Read the book: «Lauritz’ Hund und andere Weihnachtsgeschichten»

Bernd H. Kämper ist in einer wirren und friedlosen Zeit geboren und aufgewachsen. Er studierte Human- und Zahnmedizin und durchwanderte fünf Semester Seminare in Philosophie und Kunstgeschichte. Ärztliche und zahnärztliche Approbation, Promotion zum Dr. med. Zahlreiche Publikationen in Fachzeitschriften erweckten in ihm den Wunsch, auch mal etwas anderes zu schreiben. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände („Zerzauste Gedanken aus dem Wartezimmer“ und „Paradies ex“). Er hat zwei erwachsene Söhne, eine Enkeltochter und lebt mit seiner Frau versuchsweise als freier Mensch in Hagen/Westfalen.
Bernd H. Kämper
LAURITZ’ HUND
und andere Weihnachtsgeschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
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Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelbild christmas, santa claus © carballo
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Ein amerikanischer Weihnachtsmann
Alle Jahre wieder
Lauritz’ Hund
Der Weihnachtsbaum
Die Weihnachtsfeier
Weihnachten verkehrt
Besuch
Ein Weihnachtsspaziergang mit Hund
Liebe Leser,
lassen Sie sich keine Weihnachtsverdrossenheit aufschwatzen, auch wenn wir in dieser Zeit sensibler und anfälliger geworden sind gegen das uns täglich erreichende Elend. Wenn wir versuchen und es uns gelingt, Anteilnahme und Mitempfinden für unsere Mitmenschen und alle uns anvertrauten Geschöpfe über die Weihnachtszeit hinaus zu retten und nicht wieder alles sich selbst zu überlassen, indem wir einfach wegsehen, hat uns die Weihnachtsbotschaft wirklich erreicht und das bisschen mehr Rummel und Trubel um uns herum wird uns nicht die Laune verderben. Keinesfalls, denn das haben das Kindlein in der Krippe und der später am Kreuz gestorbene Jesus nicht verdient. „Friede auf Erden“ und „fürchtet euch nicht“ ist die Wehnachtsbotschaft und die ist zeitlos, ewig und unsterblich. So lange es Menschen auf dieser Erde gibt, wird es deshalb auch ein Weihnachten geben, egal an welchen Gott oder an welche Götter die Menschen glauben, das ist nicht entscheidend, wohl aber die Botschaft. Liebe Leser, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie sie in sich verspüren und vielleicht auch weitergeben können. In diesem Sinn viel Freude beim Lesen.
Bernd H. Kämper
EIN AMERIKANISCHER WEIHNACHTSMANN
Eine Weihnachtsgeschichte
Von Zeit zu Zeit besuche ich die Erde gerne. Nicht allzu oft, dazu ist es mir da unten zu hektisch geworden, aber hin und wieder. Zum Beispiel so um die Weihnachtszeit herum. Nicht an den Feiertagen selbst, da bin ich immer noch beschäftigt. Natürlich nicht mehr aktiv, aber in beratender Funktion. Und damit bin ich voll ausgelastet. Sie glauben gar nicht, was für dumme Fragen einem die jüngeren Kollegen stellen. Obwohl ich zugeben muss, dass der Job erheblich komplizierter geworden ist, seit damals. Die Zeiten haben sich geändert und es ist keinesfalls alles besser geworden. Ich will jetzt nicht behaupten ‚im Gegenteil‘, und vieles ist ja auch besser geworden, aber gerade so um die Weihnachtsfeiertage … ich weiß nicht.
Es war Mitte Dezember und alle Welt war mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt oder dem, was ihre Bewohner dafür hielten. Weil ich Lust verspürte, ein wenig umherzureisen, begab ich mich in einen Zug, der irgendwo durch die verschneite Landschaft im Nordosten Amerikas umherirrte, und genoss die Aussicht. Es war einer dieser kleinen anachronistischen Bummelzüge, der in fast jedem Städtchen hielt und nicht für eilige Reisende geeignet war. Der Zug war alles andere als voll, offenbar gab es nur noch wenig nichteilige Reisende.
So lernte ich Henry Miller an einem trüben Dezemberabend in einem ebenso trübe beleuchteten Eisenbahnabteil kennen, wo er, seine erkaltete Pfeife schmauchend, kopfschüttelnd versuchte, einige Akten zu studieren. Seine Eltern stammten aus Deutschland und waren nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert. Er hieß eigentlich Heinrich Müller. Der abgeänderte Name, so hoffte er, würde mehr angelsächsischunternehmerisch klingen. Gebracht hatte es eigentlich nichts und seine Eltern, die schon vor langer Zeit gestorben waren, hatten ihn nie verstanden.
Er war ungeduldig und nicht gerade in einer friedlichen Vorweihnachtsstimmung. Er projizierte seinen ganzen Unmut in eine Welt, die er immer öfter nicht mehr verstehen konnte. „Ich möchte mal wissen, was schon wieder mit der Beleuchtung los ist“, schimpfte er und blickte über seine Brillengläser zu mir herüber. Wir waren allein im Abteil, daher war diese Bemerkung unmissverständlich an mich gerichtet, und ich wusste wohl, dass hier einer auf ein Gespräch aus war.
Daher antwortete ich: „Nehmen Sie es von der leichten Seite, das Dämmerlicht passt doch gut zu dieser Jahreszeit, man kann so schön die Landschaft an sich vorüberziehen lassen. Schauen Sie nur.“
Wir fuhren gerade langsam durch einen hell erleuchteten Kleinstadtbahnhof. Das Bahnhofsgebäude wurde links und rechts von zwei hohen Tannen eingerahmt, die durch zahlreiche bunte Lichterketten beleuchtet wurden.
„Was soll denn daran schön sein, können Sie mir das mal sagen?“, war die prompte Antwort. „Alles ist doch nur noch Geschäftemacherei, das kennt man doch. Weihnachten, du lieber Himmel, da ist vom ursprünglichen Sinn des Festes doch nichts mehr übriggeblieben.“
„Na ja“, erwiderte ich, „das liegt doch wohl bei Ihnen. Ich kann diese Phrasen nicht mehr hören. Ich weiß auch nicht, was Sie unter dem ursprünglichen Sinn des Festes verstehen. Sehen Sie, viele tragen das, was sie als Sinn eines solchen Festes der Nächstenliebe erkennen, sehr wohl in sich, aber sie verstecken es sorgfältig vor anderen, vor allem aber vor sich selbst. Sie haben Angst, dass es jemand finden würde. Sie haben Angst davor, dann zurückgestoßen zu werden. Angst davor, dass die sorgfältig aufgebaute ‚mir kann keiner‘- und ‚was geht mich der ganze Rummel an‘-Fassade abbröckelt. Sie sind allein, auch und gerade in der Menge, die vor solchen Festtagen in unseren überfüllten Städten die Anonymität der geschäftig eilenden Menschen erst so richtig hochkommen lässt. Wissen Sie, was das Geheimnis ist? Ich bin ganz sicher, dass die meisten Leute viel lieber nett zu ihren Mitmenschen wären, man gibt ihnen bloß keine Gelegenheit dazu. Verstehen Sie, man muss dem anderen mal wieder eine Gelegenheit geben, nett zu sein. Und was eignet sich dazu besser als das Weihnachtsfest?“
Mein Gegenüber schwieg, starrte mit halb geschlossenen Augen durch das etwas beschlagene Abteilfenster und wölbte mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand die Unterlippe vor. Er schien überrascht ob meiner mit großem Ernst vorgetragenen Rede, ich hatte ihn, glaube ich, auf dem falschen Fuß erwischt, wie man heute sagt.
„Hören Sie“, fuhr ich fort, „Sie scheinen mir keine besonders gute Laune zu haben. Ich werde Ihnen darum mal eine Weihnachtsgeschichte erzählen. Das passt schließlich in die Zeit, egal wie Sie über Weihnachten denken. Sie handelt davon, warum die Weihnachtsmänner in Amerika immer ‚Ho, ho, Merry Christmas‘ rufen, immer ‚Ho, ho‘, ‚Ho, ho‘. Haben Sie sich mal gefragt, warum sie das machen? Nun, hören Sie gut zu:
Bekanntlich treffen sich die Weihnachtsmänner dieser Erde alle fünfzig Jahre auf einer großen Wiese vor einem Seiteneingang der Himmelspforte, um Gottvater Bericht zu erstatten und sich untereinander auszusprechen. Die Zusammenkunft, über die ich berichten möchte, liegt schon etwa zweihundert Jahre zurück, doch sie ist eine der denkwürdigsten in der Geschichte der Treffen der Weihnachtsmänner überhaupt.
Wie man sich denken kann, war die Tagesordnung immer randvoll, denn viele wichtige Sachen mussten besprochen und erörtert werden und manche Dringlichkeitsanträge – die vor allem von den Kollegen, die in den heißeren Ländern arbeiteten, wegen der armen Kleidung formuliert worden waren – hatten schon vor Beginn zu heftigen Diskussionen geführt. Da kamen viele stolze Gesellen zusammen, große und kleine, alte und junge, man konnte die Zahl der prächtigen weißen Bärte und weißen Locken, die aus den roten Mützen hervorquollen, nicht zählen. Übrigens: Die Lebenserwartung der Weihnachtsmänner ist ein gut gehütetes Geheimnis und wird es auch bleiben, denn wer kann da schon, wo allein der Glaube reiner Herzen entscheidet, Voraussagen machen.
Immer wieder gab es laute und rührende Begrüßungsszenen. Man klopfte sich auf die Schulter, umarmte, herzte und küsste sich und viele schämten sich ihrer Tränen nicht. Wie bei den vorausgegangenen Treffen herrschte zu Beginn ein großes Durcheinander und man konnte mal wieder nicht pünktlich mit der Tagesordnung beginnen, weil Ordnung und Disziplin nicht angesagt waren, obwohl sie selbst es von ihren Klienten in aller Welt erwarteten. Erst als es Gottvater zu bunt wurde und er ein paar kräftige Blitze gefolgt von gewaltigem Donner auf die Versammlung herabschleuderte, besann man sich und wurde ruhiger. Er hatte dies von einem Kollegen namens Zeus übernommen und hasste eigentlich solche Kunststückchen.
Heute stand als wichtigster Punkt die Wahl eines Weihnachtsmannes für die Amerikaner auf der Tagesordnung. Schon im Vorfeld hatte es Unruhe gegeben. ‚Wozu brauchen ausgerechnet diese Weihnachtsmänner einen Weihnachtsmann?‘, ereiferte sich einer. ‚Wisst ihr, wie diese Banausen unser schönes Weihnachtsfest nennen? X-mas Day, es ist nicht zu glauben, X-mas Day, da hört sich doch wirklich alles auf.‘
Gottvater schien etwas nervös zu sein, er fummelte ständig an seinem obersten Kragenknopf herum und wischte sich einige Male verstohlen mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
‚Meine Herren, ich muss doch sehr bitten‘, sagte er, ‚Sie können doch nicht allen Ernstes wollen, dass wir den Amerikanern keinen Weihnachtsmann schicken.‘
Er hat übrigens gar keine so tiefe und sonore Stimme, wie man es sich immer wieder gerne vorstellt. Sie ist vielmehr seltsam hoch und klingt weich und unendlich sanft. Obwohl er sich manchmal des Donners bedienen muss, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, wenn er erst einmal spricht, werden seine Worte noch in den entferntesten Winkeln seines Himmels vernommen, getragen von den Äolsharfen seiner Engel.
Bevor die Diskussion neu aufflammte, sprach er weiter: ‚Da ist noch eine Kleinigkeit, meine Herren‘, er zögerte etwas, ‚und ich weiß nicht recht, wie ich es Ihnen sagen soll. Nun, also, die Amerikaner möchten gerne, dass ihr Weihnachtsmann durch den Kamin kommt.‘ Doch das hatte er kaum ausgesprochen, da brach ein regelrechter Tumult los.
‚Was möchten die gerne?‘, ‚Ja spinnen die denn?‘, ‚Sonst haben die wohl keine Wünsche?‘, ‚Was geschieht hinterher mit den dreckigen Klamotten?‘, ‚Die haben wohl nicht mehr alles auf dem Christbaum?‘, und so weiter.
Hier unterbrach Gottvater die Kakophonie empörter Stimmen und schmunzelte: ‚Womit wir wieder beim Thema wären, meine Herren: Ich möchte noch hinzufügen, dass ich einen Kandidaten mit einer besonders wohlklingenden, klangvollen Stimme bevorzugen würde. Ihr wisst doch, ihr müsst da unten immer wieder Hosianna, Hosianna – hilf doch – rufen. Und das sollte besonders laut und eindringlich verkündet werden, denn es sind gar viele, die da unten unsere Hilfe brauchen. Ach ja, und zu dick darf er natürlich auch nicht sein, sonst kommt er nicht durch den Kamin. Wenn ich mich allerdings so umschaue, schränkt das den Kreis der Kandidaten erheblich ein.‘ Er schmunzelte vergnügt vor sich hin.
Durch das verlegene Gemurmel wohlgenährter Weihnachtsmänner ertönte eine Stimme: ‚Wenn kein anderer möchte, ich würde gerne ein Weihnachtsmann für die Amerikaner sein.‘
Alle blickten sich nach dem Sprecher um, der verlegen aufgestanden war und langsam nach vorne ging. Als er vor Gottvater stand, musterte dieser ihn beifällig. Alles schien zu stimmen: Er war ein besonders schöner, stattlicher Geselle, groß gewachsen, schlank und rank, mit einem herrlichen weißen Bart, die aus der Kapuze hervorquellenden Locken sorgfältig gekämmt. Der wäre schon was, dachte Gott bei sich und sagte laut: ‚Nun, mein Sohn, wenn du dir die Aufgabe zutraust, so soll es mir recht sein. Lass mal deine Stimme hören und rufe Hosianna.‘
‚Ho… Ho… Ho… Ho…‘, stotterte der so Angesprochene, ‚Ho… Ho…‘, und wurde vor Anstrengung und Aufregung ganz rot im Gesicht. Homerisches Gelächter machte sich breit. Man schlug sich auf die Schenkel, stand auf und lief grölend im Kreis herum, Lachtränen flossen die Wangen herunter und benetzten die würdigen weißen Bärte, kurz, es war ein Tollhaus. Bis ein gewaltiger Donner dem unwürdigen Treiben ein Ende machte und alle verlegen wieder ihre Plätze einnahmen.
‚Schämt ihr euch nicht?‘, rief Gottvater empört. ‚Ich lasse es nicht zu, dass ihr aus meinem Himmel ein Tollhaus macht. Ich werde …‘
‚Aber Herr‘, wurde er unterbrochen, ‚wenn du diesen Weihnachtsmann auf die Erde schickst, ist das Fest längst vorüber, bevor der einmal Hosianna gerufen hat.‘ Der so gescholtene zog seinen Kopf ein, ganz so, als wollte er ihn in seinem langen weißen Bart verstecken, so sehr genierte er sich.
‚Ich wäre so gerne ein Weihnachtsmann für die Amerikaner geworden‘, sagte er traurig. ‚Ich habe auch immer nur Schwierigkeiten mit Wörtern, die mit Ho anfangen, immer nur mit Ho. Aber ich sehe es ein: Was soll ein Weihnachtsmann da unten, der nicht einmal Ho… Ho… Ho… na, ihr wisst schon was, rufen kann?‘
Als er sich davonschleichen wollte, tat er vielen leid, die sich inzwischen schämten, weil sie ihn so lauthals verspottet hatten. Gottvater aber gebot ihm zu bleiben und sagte mit eindringlicher Stimme: ‚Meine Botschaft wird nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit dem Herzen verkündet. Und da ich in dein Herz sehen kann, weiß ich, dass du ein guter Botschafter sein wirst. Außerdem wird es den Amerikanern gar nicht auffallen, wenn du statt Hosianna nur Ho rufst. Sie erfinden ohnehin ständig die unsinnigsten Abkürzungen.‘ Und dann wandte er sich wieder den anderen Weihnachtsmännern zu: ‚Ihr aber, meine Herren, könntet ruhig etwas mehr vor der Botschaft im Herzen tragen, die ihr den Menschen verkünden sollt.‘
Die so Angesprochenen blickten verlegen vor sich hin. Schließlich standen einige auf und gingen auf den Kollegen zu, den sie so verspottet hatten. Sie klopften im ermutigend auf die Schulter und meinten, er würde sicher einen guten Weihnachtsmann für die Amerikaner abgeben. So erreichte die weihnachtliche Friedensbotschaft auch alle die wieder, welche sie verkündigen sollten.“
Hier brach ich ab. Eine Weile schwiegen wir. Mein Gegenüber beugte sich etwas vor und blickte auf seine Schuhspitzen, mit denen er nervös auf und ab wippte. „Zu Beginn sind Sie mir mit Ihrer Geschichte ja ganz schön auf die Nerven gegangen“, meinte er, „aber dann …“ Er nahm seine Brille ab und blinzelte mir zu: „Ich verstehe, was Sie meinen, aber …“ Er schaute wieder auf seine Schuhe.
Ich unterbrach ihn: „Ich bin noch nicht ganz fertig. Sie sind doch mittlerweile so ein richtiger Amerikaner – zwar erst in der zweiten Generation, aber immerhin – und haben sich, wie die meisten Ihrer Landsleute, wohl kaum je darüber Gedanken gemacht, was es mit diesem ‚Ho, ho‘ auf sich hat. Ihre neuen Landsleute haben im Laufe der Zeit so viele verrückte Kürzel erfunden, dass man gar nicht mehr nachkommen kann, um nach dem ursprünglichen Sinn zu fragen. Aber wenn Sie immer nur an allem rummeckern und alles ins Negative ziehen und mit nichts, aber auch gar nichts, was um Sie herum geschieht, etwas zu tun haben wollen, werden Sie an sich selbst scheitern und ein armes Leben führen.
Diese Geschichte sollte Ihnen mit Ihrer schrecklichen Weihnachtsverdrossenheit eines vor Augen führen, nämlich dass Sie nie etwas bewegen können, wenn Sie das, was vielleicht möglich wäre, immer nur an dem orientieren, was Sie vorfinden oder vorfinden wollen. Diese kleine Geschichte ist die reine Weihnachtsbotschaft. Das meinen die Worte, die der Engel des Herrn verkündete: Wir alle tragen unser ‚Ho, ho‘ mit uns herum und glauben und hoffen inbrünstig, keiner merkt es. Warum eigentlich? Denn wenn wir uns dazu bekennen, dann öffnen wir unsere Herzen auch für die Hohos anderer Menschen, und dann können wir trotz aller hektischen Geschäftigkeit innehalten und die Weihnachtsbotschaft weitertragen. Und dann ist auch oder gerade heute noch der Sinn dieses wunderbaren Festes erfüllt.“
Als Henry erneut von seinen Schuhen aufblickte, musste er feststellen, dass er allein im Abteil war. Ich hatte mich zurückgezogen. Ich glaube, ich konnte ihn jetzt auch guten Gewissens alleine lassen. Ich musste noch mit vielen Leuten sprechen und versuchen, ihnen etwas von der Weihnachtsbotschaft zu vermitteln. Und vielleicht begegnen mir ja auch Menschen, die mir etwas über ihr Weihnachten berichten möchten, die mir ihre ganz persönliche Weihnachtsgeschichte erzählen wollen. Denn wenn kein Mensch mehr an das glaubt, was da vor zweitausend Jahren in irgendeinem Stall irgendwo in Bethlehem geschehen ist, würde auch ich aufhören zu existieren. Und alle meine Kollegen. Und das wäre doch sehr schade, wenn wir aus dieser Welt, die immer fragwürdiger geworden ist, einfach verschwinden würden. Und sicher wären die Menschen nicht glücklicher, ganz besonders die kleinen und großen Kinder nicht.
So, nun werde ich auch Sie alleine lassen, ich muss weiter, ich habe noch viel zu tun. Ach übrigens, Sie wollen wissen, wieso ich diese Geschichte erzählen konnte, ohne an bestimmten Stellen zu stottern? Nun, glauben Sie denn nicht an Wunder? Dabei ist doch jetzt die beste Zeit dafür …
ALLE JAHRE WIEDER
Eine weihnachtliche Betrachtung
(Ähnlichkeiten mit lebenden oder sonstigen Personen sind beabsichtigt und keineswegs zufällig.)
Es kommt, wie es kommen musste. Es ist jedes Jahr das Gleiche, daher hat für uns das Weihnachtsfest durchaus etwas Bleibendes. Angeblich spielen sich ja alle Schicksale gleich ab, was wiederum etwas Tröstliches hat und daher durchaus dem tieferen Sinn dieser Gedenkfeier entspricht.
Es beginnt mit dem Weihnachtsbaum. Weihnachten beginnt immer irgendwie mit dem Weihnachtsbaum. Opas Lieblingschanson „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen …“ feiert jedes Jahr fröhliche Urständ, wenn – gewissermaßen – der gnädige Mantel dieses voller Inbrunst gesungenen Liedes die angeborenen Unzulänglichkeiten unserer Edeltanne umfließt und zudeckt. Das Ganze ist natürlich meine Schuld, weil ich in all den Jahren, die ich glücklicher Miteigentümer einer Familie bin, nie Zeit gefunden habe, beim Einkauf dieses wichtigen Utensils mitzukommen. Es klappt einfach nicht, weshalb der schwarze Peter immer an mir hängen bleibt.
Damit könnte ich eigentlich gut leben, wenn der Blumenhändler an der Ecke, der meiner Frau jedes Jahr diesen nadelbewehrten Ladenhüter andreht, sich nicht immer, wenn ich an seinem Laden vorbeigehe und er mich zufällig durchs Schaufenster sieht, zu seiner Frau umdrehen, irgendetwas sagen und dann der ganze Laden lachen würde.
Auch dieses Jahr ist der Baum eine einzige Katastrophe. In der Mitte sind zu wenige Zweige, oben und unten stehen sie zu dicht. Er ist viel zu groß und unten passt der Stamm nicht in den Christbaumständer, weshalb er – wie jedes Jahr – mit der Axt bearbeitet werden muss, wobei ich mich regelmäßig verletze, weil meine Frau den Baum nicht richtig festhalten kann. Und die Kinder, wie immer, wenn man sie mal braucht, nicht aufzufinden sind.
Der Stamm ist in einer Weise verbogen, die ein Mediziner als Lordose diagnostizieren würde. Wenn Sie bei Gelegenheit in einem geeigneten Lexikon oder im Internet mal nachschlagen würden, hätten Sie eine ungefähre Vorstellung von dem Problem, dem ich mich gegenübersehe. Nun habe ich noch jedes Jahr in liebevoller Kleinarbeit einen ansehnlichen Christbaum hingekriegt, was mir zumindest die uneingeschränkte Bewunderung der Omas einbringt und meine Frau jedes Mal zu der völlig unpassenden Bemerkung veranlasst, sie hätte den Baum ja schließlich auch mit Liebe ausgesucht.
Zu Beginn unserer Ehe hatten wir ein zusätzliches Problem mit der Tanne: Bei mir zu Hause war es Tradition, den Baum nur silberfarben zu schmücken. Die Familie meiner Frau erfreute sich zu Weihnachten an einem bunten Baum. Seitdem haben wir auch einen bunten Baum, weil es für die Kinder viel schöner ist und meine Frau zu Weihnachten dann nicht so viel Heimweh haben muss. Aber ein paar silberne Kugeln hänge ich trotzdem in die Zweige und meine Schwiegermutter findet sogar, dass dies edel aussehe.
Eigentlich sind Tannen oder Fichten kein geeignetes Symbol, um die Niederkunft der Mutter Maria zu feiern. Wo hat es denn bitte in Bethlehem und Umgebung solche Nadelbäume in ausreichenden Mengen gegeben? Jedenfalls sind sie keinesfalls typisch für diese Landschaft. Da wären Palmen viel angemessener, nicht nur, weil man speziell zur Weihnachtszeit sehr leicht auf eine eben solche gebracht werden kann, sondern auch, weil wegen der fehlenden Zweige im unteren und mittleren Bereich selbst meine Frau Wachstumsstörungen nicht übersehen könnte und ich weniger Arbeit mit dem Schmücken hätte. Außerdem hätte besagter Blumenhändler dann auch nichts mehr zum Lachen. Obwohl ich bekennen muss, Weihnachten unter Palmen ist nicht mein Ding, wie man heute so schön sagt. Also: „Alle Jahre wieder …“, lassen wir es dabei.
Wie ich anfangs erwähnte, beginnt auch bei uns alles mit dem Weihnachtsbaum. Nicht, dass Sie etwa denken, bloß weil er jetzt in voller, bunter Schönheit dasteht, könnte das Freudenfest beginnen. Bis dahin ist es noch ein langer dornenvoller Weg. Ich bitte, dies nicht als Blasphemie aufzufassen.
Ich finde, zum Weihnachtsfest gehören Weihnachtslieder und diese gehören gesungen. Von allen Anwesenden und man darf dabei ruhig ein bisschen Gefühl zeigen. Nun sind die Omas und Opas bei solchen Gelegenheiten immer voll bei der Sache und meine Mutter singt sich manchmal etwas peinlich in den Vordergrund. Aber schon bei meiner Frau lässt die Begeisterung nach, um bei unseren Kindern unter den Gefrierpunkt zu sinken. Versuche der Großeltern, unsere musikalisch hochbegabten Kinder zu einer gemeinsamen Darbietung unterm Weihnachtsbaum zu veranlassen, schlagen stets schon im Vorfeld fehl, weil sie mit den Blockflöten in einer Weise aufeinander losgingen, die zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass geben. Da kann auch das begnadete Spiel meiner Frau mit den Triangeln nichts mehr retten. Weil die Tradition des Weihnachtsliedersingens ohnehin in meiner Familie höher gehalten wurde als in der meiner Frau, wird diesem Programmpunkt keine besondere Bedeutung beigemessen. Allerdings habe ich mich einmal durchgesetzt und meinen älteren Sohn dazu gedrängt, sich auf einer privaten Weihnachtsfeier mit anderen ebenso fröhlich gestimmten Leibeigenen musikalisch zu betätigen. Das hat er mir – obwohl inzwischen einige Jahre vergangen sind – bis heute nicht verziehen. Nun ja.
Um nicht ganz auf weihnachtliche Hausmusik zu verzichten, spiele ich auf dem Klavier einige fromme Weisen, während die Kinder ihre Geschenke auspacken, und auch später, wenn das Essen aufgetragen wird. Ich bemühe mich, dabei nicht allzu sehr aufzufallen. Die Mieter unter uns, die jedes Jahr am ersten Weihnachtstag viel zu früh vor der Haustüre stehen, um ein frohes Fest zu wünschen, erwähnen bei dieser Gelegenheit mein Spiel stets sehr lobend. Es sei so stimmungsvoll und sie freuten sich schon aufs nächste Jahr. Ich sage dann, ohne rot zu werden, dass ich mich über dieses schöne Kompliment freue und meine Familie ebenso denke. Dann sieht mich meine Frau immer so seltsam gequält an.
Zusammenfassend kann man festhalten: Bisher haben wir einen pathologisch verkrüppelten Weihnachtsbaum, der aufs Schönste geschmückt wurde, um seine anatomischen Defizite zu verbergen, und eine angemessene Pausenmusik, sehr piano auf einem ebensolchen schüchtern dargeboten, die als nicht sonderlich störend empfunden wird.
Nur wenn mir bei „Tochter Zion“, einem Lied, welches so ein richtiger Jubelmarsch ist, mal die Pferde durchgehen und ich etwas derber in die Tasten greife, ertönt ein nicht zu überhörendes „Schschtt, nicht so laut“ von meiner Frau. Also, ich finde leisen Jubel blöd, dann kann man es auch gleich ganz lassen. Meine Mutter guckt dann meine Frau immer strafend an, was dieser wiederum verständnisvolle Blicke unserer Kinder einbringt. So nimmt das Fest seinen weiteren glücklichen Verlauf.
Einmal feierte eine altjüngferliche Tante meiner Frau mit uns. Diese wurde – in Unkenntnis der Machtverhältnisse in unserer Familie – nicht müde zu sagen, wie schön ich Klavier spielte und was meine Frau für ein Glück hätte, einen solchen Mann bekommen zu haben. Sie hätte solch ein Glück nicht gehabt, denn ihre große Liebe, der Friedrich, mit dem sie sich unterm Weihnachtsbaum habe verloben wollen, sei in den Wirren der Nachkriegszeit abhanden gekommen. Und dann sagte sie wieder mit Tränen in den Augen: „Ach, Kind, du weißt ja gar nicht, was du für ein Glück hast.“ Ich war der gleichen Meinung und darum hat sie auch nur dieses eine Mal mit uns Weihnachten gefeiert.
Über die Frage des weihnachtlichen Diners gab es insofern keine Differenzen, als in beiden Familien seit Jahrhunderten Gänsebraten angesagt war. Die Reihe der geköpften Gänse, die viel zu früh ihr junges Leben lassen mussten, nur um die weihnachtliche Fressgier unserer Familien zu befriedigen, dürfte inzwischen eine beträchtliche und deprimierende Länge aufweisen. Da ging einem doch gerade zu Weihnachten so einiges durch den Sinn und dann schämte ich mich auch sehr. Aber irgendwie kriegte ich vor mir selbst immer wieder die Argumentationsschleife hin und aß jedes Jahr, wie ich zugeben muss, durchaus mit Genuss den von meiner Frau sehr schmackhaft zubereiteten Gänsebraten. So was kann sie, das muss man ihr lassen.
Ich erwähne dieses peinliche Geschehen aus einem ganz bestimmten Grund: Wir haben nämlich jetzt unsere eigene Traditionsgans zu Hause, die hört auf den nicht sehr originellen Namen Adelheid und feiert dieses Jahr das dritte Weihnachtsfest mit der Familie. Adelheid war uns von einem feindlich gesinnten Nachbarn zum Fest geschenkt worden, als Dank für einen Teppichbodenreiniger, den meine Frau seiner Frau – ohne mich vorher zu fragen – geliehen hatte und bei dem der Behälter mit der Reinigungsflüssigkeit explodiert war. Was wohl zu einem ziemlichen Schaden an Tapeten und Polstermöbeln geführt hatte. Welches Unglück man wiederum uns anlastete.
Jedenfalls stand besagter Nachbar eine Woche vor Heiligabend mit der Gans vor unserer Haustür, um sie mit hinterhältigem Lächeln vor eben dieser abzusetzen. Er habe von seiner Frau gehört, dass meine Frau Gattin immer Probleme hätte, eine passende Gans zu bekommen. Nun kenne er einen Bauern hier in der Nähe, der alles biologisch-dynamisch anbaue, und das gelte auch für seine Gänse. Und damit wolle er seinen Dank für die schöne Reinigungsmaschine zum Ausdruck bringen. Die Anstreicherarbeiten habe er mit seiner Familie in wochenlanger mühseliger Arbeit selbst erledigen können. Trotzdem müssten die Ferien im kommenden Jahr leider ausfallen, weil man sich eine neue Polstergarnitur anschaffen müsse. Aber so sei das Leben nun mal. Sprach’s und verschwand, ein „schöne Festtage“ in die winterliche Luft posaunend.
Mittlerweile hatte sich die Gans an meiner Hose festgebissen und ein Stück vom Umschlag herausgerissen. Nun schnitten wir – obwohl die Hose aus feinstem Tuch war – wenn man den Schaden betrachtete, gegen unsere Nachbarn immer noch hervorragend ab. Aber geärgert hat es mich schon. Zumal später diskrete Recherchen ergaben, dass unsere Nachbarn zwar auch von jenem Ökobauern ihre Gänse bezogen, jedoch bereits ausgenommen und tranchiert.
Inzwischen war die Gans in den Flur gewatschelt und hatte an zwei Stellen wässrig braune Häufchen hinterlassen, um, nachdem sie durch beide mehrere Male hindurchgelatscht war, sich in Richtung Wohnzimmer in Bewegung zu setzen.
Meine Frau, die, inzwischen durch den Lärm angelockt, aus dem Wohnzimmer gekommen war, rief „Ihh“, schloss schnell die Türe hinter sich und sah mich – wen wundert’s – vorwurfsvoll an. „Entferne bitte dieses Tier aus unserem Haus“, bestimmte sie, und weiter: „Was sollen wir denn mit einer Gans?“ Und noch ein paar Sekunden später: „Auf so eine blöde Idee kann auch nur ein Mann kommen.“
Der Ganter würgte weiter eifrig an meinem Hosenstoff herum und gab dabei verzweifelte Geräusche von sich, weshalb ich versuchte, den Fetzen zu erwischen, bevor das arme Tier daran erstickte. Zum Dank biss es in meinen rechten Zeigefinger. Der folgende empörte Aufschrei meinerseits führte sofort zu Solidaritätsbezeugungen meiner Frau mit dem Vogel. Ich solle mich gefälligst nicht so anstellen, das arme Tier sei ohnehin sehr verängstigt und ich würde durch meine Rumbrüllerei alles nur viel schlimmer machen. Dabei hatte sie mir noch vor nicht einer Minute befohlen, dieses Tier aus unserem Haus zu entfernen.
Während sie dies sagte, beugte sie sich verständnisvoll zu dem Vogel herunter, der – zu großer Form auflaufend – versuchte in ihre Nase zu beißen, dieselbe aber größtenteils verfehlte. Jetzt schrie meine Frau Gemahlin ihrerseits, was den Vogel offensichtlich noch mehr verschreckte, und er zwei weitere Kleckse in unserem Flur absetzte.
Durch den Lärm neugierig geworden, kamen unsere Kinder angelaufen. Der jüngere, sehr praktisch veranlagt, erfasste die Situation sofort und jubelte, jetzt hätten wir endlich mal einen frischen Weihnachtsbraten. Der ältere, der mehr nach mir kam, stürzte sich auf seinen Bruder mit den Worten: „Untersteh dich und tu der armen Gans was.“ Und schon war die schönste Vorweihnachtskeilerei im Gange, die erst beendet war, als beide Kinder auf dem Vogelkot ausgerutscht waren und die Gans, mit einem verzweifelten Flugversuch nach dem Motto „Rette sich, wer kann“, auf der Brust meiner Frau und diese ihrerseits auf ihrem Hinterteil gelandet war.
Hier wird meine Erinnerung etwas verschwommen. Irgendwie war es uns dann gelungen, die Gans mit vereinten Anstrengungen in den Garten zu jagen. Ich baute noch am selben Tage zunächst einen provisorischen und später einen richtig schönen Zwinger, oder wie auch immer man einen Gänsestall nennt, für unser Danaergeschenk. Unser feindlich gesinnter Nachbar schaute mir dabei, fröhlich seine Pfeife rauchend, über den Zaun blickend, zu. Seitdem werfe ich jedes Jahr zu Silvester Knallfrösche in seinen Garten, was meine Frau kindisch findet und nur von indirekter Wirkung ist, weil die Nachbarn nach Weihnachten immer für vierzehn Tage verreisen, also Silvester gar nicht da sind. Ein positiver Effekt dieser Affäre besteht darin, dass sie uns jetzt nicht mehr bitten, in dieser Zeit auf ihr Haus aufzupassen. Feige sind sie auch noch.
Das alles ist, wie gesagt, über drei Jahre her und seitdem heißt der Weihnachtsbraten Adelheid und ist aus unserer Familie nicht mehr wegzudenken. Gänsebraten ist natürlich auch passé, es gibt Schweinefilets nach einem alten Familienrezept meiner Frau. Bis einer auf die drollige Idee kommen wird, uns zum Neuen Jahr ein kleines, niedliches Glücksferkelchen zu schenken. Dann wird es bei uns vegetarisch zugehen, da bin ich mir sicher. Meine Frau hat in letzter Zeit, je näher das Weihnachtsfest bevorstand, so seltsame Bemerkungen wie „Ich brauche nicht jeden Tag Fleisch zu essen“ gemacht. Also: Als ob jeden Tag Weihnachtsgänseessen angesagt wäre. Außerdem essen wir ohnehin nicht jeden Tag Fleisch. Aber: Broccoli und Möhren mag ich nicht. Da kenne ich auch keine Kompromisse. Über meinen schüchtern vorgetragenen Vorschlag, auf Ente auszuweichen, wurde nicht einmal diskutiert.
Auch unser Hund hat sich nach längerer Gewöhnungszeit und mit sehr kostenintensiver Unterstützung eines Tierpsychiaters an Adelheid angepasst. Dieselbe hat in den Jahren ihr Gewicht fast verdoppelt und meine Frau, die immer so originelle Ideen hat, meinte vor ein paar Tagen, was ich davon hielte, für unseren Hund ein kleines Sulky zu bauen, damit dieser mit Adelheid spazieren fahren könne. Weil der Guten das Gehen doch so schwerfalle. Und das sähe bestimmt sehr lustig aus und käme vielleicht sogar ins Fernsehen.
Nun bin ich ausgesprochen konfliktscheu, aber alles hat seine Grenzen. Auch ich kann sehr energisch werden, ich meine so richtig entschlossen, also nicht nur frech irgendwo rausgucken. Das dürfen Sie mir ruhig glauben. Da hat sich schon mancher gewundert, das kann ich Ihnen versichern. Und das Thema Sulky für dieses fette, faule, watschelnde und klecksende Weihnachtsdiner ist ein für alle Mal vom Tisch.
Na ja, irgendwie habe ich Adelheid natürlich auch in mein Herz geschlossen. So habe ich im vorigen Jahr zu Weihnachten ihren langen Hals mit einer dunkelgrünen Schleife schmücken wollen. Ich habe dabei zwar einige Verletzungen davongetragen, aber es ist mir gelungen, dieselbe anzubringen. Dass das undankbare Tier bei dem Versuch, die Schleife aufzufressen, fast erstickt wäre und wir es mit Blaulicht zum Tierarzt bringen mussten, ändert nichts an der Tatsache, dass mir Adelheid lieb und wert geworden ist. Weitergehende Unterstellungen der Familie hinsichtlich meiner Motive, die mich angeblich zum Anbringen der Schleife veranlasst hätten, weise ich empört von mir. Als es darauf ankam, konnte ich es einfach nicht fertigbringen, den Knoten ein wenig fester zu ziehen.
Ich erwähnte zu Beginn meiner Geschichte, dass unserem Weihnachtsfest etwas Bleibendes anhaftet. Jetzt wissen Sie, was ich meine: Neben allen zu pflegenden Traditionen gehören jetzt auch Adelheid – kein Mensch kann mir verbindlich sagen, wie alt eine Gans wird – und ein schlechter und immer schlechter werdendes Gewissen, das wir selbst beim Verzehren der Schweinefilets verspüren, zum Bleibenden.
Ich wünsche allen, die dies gelesen oder gehört und mit mir gelitten haben, ein frohes und friedliches Weihnachtsfest. Lassen Sie sich keine Gänse schenken und lieben Sie Ihre Nächsten. Auch wenn es nur die Nachbarn sind. Und jetzt wollen wir gemeinsam singen: „Alle Jahre wieder …“
LAURITZ’ HUND
Eine Weihnachtsgeschichte
Ich möchte eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte, eine weihnachtliche Geschichte, so wie ich sie erlebt habe. Es war mal wieder die Zeit gekommen, wo sich die Leute „schöne Feiertage“ wünschten. Sicherlich war hiervon nicht die ganze Menschheit betroffen, obwohl dieses Fest der Freude sich längst über das Christentum hinaus ausgebreitet hatte. Es war die Zeit der mit treuem Augenaufschlag vorgetragenen guten Wünsche, an welche die meisten Menschen aber wahrscheinlich nicht viele Gedanken verschwendeten, sei es aus Gleichgültigkeit, sei es, weil sie ohnehin nicht an ihre Erfüllung glaubten.
Was nun die frohen Festtage anbelangte, die jeder jedem nachrief, war dies auch die Zeit der großen Annäherungen: Die Reichen gaben etwas von ihrem Reichtum an die Armen ab, die guten Menschen etwas von ihrer Güte an die schlechten und die Richter – … erudimini qui judicatis terram1 – fällten ein milderes Urteil, „weil Weihnachten ist“.
Hiergegen ist sicherlich nichts einzuwenden und wenn ein armer Sünder etwas milder abgeurteilt wird, so dürfte dies genau den Vorstellungen eines kleinen Schreihalses entsprechen, dessen Geburt wahrscheinlich mit dem Ausbruch einer Supernova zusammenfiel, der sich aber bei seinem Eintritt ins Leben, welches Ereignis wir jedes Jahr kräftig feiern, darüber wahrscheinlich noch keine Gedanken gemacht hatte. Was den Stern von Bethlehem anbelangt, geht eine andere Theorie von einer Annäherung Jupiters an den Saturn, im Sternbild Fische, aus.
Wenn man der Legende glauben darf, wird damals allerdings der glückliche Vater ziemlich verwirrt darüber nachgegrübelt haben, wie denn dies freudige Ereignis in seine Wiege gekommen ist. Allerdings dürfte die Zeit auch dieses Mirakel bald eingeholt haben: Parthenogenese als pharmazeutischer Verkaufsschlager, die Gentechnik macht’s möglich. Jungfräuliche Mütter aller Länder, vereinigt euch.
Nun müssen Sie nicht denken, dass ich etwas gegen Festtage, Geschenke oder gar gute Wünsche hätte. Nicht einmal gegen Jungfrauen habe ich was. Ich habe auch nichts gegen die Leute im Allgemeinen, sind doch ihre besinnlichen Gedanken und Wünsche meistens ehrlich gemeint, zumindest in dem Augenblick, in welchem sie ausgesprochen wurden. Und sicherlich verdienen auch viele Geschenke diesen Namen. Also, mit den Leuten komme ich klar. Mit den Menschen im Allgemeinen habe ich da schon mehr Schwierigkeiten.
Vor allem habe ich mit den „-heiten“ so meine Probleme. Sie haben mich richtig verstanden, „-heiten“, nicht etwa „Heiden“, denn die können nichts dafür, für was auch immer. Aber die Menschheit und die Christenheit, die können schon was dafür, und es fällt mir auch gar nicht schwer zu sagen, wofür. Wie heißt es in einem Gedicht von Erich Kästner: „Die Menschheit wurde nicht gescheit, am wenigsten die Christenheit, trotz allem Händefalten …“ Also, beim Stern von Bethlehem, kein Jesuskind und kein Mensch gewordener Gottessohn, der sich als Erwachsener für seine Überzeugung ans Kreuz nageln ließ, haben verdient, was die „-heiten“, die seitdem die Erde bevölkerten, aus sich und dieser Erde gemacht haben.
Um es noch einmal klarzustellen: Ich bin kein Misanthrop, der die üblichen Vorbehalte gegen Weihnachten oder andere hohe Festtage im Herzen trägt. Und auch sonst nirgendwo. Ganz im Gegenteil, obwohl ich bekennen muss, dass mich solche Anlässe immer ein wenig traurig stimmen. Und dann fühle ich mich allein gelassen, auch von dem kleinen Jesuskind, obwohl dies später alles getan hat, was möglich war, und sogar noch erheblich mehr. Aber allein gelassen hat es mich trotzdem und wenn ich in einer sternklaren Winterweihnachtsnacht in den Himmel blicke, erfahre ich von dort oben auch keine Antworten, es strömen nur immer neue Fragen auf mich ein. Kein neuer Stern geht auf, nicht einmal eine Sternschnuppe lässt sich blicken.
Aber dies wollte ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen. Es geht in meiner Geschichte um ganz alltägliche, ja banale Dinge. Meine Frau hatte nämlich einen Einfall, weshalb ich das Wort ‚banal‘ zurücknehme. Schließlich ist Weihnachten ja ein Fest des Friedens. Es ging also darum, dass meine Frau eine Idee hatte und meinte, unser bescheidenes Heim sollte auch nach außen hin eine weihnachtliche Stimmung ausstrahlen. Und sie möchte deshalb die Konifere, die neben unserer Haustür steht, im Lichterglanz erstrahlen lassen. Und ihre beste Freundin Gisela sei der gleichen Meinung. Was aus meiner Sicht dem Ansinnen einen endgültigen Charakter verlieh. Es gebe da heutzutage ganz tolle Sachen, ich würde schon das richtige aussuchen. So weit meine Frau.
Nun ist gegen ein solches Vorhaben im Prinzip nichts einzuwenden, der Zeitpunkt schien mir allerdings nicht sehr glücklich gewählt, denn wir schrieben den 24. Dezember, neun Uhr morgens. Die Familie saß zwieträchtig vereint am Frühstückstisch, ich trank gerade einen Schluck Kaffee und war mit mir und der Welt so richtig zufrieden. Als ich mich von dem Hustenanfall erholt hatte, wagte ich den zarten Einwand, dass sich besagter Baum wegen seiner Größe – er war immerhin fast vier Meter hoch – als problematisch erweisen könnte, zumal wir nur über eine handelsübliche Küchenleiter verfügten. Dieses Argument ließ meine Frau mit dem Hinweis, die Kinder könnten mir ja helfen, nicht gelten. Ich weiß nicht, was sie sich genau unter dieser Hilfe vorgestellt hatte, vielleicht, dass wir eine Pyramide machten? Jedenfalls blickten sich beide Jungen erschrocken an.
Auch die Tatsache, dass draußen kein Stromanschluss vorhanden war, konnte sie nicht umstimmen. Man könne den Strom ja von der Lampe über der Garage abzapfen, das müsse ich ja wohl können. Inzwischen hatten die Kinder klammheimlich den Frühstückstisch verlassen und auch unser Hund, Tiere höherer Ordnung haben ja bekanntlich einen gut ausgeprägten Instinkt, was Stimmungen angeht, trottete mit eingezogenem Schwanz aus dem Zimmer.
„Es ist aber schon ziemlich spät und die Stadt bestimmt fürchterlich voll“, hörte ich mich sagen.
Diese lapidare Feststellung drang offensichtlich nicht bis an die Ohren meiner Gattin. Nur meine Schwiegermutter, die eine Art passive Neutralität demonstrierte, blickte mich mitleidig an. Als ich mich schließlich erhob, weil denn nun kein Beistand mehr zu erwarten war, meinte meine Frau, wenn ich schon einmal in der Stadt sei, solle ich noch etwas Lametta und ein Dutzend Eier mitbringen. Und dann könne ich noch bei der Reinigung vorbeischauen, sie sei gestern nicht mehr dazu gekommen, und schließlich wolle sie das Kleid heute Abend anziehen. „Extra für dich, es ist dein Lieblingskleid“, rief sie mir beim Hinausgehen nach.
Ob das nicht wenigstens die Kinder erledigen könnten, wagte ich zu fragen. Also, das hätte ich besser nicht getan. Schließlich seien es noch Kinder, wurde mir beschieden, und sie würden sich so auf das Weihnachtsfest freuen. Die Erklärung, was das eine mit dem anderen zu tun habe, blieb mir meine Frau schuldig. Ich dachte, wenn sie schon bereit war, unseren Nachwuchs zum Lichterkettenanbringen abzukommandieren, könnten die Jungs vielleicht stattdessen … Außerdem müssten sie noch üben, unterbrach Frau Gattin meinen Gedankengang, weil sie die Familie mit einigen Weihnachtsliedern erfreuen wollten, die sie gemeinsam auf ihren Blockflöten zu spielen gedächten. Das war mir neu, zumal diesbezügliche Versuche in der Vergangenheit regelmäßig fehlgeschlagen waren. Meine Frau hatte diese Schnapsidee zwar vor einiger Zeit noch mal unverbindlich vorgetragen, aber weder die Kinder noch ich waren in seltener Einmütigkeit darauf eingegangen, und ich dachte – obwohl ich es besser hätte wissen müssen – damit sei das Thema erledigt.
Jetzt sah ich allerdings das bevorstehende Fest ernsthaft gefährdet und wünschte – das Christkind möge mir verzeihen – Erfinder und Hersteller dieses albernen Instrumentes in die tiefste Hölle. Dorthin, wo es am heißesten ist. Obwohl dies ein törichter und sehr unchristlicher Weihnachtswunsch war, konnte ich mich doch bei dem Gedanken, wie diese Holzblasinstrumentenerfinder in einem großen Kessel vor sich hinköchelten, erwärmen. Und so machte ich mich schließlich, durch warme Gedanken zusätzlich gegen die Kälte geschützt, auf den Weg.
Auf der Straße traf ich unseren Nachbarn. „Na, in letzter Minute ein paar Einkäufe machen?“, fragte er mich hämisch. Eine echte Frohnatur. Ich wünschte ihm schöne Weihnachten und ging, ohne wegen dieser Heuchelei ein schlechtes Gewissen zu haben, in die festlich geschmückte Stadt.
So ein christlich geprägtes Stadtbild, kurz vor der Niederkunft des Heilsbringers, ist schon etwas ganz Besonderes. Eigentlich sollte kein normaler Mensch – von einigen bedauerlichen Ausnahmen abgesehen – zu dieser Zeit hier herumrennen. Aber es schien, als hätten sich alle verschworen, Haus oder Wohnung zu verlassen, um in der Stadt umherzuirren und Straßen und Läden zu bevölkern. Die Menschen gingen, als hätten sie Scheuklappen vor den Augen, und waren auf eine seltsame Weise orientierungslos. Sie sahen einander nicht, rempelten sich an und hasteten grußlos und päckchenbepackt weiter. Also, ein Gott für die Armen war das Kindlein in der kargen Krippe sicherlich nicht mehr. Oder nicht nur oder für wen sonst?
Ich war allerdings nicht freiwillig in dieses Chaos geraten und hatte schon gar nicht die Absicht, psychologische Studien zu betreiben, was immerhin nicht leichtfiel. Das Lametta hatte ich inzwischen bei einem frierenden Straßenhändler erworben und nach zwei vergeblichen Versuchen beschloss ich, die Eier zu vergessen. Schließlich war nicht Ostern. Jetzt galt es also, gezielt die Lichterketten anzugehen.
Gleich im ersten Geschäft fragte mich ein total gestresster Verkäufer: „Wissen Sie eigentlich, was Sie da verlangen?“ Ich war da ganz auf seiner Seite, konnte ihm dies aber nicht mitteilen, weil er zu schnell im Menschengewühl verschwunden war.
Drei Geschäfte und eine Stunde später beschloss ich, noch einen letzten Versuch zu wagen. Hier tat sich immerhin ein Hoffnungsschimmer auf, als ein offensichtlich noch gut intakter Bediensteter eines Elektrogroßhandels, nachdem er meinen Wunsch vernommen hatte, mit den Worten „Bin gleich zurück“ an mir vorbeiwieselte. Nach gut zehn Minuten kam er mit zwei großen Kartons wieder und meinte fröhlich: „Hier haben wir’s schon. Die Tanne ist vier Meter hoch, sagten Sie? Dann brauchen wir, lassen Sie mich mal nachdenken, fünfzig Meter“, sprach er und begann aus den Kartons mit Glühbirnchen versehene Plastikketten hervorzuwühlen.
Jetzt war ich erstmals wirklich erschrocken. Was sollte ich mit fünfzig Metern Plastikschnüren? Das konnte selbst meine Frau nicht von mir verlangen. Nun galt es zu retten, was noch zu retten war. „Das erscheint mir aber sehr viel“, warf ich ein, „ich werde ohnehin nicht bis ganz oben kommen. Vielleicht gehen Sie mal von einer drei Meter hohen Tanne aus. Und eigentlich ist es überhaupt keine Tanne.“ Mir erschien die ganze Idee immer wahnwitziger. „Meine Frau sagt immer, es sei eine Konifere. Vielleicht eignen sich Koniferen gar nicht dazu, sie zu illuminieren?“, fragte ich hoffnungsvoll.
Der Verkäufer ließ sich nicht ablenken. „Nehmen Sie lieber ein paar Meter mehr“, meinte er, „hinterher ärgern Sie sich“, und fuhr fort, Meter für Meter abzumessen.
Ich sah es ein: Er war mir über, meine Frau war mir über und das Kindlein in der Krippe hielt sich aus allem heraus. Wie meine Schwiegermutter, denn diese war, im Gegensatz zu meiner Frau, eher konfliktscheu. Und so fand ich mich eine schlappe halbe Stunde später, kurz vor Ladenschluss, zwei große Pakete balancierend, von weihnachtlich eingestimmten Menschen umspült, auf der Straße wieder.
Zugegeben, die Pakete waren nicht schwer, aber sie waren sehr sperrig und ich war zu einem echten Verkehrshindernis geworden. Ich möchte die Einzelheiten meines demütigenden Rückweges zum Auto nicht erzählen, doch ich war froh, dass keines meiner Kinder bei mir war. Ihr Wortschatz wäre auf eine höchst unliebsame Weise bereichert worden. Obwohl, was ich manchmal, wenn sie sich unbeobachtet wähnen, zu hören bekomme …
Apropos Kinder, als endlich mein Wagen in Sichtweite war, hörte ich eine zarte Stimme: „Bitte Onkel, hast du meinen Hund gesehen?“
Nun kann ich Kinder, die fremde Erwachsene mit ‚Onkel‘ anreden, nicht ausstehen und beschloss schon, einfach weiterzugehen, als wieder dieses „bitte Onkel“ an mein Ohr drang. Ich blickte nach unten und da sah ich ihn stehen: einen kleinen Jungen, vielleicht sechs Jahre alt, in einem schmutzigen braunen Mäntelchen, mit den obligatorischen Jeans und – wie sollte es anders sein – einer Baseballmütze auf dem Kopf. Wenigstens hatte er sie richtig rum auf. Es war ein hübsches Kind, die blonden Haare standen nach allen Seiten unter der Mütze ab, die klaren blauen Augen, jetzt allerdings gerötet, blickten mich erwartungsvoll an. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Was sagt man in einem solchen Moment?
Ich versuchte es mit „Wo sind denn deine Eltern?“, eigentlich nur, um etwas zu sagen. Als ob es nicht schon spät genug wäre.
„Zu Hause“, sagte der Junge, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. „Ich heiße Lauritz“, fügte er noch hinzu. Damit schien alles gesagt.
Mir wurde unbehaglich. „Wo wohnst du denn?“, fragte ich, mich nach Hilfe umsehend. Er streckte die Arme aus und wies in eine Richtung hinter meinem Rücken. So kamen wir nicht weiter. „Wie heißt du denn mit Nachnamen?“, wollte ich wissen.
„Davidson“, sagte er und schaute zu mir auf.
„Also, Lauritz Davidson, was ist nun mit deinem Hund?“
„Er ist mir weggelaufen und jetzt habe ich solche Angst. Er ist doch noch so klein und er muss dauernd Pipi machen.“
Das war genau das, was ich mir noch zu Weihnachten gewünscht hatte. Das ultimative Weihnachtsgeschenk: ein kleiner verheulter Junge, der seinen entlaufenen Hund suchte, der offensichtlich eine Blasenschwäche hatte.
„Ich habe es aber ganz schrecklich eilig, denn ich muss noch Lichter an einem vier Meter hohen Baum anbringen“, sagte ich vage.
Der Knabe erwiderte nichts und blickte mich fragend an. „Aber ohne meinen Hund kann ich nicht nach Hause gehen“, sagte er, „das ist doch mein Weihnachtsgeschenk. Ich habe ihn aus dem Keller geholt, wo er versteckt war, weil er so entsetzlich jaulte und mir so leidtat, und eigentlich darf ich das doch gar nicht wissen.“
„Was darfst du nicht wissen?“, fragte ich.
„Dass ich einen Hund zu Weihnachten bekomme. Ich hatte ihn mir so sehr gewünscht und es sollte doch eine Überraschung sein. Deshalb durfte ich ja auch nicht mehr in den Keller gehen und …“ Er stockte und fing an zu weinen.
„Und was?“, wollte ich wissen.
„Wenn ich jetzt nach Hause komme und der Hund ist nicht da, ist das ganze Weihnachtsfest verdorben und alle sind furchtbar traurig und ich bekomme arge Schelte.“
Das entbehrte nicht einer gewissen Logik. Dabei hatte der Tag so schön begonnen: Erträgliches Winterwetter, ein Hauch von Raureif erfreute das Auge. Was dem festlichen Anlass eigentlich entsprach, wenn man bedenkt, dass das Kindlein in der Krippe zwar einem Wüstenklima ausgesetzt war, es aber, als es auf die Welt kam, den Zeitpunkt für seine Ankunft nicht eben glücklich gewählt hatte, denn um diese Jahreszeit war es dort sicherlich auch sehr ungemütlich.
Aber ich möchte jetzt nicht sophistisch werden. Ich hatte offensichtlich ein Problem und dieses war heraufbeschworen worden, als ich guter Dinge und sogar voll guter Vorsätze arglos am Frühstückstisch saß und meine Frau, die Gute, ohne jede Vorwarnung mit dem putzigen Einfall herüberkam, das Outfit unseres Hauses weihnachtlich aufzupolieren. Dabei konnte man von dem ganzen Lichterspektakel sowieso nichts sehen, wenn man im Haus war. Und bisher hatten wir uns auch daselbst immer sehr wohlgefühlt und bis auf das eine Mal, als sich meine verstorbene Tante Elfriede mit meinem Schwiegervater angelegt hatte, haben wir auch immer sehr schöne Weihnachtsfeste gefeiert.
Und jetzt stand ich da, umschwirrt von nervös hastenden Mitmenschen, und hatte einen kleine Jungen am Hals – das war mir inzwischen klar geworden –, der vor dem Fest, welches eigentlich für alle Kinder das schönste des Jahres sein sollte, eine panische Angst hatte, und sollte einen Hund wiederbeschaffen, der klein war und eine nervöse Blase hatte.
„Was ist denn das überhaupt für ein Hund?“, fragte ich. „Ich meine, was für eine Rasse ist das?“
„Das weiß ich nicht“, kam prompt die Antwort, „aber er ist schwarz und hat vorne auf der Brust einen weißen Fleck.“
Das brachte mich natürlich nicht weiter, aber es war klar, dass ich irgendeine Entscheidung treffen musste. „Pass mal auf“, sagte ich, „wir können deinen Hund jetzt nicht suchen. Es geht einfach nicht, weil wir gar nicht wissen, wo er sein könnte.“
Lauritz fing wieder an zu weinen.
„Es ist ihm bestimmt nichts passiert“, sagte ich, „er ist wahrscheinlich von netten Leuten gefunden worden und die geben ihn dann im Fundbüro ab. Dort kannst du ihn dann wieder abholen. Ich gehe jetzt mit dir nach Hause und spreche mit deinen Eltern. Du wirst schon sehen, es wird alles halb so schlimm. Schließlich ist ja Weihnachten.“
„Und wenn ihm was passiert ist?“, fragte Lauritz. „Er ist doch noch so klein.“
Natürlich, es war ein kleiner Hund, der da weggelaufen war. Wahrscheinlich fror er erbärmlich, hatte Angst und war hundekreuzunglücklich.
„Ihm wird schon nichts geschehen“, erwiderte ich. „Sieh mal, nicht nur die Menschen, auch die Tiere haben einen Schutzengel. Und auf kleine Hunde passen sie besonders gut auf.“
Ein Kinderblick, direkt in mein Herz. Skeptisch, ein wenig hoffnungsvoll, glauben wollend. Ich gebe zu, ich war nicht sonderlich originell, aber was hätten Sie denn an meiner Stelle gesagt? Und vierzig Meter Lichterkette musste ich auch noch anbringen.
„Ich verspreche dir, dass dein Hund gefunden und ihm nichts geschehen wird“, hörte ich mich sagen. Ich will den Stern von Bethlehem nicht noch einmal strapazieren, aber was hatte ich da in meiner Verzweiflung wieder von mir gegeben? Ich musste dem ein Ende machen. Inzwischen hatte es begonnen Schnee zu säuseln, Stadt und Menschen wurden gezuckert wie ein Weihnachtsstollen, man konnte den Weg der tanzenden Flocken bis zum Boden verfolgen. „Komm, wir gehen jetzt zu dir nach Hause“, sagte ich energisch.
Und so geschah es. Nachdem ich die Pakete mühsam im Wagen verstaut hatte, die Parkzeit war selbstverständlich abgelaufen und eine freundliche Politesse hatte einen Weihnachtsgruß unter meinen Scheibenwischer gesteckt, gingen wir, Händchen in Hand, zu Lauritz Davidsons Eltern.
Davidson, Davids Sohn, der Sohn von David. Welch ein symbolträchtiger Name. Und plötzlich fielen alle Sorgen von mir ab, aller Frust und alle Hektik. Es war keine Eile mehr geboten, nicht einmal die hastenden und rempelnden Christen störten mich mehr. Und es war auch nicht irgendein unglückliches und verängstigtes Kind, welches da mit mir durch die Menschen wanderte, es war mein Kind, es war unser aller Kind. Es war das Kind, zu welchem der Stern die Heiligen Drei Könige geführt hatte, denn es war unglücklich, verzweifelt und traurig. Es war das Kind, weswegen ein anderes auf die Welt gekommen war, um unsere Herzen und Augen zu öffnen.
Auf einmal riss Lauritz sich los und lief laut „Mami, Mami“ rufend nach vorne. Eine zierliche Frau, nicht mehr ganz jung, stand auf dem Bürgersteig und der kleine Junge versank schluchzend in den ausgebreiteten, schützenden, mütterlichen Armen.
„Junge, wo bist du denn wieder gewesen?“, fragte die Frau. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ Sie drehte sich um und wollte mit dem Jungen ins Haus gehen, als Lauritz leise etwas zu ihr sagte. Sie hielt an und sah sich nach mir um. Ich war ebenfalls stehen geblieben, gerührt von der Szene, erleichtert und irgendwie zu plötzlich in die Wirklichkeit zurückgeholt. Die Frau kam auf mich zu. „Ich möchte Ihnen herzlich danken, dass Sie mir Lauritz zurückgebracht haben“, sagte sie.
Lauritz war inzwischen ins Haus gegangen.
„Es ist nicht schön, wenn man sein Kind am Weihnachtsmorgen allein lassen muss. Aber ich musste arbeiten. Lauritz’ Vater ist vor zwei Jahren gestorben und ich bin froh, dass ich überhaupt eine Arbeit gefunden habe. Wissen Sie, das ist heutzutage sehr schwer.“
„Er erzählte mir, sein kleiner Hund sei ihm weggelaufen“, sagte ich. „Er war sehr ängstlich und unglücklich.“
Die Frau lächelte traurig. „Das ist eine Geschichte, die er sich ausgedacht hat. So eine Art Rollenspiel. Sehen Sie, wir können uns gar keinen Hund leisten und wir können ihn auch nicht halten, denn Lauritz geht ja zur Schule und ich bin den ganzen Tag über nicht da. Wir haben niemanden, der auf das Tier aufpassen könnte. Lauritz läuft immer wieder weg und sucht einen Hund, den es gar nicht gibt. Ich mache mir dann natürlich große Sorgen, aber ich kann ihm nicht böse sein. Er kommt ja immer wieder zurück und es ist ihm nie etwas geschehen. Ich glaube, er sucht keinen Hund, er sucht seinen Vater. Er kann es noch nicht begreifen, dass er nicht mehr bei uns ist. Er ist vor zwei Jahren kurz von Weihnachten bei einem Arbeitsunfall gestorben und Lauritz glaubt fest daran, dass er eines Tages zu uns zurückkehrt. Er wollte damals Lauritz zu Weihnachten einen Hund schenken.“
Ich hatte auf einmal einen Kloß im Hals. „Na, dann will ich mal“, krächzte ich und machte Anstalten zu gehen.
„Wollen Sie nicht einen Moment mit reinkommen? Ich konnte Ihnen ja nicht mal richtig danken. Vielleicht darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?“
Ich wollte nicht unhöflich sein und ging mit. Lauritz war ja schon vorausgegangen.
Es war ein schlimmes Haus und eine ebenso schlimme Wohnung. Kalt, hässlich, ganz und gar unweihnachtlich. Ich weiß nicht, wer auf die unmenschliche Idee kommt, so etwas zu bauen. Hier sollten keine Menschen wohnen. Nicht einmal kleine Hunde, die es gar nicht gab.
„Wir haben keinen Weihnachtsbaum dieses Jahr“, sagte Frau Davidson, „keine Zeit, wissen Sie. Wir machen es uns aber trotzdem schön, nicht wahr, Lauritz?“
Sie lächelte tapfer, ich hielt es nicht mehr aus. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Warum musste ausgerechnet mir dieses Arme-Leute-Weihnachtsklischee so unverhofft um die Ohren geschlagen werden? Ich kam mir vor wie in einem schlechten Kinofilm. Eine Seifenoper mit Laiendarstellern.
„Ich habe leider keine Zeit mehr“, sagte ich, „ich muss gehen, die Familie, wissen Sie?“
„Mein Gott, wie dumm von mir“, sagte die Frau, „natürlich, Sie haben durch Lauritz’ Eskapaden bestimmt viel Zeit verloren. Nochmals herzlichen Dank und frohe Weihnachten.“
Frohe Weihnachten, oh ja, frohe Weihnachten. Da sind ein kleiner Halbwaise, eine unglückliche Mutter, eine unwirtliche, unweihnachtliche Wohnung und ein nur in der Fantasie eines kleinen Jungen vorhandener Hund. Frohe Weihnachten. Zurück zum Wagen und nicht weiter nachgedacht. Frohe Weihnachten. Es gibt Millionen Kinder auf der Welt, die kein Dach über dem Kopf haben, die hungern und frieren. Die es viel schlechter haben. Frohe Weihnachten, Familie Davidson.
Man muss es sich einfach oft genug sagen: Es gibt Millionen Kinder auf der Welt, die es viel schlechter haben. Das Jesuskind zum Beispiel kam damals in einem Stall zur Welt, arm, nackt und wahrscheinlich hat es gefroren. Die Häscher waren ihm schon auf den Fersen. Aber es hatte wenigstens einen Vater, also halbwegs einen Vater. Und dann waren da auch noch die Heiligen Drei Könige und die Hirten und all die schönen Engel des Herrn. Ich habe allerdings nie begriffen, weshalb Gott in seiner Allmacht seinem fleischgewordenen Sohn einen solch trostlosen Einstand in dieser seiner Welt zugemutet hat.
Doch ich will jetzt nicht meckern. Also: Frohe Weihnachten auch dir, du Opferlamm des Lebens. Vielleicht kannst du mich ja hören. Und frohe Weihnachten all den Menschen, für die du auf diese Welt gekommen und für die du schmerzvoll gestorben bist. Das wäre mein Weihnachtswunsch, wenn ich einen frei hätte.
Mittlerweile war ich zu Hause angekommen. Natürlich viel zu spät und in einer total unweihnachtlichen Stimmung. In einer absolut unweihnachtlichen, schauderhaften Miststimmung. Ich balancierte die Kartons vor die Haustür, als mir meine Frau auch schon entgegenkam. „Wo bist du denn so lange gewesen?“, fragte sie. „Und was ist in den riesigen Kisten?“
„In diesen riesigen Kisten, die ich unter Einsatz meines Lebens, zumindest meiner Gesundheit, durch die weihnachtlich verstopfte Innenstadt transportieren musste, ist die Beleuchtung für deine Konifere, die du ja unbedingt haben musstest.“
Meine Frau wollte gerade anheben: „Wenn ich mal einen bescheidenen Wunsch äußere“, als sie merkte, dass etwas nicht stimmte. „Was ist denn los?“, fragte sie mich.
Also, das muss ich meiner Frau lassen, sie merkt immer gleich, wenn etwas los und nicht in Ordnung ist, auch oder gerade wenn es mir gar nicht recht ist. Bevor sie mit gewohnter Hartnäckigkeit anfing mich auszufragen, erzählte ich ihr die ganze Geschichte freiwillig.
Es brach quasi aus mir heraus. Warum ich so spät gekommen war, warum ich mich gar nicht so weihnachtlich glücklich fühlte und überhaupt, was das für ein mieser Morgen gewesen war, obgleich die Menschheit im Allgemeinen und ich im Besonderen zumindest heute Besseres verdient gehabt hätten.
Als ich geendet hatte, fühlte ich mich besser. Nicht viel, aber immerhin. Ich konnte das daran merken, dass mich die Hintergrundgeräusche, welche meine Kinder mit ihren Blockflöten erzeugten, nur wenig irritierten.
„Mein armer Schatz“, sagte meine Frau, „ich sehe da keine Probleme. Wir setzen uns jetzt ins Auto, holen die Davidsons zu uns nach Hause und dann feiern wir gemeinsam Weihnachten. Ein Geschenk für Lauritz werden wir ja wohl noch auftreiben können.“
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