Read the book: «Geliebter Wächter 2: Wolfsherz»
Billy Remie
Geliebter Wächter 2: Wolfsherz
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Teil 1 – Verlorene Söhne des Westens
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Teil 2 – Lauf des Schicksals
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Epilog
Über den Autor
Impressum neobooks
Teil 1 – Verlorene Söhne des Westens
Hätten wir gewusst, was uns bevorsteht, hätten wir niemals einen Fuß vor die Tür gesetzt. Doch wenn wir nie gewagt hätten, den ersten Schritt zu gehen, hätten wir aufgehört zu existieren.
So gingen wir – wir alle – unserem Schicksal entgegen, obwohl es uns Pflichten auferlegte, die wir uns selbst niemals zugetraut hätten.
Kapitel 1
Es dauerte nur einen Augenblick. Die Stille auf dem Platz. Doch dieser Augenblick schien wie eingefroren, die Welt stand still und das gähnende Schweigen zog sich eine gefühlte Ewigkeit dahin.
Als das Maul des Drachen zuschnappte, erstarrte die Zeit. Von dem Mann, der sich zwischen sie und den Drachen gestellt hatte, war nichts mehr zu sehen, nichts war übrig. Kein Arm, keine Hand, kein Fuß, nicht einmal ein Stück Stoff, er war innerhalb eines Wimpernschlags komplett ausgelöscht. Hätte man in jenem Augenblick, als es geschah, geblinzelt, wäre der Mann wie durch Geisterhand verschwunden, als hätte er nie existiert.
Kacey spürte den heißen Atem des Prinzen im Nacken, der ihn umklammerte und nach dem ersten Schock ungläubig ausatmete. Dessen Arme, die wie dicke Eisenketten um Kaceys Taille geschlungen waren, lockerten sich, als hätten sie von dem einen auf den anderen Moment plötzlich all ihre Kraft verloren. Sie glitten ab und hingen schlaff und nutzlos am Boden.
»Nein«, hauchte jemand in Kaceys Nähe, zudem er sich nicht umdrehte. Er spürte, wie der schlanke Bursche, der den Prinzen und Kacey vom Platz gezerrt hatte, fassungslos auf die Knie sank.
Dann hörte er Gebrüll und das Flackern schwerer Umhänge. Drei in schwarz gewandete Krieger stürmten durch die Reihen der fassungslosen Zuschauer, angeführt von einem schmäleren, kleineren Mann mit goldenen Locken.
Kacey war für einen Moment wie gefangen von dem Krieger, der mit gezogener Waffe furchtlos auf den Drachen – auf Ragon! – zustürmte. Dieser Mann … sah aus wie sein Spiegelbild!
Kacey blinzelte. War dies sein Vater? War dies der Kaiser? Aber er trug nicht das grüngelbe Wappen des Kaiserreichs, er trug einen Drachen, der sich um eine öffnende Lilie schlängelte, auf seinem wehenden Umhang, genau wie die drei Krieger, die ihm folgten.
Ragon warf den Kopf herum, als er die Angreifer bemerkte. Geschickt rollte sich der schlanke Krieger unter Ragons Flügel, wich seinem Schwanz aus und attackierte seine Vorderklaue. Ragon machte einen verwunderten Satz zur Seite und peitschte warnend mit dem Schwanz. Aber die Angreifer setzten ihm nach.
»Nein! Ragon, nicht!« Kacey sprang ebenfalls auf, wollte eine weitere Katastrophe verhindern. Es überraschte ihn, dass ihn niemand aufhielt. Der Prinz, der ihn festgehalten hatte, war wie erstarrt und ließ Kacey einfach davonrennen, genau wie die beiden, die bei ihm standen und in ihrem Unglauben eingefroren schienen.
»Ragon!«, brüllte Kacey dem Drachen entgegen. Doch dieser kauerte sich bereits in Kampfstellung, als seine Angreifer auf ihn zustürmten.
Kacey wollte sich auf seinen geduckten Flügel werfen. Lieber würde er noch einmal Fliegen, als auch nur einen Augenblick länger in dieser Stadt zu bleiben. Er musste hier fort, bevor sie ihn wieder ergriffen und doch noch einsperrten. Wie sollte er ihnen erklären, wer er war und was er wollte? Sie würden ihm jetzt nicht mehr glauben. Und zu allem Überfluss hatte sich Ragon wegen ihm in einen Drachen verwandelt und hatte einfach so einen Mann verschluckt! Einfach so!
Die Angst beflügelte seine Beine, er rannte, als sei die Unterwelt ihm auf den Fersen, dabei war Ragon nicht so weit entfernt gewesen, wie es sich jetzt anfühlte. Der Lauf kam ihm ewig vor, die Entfernung zu dem rettenden Drachen schien endlos zu sein.
Und dann spürte er plötzlich Magie im Nacken, schwer und mächtig knisterte sie in der Luft und ließ ihn beinahe keuchen. So eine starke Energie hatte er noch nie gespürt. Rein instinktiv warf er sich flach auf den Boden und fühlte nur noch den eiskalten Hauch eines Magiegeschosses, das über ihn hinweg flog. Ein Eiskristall so scharf und groß wie ein Drachenzahn flog auf Ragon zu. Er traf seine Schuppen oberhalb des Vorderbeins, doch das beeindruckte ihn nicht.
Drachen waren magieresistent. Das Geschoss vereiste seine Flanke, doch er schüttelte den Frost einfach ab wie lästigen Sand. Dann reckte er den Kopf und zeigte die Zähne, öffnete jedoch nicht das Maul zum Brüllen.
Plötzlich kam Bewegung in die Stadt, die Wachen erwachten aus ihrer ungläubigen Starre und riefen nach Drachenschützen. »Nein!«, brüllte wieder jemand, und dann rannte auch schon der Riese los, der geholfen hatte, Kacey vom Platz zu zerren, um sich mit den anderen Schwertkämpfern auf Ragon zu stürzen. Furchtlos rannte diese wahre Naturgewalt auf Ragon zu und brüllte dabei: »Schießt auf den Flügel! Schießt auf seine Flügel!«
Mehr Eisgeschosse und nun auch Pfeile regneten auf Ragon herab, der den Flügel über den Kopf hob und dann einen mächtigen Satz zur Seite machte, um den verbissenen fünf Kriegern auszuweichen, die seine Unterseite unermüdlich angriffen.
Kacey konnte die Unruhe und Angst in Ragons Augen erkennen, wie ein Tier in der Falle. Er war nicht aggressiv, er hatte nur Kacey beschützen wollen. Ragon wehrte sich nicht einmal richtig, doch das hinderte die Angreifer nicht daran, ihn erlegen zu wollen.
»Verschwinde!«, brüllte Kacey und stemmte sich gleichzeitig hoch. »Ragon! Flieg weg!« Dann rannte er wieder auf ihn zu und winkte, als wollte er ihn verscheuchen. »Flieg weg!«
Seinetwegen sollte Ragon nicht verletzt werden!
Ein unterdrückter Laut entkam der Drachenkehle, als ein Drachenpfeil – ein massiver Pfeil mit einer Silberspitze – ein Loch in seinen Flügel schlug. Das brachte Ragon zum Straucheln. Weitere Pfeile schlugen mit einem dumpfen Laut in seine Flanke und in seinen Hals ein, blieben stecken. Ragon schwankte, als ginge er gleich zu Boden, schüttelte die Pfeile ab und versuchte, sich mit seinen Flügeln zu schützen.
Warum flog er denn nicht weg?
»Nein!« Kacey brannten Tränen in den Augen. Hilflos blieb er stehen und drehte sich mitten auf dem Platz herum. Niemand achtete auf ihn, ein Pfeil verfehlte ihn sogar nur sehr knapp und zerbrach auf dem harten Boden.
»Hört auf!«, brüllte er verzweifelt. »Bitte, hört auf! Er ist nicht böse! Bitte, er ist nicht böse!« Er versuchte, sich schützend vor Ragon aufzubauen, aber niemand hörte auf ihn. Natürlich nicht, er war nebensächlich, gegenüber einem Drachen, der einen der ihren verschluckt hatte. Zumal er vor Ragon vermutlich wirkte wie ein Staubkorn, das sich schützend vor einen Elefanten stellte.
»Ragon!«, schrie plötzlich eine allzu bekannte Stimme über den Platz. Kaceys Kopf flog herum und er hätte vor Erleichterung beinahe geschluchzt. Fen rannte mit wütender Miene über den Platz auf ihn zu. Ragon warf sofort den Kopf zu ihm herum. »Weg hier!«, brüllte Fen und rannte Kacey beinahe um. Er schlang einen Arm um dessen Taille, ohne anzuhalten, und stürmte weiter auf Ragon zu, der seine Angreifer mit einem Schlag seines verletzten Flügels zurückwarf und Fen Deckung vor den Pfeilen gewährte.
Kacey hing wie ein Kleidersack in Fens Arm und wurde durchgerüttelt, als Fen ihn an seine steinharte Seite presste und sich leichtfüßig mit einer Hand an Ragons Schuppen hinauf zu seinem Rücken hangelte. Kacey klammerte sich an ihn und schloss die Augen, wie er es bei ihrem ersten Flug getan hatte. Er spürte das mächtige Beben unter ihnen, als Ragon sich aufbäumte und dann losmarschierte. Mit zwei Sprüngen hob er ab und flog so tief über die Stadt, dass er die Schützen auf den Wällen umwarf. Das wütende und verzweifelte Brüllen der Krieger hallte ihnen hinterher und erschütterte Kacey bis ins Mark. So viel Hass war ihm noch nie entgegengeschlagen.
Was hatte er nur angerichtet? Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, während er sich an Fen schmiegte und insgeheim darum betete, dass er nur einen Alptraum träumte.
Kapitel 2
Er war nicht verliebt. Nein, das konnte nicht sein. Er war in seinem ganzen Leben noch nie verliebt gewesen, und er lebte schon ziemlich lange. Er hielt die Verliebtheit für eine Laune der Natur, die nur sterbliche Wesen befiel, da Sterbliche nicht das Wissen innehatten, das er besaß, weil sie schlicht ihren Trieben und Gefühlen unterlegen waren. Wie Tiere in der Paarungszeit.
Er hatte geliebt, gewiss, sehr lange und sehr tief und wahrhaftig. Aber er war nie verliebt gewesen. Es waren zwei völlig verschiedene Dinge. Verliebtheit war flüchtig, aber überschwänglich, sie machte blind und hochmütig. Liebe war anders, sanfter, ruhiger, ewiglich. Das eine war ein Sturm auf hoher See, das andere ein stilles Gewässer, aber dafür tief und unergründlich.
Nein, er war nicht verliebt. Aber etwas war anders als damals, aufwühlender. Bewegender.
Mit mahlendem Kiefer und verschränkten Armen lehnte Bellzazar am Bettpfosten und starrte auf den Mann in seinem Bett hinab. Cohen schlief auf dem Bauch, ein Bein angewinkelt, das andere ausgestreckt und die Arme unter das Kissen geschoben, als umarmte er es. Wie ein Kind, das sich nach Nähe sehnte und stattdessen nur in Stoff gepresste Federn liebkoste.
So schlief er immer, ganz gleich wie Bellzazar ihn ablegte oder aus Interesse drehte und wendete, Cohen rollte irgendwann immer wieder in diese eine Position, das Gesicht nach Süden gerichtet. Bellzazar hatte viel Zeit gehabt, Cohens Schlafgewohnheiten zu studieren, seit dieser sich … wandelte.
Noch war sein Körper nicht vollständig regeneriert, er setzte sich aus dunkler Magie, schwarzen Partikeln und seinen Erinnerungen zusammen. Bellzazar hatte ihm ein Teil seines unsterblichen Herzens eingesetzt und nun floss durch Cohens Venen kein Menschenblut, sondern Wolfsblut. Aber seine Seele musste zunächst noch mit der neuen Hülle verschmelzen, und sie war nicht im einwandfreien Zustand, sie heilte zusätzlich noch. Das konnte dauern. Nachdem er kurz erwacht war und Bellzazar ihm die neue Wahrheit offenbart hatte – dass er nun ein Dämon war – hatte Bellzazar ihn wieder ins Bett geschickt. Cohen war zu schwach gewesen, um zu protestieren. Nun schlief er schon seit einer gefühlten Ewigkeit tief und fest.
Und Bellzazar wachte über ihn, während er ihn mit Blicken durchbohrte und darüber nachgrübelte, was mit seinen Gefühlen los war.
Eines wusste er, er würde keine roten Wangen bekommen, wenn Cohen ihn anlächelte, er würde keinen Blumen die Blütenblätter ausreißen, verträumt seufzen oder gar ihre Initialen in eine Rinde ritzen und mit einem Herz versehen.
Er war nicht verliebt, er hatte nicht das Bedürfnis, sich in jedem Augenblick in Cohen zu versenken, auch wenn ihn die fleischliche Begierde das ein oder andere Mal überkam. Er wollte nicht jeden Moment seines Daseins in Cohens Nähe verbringen, ihn ständig anstarren und ihn immerzu berühren, dem Klang seiner dunklen Stimme lauschen, und überhaupt drehte sich sein ganzes Dasein nicht nur darum, sich an Cohen reiben zu wollen, wie eine läufige Hündin.
Aber eines wusste er, sein zerschnittenes Herz fühlte sich warm und heil an, wenn er Cohen in seinem Bett liegen sah, als gehörte er genau dorthin. Bellzazar wollte, dass er dorthin gehörte, dass er schlicht ihm gehörte. Wenn sie sich berührten, prickelte seine Haut. Cohens Blicke ließen ihn die Einsamkeit vergessen, die ihn wie einen Schatten begleitete. Er sehnte sich nicht immer zu danach, aber wenn es geschah, genoss er es wie nie zuvor.
Und als er dachte, er würde Cohen für immer verlieren, hätte er lieber das gesamte Universum mitsamt allen Welten niedergebrannt, als ihn gehen zu lassen.
Er hätte gar sich selbst oder seinen Bruder geopfert, wenn es nötig gewesen wäre.
Und das machte ihm Angst, denn es hatte noch nie irgendetwas oder jemanden gegeben, das oder den er über Desiderius gestellt hätte.
Bei Cohen war der Gedanke ganz präsent, Bellzazar dachte seit Stunden darüber nach. Was wäre, wenn er vor die Wahl gestellt würde, Cohens Leben gegen Desiderius`? Er war auf die Frage aufmerksam geworden, als ihm auffiel, wie leicht und instinktiv ihm die Entscheidung gefallen war, er oder Cohen. Er hätte sich das Herz auch dann herausgeschnitten, wenn es dafür sein eigenes Ende bedeutet hätte.
Und sein Herz kannte auch die Antwort auf die andere Frage: Cohen. Er würde sich immer wieder für Cohen entscheiden.
Nur, dass dieser sich niemals für Bellzazar entscheiden würde, stünde er vor der gleichen Wahl.
Bellzazar machte sich nichts vor, auch wenn Cohen in seinem Bett lag und duldete, dass er ihn berührte, ihn sogar nahm, seine große Liebe war und würde immer Desiderius sein und bleiben.
Wie tragisch, dachte er bei sich und seufzte. Sein Herz krampfte, aber er ignorierte es. Er kannte das Gefühl, er war gewohnt, zu leiden. Liebe war Leid, deshalb war er auch nie verliebt gewesen. Er hatte diesen verblödeten Zustand immer sofort übersprungen, hatte gleich die Liebe gespürt, die blieb, wenn der Nebel aller Triebe verflogen war.
Trotzdem schmerzte es mehr als sonst, wenn er zu sehr darüber nachdachte. Er schüttelte den Kopf und vertrieb die Gedanken. Er wollte gar nicht so genau darüber nachdenken, wem Cohens Liebe gehörte, im Moment sollte er einfach genießen, dass dieser in seinem Bett lag. Auch wenn nur die Lust auf Fleisch sie vereinte. Das war besser als nichts.
Verdammt, hatte er das gerade wirklich gedacht? Besser als nichts?
Nun ja, irgendwie war dem auch so. Denn Cohen war seitjeher das einzige Geschöpf, das es vermochte, die Einsamkeit zu vertreiben. Und das nicht nur aus diesen Räumlichkeiten, sondern allein durch den Gedanken an ihn aus Bellzazars Bewusstsein.
Nein, nein, neckte ihn eine innere Stimme, du bist ganz bestimmt nicht verliebt…
Nicht verliebt! Er schüttelte den Kopf. Aber er befürchtete, dass es bereits viel schlimmer war.
Schlimmer…
Na ja, wem machte er denn eigentlich etwas vor? Er hatte diese seltsame Anziehung zu Cohen schon gespürt, als er noch bei Desiderius lag. Und es überraschte ihn nicht, Cohen besaß die Jägergabe, zudem auch noch eine besonders mächtige Art davon. Deshalb hatte der Drachengeist in Desiderius auf ihn reagiert, und deshalb reagierte auch Bellzazars innerer Totenwolf auf ihn.
Es brachte nichts, darüber nachzugrübeln, gegen die Macht der Natur kam nicht einmal ein Dämonenfürst an. Sie beschritt eigene Wege und Ziele, die sich dem Einfluss aller Magie entzog.
Wie gesagt, alles, was er wusste, war, dass Cohen in seinem Bett lag, und ihn dieser Umstand mehr als glücklich stimmte.
Er war es schlicht nicht gewohnt, glücklich zu sein. Nicht nach all den Jahrtausenden voller Verachtung, Argwohn, Einsamkeit und Kälte.
Aber jetzt, in diesem Moment war er es. Und damit bewies er mal wieder eine äußerst egoistische Haltung, denn immerhin hatte er Cohen zu einem Dämon gemacht, um glücklich zu sein.
Er konnte nicht behaupten, dass er Reue empfand. Höchstens ein gewisses Bedauern, dass Cohen nun etwas war, dass er abgrundtief verabscheut hatte.
Ob er sich nun selbst hasste?
Bellzazar stieß sich vom Bettpfosten ab und kletterte auf die Matratze. Cohen erwachte nicht, auch als er sich an dessen Seite drängte und ihm über die nackte Schulter strich. Die ausgeprägten Muskeln seines Oberarms fühlten sich so steinhart an, wie sie aussahen, aber die Haut darüber war warm und samten, fast zu weich für diesen strammen Körper.
Er war schön, Cohen war schon immer schön gewesen, das wollte Bellzazar gar nicht bestreiten. Doch ihn überraschte, dass er solch eine lodernde Begierde für einen Mann empfinden konnte. Natürlich hatte er auch bei Männern gelegen und einen Mann geliebt, aber wenn es rein um Begierde ging, stellte Cohen alles in den Schatten. Weiber, Kerle … alles dazwischen. Auf seine starke, männliche Art war er schön, doch sein Gesicht war es, was Bellzazar immer mal wieder den Atem raubte, wenn er unvorbereitet hineinsah. Selbst jetzt im Schlaf barg es diese tiefe, geheimnisvolle Ausstrahlung, eine unerschütterliche Entschlossenheit, Stärke und Stolz. Es wirkte immer ein wenig einsam und verloren, aber nicht schwach. Cohen war wie ein Gestrandeter, der nirgendwo richtig hingehörte, aber immer kämpfte, immer auf der Suche nach … irgendetwas, das nur er kannte. Vermutlich wusste er selbst nicht, was ihm fehlte, um zufrieden zu sein.
Das hatten sie gemein.
Und man wollte ihn retten, ihm eine Hand entgegenstrecken und auf eine schwimmende Insel ziehen. Man wollte das Geheimnis hinter seiner ewig andauernden Melancholie ergründen.
Vielleicht konnte Bellzazar das. Hier und jetzt.
Er rückte an Cohen heran, spürte ein Prickeln unter der Haut, als er dessen Wärme und Geruch wahrnahm. Auch als Dämon roch er nach Frost, der sich über eine Blumenwiese legte. Frisch und lieblich zugleich, das Versprechen auf einen unschuldigen, stillen Morgen.
Bellzazar zog ihn an sich, schloss die Augen und vergrub das Gesicht in seinem seidenen, rotbraunen Haar, um ihn im Traumreich aufzusuchen. Dort, wohin die Dämonen gingen, wenn sie träumten.
*~*~*~*
Er saß mit angezogenen Beinen an einem flachen Ufer und starrte auf einen glitzernden Bach, der sich über graues Gestein einen Weg durch hohe Berge bahnte. In den winzigen Tälern zwischen den Bergriesen waren die Wiesen mit roten Blumen getüncht und teilweiße mit einer puderzuckerartigen Schneedecke bedeckt.
Cohen genoss das Gefühl der Kälte auf der Haut und den Geruch des Frostes in der Nase. Es war der Geruch seiner früheren Heimat. Das südliche Gebirge Nohvas, wo er als Bastard geboren wurde und ein Leben voller Schicksalsschläge angetreten hatte. Doch ihn verbanden auch gute Erinnerungen mit seiner Heimat. Sie war im Krieg immer seine sichere Zuflucht gewesen, dort hatte er sich zum ersten Mal richtig verliebt – wenn auch in den falschen Mann –, seinen ersten Kuss bekommen, seine beste Freundin getroffen, die Kinder seines Bruders großgezogen und ein eigenes gezeugt. Er hatte den Anblick der majestätischen Berge, die über allem thronten, so sehr geliebt. Ebenso wie den Schnee und die weißen Wälder, wenn der harte Winter hereinbrach, meist so plötzlich, dass er die Sommerblumen noch auf den Berghängen einfror.
Doch das hier war nicht seine Heimat, das wusste er, es war nur das, was er sehen wollte. Er war nicht wirklich dort, aber auch die Illusion war schön. Vielleicht sogar noch schöner, denn hier besaß er beide Augen und keine hässliche, zugenähte Augenhöhle verunstaltete sein Gesicht. Hier war er der, der er sein wollte. Zumindest äußerlich. In einer Illusion, in einem Traum, den er selbst träumte, gab es keine Makel. Selbst die Kälte fühlte sich wohltuend und keineswegs schneidend an.
Cohen spürte ihn, noch ehe er ihn hören konnte. Meist konnte man ihn nicht bemerken, er war im Stande, sich völlig lautlos heranzuschleichen, vor allem in dieser Gestalt.
Cohen blinzelte den Wolf an, der am Ufer entlang gemächlich auf ihn zukam. Er war groß für einen Wolf, knochig und kränklich, sein schwarzes Fell wirkte stumpf und fiel an manchen Stellen aus, außerdem waren seine Ohren ein wenig zu lang, schmal und spitz. Ein Monster, durch und durch, wären da nicht diese schwarzen, bodenlosen Augen, die ihm so sehr vertraut waren wie seine eigenen, wenn er in eine spiegelnde Wasseroberfläche blickte.
Der Wolf gab ein Winseln von sich, als Cohen ihn nur ansah, und kam mit geducktem Kopf angetrabt. Er schlug mit der Pfote neben Cohen bittend auf den Boden, kaum, dass er in Reichweite war.
Als Cohen sich nicht rührte, legte Bellzazar sich neben ihm ab und schmiegte mit einem weiteren Winseln den Kopf auf Cohens Schenkel. Große, schwarze Augen sahen zu ihm auf, die durch den Körperkontakt tiefblau aufleuchteten. Die langen Ohren waren eingeknickt und drückten Unterwürfigkeit aus.
Cohen musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Bellzazar war vielleicht mehrere Jahrtausende alt, aber er war noch so verspielt und anschmiegsam wie ein hinter den Ohren grüner Bursche. Und damit traf er leider genau Cohens schwachen Punkt. Wie könnte er ihm in dieser Gestalt widerstehen? Wobei dabei ausnahmsweise keine sexuelle Komponente eine Rolle spielte, natürlich nicht. Und genau darum ging es, er fühlte keine Begierde, aber trotzdem raste sein Herz, wenn Bellzazar sich so aufdringlich an ihn schmiegte und seine Nähe und Berührung suchte.
»Weißt du«, seufzte Cohen und kraulte Bellzazar hinter den Ohren, »das wäre herzerwärmender, würdest du nicht halb verwest aussehen.«
Bellzazar gab ein tierisches Schnauben von sich und erhob sich wieder in eine aufrechtsitzende Position, wobei er so majestätisch und stolz aussah wie ein Löwe. »Du bist auch nicht in jeder Lebenslage eine Augenweide, Coco«, knurrte der Wolf.
Cohen zuckte so erschrocken zurück, als habe er sich die Hand an Bellzazar verbrannt, und sackte dabei auf seinen Ellenbogen, um nicht gänzlich umzukippen.
»Was ist?«, fragte der Wolf mit dunkler, grollender Stimme, wobei sich seine Lefzen bei jeder Silbe unnatürlich für einen Wolf bewegten. »Wenn du gerade aufgewacht bist, siehst du aus wie ein betrunkener Katzenbär. Von deinem Mundgeruch ganz zu schweigen.«
Fassungslos starrte Cohen ihn an. »Du … du kannst sprechen?«
Bellzazar schnaubte, dann hob er die Pfote und strich sich über die lange Schnauze, als wollte er sich den Nasenrücken drücken. »Ich bin ein Gott, natürlich kann ich sprechen.«
»Und … das sagst du mir erst jetzt?«, rief Cohen anklagend aus.
Der Blick des Wolfes war so ungerührt wie er nur sein konnte, es fehlte nur noch, dass er mit den Achseln zuckte. »War es denn davor je von Belang?«
Der Konter entwaffnete Cohens Zorn, aber er verzog genervt das Gesicht, als er sich wieder aufrecht hinsetzte. Räuspernd zog er seine Weste glatt und wich Bellzazars Blick aus, indem er wieder auf den glitzernden Bachverlauf starrte.
»Du musst gerade von Mundgeruch sprechen«, konterte er verlegen, »ich kann ihn bis hierher riechen.«
Ein belustigtes Funkeln schimmerte in den Augen des Wolfes, Cohen konnte es im Augenwinkel ganz genau sehen.
Seufzend wandte er seine ganze Aufmerksamkeit wieder der Landschaft zu und nahm sie mit allem, was sie bot, tief in seinem Herzen auf. Bellzazar folgte seinem Blick und spitzte die Ohren, als gefiele ihm, was er sah.
Für einen Moment war es lieblich ruhig und friedlich, so als würde die Zeit stillstehen. Er wünschte, dieser Moment würde ewig dauern und er müsste nie wieder aufstehen. Mit Bellzazar einfach hier zu sitzen und die Verbindung zwischen ihnen zu spüren, die greifbarer war als der Wind um sie herum, erfüllte ihn schlicht mit einem Frieden, den er niemandem hätte begreiflich machen können.
Er hätte es wohl auch nicht zugegeben.
Trotzdem runzelte er nach einem Moment die Stirn und stellte fest: »Etwas ist anders als sonst.«
Bellzazar gab einen Laut von sich, der sich wie ein Seufzen anhörte. »Du bist ja jetzt auch … anders.«
»Wir sind nicht wirklich hier«, warf Cohen ein und betrachtete mit Wehmut die Berge hinter dem Bachverlauf, »das ist nicht die Wirklichkeit.«
»Genau genommen, ist es schon Wirklichkeit, aber eben eine andere als jene, die du kennst«, warf Bellzazar mit seiner knurrenden Stimme ein, »du träumst. Das hier ist das Traumreich. Aber das heißt nicht, dass alles hier nicht auch irgendwie existiert. Was du siehst ist auch dann wahrhaftig, selbst wenn es verschwindet, sobald du die Augen öffnest.«
Cohen verzog die Lippen zu einem traurigen Ausdruck. »Es fühlt sich nicht an, als würde ich träumen, das meinte ich. Ich kann … fühlen. Mehr als je zuvor. Ich kann sogar den Wind fühlen, wie er durch die Bäume zieht, das Wasser, wie es die Steine im Bach schleift, das Leben in den Grashalmen.« Ratlos schüttelte er den Kopf. »Ich konnte in meinen Träumen noch nie irgendetwas fühlen.«
»Weil du ein Mensch warst«, erklärte Bellzazar und streckte dann seinen langen Körper genüsslich aus, ehe er den Wolfskopf wieder unter Cohens Arm hindurchzwängte und sich halb auf dessen Schoß legte. »Wenn Dämonen träumen, wandeln sie durch Träume. Manche von ihnen sind in der Lage, Sterbliche im Traumreich ausfindig zu machen und zu verführen, so können sie von ihnen Besitz ergreifen oder sie gar verzaubern. Du wirst dich daran gewöhnen, dein Verstand schläft eigentlich nie, und jetzt als Dämon nimmst du das ganz bewusst wahr. Das Traumreich ist auch nur eine andere Geisterwelt.« Seine Wolfsaugen leuchteten mystisch, als er beruhigend zu Cohen aufsah. »Deine Seele ist nun in der Lage, sich ganz frei und ganz bewusst hier zu bewegen, als wärest du wach, weil du im Grunde gar keinen Schlaf mehr benötigst. Wenn du in der anderen Welt einschläfst, bist du in dieser Welt wach, und schläfst du in dieser, erwachst du in der anderen.«
Cohen streckte die Beine aus und legte einen Arm um Bellzazars Hals. Sein schwarzes Fell fühlte sich speckig und heiß an, trotzdem grub er die langen Finger tief hinein und kraulte ihn ausgiebig. »Das ist mir zu kompliziert. Sagen wir einfach, als Dämon ist alles etwas anders.«
Der Wolf grollte, was sich wie ein dunkles Kichern anhörte, und rieb mit geschlossenen Augen den Kopf an Cohens flachem Bauch. »Langsam lernst du, nicht alles zu zerdenken.«
»Ja«, seufzte er und musste leicht lächeln. Und es fühlte sich gut an, nicht ständig alles zu hinterfragen und zu ergründen, Erklärungen zu suchen und immer nach Antworten zu forschen. Er hatte viel mehr Zeit für andere Gedanken.
Vielleicht war die Tatsache, dass er jetzt ein Dämon war schuld, aber irgendwie waren ihm gewisse Dinge gleichgültiger als vor dieser Wandlung. Vor allem die Tatsache, wo er war und bei wem er war und was er mit ihm gemacht hatte.
Hatte er zuvor noch eine gewisse Scham und Reue verspürt, wenn er daran dachte, wie er sich Bellzazar einfach hingegeben hatte, wurde ihm bei der Erinnerung jetzt nur noch warm.
Und wäre Bellzazar jetzt in Menschengestalt… Cohen schloss die Augen und stellte sich sehr lebhaft vor, wie er sich rittlings auf diesen rollen und gleichzeitig seine Hand unter das schwarze Hemd gleiten lassen würde. Wie er sich hinabbeugen und seine Zunge in Bellzazars Mund schieben würde. Allein der Gedanke, ihn zu berühren und zu schmecken und ihrer fleischlichen Begierde einfach ohne Hemmung nachzugeben, verursachte ihm einen prickelnden Schauer. Denn er wusste, wie stark sein Körper auf Bellzazar reagierte, wie intensiv sich seine Berührungen anfühlten, und dass er Cohen Erfüllung schenken würde.
Als hätte er Cohens inneren Nervenkitzel gespürt, knurrte Bellzazar leise und hob den Kopf an.
»Du bist jetzt ein Dämon, Coco«, sagte er mit mühsam beherrschter Wolfsstimme, »das heißt, du nährst dich von falschen und bösen Gefühlen. Von Leid, Gier und Wollust. Nicht, dass ich es nicht genießen würde, aber dennoch. Versuch wenigstens, dagegen anzukämpfen.«
Bellzazar erhob sich und schüttelte sein schwarzes Fell, als hätte ihn eine Armee Ameisen erfasst, die er abzuschütteln versuchte.
»Nein!«, sagte Cohen entschlossen und stand auf. »Warum sollte ich?« Er ballte die Hände zu Fäusten und sah entschlossen auf Bellzazar herab. »Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, meine Gefühle zu verschleiern, mich zu verstecken und zu verleugnen. Ich war ein Jäger, der seine Gabe vor der Kirche verbergen musste, für die ich kämpfte, weil mein Vater sich entschloss, ihr zur Macht zur verhelfen. Ich musste meine Liebe zu Männern vor dieser Kirche verstecken, und musste meine Begierde gegenüber meinem Bruder vor allem und jedem verbergen! Ich habe mein Leben lang mich selbst verleugnet und immer in Angst gelebt.« Seine Stimme war aufgebracht, er sprach sich geradezu in Rage. »Ich lebte ein schauriges, lebensfeindliches Leben auf dem Schlachtfeld.«
Bellzazar setzte sich wieder auf seinen fellbesetzten Hintern und legte neugierig den Wolfskopf schief, wobei seine zu langen Ohren wippten.
»Das ist jetzt vorbei!« Cohen ging vor ihm auf die Knie und sah ihm von Angesicht zu Angesicht tief in die blauen Augen. »Ich habe mein Leben im Schatten verbracht, Bell, und es immer dem Dienen anderer gewidmet, habe nie an mich gedacht. Aber jetzt habe ich eine zweite Chance. Du hast sie mir geschenkt! Ich mag ein Dämon und unsterblich sein, aber dennoch ist es eine zweite Gelegenheit, zu dem zu werden, der ich hätte werden können, wenn ich für, statt gegen meine Gefühle gekämpft hätte.«
»Und wer bist du?«, fragte ihn Bellzazar mit gelangweilter Stimme. Er kannte die Antwort, sie kannten sie beide.
Doch davon ließ Cohen sich nicht entmutigen. Er stieß den Atem schwer aus und ließ die angespannten Schultern sinken. »Das gilt es für mich, herauszufinden.«
Einen Moment lang forschten die mystischen Wolfsaugen in Cohens blutroten Iriden, als hielte er sein Gefühlshoch für einen Trugschluss. Vielleicht war dem auch so, vielleicht würde auf die Euphorie, die sein knappes Überleben ausgelöst hatte, ein schwarzes, trostloses Tief folgen.
Aber im Moment ging es Cohen gut und er wollte zuversichtlich bleiben.
»Ich will nicht mehr gegen mich selbst ankämpfen«, erklärte Cohen ruhiger.
Bellzazar verzog die Lefze wie zu seinem berühmten, schiefen Lächeln. »Ich wünschte, du könntest jetzt sehen, was ich sehe.«
Cohen musste schmunzeln. Er spielte das Spiel mit. »Und was siehst du?«
Die Züge des Wolfes wurden bedeutungsschwer, seine Stimme ernst. Wahrhaftig. »Ein Feuer, das heller und heißer als die Sonne lodert.«
Cohen zuckte mit den Achseln und wandte verlegen den Blick an. »Vielleicht bin ich zu überschwänglich, in Anbetracht der Tatsache, was ich jetzt bin. Aber ich fühlte mich nie … stärker.«
»Weil du es bist. Die dämonische Kraft wird sich immer weiter in dir ausbreiten«, warnte Bellzazar ihn und stand auf, um sich mit dem Kopf an seine Brust zu schmiegen. Auf einmal hatte Cohen das Gefühl, als wäre er in seinem Bewusstsein nicht mehr allein, als wäre Bellzazar mit ihm verschmolzen und sandte lebendige Wärme in sein Herz. »Du musst aufpassen, dass dich kein Hochmut befällt, Coco. Kämpfe gegen deine dämonische Seite an, dann wirst du nicht zu dem, was du einst abgrundtief gehasst hast.«
Cohen geriet ins Grübeln. Er schlang den Arm um Bellzazars Hals und legte den Kopf auf seinen. Er horchte tief in sich hinein und spürte die Kräfte in seinem Inneren gegeneinander aufbegehren. Da war der Wille, alles gleichgültig werden zu lassen und nur noch an sich selbst zu denken, stärker und unbesiegbar zu werden, sich gar an jenen zu rächen, die ihm einst Leid zugefügt hatten – nicht, dass davon noch jemand lebte. Aber da war auch … Wärme und Liebe, die ihn ermahnte, sich vor dem Hass in Acht zu nehmen.
Es fiel ihm nicht schwer, die Liebe festzuhalten, er musste nur an eine gewisse Person denken.
»Du weißt, ich würde nie jemandem absichtlich Leid zufügen«, sagte er laut zu Bellzazar.
»Das nicht«, stimmte der Wolf zu, »wenn jemand dazu gemacht ist, seiner dunklen Seite zu widerstehen, dann du. Aber so leicht ist es nicht, Coco. Du musst niemandem wehtun, um deine dämonische Seite zu füttern, es genügt bereits, wenn du in die sterbliche Welt trittst und jemand in deiner Nähe Leid empfindet. Du wirst es aufsaugen wie trockene Erde einen Tropfen Regen.«
Cohen verspürte nun doch einen Anflug Nervosität. Er hob den Kopf und Bellzazar sah ihm ins Gesicht. »Dann kann ich gar nichts tun, um es zu verhindern? Es passiert einfach? Ich werde mich einfach an dem Leid anderer laben, bis ich kalt und unberechenbar werde?«
»Doch, du kannst etwas tun, ich werde dich lehren, das Leid auszuschließen oder es zumindest in dir einzuschließen, statt dich daran zu weiden.« Seine Wolfsaugen begannen tiefblau zu schimmern und erweckten eine Anziehungskraft, die stärker war als jedes warme Leuchten in tiefster, kalter Dunkelheit. »Ich werde mich um dich kümmern.«
Und Cohen hegte keinen Zweifel daran. Nicht seit … Sein Blick fiel auf die Narbe, die sich über die Brust des Wolfes schlängelte. Es wuchs kein Fell dort, weil die Narbe zu frisch war.
Auch Cohen konnte seine Narbe noch spüren, sie spannte und erinnerte immer wieder an das, was geschehen war.
Als könnte er es je vergessen, dachte er bei sich.
»Zazar!« Der panische Ruf durchhallte das gesamte Traumreich. Cohen riss den Kopf hoch, die wunderschöne Stimme schien von überall und nirgendwo herzukommen. Als würde sie über ihnen schweben, wie ein Gott, der aus dem Himmelsreich zu ihnen hinab rief. So fern lag er mit seinem Vergleich nicht, denn er kannte die Stimme.
Bellzazar bog den Kopf, als würde er lauschen.
»Zazar!«, brüllte Korah erneut.
Cohen stand auf und sah sich im Gebirge um, doch es war leer, nicht einmal ein Tier war in den bewaldeten Berghängen auszumachen.
»Korah«, sagte Bellzazar zu ihm, »er ist in unser Zimmer gestürmt.« Dann lauschte er wieder und blickte gen Himmel, als könnte er Korah beobachten, doch als Cohen den Kopf in den Nacken legte sah er nur weiße, flauschige Wolken.
»Bellzazar! Vater!« sie lauschten der angespannten Pause. »Cohen!« Cohen war es, als rüttelte ihn jemand, wobei das Gefühl seltsam … fern war. Wie ein Windhauch unter der Kleidung. »Ihr müsst aufwachen«, rief Korah aufgebracht. »Zazar, du musst sofort kommen, es ist etwas Schlimmes passiert!«
Cohen sah nervös zu Bellzazar. Der Wolf schloss die Augen und gab ein tierisches Murren von sich.
»Ich glaube, es ist an der Zeit, aufzuwachen.«
Kapitel 3
Der nächste Donner ließ ihn zusammenzucken. Das Zimmer war stockdunkel, aber draußen tobte ein wütender Sturm, laut und bedrohlich, wie ein Ungeheuer, das über die Burg gekommen war und alles unter sich zermalmen wollte.
Mit großen angstgeweiteten Augen zog der Junge im Bett die purpurne Samtdecke über die Nase und rutschte tiefer in die vielen Kissen. Er konnte den Blick nicht von dem Fenster nehmen, durch das trotz der schweren Vorhänge das Licht der Blitze durchzuckte. Es warf grässliche Schatten durch einen Schlitz in dem zugezogenen Stoff, die Drachenstatuen und knorrigen Bäume aus dem Garten zeichneten immer wieder kurzweilen Monster auf die Wände in seinem Gemach. Große Monster mit Klauen und Reißzähnen, die sich über dem Bett aufbäumten und sich auf ihn werfen wollten.
Der Junge hatte schreckliche Angst und kroch beim nächsten Blitz, der einen dämonischen Schatten in sein Zimmer warf, mit einem panischen Laut aus seinem übergroßen Bett.
Er versteckte sich unter der Matratze, doch das brachte nichts, seine Angst hatte so beharrlich wie ein Monster die Krallen in ihn geschlagen. Ihm ging es nicht gut, ihm war übel und er hatte bereits seit dem Einschlafen schlimme Alpträume. Aber er hatte nicht gewagt, nach seinem Vater zu rufen. Der tobende Sturm jagte ihn jedoch solche Furcht ein, dass er keinen Augenblick länger glaubte, allein sein zu können, ohne panisch los zu kreischen.
Die Angst übermannte ihn und ließ ihn mit Tränen in den Augen aus dem großen, leeren, beängstigen Gemach flüchten. Doch als er die Tür zum hell erleuchteten Gang öffnete, drehte er sich noch einmal um, rannte auf nackten Sohlen zum Bett und schnappte sich ein Kissen – als Waffe oder nur zum Trost – und rannte dann hinaus, dem warmen Licht der Fackeln entgegen, die die ganze Nacht in den Fluren der Festung brannten.
Im Licht beruhigte sich sein rasender Herzschlag etwas, aber noch immer fürchtete er sich. Der Donner grollte über die nackten Wände, der Berg, auf dem die Festung stand, schien zu beben, es krachte und splitterte bei beinahe jedem Blitz, mal nah, mal fern. Die Wachhunde bellten und der Regen setzte überlaut ein, wie unheilvolle Trommeln, die immer schneller schlugen.
Er wollte nicht allein sein, seine kindliche Angst saß zu tief und er sehnte sich nach dem Schutz und der Wärme seiner Eltern.
Er rannte natürlich zuerst den Flur entlang zur Turmtreppe und hinauf zur Tür seiner Mutter. Natürlich eilte er zu seiner Mutter, wie es vermutlich jeder Junge getan hätte. Mit dem Kissen an der Brust, das fast so groß war wie er, blieb er jedoch unschlüssig stehen, statt zu klopfen. Er drehte langsam den Kopf über die winzige Schulter und blinzelte. Im Turm des Hexenzirkels war es finster, kalt und grabesstill, sodass der Donner noch lauter hallte als in seinen Gemächern. Die Blitze stachen durch die Buntglasfenster, als wollten sie dem Ungeheuer, das über die Festung gekommen war, den Standort des Jungen preisgeben.
Panisch wollte er in das Zimmer seiner Mutter stürmen, doch wie immer rannte er nur gegen eine verschlossene, schwere Tür. Sie öffnete auch nicht, als er mit einer Hand aufgebracht gegen die Tür schlug und nach ihr rief. Tränen rannen über seine zarten Wangen, aber seine Mutter erhörte seinen Ruf nicht.
Das hatte sie nie, sie brauchte Ruhe, um ihre Kräfte aufzufüllen, deshalb durfte er niemals nachts zu ihr ins Bett kriechen. Er sei ein Junge und müsse lernen, seine Angst zu besiegen. Trotzdem führte sein kindliches Herz ihn immer wieder zuerst zu ihr.
Der Turm wirkte bedrohlich, verlassen, der Junge kam sich unerwünscht vor, einsam. Wieder ließ ihn die Angst rennen, dabei stolperte er beinahe die Treppe des Turms hinab. Als er dieses Mal in das Licht der Flurfackeln tauchte, beruhigte er sich nicht. Aus irgendeinem unbestimmten Grund hatte er plötzlich Angst, ganz allein zu sein. Dass ihn seine Familie verlassen hätte. Dass seine Mutter vielleicht gar nicht in ihrem Zimmer war, sondern verschwunden, und sie deshalb nicht öffnete. Vielleicht waren sie vor dem Unwetter geflohen und hatten ihn vergessen. Furcht ließ ihn weinen und schneller laufen. Es war still, zu still, und die Festung wirkte bei Nacht noch riesiger und verwirrender als je zuvor. Er war drauf und dran, sich unter einer Fackel zusammen zu kauern und nach einer Wache zu rufen, die nachts die Treppenaufgänge bewachten.
Doch bevor seine Furcht ihn gänzlich übermannte, schafften es seine zitternden Beine, ihn zu der Tür seiner Väter zu tragen.
Sie war geschlossen, das wunderte ihn, sie war niemals geschlossen, sondern immer nur angelehnt. Aber eine Flut anheimelnden Lichts sickerte durch den Türspalt hervor. Er atmete erleichtert auf, er war nicht allein, seine Familie hatte ihn nicht einfach mitten in der Nacht verlassen.
Mit tränennassen Wangen stampfte er in kindlicher Manier auf die Tür zu und drehte den Knauf ohne zu klopfen.
»Vater…?«, begann er mit leiser, heller Stimme und spähte in den Raum hinein.
Das Kaminfeuer brannte wie frisch entzündet, überall standen Kerzen und fluteten den Raum, und die Samtvorhänge waren fest verschlossen. Natürlich waren sie das, seine Väter schlossen die Vorhänge immer richtig, es war die Frau, die ihm das Leben geschenkt hatte, die sie immer nur nachlässig zuzog, sodass das Mondlicht Schattenmonster an die Wände malen konnte, vor denen er sich jede Nacht vor dem Einschlafen fürchtete.
»Vater?«, hakte er nach, dabei bebte sein Stimmchen. Er öffnete die Tür noch weiter und suchte mit tränenverschleiertem Blick den Raum ab.
Sie waren im Bett. Zusammen. Aber sie schliefen nicht und sie bemerkten ihn auch nicht. Ihr amüsiertes Gelächter auf den Decken und ihr nacktes Gerangel übertönte den Sturm.
Der Junge erschrak sich und zog den Kopf zurück, mit hochroten Wangen zog er schnell die Tür zu. Er wusste nicht ganz genau, was sie taten, aber natürlich hatte er eine Ahnung, dass es nicht für seine Augen bestimmt war. Und dass sie gerade keinen Platz für ihn hatten.
Schon einmal hatte er sie gestört, als sie unbekleidet gekämpft hatten – so hatten sie es genannt. Doch damals hatten sie ihn bemerkt und zu sich geholt, doch irgendwie wollte er sie nicht noch einmal stören. Es war ihm peinlich, was er gesehen hatte. Unsagbar peinlich.
Aber immerhin waren sie da und ihr gedämpftes Gelächter war durch die Tür zu vernehmen, sodass er sich davor kauerte und das Kissen umarmte. Müdigkeit überkam ihn, als sich sein Herz etwas beruhigte. Falls die Monster zurückkämen, waren seine Väter jetzt zumindest ganz nah.
»Hast du Angst?«
Erschrocken sah er auf, als sich ein kleiner Schatten aus einer Nische löste. Sein Bruder trat hinter einer mannshohen Vase hervor und setzte sich neben ihn.
Riath nickte nur und grub die Nase in sein Kissen, weil er sich für seine Furcht schämte. Angst machte einen Mann schwach, sagte seine Mutter immer.
»Ich auch«, gestand Xaith und schürzte die Lippen. »Mutter sagt, ich solle es aussitzen.«
Riath sah ihn an. »Meine Mutter hat die Tür verschlossen.«
Xaith nickte. Er fummelte nervös an seinen Fingern, weil er kein Kissen hatte, an das er sich klammern konnte.
Eine Weile saßen sie so da, während der Sturm wütete und es im Zimmer ihrer Väter stiller wurde. Sie hatten sich selten etwas zu sagen, waren sich aber in diesem Moment seltsam nahe. May und Sarsar schliefen vermutlich bei ihren Müttern, Vaaks bekam vermutlich nicht einmal etwas von dem Sturm mit, denn nichts brachte ihn aus der Ruhe.
Aber sie… sie waren allein, wenn die Tür ihrer Väter geschlossen war.
Seltsamerweise war die Nähe zu seinem stillen Bruder tröstend. Riath wurde schläfrig, er musste gähnen. Und als aus dem Gemach hinter ihnen ein seltsames Klopfen ertönte, sah Xaith ihn an.
»Willst du in mein Bett kommen?«, fragte er und seine Drachenaugen leuchteten im Schein der Fackeln wärmer und anheimelnder als es jedes Kaminfeuer vermocht hätte.
Riath hätte vor Erleichterung beinahe eine Träne verloren, doch er nickte nur steif.
Sein Bruder nahm ihn an der Hand und zog ihn hoch, gemeinsam schlurften sie zu ihrem Flur zurück.
»Ich lasse einfach die Tür auf«, sagte Xaith, »dann vertreibt das Licht aus dem Flur die Schattenmonster.«
Normalerweise machten Riath und Xaith sich über die Ängste des anderen lustig, aber nicht in jener Nacht. Riath nickte nur stumm und drückte sein Kissen an sich. Xaiths Zimmer war kleiner und wirkte dadurch nicht so bedrohlich, weil man alles erkennen konnte. Es gab weniger finstere Ecken, in denen etwas Böses lauern konnte.
Zusätzlich zündete Xaith für Riath noch eine Kerze im Raum an, obwohl ihre Väter ihnen verboten hatten, Licht brennen zu lassen, wenn sie schlafen gingen, aus Furcht, etwas konnte Feuer fangen.
Erst als Xaith um ihn herum ging, krabbelte Riath auf das Bett und schlüpfte unter die warme Decke. Xaith legte sich zu ihm und sie rückten nahe zueinander. Riath zitterte trotzdem, als es lautstark donnerte.
»Hab keine Angst, Riri, gemeinsam sind wir stark. Kein Monster kann uns holen, wenn wir zusammen sind«, beruhigte Xaith ihn und strich ihm über den Kopf.
Selbstverständlich schmiegte Riath die Wange an die schmale Schulter seines Bruders und legte einen Arm um ihn, sowie Xaith einen um ihn legte.
»Schlaf«, sagte Xaith, »ich passe auf dich auf.«
Und Riath glaubte ihm, denn obwohl sie gleichalt waren, hatte Xaith immer auf ihn aufgepasst.
Sie schliefen wieder ein, während der Sturm seinen Höhepunkt erreichte, doch er konnte ihnen keine Furcht mehr einjagen. Jetzt nicht mehr.
Fortan rannte Riath nicht mehr zuerst in den Turm, wenn er sich nachts fürchtete, er rannte immer wieder zu seinem Bruder, dessen Tür immer offenstand. Bis sie beide zu alt waren, um sich noch vor Schattenmonstern und Donner zu fürchten…
Er schlug die Augen auf, als im Nebenraum eine Tür knallte, ansonsten blieb er unbewegt. Noch immer herrschte eine hörbare Aufregung in der Villa und auch in der ganzen Stadt, Wachen trabten umher, Ratgeber rannten von Zimmer zu Zimmer, Drachenjäger wurden gerufen.
Die Bestie war zwar fort, aber auch der König von Nohva.
Allmählich machte sich der Schlafmangel bemerkbar, in seinem Kopf fühlte sich alles seltsam dumpf an und er spürte ein stetig stärker werdendes Hämmern unter der Schädeldecke, seine Augenlider waren schwer und gereizt, selbst das Atmen war ein Kraftakt.
Riath bewegte sich ein wenig auf seinem Stuhl hin und her, um seinen steifen Rücken zu lockern, doch das brachte nichts. Er war hundemüde, wie man zu sagen pflegte, doch an Schlaf war nicht zu denken. Nicht nachdem … nachdem er zugesehen hatte, wie sein Vater im Maul des Drachen verschwand, und nichts dagegen unternommen hatte.
Er war wie gelähmt gewesen. Er und Xaith. Sie hatten nichts getan, einfach nur mit offenen Mündern zugesehen, unfähig, sich zu bewegen. Sie schämten sich, Riath wusste, dass Xaith sich genauso schlecht und schwach fühlte wie er, er sah es in dessen aschgrauen Gesicht.
Es war schrecklich gewesen, diese lähmende Fassungslosigkeit, die Angststarre und das Gefühl, des Unglaubens, das alles wie in einem Alptraum wirken ließ.
Riath stand noch unter Schock, er konnte und wollte nicht glauben, was geschehen war. Und als er sich in dem Raum umsah, in dem sie beisammensaßen, erblickte er die gleiche Starre in den Gesichtern seiner Geschwister.
»Es geht ihm gut!« Wexmell versuchte, ihnen seine Furcht nicht zu zeigen, aber sie konnten sie spüren. Sie kannten Wexmell immerhin ihr ganzes Leben, und er war nie aufgebracht im Zimmer auf und ab gegangen und hatte mit Tränen gekämpft. Aber für sie wollte er stark sein. »Ich wüsste es, wenn es nicht so wäre!«
Riath beobachtete ihn, wie er in seinem Gemach ruhelos auf und ab ging und sich die Brust rieb, als krampfte sein Herz.
Sie hatten sich alle auf das Zimmer ihrer Väter zurückgezogen, als der Drache auf und davon war. Wexmell hatte ihm nacheilen wollen, aber seine Pflicht ihnen gegenüber hatte ihn hiergehalten. So hatte Kaiser Eagle Späher und Drachenjäger ausgesendet, die dem Drachen gefolgt waren.
Sie warteten nun auf eine Nachricht von diesen.
Riath hoffte, es wäre nicht die Nachricht, dass ihr Vater nicht wieder kommen würde…
Der Gedanke schmerzte so sehr in seiner Brust, dass er sie sich ebenfalls rieb und sich auf seinem gepolsterten Stuhl, der neben der Tür stand, nach vorne lehnte.
May und Sarsar saßen steif auf der Bettkante, Sarsar war ein Grauen ins Gesicht geschrieben, wie Riath es bei seinem Bruder noch nie gesehen hatte. Sarsar war immer … eine Spur gleichgültig. Nicht aber an jenem schicksalshaften Morgen, als die Dämmerung am Horizont einen Lichtstrahl zeigte, und sie annahmen, ihr Vater, der König, wäre für immer von ihnen gegangen.
Sie hatten es nicht kommen sehen, sich nie vorstellen können, einer ihrer Väter könnte von jetzt auf gleich von dieser Welt scheiden.
Der einzige, der wie immer recht gefasst wirkte, war Vaaks. Natürlich Vaaks. Der ruhige Riese, dachte Riath bei sich und mahlte mit den Kiefern. Mit durchbohrenden Augen starrte er hinüber zum Fenster, wo Xaith noch immer wie eine Statue des Grauens vor sich hinstarrte, genau wie an jenem Tag, als er seine Mutter getötet hatte, nur dass ihm jetzt kein Blut im Gesicht klebte. Er saß auf der Fensterbank und seine Schultern hingen tief. Vaaks setzte sich neben ihn – dicht neben ihn, zu dicht – nachdem er eine Weile aus dem Fenster gesehen hatte, und fuhr mit seinen kräftigen Fingern zwischen Xaiths schlankere, beinahe filigrane Finger, um sie festzuhalten, und drückte aufmunternd zu.
Wie selbstverständlich lehnte Xaith sich an Vaaks` starke Schulter und rieb die Wange daran, um eine stille Träne fortzuwischen, genau wie Riath es damals in dieser stürmischen Nacht bei ihm getan hatte.
Er hasste es, die beiden so eng zusammen zu sehen, er hasste es abgrundtief. Und er hasste den Umstand, dass er nicht einfach aufstehen und Xaith in den Arm nehmen konnte, um in dessen Wärme und Geruch zu versinken und die Angst um ihren Vater zu teilen, wie sie früher immer die Angst vor der Dunkelheit geteilt hatten.
Er fühlte sich allein, regelrecht im Stich gelassen.
Riath hasste die Kluft zwischen ihnen so sehr, aber noch mehr hasste er es, wenn jemand anderes Xaith tröstete, wenn er sich tief im Inneren nach Xaiths Trost sehnte.
Aber er konnte niemandem außer sich selbst die Schuld darangeben, dass Xaith ihm ferner war als alle anderen in diesem Raum. Er hasste sich selbst für das, was aus ihm geworden war.
Wexmell ging noch immer nervös im Zimmer auf und ab, jeder Augenblick, in dem sie keine Neuigkeiten erfuhren, zog sich quälend langsam dahin. Die Zeit war wie Sand, der sich durch eine winzige Öffnung drängte und träge hinabrieselte. Jetzt brach der Morgen an, aber die Nacht hatte sich angefühlt wie drei ganze Tage Dunkelheit und Ungewissheit.
»Er kommt zurück«, Wexmell nickte, als redete er es sich selbst ein, »es geht ihm gut, ich weiß, dass es ihm gut geht, ich …«
May stand plötzlich auf und stellte sich ihm in den Weg. »Ganz bestimmt«, sagte sie, obwohl in ihren Augen die gleiche Hoffnungslosigkeit wie in allen anderen stand. Sie rieb beruhigend Wexmells Arm, als dieser sie ansah, als würde er sie nicht erkennen, er blinzelte verwundert.
»Du solltest zu Kaiser Eagle gehen, Vater«, schlug sie vor, »er wird von seinen Spähern doch sicher zuerst über Neuigkeiten unterrichtet.«
Wexmell verzog zweifelnd das Gesicht und sah alle im Raum nacheinander an. »Aber ich kann euch doch jetzt nicht …«
»Geh!«, forderte Vaaks ihn auf und nickte ihm zu. »Wir kommen zurecht.« Dann sah er Xaith an und legte einen Arm um ihn, denn er hatte die Augen geschlossen.
Riath musste ein tiefes Knurren unterdrücken. Zwischen denen beiden war etwas passiert, er konnte es geradezu riechen. Sie waren sich nähergekommen, ihre ganze Körpersprache schrie es heraus. Wie nahe sie sich waren, wie selbstverständlich sie sich berührten und anlehnten. Es war offensichtlich, dass sie sich auf eine Weise nähergekommen waren, die ihm unter gar keinen Umständen gefiel.
Wexmell zögerte noch, doch dann siegte seine eigene Unruhe. »In Ordnung, aber bleibt hier«, er ging bereits zur Tür, »der Orden bewacht den Gang.«
Es war unsinnig, aber sie nickten nur noch. Als ob es der Drache nur darauf abgesehen hätte, zurück zu kommen, um auch noch sie zu verspeisen, und dann auch noch durch die Tür kommen würde…
Aber keiner wollte Wexmell jetzt widersprechen, ihr Vater war schon aufgebracht genug.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, ging May zu Vaters Tisch und schenkte ihnen allen Wein ein. Ohne ein Wort ging sie reihum und verteilte Kelche. Vaaks und Sarsar nahmen einen, aber Riath lehnte ab, und Xaith öffnete nicht einmal die Augen, obwohl er wach zu sein schien, denn seine Atmung ging schnell.
Riath wollte jetzt nicht trinken, der Wein machte ihn gleichgültig und unberechenbar, außerdem fühlte sich sein Magen flau an. Er hatte auf dem Fest schon zu viel getrunken, hatte mit May einen Saufwettbewerb veranstaltet und war von ihr unter den Tisch gesoffen worden. Doch als er die schimmernden Schuppen gesehen hatte, war er schlagartig wieder nüchtern gewesen. Aber nicht die Schuppen des Drachen, sondern jene auf einem schmalen, schwungvollen Rücken...
May stellte sich wieder an den Tisch, hob den Kelch und raunte: »Auf Vater!«
»Auf Vater«, stimmte Vaaks rau mit ein – und sie tranken.
Sarsar jedoch streckte den Arm aus und kippte den Kelch, ein Schluck Wein tröpfelte zu Boden und er sagte leise: »Für die Alten Götter.« Dann stellte er den Kelch auf den Boden, ohne davon getrunken zu haben und kniete sich neben die kleine, rote Pfütze. Verwundert beobachteten sie ihn, als er sich darüber beugte und in tiefe Konzentration verfiel.
»Was machst du?«, fragte May.
Aber Sarsar hob nur eine Hand, um ihr zu bedeuten, dass sie schweigen sollte.
May sah Riath an, und sie zuckten beide mit den Schultern. Sie hatten jetzt keine Geduld, um sich mit ihrem wunderlichen Bruder rumzuschlagen. Magie war ohnehin nicht ihr Metier, und Sarsar würde sie ohnehin nicht einweihen, das tat er nie. Der Einzige, mit dem er über Magie sprach, war Xaith, aber dieser kümmerte sich gerade nicht um das, was Sarsar tat.
Riaths grüner Blick wanderte wie von selbst wieder zu dem frischen Liebespaar auf der Fensterbank, man konnte förmlich riechen, wie sich die zarte Blüte der Liebe zwischen ihnen entfaltete. Die Angst um ihren Vater brachte sie näher zusammen, als Riath lieb war.
Er lehnte sich wieder zurück, verschränkte die Arme vor der massigen Brust, sodass die helle Seide spannte, und schloss die Augen. Kaum waren seine Lider zugefallen, sah er wieder dieses grüne Schimmern vor sich. Diesen ansehnlichen, hübschen Rücken mit dem anmutigen Schwung, in der Taille fast so schmal wie ein Weib, aber die Schulterblätter eines Mannes. Und natürlich diese dunkelgrünen Schuppen, die wie mit Diamantstaub bestäubt glitzerten. Und dann diese großen Augen, die ihn befürchtend über die Schulter hinweg angesehen hatten, leuchtend, frostblau, im silbrigen Licht des Mondes…
Allein die Erinnerung an diesen Burschen ließ sein Innerstes vibrieren und war eine hervorragende Ablenkung von allem anderen. Von Xaiths und Vaaks` offensichtlicher Zuneigung, und von der Angst um seinen Vater. Nur ein Gedanke an diese schimmernde Rückseite, und er konnte nur noch daran denken, wie sie sich wohl anfühlen würde.
»Ich weiß, wo er ist«, sagte Sarsar plötzlich mit ernster Miene. »Ich weiß, was geschehen ist.«
Riath öffnete die Augen und schnaubte. »Und das hat dir eine Weinpfütze gesagt, ja?«
Mit einem schneidenden Blick sah Sarsar ihn an. »Einem Troll kann man nicht erklären, wieso der Regen fällt.«
Riath runzelte zugleich verwirrt und wütend die Stirn. Verdammt, er hasste es, wenn Sarsar solche Sachen sagte, er verstand sie einfach nicht.
»Und warum hast du das erst jetzt gemacht, Lord Schlauberger?«
»Weil ich nicht wusste, ob die Alten Götter mich erhören und ich Wexmell keine falschen Hoffnungen machen wollte«, konterte Sarsar schnippisch. Er wandte sich an Xaith, der ihn neugierig beobachtete, und verkündete erleichtert: »Es geht ihm gut! Vater lebt!«
Kapitel 4
Es war der Geruch, der ihn letztlich aus der tiefen Schwärze zog. Ein Geruch, der ihm eigentlich fremd war und doch eine zutiefst vertraute Note transportierte, die in seine Nase stieg, um all seine Sinne zu wecken. Das erste, was er fühlte, war Sehnsucht und Traurigkeit, die ihn so heftig wie ein Wirbelsturm überkam und ihn stöhnen ließ. Für einen Moment kam er sich wie in der Zeit zurückversetzt vor. Dieser Geruch… er war so vertraut und löste das höchste allen Sehnens in ihm aus. Sein Herz war hin- und hergerissen zwischen freudiger Aufregung und schmerzhaftem Zerreißen.
Er spürte, wie sich sein Körper von selbst auf den Rücken drehte, der Boden war hart und seine Kleidung fühlte sich nass und klebrig an. Blinzelnd versuchte er, die Augen zu öffnen, warmer Sonnenschein stach ihm in die Pupillen und seine schwarzen Wimpern waren verklebt. Etwas lief ihm in die Augen und er schloss sie wieder schmerzvoll. Stöhnend rieb er mit Daumen und Zeigefinger die brennende Flüssigkeit von seinen Lidern.
Als nächstes nahm er neben dem Geruch auch Geräusche wahr. Ein pfeifender Wind, wie er nur auf einem Berggipfel wütend zischen konnte, und leises Stimmengewirr, das nach und nach immer lauter wurde, weil er immer mehr Bewusstsein erlangte.
Ein Schatten fiel über ihn und er zwang die Augen auf, während er in seinem langsam erwachenden Verstand nach Erinnerungen wühlte.
Das Gesicht, das über ihm schwebte, klärte sich nach einigem Blinzeln. Und es war ihm nicht fremd, ganz und gar nicht. Der andere legte den Kopf schief und lächelte zurückhaltend, als sei er ein verängstigtes Kind, das er nicht verschrecken wollte.
»Ich muss tot sein«, sagte Desiderius rau und streckte seine Hand nach dem Gesicht aus, um es sanft zu berühren. Beinahe wäre er zusammengezuckt, als er die lebendige Haut unter seinen Fingerspitzen spüren konnte. Fassungslos strich er über die Wange zu dem warmen Mund, über den lebendiger Atem floss. Das konnte nicht wirklich sein!
»Du bist nicht tot«, antwortete Cohen, der quick lebendig über ihm hockte und das Gesicht unter einem schwarzen Umhang vor dem hellen Tageslicht schützte. Nun strich er ihm mit zwei Fingern das nasse, klebrige Haar aus der Stirn. »Aber du wurdest gerade buchstäblich ausgekotzt und bist etwas … vollgesabbert. Kein Wunder, dass du durcheinander bist.«
Desiderius hörte nicht die Worte aus Cohens Mund, er starrte ihn einfach an und versuchte zu begreifen, dass er nicht nur einen sehr intensiven Traum hatte.
Das Letzte, woran er sich erinnerte, war das Maul des Drachen, danach war es sehr schwarz geworden und durch den schwefelhaltigen Atem im Mund des Tieres hatte er schnell das Bewusstsein verloren.
Und im nächsten Moment öffnete er die Augen und sah Cohens Gesicht über sich schweben. So, wie er es kannte, eine verboten süße Mischung aus Jugend und markanter Männlichkeit.
»Du … du … lebst?«, raunte er und sperrte den Mund auf.
Cohens Mimik nahm etwas Bedauerndes an. »Nicht ganz. Aber das ist eine lange Geschichte, ich …«
Weiter kam er nicht, Desiderius hatte bereits sein Gesicht gepackt und ihn zu seinem Mund herabgezogen. Ihre Lippen lagen übereinander und Desiderius saugte intensiv an Cohens bittersüßem Mund, Tränen brannten in seinen Augen, Tränen der ungläubigen Freude, ebenso wurde ihm der Hals verräterisch eng.
Nur am Rande bekam er mit, dass Cohens Kuss nur zurückhaltend war, regelrecht notgedrungen. Seine Lippen waren hart und wollten sich nicht so recht verführen lassen. Doch das war Desiderius im Moment gänzlich gleich. Er küsste Cohen voller Inbrunst und konnte ein überschwängliches Lachen nicht zurückhalten, wobei sein Verstand noch immer nicht begreifen konnte, wie verflucht noch mal Cohen hier sein konnte. Bei ihm. Warm und lebendig und …
Verdammt, er würde sicher gleich aufwachen und feststellen, dass er nur geträumt hatte. Deshalb hielt er Cohens Mund umso entschlossener fest auf seinem.
Es war kein Kuss der Leidenschaft, sondern ein Kuss der puren, fassungslosen Freude, die ihm auch letztlich ein paar Tränen bescherte.
Er wollte nie wieder aus diesem schönen Traum aufwachen. Nie wieder.
Doch da legte ihm Cohen eine Hand auf die Brust und drückte ihn ziemlich nachdrücklich auf den Boden, um sich von ihm lösen zu können. Er keuchte, als hätte ihn eine heftige Erregung ergriffen und atmete daraufhin schwer. »Langsam, ich muss vorsichtig mit … sterblichem Kontakt umgehen.«
Verwirrt blinzelte Desiderius zu ihm auf, doch als Cohens Gesicht nicht wie ein Traumgebilde einfach verschwand, konnte nichts seine Freude trüben.
»Es ist kein Traum«, flüsterte er rau und lachte dann ziemlich dümmlich auf, sodass Cohen über ihn schmunzeln musste. Verdammt, dieses schöne, schüchterne Schmunzeln, das er so sehr vermisst hatte. »Du lebst! Das ist kein Traum, du bist wirklich hier!« Desiderius wollte Cohens Umhang lüften, aber dieser hinderte ihn sofort daran und drückte ihm die Hände auf die Brust. Desiderius machte sich frei und griff stattdessen wieder nach Cohens Gesicht, musste es in seine Finger nehmen, es fühlen, es begutachten und streicheln. Cohen ließ ihn mit einem nachsichtigen Blick gewähren.
Da fiel es ihm auf und seine Mimik verzog sich zu einem tiefen Grübeln. »Was ist damit passiert?«, fragte er und tippte unter Cohens verbliebenes Auge. Er hatte dieses große, rehbraune Auge so sehr geliebt, dass es ihm jetzt regelrecht einen Stich versetzte, weil es blutrot schimmerte.
Etwas stimmte hier nicht. Und zwar gewaltig.
Cohen senkte den Blick und legte eine Hand um Desiderius` Arm, um sich aus dessen Griff zu befreien. »Eine lange, nicht ganz so amüsante Geschichte.«
Desiderius brauchte keine Erklärung, er wusste, was dieses Auge bedeutete, und als es ihm klar wurde, konnte er es auch spüren. Sein göttlicher Sinn verriet ihm alles, was er wissen musste.
Mit steinharter Miene presste er durch die Lippen: »Du bist ein Dämon!«
Cohen sah ihn nicht an, sein Mund war ein schmaler, zusammengepetzter Strich, während er lediglich bejahend nickte.
Desiderius schlug die Faust in den Boden und versuchte, sich aufzurichten. »Wo ist er?« Er hatte nur noch einen Gedanken. »Wo ist der Mistkerl, ich bring ihn um! Ich bring ihn um, das schwöre ich, dieses Mal bring ich ihn um!«
Etwas stieß ihm hart gegen die Brust und katapultierte ihn wieder auf den Rücken. Verwundert blinzelte er, als Cohen ihn entschlossen ansah.
»Das wirst du nicht!«, knurrte sein einstmals Geliebter.
Desiderius schnaubte. »Ich kann mir denken, wem du dieses Dasein verdankst…«
»Ich wäre jetzt nicht mehr hier, wäre ich kein Dämon«, verkündete Cohen sehr ernst und brachte Desiderius damit zum Schweigen. »Ich wäre nirgendwo mehr. Es ist nicht das, was ich mir nach meinem Tod vorgestellt hätte, aber es ist bestimmt nicht so, wie du denkst. Keine Folter machte mich zum Dämon, sondern ein großes Opfer, für das ich sehr dankbar bin. Bilde dir kein vorschnelles Urteil, Desiderius M`Shier, das war schon immer deine größte Schwäche.«
Noch immer argwöhnisch betrachtete er Cohens Gesicht, doch er zügelte sein Temperament, denn er konnte im Moment ohnehin noch nicht so recht begreifen, wie das alles möglich sein konnte.
Cohen war ja nicht erst seit gestern fort, er war sehr, sehr lange tot gewesen, und sie hatten viele Jahre gehabt, um sich damit abzufinden. Doch jetzt, nach all der Zeit, saß er wieder vor ihm und starrte ganz lebendig auf ihn herab. Zwar als Dämon, aber dennoch war er Cohen. Sein Cohen.
Er war nur erleichtert, dass dessen Seele nicht Jahre lang gefoltert worden war, um dann als geschwärztes, dunkles Wesen wiedergeboren zu werden. Er hätte es nicht ertragen, zu wissen, dass Cohen all die Jahre gelitten hatte, während er die Zeit voller Liebe und Frieden genossen hatte.
Ein Räuspern erklang hinter Cohen, der sich sofort über die Schulter sah. Und da war er, der Übeltäter, dem Cohen sein neues Leben verdankte, dachte Desiderius zynisch, während er zwischen den beiden hin und her sah.
»Ich trübe die Wiedersehensfreude nur ungern, aber…«
»Leck mich.«
Bellzazar grinste kühl. »Ich liebe dich auch, Bruder. Aber können wir die Feier dieser Wiedergeburt und euer unverhofftes Wiedersehen auf einen anderen Zeitpunkt verlegen?«, fragte er regelrecht vor Sarkasmus triefend. »Sagen wir, sobald wir dringendere Probleme, wie den drohenden Weltuntergang, besprochen haben, und an einem weniger gefährlichen Ort sind, vorzugsweise in der netten Stadt da unten mit den hohen Mauern und bemannten Türmen, die dein Sprössling so vortrefflich verwüstet hat, ja?« Er deutete mit dem Daumen hinter sich und knirschte mit den Zähnen. »Du solltest dir besser anhören, was wir alle zu erzählen haben, Bruder, denn ob es dir gefällt oder nicht, wir stecken alle bis zum Hals in Scheiße. Und in keiner normalen, braunen Scheiße, sondern in grüner, warmer Neugeborenenkacke.« Er ließ den Arm fallen und sah Cohen ins Gesicht, während er matt anfügte: »Danach könnt ihr zwei euch immer noch euer Leid klagen und euch heulend in die Arme fallen, um euch abzulecken.«
Desiderius stutzte, er hatte seinen Bruder ja schon in allen möglichen Momenten erlebt, aber er war immer aalglatt gewesen, doch nun schlich sich so etwas wie Verbitterung in seine Züge und Worte, die ihm ganz gewiss nicht eigen waren. Argwöhnisch verengte er die Augen und durchbohrte Bellzazar mit Blicken. Ein ganz schlechtes Gefühl überkam ihn. Ganz, ganz schlecht.
Er konnte aber nicht weiter darüber nachdenken, denn als Cohen aufstand und an Bellzazars Seite trat – sie sahen sich ins Gesicht, und Desiderius konnte den Blick seines Bruders nicht recht deuten – da schlug ihm plötzlich der Wind ins Gesicht und mit ihm der Geruch, der ihm zugleich fremd und vertraut vorkam.
Mit einem Ruck saß er aufrecht und durchlebte einen Sturm der Gefühle. Alles andere war vergessen. Da fiel es ihm wieder ein. Dieser Geruch, das war nicht Cohen gewesen, es war ein Geruch, den er viel länger nicht wahrgenommen hatte. Männlich, würzig, herb – Freiheit und unbändige Liebe.
Er blinzelte zu der Gruppe Männer, die sich an einer alten Wachturmruine tummelte. Es waren viele, aber er beachtete nur das eine Paar Augen, das genauso intensiv und gefangen zu ihm herüberblickte, wie er zur Ruine starrte.
Ich weiß, wer du bist, sagte sein Blick. Natürlich wusste er es. Sein Herz wusste es sofort, als er ihn in Menschengestalt erblickte, obwohl er sein Antlitz unter einem Umhang und einer weißen Halbmaske verbarg. Er wusste, wer er war, ohne seinen Namen zu kennen. Sie kannten sich, ohne sich je begegnet zu sein.
Wie in Trance kam Desiderius auf die Beine, war sich überhaupt nicht richtig bewusst, dass er sich bewegte, auf einmal machte sich sein Körper selbstständig und war wie befreit von irdischer Schwere. Auch der andere rührte sich, setzte sich von den anderen ab, und als ob sie sich ein Zeichen gegeben hätten, gingen sie in den Wald, der vertraute Fremde mit den honigfarbenen Augen lief voran, Desiderius starrte auf dessen breiten, seltsam vertrauten Rücken, während sie die Gruppe verließen.
»Ich weiß, wer du bist«, raunte Desiderius, als sie vom lichten Bergwald am Rande der Ruine verschluckt wurden.
Der Fremde drehte sich nicht um, blieb aber ebenfalls zwischen zwei Bäumen stehen, das Sonnenlicht malte helle Punkte und Streifen auf seinen Umhang und Schultern. »Und ich weiß, wer Ihr seid«, erwiderte er mit einer Stimme, die Desiderius eine Gänsehaut eintrug.
Es war Rahffs dunkle, melodische Stimme.
Desiderius schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie … kann das sein? Ich meine, ich weiß, dass es wahr ist und wie … es dazu kam. Aber … wie … wie kann es wahr sein? All die Jahre… dachte ich …«
»Suto wäre mit Eurem Drachenei auf See ertrunken?« Nun drehte der Fremde sich doch um, es lag keinerlei Groll noch Vorwurf in seiner dunklen Stimme. Er zuckte mit den Schultern. »Ja, ich weiß. Der alte Vogel hat mir alles erzählt. Ich weiß, dass einer meiner Väter nichts von mir wusste … weil sich niemand sicher war, wie dieser damit umgeht.« Geradezu forschend betrachtete er ihn, eine gewisse Vorsicht lag in seinen ungewöhnlichen Augen.
Desiderius war es, als würde der Boden unter seinen Füßen wegbrechen. Er schwankte etwas und stützte einen Arm gegen einen Baum. »Ich war nie sicher, ob er wirklich ein Ei … und ich war jung und …« Er geriet bei seiner Erklärung ins Stocken, denn er wusste, dass sie fadenscheinig wirken würde, auch wenn sie der Wahrheit entsprach. Manchmal war jedes Wort, das falsche Wort. Er sah auf und den Fremden an, und alles, was er in diesem Moment noch wusste, war: »Du bist ein Teil von mir.«
Der Fremde sah ihn einfach an, ruhig und unbewegt, vollkommen im Reinen mit sich und der Welt.
Desiderius schaute ihn durchdringend an. »Lüfte deine Maske.«
Für einen Moment rührte sich nichts, nicht einmal ein Muskel in ihren Zügen oder der Wind in ihrem Haar. Doch dann atmete der Fremde vernehmbar aus, senkte den Kopf und hob seine Hände. Erst zog er die Kapuze ab, dann löste er die Maske.
Desiderius atmete bebend aus, als er das gewellte, schulterlange Haar erblickte, das kantige Kinn und den dichten Bartschatten. Er schüttelte den Kopf und musste blinzeln. »Du siehst wie dein Vater aus.«
Das war nicht gelogen, er war Rahffs Ebenbild, von Kopf bis Fuß. Desiderius schmerzte das Herz in der Brust so sehr, dass er beinahe in die Knie gegangen wäre. Er holte vernehmbar Luft, doch ihm war, als füllte sie nicht seine Lungen.
Ein trauriges Lächeln geisterte über die Lippen des Fremden, dann sah er Desiderius wieder an. »Ich hatte nicht nur einen Vater«, erwiderte er bestimmt und sah Desiderius bedeutsam an.
*~*~*~*
»Sollten wir ihnen nicht nachgehen?« Cohen stützte die Schulter an den Baum, an dem Bellzazar mit dem Rücken lehnte, und starrte auf das kleine Waldpfädchen, auf dem Desiderius und dieser Fremde verschwunden waren. Er machte sich Sorgen.
Doch Bellzazar schüttelte den Kopf. »Gib ihnen etwas Zeit.«
Cohen hob den Blick und betrachtete Bellzazars angespanntes Profil. Irgendetwas in seinem Inneren wollte die Hand heben und es berühren, aber er hielt sich zurück. »Warum hast du nie etwas gesagt?«, fragte er stattdessen. »Über diesen Fremden. Über …«
»Ich wusste es bis vor Kurzem nicht«, gestand Bellzazar, was ihm sichtlich unbehaglich war. »Er wurde von Mächten geschützt, die älter sind als ich. Von Waldgeistern, die schon lange vor mir existierten. Ich wusste von diesem Vogel, diesem Hermaphroditen, dem Desiderius und Rahff begegnet waren, aber ich dachte, genau wie sie, er sei samt Ei auf hoher See ertrunken, als er versuchte, in seine Heimat zu fliehen.« Er drehte den Kopf und sah Cohen an, wobei seine schwarzen Iriden blau zu schimmern anfingen. »Korah hat ihn entdeckt, als er sich unerlaubt auf Expedition in die sterbliche Welt begab.«
Cohen dachte einen Moment darüber nach und sah wieder hinüber zu dem Wald, wo Desiderius gerade vor eine weitere schockierende Neuigkeit gestellt wurde. Erst Cohens mehr oder weniger Wiederauferstehung, dann ein verloren geglaubter Sohn, der aus einem Ei geschlüpft war. Wäre Desiderius nicht selbst ein Halbgott und hätte sich nicht einst in einen Drachen verwandelt, wäre das alles gewiss zu viel für seinen Verstand gewesen. Zu viel auf einmal, um es wirklich zu begreifen. Für Cohen war es fast zu viel, dabei betraf es ihn nicht.
Und es warteten noch weitere schicksalshafte Botschaften auf die Herrscher des Westens. Cohens Blick wanderte hinüber zur Ruine, wo ein großer, drahtiger Mann mit dunkler Haut, angespitzten Ohren und buttergelben, mandelförmigen Augen stand, an dessen Arm sich ein verunsicherter Bursche klammerte, der Wexmells unehelicher Sohn hätte sein können. Nur einige Schritte entfernt saßen Levi und zu seinen Füßen der gefesselte Wächter Place gemeinsam mit Korah – Bellzazars Schöpfung und irgendwie somit Desiderius` unverhoffter Neffe – der sich erhob, sobald er Cohens Blick bemerkte, und langsam auf sie zukam.
Die Welt war ein einziges Chaos, dachte er und schüttelte den Kopf, ein Scherbenhaufen, den kaum jemand vermochte, so zusammenzusetzen, dass er einen klaren Sinn ergab.
Es geschah zu viel auf einmal, dachte er. Und doch schien es richtig, hier zu sein. Dass sie alle hier waren, genau jetzt, hier und heute zu diesem Zeitpunkt. Alles lief hier zusammen, alle losen Fäden schienen endlich zu einem Punkt verknotet. Doch … wohin würde das alles führen?
Zwei Finger legten sich um Cohens Kinn und zogen ihn zu Bellzazars Gesicht herum. Sie waren sich so nahe, dass sich fast ihre Lippen berührten, was Cohen beinahe einen wohligen Seufzer entlockte, doch er hielt sich zurück.
»He«, Bellzazar lächelte schief, »nicht wieder so viel nachdenken. Wir lassen einfach alles auf uns zukommen. Derius wird’s schon verkraften.« Doch in seinen Augen stand Zweifel.
Cohen erwiderte: »Du solltest es ihm sagen. Dass du es nicht wusstest, meine ich. Du solltest wirklich mit ihm reden, bevor er dir die Schuld gibt.«
Bellzazar wandte den Blick ab und ließ Cohens Kinn los, was dieser sehr bedauerte, und durch die plötzliche fehlende Berührung wäre er beinahe gegen Bellzazar gefallen, weil er das Kinn auf dessen Hand gestützt hatte.
»Das ist erstmal nicht wichtig«, blockte Bellzazar ab, »was er von mir hält, ist nie wichtig, er muss einfach nur verstehen. Und wenn es ihm leichter fällt, jemandem die Schuld für irgendetwas zu geben, dann ist das eben so. Lieber soll er mich hassen, weil er denkt, ich hätte ihm etwas verschwiegen, als in Selbstmitleid zu baden, weil er schuld daran ist, dass er nie nach diesem Ei gesucht hat.«
Cohen verzog die Lippen wehmütig und legte Bellzazar eine Hand auf den steinharten, muskulösen Oberarm. »Unverbesserlicher Märtyrer«, murmelte er und legte den Kopf auf Bellzazars Schulter.
Korah kam mit eingezogenem, demütig hängendem Kopf auf sie zu geschlurft und hielt die Arme vor der flachen, knabenhaften Brust verschränkt.
»Es tut mir leid«, Reue ließ seine schöne Alabasterhaut grau erscheinen, »es ist meine Schuld, dass er sich in einen Drachen verwandelte, er wollte seinen Schützling retten. Wenn ich ihn nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, dann …«
»Schon gut«, unterbrach Bellzazar ihn scheinbar genervt und verdrehte die Augen. »Ist ja nichts passiert. Und genau genommen ist das hier doch besser als erwartet. So können wir Desiderius alles schonend beibringen und ihn von der Dringlichkeit unserer Probleme überzeugen.« Dabei sah er hinüber zu Place.
Korah seufzte erleichtert darüber, dass Bellzazar ihm nicht böse war, und trat auf diesen zu. Er lehnte sich aufdringlich an Bellzazars freie Seite und schmiegte die Wange an seine andere Schulter.
Cohen musste Schmunzeln, als Bellzazar es mit einem Grollen zuließ und dann sogar die Nase im schwarzen Haar seiner Schöpfung vergrub.
Cohen wurde ganz warm ums Herz, während er die beiden betrachtete. Bis er Bellzazars tief grübelnden Blick bemerkte.
»Was ist los?«, hakte er leise nach, obwohl er eine Ahnung hatte, und hob den Kopf von Bellzazars Schulter.
Sein Fürst zuckte nur mit den Schultern. »Nichts, was soll sein? Ich denke über unsere Möglichkeiten nach, diese göttliche Dirne kalt zu machen.«
Cohen runzelte die Stirn. »Nein, das ist es nicht«, sagte er einfühlsam, »du wirkst angefressen.«
Bellzazar wandte ihm das Gesicht zu. »Angefressen?«
»Ja«, Cohen zuckte mit den Achseln, »verstimmt, miesmutig, wütend…«
»Ich weiß, was angefressen bedeutet«, knirschte er und starrte mit eng verschränkten Armen vor sich hin. »Es ist nichts!«
Dieser Sturkopf. Cohen schnaubte und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, dass du gesehen hast, wie er mich küsste.« Er wusste doch, was los war, Bellzazar konnte ihm nichts vormachen.
Aber er zuckte nur mit den Schultern. »Ist mir gleich. Ich wusste, dass er das tun würde.« Nun sah er Cohen ins Gesicht und lächelte kalt und aufgesetzt. »Mir war bewusst, dass unsere Liaison nicht von Dauer sein konnte, vor allem seit er dich wieder sehen kann.«
Cohen legte bedauernd den Kopf schief. »Bell…«
»Nein, kein Mitleid«, unterbrach Bellzazar ihn und wirkte gleichgültig, »es ist, wie es ist. Du hast Nähe gebraucht, um dich an etwas klammern zu können, und ich war verfügbar. Jetzt kannst du dich wieder an die unglückliche Liebe zu meinem Bruder klammern.« Er wandte den Blick mit einer endgültigen Geste ab.
Cohen wollte noch etwas sagen, wusste aber gar nicht, was. Er wusste ja noch nicht einmal so recht, was er fühlte. Sein Herz frohlockte, weil er wieder bei Desiderius sein konnte, trotzdem zog es ihn weiter zu Bellzazar hin. Und es schmerzte ihn, dass sein Fürst ihn von sich stoßen wollte.
»Er ist eifersüchtig«, murmelte Korah plötzlich mit einem Grinsen in der Stimme und legte seinem Schöpfer eine Hand auf die Brust, »er platzt gleich vor Zorn.«
Bellzazar presste die Lippen zusammen und konterte mühsam beherrscht: »Halt den vorlauten Schnabel, oder ich schmeiß dich vom Gipfel.«
Cohen schmunzelte verstohlen und lehnte sich wieder an Bellzazar, der keine Anstalten machte, irgendeine körperliche Zuneigung zu ihm zu bekunden. »Er kommt eindeutig nach dir«, neckte Cohen ihn.
Und Bellzazar schnaubte, legte aber die Wange auf Korahs Scheitel, wie es nur ein liebender Vater tun würde.
*~*~*~*
»Mein Name ist Doragon. In der Sprache unserer Stämme bedeutet es Drache. Es tut mir leid, dass ich nach Euch geschnappt habe, aber Ihr standet zwischen mir und meinem Schützling. Ich schwor ihm bei meinem Leben die Treue – und ihr wart mir im Weg. Aber ich habe Euch nicht runtergeschluckt, Eure Gefährten übertreiben etwas.«
Desiderius stieg schmunzelnd durch das Unterholz, Doragon wollte ihm etwas zeigen, von dem er glaubte, Desiderius würde es nur glauben, wenn er es selbst sähe. »Ich mache dir keinen Vorwurf, ich war der Dummkopf, der sich vor das Maul eines Drachen warf. Genauso gut hätte ich mich mit ein paar Gewürzen garnieren können.«
»Davon muss ich immer niesen.«
Sie lachten beide. Unsicher und noch etwas verkrampft, aber sie lachten. Und es war befreiend, zu spüren, dass keinerlei Groll ihr Aufeinandertreffen verdüsterte. Ragon hatte glücklicherweise Rahffs frühere Besonnenheit geerbt, von Desiderius` übergroßem Stolz hatte er nichts abbekommen, dafür aber den Drachen in sich.
Es war verrückt, absolut unglaublich, dass er existierte und sie sich unterhielten. Desiderius konnte das alles noch gar nicht so richtig begreifen, er wusste auch gar nicht ob er sich fürchtete oder sich freute. Man stand ja nicht alle Tage vor einem verlorenen Sohn, der aus einem Ei geschlüpft war, und den man mit einem anderen Mann geschaffen hatte. Einem Mann, den man einst wegen Verrats gerichtet hatte.
Schuldbewusst griff sich Desiderius an die Brust und umfasste Nebelkralles alte Kette und die Ringe, die Rahff für sie angefertigt, ihm aber nie gegeben hatte. Trauer und Wut überkamen ihn, aber er zügelte seinen Zorn auf sich und die Welt.
Was war er doch dumm gewesen, zu glauben, Suto und das Ei wären einfach so aus der Welt. Er hätte nach beiden suchen müssen! Doch damals war es einfach, daran zu glauben, Suto sei gestorben. Er hatte es sich eingeredet, um nie wieder daran denken zu müssen.
»Es tut mir leid, dass ich nie nachgeforscht habe, was aus euch geworden ist«, hörte er sich sagen, ohne sich bewusst gewesen zu sein, dass er es hatte sagen wollen. Aber er meinte es ehrlich, heute bedauerte er es zutiefst, vor allem wenn er sich ansah, was für ein stattlicher Mann vor ihm stand, in dessen Augen eine Erfahrung innewohnte, die ihn sogar ein wenig einschüchterte.
Doragon ging um eine Tanne herum, blieb dann stehen und wandte Desiderius das Gesicht zu. Er hatte die Maske nicht wieder übergestreift und in seinem Blick stand Vergebung. »Ihr habt es selbst gesagt, Ihr wart jung – und es gingen schreckliche Dinge in Eurem Königreich vor, von denen wir sogar bis nach Zadest hörten. Ihr hattet ein Schicksal zu erfüllen.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin nicht verbittert, König Desiderius. Das heißt, ich war es, aber das ist lange her. Heute bin ich erwachsen und habe meinen Frieden damit gemacht. Ich wollte nie Teil Eures Lebens sein. Ich fragte mich immer, wer Ihr wohl seid und was für ein Mann aus Euch geworden ist, was Ihr wohl zu mir gesagt hättet. Aber ich wollte nie …« Er brach ab und schüttelte seufzend den Kopf. »Ich hatte ein Leben, ein eigenes Leben. Zadest war meine Heimat und die Tiermenschen waren mein Volk. Und ihretwegen bin ich hier. Nicht, um irgendetwas von Euch für mich selbst zu erbitten, nicht einmal, um Euch zu treffen. Nur um den Westen um Hilfe zu ersuchen. Nicht für mich, sondern für die Völker meiner Heimat. Und wir brauchen den gesamten Westen, nicht Euch im Einzelnen.«
Desiderius hätte von den Worten vielleicht gekränkt sein sollen, aber das war er nicht, er lächelte lediglich und reckte das Kinn ein wenig vor. »Jetzt ist es fast, als stünde dein Vater vor mir, Doragon.«
»Ragon«, korrigierte er und neigte leicht das Haupt, »wenn Ihr wünscht, mein König.«
»Nennen deine Stammesbrüder dich so?«, fragte Desiderius interessiert.
»Ähm ja… aber den Namen gab ich mir selbst.«
»Oh. Ach so?«
»Ja…« Nun wirkte Doragon doch tatsächlich ein wenig schüchtern, als er sich im Nacken kratzte. »Wisst Ihr… Ragon. Rahff. Das klang ein wenig ähnlich…« Er räusperte sich unbehaglich und zuckte mit den Schultern. »R.A. Es war das Einzige, was irgendwie von ihm blieb, oder? Na ja, ich und diese beiden Buchstaben. Damals war es einem ruhelosen Jungen wichtig, und heute ist Ragon einfach mein Name.«
Neugierig legte Desiderius den Kopf schief. »Und welchen Familiennamen bevorzugst du?«
»Keinen, mein König. Ich bin einfach Ragon, schon mein ganzes Leben.«
Desiderius schnaubte amüsiert. »Also schön. Ragon. In Ordnung. Aber lass den Quatsch mit dem Verbeugen und diesem Königs-Ding. Du hast es selbst gesagt, deine Heimat ist Zadest, und dein Volk ist dein Stamm – ich bin nicht dein König, Ragon, ich will es auch nicht sein.«
Das brachte Doragon – Ragon dazu, die Augen zu verengen, aber er nickte einmal knapp.
Natürlich herrschte noch gesunder Argwohn auf beiden Seiten, immerhin waren sie sich trotz allem gänzlich fremd. Und es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Desiderius nicht einmal seinem eigenen Schatten vertraut, geschweige denn einem Verwandten. Doch Wexmell hatte ihn gelehrt, auch mal auf sein Herz zu vertrauen, darauf, was es ihm sagte, und dieses wollte sich gegenüber diesem Fremden regelrecht öffnen. Es war so seltsam, als würde er wieder vor dem jungen Rahff stehen, und natürlich kamen dabei allerlei Gefühle auf.
»Wir sollten weiter gehen«, schlug Ragon vor. Desiderius nickte und bedeutete ihm, voran zu gehen. Ragon drehte sich um und kämpfte sich weiter gewissenhaft durch das Unterholz, wobei er sich weniger einen Weg bahnte, als vielmehr trotz massigem, riesigem Körper der Umgebung anpasste. Selten knickte ein Zweig oder auch nur ein Blatt ab, wenn er durch den Wald schlich.
All das nahm Desiderius ganz deutlich wahr, er beobachtete den Fremden ganz genau, um ihn kennen zu lernen. Ragon wusste, sich durch den Wald zu bewegen, sogar noch besser als er. Er war wie ein schleichender Bär, der immer darauf achtete, Mutternatur nicht zu schaden. Er respektierte den Wald, vom kleinsten Grashalm bis zum größten Baum, liebte ihn wie eine Mutter, das sah man auf den ersten Blick. Ein Mann, der eindeutig im Dschungel und unter Völkern aufgewachsen war, deren Gott und deren Glaube die Wälder waren.
Aber nicht nur das fiel Desiderius auf, auch bei ihrem Gespräch achtete er ganz genau auf Ragons Worte und auf das, was sie beinhalteten. Er war zurückhaltend, vorsichtig – aber nicht verschlossen. Er wollte Desiderius` Vertrauen gewinnen, erzählte persönliche Dinge von sich und antwortete ohne zu zögern auf alle Fragen, wobei er ehrlich blieb, selbst wenn die Antwort Desiderius vielleicht nicht gefiel, jedoch war er dabei immer höflich.
Klug. Das war er. Sehr klug. Und er schien mit Königen, die nicht die seinen waren, Erfahrung zu haben. Er benahm sich vorbildlich distanziert, aber offen, und das obwohl er vermutlich jeden Grund hätte, Desiderius etliche Vorwürfe zu machen.
Des Weiteren ging er voraus und drehte Desiderius ohne zu zögern den Rücken zu. Er war ein wenig angespannt dabei, drehte sich aber niemals nervös zu ihm um, als wollte er ihm zeigen, dass er ihm vertraute, und Desiderius auch ihm vertrauen konnte. Er trug auch keine Waffen, die hatte er bei der Ruine gelassen.
Der Wald wurde wieder lichter und Desiderius holte auf, nebeneinander gingen sie weiter. Herabgefallene, trockene Äste knackten unter ihren Schritten, es wurde wärmer, der Morgen ging in den Mittag über, und er fragte sich, ob es Wexmell gut ging.
Mir geht es gut, Liebster, sagte er in Gedanken und hoffte, sie würden seinen Prinzen erreichen. Ich komme zurück zu dir. Ich. Komme. Immer. Wieder. Zurück. Zu. Dir.
Erst an zweiter Stelle trat die Sorge an seine Kinder, die vermutlich umkamen vor Angst um ihn.
Er dachte immer zuerst an Wex, so war das leider. Sie liebten ihre Kinder ohne Grenzen, aber die Liebe zu einander war schon immer die stärkste Macht gewesen.
Und jetzt war Cohen wieder da. Das änderte natürlich nichts zwischen ihm und Wexmell, rein gar nichts. Aber … es war seltsam. Einfach seltsam. Er könnte nicht glücklicher sein, und doch wusste er, dass es nichts ändern würde, außer einem Ende der Schuld, weil Cohen für ihn gestorben war, und ein Ende der Trauer.
Was Wex wohl sagen wird, wenn er Cohen sieht?
Desiderius vertrieb die Gedanken, er würde es auf sich zukommen lassen. Wexmell würde Cohen vermutlich umarmen, so war er eben einfach. Aber gerade war Desiderius sogar froh, dass Ragon ihn von Cohen ablenkte.
Denn… er war einfach wieder da, nach all den Jahren. Und er war jetzt ein Dämon. Zudem ein ziemlich bissiger, wenn er an dessen Bemerkung dachte. Das musste erst einmal verdaut werden.
Er konnte es kaum glauben, dass er das mal sagen würde, aber sein verlorener, aus einem Ei geschlüpfter Spross, der bereits seit langem ein erwachsener Mann war, bereitete ihm weniger Kopfzerbrechen als sein plötzlich von den Toten als Dämon widergekehrter einstmals Geliebter…
Verdammt, sein Leben war ja schon immer kompliziert gewesen, aber dieser Tag und seine Enthüllungen übertraf einfach alles. Er wollte nur noch das Gesicht an Wexmells Hals vergraben und schlafen. Sehr lange schlafen.
»Was ist mit Suto?«, wagte er endlich zu fragen und sah vor seinem inneren Auge noch einmal dieses seltsame, zierliche Vogelwesen mit dem azurblauen Federkleid und den riesigen Eulenaugen, das sich gern schüchtern an seinen Rücken geklammert hatte. »Was ist mit ihm geschehen?«
Ragon ging einige Schritte mit gesenktem Kopf weiter und Desiderius glaubte schon, dieser würde ihm die Antwort schuldig bleiben, wenn er nicht noch weiter nachhaken würde.
Doch da seufzte Ragon schwer und legte leicht den Kopf schief. »Suto lebt nicht mehr, er starb vor vielen Jahren.«
Desiderius hatte es geahnt, immerhin war es viele Jahrzehnte her. Wie alt war Ragon ungefähr? Vierzig Sommer? Nicht, dass man es ihm angesehen hätte, dank seines luzianischen Blutes würde er ein paar Jahrhunderte alt werden können und immer noch wie dreißig aussehen. Der Fluch ihres langlebigen Volkes war es, dass alle anderen Völker nicht einmal ansatzweise so alt wurden wie sie.
Trotzdem krampfte Desiderius` Herz bei dieser endgültigen Nachricht, auch wenn er ewig nicht an Suto gedacht hatte. Durch Ragons Auftauchen war Suto wieder … Wirklichkeit geworden.
»Wie?«, verlangte er zu erfahren. Er musste es jetzt einfach wissen.
Ragon machte dieses Thema sichtlich unglücklich, doch nach einem tiefen Durchatmen, suchte er Desiderius` Blick und begann zu berichten, während er sie langsam und gewissenhaft weiter durch den Wald führte: »Er starb, wie fast alle seinesgleichen starben.«
Desiderius wurde hellhörig, als er Ragons kryptischen, missmutigen Unterton vernahm, und wäre beinahe über eine Wurzel gestolpert, weil er dessen plötzlich düsteres Gesicht betrachtete, statt dahin zu sehen, wohin er als nächstes trat. »Wie meinst du das?«, fragt er, innerlich über sich selbst fluchend.
»Die meisten seiner … Gattung…«
»Zwitterwesen?«
»Wir bevorzugen es, sie das geistliche Geschlecht oder auch Göttergeschlecht zu nennen«, korrigierte Ragon ihn, jedoch ohne Tadel, als wäre Desiderius eben einfach ein dummer Westländer, dessen eingeschränkte Weltansicht man ihm vergeben müsste.
Desiderius presste die Lippen zusammen. »Verzeih, ich wollte ihn gewiss nicht beleidigen.«
»Schon gut«, Ragon zuckte mit den Achseln, während er sich nach einem Ast streckte und sich daran hinaufzog, um über einen umgestürzten, mit Moos bedeckten Stamm zu klettern. Er blieb obendrauf sitzen und reichte Desiderius seine Hand, um ihm hinaufzuhelfen. Desiderius schlug ein und ließ sich hochziehen. Auf der anderen Seite sprangen sie wieder hinunter und setzten ihren langsamen Marsch fort.
»Wir sehen etwas Magisches in Wesen wie Suto«, klärte Ragon ihn dann weiter auf, »weil nur unsere Waldgeister – oder nur Götter, wie ihr es nennt – fähig sind, sich mit allem und jedem zu paaren. So hätte Suto durchaus auch einen reinrassigen Wolf oder einen Jaguar gebären können. Das bedeutet es für uns, magisch zu sein. Göttlich zu sein. Das göttliche Geschlecht ist im Grunde gar kein Geschlecht, es passt sich den Umständen an. Es kann alles sein, was es sein will, um sicherzustellen, dass das Leben in unserer Welt fortbesteht. Selbst wenn ein Stamm vom Aussterben bedroht ist, sorgt ein solches Wesen dafür, dass er vor der Ausrottung gerettet wird. Selbst dann, wenn es nur noch fruchtbare Männer oder nur noch fruchtbare Frauen gibt. Weil…«
»Sich das göttliche Geschlecht allem anpassen kann, um das Überleben zu sichern.«
Ragon nickte bestätigend. »Ja, genau.«
»Wie starb Suto?«, fragte er erneut nach, nun mit einer deutlichen Befürchtung in der Stimme.
Ragon seufzte neben ihm. »Vor einigen Jahren erfuhren die Frauenstämme von unserem göttlichen Geschlecht und sahen es als eine Bedrohung für die Welt der Frauen. Dass etwas, außer einer Frau, Leben erschaffen kann, machte ihnen Angst. Also jagten einige Stämme Wesen wie Suto. Und eines Tages … endeckten sie auch ihn.«
Desiderius wurde die Kehle eng. »Sie töteten ihn«, begriff er und mahlte wütend mit den Kiefern.
Ragon nickte bekümmert. »Es war meine Schuld. Wir lebten von unserem Stamm abgeschieden an einem Strand, wo uns Gaben und andere Huldigungen gebracht wurden. Suto wurde beinahe wie ein Druide verehrt, aber es gab keinen Schutz. Nur mich.« Er machte eine kurze Pause und lief mit gesenktem Blick weiter. »Wie ich bereits erwähnte, gab es eine Zeit, als ich wegen meiner … Herkunft zornig war. Ich wollte zurück, ich wollte wissen, wer meine Familie ist, woher ich stamme, ich … war wütend, als wir erfuhren, dass … Rahff getötet wurde. Aber Suto verbot es mir, er hielt es für zu gefährlich, gen Westen zu gehen. Ich war jung und eigensinnig, also verwandelte ich mich und wollte allein fliegen. Doch dann erlag ich dem Ruf der Freiheit und kam nie über Zadest hinaus.«
Desiderius sah ihn schockiert an. »Du bist dem Ruf der Drachen gefolgt?« Als Blutdrache konnte man in verwandelter Form auch seinen tierischen Instinkten verfallen und der Welt der Zweibeiner den Rücken kehren. Niemand konnte einen dann mehr zurückholen.
Ragon wirkte schuldbewusst, als er weitersprach. »Ich habe einige Jahre als Drache unter Drachen gelebt, als … Ich weiß gar nicht genau, was passiert ist, aber eines Tages verwandelte ich mich ohne mein bewusstes Zutun zurück. Und ich ging heim. Doch statt Suto erwarteten mich nur seine bereits vertrockneten Überreste. Er war schon seit mehr als einem Jahr tot, sie haben ihn aufgeschlitzt und liegen gelassen. Das ließ meine ganze Wut verrauchen. Mein Stamm war auch fort, sodass ich von heut auf morgen auf mich allein gestellt war, ohne den Rückhalt von … irgendwem.«
Desiderius starrte ihn fassungslos an, wusste aber nicht, was er sagen sollte. Jedes Wort wäre einer dummen Floskel gleichgekommen.
Ragon bemerkte seinen Blick und verzog wehmütig seinen Mund. »Wenn ich da gewesen wäre … Aber das war ich nicht. Solche Dinge passieren, wisst Ihr? Man trifft Entscheidungen, die sich hinterher als schrecklicher Fehler herausstellen. Aber an diesen Fehlern wächst man.«
»Wo bist du dann hingegangen?«, fragte Desiderius neugierig. »Hast du deinen Stamm wiedergefunden?«
»Nein, aber einen befreundeten Stamm«, antwortete Ragon, »dort hielt es mich aber auch nicht lange. Die Schuld war zu groß und ich war sehr wütend auf mich selbst. Der Häuptling riet mir, für meine Fehler Widergutmachung zu leisten, um meinen eigenen Seelenfrieden wiederzufinden. Er schickte mich direkt ins Wespennest, wie man so schön sagt.« Er lächelte Desiderius amüsiert an. »So gelangte ich in den Dienst der Königin von Zadest.«
Desiderius hob überrascht die Augenbrauen.
»Ja. Aufgrund meiner blanken Haut und menschlichen Gestalt war es ihnen einfacher, mir zuzuhören, als einem Vogelmann«, fuhr Ragon fort. »Wie dem auch sei, ich war dort eine Art Botschafter für die Tierstämme. Damit das Ausrotten unserer heiligen Wesen aufhörte, versuchte ich, den Frauen begreiflich zu machen, was sie sind, und dass sie ihre Welt niemals bedrohen könnten. Einige hörten zu, ich hatte die Gunst der Königin auf meiner Seite, und nach und nach konnten wir die Verfolgungen eindämmen. Und noch viel mehr. In Zadest ist es üblich, Jungen schon bei der Geburt in Zucht- oder Arbeiterhäuser zu stecken, wir kämpften für das Recht dieser Männer, und obwohl noch viele Frauenstämme strikt dagegen waren, erhielt die Königin dennoch großen Zuspruch.«
Desiderius hörte, dass dies nicht der Anfang eines glücklichen Endes war.
Ragon bog um einen Baum herum und blieb plötzlich stehen, die Sonne hing nun kräftig leuchtend am blauen Himmel und brannte auf den bewaldeten Gipfel des Berges hinab. Der Wind pfiff hier lauter, als wäre eine Klippe ganz in der Nähe.
»Aber dann wurde sie verraten und plötzlich war nicht mehr nur mein Volk, sondern auch ihres in Gefahr«, erklärte Ragon mit verhärtetem Gesicht. »Sie wurde ermordet. Ich floh zurück zu meinem Stamm und konnte den Häuptling überreden, zu helfen. Seitdem sind wir Rebellen, die nicht nur unsere eigenen Leute, sondern auch ihre befreien und beschützen.«
Desiderius konnte förmlich spüren, wie sich die Falte zwischen seinen Augen vertiefte. »Reden wir hier von Sklaven?«
»Wir befreiten viele«, sagte Ragon dazu nur mit sehr ernster Stimme. Dann sah er plötzlich zur Seite, durch die Bäume hindurch. »Aber dann offenbarte sich uns das ganze Ausmaß dieses Verrates. Diejenige, die die Königin ermordete, ist kein Wesen aus unserer Welt.«
Desiderius sah ihn fragend an, doch statt sich weiter zu erklären, wandte Ragon sich ab, ging noch einige Schritte und deutete dann nach unten.
Neugierig trat Desiderius neben ihn und wäre beinahe eine plötzliche steile Klippe hinabgestürzt, die sich unmittelbar wie der Rachen eines Ungeheuers unter ihnen auftat. Dort unten sah er, was ihm den Atem stocken ließ. Ein Heerlager in mitten des Waldes unter ihnen. Sechshundert Mann, schätzte sein geübtes Auge.
»Was ist das?«, hauchte er und ging in die Hocke. Es brannten Feuer, aber es standen keine Zelte, die Soldaten standen wie zum Befehl bereit, keiner rührte sich. Mehr Statuen als lebendige Wesen.
»Selbst die Frauenstämme sind vor ihr geflohen.« Ragon lehnte sich mit der Schulter an den Baum. »Sie nennt sich die Herrin, und sie ist hier, um auch euch zu stürzen. Euch alle.«
Desiderius sah noch eine Weile auf das Heer hinab, während er im Geiste bereits fieberhaft nach Schlachtplänen und ebenso nach anderen Lösungen forschte. Er konnte den Blick nicht von dem Feind abwenden, der dort unten zu lauern schien und von dem etwas Fremdartiges, Bedrohliches ausging. Die Gefahr stank bis zu ihnen hinauf.
»In Ordnung«, hörte er sich sagen, »erzählt mir alles ganz genau.«
*~*~*~*
»Es tut mir so leid«, flüsterte Kacey voller Reue an Fens Schulter. Noch immer klammerte er sich an dessen Arm und versteckte sich halb hinter dessen Rücken. Doch die fremden Männer, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, beachteten sie gar nicht. Höchstens dieser große, schlanke Kerl mit unheimlich schwarzen Augen, der immer wieder mit einem Habichtblick zu ihnen rüber starrte, als ob er fürchtete, sie könnten sich heimlich davon gemacht haben. Ansonsten ließ man sie in Ruhe.
Wer waren all diese Männer? Warum hatten sie bereits an der Ruine auf sie gewartet, als Ragon gelandet war? Kacey hatte während der ganzen Aufregung nicht viel mitbekommen. Es war ihm alles zu viel gewesen, die Stadt, die Lichter, der Lärm und dann diese vielen Leute um ihn herum, die aufgebracht und nervös schienen. Bis dieser große Kerl mit den schwarzen Augen, von dem eine tiefdüstere, wabernde Aura ausging, recht bestimmt Ragon befohlen hatte, den Mann im Maul sofort auszuspucken. Was der Drache auch getan und sich dann zurückverwandelt hatte.
Dann hatte dort ein Bewusstloser gelegen, um den sich alle gescharrt hatten, während Ragon seine Wunden selbst verbunden und seine Maske übergestreift hatte. Nun war Ragon fort, gemeinsam mit einem der Fremden, und Kacey zitterte noch immer am ganzen Leib vor Aufregung. Er kam sich ja so dumm vor. Das ganze Chaos war seinetwegen ausgebrochen, das spürte er ganz deutlich.
Und er spürte auch Fens Ärger, der sich unverkennbar auf seine verhärteten Züge eingeschweißt hatte, was nur zu Kaceys Verzweiflung beitrug.
»Es tut mir ja so leid«, beteuerte er wiederholt und schmiegte das tränennasse Gesicht an Fens Arm.
Dieses Mal seufzte Fen und drehte sich endlich zu ihm um. »Jetzt setz dich, du zitterst wie ein Aal!«
Fen drückte Kacey auf eine umgestürzte Mauer. Das Moos darauf war klamm und durchnässte seine Hose, aber es tat gut, zu sitzen.
Als Fen sich wieder abwenden wollte, umfasste Kacey dessen Hände und zog ihn zu sich herum. Mit großen feuchten Augen sah er zu ihm auf. »Ich wollte wirklich nicht, dass Ragon verletzt wird! Ich hab gedacht, wenn ich allein gehe, muss er seinem Vater nicht begegnen und …« Er verstummte verzweifelt, als er Fens harten Blick bemerkte. Ernüchtert ließ er den Kopf hängen und schniefte. »Du hasst mich jetzt, weil ich Ragon in Gefahr gebracht habe.«
Fen seufzte und ging vor ihm in die Hocke, seine Hände waren warm, als er Kaceys kalte Finger umfasste und zudrückte. »Ich hasse dich nicht. Ich hatte nur furchtbare Angst um dich. Das hatten wir beide.«
Zögerlich hob Kacey den Blick. Und Fen rang sich ein leichtes Lächeln ab.
»Ragon ist schon ein Großer«, sagte Fen eindringlich und knuffte Kaceys zartes Kinn, von dem Tränen tropften, »den haut nichts zu schnell um, also mach dir keine Sorgen um ihn. Es waren nur ein paar Kratzer.«
Kaceys Herz zog sich schmerzhaft zusammen. »Ich hatte solche Angst… als die ganze Stadt ihn angriff … und… wenn du nicht so schnell dagewesen wärst…«
»Ich bin mit Ragon geflogen und vor der Stadt abgesprungen, damit sie mich nicht kommen sehen. Ich wusste, dass etwas schief gehen würde. Ragon hat nicht nachgedacht, er wollte nur so schnell wie möglich zu dir.«
Kaceys Lippe zitterte unkontrolliert. »Ihr wart wegen mir in Gefahr. Wegen mir war alles in Gefahr. Und ich habe mich so … hilflos, so klein gefühlt. Ich konnte nichts tun, Fen, ich war so … machtlos … während Ragon verletzt wurde… ich… ich wollte ihm helfen, aber ich konnte rein gar nichts tun…«
»Schsch.« Fen legte ihm einen langen Finger über die Lippen, bis er schwieg, und strich ihm dann beruhigend über den Kopf. »Denk nicht darüber nach. Es ist vorbei und uns geht es gut. Alles andere ist nicht wichtig, in Ordnung?« Doch dann wurde sein Blick sehr ernst und seine buttergelben Augen blitzten feurig auf. »Aber tu so etwas nie wieder! Hörst du? Keine Alleingänge, vor allem nicht, ohne uns Bescheid zu geben! Das macht eine Gemeinschaft aus, Kacey. Wir sind deine Gefährten, du darfst uns nicht so einfach hintergehen.«
Erschrocken sah er Fen an. »Ich würde euch nie hintergehen! Ich wollte doch nur Ragon schütz-…« Als er Fens leicht spöttischen Blick bemerkte, senkte er beschämt den Blick.
Sie wussten beide, warum er davongelaufen war. Er hatte sich zu sehr geschämt, von Ragon zurückgewiesen worden zu sein.
Fen atmete matt aus und trocknete Kaceys Wangen, indem er ihm mit den Knöcheln das Gesicht trockenwischte. »Es hängt so viel von dir ab, Okiniiri.«
Kacey blinzelte überrascht. Hatte Fen ihn gerade wirklich Liebling genannt?
»Tu nie wieder so etwas Leichtsinniges«, beschwor ihn Fen und in seinen mandelförmigen Augen konnte man die Furcht sehen, die er um Kacey gehabt hatte.
»Ist das alles, was für euch zählt?«, fragte Kacey matt. »Dass viel von mir abhängt?«
»Bei der Mutter, nein!«, stöhnte Fen und rang die Hände in die Luft, als wollte er Kacey am Hals packen und aus Verzweiflung schütteln. »Es geht mir allein um dich! Selbst, wenn du nur ein dümmlicher Bauer wärst, der nur noch sabbern könnte, weil ihm zu viele Kokosnüsse auf den Kopf gefallen sind, würde ich dich mit meinem Leben schützen!«
Kacey musste schmunzeln, zum ersten Mal seit er sich davongeschlichen hatte und alles im Chaos geendet war.
Fen seufzte und streichelte ihm die von den Tränen kalte Wange zärtlich mit dem Daumen. »Ich täte alles für dich. Wir sind …« - er nahm Kaceys Hände und legte sie sich feierlich über sein kräftig schlagendes Herz - »… Brüder.«
Kaceys Lippe zitterte vor Rührung und er warf sich an Fens Hals, der beinahe deshalb nach hinten umgekippt wäre. Leise lachend legte Fen schließlich die Arme um Kaceys dürren Leib und drückte ihn ganz fest an sich.
»Ich liebe dich, Fen«, schniefte Kacey. Er kam sich so dumm vor wegen dem, was er angerichtet hatte. Wie ein naives, trotziges Kind. Vielleicht war er das auch, er fühlte sich jedenfalls so.
Fen seufzte: »Und ich liebe dich, mehr als mich selbst.«
Kacey spürte neue Tränen, doch dieses Mal aus Dankbarkeit. Das Schicksal hatte ihm die Mutter und somit die einzige Familie genommen, die er gekannt hatte, es hatte ihn zum Gefangenen gemacht – aber ebenso hatte es ihn in Ragons und Fens Arme gebracht. Das Beste, was ihm hätte passieren können.
»Ich war dumm, davonzulaufen«, entschuldigte er sich beschämt.
Fen umfasste seine Arme und drückte ihn von sich, damit er ihn ansehen musste. »Hör mal, ich weiß, es ist nicht schön, abgewiesen zu werden. Aber es war mutig von dir, ihn zu küssen. Sehr mutig.«
Kacey starrte zu Boden, seine Wangen glühten. »Es war dumm«, erwiderte er matt. »Aber … nach all der Zeit …« Er biss sich auf die Lippe und atmete zitternd aus und ein, Fen lauschte ihm geduldig und interessiert, ohne Vorurteile. »Ich war immer nur eingesperrt gewesen«, Kacey hob ratlos die Schultern, »und jetzt … bin ich frei und … ich …«
»Du sehnst dich nach Nähe«, wusste Fen, »und Ragon hat dieses gewisse Heldenhafte.« Letzteres klang so amüsiert, dass Kacey wieder rot wurde, denn es stimmte.
»Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich nach … Nähe sehne«, raunte er leise vor lauter Verlegenheit. Er räusperte sich. »Es ist, als gäbe es da in mir diese riesige Kluft, die gefüllt werden will.« Sehnsüchtig sah er Fen ins Gesicht. »Ich weiß, dass es bei dir anders ist. Wir waren beide Sklaven, aber doch anders.«
Fen senkte nun den Blick, als wäre es ihm unangenehm, das Kacey davon wusste.
»Dir wurde Gewalt angetan«, flüsterte Kacey bedauernd, »und mir hat man die Einsamkeit angetan. Während man dir Nähe aufgezwängt hat, wurde sie mir immer verwehrt. Nun sauge ich alles auf wie ein Schwamm und … irgendwie scheint es nie genug.«
Fen lächelte matt und sah Kacey wieder an. »Du musst dich nicht entschuldigen, Kacey. Und wie gesagt, es war sehr mutig, deine Gefühle offen zu zeigen. Aber Ragon ist einfach viel zu … gut, um das auszunutzen. Außerdem ist sein Herz festverschlossen.«
Kacey nickte enttäuscht. Seit er Ragon kannte, zog dessen freundliche Art ihn magisch an, er war der typische Retter in der Not gewesen, und Kaceys einsames Herz hatte sich sofort an ihn gehängt, schon in dem Moment, als die Tür seines Käfigs aufgezogen wurde und Ragon sich ihm behutsam genähert hatte. Er war die erste Person, die Kacey Vertrauen geschenkt hatte, und er hatte es nicht bereut.
»Ich wünschte, ich hätte ihn nie geküsst«, seufzte er nun.
»Nein, tu das nicht«, Fen sah ihn streng an, »das gehört zum Leben dazu, Kacey. Jeder kann Gefühle verbergen, und die meisten von uns leben ein Leben ohne je das zu zeigen oder zu sagen, was sie wirklich wollen. Du hingegen hast Mut bewiesen und dein Glück versucht. Das war nicht dumm, überhaupt nicht! Du solltest immer deinem Herzen folgen, Kacey, auch wenn es verletzt werden könnte. Zurückweisung gehört nun mal leider auch zum Leben dazu, aber du hast es wenigstens versucht und hast dir nichts vorzuwerfen. Es ist immer besser zu wissen, woran man ist, als sich bis an sein Lebensende zu fragen, was hätte sein können. Also schäme dich nie für das, was du fühlst und tust und auch nie für Entscheidungen, die du aus dem Herzen heraus getroffen hast. Das bedeutet es, stark zu sein.« Fen lächelte aufmunternd und knuffte erneut Kaceys Kinn. »Stark ist der, der immer für seine Gefühle und Überzeugungen einstehen kann. Das macht dich besonders, nicht dumm.«
Aber er fühlte sich trotzdem dumm, bloßgestellt, weil Ragon jetzt wusste, dass er wie ein Kind von ihm schwärmte, es aber nicht im Geringsten erwiderte.
Oh ja, er fühlte sich sehr naiv deshalb und hätte es gern ungeschehen gemacht.
»Irgendwann, Kacey«, sagte Fen bedeutungsvoll, »küsst du den Richtigen oder die Richtige, und dann wirst du auch zurückgeküsst. Vielleicht schon früher als mir lieb ist.«
Kacey sah ihn irritiert an, musste aber dabei schmunzeln. »Wie meinst du das?«
Verdrossen nagte Fen auf der Innenseite seiner Wange. »Weil der- oder diejenige dich mir wegnimmt.«
Das brachte Kaceys Lächeln endgültig zurück und Fen seufzte glücklich, als er es sah. Ja, sie kannten sich vielleicht noch nicht sehr lange, aber doch waren sie eine Familie. Eine Familie, die sie sich ganz bewusst selbst ausgesucht hatten.
Bevor Kacey sich erneut an Fens Hals werfen konnte, hörten sie Äste auf dem Pfad knacken und fuhren herum. Fen erhob sich, als Ragon und der Fremde zurückkamen.
Ragon nickte ihnen zu und gesellte sich sofort wieder zu ihnen, während der Fremde zu dem großen Schlanken mit den schwarzen Augen ging und sie geradewegs gegeneinander liefen. Ein dumpfer Laut ertönte, als sie sich umarmten und einen Moment lang sehr innig festhielten. Sie sagten etwas, das Kacey nicht verstand. Dann wandte sich der Fremde von dem Mann mit den schwarzen Augen ab und wandte sich dem Einäugigen zu, den er mit solch einer Inbrunst an sich zog und küsste, dass seine Leidenschaft Kaceys Kehle nur beim Zusehen vor Sehnsucht austrocknen ließ. Was täte er nicht alles, selbst einmal so innig geliebt zu werden. Als sie sich lösten, traten sie herüber, und nun kamen auch die anderen Fremden auf sie zu, als hätte irgendjemand ein Signalhorn geblasen.
»Also«, erhob der dunkelhaarige Mann, der aus Ragons Drachenmaul gekommen war, das Wort in der Gruppe. Dabei huschten seine viel zu grünen Augen von Mann zu Mann und blieben kurz an dem silberhaarigen Spitzohr hängen, das ihn frech angrinste.
»Dich kenn ich doch.«
Das Spitzohr verneigte sich mit gefesselten Händen. »Place. Wir sind uns schon einmal begegnet, mein König.«
König? Neugierig musterte Kacey den Mann erneut. Er wirkte durch seine starke Statur und seinen stechenden Blick so imposant wie eine Führungsperson, doch seine Rüstung sah nicht nach einem König aus, wie Kacey ihn sich vorgestellt hätte. Kein Gold, kein Eisen, keine Krone.
Dieser angebliche König nickte. »Ich erinnere mich, mein göttlicher Sinn hat sich bei dir gemeldet.« Und dann blieben seine Augen an Kacey hängen und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Diese Augen! Dieses beinahe giftige Grün! Er kannte sie, es waren die Augen dieses Prinzen, der ihm das Hemd zerrissen hatte. Kacey schob sich zwischen Ragon und Fen. Fen berührte ihn am Arm und Ragon legte ihm sanft eine Hand auf den Rücken, als wollten sie ihm sagen, dass sie ihn beschützen würden.
»Ich will alles wissen«, sagte der Mann mit den stechend grünen Augen. »Erzählt mir alles ganz genau von Anfang an«, verlangte er und dann bohrten sich seine Augen wieder in Kaceys Gesicht, als erwartete er von ihm eine Erklärung.
»Ich weiß, wer du bist«, schien sein Blick zu sagen, und Kacey vergrub das Gesicht in Fens Achsel.
Kapitel 5
Als sich ihm von hinten leise Schritte näherten, fuhr er sich eilig über die Wangen und schniefte noch schnell ein paar Tränen fort. Er drehte demjenigen, der zögerlich zur steinernen Bank zwischen all der saftig grünen Hecken kam, den Rücken zu, um sein verweintes Gesicht zu verbergen.
»Xa-Xaith?«, fragte Vaaks verwundert und setzte sich ungefragt neben ihn. Dabei hatte Xaith geglaubt, im Irrweg des Rosengartens würde ihn niemand finden.
Er sagte nichts und drehte sich auch nicht zu seinem Bruder um.
»Warum bist du hier allein?«, hakte Vaaks verwundert nach und versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen. Aber Xaith drehte ihm nur noch mehr den Rücken zu, während er versuchte, heimlich die neuen Tränen fortzuwischen.
»Weinst du?«, rief Vaaks empört.
»Nein, du Schweinsgesicht, ich hab was im Auge!«, fauchte er über die Schulter.
Vaaks zuckte zurück, wie er es immer tat, wenn Xaiths ganzer Ärger unbeabsichtigt herausplatzte. Es tat ihm sofort leid, als er Vaaks` gekränktes Gesicht bemerkte, doch das sagte er natürlich nicht. Es fehlte ihm der Mut dazu, sich zu entschuldigen. Es war leichter, gemein und unausstehlich zu sein, als um Vergebung zu bitten.
Doch an diesem Tag ging Vaaks nicht einfach weg, wie er es sonst immer tat, er blieb sitzen und wandte nach einem Moment des unangenehmen Schweigens wieder das Gesicht zu Xaith um und fragte, als wäre nichts gewesen, sehr einfühlsam: »Was ist geschehen? Warum bist du nicht bei den anderen und lässt dich feiern? Heute ist doch euer Wiegenfest.«
»Und warum bist du denn nicht da?«, zischte er streitlustig und schabte mit den Füßen auf dem Kies unter der Gartenbank in Wexmells Rosengarten.
»Ich wollte noch etwas … holen.« Das letzte Wort sagte er so leise und nachdenklich, dass Xaith das tränennasse Gesicht zu ihm hob und ihn musterte.
Vaaks wirkte schüchtern, wie er in die Hecken starrte, die sie umschlossen und sie vor unerwünschten Blicken schützten.
Plötzlich war es, als wären sie wirklich ganz allein, wie in einer anderen Welt. Nur sie beide.
Das beruhigte Xaith auf eine seltsame Weise, wie er sie noch nie zuvor in seinem jungen Leben gespürt hatte. Zum ersten Mal schien er wirklich aufzuatmen und Luft zu bekommen. Sich sicher und geborgen zu fühlen.
Xaith wandte den Blick von Vaaks ab und starrte ebenfalls in die Hecken.
»Warum hast du geweint?«, hakte Vaaks nach einer Weile nach und wandte ihm das Gesicht wieder zu. Seine Augen betasteten Xaiths Profil spürbar, sodass er sich unwillkürlich beschämt wieder über die noch immer feuchte Wange wischte.
Xaith zuckte nur mit den Schultern.
»Wenn du nicht geweint hast, können wir ja auch wieder zurückgehen«, schlussfolgerte Vaaks und wollte aufstehen.
»Nein!« Xaith griff panisch nach Vaaks` Arm und zog ihn zurück auf die Bank. Da spürte er zum ersten Mal das seltsame Prickeln unter der Haut, und das aufgeregte Flattern seines Herzens.
Vaaks setzte sich wieder und sah ihn aufmerksam an. Er war beinahe ein ganzes Jahr älter als Xaith, zehn Monde, um genau zu sein, und das sah man seiner Statur auch an. Aber vor allem bemerkte Xaith, dass sein Bruder älter war, wenn er ihn so ansah, wie es ihr Vater immer tat. Irgendwie … verständlich und besonnen, immer offen und eine Spur … weise. Ja, Vaaks war groß und Vaaks war weise. Zumindest in Xaiths kindlichen Augen.
»Ich … ich mag nicht zurück«, nuschelte er dann mit gesenktem Kopf, hielt Vaaks` Arm aber mit seinen kleinen Händen fest umklammert, als könnte dieser ihn erneut versuchen, zu verlassen.
Vaaks versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen. »Warum denn nicht? Willst du nicht dein Wiegenfest feiern? Das ist ein besonderer Tag für euch alle.«
»Nein, ist es nicht«, motzte er, »es ist ein blöder Tag!«
Vaaks runzelte seine große Stirn. »Aber warum denn? Wir haben uns doch alle schon vor einem Mond auf die Feier gefreut! Wir können soviel essen, wie wir wollen. Die Barden singen nur für euch! Und wir dürfen auf den Tischen tanzen! Vater hats erlaubt!«
Aber Xaith schüttelte stur den Kopf.
Vaaks` Blick wurde sorgenvoll, er senkte die Stimme. »War jemand gemein zu dir, Xaith?«
Daraufhin schwieg Xaith. Lange. Doch als Vaaks unruhig auf der Bank herumrutschte, bekam er plötzlich Angst, dieser könnte die Geduld verlieren und einfach gehen. Also nickte er irgendwann beschämt.
»Aber warum tust du dann so, als hättest du etwas angestellt?«, fragte Vaaks traurig. »Du musst dich nicht verstecken, wenn du nichts falsch gemacht hast. Komm, wir sagen Vater, was passiert ist, dann…«
»Nein!« Xaith zerrte an Vaaks` Arm, obwohl dieser sich noch gar nicht erhoben hatte. Panisch sah er ihn an und schüttelte entschieden den Kopf.
»Warum denn nicht?«, wollte Vaaks wissen und forschte mit seinen warmen, braunen Augen tief in Xaiths verlegenem Gesicht.
Xaith zuckte mit den kleinen Schultern und senkte den Blick. »Dann lachen sie nur noch mehr.«
»Wer war es?« Dieses Mal ließ seine Stimme keine Widerworte zu. »Sag es mir, Xaith! Sag schon!«
Kleinlaut nuschelte er: »Ein paar Kinder aus der Stadt.«
»Die sind nur neidisch!«, behauptete Vaaks.
»Nein, das sind sie nicht. Es liegt an mir, nur an mir. Mit mir stimmt etwas nicht!«, rief Xaith verzweifelt aus und wandte Vaaks wieder den Rücken zu, weil ihm erneut die Tränen kamen. »Ich bin hässlich, deshalb lachen sie. Ich bin … komisch!«
Vaaks schüttelte für einen Moment überrumpelt den Kopf, es dauerte, bis er die Fassung wiedererlangt hatte und beruhigend seine Hand auf Xaiths Rücken legte.
Sofort wehrte sich Xaith gegen die Berührung, wollte sie abschütteln, aber Vaaks drehte ihn wieder zu sich herum.
»Du bist nicht hässlich!«, sagte er empört. »So ein Unsinn!«
Xaith schniefte trotzig und fuhr sich mit dem Handrücken unter der Nase entlang. »Nein, ich bin seltsam, deshalb lachen sie.«
»Über was lachen sie?« Vaaks schien es einfach nicht begreifen zu wollen.
»Über meine Augen!«, schrie Xaith ihn an, wütend über seine Blindheit. Er drehte sich mit Tränen in den Augen zu Vaaks um. »Sie sagen, ich sähe komisch aus. Nennen mich Salamander.«
Vaaks verzog die Lippen zu einem Schmunzeln.
»Du findest das auch witzig!« Xaith schubste ihn, ballte die Fäuste und wollte wutentbrannt aufspringen, um vor ihm zu flüchten.
Aber Vaaks umschlang ihn mit beiden Armen und zog ihn auf seinen Schoß, wo er sich nicht mehr befreien konnte, obwohl er wütete wie ein Ferkel in der Schlinge des Schlachters.
Schon immer waren sie gleichgroß gewesen, aber Vaaks übertraf jeden an Breite und Masse, ohne rundlich zu erscheinen. Nein, er war kantig, nicht kurvig.
»Du bist schön«, beschwor Vaaks ihn. »Ich habe nicht dich ausgelacht, ich habe über sie gelacht. Ich liebe deine Augen. Jeder von uns liebt deine Augen. Sie sind besonders, nicht seltsam.«
Xaith spürte, dass er sich nicht befreien konnte, und ließ sich matt gegen Vaaks` warmen Körper fallen. »Ach ja, meinst du?«, murmelte er und nestelte mit den Fingern an den Ärmeln seines Bruders herum.
»Ich weiß es!«, beteuerte Vaaks. »Die anderen Kinder sind doch nur neidisch, weil sie gewöhnliche, langweilige Augen haben. Sogar ich bin manchmal neidisch, wenn ich deine sehe.«
Überrascht drehte Xaith das Gesicht zu ihm um. »Ja wirklich?«
Vaaks nickte schüchtern und ließ Xaith langsam los, woraufhin dieser eher widerwillig von seinem Schoß zurück auf die Bank rutschte. Interessiert und mit verklebten Wimpern betrachtete Xaith seinen Bruder.
»Ja, aber …«, Vaaks zuckte mit den Schultern, »…nur bis ich dich ansehe und dann kann ich nicht mehr neidisch sein.«
»Warum nicht?«, drängte Xaith sofort zu erfahren.
Aber Vaaks nagte nur an seiner Lippe und zuckte erneut mit den Schultern, ohne ihn ansehen zu können. »Weiß nicht, ist eben so.«
Xaith wollte weiter fragen, als Vaaks plötzlich den Kopf hob und ihn traurig ansah. »Ich muss dir was beichten.«
Verwundert blinzelte Xaith ihn an. »W…was?«, stotterte er alarmiert.
Vaaks schürzte die Lippen und starrte auf die Bank unter ihnen. »Ich habe kein Geschenk für dich.«
»Geschenk?«
»Ist doch dein Wiegenfest! Da wird man beschenkt.«
»Das haben wir noch nie getan.«
»Aber ich wollte es«, warf Vaaks ein und sah ihn mit einem ganz seltsamen Blick an. Seine warmen Augen glänzten irgendwie plötzlich, aber ohne Tränen. »Ich wollte dir was schenken, nur dir. Aber … ich habe nichts gefunden, was … was dir gefallen könnte.« Bedauernd sah er wieder in die Hecken hinein.
Xaith wusste nicht, was er sagen sollte, also wollte er ihn nur beruhigen: »Du musst mir doch nichts schenken.«
»Riath hat dir was geschenkt«, erinnerte Vaaks sich. »Heute Morgen.«
Xaith runzelte die Stirn, bis er sich an das Frühstück erinnerte. Er lachte und nickte fröhlich dabei. »Ja, einen Stein.« Er griff in seine Taschen und zeigte ihn stolz seinem Bruder. »Er sagte, wenn man ihn so dreht, sieht er fast aus wie ein Küken.«
Xaith drehte den Stein, bis die Form mit ganz viel kindlicher Fantasie so etwas wie ein Küken darstellen könnte, und zeigte es Vaaks. »Siehst du? Hier ist der runde Po. Und hier der Kopf, es fehlt nur der Schnabel. Die Füße sind eingezogen, als ob es schwimmt.«
Vaaks lächelte, legte den Kopf schief und sagte plötzlich: »Nein, es ist ein Herz.«
»Was?« Verwundert legte auch Xaith den Kopf schief.
»Siehst du?« Vaaks drehte den Stein, bis die zwei Rundungen von Kopf und Gesäß nach oben ragten. »Ein Herz.«
Tatsächlich, so betrachtet, sah es mehr wie ein Herz, denn ein Küken aus. Fasziniert strich Xaith darüber und lachte dann triumphal. »Ha! Und Riath hat´s nicht bemerkt! Riath ist sooo blind!«
Aber Vaaks freute sich gar nicht mit ihm darüber, dass sie klüger als Riath waren. Er starrte Xaith wieder mit seltsam glänzenden Augen an.
Xaith musste schmunzeln und senkte verlegen den Blick. »Ich mags, wenn du so schaust.«
»Wie schau ich denn?«
»Als ob du einen Braten siehst!«, lachte er auf.
Und Vaaks lachte ebenfalls.
Doch der Anflug befreiter Freude zog so schnell ab, wie er aufgekommen war, und wieder saßen sie still nebeneinander, während das Schweigen Xaith nervös machte.
»Du, Vaaks?«
»Ja?«
»Müssen wir wieder zurück?« Ängstlich sah er seinen großen Bruder an. »Ich glaub, ich will nicht wieder zurück.«
Vaaks schüttelte den Kopf und lächelte ihn an. »Nein, wenn du nicht willst, dann will ich auch nicht.«
Das brachte Xaith dazu, breit zu lächeln. Sehr breit. Sodass ihm die Mundwinkel schmerzten.
Vaaks wandte den Blick zu Boden und schürzte wieder die Lippen. »Xaith?«
»Hm?«
Schüchtern fragte er: »Hab ich wirklich ein Schweinsgesicht?«
Xaith gluckste und schüttelte den Kopf. »Nein! Natürlich nicht!« Dann schämte er sich sogleich und senkte den Blick. »Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe. Ich wollte nur gemein sein.«
Vaaks wandte ihm das Gesicht wieder zu und seine Augen funkelten warm. »Wirklich?«
Xaith schielte zu ihm auf und nickte stumm.
Dann wurden Vaaks` Augen auf etwas gelenkt, das sich hinter Xaith befand. Er beugte sich vor und an ihm vorbei, und als er sich wieder hinsetzte, hielt er eine Rose in der Hand, deren Blüte noch fest verschlossen war. Vaaks` Finger waren wegen der Dornen blutig, aber das schien ihn nicht zu kümmern.
»Hier«, sagte er und reichte Xaith die junge Rose, »die schenk ich dir.«
Das machte Xaith so unsicher, dass er am liebsten im Erdboden versunken wäre. »Aber… aber die ist doch noch zu!«, sagte er und lachte.
Vaaks wirkte verlegen. »Vater schenkt Vater auch immer Rosen, die noch nicht blühen. Dann sagt er, so hat man länger davon. Und Vater lächelt dann immer glücklich.« Er sah Xaith bedeutungsvoll an. »Ich will auch, dass du heute lächelst. Ich will, dass du immer lächelst. Wie Vater, wenn er Vater ansieht.«
Xaith starrte Vaaks mit der Rose in der Hand an. Seit diesem Moment, dort auf der Bank, hatte er in Vaaks keinen Bruder mehr gesehen, nicht im Geringsten. Seit diesem Moment hatte es ihn regelrecht wütend gemacht, wenn sie als Brüder bezeichnet wurden. Denn es war der Moment, als er ganz sicher wusste, was es hieß, verliebt zu sein. Auf seine kindliche, unschuldige alles aufopfernde Art und Weise, wie eben nur ein Kind zum ersten Mal lieben konnte.
»Bleiben wir hier?«, durchbrach Vaaks die anhaltende Stille. »Und feiern ganz allein, nur du und ich?«
Xaith grinste glücklich. »Nur du und ich!«
Und das taten sie, jagten lachend durch den Rosengarten, spielten Verstecken und Fangen, erst miteinander, dann mit den Wachen und ihren Vätern, die sie bis zur Dämmerung suchten und erst in der Festungskapelle fanden, wo sie sich unter dem Altar versteckt und mit einer Kerze und ihren Fingern Schattenspiele auf die Tischdecke geworfen hatten. Es war und würde immer der schönste Tag in Xaiths Kindheit sein, obwohl ihre Väter so wütend vor lauter Sorge waren, dass sie beide einen Mond lang die Festung nicht verlassen durften und Unterrichtstunden aufgebrummt bekommen hatten, während ihre Geschwister zu Mittag schon im Garten spielten. Doch auch das machte nichts, denn sie waren dabei zusammen, und das war alles, was Xaith wollte.
Die Rose hegte und pflegte Xaith die Tage darauf mit größter Hingabe, denn auch wenn er ein Kind war, glaubte er ihre Bedeutung zu verstehen. Vaaks hatte ihm etwas geschenkt, was sich ihre Väter aus einem besonderen Grund schenkten.
War dies eine Botschaft?
Er hatte Wochen darüber gegrübelt und immer ein nervöses Flattern im Bauch gespürt, wenn er die Rose neben seinem Bett angesehen hatte.
Doch dann, ein paar Wochen später, war Jin in Vaaks` Leben getreten, genau an jenem Tag, als die Rose ihr letztes Blatt verlor. Nur kurz darauf war der erste rote Punkt in Xaiths Gesicht erschienen. Und von da an, wurde alles anders…
Es war eine Berührung, die ihn weckte. So sanft und zart und doch aufdringlich genug, um ihn aus seinem Traum zu reißen. Forsche Finger kitzelten ihn im Gesicht, während sie neugierig jedes Grübchen im Mundwinkel nachfuhren und sacht seine warmen Lippen betasteten.
Angestrengt versuchte Xaith, nicht zu lächeln, solange er so überaus lieblich erforscht wurde. Es kostete ihn einiges an Anstrengung, jetzt nicht zu lachen. Noch halb im Schlaf nahm er all das war, auch den heißen Atem auf seiner Wange, der von dem Schatten ausging, der dicht über ihm kauerte.
Es konnte nur einer sein, da war er sich sicher, und er wollte den Moment nicht zerstören.
Also blieb er liegen und rührte sich auch nicht, als ihm die Lippen resolut geöffnet und über die Fänge geschoben wurden. Nun musste er sich wirklich zusammenreißen, nicht die Augen zu öffnen oder loszulachen.
Interessiert fuhren die salzigen Finger über seine zusammengebissenen Zähne, strichen ehrfürchtig über seinen dolchartigen Reißzahn, immer und immer wieder. Dann beugte sich der Schatten über ihn hinab und leckte unerwartet sanft mit der warmfeuchten Zunge über seinen messerscharfen Fangzahn.
Xaith knurrte tief und animalisch. Ein dunkles Lachen erklang leise im Raum, dann fuhr die Zunge damit fort, Xaiths Fangzahn zu lecken. Er schmeckte den fremden Speichel und fühlte das weiche, heiße Fleisch der Zunge an seinen Lippen und Zähnen, immer wieder, und ein starkes Kribbeln weckte sein Geschlecht.
Unruhig begann er sich zu bewegen und zu blinzeln, da drückte ihm der aufdringliche Schatten einen sanften Kuss in den Mundwinkel. Zu spät erwiderte Xaith ihn, denn dieser wundervoll weiche, volle Mund war längst wieder fort.
»Hallo«, begrüßte ihn Vaaks` melodische Stimme.
»Hallo«, brachte Xaith kratzig hervor. Er räkelte sich mit einem Stöhnen auf den Rücken und musste gegen die Helligkeit im Zimmer anblinzeln. Obwohl die Vorhänge zugezogen waren, fand das grelle Sonnenlicht einen Weg in das weiße Zimmer und ließ die Wände leuchten.
Vaaks lag auf der Seite, trug ein leichtes Leinenhemd, das nicht mehr in der Hose steckte und aufgeschnürt war, sodass er geradezu verwegen und nachlässig aussah – aber nie anziehender. Sein gelocktes Haar war offen und wurde von einem lauwarmen Windzug gestreichelt.
»Warum hörst du auf?«, beschwerte Xaith sich und griff nach Vaaks` Gesicht, um es wieder zu sich hinab zu ziehen, obwohl er noch kaum im Stande war, seine übermüdeten Augen länger als einen Wimpernschlag lang aufzuhalten. »Komm wieder her und mach weiter!«
Vaaks lachte leise und vergnügt, ließ sich hinreißen, Xaith noch einen warmen aber keuschen Kuss auf die sehnsüchtigen Lippen zu geben, doch dann hob er den Kopf wieder, und Xaith spürte die braunen Augen genüsslich über sich gleiten.
»Nicht! Nicht ansehen!« Sofort schlug Xaith die Hände vor das Gesicht und drehte sich, um sich an Vaaks` Brust zu verstecken. Er hasste es, bei so viel Licht angesehen zu werden. Er konnte förmlich spüren, wie seine Pickel dabei größer und hässlicher wurden. Immer dann, wenn man ihn betrachtete, war er sich überdeutlich der Makel in seinem Gesicht bewusst, es war sogar so, dass sie dann regelrecht pulsierten. Er würde nie vergessen, wie er aussah.
Doch Vaaks` fröhliches Lachen klomm wieder auf. »Warum denn nicht?«, fragte er und amüsierte sich offen über Xaiths Schüchternheit. »Ich sehe dich gerne an.«
Xaith gab nur ein abfälliges Grunzen von sich, das Vaaks zum Kichern brachte.
»He! Bitte.« Vaaks zupfte an Xaiths Arm. »Sieh mich wieder an, ja?«
Aber Xaith schüttelte den Kopf und nuschelte in seine Hände: »Zu hell.«
Vaaks gab ein unverständliches Murren von sich, dann riss er plötzlich die Decke über sie und alles wurde dunkel.
Na gut, es wurde natürlich nicht stockdunkel, die Sonne schimmerte auch durch den leichten Stoff der Decke, doch es war wesentlich düsterer als im lichtgefluteten Zimmer außerhalb ihrer Betthöhle.
Xaith wagte es, hervor zu linsen und die Lage zu beurteilen. Er konnte Vaaks` Gesicht noch gut erkennen, aber nicht mehr jede Kerbe, jedes Haar. Zögerlich kam er hervor und schmiegte dann den Kopf auf sein Kissen.
»Besser?«, fragte Vaaks mit einem wissenden Schmunzeln, während er einen Arm nutzte, um die Decke oben zu halten. Er machte sich gut als Zeltpfahl.
»Nicht perfekt, aber passabel«, antwortete Xaith und sah zu Vaaks auf. Selbst im Halbdunklen konnte er sich nicht an diesem schönen, kantigen Gesicht satt sehen. Vor allem nicht an jenem Tag.
»Du warst so mutig«, raunte er ehrfürchtig und zugleich beschämt, »als du auf den Drachen losgestürmt bist. So mutig und … beneidenswert. Eine wahre, entfesselte Naturgewalt.«
Sein Herz schlug Purzelbäume, als er sich Vaaks in Erinnerung rief, wie er nur wenige Stunden zuvor furchtlos in den Kampf gerannt war. So entschlossen, so erwachsen, kriegerisch und kraftvoll.
Vaaks wurde unter den Schmeicheleien verlegen und wandte für einen Moment den Blick ab. Er lachte humorlos auf. »Ich war nicht mutig, ich war ängstlich«, gestand er dann und schaute Xaith achselzuckend wieder an. »Ich wollte einfach nicht glauben, dass… Also bin ich losgerannt, um nicht darüber nachzudenken.«
Aber Xaith schüttelte den Kopf. »Du warst mutig! Sehr sogar. Genauso wie Sarsar und May, die den Drachen mit Magie und Pfeilen angriffen. Ich war starr vor Angst«, seufzte er und schlug beschämt die Augen nieder, nestelte nervös an Vaaks` Hemd. »Ich und Riath. Wir waren feige und konnten vor Unglauben nur starren, während ihr…«
»He!« Vaaks beugte das Gesicht dicht über ihn, sodass sich ihr Atem vermischte. Tief und eindringlich sah er Xaith in die Augen. »Ihr seid nicht feige! Niemand denkt das von euch. Vater wurde gerade vor unseren Augen von einem Drachen verschluckt. Ich habe mir vor Angst fast in die Hosen gepisst!«
Xaith lächelte dankbar, aber er fühlte sich nicht wirklich besser. Sein Blick fiel auf Vaaks` halb entblößte Brust und er betastete die nackte, leicht behaarte Haut mit seinen Augen. »Ich hatte solche Angst, Vaaks. Um Vater. Die habe ich noch.«
»Ihm geht es gut, du hast Sarsar doch gehört«, beruhigte Vaaks ihn und schmiegte das Gesicht an seines, rieb mit Nase und Mund über Xaiths gerötete Wange. »Alles ist gut, er ist bald wieder da.«
»Ich weiß«, flüsterte er und atmete bebend aus, noch immer waren die Spuren der letzten Nacht nicht vergangen. »Aber als wir dachten … verdammt, ich glaubte wirklich, es sei zu spät. Von jetzt auf gleich war er einfach … fort. Niemand von uns konnte damit rechnen.« Ratlos schüttelte er den Kopf und nestelte weiter an Vaaks` Hemd herum, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen.
Langsam wurde es stickig unter der Decke, aber Vaaks lüftete sie nicht, obwohl ihnen beiden der Schweiß auf der Oberlippe stand.
»Vielleicht ist das der Unterschied zwischen dir und mir«, meinte Vaaks nachdenklich, und Xaith sah wieder zu ihm auf. »Wie wahrscheinlich ist es schon, dass er das überlebt hat? Du bist eben … pragmatisch. Ich bin ein dummer Träumer, der die Hoffnung nicht aufgeben wollte, während dein schlaues Köpfchen eben einfach die Fakten sah und sich bereits ausrechnete, dass kaum noch Hoffnung besteht. Deshalb bist du erstarrt, und deshalb bin ich losgestürmt. Ich wollte es nicht wahrhaben, während du nicht mehr hoffen konntest.«
Xaith lächelte zerknirscht. »Aber er hats überlebt.«
Vaaks atmete erleichtert aus. »Das hat er. Und wenn die Legenden über ihn stimmen, hat er auch schon viel Schlimmeres überstanden. Er wird lachen, wenn er hört, dass wir uns Sorgen machten.«
Doch Xaith konnte den Schrecken noch nicht ganz abschütteln. »Als ich dachte, er kommt nicht zurück, war ich noch nie so verzweifelt gewesen, Vaaks.«
»Ich weiß. Ich auch.«
»Nein, ich meine, wirklich verzweifelt. Ich habe mich so leer gefühlt, so unwirklich. Als wäre der Boden unter mir weggebrochen. Und alles um mich herum war wie in einem Alptraum, vernebelt und seltsam fremd.« Er schloss die Augen und schauderte. »Ich kann und will mir eine Welt ohne unseren Vater nicht vorstellen. Gestern Nacht wurde mir so richtig bewusst, dass ich nicht bereit wäre, sollte ihm etwas zustoßen.«
Vaaks erwiderte mit dünner Stimme: »Ich auch nicht.«
Aber das glaubte Xaith ihm nicht. Natürlich wäre Vaaks traurig, May und Sarsar wären auch traurig, aber Xaith glaubte nicht, dass sie diese tiefe Verzweiflung spürten, wie er sie gespürt hatte. Seine gesamte Welt war zusammengebrochen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er gefühlt, was es wirklich bedeutete, völlig allein zu sein. Denn so fühlte er sich ohne Vater. Allein und irgendwie verloren. Während Vaaks einfach dieser Fels in der Brandung war, immer stark und fürsorglich, der sich um alle kümmerte und Xaith die ganze Zeit über aufrechtgehalten hatte.
Nein, Vaaks würde ganz sicher ohne Vater auskommen. Er würde trauern wie jeder Sohn, aber darüber hinwegkommen und sein Leben führen. Xaith würde einfach den Halt verlieren und sich vorkommen wie ein Blinder im Irrgarten. Denn als er dachte, sein Vater wäre tot, hatte auch er sterben wollen.
»Es geht ihm gut«, beschwor ihn Vaaks, als er Xaiths düsteren Blick bemerkte und stupste ihn aufmunternd mit der Nase an. »Er ist bestimmt schon auf dem Weg hier her. Und wie gesagt, er übersteht doch immer alles.«
Xaith rang sich ein Lächeln ab, aber nur, weil Vaaks damit anfing, mit seinem verführerischen Mund an Xaiths Lippen zu zupfen.
»Komm schon«, drängte Vaaks gurrend und stieß das Becken gegen Xaiths Schenkel, »lass uns nicht über den Tod reden, lass uns das Leben feiern. Vater lebt, und wir …« Er brach ab und küsste Xaith stattdessen sacht auf den Mund. Nicht, um ihn zu küssen, es fühlte sich mehr nach einer Frage an.
Xaith genoss die Nähe. Wie könnte er nicht, nachdem er sich das all die Jahre gewünscht hatte? Doch richtig glauben konnte er es noch nicht, aber er würde sich davon ganz sicher nicht aufhalten lassen. Sein ganzer Leib lechzte nach Vaaks` harten, warmen Körper, und das würde er sich nicht durch seinen Selbsthass zerstören lassen.
»Ich habe es dem Drachen wirklich übelgenommen«, schnurrte Vaaks mit einem Lächeln, während er sich über Xaiths Gesicht hermachte und sich über den Mundwinkel zur Wange küsste. »Dass er uns gestört hat, meine ich.«
Xaiths Augen waren geschlossen, sein Atem kam stoßweise, während die leichten Berührungen bereits genügten, um seinen Körper in Flammen zu hüllen. Er grub eine Hand in Vaaks` dunkle Locken und kraulte die Kopfhaut darunter. »Gestört?«
Vaaks gluckste und biss ihm sacht in die Wange. Seine Zähne und Kiefern waren so kraftvoll wie alles an ihm und bescherten Xaith einen wohligen Schauer. »Ich dachte, dort unter dem Sternenzelt, hätte ich dich endlich«, raunte er Xaith ins Ohr und ließ die Decke fallen, die nur noch von seinem Kopf gehalten wurde, um spielerisch die Hand über Xaiths flachen Bauch nach unten gleiten zu lassen, wo er…
Xaith zog scharf die Luft ein, was beinahe nach einem erregten Fauchen klang.
Leise lachend massierte Vaaks das halbsteife Glied durch die Hose. »Habe mich nicht getäuscht, dein Körper spricht offener, als du es je getan hast«, neckte er ihn und rieb wieder genüsslich die Nase über seine Wange. »Hm, deine Haut riecht so gut.«
Xaith wurde rot, seine Hände hatten sich längst verkrampft an Vaaks` Hemd geklammert, und auch sonst lag er stocksteif da, während sein Körper ihn regelrecht verriet und nur noch daran denken konnte, sich intensiver an Vaaks` Hand zu reiben.
»Du bist nicht so, wie ich dachte, dass du bist«, presste er angestrengt hervor und versuchte an etwas Belangloses zu denken, Sträucher, Hauswände, Ratten, Kuhscheiße… es klappte nicht. Er keuchte und versuchte, die Schenkel zusammenzudrücken, wodurch er sein Geschlecht nur noch mehr in Vaaks` gönnerhafte Handfläche schmiegte.
Doch da hielt dieser inne und sah verwundert auf ihn herab. »Schlechter oder besser als du dachtest?«
Jetzt hatte er ihn gekränkt. Mal wieder. Xaith schimpfte sich einen Dummkopf, einen vorlauten Dummkopf und schüttelte schnell den Kopf. »Nein, nicht schlechter, nicht besser, nur anders.«
Vaaks legte amüsiert den Kopf schief.
»Verdammt«, seufzte Xaith und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. »Ich mein doch nur, du bist immer der Ruhige. Ich habe einfach nicht gedacht, dass du so …«, fordernd, »forsch dabei bist.«
Das brachte Vaaks nur noch mehr zum Schmunzeln. Über sich selbst fluchend, versteckte Xaith wieder das Gesicht an Vaaks` schöner Brust. Er schämte sich ja so für seine Unerfahrenheit.
Vaaks hingegen schien schon genau zu wissen, was er tat. Und auch, was er wollte. Das schüchterte Xaith etwas ein, zumal er sich verbieten musste, darüber nachzudenken, mit wem Vaaks bereits…
Jedenfalls hätte er nie erwartet, dass Vaaks so … leidenschaftlich sein konnte. Liebevoll, gewiss, aber auch so voller Feuer. Und gierig, sehr gierig. Das hatten sie wohl gemein. Ob es am Alter lag? Xaith wusste es nicht, er konnte nur für sich sprechen, und schon seit Jahren war die Fleischeslust das interessanteste Thema, vor allem im Zusammenhang mit Vaaks. Liebe und Begierde, das hatte seit einigen Jahren Vorrang vor allem anderen. Was wegen seines Triebes und seines unansehnlichen Gesichts nicht immer einfach war. Um genau zu sein, war es eine verfluchte Qual gewesen.
So aber nicht an jenem Tag, da ihm seine innigsten Fantasien erfüllt wurden. Nein, sogar übertroffen wurden, denn Vaaks war nicht nur freundlich, er wollte es selbst. Er wollte es mit einer Inbrunst, die Xaiths verzweifeltem Sehen gleichkam.
Vaaks` Zunge kitzelte an seinem Ohr und er lachte, während er das Gesicht tiefer an Vaaks` Brust vergrub.
»Du bist auch anders, als ich dachte«, gestand Vaaks dann, seine große Pranke fuhr warm und liebevoll über Xaiths Rücken. »Schüchterner, für deine sonst scharfe Zunge. Das ist irgendwie niedlich.«
Xaith fuhr so schnell hoch, dass er den Kopf beinahe gegen Vaaks` markantes Kinn gestoßen hätte. Er verengte die Augen und knurrte: »Ich bin nicht niedlich!«
Aber Vaaks grinste ihn frech an. »Doch, irgendwie schon. Und versteh mich nicht falsch, ich bin froh, dass du so bist.«
Unsicher forschte Xaith in Vaaks` Augen. »Ach ja?«
»Ja«, raunte Vaaks und beugte sich vor, um ihn zu küssen. Xaith hielt ganz still und erzitterte erregt unter Vaaks` warmen, vollen Lippen, die sich zärtlich nahmen, was sie begehrten.
»Ich will dich jetzt richtig kennen lernen«, flüsterte Vaaks und lüftete die Decke, »dich, ganz und gar, als Mann. Will dich und … deinen Körper erforschen.«
Ein entzückter Laut entkam Xaiths Kehle, als Vaaks ihn mit beiden Armen an sich zog und ihn tiefer küsste, leidenschaftlicher, gieriger. Xaiths Lippen teilten sich wie von selbst und Vaaks` Zunge stupste fragend hinein.
Sie lächelten und Xaith öffnete den Mund weiter. Ermutigt presste Vaaks die feuchten Lippen darauf und drang besitzergreifend mit der Zunge ein. Sie spielten miteinander, rangelten und kämpften regelrecht, wie sie es früher als Kinder getan hatten, nun mit den Zungen. Kosteten und tranken den Speichel des anderen und gingen voll im Feuer blinder Leidenschaft auf.
Alles in Xaith wollte sich auf Vaaks werfen und ihm und sich die Kleider mit Händen und Zähnen von den Leibern reißen. Aber er traute sich nicht. Er verfluchte sich selbst für seine Schüchternheit, aber noch immer befürchtete er, Vaaks könnte aufspringen und ihn auslachen. »Du hast doch nicht wirklich geglaubt, wir würden…? Hahaha! Bestimmt nicht …«
Vaaks spürte die Zurückhaltung und das verlieh wiederrum ihm Mut, denn noch ehe Xaith sich wehren konnte, rollte sich dieser Riese auf ihn und drohte ihn, unter sich zu ersticken. Und doch war es nicht genug. Im Kuss vertieft presste Xaith sich an Vaaks` breiten, großen Körper und rieb sich aufreizend an ihm. Junge Leidenschaft kannte keine Zurückhaltung, Xaith wollte es so sehr, forderte es. Wollte Vaaks so sehr nahe sein. Trotz aller Unerfahrenheit, er wollte aufs Ganze gehen und endlich erleben, wovon er immer nur geträumt hatte.
Vielleicht gerade in diesem Moment mehr denn je, da er den Schrecken der Nacht verdrängen wollte.
Sie keuchten zwischen den Küssen und schnappten nach Atem, während ihre feuchten Münder sofort wieder in schierer Verzweiflung verschmolzen. Sie rissen und zerrten ungestüm aneinander, wobei Vaaks so herrlich übermächtig über Xaith ragte, dass er sich vollkommen von ihm eingenommen fühlte und ihm der Kopf vor Gier schwirrte. Wie konnte Vaaks so viel harte Masse besitzen und gleichzeitig noch »zu wenig Vaaks« sein.
Er labt sich gerade an den harten Brustmuskeln, strich mit seinen schlanken Fingern darüber und ergötzte sich stolz an Vaaks` unkontrolliertem Stöhnen, als es passierte.
Das, was nicht passieren sollte.
Der Hunger erwachte. Ein übermächtiges Verlangen, das sich nur nach Blut sehnte. Nach Vaaks´ Blut, das so köstlich in dieser kräftigen Vene an seinem starken Hals pochte. Xaith versteinerte, während ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlief. Vaaks bekam davon nichts mit, hielt sein Erstarren vielleicht für Hemmung, denn er schob eine Hand zwischen ihre Körper, atmete gegen Xaiths Mund und packte ihm sanft in den Schritt.
Das Gefühl sandte ein noch größeres Verlangen durch Xaiths Körper, und mit einem entschlossenen Schubs beförderte er Vaaks von sich runter.
Atemlos setzte er sich auf, während Vaaks ebenso keuchend neben ihm auf der Matratze landete und verständnislos den Arm ausbreitete.
»Willst du nicht?«, fragte er verwundert und umfasste Xaiths Arm.
Ruckartig entzog sich Xaith der Berührung und versuchte angestrengt, nicht Vaaks` würzigen, herbstlichen Duft einzuatmen. »Fass mich jetzt nicht an«, presste er hervor und sein Körper begann vor Zurückhaltung zu zittern.
Vaaks setzte sich langsam auf, respektierte aber, dass er nicht berührt werden wollte. Er neigte den Kopf, um ihn ansehen zu können, genau wie damals auf der steinernen Bank im Rosengarten.
»Was ist mit dir?«
Xaith schloss die Augen. »Der Blutrausch«, keuchte er mühsam. »Bitte. Vaaks. Kannst du etwas Abstand nehmen.«
Aber Vaaks rührte sich nicht. Im Gegenteil, statt dass er sich fürchtete, schien es ihn sogar zu beruhigen. Er lachte leise und drückte sich an Xaiths Rücken.
Der Hunger bäumte sich wie ein eigenständiges Wesen in Xaith auf, sodass er sich in die Bettlaken krallte und die Fänge zusammenbiss. »Vaaks…«, knurrte er.
»Vertrau mir«, sagte Vaaks und strich ihm beruhigend über den Hinterkopf bis hinunter zu seinem Hosenbund. »Ich fürchte mich nicht.«
»Ich scherze nicht, Vaaks, du musst…« Ein unterdrückter Schrei entkam ihm. »Verdammt, geh vom Bett… sonst … kann ich nicht …« Atmen.
Vaaks gab einen Laut voller Unmut von sich, erbarmte sich dann aber. Jedoch offensichtlich nicht im Geringsten besorgt, sondern lediglich, weil Xaith ihn darum bat.
Es dauerte eine qualvolle Ewigkeit, bis Xaith sich einigermaßen wieder unter Kontrolle hatte und sich frei zu atmen wagte. Als er sich daraufhin im Zimmer umsah, stand Vaaks vor dem Fenster und beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Sein schönes, bereits so sagenhaft männliches Gesicht war alles andere als amüsiert.
Xaith konnte es ihm nicht verübeln, ein weiteres Mal hatten sie sich unterbrechen müssen.
Er senkte den Blick und schluckte geräuschvoll. »Das muss dich mächtig nerven, entschuldige.«
Verdammt, warum musste er auch so kompliziert sein.
Aber Vaaks schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht genervt. Nicht davon jedenfalls.«
Xaith sah auf, als Vaaks wieder näherkam.
»Vertraust du mir nicht?«, fragte Vaaks ein wenig verstimmt. »Glaubst du, ich könnte dich nicht aufhalten?«
Xaith runzelte die Stirn. »Du bist ein Mensch! Ich könnte dich töten.«
»Dann hältst du mich für schwach«, schlussfolgerte er pikiert.
Xaith ließ matt die Schultern hängen. »Nein! Natürlich nicht. Aber du bist aufgrund deines Volkes eben schlicht verletzlicher. Du heilst nicht so schnell und ich habe mich nicht unter Kontrolle. Nur ein falscher Biss, in einem Moment der Unachtsamkeit, und…« Er brach ab und sah zerknirscht in Vaaks` beleidigte Miene. »Ich habe schon meine Mutter auf dem Gewissen, Vaaks, ich will nicht auch noch dich…«
»Das wirst du nicht«, sagte Vaaks so ernst, so entschlossen, das Xaith ihm beinahe geglaubt hätte. Beinahe.
Er seufzte. »Vaaks, ich…«
»Ich bin stark, Xaith!«, unterbrach Vaaks ihn gleich und stieg zu ihm aufs Bett. Sein Geruch machte Xaith wieder ganz nervös. »Wenn du die Kontrolle verlierst, dann kann ich dich aufhalten.« Er packte Xaiths Kinn mit seiner Pranke und hob seinen Kopf an, bis sie sich ansehen mussten. Vollkommen entschieden betonte Vaaks: »Ich kann dich kontrollieren, wenn du es nicht mehr kannst, Bruder.«
Xaith sah gequält zur Seite. »Bitte, nenn mich nicht Bruder. Wir sind keine …«
»Doch, sind wir«, sagte Vaaks bitterernst.
Xaith fuhr fassungslos zu ihm herum. »Wie kannst du das jetzt noch behaupten? Ich dachte…«
Vaaks` mildes Lächeln ließ ihn innehalten. »Wir sind Brüder«, betonte Vaaks und beugte sich zu ihm, sanft strich er mit den Lippen über Xaiths Mund. Und Xaith seufzte sehnsüchtig.
»Wir waren immer Brüder«, fuhr Vaaks fort, »und werden es immer sein. Du denkst vielleicht, wir dürften es nicht sein, aber ich will es. Selbst, wenn ich dein Fleisch und Blut wäre – und du meines, selbst dann würde ich dich wollen.« Eindringlich bohrten sich seine warmen Augen in Xaiths. »Das ist, was ich will. Ich will dich, meinen Bruder. Weil dieser Umstand, dass zwischen uns, noch einmal zu etwas ganz Besonderem macht. Weil wir uns von Beginn an kennen und bisher jeden verfluchten Tag zusammen geteilt haben. Weil wir Brüder sind, sind wir besonders. Weil du mein Bruder bist, liebe ich dich.«
Gerührt legte Xaith den Kopf schief.
»Das ist, was ich will«, beschwor ihn Vaaks und umfasste sanft sein Gesicht, »ich will dich, als … das hier.« Er küsste ihn und lächelte dann. »Und als Bruder. Ich will alles für dich sein.«
Zögerlich hoben sich Xaiths Mundwinkel.
»Und als all das, bin ich auch in der Lage, mit deinem Blutrausch umzugehen«, glaubte Vaaks.
Aber Xaith hatte da so seine Bedenken, aus einem verdammt guten Grund. Er schüttelte zweifelnd den Kopf und sah Vaaks` Feuer erlöschen.
»Vergib mir«, raunte er und umfasste Vaaks` Arm, »ich halte dich nicht für schwach, Vaaks, aber ich könnte nicht mehr leben, wenn ich dir schaden würde. Zwing mich nicht dazu, bitte.«
Missmutig ließ Vaaks den Kopf hängen und atmete schwer aus, wie ein Stier, der gerade entschieden hatte, dass ein Kampf die Anstrengung nicht wert wäre.
»Tut mir leid.« Ernüchtert starrte Xaith auf die Bettdecke. Er wollte noch mehr sagen, doch er wusste gar nicht, was. Plötzlich wog das Schweigen zwischen ihnen schwer und fühlte sich falsch an.
Er schalt sich einen Narren, dass er für einen Moment geglaubt hatte, von nun an würde alles leicht werden.
»Das heißt ja nicht, dass wir nie …« Er errötete und sah wieder zur Seite. »Wir müssen einfach vorsichtig sein. Der Hunger ist ja nicht immer da.«
Verdammt, er würde sich aus dem Fenster stürzen, wenn der verdammte Hunger nach Blut ihm jetzt Vaaks` Zuneigung zerstörte…
»Und wenn ich dich festbinde?«
Xaith riss den Kopf zu Vaaks herum und starrte ihn mit offenem Mund an.
Vollkommen ernst erwiderte Vaaks seinen Blick und schien tatsächlich auf eine Antwort zu warten. Es war bereits beängstigend, wie er diesen Vorschlag hervorgebracht hatte. So überaus trocken und selbstverständlich, als wäre es normal, seinen Liebhaber erst einmal festzubinden, um bei ihm liegen zu können. Und nun sah er ihn auch noch so erwartungsvoll an.
Xaith blinzelte mehrmals. »Wie…Wie bitte?« Er schnaubte. »Du … du willst mich festbinden?«
Vaaks zuckte mit den massigen Schultern. »Wenn dich das beruhigt. Dann kannst du mich nicht verletzen und ich muss nicht vor dir fliehen wie eine Prinzessin vor dem Drachen.«
Xaith hätte über den Vergleich geschmunzelt, wäre er nicht noch immer so schockiert über Vaaks` Vorschlag gewesen.
»Ich lass mich doch nicht von dir festbinden wie ein Tier!«, rief er dann entsetzt. »Was denkst du dir?«
Vaaks sah ihm noch immer vollkommen ernst entgegen. »Warum nicht?«, fragte er geradeheraus.
Xaith war von dem Vorschlag derart vor dem Kopf gestoßen, dass er verwirrt zurückzuckte und unsicher auflachte, aber Vaaks verzog keine Miene. Es war ihm damit todernst.
Verdammt, er entdeckte ganz neue Seiten an Vaaks. Vor allem jene, die alles riskierte, um sich endlich vereinigen zu können. Eine gefährliche, unbedachte Seite, die sich gerne stark fühlte und sich nicht beschützen lassen wollte.
Aber was genau wusste er auch schon über Vaaks in dieser Hinsicht? Er hatte ihn nie… dabei gesehen, wusste nicht, wie er … liebte. Er wusste in Liebesdingen überhaupt nichts, weder über sich selbst noch über Vaaks. Diesbezüglich waren sie sich so fremd, wie sie sich nur sein konnten.
»Warum nicht?«, hakte Vaaks erneut nach. »Vertraust du mir nicht?«
Xaith öffnete den Mund, aber ihm fehlten wirklich die Worte. Was sollte er sagen? Er konnte sich wirklich etwas Schöneres vorstellen, als sich festbinden zu lassen. Aber Vaaks leckte sich bereits nervös die Lippen und durchbohrte ihn mit neugierigen Blicken.
Er suchte nach einer Antwort, doch bevor er sie geben konnte, rettete ihn ein Klopfen an der Tür, das ihn schuldbewusst vor Vaaks zurückzucken ließ.
»Xaith?«, rief May aufgeregt durch die Tür und fuhr gleich fort, ohne auf eine Antwort zu warten. »Komm schnell! Sie sagen, Vater ist zurück! Und er ist nicht allein!«
Kapitel 6
Ein lautes Knarren der Scharniere ertönte, als die Wachen sie schwungvoll für ihn öffneten. Sein Herz wusste bereits, wer ihn dahinter im hellen Saal erwartete. Es wusste es ganz genau und vollführte wilde Überschläge, als die eisblauen Augen hinter dem langen Tisch überrascht aufsahen und dann vor Freude zu glänzen begannen.
»Derius!«
Desiderius seufzte. »Wex!«
Sie liefen sich neben dem langen Kartentisch des Kaisers in die Arme. Desiderius wurden die Knie ganz weich, als er seinen Gefährten an sich drückte und dessen lebendiger Leib sich an ihn schmiegte. Beruhigend strich er über Wexmells goldene Locken und vergrub das Gesicht an dessen Halsbeuge, um genüsslich den süßen Duft seines Prinzen einzuatmen.
»Ich hatte solche Angst um dich«, flüsterte Wexmell ihm zu. »Um uns alle.«
»Ich weiß«, Desiderius hauchte einen Kuss auf Wexmells Scheitel und spürte ihre Herzen erst im Einklang und dann ruhiger schlagen. »Ich auch. Aber ich komme immer wieder zurück, das weißt du doch.« Er senkte den Mund an Wexmells Ohr und schwor leise: »Ich komme immer zurück zu dir.«
Wexmell legte ihm die Hände auf die Brustmuskeln und lehnte sich zurück, um mit schiefgelegtem Kopf zu ihm aufzusehen. Die Sorge der letzten Stunden zeichneten sich noch deutlich in seiner Miene ab, die dunkelvioletten Augenringe und gerötete Lider sprachen eine deutliche Sprache und machten Desiderius das Herz schwer.
»Wir wollten uns nicht mehr trennen«, tadelte Wexmell ihn mit einem Schmunzeln. Es sollte ein Scherz werden.
Desiderius schmunzelte schief zurück und beugte sich zu Wexmell hinab. »Vergebung, mein Prinz, ich werde dich bei nächster Gelegenheit natürlich mit in den Tod reißen.« Er legte Wex eine Hand an die Wange und die andere in den Nacken, um ihn zu küssen. Immer und immer wieder, bis ihre Münder feucht und geschwollen waren. Aber es war nicht genug, könnte nie genug sein.
Wexmell lächelte amüsiert, dann zog er Desiderius wieder in seine Arme und seufzte erleichtert an seinem Ohr. »Ich bin bloß froh, dass dir nichts passiert ist.«
Desiderius legte die Hände auf seinen Rücken und drückte ihn fest an sich. »Ich weiß, ich auch.«
Eine ganze Weile hielten sie sich einfach aneinander fest, schlossen die Außenwelt aus, wie sie es oft taten, und genossen schlicht den Herzschlag des jeweils anderen an der eigenen Brust…
Jemand räusperte sich hinter Desiderius und erinnerte sie daran, dass sie nicht allein waren. Es war ihm jedoch gleich, er hielt Wexmell noch einen Moment länger fest, bis er sicher war, dass Wexmells Erleichterung jeglichen Kummer vertrieben hatte.
Mittlerweile war auch Eagle nähergetreten, auf einen Gehstock gestützt und deutlich humpelnd, während er wie erwartet mit einem verschlossenen, herrschaftlichen Blick die Männer hinter Desiderius betrachtete. »Ein Verräter und viele Fremde bringst du in mein Haus.«
Mit Verräter meinte er Zazar, den er auch sogleich mit verachtender Miene strafte. Was Bellzazar natürlich kalt ließ.
Die kritische Miene würde Eagle ohnehin schon bald vergehen.
Desiderius löste sich etwas von Wexmell, um den Kopf Eagle zuzuwenden. »Mein Kaiser«, inszenierte er voller Sarkasmus, »ich bringe einen verlorenen Sohn in Euer Heim.«
Eagle runzelte irritiert seine Stirn, ehe er aufgebracht den Blick erneut über die Männer schweifen ließ, nun jedoch voller Hoffnung. Natürlich dachte er zunächst an Desith, aber die Hoffnung schwand schnell aus seinen Augen.
Noch versteckte sich der Kleine hinter Ragons Rücken und war nicht gewillt, sich selbst zu offenbaren.
Desiderius lächelte nachsichtig und wandte sich wieder an Wexmell, der ihn neugierig, aber offen betrachtete.
»Ich habe dir zwei Dinge gebracht, Liebster«, lächelte er und nahm Wexmells Hand, »einen Spiegel, der atmet, und einen lebenden Toten.«
Wexmell schüttelte belustigt den Kopf. »Wovon sprichst du?«
Mit einem geheimnisvollen Lächeln drehte Desiderius sich halb zu den anderen um und gab den Blick auf den Mann hinter sich frei.
Wexmells Knie wurden weich und Unglauben ließ ihn den Mund aufklappen. »Cohen!«, keuchte er und hielt sich an Desiderius` Arm fest, seine Augen wurden feucht. »Wie … wie kann das …«
Cohen lächelte zurückhaltend. »Schön, Euch zu sehen, Wexmell-«
Da warf sich Wexmell ihm bereits an den Hals und drückte ihn so fest, dass er würgte.
Leise lachte Desiderius über seinen Prinzen und schüttelte amüsiert den Kopf. In diesem Moment hätte er nicht mehr Liebe für Wex empfinden können. Wie er Cohen einfach mit offenen Armen empfing und sich ebenso freute wie Desiderius, obwohl sie eine nicht ganz unbeschwerte Vorgeschichte teilten. Aber Wexmell war noch nie ein eifersüchtiger Kauz gewesen. Genau das liebte er an Wex. Sein Wex, mit dem großen Herzen.
Cohen zögerte einen Moment, bis er Wexmell die Hände auf den Rücken legte und endlich entspannt die Umarmung erwiderte. Tränen der Rührung im blutroten Auge.
»Welchem Wunder wir diesen Umstand auch verdanken«, sagte Wexmell voller Liebe und umfasste Cohens Gesicht, »mein Herz frohlockt, weil es dich sieht!«
»Diesem Wunder«, schmunzelte Cohen und deutete mit einem Kopfnicken auf Bellzazar. »Er hat mich zurückgebracht.« Dabei sah sein blutrotes Auge beinahe vorwurfsvoll in Desiderius` Richtung.
»Rumgespielt hat er«, murrte Desiderius und sah seinen Bruder teils tadelnd, teils amüsiert an.
Zazar zuckte mit den Schultern, wobei er einen deutlichen Schritt neben Cohen trat, als wollte er ihn von Wexmell wegziehen. »Wenn du das so nennen willst…«
»Cohen!« Eagle streckte einen Arm aus und Cohen überbrückte den Abstand, um seinen alten Freund brüderlich zu umarmen. Eagle hatte Tränen in den Augen. »Ich muss träumen! All die Jahre … und jetzt stehst du einfach hier …?«
»Wir haben schon unglaublichere Dinge gesehen«, warf Cohen ein. »Und wir wussten immer, dass es ein Wiedersehen geben wird.«
Aber nicht hier, dachte Desiderius aufgewühlt. Nicht in dieser Welt, nicht in diesem Leben. Und doch war es so. Wie so viele andere unglaubliche Dinge auch. Er konnte nur die Hälfte von dem, was ihm heute offenbart wurde, wirklich verstehen und glauben, und doch verpufften sie nicht einfach wieder wie ein verrückter Traum. Sie waren wirklich.
Er war froh, wenn dieser Tag dem Ende zu ging und er sich eine Weile zurückziehen konnte, um all das erst einmal angemessen zu verdauen. Das brauchten sie jetzt alle. Einfach Zeit, sich an die neue Wahrheit zu gewöhnen.
Aber zuerst mussten sie alle noch ihre Pflichten erfüllen und stark bleiben, zumindest nach außen hin, obwohl ein Sturm in ihren allen Herzen tobte.
»Wer seid ihr alle?«, verlangte Eagle zu erfahren und humpelte neben Desiderius. »Und was meintest du mit verlorenem Sohn?«
Söhne, sollte er wohl eher sagen, doch das besprach er am besten zuerst mit Wexmell allein. Hier ging es auch nicht um Ragon, zumindest nicht darum, wer dessen Vater war. Nein, es ging nicht um ihn oder Desiderius, es ging um Eagle und um …
»Deinen Sohn!«, betonte Desiderius und trat vor Ragon. Er streckte eine Hand aus und sprach zu dessen Schulter: »Komm schon, zeig dich.«
Zögerlich linste ein frostblaues Auge um Ragon herum, goldgelocktes Haar schimmerte in der weißen Marmorhalle auf. Es wurde totenstill im Saal und die Anspannung wurde greifbar.
Ragon drehte sich halb zu dem ängstlichen Burschen um. »Geh schon«, drängte er sanft, wobei seine Stimme durch die Maske gedämpft klang. »Hab keine Angst.«
Doch dieser andere, dieses dunkelhäutige Spitzohr, trat dicht neben den Jungen, als wollte er ihn nun hinter sich verstecken, wenn es sein müsste.
Der Bursche sah Desiderius zögerlich ins Gesicht und kam langsam hervor. Mit einem Nicken machte Desiderius ihm Mut, sodass der Kleine schließlich seine Hand ausstreckte und sie in Desiderius` legte. Die zerbrechlichen, viel zu dünnen Finger waren eiskalt. Er hatte sofort das Bedürfnis, sie mit seinen Händen zu wärmen.
Er zog den Kleinen, der Wexmells absolutes Ebenbild war, an seine Seite und drehte sich mit hochmütiger Miene zu Eagle um. »Sag mir, Eagle, hast du versäumt, uns etwas zu erzählen?«
Aber Eagle starrte den Kleinen genauso fassungslos an, wie Wexmell. Keine Spur von Erkennen oder Reue. »Das kann nicht sein«, raunte er und schüttelte entschieden den Kopf. »Das ist überhaupt nicht möglich! Ich habe Ari nie…« Hilfesuchend sah er sich nach Wexmell, seinem Vater um.
Wexmells Augen weiteten sich etwas. »Er ist bestimmt nicht von mir, Eagle!«
Nein, Wexmells einzige Erfahrung mit einer Frau – einer Dirne – hatte nur Eagle hervorgebracht, das wussten sie alle ganz sicher.
Eagle schluckte nervös und sah wieder zurück in das Gesicht des eingeschüchterten Jungen, der den Kopf wegdrehte und zurück zu seinen Gefährten fliehen wollte.
Desiderius hielt ihn fest.
»Er ist dein Sohn, Eagle, leugnen ist sinnlos.«
In Eagles Mimik arbeitete es, während er durch den Jungen hindurchsah und äußerst angestrengt nachdachte. »Wie alt bist du?«, hakte Eagle tonlos nach. »Du kannst nicht älter als zwölf-«
»Achtzehn«, antwortete Ragon in der Gemeinsprache für ihn, »der Junge ist Achtzehn Sommer alt.«
Eagle blinzelte, als sähe er plötzlich klar. »Deine Mutter war eine Hexe«, es war keine Frage, sondern eine Erinnerung. Er blickte auf und schien zu verstehen. »Sie flüchtete mit ihrer Familie aus Nohva.«
Auch Desiderius erinnerte sich an die Flüchtlinge, die er gemeinsam mit Eagle und Cohen vor so vielen Jahren in der Wildnis getroffen hatte. Aber er hatte nicht gewusst, dass Eagle…
»Ich habe dich damals gewarnt«, sagte Cohen leise zu Eagle. Leise, aber vorwurfsvoll. Trotzdem drückte er aufmunternd die Schulter seines Freundes.
Schwankend fuhr Eagle sich über den Mund. »Götter, ich habe es nicht gewusst …«
Desiderius dachte an Ragon und seine Wut verrauchte. Er ließ den Jungen los, der sofort zurück hinter Ragon rannte und sich an dessen Arm klammerte. Er war eben doch nur ein Junge.
»Vergib mir, ich urteilte zu vorschnell«, sagte Desiderius zu Eagle, der noch immer um Fassung rang.
Cohen zog unter seiner Kapuze äußerst nervig eine arrogante Augenbraue nach oben. Zazar gab ein amüsiertes Grunzen von sich.
Es gefiel Desiderius überhaupt nicht, dass sie sich gegen ihn verschworen, beide strafte er mit einem bösen Blick. Dann wandte er sich wieder ihrem Problem zu.
»Er ist nicht aus Zufall hier, Eagle«, begann er und sah dann Wexmell an, der sofort seine betont ernste Stimme bemerkte und die Stirn runzelte. »Das sind Ragon und Fen«, Desiderius deutete auf die beiden Männer. »Sie haben ihn aus einer Metallkiste befreit und mussten ihn hierherbringen. Er ist eine Waffe, eine verflucht mächtige Waffe.« Dann sah er an Zazar vorbei und holte tief Luft. »Und das sind Korah, Levi und Place. Sie sind Götter.« Matt ausatmend drehte er sich wieder zu Eagle und Wexmell um. »Und spätestens jetzt wisst ihr, dass wir ziemlich tief in der Scheiße sitzen.«
»So tief«, bestätigte Bellzazar und trat vor, »dass wir sie schon schmecken können.«
Kapitel 7
»Was dauert denn da so lange?«, maulte May und warf sich trotzig auf einen Stuhl im Vorzimmer, das in einem satten Bronzeton erstrahlte.
Xaith lag mit dem Ohr an der Tür und hatte seinen Gehörsinn mit Magie verstärkt, während im Audienzsaal des Kaisers debattiert wurde.
Normalerweise hatte er dadurch immer bestens lauschen und seine Geschwister auf dem Laufenden halten können, doch dieses Mal hörte er sehr schlecht. Es war, als herrschte im Saal ein Sturm, der alle Gespräche mit einem lauten Rauschen übertönte. Er musste raten, was die einzelnen Wortfetzen bedeuteten. Auch Sarsar versuchte, durch magische Hilfsmittel, das Gesagte verständlich zu machen, aber seine tief gefurchte Stirn zeugte davon, dass auch er das Rauschen nicht umgehen konnte.
Irgendetwas – oder Jemand – schien den Raum ganz bewusst vor lauschenden Ohren abzuschotten.
»Ich glaube, sie haben eben jemanden rausgeschickt«, vermutete Xaith den Geräuschen und Wortfetzen nach. »Und der Kaiser hat wohl noch einen Sohn.«
»Lass mal sehen!« Riath, der Hornochse, stieß Sarsar grob zur Seite und ging vor dem Schlüsselloch der goldverzierten Türen in die Hocke, um linsen zu können. Er hatte sein hübsches helles Seidenhemd mit den goldenen Rändern durch sein ledernes Rüstungshemd ausgetauscht und roch nach frischem Schweiß, als hätte er, statt sich auszuruhen, mit dem Schwert geübt.
»Ja«, sagte er mit seltsam kratziger Stimme. »Da geht jemand raus. Zwei Jungen. Den einen kenne ich!« Er wirkte plötzlich ganz erregt und zappelte herum. »Das ist der Junge vom Fest.«
»Der, wegen dem Vater beinahe gefressen wurde?«, hakte Vaaks nach und trat nun auch näher. Sehr nahe, sodass Xaith seine harten Muskeln im Rücken spüren konnte.
May schnaubte amüsiert. »Der, wegen dem Riath gesabbert hat.«
Sofort flog Xaiths Kopf herum. Erst sah er May an, die voller Spott grinste, dann sah er zu Riath, der angestrengt durch das Schlüsselloch linste und die Lippen aufeinanderpresste, während er so tat, als hätte er Mays Bemerkung nicht gehört.
Warum ihn das so überraschte, wusste er eigentlich nicht so genau. Riath geiferte so ziemlich jedem nach, Fräuleins, Burschen, Ziegen, einfach allem, was warm war und einigermaßen passabel aussah, zumindest so lange, bis er seine Gier an ihnen gestillt hatte.
Vermutlich hatte Xaith ein seltsames Gefühl, weil Riath den fremden Jungen vor einem Drachen hatte retten wollen. Riath war niemals aufopfernd oder gar ein Held, Riath war ein egoistisches Schwein, wie es im Buche stand.
Aber tatsächlich, man konnte fast sehen, wie ihm der Sabber vom Kinn tropfte, während er durch das Schlüsselloch spähte und wie gebannt jede Bewegung darin verfolgte.
Dann wurde eine Tür geschlossen und er blinzelte, als habe ihn jemand geweckt. Enttäuscht ließ er die Schultern hängen, und Xaith glaubte, dass der Junge den Saal verlassen haben musste.
Ein Geräusch hinter der Tür zum Flur ließ sie allesamt ertappt aufschrecken. Wachen eilten über die Gänge und vertraute Stimmen näherten sich langsam.
»Das ist der Orden.« Vaaks fluchte verhalten, dabei legte er die Hand auf Xaiths Schulter, und Riath durchbohrte sie mit Blicken. Sie lauschten alle angespannt, doch die Schritte näherten sich. Langsam zwar, aber zielstrebig.
Vaaks wandte sich an Xaith und beschloss. »Ich geh sie ablenken, vielleicht kann ich Zeit schinden oder sie wegführen.«
Der Orden vertraute Vaaks und hielt ihn für reif, aber im Grunde war er auch noch ein freches Kind, das seine Geschwister immer gedeckt hatte, wenn sie lauschten.
Manche Dinge würden sich nie ändern.
Noch einmal sahen sie sich an und beide zögerten. Xaith wusste, was Vaaks sich ersehnte, er wünschte es sich auch, doch keiner brachte den Mut auf. Also wandte Vaaks sich nach einem leichten Lächeln ohne Kuss ab und schlüpfte auf den Flur hinaus, nachdem er zuvor gewissenhaft den Gang hoch und runter gespäht hatte.
Sarsar drückte hinter ihm leise die Tür zu und legte das Ohr daran, um mitzuhören, ob Vaaks die Ablenkung gelang, während May bereits den Stuhl unter die Fensteröffnung zerrte und ihnen einen schnellen Fluchtweg bahnte. Sie machten das ja nicht zum ersten Mal, sie hatten dieses Zimmer ganz bewusst ausgewählt, denn vom Fenster aus konnten sie schnell auf das Dach klettern und dann auf einen Balkon flüchten.
Xaith wandte sich wieder dem Lauschen zu. Riath blickte starr durch das Schlüsselloch.
»Du weißt, dass er dich nur benutzt, oder?«, sagte Riath plötzlich leise.
Xaith fuhr zu ihm herum. »Was?«, zischte er.
Riath sah ihn nicht an, er tat weiter so, als linste er durch das schmale Loch, während er leise weitersprach. »So dumm kannst du doch gar nicht sein! Vaaks! Der nutzt dich doch nur aus, weil Fenjin nicht dabei ist. Ich meine, er hält es nicht aus, weißt du?« Er lachte humorlos. »Würde ich genauso machen.«
Die Wut, die in Xaith hochstieg, ließ seine Augen rot aufflammen. »Das ist nicht wahr!«
Riath verdrehte die Augen. »Du bist nur ein Platzwarmhalter, Bruder, begreif das doch. Sieh dich doch an! Sieh Fenjin an. Sobald wir zurück sind, wird Vaaks wieder den hübschen Rotschopf besteigen.«
Xaith ballte wütend die Fäuste und musste sich zurückhalten, nicht gegen die Tür zu schlagen und laut zu brüllen. »Halt doch den Mund! Vaaks ist nicht wie du!«
Riath schnaubte abfällig und wandte Xaith endlich den Kopf zu. Bevor er etwas sagte, sah er sich über die Schulter, aber Sarsar lauschte noch an der anderen Tür und May spähte noch aus dem Fenster. Die Raben ächzten, sie schien sie zu beobachten.
»Ach ja?« Arrogant schaute Riath Xaith wieder an. »Und warum entdeckt er erst jetzt seine Liebe zu dir, hmm? Hast du mal darüber nachgedacht? Er will nur jemanden, der ihm die Zeit vertreibt, und du bist so willig wie eine Harfenfotze. Denk doch mal nach, Bruder, wie ist er denn so? Hm? Erfahren? Kann ich mir denken, ich kenn ihn doch. Glaub mir, ich weiß, dass er schon so einige Liebhaber hatte, darunter bestimmt auch Fenjin, wer würde da Nein sagen? Er kann sich bestimmt nicht zurückhalten, deshalb braucht er dich. Aber sobald wir wieder zu Hause sind, wird er sich von dir abwenden. Willst du wirklich seine Hure sein?«
Es war so ungerecht, dass Riath immer genau das aussprach, was Xaith tief im Inneren befürchtete, doch sein naives Herz wollte all das einfach nicht glauben. Nein, nicht nachdem Vaaks ihn geküsst hatte. So voller … Leidenschaft und ehrlicher Zuneigung. Das konnte nicht gelogen gewesen sein!
Mit bebenden Nasenflügeln presste Xaith hervor: »Du bist doch nur neidisch, weil ausnahmsweise mal jemand mich, statt dich will.«
Riaths entsetzter Blick überraschte Xaith. »Du glaubst, ich wäre eifersüchtig auf dich?«
Wie abwegig zu glauben, Riath könnte auf ihn eifersüchtig sein! Wie konnte er nur so etwas behaupten… Der große Riath, Schönling Nohvas, ist doch nicht eifersüchtig auf die Kraterfresse!
»Weil Vaaks mich will, nicht dich! Das erträgst du nicht«, behauptete er trotzig.
Riath starrte ihn einen Moment doch tatsächlich sprachlos an.
»Das passt dir nicht, hm, Bruder?« Xaith beugte sich so nahe zu ihm vor, dass ihre Nasenspitzen gegeneinanderstießen, und verzog hasserfüllt seine Miene. »Du kannst es nicht ertragen, dass er dich niemals in Betracht zog, oder?«
Langsam schüttelte Riath den Kopf. »Ich will Vaaks nicht. Nicht im Geringsten. Vaaks ist für mich so uninteressant wie ein Fladen Rinderscheiße auf unseren Feldern.«
»Als ob es dir je darum ging, ob du jemanden willst oder nicht. Nein, es geht allein um dich, um deinen Stolz. Es geht immer nur um dich!« Aufgebracht stand Xaith auf, Sarsar und May starrten sie nun an, sodass Riath sprachlos zu ihm aufsah und stammelnd den Mund auf und zu klappte, ohne etwas hervorzubringen.
»Ich sag dir was«, knurrte Xaith und zeigte angriffslustig die Fänge, »dass hier machst du mir nicht kaputt! Ich lass mir von dir nichts mehr einreden!«
Darauf herrschte eisiges Schweigen im Raum.
Riaths Gesicht nahm eine ungewohnt bleiche Farbe an, doch er presste die Lippen aufeinander, wie er es immer tat, wenn er eine tiefe, gefährliche Wut spürte.
Sie sahen sich an, starrten einander nieder, ohne dass einer von ihnen den Blick abwenden konnte, keiner von ihnen würde zuerst nachgeben.
»Ich wollte dich schützen«, brachte Riath schließlich hervor. Die Worte trieften vor Selbstüberschätzung.
Xaith schnaubte verächtlich. »Schützen? Du? Und wer schützt die Welt vor dir?«, spuckte er aus.
Mit geballten Fäusten sprang Riath auf und baute sich Nase an Nase vor Xaith auf. »Ich hab dich immer beschützt!«
»Einen Scheiß hast du!« Xaith baute sich ebenfalls auf, die Spannung im Raum fing beinahe Feuer, genau wie er. »Du hast mich niedergemacht, kaum dass sich der erste Makel zeigte. Du warst immer an erster Stelle, wenn es darum ging, mich nieder zu prügeln.«
»Ich habe dich nie niedergeprügelt«, knirschte Riath.
»Mit jeder einzelnen, beschissenen Bemerkung«, konterte Xaith, während heiße Tränen in seinen Augen brannten.
Noch immer zornig stierte Riath ihn an, die Nasenflügel gebläht wie ein Tier, aber er hatte darauf nichts zu erwidern. Es war schlicht die Wahrheit.
Xaith schüttelte angewidert den Kopf. »Das ist nicht einmal das Schlimmste, was du tust. Das Schlimmste ist, dass du es nicht merkst. Das Schlimmste …«, seine Stimme wurde dünn und brüchig, »… sind deine kranken Spielchen. So zu tun, als … als läge dir was an mir, nur damit … damit du darüber lachen kannst. Ich weiß, du tust das seit Jahren nur, weil es dein widerlicher Versuch ist, mich auf hinterhältige Weise von Vaaks fernzuhalten.«
Xaith war nicht dumm, er hatte immer gewusst, dass Riaths Bemühungen, ihm näher zu kommen, als es ein Bruder sollte, nichts mit echter Begierde zu tun hatten. Er hatte versucht, Xaiths Gefühle für Vaaks auf sich zu lenken, um sich daran zu ergötzen. Es war alles nur ein krankes Spiel für ihn, und er ertrug es nicht, wenn sich mal etwas nicht um ihn drehte. Wenn jemand – Vaaks – nicht ihn, sondern ausgerechnet seinen hässlichen Bruder Xaith bevorzugte.
Riath leckte sich seinen perfekten Kussmund und nickte abgehackt. »Das denkst du, ja? So denkst du also von mir? Ausgerechnet du!«
Xaith trat auf ihn zu und zischte ihm gegen den Mund: »Ich kenne die Schwärze in dir!«
Da packte Riath ihn unvorhergesehen an der Kehle, mit beiden Händen, und drückte zu. Xaith gab einen gurgelnden Laut von sich, May stieß einen spitzen Schrei aus – oder war es Sarsar? – und Riath warf ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Panisch zerrte Xaith an Riaths Händen, doch sie waren unbeweglich wie Stein. Wie Stein, der sich immer fester zuzog.
»Das ist nicht wahr!«, wisperte Riath erstaunlich leise, in seinen Augen brannten Tränen und sein Gesicht war eine theaterreife Maske der Verzweiflung. »Das ist alles nicht wahr!«
Instinktiv setzte Xaith Magie ein und verbrannte durch seine bloßen Hände Riaths Arm, doch das beeindruckte diesen nicht, obwohl seine Haut zischte und Xaiths Hände glühende Abdrücke auf seinen Armen hinterließen. Sie heilten sofort wieder, konnten ihn nicht verletzen.
Etwas Metallisches blitzte an Riaths Kehle auf.
»Wenn du ihn nicht sofort loslässt, schlitz ich dich vom Hals bis zum Schwanz auf und lass dich ausbluten wie ein Schwein. Bruder.«
Riath erstarrte zuerst, dann ließ er langsam los und nahm etwas Abstand, wobei er zögernd die Hände hochnahm.
Xaith packte sofort Sarsars dünnen Arm und zwang ihn runter. »Bist du wahnsinnig?«, fragte er seinen Bruder, der noch immer mit einem eiskalten Blick zu Riath starrte. »Pack den verfluchten Dolch weg!«, zischte er und rieb sich hustend die Kehle.
»Hast du das gesehen?«, raunte Sarsar so leise, dass nur Xaiths verstärktes Gehör ihn hören konnte. »Ich habe eine Druckwelle auf ihn geworfen, er hat sie nicht einmal gespürt.«
Xaith tauschte einen verwirrten Blick mit Sarsar, nickte aber dann auf den Dolch. »Los, weg damit.«
Nur widerwillig ließ Sarsar die Waffe unter seinem himmelsblauen Gewand verschwinden. Irgendwo, wo man sie auch dann nicht sehen konnte, obwohl man nun wusste, dass sie da war.
»Geht es dir gut?«, fragte Sarsar schmallippig, aber ohne Riath aus den kalten Augen zu lassen.
Xaith nickte und konterte genervt: »Ja, verdammt. Halb so wild, ich bin doch kein zerbrechlicher Zweig!«
May legte ihre Hände auf Riaths Schultern und zerrte ihn zum Stuhl, weit genug fort von Xaith, und massierte ihm die Schultern. »Ganz ruhig, Großer.«
Aber Riath war ruhig, zu ruhig, wie erschlagen hing er im Stuhl und wurde sich bewusst, was er getan hatte. Er schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid«, jammerte er. Die Feuermale auf seinen Armen waren wie durch Zauberhand verheilt. Selbst ein Luzianer heilte nicht innerhalb weniger Augenblicke, das war vollkommen unmöglich.
»Scheiße«, Riath fuhr sich mit einer zitternden Hand durchs Haar, »ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Das wollte ich gar nicht.«
Xaith nickte, sah ihn aber nicht an. »Ich weiß. War meine Schuld, Bruder.«
Natürlich wusste er das, Riath hatte sich nämlich noch weniger unter Kontrolle als Xaith, er war stets und überall seinen Gefühlen ausgeliefert. Jedem Gefühl. Ob Hunger, Freude, Übermut, Trauer, Lust oder Wut… er empfand alles viel stärker als alle anderen und verwandelte sich in etwas, das er nicht war.
Nur wusste das niemand. Niemand bis auf Xaith.
Das war es, was sie teilten und immer teilen würden.
Kapitel 8
»In Ordnung«, Eagle rieb sich die Augen mit zwei Fingern, »können wir das bitte noch einmal in einer Kurzfassung zusammenbringen.« Er lehnte sich in seinem Rollstuhl nach vorne und legte die Unterarme auf seinen massiven Tisch.
Alle anderen standen um den Tisch herum, sie hatten keine Stühle gewollt. Den Jungen – Kacey – hatten sie nach draußen geschickt, und Bellzazar hatte Korah beauftragt, ihn zu »beschützen«, was bei ihm nichts anderes hieß, als Überwachung.
Cohen sah von Eagle zu Bellzazar, der das Wort erhob.
»Die Kurzfassung? Die Königin von Zadest wurde von einer Druidin gestürzt, die durch ein Portal Kontakt zu ihrer Göttin suchte. Statt ihre Göttin, fand sie eine Fremde, die in sie fuhr und nun sie und ganz Zadest kontrolliert. Kurz um, wir haben einen Parasiten in unserer Welt: eine Göttin, die unsere magischen Ressourcen will. Um uns gänzlich zu unterjochen, muss sie das Portal so lange mit Magie speisen, bis es geradezu explodiert und einen großen Riss verursacht, dazu braucht sie Kacey, denn seine Macht ist dazu in der Lage, Risse entstehen zu lassen, indem er die Zeit kontrolliert, der kleine Wicht. Außerdem müssen sie mich töten, denn ansonsten ist ihre Invasion nur eine Besetzung, und das reicht ihnen natürlich nicht. Nein, sie wollen meinen Kopf rollen sehen. Natürlich, was sonst? Wäre ja auch zu schön, würde es ohne Blutvergießen gehen, was? Nun ja, aber ihr eigener Wächter, der den Auftrag hatte, mich kalt zu machen, haben Cohen und ich bereits in unserer Obhut-«
»Ich bin auf eurer- Urghs…«
Bellzazars Arm war blitzschnell vorgeschnellt und drückte Places Kehle zu. »Schnauze, Silbersträhne, ich rede.«
»I…In O..Or…Ordnung«, ächzte der Wächter.
Cohen musste neben Bellzazar in sich hineinschmunzeln.
Souverän fuhr Bellzazar fort: »Wie dem auch sei. Das Problem ist, wenn es dieser selbst ernannten Herrin gelingt, einen Riss zu erschaffen, der groß genug ist und lange genug hält, um ihre Götter hierher zu lotsen, ist es aus, und zwar mit uns allen. Ihre Magie macht Sterbliche zu willenlosen Sklaven, und es gibt keinen Zauber – nicht in unserer Welt – der uns davor schützen könnte.«
»Also müssen wir sie aufhalten«, schlussfolgerte Desiderius und nagte nachdenklich an seiner Wange, während seine klugen Augen bereits die Karte auf dem Tisch studierten.
»Wir müssen das Portal schließen«, mischte Levi sich ein, »aber wir haben zu wenig Magie, wir haben kaum genug Götter, um es schließen zu können, also…«
»Muss derjenige, der das Portal mit Magie speist, es für uns schließen«, fuhr Bellzazar fort.
Nun sah Wexmell neben Desiderius erschrocken auf: »Du meinst, Kacey muss dorthin zurück, wo man ihn Jahre lang festgehalten hat?«
Die traurige Geschichte des Jungen hatten sie bereits erfahren.
Bellzazar nickte. »Richtig. Das ist der einzige Weg. Ich könnte ihm auch seine Magie absaugen, aber in seinem Zustand ist er zu schwach und seine Magie nicht mehr als ein leiser Lufthauch. Und wir haben nicht genug Zeit, ihn zu Kräften kommen zu lassen. Wir müssen sobald aufbrechen, wie wir können und hoffen, dass er auf der Reise genug Macht zurückerlangt, um im richtigen Moment bereit zu sein.«
»Oder wir töten ihn.«
Auf den Vorschlag hin schien im Raum für einen Moment die Zeit still zu stehen.
Dann fuhr der Zadestianer herum. »Einen Scheiß werdet ihr…«
»Fen«, murmelte sein riesiger Gefährte und legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn zurückzuhalten.
Mit einem genervten Laut befreite er sich aus dem Griff, hielt sich aber zurück.
Bellzazar verdrehte die Augen und sah Place genervt an. »Deshalb sollst du deinen verdammten Mund halten«, zischte er angespannt.
»Aber er hat recht, oder?«, hakte Desiderius pragmatisch wie immer nach. »Das ist auch eine Möglichkeit. Keine schöne, aber es ist eine.«
Dafür erhielt er ebenso zornige Blicke, auch von seinem Prinzen.
»Ich sage nicht, dass wir es in Betracht ziehen«, betonte er und sah Wexmell schulterzuckend an, »aber es ist eine Hintertür, die wir nicht vergessen sollten.«
»Nein, eigentlich nicht«, warf Bellzazar dann ein und wackelte zweifelnd mit dem Kopf.
Levi sprach für ihn weiter: »Wir wissen nicht, was geschieht, wenn Kacey stirbt. Er hat fast all seine Macht in dieses Portal geleitet, es ist fast, als wäre es ein Teil von ihm. Gut möglich, dass es ebenso erlischt, wenn er stirbt, aber genauso gut könnte es sein, dass seine Magie dadurch brüchig wird und das Portal … ebenso auseinanderbricht und einen Riss verursacht. Einen unkontrollierten Riss zwar, aber dennoch einen Riss.«
Nachdenkliches Schweigen legte sich über die Runde. Desiderius rieb sich das markante Kinn, auf dem ein leichter Bartschatten lag, und Cohen musste den Blick von ihm losreißen. Es war so seltsam, nach allem, was geschehen war und all der Zeit, die vergangen war, wieder hier zu sein, neben ihm zu stehen, ihn sehen und fühlen und sogar riechen zu können. Seinen wunderbaren, männlichen Duft, der so vertraut war, dass er sofort ein Gefühl von Geborgenheit auslöste.
Und doch war es nicht wie früher. Ganz und gar nicht, nicht für Cohen. Zu viel war passiert, zu viel Wahrheit ans Licht gekommen, zu viele Gefühle … entflammt.
Cohen schloss für einen Moment das Auge und seufzte tief. Es war anstrengend, alle ins Bild zu setzen, wenn man bereits über alles Bescheid wusste. Lästige Wiederholungen, die kostbare Zeit kosteten. Zeit, die er gern woanders verbracht hätte. Bei seinem Sohn zum Beispiel, den er nun kennen lernen konnte, wenn dieser es denn wollte.
Cohen spürte das Leid in diesem Raum. Jedes einzelne. Desiderius`, Eagles, von diesem Doragon und seinem Gefährten Fen, sogar eine Spur Leid, die von Wexmell ausging, und Bellzazar großes Leid, das in Gegenwart seines Bruders ins Unermessliche zu steigen schien.
So viel Schuld – sie erstickte fast den Raum.
Aber da war auch Liebe. Tiefe Liebe und pure Freude. Freude und Liebe seiner einstigen Kameraden, die ihn wahrhaftig vermisst hatten. Ein ordentlicher Hauch Verwirrung schwebte über allen Köpfen. All das schlug auf ihn ein, all das konnte er plötzlich spüren. Es war eine völlig neue Welt, eine Welt der Gefühle, voller Farben und rauschender Winde. Es war schön, einfach schön.
Und er spürte, dass er in seinem Bewusstsein nicht allein war. Bellzazar war mit seinem Geist in ihm, war mit ihm verschmolzen und steckte alle schlechten Gefühle in eine Truhe, damit sie seine dämonische Seite nicht weckten.
Es war wundervoll, ihn in sich zu spüren. Cohen lächelte über die Vieldeutigkeit seiner Gedanken. Aber so war es, in jeder Hinsicht. Es war schön, nicht mehr allein zu sein, mit Bellzazar in seinem Geist würde er nie wieder einsam sein, nicht einmal in tiefen Gedanken.
Ob geistig oder körperlich, Bellzazars Anwesenheit beruhigte ihn auf eine viel tiefere Art als er je für möglich gehalten hätte.
»Und wenn wir …«, erhob Eagle zögerlich das Wort, »…mit dieser Herrin verhandeln?«
Alle sahen ihn neugierig an.
Er zuckte mit den Schultern. »Ich meine ja nur, einen Versuch wäre es doch wert.«
»Ich weiß, was du meinst«, mischte Wexmell sich ein, »und jeder hier weiß, dass ich immer für die friedliche Lösung bin. Aber wie wollen wir mit jemandem verhandeln, der uns unterjochen will?«
»Freiheit im Austausch für den Jungen«, sagte Doragon matt. »Das ist, was sie euch versprechen, aber nicht halten wird.«
»Woher wollt Ihr das wissen?«, fragte Eagle barsch. »Woher wollt ihr alle so genau wissen, dass all eure Vermutungen wahr sind?«
»Das sind keine Vermutungen, sondern Fakten!«, warf Bellzazar ein.
Eagle sah ihn aufgebracht an und schnaubte. »Warum stehen wir hier und hören dir überhaupt zu? Du bist ein verdammter Verräter! Und ein Lügner! Das warst du immer und wirst es immer sein!«
Das tiefe Knurren im Raum ließ Köpfe herumwirbeln.
»Das ist er nicht«, presste Cohen durch die Zähne und taxierte Eagle wütend. »Er lügt nicht, ich kann es bezeugen.«
»Er ist ein Verräter«, beharrte Eagle und sah Cohen eindringlich an, »er fiel mir – uns! In der Schwarzen Stadt an Nohvas Küsten in den Rücken!«
»Ich musste euch einen Feind geben, der euch zusammenschweißt. Ihr Menschen habt euch dort in der Stadt gegenseitig bekämpft! Ihr brauchtet mich, um einen gemeinsamen Feind zu haben!«, verteidigte sich Bellzazar.
Eagle schüttelte herablassend den Kopf. »Mach dich nicht zum Helden, du bist nichts weiter als ein hinterlistiges Wiesel, dem ich niemals trauen werde!«
»Pass auf, was du sagst«, warnte Cohen ihn.
Eagle fuhr zu ihm herum. »Was ist los mit dir? Du warst doch auch dort, als die Dämonen uns überfielen!«
»Belehre mich nicht, Eagle, ich war es, der dich rettete!«
»Es war Ari, die mich schwerverletzt rauszog«, warf Eagle ein.
Cohen schnaubte. »Aber ich zog deinen Feind von dir fort und gab euch die Möglichkeit zur Flucht. Also erzähl du mir nichts über die Schlacht in der Schwarzen Stadt! Ich war länger dort als du! Und wenn ich vergeben kann, dann solltest du das auch! Bell ist längst nicht nur das, was wir sehen wollen, sonst wäre ich heute nicht hier.«
»Bell?« Eagle verengte die Augen. »Ist es, weil du jetzt ein Dämon bist? Ist es das? Bist du deshalb irgendwie auf ihn geprägt? Ist er jetzt dein Meister und du sein kleiner Diener?«
Cohen machte einen Schritt um den Tisch herum, um auf ihn loszugehen, als ihn Bellzazars Arm von hinten umschlang und Desiderius ihm eine Hand auf die Brust legte.
»Genug jetzt!«, mischte sich der König von Nohva ruhig, aber entschlossen ein. »Hört auf, alle beide. Lasst die Geschichten von gestern ruhen, heute stehen uns schlimmere Probleme ins Haus.« Tadelnd sah er Eagle an, der sich zischend abwandte und sich auf seinen Stock stützte.
Cohen wollte ihm für seine Behauptung immer noch an die Gurgel, aber Bellzazar zog ihn an sich, sodass er dessen Brust und flachen Bauch am Rücken spüren konnte. Er beugte den Mund zu Cohens Ohr und raunte: »Das ist das dämonische Feuer, Coco, atme tief durch. Komm schon, tu es für mich, atmet die Wut einfach weg. Atme sie raus.«
Er nahm Bellzazars Rat an und konzentrierte sich darauf, sich zu beruhigen. Er schaffte es mit etwas Mühe.
Wexmell beäugte sie dabei mit schmalen Augen.
Doch Desiderius` Stimme lenkte alle Aufmerksamkeit wieder auf ihn. »Ich gebe zu, dass Zazar nicht gerade vertrauenswürdig ist…«
Cohen konnte Bellzazars Schmerz spüren, als wäre es sein eigener. Umso erstaunlicher war seine vollkommen unbewegte Haltung, als ließen ihn die Worte seines Bruders kalt.
Verdammt, er hasste Bellzazars stummen Schmerz. Hasste ihn, weil er ihn so gut selbst kannte.
»Pssst«, flüsterte Bellzazar ihm ins Ohr, als hätte er seine Gedanken erraten, und streichelte ihm kaum merklich die Brust.
»…aber wenn Cohen sagt, wir können ihm glauben, dann glaube ich ihm auch. Zazar ist auch nicht hier, um uns um Vergebung zu bitten, sondern weil wir alle einander brauchen. Mal wieder. Wir können also weiter über die Vergangenheit streiten, oder uns zusammenreißen und uns der echten Gefahr zuwenden. Und eines möchte ich noch betonen.« Desiderius sah Eagle eindringlich ins Gesicht. »Mich traf Zazars Verrat ja wohl am meisten, aber wenn ich ihn dulden kann, dann kannst du das wohl auch, Eagle.«
Eagle grunzte, ließ sich aber zu einem Nicken herab.
»Gut!« Desiderius sah sich in der Runde um. »An diesem Tisch ist kein Platz für persönlichen Groll, lasst ihn uns beiseitelegen und für privatere Räume aufsparen. Ragon, Fen, vergebt uns Westländern unsere Streitigkeiten, es liegt uns leider im Blut.«
Doragon sah Desiderius einen Moment zu lange in die Augen, sagte aber nichts dazu. Cohen sah ihn nicht gerne an, trotz Maske war die Verwandtschaft unverkennbar. Nicht zu Desiderius, sondern zu Rahff. Rahff dem Ersten. Rahff, dem Verräter. Rahff – Cohens Großvater. Womit dieser Doragon, dieser fremde Wilde, Cohens Onkel war.
Von allen Familien, die sich hier am Tisch zusammengefunden hatten, hatten Cohen und Doragon vermutlich die komplizierteste. Vielleicht sollten sie mal einen Stammbaum anfertigen lassen.
Andererseits schien Doragon kein Interesse an irgendeiner Art Verwandtschaft zu haben, vielleicht wusste er auch nicht, dass Cohen ebenfalls ein Youri war, und es war auch schlicht gleich. Es hatte keine Bedeutung mehr, nicht für Cohen. Er hatte seine Familie vor langer Zeit für Desiderius verraten, er würde es wieder tun. Wie es um Doragons Herz bestellt war, wusste er nicht, und er wollte es auch nicht wissen, solange er kein Feind war.
Alles andere war nicht von Belang.
»Ich kann das alles gar nicht glauben«, sagte Eagle und fuhr sich durch sein rotblondes Haar, »ich stand in Verbindung mit der Königin von Zadest! Sie antwortete wie immer mit einem persönlichen Schreiben auf die Einladung zum Friedensabkommen! Wie kann sie schon tot gewesen sein?«
Desiderius runzelte nachdenklich die Stirn. »Bist du sicher, dass sie antwortete? Der Brief könnte ebenso gut gefälscht sein.«
»Das war er ganz sicher«, murmelte der Zadestianer mit starkem Akzent, wobei er das R seltsam über seine Zunge rollte.
Eagle sah ihn an und musterte ihn von Kopf bis Fuß, dann sah er Doragon an. »Fassen wir also zusammen. Diese Herrin – diese Göttin – hat bereits eine Armee aufgestellt, die in den Wäldern vor meiner Stadt lauert, mein Sohn ist der Schlüssel zu ihrem Erfolg, und gleichzeitig auch unsere Rettung, obwohl er so dürr und kränklich aussieht, als würde ihn ein Atemhauch umpusten…«
»Was man von Euch nicht mehr behaupten kann«, murmelte Bellzazar und weitete die Augen.
Desiderius trat ihm auf den Fuß, damit er den Mund hielt.
Eagle wandte sich an Doragon und fuhr fort: »Und Ihr seid ein Blutdrache, der unter Tiermenschen aufwuchs? Ihr habt Sklaven befreit, darunter meinen Sohn, und ersucht uns nun um Hilfe?« Er stieß arrogant den Atem aus. »Und wer sagt mir, dass ihr nicht auch von dieser Herrin versklavt wurdet?«
»Mein Kaiser«, begann Doragon höflich, »es ist deutlich sichtbar, wenn man von der weißen Magie der Herrin befallen ist. Leuchtende Linien schlängeln sich durch die Venen und enden in den Schläfen, wo sie den Verstand der Sklaven kontrollieren.«
Eagle geriet ins Grübeln.
»Wenn ich kurz erklären dürfte…«, fragte Doragon zögerlich.
Eagle forderte ihn ungeduldig auf.
»Sklaven gab es in Zadest schon seit Jahrhunderten. Die Frauenstämme stecken die Jungen schon bei der Geburt in Arbeiter- oder Zuchthäuser. Die Sklaverei ist dort nicht ganz so grausam wie in manch anderen Reichen, zumindest körperlich nicht.«
Fen schnaubte neben ihm, er hatte dazu offensichtlich eine andere Meinung.
»Als die Königin gestürzt wurde, flohen die Frauenstämme und ließen ihre Sklaven zurück«, fuhr Doragon fort, »diese Sklaven befreiten wir, ehe die Herrin sie in die Finger bekommen konnte. Denn diese Sklaven macht sie zu ihren eigenen und baut ihre Heerscharen auf.«
»Weshalb ihre Armee größtenteils aus Männern besteht, die nie zu Kämpfern ausgebildet wurden.«
»Warum fürchtet ihr ihre Armeen dann so?«, hakte Wexmell nach.
Doragon erklärte: »Die Herrin hat ihnen die Furcht genommen. Außerdem kann sie sie über große Distanzen hinweg kontrollieren und befehligen.«
»Das heißt, sie ist gar nicht hier«, vermutete Desiderius.
»Wir vermuten, dass sie im gespaltenen Turm ist. Dort.« Doragon legte den Finger auf einen weit östlich gelegen Punkt auf der Karte in mitten des Dschungels von Zadest. »Dort befindet sich auch das Portal.«
»Dort müssen wir den Jungen hinbringen«, sagte Bellzazar.
Eagle schüttelte wieder den Kopf, dieses Mal nachdenklich. »Was ist mit den Frauenstämmen? Wenn sie geflohen sind, warum batet ihr dann nicht sie um Hilfe? Es geht schließlich um ihre Heimat!«
»Sie sind zerstritten und zerstreut ohne Königin«, erklärte Fen und zuckte mit den Achseln. »Außerdem sind wir Männer, sie würden uns nicht zuhören. Sie verstecken sich lieber in ihren Lehmstätten.«
»Wie konnte das passieren?«, flüsterte Wexmell betroffen und starrte auf die Karte von Zadest. »Wann fing es an und wieso?« Er hob fragend den Blick zu Fen. »Wie konnte solch ein Hass auf Männer entstehen?«
»So wie jeder Hass entsteht«, erklärte Doragon, »wenn eine Gruppe von Menschen nur lange genug unterdrückt wird, wehrt sich diese Gruppe irgendwann und setzt sich an die Spitze. Genauso war es in Zadest vor vielen Jahrhunderten. Genauso wie es vor ein paar Jahrzehnten im Westen war, als eine Kirche eine Liebe unterdrückte und ein paar Männer genug hatten. Heute ist es bei euch Sitte, Männer zu lieben, vor ein paar Jahren war es eine Sünde. Heute ist es üblich, in Zadest Frauen regieren zu lassen, vor ein paar Jahrhunderten waren die Frauen dort nur Huren.«
Wexmell lächelte leicht. »Ihr wisst vieles.«
»Vieles«, nickte Doragon, »es gab Seher in meinem Stamm, die das Weltgeschehen beobachteten.«
So hatte er also alles über den Westen erfahren, das erklärte sein Wissen.
»Es muss doch jemanden geben, der die Stämme wieder vereinen kann«, überlegte Eagle, »eine Tochter oder Schwester der Königin. Eine nahe Verwandte? Irgendjemand?«
Fen und Doragon schlugen die Augen nieder, aber man spürte, dass sie etwas verheimlichten. Sie wurden mit Blicken durchbohrt.
»Es gibt jemanden«, gestand Doragon schließlich.
Fen sah ihn böse an. »Ragon!«
Aber sein Gefährte sah nicht auf.
Fen fluchte in einer anderen Sprache und wandte sich ab.
Gequält seufzte Doragon, dann hob er den Blick und sah in die Runde. »Die Königin hat einen Bruder. Ich habe ihn befreit, er war ein Sklave. Sie wollte, dass ich ihn rette, also habe ich ihn gerettet und dafür gesorgt, dass er kämpfen kann. Ihm gehört meine Treue.« Er sah zu Desiderius, als wollte er damit mehr sagen, als die Worte, die aus seinem Mund gekommen waren.
»Dann wollte sie, dass er ihr Nachfolger wird?«, hakte Desiderius nach.
Eagle mischte sich ein: »Wo liegt das Problem?«
Fen lachte humorlos und wanderte hinter Ragon auf und ab. »Es gab in Zadest noch nie einen Mann, der die Stämme vereinen konnte. Noch nie! Und es wird auch nie einen geben.«
Desiderius verengte seine klugen Augen. »Ihr seid das, habe ich Recht? Ihr seid der Bruder der Königin.«
»Sie werden ihm nicht folgen«, ging Doragon dazwischen.
Desiderius zuckte mit den Schultern. »Trotzdem ist er der rechtmäßige Erbe, wenn die Königin keine Kinder hatte und es ihr letzter Wunsch war.«
Bellzazar ließ Cohen los, der diesen Umstand sehr bedauerte, und erhob das Wort. »Das ist alles nicht von Belang, denn selbst wenn die Stämme dem Ruf ihres Prinzen folgen, wären sie nicht in der Lage, das Problem selbst zu lösen. Ihre Magie reicht nicht aus. Zadest wird das Problem nicht von selbst lösen, vielleicht wird es niemals wieder ein geeintes Zadest geben, es ist nicht weiter von Belang.« Er sah Fen an und nickte.
Seltsamerweise schien das den Zadestianer zu beruhigen.
Nun, nicht jeder war dazu gemacht, seinem Schicksal entgegen zu treten.
Desiderius rieb sich die Falte zwischen den Augen. »Was also müssen wir tun?«
Endlich kam jemand zum Kern der gesamten Versammlung.
»Wir müssen Kacey zum Portal bringen, die Göttin töten oder verbannen und dann das Portal verschließen.«
»Das wird nicht so einfach«, murmelte Place.
Bellzazar legte ihm eine Hand ins Gesicht und drückte ihm die Lippen zusammen, ohne ihn auch nur angesehen zu haben.
»Wir bringen Kacey dorthin«, sagte Doragon und straffte die massigen Schultern, »wir haben geschworen, ihn zu beschützen, und sind es unserer Heimat schuldig, sie zu befreien.«
»Wie romantisch«, versetzte Bellzazar sarkastisch. Er wurde ignoriert.
Fen wirkte gequält. »Gibt es keinen anderen Weg?«
»Nein«, sagte Bellzazar entschieden und ohne jegliches Mitgefühl. Dann fuhr er in einem fort: »Das wirklich Beunruhigende dabei ist der Zustand des Jungen. Eagle hat recht, er ist kränklich. Ich glaube nicht, dass er auch nur einen Funken Magie erzeugen kann, ohne an Erschöpfung zu sterben. Die Reise zum Portal wird beschwerlich und nicht gerade zu seiner Erholung beitragen. Wir werden also alle Macht brauchen, die wir bekommen können.« Damit sah er Desiderius an, der angestrengt über der Karte grübelte und einen Moment brauchte, bis er die erwartungsvolle Stille bemerkte.
»Was?« Er sah Bellzazar an und wusste sofort, was diesem vorschwebte. Sein Gesicht wurde dunkel wie der Himmel bei einem Gewitter. »Auf gar keinen Fall!«
»Du kannst deine Kinder nicht ewig beschützen.«
»Wir werden sie nicht in Gefahr bringen!«
»Dann gehen wir alle unter«, konterte Bellzazar streng. Desiderius` Nasenflügel bebten.
»Sie besitzen große, magische Fähigkeiten«, beschwor Bellzazar ihn, »die wir brauchen werden, Desiderius! Wir brauchen jeden, der auch nur einen Hauch Magie in sich trägt, um den Jungen zu unterstützen. Denn stirbt er, bevor das Portal schließt, entsteht ein Riss.«
Das darauffolgende Anstarrduell sorgte für ein Knistern in der Luft, und es war Desiderius anzusehen, dass er Bellzazar am liebsten den Kopf abgerissen hätte.
»Du bist doch ein Gott! Unterstütze du ihn!«
»Daf wif nift reifen«, nuschelte Place.
»Was?«, bellte Desiderius.
Bellzazar verdrehte die Augen. »Das wird nicht reichen«, übersetzte er und ließ Places Gesicht los, woraufhin dieser sich die Lippen leckte.
»So nachtragend«, stöhnte er dabei.
»Du hast mich vergiftet, und bräuchten wir nicht auch deine Macht, würde ich es dir heimzahlen.«
Desiderius rieb sich die Stirn, während Wexmell neben ihm den Kopf schüttelte.
»Wir können unsere Kinder nicht mitnehmen!«, sagte er.
Bellzazar wurde nun doch mitfühlend, als er seufzte. »Ich weiß, der Gedanke ist beängstigend, aber sie sind keine Kinder mehr. Wex. Derius. Wir brauchen sie jetzt, mehr als ihr euch vorstellen könnt. In ihnen fließt die Magie dieser Welt, genau wie in Kacey und wie in mir und Korah und Levi. Diese Magie ist es, die sich gegen die fremde Magie behaupten muss.«
»Warum ist diese Göttin so viel stärker?«, seufzte Desiderius genervt.
»Das ist sie gar nicht«, warf Place ein, »nur das Portal macht sie so stark. Das – und ihre Sklaven. Je mehr sie davon hat, je mehr Lebensenergie nimmt sie in sich auf.«
»Und genau das müssen wir mit Kacey tun«, erklärte Bellzazar, »wir lassen alle unsere Magie in ihn fließen, um seine groß genug werden zu lassen, damit er das Portal bannen kann.« Er wandte das Gesicht zu Desiderius und verzog bedauernd den Mund. »Wir werden mit deinen Kindern trainieren müssen, Bruder, so viel wir können.«
Desiderius schüttelte noch immer den Kopf.
»Habe jetzt den Mut, sie einzusetzen«, sprach Bellzazar auf ihn ein, »und sehe zu, wie sie daran wachsen. Denn auch sie sind eine Waffe, du weißt das, Derius! Du spürst es!«
Und an seinem unbehaglichen Blick sah man, dass es wahr war.
»Lass sie uns einsetzen, Bruder, oder gemeinsam mit ihnen untergehen.«
Desiderius atmete schwer aus und sah sich nach Wexmell um, er streckte die Hand aus und Wexmell verschränkte seine Finger mit seinen. Sie gaben sich Kraft.
»Wir müssen erst darüber nachdenken«, sagte Desiderius dann.
Wir. Cohen hörte ganz deutlich dieses Wir, das sie zu einer Einheit machte, die alle anderen ausschloss. Da war es, dieses Wir, das ihn immer verletzt hatte. In diesem Moment lehnte er sich wieder an Bellzazar, der den Arm um ihn schlang.
Dann war es gut. Es war einfach … gut.
»Lass dir nicht zu viel Zeit«, warnte Bellzazar Desiderius, »die Armee, die uns vernichten soll, steht schon bereit.«
Kapitel 9
Unwohl beäugte er den Raum, in den sie gebracht worden waren. Alles in dieser Stadt schien weiß zu sein, von innen und von außen, überall glänzte weißer Marmor. Und alles schien auf massiven Säulen zu thronen. Die Villa selbst lag am höchsten Punkt der Stadt und ragte über allen anderen Gebäuden, umringt von grünen Gärten und Mauern.
Kacey wusste noch nicht, ob es ihm hier gefiel. Er war beeindruckt von der Schönheit der Gebäude, ihren makellosen Fassaden, und dem funkelnden Gold, das alles verzierte, aber ebenso war er eingeschüchtert von der Größe und der Helligkeit der Stadt. Von dem beengten Leben hier, den vielen Menschen, den bewaffneten Wachen.
Es war ihm wieder, als wäre er eingesperrt, obwohl ihm dieses Mal keine Fesseln angelegt wurden. Einzig und allein Ragons und Fens Anwesenheit beruhigte ihn, und er hoffte, dass sie zu ihm stießen, sobald ihre Unterredung mit den Herrschern des Westens beendet war.
Seufzend wandte er sich vom Fenster ab, das keine Scheibe bot, und kehrte dem langsam in den Abend übergehenden Tag draußen den Rücken zu. Kerzen waren bereits in seinem Gästegemach angezündet und schimmerten golden auf dem glänzenden Boden. Etwas steif setzte er sich auf die Kante einer gepolsterten Liege und ließ den Blick über den unpersönlich eingerichteten Raum schweifen. Er hatte ein Bett, eine Gruppe Sitzmöbel, Waschschale, Spiegel, Tisch und Kommode zur Verfügung, ein paar dekorative Vasen und Kelche sowie Gemälde und Jagdtrophäen hingen an den Wänden, Seide schimmerte überall in Blutrot oder Gold.
Sein Aufpasser fläzte sich gelangweilt im Bett und durchbohrte ihn mit Blicken.
Kacey wich geflissentlich seinen allzu neugierigen Augen aus.
»Ihr seid einsam«, sagte dieser dann plötzlich. Es war keine Frage, es war eine trockene Feststellung.
Stirnrunzelnd sah Kacey ihn an. »Wie kommt Ihr darauf?«
Der andere Junge grinste. Ein freches, breites Grinsen, das so unverschämt war, dass man nicht wusste, ob man sich darüber ärgern oder amüsieren sollte. Er war schön, beneidenswert schön. Nicht auf eine Art, die Kacey begehrte, aber trotzdem schön. Makellose Haut, hell wie Milch und geschliffen wie eine frisch aus dem Felsen gehauene Statue. Schwarzes Haar wie Seide und zwei große wässrige Augen, funkelnd wie azurblaue Edelsteine. Das Gesicht so fein und sanft wie das eines Mädchens, doch die Brust flach wie die eines Knaben. Aber eine Verruchtheit im Blick, über die man den Kopf schütteln musste.
»Ich kann es fühlen«, entgegnete der Frechdachs, »die Einsamkeit umhüllt euch wie dichter Nebel. Ich kann förmlich schmecken, wie sehr Ihr Euch nach einem Ende davon sehnt.«
Kacey wollte trotzig den Blick abwenden, doch dann seufzte er stattdessen. »Tun wir das nicht alle irgendwie?«, flüsterte er dann matt und starrte zur Seite. »Endlich bin ich frei und will das auch spüren.«
Das breite Grinsen verging seinem Aufpasser, er wurde ernst. »Ihr seid ihm zu jung.«
Verwundert sah Kacey ihn wieder an. »Wie bitte?« Ihm gefiel nicht, wohin das Gespräch führte.
»Doragon«, erklärte er Kacey entschuldigend, »er hält Euch für zu jung, sieht nur ein Kind in Euch, das er beschützen muss und beschützen will. Auch vor sich selbst. Deshalb hat er Euch nicht zurückgeküsst.«
Kacey zuckte zusammen. »Wo…woher wisst Ihr …?« Er brach ab und schluckte schwer mit bleichem Gesicht.
Der andere Junge legte mit einem nachsichtigen Lächeln den Kopf schief. »Ich sehe mehr, als es Euer sterblicher Verstand begreifen könnte, ohne anwesend sein zu müssen. Ich sehe, was war und was ist – und manchmal«, er senkte die Stimme unheilvoll, »auch was mal sein wird.«
Kacey blinzelte überrascht. »Ihr … Ihr hab die Gabe des Sehens!«
Sein Aufpasser nickte. »Wie beinahe jeder Gott.«
Fröstelnd zog Kacey die Füße auf die Liege und umschlang die Knie mit den Armen.
Mit verengten Augen durchbohrte ihn der andere Junge vom Bett aus und rutschte dann aufgeregt an die Kante. »Soll ich Euch etwas vorhersagen?«
Kacey schüttelte stumm den Kopf. »Ich bin nicht sicher, ob ich mein Schicksal kennen will.«
»Schade«, enttäuscht seufzte sein Aufpasser, »dabei wäre es etwas wirklich Gutes gewesen. Etwas, womit ihr garantiert nicht rechnet.«
Neugierig wanderten Kaceys Augen über das blutjunge Gesicht, das ihm herausfordernd entgegenblickte und wieder breit grinste. Aber er war sich wirklich nicht sicher, ob er etwas über seine Zukunft hören wollte, die Aussicht darauf, sie zu kennen, ängstigte ihn.
»Ich kann es Euch in Rätseln sagen«, schlug der andere vor und tippte sich an das spitze Kinn. Ohne auf eine Antwort zu warten, sprudelten die Worte aus ihm heraus, sobald er sie sich in seinem Kopf zurechtgelegt hatte. »Den ersten Kuss wollte Euch keiner erwidern, den zweiten wollt Ihr nicht geben. Es ist ein Spiel zunächst, für Euch nur eine Blödelei, doch dem anderen ist es ernst, er legt sein Herz auf seine Lippen, doch ihr werdet es brechen – und es gleichzeitig zähmen.«
Kacey war wie erstarrt, während die Worte auf ihn wirkten und sein Herz jede einzelne Silbe zerteilte, umdrehte und erforschte, um sich ihrer Bedeutung gewiss zu sein.
»Ihr kennt denjenigen bereits«, grinste der andere Junge spitzbübisch, »aber ihr beide habt noch keine Ahnung, dass Eure Leben verknüpft sind.«
Nun überschlugen sich Kaceys Gedanken. So viele Personen kannte er schließlich nicht, es musste jemand sein, den er bereits getroffen hatte. Jemand, der jetzt im Audienzsaal war…?
Er schüttelte den Kopf und wollte die Grübeleien verscheuchen. Was kümmerte ihn ein Kuss in der Zukunft, wenn er gerade fürchtete, dass er keine mehr hatte. Zumindest keine allzu lange.
Wo sollte er hin, wenn sein Vater ihn nicht wollte? Und er machte sich keine zu großen Hoffnungen, sein Vater – der Kaiser – hatte nicht gerade großes Interesse an ihm gezeigt. Ganz im Gegenteil, Kaceys Anwesenheit war ihm sichtlich unangenehm gewesen und sie hatten sich beide nur argwöhnische Blicke zugeworfen.
Tief durchatmend legte er die Stirn auf seine Knie und versuchte, ruhig zu bleiben.
Wenn doch nur endlich Fen und Ragon kommen würden, dann ginge es ihm gleich viel besser.
Sein Aufpasser seufzte leise, sein weißes, knappes Gewand raschelte leise, als er vom Bett aufstand. »Ihr lasst Euch nicht gern von Euren Sorgen ablenken, richtig?« Er setzte sich leise neben Kacey und betrachtete ihn plötzlich seltsam mitfühlend. »Wegen Eures Vaters, oder?«
Kacey nickte und nagte dabei an seiner vollen Unterlippe. »Ich glaube, er mag mich nicht sonderlich.«
Nachdenklich und nun auch eine Spur wehmütig sah der andere Junge ins Leere. »Das hilft Euch vielleicht nicht, aber ich glaube, mein Onkel mag mich auch nicht.«
Neugierig runzelte Kacey seine Stirn. »Wer ist Euer Onkel?«
»Der große Dunkelhaarige«, grinste der andere.
Kacey hob ratlos die schmalen Schultern. »Ich habe heute viele, große Dunkelhaarige gesehen…«
Leise lachend erklärte er Kacey: »Der König von Nohva, Desiderius M´Shier. Er ist … mehr oder weniger mein Onkel. Sein Bruder, Bellzazar – mit den schwarzen Augen – das ist der Mann, der mich erschuf. Mein Vater.«
»Und Ihr seid …?«
»Korah.«
Kacey lächelte. »Es freut mich, Euch kennen zu lernen, Korah – Bellzazars Sohn.«
Korahs Blick schimmerte stolz.
»Aber warum glaubst du, dein Onkel würde dich nicht mögen?«, hakte Kacey verwundert nach.
Seufzend wandte Korah den Blick ab. »Weil er sich gar nicht für mich interessiert hat, als Bellzazar mich vorstellte.«
»Oben auf dem Berg hatten sie wohl anderes im Kopf«, warf Kacey beruhigend ein, »es war vielleicht einfach eine Neuigkeit zu viel und hatte nichts mit dir persönlich zu tun.«
Darüber dachte Korah einen Moment nach, dann seufzte er und nickte zustimmend. »Ja, mag sein«, lächelte er entspannt. Er sah Kacey an. »So geht es sicher auch Eurem Vater. Er muss das erst einmal verdauen. Morgen wird die Welt vielleicht schon anders aussehen.«
Kacey glaubte nicht daran, doch er nickte nachdenklich und legte wieder das Kinn auf die Knie. »Ja, vielleicht.«
»He«, Korah stieß ihm einen spitzen Ellenbogen in die Rippen, »wollen wir uns die Zeit vertreiben?« Er zog ein Kartenspiel unter der Toga hervor, von dem Kacey nicht wusste, wo genau er es die ganze Zeit versteckt gehalten hatte. »Luzianisches Risiko?«
Kacey sah ihn ratlos an.
»Kommt«, grinste Korah und setzte sich vor ihn auf den Boden, auffordernd klopfte er mit der Hand vor sich, damit Kacey zu ihm kam, »ich zeige Euch, wie es geht.«
*~*~*~*
»Sie wollten lauschen«, sagte Wexmell mit einem amüsierten Grinsen, als er zurückkam und sich neben Desiderius an den Tisch lehnte.
Das war klar gewesen, dachte Desiderius bei sich und schüttelte über seine Kinder den Kopf.
Bellzazar stand mit verschränkten Armen vor ihm. »Viel können sie nicht gehört haben, ich habe einen Zauber über den Saal gelegt, sie haben jetzt sicher Ohrenrauschen.«
Wexmell nickte. »Haben sie.« Dann wandte er das hübsche Gesicht zu Desiderius um. »Ich habe den Orden gebeten, sie auf unserem Zimmer zusammenzupferchen. Sie weigerten sich, zu gehen, da musste ich ihnen versprechen, dass sie dich auf jeden Fall noch sehen dürfen.«
Wärme durchflutete Desiderius` Herz und ließ es vor Liebe anschwellen. Er nahm Wexmells Hand, drückte sie und lächelte ihn an.
Dann herrschte wieder beklommenes Schweigen, wie es auch geherrscht hatte, als Wexmell für eine Weile den Raum verlassen hatte, um nach den Kindern zu sehen, die nach Desiderius` Geschmack viel zu lange »still« gewesen waren. Wenn er lange kein Gezanke hörte, heckten sie etwas aus oder hatten bereits etwas angestellt. Wurde es zu still um sie, musste man nachsehen gehen.
Bis auf Desiderius, Wexmell, Bellzazar und Cohen – die ihnen gegenüberstanden – war der Raum leer. Eagle hatte sich zurückgezogen, er würde seine Kaiserin und seine Kinder über seinen Bastard ins Bild setzen, ebenso wie über die drohende Gefahr, dass die Stadt angegriffen werden könnte. Ragon und Fen wurden zu ihren Gemächern gebracht, während Place in eine Zelle gesteckt wurde und Levi ihn persönlich überwachte. Blieben nur noch sie. Sie vier. Und obwohl sie einst so vieles geteilt hatten, spürten sie alle deutlich diese tiefe Kluft zwischen ihnen, die es erschwerte, einen Anfang zu finden.
Desiderius verzehrte sich danach, die Hand nach Cohen auszustrecken und ihn an seine Brust zu ziehen, ihn einfach ganz festzuhalten und so lange zu spüren, bis er wirklich glauben konnte, dass er noch lebte.
Aber er bekam das Gefühl nicht los, dass Cohen das nicht wollte. Oder es ihm zumindest aus irgendeinem Grund unangenehm sein könnte, selbst wenn er diese Nähe gewollt hätte.
»Mir schwirrt der Kopf«, murrte Desiderius schließlich, um das Schweigen zu brechen. Er rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Stirn.
Wexmell seufzte. »Uns allen. Das ist alles nicht leicht zu glauben.« Er sah besonders Cohen an.
Wenn er wüsste… Desiderius würde ihn bald über Doragon ins Bild setzen müssen. Allerdings wollte er dafür einen freien Kopf und etwas mehr Zeit mit ihm allein. Das ging nur sie etwas an.
»Warum nennt man sie eigentlich immer noch Stämme?«, fragte Cohen plötzlich nachdenklich und offensichtlich nur, um irgendetwas zu sagen, damit kein neues Schweigen aufkam. »Seit sie eine Königin haben, meine ich.«
»Es ist einfacher«, erklärte Wexmell schulterzuckend. »Wie würdest du sie denn nennen? Es sind immer noch Stämme geblieben. Die Königin ist mehr ein Symbol gewesen, weniger eine Herrscherin. Sie stand an der Spitze, gewiss, um alle Stämme zu vereinen, aber innerhalb der Stämme gibt es noch einmal eigene Anführerinnen. Im Grunde hat sich durch die Ernennung einer Königin nichts geändert, nur dass sie ein Sprachrohr wählten, das sie alle respektierten und ihre Interessen mit anderen Ländern und in Zeiten des Krieges vertrat.«
»Wexmell Airynn, meine Lords und Ladys, das sprechende Geschichtsbuch«, spöttelte Zazar.
Desiderius sah ihn genervt an, aber Wexmell schenkte ihm ein amüsiertes Lächeln.
Wieder diese unangenehme Stille, selbst der sanfte Wind von draußen klang überlaut in ihrem anhaltenden Schweigen. Cohen trat nervös von einem auf den anderen Fuß und sah immer wieder zu Bellzazar auf.
Wie sie sich ansahen, so vertraut, so … als verschwiegen sie was vor ihnen. Das gefiel Desiderius ganz und gar nicht. Am liebsten hätte er Cohen grob an sich gerissen und sich gebieterisch vor Bellzazar aufgebaut. Aber ebenso gut hätte er sich die Hörner wetzen und wie ein Tier mit dem Huf schaben können, also hielt er sich mühsam zurück. Er wollte sich immerhin nicht noch dämlicher verhalten.
»Warum …« Er brach ab, räusperte sich. »Warum …verflucht noch mal, hast du mir nichts gesagt?«
Verwundert sah Wexmell Desiderius von der Seite an, hielt sich aber raus. Bellzazar wusste ganz genau, wovon Desiderius sprach, und musste nicht erst nachfragen, schuldbewusst senkte er die Augen.
»Weil er es nicht wusste«, fiel Cohen dazwischen, bevor er sich verteidigen konnte.
Desiderius sah ihn ärgerlich an. »Er wusste es nicht, ja? Sprichst du jetzt für ihn?«
Cohen presste ärgerlich die Lippen aufeinander.
»Tut er nicht«, murrte Bellzazar und sah Cohen an. »Du sprichst nicht für mich!«
»Also wusstest du es?«, hakte Desiderius nach.
»Wovon sprecht ihr?«, wollte Wexmell wissen.
Das war Cohens Stichwort, er sah Desiderius mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ja, Desiderius, wovon sprechen wir?«
Verdammt, was war nur los mit ihm? Warum war er so reizbar? Ob Eagle mit seiner Vermutung richtig lag? Ob sein seltsames Verhalten etwas damit zu tun hatte, dass er nun ein Dämon war und Bellzazar unweigerlich sein Fürst?
Der Gedanke gefiel ihm nicht, denn dann wären Mächte am Werk, gegen die er nicht ankäme.
»Was soll das?«, fragte er dünn und sah von Cohen zu Bellzazar, angewidert zog sich seine Lippe nach oben. »Was ist das, was da zwischen euch passiert? Woher kommt nur diese plötzliche Einheit, ihr habt Euch mal nur soweit getraut, wie ihr euch sehen könnt.«
»Ich habe nicht gesagt, ich würde ihm blind vertrauen«, warf Cohen ein, »aber …« Er brach ab, schloss das Auge und fluchte, während er nach Erklärungen suchte. »Ich weiß nicht, warum, vielleicht war es die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, die Seiten, die ich an ihm entdeckt habe. Aber ich sehe ihn jetzt anders… So, wie er wirklich ist. Trotz aller Fehlentscheidungen hat er dich immer geliebt. Uns alle, irgendwie. Und auch jetzt ist er nur hier, weil er uns helfen will. Euch, um genau zu sein.« Er zuckte ratlos mit den Achseln. »Ich finde einfach, er hat etwas Besseres verdient, denn er würde sich für jeden von uns opfern. Er ist ebenso für dich gestorben wie ich, Desiderius, und wir würden es beide wieder tun. Das verbindet uns.«
Bellzazar verdrehte die Augen und seufzte: »Ich hab mit ihm geschlafen, das ist passiert.«
Zack. Einfach so. Wie ein Hieb von hinten in den Rücken, der direkt ins Herz trifft. Für einen Moment waren die Worte sinnlos, Desiderius` Verstand musste sich erst darüber bewusstwerden, was sie bedeuteten, aber die Zeit war eingefroren, während Bellzazars Offenbarung in seinem Kopf nachhallte wie ein unheilvolldrohendes Echo in den Bergen.
Cohen fuhr entsetzt zu Bellzazar herum und öffnete den Mund, aber er war zu sprachlos, um etwas hervorzubringen.
»Was?«, fragte Bellzazar und zuckte mit den Schultern. »Warum müsst ihr immer so rumsülzen? So ist es doch. Wir haben beieinander gelegen, deshalb ist da irgendwie, irgendwas zwischen uns. Kein seltsam magisches Ereignis verbindet uns, außer die Tatsache, dass unsere Körper ineinandersteckten und es sich gut angefühlt hat. Ist wie bei Hunden, wir konnten uns eben einfach riechen, und als Cohen ein Geist war, hat uns der Hurenbock hier nicht mehr im Weg gestanden, also…«
»Ich bring dich um!« Desiderius warf sich auf seinen Bruder, noch eher er sich selbst so richtig bewusstwerden konnte, dass seine Wut überkochte.
Er rammte ihn mit der Schulter und trug ihn quer durch den glänzenden Saal, bis er das Gleichgewicht verlor und sie ineinander verkeilt zu Boden gingen. Blind schlug er zu und traf Bellzazar mitten im Gesicht, sodass Blut spritzte. Seine Faust pochte und bevor er den zweiten Treffer landen konnte, schlug die Faust seines Bruders mit einem dumpfen Laut in seine rechte Niere ein.
Der Schmerz ließ ihn keuchen.
Sie rangelten, stöhnten und schlugen nacheinander, knurrten und verbissen sich wie räudige Straßenköter, geblendet von einer übermächtigen, eifersüchtigen Wut. Bellzazar gab Desiderius eine zerschmetternde Kopfnuss, woraufhin dieser einen Moment nur noch schwarzsah, und rollte sich auf ihn.
»Hör auf!«, brüllte Bellzazar ihn an und packte ihn an seinem Hemd, um ihn ruhig zu halten.
Desiderius dachte gar nicht daran, er wollte ihn in Fetzen reißen, ihm an die Kehle springen und sie aufreißen. Ein blutroter Schleier lag vor seinen Augen und sein Zorn verlieh ihm ungeahnte Kräfte. Zum Glück konnte er sich nicht mehr verwandeln, sonst wäre Bellzazar längst in ernsthafter Gefahr. Mit einem lauten Brüllen, das von den Wänden widerhallte, packte Desiderius seinen Bruder an der Gurgel, warf ihn herum und drückte ihn würgend auf den Boden. Bellzazar lief schnell rot an und seine Zunge quoll hervor, während er nach Atem rang…
Dann wurde Desiderius von einer Wucht erfasst, die ihn von seinem Bruder runterwarf und auf den Rücken katapultierte. Er kam mit dem Hinterkopf auf, der Schmerz half ihm, wieder zu sich zu kommen.
Etwas Schweres, Dunkles warf sich auf ihn, krallte sich in seine Brust und knurrte tief und dunkel zu ihm herab. »Du krümmst ihm kein Haar!«
Desiderius rieb sich den Kopf und blinzelte verwundert, bis er das Gesicht über seinem deutlich erkennen konnte. »Wie kannst du nur?«, hörte er sich verachtend flüstern. »Nach allem, was er dir angetan hat, Cohen! Nachdem er dich reingelegt und vergewaltigt hat, nachdem er deinen Vater getötet…«
Cohen presste wütend hervor: »Du hättest meinen Vater ebenso getötet, wenn es die Umstände zugelassen hätten! Und er hat mich nicht vergewaltigt, er hat … lediglich eine Schwäche ausgenutzt, die du hervorgerufen hast!«
Desiderius spürte, wie ihm das Herz vor Schuld krampfte. »Cohen…«, flehte er.
Aber Cohen blieb hart, er schüttelte den Kopf, als er langsam von ihm runter stieg und sich wieder erhob. »Weißt du, warum ich hier bin? Weil ich dich nicht loslassen konnte!«
Stöhnend stützte Desiderius sich auf einen Ellenbogen und sah reuevoll zu Cohen auf.
»Ich bin aus der Nachwelt gefallen und konnte nicht zurück, weil meine tiefe Liebe zu dir mich hier festhielt. Ich konnte dich nicht loslassen«, erklärte Cohen grimmig. Dann seufzte er versöhnlicher: »Ich mache dir keinen Vorwurf, es ist ja nicht deine Schuld, dass ich dich liebe.«
Sie hörten Bellzazar fluchen, der Wexmell von sich schubste, nachdem dieser ihm aufgeholfen hatte.
Cohen verzog gequält das Gesicht. »Aber verstehst du denn nicht? Meine Liebe zu dir hat mich beinahe alles gekostet, sogar meine unsterbliche Seele. Bell hat mich gerettet, Desiderius.« Mit Tränen im Auge öffnete er Umhang und Hemd, beides so schwarz wie Bellzazars Kleidung, und entblößte eine lange Narbe auf seiner Brust. »Er hat sich das Herz für mich rausgeschnitten! Für mich! Ohne zu wissen, was es ihn kostet, er hat es einfach getan. Er wäre für mich gestorben.«
Desiderius hielt bedeutungsvoll dagegen: »Das wäre ich auch, Cohen, ich wäre immer für dich gestorben.«
Aber Cohen ließ die Schultern hängen. »Ich weiß, ich weiß, das wärst du. Aber …«, Cohen sah zu Wex, der mitfühlend die Lippen schürzte, während er sie beobachtete.
»Hör zu«, bat Cohen dann ernst und blickte Desiderius tief in die Augen, »ich weiß, dein Bruder ist ein Scheißkerl, aber du hast ihn trotzdem immer geliebt und verteidigt. Hast du das ohne Grund getan? Ich glaube nicht. Und ich glaube, dass ich endlich sehe, was du immer gesehen hast. Den Teil von ihm, der einfach … menschlich ist. Ich bin einfach dankbar für das, was er für mich getan hat. Und ich brauche nicht deine Erlaubnis, um ihm auf meine Weise zu vergeben.«
Desiderius schnaubte wütend. »Auf deine Weise? Indem du ihm die Kronjuwelen polierst, meinst du.«
Aber Cohen ging gar nicht darauf ein, er schüttelte verdrossen den Kopf, reichte Desiderius aber die Hand, um ihm aufzuhelfen. »Wir haben andere Sorgen, als das, was ich in privateren Räumen irgendwem polieren will.«
Belustigt sah Desiderius zu ihm auf, schlug dann ein und ließ sich auf die Beine ziehen.
Cohen sah ihm in die Augen und flüsterte bedeutungsvoll: »Manchmal braucht man etwas, woran man sich festhalten kann, um zu überleben, Desiderius, verurteil mich nicht dafür, Wexmell verurteilte dich schließlich auch nicht als wir uns brauchten.«
Desiderius presste die Lippen aufeinander und musste sich sehr zusammenreißen, keine wütende Schimpftirade loszulassen. Aber Cohens flehender Welpenblick ließ ihn seine Eifersucht zügeln.
»Ich will davon nichts mitbekommen«, murrte er jedoch und entzog Cohen seine Hand, »sollte es je wieder dazu kommen, will ich es nicht wissen.«
Cohen verzog missmutig die Lippen. »Ich glaube, ich kann diskreter sein als du, keine Sorge, meine Bettgeschichten gehen dich nichts an.«
Autsch, das tat … unangenehm weh. Plötzlich war es, als könnte er nicht mehr atmen.
Er hatte doch gewusst, dass etwas anders zwischen ihnen war. Trotz der Liebe, die sie beide unweigerlich noch immer für einander empfanden, konnte nichts so sein wie vor Cohens Tod. Es gab keinen Weg zurück, den gab es im Leben nie.
Und ja, es machte ihn traurig und wütend zugleich.
Cohen und Bellzazar? Verdammt, nein, er wollte sich lieber in Brand stecken, als auch nur einen Herzschlag lang darüber nachzudenken, die beiden könnten sich die Zeit miteinander vertreiben.
Sein Bruder und sein einstiger Geliebter … das war… ein Tiefschlag, buchstäblich, es zog ihm die Weichteile zusammen, als wollte man sie ihm abschneiden.
Bellzazar wischte sich das Blut mit dem Unterarm von der Lippe, würdigte sie aber keines Blickes. Man musste nicht besonders aufmerksam sein, um ihm ansehen zu können, dass er vor innerer Wut geradezu zitterte. »Ich lass euch allein«, murmelte er dann und torkelte aus dem Raum, wobei sein unsicherer Schritt nichts mit den bereits verheilten Schlägen zu tun haben schien.
Cohen sah ihm nach, die Stirn sorgenvoll gerunzelt. Dann fuhr er wieder herum, blickte ratlos zwischen Wexmell und Desiderius hin und her, und hob schließlich entschuldigend die Schultern.
»Ich … sehe nach ihm.«
Er wandte sich ab, Desiderius wollte ihm nacheilen, aber Wexmell hielt ihn am Arm zurück.
»Verdammt!« Er rieb sich die schmerzende Niere, nachdem Cohen gegangen war. »Und wenn Eagle Recht hat? Wenn Cohen nur denkt, dass er Zazar dankbar sein muss?«
Wexmell machte ein eindeutig verneinendes Geräusch.
Desiderius drehte sich verwundert zu ihm um.
»Gewiss gibt es da etwas, das seine Haltung gegenüber Bellzazar stark beeinflusst«, stimmte Wexmell zu und lehnte sich an Desiderius` Brust, um ihm das Blut aus dem Gesicht zu wischen.
»Dann hast du es also auch bemerkt!«, glaubte Desiderius. »Er ist doch gar nicht richtig bei Sinnen! Der echte Cohen…«
»Der echte Cohen«, unterbrach Wexmell ihn tadelnd, »hat doch nie gewusst was er will und wohin er gehört. Doch es scheint, als würde er nun einen Weg vor sich sehen, den er aus freien Stücken beschreiten will. Wer sind dann wir, es ihm schlecht zu reden? Es ist seine Entscheidung, wohin er will und zu wem. Und nach allem was war, würde ich ihm etwas Glück wirklich wünschen.«
Wütend funkelte Desiderius ihn an. »Er gehörte zu mir! Zu uns!«
»Eine Weile«, lenkte Wexmell ein und legte die Hände in Desiderius` Nacken. »Aber glaub mir, es ist keine dämonische Kraft, die sein Denken beeinflusst.«
Als er Wexmells entschuldigenden Blick bemerkte, wusste er, wovon dieser sprach, und seufzte schwermütig. Er wollte es einfach nicht wahrhaben, es schmerzte zu sehr.
»Aber doch nicht Zazar! Warum ausgerechnet Zazar?«, quengelte er.
Doch nicht sein eigener Bruder…
Wexmell schmunzelte bedauernd, allerdings lag auch ein geradezu beängstigendes Wissen in seinen schlauen Augen. »Keine Sorge, Derius, sie werden ihre Liebe zu dir deshalb nicht vergessen.«
Er murrte nur, weil er es nicht zugeben wollte. Wexmell hatte recht, es fühlte sich ein wenig so an, als würde er dadurch Bruder und Freund gleichzeitig verlieren. Aneinander verlieren.
Ihm wurde übel…
»Aber noch viel interessanter als Cohens Verhalten, finde ich Bellzazars«, überlegte Wexmell laut und verengte nachdenklich seine frostblauen Augen. »Hast du nicht bemerkt, dass er anders ist. Irgendwie … sanfter.«
»Sanfter?« Desiderius rieb sich überdeutlich das schmerzende Kinn. »Hm, schlägt immer noch genauso fest zu wie früher, von seiner spitzen Zunge ganz zu schweigen.«
Wexmell schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Derius, ich glaube für deinem Bruder war es nicht einfach nur das, was er behauptete, was es war. Hast du nicht bemerkt, wie er Cohen ansieht, wie er diesen Streit mit dir geradezu provozierte? Er wollte, dass du über sie Bescheid weißt, fast so, als wollte er dir damit etwas mitteilen. Als wollte er von vorneherein klar machen, dass Cohen jetzt zu ihm gehört.«
Desiderius brummte unzufrieden, das wollte er gar nicht hören.
Wexmell drückte seinen Nacken und zog seinen Kopf hinab, bis sie sich an der Stirn berührten. »Ich will nur sagen, auch wenn es schwerfällt, vielleicht solltest du nicht gegen sie sein. Vielleicht sind Zazars Gefühle mehr als Begierde. Und vielleicht hat dein Bruder es ja verdient, nach all dem Schmerz, den die Götter ihm bereiteten, ein klein wenig Glück zu erfahren? Genau wie Cohen ein wenig Glück verdient? Wundert es dich wirklich, dass sie zusammenfanden, als sie die Gelegenheit dazu hatten? Und ganz vielleicht war diese eine Nacht damals, ein tiefes Sehnen, das Zazar vor dir verschwiegen hat.«
Desiderius spannte die Kiefer an und dachte einen Moment ärgerlich darüber nach. Es war schwer, ein egoistisches Arschloch zu sein, wenn Wexmell so einfühlsam war.
»Ich werde ihn im Auge behalten«, knurrte er dann jedoch, »Cohen hat Besseres verdient.«
Wexmell legte amüsiert den Kopf schief. »Glaubst du das wirklich?«
Nein. Niemand war gut genug für Cohen. Niemand.
*~*~*~*
»He!« Cohen lehnte sich mit den Armen neben Bellzazar auf das Geländer. »Alles in Ordnung?«
Er hatte Bellzazar gleich draußen an einem Nebeneingang entdeckt, der wohl nur für die Dienstboten gedacht war. Sie standen an einem kleinen Treppenaufgang mit Blick über die dichten Kronen uralter Bonsaibäume und hatten für einen Moment für sich.
Bellzazar rieb sich die Nase, bis Knochen knirschten und gerichtet waren, und schniefte dann feucht. »Ja. Natürlich. Warum auch nicht?«
»Bell…«
»Coco…«, äffte er ihn kindisch nach.
Verstimmt presste Cohen die Lippen aufeinander. Es hatte sich natürlich nichts geändert, Bellzazar war noch immer genauso schwierig wie zuvor, auch nachdem er sich das Herz für Cohen rausgeschnitten hatte.
»Was willst du hier?«, maulte er Cohen an und durchbohrte ihn mit einem kalten Blick. »Geh wieder rein und rede über alte Liebe und keine Ahnung was noch, schenkt euch Blumen und schreibt euch Gedichte. Ich bin sicher, sie können es kaum erwarten, dich von vorn und von hinten zu nehmen.«
»Was soll das jetzt? Warum bist du so?«
»So? So bin ich nun mal!«, fuhr Bellzazar ihn an. Cohen verstummte überrascht. Bedauernd fuhr Bellzazar fort: »Versteh das doch, ich werde nie so sein wie er, Coco. Ich bin nicht wie Derius, ich kann nie so lieben wie er, nicht so … tiefgründig und schleimig.«
Verständnislos schüttelte Cohen den Kopf. »Und warum denkst du, ich wollte einen zweiten Desiderius, statt einem einmaligen Bellzazar?«
Bellzazar schnaubte und ließ den Kopf hängen. »Siehst du, das ist genau, was ich meine. Das ist nicht, was ich bin. Ich rasple kein Süßholz, ich quatsche niemanden mit meiner Scheiße voll. Ich weiß nicht mal, was ich will, verstehst du? Alles, was ich weiß, ist, dass ich dir gern die Kleider vom Leib reißen und mich mit dir vereinigen will, bis wir beide Sterne sehen und die Laken vollsabbern. Darüber hinaus … kann und werde ich vermutlich nichts zu bieten haben. Nie. Ich verbiege mich nicht, um meinem Bruder das Wasser reichen zu können.«
So langsam begriff Cohen, was wirklich in Bellzazar vor sich ging. Kaum waren sie hier, überschattete Unsicherheit sein Gesicht, weil er glaubte, er müsse mit seinem Bruder konkurrieren, was absurd war.
Cohen runzelte die Stirn. »Warum musstest du es ihm sagen? Ich meine, warum? Und dann auch noch einfach so geradeheraus. Warum hast du nicht gewartet? Mich erst gefragt?«
Bellzazar streckte den Rücken durch, sein Gesicht war eine harte Maske und sein schwarzer Blick ging nach unten in die Bäume. »Weil du es nicht getan hättest, Coco. Weil du es niemals getan hättest.« Damit wandte er sich ab und ließ Cohen mit offenem Mund oben an der Treppe stehen.
Kapitel 10
Die Nacht legte sich über die Stadt und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war ein freier Himmel über seinem Kopf. Ein Meer aus mehreren tausend, funkelnder Punkte durchzog die tiefblaue Weite über der Stadt, der Mond war nur noch eine grelle Sichel an einem weit entfernten Punkt und konnte somit den Sternen nicht ihr zartes Funkeln stehlen.
Mit in den Nacken gelegtem Kopf lehnte Doragon auf der Balustrade ihres Balkons und starrte nun schon seit geraumer Zeit schweigend in die Sterne, konnte ihre Schönheit nicht fassen, ebenso wenig wie die Einsamkeit, die sie in ihm hervorriefen.
Das Zimmer hinter ihm war dunkel, aber er war nicht allein.
Schon landete eine Hand auf seiner Schulter und Fen trat neben ihn. »Sieh sich das einer an! Im Dschungel sieht man sie so selten, dass ich fast vergessen habe, dass sie existieren.«
Ragon lächelte wehmütig. »Deine Schwester hat die Sterne immer sehr gemocht.«
Feixend sah Fen ihn von der Seite an. »Sicher, weil du sie ihr gern gezeigt hast.«
Bedauernd senkte Ragon den Blick in die Stadt, wo er durch das Licht der Fackeln die Wachen beobachten konnte, die durch die Straßen liefen.
»Tut mir leid«, lenkte Fen ein, »das war unangebracht.«
»Sie hat dich geliebt«, sagte Ragon und sah seinen Freund flehend an. »Sie wollte, dass ich dich rette, Fen …«
»Sie kannte mich doch gar nicht«, warf er ein und schüttelte verdrossen den Kopf. »Außerdem hätte sie mich, hätte ihr denn wirklich an mir gelegen, aus der Sklaverei befreien können. Aus dieser … verdammten Kiste.«
Ragon legte ihm eine Hand auf den Unterarm. »Das hat sie versucht, Fen! Ich habe es dir doch gesagt. Sie kämpfte für eure Rechte – deinetwegen! Fen, sie hat versucht, dich zu befreien.«
»Sie hätte es mit einem Schwert versuchen sollen«, gab Fen zurück und sah Ragon in die Augen. »So wie du.«
»Ich tat nur, was sie von mir erbat«, erinnerte Ragon ihn einfühlsam.
Fen schmunzelte traurig. »Aber du hast es getan. Du hast getan, wozu sie keinen Mut hatte.«
Daraufhin schwiegen sie einen Augenblick lang und sahen gemeinsam in den Himmel, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, während sich das Funkeln der Sterne in ihren Augen spiegelte.
Irgendwann stieß Fen einen amüsierten Laut aus und durchbrach die ehrfürchtige Stille. »Bei der Mutter, ich hasse es, wenn du recht behältst.«
Verwundert drehte Ragon ihm das Gesicht zu, er hatte die Maske und den Umhang abgelegt und genoss den sanften Nachtwind auf seiner Haut. »Was meinst du?«
Belustigt funkelte Fen ihn an. »Du hast gesagt, ich werde die Gemeinsprache irgendwann noch brauchen… und ich habe dich verflucht.«
Doragon musste bei der Erinnerung an Fens trotzige Miene lächeln.
»Heute war ich froh«, sagte Fen dankbar und stieß Doragon mit der Schulter an. »Du hast mich viel gelehrt, mein Bruder. Alles, um genau zu sein. Als du den Deckel meiner Truhe geöffnet hast, war ich nur ein wütender Sklave. Aber du hast mir gezeigt, wie man mit einem Schwert und einem Bogen umgeht, du hast mich gelehrt, zu jagen, Spuren zu lesen, ein Feuer zu machen, lesen und schreiben und selbst andere Sprachen. Du hast mich nicht nur befreit, Ragon, du hast mich gelehrt, zu überleben. Mir ein Leben geschenkt. Ich habe in den wenigen Monaten, die ich bei dir verbrachte, mehr gelebt als mein ganzes bisheriges Leben. Ich verdanke dir einfach alles.«
Doragon schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab. »Fen…«
»Ich habe dir nie gedankt, glaube ich«, überlegte Fen mit gefurchter Stirn.
»Das ist auch nicht nötig«, unterbrach Doragon ihn sofort und richtete sich auf, um Fen eine Hand auf den Rücken zu legen. »Es gibt Dinge, die sollten selbstverständlich sein.«
Ernst sah Fen zu ihm auf. »Aber du weißt, dass ich dir dankbar bin, ja? Ich verdanke dir einfach alles, genau wie Kacey. Viele verdanken dir einfach alles. Und was da mit deinem Stamm geschehen ist …«
»Fen, bitte…«
»Es war nicht deine Schuld«, schloss Fen mitfühlend ab. »Du hast das Richtige getan.«
Tief seufzend ließ Doragon die Schultern hängen und blickte über die Stadt hinaus in Richtung Osten. Ratlos schüttelte er den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das stimmt. Wir hätten vielleicht nicht fliehen sollen.«
»Du weißt doch, wie es heißt«, sinnierte Fen spöttisch, »alles hat einen Grund, Ragon. Alles. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es richtig ist, dass du hierherkamst.«
Ragon starrte stur geradeaus und murmelte dabei mehr zu sich selbst, als zu Fen: »Ich hoffe, du irrst dich.«
»So wie ich nicht ändern kann, wer meine Schwester war«, raunte Fen bedeutsam und lächelte Doragon entschuldigend an, »so kannst du nicht ändern, wer deine Väter sind.«
Jetzt verwendete er Doragons eigene Argumente gegen ihn. Mit verengten Augen schielte er seinen Freund an und schubste ihn mit dem Ellenbogen spielerisch von sich. »Wende meine eigenen Worte nicht gegen mich.«
»Das hast du früher immer mit mir gemacht«, erinnerte sich Fen.
Sie lachten beide leise, und bei der Erinnerung durchflutete Ragon bittersüße Wehmut, bis sie wieder in nachdenkliches Schweigen verfielen.
Fens buttergelbe Augen wanderten zum Horizont und er seufzte traurig: »Wir müssen ihn also zurückbringen.«
Doragon dachte an Kacey und sein Herz zog sich zusammen. »Ja, mein Bruder, ich fürchte, das müssen wir.«
»Wird er sterben?«, fragte Fen und sah Doragon befürchtend an. »Ragon, wird er?«
Ratlos schüttelte Doragon den Kopf und öffnete den Mund. »Ich … weiß es nicht, Fen. Ich weiß nicht, was geschehen wird.«
*~*~*~*
»Vater!«
Sie hatten kaum ihr Kerzenlicht geflutetes Gemach betreten, da wurde Desiderius schon von den Kindern umschwirrt wie ein Bienennest von seinen kleinen, treuen Arbeitern.
»Wo warst du? Wieso hat das so lange gedauert? Hat dich der Drache echt gefressen?« Sie sprachen alle durcheinander, während Desiderius sich nicht vor ihren bohrenden Fragen und zerrenden Händen retten konnte. Jeder wollte ein Stück von ihm, wollte ihm nahe sein. May warf sich auf seinen Rücken und erwürgte ihn fast, Sarsar lief regelrecht in ihn hinein und presste sich an seine Brust, offensichtlich glücklich, ihn einfach nur wiederzuhaben, er wurde erdrückt von seinem Bruder Xaith, der Desiderius ebenso frontal umarmte.
Der Schrecken der letzten Nacht wich endlich aus ihren jungen Gesichtern. »Geht es dir gut?«, fragten sie. »Was ist geschehen? Wen hast du mitgebracht?«
Wexmell schloss die Tür und trat einen Schritt an die Gruppe heran. Sein Herz quoll über vor Liebe, als er Desiderius so eng mit seinen Kindern sah. Er war ein guter Vater, ein Vater, der tief geliebt und geschätzt wurde, und der die Liebe seiner Kinder brauchte.
Sein Herz krampfte, wenn er daran dachte, dass sie ihn beinahe verloren hätten. Er wollte gar nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn … Nein, er konnte es sich nicht vorstellen.
Lachend zog Desiderius sie alle an sich, auch den zurückhaltenden Riath, der sich nicht getraut hatte, sich an der Gruppenumarmung zu beteiligen. Desiderius packte ihn einfach an seinem Hemd und zog ihn heran, bis er gegen sie stieß. Mit einem erleichterten Lächeln legte Riath den Kopf an Desiderius und schloss die Augen. Eine seltsame Ruhe legte sich über sein Gesicht, wie man sie nur selten sah.
Eine Ruhe, die nur Desiderius seinen Kindern geben konnte. Bei den Göttern, wie sie ihn liebten, es beängstigte und faszinierte Wexmell immer wieder. Nicht, dass er davon ausgeschlossen wurde, er wusste, dass er genauso geliebt wurde – aber er war es nicht, den sie heute beinahe verloren hätten, also sei ihnen der Moment mit Desiderius vergönnt. Wexmell war ohnehin nie eifersüchtig, vor allem nicht auf seine Kinder. Er liebte es einfach, sie alle zu betrachten. Ihre leuchtenden, noch unschuldigen Augen, ganz gleich, wie groß sie mittlerweile waren, und Desiderius breites Lachen, das ihn mit Liebe erfüllte.
Er war wirklich zu beneiden, dachte er glücklich, denn er hatte alles, was er sich je gewünscht hatte.
»Morgen«, vertröstete Desiderius seine Kinder, als sie nach Antworten drängelten, »heute bin ich erledigt.«
Er und Wexmell hatten beschlossen, ihnen erst am nächsten Tag Onkel Zazar und Cohen – Vaaks` Vater – vorzustellen. Heute brauchten sie erst einmal Schlaf.
Wexmell und Desiderius, nicht die Kinder.
Sie jammerten wie aus einem Munde und sahen ihren Vater tief enttäuscht an. Doch als er sich nicht erweichen ließ, sahen sie sich nach Wexmell um und stürmten nun auf ihn ein.
Lachend hob Wexmell die Hände. »Oh nein! Aus mir bekommt ihr nichts heraus!« Er ging rückwärts zur Tür und griff nach dem goldenen Knauf. »Hört euch lieber an, wie sich euer Vater aus dem Maul eines Drachen befreite, während ich Wein hole.«
Die Ablenkung zeigte Wirkung, wie eine Herde Schafe drehten sie wieder ab und warfen sich erneut auf Desiderius, der ihnen nun Rede und Antwort stehen musste. Und wehe, er würde die Geschichte nicht ein wenig aufhübschen, dann würden sie das für ihn übernehmen.
Mit einem Lächeln verließ Wexmell den Raum, um eine frische Karaffe Wein zu holen. An diesem Abend konnten sie ihren Kindern ruhig ein paar Kelche erlauben. Sie hatten ohnehin nie ein Verbot daraus gemacht. Vielleicht war das leichtsinnig, aber sie waren darüber eingekommen, dass eine verbotene Sache viel verlockender war, als etwas, dessen genussvollen Umgang sie ihnen lehrten.
Als er kurze Zeit später wieder zurückkam, wusste er bereits auf dem Flur, dass es viel zu still war.
Sie lagen auf dem Bett, Desiderius in der Mitte und die Kinder halb auf ihm und um ihn herum. Sarsars weißer Schopf teilte sich mit Xaiths schwarzen Schopf den Platz auf Desiderius` Brust. Riath lag am Fußende, May mit der Wange auf Desiderius` Schenkel und Vaaks mit dem Gesicht in Xaiths Nacken. Sie schliefen tief und fest, dabei war Wexmell nur ein paar Augenblicke fort gewesen.
Er blieb einen Moment an der Tür stehen und betrachtete sie schweigend, während sein Innerstes vor Glück überlief. Es war viel zu lange her, dass er das gesehen hatte. Viel zu schnell waren sie groß geworden und hatten es als langweilig empfunden, den Geschichten ihrer Väter zu lauschen und auf ihnen einzuschlafen.
Wie schnell sie doch wieder zu Kindern werden konnten, dachte Wexmell wehmütig, sich wohl bewusst, dass sie schon morgen wieder junge Erwachsene sein würden, wenn der Schrecken vergessen war.
Aber heute – in dieser Nacht – da gehörten sie wieder ganz ihm und Desiderius.
Wexmell stellte den Wein Beiseite, löschte die Kerzen und stieg zu ihnen ins Bett. Er gab Riaths blonden Schopf einen Kuss, strich May über den Rücken und schmiegte sich dann an Sarsars zierlichen Rücken. Und – oh! – wie sie alle dufteten. So mussten Götter riechen, dachte Wexmell und genoss den Duft seiner Kinder, der ihm so vertraut war. So süß und unschuldig und einfach … seins. Anders konnte er es nicht beschreiben, er roch sie alle und wusste, dass sie ihm gehörten. Ihm und Desiderius. Ihre Familie.
Sarsar war so schmal, dass Wexmells Arm bis zu Desiderius` Bauch reichte, wo er die Hand seines Geliebten in seine nahm.
Schwerfällig blinzelte Desiderius und hob den Kopf.
»Schlaf weiter«, flüsterte Wexmell.
Desiderius sah ihn an und legte den Kopf wieder auf das Kissen, seine Augen funkelten glücklich, während er sich in Wexmells Blick verlor. Auch das liebte Wexmell an seinem König, dass er es wie kein anderer vermochte, nur mit seinen Augen zu sagen: »Ich liebe dich.«
»Ich bin so froh, noch hier zu sein«, gestand Desiderius dann.
Wexmell verzog gerührt den Mund und legte ihm die Hand an die Wange. »Ich auch«, raunte er mit brüchiger Stimme.
Desiderius führte Wexmells Hand an seine Lippen und küsste sie, dann schmiegte er die Nase hinein und schloss genüsslich die Augen.
Wexmell betrachtete ihn im Halbdunkeln und dankte den verbannten Göttern und allen Mächten, die es sonst noch gab, dass Desiderius wieder hier bei ihnen war.
Und was auch immer der Morgen bringen mochte, Wexmell fühlte sich stark und unerschütterlich in den Armen seiner Familie, und er hoffte, dass sie dieses Gefühl auch ihren Kindern gaben. Denn er glaubte, dass das, was ihnen bevorstand, ihnen eine ungeheure Stärke abverlangen wird.
Kapitel 11
Die Tür wurde unverwandt aufgestoßen, mit einem lauten Knarren flog sie auf und donnerte gegen die kahle, weiße Wand. Hätte er ihn nicht bereits gespürt, hätte er vor Schreck wohl das Buch von sich geworfen, in dem er gerade so vertieft gelesen hatte. Aber er konnte den Fürsten bereits auf mehrere hundert Meilen Entfernung als leichte Gänsehaut und Magenflattern durch Zeit und Raum und durch noch so dicke Wände spüren.
Bellzazar ging drei Schritte, ohne ihn zu bemerken, Cohen linste über den Buchrand zu ihm herüber und beobachtete ihn dabei, wie er mit einem Weinkelch hereinstampfte, etwas Unverständliches gen Boden murrte und mit der freien Hand eine elegante Zeigefingerdrehung vollführte, woraufhin die aufgestoßene Tür geräuschvoll wieder ins Schloss fiel.
Cohen würde es nie zu geben, aber jedes Mal, wenn er Bellzazar zaubern sah, machte sein Herz einen verräterischen Satz. Wobei, er sollte es wohl eher Ihr Herz nennen, immerhin teilten sie sich jeweils eine Hälfte. Was für Sterbliche unmöglich schien, war für sie mit jedem Herzschlag allgegenwärtig. Und irgendwie … mochte Cohen diesen Umstand.
Lächelnd legte er das Buch in den Schoß. »Was hat dich denn so aufgebracht, mein Fürst?«
Bellzazars Kopf flog zum Bett herum, die schwarzen Augen geweitet. Er bemerkte Cohen erst jetzt und hatte offensichtlich nicht mit ihm gerechnet.
»Du bist hier?« Seine Stimme klang hoch vor Verwunderung.
Cohen schnaubte und stand mit dem Buch in der Hand auf, ein Finger in den Seiten, wo Bellzazar ihn beim Lesen unterbrochen hatte. »Wo sollte ich sonst sein?«
Blinzelnd stand Bellzazar einfach da und starrte ihn mit unnahbarer, undurchdringlicher Miene an.
Bei den verdammten Göttern, warum sprang Cohens Leib nur so verräterisch auf dieses Gesicht an? Je abweisender es wirkte, je mehr wollte er es an sich heranziehen, es küssen, lecken, beißen, bis es sich für ihn öffnete. Auf so viele Weisen…
»Ich habe natürlich auf dich gewartet«, sagte er und trat vor Bellzazar, »und gelesen.« Er hob das Buch und lächelte schief zu Bellzazar auf, der ihn noch immer anstarrte, als wollte er ihn am liebsten den Balkon hinabwerfen.
Cohen zuckte unsicher mit den Achseln. Er hielt Bellzazar das Buch so hin, dass er den Titel auf dem Einband lesen konnte. »Falls du dir die Zeit vertreiben willst.«
Bellzazar hob eine Hand und schlug ihm das Buch geradewegs aus der Hand. Tatsächlich bewegte er nicht mehr als seinen Arm, er klatschte nur die Hand auf das Buch, wodurch es Cohen aus den Fingern glitt und polternd mit aufgeschlagenen Seiten auf dem Boden aufkam, dabei starrte er Cohen weiter bohrend ins Gesicht, als wollte er ihn mit nur einem Blick aufspießen. Oder entzünden. Je nach dem.
Cohen sah auf das Buch hinab und seufzte, ehe er wieder zu Bellzazar hinaufblickte und eine Augenbraue hochzog. »Kein Verfechter fremdländischer Geschichte, hm?«
»Leck mich«, konterte Bellzazar knochentrocken.
Cohens Braue wanderte noch ein Stückchen höher. »Jetzt gleich?« Seine Augen zuckten zu dem goldenen Weinkelch in Bellzazars Hand. »Oder darf ich meinen Mund zuvor noch mit einem Schluck Wein befeuchten?«, reizte er Bellzazar mit einem verruchten Augenfunkeln und griff nach dem Wein.
Bellzazar zog die Hand fort und ging an Cohen vorbei, wobei sein leicht torkelnder Gang nun deutlich auffiel. »Der ist nicht für dich«, lallte er, während er auf das Bett zusteuerte und den Wein in seinen Rachen kippte, auf dass ihm rote Rinnsale aus den Mundwinkeln flossen und den sachten Linien seiner Lachfalten folgten. Es war ein köstlicher Anblick, wie der Wein in feinen Flüssen über seine sehnige Kehle rann. Sie verlockten geradezu, ihnen mit der Zunge zu folgen, das herrliche Gemisch des lieblichen Weines und der herben Haut zu schmecken.
Cohen riss sich zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Bist du … volltrunken?«
Wankend näherte sich Bellzazar dem Bett und streifte gleichzeitig seine Stiefel ab, indem er die Spitze des einen Schuhs gegen die Hacke des anderen stemmte, dabei verschüttete er mit einem ausholenden Arm den Wein, der auf dem Boden blutrote Flecken hinterließ.
»Und wenn schon!«, lallte er dabei und setzte den Kelch an den Mund. Als er bemerkte, dass dieser leer war, sah er empört hinein und schleuderte ihn dann in eine Ecke.
Cohen wusste nicht ob er lachen oder bedauernd den Kopf schütteln sollte. Mit sprachlos offenem Mund sah er Bellzazar zu.
»Ich hab gesoffen, ja und?« Er rülpste ungeniert und riss unbeholfen an seinem Waffengürtel, dabei vollführte er einen uralten Tanz, den alle Betrunkene gerne tanzten. Als stünde er auf einem Schiff während eines Sturms auf hoher See. »Ist das ein Verbrechen? Was hast du denn heute so gemacht, hmmmmm?« Mit einem provozierenden Augenaufschlag fasste er Cohen ins Auge.
Cohen verzog verständnislos das Gesicht. »Was ist in dich gefahren?«
»In mich?«, rief er aus und hickste. »In mich? Das fragst du mich? Sollte ich das nicht besser dich fragen, hmmmm? Was ist denn in dich gefahren? Oder sollte ich wohl besser fragen, weeeer ist in dich gefahren?«
Oh Götter, das wurde ja immer alberner.
Cohen runzelte verwirrt die Stirn. »Was meinst .. woah, he!« Er machte einen Schritt nach vorne, aber da hatte Bellzazar schon wieder sein Gleichgewicht gefunden. Beinahe wäre er nach hinten umgekippt, weil er zu hastig an seinem Gürtel zog.
Endlich bekam er diesen gelöst, und Flammberge fiel laut polternd zu Boden. Die Schnürung seiner Hose bekam er hingegen erstaunlich schnell auf.
»Nichts«, nuschelte er abweisend und zog die Lederhose bis zu den Schenkeln herab, wo sie störrisch hängen blieb. »Ich meine nichts! Was machst du überhaupt hier? Du solltest wo anders sein.«
Bellzazar gab es auf, seine Hose ausziehen zu wollen – er schien auch nicht mit Magie nachhelfen zu wollen – und wandte sich von Cohen ab, um sich einfach mitten auf das Bett fallen zu lassen, mit dem Gesicht voran in die Kissen, der nackte Arsch nur halb von seinem schwarzen Hemd bedeckt. Zwei vollmundige, samtene Kugeln lugten hervor, bedeckt mit weichem, gekräuseltem Haarflaum.
Cohen biss sich mit einem Lächeln auf die Unterlippe und ging langsam auf ihn zu. »Aber wir schlafen zusammen hier, Bell!«
Mit geschlossenen Augen und offenen Lippen murmelte Bellzazar: »Sie erwarten dich bestimmt in ihrem Bett. Geh nur … geh…« Die Bitterkeit in seiner Stimme war trotz des Lallens nicht zu überhören. »Jetzt könnt ihr wieder zusammen sein und euch gegenseitig alle möglichen Körperöffnungen und Gliedmaßen einölen.«
Cohen konnte sich einen feixenden Blick nicht untersagen: »Du bist eifersüchtig!«
Keine Antwort.
»Bell?« Gerührt beugte Cohen sich über ihn, hörte aber nur noch seinen lauten, tiefen Atem. Bellzazars Gesichtsmuskeln waren vom vielen Wein entspannt und er sabberte auf das Kissen.
Cohen strich ihm voller Zärtlichkeit das schwarze Haar aus der Stirn und flüsterte: »Du bist ein Narr, wenn du denkst, ich wäre lieber bei ihnen als hier bei dir.«
Bellzazar schlief weiter, auch als Cohen ihm die Lederhose von den Beinen zerrte. Sie klammerte sich wirklich beharrlich an dessen leckere Schenkel, als wäre sie festgewachsen. Cohen konnte es ihr kaum verübeln, er täte das Gleiche, könnte er Hose bei Bellzazar spielen. Als er sie endlich von Bellzazars Leib gerissen hatte, fühlte er, wie klamm sie war. Und sie stank nach Wein. Leder sollte eben nicht nass werden, kein Wunder, dass sie so eng saß.
Er hing sie über eine Stuhllehne, dann löschte er die vielen Kerzen im Raum bis auf ein, zwei am Bett, hob das Buch auf und legte es auf einen Tisch, entledigte sich dann all seiner Kleider, ehe er auf das Bett stieg.
Er legte sich neben Bellzazar und ließ seinen Blick langsam über dessen halbnackten Körper wandern, sog jeden Zoll nackter Haut in sich auf, spürte die Wärme in Lenden und Brust und wusste, dass er in diesem Moment niemanden mehr begehren könnte als den Mann, der in seinem Bett lag. Voll Begehren musterte er Bellzazar, musterte die blasse, samtene Haut unter dem schwarzen Flaum, der sich über Schenkel und Gesäß ausbreitete. Nicht zu dicht, ganz unaufdringlich, lieblich und weich, sodass man zu gerne darüber streicheln würde, um es zu berühren.
Cohen hielt sich nicht zurück, zärtlich ließ er die Fingerspitzen über Bellzazars nackten Schenkel gleiten, streichelte über die festen Rundungen, die darüber lagen, und schob ganz beiläufig das Hemd nach oben, das diesen verboten schönen, göttlichen Hintern halb verbergen wollte.
Genüsslich sah er seiner Hand dabei zu, wie sie über Bellzazars nackte Haut strich. Er stützte den Kopf auf seine Faust und glitt sacht über Bellzazars Beckenknochen nach vorne. Unaufgefordert drehte dieser sich ein Stück, damit Cohen seinen Weg fortsetzen konnte.
Neckend zeichnete er mit den Fingerspitzen Bellzazars schlaffes Glied nach, malte Kreise um die Hoden, bis sie fest wurden, und fuhr der Länge nach sein Geschlecht entlang, woraufhin es langsam anschwoll. Fasziniert sah er dabei zu, wie es unter seinen spielerischen Berührungen schnell an Härte gewann und willig zuckte.
Er legte eine Hand auf Bellzazars Hüfte und drehte ihn auf den Rücken, während er sich gleichzeitig hinabbeugte und seinen Schaft der Länge nach mit der nassen Zunge nachfuhr. Seinem Fürsten entlockte die Berührung ein überraschtes Keuchen. Verspielt umkreiste Cohen mit der Zunge die Eichel, ein würziger Geruch stieg ihm in die Nase und legte sich schwer auf seine Zunge, während Bellzazars Glied sich zu voller Länge ausstreckte und er immer lauter atmete.
Eine Hand fuhr streichelnd in Cohens Haar. Er sah auf und begegnete Bellzazars glutvollem Blick. Genüsslich leckte er sich den Mund und stülpte die nassen Lippen über Bellzazars Härte.
Ein raues Stöhnen ertönte im nachtstillen Zimmer und ging Cohen durch Mark und Bein, ließ ihn von innen heraus vibrieren.
Lustvoll bereitete er Bellzazar ein feuchtes Vergnügen, saugte den Schaft immer tiefer ein, ganz gemächlich, bis seine Nase bald in dem schwarzen Haar seiner Scham verschwand.
Immer gröber fuhr Bellzazars Hand durch Cohens Haar. Der Fürst bog den Rücken durch und stieß die Hüfte nach oben, um sich mit einem dunklen Knurren in Cohens Rachen zu versenken.
Cohen grinste, so gut es der Schwanz in seinem Mund zuließ, und saugte sich fest, strich mit der feuchtwarmen Zunge den pulsierenden Schaft entlang, träge, geduldig, schmatzend, bis Bellzazar blind vor Lust mit dem Becken bockte wie ein unwilliger Esel. Aber Cohen machte weiter, hatte sich wie ein Blutegel festgesaugt und ließ sich auch nicht lösen, als Bellzazar ihm ins Stirnhaar packte und ihn hochziehen wollte.
Erst als das Geschlecht seines Fürsten steinhart zu zucken anfing und ihm die Lusttropfen den Gaumen hinabrannen, entließ er den Schaft aus seinem Mund, um Luft zu holen.
Schwer atmend, kurz vor der Erlösung, raunte Bellzazar ihm zu: »Verdammt, ich liebe es, wenn du das tust.«
Cohen lächelte zu ihm auf, während er mit der Faust den feuchtgeleckten Schaft bearbeitete. Ja, es war nicht das erste Mal, dass er Bellzazar damit in den Wahnsinn trieb, aber beim ersten Mal hatte er geglaubt, Bellzazar wäre Desiderius.
Die Erinnerung an diese Nacht machte ihn nicht mehr wütend. Er wusste nicht, seit wann es so war, er wusste nur, dass es ihm gleich geworden war. Vielleicht, weil er unter anderen Umständen nicht Nein gesagt hätte. Wäre Bellzazar in jener Nacht noch kein Verräter gewesen, hätte Cohen ihn, ohne zu zögern, in sein Bett gelassen, weil er damals wegen Desiderius, der ihn für Wexmell verlassen hatte, so in Kummer gebadet hatte, dass er Bellzazar gebraucht hätte.
Er lächelte bei dem Gedanken, sagte aber nichts, beugte sich wieder über Bellzazars Lenden und grub die Zähne in die empfindliche Spitze seiner Härte.
Ein Lustschrei schallte durch das Zimmer. Es war ihnen gleich.
Cohen entdeckte durch Bellzazar seine diabolische Seite, denn er biss mit einem Grinsen noch einmal zu und übte immer weiter Druck auf seine Kiefer aus, bis Bellzazar zusammenzuckte.
Dann leckte er zärtlich daran, wie zur Entschuldigung, während sein Fürst sich unruhig räkelte. Cohen genoss es, ihn derart in der Hand zu haben, mit ihm zu spielen.
Beinahe lobend strichen Bellzazars schlanke Finger ihm über den Hinterkopf bis in den Nacken. »Mach das noch mal!«
Cohen streckte die Zunge raus und leckte provokant über seine Eichel, teilte mit der Zunge die enge Spalte in der Spitze und leckte gemächlich das winzige Loch. Bellzazar bleckte wie ein Wolf die Zähne und knurrte unterdrückt, grob zog er die Faust in Cohens Haar zusammen und riss an den dunklen Strähnen.
»Ungeduldig?« Leise lachend knabberte Cohen wieder wie verlangt an der empfindlichen Speerspitze, was Bellzazar ein teils gequältes, teils lustvolles Verziehen der Mimik bescherte.
Auffordernd stellte der Fürst seine Beine auseinander, und Cohen fuhr mit der freien Hand zu seinen Hoden, die schwer und prall in einem dunklen Nest hingen. Er strich erst sanft darüber, liebte ihre seidige, dünne Haut, dann packte er unerwartet hart zu.
Bellzazar krümmte sich in der Mitte und knurrte aus tiefster Kehle.
Cohen massierte ihm hart das Gehänge, während er noch ein wenig an der feuchten Spitze seines Gliedes knabberte, bis er schließlich die samtenen Lippen wieder darüberstülpte und sich festsaugte. Immer gieriger und härter suckelte er, und gab Laute der Lust von sich, auf dass Bellzazar mit einem heftigen Krampfen und lauten Stöhnen Erlösung fand.
Er schmeckte gut, würzig und herb, sein Samen war heiß und klebrig, als er Cohens Mund füllte. Es schien ewig zu dauern, bis sich sein zuckendes Geschlecht entleert hatte, danach waren seine durchgekneteten Hoden auch nicht viel weicher, von seiner Härte ganz zu schweigen, die wippend aus Cohens Mund glitt und im schwachen Lichtschein feucht und gierig zu pochen schien.
Cohen konnte nicht aufhören, sie voller Lust anzustarren, seine eigenen Lenden sandten ein schmerzhaftes Stechen aus, sehnten sich nach gleicher Erlösung. Aber das hatte Zeit. Er stupste Bellzazars noch immer aufgerichtete Härte wieder mit der Zunge an und ein heftiges Zucken ging durch das Geschlecht und erfasste ebenso den Mann, an dem es hing. Neugierig tat Cohen es erneut und sah lustvoll der gleichen Reaktion zu. Er hätte Bellzazar auf das Geschlecht sabbern können, so sehr erregte ihn der Anblick seines voll aufgerichteten, nassen Gliedes, das auch nach dem Erguss noch immer sichtbar pochte und nach mehr verlangte.
»Ich bin ein Schwein«, sagte Cohen halb ernst und strich genüsslich mit den weichen Lippen den harten Schaft entlang.
Bellzazar keuchte noch immer, als hätte ihm der Höhepunkt nichts gebracht. »Warum?«, fragte er atemlos und streichelte Cohen hinter dem Ohr.
»Weil ich die ganze Nacht an deiner Härte lecken könnte und immer und immer wieder zusehen will, wie dein Saft hervorspritzt.«
Bellzazar stöhnte unterdrückt und seine Härte zuckte freudig.
Ja, das würde ihm so gefallen, dachte Cohen amüsiert.
Cohen ließ dieses Prachtstück männlichen Geschlechts los und krabbelte zu Bellzazar hinauf, um ihm die nassen Lippen auf den verkrampften Mund zu drücken, weil ihn schlichtweg diese glutvolle Miene in Brand steckte und ihn wahnsinnig machte.
Zärtlich, beinahe schüchtern, wurde sein Kuss erwidert.
Liebevolle Fingerspitzen glitten zärtlich über seinen Rücken und Schulter, um ihm eine Gänsehaut zu bereiten, die seinen Nacken kitzelte.
Als sie sich wieder lösten, leuchteten Bellzazars Augen nun in einem so intensiven Azurblau, dass sie Cohen beinahe blendeten.
»Hör auf, mich zu küssen«, sagte Bellzazar mit verräterisch rauer Stimme.
Cohen schmunzelte. »Warum?« Er streckte sich und küsste Bellzazars Lippen erneut, konnte nicht genug von diesem weichen, warmen Mund bekommen, der noch immer ganz schüchtern zu sein schien. Rammeln konnte er so hemmungslos und triebgesteuert wie ein Hund, aber beim Küssen wurde er immer wieder so unsicher wie ein Vögelchen bei seinem ersten Flug.
»Du magst es doch, wenn ich dich küsse«, raunte Cohen an Bellzazars offene Lippen.
Mit leuchtenden Augen sah Bellzazar ihn an, als wollte er ihn auffressen. Er legte die schlanken Finger um Cohens Kehle und legte ihm nun seinerseits die Lippen auf den Mund, was eine deutliche Bestätigung war. Er drückte Cohen sanft auf den Rücken und küsste ihn so verspielt und gierig, dass Cohens Härte mit noch mehr Blut vollgepumpt wurde. Zärtlich streichelte Bellzazars Daumen über Cohens Kehle, während sie sich immer leidenschaftlicher ineinander verloren.
Verdammt, wenn er diese zärtliche Seite zeigte, war Cohen ihm vollends verfallen, er konnte nicht anders, als sich so sehr nach ihm zu verzehren, dass es schon wehtat.
Er fuhr über Bellzazars Schultern zu seinem Nacken und hielt ihn fest, während ihre Münder sich immer und immer wieder fanden, keuchend und lieblich. Es wurde feucht. Sie schoben die Schenkel ineinander, ihre Härten berührten sich, und ihre Leiber rieben sich köstlich aneinander auf.
»He«, flüsterte Cohen mit dunkler, erregter Stimme, »sag mir …«, ein Kuss erstickte seine Worte, »… sag mir wie…« Da Bellzazar ihn nicht zu Wort kommen ließ und ihm, statt zu reden, die Zunge in den Mund schob, um ihn jegliche Fragen vergessen zu lassen, drückte er sich eben anders aus, indem er eine Hand zwischen sie schob und Bellzazars noch immer gierig pochendes Geschlecht drückte.
Ein tiefes Stöhnen unterbrach ihren Kuss und Bellzazar brach beinahe über ihm zusammen. Er brauchte einen Moment, um sich wieder zu beruhigen. Vermutlich könnte ihn eine Feder erneut zum Erguss bringen, aber irgendwie hatte Cohen das Gefühl, dass selbst der zweite Höhepunkt seine süßen Leiden nicht lindern würde.
»Was kann ich tun?«, neckte er Bellzazar und biss ihm ins Ohr, woraufhin dieser erzitterte. »Sag mir, wie ich deiner Qual ein schönes Ende bereiten kann.«
Bellzazar hob den Kopf und strich ihm mit einer Hand das Haar aus der Stirn. »Das Zimmer verlassen? Aufhören, zu existieren, und die Erinnerung an dich auslöschen? Mich kastrieren?«
Cohen zog den Kopf halb amüsiert, halb verwirrt zurück, soweit das Kissen es zuließ.
Seufzend streichelte Bellzazar noch immer seine Kehle und sandte ein tiefes Sehen durch seinen Leib, das es ihm schwer machte, zu denken.
»Das liegt an dir«, raunte der Fürst mit vor Lust dunklem Blick, der Cohens Seele in Brand steckte, »mein Schwanz will dich so sehr, von allen Seiten, immer wieder, und wird vermutlich erst dann Ruhe geben, wenn mein Herz kein Blut mehr in ihn pumpen kann.«
Cohen erbebte unter den Worten.
»Nun, wenn das mir gilt«, sagte er, rieb dessen harten Schaft und drehte ihn auf den Rücken, »dann verzeih, dass ich mir nehme, was mir zusteht.«
Mit einem Lächeln setzte er sich auf Bellzazars Lenden und beugte sich hinab, um ihn wieder zu küssen. Voll heißer Hingabe wurde sein Kuss dieses Mal erwidert, während zärtliche Hände seine Arme streichelten.
Er stöhnte wohlig in den Kuss hinein, während er sich gewahr wurde, wie wundervoll sie aufeinanderpassten. Bellzazars schmälere Hüften waren wie für ihn gemacht, außerdem hätte er diesen großen, drahtigen Körper unter sich am liebsten aufgefressen, so gierig war er nach ihm.
Nach dem Kuss streckte er sich zur Seite, um die Phiole mit dem Öl zu greifen, die neben dem Wein am Bett stand. Dafür war er sogar noch mal in die Stadt hinunter gegangen.
Bellzazar zog belustigt eine Augenbraue nach oben und fasste ihn an der Hüfte. »Da hat jemand vorgesorgt – und war sich sehr sicher, rangenommen zu werden.«
Cohen rutschte zurück, bis Bellzazars Härte frei lag. »Jemand ist eben ein schlauer Fuchs und hat keine Lust, dass ihm die Pforte reißt«
Bellzazar lachte dreckig. »Du meinst, weil sie gerade so schön neu ist.«
Cohen zwickte ihm in den Brustmuskel, und Bellzazar lachte noch mehr. »Gehe ich Recht in der Annahme, dass dein Körper den Rausch des Weines bereits überwunden hat?«
»Es war dein Mund an meinem Schaft, der meinen Verstand klärte«, raunte er lustvoll, als Cohen ein paar ölige Tropfen auf sein Geschlecht tröpfeln ließ.
»Dann habe ich also einen magischen Mund?«, scherzte er und wackelte verrucht mit den Augenbrauen.
»Er ist absolut zauberhaft«, ein wölfisches Grinsen blitzte im Halbdunkeln auf, »wenn er die richtige Stelle küsst.«
Cohen lachte amüsiert. Das mochte er so an Bellzazar, dass er ihn zum Lachen bringen konnte.
Bellzazars Augen leuchteten immer mehr, während er mit einem schiefen Grinsen zu ihm aufsah. »Du bist anders, Coco, so entspannt. Das gefällt mir.«
Nun ja, er musste ja auch irgendwie seinem eingeschnappten Fürsten zeigen, dass seine Begierde ganz auf ihn gerichtet war.
Das stimmte zwar nicht so ganz, er konnte seine Gefühle für Desiderius nicht einfach vergessen, sie würden nicht einfach so verschwinden, aber das änderte nichts daran, dass er lieber hier mit Bellzazar im Bett war, als mit Desiderius. Das musste er ihm beweisen, und da Worte nichts nützten … sollten seine Taten umso lauter sprechen.
Cohen stellte die Phiole fort und hauchte dicht an Bellzazars Mund: »Lass es uns auskosten.«
Seine Hände seiften bereits Bellzazars Geschlecht ein und entlocktem diesem ein Keuchen, jegliche Belustigung wich aus Bellzazars Gesicht, stattdessen wurde es dunkel und ernst vor Verlangen.
Mit nur zwei Handgriffen hatte Cohen Bellzazars Härte an die richtige Stelle gesetzt und stützte sich mit beiden Händen auf den schlanken Brustmuskeln ab. Ihre Blicke verhakten sich, lüstern und erwartungsvoll, während Cohen sich ganz langsam auf das ölige Glied niederließ.
Es wollte nicht auf Anhieb gelingen, obwohl seine Pforte willig zuckte und es kaum erwarten konnte, durchstoßen zu werden. Verdammt, allein die Vorstellung, Bellzazar in sich aufzunehmen, brachte ihn zum Beben. Doch sein Körper war noch nicht so bereit wie es sein Geist war.
Bellzazar half nach, er schob den Arm unter Cohen und bereitete ihn mit zwei nassen Fingern vor.
Keuchend ließ Cohen sich nach vorne fallen und hing bald darauf stöhnend und sabbernd an Bellzazars Mund, biss und leckte dessen Lippen, während dieser ganz gemächlich die Finger in ihm bewegte, langsam rein und raus glitt und sie leicht spreizte, um ihn zu dehnen.
Er nahm einen dritten Finger dazu und ein heißes Brennen veranlasste Cohen, Bellzazar vor unterdrückter Lust so fest in die Lippe zu beißen, dass sie blutete.
»Jetzt«, raunte Bellzazar schwer atmend, »setzt dich auf meine Härte!« Er umfasste Cohens Hüfte und zwang ihn in Position.
Sie stöhnten beide erleichtert auf, als die Spitze durch den Muskel brach und sie endlich vereint waren. Der Druck wurde immer größer, der Schmerz immer heißer, vor allem als Bellzazars Schaft über die Länge seiner Finger hinausstieß und in unberührte Gegenden vordrang.
Cohen zitterte, als sich sein ganzes Bewusstsein auf nur eine einzige Körperstelle richtete, auf seine Mitte, sein pochendes Geschlecht, das auf Bellzazars Bauchdecke tropfte, und seine gedehnte Pforte, die gierig über den stark geäderten Schaft nach unten glitt.
Langsam bewegte er sich, rollte mit der Hüfte, genoss Bellzazars schweren Atem und seine Hände, die lobend über seine Schenkel strichen.
Es gab und würde nie ein schöneres Gefühl für Cohen geben, als mit einem Mann zu verschmelzen, ausgefüllt zu werden von diesem heißen, harten Fleisch, das einen Lustpunkt in seinem Inneren fand, der ihn innerlich zum Bersten brachte.
Schweiß ließ seine Brust glänzen, noch bevor sie richtig eins waren.
Immer wieder hob und senkte er das Becken, ritt auf Bellzazars Härte und verschaffte sich selbst und ihm eine stetig steigende Lust.
»He!«, flüsterte Bellzazar plötzlich und hob mit zwei Fingern Cohens lustvoll verzerrtes Gesicht an. Im Dunkeln wirkte seine Miene nachdenklich, beinahe melancholisch. »Du denkst doch jetzt nicht an ihn, oder?«, fragte er leise und streichelte Cohens Kinn mit dem Daumen.
An ihn? An wen? Cohen war nur auf das konzentriert, was sein Innerstes dehnte und aufrieb, das so tief in ihm steckte, dass seine eigene Härte klebrige Samentropfen sabberte. Doch dann verstand er, als er Bellzazars befürchteten Blick bemerkte.
Er schüttelte keuchend den Kopf und fuhr mit den Händen über Bellzazars Rippen nach oben, strich mit dem Daumen über seine Brustwarzen, bis der Fürst zischte. »Ich reite dich, Bell. Niemanden sonst. In mir steckst nur du.«
Die Vieldeutigkeit seiner Worte ließ Bellzazars Blick wieder dunkel werden. Dann verschwanden seine Hände von Cohens Körper und schoben sich unter seinen eigenen Kopf. Gönnerhaft und unverschämt arrogant lag er da und ließ Cohen den Vortritt.
»Nimm es dir«, forderte er rau und bewegte im Einklang mit Cohens Körper sanft das Becken.
Und Cohen nahm es sich, ritt ihn ein wenig schneller, sodass er die Anstrengung bald in den zitternden Muskeln seiner Schenkel spüren konnte, während Bellzazar mit hinter dem Kopf verschränkten Armen da lag und ihn beobachtete, als wäre er kein Teil davon, als wäre er nur ein Zuschauer. Doch das gierige Glitzern in seinen blauen Augen und das Entgegenkommen seines Beckens zeugten von seiner eigenen Lust. Nach und nach spannten sich seine Züge an und seine Nasenflügel blähten sich immer deutlicher auf.
Cohen grinste auf ihn herab, ritt ihn schneller, härter. Sein Glied wippte und schlug bei jeder Abwärtsbewegung hart auf Bellzazars unteren Bauchmuskel.
»Ja, so ist es gut«, grollte Bellzazar plötzlich wie ein Tier, »schön reiten.«
Angespornt nahm Cohen ihn noch wilder, krallte sich in die harten Brustmuskeln und genoss das deutliche Zucken der Härte in seiner Pforte.
»Schneller!« Bellzazar schlug ihm auf den Schenkel.
Überrascht sah Cohen ihn an.
Bellzazar grinste diabolisch. »Komm schon!« Er stieß das Becken vor. »Ich dachte, du kannst so gut reiten.« Wieder schlug er ihm gegen den Schenkel, sodass ein Abdruck hinterblieb und Cohens Haut herrlich prickelte. Cohen keuchte dieses Mal unter dem Schmerz auf.
»Komisch, normalerweise bekommt das Reittier einen Klaps, nicht der Reiter…«
Dann hatte er plötzlich eine Hand an der Kehle, die ihm schmerzvoll den Kopf hochdrückte.
»Hör nicht auf, reite meine Härte weiter«, flüsterte Bellzazar rau, während er mit einer Hand Cohens Kehle gestreckt hielt und mit der anderen Cohens Gesäß packte und ihn grob auf und ab bewegte. Die schlanken Finger gruben sich tief in Cohens Fleisch und zogen seine Pforte auseinander, während er sich immer wieder auf Bellzazars Härte aufspießte.
Und dann spürte er, wie Bellzazar auch mit seinem Geist in ihn eindrang und alles in pure, dunkle Lust verwandelte. Cohen verdrehte die Augen, der Geifer lief ihm über die geöffneten Lippen. Bellzazar wühlte ihn auf, riss seine Seele auf und verstärkte das Prickeln in seinen Lenden, bis er sich mit einem Lustschrei vollkommen besinnungslos ergoss. Einzig und allein die glitschige Härte in seinem Innersten half ihm bei den Wellen seines Höhepunktes. Sein Glied zuckte schwer und träge, während dicke Strahlen Samen hervorschossen und Bellzazars Haut verklebten.
Gerne würde er behaupten, dass sie zusammenkamen, dass Bellzazar durch seine inneren Zuckungen mit ihm Erfüllung fand. Aber stattdessen spürte er – noch immer blind vor Lust – wie Bellzazar sich auf ihn warf und in die Kissen drückte und ihn einfach noch einmal nahm. Er ließ ihm keine Zeit, zur Ruhe zu kommen, stieß hart und wild in ihn, sodass Cohen sich nur noch an ihn festklammern konnte, um nicht mit dem Kopf gegen das Bettgestell zu stoßen.
Bellzazar beugte sich hinab und leckte der Länge nach über Cohens frische Narbe.
»Meins«, knurrte er dabei wie von Sinnen, »mein Herz!«
Cohen keuchte ergriffen, kam aber nicht dazu, etwas zu sagen, denn schon saugten sich Bellzazars Lippen an seinem Mund fest und raubten ihm jeglichen Atem.
»Ich will dich für mich!«, grollte er beinahe wütend an Cohens Mund. »Für mich ganz allein!«
Wieder wanderte seine Hand zu Cohens Hals, hielt ihn in den Kissen, während sein Daumen zärtlich über den Kehlkopf strich.
Und verdammt, das wütende Gehabe imponierte Cohen so sehr, dass er Bellzazar geradezu anflehte, ihn noch einmal zum Höhepunkt zu treiben.
Es gelang ihm sogar ein drittes Mal, als er Cohen nach dem Akt hingebungsvoll sauber leckte, erst die Pforte, die er so sorgfältig beschmutzt hatte, bis sie zuckte, dann Cohens schmerzhaft pochende Härte, die wegen seiner streichelnden Zunge einfach keine Ruhe geben wollte, sodass er sich sofort spielerisch darum kümmerte, bis sie wundgescheuert zuckte und Cohen von einem warmen Beben durchgerüttelt wurde.
Und es wäre Bellzazar vermutlich noch ein viertes Mal gelungen, hätte Cohen nicht kraftlos kapituliert.
*~*~*~*
»Ich liebe das Geräusch, dass du machst, wenn du kommst.«
Cohen hob den Kopf von Bellzazars Brust und sah träge zu ihm auf. »Hm?«
Mit einem äußerst zufriedenen Lächeln starrte der Fürst vor sich hin und streichelte mit einer Fingerspitze sehr zärtlich Cohens Rücken. »Und wie du verkrampfst. Als würde ich dir große Qual bereiten.« Er versuchte, das Geräusch nachzuahmen, wobei er unterdrückt grunzte und krampfhaft zuckte. Dann lachte er äußerst vergnügt. »So hilflos deiner Lust ausgeliefert.«
»Ach ja?« Cohen schwang sich auf ihn und das Licht der beinahe niedergebrannten Kerzen ließ den feinen Schweißfilm auf seiner Haut glänzen. »Glaubst du, du siehst aus und klingst dabei wie ein Barde? Ich dachte, ein Rammler begattet mich.« Schmunzelnd beugte er sich über Bellzazar, während ein liebevoller Ausdruck auf seinem Gesicht lag. »Bevor du kommst, peitschen deine Hüften ganz schnell, und dann fällst du grunzend runter, obwohl du mich noch festumklammerst.«
Bellzazar bäumte sich auf und lachte herzlich darüber.
Cohen fand ihn nie schöner als in diesem Moment, da er tief befriedigt, entspannt und wohlig erschöpft unter ihm in den Kissen lag und wegen ihm so munter lachte, dass es ihm die Augen feucht werden ließ.
Doch Bellzazars dunkles Gelächter erstarb nach und nach, ebbte ab wie der Wind nach einem Sturm, als er Cohens intensiven Blick bemerkte. Er blinzelte zu ihm auf, dann sah er ebenso berührt zu ihm hinauf, wie Cohen zu ihm herab. Der Moment der Stille war gefüllt mit Worten, die nicht ausgesprochen werden mussten. Sie wussten es auch so, fühlten es, sahen es in den Augen des anderen. Sie waren glücklich, mehr wollten sie nicht sagen.
Bellzazar hob eine Hand und legte sie um Cohens Kinn, zärtlich strich sein Daumen über Cohens Lippen und sein Blick wurde nachdenklich. »Es stimmt nicht, was sie behaupten«, flüsterte er dann.
»Was?«, hauchte Cohen zurück, obwohl er gerade nicht reden wollte, vor allem nicht, wenn Bellzazars Berührung so zart war, dass sie ihn beinahe einschläferte.
»Dass du irgendwie auf mich geprägt bist, weil du jetzt ein Dämon bist und ich dein Fürst«, erklärte Bellzazar und schien wirklich verletzt. Eine Seite, die er nur Cohen zeigte. »Ich manipuliere dich nicht, kann ich gar nicht. Du bist zwar ein Dämon und ja, ich habe dich erschaffen, aber deine Gefühle sind ganz frei. So etwas wie Prägung gibt es nicht. Du könntest mich sogar stürzen, wenn du es wolltest…«
Cohen legte ihm zwei Finger über die Lippen und schüttelte den Kopf. »Psst. Ich weiß, Bell, ich weiß. Und es ist doch gleich, was sie denken. Sie wissen gar nichts über die Welt, die in uns wohnt.«
Bellzazar riss den Kopf zur Seite, um seinen Mund frei zu bekommen. »Mag sein, dass du jetzt von Wollust getrieben wirst, aber die kann sich auf jeden richten. Dass du mich willst, hat nichts damit zu tun, dass mein Herz in deiner Brust schlägt, es war schon vorher da. Vielleicht ist das Gefühl jetzt stärker, aber es beeinflusst nicht dein Denken über mich als Person.«
»Du musst nichts erklären, ich weiß, was ich fühle«, warf Cohen ein und beugte sich hinab. Er küsste Bellzazars weiche Lippen und nagte liebevoll daran. Sein Fürst kam ihm träge, aber willig entgegen und streichelte dabei mit seinen kühlen Händen über seine Seiten.
»Bell«, flüsterte Cohen dann und spürte, wie ihr Herz raste, »du weißt, dass ich dich schon wollte, bevor ich zum Dämon wurde. Du weißt, dass ich mich deshalb schuldig fühlte. Und als ich fast gänzlich verloren war – den schlimmsten aller Tode starb: den meiner Seele – und dann aber wieder aufgewacht bin … da wusste ich, dass die Zeit zu kurz ist, um sich das hier schlecht zu reden.« Und damit legte er wieder die Lippen auf Bellzazar, um ihm deutlich zu zeigen, wie herzlich gleich ihm die Meinung anderer – selbst Desiderius` – war.
»Wenn ich bei dir liegen will, Bell«, grollte er entschlossen an dessen Mund, »dann werde ich das verdammt noch mal auch tun. Einfach, weil ich es will.«
Bellzazars Augen leuchteten auf und er stürzte sich auf Cohens Lippen, warf ihn herum und küsste ihn nieder. Immer wieder. Hob den Kopf, sah ihn an, als könnte er nicht glauben, dass er wirklich war, und küsste ihn erneut, sanft, sacht, lieblich, ohne Zunge aber mit atemloser Leidenschaft.
»Sag, du willst mich«, verlangte er und zog mit den Zähnen an Cohens Unterlippe. »Sag, dass du mich willst!«
Cohen packte Bellzazars Kopf, damit er stillhielt, obwohl er es genoss, wie dieser wieder seinen schlanken, langen Leib an ihm rieb. »Ich will dich«, raunte er lüstern, »ich will dich so sehr …«
Mit einem Stöhnen verschloss Bellzazar wieder Cohens Mund und abermals in dieser Nacht vereinigten sie ihre Körper, bis der Morgen graute und die liebliche Sommernacht vertrieb.
Kapitel 12
Die Zeltplane wurde aufgeschlagen und ein bärtiger, stinkender Leibwächter streckte den Kopf ins erleuchtete Innere. »Mein König?«
Melecay gab ein Grunzen zur Antwort, während er den kalten Wildschweinbraten vom Vorabend zum Frühstück einnahm. Sein Koch hatte ihn mit viel dicker Soße in einer Holzschüssel serviert, und Melecay trank einen süßen Wein dazu, um das zähe Fleisch herunter zu spülen.
Aber nicht nur das Frühstück vermieste ihm die Laune, auch die unrühmliche Urzeit. Der verdammte Morgen graute noch nicht einmal richtig, die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber ein kalter, grauer Schimmer erhellte das Land. Er hätte noch ein paar Stunden schlafen können, aber wer konnte schon bei dieser verdammten feuchten Hitze Ruhe finden?
Er hasste dieses Land. Er hasste es so abgrundtief, dass er es an diesem Morgen am liebsten niedergebrannt hätte.
»Ihr habt Besuch, mein König«, wagte der Krieger ihm mitzuteilen.
»Na dann schickt ihn dorthin wo der Pfeffer wächst.«
»Sind wir da nicht schon«, murrte Vynsu neben ihm. Sein Neffe saß mit Derrick und dessen Lustknaben Desith mit ihm am Tisch, doch das Frühstück nahmen sie alle schweigend ein, denn sie spürten die Spannung im Raum und wagten nicht, ihn zu reizen. Welch kluger Entschluss, Melecay neigte zu unberechenbaren Ausbrüchen, wenn er mies gelaunt war. Und sein Prinzgemahl Dainty war nicht hier, um seine Wut zu besänftigen.
Er war wirklich nicht in Hochstimmung, nachdem seine Freunde ihm in den Rücken gefallen waren. Dabei hatte er wirklich felsenfest mit Desiderius` Unterstützung gerechnet. Aber statt sich ebenfalls gegen Eagle zu stellen, hatte er sich dazu entschlossen, diesem hinfälligen Friedensabkommen noch einmal zuzustimmen. Obwohl Eagle bewiesen hatte, dass er kein Freund war.
Wie könnte er auch ein Freund sein, wenn er seinem eigenen Sohn die Liebe verbot, für deren Freiheit sie einst Blut vergossen hatten?
Melecay sah es schon kommen, in ein paar Jahren würde Eagle derjenige sein, der es zur Sünde erklärte, weil sein Sohn sich gegen ihn stellte. Er roch den Verrat bereits, er konnte es in der Luft schmecken, er …
Gut, vielleicht war er paranoid, aber aus gutem Grund. Schon oft hatte man ihn wegen seines Prinzgemahls stürzen wollen, schon oft waren Meuchler in seine Burg eingebrochen und hatten Dainty die Kehle aufschlitzen wollen. Weil er einen Schwanz und keine Möse hatte, in die Melecay die Frucht seiner Lenden hätte pflanzen können. Weil diese ignoranten Bastarde glaubten, sie könnten ihm vorschreiben, wen er zu ficken hatte.
Verdammt, es sollte Eagle nicht verwundern, dass er gegenüber diesem Thema keinerlei Verständnis aufbringen konnte. Wenn der Kaiser seinem Sohn die Liebe zu einem Mann verbieten wollte, dann ging dessen Abneigung auch gegen Melecay.
Und er hasste es, wenn er verurteilt wurde. Vor allem von einem Schnösel wie Eagle.
Die Kaiserkrone hatte dem Burschen nicht gutgetan, sie hatte seine schlechtesten Seiten hervorgebracht. Aber Melecay würde sich noch etwas einfallen lassen, seine perfekte Welt brüchig werden zu lassen. Angefangen bei seinem süßen Söhnchen, das nun an seinem Tisch saß und sich den Arsch ordentlich von seinem Ziehsohn durchnehmen ließ. Vielleicht würde er ihm auch noch die Tochter nehmen, irgendwie, oder den anderen Jungen. Er könnte bei Nacht und Nebel einbrechen und sie entführen, dann würde er das Weib mit Vynsu zwangsverheiraten und den Jungen zu seinem persönlichen Lustsklaven ausbilden, wenn er alt genug dazu war und Dainty damit einverstanden wäre.
Hm, gar keine so üble Vorstellung. Wäre da nicht Wexmell Airynn, den Melecay als Mann und Freund sehr schätzte. Immerhin waren Eagles Kinder dessen Enkel.
Wexmell und Desiderius waren bisher der einzige Grund, warum er noch nicht zugeschlagen und einen Krieg angefangen hatte. Aber wie lange würde seine Freundschaft zu ihnen noch über seinem Zorn stehen? Er konnte es nicht sagen, er war schlicht angepisst.
»Mein König?« Der Krieger stand noch immer im Zelteingang und trat nervös von einem auf das andere Bein. »Wir haben bereits versucht, sie abzuwimmeln. Sie will nicht gehen.«
Seltsam, dachte Melecay für einen Moment, es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er seine Gefolgsleute alle beim Namen gekannt, heute musste er sich anstrengen, sie überhaupt als einen der ihren zu erkennen, weil sich ihm so viele Barbaren angeschlossen hatten, dass er über die Jahre den Überblick verloren hatte. Zumal seine einstigen Kameraden mittlerweile fast alle tot oder eine Familie und sich zur Ruhe gesetzt hatten, um Mist zu schaufeln, statt Köpfe abzuschlagen.
Plötzlich runzelte er die Stirn und sah von seiner Schüssel auf. »Hast du gerade Sie gesagt?«
»Ja«, der Krieger räusperte sich nervös, unter dem Bart war er jünger, als seine Gesichtsbehaarung vermuten ließ. »Sie sagt, sie sei die Herrin von Zadest und möchte mit Euch über einen gemeinsamen Feind sprechen.«
Melecay verzog die Lippen zu einem kalten Lächeln. »Na, wenn das kein glücklicher Zufall ist. Dann lasst die Dame doch nicht warten.«
Der Krieger schmunzelte leicht und senkte vertraut die Stimme. »Von Dame kann keine Rede sein, mein König, ehe von einer vertrockneten Pflaume.«
Melecay lachte, seine Laune hob sich allmählich.
*~*~*~*
Vertrocknet war genau das, was Melecay zuerst dachte, als er das gefurchte, knittrige Gesicht der Alten erblickte.
Er hatte die Burschen rausgeschickt, damit sie aneinander rumspielen konnten und er mit dieser Herrin allein war.
Sie brachte zwei große Leibwachen mit, deren dunkle Haut mit weißleuchtenden Zeichnungen bemalt war. Unter ihren langen Haarzöpfen lugten spitze Ohren hervor, streng und unbeweglich wie Statuen starrten sie geradeaus. Melecay bewunderte ihre Aufmachung. Oberkörperfrei, zwei Waffengürtel überkreuzten sich auf ihrer Brust, kein Hemd, keine Hosen, nur Leder, das ihnen wie ein kurzer Rock um die Lenden gebunden war. Sie trugen Säbel und Bogen am Leib. Primitive Urwaldkrieger, keine Barbaren oder feine Ritter. Nur ein paar menschliche Affen mit blanker, bemalter Haut, die ihre Leben in den Bäumen verbrachten.
»Ich danke Euch, dass Ihr mich empfangt«, sagte die Herrin mit einer geradezu geölten Stimme, die wohltuend sein Gehör hinabrann. Sie passte nicht zu dem alten Körper, ebenso wenig wie die verrucht leuchtenden, grauen Augen.
Melecay lächelte falsch. »Hatte ich denn eine andere Wahl?«
Ihr Schmunzeln war süß und aufrichtig, und absolut unpassend. »Nein.«
Melecay trank von seinem Kelch und inspizierte ihren Körper. Ihre Haut war dünn wie Papier und so faltig wie das Bettlaken, nachdem er mit Dainty fertig war, aber ihre wachen Augen zeugten von einer Jugend, die unvergänglich war. Ihr Blick lockte einen Mann ein, die Hosen fallen zu lassen, er drückte Entschlossenheit und Stärke aus. Ein Blick, den er schätzte und respektierte. Sie zeigte weniger Haut als ihre Begleiter, aber mehr als es eine Frau in ihrem Alter tun sollte. Leopardenfelle bedeckten ihre Brust und Beine, ein buschiger Pelzkragen kaschierte ihre mageren Schultern, aber ihr Bauch lag frei und zeigte einen vernarbten Nabel.
»Also«, drängte er, »Ihr seid gewiss nicht nur hier, um mich mit den Augen auszuziehen.«
Sie lächelte wieder, doch es erreichte ihre Augen nicht. »Nein, nicht nur. Ich bin wegen unseres gemeinsamen Feindes hier.«
Melecay schnaubte herablassend. »Ich habe keine Feinde.«
Doch sie sah ihn wissend an. »Reden wir nicht lange drum herum, Großkönig. Carapuhr und Zadest hatten schon ein Abkommen lange bevor das Kaiserreich sich einmischte. Unsere Länder lagen vor zwanzig Jahren noch in Krieg mit Elkanasai. Ihr wisst genau, wo von ich spreche. Und ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns für die vielen Opfer revanchieren.«
Melecay sah ihr unbeeindruckt in die Augen. »Wie patriotisch von Euch. Doch soweit ich mich erinnern kann, hatte mein Land ein Abkommen mit der Königin von Zadest.« Gespielt bedauernd legte er den Kopf schief. »Wo ist die Königin?«
»Sie wich einer höheren Sache.«
»Aha.«
»Genau wie Euer Vater, nicht wahr?«
Melecay entschloss sich, lediglich zu lächeln, und abzuwarten, worauf die Alte hinauswollte.
»Wir haben viel gemein, Großkönig«, sagte sie und faltete bedächtig ihre Hände im Schoß, »Ihr regiert Euer Land mit Strenge und ebenso mit Liebe. Ihr bietet Eurem Volk Frieden und Wohlstand, solange sie gehorchen. Und das ist, was auch ich will. Gehorsam.«
Melecay verengte die Augen. »Was genau wollt Ihr mit mir besprechen?«
»Ein Bündnis, Großkönig, zwischen Euch und mir«, erklärte sie frei heraus. »Ihr lagert sicherlich nicht außerhalb der Stadt, weil Ihr den Kaiser so gernhabt.«
»So sprecht nun«, drängte er ungeduldig, »meine Zeit ist begrenzt. Von meiner Geduld ganz zu schweigen.«
Sie lächelte, als imponierte ihr, was sie hörte. »Ich schlage Euch einen Handel vor, Melecay. Ihr seid ein großer König und ein Mann, der weiß, worauf es ankommt, aber Euer Titel hat kaum Gewicht. Ich bin hier, weil ich Euch zu einem echten Großkönig machen könnte.«
Interessiert legte er den Kopf schief, nun wurde er hellhörig.
Sie fuhr mit einem diabolischen Lächeln fort: »Schließt Euch mit mir zusammen, und gemeinsam werden wir die Länder des Westens unterjochen. Zu ihrem eigenen Wohl, natürlich. Es geht mir nicht darum, die Länder zu vernichten, sondern um Gehorsam. Stellt es Euch vor, Melecay, Ihr könntet der Großkönig des Westens sein und für mich über alle anderen herrschen.«
Melecay schenkte sich Wein nach, während er sich die Worte der Alten durch den Kopf gehen ließ. Dann nahm er einen Schluck und spülte seinen Mund mit dem süßen Aroma durch. Anschließend lehnte er sich nach vorne und wollte wissen: »Was verlangt Ihr im Gegenzug?«
»Wenn wir den Kaiser von Elkanasai angreifen sollten, erwarte ich Euch und Eure Armee, die Ihr hier in der Nähe versteckt haltet, auf meiner Seite des Schlachtfeldes«, verkündete sie.
Melecay ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Sie wusste mehr, als ihm lieb war.
»Ich biete Euch die Gelegenheit, über ganz Bleyquinnt zu herrschen, Melecay.«
Ein Lächeln schlich sich auf Melecays Züge, als er sich zurücklehnte und ihr auffordernd zunickte. »Ich bin ganz Ohr, meine Herrin.«
Sie lächelte siegessicher zurück.
*~*~*~*
Rick legte Desith von hinten die Hand über den Mund und zog ihn vom Zelt fort. Sein kleiner Wildfang wehrte sich mit Händen und Füßen gegen ihn, aber erst als sie weit genug entfernt waren, ließ er ihn zwischen zwei Zeltwänden los, wo sie allein waren.
»Das können wir nicht zulassen!«, rief Desith erschrocken und wirbelte zu ihm herum.
Doch Rick sah ihn nur entschuldigend an.
Desith riss schockiert die Augen auf. »Du willst nichts tun?«
Seufzend ließ Rick die Schultern hängen. »Desi…«
»Nein!« Wütend entzog er sich Ricks Hand, die beruhigend nach seinem Arm gegriffen hatte. »Wir müssen sie warnen, Rick! Wenn du es nicht tust, dann tu ich es!«
»Das ist Hochverrat, das weißt du«, zischte Rick ihn an. »Du hast König Melecay die Treue geschworen, Desith, du kannst jetzt nicht seinen Feind warnen!«
Desith schraubte trotzig. »Mir doch egal!« Dann wirbelte er herum. »Dann gehe ich eben allein!«
Rick packte ihn und zog ihn entschlossen an sich heran. »Das wirst du nicht tun. Desith!«
Sein kleiner Wildfang wehrte sich wieder aus Leibeskräften, sodass Rick ihn an den schmalen Schultern packte und grob die Hände zusammendrückte.
Mit einem stummen Schrei zuckte Desith zusammen und versuchte, dem Schmerz zu entkommen.
»Du hörst mir jetzt zu!«, schärfte Rick ihm leise ein. »Das ist kein Spaß, Desith, wenn du den Kaiser warnst, begehst du Verrat, und Melecay wird dir den Kopf abschlagen lassen! Verstehst du? Er wird nicht ruhen, bis er dich in die Finger bekommt.«
Verzweifelt sah Desith zu ihm auf, sein hoffnungsloser Blick ließ Rick schwer seufzen.
»Du hast dich dafür entschieden, meinem Vater die Treue zu schwören«, betonte Rick noch einmal ernst. »Seine Feinde sind jetzt auch deine Feinde. Jeder Feind. Auch jene, die mal deine Freunde oder Familie waren. Du kannst nicht einfach nach Belieben jeden Tag deine Meinung ändern. Niemand verrät den Großkönig!«
Desith sah ihn flehend an. »Aber … er ist doch mein Vater, Rick!« Ratlos schüttelte er den Kopf, in seinen eisblauen Augen schimmerten kindliche Tränen. »Ganz gleich, was zwischen mir und ihm vorgefallen ist, ich kann nicht zulassen, dass er stirbt. Und nicht nur er. Alle. Sie werden auch meine Mutter und Geschwister …« Er brach ab, konnte es nicht einmal denken, und begann zu zittern. »Oh Götter, ich kann das nicht zu lassen.«
Rick konnte ihn gut verstehen. Sehr gut sogar. Aber ihnen waren die Hände gebunden, sie mussten sich dem Willen des Großkönigs beugen – oder den Preis ihres Lebens für ihren Verrat zahlen.
»Ich weiß«, seufzte er und zog Desith an sich heran, »ich weiß, das ist schwer. Aber ich kann nicht zulassen, dass du dich wegen deines Vaters zum Hochverräter machst. Das kann ich einfach nicht. Du gehörst jetzt hierher, Desith. So hast du es gewollt. Melecay wird deine Treue erwarten.«
Desith schluchzte an seiner Brust und krallte die Hände in seinen Rücken. »Was habe ich nur getan, Rick? Was haben wir getan?«
Rick wurde das Herz schwer. »Ich … weiß es nicht, Desi. Es tut mir leid.«
Soweit hätte es niemals kommen dürfen.
Kapitel 13
»Wir haben dicke und hohe Mauern«, sagte Eagle, während sie gemeinsam die Wehrgänge über dem östlichen Tor abgingen. »Diese Stadt wurde einst genau für diesen Zweck erbaut: um die Zadestianer abzuhalten.«
»Beruhigend«, erwiderte Desiderius und blieb mit Blick nach Osten stehen. Die Wand aus grünem Wald, die am Horizont aufragte, wirkte an diesem Morgen bedrohlich. »Wie sieht es mit den Truppen aus?«
»Wir haben innerhalb dieser Mauern Fünfzehnhundert bewaffnete, gesättigte Männer und die nächste Garnison ist eine Tagesreise entfernt in Parrot Forest marschbereit.«
»Du solltest sie anrücken lassen«, riet Desiderius ihm. Ein ganz mieses Bauchgefühl plagte ihn seit gestern. Er spürte die Gefahr förmlich, die im Osten lauerte und ihre Krallen nach ihnen ausstreckte. Sie hing wie der Duft von verbranntem Fleisch schwer in der Luft. Und in der letzten Nacht plagten ihn Alpträume von längst gewonnenen und verlorenen Schlachten vergangener Zeitalter. Und von seinem eigenen Tod.
Aber Eagle seufzte und lehnte sich nachdenklich zwischen zwei Zinnen. »Vertraust du ihm denn?«
Desiderius konnte Eagles Argwohn gut verstehen, aber er teilte ihn nicht. »Er ist mein Bruder, Eagle.« Voller schwermütiger Gedanken atmete er aus und fuhr sich durchs schwarze Haar. »Alles, was er tat, hat er für mich getan. Ich glaube nicht im Geringsten, dass er uns jetzt Märchen erzählt, zumal sich seine Geschichte mit Ragons und Fens Geschichte gleicht. Warum sollte Bellzazar sich auch so etwas ausdenken? Es klingt verrückt, wie so oft.«
»Vielleicht weil er unsere Hilfe braucht«, überlegte Eagle, »vielleicht geht es nur um ihn, nur um sein Leben, und er ist bereit, uns alle anderen dafür in Gefahr zu bringen.«
Desiderius schüttelte den Kopf. »Nein, wir sind alle in Gefahr. Dein Sohn hat es bestätigt, genauso wie Cohen. Und ich vertraue Cohen.«
Eagle senkte den Blick und fummelte an seinen Fingernägeln herum. Immer wieder liefen Wachen an ihnen vorbei, ein Hauptmann verteilte Waffen und Helme. Die Mauern wurden jetzt stärker bewacht und die Wachen standen bereit, falls diese Armee wirklich anrücken sollte. Eagle mochte argwöhnisch sein, aber nicht dumm, er unterschätzte nicht einfach eine drohende Gefahr.
In der Stadt wurde noch das Fest gefeiert, sie hatten der Bevölkerung nichts von einer Bedrohung erzählt, wobei sie gewisse Gerüchte natürlich nicht gänzlich kontrollieren konnten. Sie hatten sich dazu entschlossen, keine Massenpanik zu schüren. Auch wenn Wexmell dafür war, den Bewohner der Stadt die Möglichkeit zur Flucht zu gewähren, war eine ausbrechende Panik gefährlicher als die Armee selbst. Wie Eagle bereits gesagt hatte, diese Mauern waren dick und hoch, die Bevölkerung war in der Stadt sicherer als außerhalb. Und sie konnten jetzt keinen Aufstand riskieren.
Dennoch wurden die Tore geschlossen und keine weiteren Besucher mehr empfangen, aus Angst vor Spionen. Das war den Bewohnern natürlich nicht entgangen und sie flüsterten bereits darüber.
»Das mit Cohen gefällt mir nicht«, sagte Eagle leise und beschämt. »Versteh mich nicht falsch, ich bin froh, dass wir ihn wiederhaben. Aber … er ist ein Dämon!«
»Er ist dennoch Cohen«, warf Desiderius ein und drückte aufmunternd Eagles Schulter. Er wusste, was dieser meinte, auch er musste sich erst damit anfreunden, dass Cohen jetzt wieder da war und sich anders verhielt. Er würde dem noch auf dem Grund gehen!
»He«, lenkte Desiderius Eagle auf ein anderes Thema, »warst du mittlerweile bei ihm?«
Eagle runzelte die Stirn und wollte sich offensichtlich dumm stellen. »Bei wem? Bei Cohen?«
»Nein, bei deinem Sohn.«
Anhand seines schuldbewussten Blickes konnte Desiderius die Antwort erahnen. Unbehaglich schaute Eagle die Mauer wieder hinab auf den Wassergraben, der die Stadt umgab. »Nein, noch nicht. Ich … weiß gar nicht, was ich sagen soll. Er ist doch schon fast ein Mann.«
Tja, was sollte er da sagen…
Mitfühlend klopfte Desiderius ihm auf den breiten Rücken. »Wie war es denn für dich, als du Wexmell damals zum ersten Mal getroffen hast?«
Eagles Gesicht erhellte sich. »Ja«, seufzte er, »du hast ja recht. Ich sollte mich zumindest vorstellen.«
»Das gebietet die reine Höflichkeit«, stimmte Desiderius zu, wurde aber gleich darauf ernst. »Sei nicht nur ein Kaiser, Eagle, der Junge hat einiges erlebt und braucht jetzt vor allem Freunde.«
Eagle nickte vor sich hin, ihm war sein Unbehagen sichtlich ins Gesicht geschrieben. »Ich habe schon einen Sohn verjagt, Desiderius, ich fürchte mich davor, auch diesen zu vergraulen.«
»Dann mach jetzt alles besser«, schlug Desiderius ihm vor. »Richtig machen kannst du ohnehin nicht alles, aber besser. Und vielleicht will der Junge auch gar keinen Vater, Eagle. Alles, was der Kleine jetzt braucht, ist ein wenig Sicherheit. Genau wie du damals, als du herausgefunden hast, dass deine Mutter eine Verräterin war.«
Die Erinnerung daran zeichnete noch immer Schmerz in Eagles Gesicht. »Komm«, sagte er, um das Thema fallen zu lassen, »gehen wir zum Frühstück. Vielleicht lässt diese fremdweltliche Besucherin ja irgendwie mit sich reden und wir sorgen uns umsonst.«
Doch daran glaubte Desiderius nicht, allerdings wusste er nicht mehr mit Sicherheit, was Eagle bereit war zu tun, um einen Krieg zu verhindern. Vielleicht würde er den Frieden über die Freiheit stellen. Vielleicht war Kacey hier nicht so sicher, wie Ragon und Fen es sich erhofften.
*~*~*~*
Im Saal klapperte Besteck auf Tellern und in Schüsseln, es wurde geschlurft, müde geschwatzt und gemurrt. Das Sonnenlicht erhellte die Säulen zwischen den langen Tischen und Bänken und aus der Küche sickerte der warme Geruch von Kaffee, dem Landesgetränk Elkanasais.
Das Frühstück nahmen sie an jenem Tag gemeinsam mit den Besuchern und den Elitekämpfern der Villa und dem Königsorden aus Nohva ein. Vermutlich aus dem einfachen Grund, weil es so viel einfacher war, alle im Auge zu behalten und zu beschützen. Doch die Herrscher und die fremden Gäste ließen sich nur nach und nach blicken, einige schienen gar nicht zum Essen kommen zu wollen.
Sie hatten gestern mehr Stimmen belauscht als jene, die nun an der Tafel des Kaisers saßen. Nur Wexmell und der Orden nahmen dort das Frühstück ein, erst eine Stunde später gesellte sich der König und der Kaiser dazu. Bei einem Becher Kaffee steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten.
An einem anderen Tisch saßen zwei Fremde allein, zwei junge Burschen, die Karten spielten und geflissentlich alle anderen ignorierten.
Xaith lehnte mit dem Rücken an einer kühlen Wand im Schatten einer Säule, das Bein auf die Sitzbank gestellt, und zeichnete Vaaks` Profil in sein Buch. Besonders betonte er mit schwarzer Kohle dessen angespannte Gesichtsmuskeln, während dieser das Frühstück einnahm.
»Bekomme ich irgendwann zu sehen, was du in diesem Buch versteckst?«, fragte der Riese und schlürfte seine warme Ziegenmilch aus einer Bronzeschale.
Xaith lächelte über den Rand seines Buches. »Nein.«
Vaaks schüttelte amüsiert den Kopf, bedrängte ihn aber nicht weiter. Einen Moment lang lagen seine rotbraunen Augen funkelnd auf Xaiths Gesicht und schienen seine Wangenknochen zu bewundern, dann leckte er sich die Milch von den Lippen und setzte die Schale erneut an. Aber nicht ohne ihn aus den Augen zu lassen.
»Hör auf damit«, lächelte Xaith und trat ihm gegen den Schenkel. »Du machst mich nervös.«
»Götter, ich will so sehr diesen verlockenden Streifen nackte Brust lecken, den du immer offenlässt!«
Nun war es an Xaith, den Kopf zu schütteln. Bei all seinen Fantasien darüber, wie es mit Vaaks sein könnte, hatte er ihn niemals so … direkt und lüstern im Kopf gehabt. Aber er liebte es, brauchte es mehr als er zugeben könnte. Denn jemand wie er, der gänzlich ohne irgendeinen Hauch von Selbstwertgefühl geboren worden war, brauchte Komplimente mit einem Hammerschlag, nicht mit einer Feder. Kurz gesagt, man musste sie ihm schon einprügeln, damit er ihnen auch nur ansatzweise Glauben schenken konnte.
Trotzdem schlichen sich wieder Riaths Worte in seinen Kopf und der Zweifel wurde laut. Vielleicht war Vaaks` ganzes Verhalten darauf beschränkt, dass er seine Fleischeslust an jemandem ausleben wollte, der eben einfach leicht zu haben war, weil er so widerlich bedürftig war.
Andererseits könnte Vaaks auch einen wesentlich hübscheren Liebhaber oder Liebhaberin finden, allein in diesem Raum sahen ihn zwei Rekruten immer wieder schmachtend an, doch er schenkte ihnen keine Beachtung. Er war eben nicht wie Riath, der seinen Bewunderern immer das schenkte, was sie sich von ihm erhofften. Zumindest für einen Moment.
Apropos Riath. Zum Glück hatte Vaaks dessen Ausbruch am Tag zuvor nicht mitbekommen und auch May und Sarsar waren klug genug gewesen, es ihm nicht zu erzählen. Auch wenn Xaith sich über seinen Bruder ärgern konnte, er wollte keinen Hass zwischen den beiden schüren. Schlimm genug, dass May und Sarsar es mitbekommen hatten.
Aber … das war nicht der echte Riath. Nicht wirklich. Und gestern hatte Xaith etwas begriffen, dass er all die Jahre nicht verstanden hatte. Riath brauchte etwas, um … Dampf abzulassen. Ob im Schwertkampf oder durch Beischlaf. Er brauchte es, denn dann hatte er sich besser unter Kontrolle.
Wie an jenem Morgen ihrer Abreise, als er in der Nacht zuvor versucht hatte, sein Spiel mit Xaith zu treiben. Er hatte dann einen anderen gefunden, bei dem er seinen Trieb ausgelebt hatte, und war am nächsten Morgen wie so oft wie ausgewechselt gewesen.
Deshalb hatte Xaith ihn nicht aufgehalten, als er vor einer Weile einer Küchenmagd geifernd nachgegangen war. Obwohl ihr Vater wollte, das Riath sich zurückhielt.
Aber vielleicht brauchte Riath das einfach. Xaith hoffte es, denn er wollte ihn – so hart es klang – so weit von sich fernhalten wie er nur konnte, da er und Vaaks sich nähergekommen waren.
Riath durfte ihm das nicht wieder zerstören.
»Warum schaust du wieder so grimmig?«, fragte Vaaks, ahmte seine Schnute nach und legte ihm dann eine Hand auf das Bein, das Xaith über seinen Schoß gelegt hatte. Zärtlich führte er die Finger über den Unterschenkel, immer wieder auf und ab, und Xaith spürte augenblicklich, wie er errötete.
Es war erstaunlich, wie sofort sein gesamter Körper prickelte, als hätte ein Blitz ihn erfasst, sobald Vaaks ihn auch nur flüchtig berührte. Und sie konnten beide nicht genug davon bekommen, sich gegenseitig zu berühren, seit sie erst einmal damit angefangen hatten.
Es war, als hätte dieser erste Kuss alle anderen Dämme eingerissen. Zumindest bei Vaaks, er hatte alle Zurückhaltung abgelegt, seit er wusste, was Xaith für ihn empfand, und er war beharrlich dabei, auch Xaiths restliche Hemmungen niederzureißen.
»Ach… nichts«, brachte Xaith mit rauer Stimme hervor, die Vaaks wissend schmunzeln ließ.
Xaith klappte das Buch zu und nahm das Bein von Vaaks` Schoß, um sich richtig hinzusetzen.
»Bist du gar nicht neugierig, wer der Kleine ist?«, fragte Xaith und deutete hinter sich.
Sie sahen beide über die Schulter zu dem Burschen, der wie Wexmells Bastard aussah.
»Riath hat behauptet, er wäre Kaiser Eagles Sohn«, flüsterte Vaaks, während ganz beiläufig seine Pranke über Xaiths Schenkel glitt. »Angeblich hat er grün schimmernde Schuppen auf dem Rücken.« Er lachte leise in sich hinein. »Das Einzige, was funkelt, sind Riaths gierige Augen, wenn er von ihm spricht.«
»Das gefällt mir nicht«, sagte Xaith grimmig und musterte das Profil des fremden Jungen. Er war dürr und kränklich, jemand hatte ihm ein Hemd und eine Weste aus Seide gegeben, dazu trug er die dünnen Pluderhosen, die derzeit Mode im Kaiserreich waren, doch die feine Kleidung sorgte nur dafür, dass er noch blasser und dünner aussah, von den eingefallenen Wangen ganz zu schweigen. Eine helle, goldene Aura umgab den fremden Jungen, er musste eine männliche Hexe sein, genau wie Xaith und Sarsar, doch der goldene Nebel wirkte blass und stand kurz vor dem Erlöschen.
Vaaks brummte missmutig: »Kann uns doch egal sein, wen Riath angafft.«
»Nicht, wenn Riath den Sohn des Kaisers in einer dunklen Ecke bedrängt«, überlegte Xaith befürchtend. »Du kennst ihn doch.«
Doch Vaaks zuckte nur mit den Schultern und wandte das Gesicht von dem fremden Jungen ab, um Xaith stattdessen mit den Augen zu verschlingen.
Wirklich, Xaith konnte sich nicht erklären, warum Vaaks ihn ansah, als wäre er ein Braten oder für ihn ähnlich Erhabenes. Aber allmählich fing er an, dessen Schwärmerei Glauben zu schenken.
»Das ist Riaths Sache«, schloss Vaaks das Thema eiskalt ab. »Wie oft haben wir ihn versucht zu warnen? Wie oft hat Vater ihm gesagt, dass nein, nein heißt? Wenn er etwas tut, was er nicht tun soll, sind wir nicht dafür verantwortlich. He!«
Vaaks` Pranke umfasste Xaiths Kinn und zog sein Gesicht zu sich herum. Rotbraune Augen leuchteten im Licht der Morgensonne, die durch die offenen Eingänge der Villa drang.
»Du bist zu gut, weißt du das eigentlich?«
»Ich?«, rief Xaith verwundert aus und konnte nicht anders, als rot anzulaufen. »Nein! Ich habe einen gänzlich fürchterlichen Ruf.«
»Ja, weil die Menschen nicht sehen, was ich sehe. Du bist ein guter Bruder, Xaith. Zu gut, manchmal, auch wenn du es zu verschleiern versuchst.«
Xaith riss das Kinn aus Vaaks Hand und schnaubte: »Ich freue mich, wenn Riath Ärger bekommt.«
»Ja, kleinen Ärger«, Vaaks senkte nun vertraut die Stimme und umfasste einfach wieder energisch Xaiths Kinn, damit sie sich ansehen mussten. »Kleinen Ärger, den er braucht, um vernünftig zu werden. Ich bin nicht blöd, ich begreife, was du für ihn tust. Wenn du weißt, dass er nicht auf dich hört, sorgst du dafür, dass Vater es mitbekommt und Riath so tadelt, wie du es nicht kannst. Du bist es, auf den Riath sich stützt. Genau wie damals, als er immer in deinem Bett geschlafen hat.«
Xaith senkte schuldbewusst den Blick und ein eiskalter Schreck saß ihm im Herzen, als er an eine ganz bestimmte Nacht dachte. Die letzte, die er Riath erlaubte, in seinem Bett zu schlafen.
»Riath ist kein kleiner Junge mehr, den du vor Monstern beschützen kannst, Xaith. Und er behandelt dich zu schlecht, als dass er deine Sorge verdient hätte. Vergiss ihn!«, sprach Vaaks auf ihn ein. Dann kämpfte er plötzlich mit einem Schmunzeln. »Mann, ich war so eifersüchtig damals.«
Überrascht hob Xaith die Augenbrauen. »Ach?«
»Ja. Weil ihr immer … zusammen geschlafen habt.« Er ließ Xaiths Kinn los, nachdem er kurz mit dem Daumen sehnsüchtig über dessen Lippe gestrichen hatte, und senkte peinlich berührt den Blick. »Ich hätte so gern mit ihm getauscht, habe mich aber nicht getraut, etwas zu sagen. Habe oft überlegt, vor ihm zu dir zu gehen, und zu behaupten, ich hätte Angst.« Er lachte und Xaith sah ihn noch ungläubiger aber gerührt an. »Aber das hättest du mir wohl nicht geglaubt. Und ich war nicht sicher, ob du für mich Riath vertröstet hättest.«
Hätte er. Jederzeit! Vaaks wusste es nur nicht.
Als Xaith nichts sagte, sah Vaaks ihn an und biss sich auf die volle Lippe. Diese schöne, weiche Lippe, die Xaith zu jeder Tages- und Nachtzeit küssen wollte. Immer wieder, bis er einen seligen Tod starb, weil er zu atmen aufhörte, um Vaaks zu küssen.
Ja, man konnte ihn förmlich als besessen bezeichnen.
Vaaks` Augen wurden plötzlich wieder dunkler. »Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?«, fragte er rau, während seine Hand über Xaiths Schenkel streichelte.
Wieder stieg Xaith die Röte ins sonst blasse Gesicht. »Äh … nein.« Er drehte sich nach vorne und stützte die Unterarme auf den Tisch.
Vaaks lehnte sich an ihn und ließ die Hand unter dem Tisch immer höher wandern. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht bedrängen«, sagte er aber einlenkend und seufzte Xaith schwer ins Ohr. »Es ist nur … weiß nicht. Ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben darauf gewartet zu haben, und jetzt will ich es auch endlich … haben.«
»Es?«
»Dich.«
Xaith schürzte schmunzelnd die Lippen und schielte Vaaks an. Was sollte er dazu sagen? »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mich überhaupt willst, und jetzt sagst du mir, du wolltest mich die ganze Zeit?«
Vaaks hob aufreizend eine Augenbraue. »Die Tatsache, dass ich dich festbinden will, um mit dir zusammen sein zu können, lässt dich immer noch zweifeln?«
»Das ist überhaupt kein Argument, mein Guter, es sei denn, du würdest dich freiwillig von mir fesseln lassen, um mit mir zusammen sein zu können«, konterte Xaith sarkastisch. »Immerhin bin ich derjenige, der sich hier regelrecht opfern soll.«
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