Read the book: «Teuchel Mord»

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Bernd Leix

Teuchel Mord

Oskar Lindts zwölfter Fall


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Bernd Leix (Historische Wasserleitung: Teuchel im Freudenstädter Stadtwald)

ISBN 978-3-8392-6990-9

Prolog

In Gedanken tief versunken,

geht er durch den Teuchelwald,

Frischluft strömt in seine Lungen,

würzig und auch morgenkalt.

Unter breiten groben Sohlen

knirschet leise roter Sand,

was ist schon ein Menschenleben,

wertvoll oder eitel Tand?

Kleine Brünnlein, Tannenriesen,

links und rechts am Wegessaum,

sanftes Plätschern, Wipfelrauschen,

Kurgasts Labsal, wahrer Traum.

Vögel singen, Rehe springen,

ab und an ein Eichhorn rot,

was ist schon ein Menschenleben,

droht doch täglich ihm der Tod!

Grün in allerlei Facetten,

spendet müden Augen Trost,

Tannennadeln, Gräser, Farne,

rauer Sandstein, ganz bemoost.

Voll umfangen von Idylle

schreitet er im Teuchelwald,

was ist schon ein Menschenleben,

tot ist tot, ob jung, ob alt.

1

»Wenn ihr mich sucht, ich bin im Keller«, ächzte Kriminalhauptkommissar Oskar Lindt, nahm ein Aktenbündel und stemmte sich schwerfällig aus seinem Schreibtischsessel in die Höhe. Er vermied es, Jan Sternberg und Paul Wellmann anzusehen, denen die Augusthitze offenbar nicht so viel ausmachte wie ihm.

»Wir finden dich«, antwortete Paul, »egal, in welcher kalten Katakombe du dich auch versteckst.« Lindt gab ein undeutliches Brummen von sich und verließ das Büro der Karlsruher Mordkommission – seiner Mordkommission, die er schon seit vielen Jahren leitete.

Im Untergeschoss des mehr als hundert Jahre alten Sandsteinbaus in der Beiertheimer Allee 16 kannte Lindt einige kühle Zufluchtsstätten für den Fall großer Sommerhitze. Nicht nur aus diesem Grund hatte er sich schon seit Jahrzehnten erfolgreich gegen einen Umzug in andere Gebäude der Kriminalpolizei gewehrt. Selbst jetzt, da das ehemalige Polizeipräsidium nach einer der vielen Polizeireformen zur Heimat des Reviers Südweststadt geworden war, hatte er es geschafft, seine angestammten Büroräume beizubehalten. Die modern denkenden Reformer, die möglichst viele Dienststellen in möglichst wenigen Gebäuden zusammenfassen wollten, hatten sich an dem legendären Lindt die Zähne ausgebissen und es trotz intensiver Bemühungen nicht geschafft, ihn und seine Kollegen aus der Beiertheimer Allee zu vertreiben. Der Widerstand des Hauptkommissars war ebenso hartnäckig wie seine Ermittlungsmethoden, so dass schließlich der Polizeipräsident ein Machtwort sprechen musste und Lindt auf ganzer Linie siegte. »Einen alten Baum verpflanzt man nicht«, hatte er mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen die Entscheidung kommentiert. »In ein paar Jahren seid ihr mich ohnehin los, dann könnt ihr machen, was ihr wollt. Aber bis dahin bleibe ich hier, wo ich Wurzeln geschlagen habe.«

Natürlich hatte auch die glänzende Erfolgsbilanz von Oskar Lindts Team einen großen Teil zur positiven Entscheidung beigetragen. Der Präsident war persönlich im Büro des erfahrenen Ermittlers vorbeigekommen: »Ich weiß, ich weiß … Sie sind unser bestes Pferd im Stall.«

»Na ja, vielleicht im Stall für Mord und Totschlag«, hatte Lindt entgegnet.

»Nur nicht so bescheiden«, war die Antwort des Präsidenten gewesen. »Astrein, Ihre Arbeit, auch wenn Sie selbst nicht immer ganz pflegeleicht sind. Ich denke da zum Beispiel an die permanente Missachtung des Rauchverbots.« Der Präsident hatte geräuschvoll geschnuppert und auf Lindts Pfeifenständer gezeigt.

»Dieser Duft wird wohl nie mehr aus den Räumen hier verschwinden.«

Doch Lindt war nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen: »Arbeitsmittel, das sind nur Arbeitsmittel. Optimal, um die Hirnwindungen zu pflegen. Außerdem ist Tabak rein pflanzlich, vegan sozusagen.«

»Ach so, alles ganz gesund. Vielleicht sollte ich es auch mal damit versuchen«, hatte der Präsident schallend gelacht, Lindt die Hand gedrückt und gesagt: »Weiter so. Wir bauen auf Sie und Ihre Kollegen.«

Jetzt aber war es heiß. Furchtbar heiß. Ein viel zu heißer Augusttag im Jahr 2020. 38 Grad im Schatten zeigte das Thermometer. Karlsruhe, Rheintal, Hitze und Schwüle ohne Ende. Für Lindt ein unerträglicher Zustand.

Er suchte sich den Kellerraum aus, in dem ein Wandventilator eingebaut war, setzte sich an einem schmalen Tisch auf einen alten Holzstuhl, zündete seine Pfeife an und sah zu, wie die Rauchkringel im Entlüfter verschwanden. Dann griff er recht lustlos nach den mitgebrachten Akten. Verwaltungskram, damit war er ziemlich im Rückstand. Er bemühte sich, schaffte es jedoch nur bis zum dritten Blatt, dann konnte er sich nicht mehr wehren – die Vision war da!

Lindt schloss die Augen, lehnte sich zurück und sah grün. Grüne, dunkle Tannenwälder. Er spürte die schattige, von einem leichten Windhauch durchzogene Kühle des Schwarzwaldes, hörte das leise Murmeln eines kristallklaren Bächleins, tauchte tief hinein in Wohlgefühl und stellte sich vor, er wäre dort. Wenn ich noch einmal entscheiden könnte, dann …

Weiter kam er nicht, denn das Klingeln seines Mobiltelefons riss ihn schlagartig in die Wirklichkeit zurück.

»Oskar, komm hoch, es pressiert«, klang Paul Wellmanns Stimme sehr erregt aus dem Lautsprecher.

Alarm! Das bedeutete nichts Gutes. Lindt sprang auf und machte sich zügig – die Pfeife jetzt in der Hand – auf den Weg in sein Büro.

Dort riss er die Tür auf. »Was gibt’s?«

»Schau, die Meldung hier ist grad reingekommen.« Paul zeigte auf seinen Computermonitor. »Lies selbst, oder nein, besser, du setzt dich erst.«

Er zog einen Besucherstuhl heran. Lindt ließ sich darauf fallen und überflog die Zeilen. Dabei entwich alle Farbe aus seinem Gesicht und er rang nach Luft. Mehrmals las er, was er nicht glauben konnte, schüttelte immer wieder den Kopf und sagte dann leise klagend: »Wieso der Franz? Wieso ausgerechnet der Franz?« Tränen traten in die Augen des Kommissars. Er verstummte.

Schwer atmend stand er auf, wankte zu seinem eigenen Schreibtisch, ließ sich dort nieder und legte die inzwischen verlöschte Pfeife in den Aschenbecher. »Nicht der Franz, nein, nicht der. Das macht doch keinen Sinn«, gab er kaum hörbar von sich und schüttelte weiterhin ein ums andere Mal den Kopf. »Ausgerechnet der Franz. Jetzt hab ich schon so oft mit ihm …«

Sein Tischtelefon signalisierte einen eingehenden Anruf. Lindt las die Vorwahl ›0741‹ – Das würde doch nicht … Er zögerte, abzuheben.

Dann nahm er das Gespräch doch an, und seine Befürchtung wurde wahr.

»Staatsanwaltschaft Rottweil, ich verbinde Sie mit der Frau Oberstaatsanwältin«, meldete sich eine warme Frauenstimme.

Wenige Sekunden später änderte sich die Stimmlage am Ohr des Mordermittlers grundlegend.

»Lindt, ich brauche Sie«, klang es schneidend scharf aus dem Hörer. »Lindt, hören Sie mir zu? Sie sagen ja gar nichts.«

»Ich höre und ich habe es gerade gelesen«, antwortete der Kommissar tonlos.

»Also, dann dürfte Ihnen der Grund meines Anrufes klar sein.«

»Sind Sie die ermittelnde Staatsanwältin?«

»Blöde Frage, saublöde Frage«, kam zurück. »Würde ich sonst anrufen?«

»Und Sie wollen wirklich mich? Ausgerechnet mich?«

»Lindt, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Wir haben uns gezofft – und wie wir uns gezofft haben, aber jetzt gibt es keine Alternative. Sie müssen übernehmen.«

»Ich muss?«

»Ja! Dienstliche Anweisung. Mit Ihrem Chef spreche ich noch.«

Kriminalhauptkommissar Oskar Lindt atmete tief durch. »Ich bin befangen. Franz-Otto Kühn war für mich weit mehr als ein Kollege. Er war wie ein Freund, ein guter Freund.«

»Weiß ich!«, kam ganz kurz zurück. »Gerade deshalb brauche ich Sie als leitenden Ermittler in diesem Fall. Genau deshalb. Sie kannten ihn sehr gut, aber haben trotzdem die nötige Distanz.«

»Distanz? Nie und nimmer!«

»Räumlich, meine ich.«

»Wieso? Vermuten Sie …?«

»Genau. Es gab interne Probleme. Aber mehr sage ich Ihnen nur persönlich. Direkt in Freudenstadt.«

»Sind Sie vor Ort? Die Telefonvorwahl zeigt Rottweil …«

»Klar bin ich da, wo es brennt. Das Büro hat nur auf mein Handy verbunden. Also, wann kommen Sie?«

Der Kommissar atmete tief durch. »Wir können gleich losfahren.«

»Wir? Nein, Sie kommen alleine. Zumindest vorerst.«

Lindt holte tief Luft, erkannte aber, dass ein Protest, jedenfalls im Moment, keinen Erfolg haben würde, und antwortete: »In zwei Stunden bin ich dort. Treffpunkt?«

»Freudenstadt, Waldparkplatz Teuchelwald. Sagt das Ihnen was?«

»Ja, kenn ich. Bin unterwegs.«

Paul Wellmann sah seinen Kollegen an. »Die ›Eiserne‹? War sie das? Echt?«

»Die vergisst man nie, auch wenn sie nun schon jahrelang in Rottweil arbeitet«, nickte Lindt, und über seiner Nasenwurzel gruben sich tiefe Zornesfurchen in die Stirn. »An früher will ich lieber nicht denken …« Erst ballte er die Fäuste, dann machte er mit seinen Händen eine würgende Bewegung.

»… sonst könnte es sein, ich vergesse mich und packe sie an ihrem langen Hals …«

»Chef!«, entsetzte sich Jan Sternberg. »So kenne ich dich gar nicht.«

»Aber Oberstaatsanwältin Lea Frey, die kennst du ja wohl noch. Lang und dürr, ein Gesicht wie eine Krähe, jedes Wort ein Giftpfeil!« Lindt holte Luft, dann zählte er laut bis drei, atmete geräuschvoll aus und fügte hinzu: »Nein, ich rege mich nicht auf, es sieht nur so aus.«

»Das war eine hervorragende Demonstration von Auto-Deeskalation«, grinste Sternberg. »Solltest du mal auf einem Seminar vormachen.«

»Klappe!«, fuhr ihn der Kommissar an. »Franz ist tot, und das ist schlimm, sehr schlimm.«

»Einzelheiten?«, wollte Paul Wellmann wissen. »Was hat sie noch Wichtiges gesagt?«

»Erstens, ich soll alleine kommen. Zweitens, sie vermutet irgendwas Internes.«

»Aha. Deswegen war sie so knapp. Hat mich schon gewundert. Sonst konnten ihre Schimpftiraden ja nicht lange genug dauern. Aber immerhin – sie will dich. Wahrscheinlich werdet ihr noch dicke Freunde.«

»Dick?« Lindt spie das Wort regelrecht auf den Boden. »Erinnerst du dich, was die früher für ein Klappergestell war? Zieh ihr alte Kleider an und du hast die perfekte Vogelscheuche.«

»Vielleicht hat sie sich ja geändert?«

Lindt erhob sich. »Klang nicht so. Sie schießt immer noch scharf. Aber bitte, wir haben ja gerade keinen brandeiligen Fall hier in Karlsruhe. Also gibt es ein wenig Abwechslung mit der ›Eisernen Lea‹. Ich hole euch nach, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.« Er füllte seine alte lederne Aktentasche mit zwei Handvoll Pfeifen, holte mehrere Tabaksdosen aus der Schreibtischschublade und ging zur Tür. »Haltet die Stellung. Ich melde mich. Ach ja, Paul, ruf doch bitte beim Direktor an, ob der auch wirklich Bescheid weiß.«

Oskar Lindt startete seinen neuen »alten« Dienstwagen für die Fahrt nach Freudenstadt. Sein Faible für außergewöhnliche Fahrzeuge führte ihn häufig in die Halle, wo beschlagnahmte Autos aller Art verwahrt wurden. Nach einem Citroën XM, den er viele Jahre fuhr, war es ihm nun gelungen, einen Mercedes 280 E zu ergattern. Eine W-123er Limousine aus den 80er-Jahren, die aus der Sammlung eines Wirtschaftsbetrügers stammte und noch nicht versteigert worden war. Farbe ›Eibengrün‹, Automatik, Klimaanlage, Schiebedach, kurz gesagt, der Kommissar war glücklich mit seiner Errungenschaft und hatte sich in den vergangenen Monaten bereits richtig gut mit dem kräftigen Sechszylinder angefreundet.

Heute allerdings lief es nicht wirklich flott. Erst ein Stau auf der A5 kurz vor Rastatt, dann im Murgtal ein Kieslaster nach dem anderen. Hatte er den ersten passiert, hing er kurz darauf hinter dem nächsten.

Schließlich verspürte Lindt keine Lust mehr auf Überholmanöver und blieb mit entsprechendem Abstand zurück. Ohnehin war er in Gedanken so sehr bei seinem toten Kollegen, dass gezügeltes Tempo angesagt war.

›Der Leiter des Kriminalkommissariats Freudenstadt, Erster Kriminalhauptkommissar Franz-Otto Kühn, wurde Opfer eines Tötungsdelikts.‹ Das war der entscheidende Satz in der Eilmeldung gewesen, die Lindt auf Paul Wellmanns Monitor gelesen hatte. Dazu noch die mehr als kryptischen Andeutungen der Oberstaatsanwältin über mögliche polizeiinterne Verwicklungen – Lindt konnte sich auf all das keinen Reim machen.

Mit Franz verbanden ihn mehrere spektakuläre Fälle, die sie im Nordschwarzwald gemeinsam, in engster Teamarbeit gelöst hatten. Das schweißt zusammen, ging ihm durch den Kopf.

Es gab zwar keinen privaten Kontakt zwischen den beiden Ermittlern, aber sie hatten ungefähr dasselbe Alter, Mitte 50, auf der Zielgeraden zum Ruhestand, und so waren sie sich im Lauf ihrer Dienstzeit auch früher schon öfter begegnet. Die Chemie hat gestimmt, zog als weiterer Gedanke durch Lindts Hirn und hatte eine tiefe Traurigkeit im Schlepptau.

»Tötungsdelikt?« Offizieller polizeilicher Sprachgebrauch, wenn noch nicht viel bekannt war. Was verbarg sich dahinter? Fahrlässige Tötung, Totschlag, Mord? Jedenfalls schien klar zu sein, dass ein natürlicher Tod nicht infrage kam. So viel gab die knappe Meldung preis.

Lindts Gedanken schweiften ab, und er wurde erst durch das aggressive Hupen eines vorbeizischenden Sportwagens darauf aufmerksam, dass er gerade eine gute Chance zum Überholen verpasst hatte. Der Kommissar hob entschuldigend die Hand. »Ja, nenn mich halt Schlafmütze, was soll’s. Dem Franz pressiert’s auch nicht mehr. Der hat seine letzte Einsatzfahrt hinter sich.«

In Schönmünzach fiel ihm ein, dass er gar nicht an Carla gedacht hatte. Schnell drückte er die Kurzwahl für die Mobilnummer seiner Frau und hörte das Tuten aus dem Lautsprecher des Smartphones, das er mit einer Halterung an der Frontscheibe befestigt hatte. Freisprecheinrichtung light, sozusagen. Bluetooth und andere moderne Technik gab es in der betagten Limousine natürlich noch nicht.

»Oskar, was gibt’s?«, ertönte Carlas muntere Stimme. »Möchtest du wissen, was wir heute Abend essen?«

»Muss dich leider enttäuschen. Kein Appetit mehr. Bin schon mitten im Schwarzwald.«

Natürlich war Carla sofort klar, dass es einen dienstlichen Grund für die Reise gab. Trotzdem scherzte sie: »Wie? Du fährst ohne mich in Urlaub?«

»Schön wär’s«, gab Oskar zurück. »Ich muss nach Freudenstadt. Franz ist tot.«

Carla zögerte kurz. »Franz? Der Franz? Dein Kollege?«

»Genau der. Du bist ihm ja auch mehrmals begegnet.«

»Oh, das tut mir aber leid.« Echte Betroffenheit lag in ihrer Stimme. »Mensch, wie denn das?«

»Weiß ich noch nicht, aber …«

»Aber … das heißt, er …«

»Kein normaler Tod, keine Krankheit, kein Unfall.«

Jetzt sprach Carla ganz leise: »Also wurde er …?«

»Sieht alles danach aus«, entgegnete Lindt. »Wie gesagt, ich habe noch keine weiteren Informationen.«

»Wer tut denn so was? Der Franz war doch eine …«

»Ja, sag es ruhig, er war eine Seele von Mensch.« Dann schwieg der Kommissar.

»Oskar, bist du noch da?«

»Ja.«

»Du sagst gar nichts mehr.«

»Mir ist auch nicht besonders danach.«

»Verstehe ich. Bitte melde dich wieder, wenn du kannst.«

»Mach ich.« Lindt drückte den roten Button.

Wo waren denn die letzten Kilometer?, fragte sich der Kommissar, als er in Baiersbronn durch den Kreisverkehr fuhr. Automatisch hatte er den Mercedes auf Kurs gehalten, aber seine Gedanken waren überall gewesen, nur nicht im Straßenverkehr. Er ermahnte sich zu größerer Aufmerksamkeit und legte die letzten Kilometer einigermaßen konzentriert zurück.

Kurz vor dem Freudenstädter Marktplatz bog er nach rechts in die Alfredstraße und später wieder rechts in die Straßburger Straße ab. Jetzt noch einmal links und er hatte sein Ziel erreicht.

Ein Streifenwagen blockierte die halbe Einfahrt zum Waldparkplatz Teuchelwald, und ein Uniformierter bedeutete ihm zu halten.

Lindt ließ die Scheibe herunter und wollte sich ausweisen, doch der grauhaarige Kollege winkte ab. »Oskar, du wirst schon erwartet. Schlimm, schlimm.«

»Ach, der Herbert, jetzt kenne ich dich erst. Ist ja auch schon eine kleine Ewigkeit her, dass wir zusammen auf Streife waren. Gibt es neuere Erkenntnisse?«

Herbert Zahn, altgedienter Schutzpolizist, schüttelte den Kopf. »Die Technik ist immer noch dran, seit heute früh. Die stellen dort hinten alles auf den Kopf.« Er zeigte mit seinem ausgestreckten Arm über Lindts Wagendach hinweg in Richtung des Weges, der in den Wald hineinführte.

»Warst du selbst vor Ort?«

Herbert nickte. »Löwenbrunnen. Eine Joggerin mit Hund hat ihn gefunden. Im Wasser.«

»Im Wasser? In einem Brunnentrog?«

»Nein, dort ist …«

Scharfes Pfeifen unterbrach ihn. »Lindt! Hierher!« Eine lange, dünne Gestalt wedelte weiter hinten auf dem Parkplatz vor einem Kastenwagen mit den Armen.

»Folgst du auf Pfiff?«, wollte Herbert Zahn wissen. »Bist du ein Hund?«

»Welcher Pfiff?«, hob Lindt die Augenbrauen. »Wenn sie was will, dann soll sie kommen. Sag mir lieber noch, was es mit dem Brunnen auf sich hat.«

Zahn legte die Stirn in Falten. »Ich glaube, das sagt sie dir selbst. Sie ist bereits im Anflug.«

Tatsächlich näherte sich Oberstaatsanwältin Lea Frey im Laufschritt und keifte von weitem. »Lindt! Sind Sie taub?«

»Ihr Ehemann hat angeblich schon vor Jahren das Weite gesucht«, grinste der Uniformierte. »Wen wundert es?«

Lindt lächelte süffisant. »Ich kenne sie schon sehr lange …« Dann stieg er aus dem Wagen und ging ein paar Schritte in ihre Richtung. »Frau Frey. Hab Sie lange nicht vermisst.«

»Danke, ebenso«, stichelte sie zurück. Ihre lange spitze Nase, die tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Krähenschnabel hatte, schien in Richtung des Kommissars zu hacken. Trotzdem glitt der Anflug eines Lächelns über das Gesicht der »Eisernen«.

Der Kommissar streckte die Hand aus, ergriff die langen, knochigen Finger der Frau und drückte sie kräftig.

»Au«, gab sie einen kurzen Schmerzlaut von sich. »Ja, ich weiß, beim ersten Händedruck entscheidet sich, wer das Sagen hat.«

»Dann wäre das also geklärt«, antwortete Lindt und sah ihr gerade in die Augen. Grün, ja, auch daran erinnerte er sich jetzt wieder. Er fand diese Augenfarbe passend zum Charakter. Im Mittelalter wäre sie glatt als Hexe durchgegangen. Lidschatten in ähnlicher Färbung komplettierten das scharf geschnittene Gesicht. Vielleicht weniger Krähe als vielmehr Habicht, dachte der Kommissar, sagte aber: »Sie haben sich überhaupt nicht verändert.«

»Dreckiger Lügner«, antwortete sie spitz. »Sie dagegen sind noch dicker geworden.«

»Schutzpanzer gegen Angriffe aller Art«, konterte Lindt und brachte die Staatsanwältin damit kurzzeitig aus dem Konzept. Sie fing sich aber blitzartig: »Los geht’s. Ich fahre bei Ihnen mit.«

»Bitte, nehmen Sie Platz. Da rein?« Er wies auf den Waldweg.

»Ja, immer geradeaus. Bisschen schmal, aber Sie werden schon durchkommen. Ich war bereits dort.«

Oskar Lindt setzte seinen Oldtimer in Bewegung und fuhr langsam den schmalen Weg entlang. Dann sagte er: »Ich auch.«

»Wie? Sie sind doch gerade erst angekommen?«

»Ist schon lange her«, lächelte der Kommissar verschmitzt. »So 40, 50 Jahre. Damals waren Eichhörnchen im Teuchelwald die Attraktion schlechthin für Familien mit Kindern. Haben einem die Nüsschen aus der Hand gefressen.«

»Ach so, Sie waren früher hier in den Ferien.«

»Wie gesagt, vor Jahrzehnten, Lindt Vater, Lindt Mutter, Lindt Kinder. Damals gab es noch das Waldschwimmbad unten beim Langenwaldsee. Wurde aber plattgemacht, wenn ich richtig weiß.«

»Verschonen Sie mich mit Ihren Jugenderinnerungen. Es ist mir wichtiger, dass Sie bald rausfinden, wer den Kühn plattgemacht hat.«

»Ich werde mein Bestes geben, wie Sie ja wissen.«

»Ihr Allerbestes bitte.«

»Oh, das Zauberwort mit zwei T. Ganz ungewohnt, es aus Ihrem Mund zu hören«, sandte der Kommissar eine weitere Spitze in Richtung Beifahrersitz.

Die Antwort kam in gewohnter Schärfe: »Passen Sie auf und fahren Sie nicht so dicht an diesen dicken Bäumen vorbei. Wenn Sie einen Crash bauen und wir uns den Steilhang da runter überschlagen, wäre es um mindestens einen von uns schade.«

»Ganz Ihrer Meinung, um einen, Frau Oberstaatsanwalt.«

»Anwältin, wenn schon!«

»Immer wieder gerne«, sagte Lindt und ruckte kurz am Lenkrad, dass die »Eiserne« panisch aufschrie. »Treiben Sie es nicht zu weit!«

Sie passierten einen kleinen Sandsteinbrunnen mit der Inschrift ›1882‹ und eine offene Blockhütte, auf deren Dach im dicken Moos viele kleine Nadelbäumchen wuchsen.

»Jetzt mal Näheres, wenn ich bitten darf«, kam von Lindt. »Am Telefon habe ich den Eindruck bekommen, Sie vermuten einen Zusammenhang mit polizeiinternen Querelen.«

»Nimm dich bloß in Acht.«

»Wer, ich?«, unterbrach Lindt erstaunt. »Waren wir schon beim ›Du‹?«

»Was Gott verhüten möge«, antwortete Lea Frey, und ihr Gesicht verfärbte sich dabei dunkel.

Sieht so Zornesröte bei alten Staatsanwältinnen aus?, fragte sich Lindt. Sattes Braun, wenn man sie auf die Palme bringt?

Na gut, er wollte es nicht übertreiben. Vielleicht war das ja auch »Leberbraun«? War sie auf Schwarzwald-Gin geeicht? Immerhin wurde der hier in der Nähe hergestellt.

»›Nimm dich bloß in Acht‹, das haben angeblich mehrere Kripo-Kollegen in letzter Zeit zu Kühn gesagt. Natürlich niemals unter Zeugen.«

»Von wem wissen Sie es dann?«

Die »Eiserne« überlegte kurz. »Auch wenn Sie es nicht glauben, es gibt durchaus Personen, für die ich so vertrauenswürdig bin, dass sie sich direkt an mich wenden.«

»Hat also doch jemand mitgehört?«

»Liegt ja auf der Hand. Aber ich habe mein Wort gegeben.«

»Okay«, überlegte Lindt. »Wir werden sehen. Geht’s jetzt links hoch zum Waldcafé?«

»Nein, bleiben Sie unten. Immer auf dem ebenen Weg. Wir haben erst die Hälfte bis zum Löwenbrunnen zurückgelegt.«

»Den kenne ich nicht von früher.«

»Das Waldcafé und seine Kuchenpracht wahrscheinlich schon«, giftete Lea Frey und kniff Lindt schnell in seinen strammen Bauchspeck.

»Au!«

»Beschweren Sie sich ruhig. Haben Sie Zeugen?«

»Ich werte es als Liebkosung«, grinste Lindt unverschämt zu ihr hinüber und passierte einen weiteren Brunnen, bei dem das Wasser in dünnem Strahl aus dem Maul einer grässlichen, aus Sandstein gemeißelten Kreatur floss. »Halt, war er das, der Löwenbrunnen?«

»Nein, weiter«, befahl Lea Frey. »Da vorne an der nächsten Hütte gabelt sich der Weg. Wir bleiben oben, geradeaus.«

Der Kommissar tat, wie ihm geheißen, und manövrierte sein nicht gerade geländegängiges Fahrzeug routiniert den schmalen, mit rotem Sand belegten Weg entlang. Bei Unebenheiten fuhr er noch ein wenig langsamer und erreichte nach ungefähr zwei Kilometern eine Ansammlung mehrerer PKWs und Transporter. »Anscheinend sind wir da.«

»Nicht ganz. Jetzt geht’s zu Fuß weiter. Dort, den Berg hoch.«

Zweifelnd sah Lindt die Staatsanwältin an.

»Mein Ernst. Steigen Sie aus, schließen Sie ab. Da lang!« Die hagere Juristin war bereits einige Schritte vorausgeeilt und sah sich um. »Kommen Sie, kommen Sie. Etwas Bewegung wird Ihrer Figur guttun.«

Oskar Lindt ließ sich nicht hetzen. Betont bedächtig stemmte er sich in die Höhe, reckte sich erst einmal und sog die harzige Waldluft tief in seine Lungen. Warm ist es hier auch, aber längst nicht so drückend schwül wie in Karlsruhe unten, ging ihm durch den Kopf. Er sah sich um und betrachtete die stolzen Tannen und Fichten. Wald, grüner Wald, ja, das hätte er sich vor einigen Stunden auch noch nicht träumen lassen, dass seine Vision so schnell zur Realität würde. Gemächlich folgte er der »Eisernen« und erreichte nach gut hundert Metern den Löwenbrunnen, der sich als Kneippanlage mit Schutzhütte erwies. Offensichtlich stammte alles noch aus der guten alten Zeit, als in Freudenstadt der Kurgastbetrieb Hochkonjunktur hatte. »Luftschnapper« waren damals in Scharen gekommen, um sich in der »ozonreichen« Waldluft zu erholen.

Der Kommissar registrierte einen kleinen, aber trockengelegten Sandsteinbrunnen mit der Aufschrift ›Willst frischen Mut, trink Löwenblut‹ und eine fünfeckige Wassertretstelle, die aus einem in der Mitte senkrecht aufragenden Metallrohr mit frischem Nass gespeist wurde. Ein rundes Eisengeländer, an dem sich die Kurgäste beim Wassertreten festhalten konnten, umgab das Wasserrohr.

»Da drin?« Er sah die Staatsanwältin fragend an.

Sie nickte. »Unfassbar, der Anblick«, und winkte einem von drei Kriminaltechnikern, die noch auf Spurensuche waren. »Haben Sie die Fotos parat?«

»Klar«, antwortete der Kollege und nahm einen Tabletcomputer aus dessen Schutzhülle. Seine Hände zitterten, als er das Gerät hielt. »Hier, bitte. Unser Chef. Tot, ganz tot. Sitzend, dort an das Geländer gelehnt. Blickrichtung talwärts.«

Lindt setzte seine Lesebrille auf, um die Bilder genauer betrachten zu können, und erschrak.

War er das wirklich, der Franz? Franz-Otto Kühn. Kahl rasierter Schädel, grauer, dichter Vollbart? Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehen? Zwei Jahre oder drei? Früher war er doch immer glatt rasiert gewesen und hatte eine gepflegte Frisur getragen. Und jetzt so?

Lindt registrierte Sportkleidung, kurze Hose, ärmelloses Laufshirt, Asics – Runningschuhe und … er hielt die Luft an … ausladende Tattoos, die sich über die ganzen Schulterbereiche und Oberarme erstreckten. Franz, bist du’s? Was ist denn mit dir passiert?

Allerdings, je länger er das Gesicht betrachtete, umso mehr Ähnlichkeiten mit dem in der Erinnerung gespeicherten Bild seines Kollegen ergaben sich.

»So kennen Sie ihn wohl noch nicht?« Lea Frey hatte das sachte Kopfschütteln des Kommissars bemerkt.

»Ja, der Kühn hat sich verändert. Mordsmäßig sogar, in den letzten Jahren.«

Lindt atmete tief durch. Ein verstörender Anblick, sowohl seine äußerlichen Veränderungen als auch die Tatsache, dass Franz-Otto Kühn tot war. Obwohl er in langen Berufsjahren schon genügend kalte Leichen gesehen hatte, ließ ihn dieser Anblick alles andere als kalt. Er war dankbar, dass er den Toten nur auf den Bildern präsentiert bekam und nicht in natura. In echt. Echt tot, angelehnt sitzend, mit hängendem Kopf, im knietiefen Wasser der Wassertretstelle Löwenbrunnen im Freudenstädter Erholungswald.

Auf weiteren Bildern stach eine ausgeprägte längliche Verletzung am Hinterkopf sofort ins Auge, aufgrund der fehlenden Haare mit besonders prägnanter Wirkung auf den Betrachter.

»Stumpfer Gegenstand?«

Der Techniker nickte: »Unserer ersten Einschätzung nach hat er dort einen starken Schlag erhalten. Wird gerade in der Rechtsmedizin Tübingen untersucht. Bestimmt machen die auch eine Computertomografie.«

»Hmm«, brummte Lindt und sah sich eine Nahaufnahme genauer an. »Schädelbruch ist sicherlich möglich.«

»Ich habe denen dort gleich eine klare Ansage gemacht«, unterbrach die Staatsanwältin. »Alles stehen und liegen lassen. Diese Untersuchung hat Vorrang.«

»Und«, wollte Lindt wissen, »hatten Sie Erfolg?«

»Ich kenne den Professor persönlich!«

Der Kommissar verkniff sich eine hässliche Bemerkung wie: ›Könnte in Ihrem Fall auch ein Hinderungsgrund sein‹ und nickte. »Todesursache Schädelbruch? Ja, vielleicht, es wird sich zeigen.«

»Kann auch anders sein. Die Barthaare waren feucht, und bei der Bergung kam einiges an Wasser aus seinem Mund«, berichtete der Techniker.

»Wie? Hatte die Totenstarre noch nicht eingesetzt?«

»Nein, war erst im Anfangsstadium. Die Tat muss in der Morgendämmerung geschehen sein. Die Zeugin, die ihn gefunden und den Schreck ihres Lebens bekommen hat, sagt, sie sei immer eine der Ersten im Wald. Badet wohl regelmäßig ihren Hund dort unten in der Kuhle.«

Er wies zum Graben, in dem das aus der Kneippstelle überfließende Wasser talwärts rann. Ein Holzschild am Baum neben dem Kolk war beschriftet mit ›Hier bade ich‹, darunter ein stilisierter Hund in Badewanne.

Oskar Lindt begann, sich eine Pfeife zu stopfen, und sah sich weiter intensiv um.

»Wollen Sie den Wald in Brand setzen?«, herrschte ihn die »Eiserne« an.

»Keine Sorge, mein Feuer ist eingesperrt«, konterte der Kommissar und hielt ein Streichholz an den Tabak. »Außerdem gibt es hier ja Löschwasser genug.«

»Besserwisser«, zischte Lea Frey, gab aber keine weiteren Kommentare ab.

»Haben Sie ihn selbst noch gesehen, bevor er abtransportiert wurde?«, wollte Lindt wissen.

Die Staatsanwältin winkte ihn zur Seite, um ungestört sprechen zu können. »Ich wusste ja nicht, um wen es sich handelt, als die Meldung kam, ein Toter sei im Wald gefunden worden. Aber ich war schnell. Die Spurensicherung hatte gerade erst begonnen, als ich ankam.«

»Also saß er noch im Wasser?«

»So, wie auf den Fotos zu sehen.«

»Wer hat dann die Bergung übernommen? Die Feuerwehr?«

»Nein, das haben die Techniker selbst gemacht. Waren ja bereits nass bis zu den Oberschenkeln. Die Sanis vom Roten Kreuz brachten so ein langes Kunststoffbrett mit Tragegriffen dran.«

Lindt nickte: »Spineboard. Kenne ich. Wurde er draufgelegt und damit rausgehoben?«

»Richtig«, bestätigte die Staatsanwältin. »Ich habe alles genau mit angesehen und angeordnet, dass die Aktion gefilmt wird.«

»Wer stand noch dabei?«, fragte der Kommissar.

Sie überlegte und trat aufs Neue einige Meter zurück, um ganz sicher außer Hörweite zu sein. »Zehn Personen bestimmt. Rettungsdienst, Kripokollegen, Spusi, uniformierte Beamte, der Leiter des Polizeireviers. Der Polizeipräsident aus Pforzheim kam bald nach mir.« Sie zögerte kurz. »Ja, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Von denen, die Kühn offenbar bedroht haben, war aber keiner hier. Die zwei hatten dienstplanmäßig frei.«

»Zwei?«

»Ja, ich weiß zwei Namen. Muss ich Ihnen wohl geben. Aber meine Informantin …« Sie stockte wieder und fuhr schnell fort, »… oder meinen Informanten möchte ich Ihnen nicht nennen.«

Lindt runzelte die Stirn. »Wird sich nicht vermeiden lassen. Dieser Person kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Wann hat sie Ihnen Bescheid gesagt?«

»Der Anruf kam ungefähr eine Stunde, nachdem klar war, wer der Tote ist. Das ging natürlich polizeiintern rum wie ein Lauffeuer.«

Der Kommissar trat wieder zu den Kriminaltechnikern, die jetzt dabei waren, ihre Utensilien einzupacken.

»Wie hat sich die Tat eurer Meinung nach zugetragen?«

Einer der Kollegen gab seine Einschätzung bekannt: »Der Fundort ist vermutlich nicht der Tatort. Den Schlag auf den Kopf hat er höchstwahrscheinlich woanders erhalten und ist dann hierhertransportiert worden.«

»Wurde er hochgeschleppt? Oder von oben runter? Finden sich irgendwo Schleifspuren?«

»Ein Auto kann auf diesem schmalen Weg ja kaum fahren. Dort vorne gibt es zudem eine Engstelle, an der ein Wasserdurchlass runtergebrochen ist.«

Lindt nickte: »Ist mir auch aufgefallen. Ein ganz schmales Fahrzeug käme vielleicht gerade so durch, aber kein normaler PKW oder Transporter.«

»Wir vermuten auch, dass unser Chef hier am frühen Morgen seine Joggingrunde gedreht hat. Er wohnt ja seit einiger Zeit in einem dieser neuen teuren Häuser gleich dort vorne in der Straßburger Straße.«

Oskar Lindt stutzte: »Wie? In Freudenstadt? Kam er früher nicht immer aus dem Kreis Calw hergefahren?«

Die Techniker sahen sich bedeutungsvoll an. Zögernd fuhr einer fort: »Man sieht es ja auf den Bildern. Neues Outfit. Haare ab, Bart dran, morgens joggen statt frühstücken, abends Fitnessstudio mit Hantelbank und allem Drum und Dran. Der hat mit Mitte 50 noch mal voll aufgedreht.«

Lindt las in den Gesichtern, dass das noch nicht die ganze Wahrheit sein konnte. Seinem Instinkt folgend, fragte er: »Auch eine neue Frau?«

Die Antwort kam nicht gleich. »Ja, also … man soll ja über Tote …«

»... nicht schlecht reden, das weiß ich«, komplettierte Lindt, »aber es geht um Tatsachen, um reine Fakten. Bitte, wir finden es sowieso raus, mit wem er zusammen war.«

Statt des Technikers antwortete die Staatsanwältin: »Kühn hat einem Kollegen die Frau ausgespannt, das habe ich bereits mitbekommen.«

»Oha. War er denn getrennt?«

»Seine eigene Ehefrau soll sich angeblich mit einem polnischen Lastwagenfahrer abgesetzt haben.«

»Das ist jetzt aber nicht wahr, oder?«

»Das Letzte ist ein Gerücht, das Erste weiß ich aus sicherer Quelle«, sagte die »Eiserne«. »Sie können es mir ruhig glauben.«

»Hat ihn was aus dem Gleis geworfen? Das mit dem Polen?«

»Zumindest hat damit alles angefangen. Neustart in Freudenstadt, so hat er mir mal selbst gesagt, allerdings ohne dabei Hintergründe zu nennen.«

»Hmmm …«, brummte Lindt wieder einmal und wiegte seinen Kopf hin und her. »Der Franz, der Franz … und jetzt …«

»Ist er tot«, vervollständigte die Juristin mit deutlich verschärftem Ton. »Und Sie haben den Ermittlungsauftrag. In engster Abstimmung mit mir natürlich. Verstanden?« Sie nahm Lindt ins Visier und schoss einen verbalen Giftpfeil in seine Richtung: »Keine Alleingänge und keine zurückgehaltenen Informationen. Ist das klar?«

Die drei Techniker schauten betreten zu Boden.

Der Kommissar jedoch war für solche Situationen trainiert und antwortete nach wenigen Sekunden: »Frau Oberstaatsanwalt, ich habe einen neuen Lieblingsspruch. Den kennen Sie noch nicht.«

»Und?«, blaffte sie ihn an.

Lindt bekam kleine Fältchen neben den Augenwinkeln.

»Er heißt: Lächle, du kannst sie nicht alle töten. Also, Sie sehen mich lächeln!«

Die Gesichtsfarbe der »Eisernen« wechselte schlagartig wieder auf dunkel. »An die Arbeit, marsch!«, befahl sie, war offensichtlich kurz davor, Schnappatmung zu bekommen, griff nach ihrem Smartphone und verschwand.

»Wir sind bereits mittendrin«, hob Lindt die Augenbrauen und wandte sich an die belustigt dreinblickenden Kriminaltechniker.

»Gibt es verwertbare Spuren?«

Unisono schüttelten alle drei die Köpfe. »Nachher suchen wir noch entlang der Wege, aber es ist viel zu trocken für Abdrücke von Schuhsohlen.«

»Reifenspuren?«

»Es gab vielleicht welche unten auf dem Fahrweg, aber da ist ja auch das Forstpersonal unterwegs. Wären aber ohnehin durch unsere eigenen Wagen überlagert. Können wir also komplett vergessen. Nach Fingerabdrücken und DNA haben wir selbstverständlich gesucht. An dem Eisengeländer im Becken, auf den Mauersteinen, in der Hütte.«

»Handy, Papiere, Schlüssel?«

»Fehlanzeige, nichts dergleichen«, antwortete einer der Techniker. »Alles, was wir haben, befindet sich eingetütet in unserer Kiste. Ist allerdings nicht viel.«

Dann sah er den Kommissar an: »Entschuldigung, wenn ich frage: Wieso musste extra der Oskar Lindt aus Karlsruhe kommen, um den Fall hier zu übernehmen?«

Diese Frage hatte Lindt erwartet. »Gab die Frau Oberstaatsanwalt dazu keine Erklärung ab?«

»Nein, sie hat einen Anruf bekommen und danach sofort und ohne weitere Kommentare unsere eigenen Ermittler komplett nach Hause geschickt. Nur der Streifendienst durfte bleiben, um Spaziergänger fernzuhalten, und wir natürlich.«

»Dann fragen wir sie doch am besten selbst. Ah, sie telefoniert noch«, meinte Lindt und sandte einen auffordernden Blick in Richtung der Juristin.

»Dauert wohl länger, das Gespräch, also werde ich was dazu sagen. Aber vorweg möchte ich wissen: War der Kollege, mit dessen Frau der Franz was angefangen hat, auch hier vor Ort?«

»Nein, nein, der Horst, der hat sich sofort versetzen lassen, nachdem seine Alte, ääh, also nachdem seine Frau ausgezogen ist. Er fährt jetzt täglich nach Balingen. Außerdem ist das alles längst Schnee von gestern. Der Franz, der war ja kein schlechter Chef, aber seit er nach Freudenstadt gezogen ist, hat er seine Bekanntschaften öfter gewechselt als normale Leute ihre Unterwäsche.«

Lindt zog die Stirn in Falten. »Dann gab es ja allerhand zu tuscheln bei euch im Kommissariat.«

»Aber hallo! Es war sozusagen Tagesgespräch. Doch nachdem er sich körperlich in Form gebracht hatte, sind die Frauen auf ihn geflogen wie die Motten aufs Licht. Dabei hat er angeblich nichts anbrennen lassen.«

Ein anderer Techniker ergänzte: »Die Wohnungen im ›Parkside‹, so heißen die zwei supermodernen vornehmen Häuser, haben dreiseitig Glasbalkone. Und es gibt durchaus Leute, die ihre Spaziergänge extra so gelegt haben, um zu sehen, wer aktuell im dritten Stock im Liegestuhl lag.«

»Wie bitte?«

»Mehrere Kolleginnen haben sich sogar darin abgewechselt, den Balkon von weiter oben, vom Rand des Steinbruchs aus, zu beobachten. Da stehen mehrere Parkbänke strategisch günstig mit prima Aussicht. Fernglas aus der Handtasche – am nächsten Tag wusste die ganze Polizei Bescheid.«

Lindt schmunzelte: »Das waren dann die, die der Franz nicht erwählt hatte?«

Schallendes Gelächter breitete sich aus. »Nein, die bekamen bei ihm keine Chance. Von internen Verwicklungen hatte er wohl genug. Aber man hört, dass es in seinem Fitnessstudio genügend Auswahl gab.«

»Ts, ts, ts«, kommentierte der Kommissar. »Schau an, der Franz. Und jetzt ist er leider tot. Schade für ihn, schade für die Freudenstädter Damenwelt und für die Kleinstadt-Gerüchteküche.«

Dann wurde er wieder dienstlich: »Jetzt aber zurück zum Ernst des Lebens. Sämtliche Ergebnisse eurer Arbeit gehen nur an mich. Ausschließlich! Niemand sonst darf darauf zugreifen.«

Lindt sah in drei fragende Gesichter, doch keiner sagte etwas.

»Versteht ihr nicht?«

Kopfschütteln.

»Kripochef tot, da gilt natürlich höchste Diskretionsstufe. Die eigene Mannschaft muss völlig außen vor bleiben. Das hat gar nichts mit Misstrauen zu tun, sondern ist eine eiserne Regel. In solchen Fällen laufen die Ermittlungen komplett extern. Immer. Ich werde auch meine engsten Mitarbeiter holen und irgendwo eine provisorische Ermittlungszentrale einrichten.«

»Gut gesagt, Lindt«, ergänzte Lea Frey, die sich zwischenzeitlich beruhigt hatte und wieder näher gekommen war. »Ist ein Muss. Ich will mir später keine Vorwürfe über unprofessionelle Vorgehensweise anhören.«

»Also alles reine Routine«, beruhigte der Kommissar die verunsicherten Kollegen. »Gibt es schriftliche Aufzeichnungen? Handschriftlich, meine ich?«

»Nein, komplett auf dem Tablet. Und auf der Kamera.«

Lindt streckte die Hand aus. »Dann brauche ich das Gerät und vom Fotoapparat die Speicherkarte. Und natürlich die Beweismitteltüten mit den Spurenträgern. Am besten, wir gehen gemeinsam zum Weg runter und laden dort alles in meinen Dienstwagen.«

»Und wer bearbeitet unsere gesicherten Spuren weiter?«

»Werde ich koordinieren. Vermutlich auch Kollegen aus meinem Bereich.«

Die Techniker waren offensichtlich nicht besonders glücklich über diese Ansage, doch sie hatten keine Wahl und mussten sich fügen.

Wenig motiviert machten sie sich wieder an die Arbeit und begannen, die weitere Umgebung der Kneippanlage abzusuchen. Plötzlich rief einer der Männer vom Fahrweg aus: »Fund!«

Der Karlsruher Kommissar und die Juristin eilten hinzu. Der Techniker stand direkt neben Lindts Dienstwagen und zeigte auf mehrere dunkle Flecke im plattgedrückten Gras neben dem Schotter. »Blut, jede Wette. Hier könnte er niedergeschlagen worden sein.«

Süffisant grinsend, drehte sich Oskar Lindt zur »Eisernen«. »Frau Oberstaatsanwalt, auf dieser Seite sind Sie ausgestiegen.«

Sie sandte ihm einen bösen Blick zu. »Bin ich vielleicht ein Spürhund?«

Der Kommissar antwortete nicht und lächelte still in sich hinein. »Ich fahre mal den Wagen weg, dann habt ihr Platz, um alles aufzunehmen.«

2

Es dauerte eine weitere Stunde, bis sämtliche Arbeiten erledigt waren und die Absperrungen aufgehoben werden konnten. Die Polizeifahrzeuge verließen nach und nach das Waldgebiet, so dass schließlich nur Oskar Lindt zurückblieb. Auch die Oberstaatsanwältin war in einem Streifenwagen mitgefahren, nicht ohne den Kommissar nochmals auf äußerste Geheimhaltung zu verpflichten.

»Machen Sie sich keine Sorge«, hatte er geantwortet. »Erstens bin ich Profi, und zwar ein alterfahrener. Zweitens, und das wiegt genauso schwer, bin ich es dem Franz ganz einfach schuldig, alles bis ins Kleinste aufzuklären.«

»Genau deshalb habe ich Sie geholt«, hatte ihm die »Eiserne« energisch die Hand gedrückt. »Ich zähle auf Sie.«

Nun war er alleine. Alleine am Tatort. Tatort? Nein, der lag vermutlich dort unten auf dem Waldweg. Hier handelte es sich nur um den Fundort seines getöteten Kollegen. Tatwaffe? Nein, weit und breit keine Spur. Lindt nahm auf der braun gestrichenen Holzbank zwischen Schutzhütte und Wassertretbecken Platz und setzte aufs Neue eine Pfeife in Brand.

Er sah auf die Uhr. Bereits später Nachmittag. Eigentlich Zeit, an Rückkehr zu denken. Zeit, um Carla anzurufen. Zeit, sich bei Paul und Jan zu melden.

Doch er tat nichts dergleichen. Ruhig zog er an seiner Pfeife, blies aromatische Rauchkringel in die Luft und sog die Atomsphäre in sich auf.

Weshalb hatte man Franz-Otto Kühn ausgerechnet hier in knietiefes Wasser gesetzt? Welche Bedeutung kam diesem besonderen Ort zu?

Oskar Lindt lehnte sich zurück und betrachtete die stolzen hohen Tannen und Fichten rings um die Kneippanlage. Ja, das waren sie, echte »Tannenriesen«, riesige alte Bäume. Diesen Ausdruck kannte er von früheren Ausflügen und Wanderungen hier in der Gegend, im Schwarzwald, der ihm und Carla im Laufe der Jahre immer mehr zur zweiten Heimat geworden war.

Einzigartig auch das Klima. Selbst im Hochsommer konnte er es bestens aushalten. Natürlich, bei körperlichen Aktivitäten ginge es auch in den schattigen Wäldern nicht ohne Schweißtropfen ab, doch verglichen mit der brütend schwülen Hitze zwischen den Karlsruher Häuserwänden fühlte er sich an diesem Ort einfach nur wohl. Wenn da nicht der tote Franz gewesen wäre …

Lindt riss sich zusammen, nahm sein Mobiltelefon und suchte nach der gespeicherten Nummer von Ludwig Willms, seinem langjährigen Weggefährten und Chef der Karlsruher Kriminaltechnik.

»Auf diesen Anruf hab ich schon gewartet«, meldete sich Willms. »Wollte dich was fragen, aber du warst nicht an deinem Arbeitsplatz.«

»Heute arbeite ich im Wald«, antwortete der Kommissar. »Freudenstadt, Teuchelwald. Kannst ja mal googeln, dann weißt du, was das bedeutet.«

»Paul hat mir natürlich berichtet, dass du dich wieder im Schwarzwald rumdrückst.«

»Und wenn du anständig bist, darfst du auch noch kommen. Wir müssen hier unsere Zelte aufschlagen.«

»Die ›Eiserne Lea‹ hat dich engagiert. Ausgerechnet dich. Wie kommt denn das? Ihr seid euch doch in inniger Abneigung verbunden.«

»Heute war sie zeitweise sogar ganz manierlich. Schließlich will sie ja was von mir. Ich nehme an, du hast gehört, dass Franz-Otto Kühn getötet wurde?«

»Auch das hat mir Paul gesteckt. Ich kannte den Kühn zwar nicht persönlich, aber ein toter Kripochef ist natürlich der Hammer.«

»Ob ein Hammer auf seinem Kopf gelandet ist, finden die Gerichtsmediziner in Tübingen gerade heraus, und du bekommst heute noch eine Kiste voller Beweismitteltüten von mir. Alle weiteren Untersuchungen laufen bei dir im Labor. In unserem Labor.«

»Hoppla!«

»Ist doch klar. Die eigenen Kollegen dürfen da gar nicht ran. Du kennst doch unsere internen Verfügungen.«

»Ja, dunkel erinnere ich mich, aber mit totgeschlagenen Polizisten hatte ich es bisher noch nicht zu tun.«

»Wo finde ich dich, wenn ich wieder in Karlsruhe bin?«

»Auch im Wald«, antwortete Willms. »Ich mache heute Abend eine Radtour durch den Hardtwald. Auf dem Bike kann man die Hitze am besten aushalten. Fahrtwind kühlt.«

»Dann pass bloß auf. Der Franz war auch in Sportklamotten unterwegs, als er eine übergebraten bekam.«

»Keine Sorge, du weißt ja, ich bin flott. Mich kriegt so schnell keiner. Und deine Schwarzwaldsouvenirs kannst du bei unserer Bereitschaft abgeben. Ich sag denen Bescheid, dass du noch vorbeikommst.«

Lindt legte auf und drückte gleich danach die Kurzwahl für den Anschluss seines Büros in der Beiertheimer Allee.

Paul Wellmann meldete sich sofort. »Na endlich. Wir sind schon ganz nervös.«

»Ihr braucht euch keine Sorgen um mich zu machen«, beruhigte ihn Lindt. »Ich bin zwar immer noch im tiefen, dunklen Wald, aber ein toter Kommissar pro Tag reicht ja.«

»Einer ist einer zu viel.«

»Stimmt, und deshalb sind jetzt wir am Start. SOKO ›Löwe‹. Alle Mann, die wir kriegen können. Du solltest gleich mal sehen, wen du loseisen kannst. Zehn brauchen wir mindestens. Dann vielleicht noch Freudenstädter Kollegen vom Streifendienst.«

»Niemanden von der dortigen Kripo?«

»Nein, die sind raus. Näheres morgen früh. Mach einen Besprechungsraum klar.«

»Acht Uhr?«

»Passt.«

Mehr Kommunikation war zwischen den beiden erfahrenen Ermittlern nicht nötig. Seit langem waren sie bestens aufeinander eingespielt und verstanden sich blind.

Zu Hause rief Lindt erst an, als er sich bereits auf der Heimfahrt befand und mit weit offenem Schiebedach an der Ampel mitten auf dem Freudenstädter Marktplatz warten musste.

»Jetzt möchte ich doch wissen, was wir heute Abend essen«, begrüßte er Carla. »Wird aber mindestens noch zwei Stunden dauern. Muss unserer KTU eine Ladung Spurenträger vorbeibringen.«

»Ist gut«, antwortete seine Frau. »Ich mache uns was sommerlich Leichtes. Tomate-Mozzarella, was hältst du davon?«

»Vielleicht ein saftiges Hüftsteak dazu? Zeit zum Essen war bisher nicht.«

»Ist aufgetaut, bis du kommst.«

»Schön, dass du noch da bist und auf mich wartest«, sagte Lindt nach kurzer Pause. »Ist nicht selbstverständlich. Manche Polizistenfrauen brennen auch mit dem Erstbesten durch, wenn sie zu lange alleingelassen werden.«

»War das so bei deinem Kühn?«

»Erzähle ich dir später. Ach, was hast du heute so gemacht?«

»Zum Beispiel gearbeitet«, kam es etwas spitz zurück. »Oder was denkst du denn?«

Der nächste Morgen begann mit einer großen Lagebesprechung im Konferenzraum. Oberstaatsanwältin Lea Frey war per Videoschaltung dabei. Überlebensgroß, ihr markantes Konterfei auf dem riesigen Flachbildschirm an der Wand. Eine Kamera war in den Raum gerichtet, damit die »Eiserne« in ihrem Rottweiler Büro alle Beteiligten gut sehen konnte. Auf den Tischen verteilte Mikrofone sorgten für klare Verständigung.

Tatsächlich hatte es Paul Wellmann am gestrigen Abend noch geschafft, die von Lindt geforderte Personenzahl für die Arbeit der Sonderkommission »Löwe« zusammenzubekommen.

Oskar Lindt hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, brachte alle Beteiligten auf den aktuellen Stand und verteilte die Aufgaben.

»Paul, wir brauchen Räume in Freudenstadt. Kannst du dich mal auf die Suche machen?«

»Nicht mehr nötig«, schallte die Stimme der »Eisernen« durch den Raum. »Habe ich schon für Sie erledigt.«

»Sie werden mir ja noch richtig sympathisch«, antwortete Lindt. »Da muss ich ja schon wieder lächeln.«

»Nicht frech werden. Ich habe einen kurzen Draht zum Oberbürgermeister. Kenne ich persönlich.«

»Gut, was kann er uns anbieten?«

»Die Stadt hat vor einiger Zeit ein Haus gekauft, in dem eine Wohnung und mehrere Büroräume leer stehen. Zukünftig soll das Gebäude für die Gartenschau im Forbachtal verwendet werden. Da können Sie sofort rein. Telefon, Internet, alles kein Problem.«

Paul Wellmann notierte mit. »Adresse?«

»Talstraße 83, muss unten im Christophstal sein. Direkt am Bach. Ich schicke Ihnen die Kontaktdaten der Ansprechpartner in der Stadtverwaltung. Läuft garantiert völlig unbürokratisch. Der OB hat bereits Weisung gegeben. Die sind da sehr entgegenkommend.«

»Prima«, freute sich Wellmann. »Ich mache mich umgehend dran und sorge für Schreibtische, Computer und was wir sonst noch alles benötigen.«

»Du solltest auch Hotelzimmer buchen«, ergänzte Oskar Lindt. »Fürs Erste brauche ich dich und Jan dauerhaft dort. Alle anderen wechseln sich auf Anforderung tageweise im Schwarzwald ab und unterstützen uns sonst von hier aus. Wenn wir uns in Freudenstadt eingerichtet haben, sehen wir weiter.«

Ein zustimmendes Raunen ging durch den Raum. Die meisten Mitglieder der neu gebildeten SOKO hatten keine große Lust, ihre Familien mehrere Tage lang nicht zu Gesicht zu bekommen, und waren froh, im Moment von Karlsruhe aus mitarbeiten zu können.

»Vieles wird sich digital erledigen lassen. Wir treiben keinen unnötigen Aufwand. Außerdem werde ich versuchen, Kollegen des Freudenstädter Reviers zur Unterstützung zu bekommen. Einen habe ich bereits im Auge.«

»Okay, was machen wir heute konkret?«, wollte Jan Sternberg wissen.

»Wir beide, mein lieber Jan, werden eine Oldtimerausfahrt unternehmen. Erst nach Tübingen in die Gerichtsmedizin und dann in die Hauptstadt des Schwarzwaldes, um dort mehr über das interessante Leben unseres toten Kollegen herauszufinden. Sein Zuhause ist anscheinend von der sehr gehobenen Sorte. Wir dürfen gespannt sein.«

Er sah zu KTU-Chef Ludwig Willms: »Kannst du zwei oder drei aus deiner Truppe mitschicken, die sich gleich intensiv mit der Wohnung beschäftigen?«

»Klar, ein Team steht bereit. Auch für Computer, Handy und Co. Die nehmen wir dann schnellstens komplett auseinander.«

»Gut«, entschied Lindt. »Wenn ihr schon so weit seid, stellen wir um und sehen uns zuerst die Wohnung an. Muss die Rechtsmedizin eben warten.«

Lindt ließ sich das Vergnügen nicht nehmen, den betagten Mercedes selbst zu steuern, und erreichte zusammen mit Jan Sternberg und zwei Transportern der Karlsruher Kriminaltechnik im Schlepptau gegen halb elf Uhr die Straßburger Straße 52 und 54 in Freudenstadt. Zwei imposante, schräg zur Straße stehende Gebäude mit jeweils sieben Etagen.

»Wollen wir kurz drum herum gehen?«, schlug Lindt vor. »So eine interessante Architektur sollten wir erst mal auf uns wirken lassen.«

Die fünf Karlsruher Ermittler gingen den Fußweg zwischen den Häusern und dem anschließenden Abhang entlang. Hoch und schmal ragten die futuristischen, in Grau und Weiß gehaltenen Bauten empor. Die Stockwerke hatten offensichtlich verschieden große Ausdehnungen. Manche ragten vor, andere sprangen zurück.

»Viel Glas, sieht echt schick aus«, kommentierte Jan Sternberg. »Ich würde die oberste Wohnung nehmen. Muss ja eine fantastische Aussicht sein. Deswegen bestimmt auch die verglasten Balkone. Nichts soll den Fernblick versperren.«

»Eine Etage ist gestern gerade frei geworden«, meinte sein Chef. »Da kannst du dein übriges Kleingeld investieren.«

»Nicht im dritten Stock«, grinste Jan. »Wenn schon, dann on Top. Aber ich sehe gerade, Paul hat mir einen Immobilienlink aufs Tablet geschickt. Bei den Preisen wird es mir doch ziemlich schwindlig.«

»Zeig her«, forderte ihn Lindt auf. »Aha, 183 Quadratmeter, auf drei Zimmer verteilt, kosten schlappe 1,15 Millionen, plus Nebenkosten, noch mal 130.000 Euro. Also, greif zu, vielleicht wirst du ja bald Hauptkommissar.« Beide bogen sich vor Lachen. Völlig absurd, sich mit einem Gehalt des öffentlichen Dienstes darüber Gedanken zu machen.

»Da kommen wir doch direkt zu der Frage, wie sich der Kollege das leisten konnte«, fasste Jan zusammen. »Und dann wahrscheinlich noch kostspielige Wagen und Bekanntschaften.«

»Los, rein. Mal sehen, was wir finden.«

Der Name Kühn fand sich auf einem Klingelschild der Hausnummer Straßburger Straße 52.

Lindt zeigte dem von Paul Wellmann bestellten Hausverwalter und dessen Mitarbeiter seinen Dienstausweis und ließ die Haustür öffnen.

»Der Aufzug in die Wohnungen ist zugangsgesteuert«, kam die weitere Auskunft des Verwalters. »Damit kommen die Eigentümer direkt in ihre Wohnungen. Der Generalschlüssel liegt bei uns im Tresor und darf nur in absoluten Notfällen genutzt werden. Wir gehen immer zu zweit und müssen über jeden Gebrauch peinlich genau Rechenschaft ablegen.«

»In diesem Fall gibt es keinen mehr, der das wissen will«, antwortete Lindt. »Das müsste Ihnen bereits bekannt sein.«

Der Mann nickte. »Der Herr Kühn ist tot. Ich weiß. Zur Sicherheit hat Ihr Kollege aus Karlsruhe mir das per E-Mail bestätigt. Wir müssen uns halt absichern.«

»Das sind Sie den Eigentümern schuldig. Ist vollkommen klar«, sagte Lindt. »Die Wohnung wird von uns durchsucht und dann versiegelt. Auch Sie dürfen vorerst nicht hinein. Bitte halten Sie sich trotzdem zu unserer Verfügung. Falls wir drin keinen Türschlüssel finden, sind wir weiterhin auf Ihre Hilfe angewiesen.«

»Wow«, kam es wie aus einem Munde, als die Karlsruher Mannschaft in die lichtdurchfluteten Räume trat. Weitläufig, großzügig, hell und hypermodern eingerichtet, präsentierte sich Franz-Otto Kühns Etage.

»Pro Stockwerk nur eine Wohnung«, flüsterte Jan Sternberg fast ehrfürchtig. »So sieht wahrer Luxus aus.«

»In Stuttgart, Hamburg oder München würde etwas Vergleichbares bestimmt das Dreifache kosten«, meinte Oskar Lindt nüchtern. »Wenn’s überhaupt reicht …«

»Und dann noch dieser Blick.« Jan stand an der großen Glaswand und schaute auf das Wäldermeer rings um Freudenstadt.

»Dort unten, tief im Tal, werden wir unser Büro einrichten«, erwiderte sein Chef und musste bei allen Vorbehalten, die er gegen diese Art von moderner Architektur hatte – »Sieht aus wie aufeinandergestapelte Zigarrenkisten« – »Passt überhaupt nicht in die Schwarzwaldnatur« – doch zugeben, dass er sehr beeindruckt war. »Hier bist du echt dem Himmel nahe. Wenn ich das Carla erzähle, wird sie umgehend nach reichen Erbtanten forschen.«

»Ich fühle mich als Adler«, jubelte Jan. »Muss nur noch losfliegen.«

»Komm runter und werde wieder zur emsigen Ameise«, forderte ihn Lindt auf. »Los, wir schauen uns um.«

Gemeinsam mit dem Technikerteam machten sie sich ans Werk.

»Hier, der Schreibtisch, aber nirgends ein Computer, nicht mal ein Netzteil«, meldete Sternberg. »Also war schon jemand hier.« Und kurze Zeit später: »In der Steckdose steckt das Ladegerät für ein iPhone, aber auch von dem ist weit und breit nichts zu sehen.«

Einer der Techniker war im Bad, um DNA-Spurenträger zu sichern. »Zwei Zahnbürsten hier. In der Schublade liegen allerdings noch zehn verpackte.«

Lindt trat zu ihm: »Irgendwas spezifisch Weibliches zu sehen?«

»Du meinst Kosmetik und so? Auf den ersten Blick nicht. Ich checke jetzt die Schränke.«

Im Schlafzimmer war ein anderer Kollege am Werk. »Nur Herrengarderobe. Keine Anhaltspunkte, dass sich eine Frau schon fest eingenistet hatte.« Dann rief er erstaunt aus: »Oskar, das hier solltest du dir mal ansehen.«

Er hatte den hintersten der Kleiderschränke geöffnet und stand vor einer massiven Stahltür. »Tresor, raumhoch, Fingerabdrucksensor«, meldete er kurz. »Sieht aus wie ein Waffenschrank. War der tote Kollege denn Jäger?«

Lindt zuckte mit den Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Aber was da drin ist, müssen wir natürlich genau unter die Lupe nehmen. Wie kriegen wir den auf?«

Der Techniker zählte auf: »Schweißen, Flexen, Bohren? Auf jeden Fall ist er fest an der Wand verschraubt, lässt sich keinen Millimeter bewegen.«

»Zur Not müsst ihr die Herstellerfirma fragen. Ich kümmere mich um einen richterlichen Beschluss.«

Der Kommissar trat zurück in den sonnendurchfluteten Wohnraum und wählte die Nummer der Oberstaatsanwältin. »Frau Frey, wir sind in der Wohnung von Kühn. Tolle Atmosphäre hier, sollten Sie sich anschauen.«

»Lindt, erzählen Sie mir nichts. Ich bin an diesen scheußlichen Häusern schon x-Mal vorbeigefahren, aber ich kann denen nichts abgewinnen. Stehe mehr auf Altbau mit Atmosphäre.«

»Na ja, jedem das Seine«, antwortete der Ermittler. »Trotzdem brauchen wir Ihre Hilfe. Bitte besorgen Sie uns einen Durchsuchungsbeschluss. Wir sind zwar bereits in der Wohnung, aber beim Tresor im Schlafzimmer werden wir ohne Panzerknackerfirma nicht zum Ziel kommen, und die wollen garantiert was vom Richter lesen.«

»Schaffen das unsere Techniker nicht?«

»Nur mit Spezialgerät, und so was passt nicht in unser knappes Budget. Außerdem muss man ganz genau wissen, wo die Bohrungen zu setzen sind. Nichts zu machen, hier müssen Fachleute ran.«

Die »Eiserne Lea« überlegte kurz, dann gab sie sich geschlagen. »Also, überzeugt. Ich veranlasse das umgehend. Sie können schon mal die Firma anrücken lassen.«

»Danke, die KTU ist mit vor Ort. Wir beide, Kollege Sternberg und ich, warten dann nicht, bis die Spezialisten kommen, sondern fahren gleich zur Rechtsmedizin nach Tübingen. Treffen wir uns dort?«

Ein deutliches Schnaufen war zu hören. »Lindt, gehen Sie mir nicht auf die Nerven! Sie wissen sicherlich noch von früher, dass ich so etwas nicht … ach, lassen wir das … Sie sind schließlich eine Ermittlungsperson der Staatsanwaltschaft, und die Tübinger Rechtsmedizin hat von mir schon die amtliche Mitteilung bekommen, dass Sie mich vertreten. Außerdem ist das Aufschneiden selbst bereits passiert. Die Obduktion mit äußerer und innerer Leichenschau war gestern, in Anwesenheit eines Beamten der Tübinger Polizei. Hatte ich Ihnen das denn nicht gesagt?«

»Kann ich mich gar nicht erinnern«, schwindelte der Kommissar. »Außerdem dachte ich, so ein persönlicher Augenschein wäre für Sie wichtig.«

»Schluss jetzt!«, befahl die »Eiserne«. »Ich kann hier nicht weg. Basta!«

»Hat sie schon mal in den Sektionssaal gekotzt?«, wollte Jan wissen, als Lindt aufgelegt hatte.

Der Kommissar schmunzelte. »Die Gerüche kann sie überhaupt nicht vertragen. Einmal war ich dabei, als sie ganz schnell einen Eimer gebraucht hat. Seitdem macht sie um Leichenöffnungen und alles, was dazugehört, einen großen Bogen. Da sind wir schon deutlich abgehärteter.«

»Bevor wir hinfahren, sollten wir noch kurz in die Tiefgarage schauen«, überlegte Sternberg und klimperte mit einem Schüsselbund. »Lag in einer der Schreibtischschubladen. Mehrere Türschlüssel und zwei Öffner für Autos. Übrigens steht ›Jaguar‹ drauf.«

Lindt hob die Augenbrauen. »Nobel, nobel. Also, lass uns nachschauen. Autos sagen meistens eine ganze Menge über die Besitzer aus.«

Sie verließen den Aufzug im Untergeschoss und traten in die Garage. Jan drückte den ersten Funköffner. Ein weißer SUV reagierte sofort mit Blinken und dem Knacken der Türschlösser. »Ein F-Pace!«, pfiff Lindts junger Mitarbeiter durch die Zähne. »Schickes Teil.«

»Schau mal, was danebensteht«, meinte Lindt. »Dasselbe Weiß, dieselbe Marke.«

»Klasse, noch ein Jaguar, ein F-Type« kommentierte Jan mit Kennerblick und öffnete das Cabrio mit dem zweiten Sender. »Und die Kennzeichen der beiden Wagen sind fast identisch. FDS-FO 1 und FDS-FO 2.«

»FO wie Franz-Otto«, ergänzte sein Chef und wandte sich an einen der Techniker, der sie nach unten begleitet hatte. »Bitte komplett untersuchen. Die Arbeit geht euch heute also nicht aus.«

»Mit meinem zehn Jahre alten Familienkombi könnte ich in so einem vornehmen Haus nicht punkten«, meinte Sternberg und betrachtete weitere Nobelkarossen, die auf den übrigen Parkplätzen abgestellt waren.

Lindt zuckte die Schultern. »Geld ist nicht alles, Jan. Was wissen wir schon über die reichen Leute hier? Keine Ahnung, ob die wirklich glücklich sind.«

»Chef, was war das? Philosophie oder Resignation?«

»Wahrscheinlich von beidem etwas. Komm, lass uns fahren. Der Sektionssaal wartet.«

3

Lindt machte sich gemeinsam mit Jan Sternberg auf den Weg zur Tübinger Gerichtsmedizin. Nach ungefähr einer Stunde trafen sie ein und fanden dank Jans Onlinerecherche während der Fahrt gleich die richtigen Räumlichkeiten.

Paul Wellmann hatte sich von Karlsruhe aus um die Anmeldung gekümmert, und so wurden sie bereits von der jungen Fachärztin erwartet, die am Vortag die Obduktion durchgeführt hatte.

Lindt warf einen Blick auf das Protokoll und stellte fest, dass allen Formalien Genüge getan worden war. Die Bilder und der Bericht des Tübinger Kommissars waren bereits digital bei der SOKO »Löwe« eingetroffen und auf Jans Ta­bletcomputer abrufbar.

»Ich bin gerade dabei, unsere Ergebnisse zusammenzufassen«, sagte die Ärztin und ging vor bis zu einer Reihe von Kühlfächern. »Möchten Sie ihn selbst rausholen?«

»Das wird wohl die erste Probe, was wir so aushalten können«, grinste Lindt. »Aber wir haben nichts dagegen, wenn Ihr kräftiger Mitarbeiter dort hinten das übernimmt.«

Ein kurzes Handzeichen, der Sektionsgehilfe eilte herbei und öffnete die Tür des Faches. »Kühn, Franz-Otto?«

»Genau den möchten die Herren sich ansehen«, nickte die Rechtsmedizinerin. »Auf Tisch drei. Erst in Bauchlage.«

Routiniert erledigte der Institutsangestellte seine Arbeit und schaltete anschließend eine große Lampe ein, die diffuses, nahezu schattenfreies Licht auf den noch unter einem grünen Tuch verborgenen Körper warf.

»Ein Kollege und ich haben die Obduktion gestern vorgenommen«, begann die Ärztin ihren Bericht. »Bei der äußeren Begutachtung ist uns natürlich das hier zuerst aufgefallen.« Sie streifte sich Latexhandschuhe über, zog das Tuch bis zur Schulter von der Leiche Franz-Otto Kühns und tastete mit zwei Fingern über die längliche Wunde am kahlen Hinterkopf. »War für uns ein Vorteil, dass wir ihn nicht mehr rasieren mussten. Impressionsfraktur der Schädeldecke. Mit den genauen Bezeichnungen der Knochen verschone ich Sie jetzt mal. Man sieht hier deutlich, wie die nach innen gedrückt sind und das Gehirn gequetscht haben. Die Bilder der Computertomografie kann ich Ihnen gerne noch zeigen.«

»War das die Todesursache?«, wollte Lindt wissen.

»Nein, zumindest nicht sofort, doch solch ein massives Schädel-Hirn-Trauma kann durchaus den Exitus nach sich ziehen. Eine sofortige Bewusstlosigkeit halten wir aber bei der Tiefe der Verletzung für höchst wahrscheinlich.«

»Spuren der Tatwaffe? Unser Kollege wurde ja im Wald gefunden, da liegt es nahe, dass ein dicker Holzknüppel benutzt wurde.«

»Nein, weder Rindenstücke noch Holzsplitter konnten wir finden, aber schwarze Farbpartikel und ganz feinen Metallabrieb.«

»Metall?«

»Ja, vielleicht Stahl. Von der Breite der Verletzung her könnte ein Teleskopschlagstock im Einsatz gewesen sein. Recht schmal, so ein Teil. Ergibt viel Tiefenwirkung, wenn mit Wucht und Geschwindigkeit zugeschlagen wird.«

Lindt und Sternberg sahen sich an. »So einer, wie er bei uns im Polizeidienst zum Einsatz kommt?«

Die Ärztin nickte. »Ich habe die Abmessungen Ihres Standard-Schlagstocks bereits mit den Einbuchtungen auf dem Röntgenbild verglichen. Das kann hinkommen. Die Analyse der Farb- und Metallspuren dauert aber noch.«

Lindt pfiff durch die Zähne. »Jan, du weißt, was das heißt. Wir müssen intern weitersuchen.«

»Nicht unbedingt«, widersprach ihm sein Mitarbeiter. »Kann man auch im Handel kaufen.«

»Ja, aber Schlagstöcke gibt es nicht gerade an jeder Straßenecke«, zog Lindt die Stirn in tiefe Falten. »Gefällt mir natürlich gar nicht. Aber was war denn die eigentliche Todesursache?«

»Bitte umdrehen«, wandte sich die Ärztin an ihren Mitarbeiter, der die Aufgabe routiniert erledigte.

»Wenn der rasierte Schädel und dieser graue Vollbart nicht wären …«, murmelte Lindt.

Jan Sternberg verstand: »Du hast ihn anders in Erinnerung?«

»Total anders«, nickte sein Chef, fasste das Tuch mit spitzen Fingern an und zog es bis zum Bauch hinunter. »Und dann das hier.« Er zeigte auf die ausgedehnten Tätowierungen, die sich von beiden Schultern fast bis zu den Ellenbogen erstreckten. »Was war bloß in den Franz gefahren? Ich kann diesem Tattoo-Quatsch echt nichts abgewinnen.«

»Trägt man heute«, grinste Jan, zog den Ärmel seines T-Shirts etwas nach oben und entblößte an der Innenseite des Oberarmes ein Kunstwerk in der Größe eines Fünf-Euro-Scheins.

Lindt riss die Augen auf. »Du auch? Hätte ich echt nicht gedacht.«

»Sieht man ja nur im Schwimmbad oder am Baggersee. Ist echt hip. Meine Frau steht voll drauf. Die hat an jedem Oberschenkel eines, dazu noch ein prächtiges Arschgeweih.«

Der Kommissar schüttelte mit verständnisloser Miene den Kopf und sah die junge Ärztin an. »Tragen Sie auch so was?«

Ohne zu zögern, hob die ihr Poloshirt kurz hoch, präsentierte ihren aufwendig tätowierten und gepiercten Bauchnabel, wandte sich aber sofort wieder dem Leichnam zu.

»War gut in Form«, kommentierte sie mit einem leichten Funkeln in den Augen und drückte auf den gewaltigen linken Bizeps.

»Chef, der hat halt was aus sich gemacht«, sagte Sternberg. »Mords, die Kiste.«

»Was? Welche Kiste?«

»Ja, der Brustkasten. Echt enorm.«

»Sonnenbraun?«, wollte Lindt wissen.

»Ob Sonne oder Solarium, das kann man fast nicht unterscheiden«, meinte die Ärztin. »Auf jeden Fall sieht er sehr attraktiv aus.«

Lindt sah sie an. »Wir wissen bereits, dass er auf die Damenwelt einen recht anziehenden Eindruck gemacht haben muss.«

Sie zuckte die Schultern und hob die Augenbrauen beim Blick auf den ausgeprägten Bauch des Kommissars. »Wer hat, der hat.«

Lindt pflegte solche anzüglichen Bemerkungen einfach zu überhören. »Jedenfalls ist er tot, da nutzt ihm sein toller Körper gar nichts mehr. Was war die wirkliche Todesursache? Ertrinken?«

»Genau. Woher wissen Sie das?«

»Laut Bericht kam aus seinem Mund bei der Bergung einiges an Wasser. Außerdem saß er in einem Brunnen.«

»Habe ich gelesen«, nickte die Ärztin. »Angelehnt in einer Wassertretstelle.«

»Aber ertrinkt man denn sitzend im knietiefen Wasser? Wohl kaum! Gibt es Anhaltspunkte, dass er untergetaucht und erst nach seinem Ableben hingesetzt wurde?«

»Ja, da haben wir was gefunden«, bestätigte die Rechtsmedizinerin, packte den Leichnam an den Schultern und richtete ihn auf. »Hier zwischen den Schulterblättern zeigt die Haut Veränderungen. Wir interpretieren sie so, dass dort Druck ausgeübt worden ist.«

Lindt nickte. »Jetzt, wo Sie es sagen, sehe ich es auch.« Er überlegte kurz. »Könnte das der Abdruck einer Schuhsohle sein?«

»Durchaus denkbar. Die Abmessungen wurden bereits in meinen Bericht aufgenommen. Da kann Ihre Kriminaltechnik ja Vergleiche anstellen.«

»Haben Sie auch Wasserproben aus der Lunge gezogen?«

»Alles gesichert. Werden gerade in unserem Labor mit denen aus dem Kneippbecken verglichen.«

»Sonst noch Spuren? Die berühmten Fasern unter den Fingernägeln etwa?«

»Leider nein. Auch unsere Schnellanalyse möglicher Fremd-DNA hat bis jetzt nichts erbracht.«

Lindt rieb sich den Hinterkopf. »Wenn wir also den Tathergang rekonstruieren, könnte unser Kollege niedergeschlagen, zum Wassertretbecken geschleppt, dort ertränkt und anschließend aufrecht hingesetzt worden sein. Sehen Sie das auch so?«

»Stimme Ihnen zu«, nickte die Ärztin und ließ den Toten auf den Sektionstisch sinken. »Ob die Schuhe Schleifspuren aufweisen, wird Ihnen sicherlich Ihr eigenes Labor sagen können. Die komplette Kleidung können Sie mitnehmen. Wir haben alles in diesem Kunststoffsack dort drüben gesammelt. Shirt, Sporthose, Laufschuhe. Mehr war nicht.«

»Socken, Unterwäsche?«

»Nein, Fehlanzeige. Hat er beim morgendlichen Joggen wohl nicht für notwendig erachtet.«

»Chef, es ist August und heiß«, warf Jan Sternberg ein. »Auch wenn die Temperaturen im Schwarzwald nicht so hoch sind wie bei uns am Rhein, ist das eine völlig normale Bekleidung beim Frühsport. Wann bist du denn das letzte Mal gejoggt?«

»Klappe!«, fuhr Lindt ihn ärgerlich an und wandte sich erneut zur Ärztin. »Bis wann dürfen wir Ihren Bericht erwarten?«

»Zwei Stunden, dann kann ich ihn absenden.«

Der Kommissar warf einen letzten langen Blick auf seinen getöteten Kollegen und zog das grüne Tuch komplett über ihn. »Mach’s gut, Franz. Wir haben viel zusammen erlebt«, murmelte er leise und drehte sich weg.

»Möchten Sie noch die Röntgenbilder sehen?«, wollte die Ärztin wissen, doch Lindt winkte ab. »Es reicht, wenn Sie alles digital in Ihrem Bericht mitsenden«, antwortete er und verabschiedete sich eilig.

»Komm, Jan, wir müssen«, sagte der Kommissar und achtete sehr genau darauf, dass niemand sah, wie seine Augen wässrig glänzten.

Auf der Rückfahrt sagte Lindt längere Zeit kein Wort, und auch Jan Sternberg zog es vor zu schweigen. Schließlich fiel dem Kommissar aber doch noch etwas Wesentliches ein, und er wies seinen Mitarbeiter an, eine Freisprechverbindung mit der Staatsanwältin zu machen.

»Lindt, haben Sie den grausigen Saal heil überstanden?«, meldete sie sich am Telefon.

»Es geht«, antwortete der Karlsruher. »Nicht einfach, einen Kollegen, mit dem einen viele Erinnerungen verbinden, in diesem Zustand zu sehen.«

»Geht Ihnen nahe?«

»Ziemlich. Und deshalb auch meine Frage: Wurde die Todesnachricht schon überbracht?«

»Kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ich wüsste auch nicht, an wen«, kam die knappe Antwort der »Eisernen«. »Wenn Sie sich an das Gespräch gestern erinnern, hieß es, Kühns Frau sei abgehauen.«

»Ja, ich weiß. Mit irgendeinem Osteuropäer. Aber man wird ja wohl feststellen können, wo diese Frau jetzt lebt. Sie ist für mich die einzige Angehörige, an die wir uns wenden könnten.«

»Das überlasse ich Ihnen. Suchen Sie sie, fahren Sie hin, sagen Sie es ihr. Aber berichten Sie mir, wie sie es aufgenommen hat.«

»In Ordnung, wir sind dran«, antwortete Lindt und legte auf. »Jan, ruf doch mal bei Paul an. Das können unsere Kollegen von Karlsruhe aus recherchieren.«

»Ich bin bereits unterwegs nach Freudenstadt mit dem ganzen Krempel für unsere neue Zentrale«, kam die Mitteilung von Paul Wellmann, nachdem Sternberg dessen Handynummer gewählt hatte. »Aber den Auftrag, nach der Frau zu suchen, habe ich schon heute Vormittag gegeben. Soviel ich weiß, wird beim Einwohnermeldeamt nachgefragt. Ach, Moment, ich sehe gerade, da ist eine Nachricht dazugekommen.« Wellmann zögerte kurz, dann las er vor: »Lisa Kühn ist damals von Nagold weggezogen, allerdings nicht nach Polen übergesiedelt. Hier habe ich ihre neue Adresse. Wurmlingen bei Rottenburg. Liegt das nicht auf eurem Weg zurück in den Schwarzwald?«

»Schick uns die Mitteilung«, sagte Lindt. »Wir sind zwar schon fast auf der Autobahn, aber wir drehen wieder um. Ich möchte mit der Frau selbst sprechen. Es gibt doch einiges im Leben von Franz, was wir aufhellen müssen.«

Der Kommissar erwischte auf dem Zubringer zur A 81 die letzte Abzweigung vor der Auffahrt und bog Richtung Seebronn ab. »Ich glaube, dort vorne müssen wir wieder rechts, dann führt uns eine Nebenstrecke nach Wurmlingen.«

»Mein Chef kennt sich halt aus. Nicht bloß im Badischen, sondern auch im Schwabenländle«, stellte Jan Sternberg fest und gab im Navigationsprogramm seines Tablets die Anschrift ein.

Es dauerte noch gute zehn Minuten, bis sie im »Brunnring« des Rottenburger Stadtteils eingetroffen waren. »Da drüben«, zeigte Sternberg auf die angegebene Hausnummer. »Soll ich mitkommen?«

»Natürlich. Eine Todesnachricht zu überbringen ist nicht einfach, das weiß ich. Aber es wird endlich Zeit, dass du mal dabei bist. Außerdem kann uns die Frau vielleicht wichtige Hinweise zum völlig veränderten Franz geben.«

Die zwei Karlsruher Ermittler fanden den Namen Kühn auf der untersten Klingel des Mehrfamilienhauses. Jan drückte darauf. Erst tat sich nichts, doch nach dem zweiten Läuten meldete sich eine Stimme aus der Videosprechanlage. »Was wollen Sie?«

Lindt hielt seinen Dienstausweis in die Kamera. »Kriminalpolizei. Wir hätten gerne Frau Kühn gesprochen.«

Nach einigen Sekunden des Schweigens kam: »Wieso? Ich habe mit der Polizei nichts zu tun.«

»Nicht mehr«, antwortete Lindt. »Das wissen wir. Dürfen wir trotzdem kurz reinkommen?«

»Muss das wirklich sein?«

»Es muss, tut mir leid.«

Nach weiteren langen Sekunden summte der Türöffner. Oskar Lindt und Jan Sternberg traten ins Treppenhaus. Eine halbe Etage tiefer wurde eine Tür geöffnet. »Hier unten.«

Die Ermittler gingen die Treppe hinunter, registrierten einen Schwall unangenehm muffig-rauchig-ranzigen Geruchs und erschraken beide gleichermaßen über das, was sie sahen.

»Mein Kollege Sternberg, und ich heiße Lindt, Oskar Lindt, Kripo Karlsruhe«, stellte sie der Kommissar vor. »Vielleicht haben Sie den Namen schon einmal gehört. Hier bitte, mein Ausweis.«

Die Frau mit wirrem grauem Haar, geröteten Augen und fleckiger Schlabberkleidung machte schon auf den ersten Blick einen reichlich ungepflegten Eindruck. Sie warf einen flüchtigen Blick auf das Dokument, dann einen längeren auf den Kommissar und fragte: »Also, was gibt’s?« Dabei entblößte sie ihren Mund, in dem deutlich sichtbar zwei Zähne fehlten.

»Das möchten wir Ihnen gerne dort sagen, wo niemand mithören kann«, erwiderte Lindt. »Dürfen wir?«

»Wenn es unbedingt sein muss. Kommen Sie rein, aber erschrecken Sie nicht. Ich bin gerade am Aufräumen.«

Dass in der Souterrainwohnung schon seit Monaten niemand mehr aufgeräumt, geschweige denn geputzt hatte, wäre auch einem Blinden aufgefallen.

Ohne weiter zu fragen, nahm Lindt einen Packen Werbeprospekte und Anzeigenblätter von einem Stuhl, machte den zweiten für Sternberg frei und setzte sich. Den Esstisch vor ihm zierten mehrere angebrochene, offen stehende Marmeladegläser und ebensolche Brotpackungen, vor allem aber Flaschen. Bier, Wein, Wodka, bunt durcheinander. Auch auf dem Boden klirrte es, als sich der Kommissar Platz verschaffte. Die Frau nahm schnell zwei gefüllte Aschenbecher vom Tisch und stellte sie auf die Spüle der offensichtlich sehr kleinen Behausung. Kalter Rauch hing wie Nebel in der Luft, ein geöffnetes Fenster suchte der Kommissar vergeblich.

»Frau Kühn«, begann Lindt und nahm sein Gegenüber fest ins Visier. »Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass der Franz verstorben ist.«

Nahezu teilnahmslos nahm Lisa Kühn das zur Kenntnis und zuckte die Schultern: »Habe nichts mehr mit ihm zu tun.«

»Trotz aller Bemühungen ist es uns nicht gelungen, weitere Angehörige herauszufinden.«

»Ich bin keine Angehörige. Seit drei Jahren interessiert mich der Kerl nicht mehr.«

»Gibt es sonst noch wen? Kinder? Eltern? Andere Verwandte?«

»Kinder? Nein, haben wir nicht. Haben wir noch nie gehabt.« Sie fuhr sich schnell über ihre Augen. »Ich konnte keine …«

»Tut mir leid«, sagte Lindt. »Einige Male habe ich mit Franz zusammen ermittelt, aber über Privates hat er dabei nie gesprochen.«

»Braucht Ihnen nicht leidzutun. Hat ja nur uns betroffen.«

»Er wurde getötet«, fuhr Lindt fort und stellte sein kleines Aufnahmegerät in die Mitte des Tisches. »In Freudenstadt, im Wald.«

Lisa Kühn zuckte mit den Schultern. »Polizistenrisiko. Wie gesagt, ich hab nichts mehr mit ihm …«

»Weitere Verwandte?«

»Seine Eltern sind schon tot. Einige Jahre her. Erst die Mutter, ein knappes Jahr später sein Vater. Seither war alles noch viel schlimmer.«

»Schlimmer?«, wiederholte der Kommissar.

»Vorher war er nie zu Hause, immer nur bei der Arbeit, aber dann, als er plötzlich das ganze Geld hatte, wurde er richtig eklig zu mir.«

»Eklig?«

»Psychoterror!« Das Wort spie Lisa Kühn regelrecht aus. »Der wollte mich loswerden. Schnellstmöglich. Erst hat er mich aus dem Haus geworfen. Sein Haus! Dann Scheidung in Rekordzeit. Ich konnte sehen, wo ich bleibe. Was aus mir geworden ist, sehen Sie hier.« Mit einer fahrigen Handbewegung deutete sie auf den ganzen Unrat um sie her.

»Unterhalt wird er ja wohl gezahlt haben.«

»Der und zahlen? Nur das absolute Minimum. Am langen Arm hat er mich verhungern lassen. ›Mehr gibt es nicht. Verklag mich doch‹, war das Letzte, was ich von ihm gehört habe.«

Lisa Kühn steckte sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an und sog den Rauch tief in ihre Lungen.

Lindt zögerte etwas, dann entschloss er sich, direkt zu fragen: »Bei einem Tötungsdelikt müssen wir leider so viele Informationen wie möglich sammeln. Und wir müssen auch wissen, ob Gerüchte stimmen. Man hat uns zugetragen, Sie hätten Ihren Mann verlassen. Das passt nicht so ganz zu dem, was wir gerade gehört haben.«

Plötzlich kam Leben in die lethargische Frau. Ihre Augen blitzten wütend. »Was? Ich soll ihn …? Das ist ja eine glatte Lüge. Wer sagt denn so was? Vielleicht die Kollegen in seinem Kommissariat in Freudenstadt?«

»Kannten Sie die?«

Sie schüttelte energisch den Kopf. »Nein, keinen Einzigen. Er hat mich niemals mitgenommen, wenn es irgendwelche Feste gab. Nicht vorzeigbar, das hat er mir mehr als einmal an den Kopf geworfen. Ich bin halt nur eine einfache Frau, nichts gelernt, Helferin im Pflegeheim. Zu mehr hat es nicht gereicht. Damit konnte der Herr Hauptkommissar natürlich schlecht angeben.«

»Das war aber bestimmt nicht immer so«, bohrte Lindt nach.

Lisa Kühns dünne gelbe Finger klammerten sich krampfartig an der Tischplatte fest. Die Knöchel wurden weiß. »Wenn Sie es ganz genau wissen wollen, nach der dritten Fehlgeburt hat er mich fallenlassen. Da war ich 25. Hat sich ganz auf seine Karriere konzentriert und Stellen angenommen, die möglichst weit weg waren. Stuttgart, Biberach, Heilbronn. Oftmals kam er erst am Wochenende heim, und dann gab es nur Theater. Nichts konnte ich ihm recht machen. Die Hemden waren nicht akkurat genug gebügelt, die Fenster nicht sauber genug geputzt, und in den letzten Jahren hat er sogar mein Essen nicht mehr angerührt. Lieber ließ er sich was kommen.«

»Puuh«, fuhr sich Lindt über die Stirn. »Dann gehen wir davon aus, dass die Behauptung, Sie seien mit einem polnischen Lastwagenfahrer durchgebrannt, pure Erfindung ist.«

Das war zu viel. »Wer, ich? Mit einem Polen? So eine Unverschämt…« Weiter kam die Frau nicht und brach in hemmungsloses Schluchzen aus. »Das … das … das ist die größte Frechheit, die ich je gehört habe. Hat er so was rumerzählt?«

Der Kommissar schüttelte den Kopf. »Tut mir sehr leid, aber ich musste Sie das fragen. Tut mir wirklich leid.«

Erst konnte Lisa Kühn nicht antworten. Ein heftiger Weinkrampf hatte sie voll im Griff. Schließlich fing sie sich wieder und sagte leise: »Braucht es nicht. Sie können ja nichts dafür. Sie sind sowieso anders. Wahrscheinlich haben Sie auch Kinder.« Sie sah ihn herausfordernd an. »Ja? Haben Sie?«

Lindt nickte.

»Und Ihre Frau haben Sie auch noch nicht rausgeschmissen?«

Lindt schüttelte den Kopf und hakte nach, obwohl die Situation eindeutig war: »Darf ich fragen, wo Sie jetzt arbeiten?«

»Ich? Arbeiten? Sieht es hier danach aus? In der Klinik war ich, in Hirsau, in der Psychiatrie. Mehrmals. Immer ein paar Monate, weil ich das alles nicht verkraftet und ein paarmal versucht habe, mich …«

Der Kommissar hob die Hand. »Müssen Sie uns nicht erzählen. Müssen Sie echt nicht.«

»Ist doch eh egal. Mir hat schon lange niemand mehr zugehört. Aber jetzt sind Sie da und fragen. Also sollen Sie es auch wissen.«

»Arbeit?«

»Seit die mich aus der Klapse entlassen haben, nicht mehr. Wer sollte mich auch nehmen? Mein Leben bezahlt das Sozialamt. Im Jobcenter gelte ich als nicht vermittelbar. Hartz IV, dann wissen Sie, wie es mir geht. Ganz unten bin ich angekommen.«

Lindt schaute zu Sternberg, der bisher vollkommen geschwiegen hatte. Danach wandte er sich wieder an die Frau. »Muss noch mal fragen, ob es weitere Verwandte gibt. Hatte Franz Geschwister?«

Lisa Kühn schüttelte den Kopf. »Einzelkind. Seine Eltern haben ihm schon immer alle Wünsche erfüllt. Die führten ein Hotel, drüben in Herrenberg. Lief echt gut, aber mit mir war er fast nie dort. Nicht vorzeigbar, ich hab’s ja schon gesagt. Nach meinem dritten Versagen wollten auch die Eltern nichts mehr von mir wissen.«

»Sonstige …?«

»Zwei Cousinen in Stuttgart, anscheinend zwei richtig giftige Weiber. Aber zu denen hatte er keinen Kontakt.« Lisa Kühn vergrub ihr Gesicht in den Händen. »Fragen Sie doch dort, wer sich um die Beerdigung kümmert. Ich kann es nicht. Ich kann nichts mehr.«

»Ob Sie uns vielleicht Namen und Adressen …?«

Die Frau zog die Tischschublade auf und kramte ein altes, total vergilbtes Adressbuch heraus. Sie blätterte etwas darin herum und deutete dann mit ihrem nikotingelben Zeigefinger auf zwei Einträge. »Hier, die sind es. Hat der Franz mal aufgeschrieben, aber ob die Anschriften noch stimmen, kann ich nicht sagen.« Sie versuchte, das Blatt herauszureißen, schaffte es aber nicht.

»Moment, wir machen ein Foto. Jan, bist du so nett?«

Sternberg stand auf, nahm sein Smartphone in die Hand und trat neben Lisa Kühn. Die sagte: »Nett, ja Sie beide sind nett. Zu mir war schon lange niemand mehr nett.«

»Können wir Ihnen irgendwie helfen?«, wollte Lindt wissen.

»Helfen? Mir ist nicht mehr zu helfen. Aber machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich bekomme regelmäßig Besuch vom Amt. Eine Sozialarbeiterin schaut nach mir. Die unterstützt mich, wo sie kann. Aber jetzt möchte ich Sie bitten …«

Lindt sah die Frau an: »Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas Wichtiges einfällt? Ich lasse Ihnen meine Karte da.«

Das städtische Gebäude im Freudenstädter Christophstal erwies sich als höchst interessant. An einer der engsten Stellen des Tals quetschte sich das aus mehreren aneinandergefügten Bauten bestehende Haus direkt zwischen den Forbach und die Talstraße. Einer Tafel an der Hauswand war zu entnehmen, dass der Herzog von Württemberg vor dem Dreißigjährigen Krieg an dieser Stelle Münzen aus Christophstaler Silber prägen ließ.

Als Lindt und Sternberg am Nachmittag eintrafen, war die Einrichtung der SOKO-Zentrale noch voll im Gang. Aus einem Lastwagen wurden Büromöbel entladen und in verschiedenen leer stehenden Räumen des Wohnhauses aufgestellt. Ein großes und ein kleines Büro konnten im Erdgeschoss geschaffen werden. Drei gegeneinandergestellte Schreibtische bildeten im Wohnzimmer des ersten Stocks die Arbeitsplätze für Lindt, Wellmann und Sternberg und das nebenliegende ehemalige Schlafzimmer wurde zum Besprechungsraum mit einem langen Tisch und zehn Stühlen.

»Sieh mal, Chef. Sogar eine komplette Küche haben wir hier zur Verfügung«, stellte Jan Sternberg fest.

Lindt nickte: »Dann befördere ich dich gleich zum Chefkoch. Kannst du kochen?«

»Klar doch, aber ob dir alles schmeckt, weiß ich natürlich nicht.«

»Macht nichts«, antwortete der Kommissar und zeigte durch die milchig gewordenen Scheiben des Panoramafensters auf ein imposantes historisches Gebäude, das talaufwärts zu sehen war. »In dem Gasthof dort können wir uns bestimmt gut verpflegen. Lass uns das bald mal testen.«

Paul Wellmann kam die Treppe hoch. »Na, seid ihr einverstanden, wie alles eingerichtet ist?«

»Optimal«, lobte Lindt. »Scheint ein geschichtlich bedeutender Ort zu sein. Der bringt die nötige Inspiration für unsere Ermittlungen.«

»So richtig interessant wird es erst rechts vom Eingang«, meinte Paul. »Musst einfach die Stahltür aufmachen, und schon stehst du in einer echt altertümlichen Werkstatt. Mehr als hundert Jahre wurden hier Feilen zur Metallbearbeitung fabriziert. Leider sind die Maschinen abgebaut und in ein Museum fortgebracht worden. Hat mir alles ein netter junger Mann von der Stadtverwaltung erzählt. Der ist wohl für Bauunterhaltung zuständig.«

»Feilenhauerei, ja, das habe ich bereits irgendwo gelesen«, bestätigte Lindt.

Wellmann wusste noch mehr: »Ein großes Wasserrad und eine Turbine gibt es auch noch. Bis vor einigen Jahren haben die früheren Besitzer da eigenen Wasserkraftstrom gewonnen.«

»Tolle Sache, ich spüre die besondere Atmosphäre. Hätte ich gerne unter anderen Umständen kennengelernt.«

Wellmann zuckte die Schultern. »Ja, die Umstände. Ist halt unsere Arbeit, im Dreck des Verbrechens zu wühlen.«

»Dreck, das stimmt genau. Wir haben heute schon einiges davon mitbekommen. Berichten wir dir nachher.«

Paul nickte. »Die Computer und die restlichen Bürozutaten werden gleich noch eingerichtet, dann können wir loslegen. Telefon und Internet wurden bereits aktiviert. Wir haben dann getunnelte Zugänge in unser eigenes Netzwerk und können arbeiten wie in Karlsruhe.«

Lindt hörte nur mit halbem Ohr hin. Er interessierte sich mehr für das zukünftige Quartier: »Wo werden wir unterkommen?«

»Zimmer habe ich für uns bereits gebucht. Das Hotel heißt ›Langenwaldsee‹, ein Stück talaufwärts. Ich war vorher mal dort. Richtig lauschig, mit einem kleinen See und ein paar Schwänen.«

»Und einem Waldfreibad, das es nicht mehr gibt«, ergänzte Oskar Lindt. »Schade drum. Da habe ich schon als Kind drin gebadet.«

»Dann ist das hier sozusagen ein Heimspiel für dich«, schmunzelte Wellmann.

»Kindheitserinnerungen. Familie Lindt war ein paarmal in Ferien in Freudenstadt.«

»Also werden wir deine Jugend wieder auffrischen. Sommerfrische in frischer Waldluft. Du kannst ja mal in den Kurgastmodus wechseln.«

»Ich Liegestuhl – du arbeiten? Hört sich gut an«, lachte Lindt und begann, die Geheimnisse der Feilenhauerei zu erkunden.

Abends um 18 Uhr zogen die Techniker wieder ab nach Karlsruhe. Die Kommandozentrale der SOKO »Löwe« war nun voll funktionsfähig, und die drei vom »Inner-Circle« machten es sich in ihrem Gemeinschaftsbüro gemütlich. Lindt und Sternberg brachten ihren Kollegen Wellmann auf den neuesten Stand, was Rechtsmedizin und die Exfrau des ermordeten Kollegen anbelangte. Dann jedoch entschied Oskar Lindt: »Genug für heute. In mir nagt der Hunger. Hatte seit dem Frühstück keinen Bissen mehr. Es wird Zeit, unsere neue Nachbarschaft zu erkunden.« Er zeigte aus dem Fenster nach Süden. »Die nächsten Ermittlungen finden dort drüben im ›Gasthof zum Bad‹ statt.«

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
213 p. 6 illustrations
ISBN:
9783839269909
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