Read the book: «Paris»
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© 2021 Wörterseh, Lachen
Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch
1. Auflage 2021
Die Originalausgabe erschien 2021 als Klappenbroschur
Lektorat: Andrea Leuthold
Korrektorat: Lydia Zeller
Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina
Foto Umschlag vorn: www.shutterstock.com (Alexander Chaikin / Masson / Alina Rosanova) Foto Umschlag hinten: Stanserhorn Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel
ISBN 978-3-03763-322-9 (Taschenbuch)
ISBN 978-3-03763-126-3 (Originalausgabe)
ISBN 978-3-03763-811-8 (E-Book)
www.woerterseh.ch
Diese Geschichte widme ich dem Stanserhorn-Team.
2018 und 2019 durfte ich dort als Bähnlerin arbeiten und bin mit der historischen Standseilbahn sowie mit der weltweit einzigen Cabrioseilbahn gefahren.
Danke für die erlebnisreiche und spannende Zeit!

Ça va pas changer le monde
Ça va pas le déranger
Il est comme avant, le monde
C’est toi seule qui as changé
Moi, je suis resté le même
Celui qui croyait que tu l’aimais
C’était pas vrai, n’en parlons plus
Et la vie continue
Joe Dassin
Das wird die Welt nicht verändern
Es wird sie nicht einmal stören
Sie ist wie vorher, die Welt
Nur du allein hast dich verändert
Ich bin immer noch der Gleiche
Der, der geglaubt hat, du würdest ihn lieben
Es war nicht so, reden wir nicht mehr darüber
Und das Leben geht weiter
Übersetzung von Blanca Imboden*
*, die eine sehr schlechte Französischschülerin war, aber sogar französische Stenografie lernen musste
Inhalt
Über das Buch
Über die Autorin
Liebe Leserin, lieber Leser
1 Jeder war schon in Paris
2 Königin der Lüfte
3 Ungelegte Eier
4 Das ist unser Tag
5 Ein Schatten deines Schattens
6 Arbeiten hält die Welt zusammen
7 Oh Happy Day!
8 La tristesse
9 Das Leben ist ein Abenteuer
10 Nach der Trennung kommt das Glück
11 Und noch eine Reise
12 Leicht und flüchtig
13 Das Leben ist eine Tomatensuppe
14 Eine Heimsuchung
15 Offenes Haus
16 Ich bin dann mal weg
17 Mitten im Loch
18 »Unentrinnbar und quälend«
19 Freunde sind auch nur Männer
20 Verliebt
21 Happy End
22 Aus allen Wolken gefallen
23 »Judith, wir haben ein Problem!«
24 Eichhörnchen und Waschbären
25 Neue Türen
Danke …
Über das Buch
So lange wie Judith hat noch keine Frau auf ihre Hochzeitsreise gewartet. In die Stadt der Liebe hätte es gehen sollen. Und dies vor – sage und schreibe! – dreißig Jahren. Jedes Jahr hat Judith, die als Seilbähnlerin bei der Stanserhorn-Bahn arbeitet, darauf gehofft, dass es doch noch klappt. Hat sich vorbereitet – Französisch gelernt, Stadtpläne studiert, Sehenswürdigkeiten rausgesucht, Zugverbindungen ermittelt. Aber irgendwie ist es nie dazu gekommen, dass Guido und sie den Zug nach Paris bestiegen hätten. Guido, ihr Mann, der überaus charmante Tierarzt, hatte einfach immer viel zu viel zu tun. Zumindest zu Beginn ihrer Ehe. Und später, später hatte er – wie sich Judith eines Tages eingestehen muss – wohl einfach keine Lust mehr, überhaupt irgendwohin zu reisen mit ihr.
Nun, es muss wirklich sehr viel geschehen, bis Judith öffentlich erklärt, dass Paris auf ihrer persönlichen Weltkarte fortan ein schwarzes Loch sei. Und dann fällt sie in genau dieses Loch hinein – und landet dabei erstaunlich weich.
»Paris« ist die Geschichte einer Frau, die am Leben nicht zerbricht, sondern durch Tiefschläge lernt, wie stark sie wirklich ist. Einer Frau, die erkennt, dass das Glück vorbeizieht, wenn man sich nicht getraut, die Tür zu öffnen. Zu dieser Erkenntnis gelangt sie, als sie – ganz allein – nach Paris reist und vor dem Inbegriff ihrer Träume, dem Eiffelturm, steht. Wieder zu Hause in Stans, und eine magische Begegnung später, realisiert Judith dann, dass Paris überall sein kann – sogar auf dem Stanserhorn.

Über die Autorin
© René Lang
Blanca Imboden, geb. 1962, war Sekretärin, Sängerin und Seilbähnlerin. Letzteres nicht nur auf dem Stoos, sondern eben auch auf dem Stanserhorn, wo sie viel Inspiration zu diesem Buch gefunden hat. Heute lebt sie ihren Traumberuf: Schriftstellerin. Wenn sie nicht gerade in den Bergen unterwegs ist oder auf Lesetour durch die Schweiz reist, tut sie das, was ihr das Liebste ist: Sie setzt sich hin und schreibt. Meist Romane, immer wieder mal Kolumnen und ab und zu auch eine Kurzgeschichte. Für Wörterseh schrieb Blanca Imboden zahlreiche Bestseller. Die erfolgreichsten: »Wandern ist doof – Ein Kreuzworträtsel mit Folgen«, »heimelig – Warum Nelly aus dem Altersheim spazierte und nie mehr wiederkam« und »Rigi – Ein fröhlicher Roman über traurige Menschen«. Die Autorin, die im Schwyzer Talkessel aufgewachsen und verwurzelt ist, lebt heute in Malters LU. blancaimboden.ch
Liebe Leserin, lieber Leser
In meinem Roman »Arosa«, der 2018 erschienen ist, spielte die Schriftstellerin Liz Lenzlinger eine Hauptrolle. Sie hatte nur einen einzigen erfolgreichen Roman geschrieben, und zwar »Paris« – ein Weltbestseller, übersetzt, verfilmt und mehrfach preisgekrönt. Danach fühlte sich Liz blockiert und leer. Erst in Arosa fand sie ihre Schreibfreude wieder. Diese Geschichte war natürlich gänzlich frei erfunden.
Aber – ich habe wunderbare Leserinnen und Leser.
Richtig treue Seelen.
Immer wieder verlangten sie in Buchhandlungen nach dem imaginären Buch oder riefen beim Verlag an, um sich zu erkundigen, wo man denn Blanca Imbodens Roman »Paris« kaufen könne.
»Paris«, von mir??
Nach der gefühlt tausendsten Nachfrage wollte mein Verlag wissen, ob ich mir schon einmal überlegt habe, tatsächlich einen Roman mit dem Titel »Paris« zu schreiben.
Et voilà! Ich habe es getan.
So findet frau Inspiration nicht nur in Arosa, sondern manchmal auch im Kreis der eigenen Leserschaft. Vielen Dank dafür!
Mitten im Schreibprozess kam Corona – und blockierte mich wochenlang. Normalerweise baue ich nämlich gern das aktuelle Zeitgeschehen in meine Geschichten ein. Aber wie sollte ich zum Beispiel über Fernweh, Reisen und Seilbahnen schreiben, wo doch grad alles verboten war? Das Coronavirus hatte mich zwar nicht erwischt, aber meine Romanidee niedergestreckt.
Ich war tieftraurig – bis mir eine gute Seele den Rat gab, das Corona-Thema einfach völlig aus meiner Geschichte herauszuhalten. Darüber könne man schließlich sonst überall genug lesen und hören. Ich denke, das war eine gute Entscheidung.

Amicalement,
Blanca
PS Noch eine kleine Warnung vorab: »
« ist eigentlich eine Mogelpackung. Das Buch enthält zwar immerhin 180-mal das Wort Paris, spielt aber in erster Linie rund ums Stanserhorn.
1 Jeder war schon in Paris
»Hau ab! Weg von den Geleisen!«
Ich bremse.
Ich hupe.
Ich schreie.
Will sie sich umbringen?
Ich winke, fuchtle mit den Armen und gebe alle möglichen Geräusche von mir, aber weder Zischen, Schnalzen noch Klatschen haben die gewünschte Wirkung. Hoffentlich filmt mich keiner, denn ich gestikuliere wie eine Irre. Schließlich muss ich meine Bahn tatsächlich anhalten und aussteigen, um die kleine Katze höchstpersönlich von den Schienen wegzutragen. Sie wirkt ziemlich verstört. Ich habe das kleine Tigerchen noch nie gesehen. Vielleicht ist es neu hier in Stans und der Standseilbahn noch nie begegnet. Ich stelle das Tier hinter dem Zaun wieder auf seine vier Pfoten und gebe ihm einen kleinen Klaps auf den Hintern. Schnell klettere ich wieder in den Führerstand. Jede Minute ist kostbar. Bevor ich wieder starten kann, brüllt es schon aus dem Funkgerät: »Wagen 1 – von Kälti, antworten! Wagen 1 – von Kälti!«
Der Maschinist will wissen, warum die Bahn steht. Ich erkläre es ihm.
»Wegen einer Katze? Judith! Wie oft soll ich es sagen: Die gehen doch immer selber weg. Immer!«
Simons Stimme überschlägt sich fast.
»Diese aber nicht. Ehrenwort. Es war ein Katzenkind, ein winziges, ein total verstörtes«, verteidige ich mich.
Resigniert antwortet er: »Na dann … solange du nicht verstört bist …«
Simon beendet den Funkverkehr. Ich sehe vor meinem inneren Auge sein Kopfschütteln. Damit kann ich leben. Ich bin die Fahrerin und habe die Verantwortung. Ich muss entscheiden. Und Simon ärgert sich schnell. Noch schneller beruhigt er sich zum Glück wieder. Eigentlich hat er ein sonniges Gemüt. Er vergisst das nur ab und zu, vor allem dann, wenn er zeitlich unter Druck steht. Heute stehen wir alle unter Druck, weil die Touristen Schlange stehen. Hochbetrieb. Wir haben sogar unsere Leute vom Boarding-Team aufgeboten, weil so viele Gäste im Internet Sitzplätze reserviert haben. Sie können nun an einem separaten Schalter einchecken.
Seit fünf Jahren stehe ich vorn auf dem Führerstand der alten Standseilbahn am Stanserhorn. Diese hat schon über hundertfünfundzwanzig Jahre auf dem Buckel. Dagegen bin ich mit meinen fünfundfünfzig Jahren ein echter Jungspund.
Heute ist ideales Arbeitswetter. Es ist warm und sonnig. Nur ein zarter Wind umspielt mein Gesicht beim Fahren. Herrlich.
Heute fahre ich viel.
Bergauf und bergab.
Alle zehn Minuten wechsle ich die Fahrtrichtung.
Mindestens.
In der Mittelstation Kälti steigen die Gäste aus meinem Holzzüglein in die moderne Cabrioseilbahn um, die ich natürlich auch bediene, je nach Schicht.
Rauf und runter, froh und munter
So fuhr ich gestern schon, so fahr ich heut.
Dieses alte deutsche Schunkellied – ich habe es nur ein wenig umgetextet – könnte glatt ein Bähnler-Song sein.
Ja, ich singe oft vor mich hin beim Arbeiten. Das sagt doch schon einiges aus über meinen Arbeitsplatz und die Arbeitsatmosphäre hier beim Stanserhorn. Wir arbeiten gern. Aber natürlich singe ich nur, wenn ich allein auf dem Führerstand bin. Wenn viel los ist, nehme ich vorn bei jeder Fahrt drei Personen mit. Gerade sind in der Talstation in Stans wieder neununddreißig Personen zugestiegen. Drei Japaner stehen neben mir. Ich könnte sogar singen – die würden das gar nicht merken. Sie sind total darauf konzentriert, ihre Reise für die Ewigkeit festzuhalten. Der junge Mann neben mir treibt es auf die Spitze: In einer Hand hält er ein Tablet und filmt, mit der anderen umklammert er sein Handy, um gleichzeitig zu fotografieren. Das grenzt an eine akrobatische Meisterleistung, da es ja ziemlich rüttelt und schüttelt, wenn man hier steht. Ich selbst halte mich während der Fahrt auch immer am Geländer fest. Meine Passagiere dokumentieren alles minutiös: jeden Stein, jede Kuh, jedes Unkraut am Wegesrand. Manchmal frage ich mich, wer diese ganzen Filme jemals anschauen wird, anschauen muss oder darf. Wissen meine Gäste am Ende ihrer Reise noch, wo sie was gefilmt haben? Diese Gruppe kommt zum Beispiel direkt aus Mailand und fährt später noch nach München weiter.
Eigentlich mag ich die Japaner sehr. Sie sind sauber, höflich, diszipliniert. Aber so richtig leicht im Umgang sind sie trotzdem nicht. Wenn ich oben an der Seilbahn arbeite und ihnen auf dem Cabriodach erkläre, dass sie – einmal an der Bergstation angekommen – auf dem Oberdeck aussteigen können und nicht wieder die Treppe nehmen müssen – natürlich in meinem schönsten Englisch –, dann lächeln sie, nicken vielleicht sogar. Aber kaum hält die Bahn oben, höre ich schon – triptrap, triptrap –, wie sie alle der Reihe nach die enge Wendeltreppe herunterkommen. Sie hatten nichts verstanden. Das Lächeln der Asiaten kann alles heißen – oder nichts.
Der Kontakt mit Menschen aus aller Welt, das Kennenlernen von mir fremden Kulturen, das macht mir Freude. Natürlich bin auch ich versucht, die Gäste in Schubladen zu stecken. Und es gibt ein paar hässliche Schubladen.
Am liebsten habe ich – ehrlich gesagt – Touristen, mit denen ich reden kann, wie auch immer, notfalls mit den Händen; Touristen, die Interesse bekunden, die Fragen stellen, die sich nicht nur hinter ihrem Handy verstecken.
»Bekommen Sie Geld für diese Arbeit hier?«, wollte grad vorhin einer wissen. Ein Schweizer übrigens. Diese Frage kenne ich. Sie gehört zu den Top Ten der am häufigsten gestellten Fragen. Aber – ich schwörs – es ist eine reine Schönwetterfrage. Keiner fragt so was, wenn ich vorn im Regen stehe und mir der kalte Wind um die Ohren pfeift oder wenn mir ein Schneesturm die Nase einfriert.
Ja, ich bekomme Geld.
Ja, das ist ein Job.
Allerdings nimmt auch mein Mann Guido meine Arbeit nicht richtig ernst. Im Januar, auf einem Cüpli-Empfang mit seinem Matura-Jahrgang, fragte ein Doktor Sowieso nach meiner Tätigkeit. Er habe gehört, ich arbeite bei der Stanserhorn-Bahn. Wahrscheinlich dachte er, ich sei die persönliche Assistentin des Direktors. Mindestens. Als ich ihm jedenfalls erklärte, was ich mache, dass ich nämlich mit zwei verschiedenen Bergbahnen jeden Sommer um die zweihunderttausend Gäste auf den Berg bringe, unterbrach er mich schnell leicht gelangweilt, meinte herablassend lächelnd: »Schön, schön« – und fügte mit leicht mitleidigem Blick an: »Meine Frau Gertrude töpfert.«
Gertrude töpfert …
Nein, ich habe nichts gegen Töpfern. Gar nichts. Aber meine Beschäftigung hier ist – bitte schön – kein Hobby. Ich trage schließlich Verantwortung für Menschen und Maschinen.
Und Gertrude töpfert …
Ich könnte mich glatt wieder aufregen, wenn ich an diesen Abend denke. Vor allem darüber, dass mein Mann Guido mitlächelte. Und wenn ich schon dabei bin: Gertrude durfte ich neulich persönlich kennen lernen. Sie war zu Fuß mit einer Frauengruppe das Stanserhorn hochgekommen – womit sie sich schon einmal meinen vollen Respekt verdient hat – und stieg auf dem Heimweg in meine Gondel. Gertrude war mit ihren Studentinnen unterwegs und erzählte mir, dass sie in Luzern an der Hochschule für Design und Kunst Keramik und Töpfern lehrt. Sie hat mit ihren Werken schon Preise gewonnen und Ausstellungen bestückt. Ihre Töpferei ist Kunst.
Gertrude töpfert …
Was soll diese Herablassung?
Bloß wegen des fehlenden Doktortitels?
Gut, wir Bähnler am Stanserhorn absolvieren für unsere Tätigkeit keine Lehre und sicher kein Studium. Wir werden intern geschult und laufend weitergebildet. Ein paar wenige von uns sind Studenten, andere sind Rentner. Wir kommen aus allen möglichen Berufen. Trotzdem wünschte ich mir ein wenig mehr Wertschätzung.
Wenigstens von meinem eigenen Mann.
Ich atme durch und vergesse meinen Ärger schnell. Beim Fahren muss ich auf die Bahnübergänge achten, immer mit voller Bremsbereitschaft. Es gab da ja mal vor Jahren einen Zusammenstoß mit der Standseilbahn und einem Auto. Dieser hässliche Unfall wird uns bei jeder Fortbildung in Erinnerung gerufen, damit wir immer gut achtgeben und die latente Gefahr bei den unbewachten Bahnübergängen auch wirklich ernst nehmen. Die Schienen und die Umgebung behalte ich sowieso immer im Auge. Ich musste schon für unvorsichtige Wanderer, spielende Kinder oder Tiere aller Art bremsen. Neulich verlor eine Amerikanerin unterwegs ihr Handy. Es war an einen Stab montiert, und sie hielt das Ding so weit aus dem Fenster, dass es beim ersten Tunnel mit der Wand kollidierte, was natürlich entgegen ihrer Erwartung kein Grund für eine Vollbremsung war, sondern »nur« für einen geordneten Halt bei der nächsten Vorbeifahrt.
Beim Ein- und Aussteigen der Gäste in Stans und im Kälti soll ich zwar immer umwerfend höflich und charmant sein, trotzdem aber versuchen, das Tempo des Ablaufs zu beschleunigen, um möglichst schnell wieder unterwegs zu sein.
Ein Seiltanz. Und immer steht die Sicherheit an erster Stelle.
Türchen auf, Türchen zu.
Rauf und runter.
Abends bin ich jeweils völlig erledigt.
Vom Stehen, vom Rennen, vom Gerüttelt-und-geschüttelt-Werden, vom ständigen Höhenunterschied, von der Überdosis an frischer Luft.
Aber auch glücklich und zufrieden.
Mit mir.
Mit der Welt.
Mit meinem Leben.
Gerade fahre ich wieder am Altersheim Nägeligasse vorbei. Es steht direkt an den Geleisen, kurz nach der Talstation. Touristen fragen oft, ob das ein Hotel sei. Hier lebt seit einem Jahr meine Schwiegermutter Lotti. Oft beklagt sie sich, dass ich ihr nicht gewinkt habe, obwohl sie doch am offenen Fenster gestanden sei. Daher winke ich immer mal wieder prophylaktisch in Richtung Altersheim, während ich im Bähnchen vorbeirumple. Lotti, meine schwierige Schwiegermutter … Immerhin wohnt sie jetzt hier, was uns von vielen Sorgen und Notfalleinsätzen befreit. Aber das ist eine andere Geschichte.
»Du, Judith, hast du es gesehen?«
Simon, der Maschinist, hält mir beim Mittagessen im Kälti eine Zeitschrift so nahe unter die Nase, dass ich rein gar nichts sehen kann.
»Was?«, frage ich leicht genervt. »So sehe ich nichts!«
Simon lässt mich essen und setzt sich mir gegenüber. Dann erzählt er mir geduldig von einem Wettbewerb, den er gerade im »Schweizer Magazin« entdeckt hat, und erklärt: »Da kann man eine Reise nach Paris gewinnen!«
Er schaut mich an, als müsste ich jetzt vom Stuhl kippen oder aber vor Begeisterung aufspringen.
»Schön«, sage ich nur und genieße mein Geschnetzeltes mit Rösti. Die Arbeit macht hungrig, und das Personalessen in der kleinen Stube im Kälti schmeckt immer sehr gut.
Eine Parisreise gewinnen? Es ist ja nicht so, dass wir uns diese nicht selber leisten könnten. Mein Mann ist Tierarzt. Er verdient genug. Paris ist also nicht von einem Wettbewerb abhängig, sondern bräuchte einfach etwas Organisation, ein wenig Aufwand und Planung – und vor allem und in erster Linie auch den echten Willen dazu, unsere Hochzeitsreise tatsächlich nachzuholen, jetzt, nach dreißig Jahren. Ob dieser Wille vorhanden ist, nun ja, daran zweifle ich schon lange. Daher meine eher gedämpfte Freude über den Wettbewerb.
»Ich kann mein Glück ja mal versuchen«, steige ich – dem Frieden zuliebe – dann doch noch in eine Unterhaltung ein und lege mein Besteck zur Seite.
»Eben! Fast jeder war schon in Paris, außer dir«, behauptet Simon.
»Na, das ist jetzt etwas übertrieben«, wehre ich mich.
Das hätte ich lieber gelassen. Nun wird jeder, der im Kälti vorbeikommt, befragt, ob er schon in Paris war. Und in der Tat, schon fast alle waren in der Stadt der Liebe: der Maler, die Kellnerin, die Gärtnerin, die Kioskfrau … Außer Kuno, der eh nie irgendwohin verreist und überhaupt keinen Grund sieht, die Schweiz jemals freiwillig zu verlassen. Und Corinne, die erst achtzehn ist und somit unsere jüngste Bähnlerin. Stimmt, sie war auch noch nicht in Paris. Aber sie hat China bereist, wanderte in den Pyrenäen, und sogar in Ouagadougou war sie schon. Paris steht auf ihrer To-do-Liste.
Auf meiner Liste dümpelt Paris seit langem vor sich hin, verstaubt und verschimmelt da langsam. Und schon oft war ich versucht, mir eine schöne Parisreise zusammenzustellen und allein zu verreisen. Oder meine Tochter Claire dazu einzuladen. Vielleicht sogar mit Kolleginnen zu fahren.
Aber nein, das lässt mein Kopf nicht zu. Vielleicht auch mein Herz nicht. Eine Hochzeitsreise bis in alle Ewigkeiten vor sich herzuschieben, ist die eine Sache. Sie dann abzusagen und aufzugeben, eine ganz andere.
Am Feierabend drückt mir Simon das »Schweizer Magazin« in die Hände.
»Viel Glück, Judith!«, sagt er.
Und natürlich setze ich mich zu Hause hin und öffne die Zeitschrift. Keiner kennt Paris so gut wie ich. In der Theorie zumindest. Ich habe alles über Paris gelesen, jeden Film und jede Reportage darüber gesehen.
Seite 21, tatsächlich, da ist der Wettbewerb. Eine leichte Übung; erst recht, weil die Lösung nur aus drei verschiedenen Vorschlägen gewählt werden muss.
Die Avenue des Champs-Élysées ist 1,9 Kilometer lang.
Der Eiffelturm ist 300 Meter hoch, ohne Antenne. Obwohl ich da noch anzumerken hätte: Die Länge des Turms schwankt um einige Zentimeter, je nach Jahreszeit, weil sich der Stahl in der Sommerhitze ausdehnt. Aber das ist Wissen für Fortgeschrittene.
Die Stadt Paris hat über 2,2 Millionen Einwohner.
Die Bürgermeisterin heißt Anne Hidalgo.
Das wars.
Dafür musste ich nicht einmal Wikipedia konsultieren. Ich könnte ein Buch über Paris schreiben oder Touristen durch die Stadt führen. Aber ich war noch nie da. Weil Guido nicht kann. Weil seine Tierarztpraxis wächst und wächst und er zwar immer mehr Mitarbeiter hat, trotzdem aber meint, absolut unabkömmlich zu sein.
Natürlich gab es zwischendurch auch Zeiten, da wäre eine Reise tatsächlich nicht möglich gewesen. Als wir unsere Tochter Claire bekamen, unseren Sonnenschein, da wollten wir nicht auf eine Städtereise, haben Familienferien gemacht, das war auch schön – aber es war keine Hochzeitsreise. Später gab es Krankheiten, Unfälle. Meine Eltern starben. Guidos Praxis wurde umgebaut. Es war immer irgendetwas. Den letzten ernsthaften Versuch, unseren Honeymoon nachzuholen, unternahmen wir vor fünf Jahren. Es war alles gebucht, und ich konnte nicht mehr schlafen vor lauter Vorfreude. Da starb unerwartet unser Schwiegersohn Erwin an einem Schlaganfall, und Claire stand mit dem einjährigen Moritz allein da, völlig gebrochen und extrem hilfsbedürftig. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihr Leben wieder im Griff und sich als alleinerziehende Mutter organisiert hatte. Monatelang pendelte ich ständig zwischen ihrem und unserem Haus hin und her. Auch Guido engagierte sich mit vollem Einsatz.
»Hast du überhaupt noch Lust auf eine Hochzeitsreise, nach all den Jahren? Hat die nicht auch ein Verfallsdatum?«, fragte mich meine Freundin Bärbel neulich provokant und schob dann nach: »Ich hätte keine Lust mehr auf Flitterwochen mit meinem Berti. Das käme mir ja direkt lächerlich vor, so wenig, wie wir uns noch zu sagen haben.«
»Na ja, ich weiß nicht, vielleicht wäre es gerade deshalb wichtig? Die Stadt der Liebe, der Romantik, l’amour toujours … Sicher inspirierend und animierend …« Leise sang ich: »Ganz Paris träumt von der Liebe …«
Bärbel lachte nur und winkte ab.
Und sie hat natürlich recht. Eine Reise nach Paris hätte vor dreißig Jahren eine andere Bedeutung gehabt als heute. In meiner romantischen Vorstellung sah ich uns damals Hand in Hand durch malerische kleine Gassen der riesigen Stadt bummeln, verliebt in traditionellen Bistros herumschmusen, Liebesschwüre auf dem Eiffelturm austauschen. Ich freute mich auf das Nachtleben, auf stimmungsvolle Candle-Light-Dinners und erotische Abendshows, lange Spaziergänge an der Seine, eng umschlungenes Tanzen in schummrigen Bars.
Heute wäre es einfach eine Städtereise, das Einlösen eines Versprechens und – ja – doch irgendwie auch ein Bekenntnis zu mir. Ich weiß, Guido ist Paris nicht wichtig, aber er weiß, wie wichtig mir die Stadt ist. Und es reicht einfach nicht, wenn er mir Bettwäsche voller kleiner Eiffeltürme oder ein Goldkettchen mit einem zierlichen Eiffelturm-Anhänger schenkt. Das Gemälde im Wohnzimmer, das den Eiffelturm im Abendrot zeigt, war auch nur gut gemeint. Claire hatte als Kind sogar einen aufblasbaren Eiffelturm. Ich fands süß, als Guido damit ankam. Aber eben …
Vielleicht sollte ich meinem Guido mal die Bärbel-Frage stellen: »Hast du eigentlich noch Lust auf eine Hochzeitsreise mit mir?«
Aber will ich die Antwort auch wirklich hören?
Ich schicke die Lösungen für den Pariswettbewerb übers Internet ab und schwöre mir, diese Reise, sollte ich sie gewinnen, auch wirklich anzutreten, notfalls mutterseelenallein. Dann gehe ich schlafen. Morgen muss ich wieder um sieben zum Dienst antreten. Zum Glück bin ich bei der Cabrioseilbahn ganz oben eingeteilt. Das ist gut so, weil es möglicherweise ein wenig regnet. Beim oberen Dienst wird man immerhin nicht nass, weil man in der Gondel ein Dach über dem Kopf hat und nicht vorn im Regen stehen muss wie auf der Standseilbahn.
Es ist oft so, dass Guido erst heimkommt, wenn ich schon schlafe. Manchmal muss er auch mitten in der Nacht ausrücken. Darum haben wir getrennte Schlafzimmer. Heute werde ich allerdings wach, weil er um zwei Uhr morgens laut in der Küche herumhantiert. Ich höre, wie er vor sich hin schimpft. Das ist doch recht ungewöhnlich, und so stehe ich auf, um nachzuschauen, ob etwas passiert ist.
Mein Göttergatte sucht im Kühlschrank nach irgendwas.
»Hallo, Schatz«, sage ich.
Guido erschrickt, weil ich so unerwartet auftauche, und als er sich zu mir umdreht, geht es mir genauso, denn er sieht furchtbar aus.
»Jesses, was ist denn mit dir passiert?«, platzt es aus mir heraus.
»Schon gut, schon gut«, versucht er mich zu beruhigen. »Es sieht schlimmer aus, als es ist.«
Mich beruhigen seine Worte gar nicht. Im Gegenteil.
»Hattest du eine Schlägerei?«, frage ich, allerdings im Scherz, denn mein Guido würde sich nie und nimmer prügeln. Ich schubse ihn vorsichtig weg vom Kühlschrank und hole den Eisbeutel aus dem Gefrierfach.
»Genau, den brauche ich«, sagt er.
Ja, das glaube ich allerdings auch.
»Setz dich hin«, fordere ich ihn auf.
Dann schaue ich mir sein Gesicht genauer an. Sein rechtes Auge ist praktisch ganz zugeschwollen, das Auge selber scheint aber nicht wirklich verletzt zu sein. Wenigstens, soweit ich das überhaupt beurteilen kann. Auch am Kinn hat er ein paar Kratzer. Vielleicht ist es wirklich nicht so schlimm.
Vorsichtig lege ich den Eisbeutel auf sein Auge.
»Es war ein Pferd«, schimpft er. »Ein verdammtes Pferd!«
Guido hasst Pferde. Zum Glück hat er auch selten mit ihnen zu tun. Pferde sind edel und teuer. Da lassen die Besitzer nicht den einfachen Feld-Wald-und-Wiesen-Tierarzt ran. Außer im Notfall.
»Gloria hat mich gebeten, mal kurz nach ihrem Hengst Hasso II. zu schauen. Der war aber eigentlich ganz fidel. Jedenfalls fit genug, um mich mit einem kurzen Schwung seines Schädels einfach umzunieten.«
Er lacht grimmig.
»Auf die Hufe habe ich ja aufgepasst. Aber nein. Mit dem Kopf! Gefällt wie einen Baum hat er mich. Zack. Ich hatte keine Chance.«
Ja, ja, Pferde sind doof. Aber Gloria – eine attraktive Frau, wohl die schönste hier weit und breit. Klar, dass jeder antanzt, wenn sie pfeift, sogar mein Guido, der große Pferdehasser.
»Bist du sicher, dass du keinen Arzt brauchst, Schatz?«, frage ich nun fürsorglich. Aber ich kenne die Antwort schon.
Und genau, sie kommt: »Ich bin Arzt!«
Wenn man schon so lange zusammen ist wie wir zwei, dann kennt man sich halt. Viele von Guidos Antworten könnte ich mit hundertprozentiger Treffsicherheit voraussagen. Warum frage ich dann noch? Selber schuld. Guido verarztet sich grundsätzlich selber, nimmt Medikamente, die eigentlich für Tiere vorgesehen wären. Auch Salben und Wickel verwendet er aus seiner eigenen Praxis. Und er hat damit meist Erfolg. Ich habe bei Gelenkschmerzen auch schon seine Salben ausprobiert, und sie waren keinesfalls schlechter als die von meinem Hausarzt – und auf jeden Fall nur halb so teuer.
»Ich musste mich bei Gloria kurz hinlegen, ging mir echt schlecht für einen Moment. Sie hat die kritischen Stellen desinfiziert und hat mir dann einen Schnaps gegeben. Das wird schon wieder. In Zukunft halte ich mich von Pferden fern, versprochen.«
»Und von Gloria bitte auch«, würde ich gern noch anfügen.
Früher war ich nicht eifersüchtig. Nie. Doch heute, da spüre ich manchmal kleine Stiche von Eifersucht, weil es zwischen Guido und mir nicht mehr ganz so rundläuft. Rund … ja, ich hingegen bin über die Jahre etwas zu rund geworden. Und dann kam diese Gloria daher: reich und schön, elegant und erfolgreich. Da mache ich mir halt schon Gedanken, wenn sie ständig die Nähe von Guido sucht. Und wenn sie es nicht schafft, ihn auf ihr Gestüt zu locken, dann bringt sie eben ihren Hund in die Praxis oder – wie neulich – eine ihr angeblich zugelaufene Schildkröte. Als würden einem Schildkröten zulaufen!? Mir ist das auf jeden Fall noch nie passiert.
Ich schenke meinem Mann ein Glas Rotwein ein, seinen Schlummertrunk, wie er das nennt, und lasse ihn von seiner anstrengenden Nacht erzählen. Die Kuh von Klaus Infanger musste ein totes Kalb gebären, was offenbar mit viel Mühe verbunden war. Der Pudel von Mary Amstutz wurde wahrscheinlich vergiftet und ist jetzt tot. Da musste Guido einen Bericht für die Polizei schreiben.
»Einem Menschen, der Tiere vergiftet, dem sollte man einfach ohne großen bürokratischen Aufwand das gleiche Gift zu fressen geben«, sagt er und gähnt.
Diesen Satz kenne ich schon, und ich verstehe Guidos Wut. Auch letzte Woche wieder lag auf einer Wiese beim Robinsonspielplatz ein mit Rasierklingen gespickter Cervelat. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was für Qualen ein Tier erleiden muss, das in so eine Wurst beißt.
Jetzt kramt Guido in seiner großen Ledertasche und holt eine Dose heraus. Großzügig verteilt er eine stinkende grüne Salbe über die lädierten Stellen in seinem Gesicht.
»Ich bin müde«, sagt er dann weinerlich.
Und so bringe ich ihn ins Bett, wie einen kleinen Jungen. Was er für mich manchmal auch ist. Liebevoll decke ich ihn zu und küsse ihn auf eine gesunde Stelle im Gesicht, streichle ihm übers Haar.
»Danke, Judith, du bist die Beste«, sagt er leise.
Und dann ist er auch schon eingeschlafen. Ich sitze noch eine Weile auf dem Bettrand, kontrolliere, ob Guidos Wecker gestellt ist, beobachte ihn beim Schlafen. Dann kippe ich das Fenster, ziehe den Vorhang zu.
Ich liebe Guido. Keine Frage. Nach all den Jahren noch. Nie habe ich unsere Beziehung hinterfragt oder angezweifelt. Guido ist ein guter Mensch, ein liebevoller Mann. Wir haben uns ein wenig auseinandergelebt, was leider vielen Paaren passiert, nach dreißig Ehejahren. Aber wir gehören zusammen. Für immer. Das ist eine Gewissheit, die mir guttut, ein sicherer Wert in meinem Leben.
Das Frühstück am frühen Morgen ist oft unsere einzige gemeinsame Mahlzeit. Immerhin so weit konnten wir unseren Lebensrhythmus aufeinander abstimmen. Guido hält beim Kaffeetrinken wieder den Eisbeutel aufs Auge. Es ist inzwischen blau geworden. Ein klassisches Veilchen.
»Scheißpferde«, schimpft er vor sich hin.
Ich lächle in mich hinein und hoffe, dass ihn dieses Erlebnis ein wenig von der schönen Gloria fernhalten wird.
»Ich habe heute Innendienst«, sagt er dann. »Du weißt: Hunde und Katzen kastrieren, impfen, entwurmen …«
Er lacht und verdreht die Augen. Lieber ist er halt unterwegs auf den Bauernhöfen, bei den großen, richtigen Tieren, den echten Herausforderungen, wie er immer wieder betont. Bei den Bauern halt. Und weg von den Frauchen und Herrchen mit ihrer – seiner Meinung nach – übertriebenen Tierliebe. Weg von all denen, die ihre Haustiere vermenschlichen, verziehen, verwöhnen und die von Guido oft mehr Zuwendung brauchen als ihr krankes Tier. Aber wir haben nun mal in der Schweiz bald zwei Millionen Katzen und jetzt schon rund eine halbe Million Hunde. In gut jedem dritten Haushalt lebt mindestens ein Haustier, auf dem Land sogar in mehr als jedem zweiten. Und – das habe ich neulich gelesen – wir Schweizer geben im Jahr weit über sechshundert Millionen Franken für unsere tierischen Freunde aus. Somit sind sie eben auch ein gutes Geschäft. Für Tierärzte sowieso. Diese Aussage würde Guido nicht gern hören, aber sie stimmt halt trotzdem.
Ich bin froh, dass ich ihn heute in der Praxis bei den verwöhnten Haustieren weiß, wo er seine Helferinnen um sich hat, die sich um ihn kümmern werden, falls er sich in seiner Selbstdiagnose etwas überschätzt hat.
2 Königin der Lüfte
Der schönste Job am Stanserhorn ist natürlich das Fahren der großen Cabrioseilbahn, der Stolz unseres Unternehmens. Sie bietet Platz für insgesamt sechzig Personen und – das ist der Clou – ist die einzige Seilbahn der Welt mit einer Dachterrasse. Das ist einer der Gründe, warum seit Juni 2012 noch mehr Menschen aus aller Welt auf das Stanserhorn kommen, wo es doch rundherum auch noch diverse andere wunderschöne Ausflugsziele gibt: den Pilatus, die Rigi, den Titlis, den Bürgenstock. Dazu den Vierwaldstättersee mit seinen historischen Dampfschiffen. Wir leben wirklich im Paradies. Das denke ich zumindest jedes Mal, wenn ich mit meiner Seilbahn unterwegs bin. Und das bestätigen mir meine Gäste jeden Tag. Ich habe den Arbeitsplatz mit der großartigsten Aussicht, und diese hat jeden Tag wieder ihren neuen Reiz. Sie verändert sich je nach Wetter, Tageszeit, Jahreszeit, und ich kann mich nie daran sattsehen. Meine Facebook-Freunde müssen sich fast täglich irgendein Foto anschauen, das ich während der Arbeit aus der Seilbahn heraus mache, und das auch an Tagen, wo es nichts zu sehen gibt außer Nebel. Ja, ich habe einen herrlichen Job, um den mich viele beneiden. Zu Recht. Ich fühle mich wie die Königin der Lüfte.
Trotzdem ist es Arbeit. Die Bahn fährt zwischen der Mittelstation Kälti auf 700 Metern und dem Stanserhorn auf 1900 Metern rauf und runter, und wie gesagt, dieser ständige Höhenunterschied macht müde. Außerdem habe ich am Morgen, nachdem die Nothalte-, die Funk- und Telefontests gemacht sind, ein kleines Fitnessprogramm zu absolvieren: putzen. Die hölzernen Stufen der Wendeltreppe, die vom ersten Stock auf die Dachterrasse führt, sind immer besonders schmutzig. Außerdem sind die riesigen Fenster verschmiert und mit allerlei Substanzen verklebt, und die vielen Chromstahlgeländer müssen gereinigt und desinfiziert werden. Doch das alles mache ich gern. Am Morgen fährt man ja meist leer von oben nach unten und hat also Zeit für solche Reinigungsarbeiten.
Putzen mit Aussicht.
Putzen mit Weitsicht.
Es macht mir wesentlich mehr Spaß als daheim in den eigenen vier Wänden.
Heute kommt diese Arbeit ein wenig zu kurz, weil meine Freundin Bärbel, die eine Saisonkarte von mir zum Geburtstag bekommen hat, mehrmals mit mir hoch- und wieder runterfährt. Das sieht die Direktion natürlich nicht gern, aber Bärbel kümmert das nicht, denn sie hat Gesprächsbedarf und ist furchtbar aufgewühlt. Ich glaube, sie hat geweint. Viel geweint. Jedenfalls sieht sie so aus. Ihre immer so sorgfältig gepflegte Föhnfrisur, für die ich sie oft beneide, sieht ziemlich verwildert aus. Die Zeichen stehen also auf Sturm.
»Du bist schuld, Judith!«, sagt sie gleich mal provozierend.
»Aha!«, kommentiere ich da nur und reibe an einem besonders hartnäckigen Flecken an der Schiebetür herum.
Bärbel doppelt nach: »Ich hatte einen furchtbaren Streit mit Berti. Deinetwegen!«
»Soso«, murmle ich in meinen nicht vorhandenen Bart.
Ich lasse mich doch von ihr nicht provozieren. Was sollte ich denn getan oder gesagt haben, das ihr Liebesleben betrifft? Was habe oder hatte ich jemals mit Berti zu tun? Wenn ich es mir so richtig überlege, waren meine Gespräche mit ihm bisher sehr oberflächlich. Ich putze weiter und warte auf irgendeine schlüssige Erklärung, auf die ich wirklich reagieren kann.
Und dann geht Bärbel endlich ins Detail: »Wir haben über deine blöde Hochzeitsreise gesprochen. Und ich fragte Berti, ob er denn noch Lust hätte, mit mir eine Hochzeitsreise zu machen, mit Romantik und so, nach all den Jahren. Ich könne mir das irgendwie gar nicht richtig vorstellen, wie man nach dreißig Ehejahren die Hochzeitsreise nachholen könne.«
Jetzt schaue ich sie doch aufmerksam an und stelle das Putzen ein.
»Er hat laut gelacht. Er hat mich ausgelacht. Ich solle nicht albern sein. Albern! So ein richtiges Paar seien wir ja sowieso nicht mehr.« Daraufhin hätten sie ein stundenlanges Gespräch gehabt, offen, ehrlich und schonungslos. Bärbel klagt mich an: »Du bist schuld! Sonst hätten wir weitergemacht wie bisher, ohne Worte nebeneinanderher gelebt. Jetzt, wo wir so vieles ausgesprochen haben, scheint mir unsere Ehe irreparabel beschädigt zu sein. Wieso sollen wir zusammenbleiben, wenn wir keine Liebe mehr füreinander empfinden?«
Im Kälti angekommen, öffne ich die Schiebetüren. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit. Siebenundzwanzig Amerikaner steigen ein. Sie werden vom Reiseleiter Jordan begleitet, den ich inzwischen gut kenne. Wir begrüßen uns freundlich. Die Gäste stürmen aufs Oberdeck, Jordan lacht und folgt ihnen leichtfüßig die Treppe hoch. Um diese Gruppe muss ich mich nicht kümmern. Jordan wird ihnen alles erzählen und erklären, wird sie mit seinem Charme einwickeln. Da störe ich nur. Ich schließe die Glastüren. Simon, der Maschinist, winkt mir zu. Ich gebe das »Bereit« in den Bordcomputer ein, warte das Aufleuchten des »Gegenbereit« ab und drücke dann den Startbefehl. Während ich das Feld für die Statistik bearbeite, das heißt, die Zahl 27 eintippe, heben wir schon ab und gondeln dem Gipfel entgegen.
Jetzt habe ich wieder Zeit für meine Freundin. Ihre Worte haben mich erschüttert.
»Du, Bärbel, das tut mir total leid. Aber was soll ich dazu sagen? Du weißt, meine Ehe ist auch ein wenig lauwarm. Ich wünschte mir manchmal so ein Gespräch, wie ihr es geführt habt. Allerdings hast du mir jetzt grad Angst davor gemacht. Und denkst du nicht, dass am Ende, wenn die Emotionen sich etwas beruhigt haben, das Gespräch doch irgendwie gut war? Vielleicht ist dann eine Art Neuanfang möglich?«
Sie schüttelt resigniert den Kopf, und Tränen laufen ihr übers Gesicht. Ich insistiere weiter: »Das kann ich einfach nicht glauben. Jeder Therapeut sagt doch: Reden, reden, reden. Das habt ihr jetzt gemacht. Vorbildlich. Also warte es doch mal ab.«
Bärbel schnäuzt sich lautstark die Nase.
Sie erklärt: »Ich denke gerade über einen wirklichen Neuanfang nach. Einen ganz ohne Berti.«
Oh.
Jetzt fühle ich mich wirklich einen kleinen Moment lang schuldig. Aber nur einen winzig kleinen. Denn sofort stellt sich mir die Frage: Kann es wirklich besser sein, nicht zu wissen, was der andere denkt und fühlt? Ein Zusammenleben im Nebel? Kann ein offenes Gespräch so viel zerstören? Eigentlich war doch wohl schon alles vorbei, man hatte, was geschehen war, nur noch nicht in Worte gefasst. Trotzdem musste das nicht Ausgesprochene doch ständig in der Luft hängen. Erstaunlich, dass die beiden noch atmen konnten.
Das alles behalte ich für mich, es gibt im Moment nichts mehr zu reden. Bärbel nimmt einen Putzlappen und putzt, als gäbe es kein Morgen. Sie findet das hinterletzte Hundehaar und das winzigste Steinchen unter der Holzbank. Ich habe die sauberste Seilbahn der Welt, als Bärbel sie verlässt, um arbeiten zu gehen. Ich drücke meine Freundin noch einmal fest an mich.
»Du kannst immer auf mich zählen!«, verspreche ich ihr, worauf sie ein wenig lächelt.
Es ist ein schiefes Lächeln, das mir im Herzen wehtut.
Bärbel ist meine beste Freundin. Meine einzige Freundin. Wenn es ihr so schlecht geht, dann bedrückt mich das auch. Wir haben uns vor dreißig Jahren kennen gelernt, vor einer halben Ewigkeit also. Sie war wegen Berti nach Stans gezogen, ich wegen Guido, und wir fühlten uns beide ein wenig verlassen, hatten noch keine Kontakte. Wir lernten uns im Spital kennen, im Wochenbett. Bärbel bekam Josy, ich Claire. Es war wie ein Zeichen, das wir dankbar annahmen. Seither sind wir unzertrennlich.
Jetzt lässt sie mich nachdenklich zurück, und ich bin froh um jede Touristengruppe, die heute kommt und mich beschäftigt.
Irgendwann beginnt es zu regnen, und trotzdem bestehen die Gäste auf einem Besuch auf dem Dach.
»Wir haben das schließlich bezahlt!«, erklärt mir eine junge Frau aus Deutschland.
Dabei gibt es auch da oben überhaupt keine Aussicht mehr. Gar keine. Wir fahren durch Regenwolken. Ich trockne ständig die nasse Treppe, schaue, dass das Wasser nicht in die Elektronik hineinrinnt. Es gibt aber Leute, die so eine Fahrt im Regen richtig genießen. Es darf sogar kalt sein.
»Kühl ist cool«, meinte eine Inderin neulich. Sie genoss es, durch die Regenwolken zu fahren. In ihrem Heimatland hätten sie gerade vierzig Grad.
Nein, so viel Hitze braucht wirklich keiner. Es reicht, dass auch unsere Sommer immer heißer werden. Trotzdem: Wenn es stärker regnet, richtig schüttet, vielleicht auch noch windet, dann müssen wir das Dach schließen. Und ich muss die Proteste der Touristen dann charmant weglächeln. Aber so was kann ich.
Nach Feierabend spaziere ich kurz am Bahnhof vorbei, um zu schauen, wie es Bärbel geht. Sie führt den Bahnhofkiosk und ist grad ganz schön beschäftigt. Darum blättere ich in ein paar Zeitschriften, bis sie Zeit für ein paar Worte findet.
Ha!
Ich dachte es ja schon immer, aber jetzt weiß ich es ganz sicher, weil es hier steht, in dieser bunten Illustrierten: »Mehr Sex in roter Bettwäsche!«
Die Schlagzeile macht mich neugierig, und so überfliege ich den Artikel, der alles darüber weiß, welche Farbe man bei welchen sexuellen Problemen für die Bettwäsche wählen soll. Ist es nicht wunderbar, wenn die Welt und das Leben einem so einfach erklärt werden? Bisher habe ich mir noch nie Gedanken über die Farbe meiner Bettwäsche gemacht.
»Sexprobleme, liebe Judith? Habt ihr überhaupt noch Sex?«, fragt mich Bärbel belustigt, die nun kurz für mich Zeit findet und mir über die Schulter schaut.
»Nun, hätte ich Sexprobleme, fände ich hier ja die Lösung«, gebe ich lachend zurück.
Bärbel erklärt grinsend, dass sie auch immer viel aus diesen Zeitschriften lerne.
Ich frage sie ernst: »Kannst du arbeiten? Geht es?«
Sie nickt und sagt: »Ich bin ein großes Mädchen. Arbeiten geht immer. Arbeiten hält die Welt zusammen.«
Und schon kommt wieder Kundschaft.
Von der Ansichtskarte über Zigaretten, vom Apfel bis zur Zeitung: Bei Bärbel kann man alles kaufen. Ich beobachte sie eine Weile und denke, dass sie mir ähnlich ist. Sie funktioniert auch in Situationen wie dieser. Sie strahlt und lächelt, albert mit Stammkunden herum, hört ihnen zu.
Dabei weint sie innerlich.
Eine starke Frau.
»Arbeiten hält die Welt zusammen« – dieser Satz könnte von mir stammen. Aber was sagt er über Bärbel und mich aus?
Irgendetwas gefällt mir daran nicht, ich weiß nur noch nicht, was. Wahrscheinlich möchte ich einfach, dass andere Dinge meine Welt zusammenhalten. Liebe und Geborgenheit zum Beispiel. Ich bin wohl ein Weichei.
Gerade will ich mich davonstehlen, da stellt sich mir ein pickelgesichtiger Junge mit Stachelhaarfrisur in den Weg.
»Können Sie mir helfen?«, fragt er, und weil ich denke, dass er mich anbetteln will, habe ich schon das böse Nein auf der Zunge. Er aber erklärt schnell: »Ich möchte ein Glückslos kaufen, aber die dürfen das erst an Leute ab achtzehn Jahren abgeben.«
Er hält mir fünf Franken hin.
»Wie alt bist du denn?«
»Vierzehn.«
»Und was kostet das Los?«
»Fünf Franken.«
Nun, es mag sicher gute Gründe geben, diese Lose erst an mindestens Achtzehnjährige zu verkaufen. Ich habe noch nie eines gekauft, kann also nicht mitreden. Viel Zeit zum Überlegen habe ich nicht, und der Junge ist ja nicht mein Kind. Ob das nun pädagogisch wertvoll ist oder nicht, ist mir eigentlich grad egal. Klar, ich würde ihm keinen Alkohol und keine Zigaretten kaufen. Aber ein winziges, kleines Glückslos? Ich mache es einfach und kaufe ihm das Los. Bärbel lächelt, denn sie kennt den Trick und den Jungen auch.
»Hat er dich rumgekriegt? Er findet immer ein Opfer.«
»Ist das schlimm?«
»Nicht wirklich.«
Bärbel zuckt mit den Achseln.
Ich reiche dem Jungen sein Los. Er nimmt es dankend entgegen und rennt davon.
»Gib mir doch auch so ein Los«, sage ich spontan und beschließe, auch meinem Glück eine Chance zu geben.
»Echt jetzt?«, wundert sich Bärbel.
»Jawohl. Am besten zwei!«
Sie reicht mir kopfschüttelnd die Lose, und ich gebe ihr eines zurück, nachdem ich bezahlt habe.
»Das ist für dich, Bärbel. Vielleicht hast du ja Glück im Spiel?«
Ich bekomme ein gequältes Lächeln als Antwort, aber sie nimmt das Los und steckt es in ihre Jeans.
Fünf Franken für ein Stückchen Hoffnung, einen kleinen Traum. Man könnte zehntausend Franken gewinnen. Oder im noch besseren Fall, sozusagen als Topgewinn, zwanzig Jahre lang jeden Monat viertausend Franken.
Wahnsinn!
Jeden Monat viertausend Franken!
Vielleicht ist es fünf Franken wert, dieses berauschende Gefühl der Hoffnung auf das große Glück. Wenn man natürlich am Ende eine Niete gezogen hat, dann hat diese Enttäuschung fünf Franken gekostet und war ein schlechtes Geschäft.
Zu Hause bin ich allein. Kein Guido weit und breit. Ich schäle mich aus der Uniform, ziehe Jeans und Bluse an und lege mich auf das Sofa. Meine müden Beine freuen sich. Einfach einen Moment lang liegen. Eine kleine Weile nichts tun. So viel Luxus muss sein nach einem langen Arbeitstag.
Ich muss wohl eingenickt sein, denn ich erwache, als jemand mein Gesicht ableckt. Oder ist das noch ein Stück schräger, abartiger Traum, der mich ins Erwachen begleitet?
Nein! Wäh!
Da ist eine Zunge in meinem Gesicht!
Ich schüttle mich und setze mich auf.
Ein Hund!
Er bellt und wedelt mit dem Schwanz.
Ich putze mir verärgert mit dem Ärmel meiner Bluse die Hundespucke aus dem Gesicht. Was macht der Hund hier? Ich weiß die Antwort schon, bevor sich die Frage in meinem Kopf wirklich breitgemacht hat: Guido hat mal wieder einen Gast aufgenommen. Aus irgendeinem Grund, den er mir bei Gelegenheit verraten wird. Wir hatten schon die unglaublichsten Hausgäste: Springmäuse, eine alte, riesige Echse und eine Zeit lang sogar einen Papagei, der mich wirklich nur genervt hat mit seinem Lärm, seinem Geschnatter, seinem Gehabe. Gut, wenn ich ein Papagei wäre und jemand würde mich in einen Käfig sperren, dann würde ich mich auch rächen und den Leuten im Haus das Leben möglichst schwer machen wollen. Wie kann man Vögel in Käfigen halten?!
Ganz anders dieser Hund hier. Er rennt gerade aufgeregt durchs Haus und scheint sich wohlzufühlen bei uns.
»Guido!«, rufe ich vorwurfsvoll.
Kein Lebenszeichen.
Mein Gatte hat mir einfach einen Hund ins Wohnzimmer gestellt, während ich ein Nickerchen gemacht habe, und ist wieder gegangen? Auch nicht etwas, das ich nicht schon kenne. Als Frau eines Tierarztes trägt man vieles mit.
Jetzt sitzt der kleine Hund wieder vor mir und schaut mich erwartungsvoll an. Was will er? Spielen, essen, Gassi gehen? Vorsichtig streichle ich ihn und schaue mir sein Halsband genauer an.
»Soso, du heißt also Jacky.«
Der Kleine bellt aufgeregt. Sein Name wurde wohl von seiner Rasse abgeleitet. Viel weiß ich zwar nicht von Hunden, aber einen Jack Russell Terrier erkenne sogar ich: kleine weiße Hunde mit ein paar wenigen braunen oder schwarzen Flecken. Jacky hat fast schwarze Ohren und einen Blick, mit dem er wohl von jedem Herrchen immer und zu jeder Zeit bekommt, was er will.
Ich stehe auf, vergesse meine Müdigkeit, hole eine Hundeleine – was bei uns immer vorrätig ist – und mache mich mit dem Vierbeiner auf den Weg nach draußen. Der Abend ist wunderschön. Ich spaziere durchs Dorf zur Praxis von Guido. Immerhin braucht der Gast ja sicher auch noch Futter, und ich möchte schon gern wissen, wie lange Jacky bei uns bleibt.
Wir bummeln durch Stans. Hier kenne ich jede Ecke, jeden Laden, fast jeden Einwohner. Ich grüße und werde gegrüßt, wechsle da und dort ein paar Worte. Man kennt mich als die Frau vom Tierarzt und als die Bähnlerin vom Stanserhorn. In Stans lässt es sich gut leben. Grad genug weit weg von Luzern, damit der Ort nicht ausblutet und sich alles nach Luzern verlagern würde, vom Einkaufen bis zur Kultur. Und doch sehr nahe bei der Stadt, woraus sich endlos viele Möglichkeiten ergeben. Wir haben die Berge, die Hügel, die Wiesen, und der See ist zum Greifen nah.
Guido sehe ich schon von weitem vor seiner Praxis stehen. Vielleicht hat er gerade Feierabend. Das wäre schön. Aber er ist nicht allein. Gloria steht neben ihm. Sie unterhalten sich unverfänglich. Ich sollte da nicht zu viel hineininterpretieren und damit meiner Eifersucht Nahrung geben. Aber ich sehe meinen Mann lachen und scherzen und frage mich, wann er mir gegenüber zum letzten Mal so charmant war, wann er das letzte Mal in einem Gespräch mit mir so gestrahlt hat. Das tut weh.
»Schau mal«, ruft Gloria erfreut, als sie mich mit dem Hund sieht – ich glaube, ihre Freude bezieht sich vor allem auf den Hund –, »schau, da ist ja Jacky!«
Der untreue Hund will sofort nichts mehr von mir wissen, und als ich ihn schließlich loslasse, rast er auf Gloria zu, wedelt, bellt und leckt ihre Hände.
Warum nur fliegen alle auf Gloria?
Sogar Hunde!
Ich bin kurzfristig ein wenig beleidigt.
Guido reagiert ungerührt und sagt, Gloria zugewandt: »Ich habe es dir doch gesagt: Ich wusste nicht, wem der Hund gehört, und weil ich wegmusste, habe ich ihn einfach mal meiner Judith anvertraut.«
Jetzt, wo ich bei ihm angekommen bin, legt er seinen Arm um mich und zieht mich an sich, küsst mich sogar. Wem will er damit etwas beweisen oder sagen? Ich bin verwirrt.
»Schon gut«, winkt Gloria großzügig ab. »Er ist nur zu Besuch. Ein Feriengast sozusagen. Vielen Dank, Frau Flury. Sehr nett, dass Sie sich gekümmert haben.«
Sie reicht mir ihre Hand und mustert mich. Gut, ich mustere sie auch, das gebe ich gern zu. Bei ihr gibt es ja auch etwas zu sehen. In den Reithosen, die sie trägt, macht sie – wie gewohnt – eine gute Figur. Sie hat einen knackigen Hintern, eine beneidenswerte Taille, einen erstaunlichen Busen. Und ihre Haut sieht aus, als wäre sie nie der Sonne ausgesetzt, dabei ist Gloria beim Reiten doch ständig draußen. Keine Ahnung, wie sie das macht. Ich bin immer viel zu braun, sommersprossig, und meine Nase wird gern leicht rot, wofür mich mein Guido ständig neckt. Meine krausen Haare sind schnell ausgebleicht von der ständigen Sonnenbestrahlung, manchmal auch trocken, wie ein Besen, kaum zu bändigen. Glorias schwarz gefärbte Haare sind dagegen straff zu einem Zopf geflochten und geben ihr zartes Gesicht frei.
Gloria ist ein Dornröschen. Oder ein Schneewittchen.
Dagegen bin ich bloß ein fröhlicher, liebenswerter Pumuckl.
Aber immerhin: Sie zieht mit ihrem Jacky von dannen, und Guido spaziert Hand in Hand mit mir heimwärts.
»Wollen wir in der ›Linde‹ essen gehen? Wir könnten ein wenig draußen sitzen, ein Glas Wein trinken? Was meinst du, Judith?«, fragt Guido, und seine Spontanität überrascht mich. »Muss nicht sein, wenn du zu müde bist«, sagt er schnell, weil ich nicht sofort reagiere.
Ich küsse ihn mitten auf der Straße auf die Nasenspitze und sage: »Eine wunderschöne Idee.« Aber ich erlaube mir dann doch zu fragen: »Muss ich mir Sorgen machen wegen Gloria? Gibt es da etwas, das ich wissen muss?«
Eine mutige Frage. Vielleicht auch eine dumme Frage. Schließlich würde er kaum zugeben, wenn da etwas wäre.
Er zuckt mit den Achseln und sagt: »Ja, weißt du, ich glaube … also … sie schleicht schon auffallend oft um mich herum. Keine Ahnung, warum sie sich auf mich eingeschossen hat. Ich mag ja nicht einmal ihre Pferde. Es war gut, dass sie uns zusammen gesehen hat.«
Ich lächle in mich hinein, denn ich weiß natürlich, warum Gloria sich auf Guido »eingeschossen« hat. Das hat nichts mit Pferden zu tun. Guido ist ein intelligenter, charmanter, witziger, attraktiver Mann. Und Gloria ist weder blind noch blöd. Möglicherweise ein wenig überheblich, weil sie denkt, dass sie alles haben kann, auch den Mann, der mit mir verheiratet ist.
Guido und ich verbringen einen schönen Abend in Stans, sitzen auf der »Linden«-Terrasse im Schatten alter Bäume mit Sicht auf die Kirche Sankt Peter und Paul. Ein besonderer Platz. Nachdem im März 1713 ein Großbrand das Dorf Stans zerstört hatte – einundachtzig Häuser brannten innert weniger Stunden nieder –, wurden die Ruinen vor der Kirche ganz abgerissen und ein großzügiger Dorfplatz geschaffen. Die umliegenden Häuser hingegen wurden nach einheitlichen Vorgaben wiederaufgebaut. Schön, dass dieser Platz heute noch lebt und ein wesentlicher Teil unseres Dorfes geblieben ist.
Wir sitzen entspannt da.
Ganz entspannt.
Sehen und gesehen werden.
Wir essen ein Ennetmooser Saiblingsfilet und trinken eine Flasche Luzerner Seelagen-Cuvée dazu. Immer wieder kommt jemand an unseren Tisch, um ein paar Worte zu wechseln. Natürlich muss sich Guido viele Sprüche wegen seines blauen Auges anhören. Wir lachen einfach mit. Ich fühle mich wohl, lehne mich ab und zu an die Schulter meines Mannes. Das fühlt sich gut an. Und richtig.
Nein, wir sind kein hoffnungsloser Fall, Guido und ich. Wir sind noch immer ein Paar. Zu Hause gehen wir diesmal nicht in unsere getrennten Schlafzimmer. In unserem zärtlichen Liebesspiel ist noch sehr viel Feuer, nicht bloß lauwarme Asche.
3 Ungelegte Eier
Am nächsten Morgen kann ich es fast nicht glauben, dass ich in Guidos Armen liege. Was für ein glückliches Erwachen! Ein guter Start in einen neuen Tag – leider kommt er so nur noch selten vor. Allerdings ist Guido gar nicht mehr romantisch gestimmt. Sein Auge schmerzt, und er fragt sich nun selber, ob ein Arztbesuch nicht doch besser gewesen wäre. Was soll ich dazu sagen? Natürlich hätte ich einen wunderbar passenden Kommentar auf der Zunge, schweige aber lieber. Jedes Wort wäre falsch.
Mein Mann schimpft schlecht gelaunt vor sich hin, und ich bin froh, dass er früh das Haus verlässt. Immerhin haucht er mir vorher noch schnell einen Kuss auf die Lippen.
Konnte er kein bisschen von dem Glücksgefühl der vergangenen Nacht in den heutigen Morgen hinüberretten? Oder gab es nur bei mir Glücksgefühle, und ihn hatte einfach der Alkohol beflügelt?
Etwas verloren und ernüchtert sitze ich mit meinem Milchkaffee am Frühstückstisch. Im Radio singt Michy Reincke, dass er mit einem Taxi nach Paris fahren will, nur für einen Tag, weil er Paris nun mal so mag. Ein bescheidener Song der längst aufgelösten Popgruppe Felix de Luxe, weder geistreich noch musikalisch, aber er schenkt mir immerhin ein winziges Lächeln.
Vielleicht sollte ich mir auch einmal so ein Taxi nehmen.
Nur für einen Tag.
Oder gleich für länger.
| je réfléchis | ich denke nach |
| j’ai réfléchi | ich habe nachgedacht |
| je réfléchissais | ich dachte nach |
| je réfléchirai | ich werde nachdenken |
| je réfléchirais | ich würde nachdenken |
| j’aurais réfléchi | ich hätte nachgedacht |
| j’aurai réfléchi | ich werde nachgedacht haben |
Manchmal, wenn es mir schwerfällt, meine Gefühle zu sortieren, ich besonders verwirrt oder auch nur gelangweilt bin, jongliere ich mit französischen Verben und lerne neue dazu. Ich könnte auch von hundert rückwärtszählen oder eine Tasse Tee trinken. Mir tut die französische Sprache gut.
Ab und zu haben auch Schimpfwörter einen therapeutischen Wert, vor allem wenn ich sie laut hinausbrülle.
Merde!
Nom d’une pipe!
Bordel de merde!
Ja, ich lerne Französisch. Wieder. In der Schule war das nicht gerade meine Lieblingssprache. Heute lerne ich völlig anders, nur das, was mich interessiert, nur dann, wenn ich Lust habe, ohne jeden Druck. Einfach so, für den Tag X, an dem ich in Paris stehe und mich verlaufen habe oder mir eine Pizza bestellen will. Gut, dann nützen Verben wie »nachdenken« und vor allem so ausgefallene Zeitformen wie »ich hätte nachgedacht« wenig. Aber in der Schule, da haben wir noch viel, viel Unsinnigeres gelernt.
| Jean mange une orange. | Hans isst eine Orange. |
| Jean aurait mangé une orange. | Hans hätte eine Orange gegessen. |
Einmal pro Woche leiste ich mir eine Skype-Schaltung zu Pierre aus Paris. Er gehört zu einer Online-Sprachschule. Ich konnte mir unter diversen Lehrern einen aussuchen. Meine Wahl fiel auf Pierre, weil er tatsächlich aus Paris kommt. Es gab da noch Jean, der von Polen aus unterrichtet, oder Rahel, die heute in Spanien lebt. Und viele andere Franzosen. Aber eben nur einen Pierre aus Paris. Er spricht ein wenig Deutsch, was manchmal hilfreich ist. Und ich höre ihn gern deutsch sprechen, denn er hat genau diesen süßen Akzent, den wir bei den Franzosen so lieben.
Pierre ist charmant, gut aussehend, witzig, und er flirtet manchmal mit mir. Das gehört wohl zu seinem Geschäftsmodell, da mache ich mir nichts vor – er will ja, dass ich immer wieder Stunden bei ihm buche. Trotzdem ist er sehr diskret und verschwiegen. Von seinem Privatleben weiß ich gar nichts, kenne nicht einmal seinen Nachnamen. Schon wenn ich bloß wissen will, wie das Wetter in Paris ist, lenkt er ab und findet, das Wetter in Stans sei doch viel wichtiger. Wir reden einfach, damit geredet wird. Vor allem ich. Deshalb habe ich diese Stunden ja auch gebucht. Konversation.
Pierre weiß wohl bald einmal alles über mich. Vor allem kann er all die Texte längst mitsprechen, die ich auf der Seilbahn vor meinen Gästen aufsagen muss. Wenn uns trotzdem mal der Gesprächsstoff ausgeht, übersetzen wir schnulzige französische Chansons, die ich dann in der Seilbahn singe, wenn sie leer ist. Pierre ist großartig und die wöchentliche Stunde mit ihm ein Höhepunkt. Bärbel lacht mich oft aus deswegen.
»Weißt du, ich überlege mir ernsthaft, auch irgendeine Sprache zu lernen«, meinte sie dann aber neulich. »Ich möchte auch so einen charmanten Skype-Freund haben. So eine digitale Bekanntschaft ist vielleicht besser als ein Liebhaber und könnte sogar den Therapeuten ersetzen, wenn man ihn als Kummerkasten missbraucht.«
Und Guido hat einmal höchstpersönlich seinen Kopf in die Kamera gehalten und in seinem schönsten Schulfranzösisch ein paar Grußworte gesprochen. Das kam mir ein wenig vor, als wollte er sein Gelände markieren. Seither lässt er mich lächelnd gewähren.
Ja, ja: Gertrude töpfert, und ich lerne Französisch …
Pierre aus Paris weiß inzwischen also fast alles über mich und alles über das Stanserhorn. Und mich hat er so weit gebracht, dass ich keine Hemmungen mehr habe, mit meinen französischen Gästen zu plaudern. Das war doch eigentlich der Sinn der Sache. Natürlich hört man immer noch, dass ich eine Deutschschweizerin bin, aber das darf man auch.
Pling!
Oh, eine Nachricht von Bärbel.
»Mein Los war eine Niete. Hoffe nun auf Glück in der Liebe. Und du? Schon reich?«, schreibt sie mir übers Handy.
Ach ja, das Los. Ich hatte es total vergessen.
Jetzt will ich natürlich auch wissen, ob ich vielleicht schon reich bin. Ich krame das Los aus meiner Umhängetasche, setze mich an den Küchentisch und lese zuerst einmal die Erklärungen und das Kleingedruckte.
»Zwanzig Jahre lang Monat für Monat viertausend Franken«, wird einem versprochen. Wow, ein großartiger Hauptgewinn! Rubbelt man dreimal das Wort »WIN« auf, hat man den Hauptpreis gewonnen, die monatlichen viertausend Franken. Es gibt auch einmalig kleinere und größere Summen zu gewinnen. Doch wen interessiert schon irgendeine Summe, wenn er den Hauptgewinn haben möchte?
Ich atme tief durch.
Dann rubble ich vorsichtig und andächtig mit einem Einfränkler die Silberfolie auf meinem Los weg.
Und plötzlich steht es da:
WIN WIN WIN.
Dreimal!!!
Ich lese noch einmal die Erklärungen.
»Finden Sie dreimal das Wort ›WIN‹, so gewinnen Sie viertausend Franken monatlich während zwanzig Jahren.«
WIN WIN WIN.
Es ist eigentlich eindeutig, ich glaube es nur irgendwie nicht. Wie könnte ich auch: Ich habe noch nie etwas gewonnen. Doch, einmal, als junge Frau. Da habe ich im Pfarrei-Lotto eine riesengroße Salami mit nach Hause nehmen dürfen. Seither hatte ich nur Glück in der Liebe.
WIN WIN WIN.
Ich schaue um mich, glaube fast, von irgendwem verschaukelt zu werden. Aber da ist keiner. Da ist nur dieses Los, das vor mir auf dem Tisch liegt und mich anlacht.
WIN WIN WIN.
Bedeutet das jetzt wirklich, dass ich zwanzig Jahre lang viertausend Franken im Monat bekomme?
Ich glaube schon.
Ziemlich sicher.
Ich habe den Hauptgewinn geknackt.
Ich weiß, ich sollte jetzt schreiend durch das Haus tanzen. Ich könnte Bärbel und Guido anrufen, meiner Tochter Claire Bescheid geben oder einfach einen öffentlichen Facebook-Eintrag machen. Stattdessen bleibe ich wie versteinert am Küchentisch sitzen. Es ist so unglaublich, so unfassbar. Ich glaube, ich stehe unter Schock.
Ein unerklärliches Misstrauen macht sich in mir breit. Wird mir so ein Gewinn wirklich Glück bringen? Keine Ahnung, warum ich das denke. Viertausend Franken im Monat sind für eine Bähnlerin verdammt viel Geld. Die Löhne bei Bergbahnen sind eher bescheiden. Und am Stanserhorn verdiene ich im Winter jeweils gar nichts, weil die Bahnen nur im Sommer unterwegs sind. Viertausend Franken im Monat, das ist wie eine Lottomillion, nur irgendwie fast mehr, weil das Geld in Raten und regelmäßig kommen soll. Wird das wirklich funktionieren? Ist auf so ein Versprechen Verlass? Ist das seriös? Könnte man die Summe einklagen, wenn sie auf einmal ausbliebe? Wenn das wirklich wahr ist: Dieser Gewinn würde mich bis weit über meine Pensionierung begleiten. Wahnsinn!
Ich sitze immer noch einfach so da.
Still und bewegungslos.
Erst ganz langsam empfinde ich Freude und Glück. Die schönen Gefühle kommen langsam über mich, wie ein warmer Sommerregen. Und ich fange an zu weinen. Nur so ein bisschen. Der Situation angemessen.
Ich muss nämlich ganz fest an meine Mutter denken, die sich zeitlebens immer um ihr Auskommen gesorgt hat, die sogar im Altersheim, schon leicht verwirrt, immer befürchtete, ihre Finanzen würden für ihren Lebensunterhalt nicht ausreichen. Dabei hatte sie inzwischen eine ganz ordentliche Summe auf ihrem Bankkonto. Aber sie war arm aufgewachsen, sehr arm, und sie konnte ihre Angst davor, wieder nichts zu haben, nie ganz ablegen, obwohl mein Vater als Apotheker sehr gut verdient hatte. Und sie gab mir diese Angst mit auf meinen Lebensweg.
Jetzt aber würde sich meine Mutter viel enthusiastischer freuen als ich. Sie würde Feuerwerk entzünden, eine Blaskapelle engagieren, die internationale Presse zu einem Imbiss einladen. Endlich müsste sie sich kein bisschen mehr um mich sorgen. Ich weiß noch, wie glücklich sie war, als ich Guido heiratete. Mir selber traute sie nämlich nicht so recht über den Weg: Würde ich es schaffen, mich mit meinem lausigen Job als Coiffeuse über Wasser zu halten? Sie fühlte sich in ihrer Sorge bestätigt, als ich von all den Mitteln, mit denen meine Haut in Kontakt kam, Allergien bekam, die immer schlimmer wurden. Mein selbst gewählter und geliebter Beruf machte mich schließlich so krank, dass ich ihn aufgeben musste. Danach versuchte ich mich in diversen Jobs, arbeitete im Verkauf, machte Stadtführungen in Luzern und erledigte eine Weile für Guido die Büroarbeiten. Bis ich dann vor sechs Jahren den Direktor der Stanserhorn-Bahn kennen lernte. Er bot mir an, am Stanserhorn zu arbeiten. Und ich war mehr als bereit, es zu versuchen.
Glück, Freude und Tränen, ein Wechselbad der Gefühle, ein Durcheinander. Ein »Gnosch«, wie mein Enkel Moritz das bezeichnen würde. Ich habe nun also ausgesorgt, so würde das meine Mutter nennen. Obwohl ja Guido problemlos für mich sorgen könnte und würde. Natürlich hat er mich auch nie zum Arbeiten gezwungen. Er verdient mehr als genug. Ich wollte aber arbeiten. Schon immer. Um mir damit das schöne Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit zu erhalten.
Trotzdem: Wenn ich wollte, könnte ich jetzt einfach nur noch auf dem Sofa sitzen und Musik hören, bis an mein Lebensende. Oder auf Reisen gehen. Mir exotische Tiere anschaffen. Socken stricken. Oder töpfern …
Lange denke ich darüber nach, was ich denn jetzt wirklich machen möchte, was ich in meinem Leben verändern sollte, wollte, könnte – mit diesem unerwarteten Geldregen. Und mir fällt auf: Ich habe eigentlich gar keine großen Träume, die ich schon lange vor mir herschiebe. Eigentlich gefällt mir mein Leben so, wie es ist. Ich habe Guido. Ich habe Claire und Moritz. Ich habe Bärbel. Ich habe das Stanserhorn. Das ist mehr, als manch einer hat. Das ist mehr als irgendein Losgewinn. Ich habe eigentlich alles.
Dingdongdung.
Mein Skype meldet sich. Mon Dieu! Ich habe meine Französischstunde vergessen.
Und so kommt es, dass ausgerechnet Pierre aus Paris der Erste ist, der von meinem Glück erfährt. Mehrmals lässt er sich von mir die Zahl »viertausend« übersetzen, weil er denkt, ich hätte mich da vertan. Ich habs nämlich nicht so mit den Zahlen.
»Quatre mille francs suisses? Chaque mois? Pendant vingt ans? Tu es sûre, ma chère Judith?«, fragt er mehrmals ungläubig, mit großen, fragenden Augen, bis ich ihm die Zahl als Notiz schicke und ihm das Rubbellos in die Kamera halte.
Er habe noch nie jemanden gekannt, der so einen großartigen Preis gewonnen habe, freut sich Pierre mit mir und strahlt mehr als ich. Ich erzähle ihm von meiner Riesensalami, wir lachen und unterhalten uns darüber, dass Salami auch auf Französisch Salami heißt und auch auf Englisch oder auf Griechisch. Ich liebe solche Wörter. Als er hört, dass noch niemand von meinem Los weiß, findet er das ein wenig merkwürdig. Ich müsse das doch in die Welt hinausschreien.
… dans le monde entier …
Er will unbedingt wissen, was ich mir nun leisten werde. Irgendetwas. Jeder habe doch einen geheimen Wunsch!
… un souhait secret …
Und dann steht es plötzlich in Großbuchstaben vor mir: JETZT ODER NIE!
Ich werde für Guido und mich eine wunderschöne luxuriöse Parisreise buchen, mit allem Drum und Dran. Nicht gerade für morgen, aber vielleicht für September, sodass er in seiner Praxis alles organisieren kann.
»Ja, ich habe einen Wunsch. Der ist nicht einmal geheim. Paris! Wir kommen dich in Paris besuchen!« Pierre wirkt irgendwie bestürzt, und einen Augenblick lang ist er sprachlos. Darum schicke ich schnell hinterher: »Keine Sorge, wir wohnen nicht bei dir.«
Das beruhigt ihn. Seine Gesichtszüge entspannen sich wieder. So viel zur Gastfreundschaft der Pariser!
Nach meiner Französischstunde folge ich dem guten Rat von Pierre, zuerst bei der Lotteriegesellschaft anzurufen, bevor ich mit dem Feiern anfange. Sofort werde ich mit einem netten Herrn verbunden. Stefan Meister erklärt sich bereit, mit mir zu skypen, damit ich ihm das Los in die Kamera halten kann. Ich habe immer noch Angst, dass ich irgendetwas übersehen oder falsch verstanden habe.
»Das sieht gut aus, soweit ich das von hier aus beurteilen kann. Ich gratuliere ganz herzlich!«, sagt er nach einer kurzen Musterung des Loses.
»Was muss ich jetzt tun?«, frage ich, und mein Herzklopfen wird immer stärker.
»Stellen Sie mir das Los per Einschreiben zu. Sobald wir in seinem Besitz sind, kontaktieren wir Sie schriftlich. Sie müssen sich dann entscheiden, ob Sie eine Einmalauszahlung oder die Rente möchten. Sobald wir eine schriftliche Antwort und Ihre Kontoangaben haben, werden wir die Zahlung in die Wege leiten. Falls Sie die Rente haben möchten, wird sie Ihnen Anfang des nächsten Kalendermonats zum ersten Mal überwiesen.«
»Einmalauszahlung?«, frage ich verdattert.
»Ja, wenn Sie möchten, können Sie auf die Rente verzichten und bekommen stattdessen dreihunderttausend Franken aufs Mal. Die Rente beläuft sich bei voller Auszahlung auf neunhundertsechzigtausend Franken. Wenn Sie aber das Geld dringend brauchen oder schon sehr alt sind …«
»… nein, nein. Ich möchte sicher die Rente!«, sage ich schnell.
»Gut, dann machen Sie eine Kopie Ihres Loses und gehen dann mit dem Original zur Post. Einschreiben nicht vergessen! Ich freue mich, von Ihnen zu hören.«
»Danke!«
»Mir müssen Sie nicht danken, mein Geld ist das nicht«, meint er nur freundlich. Er jongliert ziemlich gelassen mit den hohen Geldsummen.
»Rufen Sie mich kurz an, wenn Sie das Los bekommen haben und alles in Ordnung ist?«, wage ich dann noch zu fragen.
»Gern. Natürlich, ich mache das gern für Sie, Frau Flury. Auf Wiederhören.«
Bis zu diesem Anruf – das beschließe ich hier und jetzt – werde ich über meinen Gewinn schweigen, alles für mich behalten, auch wenn ich möglicherweise fast daran ersticke. Ich werde nicht über ungelegte Eier reden.
Es reicht, wenn Pierre Bescheid weiß.
Und Herr Meister.
Am nächsten Tag fahre ich mit der Standseilbahn. Rauf und runter, durch endlos strömenden Regen. Natürlich trage ich entsprechende Kleidung und muss auch weniger oft fahren als bei gutem Wetter. Aber ich hasse es, im Regentenue zu arbeiten. Wenn ich mich auch nur ein wenig bewege, werde ich auch noch von innen nass. Irgendwann fängt dann das große Frieren an. Regenkleidung ist entweder wasserdicht oder atmungsaktiv. Wasserdicht und atmungsaktiv, das scheint – auch in diesem Zeitalter, wo die Wissenschaftler den ersten bemannten Flug auf den Mars planen – noch immer unmöglich zu sein. Das ist zumindest meine Erfahrung.
Unterwegs werde ich vom Wind angefaucht, der mir den Regen ins Gesicht peitscht. Bei jedem Halt trockne ich die Bänke und schüttle mit klammen Fingern den Regen aus den Vorhängen, die links und rechts an den scheibenlosen Fensterlöchern hängen. Irgendwann sind alle Lappen nass.
»Hier ist es noch etwas feucht!«, sagt eine junge Frau pikiert und deutet mit ihren lackierten Fingernägeln auf eine Stelle.
Ich wische noch einmal mit dem Wildlederlappen drüber, was allerdings keinen wesentlichen Unterschied macht. Die Dame setzt sich widerwillig hin. Das dünne Sommerkleidchen wird ihr heute auf dem Berg kein Glück bringen. Beim Anblick ihrer nackten Füße in den teuren Sandalen friere ich gleich noch mehr. Ich verstehs nicht. Wenn sie an so einem Tag in eine historische Standseilbahn einsteigt, muss sie sich doch darauf einstellen, dass das keine Kaffeefahrt wird!
Über die Kleidung unserer Gäste könnte ich Geschichten erzählen … Einmal, als es besonders kalt und unfreundlich und der Berggipfel frisch bepudert war, fuhr ich eine Familie aus den Emiraten auf den Berg. Wie die junge Frau heute trugen auch sie nur Sandalen, ihre Füße waren nackt. Die Frau war traditionell gekleidet, also ziemlich verhüllt, der Mann aber war in kurzen Hosen gekommen, und auch die Kinder hatten nur leichte Kleidung an. Auf dem Stanserhorn angekommen, gingen sie gerade mal vier Schritte Richtung Terrasse. Dann standen sie still, wie schockgefroren.
»Yes, this way, please!«, versuchte ich sie Richtung Restaurant zu lotsen.
Aber sie drehten wieder um und kamen zurück in die Cabriobahn. Es war ihnen egal, dass ich ihnen erklärte, ich würde erst in dreißig Minuten wieder losfahren. Der Empfang auf dem Berg war ihnen eindeutig zu unfreundlich.
Ja, Berge sind je nach Wetter nichts für Weicheier.
Sie sind oft rau und abweisend.
Aber es gibt ja auch die ganz harten Gäste, die sind eigentlich am schlimmsten. Sie erzählen von ihrer geplanten Wanderung, tragen jedoch bloß neue weiße Stoffschuhe, ohne Profil. Es hat frisch geschneit oder tagelang geregnet, und sie sind völlig unerfahren in den Bergen. Trotzdem: Niemals könnte ich sie von ihren Plänen abbringen, denn sie halten sich für Seelenverwandte von Reinhold Messner, weil sie schon mal irgendwo im Unterland einen Themenweg bewandert oder vielleicht im Fernsehen einen Film über Ueli Steck gesehen haben. Wenn Kinder dabei sind, tut mir das immer besonders weh. Da möchte man Handschellen dabeihaben, um – klick, klack – dem möglichen Unheil vorzubeugen. Ja, Kinder können nichts dafür, sind den Plänen der Erwachsenen ausgeliefert. Ansonsten ist jeder Unfall oder Absturz schlecht für das Image des Berges. Keiner fragt dann, welches Schuhwerk die Verletzten trugen, welche Ratschläge sie vorher ignorierten oder ob sie gar auf gesperrten Wegen unterwegs waren.
Ich muss aber sagen, dass die meisten Touristen heute durchaus angemessen gekleidet sind, nicht mehr so wie früher, als Asiatinnen in Stöckelschuhen und Minirock auf den Gletschern ein beliebtes Fotosujet waren. Ein ausnehmend gut ausgestattetes Pärchen aus Indien war neulich bei mir in der Bahn, und die Frau und ich kamen ins Gespräch. Sie erzählte, dass es in Mumbai, ihrer Heimatstadt, immer heiß sei.
»Dann haben Sie Ihre Kleidung in der Schweiz gekauft? Oder bekommt man sie auch in Indien?«
Mit einem liebenswürdigen Lächeln klärte sie mich auf: »Wir haben extra Shops für Reisebekleidung.«
Na ja, das hätte ich mir ja auch selbst denken können. Werden nicht ohnehin die meisten Kleider in Asien produziert? Auch unsere Regenjacken werden in China hergestellt.
An hässlichen Tagen wie diesem, die es auch mitten im heißesten Schweizer Sommer immer wieder geben kann, ist unser Personalraum im Kälti, bei der Mittelstation, dort, wo die Gäste von der Stand- in die Cabrioseilbahn umsteigen, mein Rettungsanker – vor allem die Kaffeemaschine. Manchmal trinke ich nur Kaffee, um mir an der Tasse die Hände zu wärmen.
»Endlich wieder einmal Regen. Die Wassertanks auf dem Berg waren schon fast leer«, sagt Simon, der Maschinist, als ich gerade mal wieder eine kurze Pause habe und nun versuche, meine Kleider ein wenig zu trocknen, bevor es wieder losgeht.
Ich mag ihm seinen Regen ja gönnen. Theoretisch. Mir eigentlich auch. Denn wenn die Tanks auf dem Berg leer sind, müssen wir mit der Cabriobahn Trinkwasser auf den Berg fahren, was manchmal etwas umständlich ist. Einmal habe ich beim Füllen des Plastiktanks in der Kabine eine Sekunde lang nicht aufgepasst, und schon war die ganze Gondel geflutet. Das ging erstaunlich schnell. Genauso schnell musste die Kabine wieder getrocknet werden, weil die nächste Gästegruppe schon bereitstand. Rund achthundert Kubikmeter pro Jahr transportieren wir mit der Seilbahn. Der Stanserhorn-Gipfel hat eben keine Wasserquelle. Darum sammelt man oben Regenwasser in Tanks und bereitet es mit einer UV-Filteranlage zu Trinkwasser auf. Auch das Wasser vom Terrassenboden wird gesammelt, zum Beispiel für die Spülkästen der Toiletten. Ja, Wasser ist hier ein Dauerthema und Regen in vielerlei Hinsicht auch eine Art Segen. Es liegt immer im Auge des Betrachters.
Mein Handy funktioniert jedenfalls noch, trotz Feuchtigkeit, und so kann ich etwas später, wieder auf der Bahn, den Anruf von Herrn Meister entgegennehmen. Mit klammen Fingern klaube ich das Gerät aus einer meiner vielen Innentaschen.
»Ich gratuliere, liebe Frau Flury!«, sagt er. »Das Los ist angekommen. Es ist alles in Ordnung. Sie haben morgen schon die Unterlagen, von denen ich gesprochen habe und die Sie uns ausgefüllt retournieren müssen. Ich freue mich mit Ihnen!«
Wenn er sich mit jedem Gewinner freut, hat er tatsächlich einen erfreulichen Job, im wahrsten Sinne des Wortes, geht es mir durch den Kopf. Nun – ich freue mich auch. Riesig! Und das miese Wetter spielt plötzlich auch für mich keine Rolle mehr. Ich bin schließlich ab sofort freiwillig hier, müsste überhaupt nicht mehr arbeiten. Aber das braucht im Moment keiner zu wissen. Zuerst werde ich nämlich Guido damit überraschen.
Heute habe ich früh Feierabend, weil es abends auf dem Gipfel die Candle-Light-Dinners gibt und wir daher in zwei Schichten arbeiten. Das passt mir gut in den Kram. Schnurstracks mache ich mich auf den Heimweg. Daheim stelle ich mich genüsslich unter die heiße Dusche. Ich gönne mir die teure Seife, die einen zarten rosaroten Schaum erzeugt und die Guido so gern an mir riecht. Ich brauche eine Weile, bis ich wieder aufgewärmt bin, und am Ende ist meine Haut vom heißen Wasser gerötet. Schnell ziehe ich mich an und marschiere ins Dorf. Ich beeile mich, denn ich habe einen Termin im Reisebüro mit dem lustigen Namen »Reisefreund«.
Nachdem mich Lydia, bei der Guido und ich bisher alle unsere Reisen gebucht haben, begrüßt hat, mustert sie mich mehr als neugierig. Ich hatte ihr schon am Telefon gesagt, was sie für mich vorbereiten soll: eine perfekte Parisreise für zwei Personen, im September. Ein sehr gutes Hotel, Abendunterhaltung, Führungen. Und mir sei völlig klar, dass das alles seinen Preis habe. Jetzt bin ich gespannt, was sie sich ausgedacht hat.
»Ich habe da etwas vorbereitet«, sagt Lydia lächelnd und legt einige Unterlagen vor mir aus. »Den Hinweg mit dem TGV, den Rückweg mit der Swiss. Immer die besten Plätze. Ein Fünfsternehotel mit Blick auf den Eiffelturm. Leider wirklich ausgesprochen teuer. Dann eine private Führung am ersten Tag. Für die Abende: Einmal ›Moulin Rouge‹, einmal ›Paradis Latin‹, das älteste Cabaret in Paris, jeweils mit Abendessen. Ein Dinner im ›Ciel de Paris‹ im 56. Stockwerk des Tour Montparnasse mit perfekter Sicht über die Stadt. An einem Nachmittag einen Termin mit einem Fotografen, der an der richtigen Stelle das perfekte Erinnerungsfoto für euch schießt. Ein Ticket für einen bevorzugten Zugang zum Eiffelturm. Dasselbe für den Louvre.« Lydia hält einen Moment inne. »Habe ich etwas vergessen?«
Ich überlege kurz und antworte: »Nein, ich glaube, alles andere können wir ja dann vor Ort organisieren oder in den nächsten Wochen noch buchen.«
»Hast du im Lotto gewonnen?«, platzt es nun aus Lydia heraus.
»Ja, so etwas Ähnliches«, antworte ich vage.
Als sie mir den Preis für das ganze Arrangement nennt, zucke ich dann aber doch zusammen. Allerdings nur ein bisschen.
»Ich drucke dir das Angebot aus und gebe dir zwei Tage Zeit. Vielleicht hat ja Guido ein paar Sonderwünsche.«
Ja, das passt mir gut.
Sehr gut.
Mit der wunderbaren Liste in der Umhängetasche fliege ich praktisch heimwärts, summe vor mich hin, bin ausgelassen und glücklich. Vielleicht hat es sich ja gelohnt, dreißig Jahre auf diese Hochzeitsreise zu warten, wenn sie jetzt dafür einfach perfekt wird, ohne irgendeinen Kompromiss, mit dem Besten vom Besten … Kein Wunsch wird mehr offenbleiben. Ich freue mich auf unser wunschloses Pariser Glück.
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