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INHALT

Vorwort

Gefangen

Der Friedhof

Die Begegnung

Das Haus auf dem Hügel

Im Schrank

Das Opfer

Nichts

Mein Dorf

Jenseits der Tür

Impressum neobooks

Jenseits der Tür

Phantastische Kurzgeschichten

B. Hank Hoefellner

Impressum

Texte: © Copyright by Bernhard Hank Höfellner

Umschlag: © Copyright by Bernhard Hank Höfellner

Verlag: Bernhard Hank Höfellner

Alter Pfarrweg 2

84524 Neuötting

Hank.Hoefellner@mail.de

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Als ebook erhältlich:

Die Séance -Bühnenstück

Tödlicher Süden - Bühnenstück

The Clerk – a Lovecraftian Horror Story, mit Chiara Nassauer

Haiku und Tanka – Lyrik

Rache – Kurzgeschichte

B. Hank Höfellner, Jahrgang 1975, ist seit 2006 als freischaffender Bühnenautor, Regisseur und Schauspieler tätig.

Diverse seiner Stücke wurden bei verschiedenen Verlagen publiziert.

„Jenseits der Tür“ ist seine erste Prosaveröffentlichung.

Er lebt mit seiner Familie in Bayern.

INHALT

Vorwort 5

Gefangen 7

Der Friedhof 22

Die Begegnung 36

Das Haus auf dem Hügel 54

Im Schrank 85

Das Opfer 96

Nichts 113

Mein Dorf 152

Jenseits der Tür 174

Vorwort

Nun liegt sie also vor:

Meine erste Sammlung von Kurzgeschichten.

Als Autor diverser Theaterstücke, von denen das eine und das andere bereits bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurde, war es eine ganz spezielle Herausforderung, sich an reiner Prosa zu versuchen.

Die Herausforderung, eine Geschichte zu schreiben, ist ungleich höher, als ein Stück zu verfassen.

Bei einem Stück liegt der Fokus auf den Dialogen der handelnden Figuren. Das Innenleben erzählen dann auf der Bühne die Schauspieler als Enthüller der von ihnen dargestellten Personen und der Regisseur, der dem ganzen schließlich eine ganz eigene Absicht unterstellt.

Geschichten handeln von den Figuren. Man muss also auch ihr Innerstes porträtieren. Diesen Versuch will ich mit diesem Buch wagen und ich freue mich, dass Sie als Leser, diesen Weg gemeinsam mit mir gehen wollen.

Nun aber genug der Vorrede, ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung bei der Lektüre der folgenden Seiten.

Für kreatives Feedback bin ich jederzeit dankbar, hoffe auf gut gemeinte Ratschläge und wohlwollendes Entgegenkommen.

Schreiben Sie mir unter hank.hoefellner@mail.de - ich freue mich auf Sie.

Die Währung von heute ist für den Künstler immer noch der Applaus, jedoch kommt dieser heute nicht um die Bewertung auf einschlägigen Seiten vor.

Wenn Sie mich unterstützen wollen und etwas gutes über meine Bücher zu sagen haben, dann würde ich mich sehr über eine entsprechende Bewertung freuen.

Ihr B. Hank Hoefellner

Gefangen

Ich musste kurz eingenickt sein. Mir war kalt. Meine Kleidung lag klamm an meiner Haut. Bevor ich die Augen öffnete, lauschte ich in den Wald hinein. Hatte ich nur geträumt? Ich wartete ab, wagte kaum, zu hoffen. Hörte ich etwas? Es blieb still. Das hätte mich warnen können, aber ich war so überrascht, dass ich die Augen aufriss - und da begriff ich: Ich hatte gar nichts gehört.

Die Vögel waren alle still und das, obwohl der Morgen hereingebrochen war. Ein Wald am Morgen, die Sonne strahlt und kein Vogel zu hören.

Ich sah mich um und versuchte meine Arme zu drehen. Es gelang mir aber nur Millimeter um Millimeter. Auch der Kopf saß fester als gestern Nacht. Dass ich überhaupt in einer solchen Situation, in einer solchen Stellung einschlafen habe können, war mir ein Rätsel.

Dass ich mir überhaupt darüber Gedanken machen konnte? Jetzt? Ich hatte dringende Probleme, mein Schlaf war sicher keines davon!

Allerdings war es auch gut. Oder nicht? Ich war ausgeruht, hatte frische Kraft geschöpft und ich war am Leben. Noch? Egal! NICHT TOT!

Ich schrie die letzten beiden Worte hinaus in den Wald und hörte nur mein Echo widerhallen. Es war absurd. Ich hing hier fest, als würden Schraubstöcke meine Gelenke umklammern und rief in einen Wald, der mich töten wollte.

Ich war mir sicher, dass er das wollte. Er hatte es geplant! Sicher! Es war seine feste Absicht seit dem Moment, als ich ihn das erste Mal nach meiner Reha betreten hatte.

Ich war nach vierwöchiger Reha Maßnahme nach Hause entlassen worden und hatte mich auf meine Familie, zwei Kinder, Gattin, Katze, Hund, gefreut. Tags darauf, es war früher morgen, kaum zu glauben, dass es erst gestern war, verließ ich vor dem Frühstück das Haus. Hatte meine Sportsachen angezogen und war mit flotten Schritten den kleinen Hügel aus dem Dorf hinaus, hoch in den Wald marschiert. Die Luft war klar, die Vögel sangen und doch war niemand in den Gärten oder Einfahrten der Nachbarhäuser zu sehen.

Wahrscheinlich war es doch zu früh am Morgen oder zu spät, so dass alle bereits in ihren Büros, Werkstätten oder an ihren sonstigen Arbeitsplätzen waren. Seltsam, dass ich nicht weiß, welcher Tag gestern war. Dienstag? Dann war jetzt, heute, Mittwoch?

Die ersten zweitausend Schritte gingen wie von selbst. Aus dem Kopfhörer drang der sanfte Rhythmus klassischer Musik. Gustav Mahler. Ich war beschwingt und freute mich bereits auf das Frühstück mit meinen Kindern. Ich genoss die frische laue Morgenluft. Genoss den Tau auf dem Moos und in den Netzen der Spinnen. Es roch nach Sommer.

Nach weiteren zweitausend Schritten setzte plötzlich der Kopfhörer aus. Ich warf einen Blick auf meinen MP3-Player mit Diktierfunktion. Er lief weiter. Aus dem Kopfhörer kam jedoch kein einziger Ton. Vermutlich war der Akku nicht geladen. Ich ärgerte mich kurz, stopfte das schnurlose Teil in meine Tasche, stoppte den Player und dehnte mich an Ort und Stelle.

Da fiel es mir das erste Mal auf: Es war still. Völlig still. Kein Blatt rührte sich im Wind. Kein Luftzug streifte meine Wangen. Kein Vogel sang oder zwitscherte. Kein Rascheln im Gebüsch. Kein verräterisches Knacken im Unterholz. Es war völlig und absolut still. So musste sich ein Astronaut fühlen, wenn er in der Leere des Alls seinen Weltraumspaziergang machte. Aber so sollte sich kein Spaziergänger in einem mitteleuropäischen Mischwald fühlen. Verloren und völlig allein gelassen umgeben von Fichten und Buchen und Birken. In absoluter unheimlicher Stille!

Ich machte einen Schritt und atmete dabei lautstark ein. Damit wollte ich mich gegen die Stille stemmen, dem Wald sagen: Sieh her! ICH BIN DA!

Aber nichts! Der Wald schwieg und die Welt mit ihm. Noch nicht einmal das ferne Rauschen der Autobahn, das dumpfe Dröhnen des Luftverkehrs über mir - es gab kein einziges wie auch immer geartetes Geräusch, abgesehen von jenen, die ich zu fabrizieren in der Lage war. Ich begann zu pfeifen. Ich hörte bald wieder auf damit. Es macht dir mehr Angst allein zu pfeifen, als gar nichts zu hören. Es ist das Eingeständnis an sich selbst, jetzt völlig allein zu sein und dass dies nicht in Ordnung war.

Es war absolut nicht in Ordnung! Ich griff nach einem herunterhängenden Ast und riss so fest daran, wie ich nur konnte. Irgendetwas musste ich hören! Etwas, das ich tat, musste doch die Tiere aufschrecken, die mich zweifelsohne in nächster Nähe umgaben.

Aber der Wald blieb still. Ein letztes Mal sah ich mich um. Hundert Meter lagen vor mir zur ersten Weggabelung. Vier Kilometer geradeaus würden mich an den Rand der nächsten Ortschaft führen, einer stillgelegten Kiesgrube. Links führte ein Weg zwei Kilometer fast schnurgerade zu einem kleinen Bachlauf und rechts waren es drei Kilometer, bis der Forstweg eine große Kurve nach links machen würde und dann vor einem umzäunten Trafohäuschen endete. Das alles wusste ich. Was jetzt?

Der Weg, den ich gekommen war! Er führte mich zurück in eine Welt voller Geräusche, eine Welt voller Leben! Ich riss noch einmal aus purem Trotz an dem tiefhängenden Ast und erschauderte, wie sehr das verursachte Geräusch vom dumpfen Wald verschluckt wurde. Es gab keinen Nachhall. Das Rascheln und Knacken erstarb fast augenblicklich.

So wandte ich mich, nicht ohne Angst, meinem Nachhauseweg zu, der sich nun vor mir erstreckte. Viertausend Schritte, das entsprach etwas mehr als drei Kilometern. Davon fast zwei Kilometer durch den Wald, diese Wand aus Stille. War der Wald seit meinem Betreten so still? Ich hatte keine Ahnung. Verfluchte Kopfhörer. Verfluchter Gustav Mahler. Langsam beschleunigte ich meinen Schritt. Die Bäume links und rechts kamen mir mit einem Male völlig neu und fremd vor. Es gab keine Lücken zwischen ihnen, durch die man den fernen Himmel sehen hätte können. Wo stand die Sonne? Es war früh. Sie schien, jenseits der Bäume. Sie sollte im Osten sein, auf dem Weg nach Süden. Sie sollte also links hinter mir stehen. Doch ich warf keinen Schatten. Jeder Schatten den ich werfen hätte können, wurde von den Schatten der stillen Bäume verborgen. Und über allem diese verfluchte Stille!

Ich verfiel in einen leichten Laufschritt. Ich musste raus aus diesem Wald. Vor mir müsste gleich die Kurve nach rechts kommen. Ich würde ein Feld passieren, eine kleine Lichtung am Waldrand. Da würde ich Sonne haben, wieder einen Schatten. Immer schneller setzte ich einen Fuß vor den Anderen und lief. Schweiß rann mir Rücken und Gesicht. Gleich würde die Kurve kommen. Doch warum sah ich keine? Wo war die Lichtung mit dem kleinen Feld auf dem mal Weizen, mal Gerste und mal Raps gepflanzt wurde? Kannte der Bauer um die Stille in diesem Wald?

Ein Zerren in meiner linken Wade kündigte einen Krampf an. Ich hielt dagegen und lief. Schneller werdend wollte ich diese Kurve erreichen, die nicht kam! Das Feld, die Sonne, die Kurve, der Weg aus diesem Wald. Meine Schritte verhallten keine handbreit um meinen Körper. Kein Widerhall aus dem Wald begleitete mich. Mein Schnaufen und Keuchen und Stöhnen umhüllte mich wie eine dumpfe Glocke. Flüssigkeit lief mir über das Gesicht. Es war nur zum Teil der Schweiß. Ich heulte, war verzweifelt, hatte Angst. Ich lief und lief und hoffte auf die Lichtung mit dem Feld. Hoffte, einen kurzen Blick auf blauen Himmel aber wohin ich schaute, sah ich nur dichte Blätter oder das dunkle Grün der Fichten.

Ich blieb stehen. Stoppte aus vollem Lauf und ging in die Hocke. Ich sog mit tiefen Atemzügen Luft in meine Lungen. Diese brannten von der ungewohnten Anstrengung. Nur sehr langsam beruhigte sich mein Puls. Ein Blick auf meine Smartwatch verriet mir, dass ich seit meiner Umkehr viertausendfünfhundert Schritte gelaufen war. Ich hätte längst zuhause sein müssen.

War ich falsch abgebogen? Hatte ich mich von der Stille so verunsichern lassen, dass ich die falsche Richtung eingeschlagen habe? War ich so versunken in Gedanken und Musik, dass ich den Wald durch einen anderen Weg, als den Üblichen betreten hatte?

Alle schien mir möglich. Nichts davon plausibel. Ich lief auf einer Straße, die kein Ende nahm. Stand in einem Wald, der keinen Himmel hatte. Und ich schrie in eine Stille, die mich nicht hören konnte.

Erschöpft lehnte ich mich an einen Baum und glitt an seinem Stamm zu Boden, bis ich saß. Weiches grünes klammes Moos empfing meinen müden Körper. Nur zehn Minuten ausruhen, zu Kräften kommen, dann würde ich mein Glück in der anderen Richtung versuchen. In Gedanken lief ich den Weg durch den Wald ab, vorbei an drei weiteren Gabelungen, immer geradeaus, durch eine kleine Senke, eine sanfte Anhöhe hinauf, bis sich links die stillgelegte Kiesgrube öffnete. An deren Rand entlang, mit Blick auf blauen Himmel, die Bäume hinter mir, musste ich nur noch wenige hundert Schritte laufen, bis ich die ersten Häuser rechts von mir zu sehen bekam. Der Kindergarten schloss sich gleich nach dem Ortsschild an, eine Bäckerei gleich gegenüber. Dort würde ich mir Kaffee holen und zuhause anrufen, um mich abholen zu lassen.

Nach fast einer Stunde stand ich schließlich auf. Ich fühlte mich unendlich müde. Meine Waden brannten. Das konnte unmöglich von der Anstrengung herrühren. Ich war zwar untrainiert, aber nach vier Wochen Reha war ich fitter denn je.

Es war die Stille. Sie saugte mich aus, zehrte an meinen Reserven. Leichte Stretch- und Dehnübungen sollten mich vor Krämpfen bewahren, dann lief ich in leichtem Tempo los. Ich passierte die erste Gabelung - links zum Bachlauf, rechts zum Trafohäuschen - und ich hatte das Gefühl, wieder in Form zu kommen. Wurde es nicht auch heller? Während ich lief, achtete ich nicht mehr auf die Stille. Außer meinen Schritten, meinem Atem und dem metallischen Klimpern meiner Schlüssel blendete ich alles aus. Meinen Blick fest auf den Weg vor mir gerichtet lief ich weiter. Jetzt müsste eigentlich eine der nächsten Weggabelungen kommen. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, vor mir konnte ich keine Gabelung ausmachen. Der Weg führte sanft ansteigend schnurgerade durch den stillen Wald. Ich verscheuchte die Gedanken an die Stille und summte ein paar Takte aus Mahlers dritter Symphonie. Es half. Zumindest bis ich eine Pause einlegen musste. Ein neuerlicher Blick auf meinen Schrittzähler bestätigte, was ich bereits geahnt, nein, gefürchtet, hatte: Ich war nun mehr als viertausend Schritte gelaufen, die Kiesgrube hätte sich links vor mir auftun, der Waldrand zum Greifen nah sein müssen. Stattdessen sah ich nur noch dichteres Grün um mich. Und mittendrin war ich und schnaufte und keuchte und schwitzte. Ich war am Ende. Konnte nicht mehr. Langsam ging ich auf der Stelle und sah mich um. Ein paar Steine kickte ich mutwillig in die Büsche. Mir war nach Heulen zumute, nach schmollen und aufgeben. Warum hatte ich mein Telefon nur zuhause gelassen? Weil es in diesem Wald sowieso nie Empfang gab. Kein Empfang, kein GPS, gar nichts. Noch nicht einmal Geräusche. Es war wie der Aufenthalt in einem Floatingtank.

Dann traf ich eine Entscheidung. Ich wollte warten. Hier. An Ort und Stelle ausharren, bis mich meine Frau vermissen würde, wenn sie es nicht schon längst tat. Für eine Stunde wollte ich weg sein, jetzt war ich seit mehr als drei Stunden unterwegs. Was würde sie tun? Sie wusste, wo ich hin wollte. Ich ging vor meiner Reha gern in diesen Wald. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich aufmachen würde, um mich zu suchen, war gegeben. Sie konnte mit dem Fahrrad den Hügel hochkommen, immer geradeaus in den Wald fahren und mich finden. Alles, was ich zu tun hatte, war an Ort und Stelle bleiben und mich finden lassen. Ich suchte mir ein schönes Plätzchen und setzte mich in halbwegs trockenes Moos zu Füßen einer stattlichen Birke. Es roch erdig und leicht nach Moder, nicht unangenehm, unter anderen Umständen. Aber jetzt? Heute? Es war wie der Geruch meines eigenen Grabes. Das satte Grün der dicht gewachsenen Fichten war der Deckel des sich schließenden Sarges, das Moos der Samtbeschlag in seinem Innern. Als ich so darüber nachdachte, verfiel ich in ein debiles Lachen. Ich grinste von einem Ohr zum anderen und musste an die Therapeutin in der Rehaklinik denken. Sie hatte mir gegen den Stress viel Ruhe verordnet. Langsame Spaziergänge im Wald. Und jetzt? Was würde sie von dieser Ruhe halten? Diesem Wald, der mich akustisch aushungerte?

Später? Vermutlich. Ich war kurz weg. Mir war etwas kalt geworden. Die Beine waren wegen der kurzen Hosen nur unzureichend gegen Wärmeverlust geschützt. Unter meinem Hintern drückte etwas und ich wollte mich zur Seite neigen, um zu sehen, was das war, konnte mich aber nicht bewegen. Etwas hielt mich an den Stamm gedrückt. Um meinen Bauch hatte sich ein dünnes weißes Gespinst gelegt, dass mich mit dem Baum verband. Meine Finger griffen selbständig nach den dünnen Fäden und versuchten, diese zu zerreißen. Einzelne Fäden lösten sich, doch gelang es mir nicht, auch nur einen zu zerreißen. Stattdessen juckten meine Finger, die die Fäden berührt hatten. Rote dünne Striemen waren auf meinen Handinnenflächen zu sehen. Ich rieb sie auf dem feuchten Moos mit der Absicht, der letzte Rest Tau würde kühlen. Es machte die Sache aber nur noch schlimmer. Ganz plötzlich brannten meine Handflächen entsetzlich und ich riss meine Hände aus dem Moos. Überall um mich herum lag das gleiche Gespinst. Es umgab mich, den Baum und lag dünn auf dem Moos wie extrem dünne Spinnenfäden. Meine Hände bluteten. Ich hatte ganze Stränge des Gespinstes in meine Haut gerieben und offensichtlich reagierte ich allergisch darauf. Nasse blutende Wunden verunzierten meine Hände. Vorsichtig zupfte ich die Fäden, so gut es ging, aus den Wunden und tupfte die Fläche an meinem T-Shirt trocken, peinlich darauf achtend, nicht noch einmal in diese Fäden zu greifen. Was war das? Je länger ich um mich herum die Bäume betrachtete, stellte ich fest, dass alle Birken um mich herum dieses Gespinst zeigten. Mal hatte es sich um den Stamm gelegt. Mal auf dem mit Blättern bedeckten Boden ausgebreitet. Ein Stamm war bis ungefähr zwei Metern Höhe völlig eingesponnen. Bei näherer Betrachtung glaubte ich, etwas in dem dicht gesponnen Flechtwerk aus dünnen Fäden zu erkennen: Vögel, Eichhörnchen, Marder?

War das die Ursache für die Stille? Gigantische Spinnennetze? Ich hatte von Spinnen gelesen, die Vögel jagten - aber Spinnen, die so feste Fäden spannen? War es ein Pilzgeflecht? Der dunkle Hallimasch in Nordamerika stellte mit seinem Myzel das größte Lebewesen der Erde dar. Konnte ein Pilz überhaupt oberirdisch gedeihen? Was wusste ich schon über Pilze?

Ich versuchte, durch langsames hin- und herschaukeln, meine Lage zu verbessern, aber es half nichts. Dass meine Hände schmerzten, machte es nicht leichter. Schließlich gab ich meine Bemühungen auf. Gleich würde meine Frau herbei radeln und mich aus dieser peinlichen Situation retten. Wir würden beide darüber herzlich lachen und ein paar Pilze aus diesem Wald verspeisen. Langsam verlor ich darüber das Bewusstsein.

Ein heftiger Schmerz in meinen Beinen ließ mich aufschrecken. Ein kurzer Blick verriet, dass meine Beine bereits unter einer dicken Schicht weißer Fäden verschwunden waren. Sie brannten furchtbar. Mein rechter Arm klebte an meinem Bauch fest. Nur meinen Kopf konnte ich noch drehen und meinen linken Arm halbwegs frei bewegen. Tränen traten in meine Augen. Es war dunkel geworden. Wie lange hatte ich geschlafen? Meine Smartwatch konnte ich nicht sehen, sie klebe mit meinem rechten Arm an meinem Körper. Ich versuchte, meine Position so gut es ging, zu ändern und ließ es sofort bleiben. Blut sickerte bei jedem Versuch einer Bewegung durch die Fäden. An meinen Beinen und, soweit ich das sehen konnte, an meinem Bauch. Hinter meinem Ohr spüre ich bereits wie die Fäden sich an meinem Kopf zu schaffen machen. Wachsen die Fäden aus dem Ohr? Konnte ich deshalb nicht mehr hören? Hatte ich mir unterwegs Pilzsporen eingefangen? Aber welcher Pilz konnte so schnell wachsen?

Wieder dieses debile Lachen. Erwachsener Mann wurde Opfer eines morgendlichen Pilzangriffs! Was für eine Schlagzeile für die regionale Wochenzeitung. Ich lachte. Das tat weh. Ein heftiger Hustenanfall erschütterte meinen Brustkorb und ich spuckte klumpiges Blut. Es saß also bereits in mir fest. War es durch die Haut gewachsen? Hatte ich Sporen eingeatmet?

Meine Linke griff gegen den Widerstand weiterer Fäden in die Hosentasche. Der MP3-Player. Ich schielte mit meinen Augen, der Kopf wurde mittlerweile durch diverse Fäden am Birkenstamm fixiert, zu dem kleinen schwarzen Gerät. Wenn ich es irgendwie schaffen würde ...

Ja! Der Knopf. Ich drückte auf Aufnahme, das kleine Blinklicht zeigte an, dass es aufzeichnete. Und so fing ich an, meine Geschichte zu erzählen. Bis ich zwischendurch immer wieder eingenickt bin. Wenn das jemand findet, dann wird er hoffentlich meiner Frau und meinen Kindern erzählen können, was mir passiert ist. Ich hoffe allerdings inständig, dass niemand diese Aufzeichnung finden muss. Es würde heißen, der Wald hätte gewonnen, die Stille hätte ein neues Opfer gefunden.

Mittlerweile sehe ich nur noch auf meinem linken Auge etwas. Das Rechte wurde vor kurzem durch das Gespinst ersetzt. Es tat höllisch weh, als sich die Fäden von innen nach außen durch den Augapfel fraßen, aber jetzt, jetzt habe ich keine Schmerzen mehr. Ich weiß noch nicht mal, ob ich noch einen Körper habe. Jetzt kommen die Fäden, um meinen Mund zu schließen,...was ist das? Ich höre ... höre wie ... höre meinen Namen. Jemand schreit meinen Namen! Ich will schreien, antworten. Es sind Stimmen. Die Stimme meiner Frau und ...NEIN! Es sind die Stimmen meiner Kinder. Und das Kläffen unseres Hundes ... Fahrradklingeln! NEIN! NEIN! NEIN! NE ...!

ENDE

Der Friedhof

Wie jeden Tag zur selben Zeit hatte ich meinen Lieblingsplatz auf dem Friedhof eingenommen. Ich wartete auf den seltsamen Mann, der mir, seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Ein Verdacht hatte sich in mir ausgebreitet und ich wollte der Sache nun endlich auf den Grund gehen. Es war ein überraschend warmer Frühlingsspätnachmittag und die Sonne stand tief am Himmel. Vögel zwitscherten, die Hecke, die Sträucher und die Bäumchen auf den Gräbern, alles hatte bereits das erste zarte Grün hervorgebracht. So saß ich da und wartete.

Die Bank, auf der ich für gewöhnlich saß, steht an einem sanft ansteigenden Hang, an einem breiten Weg zwischen den Grabreihen und bietet eine schöne Aussicht über den Friedhof.

Von hier konnte ich gut den Eingang sehen, während sich hinter mir die älteren Gräber, vor allem die Grüfte der vornehmeren Familien, bis zu einer dicht gewachsenen Hecke erstrecken.

Ich mochte den vorderen Teil, der auf den ich gerade sehe. Es ist der freundlichere Teil an diesem Ort. Die älteren Gräber sind oft ungepflegt. Häufig wurden die letzten Mitglieder der dort bestatteten Familien schon vor langer Zeit beigesetzt. Wilde Pflanzen hatten sich ihre Plätze gesucht. Aus zersprungenen Grabplatten wuchs Löwenzahn, wilder Efeu und anderes Gestrüpp und Unkraut. Dicke Wurzeln hatten Grabeinfassungen sowie Grabsteine verschoben. Bei Nebel und nachts war es ein unheimlicher Ort. Ich mied ihn, so gut es ging.

Während ich so meinen Gedanken nachhing, hatte ich ihn und sein plötzliches Erscheinen, wie gewöhnlich, nicht bemerkt. Er musste über die Gabe verfügen, sich völlig lautlos an Menschen heranpirschen zu können. Was für ein ausgezeichneter Jäger er doch geworden wäre.

"Wie geht es Ihnen heute?", fragte er ohne seinen Blick von der sich uns bietenden Aussicht abzuwenden. Ebenfalls wie üblich hatte er Brotkrumen in einer Papiertüte für die Vögel dabei. Seine Linke griff automatisch hinein und verstreute mit jedem Wurf eine kleine Menge Krümel auf dem kiesigen Weg. Vögel aller Art versammelten sich augenblicklich um uns und ein wildes Durcheinander an Geräuschen umgab uns. Nach einer kurzen Weile, wir hatten uns während der Fütterung leise verhalten, waren die Brotreste aufgebraucht und die letzten Vögel pickten nach vereinzelten Krumen trockenen Brotes, sagte mein Gast:

"Sie sind jeden Tag hier!"

Eine Feststellung.

"Sie wissen es doch. Sie sind es doch auch!"

"Ja, das stimmt."

Wir schwiegen wieder. Dann:

"Aber wissen Sie, ich hab keine Wahl."

"Ach?"

"Ich bin an diesen Ort gebunden, aber warum kommen Sie Tag für Tag hierher?"

"Wissen Sie, ich habe da eine Theorie."

"Ach? Wollen Sie diese mit mir teilen?"

Ich betrachtete meinen Freund, denn als solchen sah ich ihn nach unseren vielen Gesprächen, die wir an diesem Ort, auf dieser Bank geführt hatten, und antwortete:

"Sie sind das Objekt meiner Theorie!"

"Ich?"

Er lachte und er griff in seinen Mantel, um eine Pfeife herauszuholen. Er drückte den Tabak fest, entzündete ihn mit einem Streichholz und zog genüsslich daran. Weißer Rauch drang aus seiner Nase und seinem Mund. Da er schwieg, redete ich weiter:

"Ich habe mir über Sie eine Theorie zurecht gebastelt und hoffe, Sie können diese bestätigen oder widerlegen."

"Ich werde es versuchen!", schmunzelte er und zog wieder an seiner Pfeife.

"Also? Ich höre?"

"Sie sagen, Sie seien an diesen Ort gebunden. Warum?"

"Wir alle müssen doch zu einem Ort gehören."

"Aber ein Friedhof?"

"Auch nicht schlechter als andere Orte."

"Aber auch nicht besser!"

"Das sagen ausgerechnet Sie? Welche Orte meiden Sie, dass Sie so oft zu mir auf den Friedhof kommen?"

Ich dachte kurz nach. War es so? Mied ich andere Orte und fand mir keinen Besseren als einen Friedhof? Ein kühler Wind strich durch die langen Reihen der Gräber und mich fröstelte.

"Ich kann heute nicht lange bleiben.", sagte mein Freund.

"Ach?"

"Hab noch was zu erledigen."

Er stand auf, sah mich kurz an und meinte:

"Sie sollten auch gehen. Kommen Sie nicht mehr hierher. Es ist kein guter Ort zum Verweilen!"

"Kein guter Ort? Es ist friedlich hier. Ich mag die Aussicht. Ich werde noch ein wenig hier sitzen."

"Aber die Sonne geht unter."

"Denken Sie, ich habe Angst im Dunkeln?"

"Haben wir das nicht alle? Angst im Dunkeln?"

"Sie sprechen da nicht für mich."

"Dann hören Sie auf meinen Rat: Meiden Sie den Friedhof. Gehen Sie. Am besten sofort und um Gotteswillen, niemals sollten Sie nachts hier sein."

"Sie sind ein abergläubischer Mensch?"

"Ich bin ein vorsichtiger Mensch."

Er erhob sich, sah mich an, sagte:

"Nun, ich hoffe wir sehen uns morgen wieder?"

"Davon gehe ich aus. Übrigens?"

"Ja?"

"Wie heißen Sie?"

"Meinen Namen wollen Sie wissen?"

"Wir kennen uns nun schon eine Weile und ich halte meine Frage nicht für vermessen. Nun?"

"Seamus. Seamus O"Dara."

"Seamus also. Und?"

"Was denn noch?"

"Wollen Sie denn gar nicht wissen, wie ich heiße?"

"Frank. Frank Dooley! Guten Abend."

Damit verließ er mich und ich betrachtete noch eine Weile die Sonne, wie sie hinter dem Horizont verschwand. Woher kannte Seamus meinen Namen? Ich hatte ihm sicher bei einer früheren Begegnung meine Visitenkarte gegeben.

Wolken zogen auf und aus dem feuchten Boden kroch ein klammer Nebel. Die Vögel waren verstummt und wichen nun den Tieren der Nacht.

Ich musste eingenickt sein, denn als ich wieder zu Sinnen kam, war es stockfinster. Aus der Hecke hinter mir hörte ich einen Kauz rufen. Der Nebel stand jetzt dichter und der Mond konnte kaum durch die Wolken dringen. Das wenige Licht ließ die Grabsteine lange Schatten werfen.

Ich erhob mich, sah mich um. Ärger wallte in mir auf. Wollte ich doch bei Tageslicht meiner Theorie nachgehen. Mir war kalt und es war dunkel und während ich so fröstelnd dastand und meine Hände durch heftiges Aneinanderreiben zu wärmen versuchte, hatte ich einen Einfall. Ich ging zu einem der Gräber, sah mich kurz um und griff nach der kleinen Laterne mit der flackernden Kerze, die jemand für seinen verstorbenen Liebsten zurückgelassen hatte. Es war nicht viel Licht, aber für meine Zwecke war es mehr als ausreichend. Ich wollte gerade losgehen und meinen Plan umsetzen, als ich ein lautes Knacken hörte. Es kam von hinter mir, aus dem älteren Teil des Friedhofs. Sofort fuhr ich herum und blickte ängstlich in die Dunkelheit. Wie sehr doch der Mut, den wir bei Tageslicht haben, in der Dunkelheit archaischen Ängsten weicht!

Das spärliche Licht der Kerze drang nur wenige Schritte weit in die Dunkelheit vor. Da! Wieder ein Knacken. Diesmal aber rechts von mir. Wieder fuhr ich herum und machte einen Schritt zurück. Dann lauschte ich, wagte kaum, zu atmen. Nach wenigen Herzschlägen entließ ich die Luft meinen Lungen und schalt mich einen Toren. Ich lächelte. Hatte mich der alte Seamus mit seiner Angst vor Friedhöfen angesteckt? Sicher nicht. Wahrscheinlich trieb ein Dachs sein Unwesen auf diesem Friedhof.

Ich besann mich auf meinen Plan und wollte diesen mit System umsetzen. Zunächst wollte ich, beginnend mit den Gräbern in der Nähe des Tores, alle Reihen abgehen. Der Name, den ich suchte, war mir nun bekannt. Seamus O"Dara! Ich war mir sicher, dass es sich bei ihm nur um ein Gespenst handeln konnte. Er erschien jeden Tag zur gleichen Zeit, sprach ein paar Worte um dann wieder zu verschwinden. Niemals sah ich ihn den Friedhof betreten oder diesen verlassen und niemals hatte ich gesehen, dass er etwas anderes als seine Pfeife zu sich genommen hätte. Und heute bestätigte er meine Theorie, als er sagte, er sei an diesen Ort gebunden. Mich selbst für meinen Scharfsinn beglückwünschend, war ich am Tor angelangt. Es war leider verschlossen, so dass ich, um den Friedhof später verlassen zu können, vermutlich über die Mauer klettern oder durch die Hecke im älteren Teil schlüpfen musste.

Vor mir erstreckten sich zahllose Gräber. Einige davon schön bepflanzt, andere wiederum waren verwahrlost. Nicht so schlimm, wie diejenigen oben, aber offensichtlich kümmerte sich hier jemand nur halbherzig um seine Verstorbenen.

Ich strich durch die Reihen und ließ den kleinen Lichtkegel der Laterne über die eingravierten Namen gleiten. Soweit ich auch schaute, es gab keinen Seamus O"Dara. Nach ungefähr eineinhalb Stunden hatte ich den gesamten jüngeren Teil des Friedhofs abgesucht. Es blieb nur noch der alte Teil mit seinen Grüften.

Ich drehte mich um und besah das Feld mit seinen Mausoleen, verfallenen Gräbern und verwachsenen Bäumen. Ein wildes Durcheinander bot sich meinem Blick und das kleine Licht, dass ich bei mir hatte, machte es nur noch schlimmer. Worauf sein Schein auch fiel, es verwandelte sich kraft meiner Vorstellung in bewegte Bilder, Kreaturen und Fratzen. Ja, ich gestehe es, ich hatte Angst bekommen. Meine Suche war erfolglos verlaufen. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Ein Gespenst? Wahrscheinlicher war, dass er mich nur verwirren wollte, dass er sich einen Streich mit mir machen wollte, als er sagte, er sei an diesen Ort gebunden. Er hatte geahnt, was ich im Schilde führte. Er musste sich über mich informiert haben. Es gab ja nur mich, Frank Dooley, der größte Spiritist der Stadt, der öffentlich gewettet hatte, bei seinen Séancen ein echtes Gespenst auftreten zu lassen. Nur war mir dies bislang nicht gelungen. Bis heute. Heute hätte ich ihn finden können - den endgültigen Beweis. Eine Séance auf dem Friedhof zur rechten Zeit am rechten Ort, das Erscheinen des alten O‘Dara, es hätte sich alles gefügt.

Was war das?

"Hallo? Ist da jemand?"

Erschrocken von einem knurrenden Geräusch war ich herumgefahren und ließ den Kegel der Laterne die Dunkelheit vor mir erhellen. Es war aber nichts zu sehen.

Da war es wieder!

Hinter diesem Grab. Ganz eindeutig ein Knurren! War es ein Hund, der hier nach Knochen grub? Nun, warum auch nicht? Knochen gab es hier in allen Größen und Formen zuhauf!

"Ksch! Kschksch!", machte ich und warf mit ein paar Kieseln auf den Grabstein, hinter dem ich das Geräusch vermutete.

Da bewegte sich etwas. Es kam aus dem Schatten des Grabsteins getreten.

Auf das, was sich nun aus der Dunkelheit schälte, war ich nicht vorbereitet:

Eine Kreatur, etwas größer als ein Hund, auf alle viere gebeugt trat vor mir auf den Weg. Die Hinterbeine waren lang und knickten in der Mitte unnatürlich ab. Seine Vorderläufe waren kürzer, aber kräftig und endeten in Messerlangen Krallen. Der Kopf der aberwitzigen Kreatur war lang und schmal mit spitzen Ohren wie der eines Schakals. Doch es fehlten die Augen! Eine lange, gespaltene Zunge hing aus seinem Maul, in dem mehrere Reihen gelber Zähne, nass vom Speichel, im Schein der Laterne glänzten. Was bei allen Engeln war dies für ein Monstrum? Kein Haar am ganzen Körper, der fahlrosa schimmerte. Unter der Haut sah man bei jeder Bewegung die Muskeln zittern. Es knurrte und seine Zunge zuckte wie die einer Schlange aus seinem Mund. Nahm es Witterung auf? Die fehlenden Augen ließen mich folgern, dass es sich um eine nachtaktive Kreatur handeln musste. Aber was war es?

Ich wich zurück und sah mich nach etwas um, das ich als Waffe benutzen konnte. Aber ich konnte nichts erkennen. In meiner Not griff ich nach einem Stein und wollte ihn bereits nach der Kreatur werfen, als ich bemerkte, dass es sich um einen Schädel handelte. Es war ein Schädel, der zum Teil noch von Fleisch bedeckt war. Da sah ich das Blut an den Krallen des Wesens. Es schwang seinen Kopf nach links und rechts, die Zunge zuckte und schmeckte in der Luft. Dann setzte es sich in Bewegung und kam geradewegs auf mich zu. Langsam. Sein Knurren wurde lauter und ich wich schneller zurück. Ich umrundete das Grab, hinter dem ich die Kreatur aufgeschreckt hatte, und sah zu meinem Entsetzen, dass es zur Hälfte aufgescharrt worden war und Stücke eines Menschen, zum Teil verfault und zum Teil gefressen, in der aufgewühlten Erde lagen. Von hier war also dieser Schädel. Ich hatte das Monstrum bei seinem nächtlichen Mahl gestört. War dieses grässliche Etwas der Grund, weshalb mich Seamus warnte, die Nacht hier zu verbringen? Es konnte mich wittern und folgte mir. Ich schlich von Grabstein zu Grabstein, rüttelte an verrosteten Ketten vor alten Türen, die Zugänge zu Grüften sicherten. Es war sinnlos. Mein Vorsprung wurde geringer, je länger ich versuchte zurückzuweichen.

Also entschied ich mich für eine verzweifelte Tat: Wenn ich mich umdrehte, der Kreatur meinen Rücken zuwandte, dann sah ich die Hecke. Wenn ich schnell genug laufen würde, hätte ich eine Chance, mich durch eine Lücke der Hecke zu zwängen, bevor mich ihre scharfen Krallen zu packen bekämen. Ich griff nach ein paar Kieseln, der Kopf des Untiers zuckte augenblicklich in meine Richtung. Dann warf ich die Steine, soweit ich konnte, und sie prasselten auf verschiedene Grabsteine und Platten. Sofort sprang es in die Richtung der Geräusche und ich hörte sein wütendes Fauchen und schnappen. Dann wandte ich mich um und rannte, so schnell ich konnte.

Ich war gerade zwei, vielleicht auch drei Meter weit gekommen, als ich über eine Wurzel stolperte und ins Straucheln kam. Beim Versuch, mich abzustützen, prellte ich mir meine Hand und meine Schulter an einem großen Grabstein. Es tat höllisch weh. Dennoch unterdrückte ich einen Schrei und blieb ruhig liegen. Kein Geräusch kam aus meiner Lunge. Meine Augen waren weit aufgerissen und starrten in die Dunkelheit. Da! Ich hörte die Schritte, wie sie auf mich zukamen. Klack! Klack! Klack!

Dann dieses zischelnde Geräusch der Zunge und das Knurren. Es war direkt neben mir, eine Reihe Grabsteine lag zwischen uns. Ich wagte nicht, mich zu bewegen.

Nach einer endlosen Minute hatte sich das Wesen von mir entfernt, so dass ich endlich wieder wagen konnte zu atmen. Die Luft sog ich langsam und so leise es ging in meine Lungen. Meine Schulter pochte, meine Hand brannte und mein Herz raste wie verrückt.

Aber wie durch ein Wunder war ich der Kreatur entkommen. Ich suchte nach der Laterne, die ich beim Fall verloren hatte. Glücklicherweise hatte der Himmel etwas aufgeklart, so dass der Mond meine Sicht verbesserte. Da! Ich griff vorsichtig danach und zog eine Schachtel Streichhölzer aus meiner Tasche. Das Anreißen des Kopfes kam mir unnatürlich laut in der Stille vor und ich fürchtete, die Kreatur würde gleich über mich kommen, doch es blieb still.

Ich getraute mich, entspannter zu atmen, und sah mich um. Ich saß auf einem Grab, mein Rücken lehnte an einem Grabstein. Ich schwenkte die Laterne um und schob mich etwas zur Seite um den Namen des bedauernswerten Menschen, der unter mir lag, lesen zu können. Und in diesem Augenblick wurde mir alles klar! Ich wollte lachen, als sich neben meinem Kopf die Zunge des Untiers zeigte. Sie hatte mich gefunden, aber es spielte keine Rolle mehr. Auf dem Grabstein, der Name, es war MEIN Name, der dort eingemeißelt war. Ich war das Gespenst, das keine Ruhe fand. Da sah ich den Kopf der Kreatur, war es ein Ghul, direkt vor mir. Ich lachte. Ich lachte, so laut ich nur konnte, dann wurde mein Kopf von hunderten scharfer Zähne mit einem lauten Knirschen zerbissen und es wurde endlich dunkel ...

... Wie jeden Tag zur selben Zeit hatte ich meinen Lieblingsplatz auf dem Friedhof eingenommen. Ich wartete auf den seltsamen Mann, der mir, seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte ...

ENDE

Die Begegnung

"Seit 150 Jahren

verschwinden unter mysteriösen

Umständen zunehmend

Menschen in den US amerikanischen

Nationalparks"

"Ich will das aber nicht hören!", keifte Sarah Edwin, ihren Mann, wütend an. Sie mochte den Country-Song, der gerade im Radio lief, nicht.

"So eine Scheiße ist das! Und seit 30 Meilen hör ich nichts anderes. Ich hasse diesen Song."

Offensichtlich!

"Ich hasse diese ganze Musikgattung!"

Edwin Poole nahm es gelassen. Die beiden waren seit mehr als 30 Jahren verheiratet. Glücklich? Das wohl nicht immer, aber meistens kamen sie ganz gut miteinander aus. Sarah Luise fummelte genervt am Drehregler des alten Autoradios. Lautes Pfeifen, dann weißes Rauschen kam viel zu laut aus den beiden Lautsprechern.

"So weit am Ende des Spektrums gibt es keine Radiosender mehr, Schatz.", sagte Edwin und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Hinter ihm erstreckte sich eine fade Landschaft, die eintönig Felder und kleine Waldstücke zeigte. Unterbrochen wurde die Monotonie der Landschaft durch gelegentlich dekorativ platzierte Farmanwesen mit obligatorischem Windrad. Edwin stellte sich vor, wie es sich laut quietschend im Wind drehte.

"Da! Das ist Musik!", rief Sarah Luise freudig.

Auch das noch. Pat Boone trällerte verliebt "April Love". Ein Himmel voller Geigen. Wie schrecklich.

"Schön!", sagte Edwin und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Straße, die vor ihnen lag. Am Horizont senkte sich die Sonne bereits, bald würde es dunkel werden. Er betätigte den Lichtschalter seines Studebaker Champion.

„Ich liiiieeebe Pat Boone!“, trällerte Sarah und drehte den Lautstärkeregler auf Maximum.

"Das weiß ich doch, Schatz!"

"Jetzt sei doch nicht so grummelig. Ich verstehe überhaupt nicht, warum du Pat Boone nicht magst. Er singt phantastisch. Er sieht gut aus. Er ist nett."

"Du kennst ihn nicht."

"Was soll das wieder heißen?"

"Du kennst Pat Boone?"

"Nicht persönlich!"

"Aber?"

"Aber aus dem Radio. Und dem Fernsehen. Da ist er immer nett."

"Tennessee Ernie Ford ist auch nett."

"Das weißt du nicht."

"Da hast Recht. Ich weiß es nicht."

"Du bist ihm schließlich nie begegnet."

"Genau wie du niemals Pat Boone begegnet bist."

"Das ist wieder mal typisch!"

"Was denn?"

"Das du einen Streit, völlig grundlos, vom Zaun brichst."

"Ich breche einen Streit vom Zaun?"

"Grundlos!"

"Ich sagte doch nur, dass du Pat Boone nie begegnet bis."

"Genauso wenig wie du Tennessee Ernie Ford!"

"Das hab ich auch nie behauptet!"

"Ach halt doch einfach deinen Mund!"

"Mach ich Schatz."

Edwin drehte Mister Boone etwas leiser und sah kurz zu seiner Frau. Sie hatte ihr Haar, das bereits grau zu werden begann, unter einem pastellfarbenen Tuch verborgen. Die Brille hielt sie in ihren Händen, die gefaltet in ihrem Schoß lagen.

"Sag jetzt nichts! Ich bin immer noch böse mit dir!"

Sie drehte ihren Kopf nach rechts und sah aus dem Fenster.

"Eine herrliche Landschaft!"

"Etwas monoton, findest du nicht?"

"Monoton? Du bist ein ewiger Nörgler. Meine Mutter hatte recht, was dich anging. Sie hielt dich damals schon für einen unverbesserlichen Nörgler."

"Deine Mutter hasste jeden, der sich mit dir eingelassen hat. Das würde sie immer noch tun, wenn sie nicht die Güte besessen hätte, vor unserer Hochzeit zu sterben."

"Du sagst das so, als hätte dir das gefallen."

"Hat es ja auch!"

"Du hast meine Mutter gehasst?"

"Sogar dein Vater hat deine Mutter gehasst!"

"Der war ja auch mit ihr verheiratet!"

"So wie ich mit dir!"

"Was soll das heißen?"

"Nichts. Ich wollte nur Konversation machen."

"Konversation machen nennst du das? Du ziehst über meine liebe kranke Mutter her.“

"Sie ist tot. Seit über 30 Jahren!"

"Aber davor war sie krank. Du bist aber auch ein Pedant."

"Ein Pedant?"

"Ein nörgelnder alter Pedant. Meine Mutter hatte mich gewarnt."

"Das hatte sie."

"Und was hab ich gemacht?"

"Mich geheiratet!"

"Ich habe dich geheiratet. Oh, Gott im Himmel! Wie sehr danke ich dem Allmächtigen, dass sie das nicht mehr miterleben musste."

"Was nicht mehr miterleben?"

"Dich. Und wie du ihre einzige Tochter behandelst."

"Aber ich tue doch nichts!"

"Genau. Du behandelst mich wie Nichts!"

Das nahm Edwin als Schlusswort für eine völlig sinnlose Unterhaltung. Sie fuhren mit fast 60 Meilen die Stunde weiter, während sich die Dämmerung über die Landschaft legte. Der Mond ging links von Ihnen auf. Es war eine sternklare Nacht.

"Schön, wie die Sterne funkeln. Nicht wahr Schatz?"

"Richte deinen Blick auf die Straße, Edwin."

"Wenn du meinst."

Schweigend ließ er das Hereinbrechen der Nacht auf sich wirken. Die Sterne wurden mehr und bald funkelte ein wahres Lichtermeer über ihnen. Pat Boone wurde von Andy Williams abgelöst, der "Somewhere my Love" schmetterte. Noch so ein Song, der Edwin nervte. Heimlich drehte er etwas leiser. Sarah Luise ließ ihn gewähren. Sie seufzte bloß. Ihre Art, ihm zu sagen, dass sie nicht begeistert war.

Gerade als Edwin vom ewigen Gleichklang des Motors und den Schlagern aus dem Radio langsam aber sicher in den Schlaf gelullt wurde, riss ihn ein Schrei Sarahs aus der meditativen Versenkung, in die er gesunken war.

Verdammt. Er musste aufpassen. Das hätte leicht schiefgehen können.

"Was ist, mein Schatz?"

"Da!", sagte Sarah lediglich und zeigte nach draußen.

"Was ist d …?“

Edwin trat auf die Bremse. Wenige hundert Meter vor ihnen senkte sich ein gleißendes Licht langsam auf die Straße. Es musste aus dem Nichts aufgetaucht sein, denn Edwin hatte es nicht näherkommen sehen.

"Es war ganz plötzlich da!", stotterte Sarah und packte Edwins rechten Arm.

"Ganz ruhig mein Schatz. Alles wird gut!"

"Wie kannst du sagen, dass alles gut wird? Weißt du was das da draußen ist?"

"Nein.", gab er zu.

"Wie kannst du also sagen, dass alles gut wird? Wenn du doch gar nicht weißt, was auf uns zukommt?"

"Was soll uns schon passieren?"

"Was uns passieren soll? Das Gleiche, was so vielen, vielen Menschen in der gleichen Situation vor uns passiert ist. Man wird uns entführen!"

"Wer wird uns entführen?"

"Die Marsmenschen!"

"Die Marsmenschen?"

"Oder eben Menschen von einem ganz anderen Planeten. Es ist doch völlig egal, wie unsere Entführer heißen werden!"

"Schatz, ich habe dir schon mehrmals gesagt, dass deine Magazine nicht gut für dich sind."

"Das kannst du ja gerne den Außerirdischen da draußen erklären, wenn sie dich auf einem Untersuchungstisch liegen haben, um dir Rektalsonden einzuführen."

"Ich bezweifle, dass Außerirdische die weite Reise machen, um an mir eine Darmspiegelung vorzunehmen."

"Wart‘s nur ab."

"Schatz, es gibt dafür eine ganz rationale, plausible Erklärung."

"Gut. Dann erklär es mir. Plausibel und rational. Was ist das da draußen?"

"Zunächst mal das Offensichtliche: Es ist ein Licht, das sich gerade anschickt, auf der Straße aufzusetzen. Vielleicht ist es ja auch ein Kugelblitz?!“

"Ha! Ein Kugelblitz? Edwin Poole, bist du völlig von Sinnen? Ein Kugelblitz mit dem Durchmesser eines kleinen Hauses?"

"Gut, das ist vielleicht nicht die beste aller Erklärungen, aber...“

"Das ist überhaupt keine Erklärung!"

Mittlerweile hatte die riesige Kugel aus Licht auf der Straße aufgesetzt. Das Licht erlosch und eine gewaltige stahlblaue Sphäre auf drei schmalen Füßen ruhte vor Edwin und Sarah Luise Poole auf der Landstraße nach Roswell, New Mexico.

"Und jetzt?"

"Soll ich aussteigen?", fragte Edwin unschlüssig.

"Und mich alleine hier zurücklassen? Das würde dir gefallen was?"

Plötzlich flammten zwei grelle Scheinwerfer an dem runden Objekt auf und richteten sich auf den weißen Studebaker.

"Ich kann nichts sehen!", sagte Edwin und schirmte seine Augen mit der Hand ab.

"Da...da öffnet sich etwas. Eine Luke. Da öffnet sich eine Luke!"

"Bist du sicher, Schatz?"

"Natürlich bin ich mir sicher. Da schiebt sich eine Art Treppe aus dem Innern..."

Sie hatte recht. Zwischen den beiden Scheinwerfern hatte sich eine Tür zur Seite geschoben und eine Treppe erschien, die langsam Richtung Straße glitt. Mattes weißes Licht fiel aus der rechteckigen Öffnung auf die Treppe und dann erschien der Umriss einer aufrecht gehenden Person im Durchgang. Jemand schickte sich an, das Objekt zu verlassen. Jemand, der sehr groß zu sein schien.

Edwin drückte den Knopf für die Türverriegelung.

"Denkst du, das wird sie aufhalten?"

"Dafür sind diese Türverriegelungen doch gemacht, oder etwa nicht?"

"Ich bezweifle, dass jemand bei Studebaker an so etwas gedacht hat, als er die Türverriegelung eingebaut hat. Das hält vielleicht ein paar Gauner in Downtown Manhattan davon ab meine Tasche zu klauen, aber doch sicher keine außerirdischen Wesen und ihre Strahlenwaffen."

"Wir wissen noch gar nicht sicher ob es Außerirdische sind und wenn ja, ob sie überhaupt Strahlenwaffen haben."

Ein Blitz zuckte in der Hand des großen Wesens, das mittlerweile die Treppe herabgestiegen war, auf und der linke Rückspiegel des Studebakers war verschwunden.

"Gut. Er hat wohl eine Strahlenwaffe!"

Die Gestalt richtete einen länglichen Gegenstand auf den Wagen und kam langsam näher.

"Was jetzt? Edwin, unternimm etwas!"

"Was soll ich denn unternehmen? Soll ich ihn mit deinem Eiersalatsandwich bewerfen? Vielleicht vertreibt ihn ja der Gestank!"

"Nicht in diesem Ton, Edwin. Nicht in diesem Ton."

Edwin und Sarah starrten gebannt auf die sich nähernde Gestalt.

"Hörst du das?"

Edwin lauschte angestrengt.

"Ja. Das ist ..."

"Eine Polizeisirene! Wir sind gerettet!"

"Wahrscheinlich hat der örtliche Sheriff das helle Licht gesehen und ist sofort losgefahren, um zu sehen, was sich da abspielt."

Sarah war es völlig egal, warum der Sheriff unterwegs gewesen ist oder ob es eine Streife der State Police war. Hauptsache es kam ihnen jemand zu Hilfe. Jemand, der eine Waffe trug. Sie hatte Edwin oft für seine Weigerung Waffen zu tragen kritisiert, aber er hatte ja nie hören wollen. Ab heute würde er sicher anders darüber denken.

Edwin sah im Innenrückspiegel wie sich das typische Rot-blaue-Warnlicht der Polizei aus der Dunkelheit schälte. Das Fahrzeug kam schnell näher und die Gestalt vor dem Studebaker blieb abrupt stehen.

"Da! Er ist stehen geblieben!"

"Ich hab es gesehen, Sarah. Ich hab es gesehen!"

So starrten sich die Gestalt, Sarah und Edwin einige Augenblicke durch die Windschutzscheibe an. Die Gestalt, die nun nah genug war, um sie klar zu erkennen, trug einen roten Overall mit einem silbernen Gürtel und einem matt schimmernden Helm. Das Visier funkelte grün im Licht der Scheinwerfer. Ein Gesicht war dahinter nicht zu erkennen.

Edwin und Sarah atmeten beide erleichtert aus, als neben ihrem Wagen ein Polizeiwagen zum stehen kam. Es war tatsächlich der Sheriff, so stand es auf der Wagentüre. "Sheriff Office Roswell".

Der große beleibte Mann im Polizeiwagen tippte sich an einen breitkrempigen Cowboyhut und bedeutete Edwin die Scheibe herab zu kurbeln.

"Er will, dass du das Fenster öffnest."

"Ach will er das?"

Edwin kurbelte und der Sheriff fragte aus seinem Auto heraus:

"Mam, Sir, alles in Ordnung bei Ihnen?"

"Das möchte ich nicht behaupten. Da ist ein fremdes Wesen, dass uns entführen will!"

"Mam, beruhigen Sie sich. Ich bin ja jetzt hier. Bleiben Sie in Ihrem Wagen und verlassen Sie ihn nicht. Ich kümmere mich darum."

"Haben Sie die Nationalgarde informiert?", fragte Edwin.

"Sir, ich regle das. Dies ist mein Bezirk!"

Der Sheriff stieg aus seinem Wagen, knallte die Tür zu, zog sich die Hose über den dicken Bauch und ging auf die Gestalt vor dem Studebaker zu.

Das Rot-blaue-Licht des Streifenwagens wurde von dem sphärischen Objekt reflektiert und zauberte so bizarre Schattenbilder auf die wenigen umliegenden Bäume.

"Was hat er vor?"

"Warum flüsterst du Sarah? Der Fremde kann dich nicht hören und falls doch, kann er dich, als Fremder aus einer anderen Welt, gar nicht verstehen."

"Psst. Ich will hören, was der Sheriff sagt."

Dieser war bis auf wenige Schritte an die fremde Gestalt herangetreten, die Rechte lässig auf dem Knauf seines 38ger Revolvers gelegt.

"Sir!", hörte man ihn durch das noch immer herunter gekurbelte Fenster.

"Sir, ich muss Sie bitten, sich unverzüglich in Ihr Gefährt zu begeben."

"Er schickt ihn weg?"

"Was dachtest du denn, was er macht? Ihn zum Tee einladen?"

"Still Sarah!"

Die Gestalt, die bislang ihren Gegenstand auf den Studebaker gerichtet hatte, ließ diesen nun langsam sinken.

"So ist es gut!", sagte der Sheriff.

"Wir wollen alle keinen Ärger! Jetzt machen Sie kehrt und verlassen Sie diese Straße. Diese Leute haben Ihnen nichts getan! Verstehen Sie? Es gibt hier nichts zu holen!"

Die Gestalt schien unschlüssig zu sein. Sie drehte sich halb zu dem großen gelandeten Objekt. Eine weitere Person erschien in dessen Tür und winkte seinem Kameraden zu.

"Was geht da vor?", wollte Sarah wissen.

"Offenbar will er seinem Begleiter etwas mitteilen."

"Sir, was haben Sie da?"

Der Sheriff ging an dem Fremden vorbei, auf denjenigen zu, der am oberen Ende der Treppe stand.

"Sir, wenn ich das mal sehen dürfte?“

Er nahm etwas aus den Händen des Fremden entgegen. Es sah aus wie bedrucktes Plastik. Die beiden schienen sich zu unterhalten.

"Was haben die beiden zu bereden?"

"Wieso können die beiden überhaupt miteinander reden?"

"Sei still, ich will das hören!"

Von dem Gespräch zwischen Sheriff und dem Fremden, zu dem sich jetzt auch der von der Straße gesellte, drangen nur einzelne, rätselhafte Fetzen ins Innere des Studebakers.

"... müssen sich irren... keine ... seit ... Lizenzen ... Aufseher ... oberste ... Behörde. Kann ... nicht"

"Da. Der Sheriff kommt zurück!"

"Das sehe ich auch, Schatz."

"Mam, Sir!"

Wieder tippte sich der Sheriff an den Hut und schob diesen mit einer gekonnten Bewegung aus seiner Stirn, während er sich zum Fenster des Studebakers herab beugte, die Finger in die Gürtelschlaufen seiner Hosen eingehakt.

"Ist alles in Ordnung, Officer?", frage Sarah.

"Es ist alles in bester Ordnung. Die beiden haben eine Lizenz."

Edwin war verwirrt.

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Volume:
140 p.
ISBN:
9783750235243
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Bookwire
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