würde ich gern mal verhackstücken.“
Immer noch pullten die Kerle verbissen und sauer. Sie hatten ihre erste Niederlage schneller hinter sich, als sie geglaubt hatten.
„Ja, wir gehen auf jeden Fall mit einem Trupp an Land“, sagte Hasard. „Offensichtlich sind die Halunken hier gestrandet und hausen jetzt auf der Insel wie die Wilden. Deshalb haben sich die Insulaner auch versteckt oder sind geflüchtet.“
Nein, da gab es kein langes Überlegen, entschied der Seewolf. Jetzt, da dem Gesindel der Schreck noch in den Knochen steckte, war es am besten, gleich nachzufassen und die Kerle auf ihre normale Größe zurechtzustutzen.
„Laß das große Boot zu Wasser, Ed!“ befahl er. „Ich suche einen Trupp aus, der an Land geht, die anderen bleiben an Bord und nehmen alles unter Feuer, was sich der ‚Isabella‘ auch nur auf hundert Yards nähert. Alle Culverinen werden sofort überprüft.“
„Aye, aye, Sir“, sagte Ed.
Dann wurde das große Boot abgefiert.
7.
Hasards Stellvertreter Ben Brighton hatte das Kommando, als das Beiboot ablegte.
Es war besetzt mit Hasard, Dan O’Flynn, Big Old Shane, Carberry, Ferris Tucker, Matt Davies, Batuti, Stenmark, Bob Grey, Luke Morgan, Smoky und Jeff Bowie.
Die anderen Seewölfe blieben für alle Fälle zur Verteidigung an Bord zurück.
Elf Männer würden genügen, um mit der Horde aufsässiger und randalierender Kerle fertig zu werden, falls sich das als nötig erweisen sollte, denn der Seewolf glaubte, die Piraten würden die Flucht ergreifen.
Diesmal täuschte er sich allerdings. Die Kerle waren zwar losgepullt, aber sie gaben nicht auf. Ihre einzige Chance, hier wieder wegzukommen, lag auf der „Isabella“, und ihre Verzweiflung trieb sie zu mutigen Taten.
Am Strand hatten sie sich zusammengerottet und warteten. In den Fäusten trugen sie Entermesser, einige hatten auch Äxte und Schiffshauer, zwei waren mit Degen bewaffnet. Ihr stiernackiger, rotgesichtiger Anführer fühlte sich außerordentlich stark und stand vor seiner bunt zusammengewürfelten Meute herausfordernd da.
Hasard blieb vier Yards vor ihm stehen und musterte ihn. Er sah nur in bärtige, unrasierte oder dreckige Visagen, die ihn hämisch, verschlagen oder hinterhältig anstarrten.
„Bist du gekommen, um zu kämpfen, Mann?“ fragte der Anführer.
„Was habt ihr mit den Eingeborenen getan?“ wollte Hasard wissen.
Lachen wurde laut.
„Na, was schon, du Wanze! Wir haben uns das geholt, was wir dringend brauchten, und das waren vor allem Weiber. Stimmt’s Leute?“
Zustimmendes Gegröle war die Antwort.
Hasard glaubte das unbesehen. Er warf einen Blick auf den kleinen Tempel im Wasser und sah, daß die Statuen davor beschädigt waren. Alles war mutwillig zerstört worden. Die Galle stieg ihm bei diesem Anblick hoch.
Noch beherrschte er sich, doch der Anführer näherte sich ihm um noch ein Yard und grinste frech.
„Hör mal zu, Capitano“, sagte er. „Ihr habt uns überlistet. Gut, das verzeihen wir ja, schließlich habt ihr Kanonen und wir nicht. Wir verlangen nicht viel von euch. Ihr sollt uns nur zurück nach Sumatra bringen, da gehen wir an Land. Das tut euch nicht weh, und wir sind wieder daheim.“
Er sah Hasards spöttisches Lächeln und lief rot an. Er sah aber auch den narbengesichtigen Mann an seiner Seite, dann einen rothaarigen, breitgewachsenen Burschen und einen graubärtigen Riesen mit den Schultern eines Giganten. Daneben stand noch ein Herkules und außerdem ein Kerl mit einem Eisenhaken statt einer Hand, und da wurde ihm zum ersten Male etwas mulmig, und er fragte sich besorgt, ob sie sich nicht doch etwas übernommen hatten, denn diese Burschen waren ganz sicher keine harmlosen Handelsfahrer.
„Den Teufel werde ich tun“, sagte Hasard gelassen. „Und die Wanze nimmst du zurück, sonst stopfe ich dir den Bart zwischen die Zähne!“
Der Anführer spie verächtlich in den Sand.
Den Seewölfen juckte es mächtig in den Fäusten, aber auch sie beherrschten sich noch und warteten ab.
Hasard war mit zwei Sätzen so schnell bei dem rotgesichtigen Koloß, daß der erschrocken zusammenfuhr. Automatisch riß er die Arme hoch, aber da traf ihn ein Brocken in den Magen, daß ihm die Luft wegblieb und er sich vor Schmerzen krümmte. Er hatte den Kopf noch nicht ganz unten, da trafen ihn zwei unheimlich schnelle und harte Schläge und rissen seinen Schädel wieder hoch.
„Ar-we-nack!“ donnerte der Profos, und jetzt hielt ihn nichts mehr. Das war auch gleichzeitig für die anderen das Signal zum Angriff, und dann ging es rund am Strand. Die Seewölfe hatten sich von den Kerlen genug bieten lassen, jetzt war das Maß voll.
Carberry hatte sich schon vorher einen rattengesichtigen Kerl ausgesucht und sich vorgestellt, wie er mit ihm verfahren würde.
Jetzt setzte er seine hochgespannten Erwartungen augenblicklich in die Tat um, schnappte sich blitzschnell den Kerl und wischte den Strand mit ihm auf. Doch das Rattengesicht hielt das Tempo leider nicht lange mit, und so ließ Ed ihn einmal um seine Achse kreisen und dann losfliegen, bis der Kerl mit dem Schädel voran im Sand landete und liegenblieb.
Schon hatte er den nächsten am Wickel. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Batuti zwei Gegner herzhaft mit den Köpfen zusammenstieß.
Dan O’Flynn wütete mit schnellen harten Fäusten, Ferris Tucker sprang mit den Burschen um, als bearbeite er sie mit einem gewaltigen Hobel, und der Schmied von Arwenack ackerte sich durch, als habe er glühendes Eisen auf dem Amboß und klopfe es mit einem Hammer in die richtige Form. Da ließ Bob Grey die Fäuste fliegen, da kämpften Smoky, Stenmark und der Hitzkopf Luke Morgan, dem mal wieder das Temperament durchging. Und die beiden Hakenmänner knallten dem Gegner ihre Prothesen entgegen.
Der Seewolf stand vor dem idiotisch lallenden Anführer, dem die Lippen aufgeplatzt waren und vorn oben die Schneidezähne fehlten.
Der Kerl war schon zweimal zu Boden gegangen, aber er hatte eine Bärennatur und stand immer wieder auf.
Taumelnd rückte er auf den Seewolf zu und hieb ins Leere. Hasards eisenharte Faust traf seinen Schädel und warf ihn zurück. Noch einmal kam er auf die Beine, zitternd, mit blutunterlaufenen Augen versuchte er, seinen Gegner anzugehen.
Hasard wich und wankte nicht und schickte den Stiernackigen mit einem letzten mächtigen Schlag endgültig zu Boden.
Dann bellte ein Schuß auf, und Bob Grey griff sich an die Schulter. Einer der Kerle hatte noch eine Waffe, und mit der setzte er sich jetzt zur Wehr.
Gerade als er noch einmal abdrükken wollte, fiel sein Arm kraftlos herunter.
Aus seinem Rücken ragte ein Kris, ein krummer Dolch, und auch ein zweiter hatte plötzlich die Waffe im Körper und fiel der Länge nach in den Sand.
Zwei Eingeborene verschwanden – so schnell, wie sie erschienen waren – wieder im Pagodenwald. Sie hatten die Messer geschleudert und Rache an den getöteten Insulanern genommen.
Damit war der Kampf auch schon entschieden. Die meisten hockten oder lagen im Sand, einige bewußtlos, drei oder vier waren tot.
Bob Grey hatte einen Streifschuß am Arm und blutete leicht, aber für ihn war das nur ein Kratzer, wie er versicherte, und er verband sich die Wunde auch gleich selbst, indem er einen Streifen aus seinem Hemd riß und ihn um den Arm wickelte.
Hasard zählte die restlichen Männer. Einer oder zwei hatten sich wahrscheinlich im allerletzten Augenblick doch noch abgesetzt und waren im Wald verschwunden. Aber die konnte er vergessen, denn die fielen mit Sicherheit den aufgebrachten Eingeborenen in die Hände, und damit war ihr Schicksal besiegelt.
Genau neun schwer angeschlagene Männer blieben übrig, und die Frage warf sich auf, was mit ihnen geschehen sollte. Der Anführer war immer noch bewußtlos und regte sich erst nach geraumer Weile.
Die Seewölfe nahmen den Kerlen die Entermesser ab und vergaßen auch die nicht, die noch in ihren Gürteln steckten.
„Wo lassen wir das Gesindel jetzt?“ fragte Carberry. „Das sind immerhin noch neun Kerle.“
Hasard zuckte mit den Schultern.
„Am liebsten würde ich sie hierlassen, aber dann werden sie von den Insulanern umgebracht, obwohl die Halunken das verdient hätten. Das möchte ich aber auch gern vermeiden.“
„Dann bringen wir sie auf eine der kleinen Inseln, die wir an Steuerbord in östlicher Richtung gesehen haben“, schlug der Profos vor. „Da sind ein paar Palmen, und bei der üppigen Vegetation gibt’s da bestimmt auch Trinkwasser.“
„Ich habe leider auch keinen besseren Vorschlag“, sagte der Seewolf. „Aber es ist die einzige Möglichkeit. Also los, bringen wir die Kerle zum Schiff. Shane wird sie in der Vorpiek in Eisen legen, damit wir vor Überraschungen sicher sind.“
Hasard schaute sich nach den Insulanern um, die er erst nur ganz flüchtig gesehen hatte, doch niemand ließ sich blicken. Sie mußten sich weiter ins Inselinnere zurückgezogen haben. Vielleicht wußten sie auch nicht, wie sie sich diesen neuen Fremden gegenüber verhalten sollten, und warteten erst einmal ab.
Immerhin hatten sie in den Kampf eingegriffen und es dabei nur auf die Piraten abgesehen.
„Los, hoch mit euch, ihr Halunken!“ befahl Big Old Shane. „Beißt die Zähne zusammen, ihr Strandläuse, jetzt gelangt ihr doch noch auf das Schiff, nur etwas anders, als ihr euch das vorstellt.“
„Und es wird geschwommen“, setzte Ed grimmig hinzu. „Immer schön neben dem Boot her, sonst gibt es richtige Senge. Das war nämlich erst der Auftakt.“
Niemand muckte mehr auf. Ihr Respekt vor den Seewölfen hatte sich nach der Schlägerei verzehnfacht, und sie staunten jetzt noch, daß sie so sang- und klanglos untergegangen waren. Und, verdammt noch mal, dabei glaubten sie sich wirklich aufs Kämpfen zu verstehen. Aber diese Kerle schienen direkt der Hölle entsprungen zu sein, denn so schnell hatte noch keiner mit ihnen aufgeräumt.
Trotzdem sannen sie auf Rache, das war ihr zweiter Gedanke, doch konnten sie den vorerst nicht verwirklichen.
Carberry scheuchte sie ins Wasser, und wer nicht schnell genug hineinflitzte, dem half der Profos kurzerhand nach, und als er den ersten die Marschrichtung zeigte, da beeilten sich die anderen so schnell wie noch nie in ihrem Leben und schwammen gehorsam auf die „Isabella“ zu, ganz so, wie sie es gewollt hatten.
Neun etwas übelriechende, verwahrloste Piraten wurden in Empfang genommen und in Eisen gelegt. In der Vorpiek war genügend Platz für die jetzt sehr schweigsame Meute. Selbst der grobschlächtige Anführer hatte die Sprache verloren.
„So, das ist geklärt“, sagte Carberry, als die Kerle versorgt waren. „Jetzt können wir uns um die Insulaner kümmern.“
„Die laufen schon am Strand zusammen“, sagte Bill und zeigte auf den Palmenwald, wo immer mehr braunhäutige Leute zusammenliefen.
Sie winkten und riefen zur „Isabella“ und bedeuteten den Seewölfen durch Handzeichen, daß sie an Land gehen sollten.
Hasard gab schließlich die Erlaubnis dazu, denn jetzt bestand keine Gefahr mehr, dessen war er sicher.
Etwas später legte das Boot wieder ab.
Die Insulaner entpuppten sich als freundliche, gütige und fröhliche Menschen. Sie feierten die Seewölfe wie Retter, die immer wieder von allen Seiten umringt wurden.
Ein paar Brocken Polynesisch verstand Hasard, der Rest wurde durch Handzeichen und Bewegungen verdolmetscht, und darin hatten die Seewölfe bereits langjährige Erfahrung.
Nach und nach fanden sie heraus, daß hier ein Fest gefeiert werden sollte, nachdem die Räuber und Mörder die Insel verlassen hatten und nicht wiederkehren würden.
Der Balian humpelte neben Hasard her, und als der Seewolf einen Blick zum Strand hinunterwarf, sah er, daß die Leichen der Piraten bereits verschwunden waren. Das hatten die Insulaner besorgt.
Noch am Abend desselben Tages begann das angekündigte Kecakfest, für dessen weitere Verschiebung kein Grund mehr bestand, und eins der eindrucksvollsten und seltsamsten Feste, die die Seewölfe je erlebt hatten, nahm seinen Lauf.
Es begann wieder mit dem Legong-Tanz. Zartgliedrige Mädchen bewegten sich anmutig zum Takt fremdartiger Musik, die auf hölzernen Trommeln, Flöten und harfenähnlichen Instrumenten gespielt wurde.
Die jungen Tänzerinnen trugen bunte, bis auf den Boden reichende Gewänder. In den schwarzen Haaren steckten rote und gelbe Blumen, die den Reiz der Tänzerinnen noch unterstrichen.
Dann ging der Mond über dem Meer auf. Einem Riesenball gleich, schob er sich über das Wasser, übergoß es mit zartem Silber, daß es weiter hinten wie erstarrt dalag. Am Strand liefen kleine Wellen flüsternd und murmelnd über den hellen Sand.
Man nahm zwanglos auf dem Boden Platz, wo in langen Reihen Körbe voller Früchte standen.
Der Balian, der sich immer noch nur mühsam fortbewegte, erklärte dem Seewolf, der Legong würde zu Ehren der fremden Männer extra stattfinden aus Dank für die Vertreibung der Piraten.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Hasard begriff, was gemeint war, denn in dem hohen Singsang der hochbalinesischen Sprache hörte Hasard nur selten ein verständliches Wort heraus.
Erst die unterstreichenden Gesten erklärten manches.
Einmal blickte Carberry lange über die Schulter zur „Isabella“ hinüber. Dem Seewolf entging der Blick nicht.
„Besorgt, Ed?“ fragte er.
„Ich will mich nur vergewissern, Sir. Aber die Kerle können aus eigener Kraft niemals aus der Piek heraus. Ich habe selbst alle kontrolliert und die Ketten überprüft.“
„Da kann nichts passieren. Außerdem geben die Männer, die an Bord geblieben sind, scharf acht, daß sich keiner von denen muckst.“
Als der anmutige Legong beendet war, begann der Drachentanz mit dem Dämon Barong.
Der Anblick des Dämons, in der Gestalt eines Tieres mit langen Haaren und stark hervorquellenden Maskenaugen und langen Zähnen, verkörperte das Gute.
Junge Balinesen sprangen auf und schwangen drohend ihre krummen Messer. Es sah gefährlich aus, und der Anblick des hin und her laufenden Dämons verfehlte selbst auf den Seewolf seine Wirkung nicht.
Im schimmernden Mondlicht war jede Einzelheit deutlich zu sehen. Wie rasend bewegte sich der Dämon mit dem furchterregenden Schädel. Die langen Haare berührten bei jeder Drehung den Boden. Der mit hauchdünnen Goldplatten bedeckte Schädel ruckte schnappend hoch, und jedesmal schrien die Insulaner wild auf.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Bill den Seewolf.
Hasard ließ es sich wortreich von dem Balian und einer jungen Tänzerin erklären. Auch das dauerte eine Weile, bis er es verstand.
„Dieser Dämon Barong versucht, die Todesgöttin Rangda zu besiegen, die eine häßliche alte Hexe ist“, erklärte er Bill. „Aber weil der Dämon es allein nicht schafft, unterstützen ihn die Männer mit ihren Messern und lautem Geschrei.“
Der wilde Tanz nahm an Gefährlichkeit zu, als die Balinesen sich in einen regelrechten Rausch steigerten, von dem etwas später auch der Balian ergriffen wurde.
Die Wandlung mutete unheimlich an, als der Balian sich in Trance versetzte, das Gesicht verzog und zu zucken begann, bis sein ganzer Körper von den wilden Zuckungen ergriffen wurde.
Vorbei waren seine Schmerzen, er humpelte nicht mehr, sondern führte jetzt die Krieger an, die mit wildem Gebrüll die Hexe Rangda zu besiegen versuchten.
Die brüllende, sich wild bewegende Meute geriet dabei in ihrem Taumel bis dicht an die Reihe der auf dem Boden sitzenden Seewölfe, und die Krise schwangen gefährlich nahe vor ihren Gesichtern. Das Kampfgeschrei steigerte sich immer mehr.
„Mann“, sagte Carberry, „dagegen hört sich unser Arwenack-Gebrüll ja direkt kläglich an. Das werden wir in Zukunft noch etwas lauter üben müssen.“
Einige Balinesen hatten nun am teilweise verwüsteten Wassertempel flakkernde Lichter entzündet, die den Tempel geisterhaft beleuchteten.
Andere trugen Holzstücke von den verbliebenen Resten des Wracks zusammen und brachten sie in den Wald, aus dem fremd und geheimnisvoll die kleinen Geistertempel herüberblinkten.
Es war eine fremdartige, seltsam anmutende Welt, fanden die Seewölfe, faszinierend und irgendwie unwirklich.
„Was tun die mit dem Holz?“ fragte Ferris Tucker seinen Freund Ed.
„Vielleicht grillen die ein paar Schweine“, vermutete Carberry.
„Die verstreuen das Holz regelrecht zu langen Bahnen. Auf die Art kann man keine Schweine am Spieß grillen.“
Auch Hasard wußte es nicht und grübelte darüber nach. Den Balian konnte er nicht fragen, denn der bewegte sich jetzt in einer anderen Welt. Er wirkte völlig geistesabwesend und hatte einen verklärten Blick.
„Das ist eine lange Grube, in die sie das Holz legen“, sagte Matt Davies nachdenklich. „Sie ist mindestens zehn Yards lang.“
Die Seewölfe rätselten daran herum, doch vorerst erfuhren sie es nicht, und so blieb jedem selbst überlassen, was er sich in seiner Phantasie ausmalte.
Fast eine Stunde lang hielt der Tanz an. Der Dämon Barong bewegte sich immer schneller, und auch die jungen Krieger gerieten in fast beängstigende Ekstase. Sie brachten sich Verletzungen bei und waren bereit, sich selbst zu töten. Ihre Umwelt existierte für sie nicht mehr.
Zwischendurch reichten anmutige junge Tänzerinnen Früchte und berauschende Getränke. Das dem Kawa ähnliche Getränk berauschte jedoch sehr schnell, und der erste, der mit glasigen Blicken auf die Tänzerinnen stierte, war der Hitzkopf Luke Morgan.
Hasard warf dem Profos einen Blick zu. Carberry verstand sofort.
„Trinkt vorsichtig, ihr triefäugigen Hafenratten“, warnte der Profos. „Sauft das Zeug nicht so in euch hinein, sonst fallt ihr um und steht die nächsten Tage nicht mehr auf. Und wen ich total besoffen bei der Arbeit sehe, den hänge ich zum Auslüften so lange an die Rah, bis er Schimmel ansetzt. Habt ihr das kapiert?“
„Das Zeug schmeckt aber wirklich gut“, sagte Luke lallend. „Ich will noch mehr davon!“
Er kriegte aber nichts mehr, und der Profos goß ihm Kokosmilch in die Schale.
Luke war so voll, daß er jedesmal, wenn er Kokosmilch trank, verzückt die Augen verdrehte.
„Ein – ein – ed-edles Gesöff“, lobte er überschwenglich. „Und so schön berauschend.“
Aus dem Wassertempel ertönte Gesang, und als das Singen zart durch die Nacht herüberklang, da war die Hexe Rangda von dem Dämon endlich besiegt worden.
Die Bewegungen wurden matter und langsamer, als ließe der Gesang die Tänzer aus tiefer Trance erwachen. Einer nach dem anderen blieb stehen. Ihre Blicke wurden klarer, und die meisten sahen sich ernüchtert um, als grenzenloser Jubel losbrach. Wieder einmal hatte der Dämon mit Hilfe der jungen Männer es geschafft, das Böse zu besiegen.
Auch der Balian kehrte mit glänzenden Augen zurück und nahm dicht neben dem Seewolf auf dem Boden Platz.
Gedämpfte Schweinestücke wurden herumgereicht, und die Seewölfe hieben kräftig rein.
Der Balian unterbreitete Hasard gestenreich den Vorschlag, man solle doch die Gefangenen holen, um sie abzumurksen, doch Hasard schüttelte den Kopf. Die Leute waren teilweise berauscht und in genau der Stimmung, in der sie das auch getan hätten.
Statt dessen erklärte der Seewolf, sie würden die neun Männer zu einer kleinen Insel bringen.
Der Balian verstand, erhob sich und zeigte erfreut nach Osten. Damit meinte er die Insel, die die Seewölfe schon gesehen hatten. Drei Inseln gäbe es, erklärte der Medizinmann, und damit war das Thema für ihn erledigt.
Nach einer kurzen Pause ging es weiter.
Das Holz in der Grube wurde entzündet und mit einer Flüssigkeit getränkt, die es schnell brennen ließ.
Rings um die Grube wurde Aufstellung genommen, und wieder strömten alle zusammen und blickten in das lodernde Feuer.
„Jetzt bin ich aber wirklich gespannt, was das wird“, sagte Big Old Shane zu Hasard. „Bis jetzt sehe ich noch keinen Sinn darin.“
„Eine rituelle Handlung“, meinte Hasard achselzuckend. „Nur, in welcher Form sie stattfindet, weiß ich nicht.“
„Vielleicht verbrennen sie die Toten“, meinte Smoky. „Deshalb ist die Grube auch so lang.“
Aber sie brachten keine Toten Zwölf sehr lebendige Männer erschienen auf geheimnisvolle Weise aus dem Tempelwald. Sie tauchten so urplötzlich auf, als wären sie aus dem Boden gewachsen.
Junge Mädchen legten sich an den Rand der Mulde und bliesen ins Feuer, das immer stärker aufloderte. Dann wurde das Feuer außerdem noch mit langen Palmwedeln angefacht, bis auf dem Grund der Mulde das Holz hellrot aufglühte.
Hasard sah sich die Männer an, die am hinteren Ende der Mulde Aufstellung nahmen. Sie wirkten unbeteiligt. Ihre Gesichter waren maskenhaft starr, und wenn sie sich bewegten, wirkte es hölzern.
Als Bekleidung trugen sie nur einen von der Hüfte bis zu den Knien reichenden Schurz aus buntem Stoff. Dazu hatten sie ein gebogenes Bambusgestell über dem Rücken hängen, das mit langen Gräsern und getrockneten Pflanzen verziert war.
Als Hasard den Balian fragend ansah, der sich immer an seiner Seite hielt, erschien ein geheimnisvolles Lächeln auf seinem Gesicht, und er sprach schnell ein paar unverständliche Worte.
Dann zeigte er auf die Männer und unterstrich mit Gesten, daß sie alle durch das Feuer gehen würden.
Es handelte sich um das Trance-Zeremoniell des Sanghyan Djaran, das zweitgrößte Fest auf Bali, wie der Balian versicherte.
Smoky, Blacky, Big Shane, der junge O’Flynn und selbst der Seewolf sahen den Balian ungläubig an.
„Der will uns wohl auf den Arm nehmen“, sagte Dan. „Ich habe noch keinen Menschen gesehen, der durch so ein Feuer geht. Und wenn es einer wagt, überlebt er nicht einmal die erste halbe Minute. Da drin ist es so heiß wie in der Hölle!“
„Als ob du schon mal da gewesen bist“, spottete Smoky. „Vielleicht meinen die damit zum Tode Verurteilte, die man auf den Scheiterhaufen wirft wie bei den Hexenverbrennungen bei uns.“
Der Seewolf zog plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Es widerstrebte ihm, hier einzugreifen, wenn das wirklich geschah, aber er fand den Gedanken von Smoky gar nicht unwahrscheinlich.
Noch einmal sah er sich die Männer an, die wartend in einer langen Schlange Aufstellung nahmen.
Sollten das zum Tode Verurteilte sein? überlegte er beklommen. So sahen sie gar nicht aus, aber der Teufel mochte wissen, was hier vorging und was das alles bedeutete.
Nein, sie mußten den Balian warnen, keine Menschen zu verbrennen, selbst wenn sie damit geheiligte Riten störten.
Anscheinend sah der Balian die Zweifel in Hasards Augen, denn er lächelte beruhigend und demonstrierte etwas.
Er tat ein paar tänzelnde Schritte, drehte sich dabei ein paarmal um seine eigene Achse, schloß die Augen und tat so, als ginge er durch das knisternde Feuer. Unversehrt und ohne Schaden würde dort jeder der Tänzer wieder erscheinen, betonte er.
Der Profos schüttelte den Kopf, während Hasard sinnend den Balian anblickte.
„Das gibt es nicht“, behauptete Ed sturköpfig. „Das kann mir keiner erzählen. Seht euch doch nur mal das Feuer an, das ist ja wirklich eine Höllenglut. Niemand läuft da hindurch.“
„Daran glaube ich auch nicht“, versicherte Smoky. „Und du glaubst auch kein Wort, Sir, oder?“
„Ich weiß nicht recht“, erwiderte Hasard. „Bei den Insulanern ist alles möglich. Da gibt es unerklärliche Geheimnisse.“
Sie schlossen untereinander Wetten ab, sahen in die gewaltige wabernde Glut, die sie nicht einmal für Sekunden die Hände hineingehalten hätten, und schüttelten die Köpfe.
Da sollte ein Mensch durchgehen? Ausgeschlossen, entschieden sie. Oder sie hatten den Balian mißverstanden wegen der Sprachschwierigkeiten.
Einige der maskenhaft starr wirkenden Männer trugen eine Art Amulett an dem gebogenen Bambusstab. Es zeigte den Kopf eines Stieres oder eines Hundes. Auch das Haupt eines Löwen glaubten sie deutlich zu erkennen.
Eine seltsame Stille senkte sich über den Platz. Die Seewölfe traten ein paar Schritte zurück, denn die Glut, die aus der Mulde drang, legte sich beklemmend heiß auf die Lungen und ließ das Atmen zur Qual werden.
Irgendwo aus dem Tempelwald erklang das leise Dröhnen einer Trommel. Anfangs leise, dann schwoll es immer mehr an. Dazwischen wurde ein riesiger Gong geschlagen, der über die ganze Nordseite der Insel dumpf und dröhnend erklang. Die Abstände wurden kürzer, dafür wurden die Töne sinnverwirrend und laut.
Die Männer bewegten sich kaum. Erst als der Balian am Rand der lodernden Grube Aufstellung nahm, kam Bewegung in die Leiber. Schweißtropfen standen auf den braunen Körpern, nur die Augen waren immer noch seltsam starr und teilnahmslos in das Feuer gerichtet.
Selbst die Insulaner blieben stumm. Niemand sprach auch nur ein Wort.
Noch einmal dröhnte der Gong auf, dann senkte sich bleierne Stille über die Insel, und die Natur schien den Atem anzuhalten.
Da trat der erste feierlich vor. Er hob den Kopf und rief mit schriller Stimme ein kurzes Wort.
Was dann folgte, jagte den abgebrühten Seewölfen einen Schauer nach dem andern über den Rücken. Sie trauten ihren eigenen Augen nicht mehr.
Der Mann schritt in die Glut, drehte sich dabei um seine Achse, tänzelte auf den glühenden Scheiten und schritt ruhig und feierlich weiter. Flammen schlugen bis an seine Hüfte, griffen nach dem Bambusgestell und hüllten die Gestalt ein, die ruhig und gemessen immer weiterschritt, bis ein Aufstöhnen durch die Menge ging.
„Das – das gibt es nicht“, ächzte Carberry. Er sah das Bild klar und deutlich vor sich, und doch hatte er das Gefühl, als erlebe er einen bösen Traum.
Der erste Tänzer hatte jetzt fast die Mitte der Grube erreicht, als auch schon der zweite in die Höllenglut trat und dem ersten Mann auf die gleiche Art folgte. Niemand hatte es eilig, keiner rannte, um die Pein so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Gemessenen Schrittes wurde die glühende Mulde durchwandert, und jetzt hatte der erste sein Ziel erreicht.
Er stieg aus der flachen Grube, ging weiter und kehrte in einem Bogen von außen an den Ausgangsort zurück.
Der Seewolf blickte auf seinen Körper, ganz besonders aber auf seine Beine.
Es gab keine Brandblasen, keine sichtbaren Verletzungen, und der Mann sah nicht so aus, als habe er Schmerzen.
Der Kutscher griff sich verzweifelt an die Stirn und wirkte total verstört.
„Der Mann müßte verbrannt sein“, stammelte er.
„Er ist aber nicht einmal verletzt“, sagte Hasard. „Oder kannst du irgendeine Wunde entdecken?“
„Nein, nicht die geringste.“
„Ich begreife das auch nicht, Kutscher, und ich weiß nicht, ob wir jemals dafür eine Erklärung kriegen. Aber ich sehe es mit meinen eigenen Augen und muß es wohl oder übel glauben.“
Vier Männer waren jetzt schon wie in einer feierlichen Prozession durch das tödliche Feuer geschritten, ohne auch nur den geringsten Schaden zu nehmen.
Die Seewölfe stöhnten ungläubig und konnten es nicht fassen. Immer noch standen in jedem Gesicht Zweifel und bange Erwartung, wenn sie die Feuertänzer beobachteten.
Die meisten der Tänzer hatten die Augen geschlossen. Einige aber waren dabei, die die Glut mit starren, weitgeöffneten Augen durchschritten. Sie wirkten wie Puppen, die an langen unsichtbaren Fäden durch das Feuer gezogen wurden.
Nach einer endlos scheinenden Ewigkeit war auch der letzte Mann hindurchgeschritten, ohne Schaden zu erleiden. Lediglich die Gräser an den Bambusgestellen hatten Feuer gefangen, bei jedem einzelnen, und auch die getrockneten Blumen qualmten oder brannten.
Am Ausgang der Mulde schlugen sie die Bambusstöcke auf den Boden, bis das Feuer gelöscht war.
Es gab keine körperlichen Schäden, denn der Balian zeigte den Seewölfen die Männer, hielt sie fest und drehte sie langsam um ihre Achse, wobei jeder der Seewölfe vergeblich nach Brandblasen suchte.
Dann rief der Balian mit beschwörender und lauter Stimme ein paar Worte, fuhr den Männern mit der Hand über die Gesichter und murmelte schließlich nur noch leise.
Einer nach dem anderen erwachte aus seiner maskenhaften Starre, als kehre jetzt erst das Leben in ihn zurück. Die Bewegungen wurden fließender, die durch das Feuer Geschrittenen gaben sich gelöst und setzten sich auf den Boden.
Hasard sah in entspannte Gesichter. Nur Carberry und Smoky saßen immer noch mit offenen Mündern da und starrten die unheimlichen Feuertänzer an.
Dann stand der Profos auf und trat an die Grube.
„Da muß ein mieser Trick dabei sein“, sagte er. Er hielt die Hand über die Grube, zog sie aber sofort mit einer leise gemurmelten Verwünschung zurück, denn was ihm da entgegenschlug, war heißer als das Feuer des Kutschers in der Kombüse.
„Vielleicht möchtest du auch einmal da durchlaufen“, sagte Smoky. „Ich wette um ein Faß Rum und meinen Anteil, wenn du da heil durchmarschierst.“
„Nicht für alle Schätze der Welt“, versicherte Ed. „Ich würde schon nach dem ersten Schritt in Flammen aufgehen. Aber diese Burschen haben sich in einen Rausch versetzt, das sah man deutlich an ihren Augen.“
„Das erklärt noch lange nicht, daß das Feuer ihnen nichts anhaben konnte“, meinte Hasard.
„Nein, allerdings nicht“, gab Ed widerwillig zu. „Könntest du nicht mal den Balian danach fragen, Sir?“
Hasard tat es, aber der Balian hatte keine Erklärung dafür. Er sagte nur, daß die Männer glaubten, das Feuer werde ihnen nichts anhaben und allein ihr Wille würde das Feuer bezwingen.
Das begriff erst recht niemand.
Spät in der Nacht wurde das Fest beendet. Viele Insulaner blieben noch und tanzten.
Da nahm der Balian den Seewolf beiseite.
„Morgen“, so erklärte er, „wird Atun, der Priester, verbrannt, der durch den Dämon des Gunung Agung ums Leben kam. Es wird ein Fest, ein Totentanz. Alle mögen erscheinen.“
Hasard versprach es schließlich, worauf der Balian sich feierlich verneigte und bedankte.
Anschließend fuhr die Crew mit dem Boot an Bord zurück, aber dort wurde noch weiter diskutiert. Das Thema der Feuertänzer, das so beeindruckend war, war für die Seewölfe noch lange nicht erledigt.
8.
Die in der Vorpiek eingesperrten Piraten begannen am nächsten Morgen mit einem Höllenkonzert. Sie schrien und brüllten durcheinander und rasselten mit den Ketten.
Smoky brachte ihnen etwas zu essen und frisches Trinkwasser.
Auch der Profos erschien mit einer Lampe in der Hand. Als sie sein narbiges Gesicht sahen, begann das Brüllen erneut.
„Laßt uns endlich raus, ihr Hunde!“ brüllte der Anführer.
Carberry musterte ihn lange im Schein der flackernden Lampe.
„Wenn du noch einmal dein Maul aufreißt“, drohte er, „dann ziehe ich dir als erstem die Haut von deinem Rattenarsch! Es bleibt dabei: Ihr werdet auf eine Insel gebracht, und dort könnt ihr tun und lassen, was ihr wollt. Dort könnt ihr auf den nächsten Kahn warten, falls in diesem Jahrhundert einer die Insel anläuft. Und jetzt will ich nur noch freundliche Nasenlöcher sehen, sonst hole ich die Neunschwänzige und lasse euch Halunken tanzen!“
Carberrys entschlossenes und grimmig verzogenes Gesicht beruhigte die Kerle augenblicklich.
Der Anführer schwieg, und damit verhielten sich auch die anderen ruhig.
„Ich bin froh, wenn wir diese verlauste Satansbrut endlich von Bord haben“, sagte er zu Smoky.
„Du sprichst mir aus der Seele. Ein anderer hätte die Kerle längst einen nach dem anderen an die Rah gehängt.“
Nach dem Essen wurde Wasser gemannt, und ein paar Eingeborene brachten Körbe voller Reis an den Strand, von dem es hier soviel gab wie im Land des Großen Chan.
Der Balian, der in Begleitung zweier Mädchen am Strand erschienen war, erklärte dem Seewolf, gegen Mittag, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreiche, würde das Fest des Affengottes beginnen. Sie hätten es schon zu lange hinausgeschoben und Hanuman würde sonst grollen und seinen Zorn nach ihnen schleudern.
Hasard hielt auch das für eine Einladung und nahm an.
Dann blickte er zum Wassertempel hinüber und wunderte sich über das große Bambusgerüst, das da am Strand stand.
„Für den Priester Atun“, erklärte der Balian. „Es ist seine Totenstätte. Nach dem Fest wird er verbrannt.“
Das Gerüst hatten sie anscheinend noch vor Sonnenaufgang gebaut.
Es war ein Turm aus Bambus und dem Holz des Wracks, von dem sie zersplitterte Planken genommen hatten.
Links, ganz dicht am Palmenwald, wo es zu den kleinen Geistertempeln der verstorbenen Ahnen ging, befand sich eine Bale, eine kleine Pfeilerhalle, die von allen Seiten offen war.
Der Balian führte den Seewolf und Ben Brighton darauf zu.
Er deutete auf holzgeschnitzte Tierköpfe, die die Bale zierten und prächtig bemalt waren.
„Das ist die Schlange Naga“, sagte der Balian, „das der Adler Garuda, das Schwein, die Schildkröte und der Stier. Atun kann nun eingehen in das Reich der Götter.“
Der Balian streckte die Arme aus, als wolle er alles umarmen. Doch damit deutete er an, daß es ein großes Fest werden würde.
„Die feiern hier anscheinend nur große Feste“, meinte Ben. „Mit kleinen fangen die gar nicht erst an.“
Sie sahen sich alles an, was der Balian ihnen erklärte, und immer wieder neue Eindrücke stürmten auf sie ein.
Mit den paar Brocken Polynesisch konnten sie sich mehr schlecht als recht verständigen, und immer wieder blieben Fragen offen, die nicht geklärt werden konnten. Aber es ging auch mit Gesten und umständlichen Beschreibungen.
Der Balian versuchte, den Seewölfen die Geschichte der Insel zu erklären, langsam und geduldig. Er erzählte von Göttern und Dämonen, von dem Tempel der Elefanten und dem heiligen Fluß, einem Blutstrom der Dämonen.
Dann vergingen noch einmal drei Stunden, und das Fest für Hanuman, den Affenkönig, begann. Wie alle Feste auf Bali wurde es in unmittelbarer Nähe des Strandes gefeiert.
Kecak wurde getanzt, und die Insulaner fungierten dabei wiederum als Helfer des Affenkönigs.
Immer lauter und wilder erscholl ein Ruf, der sich pausenlos wiederholte.
„Kecak! Kecak!“
Die Tänzer saßen in Fünferreihen auf dem Boden und streckten die Hände über ihre Köpfe. Sie beschworen den Affenkönig und deuteten Gesten der Versenkung an, die sich Hasard nicht erklären konnte. Der ganze Tanz blieb geheimnisvoll und fremd. Sie erfuhren lediglich, daß das Fest dazu diente, Gefahren oder drohendes Unheil abzuwenden, wie den zornigen Ausbruch des Gunung Agung, von dem immer noch leichter Rauch in den Himmel quoll.
Das Kecakfest würde am anderen Abend erst richtig weitergefeiert werden, erläuterte der Balian. Dies war nur eine Vorstufe davon, um den Gott zu besänftigen.
Die Seewölfe mußten essen und trinken, und immer wieder wurden fremdartige Speisen gereicht, bis sogar der Profos stöhnte.
„Wann nimmt denn das ein Ende?“ fragte Ed. „Wenn das noch lange weitergeht, habe ich mich restlos überfressen und kann nicht mehr laufen. Aber abschlagen darf man auch nicht, oder?“
„Ich glaube, es würde ihren Stolz verletzen“, sagte Hasard. „Ich selbst kriege auch nichts mehr runter.“
Sie saßen im Schatten unter einem riesigen Banyonbaum. Die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit, das viele Essen und Trinken ließen sie matt und träge werden.
Der Balian war unermüdlich unterwegs, und etwas später herrschte unnatürliche Ruhe. Kein Insulaner war mehr zu sehen.
„Die werden ihr Mittagsschläfchen halten“, meinte Dan O’Flynn. „Kein Wunder bei den vielen Festen.“
„Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Ich glaube, sie treffen immer noch ihre Vorbereitungen, um den Priester zu verbrennen.“
Mit der Vermutung behielt Hasard recht, denn es dauerte nicht mehr lange, und in der Luft lagen wispernde Stimmen, die sich anhörten wie ein Sprechgesang. Sie waren noch weit entfernt, aber die kehligen Laute ertönten zweifelsfrei aus dem Wald der vielen Tempel.
Hasard stand auf, seine Schläfrigkeit war verflogen. Die anderen folgten seinem Beispiel.
Geheimnisvolle Gamelanmusik erklang, von Instrumenten erzeugt, die vorerst noch unsichtbar blieben. Gleichzeitig schwoll auch der Sprechgesang an und wurde lauter.
Die ersten Eingeborenen erschienen, an ihrer Spitze der Balian und zwei weitere, im Rang niedriger stehende Medizinmänner. Ihnen folgte ein endlos langer Zug brauner Leiber.
Voran gingen buntgekleidete Mädchen. Auf ihren Köpfen trugen sie hohe Schalen, die mit allen Früchten gefüllt waren, die auf der Insel wuchsen. Zwischen den Früchten waren leuchtende Blumen gesteckt. Die Menge bewegte sich unter leisem Gesang in Richtung der kleinen Bale.
Es war kein Fest der Traurigkeit, wie es die Seewölfe aus anderen Ländern kannten. Die Beerdigung des Priesters hatte eindeutig fröhlichen und unbeschwerten Charakter.
Eine Gruppe junger und alter Männer folgte den Mädchen. Sie murmelten etwas, jemand sprach ein paar Worte vor, und gleich darauf erklang wieder die Gamelanmusik. Die Prozession wirkte unglaublich bunt und quirlte durcheinander, ohne daß scheinbar eine gewisse Ordnung eingehalten wurde.
Andere Männer trugen eine hölzerne Schlange, die aus einem Baumstamm geschnitzt war. Sie war mit Leder und bunten Tüchern geschmückt, und um die heilige Naga hatte man außerdem noch flatternde Bänder geschlungen und Blumen herumgewunden.
In feierlicher Handlung wurde die Schlange zum Totentempel geleitet, wo man sie niederlegte.
Opfergaben wurden bereitgelegt, eine bestimmte Gruppe eng beieinanderstehender Insulaner nahm vor der Bale Aufstellung.
Da Hasard keine Erläuterungen mehr erhielt, mußte er sich das meiste selbst zusammenreimen.
„Das sind vermutlich die engeren Verwandten des Priesters“, sagte er auf Carberrys unausgesprochene Frage.
„Glaubst du, es ist ihnen nicht lästig, Sir, wenn wir hier herumstehen?“ wollte Ed wissen.
„Nein, ganz bestimmt nicht. Wir verletzen nicht ihre Pietät, sonst hätte der Balian uns nicht ausdrücklich eingeladen.“
„Ein Stier“, sagte Smoky, kaum das der Seewolf zu Ende gesprochen hatte. „Was hat das denn zu bedeuten?“
Das wußte auch Hasard nicht, er nahm jedoch an, es handele sich dabei um einen ähnlichen Götzen wie die Schlange Naga oder den Affengott Hanuman.
Es war allerdings kein richtiger Stier, das sahen sie sofort. Aber er war verblüffend echt nachgebildet, auch was die Größe betraf.
Etliche Männer schleppten ihn und brachten ihn in die Nähe des Bambusturmes, wo sie ihn auf den Boden stellten.
Der Stier war schwarz mit großen aufgemalten Augen, silbern schimmernden Hörnern und einem gebleckten Gebiß, das freundlich zu grinsen schien. Ein sanftmütiger Stier also. Um den Hals trug er eine reich verzierte Decke, das gleiche über dem Hinterleib.
Zwei Männer gingen auf den Stier zu und hantierten an ihm herum. Eine Öffnung entstand im Stierleib, und in dem Halbdunkel erkannte man Bambusstangen und Felle. Das Gerüst verlieh dem Stier Halt und ließ ihn ungewöhnlich groß erscheinen.
Was es damit allerdings auf sich hatte, wußten die Seewölfe nicht, sie sollten es aber bald erfahren.
Vor der Bale wurden immer mehr Opfergaben niedergelegt. Die jungen Mädchen begannen laut zu beten.
Anschließend hielt der Balian eine feierliche Ansprache, breitete die Arme aus und zeigte zu dem Pagodenwald hinüber, wo die kleinen Geistertempel geheimnisvoll herüberschimmerten.
Dann wurde es still, so still, als hätte die ganze Insel Bali den Atem angehalten.
Fasziniert sahen die Seewölfe auf eine weitere Prozession, die sich dem Bambusturm und dem Stier näherte.
Sechs farbenprächtig gekleidete ältere Männer trugen den toten Priester Atun. Seine Leiche war in ein weißes Gewand gehüllt und mit Bändern umwickelt.
Stumm und mit mechanischen Schritten wurde der Tote in die offene Bale getragen und ebenso lautlos auf einen quadratischen Stein gelegt.
Es war ein merkwürdiges Zeremoniell, fanden die Seewölfe, denn statt mit den Totenfeierlichkeiten fortzufahren, schien es, als hätte jedermann das Interesse an dem toten Priester verloren.
Die Insulaner gingen herum und verteilten Früchte, setzten sich auf den Boden und aßen. Auch die Angehörigen, die in einer Gruppe eng beisammen waren, nahmen allerlei Speisen und Getränke zu sich.
Auch die Seewölfe kriegten wieder ihren Teil, und kaum jemand war in der Lage, noch einen Bissen zu schaffen.
Die Speisung dauerte nochmals eine Stunde, dann war sie beendet, und die Totenfeier ging weiter und nahm ihren Lauf.
Jetzt ertönten laute Gebete, Sprechgesänge und fremdartige, seltsam hohl klingende Musik.
Die Priester gingen auf und ab, der Balian trug eine Schale mit geweihtem Wasser in seinen Händen und benetzte damit den Toten. Dazu sprach er unverständliche Worte. Dann stellte er die Schale auf den Boden und gab den anderen Priestern ein Zeichen mit der Hand.
Daraufhin näherten sich die niedrigen Priester dem Leichnam und wickelten ihn aus dem weißen Gewand, bis sein eingefallenes Gesicht sichtbar wurde.
Die nächsten Angehörigen traten feierlich und hölzern hinzu, blickten in das welke Antlitz des Toten, wie es ihre Pflicht war, und zogen sich dann etwas zurück.
Das Tuch wurde wieder zurückgeschlagen und über den Leichnam Atuns eine bunte Decke gebreitet. Auch die wurde von dem Balian noch einmal mit ein paar Spritzern Wasser geweiht.
„Ich glaube, sie tragen die Leiche jetzt in den Stier“, flüsterte Hasard seinen Männern zu, die mit großen Augen auf das seltsame und ungewohnte Ritual sahen und nie wußten, wie es weiterging.
„Und dann?“ fragte Dan leise zurück.
„Wird er verbrannt, nehme ich an, einschließlich Turm und Stier.“
Der Tote wurde tatsächlich aufgehoben und unendlich vorsichtig in die Öffnung des hölzernen Stieres gelegt. In einem feierlichen Akt wurde die klappenähnliche Öffnung dann verschlossen.
Nun strömten immer mehr Männer hinzu, stellten sich um den Stier herum und hoben ihn auf ein leises Kommando hoch. Während die Priester laut sangen, wurde der Stier mit dem Toten zum Bambusturm getragen und dort wieder abgesetzt.
Um den Turm herum war Holz aufgeschichtet worden, und es wurde immer noch mehr herangetragen. Auch trockene Palmwedel wurden gebracht und so hoch aufgeschichtet bis nur noch der grinsende Kopf des Stieres und seine großen, weithin leuchtenden Augen zu sehen waren, die starr auf die Menge blickten.
Wieder murmelte der Balian unverständliche Worte, weihte den Stier und den Verbrennungsturm und nahm dann aus einer Schale glühende Holzkohle. Sechs Becken wurden gefüllt, aus denen leichter Rauch wehte.
Sechs niedere Priester erhielten die Schalen und nahmen rings um dem Stier Aufstellung.
Dann folgte wieder Gesang, der Balian entfernte sich, und in den Totengesang stimmte der ganze Chor der Insulaner ein, bis der Gesang mächtig anschwoll und sogar das Rauschen des Meeres überlagerte.
Der Balian ging direkt auf Hasard zu und verneigte sich leicht. Er versuchte Hasard den Sinn der rituellen Handlung zu erklären und sagte sinngemäß: „Atun wird jetzt verbrannt. Zum Priestergesang wird der Todesturm entzündet, und die Schlange Naga wird die Seele des Priesters mit in den Himmel nehmen. Aber Atun ist noch nicht frei. Er ist erst dann rein und befreit, wenn seine Asche in der folgenden Nacht dem Meer übergeben wird.“
Hasard und auch die Seewölfe, die in seiner unmittelbaren Nähe standen, hatten begriffen.
„Dann ist er frei für alle Ewigkeit“, sagte Hasard.
Doch der Balian schüttelte den Kopf.
„Nein, noch nicht. Atun ist erst dann frei, wenn das Ritual nach vierzig Sonnenaufgängen wiederholt wird.“
„Das ganze Ritual?“ fragte Hasard mit einer allumfassenden Bewegung seiner Hände.
Der Balian erklärte umständlich, daß das Ritual auf Palmenblättern nachvollzogen würde. Auf die Blätter würden Abbilder gemalt und die Handlung noch einmal nachvollzogen. Erst dann sei Atun wirklich frei und würde in die höchsten Gefilde eingehen.
Der Seewolf erfuhr auch, daß die Angehörigen und die Bewohner des Dorfes augenblicklich noch unrein seien, solange die Handlung nicht zum zweiten Male nachvollzogen wäre. Erst danach wäre jedermann frei von Verunreinigung.
Der Balian fragte, ob sie verstanden hätten, und als Hasard das bejahte, verneigte er sich wieder und ging davon.
„Das ist noch komplizierter als bei den Chinesen“, sagte Dan. „Das kann sich ein Fremder kaum vorstellen.“
„Nicht mehr reden jetzt“, sagte Hasard. „Die für die Insulaner heilige Handlung nimmt ihren Anfang!“
Die Seewölfe schwiegen, als die Priester, die bis dahin mit den Schalen um den Holzstoß herumgestanden hatten, ein Zeichen erhielten.
Glühende Holzkohle ergoß sich wie Blut über den Stier, den Turm und das angehäufte Holz.
Es begann sogleich zu brennen, kleine Flammen schlugen hoch, wurden größer und größer, und bald darauf brannte der Turm wie eine riesige Fackel.
Fauchend fraß sich das Feuer weiter, bis es den Stier einhüllte, aus dessen Schädel jetzt helle Flammen schlugen.
Der Gesang wurde noch lauter, und eine seltsame Ergriffenheit lag über dem Platz in Strandnähe.
Von überall her liefen Kinder zusammen und sangen mit.
Etwas später stand der Turm lichterloh in Flammen, und nun wurde die brennende Fackel noch größer, die den Stier und den darin eingebetteten Priester gierig verschlang. Es knackte und prasselte, die erhitzte Luft fauchte über die Prozession hinweg. Es schien, als würde der Priester bis in alle Ewigkeit brennen und seine Seele durch die Glut immer mehr geläutert.
Langsam stürzte das große Gerüst in sich zusammen. Funken stoben davon und prasselten auf die Körper der Umstehenden. Aber seltsamerweise schien niemand die Glut zu spüren, wie es auch der Fall bei den Feuertänzern gewesen war.
Zwei Stunden lang brannte es, dann blieb ein glühender Aschehaufen übrig, der langsam in sich zusammenfiel.
Von dem toten Priester war innerhalb der relativ kurzen Zeit nichts mehr zu sehen.
Als auch die Asche sich abzukühlen begann, wurde sie zusammengetragen und in eine große Schale gefüllt.
Spät in der Nacht, wie es der Balian vorausgesagt hatte, wurde die Asche dann dem Meer übergeben.
Damit hatte Atun die erste Stufe der Reinkarnation erreicht und befand sich auf dem Weg ins Nirwana.
Damit endete auch für die Seewölfe der Tag, der anstrengend genug gewesen war und an den sie noch lange denken würden.
Die Verabschiedung begann und drohte noch einmal in eine Feier auszuarten.
Noch vor dem ersten Morgengrauen ging die „Isabella“ ankerauf und setzte Segel.
Trotz der frühen Morgenstunde ließ es kaum jemand der Insulaner nehmen, ihr Grüße nachzuwinken. Noch in der letzten Nacht hatten die Balinesen weitere Körbe an Bord geschleppt.
Auf der „Isabella“ gab es Früchte und so viel Reis, daß der Kutscher befürchtete, sie würden nie wieder Land anlaufen müssen, um ihre Vorräte zu ergänzen.
Als sie auf Ostkurs ging, brach in der Vorpiek wieder der Radau los, und die Piraten grölten und klirrten mit den Eisen.
„Laß sie raus, Ed“, sagte der Seewolf. „Sie haben keine Chance gegen uns. Sie sind waffenlos und haben ihre Lektion erhalten. Es dauert nicht lange, bis wir die Insel anlaufen, auf der sie dann bleiben werden.“
Smoky und der Profos ketteten die Kerle los, die es eilig hatten, an Deck zu gelangen. Einer nach dem anderen erschien auf der Kuhl.
Der Anführer sah sich lauernd um.
Der Profos stand vor ihm, hatte die Neunschwänzige in der Hand und zog die neun Lederriemen langsam durch seine Finger.
„Bleib schön stehen wo du bist, du Kanalratte“, sagte er drohend. „Und begehe keine Dummheit. Sieh dir das Ding hier an! Wenn einer von euch Lausekerlen auch nur das Maul aufreißt, dann lasse ich ihn über alle Decks tanzen, verstanden?“
„Wir wissen, wann wir verloren haben“, sagte der Stiernackige.
„So seht ihr aber gar nicht aus. Vergeßt also meine Worte nicht, sonst geht ihr mit wundgescheuerten Affenärschen von Bord.“
Der Anführer grinste verschlagen, aber er sah auch, daß die Seewölfe bereitstanden und nur darauf warteten, daß einer von ihnen loslegte.
Nein, sie hatten keine Chance, das sah der Kerl mit dem roten Gesicht und dem Stiernacken auch ein. Sie hatten einmal erbärmliche Prügel bezogen, und beim zweitenmal würde es noch schlimmer enden. Sie erhielten Früchte und Trinkwasser.
Während der Anführer immer wieder auf Carberrys Neunschwänzige starrte und gierig in die Früchte biß, fragte er: „Wie steht’s mit Waffen, eh? Wir können ja auf der Insel schließlich nicht verhungern oder wilden Tieren zum Opfer fallen.“
„Waffen kriegt ihr natürlich, soviel ihr wollt“, sagte Ed höhnisch. „Wir lassen euch alle Culverinen zurück, auch Musketen und Pistolen. Wollt ihr die schon gleich haben?“ fragte er freundlich. Dabei zog er wieder die Peitsche durch die Finger und sah den bulligen Kerl verächtlich an.
„Messer auch nicht?“ fragte der.
„Keine Waffen“, sagte Ed entschieden. „Euch würde ich nicht mal Zahnstocher geben. Auf der Insel könnt ihr so leben wie die Insulaner auch und euch von dem ernähren, was da wächst. Seid froh, daß man euch Galgenvögel nicht aufgeknüpft hat.“
Carberry, Big Old Shane und ein paar andere behielten die Burschen im Auge, bis der Ausguck nach etwas mehr als zwei Stunden eine Insel voraus meldete.
Das brachte die Piraten wieder auf die Beine, und sie starrten sich die Augen nach dem Eiland aus.
Die „Isabella“ segelte darauf zu. Die Insel wies auf der Westseite eine langgeschwungene Bucht auf, die dicht von Palmen bestanden war. Gleich dahinter begannen Hügel und dichte Wälder. Auf dem Hochplateau folgte eine freie Fläche die nur von Gras bewachsen war.
Die Insel war unbewohnt, und wie Hasard wußte, gab es auf ihr auch genügend Trinkwasser.
„Eigentlich ist die viel zu schade für euch“, sagte der Profos. „Hier habt ihr Stahl und Flintstein, mehr kriegt ihr nicht. Damit könnt ihr Feuer entfachen. Holz werdet ihr schon finden.“
Dicht vor der Bucht drehte die „Isabella“ bei. Hasard ließ Tiefe loten, die vier Faden betrug. Sie konnten noch ein Stück näher heransegeln, denn die Tiefe blieb ziemlich konstant und nahm erst dicht am Strand wieder ab.
Haßvolle Gesichter sahen die Seewölfe an.
„Dann setzt endlich das Boot aus!“ schrie der Anführer.
„Den Teufel werden wir tun“, sagte Ed ruhig. „Ihr geht über die Jakobsleiter in den Bach. Die zehn Yards bis zum flachen Wasser werdet ihr schwimmen. Und nun verzieht euch, damit ich eure Rattenvisagen nicht länger sehen muß, sonst kommen mir noch die Bananen hoch.“
Ferris Tucker nahm auf Geheiß des Seewolfs zwei Entermesser und eine kleine Axt und warf sie schwungvoll über Bord, wo sie im flachen Wasser deutlich sichtbar auf den Grund sanken.
„Damit könnt ihr euch gegenseitig abmurksen, ganz wie ihr wollt“, sagte er laut.
Die ersten kletterten unter lautstarken Verwünschungen die Jakobsleiter hinunter und sprangen ins Wasser. Sie hatten nur ein paar Yards zurückzulegen, bis sie Grund unter den Füßen hatten.
Der letzte, der die „Isabella“ fluchend verließ, war der stiernackige Anführer.
Bevor er sprang, sah er noch einmal den Profos an.
„Ich habe mir den Namen eures Schiffes gemerkt“, sagte er wütend. „Eines Tages begegnen wir uns vielleicht wieder. Aber dann geht es anders aus, das verspreche ich euch. Irgendwann“, wiederholte er, „dann hänge ich jeden einzelnen von euch an die Rah meines Schiffes.“
„Falls du jemals wieder eins unter deinem Affenarsch hast“, sagte Ed. Dann holte er mit der Neunschwänzigen aus und grinste hart über sein narbiges Gesicht.
„Und nun laß los“, befahl er, „sonst wird die Leiter dreckig!“
„Der Teufel soll dich Bastard holen, euch alle!“ schrie der Kerl.
Carberry klopfte ihm ungerührt auf die Finger, und da ließ der Pirat mit einem Aufschrei die Leiter los und sprang ins Wasser.
Als er Grund unter sich hatte, tauchte er zuerst nach den Messern und dem Beil und schwang es drohend.
Aber die Seewölfe lachten nur, sie konnten die Kerle nicht mehr ernst nehmen, denn die würden auf ihrer Insel hocken, bis wirklich mal ein Schiff vorbeisegelte. Und es war sehr fraglich, ob es sie überhaupt mitnehmen würde.
„Auf Stationen!“ rief Ben Brighton. „Setzt die Segel!“
Als der letzte endlich an Land war, drehte die „Isabella“ ihren Bug nach Westen. Die Reise ging weiter …

1.
Juli 1590 – Java-See.
Der Nordostpassat hatte allerlei drauf, wehte aber stetig und ohne Tücken. Die „Isabella VIII.“ pflügte mit Westkurs über Backbordbug liegend durchs Wasser.
Java – die Insel der Feuerberge – erstreckte sich in Sichtweite an Backbord, soweit das Auge reichte.
„Hört überhaupt nicht auf“, brummte Ed Carberry, der bullige Profos der „Isabella“. Er schaute Ferris Tucker zu, der damit beschäftigt war, eine Segeltuchplane am Backbordsüll des geöffneten Laderaums auf der Kuhl festzuzurren.
„Was hört nicht auf?“ fragte Ferris Tucker abwesend und hielt die Plane probeweise hoch.
„Diese verdammte Insel“, erwiderte Carberry.
„Ach so.“ Ferris Tucker blickte nur kurz über das Backbordschanzkleid und wandte sich wieder dem Segeltuch zu. „Halt mal“, sagte er zu Ed Carberry und hielt ihm die eine Segeltuchecke hin. Die andere obere Ecke behielt er in der Hand.
Der Profos mit dem zernarbten Rammkinn packte das Segeltuch und runzelte die Stirn. „Kannst du mir mal verraten, was diese Fummelei soll?“
Ferris Tucker, der riesige Schiffszimmermann, warf ihm einen schiefen Blick zu. „Das ist keine Fummelei, sondern ein“, er räusperte sich, „ein Windmacher, klar?“
„Nein.“
Ferris Tucker seufzte, schickte einen ergebenen Blick in den blauen Himmel und fixierte dann einen Punkt an, der bei den Leewanten des Hauptmastes liegen mußte.
Ed Carberry starrte auch dorthin, konnte aber nichts Interessantes entdekken. Die rechte obere Ecke der Plane hatte er immer noch in den Pranken.
„Hm, müßte gehen“, murmelte Ferris Tucker, fuhr eine Leine aus, die er an die linke obere Ecke der Plane angesteckt hatte, stieg mit der Leine ein Stück in die Leewanten hoch und schlug die Leine dort an.
Carberry stand mit offenem Mund da und hatte Glotzaugen.
„Mach’s Maul zu, Ed“, sagte Ferris Tucker freundlich. Dann deutete er mit dem Kopf zum Luvwant des Hauptmastes und fügte hinzu: „Schlag dort die Leine von deiner Ekke an, etwa in gleicher Höhe wie hier bei mir.“
„Soll das ’ne neue Art von Quersegel sein?“ fragte Carberry bissig, tat aber, was Ferris Tucker gesagt hatte.
„Hörst du nicht zu?“ erwiderte Ferris Tucker. „Ich hab gesagt, daß das ’n Windmacher ist.“
Mit diesen Worten zurrte er seine Leine fester, nachdem Carberry die Leine seiner Ecke am Luvwant angeschlagen hatte. Jetzt hing die Plane schräg aufrecht nach Luv geneigt über dem Backbordsüll des Kuhlladeraums. Ihre untere Kante war mit mehreren Stropps am Süll befestigt. Der Nordost stieß auf die Plane und wölbte sie etwas – fast wie ein Segel.
Ferris Tucker grinste zufrieden, als er aus den Wanten stieg und zur Kuhl ging.
„Heiß heute, was, Ed?“ sagte er zu Carberry.
„Wußte ich noch gar nicht“, erwiderte Carberry grollend. Dabei hatte er vor zwei Tagen noch in seiner fluchenden Art erklärt, in dieser Ecke der Erde brauche der Kutscher kein Feuer in der Kombüse, denn hier könne man Eier auf den Decksplanken braten oder den Suppentopf in der Sonne zum Kochen bringen, wenn man zweimal tief durchgeatmet hätte – in der Zeit von zwei Atemzügen „koche die Pampe über“.
Genau das war’s. Und darüber hatte Ferris Tucker in seiner gründlichen Art als Schiffszimmermann nachgedacht. Fest stand, daß es unter Deck nicht mehr auszuhalten war. Da konnte man die Luft in Scheiben schneiden – vom Mief gar nicht zu reden. Und die Feuchtigkeit!
Erste Maßnahme Ferris Tuckers war gewesen, sämtliche Luken offen zu fahren. Philip Hasard Killigrew, dem Seewolf, dem er das vorgetragen hatte, war skeptisch gewesen und hatte gemeint, das sei eine gefährliche Maßnahme, weil es den Verschlußzustand der „Isabella“ gefährde. Da brauche nur eine harte Bö kräftig zuzulangen und die Galeone zu krängen, und schon würde das Wasser durch die geöffneten Luken in den Schiffsbauch gurgeln. Je länger, je mehr. Schneller könne man die „Isabella“ gar nicht versenken.
Schon richtig, hatte Ferris Tucker gemeint, aber mit der „harten Bö“ sei das wohl nicht so wild, denn der Nordost habe sich bisher als keineswegs unbeständiger Geselle präsentiert, im Gegenteil.
Gut, Hasard war einverstanden gewesen. Außerdem hatten die Räume unter Deck wirklich mal durchlüftet werden müssen. Etwas Erleichterung hatte diese Maßnahme gebracht, aber nicht genug für Ferris Tucker.
Darum hatte er den „Windmacher“ erfunden.
„Hör zu, Mister Carberry“, sagte er und deutete auf die Plane. „Dieses Ding fängt den Nordost auf und leitet ihn nach unten in den Laderaum, klar? Und wenn ich jetzt die Schotten vom Laderaum unter der Kuhl öffne, strömt der Wind weiter in die anderen Laderäume und sorgt dafür, daß der Mief rausgejagt wird. Muß ja, nicht wahr? Denn überall haben wir die Luken geöffnet. Kannst du mir folgen, Mister Carberry?“
„Ich hab ja kein Spill vorm Schädel“, brummte Ed Carberry, „Mister Tucker.“ Dieses „Mister Tucker“ sagte er so richtig biestig.
„Macht das Ding jetzt Wind unter Deck oder nicht, Mister Carberry?“ fragte Ferris Tucker ein bißchen tückisch.
Bei Carberry klickte es endlich.
„Sag das doch gleich, du Enkel eines vergammelten Holzwurms“, knurrte er. „Aber ein Windmacher ist das nicht – eher ein Windchenmacher, ein Säuselchen, wie ihn Babys in die Windeln entlassen, wenn du verstehst, was ich meine – Mister Tucker!“
Die Kerle auf der Kuhl, die Ferris Tuckers Aktivitäten mit der Plane verfolgt und seinem Dialog mit dem Profos gelauscht hatten, begannen zu grinsen. Da bahnte sich mal wieder etwas Ergötzliches an. Wenn der Profos und der Schiffszimmermann, sonst dicke Freunde, sich gegenseitig mit „Mister“ anredeten, dann wurde es meist recht heiter.
So reckte denn auch der Schiffszimmermann das Kreuz, das breit wie ein Rahsegel war, zog den Kopf etwas ein und peilte Carberrys Rammkinn an.
„Sagtest du was von vergammeltem Holzwurm, Mister Carberry?“ fragte er mit jenem Ton in der Stimme, der verriet, daß nunmehr Gefahr im Verzug war. „Und sagtest du, mein Windmacher sei ein gewisses Säuselchen, du Urenkel eines bestußten Wasserbüffels und einer verlausten Seekuh?“
Carberry schnappte nach Luft.
Aber Ferris Tucker war in Rage und nicht zu bremsen. Der Profos hatte seinen „Windmacher“ verniedlicht, und das ging ihm gegen seinen Stolz als Erfinder.
„Hast du vielleicht darüber nachgedacht, was man anstellen könne, um die Decks zu durchlüften?“ blaffte er Carberry an. „Nein, hast du nicht! Aber herumstehen, das Maul aufreißen und große Sprüche klopfen, das kannst du.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Hier oben muß man’s haben. Aber da ist bei dir nicht viel, da ist noch weniger als gar nichts …“
„Ha!“ Carberry knirschte mit den Zähnen, und das klang, als zersplittere eine Eichenplanke. „Ha! Noch weniger als gar nichts gibt’s überhaupt nicht! Du redest Stuß, Mister Tucker! Und wenn so ein verdammter Windmacher wirksam sein soll, dann ist es nicht mit einem getan, Himmel, Arsch und Ziegenkäse! Nein, da muß am Leesüll jeder Oberdecksluke so ’n Dingsmacher gespannt werden, jawohl!“ Carberrys Augen funkelten triumphierend.
„Nein so was“, sagte Ferris Tucker höhnisch, „was du doch für tolle Ideen hast, Mister Carberry! Allein wäre ich nie darauf gekommen.“
Carberry klopfte grinsend an seinen Schädel. „Ja, Mister Tucker, man muß es eben hier oben haben. Der eine hat’s, der andere hat’s nicht …“
„Eben, eben!“ zischte Ferris Tukker. „Und was liegt dort gestapelt, Mister Carberry?“ Er deutete auf zusammengelegte Segeltuchplanen neben dem Schott zum Vordeck. „Weitere Windmacher, Mister Klugscheißer! Woraus logisch folgert, daß es meine Idee war, nicht nur einen solchen Windmacher aufzuspannen. Schließlich hab ich mir die Planen aus der Segellast geholt und dort deponiert. Oder hast du sie da hingelegt, he? Nein, hast du nicht. Du mußt früher aufstehen, Mister Carberry, weil bei dir das Nachdenken so lange dauert.“
Carberry pumpte gerade Luft in seinen gewaltigen Brustkasten, um zur Gegenrede anzusetzen, da ertönte eine helle Stimme aus dem Laderaum unter der Kuhl. Es war die Stimme von Hasard junior.
„Mister Tucker, Sir! Hier unten zieht’s mächtig! Richtig windig ist es. Und miefig riecht’s auch nicht mehr!“
„Na also“, sagte Ferris Tucker befriedigt. „Von wegen Säuselchen!“
Carberry beugte sich über das Süll und starrte hinunter in den Laderaum. Sein Groll fand eine neue Zielrichtung.
„Könnt ihr mir mal verraten, was ihr da unten zu suchen habt, ihr Hüpfer?“ dröhnte seine Stimme.
Dieses Mal ertönte die Stimme von Philip junior. „Wir sind auf der Jagd, Mister Carberry, Sir!“
„Nach den Fässern mit dem kandierten Ingwer, was, wie?“
„Aber Mister Carberry, Sir!“ rief Hasard junior. „Die stehen doch in der achteren Last! Wußten Sie das nicht?“
„Ich weiß nur, daß ich irgendwo einen schönen, dicken Tampen liegen habe, der geeignet ist, auf kleinen Affenärschen herumzutanzen!“ donnerte der Profos. „Rübenschweine, die in Laderäumen herumstrolchen, wo sie nichts zu suchen haben, kriegen was achtern drauf, verstanden?“
„Aye, aye, Sir!“ rief Hasard junior nach oben. „Sollen wir die Jagd abbrechen, Sir? Philip hat schon ’ne Ratte erlegt. Wir haben ein neues Verfahren entwickelt und sind mitten in der Erprobung, Sir …“
„Was für ein Verfahren?“ knurrte Ed Carberry.
„Na, um die Biester zu fangen, Sir!“ rief Philip junior.
„Und wie funktioniert das?“
„Ganz einfach, Sir!“ rief Hasard junior. „Wir haben eine von den Feuerwerksraketen gezündet und unter die Bilgegräting geschoben. Und dann ist das Ding losgeflitzt – unter der Gräting. Das hättest du sehen sollen, Sir! Da hat’s geblitzt und gezischt und geraucht! Na, und die Ratten sind losgesaust vor lauter Schreck. Eine hat ’n explodierenden Stern verschluckt …
„Jawohl, ’n roten!“ schrie Philip. „Und der hab ich’s mit ’nem Belegnagel gegeben. Schau sie dir mal an, Sir!“
Und schon flog eine tote Ratte aus dem Laderaum nach oben und klatschte auf die Kuhl. Eindeutig wies sie versengte Barthaare auf, ganz abgesehen davon, daß ihr der Belegnagel das Kreuz gebrochen hatte.
Auf der Kuhl herrschte Schweigen.
Carberry hatte Stielaugen. Nicht nur er.
Nur um Ferris Tuckers Mundwinkel zuckte es verdächtig.
„Sind die wahnsinnig?“ flüsterte der Profos.
Jetzt grinste Ferris Tucker ganz offen.
„Genial“, sagte er, „einfach genial.“
Carberry meinte, sich verhört zu haben. „Was sagst du? Genial? Bist du verrückt? Diese Lümmel können den ganzen Kasten in die Luft sprengen! Geklaut haben sie die Raketen! Und was ist, wenn sie die Dinger mit dem unlöschbaren Feuer nehmen, he? Was ist dann?“ Carberrys Stimme war immer lauter geworden. „Genial? Hast du noch alle Töpfe im Schapp?“
„Sie haben aber nicht die Dinger mit dem unlöschbaren Feuer genommen“, sagte Ferris Tucker und grinste noch breiter. „Und bitte sehr, was soll denn schon in der Bilge groß in die Luft fliegen bei den harmlosen Krachern? Eine Bilge ist feucht, ganz abgesehen davon, daß sie bis zu einem bestimmten Pegelstand Wasser führt. Ich“ dachte, das wüßtest du, Mister Carberry. Und die Pulverkammer befindet sich nicht in der Bilge – nicht daß ich wüßte. Sonst noch was, Mister Carberry?“
Es war dies einer der ganz seltenen Fälle, die dem eisernen Profos die Sprache verschlugen. Er hatte sowieso seinen schlechten Tag.
Und aus dem Laderaum unter der Kuhl drang verhaltenes Kichern hoch.
Diese Situation veränderte sich allerdings schlagartig.
Ein neuer, fremder Laut wurde vernehmbar, vorn am Bug der „Isabella“. Dem Klang nach hörte es sich an, als bumse jemand mit einem Riesenhammer unter der Wasserlinie gegen den Vorsteven.
Carberry ächzte.
„Was ist denn jetzt wieder los?“ fragte er verstört.
Niemand antwortete. Alle lauschten. Ferris Tuckers Miene wirkte verkniffen.
Etwas schurrte unter dem Kiel entlang. Die Köpfe der Männer wanderten mit, als könnten sie durchs Deck bis zum Kiel schauen. Es war unheimlich.
Old O’Flynn bewegte den Mund wie ein Karpfen beim Luftholen und murmelte: „Da hat der Wassermann angeklopft …“
„Idiot!“ zischte Ferris Tucker.
Das Schurren wanderte nach achtern.
Die Männer stürzten nach Backbord und Steuerbord ans Schanzkleid und starrten hinunter aufs Wasser.
Old O’Flynn stampfte mit dem Holzbein auf die Planken und sagte wütend: „Und es ist doch ein Wassermann …“
Und dann passierte es.
Unter dem Heck knirschte es vernehmlich. Es war ein häßlicher Laut, der den Männern durch Mark und Bein ging.
Mehrere Dinge passierten gleichzeitig.
Pete Ballie, der am Ruder stand, brüllte: „Ruder klemmt, verflucht noch mal!“
Ein Ruck lief durch die „Isabella“.
Old O’Flynn verlor die Balance und stürzte fast in den Laderaum der Kuhl. Smoky, der ihm am nächsten stand, erwischte ihn gerade noch am Hosenbund. Carberry, der sich neben Ferris Tucker über das Schanzkleid gebeugt, aber nicht breitbeinig gestanden hatte, verlor ebenfalls den Halt und umarmte den riesigen Schiffszimmermann.
„Laß mich los!“ knurrte Ferris Tucker wild, befreite sich und stürmte den Niedergang zum Achterdeck hoch.
Die „Isabella“ luvte unkontrolliert an, die Rahen ächzten gequält, die Segel knatterten wie Pistolenschüsse.
„Geit die Segel auf!“ peitschte Philip Hasard Killigrews scharfe Stimme über Deck.
Die Männer lösten sich aus ihrer Erstarrung und gerieten in Bewegung, zumal die dröhnende Stimme des Profos über die Kuhl grollte.
Die „Isabella“ luvte immer noch an.
Neben Hasard tauchte Ferris Tukker auf.
„Wir sind über was weggemangelt!“ keuchte er – und dann riß er die Augen auf, als er achtern über das Steuerbordschanzkleid starrte.
Hasard sah es auch und fluchte.
Die „Isabella“ schleppte ein Monster von Urwaldriesen mit und verlangsamte jetzt ihre Fahrt, denn das Riesending hing achtern quer zur Kielrichtung, und zwar nach Steuerbord hinaus bestimmt mit Dreivierteln der Gesamtlänge des Stammes, der einen Durchmesser von mindestens sechs Fuß hatte.
Darum auch hatte die „Isabella“ angeluvt. Dieses Monstrum wirkte, als habe Pete Ballie mit einem riesigen Ruderblatt nach Steuerbord Hartruder gelegt.
Und sein Ruder war verklemmt, weil sich irgendein Ast von diesem Riesen von unten in den Zwischenraum von Achtersteven und Vorkante Ruderblatt geschoben hatte und jetzt wie eingekeilt festsaß. Anders konnte es nicht sein.
Ferris Tuckers Verstand arbeitete wie rasend. Sekundenschnell formte sich ein Bild.
Diese Stelle dort unten zwischen Ruderblatt und Achtersteven – unter Wasser! – war immer kritisch gewesen, weil sich etwas festsetzen konnte.
Am Ruderblatt waren die Beschläge mit den Fingerlingen befestigt und ihnen gegenüber am Achtersteven die Ruderösen, in welche die Fingerlinge eingeschoben wurden, damit das Ruderblatt drehbar gelagert war. Diese beiden Beschläge – Ösen und Fingerlinge, insgesamt sechs Paar – überbrückten den Leerraum zwischen Achtersteven und Ruderblatt. Dieser Leerraum mußte sein, damit das Ruderblatt genügend Spielraum nach beiden Seiten hatte. Dazwischen konnte man gut und gern einen Männerschenkel schieben – und so dick mußte der Ast sein, der sich dort unten verklemmt hatte.
Wie gesagt, das überdachte Ferris Tucker innerhalb von Sekunden, und schon passierte das, was er in der Konsequenz seiner Gedanken befürchtete.
Ast samt Riesenstamm wirkten wie ein gewaltiger Hebelarm – solange die „Isabella“ noch Fahrt lief.
Es knirschte und splitterte, und damit war klar, daß dieser monströse Hebelarm mindestens die drei untersten Beschlägepaare aus Achtersteven und Ruderblatt gebrochen hatte.
Ferris Tucker hängte sich weit über das Steuerbordschanzkleid – und da sah er es auch.
Das Ruderblatt hing schief und nur noch in den beiden oberen Beschlägen. Also waren vier „im Eimer“.
„Scheiße“, sagte Ferris Tucker erbittert, „dreimal verdammte Scheiße.“
Und auf der Kuhl brüllte Edwin Carberry zum Mars hoch und stellte die höfliche Frage, ob der verdammte Affenarsch von Ausguck den verdammten Stamm nicht verdammt noch mal hätte sichten und melden können.
Der „verdammte Affenarsch“, im Ausguck war der blonde Schwede Stenmark, und der brüllte zurück, daß er verdammt noch eins nicht unter, sondern über Wasser Ausguck ginge.
„Ruhe an Deck!“ schnitt Hasards Stimme dazwischen, und sie hatte jenen Klang, der verriet, daß es jetzt besser sei, von weiteren Disputen abzusehen. „Sechs Mann nach achtern, Ed! Bringt Stangen mit, damit wir das Ding von oben wegstemmen können!“
„Aye, aye, Sir!“ röhrte Carberry und wurde wieder betriebsam. Aus Versehen trat er auf die tote Ratte, die immer noch an Deck neben der Ladeluke lag, und beförderte sie mit einem wüsten Tritt neben das Schott zum Vordeck.
Na, mit den beiden Lümmeln würde er noch ein Hühnchen rupfen, aber das war jetzt zweitrangig.
Aber dann standen ihm nahezu die Haare zu Berge, denn die beiden „Lümmel“ waren irgendwie ungesehen nach achtern gelangt, hatten sich bereits am Ruderblatt nach unten gehangelt und gingen auf dem Urwaldriesen „spazieren“!
Auf dem wippten sie!
Das Wasser ging ihnen bis zum Bauchnabel, aber sie balancierten auf dem Ding – und dann gingen sie baden, als sich der Stamm plötzlich drehte und aus der Verhakung löste.
Die sechs Männer mit den Stangen standen da wie bestellt und nicht abgeholt und grinsten breit.
Die „Rübenschweinchen“ hatten das Problem bereits gelöst. Durch ihr Gewippe war der Stamm losgekommen.
Hasard und Philip planschten zum Achtersteven zurück und enterten wie Katzen auf. Quietschnaß erschienen sie auf dem Achterdeck.
Hasard junior wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht und meldete sachlich: „Das Ruder ist im Arsch, Sir!“
„Sir“ – das war Philip Hasard Killigrew, der die Fäuste in die Seiten gestemmt hatte und seine Sprößlinge musterte, als sei er sich nicht so recht klar, ob er ihnen die Ohren langziehen oder sie loben solle.
Er entschied sich, die Ausdrucksweise des älteren Juniors zu rügen – Hasard junior war um etwa fünf Minuten älter als sein Zwillingsbruder Philip.
„Was ist das Ruder?“ fragte er mit dem genügenden Frost in der Stimme.
„Im“, sagte Hasard junior und räusperte sich, „im Schlechtestzustand, Sir. Ich hab den Ruderbeschlag direkt unter der Wasserlinie befingert. Da hat’s alle Bolzen herausgerissen.“
„Jawohl“, sagte Philip, „alle Bolzen. Ich hab den Beschlag darunter befingert. Da ist der gleiche Mist. Das Ruderblatt ist wuppdi!“
„Was heißt wuppdi?“ fragte der Seewolf.
„Wuppdi heißt, daß der Kutscher das Ruderblatt im Kombüsenherd verfeuern kann“, erwiderte Philip.
„Aha.“ Vater Hasard peilte zu Ferris Tucker hinüber. „Schätze, wir brauchen ein Notruder, Ferris.“
Der Schiffszimmermann nickte stumm, wie es schien, etwas verbissen.
Die „Isabella“ dümpelte ohne Fahrt im Wind. Vorbei war die rauschende Fahrt mit der Backstagsbrise des Nordostpassats. Gewissermaßen war die schlanke Galeone mit den langen Masten flügellahm und der Rudergänger arbeitslos.
Flügellahm bedeutete eine gewisse Nichtmanövrierbarkeit. Zwar konnten sie die „Isabella“ durchaus mit den Segeln steuern, und zwar durch Fieren oder Dichtholen der Schoten und Brassen, aber wenn ihnen jetzt jemand ans Leder wollte, dann waren sie nur bedingt gefechtsklar. Schnelle, blitzartige Manöver, um die Luvseite eines eventuellen Gegners zu gewinnen, konnten sie nicht durchführen.
Aber die See ringsum, auch zur Landseite hin, war frei von Segeln oder Mastspitzen.
Die Sonne hatte den Zenit überschritten, wie Hasard mit einem kurzen Blick feststellte.
„Wie lange brauchst du für das Notruder, Ferris?“ fragte Hasard.
„Eine Stunde.“
Hasard nickte. „Gut, dann laufen wir Bantam an. Dort verpassen wir der Lady ein neues Ruderblatt.“
Ben Brighton, Bootsmann und Erster Offizier auf der „Isabella“, räusperte sich.
Hasard wandte sich ihm zu und grinste. „Weiß ich, Ben. Du wolltest sagen, daß dort die Portugiesen sitzen, nicht wahr?“
„Genau. Wir segeln ihnen mitten ins Maul – sie brauchen nur zuzuschnappen.“
„Wir müssen die Tante aufdocken, Ben“, sagte Hasard sanft, „was bedeutet, daß wir mit den Wölfen heulen müssen. Wir werden also jedem Streit aus dem Wege gehen und im übrigen einen irischen Handelsfahrer markieren. Wenn es sein muß, werden wir eben ein paar Perlen odere Diamanten als Köder anbieten. Wir kriegen den Ruderschaden anders nicht geregelt. Oder wär’s dir lieber, die ‚Isabella‘ auf einen einsamen Strand zu setzen, nachdem wir sie vorher angetakelt und mühsam entladen haben?“ Hasard lächelte. „Und dann noch bei dieser Hitze!“
Ben Brighton schüttelte den Kopf, und Old O’Flynn, der aufs Achterdeck gestiegen war, zitierte: „Der Meergott schütze uns vor fremden Küsten – und Kannibalen, die zum Schlachtfest rüsten.“
„An deinem Holzbein hätten die nicht viel Geschmack“, brummte Ferris Tucker.
„Das ist der Vorteil des Holzbeins“, sagte Old O’Flynn. „Das wandert nie in den Suppentopf eines Menschenfressers.“
„Ha“, sagte Ferris Tucker, „aber du kannst ’n paar Holzlöffel draus schnitzen, und für wuppdi ist das Ding auch geeignet.“
Die Männer auf dem Achterdeck begannen zu grinsen. Sie wußten ja bereits, was „wuppdi“ bedeutete.
Old O’Flynn wußte es noch nicht und fragte prompt, was das wieder für Unsinn sei.
„Brennholz“, sagte Ferris Tucker lakonisch.
So waren sie eben, die Seewölfe. Den Ruderschaden nahmen sie gelassen hin. Der war nun mal passiert – und er war reparabel. Außerdem hatten sie ja ihren Ferris Tucker. Und Big Old Shane, der ehemalige Schmied und Waffenmeister auf der Feste Arwenack, würde die Beschläge wieder hinbiegen oder neue herstellen. Aber aufdocken mußten sie, wenn sie sich viel Arbeit ersparen wollten. Und da war Hasards Lösung die beste.
Stenmark erhielt keinen Rüffel. Baumstämme, die unter Wasser trieben, konnte der beste Ausguck nicht sichten.
2.
Bantam – zu dieser Zeit bedeutendster Handelsplatz Javas und der Sundainseln, an der Nordwestecke der Insel der Feuerberge im Schutz der weiträumigen Bantambai gelegen – bot sich den Seewölfen als eine Stadt mit dunkelroten Ziegelmauern, weißen Minaretts und goldgelben Reisstrohdächern dar.
Eine Unzahl von Schiffen ankerte auf der Reede oder lag an den Bollwerken im Hafen vertäut. Da waren jene eigenartigen Doppelrumpffahrzeuge mit den wie Krebsscheren aussehenden Segeln neben arabischen Daus, chinesischen Dschunken und indonesischen Praus. Dazwischen wimmelten Sampans, Einbäume und Flöße. Und da fehlten vor allem nicht die Galeonen, Galeeren und Karakken aus Spanien, Portugal, den Niederlanden, ja sogar Frankreich und Dänemark.
Kaufleute aller seefahrenden Nationen schienen sich hier ein lukratives Stelldichein zu geben: Chinesen, Inder, Japaner, Portugiesen, Spanier, Niederländer, Araber, Franzosen, Türken, Griechen …
Denn es ging ja um handfeste Handelsinteressen. Hier, dicht an der Sundastraße zwischen Sumatra und Java, bildete Bantam eine Art Angelpunkt oder Drehscheibe zwischen Ost und West.
Hier war der Umschlagplatz für Gewürze, Edelhölzer, Seidenballen, Silberbarren, Porzellan, Elfenbein und was der Dinge mehr waren. Aber den Vorrang hatte der Gewürzhandel. Und wer das Gewürzmonopol an sich riß, hatte ausgesorgt.
Die Portugiesen waren die ersten gewesen, die regelmäßige Handelsfahrten hierher unternommen und mit den Sultanaten der Inselreiche Verträge abgeschlossen hatten, die es ihnen ermöglichten, den Gewürzhandel an sich zu reißen.
Mit Pfeffer, Muskat und Nelken erzielten sie in Europa Riesengewinne und konnten sich die Taschen stopfen.
Aber schon standen die Zeichen auf Sturm, denn was der eine hat, möchte auch der andere gern haben, was man allgemein mit dem Begriff des Neides oder Futterneides gleichsetzt. Den Briten war das noch nicht so aufgegangen, wohl aber den Niederländern, und die hatten recht derbe Ellenbogen, was ihren Eifer betraf, Handelsintrigen zu spinnen und den Portugiesen den bisher so sprudelnden Gewürzhahn abzudrehen. Was die Orang blanda, wie die Insulaner die Europäer nannten, für Schlitzohren waren, sprach sich sehr schnell herum.
Das waren die asiatischen Händler zwar auch, aber sie hatten nicht die lärmende Rücksichtslosigkeit der Orang blanda und erklärten auch nicht, die Heiden bekehren zu müssen.
Vorsichtig steuerte Pete Ballie die „Isabella“ mit dem Notruder über die Reede. Es ging auf den Abend zu. Im Windschatten von Kap Pontang verlor die „Isabella“ an Fahrt und glitt auslaufend und mit aufgegeiten Segeln auf eine freie Stelle der Pier zu.
Dort wurde sie vertäut.
An einem Bohlensteg quer hinter ihr lag eine niederländische Galeone. Auf der Reede hatte Hasard noch vier weitere niederländische Handelsfahrer registriert – bemerkenswert gut bestückt. Wie zum gerechten Ausgleich lagen fünf portugiesische Galeonen an den Bollwerken der weiteren Pier – je zwei im Päckchen nebeneinander und eine allein hinter den beiden Päckchen.
Über die Pier wehte ein Geruch von Moder, faulender Kopra und vergammeltem Fisch, vermischt mit den Düften irgendwelcher tropischer Gewürze. Neben dem Niederländer hinter der „Isabella“ stapelten sich auf der Pier Fässer und Ballen.
Das alles hatte Hasard mit einem Blick überflogen und auch festgestellt, daß sich hafeneinwärts in Höhe der fünf portugiesischen Galeonen eine Faktorei befand – vermutlich die der Portugiesen. Dahinter, westwärts, war eine Helling.
Aufatmend bemerkte Hasard, daß dort kein Schiff aufgeslipt war. Wenn sie zu den Portugiesen gehörte, würde er wohl oder übel in der Faktorei anklopfen und sein Sprüchlein beten müssen. Oder hatten die Niederländer die Helling gebaut?
In seine Gedanken hinein räusperte sich Ben Brighton. Hasard wandte sich zu ihm um, während er gleichzeitig den Kutscher im Auge behielt, der bereits auf der Pier stand und gestikulierend mit zwei Chinesen feilschte, die ihm offensichtlich Fisch, Geflügel, Fleisch und Früchte zum Verkauf anboten. Sie hatten einen großen Karren dabei, auf dem ihr Angebot, in Kästen sortiert, ausgebreitet war.
„Ja, Ben?“ fragte er.
„Landgang, Sir?“ Ben Brightons graue Augen funkelten unternehmungslustig. „Ich hab den Männern bereits gesagt, daß wir Iren seien, aus Dublin. Und Carberry meinte, als echter Ire müsse er mal ausprobieren, ob der Reiswein besser als der irische Schnaps sei.“
„So, meinte er!“ Hasards Blick flog zur Kuhl, wo die Männer standen und erwartungsvoll zu ihm hochgrinsten. Nur Carberry nicht. Der tat, als betrachte er voller Entzücken die Rauchfahnen, die weit im Süden aus den Bergkegeln aufstiegen und träge westwärts zogen, der untergehenden Sonne entgegen.
Insel der Feuerberge, dachte Hasard. Vulkane, die sie von See her bereits gesehen hatten. Einige hatten nachts geleuchtet – wie Leuchtfeuer entlang der Südküste der Insel, faszinierend, auch etwas unheimlich. Tagsüber milderte sich dieser Eindruck. Da wirkten diese vulkanischen Bergkegel wie riesige Herde, auf denen Mahlzeiten für Giganten gekocht wurden.
„Hm“, äußerte sich Hasard. „Landgang, hm.“ Er trat an die Querbalustrade zur Kuhl und sagte sanft: „Ed?“
„Sir?“ Carberry drehte sich zu ihm um. Die rechte Seite seines wilden, zernarbten Gesichts wurde von der untergehenden Sonne rotgolden beleuchtet.
„Mit dem Reiswein, das geht klar“, sagte Hasard, weiterhin sanft. „Nur melde ich Bedenken an, was die Rauflust an Land gehender irischer Seeleute betrifft. Was meinst du dazu?“
Carberrys Blick wurde treuherzig.
„Wir sind nur fromme Pilger, Sir“, sagte er, „durstig von langer Fahrt, aber abhold jeder Gewalttat. In aller Demut werden wir uns beugen, wenn uns jemand auf die Zehen tritt, und um Vergebung bitten, daß unser nichtsnutziger Fuß jemandem im Wege stand. Ich werde auch meine Wange hinhalten und sagen: Bruder im Herrn, hau mir was aufs Maul, weil ich voller Sünde bin …“
Hasard wurde mißtrauisch und unterbrach den Profos. „Hast du schon was getrunken, Ed?“
„Nur die Muck Rum von der Abendration, Sir“, sagte Carberry und wedelte mit seiner rechten Pranke. „Und weil da zwei Kakerlaken drin ’rumschwammen, gestorben im Suff, händigte mir der Kutscher noch eine Muck aus, ohne Kakerlaken, weil mir nämlich so schlecht war von den Kakerlaken.“
„Hattest du sie denn verschluckt?“
„Das nicht, Sir, aber man weiß ja nie, ob Kakerlaken, wenn sie Rum getrunken haben, was von sich ausscheiden, vielleicht Durchfall oder so. Der Kutscher, der sonst alles weiß, konnte mir das auch nicht sagen. Und so bestand durchaus die Möglichkeit, daß der Rum verunreinigt war, Sir.“
„Sicher“, sagte Hasard tiefernst, trotz der grinsenden Männer, die dem Dialog lauschten. „Es ist ja auch so viel, was diese großen Tierchen ausscheiden. Hoffentlich hält dein Magen das aus, Mister Carberry. Oder soll ich mal mit dem Kutscher sprechen, ob es besser sei, dir Bettruhe zu verordnen? Kakerlakendurchfall im Magen eines Menschen soll nervöse Zuckungen, Sichttrübungen und Sprachschwierigkeiten auslösen. Hat dir der Kutscher das nicht gesagt?“
Carberry hatte etwas den Kopf eingezogen. Langsam drehte er ihn nach rechts zur Pier, wo der Kutscher immer noch mit den beiden Chinesen verhandelte.
„Das hat er mir nicht gesagt, der verlauste Mehlwurm“, knurrte er. Dann zuckte er zusammen, aber nicht, weil ihm Hasard nervöse Zukkungen angekündigt hatte, sondern weil ein behaarter Arm hinter dem Karren der beiden Chinesen auftauchte, in einen der Kästen langte und eine Kokosnuß entwendete.
Die beiden Chinesen konnten das nicht sehen, weil sie dem behaarten Arm den Rücken zuwandten. Aber der Kutscher bemerkte den behaarten Arm und kriegte seinerseits ebenfalls nervöse Zuckungen, die sich verstärkten, weil noch weitere drei Kokosnüsse verschwanden.
„Oh, verdammt“, murmelte Carberry, und die Kakerlaken waren vergessen.
Denn wem der behaarte Arm gehörte, war jedem der Seewölfe klar.
Arwenack, der Bordschimpanse, war auf der Pirsch, und wenn er erwischt wurde, konnten die Seewölfe nur so tun, als gehöre Arwenack nicht zur „Isabella“.
Zu allem Unglück segelte nun auch noch Sir John, der Arakanga-Papagei, im eleganten Gleitflug vom Großmasttopp zur Pier und landete auf dem Wagen, plusterte sich auf und bedachte die beiden Chinesen mit den ordinärsten Flüchen aus Carberrys Sprachschatz.
Und da zuckten jetzt die Chinesen zusammen. Sie verstanden zwar Sir Johns Sprache nicht, der ihnen empfahl, den Anker aufzuhieven, die Segel zu brassen und die Affenärsche zu kalfatern, was noch ziemlich harmlos war, aber sie begriffen, daß der schimpfende Papagei ihr Geschäft mit dem weißen Mann störte. Sir John war nahe daran, daß ihm von dem einen Chinesen der Hals umgedreht wurde. Schließlich konnte der nicht wissen, daß der Arakanga zur „Isabella“ gehörte.
Im letzten Moment entwischte Sir John den zupackenden Händen. Arwenack, bestückt mit vier Kokosnüssen, hatte das Durcheinander benutzt, um ebenfalls das Weite zu suchen – unbemerkt von den beiden Chinesen.
Aber ihnen fiel auf, daß plötzlich vier Kokosnüsse fehlten. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Eben noch war das Fach mit den Kokosnüssen voll gewesen, jetzt klaffte dort eine Lücke. Erregt begannen sie zu schnattern.
Hatte vielleicht der weiße Teufel die Kokosnüsse weggezaubert? Mißtrauische, dunkle Augen tasteten den Kutscher von oben bis unten ab. Aber bei dem beulte sich nichts, viel zu hager war seine Figur, seine Hände waren ebenfalls leer, genauso wie die beiden Segeltuchbeutel, die ihm als Marktkörbe dienen sollten.
Aber verlegen war er, weil er wußte, wer der Übeltäter war. Der klaute ja auch bei ihm alles Freßbare aus der Kombüse, aber dagegen konnte er in den meisten Fällen etwas mit dem Kochlöffel tun, indem er Arwenack was auf den Affenarsch klatschte, falls der nicht schnell genug war.
Hier nun lag der Fall anders – den Bordkameraden denunzieren, das fiel flach, das ging nicht, das wäre gegen die Bordehre. Und ein bißchen schämte sich der Kutscher auch. Kein Seewolf hatte es nötig, jemandem Kokosnüsse zu klauen, einem Zopfmann schon gar nicht. Arwenack war zwar kein Seewolf, sondern ein Affe, aber er gehörte zur Crew der „Isabella“. Und es war eine Schande, wenn einer aus der Crew an Land lange Finger machte.
Um sich aus der Affäre zu ziehen und dem weiteren Lamentieren der beiden Chinesen zu entgehen, kaufte der Kutscher den Vorrat an Schlachthühnern auf. Es waren zwölf Stück, wie er gezählt hatte. Da würde jeder ein halbes Brathuhn verspeisen können.
Zum Entzücken der beiden Zopfträger bezahlte er mit einer kleinen Perle, die ausgereicht hätte, einen Hühnerhof zu gründen. Damit standen natürlich auch die vier verschwundenen Kokosnüsse nicht mehr zur Debatte.
Die beiden Zopfmänner waren hingerissen, kicherten, schnatterten, zelebrierten unzählige Verbeugungen und schienen bereit zu sein, den Kutscher mindestens in den Rang eines Kaisers einzustufen, was dem nun wieder peinlich war.
Er begann sich seinerseits zu verbeugen und zu versichern, daß er hocherfreut sei, im Fleische so hochvorzügliches Federvieh kaufen zu dürfen, und das löste nun wiederum allgemeine Heiterkeit auf der „Isabella“ aus, denn die Kratzfüße des Kutschers sahen zum Totlachen aus, zumal er dabei die bereits gerupften Eierleger in die beiden Segeltuchbeutel stopfte, daß da noch ein nackter Hals und dort zwei Hühnerbeine herausschauten.
Immerhin konnten sich die beiden Zopfmänner nun nicht mehr beschweren oder unter den anderen Chinesen das Gerücht verbreiten, sich vor dem fremden Segler zu hüten, denn da passierten unheimliche Dinge. Nein, die Bordehre war gerettet, auch wenn der Seewolf-Affe ein Spitzbube war.
Dem Kutscher stand der Schweiß auf der Stirn, als er über die Stelling an Bord marschierte, links und rechts einen Segeltuchbeutel mit dem gerupften Federvieh in der Hand.
Grinsende Gesichter empfingen ihn.
Carberry rieb sich schmatzend den Magen.
„Mhm“, sagte er, „gibt’s die Piephähne heute abend, Kutscher? Lecker gebraten und so?“
Der Kutscher musterte ihn mit einem vernichtenden Blick.
„Mister Carberry“, sagte er mit Würde, „dürfte ich dich sehr höflich darum bitten, künftig die Bordtiere in einen Käfig zu sperren, bevor ich an Land gehe, um Einkäufe zu tätigen. Dieser Sir John hat sich geradezu unflätig benommen und die beiden Chinesen in übelster Form beschimpft, und dieser Affe Arwenack hat sich wieder einmal an fremdem Eigentum vergriffen, was kein sehr gutes Licht auf die Moral, das Benehmen und die Disziplin an Bord eines englischen Schiffes wirft …“
„Irischen“, sagte Carberry.
„Wie bitte?“
„Auf die Moral, das Benehmen und die Disziplin an Bord eines irischen Schiffes“, sagte Ed Carberry. „Und auf einem irischen Schiff darf ein Papagei ruhig schimpfen und ein Affe klauen, das ist bei irischen Schiffen so, klar?“
„Nein, mir auch egal, was auf irischen Schiffen ist. Ich stelle nur fest, daß mich dein verdammter Sir John und der Spitzbube Arwenack in Teufels Küche hätten bringen können, wenn die beiden Zopfmänner den Diebstahl bemerkt oder Sir Johns Aufforderung verstanden hätten, sie mögen sich die Affenärsche kalfatern – von den anderen Unanständigkeiten ganz abgesehen. Das geht mir wirklich zu weit, Mister Carberry. Und ich frage mich, wer hier an Bord eigentlich der Profos ist.“
„So? Fragst du dich?“ Der Profos stemmte die Fäuste in die Hüften. „Ich will’s dir verraten, Mister Kutscher!“ Er reckte sein Rammkinn. „Ich bin’s. Aber leider kann ich nicht hinter Papageien herfliegen, weil ich keine Flügel habe. Und daß Affen Kokosnüsse klauen, ist ihr gutes Recht. Das haben bereits ihre Urahnen getan, sonst gäb’s nämlich keinen Arwenack mehr. Die leben von so was, verstehst du? Und jetzt wird ein Zopf daraus, da wir gerade von Zopfmännern sprechen. Deine Chinesen haben die Kokosnüsse geklaut, und Arwenack hat sich nur geholt, was ihm von Rechts wegen zusteht! So ist das nämlich, und das hat überhaupt nichts mit Moral, Benehmen oder Disziplin zu tun. Außerdem kann ich mich erinnern, daß Arwenack des öfteren mit Kokosnüssen erfolgreich irgendwelche Rübenschweine bombardiert hat, die uns an den Kragen wollten. Kokosnüsse sind seine Munition. Auch das hat er von seinen Urahnen gelernt, jawohl …“
Und so hielt der eiserne Profos eine flammende Verteidigungsrede für Papageien und Affen, insbesondere für Sir John und Arwenack, die mit der höhnischen Frage endete, ob er, der Kutscher, vielleicht Schiß vor den beiden Zopfmännern gehabt habe, nur weil Sir John „ein bißchen“ geplaudert und Arwenack „ein bißchen“ zugelangt habe.
Der Kutscher blieb ihm die Antwort schuldig, weil Smoky, der ganz achtern Trossen klariert hatte, einen Mann meldete, der soeben die niederländische Galeone hinter der „Isabella“ verlassen und Kurs auf die „Isabella“ genommen habe.
Offenbar wollte der was.
Dieser Mann war groß und stiernackig, hatte ein Gesicht wie ein Hauklotz und ein Benehmen wie die Axt im Walde. Außerdem schwitzte er.
„Kapitän an Bord?“ raunzte er Matt Davies an, der an der Stelling Posten bezogen hatte.
Matt konnte ihn verstehen, weil die Frage auf englisch gestellt wurde. Es war ein etwas kehliges und unsauberes Englisch, aber durchaus verständlich.
Getreu seiner Rolle als irischer Seemann stellte sich Matt ein bißchen dämlich und erwiderte: „Hä?“
„Kapitän an Bord?“ brüllte ihn der Stiernackige an.
Matt Davies hauchte auf seinen Prothesenhaken, der ihm die rechte Hand ersetzte, und begann ihn aufmerksam zu polieren, obwohl es da kaum etwas zu polieren gab. Der scharfgeschliffene Haken war immer blitzblank, genau wie bei Jeff Bowie, dem anderen Prothesenträger der Crew. Beide waren furchtbare Nahkämpfer.
„Ich habe etwas gefragt!“ brüllte der Stiernackige, sein Hauklotzgesicht war inzwischen hochrot angelaufen.
Ruhig und in brüchigem Englisch erwiderte Matt: „Wer hat was gefragt?“
„Pieter de Jonge, Kapitän der ‚Zwarte Leeuw‘, Kommodore der hier versammelten niederländischen Schiffe!“ brüllte der Stiernackige. Matt Davies wurde mit Blicken aus blaßblauen Augen erdolcht, was ihn aber keineswegs erschütterte. „Und ich habe gefragt“, brüllte de Jonge, „ob der Kapitän an Bord sei!“
„Kannst du nicht etwas leiser sprechen, Kapitän?“ fragte Matt Davies höflich. „Wir Iren sind nämlich nicht schwerhörig.“
„Iren? Wieso Iren?“ schnauzte der Kapitän. „Ihr seid doch Engländer!“
„Nicht daß ich wüßte. Seh ich vielleicht so aus?“ Matt drehte sich um und deutete auf Batuti, der grinsend am Steuerbordschanzkleid lehnte, die Ellenbogen aufgestützt. „Sieht der schwarze Mann dort vielleicht wie ein Engländer aus?“ fragte er.
Kapitän de Jonge musterte Batuti verächtlich. „Das ist ein dreckiger Nigger, aber kein verdammter Ire!“ Plötzlich grinste er gemein. „Ihr handelt mit den Niggern, wie? Also seid ihr doch Engländer.“ Und dann wurde ihm wieder bewußt, daß er sich schon viel zu lange von einem Kerl aus dem gemeinen Schiffsvolk aufhalten ließ, der ihm im übrigen nicht den geringsten Respekt zollte, und darum schnauzte er: „Ich will den Kapitän sprechen, verdammt noch mal. Wird’s bald, Mann? Beweg dich, sonst laß ich dich mal an diesem Ding hier riechen!“ Er hielt Matt die rechte Faust unter die Nase.
Das hätte er nicht tun sollen. Matts Haken schlang sich plötzlich um sein Handgelenk und zog die Hand mit unheimlicher Kraft nach unten, obwohl de Jonge sich gegen den Zug stemmte.
„Hör zu, du Käsefresser“, knurrte Matt, „wenn du dich hier aufpusten willst, bist du bei mir genau richtig. Ich könnte dich zum Beispiel an diesem Eisenhaken riechen lassen, aber wenn deine Nase Bruch ist, riechst du nichts mehr. Also sei friedlich. Bei uns meldet man sich höflich an Bord und bittet, den Kapitän sprechen zu dürfen. Hier wird nicht herumgebrüllt, und mir hast du schon gar nichts zu befehlen, ich gehör nicht zu deinem Schiffsvolk. Wenn du als Kapitän angesprochen werden willst, dann benimm dich auch so. Ist das klar?“
Dieser stiernackige Niederländer sah aus, als platze er im nächsten Moment. Dazu brauchte er ein paar Atemzüge, um nach Luft zu schnappen.
Inzwischen stand Hasard an der Stelling und sagte kühl: „Ich bin der Kapitän. Mein Name ist Killigrew. Was wünschen Sie, Kapitän de Jonge?“
„Ich will Sie sprechen“, sagte de Jonge keuchend.
„Bitte sehr – ich höre.“
„Hier etwa?“
„Wo sonst?“ fragte Hasard knapp.
Das war natürlich ein Affront. Kapitäne unterhielten sich nicht im Beisein des Schiffsvolks, aber auf der „Isabella“ war das eben anders, denn die Seewölfe waren als Schiffsvolk zugleich auch Eigner der Galeone und hatten von daher durchaus das Recht, zuzuhören.
Natürlich konnte de Jonge das nicht wissen, und es ging ihn auch gar nichts an, aber Hasard hatte keine Lust, darüber lange Erklärungen abzugeben, abgesehen davon, daß ihm dieser niederländische Kapitän in keiner Weise gefiel. Der Wortwechsel mit Matt sagte genug.
„Was ich mit Ihnen zu besprechen habe, geht den Pöbel nichts an“, schnarrte de Jonge. „Führen Sie mich also in Ihre Kapitänskammer, Killigrew!“
Hasard verschränkte die Arme vor der Brust und sagte sehr betont und sehr ruhig: „Ich denke nicht daran, de Jonge. Wer von den Männern dieses Schiffes als ‚Pöbel‘ spricht, muß es sich gefallen lassen, selbst als Pöbel behandelt zu werden. Mit Pöbel habe ich nichts zu besprechen, schon gar nicht in meiner Kammer.“
„Das werden Sie noch bereuen!“ Der stiernackige Kapitän kochte vor Wut.
„Wenn das eine Drohung sein sollte, dann warne ich Sie“, sagte Hasard immer noch beherrscht, aber in seinen eisblauen Augen lag ein Ausdruck, der den niederländischen Kapitän einen Schritt zurücktreten ließ.
Sein Blick irrte von Hasard weg und glitt über die Männer, die stumm auf der Kuhl oder dem Achterdeck standen. Ja, sie standen einfach nur so da, etwas lässig, aber dennoch sprungbereit. Da waren Kerle dazwischen, die aussahen, als hätten sie mit des Teufels Großmutter bereits ein paar Tänzchen gehabt. Das waren keine Duckmäuser. Die drückten das Kreuz durch, und wenn ihnen jemand auf die Zehen trat, dann fakkelten sie nicht lange.
So oder ähnlich verliefen die Gedanken des Kapitäns, das war seinem Gesicht deutlich anzusehen. Zuletzt war es sehr wachsam, wechselte dann aber jäh in ölige Freundlichkeit.
„So war es doch nicht gemeint, mein lieber Kapitän Killigrew“, sagte er und zwang sich zu einem vertraulichen Grinsen. „Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich ein bißchen auf den Busch geklopft habe, aber in diesem lausigen Hafen muß man sehr aufpassen, mit wem man an einer Pier zusammenliegt. Einem Posten von mir, der an der Stelling Wache ging, wurde nachts die Kehle durchgeschnitten – vermutlich von einem dieser dreckigen Portugiesen, die sich hier aufführen, als gehöre ihnen Java. Darum lasse ich auch meine vier anderen Schiffe draußen auf der Reede ankern.“ Er räusperte sich. „Sie sind Ire, Kapitän Killigrew?“
Hasard nickte stumm.
De Jonge zwinkerte ihm zu. „Ich hätte gewettet, daß Sie Engländer sind. Na?“ Er zwinkerte wieder. „Vielleicht sind Sie’s doch?“
„Was veranlaßt Sie zu dieser Annahme?“
Der Kapitän grinste dreckig. „Ganz einfach. Sie geben sich als Iren aus, um bei den Dons und Portugiesen nicht anzuecken, die sich in diesem Winkel der Erde – wie überall – ja aufspielen, als seien sie die Herren. Wird Zeit, daß diese Brüder mal zurechtgestutzt werden, und da sollten Niederländer und Engländer eigentlich zusammenhalten.“
„Wir sind friedliche Handelsfahrer, Kapitän de Jonge“, sagte Hasard kühl.
„Na, na!“ Der Kapitän lachte scheppernd und drohte mit dem Finger. „Ich glaube eher, daß Sie ein ganz Pfiffiger sind. Getarnt als Ire können Sie bei den verdammten Portugiesen Gewürze einkaufen, stimmt’s? Darum haben Sie Bantam angelaufen. Meine Hochachtung, Respekt, Respekt, mein lieber Kapitän Killigrew. Sie haben Schneid …“
„Schneid nicht, aber Ruderbruch“, sagte Hasard lakonisch. „Darum sind wir hier.“
„Na so was!“ Der Kapitän staunte. „Das ist mir gar nicht aufgefallen, als Sie hier so elegant in den Hafen segelten.“
„Ich habe einen ausgezeichneten Rudergänger.“
„Das wird es wohl sein.“ Der Kapitän betrachtete nachdenklich die „Isabella“. „Ein schönes Schiff“, sagte er. „Schätze, Sie sind sehr schnell, wie?“
„Zum Ausreißen reicht’s immer“, sagte Hasard.
Der Kapitän lachte wieder, dieses Mal dröhnend. „Ein köstlicher Witz! Sie sehen nicht so aus, als würden Sie vor etwas ausreißen, mein Lieber!“ Seine Augen verengten sich plötzlich. „Hören wir auf, Katze und Maus zu spielen …“
„Sind Sie die Maus?“ unterbrach ihn Hasard.
„Ich weiß nur, wer Sie sind, mein Freund“, erwiderte de Jonge ziemlich scharf, „und darum kann ich Sie zwingen, sich auf meine Seite zu stellen. Oder wäre es Ihnen lieber, wenn ich der portugiesischen Faktorei eine Nachricht zuspiele, daß soeben ein gewisser Sir Philip Hasard Killigrew, genannt der Seewolf, mit seiner berühmt-berüchtigten ‚Isabella‘ in den Hafen von Bantam eingelaufen sei?“
Hasard lächelte. „Angenommen, ich sei jener Seewolf, von dem Sie sprechen. Weiter angenommen, Sie verraten das den Portugiesen. Was ist dann?“
„Sie wandern hinter Gitter. Einen solchen Fang lassen sich die Portugiesen und die Dons nicht entgehen. Und dann sind Sie reif für den Galgen!“
„Und was haben Sie davon, de Jonge?“
„Ich reiß mir Ihr Schiff unter den Nagel – samt Mannschaft natürlich. Dann habe ich sechs Schiffe unter meinem Kommando und mit Ihrer ‚Isabella‘ ein verdammt gutes Schiff. Und dann jage ich die Portugiesen, die sich hier festgesetzt haben, zum Teufel, daß es nur so raucht – und Bantam wird niederländisch.“
„Und Sie der Gouverneur, nicht wahr?“
„Natürlich.“
„Na, das ist aber fein“, meinte Hasard gelassen. „Nur taugt die ‚Isabella‘ zur Zeit nicht zum Kriegspielen – wegen des Ruderschadens. Sie muß aufgedockt werden, weil sie ein neues Ruder braucht. Für Gefechte ist sie mit dem Notruder ungeeignet, es sei denn, Sie haben die Absicht, dieses schöne Schiff – wie Sie vorhin selbst sagten – sinnlos zum Wrack werden zu lassen.“
„Aber nicht doch, mein Lieber. Beheben Sie den Schaden, und dann schlagen wir gemeinsam gegen die Portugiesen los.“
„Und was hab ich davon?“ fragte Hasard freundlich.
Brutal sagte de Jonge: „Ich bewahre Sie vorm Galgen.“
Hasard verbeugte sich leicht. „Zu gütig. Ich werde Ihnen ewig zu Dank verpflichtet sein, Kapitän de Jonge.“ Die Ironie in Hasards Stimme war kaum bemerkbar.
Aber de Jonge hatte sie wohl doch herausgehört. Mit der Arroganz, die er bereits Matt Davies gegenüber gezeigt hatte, sagte er: „Ich warne Sie, Killigrew! Wenn Sie Zicken versuchen, erfährt der Portugiese in der nächsten Stunde, wer Sie sind. Glauben Sie ja nicht, Ihr Schiff bliebe unbeobachtet. Jeder Ihrer Schritte wird überwacht. Meine Spitzel – auch unter diesen Inselkanaken – sind überall.“
„Gut, daß ich das weiß“, sagte Hasard ungerührt. „Im übrigen müssen Sie erst mal beweisen, daß ich kein Ire bin. Wie wär’s denn, wenn ich den Spieß umdrehe? Ich brauche nur zur portugiesischen Faktorei zu gehen und den lieben Leuten dort zu erzählen, daß Sie die Absicht haben, Bantam für sich zu vereinnahmen. Wird mir dann der Ire geglaubt oder nicht?“
„Das werden Sie nicht tun!“ fauchte der Kapitän.
„Und warum nicht?“
„Weil ich es verhindern werde.“
Hasard lachte. „Sie sind ein Idiot, de Jonge! Ich muß zu den Portugiesen gehen, um sie sehr höflich darum zu bitten, ihr Dock benutzen zu dürfen. Ohne Dock keine Reparatur, ohne neues Ruder kein Gefecht auf Ihrer Seite. Und noch etwas: Falls Sie mich daran hindern sollten, die Faktorei aufzusuchen, garantiere ich Ihnen eine Schlacht hier auf der Pier, daß sich die Portugiesen die Hände reiben werden. Weder ich noch die Männer dieses Schiffes sind erpreßbar. Merken Sie sich das! Und jetzt hauen Sie ab, Sie Gouverneur, oder ich lasse Sie als gemeingefährlichen Verrückten hier an Ort und Stelle in Ketten legen!“
Der niederländische Kapitän duckte sich, als habe er die Absicht, Hasard anzuspringen. Nur war da Matt Davies, der immer noch vor ihm stand und die Stelling versperrte. Und Matt Davies begann, liebevoll seinen Prothesenhaken zu streicheln. Ganz sachte fuhr seine linke Hand über den Haken hin und her.
Und er sagte: „Verschwinde, du Käsefurz, oder ich raspele mir von dir ein paar Scheiben ab. Bestell das auch deiner Käse-Crew. Uns Iren droht man nicht. Wer es dennoch tut, muß lebensmüde sein.“
Der Kapitän Pieter de Jonge marschierte ab – wutschnaubend, explosiv geladen. Niemand konnte es verhindern, daß er stolperte. Das war Arwenacks Werk.
Der war nämlich über die Achterleinen aufs Achterdeck geturnt, hatte irgendwo seine geklauten Kokosnüsse deponiert, eine aber behalten. Hinter der Steuerbordgalerie hatte er sich hingehockt und dem Wortwechsel gelauscht. Zwischendurch hatte er mit einem Nagel zwei Augen oben in der Nuß ausgestochen und die Milch getrunken.
Vielleicht paßte ihm die Stimme des niederländischen Kapitäns nicht, vielleicht auch spürte er, daß von diesem Mann etwas Bedrohliches ausging.
Jedenfalls verzichtete er auf das Fleisch der Kokosnuß und warf sie dem Kapitän geschickt zwischen die Füße, als der achtern vorbeimarschierte.
Pieter de Jonge stolperte und schlug der Länge nach hin. Die Kokosnuß rollte über die Pier und klatschte zwischen Kai und Schiff ins Wasser.
Und Arwenack hüpfte keckernd auf der Galerie auf und ab und betrommelte seinen Bauch. Sir John fehlte auch nicht. Der turnte auf der Achterleine herum und verriet, daß er die englischen Kraftausdrücke bestens beherrschte – von der irischen Sprache hatte er noch nichts mitgekriegt. Von wem auch!
Dem Kapitän de Jonge wurde von Sir John mitgeteilt, daß er eine algerische Wanderhure sei.
Zu diesem Zeitpunkt mußte der niederländische Kapitän gedacht haben, daß diese „Isabella“ Verrückte beherbergte. Als er sich wieder aufgerappelt hatte und zu seinem Schiff eilte, sah es wie eine Flucht aus.
3.
Als das Grinsen an Bord der „Isabella“ vorbei war, fragte Ed Carberry: „Trotzdem – Landgang, Sir?“
„In Ordnung, Ed. Und wenn ihr den Niederländern begegnet, vergeßt nicht, daß ihr echte Iren seid.“
Ed Carberry strich sich über das Rammkinn. „In dem Fall brauchen wir nicht den frommen Pilger zu mimen?“
„Nein, braucht ihr nicht. Aber ich möchte darum bitten, die Niederländer nicht zu provozieren. Verhaltet euch friedlich. Wenn sie euch allerdings reizen, dann habt ihr keinen Grund, euch in aller Demut zu beugen. Und kämpft sauber. Die Kerle sollen merken, daß ihr scharfe Äxte seid, denen man besser aus dem Weg geht. Wenn ihr mit ihnen spielt, reicht das vollauf. Wir sind keine Totschläger, verstanden?“
„Aye, aye, Sir“, erwiderte Carberry strahlend, und wenn dieser Kerl mit seinem zernarbten Gesicht strahlte, dann sah es aus, als fletsche ein Wolf die Zähne. „Wie viele von diesen frommen Pilgern dürfen an Land, Sir?“
„Hm.“ Hasard überlegte. „Wenn ihr zu sechst seid, sollte das reichen, denn wir müssen auch damit rechnen, daß dieser de Jonge versucht, etwas gegen die ‚Isabella‘ zu unternehmen. Sollte das der Fall sein, lasse ich drei Böller mit den Drehbassen abfeuern. Dann ist für die ‚Isabella‘ Gefahr im Verzug, und ihr brecht sofort euren Landgang ab.“
„In Ordnung, Sir. Du gehst nicht mit?“
„Ben wollte auch mal an Land“, erwiderte Hasard und drehte sich zu Ben Brighton um. „Oder?“
„Genau.“ Der ruhige, breitschultrige Mann lächelte. „Ich muß mir mal die Füße vertreten. Außerdem muß einer aufpassen, daß unser Ed es nicht zu wild treibt.“
„Mister Brighton“, sagte der Profos mit gesalbter Stimme, „ich bin ein durch und durch friedlicher Mensch, wie jeder hier an Bord weiß. Und noch nie habe ich es wild getrieben, das liegt mir nicht …“
Schallendes Gelächter dröhnte über das Mitteldeck.
Als es verebbte, schüttelte Carberry den Kopf. „Ich weiß gar nicht, was es da zu lachen gibt, was, wie? Euch juckt wohl das Fell, ihr verlausten, irischen Plattfüße?“ Er stach den Zeigefinger vor, der den Umfang eines Belegnagels hatte. „Mister Ballie, du gehst mit.“ Der Belegnagel richtete sich auf den schwarzen Mann aus Gambia. „Du, Mister Batuti, du, Mister Stenmark, und du, Mister Roskill. Oder möchte einer der vier Gentlemen an Bord bleiben?“
„Nein!“ donnerten die vier Männer.
„Dann zieht saubere Klamotten an, ihr Fürsten der Hölle, wascht euch den Hals und die Pfoten, wie es sich geziemt, wenn man an Land geht. Mister Roskill, du brauchst gar nicht so dämlich zu grinsen, deine schwarze Mähne solltest du mit einer Wurzelbürste entstauben, außerdem wachsen dir Haare aus der Nase, lang genug, um dreikardeelige Zöpfe daraus zu spleißen!“ Und dann donnerte der Profos: „Wird überhaupt mal Zeit, euch daran zu erinnern, daß der Kapitän im Himmel das Wasser erfunden hat, damit solche Kanalratten wie ihr nicht verstauben. Wer sich ab heute nicht jeden Morgen eine Pütz Seewasser über den Schädel gießt, wird von mir persönlich gereinigt. Und anschließend wringe ich einen solchen Kerl aus, daß er meint, von zehn Waschweibern gemangelt zu werden, jawohl! Mister Ballie, Mister Batuti, Mister Stenmark, Mister Roskill – in fünf Minuten ist Abmarsch!“
Sie brauchten weniger als fünf Minuten, und Sam Roskill hatte sogar seine Nasenhaare gestutzt, was den Profos zu einem zufriedenen Grunzen veranlaßte.
Manierlich meldete Carberry sechs Männer von Bord, und dann zogen sie los, in einer Reihe nebeneinander, Ben Brighton und der Profos am rechten Flügel. In dieser Phalanx marschierten sie im Gleichschritt an der „Zwarte Leeuw“ vorbei, von der sich etwa zehn Minuten später eine Gruppe von Männern löste und die Richtung der sechs Seewölfe einschlug.
Es dunkelte bereits, aber Dan O’Flynns scharfe Augen zählten fünfzehn Kerle, was Hasard den Kopf wiegen ließ.
„Fünfzehn gegen sechs“, sagte er mit leichter Besorgnis in der Stimme.
„Unsere zählen doppelt“, sagte Dan O’Flynn.
„Bleiben immer noch drei“, meinte Hasard.
„Die nimmt Ed zur Brust“, erwiderte Dan unbekümmert. „Wenn sie die Kampfesweise der Mönche von Formosa anwenden, hat’s bei den de Jonges sowieso gerappelt.“
„Dan“, sagte Hasard mahnend, „tu mir einen Gefallen und sei nicht so großkotzig. Wer seinen Gegner unterschätzt, kann eine böse Überraschung erleben. Draußen auf der Reede liegen noch vier Niederländer, mit der ‚Zwarte Leeuw‘ sind es fünf und alle beachtlich gut bestückt. Wenn Ferris unserer Tante ein neues Ruderblatt verpaßt hat, werden wir darüber nachdenken müssen, wie wir ungerupft verschwinden können. Ich habe keine Lust, mich mit den Niederländern herumzuprügeln, nur weil dieser de Jonge scharf auf unser Schiff ist.“
„Weiß ich“, sagte Dan ungerührt und grinste. „Wir können uns zur Abwechslung ja mal auf die Seite der Portugiesen schlagen. Laut de Jonge scheinen sie mit denen bereits Stunk zu haben. Aus gebotener Klugheit sollte man es mit denen halten, die hier über die älteren Rechte verfügen. Und das sind nun mal die Portugiesen. Die haben mit den Sultanaten hier Verträge geschlossen, genießen also zumindest deren Wohlwollen, daher wäre es von uns unklug, die Portugiesen zu verärgern, ganz abgesehen davon, daß wir ihr Dock brauchen.“
„Alles richtig. Und wenn die Portugiesen auch noch was gegen uns haben, sitzen wir zwischen zwei Stühlen – von Land her Zunder und von der See her Zunder, denn die Niederländer können diese Bucht abriegeln.“ Hasard blickte sinnend zu den vier Schiffen hinüber. „De Jonge, so vermute ich, scheint darauf versessen zu sein, das Gewürzmonopol der Portugiesen zu brechen oder sich zumindest hier in Java festzusetzen. Wenn er ein anständiger Kerl wäre, hätte er in uns einen Bundesgenossen. Aber in dem Mann steckt zuviel Brutalität – der geht über Leichen, um seine Ziele zu erreichen. Wo er hintrampelt, läßt er Zerstörung zurück, ein niederländischer Konquistador. Er ist um nichts besser als die Dons, die in die Neue Welt eingebrochen sind.“
„Wahrscheinlich hast du recht.“ Dan O’Flynn nickte. „Meinst du, daß er dich an die Portugiesen verrät?“
„Er will mich und uns auf seiner Seite haben. Wenn er endgültig weiß, daß wir nicht mitspielen, wird er nicht zögern und den Portugiesen sagen, wer wir sind. So lange wird eine Art Burgfrieden herrschen.“
„Schonzeit“, murmelte Dan O’Flynn, „wie das Wild, das ein guter Jäger nicht jagt, wenn es dabei ist, seinen Nachwuchs zu kriegen.“
Hasard lächelte. „Unser Nachwuchs ist das Ruderblatt. Morgen früh werde ich der portugiesischen Faktorei einen Besuch abstatten und um die Erlaubnis bitten, das Dock benutzen zu dürfen. Wer löst dich ab, Dan?“
„Gary“, erwiderte Dan O’Flynn. „Smoky hat die Wachen bereits eingeteilt.“
„In Ordnung. Paßt vor allem auf die ‚Zwarte Leeuw‘ auf. Auch unsere Seeseite muß unter Kontrolle bleiben.“ Hasard wandte sich zu Al Conroy um, dem Stückmeister der „Isabella“. „Sind die Drehbassen klar, Al?“
„Aye, aye, Sir, alles klar.“
„Danke, Al.“ Hasard blickte sich um. „Wo stecken denn meine beiden Bürschchen?“
Aus dem Großmars ertönte eine helle Stimme – Hasard junior:
„Hier oben, Sir!“
Und Philip junior meldete: „Mister Smoky hat uns als Ausguck Großmars eingeteilt, Sir.“
„Mit Spektiv“, erklärte Hasard junior. „Der dicke Kapitän, der vorhin das Maul so weit aufgerissen hat, sitzt in einer Achterdeckskammer seines Potts und würfelt mit drei anderen Kerlen. Ich kann genau in die Kammer sehen, Sir. Und sie saufen aus großen Humpen.“
Hasard lächelte verstohlen.
„Im Auge behalten“, befahl er.
„Aye, aye, Sir!“ riefen die beiden Bürschchen im Duett.
Noch hausten die Fremden in den ihnen zugewiesenen Quartieren an den westlichen Stadtmauern. Dort standen die Hütten der Chinesen oder die festen Häuser der Orang blanda. Da waren Pfahlbauten an den zahlreichen Nebenarmen des Tji Serang, der die Stadt mit drei breiten Armen durchfloß, und da waren Gebäude aus Stein oder Lehm. Das alles wucherte westwärts und ins Hinterland – Hölle und Paradies zugleich. Hölle durch den stinkenden Morast, durch den Modder verstopfter Nebenarme, die im Laufe der Zeiten zu Kloaken geworden waren. Paradies durch das kräftige Grün der Waringin- und Datibäume, das brennende Rot der Hibiskusblüten, die anmutigen Kokospalmen, das Zirpen der Zikaden, das Gurren von Tauben.
Schwankende Stege führten über die Arme und Rinnsale des Serang.
Carberry lehnte es ab, sie zu betreten. Mit sicherem Instinkt blieb er mehr am Ufer der Bantambai, wo die See weite Tangstreifen abgelagert hatte.
Dann steuerte er ein ziemliches Stück hinter der Faktorei einen Steinbau an, dessen Eingang Lampions verzierten. Aber nicht das Licht war es, das ihn anzog, sondern der Krach, der aus dem Bau drang.
Unverkennbar waren in diesem Krach helle Stimmen, girrende, kieksende Stimmen.
„Oho, oho“, sagte der Profos und hielt die Mannen zurück, „lauschet, ihr irischen Pilger, die ihr gelobt habt, der Sünde zu entsagen. Was höret ihr dort so lockend?“
Sam Roskill sagte: „Liebliche Stimmen weiblichen Geschlechts.“
„Packen wir’s an, Mister Brighton?“ fragte Carberry grinsend.
„Mir nach“, erwiderte Ben Brighton entschlossen.
Auf diese Weise gelangten die sechs Seewölfe an einen Ort, der zwar portugiesisch geführt wurde, aber eindeutig europäischen Zuschnitt hatte.
Dort zechten die Seefahrer spanischer, portugiesischer, französischer, dänischer und niederländischer Schiffe, die Bantam angelaufen hatten.
Sie zechten nicht nur.
Sogar ein paar weiße Ladys hatten sich nach Bantam verirrt. Sie wirkten merkwürdig fremd zwischen den zierlichen Chinesinnen, den anmutigen Grazien der Insel und den Sirenen des Orients. Und da lachte sogar ein bildhübsches Wesen aus Batutis Heimat.
Ja, lustig waren sie alle – lustig, sorglos, angeheitert.
Wie in europäischen Hafenkneipen gab es massive Tische, Bänke, Stühle und Hocker. Ein breiter Tresen, aus Stein gemauert, zog sich rechts des Raumes entlang. Öllampen und Kerzen brannten überall. Hinter dem Tresen hantierte ein dicker, schwitzender und kahlköpfiger Mann mit Bechern, Flaschen und Humpen. Ein schwarzes Bärtchen zierte seine Oberlippe, eine Narbe seine linke Wange, eine wüste Narbe, wie sie ein Säbelhieb hinterließ.
Am Ende des Tresens führte eine Holztreppe zu den oberen Gemächern, wie Sam Roskill mit sicherem Blick feststellte und den Profos darauf hinwies.
„Das hat Zeit“, brummte der Profos, „erst wird die Lage gepeilt.“
Das Peilen der „Lage“ ergab, daß ein Tisch an Backbord der Schenke, in der Ecke, unbesetzt war.
„Kurs hart Backbord“, bestimmte der Profos, während Ben Brighton den Tresen ansteuerte und auf spanisch einen Korb verlangte.
In diesen Korb, so verhandelte der Bootsmann und Erste Offizier der „Isabella“, versenkte der portugiesische Wirt sechs Flaschen, von denen zwei roten, zwei gelblichen und zwei nahezu weißen Inhalts waren. Dazu gehörten sechs Becher. Ben bezahlte großzügig mit einem Silberbarren, den der Glatzkopf verzückt unter dem Tresen verschwinden ließ.
„Auch Täubchen?“ fragte er Ben und küßte die Fingerspitzen seiner linken Hand, was andeuten sollte, daß diese Täubchen sehr lecker seien.
„Später“, sagte Ben Brighton etwas irritiert. Ihm ging das hier reichlich schnell, aber so war er nun einmal. Er brauchte immer erst einen Anlauf, um voll einsteigen zu können. Und seit er mit Philip Hasard Killigrew fuhr, hatte er stets die Führung des Schiffes übernommen, wenn der Seewolf „an Land schoß“.
Ben war bescheiden, zurückhaltend und ein Kaltblüter.
„Orientalisch?“ fragte der schnurrbärtige Glatzkopf. „Suleika ist ein Stern unter dem Baldachin des Bettes, den selbst Sultan Maulana Muhamad, auch Seda ning Rana genannt, als erlesenst bezeichnet hat.“ Und wieder küßte der Glatzkopf seine Fingerspitzen.
„Wer ist das denn?“ fragte Ben. „Ich meine, dieser Sultan.“
„Der Herrscher des Banten-Reiches“, sagte der Portugiese. Und hinter der vorgehaltenen Hand flüsterte er: „Sein Thron wackelt ein bißchen, Señor, aber was bedeutet das! Heute ist heute, nicht wahr?“
„Stimmt“, sagte Ben. „Und wer ist Suleika?“
Der Glatzkopf deutete mit der rechten Hand. Suleika saß auf dem Schoß eines dürren Menschen, der schwitzte, schielte und offenbar zuviel getrunken hatte. Er streichelte ständig die Tischkante, die er wohl für den Popo von Suleika hielt. Suleika selbst hatte nichts dagegen, daß ihr Popo verwechselt wurde. Sie warf Ben glutäugige Blicke zu.
„Hm“, meinte Ben, „mal sehen.“
Mit dem Korb marschierte er zu den fünf Männern der „Isabella“, die bereits Blickgefechte geführt hatten und erklärten, durstige Kehlen zu haben.
Sie köpften eine Flasche des weißen Inhalts, Ben schenkte ein, Carberry probierte und erklärte, in diesem Stoff seien mächtig gute Geister verborgen. Sie tranken mehrere Geister, und es war die Lady aus dem schwarzen Kontinent, die sich zu Batuti setzte und die Männerrunde sprengte.
Batuti war total weg.
Eine Chinesin eroberte im Sturm den blonden Stenmark.
Und als Ben sich entschloß, den künftigen Abend und die Nacht Suleika zu widmen, trampelten fünfzehn Kerle in die Kneipe, die Mienen hatten, als seien sie scharf darauf, die erste Geige zu spielen.
Nein, sie wollten die erste Geige spielen, und darum kriegte der Glatzkopf hinter dem Tresen als erster eine gewischt, aber er war hart im Nehmen, und der bullige Kerl, der die Bande anführte, langte noch einmal zu – mit einem Humpen. Der Glatzkopf sank auf einen Hocker und war vorerst nicht mehr da.
Der Bulle lehnte sich mit dem Rükken an den Tresen und betrachtete die Runde in der Kneipe. Er hatte eine niedrige Stirn, sehr eng zusammenstehende Augen, eine gebrochene Nase, zernarbte Lippen und ein Kinn, das Ed Carberry hätte gehören können. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit, denn Ed hatte keine verkrüppelten Ohren, und er sah auch nicht aus wie ein Urwaldaffe.
„Männer“, sagte Ed Carberry voller Fröhlichkeit und krempelte sich die Hemdsärmel hoch, „ich glaube, jetzt geht’s los.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bulle einem schlanken, schwarzhaarigen Mann, der gerade am Tresen vorbeiging, ein Bein gestellt. Der Mann stolperte, konnte sich aber fangen und wirbelte herum.
Der Bulle sagte: „Bist du ’n Don?“
Der schlanke Mann nickte irritiert. Sekunden später beförderte ihn ein Hieb zur Tür.
„Alle Dons und sonstigen Sardinenfresser raus!“ befahl der Bulle. „Hier stinkt’s sonst zu sehr.“
Carberry wollte schon vom Stuhl hoch, aber Ben bremste ihn.
„Abwarten!“ zischte er. „Wenn die Bude leer ist, können wir uns besser entfalten, Ed!“
Der Profos grinste und fletschte die Zähne.
Drei Kerle des Bullen schlenderten durch die Kneipe und stießen mit blitzschnellen Fußtritten Stühle und Hocker um, auf denen Spanier und Portugiesen saßen. Sie packten die Männer an den Kragen und beförderten sie Richtung Ausgang, unterstützt von den anderen Kerlen der Gruppe.
Das wickelte sich ziemlich schnell ab. Es dauerte knapp vier Minuten, da war die Kneipe fast leer. Da saßen noch drei Franzosen und einige Dänen – und die sechs Seewölfe.
Der Bulle trank inzwischen aus einem Humpen, deutete mit ihm zu dem Tisch mit den Franzosen und sagte: „Ihr dürft auch verschwinden.“
Einer der drei stand auf, zog ein Messer – und das war auch alles. Der Humpen flog ihm ins Gesicht, und schon waren vier Kerle über ihm. Sekunden später flog er wie ein Geschoß durch die Tür nach draußen, die einer geöffnet hatte. Die beiden anderen Franzosen verzogen sich freiwillig. Die Niederländer waren ihnen wohl zu ruppig.
Zu den Dänen sagte der Bulle: „Ihr dürft bleiben und zusehen.“
Die Grazien verschiedener Hautfarben hasteten die Treppe hoch, der Bulle beobachtete sie grinsend und ziemlich lüstern. Hinter ihm rappelte sich der Glatzkopf vom Hocker hoch, griff nach einer Flasche und schlug zu. Die Flasche zersplitterte auf dem Tresen, denn der Bulle war einen Schritt zur Seite getreten. Er mußte Augen im Hinterkopf haben. Vielleicht war es auch Instinkt.
Ansatzlos ruckte er herum, den rechten Arm ausgestreckt. Mit dem fegte er den Glatzkopf von den Füßen. Es war eine beachtliche Leistung. Der Glatzkopf sauste in ein Schapp am Anfang des Tresens. Dort schepperte und klirrte es.
Jetzt richteten sich alle Augen auf die sechs Seewölfe.
„Was seid ihr für welche?“ fragte der Bulle lässig.
„Fromme irische Pilger“, sagte Carberry.
„Verrückt, wie?“
„Nein, voller Demut, wie es sich für fromme irische Pilger gehört.“
Der Bulle grunzte. „Du spinnst wohl, Gevatter?“
„Kann sein, manchmal“, erwiderte Carberry, faltete die Pranken und drehte Däumchen. „Du lebst in Sünde, Bruder, weil du an diesem Ort Böses getan hast. Alles hier war friedlich, aber ihr habt diese heilige Stätte entweiht. Der Zorn des Allmächtigen wird euch treffen. Du solltest beten und in dich gehen, Bruder. Es steht geschrieben, daß man seine Feinde lieben solle.“
„Amen“, sagte Ben Brighton.
„Hosianna“, sagte Pete Ballie.
„Halleluja“, sagte Stenmark.
„Tuet Buße“, sagte Sam Roskill.
Und jetzt fehlte nur noch Batuti. Der sagte: „Gehet hin in Frieden.“
Eine Weile herrschte Stille. Dieser fünfzehnköpfige Schlägerhaufen wirkte ziemlich verdattert.
Dann sagte einer zu dem Bullen: „Die nehmen uns auf den Arm, Profos.“
Carberrys grauen Augen blitzten auf. Siehe da, ein Kollege! Aber was für einer! Der war weiß Gott keine Glanzleuchte für die Profosgilde. Das war einer von der tückischen und gemeinen Sorte, einer, der seinen Spaß daran hatte, andere zu piesacken, ein skrupelloser Raufbold und Menschenschinder.
In Edwin Carberry begann es zu gären.
„He, der Nigger da!“ sagte der Bulle. „Komm mal her und laß dich anfassen, ob du auch fest im Fleisch bist. So einen wie dich brauchen wir, um mit dir die Bilge und den Abtritt unserer Offiziere auszuwischen.“
Carberry fuhr wieder hoch, aber dieses Mal drückte ihn Batuti zurück.
„Das ist meine Sache, Profos“, sagte er leise und sehr sanft.
Die dunkle Gazelle brachte er zur Treppe, die Chinesin trippelte hinterher. Batuti wandte sich um und ging zu dem Bullen – ein Bild des Jammers, krummrückig, mit eingezogenem Kopf, hängenden Armen, ängstlich rollenden Augen.
„Nicht hauen, lieber weißer Mann“, sagte er und zitterte sogar.
Aber der Bulle haute doch, und sein Gesicht war dabei nichts weiter als gemein. Schwarze waren ja keine Menschen, sondern Putzlappen, gut genug, um die Abtritte von Offizieren auszuwischen.
Nur traf der Bulle nicht, und er hatte auch keine Zeit mehr, verdutzt zu sein, daß der Schwarze, der eben noch gewinselt hatte, plötzlich ein ganz anderer war.
Die Faust Batutis war schneller und schlug wie ein Blitz ein. Es war ein ungeheuerlicher Schlag, wie ihn der Bulle wohl noch nie in seinem gewalttätigen Leben empfangen hatte.
Er flog nahezu waagerecht am Tresen entlang, riß vier, fünf seiner Kerle von den Füßen, fegte zwei Stühle beiseite, stieß einen Tisch um und sauste zwischen zwei Stufen der Treppe, zwischen denen er eingeklemmt hängenblieb. Die ganze Treppe wackelte und ächzte.
Der Bulle ächzte nicht, denn er war bewußtlos. Und seine vierzehn Mann waren zu Salzsäulen erstarrt.
Situationen richtig zu erkennen, das hatten die Seewölfe in unzähligen harten Kämpfen gelernt, und sie nutzten die Gunst des Augenblicks.
Der Sturm brach los, ausgelöst von sechs entfesselten Seewölfen. Noch bevor sich die vierzehn Niederländer aus ihrer Erstarrung gelöst hatten, sanken zwölf auf die Holzdielen, und zwar jeweils paarweise, weil harte Fäuste ihre Köpfe gegeneinandergedonnert hatten. Das war eine erprobte Methode, wenn man es mit zu vielen Gegnern zu tun hatte. Außerdem hatten sie wie die Ölgötzen dagestanden und sich angeboten.
Der dreizehnte Mann sprang Carberry ins Kreuz, weil der ihm den Rücken zudrehte, aber Carberry wanderte mit ihm an eine freie Wand, drehte sich bedächtig um und klemmte den Kerl zwischen der Wand und seinem breiten Kreuz ein.
„Paß auf, daß die Wand nicht einfällt“, sagte Ben Brighton besorgt, während Batuti gerade dem vierzehnten Mann die Faust aufs Haupt schlug.
Da der Kerl die Knie versteift hatte, brach er durch die Dielen und verschwand bis zur Brust.
Carberry trat einen Schritt vor, und der Mann, der wie ein Affe auf seinem Rücken gehockt hatte, klatschte zu Boden. Er rang arg nach Luft.
„Springt mich von hinten an, dieses Rübenschwein“, tadelte der Profos und verabfolgte dem Mann eine mächtige Ohrfeige.
Für einige Zeit waren sie sehr ernsthaft damit beschäftigt, weitere Ohrfeigen zu verteilen. Wer von den Kerlen hochkam, empfing ein oder zwei Maulschellen.
Batuti kümmerte sich um den Bullen, der immer noch zwischen den beiden Treppenstufen steckte. Der glatzköpfige Wirt, inzwischen wieder auf den Füßen, half ihm dabei. Abwechselnd badeten sie den Bullen, indem sie Pützen mit Wasser über ihm auskippten.
Die Dänen sahen mit staunenden Augen zu. So etwas hatten sie noch nicht erlebt – sechs gegen fünfzehn!
Carberry besah sich kopfschüttelnd den Kerl, der bis zur Brust weg war und wie ein auf den Rücken gefallener Käfer herumhampelte. Er hockte sich vor den Kerl hin, grinste freundlich und sagte: „Soll ich dich rausziehen, Bruder?“
Der „Bruder“ spie ihm eine Flut unflätiger Schimpfnamen entgegen, was den Profos veranlaßte, von seinem freundlichen Angebot Abstand zu nehmen. Dafür wiederholte er Batutis Hammerschlag und versenkte den Mann, der in den Keller sauste.
Carberry spähte durch das Loch nach unten und sagte: „Jetzt ist er in ein Faß gefallen. Was da wohl drin sein mag?“
Der Glatzkopf hatte sich zu ihm gesellt, spähte auch in den Keller und sagte lakonisch: „Sirup.“
„Ach, du meine Güte“, murmelte der Profos erschüttert.
Der Bulle war in die rauhe Wirklichkeit zurückgekehrt und versuchte sich in Schwimmbewegungen, die aber nichts brachten, weil er gewissermaßen nur in der Luft herumruderte.
Batuti packte seine Beine und zerrte. Dann griff Pete Ballie mit zu, weil der Bulle arg festgeklemmt war.
Mit „Hauruck“ schafften sie es. Die untere Stufe brach allerdings aus den hochführenden Wangen. Batuti langte zu und hievte den Bullen hoch. Dann schob er ihn vor sich her bis zu einer Wand und lehnte ihn dagegen. Der Kerl stierte ihn aus glasigen Augen an, kriegte weiche Knie und kippte wieder um.
Batuti hätte ihm gern noch eine gefeuert, aber das war witzlos. Der Profos der Niederländer war total groggy, seinen Mannen erging es nicht anders. Auch Maulschellen können einen Kerl zermürben, und die hatte es ununterbrochen gehagelt. Sie stierten ebenfalls mit glasigen Augen um sich und verstanden die Welt nicht mehr.
„Das sind vielleicht müde Braten“, murrte Carberry und war sehr verdrossen. Dann grinste er plötzlich und sagte zu Ben Brighton: „Wir sollten feststellen, ob sie wenigstens im Saufen ihren Mann stehen.“
„Wie das?“ fragte Ben Brighton.
„Wir saufen sie unter den Tisch.“
„Die liegen oder sitzen doch schon unter den Tischen, Ed“, erwiderte Ben skeptisch.
„Macht nichts“, sagte Carberry. „Die Kerle haben uns um unseren Spaß gebracht, aber Spaß muß sein, und Hasard hat gesagt, wir dürften mit ihnen spielen, also spielen wir Besaufen.“
„Auf unsere Kosten?“
„Soweit kommt’s noch“, sagte Carberry, walzte zu dem Bullen, packte ihn bei den Füßen, zog ihn hoch und schüttelte ihn wie einen abgeschossenen Hasen.
Die Taschen des Bullen entleerten sich, Münzen rollten über die Dielen. Pete Ballie schnappte sich einen Besen und kehrte sie zusammen. Dann wurden die vierzehn anderen Kerle auf die Köpfe gestellt und durchgeschüttelt.
„Ist das was?“ fragte Carberry strahlend und beäugte den Berg Münzen, den Pete Ballie und Sam Roskill auf dem Tresen häuften, daß dem glatzköpfigen Wirt die Augen übergingen.
„Für mich?“ fragte er den Profos der „Isabella“.
„Für dich, Bruder“, sagte Carberry, „weil es hier ein bißchen Kleinholz gegeben hat. Dafür darfst du jetzt ordentlich einen ausschenken, damit Betrieb in die Bude kommt.“
„Sie sind ein echter Caballero, Señor“, sagte der Glatzkopf. „Und herzlichen Dank auch, daß Sie alle es diesen Kerlen gegeben haben. Die hätten mir das ganze Geschäft zerschlagen und die Täubchen belästigt. Ich kenne diese Halunken. Spielen sich auf, als wären sie die Herren von Java. Wer sich ihnen widersetzt, wird zusammengeschlagen. Nennen sich die ‚Schwarzen Löwen‘ – dreckige Ratten würde besser passen.“
Ben Brighton hatte aufgehorcht. „Sind die Kerle von der niederländischen Galeone ‚Zwarte Leeuw‘?“
Der Glatzkopf nickte und deutete auf den Bullen. „Das ist der Profos von dem Schiff. Vor zwei Wochen hat er eine junge Javanerin vergewaltigt, dieser Schweinehund. Daraufhin wurde einem Posten, der Ähnlichkeit mit dem Kerl hatte, nachts die Kehle durchgeschnitten, vermutlich von Familienangehörigen der Javanerin. Jetzt sollen wir Portugiesen die Mörder sein.“ Der Glatzkopf seufzte. „Sieht so aus, als stehen uns schlimme Zeiten bevor, wenn das so weitergeht.“
„Jetzt lassen wir diese Rübenschweine erst einmal vollaufen“, grollte der Profos, „und das hat seinen Grund. Wenn wir sie volltrunken auf ihrem ‚Löwen‘ abliefern, gibt’s dort Rabatz, verstehst du, Ben? Die waren auf uns angesetzt, da gehe ich jede Wette ein. Was meinst du, was dieser aufgeblasene Kapitän tobt, daß diese Kerle gesoffen haben, statt uns zusammenzuschlagen? Der läßt diesen Affenarsch von Profos glatt in Ketten legen.“
„Dann mal los“, sagte Ben Brighton grinsend.
4.
Sie kriegten wie Säuglinge die Flasche, immer reihum. Die sechs Seewölfe waren sehr besorgt um die fünfzehn angeschlagenen „Löwen“. Der Kanalratte, die in Sirup getaucht war, reichte der Profos die Flaschen in den Keller hinunter – mit der Maßgabe, ihn erst aus dem Keller zu lassen, wenn die Flaschen leer getrunken seien.
Die Seewölfe tranken auch zwischendurch, aber mit Maßen, weil sie nichts überstürzen wollten.
Zuerst fing der Sirupkerl im Keller an zu singen. Er hatte auch zu hastig getrunken in der Erwartung, sein Verlies nach jeder geleerten Flasche verlassen zu können. Aber Carberry verlängerte nach jeder Flasche und paßte auch auf, daß der Kerl die Flaschen nicht auskippte. Für den Fall drohte er ihm an, ihn im Sirupfaß zu ersäufen.
Aber von Sirup hatte dieser Kerl die Nase voll, da trank er lieber. Auch um zu vergessen, daß alles an ihm klebte. Bis zum Hals war er im Faß gewesen, und das Zeug war zäh, das floß nicht ab, sondern saß wie Kleister an ihm dran.
Er sang also, dann grölte er, und später ging das Grölen in Lallen über.
Zu diesem Zeitpunkt kroch der Profos der „Zwarte Leeuw“ auf allen vieren durch den Schankraum und bellte.
Carberry meinte, dieses Warzenschwein mime jetzt einen schwarzen Löwen, aber Pete Ballie war der Ansicht, dieser Clown stelle eher einen Kettenhund dar, das sei auch profosgemäßer, was wiederum Carberry erboste, der sich in seiner Profosehre angegriffen fühlte.
Aber das hatte Pete nicht so gemeint, und zur Versöhnung tranken sie eine Flasche Rotwein bis zur Neige aus.
Den zum Suff verurteilten Löwen reichten sie Flaschen wechselnden Inhalts, was deren geistige Trübung unerhört beschleunigte. Rum war auch dabei. Der Teufel mochte wissen, wie der nach Bantam gelangt war. Rum auf Reiswein, Reisschnaps, diverse andere Weine von Rot über Rosé bis Weiß und schließlich Arrak – das waren Hammerschläge, die jeden Löwen zähmten. Und wenn sie krakeelten, setzte es Maulschellen nach bewährter Seewölfe-Art.
Die Ladys und Gazellen kicherten. Die Dänen waren auch blau. Nach knapp zwei Stunden wußten die Löwen nicht mehr, wer sie waren. Sie grinsten blöde, lallten, wackelten, rülpsten, hatten Schluckauf, schielten, glucksten, und keiner schaffte es mehr, allein aufzustehen. Dabei hatten sie Gesichter wie überreife Tomaten und geschwollene Wangen, diverse Beulen am Kopf oder Veilchen um die Augen.
Der Bulle von Profos begann als erster zu schnarchen, und da halfen auch Maulschellen nichts mehr. Als die zwei nächsten Löwen umsanken und ihr Schnarchkonzert eröffneten, ließ sich der Profos der „Isabella“ von dem Glatzkopf ein Seil geben, schlang es durch die Leibriemen der drei Kerle, legte sich das Seil über die Schulter und marschierte nach draußen. Er zog die Kerle einfach hinter sich her. In der Tür gab es ein bißchen Gedränge, aber Carberry regelte das mit seinen urigen Kräften.
„Die Rübenschweine auch noch an Bord tragen, was, wie?“ brummte er. „Nein, die schleifen wir an Tampen hinter uns her, zu zweit oder dritt zusammengebündelt.“
„Und ein bißchen am Strand entlang durchs Wasser“, empfahl Ben Brighton.
„Aye, aye, Sir“, sagte Carberry und küßte noch schnell eine Chinesin, die auf ihn einschnatterte und zur Treppe zeigte.
Carberry wurde es ganz schwach in den Knien, auch weil die Chinesin hübsch und frisch und gut bestückt war.
Etwas hilflos blickte er zu Ben hinüber. Dem fiel der Abschied genauso schwer, weil sich die Orientalin an ihn kuschelte.
„Morgen ist auch noch eine Nacht“, sagte er.
„Oh, oh, oh!“ sagte die Glutäugige namens Suleika und war den Tränen nahe. „Ganzen Tag warten auf Bän Breitohn?“
Sam Roskill, Pete Ballie, Stenmark und Batuti grinsten mit breiten Mündern.
„Beißt euch nur nicht die Ohrläppchen ab!“ sagte Ben wütend.
„Wir können ja noch bleiben, Bän!“ sagte Pete Ballie und peilte eine Javanerin an, die ein geschlitztes Gewand trug.
„Schluß jetzt, ihr lausigen Böcke“, knurrte Ed Carberry. „Helft mir mal, den Sirupmolch aus dem Keller zu hieven.“
Er hatte das Seil, an dem er die drei Kerle aus dem Schankraum gezogen hatte, zur Hälfte gekappt und einen laufenden Pahlstek geknüpft.
Aber der „Sirupmolch“ weilte auch im Reich der Träume und schnarchte, daß der Keller dröhnte.
„Mann, Mann!“ fluchte der Profos. „Muß der Idiot ausgerechnet durch die Bretter sausen!“
„Du hast ihn ungespitzt durchgeschlagen“, sagte Sam Roskill.
„Mitten ins Sirupfaß“, sagte Pete Ballie.
„Das ist es ja!“ brüllte ihn Carberry an. „Willst du den klebrigen Molch vielleicht anfassen und ihm das Seil unter die Achsel knüpfen?“
„Wieso ich?“
„Und wieso ich?“ fauchte Carberry.
„Weil du ihn runterbefördert hast, logisch.“ Pete Ballie grinste wieder.
„Hol Pützen mit Wasser“, befahl Carberry, „und halt hier keine Volksreden. Ich hab’s nämlich!“
„Was hast du?“
Carberry stand breitbeinig über dem Loch und peilte in den Keller. „Er liegt auf dem Rücken und schnarcht mit offenem Maul. Da gieß ich ihm Wasser rein, klarer Fall, was, wie?“
Sie holten Pützen. Carberry nahm sie in Empfang, zielte vorsichtig und entleerte eine Pütz nach unten.
Der Sirupmolch im Keller begann zu gurgeln, dann verschluckte er sich und hustete röhrend. Fix goß Carberry mehrere Pützen hinunter.
„Wassereinbruch!“ brüllte der Sirupmolch. „Schließt Schotten und Luken! Alle Mann an die Pumpen!“
Carberry lachte röhrend und wäre fast durch das Loch gefallen, so schüttelte es ihn. Ben Brighton hielt ihn fest, obwohl er selbst vor Lachen platzte.
„Komm hoch, Seemann!“ brüllte Carberry nach unten. „Klar Schiff zum Gefecht!“
Der Kerl raffte sich tatsächlich auf, wenn auch taumelnd, und blickte sich wild um.
„Backbord, zweites Geschütz klar!“ meldete er.
Alle sechs Seewölfe waren jetzt um das Loch versammelt und starrten hinunter in den Keller. Sie hätten brüllen können vor Lachen.
„Auf die feindliche Galeone Backbord querab!“ befahl Carberry hustend, weil er Luft in die verkehrte Kehle gekriegt hatte. Außerdem tränten ihm die Augen.
„Ziel aufgefaßt!“ lallte der Sirupmolch und steuerte auf das Sirupfaß los.
„O Himmel!“ stöhnte Carberry. „Hart Steuerbord, Seemann!“
Der Sirupmolch schwenkte nach rechts und prallte gegen eine Wand.
Carberry fierte das Seil mit dem laufenden Pahlstek in den Keller hinunter und knurrte: „Verflucht, wie krieg ich den Kerl jetzt in die Schlinge?“
„Fier das Seil bis eine Handbreit über den Boden, Ed“, flüsterte Ben Brighton.
Ed Carberry tat es. Der Sirupmolch torkelte umeinander und starrte wild auf das Seil mit der Pahlstekschlinge.
„In die Wanten, Seemann!“ befahl Ben Brighton scharf. „Enter auf!“ Und Ed flüsterte er hastig zu: „Wenn er in die Schlinge tritt, zieh sie zu und hoch!“
„Jawohl, Kapitän“, lallte der Sirupmolch, stierte auf das Seil, das etwa drei Schritte vor ihm hin und her baumelte, rülpste laut und torkelte los. Er trat durch die Schlinge. Carberry zog schnell dicht. Die Schlinge rutschte an dem Kerl hoch und unter die Achseln.
„Wie beim Angeln“, knurrte Carberry, „nur daß ich noch nie nach Affenärschen geangelt habe.“
„Nach sirupverklebten Affenärschen“, verbesserte Ben Brighton, packte mit zu, und schon schwebte der Kerl nach oben.
Er zappelte und brüllte und verkündete, die „Zwarte Leeuw“ saufe ab.
Und als ihn Carberry und Ben Brighton durch das Loch ruckten, brüllte er: „Alle Mann von Bord!“ Dann sackte er in sich zusammen.
Carberry langte sich eine Flasche vom Tresen und gurgelte ihren Inhalt hinunter. Es war Arrak.
„O Mann“, sagte er ächzend, „so was hast du noch nicht erlebt. Kämpft im Keller gegen feindliche Galeonen an Backbord. Dieser Molch wäre glatt wieder ins Sirupfaß gestürzt. Alle Mann von Bord!“ Carberry gluckste, und dann lachte er wieder dröhnend.
Alle lachten, auch die Dänen, aber sie lachten nur mit, weil die anderen lachten. Sie hatten sowieso keinen Durchblick mehr.
Ben Brighton, Carberry und Batuti hatten je drei Kerle am Seil, Pete Ballie, Stenmark und Sam Roskill zogen je zwei Kerle hinter sich her. In Batutis Bündel hing der Sirupmolch. Da die sechs Seewölfe geraden Kurs auf den Strand nahmen, schleiften sie die fünfzehn Schnaps- und Weinleichen über Stock und Stein, über Gras, Sand und durch Dreck.
Der Sirupmolch sah entsprechend aus. Seine Kleidung verschwand unter Blättern, Gräsern, Sand, Lianen, Blüten und was alles noch an dem Sirup haften blieb. Später gesellten sich noch Tang, Algen und kleine Muscheln hinzu.
So zogen sie am Strand entlang ostwärts. Manchmal wechselten sie den Kurs ins Wasser, und wenn sie die fünfzehn Kerle gut getränkt hatten, schleppten sie ihre Bündel wieder am Strand entlang, quer über die Tangstreifen.
Ab und an wachte einer auf, gurgelte oder lallte und versank wieder in einem Alptraum, den zu begreifen mit alkoholumnebeltem Gehirn unmöglich war. Wahrscheinlich dachten sie, in der Hölle gelandet zu sein.
Hasard junior erspähte den Zug zuerst und meldete ihn.
„Sechs Gestalten im Anmarsch!“ rief er zum Deck hinunter. „Sie schleppen was hinter sich her! Dicke Bündel oder so!“
Smoky, der Decksälteste, wach und unruhig, weil er meinte, die Kakerlaken husten zu hören, und an Deck geblieben war, wirbelte herum und fauchte zum Mars hoch: „Du spinnst wohl?“
Ungerührt meldete Hasard junior: „Die vorderste Gestalt ist Mister Carberry, schräg hinter ihm befindet sich Mister Brighton. Sie haben Seile über den Schultern …“
„An den Seilen hängen Kerle!“ schrie Philip junior dazwischen.
„Halt ’s Maul, hier melde ich!“ erklärte Hasard junior. „An den Seilen hängen Kerle, bei Mister Carberry und bei Mister Brighton – eins, zwei, drei! Bei Mister Batuti auch eins, zwei, drei …“
Hasards Stimme brach ab, und der Mars wackelte, weil er sich mit Philip um das Spektiv rangelte.
„Wahnsinn!“ ächzte Smoky.
Vom Achterdeck meldete Gary Andrews: „Stimmt alles, sie kehren zurück und haben Kerle im Schlepp!“
Der Kutscher tauchte neben Smoky auf und sagte: „Der Tee ist heiß, Smoky. Wollt ihr eine Muck?“
„Melde Hasard, daß unsere Leute zurückkehren!“ fuhr ihn Smoky an.
„Ich seh nichts“, sagte der Kutscher verdattert.
„Bin schon da!“ erklang Hasards Stimme hinter ihnen. „Alle Mann wecken, Smoky, vielleicht gibt’s Krach!“
Und so erlebten die Männer, die auf der „Isabella“ zurückgeblieben waren, die Rückkehr ihrer sechs Leute, die, gewaschen und schicklich im Zeug, als fromme irische Pilger ausgezogen waren, aber keineswegs als ebensolche frommen Pilger zurückkehrten.
„Ich hab’s doch gesagt“, erklärte Dan O’Flynn, der neben Hasard auf der Pier stand und alles beobachtete.
Der Seewolf lächelte nur verhalten.
Und sie schauten zu.
Denn Carberry und Ben Brighton hatten in Höhe des Pierzugangs zur „Zwarte Leeuw“ angehalten, sich umgedreht und ihre jeweiligen Seile Hand über Hand herangeholt. Carberry nestelte in seinem Haufen herum und hievte einen Mann hoch, den er mit einer Faust im Genick festhielt.
Dieser Mann schien sehr weiche Knie zu haben, denn er sackte dauernd zusammen. Außerdem lallte er unverständliches Zeug und bewegte die Arme wie eine flügellahme Krähe.
Bei ihm und Ben Brighton tauchten nacheinander Batuti, Stenmark, Pete Ballie und Sam Roskill auf. Auch sie lösten die Seile von ihren Schultern und holten sie Hand über Hand zu sich heran. Bei den sechs Seewölfen sammelte sich ein Berg von Menschenleibern, von denen die sechs die Seile losknüpften.
Da marschierte Carberry los, vor sich die Gestalt des Mannes mit den weichen Knien. Der latschte mit, aber das sah irgendwie marionettenhaft aus, weil Carberry ihn am Kragen festhielt.
Vor der Stelling der niederländischen Galeone hatten sich mehrere Männer versammelt, unter ihnen Pieter de Jonge, der Kapitän.
Vier Schritte vor de Jonge verhielt Carberry.
„Hat nicht geklappt, Kapitän!“ röhrte seine Stimme über die Pier. „Deine Affenärsche haben sich die Hucke voll gesoffen – dein Profos allen voran – und wissen nicht mehr, ob sie Männchen oder Weibchen sind, falls sie das überhaupt je gewußt haben. Wir bringen sie dir zurück, diese Scheißkerle. Und wenn du mich fragst, hätte ich sie lieber im Sumpf hinter der portugiesischen Kneipe versenkt. Dreck gehört nämlich zu Dreck, wenn du verstehst, was ich meine. Und dein Profos ist mehr als Dreck. Dein Profos ist eine Beleidigung für alle ehrlichen Profosen, die auf guten, ehrlichen Schiffen über die Meere fahren. Und wenn du diesen Mistkerl noch einmal auf uns losläßt, Kapitän, dann verspreche ich – der Profos der ehrlichen ‚Isabella‘ –, daß ich dir diese räudige Wildsau mit in Streifen geschnittenem Affenarsch auf einem Tablett zurückschicke, so wahr ich Edwin Carberry heiße.“
Und damit gab der Profos der „Isabella“ dem Profos der „Zwarte Leeuw“ einen Stoß, sehr sanft, wohlgemerkt.
Der Bulle schwankte auf seinen Kapitän zu, als wolle er ihn umarmen, aber dann kurvte er plötzlich mit einknickenden Knien nach rechts, tat noch zwei Schritte und stieg von der Pier ins Wasser.
Und weg war er.
Unten klatschte es.
„Habe die Ehre“, sagte Carberry, drehte sich um und marschierte zurück. Über die Schulter rief er: „Laß den anderen Misthaufen abholen, Kapitän, wir sind nicht deine Lastenträger. Besser wäre, diese Rübenschweine in der Bantambai zu versenken!“
„Festhalten, den Kerl!“ brüllte der Kapitän mit überschnappender Stimme.
Carberry drehte sich gelassen um.
„Versucht’s mal“, sagte er, stellte sich breitbeinig hin und stemmte die Pranken in die Hüften. Sein Rammkinn war unternehmungslustig vorgereckt.
Er wußte, daß er Rückendeckung hatte, denn noch während des Umdrehens hatte er gesehen, daß die Seewölfe aufmarschiert waren, Musketen lässig unter den Arm geklemmt. Hasard stand zwischen ihnen.
Carberry lockte „Na, kommt schon, ihr triefäugigen Enkel einer verlausten schwarzen Löwin! Laßt euch ein bißchen das Fell streicheln.“
Unter der Holzpier planschte gurgelnd und spuckend der bullige Profos im Wasser herum und plärrte, daß er nicht schwimmen könne.
„Klettere an den Pfosten hoch, du dämlicher Hund!“ knurrte Carberry erbittert. Das war ja wohl das letzte, daß sich dieses Zerrbild eines Profos’ nicht selbst zu helfen wußte.
Und der Kapitän schrie einen Mann an, wohl einen Bootsmann, er möge jetzt endlich, verdammt noch mal, diesen renitenten Burschen auf der Pier überwältigen und in Ketten legen.
Sie schlichen zu dritt auf Carberry zu, noch zwei folgten zögernd.
Neben Carberry tauchte Hasard auf, groß, schlank, geschmeidig. Binnen Sekunden war die Situation bereinigt – fünf Niederländer leisteten ihrem Profos unten im Wasser Gesellschaft und brüllten um die Wette. Dann entdeckte einer die Sprossen zwischen den Stützpfosten, planschte dorthin und kletterte hoch. Wie Hammel dem Leitbock folgten die anderen, und jeder versuchte, als erster auf die Sprossen zu gelangen. Einer hängte sich an die Füße des Leithammels, der wutentbrannt nach ihm stieß.
Dann brach die Sprosse, auf der er stand, und die ganze Menschen traube sauste zurück ins Wasser.
De Jonge erlitt einen Tobsuchtsanfall. Außerdem hatte er die Situation nicht mehr im Griff. Plötzlich stand er allein, denn die Kerle um ihn herum wichen zurück, als Hasard auf die Gruppe zuging. Es sah aus, als hätten sie Angst vor ihm.
Wenn sechs von diesen verdammten „Iren“ fünfzehn ihrer härtesten Schläger samt Profos gezähmt hatten, was mußte dann erst dieser schwarzhaarige Riese, der ihr Kapitän war, für ein Kämpfer sein!
Und dann wurde gemunkelt, dieser Mann sei der Seewolf. Die wildesten Geschichten kursierten über ihn. In der Schlacht gegen die Armada habe er in einem tollkühnen Branderangriff „die Unbezwingbare“ zersprengt und zum Teufel gejagt. Nein, mit einem solchen Kerl legte man sich nicht an.
Lächelnd sagte Hasard: „Lassen Sie’s gut sein, Kapitän de Jonge. Keiner Ihrer Leute hat ernsthaften Schaden genommen – abgesehen von einem erfrischenden Bad …“
„Ich verlange Genugtuung!“ brüllte der Kapitän.
„Für was?“ fragte Hasard ruhig.
„Dieser Kerl da hat mich beleidigt!“ De Jonge stieß den Arm gegen Carberry vor. „Mich, einen niederländischen Kapitän und Kommodore!“ Er klopfte sich an die Brust.
„Wollen Sie sich mit ihm duellieren?“ fragte Hasard höflich.
„Ich duelliere mich nicht mit niederem Schiffsvolk.“
„Ah ja“, sagte Hasard mit leichtem Spott in der Stimme, „zum Kämpfen sind Ihre Leute da, nicht wahr? Das niedere Schiffsvolk, wie Sie es zu nennen belieben. Und Sie selbst bleiben in Deckung, wie? Feine Sache. Andere tragen ihre Haut zu Markte, und Sie bleiben aus der Schußlinie. Das ist für mich sehr interessant, denn schließlich wünschten Sie ja, ich sollte an Ihrer Seite gegen die Portugiesen kämpfen. Wissen Sie, viel Lust habe ich nicht dazu. Suchen Sie sich einen anderen Bundesgenossen, einen, der so dumm ist, sich für Sie oder Ihre merkwürdigen Ziele totschießen zu lassen. Meine Sache ist das jedenfalls nicht.“
„Ich habe Sie in der Hand, das wissen Sie!“ fauchte der Kapitän.
„Nichts haben Sie in der Hand, Sie mieser, kleiner Erpresser.“
Jetzt war auch Hasards Stimme scharf geworden. „Begreifen Sie endlich, daß Sie mit Drohungen bei mir nichts erreichen.“
Aber dieser niederländische Kapitän begriff nichts. Er wollte wohl auch nicht begreifen. Seine Vernunft war soviel wert wie ein durchlöcherter Blasebalg.
Mit überkippender Stimme schrie er: „Schießt ihn nieder, diesen Halunken! Ich will sein Schiff haben! Weg mit dem Kerl …“
Er, verstummte und riß die Augen auf, denn Hasard hatte nur die rechte Hand gehoben und gewinkt, ohne sich umzudrehen.
Und hinter ihm rückten sechs Seewölfe an, die Musketen an den Hüften angeschlagen.
„Lassen Sie ruhig schießen, de Jonge“, sagte Hasard verächtlich, „aber dann sind Sie auch dran. Sechs Musketenläufe sind auf Sie gerichtet, und ich weiß, daß keiner meiner Männer danebenschießt.“ Er drehte etwas den Kopf nach rechts. „Mister Conroy?“
„Sir?“ tönte es vom Achterkastell der „Isabella“ zurück.
„Sind die beiden achteren Drehbassen feuerbereit?“ rief Hasard hinüber.
„Aye, aye, Sir, feuerbereit!“
„Welche Zielpunkte?“
„Steuerbord achtern, Wasserlinie, Sir! Gibt zwei saubere Löcher!“
Hasard richtete den Blick seiner eisblauen Augen auf den niederländischen Kapitän, der bleich geworden war.
„Pech für Sie, de Jonge“, sagte er kühl. „Ihr wertes Leben ist in Gefahr, und Ihrer ‚Zwarte Leeuw‘ drohen zwei Löcher in der Wasserlinie. Wenn Sie auf mich schießen lassen wollen – bitte sehr.“
„Sie – Sie Teufel!“
Hasard verbeugte sich leicht. „Eine Anrede, die mich ehrt, weil sie erkennen läßt, daß Sie offenbar begriffen haben, wie die Partie zur Zeit steht – nämlich nicht gut für Sie. Sie ist sogar tödlich, und davor haben Sie Angst. Kerle, die Angst haben, sind für mich schlechte Bündnispartner. Wenn es nämlich hart auf hart geht, kneifen sie und lassen den anderen sitzen. Vielen Dank, de Jonge, Sie haben sich demaskiert.“
Der Kapitän hatte wieder einmal Atembeschwerden, und dann verstieg er sich dazu, seine Pistole aus dem Gürtel zu reißen.
Hasard wartete, bis er sie heraus hatte. Dann schnellte sein rechtes Bein hoch, krachte unter des Kapitäns Handgelenk, und die Pistole segelte in hohem Bogen ins Wasser.
Noch bevor er wieder reagieren konnte, wischte Hasard ihn mit einem rechten Haken von der Pier. Er flog seiner Pistole hinterher.
Rechts von Carberry erschien der Kopf des Bullen an der Oberkante der Pier. Er hatte lange gebraucht, um sich an einem Pfosten hochzuarbeiten. Quer im Mund hatte er ein Messer.
„Verschluck dich nicht“, sagte Carberry und trat zu.
Der Bulle klatschte zurück ins Wasser. Alle Mühe war umsonst gewesen.
„Das war eben nicht sehr fein, Ed“, tadelte Hasard. „Er konnte sich nicht wehren.“
„Das konnte die Javanerin auch nicht, die er vergewaltigt hat“, knurrte Carberry, „mit Verlaub, Sir.“
„Hat er das?“
„Jawohl, das hat er, und deswegen wurde hier ein Posten mit durchschnittener Kehle gefunden, der mit diesem Rübenschwein Ähnlichkeit gehabt haben soll. Und dieser Mistkerl von Kapitän hat behauptet, die Portugiesen hätten den Posten ermordet.“
„Sauber, sauber“, murmelte Hasard. Sein Blick flog über die Männer, die sich an der Stelling und auf der Kuhl drängelten. Da schien keiner mehr geneigt zu sein, Gewaltmaßnahmen zu ergreifen. Er blickte in ziemlich geschockte Gesichter. Sehr deutlich sagte Hasard: „Zu meiner Crew gehörten einmal zwei Niederländer. Es waren gute Männer, und ich habe die Niederländer nach ihnen beurteilt. Jetzt lautet mein Urteil anders. Wer von euch noch Ehre im Leib hat, sollte sich schämen, unter einem Kapitän de Jonge und seinem Profos zu fahren. Für euer Land sind sie eine Schande. Und noch etwas: Solltet ihr gezwungen werden, gegen uns zu kämpfen, dann tut es mir leid, daß ihr es ausbaden müßt, denn unsere Breitseiten kennen keine Rangunterschiede. Das ist eine Warnung!“
Hasard wollte sich abwenden, aber ein Mann rief: „Sollen wir etwa meutern?“
Hasard drehte sich zu ihm um. „Was ihr sollt, kann ich nicht beantworten. Jeder trägt den Schuh, der ihm paßt. Ich kann nur für mich antworten, und da lautet meine Antwort: Unter einem größenwahnsinnigen Feigling und Erpresser sowie unter einem Frauenschänder würde ich nicht fahren. Aber wie gesagt, das ist euer Schuh, nicht meiner.“
Zusammen mit Carberry und den sechs Männern verließ er die Pier. Daß der Kapitän vom Wasser aus hinter ihm herfluchte, ignorierte er.
Bei den vierzehn schnarchenden Wein- und Schnapsleichen blieb er noch einmal stehen und schüttelte den Kopf.
„Was habt ihr mit denen nur angestellt, Ed?“ fragte er.
„Ein bißchen gespielt“, erwiderte der Profos grinsend. „Und das Rübenschwein dort ist in ein Sirupfaß gefallen.“ Er deutete mit der Rechten zu dem Kerl, der in alles mögliche eingehüllt war und wie eine Mumie wirkte.
„Da hast du ihn reingeworfen, wie?“
„Aber nicht doch, Sir“, sagte Carberry treuherzig. „Ich hab ihm nur ein bißchen aufs Haupt geschlagen, und da sauste er durch die Dielenbretter in einen Keller. Allerdings hatte Batuti schon etwas vorgearbeitet und diesen Kerl bis zur Brust versenkt. Konnte ich wissen, daß im Keller ein Sirupfaß stand?“
„Natürlich nicht.“ Hasard verbiß sich ein Lächeln.
„Siehst du, Sir. Außerdem haben wir diesen Stinten immer nur Maulschellen verpaßt, weil du gesagt hattest, wir sollten sauber kämpfen. Wir sind keine Totschläger, hast du gesagt. Nur Batuti hat diesem Abschaum von Profos ein Ding unter das Kinn gedonnert, weil der ihn beleidigt hatte. Der hatte zu Batuti gesagt, so einen wie ihn brauchten sie bei sich an Bord, um mit ihm die Bilge und den Abtritt ihrer Offiziere auszuwischen. Und das war eine Beleidigung, Sir, der wir uns nicht in aller Demut beugen konnten, obwohl wir’s versucht haben. Dann haben wir ihnen ein bißchen die Köpfe aneinandergebumst und unsere Maulschellen verteilt. Anschließend haben wir sie auf die Köpfe gestellt und ihnen ihre Münzen aus den Taschen geschüttelt. Das hat den glatzköpfigen Wirt sehr gefröhlicht …“
„Gefröhlicht?“
„Gefreut, mein ich“, verbesserte sich Carberry und fuhr fort: „Und darum gab’s Freitrinken. Weil die Stinte von den Maulschellen und so noch so beduselt waren, erbarmten wir uns ihrer und ließen sie an den Flaschen nuckeln wie – wie …“
„Wie Babys an der Mutterbrust“, sagte Hasard.
„Genau, Sir, du hast es erfaßt!“ Carberry strahlte und sah wieder aus wie ein verhungerter, zähnefletschender Wolf.
„Und die Flaschen waren wechselnden Inhalts?“ fragte Hasard, aber es war mehr eine Feststellung.
„Natürlich, Sir“, sagte Carberry fröhlich, nickte und fügte sehr wichtig hinzu: „Rum war auch dabei. Und Arrak natürlich. Der Reisschnaps der Zopfmänner natürlich auch, ja und Wein war auch dabei, damit ich das nicht vergesse. Und da war eine Chinesin, die wollte mir doch glatt meine Brusthaare kraulen. Was sagst du jetzt, Sir?“
„Hat sie nur die Brusthaare gekrault, Ed?“
„Wo denkst du hin, Sir!“ Carberry kratzte über sein Rammkinn. „Wir mußten doch diese besoffenen Bäkkerburschen in die Heia bringen. Und darum lösten wir uns von den taubenden Turteln …“
„… turtelnden Tauben“, sagte Hasard, und jetzt hatte er wirklich ernsthafte Schwierigkeiten, den gemessenen Ernst zu wahren.
„Natürlich.“ Carberry nickte gewichtig und fuhr fort: „Uns von den getäubten Turtlern zu lösen, sagte ich. Aber da war Suleika, die schon das Bett von dem Dingsda gehimmelt hatte, und die wickelte sich um unseren Ersten, der meinte, morgen sei auch noch eine Nacht …“
„Stimmt ja auch“, sagte Hasard.
„Richtig, Sir, vergiß das nicht!“ Carberry räusperte sich. „Und jetzt paß auf.“ Carberry verdrehte sich, schlang die Arme um jemanden, den er sich vorstellte, und sagte: „Das ist Suleika, Sir, eine glutäugige Blume, versteht du?“
„Verstehe.“
„Gut. Sie umrankt also unseren Ersten und flötet: ‚Oh, oh, oh! Ganzen Tag warten auf Bän Breitohn?‘“ Carberry dehnte das „Bän“ so ordentlich in die Länge und umarmte dabei die Luft.
Nun war der eiserne Profos der „Isabella“ eben ein Profos – und was für einer! –, aber gewiß kein Schauspieler. Und darum waren seine Gesten und die Mimik die Clownsnummer aus dem reisenden Volk der Seiltänzer, Feuerschlucker, Zauberer und Wahrsagerinnen.
Es sah aus, als steige ein Bulle an einer Bohnenstange hoch. Und sein Gesicht, das Suleika, die orientalische Blume, darstellen sollte, war so ausdrucksvoll wie ein vergammelter Kohlkopf.
„Dieser Profos neigt zu maßlosen Übertreibungen!“ empörte sich Ben Brighton.
Das Gelächter, das folgte, ließ die Männer auf der „Zwarte Leeuw“ zusammenzucken. Denn auf diesem Schiff war seit Monaten nicht mehr gelacht worden, genauer gesagt, seit dem Ankeraufgehen auf der grauen Reede von Texel. Grau war alles geblieben, grau und trüb. Wer lachte, drückte damit sein Wohlbefinden aus, und das war verdächtig. Das war jedenfalls Pieter de Jonges Ansicht. Kuschen und schuften, nur das galt für das Schiffsvolk. Und wer aus der Reihe tanzte, durfte die Neunschwänzige des Profos’ spüren.
Sie wußten gar nicht mehr, daß es Menschen gab, die lachen konnten. Als sie ihren Kapitän aus dem Wasser zogen, hätten sie gern gelacht, aber ein Blick in dessen verzerrtes Gesicht ließ sie ahnen, daß die lausigen Zeiten jetzt erst richtig anfangen würden.
Im übrigen hatte Carberry richtig getippt. Der Profos der „Zwarte Leeuw“ wurde in Ketten gelegt. Allerdings war das eine völlig sinnlose Maßnahme; dieser Mann würde sich nie ändern – genausowenig wie der Kapitän selbst.
5.
Der Mann, dem die portugiesische Niederlassung in Bantam unterstand, hieß Gaspar de Ribeiro. Hasard suchte ihn zusammen mit Dan O’Flynn am nächsten Morgen auf und traf ihn in der portugiesischen Faktorei an.
Sie wurden beide überraschend freundlich empfangen, ja nahezu liebenswürdig.
Dieser de Ribeiro war ein schlanker, kleiner, weißhaariger Mann mit einem schmalen, mahagonifarbenen Gesicht, zu dem das feste, weiße Haar einen scharfen Kontrast bildete. Lebhafte Augen musterten die beiden Besucher. Es waren Augen, die sich nicht versteckten.
Und darum entschloß sich Hasard, kein Versteck zu spielen – schon um den Drohungen de Jonges vorzubeugen, seine Identität an die Portugiesen zu verraten.
Er stellte Dan und sich vor und sagte rundheraus: „Wir sind Engländer, Señor de Ribeiro, und auf Ihre Hilfe angewiesen. Unser Schiff hat einen Ruderbruch, darum liefen wir Bantam an. Die Reparatur ist nur auf einer Helling möglich.“
„Kein Problem“, erwiderte der Portugiese lächelnd. „Ich hatte mir schon gedacht, daß Sie mich aufsuchen würden. Hier spricht sich alles sehr schnell herum – auch jene Dinge, die heute nacht passierten, ganz abgesehen davon, daß Kapitän de Jonge ja sehr laut brüllte, als er Ihrem Schiff einen Besuch abstattete, um Sie auf seine Seite zu ziehen. Nun, Sie haben ihn abblitzen lassen, und ich bin ehrlich genug, Ihnen zu sagen, daß ich darüber sehr erleichtert bin.“ Wieder lächelte de Ribeiro. „Die Legenden über Sie stimmen, Kapitän Killigrew.“
Hasard runzelte die Stirn. „Welche Legenden?“
„Daß Sie ein fairer Mann seien. Zufällig kenne ich einen portugiesischen Kapitän, der seinerzeit in der Armada mitsegelte, die Kämpfe miterlebte und zu jenen gehört, denen die Rückkehr um England und Irland gelang. Von ihm weiß ich, was Sie alles für meine Landsleute taten, nachdem die Schlacht geschlagen war. Sie kümmerten sich um die Schiffbrüchigen – ganz im Gegensatz zu einem gewissen Francis Drake. Da ist es eine Selbstverständlichkeit, daß ich auch Ihnen jetzt helfe. Sie können Ihr Schiff sofort zur Helling verholen. Ich werde veranlassen, daß der Hellingmeister genügend Leute bereitstellt, um Ihr Schiff aufzuslippen. Brauchen Sie Schiffszimmerleute?“
„Ich habe den besten, den es gibt.“ Hasard lächelte. „Aber herzlichen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft. Die Reparatur können wir selbst durchführen.“
„Gut. Wie steht es mit Proviant, Trinkwasser und so weiter? Sie können in der Faktorei alles kaufen, auch Gewürze, schließlich sind wir eine Handelsniederlassung und leben davon. Damit möchte ich ausdrücken, daß wir einen friedlichen Handel und Wandel für fruchtbarer halten als kriegerische Auseinandersetzungen.“ Der Portugiese seufzte. „Seit wir dieses Paradies entdeckt haben, mehren sich über die Jahrzehnte die Anzeichen, daß wir uns von ihm immer weiter entfernen. Zuerst hatten wir keine Schwierigkeiten. Jetzt werden die Menschen auf allen diesen Inseln uns gegenüber feindlicher. Die Weißen stören uns, sagen sie. Erst haben wir ihnen freiwillig gegeben, was sie haben wollten, jetzt fordern und verlangen sie und wenden Gewalt an. Sogar ihren Gott wollen sie uns aufzwingen und behaupten, es gäbe nur diesen einen, dabei wissen wir, daß dies nicht wahr sein kann. Ja, so sagen sie – und sie haben recht. Jetzt sind die Niederländer hier aufgetaucht und benehmen sich in einer Weise, die den Haß herausfordert. Seit eine Javanerin von dem Profos des Flaggschiffs vergewaltigt wurde, brodelt es in Bantam. Und wir Portugiesen kriegen es ebenfalls zu spüren. Man wirft uns mit den Niederländern in einen Topf.“
Hasard nickte. „De Jonge würde sich hier gern festsetzen.“
„Ich weiß. Er war nicht damit zufrieden, seine Laderäume mit Gewürzen vollzustopfen. Das genügt ihm nicht. Er will den ganzen Handel an sich reißen, und wir sind ihm dabei im Weg. Noch zögert er, gegen uns loszuschlagen – aus Respekt vor unseren fünf Galeonen, von denen drei längst die Rückreise hätten antreten sollen. Ich mußte sie zurückhalten, um Macht zu demonstrieren, die ich sonst keineswegs demonstrieren möchte, zumal ein solches Verhalten dem Ansehen des weißen Mannes keineswegs nutzt. Nun gut, lägen hier nur zwei portugiesische Galeonen, wäre de Jonge längst über uns hergefallen. Jetzt wartet und lauert er. Außerdem versucht er, sich bei dem Sultan des Banten-Reiches einzuschmeicheln, mit dem wir einen Vertrag für den Gewürzhandel abgeschlossen haben. Auf gut europäisch gesagt: Er intrigiert und verspricht dem Sultan das Blaue vom Himmel herunter. Natürlich sind wir Portugiesen Blutsauger, Halsabschneider, Erpresser und Lumpen. Wir sollen die Javanerin gedungen haben, den Profos zu verführen. Stellen Sie sich das vor!“
„Wie verhält sich der Sultan?“ fragte Hasard nachdenklich.
„Korrekt. Er mag den niederländischen Kapitän nicht, wie er mir vertraulich mitteilen ließ.“ De Ribeiros Augen waren umschattet. „Angenommen, der Sultan wird ermordet. Dann entsteht eine völlig neue Situation, denn unser Vertrag mit ihm wäre hinfällig, ganz abgesehen davon, daß sein Sohn noch ein Kind ist. Er wäre der rechtmäßige Thronfolger. Das Banten-Reich müßte, solange der Sohn noch nicht regieren kann, von einem Reichsverweser verwaltet werden. Die Frage stellt sich, was wird dieser Reichsverweser für ein Mann sein? Ist er bereit, Verträge, die vom Sultan abgeschlossen wurden, zu verlängern? Oder erliegt er den Versprechungen, den Schmeicheleien, den Lügen eines de Jonge? Und um auch das noch zu sagen: Ich bin durchaus der Meinung, daß ein Land, das bestimmte Handelsgüter im Überschuß hat und sie verkaufen möchte, mit mehreren Ländern Handel treiben kann. Es sollte keiner bevorzugt werden, vorausgesetzt, es handelt sich um ehrbare Leute, die den Handel betreiben. Aber bei Männern wie de Jonge kann einen das Grausen packen. Sie sind es, die das Paradies zerstören. Verstehen Sie jetzt, warum ich so erleichtert bin, daß Sie ihm eine Abfuhr erteilt haben?“
Hasard bejahte und sagte: „Er versuchte es erst mit Arroganz, dann mit Drohung und Erpressung – ein schlechter Diplomat. Im übrigen ist er ein Feigling, ein Mann mit einem großen Maul, das er sofort zuklappt, wenn es ihm selbst an den Kragen geht. Ich habe die Niederländer als tapfere und vor allem faire Kämpfer kennengelernt und kann nur hoffen, daß Kerle wie de Jonge und sein Profos die Ausnahme sind. Im übrigen habe ich das Gefühl, daß die Crew der ‚Zwarte Leeuw‘ keineswegs glücklich über ihren Kapitän ist. Sie steht nicht voll hinter ihm. Vielleicht weiß er das und wagt deshalb nicht, Sie anzugreifen, solange das Gleichgewicht der Schiffseinheiten besteht. Mit meiner Beteiligung wollte er es zu seinen Gunsten verändern.“
Gaspar de Ribeiro blickte Hasard aufmerksam an. „Darf ich mir die Frage erlauben, wie Sie sich verhalten werden, wenn er unsere fünf Schiffe angreifen sollte?“
Hasard lächelte. „Darf ich die Frage von Mister O’Flynn beantworten lassen? Ich möchte wissen, ob er genauso antwortet, wie ich es tun würde.“
„Ah!“ Jetzt lächelte auch de Ribeiro. „Eine Art Probe, wie?“
„So ist es“, erwiderte Hasard. „Wir wechseln bei uns an Bord häufig die Rollen. Mister O’Flynn könnte die Rolle des Stückmeisters, des Segelmachers, des Schiffszimmermanns oder auch die des Kapitäns übernehmen – und umgekehrt. Jeder lernt die Rolle des anderen kennen – bis zur Perfektion. Bei Ausfällen könnte es sein, daß er selbständig handeln und auch entscheiden muß, um das Schiff zu erhalten. Auf der ‚Isabella‘ fahren freie Männer. Sie haben Narben davongetragen, sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Darum haben sie bisher überlebt.“
„Jetzt verstehe ich“, sagte der Portugiese, und Bewunderung klang in seiner Stimme mit.
„Das ist aber noch nicht alles, Señor de Ribeiro“, sagte Hasard. „Ich muß es erwähnen, weil es wichtig ist. Alle Männer der ‚Isabella‘ sind auch ihre Miteigner oder Reeder, wenn Sie so wollen. Sie beteiligten sich am Kauf des Schiffes.“
„Das gibt es doch gar nicht“, sagte der Portugiese verblüfft, ja nahezu betroffen.
Hasards Lächeln war fein und verhalten. „Warum nicht?“
„Das Geld!“ platzte de Ribeiro heraus. „Woher hatten sie denn das Geld, um sich an dem Kauf eines solchen Schiffes beteiligen zu können?“ Er betonte das „eines solchen“ und verriet damit, daß er wohl erkannt hatte, was die „Isabella“ von anderen Galeonen unterschied.
Ganz offen erwiderte Hasard: „Sie knöpften es den Spaniern ab – jenen Spaniern, die drüben die Neue Welt ausplünderten. Wenn ich ‚sie‘ sagte, so zähle ich natürlich auch dazu. Darf Ihnen Mister O’Flynn jetzt antworten?“
„Jawohl, Sir“, sagte de Ribeiro. Er sagte „Sir“!
Dan O’Flynn hob den Kopf mit den hellen, scharfen Augen, lächelte leicht und sagte: „Ich glaube, daß ich richtigliege, wenn ich erkläre, daß Kapitän Killigrew ein Mann ist, der zwischen zwei Parteien den Standpunkt der Neutralität vertritt, vorausgesetzt, beide Parteien sind gleichwertig. Diese Gleichwertigkeit bezieht sich auf die Kampfkraft dieser beiden Parteien. Sollte jedoch die eine oder andere Partei zu Mitteln greifen, die unmenschlich, grausam, tückisch, gemein – nach christlicher Auffassung teuflisch – sind, dann wird sich Kapitän Killigrew auf Biegen und Brechen für jene Partei einsetzen und schlagen, die einen solchen Weg nicht geht. Das ist eine Frage des Rechtsstandpunktes. Es gibt ein Kriegsrecht, ein moralisches Recht, ein Recht des Schwächeren – vielleicht. Nur ist Recht unteilbar. Das Recht eines Stärkeren – weil er die Macht hat – haben wir Männer der „Isabella‘ nie anerkannt. Ich fasse zusammen, um Ihre Frage, Señor de Ribeiro, zu beantworten – anstelle meines Kapitäns: Kapitän de Jonge versuchte, uns zu erspressen. Die Antwort werden wir ihm nicht schuldig bleiben, falls er versuchen sollte, Sie anzugreifen.“
Gaspar de Ribeiro starrte Dan O’Flynn sprachlos an, dann wechselte sein Blick zu Hasard.
Hasard sagte: „Kein Kommentar.“
Jetzt war der weißhaarige Mann fast verstört.
„Mein Gott“, murmelte er, „das gibt es doch nicht, das kann es nicht geben, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Sollte die Welt anders sein, als ich meinte erkannt zu haben – und ich habe über ein halbes Jahrhundert hinter mir!“
„Die Welt“, sagte Hasard, „ist weder gut noch schlecht. Sie ist nur so, wie wir Menschen sie gestalten. Es gibt das Gute, und es gibt das Böse. Vielleicht muß das so sein, damit das Gute nie einschläft. Nur – was ist gut?“
Und damit verließen sie Gaspar de Ribeiro.
Als sie zur „Isabella“ zurückgingen, sagte Hasard: „Deine Antwort war gut, Dan. Sie entspricht genau meiner Auffassung. Seit wann denkst du über Recht nach?“
Sehr ernst sagte Dan O’Flynn: „Seit ich zum ersten Male begriff, auf welche Weise dein Pflegevater, Sir John Killigrew, Herr auf Arwenack, über die Leute von Falmouth herrschte, ohne irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Da war ein besonderer Punkt, der mich zuerst irritierte und dann empörte. Er nahm sich das Recht heraus, für seine Mannen auf Arwenack Ehen zu schließen und in der ersten Nacht nach der Hochzeit mit der Braut zu schlafen – ob das dem Bräutigam und der Braut paßte oder nicht. Und war dann auch noch ein Kind die Folge, dann durfte der auf diese Weise gehörnte Ehemann für den Bastard sorgen. Sir John hielt es nicht für nötig, sich darum zu kümmern. Ich gebe ohne weiteres zu, daß ich damals fest entschlossen war, Sir John umzubringen, falls mir so etwas widerfahren sollte. Vielleicht war auch das einer der Gründe, warum ich von zu Hause ausrückte. Was Sir John in burgherrlicher Weise tat, verletzte die Würde des Menschen. Das ist jedenfalls meine Meinung.“
„Sie ist richtig“, sagte Hasard.
Eine Stunde später verholten sie die „Isabella“ zu der Helling, scheel beäugt vom Kapitän der „Zwarte Leeuw“, der wie ein gereizter Bulle auf der Kampanje seines Schiffes hin und her marschierte. Aus dem Verholen der „Isabella“ mußte er schließen, daß sich Hasard mit den Portugiesen geeinigt hatte.
Die Männer der „Isabella“ leisteten Schwerarbeit. Sie hatten die beiden Beiboote ausgesetzt, lange Leinen zu den Pollern auf dem Galionsdeck ausgefahren und schleppten die Galeone mit Muskelkraft zur Helling.
Je acht Männer pullten in den beiden Beibooten. Und wenn einige Kerle auf der „Zwarte Leeuw“ zuerst höhnisch gegrinst hatten, dann war denen das Grinsen sehr schnell vergangen, denn die Seewölfe hatten einen Schlag drauf, mit dem sie ihr Schiff glatt bis Sumatra hätten verholen können – quer über die Sundastraße.
Der breitschultrige Bootsmann, der in einem der beiden Beiboote das Verholmanöver leitete, tat das mit einer Lässigkeit, als jongliere er tagtäglich mit Galeonen über irgendwelche Reeden.
Das wickelte sich alles ohne viel Tamtam, Brüllerei oder Hektik ab. Einige der Niederländer verstiegen sich zu der Ansicht, auf diese Weise könnten die „Isabella“-Kerle glatt ein Gefecht führen, woran sogar ein Fünkchen Wahrheit war, was die Manövrierbarkeit betraf.
Der Wind stand in die Bai, was diese Kerle dazu ausnutzten, die Galeone bis etwa sechzig, siebzig Yards quer vor die Helling zu schleppen und sie dann vom Wind mit dem Heck zur Slipanlage herumschwojen zu lassen. Der Bug blieb seewärts gerichtet, gehalten von den sanft anpullenden Männern in den beiden Beibooten. Der Wind trieb die Galeone jetzt – mit dem Heck voran – auf die Slipanlage zu.
Die beiden Beiboote, schräg vom Bug weg herausgestaffelt, wirkten jetzt wie Ruder oder auch bremsend, je nachdem, was notwendig war.
Es sah fast spielerisch aus, wie die schlanke Galeone mit den überlangen Masten und den niedrigen Aufbauten in die richtige Position dirigiert wurde – und dennoch war es ein irres Manöver, das sich kaum einer der Niederländer zugetraut hätte.
Und weil ein großer Teil der niederländischen Crew dieses Manöver lautstark bewunderte, platzte Pieter de Jonge mal wieder vor Wut und brüllte seine Leute an, ob sie nichts Besseres zu tun hätten, als Maulaffen feilzuhalten.
Damit der Schlendrian nicht einriß, ließ er seine Kerle die Decks schrubben, was reine Schikane war, weil das morgendliche Reinschiff vor drei Stunden beendet worden war.
Später ließ er sich von einer Pinasse zu den vier ankernden Galeonen pullen und schien auch dort Kapitäne und Mannschaften auf Trab zu bringen, denn als er zurückkehrte, gingen die vier Galeonen ankerauf und übten vor dem Baiausgang das Segeln im Verband. Vielleicht wollte er auch demonstrieren, daß er es in der Hand habe, die Bantambai abzuriegeln oder zu blockieren.
Die „Isabella“ wurde mit dem Heck voran auf die Slipanlage bugsiert und über mehrere Winschen, an denen Portugiesen und Eingeborene unter der Leitung des Hellingmeisters arbeiteten, so weit aus dem Wasser gezogen, daß das Heck freikam.
Dann ging Ferris Tucker, unterstützt von Big Old Shane, Al Conroy und einigen anderen Helfern, an die Arbeit.
Gegen Mittag fielen die Seewölfe über die vom Kutscher gebratenen „Piephähne“ her, wie Carberry sie nannte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte de Jonge ein Schauspiel besonderer Art zu bieten.
Die vierzehn Mannen, die in der Nacht von den sechs Seewölfen als Wein- und Schnapsleichen auf der Pier abgeliefert worden waren, wurden nacheinander auf der Kuhl ausgepeitscht.
Das besorgte der Bulle von Profos, der aus der Vorpiek geholt worden war.
Dann wurde die Prozedur umgekehrt.
Da wurde der Profos an die Wanten gespannt, und die vierzehn von ihm ausgepeitschten Männer durften ihm das Fell gerben. Sie taten es mit Wonne und der entsprechenden Wut.
Das Gebrüll des Profos’ dröhnte über Hafen und Reede. Auf den Piers versammelten sich Zuschauer – Chinesen, Inder, Araber, Portugiesen, Eingeborene, Indonesier, Dänen, Franzosen, Spanier. Da gab es schadenfrohe, höhnische, entsetzte, aber auch ausdruckslose Gesichter.
Den Seewölfen war der Appetit vergangen.
„Ist dieser Affenarsch von Kapitän wahnsinnig?“ grollte Edwin Carberry erbittert. „Erst schlägt der Profos den Kerlen die Haut in Fetzen und dann wird umgekehrt verfahren! Wo soll da der Sinn liegen?“
Luke Morgan, frech wie eh und je, nahm es mehr von der grimmigheiteren Seite und sagte: „Einem Profos muß eben auch mal die Haut in Streifen von seinem Affen …“
„Halt’s Maul, Mister Morgan!“ blaffte ihn Carberry an. „Was dort passiert, ist nicht mehr normal. Und das vor aller Augen! Dieses Rübenschwein von Profos hat eine Strafe verdient, aber nicht so.“
„Wie denn?“ erkundigte sich Luke Morgan.
„Weiß ich auch nicht“, knurrte Carberry verstimmt. „Ich weiß nur, daß ich nichts dagegen hätte, wenn die Macker dort drüben auch ihrem verdammten Kapitän die Neunschwänzige überziehen würden, der hätte es nötiger als alle anderen.“
„Abgesehen von dem Profos“, ergänzte Luke Morgan.
„Ach laß mich zufrieden“, sagte Carberry brummig.
Der Profos drüben brüllte nicht mehr. Er hing in den Wanten, offenbar ohnmächtig. Sein Rücken sah übel aus. Einer, der ohnmächtig ist, spürt nichts mehr. Also wurde das Auspeitschen eingestellt. Aber der Profos blieb weiter in den Wanten hängen – wie ein aufgespanntes Hemd an der Wäscheleine.
Eine Viertelstunde später meldete Bill, der Moses, den Anmarsch Kapitän de Jonges.
„Was will der denn nun wieder“, murrte Carberry und ließ Hasard wahrschauen.
Am Heck waren Leitern angebracht worden, verbunden mit Querbrettern, damit Ferris Tucker bequem arbeiten konnte. Eine weitere Leiter stand auf der Steuerbordseite der „Isabella“, um von und an Bord gelangen zu können.
Dort schob Batuti Wache mit der Order, keinen Fremden an Bord zu lassen.
De Jonge, stiernackig, rot und schwitzend, walzte heran, als gehöre ihm das Werftgelände. Er steuerte das Heck an, sah zu, wie dort gearbeitet wurde, und pumpte sich schon wieder auf, weil ihn niemand beachtete.
Dann ließ Ferris Tucker ein Stemmeisen fallen, das sich genau vor der rechten Stiefelspitze des Kapitäns in den Boden bohrte.
Ferris Tucker tat erstaunt, als er den tomatenroten Kapitän unter sich erblickte, und sagte: „Verzeihung. Aber Glück muß man haben, wie? Das Stemmeisen hätte ja auch Ihre Rübe treffen können.“
„Das war Absicht!“ schrie der Kapitän. „Das war ein Anschlag auf mein Leben!“
Ferris Tucker grinste hinunter. „Alte Seemannsregel: man stellt sich weder unter schwebende Lasten noch unter Plätze, an denen gearbeitet wird. Müssen Sie sich merken, Freundchen.“
„Unverschämtheit! Was erlauben Sie sich? Wer sind Sie überhaupt?“
„Der Schiffszimmermann“, erwiderte Ferris Tucker trocken, „oder sieht man das nicht? Wird bei Ihnen ein Ruder vom Segelmacher genäht, wenn es gebrochen ist?“ Er spielte mit dem schweren Hammer, der in seinen mächtigen Fäusten dennoch wie ein Spielzeug aussah. „Sonst noch Fragen, Freundchen? Ich hab nämlich zu arbeiten und keine Zeit – wie andere Leute –, die nichts Besseres zu tun haben, als herumzubrüllen und sich für den Nabel der Welt zu halten. Könnten Sie mir mal das Stemmeisen nach oben werfen?“
De Jonge drehte sich abrupt um und marschierte auf Batuti los.
„Weg da, Nigger!“ herrschte er den riesigen Mann an.
Batuti stand wie ein Baum und versperrte die Leiter. An ihm ging kein Weg vorbei.
„Sagtest du Nigger, weißer Mann?“ fragte er höflich. „Wenn ja, dann laß es besser, sonst geht’s dir wie deinem Profos, dem ich was aufs große Maul geschlagen habe, als er meinte, mich beleidigen zu dürfen.“
Kapitän de Jonge wich zwei Schritte zurück. Sein Gesicht war fahl geworden, bis auf zwei rote Flecken, die auf seinen Jochbeinen prangten.
„Ich will den Kapitän sprechen“, sagte er und betastete sein Kinn.
Batuti begutachtete es und verkniff sich ein Grinsen. Da hatte sein Kapitän auch ganz schön zugehauen – in der Nacht, als de Jonge ins Wasser geflogen war.
Hasard enterte nach unten ab und wandte sich de Jonge zu.
„Was wollen Sie?“ fragte er kalt.
De Jonges Augen wurden lauernd. „Sie haben sich mit de Ribeiro arrangiert?“
„Geht Sie das was an?“
„Allerdings. Denn wenn Sie sich mit ihm arrangiert haben, werde ich jetzt dafür sorgen, daß er erfährt, welche Laus er sich in den Pelz gesetzt hat – nämlich den berüchtigten Seewolf!“
Hasard lachte lauthals.
„Das weiß er schon“, sagte er.
„Wieso?“ Das Hauklotzgesicht wirkte ziemlich dumm.
„Oh!“ Hasard verbeugte sich ironisch. „Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen vorgegriffen habe, aber ich hielt es für richtiger, mich selbst vorzustellen und ihm zu sagen, wer ich bin.“
„Was denn – Sie haben es ihm selbst gesagt?“ fragte der Kapitän entgeistert.
„Warum nicht?“
„Sie lügen!“
Hasards eisblauer Blick wurde dolchscharf. „Mäßigen Sie sich, Mann. Sie haben ein seltenes Talent, die üblichen Höflichkeiten zu mißachten und andere zu provozieren. Bleiben Sie auf dem Boden, oder wollen Sie noch einmal ins Wasser fliegen, um sich abzukühlen?“
„De Ribeiro hat Sie nicht in Ketten legen lassen?“
„Warum sollte er? Er hatte bereits von mir gehört und rechnete es mir hoch an, daß ich mich damals nach der Schlacht gegen die Armada um die Schiffbrüchigen gekümmert hatte. Sie sehen, auch unter vermutlichen Feinden kann man Freunde haben, echte Freunde, wohlbemerkt.“
„Sie ziehen es vor, mit den Feinden Ihres Landes zu paktieren? Sie sind ein Verräter!“
Hasards Geduldsfaden wurde arg strapaziert. „Mir neu, daß Señor de Ribeiro ein Feind meines Landes ist. Er war höflich, sehr freundlich und hilfsbereit. Im übrigen hält er es mehr mit einem friedlichen Nebeneinanderleben als mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Das ist ein Standpunkt, den ich respektiere und achte. Vielleicht sollten gerade Sie einmal darüber nachdenken, falls Ihnen das nicht zu anstrengend ist. Daß Sie mich einen Verräter nannten, möchte ich überhört haben. Dieser Vorwurf erscheint mir auch unlogisch.“
„Wieso?“
„Weil zwischen Portugal und England kein Krieg herrscht.“
„Portugal und Spanien wollen die Welt erobern, und das muß verhindert werden!“ brauste der Kapitän auf.
„Und Sie wollen im großen Kuchenteig mit herumrühren, nicht wahr?“
„Natürlich!“
„Na, dann Prost. Die Welt wird beglückt sein, wenn Sie auftauchen – ein Vollidiot, der es fertigbringt, ganz Bantam zusehen zu lassen, wie sich Ihre Leute gegenseitig die Rücken blutig peitschen müssen. Da weiß jeder gleich, was ihn erwartet, wenn Sie hier das Zepter schwingen sollten.“
„Jawohl!“ Der Kapitän warf sich in die Brust. „Alle Welt sollte zusehen, jawohl! Damit diese Strolche, Kanaken, Spitzbuben und Faulenzer gleich wissen, daß bei uns Niederländern Zucht und Ordnung herrschen. Das kann diesem Pack nicht eindeutig genug demonstriert werden.“
„Mein Gott“, sagte Hasard erschüttert, „jetzt erzählen Sie nur noch, Sie fühlen sich als Werkzeug Gottes – dazu ausersehen, die dummen Heiden zu bekehren!“
„Ich bin ein Werkzeug Gottes, jawohl!“ Jetzt hämmerte sich dieser Mann die Faust an die Brust. „Dazu auserkoren, die Heiden mit Stumpf und Stiel auszurotten!“
Ferris Tucker fing als erster an zu lachen und fiel fast von der Leiter. Das Lachen pflanzte sich fort.
„Huch!“ brüllte Carberry mit seiner Donnerstimme. „Dieser Affenarsch ein Werkzeug Gottes! Habt ihr das gehört, Männer?“ Er beugte sich über das Schanzkleid der Steuerbordseite und schrie nach unten: „Du lausiger Schinder, du stinkender Käse aus den Niederlanden, du angegammelte Schellfischleiche – weißt du, was du bist? Ein armer Irrer bist du! Ein Irrer, über den man sich totlachen kann! Sir, dürfte ich dich bitten, einige Schritte zur Seite zu treten? Ich habe hier ’ne Abfallpütz vom Kutscher. Die würd ich dem Gotteswerkzeug gern über den Schädel kippen. Sind auch ein paar abgeknabberte Hühnerbeinchen dabei!“
„Mister Carberry!“ sagte Hasard streng. „Ich möchte doch sehr bitten.“
„Schade“, sagte Ed Carberry enttäuscht.
„Sie lehnen es ab, an meiner Seite zu kämpfen?“ zischte der Kapitän.
„Erraten. Mein Profos nannte Sie einen armen Irren. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, allerdings würde ich das Eigenschaftswort ‚arm‘ mit ‚gemeingefährlich‘ austauschen. Ein armer Irrer ist harmlos. Aber Irre wie Sie rotten Völker aus und fühlen sich noch dazu von Gott aufgerufen, wobei ich den Verdacht hege, daß Sie den Gottesauftrag nur als Tarnmäntelchen für Ihre habgierigen Ziele benutzen. Meine Männer haben über Sie gelacht, und es ist auch lachhaft, wenn es nicht so traurig wäre. Aber ich sehe schon, Sie verstehen kein Wort. Sie wollen andere Ansichten gar nicht verstehen. Trotzdem gebe ich Ihnen den Rat: Segeln Sie ab! Suchen Sie sich eine unbewohnte Insel – es gibt genug hier –, und gründen Sie dort Ihr Reich, wo Zucht und Ordnung herrschen. Vielleicht finden sich ein paar Verrückte, die Ihre Gegenwart ertragen. Aber lassen Sie die Menschen dieser Insel und jene, die sich aus anderen Ländern hier niedergelassen haben, zufrieden. Das wäre im Sinne Gottes, so wie ich ihn verstehe.“
„Menschen dieser Insel?“ Der Kapitän lachte verächtlich. „Das sind Affen! Sparen Sie sich Ihre Belehrungen!“ Und von oben herab setzte er hinzu: „Entweder, Sie kämpfen auf meiner Seite …“
„Oder?“
„Oder meine Schiffe schießen Sie zusammen, wenn Sie feige Fahnenflucht begehen wollen. Noch gewähre ich Ihnen eine Gnadenfrist, sich zu besinnen. Wenn Ihr Ruderbruch repariert ist, erwarte ich Ihre Meldung, daß Sie bereit sind, gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen …“
„Sir!“ rief Ben Brighton nach unten. Er stand auf dem Achterdeck. „Ich schlage vor, diesen Burschen bei uns in die Vorpiek zu sperren. Dann ist endlich Ruhe!“
Wie in der Nacht zuckte die Rechte des Kapitäns zur Pistole. Batuti tippte ihm auf die Schulter. Als de Jonge sich zu ihm umdrehte, etwas irritiert, sauste Batutis Handkante nach unten und prellte ihm die Pistole aus der Hand. Lässig stieß sie der riesige Gambia-Neger mit dem Fuß weg.
Er blickte Hasard an: „Vorpiek, Sir?“
Hasard schüttelte den Kopf. „Bring ihn aus dem Werftgelände. Der Kerl beschmutzt nur unsere Vorpiek.“
Batuti fletschte die weißen Zähne, schnappte sich den Kapitän am Kragen, hievte ihn etwas hoch und trug ihn am ausgestreckten Arm zum Werfttor. De Jonge zappelte und brüllte.
Hinter dem Werfttor stellte ihn Batuti auf den Boden und trat ihm kräftig in den Hintern. Der Kapitän schoß, Kopf voraus, durch die Luft, schrammte über die Katzenköpfe und landete nach zehn Yards.
„Das war für den Nigger!“ rief ihm Batuti hinterher.
6.
De Jonge schäumte über vor Wut und Haß. Der Feldscher der „Zwarte Leeuw“, hatte seine aufgeschrammten Knie verbinden und sein lädiertes Kinn einsalben müssen. Der Kapitän ruhte in seiner Koje und trank Genever – der war nur für ihn reserviert. Die Flaschen standen auch in der Kapitänslast. Die Offiziere tranken Dünnbier. Die Mannschaften erhielten brackiges Wasser, es sei denn, sie durften an Land gehen und sich in den Kneipen betrinken.
Stunden brütete de Jonge vor sich hin, ab und an von Wut und Haß geschüttelt.
Nach fünf Stunden, es ging bereits auf den Abend zu, befahl er den Profos zu sich. Die vier Galeonen draußen auf Reede waren wieder vor Anker gegangen.
Der Bulle wurde von den Wanten losgebunden und war mehr tot als lebendig. Drei Männer mußten ihn zu de Jonge schleppen, vor dem er kaum gerade stehen konnte.
„Reiß dich zusammen, Kerl!“ herrschte ihn de Jonge an und winkte die drei Männer hinaus.
Sie verschwanden.
Genüßlich trank der Kapitän, in der Koje ruhend, seinen Genever und betrachtete aus schmalen Augen den schwankenden Profos, dem das Hemd in Fetzen und blutverkrustet vom Leibe hing.
„Jan Swammerdam“, sagte er nach einer Weile. „Ich habe beschlossen, dich zum Tode durch den Strang zu verurteilen. Du bist ein Tier. Ungeziefer bist du. Wiederhole: ich bin Ungeziefer!“
Der Bulle blickte ihn stumpf an und bewegte die Lippen. Undeutlich sagte er: „Ich bin Ungeziefer.“
„Kapitän“, sagte de Jonge. „Oder hast du das vergessen?“
„Kapitän“, wiederholte der Bulle.
„Sage den ganzen Satz, Jan Swammerdam.“
„Ich bin Ungeziefer, Kapitän.“ Der Bulle schwankte.
„Setz dich, mein Guter“, sagte de Jonge und deutete auf einen Hocker. Wieder trank er einen Schluck Genever.
„Danke, Kapitän“, murmelte der Bulle und sackte auf den Hocker. Er stierte den Kapitän an und leckte sich über die Lippen.
„Magst du einen Genever, Jan Swammerdam?“ fragte de Jonge.
„Sehr gern, Kapitän. Sie sind sehr gut zu mir.“
Der Profos durfte sich einen Genever einschenken.
Der Kapitän hob sein Glas.
„Wir trinken auf deinen Tod, Jan Swammerdam“, sagte er.
Sie tranken. Der Bulle goß den Genever wie Wasser in die Kehle. Dann schnappte er nach Luft. Etwas später verlor sich der stumpfe Ausdruck in seinen Augen.
„Du hast noch eine Chance, Jan Swammerdam“, sagte de Jonge. „Deine letzte, allerletzte Chance, um dich zu bewähren. Vielleicht rettet dich das vor dem Strang. Vielleicht habe ich auch die Güte, dich dann wieder als Profos einzusetzen und Gnade walten zu lassen. Du hast gesündigt, Jan Swammerdam. Wiederhole: ich habe gesündigt!“
„Ich habe gesündigt, Kapitän.“
„Schenke uns noch von dem Genever ein, Jan Swammerdam.“
Der Bulle stand von dem Hocker auf, nahm die Flasche von dem Bord neben der Kapitänskoje, schenkte dem Kapitän ein, dann sich und ging zurück zu dem Hocker. Mühsam setzte er sich.
„Hat sie sich gewehrt, Jan Swammerdam?“ fragte der Kapitän. In seinen Augen war ein Glitzern. „Du hast es mir schon einmal erzählt. Aber erzähle mir mehr. Wie war es?“
Der Bulle duckte sich etwas und stierte in eine Ecke.
„Sie ging an dir vorbei?“ fragte der Kapitän. Seine Stimme war plötzlich heiser.
„Ja, Kapitän. Sie ging an mir vorbei.“
„Wie ging sie vorbei? Zeig es mir!“
Der Bulle stand auf. Er atmete heftig. Auch seine Augen glitzerten jetzt.
„So, Kapitän.“ Er ging an dem Hokker vorbei, bewegte stöhnend die Schultern, dann die Hüften.
„Und dann?“ Der Kapitän keuchte.
„Ich riß sie zu Boden.“
„Und dann?“
„Wälzte ich mich über sie.“
„Und dann?“
Der Bulle stürzte den Genever hinunter. „Ich weiß nicht mehr. Sie schrie, sie schlug mir ihre Nägel ins Gesicht, sie kratzte und biß …“
„War das schön?“
„Ich wurde rasend.“
Jetzt trank der Kapitän. Seine Hand zitterte, als er das Glas zum Mund führte. Genever tropfte über sein Kinn und lief an seinem Hals entlang in den Hemdausschnitt.
„Du mußt mir mehr darüber erzählen, Jan Swammerdam“, sagte er. „Jede Einzelheit. Nur so kann ich entscheiden, in welchen Sumpf der Sünde du dich verirrt hast. Du bist tief gesunken, Jan Swammerdam, und ich habe dich zum Tode durch den Strang verurteilt. Du weißt, nur meine Gnade kann dich noch retten.“
„Was soll ich tun, Kapitän?“
„Du wirst heute nacht das Schiff dieser englischen Hunde überfallen und den Kapitän töten!“
„Ich allein?“
„Unsinn. Die vierzehn Dummköpfe, mit denen du in der letzten Nacht die sechs Engländer überwältigen und hier an Bord bringen solltest, werden dich begleiten. Es ist auch deren letzte Chance.“
„Fünfzehn Männer sind zu wenig, Kapitän“, sagte der Profos. „Die Engländer kämpfen wie die Teufel.“
„Hast du Angst, Jan Swammerdam? Als du das Weib überfielst, hattest du auch keine Angst. Du mußt wieder rasend sein – wie zu dem Zeitpunkt, als dich deine Lüste übermannten. Verstehst du das?“
Der Bulle grunzte und schien nicht sehr begeistert zu sein. Vieles begriff er auch nicht. Warum wollte der Kapitän so viele Einzelheiten wissen? Als die Untat bekannt geworden war, hatte der Kapitän bereits gierig nach den Details gefragt. Warum fragte er immer wieder?
Die Stimme des Kapitäns war scharf wie ein Messer. „Hast du verstanden, Jan Swammerdam? Warum antwortest du nicht? Soll ich dich wieder auspeitschen lassen?“
„Nein, Kapitän. Ich meinte nur, daß es schwer sein wird, mit nur vierzehn Männern das Schiff zu besetzen und den Kapitän zu töten. Sollen wir auch seine Leute töten?“
„So wenig wie möglich. Sie sollen die Peitsche spüren – deine Peitsche, Jan Swammerdam. Du peitschst doch gerne, nicht wahr?“
Der Bulle keuchte. „‚Jawohl, Kapitän.“
„Na also.“ Der Kapitän legte sich in die Kissen seiner Koje zurück. „Gut, ich werde dir noch fünf Männer zusätzlich mitgeben. Dann seid ihr zwanzig. Schenke uns noch einen Genever ein, Jan Swammerdam.“
Der Bulle gehorchte.
Wie zuvor hob der Kapitän sein Glas.
„Ich trinke auf deinen Tod, Jan Swammerdam“, sagte er.
Der Profos trank mit verbissenem Gesicht.
„Es sei denn“, sagte der Kapitän, „du meldest mir den Tod des englischen Kapitäns. Dann, Jan Swammerdam, trinke ich auf dein Leben. Sage, daß ich gütig bin.“
„Sie sind gütig, Kapitän.“
„Wir wollen beten“, sagte Pieter de Jonge, „wie es sich für Christenmenschen geziemt. Knie nieder, Jan Swammerdam, und bete mir nach!“
Es wurde ein sehr schauriges Gebet, denn Kapitän Pieter de Jonge erging sich in endlosen Tiraden über die Sünden der Fleischeslust, deren verschiedene Einzelheiten von ihm mit donnernder Stimme angeprangert, aber von dem Profos kaum noch verstanden wurden.
Es war ihm auch völlig gleichgültig, ob ein Gebot bestand, er möge keine Hand anlegen an seines Bruders Weib. Er hatte keinen Bruder, soweit er sich erinnern konnte, und wenn er einen gehabt hätte und dessen Weib wäre begehrenswert gewesen, na dann …
Er murmelte nach, was der Kapitän salbaderte.
Und er dachte an die sechs harten Männer des englischen Schiffes. Teufel, dachte er, das kann nicht gutgehen.
„Landgang, Sir?“ fragte Ben Brighton an diesem Abend genauso, wie er es einen Tag zuvor getan hatte. Und in seinen grauen Augen blitzte es wieder unternehmungslustig – wie am Vorabend.
„Suleika“, sagte Hasard lächelnd.
„Suleika“, bestätigte Ben Brighton, „die Blume des Orients.“
Hasard strich sich über das glatte Kinn und starrte zu der „Zwarte Leeuw“ hinüber.
Ben Brighton folgte dem Blick. Er sagte: „Ich hatte geraten, daß wir den Kerl in die Vorpiek sperren. Dann hätten wir Ruhe gehabt.“
„Ich weiß, Ben.“ Hasard hob unbehaglich die Schultern. „Vielleicht hätten wir es tun sollen. Aber irgendwie war mir das nicht recht.“
Selten geschah das, fast nie, aber Ben Brighton sagte scharf und hart: „Irgendwann gehen wir einmal mit fliegenden Fahnen unter – wegen deiner Fairneß.“
„Besser so als mit dem Gedanken, unfair gewesen zu sein.“
Ben Brighton seufzte, und das war Antwort genug.
„Schieß ab an Land“, sagte Hasard, „aber Ed bleibt dieses Mal an Bord, vielleicht rappelt’s bei denen da drüben, und sie versuchen was. Da hätte ich Ed gern hier an Bord. Wie viele Männer nimmst du mit?“
Ben Brighton starrte auf seine Stiefel und sagte nichts.
„He, Ben, ich habe dich was gefragt!“ sagte Hasard.
Ben Brighton hob den Kopf.
„Ich bleibe“, sagte er knapp.
„Was ist mit dir los, Ben?“ fragte Hasard verblüfft. „Soll ich dich vielleicht an Land prügeln?“
„Ich habe eben nachgedacht“, erwiderte Ben. „Ich weiß, daß sie es heute nacht versuchen werden. Da brauchen wir jeden Mann.“
„Schwarzseher?“
„Es ist so, ich weiß es eben.“ Ben Brighton reckte die Schultern. „Frag mich nicht, warum ich das weiß. Sie werden vom Wasser und von der Landseite her angreifen. Danach sollten wir unsere Verteidigung aufbauen.“
„Ben“, sagte Hasard, „du bist an diesem Abend ziemlich verbissen. Vielleicht solltest du doch in Erwägung ziehen, daß Suleika auf dich wartet. Was meinst du?“
„In Ordnung, Sir.“ Ben Brighton richtete sich kerzengerade auf. „Dann möchte ich Matt Davies, Dan O’Flynn, Jeff Bowie und Gary Andrews mit an Land nehmen.“
„In Ordnung, Ben. Wir verfahren wie gestern. Drei Böller mit den Drehbassen – und hier ist was los, klar?“
„Alles klar, Sir.“
Zehn Minuten später stieg Ben Brighton mit den Männern, die er genannt hatte, über die Leiter von Bord. Es war bereits dunkel. Hasard starrte ihnen nach. Irgend etwas irritierte ihn, aber er wußte nicht, was es war.
Er vergaß es wieder, weil er mit Big Old Shane und Smoky darüber beratschlagte, welche Posten an welchen Stellen aufgestellt werden sollten. Carberry gesellte sich hinzu. Ferris Tucker, der den ganzen Tag wie ein Berserker geschuftet hatte, war wachfrei. Er lag bereits in der Koje.
Lächelnd sagte Hasard: „Ben meinte, die Kerle könnten in dieser Nacht vom Wasser und von der Landseite her etwas gegen uns unternehmen. Er war sich sogar ziemlich sicher, hatte ich den Eindruck.“
„Der spielt wohl jetzt Old O’Flynn“, sagte Smoky und grinste.
„Ich weiß nicht so recht“, meinte Hasard, „Aber irgendwie hat er mich angesteckt. De Jonge hat von uns eine Abfuhr erhalten, wird also nicht mehr mit uns rechnen. Aber ich könnte mir vorstellen, daß er auf unsere ‚Isabella‘ scharf ist. Bisher hat er nicht gewagt, etwas gegen die Portugiesen zu unternehmen, weil die Kampfkraft mit fünf Schiffen gegen fünf Schiffe der Portugiesen gleich verteilt war. Mit der ‚Isabella‘ würde er diese Kampfkraft zu seinen Gunsten verändern. Bemannen könnte er die ‚Isabella‘, indem er Mannschaften von seinen fünf Schiffen abzieht.“
„Noch ist die ‚Isabella‘ manövrierunfähig“, sagte Big Old Shane nachdenklich. „Wäre es nicht logischer, daß er erst dann zupackt, wenn das Ruder wieder in Ordnung ist?“
Hasard schüttelte den Kopf. „Mit Logik hapert’s bei de Jonge. Aber egal, ob er in dieser Nacht oder später angreift, wir müssen uns darauf einstellen. Das bedeutet verstärktes Postengehen, und zwar rund um die ‚Isabella‘. Ich will die Kerle gar nicht erst an unser Schiff heranlassen. Darum schlage ich vor, daß du, Shane, mit zehn Männern um die ‚Isabella‘ herum Posten beziehst. Der Rest bleibt mit mir hier oben an Bord. Die Leiter wird eingeholt. Suche dir die zehn Männer aus, nur möchte ich Al Conroy hierbehalten. Bewaffnet euch mit Musketen, Pistolen und den Hieb- und Stichwaffen. Losung und Alarmruf wie immer ‚Arwenack‘. Unter Umständen lassen wir von hier oben aus ein paar Raketen steigen, damit es heller wird, sobald der Zauber losgeht. Alles klar?“
„Keine Schonung?“ fragte Big Old Shane knapp.
„Kampfunfähig genügt“, erwiderte Hasard. „Ich will kein Gemetzel. Die Burschen da drüben können nichts dafür, daß sie einen übergeschnappten Kapitän haben. Im übrigen schätze ich, daß er nicht dabei sein wird. Der fühlt sich zu Höherem geboren.“
„Alles klar“, sagte Big Old Shane.
Wenig später verließ er mit zehn Männern schwerbewaffnet die „Isabella“. Carberry war bei ihm. Sie verteilten sich um die Galeone. Als Hasard einen Rundgang oben auf der „Isabella“ unternahm und nach allen Seiten hinunterspähte, konnte er niemanden mehr entdecken. Das Werftgelände lag still und verlassen da.
Stenmark, der an Bord geblieben war, und Al Conroy, den Stückmeister der „Isabella“, postierte Hasard auf der Back vor dem Fockmast, wo sie zwei der Gestelle aufbauten, mit denen sie die von Ferris Tucker und Al Conroy selbst gebastelten Höllenflaschen auf die Reise schicken konnten.
„Beobachtet scharf die Reede“, sagte Hasard. „Wenn sie mit Booten kommen, müßtet ihr sie bei dem Mondlicht sehen. Laßt sie soweit heran, bis ihr sicher seid, mit den Flaschen zu treffen. Das wird ihnen den Spaß verderben, noch landen zu wollen.“
„Aye, aye, Sir“, sagte Al Conroy.
Mittschiffs, auf der Kuhl, sicherten Old O’Flynn und der Kutscher nach beiden Seiten. Hasard selbst übernahm das Achterschiff – mit seinen beiden Söhnen.
Sir John saß auf der Großrah und hatte den Kopf im Gefieder versteckt. Arwenack strolchte über Deck und blieb schließlich achtern bei Hasard und seinen Söhnen.
Das Warten begann.
Von der Stadt her wurden die Geräusche von Stunde zu Stunde leiser. Aus dem Bambusdschungel weiter im Westen drangen die Laute streifender Tiere herüber. Hinter Palmen, beim Kampong der Fischer westlich der Werft, glühten Feuer. Zikaden zirpten. Weiße Gischt schäumte von der See her heran, brach zusammen und verebbte rauschend. Die vier Schiffe draußen auf der Reede wirkten mit dem Filigran der Masten und Rahen wie feine, hingetupfte Schwarzzeichnungen.
Mitternacht verging.
Eine Stunde später wurde Arwenack unruhig und fauchte leise. Gleichzeitig huschte der Kutscher heran und flüsterte: „Al und Sten haben ein Boot gesichtet, Sir, von Norden.“
„Danke, Kutscher.“ Hasard lächelte. „Scheint loszugehen. Ben hatte also doch recht. Sag Al, er soll die drei Böller abfeuern.“ Er lächelte noch breiter. „Ben wird betrübt sein, sich von Suleika trennen zu …“
Weiter gelangte er nicht.
Al Conroy brauchte keine drei Böller zu lösen, und Ben Brighton brauchte sich nicht von Suleika zu trennen – er war gar nicht bei ihr gewesen.
Denn es war seine Stimme, die draußen vor der Werft wie eine Fanfare den alten Schlachtruf der Seewölfe schmetterte.
„Ar-we-nack! Ar-we-nack …“
Jetzt brüllten seine vier Männer mit. Schüsse krachten, dann klirrten Blankwaffen, Schreie gellten, da und dort huschten aus der Werft Schatten zum Werfttor – Seewölfe, bereit, ihren fünf Kameraden beizustehen, die sich als erste auf die anrückenden Niederländer gestürzt hatten.
Hasard biß die Zähne zusammen. Jetzt kämpften sie dort – und er stand auf der „Burg“ und schaute zu.
Dieser Ben Brighton!
Jäh fiel Hasard ein, was ihn irritiert hatte. Sie waren so merkwürdig steif auf der Leiter nach unten geklettert. Deswegen steif, weil sie unter ihrer Kleidung Waffen verborgen hatten.
Diese verdammte Bande!
Waren gar nicht an Land geschossen, sondern hatten vor der Werft Stellung bezogen, um die Kerle rechtzeitig abzufangen und die „Isabella“ zu warnen.
Carberrys donnernde Stimme schallte herüber. Er verteilte Hiebe und Flüche. Wo seine breite Gestalt auftauchte, purzelten die Figuren.
„Aufpassen hier achtern!“ rief Hasard seinen beiden Söhnen zu. „Ich schau auf der Back nach!“
„Aye, aye, Sir!“ riefen die Bürschchen.
Hasard eilte nach vorn. Aber auch dort konnte er nur Däumchen drehen und zusehen. Gerade zerplatzten am Himmel vier Raketen und beleuchteten Reede und Werftgelände mit magischem Licht. Und zwei Flaschen torkelten auf das Boot zu, das hastig in Richtung der „Isabella“ gepullt wurde. Die Männer auf den Duchten duckten sich, als es Sterne in allen Farben niederregnete.
Nur waren die harmlos.
Die beiden Flaschen waren es nicht. Eine explodierte am Bug und zerfetzte ihn wie morsches Holz. Die andere tauchte an der Backbordseite ins Wasser, es dauerte ein paar Sekunden, dann detonierte sie dumpf, eine Fontäne schoß hoch und kippte das Boot um.
Die Männer quirlten im Wasser durcheinander und brüllten, als würden sie geröstet.
„Der Bootsführer war der Profos der ‚Zwarte Leeuw‘“, sagte Stenmark zu Hasard. „Ich habe ihn deutlich genug erkannt.“
„Habt ihr die Kerle gezählt?“ fragte Hasard.
„Zehn mit dem Profos“, erwiderte Al Conroy.
Das Feuerwerk am Himmel erlosch. Für Momente waren ihre Augen wie blind. Dann sahen sie, wie Big Old Shane an der Spitze von vier Männern zum Strand stürmte. Sie warfen sich ins Wasser und schienen nicht lange zu fakkeln, wobei sie im Vorteil waren, weil die Niederländer die Übersicht verloren hatten. Für sie mußte die Welt untergegangen sein. Und jetzt fielen diese wilden Kerle von dem Teufelschiff noch im Wasser über sie her.
Wer es bis zum Ufer schaffte, ergriff die Flucht. Da und dort wurden sie noch im Werftgelände abgefangen und steckten weitere Prügel ein.
Nach fast zehn Minuten war alles vorbei – meinte Hasard, der wieder auf dem Achterdeck stand. Weil Arwenack so laut herumkeckerte und Sir John, inzwischen wach geworden, auf der Großrah lamentierte, hörte er nicht den pochenden Laut mittschiffs auf der Steuerbordseite.
Aber dort befand sich Old O’Flynn, und der hörte nicht nur den pochenden Laut, sondern sah auch, als er herumfuhr, was ihn verursacht hatte: ein krallenartiger Haken, an dem ein Seil hing.
Mit diesen Dingern wurde geentert, wenn man mit Booten ein größeres Schiff kapern wollte. Man warf sie von unten hoch, und ihr Haken verfing sich im Schanzkleid.
Old O’Flynn grinste und schlich zum Schanzkleid. Unten ruckte jemand am Seil, um festzustellen, ob der Haken festsaß.
Er saß fest.
Old O’Flynn wahrschaute niemanden. Kinkerlitzchen! Solche Sachen regelte er selbst. Offenbar hatte es einer von den Kerlen geschafft, sich ungesehen an die „Isabella“ heranzuarbeiten.
Na warte, mein Bürschchen, dachte Old O’Flynn, du wirst dein blaues Wunder erleben.
Er baute sich vor dem Haken auf, seine Krücke schwungbereit.
Plötzlich sagte hinter ihm der Kutscher: „Spielst du Denkmal, Old Donegal?“
„Schsch!“ zischte Old O’Flynn.
Jetzt entdeckte der Kutscher den Haken und sah, wie sich das Seil bewegte. Er riß die Augen auf, faßte sich aber schnell und nahm ebenfalls Aufstellung – mit einer Riesenbratpfanne in den Fäusten.
Jetzt spielten sie beide Denkmal, geduckt, lauernd, stumm, unbeweglich – der eine mit zur Seite geschwungener Krücke, als gelte es, mit einer Sense eine Wiese abzumähen, der andere mit erhobenen Armen und der Bratpfanne über sich, die aussah, als habe er einen Schirm aufgespannt.
In dieser Haltung wurden sie von den Zwillingen entdeckt, die gerade zur Kuhl abenterten. Prompt begannen die beiden Lümmel zu kichern.
„Schscht!“ zischte Old O’Flynn.
„Pssst!“ zischte der Kutscher.
Und da tauchte der Kopf am Schanzkleid auf, zwei Hände griffen um das Schanzkleid. Erst die rechte, dann die linke Hand.
Jan Swammerdam, der Profos der „Zwarte Leeuw“.
Daß er erwartet wurde, war das letzte, was er in seinem bösen Leben begriff.
Die Bratpfanne krachte auf seinen Schädel. Die Krücke wischte ihn vom Schanzkleid weg wie eine lästige Fliege.
Im Sturz brüllte er noch.
Das war sein letztes Lebenszeichen.
Batuti, der sich gerade genähert hatte, sah den Körper durch die Luft fliegen und unten aufschlagen. Als er den Mann umdrehte, erkannte er den Profos.
„Nix mehr schwarzen Mann beleidigen“, murmelte er, beugte sich hinunter und drückte dem Toten die Augen zu.
Die Schlacht war geschlagen.
Nur Blessierte kehrten zur „Zwarte Leeuw“ zurück – den Profos brachten Batuti, Carberry, Smoky und Matt Davies auf einer Bahre zu der niederländischen Galeone.
Sie stellten sie auf der Pier ab, und Carberry rief: „Hier ist euer Profos, Männer! Wenn er es auf unseren Kapitän abgesehen hatte, dann hat er es mit seinem Leben gebüßt. Wenn nicht, dann war er sowieso ein Sünder, aber das wird der Kapitän dort oben im Himmel entscheiden. Er möge seiner armen Seele gnädig sein.“
„Ha-ha-ha!“ gellte eine Stimme vom Achterdeck her. Es war die Stimme des Kapitäns.
Matt Davies sah einen Musketenlauf blitzen und brüllte: „Deckung!“ Er warf sich hin und riß Carberry mit um.
Batuti und Smoky warfen sich nach links und rechts.
Der Schuß krachte, und die Kugel fauchte über die vier Männer weg. Sie feuerten noch im Liegen aus ihren Pistolen zurück.
Aber de Jonge war bereits in Dekkung gegangen.
„Dieser Schweinehund!“ keuchte Carberry. „Los, weg hier, Männer, die schießen uns ab wie die Hasen!“
Sie sprangen auf und liefen im Zickzack über die Pier.
„Knallt sie ab!“ schrie de Jonge. „Sie haben euren Profos ermordet! Knallt sie ab! Vorwärts …“
Aber kein Schuß fiel.
„Meuterei!“ brüllte der Kapitän.
Einer auf der Kuhl sagte laut: „Wir schießen niemandem in den Rücken, Kapitän!“
„Wer war das? Wer hat das gesagt?“
Der Kapitän erfuhr es nicht.
Und die vier Seewölfe hörten den Wortwechsel nicht mehr. Sie hatten bereits das Werfttor erreicht und waren in Sicherheit.
7.
Kapitän de Jonge ließ sich nicht mehr bei der „Isabella“ blicken. Jetzt hatte er sich wohl aufs Warten verlegt. Allerdings war er am nächsten Tag mehrere Male an Deck erschienen, hatte durch ein Spektiv die „Isabella“ beobachtet und hatte sich gegen Mittag zu den vier Schiffen auf Reede hinüberpullen lassen.
Dann war er wieder zurückgekehrt, und die vier Galeonen waren wie am Vortag ankerauf gegangen und hatten vor der Bai gekreuzt – wie um zu demonstrieren, daß sie nicht mal eine Maus aus der Bai lassen würden.
Ferris Tucker und seine Helfer arbeiteten unverdrossen an dem Ruder. Inzwischen kaufte der Kutscher in der portugiesischen Faktorei ein, die „Isabella“ wurde verproviantiert, Säcke, Kisten und Fässer wurden an Bord gemannt.
Und Ben Brighton verbrachte seinen Landgang bei Suleika.
Im Laufe des nächsten Tages wurde das neue Ruder fertig. Am späten Nachmittag hätte die „Isabella“ die Helling verlassen können, aber ein harter Nord bis Nordwest fegte in die Bantambai, und da war gar nicht daran zu denken, die Galeone von der Slipanlage ins Wasser zu lassen: Das war bei aller guter Seemannschaft nicht zu schaffen.
Auflandiger Wind von dieser Stärke war immer problematisch.
Hasard hielt Kriegsrat auf dem Achterdeck ab und sagte: „Wir müssen sehen, was morgen für Windverhältnisse sind. Allerdings sollten wir dann in der Nacht auslaufen, da sind alle Katzen grau. Oder ist einer der Gentlemen dafür, daß wir es bei Tage versuchen?
„Gegen vier gut bestückte Galeonen?“ meinte Ben Brighton. Er schüttelte den Kopf. „Das geht ins Auge.“
„Vielleicht wollen sie gar nicht kämpfen“, sagte Big Old Shane. „Schließlich müssen sie kapiert haben, daß dann auch bei ihnen die Fetzen fliegen, das heißt, daß es für sie riskant ist, sich mit uns anzulegen.“
„Könnte sein, könnte auch nicht sein“, sagte Hasard, „verlassen würde ich mich nicht darauf. Sicherer ist auf jeden Fall, wenn wir uns nachts verdrücken. Und auch das hat den Haken, daß wir nicht unbemerkt von der Helling herunter können. Wir werden ständig beobachtet. Sobald die Winschen an Land besetzt werden, weiß de Jonge, daß wir die Absicht haben, diesem schönen Hafen Lebewohl zu sagen. Er wird die vier Galeonen draußen alarmieren und selbst seeklar machen.“
„Abwarten“, sagte Ferris Tucker, „kommt Zeit, kommt Rat. Vielleicht ergibt sich plötzlich eine Situation, die für uns günstig ist. Außerdem läuft uns nichts weg.“ Er grinste. „Im Hafen ist gut schlafen, was, Bän Breitohn?“
Der Bootsmann und Erste Offizier der „Isabella“ brachte es tatsächlich fertig, rote Ohren zu kriegen.
„Du mußt es ja wissen“, sagte er gallig.
„Nein, ich muß es erst noch ausprobieren.“
„Hast du dir auch verdient, Ferris“, sagte Hasard..
Also ging an diesem Abend Ferris Tucker mit fünf Männern an Land, ohne zu ahnen, daß die günstige Situation, von der er gesprochen hatte, um die Zeit nach Mitternacht Wahrheit werden würde.
Wenn er es geahnt hätte, wären ihm die Haare zu Berge gestanden. Aber nicht nur ihm, sondern jedem Mann auf der „Isabella“, vor allem dem Kapitän Philip Hasard Killigrew.
Dem begannen sie sich zu sträuben, als er nach einer Ronde etwa zwei Stunden vor Mitternacht feststellte, daß seine beiden Söhne nicht in ihren Kojen lagen.
In der Kapitänskammer waren sie nicht, wo sie sich manchmal die Seekarten anschauten. Bei Ben Brighton waren sie auch nicht. Ben Brighton weckte Smoky. Hasard schaute in der Kombüse nach. Sie war blitzsauber und leer.
Fünf Minuten später wurde das ganze Schiff umgekrempelt. Alle Männer, die an Bord waren, suchten.
Blacky, der die Abendwache an der Leiter ging, hatte die beiden Lümmel auch nicht gesehen.
In Hasard begann es zu kochen.
Old O’Flynn begann mal wieder zu orakeln und meinte, die Lausebengel seien sicherlich fischen gegangen.
„Bei dem Scheißwetter?“ fuhr ihn Hasard an. „Und was heißt hier ‚fischen gegangen‘? Zu der Zeit wird nicht gefischt, sondern geschlafen!“
„Weiß man’s?“ meinte Old O’Flynn unbeeindruckt. „Als ich noch auf der ‚Empreß of Sea‘ fuhr, haben wir oft des Nachts geangelt. Mit Licht! Da beißen sie besser an, verstehst du?“
Hasard stöhnte und rief die Männer zusammen.
„Wer hat die Lümmel zuletzt gesehen?“ fragte er.
Der Kutscher kratzte sich hinter dem Ohr und sagte: „So gegen acht waren sie bei mir in der Kombüse, um sich einen Nachschlag zu holen.“
„Und dann? Wohin haben sie sich gewandt?“
Der Kutscher zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Sir. Ich habe nicht darauf geachtet, weil ich nach meinem Schlachtermesser suchte. Das war verschwunden – vielmehr ist verschwunden, weil ich’s noch nicht wiedergefunden habe.“
„Klarer Fall“, sagte Old O’Flynn. „Die Lümmel haben’s geklaut. Das Messer brauchen sie zum Ausnehmen der Fische, die sie angeln.“
„Quatsch! Hör mit deinem Unsinn auf, Old Donegal“, sagte Hasard wütend.
„Auch gut. Dann sage ich überhaupt nichts mehr“, brummte Old O’Flynn. „Auf mich hört ja keiner. Außerdem fehlt das kleine Beiboot, das wir vorn an der Helling vertäut hatten.“
Hasard wirbelte herum. „Wie bitte? Was sagst du da?“
„Das kleine Beiboot fehlt.“
„Woher weißt du das?“
„Ich war vorhin auf dem Galionsdeck. Da hab ich’s gesehen.“
„Und das sagst du jetzt erst?“
„Ich sollte ja mit meinem Quatsch aufhören, nicht wahr?“ sagte Old O’Flynn pikiert. „Wenn man angeln geht, braucht man ein Boot, oder?“
„Bei dem Wind?“ fauchte Hasard. „Du spinnst doch wohl, Mister O’Flynn!“
„Ach nein!“ Jetzt wurde auch Old O’Flynn rabiat. „Was heißt hier ‚bei dem Wind‘? Wer war denn der Lauselümmel, der im gleichen Alter wie seine Lauselümmelsöhne mit einer Nußschale von Boot bei Sturm in der Falmouth Bai segelte, he? Und wem hat dann Sir John den Arsch versohlt, wie? Weißt du das noch, Mister Killigrew, Sir? Und der Teufel soll mich holen, wenn ich hier in Wehgeschrei ausbreche! Entweder haben diese verdammten Lümmel gelernt, wie man bei solchem Wetter zur See fährt, oder sie haben es nicht gelernt, verflucht und zugenagelt. Ha! Meine Enkel sind aus hartem O’Flynn-Holz geschnitzt, damit auch das mal klar ist. Und ich verwette mein Holzbein, daß diese Knilche heiter und munter zurückkehren. Sonst noch was?“
„Das Schlachtermesser“, murmelte Ben Brighton. Er starrte den Kutscher an. „Das Ding ist doch scharf, oder?“
„Wie ein Rasiermesser oder Skalpell“, sagte der Kutscher stolz.
„Sie saßen im Ruderhaus, als wir am Spätnachmittag die Lage besprachen“, sagte Ben Brighton. „Sie haben zugehört.“
„Na und?“ sagte Hasard unruhig.
„Sie haben einen Plan ausgeheckt, der mir übrigens auch durch den Kopf gegangen war.“
„Was für einen Plan?“
Bedächtig, wie es seine Art war, erwiderte Ben Brighton: „Diese Nacht ist schwarz, kein Mondlicht, kein Sternenlicht. Genug Dunkelheit, um sich an die vier Galeonen draußen auf der Reede zu pirschen und die Ankertrossen zu kappen. Ehe die Kerle an Bord kapieren, was sich abspielt, treiben ihre Schiffe hier auf Land zu. Und da gibt’s dann Kleinholz, möchte ich meinen.“
Hasard und die Männer starrten Ben Brighton an, als sei er der Mann vom Mond oder eine Kuh mit drei Köpfen.
„Ach du meine Fresse“, murmelte Edwin Carberry erschüttert, „wer mit chinesischen Raketen Ratten jagt, der bringt noch ganz was anderes fertig.“ Und dann grinste er.
„Wie bitte?“ fragte Hasard irritiert. „Was ist mit den chinesischen Raketen?“
„Ach, nichts“, sagte Carberry, „ich hab nur so gedacht, Sir.“
„Was war das, Mister Carberry?“ fragte Hasard scharf. „Heraus mit der Sprache!“
„Ja, Sir, äh, das war so“, Carberry trampelte von einem Fuß auf den anderen, „also ganz harmlos, Sir. Wie soll ich sagen, na, die Rübenschweinchen haben eine neue Methode erfunden, Ratten zu jagen. Ja, genau so ist es.“ Carberry versuchte ein Grinsen, das aber danebenging, als er in Hasards eisblaue Augen schaute.
„Weiter!“ forderte Hasard. „Was ist das für eine Methode?“
Carberry räusperte sich die Kehle frei. „Nun, wie war das doch gleich, hm, hm.“ Er kratzte sich im Genick, dann war die Brust dran. „Ferris, weißt du noch, wie die Methode funktionierte? Du fandest das doch genial, oder?“ Carberry blickte sich um, aber da war kein Ferris Tucker, denn der hatte ja Landgang. Dann bemerkte er die grinsenden Gesichter, natürlich verstohlen grinsend, und brummte: „Da gibt’s wieder was zu lachen, was, wie?“
„Mister Carberry!“ mahnte Hasard. „Ich wollte die Geschichte gern zu Ende hören.“
„Die Geschichte, ja so, die Geschichte!“ Erneutes Räuspern. „Ja, die Rübenschweinchen haben also unter der Bilgegräting eine chinesische Rakete gezündet. Genial, was, wie? Und wenn das Ding unter der Gräting hin und her faucht und Sternchen verspritzt, dann kriegen es die Ratten, die ja bekanntlich gern in der Bilge herumturnen, mit der Angst zu tun und reißen aus. Schwuppdiwupp können jetzt die Rübenschweinchen zuschlagen.“ Wider versuchte der Profos, ein fröhliches Gesicht zu zeigen, und wieder erstarrte er, als er in Hasards Augen blickte.
„Und das erfahre ich jetzt erst?“
Carberry blickte sich unbehaglich um. „Also, Sir, ich hätte dir das schon noch mitgeteilt, aber da passierte die Sache mit dem verdammten Baumstamm, der unser Ruder demolierte, ja, und dann hab ich diese Geschichte doch glatt vergessen, weil der Ereignisse so viele waren.“ Unwillkürlich ahmte Carberry den gestelzten Stil des Kutschers nach, weil er das immer für sehr beeindruckend hielt. „Ja, der Ereignisse waren so viele, daß die Zeit dahinfloh und ein Tag dem anderen folgte, ohne daß der Gelegenheiten eine sich ergab, dir die Geschichte …“
Carberry brach ab, als Hasard nur sanft den Kopf schüttelte.
„Schon gut, Ed“, sagte Hasard, und Carberry atmete auf.
Ben Brighton sagte: „Sollten wir mit dem großen Beiboot auf die Reede pullen, Sir? Falls etwas schiefgeht.“
Hasard nickte. „Du bleibst an Bord, Ben. Ich gehe selbst mit.“
Sie hatten gegen den Nord aufkreuzen müssen und sich Schlag um Schlag auf die Höhe der vier ankernden Galeonen gekämpft. Wie Affen hockten sie auf der Luvkante des Bootes und geigten durch die zischende See.
Hasard bediente die Pinne, Philip die Schot zu dem trapezförmigen Segel, das an einer Gaffel ausgespreizt wurde. Natürlich waren sie bereits quitschnaß, aber das kümmerte sie nicht weiter. Außerdem war das Wasser warm.
„Wie packen wir’s?“ brüllte Philip seinem Bruder ins Ohr. „Wir können bei dem Wind unmöglich bei jeder Trosse in den Wind schießen, das haut uns die Gaffel kaputt und den Großbaum um die Ohren!“
„Wir segeln an den Trossen vorbei!“ rief Hasard. „Oder vielmehr drüber weg! Ich nehme dann noch die Schot. Und du haust mit dem Messer vom Kutscher auf die Trosse. Da brauchen nur zwei Kardeele zu brechen, dann reißen die anderen auch. Wenn nicht, kehren wir um, und du haust wieder drauf. Klar?“
„Klar!“
Sie hatten sich im Westen hochgekreuzt. Als sie die Umrisse der ersten Galeone undeutlich querab erkannten, liefen sie noch ein Stück über Backbordbug nach Nordwesten, wendeten dann auf den Steuerbordbug und segelten mit einer Braßfahrt bei halbem Wind ostwärts auf den Bug der ersten Galeone zu.
Hasard übernahm die Schot und hing weit draußen nach Luv, um die Schräglage des Bootes zu vermindern.
Philip lauerte in Lee neben dem Mast.
Hasard peilte voraus und sah die Galeone größer und größer werden. Und dann entdeckte er die Ankertrosse, die schräg aus dem Wasser ragte und zu der Bugklüse hochführte. Die Trosse wirkte so straff gespannt wie die Saite eines Lauteninstruments.
„Achtung!“ rief er Philip zu.
Philip zeigte mit der Linken klar. In der Rechten hatte er das Schlachtermesser – scharf „wie ein Skalpell“. Rittlings saß er auf der Mastducht und hatte die Unterschenkel ineinander verhakt, um einen festen Halt zu haben. Er wußte, daß er nur einen einzigen Schlag hatte, und der mußte sitzen.
Die Galeone wurde riesig.
Das Boot zischte auf die Trosse zu. Hasard luvte etwas an, dann noch mehr, um sie nicht zu unterlaufen. Das wäre das Ende gewesen – zumindest für den Mast.
Als er Philips Arm nach unten sausen sah, preßte er die Zähne zusammen. Und schon waren sie vorbei. Er blickte zurück. Genau in diesem Moment sprang die Kerbe auf, die das Messer geschlagen hatte – und dann brach die Trosse. Wie eine Schlange züngelte sie hoch in die Luft. Einen peitschenartigen Knall hatte es dabei gegeben.
Und schon schien die Galeone auf Fahrt zu gehen, so schnell verschwand sie nach Lee.
Philip grinste zu Hasard zurück. Hasard erwiderte das Grinsen.
Die zweite Galeone schälte sich aus der Dunkelheit. Vier Minuten später trieb sie ebenfalls landwärts. Die dritte Galeone folgte.
Bei der vierten Galeone brauchten sie drei Anläufe und waren inzwischen auch schweißgebadet. Hasard konnte die Schot kaum noch halten, die Innenflächen seiner Hände waren aufgerissen.
Aber sie brüllten Hurra und „Arwenack“, was natürlich keiner hörte, weil der Wind orgelte und pfiff.
Die vier Galeonen befanden sich „auf großer Fahrt“, wie Philip brüllte.
Sie segelten jetzt mit Backstagswind über Backbordbug wieder westwärts und kreuzten das Kielwasser der treibenden Galeonen.
Warum sich da überhaupt nichts tat, war ihnen schleierhaft, zumal die Galeonen zwar zuerst mit dem Heck voran nach Süden trieben – wie sich das gehörte –, aber dann doch allmählich herumtörnten, dem Wind die Breitseite boten und demzufolge völlig anders schlingerten und schaukelten als zuvor, als sie im Wind liegend an der Ankertrosse gehangen hatten.
„Die pennen!“ rief Hasard.
Philip, der die Schot wieder übernommen hatte, nickte.
Und dann tönte über die Reede ein donnernder Krach, weil sich zwei der Galeonen gerammt und ineinander verbissen hatten.
Die beiden Lümmel brüllten sich vor Begeisterung die Kehlen heiser.
Und als sie an dem Beiboot vorbeifegten, in dem kräftige Seewölfe an den Riemen rucksten, lachten sie sich halbtot, weil sie schneller waren.
„Da war Dad an der Pinne!“ rief Hasard.
„Hab’s gesehen!“ Philip feixte. „Sah aus, als hätte er Sir John verschluckt!“
Sie lachten und kicherten. Und als ihnen das Segel wegflog, kicherten sie immer noch, weil das zu ulkig aussah. Dieses verdammte Ding hing jetzt nur noch mit einem Schäkel und Reihleine an der Gaffelnock, wehte ihnen voraus wie eine riesige Fahne, aber zog sie auch weiter auf das Ufer zu.
„Hu-hu!“ brüllte Hasard. „Das ist die neue Kunst, ’ne Jolle zu segeln! So was habt ihr noch nicht gesehen, Leute!“
Sie wurden gesehen – von den Seewölfen, die zurückgeblieben waren und zum Ufer stürzten, als diese merkwürdige Jolle heranraste – mit einem vorausflatternden Segel, das sich allmählich in Fetzen auflöste.
„Du meine Fresse, du meine Fresse“, murmelte Carberry ein ums andere Mal und hieb Smoky die Pranke auf die Schulter. „Sind das verteufelte Kerlchen, diese Rübenschweinchen? Jagen ’ne ganze Flotte zum Teufel!“
„Vier“, sagte Smoky.
„Vier sind ’ne ganze Flotte, du Plattfisch!“ brüllte ihn Carberry an.
In diesem Moment fegte die Jolle quer durch den Tangstreifen auf den Sand – und der Mast brach.
„Mahlzeit“, sagte Hasard junior und hielt sich den Bauch vor Lachen.
Und Philip krümmte sich und stöhnte: „O Mann, ich kann nicht mehr, mein ganzer Bauch tut weh! Ich mach mir gleich in die Hosen!“ Und er kicherte und kicherte.
Kräftige Fäuste hoben sie aus dem Boot und trugen sie im Triumphmarsch zur „Isabella“.
Zu diesem Zeitpunkt brummte die eine Galeone östlich der Pier auf. Und die letzte Galeone, bei der sich das Ruder aus irgendwelchen Gründen verklemmt hatte, trieb auf die „Zwarte Leeuw“ zu.
Einen Notanker zu werfen, um die Fahrt zu stoppen, schafften sie nicht mehr. Und die Segel kriegten sie auch nicht schnell genüg hoch, um sich noch freizusegeln.
So passierte, was passieren mußte, während die Männer der „Zwarte Leeuw“ schreiend von Bord stürzten und auf die Pier flüchteten.
Mit dem Bugspriet voran fraß sich die vierte Galeone in die „Zwarte Leeuw“.
Kapitän de Jonge starb einen seltenen Tod.
Der Bug der vierten Galeone klemmte ihn ein, als er auf die achtere Galerie sprang. Er verendete kläglich und wurde später mit Äxten aus seiner Lage befreit. Aber davon hatte er nichts mehr.
Am nächsten Tag wehte der Wind sanft aus Südost, und die „Isabella“, wieder in ihrem Element, nahm Kurs auf den Ausgang der Bantambai. Gaspar de Ribeiro stand auf der Pier und winkte der englischen Galeone nach.
Und noch einmal hörte er den Schlachtruf der Seewölfe, aber es war ein Abschiedgruß, der über die Reede donnerte und auch gegen vier gestrandete Galeonen prallte. Das fünfte Schiff, die „Zwarte Leeuw“, das Flaggschiff des „Kommodore“, hing halb abgesoffen an der Pier.
„Ar-we-nack – Ar-we-nack …“
„Gute Fahrt, ihr Seewölfe“, murmelte de Ribeiro.

1.
Das Meer verwandelte sich in flüssige Lava.
Weit entfernt, im Osten, entstand die hellrote Glut als winziger Fleck, breitete sich aber aus wie ein gefräßiges Ungeheuer aus rätselhaften Tiefen. Erst jetzt erschien der Feuerball, als habe er sich seine Freiheit mit grimmiger Urgewalt erkämpfen und die starre Linie des Horizonts erst durchbrechen müssen, um sich nun als strahlender Sieger erheben zu können.
Während die Sonne rasch höher stieg, schob sich der Widerschein ihrer Glut mit dem Wellengang des Ozeans auf die Insel zu und schien sie verschlingen zu wollen.
Der einsame Wächter erschauerte, zog die dunkle Decke fester um seinen schmalen, doch muskulösen Körper. Sein Gesicht war mit schwarzer Erde eingerieben, sein jettschwarzes Haar besorgte ein übriges, um ihn mit dem düsteren Felsenhintergrund verschmelzen zu lassen. Er zählte zu den Jüngsten im Volk des Raja Sohore Jugung Moharvi, doch seinen Dienst an diesem heiligen Ort verrichtete er nicht zum ersten Male.
Noch immer bereitete ihm aber das Wissen um die Nähe der Götter Unbehagen. Sie wohnten nur einen Lanzenwurf weit über ihm, im Krater des Vulkans Prakjat. Doch sie duldeten seine Nähe, denn er gehörte zu den Auserwählten, die davon befreit waren, die vorgeschriebene weiße Kleidung anzulegen, wenn sie ihnen gegenübertraten. Von der kleinen Felsplattform unterhalb des Vulkankegels genoß der Wächter einen hervorragenden Blick in die drei Himmelsrichtungen Osten, Süden und Westen. Und nur von Südwesten waren die Feinde zu erwarten. Nur von dort ging die ständige Bedrohung für das Volk des Raja aus.
Die Brahmanen hatten lange um die Entscheidung gerungen, einen Wächter am heiligen Ort zu postieren. Mehrere eindeutige Zeichen waren abgewartet worden, ehe man sich des Wohlwollens der Götter sicher gefühlt hatte.
Der junge Inselbewohner blickte auf das Meer hinaus, das sich im Sonnenaufgang glutrot gefärbt hatte. Weniger die Nähe der Götter als dieses glühende Rot war es, das ihm Unbehagen einflößte. Er hatte es selbst nie miterlebt, wenn die Götter zürnten und feurige Lava über die Insel spien. Doch aus den Erzählungen der Alten kannte er das Grauen, das dann aus dem Schlund der Erde hervorbrach. Unzählige Vorväter der Bewohner von Seribu waren jenem Todeshauch göttlichen Zorns nicht entronnen. Alle, die heute auf der Insel lebten, brachten immer wieder Opfergaben dar, mit denen sie ihr Leben in Frieden zu sichern hofften.
Unvermittelt erstarrte der Wächter in seiner Haltung. Seine Augen wurden schmal, während er nach Süden spähte.
Segel schoben sich über die Linie des Horizonts. Große, helle Segel.
Der Herzschlag des jungen Kriegers begann zu rasen. Jähe Anspannung griff nach ihm wie eine übermächtige Faust.
Dem menschlichen Zorn konnten sie niemals entrinnen. Dafür waren auch jene Opfer sinnlos, mit denen sie das Wohlwollen der Götter auf ihrer Seite hatten. Denn die Andersgläubigen von jenseits des Meeres verachteten die Götter, nach deren Maßregeln die Menschen auf der Insel Seribu lebten.
Das fremde Schiff näherte sich mit weißschäumender Bugwelle. Noch wartete der Wächter, bis er Einzelheiten erkennen konnte. Bald darauf hatte er Gewißheit. Es war eins dieser Schiffe, wie es die weißen Männer aus der fremden Welt verwendeten. Nur, dieses Schiff war größer und stolzer als das eine, das er kannte. Etwas Majestätisches ging davon aus. Er mußte sich von dem Anblick losreißen und sich selbst daran erinnern, daß es nichts anderes als eine tödliche Bedrohung sein konnte, die dort mit dem heraufziehenden Morgen nahte.
Eilends verließ er die Felsplattform. Mit federnden Bewegungen, die seine jungen und gestählten Muskeln erlaubten, lief er den Hang hinunter, bis der tropische Dschungel ihn verschluckte.
Die Menschen auf Seribu würden gewarnt sein – rechtzeitig, bevor das große Schiff die Insel erreichte. Dieses Schiff hatte sich mit dem Feind verbündet. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.
„Scheint unbewohnt zu sein“, sagte Ben Brighton, während er das Spektiv sinken ließ.
Philip Hasard Killigrew legte seine Hände auf die Steuerbordbalustrade des Achterkastells und nickte. Feine Gischt, die von der schäumenden Bugwelle der „Isabella VIII.“ aufstieg, wehte ihm ins Gesicht. Der Wind wühlte im schwarzen Haar des Seewolfs, ein handiger Südost, der die Galeone über Backbordbug vor sich hertrieb.
Es war vorerst nicht mehr als ein sattgrüner Fleck, der sich Steuerbord voraus in der Javasee abzeichnete. Ein deutlicher Kontrast, weil die Morgensonne dem Waschbrettmuster des Wellengangs eine unvergleichliche Färbung verlieh.
„Ob bewohnt oder nicht“, entschied Hasard, „wir werden uns um diese hübsche kleine Insel nicht kümmern. Unsere Frischwasservorräte reichen für mehr als zwei Wochen.“ Was den Proviant betraf, hatten sie noch weniger Sorgen. Auf Java, das hinter ihnen lag, hatten sie der „Isabella“ den Bauch kräftig vollgeschlagen.
„Bist du sicher, daß die Seekarten stimmen?“ Ben Brighton blickte Hasard von der Seite an. „Inseln sind jedenfalls nicht verzeichnet. Oder?“
„Das muß nichts heißen, Ben. In der Sundastraße soll es eine Menge kleinerer Eilande geben. Überhaupt scheint mir dieses ganze Südostasien eine Inselwelt von unvorstellbarer Größe zu sein.“
Ben Brighton hob wieder den Kieker. Er war ein besonnener und ruhiger Mann, der möglichen Überraschungen stets dadurch begegnete, daß er sich mit Unbekanntem gründlich beschäftigte – sofern die Zeit dazu blieb. An diesem Morgen hatten sie an Bord der „Isabella“ allesamt Zeit im Überfluß. Der stete Südost bereitete keine Schwierigkeiten, und der klare Himmel ließ vermuten, daß es auch den Tag über so bleiben würde.
Pete Ballie, der stämmige Rudergänger mit Fäusten so groß wie Ankerklüsen, konnte es sich leisten, dem Wortwechsel zwischen dem Seewolf und dem Ersten mehr Aufmerksamkeit zu widmen als dem Steuerruder. Und die Crew konnte sich mit Hingabe einem herzhaften Frühstück widmen, das der Kutscher mit nicht geringerer Hingabe in der Kombüse zusammengezaubert hatte.
Fütterung der Raubtiere, hatte Edwin Carberry, der bullige Profos, augenzwinkernd gebrummt, bevor er selbst ins Logis verschwunden war, um das zu betätigen, was in seinem herzhaften Sprachgebrauch unter der Bezeichnung Futterluke rangierte. Entsprechend ruhig war es an Deck. Moses Bill, der als Ausguck im Großmars ausharrte, hing seinen Gedanken nach. Außer dem grünen Farbtupfer der Insel gab es nichts mehr zu vermelden, denn weit und breit glich die See besagtem Waschbrett, an dessen Muster sie erinnerte. Sir John, der Arakanga-Papagei, hockte hoch oben auf der Vormarsrah und ließ sich den frischen Wind durch das karmesinrote Gefieder blasen. Schon in einer Stunde, wenn die Sonne ihren Aufstieg beschleunigte, würde es wieder drückend heiß sein. Die extrem hohe Luftfeuchtigkeit in diesen Breiten hatte das Schiffsholz mit einem glitschigen Belag überzogen.
Die „Isabella“ lag auf Nordwestkurs. Dabei würde sie die Insel mit einer Distanz von etwa zwei Seemeilen nach Steuerbord passieren. Für eine Kursänderung gab es keinen Anlaß.
Das Kartenmaterial, über das der Seewolf verfügte, war ziemlich ungenau. Es entsprach dem geringen Wissensstand, den europäische Seefahrer über diesen Teil der Welt hatten. Dennoch war Hasard nach seinen Berechnungen sicher, daß sie sehr schnell die Küste von Sumatra erreichen mußten. Jene Insel, die Java an Größe noch um etliches übertraf.
Einzelheiten wurden nun deutlich.
„Das sieht nicht sehr einladend aus“, bemerkte Ben Brighton.
Hasard sah es mit bloßem Auge. Ein schwarzer Vulkankegel reckte sich aus dem grünen Teppich des Tropenwaldes hoch, der die Insel bedeckte. Ruhig und friedlich thronte dieser kegelförmige Koloß dort inmitten üppiger Vegetation. Doch das Bild mochte trügen. Geschichten, die aus fernöstlichen Breiten überliefert wurden, berichteten von furchtbaren Katastrophen durch Vulkanausbrüche.
Es schien also denkbar, daß diese Insel tatsächlich unbewohnt war, wie Ben vermutete. Hasard schätzte die Größe des Eilands auf höchstens hundert Quadratmeilen. Dank der rauschenden Fahrt der „Isabella“ näherten sie sich rasch.
„Deck!“ tönte unvermittelt Bills Stimme aus dem Großmars. „Dort, am Strand! Ein Wrack!“
Ben Brighton justierte die. Optik des Spektivs. Auch der Seewolf nahm seinen Kieker zur Hand.
Der Strand dieser Insel war dunkel, fast schwarz. Stellenweise reichte die Vegetation bis unmittelbar ans Wasser. An anderen Stellen wiederum verlief der Strand flach und ausgedehnt bis zu düsteren Gesteinsmassen, die sich landeinwärts erstreckten. Erkaltete Lava zweifellos, die vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten das Dickicht unter sich begraben hatte.
Das Wrack, das Bill erspäht hatte, war selbst mit dem Spektiv nicht eben leicht zu entdecken. Denn die Entfernung betrug immerhin noch einige Seemeilen. Hasard mußte anerkennend feststellen, über was für gute Augen der Moses verfügte. Es war nicht das erste Mal, daß sich Bill auf solche Weise bewährte.
Wenn es einen Kontrast zu dem schwarzen Strand gab, dann nur die hellere, ausgebleichte Farbe verwitterten Schiffsholzes. Es handelte sich um eine Jolle, die fraglos nicht hier in Asien, sondern irgendwo im heimischen Europa zusammengezimmert worden war.
Hasard hielt sich nicht mit der morschen Nußschale auf, die offenbar auf den Strand getrieben worden war. Er ließ das Blickfeld des Spektivs weitergleiten. Stück für Stück und sorgfältig suchte er auf diese Weise den Strand ab. Ben Brighton tat es ebenso, und nahezu im selben Moment erspähten sie den Körper.
„Da!“ rief Ben. „Haargenau vor dem Palmengürtel!“
Hasard nickte, ohne den Kieker abzusetzen.
Es war ein regloser menschlicher Körper, der dort langgestreckt auf dem düsteren Sandboden lag. Nur wenige Schritte trennten ihn von jenem Palmengürtel, der der grünen Wand des Regenwalds vorgelagert war. Es handelte sich um einen Mann. Soviel war eindeutig festzustellen. Außer einigen hellen Stoffetzen trug er nichts mehr auf dem Leib. Alles deutete darauf hin, daß er sich mit letzter Kraft den Strand hinaufgeschleppt hatte und dann zusammengebrochen war. Vor Entkräftung, Hunger oder gar wegen einer Verwundung – es gab viele Möglichkeiten.
„Vielleicht ist er schon tot“, sagte Ben Brighton gedehnt. „Oder aber …“ Er sprach nicht weiter.
Hasard wußte auch so, was Ben sagen wollte. Dieser breitschultrige, untersetzte Mann hatte jene innere Ruhe, die auch sein Äußeres ausstrahlte. Selten ließ sich der Erste Offizier der „Isabella“ zu einer unbedachten Äußerung hinreißen. In diesem Fall hegte er eben Zweifel daran, ob der Schiffbrüchige auf dem Strand der Vulkaninsel wirklich schon tot sein konnte. Berechtigte Zweifel.
Jeder Mann an Bord der „Isabella“ wußte, welchen Launen des Schicksals man unterworfen war, wenn man sein Glück auf den Weltmeeren suchte. Für viele bedeutete die Seefahrerei letzten Endes alles andere als Glück. Davon konnten alle, die jemals einen Fuß auf Schiffsplanken gesetzt hatten, ein Lied singen. Jeder der Männer, die unter dem Kommando des Seewolfs fuhren, hatte schon die irrwitzigsten Zufälle erlebt. Böse Zufälle waren es meist gewesen, die das Leben gekostet hätten, wenn es nicht eine glückliche Fügung des Schicksals gegeben hätte.
Dies war es, was Ben Brighton ebenso in seinen Gedanken bewegte wie der Seewolf selbst. Sie konnten nicht einmal ahnen, durch welche Umstände der Schiffbrüchige dort auf die Insel getrieben worden war. Wenn es aber noch Hoffnung für ihn gab, so war die „Isabella“ in diesem Moment jene glückliche Fügung, die es auf See so äußerst selten gab.
Es gab Pflichten, denen sich ein Mensch nicht entziehen konnte. Daran hatte es für Philip Hasard Killigrew noch nie den geringsten Zweifel gegeben. Menschlichkeit war in einer Situation dieser Art für ihn das oberste Gebot.
Noch einmal betrachtete er die gestrandete Jolle genauer. Das Boot war verwittert, vom Salzwasser angefressen. Soviel war trotz der Entfernung zu erkennen. Welche Umstände dazu geführt hatten, blieb vorerst unklar.
„Wir sehen nach dem Rechten“, entschied der Seewolf.
Ben Brighton setzte das Spektiv ab und blickte ihn an.
„Ich habe es gewußt“, sagte er mit einem kaum erkennbaren Lächeln. „Hoffen wir nur, daß es keinen Ärger gibt.“
Hasard zog die breiten Schultern hoch. Er war mehr als sechs Fuß groß und schmal in den Hüften.
„Damit muß man immer rechnen. Hinter einem Zufall können sich die schlimmsten Überraschungen verbergen. Aber willst du dein Gewissen damit belasten, jemandem nicht geholfen zu haben, wenn es um sein Leben geht?“
„Nein“, erwiderte Ben Brighton entschlossen.
„In Ordnung. Wir ankern vor der Insel und setzen ein Boot aus. Sechs Mann. Sie sollen sich freiwillig melden.“
„Aye, aye, Sir.“ Bens Stimme klang jetzt fast militärisch. Er schob das Spektiv mit einem Ruck zusammen und trat an die vordere Schmuckbalustrade des Quarterdecks. „Alle Mann an Deck!“ Sein energischer Befehlston drang bis in den letzten Winkel der Galeone.
Innerhalb weniger Minuten wurde es auf der Kuhl lebendig. Nackte Fußsohlen klatschten auf die von der Feuchtigkeit glitschigen Planken. Stimmengewirr beendete die fast idyllische Ruhe, die bis eben noch geherrscht hatte.
Während sie sich der Insel näherten, vergewisserte sich Hasard abermals. Der Schiffbrüchige hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Allem Anschein nach war jegliche Kraft aus seinem Körper gewichen, möglicherweise kam jede Hilfe für ihn schon zu spät.
2.
In gleichmäßigem Takt tauchten die Riemenblätter ins kristallklare Wasser. Das kleine Beiboot der „Isabella“ glitt mit rascher Fahrt durch den Wellengang, der sich klatschend am Bug brach und Gischtfahnen über die Köpfe der Männer wehen ließ. Die Sonne war höher gestiegen und stand mittlerweile über den Kronen der mächtigen Kokospalmen. Schon jetzt ließ sich die bevorstehende Hitze des Tages ahnen, denn die frische Morgenluft wich allmählich einsetzender drückender Schwüle.
Der Küstenstreifen erstreckte sich etwa in Nord-Süd-Richtung; der Strand bildete eine weitgeschwungene dunkle Linie vor der grünen Kulisse des Tropenwaldes. Vereinzelt lagen darin die erkalteten Lavafelder und erinnerten an häßliche Zahnlücken in einem menschlichen Gesicht.
Edwin Carberry, der bullige Profos der „Isabella“, pullte mit kraftvollen Zügen als Backbord-Schlagmann auf der achteren Ducht. Dan O’Flynn, schlank, jung und hochgewachsen, saß neben dem Profos und hatte keine Mühe, Carberrys Schlagzahl mitzuhalten.
Auch den anderen stand es in den Gesichtern, daß der kleine Landausflug eher ein Vergnügen als eine anstrengende Geschichte war. Luke Morgan, der gewitzte Bursche, der einst aus der englischen Armee desertiert war, hatte ein verwegenes Grinsen aufgesetzt. Wie stets, wenn sie sich Unbekanntem näherten. Die Messernarbe über Lukes Stirn leuchtete, er befand sich in dieser Stimmung, in der er mit Kußhand den Teufel ins Fell gezwackt hätte.
Matt Davies stand seinen Gefährten in nichts nach, obwohl er dort, wo sich einst seine rechte Hand befunden hatte, nur noch einen Stahlhaken an einer Ledermanschette trug. Einen spitzgeschliffenen Haken allerdings, den Matt im Nahkampf als gefährliche Waffe einzusetzen wußte. Das Haar des kräftig gebauten Mannes war grau. Alle an Bord der Galeone erinnerten sich an jene Nacht, die Matt Davies allein auf einem Floß in der Karibik zugebracht hatte. Haie hatten ihn umlagert, und es war wie ein Wunder gewesen, daß es der Isabella-Crew gelungen war, ihn zu retten. Doch sein früher dunkelblondes Haar war in dieser einen Nacht grau geworden.
Die beiden anderen Männer im Beiboot waren Sam Roscill und Bob Grey. Der schlanke, dunkelhaarige Sam Roskill hatte wilde Zeiten als Pirat in der Karibik hinter sich. Seit er unter dem Kommando des Seewolfs fuhr, hatte er sich als Draufgänger und zuverlässiger Kämpfer bewährt. Ebenso Bob Grey, ein drahtiger blonder Mann, dessen persönliche Geschichte so verworren war, daß er damit unter den Seefahrern dieser Zeit kaum eine Ausnahme bildete. Bob war als Waise von Geistlichen erzogen worden, hatte irgendwann die Nase gründlich vollgehabt und war ausgerissen. Die See war sein neues Zuhause, die Planken der „Isabella“ seine vertraute Umgebung. Kein anderer an Bord war so geschickt als Messerwerfer wie Bob Grey.
Ed Carberry schob sein Rammkinn vor und blickte über die Schulter zur Insel. Noch drei Kabellängen. Die Risse im morschen Holz der gestrandeten Jolle waren bereits zu erkennen.
„Schlaft nicht ein, ihr gottverdammten Kanalratten!“ knurrte er. „Falls ihr es noch nicht kapiert habt: Der Tag fängt erst an! Wenn ihr glaubt, daß ihr euch jetzt schon aufs Ohr hauen könnt, habt ihr euch mächtig getäuscht. Ho, ihr faulen Säcke, wollt ihr wohl pullen? Oder braucht ihr erst einen Tritt in eure Affenärsche, damit ihr wach werdet?“ Zur Untermalung seiner wohlmeinenden Ansprache legte Carberry noch einen Schlag zu, und die Männer paßten sich grinsend an.
Die Herzlichkeiten ihres Profos waren wie das Salz in der Suppe. Keiner von ihnen mochte sich den Tag ausmalen, an dem sie Ed Carberrys Sprüche einmal nicht mehr hörten.
Achteraus schrumpfte die schlanke Galeone in ihrem Blickfeld. Hasard hatte sämtliches Tuch aufgeien lassen, die „Isabella“ schwojte sacht um die Ankertrosse.
Edwin Carberry und die fünf anderen hatten sich freiwillig gemeldet, wie der Seewolf es erwartet hatte. Doch wenn es nach dieser Freiwilligkeit gegangen wäre, dann hätte sich jetzt die gesamte Crew auf dem Weg an Land befunden. So hatte der Profos kurzentschlossen die Auswahl getroffen. Außer ihren Entermessern hatten sie sich mit Steinschloßpistolen bewaffnet und zusätzlich drei Musketen mitgenommen.
Denn wer oder was sie außer dem Schiffbrüchigen auf der Insel erwartete, mochte derzeit allein der Teufel wissen. Zwar vermutete Ben Brighton nach wie vor, daß es sich um eine unbewohnte Insel handelte. Aber die Seewölfe hatten dem Gehörnten zu oft in die grinsende Visage geblickt, um noch gutgläubig zu sein.
Wenn es dann noch solche haarsträubenden Überraschungen gab, wie sie es in Australien erlebt hatten, dann rüsteten sie sich lieber vorher für alles Mögliche und Unmögliche. Menschenfressern, deren grausiges Handwerk sie dort auf dem Kontinent der Känguruhs und Beuteltiere erlebt hatten, wollten sie kein zweites Mal begegnen.
Unvermittelt knirschte der Kiel des Beiboots auf Sand. Die Männer pullten noch einen kräftigen Schlag, holten dann die Riemen ein und sprangen außenbords. Das seichte Wasser reichte ihnen bis zu den Kniekehlen. Sie zogen das Boot an Land, nur ein paar Schritte von der verwitterten Jolle entfernt.
Der Schiffbrüchige lag unverändert an jener Stelle, an der sie ihn schon von Bord der „Isabella“ aus beobachtet hatten.
„Sehen wir uns den komischen Stint ein bißchen näher an“, knurrte Edwin Carberry und stapfte voraus. Im dunklen Sand hinterließen seine kahnförmigen Seestiefel tiefe Abdrücke. Wer den Profos kannte, wußte, daß seine Bemerkung durchaus fürsorglich gemeint war.
Dan O’Flynn, Matt Davies und die anderen folgten ihm. Die Entermesser klatschten gegen ihre Hüften, unter ihren Ledergürteln ruhten die schweren Pistolen. Sie nahmen sich nicht die Zeit, die Jolle zu untersuchen. Der Mensch, der sich hier in so offenkundiger Not befand, war wichtiger als alle Nebensächlichkeiten.
Ed Carberry kniete als erster vor dem reglosen Körper und beugte sich über ihn.
Seine Gefährten sahen sich um. Nirgendwo bewegte sich etwas, kein Laut war zu hören. Für diesen bedauernswerten Kerl hatte es auf der Insel allem Anschein nach keine helfende Hand gegeben. Sein persönliches Pech, daß er sich ausgerechnet dieses öde Eiland ausgesucht hatte.
„Merkwürdig“, brummte der Profos, „unterernährt sieht dieser Hering nicht gerade aus. Und atmen tut er auch noch. Wollen doch mal sehen …“ Er packte ihn an der Schulter, um ihn auf den Rücken zu drehen.
Die gesamte Crew hatte sich an Deck versammelt. Ausgenommen der Kutscher, der seinen Platz in der Kombüse nur dann zu verlassen pflegte, wenn sich Sensationen anbahnten. Und danach sah es seiner Meinung nach beim besten Willen nicht aus. Den Männern, die am Steuerbordschanzkleid der Kuhl lehnten, genügte indessen die Tatsache, daß sechs ihrer Gefährten unterwegs waren, um eine höchst unklare Sache klarer zu machen.
Diese Insel sah wahrhaftig aus wie ein toter Haufen Erde, wozu der gewaltige Vulkankegel in erheblichem Maße beitrug. Es schien nur noch eine Frage von Jahren oder Jahrzehnten zu sein, bis die Lavamassen auch den Rest des Tropenwaldes unter sich begraben haben würden. Menschen gab es hier bestimmt nicht. Davon waren die Seewölfe überzeugt. Wer konnte schon unter der ständigen Bedrohung durch so einen elenden Vulkan leben?
„Dad, was tut unser alter Affenarsch jetzt?“ erklang eine helle Stimme auf dem Achterkastell.
Die Männer auf der Kuhl konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Doch sie hüteten sich, in Gelächter auszubrechen. Der Seewolf verstand eine Menge Spaß. In dieser Beziehung aber nicht.
Hasard setzte das Spektiv mit einem Ruck ab und wandte den Kopf zur Seite. Ben Brighton, der neben ihm stand, mußte sich abwenden, um sein Lächeln nicht zu zeigen.
„Eins schreibe dir hinter die Ohren, Sohn“, sagte der Seewolf energisch. „Unser Profos heißt für dich nicht ‚unser alter Affenarsch‘, sondern immer noch Mister Carberry oder ‚Sir‘, wenn du ihn direkt anredest. Das gilt übrigens für euch beide. Sonst ist zu sagen, daß ich selbst nicht genau erkennen kann, was Mister Carberry gerade tut. Er untersucht nämlich den Schiffbrüchigen, und die anderen stehen um ihn herum.“
Hasard junior zog den Kopf zwischen die Schultern, biß sich auf die Unterlippe und senkte den Blick.
„Aber Dad“, entgegnete Philip junior ziemlich lautstark, „ich dachte, wir sollen nur dann nicht ‚unser alter Affenarsch‘ sagen, wenn er in der Nähe ist! Und im Moment ist er doch so weit weg, daß er uns gar nicht hören kann.“
Hasard schickte einen ergebenen Blick zum Himmel. Dann wandte er sich seinen Söhnen zu. Manchmal dachte er, daß es einfacher sein mußte, einen Sack Flöhe zu hüten, als diese beiden Strolche zu anständigen Kerlen zu erziehen.
„Ich sage es noch einmal laut und deutlich“, begann er gedehnt. Dabei zwang er sich, nicht den Zeigefinger zu erheben, denn das wäre ihm selbst lächerlich erschienen. „Es gibt grundsätzlich keinen alten Affenarsch. Wir haben überhaupt keinen solchen an Bord, mit Ausnahme Arwenacks. Jeder, der zur Crew gehört, ist für euch ‚Mister‘ plus Nachname, und er heißt ‚Sir‘, wenn ihr mit ihm sprecht. Noch Fragen?“
Die Zwillinge wechselten einen schnellen Blick. Äußerlich ähnelten sie sich wie ein Ei dem anderen. Beide waren schlank und schwarzhaarig und hatten scharfgeschnittene Gesichter wie ihr Vater. Geschmeidig wie Katzen waren sie in ihren Bewegungen, und schon jetzt, mit ihren zehn Lebensjahren, waren sie prachtvolle Burschen geworden.
„Nein, Sir, keine Fragen“, erwiderte Hasard junior lässig, daß dem Seewolf in väterlichem Zorn die Haarwurzeln kribbelten.
„Vielleicht nur eine“, fügte Philip vorsichtig hinzu, „gilt das auch für Bill, unseren Moses? Soll er jetzt auch ein ‚Mister‘ für uns sein?“
Hasard verschlug es für einen Moment die Sprache. Er fühlte sich buchstäblich auf den Arm genommen, und garantiert grinsten sich diese beiden kleinen Halunken innerlich eins.
Bevor er jedoch zu einer passenden Entgegnung ansetzen konnte, meldete sich der, von dem die Rede war. Wieder einmal bestätigte sich das Sprichwort über den Teufel, von dem gesprochen wird.
Die Stimme Bills ertönte in geradezu schrillem Diskant.
„Deck! Segler Steuerbord achteraus!“ Bills helles Organ steigerte sich zu höchster Alarmstimmung. „Entfernung acht bis neun Kabellängen! Ein Zweimaster! Alle Segel sind gesetzt! Kollisionskurs!“
Die Köpfe der Männer waren herumgeruckt. Hasard und Philip vergaßen alle Aufmüpfigkeit wegen des Disputs über vorgeschriebene Anredefloskeln. Mit einem Satz waren sie an der Schmuckbalustrade und starrten in die Richtung, in die bereits ihr Vater und Ben Brighton mit dem Spektiv spähten.
Hasard brauchte nur eine Sekunde, um zu erkennen, was da unter Vollzeug auf die „Isabella“ zurauschte.
Handfester Verdruß!
Der Zweimaster mußte an der Südostseite der Insel gelauert haben – unsichtbar für den Seewolf und seine Crew. Möglicherweise gab es dort sogar eine Landzunge, die prächtigen Sichtschutz für einen solchen Überraschungsplan bot.
Hasard wirbelte herum. Mit diesem Schiffbrüchigen hatte er von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt. Jetzt bestätigte es sich. Deshalb bestand nicht der geringste Zweifel darüber, von welcher Sorte die Absichten waren, die die Kerle auf dem Zweimaster hegten.
„Ben!“
„Sir?“
„Hoch mit dem Anker! Kurs etwa West-Nord-West. Klar Schiff zum Gefecht!“
„Aye, aye, Sir!“ Ben Brighton war mit zwei Schritten bei der vorderen Schmuckbalustrade.
Der Seewolf brauchte nicht hinzuzufügen, daß höchste Eile geboten war. Seine Männer und er waren mehr als einmal mitten in die Hölle gesegelt. Jeder an Deck konnte beim Anblick des fremden Seglers zwei und zwei zusammenrechnen. Deshalb wußten sie alle, daß jetzt, von diesem Augenblick an, jede Sekunde zählte.
„Hoch mit dem Anker!“ tönte Ben Brightons energische Befehlsstimme über das Deck. „Klar zum Setzen von Blinde, Focksegel, Großsegel und Marssegel! Tempo, Tempo, bewegt euch!“
Er brauchte es nicht zweimal zu befehlen. Augenblicklich entstand Wuhling auf der Kuhl und zum Vordeck hin. Doch das scheinbare Durcheinander trog. Jede Bewegung der Männer, die in fliegender Hast auseinanderspritzten, war aus jahrelanger Erfahrung heraus geplant.
Ben Brightons Befehle erklangen jetzt in unablässiger Folge, begleitet vom Knarren des Ankerspills.
„Al Conroy, Batuti und Big Old Shane. Seht zu, daß unsere Lady Isabella gefechtsklar ist! Fangt mit den achteren Drehbassen an!“
„Aye, aye, Sir!“ tönte es von der Kuhl zurück, und es klang fast wie ein Freudenschrei. Was indessen daraus sprach, war nichts als wilde Entschlossenheit, es diesen Halunken zu zeigen, die nichts anderes als eine krumme, hinterhältige Tour im Kopf haben konnten.
„Was steht ihr noch herum!“ herrschte der Seewolf seine Söhne ungewollt grob an, während er schon wieder das Spektiv hob. „Holt Pützen mit Wasser! Streut Sand auf die Decksplanken! Und dann meldet euch beim Kutscher wegen der Kohlebecken!“
„Aye, aye, Sir!“ Die Zwillinge stießen es strahlend hervor, und dann rannten sie los, daß es eine wahre Freude war. Mit affenartiger Geschwindigkeit hasteten sie den Niedergang zur Kuhl hinunter.
Ben Brightons Befehle fetzten knapp und präzise über die „Isabella“, deren erstes Tuch sich entfaltete. Ein Ächzen ging durch die Beplankung, als sich das Focksegel unter dem Wind blähte. Im nächsten Moment griff der Südost auch in das Blindesegel. Sofort darauf senkte sich auch das mächtige Großsegel von der Rah. Mit katzenhafter Gewandtheit enterten die Männer höher hinauf, zu den Marssegeln.
„An die Brassen!“ rief Ben Brighton, als die ersten Männer von der Blinde und vom Ankerspill zurückhasteten.
Auch die Marssegel wurden mittlerweile von den Geitauen befreit. Das Ächzen der Beplankung ließ nach, während die Galeone Fahrt aufnahm.
Jetzt zeigte sich der Vorteil ihrer ranken Bauweise, wie sie vom besten Schiffsbauer Englands konzipiert und verwirklicht worden war. Dieses Schiff hatte nichts von der Plumpheit einer Seekuh, an die die alten spanischen Galeonen bisweilen erinnerten. Nein, die „Isabella“ war der schlagende Beweis dafür, daß Konstrukteure ihren Grips nur ein wenig anzustrengen brauchten, um die überlieferten Schiffsbauprinzipien in zeitgemäße Pläne umzuwandeln.
Der Seewolf warf einen raschen Blick durch das Spektiv. In der knappen Zeitspanne, die die Crew zum Ankerlichten und Segelsetzen gebraucht hatte, war der fremde Segler auf etwa sechs Kabellängen nähergerückt.
Noch einmal setzte Hasard den Kieker ab und legte den Kopf in den Nacken.
„Bill!“ brüllte er.
„Sir?“ Der Moses reckte den Oberkörper über die Segeltuchverkleidung des Ausgucks.
„Runter mit dir! Sofort!“
„Aye, aye, Sir!“ Bill schwang sich über den Mars und folgte den Männern, die ihre Arbeit am Großmarssegel beendet hatten.
Immer noch erklangen Ben Brightons Befehle. Zusehends gewann die „Isabella“ an Fahrt.
Al Conroy und Big Old Shane stürmten auf das Achterkastell und schleppten Pulverhörner und Säcke mit gehacktem Blei heran. Zufrieden registrierte der Seewolf, daß auch seine Söhne mithalfen, so schnell sie konnten. Und sie machten ihre Sache so verdammt gut, als hätten sie ihr ganzes junges Leben nirgendwo anders als auf Schiffsplanken verbracht.
Pete Ballies Riesenfäuste hielten das Steuerruder wie Schraubstöcke. Geradezu elegant beschrieb die Galeone einen weiten Bogen nach Backbord und lag dann auf Kurs West-Nord-West, wie es der Seewolf angeordnet hatte.
Hasard nahm sich unterdessen keine Zeit, sich näher mit dem Geschehen auf der Insel zu befassen. Was sich dort möglicherweise abspielte, ließ sich leicht ausmalen.
Er visierte den Zweimaster mit dem Spektiv an. Die Distanz war mittlerweile auf fünf Kabellängen zusammengeschrumpft. Doch mit zunehmender Fahrt der „Isabella“ blieb die Entfernung zwischen den beiden Schiffen eher konstant, und die Angreifer hatten das Nachsehen. Sie waren zum Kurswechsel gezwungen, wenn sie ihr Vorhaben überhaupt noch in die Tat umsetzen wollten. Andererseits liefen sie aber Gefahr, daß der Gegner den Spieß umdrehte und selbst zum Angriff überging.
Daß ihnen diese Gefahr drohte, mußten sie inzwischen begriffen haben. Das Überraschungsmoment nützte ihnen nichts mehr. Dafür war die „Isabella“ zu schnell. Und sie hatte einen hellwachen Burschen im Ausguck, der im entscheidenden Moment nicht vor sich hin gedöst hatte.
Daß der Zweimaster von vornherein nichts anderes als einen Angriff im Sinn gehabt hatte, daran bestand für Hasard nicht mehr der geringste Zweifel. Welche Rolle der Schiffbrüchige in diesem Zusammenhang spielte, war ihm noch nicht vollends klar. Aber so oder so – die wohlgemeinte Hilfeleistung erwies sich jetzt als ein Ding mit Pferdefuß.
Dieser Zweimaster war mit absoluter Sicherheit nicht in ostasiatischen Breiten gebaut worden. Ohne zweimal hinsehen zu müssen, stellte Hasard fest, daß es sich um eine Karacke handelte, wie sie nach wie vor im Mittelmeerraum gebräuchlich war. Die Beflaggung sagte ihm indessen nichts, nicht das geringste. Phantasiefarben. Oder bestenfalls die Nationalitätszeichen, die sich einer dieser indonesischen Inselstaaten gegeben hatte.
In der Tat änderte die Karacke jetzt ihren Kurs nach Westen. An den Brassen sah Hasard drahtige, braungebrannte Männer mit nackten Oberkörpern. Indonesier ohne Zweifel. Er spähte zum Achterkastell der Karacke, die bestenfalls einhundertfünfzig Tonnen groß war. Zwei, drei Männer konnte Hasard dort hinter der Balustrade erkennen. Europäer – nach Kleidung und Statur.
Was, in aller Welt, hatte das zu bedeuten?
Es brachte nichts ein, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Denn die geöffneten Stückpforten der Karacke sprachen eine unmißverständliche Sprache. Hasard zählte sechs Geschütze auf der Steuerbordseite. Neunpfünder oder allerhöchstens Zwölfpfünder. Angesichts dieser Armierung war es für den Zweimaster mehr als riskant, sich mit der „Isabella“ anzulegen.
Doch wie es aussah, konnten und wollten sie jetzt nicht mehr zurück. Mit dem neu angelegten Kurs hatten sie die direkte Verfolgung aufgegeben. Behielt die „Isabella“ ihrerseits den jetzigen Kurs bei, kam es unweigerlich zur Konfrontation.
Spekulierten die Männer auf der Karacke etwa damit, daß der Kapitän der fremden Galeone seine Crewmitglieder auf der Insel ganz gewiß nicht im Stich lassen würde?
Wenn sie von dieser Überlegung ausgingen, dann mußten sie wahrhaftig einen raschen Sinneswandel vollzogen haben.
3.
Edwin Carberry stutzte.
Die Kraft, die er anzuwenden gedachte, war höchst überflüssig. Wie wenn man ein Schott öffnete, von dem man glaubte, daß es fest verrammelt sei. Und das dann fast von selbst aufflog.
Der vermeintliche Schiffbrüchige bewegte sich in dem Moment, als Ed Carberry ihn an der Schulter packte.
„Jetzt laust mich doch der …“ sagte Carberry. Weiter gelangte er nicht.
Blitzartig drehte sich der eben noch Reglose auf den Rücken.
Unwillkürlich zuckte der Profos zurück. Doch das hatte noch einen anderen Grund.
Blanker Stahl funkelte in der Hand des Mannes, der allem Anschein nach nicht die geringste Hilfe nötig hatte. Ein asiatischer Krummdolch. Die rasiermesserscharfe Klinge war der Kehle Ed Carberrys bedrohlich nahe. Der Unbekannte mußte den Dolch unter seinem Körper verborgen gehalten haben.
Carberry rührte sich nicht.
Die Hände der Seewölfe fuhren zu den Entermessern. Dan O’Flynn hatte bereits die Pistole unter dem Gurt hervorgezogen. Im selben Moment erstarrten sie alle zur Bewegungslosigkeit.
„Rührt euch nicht vom Fleck!“ zischte der „Schiffbrüchige“. Sein Englisch hatte einen rollenden Akzent. „Eine falsche Bewegung, und euer Freund hier badet es aus!“
Den Männern von der „Isabella“ lief ein Schauer über den Rücken. Der Grund dafür war weniger der Krummdolch.
Nur ein Auge war es, das sie drohend anfunkelte. Dort, wo sich das linke Auge des Mannes befunden hatte, glühte eine furchtbare Wunde. Die Narben waren schlecht verheilt – ein Anblick, der selbst den Seewölfen das Blut zum Gefrieren brachte.
Edwin Carberry lief rot an vor Wut. Immerhin war er es, der diesen Anblick aus allernächster Nähe ertragen mußte. Im übrigen war er es ganz und gar nicht gewohnt, sich von einem albernen Zahnstocher beeindrucken zu lassen.
Seine Gefährten standen sprungbereit. Er sah es aus den Augenwinkeln, und er wußte, daß sie nur auf ein Zeichen von ihm warteten.
„Du lausiger Bastard“, knurrte er, „dir werde ich mal zeigen …“ Was es war, ließ er unausgesprochen.
Statt dessen schlug er mit der Rechten zu. Blitzschnell und trocken. Die ganze urgewaltige Kraft dieses riesenhaften Mannes lag hinter dem Hieb. Und die Bewegung war kaum mit den Augen zu verfolgen.
Der Einäugige schrie auf – vor Schmerz und Schreck gleichermaßen. Sein Krummdolch wirbelte in hohem Bogen durch die Luft und landete weit entfernt im dunklen Sand. Der Mann sank zurück und preßte das brennende Handgelenk mit der unversehrten Linken.
Behende war Ed Carberry auf den Beinen. Er bückte sich noch einmal und packte den Einäugigen bei den weißen Fetzen, die er auf dem Leib trug. Mühelos stellte der Profos den schlanken Mann auf die Beine. Stoff riß prasselnd unter seinen mächtigen Fäusten.
Dan O’Flynn ließ die Pistole sinken. Matt Davies und die anderen entspannten sich. Hier brauchten sie nicht mehr einzugreifen. Diese Kleinigkeit erledigte der gute alte Ed mit links.
Und er war bereits im Begriff, damit anzufangen. Seltsamerweise leistete der Kerl keinen Widerstand, als Carberry ihn zu sich heranzog.
„So, Freundchen!“ fauchte der Profos. „Ich fürchte, deine widerwärtige Visage wird gleich noch ein bißchen unansehnlicher aussehen. Oder“, er drehte sich zu den anderen um, ohne seinen Griff zu lockern, „wie wär’s, wenn wir das hinterlistige Rübenschwein mit an Bord nehmen, ein paarmal kielholen und dann an der Rahnock zum Trocknen aufhängen?“
Die Seewölfe brachen in Gelächter aus.
Dan O’Flynn wurde als erster wieder ruhig. Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf den Einäugigen.
„Ich hab das Gefühl, er hat den Ernst der Lage noch nicht ganz erfaßt.“
Womit Dan zweifellos recht hatte, denn der Einäugige grinste unverschämt. Die Tatsache, daß sein rechter Arm nach Carberrys Hieb kraftlos herunterhing, schien ihn nicht weiter zu bekümmern. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar. Der Hautfarbe nach mußte er ein Europäer aus südlichen Gefilden sein. Ein Spanier etwa? Seinem Akzent nach war das immerhin denkbar.
Ed Carberry wandte sich ihm wieder zu, wobei er seinen Schraubstockgriff jedoch um keinen Deut entspannte.
„So eine gelbgestreifte Kakerlake!“ Der Profos sagte es beinahe andächtig. „Dir müssen wir wohl erst ein bißchen Respekt beibringen, was, wie?“
Der Einäugige räusperte sich. Sein Grinsen wich einem geringschätzigen Gesichtsausdruck.
„Ich glaube, Gentlemen, ich muß ein wenig zur Aufklärung der Situation beitragen. Es wäre für Ihr Wohlergehen nicht besonders förderlich, wenn Sie diese Situation verkennen.“ Sein Englisch war wirklich perfekt, bis hin zur blasierten Wortwahl. Nur sein südlicher Akzent verdeutlichte, daß seine Heimat nicht das britische Inselreich war.
Ed Carberrys breite Kinnlade klappte einen Atemzug lang herunter. Dann gewann er seine Fassung zurück.
„Deine gedrechselten Reden kannst du dir sparen, Amigo. Ich rate dir, spuck es schleunigst aus, warum du uns an der Nase herumgeführt hast! Ehrenwerte Seeleute ihrer königlichen Lissy haut man nicht ungestraft in die Pfanne. Schreib dir das gefälligst hinter die ungewaschenen Löffel!“ Er stieß ihn von sich.
Der Einäugige stolperte zurück, fing aber sein Gleichgewicht ein. Demonstrativ strich er die Fetzen glatt, die er auf dem Leib trug. Dann zog er etwas aus einer verborgenen Tasche hervor und streifte es sich über den Kopf. Eine schwarze Augenbinde, die die furchtbare Wunde verdeckte.
„Zur Klarstellung, Gentlemen“, sagte er mit einem entschlossenen Ruck, wobei er den Kopf hochmütig in den Nacken warf. „Mein Name ist Laurindo de Carvalho, ich bin portugiesischer Staatsbürger und der Kapitän jenes Schiffes. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit freundlicherweise seewärts richten wollen …“ Seine Stimme triefte jetzt vor Hohn.
Schlagartig begriffen die Männer von der „Isabella“, daß das hinterhältige Spiel noch längst nicht beendet war. Wie sehr sie hereingelegt worden waren, begriffen sie, als sie sich umdrehten.
Diese Karacke, die dort draußen unter Vollzeug auf die „Isabella“ zurauschte, bildete zweifellos einen wesentlichen Bestandteil besagten Spiels.
„Himmel, Arsch und Wolkenbruch!“ brüllte Ed Carberry. „Das ist denn doch zum Auswachsen! Jetzt reicht es, Freundchen. Ich glaube, wir müssen dir erst kräftig die Hammelbeine langziehen, bis du kapierst, mit wem du dich angelegt hast.“ Er trat einen Schritt auf Kapitän Einauge zu.
„Halt!“ rief der Protugiese schneidend. „Bleiben Sie, wo Sie sind, oder es wird Ihnen leid tun!“ Mit einer raschen Handbewegung deutete er zur Seite.
Die Seewölfe erstarrten zum zweiten Male an diesem jungen Tag.
Alles spielte sich völlig lautlos ab.
Die braunhäutigen Gestalten traten aus dem Palmenwald hervor und standen in breiter Front da – wie eine Erscheinung aus heiterem Himmel. Drohend und stumm. In den Händen hielten sie Wurfspieße mit metallenen Spitzen, und an ihren Hüften baumelten Krummdolche von jener Art, wie sie auch der Portugiese gehabt hatte.
„Heiliges Kanonenrohr“, stöhnte Ed Carberry fassungslos, und er verzichtete spontan darauf, sich den Einäugigen noch einmal gründlich vorzuknöpfen.
„Das sind fünfzig, sechzig Mann“, stellte Dan O’Flynn nüchtern fest. „Sechs von ihnen erledigen wir mit den Kugeln, die wir in den Läufen haben.“
„Zuerst diesen portugiesischen Strolch“, knurrte Matt Davies, „dann die fünf nächsten.“ Beinahe liebevoll strich er mit der Linken über den im Sonnenlicht funkelnden Stahl seines Prothesenhakens.
„Und dem Rest zeigen wir, was ein Entermesser ist“, fügte Luke Morgan hinzu.
„Davon rate ich Ihnen dringend ab, Gentlemen“, sagte Kapitän Einauge herablassend. „Falls Sie glauben, daß Sie es mit furchtsamen Wilden zu tun haben, unterliegen Sie einem schweren Irrtum. In unserem kleinen Königreich verfügen wir über eine hochentwickelte kämpferische Erfahrung.“
„Jedenfalls wissen wir jetzt, daß es keine unbewohnte Insel ist“, stellte Bob Grey voller Galgenhumor fest.
Ein weithallender Schuß beendete das unerfreuliche Gespräch. Der donnernde Nachklang rollte über die Fluten.
Die Männer warfen die Köpfe herum.
Al Conroy wechselte mit einem Sprung von der soeben abgefeuerten Drehbasse zu dem zweiten Geschütz dieser Art, das auf dem Achterdeck der „Isabella“ montiert war.
Sofort begann Old Donegal Daniel O’Flynn damit, die erste Drehbasse auszuwischen und nachzuladen. Es war eine Arbeit, die dem rauhbeinigen alten Seemann geradezu Vergnügen bereitete. Sein Holzbein, das bei den meisten anderen Gelegenheiten ein Handikap war, behinderte ihn keineswegs.
Al Conroy, der stämmige schwarzhaarige Stückmeister der Galeone, schwenkte den Lauf der zweiten Drehbasse herum. Die glimmende Lunte hielt er bereit und wartete nur auf ein Zeichen des Seewolfs.
Philip Hasard Killigrew und Ben Brighton beobachteten den Erfolg des ersten Schusses. Die Optik der Spektive lieferte ein scharfes Bild. Genau vor dem Bug der Karacke war die erste Ladung eingeschlagen. Das gehackte Blei hatte einen weiß gischtenden Teppich von Fontänen emporgerissen. Wieder einmal hatte der Stückmeister seine brillanten Fähigkeiten in seinem Fach unter Beweis gestellt.
Indessen konnte von einem Erfolg dieses Schusses immer weniger die Rede sein, je mehr Sekunden verstrichen.
Die Karacke segelte nach wie vor unter Vollzeug, wenig mehr als eine Kabellänge Backbord achteraus. Und die Kerle, die an Bord das Kommando führten, hatten sich nicht im mindesten beeindrucken lassen. Möglicherweise hielten sie den Meisterschuß Al Conroys für ein Zufallsergebnis. Jedenfalls war keine Kursänderung zu erkennen.
Unverändert verfolgte der Zweimaster die Galeone – wie ein wild entschlossener Bluthund, der die Stärke des Tigers nicht erkannte, dem er im Nacken saß. Und der Tiger zögerte noch, seine Stärke auszuspielen, wußte er doch, daß der Bluthund ein höchst größenwahnsinniges Spiel trieb.
Auf der Kuhl standen Batuti und Big Old Shane bereit. Der schwarze Herkules aus Gambia und der bullige Schmied von Arwenack hatten ihre übermannsgroßen Bogen gespannt und warteten ebenfalls nur auf einen Befehl des Seewolfs. Beide fieberten darauf, mit den pulverträchtigen Utensilien aus ihrer Trickkiste zu zaubern.
Der Seewolf hatte längst auch das Besansegel setzen lassen. Die Stückpforten an der Backbordseite der „Isabella“ waren geöffnet. Dahinter leisteten Ferris Tucker, Smoky, Blacky und der Kutscher schweißtreibende Arbeit, assistiert von den beiden Söhnen des Seewolfs. Hasard und Philip hatten die Kohlebecken herangeschleppt, legten Rohrwischer und Pulverschaufeln bereit und erledigten die vielen kleinen Handgriffe, die sie bereits mit nachtwandlerischer Sicherheit kannten.
Arwenack, der Schimpanse, und Sir John, der Arakanga-Papagei, hatten sich in Deckung verzogen. Mit sicherem Instinkt ahnten sie das Eisengewitter, das möglicherweise über die Galeone hereinbrechen würde.
Die übrigen Männer der Crew harrten auf der Kuhl und auf dem Vordeck aus. Sie wußten, daß jeden Augenblick alles von ihnen abhängen konnte – wenn sich der Seewolf zu einem rasanten Segelmanöver entschloß. Ho, dann würden sie diesem aberwitzigen Angreifer zeigen, was in ihnen steckte! Dann sollten den Strolchen dort auf ihrer unverschämten mickrigen Karacke die Augen aus dem Kopf fallen!
„Der hat nichts begriffen“, stellte Ben Brighton mit einem ungläubigen Unterton fest, ohne das Spektiv abzusetzen. „Wollen die sich etwa wirklich ernsthaft mit uns anlegen?“
Hasard schwenkte den Kieker zur Insel hinüber. Und er brauchte nur einen kurzen Blick, um endgültig zu verstehen, welches Spiel hier getrieben wurde. Der Zorn fraß sich wie ein glühender Klumpen in seinem Magen fest.
„Dafür begreife ich um so mehr“, knurrte er. „Sieh dir an, was aus unserem Schiffbrüchigen geworden ist!“
Ben tat es und zerbiß einen Fluch auf den Lippen.
„Diese Dreckskerle! So was verstößt gegen jedes Ehrgefühl. Hilfsbereitschaft zu wecken und dann …“ Unbändige Wut ließ ihn verstummen.
„Wenn wir die Sache in den Griff kriegen“, entgegnete Hasard, „dann verdanken wir es unserem Moses. Wäre die Rechnung dieser Strolche aufgegangen, dann wären sie über uns hergefallen, solange wir noch vor Anker lagen.“
„Was, zum Teufel, ist los?“ fragte Old Donegal Daniel O’Flynn wild. Er hatte die erste Drehbasse längst geladen. „Was redet ihr ellenlang herum? Schießen wir diesen Stinker nun zu Klump oder nicht?“
„Damit brauchen wir uns nicht zu beeilen.“ Al Conroy grinste. „Dem werden gleich die Augen übergehen.“
Hasard erklärte ihnen mit wenigen Worten, was sich auf der Insel abspielte. Denn mit bloßem Auge konnten sie es nicht erkennen. Den Männern verschlug es die Sprache. Pete Ballie, der es gleichfalls mithörte, packte das Ruder fester mit seinen Riesenfäusten. Soviel Hinterhältigkeit und Verlogenheit hatten sie lange nicht mehr erlebt. Dies hier erinnerte schon fast an die Gemeinheiten des sehr ehrenwerten Sir Francis Drake.
Erneut hob der Seewolf das Spektiv.
Die Distanz zu der Karacke hatte sich wieder etwas vergrößert und betrug jetzt gut eineinhalb Kabellängen. Der Zweimaster war erstaunlich schnell, aber ob er es mit der Galeone aufnehmen konnte, würde sich noch zeigen.
Auf jeden Fall dachte Hasard nicht daran, diese lächerliche Verfolgung noch endlos lange hinzunehmen.
„Al!“ sagte er, ohne den Kieker zu senken.
„Sir?“
„Bring ihn zur Vernunft!“
„Mit Vergnügen, Sir!“ Der Stückmeister beugte sich hinter die Visierung des drehbar gelagerten Geschützrohres und hob die Lunte.
Hasard gab Ben Brighton einen Wink. Der erste Offizier trat an die vordere Schmuckbalustrade.
„Batuti! Shane!“
„Sir?“ tönte es wie aus einem Mund.
„Zeigt es ihm!“
„Aye, aye!“
Ben Brighton nickte zufrieden. Während er wieder zu dem Zweimaster spähte, schnappten sich Batuti und Big Old Shane die ersten Pfeile, keineswegs gewöhnliche Pfeile. Was dahintersteckte, sollten die Stinte auf der Karacke gleich merken.
Al Conroys Drehbasse entlud sich mit brüllendem Krach. Ein mächtiger Feuerstrahl stieß aus dem Geschützrohr und trieb die Ladung aus bleiernen Kleinigkeiten mit Urgewalt vor sich her.
Einen Sekundenbruchteil später zierte ein gezacktes Lochmuster das Focksegel des Zweimasters.
Mit einem Satz war Al Conroy bei der geladenen Drehbasse, und Old O’Flynn humpelte zu dem noch rauchenden Geschütz, wischte es aus und lud nach.
Ein Ruf ertönte bei den Culverinen. Die Männer hatten alle acht Culverinen auf der Backbordseite geladen. Ben Brighton gab die Meldung an den Seewolf weiter. Hasard antwortete mit einem knappen Handzeichen, denn im erneuten Drehbassendonner wäre seine Stimme untergegangen.
Von der Kuhl zischten die ersten Pfeile weg und zogen eine weiße Rauchspur hinter sich her.
Al Conroys zweite Ladung zerriß das Focksegel der Karacke in der unteren Hälfte an Backbord. Das Tuch flatterte nutzlos im Wind.
Und dann krachten zwei helle Schläge an Deck des Zweimasters, als die Pulverladungen detonierten, die sich in den hohlen Schäften der Brandpfeile befanden. Eine Erfindung von Big Old Shane, unter Al Conroys fachmännischer Anleitung meisterhaft verwirklicht.
Auf der Kuhl der Karacke entstand Wuhling. Kleine Flammen züngelten auf, und die braunhäutige Crew erhielt alle Hände voll zu tun. Ein wilder Schrei klang herüber. Sie gerieten aus der Fassung.
Von der „Isabella“ zischten jetzt die pulvergeladenen Brandpfeile in rascherer Folge. Batuti und Big Old Shane schossen sich ein, arbeiteten ruhig und besonnen in schöner Regelmäßigkeit.
Al Conroy stieß die Lunte ins Zündloch seiner Drehbasse. Als das Geschützrohr aufbrüllte, glühte auch auf dem Vordeck der Karacke das erste Mündungsfeuer auf. Die beiden Schüsse vereinten sich zu einem einzigen weithallenden Donner.
Doch es zeigte sich, daß der Schütze auf der Karacke weit weniger Geschick hatte als der Stückmeister der „Isabella“.
Weit achteraus prasselte die Ladung ins Wasser, ohne der Galeone den geringsten Schaden zuzufügen.
Al Conroys bleierne Grüße indessen flogen dem Mann an der Drehbasse drüben um die Ohren, daß er schleunigst in Deckung verschwand. Schreie gellten. Die Männer, die auf dem Vordeck der Karacke mit dem Löschen beschäftigt waren, verschwanden wie weggeputzt von der Bildfläche. Drüben hatte es jetzt die ersten Verwundeten gegeben. Spätestens jetzt mußten sie begreifen, daß dies für sie ein Törn in die Hölle zu werden drohte.
In unveränderter Regelmäßigkeit klatschten die Brandpfeile in die Decksplanken des Zweimasters, und sofort darauf detonierten die Ladungen der Pfeilschäfte.
Der Stückmeister setzte seine Arbeit an den Drehbassen fort, und der alte O’Flynn war ihm dabei eine zuverlässige Hilfe.
Philip Hasard Killigrew dachte nicht daran, Mitleid zu zeigen. Denn bei dem Gedanken an seine Männer, die auf der Insel in die Falle gelaufen waren, kochte es in ihm.
Was den unverfrorenen Angreifern jetzt widerfuhr, hatten sie sich einzig und allein selbst zuzuschreiben.
4.
Mit seiner schwarzen Augenklappe und dem schulterlangen schwarzen Haar sah der Portugiese aus wie der Leibhaftige in Person. Dieser Eindruck verstärkte sich für die Seewölfe noch dadurch, daß sich das Gesicht de Carvalhos zu einer wütenden Fratze verzerrte.
Er zischte einen Fluch in seiner Muttersprache, an seinen Fäusten traten die Knöchel weiß hervor.
Dan O’Flynn zögerte nicht länger. Dies war der Moment der Verwirrung, und diesen Moment mußte er nutzen.
Blitzartig riß der hochgewachsene junge Mann die schwere Pistole hoch. In der Bewegung spannte er den Hahn, und der Flint schlug klakkend auf den Reibstahl der Pulverpfanne.
Kapitän Einauge vergaß seine Wut jäh. Und er reagierte mit einer Schnelligkeit, die Dan O’Flynn nicht erwartet hatte.
Während Ed Carberry und die anderen nach beiden Seiten auseinanderhasteten, schnellte der Portugiese aus dem Stand heraus nach vorn, zu Boden.
Und er lag flach, als die Pistole Dan O’Flynns krachte. Haarscharf fauchte das Mündungsfeuer der großkalibrigen Waffe über den Einäugigen weg. Die schwere Bleikugel schlug weit entfernt mit vernehmlichem Klatschen in das Lavagestein.
Von See her donnerten die Schüsse der Drehbassen.
Noch während der Pulverrauch aus Dan O’Flynns Waffe aufstieg, lösten sich die Indonesier aus ihrer Schweigsamkeit. Wilde Schreie gellten, dann stürmte die ganze Meute auf die Männer der „Isabella“ los.
Ed Carberry und die anderen formierten sich blitzschnell zur Abwehrstellung, rissen die Pistolen aus den Gürteln und feuerten.
Das Krachen der Schüsse brachte die heranbrandende Woge der Angreifer vorerst ins Stocken. Zwei, drei der braunhäutigen Krieger brachen zusammen.
Dan O’Flynn fand unterdessen noch Zeit, die Pistole umzudrehen und am Lauf zu packen.
Mit katzenhafter Gewandtheit schnellte der Portugiese vor ihm hoch und sprang Dan O’Flynn mit einem gewaltigen Satz an.
Dan wich zur Seite. Gerade noch rechtzeitig.
Wie ein menschliches Geschoß stieß der Einäugige ins Leere.
Von den Indonesiern tönte wütendes Geheul. Von neuem drangen sie in breiter Front auf die Seewölfe ein, und keine dreißig Yards waren es mehr, die die Riesenmeute der Angreifer von der kleinen Schar der Verteidiger trennte.
Ed Carberry und seine Gefährten ließen die nutzlos gewordenen Pistolen fallen. Denn zum Nachladen blieb keine Zeit.
Wenn Dan O’Flynn geglaubt hatte, der Portugiese würde der Länge nach zu Boden schlagen, so hatte er sich getäuscht.
Kapitän Einauge rollte sich wie eine Katze, gelangte aus dem Sprung heraus auf beide Beine, schnellte federnd hoch und wirbelte herum. Geduckt stand er da, doch ohne Waffen. Was um ihn herum geschah, schien ihn nicht mehr zu interessieren. Weder das für ihn niederschmetternde Geschehen auf See noch das Getümmel, das in unmittelbarer Nähe am Strand begonnen hatte.
Das Auge des Portugiesen war zu einem Schlitz zusammengekniffen, als er den schlanken jungen Mann fixierte.
Dan O’Flynn wandte sich ihm ruhig zu, mit einer demonstrativen Bewegung warf er die Steinschloßpistole zur Seite. Mit einem dumpfen Laut landete die schwere Waffe im Sand.
Einauges Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen.
„Fühl dich nicht zu stark, mein Junge!“ zischte er.
Dan O’Flynn antwortete nicht. Er konzentrierte sich auf seinen Gegner. Jeden Sekundenbruchteil konnte dessen lauerndes Verharren in einen wilden Angriff übergehen.
Und unverändert rollte der Geschützdonner von See her.
Der Profos und seine Männer hatten die Entermesser herausgerissen. Ed Carberry stieß die mächtige Klinge hoch.
„Versohlt ihnen den Hintern, diesen verdammten Kakerlaken!“ brüllte er.
Es war das Zeichen zur erbitterten Gegenwehr. Die Seewölfe stürmten los und unterliefen den ersten Hagel von Wurfspießen, der über sie wegzischte. Um den Portugiesen nicht zu gefährden, verzichteten die Insulaner anscheinend darauf, diese vorsintflutlichen Waffen in massierter Form einzusetzen. Und ein zweites Mal kamen sie nicht mehr dazu.
Wie ein Keil stießen die Seewölfe in die quirlende Meute vor. Die Klingen der Entermesser verursachten flirrende Lichtreflexe. Schäfte von Wurfspießen zerbrachen wie morsche Zweige. Schreie gellten. Krummdolche blitzten auf.
Jeder einzelne der Männer von der „Isabella“ hatte sich auf Rundumverteidigung eingestellt. Der Profos mit seiner Riesenstatur ragte über alles hinaus, und seine wüsten Flüche begleiteten das Kampfgetümmel.
„Ho, ho, ihr nichtsnutzigen Affenärsche! Das schmeckt euch, wie? Wartet nur ab, ihr kriegt noch mehr davon, ihr lausigen Wanzen!“ Unter seinen Hieben sanken sie zu Boden, und er bemühte sich dabei, nur die flache Klinge zu verwenden, wo es eben ging. Doch während Ed Carberry sie vorn niedermähte, klammerten sie sich hinten wie Kletten an seinen Rücken und versuchten ihn zu Fall zu bringen.
„Wollt ihr wohl Vernunft annehmen!“ brüllte er mit Donnerstimme und rammte zwei Angreifer fast gleichzeitig zu Boden. Doch dafür hatte er ein halbes Dutzend von ihnen im Nacken, und zum ersten Mal geriet er ins Wanken.
Die Indonesier stimmten Triumphgeschrei an, denn sie hatten längst begriffen, daß dieser rauhbeinige Hüne eine Art Mittelpunkt der Kampfmoral für die fremden Männer war.
Matt Davies, Luke Morgan, Sam Roskill und Bob Grey kämpften mit der gleichen Verbissenheit wie ihr Profos. Matt war der einzige, der sich ein einigermaßen freies Umfeld verschaffen konnte. Denn mit seinem Entermesser in der Linken und seinem spitzgeschliffenen Stahlhaken, dort, wo sich einmal seine rechte Hand befunden hatte, war er nicht nur ein furchteinflößender Anblick, sondern auch ein nahezu unüberwindbarer Gegner.
Luke, Sam und Bob waren indessen von dichten Trauben der Indonesier umlagert. Die furchtbaren Hiebe der Entermesser verfehlten zwar ihre Wirkung nicht, doch wegen der übermächtigen Zahl der Angreifer blieb der Erfolg gering.
Dan O’Flynns Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Die donnernden Schüsse von See, der wilde Kampf am Strand und der hämisch lauernde Einäugige – alles zusammen hätte jeden Zartbesaiteten an den Rand des Wahnsinns getrieben.
Dan kannte solche Empfindsamkeit nicht. Er war sich darüber im klaren, was von ihm abhing. Ed Carberry und die anderen waren der Übermacht auf die Dauer nicht gewachsen, selbst dann nicht, wenn sie übermenschliche Kräfte entwickelten. Und ein Wunder, das ihnen zu Hilfe kommen konnte, war nicht abzusehen.
Deshalb, so kalkulierte Dan folgerichtig, lag alles bei ihm. Bezwang er diesen hinterlistigen einäugigen Strolch, wendete er möglicherweise das Blatt. Denn er war überzeugt, daß der Portugiese für die Indonesier eine Art Häuptling war. Ohne ihn würden sie nicht weiterkämpfen.
Laurindo de Carvalho schien die Gabe des Gedankenlesens zu haben.
„Bilde dir keine Schwachheiten ein, junger Mann“, sagte er grinsend, „du und deine lieben Freunde, ihr werdet es niemals schaffen. Also gib lieber gleich auf. Oder willst du allen Ernstes noch gegen mich antreten?“
Noch während er die letzten Worte aussprach, stellte er abermals seine Tükke unter Beweis.
Dan O’Flynn war fast versucht, zu antworten, als er begriff.
Das Wortgeplänkel de Carvalhos war nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver.
Mit einem pantherhaften Satz schnellte der Einäugige auf Dan O’Flynn los, ohne daß es dafür einen erkennbaren Ansatz gegeben hätte.
Dan, durch den Trick des anderen sekundenlang irritiert, reagierte um einen winzigen Moment zu spät. Und er bereute es zutiefst, daß er die Pistole fortgeworfen hatte.
De Carvalhos Rammstoß traf ihn gegen die rechte Schulter.
Dan wurde herumgerissen. Er stolperte zur Seite, drehte sich ungewollt wie ein Kreisel und mußte alle Energie aufwenden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Genau damit hatte aber offenbar der Portugiese gerechnet, der seinen Ansturm abbremste, herumruckte und von neuem auf den schlanken jungen Mann eindrang.
Dan O’Flynns Gegenwehr traf ihn mit unerwarteter Gewalt. Geschickt unterlief Dan die Fäuste des Portugiesen und schmetterte ihm einen Hieb aufs Zwerchfell.
Der Schmerz und die Wucht des Schlages trieben de Carvalho zurück. Er wankte, vollführte kurze, schnelle Schritte und ruderte mit den Armen. Sein Gesicht färbte sich graugrün.
Sofort setzte Dan nach. Nur am Rand seines Blickfelds sah er das Kampfgetümmel, das nach wie vor zwischen den Männern der „Isabella“ und den indonesischen Kriegern brandete. Die ersten Triumphschreie, die die braunhäutigen Burschen ausstießen, nahm Dan nur im Unterbewußtsein wahr. Denn er konzentrierte sich voll und ganz auf seinen Gegner.
De Carvalho hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Doch er krümmte sich. Der Schmerz war übermächtig.
Zwei Schritte genügten für Dan O’Flynn, und er war bei ihm. Mit unbarmherzigen Fausthieben trieb er den Portugiesen weiter vor sich her. De Carvalho wankte und riß schützend die Arme hoch. In Dans Ohren dröhnte das Donnern der Schüsse von See her.
Der Sohn des alten O’Flynn legte seine ganze Muskelkraft in den nächsten Schlag, der den Einäugigen von den Beinen riß.
De Carvalho schlug der Länge nach hin, stöhnte vor Schmerzen und atmete keuchend.
Sofort war Dan wieder bei ihm und wollte ihn auf die Beine ziehen.
Plötzlich wurde er von hinten gepackt. Er hatte die Schritte nicht gehört. Sie waren Meister der Lautlosigkeit. Verzweifelt setzte er sich zur Wehr, doch gegen die Übermacht richtete er nichts aus. Vier oder fünf Indonesier waren es, die seine Arme gepackt hielten. So sehr er sich auch wand, es half nichts. Zwar mußten sie sich höllisch anstrengen, um ihn zu bändigen. Aber das gelang ihnen letztlich dank ihrer überlegenen Zahl.
Ed Carberry und die anderen konnten Dan O’Flynn nicht mehr zu Hilfe eilen.
Das Gesicht des Einäugigen war haßverzerrt, als er sich mühsam aufrappelte. In der Umgebung der Augenklappe glühte seine Stirn, in dem gesunden Auge loderte die Wut. Seine Muskeln bebten, als er langsam auf den wehrlosen jungen Mann zuging.
Einen Schritt vor ihm blieb er stehen. Ohne ein Wort und ohne Ankündigung schlug de Carvalho zu.
Dan O’Flynn schrie auf Wieder wand er sich vergeblich im Griff der Indonesier. Er konnte den gemeinen Hieben nicht ausweichen. Der Schmerz durchflutete seinen Körper wie eine alles auslöschende Woge. Der Klang seiner Schreie ging für ihn selbst in einem Rauschen unter, das seinen Kopf auszufüllen begann. Und de Carvalho hielt nicht inne.
Bewußtlosigkeit erlöste Dan O’Flynn.
Die Männer an Bord des Zweimasters entschlossen sich zu einem wahnwitzigen Manöver.
Philip Hasard Killigrew erkannte es in dem Moment, als sie begannen, es auszuführen.
„An die Brassen!“ rief er in Ben Brightons Richtung, der an der vorderen Schmuckbalustrade des Quarterdecks stand. „Kurs Süd!“
Der erste Offizier der „Isabella“ verstand sofort, und er brüllte seine Befehle mit Stentorstimme zur Kuhl hinunter. Die Lautstärke war notwendig, denn Al Conroy ließ in regelmäßigen Abständen nach wie vor die Drehbassen krachen. Und Batuti und Big Old Shane sorgten mit ihren pulvergeladenen Brandpfeilen für die hellen kleinen Detonationen an Bord der Karacke.
Jetzt allerdings ließen sie ihre Bogen fallen und hasteten gemeinsam mit den anderen los. Alle hatten sie nur darauf gewartet, zu zeigen, was in ihnen steckte. Und nun wußten sie, daß der entscheidende Moment da war. Jetzt sollten diese Himmelhunde spüren, was es hieß, sich mit der Crew des Seewolfs anzulegen – und mit ihrem Schiff, das auf den Weltmeeren nur selten seinesgleichen begegnete.
„Pete, hart Backbord!“ befahl Hasard, wobei er das Geschehen auf dem Zweimaster unverwandt beobachtete.
„Aye, aye, Sir, hart Backbord!“ schrie Pete Ballie gegen den Lärm der Drehbassen an und ließ das Steuer unter seinen Fäusten wirbeln.
Auf der Karacke quirlte die Crew durcheinander. Und es war ein wirkliches Durcheinander. Diese Indonesier konnten nicht auf jene jahrzehntelange Erfahrung bauen, die man nun einmal brauchte, um ein rahgetakeltes europäisches Schiff voll und ganz in den Griff zu kriegen. Trotz der Entfernung, jetzt wieder etwa eine Kabellänge, konnte Hasard die gellenden Befehle von Bord des Zweimasters hören. Einige der europäisch gekleideten Männer hatten ihren Platz auf dem Achterkastell verlassen und sich in die Wuhling auf der Kuhl gemischt. Das Focksegel war zu nichts mehr nutze. So blieben ihnen nur die Marssegel und das Großsegel für ihr irrsinniges Vorhaben.
Nichts anderes beabsichtigten sie, als der Galeone die Breitseite zu zeigen. Wenn es eine Herausforderung sein sollte, dann war es ein geradezu tolldreistes Unterfangen. Sie kalkulierten damit, daß sich der Seewolf dieser Herausforderung stellen würde. Zu Recht nahmen sie das an. Doch wenn sie darauf bauten, daß sie den ersten Schuß abfeuern konnten, dann mußten sie wirkliche Phantasten sein.
Die Segel der „Isabella“ begannen zu knattern, als die Rahen herumschwangen. Mit geradezu elegantem Schwung drehte die Galeone ihr Heck durch den Wind, und der Südost griff in die jetzt backgebraßten Segel.
„Al, du wirst bei den Culverinen gebraucht!“ rief Hasard.
„Aye, aye, Sir!“ Al Conroy ließ die Drehbassen mit Old O’Flynn allein und lief zum Niedergang.
Sehr schnell verlor die „Isabella“ an Fahrt, ein Ächzen und Knarren ging durch laufendes und stehendes Gut.
Drüben, auf der Karacke, waren sie gerade so weit, ihre Halse zu beginnen. Spätestens jetzt mußten sie begriffen haben, daß sie gegen die ranke Galeone und ihre in zahllosen Seegefechten siegreiche Crew hoffnungslos unterlegen waren. Hasards Männer standen bereit und warteten darauf, erneut blitzschnell zuzupakken, wenn es galt, das nächste Manöver durchzuführen.
Während Pete Ballie auf Anweisung des Seewolfs knappe Ruderkorrekturen ausführte, besorgte Al Conroy mit sicherem Blick das Richten der Culverinen.
Je acht dieser 17-Pfünder-Kanonen befanden sich an Backbord und Steuerbord. Mit ihren überlangen Rohren hatten die Culverinen eine enorme Reichweite und überdurchschnittliche Treffgenauigkeit.
Trotz intensiver Beobachtung hatte Hasard bislang noch keinen Namenszug am Heck der Karacke entdecken können.
Der Zweimaster hatte die Halse noch nicht vollendet, als der Seewolf Feuerbefehl gab.
Der Lage entsprechend ließ Al Conroy zunächst vier Culverinen abfeuern. Ein urgewaltiges Donnern lief durch den Schiffsrumpf, doch die „Isabella“ krängte nur leicht nach Steuerbord. Auch in dieser Hinsicht stellte die Galeone die Meisterleistung ihres englischen Erbauers unter Beweis.
Vier Feuerzungen leckten aus den offenen Stückpforten, dichte Wolken von Pulverrauch stiegen auf. Im Nachhall des Kanonendonners war das Rauschen der Kugeln nur noch schwach zu hören.
Von der Karacke tönte ein vielstimmiger Entsetzensschrei herüber.
Der Seewolf lächelte grimmig. Wie es schien, hatten die Indonesier niemals ein Seegefecht dieser Art erlebt. Dabei war es für sie nur ein Anfang. Zu einem wirklich ernstzunehmenden Gegenschlag sollte der Zweimaster nicht kommen.
Zwei der 17-Pfünder-Kugeln orgelten flach über das Vordeck der Karacke weg. Die Schreie verdichteten sich.
Die beiden anderen Kugeln krachten mit geringem Abstand in den Steuerbordbug des Zweimasters. Knapp über der Wasserlinie.
Jetzt, endlich, zeigte er der „Isabella“ seine volle Breitseite. Und völlig überhastet wurden die Geschütze abgefeuert.
Schon am Winkel der aus den Stückpforten zuckenden grellroten Blitze erkannte Hasard, daß die Visierlinie viel zu tief lag.
Al Conroy reagierte mit der gewohnten Präzision. Aus den ersten beiden Treffern und den beiden Fehlschüssen hatte er in Sekundenschnelle seine Schlüsse gezogen und die vier anderen Culverinen nachgerichtet.
Jetzt stießen sie ihr furchterregendes Brüllen aus – haargenau in dem Moment, als die Kugeln der Karacke weit vor der Galeone mächtige Fontänen aus der Wasseroberfläche rissen.
Die Antwort von der „Isabella“ folgte prompt. Das schmetternde Krachen der Einschläge war überdeutlich zu hören. Diesmal waren es vier Treffer, die allesamt in der Wasserlinie lagen. Für Al Conroy war das nichts Ungewöhnliches. Er hatte seine Meisterleistungen schon unter weit schwierigeren Umständen vollbracht.
Die Männer auf der Kuhl der Galeone stimmten Triumphgebrüll an. Dann vereinten sich ihre Stimmen zu jenem Schlachtruf, der schon zahlreichen Gegnern zur See einen Schauer über den Rücken gejagt hatte.
„Ar – we – nack! Ar – we – nack!“
Hasard und Ben Brighton stimmten mit ein in diesen alten Kampfruf derer von der Feste Arwenack in Cornwall, und der Seewolf glaubte gar, die hellen Stimmen seiner Söhne herauszuhören.
Al Conroy gab sich nicht zufrieden, obwohl der Zweimaster rapide nach Steuerbord zu krängen begann. Den Schlachtruf noch immer auf den Lippen, luden der Stückmeister und die anderen die Culverinen neu.
Während der Pulverrauch verflog, beobachtete Hasard das Geschehen an Bord der Karacke. Panik war dort drüben ausgebrochen. Die ersten braunhäutigen Gestalten stürzten sich an Backbord in die See – trotz des Gebrülls jener europäisch gekleideten Männer, die offenkundig dieses Schiff befehligten.
Der Seewolf schwenkte das Spektiv zur Insel. Was er dort am Strand erblickte, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Und hatte er auch nur einen Moment gezögert, so kannte er jetzt keine Gnade mehr.
Sein erneuter Feuerbefehl bedeutete den Todesstoß für den Zweimaster.
Kurz nacheinander donnerten abermals jeweils vier Culverinen an der Backbordseite der „Isabella“. Diesmal hüllte der Pulverdampf das Schiff fast vollends ein. Als er sich jedoch verflüchtigte, war das Bild eindeutig.
Tiefe Wunden waren in den Bauch des Zweimasters gerissen worden. Die weißen Männer an Bord gaben jeglichen Versuch auf, ihre Crew zurückzuhalten. Denn jetzt saß ihnen selbst die Angst im Nacken. Bei rasch zunehmender Schlagseite nach Steuerbord gelang es ihnen gerade noch, ein Beiboot abzufieren. Die Indonesier sprangen kurzerhand über Bord und retteten sich schwimmend.
Die Karacke sank rasch. Ihr Anblick erinnerte an ein waidwund geschossenes Tier, aus dem das Leben mit einem letzten Hauch wich.
Abermals stimmten die Männer an Bord der Galeone Jubelgebrüll an.
Doch dann wurden sie bald ruhiger, als sie die Kommandos Ben Brightons ausführten und die „Isabella“ wieder Kurs auf die Insel nahm.
Die Siegesfreude der Seewölfe wich bedrückter Stimmung. Denn soviel erkannten sie, ohne daß sie einen Kieker dazu brauchten: Ihre Gefährten, die nichts weiter vorgehabt hatten, als einen bedauernswerten Schiffbrüchigen zu retten, waren in eine verdammt bedrohliche Klemme geraten.
Daß es ihnen gelungen war, die Karacke zu versenken, hatte dagegen nicht mehr besonders viel Wert.
Mit zwei, drei Kabellängen Entfernung rauschte die „Isabella“ an den Männern vorbei, die sich schwimmend und im Beiboot retteten. Niemals wäre der Seewolf auf den Gedanken verfallen, seinen Zorn an diesen Schiffbrüchigen auszulassen. Denn jetzt sah er sie nicht mehr als Gegner, sondern nur noch als Schiffbrüchige. Wäre nicht Land in Sicht gewesen, hätte er sie an Bord genommen.
In dieser Beziehung unterschied sich Philip Hasard Killigrew grundlegend von jenem Mann, der sie dort auf der Vulkaninsel mit List und Tücke in die Falle gelockt hatte.
5.
Die „Isabella“ ging eine halbe Seemeile vom Weststrand der Insel entfernt vor Anker.
Alle Männer an Bord sahen es jetzt in grausamer Deutlichkeit, was sich abgespielt hatte. Die Szene war so eindeutig, daß die Wut in ihnen überzukochen drohte.
„Was für eine niederträchtige Ratte muß das sein“, flüsterte der alte O’Flynn bebend vor Zorn. „Wie kann ein Mensch nur zu so etwas imstande sein!“
Sie standen in einer Reihe am Strand. Der Einäugige hatte sie in Ketten legen lassen. Edwin Carberry und seine Begleiter hatten keine Chance mehr, sich noch zur Wehr zu setzen. Daß sie von vornherein keine Chance gehabt hatten, bewies die Zahl der Krieger, von denen sie in Schach gehalten wurden. Eine erdrückend große Übermacht.
Nach und nach erreichten jetzt die überlebenden Besatzungsmitglieder der Karacke den Strand. Sie wurden von einigen der Indonesier in Empfang genommen und versorgt. Die Inselbewohner trugen einfache Sarong-Kleidung, verschiedenfarbige Tücher, die über den Hüften verknotet waren und etwa bis zu den Knien reichten.
„Ich denke, wir sollten nicht länger warten“, sagte Ben Brighton, der neben dem Seewolf auf dem Achterkastell stand. „Wir müssen etwas unternehmen.“
Hasard bedachte ihn mit einem mahnenden Seitenblick. Ausgerechnet Ben, der sonst stets besonnen und überlegt in seinen Worten und Taten war, drängte jetzt auf eine Entscheidung. Dies war ein Anhaltspunkt dafür, wie sehr die ohnmächtige Wut in den übrigen Männern der Crew loderte.
Hasard selbst erging es nicht anders. Aber es gab da einiges zu berücksichtigen.
„Natürlich werden wir etwas unternehmen“, entgegnete er, „aber im Augenblick gibt es dafür keinen Grund.“
„Keinen Grund?“ fragte Old Donegal Daniel O’Flynn, der es mitgehört hatte. „Was für einen Grund erwartest du denn noch? Willst du erst zusehen, wie sie da drüben am Strand hingerichtet werden?“
„Das wird nicht geschehen“, erwiderte Hasard energisch. „Und jetzt reißt euch gefälligst zusammen. Mir geht das Ganze genauso an die Nieren. Aber ich werde nichts tun, was Ed Carberry und den anderen schaden könnte. Und genau das wäre nämlich im Moment der Fall, wenn wir nicht vernünftig bleiben.“
„Das soll einer noch kapieren“, knurrte der alte O’Flynn gereizt.
Ben Brighton nickte indessen nachdenklich.
„Es hat seinen Grund, warum die Männer in Reih und Glied am Strand aufgebaut wurden“, erklärte Hasard. „Wir sollen sie nämlich klar und deutlich sehen. Geht das in deinen Dickkopf hinein, Old Donegal?“
„Klar. So dämlich bin ich nun auch wieder nicht. Aber das Nächste, was sie uns klar und deutlich vorführen werden, ist die Hinrichtung.“
„Ich glaube nicht“, sagte Ben Brighton gedehnt. „Wenn wir uns nämlich fragen, warum sie diesen hinterlistigen Trick angewendet haben, dann stoßen wir auf den Kern der Sache.“
„Himmel!“ stöhnte der alte O’Flynn. „Was nutzt uns dein verdammter Kern der Sache, wenn sie da drüben unsere Leute massakrieren! Vielleicht denkt ihr auch mal dran, daß mein leiblicher Sohn dabei ist.“
„Keine Sorge, Old Donegal“, sagte Hasard schneidend. „Wir vergessen das keine Sekunde. Im Moment hat diese widerwärtige Strandparade nichts anderes zu bedeuten, als daß man Forderungen an uns stellen will. Und es soll deutlich werden, daß wir keinen großen Spielraum für unsere Entscheidung haben.“
Old O’Flynn schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, ist mir zu hoch. Wenn es nach mir ginge, würden wir den ganzen lausigen Haufen zusammenschießen. Ed Carberry und die Jungs wüßten sich dann schon zu helfen. Aber so was mit Kern der Sache und Spielraum und Forderungen …“ Er schüttelte abermals demonstrativ den Kopf.
Ben Bringhton sah den Seewolf an.
„Du bist also überzeugt, daß sie die Gefangenen uns gegenüber als Druckmittel verwenden werden?“
Hasard nickte.
Wie zur Bestätigung entstand an dem dunklen Küstenstreifen Bewegung. Die Menge der Indonesier teilte sich, eine Gasse wurde gebildet; und vier der drahtigen Männer mit nacktem Oberkörper schleppten ein Auslegerboot ins seichte Wasser.
Dann erschien ein weiterer Mann in der soeben entstandenen Gasse. Er hielt eine Bambusstange, an der ein weißes Tuch flatterte. Mit gravitätischen Schritten ging er an den Gefangenen vorbei auf das Boot zu.
Keiner der Männer an Bord der „Isabella“ brachte ein Wort hervor. Fassungslos beobachteten sie das infame Schauspiel.
Der Bursche war kein anderer als der, der sie an der Nase herumgeführt hatte.
Jetzt sah er allerdings ganz und gar nicht mehr wie ein Schiffbrüchiger aus.
Er trug ein helles Hemd, vermutlich aus teurer indischer Seide. Darunter einen breiten Ledergürtel, dessen handtellergroße Messingschließe im Sonnenlicht funkelte. Seine schwarzen Hosen steckten in braunen Stulpenstiefeln. Die Vermutung, daß diese Stiefel aus kostbarem, butterweichem Leder gefertigt waren, lag nahe.
Was den Gesamteindruck seiner noblen Erscheinung jedoch ein wenig störte, war die schwarze Binde über dem nicht mehr vorhandenen linken Auge.
Kapitän Einauge stieg ins Boot und blieb mit der weißen Fahne aufrecht stehen, während die vier Indonesier für ihn das Paddeln besorgten. Zügig glitt das Auslegerboot durch den schwachen Wellengang der Galeone entgegen.
„Jetzt erwartet dieser Strolch doch tatsächlich, daß wir seinen verdammten weißen Lappen anerkennen“, fauchte Old O’Flynn erbost. „Wir sollten den Kerl …“
„Nichts werden wir tun“, entschied Hasard rauh. „Wir hören uns an, was er zu sagen hat, und dann sehen wir weiter.“
Old Donegal Daniel O’Flynn schwieg.
Hasard trat an die vordere Schmuckbalustrade, während das Boot noch zwei Kabellängen entfernt war. Die Männer wandten sich zu ihm um.
„Hasard, Sir!“ rief Ferris Tucker grimmig. „Ich schlage vor, wir schnappen uns diesen Knilch und kitzeln ihn mit einem Messer an der Kehle. Dann steht es fifty-fifty, und sie sind gezwungen, unsere Leute freizulassen.“
„Richtig!“ schrien die anderen. „Eine bessere Gelegenheit kriegen wir nicht wieder!“
„Ruhe!“ befahl der Seewolf mit einer energischen Handbewegung. „Genau das werden wir nicht tun. Ed Carberry und den anderen ist nicht damit geholfen, wenn wir jetzt Druck ausüben. Auf der Insel haben sie immerhin sechs Gefangene, und wir hätten nur den einen als Gegengewicht.“
Dieses Argument zog. Betreten preßten die Männer die Lippen aufeinander.
„Wenn der Mann an Bord kommt“, fuhr Hasard fort, „werdet ihr euch alle sehr ruhig verhalten. Überlaßt das Verhandeln mir, und ihr könnt sicher sein, daß ich das Mögliche herausholen werde. Was wir später tun werden, entscheiden wir dann. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“
„Aye, aye, Sir“, murmelten sie bedrückt. Aber sie sahen ein, daß der Seewolf letzten Endes doch recht hatte.
Auch Old Donegal Daniel O’Flynn nickte zähneknirschend, als Hasard sich umdrehte und ihn mit einem fragenden Blick bedachte.
„Ben“, sagte der Seewolf, „ich möchte, daß du dabei bist, wenn ich mit dem Burschen rede. Vor allem soll es ruhig und sachlich zugehen. Es hat keinen Sinn, wenn wir jetzt anfangen, verrückt zu spielen.“
„In Ordnung“, entgegnete Ben Brighton knapp.
Gemeinsam stiegen sie den Niedergang hinunter. Das Auslegerboot war mittlerweile auf Steinwurfweite heran. Durch eine der Pforten im Schanzkleid ließen die Männer widerwillig die Jakobsleiter hinunter. Dann wichen sie zurück, wie Hasard es anordnete. Um den Großmast herum bildeten sie eine schweigende Front voller Ingrimm.
„Gentlemen!“ rief der Einäugige aus dem Boot herauf. „Ist es erlaubt, an Bord zu kommen?“
Hasard und Ben Brighton waren an das Schanzkleid getreten.
„Wir erwarten Sie“, antwortete der Seewolf beherrscht. „Es wird Ihnen nichts passieren.“
„Damit rechne ich auch nicht!“ rief Kapitän Einauge sarkastisch und lachte.
Dann erreichte sein Boot die Jakobsleiter. Er ließ die Stange mit der weißen Fahne zurück und kletterte zum Schanzkleid hinauf. Die Indonesier blieben im Boot. Ihre Mienen spiegelten deutliches Unbehagen. Das große fremde Schiff war ihnen nicht ganz geheuer.
Hasard und Ben Brighton begrüßten den falschen Schiffbrüchigen mit einem reservierten Nicken.
„Gestatten Sie, daß ich mich zunächst vorstelle“, sagte er salbungsvoll, „mein Name ist Laurindo de Carvalho. Ich bin Portugiese und war Kapitän jenes Schiffes, das Sie soeben versenkt haben.“
„Das geschah nicht aus einer Laune von uns“, entgegnete Hasard ruhig. Er nannte seinen Namen und stellte auch Ben Brighton vor.
De Carvalho antwortete mit einer beschwichtigenden Handbewegung.
„Gemach, gemach, Gentlemen. Regen Sie sich nicht auf. Ich spüre natürlich die Welle der Feindseligkeit, die mir an Bord dieses schönen Schiffes entgegenschlägt. Wieviel angenehmer wäre es, auf einem solchen stattlichen Schiff ein gern gesehener Gast zu sein! Aber man kann nun einmal nicht alles haben.“ Er seufzte. „Oder vielleicht doch?“
Hasard hatte von Anfang an keine Sympathie für den Portugiesen empfunden. Jetzt aber spürte er, wie sich Abscheu in ihm entwickelte. Der Kerl war ölig wie eine eingelegte Sardine!
„Ich nehme an, Sie wollen mit uns verhandeln“, sagte der Seewolf und bemühte sich, wenigstens äußerlich gelassen zu bleiben. „Dazu schlage ich vor, daß wir uns in meine Kammer begeben.“
„Verhandeln ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort“, erwiderte de Carvalho leutselig. „Aber natürlich bin ich mit ihrem Vorschlag einverstanden, Mister Killigrew.“
„Das ist nicht Mister Killigrew!“ schrie Old O’Flynn vom Achterkastell. „Das ist Sir Hasard! Die Königin von England hat ihn zum Ritter geschlagen!“
Der Seewolf drehte sich um. Ein Blick von ihm genügte, und der Alte zog sich schmollend von der Balustrade zurück.
Laurindo de Carvalho deutete eine Verbeugung an.
„Ich bitte vielmals um Vergebung, Sir Hasard. Es ist mir eine große Ehre, einem Ritter ihrer Majestät, der Königin von England, zu begegnen. Noch mehr ehrt es Sie, Sir Hasard, daß Sie Ihren Rang zu erwähnen vergaßen.“
„Ich legte keinen Wert darauf“, sagte der Seewolf, obwohl er wußte, daß der andere nur spottete. Er brauchte zunehmend mehr Kraft, um sich angesichts dieses öligen Halunken zu beherrschen. Doch er beging auch nicht den Fehler, de Carvalho zu unterschätzen. Hinter seinem Salbadern verbarg sich vermutlich nur, wie gefährlich er tatsächlich war.
„Nach meinem ersten Eindruck“, sagte de Carvalho mit falschem Lächeln, „schätze ich Sie als einen Mann ein, der sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen braucht. Aber bevor wir uns in Ihre Kammer zurückziehen, möchte ich noch auf eines hinweisen: Etwaige tätliche Angriffe auf meine Person wären in höchstem Maße unbedacht. Ich darf in diesem Zusammenhang an unseren kleinen Aufmarsch erinnern, den Sie dort am Strand von Seribu sehen. Jeder hier an Bord wird sich vermutlich leicht vorstellen können, was mit einem oder mehreren der sechs tapferen Männer passieren würde, wenn man annehmen müßte, daß ich um Leib und Leben fürchten muß.“
Ferris Tucker spie demonstrativ über Bord. Voller Verachtung.
Sonst war kein Laut von der Crew zu hören.
Was blieb, war jene Welle der Feindseligkeit, von der der Portugiese so wohlklingend gesprochen hatte.
„Die Männer sind bereits darauf hingewiesen worden“, sagte Ben Brighton schneidend.
Laurindo de Carvalho zog die Braue über dem gesunden Auge hoch und musterte den ersten Offizier mit unverkennbarem Hohn.
Doch Ben Brighton war kein Mann, der sich durch so etwas herausfordern ließ.
„Gehen wir“, entschied der Seewolf knapp.
De Carvalho bedankte sich mit einer wiederum angedeuteten Verbeugung und folgte den beiden Männern in die Kapitänskammer. Drinnen atmete er hörbar auf.
„Ich muß gestehen, Gentlemen, mir war dort draußen nicht ganz wohl. Aber ich glaube, Sie können mir das nachfühlen. Ihnen würde es in meiner Lage sicherlich nicht anders ergehen.“
Der Seewolf baute sich vor ihm auf und stützte die Fäuste in die Hüften.
„Ich an Ihrer Stelle, Senhor de Carvalho, würde mich in Grund und Boden schämen.“
Der Portugiese lachte leise. Unaufgefordert setzte er sich an den Tisch.
Wohl oder übel folgten Hasard und Ben Brighton seinem Beispiel. Ihre Nerven vibrierten. Beide mußten sich zwingen, nicht an ihre Gefährten zu denken, die in Ketten gelegt worden waren. Und noch mehr mußten sie sich zwingen, diesen öltriefenden Hundesohn nicht unangespitzt zwischen die Schiffsplanken zu treiben.
„Gentlemen, ich muß Ihnen einiges erklären“, begann de Carvalho mit einer ausladenden Handbewegung.
„Dazu haben Sie allen Grund“, sagte Hasard.
Kapitän Einauge blieb ungerührt.
„Dabei wäre ich von einem guten Tropfen sehr angetan, Gentlemen. Wissen Sie, vom vielen Reden kriege ich immer leicht eine trockene Kehle.“
„Sie brauchen nicht viel zu reden“, knurrte Ben Brighton, „geben Sie die Gefangenen heraus, und der Fall ist erledigt.“
Hasard blieb ruhig. Er wußte mittlerweile, wie er diese portugiesische Ölsardine einzuschätzen hatte. Der Bursche leistete sich Unverschämtheiten am laufenden Band – weil er wußte, daß er sie sich leisten konnte.
Laurindo de Carvalho lachte abermals.
„Aber, aber, Gentlemen! Benehmen wir uns doch wie zivilisierte Menschen! Ist es von einem Gast zuviel verlangt, daß er um einen kleinen Schluck zur Erfrischung bittet?“
„Ganz und gar nicht“, entgegnete Hasard, wobei er versuchte, die falsche Freundlichkeit des anderen nachzuahmen. Daß ihm dies nicht vollends gelang, lag daran, daß man vermutlich die Persönlichkeit eines Laurindo de Carvalho brauchte, um auch dessen äußeres Gehabe an den Tag zu legen.
Widerstrebend stand Ben Brighton auf.
„Etwas von unserem besten karibischen Tropfen?“
Der Seewolf nickte, und der erste Offizier der „Isabella“ ging zum Schapp hinüber.
„Oh, ich höre, Sie waren in der Karibik?“ bemerkte de Carvalho mit gespielter Überraschung.
„Mehrmals“, antwortete Hasard kurzangebunden.
Der Portugiese lehnte sich zurück und faltete die Hände über dem Bauch.
„Ja, ich muß schon sagen, ich beneide meine Landsleute, die sich in jenem Teil der neuen Welt aufhalten dürfen. Leider ist mir das nicht mehr vergönnt. Aber andererseits – ich bin auch hier zufrieden.“
Ben Brighton kehrte mit einem Krug und drei Zinnbechern zurück und schenkte ein.
„Ein Getränk, das bis vor wenigen Jahren bei uns in Europa noch unbekannt war. Sie nennen es Rum.“
„In der Tat?“ De Carvalho blickte zu Brighton auf. „Ich muß gestehen, daß ich noch nicht davon gehört habe.“
„Die Spanier haben das Zeug aufgespürt“, entgegnete Ben und setzte sich.
„Aha“, sagte de Carvalho und lächelte. „In der Beziehung dürften Sie als Engländer die besseren – hm – Kontakte gehabt haben, um sich derartige hochwertige Waren zu sichern.“
„So kann man es ausdrücken“, erwiderte Hasard, ebenfalls mit einem Lächeln. Er hob den Becher. „Trinken wir darauf, daß wir uns gütlich einigen.“
„Letzteres liegt auch mir am Herzen, Gentlemen.“ Der Portugiese hob seinen Becher gleichfalls. Dann nahm er einen ebenso langen Schluck wie seine beiden englischen Gastgeber.
Hasard und Ben wechselten einen raschen Blick. Unbemerkt.
Laurindo de Carvalho setzte sein Trinkgefäß mit einem jähen Ruck wieder ab, daß es auf die Tischplatte knallte. Im selben Atemzug versteifte sich sein Körper, als habe er einen Besenstiel verschluckt. Seine eben noch gesunde Gesichtsfarbe wechselte in ein elendes Grau und bildete einen deutlichen Kontrast zum Schwarz seiner Augenbinde. Er schluckte krampfhaft, wobei seine Rechte wie haltsuchend den Trinkbecher umklammert hielt. Sein Gesicht verfärbte sich jetzt in ein glühendes Rot, sein Oberkörper hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.
Hasard und Ben hatten ihre Becher abgesetzt, lehnten sich zurück und lächelten gelassen.
„Das Beste, was wir an Bord haben“, bemerkte der Seewolf, „ein wirklich edler Tropfen, nicht wahr, Senhor de Carvalho?“
Der Portugiese unterdrückte ein Husten. Nur allmählich hatte er sich wieder in der Gewalt. Er rang sich ein Lächeln ab, das schief aussah.
„Allerdings.“ Er keuchte. „Das kann ich nur bestätigen.“
„Dann nehmen wir gleich noch einen“, sagte Ben Brighton und packte den Krug. „Wir freuen uns immer, wenn es unseren Gästen an Bord gefällt.“
De Carvalho streckte abwehrend die Hand aus.
„Nein, nein, Gentlemen, das ist wirklich nicht nötig. Ich hatte doch nur um einen kleinen Schluck gebeten. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wäre ich nur an Bord, um mich auf Ihre Kosten …“
„Einen solchen Eindruck haben wir nicht“, fiel Hasard ihm ins Wort. „Unsere Gäste behandeln wir wie Könige. Das ist alles.“
Kapitän Einauge verzog geschmeichelt das Gesicht. Sein sarkastisches Gehabe war von ihm abgefallen wie ein welkes Blatt – dank der Wirkung des hochprozentigen Stoffs.
Noch einmal ließ er also die Prozedur über sich ergehen, die bei den beiden Engländern nicht einmal ein Wimpernzucken hervorrief. De Carvalho selbst hatte auch diesmal das Gefühl, als bohre sich eine glühende Eisenstange durch seine Kehle bis tief in den Körper hinunter. Er zwang sich mit aller Gewalt, Haltung zu bewahren. Denn schließlich wollte er diesen beiden Burschen den Triumph nicht gönnen, daß sie ihn aus den Stiefeln kippen sahen. Insgeheim betete er, daß sie nicht auf die Idee verfielen, noch einen dritten Umtrunk zu veranstalten.
Dann atmete er auf, als sie ihn erwartungsvoll ansahen. Ihre Gedanken schienen sich also in eine andere Richtung zu bewegen. Endlich Er räusperte sich.
„Also zur Sache, Gentlemen“, sagte er und spürte nicht, daß seine Zunge um einige wenige Unzen schwerer geworden war.
Hasard und Ben bemerkten es sofort. Aber sie ließen es sich nicht anmerken. Immerhin war die Lage dazu viel zu ernst.
„Wir hören“, entgegnete der Seewolf und lehnte sich zurück.
De Carvalho nickte, blinzelte kurz und gab sich einen Ruck, um aufrecht zu bleiben.
„Wie gesagt, ich muß einiges vorausschicken. Die Menschen auf der Insel Seribu befinden sich im Kriegszustand. Ich gehöre zu den Menschen auf Seribu. In führender Position gewissermaßen. Darüber später mehr. Was ich sagen will, ist nur, daß auch ich mich im Kriegszustand befinde und deshalb das Recht habe, gewisse Taktiken anzuwenden, die für das Königreich Seribu von Nutzen sein können.“
„Ein Königreich?“ wiederholte Hasard. „Wenn es sich nur um diese Insel handelt, kann ich mir das nicht ganz vorstellen.“
„Wir haben hier andere Maßstäbe als in Europa, Sir Hasard. Herrscher auf Seribu ist König Sohore Jugung Moharvi. Sein Titel lautet hierzulande ‚Raja‘. Das ist gleichbedeutend mit unserem Ausdruck ‚König‘.“
„Wir haben aber nichts davon gehört“, entgegnete Ben Brighton, „daß Ihr sogenannter Raja England den Krieg erklärt hätte.“
„Auch das ist völlig unerheblich, Gentlemen. Wir haben hier andere Gesetze und Gepflogenheiten. Dazu gehörte auch die Taktik, die ich Ihnen gegenüber anwenden mußte. Um Ihnen das verständlich zu machen, muß ich etwas weiter ausholen.“
„Wir haben zwar wenig Zeit“, sagte Hasard, „aber wenn es sein muß …“
De Carvalho grinste breit. Breiter als jenes süffisante Lächeln, das er zuvor an den Tag gelegt hatte. Auch ein Zeichen dafür, daß er seine Gesichtszüge weniger gut unter Kontrolle hatte.
„Zunächst werden Sie sich wundern, was einen Portugiesen in diese Breiten verschlagen hat. Ich bin nicht allein hier. Noch acht Männer meiner ehemaligen Schiffsbesatzung leben ebenfalls auf Seribu. Sie haben diesen Männern sozusagen das – das Schiff unter dem Hintern weggeschossen.“ Er lachte über seine höchst frivole Ausdrucksweise, wurde aber im nächsten Moment wieder ernst. „Es ist nun schon mehr als drei Jahre her, daß es in unserem persönlichen Schicksal eine entscheidende Wende gab. Mit unserer Karacke, die übrigens den Namen ‚Maria Cristina‘ trug, gerieten wir damals in ein Seegefecht mit einer Übermacht holländischer Galeonen. Das war nördlich von Java, nur wenige Tagesreisen von hier entfernt. Die ‚Maria Cristina‘ wurde damals stark beschädigt. Wir waren manövrierunfähig, und nur eine glückliche Fügung wollte es, daß wir nicht versenkt wurden.“
Ben Brighton warf dem Seewolf einen vielsagenden Blick zu. Hasard wußte, was Ben dachte. Es wäre besser gewesen, wenn der portugiesische Zweimaster seinerzeit gesunken wäre.
„Wir hatten auch weiterhin Glück“, fuhr de Carvalho mit einer theatralischen Geste fort. „Ein günstiger Wind trieb uns auf die Insel Seribu zu, und wir waren in höchstem Maße erstaunt über die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen, die uns hier aufnahmen. Nachdem wir uns einigermaßen erholt hatten, erfuhren wir von den besonderen Problemen, mit denen Raja Moharvi und sein Volk noch heute zu schaffen haben. Die Menschen auf Seribu sind Hindus und damit dem moslemischen Reich von Prinz Fatahillah II. auf Java ein Dorn im Auge. Damit wären wir bei dem Kriegszustand, den ich schon erwähnte. Fatahillah hat immer wieder Seekriegszüge gegen die Insel Seribu geführt, und es war letztlich nur eine Frage der Zeit, wann ihm die Eroberung gelingen würde.“
Hasard nickte. Er hatte den Namen Fatahillah gehört. Allerdings mußte es sich bei Fatahillah II. um einen Sohn oder sonstigen Verwandten des Mannes handeln, der auf Java Geschichte gemacht hatte. Besagter Fatahillah nämlich hatte am 22. Juni 1527 die Portugiesen aus dem damaligen Hafenstädtchen Sunda Kelapa vertrieben und die Stadt auf den neuen Namen „Jayakarta“ getauft. Das bedeutete soviel wie „Stadt des großen Sieges“. Ein Sieg für die Moslems, denn der siegreiche Fatahillah war ein Schwiegersohn des Sultans von Demak gewesen.
„Wir beschlossen spontan, uns für die Hilfsbereitschaft erkenntlich zu zeigen“, spann de Carvalho seinen Faden weiter. „Wir setzten unsere Karacke instand, und beim nächsten Angriff der Flotte Fatahillahs brachten wir ihr eine vernichtende Niederlage bei. Denn die Segler, die sie hier verwenden, sind Schiffen europäischer Bauart natürlich nicht im entferntesten gewachsen. Ja, und dieser Erfolg war dann der Anfang der Geschichte, die meine Freunde und mich an diese Insel fesselte. Der König hatte nämlich beschlossen, mich als eine Art Kriegsminister einzustellen, und meine Freunde erhielten ebenfalls führende Posten. Um diesem Vorschlag ein wenig mehr Gewicht zu verleihen, gab mir der Raja seine Tochter zur Frau. Da es sich um ein wahrhaft engelsgleiches Geschöpf handelt, fiel mir die Entscheidung leicht. Im übrigen leben meine Freunde und ich hier mit Privilegien, von denen man in Europa kaum eine Vorstellung hat.“ Er hielt inne und grinste von neuem. Er spürte, daß er von einem seltsamen Teufel geritten wurde. „Eigentlich könnten wir jetzt noch einen Schluck von diesem edlen karibischen Tropfen zu uns nehmen.“
Ben Brighton unterdrückte einen glucksenden Laut. Dann schenkte er ein, und sie prosteten sich abermals zu. Diesmal verdrehte der Portugiese das Auge und ließ ein wohliges „Aaaah“ hören. Ben sah den Seewolf verblüfft an, doch Hasard lächelte nur. Karibischer Rum hatte seine besondere Wirkung, und die war nun einmal bei jedem Menschen verschieden.
„Gut“, sagte Hasard, „nach dieser aufschlußreichen Geschichte fehlt uns nur noch ein Grund dafür, weshalb Sie uns so hinterlistig hereingelegt haben. Ein Seekriegsgericht würde Sie dafür vermutlich zum Tode verurteilen.“
De Carvalho schloß das Auge, wobei er sanft den Kopf von einer Seite zur anderen bewegte. Dazu setzte er wieder sein breites Grinsen auf.
„Ich sagte schon, hier gelten andere Gesetze. Und statt ‚hinterlistig‘ sollten Sie das Wort Taktik gebrauchen. Meine Karacke, die hier übrigens keinen Namen mehr trug, weil das nicht üblich ist, befand sich in einem äußerst schlechten Zustand. Aber woher sollte ich ein neues Schiff vergleichbarer Bauweise nehmen? Geld gibt es auf Seribu nicht und irgendwelche Bodenschätze schon gar nicht. Deshalb ist Ihre Galeone für mich ein Geschenk des Himmels, Gentlemen. Ich denke, damit habe ich alles gesagt, was zu sagen ist.“
„Sie wäre ein Geschenk des Himmels“, verbesserte Ben Brighton, „wenn Sie sie kriegen würden.“
Laurindo de Carvalho zog die Augenbraue hoch.
„Oh, mir scheint, in dem Punkt mißverstehen wir uns. Sie verkennen den Grund meines Besuches an Bord. Nennen wir es ein Geschäft Zug um Zug. Da meine ursprüngliche Taktik leider nicht funktioniert hat, wird es so ablaufen: Sie übergeben mir das Schiff und erhalten dafür die sechs Männer zurück, die sich in meinem Gewahrsam befinden. Ich werde sogar so zuvorkommend sein, Ihnen und Ihrer gesamten Mannschaft seetüchtige Auslegerboote zur Verfügung zu stellen. Damit erreichen Sie mühelos Java, wo Sie sich selbst weiterhelfen können.“
Philip Hasard Killigrew blieb noch immer ruhig. Nur in seinen seeblauen Augen glomm ein gefährliches Feuer.
Er stand auf.
„Ich habe es gehört, Senhor de Carvalho. Sie begehen nur einen Denkfehler. Zu einem Zug-um-Zug-Geschäft gehören immer zwei. Und ich erwidere nur eins: Ihre Forderung ist die größte Unverschämtheit, die ich jemals gehört habe.“
Der Portugiese sprang mit einem Ruck auf. Im selben Moment mußte er sich an der Tischkante festhalten, denn er drohte das Gleichgewicht zu verlieren und hintenüberzukippen. Sein Gesicht rötete sich, und er schwankte.
„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Äußerungen!“ schrie er. „Wenn Sie mir das Schiff nicht bis Sonnenuntergang übergeben, wird der erste Ihrer Männer sein Leben aushauchen!“
Der Seewolf schüttelte den Kopf.
„Anders herum wird ein Schuh draus, de Carvalho“, sagte er eisig. „Sie geben auf der Stelle die Gefangenen frei. Andernfalls schießen wir Ihre hübsche Insel in Grund und Boden.“
„Versuchen Sie es!“ bellte Kapitän Einauge. „In dem Fall werde ich den ersten Mann vor Ihren Augen hinrichten lassen! Ich bin gespannt, wie Ihnen das gefallen wird.“
„Verlassen Sie mein Schiff!“ befahl der Seewolf schneidend. „Ich rate Ihnen, sich zu beeilen, bevor ich es mir anders überlege.“
„Wagen Sie es nicht, Hand an mich zu legen!“ keifte der Portugiese. „Wagen Sie es nicht, wenn Ihnen das Leben Ihrer Männer lieb ist!“
„Verschwinden Sie“, sagte Hasard nur, „und zwar schnell.“
De Carvalho schoß einen haßerfüllten Blick auf den Seewolf ab. Dann drehte er sich abrupt um und stelzte mit unsicheren Schritten hinaus.
Hasard und Ben Brighton folgten ihm. An Deck sahen sie das Grinsen der Männer, die den Portugiesen auf seinem schwankenden Weg zum Schanzkleid beobachteten. Und jeder von ihnen wünschte sich, daß de Carvalho die Jakobsleiter verfehlte und ein erfrischendes Bad nahm. Doch wider Erwarten erreichte er das Auslegerboot trocken. Wütend schleuderte er die Bambusstange mit dem weißen Tuch ins Wasser und herrschte die Indonesier in einer Sprache an, die die Männer auf der „Isabella“ nicht verstanden.
Sobald sie zu ihren Gefährten hinüberblickten, die noch immer in Ketten am Strand ausharrten, war ihre momentane Schadenfreude dahin. Die Rumseligkeit des Einäugigen half ihnen nicht dabei, die Gefangenen zu befreien.
6.
Laurindo de Carvalho sprang mit einem Satz aus dem Boot und stapfte durch das seichte Wasser. Es kümmerte ihn dabei nicht, daß seine wertvollen Stiefel feucht wurden. Wutschnaubend baute er sich vor der Reihe der Angeketteten auf.
„Damit ihr wißt, woran ihr seid, ihr gottverdammten englischen Bastarde! Euer ehrenwerter Kapitän ist um euer Leben keine Spur besorgt.“ De Carvalho schwankte. Wie schwer seine Zunge war, bemerkte er selbst nicht. Und ebensowenig bemerkte er die konsternierten Blicke seiner portugiesischen Landsleute, die links und rechts neben den Gefangenen Stellung bezogen hatten. „Dieser noble Sir Hasard denkt nämlich nicht im Traum daran, sein Schiff herauszugeben. Dafür will er euch lieber opfern.“ De Carvalho wippte auf den Zehenspitzen, wodurch sich sein Schwanken noch verstärkte.
Edwin Carberry zog verächtlich die Mundwinkel nach unten. Herausfordernd schob er sein mächtiges Rammkinn vor. Die Ketten, die sie ihm verpaßt hatten, spürte er kaum – abgesehen davon, daß sie ihn in seiner Bewegungsfreiheit einengten. Wie seine Gefährten, trug er einen eisernen Ring um den Hals. Ketten waren in Ösen an diesem Ring befestigt und mit den eisernen Ringen an den Handgelenken verbunden.
Außerdem trug jeder der Männer von der „Isabella“ einen weiteren Ring dieser Art um ein Fußgelenk. Beim Profos war es das linke, und er war durch eine etwa einen Yard lange Kette mit Dan O’Flynn verbunden, dem sie den Ring um das rechte Fußgelenk gelegt hatten. Auf diese Weise waren jeweils zwei Mann aneinandergekettet. Geschlossen waren die Eisenringe mit einem Splint, den man zwar nicht mit bloßen Händen herausziehen konnte, für den aber ein oder zwei Hammerschläge genügten, um ihn hinauszutreiben.
„Einer stinkenden Kanalratte wie dir würde ich das Schiff auch nicht übergeben“, grollte der Profos. „Ich an Hasards Stelle hätte dir einen Tritt in den Hintern gegeben, daß du in hohem Bogen über das Schanzkleid gesegelt wärst.“
Laurindo de Carvalho erbleichte. Er ballte seine gepflegten Hände zu Fäusten.
Dan O’Flynn, Matt Davies und die anderen konnten sich ein gedämpftes Lachen nicht verkneifen, obwohl ihnen ganz und gar nicht fröhlich zumute war. Nachdem er aus der Bewußtlosigkeit erwacht war, spürte Dan noch immer die brennenden Schmerzen, die ihm Kapitän Einauge mit seinen gemeinen Hieben zugefügt hatte.
Mit kurzen schnellen Schritten stelzte de Carvalho auf den riesenhaften Profos zu, der einen halben Kopf größer war als er. De Carvalho mußte zu ihm aufblicken, als er blitzschnell ausholte und ihm mit der flachen Hand ins Gesicht schlug.
Ed Carberry zeigte keine erkennbare Regung.
Nur die schaufelförmigen Fäuste hob er kurz und schnell und tupfte dem Portugiesen kettenklirrend vor die Brust. Es sah harmlos aus, doch der Stoß hätte ausgereicht, einen indischen Wasserbüffel zu Fall zu bringen.
So stieß de Carvalho einen erschrockenen Laut aus, als er sich plötzlich von den Füßen gehoben fühlte und der Länge nach rückwärts segelte. So lang, wie er war, klatschte er ins seichte Wasser.
Carberrys Gefährten konnten nicht mehr anders, sie brüllten vor Vergnügen.
Wutentbrannt bauten sich die acht Portugiesen vor ihnen auf, während de Carvalho sich fluchend aufrappelte. Einer der Senhores, die vor weniger als einer Stunde ihr Schiff verloren hatten, versetzte Carberry mit dem Knauf seiner Pistole einen Stoß vor die Brust.
„Dafür wirst du bezahlen, du verfluchter Hurensohn!“ zischte der Portugiese.
Ed Carberry zeigte auch diesmal keine Reaktion. Er geriet nicht einmal ins Wanken. Von oben herab blickte er den Mann nur geringschätzig an.
Tropfnaß stürmte Laurindo de Carvalho heran und zerrte seinen Landsmann zur Seite. Der Blick, mit dem der Einäugige den Profos maß, war so tödlich wie ein Dolchstoß – abgesehen von der Wirkung. De Carvalho zitterte vor Wut. Wie es schien, hatte ihn das unfreiwillige Bad schlagartig ernüchtert.
„Dieser Mann“, schrie der Einäugige mit sich überschlagender Stimme, „wird auf der Stelle hingerichtet!“ Während er die Worte ausspie, wippte er heftig auf den Zehenspitzen.
Edwin Carberry stieß nur ein verächtliches Knurren aus.
Seine Gefährten preßten die Lippen zusammen. Sie wurden von dem Gefühl beschlichen, daß der Profos es möglicherweise doch zu weit getrieben hatte. Denn sie waren sich darüber im klaren, daß Hasard – wenigstens im Moment – keine Möglichkeit hatte, ihnen zu helfen.
Carberrys Reaktion steigerte de Carvalhos Wut zum Überkochen.
„Einen Säbel!“ keifte der Einäugige. „Bringt mir sofort einen Säbel! Ich werde die Exekution selbst durchführen!“
Der Portugiese, der zuvor dem Profos gegenübergestanden hatte, packte Kapitän Einauge an der Schulter.
De Carvalho schüttelte ihn ab wie eine lästige Fliege.
„Laurindo“, sagte der andere beschwörend, „sei jetzt vernünftig, verdammt noch mal! Es bringt uns doch nichts ein, wenn wir jetzt den Kopf verlieren. Unüberlegtes Handeln können wir uns nicht mehr leisten, nach dem, was passiert ist. Und vergiß nicht, der Raja erwartet von dir, daß du dich mit ihm berätst, bevor du etwas unternimmst.“
Ed Carberry und die anderen beherrschten das Spanische gut genug, um auch Portugiesisch zu verstehen. So kriegten sie jedes Wort mit.
„Das interessiert mich nicht“, fauchte de Carvalho, allerdings schon einen Grad leiser. „Dieser aufgeblasene Holzklotz wird für seine Unverschämtheit büßen. Mit seinem Leben!“
„Aber das muß doch nicht sofort sein, Laurindo“, sagte der andere Portugiese. „Sprich erst mit dem Raja. Wir wollen doch hier auf der Insel keine unnötigen Schwierigkeiten. Denk daran, daß der Raja auch uns mächtig einheizen kann, wenn wir etwas tun, ohne daß er die Entscheidung getroffen hat.“
De Carvalho preßte die Lippen aufeinander. Dann drehte er sich um, damit die Männer von der „Isabella“ seinen nachdenklich gewordenen Gesichtsausdruck nicht sehen konnten.
„Also gut“, sagte er halblaut. „Ich sehe ein, daß du recht hast, Luiz. Aber vergessen werde ich diesen Vorfall ganz bestimmt nicht.“
Luiz Cardona, ehedem zweiter Offizier auf der jetzt versenkten Karacke, deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Wir wollen die englische Galeone, Laurindo. Vergiß das nicht. Unbesonnenheiten können wir uns nicht leisten. Du hast selbst gemerkt, daß nicht alles so glatt läuft, wie du es dir vorgestellt hast. Oder warst du allen Ernstes überzeugt, der englische Kapitän würde sein Schiff mir nichts dir nichts herausrücken?“
De Carvalhos Auge funkelte.
„Er begeht den größten Fehler seines Lebens, wenn er es nicht tut. Aber jetzt Schluß damit. Wir werden die britischen Bastarde erst einmal in den Palast bringen. Dann sehen wir weiter.“
Cardona lächelte zufrieden.
„So gefällst du mir schon besser, Laurindo.“ Er wandte sich den anderen zu und rief einen Befehl in der Sprache der Inselbewohner.
Sofort entstand Bewegung unter den Indonesiern. Sie bildeten eine Marschformation, die sie nur von den Portugiesen gelernt haben konnten. Die Gefangenen wurden in die Mitte dieser Formation genommen, flankiert von den Portugiesen. Laurindo de Carvalho übernahm die Spitze der insgesamt mehr als hundert Mann starken Kolonne.
Zwei Indonesier blieben mit dem Auslegerboot als Wächter am Strand zurück.
Die Formation bewegte sich auf einem Pfad dem Palmenwald zu. Der weiche Erdboden dämpfte nun die Schritte. Laut und vernehmlich war nur das Kettenklirren der Gefangenen. Unter den Baumkronen lastete die Luft jetzt, am Vormittag, drükkend heiß.
„Was wird Hasard unternehmen?“ flüsterte Dan O’Flynn, der neben dem Profos marschierte.
„Egal, was es sein wird, er heizt diesen Rübenschweinen garantiert ein. Darauf kannst du Gift nehmen.“ Ed Carberry bemühte sich, ebenfalls zu flüstern, was ihm bei seinem Reibeisenorgan nicht ganz leicht fiel.
„Das Schwierige ist nur“, fuhr Dan leise fort, „daß sie tagsüber nicht ungesehen an die Insel heran können. Wenn wir eine Galgenfrist bis zur Dunkelheit kriegen, haben wir nicht mehr viel zu befürchten. Sonst …“ Er sprach nicht weiter.
„Wie ich diese Burschen kenne“, Ed Carberry deutete mit einer Kopfbewegung zu den vorausmarschierenden Indonesiern, „werden sie erst mal ein stundenlanges Palaver veranstalten.“
„Hoffentlich.“
„Sag mal“, zischte der Profos, „hat dieser portugiesische Stint mich einen Holzklotz genannt oder nicht?“
„Allerdings“, erwiderte Dan, „das hat er.“
„Hm. Also habe ich mich nicht verhört. Dafür werde ich ihm die Haut in Streifen von seinem Wanst ziehen, sobald ich dieses verdammte Kettengeklimper losgeworden bin.“
„Ruhe!“ schnauzte der Portugiese, der rechts neben ihnen ging. „Haltet euer dreckiges Maul, oder ich stopfe es euch!“
Der Profos setzte zu einer passenden Antwort an, aber Dan brachte ihn rechtzeitig mit einer Handbewegung zur Besinnung. Zur Zeit, davon war Dan O’Flynn überzeugt, hatte es wirklich keinen Sinn, die Portugiesen unnötig zu reizen.
Der Pfad stieg jetzt an und führte in zunehmend engeren Windungen durch den Wald. Schließlich blieben die Palmen zurück, und die Marschformation erreichte eine steinige Anhöhe, die aus erkalteter Lava bestand – fast ein Plateau, jedoch nur von geringen Ausmaßen, denn es senkte sich sehr bald wieder in östlicher Richtung.
Für einen kurzen Moment hatten die Männer der „Isabella“ aber Gelegenheit, einen Blick über die Insel zu werfen. Im Schatten des alles überragenden Vulkans erstreckte sich tropischer Regenwald in hügeliger Weite. Fleckenartig war der Wald von Lichtungen größeren und kleineren Ausmaßes durchsetzt, Lavafelder hatten den Wald auf weiten Teilen der Insel völlig unter sich begraben.
Weiter entfernt, schon zum Fuße des Vulkans hin, gab es eine grüne Ebene. Es war anzunehmen, daß die Menschen dort Bodenfrüchte anbauten. Daß sie ihre Existenz als Jäger bestritten, war dagegen unwahrscheinlich, denn jagdbares Getier gab es auf der Insel sicherlich nicht. Bestenfalls Schlangen oder größere Vögel, doch davon konnten Hunderte von Menschen auf Dauer nicht satt werden. Hirsche oder Wildschweine hatten die Insulaner noch nicht einmal im Traum gesehen.
Die Seewölfe nahmen folgerichtig an, daß sich die einzelnen menschlichen Ansiedlungen auf den verschiedenen Lichtungen befanden. Außerdem vermutlich am Rand jener Ebene, die sich zum Fuß des Vulkans hin erstreckte.
Von der steinigen Anhöhe führte der Weg wieder hinunter in den Tropenwald. Etwa eine halbe Stunde lang wurden die Männer vom vielstimmigen Geschrei der Urwaldvögel begleitet, bis sich das Dickicht abermals lichtete.
Das Dorf war erstaunlich groß, die Hütten aus Bambusholz und Palmenblättern gebaut. Die Seewölfe waren welterfahren genug, um auf Anhieb zu erkennen, daß dies hier gewissermaßen die Hauptstadt des kleinen Inselreichs sein mußte.
Grund für diese Annahme waren die Tempel, die das Zentrum des Dorfes bildeten. Der breite Hauptweg, über den die Indonesier und Portugiesen ihre Gefangenen führten, verlief schnurgerade auf die Tempel zu.
Beiderseits des Weges erstreckten sich die flachen Bambushütten in unüberschaubarem Gewirr. Kinder lärmten in den schmalen Gassen zwischen den Hütten, in Verschlägen gackerten Hühner, grunzten Borstentiere. Letztere waren klein, gedrungen und schmutziggrau, nicht zu vergleichen mit ihren fetten europäischen Artverwandten.
Aus den Eingängen der Hütten beobachteten Frauen die vorbeiziehende Marschformation. Die meisten der Frauen waren klein und zierlich und in sorgfältig gewickelte bunte Sarongs gekleidet.
Die Kolonne näherte sich den Tempeln. Es handelte sich um drei Gebäude mit kunstvollen Schnörkeln, Drachenfiguren und Dämonengesichtern. Im Gegensatz zu den Hütten waren die Tempel aus dunklen Steinblöcken gebaut und die Figuren aus eben jenem Stein gehauen. Soweit die Seewölfe gehört hatten, gab es in allen Hindu-Ortschaften solche drei Haupttempel. Einer war der Sitz der gottgewordenen Begründer des jeweiligen Dorfes, beim zweiten handelte es sich um den Schrein für die Ahnenverehrung, und der dritte wurde als Haus für die Totenfeiern benutzt. Letztlich spiegelte diese Tempel-Anordnung auch die Dreifaltigkeit des Hindu-Glaubens wider, die sich auf die höchsten Götter namens Brahma, Wischnu und Schiwa bezog.
Vor den Tempeln führte der Weg nach rechts weiter und mündete in einen von Palmen umsäumten Platz vor einem noch größeren Gebäude aus Gesteinsblöcken. Verziert war dieses Gebäude mit unzähligen Türmchen und Erkern und nur wenigen steinernen Dämonengesichtern, die der üblichen Abschrekkung unsichtbarer Dämonen dienten. Fraglos handelte es sich um den Königspalast.
Wenig später bestätigte sich diese Vermutung der Seewölfe. Von den Portugiesen und einem zehn Mann starken Wachkommando der indonesischen Krieger wurden sie in eine düstere Halle geführt, die von wenigen glaslosen Fenstern nur unzureichend erhellt wurde. Modergeruch hing in der Luft – entweder vom Urwalddickicht, das bis an die Rückseite des Gebäudes reichte, oder von dem Gemäuer selbst, dessen poröses Gestein sich mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. Großen Staat konnte der Raja von Seribu mit diesem sogenannten Palast jedenfalls nicht machen.
„Halt!“ befahl Laurindo de Carvalho in der Mitte der Halle. Seine Landsleute und die indonesischen Bewacher blieben mit den Gefangenen stehen, während der Einäugige selbst gemessenen Schrittes weiterging.
Aus dem Halbdunkel einer Nische löste sich ein Palastwächter in hochgeschlossener weißer Sarong-Kleidung und verneigte sich vor dem Portugiesen.
De Carvalho sagte einige Worte in der Sprache der Inselbewohner.
Der Palastwächter, dessen Krummdolch in einer kunstvoll ziselierten Scheide steckte, verneigte sich abermals. Dann wandte er sich ab und verschwand in einem Durchgang zur Rechten, der im Halbdunkel nur undeutlich zu erkennen war.
De Carvalho brauchte nicht lange zu warten.
Eine malerisch gekleidete Abordnung erschien. Der drahtige kleine Mann, der die farbenprächtigste Sarong-Kleidung trug, war offenbar der Ranghöchste. Das verdeutlichte der respektvolle Abstand von einem Schritt, mit dem die anderen ihm folgten. Raja Sohore Jugung Moharvi also. Er trug eine weiße, turbanähnliche Kopfbedeckung, die den Ansatz graumelierten Haars erkennen ließ.
Zwei weitere Männer, wesentlich jünger jedoch, mußten Familienangehörige des Raja oder zumindest Mitglieder des königlichen Hofstaates sein. Denn in ihrer Mitte trippelte mit grazilen Schritten eine junge Frau von unvergleichlich ebenmäßigen Gesichtszügen. Ihrem Alter nach konnte sie die Tochter des Raja sein.
Edwin Carberry und die anderen wußten noch nicht, daß dieses bezaubernde Geschöpf die Lebensgefährtin von Kapitän Einauge war – das Druckmittel, das der Raja eingesetzt hatte, um das portugiesische Schlitzohr zum Verweilen auf der Insel zu bewegen.
Der Fünfte im Bunde war ein Brahmane, kenntlich durch sein langwallendes schneeweißes Gewand, das bis auf den Boden reichte. Der Hindu-Priester hatte aschgraues Haar und einen mächtigen Vollbart von dunklerer Farbe.
Laurindo de Carvalho verbeugte sich, als der Raja und sein Gefolge vor ihm stehenblieben. Ein kurzer Wortwechsel in der einheimischen Sprache folgte. Der Raja verzog irritiert das Gesicht, als ihm der alkoholgeschwängerte Atem des Einäugigen entgegenwehte. Schließlich trat de Carvalho beiseite und deutete mit einer Handbewegung auf die Gefangenen.
Der Raja musterte ausgiebig jeden einzelnen der Männer. Besonders lange und beinahe andächtig verweilte sein Blick auf Edwin Carberry, der wie eine Riesenstatue dastand und demonstrativ über den kleinen König hinwegstarrte.
Moharvi sagte ein oder zwei Sätze, ohne sich zu de Carvalho umzudrehen.
Kapitän Einauge übersetzte, denn die Worte des Inselherrschers galten den Gefangenen.
„Der Raja heißt euch auf Seribu willkommen, wenn es auch für euch keine angenehmen Umstände sind. Euch wird kein Haar gekrümmt, sofern euer Kapitän unsere Forderungen erfüllt.“
Edwin Carberry räusperte sich.
„Ich denke, ich werde hinge …“ setzte er an, brach aber ab, als Dan O’Flynn ihm auf den Fuß trat.
„Sei still, verdammt!“
Raja Sohore Jugung Moharvi blinzelte fragend, drehte sich zu seinem portugiesischen Kriegsführer um und sagte etwas.
Laurindo de Carvalho gab eine knappe Antwort, die besänftigend klang.
Der Raja fuhr fort, und wieder übersetzte der Einäugige.
„Auf Wunsch des Raja stelle ich sein Gefolge vor. Auch wenn ihr nichtsnutzigen Bastarde das nicht verdient habt. Aber egal. Hier haben wir zunächst einmal den Brahmanen Ayia Padang Mantra, den höchsten religiösen Würdenträger auf Seribu. Dann meine Frau, Prinzessin Nygasi Desawang Moharvi …“
Ed Carberrys Kinnlade sackte haltlos weg. Sein Blick wechselte von der ausgesprochen schönen jungen Indonesierin ungläubig zu dem Einäugigen, der für ihn bestenfalls mit einer Vogelscheuche vergleichbar war.
„… und außerdem Sukawasi Desai Moharvi, den Sohn des Königs“, fuhr Kapitän Einauge fort, „und Desai Gunung Lelong, den Neffen des Raja.“
Die jeweils Genannten verbeugten sich beim Klang ihres Namens mit freundlichem Lächeln.
Noch ein kurzer Hinweis des Inselherrschers folgte.
„Der Raja und ich ziehen uns jetzt mit dem Gefolge zur Beratung zurück“, erklärte de Carvalho widerstrebend, denn er selbst hielt die Gefangenen solcher Erklärung nicht für würdig. Seinen Landsleuten befahl er auf portugiesisch, die Engländer abzuführen.
Das geschah, nachdem der Raja und seine Begleitung im Halbdunkel verschwunden waren.
Luiz Cardona, der Mann, der den Seewölfen bereits vom Strand her in Erinnerung war, gab knappe Anordnungen in der Insulaner-Sprache.
Von derben Stößen getrieben, wurden die Gefangenen durch den vorderen Eingang hinausbugsiert und dann rechts herum, an die Seitenmauer des Königspalastes. Die Krieger, die zuvor am Strand aufmarschiert waren, hatten sich mittlerweile in das Dorf verzogen.
In der moosbewachsenen Seitenmauer des Palastes gab es eine Tür, die in einen tiefergelegenen Raum führte. Vor den drohenden Pistolenläufen der Portugiesen wurden die Seewölfe hineingetrieben. Hinter ihnen fiel die Tür zu, knirschend wurde ein Riegel vorgelegt.
Dunkelheit umgab sie, dazu noch stärkerer Modergeruch als zuvor in der Halle. Spärliches Licht, das nicht bis auf den Boden reichte, fiel nur durch eine offene Fensterhöhle im oberen Viertel des Raumes herein. Ein Mann hätte gerade Platz gehabt, um hindurchzukriechen. Daß es aber dennoch kein geeigneter Fluchtweg war, erkannten die Männer von der „Isabella“ sehr bald, denn die Stulpenstiefel eines Portugiesen wurden vor dem hellen Viereck sichtbar.
Der Boden des kellerartigen Raumes bestand aus festgestampftem Lehm.
Matt Davies kratzte mit seinem Prothesenhaken am Mauerwerk.
„Wenn wir genug Zeit haben“, stellte er fest, „können wir einen von den Steinblöcken rauskriegen. Eisenteile, die sich als Werkzeug verwenden lassen, haben wir schließlich genug.“ Er klirrte mit seinen Ketten.
„Dazu müßten wir die verdammten Dinger erst mal loswerden“, sagte Luke Morgan, der mit Matt zusammengekettet war.
„Wir brauchen einen Steinbrocken oder einen anderen harten Gegenstand“, sagte Dan O’Flynn, „damit wir die Splinte losschlagen können.“
Die anderen brummten zustimmend, und sie begannen, den Boden des kellerartigen Raumes abzusuchen. Natürlich waren sie am Strand entwaffnet worden. Einen Pistolenknauf oder den Griff eines Entermessers hatten sie daher nicht zur Verfügung.
„Ob mit Ketten oder ohne“, knurrte Edwin Carberry, „wenn ich einen von diesen Hunden nur richtig erwische, ramme ich ihn so oder so unangespitzt in den Boden.“
7.
„… werden wir uns deshalb in zwei Gruppen aufteilen“, sagte der Seewolf gerade. „Wir brechen sofort auf, denn ich werde das Gefühl nicht los, daß wir keine Minute verlieren dürfen. Die erste Gruppe hat also mehr oder weniger die Aufgabe, die Wächter am Strand abzulenken, während die zweite …“
Bills gellende Stimme aus dem Großmars unterbrach ihn.
„Deck! Am Strand! Da tut sich etwas!“
Die Köpfe der Männer, die sich auf der Kuhl versammelt hatten, ruckten herum. Wohlweislich hatte Hasard den Moses für die Dauer der Lagebesprechung in den Ausguck geschickt. So waren sie nicht gezwungen, ständig ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Insel zu richten. Daß auf den Moses Verlaß war, hatte er ja an diesem Tag schon einmal hinreichend bewiesen.
Gemeinsam mit seinen Männern eilte der Seewolf ans Schanzkleid. Er zog das Spektiv auseinander und hob es ans Auge.
Zunächst war nichts Genaues zu erkennen – lediglich so viel, daß sich eine ähnlich große Menschenansammlung wie zuvor durch den Palmenwald auf den Strand zubewegte. Daß Bill dies bereits gemerkt hatte, zeigte, wie scharf seine Augen waren.
Die Männer an Bord der „Isabella“ hielten den Atem an.
Minuten später starrten sie fassungslos, mit weit aufgerissenen Augen zur Insel hinüber.
Dann, als sie klarer sahen, stieg ihnen allen die Zornesröte ins Gesicht.
Es war niemand anders als Edwin Carberry, den sie ans Wasser schleiften.
Schleiften!
Zusätzlich zu den Ketten war der Profos von Kopf bis Fuß mit Strikken zusammengeschnürt worden. Er hatte keine Chance, sich noch zur Wehr zu setzen. Sechs Indonesier waren notwendig, um ihn zu dem Auslegerboot zu zerren.
Eine furchtbare Ahnung stieg in Hasard auf. Er wandte sich um.
„Ladet die Musketen!“ rief er. „Schnell! Wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein!“
Die Männer stellten keine Fragen. Noch wußten sie nicht, was Ed Carberry bevorstand. Aber instinktiv spürten sie, daß es von ihnen abhing, ob er am Leben bleiben würde.
Der Seewolf beobachtete wieder den Strand.
Von Dan O’Flynn, Matt Davies und den drei anderen war nichts zu sehen. Merkwürdig. Noch ergab dieses teuflische Spiel, das sich hier anbahnte, keinen rechten Sinn.
Die Mehrzahl der Indonesier verharrte unmittelbar vor dem Palmenwald. Etwas abseits stand die Gruppe der Portugiesen. Neben ihnen Kapitän Einauge und eine weitere kleine Schar, die Hasard zuvor noch nicht gesehen hatte. Aber nach dem Äußeren dieser Leute wußte er, daß es sich um den Raja und sein Gefolge handelte.
Laurindo de Carvalho redete gestikulierend auf den buntgekleideten kleinen Mann mit der weißen Kopfbedeckung ein. Der Raja bewegte den Kopf bedächtig von einer Seite zur anderen. Hasard wußte, daß dies das Zeichen für Zustimmung war – was einem Kopfnicken in Europa entsprach.
Kapitän Einauge hatte also diesen Plan, was immer es auch sein mochte, mit dem Inselherrscher abgestimmt. Folglich mußten sie etwas ausgeheckt haben, was ihrem gemeinsamen Interesse diente.
Auf Edwin Carberrys Kosten.
Aus der Gruppe des Raja-Gefolges löste sich jetzt ein weißgekleideter Mann. Hasard identifizierte ihn sofort als Brahmanen. Der Hindu-Priester ging mit gemessenen Schritten auf das Auslegerboot zu.
Hinter sich hörte Hasard die eilige Geschäftigkeit seiner Männer. Al Conroy überwachte das Laden der Musketen.
Der Seewolf wußte schon jetzt, daß ihm praktisch nur zwei Möglichkeiten blieben.
Entweder mußte er zu erkennen geben, daß er zur Übergabe des Schiffes bereit war, bevor Ed Carberry etwas zustieß.
Oder sie mußten den Profos mit gutgezielten Schüssen retten.
Letzteres barg ein unkalkulierbares Risiko, weil keinerlei Gewißheit darüber bestand, was mit den fünf übrigen Männern geschehen war, die dem Einäugigen in die Hände gefallen waren.
Vor dem Auslegerboot blieb der Brahmane stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.
Die sechs Indonesier hatten den Gefesselten mittlerweile auf die vordere kleine Plattform des Bootes gezerrt, das bereits im seichten Wasser dümpelte. Abwartend blieben sie stehen, hielten dem Brahmanen gegenüber devot die Köpfe geneigt und achteten gleichzeitig darauf, daß sich der Gefesselte nicht vom Boot rollte.
Der Hindu-Priester nickte zufrieden. Dann drehte er sich langsam um und gab ein Handzeichen zur Menge der Wartenden am Palmenwald.
Eine Gruppe von Indonesiern, vier Mann diesmal, setzte sich in Bewegung. Sie zogen geflochtene Bastsäkke hinter sich her, die sie über den dunklen Sand schleiften.
„Musketen geladen!“ meldete Al Conroy.
„In Ordnung“, sagte der Seewolf, ohne den Kieker abzusetzen, „verteile die Waffen, Al. Die Männer sollen sich schußbereit aufstellen, die Musketen aber noch verborgen halten. Außerdem je eine Muskete für Ben und mich.“
„Aye, aye, Sir.“
Hasard drehte sich nicht um. Er wußte, daß er sich auf den Stückmeister und jeden einzelnen Mann verlassen konnte. Eine Unbedachtsamkeit würde es nicht geben. Dazu wußte jeder viel zu genau, daß das Leben Edwin Carberrys möglicherweise von ihrem Geschick oder Ungeschick abhängen würde.
Jeder von ihnen wünschte sich in diesem Moment, die dröhnenden Sprüche des Profos über Deck schallen zu hören.
Wie sie ihn jetzt dort drüben auf dem Auslegerboot sahen, war es ein verdammt schmerzlicher Anblick – unwürdig für einen aufrechten Mann wie Ed, der unter seiner rauhen Schale doch immer einen weichen Kern bewahrt hatte.
Hasard konzentrierte sich wieder auf das, was sich am Strand abspielte.
Die Indonesier, die die Bastsäcke mit ihrem offenbar schweren Inhalt herangeschleppt hatten, erreichten das Boot und zerrten die Säcke ins knöcheltiefe Wasser.
Hasard begriff plötzlich, was geschehen würde. Es brachte ihn fast um den Verstand. Eine imaginäre glühende Faust wühlte in seinem Magen.
Aber in diesem Augenblick konnte er nichts für Carberry tun. Noch nicht. Solange das Boot am Strand lag, war es sinnlos.
Die Minuten verrannen quälend langsam.
Auf der „Isabella“ war es totenstill. Das unfaßbare Geschehen wirkte wie lähmend auf die Männer.
Sie schnürten die Bastsäcke zu und verknoteten die Enden der dünnen Strikke mit Ed Carberrys Fesseln.
Insgesamt vier solcher Säcke waren es, und als sie sie ins Boot wuchteten, wurde klar, daß es sich bei dem Inhalt um nichts anderes als Steine handelte. Lavabrocken oder sonstwas.
Dem Profos war es reichlich egal, ob es nun erkaltete Lava oder Felsgestein war. Fest stand, daß sie ihm zentnerschwere Gewichte an den Leib gehängt hatten – um ihn zu ersäufen wie eine Katze.
Obwohl nur dieser niederschmetternde Umstand letzten Endes zählte, ertappte er sich dabei, daß er darüber herumgrübelte, was für Steine es nun wohl sein mochten.
Sinnigerweise hatten sie seine Augen nicht verbunden, diese Kanalratten, diese dreimal verfluchten hinterhältigen Rübenschweine. Als sie seine Fußkette von Dan O’Flynn gelöst hatten, war es ihm noch nicht gleich klargeworden, was sie planten. Aber als sie dann mit zehn Mann über ihn hergefallen waren – draußen vor dem Palast, da war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen.
Jetzt erlebte er alles bis ins Kleinste mit – eben weil sie ihm die Augen nicht verbunden hatten. Mit voller Absicht hatten sie das nicht getan.
Teuflische Bastarde!
Nie in seinem Leben hätte er es sich träumen lassen, einmal auf eine so schändliche Weise zu enden. Hier mußte er sich wie ein Stück Vieh auf der Schlachtbank fühlen. Schlimmer als ein Delinquent, der nach einem ordnungsgemäßen Gerichtsurteil hingerichtet wurde – auf welche Weise auch immer. Einem solchen Delinquenten gestattete man wenigstens noch einen Rest an menschlicher Würde.
Den Tod hatte Edwin Carberry nie gefürchtet. Allein deshalb nicht, weil er stets eine bestimmte Vorstellung vom Sterben gehabt hatte. Seite an Seite mit seinen Gefährten im wildesten Kampfgetümmel, Mann gegen Mann mit blanken Waffen – dann irgendwann der alles entscheidende Hieb wie ein Blitz aus heiterem Himmel – ein Hieb, den man fast nicht mehr spürte.
Ja, das wäre für den Profos der „Isabella“ ein ehrenvoller Tod gewesen. Selbst wenn ihn das Schicksal in einem Kampf an Land ereilt hätte, wäre es für ihn noch nicht unehrenhaft gewesen – obwohl Schiffsplanken für einen Profos natürlich der bessere Platz zum Sterben waren.
Aber dies, verdammt noch mal, war das Niederträchtigste, was Menschen einem Menschen zufügen konnten.
Ed Carberry drehte den Kopf ein wenig mehr zur Seite, so daß er besser sehen konnte, was sich am Strand abspielte. Mehr als den kleinen Finger konnte er praktisch nicht bewegen. Sie hatten ihn höllisch gut verschnürt. Darin verstanden sie ihr Handwerk, diese drahtigen kleinen Satansbraten.
Die sechs Kerle, die Mühe gehabt hatten, sein Lebendgewicht zu schleppen, standen noch immer abwartend neben dem Boot. Am Ufer hochaufgerichtet dieser Kerl in Weiß, Ayia Padang Mantra, der Brahmane. Ed Carberry erinnerte sich sehr genau an das alberne Vorstellungszeremoniell im sogenannten Königspalast. Dieser komische Raja hatte damit nichts anderes bezweckt, als sich aufzuspielen und seine Macht zu demonstrieren. Lächerlich! Gefesselten Gefangenen gegenüber konnte selbst eine Laus ihre Macht unter Beweis stellen.
Der Brahmane scheuchte jetzt die vier Steinträger mit einer herrischen Handbewegung fort.
Die Männer hasteten los, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken. Der Weißgekleidete genoß offenbar einen ungeheuren Respekt.
Ayia Padang Mantra stieß einen kehligen Befehl aus. Die sechs Männer, die neben dem Boot ausgeharrt hatten, schwangen sich behende an Bord. Der leicht gebaute Kahn mit den weit geschwungenen Auslegerstangen schaukelte beträchtlich. Die Indonesier griffen nach den Paddeln, deren Blätter aus dünnem Holz bestanden und kreisrund waren.
Ed Carberry mußte den Kopf noch mehr drehen, um zu erkennen, daß jetzt auch der Brahmane an Bord ging. Einen Moment blieb er aufrecht stehen. In der rechten Hand hielt er Palmenblätter, in die eine halbe Kokosnußschale gebettet war.
An Land herrschte völlige Stille. Nur das leise Rauschen des Windes in den hohen Kronen der Palmen war zu hören.
Der Brahmane griff mit der Linken in die Kokosnußschale und sprengte Wasser über das Boot und die Männer. Heiliges Wasser, wie sie es nannten. Dazu murmelte er einen monotonen Sermon von kehligen Worten. Die sechs Indonesier hielten die Köpfe geneigt. Dann, schließlich, setzte sich der Brahmane auf ein schmales Brett, das der Achterducht einer Ruderjolle ähnelte.
Ed Carberry drehte den Kopf zur anderen Seite. Ja, das Beiboot der „Isabella“ lag noch dort am Strand, wo sie es zurückgelassen hatten. Die Indonesier konnten damit offenbar nicht viel anfangen.
Das Auslegerboot wurde abgestoßen, und die sechs Männer tauchten die Paddel ein. Mit rasch zunehmender Fahrt glitt der schlanke Bootskörper durch den mäßigen Wellengang. Unmittelbar unter seinem Kopf hörte Ed Carberry das rhythmische Klatschen der Wellen gegen den Rumpf.
Erneut stimmte der Brahmane ein monotones Gemurmel an. Dabei sprengte er mit weit ausholenden Handbewegungen sein heiliges Wasser nach links und rechts in die Fluten.
Dieses Gemurmel zerrte an Ed Carberrys Nerven. Er hatte die unbestimmte Ahnung, daß der Moment, in dem es endete, auch sein eigenes Ende bedeutete.
Urplötzlich empfand der Profos unendliche Einsamkeit. Eine Einsamkeit, wie er sie noch nie gespürt hatte. Angst kroch in dem bärenstarken Mann hoch, und er haßte sich für dieses Gefühl. Doch dann sagte er sich, daß es wohl keinen Menschen gab, der angesichts eines solchen Todes keine Angst verspürte.
Eine Ewigkeit schien verstrichen zu sein, obwohl das Boot erst vor wenigen Sekunden abgelegt hatte. Ed Carberry verlor jegliches Zeitgefühl. Das Murmeln des Brahmanen trug dazu bei, ebenso das gleichmäßige Klatschen beim Eintauchen der Paddel.
Der Profos gab sich einen inneren Ruck und zwang sich, seine letzten Gedanken der „Isabella“ zu widmen, die vor der Insel ankerte. Die stolze Galeone war seine Welt gewesen, und er wollte wenigstens in Gedanken dort sein, wenn es mit ihm zu Ende ging.
Daß Hasard und die anderen ihm nicht helfen konnten, stand für ihn fest. Es gab keine Rettung, denn für die Indonesier genügte ein schneller Stoß, um ihn über Bord zu befördern und zu ersäufen. Kein Beiboot konnte schnell genug sein, damit sie ihn dann noch rechtzeitig heraufholten.
Das Gemurmel des Brahmanen erhielt einen dunklen Unterton. Dieser Unterton wurde stärker, im nächsten Moment schien es, als mische sich eine zweite Stimme in die rituellen Redewendungen des Ayia Padang Mantra.
Ed Carberry wurde erst dann stutzig, als aus dieser vermeintlichen zweiten Stimme ein mächtiger, grollender Baß wurde.
Die sechs Indonesier stießen einen Entsetzensschrei aus, hielten jäh mit dem Paddeln inne und warfen die Köpfe herum.
Der Brahmane erbleichte, brach sein Gemurmel gleichfalls ab. Auch er drehte sich um – langsamer jedoch, geradezu schuldbewußt.
So konnte keiner von ihnen sehen, daß die Männer an Bord der englischen Galeone die Musketen wieder sinken ließen, die sie eben in Anschlag bringen wollten.
Das mächtige Grollen schwoll an und verdichtete sich zu einem urgewaltigen Donner, der Erde und Wasser gleichermaßen vibrieren ließ.
Schreckensbleich starrte der Brahmane zum Vulkankegel.
Im nächsten Atemzug bestätigte sich seine Ahnung.
Eine Rauchsäule stieg aus dem Krater hoch, bis sie vom Wind erfaßt wurde und zerfaserte. Das Grollen nahm indessen unvermindert zu.
Jäh zuckte ein Glutstrahl fast kerzengerade aus dem Krater. Er wurde von einem schmetternden Krachen begleitet.
Der Brahmane schrie einen gellenden Befehl.
Wie von Furien gehetzt, tauchten die Indonesier die Paddel ein und wendeten das Boot. In rasendem Rhythmus peitschten die Paddelblätter das Wasser.
Mit einem Funkenregen, der sich fächerförmig über den Vulkankegel ergoß, sank der Glutstrahl aus dem Krater in sich zusammen. Als das Auslegerboot den Strand erreichte, nahm auch das Grollen aus der Tiefe der Erde ab.
Der Brahmane sprang als erster aus dem Boot und schrie den sechs Indonesiern einen Befehl zu. Sie folgten ihm mit wilden Sprüngen und zogen den Bootskörper mit dem beträchtlichen Gewicht Edwin Carberrys an Land.
Die Riesenschar der Menschen, die am Palmenwald ausgeharrt hatten, war vor Entsetzen wie gelähmt.
Nur Kapitän Einauge und seine portugiesischen Landsleute bildeten eine Ausnahme. An ihrer Spitze stapfte Laurindo de Carvalho dem Brahmanen mit unverkennbarer Wut entgegen.
In fliegender Hast zerrten die sechs Indonesier unterdessen den gefesselten Profos vom Boot und schleiften ihn den Strand herauf.
„Halt!“ brüllte de Carvalho schon von weitem. „Bleibt stehen! Verdammt noch mal, wollt ihr wohl stehenbleiben!“
Aber die Inselbewohner schienen ihn nicht zu verstehen, obwohl er ihre Sprache benutzte. Sie beachteten die Portugiesen nicht einmal, während sie den Profos zum Palmenwald schleppten und ihn dort eilends von seinen Fesseln befreiten.
Jetzt stand er aufrecht, nur noch mit den Ketten an Hals und Handgelenken.
Laurindo de Carvalho hatte dem Brahmanen den Weg versperrt. Fassungslos beobachtete der Einäugige, was sich dort oben am Palmenwald abspielte. Dann wandte er sich mit einer ruckhaften Bewegung dem Hindu-Priester zu.
„Was ist in dich gefahren, Mann? Du verstößt gegen unsere Abmachung! Der Engländer sollte hingerichtet werden. Was fällt dir ein, dich einfach darüber hinwegzusetzen und …“
Der Brahmane unterbrach ihn mit einer energischen Handbewegung. Seine Augen waren schmal und furchtlos, während er den Portugiesen ansah.
„Geh mir aus dem Weg, Einauge. Dies ist etwas, was du niemals begreifen würdest.“
Das Grollen des Vulkans war mittlerweile fast verstummt.
„Ich verlange eine Erklärung!“ schnaubte de Carvalho, und seine Landsleute, die hinter ihm einen Halbkreis bildeten, nahmen eine drohende Haltung ein. „Ich persönlich habe mit dem Raja die Entscheidung getroffen. Der Engländer sollte hingerichtet werden, damit wir die verdammten Kerle endlich dazu bewegen, ihr Schiff herauszurücken!“
Ayia Padang Mantra schüttelte bedächtig den Kopf.
„Du wirst es nie begreifen, Einauge, weil du es nicht begreifen kannst. Selbst wenn du den Rest deines Lebens auf unserer Insel verbringst, wirst du den Göttern niemals so nahe sein wie wir.“
„Götter! Blödsinn!“ schrie der Portugiese zornrot. „Ich habe bislang eine Menge Verständnis dafür gehabt, aber jetzt reicht es! Bei so einem Schwachsinn hört meine Geduld auf. Kein Wunder, daß ihr nie zu einer vernünftigen Kriegsführung fähig wart. Ich denke nicht daran, mir das gefallen zu lassen. Wenn ich meine Fähigkeiten in der Seekriegsführung für euch einsetze, dann erwarte ich auch …“
Wieder unterbrach ihn der Brahmane.
„Deine Entscheidung und auch die Entscheidung des Raja sind gegen den Willen der Götter unbedeutend. Und die Götter haben gesprochen. Ihr Zeichen war unmißverständlich.“ Er deutete mit ausgestrecktem Arm zu dem Vulkankegel. „Ich selbst habe falsch gehandelt und werde in einer Zwiesprache mit den Göttern zu Rate gehen müssen, um zu einer Entscheidung zu gelangen, die von ihnen gebilligt wird.“
„Aber …“ setzte de Carvalho an.
Der Brahmane ließ ihn einfach stehen und ging mit würdevoller Haltung weiter. Er schloß sich dem Raja und dessen Gefolge an. Die Indonesier bewegten sich bereits auf den Pfad im Palmenwald zu.
Edwin Carberry lief kettenklirrend in ihrer Mitte.
Bebend vor Wut stand Laurindo de Carvalho mit seinen Landsleuten noch immer am Strand. Er wagte nicht, zu der englischen Galeone zu blicken, denn er glaubte schon jetzt das überlegene Lachen jenes Sir Hasard zu sehen.
„Es hat keinen Zweck, Laurindo“, sagte Luiz Cardona leise, „es hat keinen Zweck, wenn wir uns jetzt auf die Hinterbeine stellen. Du weißt, wie halsstarrig die Inselbewohner sind, sobald es um ihre Götter geht. Also sollten wir gute Miene zum bösen Spiel machen und uns auf sie einstellen.“
De Carvalho starrte ihn an.
„Wie denn das? Diese hirnverbrannten Dummköpfe bringen es doch glatt fertig, die Engländer freizulassen! Und wie stehen wir dann da? Dann haben wir überhaupt kein Schiff mehr!“
Cardona nickte.
„Eben drum. Wenn wir hier herumstehen, erreichen wir überhaupt nichts. Ich schlage vor, daß wir uns vor allem erst einmal um die Gefangenen kümmern. Wenn der Brahmane wirklich auf die Idee verfallen sollte, sie freizulassen, können wir das wenigstens verhindern.“
Laurindo de Carvalho holte tief Luft und blies den Atem schnaufend aus.
„Dieser Tag“, sagte er erbittert, „ist der unglückseligste meines Lebens.“
Er konnte nicht wissen, um wieviel mehr sich diese Feststellung noch bewahrheiten sollte.
8.
„Jetzt verstehe ich die Welt nicht mehr“, meinte Old Donegal Daniel O’Flynn kopfschüttelnd. Wie alle anderen an Bord der „Isabella“ hatte er das Geschehen fassungslos beobachtet.
Doch es gab einen Mann auf der Galeone, für den eine Erklärung auf der Hand lag.
Der Kutscher, dessen Namen niemand kannte, verließ seinen Platz in der Nähe des Kombüsenschotts und steuerte auf den Seewolf zu.
„Sir, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf …“
Hasard drehte sich um.
„Ja?“
„Ich glaube, Edwin Carberry und die anderen haben im Moment nichts zu befürchten. Wenigstens von den Indonesiern nicht.“
Hasard runzelte die Stirn.
„Das mußt du schon ein bißchen näher erklären.“ Er wußte, daß sich der Kutscher während seiner Dienstzeit bei Doc Freemont eine Reihe von Kenntnissen angeeignet hatte, die man getrost als außergewöhnlich bezeichnen konnte. Doc Freemont war ein gebildeter Mann, und an vielen langen Abenden vor dem Kamin hatte er mit seinem Kutscher Gespräche geführt, die beiden über die Einsamkeit hinweggeholfen hatten.
Seit vielen Jahren leistete der Kutscher nun schon seine Arbeit in der Kombüse der „Isabella“, und auch als Feldscher hatte er sich bestens bewährt – war es ihm doch gelungen, auch in dieser Beziehung einiges von Doc Freemont zu lernen.
„Ich habe einiges über den Hinduismus gehört und gelesen, Sir. Was sich soeben ereignete, hat unmittelbar mit der schwachen Vulkantätigkeit zu tun. Dem Hindu-Glauben entsprechend, wird dieser Vulkan vermutlich als irdischer Wohnsitz der Götter betrachtet. Und die Eruption erfolgte haargenau in dem Moment, in dem unser Profos geopfert werden sollte.“
„Geopfert?“ fragten die umstehenden Männer verblüfft. „Dieser portugiesische Schweinehund wollte uns doch nur unter Druck setzen, damit er sich unser Schiff unter den Nagel reißen kann!“ Es war Ferris Tucker, der grollend diese Feststellung traf.
„Laßt den Kutscher reden“, entschied Hasard.
„Danke, Sir.“ Der schmale, dunkelblonde Mann lächelte kaum merklich. „Natürlich wollte der Portugiese seinen persönlichen Zweck mit dem Menschenopfer verbinden. Aber für die Indonesier ist es in erster Linie ein kultischer Akt. Das, was sie dadurch erreichen wollen, geschieht nach ihrem Glauben nur dann, wenn die Götter ihre Zustimmung geben.“
„Genau so ist es!“ rief der alte O’Flynn aufgeregt. „Haargenau so!“ Jeder an Bord wußte, daß er allem Übersinnlichen besonders zugetan war.
„Ich frage mich nur, wie so was funktionieren soll“, knurrte Ferris Tucker.
„Eine wichtige Rolle spielen für Hindus die Dämonen“, fuhr der Kutscher fort, „wenn sie dem Meer ein Menschen- oder Tieropfer bringen, hat es den Zweck, die Meeresdämonen in ihre Schranken zu weisen. Das geschieht natürlich dadurch, daß ihnen die Götter nach dem Opfer wohlgesonnen sind und die Dämonen aus dem Feld schlagen. In unserem Fall glaubten die Indonesier also, daß sie mit Unterstützung ihrer Götter unser Schiff in Besitz nehmen könnten, weil sie vermutlich annahmen, daß die Dämonen auf unserer Seite waren.“
„Ich verstehe“, sagte der Seewolf. „Die Vulkantätigkeit war natürlich reiner Zufall. Aber trotzdem glauben sie, daß die Götter mit dem Opfer nicht einverstanden sind. Deshalb haben sie das Ganze abgeblasen.“
„So wird es sein“, sagte der Kutscher, „und der Portugiese sieht vermutlich seine Felle davonschwimmen, weil er die grausame Zeremonie aus einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachtet hat.“
„Nein, nein!“ rief Old Donegal Daniel O’Flynn. „Der Vulkanausbruch war bestimmt kein Zufall! Es gibt nun mal Dinge auf dieser Welt, von denen wir uns überhaupt keine …“
„Hör auf, Old Donegal!“ brüllten die anderen. „Um Himmels willen, hör auf!“
Hasard sorgte mit einer energischen Geste für Ruhe.
Der alte O’Flynn schwieg beleidigt. Immer wieder mußte er es erleben, daß niemand für seine Geschichten Verständnis hatte. Aber verdammt merkwürdig war es doch, daß sie dem Kutscher zuhörten. Vielleicht lag es nur daran, daß er seine Worte ein bißchen besser zu wählen verstand. Aber das war noch lange kein Grund, sich über einen alten Mann lustig zu machen.
Old Donegal beschloß grimmig, ihnen bei passender Gelegenheit den Kopf zurechtzusetzen – dann nämlich, wenn er wieder einmal recht behalten hatte. Die unerklärlichen Dinge, die sie in Australien erlebt hatten, waren anscheinend schon völlig in Vergessenheit geraten.
„Wir brechen sofort auf“, ordnete der Seewolf an. „Obwohl es riskant ist, können wir nur drei Mann als Wache an Bord zurücklassen. Der Kutscher, Old O’Flynn und unser Moses übernehmen das. Außerdem bleiben natürlich Philip und Hasard an Bord. Wir brauchen alle verfügbaren Kräfte für den Einsatz auf der Insel. Klariert die große Jolle! Beeilt euch, wir erwischen keinen günstigeren Moment!“
Die Zwillinge protestierten ausnahmsweise nicht dagegen, daß sie zurückbleiben mußten. Ihnen war klar, daß an Land die Fetzen fliegen würden. Und dazu fehlten ihnen denn doch noch einige Lebensjahre.
Hasard wandte sich noch einmal kurz zur Insel um.
Der Strand war wie leergefegt – dank des Entsetzens, das den Indonesiern in den Knochen saß.
Noch immer stieg eine dünne Rauchsäule aus dem Krater des Vulkans, als der Kiel der großen Jolle auf den Ufersand knirschte. Das urgewaltige Grollen aus der Tiefe der Erde war jedoch verstummt.
Der Seewolf und seine Männer sprangen außenbords und zogen die Jolle höher auf den Strand. Ferris Tucker lief zu dem kleineren Beiboot, mit dem Ed Carberry und seine Begleiter an Land gegangen waren. Während sich der hünenhafte Schiffszimmermann davon überzeugte, daß das Beiboot unversehrt war, verteilten die anderen die Waffen.
Außer Pulverflaschen und Kugelbeuteln erhielt jeder eine Muskete und eine Pistole, überdies baumelten Entermesser oder Säbel an ihren Gurten. Ferris Tucker kehrte zurück und schulterte seine Zimmermannsaxt, die er als furchtbare Waffe einzusetzen verstand.
Hasard selbst hatte seinen Radschloßdrehling und den schweren Säbel mitgenommen. Auf eine Muskete verzichtete er, weil er größere Beweglichkeit brauchte. Mit dem Drehling verfügte er ohnehin über sechs Schuß, die er nacheinander abfeuern konnte, ohne nachladen zu müssen.
Sie verloren keine Zeit. Unbehelligt erreichten sie den Palmenwald. Dort fanden sie auf Anhieb den Pfad, von dem sie wußten, daß er zur Ansiedlung der Inselbewohner führen mußte.
Der Seewolf und seine Männer marschierten mit weitausgreifenden Schritten, und der weiche Boden dämpfte die Geräusche. Nur das leise Klirren der Waffen war zu hören.
Eine unnatürliche Stille lastete über der Insel. Selbst aus der grünen Dichte des tropischen Waldes drang kein Laut, keine der schrillen Vogelstimmen, die sonst in jedem Urwald zu hören waren.
Zügig umrundeten sie die plateau-ähnliche Anhöhe aus Lavagestein. Auf der anderen Seite stießen sie auf die Fortsetzung des Pfades. Hasard hatte es nicht riskieren wollen, die Anhöhe auf direktem Weg zu überqueren. Möglicherweise gab es irgendwo doch noch Wachtposten. Darauf, daß sich die Indonesier aus Angst vor dem Vulkan verkrochen hatten, konnte er sich nicht allein verlassen.
Die Zeit schien rasend schnell zu verstreichen. Hasard wußte, daß es das bohrende Gefühl war, etwa doch noch zu spät zu kommen. Auf dem Weg durch den Dschungel sprach keiner seiner Männer ein Wort. Jeder hegte die gleichen Gedanken – Gedanken an die Freunde und Gefährten, die noch immer in Ketten lagen oder gar schon getötet worden waren.
Die Luft war drückender geworden, ein seltsames Zwielicht war heraufgezogen. Der Himmel, soweit er durch die dichten Baumkronen zu erkennen war, hatte sich grau gefärbt. Kein düsteres Grau, wie es im heimischen Europa einen Regenschauer ankündigte. Dies hier war eine unnatürliche, eher schweflige Färbung, die sich mit zunehmender Intensität auf das Land herabzusenken schien.
Unvermittelt verlangsamte der Seewolf seine Schritte, hob die rechte Hand, gab das Zeichen zum Halten und winkte Ben Brighton zu sich heran.
Ben folgte der Aufforderung auf leisen Sohlen.
„Ich denke, wir haben das Dorf vor uns“, flüsterte Hasard und deutete nach vorn. Über dem Dickicht, zwischen den Reihen der lianenumwucherten Baumstämme, waren hellere Flecken von Bambusholz zu erkennen.
„Wir sollten uns schon jetzt in zwei Gruppen aufteilen“, gab Ben ebenso leise zurück.
Der Seewolf nickte und wandte sich um. Worte waren nicht erforderlich. Knappe Handzeichen genügten.
Für seine eigene Gruppe teilte Hasard Ferris Tucker, Smoky, Pete Ballie, Al Conroy und Big Old Shane ein. Al und der Schmied von Arwenack trugen zwei handliche Kisten, die der Stückmeister gern als seine Trickkisten bezeichnete. Wie es Al Conroys Handwerk entsprach, bestand der Inhalt aus höchst brisanten und effektvollen Kleinigkeiten.
Zu Ben Brightons Gruppe gehörten Batuti, Blacky, Gary Andrews, Jeff Bowie, Will Thorne und Stenmark.
Vorsichtiger jetzt, fast lautlos, setzten sie ihren Weg fort, bis sie den Rand des Dschungels erreichten. Im Schutz der mächtigen Baumstämme verharrten sie.
Wie auf dem Präsentierteller lag das Dorf vor ihnen. Das Gewirr der Bambushütten, der breite Hauptweg und die steinernen Tempel – alles zusammen wirkte wie ausgestorben. Dennoch waren die Menschen hier, hatten sich in ihre Hütten verkrochen und warteten auf das Ergebnis der Beratung, die der Brahmane in einer stummen Zwiesprache mit den Göttern führte.
Nirgendwo war zwischen den Hütten eine Bewegung zu erkennen – nichts, was darauf schließen ließ, daß die Seewölfe bemerkt worden waren.
Hasard gab seinem ersten Offizier das vereinbarte Zeichen.
Hart am Rand des Dickichts pirschten sich Ben Brighton und seine Männer zur linken Seite des Dorfes vor – jeden Augenblick bereit, in Deckung zu gehen.
Auf die gleiche Weise drang Hasard mit seiner Gruppe in die entgegengesetzte Richtung vor. Mit dieser alten, doch bewährten Taktik hatten sie das Dorf in der Zange, wenn es hart auf hart ging. Sie bewegten sich so geräuschlos wie nur möglich. Nach vielen gefahrvollen Abenteuern in tropischen Breiten war dies kein Neuland für sie. Sie kannten den Dschungelkampf mit all seinen Besonderheiten und Tücken.
Die einzigen Lebewesen, die sie sahen, waren Hühner und Hängebauchschweine in den Verschlägen hinter den Hütten. Auch die Tiere waren unerklärlich ruhig, kauerten in Ecken und beobachteten die Männer bei ihrem leisen Vordringen mit ausdruckslosen Augen.
Etwa in der Höhe der Dorfmitte hob Hasard die Hand. Sofort verharrten die Männer und suchten Deckung im Unterholz.
Der Seewolf spähte nach vorn. Steinmauern waren zu erkennen, nur wenig höher als die Palmblattdächer der Hütten. Es konnte sich um keinen der Tempel handeln, denn die befanden sich weiter im Zentrum der Ansiedlung. Hasard wandte sich zu Ferris Tucker um, der unmittelbar hinter ihm war.
„Ich sehe mir das genauer an. Wartet hier auf mich.“
Der Schiffszimmermann nickte.
Hasard verlor keine Zeit. Ohne das leiseste Geräusch zu verursachen, pirschte er sich weiter voran. Unbehelligt legte er die nächsten zwanzig, fünfundzwanzig Yards zurück und fand hinter einem mächtigen Mangrovenstamm Deckung.
Das steinerne Gebäude war jetzt zum Greifen nahe vor ihm.
Er brauchte nicht zweimal hinzusehen. Er kannte genügend asiatische und auch ostasiatische Länder, um zu wissen, daß dies nur der Palast des Raja sein konnte. Das Wort Palast war zwar reichlich übertrieben, im Vergleich zu den Hütten aber angebracht.
Während Hasard beobachtete, glaubte er plötzlich, fernes Stimmengemurmel zu hören. Er hielt den Atem an. Möglich war auch, daß diese Stimmen aus dem Palast kamen. Zum Herumrätseln war keine Zeit. Er mußte der Sache auf den Grund gehen.
Lautlos schlich er weiter und bahnte sich jetzt vorsichtig seinen Weg durch das Unterholz, denn die rückwärtigen Fensterhöhlen des Palasts waren nur einen Steinwurf weit entfernt.
Je mehr er sich der jenseitigen Gebäudeecke näherte, desto deutlicher waren die Stimmen zu vernehmen. Und wenige Minuten darauf hatte Hasard Gewißheit.
Es waren Stimmen, die Portugiesisch sprachen!
Vorsichtig schob sich der Seewolf weiter, bis er die Seitenmauer des Palasts im Blickfeld hatte. Jetzt war er kaum noch überrascht, als er sie dort stehen sah.
Laurindo de Carvalho und seine Landsleute.
Der Einäugige stolzierte unruhig auf und ab und redete gestikulierend, während die anderen an der Mauer lehnten.
Hasard erblickte die Fensteröffnung knapp über dem Erdboden. Die Tatsache, daß einer der Portugiesen mit schußbereiter Muskete vor diesem Fenster stand, ließ keinen Zweifel offen. Dies mußte das Verlies sein, in dem Ed Carberry und die anderen gefangengehalten wurden. Immerhin schienen sie also noch am Leben zu sein.
Hasard atmete auf.
Von dem Gerede de Carvalhos kriegte er nur Wortfetzen mit. Was er heraushören konnte, war die Empörung des Portugiesen darüber, daß er von den Beratungen im Königspalast ausgeschlossen war.
Der Seewolf lächelte kalt. Also hatte der Kutscher mit seinen Mutmaßungen recht gehabt!
Hasard hielt sich nicht länger auf. Er wandte sich ab und kehrte ebenso geräuschlos wie zuvor zu seiner Gruppe zurück. Mit gedämpfter Stimme informierte er sie über seine Beobachtung. Die Augen der Männer leuchteten. Auf einen Wink des Seewolfs öffneten Al Conroy und Big Old Shane die Kisten.
Assistiert von den anderen, erledigte der Stückmeister seine Arbeit im Handumdrehen. Sie rammten Bambusstöcke in den weichen Boden und banden die Raketen in ihren Führungsrohren daran fest. Diese Mitbringsel aus dem Reich der Mitte richteten zwar keinen Schaden an, waren dafür aber in ihrer Wirkung bislang immer äußerst eindrucksvoll gewesen.
„Fertig!“ flüsterte Al Conroy schließlich. Die glimmende Lunte hielt er schon in der Hand.
Hasard zog seinen Radschloßdrehling und gab das Zeichen. Gemeinsam mit den anderen pirschte er los. Al Conroy blieb zurück, und deutlich war das Zischen der ersten Zündschnüre zu hören.
Das chinesische Feuer würde auch für Ben Brighton das vereinbarte Zeichen zum Angriff sein.
Der Feuerzauber begann, als sie die Rückseite des Königspalasts erreichten.
Fauchend zog die erste Rakete ihre Bahn bis hoch über das Dorf. Während die nächsten Raketen ebenfalls zischend aufstiegen, detonierte die erste mit einem Krachen, der an Kanonendonner erinnerte. Feurige Blitze zuckten über den Hütten auf, ein Funkenregen in allen schillernden Farben des Regenbogens schwebte langsam nieder.
Noch bevor dieser erste Funkenregen erloschen war, detonierte die zweite Rakete. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Ein ohrenbetäubendes Stakkato von Detonationen hallte über die Ansiedlung der Insulaner.
Entsetzensschreie wurden laut. Wie von allen Teufeln gehetzt, verließen die ersten Indonesier ihre Hütten und suchten mit Frauen und Kindern Zuflucht im nahen Dschungel.
Chaos setzte ein. Unter dem andauernden Krachen des chinesischen Feuers schwoll das panikartige Stimmengewirr an. Auch Flüche auf portugiesisch waren jetzt zu hören.
Al Conroy schloß mit langen Sätzen zur Gruppe des Seewolfs auf. Spätestens jetzt mußten Ben Brighton und die anderen vom jenseitigen Dorfrand vordringen. Auch die Gefangenen mußten jetzt begriffen haben, daß der Augenblick der Entscheidung da war.
Hasard und seine Männer erreichten die Palastecke, als die Portugiesen auszuschwärmen begannen.
Wie vom Donner gerührt, prallten sie zurück, als sie die Seewölfe erblickten.
Zwei der Portugiesen hatten den Riegel entfernt und waren im Begriff, die Tür zu öffnen. Verständlich, daß sie ihre Gefangenen in Sicherheit bringen wollten, denn diese Gefangenen bedeuteten letztlich noch immer das Faustpfand, dessen Gegenwert eine englische Galeone bester Bauart war.
Aber diese Rechnung würde Hasard ihnen gründlich durchkreuzen. Jetzt und auf der Stelle.
Laurindo de Carvalho, schon auf dem Weg zur Vorderseite des Palasts, wirbelte herum.
Die Seewölfe wichen zu breiter Front auseinander.
Und das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Während die Portugiesen ihre Waffen noch hochrissen, krachten die ersten Warnschüsse. Ohne Ergebnis.
De Carvalho schrie einen gellenden Befehl und zog gleichzeitig seine Pistole aus dem Gurt.
Die Portugiesen gehorchten und ergaben sich nicht. Ihre Musketen und Pistolen flogen hoch.
Das Krachen des chinesischen Feuers verebbte.
Hasard, der eine erste Kugel als Warnschuß aus seinem Drehling abgefeuert hatte, stürmte voran, auf die Portugiesen zu, hakenschlagend.
Seine Männer hatten die Musketen fallen lassen und griffen zu den Pistolen. Reaktionsschnell warfen sie sich zu Boden.
Mündungsblitze zuckten dem Seewolf auf seinem rasanten Sturmlauf entgegen. Er spürte den Gluthauch einer Kugel, die haarscharf über ihn wegsirrte.
Breitbeinig stand de Carvalho da. Unter der Augenklappe war sein Gesicht zu einem teuflischen Grinsen verzerrt, als er den Seewolf herannahen sah. Für einen Sekundenbruchteil blickte Hasard in die großkalibrige Pistolenmündung. Der Zeigefinger des Einäugigen krümmte sich.
Weiter entfernt sah Hasard Ben Brighton und seine Männer herbeieilen. Hinter sich hörte er die Pistolenschüsse seiner Gruppe und das erste Klirren von Säbeln und Entermessern.
Eine feurige Lanze stieß aus der Pistole de Carvalhos.
Im selben Moment schnellte Hasard vor, überschlug sich knapp über dem Boden, rollte sich ab und war im nächsten Atemzug federnd auf den Beinen.
Donnernd entlud sich der Radschloßdrehling.
Ein Ausdruck grenzenlosen Entsetzens malte sich in de Carvalhos Gesichtszügen. Langsam, unendlich langsam sank er in sich zusammen, die Pistole entfiel seinen kraftlos werdenden Fingern.
Hasard wirbelte herum. Mit dem Einäugigen konnte er kein Mitleid empfinden. Nicht nach allem, was geschehen war.
Er ließ die Waffe sinken. Seine Männer hatten bereits für klare Verhältnisse gesorgt.
Drei, nein vier Portugiesen waren es, die mit langen Sätzen ihr Heil in der Flucht suchten. Die anderen lagen reglos am Boden. Von ihnen war keine Gegenwehr mehr zu erwarten. Sie hatten de Carvalho und seinen hinterhältigen Plänen zur Seite gestanden und dafür ihr Leben gelassen.
Aus dem Verlies erschienen die Gefangenen mit klirrenden Ketten. Ihre Gesichter strahlten, freudiges Gebrüll zur Begrüßung wurde laut.
Ferris Tucker begann sofort mit der Arbeit und benutzte die stumpfe Seite einer Axt, um die Splinte loszuschlagen, mit denen die stählernen Ringe der Ketten gesichert waren.
Aus dem Dorf gellten noch immer die Schreie der Indonesier. Mit einem Blick über den Vorplatz des Palastes stellte Hasard fest, daß von den Inselbewohnern keine Gefahr drohte. Nachdem sie bereits durch den Vulkanausbruch einen Schock erlitten hatten, waren sie jetzt endgültig in Panik geraten.
Dies bestätigte auch Ben Brighton, der mit seiner Gruppe beim Palast eintraf. Niemand hatte sich ihnen in den Weg gestellt. Als das Krachen des chinesischen Feuers begonnen hatte, waren die Indonesier in heillosem Entsetzen geflohen.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Ferris Tucker die Männer von ihren Ketten befreit hatte. Dann fielen sie sich alle vor Freude in die Arme. Aus dem Gewühl heraus tauchte der Profos vor Hasard auf.
Hasard lachte und schlug ihm wortlos auf die Schulter.
Edwin Carberry öffnete den Mund und wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. Im nächsten Moment wandte er sich rasch ab. Seine Augen waren feucht geworden, und so etwas sollte niemand beim Profos der „Isabella“ jemals sehen – auch der Seewolf nicht.
Hasard rief zum Sammeln. Bis auf einige unbedeutende Kratzer hatten seine Männer keinen Schaden gelitten.
Eilends durchsuchten sie den Palast des Raja. Die Vermutung des Seewolfs bestätigte sich sehr rasch. Keine Menschenseele hielt sich mehr in dem feuchten Gemäuer auf. Wie die übrigen Dorfbewohner waren auch der Raja und sein Gefolge geflohen.
Sie spürten es, als sie aus dem Palast ins Freie traten und zum Abmarsch rüsteten.
Der Boden unter ihren Füßen begann zu vibrieren.
„Weg hier“, sagte Hasard knapp und übernahm die Führung.
Im Eilschritt durchquerten sie das Dorf über jenen Hauptweg, von dem sie wußten, daß er zur Westseite der Insel führte.
Der Boden schien jetzt zu schwanken, ein tiefes, noch verhaltenes Grollen war zu hören. Es schien tief aus dem Inneren der Erde zu dringen, war doch überall und umgab die Männer mit bedrohlich anschwellender Lautstärke.
Sie begannen zu laufen, als sie den Tropenwald erreicht hatten. Auf ihrem Weg durch das stickige Dickicht wurde die Luft unerträglich. Ein beklemmender Druck legte sich auf die Atemwege.
Keuchend drangen sie bis zu der plateau-ähnlichen Anhöhe vor, wo sie einen Moment verharrten.
Jäh gab es einen Donnerschlag, der alles auszulöschen schien. Die Insel bebte, und der Donner wollte nicht enden.
„Da!“ schrie Dan O’Flynn. „Seht!“
Ihre Köpfe ruckten herum.
Feurige Lohe stieß aus dem Krater des Vulkans, bis hoch in den Himmel hinauf. Eine finstere Rauchwolke begleitete diese Lohe, breitete sich rasend schnell aus und verdüsterte das Sonnenlicht.
„Weiter!“ rief der Seewolf. „Beeilt euch!“
Das Atmen fiel ihnen immer schwerer, als sie durch den Palmenwald stürmten. Ein schwefliger Geruch lag jetzt in der Luft.
Wieder folgte ein urwelthafter Donnerschlag. Der Erdboden erzitterte heftiger als zuvor.
Die Männer von der „Isabella“ blickten nicht mehr zurück. Als sie mit schmerzenden Lungen den Strand erreichten, herrschte fast völlige Finsternis.
Ein Donnerschlag folgte jetzt dem anderen, und ein kurzer Blick zum Vulkan zeigte ihnen das Ausmaß der Naturkatastrophe.
Aus dem Krater wälzte sich ein breiter Strom glühender Lava, hatte bereits den Fuß des Vulkankegels erreicht und fraß sich weiter in die grüne Vegetation vor. Weißliche Dämpfe stiegen auf, aus dem Krater zuckten in kurzen Abständen feurige Strahlen bis hoch in den verdüsterten Himmel.
Böen kamen plötzlich auf und orgelten über die Palmen, deren Stämme sich ächzend bogen.
In fliegender Hast erreichten die Männer das Beiboot und die große Jolle. Mit vereinten Kräften brachten sie die Boote zu Wasser, dann pullten sie mit peitschenden Schlägen. Wenigstens war die Luft über dem Wasser etwas klarer, und die Schmerzen in ihren Atemwegen ließen nach.
Der Vulkan brüllte wie ein gigantisches Tier aus Urzeiten. Die Böen wehten den Gluthauch der Lava herüber, deren todbringende Masse sich zähflüssig und unaufhaltsam nach allen Seiten über die Insel fraß.
Keuchend erreichten die Männer das Schiff. Die helfenden Hände der an Bord Zurückgebliebenen waren sofort zur Stelle, um die Boote hochzuhieven. Minuten später waren alle Mann an Deck, um den Anker zu lichten und die Segel zu setzen.
Der Wind stand günstig. Unter Vollzeug nahm die „Isabella“ rasch Fahrt auf.
Hasard ließ auf Nordwestkurs gehen. Dann legte er die Arme um die Schultern seiner Söhne, die sich zu ihm auf das Achterkastell geflüchtet hatten.
Die Insel bestand nur noch aus glühender Lava. Unablässig spie der Vulkan Feuer und Rauch und schleuderte glühende Brocken aus seinem Krater fast eine Meile weit, als wollte er die Galeone jetzt noch vernichten. Doch die Lavabrocken versanken zischend in der See wie schlecht gezielte feurige Kanonenkugeln, die keinen Schaden mehr anrichteten.
Erst jetzt sahen die Seewölfe den großen Pulk von Auslegerbooten, die von der Südostseite der Insel her der offenen See entgegenstrebten.
Die Menschen von Seribu hatten rechtzeitig fliehen können. Auf dem nahen Java würden sie unter fremder Herrschaft leben müssen. Aber sie lebten. Das allein zählte.
Erst in diesem Moment wurde dem Seewolf bewußt, daß Al Conroys chinesisches Feuer den Inselbewohnern das Leben gerettet hatte. Wären sie durch die Detonationen nicht aufgescheucht worden, hätte der Vulkanausbruch sie wahrscheinlich überrascht.
Philip Hasard Killigrew strich seinen Söhnen sanft über das Haar. Der Wind sang in Wanten und Pardunen, und die Stille auf der „Isabella“ trug einen Hauch von Frieden in sich.
Bald schmolz die Insel Seribu über der Kimm zu einem glühenden Punkt zusammen …

1.
Der polierte Spitzhelm und der Brustpanzer des spanischen Soldaten schimmerten nur noch für eine Weile im silbrigen Mondlicht, dann aber wurde auch dieser matte Glanz wie alle anderen optischen Wahrnehmungen ausgelöscht, denn der Wind, der zunehmend kräftig von der See in den Dschungel von Sumatra hinüberblies, schob Wolken vor die weiße Sichel und hüllte das Lager und die Festung von Airdikit mit tiefster Finsternis ein.
Der Soldat hatte seine Inspektionsrunde im Inneren der Palisaden beendet und wandte sich zum Gehen. Morgan Young hörte, wie sich das Knirschen seiner Schritte auf dem sandigen Untergrund entfernte und der Mann sich zwischen den Sträflingen hindurch zum Tor bewegte.
Knarrend öffnete sich das Tor in seinen eisernen Angeln, wenig später schloß es der Wachtposten von außen und schob den eisernen Riegel vor.
Die Gefangenen waren wieder allein mit ihrem Schweigen und ihrer Verzweiflung, mit den dumpfen, bohrenden Fragen und den Ängsten, die die Dunkelheit und die unheimlichen Laute des Urwaldes immer wieder hervorriefen. Viele der gut vier Dutzend Spanier, Portugiesen, Engländer, Holländer und Franzosen, die hier festgekettet waren, fielen bald in einen Erschöpfungsschlaf, aber viele blieben auch wach, weil ihnen die Ausweglosigkeit ihres Schicksals zusetzte und an ihren Nerven zehrte.
Niemand glaubte ernsthaft, daß ein Ausbruch aus den Palisaden und eine anschließende Flucht durch den Dschungel jemals gelingen konnten – niemand außer dem Engländer Morgan Young und Romero, dem jungen Spanier.
Das Vorhaben allein mußte wie die reinste Ausgeburt des Wahnsinns erscheinen, aber die Chance war eben doch plötzlich da, und Morgan Young klammerte sich genau wie Romero mit jener Verbissenheit daran, die nur die Verzweiflung hervorzubringen vermochte.
Sie wußten, daß nach Ablauf von einer Stunde – oder von zwei Glasen, wie man auf See sagen würde – die Wachablösung erschien und erneut einen Kontrollgang durch das Innere der Palisaden unternahm. Das ging die ganze Nacht über so, und ebenso, wie die Sträflinge hier in der Umzäunung scharf im Auge behalten wurden, überprüft man auch jene Gefangenen, die bereits im Kerker des Festungsneubaus eingesperrt worden waren.
Somit war Airdikit zu einem ausbruchsicheren Sträflingslager geworden. Keinem war es bislang geglückt zu entweichen. Don Felix Maria Samaniego verwendete sein ganzes Können und seine Sorgfalt als Lagerkommandant darauf, daß es dabei auch blieb.
Dennoch: In dieser Nacht sollte es geschehen, in der nächsten Stunde bis zur Wachablösung sogar. Das Heulen des Windes nahm zu, und auch das Konzert der Urwaldfauna schien anzuschwellen – eine willkommene Geräuschkulisse, die andere Laute überdecken würde.
Morgan Young wandte den Kopf.
Romero, der junge Spanier, saß rechts von ihm, an einen in den Boden gerammten Pfahl gefesselt wie auch er, Young, und alle anderen Gefangenen. Young konnte seine Gestalt in dieser Finsternis kaum noch sehen, aber er wußte, daß auch Romero zu ihm blickte.
„Jetzt“, flüsterte er ihm zu. „Fangen wir an.“
„Ja“, raunte Romero. „Versuchen wir es. Eine bessere Gelegenheit kriegen wir nicht.“ Er sprach ein relativ gutes, jedoch stark akzenthaltiges Englisch. Das hatte er in den fast anderthalb Jahren, die er hier schon festsaß, von den englischen Mitgefangenen gelernt.
Romero war Decksmann auf einer spanischen Galeone gewesen, die zweimal im Jahr von Cadiz nach Manila und zurück segelte. Kurz vor den Philippinen hatte er sich auf seiner letzten Fahrt gegen einen ruppigen Bootsmann aufgelehnt, der einen Kameraden zu Unrecht gemaßregelt und dann vom Profos hatte auspeitschen lassen. Romero wäre dem Bootsmann an den Hals gesprungen, wenn ihn seine Freunde nicht zurückgehalten hätten. Ein rasch zusammengerufenes Bordgericht hatte den Aufsässigen wegen Insubordination und versuchter Meuterei zur Höchststrafe verurteilt: Zwangsarbeit in einem spanischen Gefängnislager. Von Manila aus hatte man ihn direkt nach Airdikit im südlichen Sumatra verfrachtet.
„Du kannst noch froh sein, daß dein Kapitän dich nicht gleich an der Rahnock aufgehängt hat“, hatte Morgan Young gesagt, als er diese Geschichte von Romero vernommen hatte. „Dann wäre dir nämlich der Anblick dieses wunderschönen Fleckchens Erde hier entgangen, mein Freund.“
Romero hatte darüber gelacht, und auch Young hatte gegrinst. Der Aufseher hatte ihnen die Peitsche über den Rücken gezogen, aber das hatte sie beide wenig beeindruckt. Oder, anders ausgedrückt: Auf diese höchst schmerzhafte Weise war ihre neue Freundschaft zumindest handfest besiegelt worden.
Morgan Young nahm es dem jungen Mann, der höchstens zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Jahre alt sein konnte, wahrhaftig ab, daß er kein richtiger Verbrecher war. In eine solche Situation an Deck, die dann zu drakonischen Strafen führte, konnte jeder anständige Seemann hineinschlittern, wenn er es mit einem unfairen Bootsmann oder Zuchtmeister zu tun hatte.
Young seinerseits war auch kein Mörder, Meuterer oder Plünderer, sondern er war wegen eines Schiffsbruchs in die Hände der Spanier geraten.
So war es seiner Ansicht nach nur legitim, wenn alle, die in Wirklichkeit gar nichts auf dem Kerbholz hatten, den Ausbruch aus dem Arbeitslager versuchten.
Nicht alle waren dazu bereit, bei diesem Höllenunternehmen ihr Leben zu riskieren und so hoch zu setzen, wie es nötig war. Morgan Young hatte also eine Auslese getroffen und wußte, auf wen er zählen konnte. Da waren seine Kameraden von der „Balcutha“ – mit ihm die einzigen Überlebenden des Schiffsunglücks –, also Tench, Josh Bonart, Sullivan und Christians. Kerle, die Kopf und Kragen aufs Spiel setzten, um nur hier herauszukommen. Weiter Jonny, auch ein Engländer, über dessen Herkunft aber nichts Näheres bekannt war, dessen „glorreiche Zehn“, eine Crew, wie sie wilder und bunter nicht zusammengewürfelt hätte sein können, sowie letztlich ein paar Holländer und Franzosen, die lieber im Kampf starben, als auch nur einen Tag länger unter der erbarmungslosen Hitze und Feuchtigkeit der Äquatorzone im moskitoverseuchten Dschungel zu schuften.
Romero fiel sozusagen die Schlüsselposition bei dem geplanten Ausbruch zu – und Young war derjenige, der voll und ganz seinen Fähigkeiten vertraute, während alle anderen ihre gelinden Zweifel daran hatten.
Aber hatte Romero nicht schon bewiesen, daß er über eine überdurchschnittliche Fingerfertigkeit verfügte. Wer außer ihm hätte wohl an diesem Nachmittag oben auf der Baustelle des Kastells unter der scharfen Aufsicht der Posten einen Schlegel und ein Scharfeisen entwenden können? Wäre denn jemand anderes in der Lage gewesen, diese beiden Werkzeuge so geschickt unter der Hose zu verbergen, daß auch nachträglich niemand den Diebstahl aufzudekken vermochte?
Nein. Nicht einmal Young, der sich auch schon einiges zutraute, oder Jonny, der ein tolldreister Draufgänger und Abenteurer zu sein schien, hätten etwas Vergleichbares vollbracht. Romero beherrschte richtige Taschenspielertricks, er war ein Meister im Jonglieren mit Gegenständen und konnte sie blitzschnell verschwinden lassen.
Den kleinen Hammer und das Scharfeisen hatte er vermittels dünner, jedoch sehr haltbarer Fäden, die er schon Tage zuvor vorbereitet hatte, an seinem Gürtel festgebunden und dann an der Innenseite seiner Hose herabbaumeln lassen.
Jetzt holte er die Geräte zum Vorschein und begann sein schwieriges, langwieriges Werk.
Allen Gefangenen waren die Hände auf dem Rücken zusammengekettet, wenn sie nicht zur Arbeitsschicht auf die Festung mußten, und diese Handfesseln waren wiederum durch eine Kette mit dem Pfahl verbunden, der für jeden Sträfling in den Boden innerhalb der Palisaden gerammt worden war. Die Beine wurden durch Schäkel zusammengehalten, an denen als Gewichte schwere eiserne Kugeln befestigt waren.
Wir können froh sein, daß sie uns nicht auch noch Halseisen verpaßt und uns damit an diese verdammten Pflöcke gehängt haben, dachte Young, als er sich jetzt auf die linke Körperseite legte und so nah wie möglich an Romero heranrückte.
Sie hatten verschiedene Pläne gewälzt und auch in Erwägung gezogen, die Flucht tagsüber zu versuchen. Doch dieses Vorhaben hatten sie gleich wieder verworfen. Wenn sie während der Arbeit an der zu errichtenden Festung auch die Hände frei hatten, die Zahl der schwerbewaffneten Wächter war doch zu groß, um einem derartigen Unternehmen auch nur die geringsten Erfolgschancen einzuräumen.
Blieb nur die Nacht, und zwar mußte es diese zunehmend stürmische Nacht sein, in der sie den Ausbruch durchführen. Ihre Wächter hatten ihnen bereits in Aussicht gestellt, daß auch die Gefangenen hier in den nächsten Tagen zu den Sträflingen in den Festungskerker gepfercht würden, dessen letzte Räume kurz vor der Vollendung standen. Wenige Wachtposten genügten, um den einzigen Ausgang des Kellergewölbes ständig ausreichend zu bewachen, und jeder Mann, der das Kunststück fertigbrachte, sich von seinen Ketten zu befreien und die Eisengitter zu öffnen, die ihn vor der Freiheit trennten, wurde spätestens dort erschossen.
Dort oben, im Kerker des Kastells, ist unser aller Schicksal endgültig besiegelt, sagte sich Morgan Young im stillen. Er drehte sich so, daß seine Beine sich denen von Romero näherten. Der junge Spanier hatte sich ebenfalls auf die Körperflanke sinken lassen. Sie lagen in stark verkrümmter Haltung Rücken an Rükken da, wobei die Verbindungsketten, die ihre eisernen Handfesseln an den Pfählen festhielten, sich strafften und an ihren Gelenken zu zerren begannen.
Romero konnte weder seine eigenen Handschellen noch seine Beinschäkel lösen. Aber er konnte dank seiner großen Fingerfertigkeit die Spitze des Scharfeisens in die Zwischenräume von Morgan Youngs Fußeisen zwängen und mit dem Schlegel auf das obere, stumpfe Ende des Werkzeugs hauen.
Die Schlaggeräusche wurden vom Jaulen und Heulen des Windes und dem Kreischen der Nachtvögel geschluckt, doch immer wieder hielt Romero inne, um zu lauschen. Hatten die Posten, die außerhalb der Palisade auf und ab patrouillierten, wirklich noch nichts gehört? Der junge Spanier arbeitete in der beständigen Furcht, entdeckt zu werden.
Morgan Young hielt immer wieder den Atem an, ballte die Hände zu Fäusten und schickte stumme Stoßgebete zum Himmel: Herr, laß es uns schaffen, gib, daß wir Erfolg haben und diesen gräßlichen Ort verlassen können.
„Morgan“, wisperte plötzlich eine Stimme. „Morgan Young!“
Young fuhr unwillkürlich zusammen, aber dann begriff er, daß es Jonnys Stimme war.
„Was ist?“ fragte er ebenso leise zurück. „Gefahr im Verzug?“
„Nein.“
„Verdammt“, zischte Young. „Du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt!“
„Ich wollte euch beiden nur sagen, daß ihr es schafft, wenn ihr eisern weitermacht.“
„Danke“, murmelte Romero.
„Und wenn ihr erst frei seid, dann wär’s mir eine höllische Ehre, wenn ihr mich als nächsten von diesem elenden Pflock befreien würdet.“
„Jonny, mein Ehrenwort darauf“, raunte Morgan Young ihm zu.
Romero arbeitete mit verbissenem Eifer weiter, wußte aber, daß er den Schlegel und das Scharfeisen nicht mehr lange in seinen verkrümmten, schmerzenden Fingern halten konnte.
Der Wind briste auf, nahm immer mehr zu, wurde stürmisch und schien sich darüber zu erzürnen, daß die Segel der großen Galeone ihm Widerstand boten. Heftig blies er in das stark gelohte Zeug und pfiff und heulte in den Luvwanten und Pardunen.
Die „Isabella VIII.“ segelte durch die Nacht, mit nordwestlichem Kurs und halbem Wind, der aus Südsüdwest wehte. Mit Backbordhalsen und hart über Steuerbordbug krängend bahnte sie sich ihren Weg durch die aufgewühlten Fluten und lief die südliche Öffnung der Mentawai-Straße zwischen der Südwestküste von Sumatra und den Mentawai-Inseln an.
Im Südwesten, dort, wo sich schon am späten Nachmittag drohend die schwärzlichen Gewitterwolken zusammengeballt hatten, zuckten jetzt hin und wieder Blitze auf, die wie Irrwische vom Himmel in die See glitten und dort in den unergründlichen Tiefen verschwanden.
Ben Brighton, der Erste Offizier und Bootsmann der „Isabella“, stand neben seinem Kapitän Philip Hasard Killigrew auf dem Achterdeck, hielt sich mit einer Hand an der Nagelbank fest und schickte immer wieder besorgte Blicke nach Süden.
„Da braut sich ganz schön was zusammen!“ rief er dem Seewolf zu. „Und wir alle können heilfroh sein, daß du heute nachmittag die Kursänderung angeordnet hast, schätze ich!“
„Ja, ich bin sicher, daß wir noch einen biestigen Sturm auf die Jacke kriegen“, sagte Hasard so laut, daß es durch das Pfeifen des Windes und das Rauschen des Wassers hindurch zu verstehen war. „Wenn es allzu hart wird und wir ihn nicht abwettern können, verholen wir in eine Bucht, entweder auf einer der Inseln oder auf Sumatra.“
Tatsächlich war die Galeone in der Mentawai-Straße ziemlich geschützt, und es war eigentlich kein großer Umweg, den sie beschrieb, wenn sie ganz hindurchsegelte und später, bei der Insel Simeulue, wieder auf den westlichen Kurs zurückging, den der Seewolf ursprünglich festgelegt hatte, nachdem sie die Sundastraße verlassen hatten.
Er wollte hinüber in den Indischen Ozean und ihn quer durchfahren, als Ziel galt irgendwann die Ostküste Afrikas. Ob diese Überquerung aber nun nördlich oder südlich des Äquators stattfand, hatte im Grunde keine große Bedeutung.
Welchen Sinn hatte es, wenn er sich in den Kern der Schlechtwetterzone hinauswagte und dabei das Risiko einging, daß die „Isabella“ schwer angeschlagen wurde? Sie war zwar ein gutes, robustes Schiff, das schon manchen Sturm hinter sich hatte, aber unsinkbar war sie auch nicht. Außerdem hatte Hasard nicht das Recht, die Crew leichtfertig einer derartigen Gefahr auszusetzen.
Man sollte den Teufel nicht zu sehr am Schwanz ziehen, das hatten auch die jüngsten Erfahrungen auf der Insel Seribu gezeigt.
Old Donegal Daniel O’Flynn, der an der Schmuckbalustrade des Achterdecks stand und auf die Kuhl blickte, war der gleichen Meinung. Immer wieder nickte er bedeutungsvoll vor sich hin und murmelte etwas von der „Vorsehung“, den „Mächten der Finsternis“ und dem „heimtückischen Bösen“, das man in dieser Situation ja nicht herausfordern sollte.
Die Situation wurde laut seinen neuesten Darlegungen durch die Konstellation der Himmelsgestirne maßgeblich beeinflußt, aber ob er nun wirklich genau über die Sterne Bescheid wußte, war keinem an Bord der „Isabella“, so richtig klar.
Der Alte drehte sich um, stapfte über das tanzende Deck zum Ruderhaus hinüber und trat zu Blacky, der bei Beginn der ersten Nachtwache um acht Uhr Pete Ballie als Rudergänger abgelöst hatte.
„Es ist gut, aber auch wieder schlecht, daß wir in diese gottverdammte Meerenge hineinlaufen“, sagte Old O’Flynn. „Wir könnten mit Spaniern und Portugiesen zusammentreffen, Blacky, mit einem starken Verband. Macht euch alle auf was gefaßt, heute nacht noch.“
Blacky prüfte unausgesetzt Kurs und die Segel. „Woher willst du das wissen?“ fragte er.
„Ganz einfach. Sirius steht in einem ungünstigen Winkel zur Venus, und das bedeutet für uns dicken Verdruß.“
„Pech für Sirius“, sagte Blacky lakonisch, ohne den Alten auch nur aus den Augenwinkeln heraus anzusehen. „Diese Venus soll ja ein scharfer Brocken sein, hab ich gehört, und da …“
„Nein!“ unterbrach Old Donegal ihn scharf. „Sie ist kein Brocken, sondern ein Stern!“
„Ah so.“
„Und es gibt eine Wissenschaft, du Lorbas, die nennt sich Astrologie. Man sieht sich die Sterne an und weiß, welches Schicksal einem beschert wird.“
„So?“ meinte Blacky. „Aber wie sollst du die Sterne sehen, wenn der Himmel wolkenverhangen ist? Kannst du mir das mal erklären?“
Old O’Flynn verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Verachtung. „Dummbeutel“, sagte er – und verließ schleunigst das Ruderhaus. Eine Antwort auf Blackys berechtigte Frage wußte er nämlich selbst nicht.
Der Seewolf war mittlerweile an die vordere Schmuckbalustrade des Achterdecks getreten, beugte sich leicht vor und legte die Hände als Schalltrichter an den Mund.
„Ed!“ schrie er.
„Sir?“ tönte es von der Kuhl zurück, etwa aus der Richtung der Gräting und der Beiboote. Die Gestalt des Profos’ war dort mehr zu ahnen, als richtig zu erkennen, aber er war da, allgewaltig und lautstark wie immer.
„Laß die Zurrings der Beiboote und die Haltetaue der Kanonen noch mal überprüfen!“ rief Hasard ihm zu. „Und dann sollen die Männer vorsichtshalber schon mal die Luken und Schotten verschalken und die Manntaue spannen, verstanden?“
„Aye, Sir, verstanden!“ meldete Carberry. Er schwenkte herum und ließ die übliche Wortkanonade auf die Männer los: „Ihr Himmelhunde, habt ihr’s nicht gehört? Flitzt los und zeigt die Hacken, willig, oder braucht ihr eine Sondereinladung? An die Stücke, an die Boote, und her mit den Spanntauen, zur Hölle, ich hab das schon schneller gesehen, ihr blinden Kanalratten! Ich will die Taue so stramm wie eure gottverdammten Affenärsche sehen, oder es gibt Zunder, daß es raucht! Mister Davies, pennst du? Mister Stenmark, muß ich dir Feuer unterm Achtersteven machen? Oh, ihr Triefaugen und Rübenschweine, wer hat euch bloß gezeugt?“
Matt Davies rannte zum Kutscher hinüber, um mit diesem zusammen das Kombüsenschott zu verschalken.
„Teufel auch“, sagte er wütend. „Manchmal denke ich, es wäre doch besser gewesen, wenn sie unseren Profos auf Seribu in den Teich gekippt hätten, wie sie’s vorgehabt hatten!“
„Wie?“ Der Kutscher hob erstaunt den Blick. „Hättest du ihm das wirklich gewünscht – daß er mit Steinen beschwert jämmerlich ersoffen wäre?“
„Na“, meinte Matt mit einem schiefen Grinsen. „Das nun auch wieder nicht. Aber sie hätten ihn ja wenigstens mal kurz einstippen und dann wieder hochziehen können. Vielleicht hätte ihm das Salzwasser ein wenig seine große Klappe gestopft.“
„Das glaubst du wirklich?“
„Man wird doch wohl noch an was glauben dürfen“, sagte Matt Davies. „Stell dir mal vor, du dürftest ihm ein paar Gallonen Wasser aus dem Wanst pumpen. Wäre das nicht …“
Weiter gelangte er nicht, denn hinter seinem Rücken brüllte Carberry von neuem los: „Mister Davies, du Höhlenmolch, glaubst du, ich sitze auf meinen Ohren? Du sollst nicht dumm ’rumquatschen, du sollst arbeiten, daß die Schwarte kracht!“
„Jetzt wird einem schon das Maul verboten“, brummte Matt Davies.
„Leg dich bloß nicht mit ihm an, Matt“, sagte der Kutscher, der die riesige, ungeschlachte Gestalt des Profos’ aus dem Dunkeln anrücken sah, warnend.
„Tue ich ja auch nicht.“
„Matt Davies!“ dröhnte Carberrys mächtige Stimme. „Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Rede ich zu leise?“
„Herrgott, nein“, stöhnte Matt.
„Was, wie?“
„Ich sagte: Aye, Sir!“ rief Matt, und dann kramte er rasch die Persenning und die Schalklatten her, mit denen der Kutscher und er das Kombüsenschott abzudichten hatten.
Carberry blieb stehen. Durch Beinarbeit glich er die schwankenden Schiffsbewegungen aus. Er stemmte die Fäuste in die Körperseiten, schaute den Männern eine Weile zu und sagte dann: „Gut. So gefällt’s mir schon besser, ihr Stinte.“ Er gab noch einen grunzenden Laut der Zufriedenheit von sich, danach wandte er sich ab und marschierte von dannen, um auch den Rest der Crew zu kontrollieren.
Bill, der Moses, hatte sich zu diesem Zeitpunkt vorsichtshalber schon mit einem Tau am Großmast festgebunden, um nicht von seinem luftigen Posten, dem Großmars, zu fallen. Er hielt prüfend Ausschau nach Südwesten, wo es wetterleuchtete und heftig blitzte und von wo aus jetzt unterschwellig grollender Gewitterdonner zu vernehmen war.
Wie alle anderen wartete auch Bill darauf, daß der Seegang und der Wind zunahmen und es bald wie aus Eimern zu schütten begann. Doch in diesem Punkt wurden sie angenehm enttäuscht. Noch brach der Sturm nicht mit seiner vollen Macht los, ja, er schien zu zögern, irgendwie auf einem Wartepol angelangt zu sein, um Luft zu holen und dann so heftig wie nie loszubrüllen.
Die erste Nachtwache, die bis Mitternacht dauerte, verlief voll innerer Anspannung und Ungewißheit über das, was noch folgen mochte. Energisch stemmte sich die „Isabella“ mit ihrem Vorschiff gegen die aufgerührte See, teilte die Wogen mit ihrem Bug und lief näher und näher auf die Straße von Mentawai zu.
Würde es wirklich noch Verdruß geben, wie Old O’Flynn wieder mal prophezeit hatte – oder hatte der Alte dieses Mal die nahe Zukunft doch zu schwarz gemalt und sich getäuscht?
2.
Die Zeit verstrich quälend langsam, und Morgan Young spürte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren des Körpers trat und Hoffnungslosigkeit von ihm Besitz ergriff.
„Mein Gott, Romero“, flüsterte er. „Jesus, beeil dich, schlag kräftiger zu. Und wenn ich auch ein paar Kratzer dabei abkriege – es macht mir nichts aus.“
„Sei still“, zischte der junge Spanier ihm zu. „Ich bin fast soweit. Santa Madre, sage jetzt nichts.“
„Morgan“, flüsterte in diesem Moment Trench, einer von Youngs englischen Kameraden. „Die Zeit bis zur nächsten Wachablösung ist gleich um.“
„Nein!“
„Dann erscheint der Posten und überprüft unsere Ketten, dann …“
„Halt den Mund!“ unterbrach Young ihn scharf. So laut, daß seine Stimme das Heulen und Tuscheln des Windes fast übertönte.
„Madre de Dios“, flüsterte Romero. „Müßt ihr euch denn ausgerechnet jetzt herumzanken? Seid ihr des Teufels?“
„Ja“, murmelte Young. „Wir sind alle des Teufels. Wir sind Narren, die das kriegen werden, was alle Narren verdient haben: einen Gnadenschuß ins Genick oder sonstwohin.“
Romero hatte den einen Beinschäkel um Morgan Youngs Fußknöchel mit dem Scharfeisen aufgestemmt, so weit, daß der Engländer seinen Fuß jetzt herausziehen konnte. Jetzt arbeitete er an dem Schäkel des anderen, linken Beines, setzte das Auftreibwerkzeug an und schlug immer wieder mit dem kleinen Hammer zu, knapp, gezielt, mit verbissener Miene und aufeinandergepreßten Zähnen. Seine Hände und Arme schmerzten inzwischen heftig, er konnte es kaum noch aushalten.
Dann, als Young kaum noch mit einem Erfolg seiner Anstrengungen rechnete, wisperte der Spanier: „Es geht, Morgan. Versuch es. Es kommt jetzt auf dich ganz allein an.“
Morgan Young zog sofort die Beine an und zerrte sie aus den Beinschäkeln, die von Romero gerade weit genug aufgetrieben worden waren, daß er seine nackten Füße herausnehmen konnte. Von den Fußketten und dem schweren Eisengewicht befreit, vermochte Young nunmehr seinen ganzen Körper zum Pfahl hin zurückzuschieben und das Hinterteil durch die Öffnung seiner Arme zu pressen. Es war eine beinah akrobatische Verrenkung, die starke Schmerzen hervorrief, aber Young unterdrückte einen gequälten Laut, bezwang sich selbst, indem er sich innerlich wild als einen Schwächling und Dreckskerl beschimpfte, und arbeitete mit dem wütenden Eifer eines Besessenen weiter. Dabei kippte er um, weil die Pfahlkette ihn hemmte und ihm im Weg war.
Es gelang ihm aber tatsächlich, die Arme bis unter seine Oberschenkel zu schieben. Jetzt zog er seine Waden an und drückte sie mit den Füßen zusammen so fest unter seine Schenkel, daß er die kurze Kette, die seine Hände zusammenhielt, ganz unter den angewinkelten Beinen hindurchbefördern konnte. Ein Ruck noch – er glaubte, seine eigenen Knochen im Leib knacken zu hören – und er hatte die Arme mitsamt seinen Händen vorn.
Romero lag immer noch auf der Körperflanke, hatte ihn aber über die Schulter hinweg beobachtet. Er schob ihm jetzt den Schlegel und das Scharfeisen zu.
Morgan Young setzte sich auf und angelte sich die beiden Hilfsmittel mit den Füßen. Er zog sie so dicht zu sich heran, daß er sie greifen konnte, dann trieb er in aller Eile ein Glied der Kette auf, die ihn an den Pfahl gefesselt hielt.
Es war, wie er es sich ausgemalt hatte: Mit den Händen vor dem Körper konnte er problemlos arbeiten, obwohl die Handschellen und die kurze Kette ihn noch ein wenig behinderten.
Die Kette am Pfahl sprang unter seinen energischen Hieben auf, er war frei.
„Morgan“, raunte Romero. „Laß jetzt die Handschellen. Du kannst sie später öffnen. Hilf mir.“
„Ja“, sagte der Engländer leise. Auf etwas unsicheren Beinen hastete er zu dem Kameraden hinüber, kniete sich neben ihn hin und erlöste ihn zuerst von dem Kugelgewicht und der Kette an den Beinen. Dann öffnete er auch die Pfahlkette. Dies alles ging viel schneller vonstatten als das, was der junge Spanier zuvor vollbracht hatte, denn Young befand sich ja in einer viel günstigeren Arbeitsposition.
„Ich habe einen Glockenschlag gehört!“ zischte plötzlich einer der Männer. Es war Sullivan, auch einer von Youngs Freunden von der „Balcutha.“
„Das ist die Wachablösung!“ flüsterte Jonny. „Morgan!“
„Ja, ich höre dich, Jonny.“
„Scheiß auf dein Ehrenwort – du kannst mich hinterher befreien!“
„Hinterher?“ stammelte Young verdattert.
„Ihr müßt erst diesen elenden Hundesohn von einem Don überwältigen!“ zischte Jonny ihm im Dunkeln zu. „Beeilt euch! Zum Tor! Er tritt gleich ein, und dann fallt ihr über ihn her!“
„Wir könnten uns auch hinhocken und so tun, als wären wir noch gefesselt“, flüsterte Romero. „Wenn er zu uns tritt, springen wir auf und …“
„Er schießt, bevor ihr auf den Beinen seid!“ schnitt Jonny ihm das Wort ab. „Glaub es mir, ihr müßt ihn am Tor packen! Schlagt ihn mit euren Handketten nieder! Das könnt ihr schaffen!“
Morgan Young hatte seine Fassung wiedererlangt. Er richtete sich auf und lief geduckt los. Romero folgte ihm. Sie gelangten beim Tor an und hatten kaum zu beiden Seiten des einzigen großen, grob zusammengezimmerten Flügels Aufstellung genommen, da wurde von außen der Riegel zurückgeschoben.
Sie hielten den Atem an.
Das Tor schwang spaltbreit auf, eine Gestalt trat ins Innere der Palisade. Nur schemenhaft war sie in der Finsternis zu erkennen, aber doch gerade gut genug, um ein Angriffsziel zu bieten.
Der Soldat zog das Tor hinter sich zu – dann stutzte er. Er hatte Morgan Young entdeckt, der sich von rechts her auf ihn zubewegte. Romero handelte jedoch geistesgegenwärtig. Er sprang den Spanier von hinten an und schlang ihm blitzschnell die Kette um den Hals, die auch seine Hände immer noch zusammengebunden hielt.
Der Spanier taumelte, drohte in den Knien einzuknicken und zusammenzubrechen und gab einen röchelnden Laut des Entsetzens von sich. Er hielt aber seine Muskete noch fest in beiden Händen und trachtete in diesem Augenblick, den Abzug zu betätigen.
Morgan Young griff ebenfalls an und stellte fest, daß der Hahn der Muskete bereits gespannt war. Sofort packte er zu und versuchte, dem Gegner die Waffe zu entreißen, während Romero die Kette fest um die Gurgel des Mannes zusammenzog.
Der Wachtposten konnte nicht mehr schreien, nur ein ersticktes Gurgeln drang noch über seine Lippen. Doch trotz Youngs verzweifelter Bemühungen, ihm die Muskete zu entwinden, konnte er seinen Zeigefinger doch noch um den Abzug krümmen.
Dröhnend löste sich der Schuß, überlaut in der dramatischen Szene des Ringes um Leben und Tod. Pulverqualm hüllte die Gestalten der drei Männer ein. Romero begann zu husten.
Young riß die Muskete noch an sich, jetzt, da es zu spät war. Der Soldat sank zu Boden. Romero ließ von der schlaffen, jetzt reglosen Gestalt ab, bückte sich und brachte die Pistole in seinen Besitz, die der Soldat im Gurt trug.
Young warf die Muskete fort, bemächtigte sich des Säbels und des Messers des Spaniers und wollte zu den Kameraden zurückeilen, die darauf warteten, befreit zu werden. Doch vor den Palisaden ertönten das Rufen von Stimmen und das Herantrappeln eiliger Schritte.
„Wir können die anderen nicht mitnehmen!“ stieß Romero in höchster Erregung aus. „Wir können sie nicht befreien, wir …“
„Morgan! Romero!“ rief Jonny ihnen zu. „Haut ab! Haltet euch nicht auf und rettet wenigstens eure Haut! Von draußen könnt ihr später immer noch was für uns tun! Los, verschwindet!“
Young und der junge Spanier zögerten nicht länger, sie drückten das Tor wieder auf und liefen ins Freie.
Dicht vor ihnen war das Geschrei der spanischen Posten, aus der Finsternis wurden Gestalten sichtbar. Young riß den Säbel hoch, um sie abzuwehren, aber Romero hatte bereits die Pistole in Anschlag auf die anstürmenden Männer gebracht und drückte auf den vordersten von ihnen ab.
Der Soldat brach mit einem Wehlaut zusammen. Die anderen stutzten, legten selbst mit ihren Musketen und Pistolen an und zielten auf die beiden Sträflinge, deren Körperkonturen sie vor der Palisade erkennen konnten.
Morgan Young rannte nach links davon, Romero folgte ihm.
Drei Musketenschüsse krachten, und Young war es so, als schlüge eine Kugel dicht hinter seinen Hacken in den Erdboden. Doch er wurde nicht verletzt, und auch Romero blieb unversehrt. Zu hastig gezielt waren die Schüsse der Soldaten, die alle fehlgingen, zu schlecht waren die Sichtverhältnisse.
Es krachte noch zwei- und dreimal, und die Kugeln bohrten sich mit plokkenden Lauten in die Pfähle der Palisadenwand, an der die beiden Flüchtlinge wie von tausend Teufeln gehetzt vorbeirannten.
„Zum Hafen!“ rief Romero seinem Begleiter auf englisch zu.
„Unmöglich!“ schrie Morgan Young über seine rechte Schulter zurück. „Sie sperren uns den Weg dorthin ab. Sie knallen uns ab, ehe wir eins der Boote erreichen!“
Er lief weiter, so schnell er konnte, quer über die Lichtung hinweg, die die Kettensträflinge hier in Airdikit dem Dschungel abgerungen hatten. Er hastete zwischen den Hütten hindurch, die das Gros der Offiziere und Soldaten beherbergten, blieb nicht stehen, warf nur noch einmal einen Blick zurück und registrierte, daß der junge Spanier ihm weiterhin folgte.
Tatsächlich wäre es heller Wahnsinn gewesen, den Durchbruch bis zum Hafen zu versuchen. Das erste, was die Spanier auf den alarmierenden Musketenschuß hin getan hatten, war, den Zugang zum Hafen abzuriegeln, denn sie konnten sich ja ausmalen, daß im Fall eines Ausbruchs die Sträflinge eine der Pinassen oder Schaluppen zu kapern versuchten, die an den hölzernen Anlegern vertäut lagen.
So blieb Young und Romero nur noch eine Möglichkeit, nämlich in den Busch zu fliehen.
Young fürchtete bei allem Schneid, den er zu beweisen vermochte, den Dschungel. Das hatte er auch seinen Freunden von der „Balcutha“, Romero, Jonny und den anderen Verschwörern gegenüber offen zugegeben. Denn Morgan Young wußte, welche Gefahren im Urwald von Sumatra lauerten, und jeder andere Mann, der ehrlich seine Meinung aussprach, mußte bestätigen, daß es nahezu Selbstmord bedeutete, hier in der Nacht unterzutauchen.
Hier, im Feuchtigkeit ausströmenden Dickicht, lauerten der Tiger und andere Raubkatzen, hier konnte ein Schlangenbiß dem menschlichen Leben ein jähes, schmerzhaftes Ende bereiten. Hier gab es Krokodile und andere grauenvolle Kreaturen. Und die Mangrovensümpfe zwischen der Strafkolonie und dem Meer, die sich bis in unendliche Weiten auszudehnen schienen, waren die Brutstätte für eine Anzahl abscheulicher Krankheiten, gegen die der Mensch machtlos war, wenn er einmal von ihnen befallen wurde.
Aber Young und Romero hatten keine andere Wahl. Wenn sie den Soldaten entkommen wollten, die jetzt ihre Verfolgung aufgenommen hatten, konnte dies nur im Dschungel geschehen.
Ohne zu zögern, sprang Young deshalb in das Dickicht jenseits der Hütten, durchtrennte mit raschen Säbelhieben ein paar Lianen und widerspenstiges Dornengerank und drang tief in das Gestrüpp vor. Romero schloß sich ihm ohne Widerworte an. Auch er hatte begriffen, daß im Urwald die einzige Chance lag, sich den Feinden zu entziehen.
Wenn das halbwegs mißglückte Unternehmen doch noch gelingen sollte, dann konnte es nur auf diese Weise geschehen.
Young drehte sich kurz zu seinem Begleiter um und gab ihm das Messer des Soldaten. Er selbst fuhr fort, sich mit dem Säbel einen Weg durch das dichte, verfilzte Gesträuch zu bahnen, und Romero unterstützte ihn dabei, so gut es mit dem Messer ging. Sie sprachen nicht miteinander, sondern hackten und schnitten mit ihren Beutewaffen nur schwitzend auf Zweige, Blätter und Luftwurzeln ein.
Über ihnen rumorte der stürmische Wind in den Wipfeln der gigantischen Bäume, hinter ihnen war das wütende Geschrei der Verfolger. Natürlich hatten die spanischen Soldaten gesehen, wie die beiden im Dikkicht verschwunden waren. Sie waren ihnen nah genug auf den Fersen, verließen ebenfalls die Lichtung und benutzten den Pfad, den Morgan Young mit dem Säbel geschaffen hatte.
Es war mehr eine Bresche als ein Pfad, aber sie erlaubte doch ein erheblich schnelleres Vorankommen. Daß er den Gegnern ungewollt geholfen hatte, ging Morgan Young erst auf, als er ihre Stimmen ganz dicht hinter seinem Rücken vernahm.
Er verstand inzwischen genug Spanisch, um zu begreifen, was sie riefen.
„Bleibt stehen, oder wir schießen euch nieder!“
„Ergebt euch!“
„Ihr seid verloren!“
Young achtete nicht darauf. Nichts konnte ihn dazu veranlassen, sich den Feinden freiwillig zu stellen. Nur der Tod konnte seiner Flucht ein Ende bereiten. Wenn der eisige Hauch des Todes ihnen beiden schon im Nacken saß, so zog er das schnelle Sterben doch einer Rückkehr ins Gefangenenlager vor. Dort würde man ohnehin Gericht über sie halten, dort wartete am Ende der Henker auf sie, denn sie waren ja nicht nur aus dem Palisadenlager ausgebrochen, sondern hatten auch einen Soldaten getötet. Daß Romero ihn mit der Kette erwürgt hatte, stand für Young außer Zweifel.
Wieder krachten Schüsse. Sirrten die Kugeln links und rechts an Young und dem jungen Spanier vorbei – oder täuschten sie sich? War es vielmehr der Wind, der ihnen mit seinem Pfeifen und Heulen etwas vorgaukelte?
Young hörte auf, mit dem Säbel wie mit einer Machete auf das Dikkicht einzuhauen. Er ließ die Waffe sinken, duckte sich tiefer und schlüpfte in ein dorniges, hartes Gebüsch, das auf morastigem Boden wuchs.
Romero war immer noch dicht hinter ihm.
Das Gebüsch ritzte mit seinen Dornen Youngs Haut, und er drohte, darin steckenzubleiben. Verbissen arbeitete er sich jedoch weiter voran und ließ sich sogar auf alle viere nieder, um besser voranzukommen. Er schob den Säbel vor sich her und robbte durch den schwarzen Schlamm, der ihn von oben bis unten beschmutzte.
Plötzlich krachte wieder ein Schuß, und er hörte Romero hinter sich aufschreien.
Er stieß einen Fluch aus und wandte den Kopf. Hinter sich konnte er den jungen Mann gerade noch zusammenbrechen sehen, dann schien Romeros Gestalt eins zu werden mit dem Dickicht und dem Morast.
Romero bewegte sich nicht mehr.
Morgan Young wollte zu ihm zurückkriechen, aber wieder blitzte es in der Dunkelheit auf, und eine Kugel schwirrte heran. Der Engländer ließ sich in den Schlamm fallen. Das Geschoß flog über seinen Rücken weg.
Im Mündungsfeuer der Muskete hatte er Romero genau erkennen können. Der Zufall hatte gewollt, daß er auch gleich das Loch gesehen hatte, das in dem Schädel des Jungen klaffte.
Romero war tot.
Und jetzt nahten die Verfolger – ein Trupp, der gut vierzehn, fünfzehn Mann zählen mochte. Sie drangen in das Dornengestrüpp ein, um auch Youngs Flucht ein Ende zu setzen.
Wieder blaffte ein Schuß.
3.
Auf der „Isabella“ waren sämtliche Luken und Niedergänge verschalkt und auch die Manntaue ordnungsgemäß gespannt. Ed Carberry schloß seinen Kontrollgang über die heftig schwankenden Decks mit einem Brummeln ab, das wohl so etwas wie Anerkennung ausdrücken sollte. Immerhin hatten die Männer schnell und gut gearbeitet, das mußte man ihnen lassen. Jeder Handgriff hatte da gesessen, und so sehr der Profos auch herumwetterte, er mußte doch wieder einmal gestehen, daß es eine hervorragende, prächtig aufeinander eingespielte Crew war, die die „Isabella“ voranbrachte und manövrierte.
Schweren Schrittes erklomm Carberry jetzt das Achterdeck und erstattete seinem Kapitän Meldung, wie die Borddisziplin es verlangte.
„Gut, Ed“, sagte der Seewolf. „Wir sind also für den Ernstfall gerüstet. Im Augenblick sieht es zwar noch nicht so aus, als würden wir den Sturm voll zu spüren kriegen, aber du weißt ja, wie das in den Tropen ist. Das Wetter kann unversehens, von einem Moment auf den anderen, über uns hereinbrechen.“
„Ja, Sir.“ Carberry dachte an den Taifun, den sie vor Jahren südlich von Formosa erlebt hatten, und konnte sich eines leichten Schauders auf seinem Rücken nicht erwehren. Ärgerlich schüttelte er das „dämliche Kribbeln“ aber wieder ab und fragte: „Kann ich die Freiwache jetzt zum verspäteten Backen und Banken im Logis anrücken lassen?“
„Ja.“
„Danke, Sir.“
„Du solltest selbst auch einen Happen zu dir nehmen, Ed“, sagte Hasard. „Ben wird dich solange ablösen. Du kannst dir ruhig Zeit lassen, denn ich möchte, daß du nachher bei der Mittelwache voll bei Kräften bist.“
„Da kannst du ganz beruhigt sein, Sir“, versicherte ihm der Profos, der es selbst beantragt hatte, die Mittelwache mit übernehmen zu können, die im Anschluß an die erste Nachtwache von Mitternacht bis vier Uhr morgens dauerte. Eine doppelte Wache abzureißen, das war für Carberry auch dann keine Strafe, wenn sie den Sturm wirklich noch abwettern mußten – im Gegenteil. Lieber war er gleich von Anfang an dabei, als daß er sich mitten im schönsten Schlaf aus der Koje scheuchen ließ. Verantwortungsgefühl und Disziplingeist gingen ihm eben über alles, wie sich das für ein Profos gehörte, auch wenn die Arbeiten an Deck und die Segelmanöver ohne sein Gebrüll ebenso sauber und ordentlich ausgeführt wurden.
Hasard las in den Zügen seines Profos’ und lächelte.
„Ed“, sagte er. „Der Kutscher soll eine Extraration Rum austeilen und sie von mir aus mit heißem Wasser verdünnen – damit euch das Essen leichter ’runterrutscht.“
Carberry grinste, daß einen das kalte Grausen packen konnte, zeigte klar und rief: „Aye, Sir, schönen Dank, ich werde das sofort weitermelden!“
Damit stieg er wieder auf die Kuhl zurück und hangelte in den Manntauen zum Vordeck. Ständig um sein Gleichgewicht bemüht, erreichte er das Schott, riß es auf und verschwand im Niedergang. Er rammte das Schott hinter sich zu und paßte auf, daß die Verschalkung sich nicht löste.
Dann suchte er das Logis auf und blieb im Eingang stehen.
Es war stockfinster in dem Mannschaftsraum. So sehr Carberry auch die Augen zusammenkniff und Ausschau hielt – er konnte niemanden erkennen.
„Nun?“ fragte er deshalb barsch. „Seid ihr alle da, ihr Helden?“
„Aye, Sir“, antwortete ihm Smoky, der Deckälteste. „Batuti, Gary Andrews, Bob Grey, Sam Roskill, Stenmark, Luke Morgan, die Zwillinge und der Kutscher – die Freiwache ist vollzählig versammelt.“
„Sollen wir wieder ’raus und mit anpacken, Mister Carberry?“ fragte Philip junior, einer von Hasards beiden Söhnen.
„Luke halten“, sagte der Profos. „Dich hat keiner gefragt, und du hast nur zu reden, wenn du was gefragt wirst, du Hering.“
„Jawohl, Sir.“
„Kutscher!“ rief Carberry. „Was drückst du dich in deiner Koje herum? Sollen diese Himmelhunde Kohldampf schieben, während die Deckswache pünktlich ihren Fraß gekriegt hat?“
„Melde, daß ich nicht in meiner Koje liege, sondern auf entsprechende Anweisungen warte, Sir“, entgegnete der Kutscher – und die anderen konnten sich ihr Lachen kaum verkneifen.
„Dann schieb ab in die Kombüse und roll mit deinen Essenskübeln an, Mensch!“
„Zu Befehl, aber es wird kalt serviert, weil ich bei diesem Seegang die Feuer unter den Kesseln nicht anheizen kann.“
„Versteht sich“, sagte Carberry und schob dabei grimmig sein Rammkinn vor. Er hielt sich am Türrahmen fest, um nicht aus der Balance zu geraten. „Aber ich habe eine zusätzliche Order von Hasard erhalten, und die lautet: Besanschot an, damit wir deinen saukalten Brei auch ’runterwürgen können!“
„Besanschot an“, wiederholte der Kutscher. „Eine Extraration Rum für die Freiwache?“
„Mit heißem Wasser verdünnt!“ rief der Profos.
„Aye, Sir!“
„Und daß mir auch die Deckswache ihre Ration Schnaps kriegt!“
„Aye, Sir, sofort!“
„Das ist keine Belohnung, bildet euch bloß nichts darauf ein, ihr Satansbraten!“ brüllte der Narbenmann. „Mit irgendwas muß man deinen Labskaus ja wegspülen, Kutscher, sonst kleistert er uns die Kehlen zu!“
„Jawohl – bin schon unterwegs“, sagte der Kutscher, und damit löste er sich von seinem Halt, stolperte quer durchs Logis und stieß prompt mit dem Profos zusammen.
Carberry fluchte, daß es durch die Vordecksgänge bis in die Frachträume hinunterschallte, torkelte rückwärts, ruderte mit den Armen und prallte mit dem Rücken gegen die Gangwand, die dem Eingang des Logis’ gegenüberlag. Hier verlor er endgültig das Gleichgewicht und rutschte zu Boden. Mit einem dumpfen Laut setzte er sich auf die Planken.
Der Kutscher stieg über seine Beine und entzog sich Carberrys zornigen Hieben und Tritten, ehe es zu spät war.
„Kutscher, du verlauster Heringsbändiger!“ brüllte der Profos ihm nach. „Warte, wenn ich dich zu fassen kriege! Ich zieh dir die Haut in Streifen ab!“
Er wollte noch einen ganzen Schwall seiner schönsten Verwünschungen anhängen, unterbrach sich aber, weil ihm jetzt etwas mitten ins Gesicht flatterte. Das raschelte und schnatterte, wirbelte und kratzte, und er mußte sich mit den Händen schützen, bis es sich schließlich friedlich auf seiner Schulter niederließ.
Etwas zwackte den Profos liebevoll ins rechte Ohrläppchen, und eine heisere Stimme sagte: „Backbrassen, wir laufen auf Grund. Backbrassen, backbrassen, ihr Stinkstiefel.“ Das war Sir John, der karmesinrote Aracanga, wie er leibte und lebte.
Carberry wollte sich den Papagei von der Schulter nehmen, aber der Vogel entzog sich seinem Zugriff und flog ins Logis zurück, wo er vorher bei Philip junior und Hasard junior, den Zwillingen, gesessen hatte.
„Sir John“, sagte Carberry nur mühsam beherrscht. „Eines Tages rupfe ich dich, du Nebelkrähe, und dann landest du beim Kutscher im Kochtopf, zusammen mit diesem krummbeinigen Kombüsenhengst, dem ich anständig den Hintern versengen werde.“
Er erhob sich, stapfte ins Logis zurück und ließ eine Warnung an die Männer und die beiden Jungen los, die sich den Mund zuhalten mußten, um nicht laut loszuprusten.
„Wer jetzt lacht, der wandert ab in die Vorpiek“, sagte er.
Diese Drohung war durchaus ernstzunehmen, und daher zwangen sich die Männer zu eisernem Schweigen. Philip und Hasard grinsten zwar, aber das konnte der Profos in der Finsternis nicht sehen.
Nur das Rauschen des Seewassers an den Bordwänden, das Heulen des Windes und das Knarren der Planken und Verbände war zu vernehmen. Der Profos ließ sich an einem der schmalen Tische nieder. Für ihn war der Fall vorläufig erledigt.
Aber wenn der Hund von einem Kutscher mir noch mal gegen den Vorsteven rauscht, dann kriegt er seinen ganzen Kübel mit dem kalten Labskaus über den Kopf gestülpt, dachte der Narbenmann ergrimmt.
Morgan Young hatte gedankenschnell gehandelt. Als der Musketenschuß gefallen war und es erneut im Dickicht aufgeblitzt hatte, hatte er sich zur rechten Seite gerollt. Der Morast schmatzte unter seiner raschen Bewegung, und ein paar Spritzer von dem schwarzen Schlamm kriegte der Engländer direkt ins Gesicht. Er geriet erneut mit dem Dornengerank in Konflikt und zog sich weitere Schrammen an Armen und Beinen und auf dem Oberkörper zu, aber er rettete sich das Leben, denn die Kugel ging haarscharf links an ihm vorbei.
In seinem ersten Entsetzen über Romeros Tod und in seinem grenzenlosen Haß gegen die Soldaten hatte er aufspringen und mit dem Säbel in der Faust auf sie zustürzen wollen, um so viele wie möglich niederzusensen und dann selbst zu sterben.
Sie hatten Romero in den Kopf geschossen, ehe dieser es geschafft hatte, richtig in dem dornigen Gestrüpp unterzukriechen. Sie hatten Justiz an ihm geübt, aber es war die Justiz des Wahnwitzes, denn der junge Mann war in Youngs Augen ein gutherziger, aufrechter Bursche gewesen.
Daß er den spanischen Wachtposten mit der Kette erwürgt hatte, stand für den Engländer auf einem anderen Blatt.
Aber so glühend der Haß und der Wunsch nach Rache auch waren, in Morgan überwog in diesem Augenblick doch der Selbsterhaltungstrieb. Er warf sich herum, kroch in der Richtung weiter, die er vorher schon eingeschlagen hatte, und entfernte sich von seinen Gegnern.
Sie schossen wieder auf ihn, aber da sie seine Gestalt nicht einmal mehr als schattenhaftes Etwas erkennen konnten, feuerten sie aufs Geratewohl in den Dschungel. Young hörte die Kugeln hinter sich in den Morast schlagen und links und rechts neben sich durch das Dickicht sirren, um mehrere Fuß Distanz von ihm entfernt. Dennoch hatte er mächtiges Glück, daß er nicht von einem Zufallstreffer erwischt wurde.
Er kämpfte sich durch den Morast und durch brackige Tümpel, schob den Säbel mehr wie einen Fremdkörper oder einen nutzlosen Ballast vor sich her und setzte ihn nicht mehr als Buschmesser ein, weil er Angst davor hatte, von seinen Verfolgern gehört zu werden, und er ihnen den Weg durch die grüne Hölle nicht ebnen wollte.
Er war über und über beschmutzt und durchnäßt und begann, sich vor sich selbst zu ekeln. Er dachte an die Tiere des Urwaldes, die ihn vielleicht schon jetzt aus ihren Schlupfwinkeln heraus beobachteten, um ihn zu verfolgen und später über ihn herzufallen, und allein die Vorstellung bereitete ihm Furcht.
Aber er hörte, wie sich die Stimmen der Spanier hinter ihm im Gesträuch verloren. Es wurde jetzt nicht mehr geschossen. Sie hatten ihn endgültig aus den Augen verloren, waren ratlos und schienen stehengeblieben zu sein.
Seine Taktik, sich nur noch kriechend durch das Dickicht voranzubewegen, hatte sich als richtig erwiesen. Er hatte ihnen ein Schnippchen geschlagen und war schlauer gewesen als sie! Diese Erkenntnis verlieh ihm einen gewissen inneren Auftrieb.
Er grinste gequält. Es ging also doch. Man konnte ihnen entwischen, wenn man nur wollte. Sie kannten sich im Dschungel, den sie gewöhnlich mieden, nicht besser aus als er. Es gab keine Pfade, der Busch war ein einziger Irrgarten, in dem man sich tage-, wochen-, monatelang vor ihnen verstecken konnte. Man mochte ihn als die Hölle schlechthin, andererseits aber auch als Verbündeten ansehen, wenn man sich auf der Flucht befand. Young fing an, sich an dieser Vorstellung festzuklammern und sich mehr und mehr selbst davon zu überzeugen, daß erst der Urwald die Entscheidung herbeigeführt hatte: die Rettung vor dem schwerbewaffneten Feind.
Um Romero tat es ihm leid, aber er sagte sich auch, daß er um den jungen Mann nicht trauern durfte. Sein Tod hatte schließlich einen Sinn gehabt. Er, Morgan Young, würde sich durchschlagen und irgendwann Helfer finden, mit denen zusammen er auch Trench, Josh Bonart, Sullivan, Christians und all die anderen aus der Strafkolonie herausholen konnte.
Die Soldaten würden Romeros Leichnam jetzt aufheben und ins Lager zurückschleppen, wo sie ihn hinwarfen und voll Genugtuung ihrem Kommandanten zeigten. Aber für Don Felix Maria Samaniego und die Lageroffiziere mußte es ein harter Schlag sein, daß zwei Sträflinge die Flucht gewagt hatten – und daß einer von ihnen, ausgerechnet einer der „verdammten englischen Bastarde“, nun spurlos verschwunden war. Das störte sein Image und kratzte an seinem Selbstbewußtsein. Airdikit war kein ausbruchssicheres Lager mehr. Die Dinge waren ins Wanken geraten. Die Spanier würden die Wachen verschärfen, aber vielleicht gab es bald neue Fluchtversuche.
Young schob sich schwer atmend weiter voran. Die Ketten an seinen Armen behinderten ihn, und auch der Säbel wurde ihm zur Last, aber er schwor sich, die Waffe nicht zurückzulassen. Aus zwei Gründen nicht: erstens konnten die Spanier sie im Busch finden, und dann hatten sie wieder eine Spur, die sie weiterverfolgen konnten. Zweitens brauchte er den Säbel, um sich notfalls gegen Raubtiere und giftige Schlangen zur Wehr zu setzen.
Er bedauerte, den Schlegel und das Scharfeisen in der Palisade zurückgelassen zu haben. Damit hätte er jetzt seine Handschellen öffnen können. Aber er hatte eben den Fehler begangen, das Werkzeug einfach fallenzulassen, als sich der Wachtposten dem Tor des Palisadenlagers genähert hatte.
Er hoffte, daß einer seiner Mitgefangenen es fertiggebracht hatte, die Geräte in seinen Besitz zu bringen. Aber er glaubte nicht recht daran. Wenn einer von ihnen es geschafft hatte, würden die Soldaten sie doch alle durchsuchen und auf die Hilfsmittel stoßen, die die Flucht ermöglicht hatten.
Morgan Young konnte sich vom Boden erheben und in aufrechter Haltung seinen Weg fortsetzen. Er teilte das Dickicht, das jetzt mehr aus Mangroven und anderen Gewächsen mit schweren ledrigen Blättern als aus Dornensträuchern bestand, mit seinen zerkratzten Händen und wankte keuchend voran.
Er hatte die Orientierung verloren, stellte aber fest, aus welcher Richtung der Wind wehte und taumelte ihm bald, nachdem er einen großen Bogen geschlagen hatte, entgegen.
Der Wind war auflandig, soviel wußte er ja, er mußte also aus südlicher Richtung wehen. Auf dem Weg, den Young sich jetzt mühsam durch den Busch bahnte, mußte er also unweigerlich zur Küste gelangen.
Dort wollte er versuchen, ein einfaches Foß zu bauen, mit dem er zu einer der Inseln übersetzen konnte. Von der Existenz der Inseln wußte er, weil man sie ihm auf der „Balcutha“, auf der er als Decksmann gefahren war, beschrieben hatte.
Erst auf einem dieser einsamen Eilande würde er vollends vor den Spaniern sicher sein, soviel vermochte er sich auszumalen. Er gab sich keinen Illusionen hin. Sie würden weiterhin nach ihm forschen, wahrscheinlich die ganze Nacht über.
Blieb er auf Sumatra, wurde eine gnadenlose Jagd daraus.
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